Ur. 40. BbonnementS'Bcdingungen: Abonnements> Preis vränumerando! Lierteljährl. 330 SKt., monatl. 1,10 Mb, wöchentlich 28 Pfg. frei in? HauS. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Mari pro Monat. Eingetragen m die Post-Zcitunas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mari pro Monat. Postabonnements nchmen am Belgien, Dänemark, tolland. Italien, Luxemburg. Portugal, umänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. vildslot täglich außer wontagt, Berliner Bolksblnkk. die Insertion!-Ledilhr letrSgt für die sechsgespaltene Kolonef- zeile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewerkschaftlichc TereinS- und VersammlungS-Anzeigen M Psg. „Ullelne»nreigen", daS fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaistcllciian- zeigen daS erste Wort 10 Psg., jede» weitere Wort ö Pfg. Worte über IS Buch- f iben zählen für zwei Worte. Inserate : die nächste Nunmier müssen bis Uhr nachmittags in der Expedition Telegramm. Adresse: „Soataliteinoßrat ß erlin". Zentralorgan der fozi aldcm okrati fehen parte» Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1S83. vo watts! Für das Premierenpublikum auf den Tribünen mag die gestrige Sitzung des Reichstags so etwas wie ein„großer Tag" gewesen sein, denn es durfte sich nicht nur an längeren Ausführungen des sogenannten leitenden Staatsmannes er bauen, sondern konnte sich zum Schluß noch an einem Brillant feuerwerk des früheren Staatssekretärs v. Posadowsky ergötzen, der, bei deutschen abgehalfterten Ministern eine Seltenheit, sich in der Rolle des Parlamentariers ganz wohl zu gefallen scheint. Wer aber eine Parlamentsverhandlung von einer höheren geschichtlichen Warte aus betrachtet als eine Zirkusvorstellung, der mußte in diesem zweiten Tag der Etats- debatten nur ein Spiegelbild der verfahrenen politischen Lage und der trostlosen politischen Verwirrung erblicken. In den Reden des Kanzlers wie in denen der bürgerlichen Sprecher nichts, von— wir wollen nicht unbescheiden sein und ein großes Ziel gar nicht einmal erwähnen— aber selbst nichts von einem leitenden Gedanken, von einem überlegenen Gesichtspunkt, sondern nur Durcheinander und Kunterbunt, und nirgends ein Weg, der aus deni Sumpf der Konfusion herausführen könnte. Wir sind gewiß die letzten, die vor dem bürgerlichen Parlamentarismus im allgemeinen und vor den Ministcrn parlamentarisch regierter Länder im besonderen eine un- gebührliche Ehrfurcht hätten, aber man zeige uns einmal einen französischen und englischen Minister, der nach eineni entscheidenden und folgenschweren Wahlausfall, angesichts einer schwierigen politischen Situation, mit einem so hilflosen Gestammel vors Parlament träte wie gestern Herr von Bethmann Hollweg, ohne sofort von dem scharfen und schonungslosen Gelächter der ganzen Nation wie von einem Hagelschloßenwetter erschlagen zu werden! Wir leben in keinem parlamentarisch regierten Staate und Deutschlands Regierung kann es sich leisten,„Staats- männer"— wirklich„Staatsmänner" auch in dem Sinn, daß man mit ihnen Staat machen kann— an die Oeffentlichkeit zu stellen, die das ganze deutsche Volk blamieren würden, wenn das Ausland nach ihnen die politische Reife des Volkes abschätzen wollte. So war es etwas wie Selbsterhalwngs- trieb, wenn der Kanzler sich schroff gegen jede Erweiterung der Parlamentsrechte als den ersten Schritt zu einem parla- mentarischen Regime wandte, denn wenn Minister Könner sein müßten, statt Gönner zu haben, stände der Sproß des alten Frankfurter Geldwechslcrhauses nicht an dieser Stelle. Was an Bettachtungen aus seinem Munde floß, entspringt sicher den Aengsten und Nöten eines aufrichttg reattionären Herzens. Herr v. Bethmann Hollweg ist gewiß das, »vas man einen braven Mann nennt, und wenn ihn das Geschick zum Bureaudiener gemacht hätte, wäre sein Lebenslauf Treu und Redlichkeit bis an das kühle Grab geivesen und eine Verdienstschnalle hätte schließlich seine Meriten geziemend belohnt. So aber hat ihn das Geschick in einem akuten Bosheitsanfall auf den höchsten Posten in der Verwaltung eines Fünfundsechzigmillionenvolkes geschleudert und da er- scheint seine bejammernswerte Unzulänglichkeit mit jedem Male bejammernswerter. Mitleid konnte er erwecken, wie er aus erloschenen Augen Hilfeftebend in den Saal blickte und auf keiner Seite die er- sehnte Hilfe fand. Denn obwohl seine Rede ein Hohn war auf die verblüffende� Erkenntnis der Thronrede, daß die Entwicke- lung nicht still stehe, und obwohl sie hier und da einen Stich ins bösartig Reakttonäre hatte, brachte es der Kanzler mit einer fast genialen Tölpelhaftigkeit fertig, auch seine guten Freunde auf der Rechten des Hauses vor den Kopf zu stoßen. indem er von der Möglichkeit einer Wiederkehr der Erbanfall- steuer sprach. Auch manches andere Wort klang ihnen nicht gerade fein und lieblich zu Ohren, denn wenn er von den Ultras sprach, auf die eine vernünftige Politik keine Rücksicht nehmen dürfe, deutete er niit derselben typischen magisttalen Handbewegung Wienaus die Sozialdemokratie nach rechts hinüber, wo Herr v. Heydcbrand innerlich die nadowessische Totenklage um die auf dem Wahlfelde gebliebenen Stammesbrüder an- stimmen mag. Aber um von den Sozialdemokraten ganz zu schweigen, gegen die er mit einer rostigen Plempe aus dem Reichsverbandsarsenal Lufthiebe führte, weckte der größere Teil seiner Rede auch auf der bürgerlichen Linken lebhaften Widerspruch. Denn so stehen die Dinge: wie ein Schwärm Kraniche, der gegen Süden.zieht, sind die vicreinviertel Millionen sozialdemokratischer Stimmzettel über den Häuptern dieser Regierung dahingezogen, ohne'eine Spur zu hinter- lassen! Viereinviertel Millionen hämmern mit harten Fäusten an die Tore des Parlaments, um Rechte zu heischen, und der sozusagen leitende Minister— er ist wahrhaftig mehr ein leidender— malt als Antwort mit schulmeisterlicher Geberde eine große runde Null au? die Wandtafel. 1 Ministerverantwortlichkeit? Nichts 1 Erweiterung der Parla-: mentsbefugnisse? Niemals wird er seine Hand dazu bieten! Aenderung der Wahlkreiscinteilung? Nimmermehr! Demo- kratisicrung des Reiches? Ausgeschlossen! Ausgeschlossen!! Und er beschwört die bü.gerlichen Parteien, geg-m die Sozialdemokratie geschlossene Frontstellung einzunehmen und treibt gleichzeitig wieder eine« Skü zwischen dieselbe«, bürgerlichen. Parteien, holpert und stolpert und die Welt ist überhaupt ein Jammertal l ( Mit gutmütigem Lachen hörte sich die Sozialdemokratie 'die ungeschickten Einfälle und Ausfälle des Herrn v. B-e t h- mann an— nur einmal, als er die Wahl des Genossen Scheide mann zum Vizepräsidenten mit nörgelnden Worten tadelte, wurden Rufe des Unmuts laut, denn dieser Eingriff in die Rechte des Reichstages offenbarte das beschämend ge ringe Maß von Achtung, das in Deutschland von den re gierenden Bureaukraten dem Parlament entgegengebracht wird. Hieß die Logik der Bethmannschen Rede Konfusion, so war auch des Herrn v. P 0 s a d 0 Iv s k y s Rede Konfusion. Er redete über alles und jedes,-fand manches tteffende Wort, manchen glitzernden Satz, prägte nianches Epigramm und hatte die Lacher bald auf der rechten, bald auf der linken Seite des Hauses— und das war sehr bezeichnend!— aber mit Epigrammen läßt sich keine Politik machen. Es hört sich zwar sehr nett an und liest sich hübsch, wenn Graf v. P 0 s a dowsky betonte: ,, Gedanken lassen sich nicht einsperren und nicht aussperren" oder„Die Sozialdemokratie muß bekämpft werden nicht mit Solinger Klingen, sondern mit solonischer Klugheit", aber dahinter steckt genau so viel an politischer Weisheit wie politischer Macht hinter der Person dieses Ein- gängers: nämlich nichts! Der Mann, der ein Staatssettetär sein wollte für, nicht gegen Sozialpolitik, ist dabei immer noch ein Junker. Das merkt man an der Süffisance, mit der er von der„urteilslosen Masse" zu sprechen liebt. Freilich strömt aus seinen gepflegten Worten ein anderer Duft als der penetrante Stallgeruch Ostelbiens, der den Reden eines Oldenburg anzuhaften pflegt, und von den Junkern von rechter Art und rechtem Schlag trennt ihn doch wieder eine ganze Welt. Denn er ist, was diese realsten aller Realpolitiker nie gewesen sind und nie sein werden und was er in törichter Verblendung den Sozialdemokraten vorwarf, er ist ein heilloser Phantast. und milde, beurteilt sein Wesen, wer sich achselzuckend des Goethewortes bedient:„Es muß auch solche Schwärmer geben!•" Außer den bedeutungslosen Rednern bedeutungsloser Parteigrüppchen, wie dem Fürsten R a d z r w i l l von den Polen und dem Freiherrn v. Scheele von den Welsen— die Reichspartei mit ihrem unvermeidlichen Herrn Arendt ist jetzt auch der Zahl nach zu dieser Bedeutungslosigkeit herabgesunken—, bestritten Herr v. Payer von der Fort- schrittlichen Volkspartei und Herr Lizentiat Mumm die Kosten des Tages. Bei der Rede des Schwaben Payer, der ab und zu einen netten Witz in das Haus warf, wie einen Stein in einen ruhenden See. und dann einen Wellenschlag von Heiterkeit hervorrief, und der auch an die Adresse der Rechten manch treffliches Wort richtete, erinnerte in ihrem Grundton an jene schwäbische Dichterschule, von der Heinrich Heine spottend sagt, daß ihre Glieder auf einer Garten bank säßen, ein Fallhütlein auf dem Kopfe, und die Vögelein und die Gelbveigelein ansängen. Denn auch Payers Rede strotzte so von den Gelbveigeleien der Liebe, Glaube und Hoff nung, daß man schier vergessen konnte, daß die ganze Ge schichte seiner Partei nichts ist als eine Aufeinanderfolge per- paßter Gelegenheiten und enttäuschter Hoffnungen. Daß er, sich stützend auf die vorgestrige Rede des Genossen Dr. Frank, auch von der Wandlung der Sozialdemokratie ein rührend Lied sang, sei der Kuriosität halber nebenbei erwähnt. Die Glanzleistung des Tages aber war die Rede des Lizentiaten M u m m, der die Wirtschaftliche Vereinigung und die unfreiwillige Komik vertrat. Sein Schwiegervater, der Hofprediger S t ö ck e r, war ein gerissener Demagoge, Herr Mumm möchte es sein und verunglückt auf dem Wege. Die Wirkung seiner Rede, halb Kanzel, halb Krieger- verein, vorgetragen in einem hallenden Pastorenbrustton, war die, daß diese Neuerwerbung des Hauses nur durch das Wort aus dein Volksmund treffend gekennzeichnet wird: Der kann so bleiben!" So mag der Nachtwächter von Jnowrazlaw vor dreißig Jahren Welt, Politik und Sozial- demokratie angeschaut haben, wie es dieser gottselige Hirte des Herrn gestern tat, und wahre Heiterkeitsstürme lohnten seine urkomischen Schlager, und als der Bratenrock mit dem Lizentiaten darin sich feierlich die Tribüne herabbewegte, waren wenige Augen auf der Linken noch trocken. Als Herr v. Bethmann H 0 1 1 w e g in seinen Ausführungen von dem Zwang sprach, die Blicke nach den wider- wärtigen Paukereien wieder nach vorwärts zu richten, da nahmen ihm laute Rufe der Sozialdemokratie das Wort aus dem Munde und ließen es durch den Saal hallen. Vorwärts: scholl es mit Nachdruck fast eine Minute lang. Vorwärts! Und der Kanzler stand stumm und starr und schaute hilfloser als sonst in den Saal. Das war ein Sinnbild. Im Munde des preußisch-deutschen Bureaukraten, der eben wieder der Reaktion seine Verbeugungen gemacht hatte, mutzte dieses Wort wie Rückwärts! klingen. Aber die Sozialdemokratie hat nicht nur das Recht, jauchzend diesen ihren alten Schlacht- ruf in die Lande hinaus zu senden, sondern sie wird auch die Macht erkämpfen, dieses Vorwärts! zur Wirklichkeit werden zu lassen. Und die heute noch auf goldenen Pfühlen der Macht thronen, mögen bedenken: Die ungestüme Stoßkraft von viereinviertel Millionen steht hinter diesem Sturmruf> Vorwärts! i Expedition: ÖRL 68, Linden Strasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Der Streit um den Candrat. In den Steuerdebatten, die seit Jahren das preußische Abge- ordnetenhaus beschäftigen und dieses Jahr aus Anlaß der neuen Steuergesetze einen besonders lebhaften Charakter annehmen wer- den, ist es nicht ganz- leicht, zwischen den Zeilen das herauszuhören, worauf es den verschiedenen Parteien in Wirklichkeit ankommt. Die Regierung— soviel ist ja klar— will mehr Geld haben. Aber sie sagt es nicht gerade heraus. Im Gegenteil, in der Begründung des Gesetzes verwahrt sie sich gegen eine solche Absicht; nur zur endgültigen Regelung des Steuerwesens macht sie angeblich ihre Vorschläge. Die im Hause maßgebenden Parteien aber stehen dem sehr mißtrauisch gegenüber— haben doch die Nationallibc- ralen heute sogar einen Antrag eingebracht, der darauf hinaus« läuft, die ganze Vorlage abzulehnen und die Regelung nochmal um 3 Jahre zu verschieben. Offenbar fürchtet jede der großen Parteien, daß in irgendeiner Weise gerade die von ihr vertretenen Interessenten zu den nkuen Lasten herangezogen werden könn- t e n. In diesem Zank aller gegen alle bildet eine höchst ergötzliche Episode der Streit um den Landrat. Seit einigen Jahren ist be- kanntlich ein deutliches Mißtrauen gegen die Steuertätigkeit der Landräte zum öffentlchen Ausdruck gekommen. Nach dem jetzt geltenden Steuergesetz sind die Landräte in der Regel ohne weiteres die Vorsitzenden der Veranlagungskommissionen. Nun ist mehr oder minder laut, mehr oder minder deutlich die Behauptung aus- getaucht, daß die Landräte die großen Besitzer ihrer Kreise nicht mit der genügenden Schärfe anfassen. Die liberalen Parteien haben sich im Parlament alsbald zum Fürsprech dieser Behauptung gemacht. Natürlich unter der immer wiederholten Beteuerung, daß sie den Landräten nicht etwa den Vorwurf persönlichen Ver- schuldens machen wollen, haben sie sich bemüht, den„sachlichen" Nachweis von deren Untauglichkeit für das Steuergeschäft zu er» bringen: der Landrat sei mit Geschäften anderer Art zu sehr über- bürdet, es sei für ihn oft ganz unmöglich, gegen begüterte Ein« geseffenen des Kreises scharf vorzugehen, weil er auf deren Eni» gegenkommen und Mitwirkung bei anderen Angelegenheiten ange- wiesen sei usw. Man solle deshalb den Landrat das Veranlagungs- geschäft abnehmen und besondere Steuerbeamte damit betrauen. Der heimliche, nicht ausgesprochene Gedankengang, der diesen libe- ralen Vorschlägen zugrunde liegt, ist offenbar der: wenn eS ge» lingt, durch besondere Steuerkommissare aus den Landkreisen, d. h. hauptsächlich aus den großen Grundbesitzern mehr herauszuholen, dann können andere Gesetze, die vielleicht die Handels- und Industriekapitän st cn belasten möchten, a b g e le h n t werden. Natürlich stößt das auf den heftigsten Widerstand der Kon. servativen. Auch sie sagen nicht mit klaren Worten berauS, daß sie den alten Zustand deshalb beibehalten wollten, weil sich die von ihnen vertretenen Interessen gut dabei befinden. Bewahre, auch sie führen rein„sachliche" Gründe ins Feld: die Einheitlichkeit der Verwaltung müsse gewahrt werden, die Landräte hätten am besten die persönliche Kenntnis der einzelnen Steuerzahler, die für das Veranlagungsgeschäft unentbehrlich sei, sie brauchten die Steuertätigkeit, um sich diejenige Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse ihres Kreises zu verschaffen, die sie für ihre sonstigen Verwaltungsgeschäfte brauchten usw. Es ist geradezu rührend, wie Liberale und Konservative wetteifern, um aus Gründen desselben „allgemeinen Wohles"— gerade entgegengesetzte Dinge zu er- streben! Wie stellt sich nun dem gegenüber die Regierung? Nie- mand wird sich wundern, daß sie die Landräte in Schutz nimm t. Das war nicht anders zu erwarten. Sowohl der frühere Finanzminister v. Rheinbaben als auch der jetzige, Dr. Lentze, haben bei jeder Gelegenheit betont, daß die Landräte voll- auf ihre Pflicht täten; niemals käme es vor, daß sie etwa au! persönlichen Rücksichten den einen Steuerzahler begünstigten zum Nachteil des anderen; ebensowenig sei aus sachlichen Gründen an ihrer Tätigkeit etwas auszusetzen. Scheinbar steht also die Regierung in diesem Staat voll» kommen auf feiten der Konservativen. Aber doch nur scheinbar. Es muß schon auffallen, daß selbst beim überschwänglichsten Lobe der Landräte die Minister gleichwohl zugestanden, daß„V tele Leute lange das nicht zahlen, was sie schuldig sind"— so ungefähr drückte es Herr v. Rheinbaiben einmal aus. Noch mehr muß auffallen, daß zugleich ein Erlaß an die Steuerbehörden erging, sich bei der Veranlagung genau nach den Bestimmungen des Gesetzes zu richten. ES scheint also doch, als wenn die Regierung selbst, trotz aller gegenteiligen Ministerreden, kein so unbedingtes Ver» trauen in die S t e u e r t ä t i g k e i t der Landräte setzt, wie es die Konservativen gern haben wollen. Noch mehr wird dieser Eindruck vcrstärtt, wenn man neben die Reden die Taten der Regierung stellt. In dem Etat der direkten Steuern für 1912 fordert die Regierung unter anderem 19 neue Stellen für Vorsitzende von Ver- anlagungskommissionen, und begründet dies damit: Für Veranlagungskommissionen mit bedeutendem Geschäfts» umfange sollen besondere Vorsitzende ernannt und anderen Kom- Missionen sollen stellvertretende Vorsitzende beigegeben werden. Dies aber nicht erst jetzt, sondern es sei schon bisher so verfahren worden und es solle auf diesem Wege„fortgeschritten werden". In der Budgetkommission, der diese Forderungen kürzlich vorlagen, war es nun höchst ergötzlich, zu sehen, wie die konser- vativen Mäuse den Speck sofort rochen. Klar genug ist ja die Lag- in der Tat. Die Minister müssen sich eben je länger je mehr über- zeugt haben, daß auf die alte Art dem Staate denn doch ganz er« iMichc toiumucn alljährlich verloren gpchen. Offen gegen den loir scrvativen Starl)el zu lökcn, entspricht nicht ven preutzischen Tra- ditionen. Aber daß die in jedem Jahr geforverten neuen Stellen für Steuervorsichende im Hauptamt einen anderen Zweck haben sollten, als den, allmählich. Schritt für Schritt und ohne die Konser- vativen direkt zu brüskieren, doch dahin zu gelangen, wo die Liberal«! hin wollen— das ist in der Tat mischwer zu sehen. Nur ist es so ungemein bezeichnend, dag man das nicht offen zu sagen wagt. Herr Lentze gab sich die äußerste Mühe zu versichern, daß die Regierung im Traume nicht an so etwns denke; nur wo ein Bezirk a l l z u g r o ß sei, oder wo aus ande ren Gründen der Um- sang der Geschäfte zu bedeutend geworden, sei, sollen besondere Stcucrkommissare angestellt werden. Mer— die Konser- nativen glaubten ihm nicht! Kiihl fragte ihr Vertreter den Minister� was damit gesagt sein solle, daß„der Umfang der Geschäfte zu bedeutend geworden sei". Und kühl stellte er dann den Antrag, die Beschlußfassung über diesen Punkt auszusetzen, bis der Minister genauere Angaben machen könne. Angenommen luurde der Beschluß ja nicht, aber die Konservativen stimmten geschlossen dafür. Bei dieser Zähigkeit, mit der die Herren an ihrem Willen selbst bei der kleinsten sich bieten- den Gelegenheit festhalten, kann inan sich auf interessante Tebattcn über diesen Punkt im Plenum gesteht machen. oeltemichlicher Zzmwer. Aus Wien wird uns geschrsscbeu: Eine kleine Statistik: Sestewreich-IIngarn besitzt zwei Parlamente, den österreichischen Reichsrat und den nngarifchen Reichstag, weiter den kroatischen Landtags den Landtag von Bosnien und die siebzehn Landtage der österreichischen Krön- länder. Ein bißchen viel an sogewarmten gesetzgebenden Körperschaften, aber sie alle werden allmählich nur noch in der Theorie eristieren, denn mehr oder nun der sind sie alle der Obstruktion verfallen, zur chronischen Arbeitsunfähigkeit ver- dainmt. Wie es um das österreichische Parlament steht, ist bekannt: es kommt ans den Nöten nicht hinaus und die Ar- heitsnufähigkeii. die seine Natur ist, ist nur durch die stärksten Reizmittel zu Hannen. Was man draußen jetzt durch acht Tage verspürt hat: daß der Reichstag eine„Lage" hat, ist in Oesterreich so etwa seit fünfzehn Jahren die Regel. Auftichtig gesprochen, ist in Oesterreich jeder froh, wenn er„fem" Parlament nicht sieht: die Minister, die Abgeordneten, die Zeitungen und die Bevölkerung, keinem geht es ab. Nur so ist es zu erklären, daß dos Abgeordnetenhaus in der eigent- liehen parlamentarischen Verhandlungszeit ferngehalten wer- den kann: die letzte Sitzung war am 15. Tezember und die nächste wird am 5. März sein. Und dabei hat dieses Haus, das inan für zweieinhalb Monate beurlaubt, vielleicht am meisten zu tun und arbeitet sicher am allerlangsamsten! Tas ist nun das österreichische Parlament, und wie steht es um das ungarische? Das steht überhaupt wieder einmal vor seinem Krach. Tort wird seit etwa sieben Monaten die Wehrvorlage verbandelt, ohne daß man bisher zum Abschluß der Generaldebatte gekommen wäre! Und da die Aussicht ge- ächwnnüen ist, mit der Opposition zu einem Abkommen, zu ge? langen, so wird die Auflösung wohl nicht mehr zu umgehen sein, obwohl wieder kein Mensch anzugeben vermöchte, was mit den Neuwahlen herbeigajührt werden könnte! Am verfahrensten ist die Sachlage in Kroatien, wo man den jüngst gewählten Landtag überhaupt nicht zusammentreten ließ, ihn vielmehr, obwohl er schon einberufen war, sogleich wieder aufgelöst hat, etwa zum fnnftenmal seit zwei Jahren. Ter Konflikt steckt hier in der ganzen verfehlten Perfassung: das Land will von Ungarn nichts wissen, wird aber von der ungarischen Regierung mit fast absoluter Befugnis beherrscht. Auch der Landtag von Bosnien steht vor der Anflösnng; immer neue Zerwürstnffe mit den Beamten der Landes- regiernng wie auch feine buntscheckige Zusammensetzung— drei Nationen und drei Konfessionen— haben seine jugendliche Begeisterung rasch aufgerieben. Nicht minder anmutig ist auch der Blick auf die öfter- reichischen Landtage, die seit zwei Monaten tagen und denen zuliebe der Reichsrat mit seiner Tätigkeit innehalten muß. Ta haben wir zum Beispiel den Landtag von Böhmen, der durch die Obstruktion so gründlich lahmgelegt ist, daß er es innerhalb vier Jahren nicht einmal zur Konstituierung ge- bracht hat. Wohl werden die so etwa seit einem Menschen- alter in den mannigfachsten Formen geführten Ausgletchsver- Handlungen auch jetzt fortgesetzt; es ist aber nicht die geringste Aussicht, daß aus ihnen irgend, was Herauskommt. Ter zweitgrößte Landtag ist der von Galizien, der nun wieder von der ruthenischen Obstruktion verfolgt wird; dort spielen sich die Verhandlungen, die tu der„Bewilligung" des absolut Un- erläßlichen bestehen, unter dem wildesten Sturm der Rntheneu ab, die damit eine ihnen günstige Wahkresorm er- zwingen wollen. Ter Landtag von Tirol ist von den Italienern, der von Steiermark van den Slowenen zerschlagen worden; beide mußten aucl, schon ganz ergebnislos heim- geschickt werden. Ter oheröstereichische Landtag ist wieder an der Obstruktion der Teutschnationaleu gegen die von der klerikalen Mehrheit geplante demokratischere Gsmeindewahl- reform zugrunde gegangen. Mehr oder minder kaput sind auch sämtliche Landtage der Küstenländer, wo der Kampf zwischen Slawen und Italienern jede gedeihtiche Arbeit unmöglich macht. Mit Ausnahme von ein paar kleinen Landtagen find die Landesparlamente dem Bankrott ganz nahe, dem mora- tischen und nicht minder dem finanziellen, der sie längst ge- zivungen hat, dre ständigen Defizite durch Schulden zu decken. Die Gegner des allgemeinen Wahlrechts haben frohlockend auf die„Enttäuschung" hingewiesen, die das demokratische Parlament denen bereitet habe, die von der Wahlreform ein neues Zeitalter erwartet und geweisfagt haben. Aber nach dem Krach der Landtags, die von dem„Gift" des allgemeineir Wahlrechts entweder ganz befieit sind oder denen es in so schwachen Tose» eingeflößt ist, daß es nicht gefährlich werden konnte, erkennt man die wahre Ursache alles polittschen Jammers in Oesterreich: daß sie in dem unmöglichen, nafiir- widrigen Staate steckt, der politisch nicht leben und nicht sterben kann, also in seder Hinsicht auf ein kümmerliches Vegetieren verwiesen ist, welches ein genauer Kenner dieses Oesterreichs schon vor Jahrzehnten„Fortwursteln" genannt hat. Nur„wurstelt" man immer dümmer und schäbiger. Es baben sich gerade in letzter Zeit um die Person des Grafen Aehrenthal in Oesterreich heftige Kämpfe ent- spönnen, aber man wußte längst, daß er unrettbar verloren ist, und die Ablehnung seines Temissionsgefitches, zu dem sich Aehrenthal infolge des Schwindens seiner körperlichen Kräfte im Dezember veranlaßt sah, bedeutete nur, daß man sich aus kein baldiges Sterben gefaßt machte, nur seinen Tod ab- warten wollte. Von der Krankheit, die den Minister befallen hatte, gibt es keine Rettung, und nachdem die Blutentartung fortschritt, war das rasche Ende unvermeidlich. Graf Aehrenthal wird in die Geschichte als der Annexionsminister eingehen. Ob aber die Geschichte ihn wegen des Unternehmens so günstig beurteilen wird, als ihn die verzückten Patrioten nach der glorreichen Tat beurteilt habe»!, ist mehr als zweifelhaft. Im Grunde genommen war die unvermittelte Einverleibung des okkupierten Landes ein echter Schwabenstreich: eine ebenso überflüssige.als kostspielige Sache. Ueberslüssig deshalb, weil das Besitzrecht an den Ländern, die seit mehr als dreißig Jahren unter österreichisch. ungarischer Verwaltung standen, von niemandem in Zweifel gezogen wurde, und weil die Annexion, über die„rechtliche" Einverleibung nicht gedeihen tonnte, die moralische Er- oberung der Länder und ihrer Bevölkerung, die das wich- tigfte wäre, um keinen Schritt weiter gebracht hat. Kost- spielig aber deshalb, weil sie erstens riesige Ausgaben nötig machte, und wert durch sie urternationale Beziehungen in eine höchst unersreuliche Gärung kamen; so ist der leidenschaftliche Anschluß Rußlands an die Westmächte, der unter den frieden- bedrohenden Tatsachen in Europa nicht an letzter Stelle steht, eine unmittelbare Wirkung der überflüssigen Annexion. Eigentlich wurde Aehrenthal aus Petersburg zu dem Zwecke geholt, um das Verhältnis Oesterreichs zu Rußland zu ver- bessern: aber er hinterläßt es in recht übler Verfassung. Daß sich Aehrenthal mit der aggressiven Politik in Oesterreich- Ungarn viel Anerkennung erwarb, kann nicht überraschen. chie« doch diesc ausgreifende Politik, die mit der Sandschak- bahn begann und in der Annexion ihren Höhepunkt erreichte, den von der Weltgeschichte zur Bescheidenheit erzogenen chwarzgelben ein neues Aufflammen der entschwundenen alten Herrlichkeit! Deshalb auch die Besehdung von der kleinen, aber mächtigen Partei", die vom„Belvedere", dem -chloß des Thronfolgers, erleuchtet wird, da er gegen Italien die gewünschten kriegerischen Töne nicht anschlagen wollte, sich vielmehr recht und schlecht bemühte, mit dem italienischen Nachbar, mit dem man äußrrlich verbündet, innerlich aber todfeind fit, in einem erträglichen Verhältnis zu bleiben. Daß dann Aehrenthal die gefährlichen Handgriffe, die die Kriegs- Partei im Sinne trug, zu durchkreuzeu wußte und den Generalstabschef Hötzendorf, der schon mit dem Kriege spielte, zur Strecke brachte, bleibt ihm als wirkliches Verdienst und war wahrscheinlick seine beste Tat. Anzuerkennen ist auch, daß Aehrenthal nie den Vernich gemacht hat, der demokra- tischen EntWickelung in beiden Staaten Hindernisse in den Weg zu legen und insbesondere gegen die Wahlreform die üblichen Ränke unterlassen hat, wobei er sich wohltuend von den Kalnoky und Goluchowski unterschied, die in dieser Hin- ficht die böswillisten Intrigen am Kerbholz haben. Der arme „österreichische Bismarck" war Wohl alles andere denn ein Genie; aber bei der geistigen Verlassenheit Oesterreichs wird selbst der Ersatz des miterrichteten und sein Handwerk ver- stehenden Aehrenthal nicht leicht sein. Politische(lebertickt. Nerlin. den IS. Fcbfirar 1912. Tas arScitersreundliche Zentrum. Euien neuen Äeweis seiner Arbeiterfeiildschast legte das Zentrum am Freitag im Abgeordnetenhause an den Tag. Aus der Tagesordmmg stand die Beratung des Etats der F o r st- Verwaltung, die unserem Genossen Ströbel Ver- anlassung�gab, in einer groß angelegte« Rede für die Jnter- essen des Forstpersonals und vor allem der Waldarbeiter ein- zutreten. Wer sich auch nur einen bescheidenen Rest von sozialem Empfinden bewahrt hat. der wird zugebeil, daß die Forderungen unseres Fraktionsredners die denkbar gerechte- sten find und daß ihnen jeder Bürgerliche ohne weiteres zu- stinnuen müßte. Oder tvill man vielleicht behaupten, daß eine Aufbesserung der Hungerlöhne, daß die Schaffung vermin fti- ger Arbeftsbedinguugen, daß die Gewährung des freien un- beschränkten Koalitionsrechts übertrieben und undurchführbar find? Selbst das Treiklafienparlament müßte doch so viel Einsehen haben, um dies Programm ftir annehmbar zu er klären. � Aber wer das glaubt, der überschätzt die Mehrheit dieser sogenannten Volksvertretimg. Schon während der Rede Ströbels gaben das Zentrum und die Konservativen ihrer Unlust über die an der Fontverwalwng geübte Krifik durch mehr oder minder geiswolle Zwischenrufe Ausdruck. Zum Uebersluß ließen sie dann nocl) Herrn Busch(Zentrum) los, der blindlings aus die Sozialdemokrafie losschlug, das alte Lied vom sozialdeinokrafifchen Terrorismus anstimmte, die freien Gewerkschaften als Bestandteile der Sozialdemo- fratic bezeichnete, um zum Schluß— genau wie im Vorjahre — der Regierung wegen ihres Vorgehens gegen die freien gewerkschaftlichen Organi- sationen seine Anerkennung auszusprechen! Das Zentrum hat also wieder einmal durch seinen offiziellen Etatsredner das Koalitionsrecht der Arbeiter b e k ä mp ft. Und diese Gesellschaft wagt es, sich als Ver- treter der Arbeiter aufzuspielen und um ihre Stimmen bei den Wahlen zu buhlen. Tie Ausführungen des Abg. Busch machten dem Land- wirtschastsminister seine Erwiderung leicht. Herr von Schorlemer-Lieser schloß sich in allen Punkten dem Zentrums man ii an und gab zum Ueberfiuß noch die Er- klärung ab, daß er auch aus den Wahlen nichts gelernt habe, sondern nach wie vor die freie Gewerkschaftsbewegung be- kämpfen werde. In einer zweiten Rede hielt Ströbel dann gründlich mit der Regierung und dein Zentrum Abrechnung, schlagend wies er nach, ivie falsch die Behauptungen seiner Gegner sind, und geschickt verstaub er es, die zahlreichen gegen die Sozial- demokralie gerichteten Angriffe zu widerlegen. Zwar machte Abg. Busch noch einen neuen Versuch, seine Reichsverbands- Weisheit an den Mann zu bringen, aber er schnitt dabei so schlecht ab, daß seine Freunde schleunigst einen Schlußantrag annahmen, durch den uns die Möglichkeit einer Entgegnung genommen wurde. Eine gute, von großer Sachkenntnis zeugende Rede unseres Genossen L e i n e r t über die Tomänenverwaltung legte Zeugnis davon ab, ivelches Interesse die Sozialdemokratie allen Fragen des staatlichen Lebens entgegenbringt. Würde die Regierung sich auch nur einen Teil der Anregungen unseres Genossen zu eigen machen, io wäre es um unsere Domänen besser bestellt— zum Vorteil des Staates. Einige Großgrundbesitzer würden dadurch allerdings geschädigt, und da die Regierung in erster Linie deren Interessen vertritt, so ist an die Berücksichfigung unserer Anregungen nicht zu denken. Allerdings behauptete der Abg. von W o y n a(freikons.), daß Leinert von der ganzen Sache nichts pcrsteht, aber der- artige hilflose Redensarten können für uns nur ein Beweis dafür stin, wie unangenehm den Junkern du? Arnoetenhcit von Sozialdemokraten im Treiklassenparlament fit. der Tat hat Leinert sich ein.Lroßes Verdienst durch lerne Kn.ir an der Verschleierung der Verhältnisse erworben, ern Ver- dienst, das durch die Art und Weise, mit der der Vertrete.. der Regierung um den Kern'der Frage herumrede.e, auch n.a,: im geringsten geschmälert wird... Am Montag beginnt die erste Lesung der forstw.rt- schaftlicheii Vorlage. Am Sonnabend fällt die iLitzung aus. Im Seniorenkonvent des Reichstages wurde Freitag über die Verireiung der einzelnen Fraktionen im Seniorenkonvent sowie über- die Zuteilung der Korn- missionssitze an die Fraktionen beraten. Dabei kam man überein, daß au dem alten Modus festgehalten wird, daß jede Fruk�mn, die in dem Seniorenkonvent vertreten sein ttnU, 15 Mitglieder zählen muß: bezüglich der Verteilung der Kom- missionssitze wurde derselbe Standpunkt eingenommen, w daß die Reichspartei, die jetzt nur 13 Mitglieder zählt. Nicht als selbständige Fraktion angesehen werden kann. Sie wird demnach im Seniorenkonvent nicht vertreten sein und muß zur Erringnng von Kommimonssitzen sich tn'i etner anderen Fraktion verbinden. Tann kam man überein, dag sofort nacu der Etatsberatnng die Anträge aus A e n d e r u n 9 der G e- schästsordnung auf die Tagesordnung des Plenums gestellt werden. Dabei sollen kurze Erklärungen abgegeben werden und die Angelegenheit der auf 21 Abgeordnete ver- stärkten Bndgetkom Mission überwiesen werden. Ferner hielt man an den früheren Abmachungen fest, daß alle vierzehn Tage zwei Tage freigegeben werden, Tie nächste Pause wird vom 24. bis 26. Februar eintreten. Die„Pott" will einen„Schattenkaiser". Die konservativen Organe und auch Herr v. Bethmanu Hollweg bekämpfen jede konstitutionelle Ausgestaltung der Reichsverfassung mit dem Argument, daß dadurch der Monarch zu einem Schattenkaiser herabgedrückt werde. Nun gibt eS ein Gebiet, auf dem die Einflußnahme des Monarchen eine außerordentlich starke ist: es ist die auswärtige Polirik. lind siehe da, gerade hier wollen konservative und renk- t i o n ä r e Politiker den Kaiser so sehr als möglich aus- schalten. Im Anschluß an die Meldungen über die deutsch- englischen Verhandlungen. schreibt die„Post" in„einem ge- wissen Gefühl der Besorgnis":. Es will uns wenig gefallen, daß die Frage der Besse- rung der deutsch-englischen Veziebungen. die nach allen bisherigen Erfabruugen nur auf einer rein geschäftlichen imd absolut«ich- ternen Basis verhandelt werden kann, ivicder ans den Kanzleien der zuständigen Sraatsämtet hürcmSgeh'oben und gleichsam in den Mittelpunkt höfischer Veranstaltungen gerinü werden soll. Wir können nicht einschen, was die Beiuche des Königs Georg in Berlin bezw. der Gegenbesuch dcS Kaisers in London mit ihre«! Drum und Dran an Banketten. Festvorstellungen und mit der ganzen gehobenen Stimmung derariiger Festivitäten wir können nicht verstehen, was das alles nnr einer?o obiolu: reinen Nützlichkeitsfrage zu tun bat, die sicki schlechterdings doch nicht anders als durchaus geschäftlich behandeln latzi. llnd wir verhehlen unsere B e f n r cki t n n g nicht, da;-, Plc von Englantz-'Üag-'bereLa-.cte Sp�ul.nie:- cuf»:<•- Empfänglichkeit unseres Kaisers für einen frcmid° lichen Billkomm des englischen Bolkes und e f seltv»llew- ...7,....«.V ß.-»«a.-fäf A tt s g a n g van M o n a r Iv c n b e> tl ch e st die Arbeit deutschen Diplomatie beträchtlich zu erschweren vermag. Gerade der hohe Sinn und die arglose Ehrlichkeit unleres Kaisers taugen schlecht in den harten und nüchternen Jntereffeukamps der Diplomatie, und sollte Kaiser Wilhelm wirklich, wie die„T. R." schreibt, ein begeisterter Förderer der jetzt angebahnten VerHand lungen sein, so halten wir e-S für eimn groben Fehler, das offen auf zusprechen und die Engländer noch mehr daraus zu stoßen, wo stie sie der Hebel am leichtesten angesetzt werden kann. Rommen unsere Diplomaten nicht wiederum in dieselbe klägliche Lage wie liX». wo ihnen bei den Marott Verhandlungen von,- französischer Seite höhnisch entgegengehalten wurde:„Der Kaiser will wegen Marokko keine» Krieg, und deshalb herunter von dem hohen Roß der Festigkeit und llunach- giebigkeit!' Ist der englischen Diplomatie ihr Spiel nichl mi- geheuer erleichtert, wenn sie glauben kann, der Kai'er legt den größten Werl auf die Verständigung und will auch des- halb Opfer bringen! Wie iverden die englischen Meister des Bluffs und der Schmeichelei, gestützt ans die augebliche Stimniung deS Kaisers, mit unseren Helden von Ägadir umspringen?! Wir sind mm allerdings der Meimmg, daß die aus- wältige Politik von Vertrauensmännern des Volkes unter dessen demokratischer Kontrolle gemacht werden sollte. Aber die Hintermänner der„Post" meinen das Schattenkaisertum allerdings anders. Nicht das Volk, sondern die Interessenten der imperialistischen Politik sollen den Monarchen verdrängen. Daher auch der Name„wahre Patrioten". Eine platonische Kundgebung. Die natioualliberale Reichstagsfraktion hat heute eine Vertrauens! undgebu n g für Herrn B a s s e r m a n n veranstaltet. Parteiamtlich wird darüber gemeldet: „Die naiionalliberale Fraktion des Reichstags hat in ihrer heute vormittag staltgehabten Sitzung einstimmig durch Zuruf den Abgeordneten Herrn B a s s e r m a n n zum Vorsitzenden der Fraktion gewählt und hat aus eine aus ihrer Mitte gegebene Anregung mir allseitiger, freudiger Zustimmung beschlossen, diese Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, ohne ihrem in langen Jahren angestrengter und aufregender parlamen- tnriicher Tätigkeit bewährten Führer den herzlichsten Dank und gerade im Hinblick aus die Ereignisse der jüngsten Zeit di: Versicherung ihres einmirtigen unerscdütlerten Vertrauens und ihres Eiiiverstäudirtsses auszusprechen. Diese Kundgebung wird den tiefen Riß, der durch die nationalliberale Partei gebt, natürlich nicht heilen. Ter Zentralv-vMand der Partei ist für den 24. Mal«, also erst lansse nach der definitiven Präsidenten- Wahl, einberufen. Unterdessen kämpft.der rechte Flügel munter fort. Im Wahltreis E s se«- R u ür haben die Nationalliberalen ihrer Reichs tagsftaktion die Mißbilligung ausgesprochen und der nationalliberale Wahl.lreisvorstand von Bielefeld- Wiedenbrück ivirft der Fraktion sogar an den Kopf, sie habe die unveräußerlichen vaterländischen und monarchischen Grundlagen der Partei verleugnet. Deshalb sei eS notwendig, daß die Leitung der Gesamtpartei und der Reichtags- ftaktion in Hände gelegt xvird. die„an den bewährten Grund- lagen vaterländischer Zuverlässigkeit und bürgerlicher Soli- darität gegenüber der Sozialdemokratie nicht rütteln lassen." Dagegen fordert der: Reichsvcrband der jung- liberalen Vereine die Partei auf, die„links gerichtete Haltung" beizubehalten. Ein Srelldichgvu der Durchgefallenen. Die Antisemiten halten am 18. Februar in Kassel eine Art Heerschau ab, Redner find die Durchgefallenen: Lattmann, Raab und Henningsen. Sie reden über den verflossenen Wahlkampf, über die Arbeit im Reichstage und über den kommenden Wahlkampf. Sie nennen diese Tagung eine erweiterte Gesamtvorstandssitzung und kleiden die Einladung in die Form: „Bei der Wichtigkeit der vorstehenden Tagesordnung bitten wir nicht nur alle Wahlkreis». OrtSgruppenvorfitzenden, Vertrauensmänner und alle standidaten sowie unsere Abgeordnelen aus dem Reichstage, aus Landtagen und aus Gemeindevertretungen, sondern alle eifrigen Mitstreiter zu erscheinen." Damit wird also die ganze antisemitische Partei zu einer— Vorstandsfitzung eingeladen!___ Ultramontane Heuchelei. Wer da glaubt, die tonangebende Zentrumsprefse habe bei- dem Werben um die Liebe der Rationalliberalen jede Kritik der Ausschreitungen des Kapitalismus eingestellt, der irrt. So veröffentlicht die„Köln. Volksztg."— Nr. 128— einen scharfen Artikel gegen die Wohlfahrts» knebele!. Es heißt darin: „Von jeher haben die... Z e ch en b e s i tz e r. welche die Freiheit immer im Munde führen, sich angelegen sein lassen, bc- ionders in jener Gegend, jede Unabhängigkeits- beweg ung der Arbeiter zu unterdrücken und sich einen festen Stamm von Bergleuten mit g e r i n g e n L ö h n c n — wie Leibeigene an die Scholle— an die Schicht zu binden. Das war der Z w e ck der Werk Wohnungen,... das war vorzüglich der Zweck der Wohlfahrtseinrichtungen, welche in jedem Werke Unterstützung gewähren im Krankheitsfall ... Tiefe Einrichlung lag ausschließlich in den Händen der Arbeitgeber. Wer nicht sein Leben lang im betreffenden Gebiet und in dessen Bergwerken gearbeitet hatte, der hatte keinen Anspruch auf Pension. Um diese im vorgerückten Alter oder im Jnvaliditätsfalle erlangen zu können, begnügten sich die Arbeiter mir den niedrigen Lohnsätzen. Die Arbeitgeber mußten sich nicht bemühen, Arbeitskräfte anderswo herbei zu holen; sie rühmten sich ibrer Freigebigkeit gegen die gebundenen und entrechteten Arbeiter und das Niveau derselben sank immer tiefer: diese erniedrigte und überarbeitete, seit Generalionen an dieselben Gruben gefeflelte Bevölkerung... gilt als minderwertig gegenüber derjenigen der anderen Bergbaugebiete..." Der Leser wird fragen: Zielt das auf die Scharfmacher im Ruhrrevier oder aus die wegen niedriger Lohnzahlung be- rühmten Kohlenmagnatcn Schlesiens? Keine Sorge! Die Ultramontanen betveisen ihre Arbeiterfreundlichkeit ohne solche Unkosten. Die Epistel richtet sich nur gegen die liberalen Zcchenbesitzer Belgiens. Daß in Belgien das Kapital vielfach sn ultramontanen Händen, ja selbst in denen von Geistlichen sich befindet, das verschweigt deS Sängers Höflichkeit. Wie wenig man berechtigt ist, die Ausschreitungen des Kapitals auf den Liberalismus, mit dem. man übrigens im Ruhrrevier gegen die Arbeiter paktiert, zurückzuführen, das beweisen die Verhältnisse in Deutschland. Gerade dort, wo ultramowtanc Unternehmer das Uebergewichk haben, in Schlesien, ivcrden die e r b ä r m l i ch st e n Löhne gezahlt. Während z. B. iin Oberbergamtsbezirk Dortmund der Lohn der Berg- arbeiter im 3. Vierteljahr 1911 durchschnittlich 4,72 M. betrug, stellte er sich in Oberschlesien auf nur 3,51 M. und in Nieder- schlesien auf nur 8,30 M. Von diesen erbärmlichen Dingen erzählt die ultramontane Presse selbstverständlich nichts. Das Kffsst nicht tu ihren Kram 1__ Landwirtschaftsrat und Jugendbewegung. Am Freitag nahm der Landwirtschaftsrat Stellung zur sozialdemokratischen Jugendbewegung. Der Re- ferent Landrat a. D. v. Klitzing-Kl.�Dproitau legte hierzu folgende Resolution vor:„Der Deutsche Landwirlschaftsral erblickt in der sozialdemokratischen Jugendbewegung eine schwere Gefahr für die sittliche Kraft deS heranwachsenden Geschlechts und damit für die Erhallung der Vaterlandsliebe und für die Achtung vor der göttlichen und weltlichen Autorüät Der deutsche LandwirtschaflSrat richtet deshalb an alle Kreise der ländlichen Bevölkerung die dringende Mahnung, einem Uebergreifen dieser Bewegung auf das flache Land entschieden entgegenzutreten." In der Begründung sacste Landrat o. D. v. K l i tz i n g n. a.: In klarer Erkenntnis der großen Gefahr dieser Bewegung hat sich unter dem Ehrenvorsitz deS Fürsten v. Henckel- DonnerSmarck und unter dem Vorsitz des Präsidenten deS Reichsstatistischen Amts v. d. Borght ein Arbeitsausschuß gebildet, dem auch unser Präsident Gras Schwerin- Läwitz angehört. Dieser Arbeitsausschuß will die I u g e n d b e w c g u njz bekämpfen durch Herausgabe eines Buches„Für HauS und Schule". Ilnler der Mit- arbeit von 50 der hervorragendsten Personen herausgegeben� soll dieses Buch der Schuljugend im letzten Jahre deS Schulbesuches in die Hand gegeben werden. und ihr gewisiermaßen ein « a d d W e t u ni, eine Hans- und H e r d b i b e l, für das ganze weitere Leben fein. Das Buch soll 800 Seiten umfassen. lLebhasteS Hört! hört!) Ich möchte anregen, ob eS nicht besser ist, einerseits den Umsang zu verkleinern und auch eine fortlaufende Jugendschrifr heräuLzu- geben. Handel und Industrie haben sich einstimmig für das Unternehmen deS Arbeitsausschusses erklärt. Die Deutsche Land- Wirtschaft hat deshalb nicht zurückstehen wollen.— Präsident Graf S ch wert n-Läwitz: Mim kann nun über die Zweckmäßigkeit eines solchen großen Buches, das gewissermaßen eine vaterländische Bibel sein soll, zweiftlhaft sein, das alles sind untergeordnete Nebenfragen. Das Buch soll übrigens die hervor- ragend st e n geschichtlichen Tatsachen enthalten und Bilder unserer großen Männer der Jugend vorführen, wie Bismarck und die großen Könige eS waren. Wir haben aber auch das Interesse, daß in diesem großen Buche die Darstellung der Geschichte auf der Grundlage einer vernünftigen agrarische» Auffassung geschieht! Gras Rantzau- Nastroff: Ich gehöre nicht zu den vertrauensseligen Leuten, die da meinen, daß die Sozialdemokratie sich jemals zu einer bürgerlichen Partei entwickeln und sich auf die Vertretung der Arbeiterinteressen im Rahmen der bestehenden Staats.- und Gesellschaftsordnung beschränken könnte. Ich halte eine solche Anficht für eine verhängnisvolle Verblendung und stütze mich dabei meinerseits auf klassische Zeugnisse ans der Sozialdemo» tralie selbst, die beweisen, daß die Sozialdemokratie ihren revo- luiionären internationalen Eharaktex vielleicht zeitweise der- schleicrn, aber niemals aufgeben wird!(Sehr richtig!) Ich halte es überhaupt für einen groben Fehler und für eine logische I n l o n s c g u c u z, daß.. man der Sozialdemokratie in einem Staate, dessen Umsturz ihr Ziel ist, überhaupt staatsbürgerliche Rechte gilt, wie das aktive und passive Wahlrecht.(Sehr richtig!) dieser poirnsche Fehler wird die (siltsckieidungsschlacht, die einmal geschlagen werden muß, i.ur auflchitben und erschtveren. Solange dieser politische Fehler nicht gut gemacht ist, ist der Verteidigungsiampf. den jeder deutsche, MRtorchisch und christlich gesinnte Mann gegen die Sozialdcmo- kratie führt und führen muß, ein Kampf mit stumpfen Waffen. Auf diese agrarische Jugendbibel wird man gespannt sein dürfen. Z» dumm: Mit einer Hartnäckigkeit, die einer guten Sache würdig wäre, bleibt die ultromontan-konservatide Presse bei der Behauptung, die Erfolge der Sozialdemokratie seien auf elende Stencrhetze zurück- zuführen. Diese törichte Behauptung geht schließlich selbst Zentrums- lernen über die Hutschnur. Gegen einen in dem obigen Sinne ge- haltenen Artikel der ultramontanen„Grenzwarte"— Nr. 35— wendet sich ein regelmäßiger Mitarbeiter. Er sagt u. a.: „Bon einer Verhetzung des Volkes durch die Liberalen kann keine Rede sein. Was diese getan haben, besteht nur darin. daß sie die wunderbare Finanzreform der Mehr- heilsparteien in das richtige Licht st eilten. Das war ihr gutes Recht. Oder will der Herr Artikel- schrdber die Finanzreform vielleictit als„non plus ultra" hinstellen? Daran glaubt er wohl selbst nicht. Gewiß, durch die Finanzreform ist der Reicbssäckel beinahe— aber auch nur bei- nahe!"— gefüllt Wörden, jedoch kommt es in der Hauptsache darauf cm, ob diese Steuern auch sozial gerecht verteilt wurden, und das muß ich entsckieden bestreiten. Alle diese Verbitterung wäre nicht entstanden, wenn die von der ReichSregiening vorgeschlagenen und von den liberalen Parteren unterstützten Besitzsteueranträge(Vermögens- bezw. Erb» a n f a l l st e u e r), die die wirklich Befitzenden trafen, angenommen worden wären. Aber dafür waren die Herren rechts nicht zuhaben, da heuchelte man dem Volke etwas von einem„Eingriff in die Familienverhältnisse" vor, während man in Wirklichkeit auf der emen Seite sein Portemonnaie schonen und auf der anderen Seite seine Racbe kühlen wollte. Einer Ber- hetmug des Volkes bedurfte es auch gar nicht, denn was dem Staatsbarger die»eucu Steuern brachten, wurde er auch ohne Verhetzung an seinem eigenen Geldbeutel gewahr." Daß es so ist, wissen natürlich die ultramontanen Demagogen ganz genau, aber ihre Polstik hat nun einmal die Beschwindesimg der Wähler zur Voraussetzung. Gegen den mecklenburgischen Ochseukopf. Die Nationalltberale Partei und die Fortschrittliche Volks- Partei des Reichstages haben einen gemeinsamen Antrag ein- gebracht auf Annahme emeS Gesetzes, betreffend die Volks- Vertretung in den Bundesstaaten. Nach diesem Gesetz soll Artikel 3 der Verfassung folgenden Zusatz erhalten i„In jedem Bundesstaat muß eine aus Wahlen der Bevölkerung hervorgegangene Vertretung bestehen, deren Zustimmung zu jedem Landesgejctz und zur Feststellung des Staatshaushalts erforderlich ist." Wenn die antragstellenden Parteien wirklich liberal denken und handeln würden, so hätten sie das Reichstags- Wahlrecht verlangt._ „Politische" Gewerkschaften. Von einem Dresdner Schöffengericht ist jetzt ein Urteil gefällt worden, das Aufseh«» erregen dürfte. Schon aus dem Grunde, weil es zeigt, wie es um die angeblich„liberale" Aus- lcgung und Anwendung des Reichsvercinsgesetzes in Wirklichkeit steht, wenn es sich um Organisationen der modernen Arbeiterbewe- gung handelt. Ter Dresdner Ztoeigverein des Deutschen Bauarbeiterverbandes hatte während der ReichstagSwahlbewegung in einer Versammlung beschloss«», dem sozialdemokratischen Wahlfonds ans lokalen Mitteln des Verbandes 1000 W. zu stiften. Das war öfsentlich bekannt geworden, und die König- liche Polizeidirektion Dresden erblickte in diesem Falle eine„p o- litis che Tätigkeit" der fraglichen Gewerkschaft. Deshalb wurde die Verwaltung aufgefordert, auf Grund des Vereinsgesetzes eine Mitgliederliste einzureichen. Selbstverständlich lehnte man daS Ansinnen der Polizei ab, die sich in einigen anderen gleichen Fällen u. a. auch auf Quittungen in der„Dresdner Volkszeitung" ocricf, was beweist, daß die Dresdner Behörde mit Argusauge» nach Gelegenheiten späht, der modernen Arbeiterbewegung Stein« in den Weg zu legen. Infolge der Weigerung, die verlangte Mitglieder- liste einzureichen, kam die Angelegenheit nun vor das Gericht. Und was unmöglich schien, ist eingetreten: der angeklagte Vertretet des BaiiarbeiterverbandeS wurde z u 15 M. Geldstrafe verurteilt, weil das Gericht in der Zahlung eines Betrages in den sozialdemokratischen Wahlfonds eine politische Tätigkeit im Sinne des Vereins- gesetzcs erblickte! Eine derartige materielle Unterstützung einer politische!, Partei sei eine„intensivere Einwirkung" auf politische Angelegenheiten,>vie manch)« lange politische Rede, so meinte das Gericht in der Begründung des Urteils. Und der Vertreter der Anklage verstieg sich gar zu der Behauptung, daß schon das Sta- t u t des BauarbeiterverbandeS auf eine politische Tätigkeit schließen lasse, weil nach seinem Wortlaut sozialpolitische Zwecke verfolgt würden. Auch ein Artikel im Organ des Bau- arbeiterverbandes mußte herhalten, um die„politische Tätigkeit" »och weiter zu erweisen. Wenn iiian sich vergegenwärtigt, welche Auslegung gerade der fraglichen Bestimmung des Bereillsgesetzcs bei Schaffung desselben im Reichstage gegeben wurde, und wie die Beflirchtunge» unserer Vertreter im Reichstage mit dem Hinweis auf liberale Amveudung des Gesetzes zu zerstreuen gesucht wurden, dann mutz dieses Urteil als unerhört und bis jetzt wohl einzig dastehend bezeichnet werden! � Die Angelegenheit ist bor kurzem bereits durch unseren Ge- iwssen Landtagsabgeoroneten Fleißner in der Zweiten Kammer zur Sprache gebracht und das Vorgehen der Polizeidirektion scharf kri- tisicrt worden. Unser Redner konnte dabei den Beweis führen, daß der Verband s ä ch s i s ch e r I n d u st r i e l l e r in ganz unverblümter Weise für die nationalliberale Partei Wahlagitation getrieben, und daß er besonders Gelder zu die- fem Zweck gesammelt, seine Mitglieder in einem Zirkular extra dazu aufgefordert hat. Unier Redner wünschte nun vom Minister AuSkunst, ob er diese Tätigkeit auch als politische ansehe, und meinte, daß der Jndustricllenverband ebenfalls unter das Vereinsgcsctz zu stellen und als politisch von der Behörde an- zusehen sei. Ter Minister schwieg dazu! Und als er nochmals ssanz direkt aufgefordert wurde, sich zu diesem konkreten Falle zu äußern, schwieg er weiter mit einem sehr verlegenen Lächeln. Auch die bürgerlichen Parteien verhielten sich mäuschenstilll Selbstverständlich wird der Fall bis zur letzten prinzipiellen Entscheidung gebracht werden. Das Gerichtsurteil aber wird von neuem Anlaß zu weiterer Behandlung der Sache im Landtag und sicher auch im Reichstage sein._ franbrneb. Vor der Entscheidüng über die Wahlrcform. Paris, 15. Februar.(Eig. Ber.) Morgen abend wird ivohl das Schicksal der Wahlrcform entschieden sein. Wie es aber ausfallen wird, ist noch durchaus ungewiß. Sicher ist nur. daß das, was vom Proporz übrig ist, ein zweifelhaftes Ragout darstellt, das die Sozialisten nicht ohne Heroismus und Selbstüberwindung herunterschlucken können. Die Re- sormgegner haben unter ihrem Generalissimus Breton mit einer geradezu infamen Geschicklichkeit operiert, indem sie immerzu ihren Standpunkt wechselten und bald Konzessioikdn an den bestehenden Zustand niederstimniten, um den Schwankenden die Gelegenheit zu nehmen, für eine aus- gleichende Formel zu stimmen, bald als Zugeständnis die Annahme der— einfachen Listenwahl anboten, die das Wahl- unrecht noch steigern würde und überhaupt gar keine Aussicht auf Ännahine hat. Zum Schluß ist ein Amendement da- geblieben, das eine recht fragwürdige Regelung der Ver- Wertung der Stimmenreste darbietet. Danach sollen die nicht durch die Erreichung des Wahlquotienten vergebenen Mandate derjenigen Partei Lufallcn, die in dem betreffenden De- partement bezw. Testartementsteil Jic absolute Mehrheit erlangt hat— das ist eine aus dein B r i a u d scheu Projekt entlehnte„Prämie"— oder falls keine solche Partei bor- Händen ist, nach dem Prinzip der Stimmendurchschnittc aufgeteilt werden. Es ist sicher, daß die Sozialisten vom Gesichtspunkt einer bloßen Besitzstandspolitik keinen Anlaß hätten, für dieses Amendement zu stimmen. Wenn sie es dennoch tun, so aus dem Grunde, daß die Reform in* dieser Gestalt, wenn auch sicher keine gerechte Mandatsticrteihrng, so doch jedenfalls das Ende des Klüngelsystems der Axrondissementswahlen und eine Konstituierung großer Parteien mit Laren Programmen zur Folge haben muß. Eben darum bieten aber die reformfeindlichen radikalen und radikal-sozialistischen Reformgegner alle ihre Kräfte auf. Roch niemals, in keiner kritischen Situation der äußeren oder inneren Politik hat man die Bänke des Hauses, besonders die auf der linken Seite, so voll besetzt gesehen, wie jetzt, wo das liebe Mandat in Gc.fahr ist. Und selten war die Aufregung und Skaiidallnst größer. Wenn man den Herren Radikalen glauben wollte, führte die Regierung die Republik geradewegs ins Verderben hinein, und es fehlt nicht viel, daß sie ihre der Reforin treu gebliebenen Partei- genossen, wie Herrn Steeg, den Poiircarö gerade im Hin- blick auf die Reform zum Minister des Innern gemacht hat, als Hochverräter bezeichnen. Auch sind sie in bezug auf Bundesgenossen Spirchans nicht mit Skrupeln belastet. In der letzten Phase des Kampfes ist der radikal-sozialistische Professor Painlepä, der als Proportionalist in die Wahlrechtskonrmission„gewählt worden war, zu einem Führer gegen den Proporz geworden, bloß darum, weil seine Er- findung, das„Appareutement", abgelehnt worden ist— mit Hilfe der radikalen Präporzgegner Und der durch seine Memoiren berühmte ehemalige Polizeipräfekt Andrieux ist nach seiner gestrigen Rede gegen den Proporz unter dem Jubel der bürgerlichen Linken aus das Kapitol der radikalen Re- publik emporgestiegen. Tie Situation ist unbeschreiblich verworren. Die Re- giernng hat sich seinerzeit darauf verpflichtet, die Wahlreforin tiur ans der Hand der„republikanischen Mehrheit" zu emp- fangen. Es ist aber offenbar, daß eine solche Mehrheit un- möglich zu finden ist, sofern man die geeinigten Sozialisten und die Gemäßigten ans dem Kreis der republikanischen Parteien ausschließen will. Dieselben Leute, die vor kurzem noch alles Heil im Linksblock erblickten und andererseits be- geistert ein halbprogressistisches Ministerium unterstützen würden, wenn es ihnen den Gefallen tun wollte, die Wahl- reform umzubringen, haben jetzt in politischer Gelegenheits- arithmetik alle Nichtradikalen ans der republikanischen Partei hinaussubtrahiert. Die Konfusion der Lage drückt sich darin aus, daß das Ministerium, trotzdem es sich in dieser Frage, die zweifellos zu den wichtigsten der inneren Politik gehört, entschieden engagiert hat, nicht die Vertrauensfrage stellt. Der Logik zufolge müßte es eigentlich in jedem Fall gehen. Denn entweder wird die Wahlreform abgelehnt, und das wäre das denkbar entschiedenste Mißtrauensvotum, oder sie wird angenommen, und dann fehlt die„republikanische Mehrheit". Man würde aber die Logik im ersten Falle in stillschweiMider Vereinbärnnff Beifeitt' fäsfen,''tbdjb' me"Nblehnung' dieNa- dikalen sehr versöhnlich stimmen wurde. Im anderen Fglle werden sie allerdings alles aiifbisten, um die Regierung Fall zu bringen, ehe sie die Reform im Senat durchbringen, die Kammer auflösen und die Neüwählen ansschreiben kann. * Paris, 13. Februar.(W. T. B.) Nach bewegter Debatte in der Kamuier wurde mit&11 gegen 213 Stimmen auf Antrag des Mimsterpräsidenteu Poincare der Gesamtinhalt des Artikels 1b deS Wahlreformentwurfs angenommen. Dieser Artikel setzt fest, dah jede? Departement eine» Wahlbezirk bildet, und regelt die Berechnung der auf eine Liste fallenden Mandate. foißlatick. Hungersnot und Arbeitslosigkeit. Die gewaltige Hungersnot, die in diesem Jahr einen großen Teil Rußlands heimgesucht hat, und die mit ihren Schrecknisse» selbst die fürchterliche Hungersnot von 1891 übertrifft, beginnt bc- reitL auf das gesäntle Wirtschaftsleben des Reiches hemmend einzu- wirken. Zwei Momente sind eS vor allem, die hier in Betracht kommen. Erstens die völlige Abhängigkeit der Industrie von dem inneren Markt, zweitens das gewaltige Anschwellen der industriellen Reservearmee. Läßt sich vorläufig in der Metallindustrie, wiäüber- Haupt in der Produktion von Prodüktionsmitetln noch keine rück-c läufige Bewegung nachweisen, so hat in der Textilindustrie, die die wichtigsten Zentren Jnnerrußlaiids und Russisch-Polens beherrscht, die Krise bereits ihren Einzug gehalten. Schon vor etwa 2 Monaten wurde aus Jwatiowo-Wosnessensk berichet, daß die Fabriken ihre Produktion um zwei Drittel herabgesetzt hätten und nur 2 oder 3 Tage in der Woche arbeiten ließen. Seitdem hat sich die Lage im Moskauer Jndustrierahon wie in Russisch-Polen nur noch ver- schlechtert. Hunderte von Firmen haben ihre Zahlungen ein- gestellt, die übrigen arbeiten nur L oder 3 Tage in der Woche. Die natürliche Folge ist, daß die Zahl Ar Arbeitslosen mit jedem Tage zunimmt, und daß auch diejenigen, die heute noch in Arbeit stehen, infolge der um die Hälfte herabgesetzten Arbeitszeit am Hunger, tuche nagen. Ein anderer Grund der fortwährend anschwellenden indu- duftriellen Reservearmee ist der Zustrom der hungernden Bauern nach den Städten. Die Regierung hat zwar 100 Millionen Rubel zur Unterstützung der notleidenden Bauern und zur Veranstaltung von öffentlichen Arbeiten bewilligt, aber di« ganze bureaukratische Notstandsaktion, die nur für die diebische Bureaukratie und die Trunkenbolde vom Roten Kreuz einen fetten Happen darstellt, er. reicht nur zum geringsten Teile ihr Ziel. Die hungernden Bauern haben sich auf der Suche nach Arbeit nach allen Richtungen hin zer- streut. Zehntausende sind nach dem fernen Osten gewandert, hunderttausend« lagern unter freiem Himmel in den Städten, auf den Bahnstationen, in den Hafenanlagen an der Wolga. In Saratow wurden kürzlich laut amtlicher Zählung 1944? Not- leidende, darunter 40S0 Arbeitslose festgestellt, die buchstäblich hun. gerten. In Orenburg belauft sich die Zahl der hungernden Arbeitslosen auf 15 000! Aehuliche Zustände herrschen in sämt- lichcn Stödten des inneren und des östlichen Rußlands. Die Hungersnot hat längst aufgehört, eine speziell agrarische Erschei- nung in Rußland zu sein. Sie trifft die arbeitenden Klassen in den Städten nicht nur indirekt, durch Einschränkung der Absatz- Möglichkeiten für die Industrie, sondern auch direkt— durch euie gewaltige Steigerung der industriellen Reservearmee. Die Hungers- not sucht infolgedessen die städtische Arbeiterschaft mit nicht gerin- gerer Heftigkeit heim, wie die durch Mißernte betroffene Bauern- schaft,---> ©ewefftfcbaftUcbes. Die Bauunteniehmer rüsten weiter. 't&cit Beendigung der Aussperrung im Jaihre 1S10 sind die Bau- Unternehmer unablässig bemüht, ihre Macht in jeder Weise zu stärken. Das erste war, daß sie mit den ausländischen Unternehmer- vrganisationen Kartellverträge abschlössen, soweit sie nicht schon vor und während der Aussperrung solche abgeschlossen hatten. Dabei erregte es seinerzeit einiges Aussehen, daß der so außerordentlich „nationalgesinnte" Deutsche Zkrbcitgeberbund für das Baugewerbe niit den französischen Bauunternehmern einen Vertrag abschließen wollte, in dem der Passus vorkam, wenn in Deutschland ein all- gemeiner Streik oder eine Generalaussperrung, ausbreche, so müßten alle in dem„Frcundcsland" Frankreich arbeitenden deutschen Arbeiter sofort entlassen werden. Nachdem diese Kartell- vertrüge abgeschlossen waren, erhöhte der Arbeitgeberbund für das Baugewerbe auf seiner Nürnberger Generalversammlung nicht nur die ordentlichen Mitgliederbeiträge ganz wesentlich, sondern be- schloß außerdem noch die Ansammlung eines besonderen Kriegs. schätze? von einer Million Mark, um im Jahre 1913 den Arbeiter- organisationen finanziell völlig gerüstet entgegentreten zu können. Die Beiträge zu diesem Kriegsschatz werden nicht nur von den Mit- gliedern des Arbeitgeberbundes erhoben, sondern durch Repressalien auch von den vom Bunde abhängigen Baunraterialicnhändlsrn, Zementfabriken usw. eingetrieben. Man beschloß einfach, Ma- tcrialien nur von den Fabriken und. Händlern zu beziehen, die sich verpflichten, an die Kriegskasse des Bundes für je 1000 M. verkaufter Ware 3 M. zu entrichten. Ein Teil der Baumaterialien- Händler sträubt sich zwar gegen dieses Vorgehen noch mit Händen und Füßen; aber der drohende wirtschaftliche Ruin macht sie mit der Zeit alle gefügig. Noch che diese Maßnahmen zur> finanziellen Stärkung der Unternehmcrmacht durchgeführt wurden, suchte der Bund einige kleinere Untcrnehmerorganisationen an sich heranzuziehen, um bei zukünftigen Arbcitskämpfen eine noch breitere Grundlage zu schaffen. Die erste Organisation, die sich dem Arbeitgeberbund völlig anschloß, war der bis dahin völlig selbständige Deutsche Beton- verein. Außer ihm hat sich der Verband der Tiefbauunternehmer mit dem Anschluß befaßt und vorläufig einen Kartellvertrag niit dem Bunde abgeschlossen, der für die Zukunft die Grundlage zu einem einheitlichen Handeln geben soll. Auch den Verband der Baumaterialienhändler suchte der Bund zum Anschluß an ihn zu zwingen; doch stellt sich dieser wegen de? sonderbaren Vorgehens de? Bundes gegen die Händler vorläufig noch bockbeinig. Lange wird sicherlich auch er sich gegen die Zumutungen des Bundes nicht mehr sträuben. Ließen schon alle diese Aktionen des Arbeitgeber- bnndes für'das Baugewerbe keinen Zweifel darüber aufkommen, daß diese Organisation ihre alten Vergewaltigungspläne gegen die Arbeiter nicht aufgegeben hat, so zeigt das, was in der letzten Zeit über die Pläne dieser und der anderen baugewcrblichen Unter- nchmerorganisationen bekannt geworden ist, erst recht, daß man sich im Unternehmerlager auf Kämpfe von gewaltiger Größe bor- bereitet. Es wird nämlich bekannt, daß am 10. Dezember 1911 in Berlin eine geheime Zusammenkunft der Führer fast aller bau» gewerblichen Unternebmerverbände besprochen und beschlossen wurde. Und zwar soll der Zusammenschluß vorläufig in Form einer Kartellierung vor sich gehen, bis die Schaffung einer ein- heitlichen Organisation niöglich ist. Auf der Zusammenkunft ver- treten und ihr Einverständnis mit dem Zusammenschluß erklärt t-' haben die Leitungen folgender Verbände: Arbeitgeberbund für das Baugewerbe; Verband selbständiger Bildhauer, Stukkateure und Gipser; Zentralverand der Stukkateure, Gipser und Brrputzmeister Deutschlands, Sitz Karlsruhe; Rheinifch-westfälischer Stuckgewerbe- verband. Sitz Düsseldorf; Arbeitgeberverband für das Steinsetzer- und Pflasterergewerbe; Verband für das Töpfer, und Ofensetzer- gewerbe; Verband der Dachdeckermeister; die Arbeitgeberverbände im Malergewerbe; Verband selbständiger Installateure und Klempner und Areitgeberverband für das Plattengewerbe, Sitz Leipzig. Außerdem sollen noch Vertreter einiger ausländischer Unternehmerverbände anwesend gewesen sein. Nach längerer, streng geheimer Beratung wurde eine Resolution angenommen, in der die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Unternehmer- verbände des Baugewerbes hervorgehoben wird. Beschlossen wurde ferner, in Zukunft eine einheitliche Tarifpolitik zu treiben und die Kämpfe gegen die Arbeiter gemeinsam zu führen. Um dieses Ziel zu erreichen, soll für alle Tarifverträge, die in diesem Jahre ab- geschlossen werden, als Ablauftermin der 31. März 1913 gewählt werden, an welchem Tage bekanntlich auch alle mit dem Arbeitgeber- bund für das Baugewerbe abgeschlossenen Verträge ablaufen. Das Ziel der baugewerblichen Unternehmer aller Art ist also, in den Kämpfen der Zukunft die ganze baugewerbliche Arbeiter- sckaft einschließlich der Arbeiter aller Nebengewerbe auf einen Schlag aufs Pflaster zu setzen. An Stelle der Hunderttausende sollen in Zukunft Millionen von Arbeitern ausgesperrt und ausgehungert werden. Die baugewerblichen Arbeiter werden nicht verfehlen, aus diesen Plänen der Bauscharfmacher die Konsequenzen zu ziehen. Sie werden von jetzt an noch eifriger an der Stärkung ihrer Or- ganisation und ihrer Finanzen arbeiten, als sie das bisher schon getan haben! LerUn und Omgegenck. Ein Konflikt in der Reiseartikel-«nd Portefeuilles- Industrie. Die Fäbrikanten haben es für gut befunden, mitten in der Vertragszeit einen Vorstoß zu unternehmen, wozu sie zweifellos die augenblicklich nicht sehr günstige Konjunktur bewogen hat. So sind sie denn unvermutet mit einer funkelnagelneuen Arbeitsordnung berausgerückt, die sie ihren Arbeitern aufoktroyieren wollen. Sie dürften damit allerdings kein Glück haben. Das hat sowohl eine am 7. d. M. stattgefundene Branchen Versammlung, als auch der Referent W e i n s ch i l d in der Vertrauensmännerversammlung für die Reiseartikel- und Portefeuillesbranche unzweideutig zum Ausdruck gebracht. Tie Arbeiter dieser Branche haben um so weni- aer Lust, dem Begehren der Unternehmervereinigung nachzu- kommen, als die erste bis jetzt in allen Betrieben gültig gewesene Arbeitsordnung aus dem Jahre 1901 das Resultat eines Schicds- spruchs des Einigungsamts zwecks Verhütung eines drohenden Streiks gewesen ist. Bei den späteren und auch bei den vorjährigen Verhandlungen wurde die vorhandene Arbeitsordnung von den Ilnternehniervertretern noch ausdrücklich als ein Bestandteil des Tarifverhältnisses anerkannt.— Der Referent betonte in der Ver- trauensmännerversammlung noch, daß es bei dem Vertrag weniger auf dessen Inhalt als auf die prinzipielle Bedeutung der Sache ankomme. Was die Arbeitsverhältnisse anbelangt, so ließen sich die Arbeiter auf keinen Fall Aenderungen aufnötigen, die einseitig beschlossen werden, sondern würden nur die Ergebnisse gemeinsamer Verhandlungen beider Kontrahenten anerkennen. Kein Verbands- Mitglied dürfe eine Arbeitsordnung unterschreiben, die nicht von der Organisation gebilligt sei. Das alles sei den Unternehmern mit- geteilt worden und der Vorsitzende der Unternehmervereinigung habe denn auch geantwortet, daß er veranlassen wolle, daß die be- treffende Arbeitsordnung zurückgezogen werde. Sollte sie dennoch in einzelnen Werkstätten vorgelegt werden, so sollten die Mitglieder auf das Antwortschreiben verweisen und die Unterschrift verweigern. Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden. Verantw. Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Inseratenteil berankw.: Der„nationalliberale" Antisemitenhäuptling. Der deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband versucht seit einiger Zeit zahlreiche außerhalb der antisemitischen Bewegung stehende Handlungsgehilfen dadurch an sich heranzulocken, daß er be- hauptet, parteipolitisch neutral zu sein und jede Beziehung zum politischen Antisemitismus abgebrochen zu haben. Als jüngst als Nachfolger des so unrühmlich in der Versenkung verschwundenen Triolen-Schack Herr Hans B e ch l h zum Verbandsvorstcher erhoben wurde, da verbreiteten Deutschnationale geflissentlich die Meldung, daß der jetzige Verbandsvorstelier, Herr Bechly, gar kein Antisemit, sondern„Nationalliberaler" wäre. In Wahrheit ist Herr Bechly ein genau so waschechter Antisemit, wie Herr Schack und die übrige Kumpanei. Wer daran zweifelt, der lese den Artikel„Der neue Reichstag", den Herr Bechly an der Spitze seines Verbandsorgans, der„Handelswacht" vom 20. Februar, losläßt. In einem Atemzuge wird dort hergezogen über die„jüdische Presse", insbesondere das „Berliner Tageblatt", dessen Hauptaufgabe in der Zerstörueg aller sittlichen Werte unseres deutschen Volkslebens besteht.„Geifer der Judenpreffe",„ausgespritztes Gift", das sind nur wenige Beispiele aus dem antisemitischen Sprachenschatz des„nationalliberalen" Ver- sassers. Weiter heißt es:„Daher spiegelt die jüdische Presse dem deutschen Volke überall Feinde vor, meint aber in Wirklichkeit die Gegner des jüdischen Geistes...., und da lassen sich die dummen Deutschen von der jüdischen Presse vorlügen, daß es möglich sei, die Sozialdemokratie in nationalem Sinne zu erziehen, wenn man sie nur recht nett behandelt!" Wer nach diesen Proben nicht Herrn Bechly als waschechten Antisemiten und den deutschnationalen Hand- lungsgehilfenverband, dessen offizielles Organ diesen Erguß an lei- tender Stelle abdruckt, als antisemitische Parteiorganisation erkennt, dem ist nicht zu helfen. Die nicht antisemitischen Handlungsgehilsen werden sich hüten, auf das Gerede von der„Neutralität" des deutsch- nationalen Handlungsgehilfen- Verbandes hereinzufallen und sich Beiträge für die Verbreitung antisemitischer Artikel aus der Tasche locken zu lassen. DeutTestes Reich. Die diesjährige Tarifbewegung im Steinsehgewerbe, steht der vom vorigen Jahre an Umfang wenig nach. In einer ganzen Anzahl von Tarifbezirkcn haben die Unternehmer die Tarife gekündigt. Es läßt sich durchaus noch nicht sagen, ob die Bewegungen im allgemeinen friedlicher verlaufen werden als im Vorjahre." Von den größeren Tarifgebieten kommt u. a. der Bczirkstarif für die Altmark in Betracht. Tort sind die Verhandlungen infolge der von den Unternehmern angebotenen Verschlechterungen noch zu keinem Ergebnis gelangt. Seit längerer Zeit schweben auch die Ver- Handlungen im Tarifbezirk Niederlausitz, ohne daß bisher ein Er- gebnis erzielt werden konnte. Der Tarif für Leipzig und Um- gegend, dem Sitze des Untcrnehmer-Reichsverbandes, iit abgelaufen. Verhandlungen sind soeben eingeleitet. Tie Unternehmer schlugen die Verlängerung des Tariies bis 31. März 1913 vor, Wahlschein- lich, um Anschluß an den Tarifabschlutz des Baugewerbes zu er- langen. Die Arbeiter fürchten diesen Termin nicht, aber sie bean- spruchen dann wenigstens eine entsprechende Lohnerhöhung. Im Magdeburger Tarisbezirk sind die Verhandlungen bisher daran ge- scheitert, daß die Innung plötzlich nur mit dem Gesellenausschutz verhandeln will, was dieser ablehnt, weil bisher noch jeder Gc- sellenausschutz, der sick„mißliebig" gemacht hatte, gemaßregelt wurde. Der Mitteldeutsche Pflasterermeisterverband, der seinen Sitz in Frankfurt a. M. hat, hat dem dortigen Magistrat zwar schon im Oktober V. IS. mitgeteilt, daß er Verhandlungen über einen neuen Tarif mit dem Zentralvorstande der Arbeiterorganisation einleiten wolle und deshalb nach Berlin geschrieben habe. Mit den örtlichen Jnstaüzen will er nicht verhandeln, und besagtes Schreiben ist bis heute noch nicht in Berlin angelangt. Auch hier scheint man„An- schluß" zu sucbcn und nur auf die geeignete Gelegenheit warten zu. wollen............" � In Bromberg bieten die Unternehmer eine„Regelung" der Lohnfrage an, die unter Umständen auf eine Lohnherabsetzung bis zu 30 Proz. hinausläuft. Eine Erhöhung des Lohnes lehnen sie rundweg ab.— Außer diesen größeren Bewegungen schweben noch eine ganze Anzahl kleinerer örtlicher Bewegungen. In Linden bei Hannover weigert sich charakteristischerweise gerade der Vorsitzende der Unternehmerorganisation, den Tarif anzuerkennen. Ausland. Ei« Nachwort zum Streik im Borinage. Die wahren Ursachen der Unnachgiebigkeit der Kohlenbarone. Man schreibt uns aus Brüssel: Im sozialistischen„Journal de Charleroi" setzt Genosse Jules des Essarts die wahren Gründe auseinander, die die Unter- nehmerorganisation in Wahrheit veranlaßt haben, einen Ver- mittelungsvorschlag nach dem anderen rücksichtslos abzulehnen. Der Streik, äußert der Genosse aus Charleroi, kam den Unternehmern ganz gelegen. Infolge der milden Witterung sind den Unter- nehmern ungeheuere Stocks Kohlen, die als Hauskohle Verwendung findet, in den Bassins von Möns und Charleroi liegen geblieben. Als der Streik ausbrach, war das erste, daß man, um die un- geheuren Bedürfnisse in der Metallindustrie zu decken, diese Stocks angriff. Während im Borinage an 30 000 Bergarbeiter durch den schön unfaßbaren Starrsinn der Unternehmer zum Feiern und Hungern gezwungen wurde», leerten sich allmählich die in den Bassins von Charleroi aufgehäuften Stocks von Hauskohle, die man, um sie für den Industriebedarf brauchbar zu machen, mit aus- ländischer Kohle mischte.— Haben so die Direktoren die Arbeiter in den Streik getrieben, indem sie den eingepflanzten Usus der acht- tägigen Auszahlung aus bureaukratischen Rücksichten angriffen, so hat die Handvoll Finanziers, die die Kohlengruben von MonS und Charleroi in Händen haben, wenigstens dafür gesorgt, daß durch starre Ablehnung aller Friedensversuche der Streik hinausgeschoben und damit den.Marktnotwendigkeiten" Genüge geschieht. Sind auch Hunderte vor Hunger zusammengebrochen, andere durch Hunger zu Plünderern geworden, Tausende in bitterste Verzweiflung getrieben worden— was tut'S? Die kapitalistischen Bedürfnisse find befriedigt, der Verlust in Möns ist durch den Gewinn in Charleroi wettgemacht, und die Herren Aktionäre können ohne allzu schmerzliche Ressentiments auf den unglückseligen Streik zurücksehen. Die Bergarbeiterbewcgung in Großbritannien. London, 15. Februar 1912. sEig. Ber.) Man rechnet hier jetzt allgemein mit dem Ausbruch des Gene- ralstreiks am 1. März. Die englischen Reviere, Nordwales und Ostschottland, haben dieser Tage gekündigt, um am Ende des Mo- nats streiken zu können. Die übrigen Reviere kennen keine Kün- digung. Die allgemeine Arbeitseinstellung wird jedoch nicht un- bedingt am 1. März eintreten müssen. Es kann sein, daß man sich verständigt, von Tag zu Tag weiter zu arbeiten, bis ein Abkam- men erzielt worden ist. Dies ist ein alter Brauch in der Berg- werkikidustrie dieses Landes. Man hört jetzt wieder die Ansicht, daß der vor einiger Zeit gebildete Jndustricrat, dem Vertreter der organisierten Arbeiterschaft und des Unternehmertums angehören, vermittelnd eingreifen wird. Es ist jedoch schwer einzusehen, was der Jndustrierat, der streitende Parteien nur zusammenbringen soll, in einer Angelegenheit tun kann, bei der es sich nicht um die Versöhnung von Gegnern, sondern um die Lösung eines verwickel- ts« technischen Problem? handelt, bei der guter Wille die praktische Erfahrung nicht ersetzen kann. An vielen Orten, namentlich in Südwales, bereiten sich die Einwohner schon allen Ernstes auf den Generalstreik vor, indem sie Kohlen und Lebensmittel aufspeichern. In dem Berichte über die Bergarbeiterbewcgung. der am 10. Februar erschien, ist ein Irrtum enthalten. Das Parlaments- Mitglied Abraham, der seinen Posten als Vorsitzender des süd- walisischen Bergarbciterverbandcs niedergelegt hat, sitzt nach wie vor als Schatzmeister im Exekutivkomitee der Bergarbciterföderaiion Großbritanniens. Aus diesem Exekutivkomitee verschwanden bei ItipGIocke.Berl'N. Druck u. Vertag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt den letzten Wahlen die drei liberalen Gewerkschaftsführer B r a c e, Richards und Onions, deren Plätze jetzt von den Genossen Sta n to n. Hartshorn und Barker eingenommen werden. Tie Bewegung der britischen Bergarbeiter fällt mit ähnlichen Bewegungen der Bcrgarbeiterschaft Frankreichs, Deutschlands und Belgiens zusammen. In Anbetracht dieser Tatsache ist es wichtig, festzustellen, daß das Internationale Komitee der Bergarbeiter, dem Vertreter aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Oesterreich Belgien und Holland angehören, in einigen Tagen zu einer Sitzung zusammentreten wird. London, 16. Februar.(W. T. B.) Das Einigungsamt für den Kohlenbergbau in Südwales hat gemäß dem Antrage des unpar- teiischen Obmanns den Bergarbeitern eine allgemeine Lohn- erhöhung zngestanden. Die Grubenbesitzer zeigen sich bereit, wieder in Verhandlungen über die Krisis einzutreten, er- klären aber, nicht sämtlichen Arbeiterkategorien den Minimallohn gewähren zu können und bostehen darauf, daß die Regierung eingreife, um dem in 14 Tagen drohenden Ausstand vor- zubeugen. Nach den letzten heute eingelaufenen Nachrichten ist jeder einzelne Bezirk des Verbandsgebiets für den Ausstand. Soziales. Schadenersatz wegen verweigerter Arbeitsbescheinigung. Der Rohrleger V. machte beim Gewerbegericht gegen seinen Arbeitgeber, den Unternehmer Schölski, außer einem rückständigen Lohnbetrag von 10,35 M. noch einen Entschädigungsanspruch für 1 Tage ä 7,20 M. geltend, weil ihm beim Abgänge auf sein Ver- langen eine Arbeitsbescheinigrmg nicht gegeben worden sei und er infolgedessen auf dem Arbeitsnachweis für das Baugewerbe als Arbeitsuchender nicht eingetragen wurde. Der Beklagte hat dem Kläger wegen mangelhafter Arbeit keinen Lohn gezahlt und die Arbsitsbescheinigung erst nach eingezogener Erkundigung über die Rechtslage am 4. Februar erteilt. Das Gericht verurteilte den Beklagten mit folgender Begründung zur Zahlung des rückständigen Lohnes und 15 M. Entschädigung für 2 Tage: Nachdem der Kläger vom Polier angestellt war, ist ihm für die Zeit, während der er gearbeitet hat, auch der Lohn zu zahlen. Die Arbeitsbescheinigung durste wegen der mangelhaften Arbeit nicht verweigert, sondern mußte sofort erteilt werden. Da aber der Kläger auch, nachdem er im Besitze der Be- scheimgung war, doch noch 9 Tage arbeitslos war, ist der ihm er- wachsen« Schaden nicht lediglich auf das Konto der verweigerten Arbeitsbescheinigung zu setzen. Uebrigens hätte der Kläger den Schaden auch noch zum Teil abwenden können, wenn er anstatt den Arbeitsnachweis für Bauarbeiter den der Rohrleger in Anspruch genommen hätte, wo die Ordnungsvorschrift über die Beibringung der Arbeitsbescheinigung von der letzten Arbeitsstelle nicht geHand- habt wird. Hus Induftric und Kandel. Vom Kohleusyndikat. In der gestrigen Sitzung de« Beirates de? r h e i n i s ch- w e st- fälischen Kohlensyndikats wurde die U m l a g e für das erste Vierteljahr für Kohle auf 12 Prozent, für Koks auf S Proz. und für Briketts auf 12 Prozent festgesetzt. In dem Berichte über die Zechenbesiyerversammlung heißt eS: Die Lage des KohlenmarkteS hat sich im Berichtsmonate weiter befestigt. Die Nachfrage war fortgesetzt lebhaft und bewegte sich in aufsteigender Richtung. Demgegenüber erwiesen sich die Lieferungen der Zechen, da die Förderung bis über die Monatsmitte eine starke Abschwächung zeigte und im letzten MonatSdrittel'-wieder ihre regelmäßige Hohe eneMhte, nicht immer ausreichend, und es mußle zur Befriedigung der Anforderungen der Kundschaft teilweise auf die vorhandenen Lagerbe stände zurückgegriffen werden. Infolge der schwächeren Leistungen der Zechen in der ersten Monatshälfte stellte sich das Gesamtergebnis des Kohlenabsatzes im BerichtSmonat nicht so günstig als im Vormonat. Der Wert de? deutschen SpezialhanbelS im reinen Warenver- kehr belief sich im Januar d. I. auf 823,4 Millionen Mark in der Einfuhr und auf 614,3 Millionen Mark in der Ausfuhr, gegen 759,3 Millionen Mark und 598,8 Millionen Mark im Ja- nuar 1911. Außerdem erreichte die Einfuhr von Gold und Silber im Januar d. I. einen Wert von 14,6 Millwnen Mark, die gleich- zeitige Ausfuhr einen solchen von 12,8 Millionen Mark gegen 22,7 und 5,2 Millionen Mark im Januar 1911. letzte rfochrichtcii. Demission des norwegischen Kabinetts. Kristiania, 16. Februar.(W. T. B.) StoatSministerS CanowS Versuch, sein Ministerium zu rekonstruieren, ist gescheitert. Das ganze Ministerium hat deshalb heute seine D e m i s.s i o n eingereicht. Wahrscheinlich wird eine rein konservative Re- gierung die gemischte linke Conowsche Regierung ablösen. Jatlieniiche Meldung über den Angriff auf Terna. Rom, 16. Februar. Wie die Agenzia Stefani unter dem 14. aus D e r n a meldet, hat der Führer der Hassastämme bestätigt, daß End er Bev den Angriff in der Nacht vom 11. Februar auf die italienischen Stellungen persönlich geleitet hat. Er habe sich bei der aus etwa tausend Mann regulärer türkischer Truppen und ägyptischer Freiwilliger bestehenden Reserve befunden, die sich aber unter dem Feuer der italienischen Artillerie bald zerstreute und sich mit Enver Bey ins Lager zurückzog, während der Kampf zwischen den Italienern und Beduinen andauerte. Die Beerdigung der gefallenen Feinde wird fortgesetzt. Aus dem arabischen Aufstandsgebict. Kairo, 16. Februar.(Meldung der Agenzia Stefani.) AuS anscheinend zuverlässiger Quelle stammende Nachrichten vom D e m e n besagen, daß der türkische Gouverneur Mohamed Ali, der mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehenden Truppen zur Bc- kämpfung der Ausständischen ausgezogen war. von diesen ge- schlagen und gezwungen worden sei, sich in verschanzte Stellun- gen in der Nähe der Küste zurückzuziehen, wo sich die Auf- ständischen anschickten, ihn zu belagern. Brand einer Zichorienfabrik. Nordhausen, 16. Februar. Nach der„Franks. Ztg." ist durch Großfeuer in vergauzener Nacht die Zichorienfabrik von Krause, jetzt H ch. Franck Söhne, heimgesucht worden. Das Feuer äscherte einen großen Teil des Betriebes ein. Als.EntstehungS- Ursache wird Heißlaufen der Mühle angenommen. Tie Fabrik ist eine Zweigniederlassung der weltbekannten Fabrik Heinrich Franck Söhne, die ihr Hauptdomizil in Ludwigshafen am Rhein hat. Eine TampfsLgemühle niedergebrannt. Brünn, 16. Februar.(P.-E.) Die Dampfsägemühlc des Barons Königswartcr in Lobkowitz ist gestern nachmittag durch eine Fcuersbrunst fast v o l l st ä n d i g eingeäschert worden. Nur das Maschincnhaus blieb erkalten. Der Schaden wird auf zh Million Kronen' beziffert. 200 in ber Dampfsägemühlr be- schäftigt gewesene Arbeiter sind brotlos geworden.__ Paul Singer k Co., Berlin L>V. Hierzu 4 Beilagen u. UnterhaltungSbl. Ar. 40. 29. Iahrgiwg. 1. Irilap ks Jotmärts" ßttliiicr Sl>«Nllbklld, 17. Februar 1912. Reichstag» 7. Sitzung. Freitage den 16. Februar, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: v. Bethmann Hollweg, Dr. Del- brück, Mermuth, v. Tirpitz. Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt. Abg. v. Patzer lVp.s: Die Thronrede zeigt eine an er- kennenswerte Ruhe und Gelassenheit, nur darin stimme ich mit ihr nicht überein, daß eine vollständige Gesundung unserer Finanzen bereits erreicht sei. Dagegen sind wir ganz einverstanden mit den Darlegungen des Reichsschatzsekretärs. Seine Worte„Keine Ausgaben ohne Deckung in bar" sollten wir statt der Bilder, die ja doch nie fertig werden, mit goldenen Lettern an die Wand des Reichstags über dem Präsidium malen lassen. (Heiterkeit.) Die Wahlen haben bewiesen, daß die übergroße Mehrheit des Volkes die Politik, die die ölegierung und die Mehr- heit dieses Reichstags seit Jahren befolgt hat, auss schärf st e verurteilt. Die agrarisch-konservative Hochflut ist im Rück- gang begriffen. Herr v. Hcydebrand ist mit dem Stichwort: „Biegen oder Brechen" in den Wahlkampf gezogen und er hat sein Ziel erreicht: Der Bogen ist gebrochen und er wird nie mehr so geleimt werden wie er ge- wesen i st.(Heiterkeit.) Die Zunahme der sozialdemokratischen Mandate ist uns auch unangenehm, aber sehr erfreulich ist, daß dadurch die Sozialdemokratie gezwungen ist, eine veränderte Stellung im Reiche und hier im Hause einzunehmen. Die Rede des Abg. Frank war der beste Beweis dafür. Aus ihr klang das Gefühl der Verantwortlichkeit auch seiner Partei für das, was in diesem Hause geschieht. Und der Speisezettel, den er vortrug, enthielt bis auf wenige Ausnahmen nicht spezifisch sozialdemokra- tische, sondern allgemein demokratische Forderun- gen. Wie sind denn nun die Erfolge der Sozialdemokratie zu erklären? Aus der Agitation allein sicher nicht; denn wenn es auf die ankäme, müßte der Bund der Landwirte mit seiner Aufstäche- lung aller menschlichen Leidenschaften die größten Erfolge haben. (Sehr wahr! links.) Durchschlagend für die Stimmung der Masten sind die mit jedem Jahr steigenden Preise alles dessen, was der Mensch zum Lebensunterhalt notwendig hat.(Sehr richtig! links.) Man würde sich dem fügen, wenn man diese Preis- steigerung als die Folge einer natürlichen Entwickclung ansehen müßte. Aber jeder weiß, daß das n i ch t der Fall ist, daß sie zurückzuführen ist auf die Gesetzgebung, die seit Jahren unser Wirtschaftsleben beherrscht. Dazu kam die Empörung darüber, daß die einzig gerechte Steuer, die Nachlaßsteuer, von den Konservativen und dem Zentrum verworfen wurde und die Sorge, wie das weiter- gehen soll angesichts der Wahlparole des Herrn b. Hcydebrand vom„lückenlosen Zolltarif".(Sehr wahr! links.) Wenn selbst Freiherr v. Zedlitz und seine Gefolgschaft im preußischen Land- tage betonen, wie unheilvoll die Ablehnung der Erbanfallsteuer und die Verewigung der Liebesgabe gewirkt haben, brauche ich dazu gewiß nichts mehr sagen. Schon wesentlich belastet ist auch das Schuldkonto des Reiche? durch Matznahmen von Einzelstaaren, ich erinnere nur an die mecklenburgische und braunschwei- gische Verfassung. Die Reichsfinanzreform ist vom Reichs- schatzsekretär verteidigt worden mit dem Hinweis lediglich, daß auch schlechte Steuern Geld bringen. Die Bevölkerung will auf keinen Fall weitere ungerechte Steuern. Der Redner des Zentrum» hat jetzt schon erklärt, die Nachlatzsteuer würden sie als Brüs- kierung empfinden; nun, die Regierung wird es sich noch über- legen, ob sie den Parteien, die„in schwerer Zeit die Reichsfinanz- resorm durchgeführt haben," dies Herzeleid anzutun. Das Z e n- t r u m hat aber durch seinen Redner gleichzeitig seine Abneigung gegen jede neue Steuer erklären lasten. Nun, die Nachlaß- st e u e r halten wir für eine gerechte Steuer, und wir sind bereit, sie zu bewilligen, um mit ihrem Ertrage eine Reihe ungerech- ter und unwirtschaftlicher Steuern abzu- schaffen.(Sehr richtig! links.) Soll Vertrauen zur Regierung wiederkehren, so muß unsere Wirtschaftspolitik auf eine andere Basis gestellt werden, so daß auch die Interessen des Handels und der Konsumenten gewahrt werden. Der Reichskanzler möge zu der Politik zurückkehren, die er beim Reichsvereinsgesetz Rleims f euilleton» Lu�uSblume». Am Donnerstag feierte die Deutsche Gartenbau- Gesellschaft ihr neunzigstes StiflungSsest durch eine Blumenausstellung, die in den Räumen des Landwehr-Offizierkasinos abgehalten und deren Besuch weiteren Volksschichten durch einen übertrieben hohen Eintrittspreis vereitelt wurde. Ob die verdienstvolle Gartenbau- Gesellschaft ihre doch recht weite Kreise interessierenden Bestrebungen nicht in anderer Weise hätte demonstrieren können, soll hier nicht untersucht werden. Man muß sogar zugeben, daß Räume, Eintritts- preis und Blumen insofern gut zusammenpaßten, als die Blumen und ihre Aufmachungen hier durchwegs Luxuszwecken angepaßt waren, Damit soll gleichwohl keine herabsehende Bezeichnung gegeben sein, denn der hier gebotene BlütenluxuS war trotz alledem ge- schmackvoll und weit entfernt von protzenhafter Aufdring- lichkcit, die nicht mit LnxuS zu verwechseln ist. Aus dem grauen Wintertage kam man zwischen Beete voll blühender Hyazinthen, Krokus, Schneeglöckchen, Maiblumen und Alpenveilchen. über die Schneeball- und Fliedersträucher ihre frischen Blütenballen neigten. Wie der Eingang eines FeslHauses bei feierlichen Anlässen zu schmücken sei, sollte damit gezeigt werden. Wieder anders waren die Treppen geschmückt, die zu den blumenerfüllten Festsälcn führten, Wie immer wurden hier die Tische mit den Orchideen am meisten besucht, mit jenen exotischen Wunderpflanzen, in denen die Natur sich selber zum Luxus der Farben und Formen hinauffteigert. Am augenfälligsten wurde der Charakter der Ausstellung als einer Schau für bezahlungSsäbige Luxusblumen im Festsaal, wo zwischen den langen Reihen dicht gedrängter Gedecke Blumenschmuck die Tafeln zierte. Tulpen und prachtvolle Riesenlilien spielten hier eine Hauptrolle, und anheimelnd schaute der märkische Frühling in Gestalt blühender Haselkätzchen aus den Vasen heraus. Diese wurden untereinander durch die langhingcstreckten. feinlaubigen Sprosse einer Asparagusart mit einander verbunden. Fröstelnd trat man aus dieser farbenfrohen Welt wieder in den sinkenden Tag hinaus. Nur wenige Stunden hat diese Ausstellung gedauert, und nur ein lächerlich kleiner Bruchteil einer Dreimillionen- Bevölkerung hat sie gesehen oder richtiger, hat sie sehen dürfen, Luxus! Wie wäre es nun. wenn die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft einmal zeigte, daß sie auch ander« kann? Wenn sie zu günstiger Jahreszeit Rahmen und Eintrittspreis für eine Blumen« und Garten- bau-Ausslellung so wählte, daß große Scharen sich daran erfreuen und Nutzen daraus ziehen konnten? Lo, Politik im Konzertsaal. Eine ganz unglaubliche Begebenheit wird in einem vom-Verl. Tagebl/' wiedergegebenen offenen Brief behandelt. Danach hat Richard Strauß., als er im Sinfonie- konzert der kgl, Kapelle Wagners Kaifermarsch dirigierte, beim Einsatz des Chors sich zum Publikum umgewendet und„es mit einer unwiderstehlichen Gebärde ausgefordert, sich von den Plätzen zu er- heben." Mit Recht weist der Einsender diese Kapellmeisterhcrrlichkeit und(was schlimmer ist) furchtbare Geschmacklosigkeit mit den Worten zurück: »Künstlerische Gesichtspunkte können hierfür nicht in Betracht Kimmen. Eine politische Kundgebung aber war weder im Programm und bei der elsaß-lothringischen Frage getrieben hat; das wird zur Beruhigung beitragen. Sonst kann die Regierung mit Engelszungen den Zusammenschluß der bürgerlichen Elemente prc- digen— bei der nächsten Gelegenheit kommt dann doch eine weitere Million sozialdemokratischer Stimmzettel hinzu.(Sehr richtig! bei der Volkspartci.)— Wegen unserer Stichwahlparole sind wir angegriffen und die Schrittmacher der Sozialdemokratie genannt worden.(Sehr richtig! rechts.) Wir sind dadurch, daß wir eine gerechte Politik treiben, vielmehr das letzte Bollwerk gegen die Sozialdemokratie. (Schallende Heiterkeit rechts und im Zentrum.) Die Parteien, die den Zolltarif gemacht haben, sind nicht die Schrittmacher der Sozialdemokratie, sondern haben sie künstlich erzeugt und gezüchtet. (Sehr richtig! bei der Volkspartei.) Unsere Stichwahlparole war lediglich die ehrliche Konsequenz aus unserem gegen den schwarz- blauen Block gerichteten Wahlkampf.(Lebhafte Zustimmung bei der Volkspartei.) Welche Partei und welcher Abgeordnete kann denn behaupten, daß seine Anhänger noch nie versucht haben, den Sozialdemo- kratenindenSattelzuheben! Ich will doch mal sehen, wer sich meldet.(Große Heiterkeit links.) Auch die„Norddeutsche Allgenieine Zeitung" hat uns wegen unserer Stichwahlparole des Verrats an der Sache des Bürgertums bezichtigt.(Sehr richtig! rechts.) In Wahlflugblättern scheint ja ein starker Ton nicht vcr- meidbar; aber hier handelt es sich nicht um ein Wahlflugblatt, sondern um eine Zeitung, und da sollte der Reichskanzler seinen Einfluß geltend machen, den Redakteur in die Schranken zurückzu- weisen, auf deren Einhaltung zu dringen wir berechtigt sind.(Zu- stimmung b. d. Vp.) Deutschland krankt an dem Zwiespalt, daß in dem Lande des allgemeinen Stimmrechts und der allgemeinen Wehrpflicht die Regierung und die Rechte an einer Politik fest- halten wollen, die von der Mehrheit der Wähler gemißbilligt wird. Das ist unlogisch und unmöglich. Die Verfassung und das allge- meine Stimmrecht besteht, und nur ganz kleine Minoritäten haben die Frivolität, daran mit Gewalt rütteln zu wollen. Man muß eben mit dem allgemeinen Stimmrecht re- gieren.(Lebhafte Zustimmung links.) Dann einige Worte zur Auswärtigen Politik. Unsere wichtigsten Posten im Ausland sollten endlich ohne Ansehen der Person, ohne Haß und Gunst, nur nach dem Grundsatz der Auswahl des nach seiner Befähigung Tüchtigsten besetzt werden. (Bravo! links.) Uebcrhaupt mutz in unsere ganze Diplomatie mehr Licht und Luft hinein. Es geht nicht länger, daß nur einige wenige Wissende, Informierte sich für befugt erachten, mit den Ge- schicken des Volkes zu spielen.(Sehr richtig! links.) Was gestern der Herr Reichskanzler über unser Verhältnis zu England mit- teilte, kam mir vor wie ein Sonnen st rahl nach langen, trüben Tagen. Wir können nur wünschen und hoffen, daß die Verhand- lungen mit England von bestem Erfolge begleitet sein werden. (Bravo! links.) Sehr dringend ist weiter die Neueinteilung der Wahlkreise. Sie hätte nach der Verfassung längst entsprechend der Vermehrung der Bevölkerung erfolgen müssen. Man hat sie bisher lediglich unterlassen, um auf diese Weise die Resultate des allgemeinen Wahlrechts zugunsten bestimmter Richtungen zu korrigieren.(Sehr wahr! links.) Kommt es zur Neueinteilung der Wahlkreise, sö wird man auch nicht vorübergehen können an der Verhältnis- wähl. Am meisten würde es zur Gesundung des politischen Lebens beitragen, wenn das Stich wahlverfahrcn ganz beseitigt werden könnte.(Sehr richtig! links.) Für die Fortführung der sozialen Gesetzgebung werden wir natürlich alle Kraft einsetzen. WaS uns sonst am Hev- zen liegt, ergibt sich aus den Initiativanträgen. Vor allem möchten imr, daß in der Reichsversichcrungsordnung die Altersgrenze von 76 auf 65 Jahre herabgesetzt wird. Das ist nptwendig, nachdem inzwischen die Regierung selbst zugegeben hat, daß unsere Finanz- läge weit günstiger ist, als der Herr Reichsschatzsckretär es bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung hinstellte.(Sehr gut! links.) Was wird nun aus diesem Reichstag werden? Be- sonders empfohlen hat sich ja der Reichstag durch seine Tätigkeit in den ersten acht Tagen nach außen nicht.(Heiterkeit.) Wir wollen diese Vorgänge als vorgesehen noch verlangte das Publikum spontan nach ihr. Ihr Ver« halten war eine Ueberrumpelung, ein Zwang." Vielleicht hat Herr Strauß Gründe, sich bei den Hohenzollern anzubiedern. Er veranstalte also„patriotische Bierabende" mit Militärmusik, bringe Hochs aus, lasse Tusch blasen, in Sektionen antreten, stramm stehen usw. Zweifellos wird er zahlende Teil- nehmer dafür finden. Geht sein politischer Ehrgeiz höher, nun so steige er in die Arena der Volksversammlung,' wo freilich mit solchen Mätzchen nichts anzufangen ist und dem kgl. Generalmusik- direktor ein anderer Marsch geblasen werden könnte.—„Will drr Herr Strauß ein Tänzchen wagen?" Wir wollen ihm gerne auf spielen. Mufik. Die Thpographia, der Gesangverein Berliner Buchdrucker und Schriftgicßer, gab am Mittwoch(im Konzertsaal der Hochschule) einen Volksliederabend. Das Konzert war erfolgreich und verdienstvoll und würde wohl noch verdienstvoller gewesen sein, wenn die Veranstalter es kühn als»Konzert der Beispiele und Gegen- beijpiele" bezeichnet hätten. Man kennt ja die glückliche Methode der'ästhetischen Kritik, dem Guten das schlechte in schlagenden Gegenbeispielen gegenüberzustellen; und das Stuttgarter Landes- gewerbemuseum enthält auch ein Museum von Geschmacksverirrungen. Längst, schon vor mehr als zwei Jahrtausenden, kannte man die Verwertung volkstümlicher in kunstmätziger Musik. Dabei ist eine „Bearbeitung" nötig; und da trägt nun jede Zeit ihren Kunst- gcschmack in die Vorlagen hinein. WaS wir diesmal hörten, waren also nicht schlechtweg Volkslieder aus dem sechzehnten oder sonst einem Jahrhundert, sondern Zurechtmochungen, von denen es sich nun fragt, wie weit sie unvermeidlich sind und den alten Grundcharakier wahren. Da wird vielleicht manchem Zuhörer aufgefallen sein, wie so anders das von H. R e i m a n n bearbeitete .Wächterlied" von 1535 und etwa der von I. F. R e i ch a r d t komponierte„Weiße Hirsch" oder auch G i r s ch n e r s„Hüte dich" klangen, als das meiste übrige, einschließlich anderer Rennannscher Bearbeitungen und besonders derer von F. i l ch e r. Dort eine mehr dem Text folgende und rhythmisch freiere Musik, hier eine rhythmisch einförmigere mir marsch- oder tanzmäßigem Singsang, eine Tafelmusik, eintönig bis herab zur Langweile, unnatürlich nicht nur durch solche Betonungen wie»Weit in die Welt hinaus." Wir werden wohl nicht zu den Modernisten oder Straußen- farmern gerechnet werden; aber den Wunsch, nicht allzuweit hinter dem zurückzubleiben, was heute an Einsicht in frühere Gcschmack- losigkeiten erreicht ist. dürfen wir doch aussprechen, und eine Programmnummer wie»Hüttelein, still und klein", dürfen wir doch wegwünschen. Und dann die Verdcrbungen, wie das für Solo- stimme mit charakteristischer Klavierbegleitung komponierte„Wiegenlied" von B r a h m s. in Bearbeitung von A. Zander(dem 1843 geborenen Liedertafeldirigenten)! Da hatte 1867 ein Jemand „Wanderers Nachtlied" von Goethe ganz gräßlich umgcdichtet, und der sonst geschmackvolle F. Kuhlou es komponiert— nicht eben sehr volksmäßig. Soll uns etwas Derartiges gar als künstlerisches Recht gelten? I Der Chor, gegen 136 Mann stark, unter Alexander Wein» b a u m s Direktion, und in Sololiedern Paula Weinbaum, leistetett stimmtechnisch recht Gutes, wie immer. Auffallen kann aber eine Kinderkrankheit ansehen.(Sehr gut! links.) Da kommt die äußerste Linke des Reichstages und erklärt sich zur pflichtgetreuen Mitarbeit bereit und eine Reihe anderer Paresen lehnen d«s ab, einmal weil sie nicht auf monarchischer Grundlage stehe, und das andere Mal, weil sie sich nicht ausdrücklich auf vollständige Er- füllung aller höfischen Verpflichtungen ein- schwören lassen will. Das sind doch eigentlich, im Lichte betrachtet, keine sachlichen Gründe, das ist einfach die Unmöglichkeit, sich rechtzeitig innerlich in eine neue Situation einzuleben, die nun einmal geschaffen ist und noch lange Jahre nach mensch» lichem Ermessen unser politisches Sein beHerr- scheu wird. Bis jetzt ist ja alles glatt gegangen. Es hat zu allen Zeiten Parlamente gegeben, die über keine feste Mehrheit an der einen oder anderen Seite verfügten, und das waren gar nicht mal die schlimmsten Parlamente. Gewandte Regierungen arbeiten gar nicht ungern mit solchen Parlamenten und erzielen oft recht große Erfolge durch die kluge Ausnutzung dieser taktischen Situation.(Heiterkeit und Sehr gut! links.) Darum habe ich keine Besorgnis für das Schicksal dieses Reiqhstages. Teils mit banger Sorge, teils mit froher Hoffnung haben, viele geglaubt, dem ncugewählten Reichstag gleich den Totenschein mit in die Wiege legen zu dürfen.(Heiterkeit.) Aber hier ist kein Platz für lachende Erben noch für trauernde Verwandte, die Dinge iverden ganz normal verlaufen. Dazu ist nur nötig, der ehrliche Wille von allen Seiten zum Zusammenarbeiten. Die Herren vom Zentrum haben sich ja gestern dazu bereit erklärt, ruhig und sachlich mitzuarbeiten. Wir erklären uns darüber hinaus auch bereit zur vorurteilslosen Mitarbeit. Wir haben im Gegen- satz zum Zentrum in den letzten Tagen gezeigt, daß es uns mit diesem Wollen auch ernst ist und so wird es auch bleiben.(Leb- haftcr Beifall links.)' Reichskanzler v. Bethmann Hollweg:. Mir kommt es darauf an, die Stellung der Verbnn- d et e n Regierungen zu den Wahlen und ihrem Ergebnis darzulegen. Die rückwärts gerichteten Vorwüvfe gegen die Regie» rung, die wir gestern gehört haben, halte ich für ungerecht, vor allem den Vorwurf, die Regierung hätte nichts zur Aufklärung über die Finanzreform getan oder nicht zur rechten Zeit. Darüber hat sich eine Legende gebildet. Wenn die Herren die Güte haben woll- ten, die erste Rede nachzulesen, die ich im Winter 1969 vor dem Reichstage gehalten habe, so werden Sic finden, daß ich die Not- wendigkeit des Zustandekommens der damaligen Finanzgesetz- gebung und ihre Annahme durch die Verbündeten Regierungen von vornherein scharf betont habe. Ich habe damals und auch später wieder darauf hingewiesen, daß das Zu/standekommen der Finanzreform eine notwendige Voraussetzung der Gesundung unserer Fü nanzen ist! Und durch eine große Anzahl von Pressemit- t e i l u n g e n ist Front gemacht worden gegen die unrichtige Dar- stellung des Verhältnisses der einzelnen Steuern gegeneinander. Des näheren können Sie sich ja darüber beim Herrn Schatzsekretär erkundigen. Eins habe ich nicht getan: � Ich habe die Ablehnung der Erbanfallsteucr nicht verteidigt (Lebhaftes Bravo! links), oder schärfer gesagt: Ich habe die Art und Weise nicht verteidigt, wie sich die Konservativen und das Zentrum damals gegen die Erbanfallsteuer festgelegt haben. (Wiederholter Beifall links.) Wie hätte ich das machen sollen, nach- dem die Verbündeten Regierungen gerade diese Steuer mit beson- derem Nachdruck gefordert hatten und angesichts der Möglichkeit, daß das Reich auf diese Steuer zurückkommen muß.(Zustimmung links.) Ter Abgeordnete Speck hat gestern für den Fall, daß die Regierung diese Art von Bcsitzsteuer doch wieder einbringen sollte, das als eine Brüskicrung der Parteien bezeichnet, welche den damaligen Entwurf abgelehnt haben. Das ist ein sehr starkes Wort(Hört! hört! links), hinter den, sich Machtansprüche verbergen, die ich nicht anerkennen kann. Die Regierung bringt ihre Vorlagen nach sachlichen Gesichtspunkten ein. Da sollte von Brüs- kierung nicht gesprochen werden.(Sehr richtig! links.) Die Bemerkung des Abg. Speck hat mir aber zu gleicher Zeit gezeigt, wie die Erbschaftssteuer weit über ihre wirkliche Bedeutung hinaus zu einer hochpolitischen Frage erhoben worden ist.(Sehr richtig! im Zentrum.) Und was ist das Ergebnis gewesen?' u Dort auf der Linken sitzen die lachenden Erben. (Heiterkeit.) Daß das so kommen mußte, war von Anfang an mit doch, daß die einen wie die andere sich manche Gelegenheiten ent- gehen ließen, niit kräftiger Farbe und abwechselungsreicher Wärme ins Zeug zu gehen. Dazwischen brachte der Konzertmeister A. Wittenberg einige fast gar nicht volksmäßige Violinstückchen zu Gehör, rein und genau, und mit Temperament, wenn's Virtuosentum galt— etwas eintöniger, wo's schlichte Lyrik galt.«. Humor und Satire. Rotundenzensur in Königsberg. Die hiesige Garnisonverwaltung— (wir sind schon weit in der Kultur!) die brauchte zwecks Toilettegestaltung Papier- und zwar Makulatur. Doch darf kein Blatt von jener Sorte, so roh, so r o t und so verderbt darunter sein— An solchem Orte kann man nie wissen, ob das färbt. Ertappt man etwa die Rekruten, und lesen sie solch ein Traklat, und grab, wenn sie— Rcveille tuten: das wäre glatter Hochverrat! Wir dürfen dieses nicht beklagen!— ....Kreuzzeitung"...„Post"— nun weg ist weg I lind sie erreichen sozusagen den eigentlichen Bestimmungszweck. Kurt. * Jenseits von Gut und Böse. Was ist'S eigentlich mit dem„wirklichen" Liberalismus? Eine Anbelserei zwischen dem..Reichsboten" und der„Täglichen Rund- schau" gab vor einigen Tagen die Antwort. Wir empfehlen den Dialog jedem Nationalliberalen zum Studium. .„ Der„Reichsbote" nannte die»Tägliche Rundschau' alle Tage liberal. Die„Tägliche Rundschau" protestierte und erklärte derlei Be- Merklingen für eine Denunziation. Der„Reichsbote" fragte in seiner nächsten Nummer ganz ver- blufft: Jst denn liberal sein eine Schande? Die„Tägliche Rundschau" antwortete prompt: An sich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es dazu! So diskutierten die„Tägliche Rundschau' und der»Reichsbote' in der Präsidentenwahlwochc.'_ Notizen. — Folgen derLustbarkeitssteuer. Die Madrider Theaterdircltorcn haben im Einverständnis niit den Autoren und Schauspielern beschlossen, von Sonnabend ab alle Theater so lange geschlossen zu halten, bis ihren Klagen über zu hohe Besteuerung des Theatergewerbes durch Steuerermäßigung abgeholfen wird. (Dem Berliner Magistrat zur dringenden Beachtung empfohlen!) Händen zu greifen. Deshalb habe ich immer wieder die bürgerlichen Parteien gemahnt, sich nicht bis auf die Knochen zu zer- fleischen. Der Sammelruf ist verspottet worden; er ist bezeichnet worden als unzeitgemäß, als veraltet. Die Zeit wird kommen, wo der Sammelruf nicht bloß von der Regierungsbank aus, sondern aus der Mitte d es Volkes ertönt.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Warten Sie nur die Zeit ab, sie wird schon kommen. Deshalb habe ich auch in den Wahlen bis zum letzten Augenblick die gemeinsamen Interessen des Bürgertums gegenüber der Sozialdemokratie zur Geltung zu bringen versucht. Erfolg habe ich damit nicht gehabt.(Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Aber ich habe meine Pflicht getan. (Mit erhobener Stimme:) Und meine Pflicht gegenüber der Mon- archic und gegenüber dem Lande war eS, daraus hinzuweisen, welche Verwirrung im Volke entstehen mutz, wenn die Scheidelinien zwi- schen den Grundanschauungen über Staat und Gesellschaft, die in den bürgerlichen Parteien und in der Sozialdemokratie herrschen, von den bürgerlichen Parteien selbst ins Nebelhafte verwischt werden.(Lebhafte Zustimmung rechts. Lautes Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wir haben da merkwürdige Dinge erlebt. Als es 1907 gelang� die sozialdemokratische Fraktion auf die Hälfte ihrer Sitze zu ruduzieren, da ging ein Jubel durch das konservative und liberale Bürgertum. Und heute? Der Feind von vor 5 Jahren hat 110 Mandate errungen, und wieder jubelt der Liberalismus. (Große Heiterkclt.) Ich begreife ja, daß die Liberalen eine Genug- tuung darüber empfinden, daß die Konservativen und das Zentrum geschwächt wurden; aber der Schade, der dem poli- tischen Gegner zrigefügt wurde, ist lange nicht so groß, zumal ein tertiue gaudens hder lachende Dritte) vorhanden ist wie die Sozial- demokratie. Warvim haben Sie denn da gejubelt? Ueber den Sieg einer Partei, deren Niederlage Sie bor S Jahren ebenso laut be- grüßt haben? Was hat sich denn in der Zwischenzeit ereignet?(SHr richtig rechts. Große Unruhe links.) Wie er- klärt sich Ihre Freust« und was hat sich in der Zwischenzeit geändert? (Sehr richtig! rechül.) Ja, die Herren würden es mir sehr übel- nehmen, wenn ich sie für sähig halten würde, auch nur ein Titclchen von ihrem Dogma abzulassen, von ihren Dogmen des Klassenkampfes, der Todfeindschaft gegen diese Gesellschaft und gegen den monarchischen Staat. Und wie sich der Revisionismus entwickeln wird? Nun, das müssen wir zunächst abwarten. lHeiterkeit.) Aber selbst wenn unter den 110 Sozialdemokraten dock» gewiß eine große Anzahl von Revisionisten vorhanden ist, und diese auch nicht den monarchischen Staat mit Gewalt durch die Republik und die bestehende bürgerliche Gesellschaft durch die sozial- demokratische ersetzen können; eines können auch die Revisionisten nicht lassen: auch sie arbeiten daran, den Monarch i schen Sinn des Volkes zu untergraben.(Sehr richtig! rechts. Lachen links.) Sie diskreditieren das Gefüge des Staates und predigen den erbitterten Klassenkampf. Ich entsinne mich, wie vor einigen Jahren der Abg. Heine, der ja wohl auch zu den Rcvi- sionisten gehört, dem Abg. I u n ck gegenüber das bekannte Wort aus der„Antigone" dahin uinkehrte:„Nicht mitzulieben, mitzuhassen bin ich da." Was durch eiwsn solchen Terrorismus, was durch die Nevolutionierung der Köpfe angerichtet wird, ich brauche es Ihnen nicht zu schildern. Sie, soeben aus dem Wahlkampf zurückgekehrt, werden es besser wissen als ich.(Sehr richtig rechts! Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Glauben Sie, daß auf so verwüstetem Boden die Früchte wachsen können, die der bürgerliche Liheralismus gedeihen zu sehen wünscht? Ich glaube es nicht. Ich kann also den Entschlptz der Fortschrittspartei, Grotzblockpolitik zu treiben, und die letzten Vorgänge in der nationalliberalen Partei, deren Zeugen wir gewefen sind, nicht daraufzurückführen, daß die Sozialdemokratie sich gewandelt hat. Was sich gewandelt hat, ist der L i b e r a l i s m u s.(Sehr richtig! rechts.) Der ist«weiter nach links gegangen. (Sehr richtig! rechts.) Ich teile ja den Eindruck, dem Abgeordneter v. P a y e r soeben Ausdruck gegeben hat, daß gestern und heute es hier im Hause ruhig zugegangen ist, und ich habe den dringenden Wunsch, daß die Arbeiten des Reichstages sich in derselben Weise weiterentwickeln mögen. Trotzdem, meine Herren, hier im hohen Hause sitzen viele alte und erfahrene Parlamentarier, aber ich glaube, es gibt keinen unter ihnen, der schon einer derartigen un- sicheren politischen Lage gegenübergestanden hat, wie die war. unter deren Auspizien jetzt der Reichstag zusammengetreten ist. Ich komme auf den Punkt zurück, von dem Herr v. Pah er zuletzt ge- sprachen hat: von der einst v. Bennigsen geführten liberalen Fraktion haben zahlreiche Abgeordnete sich bereit gezeigt, Herrn Bebel, dem Urheber des Wortes von der Todfeindschaft gegen die Gesellschaft, das höchste Amt zu übertragen, das der Deutsche Reichs tag zu vergeben hat�(Bravo! bei den Soz. Lachen rechts.) Und dann ist zum Bizepriisibenten ein sozialdemokratischer Abgeordneter gewählt worden, der Worte gegen unser Kaiserhaus gebraucht hat, die... (die folgenden Worte des Reichskanzlers gehen unter den st ür mischen Unterbrechungen der Linken verloren). Soll das die Antwort sein auf die ruhige, vertrauensvolle Sprache der Thronrede? Und soll damit die Begriffsverwirrung der Mitläufer der Sozialdemokratie sanktioniert werden?(Bravo! rechts.) Und nun verlangen Sie, daß wegen des Aussalls der Wahl die R e- g i er un g s p o l i t i k neu orientiert werden soll? Herr v. Pah er meinte, die Wahlen seien ein Verdikt über die Politik, die die verbündeten Regierungen in den letzten Jahren mit der bisherigen Mehrheit getrieben hätten.(Sehr richtig! bei den Soz.) Nun, nennen Sie mir ein großes Gesetz von den zahlreichen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben, an denen Herr v. Payec und seine Freunde nicht mitgearbeitet haben. Das Ver- dikt wüxhe sich dann auch gegen Sie richten. Soll ich nun die Politik neu orientieren wegen der 110 sozialdemokratischen Mandate? Nein, es hat sehr viel Uneinigkeit im Bürgertum dazu gehört, daß diese gewählt worden sind.— Oder etwa wegen der 1VL M i l- lionen Wahlstimmen? Nun, in dem Stimmzettelhaufen, auf den Sie so stolz sind, steckt sehr viel Glaube an die Ungefähr- lichkeit der Sozialdemokratie. Sofern die Sozialdemokratie einmal von großen Worten zu gefährlichen Taten schreiten wird, dann wird das Brüsten mit der großen Stimmzettelzahl schon auf- hören. Jede große, das Volk bewegende Frage stellt Sie vor die Alternative, entweder auf einen Teil Ihrer Wahlstimmen oder einen Teil Ihres ausschweifenden Programms zu verzichten.(Sehr richtig! rechts. Große Heiterkeit bei den Soz.) Warum erregt das Ihre Heiterkeit so? Seien Sie doch einmal ganz offen: Auf Ihrem letzten Parteitage und während der letzten Wahlen sind Sic sehr vorsichtig gewesen, Ihre antinationalen Tendenzen nicht in den Vordergrund zu stellen(Widerspruch bei den Soz.), daß das deutsche Vjzjk antinatiouale Tendenzen nicht verträgt (erneut« stü/mische Unterbrechungen bei den Soz.), dann will ich also sagen, Ihre internationalen Tendenzen, dann werden Sie mir zugeben, daß bei der Stiinmung, in der das deutsche Volk sich befand, Sie damit nicht auf Erfolg rechnen konnten. Und der Glaube, daß Ihre 4% Millionen Wähler mit Ihnen Todfe-.nde dieses Staates und dieser Gesellschaft feien, das ist ein Zweifel an der gesunden Kraft unseres Volkes, der nicht gerechtfertigt wird durch die Fortschritte auf allen Gebieten� die unsere Nation ge- macht hat, und der keinem beikommen kann», der unser Volk liebt und achtet.(Beifall im Zentrum.) Ich kann aus den gegenwärtigen Zuständen nur die Kon- sequenzen ziehen, das) die Regierung fest auf ihren eigenen Füßen stehen muß (Stürmische Heiterkeit bei den Soz.), und daß es da kein Schwanken gibt. Die Sozialdemokraten und Ihre nächsten Nachbarn(Heiterkeit rechts) halten die unsichere politische allgemeine Lage für den richtigen Zeitpunkt, um unser demokratisches Wahlrecht noch weiter zu demokratisieren und durch eine Er- Weiterung der sogenannten konstitutionellen Garanlien unsere Reichsverstrfsung von Grund aus zu ändern. Zu einer weiteren Demokratisierung unseres Wahlrecht? und zu einem Angriff auf die Grundlagen der Rcichsverfassung werde ich die Hand nicht bieten. (Lebhafter Beifall rechts.) Unser Wahlrecht leidet an vielen Män- geln. Das wird von allen Seiten zugegeben. Die Riesenwahl- k r e i s e, die mit dem Durchschnitt nicht mehr im Verhältnis stehen, mögen ein solcher Mangel sein. Aber es gibt auch noch andere Mängel(Sehr richtig! rechts);.z. B. die Moral oder vielmehr die Unmoral der Stichwahl.(Sehr richtig!) Wir haben es so oft erlebt, daß eine bürgerliche Partei bei Stichwahlen in den meisten Wahlkreisen vertragsmäßig mit den Sozialdemokraten ge- meinsame Sache machte(Hört! hört! rechts), und daß dieselbe bür- gerliche Partei in anderen Kreisen es als einen Betrat am Vaterland und am Staat brandmarkte, für den Sozialdemokraten zu stinimen.(Lebhaftes Sehr richtig!) Herr v. P a h e r ist so sehr böse gewesen über die„Nordd. Allg. Ztg.". Nun, die Wahlleitung im ersten Berliner Wahlkreise ist gar nicht bestrebt gewesen, dieses„Wahlflugblatt" geheim zu halten, oder hat sich gar der Ausdrücke im Artikel der„Norddeutschen" geschämt. Ich war selbst Wähler in diesem Wahlkreise(Heiterkeit und Hört! hört!) und jeden Tag bekam ich an meine eigene Person adressierte und verschlossene Kuverts mit 5 Pf. beklebt, darin waren diese Wahlflugblätter.(Heiterkeit.) Also ich sollte mir diese Wahl- flugblätter zu Gemüte ziehen.(Heiterkeit.) Man hatte seine Zweifel an meiner Gcsinnungstüchtigkcit bei der Wahl zwischen dem Fortschrittsmann und einem Sozialdemo- ! raten.(Große Heiterkeit.) Nach dieser kurzen Abschweifung— ich sagte, unser Wahl- recht hat seine Mängel, ich nannte die Stichwahlen, nenne die mangelnde Vertretung der Minoritäten, über- Haupt alle die Schäden, die aus einer Ucbcrtreibung des nackten Zahlcnprinzips hervorgehen.(Aha! links.) Ja, wenn Sie alle diese Schäden mit- heilen wollen, dann läßt sich ja über die Sache reden. Aber ich glaube, wer an diesem Wahlrecht andere Mängel als die der zahlen- mäßigen Ungleichheit entdeckt und offen bekennt, der wird als Staatsverbrecher verfemt. Und nur wer dem Götzen der reinen Zahl huldigt, der ist ein Volksfreund.(Aha! links.) Sie wollen dann weiter die verfassungsmäßig b e- stehende politische Verantwortliwkeit des Reichs- kanzlers unter eine rechtlich wirksame Aufsicht des Reichstages stellen. Ich habe bisher nicht gewußt, daß in der Geschichte des Deutschen Reichstages je ein Fall vorgekommen wäre, wo das Fehlen der Befugnis des Reickstages als ein schwerer politischer Mangel empfunden worden wäre.(Sehr richtig! rechts.) Der Antrag ist eine Geburt der Doktrin. (Sehr richtig! rechts.) Er ist gewissermaßen die Bewilligung von Parlamentsrcchtcn auf Vorrat. Von praktischem Wert könnte die Sache nur sein als Etappe auf dem Wege zur Parla- mentshcrrschaft. Nur ein allein vom Kaiser und vom König von Preußen abhängiger Kanzler ist das notwendige Gegen- gewicht gegen das frcieste aller Wahlrechte, das seinerzeit vom Für- sten Bismarck nur unter der Voraussetzung gegeben wurde, daß Bundesrat und Reichskanzler ihre Selbständigkeit behaupten.(Sehr richtig! rechts.) Der Wahlsieg der Sozialdemokraten und die Un- klarheit der Orientierung der bürgerlichen Parteien unterein- ander ist kein Grund für, sondern nur ein Grund mehr(Leb- hafter Beifall rechts), gegen alle Versuche Front zu machen, die Kompetenzen zwischen Kaiser und Reich, zwischen Bundesrat und Parlament zu verschieben.(Beifall rechts. Zuruf von den Soz.: Nun gerade nicht!) Nun gerade nicht— ist ein Ausdruck, den ich auf diese Beweisführung nicht anwenden wollte; aber ich will Ihnen einen anderen Grund sagen, weshalb ich mich auch dagegen auS- spreche. Mit solchen Experimenten, mit solchen theoretischen Demonstrationen heilen Sie nicht die Schäden unsers politischen Lebens.(Zuruf h. d. Soz.: Die werden Sie gerade heilen!) In allen Schichten unseres Volkes und wie ich glaube, in allen Parteien, steckt tief die Sehnsucht danach, unser Staatsleben mit großen Auf- gaben zu erfüllen, Ziele zu zeigen, um deren Erreichung sich der Kampf lohnt, die uns zwingen, unsere Blicke ah�ulenken von den widerwärtigen Zänkereien der letzten Jahre(Sehr richtig! rechts), sie wieder nach vorwärts zu richten.(Stürmische Rufe b. d. Soz.: Vorwärts! Vorwärts! und lautes Lachen.) Diese Aufgaben liegen aber nicht in der Richtung einer weiteren Demokratisierung.(Beifall rechts, Gelächter auf der Linken.) Und noch eins möchte ich den Theoretikern zu- rufen: Deutschlands Lage in der Welt ist nicht unangefochten genug, als daß wir aus eine straffe Organisation verzichten könn- tcn(Sehr richtig! im Zentrum)- der Friede in Europa ist niemals mehr gefährdet gewesen als dann, wenn Deutschland in Desorganisation verfiel(Sehr richtig! im Zentrum) und das Vaterland war es, das dann mit einer Einbuße an Macht, an Ansehen und an Kultur büßen mußte. Wir brauchen eine Festigkeit und Stetigkeit in unserer Politik, ohne Extra- vaganzen nach rechts und nach links(Unruhe links. Rufe rechts: Ruhe!) Wir haben auch keinen Mangel an Aufgaben. Gestern ist von verschiedenen Rednern den Sätzen der Thronrede über die Sozialpolitik eine weite Interpretation gegeben worden. Mit vollem Recht! Es ist hingewiesen worden auf die Notwendig- keit, die selbständigen wirtschaftlichen Existenzen des Mittelstandes zu erhalten und zu vermehren.(Beifall rechts und im Zentrum und auf den Bänken der Nationalliberalen.) Es ist berührt worden die Wohnungsfrage, die Frage der inneren Kolonisation. Es ist hingewiesen worden auf den großen Komplex von Fragen, die mit dem K o a l i t i o n s- recht der industriellen Arbeiter in unserem Wirtschaft- lichen und sozialen Leben in Zusammenhang stehen. Es ist„hin- gewiesen worden auf eine Verbesserung uns eres Steuer- Wesens durch Monopole. Nicht alle diese Aufgaben gehören zur Kompetenz des Reiches, aber sie alle sind von gewaltigerWich- ti gleit für die Zukunft unseres Volkes, und wenn ein großer Teil von diesen Aufgaben auch noch nicht reif genug ist, um die Lösung sofort in die Hand zu nehmen, so wird einem arbeitsftohen Reichstag doch nicht bange zu sein brauchen um Arbeitslosigkeit und um Stagnation; auch dann nicht, wenn diesem Reichstag gegen- wärtig nur ein Pensum vorliegt, das in den zu gewärtigenden 'eeresvorlagen und dem Staatsangehörigen- g e s e tz besteht und in der Wirtschaftspolitik nichts wesentlich Neues bringt. Aber das eine muß ich wiederholen: Wir werden diese große Aufgabe nur lösen können, wenn das Bürgertum den alten Hader vergißt, wenn es bereit ist, an die Er- reichung großer Aufgaben auch große Mittel zu wenden, wenn es entschlossen ist, zur Verteidigung der hohen Güter, die wir in unserer bestehenden Staatsordnung besitzen, und wenn es sich be- wüßt bleibt, daß das ganze Bürgertum zugleich die Interessen prak- tisch zu vertreten hat, mit denen die Millionen deutscher Arbeicr an das Vaterland gefesselt sind.(Beifall im Zentrum.) Das Deutsche Reich kann weder reaktionär noch radi- kal regiert werden.(Unruhe rechts und links.) Wer das versuchen wollte, der würde den besten Teil des Volkes von der Mitarbeit ausschließen. Wenn von der einen oder anderen Seite die Gegensätze zwischen den bürgerlichen Parteien höher bewertet werden als die Gegensätze zwischen dem Bürgertum und der So- zialdemokratie, dann wird der Gegensatz: konservativ und liberal vernichtet. Dieser Gegensatz ist notwendig und heilsam. Unheil- voll aber wäre es. wenn wir unsere Politik nach den Gegenpolen: Sozialdemokrat oder Reaktionär orientieren wollten. Ich würde gegen diesen Gegensatz mich stets mit aller Entschieden- h e i t a u s s p r e che n, ob es den Ultras recht ist oder nicht. Unser wirschaftliches und geistiges Leben erfordert die Anspan- nung aller Kräfte unserer Nation! In früheren Epochen unserer Geschichte mag Zeit gewesen sein für guerelle allernande(deutsche armselige Zwistigkeiten), heute nicht mehr. Ein Staat, der seine Tüchtigkeit durch Uneinigkeit lähmt, den wird die Weltgeschichte erbarmungslos zu Boden treten.(Lebhafter Beifall im Zentrum» schwacher Beifall rechts.) Abg. Fürst Radziwill(Pole): Unser Programm beschrankt sich auf die Verteidigung der vitalen Interessen der polnischen Bevölke- rung, die weder von den anderen Parteier noch von der Regierung verstanden und gewürdigt werden. Unser Volk ist ein tief re- l i g i ö s e s, es zeichnet sich aus durch Arbeitsfteudigkeit und An- hänglichkeit an seine angestammte Scholle, es ist erfüllt von tiefem Selbstbewußtsein seiner nationalen Eigentümlichkeiter und ver- langt von seinen Vertretern, daß die tief gefühlten Schäden, die seit Dezennien auf ihm lasten, von Ihm genommen werden. Im führenden Bundesstaat genügt es, daß jemand Pole ist, um für ihn ein Verbot auszusprechen, auf eigenem Grund und Boden ein Haus zu' bauen. Ich brauche so etwas nur auszusprechen, um in der ganzen zivilisierten Welt einen Schrei der Entrüstung hervorzurufen.(Bravo! bei den Polen.)— Den Etat und die anderen Vorlagen werden tz»ir unbefangen prüfen. Abg. Dr. Arendt(Rp.): Die bedeutungsvolle Rede des Herrn Reichskanzlers hat erfreulicherweise gezeigt, daß die Regierung mit aller Kraft gewillt ist, der Demokratisierung Deutsch. lands entgegenzutreten. Wir werden mit ihm für die Aufrcchterhaltung der kaiserlichen Macht und der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Reichs- kanzlers und des B u n d e s r a t s eintreten.(Bravo! rechts.) Seinen Ausführungen stimmen wir vollständig bei und hoffen, daß sie auch im Volke großen Eindruck machen werden.(Lachen bei den Sozialdemokraten.)— Gegenüber den Ausführungen des Vorredners möchte ich nur die feste Hoffnung aussprechen, daß auch bei der jetzigen Zusammensetzung des Reichstags dre O st m a r k e n- zu läge angenommen werden wird. Es wäre ein unhaltbarer Zustand, wenn die preußischen Beamten in den Ostmarkcn die Zulage bekommen, aber die Reichsbeamten nicht.(Sehr recht, g! rechts.)— Sehr bedeutungsvoll waren auch die gestrigen kurzen Worte des Reichskanzlers über unser Verhältnis zu England. Die Voraussetzung einer wirklichen und dauernden Verständigung init England ist aber, daß die Engländer begreifen, daß die Welt Raum genug bietet für Engländer und Deutsche.(Bravo! rechts.) Die Empörung über die Ablehnung der Erbschaftssteuer ist nur ent- standen, weil man im Volke glaubt, wir hätten noch gar keine Erb- schaftssteuer, während es sich doch nur um die Ausdehnung der schon bestehenden Steuer handelte.(Lebhaftes Sehr richtig! rechts, Gelächter links.) Wir haben für diese Ausdehnung der Erbschafts- steuer gesrimmt, weil wir die unheilvollen Folgen ihrer Ablehnung voraussahen. Ohne diese Ablehnung wäre es nie zu 110 Sozial- demokraten im Reichstage gekommen.(Lachen bei den vozialdemo- kraten.).. Auch Herr Junck klagte über die unsoziale Finanzreform. Aber als wir seinerzeit die Nationalliberalen wissen ließen, wir und die Konservativen legen großen Wert auf ihre Mitarbeit und seien bereit, zu diesem Beruf die Liebesgabe herabzusetzen, sind die Nationalliberalen nicht darauf eingegangen.— Herr P a y e r betonte, daß der Wahlkampf dem schwarzolauen Block galt. Das Resultat aber ist eine Stärkung des Einflusses de? Zentrums, denn ein Block zwischen uns und den Liberalen, wie im vorigen Reichs- tag, ist in diesem nicht möglich; positive Arbeit ist jetzt nur noch mit dem Zentrum möglich,— das ist das Resultat des liberalen Kampfes gegen den schwarzblauen Block.(Sehr gut! rechts.)— Für die Haltung der Sozialdemokratie nach den Wahlen ist ja bezeichnend, daß an Stelle des Abg. Bebel der Abg. Frank Etalsredner wurde; aber nach ihm kommt noch Herr Ledebour. bei dem die Illusionisten und Mitläufer wohl nicht so auf ihre Rechnung kommen werden.(Heiter- keit rechts.)— Die Sozialreform darf nicht bei den Ar- beitern Halt machen, sondern sie soll sich auch aus den Mittel- stand erstrecken.(Zustimmung rechts.)— Unsere WirtschaftS- Politik muß den Leuten wohl mehr Vorteile bringen, als Herr v. Payer hier wahr haben wollte; denn in den Wahlversammlungen sprachen die Liberalen keineswegs von einer Aenderung der Wirt- schaftspolitik.( Widerspruch bei der Volkspartei.) Wir werden unbedingt an der Bismarcks chen Wirtschaftspolitik f e st h a I t e n, der wir den ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands verdanken.(Bravo! rechts.) Den Ausführungen deS Abg. Grafen Westarp über den Terrorismus der Sozialdemokratie stimme ich durchaus zu. Es ist eine unverzeihliche Schwäche, daß dagegen nicht früher einge- schritten worden ist.(Bravo! rechts, Lachen bei den Sozialdemo. traten.) Für unS steht dir Sozialdemokratie außerhalb de« Staate». (Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten, Zuruf: Aber wir sind da!) Deshalb können wir ihr ein Recht auf Vertretung im Präsidium nicht zuerkennen. Die Freisinnigen erinnere� ich daran, daß sie 1907 über den Anspruch der stärksten Partei— damals war es das Zentrum auf den Präsidenten anders dach- ten.(Sehr gut! rechts.) Wir müssen und werden mit der Zeit doch zur Sammlung der bürgerlichen Parteien kommen. Bisher hat die Etatsberatung den Mut und die Hofß. nung nach dieser Richtung nicht verstärkt. Hoffentlich wird eS ge- lingen(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Hoffen und Harren!), nachdem wir die Wirkung der Worte des Herrn Reichskanzlers in der Oeffentlichkeit wahrnehmen werden. Die'Zukunft wird unS recht geben. Auch unser Wahlspruch ist der F o r t s ch r i t t.(Große Heiterkeit links.) Wir sind eine Partei des Fortschritts auf kons«- vativer Grundlage.(Erneute große Heiterkeit links. Bravo! rechts.) Abg. Lizentiat Mumm(Wirtsch. Vg.): Die Wahlen haben die Konservativen und die Wirtschaftlich« Bereinigung nicht zer- trümmert.(Heiterkeit links.) Wir müssen im Parlament praktische Arbeit treiben. Die Stunde fordert von unS den Kampf gegen die soziale Revolution und für die soziale Reform, nicht mit Ausnahmegesetzen, sondern mit Geist und Kraft.(Heftig gestikulierend, ruft der Redner:) ES gilt den Kampf gegen die äußer st e Rechte.(Schallende Heiterkeit.) Die christlich-nationale Arbeiterbewegung hat eine einigende Kraft. Männer wie Behrens, Gietberts, Becker(Ironische Zurufe links: und Mumm) sind Ihnen (zu den Sozialdemokraten) sehr unbequem. Die christlich-natio- nale Arbeiterbewegung und ihr Ausstieg beweist, daß die Sozial» demokratie nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Kann man mit einer Partei zusammenarbeiten, deren Ver- treter Scheidemann die konservative Politik eine Scherben- liste gebrochener Ehrenworte nannte, der sagt«, vom preußischen Wappentier seien nur heil geblieben d i e Krallen und der große preußische Schnabel(Große Heiterkeit), der vom Kaiser als W i l l h sprach und ihn dem G e- lächter des Hauses preisgab(Erneute große Heiterkeit) und die bekannte Aeußerung über die Hohenzollern hinzufügte. Zu einer solchen Partei kann auch die beste Drehscheibenpelitik keine Brücke schlagen. Tie Revisionisten haben nur eine andere Tak)ik als die Radikalen, nicht ein anderes Ziel. Mir ist ein ehr- lichcr Radikaler lieber als ein Revisionist, der seine Ver- sammlungcn mit einem Choral eröffnet.(Schal- lcnde Heiterkeit links und Ruse: Wo?) Das geschah von dem früheren Abgeordneten S e v e r i n g. Aber trotzdem ist in seinem Wahlkreis die rote Fahne niedergeholt.— Wir treten ein für den Ausbau der Sozialpolitik und für die innere Kalo- n i s a t i o n. Bodenständig macht nicht rückständig, wie die Sozial- demokratie meint, sondern selbständig. Ebenso notwendig ist eine wirksame Mittelstandspolitik. Das Gerichtsverfahren muß überall nach dem Muster der Gewerdegerichte beschleunigt werden. Sehr viel zur Erbitterung des Volkes trägt auch eine gewisse Massenpresse bei. Das„Berliner Tageblatt" sollte auf den Bahnhöfen verboten werden.(Große Heiterkeit links.) Von innen heraus muß die Sozialdemokratie entwurzelt werden; in diesem Sinne begrüße ich die Rede de» Reichskanzlers. Sa» stehe» am"höchsten die unwägbaren Kräfte des Volkes. In diesem Zu- sammenhang möchte ich fragen, wie es mit dem internationalen Kampf gegen den Schmutz in Wort und Bild steht.„Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderb."(Bravo I rechts.) Abg. Frhr. V. Scheie(Weife): Ich bin mit dem Staatssekretär einverstanden, daß Anleihen nur zu werbenden Zwecken auf- genommen werden dürfen.— lieber die Reichsversiche- rungsordnung, spezieil über die Festhaltung der Altersgrenze von 70 Jahren, sind nicht nur Sozialdemokraten ent- täuscht. Gegen die Beschimpfungen und Verleum- düngen durch den Reichs kriegerverein muß ich meine Freunde in Schutz nehmen; wir verbitten es uns, als Reichs- feinde und Hochverräter hingestellt zu werden. Wenn wir verlangen, daß Hannover wieder als selbständiger Bundesstaat dem Reich eingefügt werde, kann uns das niemand verdenken; natürlich inuß dies auf gesetz. und verfassungsmäßigem Wege geschehen. Gegen den Umsturz der göttlichen Weltordnung, der 1866 von oben verübt worden ist, werden wir nie aufhören zu pro- testieren. Abg. Graf Posadowsky(b. k. Fr.): Ich möchte meine kurzen Ausführungen mit dem Wunsche begönnen, daß all« Wahlaufrufe und Artikel des letzten Wahllampfes vernichtet würden. Denn wenn einmal ein künftiger Tacitus der deutschen Geschichte Per- sonen und Verhältnisse unseres Vaterlandes nach diesen Wahlauf- rufen beurteilen würde, würden die leitenden politischen Männer etwa die Charakterrolle bekommen von g e w i f s e n r ö m i s ch e n Kaisern(Sehr gutl), und eS würde sich ein' Wolliges Zerrbild ergeben. Wir brauchen mehr unabhängige Männer, die den Mut haben, der Menge die Wahrheit zu sagen.(Bravo! rechts.) Die» fortgesetzte Umschmeicheln des Volkes?, dies Füttern mit Versprechungen, die nicht realisierbar sind, ist eine Gefahr für unser Volk.(Bravo! rechts.) Die von dem Herrn ReichSschatzsekretar aufgestellten Grundsätze kann ich in.'r mit Freuden begrüßen. Redner erörtert ausführlich die Ursachen des früheren Rückgangs der Finanzen� Nun werden neue Steuern verlangt zur Deckung einer neuen Militärvorlage. Ueber die Be- rechtigung einer Militärvorlage im einzelnen kann ein Laie un- möglich urteilen. Es gibt nur zwei Standpunkte einer solchen Vorlage gegenüber. Entweder man hat Vertrauen zur Mi- litärverwaltung, dann muß man bewilligen, was die Sachverständigen verlangen, oder man hat kein Vertrauen zu ihr, dann mutz man logischerwcise die ganze Vorlage ab- lehnen. Die Landarmee bleibt das Rückgrat unserer Landesvertetdi- gung; das Schicksal Deutschlands wird noch immer an den trockenen Grenzen im Osten und Westen entschieden. Wenn nun neue Steuern notwendig werden, so werden wir jedenfalls neue LuxuS- steuern verweigern müssen. ES ist Tatsach«, daß die Steuer- belastung in Deutschland schon recht hoch ist.(Sehr richtig! links.) Tie Milttärvorlage ist eine Art Berstchcrung, und dabei muß nach meiner Meinung der am meisten zahlen, der da? meiste zu versichern hat, und das sind die besitzenden Klassen.(Lebhafte Zustimmung links.) Natürlich darf man der urteilslosen Masse nicht vorreden, daß etwa die besitzenden Klassen allein imstande wären, die Lasten des Reichs zu tragen. (Sehr richtig! rechts.) Deshalb kann man nicht für alle Zukunft sagen, wir rönnen keine indirekten Steuern mebr erheben. Aber wie jetzt die Sache liegt, ist das eine Anftandspflicht der besitzenden Klassen, nach dieser Belastung mit indirekten Steuern eine Vorleistung zu geben.(Sehr richtig! links.) Der englische Minister Churchill hat vor kurzem gesagt: Wenn eS sich um die Landesverteidigung handelt, werden all« Klassen der eng- tischen Gesellschaft bereit sein, die Mittel aufzubringen— selbst die reichsten.(Stürmische Heiterkeit.) Ich glaube, da? deutsche Volk wird, wenn eS darauf ankommt, hinter dem englischen Patrio- tismus nicht zurückbleiben.(Zurufe bei den Sozialdemokraken: Selbst dir Reichsten!— Heiterkeit.) Dann etwas andere?. Auf unser« diplomatischen P o st e n dürfen nur Männer kommen, die unzweifelhaft der Höhe ihrer Aufgabe Entsprechen.(Lebhafte Zustimmung links— Zuruf: Namen nennen!•— Heiterkeit.) Nomina»unt odiosal(Namen nennen Ist verhaßt!)(Große Heiterkeit.) Allen politischen Fragen liegen wirtschaftliche Fragen zugrunde.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Es ist mir deshalb ganz egal, ob ein Diplomat weiß, welcher Vertrag irgendwo vor Jahrhunderten abgeschlossen ist, aber eS ist sehr wichtig, daß niemand einen ein- flußrcichen diplomatischen Posten bekommt, der nicht außer gründ- sicher Kenntnis des eigenen und fremden Staatsrechts auch ein ründlicher Kenner volkswirtschaftlicher Ver- ältnisse ist.(Sehr richtig! links.) Für unsere Handelsver- träge wäre eS sehr wichtig, wenn unsere Vertreter in den fremden Ländern auch die wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Länder so genau kennen würden, daß sie den dorthin kommenden deutschen Ver- tretern wirkliche Berater sein können. Die Repräsentation ist gegenüber den großen Fragen unserer Zeit vollkommen Nebensache. (Sehr richtig! links.) Nun zur Sozialdemokratie. Auch von ihr gilt: quock nullurn est nullum producit effectum. (Was nichts ist. bringt keine Wirkung hervor.) Das ungeheure Wachstum der Sozialdemokratie ist nicht das Werk ihrer Führer, das würde eine Ueberschätzung der Persönlichkeiten dieser Führer c. sein. Die Sozialdemokratie ist in langen Zeiträumen allmählich™CIch?�öÖ wolle beschließen: unter der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft emporgewachsen, chie Verbündeten Regierungen zu ersuchen, baldigst einen Gesetz danke in Deutschland hat an Schwerkraft verloren, weil er auf dem Markt der ösfentlichen Meinung von der Sozialdemokratie überboten wird und eine urteilslose Menge diese Ueberbietungen glaubt. Die liberale Partei sollte sich mit den übrigen vereinigen, um die sozialdemokratischen Massen über die Unmöglichkeit des wirtschaftlichen Programms der Sozialdemokratie aufzuklären. Unter den Anträgen befindet sich auch einer auf Einfüh- rung eines Ministerverantwortlichkeitsgesetzes. Ein solches Gesetz wäre nur geeignet, die Minister zu ausführenden Agenten der jeweiligen Mehrheit zu machen. Die Herren, die den Antrag einbringen, sollten doch genau beschreiben, was ein politi- sches Vjrbrechen ist. Wenn wir 1866 den böhmischen Feldzug ver- loren Mtten, was wäre wohl aus Bismarck geworden, wenn wir damals ein Ministerverantwortlichkeitsgeietz gehabt hätten, und wäre Bismarck etwa bei unglücklichem Ausgang des böhmischen Feldzuges ein weniger großer Staatsmann gewesen? Die parla- mentarische Macht einer gesetzgebenden Versammlung beruht nicht auf geschriebenen Buchstaben, der Einfluß des Parlaments beruht vielmehr auf dem politischen Augenmaß seiner Führer, auf ihrer politischen Weisheit und auf der Selbst b« schränkung von Forderungen, die mit dem Interesse des Staates vereinbar sind(Lachen links.) In einem sozialdemo- kratischen Handbuch steht: Fürst Bismarck war ein deutscher Ministerpräsident, der durch das deutsche Volk zum Heros aufgepufft wurde. Ich wünschte, eS möchten uns Männer erstehen, die in unserer Zeit politischer Kraftlosigkeit zum„Heros aufgepufft" wer den könnten.(Zustimmung rechts.) In Wahlversammlungen und in der Presse sind auch heftige Angriffe gegen das allgemeine Wahlrecht gerichtet Wenn wir heute freie Hand hätten, würden wir wohl selbst in diesem Reichstag das allgemeine Wahlrecht kaum annehmen. Aber es ist politisch gefährlich, fortgesetzt Angriffe gegen das Wahlrecht zu richten, denn hinter diesen Angriffen steht keine Tat und kann keine st ehe n. Ich habe noch nie einen Antrag von irgend einer Seite des Reichstages gefunden, der eine .Abänderung des allgemeinen Wahlrechts verlangt. Zu den Anträgen über die Aenderung der Wablkreiseinteilung meine ich,.daß die Vertretung großer politischer Interessen eines Landes nicht».'ach einem Divisionsexempel geschehen kann. Ich halte es für bedauerr.ich, daß in Deutschland jeder fünfte Mensch ein Großstädter ist. Würben wir bei der Vertretung nur ein Divisionsexempel machen, es würden die Interessen des Landes und der kleinen Städte aufs schwerste leiden.(Lebhaftes Sehr richtig! rechts.) Bei der Vertretung politischer Interessen kommt es nicht nur auf die Zahl an, sondern da muß auch die Fläche eine Rolle spielen. Bei der Schwierigkeit unseres politischen Lebens, wo eine sichere Majorität nicht vorbanden ist, müssen wir unsere Aufgaben auf das dringend st e beschränken. Der Reichskanzler sprach über die Anbahnung besserer Be- Ziehungen zu England. Das ist sehr erfteulich. Aber England muß unsere: sich stark vermehrenden und sehr arbeitstätigen Be- völkerung dreien Raum geben. Wenn wir auf einem solchen Wege zu einer Verständigung mit England gelangen, dann kann vielleicht der Moment kommen, wo wir unsere Rüstungen einstellen, und die großen Summen dafür für Kulturaufgaben aufwenden können.(Beifall.) Darauf vertagt vaS Hau? die Weiterberatung auf Sonnabend 11 Uhr. Schluß AM Uhr._ So2ialdcmol?rati!t!K Anträge im Reichstage. J. Am Donnerstag hat die sozialdemokratische Reichstags- fraktion die zweite Serie Anträge eingebracht: 1. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die Steuern und Verbrauchsabgaben auf Streich- Hölzer, Petroleum und Salz durch eine Reichs- einkommensteuer auf Einkommen von über 6060 M. oder durch eine Steuer auf Nachlässe von über 20 000 M. ersetzt. 2. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstage mit größter Beschleunigung eine Novelle zum Gesetz betreffend die Schlachtvieh, und Fleischbeschau vom 8. Juni 1S10 vorzulegen, durch welche die Einfuhr von ausländischem Gefrierfleisch, Büchsenfleisch und Wurst ermöglicht wird. 8. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, einen Gesetzentwurf einzubringen, durch den eine obligatorische Versicherung gegen die Schäden infolge von Viehseuchen durchgeführt wird. 4. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen� dem Reichstage baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, der das gesamte Schulwesen deS Deutschen Reiche? auf der Grundlage der Einheitlich. keit und der Weltlichkeit und nach den Richtlinien einer zeit- gemäßen üvissenschaftlichen Pädagogik regelt. IS. hygienische Vorschriften für die ArbeitSräume; 13. Ausdehnung der Kaufmanns- und Gewerbegerichte auf sämtliche Angestellte; 14. Ausdehnung Aer Gewerbeinspektion auf die Angestellten durch Anstellung besonderer Beamten unter Zuziehung der An» gestellten. 6. Der Reichstag wolle.beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, die Rechts- und Arbeitsverhältnisse der Straßenbahner dadurch möglichst bald zu regeln, daß diese Verkehrsbediensteten der Ge- Werbeordnung unterstellt werden. Im einzelnen wird für dieft Regelung mindestens gefordert: 1. 2. 3. 4. die der Sonn- 4. feuer- 6. 8 üW" » nem 1 chutze die eine' Schü und wenn sie in Deutschland größere Bedeutung wie in irgendeinem anderen Lande erhalten hat, so tragen Regierung und bürgerliche Gesellschaft gleichzeitig ein erheblichen Teil der Schuld.(HörtI hörtl links.) Man hat zu lange Zeit vergehen lassen, ehe man sich um das LoS der ärmeren Volks- klassen wirklich gründlich kümmerte.(Sehr wahr! links.) Zweifel- los ist es eine unbedingte Aufgabe des Staates, Ruhe und Ord- nung, sowie auch die Rechtssphäre jedes einzelnen Arbeiters zu schützen, ohne alle Sentimentalitäten. Aber eine Partei, die 4(4 Millionen Wähler zählt, kann man mit Gewalt allein nicht überwinden. Das ist eine Aich- tung, durch die wir jetzt hindurch müssen; Gedanken sperrt man nicht ein, und Gedanken sperrt man nicht auS. Die Gewaltpolitiker sind im großen Irrtum. Eine solche Bewegung heilt man nicht mit Solinger Klingen, sondern nur mit solonischer Weisheit.(Heiterkeit.) Der Revisionismus ist für die bürgerliche Gesellschaft und den monarchischen Staat gewiß ebenso gefährlich wie der Radikalismus, aber er hat doch seine Bedeutung in der Entwickelung. Als die b a d i s ch e n Sozialdemokraten für den Etat stimmten, schrieb eine konservative Zeitung, das wäre bedauerlich, denn dadurch würde die Sozialdemokratie für die bürgerlichen Parteien bündnissähig. Ich halte diesen Stand- Punkt für unrichtig. Ich bedaure es immer, wenn die Sozialdemo- kratie sich gegenüber der Masse die Zeremonie erlaubt, gegen den Etat zu stimmen; denn würde er wirklich abgelehnt, so würden Millionen von Arbeitern dadurch schwer geschädigt.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Sozialdemokratie muß durch den Rc- visioniSmus hindurch, um sich wieder in der bürgerliche Gesellschaft gleichzeitig einen erheblichen EntWickelung ist eine phantastische.(Lachen bei den Sozialdemo- kraten.) Es ist eine phantastische Ausgeburt der Bureaukratie, zu denken, daß an Stelle der vielen bürgerlichen Unternehmer der Staat als Generalunternchmer eintreten könnte. Es wäre die wichtigste Aufgabe d« bürgerlichen Parteien, die Massen von der Unerfullbarkeit dieses. Programms zu überzeugen. Aber um Auf- klärung muß eS sich handeln, loshämmern auf die Sozialdemo- kratie hat keinen Zweck, dadurch macht man aus Eisen nur Stahl. Die liberale Partei scheint ja aus taktischen Rücksichten Fühlung mit der Sozialdemokratie genommen zu habckn. Ich glaube. fi« hat hierbei auf da» falsche Pferd gesetzt, denn die radikalere Partei überwindet stets die weniger radikale. Der liberale Ge-. entwurf vorzulegen, durch welchen das Arbeitsrecht der Privatange st eilten(Handlungsgehilfen Bureauangestellten, Techniker, Werkmeister und anderer Angestellter) nach folgenden Grundsätzen geregelt wird: 1. Sinngemäße Ausdehnung aller für einzelne Kategorien bor Angestellten bereits durch Handelsgesetzbuch und Gewerbe- ordnung eingeführten Schutzvorschriftcn auf sämtliche An- gestellte; 2. obligatorische Weiterzahlung des GehaltS im Krankheit?- falle bis zum Ablauf der Kündigungsfrist und während militärischer Pflichtübungen bis zu acht Wochen; Erhöhung des pfändungsfreien Einkommens auf 2566 M.; 3. Verbot des Kost- und LogiSwesenS; monatliche Mindest- frist für Kündigung von Dienstwohnungen; 4. Sicherung der Dienstkautionen; 5. Anspruch auf jederzeitige Ausstellung eines Zeugnisses über die Tätigkeit in einem Spezialfach; 6. Verbot und Nichtigkeit der Konkurrenzklausel; 7. Sicherung des Ansprckkhes auf Gratifikationen, Tantiemen usw. für den Fall der Kündigung vor dem gewöhnlichen Fällig- keitstcrmin, Nichtigkeit solcher Vereinbarungen, durch die das Gehalt während der Kündigungsfrist gemindert oder aus- geschlossen wird; 8. volle Koalitionsfreiheit; 8. Eigentumsrecht an Erfindungen und Sicherung eine? angemessenen Anteils am Ertrage derselben; 16. Errichtung von Angcstelltenausscküssen, deren Mitglieder in allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahl zu wählen sind, in Betrieben mit mindesten? 16 Angestellten; Einführung von Arbeitsordnungen für diese Betriebe; 11. tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden, 26stündiger ununterbrochener Ruhetag in der Woche, der den Sonntag ein- schließt, sofern das die Aufrechterhattung des Betriebes ge- stattet; Kontor- und Burcauschluß um 7 Uhr abends; Schluß der offenen Verkaufsstellen um 8 Uhr abends; 12stündige ununter- brochene Ruhezeit von Arbeitsende bis Arbeitsbeginn; zu- sammenhängender Sommerurlaub von 14 Tagen unter Gehaltsfortzahlung nach einjähriger Beschäftigung; Der tägliche Achtstundentag; eine regelmäßige 36stündige Ruhezeit in der Woche; freies Koalitionsrecht und staatliche Gewerbeaufsicht für das gesamte Fahrpersonal der Straßenbahnen. 7. Der Reichstag wolle beschließen: Verbündeten Regierungen wi ersuchen, auf Grund de? Z 126k Gewerbeordnung eine BuvdcsratSverordnung zu erlassen, welche Bestimmungen zum Schutze der in der chemischen Industrie beschäftigten Arbeiter vorschreibt, vor allem Anordnungen trifft über: 1. Festsetzung eines sanitären MaximalarbeitStageS(§ 126k der Gewerbeordnung) für alle Betriebsabteilungen, in welchen giftige Stoffe hergestellt oder verarbeitet werden; 2. Einschränkung der Ueberzeitarbeit und Verbot der über« langen Wechselschichten; 3. Gewährung eines wöchentlichen Ruhetages für die an und Festtagen Beschäftigten; Verbot der Akkordarbeit für Arbeiter, die mit giftigen, und explosionsgefährlichen Stoffen zu hantieren haben; Belehrung der Arbeiter über die Gefahren bei der Be» arbeitung von giftigen, feuergefährlichen und explosionsfähigen Stoffen sowie über die gesetzlichen Vorschriften zum Schutze der Arbeiter; 6. Normalvorschriften für sanitäre Einrichtungen der Ar- beitsräume, Wasch- und Badeanstalten, Ankleide- und Speise». räume; 7. ständige Untersuchung und Beobachtung der Betrieb« und der Arbeiter durch beamtete Aerzte; 8. Zuziehung von Arbeiterkontrolleuren zur Mitüber-, ung der Arbciterschutz- und Unfallverhütungsvorschriften. Der Reichstag wolle beschließen: rbündeten Regierungen zu ersuchen� dem Reichstage baldigst Gesetzentwurf vorzulegen, welcher Bestimmungen zum der in Hochofen-, Bessemer-, Thomas-, Martin-, Puddel-, Walz-, Hammer- und Preßwerken sowie anderen Wer- feinerungSbctriebcn der Hüttenindustrie beschäftigten Arbeiter enthält und insbesondere vorschreibt: 1. Eine Beschränkung der täglichen Arbeitszeit auf acht Stunden pro Tag; 2. für Wcchselschichten die Festsetzung einer ununter» brochencn Ruhezeit von 16 Stunden; 8. Einschränkung der Ueberarbeit; dieselbe ist in der Regel auf Arbeiten zur Fortsetzung des Betriebe? oder zur Sicherung gegen Unfälle und zur Rettung von Menschenleben zu be, schränken; 4. strenge Durchführung der zum Schutze der Arbeiter er- lassenen gesetzlichen Bestimmungen und Unfallverhütungs» Vorschriften. Den mit der Aufsicht der tzüttenbetriebe betrauten Gewerbeaufsichtsbeamten ist polizeiliche Strafbefugnis zu ge, währen. Verbot selbständiger Beschäftigung jugendlicher Ar« beiter und Lehrlinge an allen mit elementarer Kraft betriebenen Maschinen, die besondere DetriebSgefahren bieten; Verbot der besonders gesundheitSschädlid)en Frauenarbeit; B. Bestimmungen über Heizung, Beleuchtung, Ventilation, Trinkivasserbersorgung, Wasch- und Anklcideräume, Speise- und Aufenthaltsräume und Bedürfnisanstalten; 6. Sicherstellung des Arbeitslohnes bei Akkordarbeiten und Beseitigung deS PräMienshstcmS. Das Reichsamt des Innern wird ersucht, bei der Ausarbeitung solcher Bestimmungen Hüttenarbeiter oder deren Vertreter gut- achtlich zu hören. S. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen� dem Reichstage baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Reichs, Versicherungsordnung so geändert wird, daß 1. den Versicherten in den OrtSkrankenkassen ein Gelbst- berwaltungSrecht in dem Umfang gegeben wird, wie eS im Krankenversicherungsgefetz gegeben war; 2. die Versicherungsämter selbständige Behörden werden; 3. die Versicherungsvertreter und Beisitzer bei den Ver- sicherungsbehörden von den Versicherten und den Unternehmern in getrennten Wahlgängen mittels des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht? unter Anwendung der Ver». hältsniswahl gewählt werden; 4. die Krankenversicherung auf alle Angestellten mit einem Jahresgehalt von weniger als B666 M. ausgedehnt wird; B. in allen Versicherungszweigen der volle Arbeitsverdienst der Versicherten zugrunde gelegt wird; 6. allgemeine Ortskrankenkassen die Krankenversicherung werden; 7. Erleichterung zur Erlangung und insbesondere: a) größere Hilfe für Schwangere Erklärung der sogenannten Gewerbekrankheiten ein« schließlich der klimatischen Krankheiten der Seeleute als Betriebsunfall; Erleichterung zur Erlangung der Invalidenrente; Gewährung der Altersrenten bei Vollendung dc> 6B. Lebensjahres; Erhöhung der Hinterbliebenenrente; 8. eine andere Verteilung der Lasten durch größere Bereit- stellung von Reichsmitteln herbeigeführt wird. b) e) d) e) alleinigen Träger der Erhöhung der Bezüge, und Wöchnerinnen; Cingegangene Druckfcbrifteii. hat das uneheliche Kind und seine Mutter? Gcsetzverlag L. Schwarz u. Comp., Berlin 8. 14. Erläutert von BildungS« Deutsche Welche Rechte Von R. Burgemetster. 1,10 M. Invaliden- und Htntrrbliebeuenverslcherung. Dr. K. Wcymann. 16 M. O. Höring, Berlin SW. 29. Demokratie und Sozialismus. Bon N. Grimm. 26 Pf. auSschutz der Arbeiterunion in Zürich. Ernste Fragen. Eine Erwiderung von F. Delitzsch. 78 Ps. BeriagSanstalt, Stuttgart. Militärknbtnett kontra KammergerichtSentscheidung in der Affäre des Oberst Hiiger. Von Dr. Lehmann-Hohenberg. 50 Ps. RechtShort-Verlag in Weimar. Sturm und Drang. Dichtungen ans der Geniezeit. Herausgegeben von Dr. K. Freye. Goldene Klassircr-Bibliotdek. Deutsches Verlagshaus Bong u. Co.. Berlin W. 57. Vier Teile in zwei Leinenbänden 5 3)1. Ter Hauslehrer, Nr. 6, Wochenschrift für den geistigen Verkehr mit Kindern. Hcransgegeben von B. Otto. Vierlelj. 1,60 M. Verlag Grog- Lichterseide, Holbeinftr. 2l. n �Ter«ultnrspicgel. H-st 4. Verlag deS Kulturspiegeis, München, Heute letzter Tag uifberer 39 PL-Me Artikel von hervorragender PreiswUrdigkeit ß Wurstwaren * Cervelat- od. Salamiwurst 1.20 D Schinkenwurst.......— mmd 1,20 Thoringer Knobiaochwwst— nud 1,20 Teewurst...................... wud 1,10 0 Hausmacher-Leberwurst 93 »Landleberwurst............ nud 75?«. Rotwurst I.................. wand 78«. AZwiefaeiieber- od. Rotwurst m. 48 SNusschinken.................«°.d 1.1 VSchinkenspeck----------««.<- 95?«. V BE. 10 Phmd 1.30, 1.40 Obst u. Gemüse � Apfelsinen v-t»»» 18, 25, 35� y fiiut-Apfelslnen... 25, 35� Amerikaner Aepfei.nud 18, 25?-. Essäpfel...................... Pfond 15?� Kochäpfel.............. nted 15«. Blumenkohl 5, 10, 15 Kohlrüben joud Rhabarber....... Brat-o.Blsmarckhcrlnge Do« 42«. Lachs l» Stockes................ Pfand 75«• t i AJandorf&G Belle-Alliancestr. Grosse Frankfurterstr, Brunnenstr. Kottbuser Damm cVotrat Dia mit H beiefcbneien Artikel sind JtÄ von der Zaeooduog auegeschlaseen 'Hühner..................... 1.45, l.os * Pfand mager.... Pfand 'Mandarinen pf.d 17, 25 ".7...,.............. i.. Pfand 25 Pf. Kolonialwaren Victoria-Erbsen............ Pfund 21 Erbsen 25 � 23« Linsen.........?-�d 20, 25, 30« A Bohnen rvetne}................ Pfund 22« M Reis............«aad 19, 23, 28«' Gries.................. � 20, 23« A Gemischte Marmelade...pfmd 28« a' Zucker-Honig 85« G Bienen-Honig �"��P�d 95« A Sch Feh t Frisches Fleisch Schmorfleisch... p,nnd 80,90?� Irippe c. Querrippe 75pt mm oder Brust �..�wad 70?«. oulade............ pf--d 95« Roastbeef � 85« Gouiasch.......... Pfund 65« Schweineschinken � GS 70« Koteletts Pfand 80p«. Kamm o. Schuft pf�SO« Bauch.................. Pfund 65 pt Kaibskeule � Ä SO« Kalbsnierenbraten.... Pft!nd 90« Kamm o. Brust«und 85« BUI...................... Pfund 75« Emmentaler Käse----- 1.15 Ä Schweizer Käse—.......««nd 85« U Tilsiter Käse...........— pf-s 80«- M Brie-Käse---------.... Pfand 55«" Limburger Käse..—.—«und 50« Romatour-Käse......— ,...L«ck 29« Land- o. Kuhkäse—... 2 s»-k 35« Spitzkäse................ 3 steck 25« Camembert..................... steck 20« Aale.............................. Bund 45« Bücklinge................. s steck 18 � iii MMMYM FI Uli 4 SAKOlAiTöERGrK .qMM Vm. Bmh ««m«v»mtcher«evatteiN: Albert Wrch», Ü�lin."FüP t*t SWtKW�BWktffWKTtWört»»«ydrmkerei u. A-rwgSanstalt PautSttige? u. Ko� Serltn LW. Nr.M). 29. Iahrgans. 2. ßfiliiif des Joniiiitlo" berliner ildliolilfitt. Zollvabkud. 17. Februar 1912. Mgeorclnetenkaus. 18. Sitzung vom Freitag, den 16. Februar, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: Oberlandforstmeister W e s e n e r. Ter Forstetat. Abg. Ströbcl(Soz,): Wir meinen, daß sich eine Verpachtung der KvNvsidiagd in den StaatSsorsten, auch durch die von der Regierung zu- gegebenen Holzschädigungen durch Wild nötig macht. Was wird doch für Gemeindejagdcn bezahlt I Im Rheinland z. B. b— 10 M. pro Hektar. Präsident v. Erffa: DaS hätten Sie bei den Einnahmen vor- bringen sollen. Abg. Ströbel: Ich habe mich doch zur allgemeinen Be- sprechung des Forstetats gemeldet I Präfident v. Erffa: Die gibt» nur beim Ministergehalt. Fahren Sie bitte fort, aber beschränken Sie sich möglichst auf die Ausgaben. Abg. Ströbcl: Wir wünschen Erhaltung der Wälder und ihren Schutz vor dem Wilde, nicht wir sind die Barbaren, die die Natur- schönheiten nicht zu schätzen wissen. Barbarisch find jene, die alles ihrem Jagdvergnügen unterordnen wollen. Ein Abschuß des WildeS ist also nötig, ich habe im Vorjahre eingehend darüber ge- sprachen. Die Forst be am ten sollten zum Abschuß des Wildes berechtigt und verpflichtet sein, statt eS den herrschaitlichen Jagden vorzubehalten. Die gewaltigen Erlöse des Wildabschusies müssen restlos dem FiskuS zugute kommen.(Der Redner ist bei den lauten Unterhaltungen der Abgeordneten nur schwer der- stündlich.) ES handelt sich da um Zehntausende Mark. Selbst ein Sachverständiger in der„D. Tagesztg.' erklärt, daß die Gutsbesitzer usw. gern Hunderte Mark für Abschußrechte in den StaatSsorsten bezahlen würden. Man kann in der Tat von Millionen sprechen, die der preußische Staat hieraus gewinnen könnte— es handelt sich vielleicht um so viel, daß damit der Ausfall gedeckt würde, wenn die Einkommensteuer erst bei 1200 M. beginnen würde. Die preußische Regierung hat ja selbst schon 1882 diese Forderung erhoben I(Hört! hört l bei den Sozialdemokraten.) Die Rücksicht auf die Gemeinden, denen die Jagdpachteinnahmen entgehen würden, wird nur vorgeschoben, denn 63 Proz. aller Forsten find nicht im Staats- sondern im Privatbesitz. Selbst Fachleute erklären, so im.Forstwirtschaftl. Zentralblatt', daß da« heutige System auch forstwirtschaftlich»nhaltdar ist, so daß die Oderrechnungskammer sich schon zu Beanstandungen veranlaßt gesehen hat. Von Leuten, denen Sie snach recht») unmöglich Sachkunde absprechen können, von aftiven Forstbeamten höheren Range», wird dem heutigen System nachgesagt, daß eS zum Nachteil de« Staates Privatpaisionen hochgestellter Leute dient. Ein Oberförster schrieb in der.Frankfurter Ztg.', daß heute die Be- amten geradezu an einem hohen Wildstand interessiert seien, weil sie daraus Einnahmen ziehen können, die dem Staate verloren gehen. Er spricht da von einem finanzpolitischen Verbreche», wodurch«S verhindert wird, daß au» den StaatSsorsten die mög- lichen Erträgnisie herausgeholt werden— ganz abgesehen von dem ungünstigen Einfluß dieses System» auf die Beamten selbst. sZu- slimmung bei den Sozialdemokraten.) Würden auf diese Art die Erträgnisse der Forswerwaltung gesteigert, so könnte und müßte sie Gelände am Rande der Großstädte, wie B e r l i n S, zu mäßigen Preisen den Gemeinden überlasien, um sie in die Lag« zu versetzen, eine großzügige gemeinnützige Wohnungspolitik zu treiben. Meine vorjährige Anfrage, waS mit den Geländen der Forstverwaltung in der nächsten Nachbarschaft Berlins geschehen soll, ist noch nicht beantwortet worden. Man spricht davon, daß diese Gelände nicht an die Stadt Berlin verkauft, sondern nur verpachtet werden sollen, und zwar für 3 Millionen Mark. Da» wäre eine geradezu unerhörte Summe. Die Städte zahlen in Preußen 267 Millionen von den 337 Millionen, die die Einkommensteuer überhaupt trägt. Berlin allein bringt 63 Millionen StaatSsteuer auf bei 80 Millionen, die von dem ganzen flachen Lande aufgebracht werden. Berlin muß jetzt den Gemeinde- steuerzuschlag auf 110 Proz. erhöhen und eS wird rhm infolg« seiner Schullasten usw. immer schwerer, sozialpolitische Maßnahmen zu treffen, llm so mehr sollte der Staat die Pflicht erfüllen, der'Haupt- stadt die Durchführung einer großzügigen WohnungSreform zu erleichtern sSehr richtig I links.) Ich möchte nun einige Ausführungen über die Lage der Forstarbeiter machen. DaS, WaS für diese geschehen ist, ist trotz der Versicherungen de« LandwirtschaftSministcrS äußerst wenig, denn die Löhne sind in der Tat sehr niedrig. Sie betragen für Männer 1,40 bis 1.86 M.. für Frauen 1 M. bis 1.39 M. und der Höchstlohn für Männer, der aber nur einem winzigen Bruchteil der Forstarbeiter zugute kommt, beträgt 3,22 M. Die Besserung gegen 1910 ist keineswegs irgendwie nennenswert, und es ist so, daß sich die Männer bei dieser langen Arbeitszeit und schweren körperlichen Arbeit mit einem Stundenlohn von 19 bis 32 Pf., die Frauen sogar mit 10 MS 20 Pf. begnügen muffen. Auch die Akkordlöhne find außerordentlich niedrig. Sie machen«inen Tagesverdienst von 2.28 M. bis 2,73 M. aus und der höchste Akkord- verdienst beträgt nur 3,99 M. Es beweist gar nicht«, daß sich immer noch Arbeiter finden, die zu solchen Bedingungen arbeiten. DaS kann höchstens ein Beweis dafür sein, wie kulturwidrig unsere ganze kapitalistische Wirtschaftsordnung ist.(Sehr wahrl bei den Sozial- demokraten.) Die Löhne der in den preußischen StaatSsorsten beschäftigten Arbeiter sind durchaus niedriger als in den anderen Bundesstaaten. In Sachsen werden Löhne von 2,60 bis 6 M., im rechtsrheinischen Bayern und in Hessen von 4,80 M. bezahlt, in Baden und Elsaß-Lothringen kommen Löhne bi» 6 M. und 7 M. vor. Sowohl die Aklordlöhne, als die Tagelöhne sind überall höher als in Preußen. Trotz einer Verfügung der Forstverwaltung werden den Forstarbeitern ünmer noch Lohnabzüge von 2 b,S 4 Proz. gemacht. Die Arbeiter beschweren si» darüber, daß sie bei der Lohnfestsetzung nicht ge- hört und daß sogar ihr« Anfragen nach der Bezahlung bestimmter Arbeiten nicht beantwortet werden, sowie darüber, daß si« gar nicht wissen, wofür ihnen Abzüge gemacht werden. Wir fordern ein Mitbestimmungsrecht der Arbeiter auf die Arbeitsbedingungen. Man kann hier von Süddeutschland außerordentlich viel lernen. In B o y e r n gibt es ArbeiterauSichüsie, dort haben die Arbeiter auch freies KoalitionSrecht. Wir wisien allerdings nicht, wie da» jetzt beim Ministerium Hertling werden wird. ES ist ja möglich, daß daS neue ZcntrumSministerium feine Hauptaufgabe barm erblicken wird, den Arbeitern die OrgantfationS- frei heil zu nehmen. Die Geschichte der Auflösung deS bayerischen Landtage» ist ja bezeichnend dafür.(Sehr wahr! linls.) Bei un» in Preußen ist jedenfalls von der süddeutschen Koalitionsfreiheit keine Rede. Ter LandwirtichaftS- minister hat ja rundweg erklärt, daß sozialdemokratische Agitationen und Stiftung von Unfrieden nicht geduldet werden. Wenn ein Arbeiler dafür eintritt, daß sein Lohn aufgebessert wird, daß die Arbeiter ihre Jntereffen gegenüber der Behörde vertreten können, dann wird das einfach als Stistung von Unfrieden hingestellt I Die fortschreitende Entwickelung wird der preußischen Regierung schon das sozialpolitische Verständnis beibringen, daß. wenn ste al« Unter- nehmer austritt, sie auch den Arbeitern ihr Recht lassen mutz.(Lachen rechts.) Von Ihnen erwarten wir allerdings nicht, daß Sie hierbei behilflich sind, wir kennen ja Ihre Feindschaft gegen das KoalitionS- recht!(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wenn, wie der Minister im Vorjahre erklärt hat, sich auch einzelne Arbeiter Ver- fehlungen zuschulden kommen lasten, so will ich das nicht bestreiten, aber je eher diese Arbeiterschichten an der Arbeiterbewegung teilnehmen werden, desto eher werden sie einsehen, daß sie un- solidarisch vorgehen. Wenn aber die Agrarier„angemesienen" Verdienst fordern, die Beamtenorganisationen Gehalts- crhöhnngen, dann werden Sie doch anerkennen müssen, daß auch die Forstarbeiter das Recht dazu haben müssen.(Sehr richtig I links. Lachen rechts.) Wir haben seinerzeit für d i e B c s o l- dungserhöhungen der Förster und O b e r f ö r st e r ge- stimmt, weil wir eine angemessene Bezahlung dieser Beamten für richtig halten, wir verlangen aber auch, daß die Forstardciter anstäudig be- handelt und angemessen entlohnt werden. Hier können Sic bcweiien, daß Sie Verständnis für die Notlage und die Bedürfnisse der Arbeiler haben I Die Pachtverträge, die die staatliche Forstverwallung mit den Waldarbeitern abschließt,, scheinen dazu gemacht zu sein, die Arbeiter zu zwiebeln.(Präsident Frhr. v. Erffa: Dieser Ausdruck ist unparlamentarisch I) In den allgemeinen Bedingungen für die Verpachtung von Grundstücken an die Forstarbeitcr heißt eS, daß für richtige Größe und Beschaffenheit der Pachtgrund- stücke von der Behörde keine Gewähr geleistet wird. Das ist doch unglaublich!(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Außerordentlich hart ist es auch, daß die Pächter keinen Anspruch auf Eni- schädig ung von Wildschaden, sowie auf M e l i o r a- t i o n e n haben, selbst dann nicht, wenn das Grundstück ohne Ver- schulden des Pächters vor Ablauf der Pachtfrist geräumt werden mutz. Für ein so illoyales Vorgehen gibt es gar keine Recht- fertigung. Wenn der Landwirtschaftsminister gestern gesagt hat, daß die AnsiedelungSverträg« der Landarbeiter auch in einem sozial- demokratischen Bureau hätten abgeschlossen werden können, so ist es ja sehr nett, daß der Minister das von Verträgen sagt, die er für gut hält.(Sehr gut! b. d. Soz.) Aber wenn er annimmt, daß solche Verträge uns die Wähler auf dem Lande und die Sympathien der Land- arbcitcr rauben werden, so irrt er. Die Oeffentlichkeit wird mit mir übereinstimmen, daß solche Verträge, die geradezu gegen die guten Sitten verstoßen, ,n Preußen nicht möglich sein sollten.(Sehr wahr! links.) Wir fordern eine ernstliche Anfbesseniiig der Löhne, die Beseitigung dieseö Pachtsystems, ausreichende Bekannt- gab« der Arbeitsbedingungen, eine Arbeitsordnung etwa so wie die württembergische, die Schaffung von unabhängigen Arbciterauöschüffen und vor allen Dingen unbeschränktes freies Koalitionsrecht. Solange diese Forderungen nicht erfüllt sind, haben wir ein Recht, Preußen auch auf diesem Gebiete als den rückständigsten Staat in ganz Deutschland zu bezeichnen.(Bravo I bei den Sozial- demokraten.) Abg. Busch(Z.) sbeim Betreten der Rednertribüne von dem Abg. Lein e rt(Soz.) mit dem Zuruf.KoalitionSfreiheil' empfangen): Herr Leinert, wenn Sie die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung objeftiv studieren, dann werden Sie finden, daß gerade das Zentrum stets für die volle Koalitionsfteibeit eintritt. Allerdings haben wir nie den TerrorismuS der Gewerkschaften gebilligt.(Aharufe bei den Sozialdemokraten. Zuruf deS Abg. Ströbel:„Und Ihre Bundesgenossenschaft mit den Konservativen?') Der Abg. Ströbel ist hier für die Forstarbeiter eingetreten; der Vorwurf daß andere Parteien nicht« fiir die Forstarbeiter tun, ist unberechtigt. Denn gerade daS Zentrum hat sich stets von dieser Stelle aus für die Forstarbeiter ins Zeug gelegt. Im Gegensatz zu den vom Abg. Ströbel angeführten niedrigen Lohnsätzen der Forstarbeiter weiß ich au« Erfahrung, daß viele Tagelöhner 3 bi« 6 M. täglich verdienen. ES ist eine bekannte Tatsache, daß sich die Arbeiter z» der Forstarbeit geradezu drängen. Durch solche Agitationen, wie sie die Sozialdemokratie treibt, wird man niemals die Staatsbehörden auf dem Wege weiterer Fürsorge vorwärts treiben können. Die ruhigen Arbeiter auf dem Lande haben viele Borteile gegenüber den Arbeitern in den Städten. Ste(zu den Sozialdemokraten gewandt) wollen die Unzufriedenheit in die Arbeiterkreise hineinwagen und fangen bei den EtaatSarbeitern an. Abg. Ströbel hat auf das neue Zentrumsministerium in Bayern hingewiesen; dies neue Ministerium ist freiheitlicher gesinnt, als eS ein sozialdemokratisches Ministerium an seiner Stelle sein soll.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Ich erinnere an die Sieben, die beim.Vorwärts' fliegen mußten, um zu zeigen, wie es in den Kreisen der Sozialdemokratie mit der Freiheit bestellt ist. Ihre Parole lautet:.Wer nicht pariert, der fliegt'. Solche Worte hört man vom preußischen Staate nun doch nicht in dieser krassen Form, Sorgen Sie(zu den Sozialdemokraten) dafür, daß der christlich organisierte Arbeiter ruhig seiner Arbeit nachgehen kann, auf den Sie jetzt den stärksten Druck ausüben. Wir vom Zentrum find für die Freiheit der Organisationen, bekämpfen ste aber in den Aus- w ü cv s e n, wie ste durch die Sozialdemokratie entstehen. Wir in der Zentrumspartci sind dafür, daß die Waldarbeiter sich auf chrijtlich-nationaler Grundlage frei organisieren können und eine gerechte Entlohnung beziehen.� Sie(zu den Sozialdemo- kraten) untergraben jede Autorität, wir dagegen wollen wahren Fortschritt.(Beifall im Zentrum.) LandwinschaftSminister Frhr. v. Dchorlemer: Die Lage der Waldarbeiter ist durchaus nicht so traurig, wie sie Abg. Ströbel darstellt. Die Arbeiter arbeiten nicht dauernd jeden Tag im Walde, sie haben fast sämtlich noch Nebenverdienst. Die Akkordlöhne find von 94 Pf. im Jahre 1889 auf 1,40 M. im Jahre 1909, die Tagelöhne für männliche Arbeiter von 1,46—2,49 M. im Jahre 1901 auf 1.90-8.22 M. im Jahre 1910 und die Löhne der weiblichen Arbeiter in dieser Zeit von 80 Pf. bi» 1 M. auf 1 M. bi« 2,02 M. gestiegen. An einzelnen Stellen find die Löhne noch � höher, z. B. in der Ober- försterei Schwerin, wo sie im Durchschnitt 4,60 M. betragen.(Hört I hört! recht» und im Zentrum.) Die Forstverwaltung gibt den Ar- beilern auch Zettel für Leseholz und für die Viehweide, sowie Land zu besonders billigen Pachtpreisen.(Erneutes Hörtl hört! recht» auch nicht durch die RcichStagSwahlen. Die Sozialdemokratie will nur dir Arbeiter terrorisiere». Di» Staat». regierung will ihnen volle Freiheit gewähren, die aber durch daS Koalitionsrecht nur gefährdet würde,(Beifall bei der Mehrheit. Zuruf von den Sozialdemo- kraten: Freiheit die ich meine l> Abg. Ströbel(Soz.): Der Minister glaubt meine Zahlen damit zu widerlegen, dgtz er gleich dem Adg, Busch erklärt, es gibt Arbeiter, die auch mehr verdienen. Aber nach der amtlichen Statistik selbst haben nur ganze 900 Arbeiter einen Durchschnittshöchstverdienst von 3,22 M, bei zehnstündiger Arbeit.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) So lange Sie mir keinen Gegenbeweis gegen die amtliche Statistik liefern können, behaupte ich, daß meine Dar- stellung richtig und die des warmen Arbeiterfreundes Busch und des LandwirtschaflSminister» gefärbt und unrichtig ist. Auch wenn die Waldarbeit nur Nebenbeschäftigung ist, muß sie doch an- gemessen bezahlt werden. Die Nebeneinnahmen auS dem Beerenlesen, dem Sammeln von Raffholz sowie die billige Land« Verpachtung habe ich schon besprochen, sie spieten gar keine Rolle, Die Nebeneinnahmen der Förster und Oberförster sind außerordentlich viel höher. DeS LandwirlichasiSminister Erklärung kann nur so ge- deutet werden, daß nun erst recht dem Volke Trotz geboten werden müffe und der gewaltige, in den Wahlen zum Ausdruck ge- bracht« Wille nach Freiheit geknebelt werden soll.(Lachen recht» und im Zentrum.) Fahren Sie nur so fort, dann wird zu' unseren vier Millionen Stimmen bald die fünfte Million kommen! Die Auffassung des Landwirtschaflsmiuisters, daß die Freiheit der Arbeiter gerade dadurch geschützt werden könne, daß die Freiheit der Organisation unterdrückt wird, ist wirklich wunderbar! Das ist Vogelfrciheit für die Arbeiter und die Freiheit, daß jeder Arbeiter, der nicht nach der Pfeife der Vorgesetzten tanzt, gemäß- regelt wird.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten,) Für diese famose Freiheit haben allerdings die Waldarbeiter kein Verständnis. Sehr bezeichnend ist es. daß Abg. Busch für die Forderung billiger lleberlassung von sorstfiSkalischcm Gelände an Berlin zur Verbesserung der Volksgesundheit und Volkssittlichkeit nichts als einige Witze übrig gehabt hat I Wir fordern, daß den Millionen Groß-Berlins durch den Fiskus Gelegenheit gegeben wird, ver« nünftige Wohnungsverhältnisse zu erhalten, damit die Bevölkerung nicht degeneriert. Wer kann etwas gegen diese Forde- rung haben?(Sehr wahr I links.) Ich habe ausgeführt, daß der Ausfall gedeckt werden müßte durch die Jagdverpachtungen. Aber die Bevölkerung der Großstädte wird es sich merken, daß Herr Busch sich darüber entrüstete, daß ich gesagt habe, dem Zweck- verband Groß-Berlin müßten bei den Gciändeverpachtungen mög- lichst günstige Bedingungen gestellt werden. Abg. Busch hat behauptet, Berlin sei durch die Arbeit des Landes groß ge- worden. Wollen Sie bestreiten, daß die Entwickelung der Industrie der Städte den Landbewohnern, die keine Ernährungsmöglichkeit mehr fanden, diese gegeben hat?(Widerspruch rechts.) Darum haben auch die Großstädte Anspruch a u f d a s Entgegenkonimen der Landesbehörden, denn die produktive Arbeit der Großstädte kommt dem ganzen Lande zugute. Wir meinen aber, daß die große Masse de« Volkes anständig bezahlt werden muß und daß nicht nur immer ein Druck auf den Minister ausgeübt werden soll, doch die Lage der strohdachflickcnden Großgrundbesitzer zu vcrbeffern(Heiterkeit), sondern daß mit aller Energie dafür ei»- getreten werden muß, daß die große Maffe des Volkes gehoben wird und der staatliche Forstbettieb ein Musterbetrieb wird. Ist es bei der ungeheueren Vermögensvermehrung um 1260 Millionen jähr- lich, die sich 6000 Personen in Preußen leisten können, etwa ungebührlich, wenn wir verlangen, daß den Staatsarbeitern ein paar Pfennig zu- gelegt werden? Daß wir nicht schlecht dabei fahren, als einzige in diesem Hause die Interessen der Volksmaffen zu vertreten, haben die Reichstags ivahlen bewiesen. Abg. Busch hat von den sechs„VorwärtS'-Rcdakteuren gesprochen. Nim, die Redaktion eines BlatteS kann nicht souverän von ein paar Redakteuren gemacht werden, sondern die NedaktionSführung kann nur im Sinne derAuftraggeber, hier also der B e r l i n e r Arbeiterschaft in ihr er Mehrheit geschehen.(Lachen bei der Mehrheit; Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Pappenheim, wie bald würden Sie die»Deutsche TageS- zettung' boykottieren und zu ruinieren versuchen, wenn Herr v. Zedlitz die Leitartikel schriebe I(Große Heiterkeit links.) Da die sechs.Vorwärts'- Redakteure den Wünschen der Preßkommisfion und der zuständigen Instanzen nicht Rechnung tragen wollten und daraus ein Konflift entstand, reichten sie ihre Kündigung ein.(Präsident: Bitte doch zur Sache zu kommen.) Ein bißchen Aufklärung über diesen Fall erscheint mir erfc>rderlich. damit nicht immer wieder derselbe Unsinn wiederholt wird. Wenn Abg. Busch uns vorgehalten hat, wir hätten eS leicht, Gehaltszulagen zu fordern, wir stimmten ja doch gegen d>en Etat, dann sorgen Sie doch dafür, daß die stärkste Partei befi Landes einen Einfluß auf die Gesetzgebung üben kann, daß der P.olkS« Wille zum Ausdruck kommt. Geben Sie uns doch daS allgemeine, gleiche, direkte, geheime Wahlrecht. (Stürmisches Gelächter rechts und im Zentrum.) Sie werden es doch geben und wenn Sie sich auf den Kopf stellen. Wenn wir auf die Gestaltung des Etats den erforderlichen Einfluß ausü den können, würden wir selbstverständlich auch die Einnahmen und Ausgaben be« willigen.(Zurufe im Zentrum: Reichstag I) So lamze wir diese Sorte Militarismus, Marinismus und Weltpolitik haben, können wir dort einen derartigen Etat natürlich nicht be- willigen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Busch hat in gleichem Atemzuge erklärt, daß er für daS freie Koalitionsrecht sei, daß aber die Arbeiter zur christlich- nationalen Organisation gebüttelt werden sollen. DaS ist Ihre Freiheit I(Zuruf vom Zentrum; TerrorismuS Ij Einzelne TerroriSmuSfälle kommen überall vor, auch bei un«, aber noch viel zahlreicher bei Ihnen! Wir werden Ihnen das schon beweisen. ES habet? eben noch nicht alle Arbeiter daS geistige Niveau. um sich trotz der Mahnungen der GewerkschastSpreffe beherrschen zu können. Wir haben gar nichts dagegen, daß auch andere Organisationen alS frei- gewerkschaftliche bestehen, wir haben nie verlangt und werden nie verlangen, daß von den Behörden irgend einer Organisation Schwierigkeiten bereitet werden. Sie aber verlange» das, Herr Busch, fordern Sie den Minister auf, in die Organisation»- Verhältnisse der Arbeiter nicht einzugreifen— dann will ich Sie um Entschuldigung bitten. Wenn nicht, dann bleibt bestehen, daß sich der Benreter des Zentrum» gleich dem Minister als Gegner d e ü freien Koalitionsrechts bekannt hat.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Busch(Z.): Der Staat tut für verlin viel mehr als für das übrige Land. WaS kostet nur der Groß-Berliner Verkehr!? (Sehr wahr I rechts.) 3,20 M. Lohn auf dem Lande bedeutet so viel als 6 M. in Berlin. Der Waldarbeiter hat ein Häuschen, Bich, er ist zufrieden, weil er nicht in den sozial- demokratischen Gewerkschaften ist. Ihrem(zu den Sozialdeinokraten) Aufrütteln und Hetzen treten wir auf dnS Entschiedenste entgegen. Der christlich-monarchische Arbeiter sieht eS ein, daß der Förster höhere Nebeneinnahmen haben muß al« der Arbeiter und daß es EtandeSmiterschiede geben muß.(Zurufe der Sozialdemokraten, die der Präsident rügt; gleich darauf ruft er den Abg. Dr. Boich ardt(Soz.) zur Ordnung, weil er wieder einen Zwischenruf ge- macht habe. Abg. Ho ff mann gratuliert dem Abgeordneten Borchardt zum ersten Ordnungsruf.) Ach, Sie wollen ja nur Ordnungsrufe provozieren, um im Lande als die starken Männer dazustehen I(Beifall bei der Mehrheit.— Zurufe der Sozialdemokraten: Ist das parlamentarisch?— Präs. v. Erffa: Ich werde da« Stenogramm einsehen.) Eine staatSerhaltende Partei kann nicht für die sozialdemokratischen Gewerkschaften eintreten, die bei den letzten ReichStagSwahlen bewiesen haben, daß ste nicht» sind, al» ein Teil der Sozialdemokratie.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Wie können Sie von dem Minister verlangen, daß er ander« handele? Er sagt, ein sozial- demokratischer Arbeiter, der sich nicht auf seine Mitglied- schast bei der Sozialdemokratie beschränk, sondern agi- tatorisch wirksam für ste tätig ist, kann in einem Staatsbetriebe nicht beschäftigt werden.(Sehr richtig I bei der Mehrheit.) Ich könnte Ihnen genau nachweisen, wie die freien Gewerkschaften Beiträge für die Sozialdemokratie gezahlt haben. (Der Präsident mahnt den Redner zur Sache.) Die Zentrumspartei ist von jeher für gerechte Entlohnung der Waldarbeiter ein- getreten, auch für Organisationsfreiheit, soweit der Bestand deS Staates diese ertragen kann, auch für ArbeiterauSschüsse. Aber was wir nicht mitmachen können, ist das, daß durch die Ausdehnung Ihrer Organisation die wohlgesinnten Arbeiter terrorisiert werden.(Beifall im Zentrum und rechts.) Ein Schlußantrag wird von der Rechten und dem Zentruin angenommen. Abg. Waldstein(Lp., persönlich): Meine Partei ist verhindert, zu erklären, daß sie für volle Koalitionsfreiheit der W a ldarbeiter ist. Abg. Busch will eine Koalitionsfreiheit, bei der die Arbeiter nur da» Zentrum verstärken dürfen. Mg. Ströbel(Soz.): Da mir durch den Schluß der Dcdatt? das Wort abgeschnitten ist. möchte ich nicht verfehlen, dem Abg. Busch unseren tiefgefühlten Dank für seine Rede aus- zusprechen, ich hoffe das im nächsten Jahre wieder tun zu können. (Heiterkeit links.) Beim Bitel„Oberförster� klagt Abg. Menke(Vp.) über willkürliche Sperrung von Staatsforsten für den Touristenverkehr. Abg. Büchtemann(BP.) wendet sich gegen die unaufgeklärten Nebenverdienste der �orstbeamteu, die mitunter sehr erheblich sind. Präsident Dr. Frhr. v. Erffa: Aus dem Stenogramm geht hervor, daß der Abg. Busch die Bemerkung, die Sozialdemokraten gingen auf Ordnungsrufe aus, gemacht hat, nachdem der Abg. Hoff- mann dem Abg. Borchardt zu dem Ordnungsruf gratuliert hat. Danach habe ich keine Veranlassung, den Abg. Busch zu rektifizieren.(Beifall rechts und im Zentrum.) Nach iveitercr unwesentlicher Debatte wird der Forstetat bewilligt. Beim Domäncnetat begründet Abg. Engclbrecht(fk.) einen Antrag, pachtfrei werdende Domänen in bäuerlichen Besitz überzuführen und bei der Bewirtschaftung der Domänen auf künftige Besiedelung Rücksicht zu nehmen. Abg. Heine(natl.) unterstützt den Antrag. - Abg. Leinert(Soz.) bespricht die Steigerung der Pachterträgnisse der letzten Jahre. l9l2 stieg der Ertrag pro Hektar von 51 auf 63 M., um 22 Proz. Das ist ein Beweis, daß beim Großgrundbesitz sicher eine Ertragssteigerung besteht. Die Domänen werden keineswegs zu teuer, sondern eher noch zu niedrig verpachtet. Das ergab sich aus einem Versuch mit nicht feststehender Pachtsumme, über die der frühere Ministerialdirektor Thiel berichtet hat. Der Etat gibt kein Bild über die Erfolge der Selbstbewirtschashmg der acht Domänen, die in Selbstbewirtschaftung genommen wurden. Der Staat dürfte sich dabei besser stehen. Soviel wird wohl der Regierung auch dieses von ihr als cjuantitc negligeabie betrachtete Haus wert sein, daß sie über diese Frage Auskunft gibt. Wir meinen, der Staat soll seinen Grundbesitz erhalten, nicht verkaufen. Die heutige Spekulation mit Staatsdomänen ist unheilvoll. Nur mit dem Verkauf an Städte und Sclbstverwaltungskörvcrschasten sind wir einverstanden. Die„nationalwirtschaftlichen" Grundsätze in der Ost- und Nordmark führen dazu, daß verkrachte deutsche Gutsbesitzer aus Staatsgeldcrn saniert werden. Eine Reihe Großgrundbesitzer machen mit diesen Grund- sätzen Erpresserpolitik am Staat; sie sagen, wenn er ihre Güter nicht kauft, verkaufen sie sie den Polen oder Dänen. Dabei waren doch die Polen den Konservativen als Bundesgenossen recht, als der Kanzler gestürzt werden sollte, der sich selbst einen „agrarischen Kanzler" hieß. Diese Politik führt zur Bereiche- rung der Großgrundbesitzer und zur Korruption. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich glaube, daß aus „nationalen" Gründen vielmehr Güter deutschen Spekulanten, als Polen abgekauft wurden. Für den Osten wird ein Einhalten mit der Bauernbesiedelung von den Konservativen gefordert, während dort dex Großgrundbesitz ohnehin am stärksten verbreitet ist. Dort werden die größten Gewinne aus der Zollpolitik gemacht, und man will eben den kleinen Leuten nicht zeigen, was für Riesen- gewinne, aus Liebesgaben, Einfuhrschcinen usw. fließen.(Heiter- kcit recksts.) Ihr Lachen ist kein GegenbeweisI Sie sind gegen die Zerschlagung der Domänen im Osten, um neue Herrensitze zu schaffen. Wir sind gegenteiliger Meinung und werden daher, trotz- dem um? der freikonservative Antrag nicht weit genug geht, doch für ihn stimmen. Wir verlangen nicht nur bäuerlichen, sondern flefriüäue�lichen Besitz. Sie(nach rechts) wollen Heloten des adligen Grosigrundbesitzes, wir wollen, daß die Domanialgüter den Kleinbauern zu den gleichen Vorzugspreisen wie den Großgrundbesitzern verpachtet werden. Wir zweife/n daran, daß das geschehen wird.— Die vom Minister gestern vorgetragenen Grundsätze für Pachtverträge mit Land- arbeitern können wir im ganzen nur billigen. Sie haben dazu „Sehr richtigl" gerufen; deshalb verlangen und erwarten wir, daß sie ein Gesetz aus diesen Grundsätzen machen für alle Ver- Pachtungen zu Besiedlungszwecken!(Sehr gut! links.) Die Aus- führungen des Herrn v. Klitzing im Landwirtschaftsrat, daß er unbotmäßigen Angesiedelten die zweite Hvpothek und sicher auch die Landesversickierungs- an st alt die erste kündigt(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten), widersprechen diesen Grundsätzen und zeigen die Macht der Großgrundbesitzer. Wo bleibt das Vertrauen der Landarbeiter zu den Gutsherren, von dem v. Kardorff sprach, nach den schreienden Ungerechtigkeiten der Reichsversicherungsordnung mit ihren Land- krankenkassen, ihrer Behandlung der Wöchnerinnen usw.? Heute ver- langt man von den Ansiedlern, daß sie sich zu Hörigen des Domänen- Pächters machen. Wir wollen völlig gleiche Rechte für die Angesiedelten.(Zustimmung der Sozialdemokraten.) Ein- mütig fordert dieses Haus eine Etatisicrung und Klarstellung der Verwendung der Summe von über 3 000 000 M. zu Bauten und Anlagen auf den Domänen. Die Staatsregierung hat nur der Budgetkommission einzelne Exemplare einer Nachweisung zur Kenntnisnahme vorgelegt. Angeblich befürchtet die Regierung Preistreibereien der-Bauunternehmer. Das müßte sie dann bei den von ihr spezialisierten Bauten der Eisenbahn- und Gcstütvcr- waltung ebenso befürchten. Das Haus, das öffentlich gewählt wird, darf nicht öffentlich über die Ausgaben reden. Das kann man nur einem Dreiklaffenhaus zumuten.(Sehr richtigl links.) Der Tomänenetat ist überhaupt nicht zu entschleiern. Herr b. P a p p e n h e i m hat im vorigen Jahr behauptet, ich hätte keine ?lhnung von all dem, die Rechnungskommission gebe genauen Nach- weis. Das ist aber gar nicht wahr: das Parlament bekommt keinen Schimmer von Ahnung über all diese Ausgaben. Wie kann die Budgetkommission darauf eingehen, daß nur ihr, nicht dem Hause ein Nachweis über die Ausgaben, die immer in gleicher Höhe angefordert werden, vorgelegt wird? Das ist ein richtiger Dis- posiitionsfonds von 3 Millionen. Wer garantiert dafür, daß da nicht Bevorzugungen einiger Pächter stattfinden? lSehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen als gewissenhafte Ab- geordnete wissen, wofür dieses Geld ausgegeben wird. Läßt sich dieses Dreiklaffenhaus das auf die Dauer gefallen, so fordert es nur Spott und Hohn heraus.(Bravol bei den Sozialdemokraten.) Präs. Freiherr v. Erffa: Ich rufe Sie zur Ordnung l Wg. Dr. v. Wopna(fk.): Wir überlassen es der Staatsregie- rung, auf diese Angriffe zu antworten. Abgeordneter Leinert versteht sehr wenig von diesen Dingen; mögen ihm seine Freunde bei der Durchsicht seines Stenogramms behilflich sein.(Heiterkeit rechts; Zuruf der Sozialdemokraten.) Wir können die Sozialdemo- kraten nicht hindern, für unseren Antrag zu stimmen, aber wir gehen von völlig anderen Erwägungen aus.— Tann bespricht Redner Wirtschaftsfragen. Landwirtschaftsminister v. Schorlemer: Anträge auf Stroh- verkauf sind nie abgelehnt worden. Dem Antrag Engelbrecht stehe ich sympathisch gegenüber, vorausgesetzt, daß es sich nicht um Massenabgabe von Domänen handelt, sondern um Aufteilung zur inneren Kolonisation nach Prüfung der Verhältnisse. Die Domä- nen sind nicht zu teuer verkauft worden; die Käufer haben schöne Gewinne erzielt.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Erträge der selbstbewirtschaftcten Domänen reizen nicht zur Wiederholung an. Die Erträge der verpachteten Domänen ent- sprechen denen privater Verpachtungen.— Ehrlicher und deutlicher als ich in der Budgetkommission kann man nicht darstellen, daß die Domänenverwaltung nichts zu verschleiern hat. Die Budgetkom- Mission hat unsere Gründe gebilligt. Nächstes Jahr soll die Nach- Weisung einige Tage früher gegeben werden. Die Nachweisung hat 229 Nummern. Aber ihre Prüfung wäre nur auf Grund der Einzelkostcnanschläg« möglich. Würden Sie das prüfen, würde der Etat kaum fertig. Sie wühlen doch die Budgetkommission dazu! Ltönntc Abgeordneter Leinert das alles prüfen und würde er dann darüber sprechen, so würde das ein paar Tage dauern und das Ende wäre doch nur, daß Herr v. P a p p e n h e i m sagen würde: Herr Leinert, Sie haben von diesen Dingen keine Ahnung! (Große Heiterkeit rechts.— Abg. Hoffmann(Soz.): Das ist doch unerhört l Unruhe rechts.) Die Uebertreibungen des Ab- geordneten Leinert richten sich�von selbst; mehr darüber zu sagen wäre Zeitverschwendung.(Stürmischer Beifall rechts.) Abg. Waldstein(Vp.) schließt aus einigen Bemerkungen des Abgeordneten Varcnhorst(fk.). daß zwischen der Sympathie der Liberalen und der der Freitonservativen für die innere Kolonisa- tion doch erhebliche Unterschiede bestehen. Unser Domänenbesitz ist eine enorme Belastung des Staatshaushalts. Was uns die Domänen kosten, ist glücklicherweise noch nie berechnet worden. Landwirtschaftsminister v. Schorlemer: Die traurigen Zerten, wo die Domänen für Kriegskosren haften müssen, können einmal wiederkommen, deshalb darf sich der Staat nicht der besten ent- äußern. Tie Besprechung schließt. Abg. Leinert(Soz.— persönlich): Meine Statistik stammt aus einer Veröffentlichung des Deutschen Bauernbundes.(Lachen rechts.) Die Antwort des Ministers war eine sehr bequeme Art,«-ner sachlichen Auseinandersetzung auszuweichen. Wenn er meint, falls er mir sachlich antwortet, könnte Herr v. Pappenheim wieder erklaren, ich habe keine Ahnung, so möchte ich nur antworten, daß ich den,enlgen, der die faulen Witze des Herrn v. Pappenhcim zur Erwiderung braucht, sehr bebau re I(Heiterkeit.) �._ Präs. Freiherr v. Erffa: Das war nicht persönlich.(Erneute Heiterkeit.) � �. �er Antrag Engelbrecht und der Domanenetat werden bewilligt, ebenso nach einer Debatte über Norder- ncy usw. auch der Etat der B ä d e r v e r w a l t u n g. � Das Haus vertagt sich. Der morgige Sonnabend bleibt für die Fraktionsoeratungen über das Wassergesetz frei. Montag, 11 Uhr: ErsteLesung des Wassergesetzes. Schluß 6(4 Uhr.__ Die Kevolution in China. Juanschikai Präsident. Schanghai, 15. Februar.(Meldung des Reuterschen BureauS.) Nach einem amtlichen Telegramm aus Nanking haben sich der Präsident der Republik S u n y a ts e n und d a s K a b i n e tt am Mittwoch in die Nationalversammlung begeben und dort in aller Form ihre Entlassung gegeben. Sie empfahlen dringend die Wahl Juanschikais zum Präsidenten der Re- publik. Ter Vorsitzende dankle unter dem Beifall der Versamm- lung dem Präsidenten für seine Tätigkeit und seine Selbstlosigkeit. Die Nationalversammlung nahm die Abdankung an unter der Be- dingung, daß der Präsident und das Kabinett ihre Tätigkeit fortsetzen, bis der neu zu wählende Präsident sein Amt antritt. London, 16. Februar. Wie der„Times" auS Nanking ge- meldet wird, hat die Nationalversammlung g e st e r n Juanschikai einstimmig zum Präsidenten der provisorischen Regierung gewählt. Die Nationalversammlung besteht darauf, daß Nanking der Sitz der provisorischen Negierung werde und daß Juanschikai nach Nanking komme und vor der Nationalversammlung auf die Ver- sassung den Eid zu leisten. Die Frage der Hauptstadt. Peking, 15. Februar.(Meldung des Reuterschen Bureau«.) Die Republikaner in Nanking haben an Juanschikai eine Depesche des Inhalts gerichtet, er nehme gleich nach George Washington den zweiten Rang ein, der allein außer ihm einstimmig zum Präsi- deuten der Republik gewählt worden sei. Liyuanheng drängt.. darauf. Wutschang zur Hauptstadt der Republick zu machen/' Dieser Borschlag ist dazu geeignet, unter den Republikanern des Südens Uneinigkeit hervorzurufen. Zahlreiche Städte feiern heute� die Errichtung der Republik, darunter auch Tientsin, aber nicht Peking. Todes-Anzeigen Sozialdemokratiscber WablvereiD des 8. Kerl. Reiciistags-Walilkrelses. Todes- Anzeige. Am 15. Februar verstarb unser Genüsse, der Schmied Lorenz Gras Koloniestr. 72. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Soimtag, den 18. Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des St. Sebastian- Kirch- hoscs, Reinickendorf- West, Hum- boidtswatze, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. SozialdMkratisciier WabiverelD des 6. ßeri. Reichstags-Wahlkreises, Todesanzeige. Am 13. Februar verstarb unser Genosse, der Arbeiter germsvo BuMoIi Schivclbciner Str. 25. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 13. Februar, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Gcthsemane-Kirchhofes, Nieder- Schönhausen, Nordend, aus statt, Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. WW öerM-iiFilzwareii- Arbelter uiiil-MeiterinoED Deutschlands. Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah der Kollege Otto»udler an Schlagansall verstorben ist. Er ruhe sanft! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Nazarcth-Kirchhoscs, Reinickcn- dors-West, Kögclslr. 8, aus statt, Um rege Beteiligung ersucht 76/5 Der Vorstand. Sozialiieiiiol(ratiseli.Wa)ilvereiii Kreis Nieiler-Barniin. Bez. Relnlckendorf-Ost. Am Donnerstag, den IS.gcfiruar, verstarb unser Genosse Lodert ldinxeoderx Kamekestr. 14. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet ani Sonntag, nachmittags 3'i, Uhr, von dcrLcichenballc des Gemeindc- FriedhoseS in der Humboldtstrage aus statt. Um rege Beteiligung bittet 240/10 Die Bezirksleitung. Deutsches Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Packer Robert Klinkenberg am 15. d. MtS. im Alter von 51 Jahren verstorben ist. Ehre feinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 18. Februar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- halle des Reinickendorfer Mc- meindesricdhoseS in der Humboldt- straße aus statt. Um rege Betelligung ersucht 62/3 Die Bezirksverwaltung. ZentralTerbaDd der lUinisten und Beizer sowie Berntsgenosseo Deutseh). Verwaltungsstelle GroB-Berlin. Am 13. Februar verstarb unser Mitglied, Kollege Xlbert vonstd. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Februar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Kapelle des neuen Nazareth- Kirchbojes in Reinickendorj-Wcst, Kögelstraßc, aus statt. Rege Beteiligung erbittet Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Mechaniker Paul lierrmauu am 13. d. M. an Ohrenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. Februar, nachm. 3 Uhr, von der Leichen- balle des Elisabcth-Kirchhoscs in Pankow, Wollankswaße, aus statt. Rege Beteiligung ermattet 112/11 Die Ortsverwaltung. Verband der kreieu Gast- und Schankwirte Deutschlands. ; Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachttcht, daß der Kollege Emsi Greulich Utrechter Str. 9, Bczttt 2 verstorben ist, Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindct heute Sonnabend, den 17. Februar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- böses, Müllerstraße, Ecke See- straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 72/������)i�)rtsverw�t�� Verband der Lithograuheo, Steindrueker u.?erw. Berufe. (Deutscher Scncfcldcr-Bund.) Ilm 14. Februar verstarb nach kurzer Krankheit unser Kollege und Mitglied, der Stcindruckcr Toni«rntt« im Alter von 56 Jahren an cincnt Blutsturz. 109/7 Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Kirchhofes der Friedens- Gemeinde in Nieder. Schönhausen(Nordend) aus statt. 01« Verwaltung der Piliai« I. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Mann Wisniewski Letteslr. 3, im Alter von 45 Jahren gestorben ift Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am soimtag, den 18. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Pius-Kirchhoses in Wilhclmsbcrg aus statt. 79/2 Die Ottsverwaltung. Für die vielen Beweise liebevoller Teilnahme bei der Beerdigung meines unvergeßlichen Mannes sage ich allen Freunden und Bekannten, sowie dem Wahluerein und den Sängern des vierten Wahlkreises, dein Metall- arbeitcrverband und den lieben Kollegen des Berstorbencn meinen herzlichsten Dank. Wwe. hülse Lelkert nebst Kindern. 1991L Allen Bettvandien und Bekann- ten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau Anna Riemer geb. Arndt am 14. Februar nach kurzem, aber schwerem Leiden sanst ent- schlasen ist. "Wlllsolm Riemer. Die Beerdigung findet am 18. Februar um l'i'h Uhr vom Traucrhause Maxstr. 13 E aus aus dem Friedhos der Nazareih-Ge- meinde, secsir. 90, statt. s1992L Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und überaus rcichenKranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters sage allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Sparncrcin „Denke draii", dem Wablvercin Char- lottenburg(Gruppe III) und dem Verbände der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands meinen iiesgesühitesten Dank, Die trauernde Wittve Luise Orolikopf geh HSnieke. Danksagung. Für die überaus zahlreiche Be« testigung bei der Beerdigung meines unvergeßlichen Mannes, unseres lieben Vaters, des Zimmermannes Knri©icbel, sagen wir hiermit allen Beteiligten, insbesondere dem Verband der Zimmerer, dem sozial- demokr, Wahlvcrein des 4. Wahlkreises, den Genossen und Genossinnen vom 325. Stadtbezirk, dem Sängerquattett sowie dem Herrn Jonny Hinttchsen für seine trostreichen Worte in der Leichenhalle aus diesem Wege unseren ticsgcsühlten Dank. Im Namen der trauernden Hinter- bliebenen Karoline Olebel Hermann Giebel Gustav Giebel. f Haut- n. Harn- f leiden. Ehrlich- Hata, Schäden d. Quecksilb.— Konsultation frei! Blutuntersach., Fäden im Harn, etc. !! Teilzahlung gestattet!! sin DnmniiQp&Co.Otona.Spez Lab.) Ul.ilülUCJCl Frledrlchstr. 189 a.d.Hochb. Spr. 9-2, 4-8, Sonnt 11-12. gebot": 6(3116(ivStÜMeZF. Kammg.u ruch,laArD..laFutt.tausgez.Pr.b.M.66 wl gebot": Xostüme e'n g°"7!. neuest# Fassons. teVerarb( ausgez. Preis b. M.54j gebo": ßtadeli-KostüniegO. neueste AustBhr. ausgezeichneter Preis b. M. ISO war»" — Zweck« Räsunnng de« IVintei laners: Piüschmäntet, Gesellsciiaftskleider, Abendmäntei, Röcke, Blusen, Ulster. Kostüme, Pelzmäntel, Pefzstoien zu Jedem Preise! Sonntag gcttlfncl 12 2 Mohrenstrasse 37a — nahe Jerusalemeretr.— Gr. Frankfurter Str. 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Zweckmäßigere Organisation der Reichsämter, nm die ständige Vermehrung der Reichsbeamten zu verhüten. 4. Einheitliche Regelung der Zulassung und Vorbereitung zum auswärtigen Dienst durch Reichsgesetz. 5. Sicherung der staatsbürgerlichen Rechte der Beamten, Ge- Währung der Koalitionsfreiheit usw. durch Ausbau des Beamten- rechts; Äusgestaltung der Gehaltsordnung; Erhöhung der Pension für Altpensionäre. ö. Errichtung eines ReichsverwaltungSgerichtS. 7. Errichtung eines Reichs-Rechnungshofes. 8. Herabsetzung der Eisenbahntarife für deutsche Seefische. 9. Unfallfürsorge bei Arbeiten zur freiwilligen Rettung von Personen. 10. Errichtung eines ReichSeinigungSamteS als öffentlich-rechtliche Institution. 11. Reichsgesetzliche Regelung der Dienst- und Ruhezeit deS Eisenbahnpersonals. 12. Neuregelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. 13. Heranziehung der Industrie zu den Kosten der Lehrlings- auSbildung im Handtverk; Berücksichtigung des Handwerks bei Ver- gebung von ReichSarbeitcn; Sicherung, daß nicht die leistungs- fähigsten Betriebe der Beitragspflicht für die Handwerkskammern entzogen werden; Aufhebung des§ 100 q der Gewerbeordnung (Rechtsungültigkeit von Zwangsmaßnahmen freiwilliger In- nungen). 14. Erhöhung des Reichszuschusses für das.Deutsche Hand- Werksblatt" auf 10000 M. 15. Gesetzliche Regelung des Submissionswesens. 16. Regelung des Erfinderrechts der Angestellten und des Rechts der Konkurenzklausel; Zusammenfassung der sozialrechtlichen Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches, des Handelsgesetz- buches, der Gewerbeordnung und anderer Einzelgesetze zu einem einheitlichen Privatbeamtenrecht. 17. Errichtung von besonderen Berufsgenossenschaften für Handelsgrotzbetriebe und Warenläger. 18. Gesetzliche Regelung der Bekämpfung der Tuberkulose. Hus der Partei. In die Freiheit zurückgekehrt ist nach 1>/Jährigcr Gefängnishaft im Landesgefängnis in Wolsenbüttel am 15. d. M. der Genosse August W e s e m e i e r, Redakteur am Braun schweizer.Volksfreund". Genosse Wesemeier war wegen verschiedener Artikel, von denen sich einer gegen den damaligen Staatsminister v. Otto und einer gegen den braunschweigischen Landtag richtete, während die übrigen sich gegen die Polizei wandten, in zwei Prozessen zu zusammen 17Monaten Gefängnis verurteilt worden, die nach Verwerfung der Revision durch das Reichsgericht zu 15 Monaten zusammengezogen worden waren. Die Prozesse schlössen sich an jenen denkwürdigen 26. Januar 1910 an, an dem die braunschweigische Arbeiterschaft vor dem Ministerialgebäude für das gleiche Landtagswahlrecht demonstrierte und von der Polizei mit blanken Säbeln attackiert wurde. Die Polizei richtete damals ein förmliches Blutbad unter der wehrlosen Arbeiterschaft an, wobei sie auch Frauen. Mädchen und Kinder nicht schonte. Für diese Attacke hatte der.Volksfteund" den verantwortlichen Staatsminister v. Otto verantwortlich gemacht. Der braunschwei- gische Minister, der nur politisch, nicht persönlich angegriffen worden war, klagte entgegen dem politischen Brauch wegen Beleidigung. Die Strafkammer, der der bekannte Landgerichtsdirektor Roß- mann präsidierte, ging noch zwei Monate über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und verurteilte Wesemeier zu der unerhörten Strafe von acht Monaten Gefängnis. In dem zweiten Prozeß klagten der braunschweigische Landtag und die Polizei. Beim Landtag handelte es sich um einen Artikel, der dem braunschweigischen Musterparlament vorgeworfen hatte, den Genossen Jasper gegen die Verfassung aus dem Landtage entfernt zu haben. Der Landtag hatte nämlich vor der Eröffnung, also bevor er über- Haupt verfassungsmäßig existierte, dem Genossen Jasper das Mandat abgesprochen. Die Polizei war, wie sich in den Verhandlungen herausstellte, im.Volisfreund" noch viel zu milde behandelt worden. Es mißlang ihr vollständig, sich rein zu wasche». Dennoch verurteilte die Roßmannkammer Wesemeier zu neun Monaten Gefängnis. Genosse Wesemeier hatte die Strafe am 11. November 1'910 an- getreten. Ein kleiner Urlaub verlängerte den Entlassungstermin auf den 15. Februar 1912. Um einen imposanten Empfang WesemeierS in Braunschweig zu verhindern, entließ man Wesemeier statt um S3/« Uhr, schon um 6 Uhr früh. Als sich um 8 Uhr eine zahlreiche Menschenmenge ein- fand und die Braunschweiger Partei- und Gewerkschaftsinstanzen in vier Autos vorfuhren, um Wesemeier abzuholen, fanden sie das Nest leer. Wesemeier hatte jedoch bei einem Genossen die Ankunft der AutoS abgewartet und stellte sich wieder vor dem Gefängnis ein, von wo sich der Zug nach Braunschweig in Bewegung setzte. Die Autos waren mit roten Fahnen geschmückt. Trotz der frühen Stunde, die die Arbeiter in den Fabriken zurückhielt, bereitete eine zahl- reiche Volksmenge, die sich den langsam fahrenden AutoS anschloß, dem Genossen Wesemeier einen überaus herzlichen Empfang. Die Polizei verhielt sich ganz zurückhaltend und ließ auch die roten Fahnen unbehelligt. Die Rückkehr WesemeierS mit den sich daran anschließenden Ovationen kommt gerade recht zu dem bevorstehenden neuen Wahl« rechtskampf, der jetzt dem reaktionären Machwerk gilt, das die Re- gierung Wahlrechtsreform nennt und da« sie bereits dem am 27. d. Mts. zusammentretenden Landtage hat zugehen lossen. Jugendbewegung. Die Gegner an der Arbeit. Der erste Vcrbandstag der bürgerlichen Lehrlings- Heime in Schleswig-Holstein fand am 10. d. M. in Rendsburg statt. Iiach den Berichten der bürgerlichen Presse waren von 44 im Bezirk bestehenden Heimen 25 durch etwa 70 Delegierte vertreten. Neben einigen„geheimen" und„wirklichen" Regierungs- räten wohnten auch Leiter der Fortbildungsschulen den Verhand- lungen bei, die in der Hauptsache durch zwei Vorträge ausgefüllt wurden, die der Vorsitzende des Verbandes, Fortbildungsschulrevisor Liercks, hielt. Der erste Vortrag beantwortete die Frage, auf welche Weise eine gegenseitige Förderung der Lehrlings- Heime möglich sei. Dies könne geschehen: 1. durch jährliche Ta- gungen zwecks Austausch von Erfahrungen; 2. durch Schaffung eines Korrespondenzblattes und seine Ueberweisung an die Presse; 3. durch Austausch von Rednern und Vorlesern; 4. durch Anschaf- fung von Lichtbilderapparaten; 5. durch Einsetzung einer Kom- Mission zur Herstellung eines Verzeichnisses guter Bücher und Spiele. Es wurde beschlossen, die im Auftrage des Vereins für Jugendwohlfahrt in Schleswig-Holstein, auf dessen Anregung der Verband der Lehrlingsheime gegründet worden ist, verfaßte Denk- schrist über die Lehrlingsheime an alle Interessenten zu versenden. Ein Regierungsrat wies darauf hin, daß die Lehrlingsheime eine besondere Förderung von einzelnen Fabrikanten und Sparkassen erfahren haben. Vorträge über„Ausrüstung und Einrichtung der Lehrlingsheime" und über das Wandern der Fortbildungsschuler bildeten den Schluß der Konferenz. Sie zeigt aufs neue, mit welcher erhöhten Kraftentfaltung das Bürgertum am Werke ist, die schulentlassene Jugend des Proletariats von der modernen Arbeiterbewegung fernzuhalten. Jugendpflege bis zur Badehose. In verschiedenen' Städten Bayerns hat der Münchener Wehrkraftverein Ortsgruppen errichtet, in denen noch schulpflichtige Jungen von Offizieren militärischen Unterricht genießen. Mit dieser fürtrefflichen Einrichtung ist zweifelsohne ein längst empfun- denes dringendes Bedürfnis nach„staatserhaltender" und„königs- treuer" Erziehmig der Arbeiterjugend abgeholfen. Wie energisch und konsequent die Wehrkraftvereinler ihr Bestreben durchzuführen eifrigst bemüht sind, geht aus ihrem Organ, der„Wehrkraftzeitung", hervor, die in einer ihrer letzten Nummern hocherfreut die w?lt- erschütternde Tatsache zu verkünden weiß, daß die Schwimmabtei- lung des Münchener Wehrkraftvereins feierlich beschlossen hat. für die Mitglieder eine in den bayerischen Landesfarben lweiß-blau!) gehaltene Badehose einzuführen. Und die übrigen bayerischen Ortsgruppen werden zur pflichtgemäßen Nachahmung dieser historischen Tatsache aufgefordert. Daß diese neue bürgerliche Bewegung für den Arbeiterjugendfang bestimmte politische Tendenzen verfolgt, hat die„Wehrkraftzeitung" unverblümt zum Ausdruck gebracht, indem sie in ihren ersten Num- mern deutliche Ausfälle gegen die Sozialdemokratie richtete. Im Interesse einer klaren Situation ist es nur zu wünschen, daß die Tendenz dieses eigenartigen bürgerlichen Jugendfanges auch äußerlich gekennzeichnet wird. Doch warum mutz ausgerechnet die Badehose es sein, mit der die Zeichnung begonnen wird? Freireligiöse Gemeinde« Sonntag, den 18. Februar, vormittag; 9 Uhr, Pappelallee 15—17, und Rixdors, Jdealpassaae: Freireligiöse Vor- lesung. Vormittags 11 Uhr, Kleine Frankfurter Str. 6: Vorwag von terrn W. Trojan:.Bilder aus der Kultur- und Sittengeschichte des olkes Israel". II.— Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Allgemeine Kranke»,«üd Sterbekasse der Metallardeitcr (Eingeschriebene Hilfskasse 29, Hamburg). Filiale Berlin 4. Sonn- abend, den 17. Februar, abends ö'/- Uhr, bei MerkowSky, AndreaSstr. 26; Versammlung. alte tnn 2 DE Gelegenheitsposten wesentlich unter regulären Verkaufspreisen is billig Angebote von\i 30.000 Knobensoeben ei» i m\ Cheviot-Anzüge 2?? Sport- u. Blusen- Anzüge 4«° Manschester-Anzüge 35m0 Prima Manschester-Anzüge o°,«�>nkoi.. /-so Blaienform, illr 3—1 j«hr«.................(hrtcktvcg O M. 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Vorverk. 50 Pf. bei Herrn Horsch, Engeluf er 15. Abendkasse 60 PI.! Luna=Park. Ausschank von „Triumph ator" aus dem Müncbener Bürger- Bräu. „Wintersportfest" Orig.s Oberlandlers Kapelle, Orig.-Dachauer Bauern-Kapclle, Orig.-Tiroler Tänzer und Sänger, HumoristischeSzenen, Volkskomiker Volksbelustigungen, sensat. Attraktionen. Jk- JÜTL. „CLOU" Berliner Maueintr. 83 Konzert s Haus. Zimmers tr. 90(91. Großes Konzert« MMlil Ein neuer I! Sie man Zillertbaler und Tegernseer Sänger, Plattler o. Jodler!! Anstich von 3 Kdnigsbräu, dem kBstüchsten aller Hünchener Ooppelbiero. Anfang 8 Uhr. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen nachmittags: Gp. Pponienaden-Konnert bei freiem Eintritt. ] Neue Welt. Arnold Scholx. llaHCnhcide 108-111. Anfang; Wochentags 7 Uhr. Sonntags 4 Uhr. Entree; Schiller-Thealer Chabr.l$> Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Probepfeil. Sonntag, nachm. 3 Uhr,. Don Carlos. Sonntag, abend» 8 Uhr: Gräfin Lea. Montag, abends 8 Uhr: � Gräfin' Lc».*'' Berliner Theater. Llbcnds 8 Uhr. zum 60.«alt; Grohe Rosinen ZlbendS 8 Uhr: Die 5 Frankfurter. Männer bessert. 2 Akte von Anton u. Donat Herrnfcld mit den Autvern in de« Hauptrollen. Hierzu die Novität: Der Ifjaustcufel. Ansang 8, Ubr. Billeitvorverlaus 11—2(Theaterkasse). Wochentags 30 PL Sonntags SO Pf. 5 Kapellen. 30 bayerische Mad'I. Wunderbare Alpendekoration. I Dienstags, Mittwochs, Donnerstags: Elitetage. Großer Ball. Hippodrom» Palast, Potsdamer Str. 72. Früher Sportpalast. !Größte Schau Berlins! !GrößIe Schau der Welt! Eröffnung Mittwoch, 21. Februar, 8 Uhr abends. Urania. Wissenschaftliches Theater. 4 Uhr: Ton hieran znm Ortler. 8 Uhr; Der OroQglockner, Gastein ond die Salzburger Alpen. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Donath: Die Elektriziiät als«raTidelbkrsta Energieform. Zirkus A. Sclmmann Sonnabend, 17. Febr ,abds 71/, Uhr Koircc lälgh-Ilfo. Frl. Dora Schumann.— Gebr. Webb.— Dir. Ä. Schumann u. sämtlicho Attraktionen.— Das neueste, größte, nicht zu übertreffende Ausstattungsstück Das Motorpferd in 5 Akten. Sonntag, 3 Uhr und T'/t Uhr. In beiden Vorstellungen: Du* .tlotorpferd. Nachm. endet d. Ausstattungsstück mit dem 4. Akt: Auf d. Trabreunb. in Weißensee.— Nachm. hat jeder Erwachs. 1 eig, Kind unt. 10 J. auf ollen SitzpL frei. Jedes weitere Kind halben Preis. Das Londoner Mirakel in der Kanne! Befreiung aus d. Wasser grab. . Lebend! Lebend! FakirsTruppc '■ 15 Personen in ihren religiösen Ilürtyrcr-Produktloncn Wochentags 4— 7 Uhr: Lichtspiele Ohne Extra-Enlree. am Rosenthalcr Tor. Allabendlich 8>/. Uhr: (SrötztcS soziales ZluSstat- tungS-Volksstück mit Ballett ! und Gesang In 5 Akten von Map Reichardt. In Szene gesetzt o. Dir, James Klein. t. AN: Geheimnisse im! 1 Lrivatkontor. 2. Akt: Die graste Protestversammlung. 3. Akt: Im Ballsaal. Am| t Rande de».Abgrunde». i 4. Akt: Arbeit nieder 5. Akt:| (flu Gottesgericht. Sonnlag nachm. S1/, Uhr: Die größte Sünde. Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: Das kleine Lake. folies Capriee. Täglich S'l, Uhr: Losgelassen. Waffen Übung. Mandelblüths Polterabend. Ca sino-Theater Lothringer Str. 37. Ansang 8 Uhr Der aröftte Theatererfolg! Täglich ausoerkaust. Der Kamps vms Düscin. Aktuell! Dem heutigen Leben ent. Nammen.— Sonnlag nachm. 3'/» Uhr: Ter selige HollschtnSky. kötilgziadl-KaZiuo. Ecke Hottliiarkt. it. A: exanderftrtzste Täglich Paricte und Theater. Vom I.— 1«. stze'driiar Riefenprograinm. In jeder Vorstellung: G Liii liunlilöl fniill!. O Burleske mit Gesang in 2 Bildern. Telephon; Nord 4100. Sonnabend und Sonntag je 2 Gaia-Vorstetlungen. 3 Uhr 7�0 Öhr Nachmistags zahlen Kinder auf allen Plätzen halbe Preise. Vorverkauf a. d. Circus- kasse und an sämtlichen | Bülettverkaufsstellen von A. Wertheim. Galerie 40 Pf., III. Platz 70 Pf., II. Platz l,SO M, I. Platz 2 Parkett 3 K- Logo 4 M. Zirkus Bus«!* Sonnabend, den 17. Februar 1912, j abends Tj, Uhr: Ellte-Ga!»-Torstetliing. Fortsatzung der japanischen Sportspiele flu-Iiis u i und Ringkämpfe. Clown Armando mit d. boxen- 1 den Keriguniln Herr Georg( Burkhardt-Footfit, Sohulreiter. I Herr E. Schümann, Meister- j dress. Clowns Petersen, Fran- cois u. Gobr, Marianis usw. 1 3 Schwestern Blnmenfeld, Reck zu Pferde. Um 91/, Uhr: Die SSexe. Gr. Volks-Manecc-SohauispioLj Voigt-Theater. (Bcimibbnmtien Badstraste 58. Morgen Sonntag, den 18. Februar, nachmittags 3 Ubr: Ein armer Edclman«. Abends 7 Uhr: Hotel Kliniicbusch. Orig. Volksstück mit Ges. in 5 Bildern. Kofscneröffn. 10 Ubr. Ans. 3 u. 7 Uhr. rEinsesnunss-Klelilerl schwarz und weiss' tn» prlm» Sutlntucp, reitiwolleo Popeline. Woll- batist und Voile, kleidsame Fassons 15. 18.50 21. 24. 28.50 25. m PiUfunds-Kleider�r'��unroi 21. 27. 36. M. Bnckflscli-Pnlclols 12. 15. 13. M Böcknsdl-JncRßnKIßitler 18. 27. m. Xcstüm-Hoske 7.60 9. 12. 15. 18. m. aas regeneebten Stoffen enslfsclier Art 3. 5. 8.50 11. t3.50 1 6.50 m. 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Tbe Hevaidos Truppe d. best. Schleuderbrett- Akrob. und d. Febr.-tüanzpfogr. 14'erstfei. Spezialitäten. jf'heater des !® Weddings MNerstr. 182/83 Ecke Scllerstr., am Weddingplatz SpJelfolge vom 17. bis inkl. 20. Februar. ... Musit-Picee.... Anfichte» von Rrindist. Grtebnisse- eines Wilddiebes. .immcrevkc. Ztärdkr als der Tod. Drama. Lemke bat ei« Automobil. Humoreske. 201/ IL Wcltspiegetbild. Der weifte Kapitän Barnarle. Komödie. Da» Opfer. Drama. Herzensbrecher. Humoreske. Den Wellen entrissen. Em packendes Drama der Gesahren des Meeres. Sine in den Wind gegangene Hochzeit. Humoreske. || Papa Martin. Dramatisch. SZsks Meyer w Dresdoner Str. 128/129. Kaffee tou.tS.Sier.hell.u.dunk. tllPs. ca. 50 Zeitungen; Billard Ltd. 40 Ps ZehUtelie der Freien Volksbühne. aeichshallen-Thealer. Stettiner Sänger. BTen! Xen! Pantoffel-Helden. . BurleSk« u Reichardt Ansang 8 Uhr. Sonntag 7 Uhr. itznr den Inhalt»er Inierare äbcrntinmt die Nrdattion dem Bubtitum- gegenüber keinerlei Beranewortung. � � Bekanntmachung. Es wird empfohlen zu kochen: Febr. 18. . 19. . 20. . 21. . 22. - 28. Knorr Sdeibertreu Hippe „ SterrtebeUrUppc Knorr Pilzfuppe „ Rauom ach er fttppc Knorr Retsfuppe ,» GrOnlternfuppe V Jeden Tag eine andere Suppe mit IKnoit Suppenwürfel jeden Tag für 10 Pfennig 3 Teller feine Suppe ... mit Knorr Suppenwürfel. Kommunal wäljlcr Möllns! Dienstag, den ÄO. Februar, abends 8V2 Uhr: ösnscks Pestsäle UermaDnstraße 40 in den Lokalen: Metrie I pssssZe- pestssle IIa«»vdvvK»ti'»Lo 1 13| Bergstraße 153 Tagesordnung: 286/14 i Vürgertuin und Sozialdemokratie im Rathanse. 2. Freie Distusfion. Referenten: Genossen(Zl'OZer, Dr. Silfoerstein und Wlltzky. ___ Anhänger aller Parteirichtungen sind hiermit eingeladen....... Massenbesuch erwartet Das sozialdemokratische Wahlkomitee. Sonntag früh 8 Uhr: Flngblattverbreitnng Verband der Lederarbeiter Filiale Berlin I. Die für Sonntag, den 18. Februar, in Schmidts Festsäle, Prinzen-Allee 33, in Aussicht genommene VersaMMttlNg findet nicht statt. 143/4 Ter Vorstand. r Hiera TerwaltangxstoIIe Berlin. Geschästsstell«: O. 64, Mulack/tr, 10 I. Fernsprecher: Amt Norden, 4518 = �p...-iLl"", T...-....... Sonntag, den 18. Februar ISIS, nachmittags S Uhr: im Gewerkschaftshanse, Engelnfer 15» Saal 5, Tagesordnung: 2. SÄahl der Grnppenleitung. 3. Verbands. t. Bortrag. angelegonheiten. LWU- Bei der Wtchttgkctt der Tagesordnung ist zahlreiches nnd pünktliches Erscheinen aller Kollegen durchaus nötig, IMe OrtnTerwaltnng. ir !lf Bureau: Sebafttanstr. 87/38. Telephon Amt Moritzplatz 0737. Achtung! HerrenmaOscIineiiierl A':h""'g! Sonntag, den 18. Februar 1V1S, mittags IS Uhr: MitgUecke�-Vevkammlung in der Brauerei Friedrichshain, Am Friedrichshain. Tggesordnung: Seriew über die«eiteren Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Mitgliedsbuch legitimiert! Ohne dasselbe oder mit«edr als 8 resticrendeu tüocheubeitrageu kein Zutritt. 1SL/10 Die Ortaverwaltnag. Ekintiiisaint Vris-Krankku- killse für Dt.-Uiimrrsdlirf und Umgegend. Bekanntmachung. ascmüsi Bersllgung des Regierungs- Präsidenten vom 22. Dezember 1911 sowie Bcschliisi der Gencralversamm- lung vom 15, Osciimcu 1912 und Bestätigung des Bezirksausschusses vom t>, d, Mts, werden die Kassenbciträgc bis aus weiteres wie folgt festgesetzt uns bitten wir hiervon gefl, Kenntnis nehmen zu wollen, Die wöchentlichen Kasscnbeiträge de- tragen siir die 1, Klasse M, 1,02 .. 2.„ M. 0,90 .. 3,. S». 0,78 .. 4,. M, 0,63 ,„ 5.„ M. 0,51 ,„ 6.. M. 0,39 Obige Versügung tritt ani Montag, den 19. Februar d. I. in Kraft. Gleichzeitig geben wir bekannt, daß LandrsverficherungSmarien zu kleben sind: Für Versicherte der 1. Klasse 48 Pj, *" n 2.„ 40„ n n„ 3.„ 40 ,, n n ,, 4. ,, 32 ,, " ,, 5.„ 32 ,, „ 0. ff 24„ Wilmersdots-verlm, 271/4 den 16, Februar 1912. Ter Borstand. I. A.: Otto L ü b s c n, Vorsitzender, T u ck e r m a n n, Tchrislsührer, steste, lioapona sind aus den Fabriken eingetroffen,„kieudoitsn" Mtr.2,3, 4M, Tachlager li/z Uhr: Oeffenrliche Versammlung in dem uns jetzt zur Verfügung siebenden Gesrllschaftshaus von E. Anders, Bahnhofftrasie. Tages- ordnmig: 1. Vortrag des RcichstagSabgeordneten Dr. W e i l l- Strasburg über: Demokratische Aufgaben. 2. Freie Diskussion. Am Sonntag, den 18. Februar, früh 8 Uhr: Flugblatt- und Hand- zettelverbreitung. Die Genossen von„Süd" treffen sich bei Mader, Köpenickcr Allee, von der Kolonie bei Ekler, Grunowstrasie, und von .Nord" bei Dräger, Bahnhofstrasie. Agitiere jeder Genosse für regen Besuch der Versammlung. Die Bezirksleitung. Groß-Bestcn. Am 25. Februar, nachmittags 3 Uhr, im Lokal von Schmidt, Kl.-Besten: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: 1. Ausnahme neuer Mitglieder und Einkassierung der Beiträge. 2. Berichterstattung der Gemeindevertreter von Grotz- Besten, Klein-Besten und Zeesen. 3. Unsere Gemeindewahlen und die Aufstellung der Kandidaten. 4. Anträge zur Gcncralversamm- lung. 5. Verschiedenes und Vereinsangelegenheitcn. ö. Wahl der Delegierten zur Kreis-Generalversammlung. Französisch-Buchholz. Sonntag, den 18. Februar, vormittags 19 Uhr, Haudzettelverbreitung von den Bczirkslokalen aus für die am Mittwoch, den 21. Februar, stattfindende öffentlichen Ver- sammlung. Berliner 1>iacbricbten. In den Vorhallen des Reichstages. Der deutsche Neichstagsabgeordnete, wenn er sein hohes Amt niit dem nötigen Ernst auffaßt, ist ein vielgeplagter Manu. Neben der gesetzgeberischen Arbeit hat er eine tüchtige Portion Repräsentatiouspflichten, von denen die Oeffentlich- keit wenig erfährt, zu erfüllen. An jedem Sitzungstage finden sich Hunderte ein, die„ihren" Abgeordneten sprechen wollen und in ihren Anliegen durchaus nicht bescheiden sind. Die einen kommen mit Dringlichkeiten, die eine Besprechung wo- möglich noch zur Tagesordnung erheischen, andere— und das s�td nicht wenige— suchen irgendeinen billigen Vorwand, damit ein bissel parlanientarischer Hoheit auf sie ausstrahlt. Es gehört eine starke Dosis Ruhe und Geduld dazu, allen diesen Wunschbeseelten, die of nur ein Tribünenbillett er- gattcrn möchten, niit gleichmäßiger pflichtdurchdrungener Freundlichkeit entgegenzukommen und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Die gegenwärtige Konstellation des Reichs- tages hat das Interesse an diesen Besuchen ganz gewaltig gesteigert. Alte Feinschmecker des Couloirtreibens wollen lange nicht einen so starken Andrang zu den Abgeordneten aller Parteien bemerkt haben. So leicht, wie mancher denkt, wird es aber nicht gemacht, um zu dem Mann seines poli- tischen Herzens zu gelangen. Man sortiert und siebt sehr aufmerksam. Durch Portal V geht es an dem rotbekragten Zerberus hinter den dicken Schnüren vorbei, meist unge- hindert, nach der geräumigen Wartehalle, wo Kopf an Kopf schon die Neugierigen stehen und auf den günstigen Augenblick warten, wo irgendein ihnen deni Ansehen nach be- kannter Volksvertreter sichtbar wird. An der massigen Flügeltür zu den oberen Sälen hält ein Diener mit ganz be- sonders feiner Witterung für Berufene und Unberufene fürchterlich penible Musterung.„Ich möchte Herrn Abge- ordneten H. sprechen"— das genügt ebensowenig wie immer eine Visitenkarte niit einem Titelchen. Seihst Lack und Claque passiert nicht ohne weiteres. Aber ein geschriebenes Wort, womöglich mit der blauen Siegelmarke„Reichstagsabge- ordneter" beklebt, ist ein mstehlbares Sesam. Wir steigen die große Marmortreppe hinauf und sind hinter einer weiteren Flügeltür fast geblendet von der Jnnenpracht des„alten Kastens". Die riesigen Raumverhältnisse scheinen zu er drücken, wie Zwerge muten uns die Menschen an. In der Mitte ein breiter, tiefroter Teppich, links drei prächtige Ruhe- bänke und der Lichthof mit der Reichstagssetzerei, rechts die Post und der Lesesaal, im Hintergrunde ein mächtiges Kuppelfoyer mit einem pompösen elektrischen Kronleuchter und Dutzenden von schwellenden Klubsesseln.„Bitte, meine Herrschaften� den Mittelgang freihalten", mahnt der Diener. Aber die Harrenden drängen immer wieder vor, sobald eine Rcdnergröße sich blicken läßt. Und es kommt einem beinahe so vor, als ob mancher Parlamentarier, der im Plenum ein konsequenter„Moltke" ist, sich hier von dem wartenden Pubkftum gar zu gern bewundern läßt. Wir geben dem ..Meldediener" unsere Karte, und nun heißt es warten, bis der gesuchte Mann in den weiten Räumen glücklich gefunden ist und für uns— vielleicht!— Zeit hat. Minister. Generäle. Bundesratsbevollmächtigte huschen vorüber. Der da mit dem Monocle und der Bügelfalte ist sicher ein Heydebrandhöfting. und die Zentrümler erkennt man auch unfehlhar an den bis zum Hals hinauf gewachsenen schwarzen Federn, dem runden Bäuchlein und der leuchtenden Tonsur. Das größere Interesse findet aber doch der Sonntagsanzug der Genossen, die sich so ungeniert bewegen, als hätte im Wallotbau die ProletoHer- wiege gestanden. Endlich kommt der Meldediener zurück. Ein vaar Namen werden aufgerufen. Wir sind wieder nicht dabei. Also weiter warten und beobachten. Kaleidoskopartig wechseln die Bilder. Wer sich einigermaßen auskennt auf dem poli- tischen Parkett, kommt auf die Kosten. Was ein Forst- uniformierter hier auf dem Gerzen hat. sieht man ihm an der Nasenspitze an: Gehaltsaufbesserung! Und ein behäbiges Bäuerlein gestikuliert so heftig vor dem gönnerhaft zuhören- den Ostelbier, als ob die Bündlerparade bei Busch in vollem Tange wäre. Da wird unser Name gerufen... endlich! Aber nur unsere Karte erhalten wir nach mehr als ein- stündigem Warten zurück:„Herr Abgeordneter H. ist schon nach Hause gegangen." Und morgen warten wir vielleicht zwei Stunden... die Pflicht der hohen Politik geht vor. Vorfrühling im Zoo. Der große, weitangelegte Park hat sein Wintergewand noch nicht ganz ausgezogen. Auf den Dächern der Volieren, auf den Kuppeln des Elefantenhauses blinkt hier und da eine dünne Schicht frisch gefallenen Schnees. Sie nimmt sich fremd und kalt inmitten der farbenfrohen Buntheit der indischen Bauformen aus. Er ist es, der äußerlich noch die Macht der rauhen Jahreszeit aufrechterhält. Aber es ist doch kein rechter Winter mehr. Der aufgeweichte Erdboden neben den gepflasterten Wegen, in den das Wasser nicht recht einziehen will, erzählt davon. Und auch sonst trägt eine erste Vor- frühlingsstimmung einen weichen Uebergangston in die winterliche Herbheit hinein. Noch steht das Rutengewirr der Bäume starr und dunkel. Und die Hecken strecken dürr und dünn ihr tausend Zweiglein. Grau hängt der Himmel. Nicht Flocken und nicht Regentropfen fallen. Und doch steht alles durchkältet und durchnäßt. Aber aus dem Winterbilde be- ginnt sich schüchtern etwas herauszuschälen, das die milden Tage und die lauen Lüfte vorbereiten will. Knospen sind da, aber sie glänzen noch nicht. Kätzchen sind an Hasel und Weide in der Entwickelung begriffen, aber sie hängen in gedrungenen Formen und in stumpfen Farben unbewegt an dunklen Zweig- ruten. Winterliche Müdigkeit hält auch noch die Tierwell um- fangen. Teilnahmlos und faul liegen die Vierfüßler in ihren Prachtställen, kauen sorgsam ausgewähltes Heu oder harren mit leise grollendem Knurren der Fleischnahrung. Vielfach haben ihre feisten und prallen Formen etwas Sehniges und Eckiges angenommen. Der Winter hat an ihnen gezehrt, hat ihre Glieder müde, ihre Augen matt gemacht. Doch in den Vogelvolieren hat der Friihling bereits seine Vorboten ge� schickt. Farbenprächtiger beginnt das Gefieder der Männchen zu schillern. Bald werden die ersten Balzlaute klingen und ein lockendes Werben wird um die unsckjeinbaren Weibchen beginnen. Früh sinkt noch immer der Tag und verhältnismäßig lange spinnt die Dämmerung ihre grauen Fäden. Und zeitig werden deshalb auch noch immer die Tierhäuser geschlossen Wo aber Stall und Auslauf sich im Freien befinden, da ist noch mancher Einblick in das Tierleben des Abends zu er haschen. Tie großen Raubvögel mit ihren massigen, plumpen Körpern haben noch nicht die rechte Ruhestellung für die Nacht gefunden. Ein mit vielästigem Geweih gekrönter Hirsch äugt starr und unbewegt in das Zwielicht hinaus. Ein schwer fälliger Büffel mißt mit gesenktem, hörnerschwerem Haupt die Entfernung voni Stall zur Barriere. Auch für den Eis bären, der mit weichen, schlurfenden Sohlen durch seinen Käfig tappt, ist noch nicht die richtige Müdigkeit gekommen. Und still wie er gekommen, versickert der Februartag� Nur das Stampfen und Fauchen der unablässig gleitenden Bahnzüge hämmert herüber. Aber auch dieses Geräusch wird übertönt von einem feinen Stimmchen, das stärker und stärker zu lockenden Tönen schwillt und von der höchsten Spitze eines Ahornbaumes herunter sich über Baumkronen und Dächer des im Dunkel versinkenden Tierparkes breitet Eine Drossel ist es. Ein dunkler, kleiner Fleck hebt sich ihr Körperchcn gegen den verdämmernden Himmel. Etwas Sieg gewisses und Sieghaftes hat ihr Schmettern. Wohl liegt ein naßkaltes Frösteln noch' in der Luft. Und doch will der Vor frühling seirten Einzug halten..... Der Wettbewerb für Arbeitermöbel, den die Kommission für vorbildliche Arbeitern, übel im Berliner Gewerkschaftshause zusammen mit dem Verbände Deutscher Kunstgewerbezeichner veranstalteten, ist jetzt ausgetragen worden. Die Jury bat folgende Preise verteilte 1. Preis: Motto.Gusti', Verfasser Herr H. Ruscheweyh- Berlin 2. Preis: Motto.Heimisch", Verfasser Herr R. Koepsel, Biesdorf- Berlin. 3. Preis: Motto„Luurn cuique", Verfasser Herr Mar Lehmann, Südende. Außerdem wurden noch die folgenden Arbeiten zum Ankauf br stimmt: Motto.1g12a", Herr Otto Morgenroth. München. Motto .Mulackstratze". Herr E. Zwalgun, Berlin. Motto.Annie", Herr Friedrich Dick. Dessau. Motto.Erholung", Herr Albert Stauffer, Leipzig. Die eingegangenen Arbeiten der mehr als S0 Bewerber werden von Sonnabend, den 17. Februar, bis Sonnanend, den 24. Februar, im Berliner Gewerkschaftshause(Engelufer, Eingang B) ausgestellt. Der Zutritt ist unentgeltlich.• Die Ausstellung ist geöffnet wochentags von 1—9 Uhr, Samt tags von 11—5 Uhr. Sie verdient die Beachtung aller, die sich für eine Förderung des modernen Arbeitermöbels interessieren. Schlichung zweier Gemeindeschulen. Auf Beschluß des Pro- vinzialschulkollegiuins sind«nn Donnerstag nachmittag die 126. Knaben- und die 143. Mädchenschule in der Culmstraße wegen der in den beiden Anstalten grassierenden Diphtheritis- und Schar- lachepidcmie bis zum 1. März geschloffen worden. Die Maßnahme ist hauptsächlich deshalb getroffen worden, weil der gesamte Schulbezirk in ungewöhnlich hohem Grade verseucht ist. In manchen Häusern der Culm-, Gäben- und Alvenslebenstraße sind 5 bis 6 Kinder an Diphtherie und Scharlach erkrankt, in einer Fa» uiilie sind sogar drei Todesfälle zu verzeichnen. Besonders schlimm tritt die tückische Krankheit in der 143. Ge- meinde-Mädchcnschule auf. Seit Weihnachten vorigen Jahres sind dort ununterbrochen derartige Krankheitsfälle aufgetreten und trotz aller sofort getroffener Vorsichtsmaßregeln war es bisher nicht möglich, ein weiteres Umsichgreifen der Epidemie zu ver hindern. In den benachbarten Schulbezirken sind zwar auch ver einzelte derartige Krankheitsfälle aufgetreten, jedoch in so geringem Umfange, daß eine Schließung der Lehranstalten nicht notwendig erscheint. � Die neuen Fahrtrichtungs-Anzeiger, die für Kraftfahrzeuge ein- geführt werden sollen, beschäftigen gegenwärtig die Verkehrspoli- zei. Es liegen nicht weniger als sechs verschiedene Muster vor, die nacheinander geprüft werden. Bei drei derselben sind die Signale an der R ü ck w a n d des Wagens angebracht, so daß sie der direkten Kontroll« de? Wagenführers selbst entzogen sind. Sie bestehen aus einem bezw. zwei rotgefttichenen Signalen, die vom Führersitz aus gestellt werden, und zwar z. B. nach link, wodurch den Hinter- mannern angezeigt werden soll, daß der Wagen nach links ein- biegen will usw. Bei dem dritten System soll die beabsichtigte Ab- lenkung, die Langsamfahrt, das Anhalten usw. durch entsprechende Aufschriften, die bei Dunkelheit beleuchtet sind, angedeutet werden. Diese Art der Signalgebung hat aber den weiteren Nachteil, daß der folgende Wagen sie leicht verdecken und damit unsichtbar machen kann. Praktischer erscheinen am Vorderdeck angebrachte Sig- nalarme, die der Führer automatisch einstellen und selbst kontrol- lieren kann. Sie stehen seitlich hervor und können daher von den folgenden Wagen nicht verdeckt weichen. Einer dieser Apparate soll dadurch wirksamer werden, daß der Signalarm nach seiner Einstcl- lung noch schwingende Bewegungen macht und dadurch die Aufmerk- samkeit mehr auf sich zieht Bei Dunkelheit würden wohl auch diese Sig- nale zu beleuchten sein. Demnächst soll das eine oder das andere System der Fahrtrichtungs- Anzeiger im Verkehr praktisch versucht werden. Seinen Verleifungen erlegen ist der in Oberlchönetveide am Donnerstag abgestürzte Flieger Albert Schmidt. Schmidt war Berliner und wohnte in der Schröderstr. 1. Er bekleidete, bevor er sich der Aviatik zuwandte, eine Stellung als Geschäftsführer in einem Berliner Cafe. Wie die Untersuchung ergaben hat. dürfte die Schuld an dem Unfall weniger an dem Versagen des Seitensteuers, als in der mangelnden Kenntnis des jungen Fliegers zu suchen sein. Die Monteure der Deutschland-Gesellschast be- haupten, daß die doppelten Führungsdrähte des Höhen, und Seitensteuers nach dem Sturz noch intakt gewesen wären. Das Unglück sei dadurch entstanden, daß Schmidt angesichts der Plötz- lieh vor ihm aufragenden Fabrikschornsteine den Kopf verlor und sich nicht zu helfen wußte. So wahrscheinlich diese Annahme auch klingt, ist es doch zu bedauern, daß die Fluglehrer Schmidt selbständig fliegen ließen, ohne die Gewähr zu haben, daß ihr Schüler mit der Dtaschine bereits so weit vertraut sei» daß er allen Zufälligkeiten gegenüber die Ruhe bewahrte. Ein Schülcrselbstmord wird aus der Corneliusstraße 6 gemeldet. Der 11'/« Jahre alte Sohn Heinrich des Pförtners Ruße dort be- suchte die 4. Klaffe der Gemeindeschule in der Derfflngerstraße und gab zu wiederholten Tadeln Anlaß. Vor 14 Tagen ließ der Lehrer seinen Vater durch einen anderen Schüler ersuchen, mehr auf seinen Sohn zu achten. Der Junge bekam darüber, wie schon öfter, wieder Borhaltungen. Gestern spielte der Knabe abends vor dem Hause. Hierbei sah er, wie ein Mitschüler seinem Vater einen Brief überbrachte. Er überschaute sofott den Zusammenhang ahnte wohl auch ungefähr den Inhalt des Briefes, lief nach der Corneliusbrücke und sprang von dort in den Landwehrkanal. Bevor man ihm Hilfe bringen konnte, ging er unter und ertrank. Seine Leiche ist noch nicht gefunden. In dem Briefe teilte der Lehrer dem Vater mit, daß er ihn wegen des Betragens seines Sohnes spreche» müsse. Die Eltern des Knaben glauben, daß der Knabe geistig schwach gewesen sei. Wenn diese Annahme zutreffen sollte, so hätte zuerst der Schul- arzt vom Lehrer um Auskunft angegangen werden sollen, ob der Knabe nicht infolge Krankheit zu Tadel Veranlassung ge- geben hat. Zu turbulenten Szenen kam es in einer von der Schuh. macher-Zwangsinnung einberufenen Versammlung, die am Moisiag, den 12. Februar, in den..Corona-Sälen" abgehalten worden ist. Die Tagesordnung enthüllt den Hauptzweck mancher Zlvangsinnung: Belastung der Mitglieder und gute Spesen für die Verwaltung! Dabei hatte sie noch den häßlichen Beigeschmack, daß für die Leute im Fettnäpfchen die Sitzungsgelder auf Kosten der Gesellen erhöht toerdcn sollten. Den Anlaß zu dem Vorstoß der Verwaltung hatte wohl die Erkenntnis gegeben, daß in den Kreisen der Schuhmache rmeister die Mißstimmung gegen die Wirt- schast in der Innung wachse. Bisher hatte der Vorstand ziemlich leichtes Spiel, weil die Abneigung gegen die Innung nur durch Fernbleiben von den Versammlungen zum Ausdruck kam. So konnte man nach Herzenslust beschließen. Die sich in letzter Zeit beinerkbac machende Gegnerschaft ließ aber befürchten, daß die sichere Majorität für den Vorstand in den Versammlungen bald gefährdet sein könne. Daher sollte das erforderlich erachtete.Heu'� noch schleunigst eingefahren werden. Man berief eine außerordent«? liche Versammlung ein, deren Tagesordnung folgende Punkte zierten: Erhöhung der Beiträge um 40 Pf. für die Handwerksmeister, Erhöhung der Spesen für die Mit. glieder des Hauptausschusses um 56 Pf. pro Sitzung auf 1,56 M. Die Meisternsitglieder anderer Ausschüsse, die früher eine Jahres- pauschale von 25 M. erhielten, sollten mm auch 1,56 M. pro Sitzung bekommen, n>as ebenfalls eine Zulage von zirka 56 Proz. ausmachen dürfte. Dagegen sollte die Entschädigung für den Alt- gesellen von 166 M. pro Jahr auf 56 M., für die übrigen Gesellen im Ausschuß von 25 M. auf 16 M. ermäßigt werden. Diese vom sozialen Geiste nicht vergifteten Anträge wollte der Vorstand dann auch noch ohne Debatte, durch eine Enbloc-Annahme. in Sicherheit bringen. Daß das ganze Gebaren Erbitterung her. vorrief, läßt sich denken. Und es kam noch schöner! Die Absicht des Vorstandes entfesselte«ine GeschäftsordnmigSdebatte, in der die Geister aufeinanderplatzten. Weil aber die Leitung nicht gut abschnitt, erfolgte sogar die Androhung der Anzeige wegen Hausfriedensbruch— in der Zwangsinnung! Das mag selbst bisher noch Getreue der Ehrenmefftergruppe rebellisch ge- macht haben, denn als endlich eine Abstimmung über die Anträge herbeigeführt worden war, fehlte sehr viel an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit. Daraufhin schloß der Vorsitzende kurzerhand die Versammlung, die auch einem Regierungsvertreter Gelegenheit gab. sich von der harmonischen und segenfprudelnden Arbeft einer Zwangsinnung zu überzeugen. Die Opposition hielt aber dann doch noch ein« Versammlung ab, in der zum Ausdruck kam. daß man in Zukunft stramm auf dem Posten sein werde, damit der Vorstand nicht durch eine zusammen- getrommelte Versammlung die gewünschten Abänderungen be° schließen läßt. Wie die Sandalen hausten Einbrecher gestern abend auf dem Grundstück Mansteinstraße 1. Hier betreibt im Erdgeschoß die Zigarrcnhandlung von Thomas ein Ladengeschäft. Darunter liegen im ersten Stock die Bureauräum« des Rechtsanwalt« Justizrat Kattenbusch. Dessen Burcauvorsteher Siowert verließ gestern abend um 8% Uhr die Räume und schloß sie ab. Schon eine Stunde später ah die Pförtnerfrau in dem Bureau Licht, dachte sich aber weiter nichts dabei, weil sie annahm, daß der Vorsteher länger arbeite, wie es ja öfter vorkommt. Heute morgen aber entdeckte man, daß nicht er das Licht benutzt hatte, sondern Einbrecher. Diese hatten die Burcautür aufgekantelt und Schreibtische und Pulte mit Gewalt aufgebrochen und die gange neue Einrichtung zerstört. Ihre Beute war nicht groß. Sie fanden nur wenig Geld in der Portos kasse und einige Stempelmarken. Außerdem nahmen sie ein« Plüschdecke und eine lederne Brieftasche mit. die die Zeugnisse des Bureauvorstebers Siewert enthielt. Wahrscheinlich werden sie die Diebe zu irgendwelchen Schwindeleien zu benutzen versuchen. Vom Bureau des Justizrats aus drangen die Einbrecher durch die Decke nach unten vor. Mit Zentrums- und Scblangenbohrern stellten sie ein 156 mah 75 Zentimeter großes Loch her, durch das sie sich dann wahrscheinlich an einer Gardinenstange, die im Bureau stand, in den Zigarrenladen hinabließen. Hier erbeuteten sie für 366'Mk. Zigarren, einiges Geld und mehrere Feuerzeuge. Von den Tätern �ehlt noch jede Spur. Ein Elendsbilb. Auf den Armen seiner wohnungslosen Mutter gestorben fft gestern ein acht Wochen alter Knabe Martin Moldock. Die Mutter,«in« Arbeiterin von ungefähr 36 Jahren, kam gestern vormittag um 16 Uhr mit dem Kleinen, der stark fieberte, nach der Poliklinik von Dr. HanS Neumann in der Blumcnstr. 97. Weil der Arzt dort nur von 1 bis 3 Uhr Sprechstunden hat. so riet ihr die diensttuende Schwester, nicht länger zu warten, sondern gleich einen Armenarzt in der Nähe aufzusuchen. Eine Verstän. digung war aber sehr schwer, weil daS Mädchen nur polnisch sirach Wahrscheinlich hat es den Rat nicht verstanden, oder sich nicht zurechtgefunden. Um 1 Uhr kam es mit dem Knaben wieder. Jetzt aber war er schon tot. Der Arzt schickte sie nach der Polizei- wache in der Holzmarltstraße. Diese ließ dir Leiche des Kindes nach dem Schauhause bringen und sorgte für ein Unterkommen der Mutter. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich am gestrigen Freitag im Norden Berlins. Vor dem Hause Scestraße 29 lief der 4jährige Alfred Blum, der Sohn eines in der Malplaquetstraße 23 wohnhaften Fabrikarbeiters vor einem in der Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen der Linie 42 auf das Gleis und wurde, obwohl der Führer sofort die Gefahrbremse anwandte, umgestoßen. Der Kleine geriet unter den Vorderperron und wurde unter dem Schutz rahmen eingeklemmt. Mittels mitgeführter Winden wurde der Waggon angehoben und der Knabe aus seiner entsetzlichen Lage be- freit. Das verunglückte Kind erlitt schwere innere Verletzungen und mußte nach dem Paul-Gerhardt-Stist übergefhürt werden. Arbeitslosigkeit hat'den 29 Jahre alten Maurer Wilhelm Möller aus der Kvstanien-Allee 21 in den Tod getrieben. Der Mann hatte seit 2� Monaten keine Beschäftigung ntchr und konnte auch keine neue finden. Gestern vormittag schoß er sich eine Revolberkugel in die rechte Schläfe. Bei der Rückkehr der Frau, die nur eine halbe Stunde fortgewesen war, lag er entseelt da. lKin Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Vorort- JSadmcbtem Steglitz. Dichter mtb RittmeiNrr n. D. Eine Uebereilung, die leicht un- absehbare Folgen hätte zeitigen können, hat unser Amtsvorsteher Buhrow glücklicherweise noch rechtzeilig wieder gutgemacht. Als das Terrain um den Rastatter Platz, der m naher Zukunft einen Bahn- Hof der Untergrundbahn WilmerSdorf-Dahlem aufweisen wird, er- schlössen wurde und Straßen angelegt worden waren, erwuchs die Notwendigkeit, diesen Straßen auch Namen zu geben. Das wichtige Amt, die Straßen zu.taufen", obliegt bei uns dem Amts- und Gemeindevorsteher, der dies Amt denn auch in so genialer Weise der- sieht, daß sich schon mancher alle Steglitzer bei dem Entziffern eines neuen Straßcnnamens vergebens gefragt hat, wer eigentlich der Träger des beireffenden Namens war, oder welche Verdienste sich dieser und jener der also Verewigten um Steglitz, unser Vaterland oder um die gesamte Menschheit erworben habe. Nach der Namen- gebung der neuen Straßen um den Rastatter Platz waren keine Rätsel zu löien, die Namen Kleist, Rückert, Gellert, Grillparzer, Ganghofer, Björnson, Tolstoi, Sachs in Gemeinschaft mit den schon vertretenen Namen Herder, Uhland, Arndt sind fast jedem Kinde geläufig. Mit Genugtuung begrüßte man diesen glücklichen Griff des Anitsvorstehers, der hier offenbar eine Dichter-Ehrung engros beabsichtigte. Daß in diese Ehrung auch der von den Gewalthabern seines Heimatlandes verfemte und von der Kirche exkommunizierte Russe Tolstoi einbegriffen war, fand wohl nur darin seine Erklärung, daß der greise Dichter kurz vorher verstorben und deshalb sein Name in aller Munde war. Wie hätte bei ruhiger Ileberlegung unser hoch- patriotischer, umsturzbekämpfender Bürgermeister diesen. Revolutionär" Tolstoi absichtlich ehren können? Vermutlich stellten sich denn auch bald die slaalserhailenden Gewiffensbiffe ein mit dem löblichen Vor- f«tz, bei Gelegenheit diesen Alp vom patriotischen Herzen zu wälzen. Da starb zum Glück vor kurzem der Rittmeister a. D. Bugge, von dem die Weltgeschichte allerdings nichts meldet, der aber einige Jahre Gemeindevertreter der ersten Klaffe und kurze Zeit Schöffe>oar, außerdem die.verdienstvolle" Stellung als Aussichtsratsmitglied einer Terraingesellschaft bekleidete, auf deren Grund und Boden die Tolstoistraße liegt. Da? war eine durch und durch patriotische Tätigkeit und viel höher zu bewerten als die Leben»- arbeit eines Tolstoi, der doch nur Philanthrop und Dichter war. Wer das nicht glaubt, der lese die amtliche Bekanntmachung unseres Amtsvorstehers, durch die bestimmt wird, daß die bisherige Tolstoi- straße von jetzt ab Bugge st raße heißt.— Nur«uggestraße? Wer war Bugge? werden sich viele fragen. Deshalb müßte es mindestens heißen: Nittmeister-a.-D.-Bugge-Straße. Da« wäre nicht tiur deutlicher, sondern auch— echt preußisch. Eine Studienanstalt für Mädchen wird Ostern d. I. in verbin« dung mit der hiesigen höheren Mädchenschule eröffnet, und zwar auf realgymnasialer Grundlage. DaS Schulgeld beträgt für einheimische Schulerinnen 169, für auswärtige 200 M. Neukölln(Rixdorf). Das rätselhafte Verschwinde» eines Mädchen? hat jetzt eine traurige Ausklärung gefunden. Am 7. Dezember v. I. verschwand, wie wir mitteilten, die 17 Jahre alte Arbeiterin Charlotte Kottwitz aus der elterlichen Wohnung in der Steinmetzstraße 77. Das Mädchen traf sich, wie festgestellt werden konnte, an diesem Abend, nachdem eS seine Arbeitsstelle in der Rittergutstraße zu Lichtenberg verlassen hatte, mit zwei bekannten jungen Männern und besuchte mit diesen ein Lokal in der Frankfurter Allee. Am Abend deS folgenden Tages wurde nun im Flur deS HaufeS Maybachufer 6t fein Hut und seine Pelzboa aufgesunden. Daß das Mädchen ins Waffer gegangen sei, glaubten die Eltern nicht, sie nahmen vielmehr an, daß sie verschleppt oder daS Opfer eines Verbrechens geworden sei. Da die Nachforschungen nach diesen Richtungen hin aber erfolglos blieben, tvurde eS immer wahrscheinlicher, daß da» Mädchen seinen Tod im Wasser gesucht hat. DieS bestätigte sich denn auch jetzt. Gestern landete man seine Leiche am Weigandufer auS dem Siichkanal. Nach dem Zustand der Leiche ist das Mädchen schon am selben Tage inS Waffer gegangen. Zu der am Sonntag stattfindenden Theatervorstellung find noch Billetts in den Parteispeditionen und bei den Grnoffen Meier, Prinz-Hcitiyerystr. 3, Pfeiffer, Herrn annstr. 49 und Fischer, Weisestratze 14, zu haben. Zur Aufführung gelangt da» Schuldvama: .Der Probekandidat" von Max Dreher. Lichtenberg. DaS Thema: Zweck und Nutzen der Arieltergcsangvereine bildet den Gegenstand einer am morgigen Sonntag, vormittags 9>/, Uhr, nach dem Lokal von Ertelt, Pfarrstr. 74, anberaumten Morgensprache, zu welcher nicht nur die Sangesbrüder Lichtenberg», sondern alle Sangessreunde um ihr Erscheinen ersucht werden. Ober-Schöneweide. Ein Straßenbahnnnfall ereignete sich vorgestern abend gegen 6 Uhr vor der Villa Weißenburg, Köpenicker Str. 23. Die dort wohnhaste Witwe Sänger hatte Einkäufe besorgt und wollte gerade über die Geleise ihrer Wohnung zuschreiten, als sie plötzlich von einem herankommenden Motorwagen erfaßt und überfahren wurde. Wie man uns mitteilt, ist die Stelle, an der sich der Unfall er» eignet«, nur spärlich beleuchtet, ein Uebelstand, der hoffemlich jetzt von der Direklion der Ostbahn-Gesellschast behoben wird. D«e Verunglückte erlitt einen komplizierten Unterschenkelbruch und mußte ins Krankenhaus gebracht werden. Siieder- Schönhausen., Bus der Gemeindevertretung. Der Nachtrag zum Ortsstatut betreffend die Ncchtsoerhältnisie der Gemeindebeamten hat die Ge- uchmigung des KreiSauSschuffes nicht gefunden, da den auf Kün- digung angestellten Beamten nicht die gleichen Rechte gewährt wurden, wie den auf Lebenszeit angestellten Gemeindehcamten. Dem Antrag auf Acn.de rung der betreffenden Paragraphen wurde zugestimmt. Gegen die Richtigkeit der Genieindewählerliste sind verschiedene Einsprüche erhoben worden. Der Einspruch eine» Herrn Gustav Wolf wurde zurückgewiesen; derselbe macht geltend, daß er am 27. Januar 1911 zugezogen sei, somit ein Jahr hier wohne. Demgegenüber wurde angeführt, daß der Zuzug vor AuS- legung der Wählerliste stattgefunden haben müßte, also vor dem 15. Januar. Zwei weitere Einsprüche der Genossen Hellrich und Rihmann, die die Forenscn betreffen(Grundstücksbesitzer, die außerhalb wohnen) wurden zurückgetoiesen. Da bi» jetzt in dieser Frage ein endgültiges Urteil vom Oberverwaltungsgericht noch nicht gefällt fft, so sollen wiederum alle Besitzer eines Grundstücks von 40 Ouadratruten zur Wahl zugelassen werden. Die Wähler- schaft der dritten Abteilung muß also wiederum den Unfug, der mit diesen Papierstimmen getrieben wird, über sich ergehen lassen; in Frage kommen zirka 270 Forensen. Hierauf wurden die Be- dingungen festgesetzt für die Benutzung des Kaisevweges zwischen Platanenstraße und der Gemeindegrenze zwecks Weiterführung der Straßenbahn Mittelstraße— Niederschönhausen nach Nosenthal. Tie Baakommission hatte beschlossen, daß die Erlaubnis gegeben werden soll, wenn die Hälfte der Summe von 20 990 M., die damals von der hiesigen Gemeinde an Pankow für die Durchlassung bezahlt werden mußten, zurückerstattet werden. Niederschönhauscn hatte für die Verlängerung der Bahn seinerzeit insgesamt 70 000 M. zu zahlen. Außerdem wurden Bedingungen bezüglich der Unterhaltung des Pflasters und Schaffung einer besseren Vcr- kehrsmöglichkcit gestellt. Nach kurzer Debatte wurde der Antrag der Baukommission angenommen. Trebbin(Kreis Teltow). Mit großem Tamtam wird für ein während der Pfingstfeiertage hier stattfindendes Heimatfest Rellame gemacht. Im Lokal- blättchen wird aufgefordert, daß alle, selbst in.fremden Weltteilen Wohnende", die sich für den Rummel interessieren, ihre Adressen dem Komitee zugänglich machen. Dann werden wieder 129 Pferde und Reiter gesucht, die dem Festzug erst das richtige Gepräge geben und die nötigen Zuschauer heranlocken sollen. DerArrangeur dieses KlimbimS ist ein hiesiger Pastor. Die Mittel für diesen Klimbim sollen von der Allgemeinheit zusammengeschnorrt werden. So ist die Stadt in neun Sammelbezirke eingeteilt, in denen nun bald eine große Bettelei von Haus zu Haus beginnen wird. Man wird sich nicht scheuen, auch die Arbeiterschaft, der man jeden Pfennig Lohnerhöhung hartnäckig verweigert, zur Beitragsleistung und zur Beteiligung an dem Rummel zu bewegen. Jedem Arbeiter kann nur zugerufen werden: Die Taschen zul NowaweS. Der Wahlverein beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung hauptsächlich mit den bevorstehenden Ersatzwahlen zur Gemeinde- Vertretung. Da der angesetzte Vortrag wegen Verhinderung des Referenten, des Genossen Silberschmiot, ausfallen mutzte, so nahm der Vorsitzende Gelegenheit, sich über die Gemeindewahl des nä- Heren zu verbreiten. Zu wählen sei in jeder Abteilung je ein Vertreter. Für die Sozialdemokratie komme jedoch nur die Wahl für die dritte Abteilung, in der ein Mandat im vorigen Jahr« ourch daS Hinscheiden des Genossen Gruhl frei geworocn sei. in Betracht. Soviel bis jetzt bekannt fei, wollen sich die bürgerlichen Parteien auch diesmal an der Wahl für diese Abteilung be- tciligen und einen sog..Arbeiter" als Zählkandidaten aufstellen. Die Wählerliste der dritten Abteilung weise diesmal 4788 Wahl- berechtigte auf gegen 4186 bei der Wahl im vorigen Jahre. Eine Beteiligung an der Wahl für die zweite Abteilung erscheine zweck- los, da die verschiedenen bürgerlichen Parteien sich wahrscheinlich auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen werden. Sollten je- doch noch in letzter Stunde mehrere Kandidaten aufgestellt werden, so werde die Sozialdemokratie natürlich versuchen, einem von ihnen, der als minder reaktionär bekannt ist, unter gewissen Be- dingungen zum Siege zu verhelfen. Pflicht der Arbeiterschaft sei es nun, für einen Wahlausfall zu sorgen, der sich dem Siege der Sozialdemokratie bei den letzten ReichstagSwahlen würdig an die Seite stellen könne. Am Schlüsse seiner Ausführungen teilte Genosse Krohnberg mit, daß die Fraktion sowohl wie die Funktio» näre beschlossen haben, als Kandidaten für die dritte Abteilung den Gastwirt Genossen Hermann Ebel, Stahnsdorfer Straße, in Vorschlag zu bringen. Die Versammlung akzeptierte diesen Vor- schlag emstimmig.— In der Diskussion teilte Genosse Singer mit, daß daS von der sozialdemokratischen Fraktion an den Bürger- meister gerichtete Ersuchen, in Anbetracht der gestiegenen Wähler- zahl die Wahl diesmal in drei Bezirken vornehmen zu lassen, aus wahltechnischen Gründen abschlägig beschicden worden sei; jedoch wurde die Erfüllung dieses Wunsches sowie die gleichfalls ange- regte Festsetzung des Wahltermins auf einen Sonntag für spätere Wahlen in Aussicht gestellt. Genosse Gomoll sprach den Wunsch aus, daß diejenigen Wähler, denen es die Zeit erlaubt, bereits am Vor- oder Nachmittag ihr Wahlrecht ausüben möchten, um so den Wahlakt in den Abendswnden zu erleichtern.— Nach der Wahl der Delegierten ftir die Kreisgeneralversannnlung am Sonn- tag, den 3. Marz, in Eharlottenburg wurden zu Mitgliedern der Llckalkmnission die Genossen Fütterer und Karl Steffen gewählt. — Genosse Schulz machte auf das in bürgerlichen Kreisen sich zurzeit besonders bemerkbar machende Bestreben aufmerksam, die Jugeird für ihre reaktionären Zwecke einzufangen. Er bat daher die Genossen, mehr als bisher für die Stärkung der freien Fugend. organisation zu wirken, vor allem auch deren Veranstaltungen mehr Interesse entgegenzubringen.— Zum Schluß fand noch nach einem Rückblick deS Vorsitzenden auf die verflossenen Reichstags- wählen eine äußerst anregende Debatte statt, die hauptsächlich die jüngsten Vorgänge im Reichstag zum Gegenstand hatte. Nach Mitteilung des Vorsitzenden waren dem Wahlverein von Tetverk- schasten und Vereinen insgesamt 685 M. für die Zwecke der Reichs- tagswahl zugegangen. Nen-Zittau(KreiS Beeskow). Zu unserem Bericht Lbcr die Gemeindewählerversammlung in Wernsdorf, in der die Aufstellung der Kandidaten zur bevorstehenden Gemeindewahl vorgenommen wurde, teilt unß der in der, weiten Wählerklasse aufgestellte Herr MattutiS. Neu-Zittau. Waldstraße S, mit, baß er bisher noch nie Parteigenosse gewesen sei. Wir nehmen ohne weiteres an. daß unsere Genossen nur solche Personen als Kandidaten für die Gemeindewahl aufstellen, die or- ganisierte Parteigenossen sind. Wenn sie über geeignete Kandidaten nicht verfügten, so hätten sie lieber auf die Ausstellung eine« sich nicht zur Sozialdemokratie bekennenden Mannes verzichten sollen. Potsdam. Ein Einbruch wurde gestern in die hiesige Ortskrankenkasse der- übt. In der vergangenen Rächt stiegen Einbreeber von dem Nachbar- grundstück auS über die Mauer nach dem Hof hinüber, brachen die Türen auf, die nach dem Kassenraum führen, öffneten dort gewaltsam daS Geldspind und erbeuteten daraus 4900 M. in Gold, Silber und Papiergeld. In den Verdacht, den Einbruch verübt zu haben, ge- rieten zunächst drei Männer, die mit dem ersten Zuge von Potsdam nach Berlin zu abfuhren. Im Lause des gestrigen Vormittags aber ging bei der Kriminalpolizei eine Meldung ein. nach der drei Ver- dächtige an einer anderen Stelle gesehen worden find. Gerickts-�eitung. Wenn zmei dasselbe tun.... Ein herrliches Bild unserer göttlichen Weltordnung entrollte eine Verhandlung vor dem Schöffengericht in Breslau. Angeklagt war eine auf beiden Augen vollständig erblindete Frau wegen Betteln». Gelegentlich der Margareten- tag«»Bettelet in Breslau ließ sich die Angeklagte durch einen Schulknaben auf die Kasser-Mlhelm-Straße führen und nahm an einem Hause Aufstellung. Vorübergehende Passanten blieben stehen und gaben der Armen aus Mitleid ein Almosen, da» dankbar an- genommen wurde, was aber daS Mißfallen einer Frau Ge- heimrat Schüler, der Leiterin der Breslauer Zentrale für Jugendfürsorge, erregte. Auf ihre per- sönliche Anregung mußte ein Schutzmann die blinde, bedauernswerte Frau wegen Betteln» zur Anzeige bringen. Bei der Ver Handlung wurde nun aus den Akten festgestellt, daß die Aermste seit fünf Jahren auf beiden Augen vollständig er» blind et ist und daß sie sich vor dieser Zeit durch Stricken ehrlich durchs Leben geschlagen hat. Als Belastungszeugin trat die vornehme Frau Geheimrätin duf. Als die Angeklagte während der Beweisaufnahme dieser zurief:.Frau Geheim- rätin. es wäre besser für Sie, wenn Sie wirklich verwahrlosten Kindern nachlaufen würden und nichteinerarmen Blinden, die Ihnen noch nie ötwas zuleide getanhat.' Der Vorsitzende, Amts- gerichtsrat K ü g l e r, erteilte der Angeklagten für diese Aeußcrung einen V e r w e.i s� Der Amtsanwalt beantragte nicht mehr als 14 Tage Haft, obwohl die Belastungszeugen, die Leiterin der Zentrale für Jugendfürsorge, selbst nicht einmal bekunden konnte, daß die Blinde etwa die Hände ausgestreckt oder durch Gebärden die Vorübergehenden zum Geben ermuntert hätte. Der Ver- t e i d i g e r wies darauf hin, daß gerade am Margaretentage, wo alleS gcwiffermaßen in Wohltuerei schwelgte und der Bettel sogar amtlich e-rlaubt und protegiert wurde, eS doch für die arme blinde Frau doch auch nicht als ein Vergehen zu bekochten fei, wenn sie milde Gaben, die ihr in die Hand gedrückt werden, annehme. Er predigte tauben Ohren; daS Schöffengericht erkannte dem Antrage des Amisanwalis gemäß. Sogar die Eltern des Knaben, der die Blinde führte. mußten wegen Beihilfe d e S V e t t e l n S auf der Anklagebank Platz nehmen. Nur der günstige Zufall, daß sie keine Kenntnis davon hatten, daß ihr Sohn der blinden Frau den Liebesdienst erwies, als er diese auf der Straße führte, rettete beide wor dem Gefängnis. Wieder ein Urteil, das die Mafien der Enterbten und Darbenden aufpeitschen muß. Die Leiterin der Zentrale für Jugend«' fürsorge hat sich mit ihrer Anzeige einer armen blinden Frau ein Denkmal gesetzt. daS für alle Zeiten nicht vergehen wird. Die Blumentagbettelei im großen Stil wurde amtlich erlaubt und die Behörden bettelten sogar mit; werden aber einer armen blinden Frau einige Almosen freiwillig in die Hände gedrückt, dann gibt eS 14 Tage Haft dafür. Und das von Rechtswegen. Ja, ja, wenn zwei dasselbe tun, ist eS eben nicht dasselbe. Wegen fünf Pfennige! Vor der SKaskammer in Trier spielte fich dieser Tage ein Prozeß ab, der für unsere Rechtsverfolgung typisch ist. Ein Arbeiter auS Beurig a. d. Saar fuhr eine? TageS nach der nächsten Bahnstation. Er hatte eine Fahrkarte vierter Klasse, kam ober etwas spät zum Bahnhof. Der Zug setzte sich eben in Be- wegung; da er aber gern mitwollte, stieg er tn ein Abteil dritter Klasse, das er eben noch erreichen konnte. Er meldet dieS sofort dem Schaffner, um den Preisunterschied von fünfPfennig nach- zuzahlen. Er mußte aber außer dem doppelten Fahr- preis auch noch sechs Mark Strafe bezahlen. Aber damit war die Bahnbehörde noch nicht zufrieden, sie erstattete Anzeige wegen Betruges. Tatsächlich wurde der Arbeiter auch auf die Anklagebank gebracht; da? Schöffengericht sprach in frei. Der Staatsanwalt jedoch legte Berufung ein. So mußte sich auch noch die Strafkammer mit diesem schweren Verbrechen be- schäftigen. Aber auch diese hatte kein Verständnis für diesen Bureau« kratismuS der Eisenbahn, sprach den Angeklagten frei und legte die Kosten der Staatskaffe zur Last. Ein solcher Aufwand von Arbeit, um eine Betrugsanklage in einem Falle zu konstruieren, bei dem kein Tatbestandsmerkmal de» Betruges vorliegt! Gibt eS nicht wirkliche BekugSfälle, die Arbeit genug verdienen, z. B. solche, die von Unternehmern durch Unter« schlagung der Kaffenbeiträge verübt werden? Eine„weise Frau". In daZ lichtscheue Treiben einer„weisen Frau", deren Künsten zwei Menschenleben zum Opfer gefallen, leuchtete eine Anklage hinein, die das Schwurgericht des Landgerichts III beschäftigte. Die auf Vernichtung keimenden Leben» gerichtete Anklage rich- tete sich gegen die 4Ljährige Händlerin Jenny Woltersdorf, die schon fast ein Jahr in Untersuchungshaft sitzt, ferner gegen zwei der Bei- Hilfe beschuldigte Personen. Die Strafsache hatte unter dem Ge- sichtSpunkte des versuchten Verbrechens zunächst bei der Straf- kammcr geschwebt. In der damaligen Verhandlung stellte sich jedoch nach dem Gutachten der vernommenen Aerzte heran», daß es sich um vollendetes Verbrechen bandelte. Demnach wurde die Sache an das Schwurgericht verwiesen. Zu der Hauptverhnndlung, die unter Ausschluß der Oefsentlichkeit stattfand, waren auf ihren Antrag 25 Studenten der Rechtswiffenschaft zugelassen, weil das Gericht mit den Antragstellern der Ansicht war, daß die Studenten wegen der juristisch und tatsächlich nicht einfachen Sachlage auS der ver- Handlung etwas lernen könnten. Die Angeklagte Woltersdorf ernährte fich, nachdem sie im Jahre 1908 von ihrem Ehemann geschieden worden ist, durch Straßen- Handel snt Blumen und Früchten. Nebenbei legte sie auch Karten und betrieb das Gewerbe einer„weisen" Frau, die Frauen und Mädchen verbotene Hilfe leistete. Zwei solcher Bcsucherinnen der' Angeklagten, eine Arbeiterin und ein Dienstmädchen, haben es mit dem Leben büßen müssen, daß sie diese Hilfe in Anspruch nahmen. — Staatsanwaltschaftsrat Brüning beantragte gegen die Wolter»- darf 5 Jahre Zuchthaus und Ehrverlust, gegen die beiden Mit- angeklagten Freisprechung. Rechtsanwalt Nübell beantragte für die Woltersdorf eine mildere Strafe und Anrechnung der Unter- fuchungShaft. Da» Gericht entsprach diesem Antrage und verurteilte die Woltersdorf zu 3� Jahren Zuchthaus unter Anrechnung von 6 Monaten Untersuchungshaft. Die Mitangeklagten wurden frei. gesprochen._ Marktbericht von Berlin am IS. Februar ISIS, nach Ermittelung de« königb Polizeipräsidiums. Martthallenpreise. iKletnbandel) 160 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen ZK.«)— 50,60. Speisebohnen weihe, 36,00—«0,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln 10,00—15,00. i Kilo- gramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch. Bauchstcisch 1,30 bis 1,80 Slbweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,50. Hammelfleisch 1,30—2,20. Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 4,50—7,20. 1 Kilogramm Karpsen 1,20—2,40. Aale 1,20—3,00. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,40—2,60, Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,60-3,20. Bleie 0,80—1,40. 60 Stück Krebse 4,00-30,00._ WasserftandS-Nachrtchteu der LandeSanstalt für Gewässerwnde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e l, Tilsit P r e a e l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krassen , Franksutt Warthe, Schrimm , LandSbcrg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmcntz , Dresden Berby Magdeburg am 1 seit 15.2.14 2. oir> i cm1) 125ft 0 -38») 1-2 56») 248 126') 127') 48') 42«) 52«) 120 — 0 -36 +6 +1 +8 +2 4-2 +27 114')—10 182',!+6 155')+4 Waflerfland Saal«, Erochlttz Havel, Spandaus Rathenow') Spree, Spremberg') VeeStow Weser, Münden . Minden Rhein, MaximilianSau Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main. Werthcim Mosel, Trier am 15.2. cm 188«) 54') OOss 88 48«) 205 274 376 204 250 102 149 159 seit 14. 2. cm1) + 10 0 —8 0 +2 —1 0 —6 4-2 +11 — 6 +4 ')+ bedeutet Wuchs.— Fall.— Unterpcgel.—») EiSstand. «frei.• Vercuttworittcher Recatteur:»lbert Wach», Berlin. Für den Jnsenrtentett verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei n. Perwgsnnstalt Paut Singer B-Eo, Berlin SW. Nr. 40. 29. Jahrg. KnlM dkS Awiirts"- MtU« str Sideii md Uch». >7 lrbruar 1912. Zendmpmeß? Eine Anklage, aufgebaut auf den Angaben eines Geisteskranken, wurde gestern vor der ersten Hilfs-Strafkammcr des Landgerichts I verhandelt. Unter Anklage standen: Handlungsgehilfe Bader «Hamburg), Buchbinder Böttcher(Berlin), Schneider Brock(Düffel- dorf), Bäcker Trcws(Hamburgs, Metallarbeiter Häusler(Düffel- dcrf), Tapezierer Sielmever(Berlin), Schneider Klingncr(Elber- feld), Pliesterer PüLe«(Krefeld), Böttcher Schleyer(Hamburg), «älirrin Ludwig(Berlin). Die Anklage lautet auf Begünstigung der Fahnenflucht ei»�« Soldaten. Sie stützt fich lediglich auf die Angaben des Fahnen- flüchtigen Nürnberger, der seinerzeit nach einer dreiwöchigen Be- obachtung im Militärlazarett zu Mainz von den Militärärzten als Geisteskranker erkannt wurde, der feit seiner Jugend infolge von Degeneration irre ist. Infolge dieses Gutachtens ist Rürn- berger auf Grund von§ 51 des Strafgesetzbuches von der Anklag« der Fahnenflucht freigesprochen und als unbrauchbar vom Militär entlassen worden.„Trotzdem ist ihm, soweit er die Angeklagten belastet, Glauben beizumessen" sagt die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift für das gegenwärtige Verfahren. Und auf Grund der Angaben des Geisteskranken siven acht von den zehn Angr- klagten seit viereinhalb Monaten in Untersuchungshaft. Zum Vor- ständnis dieses Borganges mag die Tatsache dienen, dag sämtliche Angeklagte der Anarchistischen Föderation angehören. Die Angeklagten Klingner und Püllen wurden vom Recht?- nnwalt Dr. Heincmann, die übrigen vom Rechtsanwalt Tr. Hal- prrt verteidigt.— Wie die Verhandlung ergab, hat sich die der Anklage zugrunde liegende Angelegenheit folgendermaßen abgespielt. Nürnberger diente im 3. Eiscnbahnrcgiment in Hanau. Vom 14. bis 17. Juli lbll war er wegen der Hochzeit seiner«Schwester auf Urlaub in Berlin. Nach Ablauf des Urlaubs kehrte er nicht wieder zu seinem Regiment zurück, sondern kaufte für das von seiner Mutter er- haltcne Geld Zivilklcider, die er im Abort eines Schanklokals mit der Militärkleidung vertauschte. Räch dieser Umkleidung verließ er den Abort, ohne die«Schankräume wieder betreten zu haben. Die Militärkleider hatte Nürnberger in Packpapier gewickelt und auf dem Boden des Hauses, wo seine Großmutter wohnt, nieder- gelegt. Da wurden sie später gefunden. Nürnberger teilte seiner Großmutter mit harmloser Miene mit, daß er nicht wieder zum Regiment zurückkehren wolle. Die Großmutter suchte ihm diese Absicht auszureden, aber er blieb bei seinem Vorhaben. Nun er- schien ein junger Mann namens Voland, der gab dem Nürnberger die Adresse Kielmeyers mit dem Bemerken, Kielmeyer werde ihm weiterhelfen. Am folgenden Tage ging Nürnberger zu Kielmeyer in die Redaktion des„Freien Arbeiter". Was nun folgt, hat sich nach Darstellung der Angeklagten so abgespielt: Als Nürnberger bei Kielmeyer erschien, berief er sich auf Voland und sagte, daß er vom Militär ausgerückt sei. Bei Kielmeyer stieg ein gewisser Verdacht gegen Voland auf, weil diese» einen Fahnenflüchtigen ausgerechnet nach der von der Polizei be- obachteten Redaktion des„Freien Arbeiter" schickte. Kielmeyer wollte mit der Sache nichts zu tun haben. Er suchte den Nürnberger loszuwerden, wenigstens so lange, bis er mit Voland gesprochen hatte. Am nächsten Tage erschien Nürnberger wieder bei Kiel- meycr. Dieser lehnte es aber mit aller Entschiedenheit ab, ihm Ilnterkunft zu gewähren. Während kielmeyer mit Nürnberger sprach, erschien der Angeklagte Böttcher mit seiner Braut, Fräu- lein Ludwig. Als Böttcher hörte, es handele sich um einen ver- mcintlichen Gesinnungsgenossen, der Unterkunft suche, bewog er seine Braut, Nürnberger in ihrer zurzeit leerstehenden Wohnung in der Lithaucrstraße aufzunehmen, was auch geschah. Weiter ist Böttcher mit der Angelegenheit nicht in Berührung gekommen. In Fräulein Ludwig» leerstehender Wohnung hat sich Nürnberger vier Tage aufgehalten. Seine Angabe, er sei vom Militär ausgerückt, hat sie nicht für glaubwürdig gehalten. Von hier aus reiste Nürn- bergcr nach Hamburg und suchte dort den Angeklagten Schleyer auf, dessen Adresse er im„Freien Arbeiter" gelesen hatte. Schleyer war in seiner Wohnung nicht anwesend, sondern ein unbekannt gebliebener Mann, den Nürnberger, der sich auf Kiel- mcyer berief, für Schrehcr hielt. Die Anklage, die sich, wie gesagt, auf die Angaben Nürnbergers stützt, behauptet, Kielmeyer habe Nürnberger veranlaßt, einen Brief an seine Eltern und einen anderen an seine Kompagnie zu schreiben, worin er seine Flucht mitteilte. Diese Briefe sollen erst nach Konstanz und von da an ihre Adressen befördert sein. Der aus Konstanz abgesandte Brief an die Kompagnie befindet sich bei den Akten. Kielmeyer bestreitet, von diesen Briefen etwas zu wissen. Nach Behauptung der Anklage soll Kielmeyer den Nürnberger nach Hamburg empfohlen haben, damit ihm die dortigen An- archisten zur Flucht ins Ausland verhelfen sollten. Schleyer, Drews und Bader sollen auch in diesem Sinne tätig gewesen sein. Tatsächlich war Nürnberger im Besitz von Legitimationspapieren de» Angeklagten DrewS. DrewS erklärt dagegen, er habe seine Papiere früher einem Freunde überlassen, von diesem müsse sie Nürnberger bekamen haben. Diese Angabe konnte nicht widerlegt werden.— Bader gibt zu, daß er Nürnberger acht Tage bei sich beherbergt hat, ohne jedoch gewußt zu haben, daß er Deserteur sei. Lediglich als einen mittellosen Gesinnungsgenossen habe Bader den Nürnberger aufgenommen. Ebenso erklären auch die Angeklagten Schreycr und Drews ihre Berührung mit dem ihnen unbekannten Nürnberger., Von Hamburg wandte sich Nürnberger nach Düsseldorf und ging zum Angeklagten Häusler, der Ver- traucnsmann der Anarchistischen Föderation ist. Dann fuhr er nach Krefeld zum Angeklagten Püllen und erkundigte sich, wie er am besten nach Belgien käme. Püllen wies ihm an Brock, der mit den belgischen Verhältnissen vertraut ist und dieser bekam Finger- zeige, wie er in Belgien Arbeit finden könne und dergleichen. Auch diese beiden Angeklagten behaupten, sie hätten nicht gewußt, daß es sich um einen Deserteur handle. Nürnberger ist dann nach Belgien gereist, hat einige Tage in Lüttich gearbeitet und ist dann wieder nach Elberfeld gefahren, wo er den Angeklagten Äliugncr aufsuchte, bei dem er unter Berufung auf Kielmeyer, aber ohne von seiner Fahnenflucht zu reden, Aufnahme fand.«Schliehlich begab sich-Nürnberger wieder nach Düsseldorf. Dort beging er eine Handlung, wie man sie nur von einem Geisteskrankem er- warten kann. An einen Mann schrieb er einen Brief, warin er verlangte, der Adressat sollte an einer bestimmten Stelle binnen 10 Minuten ZV Mark niederlegen, anderen Falles werbe seine Tochter entführt werden. Unterzeichnet war der Brief„Ter Vor- sitzende der schwarzen Taube". Dieses Manöver führte zur Ver- Haftung Rürnbergers. Die Miluärjustiz hat ihn, weil er ohne Zweifel geisteskrank ist, von der Anklage der Fahnenflucht freigesprochen und er ist aus demselben Grunde vom Militär entlassen worden. Die Staatsanwaltschaft aber hielt Nürnberger trotzdem noch für glaub würdig geniig, um auf seine Aussage hin acht Personen in Unter- slichungshaft zu setzen und gegen zehn Personen Anklage zn er heben. Auch in der Hauptverhandlung versuchte der Vertreter der Staatsanwaltschaft noch seinen Kronzeugen zu halten. In der richtigen Erkenntnis, daß solchen Anklagen gegenüber alle zu lässigen Vertcidigungsmittel geboten sind, hat die Verteidigung die Aerzte Dr. Magnus Hirschfcld und Dr. Juliusburl', er als Sach- verständige über den Geisteszustand des Zeugen Nürnberger geladen. Ter Staatsanwalt widersprach zunächst der Vernehmung dieser Herren, und als er damit nicht durchdrang, wurde aus seinen An trag als„Gegengutachter", wie sich der Staatsanwalt ausdrückte, der gerichtliche Sachverständige, Medizinalrat Tr. Hoffmann, her. bcigerufen... Ter Zeuge Nürnberg macht schon durch seine äußere Er- scheinung selbst auf Nichtärzte den Eindruck enrcs geistesschwachen Menschen. Dieser Eindruck wurde durch Rürnbergers Zeugenaus sage noch verstärkt. Ueber seine persönlichen Verhältnisse machte er folgende Angaben: Nach seiner Konfirmation kam er in die Lehre, erst bei einem Kaufmann, dann bei eimem Gärtner, dann bei einem Bäcker. In jeder Stelle hielt er nur kurze. Zeit aus. weil es ihm nicht gefiel. Dann wurde er Fabrikarbeiter und im 17. Lebensjahre kam er auf die Unterofstzierschule in Bibrich. Nachdem er dort dreimal mit Arrest bestrast war, wurde er im Jahre 1909 von der Schule verwiesen und im Herbst 1910 zum Militär eingezogen.— In der Boruntersuch«ng des gegenwärtigen Prozesses hat Nürnberger Angaben gemacht, welche die Angeklagten allerdings stark belasten. So will er in Uniform zu Kielmeyer gegangen sein und dieser soll, ebenso wie alle übrigen Angeklagten, wissentlich seine Flucht gefördert und unterstützt haben. Jetzt, in der Hauptverhandlung, machte Nürnberger Aussagen, die sich in ollen wesentlichen Punkten mit den Angaben der Angeklagten decken.«Seine Aussagen vor dem Untersuchungsrichter wurden ihm vorgehalten. Er erklärte alles für unwahr und behauptete, das habe er gar nicht gesagt, das sei ihm nur so herausgequetscht worden. Diese Angaben und noch viele im höchsten Grade un- wahrscheinliche und widerspruchsvolle Angaben machte der Zeuge mit der Harmlosigkeit eines Kindes und mit der gleichgültigsten Miene von der Welt. Es gehörte keine ärztliche Bildung dazu, um zu erkennen: Dieser Mann ist in hohem Grade geistesschwach. Der Staatsanwalt aber erkannte das noch nicht. Er beantragte, der Untersuchungsrichter solle der Vernehmung dieses Zeugen beiwohnen, um sie mit den Angaben in der Voruntersuchung zu ver- gleichen. Tie Verteidiger widersprachen diesckn Antrage, weil er prozessual unzulässig sei. Das Gericht lehnte denn auch den An- trag ab, verfügte aber die vom Staatsanwalt beantragte nachhcrige Vernehmung deS Untersuchungsrichters, der aber schließlich doch nicht mehr vernommen wurde. Auf weiteres Befragen gab der Zeuge Nürnberger an, daß er nicht in Uniform zu Kielmeyer gegangen sei, daß er dort keine Briefe geschrieben habe, sondern den Brief an die Kompagnie selber an einen Freund in Konstanz geschickt habe und daß er die auf den Namen des Angeklagten Drews lautenden Papiere gar nicht von DrewS, sondern von einem Mann« bekommen habe, der sich nicht unter den Angeklagten befinde. Auf die Frage: Warum er denn die Angeklagten, die ihm doch alle Gutes taten, durch falsche Angaben belastet habe, erklärt der Zeuge ganz Harm« los, er habe geglaubt» dadurch würde er selber vor Gericht besser wcgkonimen. Medizinalrat Tr. Hoffmann erklärte den Zeugen Nürnberger für einen ganz beträchtlich schwachsinnigen und deshalb nicht glaub- würdigen Menschen.— Dr. Magnus Hirschfcld und Tr. Julius- burger schloffen sich diesem Gutachten an. Sowohl auf Grund der heutigen Aussagen des Zeugen als auch nach Kenntnisnahme des ausführlichen schriftlichen Gutachtens der Militärärzte käme» sie zu dem Urteil, daß der Zeuge als Geisteskranker augesehen werden müsse. DieZcugin Poschak bekundete, sie sei dazugekommen als Nürn- bergcr seiner Großmutter erklärte, er wolle nicht zum Regiment zurückkehren. Sie habe Voland geholt, der ihnen behilflich sein sollte, Nürnberger zur Rückkehr nach dem Regiment zu bewegen. In diesem Sinne habe Voland auch auf Nürnberger eingeredet, aber vergebens. Tann habe er ihm eine Adresse gegeben, ob es die Kielmehcrs war, weiß die Zeugin nicht. Kriminnlschutzmann Petermann hat den Angeklagten Böttcher verhaftet. Dieser Zeuge gibt an, Fräulein Ludwig, die bei der Verhaftung zugegen war. habe, als sie erfuhr, es handle sich um Beihilfe zur Fahnenflucht, gesagt: Na, dann iverden noch viele verhaftet werden. Tie Angeklagte Ludwig bestreitet diese Außc- rnng. Sie habe nur gesagt, die Verhaftung sei ungerechtfertigt. Böttcher solle sich dagegen beschweren, denn sonst könnte ja jeder ebenso grundlos verhaftet werden. Der Staatsanwalt ließ die Anklage gegen sieben der Angc- klagten fallen» weil er zugeben mutzte, daß gegen sie nichts erwiesen sei, wenn auch der Verdacht ihnen gegenüber bestehen bleibe. Kiel- mcyer. Böttcher und Fräulein Ludwig hätten gewußt, daß es sich um einen Fahnenflüchtigen handele, sie seien wegen Beihilfe zil bestrafen, und zwar Kielmeyer mit 1 Jahr K Monaten, Böttcher mit 9 und Fräulein Ludwig mit 6 Monaten Gefängnis. Rechtsanwalt Dr. Halprrt sprach seine Befriedigung darüber aus, daß der Staatsanwalt jetzt endlich den Zeugen Nürnberger fallen lasse. Wenn in der Anklageschrift gesagt werde, der Zeuge sei trotz seiner Geisteskrankheit glaubwürdig, soweit er die An- geklagten belaste, so sei das eine Logik, die jedes Rechtsgefühl er« schüttern müsse. Wie sei eS nur denkbar, daß man jetzt noch auS der Aussage dieses Zeugen ein Wort herausgreife, um den Straf« antrag gegen Kielmeyer zu begründen. Weil Kielmeyer, nachdem er erfuhr, der Zeuge war fahnenflüchtig, diesen nicht hinausivarf, sondern ihn in schonender Weise loszuwerden suchte, solle er sich der Beihilfe schuldig gemacht haben! Könne man denn von Fräulein Ludwig verlangen, sie hätte Nürnberger denunzieren sollen? Dazu sei sie nicht verpflichtet. Wenn fie es nicht tat, so habe sie doch die Fahnenflucht nicht begünstigt. Soll man denn einen Mann, von dem man weiß, daß er Deserteur ist, auf der Straße verhungern lassen? Die drei Angeklagten, welche der Staatsanwalt als schuldig erklärt, hätten doch nichts weiter getan, als den Nürnberger vor augenblicklicher Not geschützt und versucht» ihm eine Arbeitsstelle zu verschaffen. Zu diesem Zweck hätten sie ihm Reisegeld nach Hamburg gegeben.— In längeren juristischen Ausführungen legte der Verteidiger dar, daß selbst bei diesen drei Angeklagten die Voraussetzungen der Beihilfe zur Fahnenflucht nicht zutreffen, denn das Delikt sei ja bereit? durch die eigene Initiative Nürnbergers vollendet gewesen, ehe er mit einem der Angeklagten in Berührung kam. Wenn eine Straftat vollendet sei, dann könne es keine Beihilfe mehr geben. Ferner sei zn be- rücksichtigen, daß Nürnberger wegen Geisteskrankheit vom Militär- gericht freigesprochen wurde. Ein Geisteskranker könne keine straf- bare Handlung begehen, also gebe es auch in dieser Hinsicht keine Beihilfe. Aus diesen Gründen müßten die Angeklagten frei« gesprochen werden. Rechtsanwalt Tr. Heinemann sagte unter anderem: So traurig es sei, daß die Angeklagten über vier Monate in Untersuchungshaft sitzen mußten, müsse man doch glauben, daß sie einer guten Sache ein Opfer gebracht haben. Auf Grund des Zeugnisses eines Mannes, der schon vorher vom Gericht als geisteskrank erklärt worden ist, hat man das Verfahren gegen die Angeklagten eröffnet und diese Verhandlung begonnen, ohne die Aerzte zu hören, die d«» Zeugen früher beobachtet haben und ihn für geisteskrank erklärten. Das sei ein Fall, der in der Geschichte der Justiz kaum seines- gleichen finde. Die Angeklagten hätten begründeten Anspruch auf Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft. Sie hätten gar nicht in Untersuchungshaft genommen werden dürfen, wenn nicht die Voruntcrsuchnng überhaupt an Mängeln leiden würde, die der Abhilfe bedürfen. Die Schuldlosigkeit der An- geklagten sei schon lange vor der Verhandlung klar gewesen. Des- halb hätte eine Anklage gar nicht erst erhoben werden sollen. Nach kurzer Beratung des Gerichts verkündete der Vorsitzende, Landgerichtsrat Lampe, das Urteil dahin: Tie Fahneiiflucht sei ein Dauerdelikt, das erst beendet durch die Rückkehr oder durch die Verhaftung des Flüchtigen. Es sei deshalb irrig, anzunehmen, daß es im vorliegenden Falle keine Beihilfe gebe. Die Angeklagten Kielmeyer, Böttcher und Ludwig würden sich der Beihilfe schuldig gemacht haben, wenn überhaupt eine strafbare Handlung vorgc- Werner'' sdiwarze Stiefeltage 2S00 Stück Schuhputztücher werden während der Stiefeltage verschenkt Schuhhaus Aug. Theodor Werner Schöneberg, Kanptstrabe 160* Steglitz, Klbrcdttstra&e 2. legen liatte. Da aber Nürnberger für geisteskrank erklärt wurde und schon zur Zeit der Fahnenflucht geisteskrank war, so habe er keine strafbare Handlung begangen und deshalb köniie auch von einer Beihilfe keine Rede fein. Die drei genannten Angeklagten müssen also freigesprochen werden. Die übrigen Angeklagten müssen ohne weiteres freigesprochen werden, weil sie nur durch Nürnberger belastet werden und dieser nicht glaubwürdig ist. Es werden demnach sämtliche Angeklagten freigesprochen. Hus der Frauenbewegung. Tie Dienstboten in den grossen Er»vlissements. Als Beitrag zur Lage der Dienstboten wird uns ge- schrieben: Im Winter, und besonders in der Zeit des Karnevaltrubels, haben die Saalbesitzcr ihre Hochsaison. Nicht zuletzt tragen aber die Arbeiter zu den Profiten bei, die, trotz der hohen Lasten, so ein Saalbetrieb bei sachgemäßer Leitung einbringt. Dessenunge- achtet kann man wohl ohne Uebertreibung sagen, daß das soziale Pflichtbewußtsein bei dieser Unternehmergruppe'— von wenigen Ausnahmen abgesehen— wenig entwickelt ist. Man denke nur an die zähen Kämpfe, die ihre Angestellten, besonders die Kellner, um die Anerkennung ihrer Organisation geführt haben. Wenn sich auch für die Kellner mit der Zeit manches gebessert hat, so herrscht in den Küchen jener Betriebe vielfach noch die rllcksichts- loseste Ausbeutung. Wohl ist man gezwungen, da das Angebot von weiblichen Dienstboten nicht allzu groß ist, sie etwas besser als in der Hauswirtschaft zu bezahlen. Und so manches'Dienstmädchen, das sich der Tyrannei irgendeiner hysterischen„Gnädigen" ent- ziehen will, läßt sich durch das scheinbar günstige Angebot ver- locken eine Stelle in einem solchen Betriebe anzunehmen. Tie wenigsten ahnen, daß es sich hier in vielen Fällen um einen fabrik- mäßig«»gerichteten Betrieb handelt, in dem auch die Maschine soviel wie möglich verwendet wird und der darum an die Aufmerk- samkeit viel größere Anforderungen stellt als die primitive Haus- Wirtschaft. Nicht selten kommt es vor, daß man Mädchen, die eben von außerhalb gekommen, nach oberflächlicher Unterweisung an eine durch Dampf oder Elektrizität betriebene Waschmaschine stellt und die dann aus Unkenntnis oder Ucbermüdung hier zu Schaden kommen. Wohl ist das bisher in der Hauswirtschaft tätig gewesene Mädchen an eine unendliche Arbeitszeit gewöhnt; aber es ist dennoch ein gewaltiger Unterschied, ob man eine 14 bis löstündige Arbeitszeit in den Räumen einer Privat- Wohnung oder in den vom Tageslicht abgeschlossenen— da meist fim Keller gelegenen— künstlich beleuchteten und überhitzten Küchenräumen eines größeren Etablissements zu leisten hat. Und dann die Arbeit selbst, welch ein Unterschied! Tagelang in irgendeinem dunklen Winkel Fische oder Geflügel ausnehmen oder gerade nicht appetitlich duftendes Mldfleisch zu- bereiten und dabei fortwährend vom Küchenchef oder der Mamsell zu noch schnellerer Arbeit angetrieben zu werden, das nimmt einem den letzten Rest von Arbeitssreüdigkeit. Hat das Etablissement— je nach seiner Lage— keinen eigentlichen Nestaurationsbetrieb mit Mittagstisch usw., sondern wird es infolge kleiner gemütlicher Säle viel zu Hochzeitsgesellschaften, Kommersen u. dergl. benutzt, so beginnt für das Küchenpersonal die Arbeit etwa in der neunten Vormittagstunde und dauert für die Mehrzahl fast ohne jede Unterbrechung in der Regel bis zwölf Uhr nachts. Ein Teil jedoch, der die K a f f e e k ü ch e unter sich hat, muß bis in die frühen Morgenstunden aufbleiben und ar- beiten. Uebermüdet und schweißbedcckt begibt man sich in die Schlafräume: oft versteckte Winkel und Kammern, die als Lückenbüßer irgendwo zwischen den Saalbauten gelegen sind. Hier, umbraust von dem dumpf durch die Mauern dringenden Lärm, dürfen sie auf einige Stunden ausruhen— wenn sie es vermögen. Zur Einsegnung DT A T T � die grosse Mode zur Ein- segnung. Cheviot und Kammgarncheviotstoffe sind bevorzugt, weil diese am besten sich bewährt haben. 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Di« Avbeitszeit ist bei dieser schweren Arbeit viel zu lang, als daß sie ein Mädchen ohne gesundheitliche Schädigung ertragen könnte. Ist es nun schon an und für sich schwer, dem OrganisationS- gedankcn bei den Dienstboten Eingang zu verschaffen, so ist eine Agitation unter dem weiblichen Küchenpersonal der großen Eta blissements besonders erschwert, da sie ja völlig von der Außen weit abgeschlossen sind. Denn allzuoft müssen sie während der Hochsaison auf den ihnen zustehenden„freien Tag" verzichten. ?lus eigenem wird es wohl jenen armen Mädchen schwer gelingen. sich halbwegs menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu erringen. Aber vielleicht dehnen die L o ka l k o m m i ss i o n e n der Partei, wie auch die Vergnügungskommissionen aller Ar- beiterorganisationen ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die Lage der männlichen, sondern auch der weiblichen Angestellten aus. Viel wäre schon erreicht, wenn man jene Saalbcfitzer verpflichten könnte, ihre in Betriebe beschäftigten weiblichen Dienstboten dem Arbeitsnachweise des Verbandes der Hausangestellten, Michaelkirchplatz 1, zu bestimmten Arbeitsbedingungen zu ent- nehmen. Hus aller Kielt* prUgeirehnlucht. Der Geheime Kricgsgerichlsrat Dr. Romen, der einst als Staatsanwalt jeden Sozialdemokraten für fähig erklärt hat, im Parteiinteresse einen Meineid zu schwören, hat ein neues Feld für seinen Betätigungseifer gefunden. Er ist unter die Borkämpfer für die Wiedereinführung der Prügelstrafe gegangen. Im Scherlschen.Tag" stellt er den Grundsatz auf:.Wer sich wie eine Bestie benimmt, der muß wie eine Bestie behandelt werden" und sährt dann fort: .Und wenn von den Gegnern der Prügelstrafe angeführt wird, daß die kulturellen Voraussetzungen dieses Strafmittels ge fallen feien, daß die Wiedereinführung der Prügelstrafe eine Rüch kehr zu barbarischen Zuständen bedeute, so sind das schön klingende Worte, die manchen bestechen mögen. Aber gegenüber der Tat- fache, daß sich trotz der zunehmenden Kultur die Roheitsdelikte in erschreckender Weise mehren, ist ihnen doch eine durchschlagende Bedeutung nicht beizulegen." Ducllschießereien, die oft damit enden, daß der Schuldlose ge tötet wird, rechnet der Herr Geheime Kriegsgcrichtsrat natürlich nicht zu den Roheitsdelikten, die mit Prügeln geahndet werden müssen. Apachenwesen. Ein kühner Juwelenraub wurde gestern in der achten Abend- stunde in Boulogno sur Seine vollführt. Vor dem Laden des Juweliers Baudot in der Rue Escudir stiegen um diese Zeit zwei Radfahrer ab, die sich vor dem Schaufenster angelegentlich unterhielten. Plötzlich zertrümmerte einer der Räuber die Scheibe und beide rafften in aller Eile die ihnen erreich« baren Schmucksachen zusammen. Der zweite Räuber setzte hierauf eine im Schaufenster befindliche Portiere in Brand und beide ergriffen alsdann schleunigst die Flucht. Der Laden brannte voll- ständig aus und nur mit Mühe konnten all« Wertgegenstände ge- borgen werden. Von den Räubern fehlt bisher jede Spur. Bei AchöreS bei Pari» wurden gestern zwei alte Damen, die auS Elsaß-Lothringen stammenden Lehrerinnen Marie und Elise Kretzinger, am hellen Tage in ihrer Wohnung von Ein- blechern überfallen. Marie Kretz'inger wurde mit l e b e n s- gefährlichen Verletzungen am Knpfe bewußtlos und ihre Schwester t o t aufgefunden. Die Gendarmerie verhaftete drei Brüder Bsraucourl, welche des Verbrechens dringend verdächtig sind. Ter weifte Mob. Der R a s s e n h a ß hat am Donnerstag in B o st o n wieder einmal eine Orgie gefeiert. Ein Neger und eine Negerin wurden von der iveißen Bevölkerung gelyncht, weil sie in dem Verdacht standen, einen Mordversuch auf einen weißen Einwohner unter- nomnien zu haben. Beide wurden von der ausgeregten Menge entsetzlich zugerichtet und dann an einem Baum auf- geknüpft._ Kleine Notizen. Im Kampfe mit Eiubrechrrn. Als Freitag früh der Schutzmann Hecke in K l e i n- Z s ch o ch e r bei Leipzig den 2v Jahre alten H e ß l e r wegen Einbruchs festnehmen wollte, feuerte letzterer einen Revolverschnß ab, der den Beamten in die Brust traf und schwer verletzte. Schreckenstat eines Wahnsinnigen. Gestern früh versuchte der Hauer Wilhelm Reuter seine Frau durch Messerstiche zu töten. AIS die Frau noch Lebenszeichen von sich gab, erwürgte er sie. Nach der Tat erhängte sich der Mann selbst an der Zimmertür. Reuter hat die Tal in geistiger Umnachtung begangen.� Unglückliche Liebe. Ein IlljährigeS Mädchen verübte in F ü n f k i r ch e n2». von Otto Reichel, SO., Citenbahn- straSa 4, u. nicht» anderes dafür. Bester alter franzbranntweln allbcwäbrleS Hausmittel zur Haarpflege und Abreibungen stärkt Glieder und Nerven. Xslmus- prnnidrsnntve'n — erhöht wirkungSträstig— gegen anstcrc Tchinerzen. Schwäche u. Grtchwulft der Beine, engl. Krankheit re.» Orginaifüll. 50, 75 Pf,, M, 1,—, 1,50. Litcrstafche M, 2,50 und M, 3,—. nttn Rpiphpl 80-' Dseiifcehwtrile 4 UHU liclCUCl. ff-A IY 4761, 4752, 4753 ISjachtel-Köper Rouleaus 293 I SMeterKlelder- uarchent 95 pk. I Kopfkissen mit| I Sprucheinsatz i 95* 2 Kopfkissen 1 weis» oder bunt 95 pr. 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