N-. ss. flbonneinentS'Bedlnaungen; Abonnements> Preis tränumeraniat Siertcljährl. 330 Mt, monatl. 1,10 Mt.. n-öchsntlich 28 Pfg, frei WS Haus. Einzelne Nu, inner S Pfg. Sonntags- nummer mit Mustrierler Sonntags- Beilage.Die Neue Wein 10 Pfg. Post- «ionnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen w die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich> Ungarn L Marl, für oaS übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonnements nehinen an, Belgien, Dänemart, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Crfadat tZgNch außer moBtan- Nerlinev VolkrsblÄkk. VIe Inkertlons-Lebilh? bekägt für die sechsgespaltene Kolones« zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und geiiierlschastliche BereinS- und LersaininlungS-Anzeigen 30 Pst,. „Kleine Hnzetgen", das fettzedrullie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. e-Pengesuche und Echlasstellenan. zeigen das erste Wort 10 Pfg., jcd-a weitere Wort ö Pfg. Worte über lüNucw stabeii zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer uiüsien bis 5 Uhr yachiilitiags in der Eipcdition llbgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: „SozialdCBiolirat Rsrlia". Zcntralorgari der rozialdemokrati fehen Partei Deutfcblands. Redaktion: 8 LI. 68. Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Donnerstag, den 7. März 1913. Expedition: 8 LI. 68» Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. BürgerlklK Verzweiflung London, 5. März 1912.(Eig. Ber.) Die bürgerlickie Welt atmet wieder erleichtert auf. Aus allen Leitartikeln klingt es einem heute morgen entgegen: Gott sei Dank l A s g u i t h hat in der Anrede an die Berg' arbeiterdelegierten nicht von der Einführung des Minimal lohns in allen Berufen gesprochen. .Es ist nicht meine Gewohnheit/ sagte Herr Asquith, .mich in geheime Liebeleien dieser Art mit dem Sozialismus einzulassen." Mit diesem Geständnis hat der Premierminister alle Freunde des Profits versöhnt, und man verzeiht ihm gern, daß er in seiner mit großer Spannung erwarteten Erklärung nichts anderes brachte als eine zusammenhängende Darstellung der Verhandlungen, die zwischen der Regierung und den streitenden Parteien stattgefunden haben. Täglich tauchen Meldungen auf, nach denen das Ende des Streiks nahe sein soll. Diese Nachrichten sind jedoch aus der Luft gegriffen. Tatsache ist, daß eine Ein berufung der Bergarbeiterkonferenz, die allein über Friedcnsbedingungen zu beschließen hat, noch nicht in Er wägung gezogen worden ist. Und so lange nicht Mittel und Wege in Vorschlag gebracht worden sind, wie den Berg- arbeitern der geforderte Minimallohn gewährt werden kann, Wird die Bergarbeiterkonferenz nicht zusammentreten. Der Vorstand der Föderation hält sich seit heute wieder in London auf, um etwaige Vorschläge der Regierung oder der Unter- nchmer zu prüfen. Die Arbeiterpartei hat im Parlament eine Resolution über den Streik eingereicht, die wahrscheinlich demnächst dis- ikitiert werden wird. Sie lautet! .Dieses Haus bedauer: die Handlungsweise der Kohlenbesitzer und Zwischenhändler, die neuerdings den Konsumenten die Kohlen« preise nur zu dem Zwecke erhöht haben, um Borteil aus einer naiionalcn Krise zu ziehen und sich aus Kosten der Allgemeinheit künstlich hinaufgeiriebene Profite zu sichern; er ist der Ansicht, daß diese Ausbeutung des Pudlilums ein Motiv ist. das Teile der Arbeilgeber bewegt, den mäßigen Forderungen der Arbeiter Wider« stand zu leisten j weiter ist dieses Haus der Ansicht, daß ein Komitee ernannt werden sollte, das prüfen und berichten soll, wie in Zukunft die Allgemeinheit gegen eine derartige Handlungsweise zu ichützen ist." Es heißt, daß die Arbeiterpartei die Regierung zu be- wegen sucht, eine Minimallohnvorlagc für den Bergbau ein- zubringen, ohne die Löhne darin festzusetzen. Die Festsetzung der Löhne müßte dann durch eine Konferenz geschehen. Ließe sich die Regierung darauf ein, so wäre damit der allgemeine gesetzliche Minimallohn, eine der ersten prinzipiellen Forde- rungen der Arbeiterpartei, der Verwirklichung beträchtlich näher gebracht. Tie Vorlage würde der Regierung aber wenig helfen, denn' ihre erste und alleinige Sorge ist die, die Berg- arbeiter zu bewegen, möglichst schnell die Arbeit wieder auf- zunehmen. Die Ruhe und Besonnenheit, mit der die Bergarbeiter ihren Kampf führen, wirkt auf ihre Gegner aufreizend. Mit wenigen Ausnahmen ist jetzt die bürgerliche Presse den Berg- arbeitern feindlich gesinnt. Die reaktionären Blätter können kaum noch Worte finden, um ihrem Zorne gegen die Arbeiter Ausdruck zu verleihen. Dabei passieren ihnen manche drollige Stilblüten. So schreibt der„Daily Telegraph" heute: . EiwaS Kühleres als die politische Unbarmherzigkeit eines Borgia, etwas Wilderes als die zerstörende Wut eines Attila muß die Leute beseelen, die ein Land— ihr eigenes Vaterland— in vollem Bewußtsein einer allgemeinen Verachtung verbluten lassen können." Und weiter heißt es: .Wenn nicht der Bergarbeiter eine eigene�Psychologie hat, die von denen, die die moralische Verworfenheit studieren, noch nicht erforscht worden ist, so wird diese Feiertagslaune sehr bald— vielleicht ist sie es schon— durch das Bewußtsein getrübt werden, daß die Not jeden Tag größer und lauter wird." Und all diese bewegenden Worte nur, weil sich der Berg- arbeiter vorige Woche nicht hat düpieren lassen. Vorige Woche war die gesamte Presse scheinbar auf seiten der Bergarbeiter. Heute überbieten sich dieselben Blätter in verletzenden Ausdrücktzn über die Bergarbeiterschaft. Tie Re- aktionäre schreien nach einer Tat, einer großen Tat, einer starken Tat. Diese Kraftmeierei ist aber nicht ernst zu � nehinen. Von den Vorschlägen, die gemacht worden sind, um � den Streik zu beenden, verdienen besonders folgende Erwäh- j nuug. Herr G a r v i n schlägt im„Observer" die Einführung � des gesetzlichen Minimallohnes für den Bergbau vor. ver- � bunden mit Konfiszierung der Gewerkschastsgelder, sollten die. Arbeiter streiken. Der Nationalökonom H 0 b s 0 n verlangt in der„Nation" die Verstaatlichung der Bergwerke. Der Uebermanchestermann Harold Cox schlägt im„Ninetenth Century" vor, Arbeiter aus anderen Industrien unter dem Schutze der Polizei und des Militärs in die Bergwerke zu schicken. Ein Vorschlag, dem alle Leichenbcstatter zustimmen werden. Das Organ der Juristen„The Law Journal" j möchte das Streikrecht der Arbeiter in gewissen Industrien! beseitigen. Aber alle diese und ähnliche Vorschläge schießen am Ziele vorbei: denn die Frage, wie der britische Arbeiter zu bewegen ist, recht bald wieder Kohlen zu produ- zieren, durch keine der vorgeschlagenen Lösungen auch nur berührt. Höchstens könnte die unmittelbare Verstaat- ljchung der Bergwerke das Ziel erreichen: aber daran ist bei der Zusammensetzung des Parlaments nicht zu denken. Die einzig praktische Lösung ist die, daß man den Bergknappen den verlangten Minimallohn gewährt. Die Lösung läßt sich hinausschieben, aber nicht umgehen! Uber wer ia nicht hat Die preußische Steuerkommission hatte sich in ihren beiden letzten Sitzungen am Dienstagabend und Mittwoch auch mit einigen Anregungen und Anträgen zu beschäftigen, die eine steuerliche Besserstellung der n i ch t b e s i tz c n d e 11 Schichten, namentlich der Arbeiter, betrafen. Und da stellte sich alsbaid heraus, daß die Mehrheit der Dreiklasscnmänner, die sich doch so bereitwillig gezeigt hatte, besitzenden Schichten Steuererleichte- rungen zu verschaffen, selbst solche, die mit einer großen Benach- tciligung der Staatskasse verbunden waren, schleunigst wieder überaus zugeknöpft wurde, als es sich um Steuererleichte- rungen für gewöhnliche Proleten handelte. Das sozialdemokratische Mitglied der Kommission äußerte zu- nächst den Wunsch, daß man künftig generell die Fahrgelder, die der Weg zur Arbeitsstelle und zurück auch innerhalb des Wohnortes- erfordere, abzugsfähig mache. Die Judikatur sei schwankend. Während man früher den Abzug zugelassen, habe man in der letzten Zeit nur bei bestimmten Arbeiterkatcgorien, z. B. Bauarbeitern, den Abzug zugelassen. Der Generalsteuerdirektor behauptete dagegen, daß die Fahrgelder schonjetzt alsabzugs- fähig behandelt würden, womit sich trotz des sozialdemokratischen Einspruchs die Kommission zufrieden gab. Der Generalsteuer- direktor irrt aber. Tie Bcrufungskommissioncn haben sich viel- fach auf den entgegengesetzten Standpunkt gestellt, und für die Zensiten mit einem Einkommen unter 30 R. pro Jahr existiert ja leider nach Z 43 des Einkommensteuergesetzes das Mittel der Berufung an das Oberverwaltungsgcricht nicht. Es wird des- halb in der zweiten Lesung auf diese Frage zurückzukommen sein. Ein sozialdemokratischer Antrag forderte dann, daß bei der Steuerveranlagung das steuerpflichtige� Einkommen der E h c s ra u, soweit es nicht den Betrag von'600 M. übersteige, außer Ansatz bleibe. Den Einwendungen, daß dadurch reichen Leuten ein unverdienter Vorteil zugewendet werden könnte, begegnete der sozialdemokratische Redner sofort dadurch, daß er den Antrag durch ein Amendement nur auf Zensiten mit einem Gesamteinkommen von nicht mehr als 2100 M. beschränkte. Auch das half nichts— die ganze Tendenz paßte offenbar der Mehrheit nicht, und so wurde denn dieser Antrag abgelehnt. Als es galt, den Glohetrottern, den Diplomaten mit Ministergchältern Steuervergünstigungen zu verschaffen, als es sich um das Dreihundert-Millionen-Gcschenk für den Grundbesitz handelte, war man freigiebiger. Wer da hat, dem wird gegeben, aber wer da nicht hat... Ucbrigens wurde auch ein freisinniger Antrag, der, von ähn- lichcn Gesichtspunkten wie der sozialdemokratische Antrag ausgehend, die Einkommen der Ehegatten getrennt versteuert wissen wollte, gegen dieselbe kleine Minderheit, drei oder vier Stimmen, ab- gelehnt. Ebensowenig Gnade fanden ein sozialdemokratischer und ein Zentrumsantrag, die Beiträge zu B e r u f s v e r e i n e u, die auch sozialen Versicherungszwecken dienen, vom steuerpflichtigen Ein. kommen abzugsfähig zu machen. Das sei etwas ganz Neues, so deduzierte man, daß man Beiträge zu Vereinen, die nicht aus- schließlich Versicherungszwecken dienten und denen gegenüber klag- bare Ansprüche der Versicherten nicht beständen, für abzugssähig er. klären wolle. Dann müßten ja auch die Beiträge zu Unter- nehmerverbänden abzugsfähig sein. Vergebens wurde von den Rednern der Sozialdemokratie und des Zentrums entgegnet, daß es das Unternehmertum längst verstehe, seine Beiträge irgendwie im Betriebskostenkonto unterzubringen und daß gerade deshalb die Arbeiter es als aufreizend empfänden, ihre Beiträge zu so eminent sozialen Organisationen nicht abziehen zu dürfen. Das Ende vom Licde war, daß beide Anträge mit starker Mehrheit abgelehnt wurden! Während so den nichtbesitzenden Klassen jede Steuererleichte- rung versagt wurde, scheint es, als ob den Bergherren wieder einmal ein Steuergeschenk zugedacht sei. Die Regierungsvorlage schlägt nämlich vor. bei Bergwerken einen jährlichen Abzug von 3 bis 6 Proz. der Jahresförderung für Verminderung der „Substanz" zuzulaffen. Das rheinisch-westfälische Unternehmertum hat sich einmütig mit dieser neuen Art der Abschreibung einver- standen erklärt, während die schlesischen Berggrafcn Einwendungen dagegen erhoben. Die bedingungslose Zustimmung der rheinisch- westfälischen Grubenherren sowie die Erklärung des Regicrungs. Vertreters, daß diese Art der Zlbschreibung für die Bergwerksbesitzer durchaus günstig sei, läßt stark vermuten, daß in der Tat den Interessen des Grubenkapitals reichlichst Rechnung ge- tragen werden soll. Das sozialdemokratische Kommissionsmitglied, das das ganze System der Substanzverminderung für etwas sonder- bar erklärte, forderte deshalb von der Regierung die nötigen Unterlagen zur Beurteilung ihrer Berechnungsweise. Der Gcneralsteuerdirektor lehnte das jedoch als„unmöglich" ab. Der sozialdemokratische Vertreter erwies seine Forderung als durch- aus möglich, allein er blieb damit in der Kommission ohne Resonanz., Natürlich: wenn es sich um U n t e r n e h m e r interessen handelt, sind Nachprüfungen und detaillierte Nachweise vom Uebel; handelt es sich aber um Forderungen zugunsten der Nicht« besitzenden, so muß gründlichst nachgeprüft werden, ob sich die Forderungen nicht unter irgendeinem Vorwand vereiteln lassen! Der Krieg. Maßregeln zur Verteidigung der Dardanellen. Konstantinopel, 5. März. Der Kriegs- und der Marine- minister sowie der Minister des Innern hatten eine längere Be- sprechung über die zu ergreifenden weiteren Maßnahmen zur Verteidigung der Dardanellen. Der Kriegsmimstcc konferierte auch mit dem Minister des Aeutzeren. Es verlautet, daß die Regierung auch Verteidigungs maßnahmen für Smyrna und die Inseln des Archipels ins Auge faßt. Die Pforte teilt offiziell mit, daß von morgen an die nächtliche Durchfahrt von Schiffen durch die Dardanellen untersagt ist. Das Blatt T«rdjiman-i-Hakikat will wissen, daß die Pforte in Beantwortung der sondierenden Schritte der Mächte erklärt habe, daß sie, selbst wenn Italien einen Angriff auf die Dardanellen oder gar auf Konstantinopel unternehmen sollte, den Frieden. zurückweisen werde, der nur möglich sei, wenn Tripolis türkische Provinz bleibe. Diese Antwort soll endgültig sein. Die türkische Presse gegen den Frieden. Konstantinopel, ö. März. Die gesamte türkische Presse fährt fort, immer entschiedener gegen die Friedensidee Stellung zu nehmen. Die anscheinend vom Aus- wärtigeu Amt inspirierte„Jeni Gazetta" erklärt, die Pforte könne sich nicht auf Verhandlungen auf der Basis der Annexion ein» lassen. Es verlautet, das Finanzministerium verhandle mit der Ottomanbank wegen Aufnahme eines Vorschusses von einer Mit- lion Pfund gegen Schatzbonds. Tie italienischen Verluste bei Derna. Rom, 5. März.(Meldung der„Agenzia Stesani".) In dem Kamps» bei DerNa am 3. d. M. sind, wie jetzt genau fest» gestellt ist, auf italienischer Seite acht Offiziere und 52 Mann getötet, 13 Offiziere, darunter einer schwer, und 164 Mann, davon 29 schwer, verwundet worden. Die offizielle italienische Verlustliste. Rom, 4. März.(Eig. Ber.) Das Militär Wochenblatt veröffentlicht soeben die erste Liste der Offiziere und Soldatcst, die im italienisch-türkischen Kriege im Kampfe gefallen oder nach- her ihren Verwundungen erlegen sind. Im ganzen sind nach diesem Verzeichnis'3 7 Offiziere gefallen und einer ist der- schollen. Von den Soldaten sind 499 tot und 323 ver» schollen. Die letzten gehören zum großen Teil dem 1l. Ber- saglieri-Regiment an, das in Scharaschatt so schwere Verluste er« litten hat. Die offizielle Liste gibt durchaus nicht ein erschöpfendes Bild der Verluste an Menschenleben, die der Krieg Italien gebracht hat. Es fehlen zunächst alle die, die inneren Krankheiten erlegen sind, und die Zahl dieser soll allein für Cholera über 500 bc- tragen. Weiter sind in der Liste nur die Gefallenen und Ver- schollenen einbegriffen, deren Persönlichkeit zweifellos festgestellt wurde. Das Kommando teilt ausdrücklich mit, daß sich nur die Namen auf der Liste befinden, für die eine zweifellose Jdcntifi- zierung möglich war. Es ist nicht recht einzusehen, daß dieser Vorbehalt auch für die Name» der Verschollenen gelten soll. Wenn das Kommando von noch nicht identifizierten Verschollenen spricht. so muß man annehmen, daß Truppeneinheiten ins Gefecht geführt worden sind, ohne daß man eine vollzählige Aufzeichnung alter Sol- daten hatte, die sie zusammensetzten. In anderem Falle wären doch die Verschollenen ohne weiteres zu identifizieren gewesen. Durch die Fortlassung der an inneren Krankheiten Verstor« bcnen bleibt die Zahl der Opfer hinter der zurück, auf die man gefaßt war. Immerhin ist sie noch hoch genug, obwohl sie sich nicht auf die letzten und ziemlich blutigen Kämpfe erstreckt. Die Ange- hörigen der Gefallenen erfahren übrigens den Tod nicht erst durch die Verlustliste, sondern sind schon vorher direkt oder durch den Bürgermeister ihres Ortes von dem Verlust in Kenntnis gesetzt worden.__' Die Kevoluflon in China. Die Regelung der republikanischen Verfassung. Peking, 5. März.(Meldung des Reuterschen Bureaus.)' Die Delegierten aus Nanking erklären, daß die Erklärung der Republik in Nanking und die Bildung des Kabinetts in Peking stattfinden soll. Juanschikai werde sich im September nach Nanking begeben. Vier Delegierte der Regierung in Nanking sind aus Peking wieder in Nanking eingetroffen. In ihrer Begleitung befinden sich zwei von, Juanschikai ernannte Delegierte, die in Nanking die Verhandlungen über die Bildung einer Koalitionsregierung fort- setzen sollen. Die Anleiheverhandlungen. Peking, 6. März. Die Verhandlungen JuanschikaiS mit der internationalen Finanzgruppe zur Aufnahme einer großen chinesischen Staatsanleihe nehmen ihren Fortgang. Eine aus russischen und japanischen Finanzleuten zusammengesetzte Gruppe hat sich bereit erklärt, der neuen Republik ein Kapital von 100 Millionen Taels gegen eine vierprozentige Ver- zinsung vorzustrecken. Eine Anzahl chinesischer Großfinanziers wird Juanschikai den Betrag von 10 Millionen TaelS bis zu dem Abschluß der Verhandlungen mit der russisch-japanischen Bankgruppe vorstrecken. Fraucnwahlrecht in China? Tie französische Feministin Dr. Pelletier, die dem«in- surrektionellen" Flügel der gceinigten Partei angehört, hat vom Sekretär des Dr. Sunyatscn folgenden Brief erhalten: „Nanking, 16. Februar. Madame! Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dah für die Provinzialversammlung von Canton vier Fronen als Mitglieder gewählt worden sind. Ich hoffe, daß die Tatsache von Interesse für Sic sein wird." Tie Diplomaten wollen keine Sendung republikanischer Truppen nach dem Norden. London, 6. März. Die„Tsmes" meldet aus Peking vom 6. März: Antschunghui, der Minister des Ausldärtigen im Kabinett zu Nanking, hat dem diplomatischen Korps in Peking seine Absicht mitgeteilt, zur Wiederherstellung der Ordnung Truppen zu entsenden. Das diplomatische Korps ist der Meinung, daß die Entsendung von Truppen aus dem Süden die Verwirrung nur vermehren werde, zumal Berichte aus Kiukiang und anderen Orten im Jangtse-Tal erkennen lassen, daß die Truppen im Süden ebenso disziplinlos sind wie die im Norden. Die Delegierten aus Nanking erkennen die Unzweckmähigkeit jenes Vorschlages an. Grosse japanische Truppensendungen. > London, 6. März. Das Reutersche Bureau meldet auS T i c n t s i n von gestern: 800Mannjapanische Truppen trafen heute früh in Chingwantao ein, wohin sie von Port Arthur durch Transportschiffe gebracht worden waren. Bier Kreuzer mit diesen Truppen werden in Tientsin um Mitternacht erwartet. Weitere 566 Mann japanische Truppen haben Mukden auf der Straße nach Tientsin verlassen. Vernünftige Ansichten. Chicago, 5. März. Der K-a binettssekretär d«S Krieges, Stimfon, erklärte hier in einem Interview, der erste, der sich mit Bezug auf China oder Mexiko chauvinistisch äußern würde, würde für die Niedermetzelung ungezählter Scharen von AuS« ländern in diesen Ländern verantwortlich sein. Stimson fügte hinzu: Sobald China oder Mexiko erst einmal auf den Gedanken kommen, daß unsere Heere ihr Land an sich reißen wollen, statt unsere Landsleute zu beschützen, werden sie an den Ausländern Rache nehmen. Die Soldatenmeuterei. Peking, 5. März. In Paotingfu sind die britischen und amerikanischen Tabakvorrätc im Werte von lOlXXI Pfund Sterling und alle japanischen Gebäude von den Meuterern geplündert war- den. Tie Japaner haben in den Missionen Zuflucht gefunden. Ein Sonderzug mit französischen und japanischen Truppen ist nach Paotingfu abgegangen, um die Franzosen und Japaner nach Peking zu bringen. Auf besonderes Ansuchen schützen die Japaner alle Fremden in Schan-hai-kwan. Mehrere Gruppen Meuterer, die nach Peking zurückkehrten, um mit der Plünderung wieder zu beginnen, wurden festgenommen und hingerichtet. Polizei und Gendarmerie balten sich bewunderungswürdig. Ein Privattelegramm meldet, daß 2000 Mann gemeutert und Kiukiang im Jangtsetale ge- plündert haben. Die Lage in Tientsin. � - j..■ vl- 1 fr yrfr OrtU Tientsin, 6. Marz. Die Befehlshaber den fremden Truppenkontingente haben in einer gemeinsamen Sitzung beschlossen, die Polizei in Tientsin selbst in dieHanb z u he h m e n. Die Bestimmungen des Vertrages von 1902 sind wieder in Kraft getreten, demzufolge die chinesischen Truppen sich der europäischen Niederlassung auf nicht mehr als sieben Meilen nckhern dürfen. Di« Chinesen dürfen nach Ig Uhr abends ihre Häuser nicht mehr verlassen. Die chinesische Bevölkerung hat sich an den Bizekönig gewandt und sich darüber beschwert, daß die chinesische Polizei sich vollständig unzuverlässig zeigt und sich auch ' an Unruhen der letzten Tage beteiligt hat. Seit gestern ist es zu keinen Zusammenstößen zwischen Kaiserlichen und Republikanern mehr gekommen. Ermordung eines englischen Missionars. Peking, 6. März.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Auf einer Reise, die der anglikanische Bischof von Nordchina, Dr. Scott, in Begleitung der Missionare Tay und HugheS am 29. Februar von Paotingfu durch seine Diözese angetreten hatte, kam es am 4. März zu Streitigkeiten mit Aufständischen, die den Wagen und die Zugtiere der Missionare mit Beschlag belegen wollten. Hierbei wurde Missionar Dah von den Soldaten erschossen, HugheS und Dr. Scott blieben unverletzt. Chinesrnunruhen in Singapore. London, 6. März. AuS Singapore wird gemeldet: Wäh- rcnd der Feier des chinesischen Neujahrfestes kam es in dem Hafen- viertel zu großen Ausschreitungen, die in der Chinesenstadt vor dem Foßhause ihren Anfang nahmen. Eine Anzahl republika- nischer Kulis versuchte, den chinesischen Landsleuten, die sich der Befolgung des noch von der Kaiserinwitwe erlassenen ZopfedikteS ! widersetzten, gewaltsam die Zöpfe abzuschneiden. Aus diesem An- laß kam eS zu blutigen Zusammenstößen, bei denen e i n e A n- zahl Chinesen getötet und mehr alt 30 schwer ver- letzt wurden. Die englische Eingeborenenpolizei mußte ein. schreiten und konnte nur mit Mühe die Ruhe wieder herstellen. poUtifcbe Qeberlicbt. Berlin, den 6. März 1912. Bergarbeiterstreik, neuer Mittelstand, Fortbildnvgs- schule« und so weiter. Aus dem Reichstag. 6. März. Noch immer dreht sich die Spule der Debatten über das Gehalt des Staats- sekretärs des Innern und endlose Reden haspeln sich ab. Da- bei gilt ein Erfahrungssatz: Je länger die Rede, desto kürzer das Interesse. Zwei Renommierarbeiter produzierten sich in der gestrigen Sitzung, Herr Behrens von der Wirtschaft- lichen Vereinigung der auch durch den„TerrorismyS" der bösen Sozialdemokratie nicht zu der Erkenntnis von der Kot- wendigkeit eines Ausnahmegesetzes bekehrt werden kann, und— zum zweiten Male schon!— Herr G i e s b e r t s, der mit nachdrücklichen Worten auf den Ernst der Lage im Bergbau hinwies, sich aber doch nicht verkneifen konnte, gegen die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften mit plumpen Provokationen ausfällig zu werden. Zwischendurch lud der Reichsparteiler Dr. v. O e r tz e n sein Sprüchlein gegen die Warenhäuser ab und Genosse Giebel befaßte sich in einer wirkungsvollen und wohlfundierten Rede mit der Frage des„neuen Mittelstandes", der lediglich ein mittelloser Stand sei, tat dar, wie zlvischen Prinzipalen und Angestellten sehr oft das militärische Vorgesetzten- und Untergebenenverhältnis herrsche, und verlangte die Regelung eines einheitlichen An- ' gestelltenrechtS. Nachher sprach der Nationalliberale Kölsch über den kaufmännischen Mittelstand und für den Hansabund und- erwies sich für einen Neuling als' ein"recht ge- schickter Fechter, der dem Zentrum und der Rechten nianchen gutsitzenden Hieb erteilte. Zum Schluß trat, ehe der Pole D omb ek zu einer in der allgemeinen Unruhe untergehenden Polemik gegen die„Schlesische Zeitung" das Wort nahm, der Fortschrittler K e r s ch e n st e i n e r, der bekannte Münchener Fachschulmann, als ein heilloser Ideologe auf, der in seinen sicherlich von freiheitlichem Geiste getragenen Ausführungen als Ziel aller Politik ein Maximum von unabhängigen Existenzen ver- langte, und der Weg dazu sei die Erziehung in einer brauch- baren Fortbildungsschule— der Geist von Sankt Manchester war es, der auS einem professoral und pädagogisch angelegten Kopf sprach. Heute 1 Uhr: Fortsetzung der Debatte. Ueber die neuen Flottenforderungeu glaubt die„Kölnische Volkszeitung" folgende Mit- teilung machen zu können: „Die Wehrvorlagen sind bereits den einzelneu Mitgliedern des Bundesrats zugegangen. Das preußische«taatS- Ministerium hat sich in seiner gestrigen Sitzung damit beschäftigt. In den nächsten Tagen dürften sie schon halbamtlich veröffentlicht werden. An den Reichstag sollen sie dann samt den Deckungs- vorlagen noch vor Ostern gelangen. Die Wehrvorlagen werden in ihrem jetzigen Bestand im Bundesrat kaum mehr eine wichtige Abänderung erfahren. Die F l o t t e n v o r l a g e ist gegenüber dem ursprünglichen Plan wesentlich herabgesetzt worden. Sie bringt das dritte aktive Geschwader, das gewonnen wird � durch Verzicht auf das Reserveflottenflaggschiff, durch Verzicht auf die Materialreserve(vier Linienschiffe, vier große und vier kleine Kreuzer) und schließlich durch den Neubau von drei Linienschiffen und zwei kleinen Kreuzern. Eine entsprechende Vermehrung des Personals der Unterseeboote und der Luftschiffe kommt hinzu. Die Ausgaben dafür be- ginnen mit 15 Millionen Mark, steigen aber in den folgenden fünf Jahren bis zur H ö ch st s u m m e von 43 Millionen Mark. Auch im Reichstag dürfte diese Marinevorlage wenig Widerstand mehr finden. Ueber die Not- wendigkeit der Ma r i n e v o r l a g e hört man recht verschiedene Ansichten." Diese Mitteilungen stimmen durchaus mit dem überein, was auch bereits in anderen Zentrumsorganen gemeldet worden war. Danach sollten die Ausgaben für die Flotte sich auf durchschnittlich 3V Millionen jährlich beziffern: Auch der Durchschnitt der von der„Kölir. Volks- zeitung" mitgeteilten Ziffern ergibt ja eine Vermehrung der jährlichen Flottenausgaben von rund 30 Millionen Mark. Zu diesen 30 Millionen für die Flotte sollen dann noch 50 bis 60 Millionen jährlicher Ausgabe für Land- und Luftmilitarismus und eine einmalige Ausgabe von 100 Millionen kommen! Grostindustriellc Steuergegner. Die Taktik der Zentiumspolitiker, neue Steuern zur Deckung der durch die geplanten Heeres- und Marinever- Mehrungen entstehenden Ausgaben für unnötig zu erklären und durch allerlei Finanzkünsteleien zu beweisen, daß in den nächsten Jahren-dav Etat mit. großen Aeborschüssen abschließen wird.'stößt bei den Kohlen- und Eisenniagnaten des rheinisch- westfälischen Jndustriereviers auf inniges-Verständnis. Ganz begreiflich. So.wenig, wie die ZentrumSflihrer. wünschen die betreffenden Großindustriellen, daß die Reichserbschaftssteuer erhöht oder erweitert wird: und auch eine Reichseinkommen-, Reichsvermögens-, Dividenden- oder Tantiemenstcuer, die ihre gefüllten Taschen etwas erleichtern würde, erscheint ihnen höchst unpratriotisch und verwerflich. Den ganzen Betrag aber, der zur Deckung der beabsickstigten Militärausgaben er- forderlich ist, ohne weiteres durch neue indirekte Steuern der großen Volksmasse aufzubürden, geht in Anbetracht der heuti- gen politischen Lage nicht gut an. So helfen sich die In- dustriekönige damit, daß sie an die Regierung die Anforde- rung stellen, vorläufig die sogenannte Deckungsfrage zurück- zustellen und sich einstweilen mit der Einbringung der HeereS- und Flottenvorlagen zu begnügen. Stellt sich dann später heraus, daß die Mittel nicht reichen, kann man ja eine neue Anleihe aufnehmen oder, falls sich inzwischen die politische Lage geändert haben sollte, eine neue Reichsfinanzreforni nach dem Rezept der früheren machen. Die„Rhein.-Wcstf. Ztg.", das Zechenblatt, findet denn auch in schönster Uebereinstimmung mit der klerikalen Presse, daß es zurzeit völlig überflüssig sei, sich wegen der Deckungs- frage den Kopf zu zerbrechen, denn durch ein wenig Sparsam- keit bei anderen Ausgaben könne die schönste Bilanz im Reichshaushalt hergestellt werden. Von einem„unserer aller- bedeutendsten Großindustriellen", dessen Name, wie das Zechenorgan versichert, Weltruf hat, läßt sich das Scharf- macherblatt folgende schöne nationale Gefühlsäußerung schreiben: „Jch�möchtc davon absehen, mich für oder gegen eine be- stimmte Steuer auszusprechen, weil ich der Auffassung bin, daß neue Steuern überhaupt vermieden werden müssen. Die Summen, welche für unser Heer und unsere Flotte erforderlich sind, müssen meines Erachten« auf anderem Wege aufgebracht werden, und zwar durch Einschränkung der Ausgaben und Einführung größter Sparsamkeit auf allen Ge- bieten unserer Repräsentation und Verlvaltung. Die letzte große Steuerreform wurde durch einen lauten und ausführlich behau- Velten Appell an die Einschränkung und Sparsamkeit eingeleitet, ich vermag aber nicht festzustellen, das nennenswertes irgendwie geschehen ist. um diese von der Regierung sich selbst und dem Lande gestellte Aufgabe auszuführen. Nach meiner Auffassung werden für reine Aeußerlichkciten. die mit der Wehrkraft zu Wasser und zu Lande, der Stärke und Tüchtigkeit unseres Heeres und unserer Flotte nichts zu tun haben, in jedem Jahre unge- heure Summen verausgabt. Ich erinnere nur daran, was die Paraden, neuen Uniformen und sonstigen Ausrüsrungögegen- stände, deren Notwendigkeit absolut nicht erwiesen ist, alles kosten, wieviel Geld bei den großen Stapelläufen und anderen ähnliche» Anlässen verausgabt wird, und alle diese Ausgaben, die der Steuerzahler aufzubringen hat, sind doch durchaus un- produktiv. Ueber die Tüchtigkeit unserer Verwaltung will ich kein Wart verlieren, aber es muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß. wenn sie nach privatwirtschaftlichen Gesichts- punkten und Grundsätzen eingerichtet und geführt wird, in fast allen ihren Zweigen an Menschen und Geld sehr große Ersparnisse gemacht werden könnten.... Wohin es aber insonderheit bei kriegerischen Verwickelungen führen soll, wenn der Bürger gehalten oder ge- wohnt«st. aus der H«nd in den Mund zu leben und nichts mehr zurückzulegen, ist nicht abzusehen. Denn ein Kriag, der heute ausbricht, kostet immenses Geld. Rehmen wir nur mal an. es ständen 2 Millionen Rann einschließlich Offiziere. Verpflegungs- Mannschaften ustv. im Felde, und jeder Mann koste einschließlich Pferd und Kriegsmaterial 19 M. pro Tag, was sicherlich eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist. so macht das auf einen Tag 29 Millionen Mark, oder auf einen Monat 699 Millionen, alio üher eine halbe Milliarde Mark aus. Woher sollen wir dieses Geld nehmen, wenn der Staat nur Schulden und der Bürger keine Ersparnisse hat? Dabei ist zu berücksichtigen, daß im Falle eines Krieges, zumal wenn er gegen England geführt wird. das uns mit seiner großen Flotte die Versorgung unserer In- dustrie mit Rohstofsen,' wie Erz, Baumwolle usw., und die Aus- fuhr unserer Erzeugnisse, wie Eisen, Textilwaren. Kohlen, Kali usw., abschneiden kann, die Fabriken stilliegen müssen und weder - für die Werke Einnahmen noch für die Arbeiter Löhne vorhanden sind." Der Gedanke, daß es. falls olle diese Bedenken richtig sind, am besten wäre, die neuen Militärfordeningen rundweg abzulehnen, kommt dem weisen Großindustriellen von Welt- ruf anscheinend gar nicht. Er verlangt mehr Soldaten und Schiffe, aber sie dürfen nichts kosten, wenigstens den großen Kapitalisten nichts. Er hat auch nichts gegen einen Krieg mit England, aber die deutsche Großindustrie darf dadurch nicht geschädigt werden. Ob Hunderttausende von Prole» tariern dabei verbluten— ist nebensächlich. Giesberts gegen Erzberger. Selbst ein Mitglied der Zentrumssraktion. Herr Giesberts, sieht sich veranlaßt,- im roten„Tag" gegen das Treiben seines Fraktionskollegen Erzberger Stellung zu nehmen, der da unter Uebertreibung der Reichseinnahmen und der Ueberschüsse der letzten Jahre mit Leidenschaft den Standpunkt verficht, daß man getrost alle möglichen militaristischen Forderungen bewilligen könne, ohne zugleich die Deckungsfrage aufrollen zu müssen. Herr Giesberts weist der rosenroten Darstellung des Herrn Erzberger gegenüber darauf hin, daß es sich ja doch nicht nur um Deckung der militaristischen Forderungen handle, sondern auch noch um eine ganze Reihe anderer Ausgaben. So müsse das Besoldungsgesetz der Reichsbcamten zum mindesten für die Post- unterbeamten und mittleren Beamten eine not- wendige Ergänzung finden. Auch die Erhöhung der Mann- schaftslöhnung für die Soldaten sei noch nachzuholen, ebenso die Befriedigung der dringendsten Wünsche der Altpensio- näfe. Spätestens vom Jahre 1915 ab werde dann eine weitere Belastung des Etats hinzutreten durch Mehrausgaben für die Invaliden- und Altersversicherung infolge der Herabsetzung der Altersgrenze von 79 auf 65 Jahre. Bevor man also daran denke, aus den vorhandenen Steuermitteln Militär- vorlagen zu decken, werde man erst die hier erwähnten Aufgaben erfüllen müssen, die eine jährliche Mehrausgabe von 59 bis 69 Mil- lionen erheischten. Außerdem sei auch Bedacht darauf zu nehmen, daß die durch die Finanzreform bezweckte„Sanierung der Reichsfinanzen" keinen Schaden erleide. Man dürfe doch nicht vergessen, daß die Reichs- finanzreform eine„ganz ungewöhnliche fteuerpolitische Maßnahme" gewesen sei, deren Nachwirkungen bei den Reichstags- Wahlen noch so deutlich zu verspüren gewesen wären. Zum mindc- sten müsse, doch mit der gegenwärtigen Schuldenwirtschaft dauernd gebröchen werden. Niemand werde es verstehen, wenn etwa die neue Militärvorlage„aus Steuern auf Tabak, Katjcc- .llöhnen üstd'ZündhAzer"-gedeckt loerdeü solle. Sei es möglich, die R ü st u n"g S a u s g a b e n derartig zu he- schränken, daß ihre Kosten ohne neue Steuern gedeckt werden 'könnten, ö h N e die sonstigen Aufgaben des Staates zu gcföhr�ii und die Schuldentilgung illusorisch zu machen, so sei das die „glücklichste Lösung". Sei das aber nicht möglich, so wäre es ein Fehler, nicht neue Einnahmequellen für die neuen Ausgaben zu suchen. Die„Steuerfanatiker" früherer Zeit sollten jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler der„Steuevscheu ver- fallen", wenn es gälte, eine„wirksame Besitzsteuer" zu schaffen. Herr Giesberts möchte also im Gegensatz zu Herrn Erzberger die Pfade des Herrn v. Zedlitz wandeln und den schwarzblauen Block zur Bewilligung irgendeiner Erbschaftssteuer überreden, um dadurch das Odium der Rcichsftnanzreform des Schnapsblocks loszuwerden und den Wählern Sand in die Augen zu streuen. ES wird sich zeigen, ob diese Richtung„staatSmännischcr De- sonnenheit und Klugheit" im Zentrum den Sieg davontragen wird, oder die Trzbergersche Richtung, die den Junkern zuliebe selbst auf das Feigenblatt einer Erbschaftssteuer verzichten will. Der Appell un den Minister. Ein Fall, der in der Parlamentsgeschichte ohne Beispiel dastehen dürft«, ist auS dem preußischen Junkerparlameut zu verzeichnen. Der Präsident F r e i h e r r v. E r f f a hat fich an den Minister v. Breitenbach gewendet, um seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gegen diewiderlpenstige Budgetkommission. Die Fahrstühle im preußischen Abgeordnetenhause sind nach Ansicht des Präsidenten nicht mehr auf der Höhe und erheischen dringend einige technische Verbesserungen. In den Etat de» Abgeordneten- Hauses war auch ein Beiraz von 14 899 M. zum Umbau der AufzugSan lagen eingestellt. Begründet wurde diese Forde- rung damit, daß die Fahrgeschwindigkeit nicht mehr de» Anforde- rungen entspreche und daß die Kurbelsteuerung als gänzlich ver- altet durch die Drucklnopssteuerung ersetzt werden müsse. Die Budgetkommisfion hat nun aber diese Forderung gestrichen und zwar, wie der Präsident in seinem Schreiben ausführt, deS- halb: weil ein Mitglied der Kommission bei den HilsSdienern Erkundigungen eingezogen hatte und dort belehrt wurde, daß die alte K u r b e l st e u e r u n g besser s e i. als die vom Ministerium vorgeschlagene Neueinrichtung. Der Präsident Freiherr v. Erssa. bittet nun den Minister, er möge bei der Beratung des Budgets im Plenum mit aller Entschiedenheit dafür eintreten, daß die gestrichene Summe wieder in den Etat eingesetzt wird. Der Minister wird natürlich gern bereit sein, diesen wünschen zu entsprechen. Aber e« ist immerhin keine alltägliche Er- i ch e i n u n g, daß der Präsident eines Parlament« die Hilfe eines Ministers anrufen muß. Im preußischen Abgeordnetenhaus kommen ja so viel Merkwürdigkeiten vor. daß man sich eigentlich über gar nicht« mehr wundert. Aber dieser neueste Fall dürfte doch ge- eignet sein, wieder einmal die Aufmerlsamkeit auf diese« Drei- llasienhau« zu lenken, wenn auch vielleicht nur in der Form, daß den Witzblättern wieder einmal reichlich Stoff geliefert worden ist. Sind Flottenverei««nd Wehrverei« politische Vereine? In den letzten Wochen ist in der Presse mehrmals die Frage er- örterr worden, ob der Flottenverei» und der neuaegründete Wehr- verein politische Vereine find, und e« war hinzugefügt worden, baß die Regierung der Ansicku zuneige, daß die genannten Organi- sationen als politische Bereine zu betrachten find. Demgegenüber versichern nun die„Miinchener Reuesten Nachrichten", daß eine Ab- ficht, den Deutschen Wehrverein, den Flottenverei» und andere vaterländische Vereine als politisch zu erklären, amtlicherseit« nicht bestehe. Diese Auffassung wird in weiten Kreisen deS deutschen Volke? nicht verstanden werden. Vor einigen Tagen erst hat ein Gericht in Dresden die Filiale einer Gewerkschaft zu einem politischen Verein gestempelt, weil diese Filiale 500 M. dem örtlichen sozialdemokrati- scheu Wahlkomitee überwiesen aber wieder zurückerbalteu hatte. In dem Versuch, nicht etwa selbst in den politischen Kampf einzugreifen, sondern nur einer politischen Partei einen einmaligen Beitrag zu den Wahlkosten zu überioeisen, hat also das Gericht bereits die Merkmale einer politischen Betäti- gung erblickt. Um wie viel mehr find dann aber Flottenverein und Wehrverein politische Vereine! Die Leitung des Flottenvereins hat im Wahlkampf 19l)ü/19v7 nicht nur eine überaus rege volitische Tätigkeit entfaltet, sondern durch ihren Vor- sitzenden, den General Keim, direkt in die Wahlbewegung erngegrisfen. Die Ziele des Flottenvereins sind hochpolitische, die des Wehrvereins nicht minder. Es löht einen ganz unglaub- lichen Tiefstand rechtlichen Empfindens erlennen, wenn angesichts dieser Tatsache zu bestreiten versucht wird, daß man es hier mit politischen Vereinen zu tun habe. Die deutsche Zarenpresse lügt weiter. Die, D e u t s ch e T a g e S z e i t u n g* hat die Züchtigung, die wir ihr wegen ihrer Haltung zum Prozeß der unschuldig verurteilten Dumaabgeordneten erteilten, stillschweigend hinnehmen müssen. Run greift sie aber, ihrer Natur getreu, zu weiteren Lügen und Fälschungen. In ihrem gestrigen Abendblatte behauptet fi«, .daß auch die Liberalen in der russischen Reichsduma nach ein- gehender Untersuchung der Angelegenheit sich auf den Standpunkt stellen mußten, daß die Verurteilung jener ftüheren Dumamitglieder zu Recht erfolgt sei". Diese Behauptung ist eine faustdicke Lüge. Es war gerade der Moskauer Abgeordnet« Teßlenko, ein Mitglied der konstitutionell-demokratischen Partei, der in seiner Rede in der Duma vom 17./3V. Oktober v. I. die Tatsache auf- deckte, daß die Kommissiou der zweiten Duma, die die Anklage gegen die sozialdemokratische Frakrion zu prüfen hatte, zu der einmütigen Ueberzeugung gelangt war, daß es sich hier nicht um eine Verschwörung der sozialdemokratischen Fraktion gegen die Staatsgewalt, sondern.um eine Verschwörung der.Ochrana"(politischen Polizei) gegen die zweite Reichsduma ge- handelt". Als Berichterstalter jener Kommission, deren Beschluß durch die sofortige Sprengung der Duma und durch den Staats- streich des Zaren beantworiet wurde, war Herr Teßlenko über die Borgänge in jener Kommissionssitzung auf das genaueste unter- richtet, und eS ist bloß zu bedauern, daß er SVj Jahr über diese Angelegenheit geschwiegen hat. Daß er bei seinem Hervor- treten völlig im Einvernehmen mit seiner Partei gehandelt hat, geht daraus hervor, daß die konstitutionell-demokratische Duma- ftaktion für die diesbezügliche sozialdemokratische Interpellation in der Duma eintrat, und gemeinsam mit den Sozialdemokraten und den radikalen Bauernabgeordnclen den Kampf gegen die Ver- gewaltigungsversuche der MehrheitSpartcien der Duma führte. Mit dieser Lüge ist eS also nichts, werte.Deutsche Tageszeitung" Wie steht'S mit der weiteren, die zur Verteidigung der erbärmlichen Behauptungen in der Sonnabendnummer in die Welt gesetzt werden sollen? Das„tolerante" Zentrum. ES ist noch in frischem Gedächtnis, welchen Frevel daS Zentrum mit der Wahlfreiheit der Beamten getrieben hat. Bei der Nachwahl in Düffeldorf im Herbst vorigen Jahres hat es diejenigen Beamten denunziert, die in der Stichwahl sich der Stimme enthalten hatten. Daß war eine.Begünstigung" der Sozialdemokratie; die Beamten hätten, so wollte eS da? Zentrum, unter allen Umständen für das Zenilum'stimmen müffen,' und weil' sie eS nicht taten, wurden sie denunziert. Bei den Wahlen im Januar hat das Zentrum in ärgster Scharfmachermanier die Beamten, die nicht im Sinne der schwarzblauen Reaktion wählen würden, der Verletzung des Diensteides beschuldigt; e« hat einen Staatsanwalt, der als nalionalliberaler Kandidat sich auf die Stichwahlbedingungen ver- pflichtete, der Beachtung der Justizbehörde empfohlen— dasselbe Zentrum, das in früheren Zeiten, wo es selber noch unter der Un- gunst von oben zu leiden hatte, nicht genug über Imparität, über Zurücksetzung und Vergewaltigung katholischer Beamten jammern konnte, und das auch jetzt noch vernehmlich Lärm schlägt, wenn irgendwie einem Beamten in den eigenen Reihen aus politischen Gründen zu nahe getreten wird. Vor einigen Tagen brachten liberale Blätter in Danzig die Mitteilung, daß ein dortiger Eisenbahn-Obersekrctär nach Magde- bürg versetzt sei, wobei hingewiesen wurde aus die politische Wirk- samkeit des Betreffenden im letzten Wahlkampf. Darauf äußexte daS„Westpr. Volksblatt", das Danziger ZentrumSorgan, die Meinung, daß die Versetzung auS politischen Gründen geschehen und als Maßregelung aufzufassen sei. DaS Blatt wandte sich an die Sisenbahndirektion und erhielt von dieser die Sittwort, daß die Ver- setznng im Jntercffe deS Dienstes erfolgt fei. Darauf schreibt dqs ultramontane Blatt: „Offenbar wiffen die Hintermänner der liberalen Preffe mehr als sie jetzt verraten haben. Sie wollten nicht mehr verraten, aber doch im Interesse ihrer Partei andeuten, daß der Beamte. der sich in Danzig herausnimmt, sich als Zenlrumsmann und Gegner der liberalen Partei zu betätigen, aus Weftpreußen herausfliegt. Als im Oktober vorigen Jahres die liberale Partei ihre Geschosse gegen den Eisenbahnselrctär Dettlaff richteten, sagten wir sofort, daß der Feldzug den Zweck habe, die Zentrumsanhänger unter der Beamtenschaft kopsscheu zu machen. Herr Dettlaff ließ sich aber nicht kopsscheu machen und jetzt verweist die liberale Preffe triumphierend auf seine Versetzung. Sollte die liberale Partei die Versetzung eines politischen Gegners betrieben und erreicht haben?" Trifft es zu, daß der Beamte wegen seiner Tätigkeit für das Zentrum versetzt, d. h. gemaßregelt worden ist, so wird das von keinem gerecht Denkenden gebilligt werden. Welches Recht hat aber eine Parlei, sich über den Fall zu beschweren, die. wie das Zentrum. selber den ärgsten Terrorismus gegen abhängige Existenzen zu üben pflegt?_ Was Matthias Er, berger die katholischen Jung- frauen lehrt. Einseitigkeit ist nicht die schwache Seite des Herrn Erzberger. ES gibt wenige Gebieie des öffenilichen Lebens, auf denen dieser berühmie Zeittrumsparlamenlarier sich nicht betätigt. In letzter Zeit ist seine weitverzweigte Täligkeit um eine neue bereichert tvorden: Her? Matthias hat sich als Schulmeister für die w e i b l i ch e katholische Jugend etabliert. In der Januarnuminer der in Münster i. W. erscheinenden Zeitschrift.DiechristlicheJung- frau" unternimmt er«S, die katholischen Jungfrauen über dieZiele der sozialde in akratischen Bewegung aufzuklären. Bisher hat er noch auf keinem der vielen Ge- biete, auf denen er sich schon betäligte. die an ihn gestellte Er« Wartungen geiäuscht, er tut eS auch auf diesem neuen Felde seiner Tätigkeit nicht. Er schreibt nämlich wörtlich: Die Sozialdemokraten wollen die Religion überhaupt aus- schalten aus dem Menschenleben; höchstens in der Stube zu HauS soll sie noch ein kümmerliche? Dasein fristen; aber nicht in der Schule, in der Geineinde, im Staate. Daö Volk soll religionslos und damit sehr schnell sittenlos gemacht werden; tritt doch die Sozialdemokratie auch für die stete Ehe ein, wodurch das ganze »»eibliche Geschlecht unter die brutale Gewalt des männlichen Geschlechts kommen würde und Sitten- und Schamlosigkeit freien' Laufpaß hätten, Unsere kaibolischen Jungfrauen wehren sich gegen eine solche Herabwürdigung, weil sie wiffen, wie die katholische Kirche ihren Stand schätzt, schützt und adelt. Wahlvorbereitungen in Schwarzburg-Rndolstadt. Die durch die Landtagsauflösung geschaffene ernste Situation hat den Landesparteivorstand veranlaßt, auf kommenden Sonn- tag einen außerordentlichen Landesparteitag nach Stadtilm einzuberufen nnt folgender Tagesordnung: 1. Die bevor- stehende Landtagswahl. 2. Kandidatenfrage. 3. Abrechnung von den letzten Wahlen. 4. Bericht der Ortsgruppen. 3. Presse._ Fiasko der preußischen Ansiedelungspolitik. Welche unsinnigen Resultate die Bekämpfung der sogenannten polnischen Gefahr gebiert, sieht man aus der Polenbewegung in Hinterpommern. Im Kreise Bütow, der etwa 60 000 Hektar umfaßt, waren 1S00 etwa 7500 Hektar in polnischer Hand, 1S11 aber 9225 Hettar. Die polnische Bevölkening betrug 1900 bei LS 000 Einwohnern 3575, im Jahre 1911 aber bei einer Einwohnerzahl von 28 125'bereits 4535 Köpfe. Im Kreise Lauenburg befinden sich jetzt 3500 Hektar in polnischem Besitz gegenüber 1800 Hektar im Jahre 1900. Im Kreise Stolp gab es 1910 noch keinen polnischen Besitz, im Jahre 1911 aber schon 129 Hektar. Die Zahl der polnischen Einwohner betrug in diesem Kreise 1900: 93, 1905: 116 und ist im Jahre 1911 auf 815 Einwohner gestiegen. Ein nächtliches Kasernenbild. Vor dem Kriegsgericht der 9. Division in G l o g a u standen vor einigen Tagen die beiden Kanoniere W o y c z i k und S o b i e c z k i voA der 1. Batterie deS Futzartillerie- Regiments v. Dieskau (SchlesischeS) Nr. 6. Beide harten sich an einem Sonntag schwer betrunken und waren, ohne Urlaub zu haben, bis nachts 12 Uhr ausgeblieben. Als W. dann in seine Stube kam, sang er laut, was ihm zunächst von dem in derselben Stube liegenden Obergefreiten P o S p i e ch verboten wurde, worauf W. erwiderte:»So siehst Du auS, Du freiwilliger Stift, Du willst Rekruten schlagen." Daraufhin sprang der Obergefreite Pospiech aus dem Bett, faßte den Kanonier W. an der Kehle und ohrfeigte ihn. Nachdem das Licht ausgelöscht war, sind drei Ober- gefreiten über W. hergefallen und haben i h n schwer mißhandelt. Als der Unteroffizier vom Dienst durch den Lärm herbeigelockt erschien, ließ dieser in der Stube wieder das Licht anzünden, wobei er sah, daß W. im Gesicht stark blutete. Der Mißhandelte, der nun wieder den Obergefreiten Pospiech erkennen konnte, ergriff einen Scheu, el und ging damit diesem zu Leibe. Der Schemel konute ihm aber rechtzeitig entriffen werden, worauf er zum Seitengewehr und zu einem Messer griff, um sich damit auf seinen Peiniger zu stürzen. Pospiech applizierte dem W. dafür noch eine Ohrfeige und verschwand dann durch eine Tür. Unteroffiziere und Mannschaften aus anderen Stuben erschienen ebenfalls auf dem nächstlichen Kampf- platz, darunter auch Sobieczki, der mit W. gekneipt hatte. Luch er wollte sich auf den Obergesreiten stürzen, wurde aber daran ge- hindert. Diese Vorgänge hatten für die beiden Kanoniere Woyczyk und Sobieczki ein Nachspiel vor dem Kriegsgericht. W. behauptete stei und fest, er sei vom Obergefceiten Pospiech zuerst geschlagen worden und dann erst habe er sich verteidigt, keinesfalls aber in der Absicht, gegen den Borgesetzten tätlich vorzugehen, sondern nur. um weiteren Angriffen vorzubeugen. Der Obergefreite P. bestritt zwar, zuerst geschlagen zu haben, blieb aber als Urheber der Prügelei unvereidigt. Der Anklagevertreter beantragte trotzdem gegen Woyczik vier Jahre und gegen Sobieczki zwei Jahre Gefängnis. Da» Gericht erkannte: von der Anklage des tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten werden beide fteigesprochen. Das Gericht nahm an, daß der bezw. die Obergefreiten den Kanonier W. zuerst schwer körperlich gemißhandelt haben. Wegen Beleidigung von Vorgesetzten dagegen wird W. zu zwei Monaten Gefängnis ver- urteilt. Seine Trunkenheit im Dienst muß S. mit vier Wochen strengem Arrest büßen. Wird nun Anklage wegen Mißhandlung von Untergebenen gegen die an der nächtlichen Prügelei in der dunklen Kaserneiistube Beteiligten Obergefrciteo erhoben werden? kcbwefc. Wahlersolgc und Proporz. Zürich, 4. März.(Eig. Bcr.) Bei der Nationalrat». Ersatzwahl im Züricher Seekreise erhielt der sozial- demokratische Kandidat, Genosse W i r z, 6325 Stimmen gegen 3408 am 29. Oktober 1911 bei den Hauptwahlcn, also um rund 3000 Stimmen mehr, während sein siegreicher Gegenkandidat mit 8238 Stimmen um 1020 weniger erhielt als sein verstorbener Vor- gänger vor vier Monaten. Der gclvählte Agrarier Rellstab, ein millioiienreicher Großbauer, l>at offenbar doch abschreckend auf die vielen noch rückständigen Arbeiter gewirkt und sie in daS sozialdemokratische Lager getrieben. In drei Wochen findet im gleichen Wahlkreise eine abermalige Ersatzwahl in den Itationalrat statt, für die die Bürgerlichen bereits den Advokaten Dr. Odinga in Horgen als ihren Kandidaten auf- gestellt haben. Dieser Advokat gehört zu den schlimmsten Scharf- machern und Arbeiterfeinden im Kanton Zürich und er war auch einer der schlechten Väter des vor mehreren Jahren geschaffenen Antistreikgesetzes. Im 4. Kreise der Stadt Zürich hätte beinahe unsere Partei zum erstenmal aus eigener Kraft bei der KantonsratSwahl gesiegt, indem ihr Kandidat 1397 und der bürgerliche Gegenkandidat 1407, also nur 10 Stimmen mehr erhielt. Da keine Wahl zustande kam, also ein zweiter Wahlgang stattzufinden hat, besteht die Mög- lichkeit für die Erringung eine» Sieges in diesem Wahlkreise. Im KantonGenfist man im Begriff, den kommunalen Proporz für alle Gemeinden mit mehr als 3000 Einwohnern einzuführen. Es sind die sozialdemokratischen, katholischen und konservativen Mindcrheitspartcien, die zusammen gegen die Opposition der Radikalen dem politischen Fortschritt die Bahn frei- machen. frankrdch. Die Wohutmgsrefor« auf dem Marsche. Der schwächliche Vorschlag des Seine-Präfckten. die WohnungS- reformer mit 30 Millionen abzuspeisen, hat den Fortgang der ernst- haften Bewegung nicht gehindert. Die GemeinderatSkommission für Beschaffung billiger Wohnungen hat bei den zuständigen Ministern und der Kommission für soziale Fürsorge innerhalb der Kammer Würdigung ihrer Bestrebungen gesunden. Es soll ein Gesetz vorgelegt werden daS den Gemeinden das Recht gibt, zu Wohnungszwecken Anleihen aufzunehmen, Grundstücke zu erwerben und zu bebauen. Die Kommisston selbst Hai gemäß dem Borschlage deS Genossen Brunei sowohl der Aufnahme einer Anleihe als der Summe von 200 Mill. Frank nach eingehender Diskussion mit allen gegen eine Stimme zugestimmt. Damit ist die Reform natürlich noch nicht im Hasen. In der Kammer wie namentlich im Senat dürfte das zu erlaffende Gesetz noch manchen Schwierigkeiten begegnen. Und im Gemeinde- ratsvlenum werden die Interessenten des WoHnungSwucherS auch nichts unversucht lassen, um den Plan Bruneis zu Falle zu bringen oder doch möglichst unwirksam zu machen. Immerhin wird, wie Brunei betont, eine Körperschaft, die zur bloßen Verschönerung der Stadt 900 Millionen bewilligt und die Enteignung bieler Grund- ilücke genehmigt hat. dem dringendsten Bedürfnis der BolkSmaffen gegenüber nicht versagen dürfen. Cnglanck. Der Polizcikampf gegen die Frauen. London. 5. März. Die Polizei drang heute abend in daS Hauptquartier des sozialpolitischen Frauen. Verbandes von London ein, verhaftete mehrere der dort an- wcsendcn Frauen und belegte die Räumlichkeiten mit Beschlag. ZUrkel Die türkische Wahlkampagne. Aus Konstantinopel schreibt uns ParduS: Die Wahlkampagne ist nun in vollem Gange. Uebersehen lassen sich die Ergebnisse noch nicht; wohl aber unterliegt eS keinem Zweifel mehr, daß die politische Zersetzung, die zur Auflösung des Parlaments geführt hatte, nunmehr erst recht an allen Ecken und Enden um sich greift. Die Auflösung war ein Triumph des„Komitees" und verstärkte dessen Ansehen. Der gelungene Streich verblüffte, die furchtsamen Elemente duckten sich und erivartungsvoll sah man den Dingen eut- gegen, die nun kommen sollten. Anderseits ließ die Regierung auf allen ihr zugänglichen Wegen verbreiten, daß sie nunmehr Reformen vornehmen werde. Sie hat es ja zuletzt zu einer stehenden Redens- art gemacht, daß das Parlament das Haupthindernis der Reformen geworden sei. Jetzt, da sie diesen Ballast losgeworden war, da wollte sie auf dem Wege der Verordnungen, die allerdinge einer nachträglichen Bewilligung des Parlaments bedürfen, rasch Re- formen durchführen, um das Parlament vor vollendete Tatsachen zu stellen. Nun ist aber schon Zeit genug verflossen, seitdem das Parlament nicht mehr tagt, und von Reformen ist nichts zu merken. Auch hat sich die öffentliche Meinung von ihrer ersten Bestürzung erholt, und die Wogen der Opposition beginnen schon wieder, das� Komitee und die Regierung zu über- fluten. Ein wichtiger Machtfaktor bleibt allerdings in den Händen de» Komitees: es hat die Regierungsgewalt und den Regierung?- apparat bei den Wahlen in seinen Händen. Das bedeutet überall viel, in den Balkanländern aber erst recht. Das kann aber nicht verhindern, daß die Organisation des Komitees sich innerlich zersetzt. So tauchen jetzt an allen Ecken und Enden Parlamentskandidaturen der Komiteepartei auf. In einzelnen Wahlkurien stehen sich ein Dutzend und mehr eigener Kandidaten der Partei„Union und Progres" gegenüber. Es ist eine vollständige Auflösung aller Parteiordnung. DaS Zentral- komit« scheint jeden Einfluß verloren zu haben. Die lokalen Gruppen stellen ihre Kandidaten auf; jeder, der über ein Halb» dutzend Anhänger verfügt, hofft zu reüssieren; die Mandatjägerei ist zu einem Geschäft tttid zu einem Sport geworden,— und der Einfluß der. Zentralorganisation scheint sich nur darauf zu de- schränken, daß all diese Leute sich für„Union und ProgreS" er« kläven.' Daß daS Komitee mit Hilfe des RegierungSapparat« eine Ma» jorität bei den Wahlen zusammentrommeln wird, ist wohl sehr wahrscheinlich: sicher aber ist, daß es diese Majorität noch weniger wird zusammenhalten können, als die des aufgelösten Parlaments Die Verlegenheit deS„Komitees" wird auch durch die Ben» folgungen dokumentiert, welche die Behörden bezw. das Kriegs» gericht gegen die Leute der Opposition unternehmen. So wurde Genösse Bonaraya in Saloniki auf offener Straße verhastet. ins Gefängnis geworfen und dann per Schub nach Konstantinopel gebracht, von wo man ihn weiter nach der bulgarischen Grenze schaffen wollt«. Es gelang allerdings in Konstantinopel, ihn stei» zubekommen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er nicht nach Saloniki zurückkehre. Bonaraya ist in Bulgarien geboren, er hat sich aber in aller Form das ottomanische Bürgerrecht erworben. Er war unter anderem einer der ersten, die mit der BesteiungS- armee nach Konstantinopel zogen, um mit den Wafstn in der Hand die junge Konstitution gegen den Staatsstreich zu schützen. Der Grund ist die Erstarkung der Arbeiterorganisa» tion in Saloniki und die energische Wahlkampagne, die von der Sozialistischen Föderation geführt wird. Das selbständige entschlossene Auftreten unserer Partei, die in Saloniki bereits über bedeutende Massen verfügt, erweckt steigend« Befürchtungen und Erbitterung in den Reihen de».Komitee»", Deshalb die Repressalien und Racheakte. Nützen wird natürlich Bonarayas Ausweisung nicht das geringste; denn die Organisation in Saloniki steht schon längst so fest, daß sie auch ohne die Mit- Wirkung des einzelnen auskommen kanu; dagegen schaffen die Ver- folgungcn eine gewaltige Erbitterung der Arbeitermasse«, die sich gegen das„Komitee" kehrt. Die Situation ist aber so. daß unsere Partei bei den nächsten Wahlen in Saloniki, trotz der ungünstigen Wahlkreiscinteilung. dem indirekten Wahlrecht und andren Schikanen, zu einer ausschlaggebenden Kraft werde» dam». Bvigarfat. Das Proporzionalwahlrecht. Sofia, 6. März. Die S o b r a n j e hat den Gesetzentwurf be» treffend die Einführung de« Proportionalwahk« s y st c m s für die Sobranje im ganzen angenommen. Marokko. Die„FriebenSarbeit" des französischen Protektorat». Paris, 6. März. AuS Easablanca wirb gemeldet: Zwei Kompagnien, die einen Aufklärungsmarsch südwestlich von Suk el Arba unternommen hatten, wurden von Leuten de? Andjerastammes angegriffen. Die Eingeborenen wurden nach hartnäckigem Kampfe mit beträchtlichen Verlusten in die Flucht geschlagen; auf stanzöfi- scher Seite wurden zwei eingeborene Soldaten verwundet. Hmerifta. Der Bürgerkrieg in Mexiko. Mexiko, 6. März. Die Zapatisten haben die S t a d t A t I i x c o eingenommen; bei dem Kampfe wurden 20 Mann der Re- gierungstruppen und 13 Aufständische getötet. In der Nähe von Torreon fielen Regierungstruppe» in einen Hinterhalt, wobei sie 50 Mann verloren. New T»rk. 6. März. Nach einer Meldung aus Guahaquil ist General Julia Andrade, der Kommandeur von Guahaquil, gestern abend in Quito von seinen Soldaten ermordet worden. Gewcrkrchaftlicbea. Zur äeutlcken Bergarbeiterbewegung. Die ablehnende Antwort des Verbandes der Grubenbe- sitzer lautet: .Wir müssen«S ablehnen, UNS zu den gestellten Forderungen zu äutzern. denn nur der nach dem Gesetz gewählte ÄrbeiterauZ- schuh ist berechtigt, die Wünsche der Belegschaften vorzubringen." Aber auch den Arbeiterausschüssen wird von den einzelnen . Äruben auf die von den Ausschüssen eingereichten Forderungen eine meist ebenso kurze, provokatorische Antwort zuteil. Die meisten Zechenverwaltungen werden überhaupt nicht ant- Worten. Das Verhältnis zwischen Grubenverwaltung und den Bergarbeitern ist deshalb ein sehr gespanntes. In den nächsten Tagen wird von den Bergarbeitern die Entscheidung gefällt werden. Den Weisungen der Organisationsleitung wird allgemein Folge geleistet. Während aus Zeche Kaiserstuhl die Belegschaft vollzählig angefahren ist, ist der Streik auf Zeche Scharnhorst noch nicht beendet, nur wenige Arbeiter sind angefahren. Der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter hält Ende dieser Woche eine allgemeine Generalversammlung für das Nuhrrevier ab, um die Situation ini Ruhrgebiet zu besprechen. Jni Saarrevier sprachen in christlichen Bergarbeiterver- sammlungen Giesberts, Behrens und I m b u s ch. In den Versammlungen wurde eine Resolution angenommen, worin die Bergarbeiter der preußischen Staatsgruben das Abgeordnetenhaus bei der Beratung des Bergetats um eine entsprechende Lohnsteigerung bitten, da die Durchschnittslöhne im Saarrevier wesentlich niedriger als im Ruhrgebiet seien, während die Leistungen der Saarknappen nicht zurückständen. — Wenn die Christlichen ihre Lohnforderung dem Preußischen Dreiklassenparlament anvertrauen, werden sie sicher schwere Enttäuschungen erleben. Daß die evangelischen Arbeitervereine es den Christlichen in der Warnung vor dem Streik mindestens gleich tun müssen, versteht sich am Rande. Die Leitung des rheinisch-westfäli- schen Verbandes evangelischer Arbeitervereine warnt seine Mitglieder dringend vor einer Beteiligung an ungenügend begründeten, daher aussichtslosen Ausständen, durch die die Sache der Arbeiter nur geschädigt werde. Die deutschen Ar- bester hätten keine Veranlassung, zugunsten der deutsch-feind- lichen englischen Industrie oder der Agitationsbedürfnisse der sozialdemokratischen Partei sich an einem Streik zu beteiligen. *** Am Montag, den 4. März, traten bekanntlich die Beleg- schatten der Zeche Kaiserstuhl und Scharnhorst in den Aus- stand. Darüber herrscht in der Zentrumspresse und in der christlichen Gewerkvereinspresse große Freude. Sie schrieb von anarcho-sozialistischen Einflüssen, von einem anarcho- sozialistischen Putsch usw. Und diese Meinung ging in die gesamte bürgerliche Presse über. In der Streikversammlung der Belegschaft der Zeche Kaiserstuhl, die am gleichen Tage stattfand, wurde durch den Vertreter des Bergarbeitervcrbandes nachdrücklich darauf hin- gewiesen, daß die Agitatoren des christlichen Gewerkvereins ein Interesse daran hätten, solche Putsche zu veranlassen und ein geschlossenes Vorgehen der Bergarbeiter zu vereiteln. Auch wurde bekanntgegeben, daß schon am Sonntag der Be- amte des christlichen Bergarbesterverbandes, Schneider aus Herne, erklärt hatte: .Montag oder Dienstag werden die Belegschaften von Kaiser- stuhl in den Ausstand treten, dafür garantiere ich!" Diese Aeußerung war sehr auffallend. Es fanden sich mich Montag früh vor der Einfahrt auf der Zeche 4— 5 geheimnisvolle Gestalten ein. die mit Depeschen operierten, die vom Vorstand des Bergarbeiterverbandes und der polni- schen Berufsvereinigung ausgehen sollten, und die zum Streikaufforderten. Auch das war recht eigenartig. Nun scheint Licht in dieses geheimnisvolle Dunkel zu kommen. Es wird jetzt Folgendes bekannt: In der Nacht zum Dienstag wurde das christliche Gcwerk- dereinSmitglied Steinbill dabei angetroffen, wie es auf der Zeche Tremonia in Dortmund im Waschraum einen Anschlag aufhäugte, worin zum sofortigen Streik aufgefordert wurde. Das kennzeichnet die Stimmung der christlichen Gewerkver- einsmitylieder! Die Gewerkvereinsführer gaben sich alle Mühe, ihre Mitglieder evtl. zum Streikbruch zu ver- leiten, und die Mitglieder fordern über die Köpfe ihrer Führer hinweg zum sofortigen Streik auf! Sie wollen das Verhalten ihrer Leitung vereiteln. Wäre es auf der Zeche Tremonia gelungen, die Belegschaft vor der allgemeinen Parole in den Ausstand zu Hetzen, dann hätte die Zentrumspresse wieder von einem„anarcho-sozialistischen Putsch" geschrieben und Stimmung gegen die Bergarbeiter gemacht. Das ist ihr Hauptzweck. Das Verhalten dieser Presse ist geradezu gemeingefähr lich. So schrieben die Gelsenkirchener Zeitungen und die „Tremonia" vom 3. März: .Auf der Zeche Kaiserstuhl kam es zu Rempeleien, und gerade die jüngeren Bergleute waren es, die in großer Zahl den Eingang besetzt hatten und den Arbeitswilligen den Eingang versperrten. Die verstärkte Polizei schaffte später Ordnung. Vereinzelt fielen aus der Menge der Streikenden auch Schüsse." Nun bringt die„Tremonia" vom 6. März.folgenden Bericht: .In unserer gestrigen Notiz über den Streik war gesagt worden, bei Gelegenheit des Ausstandes auf Zeche Kaiserstuhl sei vereinzelt geschossen worden. Aus amtlicher Stelle wird nun mitgeteilt, daß durch polizeiliche Ermittelungen bisher nicht fest- gestellt worden ist, daß von den Streikenden am gestrigen Tage Schüsse abgegeben worden find. Insbesondere hat keiner von den in Frage kommenden Polizeibeamten einen Schuß gehört." Also nicht einmal gehört hat die Polizei die Schüsse! Damit ist die Zentrumsliige von der Schießerei totgeschlagen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sie von der Zentrums- presse außerhalb des Ruhrgebiets noch weiter verbreitet wird. Im übrigen herrscht im Ruhrrevier völlige Ordnung und Ruhe._ Berlin imä Umgegend. Die Direktion der Allgemeinen Berliner-OmnibuS-Gesellschafi sendet unS folgende Zuschrist, die sie.Berichtigung" nennt: .Die Allgemeine Berliner Omnibus-Aktien-Gesellschaft hat von ihren Drehern. Fräsern, Bohrern und sonstigen Maschinenarbeitern nicht verlangt, daß sie nicht mehr im Akkord, sondern im Lohn arbeiten sollten, sie hat dieses Verlangen vielmehr nur an einen einzigen, von dem Hofe Usedomstraße nach dem neu eingerichteten Hofe Iasmunder Straße versetzten Dreher gestellt, weil dort zu- nächst Akkordarbeiten nicht vorhanden und nur eine Drehbank zu besetzen war. Sie hat auch die Löhne nicht so reguliert, daß die Arbeiter im Höchstfalle 0,70 M. pro Stunde verdienen sollten, es ist vielmehr den Arbeitern ausdrücklich versichert worden, daß der Höchststundenlohn wie bei den Vorarbeitern 0,75 M. für die Stunde betrage. Die Direktion der Allgemeinen Berliner Omnibus-Zlktien- Gesellschaft hat keinen der Streikenden aufgefordert, für 46 M. Wochenlohn zu Verrätern an ihren Kollegen zu werden, vielmehr hat sich ein Dreher freiwillig für einen Wochenlohn von 46 M. zur Arbeitsleistung angeboten, und darauf ist ihm erklärt worden, daß unter denselben Verhältnissen auch sein Freund eintreten könne. Die Direktion hat mit keinem Wort durchblicken lassen, daß man eventuell den Vater des einen Drehers, welcher schon über zivanzig Jahre bei der Gesellschaft ist und im Alter von 10 Jahren steht, nicht mehr gebrauchen könnet Mit keinem Wort ist von dem Vater des Drehers, wie dieser in einem an die Omnibus-Gesellschaft ge- richteten Schreiben selbst bezeugt, die Rede gewesen. Die Gesell- schaft oder einer ihrer Vertreter oder Angestellten hat nicht gedroht, den alten Vater arbeitslos zu machen, wenn der Sohn kein Lump werden will." Obgleich die Direktion der Omnibus-Gesellschaft uns die Auf- nähme ihrer Zuschrift dadurch zu erleichtern suchte, daß sie uns mit eventueller Strafanzeige drohte, haben wir uns doch die Zeit genommen, die Leitung des Metallarbeiterverbandes über die Sache zu befragen. Dort erteilte man uns folgende Auskunst: Das Personal der Reparaturwerkstätte auf Hof Usedomstraße benachrichtigte die Leitung ihrer Berufsorganisation, den Deutschen Metallarbeiterverband, daß die Arbeiter in dem Neubau Jas- munder Straße nicht mehr in Akkord, sondern in Lohn arbeiten sollten. Sie sollten gemäß einer Erklärung der Direktion, mit der sie selbst, die Arbeiter, verhandelt hatten, 70 Pf. pro Stunde als Höchst lohn erhalten. Bis dahin hatten sie in Akkord bis 85 Pf. verdient. Die Direktion lehnte indessen einen höheren Lohn als eben 70 Pf. ab. Daraufhin setzte sich der jetzige Streikleiter mit der Direktion telephonisch in Verbindung, erhielt aber die Ank wort, die D i r e bt i o n habe mit ihm nichts zu tun. Er ersuchte deshalb die Kommission in der Usedomstraße, doch noch mal mit ihrer Direktion Rücksprache zu nehmen, ob die Angelegen heit sich nicht doch noch in Güte würde regeln lassen. Ein Herr Schmidt aus dem Betrieb hat dann auch die Kommission emp fangen und ihr, angeblich im Auftrage der Direktion, erklärt die Direktion sei für die Kommission nicht �.u sprechen, es bleibe bei dem, was sie gesagt habe. Die Folge dieser Antwort war, daß nun der Streik erklärt wurde. Als die 22 Maschinenarbeiter in den Streik getreten waren. teilte in der ersten, am 4. März abgehaltenen Streikversammlung der Dreher Poetsch folgendes mit:„Kollegen, ich habe Euch eine Mitteilung �u machen. Als ich heute morgen im Betrieb war, um meine Sachen zu holen, hat die Betriebsleitung mich aufge- fordert, doch zu arbeiten und bot mir einen Wochenlohn von 46 M. Die Betriebsleitung sagte mir noch, ich sollte meinen Kollegen D u m d e i ebenfalls herüberschicken und ihm sagen, daß auch er 46 M. Wochenlohn erhalten solle. Ich will gleich be merken, daß mein alter Vater über 20 Jahre im Betrieb beschäftigt und pensionsberechtigt ist. Ein Angestellter der Omnibusgesellschaft sagte mir auch, daß mein Vater, wenn ich nicht wieder anfinge zu arbeiten, eventuell Schaden haben könnt e." Das waren die Worte, die der Drstjer Poetsch vor seinen 22 Kollegen gesprochen hat. Als diese ihm zuredeten, ihnen doch nicht in den Rücken zu fallen, antwortete er:.Ich will mir's noch überlegen." An demselben Tage ging der Streikleiter mittags wieder nach dem Streiklokal. Da trat auf der Straße P o e t s ch an ihn heran und sagte, er habe es sich überlegt und fange nicht an, doch wolle er zu der Firma gehen und ihr diesen Beschluß mitteilen. An geblich hätten dort zwei Herren von der Betriebsleitung mit ihm gesprochen, von denen der eine ihm zugeredet habe, doch wieder zu arbeiten, während der andere sagte:„Ach, reden Sie ihm doch nicht zu, das hat ja doch keinen Zweck." Ferner habe einer noch erklärt:„Wenn Sie nicht anfangen, dann kann ich Ihnen nicht garantieren, daß Sie nach dem Streik wieder Arbeit erhalien." Wie gesagt, alles nach Aussage des genannten Poetsch. Er ist dann bis Montag im Streik geblieben und hat am Dienstag als Arbeitswilliger angefangen. Wenn nun die Direktion mit einer Berichtigung kommt, so mutet das eigenartig an, um so mehr, als sie die Schuld daran trägt, daß die Angelegenheit in dieser Weise ausgetragen werden muß. Hätte sie nicht den krassen Herrenstandpunkt herausgekehrt, hätte sie mit der berufenen Vertretung der Metallarbeiter ihres Betriebes verhandelt, so wären ihr und anderen derartig un- liebsame Erörterungen erspart geblieben. Achtung, Glasschleifer! Die Differenzen bei der Firma H a n n i g, Königsberger Str. 3, sind durch Verhandlung beigelegt worden. Die Ortsverwaltung. Deutsches Reich. Aussperrung in der Maschinenfabrik von König in Guben. Die bekannte Buchdruckerei und Verlagsanstalt von König in Guben, die das bekannte„Königs Kursbuch" herausgibt, unterhält neben dem Budjfcruckereibetriebe noch eine Maschinenfabrik, Königsvogenanleger", G. m. b. H. Im Auftrage der dort be schäftigten Metallarbeiter reichten der Metallarbeiterverband und der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein Lohnforderungen ein. Tie Firma aber hält eine tarifliche Regelung der Löhne auf drei Jahre für undurchführbar. Stundenlohnerhöhung um 2 Pf. vom 1. April 1913 ab und um 1 Pf. vom 1. April 1914 ab kann sie nicht be- willigen. Als Antwort auf die eingereichten Forderungen hat die Firnia König sämtliche organisierte Arbeiter ohne weiteres aus» gesperrt. Zuzug ist fernzuhalten. Christliche organisieren den Strcikbruch. Bei der von den Porzellanindustricllen vom Zaun gebrochenen großen Arbeiteraussperrung war man sehr auf die Stellungnahme der Christlichen in Franken und in der Oberpfalz gespannt, deren Führer schon lange vor dem entscheidenden Schritt der Unternehmer eine höchst verdächtige Haltung eingenommen hatten. Der Verdacht, daß die Christen schließlich den Streikbruch proklamieren würden, hat sich jetzt vollauf bestätigt. Eine Konferenz der christlichen Porzellan arbeiter, die in Marktredwitz tagte, wies die Mitglieder des christ- lichen Verbandes an, am 4. März, an welchem Tage die Kündigung und zugleich die Frist ablief, zu der die Meldungen der nicht frei organisierten Arbeiter zur Fortsetzung der Arbeit entgegengenommen wurde, die Arbeit bedingungslos fortzusetzen. Dieser verräterische Schritt wird mit einer langen gewundenen Erklärung begründet, in der eine Hauptrolle die Behauptung spielt, die christliche Organ! sation habe keine Möglichkeit, ob die mit Anfertigung von Streik- arbeit motivierte Arbeitsniederlegung der Jsolatorendreher bei einer Unternehmerverbandsfiima, die bekanntlich den Anlaß zur Aus- sperrung gab, aus ihre Wahrheit zu prüfen. Der wahre Grund ist, daß die Christlichen im Trüben zu fischen hoffen. Die Suppe wird ihnen aber gewaltig versalzen werden. Auf der GlaSmanufaktur in Lünen a. d. Lippe wurde von dem Besitzer Schulze der Tarif gekündigt.— Der Fabrikant beabsichtigt, eine Lohnreduklion vorzunehmen. Da die Arbeiter sämtlich im Verband der Glasmacher Deutschlands organisiert sind, so haben sie über die Lüner Glasmanufaktur die Sperre verhängt. Die Glasarbeiter werden gebeten, bis auf weiteres Lünen a. d. Lippe zu meiden. Am Tunnetbau in Schlüchtern haben 89 Stollenarbeiter die Arbeit niedergelegt. Die städtischen Arbeiter in Würzburg hatten schon vor Monaten um Regelung ihrer Lohnverhälinisse und Gewährung einer Teuerungszulage von 39 bis 80 M., abgestuft nach der Kinderzahl, nachgesucht. Bezüglich der Löhne war Umwandlung des Stunden lohnes in Wochenlohn und Einteilung in vier Lobnklassen mit be stimmten Anfangs- und Höchstlöbnen gefordert, und zwar: 12 bis 18 M.. 19—25 M., 22—28 M., 25—31 M. Zu diesen Forderungen nahm der Magistrat jetzt erst Stellung; die Einführung von Wochen- löbnen und die Teuerungszulagen lehnte er rundweg ab. Dagegen soll ein.automalischer" Lohntarif eingeführt werden; der Tage lohn wird für volljährige männliche Arbeiter um 20, für minderjährige und für weibliche Arbeiter um 10 Pf. pro Tag erhöht. Weitere Vorrückungen sollen nicht vor 1915 eintreten. Die Arbeitseinstellung der Bautischler in Königsberg ist durch Verhandlungen der Organisationen unter dem Borfitz eines Unparteiischen und mit Unterstützung der beiderseitigen Zentral- vorstände beendet. Trotz größler Bemühung war zunächst eine Einigung zwischen den Ortsparteien nicht möglich, da beide aus dem bestehenden Vertrage das Recht ftir sich in Anspruch zu nehmen glaubten, strikte auf ihrem Standpunkt zu beharren. In die>er Situation mußte, da beide Teile für die Wiederherstellung des Friedens waren, die Entscheidung einem Unparteiischen übertragen werden. Als solcher wurde ein Magistratsassessor bestimmt. Der von diesem gefällte Spruch besagt, daß die von den Arbeitern er- hobene Forderung in vollem Umfange berechtigt und von den Unter- nehmern auf Grund des geltenden Vertrages zu erfüllen ist. Beendeter Streik. Der Streik der Mühlenarbeiter bei der Firma H. und I. Brüggen in Lübeck, der die Folge der Maß- regelung eines älteren Kollegen war. ist nunmehr nach mehrmonal- licher Dauer beendet worden. Ein Teil der Ausständigen wird vor- läufig erst wieder eingestellt. ZZusland. Die Steiiivietzmeister in St. Margrethen(Schweiz) suchen wiederum in Süddeulichland Leute anzuwerben. Sie erklären, die Bewegung sei beendet. Talsächlich ist sie seitens der Unternehmer- verbände für beendigt erklärt worden, von den Arbeitern aber nicht, da verlangt wird, es solle die Arbeit seitens der Aus- gesperrten bedingungslos wieder aufgenommen werden. Die Stein- Hauer sollen sich Lohnreduktionen und ArbeitSzeitverlänaerung ge- fallen lassen. Der Kampf dauert deshalb weiter. Tie Löhne sind derart schlechte, daß selbst von den 70 pfälzischen Streik- brechein in letzter Zeit etwa 40 abgereist sind, tagtäglich unter Hinterlassung ganz bedeutender Schulden das Feld räumen. Zur allgemeinen Situation im Steingewerbe der Schweiz ist zu konstatieren, daß wohl im Laufe des Jahres ziemlich Arbeitsgelegen- heit sein wird. Zum großen Teil sind jedoch die zu machenden Bauten nicht derart pressant, daß sie vor den Monaren Mai oder Juni begonnen werden. Selbst für bereits vergebene Arbeiten werden die Detailzeichnungen vor dieser Zeit kaum herausgegeben werden. Es wäre deshalb ein Zuzug nach der Schweiz zurzeit noch verfrüht, und tun diejenigen Steinhauer, welche beabsichtigen, dieses Jahr die Schweiz zu bereisen, besser, noch ein paar Monate abzuwarten. Versammlungen. Zentralverband der Schmiede. Die am JDiontag abgehaltene außerordentliche Generalversammlung nahm Stellung zum bevor- stehenden Verbandstag, besonders zur Frage der Verschmelzung mit dem Metallarbeiterverbande. Nach längerer Diskussion erfolgte die Abstimmung über mehrere von den Bezirken zu dieser Ange- legenheit gestellten Anträge. Eine Resolution, die sich grundsätzlich für die Verschmelzung erklärt, wurde mit 88 gegen 87 Stimmen abgelehnt. Angenommen wurde ein Antrag, der die Delegierten der Zahlstelle Berlin verpflichtet, dafür einzutreten, daß die Ver- schmelzung durch Urabstimmung mit Zweidrittelmehrheit ent- schieden wird. Ten Delegierten in dieser Hinsicht ein gebunheues Mandat zu erteilen, wurde abgelehnt.— Von den Anträgen, die zum Statut vorlagen, wurde einer angenommen, der eine Beitrage-- erhöhung von 5 Ps. für die zweite Klasse fordert.— SchliestlÜH stellte die Versammlung die Kandidaten zum Verbandstage aus. Letzte IVachnchtcn. Verhängnisvolle Kesselexplosion. Cberswalde, 6. März.(Eig. Tel. des„Vorwärts".) In den Linolcumwerken Rirdorf-Eberswalde in Heegermühle hat sich ein schwerer Unglücksfall zugetragen. Beim Probieren einer neuen Mischung fing der Oelkessel Feuer und kam durch Windzug, der durch das Eingreifen der herbeigeholten Lösch- Mannschaften veranlaßt wurde, zur Explosion. Fünf Arbeiter sind tödlich, fünf sehr schwer und eine Anzahl leicht verletzt._ Das Staatsbürgerrecht der Eiscnbahnarbciter. Tarmstadt, 6. März.(W. T.-B.) In der Zweiten Kammer wurde von sozialdemokratischer Seite eine Aufrage an die Regierung gerichtet über den Erlaß der Eisenbahndirektion Mainz, wonach den Arbeitern der Eisenbahnverwaltung bereits bei ihrer Annahme die besondere Stellung zum Bewußtsein ge- bracht werden soll, welche die Arbeiter einnehmen und die Be. schränkungen, denen sie bezüglich Arbeitscinsielluug und Beteiligung an sozialdemokratischen und anderen ordnungsfeindlichen Bestre- bungen unterworfen sind. Finanzminister Braun erklärte darauf, die Regierung sei mit diesem Erlaß vollständig einvcr» standen, auch wenn sie vorher darüber nicht gefragt worden sei. Für diese Stellungnahme der Regierung sei die Rücksicht auf die Besonderheit des Staatseisenbahnbetriebes maßgebend. Das Reichs- gcsetz über die Vereins- und Versammlungsfreiheit werde dadurch nicht beeinträchtigt und ebensowenig werde das Koalitionsrecht ein. geschränkt, da dieses ein wirtschaftliches und kein politisches Recht sei. Demission des ungarischen Kabinetts. Budapest, 6. März.(P. C.) Heute nachmittag fand ein Ministerrat statt. Ministerpräsident Graf Khuen Hedervarl) wird sich heute abend nach Wien begeben, wo er morgen vom Kaiser in Audienz empfangen wepden wird. Wie es heißt, wird er dabei dem Monarchen die Demission des gesamten Kabinetts überreichen, doch gilt es als wahrscheinlich, daß Graf Khuen mit der Neubildung des Kabinetts vom Kaiser beauftragt werden wird, und zwar nicht auf der Basis der definitiven Wehrreform, sondern auf der eines Wehrgesetzprovisoriums, entsprechend dem, das in Oesterreich ein. gebracht werden soll. Konferenz der englischen Minister mit den Bergarbeiter«. London, 6. März.(W. T- B.) Premierminister A s q u i t h, Minister des Aeußeren G r e y und Finanzminister Lloyd George hatten heute nachmittag eine Unterredung mit Mitgliedern des ausführenden Ausschusses der Bergarbeiter. Italienische Roheit. Paris, 6. März.(W. T. B.) Aus Tunis wird gemeldet: Ein arabischer Knabe, welcher mit anderen Kindern auf der Stadtmauer pielte, schleuderte einen Stein auf einen von zwei italienischen Fuhrleuten gelenkten Wagen. Diese feuerten ihre Revolver aus die Kinder ab und verwundeten einen achtjährigen Knaben lebensgefährlich. Beide Italiener wurden verhaftet. Da dieser Vorfall die unter den Eingeborenen gegen die Italiener herrschende Erregung auf das höchste gesteigert hat. haben die Behörden in den arabischen und italienischen Vierteln umfang- reiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: Tb- Glocke. Beri'n. Druck u. Verlag:BorwärtsBuchdr. u Verlagsanstalt PaulSingerL Co., Berlin SW. Hierzu 4 Beilagen«. llaterhaltungsbÜ' Kr. 56. 29. Jahrgang. 1. ßfilnjf des Jotmärto" Kerlim öolhUstt. DovNtrstag, 7. War; 1912. Unser Ltktnvahl abkommen. IV. Drei Punkte des Stichwahlabkommens sind es, die An- stoß erregen. Es heißt darin: 1. Die Erklärung der fortschrittlichen Kandidaten zu unserem Stichwahlabkommen ist als ausreichend anzusehen, wenn sie dahingeht, daß die von uns gestellten Bedingungen dem Programm der Fortschrittspartei entsprechen, das der Kandidat als für sich verbindlich erklärt. 2. Tie Zentralinstanz der Fortschrittlichen Volkspartei fordert öffentlich nicht aus, für uns zu stimmen, sondern nur unter keinen Umständen einem Kandidaten des schwarz-blaucn Blocks eine Stimme zu geben und mit aller Kraft auf die Zertrümmerung des schwarz-blauen Blocks hinzuarbeiten. 3. Wir„dämpfen" den Wahlkampf in 16 Wahlkreisen. Am raschesten kann man wohl den ersten Punkt erledigen. Es ist einfach nicht einzusehen, warum uns die Erklärung des Kandidaten in der vorgeschlagenen Form nicht genügen sollte. Und es wäre ganz überflüssige Mühe, sich den Kopf über die Gründe zu zerbrechen, aus denen die Fortschrittler jene Form wünschten und es ablehnten, unsere in Jena aufge- stellten Stichwahlbedingungen ausdrücklich zu unterzeichnen. Ob es ihnen als eine Demütigung erschien, weil ein Zweifel an ihren programmatischen Grundsätzen, oder was sie sonst bewegte, kann uns gleichgültig sein. Unsere Stichwahlbedin- gungen in Jena waren in erster Linie doch im Hinblick auf den linken Flügel der Nationalliberalen aufgestellt worden. Wir erwarten wenig von der Volkspartei. Aber, daß sie hinter die Jenaer Stichwahlbedingungen zurückgehe, wird doch nie- mand im Ernste annehmen. Dazu sind diese viel zu bescheiden. Auch über den zweiten Punkt ist nicht viel zu sagen. Mancher Kritiker entrüstet sich darüber, daß die Fortschrittler nicht den Mut hatten, ihre Anhänger direkt zur Stimmabgabe für uns zu verpflichten. Wenn man sich unter einem Fort- schrittler einen ehernen Demokraten vorstellt, mag man wohl überrascht sein, daß sie nicht entschiedener die Wahl des Sozialdemokraten gegenüber dem Reaktionär forderten, son- dern sie nur indirekt empfahlen. Wer aber die bisherige Praxis der Fortschrittler bei den Stichwahlen kennt, wird in der vorgeschlagenen Wahlparole, durch die sie sich dem Zorn der Rechten aussetzten, bereits eine erhebliche Konzession finden, die uns auch eine erhebliche Reihe von Wahlkreisen zu- geführt hätte, wäre sie nur streng eingehalten worden. Da- ran, daß dies nicht geschah, hatte man alle Ursache, Kritik zu üben, das konnte aber naturgemäß erst nach der Wahl ge- schehen, nicht vor ihr, und beweist nicht, daß der zweite Punkt des Wahlabkommens verfehlt war, sondern nur, daß er die äußersten Grenzen dessen darstellte, was die Berliner Zentral- leitung als Leistung ihrer Wähler in Aussicht stellen durste. Die beiden Punkte haben denn auch bisher nur wenig Anfechtung erfahren. Woran aber ein erheblicher Teil unserer Genossen Anstoß nahm, das war die„Dämpfung des Wahlkampfe s". In der Tat, eine neue und aus den ersten Blick recht befremdende Erscheinung. Mehrfach hat man es als eine bodenlose Unverschämtheit der Fortschrittler bezeichnet, uns ein derartiges Ansinnen zu stellen, und als eine ebenso bodenlose Schwäche des Partei- Vorstands, es zuzugestehen. Es sei unsere heiligste Pflicht, keine Stunde zu versäumen, die wir der Aufklärung über unsere Ziele widmen könnten und der Parteivorstand habe diese heilige Pflicht mit Füßen getreten, indem er die Auf- klärungsarbeit für die Zeit der Stichwahlen in 16 Wahl- kreisen auf Geheiß der Fortschrittler verbot. Ist das wirklich geschehen? Um das beurteilen zu können, müssen wir uns nochmals der Situation nach dem 12. Januar erinnern. Das fortschrittliche Zentralkomitee erkennt, daß eine entschiedene Mehrheit der Linken ohne auS- giebigc Unterstützung der Sozialdemokratie nicht möglich sei. Entgegen den bisherigen Gepflogenheiten seiner Partei- genossen beabsichtigte es auch, diese Unterstützung zu veran- lassen, aber es mußte dabei mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß sein Auftreten zu unseren Gunsten den Fortschrittlern die Wahlhilfe der Konservativen verscherzte und in schroffsten Gegensatz verwandelte, die sie sonst in ausgiebigster Weise er- warten durften. Und da erschien es nicht unbillig, wenn die Eortschrittler als Gegenleistung forderten, wir sollten in reisen, in denen wir ohne konservative Hilfe nicht siegen konnten, nicht eine Agitation treiben, um diese Hilfe an uns Leorg Friedrich Knapp. Knapp, der Straßburger Professor der Nationalökonomie, feiert heute seinen 70. Geburtstag. Er ist am 7. März 1842 in Gießen geboren, war ein Schüler de? berühmten Berliner Statistikers Eduard Engel und wurde dann Direktor des Statistischen Bureaus der Stadt Leipzig und Professor der Nationalökonomie zuerst in Leipzig und dann in Straßburg. Als Statistiker hat Knapp eine Reihe interessanter Beitrüge namentlich zur Lehre der Bevölkerung geliefert. Seine bedeutsamste Leistung aber liegt auf dem Gebiete der Agrargcschichte. Sein zweibändiges Werk„Die Bauern- befreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Pro- vinzcn Preußens", das 1887 erschien, ist in vieler Beziehung grund- legend geworden und hat zu zahlreichen ähnlichen Untersuchungen im In- und Auslande geführt. Namentlich der Lcgendenbildung, die sich an die Bauernbefreiung von 1816 knüpft, macht Knapp in diesem Werke gründlich ein Ende und weist nach, wie die gepriesene Reform unter dem Einfluß der Junker die Bauern nicht nur von den Lasten, sondern zugleich von dem größten Teil ihres Eigentums befreit hat. Leider wirkt die Darstellung unzureichend, wo sie die zweite Baucrnplünderung von 1848 ab schildert. Auf diese Haupt- schrift folgten 1891 vier Vorträge, die„Die Landarbeiter in Knecht- schaft und Freiheit" betitelt sind, sowie eine größere Anzahl spezieller Arbeiten und Aufsätze zur Agrargcschichte. Ein ganz anderes Gebiet behandelt die„Staatliche Theorie deS Geldes", die ISVö erschien. Ist Knapp als Historiker und Statistiker ein bedeutender Förderer der Wissenschaft gewesen, so wird seine Geldtheorie wohl als der interessante Versuch einer Systematik und Neubenennung moderner Geldcrscheinungcn angesehen werden können, jedoch gesagt werden müssen, daß sie unsere ökonomische Erkenntnis von dem Wesen des Geldes nicht bereichert. Hier zeigt sich die spezifische Schranke des Historikers, der meint, daß auch die komplizierten Erscheinungen kapitalistischer Wirtschaft durch einfache Beschreibung restlos erkannt werden können, während doch erst die theoretische Ergründung der ökonomischen Erscheinungen, wie sie zu ziehen, die ohne das Abkommen den Fortschrittlern zu Gute gekommen wäre. Faßt man die„Dämpfung" der Agitation in diesem Sinne auf, dann verliert sie allen Anstrich eines Verbots der Aufklärung der Massen über unsere Ziele. Die sozialistische Propaganda wird in der Stichwahlagi- tation stets beengt sein, außer in Fällen, wo der Vorsprung unseres Kandidaten über den Gegenkandidaten so groß ist, daß es mir der Heranziehung unserer Reserven bedarf, um sicher zu siegen. In Fällen, wo wir auf gegnerische Stimmen angewiesen sind, um zu siegen, wird in der Regel die sozia- listische Aufklärung über unsere Ziele nicht sehr lebhaft in den paar Tagen der Agitation zur Stichwahl betrieben wer- den. Man wird bei solcher Agitation naturgemäß jene Seiten unserer Tätigkeit in den Vordergrund schieben, an denen einzelne Schichten unserer Gegner, die dem Proletariat öko- nomisch nahe stehen, interessiert sind. Dabei unseren Stand- Punkt zu wahren und doch Eindruck auf jene gegnerischen Schichten zu machen, die wir gewinnen wollen, ist nicht leicht. Durch die„Dämpfung" der Stichwahlagitation in solchen Kreisen wird kaum eine Gelegenheit versäumt, prinzipielle sozialistische Propaganda zu treiben. So wichtig, ja, in ge- wissein Sinne unersetzlich die Agitation vor der Hauptwahl für die Aufklärung der Massen ist, so geringfügig ist der Nutzen der Stichwahlagitation in dieser Beziehung, wenig- stens in Wahlkreisen, in denen konservative Elemente die Stichwahl entscheiden und unser Sieg von diesen, nicht von unseren Reserven abhängt. Und um solche Wahlkreise handelte es sich. Auf der anderen Seite kam jener Gesichtspunkt in Be- tracht, den wir schon im vorigen Artikel erörtert: die große propagandistische Kraft, die uns erwachsen konnte, wenn unsere Partei als die stärkste in einer starken Linken aus dem Wahl- kämpf hervorging— ein Resultat, nicht zu erreichen ohne das Stichwahlabkommen. Da erstand nicht die Frage, sollen wir unsere Propaganda einschränken, sondern vielmehr die Frage, was ist wichtiger für unsere propagandistische Kraft, die Reden und Flugblätter, durch die wir in den 16 Wahlkreisen während der paar Tage vor der Stichwahl zu deren Wählern zu sprechen vermögen, oder die überragende Stellung unserer Partei während der fünf Jahre des kommenden Reichstags in ihren Einwirkungen auf ganz Deutschland? Das ist die entscheidende Frage für die Beurteilung unseres Stichwahlabkommens. Je nach ihrer Beantwortung wird man es gut heißen oder ablehnen. Diese Beantwortung selbst wird aber wieder in hohem Maße von der Bedeutung abhängen, die man der Stellung und Tätigkeit unserer Partei im Reichstag und den Parlamenten überhaupt für die Klassen- kämpfe des Proletariats, dessen Aufrüttelung und Organi- sierung als Klassenpartei beimißt. Wer darüber geringschätzig denkt, wird natürlich das Stichwahlabkommen verwerfen müssen. Aber mit den Argumenten der direkten Massenaktion, die man dagegen ins Feld führt, könnte man jede Beteiligung an den Stichwahlen, ja schließlich die Wahlbeteiligung selbst für unnütz erklären. Gänzlich deplaciert ist jene Entrüstung darüber, die so weit geht, in der„Dämpfung" der Wahlagitation ein vcr- stecktes Aufgeben der 16 Wahlkreise zu sehen und zu erklären, da hätte man lieber gleich offen dort unsere Kandidaten zu- rückziehen sollen. Etwas derartiges war tatsächlich von fort- schrittlicher Seite gefordert worden, davon konnte aber unter keinen Bedingungen die Rede sein. Das hieß etwas ganz anderes, als die„Dämpfung" des Wahlkampfes. Wie wenig diese die Wähler unserer Partei beirrt hat, zeigt folgende Tabelle: Die sozialdemokratischen Kandidaten erhielten Stimmen: Zunahme l-s-j oder Wahlkreis Hauptwahl Stichwahl 1. Oberbarnim.. 2. Liegnitz.... 8. Schönau-Hirschberg 4. Apenrade-Flensburg 5. Lauenburg... 7. Hagen.... 8. Dithmarschen.. 9. Calw..... 10. Balingen... 11. Meiningen... 12. Schauniburg.. 13. Lippe-Deünold. 14. Oldenburg I.. IS. Oldenburg II.. 16. Nordhausen.,. Abnahme(—) bei der Stichwahl Marx als Erbe und Vollender der klassischen Nationalökonomie ent- wickelt hat, uns verstehen läßt, was von Knapp nur b e- n a n n t wird. Politisch ist Knapp nicht besonder? hervorgetreten. Doch hat er aus seinen sozialpolitischen Ueberzeugungen nie ein Hehl ge- macht, und er gehörte in den siebziger Jahren zu jenen, die gegen das herrschende Manchestertum die Notwendigkeit der Sozialpolitik proklamierten und deshalb von der liberalen Schule und den libe- ralcn Politikern als Kakhedersozialisten verspottet wurden. ES ist nicht uninteressant, bei dieser Gelegenheit an einen Auf- satz zu erinnern, den der..Volksstaat" am 5. März 1873 unter dem Titel„Ein ehrlicher Kathedcrsozialist" über Knapp veröffentlichte. Knapp hatte in Leipzig einen Vortrag über die FreihandelSkämpfc in England gehalten und nachgewiesen, wie diese Kämpfe nicht um Volksrechte, sondern um Klasseninteresscn geführt worden. Er hatte gezeigt, wie die Manchcsterleute nach ihrem Siege die Ver- sprcchungen, die sie dem Proletariat gemacht, gebrochen hatten und im Anschluß daran scharf die Lässigkeit und Bequemlichkeit kriti- fiert, mit der die deutsche Manchesterpartei der Arbeiterbewegung zugesehen habe. Dazu hatte damals der ,. Volksstaat" geschrieben: „Die Art und Weise, wie Professor Knapp die gegenwärtige Gesellschaftskrise aufsaßt, stimmt durchaus mit der sozialistischen Auffassung überein, ist die sozialistische Auffassung. Es ist„ein Klassen-, ein Jntcressenkampf", in dessen Mitte wir jetzt stehen; und wenn die herrschenden Klassen von„Volksrechten" sprechen, so geschieht das bloß, um den Beherrschten und Ausgebeuteten Sand in die Augen zu streuen, und das dumme, leichtgläubige Volk aufzustacheln, daß es für seine Feinde die Kastanien aus dem Feuer holt. Wie die Arbeiter in England von der Bourgeoisie gcnaSführt und mißbraucht worden sind, so in Frankreich, in Deutschland, überall, wo cS Bourgeoisie und Proletariat gibt. Daß die herrschenden Klassen die beherrschten bis zu einer ge- wissen Grenze auch g e i st ig beherrschen, liegt in der Natur der Dinge; denn sie besitzen nicht bloß die materiellen, sondern auch die geistigen Machtmittel, indem sie über die tochule, die Kirche, die Presse verfügen. Die Grenze dieser geistigen Herrschaft ist die Erkenntnis der beherrschten Klasse, daß die Sehen wir von Dithmarschen ab, wo die Genossen über das im Abkommen geforderte hinausgingen und jeden Kampf einstellten, dann finden wir fast in jedem der 16 Wahlkreise trotz der„Dämpfung" einen Stimmenzuwachs, obwohl schon bei der Hauptwahl die Beteiligten eine außerordentlich hohe gewesen. Was uns bei jenen Stichwahlen fehlte, waren sicher nicht die Reserven unserer Partei, sondern fast ausschließlich konservative Elemente— diese Worte im umfassendsten Sinne gnommen, also Zentrum usw. mitgerechnet. Zwei dieser 16 Wahlkreise haben wir auch tatsächlich in der Stichwahl erobert. Das soll beweisen, daß der Parteivor- stand, der sie zu den„aussichtslosen" gerechnet hatte, sich bei der Beurteilung der Sachlage irrte. Aber sie hatten als aus- sichtslos gegolten für den Fall, daß die Konservativen für den Fortschritt eintraten. Nordhausen wurde wohl gerade durch das Stichwahlabkommen gewonnen. Dieses Abkommen hatte die Antisemiten und Konservativen so sehr gegen den Frei- sinn verärgert, daß sie zu Hause blieben und so den Sieg des Genossen Cohn ermöglichten, der ausgeschlossen war, wenn jene Elemente sich auf Seite des Freisinns schlugen. Die Ein- beziehung des Wahlkreises Hagen in das Abkommen aber be- ruhte auf einem Mißverständnis und wurde sofort tatsächlich rektifiziert. Daß in keinem der betroffenen Wahlkreise die Genossen von dem Stichwahlabkommen entzückt waren, ist be- greiflich. Es war in der Tat eine harte Zumutung, die ihnen gestellt wurde: nach monatelangem, opfervollem Wahl- kämpf waren sie endlich so weit, ihren Kandidaten in hie Stich- Wahl zu bringen. Und nun, unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht, als sie sich anschickten, den letzten Nerv anzu- strengen, um den Gegner in den Sand zu strecken, was wenig- stens den sanguinischen unter ihnen erreichbar erschien, sollten sie den eigenen Eifer dämpfen I Es war eine starke Anforderung an die Disziplin unserer Genossen: übertrieben stark, wenn man die„Dämpfung" des Wahlkampfes zu wörtlich nach den Anweisungen des Partei- Vorstandes auffaßte. Auf mehr durften die Fortschrittler doch nicht Anspruch erheben, als daß wir den Aerger der Konser- vativen über die fortschrittliche Stichwahlparole nicht sür uns ausnutzten und uns zu diesem Zwecke der Agitation in den Wahlkreisen enthielten, in denen die Konservativen zwischen uns und den Fortschrittlern entschieden. Wenn aber das Abkommen zu dieser Dämpsung unter anderem auch die Verpflichtung rechnete, den Wählern keine Stimmzettel zuzustellen und am Wahltage keine Schlepperdienste zu verrichten, so überschritt es damit die Grenzen des der Situation Entsprechenden, ja, des Erreichbaren. Denn den Parteigenossen in den erregten Zeiten einer Wahl unmittelbar vor der Entscheidung jede Be» tätigung, nicht nur agitatorischer, sondern auch organisatori- scher Art versagen wollen, heißt unmögliches von ihnen vcr- langen. Und ebensowenig am Platze war die Heimlichkeit, mit der das Abkommen eine Zeitlang behandelt wurde. Gewiß sind vertrauliche Besprechungen in solcher Situation nicht zu um- gehen und es geht nicht an, Mitteilungen oder Verhandlungen, die ein Dritter im Vertrauen mit uns gepflogen, ohne seine Zustimmung aller Welt mitzuteilen. Aber die Ergebnisse solcher Abmachungen, soweit sie Aktionen unserer Partei bedingen, müssen ihr mitgeteilt werden. Unsere Partei kann und darf keine Verpflichtungen eingehen, die sie nicht selbst nachzuprüfen vermag. Sollten die Fortschrittler Grund gehabt haben, zu wünschen, daß das ganze Abkommen ein Geheimnis bleibe, dann durfte es über- Haupt nicht abgeschlossen werden. So nützlich uns das Ab- kommen auch erscheint, uni den Preis der Umwälzung unserer demokratischen Grundsätze durfte es nicht erkaust werden. Das wollte aber der Parteivorstand sicher auch gar nicht. Hat er doch selbst zur Kritik seines Stichwahlabkommcns aus- gefordert. Bedauerlich ist bloß, daß dies nicht früher geschah und daß dadurch der Anschein erweckt wurde, als handle es sich hier um Dinge, die das Licht der Welt zu scheuen hätten. Das dürfte manchen Genossen gegen das Abkommen ein- genommen haben, der es sonst gebilligt hätte. � Wer sich durch diese anscheinende Heimlichkeit nicht ver- stimmen läßt, das Stichwahlabkommcn als Produkt einer be- stimmten Situation prüft und einzelne Details der Dämpfung nicht allzuscharf beurteilt, da es sich hier um ein noch nie versuchtes Experiment handelt, das keine lange Vorbereitung und Ueberlegung gestattete, der wird Wohl mit uns zu der Ueber- zeugung kommen, daß der Vorstand bei seinem Abschluß im ganzen und großen vollkommen zweckmäßig gehandelt hat. Interessen der herrschenden und der beherrsch. ten Klasse einander feindlich sind, daß hinter den Schmeicheleien der Herrschenden für die Beherrschten nur Eigen- nutz und Arglist lauern, daß jeder Dienst, den die Beherrschten den Herrschenden leisten, die Macht der letzteren vermehren, die Ketten der ersteren befestigen muß. Der schwer st e Teil de» menschlichen Befrciungswcrkes ist es, den Unterdrückten und Ausgebeuteten diese Erkenntnis beizu- bringen. Haben sie dieselbe erlangt, so sind sie schon zu Drei- vierteln frei— der Rest findet sich. Unsere Partei legt darum den Hauptschwcrpunkt darauf, in dem Arbeiter das Klassen. bewußtsein zu erwecken. Nicht, damit er seinerseits nach Klassenherrschaft strebe, sondern damit er sein Alles daran setze, die Klassenherrschaft durch Aufhebung des Klassen. gegcnsatzes vermittels der genossenschaftlichen Produktion prinzipiell zu vernichten. Wer aber die gegenwärtige gesellschaftliche Krisis als Klassenkampf auffaßt, steht auf dem Standpunkt des wirklichen Sozialismus, nicht deS „KathcdersozialiSmuS"." Wenn aber dann das Organ der Eisenacher Arbeiterpartei hinzusetzt, Knopps Vortrag beweise, daß die Wahrheit sich allmählich durchbohrt, und daß zwar nicht der KathedersozialiSmuS unter die Arbeiter, wohl aber der Arbeitersozialismus auf die Katheder dringt, so wissen wir heute, daß in Deutschland die Staatsmacht schon dafür sorgt, daß der Sozialismus den Kathedern ferngehalten wird und erinnern uns des skeptischen Wortes, das Victor Adler einmal geprägt hat, wonach Kathcdersozialisten jene heißen, die den Sozialismus fortgcworfen haben, um den Katheder zu behalten. Auf Knapp aber darf dieses Wort nicht angewandt werden. Er ist stets ein aufrechter Charakter gewesen, der aber sein Be- tätigungsfeld nie auf dem politischen Kampfplatz, sondern stets in der stillen Gelehrtenftubc gesucht hat. Und am Abend seines Lebens, den er in völliger geistiger und körperlicher Frische ver- bringt, darf er sich sagen, daß er nicht vergeblich gearbeitet hat. Er hat die wissenschaftliche Erkenntnis gefördert, und wir, die wir danach streben, daß unsere Politik nichts anderes ist, als ange» wandte Sozialwissenschast, können ihm gern dafür danke». v Allerdings, ob dieses Experiment eine Wiederbolung finden wird, ist eine andere Frage. Es ist aus einer bestimm- ten Situation geboren, durch sie zu verstehen und zu recht- fertigen. Sollte diese Situation sich wiederholen, dann hielten wie es ebenso wie diesmal für einen Fehler, ein uns angebotenes Stichwahlabkommen ähnlicher Art abzulehnen. Aber ein solches ist nicht zu erwarten. Denn die Situation, die es gebar, wird sich so leicht nicht wiederholen. Das Kennzeichen dieser Situation ist die Schwenkung der Fortschrittler nach links, eine Schwenkung jedoch, unent- schlössen und zaghaft ausgeführt. In seiner jetzigen unklaren Stellung kann aber der Liberalismus nicht lange bleiben. Entweder mus; er die Konsequenzen seiner kriegerischen Haltung gegenüber der Regierung und dem schwarzblauen Block ziehen, seine Kampfesstellung stärker betonen. Tann gerät er in so unheilvollen Gegensatz zu den Parteien der Rechten, daß bei einer künftigen Reichstagswahl jede Aussicht für ihn schwindet, auf den konservativen Krücken wieder in den Reichstag zu kommen. Jedes besondere Stichwahlabkommen zwischen den Fortschrittlern und uns wird dann überflüssig. Dies wurde ja nur durch ihre schwankende Haltung notwendig. Es versteht sich dann ohne weiteres von selbst, daß sie bei Stichwahlen für uns stimmen, wie wir für sie. Es kann aber natürlich auch anders kommen. Die kapi- talistischcn Elemente im Fortschritt können das Uebcrgewicht über die radikalisierenden gewinnen und sie können ihn zwin- gen, pater p«ecavi bei Scharfmachern und Agrariern zu sagen. Das müßte sofort den schärfsten Gegeniatz zwischen Fortschrittlern und uns herbeiführen und jeder Möglichkeit eines Stichwahlabkommens gründlich ein Ende machen. Ein weiteres Stichwahlabkommen mit dem Fortschritt muß entweder überflüssig oder unmöglich werden— eine andere Partei aber, mit der wir zu einem solchen Abkommen gelangen könnten, existiert zurzeit nicht. Es dürfte also ein vereinzeltes Experiment bleiben— ein interessantes Experiment, aber keines, das uns heute noch sehr aufzuregen braucht, mag es uns nun gelungen oder verunglückt erscheinen. Seine Diskussion ist notwendig geworden. Aber da sie unsere praktische Politik nur noch in höchst indirektem Wege zu bcein- flussen vermag, kann das Für und Wider in voller Seelenruhe abgewogen werden. Und je ruhiger es geschieht, um so besser für die Partei._ Hus der Partei. Heinrich Kiimpchen gestorben. Der Bergarbeiterdichter Heinrich Kämpchen ist am V. März in Linden a. d. Ruhr im Alter von Ks Jahren gestorben. Kämpchen war der Sänger des Bergarbeiter- Proletariats, dessen Leiden und Hoffnungen er in kraftvollen Kampfgedichten geformt hat. Aber neben den erzgepanzcrten Strophen des Klassenkampfes hat er aus der Liebe zu seiner Ruhr- Heimat heraus auch zart und romantisch anmutende Heimat- und Naturlyrik gedichtet. Kämpfer und Dichter in einer Person zu sein, darin lag sein Glück und seine Bedeutung. Aus den Organisationen. In einer zahlreich besuchten Mitgliederversammlung des so- zialdemokratischen Vereins Breslau gab der Vorsitzende des WahlkomiteeS, Genosse L ö b c, einen Rückblick auf die Reichstags- wählen in den beiden BreSIaucr Kreisen und über die Tätigkeit deS WahlkomiteeS. Der Ausfall der Wahlen ist ein befriedigender. Neben einem großen Stimmenzuwachs von 11 000 gelang es, beide Breslauer Kreise wieder zurückzuerobern. Im Gegensatze zum ReichSverbandc zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, der im Breslauer Wahlkampf 18 zum Teil der schmutzigsten Flugblätter in ungeheurer Zahl verbreitete, ließen sich die bürgerlichen Par- teien mit der eigentlichen Agitation bis nach Weihnachten Zeit. Die sozialdemokratische Partei hat mit rund 7S0000 Flugblättern die Schläge der Gegner wirksam pariert. 610 000 Flugblätter wurden durch die opferwillige Hilfe der Genossen un entgeltlich verbreitet. Bei der Stichwahl in BreSlau-Ost wurden durch persönliche Rücksprache rund 2100 Wähler, die bei der Haupttvahl nicht gewählt hatten, an die Wahlurne gebracht. Ver- sammlungen wurden insgesamt 25 abgehalten, in denen fast zum größten Teil die Kandidaten Bernstein und Bauer sprachen. Von auswärtigen Rednern sprachen die Genossen Südekum, Hirsch, Robert Schmidt und das österreichische Reichsratsmitglied I o k l aus Troppau. Die Gesamtlosten für beide Brcslauer Wahlkreise inklusive der Stichtvahl in BreSlau-Ost betragen etwas über 19000 Mark. Von den bürgerlichen Parteien haben sich die Freisinnigen den Wahlkampf i» BreSlau-Weft 12 000 M. kosten lassen. Die Konservativen verausgabten in Breslau-Ost 18 000 M., die Nationalliberalcn mit ihrer amerikanifcken Agitation allein in Breslau-Ost 30 000 M. Die politische Organisation hat während der Wahlbewcgung erfreuliche Fortschritte ge- macht. Zurzeit gehören dem sozialdemokratischen Verein über 10000 Mitglieder an. Ebenso hat der Abonnenten- stand der„Volks wacht' außerordentlich günstige Fortschritte gemacht. Seit Oktober vorigen Jahres ist ein Zuwachs von 7 000 Abonnenten zu verzeichnen. An den beifällig aufgenommenen Vortrag schloß sich eine längere Diskussion, in der von einigen Rednern eine gründliche prinzipielle Durchbildung der Parteigenossen gewünscht und von der Fraktion ein entschiedeneres Betonen des Klassenkampfes gefordert wurde. Von anderer Seite wurde dagegen wieder betont, daß man zu der neugewählten Reichstagsfraktion das größte Vertrauen hoben kann. Dem Wahlkomitcc wurde hierauf einstimmig die vollste Zufriedenheit für die geleistete Arbeit ausgesprochen. Rech ein Austritt auS der italienischen ParlamentSfraktien. Rom, 4. März.(Eig. Ber.) Dem Beispiel BissolatiS und V o n o m i S folgende, ist nun auch Genosse Angela Cabrini in Erwartung des Parteitages aus der sozialistischen Parlamentsfraktion ausgetreten. Somit haben die drei Ab- geordneten, die während der letzten Ministerkrise als Minister und Unterstaatssekretäre ins Auge gefaßt worden waren, sich bis auf weitere? von der Parlamcntsfraktion zurückgezogen. Die sozialistischen Lehrer in Belgien. Die erste Versammlung deS Berein« sozia« listischer Lehrer in Man« nahm namentlich Stellung zu der LandeS-Lehrerversammlun g. Man war einig darin, daß die zu schaffende sozialistische LandcSorganisation der sozia- listischen Lehrer in keinerlei Konkurrenz zu der bestehenden, rein beruflichen Vereinigung treten solle. Vielmehr wurde festgestellt, daß die Organisation dem alten Verbände in vielem nützlich sein könne, wie sie in ihm wiederum ein Mittel zur Verbreitung der sozialistischen Ideen und zum Schutze der Interessen ihrer Mitglieder erkennt. Im Endzweck, der vollkommensten Wahrung der Interessen der Schule, der Lehrer und der Kinder, stimmten beide Vereinigungen Lberetn. Ein sozialistisches Experiment in Marokko. Pari«, 4. Mörz.(Eig. Ber.) Genosse Lucien Desliniere«, ein Gelehrter, der sich zur marxistischen Gruppe der französischen Sozialisten zählt, aber schon früher eine Neigung zu utopistischen Schrullen gezeigt hat— so hat er ein Gesetzbuch für die sozialistische Gesellschaft verfaßt—, ist an die Fraktion der geeinigtcn Partei mit einem Projekt herangetreten, das die Gründung einer sozialistischen Kolonie in Marokko mit Staatshilsc zum Gegenstand hat. DcsliniörcS schlägt für diesen Versuch, von dem er sich eine entscheidende propagandistische Wirkung verspricht, da» Gebiet des S e b u vor, das zwischen der spanischen Zone und der Schauja am Atlantischen Ozean liegt und einen Flächeninhalt von 14 000 Kilometern hat. Da dort noch keine kapitalistische Unter- nehmung besteht, wäre eine Expropriation unnötig. Die einge- borencn Kleineigentümer sollen in ihrem Besitz unangetastet bleiben. DcSliniercs ist überzeugt, daß sie ihn später der Gemein- schaft freiwillig übergeben werden, sobald sich die Vorteile des sozialistischen Betriebes kundgeben werden. Vorläufig wird dieser die„Habu" genannten, brach liegenden Ländereien urbar machen, die nach mohammedanischem Recht berrcnlos sind. Es gibt in dieser Gegend ausgedehnte Sumpfländereien, von deren Trocken- legung sich DeSliniercS die Gewinnung eines außerordentlich srucht- baren Ackerlandes verspricht, da« Hunderttausende von Kolonisten ernähren könnte, während daS kapitalistisch bewirtschaftete Algerien. da» Frankreich 4 Milliarden gekostet hat und noch immer einen jährlichen Zuschuß von 83 Millionen fordert, nur 20 700 französische Grundbesitzer zählt. Als weiteren Vorteil für Frankreich führt DcSliniercs an, daß diese als Miliz organisierten Kolonisten die Kosten cineS Armeekorps ersparen würden. Und daS alles soll nur 100 Millionen kosten, die in Jahresraten von 10 Millionen bei- zustellen sind. Die Vcvtvirklichung dieses Projekts soll durch die direkte Regie deS Staates erfolgen, da die internationalen Verträge mit ihrer Vorschrift der freien Ausschreibung für private Konzessionen die genossenschaftliche Form ausschließen. Die ersten Verwalter sollen von der Regierung im Einvernehmen mit der sozialistischen Partei(l), die späteren von den Kolonisten ernannt werden. Wir haben den kuriosen Vorschlag darum so ausführlich wieder- gegeben, weil die Fraktion beschlossen hat, ihn mit dem Autor ge- meinsam zu prüfen. Deslinieres wird in diesen Tagen eine Schrift über diesen Gegenstand erscheinen lassen und bittet die Genossen, einstweilen mit ihrem Urteil zurückzuhalten. Diesem Wunsch kann leicht Genüge geschehen, wenn man auch die Verwunderung darüber nicht unterdrücken kann, daß ein in der Geschichte der sozialen Bewegung so unterrichteter Sozialist mit Hilfe des bürgcr- lichen Klassenstaates das Experiment einer agrarkommunistischen Kolonie wiederholen will, dessen Gelingen oder Mißlingen unter den weltwirtschaftlichen Bedingungen des Kapitalismus weder für noch gegen die sozialistische Umgestaltung der bestehenden Produk- tionswcise beweisen könnte. Die Erklärung gegen den zarischen Justizmord an den sozial- demokratischen Abgeordneten der zweiten Duma wird auch v o n d e n österreichischen sozialdemokratischen Abgeord- n e t e n unterzeichnet werden. Hartnäckige Wähler. In Pohlitz bei Greiz fand zum drittenmal die Wahl eines Stellvertreters des Gemeindevorstehers statt. Bei den ersten beiden Wahlen war der von sozialdemokra- tischer Seite vorgeschlagene Barbier Seifert gewählt worden, dem die AuffichtSbehördc beide Male die Genehmigung versagte. Bei der jetzt vorgenommenen dritten Wahl wurde Seifert wiedergewählt. Jugendbewegung. Polizeiliche Belästigungen. Am Sonntag, den 3. März, nachmittags 3 Uhr, waren in Berlin etwa 100 Jugendliche zu einer Besprechung über die neueren Vorgänge in den Fortbildungsschulen in den-Rittcrsälen" zusammengekommen. Als der Referent etwa 10 Minuten gesprochen, erschien ein Kriminalbeamter im Saal. Der Aufforderung, sich zu entfernen, kam er nicht nach. Dem Leiter der Versammlung er- klärte er:-Ich komme im Auftrage des königlichen Polizeiprä- stdiums und werde an dieser Versammlung teilnehmen.' Auf den Einspruch des Vorsitzenden, daß nach dem Vereinsaesctz diese Ver- sammlung nicht überwacht werden dürfe, erwiderte der Beamte: „Ich will auch nicht überwachen; mein Auftrag lautet, an der Versammlung teilzunehmen, um zu hören, was hier vorgeht; ich werde also hierbleiben." Nach einer kurzen Ansprache des Rcfc- reuten, in der diese neueste Polizeibclästigung gekennzeichnet wurde, verließen die Teilnehmer, welche es ablehnten, unter Polizei- aufsicht zu tagen, geschlossen die Versammlung. Am Ausgang war ein Leutnant mit mehreren Schutzleuten in Bereitschaft,„die Orb- nung aufrechtzuerhalten"! Es gab aber nichts zu tun. Di« Be- geisterung der jungen Leute für die proletarische Jugendbewegung wird durch solche polizeilichen Aktionen natürlich nur erhöht. Bus Industrie und kiandel. Der ostelbische Kampf gegen die Schnapslicbesgabe. Die Organisation der deutschen Brenner, der verwertungt- verband deutscher Spiritusfabrikanton, hielt kürz- lich ihre diesjährige Generalversammlung ab. Bekanntlich bildet diese Organisation mit der Zentrale für Spiritusverwertung, dem Verbände der Spritfabriken, zusammen die Spirituszentrale. ES war deswegen zu erwarten, daß die deutschen Kartoffelfuselproduzenten die Gelegenheit benutzen würden, ihre Liebesgabe zu verteidigen. ES kam eigentümlicherweise diemal ander«. K r e t h, der Reichstagsabgeordnete und 30 000 Mark-Direktor der Spirituszentrale, erklärte unter anderem, die Liebesgabe sei nur für die Süddeutschen und die Mitteldeutsche» von Bor- teil, die Ostelbier würden am liebsten die ganze Kontingentierung und damit auch die Liebesgabe völlig beseitigt sehen! Und wer mit dieser mehr al« verwunderlichen Lcußerung nicht zufrieden ist, möge Kroths schöne, mit ostelbischem Pathos vor» getragene Abschwörung der Liebesgabe wörtlich nachlesen, sie lautet: ES wäre eine Verleugnung de« gcnoffenschaftlichen Geiste«, wenn die Ostelbier, lediglich, um sich von dem Stigma der Liebesgaben- schluck« zu befreien, ihre Gewerbegenosscn in Mittel- und Süd- deutschland der irregeführten Volkswut al« Opfer vorwerfen wollten." Diesen Worten folgte nicht etwa stürmische« Gelächter, sondern jubelnder Beifall der versammelten Schnapsagrarier. Prüfen wir den.genossenschaftlichen Geist' der Ostelbier in dieser Frage einmal etwa« näher, sehen wir zu, was der Heldenmut der Ostelbier, die sich lieber selbst der.irregeführten VolkSwut" auS- setzen alS ihre kleinen süddeutschen und mittdeutschen Brenner- genossen, für einen Kurswert hat. Die Alkoholherstellung erfolgt heute in Deutichland vor allem au« Kartoffeln, dann auch aus Getreide. Melasse und Obst, daneben noch aus einigen anderen Produkten. Von den 1909/10 erzeugten S,S Millionen Hektoliter Alkohol wurden 2,92 Millionen Hektoliter in Kartoffelbrennereien. 590 000 Hektoliter in Getreidebrennereien, 73 000 Hektoliter in Melassebrennereien und 33 000 Hektoliter in Obstbrennereien her- gestellt; der Rest der Produktion verteilt sich auf die wirtschaftlich belanglosen Methoden. Nebenbei sei bemerkt, daß für die deutsche Kartoffel. Produktion, die im Erntejahre 1909 46.7 Millionen Tonnen be- trug, der Schnapskartoffelverbrauch fast gar nicht ins Gewicht fällt. machte er doch 1909/10 ganze 2,9 Millionen Tonnen, also zirka sechs Prozent der deutschen Kartoffelproduktion auS. Die Schnapsbrenner sind auch als Kartoffelverbraucher nicht unent- behrlich! Um feststellen zu können, welche LiebeSgabensumme jede der verschiedene» Alkoholproduktionsarten alljährlich bekommt, muß ge- prüft werden, wie hoch die Kontingentsanteile sind. Auch hier nehmen wir die Zahlen von 1909/10. DaS deutsche Gesamtkonlingent betrug damals noch 2,25 Millionen Hektoliter, jetzt ist es bekanntlich zur Sicherung der LiebcSgabe auf 1,75 Millionen Hektoliter herabgesetzt worden. Auf die deutschen Kartoffelbrennereien entfielen 1909/10 1 860 462 mal 20 M.— Kontingent der Kartoffel- brennereien und HekioliterlicbcSgabe—, also 37 209 240 Mark LiebeSgabel Die Getreidebrennereien erhielten 6,3 Millionen Mark, die Melassebrennereien 1,4 Millionen Mark, die O b st b r e n n e r e i e n 161 000 M. Es kommt nun darauf an, erstens einmal festzustellen, ob die landwirtschaftlichen oder die ge- werblichen Brennereien aller Art de» größten Liebesgabenanteil haben. Zweitens ist festzustellen, wo die LiebeSgabenempfänger sitzen, in Ost« und Norddeutschland oder in Mittel- und Süddeutschland. Werden die wichtigsten beiden Arten der SchnapSbrcnnerei, die' Kartoffel- und die Getreidcbrennerei, nach landwirtschaftlichen und gewerblichen Unternehmungen getrennt und ihre Produktionsmenge an Alkohol pro 1909/10 festgestellt, so ergibt sich folgendes schöne Bild: Landwirtschaftliche Kartoffel- und Getreidebrennereien bestanden 1909/10 in Deutschland 13 170, sie brannten 3 184 000 Hektoliter Alkohol und erhielten rund 40,3 Millionen Mark Liebesgabe l Gewerbliche Brennereibetriebe der eben bezeichneten Art bestanden 728 mit einer Produktion von 346 000 Hektoliter und einem Liebesgabenanteil von 2,7 Millionen Mark! Demnach ist eS also die Landwirtschaft, welche den allergrößten Teil der Schnapsliebesgabe schluckt. Es bleibt nun nur noch fest- zustellen übrig, wo im besonderen die Kartoffelbrennereien liegen. die allein 85 Proz. oller deutschen Alkoholproduknon— 2,9 Millionen Hektoliter von 3.6 Millionen— überhaupt in ihren Händen haben. Nach Kreths Rede müßte angenommen werden, daß die Mehrzahl der rund 6000 deutschen Kartoß'elbrennereien in Süddeutschland liegen. In Wirklichkeit liegen die Brennereien aber so, daß all- jährlich 90 bis 95 Prozent der Schnapskartoffeln in den öst- lichen Provinzen Deutschlands und ia Mecklenburg, Königreich Sachsen und Anhalt verbraucht werden! ES steht also fest, daß die Mehrzahl nicht nur der landwirtschaftlichen Brennereien überhaupt, sondern auch der Kartoffelbrennereien in den Gefilden der Ostelbier liegt, damit fließt natürlich auch die Liebesgabe vor allen Dingen in ostelbiscke Taschen I. Di« 13 deutschen Melassebrennereien erhielten 1909/10 1,6 Millionen Mark Liebesgabe, und die rund 53 000 süd« deutschen Ob st brennereien mit ihrer Gesamt« Produktion von ganzen 37 700 Hektoliter Alkohol bekamen 161 660 M. Liebesgabe. Also im Durchschnitt für jede Brennerei rund 3 Bf., eine» Talerl Und diese 53 000 Taler der süddeutschen Kleinbrennereien ver- teidigen die um Kreth mit ihren 41 Millionen Mark LiebeSgabel So fleht der genoffenschaftliche Geist der Ostelbier auS, daS ist kein gewöhnlicher Geist mehr, das ist ostelbischer— Spiritus! Sozialea«. Tie Kündigung am Sonntag. Nach Z 193 des Bürgerlichen Gesetzbuchs tritt an Stelle des Sonntags der vorhergehende Werktag als letzter Tag einer Frist, innerhalb deren eine Willenserklärung abzugeben ist. Auf diesen Paragraphen berief sich ein Reisender in Schöneberg, der vor dem dortigen KaufmannSgericht die ihm am 31. Dezember v. J� einem Tonntag, zugegangene Kündigung als zu spät erfolgt anfocht. Sonn- und Feiertage seien als Kündigungstage gesetzlich aus- geschaltet, ebenso sei es allgemeine Bcrkehrssitte, am Sonntag nicht zu kündigen. Das Kaufmannsgericht schloß sich mit Recht der Auffassung des Klägers nicht an, wks ihn vielmehr mit seiner Klage ab. Die Kündigung am Sonntag sei zulässig. 8 193 sei auf die KündigungS- frist überhaupt nicht anzuwenden, weil die Kündigung weder an einem bestimmten Tage, noch innerhalb einer bestimmten Frist, sondern im Gegenteil gerade außerhalb der Kündigungsfrist ab- zugeben ist. Eine Vcrkehrssitte, so begründet das KaufmannSgericht weiter, bestehe weder, noch könne sich je eine solche bilden. Die. Kündigung käme-jeder anderen empfangsbedürftigen Willens-' crklärnng gleich. Da aber die Post am Sonntag arbeitet, gelten zahllose Erklärungen, die in vorher abgesandten Briefen enthalten sind, als am Sonntag abgegeben, wenn der Brief am Sonntag be- stellt wird. Der Absender jedes eine empfangsbedürftige Willens- erklärung enthaltenden Briefes müßte demnach Vorkehrungen treffen, daß der Brief nicht am Sonntag bestellt wird. Die» wäve aber, insbesondere bei Briefen nach außerhalb, fast unausführbar und würde jedenfalls zu einer schweren, gänzlich unberechtigten Belästigung des Verkehrs führen. Allgemeiner FürsorgeerziehungStag. Der Mgemeine Fürsorgeerziehungstag findet in diesem Jahre zu Dresden vom 24. bis 27. Juni statt. Es werden folgende Themata in den Hauptversammlungen bearbeitet werden:„Die Beziehungen der Fürsorgc-ErziehungSorgane zu den Familien unserer Fürsorgezöglinge"—„Psnchopathologie der Pubertätszeit" —„Die Förderung der vorbeugenden Wirkung der Fürsorge- erziehung durch Vereinheitlichung der Durchführung von Fürsorge- erziehung, Jugendgericht und Waiscnpflege". Marktbericht von Berlin am ii. März 191«.»ach Ermittelung de« königl. Potizeipräsidium». Warkthallcnpreise.(Kleinbandcl) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00—50,00. Speis ebohncn, weihe, 35,00—66,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln 9,00— 13,00. 1 Kilo- gramm Rindsietsch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfletsch. Bauchfleisch 1,30 bis 1,80. Schweinefleisch 1.20—1,80, Kalbfleisch 1,40— 2.40. Hammelfletsch 1,30— 2,20. Butter 2,60-3,20. 60 Stück Eier 4,20—6,00. I Kilogramm Karpfen 1,00—2,40.«alt ILO— 3,00. Zander 1,60—3,60. Hechte 1,40-2,60. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück Krebse 4,00-30,00. Vorsieht bei Erkältuno Sehr oft wird eine leichte Erkiltung unbeachtet gelaeecn. und die InflueDitblllen finden •Inen TOnUgl.Nkhrboden in dem kranken Bim des erkalt. Körper«—'/. Ol. Santa Lncla- Weta, var jeder MahUeitgeno»«en, gibt triftiges Wärmegefühl a. wirk« äusserst anreg. fnntn I urin«»«>?- sis äää01« oUlllU LUIIU Rotwein ßHeffeaftcn der Rcdahtion. DI« lurlftllflt eprc-Hstund« ftnbet Llndenst r-« e 69, Ktttt Die» SfUmen y»»r stuhl—, wocheniäglick«°u t'.b ii» 7>�Ulir adend», e»iin»btnd«, v»»«Vi bis 6 Uhr abcndö Halt. Jcdrr für den Srieslastc» delilm»»ea«nfraze ift ein Bnihslabr und eine zahl als Mcrljetchen detzulügen. Brirsllckie Antwori wird nicht rricUt. Aulrage», denen leine Adoilnementsanlttuna veizesilit«st, werden nlcht beantwortet. Eilige Frage» trage man in der evrechslunde vor. G. O. IVO. 1. Grenze nach unten nicht vorgesehen. 2. Bei An« gestellte», vetrlehZlleamlen nlid HandlungSgeSIIsen zurzeit noch SM) M. 8. Nein.— Lichtenrade 100. Sie gelten u. E. als Angesessener und sind als solcher wählbar.— Heinrich Liiidenberg 77. 1. Ja, sall« der Ehe- mann beweist, das; er in der gesetzlichen Empsängniszeit keinen Verkehr mit der Frau gehabt hat. 2. Nein. 3. Falls die unter 1 erwähnte Beweis. sührung mSglich ist, kann da« Kind sür unehelich erklärt werden. Mit der Tause bat das nichts zu tun. 4. und 5. Nein.— E. C. 68. Für das Quartal im lausenden Kalenderjahr sind ebensalls 60 Ps. zu zahlen.— F. H. 1801. 1. Nein. 2. Versuchen Sie es mit einem Antrag an das Vormund'chastSgerlchl.— M. L. 34. U. E. ja.— P. Sch., Spandau 4. Ja,— L.«. 3 i. Der siir den Wohniih der Schuldner bestimmte Gerichtsvollzieher ist zuständig. 2. An einen Notar.— K. St. 43. 4 Ja. 2. 200 Mark.— Gin tu n 100. 1. AuSkunst erteilt die Zentrale sllr Aus« Wanderer, Karlsbad 9/10. 2. Nach dem Vater ja.— O. K. 10. Ihre Darstellung ist unverständlich.— E. K. 6. 1. Leider ja. 2. Sie müssen erscheinen; andernfalls ergeht gegen Sie VersäumniSurteil.— G. G.~.5. a) Ja. b) Lägt sich eist beantworten, wenn angegeben wird, welche Kleidung« Hü ckc der Schuldner besitzt.— H. M. S. Treten an Stelle der Mutter.— silrko 100. Gruna». 1. Für die ganze Zeit, sall» die Ver. anlagung Ihrem jeweiligen Eintommen entsvricht. 2. Für einschl. Februar. ■iir Theater und Vergnügungen ZK Donnerstag, 7. März 1912. Ansang 7'/, Uhr. Sgl. Opernhaus. Königsktnder. Sgl. Schauspielhaus. Der große König. Deutsches. Viel Lärm um Nichts. firkus Büsch. Gala-Vorftellung. irkus Schuiiiaun. Gala> Vor- stellung. Zirkus Sarrasani. Gala- Vor- stellung. Havrrland. Spczlalltiten. Aulang 8 Uhr. Urania. Daiibenftraste 48/40. Der Großglocktier, Gastein und die Salzburger Alpen. Lessitig. Alkestts. Slcines. Und das Licht scheinet in der Finsternis. KöniggraNcr Strafte. Die säns Franksurtcr. Sienes SchautpielbanS. Heiligenwald. Neue«. Der liebe Augustin. ztaiiiuierspiele. Eine glückliche Ehe. Residenz. Alle« sür die Firma. «oiui'che Oper. Die Zauberflöte. Surturstenoper. Der Schmuck der Madonna. Westen. Wiener Blut. Lustspielhanö. Die Damm de» Regiments. Berliner. Große Rosinen. Reue» Overreken. Eva. Schiller O. Der Kilometerfresser. Schuir,-Cliarlottenvurg. Gräfin Lea. Friedr.. Willi. Schauspielhaus. Das Leutnantsmündel. Luisen. Eine leichte Person. Rose. Mutter und Sohn. Wintergarten. Spezialitäten. -Dtetr. v». Die Nacht von Berlin. Triauo». Da« kleine Casö. Thalia. Polnische Wirlschast. Sastno. Ter Kamps umS Dasei». illpotto. Svezialtlnlcn. Bai!a»r.«vezialitäten. Hrrrnfcld. Wie man Männer besseri. Der Hauslenscl. Rrichsiinlie» Steltincr Sänger. Sönigstadt- Kasino. Kinder der Wüste. Spezialitäten. Ansang bllt Uhr. Nolles Onprice. Maiidelblüth'S Polterabend. Losgelassen. Waste»- Übung. Walhalla. Menschenrechte. Boigt. DaS Mädchen ohne Ehre. Ansang 8';, Uhr. Neue« Bolkethrater. Geographie und Liebe. BcNr-Alliauce. Die Melneidgräff». Sternwarte. Jnvalldenftr. 67—62. Schiller-Theater OÄ«: Donnerstag, abend« 8 Uhr: Oer KllotncterfrcBner. Freitag, abends 8 Uhr: tirttfln Lea. Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Kilonicterfiac»)icr. Scmiler-Tlieaier Donnerstag, abend» 8 Uhr: tirilfln Leo. Freilag. abends 8 Uhr: Kyrlta-Pyrits. Sonnabend, abend? 8 Uhr: GrUfln Lea. Relchshallen-Tlieater. Stettiner SUngcr Zum Schluß: Kine Hochzeit tu der Mullrrstrastc. Burlesk« von McyscI. Ansang wochentags 3 Uhr. Sonnlag 7 Uhr. SosialclemokratifckeI' MaMverein für clen 6. Berliner Reichstags-QKahthrels II A ■■ ■■ ■ 6 Sonnabend, den 9. März 1912: Stiftunss-Pest in lolgcnden Lokalen: Qermania-Prachfsäle, Chausseestraße 110 Moab. Gesellschaftshaus, Widefstr. 24:: Pharus-Säle, MüIIerstr. 142 bestehend in Konzert:: Gesang:: Bmnop.-satir. Vorträgen u.tupnep. Änfliitirnngen:: Festreöe:: Tanz Mitwirkende: Berliner Humop-Ouartetl, Apollo-Sänger, Berliner Ulk-Trio, Ocsr.ngv. Neu erwacht, Männerchor Moabit, Sängerchor Wedding X Arbeiter-Turner Festredner: Rcichstagsabg. Georg Lcdcbonr. Landtagsabg. II. Strubel. Reichstags- u. Landtagsabg. Dr. K. Liebknecht. A ■ B BB aa XXX Anlang 8 Uhr. X Einlaßkarte 30 Pf. X Programm gratis, Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. XXX Urania. WiBaenBchaftlicheB Theater. 8 Uhr: Der GroOglockner, Gastein und die Salzburger Alpen. Berliner Theater. Abend« 8 Uhr: Grosze Rosinen. Mtei'iGllerWggMr�llKe Abend» 8 llbr: Die 5 Frankfurter. Neues Theater. Abend« 8 Uhr: Der liebe Augustin. Sonnt. 3'/. Uhr zum erstenmal: Der Vog6lhändlepJ________ Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Wiener V l u t. Sonntag 8V. Uhr: Ein Walzertraum Residenz-Theater. Dircklion Richard Alezander. Abend« 8 Ubr- Alles für die Z?irma. Schwank in 3 Allen von HM Heimequin und ffl. Mitchell. Für die deutsche Bühne bearbcilcl von Äollrn-Baecker» Morgen u. soig. Tage: Alias i. d. Firma. Sonnl.,3. 8, 311.: Kümm Dich um Ameli« I) eil e• AI I i an co-Tli cater. 8'/, Ubr: �»le TIelneltigeUOn. Sonnabend 3'/, Uhr: Wallen- stein s Zod. Schüler- Vorstellung. (Schlller-BilletiS 60 Ps.)_ Luiscn-Thealer. Donnerstag;(Sine leichte Person. Freitag; Soinmcrspuk. In Vorbereitung: Die Rose von Japan. osc-in�ic Große Frantsurlei Str. 132. AbendS 8 Uhr: Miitter und Sohn. aulpiel in 5 Akt. v. Sh.virch.Pseiffer rettag: Napoleon Bonaparte. Sonnabendnachm.: Rotkäppchen. 1 ■Jf fxf> 99 CLOU" Berliner Konzert« Haus. Mauerstr. 82 Zimmerstr. 90/91. Hcatc:«n Musikkorps des 1. Garde-Dragoner-Regts. Oberm. Baarz. III Zlllerlhaler nnd Tcgernseer Sänger, Plattler und Jodler tt! Anfang 8 Uhr._ Anfang 8 ühr. Neue Welt, ii Arnold Scholz. Ilasenhclde 108-114. Donnerstag, den 7. März 1912: W Elitetag � Prämiierung der scliversten Berliner Eva - d. h. alle Damen von 18— 25 Jahren.» Legitimation erforderlich. 8 bare Geldpreise: 50,—, 30,-., 20 Mark. SV Anmeldungen bis 10 Uhr abends an der Kasse. 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Tagesordnung: Aer Justimord all den jaMldtinokratischea Abgkoriinctc« der riissislhea Duma. Reftrent: Reichstagsabgeordneter Georg liedebonr. Zahlreichen Besuch erwartet der Einberufer Eugen Ernst, L i e s e n st r a ß e 16. BC Freitag, den 8. März 1912, abends S'/a Uhr,-Waz im grogcn Saale der „Brunnensäle", Brunnenstr. IS snahe Rosenthaler Platz): VefLentlieke Versammlung aller Produktenhändler und-Händlerinnen Berlins und Umgegend. Tagesordnung: tl3b 1. Vortrag des Herrn l>r. �«KUttv.— 2. Diskussion. Zur Deckung der Unkosten Tellcrsammlung. vor» TorBtand, I. Ä.: Karl Müiichebrrg, Dronthcimer Str. It. Extra-Unterstützungskasse für Buchbinder u.»erw. Gewerbe. Sonntag, den 10. März, vorm. präzise 10 Uhr, ZlelekiorBtr. lä: General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Verlesung der Protokolle. 2. Bericht des Rcndantcn und Techargeerteilnng. 3. ErsaNwahl eines Vorstandsmitgliedes. 4. Besprechung über die Zukuust der Kaffe. 5. Verschiedene Kassenangelcgenheiten. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist daS Erscheinen a l l« r Mitglieder notwendig. 422b Der Vorstand. I. A.: IT. Rhanda, Vorsitzender. Wegen Separierung BMcIib Husuerlinus des übernommenen Sdiuhwarenlagers Rosenthalerstr. 40-4ll (Hackescher Markt) Kinderstiefel, schwarz kräftig in Oberleder u. Sohle j 2S-i6 37-30 31-35 2.25 2.95 3.751 Kinderstiefel, braun mit Lack-! kappe 27-30 31-35 3.75 4.25 Damenstiefel in Chevreau mit Lackkappe breite u. halbbreite Fassons 36-42 Paar 4.95 echt Chevreau mit Lackk. schicke Form., 36-42 5.75 echt Chevreau mit Lackk., Goody.-Welt, amer. Formen 36-42 Paar 7.95 Herrenstiefel Rindbox, Zug-, Schnür- u. Schnallen stiefel, kräftig. Straßen-Stiefel, 40- 46.. nur 5.95 Chevreau- Schnürstiefel mit Lackkappe wunderbare rasson nur 6.95 PrimaChevreau Schnürstiefel, Qoodyear-Welt, in amer. elegant. Formen, sehr schick.. 8.95 Halbschuhe für Ball und Straße. 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Bg.): Die Resolutionen sollten, soweit sie Initiativanträge enthalten, nach Materien zusammengefaßt und bestimmten Kommissionen überwiesen werden. Aus den Ausführungen des Staatssekretärs hörte man gegenüber fast all unseren Wünschen nur das Nein. Herr Wurm sprach wegwerfend von der Sozial- reform als kleiner Abschlagszahlung. Aber in ihren Anträgen ver- langen die Sozialdemokralen selbst lauter solche Abschlagszahlungen. sZurus bei den Sozialdemokraten: Die Sie ablehnen!) Nein, wenn sie vernünftig sind und dem Volkswohl dienen, nicht. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) In der Beurteilung der äugen- blicklichen schweren Lage der Textilindustrie ist Abg. Sachse von ganz falschen Voraussevungen ausgegangen. Es ist ja so bequem, für alles die Wirtschaflspolitik verantwortlich zu machen und noch ein paar Junker dazwischen zu schmeißen. Bequem mag das sein, aber falsch und irreführend ist es.(Beifall rechts.) SachseS Ausführungen gegen die Heranziehung ausländischer Arbeiter waren sachlich be- rechligt, aber er hat nicht die Konsequenzen daraus gezogen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten:.Wieso denn nicht?") Er hätte nicht bloß auf die Arbeitgeber schimpfen sollen.(Lachen bei den Sozial- dcmokraten.) Die Shndikatsfrage ist eng mit der Tätigkeit der Groß- banken verknüpft. Eine allgemeine Syndikatsgesetzgebung halte ich für dringend notwendig. Ich stimme in dieser Frage nicht den Ausführungen des Staatssekretärs zu. In den neuen Zolltarif sollte eine Be- stimmung aufgenommen werden, wonach in den Fällen, wo ein Syndikat seine Macht mißbraucht,«ine Herabsetzung des Zollsatzes eintreten kann. Für die syndizierten Industrien muß der Gesetz- gebung die Möglichkeit zustehen, einen Einfluß auf Lohnhöhe und Arbeitszeit auszuüben. Wir stimmen den Resoluttonen zu, die eine Förderung der inneren Kolonisation bezwecken. Be- sonders begrüßen wir die Tätigkeit des Vereins für soziale Kolonisatton. Es wäre zu wünschen, daß auch die Gewerk- schaflen von der äußersten Linken dieser Tätigkeit mehr Beachtung schenken, die die günstigste Lösung des Arbeits- lofenproblems verspricht. Die Schaffung eines einheitlichen Arbeitsrechts wäre die beste Lösung für die vielen kleinen sozialpoli- tischen Wünsche einzelner Gruppen. Die Reichsversicherungsordnung hat zweifellos trotz einzelner Mängel viele Verbesserungen gebracht. Es wäre aber zu wünschen, daß die Rentenansprüche auch auf die Fälle ausgedehnt würden, in denen Invalidität oder Tod schon vor dem 1. Januar d. I. eingetreten find. Der preußische FiSlus hat in seinen Bergwerken die Bestimmungen der Versicherung recht kleinlich angewandt und damit großen Mißmut bei den Bergarbeiten, erregt. Wenn bei der Beratung der ReichSversichcrungSord- nung von der Regierung den weitergehenden Wünschen mit der Begründung entgegengetreten wurde, daß nicht genügend Geld vorhanden sei, so trifft das jetzt nicht mehr zu, denn jetzt haben wir ja erfreulicherweise einen erheblichen Ueberschuß zu ver- zeichnen. Zu der Resolution betreffend den gesetzlichen A r b e i t S- willigen schütz möchte ich sagen, daß ich die Motive dieser Resolution ver st ehe. Ter TerroriSmus der sozialdemokratischen Gewerkschaften gegen Anders« denkende hat einen Unmut erregt, der nun in solchen Resolutionen seinen Ausdruck findet. Wir werden aber gegen die Resolution stimmen, weil wir glauben, daß die in ihr geforderten gesetzlichen Maßnahmen nicht nur die sozialdemokrottschen, sondern auch die übrigen Gewerkschaften scvädigen würden. Wenn unser Wider- stand aber nicht ausreicht, die Resolution zu Fall zu bringen, so trägt die ganze Wucht der Verant- wortung die Sozialdemokratie.(Ol o! bei den Sozialdemokraten, Beifall recht« und im Zentrum.) Wir fordern eine Ausgestaltung des Einigungswesens. Was ist bisher vom Reichsamt deS Innern geschehen, um der drohenden Schneider- auSsperrung und dem drohenden Lohntampf im Bergbau vor- znbeugen? Es muß auch die Schaffung von Monopoltarisen ver- hindert werden, die nur den Mitgliedern bestimmter Organisationen ArbeitSmöglichkett gewähren. Dem christlichen Bewerkverein der Bergarbeiter sind wegen seiner Haltung bei der jetzigen Lohn- bewcgung viele Vorwürfe gemacht worden, die durchaus unberechtigt sind. Dt« sensationellen Berichte gewisser der Börse nahestehender Blätter auS dem Ruhrrevier find meist unzutreffend. Im Saar- revier sind die Löhne der preußischen Verwaltung zu niedrig und 'es besteht ein vorsintflutliches Strafshstem. Gewiß ist auch im Ruhrrevier eine gewisse Erregung unter den Arbeitern vorhanden. Die sozialdemokratische Presse führt aber im Ruhr- revier eine unverantwortlich ausreizende Sprache. Die Bundesstaaten sollten den Wünschen der Bergarbeiter mehr Be- rücksichtigung schenken. Abg. v. Oertzen(Rp.) tritt für eine stärkere Besteuerung der Konsumvereine ein. Im Interesse des Mittelstandes sollte auch vor allem eine Einschränkung der Wanderlager in der Weise gesetzlich vorgenommen werden, daß in Ortschaften bis 30(XX) Seelen, über- Haupt keine Wanderlager zugelaffen werden. Remedur ist dringend erforderlich. Abg. Giebel(Soz.): Ich will nicht auf all die Dinge eingehen, in denen sich Herr Behrens als Sachverständiger glaubte aufspielen zu können. Aber seiner unrichtigen Darstellung der Bergarbeitcrbewegung gegenüber möchte ich doch auf die Widersprüche zwischen den eigenen Flugschriften und Zeitungsartikeln sowohl der Zentrumspresse, wie auch der ch r i st l i ch e n Arbeiter- bewcgung und den Ausführungen des Herrn Abg. Behrens fest- nageln. Er sagte, auS nationalwirtschaftlichen Gründen sollten sich die christlichen Arbeiter nicht beteiligen an irgend welchen Lohn- bewegungen oder, wie er sagt, Sympathiestreiks. Nun, eS handelt sich nicht um einen Sympathiestreik. Die beteiligten Bergarbeiterorganisationen nicht nur haben das richtig gestellt, sondern die eng- tischen Bergarbeiter selbst haben ausdrücklich festgestellt, daß ihnen gar nichts daran liege, daß Sympathiestreilbewegungen in benach- barten Ländern erfolgen. Wenn mein Parteigenosse Hue gegen den Sympathiestreik gesprochen hat. so hat er also nur das ausgesprochen, was die Auffaffung sowohl der deutschen wie der englischen Bergarbeiter ist. Im übrigen kann ich die sonderbare Auffaffung des sogenannten Arbeiterführers Hern, Behrens über die Bereit- Willigkeit der Zechenbefitzer, Lohnzulagen zu gewähren, widerlegen mit einem Zitat der.Kölnischen BolkS- z e i t u n g" vom 0. Februar, worin eS heißt, daß nach der ganzen bisherigen Haltung des Zechenverbandes anzunehmen sei, daß eine allgemeine Lohnerhöhung nicht durchgeführt werden würde. Man wolle auf feiten des Zechenverbandes nicht einsehen, daß eS ebenso richtig sei, die Preise der Arbeitskräfte gemeinsam zu regeln, wie die der Kohlen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn daS die Zentrumspreffe schreibt, so wiegt das denn doch etwas schwerer, als die sonderbare Beweisführung des Abg. Behrens. Die vielen Anträge und Reden zur Sozialpolittk, die wir in diesen Tagen von den verschiedensten Parteien auf der Rechten und in der Mitte gehört haben, waren wohl eine Folge der vielen Wahl Versprechungen. Dieselben Parteien haben jedenfalls wiederholt bewiesen, wie wenig sie, wenn es gilt, gesetzgeberische Arbeit zu leisten, bereit sind, zu dem zu halten, was sie in Resolutionen selbst ge« wünscht haben. Wenn auch Herr Dr. Oertel für seine Fraktion glaubt in Anspruch nehmen zu können, daß sie nicht zu den Rück- ständigen zähle, so steht doch diese scheinbare Harmlosigkeit in merk« würdigem Gegensatz zu den Artikeln mit der bekannten Marke in der.Deutschen Tageszeitung". Herr Oertel will keine Ausnahmegesetze, sondern nur einige kleine Schutzmaßnahmen gegen den angeblichen sozialdemokratischen Terror. Er will keine Ein- schränkung des KoalitionSrechtS. sondern nur ein bißchen Schutz der Arbeitswilligen. Dahinter scheint sich doch daS zu ver- bergen, was in den programmatischen Erklärungen deS Herrn Heydebrand im Wahlkampf ganz unverhüllt hervorgetreten ist. Ich glaube, daß für all das harmlose Getue weder innerhalb noch außerhalb deS Hauses die genügende Leichtgläubigkeit vorhanden sein wird.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Delbrück ist auf die verschiedensten Fragen eingegangen, er hat auch manchen richttgen Anlauf genommen, aber es stcls streng vermieden, die nötigen Schlußfolgerungen zu ziehen und namentlich darauf einzugehen, was denn nun gegenüber den von ihm selbst aufgezeichneten Enlwickelungstendenzen seitens der Regierung getan werden soll. Sr konstatierte die Konzentrierungsbestrebungen in der Industrie, ohne daraus den Schluß zu ziehen, daß nun eingetreten werden müsse für die Tausende von Angesteltten, die durch diese Entwickelnng ihre Menschenrechte verloren haben. Die WohnungSreform verwies er an die Kommunen und Landesregierungen, diese verweisen sie wieder an daS Reich. Wenn das so weiter geht, werden die Arbeiter noch lange auf Besserung der Zustände zu warten haben. Jntereffant war der Eifer, mit dem der Herr Staatssekretär sich gegen die Behauptung Rleines feuiUeron- Die Overnhauspläne. Nachdem nunmehr Herr Breitenbach den energischen Forderungen der Presse nachgegeben und die Ent- würfe für oas neue Opernhaus öffentlich ausgestellt hat. kann jeder, der auch nur die leiseste Ahnung von den in Frage kommenden Problemen besitzt, zu dem Urteil gelangen: daß es eine Dreistigkeit war, auch nur einen Lugenblick ernsthaft den Gedanken zu erwägen, irgendeines dieser architektonischen Monstra den Berlinern auf- ftclfen zu wollen. Die preußische Bauverwaltung mag noch so ver- «hchert und mit Blindheit geschlagen sein, es ist dennoch nicht «nöglich, daß sie den Unsinn und die Lächerlichkeit dieser Vorschläge nicht längst, nicht sofort eingesehen hätte. Wenn sie trotzdem für eine dieser Mißgeburten die Bewilligungsmaschine des Äbgeord- netenhauses in Gang gesetzt sehen möchte, so ist das entweder eine bewußte BrüSkierung oder— die preußische Bauverwaltung flüchtet sich in die Oeffentlichkeit. Sie flüchtet vor sich selber und vor ihrem Herrn. Man weiß, daß der König von Preußen an diesem neuen Opernhaus ein lebhaftes Interesse hat, daß er es reich mit Re- präsenration auSgestattst sehen und, seiner Art verwandt, im lauten Barock gebaut haben will. Man weiß aber auch, wie die Zeiten deS höfischen Barocks für immer vorbei sind. Man weiß(auch der letzte Schreiber im Bautenministerium weiß es), daß ein großes Theater heute nicht mehr durch schwelgende Treppenhäuser und Freitreppen, durch Wandelhallen und festliche Vorflure bestritten werden kann. Kein Mensch denkt heute mehr ernsthaft daran, etwas zu bauen, wie das große Treppenhaus der Pariser Oper. Es ist eine Binsenweisheit geworden, daß für ein Theater d?r Zuschauer- räum und daS Bühnenhaus entscheidend sind, daß alle Schwierig. keit sich darin erschöpft, dem Bühnenapparat freieste« Spiel und, was noch wichtiger ist, möglichst vielen Zuschauern möglichst be- qucme Plätze zu verschaffen. Das alles weiß man. Was zeigen unS nun die Entwürfe, die Herr Breitenbach und seine Leute vertreten müssen? Wir sehen kolossale Baumassen, die zufällig so etwas wie einen Zuschauerraum verschluckt zu haben scheinen. Dieser unglückliche, notgedrungene Raum für eine be- schränkte Oeffentlichkeit ist förmlich belagert, bcdräut, zugeschnürt durch eine Sturzflut der Repräsentation und des höfischen Pompes. Wcnn je durch architekwnifche Bildungen wirtschaftliche und poli- tisch« Zustände zum Ausdruck kamen, so geschah das durch diese Grundrisse: sie zeigen t>zndgreiflich die Rechtlosigkeit der Masse vor den Anmaßungen einer privilegierten Gruppe. Was wir ahnten, ist prompt eingetreten. Man plant ein Opernhaus für die Bevor- zugten, eine feudal« Orgie, an der uns irgendwie zu beteiligen wir keinerlei Ursache haben. ES handelt sich jetzt gar nicht mehr um die Architektur, die unS vorgeschlagen wird, es handelt sich um etwas Wichtigeres: um daS Bauprogramm. Dieses vor allem muß revidiert werden, bevor die Taler auS dem Kasten springen. Es geht nicht an. unter der Etikette eines öffentlichen Opernhauses ein königliches Lustschloß zu bauen und obendrein durch solch« fatale Idee den plebejischen Rest künstlich beeinflussen und zu un- natürlichen Anstrengungen sich steigern zu lassen. So etwas heute noch ernsthaft zu wollen, muß die rücksichtsloseste Abwehr heraus- fordern. U. Lr. Die Entdeckung eines Genies. Durch einen Zufall hat der Leiter des Eolonne-Orchesters in Paris ein musikalisches Genie entdeckt, da» seit mehr als dreißig Jahren in Paris in der Stille seine Werke schuf. Der Held dieser Geschichte ist ein bescheidener schüchterner alier Herr,«in geborener Italiener namens Fanelli, der sich seit langen Jahren mühselig als Musiker durchschlug. Be- scheiden nahm er inmitten des Orchester» seinen Platz ein und erfüllte seine Pflicht, ohne daß einer seiner Kollegen je ahnte, daß dieser einfache alte Musiker daheim in seinem Pulte seldstgeschaffene Meisterwerke barg. Als nun die Not den alten Musiker mit harter Faust anpackte, sprach er den Dirigenten, Gabriel Pierne, mit der Bitte an. ihm doch gelegentlich Notenschreibarbeiten zu über- trage». Pierne versprach dem Alten Arbeit, und bei dieser Ge- legenheit zeigte ihm Fanelli ein paar von ihm geschriebene Noten- seilen, damit der Dirigent die Deutlichkeit und Korrektheit der Notenschrift sehen möge. Piernä warf einen Blick auf diese Blätter und war erstaunt: es war eine Sinfonie, die Fanelli vor nahezu dreißig fahren komponiert hatte. Der Kapellmeister behielt das Manuftnpt, sah es durch unid teilte wenige Tage später dem völlig überraschten Notenschreiber mit, daß diese Sinfonie im nächsten Colonno-Konzert aufgeführt werden würde. Und die Uraufführung dieser Sinfonie des bisher unbekannten Komponisten fand in der vergangenen Woche in Paris auch statt: das Werk wurde mit stür- Mischer Begeisterung aufgenommen und Musiker wie Musikfreunde Nstd sich darüber einig, daß mit dieser Sinfonie die musikalische Kunst um ein Meisterwerk bereichert worden ist. Pierne berichtet selber:„In dieser Komposition sind alle Prin- zipien moderner Musik verkörpert. Die sinfonische EntWickelung von außerordentlicher Kraft und Schönheit: es schien kaum glaub- lich, daß dies bereits 1883 komponiert sein soll.... Als ich Fanelli vorschlug. daS Werk aufzuführen, fiel er aus allen Wollen. Er meinte, er wolle lieber etwas Neues komponieren, aber ich setzte meinen Willen durch. Die aufgeführte Sinfonie ist nur ein Teil aus einer Folge, die.Sinfonische Bilder" heißt, die jetzt alle auf» geführt werden sollen." Die vergwerftwnie« im Sonnenlicht. Man kennt daS traurige Schicksal der armen BcrgwerksponieS, di« in die Schächte hinab- geführt werden, um dort in schwerer Arbeit ihr Leben zu ver- bringen, im Dunkel, im ewigen Dunkel, denn sie bleiben bis zu ihrem Tode in den Schächten und sehen gewöhnlich das Sonnenlicht nie Wieder. ES war ein merkwürdiges und rührendes Schauspiel. als am Sonnabend in Sunderland aus der Weamouth-Orubx die zur Wehr setzte, daß ein Stillstand in der Sozialpolitik eingetreten ei. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich feststelle, daß das ein Erfolg der antreibenden Arbeit der Sozialdemokratie ist, die der biirger- lichen Gesellschaft allmählich das Gewissen für ihre Pflicht gegen- über den Millionen von Industriearbeitern geschärst hat. Im übrigen sind wir als Vertreter derjenigen, die alle sozialen Schäden an ihrem eigenen Leibe erfahren, natürlich anderer Meinung über das Maß dessen, was geleistet ist, als die Konservativen, die in erster Linie bestrebt find, die Interessen des Kapitals hoch zu halten. Wir sind der Meinung, daß das Kapital durch die Arbeits- leistung der Millionen von Arbeitern und Angestellten allmählich in Demfchland so reich geworden ist, daß ihm großere Opscr sehr wohl zugemutet werden können.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Einen breiten Raum hat in der Debatte die Frage des kleinen selbständigen Mittelstandes eingenommen; man sagte, er ginge nicht zurück, nur bei den Handwerkern wurde ein Rückgang kon- statiert. Demgegenüber braucht man nur darauf hinzuweisen, daß die Bevölkerung von 1882—1007 um 36,48 Proz. zugenommen hat, während die Zunahme der selbständigen Gewerbetreibenden eine wesentlich geringere ist. Herr Dr. Oertel sprach auch für die Versicherung der Handwerker. Warum sind denn aber all die Anträge, die meine Fraktion bei den verschiedensten Gelegenheiten in der Richtung gestellt hat, abgelehnt worden? Warum hat man nicht die selbständigen Handwerker und die kleinen Gewerbetreibenden mit einbezogen in die soziale Versicherung deS Deutschen Reiche«. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Warum haben Sie da- mals, als es galt, durch die Tat Ihre Mittelstandsfreundlichkeit zu beweisen, unseren Antrag abgelehnt?(Sehr gut! bei den So- zialdemokraten.) Der Staatssekretär meinte, der neue Mittelstand könne nicht als ein Sttefkind der sozialpolitischen Gesetzgebung behandelt werden. Große Massen des Mittelstandes aber sind in der Tat außerordentlich kümmerlich durch die Gesetzgebung berücksichtigt worden. Die Bureauangestellten der verschiedenen Branchen hat man bislang völlig ignoriert, obwohl der Reichstag schon mehr- fach in einstimmig angenommenen Resolutionen die gesetzliche Regeluug der Berufsverhältnisse dieser wirtschaftlich und sozial äußerst schlecht gestellten Berufsgruppen gefordert hat.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Delbrück verwies auf das PensionSgesetz. Daß dies Gesetz nur eine Art Angstprodutt vor den RcichStagswahlen gewesen ist, wird keiner bestreiten können, und auch die Privat« angestellten find sich über die eigentlichen Mottve dieses Schnell- schachers durchaus klar. Die Versicherung der Privatangestellten wurde von der Rechten und den, Zentrum vor allem aus parteipolitischen Er- wägungen so beschleunigt. Es war eine Art parteipolittscher Prophylaxe, man wollte verhindern, daß auch die Privatangestellten, die infolge der Industrialisierung und des Vordrängen« der Groß- industrie von Jahr zu Jahr an Zahl zunehmen, auch fast restlos der Sozialdemokratie folgen, wie das bei der Jndustriearbeiterschast der Fall ist. Es ist eigentlich kein neuer Mittelstand, sondern mehr ein neuer mittelloser Stand.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten), der durch die wirtschaftliche Entwickelung ge- schaffen ist. Der Name ist hier wirklich Schall und Rauch. Es be- steht durchaus kein gemeinsames Interesse zwischen diesen Angestellten und Unternehmern, sondern sie werden genau so ausgebeutet, wiedieJndustriearbeiter. Kollege Marquart sang das hohe Lied der Erhaltung des sozialen Friedens zwischen Privatangestellten und Unternehmern; aber das Verständnis für den sozialen Frieden ist aber nur so lange vor- Händen, als die Angestellten sich jede Ausnutzung durch das Unter- nehmcrtum widerspruchslos gefallen lassen. Wie weit diese geht, das beweisen die sogenannten Eheveriote, wonach der Privatangestellte, wenn er eine Ehe eingehen will, erst die Erlaubnis des Arbeitgebers einholen muß, die bei dem Kattowitzer Jndustriewerk z. B. verweigert wird, wenn das Gehalt nicht ausreicht, wenn der betreffende eine Polin heiraten will oder die Frau nicht als Beamtenfrau anerkannt ward.(Lebhaftes Hört! hört! links.) Solche ungeheuerliche Ein- griffe in ihre persönliche Freiheit werden von den Angestellten auf das bitterste empfnnden. Auch die Dienstordnungen unter- scheiden sich in ihrem rücksichtslosen Hinwegschreiten über die persön- lichen Rechte und Empfindungen der Angestellten vielfach in garnicht« von den Arbeitsordnungen für die Industriearbeiter. Der Angestellte muß jeden Befehl eines Vorgesetzten unbesehen ausführen, auch wenn e« der blühendste Unsinn ist. DaS ist die Urbertragung des preußischen Militarismus ans das Dienstverhältnis der Angestellten. Von der tt o n k u r r e n z k l a u s e l sprach der Staatssekretär nur hinsichtlich der kaufmännischen Angestellten. Aber ebenso rück- Ponies ans Tageslicht geschafft wurden. Wearmouth ist die tteffte Grube Großbritanniens, und in den dunklen Schächten des Kohlen» Werkes fristen jahraus, jahrein 4— 500 Pontes ihr Leben. Seit Jahren haben sie kein Tageslicht gesehen, und als sie jetzt wieder aus der Finsternis zum Licht emporstiegen, zeigten viele von ihnen Zeichen der Angst und des Schreckens: sie fürchteten sich vor dem Sonnenlicht. Eine stattliche Anzahl der armen Tiere lebt bereit« seit zwanzig Jahren im Schacht. Aber nicht alle hatten vergessen, was das Sonnenlicht ist: die jüngeren, die noch nicht so lange in die Tiefe verbannt tvaren, begrüßten mit frohem Schnauben den Tag und wälzten sich übermütig am Boden. Sie hatten die schönen Tage ihrer Jugend noch nicht vergessen, waren noch nicht stumpf geworden wie die anderen älteren Tiere, die sich im Wandel der Jahre allmählich der ewigen Finsternis angepaßt hatten und nun vor den Sonncusrrahlen zitterten. Doch ob jung oder alt, jedem von ihnen hat die Grube ihren Stempel aufgedrückt: In der Dunkel- heit haben ihre Augen gelitten, und sie vermögen im hellen Lichte des Tages nicht mehr deutlich zu sehen. Notizen. — Vorträge. Im Hörsaal der Urania in der Tauben- straße findet am Freitagabend, 8 Uhr, der zweite Vortrag über Naturdcnkmalpflege statt. Prof. Eckstein spricht über den Schutz der einheimischen Tierwelt. — Rochus v. L i l i en c r o n, ein fruchtbarer Sammler vnd hervorragender Herausgeber, ist im 92. Lebensjahre in K o b l e n z gestorben. Er war der Herausgeber der.Allgemeinen Deutschen Biogravhie", jenes großen Unternehmens der bayerischen Akademie, worin das Leben aller Hervorraaenden Deutschen dargestellt werden sollte. Unter seinen sonstigen Arbeiten steht die Sammlung.der historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert" an erster Stelle. L. war ein Onkel de» Dichters Detlev von Liliencron. — Die Strindbergspende. Die Nationalspende, für die in ganz Schweden gesammelt wurde, ist Auflnst Strindberg im Betrage von 45 000 Kronen überreicht worden. An der Spitze der Deputation, die eine Adresse überbrachte, stand Genosse Hjalmar Branting. Strindberg beabsichtigt, einen Teil der Summe alsbald für humanitäre Zwecke zu verwenden. — Der Bierbrauer a l s Heldentenor. Ein ehe- maligcr Kölner Bierbrauer, der noch im Herbst hinter dem Schank- tisch saß, hat am Aachener Stadttheater einen außergewöhnlichen Erfolg als Siegmund in der„Walküre" errungen. Der Sänger hatte bis zu seiner Entdeckung nie Gesangsunterricht gehabt. — Neue Entdeckungen in Pompeji. Wie auS Pompeji gemeldet wird, haben die vor zwei Monaten begonnenen Ausgrabungen zur Entdeckung eines neuen wichtigen Teiles der vergrabenen Stadt geführt. Man hat auch Inschriften von größtem historischen Wert und reiche Schätze antiker Kunst gefunden. s!cht-Zlos wird sie jiSHSNübsr den iechiiischen Aiigestellien angewandt. So wurde ein Angestellter mit 110 M. monatlich verpflichtet, in Deutschland, Rußland oder der Schweiz zwei Jakire nach seinem Ausscheiden keine Stellung anzunehmen; dafür mußte er sein Ehrenwort verpfänden und außerdem wurde ihm eine Koiiventioiialstrafe von 10000 M. auferlegt. sHört l hört l bei den Sozialdemokraten.) Der Mißbrauch mit dem Ehrenwort nimmt überhaupt sehr überhand. So werden Angestellte verpflichtet, ihr Gehalt gegenüber den eigenen Kollegen g e h ei m zu halte». Dadurch scheidet natürlich eine gewerkschaftliche Betätigung solcher Angestellten vollständig aus. Daneben gibt es dann noch eine andere Konkurrenzklausel, die Geheimabkommen zwischen den Unter- nehmern, wodurch sie sich verpflichten, Angestellte, die aus einem Be- triebe austreten, nicht in ihrem Betriebe zu beschäftigen. Zu all diesen Abkonmren kommt dann noch die Wirtschaft- liche Konzentration. Die verschiedenen Konzerne haben Ab- kommen untereinander getroffen, die die Freizügigkeit der An- gestellten außerordentlich beschränken. Dadurch wird ein Matz von Abhängigkeit erzielt, daß heute der Angestellte gewissermaßen als Knecht dem Unteruehiilcr gegenübersteht. Diese Abhängigkeit findet ihren prägnanten Ausdruck auch in der Erfinderklausel. Vom Staatssekretär ist erfreulicherweise mitgeteilt worden, daß auch die Erfinderfrage mit der Revision des Patentgesetzes verbunden werden soll. Ich möchte darau hinweisen, daß dem Angestellten, der Patente verwerten will, außerordentliche Schwierigkeiten seitens des Untemehmers durch den sogenannten Patentstreit gemacht werden können, so da' jetzt die Erfindelklausel für den llnternehmer oft überflüssig ist. Wir verlangen, daß die Erfinderrechte unter allen Umständen geschützt werden, denn der Angestellte verkauft doch nur seine Arbeitskraft dem Unternehmer, und was er durch seine schöpfe- rische Kraft erwirbt, das ist sein Eigentum. Die Herren au der rechten Seite, die sonst so großen Wert auf die Unverletzlichkeit des Eigentums legen, müßten auch in dieser Frage mit unseren Forderungen übereinstimmen. Wir müssen fordern, daß diese Fragen durch gesetzliche Maßnahmen zum Schutze der Angestellten geregelt werden. In unserer Resolution haben wir Ihnen einen Vorschlag unter- breitet, durch den ein einheitliches Privatangestelltenrecht gefordert wird. Wir wollen uns nicht mehr damit aufhalten, für die vielen einzelnen Gruppen der Angestellten besondere Rechte zu schaffen. Wir brauchen ein einheitliches Ajtgestelltenrecht, ähnlich wie es in Oesterreich schon besteht. Dabei braucht auch nicht alles schematisiert werden, sondern es müssen die besonderen Er- fordernisse der einzelnen Gruppen berücksichtigt werden. Heute be- stehen nicht weniger als sechs Einzelgesetze und daneben noch verschiedene Landesgesetze, die sich mit den rechtlichen Verhältnissen der Angestellten beschäftigen. Die Nationalliberalen wollen in ihren Anträgen die Vureauangesiellten nicht einbeziehen in die rechtliche Einheit der Privatmigestellten, sondern sie verlangen für diese Gruppe b e s o n- dse r e B e st i m m u n g e n. Das würde wieder nur halbe Arbeit sein, weil zwischen den Bureauangestellten und anderen Privat- angestelltengruppen, beispielsweise den Handelsangestellten, doch sehr enge Verbindungen bestehen. Die Sonntagsruhe, der Ladenschluß, angemessene Ruhepausen, Erholungs- urlaub und viele andere Wünsche, in denen die An- gestelltenbewegung völlig einmütig ist, müssen mit hinein- genommen lverden in das zu schaffende Einheitsrecht der Privatangestellten. Ich bin überzeugt, daß wir bei dem üblichen Tempo der deutscheu Sozialpolitik auf eine derartige Zu- sammenfassung des Angestelltenrechts lange warten müßten. Eins aber läßt sich schnell herbeiführen: die völlige rechtliche Gleichstellung der technischen Angestellten und Bureaubeamtc» mit den Handels- angestellten. Dazu sind keine großen gesetzgeberischen Vorbereitungen nötig, wenn nur die Regierung den Anregungen der verschiedenen Paricien in dieser Richtung folgen wollte.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Nun zum Koalitionsrecht. Mit der Besprechung der Resolution auf ein Arbeitswilligen- schutzgesetz ist wieder von vielen Rednern das alte Lied von dem Terrorismus der sozialdemokratischen Gewerkschaften verbunden worden. Mit diesem Gerede stehen die Tatsachen in argem Widerspruch. Selbst der Zentralverband der Industriellen, der eine Umfrage über diese? Gebiet veranstaltet hat, konnte nur fest- stellen, daß in den Jahren 1904 bis 1910 nur durchschnittlich 14 Fälle von Strcikvergchen pro Jahr zu erniitteln waren. Auf 100 Streiks kam erst eine sogenannte .Gewalttat". iHört! hört: bei den Sozialdemokraten.) Nun muß man auch berücksichtigen, was alles als„Gewalttat� in diesem Sinne aufgefaßt wird. Darin gebe ich dem Staatssekretär recht,' daß in den letzten Jahren die Recht- sprechung in bezug auf den§ 153 der Gewerbeordnung geradezu ungeheuerlich verschärft worden ist.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Man hat Strafen verhängt, die geradezu das Rechtsempfinden der Arbeiterschaft empört haben. sLebhafte Zustimmung bei dch, Sozialdemokraten.) Bei- spielsweise wurde ein Streikender, der einen Lehrling fragte, ob Streikarbeit aiigefertigt werde, deswegen zu Gefängnis ver- urteilt.(Hört l. bört I bei den Sozialdemokraten.) Die Klassenjustiz hat bei der Beurteilung von Streiksündern die tollsten Blüten gezeitigt. Trotzdem'sind die Streikvergehen erheblich zurückgegangen. 1905 kam auf 1510 Mitglieder der Gewerkschaften ein einzelner Fall, 1909 war erst bei 4745 Mitgliedern ein Fall zu verzeichnen. Da scheint doch wirklich keine Notwendigkeit zu einer Ver- schärfung der Gesetze zu bestehen. Der T e r r o r, s m u S. der in den Unternehmerreihen geübt wird, sieht ganz anders aus. Der wird ja nicht nur geübt gegen Angestellte und Arbeiter, sondern auch gegen die eigenen Klasscngcnossen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Behrens entrüstete sich wer weiß wie sehr über den Terrorismus der freien Gewerkschaften, aber über die Angriffe der Unternehmer gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter und An- gestellten wagte er kaum ein leises Säuseln der Kritik. Die Augestellten haben ja nicht minder unter den Angriffen gegen ihr Koalitionsrcckit zu leiden, wie die Arbeiter. Es scheint, als ob unter den Industriellen auch den Angestellten gegenüber das Wort jenes Bischofs zur Weltanschauung geworden ist: Wer Kneckit ist, soll Knecht bleibe ni Die Angestellten teilen diese Meinung jedenfalls nicht. Wenn Abg. Pieper meinte, daß der R a d i k a l i s i e r u n g s p r o z e ß in der Angestelltenbewegung nur eine Kinderkrankheit sei, so bin ich der Meinung, daß im Gegenteil dieser Prozeß erst anfängt, und sich sehr bald weiter entwickeln wird. Die Zentrumsabgeordneten sollten doch an die Entwickelung der Zentrumsgcwcrkschaftcn denken, die sich auch gegen den Willen ihrer Gründer immer mehr radikalisiert haben. Je rücksichtsloser daS Unternehmertum gegen die Organisationen der Angestellten vorgeht, um so mehr muß die Ueberzeugnng in den An- gestelltenkreisen Boden gewinnen, daß sie nur durch gemein- sames Vorgehen sich der Gewalttaten des Groß- k a p i t a l s erwehre» können. Von den Unternehmern werden sogar diejenigen Angestellten geächtet, die früher einmal einer Organi- sation angehört haben. Solche Vorgänge erheischen allerdings einen Schutz deS Koalitionsrechtes gegen die Angriffe des Unternehmertums. Die Angestellten und Arbeiter haben das Recht, von der Gesetzgebung z« beanspruchen, daß das ihnen durch ReiSsgesetz gewährleistete Koalilionsrecht nicht durch derartige Gewaltmaßnahmen der Unternehmer unterbunden wird. ES ist dann noch der Sozialdemokratie der Vorwurf gemacht worden, sie hätten„ihre Leute" im Lande in ganz unrich- nger Weise über die Wirtschaftspolitik unterrichtet.(Sehr richtig! «schts.) Nein, sehr unrichtig! Im allgemeinen ist heute die Arbeiter- schaft über die Wirkung Ihrer Wirtschaftspolitik so ziemlich unter- richtet.(Zuruf rechts: Irregeführt l) Wenn der Abg. B e h r e u S tagte, daß man der deutschen Arbeiterschaft nicht? erzähle von der glänzenden Entwickelung der deutschen Industrie, so irrt er. Die deutsche Arbeiterbewegung hat sehr g e- n au verfolgt, welchen ungeheuren Reichtum das Großkapital der Landwirtschaft wie der Industrie aus dieser Auspowerung der ar- beitenden Bevölkerung erreicht hat.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Daß dieser Segen der Entwickelung nicht der großen Bevölkerung zugute kommt, sondern einer Hand voll Großkapitalisten, das weiß das Volk. Es seufzt heute unter der Teuerung. Wenn von jener Seite gesagt wird, daß in der Lohn- frage seitens der Arbeitgeber Entgegenkommen gezeigt werden möge, so hat das Unternehmertum schon häufig bewiesen, daß es dazu nicht bereit ist und daß nur die Selbsthilfe der Angestellten und Arveiter etwa? erzwingen kann. Für die Aufklärung, die Sie (zur Rechten) den arbeitenden Klassen bringen, ist es bezeichnend, daß Sie sogar die Reichsfinanzresorm als einen Segen für die Arbeiterschaft bezeichnen. Für diese„Aufklärung" ist allerdings in den breiten Massen de? Volkes kein Verständnis vorhanden. Was seitens der Sozialdemokratie geschehen kann, die Sozialpolitik weiter vorwärts zu treiben, das soll geschehen. Wir werden dafür sorgen, daß den schönen Reden auch Taten folgen, wir werden eine Situation schaffen, von der man sagen muß: Da hilft kein Mund- spitzen, da muß gepfiffen werden I(Lebhafter Beifall bei deu Sozial- demokraten.) Abg. Giesberts(Z.): Die Privatbeamtenversicherung ist keines- wegs ein Produkt der Angst vor den Reichstagswahlen gewesen, sondern der Besorgnis, ob der neue Reichstag die Frage ebenso gut lösen würde können als der alte.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Wir warten auf die Taten der Sozialdemokratie. Brechen Sie den Wider st and der Regierung in Sachen der Konkurrenzklausel, wir konnten eS nicht. Wenn Sie in fünf Jahren die Erfolge erreichen, die wir erreicht haben, dann werde ich zum erstenmal sagen: Das ist positive Mitarbeit! (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die Zeche nbesitzer werden gegenüber den Arbeiter- organisationen eine andere Haltung einnehmen müssen, die Gesetzgebung muß den Arbeitern mehr entgegenkommen. Das Problem des Minimallohns ist geregelt durch die Tarifverträge für manche Branchen. Es ist das keine utopistische Forderung. Die schwere, gefährliche und an vorgängige Arbeits- leistung vor Erreichung der Arbeitsstätte geknüpfte Bergmannsarbeit hätte zunächst Anspruch auf den Minimallohn, dem aber die M i n i m a l l e i st u n g gegenüberstehen muß. Jni B u ch d r u ck e r t a r i f ist sie festgelegt, auch der vor 5—0 Jahren abgeschlossene Maurertarif enthielt eine solche Bestimmung: eS hat sich aber herausgestellt, daß die Arbeiter— im allgemeinen! erfreulicherweise— auch ohne das ihre Arbeit voll l e i st e n. Das preußische Berggesetz bestimmt, daß als Durchschnitts- verdienst, falls die Neufestsetzung der Gedinge vergessen wird, der tatsächliche Verdienst des letzten Monats gilt; eS wird da tatsächlich schon ein Minimallohn positiv festgesetzt. Von einem Sympathiestreik für England wollen.die Bergarbeiter und die öffentliche Meinung nichts wissen, er würde auch den Engländern nicht viel nützen. Hoffentlich lassen sich die deutschen Grubenbesitzer nicht zum Kohlenexport nach Eugland mißbrauchen. Sie sollen vor allem die Steigerung der eng- lischen Kohleneinfuhr in Deutschland bekämpfen, das wäre auch eine Revanche für die Haltung der englischen Zechenbesitzer im Jahre 1905.— Die jetzige Lohnbewegung trägt ihre Berechtigung fln s i ch. Die Grubenbesitzer haben die Frage höchst unklug be- handelt, sie mußten die Teuerung und den Lohnrückgang berück- jichtigen. Bei der Rentabilität der deutschen Gruben sind Lohn- reduzierungen überhaupt ungerechtfertigt. Der Preissteigerung muß eine Lohnsteigerung entsprechen. Die deutsche Kohle ist nicht in erster Linie zur Ausbeutung der Arbeiter durch eine Handvoll Kapitalisten da. Werden die Zechcnbarons nicht vernünftiger, so bin ich für ein SyndikatSgefetz, das Lohnerhöhungen bei st ei- gender Konjunktur vorschreibt. Warum hat Abg. Sachse denn nichts von den elenden Löhnen im m i t t e l s ch l e s i s ch e n Kohlenrevier gesprochen?(Widerspruch bei den Sozialdemo- traten.) Dort wäre ein Streik, wenn schon, viel nötiger als im Ruhrrevier. Falsch ist eS, daß die Zechen es ablehnen, mit den Verbänden zu verhandeln. Wilde Streiks blieben dann vermieden. Ohne den christlichen Verband mit seinen 45 000 Mitgliedern können die verbündeten Verbände mit 70 000-s- 30 000— 100 000 Mitgliedern keinen erfolgreichen Streik durchführen. Die Arbeiterzersplittcrung im Ruhrrevier ist sehr bedauerlich. Ich will sie nicht verschärfen. Aber die christlichen Arbeiter haben das größte Mißtrauen in die ehrlichen Absichten des sozialdemokratischen Ver- bandes seit dem Kampfe von 1905. Der wurde gemeinsam ge- iührt und gemeinsam abgebrochen. Während der alte Verband der Haltung des Christlichen GewerkvereinS Anerkennung zollte, griff die sozialdemokratische Presse und namentlich Redakteur Hönisch- Dortmund in der„Leipz. VolkSztg." den christlichen und den alten Verband heftig an, diesen wegen des gemeinsamen Vorgehens mit den Christlichen. Eine Polemik der„Bergarb.-Ztg." dagegen wurde plötzlich abgebrochen. Wir haben auch jetzt daS Mißtrauen, daß Sie nur den christlichen Verband zerstören wollen. So lange der alte Verband in den christlichen Organisationen nicht Gleichberechtigte sieht, mit denen man ein Stück zusammengehen kann, ist kein Friede und noch weniger eine Verschmelzung möglich.(Zurufe der Sozial- demokraten: Sie gehen ja mit uns nichtzusammen!) Der sozialdemokratische Verband ist selbst überzeugt, daß der Bergbauliche Verein Zusagen einhalten würde, sonst hätte er sie nicht verlangt. Er sollte darum auch ruhig zuwarten, ob nicht die Bergherren der Kohlenpreiserhöhung die Lohnerhöhung folgen lassen werden. Auf der Generalversammlung des Christlichen Gewerk- Vereins werden in den nächsten Tagen in völliger Demokratie die Beschlüsse über unser Vorgehen gefaßt werden. Der Staatssekretär ollte endlich die Initiative ergreifen, die preußische Staatsregierung im Kohlensyndikat für Lohnerhöhungen eintreten. Der Redner wünscht zum Schluß eine Regelung der heute überlangen Arbeitszeit in den Kokereibetrieben der Zechen. Die deutsche Industrie ist durchaus so gestellt, daß sie ihr« Arbeiter auskömmlich bezahlen könnte.(Beifall im Zentrum.) Abg. Kölsch(natl.): Bei den vielen Erörterungen über den Mittelstand ist hier recht wenig von dem kanfmäimischen Mittelstand gesprochen worden, der für unser Wirtschaftsleben von größter Be- deuhing ist. Im Hansabund hat sich dieser Stand eine machtvolle Vertretung geschaffen.(Zurufe rechts.) Wenn Sie nur durch per- sönliche Angriffe gegen den Bundespräsidenten uns entgegentreten können, so beweist das die Schwäche Ihrer Argumente. Wir haben in Baden viele Beispiele für den politischen Terror ismus der Zentrumspartei. Diese Partei hat sich ja jetzt für ihren interkonfessionellen Charakter ein Feigenblatt geschaffen. Ich halte aber dieses in der Pfalz gewählte Feigenblatt für eine vorüber- gehende Erscheinung.(Heiterkeit.) Wenn die Rechte wirklich für den Mittelstand eintreten will, so möge sie dafür sorgen, daß nicht wieder neue Steuern dem Mittelstand aüfgewälzt werden, sie möge also für die Erbschaftssteuer stimmen.(Lebhaste Zustimmung links. Lachen rechts.) Abg. Kerschensteiner sVp.): Wir würden nicht so viel Mittelstands- fragen haben, wenn nicht unsere Erziehungspolitik seit einem Jahrhundert so weit hinter den gewaltigen Umwälzungen aus allen Gebieten zurückgeblieben wäre. Das gilt vor allem für die Handwerkerstagen. Wenn eine Lösung überhaupt möglich ist, kann sie nur von großen Gesichtspunkten auS in Angriff genommen werden. Es nützt uns nichts eine Mittelstandspolitik als Mit- eidspolitik, als Kampfpolitik gegen die Sozial- demokratie, als Schutz mauerpolitik. Es kommt für eine gesunde Entwickelung des Staates darauf an. möglichst viel unabhängige Menschen zu schaffen. Es gibt keinen Kulmstaat aus Sklaven, sondern nur das ist ein Kulturftaat, der aus einer gewissen Zahl von lreien. unabhängigen Menschen besteht und der jedem so viel Freiheit der Betätigung gibt, wie mit der Freiheit der anderen vereinbar ist. Was ist nun eine richtige Erziehungspolitik? Und was könnte eine solche Erziehungspolitik gegenüber einer Schutz- Politik schaffen. Die Schutzpolitik schafft immer mehr Abhängige, sie führt zur Verkalkung des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Warum herrscht bei den norddeutschen Handwerkern eine solchs Abneigung gegen die Erziehungspolitik? Sehr einfach— von der Schutzpolitik verspricht man sich sofort materiellen Gewinn, sie erfordert vom Handwerk keine materiellen, keine persönlichen Opfer. Anders die Erziehungspolitik, die auch nicht sofort, sondern auf die Länge aber um so gründlicher wirkt.(Sehr richtig! links.) Die Kardinalfrage der Erziehungspolitik ist: wie verschafft sich der Mittel- stand einen intelligenten Na chwu chs und wie ist die Fortbildung und Ausbildung selbständiger Existenzen zu denken. Die Qualität des Nachwuchses im Miitelstand muß vor allem gehoben werden, denn es bedeutet eine enorme Vergeudung von Mitteln, wenn man ein minderwertiges Menschenmaterial durch später einsetzende Fort- bildnng wertvoller machen will. Unsere deutschen Volks- und höheren Schulen geben leider einer selbständigen manuellen Be- täligung viel zu geringe Nahrung. Und doch könnte gerade die Schule dem Handwerk viel Intelligenzen zuführen. Wo gibt es bei uns wie häufig in den Bereinigten Staaten von Nordamerika Absolventen von höheren Schulen, welche als Lehrlinge zwei oder drei Jahre in einen Fabrikbetrieb eintreten oder gar in einen mittleren Meisterbetrieb! Unsere realistischen Schulen, unsere Volks- schulen haben keine Beziehung zum praktischen Leben, sie führen ein eigenes gesondertes Dasein. Wie kann man erwarten, daß sie ihre Schüler dafür erziehen, selbständig den Kampf im wirtschaftlichen Leben aufzunehmen? Wenn sie dem Mittelstand intelligente Kräfte zuführen wollen, müssen sie nach amerika- irischem Muster organisiert werden. Die Erziehung zur manuellen Tätigkeit allein genügt natürlich nicht, dazu kommen muß die Erziehung zur Umsicht, Energie. Ehrlichkeit, der Ehrgeiz, eine Sache so gut wie möglich zu machen, Unternehmungslust. Und wenn die Schule nach den Grundsätzen der Arbeitsgemein- schaft eingerichtet ist, wie ich das vertrete, wird sie auch die wichtigsten sozialen Tugenden entwickeln.(Sehr gut! links.) Sollte diese Erziehungsarbeit zur Hebung des Mittelstandes nicht beitragen, so wird sie auf jeden Fall zur Hebung der Arbeiter dienen, der großen Massen, die durch Arbeit ihre Lebensexistcnz finden, sie ist also keineswegs eine vergebliche Politik, sondern wirkt unter allen Umständen volksbildend.(Bravo I links.) Eine zweite Kardinalstage ist die L e h r li n g s fr a g e. Die Meisterlehre reicht nicht auS. Das Fortbildungs- und Fachschulwesen ist um so notwendiger, da vielfach Lehrlinge nur als billige Arbeits- kräfte von den Meistern benutzt und immer mit derselben Tätigkeit beschäftigt werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ferner ist notwendig kaufmännische und Wirtschaft- liche Ausbildung der Lehrlinge und die von Herrn Pauli so verpönte staatsbürgerliche Erziehung(Sehr richtig! links). Staatsbürgerliche Erziehung ist natürlich nicht etwa ein Heilserum gegen die Sozialdemokratie (Heiterkeit). Sie besteht nicht allein in staatsbürgerlicher Belehrung, sondern in der Erziehung zum sozialen Sinn. Man kann Professor der Staatsbürgerrechte sein und doch keinen Funkensozialen Sinns haben.(Sehr richtig! links.) Und nicht bloß die Arbeiter. auch andere können staatsbürgerliche Erziehung brauchen(Sehr wahr! und Heiterkeit links.) Ein Musterbeispiel für eine Fachschule ist neben der Münchener, die Göttinger Fachschule für Feinmechanik. Nun sagt Herr Pauli, das brauchen wir alles nicht; es genügt, in den Fortbildungsschulen Rechnen, Lesen und Schreiben zu lehren.(Zurufe:„Religion!') Nein, Religion hat er zunächst ab- gelehnt. Früher war man derselben Ansicht auch in England, aber die Engländer sind inzwischen gescheiter geworden.(Große Heiterkeit.) Es ist möglich, daß wir auch Herrn Pauli noch bekehren. Nun will ich durchaus nicht die glatte Uebertragung des Münchener Verfahrens auf alle anderen Städte empfehlen. Die Schulorganisation muß sich immer den lokalen Verhältnissen anpaffen. Drei Grundmerkmale aber muß jede Or» gaiiisaliou haben: Das eine ist, daß die reine Freude am Arbeiten. am praktischen Schaffen in den Schülern geweckt wird, daß sich zweitens in ihnen ein moralisches Bedürfnis entwickelt, alle Ar- beiten so gut, reell und gewissenhaft und einwandfrei wie möglich zu machen(Beifall), und daS dritte ist, daß die Schule den sozialen Sinn hebt, den Gemeinsinn und den Gemeinschaftssinn.(Lebhafter Beifall.) Die Tüchtigen werden immer ihr Lebensschiff sicher stihren, um so sicherer, je weniger sie von den Untüchtigen gehindert werden. (Lebhafter Beifall links.) Abg. Dombek(Pole) erörtert eingehend die Arbeits- und Lohn- Verhältnisse im. ober- und mittelfchlesischen Bergbau. Die elenden Löhne der schlesischen Bergarbeiter sind dringend auf- besserungsbedürslig. Es würde auch im Interesse der Unternehmer liegen, wenn sie im Ruhrrevier den Arbeitern so entgegen- kommen, daß ein Streik vermieden werden kann. An- gesichts der Tatsache, daß jetzt schon von Westfalen und Rheinland Werbeagenten nach Schlesien geschickt werden, um von dort Menschenmaterial heranzuschaffen, ist aber kaum aus eine einsichtsvolle Haltung der Unternehmer zu rechnen.— Bei der herrschenden Unruhe bleiben die weiteren Ausführungen de» Redners unverständlich. Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Donnerstag nachmittag 1 Uhr.(Weiter- beratung des Reichsamts des Innern.) Schluß ö-/z Uhr._ parlamcntanfchca* Tie Geschäftsordnungskommission des Reichstages begann am 0. März mit der Beratung des Abschnittes: Jnter- p e l I a t i o n e n. Eine Generaldebatte wurde nicht gewünscht, aber es sollen zwei Lesungen stattfinden. Antrüge lagen vor vom Abg. Gröber, von den Nationalliberalen und Fort- schrittlern sowie von den Sozialdemokraten. Die Sozialdemokraten beantragten mehr Rechte für die Minderheit und kleineren Fraktionen insofern, als sie beantragten: „Auf Verlangen von mindestens 50 Mitgliedern erfolgt die sofortige Besprechung auch dann, wenn der Reichskanzler eine besttmmte Er- klärung über die Beantwortung nicht abgibt." Dieser Antrag wurde abgelehnt. Zu den einzelnen Absätzen des§ 32 der Geschäftsordnung wurden nach den Vorschlägen Müller und Junck Abänderungen be- schloffen. Die Sitzung wurde mit den Debatten über Z 32 auSge- füllt, der nach der Abstimmung folgende Fassung erhielt:.Jnter- pellationen müssen bestimmt formuliert und von mindesten? 30 Mit- gliedern unterzeichnet eingereicht werden. Der Interpellation können kurze ErwägungSgriinde beigefügt werden. Der Präsident setzt die Interpellation auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung, teilt sie abschriftlich sofort dem Reichskanzler mit und fordert ihn in der ersten nach der Einreichung der Interpellation stattfindenden Sitzung zur Erklärung darüber auf, ob und wann er die Jnter. pellation beantworten werde. Erklart sich der Reichskanzler zur Beantwortung bereit, so wird an dem von ihm bestimmten Tage dem Interpellanten zur Begründung der Interpellation das Wort erteilt.— An die Beantwortung oder Ablehnung der Jnterpella- tion schließt sich die sofortige Besprechung, fall? mindestens 50 an- wesende Mitglieder dies verlangen. Mit Zustimmung des Interpellanten darf die Besprechung in einer späteren Sitzung borge- uommen werden. Bei Ablehnung der Beantwortung erhält der Interpellant zunächst das Wort.— Durch Beschluß des Reichstages kann die sofortige Besprechung auch dann zugelassen werden, wenn der Reichskanzler eine bestimmte Erklärung, ob und wann er die Interpellation beantworten wolle, nicht abgibt oder die Frist zur Beantwortung auf mehr als zwei Wochen vom Tage ihrer Ein- berufung an bemißt. Die Beschlußfassung erfolgt jpäjpstens jll der vöKstsolgep�es dMev Sijung." Für diese Fassung des§ 32 stimmten alle Mitglieder mit Aus- «ahme der drei Konservativen. Aus der Budgetkommissiou des Reichstages. Dre Kommission bewilligte in der Mittwochsitzung eine sechste Rate sür die Erweiterung des Kaiser-Wilhelm- Kanals im Betrage von 42 Millionen Mark. Die gesamten Bau- kosten sollen schätzungsweise 223 Millionen Mark betragen, wovon seit 1907 insgesamt laß Millionen Mark bewilligt worden sind. Tie Entscheidung darüber, ob die neu angeforderten 42 Mllionen Mark aus einer Anleihe oder aus laufenden Mitteln gedeckt werden sollen, wird erst bei der dritten Lesung des Etats fallen. Offenbar soll erst eine Verständigung über die Deckung der neuen Militär- Vorlage herbeigeführt werden. Für den Friedenspalast im Haag will Deutschland ein kunstvolles, schmiedeeisernes Tor stiften, das 60 000 M. kosten soll. Spottweise wird behauptet, das Tor solle dazu dienen, den Frieden aus dem Palast auszuschließen.— Für den Bau von Klein- Wohnungen sür Reichsbeamte werden 4 Millionen Mark gefordert. Insgesamt sind bisher sür diesen Zweck 41 Millionen Mark bewilligt worden.— Von sozialdemokratischer Seite wird be- mangelt, daß die jährlich in den Etat für den Wohnungsbau ein- gesetzte Summe sehr schwankt; es müsse mehr Stabilität in diesen Wohnungsbau hineinkommen. Weiter sei notwendig, dem Reichs- tag recht bald ein Wohnungsgesetz zugehen zu lassen. Staats- sckretär De I b r ü ck erklärt, daß er zu Beginn der Herbstsession genaue Angaben darüber machen kann, ob ein solches Gesetz kommt und in welcher Richtung es sich bewegen wird. Bei den 4 Millionen Mark jährlicher Aufwendung soll es bleiben. Angenommen wurde eine Resolution, die den Reichstag ersucht, eine Kommission von 21 Mitgliedern zu bilden, welche alle Initiativanträge beraten soll, die das Wohnungswesen behandeln. Beim Etat der Finanzverwaltung wurde die vom Zentrum angeregte Frage eingehend diskutiert, ob der Bundesrat berechtigt war, den Saisonzoll auf Kartoffeln vom 15. Februar bis 20. April zu suspendieren. Staatssekretär Delbrück gab namens der Regierung die Erklärung, daß auf Grund eines alten Gewohn- heitsrcchts der Bundesrat zu seiner Maßregel berechtigt war. Abg. Dr. O e r t e l(k.) widersprach lebhaft dem Staatssekretär. Der Bundesrat hätte dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorlegen müssen wegen des Zollerlasses. Die Regierung habe nur den Entschuldi- gungsgrund für sich, daß die Mehrheit des Reichstages den Zollerlaß verlangt und ihn auch begrüßt habe. Da die Konservativen über- Haupt Gegner des Zollerlasses seien, können sie auch nicht die nach- träglichc Vorlegung eines Gesetzentwurfes fordern. Die Händler in Holland und Rußland hätten übrigens die Kartoffclpreise sofort nach Bekanntgabe des Zollerlasses erhöht. Vom Abg. Erzberger wurde eine Resolution eingebracht, die die baldige Revision des Zoll- Vereinsgesetzes von 1869 fordert, auf das sich der Bundesrat beim Erlaß des Kartoffclzollcs stützte. Staatssekretär Mermuth weist zunächst nach, daß nach den Notierungen der Berliner Börse die Kartoffelpreise nach dem Erlaß des Bundesrats gefallen seien.— Im Sinne der Regierung sprachen sich die Abgg. Gothein und Schiffer aus. Abg. Dr. S ü d e k u m betont, daß die Sozialdemokratie stets bereit sei, die Rechte des Parlaments zu wahren. Im vorliegenden Falle handle es sich aber nicht um einen Verstoß gegen ein Gesetz, noch um einen Eingriff in die Rechte des Parlaments. Die Maßregel des Bundes- rats war staatsrechtlich einwandfrei und wirtschaftlich erwünscht. Sollte der Zollerlatz auf die Kartoffelpreise noch nicht gedrückt haben, so sei doch nur bewiesen, daß die getroffene Maßregel allein nicht genügt und mehr geschehen muß. Die von Erzberger bean- tragte Revision des Zollvereinsaesetzes von 1869 halten wir nicht für notwendig und wenn die Erzbergersche Resolution bezwecken sollte, dem Bundesrat das Recht zu nehmen, solche Ausnahmen anzu- ordnen, so sind die Sozialdemokraten auch strikte Gegner der in der Resolution erhobenen Forderung. Abg. P a a s ch e beantragt die. gesetzliche Regelung der Befugnisse des Bundesrats zum Erlaß von Zöllen aus Billigkeitsgründen. Dieser Antrag fand Annahme, die Resolution Erzberger wurde zurückgezogen. Im Etat des Reichsjustizamts werden, wie schon im Borjahre, wiederum 120 000 M. zur Ausarbeitung des Entwurfs eines neuen Strafgesetzbuchs gefordert. Die mit dieser Aufgabe betraute Kommission wird noch länger beschäftigt sein. Der All- gemeine Teil des Entwurfes ist fertig; die Fertigswllung des ganzen Entwurfes wird bis zu den Gerichtsferien 1913 dauern, wie die Regierung erklärte. Ob der jetzige Reichstag sich mit dem neuen Strafgesetzbuch wird befassen können, sei doch sehr zweifelhaft. Die geforderte Summe wurde bewilligt. Aus der Wahlprüfungskommission des Reichstages. Am Mittwoch befaßte sich die Kommission noch einmal mit der Wohl des Rcichsverbändlers Dr. Becker. Im Wohlprotest wurden ein« Menge Verstöße aufgeführt, die, wenn sie auch nur zum Teil erwiesen werden, zu einer Kassierung des Mandats führen müssen. Die Kommission beschloß emstimmig, d.i e Wahl zu bean st an- den und üder die als beachtlich anerkannten Protestpunkte Beweis zu erheben. Die Wahlen der Abgg. D u n a j s k i(Pole) und I ck l e r fnatl.) wurden für gültig erklärt, weil die erhobenen Einwendungen, auch wenn sie voll erwiesen würden, doch die Stimmenmehrheit der Ge- wählten nicht erschüttern könnten. Aus den Kommissionen des Dreiklassenhauses. Die Budgetkommission befaßte sich am Mittwoch mit der geplanten Errichtung einer freien Universität in Frank f u r t a. M. Bis auf das fortschrittliche Mitglied wandten sich sämtliche Parteien gegen diesen Plan, und es war geradezu ein reaktionärer Herensabbath, der da von den Konservativen und dem Zentrum aufgeführt wurde. Der Minister behauptete, daß nicht der Staat, also der Landtag, sondern die Krone das Recht habe, die Errichtung der Universität zu bewilligen. Den Zorn der schwarz- blauen Mehrheit scheint es besonders erregt zu haben, daß die Frankfurter Universität keine theologische Fakultät haben soll. Indessen bemerkte ein nationalliberaler Abgeordneter, daß gegen- wärtig für die theologische Ausbildung auf den preußischen Univer- sitäten so gesorgt ist, daß auf einen Professor vier Theologie st udenten kommen! Allerdings tat er diese Bemerkung nur gesprächsweise. Der Kultusminister erklärte auch, daß jedenfalls die Errichtung der Universität nur unter der Be- dingung gestattet werden würde, daß die Professoren unter den- selben Voraussetzungen, wie an den staatlichen Universitäten, d. h. auf Borschlag der Universität von der Regierung ernannt werden. Im übrigen ist dieser Universitätsplan noch nicht sehr weit gediehen. In der Gemeindekommission beschloß man, einige Petitionen, die verlangten, daß den Frauen das direkte Gemeinde- Wahlrecht übertragen werde, der Staatsregierung als Material zu überweisem Dies beweist, daß für das Verlangen der Petition eine gewisse günstige Stimmung vorhanden ist. Das ist allerdings um so weniger verwunderlich, als es sich dabei natürlich nur um solche Frauen handelt, die nach den reaktionären Bestimmungen de? preußischen Gcmeindcwahlrechts wahlberechtigt sind, in erster Linie also um Hausbesitzerinnen. Für ein solches ,.Damen"-Wahl- recht sind die Scbwarzblauen zu haben, auch ohne daß erst von den ihr Wahlrecht fordernden Damen Fensterscheiben eingeschlagen werden.__ Die Gemelndewablbeweguno. Boxhagen-Rummelsburg. Am Sonntags den 10. März. finden von vormittags lOUHr b i s nachmittags 6Uhr für die dritte Wählerklasse und am Montag, den 11. März, von nittoca 12 Uhr bis abends 8 Uhr für die zweite Wählcrklasse die Wahlen zur hiesigen Gemeindevertretung statt. In der dritten Klasse müssen im 2. und 8. Bezirk Wahlen voll- zogen werden. Der 2. Wahlbezirk, umfassend: Krossener Str. 15—24, Gabriel- Max-Str. 1—5 und 18--2I, Gärtnerstr. N— 33, Simon-Dach- Stratze 35—38, Simplonstr. 22—28 und Wühlrschstr. 24—39, wählt in der Turnhalle der Boxhagener Schule. Kandidat ist Lagerhalter Oskar Witzle. Der 8. Wahlbezirk, umfassend: Emanuelstr. 1—7 und 10— 15, Leopoldstr. 15—23, Ostbahnstr. 1—2, Prinz-Albert-Str. 33—44, Fischerstratze, Friedrichstraße, Hauptstraße. Lückstraße, Wilhelm- straße, Schlichtallee und Köpenicker Chaussee, wählt in der Turn- halle der Schule in der Prinz-Albert-Straße. Kandidat ist hier Schankwirt Gust. Tempel. Die zweite Wählerklasse wählt ebenfalls in zwei Bezirken, und zwar sind im 1. Bezirk, umfassend den ganzen Ortsteil Boxhagen, zwei Gemeindeverordnete zu wählen. Von unserer Partei sind hier die Genossen Otto John und Hermann Müller aufgestellt. Das Wahllokal für diesen Bezirk befindet sich im Restaurant „Bürger-Kasino", Sonntagstr. 26. Im 2. Bezirk, umfassend den ganzen Ortsteil Rummelsburg, ist ein Vertreter zu wählen. Hier ist Genosse Theodor Ritter aufgestellt. Das Wahllokal für diesen Bezirk befindet sich im „Roland", Viktoriaplatz 1/2. Morgen, Freitag, den 8. März, von abends 7 Uhr ab findet die Austragung der Wahlaufforderungen statt. Die Parteigenossen werden ersucht, hierzu recht zahlreich erscheinen zu wollen. Für Boxhagen ist Verteilungslokal bei Heuer, Krossener Str. 28, und für Rummelsburg bei Tempel, Hauptstr. 2. Die Parteigenossen, welche sich an den Wahltagen, besonders am Montag, an den Wahl- arbeiten beteiligen wollen, melden sich am Freitagabend bei ihren Bezirksführern. Steglitz. In einer öffentlichen Gemeinbewähler- Versammlung im„Birkenwäldchen" sprach am Montagabend Genosse A ß m a n n über die bevorstehenden Gemeindewahlen. Er schilderte wie unsere Gemeindevertretung, der nur 2 Sozialdemokraten angehören, ihre Aufgaben erfüllt oder richtiger nicht erfüllt. Nach einer treffenden Charalterisierung unserer kommunalpolitischen Parteien und des Gemeindevorstandes forderte er die Wähler auf, am Montag und Dienstag der nächsten Woche ihrer Wahlpflicht zu genügen, um noch einige Sozialdemokraten ins Rathaus zu ent- senden. Nach Genossen A ß m a n n, dessen Mandat demnächst ab» läuft und der in beiden Bezirken aufgestellt worden ist, nahmen noch die beiden anderen Kandidaten, die Genossen L e i m b a ch und Krug das Wort zu kurzen Ausführungen. Erstercr kritisierte Haupt- sächlich die Zurücksetzung der Volksschulen gegenüber den höheren Schulen und kennzeichnete das Verhalten der Mietervereinler in der Gemeindevertretung. Eine Diskussion fand nicht statt. Mit der Aufforderung des Vorsitzenden, Genossen A l f e r m a n n. die wenigen Tage bis zur Wahl noch gut zur mündlichen Agitation auszunutzen, erreichte die Versammlung ihr Ende. Ober-Schönewcide. In einer gutbesuchten öffentlichen Gemeinde- Wählerversammlung hielt der Reichstagsabgeordnete Genoffe Stolle einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über die Be- deulung der Sozialdemokratie in der Gemeindevertretung. Nach dem Vortrag schritt die Versammlung zur Aufstellung der Kandidaten für die 3. Klasse. Als solche wurden die Genossen Braun und Lehmann einstimmig nominiert. Der Vorsitzende schloß hierauf die Versammlung mit dem Appell an die Wähler, am Sonntag, den 10. März, recht zahlreich zur Wahl zu gehen und ihre Stimmen den Kandidaten der Sozialdemokratie zu geben. Die Wähler der dritten Klasse müßten durch eine Maffenbeteiligung an der Wahl gleichzeitig gegen das Dreiklaffenwahlsystem demonstrieren, das zwei Wählern in der 1. Klasse ebenso viel Recht gibt, wie 4586 Wählern inder 3. Klasse. Zehlcndorf sWannseebahn). Die Gemeindewahl für die dritte Klasse findet am nächsten Mittwoch, den 12. März, nach- mittag von 4—8 Uhr, für den 1. Bezirk im.Fürstenhof", für den 2. Bezirk im„Kaiserhof" statt. Ein Antrag der Arbeiterschaft, die Gemeindewahlen an einem Sonntag stattfinden zu lassen, ist vom Gcmeindevorstand mit der Begründung abgelehnt worden, „daß die örtlichen Verhältnisse eine solche Maßnahme nicht recht- fertigen". Dieses Mal scheidet auch der frühere Malermeister und jetzige konservative Landtagsabgeordncte Herr Hammer aus unserem Par- lament aus: wie verlautet, soll Herr Hammer durch seine parla- mentarische Tätigkeit so in Anspruch genommen sein, daß ihm zur Ausübung eines Gemeindevertretermandats keine Zeit mehr übrig bleibt. Die Arbeiterschaft weint dem Herrn keine Träne nach. Schon jetzt ist eine Uneinigkeit der bürgerlichen Parteien unter- einander zu beobachten; die Friedensschalmeien, die der Einsender der Monatsschau im„Zehlendorfer Anzeiger" vor wenigen Tagen noch geblasen hat, haben sich über Nacht in schmetternde Kriegs- fanfaren verwandelt; uns kann es schon recht sein. Marienfelde. Heute Donnerstag findet im Lokal von Manny die Wahl zur Gemeindevertretung statt. Ist die Wahlzeit von 10 bis 2 Uhr auch ungünstig, so darf dock kein Arbeiter auf die Ausübung seines Wahlrechts verzichten. Genossen, die mit Marienfelder Einwohnern zusammen arbeiten, werden ersucht, die- selben auf die Wahl aufmerksam zu machen. Britz-Buckow. Als Kandidaten für die bevorstehende Gemeinde- Wahl in der dritten Klasse stellte die letzte außerordentliche General- Versammlung die Genossen August P r e n z l a u, Franz H e i n tz e und Otto H e r m s auf. Pankow. Großer Jubel herrschte am Sonntagabend, als Genosse Gütig im Restaurant„Zum Kurfürsten" über den Ausgang der Wahl berichtete. Namentlich im Bezirk I Süd hatten die Gegner alles aufgeboten, um denselben sür sich zu behaupten. Sechs Autos waren den ganzen Tag unterwegs, die bürgerlichen Wähler heran zu schleppen. Das eine Mal passierte ihnen das Maleur, daß sechs Mann, die sie aus der Uckermarkstraße mit Mühe per Auto heran- geschleppt hatten, ihre Stimmen für unseren Kandidaten abgaben. Um ganz sicher zu gehen, hatten die Gegner zwei Kollegen des Genossen Fengler zur Arbeit mit herangezogen, die dann auch mit ganzer Kraft zu Werke gingen. Der Erfolg war, daß unser Genoffe mit über 400 Stimmen Mehrheit als Sieger aus der Wahl hervor- ging. Unsere Genossen haben den ganzen Tag unermüdlich gearbeitet, das Wahllokal war ununterbrochen so gefüllt, daß die Wähler stundenlang warten mußten. Mit Freuden konnte Gütig konstatieren, daß die Scharte von der Konfliktzeit bald ausgewetzt ist; nur ein Mandat sei nun noch das nächste Mal zu holen. Hriligensee. Morgen, Freitag, den 8. März, finden die Gemeindevertreterwahlen der 3. Klasse für die Orte Heiligen- see, Konradshöhe, Jörsfelde, Tegelort und Schulzendorf statt. Die Wahlzeit ist von nachmittags 2 Uhr bis abends 8 Uhr festgesetzt. Das Wahlbureau befindet sich bei Peters in Heiligensee. Kandidat ist Genosse Franz K r u m n o w. Tabendorf bei Zossen. In einer gut besuchten Versammlung referierte Genosse K l ü ß über die kommende Gemeindewahr. Dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag folgte ein Diskussion, an der sich auch Bürgerliche beteiligten. Unsere Genossen Seile, Lau und Schulze wiesen an dem Verhalten der bürgerlichen Ver- treter im Gemeindeparlament nach, wie notwendig es ist, daß auch Arbeitervertreter im Dorfparlament ihren Einzug halten. Die Wahl findet am 9. März statt. Bis dahin müssen unsere Genossen noch rege für die Wahl der sozialdemokratischen Kandidaten tätig sein. Glienicke(Nordbahn). Eine Wählerversammlung beschäftigte sich am Sonntag mit den bevorstehenden Gemcindewahlen. Nach einem beifällig aufgenommenen Vortrage des Genossen Polenske- Neukölln kam es zu einer lebhaften Aussprache über die am Orte herrschende» traurigen Schulverhältnisse. Die 145 Kinder werden von einem Lehrer und einer Lehrerin unterrichtet. Wenn letztere verhindert war, den Schulunterricht abzuhalten, fo mußte der Lehrer den Unterricht sür sämtliche Kinder übernehmen, wobei er bei den Kleinsten von einem Jungen der Oberklaffe unterstützt wird. Im letzten Winter ist es vorgekommen, daß der Unterricht ausfiel, toeil die Schulzimmer nicht geheizt waren. Als Kandidat für die dritte Abteilung wurde der Genosse U l f e r t wieder aufgestellt. Die Wahl findet am Sonnabend, den 9. März, nachmittags von 4 bis 7 Uhr im Lokal von Trampel statt. Zum Schluß forderte der Vor- sitzende die Anwesenden auf, nach Kräften für die Wahl unseres Kandidaten zu agitieren. Tegel. Zwei weitere Siege konnten unsere Partei- genossen bei der Gemcindewahl am Mittwoch erfechten. Im 1. Be- zirk erhielt Genosse Rentner 505, der Kandidat der Bürger- meisterpartei Rollin 401 Stimmen. Im 2. Bezirk vereinigte Gc» nosse R a d u n z 607 Stimmen auf sich, während es der gegnerische Kandidat Rollin nur auf 176 Stimmen brachte. Wahlergebnisse. Schönow. Bei der am Sonntag stattgefundenen Gemeindewahl der dritten Klasse erhielt von 57 abgegebenen Summen unfre Kandidat Genosse Richard D u k e w i tz 32 Stimmen. Es zieht nun der erste Sozialdemokrat in das Dorsparlament«Kc. Bei der Wahl der zweiten Klasse entfielen auf unseren Kandi- baten 4, auf den Kandidaten der Hausbesitzer 6 und auf den Kandidaten der Gemeinde 6 Stimmen. Somit findet Stichwahl zwischen den beiden letztgenannten Kandidaten statt. EUis der Frauenbewegung. An die jungen Proletarierinnen wendet sich die österreichische Genossin Adelheid Popp in ihrem „Mädchenbuch" sHest 6 der empfehlenswerten Sammlung„Die junge Welt", Preis 20 Pf.). Adelheid Popp wird den meisten Prolc- tarierinnen bereits durch ihre von Bebel herausgegebenen„Lebens« schicksale einer jungen Arbeiterin" bekannt sein. In ihrem neuen Büchlein erteilt sie schulentlassenen Mädchen, die in die rauhe Welt des Fabrik- und Geschäftslebens treten müssen, in warmen freund- lichen Worten Ratschläge. Sie ist dazu um so eher berufen, als sie selbst das Elend und die Gefahren jugendlicher Fabrikarbeit erlebt hat. Die Winke bezichen sich auf den Berkehr mit Mitarbeiterinnen und Vorgesetzten, auf Arbeits- und Feier- stunden, Kleidung und Lektüre. Eine Reihe eingestreuter Gedichte aus dem Proletarierinnenleben(darunter von Hebbel, Petzold, Henckell, Ada Negri) und die prächtige Skizze„Thygater" von Multatuli, dazu eine Zeichnung von Dürer als Titelbild bilden Schmuck und wertvolle Ergänzung des Heftes. Der diesjährige schweizerische sozialdemokratische Frauentag ist auf den 17. März festgesetzt. Es sollen in den Städten und größeren Orten Kundgebungen für das Frauenstimmrecht veranstaltet werden. Leseabende. 3. KreiS. Heute 8'/z Uhr, im Gewerkschaftshaus(Zimmer siehe Tafell). Vortrag der Genossin Wigotschinski über Kinder« f ü r s o r g e._ Gerichts-Zeituncf. Sind die Verträge eines ZeitungsverlegerS mit den ZeitungS- trägerinnen steinpelpflichtig? Mit einem eigenartigen Prozesse, bei dem es sich um ein Objekt« von ganzen 3 M. handelte, hatte sich am Dienstag das Reichsgericht zu beschäftigen. Der Verlag der„Stettiner Abendpost" hatte mit einer Frau B. einen Vertrag und zwar schriftlich abgeschlossen, wo- nach sie die Pflichten einer Zeituugsausträgerin übernahm und für ihre Tätigkeit entsprechenden Lohn zugesichert erhielt. Ver- träge, welche regelmäßig wiederkehrende Dienstleistungen betreffen, die mit weniger als 1500 M. im Jahre entlohnt werden, sind vom Stempel befreit. Weil nun aber aus der Urkunde nicht ohne weiteres ersichtlich war, daß die Zeitungsfrau jährlich keine 1500 Mark verdient, so verlangte der Stcuerfiskus die Verwendung eines Stempels von 3 M. Der Verlag zahlte, klagte aber auf Rückzahlung. Das Landgericht Stettin wies die Klage ab, das Oberlandesgcricht Stettin erkannte jedoch am 31. Oktober 1911 dem Klageantrage ent- sprechend. Es war der Ansicht, daß es für die Befteiung von der Stempelpflicht genüge, daß aus dem gesamten Inhalte des Vcr- träges hervorgehe, daß die jährliche Einnahme der Zeitungsfrau aus ihrer Botentätigkeit weniger als 1500 M. betrage. Offen- sichtlich müßte eine Zeitungsfrau wenigstens 1000 Exemplare aus- tragen, wenn sie annähernd 1500 M. verdienen wollte; dies sei aber nach den Erfahrungen des täglichen Lebens undenkbar.— In seiner Revision machte der Fiskus u. a. geltend, ein solcher Ver- trag müsse klar und deutlich erkenntlich machen, um welchen Jahres- verdienst es sich handele. Man könne dem Stempelbcamten nicht zumuten, umständliche Erwägungen und Berechnungen vorzu- nehmen. Der Vertreter des klägerischen Verlages verwies darauf, daß die Vorinstanz keineswegs verkannt habe, daß die Höhe des Lohnes aus der Urkunde ersichtlich sein muß; es genüge aber voll- ständig, wenn sie erkennbar sei. Man dürfe derartige Bestimmun- gen nicht engherzig auslegen, nur um der Bequemlichkeit der Be- amten wegen.— Das Reichsgericht wies die Revision des Fiskus als unbegründet zurück. Der Tod unter dem Auto. Das Landgericht III in Verlin hat am 26. September 1911 den Autodroschkensührer Karl Fleck wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Am Nachmittag des 6. Mai 1911 wollte er in Deutsch�Wilmersdorf einen Kohlenwagen überholen. Auf dem Fahrdamm standen an dieser Stelle drei Lastivagen. Wäh- rend der Angeklagte vorüberfuhr, befanden sich diese, der Kohlen- wagen und das Auto, in einer Reihe. Der Angeklagte fuhr so dicht an dem Kohlenwagen vorbei, daß er keinen Uebcrblick über die durch die anderen Wagen verdeckte Fahrbahn hatte. So übev- fuhr er zwei kleine Mädchen, die gerade den Fahrdamm hatten überqueren wollen. Das eine starb an den erlitteten Verletzungen. Die Revision des Angeklagtest wurde jetzt vom Reichsgericht verworfen. In dem Uebcrholen an sich liegt keine Fahrlässigkeit, wohl aber darin, daß der Angeklagte dabei so schnell fuhr, daß er nicht sofort halten konnte. Die Söhne des Millionärs. Das Landgericht Kottbus hat am 4. April 1911 die Söhne des verstorbenen Tuchfabrikanten Balte, Otto. Albert und Kurt, wegen einfachen Bankerotts(Aufwand), Otto und Albert auch wegen Be- truges verurteilt. Die Revision Ottos, der 9 Monate Gefängnis erhalten hat, wurde jetzt vom Reichsgericht als unbegründet ver- worfen. Ist Torf ein Produkt der Landwirtschaft? Das Landgericht zu Hannover hatte Glisenius und andere kleine Landwirte, die auf Moorflächen ihrer Besitzungen Torf go- Winnen und ihn dann im Hausierhandel absetzen, wegen Ueber» tretung des Hausiersteucrgesetzcs zu Geldstrafen verurteilt. Sie sollten sich dadurch vergangen haben, daß sie den Hausierhandel im sinne dieses Gesetzes ausübten, ohne die Hausiersteuer(Steuer vom Gewerbebetriebe im Umherziehen) zu entrichten und den vorge» schriebenen Gewerbeschein dagegen einzulösen. Nun kennt das ge- nannte Gesetz eine Ausnahme insofern, als es freiläßt den Hausien- betrieb mit„selbstgew-nnenen Erzeugnissen der Landwirtschaft". Hierauf hatten sich auch die Angeklagten berufen, indem sie geltend machten, daß es sich bei dem auf ihrem Moorland geivonnenen Torf um selbstgcwonnene Erzeugnisse der Landwirtschaft handele. Das Landgericht oerwarf aber diesen Einwand als unzutreffend. Der Torf könne überhaupt nicht als ein Produkt der Landwirtschaft angesehen werden, da er ohne menschliches Zutun in der Erde ent- steige. Die Angeklagten legten Revision ein und machten geltend, dah sie den Dorf doch erst dem Moore abgewinnen mühten. Das Kammergericht verwarf am 1. d. M. das Rechtsmittel. Mit Recht sei das Landgericht davon ausgegangen, daß der Begriff „Produkt der Landwirtschaft" eine menschliche Mitwirkung beim Entstehen des Produkts selber voraussetze, wie sie für daS Korn und andere Pflanzen z. B. das Säen sei. Und mit Recht sehe das Landgericht im Torf kein Erzeugnis der Landwirtschaft, weil für das Entstehen de» Torfes eine Mitwirkung menschlicher Tätigkeit nicht in Frage komme._ Hus aller Melt. Rot und 8chwarz. Hier soll gewih nicht für oder wider oder über ein Bündnis zwischen Sozialdemokratie und Zentrum geredet werden. Auch StendhalS berühmter Roman steht nicht in Frage, sondern.Rot und Schwarz" ist ein liebliches Spiel, wie es von Jeuratten um die mitternächtige Stunde herum gern gespielt wird. In der gestrigen soundsovielten Verhandlung des soundsovielten Metternich-Prozesses stand.Rot und Schwarz" im Mittelpunkt einer entzückenden Idylle— eS war etwa, eis wenn ein tgl. preußischer Unteroffizier den bock- beinigsten Rek-tten seiner Korpvralschaft vor der Front umarmte. Der Sitzungsbericht schildert die Idylle mit folgenden Worten: Zeuge v. Manteuffel: AuS. den verschiedenen Anzeigen habe ich die Ueberzeugung bekommen, daß die Karten der beiden Farben verschieden gebogen worden sind. Die? hat unter anderem auch ein Herr v. Steinäcker in seiner Anzeige gesagt, daß die Karten gebogen gewesen waren, und zwar die roten nach oben und die schwarzen nach unten.— Angekl. BuieS: Da kann man ja noch was lernen. Ich habe so etwas noch nicht gesehen. — Bors.: N a, dann passenSie man recht genau a u s I(Heiterkeit.)— Kommissar v. Manteuffel: Wenn man neue Karlen biegt, so hält diese Biegung längere Zeit aus. Der Zeuge zeigt nun, vor dem Zeugentisch stehend, wie es sich ermög- lichen läßt, die beiden Farben getrennt voneinander nach oben bezw. nach unten zu biegen, ohne daß die» besonders auffällt, Nachdem dies geschehen ist, nimmt der Zeuge daS Spiel in die Hand und beginnt unter der gespanntesten Aufmerksamkeit der Zuschauer ein„Solospiel", bei dem er mit unglaublicher Fixigkeit die Farbe der zu ziehenden Karte voraussagt, ohne sich auch nur einmal zu irren._ Ist das nicht über die Maßen kostbar? DerAngeklagte BuieS hat den Gerichtshof schon zu verschiedenen Malen der tiefen und er- freulichen Sympathie für Deutschland versichert. Diese Sympathie wird jetzt bis zur Siedehitze steigen, nachdem er mit glänzenden Augen dem Herrn Sachverständigen v. Man- teuffel— eS war schon mancher Manteuffel in manchem fach- verständig— einen ganz funkelnagelneuen Trick abgelauscht hat. Ein genialer Trick, das Umbiegen der Karten I Und einfach, verblüffend einfach I Und erstaunt platzt Herr BuieS in seines Herzen» Freude heraus:.Da kann man ja noch was lernen." Und der Borsitzende väterlich ermahnend:.Na, dann paffen Sie man recht genau auf!' Herr BuieS läßt sich'» nicht zweimal sagen. Wer hier im Gerichtssaal für sein späteres Fortkommen etwas profitiert, macht dem Verein zur Unterstützung entlassener Sträflinge weniger Arbeit. Wenn Herr BuieS in späteren Tagen in Ostende oder Monte Carlo, an der Riviera oder in Aegypten mit diskret umgebogenen Karten beim rouge et noir„Kavalieren" die braunen Lappen auS der Tasche zaubert, wird er mit Rührung des Moabiter GerichtSsaalS, de» fach- verständigsten unter den Sachverständigen und de» jovialen Vor- sitzenden gedenken. Und eine Zähre der Dankbarkeit rinnt, des sind wir gewiß, in den Bart des alten Falschspielers. Eisenbahnkatastrophe in Kanada. AuS P r i n c e Albert in der kanadischen Provinz Saskatchewan wird ein furchtbares Eisenbahnunglück ge- meldet. Ein Zug der Kanada Northern Eisenbahn stürzte bei der Ueberquerung eines Viadukts in den südlichen Arm des Saskatchewan st roms. Ein Pulmanwagen, in dem sich 10 Personen befanden, überschlug sich mehrere Male und blieb auf dem Grunde des Stromes liegen. Man fürchtet, daß 10 bis 15 Personen getötet und ca. 20 schwer verletzt sind. Rettungsmannschaften sind nach der Unfallstelle ab- gegangen._ Unwetter in Frankreich. Ein schwerer Eturm ist über den Nordosten Frankreichs nieder- gegangen und hat furchtbare Verheerungen angerichtet. In Beauvais wird der von dem Unwetter verursachte Schaden auf zirka eine Million Frank geschätzt. Bon über 200 Häusern wurden die Dächer abgedeckt. Der Schornstein der Kaserne des in Beauvais garnisonierenden 61. Infanterieregiments stürzte ein und fiel in eine Gruppe auf dem Hofe übender Soldaten. Zwei wurden getötet, die anderen schwer ver« letzt. Auch in Lille stürzte der Schornstein eines großen Fabriketablissements ein und tötete den Fabrikwächter. Jn FrancidreS, wo eine große Bauttätigkeit entfaltet wird, wütete der Sturm unter den Neubauten. Eine ganze Reihe halb« fertiger Gebäude wurde von der Gewalt des Sturmes glatt weg- geblasen. Kleine Notizen. I» Todesängste«. Als gestern mittag 10 Arbeiter einen über das Eis am Eingang de» Freihafens in Stettin gelegenen Steg passierten, kippte dieser um; die Arbeiter fielen mS Wasser. Es gelang, sämtliche Arbeiter zu retten, jedoch erlitten einige er- hebliche Verletzungen. Vom Zuge überfahren. In der Station Velin in Böhmen wollte der Schneidermeister Konda, als er mit seiner Braut zur Kirche ging, das Bahngleise überschreiten. Im selben Augenblicke brauste ein Schnellzug heran, dessen Räder die beiden Unglück- lichen erfaßte und schrecklich verstümmelte. Beide waren soforttot. WagerftaudS. Nachrichten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner ZSetterbureau. •) 4- bedeutet WuchS,— Fall.—*) Untcrpegel.—*) Ei« stand. —«) TiZtret. Todes-Anzeigen I Allen Verwandte», Freunden und Bekannten hierdurch die trau- rige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Bater, der Buchbinder Emil Schmidt nach schwerem Leiden am Sonn- tag, den 3. März, im 64. Lebens« jähre verstorben ist. Dies zeigen t'esbetrült an gorta Schmidt, geb. Holdechmidt, Rudolf Schmidt, Nu Schmidt. Die Beerdigung findet heut« Donnerstag, den 7. März, mitta de». aus auf in der nad ZsMMMeb.NMk'eio für den 8. Beri. ReiebstapaH. De« Mitgliedern die traurige Mitteilung, baß unler langjähriges Mitglied, der Buchbinder Emil Schmidt verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den?. März, nach. mittags 4>/< Uhr, von der Leichenball« de« PhiliHpui-Apostel. Kirchhos»» au« aus dem städtischen Friedhof in der Seestraße statt. Up« zahlreiche Beteiligung«rsuchl ve>i- ZMiIeivlilli'atized.Mmeili Kreis MtMm Bezirk Reinickendorf-West. Todesanzeige. Am 4. Mär« verstarb unser Genosse, der Arbeiter Al»x Härtens Birkenstraß« 58. «hre seinem«»denke»! Di« Beerdigung findet am Freitag, den 8. März, nachmittag« 4'/, Uhr, von der Leichenhalle de« hiesigen Aemeind«. Fricdhose«, Humboldtstraße, au« statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Oeutsclier Metaiiarbeitsr-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schmied Reinhold Fröhmelt am 2. März an Herzschlag ge starben ist. Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den f. März, nachmittags 2 Uhr, von der Leichen halle de» städtischen Fri" Neukölln, Mariendorscr Weg, aus statt. äedhoscS in Ferner starb unser Mitglied, der Metallarbeiter Karl Billing. Di« Beerdigung findet am Frettag. den 8. März, nach mittag« 8'/, Uhr, vom Trauer. Hause Luckauer Str. S au« nach dem neuen Thoma«-Kirchbot in Neukölln, Hermannstrahe, statt. erner Mfiglted. r starb am 4. Mär, unser !, der Metallarbester Max Mertens an Lungenentzündung. Die Beerdigung findet am Freitag, den 8. Marz, nach- mittag« 4'/, Uhr, von der Leichen. halle de« Reiniltendorser Ge- meinde.Friedhosc« in Reinicken- dors, Humboldtstraße, au« statt. Ferner starb am 5. März unser Mitglied, der Dreher Walter Woelke an Herzleiden. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den S. März, nach- mittag« 4 Uhr, von der Leichen- balle des Zentral-Friedhoses in Friedrich«seloe aus statt. Ehre ihrem Andenke« t Rege Beteiligung erwartet 1l8/t1 Die OrtSverwaltnna. Am 6. März verstarb nach kurzem, schwerem Leiden unser Kollege, der Schleiser Vildelm Hoffmann im Alter von 48 Jahren. Wir werden dem Verstorbenen ein ehrendes Andenken dewahren. Die Mitarbeiterinnen und Mit- ardeiter der Jnstrnmcntenfabrit H. Hauptner. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den S. März, nach- mittag« S'/. Uhr. von der Leiche».. halle de« Auferstehung«» Kirch- host«. Kdjjctiice, Lichtenberger Straße l lv— l23. au« statt. 423b Danksagung. Jir die vielen Beweise herzlicher nabme bei der Beerdigung meine« lieben Ranne« sage ich alle» meinen —"Yen Dank 4076 Witwe Bert« Kramer, Neukölln, Heimannslraße 189, Verantwortlicher Redakteur: Zentral-Verband der Steinarbeiter. Zahlstelle Berlin. Am 5. März starb unser Kollege ]?rfins: deck im Alter von 34 Jahren an der Berus«tranlheit. 17l/7 Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Sonnabendnachmittag 8 Uhr von der Leichenhalle des Auserstibungs, Kirchhose« in Weißensee, Lichten- berger Straße, aus statt. Um rege Beteiligung eriucht Die Ortsverwaltung. Nach schwerem Leiden entschlies am Montag morgen 8>/, Uhr mein lieber Mann und Vater ifori Kosmehl (Neukölln, Reuterstr. 68(69). Di« Beerdigung findet heute Donnerstag, den 7. März, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Nixdorser Kirch- Hose«, Mariendorfer Weg, au« statt. Am 5. März entschlies sonst nach kurzen Leiden meine liebe gute Frau unsere sorgsame Mutler Urise Kupsch geb. Altmann. Die» zeigen tiesbetrübt an I-ea Knpaeh nebst Kindern, Baomschulenweg, Marienthaler Straße 24. 4llb Die Beerdigung findet am Frei- lagnachmiltag 6 Uhr, von der Halle des Treptower Gemeinde-Fried- hoses au« statt,(vahnhos Baum- schulenweg.) Allen Freunden und Bekannten die tiesbetrübende Nachricht, daß unser liebe«, gute« Töchlerchen Klara im Atter von sech« Jahren nach kurzem Leiden verstorben ist. Dies zeigen ttefbetrübt an W'rlt» Hunger nebst Frau und Sohn. Die Beerdigung findet Donners- tag nachmittag 3«/, Uhr von der Leichenhalle de« siadt. Friedhose«, Müllerstratze, Ecke Seestraße, auS statt. Raiistelleo! 1000 Mk. iazablii Drmpethof«. Lderichönewride rn. Konsens u. Baugeld offerieren Leiser& Ce., Martin Luthers tr. 60. VI. 7220. Stoffe Reste g. Aniup, Paletot Rix. 3,— M. Loden für Pelerinen Mir. 1,50, 8,50. Tuchlager Koch* Seeland 6. rn. b. H. Gerlradleiislr. 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Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckeret n. PerlagSanstaU Paul Singer*. To/ Berlin SW. it. 56. 29. Aahkglmg. 3. KtilSP des.Kmiirls" Ktllincr WsdlM . 7. Marz 1012. Die StmalmsmickMn i>n Zirrliiirr Erper Wahlkreis. Täterölv eröffnete Sie Versammlung mit der Bekanntgabe der Namen der verstorbenen Mitglieder� Die Versammlung ehrte das Andenken der Verstorbenen in der üblichen Weise. Dann er- stattete T ä t e r o tv den Geschäftsbericht vom letzten halben Jahr und gab eine gedrängte Uebersicht von den Arbeiten, die geleistet worden sind. Im Anschluß hieran verteidigte Redner den Vorstand gegen die verschiedentlich erhobene Kritik an der Tätigkeit und den Maßnahmen der Leitung. Wenn gesagt worden sei,"der Vorstand habe in der Wahlbewegung nicht in der geeigneten Weise organisiert, besonders aber die Kaufleute nicht genügend berücksichtigt, so müsse er diese Vorwürfe entschieden zurückweisen. Wenn alles vorbei ist, sei es sehr leicht, klug zu reden, die Kritiker hätten nur zur rechten Zeit mit ihren weisen Vorschlägen herausrücken sollen. Der Vorstand habe sein möglichstes getan. Eine Diskussion schloß sich dem Vorstandsbericht nicht an. Hierauf erstattete Bolzmann den Kassenbericht: Die Einnahmen betragen 4993,48 M.. die Ausgaben 2397,96 M., bleiben 2685.52 M. An Maimarken abgeliefert: 229,25 M., ab- gelieferter Ueberschuß der Maifeier 146,75 M. Zum Punkt: Berbands-Generalversammlung verliest Täterow 5 Anträge des Kreises Niederbarnim an die Vcrbands-Gencralversammlung Groß-Berlin, von denen der erste lautet: „Tie Parteigenossen Groß-Berlins bedauern das Stichwahl- abkommen des Parteivorstandes mit der Fortschrittlichen Volks- Partei, durch welches unsere Genossen in 16 Kreisen, wo wir mit dem Freisinn in Stichwahl standen, verpflichtet wurden, die Wahl des fortschrittlichen Kandidaten durch» Stimmenthaltung zu sichern." Hierzu bemerkt Täterow: Hätte der Parteivorstand nicht so gehandelt, so hätte er sich einer Pflichwcrletzung schuldig gemacht. Was geschehen sei, hätten Klugheitsrücksichten diktiert. Soweit könne man damit einverstanden sein. Nur die dritte Klausel in diesem Abkommen hätte nicht vorgelegen und sei nicht veröffentlicht worden. Diese Klausel wurde deshalb mißbilligt, sonst sei anerkannt worden, daß der Parteivorstand bei seinem Stichwahlabkommen eine glück- liche Hand gehabt habe. Im übrigen werde der Parteivorstand auf dem nächsten Parteitag ja Rede und Antwort stehen. Als erster Redner nahm zu dieser Sache der Kandidat des Kreises, Genosse Düwell, das Wort: Ten Genossen werde ja der Artikel im„Vorwärts" bekannt sein, der sich mit dem Stich- wahlabkommen beschäftigt. Tarin werde Stimmung für etwas ge- macht, das die Parteigenossen gar nicht kennen, und darüber sollen sie urteilen. Daß der Parteivorstand rauSzuholen suchte, was ging, daß er nach bestem Gewissen gehandelt, daran zweifle niemand. Etwas anderes aber ist es, ob das, ivas er getan, richtig war. Nach der bisherigen Begründung sei die Spekulation aus Mandate be- stimmend gewesen für die Parole. Er, Redner, sei der Ansicht. dtlß solchen Abkommen nur dann Bedeutung zukomme, wenn sie der Stimmung der Wähler entsprechen. 1993 hätten wir, wo die Sozialdemokratie gegen rechts stand und der Liberalismus den Ausschlag gab, meist genau soviel Stimmen bekommen wie jetzt mit der freisinnigen Wahlparole. Hätte der Freisinn eine Parole für die Konservativen ausgegeben, so hätten wir kaum eine Stimme weniger erhalten: die Wähler wären entrüstet gewesen und vom Freisinn abgesprungen, während sie jetzt mit dem Relief, das der Freisinn bekommen habe, in ihm eine konsequente Bolkspartei er- blickten. Wenn lediglich die Rücksicht auf Mackitentfaltung unsere Aktionen bestimmte, dann dürften wir auch nickit über Formalien stolvern, ganz gleich, ob dieselben staatsrechtlicher Natur seien oder von den Gegnern als Gewohnheitsrecht verlangt würden. Die weitere Konsequenz sei es ferner, keine Zählkandidaturen mehr aufzustellen, wenn dadurch die Wahl eines linksstehenden ßandi- taten verhindert werde. Es Iväre konsequent, fürs Zentrum ein- zutreten durch Verzicht auf Stichwahlkampf und Zählkandidaturen, wenn sich wieder eine Konstellation wie 19sQ einstelle. Die moralische Wirkung der Preisgabe des Stichwahlkampfcs wäre, daß die Wähler irre würden und im gegnerischen Lager verblieben oder dahin zurückflössen. Die Werbekraft auf den neuen Mittelstand werde gelähmt. Redner schließt mit dem Wunsche, daß die Ver- sammlung der Nicdcr-Barnimcr Resolution ihre Zustimmung geben möchte im Interesse der Partei. S t i e l o w wirft die Frage auf, ob D ü w e l l und Täterow Kenntnis hätten von der dritten Klausel.(Beide verneinen.) Tann halte er es nicht für richtig, daß man das in einer Ver- sammlung vorbringe. Man möge in dieser Angelegenheit zur Tagesordnung übergehen. Düwell: Was er vorgetragen, sei ihm bekannt, was sonst tn dem Stichwahlabkommen stehe, wisse er nicht. Jedenfalls sei daö, was er mitgeteilt, das mindeste, was an Konzessionen dem Freisinn gemacht worden sei. Schwabedahl: Wir hätten bei den verschiedensten An- lässen Kompromisse abgeschlossen. ES werde ohne solche Abkommen auch in Zukunft nicht gehen. Prinzipiell habe Düwell ja recht, aber cS hätte eine schwere Verantwortung auf dem Parteivorstand gelegen, und er müsse gute Gründe gehabt haben, als er dies tat. Zu bedauern sei nur, daß der Parteivorstand sich erst jetzt darüber auslasse. Was wir im„Vorwärts" gelesen, sei wenig. Ter Re- solution würde er deshalb seine Zustimmung geben, damit Klarheit in die Angelegenheit komme. B» bl: Ten Linksliberalcn habe vor den Wahlen der Himmel voller Geigen gehangen. Der blau-schwarze Block sei heute noch vorhanden: es sei nicht daran zu denken, daß die Recktsnational- liberalen jemals für uns arbeiten werden. Tie Präsidentenwahl werde ja zeigen, wie es komme. Er sei in der Frage des Stich- MablabkommenS mit Düwell einig. Wenn wir uns nach den je- wciligcn Verhältnissen richteten, heute gegen die Schwarzen, morgen gegen den Freisinn kämpften, so werde das die Masse nicht versieben, dann müßte eine ganz andere Erziehungsweise vor- acnonimcn werden. Eine solche Politik sei aber eine Eunuchen- Politik, der wir ein Ende machen sollten; sonst würden die �iichT: Die Redner kritisierten schon frisch draus IoS und wüßten noch gar nichts Bestimmtes. Jetzt werde das radikale Pferd geritten. Habe man sich denn während des Wahlkampfes getraut. r.it den Demokraten ein ernstes Wort zu reden? Wem gelte denn der Vorwurf TüwellS: dem ersten Kreis oder dem Parteivorstand? Sko-h nie sei ein Kampf im ersten Kreis so gut geführt worden wie der letzte Für solche Anträge, wie der vcrlcsene. setz, er nicht zu haben, dann solle man auch immer radikal sein. Täterow: Tie zur Debatte stehende Frage se, keine Frage des Radikalismus oder Revisionismus. Es gebe Radikale, die mit der Parole zufrieden, und Revisionisten, die nicht damit zufrieden seien. Tie Politik sei nun mal ein Handelsgeschäft. Kann eine Situation ausgenutzt werden, so müsse man es tun. Wer da« nicht einsehe, sei kein Politiker. Ter Parteivorsiand wäre sein Amt nickt wert, wenn er nicht so gehandelt hätte. Bei Wahlen sei cS nickt möglich, immer konsequent zu sein, sonst müßten wir uns einfach aus unsere eigene Kraft verlassen. Düwell: ES könnte beinahe scheinen, gss hätten wir kein Recht mehr, zu erörtern, ob der Parteivorstand richtig nder falsch gehandelt habe. Wo keine Argumente mehr seien, komme man mit Radikalismus und Revisionismus. Er habe aus den Dingen nur die Konsequenzen gezogen. Wenn man erst zu schachern beginne, dann solle man nicht nur bei den Stichwahlen schachern. Aus praktischen Erwägungen sei er zu seinen Schlußfolgerungen ge- langt. Er habe auch den Demokraten gegenüber immer den grund- sätzlichen Standpunkt der Sozialdemokratie hervorgehoben.(Leb- Haftes Sehr richtig!) Die übrigen Anträge von Nieder-Barnim werden ohne Debatte erledigt. Die von den Bezirken vorgeschlagenen Delegierten zur Per- bands-Gcncralvcrsammlung werden bestätigt. Als Kandidat für den nach dem Tode des Genossen Liep- mann freigewordenen Sckretärposten wird Woldersky vor- geschlagen, der die Kandidatur annimmt. Die Versammlung stimmt dem Vorschlage e i n st i m m i g zu. Die Ersatzwahlen zum Vorstande werden demnächst vor- genommen. Zweiter Wahlkreis. Die Generalversammlung, die im Hofjäger-Palast" in der Hasenheide tagte, ehrte zunächst das Andenken der seit der vorigen Ver- sammlung verstorbenen Mitglieder und gedachte dabei auch des Verbandssekretärs Liepmann. Dann gab der Vorsitzende S ch w e m k e den Bericht des Vorstandes. Die Hauptarbeit im verflossenen Halbjahr bildete die Agitation zur ReichStagSwahl, zur Landtagswahl im 5. Bezirk und zu den Stadtvcrordnetenwablen am 5. November. Da die Stadtverord- nerenwahlen diesmal an einem Sonntag stattfanden, hatte man eine weit stärkere Beteiligung als sonst erwartet. Aber diese Er- Wartung hat sich nur zum Teil erfüllt, denn es beteiligten sich im Durchschnitt nur 35 bis 38 Proz. der Wahlberechtigten. Die Genossen haben jedoch in der Agitation alles getan, was zu tun war. Sehr rege war die Teilnahme an der Friedensdemonstration im August, ein Beweis dafür, daß die Genossen aus dem Posten sind, wenn der Ruf an sie ergeht. Ueber die Bildungsbestre- bungen muß leider, soweit die Uraniavorstellungen in Frage kom- men, gesagt werden, daß die Beteiligung gering war, so daß mit Unterbilanz gearbeitet wurde. Der Besuch der Zahlabende ist noch immer ziemlich schwach, und die Agitation nach den Wahlen hat nicht das gebracht, was wir erwartet hatten, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die Genoffen auch durch die Wahlagitation überanstrengt waren. Ein wunder Punkt war bis jetzt im zweiten Kreise die nicht genügende Leistungsfähigkeit der Kinder- schutzkommission; jedoch haben sich jetzt der Genossin Seifert vier andere Genossinnen zur Pcrfügung gestellt, so daß auch auf diesem Gebiete mehr getan werden kann. Erfreuliche Fortschritte machen die Leseabcnde der Frauen, deren Zahl von 2 auf 4 gestiegen ist. Der Besuch hat von Monat zu Monat' zugenommen, und die Ge- nossinncn verstehen es auch, durch Besorgung tüchtiger Referenten die Abende interessant zu gestalten. Wenn die männlichen Ge- nassen sich nicht sehr anstrengen, müssen sie damit rechnen, von den Frauen überflügelt zu werden. Die den Abteilungen und Be- zirken zugestellten Fragekarten, die bis zum 31. Dezember wieder abgeliefert sein sollten, sind leider in so geringer Zahl eingegangen, daß auf Grund dessen ein umfassender Bericht über die Zahlabende nicht gegeben werden kann. Die eifrige Tätigkeit der Genossen in der Wahlagitation mag wohl mit daran schuld sein, daß diese Sache vernachlässigt wurde. Von einer Abteilung sind die Frage- karten jedoch musterbaft ausgefüllt und abgeliefert worden. Der Vorstand hat in der BerichtSzeil 14 Sitzungen abgehalten. Bezirks- führerkonscrenzen fanden 2, Versammlungen 25 statt. Bei der Flugblattverbreitung baben die Genossen ihre Schuldigkeit getan. Es sind rund eine Million Flugblätter, Handzettel und Wahlauf- forderungen verbreitet worden. Mit dem Resultat der Reichstags- wähl im zweiten Kreise kann man zufrieden sein. Obwohl 5999 Wähler aus dem Kreise verzogen sind seit 1997, ist die sozialdemo- kratische Stimmenzahl bekanntlich von 35 286 auf 38131 gestiegen. Daß aber immer noch 21 844 liberale Stimmen abgegeben wurden, zeigt, daß eine große Anzahl Mittelstandsleute noch nicht erkannt hat, um was cS sich handelt. Im übrigen erwähnte der Redner, daß der Wahlverein die Broschüre„Warum mußt Du Sozialdemo- krat sein?" ausgegeben �bat, die für die Agitation wertvolles Material bietet, und sprach zum Schluß die Erwartung aus, daß die Genossen, wenn der Ruf an sie ergeht, immer wieder mit vollem Eifer auf dem Posten sein werden. Aus dem Kassenbericht, den der Kassierer Gustav Schmidt verlas, ist zu entnehmen, daß die Einnahmen samt dem alten Bestand von 1833,49 Mk. 29 492,85 M. betrugen, die Ausgaben 16 399,62 M., so daß als Be- stand 4192,23 M. übrig blieben. An die Verbandskasse find 4999 M. abgeliefert.— In der Diskussion sprach als erster Redner Genosse B e i l und äußerte sich namcnt- lich dabingehend, daß bei der Agitation für den„Vorwärts" das ganze Blatt verbreitet werde. Man habe erkannt, daß diese Art der Agitation für das Zentralorgan viel besser ist, und wenn der Zentralvorstand wieder eine Agitation in derselben Weise wie da? letzte Mal veranstalten sollte, müßte der zweite Kreis auf die Beteiligung verzichten. Genosse Linde mann bemerkt, daß der größere Erfolg der Agitation unter den Frauen zum guten Teil darauf beruhe, daß die Bewegung unter den Frauen noch jung und darum der Kreis der noch für die Partei zu Gewinnenden weit größer sei, als unter den Männern. Was die Flugblattagitation betreffe, so dürfe auf keinen Fall mit dem Material gespart werden. Besser wäre es wohl auch, wenn der„Vorwärts" täglich zweimal erscheine. Mit dem Besuch der Zahlabende seien doch in den letzten Jahren immerhin Fortschritte gemacht. UcbrigenS hänge der Besuch auch zu einem guten Teil von der Tüchtigkeit der Be- zirksführer ab. Genosse S ch> m m c l p f e n n i g betont, daß man bei der Agitation für den„Vorwärts" auch dafür sorgen müsse, daß die Abonnenten, die gewonnen werden, dem Blatte auch erhalten bleiben. Das Zentralorgan zweimal täglich herauszugeben, fei wegen der großen Kosten bedenklich und auch nicht notwendig. An der Tätigkeit der Kinderschutzkommission müßten sich auch die Männer in stärkerem Maße beteiligen. Genosse Packhäuser gibt einige Anregungen zu besserer Entfaltung der Kleinagitatiou. Namentlich müsse mehr dafür gesorgt werden, daß ein und derselbe Genosse immer dieselben Häuser bearbeitet. Genosse Pötznitz hält es für erforderlich, daß der„Vorwärts" auch abends erscheint, wogegen Genosse Tr e t;> n sich davon nicht viel verspricht und bemerkt, daß der Arbeiter schon genug zu tun habe, um sein Blatt bei einmaligem Erscheinen richtig durchzulesen. In seinem Schlußwort bemerkt Genosse Schwemke, daß der Vorstand sich mit dem, was Genosse Beil zur Agitation aus- führte, schon befaßt habe und daß die Sache in Zukunft so gehand- habt werden solle. Daß bei der Klcinagitation die Genossen immer- dieselben Häuser bearbeiten, sei der Wunsch aller, lasse sich aber leider nicht immer durchführen.— Dem Kassierer erteilte die Ver- sammlung auf Antrag der Revisoren einstimmig Decharge.— Zur Berbandsgcncralvcrsammlung wurden zunächst die vorgeschlagenen Delegierten verlesen und ihre Wohl wurde ohne jede Einwendung gutgeheißen. Es kam dann der Antrag Niederbarnims, das KartellverhältrnS zwischen der Provinz Brandenburg und Groß-Berlin zu lösen, zur Verhandlung: Genosse Zinke nahm dazu das Wort, sprach sich eingehend über die zugrunde liegenden Verhältnisse aus und empfahl einen von der Bezirksführerkonferenz gutgeheißenen Antrag, die Sache bis zur nächsten Verbandsgeneralversammlung zu vertagen. Ge- nosse Ewald betont, daß durch den Antrag Niederbarnim an. der Agitation nichts geändert toerde und auch nichts an der Kosten-- dcckung, nur daß die Gelder dann vom Parteivorstand ausgingen. Man solle es so belassen wie bisher, aber man könne vielleicht die Agitationskommission auflösen. Genosse Reinhardt meint, daß das Verhältnis ruhig gelöst werden könne, wünscht jedoch vor allem, daß die Sache endlich einmal erledigt werde. Genosse Hoppe betont namentlich, daß die Provinz der Hilfe Berlins nicht ent- behren könne. Wenn die Agitationskommission aufgelöst werde,. müsse man etwas anderes dafür schaffen. Redner schließt sich dem Antrag auf Vertagung an. Nachdem die Genossen Reinhardt und Zinke sich nochmals zu der Frage geäußert hatten, wurde der Antrag auf Vertagung gutgeheißen. Ein weiterer Antrag, iiw „Vorwärts" eine ständige Rubrik für das Genossenschafisweseii einzurichten und für die Leitung dieses Teils eine mit der Ge- nossenschaftsbewegung vertraute Person anzustellen, fand nach ein- gehender Begründung durch den Genossen Simon ebenfalls die Zustimmung der Versammlung. Ferner wurde ein Antrag gut- geheißen, den Genoffen, die mindestens zwei Jahre politisch und gewerkschaftlich organisiert sind, den„Vorwärts" in Zukunft schon nach einmonatiger Krankheit oder Arbeitslosigkeit unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Ebenso stimmte die Versammlung nach kurzer Diskussion zwei Anträgen zu, von denen der eine besagt, daß dem Vorstand von Groß-Berlm die Kompetenz abgesprochen werden müsse, den Verbandssekretärcn ohne vorherige Zustimmung der Parteigenossen Teuerungszulagen zu verabfolgen, und der andere lautet: „Gehaltserhöhungen der Angestellten der Berliner Partei- organisation bedürfen, ebenso wie einmalige Extrazuwendungen, der Zustimmung der Verbandsgcneralversammlung." Hiermit waren die Anträge zur Verbandsgeneralversammlung erledigt. Unter„Verschiedenes" begründete Clarius einen semerzeit mit Rücksicht aus die Reichstagswahlen zurückgestellten Antrag, an Stelle des Vergnügungsausschusses eine Bildungskommission ein- zusetzen, deren Aufgabe es sein soll, im zweiten Kreis bildende und unterhaltende Veranstaltungen zu treffen. Der oder die Vorsitzende der Bildungskommission soll Sitz und Stimme im Vorstand haben und hat alle Vorschläge der Kommission im Vorstand vorzulegen und zu vertreten. Dem Vorstand bleibt jedoch die Beschlußfassung überlassen. Der Antrag wurde nach kurzer Diskussion, an der sich die GKnossen Beil, Trettin, Hoppe, Ewald und Rosen- berMer beteiligten, angenommen.— Nachdem noch eine Anzahl neuer Bezirksführer und Stellvertreter bestätigt waren und der Vorsitzende auf die bevorstehenden Flugblattverbrcitungcn und Ver» anstaltungen aufmerksam gemacht hatte, erfolgte der Schluß der Ver- sammlung. Dritter Wahlkreis. Die Generalversammlung für den dritten Wahlkreis tagte im großen Saale des Gewerkschaftshauses. Genosse Pohl als. Vor- sitzender widmete den verstorbenen Mitgliedern und dem Genossen Leo Liepmann einen warmen Nachruf. Ihr Andenken wurde in der üblichen Weise geehrt. Dann gab Genosse Pohl den Borstanbsbericht. An Arbeit war seit dem letzten Bericht kein Mangel. Schon die Stadtverordnetenwahlen erforderten eine eifrige Tätigkeit, die durch einen guten Erfolg gekrönt wurde. Dieser Ausgang tvar wohl auch die Ursache, daß Herr R os e n o w für die Reichstagswahlcn, die dann gleich alle Kräfte in Anspruch nahmen, seine Kandidatur niederlegte und den Durchfall Herrn Roßbach überließ. Das Resultat der Reichstagswahl bedeutete einen glänzenden Sieg, wobei ins Gewicht fällt, daß die Zahl der eingeschriebenen Wähler des dritten Reichstagswahlkreises seit 1993 um 4999 abgenommen habe. Redner ist der Meinung, daß die scharfe Stellungnahme gegen den Freisinn von Vorteil gewesen sei. Mit einer Mahnung, nun fleißig weiter zu arbeiten im Interesse der Bewegung und für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, schloß Pohl. Ter Kassierer Genosse Mbert Harndt erstattete be» Kassenbericht, der die Zeit vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 1911 umfaßt. Der Bestand am 1. Juli war 3984.74 M. Einschließlich dieses Bestandes wurden in dem Halbjahr insgesamt 13 229,58 M. eingenommen. Dem stand eine Gesamtausgabe von 10 986,50 M. gegenüber. Somit verblieb am 31. Dezember 1911 ein Bestand von 2234,98 M. Eine Diskussion über die Berichte entspann sich nicht.— Darauf nahm man zur Berbandsgeneralvcrsammlung Stellung. Pohl machte Mitteilung von dem Beschluß, den die Bezirksführerkonferenz des dritten Kreises mit Bezug auf einen Antrag Niederbarnims zur Verbandsgeneralversammlung gefaßt hat. Niederbarnim beantragt, das bisherige Kartellverhältuis zwischen Groß-Berlin und der übrigen Provinz Brandenburg aus- zuHeben. Die Vertreter der Provinz haben sich in einer Konferenz dagegen ausgesprochen. Unter Würdigung dieses und anderer Um- stände hat sich die Bezirksführerkonferenz des dritten Kreises auf den Standpunkt gestellt, daß man den Genossen der Provinz so lange nicht den Stuhl vor die Türe setzen darf, als sie selbst nicht den Wunsch hätten, sich von Groß-Berlin loszulösen. Die Versammlung billigte diese Stcllungnabme der Bezirks- führerkonferenz und beschloß, den Delegierten des dritten Kreises zur Verbandsgeneralversammlung mit aus den Weg zu geben, für Ablehnung des Antrages Niederbarnim einzutreten. Ein Antrag aus der Versammlung, von der VerbandSgenerak- Versammlung einen Beschluß zu verlangen, daß jeder am 1. Mai arbeitende Genosse seinen Tagesverdienst an die Partei abzuliefern hat, wurde abgelehnt. Die Versammlung bestätigte die von den Bezirken be- nannten Delegierten.— Den Bericht der Schiedskommission erstattete Genosse Hi r f ch f e l d. Die bisher erledigten Fälle, ob- gesehen von einem, betrafen Genossen, die bei den Stadtverordneten- wählen nicht gewählt hatten. Es waren meist Geschäftsleute. Die Kommission stellte durch die Untersuchung fest, daß es sich hier um Fälle handelte, wo die Betreffenden tatsächlich große Nachteile ge» habt haben würden, wenn sie bei der öffentlichen Akchl als Ge- schästSleute gestimmt hätten. So Hai es die Kommission bei ihnen mit einer Rüge genug sein lassen. Ein Gastwirt erhielt ebenfalls eine Rüge, weil er nicht alles getan hatte, um Glücksspiele in seinem Lokal zu verhindern. Weitergehende Beschuldigungen in bezug auf das Glücksspiel konnten nicht aufrechterhalten werden.»». Ueber das Thema: „Reichstag und Volk" referierte dann Genosse Redakteur D ä u m i g. Redner kommt u. a auch auf das Stichwahlabkommen zu sprechen, welches der Partei- vorstand mit den Liberalen getroffen hat. Bedenklich findet er die Erscheinung, daß man in einer Anzahl von Kreisen, wo die Sozial. demokratie mit den Freisinnigen in Stichwahl war, ohne weitere» Gas Feld den Fortschrittlern überlassen ssabe, Indem man Anweisung gab, den Kampf weniger intensiv zu betreiben. Er führte dann weiter aus: Im übrigen, so wenig man für den Freisinn auf Grund feiner ganzen politischen Vergangenheit übrig haben kann und so sehr die Partei bei dem Stichwahlabkommen bis an die Grenze gegangen sei, wäre er doch der Meinung, daß bei der diesmaligen Situation seitens unfe—r Vertretung das Richtige geschehen sei. Die Situs- tion schildert Redner näher, um als wertvoll zu betonen, daß dem Freisinn, der sich diesmal so radikal gebürdete, die Möglichkeit ge- nommen worden sei, zu sagen, die Sozialdemokratie habe ihn nicht als Bundesgenosse« haben wollen und ihn den Reaktionären zu- getrieben. In kleirren Fragen werde der Freisinn sich liberal zeigen; in großen Fragen, wie der Heeresfrage und ähnlichen Angelegen- heilen, werde er aber wieder mit. den Parteien der Rechten gehen. Dann könnten wir mit Recht sagen: Seht, wir haben den letzten liberalen Regungen des Freisinns Konzessionen gemacht, und jetzt handelt er 10! Dann haben wir bei anderen Reichstagswahlen viel eher Gelegenheit, den Teil der freisinnigen Anhänger, der proletarisch fei, gleich— ob.Hand- oder Kopfarbeiter— für uns zu gewinnen.—' Natürlich fei aus dem diesmaligen Abkommen durchaus nicht der Schluß zu ziehen, daß es eine Präjudiz sei, daß es wieder so kommen werde: Jene Situation werde kaum wieder- kommen. j, Wem, man ehrlich fein wolle, so müsse man anerkennen, daß der sogenannte schwarzblaue Block, der allerdings äußerst schmerz- hafte Püffe erhalten habe, durchaus nicht zertrümmert sei. Er könne das auch schon deshalb nicht, weil die ganzen sozialen und wirtschaftliche« Boraussetzungen dafür noch nicht erfüllt seien. Weiter behandelte Redner die Grenzen der Leistungsmöglichkeit des Reichstages, um die zu weit gehenden Erwartungen, die manche Leute an eine starke Vertretung der Sozialdemokratie im Reichstag knüpfen, auf das Maß des Zulässigen zurückzuführen. So betonte er die verfassungsmäßige Beschränkung, die u. a. sich offenbart in der Existenz des Bundesrats, ohne den Beschlüsse des Reichstages nicht �Gesetz werden könnten, und die ferner ihren Ausdruck findet in dem weitgehenden Auflösungsrcht, in dem Recht des Kaisers, über Krieg und Frieden zu entscheiden.— Grundlegende Aende- rungen könnten im Reichstage nicht herbeigeführt werden, und sie ließen sich nicht mit dem Stimmzettel herbeiführen.„Verfassungs- fragen seien Machtsragen", so habe schon. Lassalle mit Recht gesagt. Auf Berfassungskäinpfe müßten die großen Rassen der Arbeiter- klaffe geschult werde». Nun könnte eingewendet werden: Ja, was sollen wir dann erst für den, Reichstag wählen? Darauf wäre zu erwidern, da' es hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wenn man si< etwa auf solchen Standpunkt der Negation stellen wollte. Auch hierüber müsse man sich klar fein: Der Klaffenstaat, den wir be- kämpfe«, sei eine komplizierte Einrichtung. Wenn man ihn be- fettigen wolle, müsse man an den verschiedenen Seiten angreifen. Einseitigkeit wäre gefährlich. So hätten wir den Reichstag gls das uns zunächst gegebene Kampffeld zu betrachten, ohne uns der Illusion hinzugeben, daß eS das einzige Kampffeld wäre. Natür- lich müsse eine engere Fühlung bestehen zwischen Parlamentsfrak- tion und der Masse. Vorkommnisse, wie in Italien, wären dann ausgeschlossen. Es müsse anerkannt werden, daß die Tätigkeit im Reichstage von großem Segen gewesen sei in verschiedener Hinsicht. Die dort geübte Kritik habe Widerhall in den Massen gefunden. Nicht zu vergessen sei. daß der Reichstag während der ganzen zwölf Jahre des Sozialistengesetzes die einzig« Stätte war. wo die sozial- demokratischen Gedanken ungehindert ausgesprochen werden konnten. Ferner sei der Wahlkampf an sich ungeheuer wertvoll. Auch durch die Teilnahme an den Gesetzgebungsarbeiten- selber sei in den 40 Jähren viel Segensreiches geschaffen worden. Positive Arbeit, die man von uns verlange, habe man dort genug geleistet. ASazu gehöre übrigens auch die Ueberwachung der Gesetze und ihrer Durchführung. Selbstverständlich sei es ein großer Vorteil, daß unsere Fraktion in größerer Stärke vorhanden sei. Also keine Unterschätzung, aber Such keine Ueberschätzung unserer Parlament«- riphen Teilnahme. Jedenfalls sei cS mehr denn je unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß aus den Millionen Stimmenden guch. Kämpfer würden nicht bloß für spätere Wählen, sondern auch für andere Käumfe, die unser warteten. Mit dem eindrücklichen Ermahnen, die Massen aufzurütetln und zu erziehen, schloß Redner unter leb- haftem Beifall seinen Vortrag. Genosse Adolf H a r n d t als erster Diskussionsredner führte aus, das ihm der Wahlkampf zweierlei Anlaß zur Kritik gebe. Erstens hätten wir gegenüber dem Zentrum versagt. Das sei mit darauf zurückzuführen, daß wir nicht genügend beachtet hätten die religiöse Abhängigkeit der Zentrumsanhänger. Es sei unter- lasse» worden, der Religion und den Priestern energisch entgegen- zutreten. Man müsse aber gerade jene Leute bei der Religion packen und sie von ihren religiösen Wuhnborstellungen kurieren.— Dann fordere das Sticbwahlnbkommen seine Kritik heraus. Das Aergste sei, daß mau dem Freisinn Kreise garantiert habe, auf die er gar kein Recht mehr habe. Er erinnere an den schleswig- holsteinischen Kreis des Freisinnigen Hoff. Genosse Pfann- k u ch habe auf dem Stiftungsfest gesagt, man habe die Freisinnigen, als es sich um W i e m c r s Wahl handelte, getröstet, daß man dafür sorgen wolle, daß den Freisinnigen ihr Führer erhalten bleibe. Redner meine aber, daß es im Kriege doch die erste Pflicht sei, dem Gegner die Fuhrer wegzuschießen. TaS müsse auch für die Wrhlen gelten. Für spätere Wahlen sei zu verlangen, daß da. wo ein Genosse mit dem Freisinnigen in Stichwahl komme, der Sozial- demokrat mit allen Kräften unterstützt werde. ■ Genosse Mauk ließ sich hinsichtlich der Stichwahlen im gleichen Sinne au» und erwartet, daß es das,letztemal gewesen sei. daß solch Abkommen mit dem Freisinn getroffen werde. Weitere Wortmeldungen lagen nicht vor.— Es wurden noch einige interne Vereinsangelegenheiten erledigt. .Folgende Resolution fand einsiiimmige Annahme: „Die Versammlung erhebt flammenden Protest gegen das vom ruffischen Zarenregiment propagierte Lockspitzeltum, dem all- jährlich Tausende von Männern und Frauen zum Opfer fallen. Die Versammlung schließt sich den Forderungen der deutschen Parlamentsmitglieder an. welche dahin zielen, das Wiederaus- nahmeverfahren gegen die unschuldig verurteilten Dumamit, glieder einzuleiten. Die Versammlung erwartet, daß alle Ge- Nossen und Genossinnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit die schurkischen Machenschaften der Zarenknechte brandmarken werden." Vierter Wahlkrets. Di« Generalversammlung des Wahlvereins tagte diesmal in den„Andreas"-Festsälen. Der Saal war mit seinen Galerien gut �»er KreiSborsitzende Ho ff mann erstattete den Geschäftsbericht für das verflossenen Halbjahr. Der vierte Berliner Reichstags- Wahlkreis hat bei der Retchstagswahl einen glänzenden Erfolg ge- habt Unsere Stimmenzahl hat bei der gleichen Wahlbeteitigung wie 190? um rund 7000 zugenommen, obwohl die Zahl der eiiige- schriebenen Wähler um einige Hundert zurückgegangen ist. Im Jahre 1907 wurden 103 497 Stimmen abgegeben, wovon 39 069 auf unseren Kandidaten fielen. In.diesem Jahre wurden 108 35« Stimmen abgegeben, von denen unier Kandidat 89 007 auf sich vcr- einigte D< r vierte Berliner Rei'chstagslvahlkrels steht somit an der Spitze aller Wahllreise. Aufgabe der Organisation und der Gesamtpart, i muß es nun sein, diese ungeheuren Wahlermassem die bei d«r Wahl für die Sozialdemokratie gestimmt haben, auch in die Organisation der Partei hineinzuziehen. Die Stadwerord- netenchahle*. die in die Berichtszeit fielen, brachten ebenfalls er- freuliche Erfolge. Der vierte Kreis war ,N fünf Bezirken beteilig.. Eine Gegenüberstellung der Ziffern von diesem Wahlkainpf m't früheren Wahlergebnissen läßt sich diesmal mcht bewerkstelligen da die Wab�rztrke gänzlich umgebildet worden sind. Da» eine kann aber gesagt werden, daß die Wahlbeteiligung bedeutend starker war. als bei der vergangenen Wahl, obwohl sich auch diesmal nur etwa die fcälfte der eingeschriebenen Wähler beteiligte. Durch den Tod des Genossen Borgmann machte sich cme Ersatzwahl im fünften Landtagswahlbezirk erforderlich. Nachdem Groß-Berlin beschlossen hatte, daß jeder Kreis das Recht habe, selbst seine Kandidaten vorzuschlagen, haben die Funktionäre im vierten Kreise den Genossen Julian Borchardt in Vorschlag gebracht, der dann auch von der Wählerversammlung als Kandidat proklamiert wurde. Durch den Verzug vieler Wohlmänner mußten in 76 lkrwahlbezirken 126 Wahlmänner neugewählt werden. Wir haben dabei fünf neue Wahlmünnermandate zuerobcrt, so daß wir es auf 3LS Wahlmänner brachten, während der Freisinn trotz. des Geldsackswahlrechts nur über 222 Wahlinänner verfügte. Die Geschäfte des Wahlvereins wurden in 23 Vorstandssitzungen erledigt. Zu mehreren Vorstandssitzungen wurden die Abteilungs- führer zugezogen. Auch 7 Kreiskonferenzen fanden statt. Neben den geschäftlichen Dingen wurden auch die Vergnügen.nicht ver- gessen. Das Stiftungsfest, zwei Mattineen, fünf Theakerauffüh- rungen, die einen netten Ueberschuß brachten, der im Wahlkampfe gute Verwendung fand, wurden veranstauet. Die Mitgliederbewegung ist folgende: Neuaufnahmen 2118, aus anderen Kreisen zugezogen 634. Das ist ein Zugang von 2762 Mitgliedern. Wegen restierender Beiträge gestrichen wurden 1267, abgemeldet nach anderen Kreisen haben sich 1299, ausgetreten sind 81, ausgeschlossen wurden 8 und durch den Tod wurden dem Wahl- verein 81 Mitglieder entrissen, denen der Redner einen warmen Nachruf widmete. Dem Mitgliederzugang steht also ein Abgang von 2726 Mitgliedern gegenüber, so daß nur ein Gewinn von 26 Mitgliedern zu verzeichnen ist. Der Wahlverein zählt jetzt 20 157 männliche und 3768 weibliche, zusammen 23 925 Mitglieder. Versammlungen wurden insgesamt 68 veranstaltet. Drei der- selben waren Generalversammlungen, fünf traten für das freie Wahlrecht ein, sechs beschäftigten sich mit dem Lebensmittelwucher, drei fanden gegen die Kriegshetze statt, sieben beschäftigten sich mit den Vorbereitungen zur Stadtverordnetenwahl, 42 mit den Vor- bereitungen zur Reichstagswahl und zwei fanden auf Wunsch der polnisch sprechenden Genossen statt. Außerdem wurden einige Viertelsversammlungen abgehalten. Zwölf verschiedene Flugblätter wurden in 1 721 009 Exemplaren im Kreise verbreitet. Wie immer, so ist auch nach der Reichstagswahl die Zeit zur Gewinnung von Mitgliedern und ,.Vorwärts"ahonn«nten agitatorisch genutzt wor- den. Zirka 1600 neue Mitglieder sind dem Wahlvereine dabei zu- geführt und etwa 1400 neue Abonenten gewonnen worden. Den j. Kassenbericht erstattet« Barenthin. Der Wahlverein hatte in der Zeit vom 1. Juli bis 3l. Dezember v. I. eine Einnahme von 75 943,65 M. gehabt. 44 148,20 M. davon brachten die Mitglieder durch Bei- träge auf und 8696,25 M. wurden auf Listen gesammelt, während aus Maimarken 1557 50 M. vereinnahmt wurden. Die Ausgabe beläuft sich auf 69 072,92 M., wovon 40 175,64 M. allein an die Verbandskasse eingesandt wurden. Der Bestand am 1. Januar 1912 war 6870.73 M. Den Bericht der Beschwerdekommisfian erstattete Genosse R i n t 0 r f. Die Kommission hatte sich mit 33 Sachen in 7 Sitzungstagen zu beschäftigen. Es waren ihr 8 Be- schwerden, 24 Ausschluhanträge und eine Anftage unterbreitet worden. Von den Beschwerden wurden 5 abgewiesen, bei 2 wurde gegen die Betroffenen auf eine Rüge erkannt und in einer erhielt der Beschwerdeführer eine Rüge. Von den Ausschlußanträgen wurden 10 abgelehnt. In 10 Fällen wurde dem Antrag statt- gegeben und in 4 Fällen auf eine Rüge erkannt. Di« Anfrage konnte wegen der damit verbundenen Erhebungen noch nicht er- ledigt werden. Eine überaus lebhafte Diskussion knüpfte sich an diesen Bericht. N i g b u r forderte namens der Branche der Möbel- Polierer, daß dem Ausschlußantrage gegen den Genossen Perschke, der sich im Jahre 1906 ein Streikvergehen zuschulden kommen ließ. jetzt aber Gastwirt ist, stattgegeben wird. Die Genossen I a ck s ch, Schmi.dt und Sandtner traten gleichfalls für den Antrag ein. Hoffmann.-Stubkle und Brückner haben formale Bedenken. Sie halten die Generalversammlung für nicht befugt. den Ausschluß zu vollziehen, da das Organisationsstatut besondere Instanzen für solche Dinge vorsteht. Auch wurde bemängelt, daß die Beschwerdeführer nicht den Vorstand von ihrer Absicht in Kennt- nis gesetzt haben, damit Perschke geladen werden konnte, um sich vor der Generalversammlung zu verantworten. Die Versammlung beschloß schließlich, daß der Ausschlußantrag bei den in Frage kommenden Instanzen befürwortet werden soll. A d a m s k i verlangte, daß ein anderer Fall, in dem die Be- schwerdekommisfion gleichfalls dem Ausschlußantrage nicht statt- gegeben hatte, an dieselbe zur nochmaligen Prüfung zurückver- wiesen werden soll. Nach langem Für und Wider wurde der An- trag abgelehnt. Es folgte nun der Tagesordnungspunkt: Stellungnahme zur Berbands-Generalversammlung, die der Zentralvorsiand für den 17. März anberaumt hat. Der Kreisvorsitzende Genosse H 0 f f m a n n teilte mit, daß auf der- selben voraussichtlich Genosse H e i n c m a n n über die Strafgesetz- novelle sprechen wird. Außerdem wird sich die Verbands-General- Versammlung mit einer Reihe von Anträgen zu befassen haben. So ist durch einen Antrag des Kreises Nieder-Barnim die Anregung gegeben worden, für die Folge die Agitationskommisswn für die Provinz Brandenburg aufzuheben bczw. das Kartellverhältnis zwischen Groß-Berlin und der Provinz Brandenburg zu lösen/ Ein weiterer Antrag Nieder-Barnim betrifft das Stichwahlabkommen des Parteivorstandes mit der Fortschrittlichen Volkspartei. Außer- dem soll die Lieferung der Freiexemplare des..Vorwärts" neu ge- regelt werden. Zu dem Stichwahlabkommen bittet der Redner, eine bestimmte Stellung noch nicht einzunehmen, sondern den Delegierten freie Hand zu lassen. Der Parteivorstand habe noch keine Er- klärung abgegeben und wir wollen ihn nicht verurteilen, bevor er nicht gehört worden ist. Einer Aeiiderung in dem Verhältnis zur Provinz Brandenburg sollte erst zugestimmt werden, wenn durch eine andere Regelung greifbare und bessere Erfolge zu erwarten sind als bisher. Es wurden der Versammlung alsdann eine Reihe von An- trägen unterbreitet, von denen der Antrag des Bezirks 184 vorweg genommen und besonders verhandelt und einstimmig angenommen wurde. Derselbe lautet: ..In Anbetracht dessen, daß die preußische Schulverwaltung zur Bekämpfung der Arbeiterjugendbewegung eine Broschüre aus- gearbeitet hat und in dieser die Mahnung an die schulentlassene Jugend richtet, keiner„sozialdemokratischen Jugendorganisation", sondern einer„auf dem Boden vaterländischer Gesinnung stehen- den Jugendvereinigung" beizutreten, des ferneren, daß diese Broschüre zum ersten Mal im April d. I. gratis an die Schüler verteilt werden soll, beantragt die Generalversammlung de? vierten Berliner Reichstagswahlkreises, den Zentralvorstand von Groß-Berlin zu ersuchen, hierzu geeignete Schritte zu unter- nehmen, um dieser Broschüre in Form eines Flugblattes oder eventuell ebenfalls einer Broschüre entgegenzutreten." Es liegt des weiteren vor eine vom Genossen A l b r e ch t Schmidt beantragte Resolution: „Im Hinblick auf den im Mitteilungsblatt vom 14. Februar 1912 veröffentlichten Antrag Nieder-Barnim a» die Generatver- sammlung von Groß-Berlin, wonach dieselbe aufgefordert wird. zu beschließen, ein- Lösung des bis jetzt bestehenden Verhältnisses zwischen Groß-Berlin und dem Bezirksverband Brandenburg berbeizufjihren, ersucht die Generalversammlung des vierten Kreises die betreffenden Parteiinstanzen, nur dann eine Aende- rung des jetzigen Verhältnisses anzubahnen, wenn greifbare und bessere Erfolge für die Agitation als bisher zu erwarten sind. Die Generalversammlung ist aber auch ferner der Meinung, daß es Pflicht jedes Parteigenossen ist. soviel in seinen Kräften steht, agitatorisch zu wirke», zum Beispiel in Bekanntenkreisen durch Agitation von Mund zu Mund, durch Beteiligung an der Verbreitung von Flugblättern,' wie überhaupt durch jede die Partei fördernde Tätigkeit." Antrag W 0 i th e: „Denjenigen Genossen, die zwei Monate im Streik stehen oder ausgesperrt sinb, ist der„Vorwärts" gratis zu liefern." Ein Antrag des Genossen B a r t l i n g verlangt, daß der „Vorwärts" von Zeit zu Zeit für die Landbevölkerung Extraaus- gaben herausgibt, die auf Grund gesammelten Adressenmaterials verbreitet werden sollen. Außerdem wird in ihm die Sicherstellung der Kreisvertrauensleute in den Provinzkreiscn durch die Partei verlangt. Nachdem die Antragsteller ihre Anträge begründet hatten, wurde in eine Generaldebatte eingetreten, die vom Genossen Sassen eröffnet'wurde. Er besprach das Stichwahlabklnnmen und empfahl den Delegierten, die Artikelserie, die heute im„Vor- wärts" begonnen hat, zu verfolgen. Leider hat der„Vorwärts" erst heute damit begonnen. Die Provinzblätter sind ihm voran- gegangen. Es ist schon deshalb notwendig, daß auf der General- Versammlung darüber geredet wird. Es ist kaum glaublich, was bei dem Stichwahlabkommen geleistet worden ist. Zunächst gefiel ihm nicht die Geheimniskrämerei. Das Stichwohlabkommen ging sotveit, daß wir selbst in Kreisen, wo wir mit den Liberalen in aus- sichtsvoller Stichwahl standen,. Gewehr bei Fuß stehen mußten und für den eigenen Kandidaten so gut wie keine Agitation entfalten durften. Vor sich sehe er den Genossen Adolf Hosfmann sitzen, der ebenfalls unter dem Stichwahlabkommeu zu leiden hatte. Da? Verhalten des Freisinns, der schon am ersten Stichwahltage 16 Kreise der Reaktion ausgeliefert hatte, war eine ungeheure Provokation gegen uns. Bebel hatte auf dem Parteitag gesagt, er betreibe keinen Mandatsschacher und yat sich doch verleiten lassen, mit der Volkspartei zu kuhhandeln. Er empfehle nochmals, die Recht- fertigüngsartikel eifrig zu verfolgen. Genosse Melle hält es nicht für am Platze, heute über das Stichwahlabkommen des Parteivorstandes zu sprechen. Zur Reso- lution Schmidt bemerkt er, daß sich die Provinzdelegierten auf der letzten Konferenz dahin aussprachen, daß von einer eigent- lichen Aendcrung in dem Verhältnis zu Groß-Berlin nicht die Rede sein kann. Der Anstellung von Sekretären in den Prvvinz- kreisen sollte nähergetreten werden. Der Antrag Bartling sei aber zu weitgehend. Durch die von Bartling verlangten Extraausgaben des„Vorwärts" würde der Provinzpresse Abbruch getan werden. Genosse Eichhorn führt aus, daß der Antrag Bartling und der Antrag Niedcrbarnim in einem inneren Zusammenhang stehen. Mit den Extraausgaben des„Vorwärts" wird nichts Brauchbares für die Landagitation geschaffen. Die Landbevölkerung braucht ganz populär geschriebene Zeitungen, und da ist die Zentrums-- presse mustergültig niit ihrem Traktätchenton. Ueberdies find das Neuerungen, die viel eher dem Parteivorstande zukommen als Groß-Berlin. Redner wünscht Ablehnung dieses Antrages, höchstens aber Ueberweisung als Material an die Agitationskom-- Missionen. Bezüglich des Stichwahlablommens ist er mit den Aus-- fiihrungen von Sa ssezi einverstanden. ES ist aber gar nicht so ein-- fach und so leicht, nun in dem Rutschen auf der schiefen Ebene Halt zu machen. Wir befanden uns schon zu lange auf der schiefen Bahn. Auch wird die Erörterung des Stichwahlabkommens auf der Generalversammlung von Groß-Berlin nicht besonders zweckmäßig sein, weil es den Parteitag beschäftigen wird. Bei der Wahl der Delegation zum Parteitag sollte der Kreis in der Form einer Resolution seiner Ansicht Ausdruck geben. Während die „Leipziger Volkszeitung" schon vier Artikel dazu gebracht hat, hat der„Vorwärts" erst heute mit einem auch nicht besonders geniale» Artikel begonnen. Wenn sich die größere Parteipresse an der Tis- kussion über das Stichwahlabkommen beteiligt, dann wird der Parteivorstand mit Erklärungen herauskommen müssen. Das for- male Recht zu Abkommen hatte der Parteivorstand vom Parteitag in Jena erhalten. Man braucht sich auch nicht prinzipiell auf den Standpunkt stellen, daß unter keinen Umständen Stichwahlabkvm- men getroffen werden dürfen. Wenn man aber auch prinzipiell nichts dagegen einzuwenden hat, so kann man aber doch nicht solchen Abkommen zustimmen, die der s'/L-Millionenpartei nicht ganz würdig siiid. Bei diesem Stichtvahlabkommeii hat der Umstand eine Rolle gespielt, daß wir uns von den bürgerlichen Parteien ins Schlepptau nehmen ließen. Man hat im Wahlkampfe viel wönißcr für sozialdemokratische Ziele gekäinpst, als gegen den fchwatzblauen Block. Darum stand dann die Sache so, daß bei den Stichwahlen der Parkeivorstand seine Hand zur Vernichtung dK schwarzblauen Blocks geben mußte. Es scheint, als hätten ine Linksparteien, zumal die Fortschrittler, sich auSgebeten, daß min- bestens ihre Koryphäen nicht ausfallen, die mit uns in für sie un- günstiger Stichwahl standen. Wir wollen unS aber nicht heute schon übermäßig aufregen. Davon können wir überzeugt sein. daß auch der Parteitag in Chemnitz den Parteivorstand nicht hängen wird, denn die 110 Mandate sind ein geVichtigeS Moment für den Vorstand, und der Erfolg entscheidet. Genosse Adolf Hofsmann geht ebenfalls auf da» Sticht wahlabkommen ein. Er würde nicht darüber geredet haben, wenn Genosse Sassen nicht seinen Namen genannt hätte. Er freue sich, daß Sassen die Geschichte zur Sprache gebracht habe und hoffentlich hat er das auch im Aktionsausschuß getan. Sassen hat aber nicht darin recht, wenn er sagte, daß er, Redner, durch das Stichwahl- abkommen in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Er würde überhaupt nicht kandidiert haben. Er habe den ManSfelder Gc- nossen, als sie ihm die Kandidawr antrugen, gesagt, seht zu. daß ihr einen Bergmann bekommt, das halte er für das beste. Sie haben es versucht und haben sich nach ergebnisloser Umschau zum zweitenmal an ihn gewandt, er solle die Kandidatur annehmen, da er seinerzeit das Blutbad in ManSfeld-Eisleben mitgemacht habe und somit noch der beste Kandidat wäre. Von Anfang an habe er sich aber keine Hoffnung gemacht, den Kreis zu holen. Denn er habe seine politische Schulung in Berlin genossen und kenne daher die Liberalen ganz genau. Er konnte sich also nicht den Illusionen hingeben über die freisinnige Courage und den liberalen Mut. Er wußte, daß sie zpr Hälfte trotz des Stichwahlabkommens umfallen und zu den Reaktionären übergehen werden. Und so ist es auch gekomnien. Gegen' den Rat, den Sassen den Delegierten gab, kann kein Mensch etwas einwenden. Er hoffe aber, daß die Gcneralvcr- samnikung auch den Wunsch ausspricht und ihr PreßkommissionS- Mitglied beauftragt, dafür zu sorgen, daß auch die Artikel der Pro- vinzpresse den Berliner Parteigenossen durch den„Vorwärts" über- mittelt werden; vor allem die der Genossin Luxemburg in der „Leipziger Volkszeitung". Wir haben so oft räsoniert über den Kuhhandel der Süddeutschen bei den Wahlen. Doch an diesem Kuhhandel geinesseii sind di« Bayern und die Süddeutschen alle die reinen Waisenknaben. Der Parteivorstand möge aber mit Er- klärungen kommen; wir werden sie prüfen und unsere Entschei- düngen treffen. Rosa Luxemburg hat recht, nicht gegen den schtvarzblauen Block, sondern gegen die gesamte Reaktion mußte sich unser Kampf richten. Der Parteitag müsse sich mit dieser Stich- wahltaktis beschäftigen, die da hieß: Gewehr bei Fuß! und ge- dämpftcr Trommelschlag! Keine Flugblätter verbreiten, keine Stimmzettel verteilen, es darf nicht mehr agitiert werden! Das begreifen unsere Pareigenoflen nicht, noch viel weniger unsere jungen Wähler, die wir mit vieler Mühe und Not für unS geworben haben. Ein Abkommen lediglich auf Grund der vom Parteitag festgesetzten Stichivahlbedingungen hätten wir mit den Freisinnigen trefseii dürfen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie uns gewvhnheits- mäßig im Stich lassen. Aber das durfte sich nicht auf Kreise er- strecken, wo wir selbst init ihnen in Stichwahl standen. Ueber den Schaden, den uns dieses Abkommen künftig bringen kann, können uns selbst die llv. Mandate nicht hinweghelfen. Nicht die Zahl der Mandate, sondern die hinter uns stehenden Wähler sollten für uns entscheidend sein. Wir sollten beachten, daß wir hinter 1903 ein 1907 hatten und daß hinter 1912 bald ein« Neuwahl kommen kann— denn bis 1917 wird e» kaum langen—, wo wir wahrscheinlich dem gesamten reaktionären Block gegenüberstehen werden. Wir haben vor allen Dingen die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß in Zukunft derartige Dinge nicht wieder geschehen. Es muh auf dem Partei- tag eine Resolution beschlossen iverde», die keine Auslegung zu-- läßt. Diese mutz aber mit überwältigender Majorität zum Be- schlutz erhoben werden, damit sie auch unantastbar ist unit sich nicht biegen und nicht knicken läßt. Durch einen Schlußantrag wurde schließlich der Diskussion ein Ziel gesetzt. Die Resolution Schmidt wurde darauf einstimmig angenommen. Auch der Antrag Wvithe fand die Mehrheit der Per» famtnlimg. Der Nntrag Bartling wurde m getrennter W- stimmung in beiden Teilen abgelehnt. Darauf wurden die 19S De- legierten gur Verbandsgeneralversammlung, die von den Abtei lun° gen vorgeschlagen worden find, bestätigt. Fünfter Wahlkreis. iDer Geschäftsbericht den der Vorsitzende Friedländer erstattete, erstreckte sich zum großen Teil auf die Reichstagswahlbewegung im Kreise und die �timmenverbä.tnisse in den einzelnen Bezirken. In gleicher Weise würdigte der Redner die Stadtverordnetenwahlen. Die Wahl- bewcgung hm uns Gelegenheit, für Vermehrung des Mitglieder- bestandes zu wirken. Am Schluß des vorigen Halbjahres sEnde Juni 1S11) hatte der Verein 1800 männliche und 255 weibliche Mitglieder. Am 31. Dezember waren 2040 männliche und 297 Weib- liche Mitglieder vorhanden. Neu aufgenommen wurden im Laufe des Halbjahres 733 männliche und 83 weibliche, während 534 männ- liche und 41 weibliche Mitglieder durch Fortzug aus dem Kreise und Streichung wieder abgingen. Die Fluktuation macht sich hauptsächlich in den proletarischen Außenbezirken des Kreises be- merkbar. In den Bezirken der inneren Stadt ist die Mitglieder- zahl fast stabil geblieben. Die Tätigkeit der Parteigenofien muß sich also daraus richten, auch in den äußeren Stadtteilen stabilere Verhältnisse zu schaffen. Für die Reichstagswahl wurden 235 000 Flugblätter derbreitet, 18 Versammlungen abgehalten und 5000 M. ausgegeben.— Der„Vorwärts" wird im Kreise in 4500, die „Gleichheit" tn 90, der„Wahre Jakob" in 1000, die„Neue Zeit" in 25' Exemplaren abonniert.— Der Redner gedachte in an- erkennenden Worten der großen Verdlenste, die sich der verstorbene Genosse L i e p m a n n um die Organisation des fünften Kreises erworben hat. Die vom Kasficrer K i r st e gegebene Abrechnung zeigt eine Einnahme von 12 322,19 Mk., die Ausgabe betrug 12 101,32 M., bleibt ein Bestand von 220,87 M. Die Diskussion drehte sich lediglich um Differenzen, die seinerzeit unter den Funktionären des Kreises hervorgetreten sind aus Anlaß der Kandidatenaufstellung im 24. Kommunalwahlbezirk.— Durch den Tod L i e p m a n n s ist das Amt des zweiten Kassierers erledigt. An seine Stelle wurde Genosse S ch a wa l l a gewählt. Die in den Abteilungen gewählten Delegierten zur General- Versammlung von Groß-Berlin wurden bestätigt, mit Ausnahme derjenigen der Abteilung 1s. Da gegen diese aus einem formalen Grunde Einspruch erhoben wurde, so soll die Abteilung la die Wahl von neuem vornehmen.— Hierauf wurden die Anträge zur Generalversammlung von Groh-Berli« beraten. Angenommen wurde ein Antrag, welcher die Einstellung der Sammlungen durch Bons fordert.— Ein Antrag, der die baldige Herausgabe eines Abendblattes des„Vorwärts", eventuell unter mäßiger Erhöhung des Abonnementspreiscs, verlangt, wurde abgelehnt, nachdem Wels darauf hingewiesen hatte, daß niemand grundsätzlicher Gegner des Antrages sei, derselbe könne aber aus finanziellen Gründen zurzeit nicht verwirklicht werden.— �Angenommen wurde ein Antrag, welcher fordert, daß der„Vorwärts" den Genossen, die zwei Jahre Abonnenten sowie zwei Jahre politisch und gelverkschaftlich organisiert find, nach vierwöchentlicher Krankheit oder Arbeitslosigkeit auf Antrag unentgeltlich geliefert werde. Die weitere Forderung eines Antragstellers, die Gratis- lieferung auch auf Streikende und Ausgesperrte auszudehnen, wurde mit Rücksicht auf die unabsehbaren finanziellen Folgen ab- gelehnt. Hierauf stellte der Vorsitzende eine Resolution über da? Stichwahlabkommen zur Debatte. Die Resolution ist vom Kreise Niederbarnim eingegangen. Sie lautet: „Die Parteigenossen Groß-Berlins bedauern das Stichwahl- abkommen des Parteivorstandcs mit der Fortschrittlichen Volks- Partei, durch welches unsere Genossen in 16 Kreisen, wo wir mit dem Freisinn in Stichwahl standen, verpflichtet wurden, die Wahl des fortschrittlichen Kandidaten durch Stimmenthaltung usw. zu sichern." Die Resolution veranlaßte eine lebhaste Diskussion, Haupt- sächlich zioischen Dr. Wehl und Wels. Genosse Weyl sagte: Wenn von unserem Stichwahlabkommen die Rede war, so glaubten wir, es sei das Abkommen, welches der Parteitag io Jena beschlossen hat. Daß ein weitergehendes Ab- kommen getroffen war, davon wußte man bisher noch nichts. Der „Vorwärts" spricht in einem Artikel über das Stichwahlabkommenz er sagt aber nicht, worin es bestand. In der Resolution wird nun klipp und klar gesogt, das Abkommen ging dahin, daß wir 16 Wahl- kreise, wo wir mit den Fortschrittlern in Stichwahl standen, diesen kampflos überlassen sollten. Wenn das wahr ist, dann kann ich ein solches Abkommen nur bedauern und stimme der Resolution in vollem Umfange zu. Obgleich der Partcivorstand für 16 Kreise das Abkommen getroffen haben soll, sind doch in zwei oder drei dieser Kreise unsere Genossen gewählt worden. War eS zweckmäßig und notwendig, unsere Genossen mit einem solchen Ab- kommen vor den Kopf zu stoßen? wollen vielleicht die Abgeordneten, die trotz des Abkommens gewählt wurden, den Parteivorstand fragen, ob er erlaubt, daß sie in der Fraktion Platz nehmen dürfen? Durch solches Abkommen Mandate zu„erobern", widerspricht doch unserem Klassenkampfstandpunkt. Durch solchen Mandatschachcr dürfen wir unseren Klassenkampf nicht verwässern. Hätten wir nicht 110 Mandate und einen Vizepräsidenten auf vier Wochen, dann würde man wohl schon mit Keulenschlägen gegen den Partei- vorstand vorgegangen sein. Unter den Kreisen, auf die sich das Abkommen erstreckt, sind solche, wo wir Aussicht auf einen Sieg in der Stichwahl hatten. Aber auf Anordnung des Partei- Vorstandes mußten unsere Genossen eine gedämpfte Agitation be- treiben, um dem Freisinnigen den Sieg zu pchern. Das tann dem Interesse der Partei natürlich nicht dienen. Wels führte aus: Daß ein Abkommen getroffen war, mußte jedem klar sein, nachdem die Fortschrittler ihre Stichwahl- bedingungen veröffentlicht hatten. Wir haben in der Hauptwahl den prinzipiellen Kampf geführt und unsere Stimmen gezählt. Für die Stichwahl kam es darauf an, den schtvarzblauen Block zu schwächen und die Opposition nach Möglichkeit zu stärken. Diesem Ziel diente der Jenaer Parteitagsbeschluß. Demgemäß mutzten die Abmachungen in den einzelnen Kreisen getroffen werden. Das ist auch, so viel ich weiß, geschehen. Wir haben die liberalen gegen die reaktionären Kandidaten unterstützt und die Liberalen traten, allerdings nicht am ersten Stichwahltage, für unsere Kandidaten gegen die Kandidaten des schwarzblauen Blocks ein. Die Liberalen erklärten, ob es nicht möglich wäre, ein Abkommen auch für die Kreise zu treffen, wo wir mit ihnen' in der Stichwahl standen und wo wir keine Aussicht auf den Sieg hatten, wenn die Liberalen Anschluß nach rechts gesucht hätten. Für den Partcivorstand war es notwendig, zu vorhindern, daß die Liberalen wieder, wie sie es früher taten, Anschluß nach rechts suchten. Es' mußte aus der Situation herausgeschlagen iverden, was irgend erreicht werden konnte. Die Parole der Stlmmenthaltung ist in keinem Kreise ausgegeben worden. Wo wir hoffen konnten, aus eigener Kraft zu siegen, haben wir uns natürlich auf nichts eingelassen. Es galt nur, zu verhindern, daß die Liberalen wieder mit den Reaktiv- näreu gemeinsame Sache gegen uns machten. Das ist auch mit Ausnahme des ersten Stichtpahltages gelungen. An den 110 Mandaten haben unsere Genossen Freude gehabt. Sollten wir denn nach der Hauptwahl alles gehen lassen, wie es gehen will? Wenn wir sahen, daß ein Abkommen mit den Liberalen die einzige Möglichkeit bot, den schwarzblauen Block niederzuringen, dann müssen wir sagen: das Abkommen des Parteivorstandes war zweck- mäßig, es ist zu begrüßen. Wenn Genosse Wehl sagt, nicht auf die Mandate, sondern auf die Stimmenzahl kommt es uns än, so erinnere ich daran, daß wir 1907 den Mandatverlust trotz erhöhter Stimmenzahl als eine Schlappe empfunden haben. Wir sagten, die Scharte muß ausgewetzt werden. Jetzt haben wir die Scharte ausgewetzt und freuen uns über den Erfolg. Wenn wir uns am Parlamentarismus beteiligen, dann haben wir auch die Pflicht, dahin zu wirken, daß das Parlament so zusammengesetzt wird, wie es den Interessen des Volkes entspricht. Die Versammlung lehnte die Resolution ab. Dann wurde noch ein Antrag angenommen, welcher die Aufhebung des Kartell- Verhältnisses Mischen der Organisation von Groß-Berlin und der Provinz Brandenburg fordert. Schließlich ersuchte ein Redner die Genossen, davon Notiz zu nehmen, daß der Streikbrechervermittler Koch von der Hosemann- ftratze 11 nach Winsstr. 61 zieht. Sechster Wahlkreis. Die Generalversammlung des sechsten Berliner Reichstags- Wahlkreises fand im„Moabiter GcsellschaftShauS" statt und war außerordentlich stark besucht. Zuerst wurde die Bestätigung der 245 Delegierten, wie sie in Vorschlag gebracht waren, vorgenommen. Der Vorsitzende, Genosse H e n s ch e l, erstattete den Borstandsbericht über die Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1911. Er gedachte zunächst der verstorbenen Genossen in dem verflossenen Halbjahr, 87 an der Zahl, deren Andenken von den Versammelten in der üblichen Weise geehrt wurde. In dem Bericht des Vorstandes wird zunächst der Reichs- tagswahlkampf im sechsten Kreise besprochen. Dieser Kreis ist in Berlin der einzige, der diesmal eine starke Zunahme von eingeschriebenen Wäblern zeigte. Die übrigen Kreise zeigten sogar eine Abnahme, mit Ausnahme des fünften, wo die Zunahme aber nur 376 Wähler beträgt, während der sechste um 23 306 zugenommen hatte.(Die Einwohnerzahl im Kreise beträgt 865 000.) Vorstand und Kreiskonferenz beschlossen, diesmal eine außerordentliche Agi- tation zu entfalten, und dieser Beschluß war den Mitgliedern im Wahlverein sehr willkommen. Man legte Wert auf genaue Wähler- listen und richtete einen flotten Schlepperdiertst ein, worauf man bei früheren Wahlen verzichtet hatte. 47 Versammlungen, darunter 8 für Frauen und eine Versammlung für polnische Wähler, beschäf- tigten sich mit der Reichstagswahl, und auch die Sonntagsvec- scnnmlungen des Wahlkreises dienten ausnahmslos der Agitation. Außer dem allen Kreisen zur Verfügung stehenden Agitationsmaterial wurden im sechsten Kreise noch 4 Flugblätter in- einer Gesamt- auflag« von 1 300 l)00 Exemplaren verbreitet, ferner 100 000 be- sondere Flugblätter für Beamte und StaatSarbeiter, Postbeamte, Eisenbahner, Privatangestcllte, Gewerbetreibende und Polen. Das Resultat war den» auch recht befriedigend. Bon 219 782 Wahl- berechtigten stimmten 80,6 Proz., während im Jahre 1907 nur 71.5 Proz. und 1903 nur 67,gJSroz. der Wahlberechtigten stimmten. Und von den abgegebenen Stimmen erhielt unsere Partei 80,5 Proz., die Gegner 19,5 Proz., während ick Jahre 1907 auf unsere Partei 71,7 Proz. und auf die Gegner 28.3 Proz. fielen. Im Jahre 1903 erhielten wir 71,2 Proz.. die Gegner 28,3 Proz.— Unsere Stimmen haben sich bei der letzten Wahl um 43 000 ver- mehrt, die Stimmen der Gegner haben sich um 5500 vermin« d e r t, trotz der größeren Zahl eingeschriebener Wähler.— Die Tätigkeit der Mitglieder ging aber noch über den eigenen Kreis hinaus. Etwa 1000 Genossen waren am Wahltage in der Pro- vinz tälig, 10 000„Briefe au Verwandte" und 30 000 Postkarten gingen zur Agitation hinaus ins Land. Der Bericht geht dann über zu den nach einer neuen Ein» teilung stattgefundenen istadtverordnetcruvahlen im letzten Herbst. mit denen sich 4 Wählckvcrsammlungen und eine Gcncralversamm» lung beschäftigten. Zweimal wurden Flugblätter in einer Gesamt- aufläge von 397 100 Ercmpiaren verbreitet.— Hervorragenden Anteil nahm der sechste Kreis an der großen Friedenskundgebung ick Treptower Park am 3. September und an dem Protest gegen die Bedrohung des Weltfriedens am 12. Novembcr.�--- Die Bewegung gegen die Teuerung, die am 17. Oktober in 12 großen Versammlungen einen bestimmten Ausdruck fand, der Kampf um das gleiche Wahlrecht in Preußen, der am 5. Juli 5 ftarkbesuchte Versammlungen brachte fanden die Genossen vom sechsten Kreise auf dem Posten. � Die geschäftlichen Angelegenheiten im Wahlkreise fanden in 18 Sitzungen des Vorstandes und in 9 Kreisionfcrenzen ihre Er» ledigung. Der Agitation unter den Frauen wurde die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet und manche Anregung dazu gegeben. Am Jahresschluß lvaren 498 Funktionäre vorhanden; 22 Abtei- lungen sind jetzt eingerichtet.— Zur Unterhaltung und Belehrung der Mitglieder fanden eine Reihe von festlichen Veranstaltungen statt, die zur allgemeinen Zufriedenheit ausgefallen sind. Die Schiedskommission hatte 37 Anträge zu behandeln, die alte mit Ausnahme von dreien, ihre Erledigung fanden. 10 Personen wurden aus der Mitgliederliste gestrichen, in 6 Fällen wurde auf eine Rüge erkannt, in 8 Fällen kam ein Vergleich zustande, 3 An- träge wurden abgelehnt und 6 zurückgewiesen, weil nicht zur Kam- petenz der Schiedskommission gehörig, und ein Antrag wurde füH eine neue Beweiserhebung zurückgestellt. Die Zahl der Mitglieder betrug am 30. Juni 1911: 26 415 männliche und 4169 weibliche, zusammen 30 584 Personen. A« 31. Dezember 1911 wurden 26 590 männliche und 4718 weibliche Mitglieder gezählt, zusammen also 31 317 Mitglieder. In diesen! Punkte ist man noch unzufrieden und bestrebt, die Mitgliederzahl im Wahlverein ansehnlich zu erhöhen. Der Kassenbericht � für die Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1911 zeigt eine Sin» nähme von 98 241,46 M., eine Ausgabe von 90 056,49 M., somit einen Bestand von 8184,97 M. am Jahresschluß. Die Versammlung beliebte eine Diskussion über den Vorstands- bericht nicht und beschäftigte sich zunächst ckit einigen Ausschlufiantrögcn, die gegen die Mitglieder S ch ulze, Grünbcrg imd Wagner gerichtet lvaren. Die ersten beiden wurden wegen Denunziation von der Mitgliederliste gestrichen, gtgen Wagner soll wegen übler Nachrede das Ausschlußverfahrcn eingeleitet werden, ob- gleich die�Schiedskommission ihm nur eine Rüge erteilen und auf ein$ahr von der Bekleidung eines Amtes in der Partei aus- schließen wollte. Verschiedene Anträge an die VerbandS-Generalversammkung kamen dann zur Besprechung. Beschlossen wurde, auf dep Ver- bands-Generalversammlung zu beantragen: „1. Streikenden und ausgesperrten Genossen ist der„Bor- wärts" unter denselben Bedingungen und unentgeltlich zu liefern wie den arbeitslosen und kranken Genossen. 2. Für den Antrag Niedcrbarnim einzutreten: das jetzige Kartellverhältnis zwischen Groß-Berlin und der Provinz Brau- denburg aufzuheben. Die Durchführung dieses Beschlusses wird den beiderseitigen Parteiinstanzen unter Zuziehung des Partei-, Vorstandes übertragen. 3. Für den Sekretärposten an Stelle des verstorbenen Ge« npssen L i e p m a n n den Genossen Theodor Fischer vorzu- schlagen." Eine lebhafte Diskussion entspann sich über den Antrag de? Vorstandes und der Kreiskonfercnz, eine Neuregelung der Gehälter der Angestellten des Wahlvereins vorzunehmen. Die Vcrsanun- lung entschied darüber in ablehnendem Sinne. Nach Erledigung aller geschäftlichen Angelegenheiten, die bis aegen Hll Uhr dauerte, hörten die Versammelte» noch einen ein- stündigen Vortrag von Georg Ledebour über das Thema: „Die Sozialdemokratie und ihre Gegner" aufmerksam an und kargten nicht mit ihrem Beifall, als der Redner mit einem frohen Ausblick auf kommende Siege in zukünftigen Kämpfen der immer mächtiger anwachsenden Sozialdemokratie seine Rede schloß. Eine Diskussion fand nicht statt. Nach einem kurzen, zur unermüdlichen Weiterarbeii anfeuernden Schlußwort oes Vorsitzenden Senschel löste sich die Versammlung unter Hochrufen auf die Partei auf. Dnei billige Pelerinen-Tage MMNWMWWUiMMNM�MiMWlWINI! Donnerstag Freitag Sonnabend Loden-Pelerinen grauer oder grünlicher Strichloden.„Imprägniert," Vorzüglich im Tragen. Mit abknöpfbarer Kapuze, Tragbändern, ArmdurchgrifFen und Taschen. Für Herren und Damen Lfingen 120 u. 125 cm Qual. 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Den taubstummen Genossen zur Kenntnisnahme, daß der nächste Zahlabend am Sonnabend, den 9. März, a b c n d s S'/s Uhr, bei Haberland, Linicnstraße 73, stattfindet. Alle taubstummen Wahlvcreinsmitglieder werden dringend gebeten, an dem Zahlabcnd teilzunehmen. _ Der Zentralvorstand. Neukölln. Am nächsten Sonntag, den 10. d. Mi»., findet im Neuköllner Theater die Aufführung der Operette.Die keusche Susanne" statt. Billetts sind diesmal nur bei den Bezirksführern und bei den Genossen Fischer, Weisestr. 14, Pfeifer, Hermannstr. 49, Meier, Prinz-Handjery-Str. 3, und Gemmccker, Kaifer-Fricdrich- Straße 232, zu haben. Der Bildungsausschuß. Groß-Lichtcrfeldr. Heute Donnerstag abend 7 Uhr: allgemeine Flugblattverbreitung, morgen Freitag abend 7 Uhr: Handzettelverbreitung. Der Vorstand des Wahlvereins. Tcmpelhof. Freitag, den 8. März, abends 8'/. Uhr, im .WilhelmSgarten'. Berliner Straße 9: Außerordentliche General- Versammlung. Tagesordnung: 1. Die bevorstehende Gemeindewahl. T Ausstellung der Kandidaten. Boxhagen-Rummelsburg. Sonntag früh 8 Uhr, von den be« kannten Stellen aus, Flugblattverbreitung für die am Dienstag abend 8Vj Uhr stattfindende öffentliche Versammlung im Cafe Bellevue. Die Bezirksleitung. � Britz-Buckow. Freitag, den 8. März, abends 8>/« Uhr. im.Ge- sechchaftshause". Chausseestr. 97: Ocffentliche Versammlung. TageS- ordnung: 1. Vortrag des ReichSlagSabgeordneten Fritz Zubeil. a Diskussion. 3. Verschiedenes. Genossen sorgt für zahlreichen besuch. Der Einberufer. Ober-Schöneweide. Freitag, den 8. März, von abends 7 Uhr ab: Flugblattverbreitung von den bekannten Lokalen aus. Die Bezirksleitung. Neuenhagen(Ostbahn). Freitag, den 8. März, abends 8'/, Uhr: Extra-Zahlabend bei Wortmann. Tagesordnung: 1. Vorbereitungen zur Gemeindevertrctcrwahl. 2. Verschiedenes. Gäste willkommen. Die Bezirksleitung. Nieder-Schönhausen— Nieder-Schönhausen-West. Freitag. den «. März, von abends 7 Uhr ab, findet von den bekannten Stellen aus das Austragen der Wahlkuverts statt. Die Bezirksleitung. Bernau. Die Genossen werden ersucht, sich an der Beerdigung de« verstorbenen Genossen Deisel heute Donnerstag, nachmitags S'/o Uhr. vom Trauerhause in Zepernick aus rege zu beteiligen. Abfahrt von Bernau 4.10 Uhr. Die Bezirksleitung. Zernsdorf. Am Sonnabend, abends 8 Uhr, im Lokale von »norr: Mitgliederversammlung de? Wahlvereins. Wichtige Tages- «dnung._ Der Vorstand. ßcrlincr JNacbncbtciio Die Vorschau in den Laubenkolonien ha! diesmal infolge des milden Wetters früher als sonst be- gönnen. Die letzten wärmeren Tage führten schon viele Hunderte von Kolonisten hinaus, um ihr„Rittergut" vor den Toren der Stadt zu besichtigen und aus dem Winterschlaf zu wecken. Für nicht wenige war das wieder eine böse Be- scherung. Tie Winterstürme, die uns in den vergangenen Monaten mehrfach heimsuchten, haben auch da draußen arg gehaust und manche Laube zu Kleinholz gemacht. Wer da nicht vorsorglich alles niet- und nagelfest verrammelte oder noch besser, eine nur leichtgesügte Laube ins Stadtnuartier brachte, hat neben dem Aerger nicht unbeträchtlichen Schaden. Daß vieles fehlt, was nicht bloß vom Winde entführt wurde, ist leider eine alte Erscheinung. Haben es sich hier Obdachlose wahrend des Winters„gemütlich" gemacht, so sieht man gern darüber lnnweg, falls die ungebetenen Gäste nicht allzu un- bescheiden waren. Die Hoffnung auf den nahenden Frühling und das noch schönere Sommerleben im Laubenheim läßt nicht viel Zeit zum Kopfhängen. Man schimpft sich weidlich aus und geht mit Eifer an die Arbeit, um dem undankbaren märkischen Boden, der bei Berlin ganz besonders mager ist, das wenige abzuringen, was bei den heutigen Teuerungszeiten für die� Proletenfamilie immerhin ins Gewicht fällt. In diesem �ahre dürste vorzugsweise der Anbau von Kartoffeln und Kohl gepflegt werden. Man weiß ja, daß man damit den Winterbedarf einer starkköpfigen Arbeiterfamilie nicht entfernt deckt, aber es läßt sich damit doch etwas der agrari- schen Raffgier vorbeugen. Schon sind auch die Kolonistenver- einigungen, die im Winter nicht rasteten, auf dem Plane, um ihren Beschlüssen gegen die bekannten Mißstände im Lauben- koloniewesen möglichst die Erfüllung zu sichern. Spielt uns Frau Holle nicht noch nachträglich einen Streich mit weißen Ostern, so wird schon in weniger als fünf Wochen zwischen dem ersten zarten Grün der Laubenherrlichkeit, mag die kräftesparende Sonne auch nicht ein langes Sitzen im Freien erlauben, der Frühling gefeiert werden. Aus dem„Kinderhaus" in der Blumenstraße berichteten wir im Januar über ein Erlebnis eines MaurerS W.. der dort in Prof. N e u in a n n S Poliklinik sein Kind hatte untersuchen lassen. W. glaubte, daß er die Kosten des ihm als ratsam bezeichneten operativen Eingriffs nicht selber werde tragen können. Der untersuchende Arzt, dem er auf Befragen seinen Beruf nannte, wunderte sich:»M aurer? Und dann suchen Eie eine Poliklinik auf!?"� Auf W/s Angabe, daß er schon seit drei Wochen arbeitslos sei, erwiderte der Arzt:„Na', da mußten Sie doch im Sommer soviel verdienen!" W. empfand diese Bemerkung so sehr als Vor- Wurf, daß er, als der Arzt sich zu dem operativen Eingriff bereit erklärte, für die angebotene Hilfe dankte und das„Kinderhaus" Wir kommen heute auf die Angelegenheit zurück, weil die .Medizinische Reform. Halbmonatsschrift für soziale Hygiene und praktische Medizin", heraus. gegeben von Prof. Dr. Rudolf Lennhoff und Dr. Benno Latz, d e n „Vorwärts" wegen jenes Artikels angreifen zu sollen gemeint hat. Die in der Zeitschrift veröffentlichte Eni- gegnung, die von„R. L." unterzeichnet ist und die Uebcrschrift „Vornehme Anerkennung selbstloser Sozialhygiene" trägt, gelangt erst jetzt zu unserer Kenntnis. Um ein Verständnis der Entgegnung L. R.'s zu ermöglichen und sie zugleich in ihrer ganzen Haltlosigkeit darzutun, müssen wir aus jenem unseren Ar- tikel die Einleitung und den Schluß hier nochmals wiedergeben. Der Artikel begann: „Aus dem„K i n d e r h a u s" wird uns eine Klage vor- getragen, die für manchen unserer Leser von Interesse sein dürfte. In diesem Hause, das auf dem Grundstück Blumen- st r a ß e 9 7 steht und Eigentum des Kinderarztes Prof. Neu- mann ist, sind verschiedene Einrichtungen zur Kinderpflege und Kinderheilkunde vereinigt. Auch eine der Säuglingsfürsorgc- stellen, die von der Stadt unterhalten werden, ist hier hinein- gelegt und der Leitung des Prof. Ncumann unterstellt worden. Die anderen Einrichtungen des„Kinderhauses" sind private Unternehmungen des Prof. Neumann, der sie nach eigenem Er- messen leitet und Gewinn oder Verlust seinem eigenen Konto zu buchen hat. Das gilt auch von seiner im„Kinderhaus" be- triebenen Poliklinik. Wer sie benutzen will und unentgelt- liche Behandlung erwartet, muß selbstverständlich— wie in allen Polikliniken— sich die Frage nach seinen Einkommcnsverhälr- nissen gefallen lassen. Die Polikliniken sollen ja nur unbe- Mittelteil Personen ihre unentgeltliche Hilfe gewähren, und daß sie an diesem Grundsatz festhalten, ist ein immer wiederholter Wunsch der privaten Aerzte, die sich ihre zahlungsfähigen Patienten nicht entziehen lassen möchten. In den Polikliniken, die den großen öffentlichen Heilanstalten des Staates und der Stadt angegliedert sind, wird der Begriff der„Unbemittcltheit" wohl nicht immer so eng umgrenzt, wie private Aerzte es fordern. Bei Herrn Prof. Neumann aber wird man sich nicht wundern dürfen, wenn er an die Besucher seiner Poliklinik einen strenge- ren Maßstab anzulegen für nötig hält. Er allein hat darüber zu bestimmen, wer in seinem„Kinderhaus" als unbemittelt gelten soll, und keiner wird ihm Abweisungen zahlungsfähig scheinender Personen verargen können. Zu wünschen ist aber, daß in der Bevölkerung möglichst bekannt wird, was man im ..Kinderhaus" unter Umständen zu erwarten hat. Ein Maurer W., der bisher das„Kinderhaus" für eine öffentliche Anstalt gehalten hat, teilt uns mit, welche Erfahrungen er dort gemacht hat. Er bittet uns, sein Erlebnis bekanntzugeben als Warnung für andere Arbeiter, die etwa mit ihren Kindern die Neu- mannsche Poliklinik aufsuchen wollen." Und der Schluß lautete so: „W. entschloß sich, eine öffentliche Anstalt aufzusuchen und sein Kind einer Poliklinik zuzuführen, die den Begriff„Un- bemitteltheit" weniger eng zu ziehen genötigt ist. Wir können nur jedem Arbeiter raten, von vornherein die privaten Polikliniken möglichst zu m e i d e n. In öffentlichen Anstalten ist man im allgemeinen doch wohl weniger geneigt, Mitte Januar bei IS Grad Kälte einen für sein Kind um ärztlichen Beistand bittenden Maurer zu belehren, daß er„im Sommer soviel verdient" haben müsse. Uebrigcns wird die unentgeltliche Behandlung, die manchem als große Wohltat erscheint, meist dadurch abgegolten, daß der unentgeltlich behandelte Patient sich zum Studienobjekt hergibt. Was der Arzt an Unbemittelten lernt, verwertet er nachher bei der Behandlung bemittelter Leute, die dem Arzt seine„reichen Erfahrungen" dann um so höher zu bezahlen haben. Auf diese Weise ist vielleicht schon mancher un- entgeltlich behandelte Patient schließlich zum„Wohltäter" der Aerzte geworden." Hierzu sagt R. L.:„Wie geschmackvoll muten diese Schluß- Worte an, gerade wenn von dem KinderhauS und Hugo Neu- mann die Rede ist!" Er gesteht, daß er den Fall nicht kennt, aber er will annehmen, daß die Schilderung in allen Punkten zutreffe. „Wir stellen," fährt er fort,„nur die einzige Frage: Selbst wenn über zehn oder mehr Fälle dieser Art zu berichten wäre, gab es kein anderes Mittel, auf eine Aendcrung hinzuwirken, sind sie ein ausreichender Grund, vor dem Kinderhaus öffentlich und in dieser Form zu warnen?" Was er an der Form auszusetzen 1«t, sagt er in folgendem:„Man gestatte uns, nur ein einziges herauszugreifen. Das Kinderhaus ist Eigentum von Prof. Hugo N e u m a n n, seinem eigenen Konto bucht er Verlust oder G e- w i n n. Glaubt der„Vorwärts" wirklich, daß N e u m a n n aus dem Kindcrhause Gewinn zieht? Sehr leicht kann er er- fahren, ob das der Fall ist, sehr leicht, mit welchem Verlust er arbeitet. Für die Leser aber stehen die Worte da und unter ihnen das vom Gewinn." Es ist vielleicht nicht überflüssig, hier nochmals auf den Wort- laut unserer Ausführungen hinzuweisen. Wir haben gesagt, daß Ncumann„Gewinn oder Verlust seinem eigenen Konto zu buchen hat". Daß dem Prof. N. aus einem etwaigen Gewinn ein Vorwurf gemacht werden solle, las R. L. heraus, weil er— blind gemacht durch sofort sich regenden Argwohn— den Satz nicht verstand. R. L. hat in seiner Blindwütigkcit nicht begriffen, daß die Frage, ob N. tatsächlich Gewinn oder Verlust hat. für den vor- liegenden Fall gleichgültig ist. Uns kam es an— das mußte für jeden Unbefangenen aus dem ganzen Zusammenhang hervorgehen — auf die aufklärende Feststellung, daß diese Poliklinik keine öffentliche Anstalt ist, daß vielmehr N.. der sie auf eigene Rechnung betreibt, selber für ihre finanziellen Grundlagen einzustehen und daher auch zu bestimmen hat, wer bei ihm als„unbemittelt" gelten soll. Ausdrücklich sagten wir auch, daß W., der das.Kinderhaus" bisher für eine öffentliche Anstalt gehalten hatte, durch eine Be- kanntgabe seiner Erfahrungen andere zu warnen wünschte. Schon daraus erklärt es sich, daß wir nicht, wie R. L. es lieber gesehen hätte, nach einem„anderen Mittel" suchten,„auf eine Aendcrung hinzuwirken", sondern„öffentlich warnten". Wir wollten ja gar nicht dem Prof. N. irgendwelche Vorschläge darüber geben. wie weit in seiner privaten Anstalt, in der er selber für alles aufkommen muß, der Begriff„unbemittelt" ausgedehnt werden solle. Nein, wir wollten und mutzten uns an die Bevölkerung wenden, um andere vor ähnlichen Erlebnissen zu bewahren. Wir werden uns auch weder durch R. L. noch durch sonst wen beirren lassen, das zu tun, was wir für unsere Pflicht halten. Was R. L. gegen den„Vorwärts" über Gewinn oder Verlust des Prof. N. deklamiert, das wird mancher Arzt mit Verwunderung lesen. W i r würden dem Prof. N., wenn er Gewinn hätte, hieraus keinen Vorwurf machen. Dagegen ist R. L. so„fein- fühlig", daß er sich schmerzlich berührt fühlt in dem Gedanken, wir könnten N. eines Gewinne? verdächtigen wollen. Ja, hält denn R. L. es für unehrenhaft, daß ein Arzt aus seiner Tätigkeit Gewinn zieht? Hier erinnern wir uns, wie sehr in neuerer Zeit die meisten Aerzte sich und das Publikum daran zu gewöhnen gesucht haben, daß auch ihre Berufstätigkeit ein Gewerbe ist, das seinen Mann nähren soll. Man kann unter den bestehenden Verhältnissen gegen diese Bestrebungen der Aerzte. wenn man auch zu manchen Auswüchsen den Kopf schütteln muh, doch grundsätzlich nichts sagen. Warum regt aber dann R. L. sich so sehr darüber auf, daß der„Vorwärts" beim„KinderhauS" nicht ohne weiteres nur Verlust vorausgesetzt hat? R. L.'s Entrüstung wird auf manchen seiner Kollegen wirken, wie ein F a u st h i e b ins G e- ficht, den e r ihnen gibt. Die minder„Feinfühligen" unter ihnen werden verständig genug sein, seine Deklamationen zu be- lächeln. Ein Raubmordversuch wurde gestern morgen auf dem Grundstück am Spittelmarkt 8—10, an der Ecke der Kurstraße verübt. Dort überfiel der 18 Jahre alte Hausdiener Alois Pyttlick die 57 Jahre alte Privatiere Ernestine Schell, geborene Hoffmann, verletzte sie durch Kopfschläge mit einer. Seltersflasche lebensgefährlich, schleifte sie nach dem Keller, raubte ihr einen Leinenbeutel mit 120 M. und verschwand mit der Beute. Die schwerverletzte Frau wurde nach dem Krankenhaus am Urban geschafft, wo sie bedenklich daniederliegt. In dem bezeichneten Hause betreibt der Schankwirt Lukas Wald eine Wirt« schaft, die besonders von Hausdienern und Kutschern viel besucht wird. Ihm zur Seite steht seine Tante, die aus Alt-Mahlisch gebürtige Witwe Schell. Beide wohnen entfernt vom Geschäft in der Wallstraße 14. Auch den Hausdiener, den sie in der Schank- Wirtschaft beschäftigen, haben sie in ihrer Behausung bei sich. Erst vor drei Tagen nahmen sie einen neuen an, den am 11. Dezember 1893 in Königlich. Gamischkau geborenen Alois Pyttlick. Frau Schell war mit diesem jungen Manne durchaus nicht zufrieden. Dienstag hatte sie, weil er wieder seine Arbeit vernachlässigte, einen heftigen Auftritt mit ihm. Als er auf ihre Vorhaltungen in besonderer Art erwiderte, gab sie ihm eine Ohrfeige, als sie mit ihm allein im Schankraum war, und entließ ihn auf der Stelle. Pyttlick ging, ohne ein Wort zu sagen. Im Laufe des Nachmittags begab er sich nach der Wallstraße und ließ sich von dem Dienstmädchen der Frau Schell seine Sachen herausgeben. Wo er dann geblieben ist, weiß man nicht. Gestern morgen um 7 Uhr begab sich Frau Schell ahnungslos wie immer nach dem Spittelmarkt, um das Geschäft zu öffnen. Wald pflegt erst später dorthin zu kommen. Weil nun der Hausdiener fehlte, so war sie allein. Während sie den große« Schankraum aufräumte, schlich ihr Pyttlick, der ihre Gepflogen» heiten genau kannte, nach, streckte sie durch mehrere Hiebe mit einer Selterflasche, die er ihr hinterrücks über den Kopf versetzte, nieder, schleifte die Bewußtlose die Wendeltreppe hinunter nach dem Keller, raubte ihr einen Leinenbeutel mit 120 M., ließ sie dann liegen, schloß eine Tür hinter ihr ab, nahm von einer zweiten den Außengriff ab und stieg dann wieder hinauf, um sich in dem Schankraum die Hände zu waschen. Als er hier« mit fertig war, vergaß er in der Eile, den Wasserhahn wieder zu schließen, und weil nun im Abflußbccken ein Lappen lag, so trat das Wasser bald über und überschwemmte das ganze Lokal. Auch nach dem Keller hinunter lief das Wasser. Unterdessen kam Frau Schell wieder zu sich. Sie öffnete ein nach der Kleine« Kurstraße hinausgehendes Fenster und rief um Hilfe. Maurer, die auf dem Grundstück arbeiten, und andere Leute hörten ihr Geschrei, drangen mit Gewalt in den Keller ein und befreiten die Schwer« verletzte. Sie brachten sie nach der nahegelegenen Unfallstation am Spittelmarkt. Nachdem sie dort einen Verband erhalten hatte, wurde die Ueberfallene von der Polizei des 40. Reviers, die alsbald am Tatort erschien, nach dem Krankenhause am Urban gebracht, wo sie lebensgefährlich daniederliegt. Der Räuber war inzwischen entkommen und ist noch nicht wieder ermittelt. Die Kriminalpolizei fahndet auf ihn mit einem größeren Aufgebot. Im Fahrstuhlschacht tatgequctscht. Ein schwerer Unfall hat sich am gestrigen Vormittag gegen 9 Uhr in der städtischen Gasanstalt in der Danziger Straße ereignet. Im Retortenhaus IV werden zurzeit die Fahrstühle mit einem neuen Farbanstrich versehen. Der Maler Joseph S t e l z e r von der Firma Oppermann strich in einem der Fahrstuhlschächte die Eisenträger und Verbindungen. Be» dauerlicherweise war einer der in dem Fahrstuhlschachte laufenden Fahrstühle im Betriebe. Während Stelzer seine Arbeit ver« richtete, wurde er von dem Kontergewicht des laufenden Fahrstuhles so unglücklich erfaßt, daß ihm der Kopf buchstäblich vom Rumpf ge« trennt wurde Der Tod des Unglücklichen trat auf der Stelle ein. Folgenschwerer Zusammenstoß zwischen Straßenbah« und Omnibus. Ein heftiger Zusammenstoß, bei dem zwei Personen schwer und zwei leicht verletzt wurden, ereignete sich gestern früh kurz nach 6 Uhr an der Kreuzung der Brunnen-, Invaliden- und Veteranenstraße. Dort fuhr ein Straßenbahnwagen der Linie 67, der die abschüssige Veteranenstraße herabkam, mit großer Gewalt gegen einen zwei« spännigen Omnibus, der gerade an der Kreuzung vorüberfuhr. Bei dem Anprall wurde der Omnibus vollständig umgeworfen und die Fahrgäste fielen zum Teil auf die Straße. Vier Personen wurden verletzt unter dem Omnibus hervorgezogen und nach dem LazaruS-Krankenhaus gebracht. Hier stellte es sich heraus, daß zwei von ihnen schwer verletzt waren. ES sind dies der Drechsler Hermann Marquardt auS der Brunnenstr. 137(Nervenchoc und Bein« Verletzungen) und der Arbeiter Max Reimer auS der Usedomftr. 34 (Schulterverrenkungen). Die beiden Leichtverletzten sind der Kutscher Wilhelm Herrfort auS der Fehrbelliner Str. 43 und die Händlerin Wilhelmine Schimanski aus der Jasmunder Str. 14. Von den Fahrgästen der Straßenbahn wurde niemand verletzt. Der Omnibu» ist stark beschädigt und mußte aus dem Betrieb gezogen werden. Der Zusammenstoß hatte auch eine längere Verkehrsstörung zur Folge._ Eine Familie durch GaS vergiftet. Ein schreckliches Unglück, dem eine Mutter mit zwei kleinen Kindern zum Opfer fiel, hat sich in der Nacht zum Mittwoch in der Mindener Str. 25 zu Charlottenburg zugetragen. Im zweiten Stock des Seitenflügels wohnt dort der Fabrikarbeiter Karl Wollcnberg mit seiner au§ Frau und zwei Kindern bestehenden Familie. DewMann arbeitet in einer Gas« anstalt und hatte die letzte Nacht Dienst. AuS Versehen ließ seine Frau DienStag abend beim Zubettgehen einen Gashahn offen, so daß das GaS ausströmte. Erst gestern früh, als der Mann von der Arbeit heimkehrte, wurde der Unfall bemerkt. Die Frau lag mit den beiden Kindern tot im Bett; alle drei waren der Gasvergiftung erlegen. Zuerst verbreitete sich in der Nachbarschaft die Kunde, daß eine Mordtat vorliege, doch trifft diese Annahme nach den bis« herigen Ermittelungen nicht zu. �Die Leichen wurden von der Polizei beschlagnahmt. Ein AmtSanwalt während der Verhandlung vom Tod überrascht. Ein tragischer Vorgang hat sich� gestern in Oranienburg abgespielt. Im dortigen Sckivffengerichlssaale hatten Verhandlungen statt- gefunden, wobei AmtSgerichtsrat Bürgermeister a. D. Seidel als Amtsanwalt fungierte. Mitten in einer Verhandlung sank S. Plötz- lich leblos vom Stuhl und war auf der Stelle tot. Die Sitzung mußte sofort unterbrochen Werve». Wie ein hinzugezogener Arzt feststellte, hatte ein Herzschlag dem Leben des AmtSanwalts ein jäheS Ziel gesetzt. Bon der„siebenköpfigen Einbrecherbande", über deren Verhaftung wegen Pleureusendiebstähle im November vorigen Jahres die Blätter berichteten, standen dieser Tage fünf Personen als Angeklagte vor dem Schöffengericht Neukölln(R i x d o r s). Beschuldigt waren zwei Angeklagte des Diebstahls und drei der Hehlerei, unter letzteren der Haus- diencr Friedrich Schollmeier und ein früherer Hausdiener a! G e, che. Unsere Leser werden sich erinnern, daß im No. vcmbcr die„V o s s, s ch e Z e> t u n g" den mitverhafteten Scholl. m e i e r falschlich als„sozialdemokratischen Arbeiter sckretar" bezeichnete. Schollmeier und Gesche wurden dann schon nach einer Untersuchungshast von wenigen Tagen, wie wir damals meldeten, wieder auf freien Fuß gefetzt. Wir erfahren jetzt, datz�I ch o ll m e i c r und G e fch e in der Hauptvcrhandlung vor dem Schöffengericht Neukölln freigesprochen worden sind. Sechs neue Falirkartcn-Truckmaschinen sind von der Staats- bahnverwaltung auf den Bahnhöfen Alexanderplatz und Zoologischer Garten, sowie auf dem Schlcsischcn und Potsdamer Bahnhof probe- weise aufgestellt worden. ES find die sogenannten„Regina'-App.i- rate, die jetzt für 2000 Relationen eingerichtet sind, d. h. man kann auf ihnen Fahrkarten nach 2000 Stationen drucken. Die Hand- habung dieser Apparate ist nicht ganz einfach, auch genügen sie nicht dem Masscnvcrkchr. Diesem wird dagegen der elektrische Fahrkartendrucker, der„Efubng", gerecht, welcher auf dem Wriezcncr Bahnsteig am Schlcsischcn Bahnhof seit vielen Monaten IM ftVFnYniHfi tff im Gebrauch ist. Die Anzahl der Relationen soll bei diesem er- höht und ein zweiter Apparat auf dein Wannsccbahnhof aufgestellt werden. Die lleberlcgcnhcit dieser Drucker zeigt sich u. a. darin, datz die Fahrkarten von einer endlosen Rolle abgeschnitten und ein und diclelbc Karte, nach Einstellung eines Zeigers, beliebig oft und schnell hintereinander gedruckt wird. Demnächst soll noch ein drittes System(Elcctra) auf einzelnen Bahnhöfen erprobt werden, da» aber nur die bereits zugeschnittenen Karten bedruckt. Ter Selbstmord eines SchntimanncS wird ans dem Zentrum der Stadt gemeldet. Auf einem Dienstgang erschotz sich in der der- gaiigcncn Nacht der 31 Jahre alte Schutzmann Paul Heiger vom 20. Revier. Heißer gehörte früher S Jahre lang der Marine an. Vor 1'/, Jahren trat er zur Schutzmannschaft über und diente im 20. Revier. Er glaubte an einer»nheilbarcn Brustkrankhcit zu leiden, ging viel zum Arzt, versah aber fast immer seinen Dienst. Nickt Nur seiner Wirtin, bei der er in der Elisabcthstr. 80 ein möbliertes Zimmer bewohnte, sondern auch Kameraden gegenüber klagte er häufig. Auf alle aber machte es den Eindruck, daß er sich sein Leiden wohl mehr einbildete. In der vergangenen Nacht hatte H. >nit einem Kameraden die Räume des PaßbureauS der£>. Abteilung deS PolizeiprästdininS, die im II. Stock der Alexanderplatz-Passage liegen, zu überwachen. Um IVz Uhr erschoß er sich hier auf einem Rundgang, während sich sein Kamerad in einem anderen Zimmer befand. Als er später vermißt wurde, fand man ihn tot auf. Zur Warnung wird uns geschrieben: Nicht genug können Eltern ihre Kinder warnen, das leidige Herunterrutschen an dem Treppen- gelander zu unterlassen. Ein Fall zeigt es wieder. In dem Hause Demminerstraße 9 stürzte die 7 Jahre alte Hildegard Sch. beim Herunterrutschen an dem Geländer ziemlich eine Treppe hoch auf den Hausflur ab, wo sie aus Nase und Mund blutend liegen blieb. Gegen abend stellte sich Blutcrbrechcn ein. Sofort lvurde ein in der Nähe wohnender Arzt angerufen, der erklärte, er könne absolut nicht abkommen. Dann wurde die Unfallstation antclcphonicrt, und erst die dritte in der Gaudhstraße schickte sofort ärztliche Hilfe. Schnellste Ueberführung nach dem Lazarus-Krankcnhause wurde angeordnet. Das Kind wurde zur weiteren Beobachtung im Krankenhause be- halten. Zu der Arzttragödie in der Lützowstraße wird mitgeteilt, daß Dr. Louis Philipp Dienstagabend in der Charits gestorben ist. Tie Leiche wurde von der Staatsanloaltschaft zur endgültigen Feststellung der Todesursache beschlagnahmt. Ringkämpfe finden seit einigen Tagen im Zirkus Busch statt, dre unter Ausschaltung der bisherigen Unfltlen des Ringkampfes mehr dem Sport dienen sollen. Gefunden. In der Generalversammlung deS dritten Kreises im Gewerkschaftshause ist ein Portemonnaie mit Inhalt gefunden worden. Der Verlierer kann sich dasselbe bei dem Genosse» A. Pohl, Naunynstr. 30, dorn 4 Treppen, abholen. "Vorort-TSaebrubtetu Lichtenberg. Ein trauriges Bild mangelhafter hygienischer und gcsundheit- licher Zustände entrollt der Schularztbericht für 1911. Die 1. lind 2. Gemeindeschult beherbergt im Keller den A b o r t I Der Schularzt konstatiert.zeitweilig starke Neberschwemmungen" ans den Odeurqucllen. Infolge zn starker Besetzung ist in einer anderen Schule die Luft.dumpf und unrein'. Durch Unfallgefahrcn ragt eine andere BolkSbildungSanstalt hervor.„Die Bänke sind teil weise schlecht, so daß der Arzt im Jahre achtmal Gelegenheit hatte. verletzten Kindern S p l i t t e r, die sie sich an den Bänken einjagten, herauszuziehen.' Ventilation und Luft haben„unadstell bare Mängel". Von den Mädchen waren, streng genommen, über 90 Prozent blutarm und bleichsüchtig. So sagt der Schularzt der 4. Gcmeindeschule. Aus der 6. wird berichtet, daß die Haltung der Schulkinder leide, weil die B ä n k e zu klein feien, die V e n t i lation genüge nichtl Eine Anzahl Kinder ist als.so leidend' befunden worden, daß ihr Aufenihall in einer Ferien kolonie nicht in Frage kommen kann..Diese Kinder erkranken z u l e�i ch t u ii d zu häufig a k u t, als daß sie das Elternhaus vcr« lassen könnten.' Eine Untersuchung der Zähne der Kinder in der 10. und 11. Gemeindeschule ergab als Resultat:.99 Prozent aller Kinder hatten kariöse Zähne.' Die Zahl der tuberkulösen Kinder ist sehr groß. AuS der 12. Schule lautet das Urteil:.Die Aähne sind zumeist sehr schlecht!' Ter Arzt dieser Schule meint, daß.gerade bei den sich etwas geistig günstiger ent- wickelnden Kindern in mehreren Fällen verbrecherische Neigungen vorhanden waren'. Von den 1079 Knaben der 1. Gemeindeschule konstatierte der Befund bei KS allgemeine Körper schwäch«, 30 mit dem Prädikat„schlecht", dagegen waren unter 57 Mädchen mit geschwächter Konstiliition 49, bei denen der Arzt.schlecht' ver- merkt. Stark vertreten sind Ertrankungen der Rachcnhöhle; Slosf- wcchselkrankheiten und Skrofulöse stellen ebenfalls erhebliche Zahlen. 139 Knaben, von insgesamt 853, der 11. Gemeindeschule wiesen schwache Körperkonstitution auf, von 75 der 10. Mädchenschule 93 Kinder denselben Fehler. Der schlechte Gesundheitszustand ist vielfach ein« Folge schlechter WiHnungen und sonstiger Wirtschaft- licher Verhältnisse. Oft ist das Einkommen zu klein, um eine kräftige, ausreichende Nahrung auf den Tiich bringen zu können, in anderen Fällen fehlt es an der erforderlichen Pflege und Wartung, „Die Mutter geht schon früh zur Arbeit und überläßt das Kind der mangelhaften Fürsorge eines älioren Kindes, so daß das Kind häufig ohne Frühstück zur Schule kommt.' Damit stößt man auf das Kapitel der Schulspeisung. Was in dieser Hinsicht geboten wird, ist herzlich wenig. � Zuerst wurden unsere Genossen mit den entsprechenden Anträgen verhöhnt und verspottet, schließlich bequemten sich die Herren der privilegierlen Klasse dazu, 1000 M. sür die Schulspeisung zu bewilligen. Im letzten Jahre mußlen trotz aller Sparsamkeit 200 M. nachgefordert werden; der neue Etat sieht aber wiederum nur 1000 M. vor. trotz der wachsenden Bevölkerung. Die hiesige Aerzle- schaft iinteruahm es vor einem halben Jahre, die kommunale Säuglingssürsorge zu propagieren. Di« Stadtverwaltung geht jedoch an dem Problem vorbei, als sei Lichtenberg gegen solche Beftrebuiigen vollständig iinimin. Dabei ist bekannt, daß unsere Stadt tu der Statistik über die Säuglingssterblichkeit beinahe den allerersten unrühmlichen Platz einnimmt. Der schlechte GcsuiidheitS« zustand�der Mädchen dürfle nicht zuletzt auch auf den Umstand der Klassenüberfüiliing zurückzuführen sein. Mehrere Rerzte monieren, daß die Ucberweisuiig der schwachbegabten Kinder in die Hilfsschule noch sehr der Regelung und Systematik bedürfe. Unsere Genossen im Stadlverordnelenkollegium werden heiße Arbeit bekommen, um die Mehrheit auf den Weg sozialer Arbeit zu treiben. Charlotteuburg. Soziale Rückständigkeit in den Krankenanstalten. Aus den Kreisen der städtischen Arbeiter wird uns geschrieben: Trotzdem der Magistrat gegenüber dem Vorwurfe der Rückständigkeit äußerst empfindlich ist, muß festgestellt werden, daß die Entlohnung des Pflege- und Hauspersonals schlechter als in irgend einer anderen pädti s chen P s le gcansialt Groß-Berlins ist. Tie Folge ist eine ganz ungeheuere Fluktuation, die keineswegs geeignet erscheint, die Aus gaben der Krankenanstalten zu fördern. Kein Ruhmesblatt für Eharlottenburg ist die Anwendung der Gesindeordnung auf da Pflege- und Hauspersonal. Die" Verwaltung hätte es in den Händen, das Personal aus den Fesseln dieser mittelalterlichen Bestimmungen zu befreien. Allein diese Unterlassung ist bezeichnend für das soziale Verständnis der„liberalen" Männer Charlottenburgs. Noch schlimmer aber und in ihren Folgen für dqs Personal noch der dcrblicher ist die Tatsache, daß gemäß den Bestimmungen über die Lohn- und Dienstverhältnisse der städtischen Arbeiter, das Hans und Pflegepersonal nicht der Krankenversicherung unterstellt ist. Leider untersteht ja, nach den zurzeit geltenden gesetzlichen Bc stimmungen, das Pflege- und Hauspersonal nicht der Vcrsichcrungs Pflicht. Dieser Mangel ist in einer Anzahl Gemeinden, auch in Groß-Berlin, dadurch beseitigt, daß die Verwaltungen das Personal den bestehenden Kassen überwiesen. In Eharlottcnburg ist man diesen Weg nicht gegangen. Die folgen sind für das Personal außerordentlich traurige, wie nachstehender Fall beweist. Ter Krankenwärter Z. war längere Zeit in den städtischen Anstalten tätig. Am 27. Dezember v. I. erkrankte er an einem Lungenleiden und wurde Z. deshalb dem Krankenhause Westend zugeführt. Hier wurde er am 31. Januar als gebessert entlassen, jedoch eine 14tägige Schonung als wünschenswert erachtet. Noch vor seiner Entlassung aus dem Krankenhause, am 30. Januar, ging ihm von der Leitung des Krankenhauses Kirchstraße folgendes schreiben zu: „Wir kündigen Ihnen hiermit Ihren Dienst alS Kranken Wärter im städtischen Krankenhause Kirchstraßc zum 15. F c, b r u a r 1912. Der leitende Arzt, sllntcrschrift.)" Jeder private Arbeitgeber würde sich schämen, in so rigoroser Weise vorzugeben. Mit Mühe und Not erreichte Z.. daß ihm neben seinem Lohn bis zum 15. Februar noch die Kostentschädigung aus gezahlt wurde. Auf seine Bemühungen um weitere Beschäftigung oder weitere Unterstützung wurde ihm geantwortet, daß ihm weitere Ansprüche nicht mehr zuständen. Z. wandte sich nunmehr an die Krankcnhausdeputation. Auch hier stieß er auf Ablehnung. Nun mehr versuchte Z.. dem Dezernenten Herrn Stadtrat Boll seine Angelegenheit persönlich zu unterbreiten. Hier wurde ihm erklärt, daß sich der Herr Stadtrat mit solchen Dingen nicht abgebe. Im übrigen stellte man ihm frei, sich an die Armenverwaltung zu wen den. Mit welcher Harmlosigkeit sich bei alledem die Verwaltung bewegt, zeigt der Umstand, daß in dem Entlassungszcugnis als Grund der Entlassung Krankheit angegeben wurde. Diese Kenn Zeichnung macht es dem Z. natürlich doppelt schwer, anderweitig Stellung zu bekommen. Diese Vorgänge und die Möglichkeit, daß so etwas überhaupt geschehen konnte, zeigt deutlich, wie weit Char lottcnbura davon entfernt ist, als sozialpolitische Musierstadt zu gelten. Hoffentlich tragen diese Zeilen dazu bei, daß die Ursachen dieser Zustände baldigst beseitigt werden. Wie bekannt wird, ist einem höheren Beamten, der infolge Uebcrarbcitung leidend ist, ein halbjähriger Urlaub bewilligt worden. Tie Verwaltung weiß auf opfernde Tätigkeit zu schätzen, und wir nehmen an, daß im Falle des Krankenwärters Z. nur nicht nach den Intentionen der inaß- gebenden Stellen verfahren wurde. Wenn auch natürlich für einen lungenkranken Arbeiter nickt dasselbe beansprucht werden kann, so dürfte doch die Sorge um das Notwendigste von dem kranken Ar- bester genommen werden. Oder sollten wir uns täuschen? Ein Betriebsunfall, bei dem sechs Personen in Lebensgefahr schwebten, ereignete sich vorgestern am Nonnciidainm. Dort waren Arbeiter der Charlottenburger Wasser- werke mit NuSschachtungSarbetten beschäftigt, bei denen sie ein Druck- robr der Wasserlestung in der Stärke von 40 Zentimetern im Durch- messer auf einer Strecke von mehreren Metern freigelegt hatten. Als sich sechs Arbeiter in dem mehr als 2 Meter tiefen Schacht befanden, lockerte sich eine Müsse des Rohres und das Wasser drang mit großer Gewalt in dl« Baugrube, dle sich schnell füllte. Den Arbeitern war c» trotz größter Anstrengung nlidt mögll-b. sich selbst zu be- freien und sie gerieten in die größte Gefahr. Ale da« Walter ihnen bereit» bi» zur Bruft reichte, wurde die bedrängte Lage der fechS Männer von Brbeitslollegen bemerkt, deren vereinten Bemühungen es gelang, die Gefährdeten aus der Grube herauszuziehen. Der Zu» flnß zu dem defekten LeilungSrohre wurde dann abgesperrt und der Schacht durch eine Dampfsprttze der Eharlotlciiburgcr Feuerwehr aus- gepumpt. ?!cukölln(Rixdorf). Dcr„Elternverein für Sport«nb Wandern" veranstaltet am Sonntag, den 10. März, eine Frühsahrspartie nach Rahnsdorf. Abfahrt Vz8 Uhr früh vom Ringbahnhof Rixdorf. Für Nachzügler Treffpunkt 4 Uhr nachmittags in Rahnsdorf, Restaurant Witwe Klemm. j�riedrichshagen. AuS der Gemeindevertretung. Der Schuldeputation war Ende vergangenen JabreS dcr Antrag überwiesen, betreffend der Schul- zahitpflege Erhebungen anzustellen. Dcr Gemeittdevorstattd schlägt niinnicht vor, für die Untersuchung der Zähne inkl. Zahnziehen 000 M. und als Beihilfe zum Plombieren und für Nervbchandlung 1000 M. in den Etat einzustellen. Zur Begründung der Vorlage weist der Bürgermeister daraus bin, daß etwa 90 Proz. aller Volks- schulkinder zahnkrank seien. Die Untersuchung und da« Zahnziehen soll unentgeltlich statifinden, während für Plombieren 1,50 M. und für Nervbehaitdlutig 1 M. gezahlt werden muß. wovon die Gemeinde 50 Pf. pro Zahn zuzahlt. Die Einziehung der Kosten übernimmt die Genicindc. Genosse Micke erklärt sich im allgemeinen mit der Vorlage einverstanden. Im Interesse der Arbeiterschaft liege eS. wenn die Zahnpflege nach dem Duisburger System eingerichtet werde, welche« in einer freiwilligen Versicherung besteht. Für das erste Kind würde dort 1 M. und für jede« weitere 50 Pf. pro ohr gezahlt; und dafür werde freie Zahnbehandlung gewährt. oit der Bewährung dieses Systems zeuge es. daß der Versicherung von 22 600 Schulkindern sofort 19 400 Kinder beitratet?, von denen im ersten Jahre 8735 Kinder 18 123 Behandlungen erhielten. Sollte dieser Antrag aber abgelehnt werden, so beantrage die sozialdemokratische Fraktion, den Bestrag der Eltern auf 50 Pf. pro Fall herabzusetzen. Nach längerer Debatte wurden die Anträge unserer Genossen abgelehnt und der Antrag des Gemeindevorstandes angenommen, wobei noch bemerkt wurde, daß auf Antrag von Un- bemittelten die Gemeinde die Kosten ganz übernimmt. Zwei An- träge des GemeindevorstandeS auf Eingemeindung der Jagen 312a und 312b. 316b und 320b. welche am Bahnhof Hirschgarteti liegen, und Ilebernahme des Platzes öl bei der Gasanstalt wurden an- genommen. Bei dcr ttuit folgenden Etatberatung. deren Einzel- Positionen am Diettslaq, den 27. Februar, veröffentlicht sind, regte Genosse Miele beim Titel GaSaiistalt an, daß die Gasanstalt»- deputation sich mit der Frage der Herabsetzung deS Gaspreises event. eines Einheitspreises befassen möge. Gleichzeitig sei eine besser« Be- leuchlung einzelner Straßen dringend nötig. Bei der Kanalisation fand Genosse Grau die Beträge für die Unterhaltung der SauggaS- anlage und die Instandhaltung der Maschinen zu hoch und wünschte eine Rentabilstätsberechnung, welche zugesagt wurde. Genosse Barth brachte beim GesundheitSivescir die Gemeinde- badeanstalt in Erinnerung. Der Bürgcrineister teilte hierbei mit, daß in der nächsten Sitzung über das Freibad verhandelt wird und bei dieser Gelegenheit auckt die Gemeindebadeanstalt zur Diskussion stehe. DeS lveiteren werde auch die Perpachtung deS Müggelsees ihre Erledigung finden. Eine längere Debatte entspann sich dann beim Titel Unterstützung arbeitsloser Sinivohner. Genosse Miele forderte in erster Linie eine Herabsetzung der Karenzzeit, da nach den jetzt geltenden Bestimmungen von einer Unterstützung an Arbeitslose überhaupt nicht die Rede sein könne. Es seien ivohl im Etat für Unterhaltunz de» Arbeitsnachweises 500 M., für Notstands« arbeiten 1000 M. und ssw Unterstützung an Arbeitslose 1300 M. ausgesetzt, dock sei für letztere Position so � gut wie gar nichts ausgegeben worden. Im lveiteren solle sich die Kommissson noch einmal mit der ganzen Angelegenheit befassen, um auf Grund der in anderen Orten gemachten Erfahrungen auch bei uns andere Bestimmungen betreffend der ArbeitSIvsenfürsorgr einzuführen. Der Bürgermeister erklärte hierzu, daß er in der Bau- Verwaltung extra Anweisung gegeben habe, möglichst für den Winter Arbeit bereitzustellen, um dadurch unseren Arbeitslosen Gelegenheit zugeben, eventuell Nolstandsarbesten zu verrichten. Daher komme es, daß auf den Titel Notstandsarbesten für 1910 nur 1031 Mark verbucht seien. In Wirklichkeit sind dafür mehrere tausend Mark ausgegeben, die unter Bauverwaltung verrechnet worden sind. Ge- nosse Barth trat ebenfalls für Kürzung der Karenzzeit ein und stellte noch den Antrag, daß die nichr verausgabten Gelder dem Ärbeiislosenfonds zugeführt werden. Die ganze Angelegenheit wurde darauf der ArbeitSlosenkommiiston überwicfeii. Die Zuschläge zu der Staatseinkominensteuer wurden nach den Vorschlägen der Ftnanzkommission aus 135 Proz. gegen 140 Proz. im Vorjahre festgesetzt. Bei den fingierten Steuersätzen hat die Kommission beschlossen, die Steuerstufeir bis 900 M. nicht zu�er- heben. Genosse Barth bemerkte hierzu, daß er in der Kommission nur unter der Bedingung für die Steuerfreiheit dieser Position ein« getreten sei, wenn die Wähler dabei nicht das Wahlrecht verlieren. Die Vertretung beschloß, die fingierten Zuschläge zur Veranlagung zu bringen, aber von der Einziebunq Abstand zu nehmen. Die Gewerbesteuer für die 1. iiud 2. Klasse wurde auf-570 Proz., für die 3. und 4. Klasse auf 202'/, Proz. festgesetzt gegen 280 Proz. bez. 2l0 Proz. im Vorjabre. Bei der Grundwertsteuer bleibt der alle Satz von 35 pro Mille für bebaute und 7 pro Mille für unbebaute Grundstücke bestehen. Der öffentlichen Sitzung schloß sich noch eine geheime an. Köpenick. Eine schwere Gasexplosion, die leickt die berhängnisbollsten Eolgen hätte nach sich ziehen löitiiett. ereignete sich vorgestern in dem ause Lindenstr. le. Der dort wohnhafte Gastwirt Schulz verzieht nach Spandau und wollte deshalb am Vormittag die Gaslampen abnehmen. Zu diesem Zweck ivollte er vorher den Haupthahn der Gasanlage schließen, drehte ihn aber, der geschlossen war.»ersebent- ljch auf. Als daiin der Restaurateuc einen Raum betrat, in welchem er schon vorher die Gasleitung durch einen Stöpsel verichlosien hatte, nahm er Gasgeruch wahr. Sch. beging nun die llnvorsichtigkeit, ein Streichholz anzuzünden, um die Gasleitung abzusuchen. In dem» selben Moment erfolgte eine heftige Explosion. Der Stöpsel wurde aus dem Gasrohr herausgeschleudert und traf den Gastwirt mit solcher Wucht an den Kopf, daß Sch. eine schwere Schädelwunde davonlrtig. Die Tür und die Fensterscheiben des Raumes wurden zertrümmert, in einem Nebenzimmer wurde das Fensterkreuz heraus- gerissen und eine Rabitzwand in zwei Teile gespalten. Auch eines der großen Schaufenster wurde demoliert. Der Restaurateur hatte außer den Kopfverletzungen noch erhebliche Brandwunden im Gesicht und an den Händen davongetragen. Zum Glück, befanden sich die Angehörigen de« Gastwirts in einem von dem Schauplatz der Explosion entlegenen Räume, so daß sie mit dem Schrecken davon« kamen. Tempelhof. Unter wenig günstigen Verhältnissen hat vor Jahrzehnten die Gemeinde Tempclbof mit den Charlottenburger Wasserwerken«inen Vertrag abgeschlossen, der bis 1938 einen bestimmten Tarif für die Wasserentnahme zugrunde legte. Es sind darin Bestimmungen enthalten, die heute zu Mißhelligkeiten führen und der Entwickclung TeinpelhofS hinderlich sind. Jetzt, wo sich diese Gesellschaft im Grunewald sowie in Rudow»Johannisthal neues Terrain zum Zwecke dcr Wasserversorgung gekauft hat, muß sie sich als Unter- nehmerin auch den nötigen Absatz sichern. So fanden sich den» auch die Gemeinde Tcmpclhof und die WasscrwcrkSaesellschaft in Charlottenburg zusammen, um den erst im Jahre 1938 ablaufenden Vertrag biö zum Ende dieses Jahrhunderts<1997!) unter Aus- chließung jeder Ronkurrenz zu verlängern. Ein eigenes� Wässer» werk glaubt die Gemeinde nicht errichten zu können, und mit Berlin >u verhandeln, sei nicht angängig, da die Berliner Wasserwerke an -er Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt feien. Wie nicht anders zu erwarten, hat die Gefcllfchaft sich jetzt entgegenkommend gezeigt. Neben der Beseitigung der lautbar gewordenen Mängel über Anschlüsse wird sie 5 Proz. der Bruttoeinnahme erstatten, ferner das zur Besprengung und Spülung der der Straßen auf 10 000 Meter Länge das nötige Wasser ohne Ritdff'cht auf die Strahenbreite gratis abgeben. Außer der kostenfreie» Wasserlicfc- rung sür das Verwaltungsgebäude, für das zukünftige Rathaus so- wie für das noch nicht einmal in Aussicht genommene Krankenhaus und für die noch in nebelhafter Ferne liegende Badeanstalt sollen auch noch 5 Zierbrunnen gebührenfrei gespeist werden. Dagegen kostet der Kubiknreter Wasser für den in naher Zukunft auf dem Felde anzulegenden Teich für die ersten 25 000 Kubikvxter 4 Pf., für die weiteren 25 000 pro Kubikmeter 1 Pf. mehr. Eine Er- Mäßigung des bestehenden Wasserzinse« wurde nicht erreicht. Die drei Sozialdemokraten konnten die Veranwortung für einen der» artigen langen Vertrag nicht übernehmen. Die bürgerlichen Herren begingen den Fehler, den andere Gemeinden vor Jahren begangen haben, aber heute schon bereuen.— Bezüglich dcr Schönebcrger Straße wurde mitgeteilt, daß diese„hoffentlich" in diesem Sommer reguliert wird; zurzeit beständen noch Schwierigkeiten mit dem Eisen- bahnfiskus. Für die diesjährigen Gemeindcwahlen sind der 13. und 14. März in Aussicht genommen. Für die vom Genossen Müller angeregte- SonniagSwahl konnte sich der Vorsteher noch nicht be» geistern; es dürften jedoch auf sozialdemokratische Anregung die». mal amtliche Wahlauffordcrungcn an die Wähler der dritten Ab» teilung zur Versendung gelangen. Zepernick. Ein braver Genosse ist am Sonntag in dem Maurer Emil D erfel der hiesigen Organisation durch den Tod entrissen worden. Derfcl hat stets, wenn der Ruf zur Parteiarbeit erschallte, als einer der ersten selbstlos Und mit Eifer für die sozialistische Sache gewirkt. An ihm konnte sich so mancher jung« Genosse ein Vorbild nehmen. Die Beerdigung des Berstorbeneii findet am heutigen Donnerstag nachmittags 4'/, Uhr vom Trauerhaus, au» statt. NowaweS. Die Ortskrankenkasse veranstaltet am Freitag, den S. März. abends 8V, Uhr, in der VolkSschulanla, Scharnhorststr. 1, ihren zweiieit Vortragsabend über das bereits am 23. Februar von Herrn Dr. Wienecke-Ncukölln behandelte Thema.Erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen'. Der Zutritt steht jedermann frei. Die Wahlen der Beisitzer zum Kausmannsgericht am 14. und 13. März d. I. finden nach einer B-kaimimachung des Wahlausschusses nickt, wie ursprünglich beabsichtigt, im Sitzungssaal« de» Rathauses, sondern in der Aula der Höheren Mädchenschule, Linden» straße 86, statt.__ Lese- und DiSkutierklud.Johann Jaeoby'. Heute abend S'/.Uhr Sitzung bei Bugge, Kaflanier.allee 96/9«. Gäste willlommen. Wittern ngsüberiicht vom v. März Ivl». Stationen J§ »• 41 BS Swinemde. 74&£®B Hamburg 1 740 393161 Sellin 1740 3©; Franif a M. 7.V2' München 75713© 1 Wirt, 1750383© Wetter SlheUer 6R,gen 2,w0lkig n bedeckt 5 bedeckt l wolkig »£ 4* »Ii i? Mi 9 5 7 6 4 7 Stationen Haparanda 75SNO Petersburg 757SSO Seillq|74üS Aberdeen 741NNL? Pari« ,7553© bedeckt—14 Sjbedeckt Lwolstg 0 bedeckt 3 heiter Wetterprognose für D-nnrrstag. den 7. März 194». Sin wenig kühler, vielfach heiter,°v»r noch sehr veränderlich mit einzelnen Regenschauern und irischen westlichen Winden. B-rliner Wetterburean. Perantwortlicher Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Für den Lnscratenteilverantw.iTh.Gl-cke.Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer».Co., Berlin LW.