Nr. 39. Ndonnementz-Keckingungen: Nionneinent-- Preis vränumereiido! Licrteljährl. S�o mt., nionatl. 1,10 MI,, wöchentlich 28 Psg, frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- «ummer mil illuitricilcr Sonntags- Beilagc»Tie Neue Well" 10 Pfg, Post- Ndonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcilungs- Preisliste. Unter Kreuzband ,ür Pculschiand und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat, Poftabonnements nehmen am Belgien. Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 89. Jahrg. VIe InkttNonz-Lebllhk beträgt für die fechsgespaltene Kolonel- »eile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewerkichastliche Vereins- und Versanimlungs-Anzeigen 80 Psg, „Kleine Hnieigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg.(zulässig 2 setlgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Elellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Worts Pfg, Worte über 15 Buch- 1 laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Niuiimer niüffon bis > Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Criditlnt»glich auBtr tHontiis. Verltnev Volk�blntk. Zcntralorgan der fozialdemokrati fchen Parte» Deutfcblands. Telegramm- Adresse: „SsziJldtmokrat Btrlln", Redaktion: 8AI. 68, Lindcnstrasae 69. Fernsprecher: Amt Morissplap, Rr. 1983. Freitag, den 13. Februar 191Ä. Expedition: 8AI. 68» Lindenetraaae 69. Fernsprecher: Amt Moritiplass, Nr. 1,98t» M Der Hufmarkl). Tie Etcitsdebatte ucich Neuwahlen pflegt Tage von bc souderer Bedeutung zu bringen, au denen sich der Aufmarsch der Parteien vollzieht, die Gegner einander wieder Auge in Auge messen und die Programmfahnen entrollt werden. Wie reckte sich vor fünf Jahren, als der Reichstag des konservativ- liberalen Blocks zusammentrat, die bürgerliche Mehrheit im Gefühl ungebändigten Triumphes, wie schaute man höhnend und spottend nach der äusiersten Linken des Hauses und den gelichteten Reihen der sozialdemokratischen Fraktion hinüber und wie wenig wußte sich der Arrangeur jenes„Wahlsieges' von Eintagsgeltung, Herr v. B ü l 0 w, in seinem Sieges� Übermut zil zähnieu, als er Bebel, den Führer der angeb lich„niedergerittenen Partei" zur Zielscheibe seiner viel be lachten und doch so unendlich schalen Späßchen machte. Wie hat sich das Blatt gewandt! Als gestern die Be sprechung des Etats begann, da war der trotzig in die bürger liche Mehrheit hineingeschobene Keil der roten Hnndertzehn lvohl das bedeutsamste Zeichen fiir den Wandel der Tinge. Auf der einen Seite diese kompakte Masse, zusammengehalten nicht wie bürgerliche Blocks dieser und jener Art durch ge meinse Beuteinteressen und nicht wie sie leicht auseinander- fallend in dem Kampf um die Beute, sondern wie durch einen eisernen Reif umschlossen von dem Geist desselben Klassen- bewußtseins und dem frohen Gefühl der Kampfgemeinschaft in dem erhabensten und gewaltigsten aller Kriege, dem Be freiungskricge der unaufhaltsam vorwärts drängenden Ar beiterklasse. So auf dieser Seite des Gefechtsfcldes. Trüben aber das Chaos der bürgerlichen Parteien, ohne festes Ziel und darum ohne festen Willen, bereit, untereinander sich zu schlagen und sich wieder zu vertragen, zufrieden, wenn man gerade so von der Hand in den Mund leben kann, und stets behaftet mit einein bösen Gefühl in der Gegend des Zwerch- fells ob der ständig und ständig steigenden roten Flut. Und der Stuhl rechts von der Rednertribüne ist leer. Dem Hans im Glück von 1907, diesen Kanzler der schwebenden Leichtig- kciten, der ewig wie ein Ehampagnerpfropsen auf den Wellen tanzte, wellauf und wellab, ihn hat inzwischen doch die Welle verschlungen, und der Mann, der an seiner Stelle wohl mehr des Amtes Bürde als seine Würde fühlt, hat weder Lust noch Anlaß, sich, wie sein Vorgänger vor fünf Jahren, mit einem Siegerlächeln auf seineni Platz zu spreizen. So blieb Herr v. Bethmann Hollweg dem größten Teil der Sitzung fern, und als er doch erschien, harrte er, der menschgewordenen Melancholie gleich, auf seinem Stuhl, bis er. eine kurze Er- klärung los werden konnte, die ganz allgemein auf die an H a l d a u e s Berliner Besuch anknüpfenden Verhandlungen zwischen der deutschen und englischen Regierung hinwies. Diese Erklärung wurde von der Rechten mit eisigem Schweigen, von Nationalliberalen und Fortschrittlcrn mit gläubigem Beifall und von den Sozialdemokraten mit ruhiger Zurück- Haltung aufgenommen. Tarin dokumentierte sich die allgemeine Stimmung in den verschiedenen.Teilen des Hauses ebensogut, wie das Wenige, was der Kanzler zu sagen hatte, kennzeichnend fiir diesen ganzen ersten Tag der Etatsdebatten war. Ob nun die Parteien durch den zähen Kampf»IN das Präsidium etwas ermattet waren, ob andere schwer abzuschätzende Dinge mitsprachen, auf jeden Fall zeigte dieser Tag nicht den hohen politischen Wellenschlag, den man erwartet hatte. Zum ersten- mal war es die Sozialdeinokratie, die als die stärkste Partei die Debatte einleitete. Als erster Etatsredner war von der Fraktion der Genosse Scheidemann ausersehen, aber da er zu den amtierenden Vizepräsidenten gehört, mußte er sich enthalten, und in die Lücke trat Genosse Dr. Frank, der als zweiter Etatsredner vorgesehen war. Tie Würze von Franks Rede war die Kürze. Für diese Kürze läßt sich zweifellos ein Rechtsgrund aus der Tatsache ableiten, daß die bürgerlichen Parteien mit ihrem Geschacher und Gezänk um den Präsidentenposten die Arbeit des Parlaments ungebühr- lich verzögert haben und daß die Sozialdemokratie als die einzige Partei der wirklich positiven Arbeit dem Lande zeigen will: nicht um Reden zum Fenster hinaus zu halten, sondern um für die ungeduldigen Millionen da draußen, deren Man- datare wir sind, schaffend die Hände zu regen, dazu sind wir llier! Aber auf der anderen Seite brachte diese Selbstbeschrän- kung doch einige Unzuträglichkeiten mit sich. Tie Bedeutung dieses großen weltgeschichtlichen Augenblicks, da ein Sozial- demokrat als Vertreter der stärksten Partei des Hauses der erste Redner zu Beginn einer neuen, an Kämpfen reichen Legislaturperiode ist, neben den geringen Umfang der Rede gehalten, ergibt ein Bild, als wenn ein Feldherr mit zu großen Truppenkörpern auf zu kleinem Felde exerzierte. Aber abgesehen davon, wußte Genosse Dr. Frank einen wirkungsvollen Ton anzuschlagen und fand, als er mit weit- ausholender Geste zum Schluß die Sozialdemokratie mit einem Keile verglich, der desto fester und desto tiefer in das Gefüge der sogenannten bürgerlichen Ordnung hinein- getrieben wird, je mehr inan darauf schlägt, lebhasten Beifall. Ebenso lebhaft war zu Beginn seiner Rede die Heiterkeit, als er den verschiedenen bürgerlichen Parteien mit ironischen Bos- heiten auf den Leib rückte. Dazwischen entrollte er skiz- zierend, was die Sozialdeinokratie an Forderungen auf dem Gebiet der inneren wie der äußeren Politik von diesem Reichstag erwartet und fand damit hin und wieder auch den Beifall der Fortschrittler. Nur als er auf die Möglichkeit hin- wies, zur Erkänipfung parlamentarischer Rechte das Budget- recht als� scharfe Waffe zu gebrauchen, herrschte Grabes- schweigen auf der bürgerlichen Linken und kein beistimmender Zuruf gab von dem Mindestmaß politischer Entschlossenheit Kunde, was wirklich kämpfende Parteien nun einmal beseelen muß. Zu Wort kam der linke Flügel des bürgerlichen Libe- ralismus gestern nicht mehr. Zwei Redner des schwarzblauen Blocks, fiir das Zentrum Herr Speck und Graf W e st a r p fiir die Konservativen, fanden sich in dem scharfen Pro- uunzianiento gegen die Wirtschaftssteuer, die auch jetzt noch fiir sie unannehmbar sei und als eine Brüskierung der Par teien betrachtet werde, die sich uni die Sanierung der Reichs finanzen so besondere Dienste erworben hätten. Da um die Tecklingsfrage der neuen Militär- und Marinevorlagen der nächste große Wafsengang ausgefochtcn werden wird, so war diese schroffe Absage an direkte Bcsitzsteuern, die vom Grafen Westarp»och mit einem Aussall gegen das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht unterstrichen wurde, mtndestens ebenso bedeutungsvoll wie die Erklärung, die Justizrat Dr. I u n ck für die Nationalliberalcn abgab, daß sie nämlich auf keinen Fall dafür zu haben seien, die Rüstungsvermehrungen mit neuen Verbrauchssteuern zu bc zahlen! Freilich wird, wer den häufigen Bestand zwischen nationalliberalen Worten und Taten kennt und sich gerade an dem nationalliberalen Tchaukelspiel der letzten Tage ergötzt hat, weit eher geneigt sein, auf die volksseindliche Erklärung der schwarzblaucn Blockbriider als auf die volksfreundliche Ver sicherung des Nationalliberalen Häuser bauen. Herrn I u n ck s Rede bewegte sich im übrigen auf der mittleren Linie und pries das lauwarme Prinzip der Mäßigung nach oben und unten, der Mäßigung nach links und der Mäßigung nach rechts. Der Leipziger Justizrat brachte es fertig, in einenr Atemzug für den Militarismus und für den Frieden, für das Koalitionsrecht und für den Streikbrecherschutz, für Sozialpolitik und für Lebcnsmittelwucher einzutreten und tanzte— Ehre weni Ehre gebührt!— diesen Eiertanz so ge schickt von Anfang bis zu Ende, daß er auch nicht e i n Ei zer- brach. Herr Speck wühlte, wie ein Geizhals im Golde wühlen mag, in Zahlen und immer wieder in Zahlen und mußte sich wegen einiger skeptischer Bemerkungen wider die Finanzgebarung des Reichsschatzsekretärs von diesem Be amten die treffende Replik auf den Pelz brennen lassen, daß ja das Zentrum dieser Finanzgebarung im ganzen und im einzelnen aus vollem Herzen zugestimmt habe. Ter Redner der Junkerpartei, Graf W e st a r p, spielte sich so recht als einen Vertreter jener Rasse auf, fiir die die Weltgeschichte das vernichtende Urteil in ihre Tafeln ein trägt: Nichts gelernt und nichts vergessen! Spurlos scheint das Volksgericht der Reichstagswahlen an dieser Sippe vor übergegangen zu sein, und es wird stärkerer Gewitter be dürfen, um ihr die Räson des zwanzigsten Jahrhunderts bei zubringen. Hochfahrend, voll Dünkel und Eigensinn, so stand dieser Mustersproß auf der Tribüne, suchte, freilich vergebens, die Sozialdemokraten durch plumpe Schmähungen zu reizen, um dann seinen ganzen Reichsverbandszettelkasten ausleeren zu können, und verspritzte all seinen Geifer gegen die moderne Arbeiterbewegung, die do cheines schönen Morgens über ihn und seinesgleichen zur Tagesordnung der Zukunft über gegangen sein wird. Denn sie ist das Bleibende in dem bunten Wechsel der politischen Erscheinungen. Gelassen sieht darum die Sozial- demokratie dem Aufmarsch der Parteien zu, der sich gestern vollzogen hat, gelassen blickt sie den Schlachten entgegen, die die nahe Zukunft birgt. Nicht willens, in das ekle Markt- gewühl parlamentarisckjen Schachers hinabzusteigen, ist sie bereit, sich nnt aller Stoßkraft in den Kampf um der Mensch- heit große Gegenstände zu. stürzen, sich dabei stets dessen be- wüßt, daß sie viercinvicrtel Millionen Wähler hinter sich hat, die ani 12. Januar so klirrend, wie� einst der Gallierfürst sein Schwert, ihren Willen in die Wagschale geworfen haben. Tie Sozialdemokratie ist die unbeirrbare Vollstreckerin dieses Millionenwillens!�_ £s lebe die Oollisaus Wucherung! Auf dem Festmahl des Deutschen Landwirtschaftsrats wurde enthusiastisch auf die agrarische Volksausplünderung getoastet. Daß bei dieser Feier die Herren Minister zahl- reich vertreten waren, versteht sich von selbst. Herr Del- brück und der preußische Landwirtschaftsminister v. S ch 0 r- l e m e r legten durch ihre Anwesenheit Zeugnis davon ab, daß bei uns die agrarischen Interessen, die Interessen des Großgrundbesitzes Trumpf sind und alle Zeit bleiben sollen, so lange das sich die Volksmasse eben gefallen läßt! Graf Schwerin-Löwitz hielt die eigentliche An- spräche. Er fand nicht Worte genug des Triumphes über die EntWickelung der deutschen Landwirtschaft, die trotz „schwerer Zeiten" die nationale Aufgabe, ausreichende Lebens- mittel für das deutsche Volk zu produzieren, glänzend erfüllt habe. Es versteht sich von selbst, daß dieser Festredner die Klagen über die Fleischnot als ganz unbegründete Agitationsphrasen mit verächtlicher Handbewegung abtat. Ja, so versicherte er, das deutsche Volk habe heute pro Kopf doppelt, ja dreimal so viel Fleisch zu verzehren, als vor 30 oder 35 Jahren! Man sollte nicht glauben, daß eine solche Volksver- höhnung selbst aus solchem Munde möglich sei. Denn ein Blick auf die Viehstatistik beweist ja, daß in Preußen, dem zwei Drittel des Deutschen Reiches umfassenden Bundesstaate, die Vermehrung des Viehes nicht einmal gleichen Schritt gehalten hat mit der B e v ö l k e r u n g s z u- n a h ni e. Gab es doch 1873, also vor zirka 40 Jahren, in Preußen 8 039 514 Rinder gegenüber 11582 054 Rindern im Jahre 1910. Und selbst wenn man unter Berücksichtigung des Umstandes, daß sich die Zahl der Schweine in diesem Zeitraum annähernd vervierfacht hat, die 1910 gezählten 10 401 058 Schweine nach den in amtlichen Berechnungen angewandten Verhältniszahlen(e i n Großvieh— vier Schweine— zehn Schafe) mit berücksichtigt, so ergibt sich, daß seit 1873 die Zunahme des Viehes nur 38 Proz. betragen hat, die Zunahme der Bevölkerung dagegen nicht weniger als 00 Proz. Dabei ist nicht einmal berücksichtigt, daß die Zahl der Schafe seit 1873 von 19,0 auf 4,0 Millionen zurück- gegangen ist, was(nach der anitlichen Berechnungsmethode) eine Verminderung der Rinderzahl von 1� Millionen bedeutet! Es zeigt sich also, daß die Behauptung des Grafen Schwerin-Löwitz, die Fleischproduktion habe sich in den letzten 30 bis 35 Jahren verdoppelt und verdreifacht, in keiner Weise den Tatsachen entspricht. Dabei hat der phantasicvolle Agrarierhäuptling weiter übersehen, daß sich in dem von ihm genannten Zeitraum auch eine totale Um- wälzung innerhalb der Berufszugehörigkeit des Volkes voll- zogen, das Verhältnis zwischen Stadt und Land, zwischen In- dustrie und Landwirtschaft vollständig in sein Gegenteil ver- kehrt hat. Bildete vor 30 und 40 Jahren die Landwirtschaft z w e i D r i t t e l der Ecsamtbevölkerung, so umfaßt sie heute nicht vielmehr als ein Viertel! Mit der Verschiebung aber geht das Bedürfnis nach zunehmender Fleisch- uahrung Hand in Hand. Diesem Bedürfnisse aber kann trotz der phantastischen Ziffern des Grafen Schwerin-Löwitz in keiner Weise entsprochen werden! In den größten Städten des Reiches, in Berlin, München, Leipzig, Köln, Dresden usw. usw., ist der Fleischverbrauch pro Kopf zurückgegangen! Wenn er schon im allge- in einen zurückgegangen ist, um wieviel hat sich dann erst der Fleischkonsum der nichtbesitzenden Stadt- und In- dustriebevölkerung vermindert! Und trotzdem renommiert Herr Graf Schwerin-Löwitz mit der glänzenden Erfüllung der nationalen Pflichten der Volksernährung, auf die die deutsche Landwirtschaft stolz sein dürfe! Nach dieser volkswirtschaftlichen Münchhausiade ging dann Herr Schwerin-Löwitz auch auf die P a r t e i p 0 l i t i k über, um unter Beschwörung des„großen Preußenkönigs", des„Geistes der Freiheitskriege" die„patriotische" Mahnung an die bürgerlichen Parteien zu richten, doch nicht mehr in schnöder Verkcnnung ihrer vaterländischen Pflichten s i ch s e l b st auf Tod und Leben zu bekämpfen, sondern die„rechte Liebe zum Vaterland", die„christliche Liebe" zu betätigen, die „alles überwindet". Nach dieser Verherrlichung der agrarischen Wu'cherpolitik und diesem brünstigen Sammelruf hielt es auch der Staats- sekretär des Innern, Herr Delbrück, für an der Zeit, auf die agrarische Zollpolitik und die Sammlung aller Aus- beutereleniente zu toasten. Was die Landwirtschaft erreicht habe, erklärte Herr Delbrück, fei das„Ergebnis ihrer eigenen Arbeit"— als ob nicht die ganze Reichsgesetzgebung, der ganze Zollwucher nur darauf zugeschnitten wären, den Großbauern und vor allen Dingen den Großgrundbesitzern auf Kosten des ausgepowerten Volkes die unerhörtesten Wucherpreise für die notwendigsten Nahrungsmittel zu sichern. Die Rede Delbrücks beweist, daß die Regierung wirklich noch nichts aus den Reichs- tagswahlen gelernt hat. daß sie auch für die Z u k u n f t bc- reit ist, mit ihren Junkern und Junkcrgenossen durch dick und dünn zu gehen, daß sie für die Volksaushungerung nichts hat als agrarische Schwindelziffern und den Appell an die bürgn- lichen Parteien, sich doch wieder mit dem lieben Junkertum zur gemeinsamen Volksknebelung zusammenzufinden! Welche Dreistigkeit unsere Junker besitzen, beweist ja die von konservativer Seite im preußischen Abgeordnetenhause ge- gebe« Anregung, die preußische Regierung zu verpflichten, im Bundesrat für Schaffung von F i s ch z ö l l e n einzutreten. .llio selbst das kümmerliche Surrogat einer unzulänglichen und nicht einmal besonders billigen Fischzufuhr ist unseren leischwucherern noch ein Dorn im Auge! Der„lückenlose olltarif" soll womöglich auch diese Lücke ausfüllen. In dem bevorstehenden Kampfe gegen diese agrarischen Anmaßungen wird auf den Rechts-Liberalismus nicht der ge- ringste Verlaß sein. Ja, daß sogar innerhalb des Frei- s i n n s„gemäßigt"-schutzzöllnerisHe Auffassungen stark per- treten sind, ist ja hinlänglich bekannt. Tie arbeitende Be- völkerung wird sich deshalb durch den Erfolg gegen den schwarzblauen Block" nicht einlullen, sondern jeder- zeit auf dem P 0 st c n sein müssen, wenn es gilt, gegenüber kraut- und schlotjunkerlichen Unverfrorenheiten auch nur ihren allerbescheidensten Anteil an dem wachsenden „Nationalreichwm" zu erkämpfen! Dk äeMH-englikchen IiJczieSjungcn. Fin englischen U 11 t e r h a«sc sind aus Ansatz vor ?ldreßdcbatte am Mittwoch vom%'.enu�mimster S tli ausführliche Torlegimgen über d-e ��.ehungen zwischen England und Teutschland gemacht r'wrden. Das Crgebms des Besuches des Kricgsinmisters Hal�cme m Berlm spielte dabei eine Rolle. Ten in der gestrigen t. im�iwr m�tgete.�en Ausführungen Äsquiths ist noch einiges nwHzutragen.___ Asquith sagte in bezug auf die Nutet a 11 � I u n g e r Zaldanes in Berlin: Gerade die Tatsache eiacS solchen MeinungZauSll'usches unter solchen Bedingungen sollte in sich selbst den Argwo.'n, wo er immer herrschen möge, zerstreuen, daß eine von bv'uen--st:- gicrungcn Angriffspläne gegen die andere erwägt. Ich fre.nc mich, dem Hause sagen zu können— und ich glaube, daß meine Worte ein Echo finden werden— hast dies einen großen Gewinn öcdc.utcw ivird. Aber ich hoffe ernstlich—, und ich darf weitergeben und � sagen, daß ich es wirklich glaube—, daß die Untcrreduiigcn mehr als dieses negative Resultat gehabt haben werden. Ich kann frellich in diesem Stadium leine Prophezeiung aussprechen oder cruf Einzelheiten eingehen, aber ich darf sagen, daß im Laufe des Be� such? Lord Haldancs auf beiden Seiten der aufrichtige und entschlossene Wunsch zutage trat, eine bessere gegenseitige Stellung zu begründen ohne— und das lasten Sic mich vollkommen klar machen— die besonderen Beziehungen, in denen Deutschland oder England zu anderen Mächten stehen, in irgendeiner Weise zu opfern oder zu verschlechtern.(Bei- fall bei der Opposition.) In diesem Sinne sind die Verhandlungen geführt worden und das frische Licht des Meinungsaustausches bat dazu geführt, daß beide Mächte jetzt m i t c i n e r s o r g f ä l t i g e n Prüfung der praktischen Möglichkeiten beschäftigt sind. lBeifall.) Ich unterstütze sehr gern die sehr kluge Sprache, die Bonar Law in seinen Schlußbcmerkungen über diesen Gegen- stand gebrauchte, daß man bei derartigen Angelegenheiten die Tu- gend der Geduld besitzen und üben müste.(Beifall.) Auch im Oberhause gab die Adreßdcbatte Anlaß zu Aeußerungen über die deutsch-cnglischen Beziehungen. Es wird darüber gemeldet: London, 14. Februar. In der heutigen Sitzung des Ober- Hauses erklärte Lord LanSdowne: Wir können uns be- glüokwüiischen, daß der europäische Friede augenblicklich nicht bc- droht ist. Aber vor wenigen Monaten gab es�eincn Zeitpunkt, wo England dicht vor einem ernsten Streit mit einer Macht stand, mit der jeder recht empfindende Engländer in Frieden zu leben wünscht. Es ist beklagenswert, daß diese Mißverständnisse und Befürchtungen bestehen, und es ist Pflicht aller gut gesinnten Männer, zu versuchen, sie zu beseitigen. Ich bin überzeugt, die Regierung wird bei jedem Versuch dazu die Unterstützung der Oppo- sition haben. An die Regierung sind zahlreiche Aufforderungen er- gangen, eine V e r st ä n!fi g il n g m i t Deutschland zu er- reichen, aber zwischen England und Teutschland gibt es nicht wie zwischen England und Frankreich akute Fragen, die der Erledi- gung Horrem Das ist deshalb nicht der Fall, weil England während der letzten 20 Jahre solche Fragen, sobald sie auftauchten, zur Zu- friedenhett beider Regierungen erledigte. Wenn der B e s u ch L o rd H a l d a n e s irgend zu diesem Zwecke beiträgt und er den Oel- zweig im Knopfloch mitbrachte, beglückwünschen wir ihn auf unserer Seite des Hauses ebenso warm, wie seine Freunde auf der andern Seite. ÄerEarlofCrewe sagte: Es ist richtig, daß die deutsche und die englische Regierung sich bemüht haben, dem- durchaus un- natürlichen Zustande der öffentlichen Meinung ein Ende zu machen. Beide Regierungen wissen, daß deren Ansichten weder durch Tat- fachen noch durch die Absichten unserer Regierung gerechtfertigt sind. Dic�. natürliche Wirkung davon war, daß von der einen oder der anderen Seite Schritte zu Besprechungen zu tun waren, die im all- gemeinen klarmachen konnten, daß keine Mißverständnisse beständen. Wir hatten Grund zu der Annahme, daß der Be- such eine» britischen Ministers der deutschen Regierung nicht un- angenehm sein würde. Haldane reist oft nach Deutschland, ich glaube, daß er tatsächlich bald wieder dorthin hatte reisen wollen. Ter Regierung schien es daher, besonder? angesichts von Lord HaldaneS KcrtrAuthcit mit Deutschland und seiner Intimität mit den Deutschen, daß zwischen ihm und Vertretern der deutschen Re- gicrung Besprechungen sozusagen ohne Vorurteil und mit größerer Offenheit und größerem Freimut stattfinden könnten, als es sonst möglich gewesen wäre. Lord Laldane ging nach Berlin und hatte eine Anzahl Besprechungen mit hervorragenden Mitgliedern der deutschen Regierung. Er fand sie ebenso ausgesprochen wie unsere Regierung von dem Wunsche beseelt, alle möglichen Mißverständnisse zu zerstreuen. Man war darüber einig, daß etwas wirklich Gutes erreicht werden könnte, ohne die beiderseits bestehenden Freund- schaften und Verpflichtungen verschiedener Art irgendwie zu bccin- trächtigen. Am wichtigsten ist der Geist der Offenheit, der auf beiden Seiten zutage trab, und ebenso die offene Anerkennung der Ansprüche auf die Plätze in der Welt, die Deuffchland und wir innehabe», oder hoffen künftig innehaben zu dürfen, eine Anerkennung, die wir unsererseits sicherlich ausrecht zu erhalten wünschen. Ich kann Ihnen nichts sehr Positives und Bestimmtes sagen, doch ich darf sicherlich sagen, daß der Besuch Lord H a l- d a n e s in Berlin G u t e s erreicht hat, und ich darf hoffen, daß weiter Gutes darKs fliehen wird durch Herstellung von Be- .stehungen der Freundschaft und Offenheit zwischen der deutschen Regierung und uns selber. . Aus den Reden der englischen Regierungsvcrtreter spricht zweifellos eine freundschaftliche und versöhnliche Stimmung gegenüber Deutschland ans, und es Ware zu wünschen, daß den Reden auch� entsprechende Taten folgten, daß vor allen Tingen der Rüstungswettlailf zwischen den beiden Ländern aufhörte. Die deutsche Sozialdemokratie, die stets von den freund schaftlichsten Gefühlen für das arbeitene Volk Englands beseelt war, würde es nur freudig begrüßen, wenn auch die Regierungen ,hr gegenseitiges Mißtrauen aufgäben, einem friedlich-schiedlichen Wettbewerb der beiden Länder die Wege ebneten und nicht mehr Dreadnougths, Torpedo- und Unter- iceboote gegeneinander ausspielten. Tie Erklärung, die der deutsche Reichskanzler heute im Reichstage der- lesen hat, läßt die Ausfassung zu. daß man auch in deutschen Regicrimgskrrisen bereit ist, die so häufig gespannten Be- ziehungeu zu England zu bessern und einen Zustand gefähr- lichcr Reizbarkeit mit einem solchen friedlicher Versöhnlichkeit zu vertauschen. � So sehr das Proletariat und die Sozialdemokratie mit dieser Wendung der Dinge einverstanden sein können, so sehr müssen sie sich darüber klar sein, daß damit die imperialistische Politik der beiden kapitalistisch am weitesten entwiöelteii Staaten nicht zu Grabe getragen worden ist. Ter Jmperialis- lnus wäre daniit nur für einige Zeit dem Stadium akuter Gefahren und Konfliktsmöglichkeiten entrückt. Das im- perialistische Erpansionsbestreben Englands und Deutschlands wird� eben auf Grund srcundsckiaftlichcr Vereinbarungen seine Befriedigung suchen. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, wird s Deutschland aus der friedlichm Verständigung mit England zunächst für seinen afrikanischen Kolonialbesitz Vorteile herausschlagen wollen. Das Ziel der deutschen Kolonial Politik, die Vergrößerung, Abrundung und Zusammen fchweißung der deutschen inittelafrikanischen Kolonien, wird jetzt mehr denn je zu erreichen gesucht. Zur Erwerbung der portugiesischen Kolonien, die trotz aller Dementis der portu- giesischen Regierung doch über kurz odee lang England und Deutschland zufallen werden, ist ein Einvernehmen dieser beiden Staaten die erste Voraussetzung. Das Proletariat muß daher die deutsch-englische Ver- ständigung mit einem heiteren und einem nassen Auge ansehen. Der Gefahr eines ernsten Konflikts zwischen England und Teutschland scheint rs— vorläufig wenigstens— entrückt. dafür taucht aber das Gespenst schwerer kolonialer Lasten vor ihm auf, während der Sebnsuchtsschrei der deutschen Imperialisten:„Ganz Mittelasrika deutsch!" der Erfüllung immerhin nähcrgerückt erscheint. SozialäenKtotische Initiativanträge im lüeichstage. Tie sozialdemokratische Fraktion hat am 14. Februar die >?rste Serie Initiativanträge eingebracht. Sie zerfallen zu- wächst in zwei Gruppen: Anträge st aasrechtlicher Natur, die auf eine Erlveiterung der Rechte des Reichs- tages hinauslaufen, und sozialpolitische Anträge. Nachstehend geben wir den Wortlaut der Anträge: 1. Der Artikel 3 der Verfassung deS Deutschen Reichs erhält folgent«» Zusatz:/ „In jedem Bundesstaat muß ein« auf Vrund des allyem ei- nen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts gewählte Vertretung bestehen. Das Recht zu wählen und gewählt zu werden, haben alle über 20 Jahre alten ReichSangehörtgen ohne Unterschied des Geschlechts in dem Bundesstaate, in dem sie ihren Wohnsitz Hab«. Die Zustiormung dieser Vertretung ist zu jedem LondeSgesetz und zur Feststellung des StaatShauShaltS-EtatS erforderlich." 2. In Artikel 1t, Abs. 2 der Verfassung des Deutschen Reiches sind hinter den Worten(Zur Erklärung deS Krieges im Namen des Reiches ist die Zustinmiung)„des Bundesrats" einzuschalten „und deS Reichstages"(erforderlich). 3. In Artikel 17 werden die Wort«: (des Reichskanzlers), welcher dadurch die Verantwortlichkeit über- nimmt", gestrichen. Hinter Artikel 17 sind folgende Bestimmungen-inzufügen: „Artikel 17a. Der Reichskanzler ist für seine Amtsführung dem Reichstage verantwortlich. Diese Verantwortlichkeit erstreckt sich auf alle politischen Handlungen nnd Unterlassungen des Kaisers. Der Reichskanzler ist zu entlassen, wenn der Reichstag eZ fordert." (In weiteren Artikeln 17b bis 17i werden dann Vorschriften über die praktische Durchführung der Verantwortlichkeit, Anklage des Reichskanzlers, Verfahren gegen ihn. Schadenersatz usw. ge- geben.) 4. In die Verfassung des Deutschen Reichs wird Vach Artikel 23 nachfolgender Artikel eingefügt: „Artikel 23z. Ter Reichstag hat das Recht, behufs seiner Information K o m- m i s s i o n e n zur Untersuchung von Tatsachen zu ernennen. Diese Kommissionen sind berechtigt. Zeugen und Sachverständig«— auch eidlich— zu vernehmen und überhaupt alle diejenigen Erhebungen zu veranstalten, die sie zur Klarstellung der Taffachen für nötig erachten. Die Behörden sind gehalten, diesen Kommissionen bei Ausübung ihrer Amtspflicht innerhalb der Grenzen ihrer Aufgaben die geforderte Unterstützung zu gewähren. Die Mitglieder dieser Kommissionen erhalten für ihre Zeitver- säumnisse und Auslagen Entschädigung, deren Höhe reichsgesetzlich festgestellt wirt�" S. Dem Artikel 80 der NeichSverfassuvg werden folgende Sätze hinzugefügt: „Demgemäß sind die Mitglieder des Reichstag? auch berechtigt, in Ansehung dessen, was ihnen in dieser Eigenschaft anvertraut ist. das Z e u g n i S z u v e r w e i g e r n. Gegenstände, die ein Mit- glied des Reichstages in dieser Eigenschaft erhalten hat, und die sich in seinem Besitz oder seiner tatsächlichen Gewalt befinden, sind der Beschlagnahme entzogen. Tasselbe gilt von den Aufzeich- nungen, die Mitglieder des Reichstages in dieser Eigenschaft gc- macht haben." Ter Artikel 31 der Reichsberfassung erhält folgende Fassung: „Artikel 31. Ohne Genehmigung deS Reichstages kann kein Mitglied des- selben während der Sitzungsperiode verhaftet oder wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung zur Untersuchung gezogen werden, außer wenn es bei Ausübung der Tat oder im Laufe des nächstfolgenden Tages ergriffen wird. Auf Verlangen des Reichstages muß jedes Strafverfahren gegen ein Mitglied desselben und jede UntersuchungS». Straf- öder Zivilhaft für die Dauer der Sitzungsperiode aufgehoben werden." § 02 der Strafprozeßordnung erhält folgende Zusätze: Zu Absatz I: „4. Mitglieder des Reichstage?, eines Landtage? oder einer Kammer eines zum Reiche gehörigen Staates und Mitglieder eine? kommunalen Vertreiungskörpers in Ansehung dessen, IvaS ihnen in dieser ihrer Eigenschaft anvertraut ist." 0. Ter Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstage baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die tägliche regelmäßige Arbeitszeit für alle im Lohn-, Arbeits- und Dienstverhältnis, im Industrie-, Handels- und Verkehrswesen beschäftigten Personen unter Festsetzung angemessener UebergangSvorschriften auf längstens 8 Stunden festgesetzt und der Sonnabendnachmittag freigegeben wird. In Betrieben mit ununterbrochener Arbeitszeit, sowie in unter- irdischen Betrieben soll eine tägliche regelmäßige Arbeitszeit von längstens 8 Stunden und in unterirdischen Betrieben, in welchen die Temperatur 28 Grad EelsiuS übersteigt, von längstens 8 Stun- den zugelassen werden. 7. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstag möglichst bald eine Gesetzesvorlage zugehen zu lassen, durch welche eine Reichsbehörde gebildet wird zur Untersuchung von Unfällen beim Bergbau und zur Anordnung von vorbeugenden Maß- nahmen gegen Unfälle. Die Untcrsuchungsbehörde soll bestehen: z) aus vom Bundesrate zu ernennenden Sachverständigen des Bergbaues, b) auS vom Reichstag zu wählenden Beisitzern, x) aus von den Bergarbeitern zu wählenden Vertrauensleuten. � 8. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstag baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die rechtlichen und sozialen Verhältnisse der in Theater-, Lichtspiel-, Zirku?-, Konzert-, Singspiel- und ähnlichen Unternehmungen beschäftigten Personen für das ganze Reich geregelt werden. 9. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, aus Grund von Z 120i der Gewerbeordnung eine Verordnung zu erlassen, welche 1. für die in der Glasindustrie beschäftigten Arbeiter die Tauer der Arbeitsschicht auf 8 Stunden des Tages beschränkt und in Glashütten die Nachtarbeit an den Glasöfen behufs Ver- arbeitnng der Glasmasse und an den Etrccköfcn das Strecken ver- bi-wt; 2. in Glashütten das Arbeiten an Sonn- und Festtagen, mit Ausnahme der erforderlichen Unterhaltung des Feuers an den Oese», allgemein verbietet und anordnet, daß an Wochentagen dir Arbeit an Glas- und Strccköfcn, bei denen Schichtwechsel eingeführt ist, die erste Schicht nicht vor 4 Uhr morgens beginnen und die zweite nicht nach 10 Uhr abends enden darf. 10. Abänderung des Gesetzes betreffend die Beschlag- nähme des Arbeit?- und Dienstlohnes vom 21. Juni 1869. Im 8 4 wird die Nummer 4 dahin geändert: 4. insoweit der Gesamtbetrag der Vergütung(§§ 1, 8) die Summe von zweitausendfünshundert Mark.(statt gegenwärtig 1090 M.) überstiegen hat. 11. Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reick, skanzlcr zu ersuchen, baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die für gewerbliche oder andere Unter- nehmungen errichteten Pensions lassen unter BeobachtlllU folgender Grundsätze für das ganze Reich einheitlich geregelt werden: 1. Festsetzung einer Marimalgrenze der Eintrittsgelder und Beiträge. Die Beiträge der Unternehmer haben mindestens 00 Proz. zu betragen: 2. Selbstverwaltung der Kassen durch Vertreter der Mitglied- schaft unter Teilnahme der Merksvertretung. Doch muß die Ar- beitervertretung entscheidenden Einfluß auf die Ausgestaltung der internen Kasscnverhältnisse haben. Die Wahl der Arbeiterverrretcr hat auf Grund des geheimen, direkten Wahlrechts zu erfolgen. Das Wahlrecht ist allen aktiven, invaliden und freiwilligen Kassenmit- gliedern zu erteilen. Beamte dürfen nur als Unternehmervertretcr zugelassen werden. Durch Entlassung aus der Arbeit darf dem Arbcitervertreter das Mandat nicht verloren gehen; 3. Sicherung der erworbenen Pcnsionsansprüche, nach frei- williger oder unfreiwilliger Aufgabe der Werksarbcit, durch Zah- lung einer mäßigen Anerkennungsgebühr oder freiwillige Zahlung des früheren Beitrages; im letzteren Falle entsprechende Steigerung der Pcnsionsansprüche. Gcgenseitigkeitsverhältnis der Kassen. Rückzahlung der Einzahlungen, abzüglich der Verwaltungsunkosten, an solche ausscheidenden Ritglieder, die mehr als 200 Wochen Bei- träge zahlten und nicht mehr aktive oder freiwillige Mitglieder ähnlicher Kassen werden können; 4. Ausschluß der AnrcchnungSfähigkeit von Unfall- oder In- validenrcnten oder Militärpensionen, sofern die Gesamtbezüge nicht den Durchschnittslohn übersteigen, den da? betreffende Mitglied in den letzten 10 Jahren verdient hat. 12. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstag baldigst einen Gesetzentwurf betreffend Regelung deS Wohnung?- wefcns vorzulegen,'insbesondere Normativbestimmungen bezüglich der Beschaffenheit der Wohnungen und der Durchführung der Wohnungsinspektion, sowie Schaffung eine? ReichSwohnungSamts. politifcbe üeberltcbt* Berlin, den 15. Februar 1912, Innere Kolonisation. In die langweiligen Etatsberatungen des Abgeordneten- Hauses über den Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung brachte am Donnerstag einiges Leben und eine gewisseAbwechse- lung die Rede um'eres Genossen H o f f nt a n n über die innere Kolonisation.-Im Gegensatz zu den Konservativen, die in der inneren Kolonisation ein Mittel erblicken, immer weitere Kreise von Landbewohnern in die Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern zu bringen, wies unser Redner mit allem Nachdruck daraus hin, daß die 1*4 Millionen für innere Kolonisation nur ein Tropfen aus den heißen Stein sind, so- lange man dannt die Absicht der Polenversolgung oder der Heranziehung von Hörigen verbindet. Auch di? Regierung, die durch allerhand bureaukratische Maßnahmen den Be- wohnern der Großstädte, die sich vor den Toren ansiedeln, um im Sommer frische Luft schöpfen zu können, den ÄnsrX- halt in ihren Laubenkolonien verekelt, bekam bittere Wahr- heilen zu hören. Erschwert wurde dem Genossen Hoffmann seine Kritik leider durch verschiedene Artikel in den„Sozialistischen Monatsheften", auf die sich die Gegner beriefen, uni sie uns als Knüppel zwischen die Leine zu werfen. Aber Hoffmann verstand es mit gutem Humor, diese Kronzeugen der Junker von den Rockschößen abzuschütteln. Leider wird die Regierung ihre Agrarpolitik nicht ändern. Erklärte doch der Landwirtschaftsminister Freiherr von S ch o r l e m c r- L i c s e r, daß die„nationalen" Aufgaben in den Ostniarken nicht vernachlässigt werden, mit anderen Worten, die Polen sollen nach wie vor mit den für die innere Kolonisation bc- willigten Mitteln bekämpft werden. Daß die Hiebe, die Hoffmann austeilte, gesessen haben, bestätigt die„Erwidc- rung" des Landrats von der O st e n, der in seiner Verlegen- heit nichts Besseres tun zu können glaubte, als die Rede unseres Fraktionsredners als Wahlrede zu bezeichnen, und den Sozialdemokraten den guten Willen absprach, in ernsten Tingen mitarbeiten zu wollen. Stach Bewilligung dieses Etats erledigte das Haus noch den für die Junker so wichtigen Etat der Gestütverwal- tung. Tie Debatten hierüber sind nicht der Erwähnung wert. Freitag: Forstetat, Etat der Tomänenverwaltung und Initiativanträge._ Tie«atioualliöcrale Krise. Tie Krise der nationalliberale» Partei dauert unge- schwächt fort. Die rechtsnationalliberalc Presse stellt Herrn Bassermann immer schroffer die Kabinettsfrage. Entweder verzichte er auf seine Führerstellung oder die Rechtsnationalcn marschieren zu den Freikonservativen ab. So schreiben die „Hamburger Nachrichten":. � „Wenn es noch eines BewegeS bedurft hatte, daß die hessischen und badischen angeblichen„Nationallikeralen" überhaupt keine solchen mehr sind, sondern süddeutsche Demokraten(!) mit stark sozialistischem Einschlag, er wäre hierdurch erbracht. Der diametrale Gegensatz zwischen ihren Anschauungen Ulli' dcncn i�rcr nordischen Varl c ige nassen aber bilde! einen weiteren Grund zur Vornahme der von uns als unerlähltch bezeichneten r e i n l i ch e n S ch c i d u n g der disparatcn Elemente der nationalliberalen Partei. Es ist ein Ding der vollsten IIu- Möglichkeit, daß z. B. ein bamburgischer Nationalliberaler, der das Verhalten der Mehrheit seiner Partei bei der Präsidenten- Wahl aufs schärfste mißbilligt und als schmähliche Preis- gäbe der alten ruhmvollen Tradition des Nationalismus emp- findet, sich noch weiter als„Parteigenosse" der Darmstädter oder Karlsruher Nationalliberalen fühlen kann, die nicht nur den Verrat an den wichtigsten Parteiprinzipien billigen, sondern ganz ungeniert fordern, daß an dieser treu- brüchigen Politik sc st gehalten werde. Da bleibt doch nur Trennung übrig. Die Aufrechterbaltung der Gemeinsamkeit würde unter diesen Umständen ebenso wohl gegen die guten Sitten verstoßen wie gegen jedes gesunde politische Empfinden und gegen das Parteiehrgefühl. Es bleibt nichts anderes übrig, als daß die hessischen und badischen Zkationalliberalen mit Herrn Bassarmann zum Erodus nach links hin genötigt werden, der die einzige Vernunft- gemäße Konsequenz ihrer bisherigen Haltung bildet. Der n o r d- deutsche Nation allibcralismus aber muß sich nack» rechts hin konzentrieren und die alte Bennig- scnsche Fahne hochhalten. Ter eingetretene Bruch ist zu schwer und zu eklatant, als daß er verkleistert werden könnte. Diese Erkenntnis vertieft sich, wie wir zu unserer Befriedigung bemerken, in den Kreisen der Nationalliberalen immer mehr." Dieselbe Anschauung vertreten die Organe der rheinisch- westfälischen Nationallibcralen und im„Deutschen Boten" ist zu lesen: „Es soll nicht verschwiegen werden, daß uns in der Haupt- fache nur norddeutsche Stimmen vorliegen. Das Bedauerlichste vielleicht ist aber, daß die nationalliberale Partei anscheinend wird aufhören müssen, eine umfassende„Reich s"- Partei zu sein, da Nord- und Süddeutschland in ihr zu weit auseinander streben. Eine neue Main- I i n i e— das ist am Ende das traurige Ergebnis einer Epoche, in der die nationalliberale Reichstagsfraktion der preußischen Führung crmangelte." Man darf neugierig sein, ob und wie lange der linke Flügel der Nationalliberalen solchen Angriffen wird stand- halten können. Dem preußische« Landwirtschaftsmiuister ins Stammbuch. Bei dem Kapitel über„Innere Kolonisation" hatte der Minister auf die Angriffe unseres Redners im preußischen Abgeordnetenhause die Tatsache, daß die innere Kolonisations- Politik dazu benutzt wird, die Arbeiter als Hörige an die Scholle zu fesseln, damit widerlegen wollen, daß er einen Erlaß zum besten gab, der nach seiner Ansicht„so frei wäre.daßeraufdemBureauderfreisinnigen oder sozialdemokratischen Partei verfaßt sein könnt e". Genosse Hoffmann rief ihm die Frage zu: „Und die Praxis?", auf die der Herr Landwirtschafts- minister wohlweislich nicht antwortete. Wie recht der Genosse Hoffmann hatte, wenn er sagte: „Die Triebfeder Ihrer ganzen inneren Ko- Ionisation ist Jnteressenpolitik, sind Herrsch- und Unterdrückungsgelüste," dafür nur zlvei kleine Beispiele aus den Verhandlungen der Konferenz zur Beratung über die Organi- s a t i o n der inneren Kolonisation, die am 14. und 15. Juni 1909 zu Berlin im Abgeordnetenhause unter Vorsitz des Ministers für Landwirtschaft, Herrn von Arnim- Criewen, stattfanden. Ritter- gutsbesitzcr Cleve- Leckow sagt Seite 239 des steno- graphischen Berichts: „Wer soll eigentlich der Träger der Arbeiteran- siedlung sein? Da komme ich zu dem Schluß, eS soll eigentlich nur Träger sein der Grundbesitzer selber. Ich halte es auch für sehr bedenklich daß die Genossenschaft gleichzeitig mit der Ansehung von größeren Rentenbauern Ar- � deiteransiedlungen macht. Ich würde es für viel zweckmäßiger halten, wenn sie so vorginge, daß sie Arbeiteronsied- lungcn erst ausschiede, einen gewissen Teil des Landes liegen ließe und dann, wenn die Bauernansiedlung fertig ist, mit der Arbeiieranfiedlung vorginge. Wenn jetzt einer kommt, und sich eine kleine Stelle kaufen will, und es wird ihm unter sehr günstigen Bedingungen eine größere Stelle angeboten, dann nimmt er doch die und läßt die Arbeits- stelle sein." ' Also? Die Möglichkeit, der Hörigkeit zu entrinnen, muß dem Arbeiter genominen werden. Das ist die Praxis, Herr Landwirtschaftsminister! Doch weiter! In derselben .Konserenz(stenographischer Bericht Seite 237) sagte Herr Rittergutsbesitzer von K l i tz i n g- Kolzig: „Ich kenne inehrcre andere Gutsbesitzer, die denken gar nicht an A n s i c d l ii n g s g« n o f s e n f cha f t c n. Ich kann Sie versichern, Sie können einen Obrrschlesser eher tot- schlagen, ehe er sich in die Ansiedlungsgenosscn- schaft hincinbegibt. Daran denkt er nicht. Die Fläche, die ich zu dem Hause zugebe, ist nur 12 Ar groß, also nur ,4 Morgen. Der Arbeiter bekonimt aber bei mir noch 2— 3 Morgen Acker auf Z e i t p a ch t, und diese behält er, solange er bei mir arbeitet. Arbeitet er nicht mehr bei mir, dann geht auch natürlich die Zcitpacht ver- lorcn, die hört dann eben auf! Außerdem kündige ich ihm dann auch noch meine zweite Hypothek, nebenbei kündigt ihm wahrscheinlich auch die Landesversicheriing die erste Hypothek. Also, nieine Herren, die Arbeiter sind ganz fest angesessen!" Das, Herr Landwirtschaftsministcr, ist die Praxi?! Da- rüber helfen weder schöne Redensarten hinweg noch Erlasse, auf welckse die Großgrundbesitzer und Junker pfeifen. Sie komnmndicren und der Herr Minister hat Order zu parieren! Das Stimmenverhältnis bei der bayerischen Landtags- »vahl. Heber die Stimmen, die auf die einzelnen Parteien ge- fallen sind, machen die„Münchener Neuesten Nachrichten" folgende Angaben: Bund der Landwirte....«3094 Konservative....... 26 373 Mittelstandsvereinigung... 3 899 Zentrum......... 370 265 Zentrum mit Anhang.... 463 631 Das Zentrum hat also von den im ganzen abgegebenen 969 323 gültigen Stimmen nur 376 263 erhalten, das sind 38,2 Prozent, noch weniger als bei der N e i ch s t a g s w a h l vom 12. Januar, wobei es in Bayern 38,8 Proz. der Stimmen auf sich vereinigte. Und daS trotz der skrupellosen Agitation und des ungeheuren Wahlterrorismus des Zentrumsklerus! Ein Vergleich mit der vorigen Landtagswahl von 1667 bestätigt — was schon die Reichstagswahlen gezeigt hatten— einen starken Rückgang der Zentrumsstimmen, absolut und relativ. 1967 erhielt das Zentrum im ganzen 398 417 Stimmen. Es hat also 28 152 Stimmen verloren. Damals betrug der Anteil des Zentrums an der Gesamtzahl 41.6 Pro,., jetzt nur 38,2 Proz., also nur wenig mehr als ein Drittel aller gültigen Stimmen. Auf der anderen Seite verzeichnet die amtliche Tabelle für die Zentrum sgcgncr 486 746 Stimmen,' fast eine halbe Million, Proz. der Gesamtzahl, also die absolute Mehrheit. Die Mehrheit der Zcntrumsgegner wäre zweifellos weit größer, wenn nicht die ungerechte Wahlkreiscinteilung, die in vielen Gegenden die Anhängerschaft der Liberalen. Bauern- bündler und Sozialdemokraten„totgetetlt" hat, in solchen Wahl- kreisen den Zentrumsgegnern jegliche Aussicht auf Erfolg von vorn- herein genommen und sie dadurch verhindert hätte, dort eine wirk- same Agitation zu entfalten. In einer Reihe solcher„bomben- sicheren Zentrumswahlkreise" war deshalb die' Wahlbeteiligung bei den Gegnern des Zentrums sehr gering. Immerhin ist daS min festgestellte Ergebnis der Landtags- wählen lehrreich genug: Die absolute Mehrheit der Wähler hat sich als Gegner des Zentrums bekannt; für das Zentrum stimmte nur wenig mehr als ein Drittel der Gesamtwählerschaft. Und dieses Drittel, das obendrein nur ein Fünftel der Steuer- lasten des Landes trägt, bestimmt jetzt durch ein Parteiministerium die Geschicke Bayerns. Danach versteht man auch die Entdeckung der„Ger- mania", daß das P r o p o r t i o n a l w a h l r e ch t für Bayern nicht passe._ Die klerikalen Minister im Bundesrat. München, 15. Fedruar. Durch allerhöchste Entschließung find die zurückgetretenen bayerischen Staatsminister, die Mitglieder des Bundesrats waren, von ihrer Stellung als bayerische Bundesrats- bevollmächtigte enthoben und an ihrer Stelle die StaatSministcr Freiherr v. H e r t l i n g, Freiherr v. Soden, v. Thelemann und v. Breunig zu Bundesratsbevollmächtigten ernannt worden._ Gegen den LuftmilitarisnmS. AuS London Wirt» uns geschrieben: Ans Veranlassung der Internationalen Schiedsgerichtsliga, die in England einen starken proletarischen Anstrich hat, ist eine von einer großen Anzahl her- vorragender englischer Persönlichkeiten gezeichnete Denkschrift an die Regierungen ergangen, worin gegen die Verwendung von Luftschiffen zu Kriegszwecken Protest erhoben wird. Die Denkschrift verlangt eine internationale Ver- ständigung, damit die Welt davor betvahrt wird, daß zu den gegenwärtigen Gräßlichkeiten der Kriegführung diese neue hinzu- tritt. Ein« in.ternationale Verständigung ist unerläßlich, denn keine einzelne Macht kann die Entwickelung aufhalten. Jeder neue Tag verringert aber auch die Aussichten einer Verständigung. Die Denkschrift fährt fort:„Die ganze Zivilisation beteuert, daß sie Frieden und Wohlwollen wünsche und die schwere Last der Rüstun- gen herabsetzen wolle. Sind diese Beteuerungen nicht die eines hoffnungslosen Heuchlers, dann kann sie nicht ruhig zusehen, wie die Eroberung der Luft, diese glorreichste der mechanischen Er- rungenschaften der Menschheit, zu Zerstörungszweckcn benutzt und damit die Last der Rüstungen stark erhöht wird." Die Denkschrift setzt sich dann mit den Argumenten auseinander, die gewöhnlich zugunsten des LnftmilitarismuS angeführt werden. Die einen sagen, daß er gerade durch seinen unerhörten Schrecken die Men- scheu vom Kriege abschrecken und damit tatsächlich zur Wohltat werden werde. Darauf wird geantwortet, daß der Fortschritt der Menschheit nicht diesen verzweifelten Weg geht und daß diese Aus- sassung die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Natur unterschätzt, die alle Formen des Schreckens ertragen kann. Andere sagen, daß die Entwickelung der Flugtechnik des Ansporn? des Militarismus bedürfe. Das leugnet die Denkschrift, erklärt aber, daß die Welt nichts verlieren würde, wenn infolge der gegenseitigen Hilfe statt der gegenseitigen Zerstörung der Menschen die Kunstz des Fliegens um einige Jahre verzögert würde. Wieder andere sagen, wenn man zu Wasser und zu Lande jkrieg führen dürfe, warum nicht auch in der Luft? Darauf erwidert die Denkschrift, daß niemals die praktische Möglichkeit bestanden habe, die Kriegswerkzeuge zu Wasser und zu Lande aus dem Gebrauche zu verbannen. Dagegen bestehe diese Möglichkeit für die Kriegswasfen der Luft, und zwar jetzt, bevor der militärische Nutzen dieser Kriegswerkzeuge bewiesen ist und bevor sich starke Interessengruppen de- Fabrikatton dieser Waffen bemächtigt haben.' Tie Denkschrift ist ohne Zweifel sehr wohlmeinend, und auch die angeführten Argumente sind zum größten Teile unwiderleglich. Daß aber dieser Appell an die Regierungen irgendwelchen prak- t i s cb e n Erfolg haben wird, ist nicht nur zweifelhaft, sondern er- scheint geradezu ausgeschlossen. Wenn man schon auf eine solche Abschaffung des Militarismus auf Ratenzahlung seine Hoffnung setzt, dann wäre es schon besser,„praktische" Politik zu treiben und sich vorerst mit einer bescheideneren Forderung zu begnügen. Ein solcher Vorschlag wäre das Verbot der?lbfeuerung von Geschossen oder Bomben aus Luftschiffen, wie sie gerade jetzt von den Italic- nern praktiziert worden ist. Allein eS ist fraglich, ob selbst dieser bescheidene Vorschlag heute noch die Gunst der � Mächte finden würde. Die erste Haager Friedenskonferenz hatte sich ja auf ein solches Verbot geeinigt. Damals schwebte die Frage des Luftmili- tarismus jedoch tatsächlich noch zu sehr in der Luft. Sowie sich ihm konkretere Aussichten boten, ließ das Gefühl des Schreckens ob der neuen Krtegsbarbareien bei den Mächten nach. Auf der zweiten Haager Friedenskonferenz wurde das Verbot zwar er- ncuert, aber in Form einer Deklaration, die bloß von 27 von den 44 vertretenen Staaten unterzeichnet wurde, und zu denen, die -die Deklaration nicht gezeichnet haben, gehören.a ll e g r o ß e n Militärmächte Europas, mit Ausnahme Oesterreich- Ungarns. Es ist mich nicht ganz richtig, daß früher keine Möglichkeit bestand, das Aufkommen von Kriegswerkzeugen zu Wasser und zu Lande zu verhindern. Eine solche Gelegenheit bot. sich vor der Ein- führung der To r p c d o u n t c r s e e b o o te, die nicht nur eine höllische, sondern auch eine verräterische Waffe sind. Aber auch damals kehrten sich die Mächte herzlich wenig um Vernunftgründe. Mit einem Appell an die Mächte ist heute ebensowenig auszurichten; es gilt vielmehr, die Macht der Entscheidung im Namen dieser „Mächte" in andere Hände zu legen. Veteranenbeihilfen. In dem neuen Etat sind 29 Millionen für Vetxranenveihilfcn eingesetzt. 366 666 M. bleiben in Reserve, um' etivaige Mehr- forderungen decken zu können. Die Verteilung erfolgt nach dem Verhältnis der Kopfzahl derjenigen Kriegsteilnehmer,, die in den einzelnen Bundesstaaten am 1. März 1912. als bezugsberechtigt an- erkannt waren.: Daß noch immer eine große Zahl Veteranen nichts kriegen, und daß die Beihilfe völlig unzureichend ist, das ist lediglich die Schuld der bürgerlichen Parteien, die alle weiter- gehenden sozialdemokratischen Anträge abgelehnt haben. Aufhebung des Jesuitengesetzes. Da? Zentrum hat beschlossen, einen Gesetzentwurf im Reichstag einzubringen, der die Aufhebung des Jesuitengesetzes zum Gegen- stand hat. Der Enrwurf lautet: ß 1. DaS Gesetz betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu vom 4. Juli 1872 wird aufgehoben.§ 2., Die zur Ausführung und zur Sicherstellung des Vollzuges des in 8 1 genannten Gesetzes erlassenen Anordnungen verlieren ihre Gültigkeit.§ 3. DaS gegenwärtige Gesetz tritt mit dem Tage seiner Verkündung in Kraft." 1 Da die Sozialdemokratie prinzipiell Gegnerin bon Ausnahme- gesehen ist, wird dieser Gesetzentwurf im Reichstage die Mehrheit finden. Ob aber der Bundesrat zustimmt, erscheint fraglich. Das bayerische Zentrum hat bekanntlich bereits von der bayerischen Re- gicrung verlangt, daß sie im Bundesrat für die Aufhebung des Jesuitengesetzes eintreten soll, und nachdem der Führer des Zentrums, Freiherr v. Hertling, bayerischer Ministerpräsident geworden ist, dürfte dieses Verlangen auch Erfüllung finden. Die sächsische Parallele. Zu einem besonders für die Sozialdemokraten ergötzlichen Gezänk zwischen Nationalliberalen und Konscr- V a t i v e ii kam eS am Dienstag in der Zweiten Kammer des sächsischen Landtages. Den Anlaß dazu bot eine mehr als harmlose Interpellation der Freisinnigen wegen der Verlegung deS Stich Wahltages im Reichstagswahlkreise Plauen vom Sonnabend auf den Montag, worauf die Fortschrittler belustigender- weise den Reinfall Günthers zurückführen, während doch der Montag offenbar vom Wablkoinmiffar deshalb als Siichwahltag be- stimmt' wurde, weil er für die Arbeiter ein weit ungünstigerer Wahltag ist als der Sonnabend. Der Wahlkommissar wollte also offenbar Günther gegen den Sozialdemokraten zu Hilfe kommen, und mutzte erleben, deshalb von den hereingefallenen Fortschrittlern Prügel zu bekommen. Bei der Debatte über diese sonderbare Interpellation gerieten sich Nationalliberale und Konservative so in die Haare, daß die Interpellation darüber ganz vergessen wurde. Mit einem Wettstreit um den Patriotismus fing es' an, mit einem geifernden Gezänk darüber, wer schuld an der Wahl des sozialdemo- krati scheu Vizepräsidenten sei, endete das für die Nationolliberalen klägliche Satirspiel. Letztere behaupteten, die Konservativen seien schuld an der Wahl Fräßdorfs zum Vize- Präsidenten, weil sie weiße Stimmzettel abgegeben hätten, während die Konservativen Opitz und Dr. Böhme in ihren giftigen Gegen- reden unter anderm ausführten, die Konservativen hätten nur des- halb weiße Stimmzettel abgegeben, weil sie von. den National- liberalen zu spät erfahren hätten, daß die Freisinnigen für den Sozialdemokraten Fräßdorf stimmen wollten. Dann regnete eS Vorwürfe gegen die Nationallibcralen, die deren.UnPatriotismus" beweisen sollten. Welcher Taten die Nationalliberalen fähig seien, hätten sie im Reichslage gezeigt, wo sie bei der Präsidentenwahl selbst für Bebel gestimmt hätten, im sächsischen Landtage hätten die Nationalliberalen ja auch selbst einen sozialdemokratischen Vize« Präsidenten wählen wollen, wenn nur die geforderten Zusicherungen von sozialdemokratischer Seite gegeben worden seien; die National»- liberalen hätten ja auch den sozialdemokratischen Schriftführer im Landtag nicht nur gewählt, sondern auch selbst vorgeschlagen. So wurden den Nationalliberalen vereinzelte liberale Anläufe als Verbrechen vorgehalten. Diese aber verhielten sich dazu kläglich. Statt ihre Haltung als zweckmäßige liberale Politik entschieden zu verteidigen, verlegten sie sich auf Herausreden, die beinahe wie Eni- schuldigungen klangen. Schließlich wurden sie ganz still, als ihnen Opitz noch vorhielt, daß die Nationalliberalen über die Vize- Präsidentenwahl im Landtage selb st ganz entsetzt geivesen seien und Hettncr unmittelbar danach zu Opitz mit aufgehobenen Händen gekommen und verzweifelt ausgerufen hätte: .So darf es nicht mehr fortgehen in unserem Vaterlande, wir müssen wieder zusammenkommen!" Nun, das Zusammenkommen ist ja durch die Debatte nicht verhindert worden, beleuchtet wurde die klägliche Unentfchiedeuheit der Nationalliberalen und ihr jämmerliches Schwanken vortrefflich. Gleichzeitig enthüllten auch die Konservativen ihr erzreaktionärcS Herz aufs neue. Die Sozialdemokratie begleitete das erregte Gezänk mit an- dauernder Heiterkeit und belebte es noch durch sarkastische Zwischen- rüfe. Dadurch wurde die Laune ver Gegner, die sich im gegen- scttigen Gekeife so bloß stellten, natürlich nicht besser. Wahlprotest. Die Parteileitung de» Wahlkreises Bochum hat gegen die Wahl deS Abg. Heckmann Protest eingelegt. Der Protest stützt fich darauf, daß neben mehrfachen Unregelmäßigkeiten Zentrum und Nationalliberale in letzter Stunde in Hunderttausend Flugblättern die Nachricht verbreiteten, die Sozialdemokraten hätten drei Kothaufen in der Klosterkirche gesetzt und mit Kreide an der Bank geschrieben: Jesus Christus sagt, wählt Otto Hue. Wenn auch dadurch die Wahl nicht für ungültig erklärt wird, so soll doch im Reichstage dieser infame Schwindel, dem Heckmann seinen Sieg verdankt, gebrandmarkt werden. Wahlrechtsfragen in Koburg-Gotha. DaS Staatsminifterium der Herzogtümer Koburg und Gotha hatte seinerzeit den Ausschuß des gemeinsamen Landtages auf- gefordert, ein Gutachten über eine eventuelle Aenderung des Land- togswahlrecht» abzugeben. Der Ausschuß sprach sich für die Ein- sührung des geheimen und direkten Wahlrechts unter gleichzeitiger zeitgemäßer Einteilung der Wahlkreise aus. Die Regierung hat erklärt,_ daS gleiche Wahlrecht fei unmöglich, denn kein deutscher Bundesstaat mit einer Kammer habe ein solches Wahlrecht; eS müsse dem berechtigten Gesichtspunkte und den Interessen verschiedener Kicise der Bevölkerung Rechnung getragen werden. Kasernenroheit. Wegen vorschriftswidriger Behandlung in'4 7 Fällen, wegen'schtverer Beleidigung in 12 Fällen und wegen Miß- Handlung in 3 Fällen verhandelte das Oberkriegsgericht in Trier gegen einen Unteroffizier.des 44. Feldartillerieregiments. Der Betreffende war wogen der aufgeführten Vergehen vom Kriegs- gericht in Trier zu 3� Monaten Gefängnis verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatte der Unteroffizier beim Ober- kricgsgericht Berufung eingelegt. In der Verhandlung stellte sich heraus, daß der Soldatenschinder durch seine Quälereien einen Soldaten zu einer Gehorsamsverweigerung veranlaßt hatte. Der Mann ist schwer bestraft worden. Besonders war bei dem Herrn Unteroffizier die„Erziehungsmethode" beliebt, Leuten, die sich krank fühlten, mehrere Pferdedecken(bis zu fünf) umhängen und sie damit Laufschritt machen zu lassen, bis ihnen das Wasser am Körper herunterlief. Einem Soldaten, an dem man dieses Heilverfahren erprobt hatte, mußte darauf ein Kamerad den Kopf mit Stroh- w ksch e n a br« i b c n. ES wurde nachgewiesen, daß diese bestia- lischc Methode mehrfach angewandt worden ist. In andern Fällen hat vor Angeklagte Soldaten bis zu schwerer körperlicher Erschöpfung Häcksel schneiden lassen. Beim Exerzieren hat er die Leute ununterbrochen herumgcjagt, hat sie sich in kurzen Zeit. abständen hinwerfen lassen, bis sie nahe am Zusammenbrechen waren. Der Angeklagte machte-inen schwachen Versuch, die Roheiten abznkengnen. Angesichts der zahlreichen vereidigten Zeugen mußte dies aber selbst dem Kriegsgericht als mißlungen gelten. Trotz- dem stellte ihn der Offizier, der ihn verteidigte,„als einen eifrigen, tüchtigen Unteroffizier" hin,„der sich nur in der— Wahl" seiner Mittel vergriffen habe. Der Vorsitzende war anderer Ansicht. Er bedauerte, daß der Gerichtsherr keine Berufung eingelegt habe, da sonst die Strafe hatte erheblich erhöht werden müssen. Auch würde das Berufungsgericht aus Dcgradierung erkannt haben, denn es läge im Interesse des Heeres, daß solche Elemente von chargierten Stellen entfernt würden. Das Urteil der Vorinstaiiz. das auf 3 Monate gelautet hatte, konnte deshalb nur bestätigt werden. 6ewerkrchaftUcbe9* Cbnftlicbe Cüchc. In den christlichen Gewerkschastskonventikeln herrscht große Trauer! Der Pakt der Ultramoutancn mit den Scharfmachern hat den gewünschten Erfolg nicht gebracht. Das Anschwellen der sozialdemokratischen Stimmen läßt die Christen eine steigende Werbckraft der modernen Arbeiterbewegung erkennen. Die christliche Gelverkschaftsbetvcgung als Bollwerk gegen die freien Gewerkschaften hat Fiasko gemacht. Darüber können alle Lamentationen nicht hinwegtäuschen! Und nun muß man befürchten, daß die Jnteressensolidarität zwischen Zentrum und Großindustriellen doch manchem Arbeiter über den wahren Charakter der„Volkspartei" und der von ihr gegründeten Zcrsplittererorganisationen die Augen öffnet. Daber nun in den Christenblättern ein heuchlerisches Gezeter über die Staats- Gefährlichkeit der„terroristischen" freien Verbände. Der Zweck solcher Ucbung ist klar: man will den Scharfmachern Material für ausnahmegcsetzliche Forderungen gegen die Organisationen liefern! Daß davon schließlich auch die Zentrumsgewerk- schaftcn getroffen werden könnten, kümmert die Patent- arbcitervcrtretcr nicht, denn all ihr Tun ist ja nur auf eine Förderung ultranwntaner Parteiinteressen eingestellt. Aus demselben Motiv sind auch die christlichen Gewerkschaften ge- boren worden. Zudem haben sie gerade nicht sehr viel zu verlieren. Im allgemeinen werden sie immer bedeutungsloser. Das beweist die Entwickelung. Von den an das„Reichs- arbeitsblatt" berichtenden Organisationen machen wir, soweit vergleichende Angaben vorliegen, die folgende Zusammen- stellung. Es zählten Mitglieder am Jahresschluß: Freie HirscK-Dunckersche Christliche ZZerbände Gewerkvereine Gewerkschaften ISO»... 11g0 45ö 67 034 43 812 1911... 1 611 816 73482 70457 Zunahme. 412 361 6 448 26 645 Es handelt sich hierbei nur um die Verbände, die eine Statistik über die Arbeitslosigkeit der Mitglieder führen. Wenn sie auch nicht alle Organisationen umfaßt, so zeigt die Gegen- Überstellung der gleichen Verbände doch trefflich die Ent- Wickelung: die freien Gewerkschaften haben in den zwei Jahren dreimal so viel Mitglieder gewonnen, als wie die gegnerischen Organisationen überhaupt Mitglieder zählen. Noch weniger werbefähig als unter der männlichen Arbeiterschaft haben sich die Christen bei der Jagd nach Weib- lichcn Mitgliedern erwiesen. Nach denselben Unterlagen gewinnen wir diese Resultate. Es haben weibliche Mitglieder ausgewiesen: Kreie Berbände Hirsch-Dunckersche Christliche Freie �ervanve Gewerkschaften Gewerksibafte« 1909 73 715 4632 1146 1911 117 970 4040- 1739 Hier ist das Spannungsverhältiiis noch viel größer als bei den Gesamtmitglicdschaften. Die freien Verbände ge- Wannen 44 2ÜÖ weibliche Mitglieder, die Hirsche buchen einen Verlust von 592 und die Christen haben es auf einen Zuwachs von 593 weiblichen Berufsangehörigen gebracht. Wie noch hervorgehoben werden mag, sind die Textilarbeiterverbände, die naturgemäß eine ziemlich große Zahl weiblicher Mitglieder mn umfassen, ebensowenig in die freigewcrkschaftliche als wie in die christliche Statistik aufgenommen. Rechnet man diese Or- ganisationen für das letzte Jahr hinzu, dann stellt sich das "'"Ergebnis wie folgt: Freie Verbände Mitglieder überhaupt 1743 349, davon IKK 949 weibliche; christliche Verbände III 328 Mitglieder überhaupt, davon 44 935 weibliche. In dieser Beleuchtung gewinnen die Christlichen wahrlich nichts. Die Zahlen bedeuten für sie einfach eine Bankerotterklärung! Das will man natürlich nicht eingestehen, noch viel weniger zu den Ursachen sich bekennen. Die gegnerischen Organisaftonen versagen jedesmal, wenn es darauf ankommt, ohne Rücksicht auf Parteiinteressen, Forderungen der Arbeiter den notwendigen Nachdruck zu geben. Das will und darf man auch in Zukunft nicht tun. Man muß daher mit weiterem Niedergang rechnen. Der völlige Zusammenbruch rückt in greifbare Nähe— wenn nicht dem weiteren Vormarsch der freien Verbände, wenn nicht ihrer ans ehrlicher und konsequenter Vertretung der Arbeiterinteressen resultierenden Werbekraft eine Schranke gesetzt'wird. Eine Schranke durch gesetzliche Knebel I So kalkulieren die Macher. Und darum entfesseln sie nun eine Hätz gegen die freien Ver- bände, verleumden sie nach allen Regeln christlicher Kunst. Sie werden zu der Schande der bösen Absicht auch die Schmach der Ohnmacht ernten. Die freie, moderne Arbeiterbewegung marschiert: trotzdem und alledem! Berlin und Nmzegend. einen Kampf um den Arbeitsnachweis führen die Berliner S t e l l in ci ch e r. Obgleich für die ganze Berliner Holzindustrie ein Arbeitsnachweis auf paritätischer Grundlage besteht, hält es die Stellmacher- und Wagenbaucr-Jnnung unter Führung ihres Obermeisters F i ck l e r für richtig, daneben einen Jnnungs- Arbeitsnachweis aufrecht zu erhalten. Natürlich hat dieser Nach- weis alle die Mängel, welche Arbeiter bei den Unternehmernach- weisen stets zu beklagen haben. Kein Wunder, daß ihn die Arbeiter sperrten, um den paritätischen Nachweis auch im Stellmacherberuf zu Ehren zu bringen. Um zureisende Kollegen auf die Sachlage aufmerksam zu machen, haben die Stellmacher vor dem Jnnungs- Nachweis �Posten aufgestellt. Das ist natürlich dem Herrn Ober- meister höchst unangenehm. Neulich ließ er einen der organisierten Gesellen vor dem Nachweis polizeilich feststellen, weil er einen „Meistertreuen" b e l ä st i g t haben sollte. Der angeblich Belästigte scheint sich im Auftrage der Meister an die Posten herangemackt zu haben, mit denen er nur wenige gleichgültige Worte wechselte. Wenn also von einer Belästigung überhaupt die Rede sein kann, so könnten sich zuerst die postenstehenden Verbandsmitgliedcr„be- lästigt" fühlen.— Natürlich halten solche Manöver diese nicht ab. nach wie vor ihre Pflicht zu erfüllen. Ter Arbeitsnachweis der Stellmachcr-Jnnung bleibt nach wie vor für die Gesellen gesperrt. Die Arbeitsvermittlung geschieht durch den paritätischen Nachweis für die Berliner Holzindusttie. Achtung, Musikschallplattenarbeitcr! Bei der Firma Beka- Rekord, Bouchestraße 35/36, befinden sich die Kollegen im Streik. Diese Firma ist deshalb bis auf weiteres gesperrt. Deuftcher Fabrikarbciter-Verband, Ortsverwaltung Berlin. Deutscher Metallarbeiter-Verband, Ortsverwalwng Berliiu Deutfches Reich. Zur Lohnbewegung in der Herrenmahschneiderei. Der Schlichtungsversuch der Hauptvorstände über die in der Herrenmatzschneiderei gekündigten Tarifverträge findet am 22.' Fe- bruar in Frankfurt a. M. statt. Beteiligt sind daran folgende Orte: Berlin, Bochum, Braunschweig, Chemnitz, Dresden, Düffel- �"rf, Halle, Hamburg, Heidelberg, Köln, Liegnitz, Limburg. Lü- f!"*. Ningbaburg, Meiningen. Mülheim a. Rh., München, Lelsnitz, Ofsenbach, Quedlinburg, Solingen, Trier, Ulm und Weimar. Die Berantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: Tarifverträge laufen noch bis zum 1. März. Wenn bei dieser Zusammenkunft der Hauptvorstände keine Einigung erfolgt, ist jedenfalls ein Kampf auf der ganzen Linie zu erwarten, weil der Arbeitgeberverband für das Schncidergewerbe diese Orte gemein- sain erledigen will oder aber auch alle Differenzen strittig läßt. Ter Arbeitgeberverband bat schon alle Maßnahmen für einen eventuellen größeren Kampf getroffen. Doch ist es trotzdem nicht ausgeschlossen, daß es zu einer Einigung kommt. Die Schornsteinfeger rühren sich! Unter den Berufsgruppen, denen der Zopf noch ganz besonders fest anhaftet, ist die der Schornsteinfeger vielleicht die hervor- stechendstc. Eine mittelalterlich anmutende Gesetzgebung sorgt be- kanntlich dafür, daß für einen bestimmten, genau abgegrenzten Be- zirk immer nur ein Schornsteinfegermeister zugelapen wird; sie schafft also für die Glücklichen, denen die Gnade der Behörde scheint, ein rein zünfilerisches Privilegium, das einen großen Teil der Gesellen vom Meistertum ausschließt. Obendrein herrscht in diesem Berufe das Kost- und Logisunwcsen, durch das die Lohn- und Ar- beitsverhältnisse der Gesellen auf recht niedriger Stufe erhalten werden. So erhalten sie in Leipzig nach einem mit der Gesellen- Vereinigung leine Art Zunftbrüderschaft) vereinbarten Tarif 7, 9 und 11 M. Wochenlohn bei Kost und Logis im Hause des Meisters. Natürlich kann kein in die Jahre kommender Geselle daran denken, sich bei solchen Löhnen einen eigenen Hausstand zu gründen, reichen sie doch nicht einmal für einen Ledigen zum einigermaßen anstän- digcn und reellen Leben. Dagegen ist es den zumeist gar nicht mitarbeitenden Meistern vergönnt, aus der Tätigkeit ihrer Gesellen Jahrcseinnahmen von 10 000 bis 20 000 lzwanzigtausend) Mark zu ziehen.. Daß diese Zustände mit der Zeit auch die zünftlerischsten Kopfe revolutionierten, ist begreiflich, und so hat denn jetzt die Bereinigung der Schornsteinfegergesellen der Kreishauptmannschaft Leipzig eine Bewegung eingeleitet, die sich zum Ziel gesetzt, die Beseitigung des Kost- und Logisunwesens im Berufe und die Festsetzung leidlich auskömmlicher Löhne; gefordert werden 32 bis 35 Mk) für die Woche. Das sind Forderungen, die in Anbetracht der Eiukommensverhältnisse der Meister wahrhaftig keine übertriebenen genannt werden können. Was aber tun die Meister? Sie bieten den Gesellen ganze 2 M. auf den bestehenden Tarif als Zuschlag; dafür fordern sie aber, daß die Gesellen alle etwaigen Nebenver- dienste mit ihnen teilen. Das kennzeichnet so recht die Schornstein- fegermeistcr. Die niedrigen Löhne zwingen die Gesellen, sich Neben- verdienst zu schaffen, und wenn die schwerreichen Meister gnädigst einige Mark Lohuzulage gewähren wollen, versuchen sie, die paar Groschen auf andere Art und Weise wiederzuerlangen. Leider stecken nun in der Gesellenvereinigung viele Meistersöhne, die natürlich alle die nicht unberechtigte Zuversicht hegen, einst von der Behörde als Meister in Amt, Würde und entsprechendes Ein- kommen gesetzt zu werden, was sie zum Teil veranlassen wird, nicht so scharf für eine grundlegende Aenderung in den Lohnverhältnissen der Gesellen einzutreten. Immerhin stehen aber auch ihnen die gegenwärtigen Zustände nicht mehr an, so daß doch die Aussicht besteht, auch in diesem Berufe einige Verbesserungen durchzusetzen. Vielleicht sehen die Schornsteinfegergesellen dann auch ein, daß auf dem Boden der zünftlerischen Vereinigung keine grundlegenden Veränderungen und Verbcsserungen im Berufe zu erzielen sind, daß diese vielmehr nur erreicht werden können durch den Zu- sammenschluß aller Gesellen auf gewerkschaftlichem Boden. Eine Krisis im Gewerkverein der lippescheu Zicgler. Der„Gewerkverein" der Hirsch-Dunckerschen berichtet über Un« stimmigkeiten im Gewerkverein der lippeschen Ziegler, die in der R e i ch s t a g s w a h l ihren Grund haben. Die Organisation der lippeschen Ziegler war früher den christlichen Gewerkschaften an- geschlossen, sie wechselte aber zu den Hirsch-Dunckerschen hinüber, obgleich, wie der„Gewerkverein" berichtet,„einige führende Personen den christlichen Gewerkschaften sehr nahe standen". Weiter wird er- wähnt, daß bei der letzten Reichstagswahl von den Geschäftsführern der Versuch gemacht worden sei, die Mitglieder des GewerkvereinS der Ziegler„vor den konservativen Parteikarren zu spannen". Die Mitglieder hätten die Pläne aber durchschaut und es sei eine� außerordentlich starke Erbitterung gegen die Geschäftsführer entstanden. Als Ergebnis der Beratungen meherer Vorstandssitzungen wurde schließlich bekannt gegeben, daß alle drei Geschäftsführer ihre Aemter niedergelegt haben. Zu der wegen der Sache anberaumten General- Versammlung schreibt der„Gewerkverein": „Man darf auf den Ausgang dieses Streites gespannt sein. Wird es den freiheitlicheren Elementen gelingen, den christlichen Drahtziehern, die hinter jenen Bestrebungen stehen, endlich das Handwerk zu legen?"_ Schadenersatzklage wegen Streik. In dem Prozeß der Buntpapierfabrik Stern u. Co. in Fürth gegen den Fabrikarbeiterverband auf Zahlung eines Schaden- crsatzes von 3000 M. liegt jetzt die schriftliche Urteilsbegründung vor.' Der Inhaber der Firma, Herr Kaufmann, hatte die Klage damit begründet, daß der Leiter des Fabrikarbeitervcrbandes, Genosse Koch, Handzettel hatte verbreiten lassen, in denen zu einer Versammlung behufs Beschlußfassung über den Streik ein- geladen wurde. Am Schlüsse hieß es:„Herr Kaufmann lehnt die berechtigten Forderungen seiner Arbeiter ab". Herr Kaufmann behauptete, er habe die Forderungen nicht rundweg abgelehnt, sondern sich nur geweigert, mit dem Verband zu unterhandeln, wenn seine Arbeiter einzeln zu ihm gekommen wären, hätte er gerne mit ihnen unterhandelt. Diese Tatsache habe Koch der! Versammlung verschwiegen, und es sei darauf der Streik beschlossen Ivorden, folglich sei Koch wegen wahrheitswidriger Darstellung des Sachverhalts zum Ersatz des Schadens verpflichtet. Das Gericht hat die Klage abgewiesen und sein Urteil folgendermaßen be-- gründet: „Der Beklagte hätte wohl zur Haftung der Schadenersatz- summe herangezogen werden können, sobald er eine unerlaubte Handlung als Beauftragter des Verbandes begangen hätte. Eine solche unerlaubte, Schaden stiftende und den Beklagten zum Ersatz verpflichtende Handlung lag aber nach eingehender Prüfung des Sachverhalts nicht vor. Es ist eine Tatsache, daß unter dem Arbeitspersonal der Firma schon seit anfangs Mai eine Lohn- bowegung im Gange war. Daß die Forderungen berechtigt waren, mar für die Arbeiter selbstverständlich. Aver auch für deren Beauftragten, den beklagten Geschäftsführer des Fabrikarbeiter. Verbandes, da ein Teil der Arbeiter dem Verband als Mitglieder angehörten. Der Beklagte hat damit durch feine Feststellung auf dem Einladungszettel, daß die Firma es ablehne, berechtigte Forderungen der Arbeiter anzunehmen, keine unwahre Tatsacke behauptet. Denn die Firma hat es ja talsächlich abgelehnt, mit der vom Fabrikarbeiterverband abgeordneten Kommission zu unter- handeln. An der im Einladungszettel enthaltenen Mitteilung des Gegenstandes der Tagesordnung hatten überdies der Beklagte als Vertreter des Fabrikarbeiterverbandes, sowie die Arbeiter als Lohnempfänger ein berechtigtes Interesse, so daß, ganz abgesehen davon, ob die Firma überhaupt durch die Verteilung des angeblich verletzenden Einladungszettels einen Schaden erlitten hat, jegliche Bestrafung des Beklagten fallen müßte. Nicht die Verteilung und der Inhalt des Einladungszettels, sonoern der in der Abstimmung zum Ausdruck kommende Wille der Versammlungsteilnehmer hatte die Arbeitsniederlegung im Gefolge, an der Üchrigens auch solche Arbeiter aus Sympathie teilnahmen, die bei der Abstimmung nicht zugegen waren. Daß die Beschlußfassung zur Arbeitsnieder- legung das Werk des Beklagten sei, ist schon nach diesen Fest- stellungcn zu verneinen. Nachdem aber die Firmn gar keine Tatsachen, auf Grund deren sie die vom Beklagten in der Per- sammlung entwickelte Tätigkeit als schadenstiftende und den Be- klagten zum Ersatz verpflichtende Handlung beweisen köuute, so hatte sich das Gericht mit dieser völlig unsubstanziierten Behaup- tung, der Beklagte habe die Versammlung falsch unterrichtet, nicht weiter zu befassen. Im übrigen hat sich die vom Beklagten ent- TH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag- Vorwärts Buchdr. u, Verlagsanstalt wickelte Tätigkeit zur Erzielung günstigerer Lohn,»nd ArbeitSbe- dingungen innerhalb der erlaubten Grenzen beschränkt und sonst auch nicht gegen die guten Sitten verstoßen. Die Klage war deshalb ohne weitere Beweisaufnahme als unbegründet vom Gc- richt abzuweisen." HusUnd. Beendete Aussperrung. Die Aussperrung von zehntausend Arbeitern der Maschinen. industtie in Prag ist nach vierwöchiger Dauer beendet worden. Tie Wiederaufnahme der Arbeit erfolgte am Montag auf Grund gegenseitiger Zugeständnisse. Bus Induftrie und FtendeL Die landwirtschaftliche Maschine hat sich im Laufe der jZahr- zehnte in Deutschland ein immer größeres Gebiet erobert. Während 1382 von den reicklich 6 Millionen landwirtschaftlicher Betriebe erst rund 392 000 die Maschine in ihreir Dienst gestellt hatten, waren es von den fünfeinhalb Millionen Betrieben, die 1895 gezählt wurden, bereits 972 000, und die letzte Zählung im Jahre 1007 ermittelte unter den 5 736 082 landwirtsckafllichen Betrieben 1 497 975, in denen landwirtschaftliche Maschinen verioendet wurden. Mit diesem Siegeszug der Maschine werden alle, die in der Landwirtschast arbeiten, vor eine neue Aufgcche gestellt: sie müssen lernen, sich der Maschinen in rationellster Weise zu bedienen. Der landwirtschaftliche Arbeiter entwickelt sich so vom einfachen Knecht und Tagelöhner mehr und mehr zum Träger qualifizierter Arbeit; die Bedienung der Maschine» stellt an seine Auffassungsgabe, seine Geschicklichkeit und seine Aufmerksamkeit erhöhte Anforderungen. Der Einzug der Maschine in die Landwirtschaft hat bereits an vielen Stellen mit der auch ohnedies unhaltbaren Meinung aufgerämnt, daß sich die Arbeit in der Landwirtschaft auch ohne Bildung ver- richten ließe. Die Notwendigleit einer durchgreifenden und allge- meinen Hebung der ländlichen Volksschulen wird sq immer dringender.« Die Preisschraube. In der gestrigen Sitzung der Vereinigten Grobblech-Walzwerke zu Köln wurde beschlossen, die Preise mit soforttger Wirkung um 3 M. pro Tonne zu erhöhen. Schlechte Baumwollernte. Nach der letzten Ernteschätzung wird die Baumwollernte in Indien 18 Pro z. weniger beliageu als im vorigen Jahre._ J*ctztc Nachrichten. Eine französische Stimme zu den deutsch-englischeu Beziehungen. Paris, 13. Februar. Zu der Rede ASqutthS im englischen Unterhause schreibt der„Temps": Nach dieser Rede ist der Pcssi- mismus nicht mehr am Platze. Gewiß, das Uebereinkommen, welches die beiden Regierungen vorzubereiten scheinen, kann nicht mit einem Federstrich die zwischen England und Deutschland be- stehende Nebenbuhlerschaft zur See beseitigen, welche noch lange den Hauptsonds der gegenwärtigen Fragen bilden wird. Aber es würde dem Zustande der Spannung ein Ende machen, der so häufig nach den europäischen Krisen zurückbleibt. Man muß sich auch be- eilen, die Nerven Europas zu beruhigen. Die einzige Gefahr, die noch besteht, ist die, welche aus einem Mißerfolge der von Haldane angeknüpften Verhandlungen oder auch aus ihrem allzu langsamen Verlaufe erwachsen könne. Es wäre schlimm, wenn sich England und Deutschland, nachdem man urbi et ordi angekündigt hat, daß sie sich die Hand reichen wollen, nach reiflicher Ucbcricgung den Rücken kehren würden. Neue Winzcrunruhcn im Gebiet der Champagne. Paris, 15. Februar.(P--C.) Aus Reims wird gemeldet, daß trotz aller Dementis die Unruhen im Winzergebict fortgesetzt wer- den. Zehn Weinbergseigentümer in Mailly(Champagne) haben gestern und vorgestern in ihren Weinbergen schwere Sa- botageakte entdeckt. Heute sind 150 Genbarmen zur Bewachung der Weinberge abgesandt worden. Diese mußten ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit aufwenden, um weitere Sabotageakte zu ver- hüten._ Aus Marokko. Paris, 15. Februar. Der„Temps" meldet auS Fez: Der Sultan und die Leute des Machscn legen die Untätigkeit, welche Frankreich trotz des Abkommens vom 4. November 1911 an den Tag legt, als ein Zeichen der Schwäche aus und benutzen sie, um von neuem die Stämme auszusaugen und die Güter des Machfen zu verschleudern. Wenn man einem neuen Auf. stände vorbeugen wolle, dann müsse man diesen Mißbräuchen raschestens ein Ende machen, indem man dem Sultan entsprechende Existenzmittel gewähre und ihn so der Notwendigkeit enthebe, zu so argen Machenschaften zu greifen. Springflut. Paris, 15. Februar. Aus Biserta wird gemeldet: Durch eine Springflut sind gestern die Acroplane der Flieger Obre und Duval vernichtet worden.__ Mord durch Zigeuner. � Frankfurt o. M., 15. Februar. Die„Frankfurter Zeitung" meldet ans Fulda: Im Walde bei Niesig wurde der Förster Ro- manus, Vater mehrerer Kinder, von drei Zigeunern ermordet. Die Zigeimer wurden durch ein großes Aufgebot Artillerie unter Führung mehrerer Offiziere und unter Assistenz der Gendarmerie verfolgt. Mehrere Zigeunerfrauen, die der Mithilfe bei der Tat verdächtigt sind, wurden verhaftet. Ein Artillerist stürzte bei der Verfolgung und zog sich eine schwere Verletzung zu. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Durch Salpcterdämpfe vergiftet. Nürnberg, 15. Februar. Ein sonderbarer Unglücksfall hat sich hier ereignet. In der Kunstanstalt von Wolfrum u. Hauptmann rnollte der Lagerist Wittig eine Korbflasche kondensierter Salpeter- säure in einen feuersicheren Raum bringen. An dessen Türschwelle fiel die Flasche um und zerbrach. Durch das unwillkürliche Ein- atmen oer aufsteigenden Däinpfe zog Wittig sich eine Vergiftung zu. die nach einigen Stunden seinen Tod herbeiführte. Hochwasscrkatastrophe. Budapest, 15. Februar.(W. T. B.) Das Dorf Panhola im ungarischen Komitat Szatmar ist durch Hochwasser teilweise z e r- st ö r t. Einige Häuser sind eingestürzt. Militär arbeitet mit Pon- tons an der Rettung der Bevölkerung und ihrer Habseligkeiten. Ungefähr 10 000 Stück Geflügel und Vieh sind fortgeschwemmt wor- den. Zahlreiche Ortschaften in der Umgegend von Panhola sind überflutet.__ Erdbeben in der Türkei. Saloniki, 15. Februar. Das am Südufer des OchridafeeS gelegene S t a r o v a mit seiner Umgebung fft vorgestern von einem heftigen Erdbeben heimgesucht worden. Mehrere Häuser wurden stark beschädigt. Die Bevölkerung lagert im Freien und verlangte die Errichtung von Zelten. Verluste an Menschenleben sind nicht zu beklagen. Straffcnraub. New York, 13. Februar.(23. T. 23.) Ein Kassenbote der East River Bank wurde heute mitten im Finanzviertel der Stadt um 25 000 Tollars beraubt. ßaulSinger�Eo.,BerlinL�V. Hierzu 3 Beilagen«.Untcrhaltungsbl. Nr. 39. 29. ZahrMg. 1. KilU des Knlim Maz, le.iedMllS� Keicbstag. K. Sitzung. Donnerstag, den IV. Februar, nachmittags 1 U h r. Am Bundesratstische: Dr. Delbrück, Mermuth. Zunächst wird ein schleuniger Antrag A l b r e ch t sSoz.) wegen Einstellung eines schwebenden Strafverfahl ens gegen den Abg. Giebel angenommen.— Der Abg. Becker(Z.) hat sein Mandat (Siegkreis) niedergelegt Hierauf wird die erste Lesung des Etats fortgesetzt. Abg. Dr. Frank(Soz.): Die Köpfe und Sammelmappen sind noch gefüllt mit Wahl- geschichten, und da liegt die Versuchung recht nahe, die alten De- batten fortzusetzen, den Gegner zu beweisen, dag seine Flugblätter, seine Artikel, seine Reden unwahr, unheilvoll, unpatriotisch gewesen sind. Das ist sehr leicht, aber auch sehr unfruchtbar. Die Wähler erwarten jetzt vom Deutschen Reichstag keine Zänkereien, sondern Taten. (Lebhaste Zustimmung links.) Aus diesem Grunde lehne ich eS auch ab, näher einzugehen aus den seltsamen und an Ueberraschungen reichen Wahlkamps in diesem Hause, der gestern seinen Abschluß gefunden hat. Ich will das Verhalten der verschiedenen Fraktionen hier nicht beleuchten, aber ich stelle dem Hause anheim, ob Sie sich das abschließende Urteil zu eigen machen wollen, das ich gestern im„Hannoverschen Courier" gefunden habe. Es war dort gc- schrieben:„Logisch und konsequent, das wird man allem Gezeter zum Trotz festhallen dürfen, war das Vorgehen der nationalliberalen Fraktion a u f alle Fälle."(Stürmische Heiterkeit.) Ich meine, wie ein Präsidium gebildet wird, das ist vor allem die Frage der Zweck- Mäßigkeit. Es müßte unter normalen Verhältnissen mit Freuden begrüßt werden, wenn eine große Fraktion sich bereit erklärt, die Verantwortung für die glatte und rasche Erledigung der Reichstags- geschöfte mit zu übernehmen.(Sehr richtig I links.) In O e st e r- reich wurde vor einigen Jahren eine weitere Präsideutenstelle aus- drücklich zu dem Zwecke geschaffen, damit die sozialdemo- kratische im Präsidium Platz nehme, und unser Parteitrennd Pernerstorffer, der damals gewählt wurde, hat über das Haus Habsburg viel, viel schärfer ge- urteilt, als über die Hohenzollern jemals von— der konservativen„ P o st" geurteilt wurde.(Schallende Heiterkeit.) Es gibt in Deutschland immer noch Leute, die glauben, das S�o zialist enge setz bestehe im geheimen weiter. (Sehr wahr! bei den Sozinldeniokrateu.) Leute, die sich an den Ge- danken»och nicht geivöhncn können, daß die sozialdemokratische Fraktion und Partei gleichberechtigt neben alle anderen ge- treten ist.(Sehr richtig! links.) Ich weiß ja nicht, wie der weitere Verlauf dieser Sache sein wird. Meine Partei steht der weiteren EntWickelung mit aller Kühle gegenüber.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das eine aber möchte ich doch sagen: wenn es vielleicht in Zukunft irgend einer Partei- kombination gelingen sollte, die stärkste Fraktion des Hauses aus der Mitführung der Geschäfte zu verdrängen, so würde das uns gewiß nichts schaden.(Sehr wahr I und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Und glauben Sie auch gar nicht, daß das vielleicht ein Sieg des Bürgertums über die Revolution wäre(Heiterkeit links), nein, das wäre nur ein Sieg des Schildbnrgcrtnms. (Erneute Heiterkeit und Zustimnmng links.) Wir erkennen als oberstes Gesetz auch für uns den Zwang zum Schaffen an, nicht in einem philosophischen Sinne des K a n z l e r s— der ja natürlich heute nach den Wahlen nicht anwesend ist!— sondern in einem anderen Sinne: wir betrachten uns als die Beauftragten«n- geduldiger Millionen draußen, deren Wille uns trägt und vorwärts treibt.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Es scheint, als wenn sich auch bei der Regierung einmal eine Ahnung geregt hätte, daß gewaltige neue Kräfte zur Eni- fallung kommen wollen, denn in der Thronrede, die ja sonst so rührend selbstzufrieden und genügsam ist, finden wir wie einen Fremdkörper den Satz, daß die'EntWickelung nicht st i l l e st e h e. Der übrige Inhalt dieses Dokuments ist ja mit Erfolg be- müht, dann den Satz wieder zu widerlegen, denn auf allen Gebieten, die berührt werden, sehen wir Stillstand, Nichtstun oder nur theo- retisches Bekenntnis zu einer Aktion; Fortschritt und Ent- Wickelung nur bei den Ausgaben fürHeer und �Flotte(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten), also gerade dort, wo die Massen bei den Wahlen ein deutliches Zeichen zum Bremsen gegeben haben. Ich bin der Meinung, daß, wenn die wichtigsten Aufgaben der Zeit gelöst werden Wllcn, die Volksvertretung selber die Initiative und die Führung Wrgreifen muß ohne Rücksicht auf die Wünsche und die Bequemlichkeit der Bureaukratie.(Sehr wahrl links.) Was soll denn nun geschehen? Ein kleiner Teil des Reichstages wird mit der Antwort sehr rasch bei der Hand sein. Nach jedem sozialdemokratischen Wahlsiege melden sich konservative Doktoren mit Eisenbart- rezepten, sie verlangen Entrechtung. Gcwaltmatzregeln gegen die neue heranstürmende'Macht von niorgen. Ich bin weit entfernt davon, die Bedeutung und Macht der konservativen Gruppe im all- gemeinen zu unterschätzen, aber hier im Hause ist die konservative Partei zu einer bedeutungslosen Minder- h e i t geworden(Sehr richtig I links), obwohl ja, seitdem die Wahlen vorbei sind, die Fraktion hier im Hause in geradezu unheimlicher Weise zu wachsen anfängt.(Heiterkeit.) Immerhin, diese Möglichkeiten weiterer wirtschaftlicher Ver- einigungen(erneute Heiterkeit) sind doch begrenzt. Ich sehe davon ab, an die Konservativen mich zu wenden, aber an alle anderen Fraktionen des Hauses richtet meine Partei die aufrichtig g e- meinte Aufforderung, mitzuwirken bei den Vorschläge», die wir Ihnen unterbreiten. Wir sind unabhängig nach allen Seiten, unabhängig auch von jener Kombination, die vielleicht jetzt oder später bei der Bildung des Präsidiums an den Tag treten wird. Von den Vorschlägen, die wir Ihnen machen, möchte ich heute nur die wichtigsten skizzieren. Ich möchte beginnen mit dem breiten Mittelgang, der dieses Haus in zwei gleiche Teile scheidet. Die Teile sind aber nur scheinbar gleich. Denn rechts sitzen die Vertreter von nicht ganz 5 Millionen Wähler und links die Vertrauensleute von 71l2 Millionen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Es ist ein aristokratischer Grundsatz, daß man die Stimmen wägen und nicht zählen soll. (Sehr richtig I rechts, große Heiterkeit ini Hause.) Nun, der Abg. Graf Oppersdorfs rst in Fraustadt mit 6700 Stimmen gewählt worden, mein Freund Z u b e i l in Charlottenburg mit 163 600 Stimmen.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Ich will gar nicht bestreiten, daß die Wähler von F r a u st a d t sehr gescheite Leute sind, sonst hätten sie ja den Grafen Oppersdorff nicht ge- wählt.(Große Heiterkeit.) Aber Sie werden nicht behaupten können, daß die Wähler von Fraustadt 25 mal so gescheit sind, als die Wähler von Charlottenburg.(Große Heiterkeit.) Das Zentrum mit 2 Millionen Stimmen bekam im ersten Wahlgang etwa 80 Mandate, die Liberalen mit über drei Millionen Stimmen nur vier Mandate(Hört I hört I links.) DaS ist ein unerträglicher und ungesetzlicher Zustand. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir erwarten vom Reichskanzler eine klare Antwort, ob er anerkennt, daß hier un- erträgliche Mißstände bestehen und wie und wann er, sei es durch Einführung der Verhältniswahl, sei es durch Neu- efinteilung der Wahlkreise, Abhilfe schaffen will. Der Kampf um das gleiche Recht muß auch geführt werden bei der kleines fcuUlcton Da8 Leben ohne Mikroben. Ist ein Leben ohne Mikroben möglich? i\ese Frage, deren Beantwortung und Lösung für die Bakteriologie und die Biologie von allergrößtem Interesse ist, wurde schon im Jahre 188S von Pcrsteur gestellt. Sie war jedoch bisher noch nicht endgültig entschieden worden. Gelehrte kamen zu dem Schluß, daß gewisse Insekten sich ohne die„Mitwirkung" der Mikroben normal entwickeln können, daß aber die Wirbeltiere ohne die Bakterien nicht weiterkommen zu können scheinen. Dieser Tage hat nun in der Pariser Akademie der Wissenschaften der Doktor Roux, Direktor des Pastcu c-JNstituts, auf Grund der Forschungen des Doktors Michel Cohendy bewiesen, daß ein Leben ohne Mikroben wohl möglich wäre. Dr. Cohendy wählte, wie es Pasteur riet, für seine Versuche, die er jetzt schon länger als drei Jahre dauern, das Huhu. Er konstruierte zunächst einen asep- tischen Aufzuchtapparat, der unter Wasscrdampfdruck im ganzen bei 126 Grad sterilisiert werden kann. Die verschiedenen Oeff- nungcn des Apparats sind mit Baumwolle verstopft. Die Luft. die inS Innere dringt, ist durch mehrere Baunrwollenfilter filtriert. Durch einen Strom kalten Wassers, der durch ein Schlangenrohr geht, wird der Wasserdampf an der Oberfläche des Schlangenrohrs kondensiert, und dieses Waffer, das in eine Traufe fällt, dient zur Tränkung der Küchlein, die in dem l�ermetisch verschlossenen gläsernen Zuchthof leben sollen. Nachdem der Apparat gebaut toar, nahm Dr. Cohendy drei oder vier äußerlich sterilisierte Hühnereier, kurz bevor aus ihnen die Küchlein auskriechen sollten, und legte sie in eine bronzene besondere Abteilung des Apparats, die eine künstliche Brutanstalt darstellte. Tie aus dem Ei gc« krochenen Küchlein können in dem„Zuchthof" frei umhergehen; sie finden hier reichlich Tageslicht, frisches Wasser, frische Luft, verschiedene Nahrungsmittel, aber alles— Waffer, Luft, Nahrungsmittel— vollständig„entkeimt". Auf diese Weise haben mehrere Serien von Küchlein leben und sich entwickeln können. Nach fünf oder sechs Wochen würben die Küchlein zu groß für ihren Käfig und mußten nun entfernt werden. Um zu prüfen, ob nicht durch irgend einen Zufall doch eine Verseuchung stattgefunden hatte, säte der Gelehrte am Schluß des Experiments den ganzen Inhalt des Verdauungsapparats, des Blutes, der Federn der steril gezüchteten .Küchlein aus und konstatierte, daß keine Mikrobenkultur zustande kam.„Das Leben ohne Mikroben", so schloß Dr. Roux,„ist also für das Huhn möglich, und dieses aseptische Leben führt an sich keinen Verfall des Organismus herboi." Einige der sterilen. Hühner wurden dem normalen Leben wiedergegeben, und nach wenigen Stunden schon war ihr Verdauungsapparat von Zehn- taufenden von Mikroben und Bakterien besetzt, ohne daß sie be- sonders darunter zu leiden hatten. WaS eine Fluqwaschine kostet. Die französische Fachzeitschrift „Aörophile" veröffentlicht eine klebersicht über die Preise von Aero- planen verschiedener Systeme. Im Durchschnitt sind die Doppel- decker etloas teuerer als die Eindecker. Das teuerste Flugzeug über- Haupt, ist ein Motor, der 166 Pferdestärken besitzt und 36 666 M. kostet. Der teuerste Eindecker dagegen ist schon für 24 606 M. bei freilich nur 66 Pferdestärken zu haben. Nicht immer richten sich die Preis-' lediglich nach der Stärke des Motors. Bei den Eindeckern habe» solche von 86, 66 und ö6 Pferdestärken den gleichen Preis von 16 666 M. Das billigste der aufgeführten Systeme ist übrigens doch ein Doppeldecker, der allerdings nur über 25 Pferdestärken verfügt und mit 8660 M. nicht teurer ist als ein mittleres Automobil. Durch- schnittlich wird man anzunehmen haben, daß sich der Preis eines Flugzeuges ohne Motor aus 8666—12 666 M. belänft. Ein Motor von mittlerer Leistungsfähigkeit, also von b6 Pferdestärken, erfordert dann eine gleiche Ausgabe, so daß man im ganzen rund 26 606 M. als Anlagekapital braucht. Der stärkste Motor, der bisher überhaupt gebaut worden ist, hat 266 Pferdestärken, ist aber wegen seines hohen Gewichts von 366 Kilogramm wenig empfehlenswert. Er ivird daher im Preise von einem anderen Molor übertroffen, der bei 146 Pferde- stärken ein Gewicht von nur 136 Kilogramm aufweist; dieser kostet 24 666 M. Dieser von Gliome erbaute Motor stellt überhaupt einen Höhepunkt auf, da auf eine Pferdestärke nicht einmal ganz ein Kilo- gramm des Gesamtgewichtes entfällt. Der kleinste Motor von 25 Pferdestärke» wiegt immerhin 106 Kilogramm und kostet 4666 M. Zu diesen Preisen noch die Ausgaben für Breunsloff, Ocl, Ersatz- leile, für den unentbehrlichen Mechaniker und endlich gar für Repa- raturen hinzugerechnet, muß man vorläufig daran verzagen, daß in einer nahen Zukunft die Anschaffung eines Flugzeuges auch anderen als reichen Leuten möglich sein wird. Theater. Charlottenburger Schiller-Theater: Gräfin Lea, Schauspiel von Paul Lindau. Das Stück, im Jahre 1886 im Kgl. Schauspielhanse zum erste» Male gespielt und von Fontane, dem maßgebenden Berliner Kritiker sehr wohlwollend besprochen, erregte damals großes Aufseden; unter allen Dramen Lindaus hat es wohl die meisten Aufführmigen erlebt. Die Szenen gruppieren sich um einen Prozeß, de» die verwitwete Gräfin Lea, geb. Brendel, Tochter eines durch dunkele Praktiken steinreich gewordenen jüdischen Wucherers, mit den Verwandten ihres Mannes führt und richten sich polemisch wider die antisemitisch verbrämten StandcSvorurteile der blanblütigen Herrschaften. Lea, das steht ihnen fest, kann die Hand eines geborenen v. Fregge nur vermittelst ihrer Millionen ergatiert haben; er wollte sich durch eine solche Mesalliance von seiner Schuldeulast befreien, sie sich mit ihrem Gelde den feudalen Titel kaufen I So pflegt's ja auch zu gehe». Aber hinter diesem Ehepakte, versichert uns der Autor, stand ein ganz idealer Liebesbund. Nach allerband einleitendem Geplänkel der Parteien rückt Leas Rechts» anwalt, selbst ein Herr„von", bei der großen Gerichtsverhandlung rm dritten Akte mit den entscheidenden Beweisen vor. Lea, die Verlästerte, erstrahlt im Glorienschein reinster Menschlichkeit, das Publikum im Gerichtssaal wie daS im Theater klatscht ergriffen, und im letzten Akte bittet ihr trottelhafter Gegner, selbst angesteckt von so viel Güte, die Jüdin um Verzeihung. Man lächelt hier und da wohl über die naive Art, wie die Dinge im Dienste der Tendenz zurechtgebogen sind, über den Eifer, der in lauter Selbstverständlich- keiteu plätschert, die Enge der sozialen Hintergründe, den erklügelten Applomb der Aktschlüsse, und suhlt trotz alledem sich durch die leb- hafte Beweglichkeit des Dialogs und szenischen Arrangements nicht übel unterhalten. Der Applaus war stark. Eine sehr frische Dar- stellung, in der Herr P ä s ch k e und Frl. W a f a an erster Stelle standen, unterstützte die Wirkung. ckt. Friedrich-Wilhelm städtisches Schauspielhaus. Wilhelm Meyer-Försters„Alt-Heidelberg" gehört offenbar zu den Stücken, die sich eine langdauernde Jugend be- wahre» und denen auch die Gunst des großen Publilwns in ewig gleicher Stärke beschieden bleibt. Anläßlich der Wiederaufführung des Schauspiels gab es einen ivahrcn Volksauslauf. Vom Trotloir vor dem Theater bis tief ins Haus hinein standen dichtgedrängt die Billetlheischenden. Für Hunderte war kein Plätzchen mehr zu haben. Größer, ungestümer war der Andrang nicht einmal, als an gleicher Stelle Harry Waiden den Erbprinzen Karl Heinrich spielte« der jetzt Verwaltung. Kein Bürgertum in der Welt läßt es sich gefallen, daß die wichtigsten Stellen in der«rmee und in der Diplomatie dem Adel vorbehalten bleiben. Das rst ein Vorrecht, das unbeilvoll ist für die Nation.(Sehr richtig I der den Sozialdemokraten.) Die Arbeiters ch.a f t ist bereit, dasBürgertum in diesemKampfe um dasgleiche Recht zu unterstützen. Der Reichstag ist in diesem guten Kampf nicht waffenlos, sobald er fest entschlossen ist, gegen eine un- gesetzliche Praxis die gesetzlichen Mittel des BudgctrechkS anzuwenden.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Kampf wird erleichtert werden durch die Reform der Geschäfts- o r d n u n g, die hoffentlich in den nächsten Wochen erreicht werden wird, und weiter durch den Ausbau der Gesetzgebung über die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers. Mit dem Geiste der Gerechtigkeit muß auch die Rechtsprechung und das Straf- recht erfüllt werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Warum hat die Regierung nicht dafür gesorgt, daß die l l e i n e Strafgesetznovelle, die eine Erleichterung bringen sollte, wieder eingebracht werde. Natürlich ohne die Lex Wagner, ohne die Bestimmungen, die die Presse knebeln sollten. Der konservative Abgeordnete Wagner hat ja durch eine Ironie des Schicksals einem Vertreter der Presse Platz machen in üssen, meinem Fraktionsgenossen Wendel.(Sehr gut I bei den Sozial- dcmokratcn.) Daß auch die Strafprozeßreform in Bälde uns wieder beschäftigt, können wir freilich nicht hoffen, solange nicht die große Strafgesetzreform weitere Forlschritte gemacht hat. Aber einzelne Bestimmungen, wie die Bewilligung der Diäten für Schöffen und Geschworene und die Reform der Jugend- gerichtshöfe, könnten geschaffen werden. Es wäre jetzt ein sehr ge- eigneter Zeitpunkt, einige schikanöse Strafbestimmungen zu beseitigen. Ich erinnere nur daran, daß jetzt viele» tausende Versammlungen stattgefunden haben, ohne daß die Bestimmungen des Reichsvereinsgesetzes, der Spraräenparagraph, der Anmeldungsparagraph in Anwendung kamen. Hat das Deutsche Reich irgend- einen Augenblick lang dadurch einen weniger festen Bestand gehabt? (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich erinnere daran, wie in Breslau seit Monaten gegen die sozialdemokratische Partei eine lächerlicher Kleinkrieg geführt, jedes Leichenbegängnis gestört wird und wie man die Leidtragenden am Grabe überfällt, weil an den Kränzen bunte Schleifen sind.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Gleich wichtig sind unsere wirtschaftlichen Wünsche. Der Kampf gegen die Lebens mittelzölle wird nicht erlahmen. ES gilt jetzt vor allem, einem Notstand vorzubeugen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Es wäre geradezu eine Verhöhnung, wenn nach diesen Wahlen die Regierung auf das Votum des Volkes antworten wollte mit der Einführung des Kartoffelzolls.(Zuruf rechts: Der besteht ja!) Sie verstehen ganz genau, was ich meine. Gegen die von agrarischer Seite vorausgesagte Fleischnot ist die Oeff» n u n g der Grenzen für ausländisches Gefrierfleisch ge- boten. Die Aushebung der Futtermittelzölle ist nicht bloß eine Forderung der Fleischkonsumenten, sondern gleich- zeitig der Wiehproduzenten, der kleineren und mittleren Bauern. Das ist vielleicht das wichtigste Ergebnis der Wahlen gewesen, daß zum ersten Male seit langer Zeit Bauern und Großgrund- Besitzer auf verschiedenen Seiten gestanden sind.(Sehr richtig! links.) Wir haben Anträge im Interesses verschiedener Berussgruppen eingebracht. Wir fordern die materielle Sicherstellung der Beamten und den Ausbau des Beamtenrechtes. Wir wollen, daß die Beamten mit ihrer Arbeitskraft nicht ihre Gcsiunimg und ihre Gewissensfreiheit dem Staate verkaufen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Genau so nötig ist auch die Besser st ellung bei den Sol- baten, deren Löhnung eine viel zu niedrige ist. Heute muffen von Erich Kober, wenn vielleicht noch nicht in allem und jedem mit gleichem Gelingen, so doch mit ähnlichem Erfolg gegeben wird. Als Student ist mir dieser junge, einer rühmlichen Künstlerfamilie entstanimende Schauspieler beinahe viel lieber als Waiden. Er gibt sich naiver, frischer beim ersten Eintritt ins Heidelberger Studenten- leben. Hernach als Fürst befriedigte er weniger. Aber wenn er sich erst mal in die Rolle hineingearbeitet hat. dürfte er bald Ruf erwerben. Uebrigens trug zur zündenden Wirkung eine ganz vor- zügliche Aufführung bei, die namentlich in der Inszenierung eine seine Hand verriet. Und ein ausgezeichneter Regisseur ist Martin Zickel, mag man sonst sagen, was man will. Der ziveite Akt: die studentische Nacbtkneipe war wundervoll lebendig gestaltet. Ida Frey gab die Käthie natürlich, anspruchslos warm und hingebend; Paul Kaufmann den Prinzenlehrer Jüttner überzeugend, obwohl etwas vierschrötig. Eine brillante Charaktercharge bot Alfred S ch m a s o w als Kammerdiener Lutz. Dann ist noch Richard Bruno in der Charge des Seniors der„Saxonia" lobend zu nennen. «. k. Humor und Satire. National-- lieber Aal.. Ein Unkenruf. Du alter lieber Aal, Dir geht es schlecht— Nun woll'n sie dir das Schlängeln gar verkümmern; Du konntest, sagen sie, den schwärzen Hecht, Der dir so unsympathisch ist, zertrümmern. Schon hob sich jäh der liberale Schweif, Da überkam den nationalen Kopf ein Zittern, Das Ganze aber schlug— nur einen Reif. Um den bewußten Hecht nicht zu erbittern. Nun schnappst du, alter lieber Aal, im Sand; Der Hecht klappt, Hoffnung schöpfend, mit den Flossen; . Bald wirst du, Spick-Aal für das Vaterland, Nur noch mit Jnulerschnaps serviert genosseil I _ Peter Scher. Notizen. — Die Neue Freie Volksbühne veranstaltet cm Sonntag, mittags 12 Uhr, im Neuen Volkstheater eine Gedächtnis« seier für ihren verstorbenen Vorsitzenden Joseph Ettling er, bei der Hans Land die Gedächtnisrede hält. — Ein plattdeutsches Drama,„De La st das Werk eines Hamburger Maschinisten Paul Z o d e r. wurde von der das plattdeutsche Schrifttum fördernden Stavenhagen- Gesellschaft im Altonaer Schiller-Theater aufgeführt. Es ist ein Bauernstück, in dem manches gut beobachtet und dramatisch gestaltet ist.„Der Lmnpenpaster" des gleichen Verfasfers wurde bereits früher, auch in Berlin, gegeben. — Eine Totenfeier für Hern, ann Bang findet im Deutschen Theater Sonntag, den 18. Februar, mittags 12 Uhr, statt. Die Gedenkrede hält Emil Ludwig; Alexander Moissi liest aus den Werken des Dichters vor. Karten sind durch S. Fischer. Berlin W. 57, Bülowstr. 96, zu vergeben. — Der Erreger des Schwarzfiebers ist nach einer Meldung der„Voss. Ztg." entdeckt worden. Der stellvertretende Direktor an dem tgl. Institut für präventive Medizin zu Madras W. S. Patton stellte die völlige Entwickelung des Parasiten Kala Azar(auch Dumdum oder Schwarzfieber genannt) in indischen und europäischen Wanzen fest. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, diese allen Tropen bedrohende Kranlheit wirksam zu bekämpfen. Millionen armer Gcftcrn sich das Geld vom Munde allsparen,«in eS ihren Söhnen in die Kasernen schicken.(Sehr richtig! bei den So- zialdemolraten.) Wir verlangen das unbedingte K o a l i t i o n s- recht und wünschen, das;»och in dieser Session durch ein Theatergesetz den Miszständen im Theaterwesen Abhilfe ge- schaffen wird. Die meisten unserer Anträge beschäftigen sich naturgemäß mit dcu Berhältuissen der Arbeiter. Hier ist vor allen, notwendig die Herabsetzung der Grenze für die Altersrente vom 70. auf das 6S. Lebensjahr sLebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten), wie es ja durch das Privat- bcainlengesetz für die Privatangestelllen geschehen ist. Sie werden ja in, Wablkauipfe erfahren haben, wie aufreizend gerade diese unterschiedliche Behandlung gewirkt hat. Daneben verlangen wir für die ländlichen Arbeiter Sicherung des Koa- litionsrechtes und verschiedene Reformen zugunsten der Bergarbeiter. Außerdem muß aber der Reichstag auch den Mut und den Willen zeigen zur Bewältigung großer sozialpolitischer Aufgaben. Die Zeit ist gekommen für eine Neichsversichcrung gegeu die Arbeitslosigkeit; da sich die Einzelstaaten geweigert haben, bierin etwas zu tun, wird das Reich dieses Problem angreiren müssen. Bei der nächsten Krisis werden hundertlausende Arbeitslose auf der Straße liegen. Es ift deshalb Sache des Reiches hier entschlossen vorzugehen. Da- neben wird gefordert eine große ReichswohiuuigSrrforui. Es gibt ja hier viele Mitglieder, die in Sittlichkcitsvcreinen oder Vereinen zur Stekäulpsmig der Trunksucht und der Tuberkulose arbeiten. Der Reichskanzler ist Ehrenvorsitzender eines solchen Komitees. Alle diese Bestrebungen aber kommen zu dem Ergebnis, daß der Kamps gegen die Nnsittlichkeit und die Trunksucht zuletzt münden muß in der Korderimg nach einer Wohnungsreform. fLebhnfte Zustinunung bei den Sozialdemokraten.) Bei allen diesen Anträgen gehen unsere Wünsche zum größten Teile nicht über die Forderungen anderer Parteien hinaus und wir boffrn, daß diese energisch daran mitarbeiten werden. Hinsichtlich des Wahlrechts verlangen wir, daß auch Frauen hier im Hause Sitz und Stimme bekommen.(Lachen auf der Rechten.) Glauben Sie wirklich, daß Sie mit diesem Lachen Ehre einlegen?(Sehr gut! bei dcu Sozialdemokraten.) Bei den Debatten des letzten Reichs- tags über Miitlerschntz und Wöchnerinnenuntcrstiitznng Iväre es gewiß von Nutzen gewesen, wenn Frauen mitgesprochen hätten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen ferner, daß das erweiterte Wahlrecht auch auf die Landtage ausgedehnt werde, vor allem auf den preußischen Landtag.(Lebhafte Zu- stimniung links.) Die Reform des prciiüischcii Wahlrechts ift eine deutsche Frage. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ist doch der Plan auf- getaucht, den Reichstag unter die Generalvormundschaft des preußi- scheu Landtags zu stellen und der Anfang dazu ist ja bei der nationalliberalen Fraktion bereits gemacht worden. (Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die nationalliberale ReichstagSfraktion stand unter der gemilderten Pflegschaft der Llbgeorduetenhausfraktion.(Erneute Heiterkeit links.) Unsere Ausgaben für sozialpolitische Zwecke sind klein im Per- hältms zu dein, was England für diese Zwecke ausgibt. Unsere sozialpolitischen Ausgaben betragen nur etwa(50 Millionen Mark gegen rund 300 Millionen Englands.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Allerdings dürfen die Mittel für die Aus- führung unserer sozialpol, ttswen Wünsche nicht durch den Ausbau der indirekten Steuern geschaffen werden. Die letzten Reichstags- wählen Ivaren eine große Demonstration des Volkes gegen die Ausdehnung der indirekten Steuer». iSchr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wenn die Regierung sich auf Popularität verstünde, hätte sie uuS empfangen mit -einer klci»c» Finaitzreformvorlaae, in der vielleicht die Zucker-, die Fahrkarten- und die S-tr ei ch h o lzst ene r abgeschafft und der Ausfall gedeckt würde durch die Ausdehnung der E r b a u f a l l st e u e r. Das wäre eine Gcnngtunng sür das beleidigte Rcchtsgefühl des Volkes gc- Wesen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraien.) Die finanzielle Zukunft des Reiches wird zweifellos liegen in einer Einführung direkter Steuern, vielleicht in Verbindung mit großen Reichsmonopolen unter demokratischer Kontrolle.(Sehr gut! bei den Soz.) Vor allem tut aber natürlich not die Reform der Ausgabe». Wir müssen große Striche machen an den Ausgabe» für Heer und Flotte.(Stürmischer Beifall bei den Soz.) Davon find wir vorerst noch weit entfernt. Unser Kriegs- minister hat sich an den hervorragenden ausländischen Beispielen kein Muster genommen. Er befchäsligt sich nicht mit Unterrichts- fragen(Sehr gut! links), sondern er verlangt mehr Soldaten. Wir können nicht anerkennen, daß dafür sachliche Gründe vor- gebracht werden. Die Verstärkung des Heeres ist der Regierung förmlich aufgedrängt worden. Unseres Erachte»? ist der Zeitpunkt für eine neue Wehrvorlage der denkbar ungeeignetste. Den englischen Arbeitern wurde von ihren Cbauviiisten vorgeredet, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes Tag und Nacht nichts anderes sinnt, als über England herzufallen. Jetzt wird es für die englischen Gewerkschaften wie eine große Offenbarung ge- wirkt haben, als sie sahen, wie gewaltig die Stimmen der Sozialdemokratie, dieser mächtigen Friedenspartei gewachsen sind.(Lebhafle Zustinunung bei den Sozialdemokraten.) Das kann nicht ohne Nückwirkmig auf die innere Politik Englands bleiben. Nun hören Ivir. daß wieder Ver- suche im Gange sind, mit England zu einem Einvernehmen zu ge- langen. Wir haben in der Vergangenheit jeden ehrlichen Versuch unter- stützt, der dem Friede» unter den Völker» nützen soll, und wir werden das auch weiter tun. Aber wir glauben, die Hauplhilfe muß und wird uns kommen von de» Engländern selbst. Die Eng- länder sind nüchterne Rechner, und sie rechnen sich aus, daß sie im Laufe der letzten Jahrzehnte den Wünschen der Ver- einigten Staaten, Rußlands, Italiens und Frankreichs nachgegeben haben, nur um einer Chimäre n a ch z n l a u s e n.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich hoffe, daß sich der Einfluß der eng- lischen Arbeiter stark genug erweisen wird, unr die englische Politik auf den Weg friedlicher Verständigung zu drängen. Wir hoffen, daß die paar hunderttamend Mark, die ganz versteckt für China an- -gefordert werden, nicht im Laufe der Jahre ganz gcivallig anwachsen. Wir verlangen nachdrücklich, daß nickt etwa in China, das jetzt seine Verhältnisse zu ordnen im Begriff ist, Deutschland eine Abenteurer- volitik einleitet.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Regierung kann auf diesem Gebiete nur dann fruchtbare Arbeit leisten, wenn sie das Vertrauen des ganzen Bolkes hat. Dazu wäre vor allem notwendig, daß sie sich mit einem dentlicheit Ruck trennt von jenen all- deutschen Politikern, mit denen sie im letzten Sommer aiisckeiuend eine Art geheimer Riickcn-DcckungS-Versicherung ge- troffen hat. Das Ansehen der deutscheu Politik könnte nur ge- Winnen, wenn die Regierung die Widersprüche aufklären würde, zwischen den Behauptungen des Staatssekretärs von Kiderlen und denen von alldeutscher Seite in dem bekannten.Greuzboten"- Prozeß.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Alle Maßregeln der Regierung würden eine ganz andere Wirkung haben, wenn ge- brochen würde mit dieser überlelitc» und unhrilvollen Geheimniskrämerei. (Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Sie hat im Sommer Nn- heil gestistet und veranlaßt jetzt wieder, daß an Stelle von Ber- trauen Mißtrauen getreten ist. Wir brauchen zur Gesundung der auswärtigen Politik demokratische Einrichtungen und demokratische Männer.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich habe Ihnen in aller Kürze die Grundzllge deffen vor- getragen, was unsere Politik in der nächsten Zeit seilt wird. Bevor Sie sich schlüssig machen über unsere Antrags, bitte ich Sie, sich zu vergegenwärtigen, daß wir die Sprecher von mehr als vicr Millionen deutscher Wähler sind. Und vielleicht wäre es auch gut, wenn Sie sich fragen, wie es kommt, daß wir so stark gcivorden sind.' Es haben einige kleine Ursachen mitgewirkt. Wir haben ja Grund, nach allen Seiten dankbar zu sein, und wenn wir mitzusprechen hätten bei Ver- leihung von Auszeichnungen, so würden wir dem Abgeordneten v. H e l> d e b r a» d den Orden xonr le merite zuerkennen.(Große Heiterkeit links.) Wir erkennen auch an, daß die Regierung ihr Möglichstes getan hat.(Sehr richtig I rechts.) Ja, sehr richtig: die offiziösen Artikel der Regierung über die Neichsfinanzreform haben geradezu Wunder an Aufklärung, gewirkt, jeden Tag haben die Bürger und Arbeiter, die Gewerbelrcibendcn wieder in amtlichen Ziffern den Beweis geliefert bekommen. loieviel sie eigentlich im letzten Jahre zuzahlen gehabt haben.(Sehr wahr! bei den Sozial- dcmokralen.) Auch der verzlveiselte Versuch des Herrn Reichskanzlers nach den Hauplwahleu gegen uns rincn Angsiblock zusammenzuschmieden, hat recht aufklärend gewirkt. Schon die Tatsache, daß die Konferenz iii�vrenßischen Abgeordnetenbaiise statt- fand, hat die Situation grell b«riichtet.(Sehr gut! links.) Den Rest haben scklicßlich noch Pirkizei und Justiz besorgt. Für die sieben Mandate, die wir in Schlesien bekommen haben, müssen wir tiefgefühltesten Dank der Polizei in Breslau und einem Laudgerichtsdircktor in Breslau sagen.(Heiterkeit und Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Aber all diese Ungesetzlichkeiten, von denen wir Vorteil hatten, genügen doch nicht zur Erklärung. Wer sehen will, der sieht, wer wissen will, der weiß: die Sozial- demokratie ist nicht da» Werk von ein Paar freiwilligen oder unfrei- willigen Agitatoren, die Sozialdemokratie ist eine gewaltige geschichtliche Erscheinung, die nicht von Agitatoren gemacht werden kann.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten in seiner Mehrheit zu einem Volke von Lohn- und Gehaltsempfängern geworden. Für diese Wirtschaft- liche Tatsache sind wir der politische Ausdruck.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Deshalb sind Sie(nach rechts) auch machtlos gegen unser Wachstum in der Vergangenheit wie in der Zukunft. Vor 5 Jahren saß an jener Stelle, wo jetzt der Reichskanzler nicht sitzt(Heiterkeit), ein sehr geschickter Mann, der sich politischen Situationen anzuschmiegen wußte, Fürst B ü l o w. Wie hat er damals über unsere Partei gehöhnt, wie hat er sich eingebildet, daß er uns zurückgedrängt, zurückgetrieben habe. Und jetzt: Fürst Bülow ist gegangen und wir find g e- blieben, und werden weiter bleiben. Die Reichskanzler sind vorübergehende Erscheinungen(Große Heiterkeit); wir, die So- zialdemokratie, stecken in dem Gefüge Ihrer sogenannten Ordnung wie ein Keil, und je mehr Sie auf den Keil losschlagen, desto fester wird er fitzen und desto tiefer wird er eindringen. (Lebhafter Beifall links, den einige neugewählte freisinuige Abgeord- nete durch Händeklatschen äußern.) Präsident Kaempf: Das Händeklatschen entspricht nicht der Ge« schäftsordiiimg.(Heiterkeit.) Ich bitte, es in Zukunft zu unterlassen. Abg. Speck(Z.): Ich möchte eine Lücke tu den Ausführungen meines Vorredners ausfüllen und zum Etat sprechen.(Heiterkeit.) Es ist uns durch die Thronrede eine neue Wehrvorlage in Aussicht gestellt und Gesetze zur Deckung der 5t!osteii. Es muß befremden, daß man sich schon 1SI2 wieder so ernstlich mit einer Heeresvermehrung beschäftigt. Auf eine Erörterung der Frage, welche Steuern in Betracht känien, will ich nicht eingehen, waS aber die Erbanfallsteuer anlangt, so muß ich sagen: Wir würden eine Wiedereinbringimg der Erda»fall st euer als eineBrüs- tierung(Hörrl hört! links) derjenigen Parteien ansehen, die das große Opfer gebracht und die R ei ch s fi n a n z r e f o r m zustande gebracht haben.(Schallendes Gelächter links, Bravo! im Zentrum und rechts.) Wir sind der Meinung, daß man vielleicht auch ohne neue Steuern große Summen dem Ordinarium zur Verfügung wird stellen können, ohne deshalb nnt den Prinzipien einer gesunden Finanzgebarung in Widerspruch zu kommen. Zunächst müssen die Einnahmen so festgesetzt werden, wie sie den tatsächlichen Verhält- iiissen entsprechen. Die Praxis der beiden letzte» Jahre, mit den Ueberschüssen Schulden zu decken, verfolgt ja zweifellos einen guten Zweck. Wir werden auch an der 1909 festgcsetzreu gesetzlichen Schuldentilgung festhalten, aber es erscheint uns zweifellos, daß eine ganze Reihe von Einnahmeposten, z. B. bei der Znwachssteuer und anderen, erheblich höher angesetzt werden können. Jedenfalls erscheint es uns nicht angebracht, dem Volke neue Steuern aufzu- erlegen, nur um Schulden zu tilgen. Das Volk hat jetzt genug Finanzrcform und neue Steuern würden nur die ä u ß e r st e Linke noch mehr stärken.(Sehr richtig I im Zeiitrinn.) Die Regierung rechnet ja selbst mit ganz erheblichen Ueberschüssen. Nach unserer Ueber- zeugung können 82 Millionen in das Extraordinarium ge- schoben werden.(Hört! hört!) Rund 180 Millionen lassen sich frei machen zur Deckung der Wehrvorlage. Den Herrn ReichSschatz- sekretär möchte ich bitten, wenn er diese Rechnung bezweifelt, unS einmal ein g e n a u e S B i l d ü b e r u n f e r e F i n a n z l a g e zu geben. Das wird er freilich erst können, wenn die Höhe der An- forderuiigen für daS Heer feststeht. Wir werden zu solchen Vor- lagen die Stellung nehmen, die uns die Jnleressen des Vaterlandes gebieten. Mit dem Hauplgruiidfatz des SchatzsekretärZ: keine neuen Ausgaben ohne Deckung, stimmen wir überein.(Bravo I im Zentrum.) Sein Bestreben, die Finanzen zu sanieren, unter- stützen wir, aber eS findet feine Grenze in der Leistungsfähigkeit des Volkes.(Sehr richtig! im Zentrum.) Im allgemeinen beweist der Etat die günstigen Rückwirkungen der Neichsfinanzreform.(Lachen links.) Diesen Erfolg zu betonen, glauben wir um so mehr allen Anlaß zu haben, als die Re- gierung so gut wie nichts getan hat, um Auf- klärung zu verbreiten gegenüber der unglaublichen Hetze gegen die Parteien, die das große nationale Werk zustande gebrachr haben.(Lebhafter Beifall im Zentrum und rechts.) Auch die einzel- staatlichen Finanzmii, ister haben eS an jeder Anerkennung der Vor- teile, die sie aus der Finauzreform gehabt haben, fehlen lassen. (Heiterkeit links.) Natürlich brauchen wir die Negierungshilfe nicht, um unsere Haltung bei der ReichSsinanzresorin zu reckt- fertigen.(Na I na! links.) Die beste Rechtfertigung ist für uns die günstige Rückwirkung auf unsere Finanzen.(Bravo! rechlS und im Zentrum.) Redner verteidigt das gesunde Schutzzollsystem, das die deutsche Industrie zu nicht geahnter Höhe geführi Hütte. Auch die Industrie- arbeitcr seien an der Aufrechterhnlung des Schutzzolls iutereisiert(Widerspruch bei den Sozialdeinokraten). denn ihnen sei die Eiitwickelung in Form höherer Löhne zugute gekommen. Deutsch- land marschiert noch immer an der Spitz« der sozialen Fürsorge. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die ReichSversicherungsordnung wird ein Markstein bleiben.(Reichskanzler v. BethmannHollweg erscheint im Saal.) Wo stünden wir, wenn die Ablehnungen sozial- politischer Gesetze durch die Sozialdemokratie hier eine Mehrheit gc- fluiden hätte?(Lachen und Widerspruch bei den Sozialdeinolraten.) Herr Dr. Frank hat eine ganze Liste von Wünschen hier vor- getragen: nichts leichter als Wünsche! Aber dann hat mrur auch die Pflicht, für entsprechende Deckung sorgen.(Riffe links: Erb« j ch a f t S st e u e r!) Was wollen Sie nicht alles mit der Erbschafts- steuer anfangen? Der Brunnen wird auch bald ausgeschöpft sein. Mehrere unserer Anträge betreffen die Landwirtschaft, von besonverer Bedeutung ist hier die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche. Unsere politischen Wünsche berühren sich zum mit denen des Abg. Dr. Frank. Wir brauchen vor allein ein KomptabililätSgesetz. Die Dnrchführuiig und Kontrolle dcS Etats muß gesetzlich sichergestellt werden. Das Schatzamt scheint sich z» viel auf eine Generalabsolution vom Reichstage zu Verlasien; aber das schwächt seine Widerstandskraft gegenüber den Ressorts. Die Kompetenz des Reichstages muß auch der Kolonial- Verwaltung gegenüber erweitert werden. Den Klagen deS BorrednerZ über baS Retchsbereinsgesetz stimmen wir zu. Auch wir verlangen seine Aenderung in freiheitlichem Sinne. Eine wichtige Aufgabe des neuen Reichstages muß die Fürsorge für den kaufmännischen und gewerblichen Mittel st and sein. Wir empfehlen Ihnen hier unser umfangreiches Programm. Es wäre verlockend aus die Frage einzugehen, warum die äußerste Linke hier so zahlreich erschienen ist.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Ich will es mir versagen, aus dem gleichen Grunde, aus dem heraus ich auch in eine Erörterung des letzten Wahlkampfes nicht eintreten will. Wir halten es nicht für zweckmäßig, ihn womöglich in verschärfter Auf- läge hier noch einmal durchzukämpfen. Wir dürfen die Zeit hier nicht mit Parteigezänk vergeuden. Dieser Saal gehört der positiven Arbeit. Auch die Rückwirkung auf das Ausland dürfen wir nicht übersehen. Die schweren Kämpfe, die das deutsche Land während der letzten Monate erschütterten, haben im Ausland schlecht verhehlte Schadenfreude erregt. Wollten wir den Parteihader hie» her verpflanzen, so daß es aussähe, als sei die Kluft zwischen den Parteien unüberbrückbar, so könnte das im Ausland zu Folgerungen führen, die dem Frieden Europas verhängnisvoll wären. W i r wollen versuchen, die Parteigegens ätze abzn- s ch tv ä ch e n. Mehr als je haben alle bürgerlichen Par- t e i e n Anlaß, sich der Mahnung zu erinnern: Zuerst das Vater- land, dann die Parteil(Lachen bei den Sozialdemokraten. Rufe links: Präsidentenwahl! Beifall und Händeklatschen bei dem Zentrum.) Vizepräsident Tove: Schon vorhin hat der Präsident erklärt, daß es nicht parlamentarische Sitte sei, durch Klatschen in die Hände Beifall zu bekunden. Diese Mahnung möchte ich nach allen Seiten richten., Schatzsekretär Mermuth: Ich muß sofort wieder in Ihre De- batte eingreifen; aber die voni Vorredner angeregten Fragen sind Existenzfragen sür die ganze finanzpolitische Eiitwickelung des Striches, und das Verfahren, das er vorschlägt, ist eine Gefahr für unsere ganze finanzielle Zukunft. Der Vorredner ging von der Annahme auS, daß wahrscheinlich neue Steuervorlagen, insbesondere eine ganz bestimmte Steuer kommen würden, und 1 suchte dabei auseinauderzusetzen. wie niau diesen Steuern entgehen könnte. Er hat dabei Grundsätze eiitwickelt, die von dem früheren Standpunkt seiner Partei erheblich abweichen.(Hört, höit! links.) Die Tonart war eine ganz andere als damals, wo wir in gemeinsamer Arbeit die finanzpolitischen Aufgaben des Reichs erledigten.(Hört, hört I links.) Damals ist nicht davon die Rede gewesen, daß die Regierung die Einnahmen unterschätze, daß der Etat ein Bild biete, das nicht der Wirklichkeit ent- spräche, daß ein k ü n st l i ch e s Defizit geschaffen sei, nur um neue Steuern zu erreichen. Früher haben Sie doch alle diese neuen Einnahincschätziingen mitgemacht und bewilligt.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokr.) Früher haben Sie es dock nicht beanstandet, wenn die Enlwickeliing sich als günstiger herausstellte, als die Schätzung angenommen hatte. Ich habe diese Schätzung stets mit aller Sorgfalt und aller Vorsicht vorgenommen. Lieber schätze ich zu vorsichtig, als zu wenig vorsichtig. Als ich mein Amt antrat, stand ich unter dem Eindruck des außerordentlich schlechten Etats der Jahre 1908 und 1909, bei denen sich allein bei den Zöllen und Steuern ein Defizit von 121 Millionen Marl heraus- gestellt hatte. Wenn nun jetzt unter ganz besonders günstigen Uuistäiide» sich ein Uebcrschuß herausstellt, so i st da S ii och kein Beweis dafür, daß eS so bleiben iv ir d. ES ist richtig, daß wir 1911 ein große? Mehr an Einnahmen erzielt haben. Das ist an sich nichts lleberraschendes. 1910 ergaben die Zölle und Steuern im ersten Halbjahr sehr un- günstige Eimiahmen, weil die Vorversorgnng der letzte» Monate 1909 kurz vor Einführung der neue» Finauzgesetze auf sie drückte. Die zweite Hälfte 1910 ergab sehr viel bessere Einkünfte, es bahnte sich der Beharrungszustand an. Da die ersten Monate 1910 ungewöhn- lich schlecht sind, müssen die ersten Monate 1911 beim Vergleich»n- geiuöhnlich günstig erscheinen. Sie ergeben eine Steigerung der Ein» nahinc» im Durchichnitt um 21,3 Millionen monatlich. Die Monate September, Oktober, November. Dezember 191 1 und Januar 1912 ergeben aber nur ein durchschnittliches monatliches Mehr von 5.0 Millionen. Das sieht doch schon ganz ander? ans und viel weniger günstig, ivobei ich aber die Herren auf der Linken bitten möchte, daraus keine Schlüsse gegen meine Rede vom Dezember v. I, zu ziehen. Jedenfalls haben wir für 1911 einen recht beträchtlichen Ue b erschu ß. Ist ein solcher Ueberschuß nun an und für sich «i Verbrechen?(Heiterkeit.) Er kann doch sehr leicht vorkommen. eitcrkeit.) Besonders unter so außergewöhnlichen Umständen. An sich ist ein Ueberschuß uichts unsolides, aber der Vorredner erhebt gegen mich den Vorwurf, als suchte ich eine» Teil sicherer Einnahmen zu eskamotieren und der Schuldentilgung zuzuführen. Das ist absolut unbegründet. Der Vorredner nna die gesetzliche Schuldentilgung, aber nicht mehr; ich bitte ihn, an diesen Standpunkt eisern festzuhalten und das zu erfüllen, was wir vorschlagen. Unsere Finanzlage ist so. daß wir innerlich vollständig balancieren, daß Einnahmen und AuS- gaben gleich sind. Außerdem ist eS uns gelungen, die beiden SchuldeinilgiingSbeträge für 1910 und 1911 wirklich abzutragen und 32 und 89,7 Millionen für diesen Zweck zu verwende». Wir dürfen aber nicht vergessen, daß die Schuldentilgung ins Stocken geraten wird, wenn wir 1912 nicht so günstig abschneiden, wie 1911. Das würde geschehen, wenn die Vorschläge des Borredners von der Budget» kommission angenommen würden. Der Vorredner enipfahl, wenn wir neuen Bedarf haben, neue Anleihen aufzunehmen. Dabei sagte er selbst, es sei ein Erfolg der Reichssinanzreform, die Anleihe fortgesetzt zu reduzieren. Dieser Erfolg würde durch seinen Vorschlag wieder illusorisch gemacht. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, aus d»tt Fehlern, deren Folgen mit Flammeuschrist vor unseren Augen stehen. (Bravo! rechts.) Abg. Graf Westarp(k.): Der Herr Reichsschatzsekretär hat gestern sehr klar ailScinandergesetzt, daß die Steuer» im Reiche und den Einzelstaaten ein eiuhciltiches System bilden. In diesem System ist das Reich auf die Verbrauchssteuern angewiesen. Daraus und daß auf der anderen Seite das Reich das allgemeine Wahlrecht hat, ergeben sich große Schwierigkeiten. Wie schwer eS ist, V e r b r a u ch S st e u e r n einzuführen bei dein allgemeinen Wahlrecht deS Reichs, ist uns in den letzten Jahren so recht zum Bewußtsein gekommen.(Sehr richtig! recht?.) Aus diesen Schwierigkeiten haben sich große politische Erschütterungen ergeben durch die Zerklüftung der bürgerlichen Parteiea, 1 durch das g r o ß e A n w a ch s e n d e r D e m o kr a tie und der- jeiiigen Partei, die auf revolutionärer Grundlage die Grundlagen unserer Verfasiung und unseres StaalSIebenS erschüttern will. DaS sind politische Erschütterungen, denen wir wohl alle mit ernster Besorgnis gegenüberstehen.(Sehr richtig! rechts.) Mit der Erbschaftssteuer wäre die Fiuanzreform übrigens noch viel unpopulärer geworden.(Sehr richtig I rechts, Lachen links.) Für uns ist die Hauptsache, daß sich die günstigen Wirkungen der Reichsfinanzreform in unserer guten Finanzlage zeigen. Die Ein- nahmen aus der Finanzreform sind 1911 um 73 Millionen ge- stiegen. Ohne die Finanzreform hätte der Aufschwung der Wirt» schaftlichen Verhältnisse dem Reiche fast gar nichts genützt. Den Eindruck des Herrn S p e ck habe auch ich, daß diesmal die Em» nahmen mit sehr großer Bor ficht geschätzt sind; darüber werden wir in der Budgetkommission ausführlich zu sprechen haben.— Was die Ausgaben anlangt, so werden wir die Vermehrung der Beamten auf ihre Notwendigkeit sehr eingehend zu prüfen haben.— Die Grundsätze dcS NeichSschatzsekretärS begrüßen Ivir als durchaus gesund. Ob neue Steuern uolwendtg sein werden, wird zu prüfen sein, wenn die neuen Vorlagen vorliegen.— Nun einige Worte zur allgemeinen politischen Lage. WaS die Präsidentenwahl anlangt, so werden wir der Sozialdemokratie sicher nicht verwehren. wenn sie positiv mitarbeiten will, falls sie sich dabei auf die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft stellt.(Sadjen Bei den Sozialdemokraten.) DB er wie die Dinge liegen, glauben wir auf keinen Fall der Sozialdemokratie die Vertretung des Reichstages nach auhen anvertrauen zu können, denn auch der Reichstag ist eine Institution, die v e r f a s s u n g s- mätzig aufmonarchischerGrundlage Beruht, während im Programm der Sozialdemokratie die Errichtung der Republik steht.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Hoffnung des Abg. Frank, datz die Erfolge der Sozialdemokratie daraufhinwirken würden, in England ernste Friedensbestrebungen hervorzurufen, kann ich nicht teilen.(Sehr richtig I rechts.) Was die bevorstehende Rüstungsvorlage anlangt, so meinen wir, datz die Vorgänge des verflossenen Jahres uns den klaren Beweis erbracht haben, wie es für uns auch heute noch immer notwendig ist, unsere Rüstung scharf und mächtig zu erhalten.(Sehr richtig I rechts.) Wir glauben auch nicht, datz unsere Flotte ein Luxus ist und behalten uns vor, darüber, was auf dem Gebiete unserer Rüstungen als Luxus und was alS Lebens Bedürfnis des Deutschen Reiches anzusehen ist, uns unser eigenes Urteil obne Beeinflussung von fremder Seite zu bilden. �(Bravo I rechts.) Wenn die Wehrvorlage kommt, so werden wir unserer stets geübten nationalen Pflicht folgend, bereit sein, alles zu bewilligen, was uns von den zuständigen und sachverständigen Stellen als unbedingt notwendig nachgewiesen werden wird.(Bravo! rechts; Zuruf links: E r b s ch a f t s st e u er I> Natürlich wird auch über die Deckung zu sprechen sein, aber darüber wollen wir uns heute den Kopf nicht zerbrechen.(Aha! links.) Unsere ablehnende Haltung zur Erbschaftssteuer ist ja bekannt und unverändert dieselbe.— Für die innere Politik soll nach Zcitungs Meldungen Abg. B a s s e r m a n n den Grundsatz aufgestellt haben, datz gemätz der grotzen Zahl der für die Soziab deniokratie und die Liberalen abgegebenen Stimmen nunmehr eine Acnderung unserer inneren Politik im populären Sinne geboten sei. Wir sind nicht dieser Meinung und glaube», datz auch die Re- gierung sich nicht auf diesen Standpunkt stellen wird. Wenn die Regierung überhaupt die Zahl der abgegebenen Stimmen zur Grundlage ihrer Enischlietzungen legen wollte und könnte, dürften das doch nur die Stimmen der Parteien sein, die auf monarchischer Grundlage stehen.(Grotze Heiterkeit bei den Sozialdemokraten. Wir haben im übrigen noch keine konstitutionelle Regierung, sondern eine kaiserliche Regierung, die nach ihrem pflichtmätzigen Ermessen handelt. Für uns' ist jedenfalls die Zahl der Stimmen in keiner Weise entscheidend. Ich will nicht so weit gehen wie das Schiller-Wort: Mehrheit ist Unsinn, Verstand isi stets bei wenigen nur gewesen.(Zuruf links: Bei Ihnen nicht! Grotze Heiterkeit.) Das Wori„stets" geht mir zu weit. Es kann vorkommen, wenn von wenigen verständigen Leuten in dauernd gewissenhafter und wahrhafter Weise gearbeitet wird. Wenn ich mir aber die Agitation ansehe, mir der diesmal die Soziab demokratie 4>/z Millionen Stimmen erzielt hat(grotze Unruhe bei den Sozialdemokraten, Zuruf: Die Agitation konservativer Parteisekretäre!), so war sie so unwahr und übertrieben im Auf» hetzen des Kleinen gegen das Grotze(Lebhafte Zurufe bei den Soz.), datz das Ergebnis einer so errungenen Stimmcnzahl für uns un- möglich beweisend sein kann. Die Thtonrede stellte mit Recht an die Spitze unserer Aufgaben, das feste Gefüge des Reiches und der Ordnung unversehrt zu erhalten. Dem widerspricht aber der K o a l i t i o n s z iv a n g. der Slrerkzwang, der B o h kotr und der TcrroriSmus der Sozialdemokratie. (Grotze Unruhe und lebhafte Zurufe bei den Sozialdemokraten.) E ist uns gesagt worden, das bestehende Reck» genüge, um diesen Dingen enigegenzulreten. Wenn das richtig ist, wird das bestehende Recht eben nicht richtig angewendet.(Sehr richtig! rechts.) Wir werden aber trotz der Mehrheitsverhaltnisie im Reichslage immer wieder die Forderung stellen, datz diesem Terrorismus gegen Arbeitswillige und Unternehmer auf die eine oder andere Art ein Ende gemacht wird. Der reichSdeutsche Mittelstandsverband hat diese Forderung auch an die Spitze seines Programms gestellt. Und ebenso erheben diese Forderung ein grotzer Teil der Arbeiter, der nicht sozialdemokratisch organisiert ist. Ebenso steht mit dieser Forderung der Thronrede in Widerspruch der Mißbrauch der Straße zu revolutionären Kundgebungen. (Sehr richtig! rechts.) In der letzten Zeit ist ja darin, jedenfalls aus taktischen Gründen, etwas Ruhe eingetreten. Aber dieser Zu- stand, der Ruhe— hier glaube ich prophezeien zu können— wird aufhören, sobald die sozialdemokratische Partei glaubt sicher zu sein, datz dieser Reichstag nicht nur eine Lebensdauer von Monaten, sondern von Jahren hat und datz sie nicht etwa in diesem Jahre wieder an die Wahlurne treten mutz. Dann wird sie ihr wahres Gesicht wieder auf der Stratze zeigen und wird die Maffe wieder revolutionär einexerzieren.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Solche Zustände dürfen in einem ge- ordneten Staatswesen nicht geduldet werden.(Bravo! rechts.) In der Forderung des Festhaltens an den Grundsätzen der sozialen Für- sorge stimmen wir auch mit der Thronrede überein. Auch hier haben wir stets gegen die Intentionen der Sozialdemokratie gearbeitet, die ja noch die letzte ReichöversichernngSordnung mit allen Mitteln bekämpft hat— allerdings mir einer Einschränkung:„ritterliche Waffen" habe ich darunter vermitzt.(Sehr gut! rechts.) Für uns kommen bei der sozialen Fürsorge in der nächsten Zeit n i ch t s o sehr die Arbeiter in Betracht als die fünf Millionen kleiner selbständiger Existenzen. Wir halten diese Zwischenschicht für eine sehr wertvolle zwischen dem Grotzkapital und der Masse der Arbeite«. In sittlicher Beziehung bedeutet diese Zwischen- stbicht einen Gesundbrunnen unseres Volkes.(Bravo! rechts.). Die Sozialdemokratie will ja diese kleinen und mittleren Existenzen der- Nichten.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Im grötzien Gegensatz zur Sozialdemokratie stehen wir in bezug auf den Aufbau unseres Staates. Die Errichtung der Republik ist der vornehmste, der endgültige Zweck der Sozialdemokratie.(Lachen bei den Sozial- demokralen.) In der Agitation allerdings verhüllt sie ihre legten Ziele, ja in rein ländlichen Kreisen soll sie ihre Versammlungen mit einem K a i s e r h o ch er» öffnen.(Grotze Heiterkeit bei den Sozialdemokraten. Rufe: Wo denn?) In der Provinz Sachse n.(Erneute Rufe: Wo! wo!) Wir halten demgegenüber fest an unserer monarchischen Ueber- zeugung.(Bravo! rechts.) DaS wird unS oft genug in Gegensatz bringen zur Mehrheit dieses Reichstags, auch zu den Liberalen (Oho! bei den Freisinnigen), die nach der Absicht der Sozialdemo- tratie und auch tatsächlich nur der Schrittmacher für deren r c p u b l i k a n i s ch e Z i e l e sind.(Gelächter bei den Freisinnigen.) Die Erfahrungen bei der Wahl des Präsidiums haben uns auch gezeigt, datz dieser Reichstag wohl keinen besonders glücklichen Er- folg erzielen würde, wenn er vor die Aufgabe gestellt würde, ein verantwortliches Rcichsministerium zu bilden.(Sehr gut! und Heiterkeit rechts.) In dieser Frage handelt cS sich bei uns um grundsätzlichen Widerstand. Für unser deutsches Vaterland ist nur möglich eine starke Monarchie auf christlicher Grund-' löge.(Bravo! recht« und im Zentrum.) Reichskanzler v. Bcthmanu Hollwcg: Die Abgg. Frank und Speck haben Bezug genommen auf die Aeutzerung, die der englische Premierminister gestern im Unter- Haus über die wechselseitigen Beziehungen von England und Deutsch- land gemacht hat. In Uebereinstimmung mit diesen Aeutzerungen will ich meinerseits hier folgendes erklären: Der englische Kriegs- minister H a l d a n e hat bei seiner hiesigen Anwesenheit, wenn auch ohne Ermächtigung zu bindenden Abmachungen, so doch im Auf- trage des englischen Kabinetts die Punkte, an denen sich die Interessen der beiden Länder berühren, mit u n s durchgesprochen,(Hört! hört! im ganzen Hause) um eine Grundlage für ver- trauen sv olle Beziehungen herzustellen.(Lebhafte Zustimmung.) Die Aussprache, die von uns lebhaft begrützt worden ish hat in mehrfachen eingehenden und offenen Unterhaltungen statt- gefunden und wird fortgesetzt werden.(Lebhafte Bewegung im ganzen Hause und grotzer Beifall.) Ich hoffe, das hohe Haus Wird mir darin beiflichten, datz ich in diesem Stadium der An- gelegenheit über Einzelheiten nicht sprechen kann.(Sehr richtig!) Ich habe aber nicht zögern wollen, dem Reichstag Mitteilung zu mache» von der Tatsache der Besprechungen und von ihren Zielen. (Lebhafter Beifall, besonders links.) Abg. Dr. Junck(nail.): Dem Grafen W e st a r p gegenüber stelle ich fest, wenn er sagt, der Liberalismus sei der Schrittmacher der Sozialdemokratie, datz die Konservativen diesmal der Schrittmacher für die Welsen gewesen sind.(Sehr wahr! links.) Die Wahlen haben die Notwendigkeit erwiesen, die Stichwahlen auf einen Tag zu verlegen, das Wahl- geheimnis zu sichern, die Wahlkrei'seinteilung zu ändern. Auch mutz mit dem bisherigen System der Verschleppung der Wahlprüfungen gebrochen werden. Das Reichstagswahlrecht an sich ist für uns un- a n t a st b a r. Die Unzufriedenheit inr Volke mit der Reichsfinanz- reform erklärt sich daraus, datz sie nicht auf sozialer Gerechtigkeit beruht. Die Ungerechtigkeit mutz durch Abschaffung der drückenden Steuern, durch Abbau der Liebesgaben beseitigt werden. Nichtig ist der Grundsatz des Schatzsekretärs, datz Anleihen nur auf werbende Ausgaben aufgenommen und keine neuen Ausgaben ohne Deckung gemacht werden. Eine Wehrsteucr kann uns nicht helfen, die grotzen Mittel für Heer und Marine können nur durch direkte Reichs st euer», durch die E r b s ch a f t s st e u e r aufgebracht werden.(Sehr richtig! links.) Wir lehnen jede weitere Belastung des Verkehrs und des Konsums unbedingt ab.(Bravo' links.) Es sollte ein Ehrenpunkt für die Besitzenden sein, für Schaffung der Mittel für Heer und Marine zu sorgen. (Sehr gut! links.) Zur a u s w ä rtig en P o litik kann ich mit Freuden fest« stellen, datz wir anscheinend zu einem besseren Verhältnis mit Eng- land gelangen. Es sollte nur auf englischer Seite mehr Rücksicht ge- nommcn werden, als das z. B. bei der Aeutzerung über den Luxus unserer Flotte der Fall war. Unsere Verfassungsanträge werden wir wieder ein- bringen. DaS Zentrum hat uns zwar früher dabei unterstützt, aber dafür gesorgt, datz in der Kommission nichts zustande kommt. Wenn eS das wieder will, möge es unS das vorher sagen.(Grotze Heiterkeit.) Die Sozialdemokratie möchte ich bitten, bei diesen Verfassungsanträgen nicht mit solchen übertriebenen Forderungen zu kommen, nicht z. B., datz zur Erklärung eines Krieges die Zustimmung des Reichstages notwendig ist, oder datz der Reichskanzler gehen mutz, wenn es der Reichstag will. Dagegen wünsche» wir die Festlegung der Verantwortlichkeit des Reichskanzlers für die gesamte Regierungstätigkeit und Schaffung eines Staatsgerichtshofes. Ferner sollte der Reichstag sein JnterpellationSrecht ausbauen, z. B. durch Einführung kurzer Anfragen. DaS Wort der Thronrede:„Die Entwickelung steht nicht still" mutz auch für unser Verfassungswesen gelten. Der Tatsache, datz 4'/, Millionen Wähler für die Sozial- demokratie gestimmt haben, muh Rechnung getragen werden. Danach haben wir auch bei der Präsidentenwahl ge bandelt und ich erkläre, datz meine Partei unsere Stellungnahme für einen s o z i a l d e m o k r a ti s ch e n V i z e p r ä s i d e n t e n einmütig für notwendig hält.(Hört, hört! rechts.) Wir müssen die Sozialdemokratie zur praktischen Mitarbeit auch bei der ordnungsmätzigen Erledigung der Geschäfte zwingen. Die Sozialdemokratie hatte uns Erklärungen abgegeben, die uns erkennen liegen, datz sie die repräsentativen Anforderungen an die Stelle eines ersten Vizepräsidenten in genügender Weise erfüllen werde.(Hört! hört! rechts.) Wichtige Aufgaben stehen uns noch auf dem Gebiet der Soziab Politik bevor. Ich erinnere an das Erfinderrecht der An- g e st e l I t e n, der Regelung der Konkurrenzklausel usw. Der Grundgedanke des Gesetzes über die Arbeitskammern darf nicht fallen gelassen werden. Es mutz eine öffentlich rechtliche ständige Einrichtung geschaffen werden, die die grotzen ArbeitSkünipfe möglichst verhindert. Die Koalitionsfreiheit mutz nach beiden Seiten gesichert sein. Die Fürsorge für den selb- st ä n d i g e n Mittelstand liegt auch uns am Herzen. Dringend notwendig ist die Reform des preutzischen Wahlrechts. (Bravo! links.) Der Ausfall der Wahlen beweist, datz der Kurs ein anderer werden mutz. DaS Volk hat in seiner Mehrheit zugunsten der Parteien auf der Linken entschieden.(Sehr wahr! links.) Herr S p e ck hat ja auch an die gemeinsame Arbeit der Parteien appelliert. Aber das Verhallen des Zentrums bei der Wahl des Präsidiums steht damit in Widerspruch. Wir wären einverstanden gewesen, wenn das Zentrum als zweitstärkste Partei mit der Sozialdemo- kratie die ReichstagSgeschäfte geführt hätte.(Hört! hört! rechts; Zuruf: Warum hat denn Herr P a a s ch e niedergelegt?) Datz das Zentrum nicht da�u bereit war, kann doch nicht an natürlicher Abneigung liegen, nach dem. was zwischen Zentrum und Sozialdemokratie schon vorgefallen ist.(Heilerkeit.) Also auch wir wünschen gemeinsame Arbeit, aber die K o n s e r v a ti v e n sind es vor allem gewesen, die die Grenzen zwischen den Parteien»och vertieft haben. So hat das H e y de b r a n d sche Wort vom„lücken- losen Zolltarif" wie eine Bombe gewirkt. ES wird entscheidend für das ganze deutsche Volk und insbesondere das Ansehen deS Reichs- tages sein, ob dieser Reichstag sich als arbeitsfähig erweisen, ob er in der Lage sein wird, die grotzen nationalen Aufgaben zu erfüllen. Wir sind entschlossen, daS unbedingt notwendige für unser Vater- lane zu tun, als liberale Partei nach unbedingt nationalen Grund- sätzcn.(Lebhafter Beifall bei den Liberalen.) Die Weiterberatung wird auf Freitag 1 Uhr vertagt. Schluß 6 Uhr._ parlamentarilcbeg. Abgelehnte Forderungen. Dem Reichstag ist eine Denkschrift über die Entschließungen des Bundesrats über Anträge, die ihm vom Reichstage zugingen, überinittelt worden. Daraus sei mitgeteilt, daß der Bundesrat nicht beabsichtigt, Baukontrolleure aus dem Ar- beitcr stände einzuführen, ebensowenig einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die Freizügigkeit und die Frei- heit des Arbeitsvertrages den Bergarbeitern gewährleistet wird. Ueber die Arbeitsverhältnisse der A n w a l t s a n g e st e l l t e n haben � Erhebungen stattgefunden, deren Bearbeitung noch nicht abgeschlossen ist. Eine Denkschrift über Zulagewesen und Löhnungszuschüsse im Rcichsheer ist in Vorbc- reitung. Aus der Budgetkommission des preußischen Dreiklaffcnhauses. In der DonnerStagsitzung der Budgetkommission erklärte der Berichterstatter, datz die Uebersicht über die Etats der letzten Jahre den Beweis liefere, datz die Marx sche Theorie von der Verelendung der Massen falsch sei, da eine Zu- nähme des Volkswohlstandes, namentlich der Vermögen des Mittel- standes, zu verzeichnen sei. Diesen Nachweis glaubte der Bericht- erstatter durch die Angaben liefern zu können, datz die höchsten Zcnsiten im Jahre 1011 ein Einkommen von 18 Millionen gegenüber 14 Millionen im Jahre 1910 versteuert haben!! Dann erzählte er, datz die ungünstigen Einkommensverhältnisse in Ost- und Westpreutzcn und insbesondere im Regierungsbezirk Slllcnstein zu finden seien. Die Einkommensteuer soll nach einer Schätzung des Geiieralstcuerdirektors im kommenden Etats- jahre�16� Millionen Mark mehr liefern.— Bei der Forderung auf Schaffung von zehn neuen Stellen besonderer Vorsitzenden für die Veranlaaungskonimissioncn regte sich die konservative Angst. datz den Landräten diese Vorsitze abgenommen werden könnten, und sie verlangten, datz der Beschlutz über diese Forderung a u s g e- setzt werde, bis der Finanzminister angegeben habe, in welchen Orten deise Vorsitzenden angestellt werden sollen. Ter Aussetzungs- antrag wurde von der Kommission Abgelehnt, da sie ein solches Miß- trauen gegenüber dem Finanzminister nicht betätigen wollte. Dann wurde auf die mißliche Lage der privaten Gehilfen bei den Veran- lagungskommissionen aufmerksam gemacht und der Betrag für außerordentliche Unterstützung von Unterbeamten um 12 000 M. erhöht.— Die indirekten Steuern liefern einen Ueberschuß von 5,7 Millionen Mark. Hierbei wurde die Frage aufgeworfen, was den preußischen Staat die Einziehung der indirekten Steuern für das Jahr koste. Diese Frage wurde dahin beantwortet, datz Preußen hierfür etwa 15 Millionen Mark im Jahre ausgeben müsse.— Bei der Einziehung der M i e t st e u e r soll insofern eine Erleichterung geschaffen werden, als durch öffentliche Bekannt- machungen darauf aufmerksam gemacht werden soll, daß die Ver- steucrung der Mietverträge im Januar zu erfolgen habe und daß die Einziehung der Mietstcuer auch durch die Post erfolgen könne. Von der Regierung wurde zugesagt, daß bei der Neuregelung des Stempel st euergesetzesdie Stempel für amtliche Zeugnisse und beglaubigte Abschriften verbilligt werden sollen. Acnderung des preußischen Berggesetzes. Eine Novelle zum Gesetz über die Abänderung des 7. Artikels des Allgemeinen Berggesetzes ist in der Bergabteilung deS preußischen Handelsministeriums fertiggestellt worden und dem Staats- Ministerium zugegangen. Das Herrenhaus soll zuerst mit den Beratungen über die Vorlage befaßt werden. Die Novelle enthält nach den vorliegenden Mitteilungen ziemlich umfangreiche Abände- rungen, die durch eine Anpassung der landesgesetzlichen Bestimmun- gen des Berggesetzes an die Vorschriften der Reichsdersicherungs- ordnung und des Versicherungsgesetzes für Angestellte notwendig geworden stno._ Das Wachstum der britischen Genossenschaften. London, 13. Februar. DaS englische Handelsamt hat soeben einen Bericht heraus- gegeben, der von dem gewaltigen Anwachsen der Gcnossenschafts- bewegung Großbritanniens in den letzten Jahren zeugt. Der Be- richt befaßt sich hauptsächlich mit dem Zeitraum 1899 bis 1909. Im Jahre 1909 hatten die verschiedenen Konsum- und Produktiv- genossenschaften 2 597 236 Mitglieder. Die Zahl der Mitglieder war seit dem Jahre 1899 um 917 221 oder 55 Proz. gestiegen. Der Umsatz aller Genossenschaften betrug im Jahre 1909(ausschließ- lich der Bank-, Kredit, und Versicherimgsgeschäfte und der Bau- tätigkeit) beinahe 132 000 000 Pfund Sterling(2640 Millionen Mark), was gegen 1899 eine Zunahme von 75 Proz.(56 Milli- onen Pfund Sterling) ausmacht. Die große Mehrheit der Gesellschaften sind Arbeitergenossen- schaften. Es gab deren in 1909 1580 mit einer Mitgliedschaft von 2 512 048. Der Wert der von diesen Genossenschaften verkauf- ten und produzierten Waren betrug im Jahre 1909 128 Millionen Pfund Sterling, eine Zunahme gegen 1899 von 74 Proz.(54 Milli- onen Pfund Sterling). Die Konsumgenossenschaften allein setzten im Jahre 1909 an- nähernd 70!-� Millionen Pfund Sterling um, 25 Millionen Pfund Sterling mehr als 1899. Die beiden GroßeinkaufSgenossenschaftcn (die englische und die schottische) hatten einen Umsatz von über 33 Millionen Pfund Sterling, beinahe 14 Millionen Pfund Stcr- ling mehr als im Jahre 1899. Etwa 50 Proz. der verkauften Waren wurden in Betrieben unter genossenschaftlicher Kontrolle, wozu die landwirtschaftlichen gerechnet sind, hergestellt. Der Wert der auf genossenschaftlichem Wege produzierten Waren betrug 24 Millionen Pfund Sterling, wovon 21 Millionen Pfund Sterling auf die produktiven Betriebe der Konsum- und Großeinkaufs- genossenschaften entfielen. Die landwirtschaftliche Genossenschaftsbewegung datiert vom Jahre 1895. Im Jahre 1909 bestanden 653 landwirtschaftliche Ge- nossenschaften(317 Produktiv- und 336 Distributivgenossenschaftcn) mit einem Gesamtumsatz von 3 609 172 Pfund Sterling(72 183 440 Mark). Im Jahre 1909 betrug die Zahl dieser Genossenschaften 58(46 für die Produktion und 12 für den Verkauf) und ihr Umsatz 354 379 Pfund Sterling(7 087 580 M.). Das genossenschaftliche Bankwesen hat in dem Jahrzehnt eine große Ausdehnung erfahren. Das Bankgeschäft der englischen GroßeinkaufSgenossenschaft hatte im Jahre 1909 über 900 Genossen» schaften als Kunden und seine Kontokorrenteinnahmen betrugen für das Jahr ungefähr 64 Millionen Pfund Sterling(1280 Milli» onen Mark). Das bedeutete eine Zunahme gegen da? Jahr 1899 von 123 Proz. Die kleinen, hauptsächlich landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften vermehrten sich in dem besprochenen Jahr- zehnt von 55 auf 241. Die Gesamtsumme der von ihnen vermittel. ten Anleihen betrug im Jahre 1909 102 838 Pfund Sterling gegen- über 72 128 Pfund Sterling im Jahre 1899. Die neueste genossenschaftliche Entwickelung in Großbritannien ist die genossenschaftliche Lebensversicherung. Die Gesellschaft wurde im Jahre 1904 inS Leben gerufen. Gegen Zahlung einer jähr- lichen Prämie, deren Höhe sich nach dem Umsatz der Konsum. genossenschaft richtet, kann die Konsumgenossenschaft da» Leben ihrer einzelnen Mitglieder versichern. Die Höhe der von dem Versicherten zu zahlenden Prämie richtet sich nach seinem Waren- einkauf bei der Konsumgenossenschaft. Ende 1910 gehörten 277 Genossenschaften der genossenschaftlichen Versicherungsgesellschaft an; diese Genossenschaften hatten zusammen 441 979 Mitglieder. WitterungSübcrsscht vom IS. Februar 1V1». Stationen L 6 II o£ = 2 Swinemde. Hamburg Berlin Frankfa.M München Wien 764 c 3 Bf NW 76691 7640 76AStill 766® 7639!® Wetter 1 Dunst SNebel twoltia !9!ebcl t Nebel l. bedeckt t!* xill i* blto —0 0 1 L 1 2 Stationen aparanda eterSburg Scillh Aberdeen Paris 760® 758 759 767 H NNW S 763l®$D N Wetter bedeckt better Dunst 3 bedeckt L bedeckt tt t* Sk —14 —7 11 5 6 Wetterprognose für Freitag, den 16. Februar 1918. Ein wenig kälter, zunächst vorwiegend nebelig, Ipäter aufklarend schwachen veränderlichen Winden; leine erheblichen 9itedersch!äge. Bcrllner Wetterbureau. bei Wasserstands-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom verllner Weitervureau. Wasserstand M e m e I. Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen Franllurt Warthe, Schrimm , Landsbcrg Netze, Vordamm Elbe, Lcitnicritz , Dresden , Berby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden . Minden Rhein, Maximiliansau . Kaub . Köln Neckar, Heiwronn Main, Werthclm Mosel, Trier ') ff- bedeutet Wuchs,— Fall,—») Unterpegel,—•) Eisstand. H Eisfrei,•) Eisgang,'j Eisfrei oberhalb und unterhalb der Brücke. werchei m W C.M.B. H Ceipzigerstr* 132-37 Freitag und Sonnabend soweit vorbanden: Königstrasse SI-Z2 Rosentbalerstr. 28-31 Oranienstrasse 52-55 Leb ensmittel- Angeb ot butrfertM Ob»t, nicht und Uuchinrw» Kann nicht •andt«erdin« Sdachcs Aeiscit Roastbeef...... Pfd. 90 Pk.. Knochen 1.25 Schmorfleisch........... Pfund 85??. Brust und Fehlrippe____ Pfund 75 pr Gulasch und Kamm....Pfund 70 Pf. GehacKtes Fleisch....... Pfund 60 pr. Xal§.... Pfund 45, ausgelassen. Pfund 55 Pf. F nscher SchinHen im ganzen, Pfund 7 0 pf. Kamm und Schuft p�nd 70, 75 pr. Schweine-Kotelettes. p�d 80, 85 pr. Schuiterhldtt ca. 4 prd. schwer... Pfund 60 Pf. Schweinebauch prd 55, Liesen 65 pr KalhsKeule u. Nierenbraten im ganzen, Pfund 90 pr, KalbsKamm und Bug 65, geteilt 70 pr Kalbsbrust prund 70,-Spitze prund 85 pr. fiammelKeule u. Rücken im ganpfund 80 pr DicEe Rippe prd 65, Bünnung 55 pr. Kasseler Rippespeer prund 65 d-. 80 pr Hirsch, Renntier u. Wildschwein Keule Pfd. 85, Rücken 75» Blatt 55, Ragout 25 Pf Wilde Kaninchen gestreift 80 pf. bis 1.00 fimchmrm Rotwurst........ Pfund 45 hit 70 Pt. Landleberwurst....... Pfund 85 pr. Feine Leberwurst..... Pfund 95 pr .Jagdwurst............ Pfund 90 Pf. Pastetenleberwurst.... p/und 1.00 Bauernmettwurst micKnobi.. ptd. 1.00 Teewurst............. Pfund 1.10 Mausschinken Pfund.oh w.r 1.15 Rollschinken ea � Pfund 1-20 Schinkenspeck f pfJSI?°pfd.' 95 Pf. Gänsebrust o& l'/.-S Pfd. ichwer, Pfd. 1.50 Magerer Speck.TM 75 Pf. Fetter Speck.«und 75 pt fämhwumm Geräuch. Lachs � 8tttckepnfd. 75. 85«. Fellbücklinge Stact 15, Goldfische stock 10 pt Flundern..............«d. 60 pt Aale.... Pfd. 1.10, 1.50, Bund 38 Pf. Stralsunder Bücklinge. 2 stock 10 pf Makrelenbücklinge... s stock 25«. Bücklinge 5«'stoÄ 35«.<�2« stock 58 pf. Frische Hummer-Krabben Pfd. 60«. Aal in Gelee.......... Pfd. 98 pt. Bratheringe in« Ltr.-Doien... vc 1.08 Matjes-Heringe.... 10, 15, 20 pl Sardellen...........«d. 75, 90 pt Lebende Plötzen prd 28, Bleie prd. 35 pr. Lebende Hechte prd. 90, schwer f™! 65 pr. Lebende Karpfen........ prund 58 pr, Leb. Lausitzer Karpfen 68 pr. Karpfen"0 50, Rotzungen prd. 25 pr. Lebende Schleie......... prund 88 pr. TafellaChS In ganzen Fischen..... Pfund 45 Pf. KabeljaU ohne Kopf, In ganzen Fischen, Pfund 11 Pf. StocHfische prd. 58, Zander prd 68 pr. Schellfische ca. 2—4 Pfund schwer.. Pfund 18 Pf. Grosse Schollen.........prund 33 pr. Puten prd 63, 80 pr, Pouletest 1.75, 2.25 Suppenhühner.«.. stück 1.65 bu 2.50 Brathühner....... stück 1.50 bi. 2.25 Enten. stock 2.50, 2.75, 3.00 b. 3.50 BirKhühner 1.35, Birkhähne 1.75 Verkäufe. Vorlunrtölcicr evbaltcn timi Proücm ertvnvnbntt, selbst bei''cb- ro-fanzüge� L'crrcnbcieii. Damen- lachen. Exlrabilligcr Bcltenvcrfaus. Ausstcuerbellcn. Vcrmiclungsbelt. Slusstcuerwälche. Bettwäsche. Reich« haltigc(4'ardinenauswabl. Portieren. TeppitbauSwahI. Plmwtndibcdc». Sleppdeden. Wandubrcn. Wand« bilder. Schmudsadicn. Taichenuinc». Kcltcnauswabl. Ringcanswabl. Fest- geichtnfc. Warenverfaus cbenlalls Sonntacis. r50� TevpicNe! �sebierdaile) m alle» Grützen, ja st sür die Hdlju des Wertes Teppichlager Brünn, Hackcicher Marfl 4. Babnboi Börle.(Leier des „Vorwärts' erballcn 5 Prozeni Rabalt.) Sonntags geöflnet!' Borjastrige eleganteHcrrenanzüge und Palelols aus jcinstcn Magllosten 20—40 Mark, Holen 6—14 Marl. Verlandbaus Germania, llnler den Linden 21. 128gSt* Gardinen! Steppdecken! 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Abg. v. Liardorff isl.): Eine Anzahl Großgrundbesitzer sind heute einsichiig und vernünslig genug, um das Zurückgehen des bäuer- lichen Grundbesitzes zu bedauern. Der vom Abgeordneten v. d. Osten erwähnte» Statistik, wonach der Großgrundbesitz an den Kleinbesitz verliere, stehe ich mißtrauisch gegenüber. Der st a a t l i ch e Do- mänenbesitz hat in den letzten Jahren um lOOOOV Hektar zugenommen. die Slaatsregierung darf daher nicht engherzig ver- fahren. Durch eine kräftige Bauernwirtschaft wird auch die Arbeuer- ansiedelung gesichert, allerdings stehen der Arbeitcransiedelung große Schwierigkeilen im Wege. Ein auf dem Lande angesiebelter Arbeiter har genau dieselben Interessen wie sein Arbeitgeber. Der sozial- demokratische Schriftsteller Schulz erklärt in einem bemerkens- werten Artikel, bei den Wahlen seien die Sozialdemokraten überall vorgedrungen, nur bei den oft preußischen Landarbeitern hätte man kein Glück gehabt. tSehr richtig! rechts.) Er fügt hinzu, das wäre vielleicht anders gewesen, wenn die Arbeiter gewußt hätten. daß die Sozialdemokratie durchaus nicht unbedingt sreihändlerisch sei. Nachdem sich im Laudcsökonomiekollegium selbst Freiherr v. W a n g e n h e i in für Einschränkung der Fideikommißbildung und sogar für eine ZwangSverpachtung gewisser Fideikommisse ausgesprochen hat, sieht man, wie unendlich töricht es ist, wegen der gleichen Forderung von einem LjnkSabniarsch der Freikonscr- vativen zu sprechen. Auch der Sozialdemolrat Schippet hat erklärt, daß die Zölle die Bodenpreise nicht in die Höhe getrieben haben. Redner ersucht schließlich um energische Förderung der inneren Kolonisation. sBeifall bei den Freikonservaliven.) Abg. Hoffmann(Soz.): Die l'/a Millionen Mark für innere Kolonisation sind wie ein Tropfen aus den heißen Stein. Solange man die innere Kolonisation nur zur Polenversolg nng oder zur Heranziehung von Hörigen benutzt, werden Sie nichts erreichen. Dazu gehören ganz andere Mittel. Abg. v. d. Osten hat ganz recht: das volle Verständnis für die Erweckung zur Liebe zur Heimat fehlt— namentlich den Großagrariern, die nur den Arbeiter an die Schelle fesseln wollen. Die Grund- und Bodenfrage wird dadurch verschärft, daß auf dem Lande durch die Zölle, in den Städten durch Spekulation und Kreditwirtschaft der Boden kolossal verteuert wird. (Zuruf rechts: Höhere Löhne der Landarbeiter l) Ach, ivenn Sie den Kleinbauern helfen wollen, dann geben Sie ihnen erst einmal das, was Sie aus den Zöllen mehr ziehen, als die„hoheir" Löhne ausmachen. In den Städten sind es die Hausagrarier (Lachen rechts), die den Nutzen aus dem Zusammenarbeiten der städtischen BoUsmasscn ziehen. Auf dem Lande gewinnen die Junker, in den Städten die Spekulanten Millionen(Lachen rechts), das wird Nicht eher anders werden, als nicht Grund und Boden Eigentum der Gemeinschaft geworden sind. Durch gesetzliche Vorrechte setzen Sie sich in die Lage, Bauern und Beamte, Arbeiter und Kausleule auszubeuten, und dann tun Sie, als wollten Sie innere Kolonisation betreiben.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Nichts anderes tvollen Sie, als die Arbeiter an Ihre Scholle fesseln.(Zustimmung bei den Sozial- demolcaten.) Abg. v. d. O st e n sagt, der Staat soll mit der inneren Kalo- nisation vorangehen! Dieser Staat mit seinem Wahlrecht, da? die Jiiuker und Hausagrarier an der Herr- schaft erhält?(Sehr gut l bei den«ozialdemokraten.) In Wahrheit sind Sie es, die Grund und Boden teilen— so fix könnten wir es gar nicht, wenn wir es wollten. Wenn Herr v. d. Osten von den Wahlen gesprochen hat. so ist es Tatsache, daß Sie der Abhängigkeit der Landarbeiter viele Ihrer Reichslagsmandate verdanken I(Sehr wahr! bei den Sozial- demokralen.) Wenn die Arbeiter Stantsland bekommen, dann kommt vielleicht mal der Minister v. Dalllvitz und ruft: Staatsland ist Treueid— wer Staatsland hat, darf nicht sozialdemokratisch wählen I(Sehr gut! links.) Wenn Sie der Landflucht steuern wollen, dann b e h a n d e l» S i e die Arbeiter a n st ä n d i g und schaffen Sie ordentliche Zustände! Die Arbeitslosigkeit in den Städten, die Herr v. d. Osten beklagt, ist eine Folge Ihrer, der p r i v a t k a p i r a l i st i s ch e n Wirtschaftsordnung! �Schr richtig I bei den Sozialdeniokcaten.) Trotz des Bans neuer Baracken lönnen wir in Berlin die Obdachlose», unter denen viele A r b e i ts s ch w a ch e sind, gar nicht alle nnterbringen Alters« schwache und Krüppel sind darunter, die in Hospitäler gehören. Drei Fünftel aller obdachlosen Astzlisten sind vom Lande, es sind Arbeiter, die zum Winter arbeitslos werden und von den Ritter- gulsbesitzern und Amtsvorstehern nach Berlin geschickt werden (Lochen rechts)— ja, gerade Kranke schickt iiiail noch Berlin, damit sie hier kuriert werden, ja sogar, cS kann urkundlich bewiesen werden, von Gutsbesitzern geschwängerte Mädchen werden so nach Berlin geschickt, damit sie hier entbinden!(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten. Lärm rechts.) Prüsidein Freiherr v. Erffa: Ich bitte, nun zur inneren.Koloni- sotioii zu kommen! Abg. Hoffmaml(Soz.): Tie Behauptungen des Abgeordneten v. d. Osten, daß die Arbeitslosigkeit Schuld der Städte sei, nötigen mich zu dieser Es- widerung. Wir kommen, zu Ihrem Schrecken, immer mehr an die Landarbeiter heran, ja Sie treiben sie uns zu durch Ihre Bc- Handlung, durch die Gesindcordiiung, durch Rcilpcilschcuhicbc, durch de» Pvlizeidruck!(Sehr ivahr! bei den Sozialdeinokraten.) Und diese Wohnungsverhäliiiisse I Freilich brauchen wir ei» Wohnmigs- gesetz. ober wen» es etwas zählen soll, müßte es der Reichstag und nicht dieses Haus rauch»».(Zusliiiimnng links.) Gerade die Großstadtbevölkermig hat einen Zug»ach dem Lande, das zeigen die Kleinkolomcn rund um Berlin, wo die abgehetzten Großstädter Erholung suchen. Aber das wird von Stadt uiid Staat nicht unter» stützt, sondern man überläßt den Boden der Privatspeknlation und die Äintsvorstehcr machen den Kolomsteii das Leben saner und nötige» veriiünstige Genieiiidcvorsteber auch zu solcher Politik. Herr L.i»dwirtschaf>s»>inister, erleichtern Sie doch der Großstadtbevölkeruiig den Zug aufs Land. Aber was für Bebauimgsbcdiuglliigen werden heule gefordert. I» Kolonien, wo noch nicht mal von Straßenbau die Rede ist, muß das Geld für Kirche und Schule bar zinslos deponiert werden I(Hört! hört! b. d. Soziald.) Selbst den armen S o in m e r k o l o n i st e» wird das bißchen Freude in der unerhörtesten Weise vergällt. So treiben Sie durch diese nur in Preußen mögliche Nadelslichpolilit die Leute zu uns— ich kann Ihnen ver- raten, daß sogar Beamte der V o l i t i s ch e n P o l i z e i darunter sind!(Hört I hört I— Ruf rechts: Kann Ihne» ja nur recht sein!) Gewiß, aber wir haben dann die erhöhte Pflicht, gegen die Schiklinierung dieser Leute zu kämvfen, die zu uns um Hilfe kommen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Da kaufen sich die Leute für ihre Ersparnisse ein Grundstück und dann wird ihnen, obwohl sie zur Gcbäudesteuer Veranlagt werden, die Benutzung der Gebäude zum iWohnen verboten. 60 M.»rußten solche Kolonisten für ein- t maliges Nächtigen schon zahlen— das sind etwas teure Hotel- preise.(Heiterkeit.) So sorgen Sie für„Verhetzung", indem Sie die arbeitsfreudigen, opfermutigen Kolonisten als Vagabunden behandeln. Sehen Sie sich doch mal das Leben, den Fleiß dieser Kolonisten an. Uebrigens, Herr Landwirischaftsminister, vielleicht sorgen Sie doch auch mal dafür, daß die A r b e i t e r k a r t e n auch den in kaufmännischen Geschäften tätigen Arbeiterkindern benutzbar gemacht werden, damit es ihnen nicht so teuer_ kommt, in den Kolonien den Abend zu verbringen oder ganz draußen zu wohnen. Sie verhindern aber gerade diesen Zug aufs Land den Städter, die Liebe zum Lande, zur Gartenarbeit haben, sich aber freilich � nicht Ihren Herrschaslsgelüsten unterWersen wollen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten. 1 Abg. v. Kardorff möge sich statt um solche �sozialistische" Literatur, die sich gegen die Sozialdemokratie ausnutzen läßt, um wirklich sozialdemokratische Literatur kümmern! Wenn da in den„Soz. Monatsheften" gesagt sein soll, daß 8 Proz. des land- wirlschaftlichen Nutzens den Großgrundbesitzern, 64 Proz. dem mittleren und 28 Proz. dem kleineren Bauerirstand zukommen, so fragt es sich doch, w i e v i e l e P er s o n e n sich in diesen Nntzen teilen! Wenn Herr v. Kardorff sagt, man möge Sachsengünger an- siedeln, die setzen 6 bis 8 Kinder in die Welt— nun, S i e haben es längst verstanden, Ihr Äiiiderpensilm zu beschränken, vielleicht denken einmal auch die Arbeiter, daß sie zwei Kinder eher zu widerstandsfähigen Menschen heranziehen können, als mehr Kinder. Ob Sie das wünschen, weiß ich nicht, aber Sie werden daran schuld sein, wenn die Arbeiter Ihnen nicht noch mehr Heloten liefern wollen I Abg. v. Kardorff hat auch über die„Mittelstands- feindlichen" Koirsumvereine gesprochen und von ihrer Dividenden- Politik. Warum verschweigt er. daß z. B. der„Vorwärts" und unsere Parteipresse imnier gegen diese Dividenden- Politik sind und daß nur Ihre Gesetze die völlige Beseitigung der Tividendenpolitik hindern! lSehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wir haben kein Vertrauen zu Ihrer Kolonisation. Wenn Sie nur einen Teil der Millionen, die Sie in den asrikanischen Sandwüstcn und Ficbcrsümpfe» vergraben, für unsere Kolonisation verwenden, dann können Sie Wunderdinge schaffen. Aber Sie wollen das gar nicht, denn ein wirklich blühendes Vaterland würde zugleich das Ende der Knechtschaft der Arbeiter, das Ende aber auch Ihres Hocbinuts und Ihrer Unterdrückungspolitik sein!(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Präsident Frhr. v. Erffa: Wenn Sie den Ausdruck„Hochmut" etwa ans Mitglieder des Hauses bezogen haben, so wäre das durch- aus uiiparlamentarisch. Abg. Roscnow(Pp.): Abg. Crüger hatte darin recht, daß auf dem Lande die Tuberkulose nicht so bekämpft werde wie in den Städten. Was hat es doch auch für Mühe gekostet, den Groß- grundbesitzern die Notwendigkeit des Biehseuchengeseyes beizubringen. Allerdings kostet seine Durchführung Geld. Wir greisen nicht die Großgrundbesitzer an, sondern die Liebesgaben und ihre Vorrechte in der Gesetzgebung.(Zustimmung links.) Landwirtschaflsniinister v, Schorlemer: Dänemark, das uns als Muster vorgehalten wird, hat von 1900—1905 6l/z Millionen Kronen für 1856 Kleinsiedelungen ausgegeben, Preußen dagegen seit 189t 160 Millionen für Rentengüier, außerdem seit 1905 jährlich 2 Millionen und serner durch Zwischenkredite 20 Millionen, wofür 18 195 Siedelungen geschaffen wurden. Bureauk ratische Be- st i m m u n g e n sind notwendig, um die Rentenbriefe als Papiere zu erhalten. Seit 1907 sind 2775 Arbeiteransiedelnngen gegründet worden, davon 1266 ländliche und 1509 für industrielle Arbeiter. In dem Erlaß für die Arbeiteransiedelniigen ist bestiunnt, daß dieie Aiisiedelungen so vor sicd gehen, daß die Arbeiter nicht i» ein Äbhäugigttntsvertiältnis vom Arbeitgeber gebracht werden, daß sie wirtschaftlich frei bleiben, die Verwertung ihrer Arbeits- kraft nicht beichräiikl werden darf, daß dauernde Arbeitsgelegenheit und zwar nicht bloß bei einem einzelnen Arbeitgeber vorhanden sein muß, daß die Aiisiedelungen nur dann in Gntsbezirken zuzulassen sind, wen» eine benachbarte Ortschaft mit anderer Arbeitsgelegen- beit vorhanden ist. Diese Vorschriften bringen den Arbeiter geiviß nicht in Knechtschaft und Hörigkeit.(Sehr richtig> rechts.) Sie könnten gerade so gut auf dem Bureau der Fortschrittliche» Volksparrei oder der Sozialdemokratie ausgearbeitet worden sein. (Freudige Zustimmung rechts.) Mit der inneren Kolonisation muß die Besitzbefestigung und damit die weitere Entschuldungsaktion Hand in Hand gehen. Die Regierung wird hierbei in der Ostmark die nationalen Aufgaben nicht vergessen.(Beifall.) Abg. v. d. Osten(k.): Die Rede des Abg. H o f f m a n n paßt in eine Wablvcrsammlilng, sie zeigt, daß die Sozialdemokratie nicht in ernsten Fragen mitarbeiten will. Nach dem Stenogramm hat Abg. Crüger seine Borwürfe gegen die Großgrundbesitzer ilis� gesamt erhoben.(Sehr wahr! rechts. Widerspruch links.) Nach weiterer unwesentlicher Debatte wird der Landwirt- s ch a f t s e t a t und nach einer Erörterung von Pferdezuchtfragen auch der G e st ü t s e t a t bewilligt. Zum F o r st e t a t führt Abg. Biichtemann(Vp.) ans, daß sich nach der Denkschrift des Finanzministers die Forsterträgnisse jährlich um rund 2 Mill. Mark steigern. Alle Staaten reformieren ihre Forstverwaltung nach anderen staatswirtschasilichen Grundiätzen. Dazu wäre es auch bei uns an der Zert. Wieviel Telephonanlagen, Schreib- und Rechen- mascdiiien gibt cS in den Oberförstereien wohl schon? Oberlandforstmeister Wcsrner: Die Forstverwaltung arbeitet an der Modernisierung der Äeinter. Abg. v. Kessel dem zwar nicht, erkannte aber dennoch auf die exorbitant hohe Strafe von 300 M. Der Einwand des Angeklagten, daß der Kläger gleichfalls im öffent- lichen Leben stehe und sich deshalb der Gefahr ancr Beleidigung eher aussetze wie«in Privatmann, habe bewirkt, dah von der Ver- hängung einer Gefängnisstrafe Abstand genommen worden sei. Sie kozisMemoIii'atilche FraWion und die Präfidentenfrage. AuS der sozialdemokratischen Reichs iagSfraktion erhalten wir folgende Mitteilung: Am Dienstag, den 6. Februar 1Sl2, trat die sozialidcmokratische Fraktion zum ersten Male zusammen und faßte folgende Beschlüsse: 1. Die Fraktion verzichtet auf die Stelle des Präsidenten im Reichstage, auf den sie nach ihrer Stärke und nach der bis- herigen Uebung Anspruch hat. Dagegen erhebt sie Anspruch auf den Posten des ersten Vizepräsidenten. 2. Die Fraktionsvorsitzendcn Bebel, Haase und Molken- b u h r werden beauftragt, sich zum Zweck einer Verständigung auf dieser Grundlage mit Vertretern der liberalen Parteien in Verbindung zu setzen. 3. Die llcbernahme irgendwelcher Verpflichtungen außer den in der Geschäftordnung begründeten wird abgelehnt. Auf Grund dieser Beschlüsse verhandelten unsere Fraktions- Vorsitzenden zunächst mit den Vertretern der nationalliberalen Frak- tion. Diese äußerten anfangs Bedenken, ob ein Präsidium, das ausschließlich aus Vertretern der drei Fraktionen der Linken zu- sammengesctzt sei, Bestand haben würde. Sie führten aus, daß, falls für ein solches Präsidium überhaupt eine Mehrheit zu er- zielen sei, diese doch nur eine kleine sein könne, und daß deshalb das Präsidium Gefahr laufe, bei der ersten Gelegenheit durch einen Schachzug des Zentrums zu Fall gebracht zu werden. Sie machten den Zentrumsmann, von dem man diese Rolle zu erwarten habe, ausdrücklich namhaft und betonten, daß sie einen Präsidenten aus ihrer Fraktion nicht in diese Situation bringen könnten. Sie hielten es deshalb für erforderlich, mit dem Zentrum in Verbindung zu treten, und schlugen unserer Fraktion als der stärksten vor, die Stellung des Zentrums als der zweitstärksten Fraktion zur Be- setzung des Präsidiums festzustellen. Unseren Anspruch auf den Posten des ersten Vizepräsidenten erklärten sie in Uebereinstimmung mit den Fortschrittlern für begründet, da wir ja die staatsrechtlichen Verpflichtungen zu erfüllen bereit seien, die mit diesem Amt ver- knüpft seien. Mehr zu fordern hätten sie keinen Anlaß. Im Laufe der Unterredung äußerte einer der nationalliberalen Führer, er würde es für die größte Blamage betrachten', wenn der schwarz- blaue Block wieder das Präsidium stellen würde. Im Einvernehmen mit der Fraktion verhandelten darauf unsere Vorsitzenden am nächsten Vormittage mit dem Vorsitzenden der Zentrumsfraktion, Freiherrn v. H e r t l i n g. Er erklärte ihnen, er könne über die Stellung des Zentrums noch keine be- stimmte Auskunft geben, da Beschlüsse noch nicht gefaßt seien; er verhandle zurzeit mit den Konservativen. Seine persönliche Ansicht decke sich mit derjenigen, die Windthorst vertreten habe, nämlich: von der Stellung des Präsidenten Abstand zu nehmen. Er wisse jedoch nicht, wie seine Fraktionskollegen zu dieser Frage stimden. Jedenfalls würden sie sich dagegen aussprechen, daß der Präsidenten- Posten durch einen Nationalliberalen besetzt werde. Für unseren Anspruch auf eine Stelle im Präsidium sei für das Zentrum wescnt- lich, wie wir uns zu den höfischen Verpflichtungen stellen würden. Unsere Vertreter erklärten, daß wir nur die in der Geschäftsordnung begründeten Verpflichtungen übernehmen könnten. Auf seine aus- drückliche Frage, wie wir uns beim Kaiserhoch verhalten würden, erwiderten sie, es würde in dieser Beziehung eine Aenderung in unserer Haltung nicht eintreten. Er erwiderte darauf, das Zen- trum halte dagegen an dem Standpunkt fest, den sein Führer Lieber früher eingenommen habe. Er fügte dann aber hinzu, die Haupt- sorge seiner Fraktion sei, daß der Reichstag arbeitsfähig werde, und er knüpfte daran die Frage, ob wir, wenn ein Präsidium zu- stände käme, das uns nicht genehm sei, Obstruktion machen würden, wobei er freilich nicht an eine Obstruktion wie beim Zolltarif denke. Unsere Vertreter erwiderten, daß die sozialdemokratische Fraktion auch einen arbeitsfähigen Reichstag wünsche; ihre 110 Ab- geordnete seien versammelt, um zu arbeiten. Wenn es sich um ein legal gewähltes Präsidium handele, könne eine Obstruktion gegen diese Wahl nicht in Betracht kommen. Es seien schon öfters Prä- sidicn vorhanden gewesen, die der Sozialdemokratie nicht genehm waren; dies habe jedoch die sozialdemokratische Fraktion nicht ge- hindert, im Reichstage ihre Arbeit zu leisten. Mit dem Versprechen des Freiherrn v. Hcrlling, uns von dem Beschluß, den seine Fraktion fassen würde, in Kenntnis zu setzen, schloß diese Unterredung, deren Ergebnis wir den Führern der nationalliberalen Partei und der Fortschrittlichen Bolkspartei mitteilten. Die Nationallibcralcn erklärten darauf, daß ihrer Meinung nach unter diesen Umständen kein anderer Ausweg bliebe, als daß jede Partei selbständig vorgehe, und sie bemerkten, daß sie dann wohl weiße Zettel abgeben würden. Auf den Einwand unserer Ver- treter, daß dies ein taktischer Fehler sein würde, da dann sofort die Wahl eines schwarzblauen Blockpräsidiums zustande kommen würde, äußerten sie, daß sie die Richtigkeit dieses Einwandcs anerkennen müssen. Nach dem Verlauf dieser Verhandlungen beschloß die Fraktion auf den Vorschlag des Fraktionsvorstandes: für den Präsidentenposten einen eigenen Kandidaten in der Per- son des Genossen Bebel zu präsentieren und diese Kandidatur durch alle Wahlgänge aufrechtzuerhalten. ES kam an diesem Tage jedoch nicht zur Wahl, da sofort bei Beginn der Plenarsitzung Nationalliberale und Zentrum Vertagung beantragten. Auf Einladung der Nationalliberalen und der Fort- schrittlichen Volkspartei fand alsdann nochmals eine Besprechung zwischen den Vertretern dieser Fraktionen und unseren Fraktions- Vorsitzenden statt. Hierbei wurde von dem Vertreter der National- liberalen mitgeteilt, es sei die Kombination aufgetaucht, zu den drei bisherigen Präsidenten noch die Stelle für einen vierten Prä- sidenten zu schaffen und dann unter Ausschluß der äußersten Rechten und der äußersten Linken die Präsidenten aus den übrigen Fraktionen zu wählen. Als unsere Fraktionsvorfitzenden erklärten, daß diese Kombination ganz undiskutabel sei, wurde erwidert, daß sie damit erledigt sei. ES wurde weiter mitgeteilt es sei angeregt worden, das Präsidium aus einem Nationalliberalen, einem Zen- trumsmann und einem Fortschrittler zusammenzusetzen. Auf die Erklärung unserer Vertreter, daß wir dazu selbstverständlich unsere Zustimmung nicht geben könnten, schloß sich die Fortschrittliche Volkspartei dieser Erklärung sofort an, und auch die Nationallibe- ralen äußerten, daß damit auch diese Kombination nicht weiter in Frage komme, Auf Wunsch der Liberalen nahmen dann unsere FraktionSvor- sitzenden noch an einer Besprechung mit dem Zentrum teil, zu der auch der nationalliberale Abgeordnete Schiffer erschien, wogegen sich der Abgeordnete B a s s e r m a n n an ihr nicht beteiligte. Das Resultat dieser Unterredung war, daß die Vertreter des Zentrums erklärten, sie könnten über die Stellung des Zentrums zur Besetzung des Präsidiums keine Mitteilung machen, da ihre Fraktion noch keinen Beschluß gefaßt habe. Sie würde aber für einen national- liberalen Präsidenten nicht stimmen und ebensowenig für einen sozialdemokratischen Vizepräsidenten, hätten doch die Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion dem Freiherrn v. Hertling gegenüber die Uebernahme höfischer Verpflichtungen abgelehnt. Auf die Frage, welchen Zweck denn eigentlich diese Konferenz habe, erwiderten die Vertreter des Zentrums, sie hätten von ihrer Fraktion nur den Auftrag, eine Verständigung mit den bürgerlichen Parteien zu versuchen. Unsere Vertreter erklärten darauf, daß sie danach keinen Augenblick länger bleiben könnten, und als sie sich entfernten, schlössen sich ihnen die Vertreter der Fortschrittlichen Volkspartci und der Nationallibcralen mit dem Bemerken an, daß sie dann auch tveiter nichts mehr zu suchen hätten. Unmittelbar darauf verhandelten die Vertreter der Fortschritt- lichen Volkspartei und der Nationalliberalen mit unseren Ver- trctern über die Frage der Besetzung des Präsidiums weiter. Unsere Vertreter betonten aufs neue, daß unsere Fraktion bereit sei, für einen Präsidenten aus der nationalliberalen Fraktion und für einen zweiten Vizepräsidenten aus der Fortschrittlichen Volks- Partei zu stimmen, falls diese beiden Fraktionen sich verpflichteten, unserem Kandidaten für den ersten Vizcpräsidcntcnposten ihre Stimmen zu geben und uns eine offizielle Zusage zur Erfüllung dieser Bedingung machen würden. Die Fortschrittliche Volkspartei gab eine solche Erklärung sofort ab, während der Nationallibcralc Schiffer äußerte, er glaube nicht, daß seine Fraktion eine offizielle Erklärung abgeben würde. Wir erwiderten, daß wir davon nicht Abstand nehmen könnten, obwohl wir uns nicht verhehlten, daß ein Teil des rechten Flügels der nationalliberalen Fraktion trotz eines Fraktionsbcschlusses nicht siir unseren Kandidaten stimmen würde. Am nächsten Tage teilten uns die Vertreter der nationallibe- ralen Fraktion mit: 1. ihre Fraktion werde den Prinzen Carolath als Präsidenten präsentieren, Sä. für einen sozialdemokratischen ersten Vizepräsidenten habe sich in ihrer Fraktion keine Mehrheit ergeben, 3. wohl aber sei mit großer Mehrheit beschlossen worden, für einen Sozialdemokraten als zweiten Vizepräsidenten einzu- treten, wobei allerdings keine Garantie dafür übernommen werden könnte, daß er auch von allen gewählt werde. Sie fügten hinzu, es sei jetzt an uns, danach unsere Entschließung zu treffen. Die Fraktion beschloß darauf einstimmig: an ihrem früheren Beschluß festzuhalten und selbständig vorzugehen. Wider Erwarten erhielt dann der Genosse Bebel bei der Wahl des Präsidenten auch einen Teil der nationalliberalen Stim- men und einen noch größeren Teil der Genosse Scheide mann bei seiner Wahl als Vizepräsident. In dieser Situation verstand es sich von selbst, dah, nachdem die Fortschrittliche Volkspartei ihren Kandidaten für den zweiten Vizepräsidentenposten zugunsten der Kandidatur des Nationalliberalen P a a s ch e zurückgezogen hatte, wir ebenfalls unsere sämtlichen Stimmen für diesen abgaben. Die vorstehenden Vorgänge beweisen, daß die Erklärung vom 12. Februar IS12, die von nationalliberaler Seite gegeben wurde, irreführend ist. Es ist zivar richtig, daß diese Fraktion ursprünglich Bedenken gehabt hat, ob ein dauerhaftes Präsidium aus den drei Fraktionen der Linken sich werde zusammensetzen lassen. Ver- schwiegen wird aber, daß die nationalliberale Fraktion diese Be- denken später hat fallen lassen und am Tage der Abstimmung zur Bildung eines Präsidiums der Linken sich bereit erklärte, wenn auch ohne der Sozialdemokratie bindende Garantien zu geben. Unrichtig ist, daß das Präsidium, welches am 0. Februar mit dem Abgeordneten Spahn an der Spitze gewählt wurde, dem Stand- Punkt der Nationalliberalen entsprochen habe. Die Nationallibe- ralen haben vielmehr die Stelle des Präsidenten selbst besetzen wollen. AuS den Abstimmungen hat sich mit Sicherheit ergeben, daß, wenn die Nationalliberalen nicht eine schwankende Haltung eingenommen hätten, ein Präsidium mit einem nationalliberalen Präsidenten, einem sozialdemokratischen ersten Vizepräsidenten und einem fortschrittlichen zweiten Vizepräsidenten gewählt worden wäre. Stadtverordneten-Veilanimlung. 6. Sitzung vom Donnerstag, den 15. Februar 1912, nachmittags 5 Uhr. Vorsteher Michelet eröffnet die Sitzung noch 554 Uhr. Die ständigen Ausschüsse für Besoldete, für Petitionen und Wahl- Prüfungen haben sich konstituiert. Ueber die Vorlage wegen Erwerbs zweier Grundstücke für den Betriebsbahnhof der Nord-Südbahn hat ein Ausschuß beraten. Es handelt sich um Terrain an der Müller- 'traßc bezw. am Schillerpark, das dem„Verein des Grünen Hauses" zehört und wofür 1 300 000 M. gefordert werden. Die Mehrheit ?cs Ausschusses hat auch diese schon um 200 000 M. ermäßigte For- derung noch als exorbitant Hoest angesehen und nach ausführ- licher Erörterung des Für und Wider mit 0 gegen 5 Stimmen be- schlössen, der Versammlung zu empfehle», von allen weiteren Ver- Handlungen mit dem Verein abzusehen und ihm schriftlich zu er- klären, daß der Ausschuß nur einem Kaufpreise von nicht mehr als 1100 000 M. zugestimmt habe; die Ablehnung der Vorlage und die Enteignung der Grundstücke wird empfohlen, falls die Verkäuferin darauf nicht eingeht. Referent ist der Stadtv. Körte(Fr. Fr.). Stadtv. Klaar(A. L.) befürwortet, daß der Magistrat erneut mit dem Verein in Verhandlung treten soll. Stadtv. Woldcrskp(Soz.): Wenn ich hier als Bausachver- st ä n d i g e r zu fungieren mir nicht anmaße, muß ich doch sagen, daß das Vorgehen des Vereins sich von dem nicht unterschci- d e t, das wir seitens der Interessenten bei Grundstückskäufen durch die Stadt überhaupt gewohnt sind. Ich bitte Sie dringend, bei dem Ausschußantrage zu verharren und für Enteignung zu stimmen. Stadtv. Lenh lA. L.): Durch Weiterverkauf von Teilen der er- worbenen Grundstücke werden wir einen Teil des Einkaufspreises wieder einbringen. Billiger, glaube ich, erhalten wir die Grund- stücke auch nicht auf dem Wege der Enteignung, wir sollten also diesen Preis annehmen. Referent Körte: Was sollen jetzt weitere Verhandlungen nützen? Der Preis, den wir bieten, ist nach Ansicht der Magi- stratsmitgliedcr ein weitgehendes Entgegenkommen an den Verein. Der Antrag des Ausschusses auf Enteignung wird angenommen. Nachträglich ist auf die Tagesordnung gesetzt und wird als dringlicher Antrag verhandelt die Vorlage betreffend die Festsetzung von Fluchtlinien zwei neue Straßen 30e und 30k auf dem ehemaligen Borsigschen Terrain an der Straße Alt-Moabit. Referent Stadtv. Sökeland(A. L.): Der Ausschuß ist zur Uebcrzeugung gelangt, daß wir an der Vorlage eine kleine Acnde- rung vornehmen müssen. Die Baustelle für die Girass« BOe, US- Moabit— Spree hat ein« zu geringe Tiefe. Der Magistrat hat»nS nachgewiesen, daß die Tiefbaudcputation ursprünglich für sie andere Fluchtlinien festgesetzt hatte; diese müssen wiederhergestellt werden. Nachdem auch Stadtv. Stapf.«A. L.) sich für den Ausschuß- antrag erklärt hat, wird dieser angenommen. An Stelle des 1909 bewilligten zweiten UeberwinterungShauses in der Gärtnerei im Humboldthain soll ein Pflanzcnanzuchthaus auf dem Gelände des geplanten städtischen Schulgartens bei Blankenfelde errichtet werden und der 1909� bewilligte Betrag von 38 800 M. dazu verwendet werdem Zugleich ersuche der Ma- gistrat, der allmählichen Uebcrsiedclung der genannten Gärtnerei nach jenem Gelände zuzustimmen. Da die Pflanzenanzucht für den Naturkunde- und Zeichenunterricht beim gleichzeitigen Wachsen des Bedürfnisses der über 400 Schulen— die im letzten Sommer 2 034 610 Pflanzen geliefert erhielten— und bei der zunehmenden Beeinträchtigung der vorhandenen Anzuchtstätten, speziell der- jenigen im Humboldthain durch die Baulichkeiten und deu Betrieb der A. E.-G. immer schwieriger geworden ist, soll eiu allgemeiner städtischer Schulgarten bei Blankenfelde angelegt werden. Seine Fläche von zirka 30 Hektar erlaubt, auch die Gärtnerei der Parkverwaltung im Humboldthain dorthin zu verlegen. Der Kostenanschlag läuft mit 380 000 M. auS, wovon 110 000 M. schon früher bewilligt sind und für 1912 zirka 30 000 M. zur Verfügung gestellt werden sollen. Stadtv. Schulz(Soz.): Die Gründe, die der Magistrat an» führt, sind berechtigt. Bei dem Ruß und Kohlenstaub, den die A. E.-G. erzeugt, können die Pflanzen im Humboldthain nicht ge- dcihen. Nach meiner Meinung ist der Magistrat aber nicht«uerglsch genug gegen die A. E.-G. vorgegangen. Bürgermeister Reicke: Die Parkverwaltung hat alles versucht, dem Uebelstande abzuhelfen. Der Generaldirektor der A. E.-G. hat mir erklärt, er habe alles vergeblich probiert, um die Rauchplage zu beseitigen. Wir werden erneut mit der A. E.-G. in Verbindung treten. Der beste Ausweg wird vielleicht sein, wenn die A. E.-G. das ganz« Terrain in ihren Besitz bringt., Stadtv. Schulz(Soz.): Auf dem Blankenfelder Schulgarten ist für die Arbeiter so gut wie gar nicht gesorgt. Es sollen zwar ein Vivarium, ein« geologisch« Wand und allerhand andere Gebäude errichtet werden, aber für die Arbeiter ist nichts vorgesehen. Die Arbeiter müßten in Zukunft auch eine bessere Behandlung erfahren und dürfen nach dem Sommer nicht so früh entlassen werden. Bürgermeister Reicke: Die Arbeiter haben Gelegenheit, in den Räumen, wo die Pflanzen verteilt werden, ihr Mittagessen einzu- nehmen. Für die Uebergangszeit ist jedenfalls für Unterkunft durchaus gesorgt. Tie Magistratsanträge werden angenommen� Die Anfrage der sozialdem. Fraktion'sStadivv. Dr. Arons und Gen.) vom 24. Januar 1912: „welche tatsächlichen Unterlagen die durch die Presse gehenden Mitteilungen besitzen, nach welchen eine Aenderung des in Berlin bestehenden achtstufigen Gemeindeschulsystems geplant sein soll", soll heute beantwortet werden. Stadtv. Dr. Arons: Die Stadt Berlin hat bekanntlich daS 8-Klasscnsystem, das außerdem noch in Charlottenburg vorhanden ist; in den übrigen Vororten besteht nur ein 7-klassiges. Das er- gibt bei dem Umhcrfluten der Bevölkerung mißliche Umstände, und der Zusammentritt einer Konferenz zur Vereinheitlichung der Schulsysteme Groß-Berlins ist deshalb mit Freuden zu begrüßen. Durch die Zeihingen ist nun die Nachricht gegangen, daß nach dem Verlauf der Verhandlungen nicht das bewährt« 8-Klasscnsystcm aufrechterhalten werde, sondern daß es vielmehr schwer in Gefahr sei. DaS hat uns Veranlassung zur Anfrage gegeben. Stadtschulrat Fischer: Im Namen des Magistrats kann ich die Frage'nicht beantworten, denn er hat keine Gclegenheit�gebabt,■ in der Frage des einheitlichen Lehrplanes für Grotz-Bcrlin Stellung zu nehmen. Ich kann nur für mein« Person Antwort geben, und auch diese kann nur allgemein gehalten sein, denn die Kam» � missionsmehrheit hat ein strenges Schweigegebot erlassen. Ich kann aber folgendes mitteilen: Es hat zunächst eine kleiner« Kommission getagt, die der Kultusminister zusammcnbcrufcn hatte. Hier sind zunächst die Richtlinien festgelegt worden, und auf Vorschlag der kleinen ist dann eine große Kommission zusammen. berufen worden, in der auch Herren aus der Schul- und sonstigen Verwaltung der größeren Vorortgemeinden vertreten waren. Ueber den Gang der Verhandlung kann ich nur sagen, daß definitive Beschlüsse noch nicht gefaßt sind; ich habe aber die Hoffnung, daß ein einheitlicher Plan zustande gebracht wird, ohn« daß wesentliche Acndcningcn in unserem Lehrplan nötig sind. Sollte das doch der Fall sein, so hafte ich, daß die Gemeinden gehört werden, obwohl der Lehrplan Sache des Staates ist. Wir haben fo große Opfer für die achtklassige Schule gebracht, daß ich meine, die Regierung wird dann gar nicht umhin können, die Gemeinde zu hören. Daß ein einheitlicher Lehrplan für Groß- Berlin nötig ist, ist gar nicht zu bezweifeln. 1908 wurden von Berlin nach den Vororten über 0000, umgekehrt über 4000 um. geschult. Das ist fast die Hälfte aller Umschulungen, die in Berlin wegen Umzugs stattfinden. Alle diese umgeschulten Kinder müssen notwendig in ihren Fortschritten zurückkommen. Ich bedauere, genaue Auskunft nickt geben zu können, freue mich aber, Gelegenheit zu haben, vor der Versammlung wieder über die Eni- Wickelung unserer achtklassigen Schule sprechen zu dürfen. Als sie eingeführt wurde, ivar ich nicht gerade sehr erbaut davon, und auch als ich Stadtschulrat wurde, war dieses mein Mißtrauen in keiner Weise geschwunden. Je länger, desto mehr aber habe ich mcip Mißtrauen schwinden lassen müssen. Aus der ersten Klasse gingen nack vollendeter Sckulpflicht 1903 33 Proz., 1905 37 Proz., 1907 41 Proz., 1909 40 Proz., 1910 49,97 Proz. aller abgehenden Schul- linder ab. Also in der Zeit von 1903 bis 1910 babcn wir eine Steigerung von über 60 Proz. Aber auch das Aufsteigen der Kinder wurde stets besser; 1903 gingen 43 Proz.. 1910 92,5 Proz.. also mehr als das Doppelte, aus der Oberstufe ab. Der Verdacht bestand und wurde auch ausgesprochen, daß im Interesse der achtklassigen Schule kräftig geschoben worden sei. Ich habe daraufhin zweimal eine all. gemeine Prüfung in sämtlichen ersten Klassen mit denselben Auf- gaben' vornehmen lassen, und es stellte sich heraus, daß der Ver. dacht im wesentlichen.nicht berechtigt war. Es ist auch gar kein Wunder, daß die Resultate sich stets hoben. Die Lehrkräfte wurden mehr und mehr mit dem neuen Lehrplan vertraut; die neuen Lehrbücher wurden allmählich eingeführt; außerdem war ja der Lehrstoff für die achtklassige Schule für die einzelnen Klassen kleiner als bei der siebenklassigen. Es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die Ergebnisse noch besser werden. Nun wird unserer achtklassigen Schule entgegengehalten,«S gingen zwar zirka 50 Proz. aus der ersten Klasse ab. aber davon hätten nur zirka 35 Proz. 1 Jahr in der ersten Klasse«eseste«, und dieser Minderzahl zu Liebe werde nach'einem Lehrplan ge- arbeitet, durch den die übrigen 05 Proz. eine nickst abgeschlossene Bildung erhalten. Dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Die acht- klcissige Schule hat sich bewährt, und ich wüßte nicht, was wir besseres an die Stelle setzen könnten. E i n Mangel ist vorhanden. wir haben an den meisten Schulen nur eine erste Klasse, obwohl wir zu Ostern und Michaelis Schüler aufnehmen. Nun dürfen freilich 33 Proz., die mit der zweiten Klasse ihre Bildung abschließen, nicht unberücksichtigt bleiben. Man verteile daher den Stoff auf die 8 Schuljahre so. daß mit der zweiten Klasse ein gewisser Abschluß erfolgt. Was die Zählung betrifft, so war vorgeschlagen, von 7—1 zu zählen und die oberste Klasse Sclekta zu nennen, um dem siebenstufioen System der anderen Vororte näher zu kommen. Ich hatte auch Neigung, mich zu diesem Opfer zu be- q u e m e n, aber, ich bin davon wieder zurückgekommen, weil dann immer und überall Neigung besteht, die Selekta mit der 1 zu verschmelzen und so zu reinem Sicbenstufenshstcm zu kommen. ES wird in die Besprechung eingetreien. Vorsteher Michclet spricht sich angesichts der von dem Schulrat konstatierten Ersolge durchaus für die achtklassige Schule aus und würde den Krebsgang zur siebenklassigen sehr bedauern, namentlich wenn dieser nur deshalb geschehen sollte, weil die kleine- ren Gemeinden aus sinanziellen Gründen mit Berlin nicht kon- kurrieren können. Der Kostenpunkt dürse hier für Berlin, das an der Spitze marschieren müsse, auf keinen Fall ins Gewicht fallen. Stadtv. Dr. Knauer(A. L.) bekennt sich auch als Freund des achtklassigen Systems, er habe in dieser Beziehung dieselbe Wand- lung wie der Schulrat durchgemacht. Das achtklassige Schulsystem stelle wohl starke Ansprüche an die Lehrer, aber geringere an die Schüler. Noch keine Kommune sei vom Achtstufen- zum Sieben- stufensystem zurückgekehrt, weil die Versetzungsresultate immer günstiger wurden. Berlin müßte mit seinem Schülerbestand von 226 000 Köpfen auch unbedingt das beste Schulsystem haben. Stadtv. Cassel(A. L.): Es denkt niemand daran, das acht- klassige Schulsystem in Berlin zu beseitigen. Auch Bertram hat bei seinem 1300 aufgestellten Lehrplan 8 Klassen vorausgesehen. Auch wir meinen, von der Beseitigung der einmal eingeführten Achtklassenschule kann nicht die Rede sein; wir wünschen im Gegen- teil, daß durchweg 2 erste Klassen vorhanden wären. Ueber die W ü r d ig u n g des Systems kann man aber verschieden denken, denn es ist doch unbestreitbar, daß nur 50 Proz. der Schüler in die 1. Klasse gelangen. Hoffen wir, daß sich das Verhältnis weiter bessert. Für diejenigen aber, die das Ziel nicht erreichen, muß eine abgeschlossene Vorbildung auf der Oberstufe in irgendeiner Form geschaffen werden. Stadtv. Dr. Arons: Nach den ausführlichen Darlegungen des Stadtschulrats hatten wir unsererseits keinen Anlaß, den Aütrag auf Besprechung zu stellen. Was die Prozentzahl der Schüler betrifft, die die erste Klasse nicht erreichen, so gibt es wohl auch noch andere Mittel, hier zu bessern, so z. B. dadurch, daß die Frequenzziffcr der untersten, der Aufnahmeklassen, m ö g- l i ch st gering gehalten wird. Die Herren, die davon sprechen, daß 30 Proz. der Kinder die erste Klasse nicht erreichen, sollen sich doch einmal unsere Gymnasien, unsere höheren Lehr- anstaltcn ansehen. Wenn in zwei Sexten je 50 sind, so freut sich der Direktor sehr, wenn er eine Oberprima mit 40 Schülern hat, das wären also nur 40 Proz. Stadtv. Cassel: Dieser Vergleich hinkt so sehr, daß er nur scherzhaft genommen werden kann. Ein Heruntersetzen der Frc- quenzziffer wünschen auch wir, aber das kann nur allmählich ge- macht werden. Es ist nicht richtig, daß 30 Proz. nicht in die 1. Klasse kommen, sondern es kommen nur 50 Proz. hinein, und 33 Proz. machen überhaupt bloß die ganze Schule durch. Das sind doch sehr nachdenklich stimmende Zahlen. Für die übrigen 67 Proz. muß in irgendeiner Weise gesorgt werden. Nach einer kurzen Erwiderung des Stadtv. Knauer wird der Gegenstand verlassen. Die bestehenocn Gebührensätze für die Schlachtungen und die Fleischbeschau sollen auch für 1012 in Geltung bleiben. Die Gcmeindeschuleu 51, Niederwallstr. 6/7, und 6, Georgen- kirchstr. 1, sollen von Ostern 1012 ab allmählich eingezogen werden. Der Magistrat gibt der Versammlung von dieser Absicht Kenntnis. Die Neue Promenade, die� Straße Am Zwirngraben und die Straße An der Spandauer Brücke zwischen Hackcschcr Markt und Stadtbahn sollen verbreitert werden, elftere auf 23 Meter, letztere auf 10 Meter, die Straße Am Zwirngraben soweit, daß ihr Fahr- dämm mindestens 7,5 Meter Breite erhält. Die Vertreter der drei bürgerlichen Parteien beantragen Aus» schußberatung. Stadw. Metzle(Soz.): Wir werden ja der Ausschußberatung nicht widerstreben, es scheint aber doch, als ob die Vorlage den Herren eher etwas zu wcjt geht. Wir meinen, sie trägt dein Ver- kehr und seinen Ansprüchen noch nicht genügend Rechnung. Jeder, der in der Gegend Bescheid weiß, mutz das bestätigen. Beschnei- düngen an der Vorlage darf der Ausschuß nicht-vornehmen. Die Einsetzung eines Ausschusses wird de» schlössen. Bei der IV. Irrenanstalt in Buch soll, statt der im Bauprogramm vorgesehenen zwei V e r w a h- rungshäuser für je 75 Kranke nur 1 errichtet werden. Die Versammlung stimmt ohne Debatte zu. Durch Nachtragsvorlage sucht der Magistrat die Zu» stimmung der Versammlung zum Verkauf der Markthalle IV(Dorothcenstrahe) an den P o st f i s k u s für rund 3,8 Millionen Mark nach. An den Kommerzienrat Sclbcrg, Alsenstr. 8, soll eine Vermittelungs- gebühr von 37 000 M. gezahlt werden. Stadtv. Grunwald sSoz.): Wir beantragen Ausschußbe- r a t u n g. Wir können keineswegs heute sckwn unsere Stellung festlegen. Im Ausschuß erhoffen wir Belehrung darüber, ob wir daS Grundstüch nicht für eigene städtische Zwecke brauchen können, und dann über die merkwürdig hohe Provision, die wir zahlen sollen.(Beifall und Unruhe.) Stadtv. Körte ist für glatte Annahme der Vorlage und sieht auch in dem Umstände, daß„endlich einmal" einem Vcrkaufsvcr» mittler eine Provision gezahlt wird, keinen Gegcngrund. Das Einzige, was zu bedauern wäre, sei, daß der Name des A g e n- ten genannt sei.(Aha! und Heiterkeit b. d. Soz.)„Mit Ihrem Aha! werden Sie die Gebräuche das Grundstückshandcls nicht ausschalten. Die Provision ist ein Entgelt für die Mühelval- tung(Unruhe und Lachen b. d. Soz.), die der Betreffende gehabt hat, und es ist nickt das geringste dagegen einzuwenden." Stadtv. Frick(N. L.) spricht sich ebenfalls für glatte Annahme der Vorlage aus. Stadtv. Grunwald: Die merkwürdig angeregte Stimmung, die. jetzt für g l a t t c Annahme der Vorlage auftritt, kann unsere Bedenken nur noch vermehren. Gewiß gibt es in kapitalisti- schon Zcitlaufcn kein Geschäft ohne Profit. Wir sind auch gar nicht grundsätzlich gegen eine Provision. Aber wenn es sich dabei um ein ganz solides und reelles Geschäft handelt, warum regt sich dann Herr Körte darüber auf, daß der Name Selberg genannt ist? Dann käme es ja gar nicht daraus an, ob der Betreffende Meyer heißt oder ob er zufällig mit einem Bcr- liner Stadtrat verwandt ist. Die Herren wissen doch auch so gut wie wir. daß sich die Konjunktur bei solchen Geschäften in jedem Augenblicke ändern kann. Man sollte also nicht die Vorlage in Hurrastimmung annehmen, sondern sie in einem Ausschuß ganz sachlich und ruhig besprechen.(Beifall.) Stadtv. Schulze(A. L.): Wir sind schlüssig geworden, einer Ausschuhbcratung zuzustimmen, wenn sie von einer großen Fraktion beantragt wird. Stadtv. Körte: Ich bleibe dabei, die Namensnennung des Agenten entspricht nicht den Usancen, sie erschwert die VerHand- lungen zum Schaden der Stadt.(Hört! hört! b. d. Soz.) Stadtv. Cassel: Wir stimmen für den Ausschutz, nachdem ihn die Sozialdemokraten beantragt haben. Stadtrat BcnSky bittet, den Ausschuß recht bald arbeiten zu lassen, weil bis zum lb. März die Genehmigung des Obcrpräsi- denten zum Verkauf eingegangen sein muß. Tie Vorlage wird einem Ausschuß überwiesen, den der Vor- stand sofort ernennt. Schluß: 8 Uhr.__ Jugendbewegung. „Arbeiter-Jugend". Au« dem Inhalte der soeben erschienenen Nummer 4 de? vierten Jahrqonges heben wir hervor: Sozialismus und Freiheit.— Der kleine Patriot. Jugenderinnerung von PH. Sch.— Anfänge der t Volkswirtschaft, von Wilhelm Schräder.— Jnsektenwohnungen. (Illustriert.)— Von Jürgen Brand.— Katholische Mädchenerziehung. II. Von W. Sollmann.— Die Gegner an der Arbeit.— Vom Kriegsschauplatz.— Des Lehrlings Leidenschronik.— Zur Wirtschaft- lichen Lage.— Jugendbewegung des Auslandes usw. Beilage: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haiti. Erzählung von Johannes Wilda.— Vom Nordlandsvolk in alter, grauer Zeit. Von Otto Koenig.— Hans Holbein, der Jüngere. II.(Illustriert.) Von P. Gangolf.— Im Räderrasen. Gedicht von Franz Dicderich. — Haus und Hausgerät. III.— Frau Sorge. Gedicht von Lud- wig Jacobowski.— Wissenswertes von der Sprache. � Alois Steprniak. Bon Robert Grötzsch. Bus Induftrie und Handel. Eine Schwergcbnrt. Wie steht eS mit dem Stahlwerksverband? Diese Frage ge- winnt erneut akutes Interesse, denn für die nächste Woche ist wieder eine Verbandsversammlung einberufen worden. Natürlich soll sie sich mit der Verbandserneuerung beschäftigen. Bislang hörte man immer, die Verlängerung des Kohlensyndikats garantiere auch gewissermaßen die Weiterexistenz des Stahlwerksverbandes. Das scheint nun aber noch lange nicht der Fall zu sein! Die Heraufsetzung der Kohlenpreise und der Fortbestand der Aus- fuhrprämie von feiten des Kohlensyndikats läßt es bei einigen Neulingen unter den großen Gemischtwerken, die hauptsächlich an dem gut lohnenden Absatz von Roheisen und Halbzeug interessiert sind, mehr denn je gleichgültig erscheinen, ob die Verlängerung ge- lingt oder nicht. Sie halten daher an ihren weitgehenden Forde- rungen, denen die älteren Werke wie Krupp usw. Widerstand entgegensetze», mit Entschiedenheit fest. Im allgemeinen hat die Maßnahme des Kohlensyndikats die Position aller Gemischlwerke außerordentlich verstärkt. Es beschleunigt jetzt unter der freund- lichen Mitarbeit des Fiskus die industrielle Konzentration in der Kohlen- und Großeisenindustrie. Die hohe Umlage, von der vorwiegend die reinen Zechen betroffen werden, bleibt bestehen, und damit der Anreiz zu Fusionen mit Eisenwerken. Die übrige Bevor- zugung der Hüllenzechen in bezug auf die bessere Ausnutzungs- Möglichkeit der Leistungsfähigkeit ihrer Anlagen wirkt natürlich in derselben Richtung. Die Heraufsetzung der Kohlenpreise in Verbindung mit der Ausfuhrprämie sichert den Gemischt- werken erhöhte Erlöse für Rohmaterialien und Halbzeug, während die reinen Werke sowohl die höheren Brcnnmaterialienpreise als auch die Ausschläge auf das von den Stahlwerken abzunehmende Material aufbringen müssen. Es liegt auf der Hand, daß sie damit der Konkurrenz der Gemischtwerke, die immer mehr die Fertig- fabrikation an sich reißen, nicht standhalten können. Mit sanftem Druck werden sie dazu bestimmt, sich fusionieren zu lassen. Zudem ist eine Anzahl Werke auch schon insofern auf den Zusammenbruch des Stahlwerksverbandes eingerichtet, als sie in aller Ruhe und Stille ihre Werksbandlungen ausbauten.' Ihr Betrieb würde durch eine Auflösung des Stahlverbandes kaum gestört. So erlischt das Interesse an dessen Existenz. Dagegen scheint wieder mehr Neigung vorhanden zu sein, für einzelne Spezialartikel Konventionen lisw. abzuschließen. Es ist das eine gewisse Rückbildung, in diesem Falle aber der Ausdruck einer weit fortgeschrittenen Konzentration. Früher, bei der starken Konkurrenz der noch vorhandenen vielen Unternehmen, warf eine Konjunktur« abschlvächung die Konventionszäune unbarmherzig über den Haufen. Die Jagd nach Absatzerweiteruug riß überhaupt stets Lücken hinein. Durch allerhand Geheimabkommen und versteckte Rabatte, die gegen die Konveutionsabmachungcn verstießen, suchte einer dem anderen den Markt streitig zu machen. Jetzt ist das anders. Eine Verhältnis- mäßig geringe Zahl G e n: i s ch t w e r k e ist die tatsächliche Beherrscherin des Marktes. Diese Werke verständigen sich leicht über die Verkaufsbcdingungen usw., und sie verstehen ihr Interesse zu gut. um indirekt die festgelegten Preise zu unterbieten. Unter solchen Umständen ist die Erneuerung des Etahlverbandes durchaus noch nicht gesichert. Und wenn er noch einmal verlängert werden sollte, von einer Erweiterung seines Rahmens kann keine Rede sein. Er wie auch das Kohlcnsyndikat, diese beiden Organi- sationen der Montanindustrie, haben ihre Schuldigkeit getan. Sie förderten das Herauswachsen einer Anzahl kombinierter Betriebe, deren Zusammenschluß in irgend einer Form die nächste Etappe in der Konzentrationscntwickclung kennzeichnet. Vom kapitalistischen und auch vom sozialistischen Standpunkt aus betrachtet, ist das die höhere Form der EntWickelung. Soziales. Das wvrttembergische AusführungSgesetz zur ReichsversicherungS- ordnung wird gegenlvärtig im württembergischen Landtag der Ausschutz- berawng unterzogen. Von den bisher gefaßten Beschlüssen sind folgende bemerkenswert. Nach dem Regicrungsentwurf sollte die Anstellung der für die Arbeiterversichcrung nötigen Beamten m größeren Gemeinden der Bestätigung unterliegen. Der Ausschutz beschloß, dieses Bestätigungsrecht zu streichen. Der Anglicderung der Vcrsicherungsämter an die Oberämtcr, die im Prinzip schon durch die Reichsversichcrungsordnung vorgeschrieben ist, stimmte der Ausschuß zu. Ekne wichtige Streitfrage war die, ob nur ein Ober- vcrsichcrungsamt geschaffen und daS bestehende Landesversicherungs- amt aufgehoben oder ob vier Oberversicherungsämtcr geschaffen werden und das Landcsversichcrungsamt bestehen bleiben soll. Der Regicrungsentwurf wollte die Auflösung des Landesversicherungs- amtcs und Errichtung nur eines Versicherungsamtes, während die sozialdemokratischen Vertreter das Bestehen des Landesversicherungs- amtes und die Errichtung von vier Obervcrsicherungsämtern ver- langten. Dabei wurden die Vorzüge der Rechtsprechung des Lan- desvcrsicherungsamtcs gegenüber dem Reichsverfichcrungsamt hervorgehoben.— Auch die Zentrumsvertreter erklärten sich für Bei- bchaltung des LandcsvcrsicherungsamtcS. Da alier die Vertreter der Konservativen, Nationallibcralcn und der Volkspartci der Re- gicrung entgegenkamen, wurde der Antrag auf Erhaltung des LandeSversicherungsamtes mit 8 gegen 7 Stimmen abgelehnt. An- genommen wurde der Antrag, daß von der Möglichkeit, außerhalb des Sitzes des Obervcrsichcrnngsamtes Spruchkammern zu errichten, Gebrauch gemacht werden solle. Eine Bloßstellung erfuhr das schwarzblaue Brüderpaar bei den Beratungen der Frage, ob Landkrankenknfsen errichtet werden sollen. Zwei ZentrumSlcute und ein Konservativer wollten unbe- dingt diese jammervolle Krankenversicherung erhalten wissen. Sie meinten, für die Dienstboten, die meist ledig seien, genüge vollauf die in den Landkrankcnkassen vorgesehene sogenannte erweiterte Krankenpflege. Es sei nicht nötig, daß sie auch noch Krankengeld bezögen: man solle auch Rücksicht nehmen auf die Unternehmer, die die Höheren Beiträge zahlen müßten. Dabei wollte nicht einmal der Regierungsentwurf die Landkrankenkassen beibehalten. Der Antrag des Berichterstatters Genossen Mattutat, keine Landkranken- lassen zu errichten, fand mit großer Mehrheit Annahme. Auch in Baden, dessen und Clsaß-Lohringcn werden nach der Mitteilung des Ministers v. Pischek keine Landkrankenkasset, ge- schaffen._' Ungültigkeit jeglicher Kankurrenzklauscl bei niedrigem Gehalt. Eine sehr bemerkenswerte Entscheidung über die Unzulässigkeit des Konkurrenzverbotes in Fällen geringer Besoldung fällte das Kaufmannsgericht Frankfurt a. M. Der Rechtsfall lag folgender- maßen: Ein Warenhaus hatte eine Verkäuferin mit 75 M. Monats- gehalt engagiert und sie schriftlich verpflichtet, sich bei Vermeidung einer Vertragsstrafe von 40 M. einer Konkurrenztätigkeit am Platze binnen dreier Monate nach Austritt zu enthalten. Nachdem die » VerkZuferln dem Konkurrenzverdos zuwider Sa? UnSscheiSen Ml der Firma in einem anderen dortigen Warenhause Stellung an- nahm, klagte die Firma gegen die Angestellte auf Zahlung der fällig gewordenen Vertragsstrafe von 40 M. Obgleich der Warenhausbesitzer hervorhob, daß er die Kon- kurrenzklausel schon aufs äußerste beschränkt hatte, indem sie zeit- lich nur drei Monate und örtlich nur für Frankfurt gelten sollte, und daß die Strafe eine sehr niedrige sei, kam das Kaufmanns- gericht dennoch zu einer Abweisung der Klage. Die Abweisung, heißt es in der Begründung, mußte geschehen, obschon dieser Bruch feststeht. Das Gericht hat in einer monatlichen Entlohnung, die über den ortsüblichen Tagelohn erwachsener Tagelöhnerinnen nicht hinausgeht, nicht das Acquivalent für Beschränkung der Erwerbs- freiheit nach Austritt, selbst wenn diese Beschränkung nur drei Monate gilt, erblicken können und aus diesem Grunde die Klausel für unverbindlich erklärt. Gerichts- Zeitung Politik auf der Kanzel ist„Wahrung berechtigter Interessen". In Regen im Bayerischen Wald, also mitten im schwarzen Bayern, hat die Fortschrittliche Volkspartei sich mit einem Organ, dem„Boten vom Bayerischen Wald", ein- zunisten versucht, dadurch erregte sie die liebevollste Aufmerk- samkeit der Zentrumsgeistlichkeit. Diese wütete gegen das Blatt fast noch mehr als gegen die sozialdemokratische Presse. Sogar von der Kanzel herab wurde vor dem Blatt gewarnt. Besonders bunt trieb es der Pfarrer Poiger von March.bei Regen, der im Sommer v. I. beim Gottesdienst eine Kapuzinerpredigt gegen das arme fortschrittliche Organ hielt und es u. a. als antikirchlich, sittengesährdend usw. bezeichnete. Er wurde deshalb von dem Redakteur wegen Beleidigung verklagt, vom Gericht in Regen aber freigesprochen, weil er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe. Der„Kladderadatsch" vor Gericht. Ein kleines Gedicht des„Kladderadatsch" hat Veranlassung zu einer Privatklage des Pfarrers Müller-Schmalleningken gegen den verantwortlichen Redakteur des„Kladderadatsch", den Amtsgerichts- rat a. D. Max Friedländer, gegeben, die gestern vor dem Amts- gericht Berlin-Mitte verhandelt wurde. Nach einer Zeitungsnotiz sollte Pfarrer Müller in einer politischen Versammlung zu Schmalle- ningken, in welcher auch ein vielbesprochener Artikel der„Post" zur Sprache kam, gesagt hcpen: Die„Post" stehe den Liberalen sehr nahe und diesen sei die jüngste Entgleisung der„Post" anzurechnen. Daraufhin veröffentlichte der„Kladderadatsch" ein kleines Gedicht unter der Ueberschrift„Müller-Schmalleningken", dessen letzte Strophe lautete:„Er hat wohl einen Triller— Er tut zuviel wohl trinken— Der würdige Pfarrer Müller,— Der Mann aus Schmalle- ningken."— In der nächsten Nummer veröffentlichte der„Kladdera- datsch" eine Berichtigung des Pfarrers, in welcher dieser bestritt, jene Bemerkung überhaupt gemacht zu haben, und die Redaktion fügte hinzu, daß damit auch die Voraussetzung zu jenem kleineu Gedicht von selbst wegfalle. Pfarrer Müller war damit aber nicht zufrieden, sondern strengte die Privatklage an. Im gestrigen Termin bestritt der Angeklagte die Absicht der Beleidigung; in den wenigen Strophen sollte nur in humoristischer Weise die politische Weltfremdheit eines Mannes gegeißelt werden, der behaupte, die „Post" stehe den Liberalen sehr nahe. Mit den Worten„Triller" und„trinken" sollte dem Pastor beileibe nicht der Vorwurf der Geistesgestörtheit oder der Trunksucht gemacht werden, das seien vielmehr Uebertreibungen, wie sie einem humoristisch-satirifchew,� Blatte gestattet seien. Wenn in humoristischen illustrierten Blättern .Herr v. Bethmann Hollweg beispielsweise als Bettler dargestellt wurde, der. die Konserbasiven unhi,dss.. Zentrum um eine milde�. Gabe anspricht, oder als Troubador, der bei seiner Werbung um die konservative Schöne einen Topf Wasser über den Kopf erhält, so werde der Reichskanzler niemals annehmen, daß mit diesen Bil- dern wirkliche Vorgänge wiedergegeben fein sollten.— Das Gericht erkannte aus denselben Erwägungen auf Freisprechung. Ein so verständiges Urteil gehört zu den Raritäten aus dem Justizpalast._ „Der König der Taschendiebe" soll der Spitzname des Kaufmanns Paul Weist aus Budapest sein, der gestern in Gemeinschaft mit dem Agenten Dietrich Wünschbach und dem aus Ungarn stammenden Kellner Reszo LiSzai vor der 4. Strafkammer des Landgerichts I stand, um sich wegen fortge- setzter Taschendiebstähle zu verantworten. In der zweiten Hälfte des vergangenen Sommers häuften sich bei der Kriminalpolizei die Anzeigen über Taschendiebstähle, die besonders an den Halte- stellen der Straßenbahnen, vor den Schaufenstern der Waren- Häuser usw. ausgeführt worden waren. Vielfach waren Frauen in dem Augenblick, als sie die Straßenbahn bestiegen, die Hand- taschcn geöffnet und, ohne daß sie in dein Gedränge etlvas bc- merkten, die Portemannaies daraus gestohlen worden. Die von der Kriminalpolizei angestellten Ermittelungen führten zur Ae- obachtung der drei Angeklagten und schließlich zu deren Festnahme. Weiß, ein alter Taschendieb, der in Ungarn häufig und schwer bestraft und des Landes Vertviesen wurde, hatte seine Tätigkeit nach Berlin verlegt. Der Angeklagte Liszai ist am 23. Ok- tobcr vor dem Opernhause bei dem Versuch eines Taschen- diebstahls abgefaßt Ivorden und verbüßt die ihm deswegen auf- erlegte Strafe zurzeit in Plötzcnsce. Der Angeklagte Wünschbach wird von der Polizei als das Haupt einer internationalen Taschcn- diebcsbande angesehen, der den Dieben Unterschlupf gewährt, die Gelegenheit zu Diebstählen ausgespäht und die Diebe auf die Polizei aufmerksam gemacht haben soll. Er bestreitet dies cncr- gisch, obtvohl tatsächlich mehrere Taschendiebe hintereinander bei ihm gewohnt haben. Ihm ist infolge schwerer Krankheit der rechte Arm operiert worden und er beruft sich auf einen ärztlichen Gut- achter für seine Behauptung, daß er mit seiner linken Hand gar nicht im Stande sei, Taschendiebstähle auszuführen. Außerdem will er nur als Bigilant der Kriminalpolizei gehandelt haben. Tatsächlich hat er verschiedene Male Mitteilung davon gemacht, wenn irgendwo angeblich ein„Ding gedreht" werden sollte, eS scheint aber, als ob dies nur eine geschickte Mache von ihm ge- Wesen sei und den Zweck habe, die Taschendiebe auf diese Weife mit den Kriminalbeamten bekannt zu machen, vor denen sie sich in acht zu nehmen hätten.. Das ist wenigstens die Ansicht der Kriminalpolizei. Da zur Sprache kam, daß der Angeklagte in- folg« wiederholter schwerer Krankheiten sehr aufgeregt ist und sich mit allerlei abenteuerlichen Plänen— unter anderem mit der Gründung eines großen Detektiv-Jnsiituts ä la Shcrlock- Holmes— beschäftigte, so entsprach das Gericht einem Antrage der Verteidigung, indem es beschloß, die Sache zu vertagen und den Medizinalrat Dr. Hoffmann zu beauftragen, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Wandergewerbe und GlücksspiclbillardS. Zur Aufstellung eines sogenannten„Olympiabillards" hatte Herr Steffen aus Breslau einen Wandergewcrbcschein beantragt. Der Wandergewcrbeschein wurde ihm versagt. Der Bezirksausschuß u Breslau wies auch die Klage Steffens ab. Die Inbetriebnahme es„Olympiabillards", auf dem die Gcldcinsätze der Spieler, ab- gesehen von einem Teil für den Billardinhaber, ausgespielt werden, wurde als Glücksspiel angesehen. Das Oberverwaltungsgcricht gab dieser Tage der Berufung de? Klägers insofern statt, als es die Sache an die Vorinstanz zurück- verwies. Begründend wurde ausgeführt: Unzweifelhaft handele es sich um eine Lustbarkeit, die auf dem Platze für jedermann an- geboten werde. Und es gehöre unzweifelhaft dazu ein Wander- gewerbeschcin, wenn die Voraussetzungen des Wandergewerbes ge» geken seien, wie hier. Nun könne vorliegend ganz dahingestellt i das Bekleidungsgewerbe aufzuweisen. Die beiden bleiben, als was das�Olympiaspiel anzusehen sei. Selbst wenn es höchsten Lohnklassen umfaßten nur 1,3 und v,8 Proz. aller als Glücksspiel in Form einer Ausspielung angesehen werde, so könne doch nicht deshalb ohne weiteres der Wandergewerbeschein versagt werden. Zu solchen Ausspielungen wäre allerdings, soweit eS sich nicht um Gegenstände von geringem Werte handele, für die die Ortspolizei in Frage käme, die Genehmigung des Oberpräsi- Kenten erforderlich. Eine solche Ausspielung sei aber an sich nicht verboten, sondern nur ohne Genehmigung verboten. Da sie also doch genehmigt werden könne, so wäre die bedingungslose Ver- sagung des Windergewerbescheines dafür nicht zu rechtfertigen. Es könnten aber andere Gründe, als der hier allein geltend gemachte Grund, zur Versagung des Wandergewerbcscheines führen, z. B. die Bedürfnisfrage. Somit müsse, da der Bezirksausschuß fälschlich die Erteilung des Wandergewerbescheines überhaupt für unzulässig erachtete, die Vorentscheidung aufgehoben und die Sache an den Bezirksausschuß zurückverwiesen werden, damit er nachprüfe, ob etwa andere Gründe die Versagung rechtfertigten. Hm der Frauenbewegung. « Arbeiterinnenlöhne. Das vom Kaiserlichen Statistischen Amte herausgegebene „Reichs-Arbeitsblatt" veröffentlicht in seiner letzten Numnrer die Lohnklassen st ati st ik der Leipziger Ortskrankenkasse, die am Ende des vergangenen Jahres zirka 180 OM Mitglieder besaß. Uns interessieren an dieser Stelle die Löhne für Frauenarbeit. Int Oktober 1911 befanden sich von 39 102 weiblichen Kassenmitgliedern in der höchsten Lohnklasse(1,51 M. und mehr per Tag) nur 729. in Klasse II(4,01-�1,50 M.) 435, in Klasse III(3,51 bis 4 M.) 1493, in Klasse IV(3,26—3,50 M.) 866, in Klasse V (2,51—3,25 M.) 8170, in Klasse VI(2,01—2,50 M.) 11 550 und die siebente Lohnklasse mit einem Tagesverdienst von 1,51— 2 M. hatte die H ö ch st z a h I aller versicherungs- Pflichtigen weiblichen Mitglieder mit 15 859 aufzuweisen. Das bedeutet in anderen Zahlen ausgedrückt: Von je 100 weiblichen Kassenmitgliedern mußten 29 von einer Wochen- einnähme von 9—12 M. leben, und das in Leipzig mit seinen hohen Lebensmittelpreisen und seinen ebenso schlechten wie teueren Wohnungen. Jedem Kenner der Verhältnisse leuchtet ohne weiteres ein, daß so miserabel entlohnten Ar- beiterinnen nur die Wahl bleibt zwischen Hungern und Darben und der Preisgabe ihres Körpers für Geld. Die niedrigsten Löhne hatten Landwirtschaft und G ärtnerei sowie Kassenmitglieder. Fester Zusammenschluß in der Organisation kann allein den Tausenden von schlechtbezahlten Arbeiterinnen in Leipzig wie anderwärts aus drückender Not und drohender Schande zu menschenwürdigen Arbeitsbedingungen verhelfen. Hier blüht der Werbearbeit der Genossinnen ein reiches Feld schwieriger, aber auch lohnender Tätigkeit. Zcntralverband der Hausangestellten. In der in den„Jnduftrie-Festsälen" stattgefnndenen General- Versammlung der Ortsgruppe Berlin erstattete Frl. Arndt den Bericht des Vorstandes für das Jahr 1911. Eine rege Agi- tation wurde während des ganzen Jahres entfaltet; 29 Sonntags- und 22 Wochentags-Verscrmmlungen und Veranstaltungen zählte die Vorsitzende auf. In den Versammlungen, die stets gut besucht waren, wurden fast immer, belehrende und unterhaltende Vorträge geboten. Auch die übrigen Veranstaltungen erfreuten sich stets reicher Teilnahme und brachten dem Verband neuen Zchvachs. Seit Oktober sind Fortbildungsabende eingerichtet worden, die alle 14 Tage stattfinden und ourchschnittlich. von 25 Mädchen besucht werden. Das Auskunftsburcau wurde ständig stark in Anspruch genommen. In zahlreichen Fällen vertrat die An- gestellte Frl. Lücke die Ansprüche der Mitglieder vor Gericht, oft- mals mit gutem Erfolge. Vielfach gelang eS auch, Differenzen mit den Herrschaften auf gütlichem Wege zu schlichten. Sehr oft kamen NichtMitglieder und erbaten die Hilfe des Verbandes in Bedrängnis und Not. In solchen Fällen konnte natürlich nur in beschränktem Maße Hilfe gewährt werden. Die Mitgliederbewegung zeigt 732 Neuaufnahmen, im ganzen gingen aber 543 Mitglieoer wieder verloren, so daß ein Gewinn von 229 zu verzeichnen ist. Viele wechseln die Stellung, ohne dem Verband die neue Adresse einzusenden, manche heiraten, aber viele mußten auch wegen rückständiger Bei- träge g e st r i ch e n werden. Die Mitgliederzahl betrug am Schlüsse des Jahres 1139. Nach dem Kassenbericht betrugen die Einnahmen 6927,19 M., die Ausgaben dagegen 7374,94 M. Am Schlüsse des Jahres war ein Bestand von 1317,44 M. vorhanden. Für Krankcnunterstützung wurden 378,39 M., für Rechtsschutz 32,89 M. ausgegeben, für Vorträge und Saalmiete 299,89 M. Die Vorsitzende machte bekannt, daß Frl. Lücke, die Leiterin des Berliner Bureaus, vor einiger Zeit schwer erkrankte und die sofortige Einstellung einer Ersatzkraft nötig war. Ter Posten wurde Frl. Pete reit übertragen. Diese Maßnahme stieß auf vereinzelten Widerspruch, der aber vom Vorstande als durchaus ungerechtfertigt zurückgewiesen wurde. Todes-Anzeigen Am Mittwoch, den 14. Februar, nachmittags 5 Uhr, enlichlies nach langem schweren Leiden, mein lieber Mann, der Restaurateur Eimst Greulich im 47. Lebensjahre. Um stille Tellnahme bittet die trauernde Witwe Zlwrkv(Ki-euUcK, Berlin N., Utrechter Straße 9.' Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Februar, nach« mittags Lstt Ubr, von der Leichen- Halle des St.-Philippus-Aposteb Kirchhofes aus statt. 8ll!izIlIellil!lll'ZtiZl!lier Wahlvereii] des g. Beri. Reichstags-Wahlkreises. Todesanzeige. Am Mittwoch, den 14. Februar, verstarb unsere Genossin VieKsiädt Liebcnwalder Straße 16o. Ehre ihrem Andenken k «Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 17. Februar, nachmittags 21/, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- hoses, Müller- Ecke Seejwaße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter der Vorstand. Eine Reihe von Anträgen an den Verbandstag, der im April in Berlin stattsindet. kamen zur Besprechung und gelangten die folgenden zur Annahme: Der Vcrbandstag wolle beschließen: 1. Das Zentralorgan des Verbandes, das jetzt monatlich er- scheint, alle 14 Tage herauszugeben. 2. Ein Werkbüchlein mit Kalender für Hausangestellte heraus- zugeben. 3. Eine schärfere Präzisierung des Anspruchs auf Krankengeld, unter Berücksichtigung der Erholungsbedürftigen festzulegen. 4. Eine Regelung der Gehälter für die Verbandsangestellten vorzunehmen. 5. Für die männlichen Hausangestellten das Eintrittsgeld und die Monatsbeiträg« zu erhöhen, um dadurch eine höhere Kranken- Unterstützung für die männlichen Mitglieder zu ermöglichen. Als Delegierte zum Berbandstag wurden getvählt Frl. Arndt, Frl. Lücke und Frau Bahr.— Der bisherige Borstand der Berliner Ortsgruppe wurde wiedergewählt. Versammlungen— Veranstaltungen. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Sonntag, den 18. Februar, abends 6(Ihr: Stiftungsfest in Kellers „Neuer Philharmonie", Köpenickerstr. 96/97. Billetts a 59 Pf. sind in den Zahlstellen und an der Kasse zu haben. Montag, den 19. Februar, findet die Generalversamm- l u n g des Vereins statt. Mitgliedsbuch legitimiert, Eingegangene Dmckfdmften. Geschichte des neuen deutsche» Liedes, l. Teil: Von Albert bis Zelter. Von H. Kretzschmar. 7,50 M., gebd. 9 M. Brcilkops u. Härtel, Leipzig. Tuberknlose-Zlusstellung Bcrlin-Wilmersdorf ISU, 151 Sellen. Verlag:„Wilmersdorfer Zeitung". „Berliner Tagcblatt«-Polirik! Von H. Burger. IL S. Selbst- Verlag, Charlottenburg._' Briefharten der Redahtfon. R. B. 26. 1. und 2. Nein.— P. D. 4. Ja.— Fr. M. 1.«n den Landrat.—11)0 W. H. Nein.— A. B. 80. Ja. Sie müssen das Schcidungsurtcll, mit Rechtskraftattest versehen, vorlegen.— ÜB. Z. 100. In letzter Instanz beim Finanzminister.— ffi.(i). 48. Ja, etwa 80 M. monatlich.— F. B. 100. Strafbar nicht. ZahlungSpflicht besteht.— H. B. III. Das Auslösungsrccht des Bundesrats ist durch Gesetz nicht be- schränkt.— A. I. 16. Läßt sich nur an Oand des Kassenstatuts be- urteilen.—®. K. L. 1. Die Kosten richten sich nach dem vom Gericht angenommenen Objekt. 2. Der Verein erlangt Rechtsfähigkeit. Ob das im vorliegenden Fall ei» Vorteil ist, läßt sich ohne unsere Kenntnis der Umstände nicht sagen.— E. K. 124. t. Ja. Hat aber der Vermieter ander. weit Entschädigung erhalten, so können Sie Anrechnung sordern. 2. An- gemessenen Betrag ja. Ob 3 M. angemessen sind, können wir nicht wissen. ZcMeWkratischerWahiira des 6. Bert. Beiehstags-Wahlkrelses. Todesanzeige. Am Mittwoch, den 14. Februar, verstarb unser Benos e, der Schankwirt krnst Greulich Utrechter Straße 9. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 17. Februar. nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Friedhofes, Müller- Ecke Seestraste, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ver Vorstand. Vertianil der Schneider, Schneiderinnen ii. Wäschearheiteri Filiale Berlin III. Den Mitgliedern zur Nachricht, I daß unser Mitglied, die Näherin| Frau Anna Vieiistädt (Firma A. Nürnberg) im 34. Lebensjahre verstorben ist.| Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am s Sonnabend, den 17. Februar, nachmittags 2'/, Uhr, von derj Halle des Phllippus-Aposlel-gried- dojeS aus aus dem städtischen| Friedhos in der Scestraße statt. Um rege Beteiligung ersucht 252/1 Bio Ortsverwaltung. Deuiseber Holzarbeiter- Verband Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Karl Seidel Neukölln, Warthestr. 53 im Alter von 48 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Februar, nach. mlltagS 3'/, Uhr, von der Halle des Neuköllner GemeindcsriedhojS am Mariendorscr Weg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 79/1 Die OrtSverwaltung. Allen Genossen und Kollegen! s die traurige Mitteilung, daß am! llag, den 9. Februar, mein' | lieber Mann, der Gastwirt Herrnaim Werner Treptow, Harzer Straße 117 I durch Unglückssall plötzlich ver- j starben ist. 29936 Die trauernden Hinterbliebenen. Witwe Else Werner nebst Söhnchen. Die Beerdigung findet heute, I nachmittags 3'/, Uhr, von der I ! rtcichenhalle des Treptower Gc- meinde-Friedhofes, Neue Krug. Allee, aus statt. Für die Beweise herzlicher Teil» nähme bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich allen Bekannten und Parteigenossen sowie dem Gesang- verein.Schöncberger M ämiccchoi" und dem Genossen Küter sür die wostreichcn Worte am Grabe meinen innigsten Dank. Emil WiBke. Danksagung. Für die vielen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich allen Verwandten und Be- kannten, sowie dem Herrn Ches und den werten Kollegen der Firma O. Wesphahl und der Firma Kroll u. Plötz meinen herzlichsten Dank. Der trauernde Gatte Faul Gerohow, Danziger Straße 85. Am 14. d. Mts. verstarb nach kurzem Krankenlager meine liebe Frau, unsere gute Mutter änna Viebstädt geb. Schulz im 34. Lebensjahre. Die trauernden Hinterbliebenen. Friedrieli Viebstädt nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. d. Mis nachmittags S>/. Uhr. von der Leichenhalle des Pbilippus-Avostcl- Kirchhoscs ans nach dem städtischen Friedhosc, Scestraße, Ecke Müller- straße statt. Mcher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Mechaniker Paul Rosemann am 12. d. Mts. an Gehirnblutung gestorben ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 16. d. MtS., nachmittags 4 Uhr. von der Leichen- balle des Tempelhofer Gemeinde- Friedhoscs, Tempelhos, Germania- straße aus statt. ■w Zentralverband der Töpter u. Beruh genossen Deutschi. Filiale Groll-Berlin. Den Kollegen zur Kenntnis, daß unser Mitglied, der Kollege Emil Musolt (Bezirk Osten) am 11. d. Mts. im Alter von 74 Jahren plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Freitag, den 16. Februar, nach- mittags 3 Uhr, in Hohenschön- Hausen auf dem Knchbos der St. Markus« und AndreaS-Ge» meinde. Berliner Str. 33/34, statt. Um rege Beteiligung ersucht 192/2 Der Borstaud. Ferner starb unser Mtglicd, der Schlosser Otto Lehmann am 14. d. Mts. an Lungenleiden. � Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Februar, nach- mittags 3'/« Uhr, von der Leichen- Halle des Emmaus-Kirchhoses in Rixdors, Hermannstraße, aus statt. Ehre ihrem Andeukeu! Rege Beteiligung erwartet 112/11 Oie Ortsverwaliung Nach langen, schweren Leiden verstarb am 13. d. Mts. meine liebe Frau fölarie Werth. Dies zeigen tiesbetrüdt an �Max Werth. Frau Hausmann. Beerdigung: Sonnabend, den 17. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, auf dem Emmaus-Kirchhof, Her- mannstraße. Buchhandlung Vcrwärts Berlin, Lindenstr. 69(Laden). Sozialdemokratisebe JlngsGhriften Heft 1: Sozialdemokratie und Arbeilerversicherung. Heft 2; Volksbildung, Wisson- schaft, Kunst und Sozialdemokratie. Heft 3: Sozialdemokratie in den Gemeindevertretungen. Heft 4: Die Sozialdemokratie und die technischen Angestellten in Industrie u. Gewerbe, Bergbau, SchiSahrt u. Landwirtschaft. Heft 5: Die Sozialdemokratie und das Heer. Heft 6: Lebensmittelwucheru. Warenteuerung. Heft 7: Beamtenschaft und Sozialdemokratie. Heft 8: Oie indirekten Steuern und Zölle. Wer sie zahlt und wem sie nützen. Heft 9: Warum mußt Du Sozialdemokrat sein 7 Heft 10: Dia Sozialdemokratie als Arbeitgeberin und URternehmerin. Heft 11: Die Landbevölkerung und die Sozialdemokratie. Preis für Jedes Eeft lö PI. 'Jeder Hrbeiter, jeder Handwerker Tollte zur Hrbcit die Lederboso i Herkules tragen. S Unerreichte= Leistungsfähigkeit. Allein• Verkauf. Sehr starkes Leder in grauen u. braunen Streifen, auch einfarbig. Am Bund arzg einem Stuck ge"- arboitot, wodurch besondere Haltbarkeit bedingt ist Sehr feste Kappnähte m. stark. Gav Schwer« Leaer-Pilot-läameo. Grote Flicken umsonst Trota dieser vielen und anderer Vorzüge kostet M die Herkules- Hpse für£J, ,,_A normale Mannes- OröBe» lVl. WI Berufs- u. Schutzkleidung für alle Zweige der Gewerbe u. Industrie, Sanitätsdienst usw. 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Februar, vormittags 8 Uhr, von den bekannten Stellen aus: Flugblattverbreitung. Die Bezirksleitung. Treptow-Baumschulcnwcg. Die Mitglieder des Wahlvereins. welche heute an der Beerdigung des Genossen Werner teilnehmen, treffen sich um 2'/, Uhr im Bezirkslokal von Ringeltaube, Grnetz- straffe 1. Der Vorstand. Tegel. Die SammeUisten Nr. 15 334 und 15 396 zu den Reichs- tagsivahlen sind verloren gegangen. Es wird gebeten, bei Vor- legung die Listeil anzuhalten und an die Bezirksleitung abzuliefern. Bernan. Die Genossen und Genossinnen, die an der Beerdi- gung des Genossen Günter, Rollberg, teilnehmen, treffen sich 3'/� Uhr am„Schützenhaus". Die Bezirksleitung. Buch. Sonnabend, den 17. Februar, abends 8'/z Uhr, auffer- ordentliche Mitgliederversamnilung bei Starke, Bahnhosstr. 0. Ans der Tagesordnung steht unter anderem: Aufstellung eines Kandidaten zur Gemeindewahl. Alt-Landsbcrg. Am Sonntag, den 18. Febnmr, nachmittags 3 Uhr, in Alt-LandSberg-Süd im Lokale des Herne Thomas Schmidt: Kommunalwählerversammlnng. Nicdcrlrhme. Sonnabend, den 17. Februar, abend? 8 Uhr, im Lokal von Koch, Jägersruh: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. HalbjohreSbericht. 2. Abrechnung von der ReichstagSwahl. 3. Wahl der Delegierten zur Kreisgeneralversammlung. 4. Auf- stellung der Kandidaten zur Gcmeindevcrtreterlvahl. Dabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 17. d. M,, abends 8 Uhr, bei Wiese: Anfferordentliche Mitgliederversammlung. TageS- ordnung: Aufstellung der Kandidaten zur Gemeindcwahl. __ Der Vorstand. Berliner Nachrichten. Aus der Stadtverordiieteuversammlung. Die Stadtverordnetenversammlung hatte gestern eine Reihe bedetltnngsvollcr Vorlagen zu erledigen. Besonders wichtig war die Beschlithfassung über die Fluchtlinienfestsetzung für das Borsigsche Gelände in Moabit. Die Angelegenheit war dringlich geworden, weil der Polizeipräsident eilt Baugesuch genehmigen wollte, wenn die Gemeindebehörden nicht inner- halb drei Tagen einen Beschlutz herbeiführen. Aus diesem Grunde wurde der Antrag des Ausschusses, der am Mittivoch- abend nach nochmaliger Beratiing gefatzt worden war und der Annahme der Magistratsvorlage enipfahl, sofort nach Erledi- gung des ersten Punktes verhandelt. Die Gegner der Magistrats- Vorlage waren geringer geworden und es erfolgte die An- nähme der Vorlage ohne Widerstand. Durch diese Flucht- linienfestsetzung soll eine Reform im Wohnungswesen herbei- gesührt werden; sie verhindert die Besitzer des Geländes, dasselbe baulich auszuschlachten und zwingt zum Bau von Mittelwohnungcn ohne Hintergebäude und Seitenflügel; so datz Wohnungen gebaut werden, die genügend Luft und Licht haben. Damit dürfte den Treibereien der Terraingescllschaft „Union" einstweilen ein Riegel vorgeschoben sein. Von Wichtigkeit war die Debatte über das acht- klassige Genleindeschul-System aus Anlaß einer Anfrage der sozialdemokratischen Fraktion an den Magistrat. Genosse Dr. A r o n s begründete die An- frage mit dem Hinweis auf die beunruhigenden Mitteilungen über die Verhandlungen einer von der Re- gierung zusammenberufenen Kommission zur Revidierung des Lehrplans und Schaffung eines Ausgleichs zwischen den Schulvcrhältnissen Berlins und der Vororte. Der Stadt- schnlrat Fischer beschränkte sich in seiner Antwort darauf, zu erklären, datz über die Verhandlungen der eingesetzten Kommission Amtsverschwiegenheit proklamiert sei und er deshalb sich über den bidherigen Verlauf der Besprechungen nicht äußern könne. Er ging aber für seine Person näher auf den Wert und die Bedeutung des achtklass:-> n Schulsystems ein. Erfreulich war es zu hören, wie der Schulrat ganz offenherzig zugab, datz er heute ein unbedingter Anhänger der Achtklasscnschule sei, während er früher in dieser Frage etivas anders gedacht habe. Herr Fischer belegte seine Anschauung auch mit guten Gründen und zerpflückte alle Einwände gegen die Achtklassenschule in recht glücklicher Weise, nicht ohne bei manchen Kommunal- freisinnigen einiges Mißbehagen zu erwecken. Er gab der Hoffnung Ausdruck, datz Berlin sein Schulsystem behalten und noch»vcitcr ausbauen werde. Nach dem Schulrat nahm der Vorsteher Mi'chelet das Wort, um vom Vorstandstisch aus des Herrn Bertram zu gedenken und auch seinerseits für das achtklassige Schulsystem obne fede Einschränkung eine Lanze zu brechen. Unter keinen Umständen dürfe die Stadt Berlin den Krebsgang zur siebcnklassigcn Schule gehen. Dann kam wieder ein Schulmann, Herr Stadtverordneter K n a u e r, zum Wort, der in warmer und sachkundiger Weise dem Achtklassen- system als der vollkommensten Schulorganisation das Wort redete. Endlich kam Herr Cassel an die Reihe, der als ein Wider- sacher des jetzigen Schulsystems bekannt ist und dem erst dieser Tage sein Parteifreund, der bekannte Schulmann I. TeivS in einer hiesigen Tageszeitung gehörig die Leviten gelesen hattd. Wenn auch Herr Cassel versicherte, datz er und seine Freunde an dem bisherigen Schulsystem nichts ändern wollten, sondern bestrebt seien, dasselbe zu vervollkommnen durch entsprechende GestaUmig des Lehrplanes, so weiß doch jeder, der die Ausfälle des Herrn gegen die ihm unbefriedigenden Ergebnisse des Heutigen Schulsystems hörte, wo hinaus Herr Cassel will, hat er doch vor drei Jahren im Rathaus ganz offen da- von gesprochen, datz die siebenklassige Volksschule das richtige sei. Genosse Arons zeigte den Weg, noch bessere Ergebnisse als heute herbeizuführen; man solle die immer noch zu hohen Frequenzen herabsetzen, dann würde sich vieles bessern. Man kürze doch auch die höheren Schulen nicht, obgleich bekannt ist, daß nur ein kleiner Prozentsatz die Oberklasse erreicht. Nach einigen Auseinandersetzungen zwischen Herrn Knauer und Herrn Cassel war die Debatte erledigt. Sie hat gezeigt. daß die Verschlechterer der Volksschule im Rathause sich heute weniger offen hervorwagen als vor drei Jahren. Aber auf der Hut müssen wir sein I Auf sozialdemokratischem Antrag hin ging die Magistrats- Vorlage, die die Versilberung der Markthalle in der Dorotheen- stratze vorsieht, an einen Ausschuß. Ein Aktionskomitee zur Hebung der Berliner Wohnungsnot. Man mutz den Zweckverband zwingen, zu tun, wozu er berufen wurde: dem Grotz-Berlin eine halbwegs vernünftige Wohnungs- und Verkehrspolitik zu verschaffen und damit den Grund zu einer erträglichen städtebaulichen Ausgestaltung des gesamten großberlinischen Städtekomplexes zu legen. Man mutz ihm zu Hilfe komnien, denn er allein wird zu schwach, zu wankelmütig, zu vielbefehdet und gar zu uneinig sein, um aus eigener Kraft Pofmves zu leisten. Auch darf nicht vergessen werden, daß in ihm die Interessen der Woh- nungsproduzenten und des Bodcnkapitals unendlich besser vertreten sind, als die der Wohnungskonsumenten. Darum mutz die Stoßkraft des Zweckverbandes gesteigert werden, es müssen die Massen, auf denen all die Nöte des Wohnungs- elends und der mangelhaften Stadtanlagen lasten, aufstehen, um die ein wenig spröde Organisation zu drängen, daß sie nun wirklich ihren Zweck erfülle. Der Zweckverband mutz Wind in die Segel bekommen; solchen Wind anzufachen, Sturm zu blasen, ist die Absicht eines Aktionskomitees, das sich am vergangenen Montag konstituierte, ausdrücklich zu dem Zweck, die öffentliche Meinung, die Versklavten des Boden- kapitals über die Dringlichkeit einer Reform besser, als bis- her geschehen, aufzuklären und anzueifern, daß sie nicht nach- lassen, zu fordern, was die Vernunft und die Gerechtigkeit längst erreicht haben müßten. Nun ist es gewiß richtig, datz schon seit langem mancherlei geschehen ist, das Volk zum Kampf gegen den Wohnungswucher zu führen; besonders die Sozialdeinokratie hat niit energischer Konsequenz jede Ge- legcnheit benutzt, aufzuklären und anzugreifen. Indessen, die Gegner, die es hier zu überwinden gibt, sind so hartnäckig, und der gegenwärtige Stand des Wohnungselends ist ein so ungeheuerlicher, datz nie genug geschehen kann. Wenn das neue Aktionskomitee wirklich ernsthaft und furchtlos an die Arbeit geht, kann es der Unterstützung derer gewiß sein, die seit langem der heutigen grotzberlimfchen Wohnungs- und Verkehrspolitik den Krieg bis aufs Messer erklärt haben. In dem neuen Aktionskomitee sitzen nebeneinander: der frühere Kolonialfekrctär Dernburg, der Geh. Regierungsrat Hermann Muthesius, der Direktor des Statistischen Amtes von Schöneberg Dr. Kuczynski und Siidekum; die spezielle Geschäftsführung leistet Dr. Werner Hegemann, der Leiter der Städtebauausstellungen, jener bedeutsamen Demonstratio- neu, durch die auch die sogenannten Gebildeten einmal er- fuhren, wie es eigentlich um die Wohnungsnot, auch um die eigene, bestellt ist. Der Einladung dieses Komitees waren bekannte Fachleute und Sachkenner gefolgt; sie fanden sich zusammen in der Erkennwis, datz es höchste Zeit ist, in ge- schl-Hsener Phalanx gegen den schon seit langen! geschlossen operierenden Feind zu marschieren. Es gilt einen Kreuz- zug der Aufklärung uin eine aktionsbereite Spitze zu sameln. Von den Referaten wollte das Südekums besonders be- sonders beachtet sein. Es gab in gedrängter Zusammen- stellung die grausamen Zahlen der gegenwärtigen Wohnungs- zustände. Deren schlimmste ist, dqtz in rund IlXlOOO Wohnungen 600 000 Menschen leben müssen. Ohne Pathos konnte Siidekum die Vorführung dieser brutalen Ziffern mit dem bekannten Wort der Magarethe Macmillan schließen:„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so gut töten wie mit einer Axt." Es ist sicher, datz, wenn diese Ziffern vom Volk erst einmal begriffen wurden, die Aktion gegen solche systematische Verelendung der Wohnungskonsumenten einigermaßen drohend werden wird. Das Aktionskomitee will nicht zögern, den reichen Vorrat an Elends- statistik auf die Stratze zu werfen, ihn durch Flugblätter, Plakate und Versammlungen den Massen immer und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wie richtig solche Absicht ist, bewies sehr schnell der an der Versammlung teilnehmende Oberbürgermeister Kirschner; er widersprach entschieden solcher Agitation, er bestritt auch unbedingt die Wahrheit solck)er aufreizenden Zahlen. Er mutzte sich allerdings bald belehren lassen, datz seine Kenntnis von den Wohnungs- zuständen der Reichshauptstadt allzu optimistisch ist; er hätte das eigentlich selber wissen können, denn die offiziellen„Sta- tistischen Monatshefte" von Grotz-Verlin haben von solcher Ueberfüllung eines erheblichen Teiles der Berliner Woh- nungen schon immer sehr deutlich berichtet.(Ungefähr die Hälfte aller Berliner Wohnungen gehören zu den Einzimmer- oder Einraumwohnungen: in 416 351 Wohnungen von nicht mehr als ein oder zwei Zimmern wohnen 1% Millionen Menschen.) Der Oberbürgermeister wird eingesehen haben, datz die Zustände in der Tat unhaltbar geworden sind, und daß mit einer Verheimlichung nichts erreicht werden kann. Da im übrigen aus seinen Worten eine schwere Resignation hervorklang, ein stummes Bekenntnis von ohnmächtigen Kämpfen mit allzu zähen Widerständen, da er obendrein von deni Zweckverband, wie er heute ist, nur gar zu wenig er- wartet, so dürfte Herr Kirschner es als einen Trost empfunden baben, daß das neugegründete Aktionskomitee ihm und dem Zweckverband sozusagen eine Rückenstärkung verschaffen will. Das kann allerdings nur geschehen, wenn das Komitee wirklich mit vollem Ernst und ohne irgendwelche Rücksicht den ge- Planten Kreuzzug der Aufklärung, den vorgenommenen Krieg gegen die Anmaßungen der Wohnungsproduzenten und Stadt- verderber durchführt._-. Die Friedhossfrage betrifft eine Anfrage, di« die Herren Cassel und Genossen an den Magistrat gerichtet haben. Die Anfrage lautet: „Die Uuterzcichneteni ersuchen den Magistrat um die Beant- Wartung nachstehender Fragen: 1. Welche Umstände hindern die ortspolizeiliche Genehmi- gung der Anlage eines städtischen BegräbnisplatzeS auf dem Terrain Karow-Buch? _ 2. Welche Maßregeln gedenkt der Magistrat zu ergreifen, diese Genehmigung herbeizuführen?" Wir haben kürzlich eingehend dargelegt, datz die Einwände dcS Konsistoriums der Provinz Brandenburg gegen die Errichtung eines Friedhofes der Stadt Berlin lediglich in Konkurrenzrücksichten zu suchen sind. Weil die großen kirchlichen Zentralfriedhöfe in Stahnsdorf und Ahrensfelde nicht genügend benutzt werden, soll die Stadt Berlin verhindert werden. Verstorbene zu beerdigen,, für die gezahlt wird, und somit veranlassen, datz die kirchlichen Friedhöfe in Anspruch genommen werden. Diese Zumutung an die Stadl Berlin ist so ungeheuerlich, daß es in weiten Kreisen der Berliner Bevölkerung das größte Aufsehen erregt. Bcteranenspcude. Der Magistrat hat in dem Etatsenttvurf für 1912 wie im Vorjahre die Summe von 169 999 M. als Beihilke an Veteranen aus den Kriegen 1894, 1866 und 1379/71 vorgesehen. Die Veteranenspende erhalten nur solche Veteranen, welche zur Fahne einberufen waren, deni Unteroffizier- oder Gemeinenstande angehört und in Feindesland gestanden haben: sie müssen würdig und be» dürftig sein und in Berlin(nicht in den Vororten) ihren Wohnfitz haben. Personen, die in den städtischen Anstalten außer- halb Berlins Aufenthalt haben, gelten als in Berlin wohnhaft. Die Zuwendungen haben den Charakler von Ehrengaben. Gesuche um Berücksichtigung sind bis Ende März d. I. an die städtische StiftungS- deputation Poststr. 16 einzureichen. Die Tribiinenkarten für den Reichstag sind infolge b'cS lebhaften Interesses, das gegenwärtig den Reichstagsverhandlungen entgegengebracht wird, bereits bis zum 6. März vergriffen. Wir werden von berufener Seite gebeten, mitzuteilen, daß bis zu diesem Termin Meldungen nicht mehr entgegengenommen werden. Absturz eines Fliegers. Der Flieger Schmidt wurde gestern, als er infolge Versagens deS Höhensteuers aus größerer Höhe nieder- gehen mußte, bei der heftigen Landung aus seinem Apparat ge« schleudert und erlitt einen Beinbruch und schwere innere Verletzungen. Der Apparat, ein Doppeldecker, wurde vollkommen zertrümmert. Vom dritten Stockwerk abgestürzt. Bei ider Ausübung feine? Berufes ist der Putzer Hermann Grund auf dem Ncubaugrundstück Binzstr. 23 erheblich zu Schaden gekommen. G. hatte mit anderen Arbeitern ein Stangenigerüft errichtet. Als er im dritten Stockwerk zwei Stangen durch einen Verbinder befestigen wollte, verlor er beim Vorbeugen das Uebergewicht und stürzte kopfüber in die Tiefe. Arbeitskollegen sprangen schnell hinzu und schafften den Verun- glückten nach der Rettungswache, wo erhebliche äußere Verletzungen bei ihm festgestellt wurden. Wahrscheinlich hat G- auch inneren Schaden genommen. Auf dem Heimwege vom Dienste in den Landwchrkanal ge- sprungen und ertrunken ist in der vergangenen Nacht der 46 Jahr« alte Postschaffner August Lindner aus der Fürbringerftr. 4. Der Mann war acht Jahre im Dienste und auf dem Postamt 11 am Anhalter Bahnhof beschäftigt. Zum zweitenmal verheiratet, wohnte er mit seiner Frau allein, nachdem die beiden Kinder aus erster Ehe die elterliche'Wohnung verlassen hatten. Wiederholt klagte er seiner Frau und Bekannten, daß er viel Kummer und Verdruß habe, ließ sich aber nie darüber aus, woher das komme. In der vergangenen Nacht verließ er um 12 Uhr den Dienst. Aus dem Heiniwege sprang er vor dem Hause Hallesches Ufer 26 plötzlich in den Kanal. Zwei unbekannte Männer zogen ihn bald wieder her- aus und brachten ihn nach der Unfallstation am Tempelhofer Ufer. Dort starb er aber schon nach kurzer Zeit. Was ihn in den Tod ge- trieben hat, ist noch nicht bekannt. Es wird versichert, datz er sich im Dienst nichts habe zuschulden kommen lassen. Ein Unhold als Stiefvater. Dem Moabiter UntersuchungS- gefängnis wurde gestern nachmittag der Schlächter Eduard K. aus der Mommsenstraße zugeführt. K. ist wegen schwerer Verbrechen, die er an seiner erst; dreizehnjährigen Stieftochter verübt hat, ver- haftet worden. Wie die polizeilichen Ermittelungen ergaben, hat der Rabenvater sein gefährliches Treiben schon seit längerer Zeit verübt. Kunstfahrräder stahl ein Diebesspezialist, der gestern von dev hiesigen Kriminalpolizei festgenommen wurde, ein 24 Jahre alter Kaufmann Max Eichner, den die Neuköllner Kriminalpolizei schon als Zechpreller suchte. Ein Mitglied des Radfahrervereins„Blitz", dem kürzlich einige Kunstfahrräder aus dem Vereinslokal gestohlen wurden, sah den Dieb gestern auf einem dieser Räder und ließ ihn durch die Kriminalpolizei hinter Schloß und Riegel bringen. Ein Opfer des Eises wurde, wie wir mitteilten, ein Knabe, der an der Fennbrücke mit einer Scholle abtrieb und im Schiffahrts» kanal ertrank. Gestern wurde endlich seine Leiche gefunden und ge- landet. Ein Schiffer, der mit feinem Kahn nach dem Nordhofen fuhr, sah und barg sie. Der Verunglückte wurde festgestellt als der 9% Jahre alte Sohn Bernhard des Maschinenarbeiters H. Rau aus der Lynarstraße 15. Zu einem sehr heftigen Zusammenstos? zwischen einem Omni- bus und einein Straßenbahnwagen kam es am Mittwochnachmitiag in der Frankfurter Allee. Dort versuchte vor dem Hause Nr. 99 der Kutscher des Pferdeomnibus Nr. 898 der Linie 18 der Allgc- meinen Berliner Omnibus-Gesellschast vor einem herannahenden Straßenbahnzuge der Linie 79 das Gleis zu kreuzen. Obwohl der Führer des Bahnwagens alle ihm zur Verfügung stehenden Brems- nrittel anwandte, konnte er einen Zusammenstoß doch nicht mehr verhindern. Ter Omnibus wurde so heftig angefahren, daß er gegen einen Laternenpfahl gedrückt wurde, der umgebrochen wurde. während sowohl der Motorwagen wie der Anhängewagen des Straßenbahnzuges aus den Schienen sprangen. Dabei �mirde der Beiwagen ebenfalls gegen einen Laternenpfahl geschleudert, der ebenfalls umstürzte. Wunderbarerweise wurden bei dem Unfall Personen nicht verletzt. Im Zahlnbend im GcwerkschaftShaus ist ein Portemonnaie mit Inhalt gefnnden worden. Abzuholen bei Jakob, Reichenbergcr Straße 123, Seitenflügel III. Vorort- Nachrichten. Charlottenburg. Tie Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung beriet in ihrer Sitzung vom Mittwoch, in der eine Zeitlang in Verhinderung der beiden Vorsteher ein Sozialdemokrat, unser Genosse Vogel, als Alterspräsident den Vorsitz führte, den Etat. In seiner einleitenden Rede entrollte der Kämmerer Scholtz ein Bild von der Finanzlage der Stadt. Er wies darauf hin, daß der Etat eine Steigerung der Ausgaben um nicht weniger als 4lb Millionen bringe, darunter 3)4 Millionen Ausgaben dauernder Natur. Namentlich erfordere der Anleihedienst erhöhte Summen. weil jetzt auch die verstärkte Tilgung der Anleihen beginne. Zur Deckung der Ausgaben kämen in erster Linie die städtischen Werke in Betracht, das Elektrizitätswerk bringe% Million mehr, als ver» anschlagt sei, das Wasserwerk liefere zum erstenmal einen lieber. schuß, der sich auf 199 999 M. belaufe; dagegen seien die Einnahmen aus den Gasanstalten infolge der Kohlenpveise zurückgegangen. Mit 199 Proz. sei es nicht mehr möglich, den Etat zu balancieren, an den Ausgaben könne nichts gestrichen, auch der Ausgleichfonds könne nicht augegriffen werden. Ueberhaupt wäre es ein Fehler, wollte man dauernde Ausgaben durch einmalige Einnahmen decken, zumal da der Schuldendienst von Jahr zu Jahr höhere Auf- Wendungen» erfordere. Dazu kämen die Ausgaben, die der Stadt aus dem Zweckverband erwachsen, ferner die höheren Provinzial- abgaben, die Ausgaben für die im Begriff befindlichen Bauten, die später auch hohe Unterhaltungskosten verursachen. Mit Rück. ficht auf alle diese Umstände schlage der Magistrat eine Erhöhung des Zuschlages zur Einkommensteuer von 199 auf 119 Proz. vor. Berlin und anders Vororte feien bereit, den gleichen Weg zu de- schreiten, es sei also möglich, einheitliche Steuersätze zu schaffen. die von Segen für Groß-Beriin seien. Stadtv. Dr. F r c n tz c l(lib.) bekämpfte die geplante Erhöhung des Steuerzuschlags. Auch in den Jahren 1919 und 1911 habe der Kämmerer die Finanzlage udguni'g gesHilder?, und Irotzdem lade sich ein Ucberschuß ergeben. Er sei von der Notwendigkeit höherer Steuern nicht überzeugt, sondern werde sich im Ausschuß bemühen, den Etat so zu gestalten, daß man mit 100 Proz. auskommen könne. Man dürfe sich nur von den Charlottenburger Verhältnissen leitcir lassen, nicht aber anderen Gemeinden zu Liebe eine Thesau- ricrungspolitik beireibcnr In ähnlichem Sinne äußerte sich Stadtv. Dr. Stadthagen �ssnvtl.). Seine Freunde würden sich ihre endgültige Stellung- nähme bis nach der Ausschußberatung vorbehalten, sie seien aber der Meinung, daß ein Grund zu einer Erhöhung des Zuschlages nicht vorliege. Würden die Steuern erhöht, dann sei ein Fortzug der Reichen zu bcsürchtem Es komme vor allem aus eine sparsame Wirtschaft an. Stadtv. Hirsch(Soz.) erinnerte die.Redner an die frühere Haltung ihrer Fraktionen, Früher hätten sie immer erklärt, daß die 100 Proz. für sie kein dloli nie tätigere sRühr� mich nicht an) seien, nur dürfe Eharlottenburg nicht allein vorgehen, sondern im Verein mit Berlin und anderen Vororten. Jetzt sei der Moment eines Zusammengehens gekommen, und da wollen die Charlotten- burger Liberalen aus der Reihe tanzen. Seine Freunde hätten stets die Notwendigkeit der Erhebung einheitlicher Kommunalsteuer- zuschlage in Groß-Bcrlin betont, sie hätten im vorigen Jahre be- an-tragt, daß der Mehrertrag verwendet werden solle zur Erfüllung sozialer Aufgaben und zur Verringerung des AnleihebestandcS oder Bedarfes. Auf diesem Standpunkt ständen sie auch heute noch. Man werfe den Sozialdemokraten häufig vor, daß sie nur fordern, sich aber nicht um die Aufbringung der Mittel kümmern. Hier zeige es sich, wie falsch diese Behauptung sei. Die Sozialdemokraten seien bereit, für die 110 Proz. zu stimmen, die Liberalen aber würden es durch ihre Steucrscheu dazu bringen, daß wichtige kulturelle und soziale Aufgaben unerfüllt bleiben. Der Einwand, daß die Minder- bemittelten nicht zahlen, sei hinfällig, sie zahlen verhältnismäßig weit mehr als die Besitzenden. Aber so schwer cS ihnen auch falle, seien die Arbeiter doch bereit, Opfer zu bringen, denn sie seien ein- sichtig genug, um zu wissen, daß ohne gesunde Finanzen eine ge- funde Gcmeindepolitik nicht möglich ist. Das gelte besonders für die Arbeiter, die durch die sozialdemokratische Schule gegangen sind, und Charlottenburg habe ja bei der letzten Reichstagswahl in der Mehrheit sozialdemokratisch gewählt. Nichts sei verkehrter, als Schulden zu machen� die Bezahlung aber späteren Geschlechtern zu überlassen. Die kommende Generation werde noch ganz andere Ausgaben zu lösen haben., und dann werde man mit einer Erhöhung von 10 Proz. nicht auskommem Leider habe die Mehrheit es unter- lassen, rechtzeitig für neue Einnahmen zu sorgen, sie habe z. B. den sozialdemokratischen Antrag auf Einführung einer Wertzuwachs- steuer wiederholt abgelehnt. Natürlich sei es leicht, den Etat so zu frisieren, daß er mit 100 Proz. balanciert, man braucht nur die Einnahmen höher ansetzen und die Ausgaben kürzen. Aber wer wolle für einen solchen Etat die Verantwortung übernehmen? Sparsamkeit sei gewiß gut, aber man dürfe nicht am unrechten Orte sparen, wie es die Mehrheit erst kürzlich durch Streichung der vom Magistrat geforderten 30000 M. zur Beschaffung, Ausstattung und Einrichtung einer Baracke im Krankenhaus Westend getan . habe. Charlottenburg stehe in sozialer Beziehung längst nicht mehr auf der Höhe. Was sei aus der geplanten Arbeitslosenversicherung, was aus den Maßnahmen gegen die Teuerung, was aus der Ge- Währung freier Lernmittel geworden? Eine Erhöhung um 10 Proz. treffe in der Hauptsache die Besitzenden, und diesen habe Abg. Stadthagen durch seinen Hinweis auf ihre Flucht aus Charlotten- bürg gerade kein gutcS Zeugnis ausgestellt. Wir dürfen uns nicht aus einen kurzsichtigen Standpunkt stellen und ängstlich danach schielen, was die Wühler sagen, sondern uns von rein sachlichen Er- wägungen leiten lassen,. Unsere Anschauungen decken sich durchaus mit denen, die die Liberalen hatten, als sie noch liberal waren. Di« Rede unseres Genossen war den Liberalen recht unan- genehm, sie ließen ihm durch den Stadtv. M e v e r eine Erwiderung zuteil werden, die von Unrichtigkeiten wimmelte, und nahmen dann schnell einen Schlußantrag an, durch den sie uns das Wort abschnitten. Ter Etat ging wie üblich an den Etatsauöschuß. Gleichfalls einem Ausschuß überwiesen wurde der B e- bauungSplan für Nordwestend, gegen den u. a. Genosse Bogel eine Reihe Bedenken vom hygienischen Standpunkt aus vorbrachte. Die Vorlage betr. Nachbewilligung für Notstands- arbeiten wurde angenommen. Genosse Gebert machte Ein- Wendungen grundsätzlicher Natur geltend, über die die Mehrheit jedoch zur Tagesordnung überging. Ebenso gelangte die Vorlage betr. Verpachtung des Äechts zur Erhebung des Marktstand- gelbes auf den Wochen- und Krammärkten unter Ablehnung eines von Klick begründeten sozialdemokratischen Antrages auf Uebcrnahme des Marktes in eigene Regie zur Annahme. In Ver- binduny damit richtete die Versammlung an den Magistrat das Ersuchen, zu erwägen, ob sich nicht möglichst bald ein Fortfall de- Marktes auf dem Wittendergplatz und ein Fortfall oder eine Ver- kegung des Jahrmarktes in der Berliner Straße. Sprcestraße und auf dem Wilhelmplatz herbeiführen lasse. Lichtenberg. Bei der Gcwervcgerichtsieisttzcrwahl wurden für die Kandidaten der freien Gewerkscbasten im Bezirk I Hoff, Schilling 220, im Be- zirk II Kamke. Graf 700, im Bezirk HI Stein, Bamberg, Holdack bb? un?»tm Bezirk IV Kreyßing 905, insgesamt 2S91 gültige Stimmen abgegeben. Durch das Slaltfiuden der Wahlen an einem Sonntage war eine rege Beteiligung zu verzeickmen. ES erhöhte sich die Ge- saintstimmenznhl gegen das Jahr 1910, wo 2145 Stimmen ob- gegeben wurden, um 240. Leider standen auch diesmal nicht ge» niigend Wahllokale zur Verfügung. Besonders beengt ging eS im IV. Bezirk zu. Trotzdem der Behörde seinerzeit Beschwerden über die Unzulänglichkeit der Wahllokale vorgetragen sind, ist für Abhilfe nicht gesorgt worden. Gegnerische Kandidaten waren nicht auf- gestellt. Leider war das Wahlergebnis bei den am Montag statt» gefundenen Arbcitgeberbeisitzerwahlen nicht den Erwartungen ent- sprechend. Es wurden abgegeben insgesamt für die bürgerlichen Kandidaten 440. für die Kandidaten der GcwerkschaftSkommission 140 Stimme Die aus die bürgerlichen Kandidaten abgegebene hohe Stimmenzahl ruft insofern Verwunderung hervor, als man es für unmöglich hält, daß so viel selbständige oder zum wählen berechtigte Gewerbetreibende vorhanden sein können. Eine Nachprüfung der abgegebenen Stimmen wird hierüber Klarheit schaffen. Nach der Verschmelzung mit Nummelsburg werden wahrscheinlich noch einmal Wahlen stattfinden. Ober-Schöneweide. Gcmrindevcrtretersitzuilg. Die auf der Tagesordnung stehende Beratung des Voranschlags zum Etat für 1912 wurde einer Kommission überwiesen, der auch die Genossen Grunow und M u t h angehören. Die Auslosung von Vertretern hatte das Ergebnis, daß in der 1. Klaffe Vertreter K r a u§ h a a r. in der 2. Klaffe N e u m a n n und in der 3. Klasse die Genossen Lehmann und Braune ausgelost wurden, für welche nunmehr Ersatzwahlen vorzunebinen sind. Von unseren Genossen und einigen Vertretern der 2. Klasse war der Antrag gestellt, ab 1. April 1912 eine Vermehrung der Zahl der Vertreter von 18 auf 24 vorzunehmen. Der Antrag wurde vom Genossen Grunow begründet mit dem Hinweis darauf, daß die stete Emwickelung des Ortes der Gemeindevertretung erhöhte Aufgaben zuweise, und daß durch die rege Kommissionsarbeit hohe Anforderungen an die Tätig- keit der einzelnen Vertreter gestellt würden. Der schon früher bei gleichem Anlaß gemachte Einwurf, daß nicht genügende Auswahl von Kandidaten vorhanden, sei wohl nicht ernst zu nehmen? im übrigen würde auch bei den Etatsberatiingen der Antrag auf An- stelluug des im Ortsstatut schon länger vorgesehenen besoldeten Schössen gestellt werden. Nach kurzer Debatte wurde die Be- schlußfassung mit Stimmengleichheit vertagt. Von der Berloaltung des Kö n i gi n- E lis a b e t h- H o sp i t a l S war ein Gesuch be- treffs unentgeltlicher Wasserlieferung eingegangen? beschlossen wurde jedoch nur erne weitere Ermäßigung. Bei dieser Gelegenheit wurde daS wenig christliche Beginnen der sonst frommen Krauken- Hausverwaltung ins rechte Licht gerückt, durch das in einer Kon- zessionssache ein Gewerbetreibender völlig ruiniert sei. Die Ab- rechnung für den Neubau des Realgymnasiums zeitigte eine aus- gedehnte Debatte, da für das Direktorwohnhaus keine spezialisierte Abrechnung gegeben war: auch wurde teilweise die Ansicht vertreten, daß die Wohnräume zu opulent ausgestattet seien. Durch die Tatsache, daß nach der letzten Volkszählung die maß» gebende Zahl von 15 000 Einwohnern überschritten ist, bedarf es zum Betriebe von Gastwirtschaften usw. mit sogenannter halber Konzeision keines Nachiveises der Bedürfnisfrage mehr? der Vertretung ist nun ein Orrsstotut zugegangen, welches diese Bedingung wieder einführt. Genosse Muth legte dar, daß es eine Ungerechtigkeit wäre, für einen Gewerbezweig schikanöse Be- stimmuiigen zu'treffen? zudem gäbe die ganze Art der Konzessions- erteilung schon übergenug Stoff zu unerhörten Drangsalierungen, als daß man noch Gelegenheit dazu schaffe. In der Abstimmung wurde das Statut abgelehnt. Ein Antrag, den Bestimmungen des zweiten Teiles des Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen am Orte Geltung zu verschaffen, wurde dahin erledigt, daß die Sache vorerst an die Baukommission verwiesen wurde? eS soll versucht werden, die Gemeinden Groß-Berlins zu einem gemeinsamen Vor- gehen zu veranlassen. In der Debatte wurden sehr übertriebene Befürchtungen betreffs Aufhören der Bautätigkeit laut.— Den Ein- sprächen gegen die Gemeindewählerliste mußte zum größten Teile stattgegeben werden, ein Teil wurde jedoch als unbegründet zurückgewiesen, da die betreffenden nur als Schlafstelleninhaber ge- meldet waren. Pankow. Die Gemeindcwahlen finden laut amtlicher Bekanntmachung für die dritte Wählerabteilung am Sonntag, den 3. März d. I., in der Zeit von 10 Uhr vormittags bis 6 Uhr abends statt. Gc- wählt wird im e r st e n Bezirk bei Ebersbach(„Zum Kur- f ü r st e n Berliner Str. 102, im zweiten in der Turnhalle der V. Gemeindeschule(Eingang Wollankstr. 131).— Für die zweite und erste Wählerabteilung findet die Wahl am 4. bczw. 5. März statt. Infolge Abriß ihrcS bisherigen TurnlokalS finden die Uebungs- stunden deS Arbeiterturnvereins Pankow(M. d. A.-T.-B.) am Dienstag und Freitag jeder Woche bei Ebersbach, Berliner Str. 102 statt. Eine Turnhalle wird bekanntlich diesem Verein nicht zur Wer- fügung gestellt. Reinickendorf. Eine Liebestragödie hat sich in der gestrigen Nacht in Reinicken- dorf-Ost abgespielt. In dem Restaurant Provinzstr. 48, Ecke Granatenstraße, erschoß ein 24 Jahre alter Arbeiter Max Koitsch von der Grube Ilse seine Geliebte, die zwanzigjährige Arbeiterin Margarete Raschdorf aus der Granatenstr. 5 und tötete sich dann selbst durch mehrere Schüsse. Die beiden Leichen wurden von der Polizei beschlagnahmt. Das junge Mädchen war auf der Grube Ilse geboren und dort groß geworden. Bor einiger Zeit siedelte eS nach Reinickendorf-Ost über und wohnte dort bei einem Onkel in der Granatenstr. 5. In dieser Familie starb in voriger Woche eine Tochter, und zur Beerdigung war auch der Arbeiter Koitsch, der Bräutigam von Margarete Raschdorf, herübergekommen. Er logierte in dem Nestau- rant in dem die Tragödie ihren Abschluß fand. Was eigentlich zwischen den beiden Liebesleuten vorgelegen hat, ist noch unbekannt. Das junge Mädchen erschien vorgestern abend in dem Restaurant und unterhielt sich lange Zeit mit Koitsch. Gegen Mitternacht zog dann der Arbeiter plötzlich einen Revolver hervor und feuerte ihn aus das ahnungslose Mädchen ab. Die Kugel drang in die Schläfe, so daß die Getroffene mit einem Aufschrei zusammenbrach. Gleich darauf brachte sich Koitsch selbst mehrere Schüsse bei, die sofort tödlich wirkten. DaS schwerverletzte Mädchen wurde nach dem Reinicken- dorfer Krankenhause gebracht, starb dort aber auch gleich nach der Einlieserung. Britz-Buckow. Eine Reihe interessanter BeratungSgrgenstände bietet die am heutigen Freitag, nachmittags 5 Uhr. im Sitzungssaal des Rat- Hauses, Chausseestr. 48, tagende Gemeindeverlretersitzung. So wird sich u. a. die Vertretung mit der Frage der Einrichtung einer BerufSvornrundschast, dem Erlaß eines OrtSstatutS über die Ein- schränkung der Sonntagsarbeit in offenen Verkaufsstellen und der Auslosung des am 1. April d. I. ausscheidenden Gemeindevertreters der III. Abteilung beschäftigen. Kalkberge-Rüdersdorf. Die Gemeindevertretung beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung wieder hauptsächlich mit der Bahnbauangelegenheit. Zu- nächst wurde davon Kenntnis gegeben, daß die nochmalige Person- liche Rücksprache der Herren LübkcS und Koepisch mit dem Landrat in der Angelegenheit betr. Abschluß eines Vertrages mit dem Kreise Niederbarnim wegen Benutzung der Kreischaussee zur Bahnanlagc nicht den geringsten Erfolg gezeitigt hat. Nach dem 8 12 des Ver- träges ist es dem Kreise geirattet, nach Ablauf von 40 Jahren die Bahn zum Taxpreise zu übernehmen. Außerdem ist der Kreis berechtigt, von der Gemeinde Kalkberge, wenn nach Ablauf der angegebenen Zeit kein neuer Vertrag abgeschlossen wird, die Be- seitigung der Bahn auf ihre Kosten zu verlangen. Da Vorteile für die Gemeinde durchaus nicht zu erreichen waren, mußte die Vertretung dem Abschluß des Vertrages zustimmen. Den Zuschlag für den Bau der Wagen-, Wartehalle usw. erteilte die Versammlung dem Bauunternehmer Konrad.— Der Bahnbetrieb wird mit der Gemeinde Schöneiche gemeinsam veranstaltet. Darauf beschloß die Versammlung die Anschaffung von zwei Betriebswagen von der Gasmotorenfabrik Deutz zum Preise von je 19 500 M._— Tie durch den Bau des Wasserwerks entstehenden Kosten beziffern sich für Kalkberge allein auf 127 000 M. Falls sich die Gemeinden Rüders- darf und Tasdorf an der Wasserentnahme beteiligen, ist ein Zu- schuß von 34 000 M. nötig. Die Mehrkosten müßten dann von den beiden genannten Gemeinden aufgebracht werden. Rüdersdorf ver- langt jedoch dafür die Beteiligung der Gemeinde Kalkberge an der Entnahme von Gas, wodurch letztere Gemeinde für Legung des Gasrohrnetzes zirka 38 000 M. aufzuwenden hätte. Die Vertretung faßte den Beschlutz, daß, wenn Rüdersdorf und Tasdorf Wasser abzunehmen gewillt seien, das Wasserwerk auf Kosten der genann- tcn Gemeinden entsprechend vergrößert werden solle.. Jugendveranstaltunge«. Schöneberg. Sonntag, den 18. Februar: Ausflug nach Picheiswerder zum.Alten Freund". Treffpunkt: morgens S Uhr am Bahnhof Ebers- straße.__ Hiiö aller Sielt* Die gefährliche Farbe. Die sächsische Polizei hat für den süddeutschen KarnebalStrubel einen guten Witz beigesteuert— allerdings unfreiwillig, denn in Sachsen hat man keinen Sinn für MaSlenhumor, wie das folgende Gescbichtchen beweist: In dem Dorbe Deuben bei Würzen erschien auf dem öffent- lichen Maskenball eine weibliche MaSke, die eine rote Fahne schwang. Folge: Ein polizeilicher Strafbefehl, in dem es heißt: „Laut Anzeige sind Sie beschuldigt, am 20. d. M. bei dem im Hötzschen Gasthof zu Deuben stattgefundenen öffentlichen Maskenball ein erste Fahne mit der Inschrift:„Hoch lebe die Freiheit, Proletarier aller Länder vereinigtEuch!", mithin ein republikanisches Ab- zeichen getragen, die Fahne auch fortgesetzt hoch über den 1 anderen Teilnehmern des Maskenballes geschwenkt und da« durch AergerniS erregt, sowie groben Unfug begangen zu haben. Beweismittel: Zeugnis des Gendarmeriebrigadiers Kap-Z in Würzen, der Gutsbesitzer Paul und Oskar Hörig und Streller, der Hausbesitzer Müller und Lichtenberger in Deuben. Auf Grund von§ 300 Ziffer 11 des ReichsstrafgesetzeS, verbunden mit der Verordnung v o m 1 4. Juni 1840 und § 5 der Verordnung vom 6. Juli 1004 wird daher gegen Sie hierdurch eine Geldstrafe von 2 0 M. und Bezahlung der er- wachscnen Gebühren mit der Maßgalle festgesetzt, daß im Falle der Uneinbringtichkeit der Geldstrafe an deren Stelle Haft in Dauer von 2 Tagen zu treten hat." Zum Schluß wird noch mitgeteilt, daß die Fahne in sicher- heits polizeilichem Interesse zur Vermeidung weiterer derartiger Handlungen in Verwahrung genommen ist.« Nun wird wohl'Sachsen wieder ruhig sein. Explosiou in einer Svrengstofffabrik. In der lvcstfälischen Stadt Brilon hat sich gestern eine schwere Pulberexplosion zugetragen. Kurz vor 7 Uhr morgens ist das Mcnghaus der S p r e n g st o f f f a b r i k K o p p e ck e A.»G. indt"eLuft geflogen. Von den im Hause beschäftigten Arbeitern wurden vier getötet und zwei schwer verletzt. Die Leichen der Getöteten konnten bisher nicht aufgefunden werden. Ter Hungertod im Leuchtturm. Ein furchtbares Drama hat sich auf der Insel L o b e i r a an der spanischen Küste abgespielt. Zur Sicherung der Schiffahrt ist auf der Insel ein Leuchtturm errichtet, zu dessen Bedienung sechs Personen auf der Insel leben. Die furchtbaren Stünne haben cS unmöglich gemacht, den Leuten die notwendigen Nah- rungS mittel zu senden. Seit 25 Tagen sind die Leute ohne Nahrungsmittel. An der spanischen Küste ist vor einigen TaZen eine Flaschenpost angeschwemmt worden, in der die Hungernden um Hilfe flehen. ES ist auch bisher noch unmöglich gewesen, in die Nähe des Leuchtturmes zu gelangen und so jede Hoffnung geschwunden, die von der Außenwelt Abgeschnittenen noch lebend zu erreichen._ Schreckenstat einer Wahnsinnigen. Eine entsetzliche Familientragödie ereignete sich am Mtwoch in der Via Pollegrino in Palermo. AnS Eifersucht wurde die Frau de? Bankiers Agostino Guarneri wahnsinnig und tötete ihren Mann sowie ihre vier Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren durch Beilheibe. Daraufsprang sie durch das geilster und blieb wunderbarer Weise ohne äußere Verletzungen erhalten zu haben, ohnmächtig auf der Straße liegen. Die Unglück- liche wurde in ein Hospital übergeführt. Kleine Notizen. Unter Spionagcvcrdacht. Zwei bei der Firma Karl Zeitz in Jena beschäftigte Mechaniker mit Namen G a u tz sind wegen Spionageverdachls verhaftet worden. Die zwei Genannten sind Brüder des früheren Schutzmanns Gautz in Wilhelmshaven, der vor kurzem wegen Einbruch und Landesverrat in England ver- haftet worden ist. Alle drei Brüder stehen im Verdacht der Spionage. Bei dem früheren Schutzmann vorgefundene Papiere haben Ver- anlasiung zur Verhaftung gegeben. Typhusepidcmir. In der Gegend von Bukarest, besonders an der Wasserstraße des Pruth, ist eine TyphuSepidemie aus- gebrochen. Bis jetzt sind 300 Erkranlungen festgestellt worden. Die Behörden haben umfassende Maßnahmen verfügt, um ein Um« sichgreifen der Seuche zu verhindern. Opfer der tkältc in Frankreich. In Auxierre sind drei Soldaten, die sich auf dem Rückwege von einer Festlichkeit ver« irrten, erfroren aufgefunden worden. Schwerer Sturm in Nordusicn. Wie ans Omsk gemeldet wird, sind durch einen Orkan im Gebirge Jschim viele Menschen ums Leben gekommen. Bisher wurden 03 Leichen aufgefunden._ eingegangene Druchfcbriften. Von der„Renen Zeit" ist soeben dnS£0. Heft bcS 30. Jahrganges erschienen. Aus dein Inhalt des HcjteS heben wir hervor: Die Prästdenten- ivabl.— Die Politik I. B. v. Schweitzers und die Sozialdemokratie. Bon H. Lauscnderg.— Zur Judensrage in Rußland. Bon Z. Lcder.— Ge- sahren der Arbeit in der chemischen Industrie. Von Emanuel Wurm. Die„Neue Zeit" cr|chciiit wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- bandlnngcii, Poslaiistallcn und Zlolpoiicure zum Prelle von 3.25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Hest tostet 25 Pf. Briefkasten der Redaktion. Tie turlftische epreastlunde findet Linden st ratze 69, vor» tritt Srefve* — F a h e ft u h i—, wochentäglil» von 414 biS 7V4 Udr adendt, EonnadendS, vo» 4>4 bis«i Uhr adendS statt. Jeder für den vricliaften briiiinmleu«nfraae ist ein Vuchsiade und eine stahl al» Merkirichen deizufügen. Briefliche Sintw-rt wir» nicht erteilt,«nsragen, denen ictue Sldo»»caie»«»alllttung detgefü»« ist, werden niche beantwortet. Eilige Fragen«rage man in der SPrechstundc vor. Anna 1000. Läßt sich nur an Hand des Statuts beurteilen, l— Nk. Z. 1. Ersoigt der Umzug noch im März, so kann Treptow erst vom 1. April ab Gemcindccinkommcnsteiler verlangen. 2. Links Soz., �Fchts Bürgerliche, die sich säuiUich zu den Liberalen zählen, ohne strenge Sonderung.— 14/15 Amanda. Während der dadurch bedingten ErwerbSunsähigkcil ja, biS zur Dauer von sechs Wochen.— K. St. 33. 1. Ja. 2. Nein. 3. Abg. Zubeil, Reichstag.— A. S.«5. Di- Ein. Iragung des WegcrcchtS lägt sich nicht erzwingen. Der Bcfitznachfolgcr hat dasselbe Recht, wäre allerdings aus eine neue Klage angeiviejen. Die Boll. slreckung des UrteUS ertolgl aus Grund der g§ 890—892 Zivilprozeßordnung. — W. K. 100. 1. Nein. 2. Zwcifelbast. 3. Nur dann, falls die Fraii für allein schuldig erklärt wird.— W. 2. 1. Ja. 2. Ebensalls. 3. Sängt von der Ansicht deS Berichts ab.— P. Z.«7. Rem.— E. L)t. 15. 1. u. 4. Ncin. 2. Zollamt. 3. 5 M.— 05. L. 1000. Dagegen wird sich nichts tun lassen.— M. B. 15. Die Zeicheli können uichl richtig wieder. gegeben sein.— S. 8, HcrinSdorf. Ja, sojern der MietSzinS nach Atonalen bemessen ist.— P. 00. Nein.— F. H. 79. Ihre Frau sau» intervenieren.— F. Z. 110. Ja.—&. 100. Sprechen Sie am zweckmusiigstcn persönlich bei der Gcncralkommission, Engeluser 15, vor. F.(8. 79. 1. und 2. Rein. 3. Wenden Sie sich alsdann an die Waisen- Verwaltung.— Kalte Hand, N. 7. l. ES kann wiederum vollstreckt und die Nculcistung deS OsseilbarungSeideS verlangt werden, gleichgllliig, ob Sie ein Ecichäst besitzen oder nicht.' 2. Zu notariellem oder gerichtlichem Prolotoll oder durch eigenhändige, mit OriSbezeichuung. Dalum und Unter, schrist versehene Niederschrift eines Teils. Der andere Test mutz den eigen- händigen, mit Ortsbezcichnung. Dalum und Unterschrist vettchenen Zuiatz machen, datz daS Testament auch als das seinige gilt. 3. BiS einschUetzlich 6000 Uh. steuerfrei. BiS 20 000 M. dann, wenn der Besitzer nicht mehr als 2000 M. jährliches Sinkonimen versteuert.— R. E. 00. Ja. beim Amts« gerichr.—®. 03. 44. Ja.— O.(S. 107. Sie können bei der Staats- auwalischast Anzeige erstatten.— 2. 9)1. 9». Warten Sie ab. bis die Gemeinde an Sic hcraniritt.— L9 St. Richtet sich nach dem von der zuständigen Orts krankcnkasse sestgesetzieii durchschnittlichen Tagelohn. — St, R. 100. Nein, sallS Kündigungssrist itmegehalten ist.— ®. H. 3 a. 1. Ja. soscrn noch Versich-rungSpflicht vorlag. daS Ein- kommen also unter 2000 M. jährlich betrug, andcrnfallt ncin. 2. Amts- Bericht bei jährlichem Einkommen von mehr als 2000 M.— A. A. Nein. — M. 23. Beschweren Sie sich beim ReichSversicherungsamt. falls mmdestenS 200 Beitragsmarken geleistet sind.— O. BS. Nein Marktbericht von Berlin am 14. Februar 191S, nach Ermittelung deS königl. Polizeipräsidiums. M a r k t h a l I e n p r e i s e. fKlewhandelj 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 36.00— 50,00. Epeisebohnen weisse. 36.00—60,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln 10,00—15,00. 1 Kilo. gvamm Rindfleisch, von der Keule l.60-2.40. Rindfleisch. Bauchsleisch 1,30 bis 1,80 Schweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,50. Hammelfleisch 1,30-2,20. Butter 2.60-3LC 60 Stück Eier 4,50-7,20. 1 Kilogramm Karpsen 1,20—2,40. Aale 1,20—3,00. Zander 1,60—3,60. Hechte 1,40—2,60, Barsche 1-,00-2,00. Schleie 1,40-3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück Krebse 4,00-30,00. Jeder wähle den durch seine Güte unerreicht dastehenden Kapitän- Kautabak General- Vertrieb; Carl ÄÖckcr, Berlin 0 27, Gruner Weg 11. 1 cJitot Sie auf den Namen „OBEIFENHAGEII" wo Sie ihn auch sehen! � In Zeitungen, auf Kassen- cetteln, Einschlagpapier etc. Es lohnt sich vielleicht! Aufklärung morgen. 35 I ■BBB Terkant nur im Fabrikgebäude: WS M Sie sparen Geld Ur| III50S Engr0Spreisen � ZU in der Möbelfabrik |H.Walter,.:WilliMaaß,SÄ35j R kaufen. 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Residenz-Theater. Tirektton Richard üllexander. Abends 8 Uhr: Alles für die �irma. Schwank in 3 Akten von M. Hennequin u. G. Mitchell. In Szene gesetzt und sür die deutsche Bühne bearbeitet von Botten-BaeckerS. Morgen u.solg.Zage: Allesf.d. Firma. Beile-ÄIIiance-Theater. 8>/z Ubr: Borlefttes Gastspiel Ferö. Bonn in„Napoleon Bona- parte und seine Frauen." 0SE=ThEATE| Groge Fraiitjnrler Str. 132.| Abends 8 Uhr: LU Der Spirltfuffl. Volksstück in 4 Akten vonJuIiusKnoPs. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Im Zanberlande Rübezahls. 8 Uhr: Ter Spielteufel. 8ebiüer-7dealer0.1S'. Freitag, abends 8 Uhr: Der Probcpfcil. Sonnabend, abends 8 Uhr: _ Die Wildente. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Der Probekandidat. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Probepfcll. Scbiller-Tlieater Freitag, abends 8 Uhr: /,Uhr: Der selige Hollschinsky. Hente 1�e:r Kurz top RedakteseliliiB. Helfer der Mensciibeil Ihr Eheinäoiier. Der Held im Dnterseeliool Asta-Nielsen-Zyklos: Unter den Dinden: Zigeunerblut. Wedding: Die Macht des Goldes. Uosenheide: Im großen Augenblick. Morgen Sonnabend Premiere! außerordentliche ZVel dastehende Die französische Tragödin i „Die Kameliendame". Dar berühmte holländische Schauspieler il „Geldgier1*. Zirkus A. Schumann Allabendlich 7'/, Uhr: Oala- Vorstellung mit reichhaltigem Programm u. a: Auftreten von Dir. A. Schumann.— Gebr. Webb.— Frl. Dora Schumann u. sämtlioho Attraktionen.— Das neueste, größte, nicht zu Ubertretfende Ausstattungsstück Das Motorpferd in 5 Akten. 1. Akt; Im Berk Schlächterladen. 2. Akt: Leben und Treiben vor einem Warenhaus. Aufziehen d. Regimentsmusik. 3. Akt: Im Innern des Warenhauses. 4. Akt: Auf d. Trabrennbahn in Weißensee. Kirhns Busch Freitag, den 16. Februar 1912, abends T'/j Uhr: Komischer Kala-Abcnd llo-lkuri der Unbesiegliche und seine japanisch: RlngkÜmpler. Clown Annando mit d. boxenden Känguruh. 3 Schwestorn Blumenfeld, Reitkünstl. Herr Ernst Schumann, Freiheits- dreas. Clowns Moria u.Ymcient, Francois u. Petersen mit n euen Entr'ees. Frl. Stennis, Schuir. Um g>/, Uhr: Die il, ve. Gr. Volks-Manego-Sciiaiispiel. arrasanil Sehöohauser Allee. Telephon; Nord 4100. 1 Freitag Uhr: Gala-Abend. Sonnabend und Sonntag 3 Uhr und 71/, Uhr; 2 Yorsieiiungen 2| Nachmittags zahlen Kinder auf allen Plätzen halbe Preise. Vorverkauf a. d. Oirous- kassa und an sämtlichen | Billettverkaufsstellen von| A. Wertheim. Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: Das Kieme Lais. lAmDcimbofi F i s- A r e n a. Nachmittags; miltttr- Konzert. Kunstlauf• Produktionen. Abends die Novitäten: Tänze a. d. Eise, Rheinländer, Russisch, Engl., Alt-Wiener Walzer und I Die kleine Charlotte J |Der norwegische Meister Harry Panlscn | sowie d. prächt. Eisballett Alponxanber. [ Bis 0 Uhr und von lO*/, | Uhr halbe Kassenpreise. Restaurant I. Ranges. Dienstag, den 20. Felmar; . idmirals- Redoute (Fastnaohts-Rodoute). Dritter Wahlkreis. Vouutag, de» 18. Februar, abends 6'/, Uhr. im SewerkfchastShause, Engeluser IS(großer saal): SeffentlicKe Versammlung. TageSordnu na: „Was haben wir vom neuen Reichstag z« erwarten?" Referent: Reichstagsabgeordneter Georg Davidsohn(Griinberg i. Schi). Nachdem: Gemütliches Beisammensein. Entree inkl. Garderobe 20 Pf. 210/81 Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer: Aug- Pohl, Naunhnstratze 30. Tischler-Yerein : 8. H. 89. Sonnabend, de» 17. Februar. abends S'/i Uhr, Melchiorstr. 15: Vertammlung. Neuregelung der Versammlungen. VercinSangelcgenheiten. Zahlen der Beiträge. 198/5 Der Borstand. 8««»« sür engl. Damenkosläme„Noudeiien'ß Herrenstoffe 140 breit, Mir. 3, 4 SR. Tuchlager Koch ck Seeland G. m. d. H. Geptraiiilteastr. 20/21 ÄÄ1" Vierter Wahlkreis Petersburger Viertel. Sonntag, den 18. Februar 1912, abends 5 Uhr, im Lokale Fürstenberg, Frankfurter Allee 106.: Oeffentliche Versammlung. 1. Vortrag des Genossen Karl Melle über:„Was haben wlv vom gegenwärtigen Reichstag zu erwarten?" 2. Diskussion. Nachdem: Gemütliches Beisammensein mit Tanz. 213/5«___ Sechster Wahlkreis. Sonntag, den 18. Februar, abends«Va Uhr: Oeffentliche politische VersammluDg für Männer und Frauen. in den Pharus-Sälcn, Müllcrstr. 142. Vortrag dcS Reichstags- und Landtagsabgeordneten Br, Karl Liebknecht über: Die politische Lage". 225/13* 99 Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein und Tanz. _ Der Einbcruser: Hermann Langner. Tegeler Straße 17. Zentralverbandderliausangestellten Sonntag, den 18. Februar, in Feuersteins Festsälen. Alte Jakobstr. 75: Grosze Dienstbotett-Versammlung. Vortiag des Herrn Arbeitersekrctärs Adolf Ritter über: „Invalidenversicherung". Nachdem: tienolllAon Itel»an»in«i»»«1ii, Saalösfnung 6 Uhr. 48/2 Ansang 7 Uhr. Wir ersuchen die Arbeiterschaft, alle ihr bekannten Hausangestellten auf diese Versammlung aufmerksam zu machen. ßaichaDdiverittr« KranMane ----- für Berlin und Umgegend----- (Eingeschriebene HilsSkasse Nr. 118). Sonntag, den 18. Februar ISIS, vormittags 10 Uhr: Oenerai-Tersaiumlnug Set Wille, Sebastianstraste 39. Tagesordnung: 1. Kassenbericht deS ersten Kassierers vom Jahr» 1911 sowie RevisionS- Wahl'.. DSU WWW siung über das Fortbestehen unserer Kasse unter der ReichsversichcrungS- Ordnung. 33/1« Die Berfammluug wird pünktlich eröffnet! Mitgliedsbuch legitimiert. Dei» Vorntund. wer Tcrwsltang Berlin. Heute, Freitag, abends 8'/, Uhr, im GewerkschaftShause, Engel- ufer 14/15, Saal 4(Ärdeitslosrnsaal): Ti�ung der Ortsverwaltung. Silderrahmenmaeher. Montag, den 19. Februar, abends 6 Uhr, im«ewerkschaftShanse, Engeluser 13: Sraneben» Versammlung. Tagesordnung: 1. Jahresbericht. 2. Wahl der Delegierten zur Generalversammlung. S. Neuwahl der Branchenkommisfion. 4. Branchen- und Verbands- angclegenheiten. 78/20 UW~ Mitgliedsbuch legitimiert. Um pünktliches Erscheinen ersucht Die Kommission, Zentralverband der Dachdecker VcrwaltnngsKtclle Berlin. Sonntag, den 18. Februar, vormittags 10 Uhr: General- Versammlung der Dachdecker und Hilfsarbeiter' im G ew erkschaftsh au se, Engeluser 13, Saal 1. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zum Geschäftsbericht und Neuwahl deS gesamten Vorstandes. 2. Stellungnahme zum Verbandstage. 3. Ausstellung der Delegierten zum Verbandstage. 4. VcrbandSangelegenheiten. Vollzähliges und pünktliches Erscheinen der Mitglieder erwartet 51,4 � Der Voi-.tnnd. JVIobd-Hngcbot. SolideS Möbelgeschäft liescrt bürgerliche Wohnungseinrichtungen sowie ein- zelne Möbel gegen mäßige Zinsvergütung bei kleiner Anzahlung u. geringen monatlichen Teilzahlungen. Anfragen unter Postlagerkarte 35, Postamt 103. Kein TJb-abliingsgercbaft. 2989b« Irbeiter-IMalirer- Buod Solidarität Ortsgruppe Berlin. Tonren zum Sonntag, ben 18. Februar: 1. Abt.: 2 Uhr: Kaulsdors Süd. (Sanssouci). 2. Abt.: 1 Uhr: Grünau(Jäger- hauS). 3. Abt.: 1 Uhr: Schönholz(Ramm- low). 4. Abt.: Museumsbesuch sür Berg- und Hüttenwesen. Treffpunkt In- validenitr. 44. 5. Abt.: 1 Uhr: Glienicke an der Norddahn. S.Abt.: l'/.UHr: Groß.LIchterselde (Warendors). 7. Abt.: 9'/, Uhr: Museumsbesuch für Meereskunde. 1 Uhr: AdlerShof (Wöllstein). Start: Schulstr. 29. 3.'Abt.: 2 Uhr: Schmargendorj (Schühenhaus). 9. Abt.: Bei Böker(Weberstraße). Start an den bekannten Stellen. skektung! Am Sonnabeud. den 21. d. M., findet in der Neuen Welt unter diesjähriges Alpenfest statt. Dort- selbst u. a. Präsentverteilung und originelle Prämiierung. Näheres siehe Inserat am nächsten Sonntag im.Vorwärts". 10/13 Montag, den 19. Februar: Ikutralvorkands-Sitznng. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist vollständiges Erscheinen der Funktionäre notwendig. Ter Zcntralvorstand. l'rnek-Vei-iolk-Inntitnt Frack-, Gehrock-, Smoking-Anzüge. für jede Größe passend, in grostcr AuS- roßÄr'S. BergHaelil.fiorcliarilt, Friedrichstr 1151,0. Oranienburg.Tor. Tel. Nord 7402. 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