N-.48. HbonnementS'Bcdinsunacn: SUjonncmcniS• Prei» Btämuncrartbo". BicttelläStl. S,30 OT., monott 1,10 Mb, wöchenUich Ä Pfg. frei in? Hau?, Einzelne Nummer S Pig, SonnlagS- nuimner mit illustrierter Senntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Peil. OTonnemenl: 1,10 Mar! vre Menat, Eingetragen in die Post- Zeitung?- Vmslist-, Unter Kreuzband slr Dcutichland nnd Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland g Marl pro Monat, Postabonncmen!? nebmen an: Belgien. DänMarf, Holland. Italien, lluxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Z9. Jahrg. vlchM ttgllch luütr montags- Vevlinev VolksblÄtk. Die TnfertMns'GebOitr belrllgt für die sechHespaltcne Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg., für Politiiche und gcwcrfichaftliche Bercins- und Berfanimlungs-Anzeigen»0 Pig, „Aleine Snreigen", das fettgedrucile Wori 20 Pfg,(zulässig 2 settgedruckte Wortch, jedes weitere Wort>0 Pfg. Stellengesuche und Tchlafltcllenan. zeigen das erste Wort lv Psg„ jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 12 Buch- fladcn zählen für zwei Worte. Jnierale iur die nächste Nummer � müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Ervedirion ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Sozlaldfinohrat Rcriln". Zentralorgan der fozialdcmokratifchen Partei Deutfd>land9. Redaktion: SRI. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Dienstag, den 37. Februar 1913. Expedition: SRI. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981. Sei' Hrbeitemrrat des Zentrums. 1. Aus Rheinland-Westfalen wird uns geschrieben: Nichts ist geeigneter, die Erbitterung der Bergarbeiter zu steigern, als die auch in der Antwort des Zechenbesitzerver- baiides voin 13. Februar d. I. auf die Lohneingabe der drei Bergarbeiterverbände wiederkehrende Behauptung, die Orga- nisation der Zechenbesitzer sei„in Lohnfragen nicht zuständig". Wenil sich die wirtschaftspolitischen Bereinigungen der Grubenherren: Bergbaulicher Verein, Kohlensyndikat und Zechenverband überhaupt nicht mit Lohnsragen beschäftigen, welche Unterlagen sind dann bei der Festsetzung der„Nicht- preise" des Syndikats maßgebend? Die Lohnquote ist der weitaus bedeutendste Teil der Produktionskosten, und da die Erhöhungen der„Richtpreise" stets vornehmlich mit„gestic- genen Arbeiterlöhneu" begründet wurden, so muß sich doch die Versammlung der syndizierten Werksvertreter auch mit der Lohnbemessung befassen, um die Lohnkosten festzustellen. Oder nicht? Geschieht das nicht, dann erfolgt die Preis- normierung rein willkürlich. Aber das bestreiten die Werks- besitzer ja ebenfalls. Liest man das„Jahrbuch" für den Oberbergamtsbezirk Dortmund durch, dann merkt man bald die lohnregulierende Tätigkeit des Bergbaulichen Vereins. Aus den im äußersten Süden wie im äußersten Norden des Kohlenbeckens gelegenen Schächten setzt um dieselbe Zeit die Lohn druck- schraube ein: im Westen, Osten und in der Mitte, über- all zeigt sich fast minutiös übereinstimmend dieselbe Lohnschwankung! Und die Oeffentlichkeit soll glauben, hier walte kein einheitlicher Wille? Die Erklärung des Zechcnverbandes, er sei„nicht zuständig in Lohnfragen", mag„juristisch einwandfrei" sein, aber jeder mit fünf ge- fundeu Sinnen begabte Mensch muß lachen, wenn ihm gesagt wird, es sei dem Bergbaulichen Verein, N?r seit über ein halbes Jahrhundert Lex anerkannte Repräsentant der rheiuiich-west- Mischen Grubenherren ist, nicht möglich, aus seine Mitglieder zwecks Lohnregulierung einzuwirken. Die Unternehmer- organisation schützt nur Inkompetenz vor, um aus ihreni Standpunkt:"Nichtanerkennung der Arbeiterorganisationen beharren zu können, ohne dies besonders betonen zu müssen! Es ist nämlich eine gewisse Wandlung in den Publi- kandums der Werksbesitzervereinigung eingetreten. Früher, so 1897 gegenüber der Lohneingabe des �entrumsgewerkvereins, erklärte sie schroff und ohne Umschweife: Wir erkennen nur die einzelnen Belegschaftsmitglieder als verhandlungsfähig an. 1995 ebenso, worauf der Generalstreik ausbrach. Später änderte sich der Ton der Zechenantworten, er wurde höflicher, und man„ließ sich sogar herab", der natürlich stets ab- lehnenden Antwort manchmal eine längere Begründung beb- zugeben, deren Tenor dann immer wieder lautete:„Wir sind in Lohnfragen nicht zuständig."� Man vermeidet es nun, ohne weiteres den Arbeiterorganisationen ihr Eristenzrecht zu bestreiten, um die öffentliche Meinung nicht noch mehr gegen die Zechenbesitzerpraxis aufzubringen. DieZentrumsgewerkvereinsführerhabenauchimmerwieder die zcchenseitige Anerkennung der Arbeitergewerkschaften als Garantie für die„Beruhigung der Industrie" bezeichnet. „Wenn sich die Zechenbesitzer zur Anerkennung der Arbeiter- organisation verstehen, dann wird sich diese auch als verHand- lungsfähiger Faktor erweisen," erklärte wer weiß wie oft die Gewerkvereins- und die ihr assistierende Zcntrnmsprcsse. Wer hindert die Berubigung der Industrie? Noch am 23. De- zember 1911 schrieb der.,Bergknappen"-Rcdakteur Jmbusch im„Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften": „Mit Gewalt wollen die Vertreter des Grubenkapitals <— persönliche Arbeitgeber gibt es hier kaum mehr— die aufstrebende Arbeiterschaft niederhalten und selbst deren be. rechtigte wirtschaftliche Forderungen nicht er- füllen. DaS muß immer wieder zu Kämpfen führen!" Derselbe Jmbusch schreibt dann im„Bergknappen" vom 17. Febrnar, die Bergleute sollten Vertrauen zu dem Wohl- wollen der Zechenbesitzer haben, und denunziert die drei anderen Bergarbeiterverbände der unverantwortlichen Hetzerei! Und die Macher des Zentrumsgewerkvereins halten geheime Konferenzen mit„Vertrauensleuten" ab, wo die längst dementierte„Ankündigung einer generellen Lohn- erhöhung" immer noch den Vorwand abgeben muß für eine Stimmungsmache im Sinne der„gesunden gelben Gedanken". Tausendmal sind die Mitglieder aus eine„energische Lohn- bewegung, wenn die Konjunktur günstig ist", vertröstet worden. Daß es in den Kreisen der Gewerkvereinsmitglieder wegen der unbefriedigenden Lohnverhältniste gärt, gesteht der im„Bergknappen" vom 19. Februar veröffentlichte Geschäfts- bericht für 1911 zu. wo es heißt: „Ungünstig wirkte auch auf unseren Abschluß ein, daß wir im letzten Herbst(!) außerordentlich vorsichtig und zurückhaltend in der Agitation sein mußten. Eine radikalere Agita. tion hätte bei dem tatsächlich vorhandenen Z ü n d st 0 f f und der von unverantwortlichen Radikalinskis be- triebenen Verhetzung sehr leicht im Herbst einen für die Bergleute und noch mehr sür die Arbeiter der anderen In- dustrien und die Allgemeinheit schädlichen Streik im Ge- folge haben können!" Als am 12. Oktober 1911 die erste Vorständekonferenz wegsu eiuek einzuleitenden Lohnbewegung stattfand, da ver- sicherten die drei Vertreter des Zentrumsgewerkvereins, ihres' Wissens sei in der Arbeiterschaft keine erregte Stimmung vorhanden! Jetzt bekundet der Geschäftsbericht des Zentrums- gewerkvereins das genaue Gegenteil. Mit den„unverant- wortlichen Radikalinskis" kann der„Bergknappe" nur seine Mitglieder meinen, denn niemand hat, ohne für die Konse- auenzen einzustehen, den Mund so voll überradikaler Worte ge- uommen wie gewisse Sekretäre des Zentrumsgewerkvereins. So erklärte der Sekretär Franz Hiiskes am 26. Juli 1998 in Rahrbach(Pfalz), es müsse ein Gewerkschaftsbeitrag von 3,59 M. monatlich erhoben werden, dann würde der GeWerk- verein bald ein großes Millionenvermögen besitzen: „Mit einem Kapital von 35 Millionen Mark kann aber die deutsche Industrie auf Jahre hinaus ruiniert werden! Es muß mit brutaler Offen- beit gesagt werden, daß wir des Bettelns und Bittens müde sind." Derselbe Hüskes, der in gleicher Rede die Befürchtung aussprach,� der alte Verband würde nicht so radikal vor- gehen(!),' hat 1911 im Ruhrgebiet gelbe Reden gegen die „roten Streikhetzer" gehalten. Der„Bergknappe" schmetterte am 4. Dezember 1999 gegen den Zwangsarbeitsnachweis, er solle die Bergarbeiter„in willenlose Hörigkeit" bringen, darum:„Auf zum Massenprotest auf der ganzen Linie! Nieder nrit der Volk und Vaterland ver- derbenden kapitalistischen Willkür!" Kann man radikaler„hetzen"? Und der Generalsekretär Johann Effert kündigte 1999 einen„Weltbrand" an, wenn die Unternehmer halsstarrig blieben. Effert sagte: „Allgemein herrscht unter den Bergleuten die Ucbcr- zeugung, daß der Kamps, der erbitterte Kampf um Sein oder Nichtsein kommen werde und kommen muß!" Es ist notwendig, diese Vorgänge heute zu unterstreichen, damit die Oeffentlichkeit die augenblickliche Haltung der Zeit- trumsgewerkvereinsleitung zu würd igen weiß. Jetzt ist der Zeitpunkt da, wo die außerordentlich günstige Konjunktur, die internationale Kohlenmarktlage und die nnzulänglicheu Löhnverhältnisse der Arbeiter ein gemeinsames Vorgehen aller auf die Bezeichnung gewerkschaftlich Anspruch erhebenden Bergarbeiterverbände gebieten, und noch nie zuvor lvar die Aussicht, ohne Erschütterung des Wirtschaftslebens die Zechen- besitzer zu Zugeständnissen zu veranlassen, größer wie äugen- blicklich! Gerade jetzt entwickeln die vordem so überradikal agierenden Zentrumsgewerkvereinssührer„gesunde gelbe Gedanken". Dabei weisen die Herren auch hin nach England. Ter „Bergknappe" bringt es fertig, zu schreiben, gerade„jetzt" hätten die deutschen mit den englischen Bergleuten keine ge- meinsamen Interessen:- „Wir Arbeiter im deutschen Bergbau haben mit unseren Arbeitgebern gemeinsam ein Interesse an einem möglichst großen Absatz und an ausreichend hohen Kohlenpreisen. Im gemeinsamen Interesse der Arbeitgeber und Arbeiter im deut- sckjen l�ergbau läge jetzt ein Streik im englischen Bergbau. Es wär dann möglich für uns, neue Absatzgebiete zu gewinnen und in Zukunft die bei uns geschaffenen Produktionsmöglichkeiten besser wie bisher auszunutzen." Vor kurzem noch klang das Lied entgegengesetzt. Da ope- rierten gerade die zentrumschristlichen Ueberradikalinskis vor ihren Leuten mit einem internationalen Kohlengräberstreik. Nach der„Rhein.-Westf. Ztg." vom 39. Januar 1999 hat aus- gerechnet Generalsekretär Effert zu einem ihrer Redakteure gesagt: „Ter Schlag(gegen die Zcchcnherren) soll so vollständig geführt werden, daß das gesamte Gewerbe und die ganze In- dustrie lahmgelegt werden. Mit den Arbeitcrvcrbänden der übrigen Länder sollen unterderhand Verhandlungen angc- knüpft werden, damit sie nicht allein mehr finanzielle Unter- stützungen gewähren, sondern auch gegebenenfalls die Ausfuhr von Kohlen nach Teutschland zu verhindern suchen." Also vor drei Jahren rechnete Effert bestimmt auf die Hilfe der Engländer, um einen lähmenden Schlag gegen die deutsche Industrie führen zu können. Jetzt sollen umgekehrt die Bergleute Deutschlands ihren englischen Kameraden ihren Kampf erschweren durch Forcierung der Kohlenaussuhr. Hat man jemals etwas Törichteres und Selbstmörderischeres von einem Gelbenführer erlebt? Wenn es den englischen Arbeiter� gelingt, ihre Minimallohnforderungen durchzusetzen, dann kann das doch nur günstig auf die kontinentalen Bergarbeiter- Verhältnisse einwirken. Um das augenblickliche Verhalten der Zentrumsgewerk- Vereinsleitung ganz würdigen zu können, muß man auch wissen, daß ihre Vertretung in der Dorständekonferenz am 12. Oktober 1911 gerade in dem Ausbruch des englischen Generalstreiks ein Moment erblickte, das auch die Einleitung einer Lohnbewegung im Ruhrbergbau begünstigen würde. Angesichts der frivolen Anschuldigungen gegen die drei anderen Verbände muß gesagt werden: Im Oktober war noch � starke Hoffnung auf eine friedliche Lösung der Lohnfrage im englischen Bergbau vorhanden. Die Vertreter des Zentrums-, gewerkvereins erklärten damals den anderen Vorsiändever- � tretern, in England würde man sich doch wieder einigen, da- durch würde die Lohnbewegung in Teutschland erschwert.' Sollte es aber wider Erwarten in England doch zum General- streik kommen, dann drete auch sür die— damals durch einen. Reichluß gegen sofortige Lohneingab« testgelegte— GeWerk- 1 Vereinsleitung eine andere Sachlage ein! Tie Gewerkvereins- Vertreter haben im Oktober 1911 den Ausbruch des englischen Generalstreiks in seinen Wirkungen auf eine Lohnbewegung der Bergleute Deutschlands genau so beurteilt wie die Ver- treter der drei anderen Verbände! Das war auch ent- scheidend für den einstimmigen Beschluß der damaligen Vor- ständekonferenz, die vom Hirsch-Dunckerschen Gewerkverein in Vorschlag gebrachte Lohneingabe zu vertagen— am besten bis nach der Reichstagswahl, dantit die Lohnbewegung keinerlei parteipolitisches Gepräge erhielte. Das letztere schlugen vor allem die Vertreter das„alten Verbandes" vor, um der gegen ihn— auch jetzt wieder— erhobenen Denunziation zu begegnen, die Lohnbewegung solle„Wasser auf die sozialdentokratischen Mühlen treiben". Und nun, wo der im Oktober von den Vertretern des Zentrumsgewerkvereins im Interesse einer für die deutschen Bergleute ersprießlichen Lohnbewegung sozusagen ersehnte englische Generalstreik unvermeidlich scheint, nun erklärt die Gewerkvereinsleitung, dieser Generalstreik müsse nicht für eine gemeinsam durch- geführte Lohnbewegung, sondern für eine Erhöhung der deutschen Kohlenausfuhr ausgenutzt werden! Darauf mache man sich einen Vers. ver«rite Schritt zur IParteiipaliung? Rom, den 23. Februar. Was seit langem unvermeidlich schien, ist eingetreten: die Parlamentsfraktion der italienischen Partei hat sich gespalten. Da» durch ist cinM durch daS Votum der Fraktion selbst am 8. Februar tatsächlich gewordene Sachlage in eine Rechtslage verwandelt wor- den. In Bologna beschloß die Fraktion, jedes ihrer Mitglieder nach eigenem Ermessen in der Kammer stimmen zu lassen: ihre tatsäch- liche Einheit hatte somit an diesem Tage aufgehört. Am Abend des 2.. Februar haben dann die Turatianer in Rom die Gründung einer eigenen sozialistischen Partei- f r a k t i 0 n beschlossen, die die Unterordnung unter die Parteitags- beschlösse zur Grundlage hat. Gleichzeitig hat die neue Fraktion den sofortigen Zusammentritt des Partcivorstandcs angerufen, dem eS obliegt, darüber zu entscheiden, ob die neue Fraktion als offizielle parlamentarische Vertretung der Partei anzusehen ist oder nicht. Der Parteivorstand wird am 27., 28. und 29. in Rom tagen. Es ist keine ganz leichte Aufgabe, die verworrenen inneren Parteiverhältnisse in Italien dem� Verständnis der auswärtigen Genossen nahe zu bringen. Vor allem ist zu betonen, daß die heutige Spaltung die Partei nicht etwa in zwei Gruppen teilt, deren eine von den Reformisten und die andere von den Jntransi- genten gebildet würde. Vielmehr geht die Spaltung durch das rc- formistische Lager selbst, indem sich die Turatianer oder Links- reformistcn gegen die Bissolatianer oder Rechtsreformisten wenden. Tie Jntransigcnten, die in der Kammer nur über zwei Mandate verfügen, aber in der Partei selbst mehr als ein Drittel der Ge- sanrtheit ausmachen, traten in der heutigen Situation auf die Seile der Turatianer. Will man dem heute zu seinem schroffsten Ausdruck gekomme- nen Zwiespalt bis in seine Anfänge nachgehen, so mutz man ziem- lich weit zurückgreifen. Man kann wohl sagen, daß er an dem Tage einsetzte, wo die organisierten Massen anfingen, den Glauben an den Ministerialismus und an die Bündnispolitik zu verlieren. Tie Entfremdung der Massen, die mit unverkennbarer Deutlichkeit wohl schon seit mehr als drei Jahren hervortritt, hat die erste Grundlage zur Scheidung der Reformisten in einen rechten und einen linken Flügel gelegt. Ein Teil der Reformisten zog aus dem Verhalten der Massen den Schluß, daß die reformistische Taktik, an der dieser Teil nach wie vor festhält, praktisch undurchführbar sei, solange der Arbeiterschaft das Verständnis für sie gebräche. Man ging auch weiter und gab zu. in dieser Taktik zu viel getan zu haben, wodurch die Angrisfskräfte des Proletariats gcschwäcbt und der Klassencharakter der Partei beeinträchtigt wurde. Au» dieseni Bestreben hervuS, sich den Massen wieder zu nähern, wen- dcten sich die Turatianer vor zwei Jahren in Mailand gegen die Bündnispolitik, hielten aber noch an dem Ministerialismus fest. Je mehr aber die Partciaktion durch die ministerialisttsche Taktik versumpfte, um so mehr suchten die Turatianer nach einem Mittel, um mit dem Ministerialismus zu brechen, ohne ihre reformistischen Voraussetzungen zu desavouieren. In dieser Situation crwjcZ sich die Tripolisaffäre als Retterin. Gleichsam instinktiv nahmen die LinkSresornnstcn das .Kolouialabenteuer als Anlaß, um sich mit größter Heftigkeit gegen das Kabinett zu wenden. Sie zeigten hierbei, daß sie in der Ein» schätziing der politischen Situation den Massen näher standen al» die Rechtsreformisten, die dafür die Logik und Konsequenz auf ihrer Seite hatten. Auch die Bissolatianer sind Gegner des Kolonialkrieges, obwohl sie ihre Gegnerschaft anders begründen als die übrige Partei; aber sie halten dafür, daß die Tripolisaffäre die Parla- mentsfraktion nicht abhalten dürfe, durch ihre Unterstützung von dem Ministerium alles zu erlangen, was irgend zu erlangen ist. Für sie ist das Kolonialabenteuer keine Weltwendc der bürger- lichen Politik, sondern— und darin haben sie völlig recht— nur eine ihrer normalen und allezeit potentiell gegebenen Aeußerungcn. Darum wollen sie nach wie vor zu Giolitti stehen, von dem sie das Versicherungsmonopol und die Wahlrechtserweiterung er- warten, ohne sich irgendwie daran zu kehren, daß diese ihre Haltung den Massen völlig unverständlich ist, sie entfremden und abstoßen muß und in ihnen die Auffassung aufkommen läßt, daß Bissolati und die Seinen gar nicht Gegner des Krieges seien. Auf diesem Stadium war der Konflikt zwischen d«:-Aechten untz her Sinken b'«Z Reformismus schzn auf dem Parteitag dem Modena angelangte Die Rcchtsreformisvm, die noch in Mailand nrit den Turatianern gestimmt hatten, Nmren in Modena nur eine kleine Minderheit un�Ionnten es nicht verhindern, dag dort eine Tages- orGnung durciHIiig, die jede..stistematische Unterstützung" des Kabinetts ausichlog. Auf der Interpretation dieses Beschlusses baut sich der heutige Konflikt auf. WaS ist svsteniatische Unter- stützungt Turati selbst hat itock in Modena gesagt, daß die ge» lcgenttiche Gewährung eines Vertrauensvotums nicht als systcma- tische Unterstützung aufzufassen sei. In der Folge hat aber die Fraktion durch ihr Votuni vom 8. Februar den Beschlust von Modena dahin gedeutet, dast dem Ministerium unter keinen Um- ständen ein Vertrauensvotum zu gewähren sei, auch dann nicht, wenn e» in Sachen des BcrsicherungsmonopolZ oder der Wahlrechts- crweiterung gefordert werden sollte. Gleichzeitig wurde damals die Autonomie der Gruppen innerhalb der Parlamentsfraktion an- erkannt. Was schließlich zum Bruch geführt hat, war weniger eine kon- krete Tatsache, als das Gefühl der Uncrträglichkeit und der inneren Sinnlosigkeit des formellen ZusmnmenschlusscS von Kräften, die nach einer entgegengesetzten Richtung streben. Am Morgen des 22. erklärten die RcchtSrcformisten, auf alle Fälle an der Ehrung für die gefallenen Soldaten teilzunehmen, indem sie sich in der Kammer von den Sitzen erhoben. Gleichzeitig wurde ein Beschlust gefaht, der der Minderheit zwr Pflicht machte, sich der Mehrheit zu beugen. Als dann bei der Abstimmung über die Ehrung die Linksreformisten mit 14 gegen 17 Stimmen in der Minderheit blieben, brachen sie selbst mit der von ihnen geforderten Disziplin und blieben der Eröffnungssitzung der Kammer fern. Am Abend desselben Tages beschlossen sie dann die Grün- dung einer neuen Fraktion. Die Bissolatianer sind am Abend des 28. zusammengetreten »nd haben in einer Tagesordnung hervorgehoben, dast die Spaltung von den Linksreformisten gerade in dem Moment proklamiert war- den wäre, in dem die Linksreformisten selbst sich der Disziplinlostg- feit schuldig machte». Tie Resolution bedauert den Ähriit um so mehr, als die Fraktion in dem Votum gegen die Tripolisassäre geschlosten vorgegangen ist. Schließlich erklären sich die Bissolaiia- ner bereit,, mit dem Parteivarstand über die Einheit und Disziplin der Frakiion zu diskutieren, betonen aber, dast sie auf alle Fälle für das Monopol und für die WahlrechtSeriveiterung stimmen würden, im Einklänge mir dem Beschluß des Parteitages von Modena. So betrachtet schrumpft der Konflikt zu einer AuSlcgungSfrage des ParteitagSbeschlufses zusammen. Im Grunde aber ist er trotz dieser chisteren Form etwas ganz anderes. In Biffolati und den Seine» bat der Reformismus feine letzten Konsequenzen gezogen. Ihm erscheint die sozialistische Partei als eine politische Partei unter vielen, die die Aufgabe hat, geschickt und biegsam proletarische Interessen zu vertreten, ohne sich darum zu kümmern, ob diese Vertretung im Einklang mit dem Klaisenbewusttsein des Prole- tariatS und mit seinen ideellen Bedürfnissen steht. Es ist die Politik des Patronais und der Fürsorge, die ihren Wog gebt und das Prole- tariat zurückläßt, in dessen Namen sie zu handeln wähnt. Die Linksreformisten auf der anderen Seite haben die Kluft ermessen. die sich bei konsequenter Durchführung ihres ReformOnius zwischen ihnen und den Massen auftun würde. Und sie halw» den Kontakt mit den Massen zu bewahren gesucht, auch unter Preisgabe ihrer Folgerichtigkeit. Dadurch hoben sie die Scheidewand zwischen re- formistischem Sozialismus und biirgerlicfcem Radikalismus auf. rechterhalten, die iniellskwelle Konsequenz und geringes prole- tarisches Empfinden bei de» Bissolatianer» niedergerissen haben. Wir glauben, daß die echte» Reformisten sich heute um Bissolati scharen und mit ihn« seit langem ans der Partei als einer idealen Einheit ausgeschieden sind. In der Partei bleiben jene Reformisten, die ihre theoretische» Voraussetzungen nicht zu Ende denkcn ivollen, sondern sich an die Massen kwlten, aus dencn sie Kraft und Glauben ziehen, und von denen sie die Richtschnur einer Klassentaktik empfangen, die schlicht und grostlinig, ohne diplomatische Geschick- lichkeit und schlaue Wendungen, auf scharfe Ausprägung de? Anta- gonismuS zwischen Bourgeoisie und Proletariat hindrängt. Die praktischen Folgen der durch die Gründung einer neuen ParlamcntSfraklion geschaffenen Lage sind bi» jetzt nickit deutlich aizzusehen. Das Orgaiüsationsjtatut unterstellt die Fraktion dem Parteivorstande nicht. ES wird diesem daher nicht leicht sein, eine Handhabe zum Eingreifen zu finden. Indem er einfach die neue Fraktion als die einzige berechiigte Vertretung der Partei im Parlament anerkennt, würde er einen kleinen Staatsstreich bc- gehen, der kaum zn rechtscrtigcn wäre. Die. herrliche Autonomie unserer Partei hat uns dahin gebracht, dast an allen Ecke» und Enden die zuständige Instanz fehlt. Der einzige Ausweg liegt viel- leickt in der Autonomie fetlqt. Jeder Abgeordnete leitet sein Mandat von den Parteiseklionen seines Wahlkreises her. Diese müsse» entscheiden, ob sie ihren Abgeordneten weiter als im Ein- klang mit den ParteitagSbeschlüffen stehend ansehen oder nicht. Immerhin kann man sicher sein, dast die Entscheidung der Sek- tionen, fall» der Partrivorstand diese anrufen sollte, nicht eindeutig ausfalle» wird. Einige wenig: Sektionen werden die rechts- reformistischen Abgeordneten weiter al» Bertreter betrachten, so dast wir zwei dissidente Parlamentssraktionen ali Emanation einer Partei in der Kammer haben könnten. Eine klare Recht?- läge kann nur ein neuer Parteitag schaffen/dessen austerordenetliche Einberufung durch die ganze Situation nahegelegt ist. Die Mai- länder Parteisektion hat sich bereits in diesem Sinne ausgesprochen. Die heutige Krise erschüttert die Partei und wird nicht allzu leicht zu ülierwinden sein. Trotzdem ist sie«lS eine Erlösung zu begrüsten. Der offene Zwiespalt wird Klarheit und Selbstbesinnung bringen. Wenn die Partei auch durch ihn ParlamentZmandate Einbüßen wirtz, so wird sie an innencr Festigkeit und Gesundheit Gewinnen. Lei' Krieg. Tos Annexionsdekret vor der Kammer. Rom. 84. Februar. Tie grosten Emvutungen. die das Publikum an die Diskusston über das Annexionsdekret geknüpft hatte sind durch die gejuige Sitzung nicht erfüllt worden. In IVi Stünden wurde alles abgewickelt, so dast der Hurrapatriotismus gar nicht Gelegenheit fand, seinen Vorrat an Begeisterung und an Eni« rüstnng an den Mann zu bringen. Was die sozialistischen Redner betrifft, so wurde ihnen trotz d«r obligatorischen Zwischenruf« der Entrüstung wesentlich gröstere Ausmerksamteir zuteil als de» bürgerlichen. E i c c o t t i.' der ja bekanntlich wilder Sozialist ist. legte mit groster Ruhe»nd Sach- lichkeit seine unbedingte Gegnerschaft gegen da? Kolonialabcnteuer dar. Er wie» auf den völkerrechtlichen Widerspruch hin, der darin liegt. Tripolis zn annektieren und gleichzeitig die Integrität des ottcunanischen Reiches zu gplvährleisten und betonte dann die ge- ringe Fähigkeit der Italiener zur.Kolonisation sowie die finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmen?. Anstatt Tripoli- tanie» zu einem Anhängsel Italiens zu machen, würde Italien waqncheinlich ein Anhängsel Tripolitanicns werden. Weiter wies «r aus den Kraftauswand hin. der dem Laude entzogen loürde, das fenternoth so dringend bedarf, und schloß mit der Erklärung, daß «G nicht angebracht sei. hier von der Shre dcS Landes zu sprechen� denn Ehr« und Ruhm eines Kulturlandes liegen nicht in den Knegstaten, sonder» in Frieden und Gesittung. Mit großer Aufmerksamkeit folgte dje Kammer der Rede Bis sola tis. Tiefe setzte mit der Erklärung ein, dast Redner im Auftrage der Minderheit der sozialistischen Parlamentssraktion spreche. Er und die Seinen mißbilligen den Krieg; trotzdem glaubt er nicht, daß es im Interesse dcS Prol-tariatS liege, sich durch offene Feindseligkeit in Antagonismus zum übrigen Teil der Nation zu setzen. Dann geht der Redner auf die verschiedenen Gründe über, durch die man das Unternehmen zu rechtfertigen sucht und sagt, daß von diesen nur ein einziger stichhaltig wäre, nämlich der, dast eine andere Nation ihre Hand aus Tripolitanien legen konnte. Diesem Ereignis hätte Italien auf keinen�Fall friedlich zusehen können.(Beifall bei den Ministeriellen.) Trotz- dem glaubt Redner, dast die Expedition nicht berechtigt war, weil allein der diplomatische Einfluß Italiens genügt hätte, um die Be- sctzung durch eine andere Macht zu verhindern. Bissolati wendete dann seine Kritik gegen das Annexionsdekret, das die Situation nur verschlimmert hätte. Man hätte geglaubt, die Türkei dadurch von der Nutzlosigkeit weiteren Widerstandes zu icherzcugen und hätte doch nichts andere? erzielt, als sie zu verzweifeltem Widerstand zu treiben, UebrigcnS wäre die Tragweite dcS Dekrets noch von der Kammer festzusetzen, und es müsse jedenfalls gewünscht werden, dast die italienische Souveränität mit der Anerkennung des Kalifen von Konstantinopel als religiösem Oberhaupt vereinbar wäre. lllnruhe; Widerspruch bei den Ministeriellen; der Klerikale Eameroni ruft dazwischen: Mohammedanischer Klerikaler! Unruhe.) Indem wir gegen das Dekret stimmen, fährt Bissolati fort, wollen wir unsere Verantwortlichkeit von der der Regierung und der der grosten Mehrheit der Kammer trennen, ohne jedoch unsere Pflicht nationaler Solidarität in diesem ernsten Augenblick zu ver- gesscn. Wenn das Unternehmen, wie wir glauben, ein Irrtum uwr, der Italien teuer zu stehen kommen wird, so müssen wir doch erkennen, daß dieser Irrtum von einer Bewegung getragen wurde, die, mit Ausnahm- des in der sozialistischen Partei organisierten Proletariats, die ganze Nation mit sich fortrist.(Anhaltender Beifall bei den Ministeriellen.) Trotzdem konnten wir unsere Ucvcrzeuguiig hier nicht verschweigen, aber wir wollen durch unsere Haltung nicht die schmierige Lage verschlechtern, in der sich das Vaterland befindet. Diejenigen, die in Konstcmtinopel auf unsere Opposition spekulieren, sollen wissen, dast wir unter keinen Um- stünden die höchsten Interessen Italiens aus dem Auge verlieren werden. tAnhaltendcr Beifall.), Mit weit größerer Feindseligkeit wurde Turati ans- genommen. Er erinnert an frühere imperialistische Träume, die in Adaua ihr klägliches Ende fanden(Große Unruhe) und spricht den Wunsch aus. daß diesmal nicht ein ähnliches Unglück, sondern der gesunde Menschenverstand das Land auf dem Wege der Wen- teuer anhalten möge. Da» Proletariat braucht eine Kolonial- Politik der Arbeit, nicht eine solche der Waffen. Italien kann sich nicht in solche Abenteuer stürzen, arm und elend, wie das Land ist. lWidcrspruck; Zwischenrufe; ininutcnlangcr Tumult; von den Tribünen wird„Es lebe Italien!" gerufen.) Turati fortfahrend: Tie Regierung hat unter dem Vorivand einer hijtori- scheii Fatalität jede Verantwortlichkeit abgelehnt. Ich glaube, dqsz Giolitti sich der Fatalität entziehe» konnte, indem er ging. Man wende nichl ein, daß Deutschland Tropolis besetzt heben würde. Das ist nicht loahr. Auf alle Fälle, ivas lag daran? Meinetwegen konnte die ganze Welt hingehen, wir Iiaben an die Barbarei zu denken, die wir im eigenen Lande haben.(Anhaltende Unruhe.) Außerstande, das Gebrüll der Mehrbeit iveiter zu übertöne», schließt dann Turati mit folgenden Worten: Ich habe hier nichts anderes zu tun. als ein Unternehmen zu verurteilen, das Euch und uns zusammen zugrunde richten wird. Ich bin gegen Euch, gegen die Mehrheit, gegen Eure Politik, jetzt und sür immer, um mich nicht von meiner �Vergaugenheit zu trennen und nicht von meiner Zukunft. Mit de» Reden der Opposition war da? Hauptinteresse des Tages erschöpft. Ein Republikaner machte noch vcrklauselt« Re- serven und F e r r i besiegelte seine endgültige Lossage von der Partei und dem Sozialismus, indem er für da» Annexionsdekret sprach, natürlich unter dem Bcifallsgcbrüll der Mehrheit. Ter Ministerpräsident, der vor der Abstimmung das Wort nahi». antwortete ku>A und sachlich den einzelnen Rednern. Hervorzuheben ist, dast er Bissolati in der Auffassung beistimmte, daß der Begriff der Souveränität durch die Kammer festgesetzt und begvenzt werden müßte. Bon den Kolonialkriegen sagte Giolitti, daß sie die einzige heute berechtigte Form des Kriege? dar- stelle», worauf ihm Genosse P ra m p o l i n i zurief: Ter Kolonial- krieg ist der ruchloseste von allen. Schliestlich stellte der Ministerpräsident in Abrede, dast von den anderen Mächten Pressionen ausgeübt worden seien, um Italien in seiner kriegerischen Aktion zu beschränken. Wenn die Aktion im Aegäischen Meere unterblieben ist, so waren dafür ausschließlich die Interessen Italiens, nicht �>ie Pression einer anderen Macht ausschlaggebend. schließlich wurde das Gesetz il>u 431 gegen 38 Stimmen bei einer Stimmcntdallnng. der des Republikaners C h i e sa, angenommen. Tagegen stimmten alle aiiwesendeii Sozialisten(Enrico Fern rechne ich nichr als solchen), drei Republikaner und zwei Liberale. Fürst Eaetaiii und der Abgeordnete Pinchia. Das Fest der Phrase ist vorbei: nun wollen wir abwarten, wie sich die Kriegsbegeisterung der Bourgeoisie zu den Kriegslasten stellen wird. Tos Bombardement von Beirut. Die italienische Flotte kann eine neue Großtat in ihr Heldenbuch verzeichnen. Den Bombardements der unbefestigten Küstenstädte Tnpolitanicns und der Cyrcnaika reiht sich jetzt die Beschießung des gleichfalls unbefestigten Beirut au der klciuasiatischen Küste würdig au. Bei dieser Aktion zweier moderner italienischer Kreuzer kann von Tapferkeit nur ge- sprocheu werden in bezug auf die Haltung des türkischen Kanonen- und Torpedobootes, die sich mutig den Granaten der italienischen schweren SchMgeschütze aussetzten. Geradezu barbarisch gehandelt hat aber der Kommandant der italienischen Schiffe, daß er seine Kanonen auch auf die friedliche und wehrlose Stadt richtete. In der inter- nationalen Presse finden daher die Italiener auch keine Verteidiger ihres brutalen Vorgehens, wenn auch die Eni- rüstung der bürgerlichen Blätter wie immer einen starken Stich ins Pharisäische hat. Die Kanonade auf Beirut kann aber auch ernste internattonale Folgen zeitigen, denn die Bevölkerung der Türkei, besonders in Kleinasien, kann durch solche sinnlose Schießereien gegen alle Fremden aufgereizt werden. Die Absendung von Kriegsschiffen durch die Groß- mächte in die kleinasiatischen Gewässer deutet darauf hin, daß man mit solchen Möglichkeiten rechnet. Jede weitere Aktton der italienischen Flotte, die die Dinge auf dem tripolitanischen Kriegsschauplatze nicht einen Fuß breit weiter bringt, kann aber die Lage auf dem Balkan und die internattonale Situation aufs gefährlichste komplizieren. Das Bombardement in italienischer Darstellung. Rom, 20. Februar.(Meldung der„Agenzia Slefani".) Von dem Admiral Faravelli, dem Kommandanten des italienischen Geschwaders, zu dem die Kriegsschiffe.Garibaldi" und.Fcrruccio" gebären, ist folgendes Telegramm hier ein- gelaufen: Bei Tagesanbruch überraschte ich hier im Hafen von Beirut das türkische Kanonenboot.Avn-Jllah" und ein türkische? Torpedoboot. Wir forderten sie zur Uebergabe auf und gewährten ihnen eine Frist bis'■> Uhr vormittags. Dies wurde dem Gouverneur und den Komularbehör den durch Bcrmittelung eine? an Bord gekommenen türkischen OisizierS mitgeteilt. Um L Uhr forderten wir die beiden türkischen Schiffe durch Signal abermals zur Uebergabe auf. Dg keine Antwort erfolgte, eröffneten wir das Feuer gegen das Kanonenboot, das dieses lebhast erwiderte. Um 9 Uhr 20 Minuten war das Kanonenboot zum Schweigen gebracht; an Bord brach Feuer aus. Ich liest unser Artilleriefeuer einstellen und fuhr mir dem„Garibaldi" allein zur Hafeneinfahrt, von wo ans das Torpedo- boot zerstört wurde. Das Geschwader entfernte sich darauf. Von einer Beschießung der Stadt Beirut selbst kann demnach nicht die Rede sein. Die Stadt Beirut doch beschossen! Konstantinopel, 25. Februar. Eine Depesche des Malis von Beirut vom heutigen Tage besagt, er habe festgestellt, dast während des gestrigen Bombardements fünf Kanonenkugeln die Banque Ottomane getroffen haben, drei eine deutsche Bank. die gegenüber liegt, fünf die Kai-Lage�aus-Gesellschaft, eine Kugel die Bank von Saloniki und eine Kugel daS Pastbureau. Eine Kugel traf ferner eine Privatbank im Innern der Stadt. Mehrere private Geschäftsläden wurden mehr oder weniger beschädigt. Einige Kugeln fielen in den städtischen Garten, andere trafen auch daS Zollamt und beschädigten die dort lagernden Waren. Während der gestrigen Erregung wurden bei einem Waffenhändler einige Waffen geraubt. Die Schuldigen werden gesucht. Die genaue Zahl der Getöteten und Verwundeten ist noch nicht festgestellt. 50 Mann des Kanonenbootes„Avn Jllah" werden vermißt. Ein Geschoß fiel i n das Libanondorf Djedide. welches 6 Kilometer vom Hafen entfernt liegt und explodierte, ohne Schaden anzurichten. Es heißt, dast die Italiener auch zwei Torpedos gegen die.Avn Jllah" abgeschossen haben. Konstantinopel, 25. Februar. Eine Konsulardepesche au? Beirut bestäligt, dast bis gestern abend kein Fremder getötet oder verwundet worden ist. Die Ausländer seien außer Gefahr. DaS Telegraphen- amt in Beirut wurde austerhalb des Bereiches der italienischen Gc- schütze eingerichtet. Die Leute rühmen sich noch! Rom, 26. Februar. Der M a r i n e in i n i st e r Tattolica teilte im Senat die bereits bekannten Depeschen über da« Vorgehen der Flotte gegen Beirut mit und erklärte, dieses Unternehmen fei nicht ohne Schwierigkeiten gewesen, besonders infolge der Raumbeschränkung im Hasen und der Möglichkeit, daß neutrale Schiffe und nahe am Meere liegende Häuier beschädigt würden; trotzdem sei da? Unter- nehmen mit Energie und Entschlossenheit, aber auch mit Mäßigung durchgesührt worden.(Beifall.) Er glaube das HauS auf da« glänzende(!) Vorgehen der beiden Schiffe hin- weisen und den Admiral, die Kommandanten, Offiziere und Mann- schaffen des„Garibaldi" und des„Ferruecio" r ü h m e n(!) zu müssen.(Langanhaltender Beifall.) Türkische Repressalien. Konstantinopel, 25. Februar. Der Ministerrat hat die Au«- Weisung der in den WilajerS A l e p p o, Beirut, Syrien ansässigen Italiener mit Ausnahme der Ordens- geistlichen beschlossen. Den Ausgewiesenen wird eine Frist von vierzehn Tagen gewährt, innerhalb deren sie daS Land verlassen müssen. In Beirut ist der Belagerungszustand erklärt worden. Konstantinopel, 25. Februar. Wie verlautet, geht der Beschluß des Ministerrats dahin, daß die Italiener aus allen Gegenden au-S« gewiesen werden, welche in der Folge von der italienisn en Flotte angegriffen werde» sollten. Einem Gerücht zufolge soll die Regierung beabsichtige», auch einige der wohlhabenden Klasse angehörige Italiener au» Konstantinopel auszuweisen. Finanzielle Forderungen der italienischen Regiernng. Rom, 25. Februar. Finanzmiinster TedeSco hat der Deputierten- lanimer einen Gesetzentwurf vorgelegt, durch den sür daS Kriegs- Ministerium ein außerordentlicher Kredit von 140 Millionen und für daS Marineministerium ein solcher von 30 Millionen Lire verlangt wird. Von den 140 Millionen sind 98 Millionen für die Kosten für da« E x p e d i t i o n S- k o r p S und die Reservemannschaften bi« einschließlich Februar und 42 Millionen für die Ersetzung der nach Libyen transponierte» Kriegsvorräte bestimmt. Die Vorlage sieht ferner einen Kredit von 35 Millionen vor. von denen 20 Millionen sür den weiteren Ersatz von Kriegsmaterial und 15 Millionen für den Truppen- unterhalt bestimmt sind. Die Gesamtausgabe von 205 Millionen wird gedeckt aus den Ueberschüssen der Budgets bis 1910/11 und der Rest durch den Ueberschnß de? Budget« 1911/12 und durch sechs gleichmäßige Kredite, welche auf die Finanzjahre 1912/13 bis 1917/18 verteilt werden. Endlich sieht die Borlage einen Kredit von 10000000 Lire vor für dringende Hafenarbeiten in Tripolis, Benghasi. Terna und HomS, ferner für den VerwaltungS-, Sanität«-. Telegraphen- und Telephondienst in Libyen, darunter für die Kabel SyracuS— Tripolis und SyracuS— Benghasi sowie daS Telephonnetz in Tripolis. Jtalienfeindliche Borgänge in Tunis. Tunis, 28. Februar. Im Lauf« eine« Streite« mit Eingeborenen ist ein Italiener getötet worden. Darauf fand eine Kundgebung vor dem italienischen Kon- s u l a t statt. Patrouillen durchziehen die Straßen. pollNfcke Gcberlicbt. Berlin, den 26. Februar 1912. Sozialpolitik und Treiklasscnparlament. Das Abgeordnete, lhaus begann am Montag die zweite Lesung des Äats der Handels- und G c w e r b e v e r> w a l t u» g- Tie Generaldebatte über diesen Etat zeigt, wie wenig in sozialpolitischer Hinsicht vom Dreiklassenparlament zu envarten ist. Anstatt auf die Regierung einen Druck auszuüben und sie endlich zur Erfüllung ihrer sozialpolittscheu Aufgaben anzutreiben, entblödeten sich die Vertreter der Mchrheitsparteien nicht, die Beseittgung dcS geringen Arbeiter schutzeS, den»vir in Preußen haben, zu fordern und die Re- gicnlng gegen die organisierten Arbeiter scharf zu machen. Als erster marschierte der konservative Renommicrhandwerker Herr Hammer auf, der seiner Gcivohnheit cntsprechena über alle Tinge sprach, von dencn er nichts versteht, die Teuerung ableugnete, gegen Baukontrolleure aus der Arbeite: schaff zu Felde zog. die Schönebcrgcr Stadtverwattung rüffelte. well sie einen Sozialdemokraten mit der Leitung des Arbeite- Nachweises betraut hat. dem Berliner Polizeipräsidenten einen scharfen Tadel aussprach, weil er auf seine— Herrn Hammers— Vorstellungen hin seine Verfügung über die Herabsetzung der Zahl der AuSnahnietage beim Achtuhrladen- fchlnst nicht zurückgenommen hat, um dann zum Schluß eine» stärkeren Schutz der Arbeitswilligen zu fordern. In ähnlichem Sinne sprach der Vertreter des Zentrums. Abg. Dr. Gruncnberg, der sich außerdem noch über die Kon- kurrcnz der Warenbäuser gegen die Kleinbetriebe ansließ. Nachdem so die Wortführer einer Dreiviertelinehrheit des Landtags— allerdings nur einer Minderheit des preußischen. Volkes— ihre reaktionären Sprüchlein hergesagt hatte». äußerte sich der Abg. Rosenow(Vp.) in einem etwas sozialeren Sinne, indcnl er sich sür die Heranziehung vo» Arbeitern zur Äaukontrolle und. sür weibliche Zabrikinspektoren aussprach. Aber schon der nächste Rednev. Abg. Z ch r ö d e r(natl.), machte jede Hoffnung, als ob von diesem Parlament etwas Per- nünftigcs zu erwarten sei, wieder zuschanden. Wie Herr Hammer, so erblickt auch er in der Anstellung von Ar- beitern alL Paukontrollcure eine große Gefahr, eine Gefahr, die höchstens noch iibertroffen werden könnte durch eine staat- lichc Arbeitslosenversichenmg, an die die preußische Regierung zwar nicht denkt, die aber der nationallibcrale„Sozial- volitiker" im Keinie ersticken möchte. Nachdem noch Herr Rachardt(ff.) die bekannten Wünsche der JnnungSmeister vorgetragen und sich über den Bauschwindcl in Berlin ver- breitet hatte, wurde die Debatte nach einer belanglosen Er- widcrung deS Ministers auf Dienstag vertagt. Als erster Sprecher kommt Genosse Ströbel zn Wort. Ter kommende Umfall. Am Sonntag hielt Herr B a s s e r m a n n in Saarbrücken in einer Pertraucnsmänncrversammlnng des nationalliberalen Wahlvercins eine Rede über die Stellung der nationallibcralen Partei. Wer etwa irgend eine Aufkläruiig über das künftige Verhalten der Partei erwartet hätte, wurde gründlich cnt- täuscht worden sein. Dazu ist ja Herr Bassermann auch gar nicht mehr in der Lage, da müßte man Herrn S ch i s f c r hören. Herr Bassermann sprach Nur einige Entschuldi- g u n g e n aus über den Anfall von Mut, den einzelne National- liberale, zu denen Herr Bassermann natürlich nicht gehörte,-bei der Wahl Bebels zum Reichstagspräsidcnton gehabt haben. Für Bebel zu stimmen sei ein Fehler gewesen. Ein Be- schluß der Fraktion habe nicht vorgelegen und höchstens 13 nationallibcrale Abgeordnete hätten sich der furchtbaren Tat schuldig gemacht. Aber auch die Wahl S ch e i d e m a n n s scheint Herr Bassermann jetzt zw bedauern. Die' Mitglieder der nationalliberalen Fraktion,, meinte er reuevoll, hätten nicht gewußt, daß Schcidcmann-je Böses über die Hohenzollern geäußert hätte. In der Diskussion erklärte der Oberscharfmacher Landtagsabgeordneter Dr. R ö ch l i n g sich von den Erklärungen Bassermanns nicht befriedigt. Die Nationalliberalen hätten lieber mit Konservativen und Zentrum das Präsidium bilden sollen. Dagegen war dcni Landtagsabgcordneten Dr. Maurer die Angst vor einem Präsidium mit Sozialdemokratie und Fort- schrittlern weniger verständlich. Zum Schluß erteilte natürlich die Versammlung Herrn Bassermann ein Vertrauensvotum. Politische Bedeutung kommt dieser Versammlung kaum zu. Herr Basscrmann hat ja vor Herrn Schiffer kapituliert. Er wird baS Diktat der Konservativen und Klerikalen erfüllen und bei der Präsidentenwahl seine Partei gegen die Sozial- deinokratie stimmen lasten. Herr Schiffer bereitet den An- schluß nach rechts vor, Herr Basscrman» darf ihn vollziehen. denn er ist ja der„Führer" dieser Partei, gegen die ein schwankendes Röhr immerhin noch ein Kocbcr de bronce ist. Tie Jungliberalen und die Präsidentenwahl. Karlsruhe, 26. Februar. Der Borstand deS Landesverbandes dcr junglibcralen Bereine Badens war heule in Karls« ruhe versammelt und hat nach eingehenden Beratungen folgende Sntschliebüug gefaßt: „Mit Besorgnis verfolgen wir die Haltung unserer national- liberalen„Rcich-MagSsräkuon. iu■ der Frage der P r ä s i. d i u m s- -w a hl. Ihre Envchließung bei der endgültigen Wahl der Präjidcntcil wird von cnlsche'idrndem Einfluß auf dieEmwickelung der Partei und der politischen Berhältnisic in» Reiche und in den einzelnen BundeSstaatcit sein. Air erwarten, daß unsere ReichStagSfraktion enstprechend der Frontstellung der Partei im Wahlkamps weder an der Bildung deS Präsidium« der Rechten mitwirkt noch als einzige Vertreterin der Linken in das Präsidium eintritt." Bornssischc Blamage. Ein in Heidelberg erscheinendes ZentrumSblatt, der „Psälzer. Bote", berichtet, daß Wirklicher Geheimer Rat Proieffor Dr. E z e r n q, Generalarzt mit dem Range als Genera linajor, auf sein Ersuche» aus dem Verhältuis ä la miitc des Sanirätskorps ailSgesch jeden sei. DaS klerikale Blättchen bemerkt dazu: „Herr Czerny hat also ausgchört, Generalarzt k la suite zu sein. DaS kommt davon, wenn man de« Kaisers Rock trägt und e« mit dieser Ehre vereinbar hält, für die Unterstützung der Sozialdemo- k r a t i e Propaganda zu machen. Hoffentlich lassen sich die übrigen badisckien Sozenschwärmer den Fall Ezerny zur Warnung dienen." C z e r n p ist einer der bedeutendsten lebenden Chirurgen. Vor der Wahl hat er, der sonst politisch wenig hervorgetreten ist. einen Artikel veröffentlicht, in dem er zum Kamps gegen den schwarzblauen Block aufgefordert und ein Zusammengehen der Liberalen mit der Sozialdemokratie bei der Stichwahl gefordert hat. Das macht ihn in den Augen des preußischen Militarismus zur Ausübung ärztlicher Tätigkeit in der Armee natürlich unfähig. Wenn jene Äerzte, die dem Militärvcrband angehören, ctwns auf aufrechte Gesinnung und Menschenwürde hielten, so müßte ein M a s s c n a u s t r i t t die Antwort auf diese Maßregelung sein, der Moloch rasch znr Räson bringen würde. Aber Moloch weiß genau, was er sich erlauben darf. Schwarze Beleidiger. Herr G r o n o w s k i stellte am Freitag im Abgeordneten- hause das selbst vom Jusffzminister zurückgewiesene Ansinnen an die Regierung, die Staatsanwälte generell anzuweisen, bei jeder Beleidigung elneS„Christen" schleunigst im„öffent- lichen Interesse" Anklage gegen die roten Ehrenkränkcr zu er- heben. Daß die Schwarzen im Verleumden und Bc- leidigen selbst ihren Mann stellen, das bestritt dieser wahrheits- liebende Zögling der München-Gladbacher Drcssuranstalt. Hier ernige kleine Pröbchen ch r i st l i ch e r Nachreden: 1. Die schwarze„Allgäuer Zeitung" hatte dem Zimmermann Hindelang vorgeworfen, daß er als Vor- sitzender der Kemptener Zahlstelle des Zimmercrverbandes wegen dunkler Manipulationen„gegangen worden" sei. Vor Gericht(am 18. Oktober 19U) gc- stellt, wagte der Redakteur nicht einnial einen Persuch, seine Behauptungen zn stützen. Er nahm die Beleidigung mit Bedauern zurud, zahlte sämtliche Kosten und noch 30 M. an den Jugendfiirsorgeverband in Kempten. 2. Glimpflich kam vor dem Miinsterschen Gericht am 23. Oktober auch weg der ch r i st l i ch e B c z i r k s l e i't e r Sparenberg wegen Beleidigung des sreiorganisierten Textilarbeiters M a t h i e S aus Gronau i. W. Sparenberg ' hatte dem M. in einer Versammlung vorgeworfen, daß er Mein und- Dein nicht unterscheiden könne und deshalb in Hannover entlasten worden seil Mit„großer Ruhe" sah der Christ der Lerlnrndlung entgegen, bis diese kam. Tann erklärte er, d o ß e r mit„M ein und Dein" die..christliche West an schauung"„nd das«Erfurter Programm" gemeint habe! Dieser wunderbaren Ausrede folgte das Gericht nicht und I verurteilte Sparenberg zunächst zu 30 M. Geldstrafe. Im Berufungstermin kam es zu einem Vergleich, indem Sp. s e i n e B e l c i d i g u n g zurücknahm. 3. Zwei Mitglieder des ch r ist l i ch e n G e w e r k v e r- einsderBergarbeiter wurden vom Schöffengericht in Bochum im Monat Dezember 1911 je zu einer Woche Gesängni s verurteilt, weil sie einen zum Bergarbeiter- verbände übergetretenen christlichen Bergarbeiter nicht nur beleidigten, sondern auch noch zu Boden schlugen. 4. Der Redakteur der fromme»„Arzberger Zeitung" wurde im Dezember wegen Beleidigung.des Re- daktenrs und Verlegers der sozialdemokratischen Parteiblätter in Bayreuth zu 40 M. Geldstrafe verurteilt. 3. Im gleichen Monat erhielt der Herausgeber des Blattes„Für Wahrheit und Recht" wegen Bcleidi- gung der Sozialdemokraten Quint und Ouarck von der Frank- furter Strafkammer 150 M. Geldstrafe aufgebraunt. Er hatte behauptet, daß ein bekannter sozialdemokratischer Partei- führer einem jüdischen Mädchen ein Kind aufgehängt habe. Vor Gericht stellte es sich heraus, daß der Mädchenverführer, ein Vertrauensmann der Z e n t r u m s p a r t e i in Höchst am Main war!!! .- 6.» 300 M. Geldstrafe erhielt im-Dezember der Zentrumsabgeordnete Dr. Pfeiffer, weil er seinem Gegenkandidaten Aeußerungen in den Mund gelegt, die dieser gar nicht getan hatte. 7. Der dem„Christlichen Zcntralblatt" sehr nahestehende Redakteur der„Porzer Zeitung", Herr Vre ddemann, wurde vor mehreren Wochen wegen Beleidigung cineS Bürgermeisters zn 200 M. Geldstrafe verurteilt.- 8. Der Zentrumsagitator Hans Wilden aus Köln erhielt wegen Beleidigung des liberalen Reichstags- kandidaten Rechtsanwalts Wasserineier 300 M. Geldstrafe. 9. Am 16. Januar d. I. holten sich der„Volksfreund"- Redakteur Kloft in Essen und der Bezirksleiter Schulz vom christlichen M a l e r v e r b a n d e wegen Beleidigung de? Bezirksleiters Otto Buchelt-Köln 30 resp. 5V M. Geldstrafe. Also gleich zwei Zentrumschristen ans einmal. 10. Wegen Beleidigung eines katholischen Priesters, des Schriftstellers Dr. Jos. Müller, wurde im Januar vcmr Schöffengericht in Nürnberg der Chefredakteur des„Bayerischen Courier s",.Jos. Osterhüber, zn 73 Di. Geldstrafe verurteilt. 11. Ter Redakteur der„Christlichen Metall- arbeite rzeitun g". Herr Krause, hatte in semer Zeitung die schon wiederholt gerichtsseitrg als unwahr bezeichnete Be- hauptnng aufgestellt, daß mit Wissen und Willen des Genoffen Sachse, des Vorsitzenden des Bergarbeiterverbandes, jenes vielfach besprochene 30 060-M.-Flugblatt gegen Herrn Brust herausgegeben worden sei. Vor Gericht zitiert, konnte Herr- Krause natürlich nichts, auch rein gar nichts als Beweis anführen. Ter VerlWMder wurde vom Amtsgericht Duisburg zu 100 M. Geldstrafe ,und den Kosten verurteilt. 12. Der christliche Agitator Neudorf wurde vom Schöffengericht in Bottrop wegen Beleidigung eines Mitgliedes des Bergarbeiterverbandes zum 9. Februar ge- laden. Ah5 yr stzlye Beleidigungen beweisen sollte, stand er mit leeren Händen da. Nachdem er die Beleidigung z nr u cka e uo mm e n, und die Kosten auf sich nahm, ließ ihn der MrbäiiLlbr lckvfeff. 13. Ebenso glimpstich kam der Redakteur Rürup vom „Bergknappen" davon, der einem Atisschußmitglied, einem Verbändler. allerhand Dinge vorgeworfen hatte. Vor Gericht wurde ihn, bedeutet, seine Angriffe gegen den Aus- schllß der Zeche„Westende", dem der Verbändler angehört, zu unterlassen. Rürup muß die Kosten des Verfahrens tragen und den ttrteilstcnor im„Bergknappen" veröffentlichen. Diese- Ausstellung von Verurteilungen von Zentrums- christcn mag für heute genügen. Brandenburgischer Provinziallandtag. Der 38. Brandenburgische Provinziallandtag, da« Parlament der Provinz Brandenburg einschließlich Groß-BerlinS, wurde am Sonntagmittag vom Staatskommissar. dem Oberpräsidenten v. Conrad, im LandeShauS in Berlin eröffnet. Die Anzahl der Ahgeordneten beträgt diesmal 146. Zum ersten Male sind auch drei Sozialdemokraten in diesem Landtage eingezogen und zwar die Genoffen Dr. Borchardt- Charlottenburg, G r o g e r- Neu-- kölln und Molkenbuhr- Schöneberg. Aus der Eröffnungsrede des Oberpräsidenten ist folgendes hervorzuheben: Das Branden- burgische Pfandbriefamt für HauSgrnudstücke hat die ministerielle Genehmigung gefunden. Dem Landtage werde eine Vorlage über die Verschmelzung der Gemeinden Lichtenberg und Box- Hägen- RummclSburg. sowie eine Vorlage über den Ausbau der Entschädigungspflicht bei Viehseuchen zugehen. Der HauöbaltS- etat bedinge die Erhöhung der Steuer von IL'/, auf 14 Prozent. Im Etat werde auch eins öffentliche LebenLversicherungSanstalt der Provinz verlangt und dafür ein Stamnikapital von einer Million ausgesetzt. Ein erfreulicher Schritt auf dem Gebiete der Berstaat- lichung de« Versicherungswesens! Zum Vorsitzenden des Landtages wurde Graf v. Arnim-Aoitzcnburg gewählt. Zcntrumsrepublikaner. Als bei Begründung der sozialdemokratischen Jnterpella- t i o n über eine» neuerlichen, gegen die außerdienstliche politische Betätigung der Tisenbahnbeamten und-Arbeiter gerichteten UkaS der Generaldireltion der Rcichöeisen bahnen in Elsaß-Lothringen unser Genösse E m m e l als Abgeordneter der Zweiten elsaß-lothringischen Kammer darlegte, daß es das gute Recht jedeS Staatsbürger» sei, auch für die Um- Wandlung der Lerfasiung de? Deutschen Reiches in eine r e p u b I i- k a n i s ch e zu agitieren, und daß wohl jedenfalls der Abgeordnete A e t t e r l ö. der gerade einen Zwischenruf gemacht hatte, nicht» dagegen haben werde, näherte sich dieser elsässische Zentrums- abgeordnete dem Platze de» sozialdemokratischen Redner« und rief: .Rein, im Gegenteil, ich mache sogar mit!" Eine gewisse praktische Betätigung in diesem Sinne erfolgt von Zentrmn«- feite jetzt, wie schon berichtet, in der Budgetkom- Mission der Zweiten Kammer des elsaß-lothringischen Landtage«. Den Dispositionsfonds de« kaiserlichen Statthalter« half die Zentrumsfraktion in der FreitagSfitzung der Kommission, wo diese 130 000 M. zur Beratung standen, ent- gegen der Drohung in dem Colmarer Zentrum«blatte zwar be- willigen— die Annahme erfolgte gegen vier sozial- demokratische Stimmen mit v Stimmen, wonmter etwa die Hälfte der anwesenden Zentrumsabgeordneten, während die anderen sich enthielten—. ober dafür strich da« Zentrum an demselben Tage nnt den sozialdeniokratische» Abgeordneten tapfer einen kaiserlichen Gnaden fand« in diesem Budget in Höhe von 100000 M., der den Titel führte„Gnaden Pensionen und Gnaden- bewilligungen'«rkler Art". Die RezierunzSvertrctcr er» klärten bor der Abstimmung auf Anfrage, daß der Tiiel einzig unter-der Kontrolle de» kaiserlichen Zivil» kabinetts verwaltet werde: einer parlamentarischen Kontrolle könnten diese Ausgaben nicht unterworfen werden, deren Verwendung sei LertrauenSsache, es sei quostion do delicatassc, Frage deS Taktes, wie man dem Staatsoberhaupt gegenübersteht, um was e« sich hier handelt, und nur ein republikanisches Parlament könnte ein eigenes Kontrollrecht gegenüber einem solchen Fonds ver- langen: kurz, die Regierung müsse es vom monardiischen Stand« punkte aus prinzipiell ablehnen, das Parlament hier dreinreden zu lassen. Tie Zentrumsredner, mit Herrn Wetterls an der Spitze, erklärten nach dem bekannten Schema, der Wunsch nach der parlamentarischen Kontrolle-solle„kein Mißtrauensvotum gegenüber dem Kaiser" sein, aber sie lehnten die 100 000 M„ als die Regierung bei der Weigerung beharrte, mann- hast ob.- In der Kommission von 20 Mitgliedern fanden sich nur drei liberale Stimmen für den Kredit. Diesem Streben treu bleibend,.wurde später bei den Re« präsentationSko st endcskai serliche»Statthalters. 200 000 M., die Hälfte des Titels, 100 000 M.. nach einem Zentrum»« antrage als„künftig wegfallend" bezeichnet. Die Dreiviertel» nrehrheit für diesen zarten Wink stellten Zentrum, Sozialdemokratie und Block der Lothringer. Und schließlich nahm die Kommission mit allen gegen nur zwei liberale Stimmen— ein Liberal-Demokrat stimmte mit der Mehrheit— einen sozialdemokratischen Antrag auf Streichung eines Ausgabetitels von 44 000 Mark an, der da lautet:„Geheime Ausgaben iin Jnter« es.se der Polizei". Abgeordnete der Sozialdemokratie wie Zentriimler lieferten hierzu Beispiele des im Lande seit der Annexion eingerichteten und aus diesem Titel gespeisten politischen tleberwachungS» und Spitzeldien st es. Die Regieruug erklärte gegenüber dem hier erneuerten Verlangen nach parla« mentarischcr Kontrolle der Ausgaben trocken:„Kontrolle können wir hier am wenigsten brauchen". Das kann man ihr nachfühlen! Im übrigen, wie ist'S? Kann bei der W i e d e r h o l u n g der Präsidentenwahl im Reichstage nicht einer der elsäisischen Zentrums republikaner den von Herrn Spahn verlassenen Posten einnehmen?... Vielleicht würde die Frage der Verständigung in Sachen deS Kaiserhochs auf eine bessere Grundlage gestellt. Wir schlagen zum Nachfolger der Herren Spahn und Kaempf für den Posten des ersten Präsidenten den Abgeordneten Wetterls vor. Die Ostelbier und die Nationalliberalen, denen die Stimmen der elsäsfischen ZentrumSdsputsS zur Eröffnung der neuen parlamentarischen Blockära so willkommen sind, werden in dieser patriotischen Lösung im entscheidenden Augenblick gewiß den nötigen nationalen Trost finden. Wie nnsere Gegner für uns arbeite«. AuS dem Kriegervcrein Hohcnlohehütte wurden wegen Beteiligung an der Stichwahl zwischen Sozialdemokraten und Polen 93 Mitglieder ausgeschlossen. 24 dieser ausgeschlossenen Kriegervereinler sind jetzt einmütig dem sozialdemokratischen Wahlvcrcin beigetreten. Nur weiter so! Besser aber ist's, die Arbeiter meiden die Krieger- vereine von vornherein, die ja nur gegen die Interessen der Arbeiter wirken._ Ein preußischer Schulpalast. Die ltzchuke in-Hohenfried eberg ist in einem so erbärmlichen Z u st a n d. daß s e l b st der Regierungspräsident von Liegnitz sie als die schlechteste im ganzen Regierungs» d e z rr l ch eze i ch n e tc und den zur Unterhaltung der Schule Ver- pflichteten aufgab, den Neubau der Schule unverzüglich in die Wege zu leiten. Trotzdem verweigerten die Bau- Pflichtigen, nämlich der evangelische Schulverband, das evangelische Kirchspiel und die evangelische Kirchengemeinde zu Hohenfriedeberg, die Kosten für den Schulhausneubau aufzubringen. Die einen er« kennen keine Verpflichtung an, die anderen haben kein Geld und der Gesamtschulverband bestreitet sogar die Notwendigkeit de« Neubaues. Die Schule muß aber dennoch m einem sehr erbärmlichen Zustande sein, denn der Bezirksausschuß wie« die Klage der Beteiligten auf Aushebung der Verfügung des RegierungS« Präsidenten ab, weil außer technischen auck gesundheit- liche Gründe den Neubau der Schule durchaus rechtfettigen. Kulturaufgaben leiden in Preußen bekanntlich nicht. Konservative Wünsche. Der konservative Landtagsabgeordnete Dr. Böhme rückte am Montag in der Gesetzgebungsdeputation de« sächsischen Landtags mit seinen Vorschlägen zur Vernichtung des Koalitionsrechts der Arbeiter heraus. Er formulierte folgende Anträge: 1. a) Zum Schutze der Arbeitswilligen verlangt er gesetzliche Maß» nahmen gegen das Streikpo st en stehen;/ d) gegen die Störung des Friedens der Bevölkerung; c) gegen die Sabotage. 2. Stellung de« Boykotts unter Strafe. 2. Gesetzliche Bestimmungen, nach denen die Gewerkschafts- lassen sür Schäden, die einzelne Mitglieder anttchten, hasten. 4. Außerkraftsetzung de? 8 152 der Gewerbeordnung für Staats- arbeiter und Arbeiter in solchen Betrieben, deren Aufrecht« erhaltung für da» Gemeinwohl notwendig ist sVerkehr usw.). Die Regierung soll zunächst darüber gehött werden und dann wird wahrscheinlich die Weiterbcratung erfolgen. Man muß eS dem Dr. Böhme lassen: er geht auf« Ganze! Sem Vorschlag verlangt nicht« mehr und nichts weniger als die Be- feitigung des KoalitionsrcchtS überhaupt. Selbstverständlich können diese seine Herzenswünsche nicht im sächsischen Landtage durchgesetzt werden; der Landtag kann vielmehr nur das Ersuchen an die Staate» regierung richten, in diesem Sinne im Bundesrat tätig sein zu wollen. E-Z scheint aber doch fraglich, ob sich im sächsischen Landtage eine Mehrheit finden wird, die einen derattigcn Wahnwitz unterstützt. Immerhin aber ist eü schließlich ganz angenehm, zu wissen, worauf die Scharfmacher letzten Endes zusteuern. Die sächsische Arbeiterschaft wird ganz bestimmt nicht verfehlen, dem Dr. Böhme die Antwort zu geben, die ihm gebührt._ Oefterpeicb-Cliigani. Bilinokis Programm. Bei der Vorstellung der Beamten des gemeinsamen Finanzministeriums sagte der neue Minister Dr. v. B i- l i n S t' i unter anderem: Die Beamten seien nicht dazu da, dem Minister zu gehorchen, sondern, ihn zu berate n. Er betonte dann die volle Parität beider Staaten und sagte über das- Verhältnis zu Bosnien und der Herze« g o w i n a, die ja diesem Ministettum unterstellt sind: Eine bureaukrattsche Verwaltung sei namentlich den Südsiawcn gegenüber ganz und gar nicht angebracht. In dem Beamten müsse der kleine Mann einen Freund erblicken, solle er mit der Verwaltung gut auskommen. Der Minister erklärte dann noch, daß er noch ordentlich serbokroatisch lernen wolle, um sich mit der Bevölkerung verständigen zn können. Was iverdcn da die preußischen Beamten dazu sagen die über die Polen gesetzt sind, um sie... von der Staats- feinölichkeit abzubringen!... GewerfercbaftUcbea. Der Hufmarfcb der Bergarbeiter. Am Sonntag, den 25. Februar, nahmen in 19 großen Versammlungen die Bergarbeiter des Ruhrgebiets Stellung zu den an die Bergbesitzer eingereichten Forderungen. Tie Versammlungen waren gut besucht, zum Teil überfüllt. Tie größte Versammlung tagte in dem für die Bergarbeiter historischen �aal in Noch u m, im„Schützenhos". Mehr als -IlXM) Bergarbeiter drängten sich hier und lauschten den Aus- fiihrungen L ö f f l e r s vom Bergarbeiterverbaird und des Herrn Schmidt vom Gewerkverein der Bergarbeiter (Hirsch-Duncker). Wiederholt wurden die Ausführungen der Redner durch den Ruf: Kamps und Streik! unterbrochen. Stürmischen Beifall fanden die Ausführungen, die sich gegen die Haltung der christlichen Gewerkvereinsleitung richteten und die Zersplitterungstaktik geißelten. Auch Mitglieder des christlichen Gewerkvereins, die hier vertreten waren, stimmten den Ausführungen zu. In Dortmund sprach H u s e m a n n vom Berg- avbeiterverband vor mehr denn 2509 Personen. Hier war der Saal polizeilich gesperrt. In der Diskussion sprach Schmidt vonr Hirsch-Tunckerschen Gewerkverein und ein Anhänger der Auarchos. In Hörde waren 800 Personen versammelt. In Gelsenkirchen drängten sich mehr denn 3000 Personen und hörten den Ausführungen P o k o r n y s zu. Aull) hier waren christliche Gewerkvereinsniitglieder vertreten. In Oberhausen, wo Sachse vom Bergarbeiterverband sprach, waren 600 Personen anwesend. Tie Versammlung verlief sehr anregend. In Recklinghausen sprach Witt vom Bergarbeiterverband. Hier verlies die Versammlung sehr stürmisch. Zwei Vertreter des christlichen Gewerkvereins versuchten die Haltung der Gewerkvereinsleitung zu vcr- teidigen, fielen jedoch bei der Versammlung schwer ab. Für die„christliche" Strategie war im„schwarzen" Recklinghausen kein günstiger Boden. In Essen waren im„Nordpark"-Saol 2500 Personen anwesend. Gegner meldeten sich nicht, obgleich stier Gelbe und christliche Gelverkvereinler anwesend waren. In C a st r o p, eine bisherige Hochburg des christlichen Ge- Werkvereins, war die einberufene Versammlung so überfüllt, daß eine Parallclversaminlung unter freiem Himmel gemacht werden mußte, lieber 2000 Bergarbeiter drängten sich im Saal und im Garten. In Lüne n waren 500, in S ch a r n- 6 o r st 600 Personen versammelt. In beiden Versammlungen sprach Bartels- Dortmund und in der Diskussion ineldete sich ein Anarcho. In Herne, wo Redakteur Wagner von der„Bergarbciter-Zeitung" sprach, waren 1200 Personen versammelt. Tie Stimmung war ausgezeichnet. Von den Versammlungen in den Orten Mörs, Bruckhausen, Kamen, Linden, Wanne, Buer, Freisenbruch und Kretz war bis Sonn- tagabend 8 Uhr noch nicht berichtet. Im ganzen kann gesagt werden, daß die Bergarbeiter, auch die im christliche!'. Gewerkverein organisierten, init dem Vorgehen der drei Verbände einverstanden sind. Nachfolgende Resolution wurde, soweit Meldungen vorliegen, einstimmig, m Recklinghausen gegen eine Stiimiie, angenommen: „Tic Bergarbeitcrversammlung erklärt sich mit dem Vor- gehen der Vorstände des Bergarbeiterverbandes, der Pol- nischen Bcrufsvcrcinigung und des Hirsch-Tunckerschen Ge- Werkvereins zwecks Herbeiführung einer durch die Verteuerung der Lebenshaltung längst notwendig gewordenen und durch die günstige Lage der Industrie nun auch zweifellos ermög- lichten Lohnerhöhung vollkonunen einverstanden. Tie im Laufe des letzten Jahres eingetretene kleine Lohnverbesserung reicht durchaus nicht aus, um die mittlerweile erfolgte starke Lebensmittelverteuerung auszugleichen. Im letzten Ouartal stand der Turchschmtisschichtverdienst der Gesamtbelegschaft immer noch aus 24 Pf., der der Hauer und Schlepper sogar noch 51 Pf. niedriger wie 4 Jähre früher. Dieser die Lebens- Haltung der Bergarbeiterbevölkerung niederdrückende Lohn- Verlust ist jetzt noch nicht einmal ausgeglichen, während doch mit Rücksicht aus die seit 1907 eingetretene starke Lebens- n'.ittclverteuerung die Löhne längst über den Stand von 1907 hinausgegangen sein müßten. Tie Vorstände der drei ge- nannten Bergarbeiterverbändc haben also ihre gewerkschaft- liche Pflicht durch ihr Vorgehen erfüllt. Ter gewählte Zeit- punkt ist für die Verwirklichung der wohlberechtigten Lohn- torderung durchaus günstig. Kohlen-, Koks- und Brikettabsatz steigen, die Preiserhöhungen des Kohlensyndikats sichern den Werksbesitzcrn außerordentlich erhöhte Einnahmen. Teshalb müssen wir von den Werksbesitzern nunmehr die Erfüllung der gestellten Forderungen verlangen. Sollte unsere Er- Wartung getäuscht werden, dann beauftragen die Ver- sammelten die Vorstände der verbündeten Bergarbeiter- verbände, geeignete Schritte für die entschlossene Förderung der Bergarbeitcrinteressen zu tu», und wir versprechen/ die Organisationsleitungen mit allem Nachdruck zu unterstützen." *** � Tie Stellungnahme der„Christlichen". Effc» tRuhr), 26. Februar. Der Gewerkverein der christ- lichen Bergarbeiter veranstaltete gestern etwa vierzig geschlossene Versammlungen, in denen unter anderem betont wurde, es müsse erst die Lohnerhöhung durch die Grubenbesitzer abgewartet werden. Falls diese den Ansprüchen der Bergarbeiter nicht genügen würde, werde die Mitgliedschaft im Verein mit allen Bergarbeiterverbänden bereit, sein, deren Forderungen durchzudrücken. Sich vorher in einen Streik einzulassen, lehne der Gewerkverein ab. Tie gute Konjunktur lasse erhebliche Lohnerhöhungen zu. Aachen, 26. Februar. Mehrere Versammlungen des ch r i st- lichen Gewerkvcreins im Wurmrevier haben zur augenblicklichen Lage des deutschen Bergbaues eine Resolution angenommen, in der es heißt:„Einen Sympathiestreik zugunsten der Engländer lehnt die christliche Arbeiterschaft des Aachener Kohlenreviers ganz entschieden ab, weil sie nur dann in einen Streik eintreten kann und will, wenn der Streik im Interesse der deutschen Bergarbeiter notwendig ist und Erfolg verspricht. Die Resolution weist darauf hin, daß der englische Bergbau bei früheren Streiks der deutschen Bergarbeiter Deutschland mit Kohlen überschwemmt und dadurch dem deutschen Bergbau ganz erhebliche Absatzgebiete weggenommen hat. Zum Schluß spricht die Resolution die Erwartung aus, daß die Unternehmer, entsprechend der Hebung der Konjunktur, eine Erhöhung der Löhne gewähren werden, wie es bereits der Esch» weiter Bergwerksvcrein dem Arbeiterausschuß von der Grube Anna bestimmt in Aussicht gestellt habe. Berlin und Umgegend. Kein Lohn. Recht eigenartige Zustände scheinen sich bei der großen Baufirma Held u. Franke, Akt.»Gesellsch., bei den Lohnzahlungen heraus- zubilden. Anläßlich von Differenzen, welche auf den Bauten der A.-E. G. in Ober-Schöneweide und Voltaslraße mit den Putzern ent- standen sind, kam eS am Sonnabend in den Abendstunden zu einer förmlichen Belagerung des Bureaus in der Oranienstr. 101/162. Hunderte von Arbeitern standen auf dem Hofe unterm Torweg bis verantw. Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Inseratenteil verantw.: auf die Straße und verlangten zwar ruhig, doch entschieden den ihnen vorenthaltenen Lohn. Auch die Polizei, welche in der Stärke von vier Mann und einem Leutnant erschienen war, konnte die Menge nicht bewegen, nach Hause zu gehen. Wie wir nachträglich erfahren. blieben jedoch alle Bemühungen erfolglos. Man vertröstete die Leute auf Montag. Aus der einen Seite 26 Proz. Dividende, auf der anderen kein Lohn oder nur teilweise Auszahlung. Die Arbeiter, auch die Putzer, sollten ans solchen Vorkommnissen die richtige Lehre ziehen und beizeiten lernen, daß sie vereinzelt ganz ohnmächtig solchen Zuständen gegenüber sind._ Der Streik der Flügelzusammcnsrtzer bei der Firma Bechstein dauert unverändert fort. Die letztere befindet sich ihren Abnehmern gegenüber in einer verzioeifelren Situation, da alle ihre An- strengungen, Flügelzuiämmensetzer als Ersatz für die Streikenden zu erhalten, fehlgeschlagen sind. Sie muß sich weiter mit der sehr zweifelhaften Hilfe begnügen. Arbeitswillige, die sich dazu finden, als Flügelzusammcnsetzer anzulernen. Von den Leuten, die sich bisher zu solch unlauterer Handlungsweise hergegeben haben, werden die meisten nach längerer Lehrzeit gar nicht imstande sein, die für den Jnstrumentenbau so veraniwortungsvolle Arbeit des Zusammen- setzenS überhaupt ausführen zu können. Als solche Lehrlinge sind bedauerlicherweise mehrere Bechsteinsche Arbeiter anderer Branchen eingetreten, Die Streikenden stehen noch so fest zusammen wie zu Beginn des Streiks. Sie wissen, daß sie unter den gegenwärtigen Verhält- nissen für die Firma unentbehrlich sind. Es wird ersucht, auch ferner den Zuzug fernzuhalren. Achtung, Schuhmacher! Die Kollegen der Firma Großmann, Adlershof, Mollkestr. 2. haben infolge Maßregelung des Vertrauens- mannes und sonstiger Differenzen die Arbeit niedergelegt. Eine von seilen eines Lrganisationsvertretcrs angebahnre Verhandlung hatte ein negatives Ergebnis. Die Firma ist deshalb gesperrt. Zentralverband der Schuhmacher, Orlsvcrwaltung Berlin. Kellnerstreik im„Deutschen Wirtshaus" Neukölln, Bergstraße IZb l.TT. Ter Betrieb ist für organisierte Gastwirtsgehilfen ge- sperrt. Verband deutscher Gastwirtsgehilfcn, Zahlstelle Rixdorf. Deutfches Reich. Tie Verhandlungen im Schneidergewerbe gescheitert! Frankfurt a. M., 26. Februar.(Privattelegramm des „Vorwärts".) Die zentralen Verhandlungen im Schneider- gewerbe sind nach fünftägiger Dauer a» der Lohnstagc gescheitert. Dir Leipziger Spcditionsarbeiter halten borige Woche den Fuhr- iintcrnchnierii Forderungen um Verkürzung der Arbeitszeit und Er- HöHung der Löhne gestellt, welche Verbesserungen tu einem abzu- schlWßenden Tarifverträge festgelegt werden sollten. Wie bescheiden die Forderungen und wie verbesserungsbedürftig die Berussverhält- nisse sind, erhellt daraus, daß die Speditionsarbeiter erst den zehnstündigen Arbeitstag fordern, der sich innerhalb 13 Stunden abwickeln soll. Al-5 Wochenlöhne fordern sie 29 M. für Rollkutscher. die Zweispänner fahren, und 28 M. für Rollkutscher, die Einspänner fahren, sowie für Bodenarbeiter und Hilfsarbeiter. Die Fuhr- Unternehmer konnten nun auch nichi umhin, die Forderungen zum Teil anzuerkennen, doch wollten sie mit der Organisation keinen Tarisvenrag eingehen. Darauf kouule der Trausport- arbeitervcrbaud aber nicht eingehen, denn bei der Bewegung im Jabre 1966 hatten die Fuhruniernebmer den Arbeiten, auch Zu- geständilisse(ohne Tarisvenrag»«stinacht; als aber die Bewegung vorüber war, entließen sie die Arbeiter, denen sie die Zulagen gemacht halten, und stellten dafür billigere Arbeitskräfte ein. Dieses Spiel wollen die SpeditionSarbeitcr diesmal nicht wieder mit sich treiben lassen, weshalb sie die Ancrkennnng eines Vertrages fordern. Am Sonntag<25. Februar» nachmittag nahmen nun die Speditions- arbciter Leipügs in einer sehr stark besuchten Versammlung zu der Haltung der Unternehmer Stellung. Sie beschlossen— da die Fuhr» Unternehmer zur Anerkennung des Tarifvertrages nicht bereit sind— am Montag früh in den Ä u S st a n d zu treten. Ter Beschluß ivurde gegen zwei Stimmen gefaßt. Die Arbeitseinstellung bat sich Montag glatt vollzogen. Von 642 in 46 Betrieben Beschäftigten halten sich bis 16 Uhr vorinittagS als ausständig gemeldet. »* Leipzig, 26. Februar.('28. T. B.) Ter Speditionsstreik ist heute nach ungefähr zehnstündiger Verhandlung zwischen den Par- tcien durch erhebliche Zugeständnisse der Arbeitgeber beigelegt worden. Die Zlrbeit wird jedenfalls morgen früh wieder aufge- nommen. Husfond. Ter Bergarbeiterstreik in Groftbritannien. London, 22. Februar 1912. lEig. Ber.) 28aS die friedliche Beilegung dieses Streiks so schwer macht, ist die Tatsache, daß eS sich um die?lnerkcnnung eines Prinzips handelt, dessen'Anwendung die meisten Arbeitgeber sehr fürchten. Zwar soll auch in Zukunft nicht mit dem Grundsatz gebrochen wer- den, daß die Löbnc mit den Preisen steigen und fallen, aber die untere Grenze soll für jeden Untertagearbeiter festgesetzt werden. Der Lohn soll mindestens so hoch sein, daß er dem Arbeiter die ein- mal erreichte Lebenshaltung sichert. Tic Bergarbeiter haben die- auch ganz deutlich in ihren Forderungen zum Ausdruck gebracht. Sie fordern keine Lohnerhöhungen, sondern in jedem einzelnen Revier nur die üblichen Löhne oder die schon bestehenden lallge- meinen) MinimaUöhne. Tie für Hauer verlangten Minimallöhne schwanken zwischen ö'/i und 8 Schilling. Die große Differenz er- klärt sich in der Hauptsache aus der Einbeziehung einiger kleiner Reviere mit sehr alten und schlechten Gruben. Für die im Tage- lohn stehenden Untertagearbeiter wird ein Minimallohn von fünf Schilling und für Knaben ein Mindestanfangslobn von 2 Schilling gefordert. Die Löhne der Obertagsarbeiter, die meist nicht der Bergarbeiterföderation angehören, sollen später geregelt werden. Tie'Arbeiter versprechen sich von der Einführung deS indi- viduellen Minimallohns nicht allein die Regelung der Frage be- züglich abnormer Stellen, sondern auch eine bessere und sicherere 'Arbeitsmethode. Teshalb gehen sie auch nicht auf den Vorschlag der Unternehmer ein, anstatt der MinimaUohnfrage die Frage der abnormen Stellen zu diskutieren. Ein weiterer Grund, weshalb sie dieses'Anerbieten der Arbeitgeber ansschiagen, ist der, daß man bei der Lösung der Frage auf die noch viel schwierigere Frage stößt: Was ist eine abnorme Arbeitsstelle? Die Arbeitgeber werden jedenfalls stet? bereit sein, zu erklären, daß eS die Trägheit oder Ungeschicklichkeit eines Zlrbeiters ist. die daran schuld ist, daß er den Minimallohn nicht verdient. Unter dem individuellen Minimal- lohn müßte der Unternehmer jedem Hauer den Minimallobn zahlen, ob nun der Hauer die entsprechende Kohlenmenge fördert oder nicht. In anderen Worten, der Unternehmer müßte für Arbeiten zahlen, die jetzt der Hauer in vielen Fällen umsonst verrichtet. Das würde auch der sich immer mehr ausbreitenden Unternehmerpraxis, un. gelernte Arbeiter in die Bergwerke zu schicken, ein Ende bereiten, und damit wäre eine Quelle der Gefahren verstopft. Der indi- viduelle Minimallohn würde ferner einen besseren Grubenbetneb herbeiführen; denn die Unternehmer würden dafür sorgen, daß die Förderung möglichst wenig durch leicht vermeidliche Betriebs- störungen, Ueberfüllung der Gruben mit Arbeitern und ähnlichen Dingen beeinträchtigt würde. Die Minimallohnfrage ist eine Prinzipienfrage und bietet da- her für das in England sonst so beliebte Kompromiß keinen Spiel- räum. Entweder ziehen die Bergarbeiter ibre Forderung zurück, oder die Arbeitgeber geben nach. Einen dritten Ausweg gibt es nicht. Das ist auch allmählich der bürgerlichen Presse Groß- britanniens klar geworden, die jetzt ihre Hoffnung auf die 11�666 Mitglieder der Bergarbeiterföderation setzt, die gegen den General. Zh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.«1 Verlagsanstais' streik stimmten. Man glaubt, diese Arbeiter zur Arbeit bewegen zu können, wenn man ihnen Schutz gegen die Streikenden zu- sichert. Diese Zluffassung kann jedoch durch nichts gerechtfertigt werden. Was diese'Arbeiter dazu bestimmte, gegen den General- streik zu stimmen, war sicher nicht die Gegnerschaft zum Minimal- lohn. Vielen von ihnen gingen die Forderungen der Föderation ganz zweifellos nicht weit genug, und manchen wird der Zeitpunkt nicht günstig erschienen sein. Kommt es zum Generalstreik, was jetzt allgemein angenommen wird, so wird die Arbeit in allen Gruben ruhen. Das Solidarilätsgcfühl ist unter den britischen Knappen so stark und unerschütterlich, daß die Unternehmer noch nie daran gedacht haben, während eines Streiks in einem einzelnen Revier Arbeiter aus anderen Revieren anzuwerben. Es gibt Gruben in Großbritannien, die seit Jahren bestreikt werden und still liegen müssen, weil die Besitzer keine Streitbrecher bekommen können. Wenn alle Arbeiter so fest zusammenstünden wie die Bergarbeiter Großbritanniens, so brauchten sich die Leiter der Ge- werkschaften keine grauen Haare wachsen zu lassen. Zluch die Hoffnung der bürgerlichen Presse, die Bergarbeiter würden am 1. März ihren Beschluß nicht ausführen, entbehrt jeder Begründung. Den Bergknappen kostet es nicht viel Herzeleid, sich von einer mühseligen Arbeit zu trennen; wer einmal auf allen Vieren oder auf dem Bauche durch eine Grube gekrochen ist, wird dies leicht verstehen. Nicht die Arbeitseinstellung, sondern die Wiederaufnahme der ?lrbeit bildet die Schwierigkeit namentlich bei dem britischen Berg- arbciter. Er kämpft für die Sache, die ihm als gerecht erscheint, mit der Zlusdauer einer Bulldogge. Im Jahre 1894 hielten die schottischen Bergarbeiter zum Beispiel 17 Wochen lang im Streik aus und bezogen während der ganzen Zeit nur 22 Schilling(22 M.) an Streikgeld! Daß der kommende Streik auch nur annähernd so lange dauern könnte, ist natürlich ausgeschlossen. An gut unterrichteter Stelle rechnet man mit einer Tauer von 2 bis 3 Wochen. Tie Berg- arbeitcr könnten jedoch mit ibren gefüllten Kassen viel länger aus- harren, mindestens 6 bis 7 Wochen. Zwar haben die �üdwalifer nach den schweren Kämpfen der letzten Jahre nicht viel Geld in der Kasse; 2 bis 3 Wochen dürften sie jedoch immerhin aushalten, ehe ihnen die anderen Reviere zur Unterstützung kommen müßten. Die Bergarbeitcrföderation hat augenblicklich 616 666 Mitglieder, die fast alle Hauer oder andere Untertagsarbeiter sind. Ein General. streik würde aber mindestens noch 466 666 andere Grubenarbeiter arbeitslos mache», von denen ein Teil wenigstens die Gelegenheil beim Schöpfe ergriffen und ebenfalls Forderungen gestellt hat.'Auch die Steiger und Aufseber beteiligen sich in einigen Distrikten an der Bewegung. Ter Streik kann unmöglich lange dauern.. Diese Anschauung stützt sich nicht daraus, daß die Regierung gezwungen sein wird, etwas zu unternehmen, um die Industrien deS Landes vor schwerem Schaden zu schützen. Was könnte die Regierung tun? Die Arbeiter zum Zlrbeiten zwingen? Das ist unmöglich. Soldaten aufmarschieren lassen? Das ist nutzlos. Das einzige. waS sie unternehmen könnte, ist. den Kohlenbesitzern mit der Verstaatlichung der Bergwerke zu drohen. Und das tut sie nichi. Ter General- streik der Bergarbeiter wird den Koblenbesitzcrn in kurzer Zeit so kolossale Verluste bereiten, daß sie sich bereit erklären werden, die Forderung der Arbciter anzuerkennen. Tie Bergarbeiter haben den Trumpf in der Hand und gedenken ihn auch auszuspielen. l*ctzU Nachrichten. Türkischer Protest. Paris� 26. Februar. Nach einer offiziösen Mitteilung hat der hiesige türkische Botsckwstcr Rifaat Pascha im Namen seiner Negierung dem Ministerpräsidenten und Minister des Acußcren P o i n c a r e heute die an alle Mächte gerichtete Protestnote gegen das Bombardement von Beirut überreicht, in der unter Berufung aus den Zlrtikcl 2 der Haagcr Konvention erklärt wird, daß die von den Italienern den türkischen Schiffen gewährte Frist von 26 Minuten nicht als eine billige Frist im Sinne dieses Artikel» angesehen werden könne._ Aufruf der englischen Partei an die Bergarbeiter. London, 26. Februar..W. T. B.) Tie sozialistisch- Partei hat einen leidenschaftlichen Aufruf an die Bergarbeiter erlassen, in welchem die Bergwerksbcsitzer als Sklavenhalter hin- gestellt werden, welche die Bergleute ausbeuten und sie hinmorden. Das Manifest fordert die Arbeiter dringend auf, jede Intervention, jede Bermittelung und jede schiedsgerichtliche Entscheidung zu ver. werfen und keine bindenden Verträge einzugehen, sondern sich um jeden Preis die Freiheit des Handelns zu wahren. Den Arbeiter. führern wird dringend geraten, ohne Abstimmung der Arbciter kein Abkommen zu treffen._ Tie amerikanischen Kohlcugräber folgen den Engländern. New Jork, 26. Februar.«W. T. B.) Ter nahe bevorstehende Kohlenarbciterstreik in England hat den Ernst der Lage in Amerika zusehends verschärft. In nächster Zeit sollen hier Besprechungen sialtfinden zwischen den Anthrazitgruvenbesitzern und den Ver- tretern der 17S 666 Mitglieder des Verbandes der Vereinigten Grubenarbeiter. Tic Grubenarbeiter verlangen den Achtstunden- arbcitstag, eine llkprozentige Lohnerhöhung und andere kleinere Vergünstigungen nach dem'Ablauf des bis zum 1. April geltenden jetzigen Abkommens. Tie Grubenbesitzer sind nicht zum Nach- geben geneigt und erklären, sie hätten leine Besorgnisse vor dem Streik, da der Grubenarbeiterverband sowohl in finanzieller Hin- ficht wie auch numerisch schtoach sei und bereits eine bcdeutcicdc Menge von Kohlen vorrätig sei. Sie geben indessen zu, daß ein längerer Streik große Verwirrung in der Industrie anrichten und die Konsumenten schwer schädigen würde. Ltrasienbahnkataftrophe in Paris. Paris, 26. Februar. lP.-C.) Ein schwerer Straßenbahnunfall hat sich heute mittag in der Rue Gay Luffac ereignet. Dort explodierte in einem Straßenbahnwagen plötzlich unter großer Detonation der Kessel der Tampfanlnge. wodurch in dem Wagen erhebliche Verwüstungen angerichtet wurden. In demselben befanden sich zur Zeit der Katastrophe 15 Passagiere, von denen vier besonder» schwere Lerlevungen erlitten haben, während die anderen Personen weniger schwere Verwundungen davongetragen haben. Auf der Mehrzahl der Pariser Straßenbahnlinien verkehren noch immer die vorsintflutlichen Ungetüme der Serpollct-Dampf- wagen._ Ein Geisteskranker im englischen Parlament. London, 26. Februar.(W. T. B.) Während der heutigen Sitzung des Unterhauses ereignete sich gegen Abend ein aufseben- erregender Zwischenfall. In einem äußeren Vorsaal deS Parla- mentsgebäudcs feuerte plötzlich ein als Geistlicher gekleideter Mann, der schon längere Zeit aus einer der Bänke im Vorsaal gesessen hatte, aus einem Revolver gegen die Decke. Er wurde sofort von Schutzleuten festgenommen und hinweggeführt. Aus verschiedenen Ausrufen, die er ausstieß, geht hervor, daß es sich um einen Geisteskranken handelt. Ter Revolver war nur mit Platzpatronen geladen, so daß Schaden nicht angerichtet wurde.______ Kaul Singer Co..Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen«.UnterhaltungSbl. !M8�9j.iW i Keilllge des„Ullmiilts" Keriiller WlksblM. Mgeoränetenkaus. 23. Sitzung. Montag, den 26. F ebruar, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: S y d o w. Noch debatteloser Annahme der Vorlage über die Doppel schachtanlagen in Westfalen und die rheinischen Schiffahrtsgesellschasten in dritter Lesung berät das Haus den Etat der Handels- und Gewerbeverwaltung. Abg. Hammer(l.): Die Ankündigung billiger Lebensmittel durch die Warenhäuser ist nur Käuferanlockung. Es gibt nur eine Preis st eigerung, aber keine Teuerung. Der Redner wendet sich dann gegen die Schädigung der Bauhandwerker durch den Bau schwindet und die Strohmänner und verlangt Jnkraft- setzung weiterer Bestimmungen reichsgesetzlicher Art zum Schutz der Baubondwerkerforderungen. Die Berliner Stadt synode hat durch eigenen Garlenbau usw. nicht nur die Gärtner um ihren Friedhofsverdienst gebracht, sondern macht ihnen noch darüber hinaus Konkurrenz. Ja, am Sonntag und Bußtag werden Blumen und Pflanzen auf die Friedhöfe gefahren; gilt denn die gesetzliche Kirchzeit nicht auch für den gescbSflssührenden Ausschuß der Synode?(Hört! hört!) Die Siadtsynode ist da nicht gut beraten!(Sehr wahr!) Wenn die Elcktrizitäts- gesellschaften das Wegebenutzungsrecht bekommen, wird jede Kon- knrrenz tot gemacht. Ucber die Verschärfung der Arbeitcrschntz- bestiinmungen sind die Handwerker nicht erbaut. Wir bitten doch, sie mit Schutzbestimniungen für motorische Betriebe zu verschonen.— Den Detaillisten und Grossisten kann Preis- Verteuerung nicht vorgeworfen werden, denn sie mußten bezahlen, was man von ihnen verlangte.(Hört! hört! links.) Wir werden äußerst vorsichtig sein müssen, daß nicht durch die paritätischen Arbeitsnachweise die Arbeitgeber in die Hände der Arbeitnehmer hineinlanciert werden. In Schöneberg hat ein sozialdemokratischer Stadtverordneter sein Amt niedergelegt, um die Leitung des Arbeitsnachweises zu übernehmen. Die Staatsregierung hat unsere Zustimmung zu ihrer Erklärung in der Kommission, daß sie daraufhin einen StaatSzuschuß nicht weiter gewährt haben durfte. Alle Arbeitgeber, auch die auf der Linken, fordern ein Verbot des Streikpostenstehens nach dem Beispiel der Republiken Schweiz und Nordamerika. Sorgen Sie auch dafür, daß sich im Reichstag eine Mehrheit dafür finde. lBravo! rechts.) Abg. Dr. Gruncnberg(Z.): Die Handelsstatistik zeigt die günstige Entwickelung der Volkswirtschaft, für die eine kaufkräftige Landwirtschaft eine wichtige Vorbedingung ist. Bei Vergebung von Lieferungen sollten die Behörden Handwcrkskreise zur Beurteilung heranziehen. Ueberhaupt geschieht zuwenig für das Hand- werk, das selbst sehr eifrig an seiner Weiterbildung arbeitet. Das Handwerk fordert geschlossen' die Ausführung deS ziveiten Teiles des Gesetzes zum Schutz der Forderungen der Bauhandwerker. Die Innungen werden viel zu sehr bemuttert und vom Staate beaufsichtigt. Das Handwerk soll sich frei entwickeln. Wir haben die Handwerkerforderungen längst und besser vertreten als der Hansa- bund.(Beifall rechts und im Zentrum.) Abg. Roscnow(Vp.): Jin letzten Jahre mußte der Reingewinn von den Unternehmern viel schwerer erarbeitet werden, als früher. Das so viel geschmähte Handel und Geiverbe muß in diesem Industriestaat seine verdiente Geltung haben. Infolge der deutschen Tüchtigkeit will man jetzt in England die Bezeichnung „msckv in Gerrnany"(in Deutschland erzeugt), die zur Brand- markung deutscher Waren vergebens eingeführt worden war, ersetzen durch„Not british"(nicht englisch). Der deutsche Handel wird auch diese Maßregel überwinden. Wir warnen die Regierung. solche Handelsverträge zu machen, die den Handel schädige» könnten. Die beste Hilfe für das Handwerk ist eine gute Ausbildung. DaS Handioerk ist nicht einig in der Förderin' uach Jnkraftietzung des zweiten Teiles des Gesetze« zum Schi... der Bauforderungen. Die Befchwindelung der Baubandwerkec muß natürlich auf das energischste bekämpft werden, aber eine Erschütterung des Hypolhekenwesens müßte die Handwerker schwer schädigen.— Der Redner tritt dann der schroffen Ablehnung > au 9, Kleines f cuilleton. Die Suche nach dem Modell. Im Hans Sachs-Verlag in München erschien vor dreiviertel Jahren der Erstlingsroman eines jungen, in Tanzig beheimateten Autors:..Das aufsteigende Leben" von Hans v. Hülsen. Kaum jemand, außer einigen Rezensenten und Freunden des Dichters, würde das Buch gelesen haben. Aber einer unserer bekanntesten Staatssekretäre, ein in den parlamen- tarischen Kämpfen der letzten Jahre viel genannter Herr, der in den Gestalten der Geschichte sich und seine Familie wieder zu er- kennen glaubt, verschafft ihm auf die billigste Art und Weise der Welt ein paar Auflagen. Er erhebt beim Verlag Einspruch gegen den Vertrieb, und die Verhandlungen führen zu dem Ziel, daß die erste Ausgabe für Rechnung des Staatsmannes zurück- gezogen und eine Neufassung veranstaltet wird, in der eine Anzahl beanstandeter Stellen umzuschreiben ist. Die Buchreferenten er- halten einen Zettel, der unter Andeutung des Grundes die Bitte enthält, eine Besprechung bis zum Erscheinen der revidierten Aus- gäbe(sie kam vor kurzem heraus) zu verschieben. Es muß nun gesagt werden, daß Hülsen absolut nicht einseitig einen Porträt- roman geschrieben hat, sondern lebhaft von einer die Tatsachen durchdringenden und sinnbildlich formenden Idee geleitet wurde, als er an die künstlerische Aufarbeitung des ihn anziehenden Materials ging, und daß er in seinem Alfred Kemmerich, der vom Landrat über den Lberbürgcrmeisterpostcn in einer Hansastadt zum Handels- minister emporsteigt, nichts weniger als eine unsympathische oder karikierte Gestalt gegeben hat. Dieser harte tonzentrierte Kopf, der nur den asketischen sachlichen Willen zur Leistung kennt, ist sogar gut gesehen. Im übrigen steht der Roman, der die Idee der „Buddenbrocks" vom Aufstieg und Abstieg innerhalb einer Bluts. grnppe(die Kinder entarten im Sinn aristokratischer Gescllschafts- auffaffung: ein Sohn wird Maler, der andere Kabarctsänger und Schriftsteller— Münchener Colcur) aufgreift recht unglücklich im Schatten Thomas Manns. Die Auflagen, die er jetzt dank der Reklame des Herrn Staatsininifters erreichen mag, verdient er als künstlerische Arbeit absolut nicht. � c ES ist ein rechtes Elend mit der leidigen Modcllfrage, die seit Bilse nicht mehr zum Schweigen kommt. Das heißt: im Grunde ist sie nur eine Frage für den Betroffenen, nicht aber für den Künstler der sich durch Erwägungen klcinlich-persönlicher Natur im Schöpferwerk nicht aufhalten läßt. Soweit die Porträticrung der Idee dient, soweit das Einzelwesen über seinen geschlossenen Umkreis ins Typische, ob im guten oder bösen Sinne hinaus- gehoben und der der Wirklichkeit entnommene Umriß mit des Dichters eigenem Blute gefüllt wird, ist die Verwertung. der Tat- fachen gerechtfertigt durch den Zwang des intuihven Eriebnisses. das sich an die und die bestimmte Gestalt knüpft und von ihr nicht loskommt. Doch wem sagt man das? Dem Bürger? Für ihn ist die Modellfrage schlechthin unlösbar. Allenfalls der Strafrichter oder ein zu Körperverletzungen geeignetes Instrument könnte eine in seinem Sinne genügende Lösung herbeiführen. Als amusischer Mensch lediglich an das Roh-Stoffliche gebunden und mit künstle- tischen Gestaltungsmaßstäben nicht im mindesten ausgerüstet,„t ibm die Modellfrage einfach eine Frage des ofsentlichen Anstands vnd Ehrgefühls. Er nimmt, anmaßend mißtrauisch und bormert der Beteiligung der Arbeiter an der Baukontrolle durch Abg. Hammer entgegen; wenn die Arbeiter recht- zeitig Schutzmaßregeln fordern können, werden die Angriffe auf die Unternehnier aufhören, daß sie an Unfällen schuld seien. 'Zustimmung links.) Die paritätischen Arbeitsnachlveise wirken im ganzen g ü n st i g. Wenn die Arbeitgeber richtig auf den, Posten sind, können sie politischen Mißbrauch verhindern. Mir ist die vom Abg. Hammer behauptete Erklärung der StaatSregierung über den Schöneberger Arbeitsnachweis nicht erinnerlich. Die Handwerker müssen mit dem Borgsystem Schluß machen. Schließlich wünscht Abg. Roscnow Entschädigung der durch das Hausarbeitsgesey ge- schädigten Heimarbeiter und Errichtung öffentlicher, Völlig unpolitischer Rechtsauskilnflstellen.(Beifall b. d. Vp.) Minister Dr. Sydow: In der Frage der Sonntagsruhe ist es schwierig die entgegengesetzten Interessen der Detaillisten und Handlungsgehilfen abzuwägen. Daß die Gehilfen auf jeden Fall nicht länger als bis zum Schluß der festgesetzten Arbeitszeit be- schästigt werden dürfen, steht ausdrücklich im Gesetz. In der Frage der Baukonlrolleure stehe ich auf dem Standpunkt des Abg. Hammer. Die Zulassung von Arbeitern zur Bautenkontrolle in Bayern hat nicht zur Verminderung der Unfälle geführt. Auch liegt bei der engen Verbindung, in der bei uns Sozialdemokratie und freie Gewerkschaften stehen, die Gefahr nahe, daß nicht sachliche, sondern politische Momente bei der Wahl der Arbeiter- kontrolleure ausschlaggebend sind.(Lachen bei den Sozialdemo- kraten.)— In dcr Porzellanmanusaktur sollen in Zukunft alle Käufer so behandelt werden, als wenn sie selbst aus Porzellan wären.(Heiterkeit.) Abg. Dr. Schröder-Kaffel(natl.): Bedauerlich ist, daß durch die Reichsversicherungsordnung das Rcknrsrecht beseitigt ist. Zur Her- anzichung von Baukontrolleuren aus Arbeiterkreisen verhaltenZivir uns völlig ablehnend, der schon sehr gefährdete Friede zwischen Unternehmern und Arbeitern würde dadurch über- Haupt unmöglich werden.(Zustimmung bei der Nationalliberalen.) Wenn eS nötig ist, sollen die Versicherungsbehörden mehr Kontrolleure. anstellen. Ueber die Frage der Beiträge der Industrie an die Handwerks- kammern sollte man sich schiedlich friedlich einigen. Auch ich wünsche die Aufhebung des§ 100 g der Gewerbeordnung und größere Frei- hcit für die Handwerkskammern. Das Gesetz zum Schutz der Bau- forderungen hat bisher keine Erfolge gehabt. Von dem Problem der Arbeitslosenversicherung sollte man endlich die Hände lassen. Im Handwerkerschutz kommen wir nicht vom Fleck. Abg. Rahardt(ft.) bedauert, daß da- Pflichtfortbildungsschulgesetz nicht wieder eingebracht wurde. Aus den Erträgnissen der Waren- haussteuer sollten die Gemeinden die Beiträge der Handwerker zu den Handwerkskammern bestreiten, statt sie einzuziehen.(Sehr! richtig! rechts.) Die Handwerkslonfercnz im Reichsamt des Innern hätte eher Erfolg gehabt, wenn die Arbeitgeberverbände sich nicht durch einen arroganten Angestellten hätten vertreten lassen. Der kleine Befähigungsnachweis hat dem Handwerks so gut wie gar keine Vorteile gebracht. Der Meistertitel nützt uns nichts, wenn damit keinerlei beiondere Rechte verbunden sind. Und unser„Recht", Lehrlinge auszubilden, kommt lediglich der Groß- i n d u st r i e zugute, die dadurch gute Arbeitskräfte erhält. Durch die Gewerbepolizei werden die kleinen Handwerker ständig schikaniert in bezug auf die Beschaffenheit ihrer Räumlichkeiten, aber dieselbe Polizei läßt ruhig zu, daß ein Riesencafs, wie P i c a d i l l y, nur eine Tür und noch dazu eine Drehtür hat.(Hört! hört!) Die vollständige Jnkrastsetzung des Gesetzes betreffend die Sicherung der Bauforderungen ist dringend notwendig. Minister Dr. Sydow: Herrn Schröder-Kassel erwidere ich, daß es an dein guten Willen, dem Handwerk zu helfen, wahrlich nicht fehlt, aber es handelt sich um sehr schwierige Materien, die der gesetzlichen Regelung harren, und zwar uni Materien, in denen der Standpunkt des Handwerks selbst oft gewechselt hat.— Eine Bevorzugung der Handwerker, die den Meistertitel führen, findet bei den Submissionen statt. In der Frage der Cafe- resp. Warenhausausgänge verweise ich den Vorredner an die Bau- Polizei, die nicht zu meinem Etat gehört.— Gegen unzuverlässige Baunnternehmcr wird nach wie vor energisch vorgegangen. Unrichtig ist, daß der erste Teil des Gesetzes zum Schutze der Bauforderungen keinerlei Erfolg gehabt habe. Das Gesetz kann aber immer erst angeivendet werden, wenn der Bauunternehmer seine Zahlungen eingestellt hat. Ueber die Notwendigkeit der Einführung wie er ist, jemanden für sich, der er nie war und nie sein wird, und nieinand wird ihm die Ungerechtigkeit seines Tuns klar machen können. Er sieht nicht, daß die Formwerdung des Unge- formten, als das er vielleicht Grundlage und Anregung für den Dichter war, das Gebilde aus den Beziehungen des Alltags los- löst. Das Kunstwerk erhöht das Urbild, das ihm den Umriß leiht, zu dem Urbild, von dem die Philosophie Platos weiß. Immerhin könnte es dem Betroffenen ein wenn auch noch so schwacher Trost sein, daß der Künstler als Künstler in den meisten Fällen gegen das eigene Leben nicht rücksichtsvoller ist als gegen das der anderen. Es liegt eine getvisse Schamlosigkeit darin, wie der Künstler das Erlebnis für sein Werk mißbraucht, aussaugt. Aber es ist eine oft genug schmerzlich empfundene Schamlosigkeit, ein dämonischer Zwang, der das Leben töten muß um des Werkes willen. Das Leben revoltiert dagegen; und doch, was wüßte das Leben von sich, wenn des Künstlers Mund ihm nicht sein Rätsel löste? P. H. Die Gleis-Straße. Auf jeder Straße, die keiney festen Belag besitzt, also auf allen Landstraßen, außer Chausseen, bilden sich Gleise aus, die so lange von fast allen Gefährten benutzt werden, bis sie zu tief geworden sind. Diese Tatsache hat schon mehr als einmal zu dem Plan angeregt, die L a n d st r a ß e n mit f e st e n Gleisen zu versehen, an die sich die Wagen dauernd halten könnten. Damit würde>die Reibung vermindert und die Fahr- geschwiirdigkeit vergrößert werden. Die Schwierigkeit lag, offen- bar nur darin, wie man solche Gleise fest verlagern und wie man sie außerdem von Verunreinigung und Verstopfung freihalten sollte. Für gewöhnliche Straßen scheint die Schivierigkcit so groß zu sein, daß sie die Idee unausführbar macht. Tagegen sind jetzt in England erfolgreiche Versuche mit der Anlegung solcher Gleise auf Chausseen gemacht worden, während in Belgien ähnliche Bc- slrcbungen teils an dem Mißtrauen der Verwaltungsbehörden, teils wohl auch an der Verwendung ungeeigneter Schienen gescheitert sind. In der englischen Grafschaft Fulham besteht jetzt eine Landstraße mit Schienenweg seit zwei Jahren, und ihre Unter- Haltung soll in dieser Zeit um 20 000 M. weniger gekostet haben als früher. Leider ist nichts Genaueres darüber zu erfahren, ob dir Schienen eine vertiefte Fläche bilden oder in völlig gleicher Höhe mit dem Straßenboden liegen. Musik. Daß Winterfest der Freien Volksbühne wurde diesmal durch ein Beethoven- Konzert von höchst bemerkens- werter Art eingeleitet. Zur Ausführung des vorzugsweise instru- mentalen Programms war das Orchester des Berliner Sin- f o n i e- V e r'e i n s herangezogen worden.' das in der Hauptsache ans nickt beruflichen Musikern— Herren wie Damen— besteht und in der Pflege der sinfonischen Werke unserer klassischen wie modernen Komponisten seine einzige Aufgabe erblickt. Tritt dies Orchester schon äußerlich niit imposanter Kopszahl— 70 Mitglieder— auf, so überrascht es noch mehr durch begeisterte Hingabe und aus- gesprochene musikalische Jiilelligcnz. die unter dem Taktstock seines Dirigenten Joseph Schratten holz zu wahrhaft künstlerischen Leistungen hinangeführt wird. Die Kgmont-Ouvertüre, das Konzert Es-clur— worin Herr Willi Bardos den ungemein schwierigen Klavierpart mit perlender, bravouröser Technik und Präzision be- stritt— endlich die Ornoll-Sinfonie, die einen Grundpfeiler von des zweiten Teiles wird eine Enquete aufgenommen. Auch die Haus- und Grundbesitzer fordern die Jnkrastsetzung des zwettenTetls des Gesetzes— aber um das Bauen zu beschranken, solche Unterstützung werden die Handwerker wohl nickt mitmachen.'. Hannover- fchen Wahlkreis und Bremerhaven hielt im Sonntag in Stade eine außerordentliche Generalversammlung ab. AuS dem vom Zcntralvorstand herausgegebenen Bericht ül>er die Wahl ist ersichtlich, daß die mündliche AgitationSarbeil zur Haupt- und Siich.vahl im 19. Kreise ein« äußerst intensive war. Im ganzen wurden zur Hauptwahl 39 und zur Stichwahl 11 Versammlungen abgehalten. Ferner traten unsere Referenten den?lationallü>e- rolen(Freiherr v. Richthofen) in lö. den Bündlern(Tr. Dicderich Hahn) in 37 Versammlungen entgegen. Tie schriftliche Agitation, die lväbrend d«r ganzen Legislaturperiode durch den eigenen Land- boten betrieben wurde, erfuhr selbstverständlich während des Wahl- kampfes eine bedeutende Steigerung. Insgesamt wurden sieben Flugblätter, teils als Antlvort aus gegnerische Flugblätter, mit einer Gesamtauflage von 287 599 verbreitet. Wenn rrotz der in- tensiven Arbeit das Mandat bei dieser Wahl nicht geholt ist, so ist doch ein nennenswerter Stimmenzuwachs zu ver- zeichnen, der den Sieg bei der kommenden Wahl in sicherste Aus- ficht stellt. Steigerten sich doch unsere Stimmen in der Hauptwahl von 19 918 im Jahre 1997 auf 13 771 iin Jahre 1912 und m der Stichtoahl— in der jetzt mit Hilfe des Fortschritts, eines Teils der Welsen und der konservativen Biindler der nationalliberale v. Richtz bofen mit 18 251 Stimmen gewählt wurde— von 12 630 Stimmen im Jabre 1997 auf 15 569 Stimmen bei der jetzigen Wahl. Die Agrnrdcmagogie eines Dicderich Hahn ist im 19. Wahlkreise ge- stürz», ein allzulanges Leben wird der Jndilstricdenwgvgie derer um Richthofen nicht bcschieden sein. Die Kosten des Wahlkampfes bcliefen sich auf rund 18-199 M.— An diesen Bericht, der vom Zenlralvorsitzenden und vom Kassierer noch in einigen Punkten er- gänzt wurdet schloß sich eine recht lebhafte Defcatte, in der die Er- folge anerkannt und gewürdigt, aber gcivünscht wurde, daß mehr wie bisher zur Stärkung und zum Ausbau namentlich der länd- lickcn Organisationen getan werde. Ein Antrag, daß die Lrtsver- eine, die den-19-Pf.-Beilrag erheben, statt bisher 60 Proz. in Zukunft 79 Proz. an die Zcntralkasse abzuführen haben, fand ein» stimmige Annahme. Die mehr zu erhebenden 19 Proz. dürfen nur für die Schaffung eines Wahlfonds vemvendet werden. Schließlich ivurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß der Kandidat des Kreises in jenen Orten, wo nnS Lokale nicht zur Verfügung stehen. imch Möglichkeit den Gegnern in ihren Versammlnngen entgegen- tritt. Nachdem die Versammlung der Gesamtwahlleitung cinstim- mig Dccharge erteilt hakte, wurde Genosse H a v e r ka m p- Are- mcrhaven einstimmig wieder als Reich stagstandidat auf- gestellt. Ilm Mittel frei zu bekommen für die mündliche Agitation Ivurde beschlossen, den gegenNmrtig sechsmal zur Verbreitung ge- langenden eigenen Landboten für den 19. hannoverschen Wahlkreis fallen z» lassen und an seine Stelle den nur dreimal erscheinenden Landboten de» Bezirks„Nordwest" einzuführen. Weiter stand ein Antrag auf Herausgabe einer wöchentlich erscheinenden Zeitung für-den Bezirk zur Debatte. Unter Anerkennung der Zweckmäßig. keit eineS derartigen Agitationsinittels beschloß die Versammlung. den Bezirksvorstand zu ersuchen, die Herausgabe einer wöchentlich erscheinenden Zeitung für den Dezirk„Nordwest"— ähnlich der früheren„Nordnwcht"— in Erwägung zu ziehen und dem nächsten Bezirksparteitage diesbezüglichen Bericht zu erstatten. Sozialistische Lehrer in Belgien. Eine sozialistische Lehrerorganisation ist min auch im Nrroiidisiement Möns(Borinage) gegründet worden. Do in Brüssel und Charleroi bereits gleiche Vereinigungen bestehen, wird in Kürze die Gründung einer LandeSorganisation crsolgcn._ Die britische Sektion der Internationale. Man schreibt uns aus London: Die ietzte JahreSkonferenz der Arbeiterpartei in Birmingham hat bekmiiitlich den Abgeordneten Artur H e n d e r s o n an Stelle Macdonalds ,um Sekretär gewähli, wodurch Henderson von Amt« wegen zugleich der Sekreiär der britischen Sektion des Internationalen Sozialistenklmgresses wurde. Auf der Konferenz iviirden Stimmen laut, die es für absurd er- klärten, daß Heitderson. der kein Sozialist iei. nun zun, Sekretär der britischen Sektion tperde. Henderson schtvieg damals dazu Nun bemerkt der.Labvur Leader". daß Heitderson bereits iviederbolt seinen Glauben an den SozialiSmn» geäußert habe und teilt mit daß er sich min auch formell einer sozialistischen Organt- satton. der Fabianischen Ges ellschaft aiigetchlossen hak. Bcrfolgnng der sozialdemolratischcn Presse in Finnland. Unser fiitnländischer Mffitrbeiter schreibt uns: Preßprozesie wegen Majestälsbeleidtgitiig", wegen Beleidigung der Armee, wegen BerössenUichnng von„Milüärgehciiinnsien". wegen Nichieimeiidmig der unrechtmäßig geforderten Zentttrexetitplore nsw. gibt es tu Finnland in solcher Menge, daß man sie tttchr mehr gut registrieren lann. Der BerantwortlicUe unseres Parteiblattes„Kansan Lehtr rn Tainmersors. Genosie Santeri Ruorteva. der erst vor kurzem eine längere Freiheitsstrafe wegen.MajestätSbeleidiguiig" verbüßt hat, muhte sich jetzt vvr neuen«nklagen. die stch gegen ihn beionderS zahlreich anhänften, nach Amerika flüchten. Als LandtagSabgeordiieter Halle Nuorteva gegen die russische Gewali eine besonders scharte Sprache geführt und dadurch die besondere Aufinecksamkeit des Geiieralgouverueurs auf sich gelenkt, so daß eS Aiillagen gegen ihn nur so regnete. Anstatt sich einkerkern zu lasse», ist er nun nach Amerika gereist, wo er gleichfalls als Redakteur einer finnischen Arbeiterzeitung Aiistelliiiig fand._ polizeiliches,©crichtliches ufw. Ter beleidigte beleidigende Bnrgermcifter. Auf Antrag des E h e m n i tz e r Rates war der Genosse Her- »laun Müller wegen öffentlicher Beleidigung wieder einmal unter Anklage gestellt. Gegenwärtig verbüßt cr schon einen Monat Ge- sängmS. Der Anklage dienlen zwei Artikel der.Bolksstimme" vorn 8. und 9. Dezember als Unterlage. Sie behandelien Vor- kommnisse und speziell das Verholten des Bürgermeisters Dr. H ü b s ch m a u n in der gemeinichaftlichen Sitznng des Rates der Stadt und der Stadtverordneten vom 7. Dezember. Es wurde darin der Bürgermeister Dr. Hübichmauu deshalb scharf ongegriffen. weit er in der Generaldebatte über den städliichen Etat nach der Rede des Sladlv. Genossen N o s k e die Bebaiiptiing auf- gestellt halte, daß die Gewertschaften die Arbeiter unerhört frivol in Streif» hüieiiihetzten, und weiter, wenn die Sozialdemokratie in Chemnitz eine Mehrheit im Sladtverordiietenkollegium bekäme, so würde hier genau dieselbe Mißwirtschaft einreißen wie in Lssenbach oder Mühlkausen. Die Worte deS Bürgerincisters: Unerhört frivol, waren als Spitzmarke den beiden Artikeln vorausgesetzt. Diese Be- haupliiiigeii halte der Bürgermeister in der Hauptsache dem Buche des Reichsverbäudlers Dr. Ludwig über:.Sozialdeinokratie und Komniuiialverivaltiiiig" wörtlich enluonnucn. Genosse Müller bezeichnete die scharfe Abwehr der Artikel den unbereckligten Angriffen des Bürgermeisters gegenüber als dringend nolwendig. Dieser habe kein Beispiel dafür angesübrt— und das sei auch bis heule»och nicht möglich, weil nicht vorhanden— daß in Chemnitz sozialdemokratische oder gewerkichastliche Führer Arbeiter frivol in Streits hineingehetzt hätten. Die lleberschrift: „Unerhört frivol" sei nur aus der Rede des Bürgermeisters zitiert. Die Ausführnngeii Hübschmamis über die Uiiiruchlbarleit und Schäd- lichkeit der Sozialdcmokralie und über die Mißwirtschaft der Sozial- deniokratie in Offeubach seien längst als total falsch widerlegt. Der Verleidiger, Rechtsanwalt Wolfgang Heine« Berlin, be- tonte die Notwendigkeit, über die Vorgänge in Offenbach den Reichs- tagsabgeordiielen und Stadiverordneten Ulrich zu laden, da ohneBeweis- erhebnng die Wahrheit nicht festgestellt werden tönne. Das Gericht lehnte aber ab. weilere Zeugen zu vernehmen, nachdem es den Bürgermeister Dr. Hübschmann als Zeugen vernommen halte. Der Staatsanwalt beantragte Verurteilung zu einer Gefängnis- strafe, da der Artikelschreiber den Vürgerincister mit Schmähungen inid Beschimpfiingeii zum Teil gröblichster Art beworfen, iveil dieser vom Recule der freien Rede Gebrauch gemacht und gulgläubig aus einem Buche vorgelesen habe. Der Berieidiger beleuchtete die Art und Weise der Polemik, die Tr. Hübichmann als Leiter der sozial- politischen Abteilung einer Arbeiterstadt für gut befnnden hat. Er selbst habe schioele Borwürfe dem Abgeordneten NoSte nach feiner Rede im Stadtverordnetenkolleginm gemacht, in denen unerhörte Beleidigiingen enthalien waren. Da hätte eigentlich Noste auch Ilagen innssen. Dr. Hübschmann lause aber Sühne heischend zum Gericht, als ihm scharf aber berechiigt in der Zeitung entgegnet ivlrd. Heine beantragte Freisprechung des Angeklagten, eveniuell sei eine geringe Geldstrafe eine genügende Sühne. Das Gericht warf die nngeheuerliche Strafe von vier Monaten Gefängnis aus iiiid sprach dem Rate das Recht der Publikation im Amisblau und in der„Volksstimme" zu. Der Schutz des§ 193 wurde nicht gewährt._ Flugblattverbreitung als Hausfriedensbruch. Ein Parteigenosse in Essen Hatte sich„erdreistet", den im Depot der ganz scharnnacherisch geleiteten Estener Straßenbahngesellschaft wohnenden Unterbeamtenfamilien ein Wahlflugblatt zu bringen. Ein untergeordneter Beamter der Straßenbahn fühlte sich dadurch in seinen IstaatserHaltenden Hanshcrrenrechten verletzt und sorgte für eine Anklage wegen Hausfriedensbruchs. Die Verhandlung vor dem Schöffengericht in Essen ergab aber glatte Freisprechung. Selbstverständlich müsse, so erklärte das Gericht, den Familien im Depot ermöglicht werden, sich besuchen zu lassen, von wem sie woll- ten. Das Verbot des Beamten sei widerrechtlich erfolgt. Ein spätes Maifeiernachspiel. Die vorjährige Maifeier hatte in Essen gegen eine Reihe von Teilnehmern Anklagen gezeitigt wegen Beteiligung an einem nicht genehmigten„Aufzuge", der doch nur ein Spaziergang war, und wegen Veranstaltung politischer Versammlungen(die Abendfeiern), an welchen Jugendliche teilnahmen. Der verantwortliche Redakteur der„Arbeiterzeitung" in Essen, der zur Teilnahm« an der Maifeier aufgefordert hatte, und deswegen zu den„Veranstaltern" gehören sollte, wurde von der Strafkammer deshalb zu 39 M. Strafe verurteilt, ba er hätte wissen müssen, daß zu der Veranstaltung die polizeiliche Genehmigung gehörte! Selbst der Expedient der„Arbeiterzeitung" war angeklagt. iveil er ein Inserat zur Maifeier im Blatte aufgenommen hatte; doch wurde er jetzt freigesprochen. Soziales. Eine unsoziale Stadtverwaltung« In Erfurt beschlossen die Stadtverordneten zu Beginn des Winters, Notstandsarbeiten in der städtischen Kiesgrube vornehme» zu lassen. Da die Arbeiter aber infolge des niedrigen Stunden- lohne? von 25 Pf. nur 12 M. pro Woche verdienten, richteten sie eine Petition an die städtischen Bebörden um Erhöhung des Lohnes. Die Petitionskommission empfahl zu dem Gesuch lieber- gang zur Tagesordnung, weil ja nun die Hauptzeit für Notstands- arbeiten vorbei sei und die Arbeiter bald andere Beschäftigung finden würden. Die Stadtverordnetenversammlung trat diesem auch vom Magistrat verteidigten Beschluß bei, trotzdem der sozial- demokratische Stadtverordnete Genosse Rowag darauf hinwies, daß sich unter den Notstandsarbeitern eine Anzahl Familienväter be- fänden, denen es unmöglich sei, mit einem solchen„Lohn" ihre Familie ernähren zu können.. Die Stadt mache sich einer Aus- nübung der Notlage dieser Arbeiter schuldig. In der gleichen Sitzung lehnten die Stadtverordneten ein Ge- such des Vorstandes des Verbandes der Gemeinde- und Staats- arbciter ab, mit ihm in Unterhandlung wegen Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der städtischen Arbeiter zu treten. Die Petitionskommission hielt es für richtiger, wenn die Stadtverivaltung mit den Arbeitern selbst verhandle. Den Beschluß der Petitionskommission begründete ein Eisenbahnsekretär. Der Verband hatte sich der Sache aber erst angenommen, nachdem das eigene Gesuch der städtischen Arbeiter um Lohnerhöhung nicht berücksichtigt worden war. Hus Industrie und Kandel. Konkurs des Eisenwerks„Rote Erde" in Dortmund. Nachdem schon längere Zeit von Scknvicrigkeiten bei dem Eisen- werk„Rote Erde" in Dortmund die Rede gewesen war, ist nun der ÄonklirS angemeldet worden. Bon dem Akiienkapital von 1 699999 M. sollen»»gciähr 599999 M. verloren iein.— Das Werk Halle vor einigen Jahren ein neues Stahlwerk gebaut und mit dem gleichfalls in Dortmund gelegenen Walzwerk Weber einen Verlrag auf Ab- nahine von Stahlblöcken geschlossen. Das Walzwerk Weber stellte aber noch vor Fertigslellimg des SlablivcrkS auf der Rote» Erde den Betrieb ein und zahlte eine kleine AbfindnngSsmnine. Der Vorgang legie den Grnnd zu den Schwierigkeiten. Hinzu kam, daß sich die WcrkSleitiiiig nur schwer mir den Arbeitern in einigem Einvernebinen halten tonnte. AIS ein Streik ausbrach und die Streitbrecher nichts Rechtes vor sich brachlen, war die» wenig geeignet, die Lage des Werkes zu besser». Zwar kam die WerkSberwakliMg den streikenden Arbeitern schließlich ent« gegen, aber die Schäden konnten nicht ungeschehen gemacht werden.— Nun wird wohl einer der„gemischten" Niesen die Rote Erde verschlingen._ Gewiunsteigcrung im Bergbau. Enorm gestiegene Löhne machen die Verteuerung der Kohle not» wendig! So begründeten die Grubcnkapitalistcn die kürzlich be- schlossenen Preisänfichläge. Wer's glaubt, mag selig iverden, aber düpiert ist er doch! Wie nämlich die Abicklüsse einer Reihe Gruben zeigen, sind die Gewinne im vierten Vierteljahr 1911, also nach der reklamehaft mitgeteillen bereits eingetretenen und noch aiidauernden Lohnerhöhung, ganz erklecklich gestiegen. Folgende Ausstellung beweist das. Der im vierten Vierteljahr erzielte Ueberschuß betrug bei den ausgeführten Gcscllschaflen: 1919 1911 M. M. Ewald..... 876783 1 127568 König Ludlvig.. 697 396 716 997 Königin Elisabeth. 491 771 597 154 Graf Schwerin.. 227 243 315 389 Dorstfeld.... 337 969 388 381 Helene Amalie.. 334 874 466 286 Konstantin.... 1224 814 1 674 997 Lothringen.... 498 763 621295 Gras Bismarck.. 911 889 929 337 Friedrich der Große 536 423 562 122 Harpencr.... 3 752 999 4 351 999 Hibemia.... 2565916 2 894335 Aplerbeck.... 114 541 184 854 Die nun wirksam werdenden Preiserhöhungen inachen zirka 19 Prozenr aus. Da die Löhne noch nicht die Hälfte der wirklichen Erlöse ergeben, entspricht die eingetretene Verteuerung über 29 Prozent der Löhne. Wenn die Grubenbesitzer also nur zum Ausgleich der Lohnaufbesserung Preisausschläge haben eintreten lassen, dann müßten die Löhne um zirka 29 Prozenr heraufgesetzt werden. Bisher ver» halten sich die Grubenkapitalisten aber noch vollständig ablehnend, ivoraus zu schließen ist, daß sie neben den schon erzielten größeren, Gewinnen auch noch die ganze Preissteigerung allein einzustreichen die bescheidene Absicht haben. Gegen solche Plünderet entschieden Front zu machen, liegt im allgemeinen Interesse l Vom englischen Arbeitsmarkt. Die Berichte vom englischen Arbcitsmarkt im Januar lassen keine große Beunruhigung der Geschäfte durch den wahrscheinlich bevorstehenden Generalstreik erkennen. Im Monat Januar ist auch nach der neuesten Nummer der„Labour Gazette" die Ziffer der er- nütteltm Arbeitslosen abermals gesunken; sie betrug am Ende deS Monats nur noch 2.6 Proz. und hat damit für diese JahreSzeit einen seit einem Jahrzehnt noch nicht unterschrittenen Tiefgang cr- reicht. Im Januar 1911 wurden 5,5 Sjkoz. Arbeitslose von den berichtenden Organisationen und offiziellen Korrespolldenten an- gegeben. Das englische Wirtschaftsleben befindet sich seit Jahresfrist, abgesehen von den üblichen, durch klimatische Verhältnisse beein» flußtcn Schwankungen, in aufsteigender Konjunktur. Daher auch die offiziösen und privaten Bemühungen für die Verhinderung deS Gencralausstandes der Kohlengräbcr. Diese haben sich übrigens durchaus uichl beeilt., sich durch durch Forcierung der Förderung mittels Ueberschichlen die Erfolgsaussichtcn zu verschlechtern. Tie „Labour Gazette" teilt mit. von den 683 939 Köhlenbergwerks» arbcitcrn im Vereinigten Königreich sei in der letzten Januarwoche durchschnittlich an 5,62 Tagen gearbeitet worden gegen 5,56 Tagen im Januar 1911. Diese minimale Vermehrung der Arbeitsstunden fällt angesichts der erheblich gestiegenen Nachfrage nach Kohlen gar nicht ins Gewickst. Dagegen scheint der zu erwartende Brennstoffmangel die Eisen- und Stahlwer'Sbcsitzer bereits zu Vorbeugungsmaßregeln vcran- laßt zu haben, denn eS standen trotz der allgemein besseren Kon» junktur auf dem Eisen- und Stahlmarkte im Januar d. I. nur 298 Hochöfen in Betrieb, gegen 397 im Januar 1911. In den Eisen- und Stahlwerken betrug die pro Arbeiter erledigte Schichtzahl nur 5,62, das sind 9,14 weniger wie im selben Monat des Vorjahres. Die Stahl« und Ziunblechfabriken haben gleichfalls im Berichts- monat eine kleine Betriebseinschränkung eintreten lassen, was sich nicht durck einen verminderten Absah, sondern aus der Furcht vor einem Ausfall der Kohlenanfnhr erklären läßt. Naturgemäß wür- den die Eisen. Stahl und sonstige Metalle verarbeitenden Jndu- strien unmittelbar von einem Generalstreik der Kohlengräber be- troffen iverden. Gelingt es nicht, ihn zu verhindern, wozu das Anerkenntnis der Arbciterforderung nötig ist, dann dürften im Monat März 2 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen zum Feiern kommen. Sericbts- Leitung. Harte Strafe wegen KohlenklaobcnS. Wer kennt nicht die hohen kahlen Bergehalden, die den Kohlenrevieren ihr charakteristisches Gepräge verleihen. Hier werden die in der Kohlenwäsche ausgesiebten und aus- gewaschenen Steine sowie aller Unrat, den die Zechen zutage fördern, abgelagert. Zwischen diesen Steinen finden sich hin und wieder kleine Kohle»stücke. Für die Zechenverwaltungen �sind sie absolut wertlos, sie können im Gegenteil viel Schaden anrichten, da sie die Selbstentzündung der Bergehalden im- gemein stark beeinflussen. Nun hat sich seit altershcr bei der Bergbevölkerung ein gewisses Gewohnheitsrecht herausgebildet. nach dem die ärmere Bevölkerung, die im Winter keine Kohlen zur Feuerung hat, diese Kohlcustückcheu ausklauben und anflesen— eine recht mühevolle Arbeit, die in der Regel von Kindern verübt wird. Es gibt mm manche Zechenverwaltungen, die schon eine Auge' zudrücken. Andere sehen darin eine Konkurreiizschädigung und verfolgen derartige Ucber- tretungen mit aller Strenge. So auch die Zeche Prosper. Auf der Steiuhalde dieser Zeche hatten die Schul- mädchen De a r i a und Franziska Rzimanek aus Bottrop Kohlen gelesen. Sie waren dabei so fleißig gewesen, daß die Eltern sogar noch für 8®i. Kohlen verkaust hatten. Die Zechenvenvaltuiig erstattete Anzeige. Die Strafkammer in Essen verurteilte die beiden Mädchen zu je 6 Wochen Gefäugilis. Die Mutter erhielt wegen Hehlerei 5 Monate Gefängnis, der Vater 1 Jahr Zuchthaus. In der letzten Reichstagssession hatte die Regierung einen Gesetzentwurf eingebracht, der derartige, dem gesunden Rechtsgefühl ins Gesicht schlagende Urteile unmöglich gemacht hätte. Die sozialdemokratische Fraktion hat den Entwurf, unter Fort- lassung der ihm beigefügt gewesenen reaktionären Borschriften als Initiativantrag jetzt eingebracht. Dringend erforderlich wäre seine alsbaldige Verabschiedung. Ter Kontordicncr als AufsichtSratsmitglied. Der Äontordieiicr Herrman Ritter hatte sich gestern unter der Anklage der Unterschlagung von zirka 23 99» M. vor der 7. Straf- kaminer des Landgerichts I zu verantlvorten. Mitangeklagt wegen Hehlerei war außerdem der Schwager des R.. der Kaufmann Karl Zander. Der Angeklagte Ritter war etwa 13 Jahre lang bei der Firma H. Wolfs als Kontordicncr angestellt. Da er sich als völlig .uverlässig erwiesen hatte, spielte er bei der Firma die Rolle des Faktotums, in der er das volle Vertrauen seines Chefs genoß. Es wurden ihm deshalb hohe Beträge anvertraut, die er bei den Banken einzuzahlen hatte. Diese Vertrauensstellung brachte es mit sich, daß R. bald ohne sein Zutun mit dem Nimbus des ver- mögenden Mannes umgeben wax. Diese eigentümliche Situation führte schließlich sogar dazu, daß Ritter den Posten eines Auf- sichtsratsmitglicds der Genossenschaftsbank Groß-Bcrlin erhielt. Als dies bekannt wurde, wurde er von vielen Leuten aus scincin Bekanntenkreise bestürmt, ihren Wechsel zu diskontieren. Er tat dies auch zu Ansang bei der Genossenschaftsbank selbst, dann aber borgte er sich das erforderliche Kapital bei mehreren Nestau- ratcurcn zusammen, denen er bis zu 20 Proz. Zinsen zahlen mußte, während er selbst nur 4 Proz. berechnete. Er ging jedoch weiter auf diese ungesunden Geschäfte ein, da er sich schließlich selbst in die Rolle dcS vermögenden Mannes hincingclcbt hatte. Als er cnd- lich von allen Seiten bedrängt wurde, geriet er zum ersten Male auf die schiefe Ebene, als ihm von einem Hauseigentümer Wcpc 300 M. zur Einzahlung bei einer Bank übergeben wurden, die er dann für sich behielt.— Am 3. Januar d. I. erhielt Ritter von seiner Firma 18 260 M. Bargeld und einen Scheck über 4500 M. mit dem Auftrage ausgehändigt, das Bargeld bei der Reichsbank einzuzahlen und den Scheck bei der Nationalbank zur Verrechnung abzugeben. Ter Angeklagte löste den Scheck jedoch ein und behielt die ganze Summe von 22 760 M. für sich, in der Absicht, damit nach Brasilien zu flüchten, da er erkannte, daß sein finanzieller Zu- sammenbruch nahe bevorstand. Von diesem Gelde händigte er seinem Schwager, dem Mitangeklagten Zander, 1600 M. aus, der hiervon 100 M. zum Unterhalt seiner Familie verwandte, den Rest von 1400 M. aber einem Gastwirt zur Aufbewahrung gab, bei dem das Geld dann beschlagnahmt wurde. Ritter konnte seine Absicht, nach Brasilien zu fluchten, nicht mehr ausführen, da er inzwischen verhaftet wurde. In seinem Besitze wurde fast noch die volle Summe gefunden, so daß die Firma Wolff nur einen Schaden von einigen hundert Mark erlitten hat. TaS Gericht erkannte auf S brzw. 3 Monate Gefängnis unter Anrechnung von je einen, Monat der erlittenen Untersuchungshast. In einem Falle der Unterschlagung wurde der Angeklagte Ritter freigesprochen. Außer- dem wurden beide Angeklagte aus der Haft entlassen. Eine Erprcssungsaffäre beschäftigte gestern die 2. Strafkammer des Landgerichts II. Wegen wiederholter versuchter Erpressung war die BildhaucrSfrau Frieda Kraus aus Schöncberg angeklagt. Im Jahre 1901 lernte ein jetzt in Süddeutschland ansässiger Kommerzienrat in Berlin die damals unverheiratete Angeklagte kennen. Zwischen beiden entwickelte sich ein Liebesverhältnis, welches nicht ohne Folgen geblieben war. Tie klngeklagtc ging um diese Zeit mit dem Bildhauer Kraus die Ehe ein, welcher dann von dem Kommerzienrat in dessen Fabrik angc- stellt wurde. Als Kraus dann wegen fortgesetzter Streitigkeiten mit dem Betriebsleiter entlassen wurde, richtete seine Frau an ihren ehemaligen Geliebten einen Brief, in welchem sie ihn auf- forderte 100 000 M. für das Kind zu zahlen, anderenfalls sie Skandal machen würde. Ter Kommerzienrat zahlte auch 1ö 000 Mark, nachdem ihm angeblich die sämtlichen kompromittierenden Briefe von der Angeklagten ausgehändigt worden waren. Als diese 16 000 M. verbraucht waren, setzte die Angeklagte die Erpressungen fort und verlangte nochmals 100 000 M. mit dem Hinweise, daß diese Summe bei seinem Einkommen von 800 000 M. ja keine Rolle spiele. Wie sich jetzt herausstellte, hatte die Angeklagte jene Briefe photograpbicrcn lagen, um dann damit nach Art der gewerbs- mäßigen Erpresser von neuem drohen zu können. Sie erhielt auch tatsächlich nochmals 10 000 M., nachdem sie vor einem Notar erklärt hatte, keine weiteren Ansprüche an den Kommerzienrat stellen zu wollen. Trotzdem verfolgte sie diesen im vergangenen Jahre von neuem mit Briefen, in denen sie 200 000 M. als„Entschädigung für eine Verführte" verlangte. Als sie schließlich mit ZeitungL- artikcln drohte und die Kopien der photographicrten Briefe an die Gattin dcS Kommerzicnrats sandte, übergab dieser die Sache der Staatsanwaltschaft, welche die jetzige Anklage erhob. Die Angc- klagte behauptete von Anfang an, daß sie durch ihren ehemaligen Geliebten schwer geschädigt worden sei und ließ den Beweis dafür antreten, daß sie angeblich der Ucbcrzciigung war, Rechtsansprüche an den Kommerzienrat zu haben.— Das Gericht kam nach mehr- stündigcr unter Ausschluß der Leffcntlichkcit geführter VerHand- lung zu der Verurteilung der Angeklagten. Tai Urteil lautete auf 9 Monate Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte IVs Jahre Gefängnis beantragt. Ter Name des Kommerzicnrats ging aus der Urtcilspublikation nicht hervor. JZiis der Frauenbewegung. Tie Frauenarbeit im Handelsgcwcrbe. Tie ständige Zunahme der Zahl der erwerbstätigen Frauen verursacht VolkSwirtschaftlcrn sowie zünftigen Verfechtern angcb- lichcr Männcrintcressen seit Jahren rege Gedankenarbeit und hat zu einer Flut von Schriften über die verschiedensten Probleme der Frauencrwerbsarbcit Veranlassung gegeben. Mit der Ausdehnung der Frauencrwerbsarbcit auf das Handclsgewcrbe, die in größerem Umfange in den neunziger Jahren des vorigen, stärker noch in diesem Jahrhundert einsetzte, ist die Tistussson auch in diese Kreise getragen worden und hat hier zu der von der Konkurrenzfurcht diktierten Forderung der Ausschließung der Frauen aus dem Handelsgewcrlw geführt. Tics« Forderung, anfänglich mehr oder weniger entschieden vertreten von fast allen Handlungsgehilfen- organisationen— selbstverständlich mit Ausnahme des gelverkschaft- liehen Zentralvcrbandcs— führte zu lebhaften Auseinander- sctzungen in diesen Kreisen, endend mit klarerer und entschiedenerer Stellungnahme. In diesen Tebattcn wurden besonders zwei von der FrauencrwerbSarbeit drohende Gefahren mit krassen Farben ausgemalt, nämlich: die durch den Lohndruck verursachte schlechte Bezahlung der Männer, sowie ihre Stcllenlosigkcit. Wie es nun mit der Berechtigung dieser Vorwürfe gegen die erwerbende Arbeit der Frau steht, die auch heute noch in unverminderter Weise von den in ihren rückständigen Anschauungen beharrenden deutsch- nationalen Handlungsgehilfen erhoben werden, zeigt eine unlängst erschienene wisscnsckiaftlichc Untersuchung von Dr. Sittel über die Frauenarbeit im HandelSgewerbc. Sittel, der im ersten leil seiner Schrift die Enkwickclung der Frauenarbeit im Handclsgewcrbe, die soziale Herkunft der arbeitenden Frauen und die Notwendigkeit ihcrs Erwerbs unter- sucht, versucht in ihrem zweiten zu einer wirtschaftlichen Würdigung der handelSgewcrblichcn Frauenarbeit zu gelangen. Hierbei be- spricht er die„sozialen Begleiterscheinungen der handelsgewerb- lichcn Frauenarbeit" und untersucht die Frage: Werden die Männer durch die zunehmende Beteiligung der Frauen berufslos und wird durch die billigere Arbeit des weiblichen Geschlechts der Männcrlohn hcrabgedrückt, eventuell im Steigen desselben ver- hindert? Tas Ergebnis feiner Untersuchung faßt Sittel zusammen und sagt, man könne„die handelsgcwcrblichc Frauenarbeit weder als eigentliche Ursache dafür ansehen, daß die Männer stellenlos werden, noch darf man die niedrigen Mannerlöhne lediglich als Wirkung der umfangreichen Beschäftigung weiblicher Personen be- trachten. Ter Sebivcrpunkt dieser Entwickclung— stellenlose und niedrig entlohnte Männer— liegt vielmehr in der v e r ä n d e r- ten und sich noch ändernden Struktur des Han- delZgcwerbes. Nicht zu leugnen ist jedoch, daß das Bor- handcnsein eines großen weiblichen Angebots dem kapitalistischen Unternehmer diese Acnderung ivcscntlick erleichterte, den männ» lichcn Angestellten aber ein erfolgreiches Tagegenkämpfen sehr er- schtverte". Nicht also die Frauenarbeit, vielmehr der Großbetrieb mit seiner weitgehenden Arbeitsteilung und Maschincnvcrwcndung ist als hauptsächlichste Ursache für die Stellenlosigkeit und die schlechten Lohnvcrhältnissc anzusehen. Kampf gegen die Frauen- arbeit ist deshalb Kampf gegen Windmühlen. Notwendig ist wie in allen Berufen Kampf beider Geschlechter gegen den Kapitalismus. Leseabende. Rieder-SchZnewcidr. Dienstag, den 27. Februar, be! Stahlberg, Berliner Str. 124. Rcfcrcntin: Genossin Faürenkrug. KZnigs-Wustcrhausen nnd Wildau. Mittwoch, den 28, Februar, bei H e t d r i ch. Berliner Slraße. Versammlungen. Tie Organisation der Maler und ihre Erfolge unter de« Zeichen der Tarifverträge, über dieses Thema hielt der Verbands- Vorsitzende A. T o b l e r- Hamburg einen Vortrag in einer Ver- sammlung, die am Donnerstagabend in Möruers Fcstsälen, Kopvcn- straße, stattfand. Der Redner betonte zuerst die einmütige Auf- sassung vom Wert der Tarifverträge unter den Angehörigen des Malcrgcwerbcs; zur Ernngung besserer Verhältnisse im Gewerbe brauche man feste Verträge. Darum sei mau auch mit dem Vor- schlage der Unternehmer, ein allgemeines, bestimmtes Abkommen zu treffen, wie es im Buchdruckgcwerbe besteht, einverstanden gewesen und habe redlich geholfen, einen Reichstarifvertrag zustande zu bringen. Nicht so redlich seien die Unternehmer dabei borge- gangen, die vielmehr hofften, den Verband zu schädigen und in Abhängigkeit zu bringen; sie zogen die Hirsch-Dunckcrichcn, die Christlichen und die Gelben mit heran, um die Arbeiter in lln- cinigkcit zu bringen; sie stellten Forderungen, von denen sie sich allein großen Vorteil versprachen, wie zum Beispiel die izestsetzung einer Mindestleistung, die Beseitigung der Schmutzkonkurrenz u,w. Der Reichstarif wurde abgeschlossen und er hatte gute Wirkungen im Gefolge, besonders in bezuq ans Lohnerhöhungen für große Massen der im Malcrgcwerbe Beschäftigten, deren Verhältnisse ciiic heilsame Regelung ersuhren. Ter Redner führte ein reiches Zahlenmaterial znin Bclvcise an; unter anderem hob er hervor: Im Jahre 1905 waren 160 Tarifverträge abgeschlossen, die 12 109 Betriebe mit 39 68ö Beschäftigten umfaßten. Von den Bcschasligtcn waren 27 066 organisiert. Im Jahre 1911 waren 295 Vertrage abgeschlossen, die 16 901 Betriebe mit 57 803 Beschäftigten umfaßten. Organisiert waren davon 38 651. Im Jahre 1905 hatte der Ver- band 29 470 Mitglieder, im Jahre 1911 war diese Zahl auf rund 48 000 gestiegen. Heute sind 61 Proz. der Arbeiterschaft im Maler- gcwerbc organisiert. Tic Organisation hatte bemerkenswerte Fortschritte gemacht, entgegen den Erwartungen der Unternehmer. Mit ihren Forderungen aber, wodurch sie sich sichern wollten, mach- ten die Unternehmer recht schlechte Erfahrungen. Die ehemals heiß umstrittene Leistungsklausel, die als Gegengewicht gegen den vom Verbände energisch aufrechterhaltenen Mindestlohn dienen sollte, wird jetzt vielfach von den lMcistern sehr mißtrauisch betrachtet und sogar bekämpft. In Berlin fürchtet man zum Beispiel, daß die Gehilfen schließlich für den Mindestlohn nicht mehr ar- bciten würden, als man als Mindestleistung ansieht. Die versuchte Beseitigung der Schmutzkonkurrenz hat soviel Schwierigkeiten gc- macht und soviel Streit unter den Meistern hervorgerufen, daß man sich auch von dieser Forderung nicht mehr viel verspricht. Eine Bestimmung im Tarifvertrag, die die Agitation für den Verband unterbinden wollte, ist ganz wirkungslos geworden; eine solche Agitation aufgeklärten Arbeitern zu verbieten, ist töricht. Noch sind schwere Kämpfe innerhalb der Vcrtragsgcbicte zu führen, be- sonders um die Arbeitsnachweise. Tie tariflichen Instanzen funktionieren zuweilen recht schwerfällig und viele Zusammenstöße sind unvermeidlich geworden, aber innerhalb der Gchilfenorgam- sation ist jeder Zwist über den RcichStarif geschlichtet, nur um praktische Fragen über die Ausgestaltung des Tarifs handelt es sich bei den jetzigen Diskussionen noch. Die Unternehmer aber, die einst durchaus nach cincin Reichstarif verlangten, sind sehr unzu- frieden mit der Entwickclung der Dinge. Viele haben sich schon abgewendet und wollen einen Verband gründen, der Anschluß bei dem mächtigen Unternchmervcrband im Baugewerbe sucht. Zur Gründung eines Bundes Deutscher Deko- rationS maler findet Ende Februar d. I. in Nürnberg eine Konferenz statt. Unter den Punkten der vorgesehenen Tages- ordnung sind bemerkenswert: Der neugegründcte Bund und seine Stellung zum Hansabund, ferner seine Stellung zum Deutschen Arbcitgcbcrverband für daS Baugewerbe, dann zum Z 10 des RcichstarifvertrageS und§ 100q der Gewerbeordnung.— Man fürchtet, daß in dem zu gewärtigenden neuen Reichstarifvertrage Bestimmungen getroffen werden,..die noch schärfer eine freibcit- liche und fortschrittliche Gcwcrbcpolitik im Malergcwcrbe vorsehen, als daS bisher schon der Fall war". ES wird daher zum Sammeln geblasen für»den soliden Meistcrstand". Aus 19 Städten sollen schon Anmeldungen und Zustimmungsadrcsscn zum neuen Bunde eingelaufen sein. Die Organisation der Gehilfen ist auf alle Fälle gerüstet; sie ist entschlossen, bei den nächsten Verhandlungen über einen Tarif- vertrag Verbesserungen zu verlangen, entsprechend den bestehenden Zcitverhältnissen.— Der Redner schloß den sehr beifällig aufgenommenen Vortrag mit einem Appell zur unermüdlichen Agitation für den Verband. Die Diskussion bewegte sich ganz im Sinne deS Referats. Allseitig wurde verlangt, daß man mit neuen Forderungen, unter anderem in bczug auf den Arbeitsnachweis und die Verkürzung der Arbeitszeit, nicht zögern dürfe. Ruq aller Melt. Die Dciligen der Reahtion. In der russischen„höchsten Gesellschafk" finden sich die Per- bcrsiläten der faulen Ueberkultur zusammen mir dem lvohlerhaltcneu Erbreil eines durch lluwisscnheit und Despotismus vertierten VolkcS. Hand in Hand mit der Gegenrevolution hat sich ein Mystizismus eingenistet, der zugleich an den Aberglauben einer nur mit Bildungs- strniS überstrichencn Gesellschaft und an die erotischen Neigungen üppiger Salonpflanzeir anknüpft. Ileberall, schreibt mau dem„Pcuple", finden sich in den vornehmen Salons.fromme Greise".„Asketen",„demütige Brüder" und andere Schwindler, die diese Geistcsneigung ausnutzen. Eine besondere Rolle unter ihnen spielt der„fromme Greis"(von 35 Jahren I) R a s p U t i n, eine Zierde des Salons der Gräfin I g n a r i c lv, der das Haupt- quariter der Reaktion darstellt und von großem Einfluß in der höchsten Gesellschaft bis zum Z a r c n ist. Nmi hat sich aber seit geraumer Zeil herausgestellt, daß Rasputin nicht allein Gauner, sondern ein gefährlicher Erotomane ist. der viele Ehefrauen und junge Mädchen jener Kreise seinen Gelüsten dienstbar gemacht hat. Die Sacke wurde ruckbar und wurde sckou in der Presse besprochen. Da griff die Behörde zugunsten der bloßgestellten Kamarilla niit einem seit langem unerhörten Verfahren ein: mau verbot den Zeitungen, von der peinlichen Sache oder dem frommen Mann überhaupt etwas zu erwähnen. Das ging selbst der Redaktion de« regierungsfrommen fokto- bristischcii)„G o l o s Moskwy", des Blatte« des früheren Duma- Präsidenten 6! u t s ch k o w, zu weit. Dem Befehle offen entgegen brachte das Blatt einen Artikel, der sick mit gleicher Schärfe gegen Rasputin nnd die geistlichen Behörden, die seinem Treiben ruhig zu- sehen, iveitdel. Da heißt es:„Wie lange noch wirft Du unsere Gc- duld mißbrauchen? Die Getreuen der recktgläubigen russischen Kirche müssen diese Worte sdie vorher gegen Rasputin gcbrauckt wurden) auch dem Heiligen Synod « « Todes-Anzeigen j SozialdemokratisctierWalilverein des S. Berl. Reicbstags-WalilkrEises. Am 24. Februar verstarb unsere Genossin fsZli �Sl-ie �srscksl! Stargardcr Straxe 12 s. Ehre ihrem Andenke»: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 28. Februar, nach» mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des städtischen Friedhoses in Friedrichssclde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 226/5 Ver VsrstesnÄ. SoziaMemokratiseb-Walilvereiii Kreis Nieder-Barni. Bezirk Friedrichshagen. Den Mitgliedern zur Nachricht. das; unser langjähriges Mitglied, der Tischler OsKsr IVurnper im 30. Lebensjahre verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Dienstag, den 27. Februar, nach- mittags 3li, Uhr, von der Halle des Friedrichshagener Friedhoses aus statt. 240/12 Die Bezirksleitung. Danksagung. Für die bei der Beerdigung meiner unvergeßlichen Frau, meiner lieben Mutter bewiesene Teilnahme sagen allen Genossinnen und Genossen so- wie Freunden und Bekannten unseren innigsten Dank. Itarl Raczek und Sohn. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, dast unser Kollege, der Möbel- Polierer Ott« FUeVer gestorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 27. Februar, nach- mittags 3 Uhr, aus dem EmmauS. Kirchhos in Neukölln, Hermann- strafie, statt. 78/10 Oie brtsverwaltung. Verband der Schneider, Schneiderinnen u. Wäsche- Arbeiter Deutschlands. Filiale Berlin I. Kachrnf. Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, dast die Kollegin I.uisv Braun am 23. Februar im Aller von 37 Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andeukeu: Die Beerdigung hat am Montag- nachmittag aus dem neuen Naza- reth-Kirchhof, Reinickcndors-West, stattgejunden. Oie Ortsvervailimg. Am 23. d. M. starb plötzlich am Herzschlag mein lieber Mann, unser guter Vater »oritz Samolevitz. Beerdigung Dienstag 2 Uhr, jüd. Friedhos, Weiszensee. Die Hinterbliebenen, 2S1b Fehrbelliner Str. 30. Deutseber Holzarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Friedrichshagen Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Tischler Osksr TYürnpef im 30. Lebensjahre verstorben ist Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Dienstag, den 27. Februar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Halle des Friedrichshagener Friedhoses aus statt. 79/12 Die Ortsverwaltuust. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dag meine ticbe Frau, unsere treusorgende Mutter Lmma i�asmussea geb. Redmann nach langem schweren Leiden am 24. Februar, nachmittags 3 Uhr, gestorben ist. vei- trause-n«!« Gatte nebet Kindern. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 28. Februar, nach- mittags 4ll, Uhr, von der Leichen- halle des St. Simeon-KtrchhoseS in Britz, Tcmpeihoser Weg, aus statt. ZpecisI Neil Verband der fabrikarbeiter Deutschlands. Am Freitag, den 23. Februar, verstarb unser Mitglied Andreas Drews. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute, Dienstag, den 27. Februar, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Halle des katholischen Friedhoses, Weißen- see, Wörthstraße, auS statt. 57/7 Die Ortsverwaltung. Flasche 10 Pf. I£r st Klassiges Spezial- Bräu nach Pilsner Art Überall Käuflieb Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unseres guten Vaters sagen wir allen Bekannten, Kollegen. Freunden und Genossen unseren lies- gesühltcsten Dank. Frau.Anenste Hertz 2476 und Kinder. pollmanns urSandagen Gcrdiift, nebft Hrtibcl lur Gesundheits- u. Krankenpflege, Verbandstoffe, Gummiwaren etc. Berlin Zi., Lothringer Str. SO. Lielerant für Krankenkassen Eigene Werkstatt. Buchhandlung Vorwärts Llndensfr. 69(Laden). Soeben erschien: 246/20 Die MertzlltvachsSeller. Reichsgesetz vom 14. Februar 1911. Bon.Udert Südekum. (Heft 12 der Sozialdemokratischen Gemeindepolitik.) Preis 1 M. Vereinsausgabe 10 Pf. (O) Leineweber 4-5-6 Köllnischer Fischmarkt 4-5-6 Reparaturen. Spez.: Unerläßlich saubere Mensur für Schüler. Tonvcrbesse- rung, aus Wunsch auch solche, die dem alt-italienischen Tone täuschend ähnlich ist. 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Tie normale Entwicklung vom Klein- zum Großbetrieb war hier wenig oder gar nicht der Ausdruck technischer Umwälzungen oder kapitalistischer Konzentra- Horn Das Elektrizitätsgewerbe trat vielmehr von Anfang an als Großbetrieb auf. Basierend auf einer breiten Kapitalsgrundlage machte sein Ausdehnungsdrang nicht an den nationalen Grenz- pfählen halt; sie ist zwar die jüngste der Großindustrien, aber auch die internationalste aller kapitalistischen Unternehmungen. Und vorwiegend sind es deutsche Gründungen, die ihre Fangarme fast über die ganze bewohnte Erde erstrecken. Selbstverständlich ver- bündeten sie sich dabei mit dem nationalen Kapital in den ver- schiedenen Ländern. Nach verhältnismäßig kurzen Kämpfen unter den tonangebenden Unternehmungen, ließen in dieser Industrie Fusionen und Interessengemeinschaften die Konkurrenz gar bald ausschalten. Man geht nicht fehl in der Annahme, daß geheime Vereinbarungen unter den noch existierenden selbständigen Unter- nchmungcn resp. Konzernen, Mindestpreise usw. vorschreiben, die nur außer Geltung gesetzt werden, wenn es sich um die Nieder- vingung eines der kleinen kapitalschwachen Unternehmen handelt, die noch für Spezialartikel bestehen und immer wieder versuchen — meist vergeblich— empor zu kommen. Schon die Anlage lokaler Elektrizitätswerke zur Erzeugung von Strom und für Kraft- und Lichtzwecke bedeutet ein großes Ge- schäst, mehr noch ist das aber der Fall bei den in den letzten Jahren »mmer häufiger erbauten Ueberlandzentralen. Die Beschaffung der erforderlichen Kapitalien macht Kommunen und Behörden usw. oft große Schwierigkeiten. Tie Elektrizitätsunternehmcn wußten Rat, sre förderten die Unternehmungslust, indem sie mit der Liefe- rungsübernahme die Kapitalsbeschaffung besorgten. Diesem Zweck dienen die von den großen Unternehmen gegründeten Elektrobanken. Das jüngste Kind auf diesem Gebiete ist die kürzlich von der All- gemeinen Elektrizitätsgescllschaft und dem Siemens-Schuckert Kon- zern gegründete Elettro-Treuhand-A.-G. Sitz der Gesellschaft ist Hamburg. DaS Aktienkapital beträgt 30 Millionen Mark, von denen 25 Proz. bar einzuzahlen sind. Obligationen sollen bis zur dreifachen Höhe des Aktienkapitals ausgegeben werden. Der Plan, in Verbindung mit der Siemens-Gruppe«ine Treuhand-Gesell- schaft ins Leben zu rufen, bestand schon seit einigen Jahren. Mit der Verwirklichung eines solchen Projektes waren jedoch im Jahre 1909 die Feiten und Guilleaume-Lahmeyerwerke zuvorgekommen; sie gründeten die Bank für die elektrische Industrie. Die Gründung der neuen Treuhand-Gesellschaft erfolgt jetzt, weil der Zeitpunkt für große Geschäfte als sehr günstig gilt. Für die neue Gesellschaft soll bereits ein größeres Objekt ins Auge gefaßt worden sein. Der Zweck der Gründung ist vor allen Dingen die Finanzierung größerer Unternehmen und die Erleichterung des Baues von elektrischen An- lagen. Die Elektrizitätsindustrie beschafft sich Leihgel-d, das dazu dienen soll, die Anlage von Elektrizitätswerken zu erleichtern. Sie arbeitet als Geldvermittlerin, um gut lohnende Arbeiten zu er- halten. Bei der Kapitalbeschaffung kann man sehr kulant sein: die Aufträge müssen alles doppelt Wieoer hereinbringen? Die voraus- . sichtlich niedrige Verzinsung des eigenen Kapitals in der Treu- handank wird durch die höheren Gewinne der Elektrizitätsunter- nehmen reichlich ausgeglichen. Und was die Hauptsache ist: diese Entwicklung ist die am schwersten zu übersteigende Schranke gegen das Aufkommen neuer Konkurrenzunternehmen. Die Teilnehmer der großen Konzerne sind mit allerhand andern, Waren herstellende» Gesellschaften und Lieferungsunter- nehmen liiert, haben ein System der Verschachtelung geschäftlicher Interessen ausgearbeitet, das eine genaue Kontrolle für die Außen- stehenden ausschließt und manchen Wettbewerb einfach zu einer Farce stempelt. Dazu gründen die Konzerne nicht nur Banken, fondern auch Unternehmen, die sich der Aufgcche der Stromver- orgung widmen. Durch Beteiligung an entsprechenden Unter- nehmen, z. B. Straßenbahnen sucht man diese als Abnehmer zu gewinnen. Auf diesem Gebiete ist besonders das Elektrizitätswerk Essen-Ruhr tätig. Kürzlich beschloß eine Generalversammlung der Elektrizitätswerke und Straßenbahn Gotha, Aktiengesellschaft, die Aenderung der Firma in„Thüringer Elektrizitätslieferungs-Gc- sellschaft, Aktiengesellschaft" und die Erhöhung des Aktienkapitals von bisher t'A Millionen Mark um Ish Millionen Mark gleichberechtigter Stammaktien und um 3 Millionen Mark övrozentiger Bor- zugscrktien. Tie neuen Aktien wurden von der A. E. G.. der Bank für elektrische Unternehmungen(Zürich), der Elektrizitätslieferungs- gescllschaft, der elektrischen Licht- und Äraftanlagengciellschaft, Ber- lin, übernommen bis auf einen Betrag von 59 999 M. Stammaktien, den die bisherige alleinige Aktionärin, die Elektrizitätsaktiengesell- schart vornp Lahmeyer u. Co., zeichnete. Die Gesellschaft soll die Versorgung Gothas und angrenzender Gebietsteile-durch ein ge- mcinsames Leitungsnetz aus 2 großen elektrischen Kraft stationen tn Gotha und Altenbreitungen(Meiningen) und die Errichtung elektrischer Ueberlandbahnen im Herzogtum Gotha betreiben. Diese Gründung bringt die monopolistische Tendenz in der Elcktrizitätsindustrie besonders markant zum Ausdruck. Jetzt wehren sich viele Kommunen gegen die den Straßenbahnen ein- geräumten Verkchrsmonopole. Von rein kapitalistischen Gesichts- punkten geleitet, tragen sie nicht den Vcrkehrsbedürfnissen, sondern nur Gewinnerwägungen Rechnung. Flössen die von solchen Unter- nehmen erzielten Gewinne in�die Kommunalkassen, dann wäre manche Gemeinde drückender Steucrsorgcn enthoben, könnte den vernachlässigten kulturellen und sozialen Aufgaben eine dem Ge- samtwohle dienende Förderung zukommen lassen. Die bisher herausgewachsenen Verkehrsmonopole und die Mißstände, die sich für die Gemeinden aus den Geheimabkommen der Ticfbauunter- nehmer ergeben, stehen in ihrer Bedeutung weit hinter dem Mono- pol zurück, das die Elektrizitätskonzerne in zielbewußter Arbeit er- streben und in erheblichem Umfange bereits erreicht haben. Wie die Straßenbahngefellschaftxn für das enge bei ihren Anlagen in Betracht kommende Gebiet, fordern die Elektrizitätsgcsellschaften bei der Errichtung von Ueberlandzentralen das alleinige Be- Nutzungsrecht für alle Straßen, Wiege usw. Solches Recht schließt selbstverständlich jede Konkurrenz von vornherein aus, bringt� die Gemeinden in vollständige Abhängigkeit von den Gesellschaften. Mögen im Laufe der Zeit grundlegende Umwälzungen in der Kraftgcwinnung und Kraftübertragung die Elektrizitätsversorgung auf eine andere wirtschaftliche Basis stellen, die abhängige Ge- meinde bleibt der Gesellschaft aus 39, ja 59 Jahre zu den einmal festgesetzten Bedingungen verpflichtet. Ein solcher Vertrag besteht z. B., außer ähnlichen in Süd- deuftchland, zwischen der A. E. G. und dem Kreise Saarbrücken. Die Gesellschaft hat sich außerdem noch durch einen Sondervertrag mit der Verwaltung der fiskalischen Bergwerke das alleinige Abnahme- recht von Strom gesichert. Da andere Erzeuger kaum in Betracht kommen, sind die einzelnen Gemeinden der A. E. G. schon ausgc- liefert. Sie besitzt weiter auf 39 Jahre das ausschließliche Recht, alle vom Kreise unterhaltenen Wege zu Stromleitungen benutzen zu dürfen. Sogar Ucberqucrungen von Straßen sind anderen Interessenten verboten. Ein weniger festes Monopol als wie hier hat die A. E. G. im Herzotum Gotha erlangt. Zwischen ihr und der Staatsregicrung ist ein Vertrag auf folgender Grundlage ge- Mofsen worden: Die Gesellschaft ist verpflichtet, im Herzogtum Gotha eine Ueberlandzentrale zu errichten, die alle Orte desselben mit elektrischer Kraft zu versorgen hat. Sie gründet ein von den übrigen Schöpfungen der Gesellschaft unabhängiges Unternehmen mit dem Sitz in Gotha. Das Ministerium gestattet der Gesellschaft die Benutzung und Ueberkreuzung aller Straßen zur Fortleitung des Stromes in ober- oder unterirdischen Leitungen. Die Gesell- schaft hat dem Staate eine Abgabe zu entrichten, welche-ä— 1 Proz. der Bruttoeinnahme ausmacht. In den ersten vier Jahren nach Abschluß des Vertrages sind außer den 7 Städten des Herzogtums 34 Gemeinden mit den erforderlichen Anlagen zu versehen; in den folgenden 4 Jahren hat sie diese für die übrigen Gemeinden zu verschaffen. Sodann hat sie die Bahn von Gotha nach Friedrich- roda und von dieser Nebenlinien nach Waltershausen und Groß- tabarz als Kleinbahnen zu bauen. Auf Verlangen des Ministeriums mutz die Gesellschaft weitere Linien errichten, welche Orte bc- rühren sollen, denen Vollbahnanschlüsse bisher versagt blieben, weil nach den Berechnungen der preußischen Behörden die Rentabilitä: fraglich war. Der Vertrag hat vorläufig auf 59 Jahre Gültigkeit. Nunmehr gründete die A. E. G. die durch den Vertrag vorge- schriebene Gesellschaft. Ein bestehendes Straßenbahnunternehmen geht darin auf., r- r Tie Monopolgelüste der Elektrizitatskonzerne erstrecken sich auch auf die Anfertigung von Hausanschlüssen und Lieferung von Materialien. Soweit Installateure zu den Hausanschlutzarbeitern zugelassen werden sollen, verlangen die großen Gesellschaften die Vorrechte der alleinigen Lieferung aller einschlägigen Erzeugnisse. Mit dem immer engeren Zusammenschluß der produzierenden Unternehmen verliert die letztere Bestimmung an Wert. Etwas anders verhält es sich dagegen mit der Ausschließung jeder Kon- kurrenz bei der Herstellung der Hausanschlüsse. Für den ansässigen Handwerker spielen sie immerhin eine nicht unbeträchtliche Rolle. Früher schon haben die Regierungen durch entsprechende An- ordnungen versucht, dieser Art Monopol entgegenzuwirken. Ver- trägen, die den Ausschluß der Handwerker usw. für die erwähnten Arbeiten vorsehen, soll die behördliche Genehmigung versagt bleiben. In Preußen sind kürzlich diese Bestimmungen verschärft worden. Es hat sich herausgestellt, daß die früheren Erlasse den erwünschten Erfolg vermissen lassen. Ob die neuen Verfügungen andere Resultate zeitigen werden, kann dahingestellt bleiben. Im besten Falle reservieren sie den Installateuren eine Summe von Beschäftigung, die gegenüber den Gesamtanlagen und den Strom- lieferungen wenig ins Gewicht fallen. Das um so weniger, als die fortschreitende Monopolisierung in der Erzeugung elektrotechnischer Materialien und Apparate den Konzernen eine Preisdiktatur ein- räumt. Das alleinige Benutzungsrecht der Wege, Plätze usw. soll ihnen nicht versagt werden. Dieses Recht bedeutet aber eine noch stärkere Fessel zum Nachteil der Gemeinden und auch anderer pri- vater Interessen, als wie die früher den Straßenbahnen eingc- räumten Monopole. �, Die Börse schlägt die antimonopolistischen Bestrebungen kaum hoch an. Sie reagierte auf die Ankündigung schärferer Maß- nahmen mit einer unbedeutenden Kwrsabschwächung. Große Er- Wartungen setzt man auf die Geschäfte im Ausland. Die Kurse der Deutschen Uebersee-Elektrizitätsgesellschaft in Berlin sind seit Ende September um zirka 19 Proz. gestiegen. Der Aufsichtsrat der Gesellschaft schlägt der auf den 2. März einberufenen außer- ordentlichen Hauptversammlung die Erhöhung des Aktienkapitals um 29 999 999 M. auf 119 999 999 M. vor. Die neuen Mittel dienen hauptsächlich geplanten Neuanlagen für die öffentliche Be- leuchtung und für Untergrundbahnen in Buenos Ayres. Auch die Aktiengesellschaft für Elektrizitätsanlagen in Berlin will zum Zwecke der Förderung des Ausbaues der ihr nahestehenden Unternehmungen ihr Aktienkapital von 3 auf 19 Millionen Mar! erhöhen und dazu noch eine Obligationsanleihe von 6 Millionen Mark aufnehmen. Die zu demselben Konzern gehörende Gesell- schaft für elektrische Beleuchtung in St. Petersburg erhöht ihr Aftienkapital von 39 auf 49 Millionen Rubel. Die erheblichen Kapitalinvestierungen zeugen von sehr guter Stimmung und hochgespannten Gewinnhoffnungen. D. französischer Parteitag. 3, Tag. Lyon, 29. Februar.(Eig. Ber.) Rachmittagssitzung. Die Diskussion wird fortgesetzt. Es ergreist das Wort I a u r e S: ES handelt sich, wie Lebus gesagt hat. nicht um die Opportunität der'beiden Interventionen, sondern um die Thesen Compere-Morels und GhesquiereS. Aber es ist nicht möglich diese anzunehmen. Ersten?, weil wir nicht das Recht dazu haben, weil das Problem, das eine Revision der nationalen und internationalen Kongreßbeschlüsse einbegrcift, nicht aus die Tages- ordnung gestellt ist. Zweitens, weil sie nicht im Interesse der Ar- beiterbewegung liegen. Das Urteil der beiden Genossen über die Aktion der französischen Gewerkschaften ist nicht in allen Punkten unrichtig, aber es ist pessimistisch und übertrieben. Sicher haben wir das Recht, die Aktion der C. G. T. zu kritisieren. Aber wenn wir jemals zur Einigung kommen wollen, müssen wir die Auto- nomie auf das strengste bewahren und unsere Kritik mit Maß und brüderlichem Sinn betreiben. Wenn es in der C. G. T. exaltierte und ungerechte Kritiker der Partei gibt, ist es unsere Pflicht, weiser zu sein. Die Erklärungen Bccrs besagen, daß die Resolution in keinem Fall die vorhandenen Schwierigkeiten, die zwischen Partei und Gewerkschaften eines Landes beständen, vergrößern solle. Die Kritiken der beiden Genossen sind übertrieben. Wohl ist es nötig, die Werbearbeit der Gewerkschaften zu erweitern, weil dauerhafte Siege nur durch che organisierten Massen errungen werden können. Wohl müssen wir die Kräfte und Mittel des Proletariats abwägen, aber wir müssen gegen die Kämpfenden gerecht sein. Verlorene Streiks bedeuten noch keine dauernde Schwächung der Kraft der Arbeiterbewegung. Das haben die großen Bergarbeiterstrciks im Pas-de-Calais von 1893 gezeigt. Sie haben die Wurzeln der proletarischen Energie tief in den Boden getrieben. Lernen wir daraus auch die neueren Kämpfe zu be- urteilen. Ich verurteile die Gewalttätigkeit. Sie kann durch den Anschein der Barbarei die Schönheit der künftigen Zivilisation, die das Proletariat in sich trägt, kompromittieren. Ich halte die Geste der Zerstörung gegen Dinge und Personen für das Zeichen einer schwachen Organisation. Aber lassen wir uns nicht durch die klassischen Mirtelchen dek bürgerlichen Polemik düpieren! Ehemals erschreckte man das Land mit dem Wort Sozialismus. Jetzt hat es sich daran gewöhnt und man nennt uns nun die„Unifizierten". Und dasselbe Spiel wird mit dem Wort Sabotage getrieben. Jede Gewalttätigkeit, die im Kampf der Arbeiterklasse verübt wird, wird mit diesem Wort tragisch aufgestützt. Wir müssen die Organi- sationsarbeit verstäikkcn, um die Gewalttätigkeit zu vermeiden, aber es mutz festgestellt werden, daß diese nicht mit der C. G. T. geboren worden ist. Zu allen Zeiten haben die Arbeiter auf d i e Gewalt mit Gewaltanfällen geantwortet.(Stür- mischer Beifäll.) Wir müssen unsere Disziplin stärken. Aber wir werden nie so weit kommen, jeden Gewaltakt im Kampf zu ver- meiden. Bor 14 Tagen erst haben die englischen Weber ihre Unter- nehmer daran hindern wollen. Unorganisierte zu beschäftigen. Sie hatten recht- Denn jene sind die Parasiten der kämpfenden Ar- bester. Die englischen Arbeiter haben die Parasiten gezwungen. die Gegen zu verlassen. Ja. wohl ist es schrecklich, daß Arbeiter bisweilen gezwungen sind, gegen Arbeiter loszugehen, die noch elender sind als sie selbst, weil sie nicht einmal die Stütze der sozialistischen Hoffnung haben. Aber wenn sich ein solcher Zorn kundgibt, kehren wir unsere Entrüstung nicht gegen die Gewerk- schaftler. sondern gegen die Herren, die ihn hervorgerufen haben. (Beifall.) Compöre-Morel und Ghesquiere sind in ihre,» achtungs- werten Bestreben, die Arbeiterklasse vor gewissen Gefahren zu warnen, zu weit gegangen und haben das Gleichgewicht nicht be- wahrt. Es ist nicht richtig, daß die Gewerkschaftsbewegung keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der industriellen EntWickelung des Landes nimmt. Redner verweist auf die verschiedenen Artikel Griffuelhes, deren einer im letzten Heft des„Mouvement Socialiste" auf den Tischen der Delegierten liegt. Die Selbst- besinnung ist im Gang, aber es ist nötig, daß die Gewerkschaften Vertrauen zur Partei und zu sich selbst haben, Um die Gewalt- tätigkeit zu bekämpfen, ist es nötig, die Gewerkschaften auf einen breiteren Weg zu bringen. Die These Compere-Morels und Ghesguieres schwächt die revolutionäre Kraft und die reforma- torische Wirksamkeit der Gewerkschaften.— Ich verkenne nicht die Notwendigkeit, vom Ausland zu lernen. Ich weiß, daß die Ber- l i n e r Reise schon auf die Pariser Gewerkschaftler ihre Wir- kung ausgeübt hat. Aber jedes Land soll, indem es die Essenz der ausländischen Leistungen sich zu eigen macht, die Kraft seines nationalen Genies bewahren. Wir haben, gerade- weil das rück- ständige Kleinbürgertum und Bauerntum bei uns so stark ist, mehr als anderswo die Kraft nötig, die der revolutionäre Idealismus gibt. Uns fehlt die große Akkumulation des Proletariats der �änder, wo die Masse selbst wirkt. Und diese Kraft wollen Com- pere-Morel und Ghesquiere, diese alten Genossen, die selbst so viele Arbeiter dem Korporatismus entrissen und dem Sozialismus zugeführt haben, vermindern. Es ist die Bewegung, die Aktion, die das Proletariat größer macht, und in den Kämpfen für ein Teilresultat bekräftigt sich der Kampf für die volle Befreiung? Reihen wir nicht der Gewerkschaftsbewegung die Krone vom Haupt? Die Sogialisation ist nur möglich, wenn wir ein von sozialistischem Denken erfülltes Proletariat haben. Ter Sozialismus wäre sonst Saint-Simonismus. ein Sozialismus von Bureaukraten, Gelehr- ten, Bourgeois. Unser Kongreß in Limoges hat ausgesprochen, daß der Syndikalismus in sich selbst die Kraft der sozialistischen Forderung trage und die Toulouser Erklärung hat diese Auf- fassung bestätigt. Der Stuttgarter Kongreß erklärte die sozia- listische Inspiration der Gewerkschaften für notwendig. Die Gc- werkschaften sind nicht eine bloße Elementarschule des Proletariats, wie Compere-Morel und Ghesquiere meinen. Wenn Sie den ganzen Sozialismus der Politik überlassen, zerreißen Sie die Ar- beiterbewegung. Es ist aber auch ein Widerspruch, die Gewerk- schaften einerseits auf ihre Aktion im kapitalistischen Milieu, auf Selbsthilfeeinrichtungen beschränken zu wollen, andererseits aber sich mit den Demagogen der C. G. T. vereinigt zu haben, die die auf die Selbsthilfe gegründete Altersversicherung bekämpften, und überhaupt zu erklären, alle partiellen Verbesserungen seien in der heutigen Gesellschaft unmöglich. Auf diese Art würde man das Proletariat von der revolutionären Aktion wie von der refvrmatori- schen entmutigen. Die Partei kann keine Verantwortung für Theorien übernehmen, die vielleicht als nützliche Mahnung gedacht waren, aber gegen den Sozialismus und gegen das Proletariat ausgebeutet werden würden.(Langanhaltender Beifall bei der rechten Hälfte des Parteitags und auf der Galerie.) Ghesquiere: Ich übernehme die volle Verantwortung für alles was ich gesagt habe. Ich würde heute genau dasselbe sagen. Wir müssen gegen die sogenannten revolutionären Syndikalisten Stellung nehmen, die im Grund« nur Arnachisten sind. Wir müssen das Unkraut ausjäten, das sie gesät haben. Wir im Norden haben die gewerkschaftliche Aktion und das revolutionäre Ideal stets zu vereinigen gewußt. Meine Aeußerungen im Parlament sind der Ausdruck meiner Anschauung, daß dem Zwist zwischen Partei und Gewerkschaft ein Ende gemacht werden muß. Ich verneine nicht die Notwendigkeit der Streiks, aber ich will, daß diese Waffe mög- lichst vermieden und daß sie nicht von schwachen, unvorbereiteten Organisationen angewendet werde. Ich habe nicht die C. G. T. verurteilen wollen, aber es für meine Pflicht gehalten, meine Mci- nung über die verschiedenen Gcwerkschaftsmethoden zu äußern. Ich wollte nicht die zufälligen Gewaltakte verurteilen, sondern gegen die systematischen Gewalttätigkeiten protestieren, gegen die Theorie einer Aktion, die mit Sabotage. Knütteln und Revolvern arbeiten will. Wir vertreten nicht eine GcwerkschaftSpolitik des ..sozialen Friedens", aber eine Taktik, die alle Arbeiter zum Kampf für bessere Existenzbedingungen vereinigt. Beim Streik in Armen- liercs haben die Gelben an unserer Seite gekämpft. In der Gc- Werkschaftsbewegung soll Platz für alle Arbeiter sein. Zwischen revolutionärer und reformierter Auffassung sehe ich keinen Gegen- sah. Man kann nicht ein wahrer Revolutionär sein, ohne zugleich Reformist zu sein und umgekehrt. Wir brauchen die Einigkeit der kämpfenden Arbeiterklasse und darum die Ueberwindung des Kor- poratismus. worin die französische Arbeiterklasse trotz ihres ver- meintlichcn Revolutionarismus verharrt. Daß sich der Horizont der Gewerkschaften erweitern muß. darüber bin ich mit Jaures ernig. Auch ich erwarte die Einigkeit von der vollständigen Auto- nomie von Partei und Gewerkschaft. Wird diese auftechtcrhalten werden, dann wird unsere Intervention nicht vergebens gewesen sein.(Lebh. Beifall.) Compere-Morel legt in einer zweistündigen Rede den Standpunkt dar, den er in seiner Erklärung in der Kammer und hernach in seiner Zuschrift an den„TempL" vertreten hat: Er ist im Einklang mit den Kongreßbcschlüssen. Ich war niemals gegen den Klassenkampf, aber ich will, daß Streiks nicht ohne Vorderhand- lung und Aussicht auf Erfolg geführt werden. Ich bin Anhänger des Massenkampfcs, nicht der Aktion der„handelnden, bewußten Minoritäten", ohne deren Opfermut zu verkennen. Sie(zur rechten Seite des Parteitags gewendet) sprechen in der Propaganda genau wie ich. In den Couloirs sagen die Deputierten von Ihrer Seite das gleiche. Der Streik ist das alleräußerste Mittel des.Kämpfes. Das hat die Resolution des Brüsseler Kongresses von 1891 anerkannt.— Ich bin überzeugt davon, daß der in seiner Gewerkschaft tätige Arbeiter über die bloße Gcwcrkschaftlcrei hin- auskommt und in seincrGewcrkschaftSozialist wird. Je mehr Sozialisten in den Gewerkschaften sind, desto stärker wird der sozialistische Geist in den Gewerkschaften werden. Sie mögen mich tadeln oder mir eig Bedauern aussprechen. Das wichtigste ist. daß Sie genau so denken wie ich.(Stürmischer Bei- fall.) Sie berufen sich auf die Parteitagsbeschlüsse. Aber über den nationalen Beschlüssen stehen die der Internationale. Der pon Stuttgart gibt uns recht. Wir werden ihn hier wieder zur Ab- stimmung bringen und sehen, ob Sie ihn annehmen. C o l l y: Du hast den Antimilitarismus bekämpft. Tadelst Du auch den»Sou du soldat"(Reservistenfonds der Gewerkschaften)? Tomperc-Morel: Alle Sozialisten sind Anlimili- karisten, aber nicht alle AntiPatrioten.— Was nützen uns die revolutionären Ncdcnsarteu, wenn die Unternehmer stärker organisiert sind als die Arbeiter? Redner verliest die betreffenden Statistiken. Tie C. G. T. hat� 10 000 Frank in der Kasse, ihr Gencralstrcikfonds bcläuft sich auf— 591 Frank!(Heiterkeit.) Ich habe meine Rede in der Kammer gehalten,, um die Taktik zu zeigen, womit wir aus diesem Zustand herauskommen können Ich wollte nichts anderes, als gegen die Sabotage und die Streik drcchcrjagd protestieren(Tumult), die zur Doktrin gemachte l waltätigkeit, die das Proletariat. deprimiert und ermüdet, weil sie die Werbearbeit der Gewerkschaften erschwert. Wir verstehen und entschuldigen die Gewaltätigkeit der Proletarier, wenn sie provo- ziert werden, aber wir wollen nicht Gewaltakte, wie die Vernich tung von Weinreben, die vielleicht den ärmsten Winzern gehören. Redner charakterisiert die Leichtfertigkeit, womit U.v e t o t in feiner weitverbreiteten Broschüre den Streik gleichsam als Amüsement behandelt und die Frivolität seiner Sabotagerezcpte. Diese Ge walttätigkciten schrecken die Arbeiter ab. In Lyon, wo diese Methoden herrschen, ist die Gewerkschaftsorganisation geradezu skandalös. Redner belegt diese Behauptung mit Ziffern. Man spricht von der Autonomie. Aber während des Eisenbahnerstreiks haben Hvetot und ich in einer Streikversammlung auf der Pariser Arbeitsbörse gesprochen. Ich über die Forderungen der Aus- ständigen, er gegen die Partei und ihre„Politiker", die er als Bc- trügcr hinstellte. Und da sollen wir schweigen? Den alten Alle» m a n e haben die Syndikalisten aus seinem Wahlkreis hinaus geworfen. Ter Londoner Kongreß von 1896 hat gegen diese deS« organisierende Tätigkeit der Anarchisten sein Urteil gesprochen. Wir haben in-der Kammer gesprochen, nicht um die Leute, die dort sind, zu überzeugen, sondern um vom ganzen Land gehört zu werden. Wieviele Artikel und Versammlungsreden wären nötig gewesen, um die gleiche Wirkung zu erzielen? Wir haben unseren Zweck erreicht, unsere Intervention war notwendig, sie hat sich im Nahmen der Stuttgarter Resolution gehalten. Was wir be kämpfen wollten, war die Anarchie auf politischem und gewerkschast lichem Gebiet. Und das wird immer unser letztes Wort sein: .Organisation, immer mohr Organisation und gegen die Anarchisten!"(Stürmische, minutenlange Ovation der linken Seite, starker Beifall auf den Galerien.) Compere-Morel bringt im Namen der Föderation Gard eine Tagesordnung ein, die die Gesichtspunkte seiner Rede zusammen- faßt und erklärt: .Die syndikale oder korporative Aktion vollzieht sich inner- halb der Grenzen deS kapitalistischen Systems und kann sich nicht selbst genügen. Sie hat wesentlich defensiven oder refor motorischen Charakter. Nur die politische Aktion, ob sie sich mittels des Stimmzettels oder auf iusurrektionellem Weg vollzieht, ist in ihrem Wesen revolutionär und geeignet, zur Expropriation der Expropriateure zu. führen." Vaillant.ruft: Wenn wir das annehmen, trennen wir uns von der C. C. T. JaureL: Diese Resolution bedeutet den Bürgerkrieg in der Arbeiterbewegung! Nach stürmischer Geschäftsordnungödebatte wird die Resolution der Kommission überwiesen. Nachtsitzung. In einer Nachtsitzung, die bis%2 Uhr dauert, beginnt die Dis kussion über das Verhältnis der Partei zur Freimaurerei. Sie dreht sich um die Frage, ob die Freimaurer eine politische Organisation sind.- G u i l l e t(Le Mans) und Uhry(Paris) verneinen das. Die Freimaurerei sei lediglich eine philantropischc, für Gerechtigkeit und Brüderlichkeit eintretende Gesellschaft. Die Freimaurer, die politisch tätig seien, seien dies in ihrem eigenen Namen. Uhry glaubt auch antisemitische Tendenzen in der Partei wahrgenommen zu- haben. Seit 12 Jahren sei den Logen da? Eingreifen in die Wahlen untersagt. Wenn die Sozialisten in den Lögen Propaganda betreiben, so kann die Partei davon nur Profit licren. Eine Resolution gegen die Freimaurer würde bewährte Genossen wie den Veteran deS französischen Sozialismus Alle m an e, sie würde Sembat und Groussier treffen. Will man sagen, daß diese Männer der Bourgeoisie dienen? Bracke glaubt nicht, daß die Partei ihren maurerischen Mit gliedern die Alternative stellen soll, zwischen ihr und der Loge zu wählen. Aber die Schwierigkeit bestehe in. den politischen Ein» flüsscn, die die. Freimaurerei auf die Partei ausüben könne. Die ihr angehörenden Genossen müßten ihrer Parteipflicht bewußt bleiben. Eon stank erklärt, daß er früher Freimaurer war. aber ausgetreten ist, weil er fand, daß die sozialistische Propaganda in den Logcn unmöglich sei. Generalversammlung des Kreiswal)! verelns IPotsdam'SpandaU'Oityavelland. Unter dem Zeichen des Wahlsieges der Sozialdemokratie, namentlich in diesem„Kaiserkreis", standen die Verhandlungen, zu denen sich am Sonntag die Delegierten deS Kreises in dem uns zur Verfügung stehenden Lokal in Stauen eingefunden hatten. An« »vesend waren insgesamt 12 Delegierte, darunter zwei Vertreter der „Brandenburger Zeitung", ein Vertreter des„Vorwärts", Genosse W elS vom Sekretariat des Provinz Brandenburg. Genosse Herbst von der Agitationskoinmission und als Vertreter des 6. Wahlkreises Genosse H e n s ch e l. Nach Einleitung der Verhandlungen durch einen stiinmungS» vollen gesanglichen Vortrag des Raue.ner Arbeitergesangvereins refe- rierte der Kreisvorsitzende Genosse Schubert über die verflossenen Reichstagswahlen. In großen Zügen entwarf der Referent nochmals cinBild der elenden Kampfmethode, deren sich die Gegner im verflossenen Kampfe gegen die Sozialdemokratie bedient haben. Die vor der Wahl von den Gegnern an die Slaatsarbeirer gerichtete Drohung, daß, wenn Liebknecht gewählt werde, zwei Drittel der Arbeiter entlassen würden, habe sich nur als �nschüchlerungsversuch erwiesen. Als bei der Wahl des Lahres 1907.er konservative Pauli als Sieger hervorgegangen seien kurze Zeit darauf zweitausend StaaiSarbeiter entlassen worden. Diesmal nach der Wohl Liebknechts, habe man sogar noch Arbeiter eingestellt. Dies sei jedenfalls ein Beweis dafür, daß das Einstellen uiid Entlassen von StaatSarbeitern nicht vom Ausfall der Wahl, sondern von der Kon- junktur abhängig sei. Redner besprach deS weiteren das für die Sozialdemokratie günstige Stimmenergebnis bei der Wahl. Daß die Organisation zu diesem StimmenergebniS noch in recht großem Mißverhältnis stehe, liege nicht zum mindesten an dem schmachvollen Terrorismus, der an den StaatSarbeitern geübt wird. Das für die Wahl charakteristische sei, daß der Freisinn de« Wahl- kreises trotz der Wahlparole schmählich versagt habe/. Die Sozialdemokratie habe das Mehr von Stimmen bei der Stichwahl aus eigener Kraft aufgedrachl. Daraus erhelle. daß der Liberalismus des Kreises dauernd Verrat üben werde an den Interessen der werltätigen Bevölkerung. Das bedeute aber, daß die Sozialdemokratie den Kreis auch in Zukunft nur aus eigener Kraft erobern muß. Zieht man weiter in Betracht, daß die Wahl bereits eine Wahlbeteflsgung von 92 Prozent erreicht habe, fo dränge sich jedem die Pflicht auf, für eine intensive sozialistische Anfllärnng zu sorgen. Wenn jeder in diesem Sinne arbeite, so könne es keinem Zweifel unterliegen, daß der Kreis bei der nächsten Wahl im ersten Ansturm erobert werde. Mit diesem Siege, so schloß Redner, müsse im ganzen Kreis ein neues Lebet: erwachen und die Organisationen sowohl wie die Presse eine Stärkung erfahren. Hierauf erstattete der Kreiskassierer Genosse Stahl den Kassen berickit von: letzten Quartal. Einer Gesamteinnahme von 14 496,41 M. steht eine Ausgabe von 18909,19 M. gegenüber. In der Gesamtausgabe sind die Ausgabe» für die Reiidstagswahl von 16 439.04 M. entHallen. Es ist somit ein Defizit von 3506.73 M vorhanden, da« durch das Sekretariat gedeckt wird. Die Organisation hat sich in erfreulicher Weise entwickelt, was daraus hervorgeht, daß im Quartal allein 493 Neuaufnahmen gemacht worden find. Außer 3128 männlichen Mitgliedern gehören der Organisation 236 weih- liche Mitglieder an. Die Zahl der Monarsbeiträge ist gegenüber dem vorigen Quartal von 28 275 aus 36 234 gestiegen. In der dem Bericht folgenden Diskussion wurde zugleich folgender von Spandau gestellter Antrag mit beraten:„Die Kreis- generalverfammlung wolle beschließen, die„Fackel" nickt wie bisher m einzelnen Ortschaften zu verteilen, sondern in sämtlichen Orlen des. Kreises." Genosse Liebknecht ist der Ansicht, daß die Liberalen bei der � letzten Stichwahl insofern ein anderes Verhalten geübt hätten, als eine große Anzahl, die stüher stets dem Gegner die Stimme gegeben. sich dieSmal der Stimme enthalten haben. S ta a b- Potsdam wandte sich gegen die Absicht, die„Fackel in allen Orten des Kreises verbreiten zu lassen, da die hierdurch entstehenden Kosten umnöglich auf die Dauer vom Kreise getragen werden könnten. Von einigen Rednern wurde darüber Klage geführt, daß ihre Orte nicht mit den gewünschten Rednern beschickt worden seien. Genosse Wels bemerkte demgegenüber, daß, wenn dem Sekretariat früh genug die Wünsche' über die Referenten geäußert worden seien, letzteres da», was Möglich gewesen sei. zu er- füllen gesucht habe. Manchmal zeige sich aber, daß ein für eine Industriestadt zugkräftiger Redner durchaus nicht immer für das Land geeignet sei. Was den Antrag betreffs der allgemeinen Verbreitung der„Fackel" anlange, so wolle er darauf aufmerksam machen, daß bereits in der letzten Generalversammlung der Wunsch .geäußert worden sei, die„Fackel" vor der Wahl mindestens eine Woche gratis, zu verbreiten. Bei Annahme des vorliegenden Antrages kämen 15 000 Exemplare in Betracht. Und wenn gar der Antrag Schule machen sollte, müßte derselbe erst auf seine finanziellen Folgen geprüft werden. Schon deshalb müffe er sich gegen den vorliegenden Antrag wenden. Wenn übrigens die„Fackel" ständig allgemein ver- breitet werde, habe sie nicht mehr den Wert, den sie hat, wenn bei einem bestimmten Genossen des einzelnen Ortes, den man gewiffer maßen als einen Vertrauensmann der Partei anzusehen habe, nur einige Exemplare vorhanden seien. Einem solchen verstaute» Genoffen sei eS dadurch sogar möglich, sich einen gewissen Stamm täliger Parteigenossen heranzuziehen. .Der Antrag wurde»ach längerer Debatte abgelehnt, dagegen ein Antrag, die Angelegenheit dem Borstand zur Beratung zu über weise», migenonlmen. Hierauf referierte in Kürze Genosse Liebknecht über die Stärkung unserer Organisation. Jede Wahl, so betonte der Redner, müsse nicht nur ewe Heerschau sozialdemokratischer Wähler, sondern zugleich auch ein Gradmesser zwischen unseren Wühlern und der Zahl der organisierten Parteigenossen sein. Die Organisation »nseres Kreises stehe jedoch, wenn man das allgemeine Prozent- Verhältnis der Zahl der Organisierten zu der sozialdemokratischen Wählerzahl de« gesamten Deutschen Reiches in Betracht ziehe, in argem Mißverhältnis. Hier die bessernde Hand anzulegen, müsse die Pflicht aller Genossen sein. Schubert unterbreitete der Versammlung einen Vorschlag des Zentralvorstandes, wonach in alle» Orten AgitationS- kommissionen gebildet werden sollen, die aus den tüchtigsten Partei- genossen bestehen müßten. Desgleichen sei zu empfehlen, in allen Orten da« HonskassierungSsystem einzuführen, das sich bereits in einigen Orten gut bewährt habe. Gegen diesen Antrag wandte sich Paris und WelS. die eine Dchablomsierung nicht als im Interesse der Organisation liegend erachteten. Man solle es den einzelnen Orten überlassen, zu entscheiden, welche Art der Kassierung die bessere sei. Der für die politische Organisation am meisten prädestinierte sei der- gewerkschaftlich organisierte Arbeiter; ihn.zu gewinnen, müsse das größte Ilugeunierk jedes Genossen sein. Liebknecht trat noch besonders für die Förderung der Jugendorganisation ein. Sie dürfe, nachdem sie immer mehr verfolgt werde, unter keinen Umständen vernach- lässigst werden. Im übrigen habe er nach den Erfahrungen aus den Versammlungen, die er nach der Wahl in den verschiedenen Orlen des Kreises abgehalten, die Ileberzeugung-gewonnen, daß der Wieg nicht-ein bloße« Strohscuer sei, sondern daß die Massen mehr denn je dauernde Begeisterung für den Kampf zeigen. Am Schluß der Debatte wurde einmütig einem Anstage zu gestimmt, woriii sich die Delegierten des Kreises verpflichten, in allen Orten für die Gewinnung von Mitgliedern für die Organi salion einzutreten. Eine längere Debatte rief der Punkt: Die Pressefrage i m Kreise hervor. Spandau hatte hierzu den Antrag aus Gründung einer eigenen Presse, für den Kreis Potsdam-Spandau-Osthavelland gestellt. Begründend hierzu betonte Schubert, daß die letzleu ReichstagSwahlen wieder den Beweis erbracht hätte», daß eine Aenderung in dieser Frage geschaffen werden müsse. Die Partei sei nicht in der Lage gewesen, alle» gegnerischen Verleumdungen und Lügen genügend entgegenzutreten. Insbesondere sei man gegen- wältig nicht in der Lage, an die StaatSarbeitcr heranzutreten. Daß in einem Kreise zwei Parteizeitungen nebeneinander ar- besten, sei gleichsalls ein Unding. Im„Vorwärts", der für Spandau nur in Betracht konnne, fände Spandau infolge des dort Herrichenden ständigen.Rauminaiigeiö nicht die genügende Be- rücksichtigung. Außerdem würde seit Jahre» Klage darüber geführt. daß da«, was dem„Vorwärts" eiugeiandt. erheblich gekürzt und oft so zugestutzt würde, daß man es Nicht wiedererkenne. W e r m u t b als Vertreter de«„Vorwärts" wandte sich entschieden gegen die von Schubert anfgestellten Behauptungen, die durch keinerlei Nachweise substantiierr werden könnten. Wenn von Spandau etwas Wesentliches eingesandt worden sei, habe eS im„BorloärtS» Aufnahme gesunden. Dagegen habe die Redaktion zu beklagen, daß während der ganzen Zeit deS von den(gegnern mit beiipielloser Niedertracht geführten WahlkamvteS die Genossen außer einige» Versammlung«- berichten auch nicht eine Zeile für den. Vorwärt»" geschrieben hätten. Das, was als Abwehr auf die unflätigen gegnerische» Verleumdungen der Sozialdemokratie sowie de« Kandidaten Genossen Liebknecht vom „Vorwärts" gebracht ivorden sei/ habe die Redaktion auf Grund von Berichten und Artikeln bürgerlicher Blätter des Kreise? selbst schreiben müssen. Die Redaktion habe t§ sogar bitter empfunden. daß sie über den Wahlkampf dieses Kreises, auf dessen Ausgang ganz Deutschland geblickt hätte, so schlecht unterrichtet worden sei. Nicht der„Vorwärts", sondern die Berichterstattung habe also hier schmählich versagt. Gegen den Antrag wandle sich außer Krüger- Potsdam auch Wel». Letzlerer namentlich zeigte, daß an die Schaffung eines für den Kreis bestiinmien ÄopfblalteS deS„Vorwärts" schon wegen seiner ll>»durchfnhrbarkeit nickt gedacht werden könne. Und selbst wenn das Organ als ein Kopfblatt der„Brandenburger Zeitung" gedacht wäre � wa« wiederum die Parteigenossen Spandaus nicht wollen wäre an dem gegenwärtige,: Zustande nickt» geändert. T r o m p l e r- Spandau trat für den Antrag em, da nach seiner Ansicht dessen Durcksührbarkeit ebenso gut ivie in vielen Kreisen Sachsens und Thüringens möglich fein müsse. Zum mindesten müsse eine Kom- Mission, damit hegufstagt werden, in einem der Orte, wo eine solche Presse bestände, Erstindigungen einzuholen. Liebknecht meinte, der Wunsch, eine' einheitliche Presse zu schaffen, sei sicher ein sehr bemerkenswerter Gcsichtspnnll. Einheitliche Zeitungen beständen indessen nicht in alle» Wahlkreisen. Zu beachten sei, daß filr dke Bevölkerung der rein ländlichen Orte deS Kreises die„Vorwärts"« Kost entschieden zu schwer sei. Der Grund der Unzuftiedenheit an dem gegenwärtigen Zustand sei schließlich in der mangelnden Möglichkeit, die eigenartigen Verhältnisse der Spandaucr, namentlich der Staalslverkstältenarbcitcr zu berücksichtigen, zu suchen. Nach mehrfachem Für und Wider wurde der Antrag Spandau abgelehnt. Desgleichen auch ein Antrag, die Presseftoge einer nenngliedrigen Kommission zur Beratung zu überweisen. Ein weiterer Antrag, den Kreisvorstand zu bcausstagen, mit der Geschäftsleitimg des„Vorwärts" zwecks Einführung einer besonderen Vorortbeilage für Spandau in Ver- Handlung zu treten, verfiel gleichfalls der Ablehnung. Als Beisitzer zum Kreisvorstand an Stelle des Genosse» Bohle wurde Genosse Pieck- Spandau gewählt. Hierauf stimmte die Versammlung einer an anderer Stelle deS „Vorwärts" wiedergegebenen Resoliition des Genossen Liebknecht gegen das Zarenregimeist einmütig zu. Nachdem noch Spandau als Tagmigstag der nächsten Kreisverjammlung bestimmt worden war, schloß Genosse Schubert die Sitzung mit einem Appell zu weiterer unermüdlicher Tätigkeit für die Organisation. Sozialea. Hauöagrarier und Prostitution. In Dortmund ist die Prostitution fein säuberlich regkemen- tiert und kaserniert. Die Wiesenstraße, eine an ihrem einen Ende sackartig geschlossene Straße am Gürtel der Stadt, beherbergt die Freudenhäuser. Wie aber alles in unserer„christlichen" Gesell- schaftsordnung als Spekulationsobjekt dient, so natürlich auch der Grund und Boden für Bordelle. In letzter Zeit erörterten die bürgerlichen Blätter Dortmunds die Vor- und Nachteile einer Verlegung der Freudenhäuser in einige stille Straßen, die mitten in der Stadt liegen. Die Hausbesitzer der betreffenden Straßen in der inneren Stadt sind die treibende Kraft für die Verlegung der Freudenhäuser. Ein Einsender im„Dortmunder Amtsblatt" plaudert ungeniert aus, daß der Heißhunger nach Gold die Haus- besitzer antreibe. In dem Eingesandt heißt es: „In den in Frage kommenden Straßen Thomas», BischofS- und Stubengasse gibt es 38 Hausbesitzer und auf diese allein kommt eS an. Von diesen haben 21 das Schriftstück unterschrieben. welches sich für die Verlegung der Wiesenstraße ausgesprochen hat. Nachträglich haben sich noch 4 Hausbesitzer gemeldet, welche unsere Bestrebung befürworten, zwei weitere haben aus geschäftlichen Rück- sichten usw. nicht unterschrieben. Erstere vier und ein Teil auS dem übrigbleibenden letzten Viertel der Hausbesitzer würde unser Ge- such zweifellos unterschrieben haben, wenn wir dasselbe hätten vorlegen können. Aber die Kürze der verfügbaren Zeit(von nur zehn Stunden) ermöglichte uns das nicht. Wir haben nnS lediglich auf die drei Straßen beschränkt. Unter den im weiten Umkreis der drei Straßen von unseren Gegnern gesammelten Unterschriften befinden sich in den in Frage kommenden Straßen nur neun Hausbesitzer, wenn alle gewonnen sind. Die Unterschriften der 79 Mieter haben keine Bedeutung, weit für diese überall in der Stadt genügend Wohngclegenheit besteht, wenn ihnen die neue Nachbarschaft nicht zusagt. So sehr groß ist aber nicht die Zahl der Hausbesitzer, welche Sie von niedriger Gewinnsucht frei- sprechen. Seit 39 Jahren haben die altangeseffcnca Familien in den genannten Straßen beobachten können, daß in den nahe- gelegenen Geschäftsstraßen die Grundwerte enorm gestiegen sind, ohne daß sie selbst auch nur etwas davon profitiert hätten... Wer will den Hausbesitzern mißgönnen, daß sie auf die gewünschte Weise ihr Geld auS den Grundstücken freibekommen, die sich unter den momentanen Berhältnissen nicht verzinsen?" Dieses Dokument zeigt so recht die Kulturhöhe unseres christ- lich-kapitalistischen Zeitalters. Die Mieter haben nichts zu wollen, Hauptsache ist, daß die Grundrente steigt. So ists ja überall in der Rentenwelt. Verwunderlich ist, daß die Prostitutionslüsternen Hauspaschas nicht einfach verlangen, daß die Stadt ihnen, wennS nicht anders geht, ein weiteres Hurcnparadies in ihre Straßen etzt. Für die frommen christlichen Leute, die ihr Freudenhaus in der Stadtmitte haben wollen, und für die, die die Prostituierten weiter in der Wicsenftraße kasernieren wollen, scheint der§ 180 deS Strafgesetzbuches nicht zu existieren. Er lautet: „Wer gewohnheitsmäßig oder auS Eigennutz durch seine Ver. mittelling oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegen- heit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gesäng. niS bestraft; auch kann auf Verlust der bürgerlichrn Ehrenrechte, wie auf Zulössigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden." Arme Frauen, die duldeten, daß der Verlobte schon vor der Heirat bei der Tochter schlief, sind schon wegen Kuppelei bestrast worden; gewöhnliche Zuhälter werden ins Arbeitshaus gesteckt, arme Mädchen, die Not und Leichtsinn der Prostitution in die Arme geworfen haben, werden ständig von Polizei und Strafgesetzen bedroht.„Alteingesessene" Hausbesitzer aber wenden sich an die»— Behörden, damit die Kuppelei in ihrem eigenen Jyteresscnkreis fröhlich gedeihen möge. Nach ständiger Praxis dcS Reichsgericht; sind Bordcllhaltcr wie die Behörden, die die Erlaubnis j,u,n Bordell. halten erteilen, strafbare Kuppler. Weshalb erfolgt keine Straf» Verfolgung? Wasierstands-Nackrlchte« der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterburcan Wasserstand Memcl. Tilsit Pregel, Jnslcrbnrg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor » K rossen , Frau klart Warth«, Schrimm , LandSberg Rehe, Vordaiiim Elbe, Leitmeritz , Dresden , Berbp , Magdeburg am 25.2. cm 128») -42', 214') 394 240'> 181') 130') 91») 32 52 -68 193 144 feit 24 2. cm') 0 _ o -C 4-160 +33 —23 +10 +6 +14 + 10 +24 +25 + 15 Wasserstand Saale, Mrochlltz Havel, Spandau») , Rathenow») Spree, Sprcmberg») Bceskow Weser, Münden . Minden Rhein, MaximilianSau » Kaub Köln R eKa r, Hcilbronn Main, Wertheim Mosel, Trier ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—») Uiitcrpcgel.—•)«isstand. Eisgang. Die diesmalige Anschwellung der Oder hat bei Ratibor mit 44« cm gestern»m 9 Ubr abends nur gerade die AaSuiernngShöhe erreicht. Herne morgen betrug dort der Wasserstand nur noch 420 cm. WitterungSübersicht vom»9. Februar ISIS. Swinemde. 764>SSR Hamburg 763 SO Berlin 704 5 Franks.« M. 764 Still München 1 765 50 Wien|760S 2 bedeckt 4Aedel 3 wolkig Nebel 1 Regen 1 halb bd. Haparanba 756 sO Petersburg 702550 '760 SW 75! SSW Selllv Rberdeen PartS Schnee Schnee 5 bedeckt 4 wolkig 766W5W 2 loolteiü Wetterprognose für Dienstag, den 27. Februar I9|«. Etwas wärmer, zeitweise heiter, aber sehr veränderlich mit leichten Rege»fällen und lcbbaite» südwestlichen Winden. Berliner Betteebureau. ZenlralverbandierSchmiede Zahlstelle Berlin. SPureou und ArveilsnachweiZ: Anltliftr. 7X— Telephon: Amt Norden, 9714. Tonnerstag. den 29. Februar, abends 8'/, Uhr, im Lokal von Bockcr, Webcrstr. 17: Außerordentliche General-Bersammlung. Tagesordnung: 1. Jabresbcricht der Ortsvrrivaltung und sämtlicher Zdörperschasten. 2. Zieuniabl der Ortsocrwaltung und sämtlicher Äorperschajten. 3. Beratung u::d Beschlubsasiung über die Anträge zum Vcrbandstag. 4. Sonstige An« träge und Verschiedenes.—(ks ist Psticht aller Mitglieder, zu dieser Versammlung zu erscheine». Mitgliedsbuch legitimiert! Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. 17t> 4* Tie LrtSverwaltung. H.& P. Uder, Tabak-GroOIiandlang und Tabakfabrik. 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Abend» 8 Uhr: Wiener Blut. Morgen n Uhr: Die geschiedene Frau. Sonnlag 3'l4 Uhr: Ein Walzertraum. Residenz-Theater. Direktion Richard Alexander. Abend- 8 Uhr: Alles für die �irma. Schwan! in 3 Akten von M.HenneqniN und G. Mitchell. Für die deutsche Buhne bearbeitet von Bolten-Baecker«. Morgen u.solg.Tagc: Ailest.d. Firma. Ionnt.�.3.,ZU.: Ikümm Dich um Amelie Freireligiöse Gemeinde. Am Sonntag, den 3. März, nachmittags 5 Uhr, in den„Pharussälen", ........ Müllerstraße 142; � 67. Stiftungs-Fest Konzert □□□□□□□ Kinderreigen □ □ Festrede: Herr Waldeck Manasse □ □ Theater □□□□□□□ Kinderchor □ Eintrittspreis für Mitglieder 25 Pf.-- Für eingeführte Gäste 50 Pf.-- Kinder frei. In der Schulaula, Kloine Frankfurter Str. 6. jeden Sonntagronnittag 10'/, Uhr: Vorträge.— Ks spreohon: 3. M5n: Herr Cl. Taesler■ Kreiberg i. Sohl.:„Der Wert und Sinn des Lebens", 10.„ W. Trojan;„Die Woishoitslehren der Juden". 17.„ Frl. J. Altmann:„änatolo France und Frankreichs Kationalheilige". 24. März, 10'l4 Ubr, Herr Dr. B. Wille: Jn gcndwclhe im„Hcfiäger". Hasenheide 32, 31.„....„ Dr. B. Wille:.tu gon.ltvelhe Ii. Lipp«. Am Friedricb.-Jiain 16-2.'.' Belle-Älllance-Thealer. 8!;, Uhr: Auf vielseitiges Verlangen: Zapfenstreich. Luisen-Theater. Dienstag BUHr: Zopf und Schwert. Mittwoch: tHailspicl der Komischen Opci: Der Barbier von Sevilla. Gewöhnliche Preise der Plätze. mtzinmt Grojz« Franksttrter Str. 132. Abends 8 Uhr: Napoleon Bauapartc »nd seine Araue». Morgen und folg. Tage: Napoleon Bonaparte und km« Frauen. „CLOU" Berliner Konzert s Haus. Mauers tr. 32 Zimmorstr. 90/91. GroJIes Doppel-Konzert !!l Zillcrthalcr und Tegernseer Sänger, Plattler und Jodler!!! Anfang 8 Uhr. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen nachmittags; Große« Promenaden-Konzert bei freiem Eintritt. Metfopol-Theater. Abends 8 Uhr: Rauchen gestattet. Die Nacht von Berlin! Groji- Aab'.e«rcvue in 7 Bildern von Jul. Freund. Musif von V. Holländer. itn Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. |�S©fL§© I—— O�i Arnold 8ehoIz. IIa«enheide 108-114. Heute Dlenntag. den 87. Februar lOlß: Elite-Tag I Uumen-Präiniicrung. Pr�d:rt Die jüugste Schwieg ermutter. Legitimationen: Geburtsschein. EhoschlioBg. d. Sohnes od. Tochter, 3 bare Geldpreise 50,—, 30,—, 20.— Mark. 1' Anmeldungen bis 10 Uhr abends an der Kasse. Voranzeige! Donnerstag, den LH. Februar 1912: Daincn-Pränilierung. Prämiiert wird der kleinste DnmenfrtB! 3 bare Geldpreise: 50,—, 30,—, 20 Mark. 80 bayrische HadL 5 Kapellen. eÄ SopJ: Ab 8 Uhr. Nur noch 3 Tage mit Paul Beckers. Das Londoner Mirakel Die Frau,,, ■Ulli Kanne! Befreiung ans d. Wassergrab. Lebend! Gebend! PakiraTruppe 16 Personen in ihren religiösen Hürtyrer-Prodnktlonen Wochentag» 4—7 Uhr: Lichtspiele Ohne Exlra-Entree. Trianon-Theater. Täglich abend« 8 Uhr: Das kleine Caf�. arrasam SetiöDltauser Allee. Telephon: Nord 4100. Dienstag, den 27. Februar, NoMlen- Abend. Eine Szene ans Wild-West. Vorverkauf a. d. Cirous- kassa und an sämtlichen | UiUettverkaufsstellea von A. Wertheim. Mittwoch, 23. Februar, 3 Uhr und 71/, Uhr: 8 Voratelinngcn L. Ein neuer Sensationserfolg � Nie man � Männer bessert. 2 Alte von Anlon u. Donal Herrnseld mit den Autoren in den Hauptrollen. Hierzu die Novität: vef Ihzuzleusel. Ansang 8 Ubr. Billettvorverlaus 11—2(Thealerfaffe). Königsladl-Kaslno. EckeHolzmartt. u. A cranderstrahc Täglich abends 8 Ubr Vhentei» und> ni-istd. Auffer den Spezialitäten zwei DHeaterstüdc: ..Das Modoll" von E. Alcranber. .Die letzte Hose- von O. Richter. Urania. Wissenschaftliches Theater. 8 Uhr: Der Großglockner, Gastein und die Salzburger Alpen. Hörsaal 8 Uhr: Dr. W. Berndt: Die Abstammung des Menschen. nm RosenIHlller Tor. Allabondtich H'j, Uhr: Größte» soziales Ansstat- ImtgS-PolkSstück mit Ballett und«ffesang in 5 Alten von I Ma; Rcichardt. In Szene gesetzt v. Dir. Jame» Klein. , 1. Ali: Gebcliiniiffe im Privalkonior. 2. Alt: Die\ i große Protestverlammwng. I 3. Akt: Im Balllaal. Am I Rande de« Abgrunde«. 4. AN: Arbeil nieder, b. All:| Sin Gottesgericht. Sonntag nachm. Z'/, Uhr: Die größte Sünde. Hclimnaiin Dienstag, 27. Febr., abds. 7'/, Uhr; Grofie Gala-Vorstellung. U. a: Fr) Dora Schumann. Gebr. Webb. Direktor Alb. Schumann mit seinen Originul-Schul- und Freih�tsdressuren. Um 9 Uhr: Das neueste, noch nie dagewesene, nicht zu Cber- ! rettende Ausstattungsstück: Das Molorpferd in 5 Akten. Besondere herrmraulieben: 4. Akt: Auf derTnibrennbahu in Weißcnsee, und die große Bohlußnpothcose sowie die 100 Fnß hohe Fontnino lunü- neuse. %irku8]liisch Ofenstag. den 27. Februar 1912, abends 7'/, Uhr: Großer Gala- Abend. Um 9 ff, Uhr: I>ie Hexe. Gr, Volkrs-Manege-Sohnuspiel dos Zirkus Busch in 7 Bildern. Vorher; Frl. Anna Stennis. Sclnllreiterin. Clown Armando mit dem boxenden Känguruh. Die japanischen Sportspiele. Herr Emst.Schumann, M eisterdress. Drei Schwosteni Blumenfeld, Kunstreiterinnen, usw. Voigt-Theater. ®ifn«tag,*öcn 27. Februar 1912: Gastspiel im Moabiter Winter- Garten, früher Artneb«!, Perlcbcrger Str. 25. Die Leemsnnzdrsvt. BollSstück lnit Ges. i» 5 Bild. v. Witten. Rasseneröffnung 7, Ansang»ff, Uhr. LssinK-Tkvs�ve Lothringer Slr. 37. Täglich 8 Uhr. hur noch wenige Aufführungen. Ucbct 100 mal auSverkaust Der Kampf ums Dusein. Am 15. März Premiere. Sonnt. 3'/,: Trudchciis Sommerreise. Polles Cspriee. Täglich 8'/, Uhr: Losgelassen. Waffen Übung. Mandclblüths Polterabend. Passage-Theater. Schneider-Duncker Carl and Lotty die berühmt. Ezoentr.-Tänzer. Luise Schäfer Vortragskünstlerin. The Hevaldos Truppe d. host. Schieudorbrott-Akrob. und d, Febr.-Glanzprogr. 14 ei-stkl. Spezialitäten. AreBotiabofl Jbl i n- A r e n a. Nachmittags! Kllitttr- Konzort. I Konstiauf- Produktionen. Abends die Novitäten; 1 Tänze u. d. Eise, Khein- [ lönder, KuBsisoh, Engl., J Alt-Wiener Walzer und I Die kleine Ghnrlotte.l [Der norwegische Meister 1 Harry l'anlacii I sowie d.präckt. Eisballett Alpenzauber. | Bis(i Uhr und von!••/, 1 | Uhr halbe Kassenpreise. Restaurant I. Ranges. itziu bei. Jniiai« ner Jnirrarc übernimmt Sie Nednitiaa Sem Publikum gegenüber krinerlct Perontwortung. Schöneberg Sozialdemokratischer Wahlverelii. Heute Dienstag, den S7. Februar 1912, abends 8 Uhr, in den Neuen Rathaus' sälen, Meininger Strahe 8: Mitglieder-Bersammlung. Tagesordnung: I. Dortrag: Die politische Lage. Referent: Reichstagsabgeordneter Denoffe Ad. THtele-Hall«. Z. DiZ- kuffion. 8. Anträge zur Kreis« und Verbands» Generalversammlung. 4. Wahl der Delegierten, b. Vereins- angelegenheiten. IS/7 SS ist Pflicht der Genossen und Genossinnen die Versammlung zahlreich zu besuchen und pünktlich zu er- scheinen. lder Vorstand. + Oskar Wollburg Trauer■ Magazin Berlin N.f BrunnemtraBe 58. Große Auewahl in eohwarzer Konfektion; auch elnz. Röcke, Blusen, Hüte etc. Anfertigung nach MaB In 12 Stunden. Aenderungen sofort.* bü Große öffklitliche■ UMsoechininImg Aieustag, den 27. Febrnar, abends SVs Zlhr, in Kellers„Neue Philharmonie",*'*»6-9®*"*' Tagesordnung: Die Justiz L Opfer. Referent: Hr. JUr. Hfllpert, Rechtsanwalt. In dieser Versammlung werden außer dem Reserenten noch eine Reihe anderer bekannter Sprecher die politische Rechtsprechung behandeln. ES sollte daher besonders kein Arbeiter versäumen, diese Versammlung zu be- Arbeitsnachwels: Hos I. Amt Norden. Nr. im fervaltungsstelie Berlin Hauptbureau: Hofiii. EharirSstrafte 3. Amt Norden, Nr. 18S7. besuchen. Freie Diskilsiioil für jedemiiiiil. 287/10 Der Einberufer t Fritz Kater, KopernikuSitraße 25. trier inlH Verwaltung Berlin.-- Mitglieder-Versatntnlungen: Mittwoch den 28. Februar: kirisis�sssss�rk�s« abends k>/, Uhr, bei Lehmann. An der Ltralauer r. Und. Breltacheld über: .Arbeiterbewegung nnd Arbeitskämpfe in England«. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Um reg« Beteiligung wird ersucht.»MV Mittwoch, den 28. Februar 1912, abend? 6 Uhr: Kranchen-Versammlung der ehirurgisehen Branche im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Str. 11/12. Tagesordnung: 1 Vortrag. 2. DiZkusfion. 3. Branchcnangelegenheiten. 4. ver- schiedeneS._• Mittwoch, den 28. Februar 1912, abendS 8'/, Uhr: Mitglieder-Versammlung lies Gold- und Silberarbeiter und verwandten Berufsgenossen im Dresdener Garten, Dresdener Str. 45. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen A. Wnschlcb. 2. VcrbandSangelegen- heiten und Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Mittwoch, den 28. Februar 1912, abendS 61/, Uhr: ■sä Versammlung der Metallschleifer, Galvaniseure Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58/59. Tagesordnung: Bortrag de» Genossen Idr. XadcU. über:»Die BerufSkrank- ieiten der Metallschleifer und Galvaniseure.« 2. Diskussion. >. Branchenangelegenheiten. 4. verschiedenes. BerbandSbuch ist mitzubringen! Ohne dasselbe kein Zutritt. Mittwoch, den 28. Februar 1912, abends 8'/, Uhr: Kranchen-Vvrsammlung der Brablarbeiler Berlins und Umg. im Lokal von Wollschläger, Adalbertstr. 21. Tagesordnung: 1. Bortrag.deS Kollegen F. Blanke. 2. Diskussion. 8. Branchenangelegenheiten.__ Mittwoch, den 28. Februar 1912, abendS 8 Uhr: Versammlung der Anlogen- Gchveiker im Lokal von A. Hoffmann, Dragonerstr. 15. Tagesordnung: 1. Wie find unsere Lohn« und Zlrbeitsbedingunge» beschaffen? (Bericht über die ausgenommen« Statistik.) 2. DiSkussio.t. Kollegen! Bei der ausserordentlichen Wichtigkeit der Ver- sammlungen ist eS Pflicht eines jeden, zu erscheinen. �cdtuux! Metalldrueker! Achtung! Donnerstag, den 29. Februar 1912, abends 9 Uhr: bsü Versammlung— der in Kronen-, Lampen-, Bronze- und Metallwarenfabriken beschäftigten Metalldrücker im Gewerkschaftshause, Cngelnfer 15, Saal 5. Tagesordnung: vranchenangelegenheite». Ganz besonder« sind die tu Metallwarenfabriken(Kunden. betrieben) beschäftigte» Drücker dazu eingeladen. 113/»__ Ple Ortsverwaltnng. Gckrestauration�P"�' nade 10 zu vermieten. SO'IS* Slumkn-«üb Kransbinberei von Aug. Meier, Wassertporstrafte S7a. Or6s8tes Spezialgeschäft Deutschlands"! Bettfedern Brau« Psiern.. Pia. 55 PI. EntenlBdeiB•.. pia m. I— Enten- Halbdannen Pfd. M. 1» Halbwelase Halbdannen P(d. M. 2- nnd M. 2» Weiss« Halbdannen Pid. M. 3.-, 3«», 4» n. 6— SchleissJedern, baibweiss, Pfd. M. 18« Weisse Scbleissledern Pfd. M. 2.-, 250 n. 3�_ Eellweisse Scblelsstedern Pid. M. 3», 450 u. 6.- eä». Monopoldaunen m 2 89 p. Pfd. 8— 4 Pfand zum Oberbett.(Ges. geschj Bnssiscbe Entadordannen| Prima bellwelsse Dannen Pid. M. 650 (gea. gesch.).. Pid. M, 360 Weisse Dannen Pfd. M. 5.—|(i1/,— 3 Pid. lum Obertett.) Fertige Betten (Oberbett, Unterbett, 2 Kissen) too grtu-iot Waterslouf, gefüllt 4 G— reichlicher ge- IE— mit gtaaen Federn.... Stand i faM. lültt.. Stand 1 J.M. roo grau-rot oder rotrosa KOperslont, U f 50 9050 UU50 gefüllt mit Fntenledern..... Stand bVM.&.UM. 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Metallbettslelle mit Zngtedar- Batratze, 33 mm atark Plostan, obere TerzieruDgen n rnsbhunde im Kopl-uFuss'eU von Messing schwan od weiß lackiert Nr. 1004 Z610 Hochelegante Messing-Bettstelle Nr. 831 mit Zügleder- latratia in Honrabmen, 195 x 90 cm M. 200x100 cm H. 66— Sfttinlette.r�fttnrfiffl Das Geschäft besteht 26 fahre UM mm Verantwortlicher Nedalteur: Albert Wachs, Serlin. Für den Jnjeratentetl oerantw.: Td.GI«cke,Berltn. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Paul Singer u-Eo� Berlin SW. |lr. 48. 29. Jahrgang. 1 SkW i>ks„llutniittü" Kcrlim öolliülilntl. Jitnsf«!), 27. ttbrxar 11)12. Sie Nshl im 2. Candtagswaljlbezirh. Heute, Dienstag, den 27. Februar, werden im 2. Landtags- Wahlbezirk Wahlmännerersatzwahlen vorgenommen. Die zweite Abteilung wählt in der Zeit von 9 Uhr vor- mittags bis 12 Uhr mittags. Die erste Abteilung von 1 bis 2 Uhr. Die dritte Abteilung von 3 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends. Die Wahlhandlung wird Pünktlich mit dem Ende der für jede Abteilung festgesetzten Wahlzeit geschlossen. Demnach dürfen nach Schluß der für jede Abteilung festgesetzten Wahl- zeit Urwähler der Abteilung, die zur Wahl gestanden hat, nicht mehr zur Abstimmung zugelassen werden, auch dann nicht, wenn sie sich bereits vor dem Schluß der Wahlzeit ihrer Abteilung im Wahllokale eingefunden hatten. Ferner wird darauf hingewiesen, daß der Wahlvorsteher von den zur Wahl erscheineiiden Wählern die Vorlegung einer Legitimation verlangen kann; als solche gilt: Steuerquittung, Jnvaliditätskarte, Militärpapiere, Mietskontrakt usw. oder die den Urwählern zugehende Wahlkarte. » DaS Zentralwahlbureau befindet sich am Tage der Wahl bei F. Ohne sorge, Markgrafenstr. 192, Telephon: Moritz- Platz. Nr. 4777. Genossen anderer Kreise werden gebeten, zur Besetzung der Wahllokals sich zahlreich einzufinden. _ Das Wahlkomitee. Zur Kahl im zweiten Berliner Candtagswahlkreiie. Am heutigen Dienstag finden bekanntlich im zweiten Land- ikagswahlkreise die Wahlmäniiertoahlen statt, und zwar für die dritte Abteilung von nachmittags 6 Uhr bis 8 Uhr abends, für die zweite vormittags von ö bis 12 Uhr und für die erste Abteilung von 1 bis 2 Uhr. Am Sonntag hatten unsere Genossen eine öffent- liche Landtagswähler-Versammlung nach Habels Brauerei einberufen. Sie war zahlreich besucht und füllte den großen Saal bis auf den letzten Platz. Als Referent sprach der Reichstagsabgeordnete Karl Giebel und das Thema seines Vortrages lautete:»Das Wahlrecht zum preußischen Landtag". Es ist selbstverständlich, daß der Kampf gegen das schändliche Dreiklasscnunrecht im Vordergrund der ganzen Wahl- bewcgung steht, allerdings nicht für die bürgerlichen Parteien und auch nickt für die Liberalen, wohl aber für das arbeitende Volk Preußens. Ter Redner wies in seinem inhaltreichen Vortrage nach, daß die Liberalen höchst unzuverlässige Freunde einer wirtlich demokratischen Wahlrechtsreform sind, und daß es die Arbeiterschaft ist, die sich das allgemeine, gleiche Wahlrecht erkämpfen muß. Allerdings haben ja die Liberalen seinerzeit unter dem Druck der proletarischen Wahlrechtsbewegung im preußischen Landtag eine Wahlrechtsreform beantragt, �aber sie klappten elend zusammen und ließen ihren Antrag im Stich, als ihnen dann im Jahre 1807 und 1908 der Bülowsche Blocktraum die törichte Hoffnung gab, so etwas wie eine Regierungspartei werden zu tönneu. Da wurde ihr schöner Wahlrechtsamrag ein Rührmichnichtan, und liberale Blätter schrieben selbst, daß von einer Uebertragung des Reichstags- Wahlrechts auf Preußen nicht die Rede sein könne. Aber auch auf anderen Gebieten der Politik ist es ja deutlich genug hervor- getreten, das für das arbeitende Volk von den Liberalen nichts zu erwarten ist. Der Redner erinnerte daran, daß es der verstorbene Abgeordnete Gerschel war, dem es vorbehalten blieb, im Namen feiner Fraktion dafür zu sorgen, daß den Hausbesitzern die Pflicht auferlegt wurde, anzugeben, wo ihre Mieter als Arbeiter be- schäfügt sind, damit bei den ärmsten Steuerzahlern auch der letzte Groschen ihres sauer verdienten Lohnes zur Veranlagung kommen muß, und daß es dieselben Freisinnigen tvaren, die mithalsen, den Antrag der kleinen sozialdemokratischen Gruppe, die Einkoinmen bis 1500 oder doch wenigstens bis 1200 M. steuerfrei zu lassen, zu Fall zu bringen. Run haben die Liberalen Herrn Mo Minsen zum Nachsolger Dr. Gerschels ausersehen, und er. der sich bei der Reichstagswahl, natürlich vergeblich, bemühte, unserem Genossen Fischer das Mandat zu entreißen, soll jetzt auf den Krücken deS Treiklassenivahlrechts in den Landtag humpeln. Er wird nach ecneni jüngst von den Liberalen verbreiteten Flugblatt„für die dürgetliche Freiheit in echt liberalem Sinne eintreten" und darum werden die Wähler aufgefordert, Front zu machen gegen den „sozialdemokratischen TerrvrismuS, und alle sozialdemokratischen Ansprüche zurückzuweisen". Das ist„echt liberal", entsprechend der Partei, die sich im politischen Leben immer wieder als die Partei der Eharakterlosigkeit bewiesen hat. Für uns aber gilt es, auch bei dieser Wahl vor allem die Köpfe zu revolutionieren, den Rassen immer mehr das Schmachvolle und Unwürdige der be. stehenden Verl>ältnisse zum Bewußtsein zu bringen. So wird die Wahl zum Vorspiel künftiger Siege werden, und indem die Massen der Wähler sich ossen als Feinde des bestehenden preußi- scheu Staates bekennen,»iiiß eS immer stärker zum Ausdruck kommen, daß dat Volk nicht länger Amboß sein will und die Junker und ihre Helfershelfer nicht länger Hammer sein sollen.— Der Vortrag fand stürmischen Beifall. Gegner meldeten sich nicht zuni Wort Die Genossin Jacob machte noch besonders auf die völlige politische Rechtlosigkeit der Frauen aufmerksam und forderte zu eifrigster Beteiligung an den Leseabendcn, und namentlich zu den am kommenden Sonntag sürttsindenden Temonstrationsversamm- lungen auf. Sodann gab der Vorsitzende. Genosse Schröder, be- kannt, daß unsere Genossen den Parteisekretär Hermann Müller zum Kandidaten für den 2. LandtagAvahlkreiö ans- ersehen haben, womit die Versammlung sich einstimmig ein- verstauben erklärte. Nach einigen anfeuernden und aufklärenden Worten des Vorsitzenden wurde die Versammlung mit Hochrufen auf bie Partei geschlossen. Partei- Hngclegcnbcitcn. Die Generalversninmlnng deS Berbundts sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend findet am Sonntag, den 17. März 1912, mittags IL Uhr, in den Konkordia-Sälen, Andreasstr. 64, statt. Die Generalversainmlungcn der sechs Berliner Wahlkreise sind aus D i e n s- tag. den 5. März, abends 8 Uhr. festgesetzt. Für Teltow- Beeskow ist die Kreisgeneralverfammlnng auf den 3. März im Charlottenburger Bolkshaus und für Nicderbarnim aus den 1 0. M ä r z in Nummelsburg. Casö Bellcvue(G. Tempel) anberaumt. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. � Fünfter Wahlkreis. Abteilung t. Heute abend S'/z Uhr,.Lima- Säle", Neue Königstr. 7: Versammlung. Vortrag de« Genossen Huhnfleisch:„Was muß der Arbeiter vnn der ReichsversicherungS- ordming wissen J" Wahl der Delegierten zur Generalversammlung Grotz-BerlinS. Der Abteilnngsfllhrer. Lichtenberg. Heute abend 8>/z Uhr im Lokal„Schwarzer Adler", Frankfurler Chaussee S: Oeffentliche Versammlung. Vortrag des ReichstagSabgeordneten K ä p p l e r- Altenburg über:»Die gegen- wältige politische Lage". Diskussion. Boxhagcn- Nammelsburg. Heute, Dienstag, abends pünktlich 8 Uhr, im„Cafs Bellevue"(Tempel): Generalversammlung. Reichs- tagsabgeordneler H. Jäckel spricht über:„Rückblick aus die ver- flosienen Rcichstag-wahlen". Bericht der Bezirksleilung. Wahl der Delegierten zur Kreisgeneralversammlung. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Bezirksleiter. Tempelhof. Morgen, Mittwochabend: Flugblattverbreitung.— Donnerstag, den 20. Februar, abends �/zS Uhr, im Wilhelmsgarten, Berliner Str. 9: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: 1. Die Bedeutung der Gemeindewahlen. 2. Bericht der Gemeindevertreter. Tegel. Heute, Dienstag, abends 8'/z Uhr, in Trapps Festsälen (Gamm), Bahnhosstr. 1:„Sozialdemokratie und Gemeindcpolitik". Referent: Siadtv. Eugen Brückner- Berlin. 2. Aufstellung der Gemeindevcrtreter-Kandidaten. Die Bezirksleitung. Mariendorf. Morgen, Mittwoch, abends 8 Ubr, bei Graß!. Chaussecstraße: Oeffentlicke Versammlung. Tagesordnung:„Sozial- demokralie und Kommunalpolitik". Referent: Neichstagsabgcordncler Dr. Q u a r ck- Franlsurt a. M. Diskussion und Ausstellung des Kandidaten zur Gemeindewahl. Hohen-Schönhauseo. Heute Dienstag, abends 8'/a Uhr, bei Rehher: Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Vorstandswahl. 2.„Unsere Aufgaben im Gemeindeparlament." Referent: Stadt- verordneter Geber t. 3. Ausstellung der Kandidaten zur Gemeinde- Wahl. 4. Verschiedenes. Röntgental. Heute, Dienstag, 27. Februar, abends 8 Uhr: Extra- Zahlabend bei Marx. Die Bezirksleitung. Spandau. Am Mittwoch, den 28. Februar, abends 8lU Uhr. findet bei Madetzki, Bismarckstr. 8, der 2. Vortragsabend des Genosse» W. Pieck- Berlin über:„Deutsche Geschichte des XIX. Jahrhunderts" statt. Behandelt wird die Zeit vom Tilsiter Frieden bis zum Abschluß der Freiheitskriege. Karten sind im Vortragslokal zu haben. Der Bildungsausschuß. berliner Nacbrlcbtcn. Für Groß-Bcrlin das Volksschul-Achtklassensystemi Zu dem Streit um das Achtklassensystem der Volksschule, der in den Erörterungen des vom Provinzialschulkollegium aufgestellten Planes, für Groß-Berlin eine einheitliche Volksschulorganisations- form mit einheitlichem Volksschullehrplan zu schaffen, eine so wich- tige Rolle spielt, hat nun auch bie Lehrerschaft Groß- Berlins in einer Versammlung von Lehrern und Lehre- rinnen der Volksschulen Berlins und der Vororte sich geäußert: Von vornherein stand fest, daß gegenüber der Absicht, Groß- Berlin auf das rückständige Siebcnklassenshstem festzulegst, und dem Vereinheitlichungsgcdanken das erst in Berlin und Charlotten- bürg glücklich erreichte Achtklassensystem zu opfern, von der Lehrer- schast ein nahezu einmütiger Protest zu erwarten war. Das Er- gebnis der Versammlung, die von 27 Lehrer- und Lehrerinnen- vereinen Berlins und der Vororte einberufen worden war und am Freitag im Berliner Lehrervereinshaus abgehalten wurde, war eine Kundgebungfür das Volks schul-Achtklassen- system, die hoffentlich der das Vereinheitlichungsprojekt beraten. den Lehrplankommission des Provinzialschulkollegiums zu denken geben wird. Die Lehrerschaft hat. besonders in Berlin, sich so oft mit der Frage der Organisationöform unserer Volksschule beschäf- tigt und dabei so oft sich für das Achtklassensystem ausgesprochen, daß der Versammlung fast nur übrig blieb, unter nochmaligen: Hinweis auf di« altbekannten Gründe für diese Forderung die früher beschlossenen Erklärungen zu wiederholen. Die Referate des Rektors Höhne-Berlin und des Rektors Schwartz-Schöncberg und auch die Ausführungen der meisten Diskussionsredner waren aus den ruhigen Ton des Selbstverständlichen gestimmt, über das man eigentlich gar nicht mehr zu reden nötig haben sollte. Rektor Höhne erinnerte daran, daß die Lehrerschaft Berlins im Jahre 1893 zum ersten Male über das Achtklassensystcm ver handelt habe, und daß sie nunmehr nach Verlauf von noch nicht zwei Jahrzehnten zum bereits siebenten Male sich mit dieser für sie längst geklärten Angelegenheit beschästigen müsse, weil an den maßgebenden Stellen die Widerstände immer noch nicht ganz über wunden seien. Gewiß sei dem seit jetzt zehn Jahren geltenden achtstufigen Lehrplan der Volksschule Berlins eine Revision zu wünschen, die zu einer Entlastung von Ueberflüssigem führen müsse, und ebenso wünschenswert sei die Schaffung eines einheitlichen Lehrplans für Groß-Berlin, durch die man die Uebelstände bei Umschulungen zwischen Berlin und seinen Vororten mildern und die Zurückversetzungen der umzu- schulenden Kinder«inschränken könne. Zu der Lehrplankonferenz dürfe die Lehrerschaft, aus der ja gleichfalls einige Vertreter zu den Beratungen der Kommission zugezogen seien, das vollste Ver- trauen haben, sie wolle aber doch auch in ihrer Gesamtheit zu dieser pädagogisch wichtigen Frage sich äußern und besonders ihre Meinung über das Achtklassenshstem nochmals öffentlich aussprechen. Referent hielt es für nötig, förmlich und feierlich zu versichern, daß die Lehrerschaft hiermit„keinen unstatthaften Druck ausüben" wolle. Er legte dann im einzelnen die bekannten Borzüge eines auf acht statt auf sieben Klassen zugeschnittenen Lehr planes dar, die Möglichkeit einer besseren Einteilung des Lchrstoffeö, einer Verringerung des Pen- sums der einzelnen Klassen, auch einer Herabminderung der Klasscnfrcquenzen, einer Steigerung der Unterrichtserfolge, eines schnelleren Aufrückens auch schwächerer Schüler. In Berlin habe das Achtklassensystem, das wir hier seit 1902 haben, sich von Jahr zu Jahr mehr bewährt. Der Chef des Berliner Ge- meindeschulwesens, Stäotschulrat Fischer, habe daS jetzt in der Stadtverordnetenversammlung rückhaltlos festgestellt, und die Lehrerschaft freue sich� hierin voll mit ihm übereinzustimmen. Rektor S ch w a r tz- Schöneberg suchte in rechnerischen Dar- legungen den Aachweis zu erbringen, daß das Achtklassensystem, das die meisten Vororte leider noch nicht haben, bessere Erfolge hat und dabei keineswegs mehr Kosten erfordert. In der D i s k u s s i o n wurde versucht, die vorgelegte Resolu- tion für das Achtklasscnsystem durch Abschwächungen den be- scheideneren Wünschen einiger Vororte anzupassen und überdies die Hintertür eines sogenannten„Abschlusses nach dem siebenten Schuljahr" vorzubehalten. Diese Bemühungen fanden erfreulicherweise keine Mehrheit, und die Versammlung entschied sich dann für folgende Resolution: „Die heutige Versammlung der Lehrer- und Lchrerinnenvereine Groß-Berlins steht auf dem Boden der Resolutionen deS Berliner LehrervcreinS von 1893 und der allgemeinen Lehrer- und Lehre- rinnenversammlung von 1909, in denen aus pädagogischen Grün- den die Gliederung in acht aufsteigende Klassen für die vollkom- menste Organisation großstädtischer Volksschulen erklärt wird. Sie hält die achtklassigr Gemeindeschule, di« sich in Berlin seit 1902 trotz mannigfacher Hemmnisse fortschreitend immer mehr be&ährt hat, auch für die Berliner Vororte für durchführbar und hofft deshalb auf deren baldige Einführung. Sie gibt dem Wunsch Ausdruck, daß aus den zurzeit eingeleiteten amtlichen Kommissions- Verhandlungen ein einheitlicher Lehrplan für achiklassige Gemeinde- schulen Groß-Berlins hervorgehen möge, durch den die bisherigen Lehrziele nicht erweitert werden, sondern der den Lehrstoff auf acht Schuljahre verteilt. Für die Berliner Gemeindeschulen im besonderen wäre jeder Aufbau mit geringerer Klassenzahl oder mit einer nicht organisch eingegliederten Klasse für das»etzte Schul- jähr ein Rückschritt, vor dem das Schulwesen der Reichshauptstadt unter allen Umständen zu bewahren ist." DaS Recht der Lehrerschaft, in der ganzen Angelegenheit mitzureden, wurde durch folgenden Zusatz zur Resolution betont:„Die Versammlung gibt ferner der Hoffnung Ausdruck, daß im Hinblick auf die große Bedeutung der schivebendcn Verhandlungen die Behörden auf die Mitwirkung der in Frage kommenden Lehrer- und Lehrerinnen- vereine nicht verzichten, sondern durch rechtzeitige Veröffentlichung der Beschlüsse ihnen Gelegenheit geben werden, zu den Ergebnissen der Beratungen Stellung zu nehmen, ehe sie in Kraft treten." Leider waren die„maßgebenden Persönlichkeiten" größtenteils der Versammlung ferngeblieben. Durch schriftliche Einladungen hatte man die Lehrplankommission sowie die Schul- deputationen der interessierten Gemeinden und die zuständigen Behörden der Regierung besonders zu Gaste gebeten. Aber der Versammlungsvorsitzende mußte über eine lange Reihe von„be- Lauernden" Ablehnungen berichten. „Jugendpflege" in der Fortbildungsschule.> Die Jugend zu gewinnen und sie durch Beeinflussung ihrer Lektüre und ihrer Geselligkeit auf„die richtige Bahn" zu schieben, wird auch in den Kaufmännischen Fachschulen der Ber- liner Korporation der Kaufmannschaft versucht. Aus der Kauf- männischen Fachschule, die im Schulhaus des Köllnischen Gymna- siums an der Jnselstrahe untergebracht ist, erfahren wir einiges über diese Bemühungen. Es ist dort untersagt wordeü. Zeitungen oder gar Witzblätter mit in die Schule zu bringen, andererseits aber wird die Ver- breitung eines Blättchens„Feierabend" von dem Fortbildungsschuldirigenten selber sehr eifrig gefördert. Der Herr. ein Lehrer Gilbert, nimmt in der Schule die Abonnements- gcldcr entgegen, besorgt dann den„Feierabend" in der bestellten Anzahl von Exemplaren und liefert diese den einzelnen Klassen zur Verteilung unter den Abonnenten. Vor kurzem wurde in der- selben Fachschule einem Hauptmann Beter Gelegenheit gc- geben, vor den Schülern einen Vortrag über den„Pfad- f i n d e r b u n d" zu halten. Seine Ausführungen endeten mit der Einladung, sich einmal die Sache anzusehen und nächstens nach dem Grunewald hinauszukommen, wo der„Pfadfinderbund" üben werde. Der Vortrag wurde nicht etwa nach Schluß des stunden- planmäßigen Unterrichts, sondern während einer der Unterrichts- stunden gehalten, so daß der Unterricht dem Vortrag des für den „Pfadfinderbund" werbenden Hauptmanns geopfert werden mußte. Das alles gilt als zulässig, wenn es sich um die sogenannte „Jugeudpflege" handelt. Der Liebe Müh' wird freilich gegenüber jungen Leuten, die in aufgeklärten Arbeiterfamilien aufgewachsen sind, verloren sein. Die Arbeiterklasse und ihr Nachwuchs werden alle„Jugendpflege", die aus bürgerlichen Kreisen kommt, schroff ablehnen, weil sie wissen. worauf da? hinaus will. Wo in Fortbildungsschulen und auch in Volksschulen die Lehrer an diesen Bestrebungen teilnehmen, da werden sie sich nicht wundern dürfen, wenn sie die bittersten Ent- täuschungen erleben. Erreichen werden sie, daß sie sich die Jugend derjenigen Volksklasse, auf die es abgesehen ist, nur noch mehr ent- fremden. Aber wenn sie's so haben wollen, so werden sie e» eben tragen müssen. �, Aus ber Waiscnpflegc der Stadt Berlin erhielt vor einiger Zeit eine Mutter ihr Kind in einem Zustande zurück, über den sie sich nicht wenig wunderte.. Das Kind, ein jetzt zweijähriger Knabe, Ivar von der Waisenverwaltung zunächst in einer fremden Familie und später noch auf zwei Monate in einer privaten Anstalt unter- gebracht worden. Als die Mutter heiratete und nun den Kleinen wieder zu sich nehmen wollte, wurde er durch die Waisenverwaltung aus jener Aisstalt zurückgeholt und im Berliner Waisenhause an die Mutter zurückgegeben. Ihr fiel sogleich auf, daß das Kind eine Ivunde Nase hatte, doch legte sie hierauf kein Gewicht. Noch ehe sie dann mit dem Knaben in ihrer Wohnung anlangte, entdeckte sie. daß er auf dem Kopf mit Ungeziefer behaftet war. Sie ließ dem Kinde noch unterwegs das etwa singerlange Kopfhaar schneiden, in dem die Läuse sich eingenistet hatten. Bei nähe» rem Zusehen bemerkte die Mutter auch, daß eine Ohrmuschel an ihrem oberen Ende— da, wo sie am Kopfe angewachsen ist— wie eingerissen schien. Möglicherweise ist diese Verletzung daraus zu erklären, daß das Kind, durch das Ungeziefer gequält, sich allzu» heftig in der Gegend des OhreS gekratzt und selber die Ohr- muschel eingerissen hat. Die Mutter allerdings glaubt nickt, daß diese Annahme richtig sei, und sucht nach einer anderen Erklärung. Daß daS Kind auch an Ohrlaufen litt, sei nebenbei erwähnt. Die Kinderschuhkommission, die von der Angelegen)- heit Kenntnis erhielt, sorgte dafür, daß das Kind einem Zlrzt zu» geführt und von ihm besichtigt wurde. Auffällig ist, daß im Waisenhaus weder von dem Ungeziefer auf dem Kopfe noch von der Verletzung am Ohr irgendjemand etwas bemerkt zu haben scheint. Waisenkinder, die aus privater Pflege in das Waisenhaus zurückgenommen werden, weil sie den Eltern wieder übergeben werden sollen, verweilen dabei in der Regel nur kurze Zeit noch in dem ihnen als Durchgangsstation dienenden Waisenhaus. In dem vorliegenden Fall ist der Mutter nicht bekannt geworden, wie lange ihr Kind noch im Waisenhaus zugebracht hat, ehe cS ihr auS- gehandigt wurde. Das Kuratorium deS städtischen Obdach? und Arbeitshauses beschäfligte sich gestern mit einem Revisionsbericht der Stadt- verordneten Ad. Hoffmann und Zuckt über eine von beiden am 6. Februar d. I. vorgenommene plötzliche Revision des städtischen Obdachs. Verlangt wurde von ihnen der dringend notwendige Er« weiterungsbau des städtischen Obdachs. Damit im kommenden Winter die Verwaltung nicht vor keine Katastrophe gestellt wird, forderten sie die sofortige Emchiuug von weiteren sieben Not-Doppelbaracken, wie bereits drei aufgestellt sind. Sämtliche Stadtverordnete waren sich darüber einig, daß der Bericht recht habe, wenn er sage, die Verantwortung für die herrschenden Zustände und ihre Gefahren könne niemand tragen, denn schon in diesem Winter sei eine Ueberflllluug des städkischen Obdach» in der grauenerregendsten Werse zu konstatieren gewesen. Ueber 2000 Personen seien mehr aufgenommen worden, als über« Haupt Plätze vorhanden waren. Auf Gängen und Fluren hätten die Obdachlosen kampieren müssen. Das ihnen zum Nachtlager an« gewiesene Stroh biete eine große Gefahr bei einer Feuersbrunst so- wie bei einer Panik. Beschlossen wurde, die Hochbanverwalwnq zu ersuchen, die Pläne für Umbau und Erweiterung des städtischen Obdachs recht bald dem Kuratorium vorzulegen, ferner den Magistrat zu ersuchen, schleunigst sieben neue Doppelbaracken zu errichten, so daß sie im kommenden Herbst bereits benutz. bar sind. Sine lebhaste Debatte entstand über di» Zurück» ziehung der Borlage detreffend das auf dem Terrain des Obdachs zu erbauende BerpflegungShauS, daS leichten Futz- kranken usw. oder Kranken bis zur Ueberführung nach� einem Krankenhause zur Aufnahme dienen sollte. Durch eine mißverstandene Aeutzerung deS Herrn Dr. Fischer wurde diese Station für über« flüssig gehalten. Jetzt stellt sich aber nach dem RevistonSbericht der Genossen Hoffmann und Zucht die dringende Notwendigkeit dieser Station heraus und beantragten sie daher die Wiedereinbringung der Vorlage. Die Angelegenheit soll in der nächsten Sitzung als erster Punkt weiter verhandelt werden. Schließlich ließ Herr Dr. Prerauer noch einen Einblick in das Material tun, daS eine Eülle von Beweisen über die Art erbringt, wie Arme, Kranke und chwangere aus der Provinz nach Berlin abgeschoben werden. Zu einem nicht kleinen Teile geschieht das von Behörden; in mehreren Fällen mutz man das Verfahren als Aussetzung hilfloser Personen bezeichnen. Der Stadt Berlin soll dieser Unfug 800 000 bis 900 000 M. pro Jahr kosten. Dem Kuratorium soll demnächik eine Statistik darüber vorgelegt werden. Kampf um die persönliche Freiheit. Rechtsanwalt Dr. Ehrenfried soll nach der Mitteilung einiger Blätter entmündigt sein. Das ist nicht ganz zutreffend. Gegen Dr. Ehrenfried war bekanntlich vor drei Jahren ein Antrag auf Ent« mündigung gestellt. Der Anwalt wurde gegen seinen Willen in einer Anstalt untergebracht, entfloh aus derselben, erwirkte dann Urteile auf Bestrafung wegen Beleidigung und auf Schadenersatz gegen einige Aerzte. In dem immer noch schwebenden Verfahren wurde dann vom Amtsgericht auf Grund eines vor mehreren Jahren von einem der Aerzte verfaßten Gutachtens, gegen den Dr. Ehren» fried mit Erfolg geklagt hatte, in der Tat die Entmündigung des Anwalts vor einigen Tagen ausgesprochen. Auf seinen Antrag hat aber die 22. Zivilkammer des Landgerichts I gestern im Wege der einstweiligen Verfügung angeordnet, daß die Wirksamkeit des amrs- gerichtlichen Beschlusses bcs zum Erlaß des Urteils in der Anfechtungs- klage ausgesetzt wird. Rechtsanwalr Dr. Ehrenfried übt seine Praxis nach wie vor aus. Der Fall Ehrenfried illustriert die dringende Reformbedürftigkcit der Enlmündigungsgesetzgebung. Zu den Massenerkrankungen in der Unteroffizierschule zu Potsdam gibt das Kommando nachfolgende Nachricht bekannt: Die Zahl der an der Unterosfizierschule Potsdam erkrankten Mannschaften bat sich seit dem 25. Februar nicht erhöht. Bei allen Erkrankten ist das Fieber heruntergegangen, meist ganz beseitigt. Allgemeinbefinden gut. In den Ausleerungen der Kranken ist der Erreger der Fleisch- Vergiftung festgestellt worden. D:e Untersuchungen werden fort- gesetzt._ Explosionsunglück in Wilmersdorf. Eine furchtbare Explosion, bei der eine Person getötet und eine zweite verletzt wurde, erfolgte Sonntag früh kurz nach 2 Uhr in einer Versuchsanlage der Sauerstoff- Jndu st rie-Aktien» gesellschaft auf dem Grundstück Hildegard st r. 2g an der Kaiserallee zu Wilmersdorf. Die Gewalt der Explosion war so enorm, daß ein 25 Meter langes einstöckiges hallenartigcs Gebäude in-die Luft flog und in der Umgebung zahllose Fenster- scheiben zertrümmert und Dächer beschädigt wurden. Außerdem entstand durch die Erplosion ein Großfeuer. daS erst nach mehreren Stundefl durch die Feuerwehren von Wilmersdorf, Charlottenburg, Schöneberg und Berlin gelöscht werden konnte. Die Leiche des getöteten Mannes war schrecklich verstümmelt. Ueber die Ursache der Explosion war bisher noch nichts zu ermitteln. Im einzelnen gehen uns über die Katastrophe folgende Mitteilungen zu: Auf dem Grundstück Hildegardstr. 2g befindet sich die Villa des Schöneberg-Wilmcrsdorfer Polizeipräsidenten Freiherr» v. Lüdinghausen und auf dem Hinterlande ein 25 Meter langer und breiter und 10 Meter hoher massiver Bau, der der Sauerstoff- Jndustrie-Aktiengesellschaft(.Kurfürstendamm 22b) gehörte. Dieses hallenartige Gebäude war vor etwa fünf Fahren errichtet worden und gehörte zunächst dem bekannten Physiker Professor Dr. Raoul Pictet. Vor zwei Jahren übernahm eS die Sauerstoff-Jndustric- Aktiengesellschaft, die dort eine Versuchsanlage herstellte. Neben der Halle liegen zwei Gasometer, die den erzeugten Sauerstoff aufnehmen. Am Sonnabendabend war in der Versuchsanstalt bis zur üblichen Stunde gearbeitet worden. Ueber Nacht blieben zwei Arbeiter in der Halle zurück, der Maschinist Freund und der Arbeiter Ferdinand R u m l a n d aus der Prinz Georgstr. 8 zu Schöneberg. Wenige Minuten nach 2 Uhr kam die Anlage plötzlich unter donnerähnlichem Knall zur Explosion. Straßenweit wurde die Detonation gehört und die Häuser bebten in ihren Grundfesten. Auf den benachbarten Grundstücken zersprangen infolge des ge- waltigen Luftdruckes eine Unmenge Scheiben und Schaufenster, und an einigen Häusern wurden sogar Ziegelsteine aus der Dach- bekleidung herausgerissen. Die Versuchsanstalt selbst war voll- ständig in die Luft geflogen. Schwere Steinblöcke waren weit weg- geschleudert worden und bedeckten daS Gartengelände. Als die aus dem Schlaf geschreckten Mieter der umliegenden Häuser hinzucilten, stand die Anlage vollständig in Flammen. Stockwerkhoch schössen die Feuergarben empor und röteten bald den nächtlichen Himmel. Tie Wilmersdorfer Feuerwehr war schnell zur Stelle; angesichts der gefährlichen Situation rief der Brand infpektor aber auch noch die Nachbarwehren— Charlottenburg, Schöneberg und Berlin— zu Hilfe. Auch aus Friedenau rückte ein Löschzug an. Die Lösch- arbeiten muhten mit der größten Vorsicht ausgeführt werden, da fortwährend noch kleinere Explosionen erfolgten. Im ganzen wurde mit acht Schlauchleitungen Wasser gegeben. DaS Haupt- augenmerk mutzte darauf gerichtet werden, die beiden Gasometer zu schützen. Zum Glück waren diese Behälter ziemlich leer. Als die Mannschaften in das Innere der brennenden Halle vordrangen, fanden sie den Maschinisten Freund als Leiche vor. Er war fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Die Beine waren dem Un- glücklichen abgerissen und der Kopf war förmlich auseinander- gespalten. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt und nach dem SchauhauS gebracht. Freund war unverheiratet und wohnte auf dem Wcdding in Berlin. Sein Kollege Rumland ist wie durch ein Wunder dem Tode entronnen. Er wurde durch den gc- waltigen Luftdruck mit der Decke der Halle in die Luft geschleudert und blieb mehrere Meter von dem Gebäude liegen. Er erholte sich bald wieder, da er anscheinend nur geringe Verletzungen davon- getragen hat und wurde nach der Rettungswache gebracht. Von dort konnte er nach Anlegung von Verbänden in seine Wohnung ent- lassen werden. Er ist aber vorläufig durch den Schreck noch so benommen, daß er noch keine Angaben über die Ursache der Explosion machen kann. Die Ablöschung des Brandes zog sich bis in die neunte Vormittagsstunde hin. Die Brandstelle bietet einen graust- gen Anblick. Das ganze Gelände ist mit Schutt- und Steinmassen förmlich übersät. Die Leiche eine? Soldaten wurde gestern vormittag um Uhr von Parkwächtern an der Schlcuseninsel im Tiergarten ge- sunden und gelandet. Die Revierpolizei ließ sie nach dem Garni- sonlazarett in Tcmpelhof bringen und benachrichtigte die Militär- behörde. Der Ertrunkene wurde festgestellt als der Pionier Brö- sicke von der 2. Kompagnie des 15. Pionier-Bataillons, das in den Rcichslandcn steht. Ob er hier abkommandiert oder beurlaubt war, oder wie er sonst nach Berlin gekommen ist, weiß man nicht. Es ist deshalb auch noch nicht möglich zu sagen, ob er verunglückt oder freiwillig ins Wasser gegangen ist. Drei gewerbsmäßige Stabtbahnflrbderer wurden am Sonn- abend abend von Beamten der Sonderpatrouille der Kriminalpolizei wieder einmal auf frischer Tat ertappt und festgenommen, drei „Arbeiter" namens Wilhelm Propp, Wilhelm Dinow, der ftüher Gärtner war, und Richard Schäfer. Alle drei sind schon wiederholt und schwer bestraft. Propp verließ erst vor 14 Tagen wieder das Zuchthaus, seine beiden Spießgesellen befanden sich schon etwas länger auf fteiem Fuße. Die Kriminalpatrouille beobachtete, wie Propp gleich nach seiner Entlassung sich mit seinen beiden Freun- den wieder auf der Stadt- und Ringbahn zu schaffen machte. Am Sonnabend unternahmen die drei wieder Rundfahrten, über deren Zweck kein Zweifel bestand. Die Fledderer hatten es auf Leute abgesehen, deren Börsen nach der Lohnzahlung gefüllt waren und die, nachdem sie wohl noch ein Glas über den Durst getrunken hatten, in späterer Stunde einschliefen und über das Ziel hinaus- fuhren. Sie beobachteten, wie alle drei auf dem Bahnhof Bellevue zu einem Manne, der schlafend einsam in seinem Abteil saß, ein- stiegen und sich neben ihn setzten, und fuhren in demselben Wagen mit. Einer von ihnen sah, daß die Fledderer schon auf dem Bahn- Hof Friedrichstraße mit der„Arbeit" fertig waren und eiligst aus- steigen wollten. Er verständigte rasch seine Kameraden, und so gelang es, alle drei zu erwischen. Sie versuchten noch, ihre Beute, Uhr, Portemonnaie und andere Sachen des Gefledderten auf die Gleise zu werfen. Das gelang ihnen aber nicht, weil man ihre Absicht gleich merkte. Die alten Sünder wurden nach dem Polizei- Präsidium gebracht und gestern wieder dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Zentralkommission der Krankenkassen Berlins und der Bororte. In Mariendorf spricht am Donnerstag, den 29. Fe- bruar cr., nicht Herrn Dr. Bochner über das Thema„Hygiene des Ohres", sondern Herrn Dr. Koreller über das Thema„Hygiene der Geburt und des Wochenbettes"(nur für Frauen). Der Vor- trag findet im Gymnasium Kaiserstr. 17/21, abends 3 Uhr, statt. „Für Groß-Berlin". Der neugebildete Propagandaausschuß hat für Sonntag, den 3. März, mittags 12 Uhr, eine öffentliche Ver- sammlung(Neue Welt, Hasenheide) einberufen. Als Redner sind angekündigt: Dr. Bernhard Dernburg, Oberbürgermeister Dominicus, Geh. Rat Dr. Hermann Muthesius und Dr. Albert Südekum, M. d. R. Das Thema lautet:„Was erwarten wir vom gweckverband?" Die wieder von Käte Kollwitz gezeichnete Ankündigung der Ver- sammlung trägt wieder den Text: ,600 000 Groß-Berliner wohnen in Wohnungen, in denen jedes Zimmer mit 5 und mehr Personen besetzt ist. Hunderttausende von Kindern sind ohne Spielplätze.", Am Sonnabend, den 24. d. MtS., ist bei dem vom Zentralverband der Schuhmacher im Schweizergarten veranstalteten Maskenball ein Portemonnaie mit Inhalt gefunden worden. Ein goldenes Armband ist verloren gegangen. Der Verlierer resp. der Finder wolle sich im Bureau des SchuhmacherverbandeS, Blankenfeldestraße 10, von 10—1 oder von 4—7 Uhr melden. Vorort- JVacbrlcbtem Steglitz. Mit der Stadtwcrdungsfrage unsere? Dorfe? beschäftigte sich am Freitag abend eine außerordentliche Gemeinde- vertrelersitzung. Der Gemeindevorsteher hatte dem Antrag- steller der bürgerlichen Linken, dessen Absicht es war, eine Spezial- kommijsion zu dem Minister des Innern zu delegieren, den Wind aus den Segeln genommen. Wie der Gemeindevorsteher zu Beginn der Sitzung mitteilte, hatte auf seine Anfrage der Land- rat geantwortet, der Minister des Innern habe erklärt, „daß er bei der bevorstehenden Etatsberatung im preußischen Landtag vielleicht Gelegenheil nehmen werde, einige Worte über die Stadtwerdungsangelegenheit zu sagen". Dieses gnädige ministerliche„Vielleicht" veranlaßte den Antragsteller, seinen Antrag zurückzuziehen, was der Gemeindevorstand und die Rechre des Hauses offenbar gewollt hatten. Da man aber nun einmal beisammen war, brachte man wenigstens die so hübsch präparierten Reden über die Sache an den Mann. Haupt- sächlich der Festredner des Mietervereins, Herr Kortbaus, stürzte sich in Unkosten. Ueber die.unveräußerlichen Menschen- rechte, die mit uns geboren sind" und auf Grund deren Steglitz die Verleihung der Stadtrechte zu verlangen habe, redete er sich in eine Begeisterung hinein, daß seine Rede gleich einem Sturzbach hervorschoß, Sätze und Worte sich über- Ichlagend. Diesen Reaktionär der Linken von Menschenrechten reden zu hören, kommt einer Entweihung dieser„unveräußerlichen Rechte" gleich. Nachdem sich die bürgerliche Linke und Rechte noch ver« schieden? Schmeicheleien an den Kopf geworfen hatten, war die Bor- stellung beendet. Und das Resultat:„Wir warten weiter!' Etwa? Neues brachte übrigens die Rede des Herrn KorthanS als„Neben- Produkt". Er plauderte so nebenbei aus, daß die dem- nächst igen Gemeindewahlen der dritten Ab- teilung nicht an einem Sonntage stattfinden, wie die Gemeindevertretung gewünscht hat, sondern an zwei ansei nandersolgenden Wochentagen. Der Gemeinde- vorstand hat also offenbai den Gründen unseres Verrreters in vonger Sitzung sich nicht verschließen können, daß an einem Wochentage bei der großen Zahl der Wähler gültige Wahlen nicht zustande kommen können. Er verwirft aber die vor- geschlagenen Sonntagswahlen und will nun die Wahlen auf zwei Tage ausdehnen. Nach unserer Ansicht ist das unzulässig. Die Landgemeindeordnung bestimmt in§ 59:,... Die Bekanntmachung muß den Raum, den Tag und d i e Stunden... genau bezeichnen." Wenn Worte einen Sinn haben, kann es also nur einen Wahltag geben. Doch so oder so: die Arbeiterwähler werden ihren Mann stehen. Schöneberg. Ter mysteriöse Tod einer jungen Frau beschäftigt seit gestern morgen die Schöneberger Kriminalpolizei. Die in dem Hause Ringbahnstr. 271 wohnhafte 82jährige 3ftnu_ Auguste Busse klagte am Sonntagnachmittag über heftiges Unwohlsein und Schmerzen, die sich gegen Abend so sehr steigerten, daß ein in der Nähe wohnender Arzt' zu Hilfe gerufen wurde. Dieser vermochte die Krankheit zu- nächst nicht festzustellen und entfernte sich, um, wie er angab, am nächsten Morgen noch einmal wiederzukommen. In der Nacht ver- starb die Frau unter furchtbaren Onalen. Am Montagmorgen er- schien der Arzt nochmals, tonnte jedoch die Todesursache nicht kon- statiercn. Nach seiner Ansicht kann es sich um einen Fall von Genickstarre handeln. Es wurde sofort die Schöneberger Polizei verständigt, welche die nötigen Maßnahmen traf und die Leiche der Frau zur Obduktion beschlagnahmte. Lankwitz. Die Wahlen zur Gemeindevertretung finden wie folgt statt: 3. Klasse: Freitag den 1. März, von 11 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags und von 3 Uhr nachmittag? bis 9 Uhr abends in der Turnhalle des Realgymnasiums, Kaulbachstr. 63—67. 2. Klasse: Sonnabend, den 2. März, von ll$ bis Va10 Uhr vormittags und von 6—7 Uhr abends im Kommissionszimmer Nr. 33 des Rathauses. 1. Klasse: Montag, den 4. März, von 10—11 Uhr vormittags im Kommissionszimmer Nr. 40 des Rathauses. Den Wählern werden amtliche Ausweiskarten zugestellt, welche im Interesse einer glatten Abwickelung deS WahlgeschäftS vor- zuzeigen sind. Die ohne Karte erscheinenden Wähler müssen sich durch ihren Steuerzettel legitimieren. Mittwoch, den 28. Februar, abends 8'/, Uhr, findet eine öffentliche Wählerversammlung in Dahns Festsaal, Kaiser-Wilhelm-Straße 34, statt. Tagesordnung:»In letzter Stunde". Referent: Genosse Dr. Julius Moses. Parteigenossen sorgt für Massenbesuch. Groft-Lichterfelbe. In einer öffentlichen Gemeinbewählerversammlung sprach am Dienstag im„Kaiserhof" Genosse T h u r o w- Neukölln. In packender Weise führte derselbe den Anwesenden die Ungerechtigkeit des Gememdewahlrechtes vor Augen unter besonderer Bcrücksichti- gung des schändlichen Hausbesitzerprivilegs. An einer Reihe von Beispielen konnte der Redner nachweisen, wie die bürgerlichen Ver- treter in den Kommunen dieses elende Wahlrecht noch zu ver- schlechtern suchten. Andererseits wieder zeigte er, wie überall da. wo unsere Genossen in den Kommunalvertretungen Futz gesaßt haben, ganz gewaltige Fortschritte zu verzeichnen sind. Was Ge- nosse Thurow von den bürgerlichen Vertretern unter lebhaftem Beifall im allgemeinen gesagt hatte, konnte Genosse Wenzel an der hiesigen Gemeindevertretung im besonderen treffend nachweisen; denn auch hier wird dem satten Bürger nach Möglichkeit auf die Beine, dem Arbeiterpack aber auf die Strümpfe geholfen. So stellte Genosse Wenzel einem Zugeständnisse des Gemeindevertreters Maier, daß von allen Vororten Groß-Lichterselde den Besitz am wenigsten besteuere, einen Ausspruch des Schöffen Dr. Lengner gegenüber:„Für soziale und Verkehrszwecke hat die Gemnnde kein Geld übrig." Weiter beleuchtet die Arbeiterfteundlichkeit unseres Dorfparlamentes der Umstand, daß die Grundbesitzervereine durch Herrn Gemeindevertreter Horn den Antrag einbrachten, die Gemeinde solle in Zukunft bei Neubauten nur die Einrichtung von 4- und mehr Zimmerwohnungen zulassen, da die kleinen Mieter den Armenetat zu sehr belasten(ihm wurde vom Schössen Dr. Danino das Gegenteil bewiesen), und entgegengesetzt die Tat- fache, daß die Gemeinde für die Schüler der höheren Lehranstalten weit höhere Zuschüsse zahlt, als für die Gemeindeschüler, so z. B. für einen Schüler des Schillergymnasiums jährlich 232.54 M., für einen Gemeindeschüler dagegen nur S9,96 M. Während vor einigen Jahren ein Antrag des Wahlvereins, in Gemeinderegie Arbeiterwohnungen zu beschaffen, abgelehnt wurde mit der Be- gründung, daß die Gemeinde nicht gut den Unternehmern am Orte Konkurrenz machen könne, fiel dieser Grundsatz fort, als es galt, den höheren Kreisen eine billige Eisquelle zu schaffen und als man plötzlich entdeckte, daß ein dringendes Bedürfnis vorhanden sei für ein Gemeindcwirtshaus, wo auch der verwöhnte Gaumen bei einem Diner zu 3— 5 M. auf seine Rechnung kommen kann. Am Schlüsse wies Genosse Wienecke darauf hin, daß am 5. März im Süden hei Erpel und am 12. März im Westen bei Richter ebenfalls Wähler- Versammlungen stattfinden, in denen die Gknossen Reichstagsabge- ordnete Kuhnert und Feldmann sprechen. Lichtenberg. Ueber Zweck und Nutzen der Brbeitergesangvereine referierte in einer am Sonntag bei Ertelt, Pfarrstr. 74, statlgefundenen Sänger- Versammlung Genosse Kupfer. In der dem beifällig aufgenommenen Vortrag folgenden regen Diskussion brachten alle Redner ihr Ein- Verständnis mit den Darlegungen deS Referenten zum Ausdruck. Bon dem Grundsatz ausgehend, daß nur große Chöre Großes leisten können, verpflichteten sich die Anwesenden, die den bürgerlichen Gesangvereinen noch angehörenden organisierten Arbeiter auf daS Ungehörige ihrer Handlungsweise aufmerksam zu machen und sie dem „Männerchor Lichtenberg" zuzuführen. Die regelmäßigen Uebungs- stunden des Vereins finden jeden Donnerstag abend von S— 11 Uhr bei Ertelt, Pfarrstr. 74, statt. Boxhagen-RummelSburg. Den Tätigkeitsbericht.der sozialdemokratischen Gemeindever» trcter erstattete in einer gut besuchten öffentlichen Gemeindewähler. Versammlung Genosse John. Die Hauptftage bildete die Ver- schmelzung mit Lichtenberg. Der Referent schildert« die Gründe, welche die Rummelsburger leiteten, der Verschmelzung zuzustim» men. Des weiteren schilderte der Referent die Entwickelungsmög- lichkeit Lichtenbergs. Durch die Eingemeindung können die städti- scheu Gas- und Elektrizitätswerke ihre Produktion bedeutend ver- gröhcrn und zur Stabilisierung der Finanzen beitragen. Weiter verfüge Lichtenberg noch über große Terrains, die der Bebauung erschlossen werden können und fo eine erhebliche Entwickelungsmög- lichkeit bieten, was in Rummelsburg nie der Fall gewesen wäre. Auch dürfen nach dem Vertrage die in Rummclsburg bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen nicht verschlechtert werden. Zum Schluß ging der Redner auf die zwei bürgerlichen Parteien, die„Grund- besitzer"- sowie die„Bürger".Vereinigung ein. Die Grundbesitzer seien gegen jeden Fortschritt in der Gemeinde, sie vertreten eine ausgeprägte Geldsackspolitik ihrer eigenen Klasse. Der Bürger- Verein, der ja in sozialen Fragen verständiger, aber nicht immer zuverlässig sei, vertritt gleichfalls eine einseitige Politik und pro- letarische Interessen seien ihm gänzlich fern. Da derselbe meisten? aus Beamten bestehe, werde er durch Angeberei bei der vorgesetzten Behörde von dem Grundbesitzerverein stark beeinflußt. Der leb» hafte Beifall bewies, daß die Anwesenden mit den Ausführungen des Genossen John und der Tätigkeit der sozialdemokratischen Ge- meindevertreter einverstanden sind. Gegner meldeten sich trotz Aufforderung nicht zum Wort. In kurzer Diskussion wurde von den Rednern zur Wahl von Sozialdemokraten aufgefordert, nur diese können eine Aendcrung der bestehenden Zustände herbeiführen. Da der Verschmelzungstcrmin noch nicht genau feststeht und vor- aussichtlich erst der 1. Juli in Betracht kommt, müssen noch die Neuivahlen stattfinden. Die gewählten Gemeindevertreter treten bei der Verschmelzung mit vollen Rechten in das Lichtenberger Stadtparlament über, so daß wahrscheinlich die gemeinschaftlichen Stadtverordnetenwahlen im November dieses Jahres vorgenommen werden. Die Wahl der 3. Abteilung findet das erstemal an einem Sonntag, den 10. März, von 10— 6 Uhr, und di« der 2. Abteilung am Montag, den 11. März, von 10— 8 Uhr statt. Es müssen zwei Gemeindevertreter in der 3. Abteilung und 3 in der 2. Abteilung gewählt werden. In der 2. Abteilung wurde für den Bezirk Rum- melsburg der Genosse Ritter und für Boxhagen die Genossen Otto John und Müller aufgestellt. In der 3. Abteilung wurde für RummclSburg der Genosse Tempel aufgestellt. Für den Bezirk Boxhagen konnte die Aufstellung noch nicht erledigt werden; dieses wurde dem Wahlkomitee überlassen. Die Versammelten ver- pflichteten sich zum Schluß, die sozialdemokratischen Kandidaten mit verstärkter Stimmenzahl wieder in die Gemeindevertretung zu wählen. ftfriedrichsfelde. Zur kommenden Gemeinbevertreterwahl nahmen die Genossen in ihrer letzten Mitgliederversammlung Stellung. Nachdem Ge- nosse Schwenk zunächst einen kurzen Ueberblick über den ver- flossenen Teil des Geschäftsjahres gegeben hatte, besprach er die kommenden Wahlen zur Gemeindevertretung. Er konnte auf die erfreuliche Tatsache hinweisen, daß die Wahlen entsprechend dem Vorgehen anderer Gemeinden auch für unfern Ort, und zwar für die dritte Abteilung, an einem Sonntag stattfinden werden. Aber während die Gegner früher der Sozialdemokratie das Feld kampflos überlassen haben, werden sie diesmal doch wieder einen Versuch wagen, uns das Mandat streitig zu machen. Doch das Mandat werde errungen werden, auch wenn der Gegen- kandidat. Herr Metzner, sich mutvoll hinter verschlossene Türen zurückzieht, um sein Programm(!) zu entwickeln. Die Ein» ladungen zu dieser„Wahlversammlung" erfolgen nämlich laut Be» kanntgabe nur für die Person und sind nicht über- tragbar! Demgegenüber gewährt die Sozialdemokratie zu ihrer Versammlung, die am 5. März bei Bürger stattfinden wird, jeder- mann freien Zutritt und volle Redefreiheit. Einstimmig wurde Genosse Otto Frentzcl, Schuhmachermeister, als Kandidat der Sozialdemokratie aufgestellt. Genossen, sorgt dafür, daß er mit überlegener Stimmenzahl gewählt wird. Nieder-Schönetveide. Zur Gemeindevertreterwahl nahm eine öffentliche Wählerber- sammlung Stellung, die am Donnerstag im Wirtshaus„Loreley" stattfand. Von den einzelnen Rednern, den Genossen Bengsch, D i e S n e r und dem Referenten Genossen Carl Leid- Berlin wurden die Forderungen der Sozialdemokratie auf gemeisdli�u» Gebieke dargel� und die NoVvendigkeik, auch im hiesigen OriSpan- lament durch Sozialdemokraten vertreten zu sein, aufs nachdrück- lichste betont. Em infames Dreiklassenwahlrecht entrechte die ev> werbStätige Bevölkerung und räume ihr nur einen recht bedingten Einfluß ein. der durch da? Grundbesitzerprivileg noch besonders be- einträchtigt wird. Am hiesigen Orte gehören der I. Klasse 2 Wüh- ler, der 2. Klasse 36 Wähler an, während 1450 Wähler i n d e r 3. Klasse wählen. Diese Klassenscheidung hat es bisher zu der» hindern gewußt, daß im hiesigen Gemeindeparlament Sozialdemo- kraten eindringen konnten. Die Versammelten gelobten, mit aller Kraft bei der diesmaligen Wahl, deren Termin leider noch nicht be- kannt gegeben ist, für den sozialdemokratischen Kandidaten zu wirken. Als solcher wurde einstimmig Genosse Paul Bengsch aufgestellt. An de»r Genossen ist eS nun, bis zum Tage der Wahl alles daran zu setzen, daß endlich auch im hiesigen Gemeindeparla- ment Bresche gelegt wird. Adlershof. WaS der Polizei bisher nicht gelungen ist, nämlich mit Erfolg gegen die Arbeiterjugend einschreiten zu können, weil sie nicht über geeignetes Material verfügt, soll, so berichtet man unS, jetzt an- scheinend durch die Schule erreicht werden. Vor einigen Tagen er- hielt das Lehrpersonal der 2. Gemeindeschule(Mädchenschule) An- Weisung, die Kinder auszuhorchen, ob die älteren Geschwister im Alter von 14 bis 18 Jahren Arbeiter-Turnvereinen, Bildungsvereinen usw. angehören und ob dieselben Sozialdemokraten seien. Wert wurde darauf gelegt zu erfahren, ob solche Vereine am Orte be- stehen. Namentlich soll danach gefragt worden sein, ob der Arbeiter« turnverein noch die Schülerabtcilungen unterhält. Trotzdem von einigen Kleinen der Wahrheit gemäß gesagt wurde, daß die Uebungs- stunden eingestellt seien, wollte eine Lehrerin partout wissen, wer der Leiter der— nicht mehr vorhandenen Schülerabteilungen ist. Wozu, muß man sich fragen, soll eine solche Fragerei dienen. In welche Lage wird übrigens das Lehrpersonal gegenüber den Kindern gedrängt, wenn es die Kinder aushorcht, ob ihre Eltern und Geschwister Sozialdemokraten seien I Wie kann unter diesen Umständen Vertrauen zwischen Lehrer und Kindern vorhanden sein? Wie aber soll auch ein gutes Einvernehmen zwischen Elternhaus und Lehrern nach derartigen Vorgängen bestehen. Die bereit? im Schwinden begriffene Achtung in der Mehrzahl der Bevölkerung können sich die Lehrkräfte der Gemeindeschulen erst dann wieder erringen, wenn sie sich nur der Erziehung und Bildung der ihnen altvertrauten Kinder widmen und alle Anträge, Spitzeldienste zu leisten, weit von sich weisen. Friedrichshagen. Aus der Gemeindevertretung. Zunächst wurden die Kassen. revisionen vom 30. Dezember und 29. Januar sowie di« außer- ordentliche Revision vom 20. Februar bekanntgegeben. Etats- Überschreitungen fanden bei den Unterhaltungskosten des Straßen- Pflasters mit 281,56 M. statt, desgleichen werden bei den Des- infektionskosten 200 M. mehr gefordert für Desinfektionen, welche im Interesse der Gesundheitspflege auf Kosten der Gemeinde aus- geführt werden. Beide Etatsüberschreitungen wurden bewilligt. Die Pachtverträge mit dem Forstfiskus wegen der Kohlenablage an der Spree und der Feldbahngleise von der Spree bis zur Gas- anstalt wurden auf ein Jahr verlängert. Die Kosten hierfür be- tragen 643 M. Des weiteren wurde der Pachtvertrag mit dem ForstfiSkuS betr. des Sport- und Spielplatzes um ein Jahr ver- längert. Die Verpachtung des Kurparkes soll nochmals neu aus- geschrieben werden, da dieser mit GaS- und Wasserleitungsanlagen versehen wird und d'ie Gemeinde eine höhere Pachtsumme zu er- zielen hofft. Ein Antrag des Gemeindevorstandes, dem Deutschen Verband des Jugendbundes für entschiedenes Christentum die Hälfte der Umsatzsteuer für seinen Geschäftsneubau in der Ahorn- alles zu erlassen, wurde, nachdem Genosse Stephan gegen diesen Antrag gesprochen hatte, mit 8 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Vom Gemcindevorsrand wurde die Errichtung einer Polizeiwache im Ortsteil Hirschgarten beantragt mit der Begründung, daß die weite Entfernung einen besonderen Sicherheitsdienst erfordert. Gleichzeitig soll die Polizeiwache eine Telephonverbindung direkt mit Friedrichshagen erhalten. Die Kosten im Betrage bis zu 800 M. wurden bewilligt. Unter Mitteilungen gab der Bürger- meister bekannt, daß auf Antrag des Gemeindevorstandes die Re- aierung den Zuschuß zu den Volksschulunterhaltungskosten von 3000 auf 6000 M. erhöht hat. Betreffs des ZusammenlegungS- Verfahrens im Osten wurde mitgeteilt, daß in nächster Zeit mit der Vermessung der Straßen usw. begonnen wird, damit noch in dieser Baupcriode mit dem Bauen angefangen werden kann. Hierauf fand noch eine längere geheime Sitzung statt. Der Voranschlag für das Steuerjahr 1912 schließt ab in Ein- nähme und Ausgabe mit 1 061 700 M. gegen 708 900 M. im Vorjahre. Die Erhöhung des Gesamtetats hat seine Ursache in der Erwerbung der Gasanstalt, welche mit 323 500 M. in Einnahme und 285 000 M. in Ausgabe das erste Mal im Etat enthalten ist. Es kommen demnach 38 500 M. Ueberschutz für die Gemeinde in Betracht. Die Einnahmen setzen sich unter anderem wie folgt zu- sammen: gewerbliche Unternehmungen 395 758,50 M., Kurparkvcr- waltung 1401 M., Baupolizeiverwaltung 1500 M., Straßen und Wege 4930 M, Feuerlöschwesen 175 M., Gemeinde-, Amts- und Staudesamtsverwaltung 9100 M., Volksschulverwaltung 15 120 Mark, höhere Schulen 55 500 SN., Gesundheitspolizei 4240 M., Armenverwaltung 650 M., indirekte Steuern 42 000 M., direkte Steuern 440 320 M. Die Ausgaben betragen unter anderem: gewerbliche Unternehmungen 339 602 M., Kurpark- Verwaltung und Verschönerung des Ortes 9967 M., Bau- Polizeiverwaltung 12 865,90 M., Straßen und Wege sowie Straßenbeleuchtung 67 800 M., Feuerlöschwesen 2700 M., Gemeinde-, Amts- und Standesamtsverwaltung 116 500 M., Volksschulverwaltung 180 000 M., höhere Schulen 107 300 M., Ge- sundheitSpolizei 14 300 M., Armenverwaltung 41 400 M., indirekte Steuern 495 M., direkte Steuern 54 900 M., Verzinsung und Til- gung der Gemeindeschulden 39 445,18 M. Ter Einkommensteuer- zuschlag soll von 140 auf 135 Proz. herabgesetzt werden. Von der Erhebung der Einkommensteuer bis 000 M. wird Abstand gcnom- men. Die Gewerbesteuern für di« 1. und 2. Klasse sind auf 270 Prozent, für die 3. und 4. Klasse auf 202f4 Proz. festgefetzt gegen 280 resp. 210 Proz. im Vorjahre. Die Grundwertsteuer beträgt wie früher 3,5 Promille für bebaute und 7 Promille für unbebaute Grundstücke. Die öffentliche Sitzung der Gemeindevertre- t u n g, in welcher der Etatsvorschlag zur Beratung stehk, findet am Freitag, den 2. März, abends 5 Uhr, statt. Pankow. Die bevorstehenden Gemeindewahlen haben, wie stets, wenn es zur Wahl geht, auch diesmal wieder unter den Bürgerlichen eine wüste Rauferei um die Kandidaturen gezeitigt. Bürgerverein, Grund- besitzerverein. Mieterverein unv wie sonst die Interessengruppen und Grüppchen sich alle nennen mögen, sind sich gegenseitig, namentlich wegen der erledigten Mandate in der ersten und zweiten Wähler- abteilung, in die Haare geraten und man darf gespannt sein, wie die Sache enden wird. Anders dagegen unsere Genossen. In aller Ruhe haben sie ihre Wahlvorbereitungen getroffen. Mit zwei großen Wählerversammlungen haben sie am Dienstag letzter Woche den Wahlkampf eröffnet und in einer außerordentlichen Generalversamm- lung der Organisation am letzten Sonntag die Aufstellung der Kan- didaten für die allein in Frage kommende dritte Abteilung vor- genommen. Am kommenden Freitag wird dann nochmals eine große Wählerversammlung stattfinden, in der das letzte Wort an die Wähler gerichtet werden soll. An den Genossen ist«S nun, nicht nur für guten Besuch dieser Versammlung recht rege zu agitieren, sondem vor allem auch durch zahlreiche und tat- kräftige Beteiligung an den noch zu erledigenden Wahlarbeiten während dieser Woche wie am kommenden Sonntag— dem Tage der Wahl-- dafür zu sorgen, daß den Gegnern recht augenfällig demonstriert wird, daß ihre angestrengten Be« mühungen um die dritte Wählerabteilung vergebliche Mühe war. Weihensee. Gemeindevertreterwahlen! Am Sonntag, den 8. März, von 12 bis 5 Uhr nachmittags, finden die Wahlen zur dritten Abteilung statt: Bezirk 1: Wahl- lokal„Bergbrauerei", Berliner Allee 211/215; Kandidat Gewerk- schaftsbeamter Franz Schlemminger. Bezirk 2: Wahllokal „Prälaten", Lehderstr. 122; Kandidat Zeitungsspediteur Kurt Fuhrmann. Bezirk 3: Wahllokal Tzscheutzler, Langhans- straße 106; Kandidat Kassenangestellter Albert Taubmann. Die Wahlen zur zweiten Abteilung finden am Montag, den 4. März 1912, statt. Es wählt der 1. Bezirk von 2 Uhr nachmittags bis 7 Uhr abends im Restaurant„Bergbrauerei", Berliner Allee 211/215. Kandidat ist der Gastwirt Franz Content. Ter 2. Bezirk wählt von 3 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends im„Schloß Weißensee", Berliner Allee. Kandidat ist der Zigarren- Händler Franz Grauer t. Außerdem muh im 1. Bezirk der zweiten Abteilung für den zum Schöffen gewählten Gemeindeverordneten Mewes noch eine Ersatzwahl stattfinden. Dieselbe findet am Dienstag, den 5. März, von 2 Uhr nachmittags bis 7 Uhr abends in der„Bergbrauerei" statt. Kandidat der Sozialdemokratie ist hier der Maurer Otto Kohl. Die Wähler der 2. Abteilung, Bezirk 1, müssen also am Montag und Dienstag zur Wahl gehen. Alles andere ist auf den Wahlaufforderungen, die jedem Wähler zugestellt werden, ver- merkt. Zum Schluß weisen wir nochmals darauf hin, daß sich die Genossen heute, Dienstag abend, von 7 Uhr ab in den Zahl- abendlokalen zur Verbreitung der Wahldrucksachen zahlreich ein- finden müssen._ Unübertrefflich im Verdrehe« von Tatsachen scheint der Vor- sitzende der alten Fraktion und sein G. m. b. H.-Organ zu sein. Herr Könitz hat im Grundbesitzerverein-Alt nämlich die Verhand- lungen der letzten Gemeindevertretung direkt auf den Kopf gestellt und in der Vereinszeitung wird der Faden mit derselben Dreistigkeit weiter gesponnen. Als Prätorianer der fortschrittlichen Fraktion werden von ihr unsere Genossen im Gemeindeparlament bezeichnet, weil sie mit den Fortschrittlichen in der Frage der Kanalisations- beitrüge einer Meinung sind und des weiteren mit deren Hilfe das Ledigenheim unter Dach und Fach gebracht haben. In seiner Hilflosigkeit hat ja auch denn der Vorsitzende der alten Fraktion sich an die Forensen herangewagt, um diese für die bevor- stehenden Wahlen vor dem Einfluß der Sozialdemokraten zu warnen. Die Tatsache, daß Herr Könitz bei jeder Gelegenheit unseren Ge- nossen seine Wünsche unterbreitet, verschweige er, wie auch sein Organ die schon mehrfach wiederholten Aufklärungen unterschlüge, doch nicht etwa im Interesse der sozialdemokratischen Gemeinde- Vertreter. Die Arbeiterschaft wird das Verhalten unserer Genossen im Gemeindeparlament zu würdigen wissen, wenn sie mit anderer Hilfe Vorteile für die Allgemeinheit herauszuholen suchen. Die Gemeindewahlen stehen vor der Tür und durch verdoppelte Stimmen- zahl müssen unsere Vertreter gewählt werden, die Herren der alten Fraktion müssen endlich erkennen lernen, daß die große Masse der Einwohnerschaft hinter ihren Vertretern steht, daß sie es nicht nötig hat, dieser oder jener Partei Liebesdienste zu erweisen. Spandan. Stadtverordnetenversammlung. Der Vorsteher L ü d i ck e hatte gleich für Donnerstag und Freitag je eine Sitzung anberaumt für den Fall, daß der zur Beratung stehende Hauptctat für 1912 in einer Sitzung nicht erledigt würde, was allerdings eine über- flüssige Sorge war. Der Etat schließt ab in der ordentlichen Ver- waltung mit 10 520 000 M. und in der außerordentlichen Verwal- tung mit 3 017 110 M., zusammen mit 13 543 140 M. gegen 12 474 340 M. im Vorjahre. Gleichzeitig mit dem Etat ist eine Vorlage eingebracht worden, daß vom 1. April 1912 ab von den Einkommen bis zu 660 M. keine Kommunalsteuern mehr erhoben werden. Die Stcuerzujchläge sollen dieselben bleiben wie im Vor- jähre, nämlich 150 Proz. zur Einkommensteuer, 268 Proz. zur Grund- und Gebäudesteuer, 240 Proz. zur Gewerbesteuer und 50 Proz. zur Betriebssteuer. Vor Beratung des Etats gab der Stadtkämmerer Weber einen Bericht über den Stand der Ge- meindeangelegenheiten. Aus demselben ist folgendes bcmerkens- wert: beim Gewerbegericht waren anhängig 277 Klagesachen gegen 252 im Vorjahre; beim Kaufmannsgericht betrug die Anzahl der Klagesachen 18 gegen 24 im Vorjahr. Die Rechtsauskunftsstelle gab 4754 Auskünfte gegen 3139 im Vorjahre. Der Gesamtwert des städtischen Grundbesitzes beträgt 80 Millionen Mark. Das Kapitalvermögen der Stadt beträgt 4 358 551,28 M., die Schuldenlast der Stadt beträgt zurzeit 33 809 627 M. Der durch Steuern aufzubringende Betrag in Höhe der sonst ungedeckten Ausgaben der ordentlichen Verwaltung stellt sich auf 2 901 600 M. und ist um 246 900 M. höher als im Vorjahre. Dieser Mehrbetrag wird auf» gebracht durch Mehreinnahmen: an Gemeindeeinkommensteuer mit 120 775 M., Grundsteuer 92 125 M.. Biersteuer 2000 M.. Hundesteuer 1000 M., Lustbarkeitssteuer 6000 M. und Wertzuwachs- steuer 25 000 M.— Daö Reich leistet einen Zuschuß von 150 000 Mark.— Es fand zunächst eine allgemeine Besprechung über den Etat statt. In dieser Besprechung stellte der Stadtv. Dr. Baumert den sonderbaren Antrag, die Wertzutvachssteuer dem Steueraus- gleichsfondS, der jetzt 235 032 M. enthält, zuzuführen. Der Antrag fand natürlich keine Zustimmung. Ebenso fand sein Wunsch kein Entgegenkommen, die Umsatzsteuer zu ermäßigen. Genosse Pieper sprach sich gegen den Verkauf von städtischem Gelände überhaupt und speziell durch Vermittler aus. Als man seinerzeit einen Teil des Stadtwaldcs an daS Johannisstift für einen billigen Preis verkaufte, hieß es, die Steuerzahler sollten entlastet werden. Von einer Entlastung habe aber bis heute niemand etwas be- merkt. Der Genosse machte dann mehrere Vorschläge, wo gespart werden kann, z. B. bei der Polizei, beim Hoch- und Tiefbauamt usw. Redner stellte sodann den Antrag, der Freien Turnerschast, die am 9. oder 10. März ihr Gauturnsest abhält, für einen dieser Tage die Jubiläumsturnhalle, die doch aus Mitteln sämtlicher Steuerzahler erbaut ist, zur Verfügung zu stellen. Der Antrag wurde, nachdem der Oberbürgermeister K ö l tz e, der Stadtvcrord- nete Herrfarth und der Stadtverordnete Bender dagegen gesprochen, abgelehnt, trotzdem Genosse Pieck sich erboten hatte, den freien Turnern zu empfehlen, die in der Jubiläumsturnhalle aufgestellten Büsten des Kaiserpaares und des Oberbürgermeisters mit einer gewissen Andacht anzusehen. Der Büste des Oberbürger- meisterS wollte er allerdings die Widmung geben: Dieser Ober- bürgermeister ist kein arbeiterfreundlick>cr Mann. Bei der Einzel- beratung des Etats beantragte Genosse Pieper, der Arbeiter- Samariterkolonne ebenso wie den anderen Samariterkolonnen 300 M. zuzuwenden. Der Antrag wurde abgelehnt.— Schließlich wurde der Etat genehmigt. Hohen- Schönhauser In der Gemrindrvertretersitznng wurde an Stelle unseres Genossen Engel, der sein Amt als Gcmeindevertreter niedergelegt hat, Herr Friedhofsinspektor Riedel in die Gesundheitskominission gewählt. Die Lieferung eines Sprengwagens wurde der Firma Witte u. Frohloff in Hohenschönhausen zum Kostenpreise von 1100 M. übertragen. Der Mitinhaber der Firma, Herr Witte, ist Gemeindevertretcr. Der Herr betonte bei der Beiprcchung über diesen Gegenstand, daß er um 135 M. billiger liefern könne wie die Firma Helmer in Hamburg, da die letztere höhere Löhne zahlen müsse. Die für das Rechnungsjabr 1912 zu erhebende Kanalisations- gebühr wurde auf 3 Proz. voni NutzungSwcrt gegen 3,75 Proz. im Vorjahre, festgesetzt.— Sodann ersuchte unser Genosse Ticle den Gemeindevorsteher, die kommenden Gemeindewablen an einem Sonntag stattfinden zu lassen. Der Gemeindevorsteher erklärte, daß er sick eventuell dazu bereit finden würde. Nachdem Genosse Reiher das Hinausschieben der Auslosung der Gemeindevertreter gerügt hatte, teilte der Gemeindevorsteher mit. daß dieselbe im Laufe der kommenden Woche stattfinde. Dann trat Genosse Siebenwirt mit Erfolg für die Abgabe von Kartoffeln an kinderreiche Familien ein, deren Einkommen 1350 M. nicht übersteigt.„ Bei der am 20. Februar stattgefundenen Schoffenwahl wurde der bisherige Schöffe Herr Schübe mit 13 gegen 4 Stimmen wieder- gewählt. Grünau. Mit der devorstehenden Gemeindewahl befaßte sich die letzte Mit- gliederversammtung des Wahlvereins. Nach einem Referat des Genossen Miyner sowie einer hierauf folgenden sehr regen Diskussion wurden als Kandidaten die Genossen Franz(Angesessener) und Mitzner(Nichtangesessener) aufgestellt. Für den vom Orte scheidenden Schristsührer Franz Schmidt wurde Genosse Franz Klein gewählt. Außerdem wurden noch Genossin Fischer als Beisitzerin und Leiterin des Frauenabcnds, Genosse Schaefer als Revisor und als Delegierte zu der Kreis- und Verbandsgencralversammlung die Genossen Lelvan- dowski und Tantow gewählt. Röntgental, Zepernick und Schönow. Eine von 150 Personen besuchte Gemeindewählerversammlung nahm am Sonntag im Lokal von Lange Stellung zur Gemeinde- Vertreterwahl. Der Referent. Gemeindevertreter Genosse Hart- mann- Treptow kennzeichnete das kommunale Dreiklassenwahlrecht, durch das am Ort 8 Wählern der ersten und 44 Wählern der zweiten Klasse ebensoviel Recht zustehe wie 300 Wählern der dritten Klasse. Des weiteren zeigte der Redner, wie die besitzenden Vertreter bei allen kulturellen Forderungen versagen, weil sie nur ihr persönliche? Interesse wahrnehmen. Es sei daher Pflicht der Wähler, nur solchen Kandidaten die Stimme zu geben, die für die Interessen der All- gemeinheit eintreten. Nach dem beifällig aufgenommenen Vortrag erstattete Gemeindevertreter Genosse Schulz den Tätigkeitsbericht, der allgemein befriedigte. Nach der hierauf folgenden Diskussion wurde der bisherige Gemeindevertreter Genosse Franz Lange in der dritten und Genosse Hermann Hauch Witz in der zweiten Ab- teilung aufgestellt. Am Schluß der Versammlung richtete Genosse Hölzer die Mahnung an die Versammelten, bis zum Tage der Wahl eine lebhafte Agitation zu entfalten. Während in der von der Sozialdemokratie einberufenen Wähler« Versammlung auch Bürgerliche willkommen waren, meiden es letztere streng, in ihren Versammlungen anderem als geladenem Publikum Einlaß zu gewähren. Das zeigte sich so recht in einer am Sonn- abend in Zepernick stattgehabten bürgerlichen Versammlung, wo sich auch einige Genossen eingefunden halten. Vor Eröffnung der Ver- sammlung wurden die ungeladenen Besucher aufgefordert, den Saal zu verlassen und zwar unter Hinweis auf den Hausfriedensbruch- Paragraphen. Die den Herren bekannten Genossen verließen den Saal, während es einem.Minderverdächtigen' vergönnt war, dem Streit, der sich hierauf zwischen Grundbesitzern und Bauern abwickelte, beizuwohnen. Wahrlich eS muß schlecht um die Sache der Bürgerlichen bestellt sein, daß ihre Beratungen nicht mehr das Licht der Oeffentlichkeit vertragen können. Bmfkasten der Redaktion. Tie lurlfttsche Kvrechstunde findet Linden st raste es, vorn vier Trewe» — Fastrftndi—, nwchcntä glich von 4 bis TA Uhr abends, Sonnabends, von tM, bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Briefkasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizuftlgen. Briefliche Antwort wirb nicht erteilt. Anfragen, denen keine Abonnrments-iuittnng deigefügt ist, werden nicht deantwortet. Eilige Fragen trage man in der EPrechstunde vor. N. R. 12. 1. Spezifikation zweckmäßig. 2. Die eingezahlten Beträge gelten als Nachlaß; anders, wenn die Bücher den Inhabern übergeben sind. Anfechtung infoweit zulässig, als Pflichtteilsrechte verletzt sind. 3. Ja. 4. 1. April. 5. Kanu als öffentlich bemerkbare Arbeit angesehen und unter- sagt werden.— T. B. 18. 10 bis 30 M. Hinzu kommen noch je 1 bis 2 M. jür jeden Wochenbcsuch.— O. St. 96. Ja.— P. R. 89. 1. Sofa, eventuell Vertiko, Spicgelspind, Waschloilette. L. Der Vermieter hat An- spruch aus vorzugsweise Befriedigung aus dem Erlös.— P. 3. 13. 1, Zunächst Anmeldung Ihrer Absicht bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk Sie wohnen. 2. Auf Verlangen der Schulbehörde ja.— Nr. 17 899. Die angegebenen Tatsachen sind keine Scheid nngSgriinde. Etwa 70 M. würden Sie beim Getrenutleben zum Unterhalt der Familie aufzuwenden� haben.— Treptow 50. Halten wir für unzulässig. Setzen Sie sich mit' der Anstalt in Verbindung.— G. B. 4444. a) und b) Soweit ersichtlich, beide nicht. Richten Sie ein Gesuch an den Magistrai, sür den Fall der Ablehnung an die Stadtverordnetenversammlung.— Rr. 7« Ja. — M. 2ch. 100. Gesetzliche Gründe. Maßgebend sind etwaige örtliche Vorschriften.— L. 14. 1. Gewerbe ist anzumelden. 2. Nichts. 3. Nicht notwendig. 4. Ja. ö. Dagegen läßt sich nichts tun.(5. Ja, bei der Ab- teilung sür Zwangsvollstrcckungssachen.— I. G. 20. Ersuchen Sic die Postbchörde um Bescheid unter Hinweis daraus, daß auch die zweite Karte nicht eingetroffen ist.— Ficht 17. 1. Den angemessenen Wert nur bei der nächstfolgenden Lohnzahlung, später nicht. 2. Antrag an die Landcsversichcrungsanstalt. 3. Einige Wochen.—<8. 1. 1. und 2. Ja, eine Ministerialverordnung. 3. Ja.— SN. 3. Neukölln. 1. Invaliden- versicherungspftichtig ja, krankenversicherungspflichtia nein. 2. Ja, bis spätestens am 15. eines mit Wirkung zum 1. kommenden Monats.— E. M. 59. 1. und 2. Die Witwe und daS eheliche Kind als gesetzliche Erben. 3. Die Erden haben aber di« Verpflichtung zur Fortzahlung der Alimente. Das uneheliche Kind kann aber abgefunden werden mit einem Betrag in Höhe des Pflichtteils eines ehelichen Kindes.— 63. Ja. Karl 100. 1. Nur wegen Beleidigung. Antrag auf Bestrafung wegen Ehebruch kann erst gestellt werden, wenn die Ehe wegen des Ehebruchs rechtskräftig geschieden ist. 2. Ja.. 3. Rechtsanwalt nicht notwendig, aber, soweit ersichtlich, zweckmäßig.— N. 4912. 1. Nur dann, wenn bestimmte Apothckerwaren geführt werden. 2. Alsdann Slprobation. 3. Polizei.— H. F. 1886. Ja.— 274 Pleite. Eine Klage gegen den Konkursverwalter erscheint nicht aussichtslos.— D. G. 45. 1. Kauf- vertrag zu notariellem oder gerichtlichem Protokoll. 2. Jw sallS die Einkünfte auS dem Grundstück versteuert werden. 3. und 4. Darüber befragen Sie Fachleute.— F. B. 29. Fordern Sie von der Firma Rückzahlung.. Dle Adresse der Firma ersahren Sie beim GerichtSvollzichcr.— W. A. 12. Die Heirat ist zulässig. — H. 7. Die Fragen lassen sich nur nach Einsidhtnahme in den AI» zahlüngsvertrag beantworten.— K. 97. Nein, anders wenn freie Kost oder LogiS gewährt wird.— M. N. 100. 1. Reicht in der Regel als Schcidungsgrund nicht aus. Es muß die Klage auf Wiederherstellung der ehelichen Gemeinschaft vorausgehen. 2. Falls der Mann für schuldig erklärt ist: nein.— C. H. 79. Nein.— M. F. Der Wirt hat in diesem Falle kein Zurückbehaltungsrecht— K. G. 77. 1. Ja. 2. u. 3. Möglich, vielleicht aus die Dauer eines Jahres,— St. 3. 1. Ja. 2. Nein.. 3. Nur zulässig, fall« ein Gerichtsbeschluß vorliegt. 4. U. E. als abgehobelt. 5. u. 6. Die Klage aus Herausgabe erscheint durchführber.— E. 81. 24. Sie sind nicht zahiungs-, wohl aber herausgabepflichiig.— O. 3. 44. Nein, Sie würden schadenersatzpflichtig werden, außerdem könnte die Handlung im Scheidungs- Prozeß zu Ihren Ungunsten ausgelegt werden.— Geldsache, Charlotten. bürg. Leider ja.— Gerda 500. Zu einem geringen Beitrag können Sie herangezogen werden.— A. 112. 1. Ja. 2. In der Regel ja.— R. O. 125. Fordern Sie vom Eigentümer Beseitigung unter Fristsetzung. Verstreicht die Frist ersolglos, können Sie Vertragslösung und Schadenersatz verlangen. 8t. B. O. Sie haben keinen Anspruch auf Beitragsrückerstattung. Witwengeld erhält die Witwe beim Tode des Versicherten, falls dieser und die Witwe selbst die Wartezeit— je 200 BcitragSwochen— erfüllt haben. Jnvalidilät nicht erforderlich, wie beim Anspruch auf Witwenrente.— M. 1. Höchstens drei Stunden täglich, während der Schulserien höchstens vier Stunden täglich, jedoch nicht zwischen 8 Uhr abends und 8 Uhr morgens, serner nicht vor Beginn des Vormittagsunterrichts,, am Nach- nättage erst eine Stunde nach beendetem Unterricht.— M. K. Wenn die Mietcnn in diesem Kalcnderquartal verstorben ist, bis 1. Juli d. I.— Oderstr. 15. Ihre Angaben reichen nicht. Ein Vergleich ist zweckmäßig. — G. K. 12. Das iväre möglich. Ein Recht dazu hätte die Armen- Verwaltung.— 110 Mann. DaS Schöffengericht Berlin-Mitte ist zu- ständig, da Sie den Brief nach dem im Bezirk dieses Gerichts befindlichen Bureau des Prioalklägers gerichtet haben.— P. D. 8. Das zw-ckmäßigste ist, Sie sprechen mit einem Arzt.— M. F. 21. Sie müssen daS Gewerbe in Lichtenberg anmelden._ Marktbericht von Berlin am 24. Februar 1912, nach Ermittelung des lönigl. Polizeipräsidiums. Marlthailen preise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 36,00— 50,00. Speisebohnen weiße, 36,00— 60,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln 9,00— 15,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule>,60—2,40. Rindfleisch, Bauchflcisch 1,30 bis 1,80 Schweinefleisch 1,20— 1,80. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,30—2,20. Butler 2,60—3,20. 60 Stück Eier 4,50—7,20. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,40. Aale 1,20-3,00. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,40—2,60. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1,60-3,20. Bleie 0,70-1,40. 60 Stück Krebst 4,00-30,00. « EfweiÜ-Nähr�chokolade Für Blut Kfäf CNerven R . '••/'■. s. EiweißrNährKaKao Verkäufe. Borjiibrike eleganteHcrrenanzüge und Paletots auS feinsten Magstoften Ü0— 10 Mark, Hosen 6— 14 Mark. VerjandhanS Gerniania, Unter den Linden 21. 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