N- 74. BboDutmttitS'Btdlnauna«: Iffioitnonenl»• Prit» tt&raromanbo: «ertegthrl. 830 Snt, monaiL 1,10 SSI, wöchenAich� 28 Pfg. frei In« Hau». Einzelne in B Sonntag»« Eingetragen in die Post-�,— Prel-Iifte. Unter Kreuzband... Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland » Marl pro Monat. Paltabonneinent» nehmen-tu B-lgletu Dinemarü Holland, Italien, Luxemburg. Portugal. KumSnten, Schweden und die Schweis OMfttit»glich aittr moctigt. Verltnev Volksblatt. 29. Jahrg. Oft TnferttoiU'GeMfyr betrügt für die sechsgefpallene Kolon ei- �eile �oder deren Raum SO Pfg., für und Be> „kleine Wart 20 fettgedruck. (zulSsstg 2 fettgedruckte Stellenge�iche und Schlafstellenan- »eigen da» erste Wort 10 Pfg., jede» kellere Worts Pfg. Worte über IS Buch- stoben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bi» B Uhr nachmittag» in der Erpeditian abgegeben werden. Die Expedition sfl bis 7 Uhr abends g' riet, Telegramm• Ittteff« „SozIaliUmolirat Berlin", Zcntralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. RecUhtiont SM. 68, Lfndetistrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Donnerstag, den 28, März 1912, 6xpcditions SM. 68, Lindcnatraesc 69, Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 198�» AZhlei'lchichten und Sozialdemokratie. AuS Magdeburg wird unS geschrieben: I« mehr und je sprunghafter die Sozialdemokratie ihre Stimmenzahlen vermehrt, desto notwendiger ist es, Klarheit über die Möglichkeit ihrer weiteren Aus» dehnung zu gewinnen. Um so größer wird diese Not- wendigkeit, als das ursprünglichste und hauptsächlichste Rekrutierungsgebiet der Sozialdemokratie, die reine Lohn- arbeiterschicht, zweifellos in einer Reihe von Wahlkreisen fast erschöpft ist, so daß der Zufluß von Wählern aus den übrigen Schichten herangezogen werden muß. Hochinteressante Einzelheiten an Beobachtung dieser sozialen Wählerschichten bot eine S t a t i st i k, die der So- zialdemokratische Verein für Magdeburg im Jahre 1907 hatte aufnehmen lassen. Es wurden damals die von der Partei bei den Reichstagswahlen benutzten Wählerlisten, in denen nach Möglichkeit jeder Wähler, der seine Stimme ab- gegeben hatte, notiert worden war, statistisch bearbeitet. Tabei wurden die Wähler nach ihren wirtschaftlichen Jnter- essen in 12 Gruppen geteilt, die vielleicht nicht immer und in jedem Fall eine richtige Klassifizierung bedeuten, aber doch im wesentlichen ein getreues Spiegelbild der sozialen Struktur der Wählerschaft geben dürften. �.1. Kapitalistische Interessen(Fabrikanten, Unternehmer, Bankiers, Kaufherren, Inhaber von Großbetrieben aller Art, Rentiers): B. Beamte: 2. höhere Beamte(Richter, Staatsanwälte, Regierung?- und Stadträte): 3. mittlere Beamte(Bureaubeamten, Assistenten, Se- kretäre usw.): 4. untere Beamte(Eisenbahn- und Postschaffner, Brief- träger usw.): C. 5. Intellektuelle(Aerzte, Rechtsanwälte, Künst- ler, Schriftsteller, Referendare, Lehrer an höheren Schulen): v. 8. der neue Mittel st and(Privatbeamte, Tech- niker. Architekten, Versicherungsbeamte, Privat- lehrer usw.): E. der alte M i t te Ist a n d: 7. Handwerker, Fleischer usw.: 8. Bäcker und Krämer: 9. Agenten, Barbiere, Gastwirte usw: IT. Arbeiter: 10. Schreiber, Musiker, Handlungsgehilfen usw.: 11. Arbeiter in Staats- und Kommunalbetrieben: 12. Arbeiter in Privatbetrieben aller Art. Die Gruppen der Beamten, des alten Mittelstandes und der Arbeiter sind danach in drei Unterabteilungen geteilt. Für die Beamtenklasse ergaben sich diese von selbst Für den M i t t e l st a n d waren folgende Gesichtspunkte maßgebend: Zu der Abteilung 7 wurde der Stamm des alten Mittelstandes gezählt, die Jnnungsfreunde und G e w e r k- .j ch a f t s f e i n d e. die diesem Stande heute das Gepräge 'geben. Unter 8 wurden dagegen die natürlichen Gegner der Arbeiter- Konsumvereine, die Bäcker und Krämer, aufgeführt, die in der genossenschaftlichen Betätigung der Arbeiter ihren eigenen Ruin wittern und diese Gegner- schaft auf den politischen Kampf übertragen. In Klasse 9 endlich fanden die mittelständlerischen Berufe Unterkunft, die verhältnismäßig leicht zu erreichen sind und die sogenannte „Selbständigkeit" meist ohne große Vorkenntnisse und Mittel ermöglichen. In der Gruppe der Arbeiter ferner wurde unterschieden zwischen den sogenannten„Manschetten- arbeitern", den Staats- und den privaten Lohnarbeitern. Die Ergebnisse der statistischen Aufnahmen haben, wie ge- sagt. � bereits im Jahre 1907 beachtenswertes Material ge- liefert, das hier und da im Lande zu ähnlichen statistischen Arbeiten Anlaß gegeben hat. Aus diesem Grunde haben in diesem Jahre die Magdeburger Genossen die Statistik wieder- holt und sind wieder zu ähnlichen interessanten Resultaten gekommen, aus denen hier einiges mitgeteilt sei: Die Gruppencinteilung ist im wesentlichen dieselbe ge- blieben wie im Jahre 1907, nur daß jetzt die Elementar- lehrer, die damals dem neuen Mittelstand zugerechnet wurden, bei den mittleren Beamten eingereiht worden sind, wohin sie mehr gehören als in die Gesellschaft der Tech- niker usw. Es waren im Kreise Magdeburg nach amtlicher Angabe 61509 Wahlberechtigte vorhanden. Unsere Listen weisen 61 525 auf, was augenscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß nach Anfertigung der Abschristen noch Wähler wegen Verzugs oder Todessall in der amtlichen Liste g e st r i ch e n worden sind, von denen unsere. Abschrift keinen Vermerk mehr bekam. Die geringe Differenz von 16 Wählern ändert an dem Gesamtbild natürlich nicht das geringste. Auf die einzelnen Gruppen— wir führen der Einfachheit halber nur die Zahlen an— entfielen an Wahlberechtigten und Wählern: C« wählten vom Hundert der Gruppen Wahlberechtigten Wähler Wahlberechtigten Aus der Tabelle ergibt sich, daß die Beteiligung in fast allen Berufsgruppen annähernd dieselbe geblieben ist. Nur in wenigen ist eine nennenswerte Steigung oder Abnahme zu verzeichnen. Allsrdings die Gruppe der k a p i t a l i st i- schen Interessen, die 7,48 Proz.(1907 8,08 Proz.) sämtlicher Wahlberechtigten umfaßt, weist gleich ein Steigen der Beteiligung von 88 auf 93,5 Proz. auf. Ebenso die kleine Gruppe der höheren Beamten, die innerhalb der Wahlberechtigten allerdings nur 1,09 Proz.(1907 1,06 Proz.) ausmacht. Dagegen zeigt der„neue M i t t e I st a n d", Gruppe 6, scheinbar einen Rückgang. Indessen ist diese Ab- nähme unschwer dckrauf zurückzuführen, daß die Lehrer jetzt in Gruppe 3 mitgezählt wurden, so daß dort bei den mittleren Beamten statt einer Steigerung tatsächlich eine Verminderung des prozentualen Anteils an der Wahl- beteiligung eingetreten ist. Welche Bedeutung der neuen Privatbeamten- s ch i ch t für den Ausfall der Wahlen in Jndustriegegenden zukommt, geht daraus hervor, daß die Zahl in Magdeburg — und ähnlich werden wobl die Verhältnisse in fast allen Großstädten liegen— seit 1907 von 8924 oder 7,06 Proz. der Wahlberechtigten auf 5294 oder 8,6 Proz. sich gesteigert hat. Die Steigerung ist noch erheblicher, als sie hier zum Ausdruck kommt, weil, wie schon erwähnt wurde, einige hundert Lehrer in eine andere Gruppe eingereiht wurden— die Vergleichszahl von 1907 also reichlich hoch gegriffen ist. Bemerkenswert ist die geringe Beteiligung unter den sogenannten„Stehkragenproletariern", den Schreibern, Musikern, Handlungsgehilfen usw. Ihre Gesamtzahl ist von 3121 auf 3235 gestiegen, ihr prozentualer Anteil an der Zahl der Wahlberechtigten dagegen von 5,62 auf 5,25 Proz. ge- funken. Die Staats- und Gemeindearbeiter sind in der Sta- tistik mit 1992 oder 3,32 Proz.(1907 mit 1429 oder 2,55 Prozent) erfaßt. Jedoch sind in der Gruppe 12— Arbeiter in Privatbetrieben— zweifellos noch einige von ihnen mit- einbegriffen, denn aus der Wählerliste ist ebensowenig als aus dem zu Hilfe genommenen Adreßbuch immer zu ent- nehmen, ob der als„Schlosser".„Arbeiter" oder dergl. be- zeichnete Wähler im Privat- oder im Staats- bezw. Ge- meindebetriebe beschäftigt ist. Für das Verhältnis der Gruppen zueinander kommt diese Verschiebung jedoch kaum in Betracht, sie wird sich vielmehr leicht ausgleichen. Vor allem ist aber die Tatsache auch in diesem Jahre neu festgestellt worden, daß die Schicht der reinen Lohnarbeiter in Privatbetrieben bei weitem nicht ausreichen würde, um der Sozialdemokratie in Magde- bürg den Wahlsieg zu sichern. Ihre Zahl betrug 1907 26 423 oder 47,73 vom Hundert der Wahlberechtigten. Sie stieg bis 1912 auf 27 213, jedoch beträgt bei dieser Wahl i h r prozentualer Anteil nur 44,2 Proz. An der Wahl beteiligt haben sich aus dieser Gruppe im Jahre 1907 24 350 oder 47,47 Proz. aller abgegebenen Stimmen, im Jahre 1912 dagegen 24 892 oder 43,06 Proz. Der sozialdemokratische Kandidat erhielt in Magdeburg rund 31000 Stimmen. Selbst wenn ihm, was nicht anzu- nehmen ist, alle abgegebenen Zettel sämtlicher Arbeiter- wä h l e r zugefallen sind, so wäre diese Gesamtsumme noch bei weitem nicht erreicht. Da nun aber, was aus der Betrachtung der Bezirksresultake mit Deutlichkeit hervorgeht, auch Ar- beiterschichten— gelbe und andere„reichstreue Arbeiter" find in Magdeburg noch zu Hunderten zu finden— für den bürgerlichen Kandidaten gestimmt haben, fo ergibt sich aus der Statistik, daß weite Kreise der„bürgerlichen" Wähler diesmal sozialdemokratisch gestimmt haben müssen, insbesondere dürste das für den neuen Mittel- stand und für die Klasse der Unterbeamten zutreffen, die trotz aller Drohungen nicht mehr absolut regierungsfromm sind, wie man es in Amtsstuben gern sähe. Die relative Abnahme der Lohnarbeierschicht ist nicht nur in Magdeburg zu beobachten. Sie trifft sicher auch für sehr viele andere großstädtische Wahlkreise zu, die nicht einen dazugehörigen Landkreis haben, der die fortziehenden Prole- tarier aufnimmt. Die Beobachtung dieser Vorgänge erscheint so wichtig, daß die Parteigenossen überall ihr Äugenmcirk darauf richten sollen. In diesem Sinne hat ja auch der Esiener Parteitag 1907 bereits die Aufnahmen ähnlicher Statistiken den Wahlkreisen dringend empfohlen. Es ist zu wünschen, daß dieser Beschluß auch in die Praxis umgesetzt wird. Die Bergarbeiterbewegung. Nach der Annahme der Mindestlohnbill. London, 27. März.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Die Sitzung des Unterhauses dauerte bis 8 Uhr morgens. Nochmals erklärte Macdonald, daß die Arbeiterpartei nach Ab- lehnung ihres Vorschlages, die Sätze von 5 und 2 Schilling in das Gesetz aufzunehmen, gegen die Bill stimmen werde. Vergebens warnte K e i r H a r d i e vor der Ablehnung dcS bescheidenen Verlangens, dessen Annahme dem Gesetz die Unterstützung der Bergarbeiterorganisation gesichert und dem Streik ein Ende gemacht hätte. Der Antrag der Arbeiter- Partei wurde mit 326 gegen 83 Stimmen abgelehnt. Darauf wurde die Bill mit 213 gegen 48 Stimmen in dritter Lesung angenommen. Die Arbeiterpartei stimmte geschlossen dagegen. Eine Konferenz der Bergarbeiter beschloß eine Urabstimmung über folgende Frage vorzunehmen: Sind Sie für Wiederaufnahme der Arbeit während der Fest- setzung der Minimallohnsätze für die verschiedenen Distrikte durch die nach dem Minimallohngesetz zu ernennenden Distriktsämter? Nach Ansicht der Bergarbeitervertreter wird die Wiederaufnahme der Arbeit von den Arbeitern ab- gelehnt werden. Die Arbeitervertreter haben um 4 Uhr London verlassen, um so schnell wie möglich in den einzelnen Grubendistrikten die Vorbereitungen für die Erledigung der Lohnfrage zu treffen. Das Ergebnis dürfte eist am nächsten Mittwoch vollständig vorliegen. Schutz für Arbeitswillige. London, 27. März. Im Unterbaust fragte Tlaude Lowther, ob die Regierung im Hinblick auf das Elend, das infolge des an« dauernden Streik» im ganzen Lande herrsche, dahin wirken wolle, daß die Kohlengruben geöffnet würden, und ob den Arbeitswilligen ein angemessener Schutz gewährt würde. Staatssekretär des Innern Mc K e n n a erwiderte: Wenn gemeint fei, daß die Regierung die Grubenbesitzer zwingen solle. den Bergleuten zu gestatten, in ihren Gruben zu arbeiten, und die Bergleute zwingen sollte, zu arbeiten, so ist diese Frage mit „Nein" zu beantworten. Für den Fall aber, daß die Gruben» besitzer bereit sind, ihre Kohlengruben zu öffnen, und die Bergleute bereit sind, zu arbeiten, ist von den lokalen Behörden für an- gemessenen Schutz gesorgt, der gegebenenfalls mit Unter« stützung der Regierung gewährt werden wird. Das Ende des Teilstreiks der französischen Bergarbeiter. Paris, 26. März.(Eig. Ber.) Die ausständigen Berg- arbeiter des Nordens und des Beckens von Anzin haben gestern früh die Arbeit wieder aufgenommen. Man kann nicht leugnen, daß dies weniger das Resultat der Mahnungen der Gewerkschaft zur Aufrechterhaltung der Disziplin war, als die Wirkung der Tatsache, daß sich die große Mehrheit der Bergarbeiter nicht in eine verfrühte Bewegung mit hinein- ziehen lassen wollte. Die Situation wird in einer Rede, die Genosse Q u i n t i n, Generalsekretär des Bergarbeiterver- bandes des Nordens, am Sonntag in LourcheS gehalten hat, folgendermaßen dargestellt: Es ist nicht richtig, daß sich nur die reformistischen Gewerkschaften dem sofortigen Streik widersetzen. Auch Orte von alter revolutionärer Vergangen- heit wollen, daß das vom Kongreß in Angers festgesetzte Datum eingehalten werde. Sie glauben, daß es der ärgste aller Mißgriffe wäre, am Vorabend der Kammerferien eine Bewegung zu beginnen, die sofort mit derselben Brutalität unterdrückt werden würde, wie dies Briand vor 18 Monaten mit den Eisenbahnern getan hat.— Das Exekutivkomitee hat dem Beschluß von Angers gemäß gehandelt, als es sofort nach Beginn des englischen Streiks ein Referendum einleitete. Am 2. begonnen, war es am 17. beendet. Aber ehe noch alle Anstvorten eingelaufen waren, nämlich am 15., wurde in Angers der Ausstand beschlossen. Wie waren nun diese Ant- Worten ausgefallen? 16 Gewerkschaften mit 122 942 Mit- gliedern hatten gegen, 15. Gewerkschaften mit 51682 Mit- gliedern für den sofortigen Streik gestimmt. Unter diesen Umständen blieb dem Exekutivkomitee nichts übrig, als den Streik von Anzin zu mißbilligen. Die Versammlung nahm diese Erklärungen zur Kenntnis und beschloß eine Resolution, die die Notwendigkeit der Dis- ziplin anerkennt. Ebenso beschloß eine Versammlung in Dessesseville(Gesellschaft von Aniche) aus denselben Gründen die Wiederaufnahme der Arbeit. Zur Lohnbewegung der belgischen Bergarbeiter. Brüssel, 26. März.(Eig. 55er.) Der vom Landesverband der Bergarbeiter für Sonntag im Brüsseler„VolkShauS" einberufene Kongreß befaßt sich hauptsächlich mit der in sämtlichen 55assins eingeleiteten Aktion für die Erhöhung der Löhne, mit der Minimallohnfrage und schließlich mit der Eventualität eines allgemeinen Streiks. Aus den Berichten über die Erfolge der Lohnbewegung geht hervor, daß die Bergarbeiter überall dort, wo die O r g a n i- sationen kräftig sind, ohne Schwierigkeiten eine fünf- bis zehnprozentige Lohnerhöhung durchsetzten. Im Bassin von C h a r l e r 0 i, obgleich dort die miserabelsten Löhne bezahlt werden, zeigten die Unternehmer, von geringen Ausnahmen abgesehen, eine ablehnende Haltung. Einzelne versprachen— gegenüber der geforderten fünfzehnprozentigen-t- eint fünf. b?S z-Hnprozentigs Lohnerhöhung, die fteilfich bei den dort herrschenden niedrigen Söhne» völlig unzureichend' ist.— Im Becken von L ii t t i ch, wo sich, angeregt durch die Vorgänge in England, eine starke Tendenz für einen Streik geltend inachte, hat man indes auf friedlichem Wege eine fünfprozentige Erhöhung bewirkt. Ueber die Verhältnisse im B o r i n a g e berichtet der Sekretär Lobbe insofern günstig, als die dortigen, sonst nicht eben in gutem Rufe stehenden Unternehmer die Lohnforderungen mit dem Ver- sprechen, sie zu berücksichtigen, aufnahmen. Dies knapp nach dem großen Streik in einem jener Bassins, in dem man ehedem Ar- beiterdelegationen überhaupt nicht anzugehören geruhte.... Auch für das S a m b r c decken wurden den Arbeitern Lohnerhöhun- gen vom l. April ab z u g e f a g t. In M a r i e m o n t haben die Bergarbeiter ebenfalls eine fünfprozentige Lohnerhöhung— gegenüber einem zweiprozentigen Angebot der Unternehmer— erhalten. Auch die Arbeiter von C o ck e u l l erhalten vom 25. März eine Lohnerhöhung von ll) Proz. Von dem Berichterstatter. Piette wurde konstatiert, daß es in Herstal bei Lüttich noch Haucrlöhne von 3 Fr. gäbe. In seinem Resümee stellte der Vorsitzende, der Deputierte D e j a r d i n. fest, daß sich die Zahl der dem Landesverband an- geschlossenen Mitglieder seit einigen Monaten von 35 OOl) auf 42 000 erhöht habe. Ta§ seien von den beschäftigten 148 000 Mann 40 Proz.— also eine allzu geringe Zahl.— Dejardin vermerkt die Lohnerhöhungen, die allenthalben erreicht wurden. Ein Generalstreik sei im gegebenen Augenblick mit Rücksicht auf die Lage in England und Deutschland nicht möglich. ES werden noch weitere Erhöhungen zu holen sein, wenn die Gewerkschaften ihre Kräfte stärken und den Kampf fortsetzen. Der Streik bleibe in Berechnung— als Damoklesschwert, das nur nach gründlichem Vorbedacht fallen dürfe.— Ueber die Minimalloh n� rage hat Hector Denis auf Wunsch des Zentralkomitees eine Arbeit verfertigt, die von der Föderation als Broschüre verbreitet werden wird. Bezüglich der Lohnfrage nimmt der Kongreß fast einstimmig ein« Tagesordnung an, die die erhaltenen Lohnerhöhungen, sowie die in Aussicht gestellten registriert und sich für die F o r t s e tz n n g des K a mp fe s a u ß sp r i ch t, um die geforderte fünfzehn- prozentig« Lohnerhöhung durchzusetzen. Tie Födc- rationen werden aufgefordert, zum Zwecke der Kontrolle über die Einhaltung der Versprechungen, ihre Agitation?- und Organisa- tionsarbeit fortzusetzen. Die regionalen Föderationen haben ferner dem Landesverband über die künftigen Vereinbarungen betreffend die Lohnerhöhungen Bericht zu erstatten. TaS Zentralkomitee wird dann auf Grund der vorhandenen Resultate die Eventualität eines außerordentlichen Kongresses prüfen. Eine weitere Tagesordnung konstatiert den in ganz Belgien zutage tretenden gewerkschaftlichen Aufschwung, er- klärt jedoch als dringende Notwendigkeit den weiteren Aus- bau der Organisation im Interesse der Durchführung der Reform der M i n i m a l l ö h n e. In diesem Sinne wird das LandeSkomitec aufgefordert, die entsprechenden organisatorischen Maßnahmen zu ergreifen, um die Zusammenfassung der Berg- arbeiter in gewerkschaftlicher Beziehung durchzuführen. Der Gewerkschaftssekretär Bergmans gibt im Anschluß an die Anregung dcS BergarbeitersekretärS Lombards, einen Kongreß zur Beratung der Organisationsform der Bergarbeiter einzu- berufen, die Erklärung ab, daß die G e w c r k sch a f t S k o m- Mission den lokalen Gruppen Redner zur Verfügung stellen werde, um das Prinzip der Zentralisation zur Diskussion zu stellen. Der Kongreß war von 113 Gruppen beschickt, die mit 142 Dele- gierten vertreten waren. Auffallend stark war der Borinage ver. treten— ein gutes Zeichen für die EntWickelung der dortigen Or- ganisation. Der Streik in Böhmen. Prag, 27. März. Im Braunkohle nreviec ist die Lays seit gestern nahezu unverändert. Tie Zahl der Streikenden hat nur wenig zugenommen. Unter der Arbeiterschaft aber macht sich eine schärfere Bewegung be- merkbar, die namentlich darauf abzielt, im Falkenau- Elbogener Revier den Streik zu einem allge- meinen zu machen. Tie Bergarbeiterdebatte im österreichischen Parlament. Wien, 27. März. Abgeordnetenhaus. Während der weiteren Verhandlung über die Anträge betreffend die Lohnzahlungen im Bergbau erklärte Abgeordneter Benkovic. im gegenwärtigen Moment, wo eine Lohnbewegung durch die ganze Bergarbeiter- schaft Oesterreichs gehe, müsse verlangt werden, daß alle maß- gebenden Faktoren, namentlich die Regierung, den Bergarbeitern möglich st weit entgegenkämen, um zu verhindern, daß die gesamte Volkswirtschaft schweren Schaden leide. Der Red. ner unterstützte daS MinoritätSbotum des Abgeordneten C i n g r (Sozialdemokrat) über eine achttägige Lohnzahlung und trat für die unentgeltliche Lieferung der Sprengmittel an die Arbeiter- schaft ein. Der Abgeordnete Reger(Sozialdemokrat) trat für die gesetzliche Fe st legung vo» Mini mallöhnen für die Bergarbeiter ein. P i k(tschcch. Sozialdemokrat) beantragte eine Resolution, in der die Regierung aufgefordert wird, spätestens bis Ende 1912 eine GefetzcSvorlage über die Minimallöhne im Bergbau zu unterbreiten und eine Enquete über die Minimal- lohnfrage zu veranstalten. Er forderte die Regierung auf, für die Forderungen der Bergarbeiter einzutreten, indem er darauf hinwies, daß eS sich in Böhmen um eine große Bewegung von 177 000 Bergarbeitern handle. Der deutsch« Sozialdemokrat Se- l i g e r besprach den Kohlenarbeiterstreik in Böhmen, der durchaus kein Sympathiestreik für die englischen Bergarbeiter sei. Oester- reich stehe vor der Gefahr eines allgemeinen Berg- arbeiter st reiks, dessen Folgen für die wirtschaftliche Lage Oesterreichs unübersehbar wären. Hierauf wurde die Debatte ge- schlössen. Generalredner Abg. F r e S l trat für die Ueberweisung der Streikfälle an die ordentlichen Gerichte ein, da die Bergarbeiter zu den Bergämtern kein Vertrauen mehr hätten. Die Anträge des Ausschusses, in denen eine vierzehntägige Lohnzahlung beim Berg- bau vorgeschrieben wird, wurden darauf angenommen. Alle MinoritätSanträge, welche eine achttägige Lohnzahlung fordern, wurden abgelehnt. Die Resolution des Abg. Pik wurde abgelehnt, dagegen sein Antrag auf Veranstaltung einer Enquete zum Stu- dium der Frage des MinimullohnS angenommen. Ebenso wurde ein Antrag, in dem die Regierung aufgefordert wird, zur Bei. legung deS Streiks in Böhmen vermittelnd einzugrei- f e n, angenommen. SttelkjiiM. Dortmund, 26. März.(Eig. Ber.) Am Dortmunder Land- gerickt ist ein« besondere Strafkammer(I») zur Ab- urteilung der Streik,.Verbrecher" gebildet worden.. Es wird von mehr als hundert Stafsachen gesprochen. Am Montag waren es zehn.Fälle". In einem Fall sollte nach einem Schutzmann mit einem Stein geworfen worden sein, getroffen war er nicht. Der Angeklagte wollte nach dem Polizeihund geworfen haben, was bhm nicht geglaubt wurde, obs-hvn der Schutzmann selbst erklärte, daß der Nein in der Höhe des Hundes und an der Seite, wo der Hund lies, geflogen sei. Ter Staatsanwalt beantagte 4, das Ge- richt erkannte auf 3 Monate Gefängnis. Bei jedem Urteil wurde darauf verwiesen, daß die Arbeitswilligen besonders geschützt werden müßten. In einer anderen Sache sollte ein Streikender„Dick köpf" und„Streikbrecher" zu einigen Arbeitswilligen gesagt haben. Zu Beginn der Verhandlung wollten die beireffenden zwei Brüder den Strafantrag zurücknehmen, der Staatsanwalts erklärte ihnen aber, daß sie dann die„ganzen Kosten tragen" müßten. So beein- flußt. hielten die Zeugen dann den Strafantrag aufrecht! Der Staatsanwalt beantragte 3, das Gericht erkannte auf 4 Wochen Gefängnis! Für ein Wort also, daS bis vor einigen Jahren noch gar nicht als Beleidigung galt! In einem weiteren Fast sollte ein Sireikbrecber auf Schutzleute geschossen haben. Die Beamten konnten aber selbst nicht bekunden., daß die Schüsse auf sie abgegeben worden seien. Der Angeklagte gab an, daß er einmal in die Luft geschossen habe, da ihm ein anderer Mann seinen Revolver zum Kauf angeboten habe. Ter Staatsanwalt ließ die Hauptanklage fallen, er beantragte vier Wochen Haft und 50 M. Geldstrafe. Das Gericht crkapnte so. Ter Angeklagte b'l i e b in Haft! In der letzten am Montag verhandelten Sackse lautete die An- klage auf Nötigung, W i d c r'si a n d und Beleidigung. Ter Angeklagte gab an, daß er im Gegenteil die Menge aufgefor- dert habe, still zu sein und von der Straße zu gehen, damit die Polizei nicht scharf vorgehe. Der Staatsanwalt beantragte 4 Mo- naie Gefängnis, der Angeklagte, der ohne Verteidiger war und schlecht deutsch verstand, wünschte einen Dolmetscher, was nicht weiter beachtet wurde. Das Gericht erkannte auf 3 Monate Ge- fängnis. Eine Reihe anderer Fälle mußte vertagt werden. Am Dienstag ging die Justizarbeit munter fort. Der Berg- mann Job. Kacmicrczak aus Hombruch sollte zu einigen Streik- blechern gesagt haben:„Sie kriegen auch noch was mit dem Gummi- schlauch." Zwei katholische Zeugen unterstutzten die Anklage und sagten gegen den katholischen Angeklagten aus, ein gleichfalls katholischer Zeuge bekundete nur eine unverfängliche Aeußerung, die der Angeklagte zugab. Ter Staatsanwalt sprach von„grund- loser Beleidigung" und beantragte 6 Wochen Gefängnis. Das Ge- richt erkannte so. Dann nahm ein Ehepaar in der Anklagebank Platz. Die Frau sollte das Wort„Streikbrecher", gebraucht haben. Der Mann sollte einen Streikbrecher bedroht haben. Das wurde zügegeben, es soll aber aus dem Grunde geschehen sein, weil der Arbeitswillige durch den Garten des Streikenden gekommen war, was verboten wurde. Der Staatsanwalt beantragte bei der Frau 1 Monat, bei dem Mann 4 Monate Gefängnis, das Gericht erkannte auf 3 Monate bzw. 2 W o ch e n.— In einer weiteren Sache hatte ein Bergmann, der noch unschlüssig war, ob er mitstrKkcn wollte oder nicht, „Deutschland, D e u t s ch'l a n d über alles" gesungen, deutsch und polnisch. Er wurde wegen groben Unfugs verhaftet und dann gefesselt. Er sollte auch Widerstand verübt haben. Es gab e i'n e n Monat Gefängnis und 10 Tage Haft.— Ein« andere Sache, in der 8 Zeugen geladen waren, wurde auf Antrag der Verteidigung vertagt, weil die LadungZfrist nicht gewahrt worden war.— Weil er einen Fahrstciger durch das Wort„Streikbrecher" beleidigt haben sollte, erhielt der Hauer Jlotzak 4 Wochen Gefängnis. Ein Gendarm hatte gesehen, daß der Streikende„den Mund geöffnet" hatte!. Der Krieg. Tie Friedensbemühungen. Paris, 27. März. Wie der Agence Hadas aus besonderer Londoner Quelle gemeldet wird, fetzen die Mächte den Meinungsaustausch über einen in Konstantinopel zu unternehmenden Schritt, wie sie ihn auch in Rom unter- nommen haben, fort._ Tie Agitation der italienischen Sozialisten gegen den Krieg. Rom, 25. März.(Eig. Ber.) Das vom Parteivorstand er« nannte Agitationskomitee gegen den Krieg hat bereits in vielen Städten große Protestversammlungen abgehalten. So hat in Eorato«ine große öffentliche Versammlung stattgesunden, zu der Bertrerer auS ganz Apulien erschienen waren. Die Versammlung unter freiem Himmel war von der Polizei verboten worden. Genosse Giovanni Lerda sprach vor einem vorwiegend au» Land- arbeiten, bestehenden Publikum von über 10 000 Personen. Luch in Sestri Ponente und Llessandria. Pavia und vielen anderen Orten haben Protestversammlungen stattgefunden, die alle stark besucht waren. Je mehr sich der wirtschaftliche Rückschlag des Kriege? geltend macht, um so schlaffer reagieren die bürgerlichen Kreise gegen die Agitation._ politische(Übersicht. Berlin, den 27. März 1912. Postetat. Aus dem Reichstag. 27. März. Genosse Wendel wollte sich in seiner sehr beachteten„Jungfernrede"— wundern, daß in den Gebieten des Reichspostamtes die frische Zugluft des Weltverkehrs gar nicht zu spüren wäre, in der Tat ist man diesen Bureaukratismus sdhon gewohnt, der in keiner Verwaltung so mächtig ist, wie� gerade im Reich freiester internationaler Beziehungen! So war es— wie Genosse Wendel hervorhob vor Podbielski, und so ist es jetzt noch. Und wie in jedem Jahr, so muß auch diesmal die Sozialdemokratie gegen einen Staatssekretär kämpfen, der immer wieder mit demselben unerschüttlichen Gleichmut die- selben Grundsätze eines unantastbaren Verwaltungsabsolu- tismns proklamiert. So war es auch heute wieder. Zuerst wurden— ohne jegliche Diskusston— die Per- längerung des bulgariscken Handelsvertrages und des Etatsnotgesetzes in der Fassung der Budgetkoinmission ange- nommen. Tann wurde die Generaldebatte des Postetats mit Bemerkungen der Abgeordneten Dr. Werner�(Gießen), Dr. Will und B r u h n wieder aufgenommen, während der Saal immer leere und leerer wurde. Tie Aufmerksamkeit des Hauses erwarb sich erst unser Genosse Wendel, der mit gutem Humor das ganze Kraetke-System einer sehr präsizen und scharfen Kritik unterwarf. Der Staatssekretär und seine zahlreichen Räte, die ihrer Verwaltung nur in bureaukratischer Sachkunde nähergekommen sind, kamen ans dem Erstaunen gar nicht mehr heraus: über Postwesen läßt sich geistreich reden! Ja, auf diesem Gebiet der Verkehrsordnung können sogar lebendige, moderne Anregungen entstehen! Und die Zöpfe wurden geschüttelt.... Mit besonderer Energie wandte sich am Schluß seiner Rede Genosse Wendel der Einrichtung der Ostmarken- Zulagen zu, die er zum Entsetzen ängstlicher Gemüter einen Korruptionsfonds nannte. Was sollte Herr Kraetke gegen diesen Angriff sogen? Er befestigte seinen Zwicker, erhob sich und erklärte mit un- nachahmlicher Würde, daß er Sozialdemokraten in seiner Ver- waltung nicht dulde. Man kann sich denken, daß auf diese Harmlosigkeit ein lustiges Lachen antwortete. übrigen versuchte er eine Attacke gegen unseren Genossen Sachse. die noch im Laufe der zahlreichen persönlichen Bemerkungen mühelos zurückgewiesen wurde. Der umfangreiche Führer der agrarischen Unentwegten, Herr Dr. O e r t e l. gehört zu den Rednern, die das bekannte „Ohr des Hauses" habem Aber heute verließ ihn sogar seine sonst witzige Bonhomie, und es waren allenfalls plumpe Scherze, mit denen er sich helfen wollte. Zeitweise bekam er Anfälle von Entrüstung und redete sich in ein Pathos hinein, das absolut nicht zu seiner Figur paßt. Einzelne Wünsche wurden noch vorgebracht von dem Nationalliberalen List, und vor allein von dem Fort- schrittler H u b r i ch. der als Leiter des Verbandes mittlerer Postbeamten deren Beschwerden und die Lage der Unter- beaniten sachkundig zu schildern wußte. Seme Verteidigung des unangreifbaren Patriotismus seiner früheren Kollegen hat ihm sicherlich den Beifall des Staatssekretärs eingebracht, indessen ist die Frage wohl berechtigt, ob die starke Betonung, mit der er sie vorbrachte, den Forderungen der Postbeamten viel helfen wird. Nach einigen Bemerkungen des Polen CzarlinSki und des Welsen v. Scheele wurde die Generaldebatte ge- schlössen! die Spezialdebatte beginnt morgen und soll zu Ende geführt werden, da das Haus sich nach den Osterferien sehnt._ Etatsnot im Dreiklaffenhause. Jede? Fahr fordern alle Parteien de? Geldsackparlament« die Regierung deutlicher auf, den Landtag früher einzuberufen, schon da- mit er den Etat rechtzeitig erledigen kann. Aber die Regierung weiß sehr gut, daß mehr Etatsberatung mehr Verwaltungskontrolle bedeutet und darum pfeift sie auf die Wünsche der Erlauchten, Edlen und Geehrten von beiden Häusern de« Landtages. Sie hat auch genug daran, daß ihr die Dreiklaffenmehrheit in fünf Monaten im Jahr ihre Macht zeigen kann und wünscht nicht, sie durch noch längere Zeit im Jahre kennen zu lernen. So kommt es, daß der Etat nie rechtzeitig, also vor dem t. April fertig wird. Am gestrigen Mittwoch wurde ein Antrag aller bürgerlichen Parteien auf Beschließung eines Etats- notparagraphsn der Budgetkommiffion überwiesen. Herr Pachnicke machte gegen diese Form, die man dem im Reiche üblichen Etats- n o t g e s e tz vorzieht, ganz gewichtige konstitutionelle Bedenken geltend, obgleich auch seine Partei den Antrag unterschrieben hat. Wohl um nicht— Gott behüte!-- in den Verdacht der»unfrucht- baren Negation" zu kommen. Genosse Hoffmann erklärte, daß die Sozialdemokraten den Antrag ablehnen. In der Tat ist es so, daß der Landtag seinen Druck auf die Regierung verschärfen müßte, wenn er die rechtzeitige Einberufung erzwingen will. So aber gibt er selbst den Ministern das Mittel in die Hand, das die frühere Einberufung entbehrlich macht.— Die fortgesetzte Beratung deS KultuSetatS brachte keine größeren Debatten. In Uebereinstimmung mit allen Parteien de» Hauses trat auch Genosse Dr. L i e b k n e ch t für einen Antrag des im Riefcngebirge gewählten Fortschrittlers W e n k e für einen gesetzlichen Naturschutz ein. Am Schluß der Sitzung erwähnte Gmosse Hoffmann die von der heiligen Allianz gegen die proletarische Jugendbewegung ge« glante Massenverbreitung der Trottrede ohne Salz über die könig« lich preußische wirkliche geheime Jugendpflege und bot den Herr- schaften die tatkräftig« und erfahrene Mithilfe der Sozialdemolrati« bei dieser Flugblattvcrbreitung an. In einer Abendsitzung ging die Beratung de» Kultui- etats fort. Fertig muß der Kultus werden; frisch Gesellen, seid zur Hand' »» » Die Frankfurter Universität bei Rocht. Die Stadt Frankfurt a. M. und ihre reichen Bürger wollen eine Universität errichten, ohne einen Pfennig vom Staat zu ver- langen. Ein anderer, ein Kulturstaat würde sich freuen und nur Sicherstellung der Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre fordern. Aber Preußen denkt daran, daß dieses Malefizneft am Main schon eine glanzerfüllte fröhliche Freistadt war, als da oben in den Tundren Borussiens erst halbwilde Junker den Markgrafen daS Leben sauer machten, daß Frankfurt frei blieb bis 1866, und daß es trotz äußerljcher Schwarziveiße bis heute nicht vergaß daß eS unter anderem auch der Sitz der ersten großdeutschen VolkSver« tretung war. Darum wird Frankfurt eben gezwiebelt! Das Zentrum vor allem ist gegen diese Universität, die die GotteSgelahrtheit nicht in den Lehrplan aufnehmen will. Nacht muß es sein, wo die Sterne deS Essener Zentrumsabgeordneten Dr. Bell, dieses Pariser Cabarctiertho», strahlen: Nacht- sitzung des Dreiklassenhauses! Hier auf einmal ist das Zentrum gegen den Einfluß der Geldmenschen auf die Hoch- schulen— wie'S trefft. Der Minister erklärt vor allem, daß der Landtag nicht« hineinzureden hat; nur der König kann die Errichtung genehmigen. Und nur wenn dem König die Statuten fassen, wird sie errichtet. Da sie völlig dey TtaatSumversitäten entsprechen soll, kann man. sich schon denken, wa« das für Bedingungen sein werden. Freiheit, die Ich meine.... Der Marburger Professor Brett(sk.) ist absolut gegen die Konkurrenz-Universität, der konservativ« Graf C l a i r o n d'H au s s o n v i l l e nicht einmal so sehr. Beide vermissen schmerz- lich— leider ach!— die Theologie. Heute, Donnerstag, geht die Debatte um 10 Uhr weiter. Dauersitzung im Herrenhaus. Alte Herren reden viel, reden lang, reden gern. Alte Herren werden immer älter, und je länger das HerrenbauS besteht, desto länger werden die Reden und Sitzungen in ihm. Wenn das Herren- haus nicht rechtzeitig abgeschafft wird, wird man noch einen Maxi- malarbeitStag für die geborenen und ernannten Gesetzgeber erster Güte einführen müssen. Gestern, Mitttvoch. debattierte man geschlagene fünf Stunden allgemein über das Gesetz, durch das die Sparkassen gezwungen werden sollen. 20 bis SO Proz. ihres Vermögen« in auf den In- baber lautende», mündelsicheren Schuldverschreibungen anzulegen. Drei Fünftel davon in preußischen oder ReichSpapiercn. Wenn dieser Besitz zur Aufreckiterhaltung des Geschäftsbetriebes veräußert wird, soll er binnen zwei Jahren wieder hergestellt sein müssen. Die Regierung erwartet von dem Ge'etz nicht nur eine Ver- arößerung der Festigkeit der Sparkassen im Falle von Runs bei Kriegsgefahr und Mobilisierung, da die SiaatSpapicre der Spar- kassen von der Reichsbank belehnt werden sollen— wenn die das Geld dazu haben wird!—, sondern sie erhofft insbesondere eine Hebung deS Kurse« der StaatSpapiere von der durch den Kauft zwang künstlich gesteigerten Nachfrage nach den StaatSpapieren. Wenn man Herrn Lentze sagt, daß dies« Wirkung nicht ein- treten tvird, weil die Kapitalisten die StaatSpapicre doch wegen der geringeren Verzinsung bovkottieren und durch den geringen Teil des Sparkastenvermögcns, der in Türe» angelegt werden soll, die stärkere Nachfrage kaum eintreten wird.— dann„antwortet" Herr Lentze einfach: Ja, das Publikum will nur höhere Zinsen und zieht deZhakd sogar exotische Papier« vors... MS Ober-. Bürgermeister dachte er überhaupt anders, wie ihm boshaft Graf Grote nachwies. Die Vorlage wurde auch mit großer Mehrheit angenommen. Das widerfuhr ihr auch schon 1906, aber im Abgeordnetenhaus versandete sie dann. Das tann ihr auch hieswbl geschehen. An der Debatte beteiligte sich auch das neueste Mitglied, der rheinische Obcrpräsident, frühere Finanz- und Polizeiminister und — wie er wohl hofft— künftige Reichskanzler Kreuzwende- dich v. Rheinbaben. Ter Mann hielt es für nötig. Deutsch- land zu mahnen, sich nur ja mit künftiger Kriegsgefahr recht herz- inniglich zu vertrauen. Da könnte vielleicht Wunsch und Gedanke nahe beieinander wohnen.... In dem Steigen der Sparkassen- cinlagen sieht der Freiherr Kreuzwendedich die beste Widerlegung der..sozialistischen VerelendungStheorie". Da sind wohl ausgerech- net in der Rheinprovinz die Arbeiter Dparkasicneinleger. und aus- gerechnet in der Rheinprovinz wird der G.'gensatz zwischen dem Luxus der Großgrund- und Grubenbesitzer und dem Lebensniveau der Massen nicht immer schärfer. Das lernt man vielleicht in Essen. Krefeld und auf Villa Hügel, dem Herrensitz der Krupp... Ter Seehandlungspräsident v. D o m b o i s bereitete die Patrioten aus ein bißchen Zwangskurs, also StaatSbankerott, im Kriegssalle vor und meinte, sehr nützlich übrigens, daß uns künstig die schnellen Siege von 1866 und 1870/71 keineswegs mündelsicher seien!— Tonnerstag werden kleinere Vorlagen beraten. Ans der sozialdemokratischen Reichtagsfroktio«. Die Fraktion sendet an die Familie de» verstorbenen Wgeord- neten Traeger ein Beileidsschreiben und wird sich bei der Beerdigung durch eine Deputation vertreten lassen. In die Wohnungskommission wurden gewählt: Dr. Erd- mann, Büchner, Büchner. Hlittmann. Haupt, Vogthcrr, Göhre und Hofrichter. Zu Fraktionsrednern werden bestimmt für die Wehrvorlagen: Haase und Dr. Gradnauer: für die Deckung Z- vorlagen: Dr. Südekum und Wurm(als eventuelle dritte Redner Geyer und Dittmann); Militäretat: Stücklen und Schöpflin, eventuell noch Keil und Schulz; Marineetat: Vogtherr und Bernstein; Reichskanzler und Auswärtiges Amt: Scheidemann, Dr. Lensch, Dr. David, Ledebour; ReichSeisen- bahnen: Fuchs, Dr. Weill, Peirotes; Reichseisenbahnamt: ReißhauS, Ulrich und Blos; allgemeine Finanzverwaltung: Dr. Südekum und Stolle. Als Berichterstatter der Fraktion an den Parteitag in Chemnitz wurde Genosse Stadthagen gewählt.__ Ein Scharfmacher-Profeff or. Der bekannte Professor Dr. Ludwig Bernliard. das Schoßkind der preußischen Regierung, hat wieder eine Probe seiner Brauchbarkeit abgelegt. We er sich seinen Berliner Professorenposten verdient hat durch die Verteidigung der preußischen, Polenpolitik, so scheint er jetzt höher strebenden Absichten vorarbeiten zu wollen durch ein Referat, das er auf der Hauptversammlung des Vereins deutscher Eisenhütten- loute in-Düsseldorf hielt. Die Versammlung fand am 24. März statt und.war von vielen Vertretern der Schwer- cisenindustrie besucht. Auch der Oberpräsident Freiherr p. Rheinbaben ließ es sich nicht nehmen, diese gewichtigen Per- sonlichkeiten des Unternehmertums zu begrüßen. Professor Bernhard referierte über„Schwerindustrie und Sozial- Politik'. Seinem Vortrag entnehmen wir folgende charakte- ristischen Ausführungen: „Man darf nicht übersehen, daß auch die Sozialpolitik ihre Zeiten des Niederganges, des Barock hat, in denen die Schatten- seilen der gewaltigen Einrichtungen bedenklich hervortreten.... Hm Massenbewußtsein hat sich die Vorstellung gebildet, daß jede Erkrankung, jeder Unfall zum Rentenbezug führen müsse. 'Infolgedessen ist die Aufmerksamkeit auf die Vorgänge des eigenen Körpers gerichtet, und eS treten jene nervösen Erschei- nungen auf, welche die Aerzte als„Rentenhysterie' bezeichnen. Anfangs vereinzelt vorkommend, ist diese Krankheit allmählich zu einer Epidemie geworden, von der die Aerzte auS allen Industriegebieten Teutschlands übereinstimmend berichten. Diese schwächende Nebenwirkung der Arbeiterversicherung ist infolge einer nachgiebigen Rechtsprechung so ins Große gewachsen, daß die Einrichtungen, mit denen man kräftige und frohe Renschen heranziehen wollte, zur Degeneration unseres Volkes zu führen drohen. Auch in der Arbeiterschutzgesetzgebung find Zeichen der Dekadenz erkennbar. Uebereifrige Sozialpolitiker sind am Werke, die ohne Kenntnis der Praxi« neue Maßnahmen fordern, um sich den Arbeitermassen gefällig zu zeigen.... Bis vor kurzem hat man hoffen können, daß diese Gefahren der autoritären Sozialpolitik durch das Erstarken der Selbsthilfe und durch eine ruhige und zweckmäßige Entwicklung der Arbeiterorganisationen ausgeglichen werden, jedoch leider wird diese Uebtrzeugung durch die Ereignisse der letzten Jahre er- schüttert; Ereignisse, die sich in der Praxis aller Industrieländer abspielen. Anarchistische Methoden, Sabotage, TerroriSmuS werden gepredigt und verbreiten sich nicht nur in Frankreich, Italien und Belgien, sondern auch in Deutschland, England und auf d-m Arbeiterlontinent Australien, dessen sozialpolitische Ein- richtungen neuerdings allzu lebhaft gerühmt werden. Mit dieser Entwicklung hängt die Frage des Schutzes der Arbeitswilligen eng zusammen: solange man glau- ben konnte, daß sich die Arbeiter allmählich zu wohlgeordneten Organisationen zusammenschließen w eden, welche ein Element der Sicherheit und der ruhigen Entwicklung bilden, mußte man fordern, daß die Regierung diese Entwicklung nicht durch einen allzu bereitwilligen Schutz der Outsiders, der Arbeitswilligen aufhalte. Sobald man jedoch erkennt, daß jener Glaube ein Irrtum war, da viele Organisationen infolge der Oligarchie der Führer und aus anderen Gründen entarten, mutz män den Schutz der Arbeitswilligen als ein wesentliches Moment ansehen, um den drohenden Terrorismus der Arbeiterorganisationen zu Verbindern. Hier darf der Staat nicht untätig zusehen, und nichts wäre ge- fährlicher, als eine Politik der gekreuzten .Arme. Man kann auf die Dauer nicht dulden, daß Institute der sozialen Versicherung alz Werkzeuge einer politischen Partei mißbraucht werden. Man muß die unheilvolle Praxis bekämpfen, durch welche Krankheit und Rente, Unfall und Rente so fest zusammengeschlossen werden, daß die Rentenhysierie eine BolkSkrankhcit geworden ist, und man muß allen jenen Uebcrircibungen entgegentreten, welche die Unternehmungslust durch staatliche Konirollen hemmen, sonst wird das. waS ein Segen war, zum Fluche werden.' Verdientermaßen wurde von den versammelten Scharf- machern dieser Vortrag oes Herrn Univcrsitätsprofcssers mit stürnnschein Beifall aufgenommen, denn wenn sie ihren ein- stipcn Generalsekretär Bucck oder Herrn Beumer vorgeschickt hätten, hätten diese nicht besser die Wünsche der Groß-- industriellen vertreten können, als es dieser„Mann der Wissenschaft" tat. Es verschlägt ja nichts, daß die Praktiker der Sozialpolitik zu ganz anderen Resultaten kommen als Professor Bernhard. Erst dieser Tage wurde im Reichstage von bürgerlicher Seite über die rigorose Rechtsprechung des Reichsvcrsicherungsamtes geklagt. Herr Professor Bernhard klagt dagegen über die große Nachgiebigkeit dieser Instanzen. Es verschlägt auch nichts, wenn in diesem Kreise der Wahrheit zuwider behauptet wird, daß in Deutschland Sabotage ge- trieben werde. Die Hauptsache ist, daß Stimmung für ein Zuchthausgesetz gegen die Arbeiter gemacht wird, und das zu besorgen, ist der Professor Bernhard der rechte Mann. Er wird in der Gunst der preußischen Regierung sicher durch die neueste Leistung noch erheblich gestiegen sein. Aus dem bayerischen Landtage. In den letzten Sitzungen verloren sich die Debatten über die ollgemeine Politik in parteipolemischen Erinnerungen an den Wahlkampf. Am Mittwoch sprach Genosse Adolf Müller. Er per- laitgte von dem neuen Ministerpräsidenten nähere Aufklärung über die unklaren Allgemeinheiten seiner Programmrede und verurteilte den Beschlutz des Zentrums, daß ein Mitglied der sozialdcmo- kratischen Fraktion im Präsidium nicht vertreten sein darf. Ein solches Beispiel prinzipieller Beseitigung der parlamentarischen Gleichberechtigung sei unerhört und bisher in Boyern nicht üblich. — Aus der schwarzen Wahlmache erwähnte er die Agitation des Zentrums mit der Nackttänzerin. Einer der dadurch aufgc- regten Wähler hätte dem Redner folgenden Brief geschrieben: „Ihr Sausozi! Den König fortjagen und mit nocketcn Menschern Unzucht treiben, das könnt Ihr, sonst nichts!" Der Redner fügte diesem Briefe eines ZentrumswählerS die Bemerkung hinzu, daß die Sozialdemokraten in der Regel an solchen Belustigungen nicht teilnähmen, namentlich an solch«, Be- lustigungei, nicht, wie sie sich zum Beispiel jüngere und ältere Vertreter des feudalen Adels und Industriekapitals gegen 100 M. Gesellschaftsgebühr in einer oder der anderen Stadt mitunter gönnen, ohne daß die sonst allwissende Polizei des Freiherrn v. Soden etwas davon wisse. Genosse Müller verlangte ferner Aufklärung über den Wechsel des Ministeriums und verurteilte die Nichtbestätigung sozialdemokratischer Bürgermeister. Redner verlangte unbedingte Gleichbe- rechtigung der Sozialdenwkratie mit ander'cn Parteien. Sollte die Verfassung keinen Raum für eine im Volke und in der Ent- Wicklung wurzelnde Parrei haben, so müsse in der Verfassung mehr Raum geschaffen werden. Am Schluß der Sitzung gab eS auch am Mittwoch, wie jetzt regelmäßig, eine heftige geschäftsordnungsmäßige Auseinander- setzung zwischen den Liberalen und dem ZentrumSpräsidium wegen seiner parteilichen Geschäftsführung. Das Fiasko der Handwcrksrettuug wird in einer Eingabe der Zimmermeisterzwangsinnung zu Köln offen zugestanden. Die Innung stellt die absurde Forderung, daß grundsätzlich nicht mehr bei Submissionen dem Mindest- fordernden der Zuschlag erteilt werde. In der Begründung heißt eS: Trotz allen Maßregeln zur Förderung des Handwerk» ist eine tatsächliche, erfolgreich« Förderung des Handwerks nicht möglich und wird eine solche nie erreicht werden können ohne eine schleunige Reform des Submissionswesens. Ist es doch eine traurige Tatsache, daß trotz der in den letzten Jahrzehnten so mächtig einsetzenden Handwerker- hewegung, trotz- aller vpm Handsterk gewiß dankbar empfundenen durch R e i ch S g e s e tz e g e sch äffe ne n Ei n ri ch tu n gen die größte Anzahl tüchtiger, fleißiger Handwerker nicht nur nicht vorwärts kommt, s o nd er n von Jahr zu Jahr zurückgeht, weil die Existenzfähigkeit mehr und mehr schwindet bezw. schon geschwunden ist DaS ist ja genau das, was die Sozialdemokratie den Hand- werkern vorher gesagt hat. Man hat die Handwerker mit den Handwerkskammern, Zwangsinnungen, mit Meistertitel und kleinem Befähigungsnachweis bewußt zun, Narren gehalten. Schrieb dock der damalige Reichskanzler Fürst v. Hohenlohe in sein Tagebuch:„Nachmittags war eine lange Sitzung des Staats» Ministeriums, in welcher die umfangreichen Gesetze für die Hand- werlerorganisation beraten wurden. Es ist ein ziemlich törichtes Gesetz. Wen» aber die Handwerker Zwangsinnungen haben wollen, sosollmansieihnengebcn'.' Aendervng des Landtagswahlgesetzes in Schwarzburg- Sondershausen. In der heutigen Landtagssitzung wurde der Regierungsentwurf betreffend Abänderung des LandtagSwahlgefetzeS mit allen gegen eine Stimme angenommen. Der Entwurf bringt für die Landtags- Wahlen anstatt der bisherigen öffentlichen Wahl die geheime Wahl durch Stimmzettel. Die Wahlmänner zu den sechs allgemeinen Wahlen und ebenso auch die Abgeordneten werben künftig durch Stimmzettel gewählt. Sechs Abgeordnete werden nach wie vor von dem regierenden Fürsten ernannt und sechs von den Höchstbesteuerten gewählt. Das Wahlalter ist vom 21. aus daS 2S. Lebensjahr erhöht worden. Itstien. Ersatzwahlen. Rom, 25. März. Am 24. März haben in A l e s s a n- d r i a und in Venedig zwei Ersatzwahlen stattgefunden, bei denen die sozialistische Partei beteiligt war. In Alessandria hatte Genosse Z e r b o g l i o sein Mandat niedergelegt, weil er, im Gegensatz zur Mehrheit der Partei und seines Wahl» krciseS, kein Gegner des italienisch-türkischen Krieges ist. An seine Stelle stellte die Partei den Linksreformiften Genossen B o n a r d i auf. Dieser erhielt 4648 Stimmen gegen 4528 des konservativen Gegners. Da 171 Stimuzeitel beanstandet sind, ist noch nicht zu bestimmen, ob Genosse Bonardi im ersten Wahlgange gewählt ist oder ob eine Stichwahl nötig ist. Das Wahlergebnis gab zu einer großen Demonstration für den Sozialismus und gegen den Krieg Anlaß. In Venedig hatte der revolutionäre Sozialist M u- satti sein Mandat niedergelegt, weil der Proteststreik gegen die Tripalisaffäre, zu dessen eifrigem Verfechter der Abgeord- nete gehörte, in seinem Wahlkreise sehr mangelhaft durch- geführt worden war..Gegen Musatti ist ein konservativer Nationalist aufgestellt worden, ein Professor Orsi, der mit 2528 gegen 196t Stimmen das Mandat eroberte. Die Zahl der sozialistischen Süinmen ist seit der Hauptwähl um rund 250 gewachsen. Kelgsien. DaS verfeinerte VerpfaffuugSprojcft. Brüssel, im März. I. ab, mutz aber sechs Monate vorher gekündigt werden, wenn die Parteien nicht mehr damst zufrieden sind. Die Arbeiter haben im Jahre 1910 diese lange Kündigungs- zeit zugestanden, weil die Unternehmer behaupteten, datz sie beizeiten ihre GefchäftSabschlüsse anders einrichten mutzten, wenn die Arbeiter eine Lohnerhöhung erwarreten. Verhandlungen über einen neuen Tarif mutzten darum auch schon in den ersten sechs Wochen nach der Kündigung zum Abschlntz kommen. Die Arbeiter haben nun beschlosien, den Tarif am 1. April zu kündigen. In einer gut- besuchten Versammlung, die am Dienstagabend im Gewerkschaftshause stattfand, referierte Otto Handle vom Deutschen Metallarbeiterberband über den setzigen Tarifvertrag und seiue Schwächen, die besonders in dem medrigen Mindestlobn bestehen. Für Goldarbeiter ist der Mindestlohn auf 45 Ps. pro Stunde festgesetzt. Nicht selten wird aber den JungauSgelernren noch weniger bezahlt, denn in dem Tarifvertrag ist eine Bestimmung enthalten, mit der oft Mttzbrauch getrieben wird. Da hdttzt es nämlich:.Bei Minderbegabten können im ersten Jahr nach beendeter Lehrzeil Ausnahmen stattfinden. Wie niedrig ein Mindestlohn von 45 Pf. schon ist, das zeigte der Redner durch Vergleiche mit den tariflich ieftgelegten Mindeftlöhnen anderer Metallarbeiter, wie der Schlosser, Klempner, Gürtler, Drücker usw. Diese würden einen Mindestlohn von 45 Pf. weit von sich weisen. Vor sechs Jahren begann die Tarifbewegung in der Gold- und Silberwaren-Jndustrie. Nur mit Mühe gelang e« d.T mal», überhaupt einen Tarif einzuführen, und die Erneuerung resp. di» Einführung von Verbesserungen kostete in den Jahren 1908 und 1910 manche Anstrengung, denn vor 1910 war der Mindestlohn nur 87 Ps. pro Stunde. Eine allgemeine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen wird diesmal erwartet, und innerhalb der AgitationSkommission sowie in VertrauenSmännerkonserenzen war man sich einig, datz der jetzige Tarif gekündigt werden sollte. Nach einer längeren Diskussion, in der auch manche Bedenken gegen eine Kündigung geäutzert wurden, nahm die Versammlung gegen drei oder vier Stimmen eine Resolution an, in der die Kündi gung de» alten Tarifvertrages ausgesprochen und die AgUations kommission beauftragt wurde, mit der Ortsverwalrung des Deutschen MetallardeiterverbandeS in Verbindung zu treten, um Vorbereitungen zur Herstellung«ine» veibesserten Tarifvertrages zu treffen. A»? Lohnbewegung de? Stukkateure. Nachde« die Unternehmer ihren Tarifentwurs vollständig ein gereicht hatten, haben in vier Verhandlungen die Parteien einen neuen TartfvertrogSentwurf fertigzustellen gesucht. Di» Vorlage der Unternehmer entspricht in den wesentlichen Punkten dem Tarifverlrage im Baugewerbe. Ausschaltung deS unparteiischen Vorsitzenden in der SchltchlungSkommission und Er« setzung durch einen Arbeitgeber, Ausschaltung de» AkkordtarifeS, ob- wohl di« Akkordarbeit beibehalten werden soll. Die Arbeiter sollen nur bei Firmen arbeiten, die organisiert sind oder mit Zustimmung der llnlernehmerorganisalion dem Vertrag beigetreten find. Arbeiter, di« da» nicht einhalten, dürfen nicht mehr eingestellt werden. Weil die Unternehmer trotz ihrer Zwangsinnung die Schmutzkonkurrenz nicht eindämmen können, sollen bei Strafe der ewigen Aussperrung di« Arbeiter da» besorgen. Ja selbst polizeiliche Vorschriften. wi« di« Polizeiverordnung zum Schutze der Bauarbeiter im BHur«. sollen teilweise ausgeschaltet werden. Den alten Vertrag den veränderten verhältnisien anzupasien, lehnten die Unternehmer bei den Verhandlungen ab. Ihr Vertragsmuster allein könne nur in Frage kommen. So wurde denn zuerst in drei Sitzungen über da» VertragSformular der Unternehmer verhandelt. Jeglicher Ab- SnderungSantrog der Arbeiter wurde glatt abgelehnt und man erklärte, datz man den Entwurf mit matzgebenden Firmen im Bau- gewerbe aufgestellt habe und daran festhalte. Als dann in der Vierte» Sitzung der Entwurf der Arbeiter zur Diskussion stehen sollt«, ward» di« glatt, Ablehnung von den Unternehmern aus- gesprochen Damit find die Verhandlungen in der SchlichtungSkommisfion gescheiten Da« Girsigungiamt. da» nur angerufen werden soll, findet eine völlig ungeklärte Situation vor. Die Arbeiter, die auf dem Boden de» alten Vertrage» stehen, und die Unternehmer, die an ihrer Vor- lag« festhalten und die Fornr de» alten Vertrage» rundweg ver- werfen.— Dt« Unternehmer wollen also den Kampf. Die Innung hat durch Rundschreiben ihre Mitglieder verpflichtet, Stukkateure nicht mehr einzustellen und neue Arbeiten nicht anzufangen. Am B«rtrag»abschlutz will die Innung sich nicht beteiligen, sie ist, wie au» dem Bericht der Gewerbedeputation bekannt ist, nicht nur auf diesem Gebiet eine der rigorosesten So tritt mit dem 1. April notwendigerweise der Kampf im Stukkateurgewerbe ein. Zigarrenarbeiterbewegung von Groft-Berlin! Um Unklarheiten zu vermeiden, sei daraus hingewiesen, datz die Namen der Händler, die grüne Plakate erhalten haben, nicht veröffentlicht werden. ES werden nur Fabrikanten ver- öffentlicht. Gestrichen au« der Tarifliste find Aug. Kley, Friedrich»- berger Str. 19; E. G o b i e n, Freienwalder Str. 22; Franz Fritz. früher Triftstr. 4., Arbeiter. Parteigenoffen I Kauft nur dort Euren Zigarren- bedarf ein, wo man die grünen Plakate aufweisen kann. Fragt nach den grünen Plakaten I Beachtet die Veröffentlichungen der Tariffirmen in der Sonntag»- nummer de».Vorwärts". Der Vertrauensmann der Tabakarbeiter. Differenzen der Kellner mit der Brauerei KSnigstadt. Zwischen den im oben genannten Betriebe beschäftigten Kellnern und dem Oekonom Liebing bestehen Differenzen. Ein dort 3� Jahre beschäftigter Kellner wurde gematzregelt. Gegenüber den Forderungen der Kellner, auf Erhöhung des Gehalts und Abschaffung der Kost, erklärte Herr Liebing, er könne unter dem zwischen ihm und der Brauerei Königstadt bestehenden Vertrage keinen höheren Lohn zahlen. Die Kellner wollten nicht zugunsten der Brauerei König- stadt auf ihre Forderung verzichten. Berichtigung. In unserem Dienstagsbericht über die Bewegung der Schotziwubmacher mutz es nicht heitzen.Hoflieferantenfirma V e t t k e r" sondern, O e I k e r Ferner mutz es in der nächsten Zeile heitzen:.so erhielt der betreffende Arbeiter auch dann sein Geld nicht"; also Arbeiter statt Meister, wie iu unserem Be- richt zu lesen war. Deuttcbes Reich. Die Eiuigungsverhandlunge« im Schneidergcwerbe. Am Mittwoch hatte der Vorsitzende Dr. Hiller längere Einzel- bcsprechungen mit dem Vorsitzenden des Unternehmerverbandes Schwarz und dem Vorsitzenden des Schneiderverbandez Stühmer. Der Vorsitze. ioe unterbreitere beiden einen Vermittelungsvorschlag, den die Parteien sodann gesondert berieten. Nachmittags 5 Uhr nahmen die Verhandlungen vor dem Gewerbegericht ihren Fort- gang; über deren Verlauf ist noch nichts bekannt. Lohnbewegungen im Sattlergewerbe. Die im Sattler- und Porlefeuillerverband organisierten Reise- artikelsattler in Dresden habe» mit den dortigen Unternehmern einen auf drei Jahre geltenden Tarifvertrag abgeschlossen, wonach die wöchentliche Arbeitszeit auf 54 Stunden festgesetzt worden ist, was einer Arbeitszeitverkürzung von 1— 2% Stunden pro Woche Gleichkommt. Die Löhne wurden um 6 bis 10 Proz. erhöht. Zwei firmen sind dem Abkommen noch nicht beigetreten. Die Weltfirma verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw� Ltppold will nur mit dem Arbeit erau«schutz verhandeln, di« Firma„Stabilist" scheint ei auf einen offenen Kampf abgesehen zu haben.— In Rothenburg o. T. stehen die Arbeiter der Kinder- Wagenbranche schon seit 2 Wochen im Streik, um höhere Löhne und eine Verkürzung der Arbeitszeit zu erzielen.— Die Sattler der Firma Lindner in Annendorf bei Halle haben aus denselben Grün. den die Arbeit niedergelegt. In den beiden Reiseartikelfabriken von Ricke und Schübler u. Branz in Cassel läuft der bisherige Tarifvertrag ab. Beide Firmen sind nicht gewillt, ein neues Tarif- Verhältnis einzugehen und haben die Lohnforderungen der Ar- bester mit Vorschlägen zur Verschlechterung beantwortet. Ein offener� Kampf erscheint unausbleiblich. Die in der Aktiengesell- schaff 7»' Fabrikation ocn Eisenbahnü.�terial zu GötTch Beschäftigten haben folgende Forderungen eingereicht: 54stündige Arheits- zeit pro Woche, Erhöhung der Anfangslöhne um 3 Pf. pro Stunde, Aufbesserung der Akkordlöhne, Regelung der UeberstundenbezaHlung und Anerkennung einer Kommission zur Schlichtung von Streitig leiten.— Die Treibriemenfabrikanten Schwabe u. Söhne und Pohlmann in Varel, haben jede Verhandlung mit den Arbeitern wegen der eingereichten Forderungen abgelehnt.— Wegen fortgesetzter Lohnabzüge und Matzregelungen haben di« Sattler der Wagenfabrik von Gebr. Wienicke in Pankow-Verlin die Arbeit eingestellt.— Die Verhandlungen mit den Berliner Militär- esfektenfabrikanten und mit den Fabrikanten für Zelte und Pläne haben noch kein Ergebnis gezeitigt.— Die Sattler der Firma Karl Marx-Hamburg stehen seit dem 23. März im Streik, um dieselben Vereinbarungen, die bereit« bei vier Firmen mit dem Sattlerverband getroffen worden sind, durchzuführen. In der Hauptsache handelt eS sich um die Errin gung der 5Zstündigen Arbeitswoche und um eine zehnprozentige Lohnerhöhung.— Die Sattler allerorts werden dringend ersucht, Zuzug streng fernzuhalten._ Ter Verband der Lagerhalter veröffentlicht seinen Geschäftsbericht für das Jahr 1911. Aus diesem Bericht ist zu ersehen, datz der Verband um 292 Mitglieder zw genommen hat, so datz am Jahresschlutz die Mitgliederzahl 2744, darunter 171 weibliche, betrug. Der Zuzug ist zum grotzen Teil aus den der modernen Arbeiterbewegung bisher noch fernstehenden Kreisen erfolgt, wie aus den Eintrittsgeldern ersichtlich ist, die der Lagerhalterverband nur von den Eintretenden erhebt, die bisher einer modernen Gewerkschaft noch nicht angehört haben. Für 735 Verbandsmitglieder wurden durch Abschluß von neuen Vev trägen Verbesserungen in bezug auf Gehalt, Arbeitszeit usw. er- reicht. An Umzugskosten zahlte der Verband im Jahre 1911 2249 M. Unterstützung an Arbeitslose wurden insgesamt 5227,50 Mark gewährt. An vier Mitglieder mutzte der Verband Notfall Unterstützung in Höhe von 335 M. zahlen. Der Rechtschutz wurde von 40 Mitgliedern beantragt und für'33 Mitglieder bewilligt. Die Gerichts- und Anwaltskosten verursachten dem Verband im Jahre 1211 eine Ausgabe in Höhe von 1492,72 M. Das Verbandsvermögen betrug am Jahresschlutz rund 73 000 Mark. Auf der letzten, im Jahre 1911 stattgefundenen General Versammlung wurde der Verbandsvorstand beauftragt, mit dem Vorstand des Handlungsgehilfenverbandes in Verhandlung zu treten, um ein« Verschmelzung mit diesem anzubahnen. Diesem Auftrag ist der Vorstand nachgekommen, und er unterbreitet den Mitgliedern folgende Vereinbarung zur Begutachtung resp. Annahme „Die Vorstände des Verbandes der Lagerhalter und der Handlungsgehilfen verpflichten sich, ihren beiderseitigen General- Versammlungen die Verschmelzung beider Verbände unter folgen- den Bedingungen vorzuschlagen: 1. In den Verbandsvorstand mutz mindestens ein Lagerhalter gewählt werden, der erstmalig vom Lagerhalterverband vorge- schlagen wird, später von der ReichSkonserenz der Lagerhalter. 2. Die beiden Beamten deS Lagerhalterverbande» werden unter den Bedingungen vom Handlungsgehilfenverband über- nommen, unter denen sie bisher vom Lagerhalterverband angestellt waren 3. Die Lagerhalterzeitung wird als Beiblatt der Handlungs- gehilfenzeitung weitergeführt. Den Lagerhaltern wird zugesichert, daß sie jedes zweite Jahr Reichskonferenzen stattfinden lassen können. Sie sind berechtigt, örtliche Zusammenkünfte zu ver- anstalten, um ihre besonderen Angelegenheiten zu besprechen. 4. Die Mitglieder des Lagerhalterverbandes erhalten nach dem Uebertritt in den HandlungSgehilfenverband ihre volle Mit- gliedschaft angerechnet, die sie im Lagerhalterverband zurück- gelegt haben. Für die Mitglieder des Lagerhalterverbandes gilt die im K 62 vorgeschriebene Wartezeit nicht. Für sie bleiben vielmehr in dieser Beziehung die bisherigen Satzungen deS Lagerhalterverbandes matzgebend. Die im Satzungsentwurfe des Handlungsgehilfenverbandes vorgesehenen Unterstützungen: Stellenlosen- und Krankenunter- stützung. Sterbegeld genietzen die Mitglieder beider Verbände vom Tage des Inkrafttretens der neuen Satzungen. Bis dahin bleiben für die Lagerbalter die Bestimmungen des Lagerhalter- Verbandes ubnd für die Mitglieder des HandlungSgehilfenver- bandeS dessen Bestimmungen matzgebend. 5. Die Verschmelzung beider Verbände soll am 31. Dezember 1912 erfolgen. Wird diese Grundlage zur Verschmelzung von den Mitgliedern gutgeheitzen, so soll noch in diesem Jahre eine cnißerordentliche Generalversammlung den endgültigen Beschlutz fassen."_ Beim Streik der SpeditionS« und Mödelkutscher uud-Arbeiter in Breslau greift die Eisenbadnbehörde zugunsten der beftreiklen Firmen in den Kampf ein, indem sie Eisenbahnarbeiter zum Ab- fahren der Güter kommandiert. Trotzdem sammeln sich die an- kommenden Güter in bedrohlicher Weise an. Der Streik hat am DienStag weitere Ausdehnung angenommen, sio datz jetzt ganze 500 Mann st reiken. Obwohl noch nicht die geringste Aus- schreitung vorkam, ist dennoch die Polizei eifrig bemüht, die wenigen Arbeitswilligen zu„schützen". Zu diesem Zwecke sind an den Haupt- lreuzungspuiikten der Slratzen berittene und andere Schutzmanns- doppelposten aufgestellt._ 400 Textilarbeiter ausgesperrt. Ihren etwa 400 Arbeitern und Arbeiterinnen mutet die Firma Maulhner in Reichenbach u. d. Eule zu, von ihren ohnehin erbärmlichen Löhnen sich noch 10 Prozent abziehen zu lassen. Weil die Arbeiter damit nicht einverstanden sein konnten, ohne da» Elend in ihren Familien noch zu ver- g r ö tz e r n. lehnten sie einmütig daS Ansinnen der Firma ab. Infolge dessen wurden am Sonnabend alle Arbeiter, die in die Lohnreduziernng nicht stillschweigend einwilligten, auf das Stratzen- pflaster geworfen. In Frage kommen 98 Prozent des gesamten Betriebes._ Dachdecker-Ausstand. In Königsberg i. Pr. und in Stralsund befinden sich die Dachdecker im Streik. In beiden Orten wurden von den Arbeitern Tarife eingereicht, die die Unternehmer ab- lehnten. Die Unternehmer präsentierten Gegentarife, die aber keine Verbesserungen, in einigen Punkten sogar Verschlechterungen enthielten und die deshalb von den Dachdeckern abgelehnt werden mutzten. Zuzug nach beiden Orten ist fernzuhalten! Das liberale Vereinsgesetz gegen die Gewerkschaften. In B r o m b e r g hat es die Polizei jetzt besonders auf die Diesem Verlangen Hoven aber die Vorständ« nicht«ntiproche», und so folgen nun die üblichen Strafbefehle wegen der Unterlassung. Wo diese Attion hinauslaufen soll, ist vorläufig noch ein Rätsel. Da die Vorstände nicht gewillt sind, die Strafe ohne weiteres zu zahlen, und in allen Fällen die gerichtliche Entscheidung herbei- führen wollen, wird wohl die Verhandlung selbst die nötige Klarheit bringen. In Rothenberg a. d. Obra hatte man das gleiche von den dortigen Maurern verlangt. Auf Grund der Weigerung folgte die übliche Polizeistrafe. Das Schöffengericht Wollstein hat nun die Vorstandsmitglieder tatsächlich zu je 6 M. Geldstrafe verurteilt. Trotzdem vom Gericht im Statut nichts gesunden werden kotrnie, wonuch eine politstcqe Tätigkeit der Gewerkschaften qane deduziert werden können, genügte es, datz vom Bürgermeister als Zeugen be- kündet wurde, wo die Gewerkschaften tagen. In dem Lokal seien auch schon Versammlungen abgehalten worden I Auch habe ein Maurer am Schlüsse einer Volksversammlung die Sozialdemo« kratie hochleben lassen I Nerte Aussichten für die Auslegung des liberalen Verein»- gefetzc»._ HusUnd. Au» den Ssterreichischen Gewerkschaften. In den letzten Tagen hielten mehrere Verbände des Nachbarlandes ihre Kongresse ab. Den Berichten ist zu entnehmen, datz die Buchbinder, deren Gewerbe in Oesterreich nicht allzuviel Bedeutung hat, in den letzten drei Jahren ihre Milgliedcrzahl um ein Drittel, auf 4400 steigern konnten; 71,3 Proz. der Mitglieder sind in Wien. Die Finanz- Verhältnisse des Verbandes sind trotz kolossaler Aufwendungen für Unterstützungen günstig. Der Zenlralverein der l a u f m ä n n i s ch e n Ang e stellten feierte sein 20 jähriges Besteben. Er kann in seiner Festschrift namentlich auf erhebliche Verbesserungen der Gesetz- gebung hinweisen, die der unermüdlichen Arb'eit deS Verbandes zu verdanken sind. Der Fortschritt der britischen Gewerkschaften. London, 22. März 1912.(Eig. Ber.) Die Arbeitsabteilung des engliichen HandelsamtS hat soeben eine Statistik über den Fortschritt der Gewerkschaften Grotzbritannien» veröffentlicht. Leider umsatzl dieser<17.) Bericht nichi das Jahr 1911, da» einen so grotzen Aufschwung der britischen Gewerkschaften zu verzeichnen hat, sondern er befatzt sich nur mit den Jahren 1908— 1910, In diesen Jahren betrug die Mitgliedschaft der Gewerkschaften und die Zahl der Gewerkschaften: Gewerkschaften 1908... 1195 1909... 1168 1910... 1153 Am Ende deS Jahres 1910 hatten die britischen Gewerkschaften, was die Zahl der Mitglieder anlangi, ihre grötzte S'.ärke erreicht; sie halten in dem zu Ende gehenden Jahrzehnt 466 000 Mitglieder gewonnen. Man siehtaus denZiffern, datz sich dieZahl der Gewerkschaften beständig vermindert. Der für dieses Phänomen verantwortliche Zemralisationsprozeh ist angenbiickiich aber viel stärker, als man au» den Ziffern des Berichtsjahres entnehmen kann. Besonder» im Bau- gewerbe hat in den letzten Monaten eine mächtige Bewegung zur Vereinigung der matzlos zersplitterten Kräfte eingesetzt. Im Jahr« 1910 waren 22t 300 Frauen uno Mädchen gewerkschaftlich organisiert. Ihre Zahl stieg in den Berichtsjahren um 16 700. Tie gewerkschaftliche Emwickeluiig der einzelnen Berufe seit 1901 ergibt sich aus folgender Tabelle: Mitglieder 2 383 244 2 362 450 2 435 704 Zunahme oder Abnahme — 36 572 — 20 75� -s- 73 254 Milglieder 1910 Bauarbeiter........ 156 000 Berg- und Steinbrucharbeiter.. 730 000 Maschinen- und Schiffsbauer.. 369 000 Texiilarbeiler........ 879 000 Bekleidungsarbeiter...... 67 000 TranSponarbeuer...... 242 000 Buchdrucker ukw........ 74 000 Besonder» auffällig ist der Verlust, den die Bauarbeiler in dem Jahrzehnt erlitten haben. teilen sich auf die verschiedenen Branche» wie folgt: Zunahme oder Abnahme seit 1901 — 85 600 + 189 000 + 81 000 + 133 000 + 1 000 + 63 000 + 16 000 Gewerkschaften der Die Verluste ver« Abnahme Während der Jahre 1908— I9I0hatlen die 100 hauptsächlichen Ge» werkschaflen, denen drei Fünftel der oben angefübilcn Mitglieder an» gehören, eine Ausgabe von über 8 500 000 PfS. Sterl. Hiervon ent» fielen auf: Slreikunterstützung... 1 100»00 Pfd. Sterl. Arbeilstoseiiunlerstütziing 2 600 000., Unterstüvung f. Krankheit, Unfall, Alter. Begräbnis 3 200 000,, Interessant ist auch der Siand der Kassen dieser 100 Gewerk» schafien. Im Jahre 1893 einfiel von ihrem Vermögen auf jede» Mitglied 28 Schilling, am Ende des JahreS 1906 30 Schilling und am Ende des Jahres 1910 70 Schilling. Gewerkschaften abgesehen, um sie zu politischen Vereinen zu stempeln. Zunächst versuchte es ein unterer Polizeibeamter mit der Bespitzelung der Gewerkschaften. Da dies aber gleich bemerkt wurde und auch bei der Observierung nichts herauskam, so verlegt sie jetzt ihre Tätigkeit darauf, den Gewerkschaften einfach zu unterstellen, datz sie sich mit Politik beschäftigen. Auf Grund dieser Unierstellung haben sämtliche Gewerkschaflsvorstände, soweit die Polizeibehörde solche überhaupt zu ermitteln in der Lage war, die Aufforderung erhalten. binnen 14 Tagen die Statuten und ein Verzeichnis der Vorstands- Mitglieder einzureichen._ xh. Glocke, Berl'n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Veriagsanstalt Achtung, Textilarbeftcr! AuSNm wegen geht uns die Mitteilung zu. datz in der Textilindustrie eine Tariirevision bevorsteht. Die Verträge sind gekündigt worden und Verhandlungen sollen demnächst aufgenommen werden. Die Aibeitcr befüichien, datz die Unternehmer im voraus versuchen werden, in Deutschland Spezialarbeiter anzu- werben. Es wird daher vor Zuzug von Texiilarbeitern nach Nor- wegen gewarnt, solange die Verhältnisse nicht"geregelt sind. Letzte Nachrichten. Der Damutbrnch des Tprectunncls. Die Durchbruchstelle am Spreetunnel der Untergrund- bahn bildete gestern abend bei trübem Laternenlicht ein noch traurigeres Bild der Verwüstung als am Tage. Tie Hoff- nung, daß man schnell mit den Ausschöpf, und Aufräumungs- arbeiten fertig werden würde, um noch heute den Betrieb wieder aufnehmen zu können, hat sich als trügerisch erwiesen. Man oersucht zwar, durch Balken und Zementsäcke das Wasser vom Bahnhof Spittelmarkt abzudämmen, doch ist der Erfolg sehr gering. Die Wassermassen sind von gestern mittag bis zum abend um 70 Zentimeter gestiegen, so daß sie nicht nur die Gleise, sondern auch die Bahnsteige überfluteten. Die Unfallversicherung iv Oesterreich. Wien, 27. März. Prozent erhöht. Das Gesetz wird debattelos angenommen. Dann wird die zweite Beratung des Postetats fortgesetzt. Abg. Dr. Werner-Giesten sWirtsch. Vg.) regt an, die Alters- und Invalidenrenten durch die P o st an die Bezugsberechtigten aus- zahlen zu lassen.— Redner begründet des weiteren eine Resolution, die Erwägungen darüber verlangt, ob es möglich ist. Arbeiter und Handwerler in ein st ä n d i g e s Arbeitsverhältnis aufzunehmen, wenn sie länger als zwei Jahre im Dienste der Post be- schäftigt sind! Arbeiter und Handwerker, die nach zehnjähriger ein- wandsfreier Dienstzeit nicht etalsmästig angestellt, sind in ein g e» sichertes Arbeitsverhältnis sDiplomverhältnis) zu überführen, die Tagelöhne in Wochenlöhne umzuwandeln. Ferner verlangt die Resolution Einleitung der erforderlichen Matznahmen, uin den ctatSmätzig angestellten Arbeitern und Handwerkern einen angemessenen Teil ihrer vorherigen Dienstjahre auf das Besoldungsdienstalter an- zurechnen, und endlich eine Denkschrift über die Möglichkeit der Errichtung einer P e n s i o n s k a s s e für diese Arbeiter und Handwerker. Abg. Dr. Will(Elsasser) wünscht im Interesse einzelner Beamten- kategorien entsprechend den Resolutionen der Budgetkommission eine Aenderung der Besoldungsordnung, und bittet, die Dienstverhältnisse der Arbeiter und Handwerker bei der Post- und Telegraphenverwaltung günstiger zu gestalten.— Den reichsländischen Postbeamten sollte man dieselben Zulagen ge- währen wie den reichsländischen Eisenbahnbeamten. Abg. Bruhn(Atit.) behauptet, die Sozialdemokratie habe lein Herz für die Beamten, auch nicht für die Unter- d e a m t e n. Abg. Wendel Das hängt damit zusammen. Der betreffende Steiger, der aus diesem Grunde verklagt war, hat jetzt beim Staatsanwalt Anzeige gemacht, ihm sei bekannt geworden, daß die Bestechungsgelder 1000 M. betragen(Hört! hört) und weiter, daß entweder mit diesem Gelde Postbeamte oder Druckerei- personal bestochen sein müßten.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Also die Sache ist noch nicht geklärt, und mein Irrtum ist eher zu entschuldigen, als wenn der Staatssekretär die sache als bombensicher hinstellt.(Sehr wahr l bei den Sozial- demolraten.) Staatssekretär Kraetke: Da« Landgericht hat in der Begründung des Urteils ausdrücklich festgestellt, daß Indiskretionen seitens Post- beaniter nicht begangen seien.(Hört! hört I rechts.) Abg. Dr. Oertel(k.): Ich billige es durchaus, wenn der Herr Staatssekretär erklärt, daß lein Postbeamter Sozialdemokrat sein darf. Ich verzichte darauf. mich mit der Dame mit dem flachen Busen zu befassen. Flacher oder geschwellter Busen— das ist Geschmackssache, über die man nicht streiten sollte.(Heiterkeit.) Ein Hans Narr ist oft derjenige, der andere für Hans Narren hält.(Sehr gut I rechts.) Daß die Finanzreform ein Produkt des schwarzblauen Blocks sei, habe ich, wenn ich mich recht erinnere. schon einmal gehört(Heiterkeit rechts), und wir werden es, falls wir hier die fünf Jahre hindurch zusammen bleiben sollten, noch öfter hören.— Redner polemisiert gegen den Abg. Wendel, weil dieser das Recht auf passive Resistenz und Streik für die Postbeamten in Anspruch genommen habe.— Die Post sollte nach Möglichkeit keine Schmutzliteratur befördern und jeder sollte die Schmutzverschleitzer. die ihm Anpreisungen der pornographischen Literatur ins HauS senden. wegensBeleidigung ver- klagen. Der Redner bringt dann die Wünsche verschiedener Beamten- kategorien vor.— Als Zeitungsmann muß ich darüber klagen, daß die Fristen für die Auflieferung der Zeitungen immer früher angesetzt werden. Der Staatssekretär hat vielleicht keine Vorstellung�von der nervenzermürbenden Arbeit des Zeitung�redakteurS. Er braucht mich nur anzusehen, um ein Beispiel zu haben.(Große Heiterkeit.) Auch die Preßtelegramme sollten billiger sein. Sehr wichtig ist für die Presse auch nicht gerade der Ankunftsstempel, aber doch ein Stempel, wann der Briefträger den Brief bekommen hat. Als L a ii d in a n n muß ick, klagen über die stiefmütterliche Be- Handlung des flachen Landes. Die zweimalige Briefbestellung sollte man in allen Landorten beibehalten.(Sehr richtig!) In beziig auf den Rachborortsverkehr sind die armen Landorte auch sehr benachteiligt gegenüber den reichen Bororten von Berlin. Auch der Mindestsatz für den Fernsprecher sollte für das platte Land herabgesetzt werden, ebenso die Kosten der ersten Einrichtung. Auch der von liberaler Seite eingebrachten Resolution, die Porto» freiheit für Soldatenpakete bis auf ö Kilo auszudehnen, stimmen wir zu; auch das liegt im Interesse der Landleute.— Herrn Wendel kann ich nicht zustimmen, daß in unserer Postverwaltung sich eine gewisse Stagnation und ein ungesunder BureaukratiSmus breit macht. Gerade in der Sozialdemokratie macht sich der Bazillus der Bureaukratie geltend. Unsere Post- Verwaltung dagegen geht frisch vorwärts. Ich bitte den Staats- sekretär, dabei zu verharren, und namentlich auch bei seinem Stand- punkt gegenüber der Sozialdemokratie.(Lebbaftes Bravo l rechts.) Ich hoffe, ihn noch so lange auf seinem Posten zu sehen, bis der Wunsch des Herrn Wendel erfüllt ist, und er Staats- lekrelär a. D. im sozialdemokratischen ZnkunstSstaat ist.(Heiterkeit und Bravo! rechts.) Staatssekretär Kraetke: Die Landbriefbestellimg soll, wo«S irgend angeht, mehr wie einmal erfolgen.— Eine Vorlage über eine neue Fernsprechgebührenordming kann die Regierung angesichts der ganz auseinandergehenden Wünsche vorläufig nicht machen.— Die Wünsche auf Ausdehnung der Portofreiheit für Pakete an Soldaten sollen geprüft werden, doch kann ich ihre Erfüllung nicht in sichere Aussicht stellen. Die Kontrolle, inwieweit wirklich nur Sachen für die S o l d a t e n in den Paketen versandt werden, ist sehr schwer.— Die Preßtelegramme im Jnlande können wir nicht noch billiger befördern, die Gebühr ist schon sehr gering. Einen Ersatz köimen ja die neu eingeführten Brieftelegramme bilden. Abg. List-Eßlingen(natl.): Die Postbeamten und Unterdeamten werden sich sicherlich mehr auf meinen sehr sachkundigen Freund Beck verlassen als aus die sozialdemokratischen Herren.(Sehr richtig I bei den Nationalliberalen.) Der Redner bringt nun Wünsche einiger Beamtenkategorien vor und bittet, die in der Besoldungsordnung enthaltenen Unstimmigkeiten zu beseitige». Für die Bedürfnisie des praktischen Leven« herrscht in unserer Post- Verwaltung volles Verständnis, mit frischem Geiste geht sie überall vor« wärts. Aber Wünsche bleiben natürlich immernoch. So wünschen wir eine Vereinheitlichung des Weltpo st portoS, und wenn das nicht geht, die Ausdehnung der Vereinbarung mit Oester» reich und Nordamerika auf unsere europäischen Nachbarn. Auch die sogenannten Fensterbriefe sollten im internationalen Verkehr zugelassen werden. Auch wäre cS gut, die Unterscheidung zwischen Drucksachen, Warenproben und Gcschäftspapieren fallen zu lassen und einfach geschlossene und offene Briefe zu unterscheiden: geht das nicht, so sollte man mindestens das Porto auf Warenproben ermäßigen. Staatssekretär Kraetke: Der Wunsch, mit den Nachbarländern ein billigeres Porto zu haben, ist bekannt und wir sind in diesem Sinne bestrebt, aber eS ist schwierig zu erreichen, weil die Nachbar- länder es mit uns allein nicht tun wollen und einen zu großen Ausfall fürchten, wenn sie mit mehreren Ländern solche Verein- barungen treffen. Die Einführung der F e n st e r b r i e s e in den internationalen Verkehr soll erfolgen. Bei der Regelung der Besoldungsverhältnisse werden einige immer besonders gut fort- kommen: deshalb kann man doch die Besoldungsordnung nicht gleich wieder ändern.— Die Zahl der D i e n st st u n d e n für die Unter- beamten beträgt 60— t>9 in der Woche, aber von den 12l 170 Unter- beamten haben nur 422 einen Dienst von 68—69 Stunden In den Groß- städten, wo der Dienst anstrengender ist, ist die Zahl der Dienststunden 60, und das ist nicht zu viel, zumal der Nachtdienst IV-fach gerechnet wird. Im Erholungsurlaub sind die Angestellten der Post- und Telegraphenverwoltung nicht ungünstiger gestellt, als die irgend einer anderen Verwaltung.— Eine andere Organisation für die Beamtenschaft als die gegenwärtige mit den gehobenen Stellen kann ich nicht empfehlen: gerade die gehobenen Stellen schaffen den unteren und mittleren Beamten die Möglichkeit, vorwärts z« kommen. Abg. Hubrich-Oberbarnim(Vp.): Der erfreuliche Aufschwung der Postverwaltung steht in unerfreulichem Gegensatz zu der trau- rigen sozialen Lage der Postbeamten: deshalb nimmt die Unzufriedenheit unter den Postbeaniten ständig zu. und zwar bei allen Kategorien, bei den unteren, mittleren und höheren Beamten. Auch deren Organ, die„Blätter für Post- und Telegraphie", schrieb über die Besoldungsordnung. selten ist eine Beamtenschaft so getäuscht worden, wie der jüngere Teil der höheren Postbeamten. Hätte übrigens eine solche Aeußcktung in einem Organ der mittleren oder unteren Beamten gestanden, so wäre der Staatssekretär wohl disziplinarisch eingeschritten.(Sehr wahr! bei der Volkspartei.) Die geringe Schaffung neuer Stellen ist eine übel angebrachte Sparsamkeit.— Der Redner führt weiter aus, daß auch die mittleren und unteren Beamten bei der Neugestaltung der Besoldungsordnung zu kurz gekommen sind. Deshalb kann die Gehalts- frage nicht zur Ruhe komnien, zumal bei der sprunghasten Steigerung in den Preisen aller Lebensbedürfnisse.(Sehr richtig! bei der VolkSportei.) Deshalb ist es ganz ungerechtfertigt, was Gras Posado wsky vor kurzem hier tadelnd über die Wünsche der Beamten gesagt hat. Die GehaltSausbesserungen sind längst durch die Preissteigerungen wettgemacht, die die Beamten kemeswegs als „gottgewollt" hinnehmen. Mindestens aber müssen die Härten und Unstiinmigkeiten beseitigt werden, die zweifellos durch die Be- soldungsordnung geschaffen sind. Die Zahl der Beförderungsstelle» steht in gar keinem Verhältnis zur Zahl der Anfangsstellen. Daher hat ein großer Teil der Beamten gar keine Aussicht, jemals in bessere Stellen aufzurücken.(Sehr richtig! links.) Daß die Ostmarkenzulage eine Korruptionszulage sei, wird Herr Wendel nicht beweisen können. Diese Bezeichnung ist lediglich eine hohle Phrase.(Sehr wahr! bei den Nalionalliberalen.) Mehr als eine Million Mark wurde bei Streichung der Ostmarkenzulagen der betreffenden Pro- vinzen entzogen, darunter würden auch polnische Geschäftsleute und Handwerker leiden. Der Redner bringt dann noch eine Reihe von Einzelwünschen der Postbeamten vor, meint aber, die � „haltlosen und durch nichts gerechtfertigten Behauptungen" des Abg.* Zubeil müsse er zurückweilen, für einen solchen Vertreter danke die Postbeamtenschaft, sie kennt ihre Pflicht und tut sie, an Streik � und passive Resistenz denkt niemand unter den Beamten, für den freundlichen Rat des Abg. Wendel danken sie.(Bravo! bei der Bolkspartei.) Abg. v. Czarlinski(Pole): Den Antrag auf Streichung der Ostmarkenzulage halten wir aufrecht. Die Haltung des Freisinns in dieser Frage war früher anders. Herr D o v e hat sich seiner- zeit gegen jede Ostmarkenzulage erklärt, ob sie Nim widerruflich ist oder nicht. Deit Appell des Frhrn. V. Gamp an unsere Gerechtig- keit hat der Abg. Wendel sehr gut charakterisiert. Wer Gerechtig- keit verlangt, muß erst selbst verstehen, Gerechtigkeit z u übe n.(Sehr wahr! bei den Polen.) Herr Gamp hat doch für den Sprachenparagraphen gestimmt und hat damit der polnischen Bevölkerung ein Menschenrecht ge» nommen.(Sehr richtig! bei den Polen.) Die Zulage wird nur bei treuer Pflichterfüllinig und einwaiidsfreiem dienstlichen und außerdienstlichen Verhalten gewährt. Dieser letzte Zusatz beweist am besten den Tendenzcharakter der Ostmarkenzulagen.(Sehr richtig! bei den Polen.) Nach einigen Bemerkungen des Abg. v. Scheie(Weife) wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Die Abgg. Dr. Stnive(Bp.) und Mumm(Mrtsch. Vg.) bedauern, durch den Schluß der Debatte ums Wort gekomnien zu sein. Abg. Ebert(Soz.): Auch ich gehöre zu den Leidtragenden.(Heiterkeit.) Ich bedauere den Schlußantrag um so mehr, da von einzelnen sllednern und auch vom Staatssekretär gegen meine politischen Freunde heftige Vorwürfe erhoben worden sind, die nun leider nicht zurückgewiesen werden können.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Zubeil(Soz.): Auf die Angriffe des Abg. Pauli werde ich bei der dritten Lesung antworten. ES folgen persönliche Bemerkungen. Abg. Wendel(Soz): Herr Oertel hat au? meinen AuS- führungen den Schluß gezogen, daß ich die Intelligenz der Abgg. Beck und Pauli als defekt habe bezeichnen wollen. Der Pfeil war wohl weniger gegen mich als gegen den gerade amtierenden Vizepräsidenten Dr. Paasch« gerichtet. Im übrigen bin ich durch- aus bereit, anzuerkennen, daß die beiden Herren innerhalb ihrer Parteien als intellektuelle Leuchten an zti- sehen sind.(Heiterkeit.) Herr Oertel hat mich entweder falsch verstanden oder falsch wiedergegeben. Im erstercn Falle habe ich seine Intelligenz überschätzt.(Heiterkeit.) Präs. Kaempf: Das ist nicht persönlich. Abg. Sachse(Soz.) weist unter Verlesung de« stenographischen Berichts über den betreffenden Teil seiner Rede vom 16. März gegenüber dem Staatssekretär darauf hin, daß er damals weniger gegen Postbeamte einen Vorwurf erhoben habe, als gegen das uti- ehrliche Borgehen des Zechenverbandes, der Post- beanite und andere zu bestechen gesucht habe. Zur Richtio- stelluiig habe er noch keine Ursache gehabt, da der Prozeß noch schwebe. Abg. Oertel(k.): Der Abg. Wendel hat sich dagegen gewehrt, daß er die Intelligenz der Herren Pauli und Beck als defekt habe bezeichnen wollen; ich nehme yern davon Kenntnis. Im übrigen bemerke ich ihm, daß ich meine Pfeile stets«r die direkte Adresse rickite. Ein Antrag Gamp. eine Reihe Resolutionen der Budget- kommisfion zu überweisen, wird gegen die Stimme des Antragstellers abgelehnt(Heiterkeit): die Abstimmung über die Resolutionen wird morgen stattfinden. Hieraus vertagt sich daS HauS auf Donnerstag 11 Uhr. Abg. Frhr. v. Gamp(Rp.) beantragt, den Antrag der Gc- schäftsordnungSkominisfion morgen zuerst zu verhandeln. Dieser Antrag wird gegen die Stiittnten der Rechte» abgelehnt. (Tagesordnung: Weiterberatuna des PostetatS, vorher dritte Lesungen.) Schluß 7'/, Uhr. parlamentanfcbee* Die Kolon,'aletats in der Budgetkommission des Reichstags. Bei der Beratung de» Etats für Samoa regte Ab- peordu'ctcr Neste an, die Äenvaltungcn für Samoa und Neuguinea aus Gründen der Ersparnis zusammengulcgcn. Staatssekretär Solf wendete sich gegen diese Anregung, die am Stolze der Sainoancr scheitern würde. Außerdem müßte ein gc- »uemsamer Gouverneur sährlich zwei Tienstreisen machen, die eine Ausgabe von etwa 29 0«) M. verursachen würden- Da der bis- berigc Ebcrhäuptling Mataasel gestorben ist« besteht die Absicht, keinen samoanischen Obcrhäuptting mehr anzuerkennen. Das werde vielleicht zu kleinen Unruhen Anlaß geben, müsse aber trotz- dem geschehen. Tic Sclbschcrwaltung soll ausgebaut werden. Ter Pslanzervcrein auf Samoa petitioniert darum, die Kuli ein- fuhr zu erleichtern, besonders aus NcuaGuiiiea. Es fehle an Arbcitskrästenv denn die Sainoancr geben sich nur selten zur Bahn- arbeit her. Nur eine Gesellschaft hat das Recht, bis 990 Arbeiter jährlich aus Neu-Guinea anzuwerben« alle anderen nicht. Tic Ein- fuhr hat wiederholt zu Unruhen geführt, iveil der chinesische Konsul auf Samoa die Arbeiter aufhetze, stiändig höhere Forderungen zu firllen. Tic von den Chinesen geforderte Erlaubnis, sich s c ß- Haft zu machen, wird abgelehnt, wie der Staatssekretär erklärte, weil sonst die Gefahr besieht, daß bald die Ehincscn das Obergewicht erhalten würden. Ein chinesischer Arbeiter kosret täglich 2 bis 2,50 Mark, andere Kulis nur 80 Pf. Staatssekretär Solf führte aus, am beste» ivären Samoancr, die auch mit Weib und Kind kommen könnten. Die neue chinesische Regierung werde in Zukunft nicht mehr dulden, daß die Chinesen als Staatsbürger zweiter Klasse in fremden Kolonien behandelt werden, wie sie auch bereits schon Echivierigkeiten wegen der Anwerbung von Kulis gemacht habe. Damit war die Debatte über diesen Etat erschöpft. Bei der Beratung des Etats für Kiautschou weist Staats- fckrctär v. Tirpitz auf die steigende Handelsbewegung in diesem Schutzgebiete hin. Sic betrug in Tsingtau 1900 insgesamt 24 Mil- lioncn, 1900: 51 Millionen und 1911 bereits 140 Millionen. Ter Schiffsverkehr fei in der gleiche» Zeit von 71 000 auf über eine Million Registertons gestiegen- Tic deutsche Einfuhr in Tsingtau habe 1911 über 20 Millionen Mark betragen. Die Bedeutung dieses HafenS wachse ständig. Ucber die Einwirkung der politischen U m- w ä l z u n g i n China auf das deutsche Schutzgebiet und die Per- hällnissc in Ostasien führte der Ilntcrstaatssekretär im Auswärtigen Amt das folgende aus: Er empfehle dringend die geforderte Per- siärkung der Schutztruppe in Ostasien. Teutschland habe während der ganzen, Wirren streng an dem bisher beobachteten Grundsatz der Nichteinmischung festgehalten« zumal sowohl die alte, wie die neue Regierung bestrebt gewesen! sind, Leben und Eigentum der Fremden zu schonen. Zum Präsidenten der chinesischen Rc- publik kann man Vertrauen haben, er ist sicher der einzige Chinese, der imstande ist, Ordnung zu schaffen und sie auch aufrecht zu er- halten. Neuerdings fei allerdings das Vertrauen in die Macht des Präsidenten etwas erschüttert worden» weil er nicht Herr der Soldatemneutereien im Norden werden kann. Der Präsident scheint der Soldaten nicht sicher zu sein, die hauptsächlich deshalb rebellieren, weil die Regierung sie nicht bezahlen kann. Eine Be- sprcchung der Vertreter der Mächte führte dazu, eine Anleihe von 00 Millionen TaelS der neuen Republik zu verschaffen. Das Not- wendigste war ein sofortiger Vorschuß an die Regierung im Be- trage von 2 Millionen- Weim bei Begebung der Anleihe eine Ver- zögcrung eingetreten ist, so deshalb, weil Rußland und Japan sich an der Anleihe beteiligen wollen- Die Deutschen fn Ostasien wün- scheu dringend die Verstärkung der deutschen Schutztruppe, die aber sofort, sobald die jetzt noch vorhandenen Bedenken! behoben, sind, wieder reduziert werden soll. Wenn es der republikanischen Re- gicrung gelingt. Ordnung zu schaffen, so tverde auch der deutsche Handel vom neue» Stand der Dinge Vorteil« habe». E i n c r A u f t e i l u n g Chinas w ü r d c-lü e de ut seb e R e grc ruu g ganz energisch widersprechen. Graf P r a s ch m a vom Zentrum wünscht, daß die deutsche Regierung sich dafür ins Zeug legt, daß Peking die Hauptstadt ClsinaS bleibt. Die Deutscheu in Oslasieu hätten es sehr unangenehm empfunden, daß die deutsche Regierung nicht versucht habe, bei den politischen Umwälzungen, in China Einfluß auf ihre Gestaltung zu erlangen. Der UnIcrslaatSsckrctär betont« diesen Ausführungen, gegenüber, daß Peking wahrscheinlich hie Hauptstadt bleiben werde, wofür eventuell dw Regierung sich auch aussprechen, werde. Nicht nur Deutschland, sondern auck die anderen, Mächte, darunter auch Rußland und Japan, hätten sich der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ehlnas enthalten» was auf einem gemeinsamen! Uebercinkommen aller in Betracht kommenden, fremden Staaten, beruhe. Die gc- forderte Truppcnvcrstärkung und die dazu notwendigen Mittel wurden bewilligt und damit der Etat für Kiautschou genehmigt. Die Geschäftsordnungskommission des Reichstages beendete Mittwoch die zweite Lesung deS Abschnittes:„Interpellationen und Anfragen". Der 82 der Geschäfts- ordnung behielt im wesentlichen die Fassung der ersten Lesung. Danach tritt die Neuerung ein. daß den Interpellationen„kurze ErwägungSgründe beigefügt werden" können und daß der Äcr- schleppung der Besprechung eine Grenze gezogen würde. Dann aber wurde auf Antrag Gröber ein K 32a eingefügt, der einer otivaigcii Obstruktion unter Mißbrauch deö Jnterpellationsrschts vorbeugen solle. Dieser Paragraph, der von den sozialdcmo» kra tischen Mitgliedern David. Ledcbour und Geyer de- kämpft wurde, lautet: ..Werden Interpellationen in so großer Zahl eingereicht. daß die ordnungsmäßige Erledigung der Geschäfte des Reick)»- tags verhindert ivird, so kann der Reichstag bis zur Beseitigung dieses Hindernisses die Verhandlungen über Interpellationen auf einen bestimmten wöchentlichen«itzungstag beschränken. Auch in diesem Falle kann der Reichstag die Verhandlungen über einzelne Interpellationen an einem anderen Sitzungstage zulassen." Ter§ 33 bringt die Aenderung, daß bei der Besprechung einer JntcrpcUalion Anträge gestellt werden lönnen, die die Feststellung enthalten, ob die Behandlung der den Gegenstand der Jnter- pellation bildenden Angelegenheit durch den Reichskanzler den Ansichten des Reichstags entspricht oder nicht entspricht. Auf An- trag des Nationalliberalen F u n ck wurde diese Abänderung an Stelle des Ausdrucks der.Billigung oder Richtbilligung" von der Mehrheit beschlossen. Einige weitergehende Anträge der Soziaidemolraten wurden abgelehnt.. m Nach einer Formulierung Gröbers erhielten die Para- graphen, die die iurzen Anfragen neu in die Geschäfts- ordnung des Reichstags einführen, folgende Fassung: § 33a. Die Mitglieder des Reichstags können Anfragen an den Reichskanzler stellen. Die Anfragen sind schriftlich ein- zureichen und auf die Bezeichnung der Tatsachen, über welche Auskunft gewünscht wird, zu beschränken. Der Anfragesteller rann jederzeit erklären, daß er mit Erledigung auf schriftlichem Wege sich begnüge. Die eingereichten Anfragen werden unter fortlaufenden Nummern in ein Verzeichnis eingetragen und den Mitgliedern des Reichstages alsbald zugestellt.— Ter Präsident teilt die Anfragen unverzüglich dem Reichskanzler mit und bringt sie auf die Tagesordnung der nächsten zur Erledigung von Anfragen bestimmten Sitzung. S 33b. In der Sitzung vom Dienstag und Freitag jeder Woche darf je die erste Stunde zur mündlichen Erledigung von Anfragen verwendet werden. Tic Antragsteller, deren Anfragen auf die Tagesordnung gesetzt sind, werden in der Reihenfolge der Nummer ihrer Anfrage aufgerufen. Der Ausruf unterbleibt, wenn die Anfrage einem Gegenstand der Tagc-ordnung der Sitzung vorgreift. Die Aufgerufenen ver« lesen ihre Anfrage. Eine Besprechung der Antwort de? Reichskanzlers und jeder Antrag zur«ache ist unzulässig. Der Anfragende kann zur Ergänzung oder Berichtigung seiner Anfrage das Wort verlangen. Anfragen, die an dem für sie bestimmten Tag nicht er- ledigt werden, scheiden aus, falls nicht der Anfragesteller vor Schluß der Sitzung schristlich ihre Erledigung in der nächsten für Anfragen vorgesehenen Sitzung verlangt. ij 33e. Schriftliche Beantwortungen der Anfragen durch den Reichskanzler werden in das Verzeichnis Anfragen sZ 33a Abf. 3) eingetragen und den Mitgliedern des Reichstags als- bald mitgeteilt. Eine Redaktionskommission soll über die Fassung noch Bericht erstatten; dann wird dieser Abschnitt nach Ostern an das Plenum gebracht werden._ Hus der partei. Sozialdemokratische Wahlcrsolge in der Schweiz. Zürich, 25. März.(Eig. Ber.) Der gestrige Sonntag bedeutet für die sozialdemokratische Partei der Stadt Zürich einen S i e g e S t a g, denn sie hat nun auch im IV. städtischen Kreise die rote Fahne aufgepflanzt, indem da ihr Kandidat Genosse Euderli mit 2070 gegen 1783 Stimmen in den KantonSrat gewählt wurde. Zum Kreise III ist nun der Kreis IV als sozialdemolratisckie Do- inäne in der Stadt Zürich gekomnien.— Bei den Züricher Bezirks- gerichtswahlen sind die sechs Sozialdemokraten mit 9766 bis 11 338 Stimmen wiedergewählt worden, die Bürgerlichen mit nur 7400 Stimmen im Durchschnitt.— In den Züricher Bezirksrat wurden die Genossen Biingi als Mitglied und Mnnz als Ersatzmann gewählt.— Auch in anderen Bezirken, so im Winterthurer, hat unsere Partei Erfolge erzielt.— Die Ersatzwahl für den National- rat im Züricher Seekreis hat dem sozialdemokratischen Kandidaten Wirz zwar nicht den Sieg, aber eine Stimmenzahl von 7514 gegen 6340 am 3. März und 3408 am 20. Oktober 1911 ge- bracht! also ein steter und verheißungsvoller Fortschritt. Der bürger- liche Gegenkandidat wurde mit 0021 Stimmen gewählt. Jugendbewegung. Die Zerfahrenheit der bürgerlichen Jugendbewegung. Unter dem Namen„Jung-Tcutschland" wurde im Herbst 1911 eine vom Generalfeldmarschall von der Goltz geleitete neue bürgerliche Jugendorganisation ins Leben gerufen. Das Zentral- komitee der katholischen Jugendvcreinigungen Deutschlands er- klärte sich am 13. FeMuac 1012 bereit, mit„Jung-Deutschland" unter Wahrung voller Selbständigkeit seines Verbandes und der ihm angeschlossenen Vereine in Verbindung zu treten. Voraus- setzung sei,„Daß an Orten, wo Jugendvcrcinc bestehen, durch welche für körperliche Ertüchtigung gesorgt ist, leine Jung-Deutschland- Bünde gegründet werden". Da fast in jedem Nest katholische Jünglingsvereine bestehen. hat eine Einigung des schwarzen Zentralkomitees mit„Jung- Deutschland" ivenig Aussicht. Die Bedingungen zum Zusammen- wirken sind seitens der Schwarzen wohl absichtlich so scharf ge- faßt, um so wenig wie möglich die schwarzen Jünglinge mit solchen von anderer bürgerlicher Couleur zusaivmenkommen zu lassen. Die dcutsch-katholischcn Vereine der Provinz Posen haben mit „Jung-Deutschland" eine Vereinbarung geschlossen, wie sie andere konfessionelle(evangelische) Vereine auch haben. Das Verbot der Ncugründung, wie das Zentralkomitee es verlangt, ist darin rncht enthalten. Tie Interessen der konfessionellen Vereine sind aber sorgsam gewahrt, denn es ist unter anderem bestimmt, daß jung« Leute, die schon Mitglieder eines Vereins sind, sich dem„Jung- Teutschland" nur ür ihrem Vereine anschließe» dürfen und keine Aufnahme in„Jung-Deutschland" finden dürfen, wenn sie aus ihrem bisherigen Verein ausscheiden. OppersdorffS„Wahrheit und Klarheit" hält diese Verein- barung für höchst bedenklich, da die katholischen Vereine, die sich korporativ„Juiig-Deutschlaiid" anschließen, auch den Beschlüsscii dieses Verbandes unterstchen und so die Gefahr nicht aus- geschlossen sei, daß eine nichtkatholische Mehrl)eit Beschlüsse fasse. die sich mit den Aufgaben der katholischen Jugendvercine nicht in Einklang bringen lassen. Erwartet wird, daß die Posener Ver- eine von ihrer Vereinbarung zurücktreten und sich auf den Boden der Resolution des Zentralkomitees stellen. 8o2iales. Wie der Eisrnbahnfiskus unter Gefährdung der Gesundheit der unteren Beamten spart. Am Montag wurde ein Prozeß zuungunsten des Eisenbahn- siskus entschiede». Der Prozeß zeigt, daß der Fiskus als Arbeit- gcbcr selbst clcmentarc. ihm gesetzlich obliegende Verpflich- jungen, zuungunsten von Leben und Gesundheit der von ihm be- schöftigten lliiterbcamten verletzt. Der Eisenbalinsekrctär S. in Wiesbaden war vom- Sommer 1904 bis in das Jahr 1900 in einem mangelhaften Dicnstraum tätig. Besonders das Fenster ließ zu wünschen übrig. Es tvar so schlecht, daß der Wind in den Raum hincinblicS. Trotz der Beschwerde des wurde das Fenster nicht durch ein neues ersetzt, sondern vom Bahnmeister und seine» Leuten mit Werg„gedichtet". S. hat sich Zu dem zugigen Raum ein rheumatisches Gelenkleidrn zugezogen und ist pensioniert worden. Er hat dann gegen den preustischc» Eisenbahnftskus auf Grund des 8 818 des Bürgerlichen Gesetzbuches Klage erhoben und Ersatz für den Gehaltsausssall verlangt, der zwischen der Pension und dem früheren Gehalt be- steht. Der Fieckus hat eingewendet, daß de» Kläger ein eigene« Verschulden treffe, weil er seine Bcschivcrdc nicht an der richtigen Stelle angebracht habe. Er halte sich nicht an den Rechrningsrat B.» der Vorstand der Vcrkchrskontrollc und sein direkter Vorgesetzter war, wenden sollen, sondern an die Betriebsinfpektion. Das Landgericht und Oberlandcsgcricht Frankfurt a. M. haben den FiskuS gemöh dem Klageantrage verurteilt. Das Oberlandes- gericht führt in seinen Entschcidungsgründcn aus« daß der Fiskus für die Dicnsträum« und ihre Brauchbarkeit zu sorgen hat. Nach § 618 des Bürgerlichen Gesetzbuchs hat der Dienstberechtigte die Diensträume so einzurichten, daß der zum Dienst Verpflichtete gegen Gefahr für Leben und Gesundheit geschützt ist. Gemäß ij 278 des Bürgerlichen Gesetzbuchs hat er für die Fahrlässigkeit seiner Ver- treter einzustehen. Bei genügender Kontrolle hätte dem FiSkuS der Mangel ded Dienstraumes nicht unbekannt bleiben können. Der Fcnfterschaden war so offensichtlich, daß er bei einer Kontrolle nicht entgehe» konnte. Der Fiskus ist deshalb auch ohne besondere Be- schwerde verpflichtet gewesen, den Mangel zu beseitigen. In den weiteren Aussührungen verneint das Oberlandesgcricht aber auch das vom Fiskus geltend gemachte Mitvcrschulden des Klägers. Das Gericht stellt fest, daß der Kläger seine Rügen und Beschwerden an zuständiger Stelle angebracht hat und daß der mangelhafte Zustand des Dienftlokalo die Ursache zu seinem Leiden geworden ist. Das Reichsgericht hat das Urteil deS Oberlandesgerichts Frank- furt o. M. bestätigt und die vom FiSkus eingelegte Revision zurück- gewiesen. Der Streitwert isd vom Reichsgericht aus 25 000 bis 30000 Mark festgesetzt worden. Ein teures Fenster! Die Bautätigkeit in deutschen Großstädten im Jahre 1911. Das Statistische Amt der Stadt Köln veröffentlicht alljährlich «ine Uebcrsicht über die Bautätigkeit in den größeren deutschen Städten. Tie soeben für dos Jahr 1912 erschienene stellt fest, daß die im Vorjahre zum ersten Mate seit 1904 beobachtet« Zunahme der baulichen Entwickclung auch im Berichtsjahre angehalten habe. Nach den zurzeit von 33 Städten mit 9,37 Millionen Einwohnern vorliegenden Angaben stieg die Zahl der neu errichteten Wohn- gebäude von 9400 im Voriahve auf 11 004 im Berichtsjahre, d. i. um 23,45 Proz., während die Zahl der neuen Wohnungen sich von 64 579 auf 74 317 dder uift 15,08 Proz. sscrmchrle. Aus je 10 000 Einwohner stellte sich der Zugaug au neuen Wohngebäudcn im Jahre 1910 und 101» auf 10,3 und 12,4, der Zugang an Wohnungen aus 71 und 79. Die stärkste Bautätigkeit hatte im Berichtsjahre Essen auf- zuweise». Es wurden dort auf je 10 000 Einwohner 45,2 neue Wohn gebäude hergestellt. In erheblichem Abstand folgt Bremen mit 27, t, Duisburg mit 24,0, Düsseldorf mit 22,7, Stuttgart mit 19,9, Straßburg mit 18,6, Frankfurt a. M. mit 16,2, Dortmund mit 16,0, Nürnberg mit 15,9, Halle a. S. mit 13,9, Mann- heim mit 13,1, Chemnitz mit 12,6, Lübeck mit 12,4 Köln mit 12,2. An letzter Stelle stehen Elberfeld mit 3,8, Kassel mit 2,7 und istcttin mit 1,8 neuen Wohngebäudcn pro 10 000 Einwohnern. Auch hinsichtlich der neu entstandenen Wohnungen be- hauptctc Essen mit 182 auf je 10 000 Einwohner den ersten Platz. Chemnitz mit 134, Düsseldorf mit 130, Hamburg mit 126, Dortmund mit 114,' Stuttgart mit 108 und Duisburg mit 105 neuen Woh- nungcn pro 10 000 schließen sich an. In allen übrigen Städten war der Zugang geringer als 100, so in Frankfurt a. M. nur 74, Leipzig 77, München 80. Am geringsten war er in Mainz mit 18, Kassel mit 17, Elberfeld mit 14 und Stettin mit 13. Ein tatsächliches Bild des Wohnungsmarktcs gibt aber erst die Zahl der I c c r st e h c n d c n Wohnungen. Psan nimmt im allgemeinen einen Vorrat von 3 Proz. leerstehenden Wohnungen als ausreichenden Vorrat für einen normalen Zuzug und Wohnungs- Wechsel an. Hierbei ist freilich- zu berücksichtigen, daß größere Wohnungen gewöhnlich in reicherem Maße vorhanden zu sein pflegen als kleinere, so daß trotz eines tatsächlichen Durchschnittssatzcs von 3 Proz. freier Wohnungen doch Mangel gerade an Kleinwohnungen vorhanden sein kann. Nehmen wir aber selbst einmal ciiien solchen Prozentsatz als genügend an, so zeigt es sich, daß nur Hamburg mit 7 Proz.,.Kiel mit 5,4 Proz., Essen und Altona mit je 4,5 Proz. einen als reichlich zu bezeichnenden Wohnungsvorrat hatten. Normal war derselbe in(schöncbcrg mit 3,5, Köln mit 3,4, Düsseldorf und Aachen mit je 3,2 sowie Chemnitz mit 3 Proz. Alle übrigen Städte hatten weniger als dem Normalsatz entsprechende freistehende Woh- nungen, so daß hier von einer Wohnungsnot gesprochen werden kann. Am schlimmsten liegen die Verhältnisse in Stuttgart, wo nur 0,3 Proz,, in Elberfeld und Braunschwcig, wo 0,6 Proz., in Barmen, wo 0.7 Proz. und in Dresden, wo 0,9 Proz. der Wohnungen leer standen. Zwischen 1 und 2 Proz. bewegte sich der verfügbare Bestand in Straßburg, Kassel, Bremen, Dortmund, Halle a. S. und Leipzig, zwischen 2 und 3 Proz. in Krefeld, Lübeck, Mannheim und Stettin. Die Uebcrsicht, die mehrere Städte wie Berlin, Charlotten- bürg. Magdeburg u. a. nicht mit umfaßt, zeigt trotz einer nicht unerheblichen Zunahme der Bautätigkeit noch immer keineswegs ein befriedigendes Bild des Wohnungsmarktes. Zweifellos würde eine Darstellung getrennt nach Größenklassen der Wohnungen noch >veit ungünstigere Resultate liefern. Bus Industrie und Kandel. Schmiergeld und Kredit. Der kapitalistische Großbetrieb von heute ist ehrlich so lange eS sich rentiert, er ist gern bereit auf Ehrlichkeit, Moral und ähnlichen ethischen Geschästsballast �u verzichten, wenn er dabei noch mehr verdient, Marx schreibt einmal: Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinein Profit, wie die Natur vor der Leere, Mit ensprechendem Profit wird Kapital lühn. Zehn Prozent sicher, und man lann es überall anwenden; 20 Proz,, es wird lebhaft; 50 Proz., positiv waghalsig; für 100 Proz. stampft eS alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Proz, und es existiert kein menschliches Verbrechen, daß es nicht riskiert, selbst auf die Ge- fahr des GalgenS, Die Kreditgewährung ist heute in den kapitalistisch ent» wickelten Jndnstnezweigen wie Elektroindustrie, Moschinenindiistrie usw. durchaus auf die oberen Sprossen der Profitgefüble eingestellt---�Dio»> Elekirogroßindustrie schafft sich, durch ihre Banken unlerstützt, be- liebig viel Aufträge einfach dadurch, daß sie langfristigste Kredite«�* gibt, die erst durch den Gewinn der etwa zu bauenden Kraft- und � Lichtzentrale allmählich aiiiortisiert werden. Die Elektroindustrie betritt auch den schlauen Weg, das Risiko auf spekulierende und ebenfalls auf Gewinn erpichle Teile der Bevölkerung abzuwälzen. Dies geschieht auf die einfache Art, daß die Kreditgewährung durch eine Elcktrobank erfolgt, die ihre Kapitalien aus dem Publikum zieht. In der Maschinenindlistrie liebt rnaii e§, den Wert der gelieferten Anlagen, im besonderen auch für den Bergbau, wie Fördermaschinen, Kabelanlogen, ganze Fabrikanlagen usw. usw. zum Teil dadurch zu bezahlen, daß man der Maschinenfabrik Obligationen, mitunter auch Aktien in Zahlung gibt. So werden sehr oft Maschinenfabriken an Bergwerken, an Kali- und sonstigen Unternehmungen stark interessiert. Ein drastisches Beispiel dafür ist die Maschinenbau- Aktiengesellschaft Buckau. Sie wurde durch Bezahlung mit„Wert'papieren an industriellen Unternehmen interessiert, und mußte jetzt, da die in Frage kommende Gesellschaft sich nicht mehr holten konnte, extra eine neue Aktiengesellschaft gründen lassen, um den Maschinenabnehmer neu flott zu machen und auf diese Art vielleicht einmal zu Geld« zu kommen. Die Maschineusabrik Buckau war es auch, die einmal bei der Lieferung einer BrikcttierimgS» anlage im Werte von einigen Millionen Mark eine Million Mark Schmiergeld zahlte. Als der Empfänger der Maschinen dies erfuhr, verlangte er die Zurücknahme der ganzen Anlage, die dann auch erfolgte. Von der Zurückgabe der einen Million Mark Schmiergeld erfuhr die Oeffeiitlich'eit nichts, Stehen hinter den Maschinenfabriken, Elektrounternehmen oder anderen Vetneben irgend welcher Art gute und dauernde Bankver» bindiiiigen, so wird natürlich deren erste Aufgabe sein, die Papier- bezahluug in bares Geld uinzusetzen. Ein neues SpelulationSgebiet, eine Verstärkung in der Festlegung der flüssigen Betriebsmittel, eine Versteifung im Geldumlauf wird dadurch natürlich sehr begünstigt. Schon manch' Altienuntcrnehiiien hat sich an seinem Geschäfts- Übereifer, der wieder durch den Prosilhimger der Kapitalgcber verursacht ist, das Genick gebrochen. Ein Groschen Arbeitslohiierhöhung spielt für sich allein für die Iliitcriiehiner eine geringe Rolle, er wird aber zur unangenehiiisten Beigabe für die Leitungen solcher Gesellschaften, wenn das Ilnleriiehinen in Geschäften, wie wir sie eben geschildert, stark engagiert ist. Für den Arbeiter ist dann stets zuerst nichts mehr übrig._ Dividende wider Gesetz. In der DivideiidenanfechtungSklage gegen die Eutin- Lübecker Eisciibahn-Aktiengcsellschaft, über die wir im Vorjahre bereits einmal berichteten, haben die Regiernngen von Lübeck und Oldenburg(Eutin) den Prozeß verloren. Die beiden Regierungen wollten die Aus- schüttung einer Dividende für das Jahr 1910 an die Atlionäre nicht zulassen, weil die Ausgaben für die Beschaffung neuer Waggons aus dem Reserve- und ErneumnigSfoiidS und nicht auf den sonstigen Ueberschüssen gedeckt worden' waren. Man glaubte annehmen zu dürfen, daß dadurch zugunsten der Aktionäre.-.ine Schiebung vorgenommen würde und eigentlich eine Dividendennuszahliing gar nicht berechtigt sei. Das Lübecker Landgericht, dessen Erste Kammer für Handelssachen über die Streitfrage zu urteilen hatte, war anderer Meinung als die klägexischcn'Regierungen, die sich anmaßten, in die geheiligten Privilegien des KapitaliS- mus einzugreifen. Es sagt in seinem Urteil, daß schon der Name„Reserve- und ErneuernngSfondS" klarlege, daß Neuanschaffungen von Waggons, Lokomotiven ustv. aus diesem Fonds — der übrigens erst auf Anforderung der klägerifchen Regierungen ge- schaffen worden sei— bestritten werden dürfen. Das sei auch bisher schon immer geschehen. Wenn auch die Satzungen der Gcsellschasl besagten, daß der Fonds nur zu außergewöhnlichen Ausgaben benutzt werden dürfe, so sei bei ciiieni so kleinen Eisenbahnuuteruehnien, wie es die beklagte Gesellschaft ist. die Beschaffung von neuen Waggons und Lokomotiven sicher als außergewöhnliche Ausgabe zu betrachten. Nur durch diese Auffassung und Maßregel sei es möglich, eine ge- wisse Dividende zu erreichen. Allerdings sei der Fonds viel zu klein für die beabsichtigte» Zwecke. Aber daran trügen die beiden Regie- rungen selbst die Schuld. Sie befacyieir.l, bei größeren Rücklagen höher zur Verzinsung der Obligationsanleihe herangezogen zu werden. und setzten aus diesem Grunde selbst die geringe Höhe fest. Die Kläger hätten allerdings insofern recht, daß viel mehr hätte zurück- elegt werden müssen. Der Zu st and, wie die Divi- endenauszah lungen zustande gekommen sind. sei gesetzwidrig. Und wenn die klägerischen Regierungen ihre Klage darauf gestützt hätten, daß das Verfahren der beklagten Ge- sellichaft dem Z 261 des Handelsgesetzbuches(über Aufstellung der Bilanzl widerspreche, so hätten sie Erfolg gehabt. Sie haben aber auf Grund des K 271 dcS Handelsgesetzbuches(über Anfechtung von Generalversammlnngsbeschlüssen) geklagt. Daran hatte sich das Ge- richt zu halten und so mußten die Regierungen mit ihrer Klage abgewiesen werden. Gegen die Auslegung der Kläger spreche auch die bisherige Verwendung des Re- serve- und ErncuernngsfondS der beklagten Gesellschaft. Der Fonds sei sehr häufig nicht nur zu aller Art Erneuerungen, sondern sogar zu kleinen Ausgaben verwendet worden. Man könnte schon darum den Beklagten nicht unterschieben, daß ihre Auffassung gesetzwidrig gewesen ist. In kleineren Gesellschaften sdas von Privaten gegebene Aktien- kapital beträgt in diesem Fall nur 2,4 Millionen Mark) ist daS Di« videndeninteresse der einzelnen Aktionäre besonders stark. Außerdem haben bei der Eutin-Lübecker Gesellschaft die Regierungen von Oldenburg und Lübeck für Kapiral und Zinse» einer Anleihe von 2,861 Millionen Mark die Garantie übernommen und ihre Zuschüsse werden ihnen in Form von Aktien zurückgezahlt, so daß der Ein- fluß der privaten Gesellschafter stetig mehr zurückgedrängt wird. Bis das in weiterem Matze geschehen, suchen die Privatakrionäre durch Dividendenzahlung unter allen Umständen herauszuholen, was zu holen ist._ Hua der frauenbcwccfung. Das Dienstmädchen von Rixdorf. In dem Magdeburger Parteiblatt findet sich nachfolgender Brief einer Familie S. aus Rixdorf an eine Gesindevermieterin zu Magdeburg abgedruckt: Boddinstraße 66. IV. Neukölln. IS. 2. 12. Wir suchen auf l. März oder auch etwas früher ein älteres Mädchen für Küche und Hausarbeit. Dieselbe mutz einfach bürgerlich lochen können, von ansehnlichem Aeußern sein, voll- ständig gesund, ohne entstellende Zahnlücken, nicht rothaarig und mit gutem Dienstbuch versehen, nicht mit losen Zeugnissen. Lohn bis 25 M. Wäschefrau wird gehalten. Wir übernehmen ein Lebensmittelgeschäft, 26 Minuten mit Bahn von Berlin entfernt, in prachtvoller Gegend, ländlich gc- legen, im Sommer von vielen Fremden besucht. Wir sind Süddeutsche, seit 3 Jahren hier wohnend, nur könnte ein braves, anhangloses Mädchen sich gute Lebensstelle schassen. Meine Frau ist eine sehr tüchtige Hausfrau, recht guten Gemüts, die fleißig mithilft. Wir haben einen Jungen von 6 Jahren und ein Töchterchen von 16 Jahren. Mehrmals in der Woche essen zirka zehn Leute bei uns ?egcn Bezahlung, bei sehr einfacher Kost. Da sehr viele Reit- utscher bei uns kaufen, so können wir nur ein Mädchen ge- brauchen, welches ein weniger hübsches Gesicht hat, sich aus jungen Leuten nichts macht. Also bitte ein solches, das nicht besonders schön ist. Eine ausgesprochene Häßlichkeit soll's gerade nicht sein. Altec un- gefähr bis 26, aber kein unfreundliches, mürrisches Mädchen. sondern bescheiden, willig, freundlich! Es darf nur ein treues, ehrliches Mädchen fein. Beste Behandlung wird ihr zugesichert. Wen» sie Gartenarbeit noch könnte, wäre es noch besser. Reise wird vergütet. Muß aber bemerken, daß es ländliche Gegend ist, sog. Kolonie, aber auch Villenbesitzer wohnen darin. Bitte teilen Sic uns mit, was Sie für Gebühr verlangen. Ein Bild des betreffenden Mädchens wäre sehr erwünscht. Aber nur ein Mädchen wie beschrieben habe— sonst nicht! Dienstbuch bitte vorher einzuschicken! Reisegeld wird nur vergütet, wenn das Mädchen meinen Wünschen entspricht. Wir lassen auch den Kommentar unseres Parteiblatts folgen: Man begreift, daß in� die prachtvolle Gegend durchaus ein Mädchen gehört mit einer lückenlosen Zahnreihe und ohne roten Schopf. Damit sie die Reitkutschcr nicht in Versuchung bringt, darf sie nur ein loeniger hübsches Gesicht haben, anderseits aber die ästhetischen Gefühle der Leute nicht durch ausgesprochene Hätz- lichkeit verletzen. Wenn für 15 Personen täglich Essen bereitet werden muß, ist es nicht unbillig, wenn Willigkeit. Freundlichkeit, Treue und Ehrlichkeit verlangt wird. Dafür wird aber auch beste Behandlung zugesichert und als besondere Belohnung Gartenarbeit; wahrscheinlich nachts beim romantischen Mondenschimmer. Reich- lich entschädigt wird das Mädchen durch das Gefühl mit Villen- besitzern dieselbe Lust atmen zu dürfen. Die Klausel über das Reisegeld ist belanglos, denn es unterliegt gar keinem Zweifel. daß so bescheidene Wünsche, wie sie die Familie S. aus Neukölln hegt, mit Leichtigkeit befriedigt werden konnten. Ja ja, diese— Dienstboten!—_ Die weiblichen Mitglieder der Krankenkassen. Der Kreis der gegen Krankheit versicherten Personen hat in der letzten Zeit erheblich zugenommen. Bei allen Kassenarien zusammen stieg von 1885 auf 1916 die Zahl der männlichen Mitglieder von S'/z auf fast y'/s Millionen, das ist ungefähr auf das 28/4fache. Von 1906 auf 1910 betrug die Steigerung 722 472 Mitglieder oder 8,3 Proz. Relativ noch viel stärker wuchs aber die Zahl der weih- liche» Mitglieder an, nämlich von rund 3/t Millionen im Jahre 1885 auf 38/4 Millionen im Jahre 1910 oder auf rund das Fünffache. Besonders stark war das Anwachsen der weiblichen Mitglieder in den letzten Jahren. Seit 1906 belief sich ihre Zunahme auf 657 515 oder 22 Proz. Ans 100 männliche Mitglieder entfielen 1885 22,2 weibliche, 1906 34,4 und 1916 38,8. lieber diesen Durchschnitt hinaus geht die Zahl der weiblichen Mitglieder bei den Orlskrankenkasscn, bei denen auf die gleiche Zahl männliche 43,3 weibliche Mitglieder kommen. Sehr verschieden ist der Anteil der weiblichen Mitglieder in den einzelnen B n n d e s st a a t e n. Auf 106 männliche Mitglieder kamen im Jahre 1916 weibliche Mitglieder in Berlin 62,4, Königreich Sachsen 55,1, Baden 53,9. Dagegen in Ostpreußen 27,0, West- Preußen 24,6, Posen 20,5 usw. Die Zahlen zeigen, in welchem steigenden Maße in den industriell fortgeschrittenen Gegenden die Frauen in die Erwerbsarbeit hineingezogen worden sind. Bei den Frauen, die krankenversicherungspflichtig sind, handelt es sich speziell um solche, die in Gewerbebetrieben gegen Gehalt oder Lohn be- schäftigt werden, sich also in gewerblicher abhängiger Stellung be- finden. Wenn sich die Statistik der Krankcnversicberung erst einmal auf die Dienstboten, Hausgewerbetreibenden usw. mit erstrecken wird, dann wird die Zahl der tätigen Frauen noch weit mehr hervor- treten. Sembts- Reitling. Mädchenraub. Zwei gemeingefährliche Mädchenhändler, die zwei 14- bezw. 15jährige Mädchen verschleppt hatten, wurden gestern von der 3. Strafkammer des Landgerichts l zu mehrjährigen Zuchthaus. strafen verurteilt. Aus der Untersuchungshaft wurden der an- gebliche Artist und Bautcchniker Johannes Hedorfer und der Tech- nikcr Richard Prokop, beide aus Wien, vorgeführt. Anfangs Januar d. I. verschwanden aus Wien zwei 14 Vi- bezw. 15jährige Mädchen, die Töchter sehr anständiger Eltern. Die Ermittelungen der Wiener Kriminalpolizei führten nur zu der Verantwortlicher Redakteur:"Albert Wachs, Berlin. Für den Feststellung, daß die beiden Rädchen in Begleitung zweier Männer vom Nordbahnhof aus abgefahren waren. Zum Glück war es möglich, von diesen beiden Männern eine ziemlich genaue Personal- beschreibung zu erlangen, die sofort an sämtliche Polizeibehörden von Deutschland und des Auslandes weitergegeben wurde, da der dringende Verdacht vorlag, daß jene Männer gefährliche Mädchen- Händler waren. Die Berliner Kriminalpolizei gab deshalb be- sondere Anweisungen an die auf den Bahnhöfen und in der Fried- richstraße tätigen Beamten. Inzwischen war bei den Eltern der Mädchen in Wien ein in Berlin abgesandter Brief eingelaufen, in welchem diese baten, ihnen doch postlagernd an ein hiesiges Postamt ihre Papiere einzusenden, da sie in der Lage seien, im Auslande eine gute Stellung anzunehmen. Das betreffende Post- amt wurde auf Ersuchen der Wiener Polizeibehörde sofort scharf beobachtet, nachdem hierher ein fingierter Brief aus Wien ab- gesandt worden ivar. Die beiden Verbrecher mußten jedoch wohl Verdacht geschöpft haben, denn die Obscrvierung des Postamts, die mehrere Tage hindurch fortgesetzt wurde, blieb ohne Erfolg. Eines Abends, Mitte Februar d. I., bemerkte der Kriminalwachtmeister Faber in der Bahnhofstratze am Anhalter Bahnhofe zwei Leute, auf welche das Signalement der beiden Wiener Verbrecher paßte. Er redete sie auf gut Glück unter Nachahmung des Wiener Dia- lekts an und erzählte ihnen, daß er soeben aus Wien angekommen sei, um hier Lcgitimationspapiere abzugeben, die er aus Gefällig- keit mitgenommen habe. Die beiden Männer gingen auch gleich in die Falle und zeigten großes Interesse für die Legitimations- papiere. Der Kriminalbeamte bezweckte mit dieser Erzählung ledig- lich, die beiden Leute aus der dunklen Bahnhofstraße heraus und in die Nähe der anderen Beamten zu bringen. Dies gelang auch und auf einem heimlichen Wink war ein anderer Kriminalbeamter zur Stelle, mit dessen Hilfe die beiden festgenommen wurden, nach- dem sie sich verzweifelt gewehrt hatten. Auf die unvermutete Frage, wo die beiden Mädchen sind, gaben die Verhafteten ein Pensionat in der Nähe an, tvo die beiden inzwischen zu Dirnen gewordenen Mädchen auch gefunden wurden. Die weiteren Er- Mittelungen ergaben, daß die beiden Verhafteten, die jetzigen An- geklagten, die Mädchen unter der Vorspiegelung, ihnen gute Stellungen zu verschaffen, aus Wien entführt und sie dann hier unter Drohungen und Schlägen auf die Straße getrieben hatten, wo sie für die späteren Zwecke„angelernt" werden sollten. Den Verdienst von 86 bis 160 M. pro Tag mußten sie an die Auge- klagten abliefern, die sie auf Schritt und Tritt verfolgten, um sie völlig unter ihrem Einfluß zu bringen. FWmer stellte es sich her- aus, daß die Kriminalpolizei keinen Augenblick zu früh gekommen war. Denn die Angeklagten hatten schon olle Vorbereitungen ge- troffen, um nach London abzudampfen, wo die beiden Mädchen. wie vermutet wird, an ein öffentliches Haus verkauft werden 'ollten.— Die beiden Mädchen, die noch zum Glück vor diesem Schicksal bewahrt blieben, wurden von den Behörden an die öfter- reichische Grenze geschafft, wo sie von ihren Eltern in Empfang genommen wurden. In der gestrigen Verhandlung beantragte der Staatsanwalt [e 1% Jahr Gefängnis. DaS Gericht ging jedoch mit Recht weit über diesen Antrag hinaus, da die Angeklagten in dem dringenden Verdacht ständen, gewerbsmäßige Mädchenhändler zu sein. Wegen Entführung gemäß§ 237 des Strafgesetzbuches und schwerer Kup- pelei lautete das Urteil gegen Hedorfer auf 4 Jahre Zuchthaus und gegen Prokop auf 3 Jahre Zuchthaus, sowie je 5 Jahre Ehr- Verlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Unterschlagungen bei der Deutschen Bank in Höhe von zirka 4V 666 M. wurden dem Buchhalter Ernst Weber zur Last gelegt, welcher gestern der 7. Strafkammer des Land- gerichts I vorgeführt wurde. Der Angeklagte war seit mehreren Jahren in der Depositen- hauptstelle der Deutschen Bank angestellt gewesen. Da er über eine Verhältnisse hinaus gelebt hatte, war er in Schulden ge- raten, die ihn schließlich auf die schiefe Eben« führten. Er unter- lchlug erst einen kleineren Betrag, den er zur Deckung seiner Schulden verwandte. Als er sah. daß diese Veruntreuung unent- deckt blieb, eignete er sich einen größeren Betrag a». Als die Unterschlagungen schließlich zur Entdeckung kamen, hatten sie die Höhe von über 46 666 M. erreicht.— Staatsanwalt Dr. Graßmann beantragte mit Rücksicht auf den von dem Angeklagten verübten schweren Vertrauensbruch eine Gefängnisstrafe von einem Jahre, auf welche das Gericht auch erkannte. Polizeiherrschaft. Wenn die Polizei anordnet und befiehlt, dann hat das Publikum ich jeder Kritik zu enthalten und unbedingt Folge zu leisten. Das ist die Meinung der Polizei, und immer wieder stimmen Gerichte ihr darin zu. Ein Einwohner von Neukölln hat es schwer büßen müssen, daß er anderer Meinung war. Am 18. November, abends zwischen 6 und%8 Uhr, hatte in Neukölln die Polizei den Hermannplatz in beträchtlichem Umfang abgesperrt, weil im Hause Hermannplatz 5 die Feuerwehr einen Brand löschen mußte. Noch vor dem Hause Nr. 9 stand Polizei und bewachte den Eingang zu der Apotheke, die sich hier befindet. Ein Arbeiter Kluczynski, der für seine erkrankten Kinder eine Arzenei anfertigen lasten sollte, hielt eine so weitgehende Absperrung iür eine unnötige Belästigung. Wie andere Personen aus dem ßublikum, so äußerte auch er in erregten Worten seinen Verdruß über die ihm bereiteten Schwierigkeiten. Infolgedessen wurde er schließlich von einem Schutzmann festgehalten und trotz Angebots einer Legitimation auf Anordnung des Polizeileutnants Schnorren- pfeil zur Wache geführt, wo er auf Anordnung desselben Leutnants fiir eine halbe Stunde in die Zelle gesteckt wurde. Ansang Februar verurteilte dann das Amtsgericht Neukölln den Arbeiter Kluczhnski zu 36 M. Geldstrafe wegen groben Unfugs durch ruhcstörenden Lärm, zu 26 M. Geldstrafe wegen Nichtbefolgung der Aufforderung weiterzugehen, zu zwei Wochen Elefängnis wegen Beleidigung des Polizeileutnants Schnorrenpfcil. Eine Beleidigung wurde darin erblickt, daß Kluczhnski auf der Straße in Gegenwart des Leutnants die von diesem angeordnete umfaugreiche Absperrung als„Blödsinn" bezeichnet und später aus der Wache einem Schutz- mann gesagt habe:„Der junge Leutnant versieht ja gar nichts!" Hier wird mancher sich erinnern, daß in Berlin bei den„Moabiter Unruhen", wie vor Gericht festgestellt worden ist. Polizisten gegen Personen aus dem Publikum unflätige Schimpfworte gebraucht haben. Es ist immer wieder«ine wahre Freude zu sehen, daß es auch zarter besaitete Polizeibeamte gibt, die viel weniger schlimme Worte schon als schwere Beleidigung empfinden. Auf Kluczynskis Berufung gegen das ihn verurteilende Amts- gerichtserkenntnis hatte gestern das Landgericht Berlin II durch die Strafkammer 2 jenes Urteil nachzuprüfen. Der Angeklagte, der sich selber verteidigte, gab die Aeußerung„So eine blödsinnige Absperrung!" zu. Er bestritt aber die Aeußerung„Der junge Leutnnant versteht ja gar nichts!" und versicherte, nur gesagt zu haben:„Der liebe junge Herr scheint erst voriges Jahr vom Militär losgekommen zu sein, der scheint nicht zu wissen, wie er an- ständige Menschen zu behandeln hat." Ueber den Transport zur Wache gab Kluczhnski vor Gericht an, unterwegs habe der Schutz- mann Timm ihn aufgefordert, die Zigarre aus dem Munde zu nehmen, und habe, als Kluczhnski das nicht tat. ihm angedroht: „Dann schlage ich sie Ihnen aus dem Maul raus!" Die Beweiserhebung bestand hauptsächlich wieder i» der Ver- nehmung der beteiligten Polizeibeamtcn. Ter für jene Absperrung verantwortliche Polizeileutnant Schnorrenpfcil erzählte, auf dem Hermannplatz seien Tausende von Menschen versammelt gewesen. Als der Vorsitzende daran erinnerte, daß Zeuge in der Verhandlung vor dem Amtsgericht von Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts „fünf kaufend" gesprochen ssave, kortigkerte et:„Mehrere laufetä. Kluczhnski sei chm von Anfang an dadurch aufgefallen, daß ex „ohne jede Veranlassung sich fortwährend vordrängte". Der Bar- sitzende fragte nicht, woher er denn wisse, daß Kluczhnski daS „ohne jede Veranlassung" getan habe. Zeuge versichert«, Kluczyns» habe mit der Bitte, durchgehen zu dürfen, sich weder an ihn noch an irgendeinem anderen gewandt, sonst wäre er ohne werterS durch- gelassen worden. Die Sistierung sei nötig gewesen, weil die Legi» timation auf der Straße angesichts der Menschenansammlung nicht geprüft werden konnte. In die Zelle habe man Kluczhnski stecken: müssen, weil er auf der Wache lärmte, so daß man nicht tele» phonieren konnte... Schutzmann Timm bekundete, Kl. habe nicht«fordert, rn die Apotheke hineingelassen zu werden. Später gab Zeuge auf noch» maliges Befragen die Antwort:„Mir ist nicht bewußt, daß er mir sagte, er wolle hinein." Gegenüber der Beschuldigung, datz Kluczhnski während der ganzen von 6 bis Uhr dauernden Absperrung auf dem Platz verweilt habe, bot dieser Beweis dafür an, daß er noch um Uhr in der Turmstraße gewesen sei, also nicht schon um 6 am Hermannplatz gewesen sein könne. Timnr bestritt, zu Kluczhnski gesagt zu bähen, daß er ihm die Zigarre „aus dem Maul schlagen" werde. Er habe nur angedroht, daß er sie„gewaltsam entfernen" werde. Die Vorgänge auf der Wache schilderte Schutzmann König. Der Angeklagte habe gelärmt und geschimpft und auch bei seiner Eni- lassung sich noch renitent benommen, indem er sich weigerte, durch eine ihm bezeichnete Tür zu gehen. Der Vorsitzende sagte dem Zeugen, Kluczhnski habe das damit erklärt, daß er am Ausgang noch Prügel zu bekommen fürchtete.„Ausgeschlossen!" antwortete Schutzmann König. Vernommen wurde noch eine Frau Loosen, die mit ihrem' Bruder, dem Arbeiter Schilling, ihre im Hause Hermannplatz 9 wohnende Mutter hatte besuchen wollen und erst nach einigem Hin und Her durchgelassen worden war. Kluczhnski beantragte, noch zwei in der Apotheke tätige Personen zu laden, die bekunden würden, daß sie selber sich über die Absperrung der Apotheke be- schwert hätten. Das Gericht hielt das nicht für nötig und gelangte in Ueber- einstimmung mit dem Staatsanwalt zu dem Urteil, daß es bei den festgesetzten Strafen— 36 M. für Lärm, 20 M. für Nichtbefolgung, zwei Wochen für Beleidigung— verbleiben müsse. Die Begründung des Urteils attestierte der Polizei, daß sie„vollständig korrekt ge- handelt" habe._ Hiis aller GHelt. Die Grubenexplofio« in Westvirginie«. Die gestern von uns gemeldete Explosion in dem Berg- werk von B l u e f i e l d s ist in ihren Wirkungen noch furcht- barer, als die erste Meldung erscheinen ließ. Von 92 Ar- beitern, die sich zur Zeit der Explosion im Schacht befanden. konnten nur zehn Arbeiter lebend gerettet werden, während die übrigen 82 bei der Kata- strophe den Tod fanden. Das entsetzliche Unglück bedeutet eine neue furchtbare Anklage gegen den mangelnden Arbeiterschutz in den nordamerikanischen Bergwerken. Die schrankenlose Ausbeutung der zumeist ein- gewanderten Bergsklaven führt fast in jeder Woche zu schweren Massenunglücken. Ist doch erst am 21. d. Mts. in einem Bergwerk in Mac Curtin im Staate Oklahama durch eine Explosion etwa die gleiche Anzahl Bergarbeiter tödlich verunglückt. Hoffentlich peitschen die beiden letzten Kata- strophen endlich die Gesetzgebung und die Auffichtsbehörden auf, nicht nur die Interessen der Grubenbesitzer wahrzunehmen, sondern sich auch in etwas an den Schutz von Leben und Gesundheit der Arbeiter zu erinnern. Die Suche«ach den Autoapachen. Die Nachforschungen der Sicherheitsbehörde nach den Automobil- banditen blieben bisher vollständig erfolglos. Man will die Verbrecher an den verschiedensten Orten gesehen haben. Aber alle Angaben erwiesen sich als unrichtig. In D ü n k i r ch e n wurden gestern abend vier Leute angehalten, die eine gewisse Aebn« lichkeit mit den Automobilisten hatten. Es stellte sich jedoch her- aus, daß es vier bekannte Flieger waren, die in Dünkirchen eine Fliegerschule errichten wollen. In Mery, Departement Oise, wurde gestern abend der Pariser Schnell- zug von der Gendarmerie und einer bewaffneten Volksmenge um- ringt, die„Schlagt sie tot!" rief. In dem Zuge be« fanden sich drei Automobilisten, die in Val Mondois ihren Wagen verlassen und den Zug bestiegen hatten, was zu den: Gerücht Anlaß gegeben hatte, daß sie die gesuchten Automobilisten seien. Die Reisenden wiesen aber nach, daß sie friedliche Kaufleute seien. In einem Orte bei Paris wurde der Karabiner ge- funden, mit dem die Banditen nach der Bluttat ihre Verfolger ab- hielten. Die Nachforschungen ergaben, daß dieser Karabiner auS einem am 24. September 1911 bei einem Waffenschmied in der Rue Lafayette verübten Einbruchsdieb st ahl herrührt, als deren Urheber vor einiger Zeit der Anarchist K i b a l t s ch i ch und die verantwortliche Redakteurin der Zeitung«Anarchiste", Frau M a i t r e- j e a n, verhaftet wurden._ Wieder zwei schwere Skinnfälle. Wie aus Kufstein gemeldet wird, unternahmen der Amts- richter Weiß. AmtSgerichtösekretär M e i n d l und Ingenieur P i ch l e r aus J�r g o l st a d t am Sonntag eine Skisahrr von K i tz b ü h e l auf den P e n g e l st e i n. In der Höhe setzte ein furchtbarer Schnee st ur in ein. Weiß brach infolge von Ueberanstrengung bewußtlos zusammen. Seinen Begleitern gc- lang tS nach zweitätigen großen Anstrengungen, Kufstein zu er- reichen. Mittwoch früh ist eine Expedition auf die Suche nach Weiß abgegangen, der aller Voraussicht nach bereit« tot ist. Aus Graz meldet ein Telegramm, daß eine Gesellschaft Wiener Skiläufer, bestehend aus drei Herren und einer Dame, die inS Hochschwabgebiet gegangen Ivar, vermißt wird. Eine Rettungsexpedition ist auSgeschickr worden. Kleine Notizen. Raubmord. In Siebte n(Provinz Sachsen) ist am Dienstag nachmittag die HändlerSwitwe Schumann von einem entfernten Verwandten namens Rabenelt aus O b e r f a r n st e d t bei Ouer- furt ermordet worden. Dem Täter sind 216 M. in die Hände ge- fallen. Er soll in der Richtung ans Halle entkommen sein. Der Schutzmann als Einbrecher. Das Landgericht in Aurich bat am Mittwoch zum zweiten Male gegen den S ch u tz m a n n G l a» ß aus Wilhelmshaven verhandelt wegen der zwei im Herbst vorigen Jahres ausgeführten Einbruchsdiebstähle, die bei der Ver- Handlung am 9. März noch nicht spruchreif waren. G l a n ß wurde verurteilt zu einer Zusatzstrafe von einem Jahre, so daß er im ganzen sieben Jahre Zuchthaus zu verbüßen hat. Bier Menschen verbrannt. In der englischen Ortschaft D a r t- m o u t b zerstörte eine FeuerSbruust ein Arbcitcrwohnbaus, wobei eine Frau mit ihren drei Kindern verbrannte. Ein viertes Kind hatte die Frau a»S dem Fenster auf die Straße fallen lassen, wo es mit schweren Ver- l e tz u n g e n aufgehoben wurde. Bei den Löscharbeiten sind außer» dem mehrere Personen verletzt worden. Racheakt gegen einen Rittmeister. In einem Grenzort de? russischen Gouvernements Olonetz erschossen z w e i S o l d a t e n der Grenzwache ihren Kommandeur, Rittmeister M a t s ch e w S k i. Der Rittmeister hatte gegen die Soldaten wegen eines geringfügigen Vergehens st r e n ge Strafen verhängt. Bukhdruckeret n. VerlagSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. 5,. 74 29. wrp., 2. Keillige des„Mmarts" Kerliller MlksdlM. � —— M»—— �,............................ umnnr— tti»II........... il Hbgeordnetenhaus. 46. Sitzung. Mittwoch, den 27. März, vormittags 10 Uhr. Am Ministertisch: Lentze, v. Trott zu Solz. Eine von der Pelitionskommission als ungeeignet zur Er- örternng ini Plenum erklärte Petition des Preußischen Landesvereins für Fraueustimmrccht auf Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für beide Geschlechter wird auf Antrag der Abgg. G Y tz l i n g lVp.) und Dr. Friedberg snatl.) als zur Erörterung geeignet der P e t i t i o n s k o m», i s s i o n zur Berichterstattung überwiesen. Ein von allen bürgerlichen Parteien eingebrachter Antrag auf Beschließimg eines Etats notparagraphen infolge der späten Einberufung deS Landtages, die die rechtzeitige Verabschiedung des Etats unmöglich macht, geht an die Budgetkommission. In der Debatte über den Antrag begründet Abg. H o f f m a n n kurz, den ablehnenden Standpunkt der Sozialdemokraten. Die zweite Lesung des Kultusetats wird fortgesetzt beim Kapitel Kunst und Wisscuschaft. Abg. v. Goßlcr sk.): Die Musik, für die nur 400 000 M. aus» geworfen sind, wird vom Ministerium stiefmütterlich behandelt. Wir erkennen die Leistungen der Hochschule für Musik an, verdammen aber die Musikwarenhäuser, wie„Konservatorien" usw. Abg. Dr. Pachnicke wünscht, daß der Staat mehr für die Kunst tue. die den Form- und Farbensinn entwickele und daher auch von wirtschaftlicher Bedeutung sei. Er bespricht den Raummangel im Berliner Museum für Naturkunde und fordert für den B o t a n i s ch e n G a r t e n in Dahlem eine Besuchszeit, die den Massen den Besuch ermöglicht. Abg. Dr. Arning(natl.) wünscht gleich dem Vorredner ein Gesetz Über die Ausgrabungen. Kultusminister v. Trott zu Splz dankt für die Spenden der Ost- ofrikaexpedition und kündigt an. daß die dort gemachten Funde der Wissenschaft und der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollen. Mit dem Neubau des Bölkerkundemuseums wird hoffentlich in abseh- barer Zeit begonnen iverden können. Abg. v. Gescher(k.) ersucht, die Museen an Sonntagen von >/,12 bis zur Dunkelheit offenzuhalten. In der gegenwärtigen Zeit sei es von größter Bedeutung, das ästhetische und sittliche Niveau der breiten Massen auch durch die Museen zu heben. Abg. Dr. Crüger-Hagen(Vp.) wünscht eine Revision der Auf- nabmebedingungen der Kunstschule, die doch dem Kunstgewerbe und Handwerk nützen solle. Abg. Dr. Lohmann(natl.) teilt mit, daß die königl. Bibliothek in Berlin ihre Hilfsbibliothekare mit 100 M. monat- lich entschädige, weil eS genug Anwärter gäbe I Ein Kommissar: Darin muß man der Bibliothek einige Freiheit lassen. Abg. Kindler sVp.) tritt für die Errichtung einer Universität in Posen ein. Die Befürchtung, daß sie einen Mittelpunkt anti- deutschen Treibens werden könnte, sei hinfällig. Die Straß- b u r g e r Universität ist doch auch eine Hochburg des Deutschtums l Abg. Winckler(!.): Wenn eine Universität für den Osten er- richtet werden wird, dann in Frankfurt a. O., Danzig oder Marien- bürg. Posen würde nur für Polen Anziehungskraft haben. Abg. Kindler sVp.): Logisch wäre nur der Ausbau der Posener Akademie zu einer Universitär. Abg. Menke(Vp.); Es ist höchste Zeit für ein Gesetz zum Schutz der Naturdenkmäler! Der Redner begründet einen entsprechenden Antrag. Abg. Ecker-Winsen snatl.): Das ist auch unsere Meinung, aber die Sache ist schwierig. Auch ein Ausbau des Vogelschutz- g e s e tz e S ist sehr wichtig, der Vogelfang sollte von dem Besitz eines Jagdscheins abhängig gemacht werden. Abg. Dr. Hauptmann(Z.) steht dem Antrag Menke sympathisch gegenüber. Abg. Frbr. v. Wolff-Metternich(Z.): Ein hinreichender Vogel- schütz ließe sich vielleicht auch schon durch Erlasse ohne Aenderung des Vogelschutzgesetzes erreichen. Die Abgg/ Winckler sk.) und Ramdohr sfrk.j treten gleichfalls für den Antrag Wenle ein. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Die moderne Entwickelung bringt eine weitgehende Vernichtung von Naturschätzen mit sich. So notwendig der Naturschutz ist. so hat andererseits doch auch die Jugend ein Recht darauf, sich mit der Natur durch Sammeln von Pflanzen und Fangen von Tieren in engere Beziehung zu setzen. Um auch diesem Bedürfnis der Jugend entgegenzukommen, könnten vielleicht besondere Naturschutz- gebiete zu solchen Zwecken reserviert werden. Bei der Erhaltung von Naturdenkmälern mutz dafür gesorgt werden, daß auch die Um- g e b u n g dieser Denkmäler in thrcr ursprünglichen Form geschützt wird. Wir stimmen den. Autrag W e n k e gern zu und erwarten, daß die Regierung sich auf seinen Boden stellt. Der Antrag Wenke wird der Agrarkom Mission über- wiesen. Abg. Schreiner sZ.) tritt für die weitere Ausdehnung der gesetz- lichen Regelung der Ausgrabung von Altertümern ein. Abg. Wolff-Metternich sZ.) unterstützt diese Anregung, mahnt aber zur Vorsicht, damit die Bevölkerung von solchen Ausgrabungen Vicht abgeschreckt werde. Beim Kapitel„Technisches Unterrichtswesen" fordert Abg. Dr. BellH VIS 7Va Uhr abends, Sonnabends, von iV> bis 6 Uhr abendS statt. Jeder für den Brirslasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mertjetchen teizufüge». Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine Abonnementsquittnng beigefügt ist, werde» nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man tu der Svrechstundc bor. .ady Windermeres Fächer syhineiF:Theater Donnerstag, abends 8 Uhr: Gräfin lica. Freitag, abends 8 Uhr: Fmllia Galotti. Sonnabend, abends 8 Uhr Zum erstenmal: Der scharfe Junker. öerüner TKester. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. Abends 8 Uhr: Die 5 Frankfurter. Neues Theater. AbcudS 8 Uhr: Der liebe Augnsti«. Sonnt.31/. Uhr: 0er Vogelhändlef. Residenz-Theater. Direktion Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Alles für die Firma. Schwank in 3 Akten von M. Hennequiu und G. Mitchell. Für die deutsche Bühne bearbeitet von Bolten-Baeckers. Morgen u. solg.Tage: Illee 1. d. Firma. Metropol-Theater. Abends 8 Uhr: Rauchen gestattet. Die Nacht von Berlin! Große JahreSrevue in 7 Bilden, von Jul Freund. Musik von B. Holländer. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Luisen-Theater. Donnerstag: Die Rose v. Japan. Freitag: Alles durch die Liebe. Sonnabend nachm. 4 Uhr letzte Kindervorstellung: Sneewittchen. Abends: Die Rose von Japan. osc-inc/iie Große Frankfurter Str. 132. Abends 8 Uhr: Der Gefangene von Zenda. Morgen und solaende Tage: Der Gefangene von Zenda. Sonnabend 4 Uhr: Frau Holle. Ab 3 Uhr DM- Letzte Woche~0> der grossen komischen Novitäten Oscar und 8uiette moderne Tänzer lios No. 33 usw. MMIS Ein neuer Sensationserfolg = Nie man= Männer bessert. 1 2 Akte von Anton u. Donat Herrnfeld 1 mit den Autoren in den Hauptrollen. Hierzu die Novität: Der Hjaustenfel. Ansang 8 Uhr. Billettvorverkaus 11—2(Theaterkasse) mS Das lGeister=| lenster. Das weiße Geheimnis. | Hella, die schänste Tänzerin RuBlands. Schneider-Duncker und das große März- Programm! <- N Iiessing- Theater. Sonntag, den 7. April(1. Osterfeierfag): £xti*a-V or Stellung. Hauptmann: Einsame Menschen. Einlaßkarten a M. 1,30 in allen ZahlsteUen. Thalia-Theater Schönthan: Der Raub der Sabinerinnen. £essing- Theater 8,, 14., 21. April: Wenn der junge Wein blüht. �bendabteilungeti Frederich: Das Familienkind. Neues Schauspielhaus Calderon: Das IM ein Tram Residenz-Theater Emil Augier; Die arme Jterrnfeld-Theater Sven Lange Simson und Deliia. MM- Die Hitglieder d. Hachmlttaceabtoiliuisen können zu den KontasabendvorHtelliuieea im Neuen Schauspielhause Gastkarten a 1.30 M. beim Obmann im Theater(7—8 Uhr) erhalten. 242/12 u. s.: (Ciaire Vallentin) im Drama„Der Unbekanate'- „Clou« Berliner Konzert«Haus. Mauerstr. 82__ Zimmeratr. 90/91. Heute: 3 Kapellen. Musikc. d. 5. Grde.-Regt«. z. F. Dirig. Oberin. Tacbätach Musikc. d. 1. Grde.-Drag.-Eegts. Dirig. Obenn. Baarz und til Zillertbaler and Tegernseer Sänger, Plattler and Jodler!!! Anfang 8 Uhr. Anfang 8 Uhr. An allen'Woehentagren nachm.: Pro menaden-Konaert bei freiem Eintritt Heute: Musikc. d. 2. Grde.-Regto. z. F. Ding. Obenn. Oraf. arrasaml Sehönhanser illee. Telephon: Nord 4100.| [�wenige Tage in Berlin Allabendlich 7'/* Uhr: | GalaYOFSteliungen Sonnabend, Sonntag und| Mittwoch: je 2 Vorstellungen. Galerie 40 Pf., III. Platz 70 Pf., II. Platz I L» M., I. Platz 2 M., Parkett 3 M. Logensitz 4 M. Vorverkauf a. d. CirQus- 1 kasse und an sämtlichen 1 | BiUettverkaufssteUen von| A. Wertheim. Zirkus Busch Donneretag, den 28. März 1912, abends 7'/, Uhr: 7'/, Uhr?'/, Uhr Beginnt die Vorstellung mit der Pantomime „Die Hexe". Darauf das rroBe eala-Prosram ]. a.: Die Orpingtone. Herr Gl. Burkhardt■ Foottit, Schulreiter. Herr Ernst Schumann mit den neuesten Freiheitsdressuren. Um 9'/, Uhr-: Die grofien Entscheidungsring- kämpfe der letzten Woche! Seorg Die des Kapitäns Scott. im Ruhrgebiet. Bilder vom Folies Capriee. Täglich 8'/. Uhr: Die öailbn-öchlagcr Der Polizeihund. as Broadway-Girl. Concordia- Festsäle. Inh.: M. Wandt 4 A. Schütze. 64 AndreasatrsBe 64. Jeden Donnerstag: Große Soiree d. allgemein beliebten und bekannten Wnm Sänger. Direktion Fr. Fanther Heute: Wir von der Kavallerie. Lustspiel in 1 Akt. Anfang 8 Uhr. Soaiereer: TM-TSUZ. Vorzugskarten haben Gültigkeit. liebend! liebend! Hede, das Löwen- mldchen. Das Mädchen mit dem Slähnenhopf. Halb Mensch— halb Animal. Da. blaoe Weib. Die Frau in der Kanne. Ohne Extra-Enfree! Casino-Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. - Novität! G O A Sonntag, den 31. März, nachmittags 2ll3 Uhr, im Konzertsaale der Brauerei Friedrichshaio(Lipps), am Königstor: Große Jugendfeier Der neue Mellschlager Die lustige Strohwitwe. Posse von Misch und Jacoby. Sonnt, d'/s! Trudeheni Somit)«rrcise. für die schulentlassene, arbeitende Jugend. Frau Klara Zetkin(Festrede).— Herr J. Klein vom Deutschen Theater(Rezitation).— Herr B. Tobias(Orgel).— Herr P. Weschko(Posaunenquartett).— Vereinigte Thilosclie Chöre unter Leitung ihres Dirigenten Herrn Thilo. ■ Der Eintritt ist frei.■ Raoelien ist nielit gestattet, iueb dar! während der Vorträge im Saale nicht serviert werden. MitwiMe Urania. Wiseenschaftlichee Theater. 8 Uhr Dr. Ed. Hemüg: Die iusgrabiiDgen meltlieher Riesenrepi'eniflDtseh.-DstalrilM. dofsdamer*-' dt atz o Zirkus A. Schumann Heute Donnerstag 7Vt Uhr: Die besten Badkünstle* 5 Auroras 5 mit ihrem lebenden Roulette sowie Auftreten d. 3 Orarias a . Dir. Albert Scbnmann sowie alle übrigen Speziaiitlten Dm 9 Uhr: Beginn des bis letzt nnMertreffs. nen, einzig daetehenden Aus. stattungsstückes Das Hotorpferd in 5 Akten. GreBe SchiuSapolheose mW neeb nie dagewesenen Effekten. Trianon Theater. Heute: Geschloffen. Freitag zum erstenmal: Der Ghe» mnun am Fenster. Hieraus: Ein angebrochener Abend. Köntystadt-Iasioo. Ecke Holzmarkt- u. Al eranderstraße Täglich- Ein ftdeler Rechtsanwalt und Bruder Julius. Außerdem 6 erstkl Glanznummern . Ans. 3Hhr. Sonnlago>/� Uhr. Mittw., Scmnab. SoNnt,: Danz. Boigt-Theater. Donnerstag, den 28. März ISIS, Gastspiel in PutilmMJis Theater, Glückliche Heirat. Komödie in 3 Aufzügen von Bayard. Kasseneröffnung 7, Ansang 8'/, Uhr. Ileietishallen-Tlieater. Stettiner Sänger 5* um Scblufe: Sine Hochzeit in der Müllerstrasse. BurleSke von Meysel. Ansang woc" 8 Uhr. Sonntag 7 Uhr. ülkles fö8t-8gle venoewltSstrsLe KZ« Jeden Donnerstag: CanzkränzcßeR bei freiem Entrce_ C. KlBle. A AmDofatibodl Allabendlich: Tänze auf d. Eise. Die kleine Charlotte.| Weltmeister Bror Meyer. Oas prächtige Eisballett Alpenzauber. Nachmittags: Kunstlauf- Prodnktlonen. Bis 6 Uhr und von 10'/, Uhr abends halbe Kassenpreise. Aar»en Inhalt der Jnieraee �vernimmt die Redaktion de» vulNitn» gegenüdet XÜMXÜtl Commerz- and Diseonto-Bank. M. 7 717 481.72 6 869 745.19 73 792 939.98 25 946 227.24 105 966 576.81 22 498 523.10 Bilanz per ZI. Dezember 1911. AJcttva. Kasse, fremde Geldsorten und Zinsscheine..... Guthaben bei Noten; und Clearingbanken.... t Wechsel und unverzinsliche Schatzanweisungen: a) Wechsel und unverzinsliche Schatzanweisungen des Reichs und der Bundesstaaten M. 72 356 346.39 b) eigene Akzepte........ 1 436 593.59 Nostroguthaben bei Banken und Bankfirmen.... Reports undLombards gegen börsengängige W ertpapiere Vorschüsse auf Waren und Warenverschiffungen,, davon am Bilanztage gedeckt: a) durch Waren, Pracht- oder Lagerscheine...... M. 12 221 628.86 b) durch and. Sicherheiten 1 606 609,81 Eigene Wertpapiere: a) Anleihen und verzinsliche Schatzanweisungen des Reichs und der Bundesstaaten... 7 221 742.23 b) sonstige bei der Reichsbank und anderen Zentralnotenbanken beleihbare Wertpapiere........ 1620 359.45 c) sonstige börsengängige Wertpapiere 19 834 88250 d) sonstige Wertpapiere...... 2 433 910.65 31110 894.83 Konsortialbeteiligungen............. 15 694 790.66 Lauernde Beteiligungen bei anderen Banken und Rankfirmen............... 10 999 740.— Debitoren in laufender Rechnung: a) gedeckte........... 140670533.17 b) ungedeckte........... 50 441 352.32 191 III 885.49 Außerdem: Aval- und Bürgschaftsdebitoren...... 21 638 014.31 Bankgebäude und Inventar in Hamburg, Berlin, Kiel, Hannover und Altona...»....... 7 475 000.— Sonstige Immobilien......... 3 592 846.78 abzüglich Hypotheken..... 1 571 700— 2 021 146.78 Heberschuß der Aktiva über die Passiva der am 9. Dezember 1911 von uns übernommenen Credit- und Spar-__ Bank, Leipzig... 9 924 9S.08 601204 951,80 Paeelva. Aktienkapitel Reservefonds T................ Reservefonds II....«»»»....»»»» Talonsteuer-Rückstellung»».»»»...... Kreditoren:«» a) Nostroverpflicbtungen...... 7 468 633.50 b) seitens der Kundschaft hei Dritten benutzte Kredite........ 4 793 15458 c) Guthaben deutscher Banken und Bankfirmen.......... 32 354 50353 d) Einlag. auf provisions freier Rechnung 1. innerh- 7 Tagen fällig 62 404 779.44 2. darüber hinaus bis zu 3 Monaten fällig... 41 941 233.54 3. nach 3 Monaten fällig 13 873 649.96 118 219 662.93 e) sonstige Kreditoren L innerh. 7 Tagen fällig 75 080 189.12 2. darüber hinaus bis zu 3 Monaten fällig... 69 117 031.60 3 nach 3 Monaten fällig 8 430 97881 152 628 199 43 Akzepte und Schecks:_____ a) Akzepte.....»..».»» 77 532 828.83 b) noch nicht eingelöste Schecks,.. 1 704 032 60 Außerdem: Aval» und Bürgschafts- Verpflichtungen.... 21 638 014.31 Eigene Ziehungen... 2 381 500.— davon f. Rechn. Dritter 1 533 750.— Beamten-Pensions- und Unterstützungslonds»..» Dividenden-Rückstände............. Reingewinn 85 000 000.- 8 500 000.- 4 700 000.- 177 500.- 315 464 153.97 79 286 861.43 1253 039.18 9 487.— 6 813 910.22 M 501 204 951.80 Gewinn- und Verlust-Rechnnng für das Geschäftsjahr 1911. Aimc*�0» Unkosten...». Steuern..... Abschreibung auf Bankgebäude und Inventar.... Reingewinn...» M. 6778 66452 486 848.76 458 09209 6 813 910.22 MT ÜWSii.59 RuBburi, den 26. M&ra 1912. Kinn ahme. Gewinnvortrag von 1910...... Zinsen...... Provision.... Gewinn auf Wertpapiere und Kon- sortialbeteüigung. Kursgewinn auf Wechsel.... Kursgewinn auf Sorten und Zins- scheine.... "mT M. 291 968.49 6 963 515.28 4 627 568.37 1 058 286,22 510827.04 85 360.21 13 537 515.59 Der Toretand. Harter. Koni. 5 An diesem Schild sind die Läden erkennbar, 0 in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. Hnatertflltlc in Konatrnktloa und Ausführung, glelcb vorzüglich für Hansgebraneh u. Industrie. Singer Co. Nähmaschinen Act Ges. BKRT.rV, Leipziger Straße 92. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. ' KlöbeUCohn 58 Gr. 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Zlu» dem Inhalt: Kirche und Staat im klerikalen System.— Dom kirchlichen Staat zum StaatZkirchentum.— Die zusammenbrechende klerikale HerrschastSmacht.— LoS vom Staatskirchenturm.— Entstaallichte sreie Kirche und freier sozialer Staat.— Religion ist Privatsache. *eft 3: Lothar Engelbert Sehüeking: Das Elend der preußischen Demaltung. AuS dem Inhalt: Bureaukratie, Amtsgeheimnis und Amts- Verschwiegenheit.— Die Verwaltung durch Konservative und Zentrumsleute.— Die preußische Gemeindeveriassung.— Demokratie, Kultur und Verwaltung.— Der Zweck des ZweckverbandSgesetzeS.—Zum sozialdemokratischen Kommunal- Programm sür Preußen. Preis jedes HefteS 40 Pf. Früher erschienen: Dr. Fritz Brupbacher: Kindersegen und kein Ende? Preis 30 Pf. Rudolf Franz: fnr die nationale Kindemelt Reich illusttiert. PreiS 1 M. Rudolf Franz: Abrechnung. Politische BerSsußiritte. Reich illustriert. Preis 1 M. Wilhelm Schröder: Handbneh der sozialdemokratischen Parteitage Gebunden Preis 7 M. 288/6� Abteil miz<&r Stark- n. Scbwacb- stromanlagen. Die reellsten und billigsten MOIltOS VMSggltöii —. � Jnh. Walter Schröter Möbel und Polzterwaren erhält man zu Kassapreigen in der eeit 33 Jahren bestehenden Möbelfabrik von A. Schulz, Reichenberger Straße 5. Größte Auswahl in allen Holz- und Stilarten mit zehnjähriger Garantie.(5 Proz. Kassaskonto.) Ev. auf Ratenzahlung. Jnh■ Televhon: Amt Ltchtenberg Nr. 164 Lichtenberg, Roederftr. 28/2S Verlängerte Landsberger Allee. Vom Aleranderplatz 15 Minuten. Linie 64, 67, 71. Linie Surzestraße— Hohenschönhausen. Vorn t. April jeden Dienstag, Donnerstag Frei-Tanz.== Sonntags; Großer Vaü Chic und elegant kleidet man sich nach den Favorit- Schnittmustern, deren Auswahl aus dem soeben erschieneneu Favorit- Modenalbum getroffen wird: ca. 800 neuesteModeUe bieten ein� reiche Modenschau. Favorit- Modenalbum zum Preise von 60 Pf, franko 70 Pf. bei C. Müller. 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Infolge eines noch nicht auf- geklärten Unfalles brach um die genannte Zeit die Spundwand und der Schutzdamm des Untergrundbahntunnels, der sich unter der Spree von der Wallstratze nach der Stralauer Straße hinzieht, so daß die Fluten der Spree in die Baugrube eindrangen und den Tunnel unter der Stralauer Straße bis zur Parochialstratze voll- ständig unter Wasser setzten. Die Tunnelstrecke vom Spittelmarkt bis zum Leipziger Platz wurde ebenfalls von den hereinbrechenden Wassermengen in Höhe von 2S Zentimetern erfüllt, so daß der Verkehr unterbunden werden mußte. Ueber den Vorfall, dessen Ursachen noch völlig ungeklärt sind, gehen uns folgende Mittei- lungen zu: Der neue Tunnel der Untergrundbahn, der die Verbindung des Bahnhofs Spittelmarkt mit der projektierten Strecke Alexan- derplatz— Schönhauser Allee bilden soll, zieht sich zwischen der Waisenbrücke und dem Mühlendamm ungefähr an der breitesten Stelle der Spree hin. Der Fluß hat an dieser Stelle eine Tiefe von etwa 2K bis 3 Metern und die Decke des Tunnels liegt vier Meter unterhalb des Strombettes, so daß die Tunnelsohle etwa 8 Meter unwr der Oberfläche sich entlangzieht. Die Bauarbeiten an diesem Tunnel, die mit ungeheuren Schwierigkeiten verknüpft waren, sind bereits soweit gediehen, daß die Hälfte der Bahnstrecke unterhalb der Spree von der Wallstratze aus vollkommen fertig- gestellt ist. Die zweite Hälfte des Schachtes sollte jetzt ausgeführt werden und es war deshalb vom Ufer an der Stralauer Straße aus eine 15 Meter breite Baugrube hergestellt worden. Man war dabei folgendermaßen verfahren: Durch Dampframmer wurden 20 Zentimeter starke und 40 Zentimeter breite Bohlen in einer Trefe von ungefähr 15 Metern in den Fluß eingerammt. Um diese erste Spundwand zog sich ein Fangdamm, der eine Breite von 3 Metern besaß und mit Lehm ausgefüllt wurde. Hinter diesem Damm erhob sich dann nochmals eine starke Spundwand, so daß also eine dreifache Sicherung gegen die umgebenden Wasser- massen vorhanden war. Nachdem also dieser Wall errichtet worden war, wurde das zwischen den Spundwänden befindliche Wasser durch drei Kreiselpumpen abgesaugt. Zwischen dem bereits fertig- gestellten Tunnel und der neuen Baugrube zog sich ein etwa 50 Zentimeter starkes Dampfrohr, das zur Speisung der Pumpen und sonstigen Maschinenanlagen notwendig war. Dieses Rohr läuft ebenfalls unter dem Flußbett dahin. Vor wenigen Wochen hatte man mit der Ausschachtung der neuen Baugrube begonnen, da das Erdreich in einer Tiefe von etwa 6 Metern ausgehoben werden mußte, um die Fundamente für die Tunnelsohle zu schaffen. Es war deshalb ein Fahrdamm in der Grube errichtet worden und aus zwei Gleisen wurden die Erdmassen von durch Pferden gezogenen Kipplowrys nach der Stralauer Straße zu entfernt. Vor einiger Zeit war die Baugrube schon einmal voll- kommen überschwemmt worden, als der Kanal, der die Abwässer der Kraftstation der Berliner Elektrizitätswerke aufnimmt, unter der Stralauer Straße brach. Damals konnte die Grube in drei Tagen leer gemacht und die Arbeite» wieder aufgenommen werden. Der Bau war jetzt bereits soweit gediehen, daß man in dem Flußbett in einer Länge von 8 Metern die Grundmauern aufgeführt hatte. Gestern morgen sollten bereits die ersten Betonierungsarbeiten beginnen. Der breite Damm, der in die Spree hineinragt und der einen ungeheuren Druck auszuhalten hat, weil die Strömung der Spree sich nach dieser Seite hinrichtet und täglich zahlreiche Dampfer dort verkehren, wurde ständig von Ingenieuren über- wacht. Eine gestern abend stattgefundcne Untersuchung ergab, daß die Abdichtung tadellos in Stand war und daß sich nirgends auch nur der germgste Durchlaß gebildet hatte. Wie der Bruch geschah. Die Nachtschicht, bestehend aus etwa 100 Arbeitern, hatte um 4 Uhr des Frühstücks wegen die Arbeit eingestellt und die Leute waren auf dem Förderdamm aus der Grube herausgekommen. Nur wenige Personen weilten noch in dem Tunnel. Gegen 4}4 Uhr hörten die Arbeiter plötzlich ein verdächtiges Geräusch, das von der Stirnwand des Staudammes herkam. Es war ein außerordentlich starkes zischendes Geräusch, so daß man zuerst an- nahm, das Dampfrohr sei geplatzt. Plötzlich sahen sie, daß ein starker Wasserstrahl in die Grube eindrang, der von Minute zu Minute stärker wurde. In wenigen Augenblicken waren die noch im Schacht weilenden Mannschaften von der Gefahr benachrichtigt und eilten unverzüglich hinauf. Kaum hatten sie den festen Boden erreicht, als die Stirnwand an der linken Seite, an der Verbin- dungsstclle mit der linken Hauptwand des Dammes sich nach vorn überneigte und zusammenstürzte. Das Wasser drang brausend in die Baugrube ein und füllte sie in wenigen Augenblicken voll- ständig aus. Die Katastrophe hätte für die Arbeiter, die in der Nähe des Alexanderplatzes beschäftigt sind, außerordentlich ver- hängnisvoll werden können, wenn man nicht vorsichtigerweise in der Nähe der Parochialstratze einen 3 Meter starken Schutzwall aus Erde hätte stehen lassen. Durch diesen wurden die Fluten aufgehalten und an weiterem Vordringen verhindert. Durch den Bruch der Stirnwand war jedoch auch das starke Dampfzuführungs- rohr gebrochen und durch dieses drangen die Wassermassen nun unaufhaltsam in den schon fertigen Tunnel und von dort in die Bahnstrecke Spittelmarkt— Leipziger Platz ein und füllten die Strecke in einer Höhe von 25 bis 40 Zentimetern an. Es erfolgte dadurch Kurzschluß auf der ganzen Strecke und auf die verschiedenen Stellen abgegebenen Alarmnachrichten eilten sofort vier Züge der Berliner Feuerwehr mit drei Dampfspritzen und einer Motockrcisclpuinpe nach der Wallstraße, um dort unter persönlicher Leitung des Branddirektors Reichel, der ebenso wie die Ingenieure und Direktoren der Hochbahngesellschaft schon kurze Zeit nach der ersten Meldung an die Unfallstelle geeilt waren, die Auspumpung des Wassers aus der obengenannten Strecke vorzunehmen. Dies war jedoch vorläufig fast unmöglich und so wurde auf dem Bahn- hos Spittelmarkt mittels Sand und Zementsäcken eine Mauer er- richtet. Dann erst konnte man allmählich mit der Freilcgung des Bahnkörpers beginnen. An der Unfallstätte. Die Stralauer und Wallstraße mit ihren Zufahrtsstraßen bil beten schon am frühen Morgen, nachdem die Katastrophe bekannt geworden war. das Ziel vieler Hunderter, die jedoch nicht bis zu dem Dammbrüch gelangen konnten, da alle Zugänge durch Polizei- mannschaften abgesperrt waren. Auf dem Bahnhof Spittelmarkt sah es wüst genug aus. Der eine Zugang war abgesperrt, vor dem zweiten hielten in langen Reihen die Arbeitswagen, die un- aufhörlich Sand. Zement und Mauersteine heranschleppten. Etwa 150 Arbeiter liefen unaufhörlich mit schweren Lasten den Tunnel entlang, wo die zirka vier Meter dicke vom Boden bis zur Decke reichende Mauer errichtet werden soll. Die Ingenieure, die die Arbeiten beaufsichtigen und leiten, hoffen noch im Laufe dieses Tages den Schutzwall vollenden zu können, damit morgen früh der Betrieb bis zum Bahnhof Spittelmarkt keine Unterbrechung mehr erleidet. Der Dammbruch. Auf den ersten Blick kann man erkennen, daß durch diesen un- vorhergesehenen Zufall das ganze bisher so mühsam geschaffene Werk auf das schwerste geschädigt, fast vernichtet worden ist. Die Ingenieure, welche den etwa drei Meter breiten Bruch besichtigten, erklärten, daß vorläufig eine genaue Ursache nicht zu ermitteln sei. Nach ihrer Ansicht seien beide Spundwände in tadelloser Weise hergestellt und versichert worden. Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß die Bretter sich in einer Tiefe von vielleicht 10 Metern unter dem Wasserspiegel voneinander gelockert und so ein Eindringen des Wassers ermöglicht haben. Außerdem erscheint es jedoch nicht aus- geschlossen, daß sich unterhalb des Fangdammes und der Spund- wände ein kleiner Quell gebildet hat, der in Verbindung mit dem Strombett stand und so die Schutzvorrichtung unterminierte. So- bald erst einmal das Wasser einen kleinen Durchlaß fand, wurde das übrige Erdreich hinweggespült und der Damm mutzte dem un- geheuren Druck der an dieser Stelle ziemlich breiten Wasserrinne weichen. Mit welcher Gewalt die Fluten eingedrungen sind, kann man daraus sehen, daß die Eckpfeiler, bestehend aus vier je 25 Zenti- meter im Durchmesser betragenden Baumstämmen, wie dünne Hölzer geknickt oder aus ihren Lagen herausgerissen worden sind. Die schweren eichenen Bohlen wurden mit großer Gewalt hinweg- gedrückt und trieben auf den schmutziggrauen Fluten der Baugrube dahin. Die Maschinenhäuser und namentlich die Pumpstationen, die an der Grube in der Stralauer Straße errichtet sind, stehen zum größten Teil unter Wasser, so daß sie vorläufig betriebsunfähig sind und die Aufstellung neuer Saugvorrichtungen notwendig ist. Baurat Hellbig. der am Vormittag die Bruchstelle besichtigte, konnte ebenfalls noch keine Erklärungen geben. Er betonte, daß bis jetzt nirgends ein Durchlaß vorhanden gewesen wäre und daß sogar das Grundwasser ein Meter unter Sohle abgepumpt worden sei. Der Schaden ist vorläufig noch gar nicht zu übersehen. Er dürfte jedoch eine hohe Summe erreichen, da die bisher schon fertige Strecke aufs höchste gefährdet worden ist und da es nach Ansicht der Ingenieure sehr zweifelhaft ist, ob der Dammbruch abgedichtet werden kann. Durch die Katastrophe dürften die Bau- arbeiten sich um viele Monate verzögern. Besonders gefährdet sind die anliegenden Häuser, da die in der Baugrube befindlichen Fluten das sie umgebende Endreich sehr leicht unterspülen und wegwaschen können. Eine weitere Mitteilung besagt: Den Bemühungen der Bauleitung ist eS am Mittwoch noch ge- lungen, eine Spundwand vor dem Untergrundbahnhof am Spittel- markt, kurz vor der Grünstraße, im Innern der Untergrundbahn fertigzustellen. Dadurch wurde ein weiteres Steigen des Wassers im Tunnel der Untergrundbahn vom Spittelmarkt ab verhütet. Die Abdämmung war erst möglich, nachdem viele Fuhren Tonerde, Zementmischungen in Säcken usw. vor dem Bahnhof innerhalb des Tunnels versenkt worden waren. Gleichzeitig wurde dort gegenüber dem Spindlerichen Hof eine starke Dampfpumpe mit einer durch- schnirilichen Förderung von über 3000 Litern in der Minute in Be trieb gesetzt. Diese verhinderte dann auch, daß noch mehr Wasser in die Untergrundbahnstrecke nach dem Spittelmarkt abfließen konnte. Nach einer ungefähren Schätzung find annähernd 100 000 Kubik- meter Wasser in den Tunnel eingedrungen. ES dürfte also noch vieler Anstrengung bedürfen, um diese Wasfermengen wieder heraus- zupunrpen. Das Bestreben der Feuerwehr bei den Arbeiten an der Ueber« schwemmung der Untergrundbahn war von Beginn an darauf ge- richtet, den Bahnhos unter dem Leipziger Platz zu schützen und eine Beschädigung der Schalt- und event. elektrischen Einrichtungen sowie ein weiteres Steigen des Wassers im Tunnel in der Wallstraße zu verhüten, wo es abends einen Stand von drei Meter erreicht hatte. Um diese» Ziel zu erreichen, ließ Branddirektor Reichel, der die Absicht gehabt hatte, gestern eine größere Versuchsfahrt zu unter- nehmen, von der höchsten Stelle der Untergrundbahn in der Voß- straße bei A. Werlheim einen Damm aus Zement. Ton, Lehm und Sand errichten, nachdem zuvor der sogenannte Schotter mit einigen Schwellen, um eine Spülung zu vermeiden, entfernt worden war. Dieser Damm verhütete denn auch eine Ueberflutung des Leipziger Platzes. DaS Wasser konnte dahin nicht abfließen, sondern staute sich im Tunnel. Sodann wurde eine zweiter Damm vor dem ersten, aber noch höher und stärker, aufgeführt, um den Druck auf den ersten zu vermindern. Diese Maßnahmen erwiesen sich als praktisch, denn obgleich der Zufluß größer wurde, blieb der Bahnhof am Leipziger Platz verschont, so daß der Betrieb von dort aufrecht- erhallen werden konnte. Hand in Hand mit diesen Arbeiten ging das Bemühen, die Spundwände in der Wallstraße zu verstärken und eine Spundwand unmittelbar an der Jnselstraße in der dortigen Baugrube herzustellen. Diese mutz besonders stark sein, um den Druck von der Spree aushalten zu können, der natürlich ganz enorm ist. Damit die Gefahr nicht vergrößert wird, darf das Wasser im Tunnel nicht vollständig ausgepumpt werden. Der Druck steigert sich nämlich mit der Abnahme des Wassers. Aus diesem Grunde will man nur ein weiteres Steigen des Wassers ver- hüten, bis die Spundwände genügend stark und gedichtet sind. Die Feuerwehr, die gestern mit süns Pumpen über 100 000 Liter Wasser auS dem Tunnel gepumpt hat. wurde abends zurückgezogen, sie hotte ihr Z,e» erreicht und aoerließ nun der Gesellschaft für den Bau von Hoch- und Untergrundbahnen die weiteren Arbeiten. Diese Gesellschaft, die unter der Leitung der Firma Siemens u. Halste steht und für die Hoch- und Untergrund- bahn die Arbeiten ausführt, hatte inzwischen eine Kreiselpumpe mit elektrischem Betrieb installiert, die 15000 Liter in der Minntc fördert, also mehr wie die fünf Pumpen der Feuerwehr. An die vollständige Entfernung des eingedrungenen WasierS oberhalb der Wallstratze kann natürlich erst dann gedacht werden, wenn die Spund- wand an der Spree, bei der Jnselstraße und Neu-Cölln am Wasser so fest ist, daß sie den starken einseitigen Druck von der Spree sicher aushält. Heute sollen die Spundwände unter der Wollstraße, an denen die ganze Nacht gearbeitet wurde, noch weiter verstärkt werden. Erst dann können event. noch mehrere solcher Kreiselpumpen in Betrieb genommen werden. Das vollständige Auspumpen ist dann ein Kinderspiel und bald gemacht. Mit den Arbeiten an und in der eigentlichen Bau grübe in der Spree ist noch nicht begonnen. Heute soll zunächst die eingedrückte Spundwand mitten in der Spree wieder hergestellt und dann verstärkt werden. Sobald dies geschehen, kartn mit dem Auspumpen der Baugrube begonnen werden. Eine Gefahr für die Bau lichkeiten bestand gestern abend nicht. Hoffentlich halten die seitliche» Spundwände und dann wird der Schaden jedenfalls nicht so bedeii» tend sein, wie man erst anzunehmen berechtigt war. Im Laufe dieser Woche kann der Schaden beseitigt sein. Die Hochbahngesellschaft schreibt uns: Die Maßregeln, welche nach dem Unfall zu treffen Ware», mußten sich zunächst auf die Sicherung des Betriebes erstrecken. ES ist durch Herstellung eines Dammes zwischen dem Bahnhof Kaiser« Hof und Leipziger Platz mit Sicherheit erreicht worden, daß der Betrieb von, Westen zum Leipziger Platz von dem Unfall in keiner Weise berührt wird, so daß nur die vier Stationen Kaiserhof, Friedrichstraße, HauSvogteiplatz und Spittelmarkt vorübergehend außer Betrieb find. Ein zweiter Damm ist im Laufe des Abends am Spittelmarkt fertig geworden und es wird nun die zwische» beiden Dämmen befindliche Bahnstrecke wieder leergepumpt werden. Die Neubaustelle an der Spree wird an der Jnselstraße von der im Betrieb befindlichen Strecke durch einen starken Erddamm ab« geschloffen, dessen Fertigstellung im Laufe des morgigen Donnerstag» erfolgen wird. Ueber die Ursache de? Unfalls find die technischen Untersuchungen noch nicht abgeschloffen; es handelt sich aber wahrscheinlich um nicht vorauszusehende Vorgänge bei der Wasserströmung, die eine Unterspülungsstelle unter den Fangedämmen der Neubaugrube ge« schaffen haben. Erp nach Feststellung dieser Verhältnisse läßt stch Bestimmtes über die Beseitigung des Schaden» auf der Neubaustreck« und die Wiederaufnahme der dortigen Arbeiten entscheiden. Jedenfalls ist aber der Ansicht entgegenzutreten, daß et stch hier um einen Schaden von mehreren Millionen Mark handelt, wi« verschiedentlich irrtümlich angegeben worden ist. Nach Ansicht der Sach« verständigen wird es sich um«inen Aufwand von«inigen Hundert» tausend Mark handeln, als» um«inen Betrag, wie er bei solch«» schwierigen Arbeiten für unvorhergesehene Zwischenfälle in de» Kostenanschlägen aufgenommen wird. Zur Beuateilnng dieser Kosten« frage möge die Angabe dienen, daß die Kosten der Konstruktion de» ganzen Spreewnnels von Ufer zu Ufer bei regulärer Ausführung die Summe von einer Million Mark nur um weniges überschreiten. Partei- Angelegenheiten. Steglitz-Friedenan. Am Freitag, den 29. März, findet bei Schell« Hase, Sieglitz, Ahornstr. 15s., der letzte Vortragsabend des Genoffe» E. D ä u m i a über Deutsche Literaturgeschichte statt. Um pünktliches Erscheinen ersucht Der Bildungsausschuß. Ober-SchSneweide. Sonntag, den 31. März, veranstaltet der Wahlverein in Mörners Blumengarten eine kinematographische Vor- stellung. Dem Verein ist es gelungen, das Berliner Union-Lichtspiel- theater zu einem einmaligen Gastspiel zu gewinnen. Die Genossen wollen, da nur gutes geboten wird, rege für den Besuch der Vor« stellung agitieren. ©che, Ikendorf bei KönigS-Wust erHaus«». Am Sonn« abend, den 30. März, abends 8 Uhr: Wahlvereinsversammlung bei Otto Paeisch. Es ist eine wichtige Tagesordnung zu erledigen. Nur Mitglieder haben Zutritt. Zossen. Am Freitag, abends 8 Uhr. im Lokal von P. Kurzner: Oeffentliche Versammlung mit dem Thema:.Der Krieg ist ein Hohn auf Gorr. auf das Christentum, auf die Menschlichkeit 1" Referent: Gen. Emil U n g e r.__ Der Vorstand. Berliner Nachncbten. Jugend und Presse. In einer Zeit, in der, angefeuert durch das allerdings auf wesentlich anderer Grundlage aufgebaute Beispiel der Ar- beiterschaft, ein wahres Wettrennen der übrigen Parteien um die Jugendpflege entfesselt ist, darf man sich kaum wundern über Versuche, der Jugend das Zeitunglesen zu verekeln oder direkt zu untersagen. Das ist in neuer Form der Schritt- macherweg zu den lieblichen Zuständen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als es noch erlaubt und üblich war, jedem Lehrling die Zigarre aus dem Munde zu schlagen. Ungeniert wird schon in öffentlichen Versaminlung�n die Frage erörtert, ob die Jugend noch fernerhin Zeitungen lesen darf. Das verdient deshalb einige Beachtung, weil zu diesen Versammlungen auch einflußreiche Schulmänner eingeladen werden und erscheinen. Man kann sich lebhaft denken, wohin der Hieb der Streber, die sich mit dieser Idee wieder mal einen Namen machen wollen, zielt. Des Pudels Kern ist, von der Jugend die oppositionelle Zeitungslektüre, hauptsächlich also das sozialdemokratische„Gift", fernzuhalten. Dew öden> Bockmist reaktionärer Blätter, deren Spalten neben chronischen Byzantinerfanfaren auf die Erhaltung der Dummheit zuge- schnitten sind, sollen die angehenden Männer ruhig lesen. An Versuchen, sozialdemokratische Zeitungen fernzuhalten, sogar von Erwachsenen, die unter irgendeinem Zwange stehen, bei- spielsweise in Krankenhäusern. Heimstätten und dergleichen Anstalten, hat es ja seit Jahrzehnten nicht gefehlt. Das war vergebene Liebesmüh'. Der Interessent verschafft sich doch, was er lesen will. So wird auch ein Zcitungsverbot für die Jugend nur die Folge haben, daß verbotene Früchte doppelt reizen. Wie denken sich denn eigentlich die patriotischen Fa- natiker dieses Verbot? Glaubt man wirklich, Proletarier- kinder damit noch ummodeln und in„nationale" Bahnen lenken zu können? Das Kind des Volkes saugt die Lehre vom Kampfe gegen Me: schenentrechtung schon mit der Muttermilch ein. Die tausend Nöte, die es in der Proletarierwohnung von frühester Jugend an sieht uno mitdurchmachen muß, geben Hunderttausenden solcher Kinder eine soziale Frühreife, deren veranlassende Eindrücke sich nimmermehr verwischen. Da- gegen ist kein nationales Kräntlein gewachsen, kein Sieger- kränz. Singsang und Hurraschreien- auf schulmeisterliches Kommando. Der Stachel der Jugendnot, des Hungers und des Elends bleibt tief sitzen, gibt dem Arbeiterkindc die folge- richtige EntWickelung. Kann der Kommerzienratssohn, der in Wohlleben aufgewachsen ist, aus seiner Haut nicht heraus. so soll man das vom Proletarierivrößling auch nicht erwarten. Das beabsichtigte Verbot, gewisse Zeitungen— denn auf eine ganz bestimmte Beschränkung kommt es den übergeschnappten Patrioten an— zu lesen, würde sich also praktisch immer nur so lange anwenden lassew, als ein schulentlassencr Jüngling noch unter einem vorübergehenden erzieherischen oder son- stigen Zwange steht. Solche Fälle, in denen einzelne auf Be- lobignng spekulierende Lehrer die Politik schon direkt in die Schule getragen und vor gewissen Zeitungen gewarnt oder die politische Gesinnung der Eltern beschimpft haben, mußten wir ja wiederholt festnageln. Ein weiteres Ausbreiten dieser Be- einflussung der Jugend wird die Unkosten, in die sich die natfonolcn Speichellecker stürzen, nicht einbringen, und lann die Arbeiterschaft sowie die Arbeiterpresse nur bestärken, in ihrer Art der Jugendpflege noch tatkräftiger als bisher vor- zugehen._ Aus der Heimslättcnvcrwaltung. Unter dem Vorsitz des Ge- heimrals Marggrafs fand eine Sitzung des Kuratoriums der städti- schen Heimstätten statt, in der an Sielle des verstorbenen Professors Bernhard Frankel der leitende Arzt der Tuberkulinstation in Lichtenberg, Professor Artur Kayserling, als Bürgerdeputicrter in sein Amt eingeführt wurde. In der Sitzung wurde besonders die- Erage erörtert, ob eine dreiwöchige Kur der Schulkinder in der eimstätie Hcinerödorf in den meisten Fällen genügt. Es wurde beschlossen, daß nach einem Aufenthalt von zunächst 3 Wochen von den Aerzten festgestellt werden soll, ob die Kur noch ö— 8 Wochen verlängert werden soll, um eine wesentliche Besserung für die Kinder zu sichern. Nach einer Denkschrift betreffend die Einrichtung elektrischer Zugförderung auf den Berliner Stadt-, Ring- und Borortbahnen, die dem Abgeordnetenhause zugegangen ist, werden sich die Kosten für die Elektrisierung aus insgesamt l23 3Sc> M. soll zur Be- schaffung von neuen Fahrzeugen dienen.� Erforderlich ist die Be-' schafsung von 557 elektrischen Lokomotiven, 090 Personenwagen und 29 Ilntersuchungstixigen. Zur anderweitigen Verwendung werden 573 Dampflokomotiven frei. Für den Umbau der Stadtbahn sind 4H Jahre in Aussicht genommen. Die Züge werden auf der Stadt- und Ringbahn aus 13 dreiachsigen Personenwagen bestehen, auf den Vorortstreckcn aus 12 solcher Wagen und einem Gepäck« lvagen. Sie haben an jedem Ende eine elektrische Lokomotive. In den Stunden deS schwächeren Verkehrs werden die Züge geteilt und ohne Verlängerung der Fahrzeit mit nur einer Lokomotive gefahren werden. Der auf der Strecke Berlin Potsdamer Bahnhof— Groß- Lichierfelde-Ost seit einer Reihe von Jahren bestehende Triebwagen- dienst mit Gleichstrombetrieb soll beibehalten werden. Die vor- handenen Personenwagen sollen weiter benutzt werden. Die Türen der Personenwagen werden Türschlösser mit selbsttätigem Doppel- Verschluß erhalten. Es wird beabsichtigt, die elektrische Arbeit aus zwei Kraftwerken zu beziehen, das eine wird bei Bitterfeld, das andere bei Berlin liegen. Spater sollen auch die Fernzüge durch elektrische Lokomotiven über die Stadtbahn befördert werden. Die Tarife auf der Berliner Stadtbahn und den Vorortbahnen werden nach der Elektrisierung eine Erhöhung erfahren. Ein Polizeibezirksamt Bcrlin-Mitte wird zum 1. Mai d. I. «ingerichtet. Mit der Leitung ist bis auf weiteres der Regisrungs- rat Dr. Lindenau beauftragt. Das Bezirksamt erhält seine Dienst- räume im alten Polizeigebäude am Molkenmarkt 1. Die örtliche Zuständigkeit umfaßt die Polizeihauptmannschaften I tind kl sowie daS 13. Polizeirevier, also die sogenannte Eith von Berlin. Dem Bezirksamt lvcrdcn vorläufig zugeteilt ein'Büreouvorstcher, 1! Sekretäre, A Kriminalkommissare. 4 Kriminalwachtmeister und 14 Kriminalschutzmänner nebst dem erforderlichen Kanzlei- und Unterpersonal. Im Dienstbereiche deS Polizeibezirksamtes bleiben die Polizeireviere als Exekutivdienststellen tätig. Jedoch werden die Reviere 26, 29 und 55 sowie 13, 14 und 15 zu je einem Kroßrevier zusammengelegt, bei dem die gesamten Perwaltungsgeschäfte für diese drei Reviere einschließlich des Meldewesens geführt-werden. Die ganze Einrichtung bezweckt, im praktischen Versuche fest- zustellen, wie weit eine Entlastung des Polizeipräsidiums von der großen Menge der täglichen ortspolizeilichcn Geschäfte möglich ist, um den im Hauptdienstgcbäude am Alexandecplatz vereinigten Dienststellen Zeit und Raum zu schaffen kür die wichtigeren und einheitlicher Behandlung bedürftigen Angelegenhaten. Zugleich wird den Beamten in dem selbständigen abgezwerstan Bezirksamte �Gelegenheit geboten zu engerer persönlicher Fühlung mit dem Publikum und den örtlichen Verhälmissen. Die dem Bezirksamt zur Erledigung überwiesenen GeschäftSzweme werden im einzelnen noch bekannt gegeben iverden. Von dem Ergebnisse des Versuches wird es abhängen, wie weit auf dem damit betretenen Wege der polizeilichen Dezentralisierung fortgeschritten werden und damit eine stärkere Zentralisierung einzelner geeigneter Dienstzweige per- Kunden werden kann. Ein tödlicher Strahenunfnll ereignete sich gestern nachmittag in der Eldenaer Straße. Dort wurde gegen 2 Uhr der 7 Jahre alte Schüler Willi Maaß aus der Mirbachstratze von einem Kohlen- wagen überfahren. Ehe der Kutscher des Wagens diesen zum Stehen bringen konnte, waren die Räder über den Knaben hinweg- gegangen und hatten ihn auf der Stelle getötet. Die Leickie wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Ein Raubanfall auf der Südringbahn, der der Ileberfallenen und Beraubten leicht das Leben hätte kosten können, beschäftigt die Kriminalbehörden von Groß-Berün. Er erinnert an frühere Ueberfälle, über die wir zu ihrer Zeit berichteten, weicht aber insofern von ihnen ab, als der Räuber jetzt sein Opfer auch noch aus dem Zuge hinauswarf. Die 18 Jahre alte Kontoristin Frida Bürger aus der Sedanstraße 40 zu Schöneberg, die in Berlin in der Heiligegeiststraße beschäftigt ist. fährt jeden Abend mit der Straßenbahn nach dem Potsdamer Bahnhof und von dort mit der Ringbahn nach dem Bahnhof Schöneberg. Als sie Dienstag abend um Uhr ein Abteil III. Klasse, das vorletzte des Zuges, be- stieg, faß darin nur ein einziger Fahrgast, seinem Aeußeren nach ein Arbeiter. Keiner kümmerte sich um den anderen, bis vor dem Bahnhof Groß-Görfchenstraß« der Wann seebahn, an dem der Zug vorbeiführt, der Mann plötzlich aufsprang, der Kontoristin nach der Handtasche griff, und sie zu entreißen versuchte. Nachoem ihm daS trotz ihrer heftigen Wehr gelungen war, packte der Räuber sein Opfer sofort, um eS durch daS offene Fenster aus dem Abteil hinauszuwerfen. DaS gelang ihm aber nicht, weil daS Mädchen sich verzweifelt wehrte und sich festhielt. Jetzt öffnete der Räuber die Abteiltiuv-iun durch.diese, die Beraubte hinauszustoßen. Sie. hielt sich auch jetzt noch«ine Zeitlang fest, bis ihre Kräfte erschöpft waren. Dann fiel sie unter dem Druck der Stöße des Räubers auf die Nebengleise. Fahrgäste der Wannseebahn, die auf dem Bahnsteig der Haltestelle Groß-Görschenstratze standen, sahen den grausigen Vorgang, während der Zug an ihnen vorüberfuhr, konnten aber nicht helfen. Bahnarbeiter liefen gleich hinzu und fanden die Beraubte bei Bewußtsein, aber ganz erschöpft daliegen, ES ergab sich, daß sie zum Glück unverletzt geblieben war. Bevor die Ueberfallene, die gleich nach Hause gebracht wurde, noch schil- dern konnte, waS vorgefallen war, ivar der Räuber längst der- schwundeir. Das Mädchen schildert ihn als einen Mann von etwa 24 bis 25 Jahren. Er ist etwa 1,80 Meter, also über mittelgroß und kräftig, hat dunkles Haar und kurzen, englisch geschnittenen Schnurrbart und trug einen dunklen Arbeitsanzug und einen Stehkragen. Seiner Kopfbedeckung erinnert sich die Beraubte nicht mehr. Das Mädchen hat gestern morgen«inen Arzt aufsuchen müssen. ES hat blau« Flecken am Rücken und klagt über Rücken- schmerzen. Di« geraubte Tasche ist auS schwarzem Leder gefertigt und enthielt 4 bis 5 M. Kleingeld. Schlüssel, ein Taschentuch und die Eisenbahnfahrkart« der Beraubten. Der Räuber ist noch nicht ermittelt. Dagegen ist die Tasche wieder zum Borschein gekommen. Sie lag leer in dem Abteil. daS. später ein anderer Fahrgast be- stieg. Dieser lieferte sie ab. ohne daß er von dem Vorfall Kennt- nis hatte. Alle Zeugen, die irgend etwaS zu der Sacke mitteilen können, werden gebeten, sich schleunigst bei der Sck'öneberger Kri- minalpolizei zu melden. Ein Zeuge hat bereits bekundet, daß er Hilferufe gehört habe. Di« Ueberfallene selbst weiß- nicht mehr/ ob sie um Hilfe gerufen hat oder nicht. Da? ist nach den Vor» gstngen Wohl erklärlich. Der Kamps zwischen der Beraubten und dem Räuber muß sehr heftig gewesen sein, denn der Arzt bat nicht nur blutunterlaufene Stellen am Rücken, sondern auch noch Kratzwunden am Gesicht und vor allem auch Würgemale am Halse gefunden. Trotz alledem ist das Allgemeinbefinden des Mädchens heute gut. Tausend Mark Belohnung. Anläßlich deS gestern auf dem Südring ausgeführten Ueberfalles hat die Königliche Eisenbahndirektion Berlin auf die Ergreifung des Täters eine Belohnung von tausend Mark ausgesetzt. Im weiteren hat sie die bisher schon bestehende Zugüberwachung von heute ab noch weiter verstärkt. Seiner Frau in den Tod gefolgt ist wenige Stunden nach ihrem Ableben der 64 Jahre alte frühere Bauarbeiter August Reb- l?an aus der Novalisstraße 7, ein Veteran des Feldzuges von 1870/71. Rebhan, der mit. seiner vier Jahre älteren Frau Auguste, geb. Zimmermanm, seit 38 Jahren kinderlos, aber glücklich der- heiratet war, erhielt seit 10 Jahren Invalidenrente und außerdem einen Ehrcnsolo. Seine Frau betrieb eine kleine Plätterei. Die Leute konnten sorgenfrei leben und fühlten sich ganz glücklich. bis die Frau am Magenkrebs erkrankte. Seit 7 Wochen lag sie im Hedwigskrankenhause. Rebhan besuchte sie dort Tag für Tag. Gestern vormittag um 11 Uhr«ehielt er die Nachricht, daß seine Lebensgefährtin um-6 Uhr morgens gestorben war. Man bat ihn/, nach dem Krankenhaus« zu kommen. Statt dessen aber griff er zum Strick, um sich im Tode mit der Abgeschiedenen wieder zu vereinigen. Weil, er nicht? von sich hären ließ, schickte die Kranken- Hausverwaltung zu seiner Nichte, und als diese nun um 6 Uhr nachmittags nach dem Rechten sehen wollte, fand man die Wohnung verschlossen und den Veteran tot an der Türklinke hängen. Bilderdiebstahl im Märkischen Museum. Wahrscheinlich von emem gewerbsmäßigen MuseumSdieb od r von einem Besucher ge- stöhlen worden ist aus dem Zimmer 33, dem sogenannten Berliner Zimmer, des Märkischen Museums eine Handzeichnung des Malers Papien, die das Brustbild des Ofensabrikanten Feilner darstellt. Bereits am Montag wurde das Fehlen des Bildes gemerkt und Nachforschungen nach seinem Verbleib angestellt. Man nahm an, daß es mit Genehmigung der Verwaltung verliehen worden sei, dies bestätigte sich aber nicht. Als man jetzt die Stelle, an der daS Bild vorher hing, genauer untersuchte, stellte man fest, daß es gewaltsam mit dem Pappkarton, mit dem es an der Wand ange- schraubt war, heruntergerissen worden ist. Ob es nun von einem gewerbsmäßigen MufeumSdieb gestohlen worden ist oder ob eS sich ein Besucher aus Sammelwur angeeignet bat. weiß man natürlich nicht. Jedenfalls sind Annquitäten- und Altwarenhändler vor seinem Ankauf gewarnt worden. ES ist 17x22 Zentimeter groß. Ein Gewitter, zog gestern üachmitiag über Berlin herauf, das von einem heftigest Regenguß begleitet war. Vorort- 1>fodmcbten. Neukölln.(Rixdorf) Stadtverordnetenversammlung.(Fortsetzung der Etätsbcra- tung,) Das Kapitel Armen- und Waisenpflege, Für- sSrgeerziehung wird in Einnahme mit 188 000 M. und Aus- gäbe mit 761 600 M. festgestellt; eS erfordert einen Zuschuß von 573 600 M. Stadtv. Heller(Soz.) rügt die rücksichtslose Praxis, welche die Verlvaltung bei Einziehung von Erstattungen übt. Der jungen Tochter eines Armen-UnterjtützungSempjängerS sei z. B. sofort ein höherer erstattungspflichtiger Betrag auserlegt worden, als dieser dur.jtz einen neuen Zarifabschluß in ihrem Gewerbe ein kleiner Lohnänfschlag zufiel. AngesichtS der verteuerten Existenz- bedingungeit, welche döch durch solcbe Tarifverbesserungen, etwas erleichtert werden sollen, müsse daS Vorgehen der Verwaltung als unsozial bezeichnet werden. Stadtrat Dr. Mann sagt Nachprü- fung der Sache zu. Stadtv. Scholz(Soz.) befürwortet die An- legung eines besonderen Fonds, um daraus die Unterstützung Un- bemittelter im Falle von KrankenhauSbehandlung zu bewirken. Jetzt trete hier dm Armsnverwaltung ein. so daß selbst denjenigen, welche die Krankenhauskosten in Raten abzahlen, ihr Wahlrecht ge- nommen wird. Dieses krasse Unrecht müsse beseitigt werden. Stadtrat M i e r meint, daß der Verlust des Wahlrechts nur bei Verzögerung der Ratenzahlungen eintrete; die Armendeputation prüfe im übrigen jetzt die Frage und werde später über daS Resultat Bericht erstatten. Beim Kapitel Krankenpflege wird auf Vorschlag de» Magistrats eine Vermehrung des Personals im neuen Kranken- Haufe in Buckow beschlossen. Ter Gesamtausgabe von 691 500 Mark steht eine Einnahme von nur 389 300 M. gegenüber, so daß ein Zuschuß von 302 200 M. zu leisten ist. Für das Kapitel O e f f e n t l i ch e Straßen usw., das deren Unterhaltung. Reinigung. Besprengung. Beleuchtung, Ausschmückung mit gärtnerischen Anlagen umfaßt, ist ein Auflvand von 985 000 Mark nötig, dem 182 900 M. an Einnahmen gegenüberstehen; der Zuschuß beziffert sich demnach auf 802 100 M. Die Kapital- und Schuldenverwaltung fordert einen Zuschuß von 1900 900 M. und balanciert mit 3955 000 M. Im Haupt-Extraordinarium sind größere Summen für N e u p f l a st e r u n g e n vorgesehen, so 101 000 M. für die Pannierstraße, 21600 M. für die Emserstraße, 150 000 M. für die Hermannstratze, 250 000 M. für die Kaiser-Friedrichirraße; in den beiden letzteren Fällen kommt Asphaltierung in Betracht. Zur Herstellung des Körncrparks sind 283 500 M. eingestellt. Auch der Richardplatz soll endlich weiter ausgestaltet werden, indem die auf demselben am hinteren Teile stehenden Häuser einem Spiel- platz weichen sollen. Namens der Anlieger vom Richardplatz klagte der selbst als solcher in Betracht kommende Stadtv. W a n z l i k darüber, daß die dortigen Alteingesessenen stets und immer von der Stadtgcmeind« stiefmütterlich behandelt würden; jetzt wolle man ihnen nun noch einen Spielplatz vor ihre Grundstücke legen. Tie Stadtvv. Heller(Soz.) und W u tz k y fSoz.) setzten diesem über die Matzen„notleidenden Alteingesessenen" aber auseinander, wie wenig gerade er und seinesgleichen Ansaß zur Beschwerde haben, deren Vorfahren ihre Ländereien für ein Butterbrot einst erstan- den und später dafür erkleckliche Verkaufspreise einheimsten. Trotz- dem haben sich diese lieben Mitbürger— so stellte noch Stadtrat Dr. GlückSmann fest— dem billigen Ersuchen des Magistrats nm Beiträge jür die Regulierung des Platze» gegenüber völlig zu- geknöpft verhalten.— Beim Titel Bade» und Schwimm an- st a l t rügt Stadtv. W u tz k y(Soz.) die unglaubliche Verschleopung des Bauprojekts. Die 5. Bauvate sei jetzt bereits im Etat enthalten und noch immer kein Anfang gemacht. Der VolkSwitz habe sich dieser Tragikomödie bereis bemächtigt; erzählt man sich doch lächelnd, daß da? schon lange mit Bauzaun umfriedigte und ans- geschachtet« Grundstück wieder zum Verkauf stände und der Ma- gistrat einen Fuhrunternehmer bereits suche, der die Baugrube wieder auffüllt.(Heiterkeit.) Dem Schlendrian müsse doch ein Ende gemacht und mit dem Bau endlich begonnen werden. Stadt- haurat Kiehl versichert, daß neue Umprojcktierungen notwendig gewesen und auch schon mündlich genehmigt seien; es würde in Kürze gebaut werden.(Zurufe und Heiterkeit.)— Der Abschluß des Haupt-Extraordinariums beziffert sich auf rund 4 886 500 M. Der Etat der Schulverwaltung enthält im Titel G e- mein beschulen für die Erhöhung deS Diensteinkommens der Lshrperscmen ein« Summ« von 50 000 M. Die zahnärztliche Behandlung bedürftiger Schulkinder soll neu ein- geführt werden; eS.sind dafür vom Magistrat 2400 M. eingesetzt worden, welcher Betrag aber auf Antrag unserer Genossen bereits im Rechnung-ausschuß auf 3600 M. erhöht wurde. Für Bereit- stellung von Schulräumen zur Anfertigung häuslicher Arbeiten durch ärmere Kinder in den Wintcrmonaten und zu deren Beaufsichtigung sind 1200 M. vorgesehen. Die vom Magi- strät beabsichtigte Herabsetzung deö Postens für die Gewährung von Brausebädern in den Schulen von 8000 auf 1200 M., konnte schon im Ausschuß von den sozialdcmo�atischen Mitgliedern verhindert werden. Da bcliauptet wurde, daß sich die Schulbrause- bäder merkwürdigerweise bei Kindern und Eltern keiner Beliebt heit erfreuen, sollen die vorhandenen Bäder an den Nachmittagen den Kindern der Schulen, welche eine solche Einrichtung nicht haben, zugängig gemacht werden. Die Gesamtausgaben für die Gemeinde- schulen betragen 2 274 500 M., gegen das Vorjahr 175 800 M. mehr.— Zu den Etats der höheren Lehranstalten hatte der Magistrat beantragt, die Pftichtsttlnden der Vorschullchrer vom 21. Dienstjahre ab von wöcheplich 28 auf 26 Stunden zu crmäßi- gen. Der Ausschutz lebnte das ab. Bürgermeister Ttt Wein- reich nahm den Magistratsantrag wieder auf und befürwortete ihn, indem er die Vorschullehrer als stark überlastet bezeichnete, was aus dem mangelnden Gesundheitszustaird derselben und den dadurch entstehenden vielen Vertretungen hervorgehe.� stadtv. Conrad(Soz.) bestritt eine Mehrbelastung der Vorschullehrer gegenüber den Volksschullehrern, welche letztere noch zwei Pflicht- stunden mehr, 30 nämlich, erteilen müßten, die ihnen erst im 25. Dienstjahre auf 28 ermäßigt würden. Stadtv. Winter bean- tragt«, den Magistratsvorschlag dahin abzuändern, daß nicht vom 21., sondern vom 25. Dienstjahre ab die Ermäßigung aus 26 Stun- den eintritt. Die Stadtvv. Dr. Maaß und Koye traten eben» falls für die Herabsetzung ein. Der Antrag Winter wurde schließlich angenommen.— Die_ Gesamtausgaben der_ höheren Schulen stellen sich wie folgt: Kaiser-Friedrich-Realgymnasium und Vorschule 217 900 M.; Albrecht-Dürcr-Oberrealschul- 148 400 M.; Realschule i. E. 111900 M.; Höhere Mädchenschule und Lehrerin- nen-Seminar 127 300 M.; 1. Mädchen-Mittelschule 97 600 M.; 2. Mädckcn-Mittelschule(vorn 1. Oktober 1912 ab zu errichten« 4000 Mark; Knabew-Mittelschule(vom 1. April 1912 ab zu errichten) 13000 M.; Evangelische Präparandenanstalt 16 600 M.— Insgesamt schließt die Schulverwaltung mit einem Betrage von 3 030 900 Mark ab. Ter Wahlvcrein hielt am DienZiag in Hoppes Festsälen seine Generalversammlung ab. Den Geschäfrsbericht für das .Halbjahr Juli-Dezember gab Genosse Scholz. Ihre Haupttätig. teit hatten der Vorstand und die Funktionäre den ReichstagSwahlen zugewendet. Das gute Resultat derselben habe wohl niemand vor- ausgeahnt. Es habe sogar Stimmen von gut unterrichteten Ge- nossen gegeben, die im Kreise Teltow-Beeskow mit einer Stichtvahl rechneten. Um so erfreulicher sei der Erfolg gewesen, der besonders für Neukölln zu buchen war. Von 65 401 eingeschriebenen Wählern haben 57 361~ 88,6 Proz. ihr Wahlrecht ausgeübt, eine Wahlbe- tciligung, tvie sie vordem nicht zu verzeichnen war. Von den Wäh- lern haben 83,6 Proz. ihre Stimmen der Sozialdemokratie gegeben. Trotz der veränderten Struktur, die Neukölln in den letzten Jahren durch den Zuzug besser situierter Leute erfahren habe, konnte eine Steigerung der sozialdemokratischen Stimmen von 29 339 im Jahre 1907 auf 47 997 bei der diesjährigen Wahl, also um rund 18000 Stimmen konstatiert iverden. Die Gegner zusammen haben nur eine Zunahme von 7000 Stimmen auftveisen können, darunter be- finden sich aber noch die auf den Demokraten gesallienen 1845 Stim» men, die 1907 zum Teil wohl noch mangels eines eigenen Kandi- baten kür die Sozialdemokratie abgegeben worden waren. Tie Er- folge der Organisation k�ben den gehegten Erwartungen aber nickt entsprochen. Es sind im ganzen bis jetzt nur 700 männliche Mit- glieder hinzugekommen. Da» Verhältnis der Mitglieder zu den abgegebenen sozialdemoirattschen Stimmen ist in Neukölln ein be- sonders krasses. Nur 25 Proz. sozialdemokratischer ReichStagSwäh- ler gehören dem Wahlverein an. DaS mutz für Funktionäre und Mitglieder ein Ansporn sein, fleißiger in der Agitation für den Wahlverein zu sein. Während der ReichstagSwahlen habe noch die Gefahr nahegelegen, daß die Organisation sich auch mit den Stadtverordnetenwahlen beschäftigen mutzte; glücklicherweise trat dies aber nicht ein. Der Erfolg, der mit dem Einspruch gegen die gesetzwidrige Aufstellung der Wählerlisten errungen worden ist. aeige sich jetzt schon darin, daß die Zahl der Wäbler der zweiten Abteilung von 2400 auf OÖOO gestiegen ist. Diese Tatsache sei den Bürgerlichen schon schwer auf die?kcrven gefallen. Es mutzte dann noch die Frage erwogen werden, ob mit den Demokraten wieder ein Bündnis geschlossen werden solle. Diesmal wäre ein Zusam. mengehen eine Torheit, denn bei 9000 Wählern könne erst jede Partei einmal zeigen, ob sie auch Soldaten hinter den Offizieren zu stehen habe.— Ueber die Mitgliederbewegung seien folgende Zahlen hervorgehoben: iim I. Juli 1911 Ivaren 14 340, am 31. Dezember 1911 14 756 Mitglieder; im neuen Kalenderjahr ist die Zahl der Mitglieder bis jetzt auf 15 687 gestiegen. Der Red- ner wies dann noch auf die bevorstehenden staotverordnetenwählen hin, die am 14. April für die dritte, am 10. April für die zweite und am 19. April für die erste Abteilung sttttfinden. Jeder einzelne müsse dabei seine Schuldigkeit im voll- sten Maße tun, denn ivenn sich die Gegner jetzt auch noch in den Haaren lägen, so würden sich dieselben bei der Wahl doch gemein» sam gegen unsere Partei wenden. Den Kassenbericht gab Huber. Vom 1. Juli bis 81. Dezember 1912 wurden vereinnahmt 28 754,27 M., verausgabt 28 224,05 M. Es verblieb also ein Kassenbestand von 530,22 M. Außerdem wurden für die Kreiskasse vereinnahmt: für Broschüren 1027,80 M. und durch Tellersammlung 1177,40 M. Den Bericht der Bibliothekskommission gab Wall. mann. In den 5 Monaten August bis Dezember wurden zusam- men 6444 Bücher auSgeliehen, und zwar an 1240 Leser. Der Bücherbestand wurde von 2298 auf 2584 erhöht. Auf ein« Anfrage wurde mitgeteilt, daß die in Aussicht gestellten Kataloge wegen Geldmangels noch nicht angescbafft werden konnten. In der Diskussion erhob Gen. Hermann gegen die sozial- demokratische Stadtverordnetenfrakiion den Vorwurf, nicht im In- teresse der ärmeren Bevölkerung gehandelt zu haben, indem sie für die Erhöhung der Gemeindeeinkommensteuer auf 110 Proz. ein- getreten sei. Das werde von der Bevölkerung nicht verstanden wer- den, die jetzt schon unter hohen Lasten zu leiden habe. Es gebe noch andere Steuern, die man den Befitzenden auferlegen könne, so die WertzuwacbSsteuer. Conrad trat diesen Ausführungen entgegen. Er bedauert. daß es nickt schon diesmal zu erreichen war, den Steuerzuschlag auf 110 Proz. zu erhöhen, denn im nächsten Jahre werde es un. bedingt notwendig sein, und wenn dann die. sozialdemokratische Fraktion die Mehrheit haben sollte, dann werden die Bürgerlichen diese Erhöhung als sozialdemokratische Mißwirtschaft bezeichnen. Wenn die Kulturaufgaben der Stadt nickt leiden sollen, wenn Kran- kcnhäuser, Schulen, Badeanstalten gebaut und gemeinnützige Ein- richtunge» geschaffen werden sollen, so müssen'Steueroucllcn ge- sucht werden; und da die Sozialdemokratie jede indirekte Steuer bekämpfe, bleibe nur die direkte Steuer übrig. An direkten Steuern entfallen in Neukölln auf den Kopf der Bevölkerung nur 8 M., auf den Kopf der Zensiten 24 M.(in anderen Orten dagegen 48 bis 100 M.); ein Zuschlag von 10 Proz. der Gemeindeeinkommensteuer würde also nur 1,20 M. pro Kopf der Zensiten betragen. V e i t h unterstützt diese Ausführungen. Eine Opposition gegen eine notwendige Erhöhung der direkten Steuern sollte man in Parteikreisen nicht erwarten. Hanno verlangt, daß die Lasten auf die Schultern der Reichen gelegt und die Zuschläge auf die Einkommen bis 2000 W. nicht ev. hoben werden. Heller betont, wenn man die indirekten Steuern, die Lust. barkeits-, die Schanksteuer und andere Steuern beseitigen wolle und damit ein Loch von rund einer halben Million in den Stadt- sackel reiße, dann müsse man dieses mit anderen Mitteln wieder zustopfen. Die Gemeinden allein haben nicht die Macht, die Reichen gehörig zu besteuern, die Gesetzgebung des Staates steht dem entgegen. K l o t h ist derselben Ansicht. Ehe man nicht die Klinke der Gesetzgebung in Händen habe, könne man seine Ziele nicht ver- wirklichen. Erst wenn die Sozialdemokratie mehr Einfluß im Land. tag errungen haben werde, könne sie auch die Politik in den Ge- meinden mehr beeinflussen. Die Befürchtung, daß man noch über 110 Pröz� hinausgehen müsse, teilt Redner nicht, sondern hofft, daß die»tadt aus eigenen Unternehmungen mehr Ncberschüssc er- jfelen werde. Für eine Gemeinde allein sei eK auch sehr geivayi, die Steuern zu erhöhen, da damit gerechnet werden müsse, dass die fteuerkräftigen Bürger wegziehen. Was dem Arbeiter durch die erböhte Steuer genommen werde, solle ihm sa in anderer Form wiedergegeben werden, denn gute Schulen, Krankenhäuser, Badeanstalten usw. lägen doch gerade im Interesse der minderbemittelten Bevölkerung. Scholz geht in seinem Schlusswort ebenfalls auf diese De- lxitte ein. Der jetzige Moment sei der geeignetste, um über diese Frage zu diskutieren, da die Genossen bei der Hausagitation zu den Stadtv�rordnetenwahleu vielfach darüber befragt werden wür- den. Um dje Reichen mehr zu besteuern, werde von der sozial- demokratischen Stadtverordnetenfraktion alles mögliche getan. Die Stadt habe verschiedene Fonds, die eigentlich nicht angegriffen werden sollen, aber die Bürgerlichen tun eS doch, nur um einer Erhöhung der Steuern aus dem Wege zu gehen. Als Kandidaten für die Stadtverordneten- Wahlen stellte die Versammlung folgende Genossen auf: für die dritte Abteilung: Mermuth, Thurow, Groger, Heit- mann, Schuch, B o e s k e, Iben, Bytomsli, Jaeck und Polen s ke; für die zweite Abteilung im 1. Bezirk Dichte und A l i ch e r, im 2. Bezirk P r e n z e l und F e I s ch, im 3. Bezirk S: uch, im 4. Bezirk Vogel. Rohr mrd Z e p m e i s e l, im 5. Bezirk Dr. Fürs!, im 6. Bezirk Röhl u;ii) Wilde. Unter„Verschiedenes" wurde ein Antrag des Porstandes, die Karenzen für Grabständchen von 3 auf 5 Jahre, diejenigen für Kransspenden von 6 Monate auf l Jahr zu erhöhen, nach längerer Debatte an den Vorstand zurückverwiefcn.— Poschmann forderte nochmals zu reger Agitation unter den Jugendlichen auf und verwies auf eine Versammlung derselben, die am Sonntag nach- mittag um 2 Uhr stattfindet.— Eckert richtete an alle Genossen. die nicht preussischc Staatsangehörige find, das Ersuchen, die nöti- gen Schritte zur Erlangung der Staatsangehörigkeit zu tun, um dadurch auch ein Wahlrecht zu erlangen. Charlottenburg. Ein schwerer Strahenunfall ereignete sich gestern nachmittag an der Wilmersdorfer Strasse. Ecke der Grünstrass«. Dort wurde der Laufbursche Eberhard Petrzik, Königsweg 7 wohnbvft, von einem Vlattenwagcn der Firma Bloch aus der Köthener Strasse 30 über- fahren. Die Räder des schweren Wagens gingen dem unglücklichen jungen Manne Über beioe Beine; ausserdem erlitt er noch Haut- abschürfungen. In schwerverletztem Zustande wurde der Verun- glückte zunächst nach der Unfallstation in der Berliner Strasse und von dort mittels Krankenauromobils nach dem Krankenhaus Westend übergeführt. Tempelhof. Für die Jugendpflege bewilligte die Gemeindevertretung in diesem Jahre zum ersten Male IlKXt M. Es bat sich auch bereits ein Jugendausschuh der Gemeinde Tempelhof gegründet, der nun der proletarischen Jugendbewegung Abbruch tun soll. Durch eine vom Rechnungsrat Gemeindefchöfien Jung unterzeichnete Bekannt- machung werden die schulentlassenen jungen Leute sowie deren Eltern zu einem BolkSunterhaltungSabend nach einem Lokale ein- geladen, dessen Wirt sonst von der Arbeiterschaft nichts wissen will. Unsere Arbeiterschaft wird verständig genug sein, den aus öffent- lichen Mitteln gespeisten UnterhaltungSabend zu meiden, der nur bestimmt ist, die Bestrebungen der Arbeiterschaft zu bekämpfen. Will die Gemeinde sich in Jugendpflege betätigen, so bietet sich ihr ein großes und dankbares Feld in anderer Weise, wo die Mühe- waltung und die 1000 M. besser angewandt sind. Proletarische Eltern und ihre schulentlassenen Söhne und Töchter werden schon setzt darauf aufmerksam gemacht, dah der Jugend- und Bildungs- ausschuh Tempelbof-Mariendorf am Sonnabend, den 20. April, im Lokale von Grassl, Mariendorf, einen LichtbilderabeNd mit Vortrag veranstaltet. Der Touristenverein„Die Naturfreunde" wird.Eine Wanderung durch die Mark Brandenburg" zur An- schauung bringen. Gedichte von Wilhelm Busch werden den heiteren Tüil ausfüllen. Der Arbeitergesangverein hat gleichfalls seine Mit- Wirkung zugesagt. Gemütliche? Beisammensein und Tanz werden den Abend beschließen. Erwachsene zahlen 20 Pf. Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Zutritt. Banmschnlcnmcg. In einer öffentlichen Proiestversammlung referierte am DienS. togabend Genosse Fr. Schulze über die geplante AuSnahmebesteue- rung der Konsumvereine. Die Versammlung stimmte der borge- schlagenen Protestresolution einmütig zu und klang aüS in der Aufforderung an die Einwohnerschaft, die Pläne der arbeiter. feindlichen Mittelständler durch um so regere Beteiligung am gc- lwsscnschaftlichen Warenbezug zu durchkreuzen. Lankwitz. Am nächsten Sonntag, Palmsonntag, nachmittags 5 Uhr, ftndet bei Schulz, Mühlenstrasse, die Schulentlassungsfeier statt. ES wird bei freiem Eintritt ein schönes, künstlerisches Programm ge- boten. Die Festrede hält Dr. Jul. Moses. ES ist Pflicht oller Genossen, dafür zu sorgen, daß alle Jugendlichen, besonder» die» jeuigen, die eingesegnet werden, auch an der Feier teilnehmen. Der Jugend- und BildungSausschuss. Lichtenrade. Tie am Senntag stattgesundene Stichwahl in der 3. Abteilung brachte uns nicht den erhofften Erfolg. ES erhielten unsere Kandi. Daten Lier 124, Nowigt 137 Stimmen gegen 178 resp. 195 der Gegner. Worunter sich zirka 30 Papierstimmen befanden. der Gegner, worunter sich zirka 30 Papierstimmen befanden. Biraa� Den GeschästSwuten drohten diejenigen, die nie genug über TerrorismuS der Sozialdemokraten reden können, mit Entzug ihrer Aufträge resp. Kundschaft, sobald dieselben den sozialdemo- lratischen Kandidaten ihre Stimme geben. Ausflügler, die am Sonntagmittag in Lichtenrade ausstiegen, wurden an ameriianilche Verhältnisse gemahnt. Durch einen an den Seiten mit grossen Pla. kalen bedeckten Viehwagen wurden die Namen der gegnerischen Kandidaten bekanntgegeben. Bier Pferde und der»usputz der Kutscher sorgten für genügende Aufmerksamkeit der Kinder. Noch in letzter Stunde verbreiteten die Gegner ein Flugblatt, da» voll unslatiger Angriffe aus unsere Kandidaten und faustdicker Lügen strotzte. Wie bitterer Hohn mutete daS Geschreibsel der„Lichten. rader Zeitung" bis zum Tage der Hauptwahl über die Alicin. gesessenen an. Nach der Wahl fanden sich die Herren jedoch gegen die Umstürzler zusammen. Nun werden die Gegner zu beweisen haben, wieweit sie cS ernst nehmen mit der Vertretung der Jnter. csscn der Allgemeinheit. Wenn es uns diesmal nicht gelungen ist, die Gegner zu werfen, so dürften unS dieselben bei der nächsten Wahl noch stärker auf dem Plan wiederfinden. Mariendors. Eine für die BerkehrScntwickelung Mariendorfs wichtige Frage war Gegenstand zweier kurz hintereinander folgenden Vertreter. Htzungen. iser Verhandlung zugrunde lag ein Bertrag des Teltower KreiSausschusseS wonach die Gemeinde Mariendorf ersucht wurde, als Jntereffenglied der Gemeinden Steglitz, Lankwitz und Gross- Lichterselde in bezug auf die jetzige Teltower Kreisbahn, die die Verkehrsverbindung zwischen Steglitz-Gross-Lichterfeldr und Steglitz- Südende herstellt, beizutreten. Ein Stück der Bahn Steglitz— Süd- ende wird aus Mariendorfer Gebiet geführt, dessen Wegebenutzung in einem ftühcren Vertrag in bezug auf Herstellung. Instand- lmttung usw. festgelegt ist. Zunächst wird nun in dem zur Ber- bandlung stehenden Vertrag vom KreiöauSschuss ausgesprochen, daß mit dem Beitritt der Gemeinde Mariendorf diese als berechtigtes und verpflichtetes Glied der obengenannten Gemeinden gilt, d. h. Mariendorf soll für die Schulden und Lasten als jetzt beitretendes, aber an dem Verkehr am wenigsten interessiertes Glied zu gleichen Teilen mittragen. Bekanntlich besteht nun aber zwischen der Telkower Kreisbahn bezw. dem KreiSauZschuß und ber Gemeinde Mariendorf ein besonderer Vertrag, nach welchem die Kreisbahn nach Fertigstellung der Unterführung am Bahnhos Mariendorf von Steglitz über Südende bis Mariendorf, Kaiserstratzc, Ecke Cbaussee- ftrahe, geführt wird, wofür Mariendorf neben einigen Klauseln in bezug aus Instandhaltung bei der Fertigstellung 100 000 M. zahlt. Dies ist die Strecke, an der Mariendorf nur interessiert ist. Während in diesem Vertrage keine Klauseln für die Zulassung und den Bau von Konkurrenzbahnen vorhanden sind, verlangt der neue Vertrag, daß der Kreis bei solchen Fragen stets die Eni- scheidung bat und sich auch jedes Vorrecht auf weiteren Bahnbau sichert. Ddr Endeffekt wäre also die Auslieferung der gesamten VerkehrSverhältnisse an den Kreis. Als Vorteil soll gelten die Ver- pflichtung des Kreisausschusseß einen ermäßigten Tarif einzuführen, sofern nicht— Zuschüsse notwendig sind. Und dann wird die Gemeinde 1944 Mitbesitzerin der Kreisbahn mit einer eventl. schuldenfreien Uebernahme, wenn weniger als 1 103 000 M. Schulden vorhanden sind, die darüber hinausgehenden Summen müssen die Gemeinden zahlen. Der Teltower Kreis als Besitzer der Teltower Kreisbahn tritt hier als Unternehmer sonderbarer Art auf. Um die durch den immer stärker weidenden Verkehr notwendigen Kosten für den Umbau aller Strecken von Schmalspur- und Vollspurbahnen nicht allein tragen zu müssen, bietet er den Gemeinden Verträge an, die für sie ein grosses Hindernis sind. Nach langer, eingehender Debatte beschloß die Vertretung einstimmig, den Vertrag abzulehnen. Hierauf verlangte Genosse Reichardt Auskunft, wer als Dele- gierter nach dem im April stattfindenden Kreistag gehe. Ihm wurde der Bescheid, daß der frühere Gemeindevorsteher Wcstphal als solcher gelte. Allgemein wurde der Wunsch ausgesprochen, daß in der Delegation ein Personenwechsel stattfinden müsse. Johannisthal. In einer Dauersitzung bis 12 Uhr nachts wurde am letzten Donnerstag der Voranschlag für daS Jahr 1912 durchberaten. Die Beschlussfassung über die Höhe der direkten Steuern wurde auf Antrag des Gemeindevorstehers von der Tagesordnung abgesetzt, um weitere Informationen über die Zulässigkeit der Höhe der Realsteuern bei der Regierung einzuholen. Die Ausstellung des Boranschlages zeigt da» Bild einer Armengemeinde mit äußerster Sparsamkeit. Die Einnahmen aus indirekten Steuern sollen er- geben: Umsatzsteuer 6000 M., Wertzuwachssteuer 2000 M., Lust- barkeitssteuer 3000 M., Hundesteuer 1125 M., Biersteuer 3000 Vi., zusammen 15 125 M. Die Ausgaben für die allgemeine Verwal- tung belaufen sich auf 46 925 M„ gegen 35 904 M. im Borjahre. Für die Schule sind 61 037 M. in Ansatz gebracht, hiervon werden an Gehältern für 14 Lehrer und Echuldiener 33 887 M. gezahlt. Tie Gehälter für die Gemeindebeamten belaufen sich auf 25 500 M. Die abzuführenden Polizeikosten auf 5315 M. An Zinsen und Til- gung für eine Schuldenlast von 557 799 M. hat die Gemeinde 24 280 M. aufzubringen. DaS Feuerlöschwesen erfordert 3200 M., WohlfährtS- und Gesundheitspflege 1254 M. Die Ausgaben für die öffentliche Bibllotbek betragen nach Abzug der Beihilfe de? Staates und des Kreises von 250 M-, 500 M. Die Ausgaben siir Armenpflege belaufen sich nach Abzug von Leistungen aus anderen Armenverbanden und zur Unterstützung verpflichteten auf 2780 M. Die Beratung des Entwurfes ging im ganzen ruhig von statten. Herr Rehbein bemängelte die durchaus dürftige Ansammlung� des Fonds für Gemcindeanlagen. Redner wollte diese für die weitere Herabsetzung der Steuerzuschläge verwendet wissen, fand aber keine Gegenlieb«. Von unseren Genossen wurde verschiedentlich in den Gang der Verhandlungen eingegriffen. Zunächst forderten sie die Bereitstellung von Mitteln zum Bau der Turnhalle. Des wci- teren protestierten sie gegen die Verwendung öffentlicher Mittel zu Illuminationen und forderten eine weitere Erhöhung der Mittel für Armenpslege. Eine eigenartige Begründung gab der Ge- meindevorsteher für die Zurechtweisung, die Mitglieder der Feuer- wehr über sich ergehen lassen mußten, weil dieselben bei der Ge- meindewahl sozialdemokratisch gestimmt haben. Ter Herr meinte, cS bestehe die Gefahr, daß der der Feuerwehr verliehene polizeiliche Charakter durch eine solche Haltung wieder abgenommen werde. Ober-Schönctveide. Di« Be- und Entwässerung de» OrteS wird in der nächsten Zeit eine wesentliche Umgestaltung- erfahren. Für das neu- erschlossene Gemeindegebirt, für welches der Monopolwasser- lieferungsvcrtrag mit dem Gemeindewasscrwerk RummelSburg keine Geltung hat, ist das Wasserwerk im OrtSteil Ostend bald am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Türaus entstände der Ge- meinde die Ausgabe, unter Aufwendung grosser Mittel eine wcsent- liche Erweiterung vorzunehmen. Es besteht nun die Aussicht, daß in der nächsten Zeit ein Vertrag mit der Stadt Berlin abgeschlossen wird, wonach die Wasscrlicferung aus dem im Bau begriffenen Werk in der Wuhlheide ab 1914 erfolgen soll. Die Beseitigung der Schmutzwässer bedarf ebenfalls einer anderweitigen Regelung. Das angewandte Kohlebreivcrfahren weist einerseits wesentliche Mängel auf, und andererseits wird eine Erweiterung des KlärwcrkeS nicht zu umgehen sein; abgesehen davon, daß die ungeheuren Abwässermengen der industriellen Werke den Klärprozess äusserst erschweren. Auch hier ist«in Vertrag mit der Stadt Berlin in Vorbereitung, wonach die Abwässer den Rieselfeldern in HellerSdorf zugeführt werden sollen. ES besteht die Aussicht, daß trotz der vorzunehmenden Druckrohrverlegung eine Mehrbelastung der Gemeinde durch die von der Stadt Berlin zu erlangende'Bühren festsetzung vermieden wird. Die Gemeindevertretung wird sich jedenfalls in ihrer nächsten Tagung mit diesen Projekten zu befassen haben. Spandan. Die Spaiidauer Genossen und der Ankauf der Rustwicseu. Eine ausserordentliche Generalversammlung de« Wahlvereins fand am DienSrag bei Borchardt in der Seeburger Strasse statt. Den ersten Punkl der Tagesordnima bildete ein Bortrag des Berliner Stadt- verordneten Genossen Karl Leid über Kommunalpolitik. Der Redner lvieS zunächst auf die Gegensätze hin. die, wie in Reich und Staat, so auch in den Gemeinden zwischen den verschiedenen Klanen der Bevölkerung bestehen, und die es für die Arbeiterschaft zur Notwendigkeit machen, auch hier für eine eigene Vertretung ihrer Interessen zu sorgen. Sodann zeigte Redner an einer Reihe von Beispielen aus dem umfangreichen und so viel- gestaltigen Gebiet der Gemeindepolitik, welche Forderungen und Grundsätze für die sozialdemokratischen Stadtverordneten und Ge- meindevertreter maßgebend sind. Unter anderem betonte Genosse Leid, daß die Grund- und Bodenfrage sowie die Wohnungsfrage von außerordentlich großer Wichtigkeit für die Gemeinden ist, und zeigte, welche großen Schwierigkeiten einer vernünftigen und zweck- mäßigen Lösung dieser Fragen entgegenstehen, weil da» Terrain- spekulantentum alle Mittel aufwendet, um hier seine kapi- ralistischen Interessen zur Geltung zu bringen. DaS schändliche Dreillassenwahlrecht, und dazu noch daS HauSbefitzerpnvileg, machen eS den Vertretern de«"arbeitenden Volke« um so schwerer, Beschlüsse herbeizufLbren, die dem Wohle der Allgemeinheit entsprechen. Tie Gemeinden haben das größte Interesse daran, daß ihr eigener Grund und Boden nicht vermindert, sondern vermehr! wird. Natürlich wird man nicht unier ollen Umständen Grundstücke ankaufen, sondern nur, wenn man günstig kaufen kann und et zum Vorteil der Ge- meinde gereicht. Da die sozialdemokratische Vertretung in den Gemeinden nur eine Minderheit bildet, also ihre Forderungen nicht voll zur Geltung bringen kann, wird sie sich bei solchen vorlagen, die irgendwelchen Nutzen für die Allgemeinheit bringen, immer fragen müssen, ob damit mchi Nachteile verbunden sind, die die Borteile überwiegen. Da» ist oft eine sehr schwer zu entscheidende Frage. In der Spandauer Stadt« verordnetenversoinmlung sitzen bekanntlich ganz besonders enragierte Vertreter der Grundstücksinteressenten, wodurch es unseren Genossen besonder« schwer gemacht wird, in der Grund- und Bodenpolitik immer das Rechte zu treffen. Darum gilt es um so mehr, die hier vorliegende Frag« ruhig und leidenschaftslos zu prüfen. Unsere Endziele können ja innerhalb der Gemeinden nicht erreicht werden. Aber eS kommt für uns in den Gemeinden darauf an. den Gegnern immer weitere Konzessionen abzutrotzen, Vorteile für die Allgemeinheit zu erringen, die als Abschlagszahlung zu betrachten sind. Handeln wir so im Sinne unseres Programms, so wird auch unsere Gemeindepolitik zum Segen ausschlagen. In der Diskussion über den Vortrag iprach Genosse Pieper und betonte, daß die sozialdemokratische Fraktion in Spandau die vom Genossen Leid ausgeiprochenen Grundsätze immer befolgt habe und daß sie auch die einzige Partei war, die sich bei den bekannten Enthüllungen durch Professor Eberstadt ans dessen Seite stellte. Der zweite Punkt der Tagesordnung war der Ankauf!) e r Ru st wiesen und der Verkauf deSStadtwaldes sowie die Stellung der Genossen zu dieser Angelegenheit. Der Vor- sitzende Genosse S c i o r legte kurz dar, um was es sich handelte. Auf Drängen einzelner Genossen und auf Antrag von Mitgliedern habe der Vorstand sich veranlaßt gefühlt, die Stadtverordneten zu einer Aussprache über die Angelegenheit zu laden. Die Gründe, die ihrer- seitS für den Ankauf der Rustwiesen vorgebracht wurden, hätten den Borstand nicht befriedigt; der Vorstand sei zu der Ansicht gekommen, daß der Ankauf beschlossen wurde, um die Firma Meyer u. Söhne zu retten, und weil unsere Stadtverordneten dafür stimmten, ohne mit dieser Frage erst an den Vorstand heranzutreten, habe dieser einstimmig beschlossen, daß ihnen eine Rüge zu erteilen sei. Hieraus nahm Genosse Pieper das Wort. Seine Ausführungen entsprechen dem, was bereits in Nr. 65 des„Borwärts" dargelegt wurde. Schon vor Jahresfrist habe er in der Stadtverordnetenversammlung erklärt, daß die Fraktion nie- malS abgeneigt sei, das Glinde zu kaufen, wenn es unter günstigen Bedingungen geschehen könne. Daß die Sache jetzt abermals auf die Tagesordnung kam, dazu habe allerdings der Bank« krach beigetragen. Er, Redner, verstehe nicht, warum die Sache nun mit einem Male so viel Staub aufwirble. Die Rustwiesen lägen sehr günstig, und man habe auch ehe der Entschluß zum Ankauf gefaßt wurde, Bohrungen vornehmen lassen, und zwar mit dem Ergebnis, daß der Bautechnik auf dem Gelände keine Schwierigkeiten erwüchsen. Die Finna Meyer u. Söhne gehe die Fraktion gar nichts an. Er, Redner, sei der Ucberzeugung, daß man zugunsten der Stadt gekaust habe, und übrigens fei es leichter zu kritisieren, als in. der Stadtverordnetenversammlung selbst Stellung zu nehmen.— Genosse Schubert führte demgegenüber aus, daß die bürgerlichen Stadtverordneten und der Magistrat bei der Sache lediglich im Interesse einer kapitalistischen Firma gearbeitet hätten. Schon der Umstand, daß der Magistrat dieselbe Vorlage siebenmal hintereinander einbrachte, zeige deutlich, daß kapitalistische Interessen dahinterstecken. Die Ruft- wiesen seien ein Sumpfgelände und für die Stadt zu teuer gekauft. Niemand hätte emcn Vorwurf erhoben, wenn die Stadl infolge des Krache? zu billigem Preise gekauft hätte. Aber daS sei hier nicht der Fall. Man habe überdies einer einzelnen Firma noch 440 000 M. in den Schoß geworfen, und unsere Genossen hätten gleichzeitig dafür gestimmt, daS gute Waldgelände der Stadt für 4 M. den Quadratmeter loszuschlagen.(Zwischenruf:.Nicht wahr I") Wenn durch Ablehnung des Ankaufs in Spandau einmal eine gründliche Reinigung eingetreten wäre, so hätten sich sicherlich an Stelle der zugrunde gegangenen, größere, kapitalkräftige Institute� gefunden, um die Funktionen zu übernehmen.— Genosse Piek äußert sich im Sinne seines Fraktionskollegen Pieper. Er wohne seit 30 Jahren in Spandau und wisse, waö der Grund und Boden hier wert sei. Die Fraktion habe sich von den Grundsätzen unseres Kommunal« Programm« leiten lassen und danach gehandelt. Wenn das Gelände jetzt wieder verkauft werden sollte, so sei das nicht ihre Schuld.— Im weiteren Verlauf der Debatte sprechen die Genossen A b b o l d. Stahl, Reichardt, Tromplcr, Wolf und Hinze sich aus den oben schon angeführten Gründen gegen die Haltung der Fraktion ans, wobei der Wunsch laut wird, die Fraktion möge erklären, eingesehen zu haben, daß sie verkehrt� gehandelt habe; damit werde man dann die Sache für erledigt ansehen können. �Die Genossen Grögerchen und Peczielles sprechen demgegenüber im Sinne der Genossen Pieper und Piek. Sodann nimmt Genosse Leid daS Wort und weist auf die Schwierigkeiten der Entschei- düngen hin, vor die die Genossen in der Gemeindevertretung oft gestellt werden. ES könne ja vorkommen, wie z. B. in Berlin bei der im Jahrs 1907 durch eine Kommission verhunzten Wertzuwachs- steuervorlage, daß sie eine im Prinzip gute Sache ablehnen, und mit ihren ärgsten Gegnern stimnien müßten, allerdings aus entgegengesetzten Gründen. Was nun die hier in Spandau vorliegende Angelegenheit angebe, so könne es allerdings den Anschein erwecken, als hätten unfere Genossen dafür gestimmt, uin die betreffende Finna zu retten. Aber über die Motive werde ja nie abgestimmt, und man könne ans sehr verschiedenen Gründen zu ein und demselben Resultat konrmen. Sei allerdings von vorn- herein ausgemacht gewesen, das Gelände weiter zu verkaufen, so scheide damit das Interesse der Stadt an dein Erwerb eigenen Grund und BodenS auS. Die ganze Sache liege aber offenbar so verzwickt, daß er, Redner, der Versammlung nur den Rat geben könne, keine unnötige Schärfe hineinzulegen. Am besten wäre eS, die Sache so zu erledigen, daß man sage: Wir haben unS ausgesprochen und lassen es dabei bewenden; es wäre erwünscht gewesen, wenn sich unsere Stadtverordneten wegen dieser Win?! neu Frage mit der Organisationsleitung vorher in Beziehung gefttz. hätte» und boffen, daß in Zukunft gceignctenfallS eme bessere Fübluno gesucht wird.— Nachdem die Debatte um 1/3i Uhr ihr Enoe erreicht hatte, erklärte die Versammlung sich mit dem Vor- schlage deS Genossen Leid einverstanden und verzichtete auf die Ab- stimmung über den VorstandSantrag. Genosse Schubert betonte noch gegenüber einer Bemerkung deS Genossen Piek, daß er hftr in der Venammlung lediglich als Mitglied des WahlvcreinS und nicht als KreiSvocsitzender gesprochen habe. Mühlenbeck. In den letzten kurz aufeinanderfolgenden Sitzungen der Ge- meindcvertrehing wurde zunächst der Posten de» StcuererheberS vergeben; natürlich fiel dieser Posten wieder dem Herrn zu, der sowieso durch seine Beamtenqualifikation schon genügend Pension bekommt, trotzdem sich auch hiesige Bürger darum beworben hatten. Dos Gut Feldheim soll in Bälde von der Gemeinde Frohnau käuflich erworben werden und teilweise zu Riesclzweckcn Verwcn- dung finden, wozu die Genehmigung der Regierung schon erteilt sein soll. Dos Gesuch der Firma Worch u. Co., um Pflasterung der Strasse von Mühlenbcck nach MönchSmühIe wurde abgelehnt, da die Nordberliner Hartsteinwcrke für unentgeltliche Abtretung und Auflassung ihres Anteil« zu Straß. nland noch nicht zu haben sind. Der Boranschlag für 1912 beläuft sich in Ausgaben und Ein. nahmen auf 26 189,64 M. An Kommunalzuschlag zur Einkommensteuer sollen 180 Proz. und an Grund- und Gebäudefteucr 270 Pro- zent für das kommende Jahr erhoben werden. Ein Antrag des Altsitzers Wortenberg auf Ankauf eines Stück Gemeindelandes wurde abgelehnt, da die Gemeinde noch möglichst hinzuzukaufen gedenkt. An Umsatzsteuer wird wie bisher für unbebaute Grundstücke Proz. erhoben. Der Dorfpfuhl soll in Zukunft zur Karpfenzucht Verwendung finden; momentan ist schon mit einem Versuch begonnen worden. Nieoer-Schönhaufen, Nordend. Schon lange war eS von den Mitgliedern der Konsum-Genossen. schaft Berlin und Umgegend am hiesigen Orte schmerzlich emp- funden worden, daß hier keine Verkaufsstelle ist. so daß sie daraus angewiesen sind, ihren Bedarf ausserhalb zu decken. Um diesen, Uebelstande abzuhelfen, wurde eine Kommission gebildet, welche die Errichtung einer Verkaufsstelle in die Wege leiten soll. Dem gleichen Zwecke sollte eine öffentliche Versammlung dienen, die am DienStag im„Schwarzen Adler" stattfand. Genosse Stürmer batte das Referat über das Thema:„Der Kampf gegen die Wirtschaft- liche Ausbeutung" übernommen. Äer Redner verstand eS. seine Zuhörer von der wirtschaftlichen Notwendigkeit deS gcnossenschaft» lichen Zusammenschlusses für die Arbeiterschaft zu überzeugen. Seine Ausführungen wurden in der Diskussion durch Genossen Kahl(Pankow) in wirkungsvoller Weise ergänzt, während Genosse IoachimSthal da» Verhakten der hiesigen VeschästSseut« gegenüber ihren Angestellten einer vernichtenden Kritik unterzog. Folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme: Die am 26. März tagende öffentliche Versammlung erklärt ihr Einverständnis zu den Forderungen der Handelsangestellten auf Verkürzung der Sonntagsarbeit in den offenen Verkaufsstellen. Die Versamm- lung spricht ihre Mißbilligung aus über die arbeiterfeindliche Stellungnahme der Vorstände des hiesigen„Vereins selbständiger Geschäftsleute' und der„Vereinigten Bäckermeister' und ersucht die Gemeindevertretung, die Sonntagsarbeit in der gleichen Weise wie in Berlin zu regeln." Anknüpfend wies der Vorsitzende, Ge- nosse Vieth, darauf hin, daß sich der Vorstand des Vereins selb- ständiger Geschäftsleute schon bei der Gemcindewahl in parteiischer Weise betätigte, indem er das Flugblatt der Bürgerlichen mit unter- zeichnet und sich so in einen offenen Gegensatz zu seiner Arbeiter- kundschaft gesetzt habe. Als Erfolg des Abends waren zahlreiche Neuanmeldungen zur Konsumgenossenschaft zu verzeichnen. Hohen-Neuendorf. Der erste Vertreter der roten Internationale zieht nunmehr auch in unser Dorfparlament ein. Bei der am Mittwoch statt» gefundenen Gemeindevertreterwahl siegte der sozialdemokratische Kandidat, Genosse Hugo Hoffmann, mit 99 Stimmen über den gegnerischen Kandidaten, der 97 Stimmen auf sich vereinigte. Nowawes. Die am Mittwoch beendete Gemeindevertreterwahl endete, wie zu erwarten war, mit einem Siege des sozialdemokratischen Kan- didaten. Es wurden 12S3 Stimmen abgegeben; davon erhielt unser Genosse Hermann Ebel 1296, der Zählkandidat des bürger- lichen Mischmaschs Otto Oberlander ganze 46 Stimmen, 2 Stimmen waren zersplittert. Die Gemeinde als Grundbesitzerin. Am 1. April v. I. betrug der Wert des der Gemeinde gehörigen Grund und Bodens mit einer Fläche von insgesamt 178 638 Quadratmetern 7S9 838 M., der Wert der Gebäude dagegen 1 896 900 M. Der Mobiliarwert der Gebäude betrug 259 600. Auffallend ist der große Unterschied zwischen dem Mobiliarwert der höheren Lehranstalten und dem der Vollsschulen; während das Mobiliar des Realgymnasiums und der höheren Töchter» schule zusammen einen Wert von 108 000 M. repräsentiert, wird der Wert des gesamten Mobiliars der sechs Volksschulgebäude mit nur 69 009 M. angegeben. Dies zeigt wieder deutlich, daß die Auf- Wendungen der Gemeinden für Einrichtungen zugunsten der besitzenden Klasse weit höher sind als diejenigen, welche für die ärmeren Bolls- schichten gemacht werden. Versammlungen. Was haben wir vom Reichstag zu erwarte«? stand als Thema auf der Tagesordnung von sechs öffentlichen Ver- sammlung, die vom Vorstand des vierten Berliner ReichstagSwahl- kreises zum Dienstagabend einberufen worden waren. In sämt- lichen Veranstaltungen sprachen Reichstagsabgeordnete. Trotz un- günstiger Umstände, um nur die Umzugszeit hervorzuheben, sowie den am Tage vorher abgehaltenen Frauenleseabend, waren die Versammlungen doch durchweg gut, zum Teil sogar sehr stark besucht. In der LLwenbrauerei, Frankfurter Allee, hatten sich die Besucher schon frühzeitig eingefunden, so daß der Abgeordnete für den vierten Wahlkreis, Otto Büchner, vor einem dicht- gedrängten Auditorium sprechen konnte. Unter größter Aufmerk» samkeit und oft von lebhaften Zustimmungs- und Beifallsäuße- rungen unterbrochen, zeichnete der Referent in markanten Strichen die derzeitige politische Lage, um dann auf die Pflichten und Aus- gaben des jetzigen Reichstages einzugehen und an der Hand der von unserer Partei eingebrachten Anträge zu zeigen, was das jetzige Parlament leisten kann und leisten muß, wenn es die Wünsche des Volkes wirksam vertreten und im wahrsten Sinne des Wortes die Bezeichnung Volksvertretung verdienen will. Ebenso zahlreich hatten sich die Besucher im„E l h s i u m', Landsberger Allee 40, eingefunden, wo der langgestreckte, mit jmnten Girlanden freundlich ausgeschmückte Raum um die neunte Stunde bis auf den letzten Platz besetzt war. Hier hatte es H e n k e- Bremen übernommen, in einem gutgegliederten, erschöpfenden Vortrage einen knappen Umriß von den Taten des blauschwarzen Blocks zu geben. Die Zusammensetzung des neuen Reichstages und die vor- aussichtliche Haltung der einzelnen Parteien bei den kommenden Wehr-, Steuer, und sonstigen Vorlagen gaben dem Redner reichlich Gelegenheit, die Schwierigkeiten zu schildern, mit denen die Ar- beiten im ReichSparlameni verbunden sein werden. �Mit einem eindringlichen Mahnwort an die Anwesenden, alle Kräfte auf die schweren Kämpfe in der nächsten Zukunft zu konzentrieren, schloß oer Referent seine wirkungsvollen Ausführungen unter dem stürmischen Beifall der Versammlung. Nach ein paar anfeuernden Worten des Vorsitzenden, Genossen Sassen, war die Veran- staltung beendet. Bei Boeker, Webcrstraße, sprach H ü t t m a n n- Frankfurt. der einleitend den verflossenen Wahlkamps als einen der heftigsten von allen Kämpfen bezeichnete, die wir bisher geführt haben.� In seinen weiteren Ausführungen verstand es der Referent, eine über- sichtliche Darstellung unserer politischen Konstellation zu geben unter scharfer Hervorkehrung aller Konfliktspunkte, die mit unum- stößlicher Gewißheit daraus erwachsen werden. Der Vortrag fand das uneingeschränkteste Interesse der Anwesenden, wofür schon allein der starke Applaus sprach, den der Referent erntete. Bis auf den letzten Platz besetzt war der„C o m e n i u S s a a l' in der Memeler Straße. Hier behandelte in einem etwa l�stün- digen Referat Haupt- Magdeburg das Thema des TageS, der mit seinen Ausführungen den lebhaftesten Beifall auslöste. Vollste Zustimmung erntete auch Schmidt- Meißen im Lo- kale ,.S ü d o st", dessen temperamentvolle Ausführungen unter den dichtgedrängten Zuhörern zündende Wirkung auslosten. Mit jugendlichem Feuer referierte bei Grauman«, Naunynstraße 27, der sturmerprobt« Vertreter von Teltow-BeeSkow. Fritz Zubeil, dem man die Strapazen des verflossenen Wahl- kampses sowie die überstandene Krankheit nicht im geringsten an» merkte. Nach seinem mit stürmischem Beifall aufgenommenen Bor- trage richtet« noch die Genossin Q u o l k e eine kurze Ansprache an die Versammelten, insbesondere an die Frauen und forderte zu tätiger Mithilfe und rastloser Mitarbeit auf. Die Eteinarbeiter versammelten sich am Freitagabend iu den Arminhallen, um die im Prinzip beschlossene Arbeitslosenunter- stützung weiter zu beraten. Die Erhöhung der Beiträge, die je nach den Stundenlöhnen 15 Pf., 20 Pf. und 35 Pf. pro Arbeits- Woche beträgt, soll mit dem 1. Mai d. I. beginnen. Der Verband leistet dafür eine Unterstützung von 1,65 M. pro Tag bis zu 24 Tagen bei einer Woche Arbeitslosigkeit als Karenzzrtt-nd wem» die Beiträge für 52 Wochen am Ort voll entrichtet sind. Die folgen. den Bestimmungen wurden auf Empfehlung des Vorstandes und der Platzvertreter von der Versammlung angenommen: �Innerhalb eines Jahres wird die Unterstützung nur einmal gewährt. Das Unterstützungsjahr beginnt mit dem Erhebungstage der Unter- stützung. Von diesem Tage wird stets 52 Wochen zurückgerechnet und wird Unterstützung nur dann ausgezahlt, wenn dieselbe noch nicht voll erhoben ist. Ausgesteuerte Mitglieder haben erst nach 26 wöchiger voller Beitragsleestung wieder Anspruch aus Unter- stützung. Arbeitslosen, die im verschiedenen Zeitperioden inner» halb eines Jahres arbeitslos werden, werden die Unterstützungs- Wochen zusammengerechnet, bis die in Betracht kommende Höchst» summe erreicht ist. Die achttägige Karenzzeit kommt im Unter» stützungsjahr nur einmal zur Anrechnung. Militärische Uebnnge« werden der Arbeitslosigkeit gleich geachtet. Mitglieder, welche in mehreren Zeiträumen der hiesigen Zahlstelle angehört haben, wer- den nach der sich ergebenden Summe der am Ort geleisteten Bei. träge unterstützt. Nach außerhalb wird keine Unterstützung gezahlt. Rückständige Beiträge und sonstige Verpflichtungen gegenüber der Zahlstelle werden in Abzug gekracht. Wer länger wie acht Wochen im Rückstand ist. hat keinen Anspruch auf Unterstützung. Ein klag- bareS Recht steht niemandem zu. Der zweite Punkt der Tagesordnung betraf die Stellungnahme zum Verbandstag. Die vorige Versammlung hatte bereits An» träge gestellt in bezug auf Arbeitslosen-, Reise, und Kranken. Unterstützung, sowie Tarifwesen. Zwei neue Anträge de» vor» standcs und der Platzvertreter kamen zur Beratung. Erstens soll Gehalt und Bureaumiete der Ortsverwaltung von der Hauptkasse getragen werden, aber ohne Beeinträchtigung der Recht« der Mit. glieder am Orte. Zweitens soll die Einteilung der Wahlkreise für den Verbandstag so getroffen werden, daß 400 Mitglieder einer Zahlstelle oder eines Bezirks einen Delegierten erhalten imb anf den Rest, wenn er mehr als 200 beträgt, ein weiterer Delegierter entfällt. Die Versammlung stimmte diesen Anträgen zu. ebenso einem Antrag auf Erhöhung des Krankengeldes von 4,50 M. auf 6 M. Dann wurden die Kandidaten für die Delegiertenwahl auf. gestellt.— Für die Porzellanarbeiter bewilligten die Versammelten 100 M. und beschlossen, auch Listensammlungen vorzunehmen. Zum Schluß wurden noch einige UnterstützungSgesuche erledigt. Singegangene DruckFchnften. Revolution und Gegenrevolution i« Rußland und Ftuulaud. von Rottni ZilliacuS. 252 S.®. Müller. München. Nächte. ErzählungSband von B. Hauptmann.» SIL, grd. 4JU IL ®. Rowohlt, Leipzig. Wissenschaft und Bildung. Bd. 30. Einführung i» die«esthet« der Gegenwart. Von Pros. Dr. E. M-umann.— Bd. 87. Einführung in die Psychologie. Von Pros. Dr. A. Dyross.— Bd.»02. Eintülnra« in das Alle Testament. Von Prof. Dr. M. Löhr. Einzelband geb. 1,28 St Quelle u. Meyer. Leipzig. Die Nacht des Doktor Herzfeld. Roman von». Her«»)». ®. Wetlchel u. Co.. Berlin W. 9. 4 M. Fanstina. Ein Gespräch über die Siebe van I.«asierm«».»«, Pappband SM.— Kaspar Hanser oder die Trägheit da« Am«»». Roman von I. Wassermann. 5,50 M., in Leinen 4,50 St«. gqchcs, Berlin. Die kombinierte Zimtsänrebehandluug akA HeitaHttet iei Tuberkulose der Lungen und des Kehlkopfes. Mit 2 Adbtldnno« aus zwei Taseln. Von Sanitätsrat Dr. M. V~ Fritsche KommisssouSveaag Milscher u. Röstell, Berlin, Wilhelmstr. 49. 1 M. - J Unserem lieben Parteiwirt hermaan Petsch S» und seiner lieben Braut die herzlichsten Glückwünsche zur , heurigen PerniählungSseier. < via Genossen des 539. Bezirks (6. B. R.-W). 25652 t«»»»«- miwmm-mmwmww «SSZtSSS Die herzlichsten Glückwünsche ß zur Silberhochzeit| V dem Genossen und der Genossin W | Lebereetit Berter■">- Frao| O wünschen 15/10® sl) Der Vorstand des Sozial- W % demokratisch. Wahlvereins Scböncberg. Todes-Anzeigen Sozialiieniokraiiseb.Wahlferein Kreis Bieder-Bami. Bezirk Karlshorst. Den Mitglieder« zur Nachricht, daß unser Genosse, der Maurer Pmil Hocdtiitt gestorben ist Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 28. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Karls- horster Friedbosskapcllc aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 240/19 Die Bezirksleitung. SozialdeiiiQkratiseliJälilvereiii CharloUenburg. Den Parteigenossen zur Nachricht, daß unser Milgtied, der Möbel- zeichner Otto Sebarnberg Sesenheimerstr. 1, verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet Freitag. den 23. März, nachmittags 4 Uhr, aus dem Torolhenstädlischen Fried- hos, Reinickendorf, Scharnweber- straße 1—2, statt. 250/11 Um rege Beteiligung ersucht Oi-t- Vomtancl. Dankssgnns:. Für die Beweise herzlicher Teil- nähme bei der Beerdigung unseres unvergeßliche» Liebling» Werner sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Spar- oerein der Harmlosen und den Sängern des Neuköllner Männer- chorS unfern aufrichiigsten Dank. 2562L Georg Horwitz u. Frau. 8MiIel!!likratiseb.MImeili Senlrli WelBenaee. Nachruf! Am 22. März starb unser Mit» glied, der GaSanslaltsarbeiter Antun ß�nsusv im Alter von 30 Jahren. Ehre seinem Andenken! 18/5 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher Riebard Grabaam am 23. März an Nierenleiden gestorben ist. Die Beerdigmig findet heute Donnerstag, den 28. März, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- halle deS St. Pauls. Kirchhofes, Seestraßc, aus statt. Ferner starb der Schlosser unser Mttglled. Oswald Sebone am 24. März an Nervenleiden. Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 23. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Bartholomäus-Kirch- böses in Weißcnsec, Falkenberger Chaussee, aus statt. Ehre ihre« Audenken l Rege Beteiligung wird erwartet. Nachrut! De» Kollege» zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Zwk- gießcr Albert Sebütz am 23. d. M. an Lungen- 1 cntzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 114/15 Die Ortsvertvaltung. I Am Momag, 25. März, starb nach langer Krankheit im 66. Lebensjahre unser lieber Kollege, der Schristsetzer Oskgf Oehring. Das jahrelange, gemeinsame Arbeiten und der lollegiale Sinn des Verstorbenen fichern ihm ein ehrendes Andenken. 865b Gas personal der Unden-Oruekerei Beerdigung: Heute Donnerstag. nach«. 5 Uhr, aus dem neuen Malthäi-kkirchhos, Schöneberg, am Priesterw-g. Derband der Maler, Fackierer, Anstreicher vsw. Filiale Berlin. Bezirk Norden. Den Mtgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Otto Rergmann am 26. März ö erstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet Doners- tag, den 28. März, nach-mtttags 4 Uhr, von der Halle des Golgatha- FriedhoseSin der Barsusftratze auS statt. 128/15 Gle Ortsvenvaltung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten zur Mitteilung, daß die Beerdigung meiner lieben Frau 874b Julis Sonntag geb. ProJana am 28. d. Mts. aus dem Nazareth- Friedhos. nachm. 4 Uhr, stattfindet. Wild. Sonntag, Tischler. MilMtU- und üraurbiudtm un Robert Meyer,' nur Marlauutu-Straljk 2. in tlttanttn ßerren-Woden fertig und nach Mass erhalten Sie in der modernen Mass- Schneiderei J. Kurzberg Rosenthaler Strasse 40 Hscke-ictaai Harkt. Frankfurter Alles 104 Bcice Prledon Strasse. Reinickendorfer Str. 4 Weddincplatz. auf Wunsch Woehenrate Am Mittwoch früh verschied nach schweren Leiden mein lieber unvergeßlicher Mann und guter Vater, btr Isolier« 25662 Mermatm Schoaak. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. d. M., nach- milwgS 5 Uhr, von d« Hallc des Nazarelb-Kirchhoses in Ret- nickcndors» West, Scharmveb«- straße, aus statt. Die« zeigt ttefbetrübt an Wwe. Schnask nebst Kindern. Mittwoch, de n 27. März, morgens 81/, Uhr, entschlies nach langen, schweren Leiden unsere liebe Tochter EEtse Stahn s«». zaw. Dies zeigt ttefbetrübt an im Namen der Hinterbliebenen Gustav Zahl, Gitschiner Str. 80. Beerdigung findet am Sonn. abend, den 30. März, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle deSZentralsriedhoseS w Friedrichs- selbe auS statt. Humorftt Holz, Schnlftraße 52. Tankfaguug. Für die vielen Beweise herzlich« Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben Manne» sage ich hiermit alles Teilnehmern meinen herzliches dank. Witwe Berts Tscharntke. Fpsc k- Terlefh-I n« tf tut. Frack-, Gehrock., Smoking-Anzüge, fftc jede Größe passend, lu g roher Au». Berg Baehl.Borchanlt, Friednchstr.tlS I, o. DranienbargJtor Tel. Nord 7402. Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Filiale Groß-Berlin. Mnrgen Freitag, den 39. Man, abends 8'/- Nhr, im Gewerbschastshanje, Engelufer IS(groher Saal): ftulterordentUche General-Versammlung 88/18 Verbandstage in Tagesordnung: 1. Verbandsangelegenheiten. 2. Die Statutenrevision auf dem München. 3. Die Delegiertenwahlen zum Verbandstage. NWT" Kollegen. Kolleginnen! Erscheint pünktlich in dies« sehr wichtigen Versammlung. Nm« VttU glieder unseres Verbandes habe» Zutritt; das Mitgliedsbuch ist am Saaleiugaug vorzulegen. Die Ortsverwaltung._ Zahlstelle Berlin. Verband der Sortierer und Kistenbekleber. Sonnabend, den 30. März IStÄ, abends Uhr, im„Rosenthaler Hof", Rosenthaler Str. 11/12: Kombimkrtk Witglirder-sierslilWllW. Tagesordnung: 1. Bericht vou der Tarif- und Lohnbewegung der Zigarren- arbeiter. Res«ent:.4Isvin Schulze.— 2. Der Slatulenentwurs. Anträge zur Generalversammlung in Hamburg.— 3. verschiedenes. Aller Erscheinen Pflicht!=�=- 187/8* Am Eingang wird kassiert. Ble OrtsTerwaUnng. Zentrat-Verband der Töpfer und Semfsgenossen Deutschlands. Filiale GroU-Berlin. Freitag, den 29. Mär». abeudS«'/, Uhr, in Schulz' Feftfälen, Am KönigSgrabe» 14»(Nähe de» Alexanderplatzes): Tagesordnung: 1. Die Situation im Gewerbe. 2. Verschiedenes. Da sehr wichtige Angelegenheiten zur Kenntnis zu nehmen sind, ist es Pjlichl, daß sämllichc Lauten vettreten sind. 192/8 Der Vorstand. In d« Pnvatklagesache de»! Jakob Ncumeier in Berlm, Jäger- straßc 71, Privatkläger«, vertreten durch die Rechtsanwälte Bredereck und Dr. Lips in B«Im, Friedrtchstr. l»S, gegen den GelchästSsührcr Albert Wilde in Neukölln, Schudomastr. 6, An. geklagten wegen Beleidigung, haben die Parteien in der öffentlichen Sitzung des Königlichen Schössen» geriwts zu Neukölln vom 14. März 1912 folgenden Vergleich geschlossen: Der Angeklagte nimmt die in d« Dclegierienvcrsammlung d« All» gemeinen Ortskrankcnkasse Neukölln am 17. November 1911 gegen den Privatkläger erhobenen Vorwürfe als unbegrünSel zurück. Er erllärl weit«: Ich bave miq überzeugt, daß insbesondere der Lorwurs d« Unter- schlagung jed« Begründung entbehrt und bedauere, ihn ausgestellt zu haben. Die vorstehende Erklärung darf der Privatkläger innerhalb zwei Wochen je einmal in der.Deutichen Krankenkassenzeilutig- und im.Vor» wärls» aus Kosten de» Angeklagten veröffentlichen lassen. 272/12 Verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Für den �lehtuus! Sl. Felix Brasil. GroBes Umblan, hoch), tzualitit per Pfand 1.60 fl. Filiale: Berlin H., Brunnenstraße 25. 272/6* ___ Ter Vorstand.|- ri||' Jnjeratentetl verantw.: TH. Glocke, Berlin. Druckt». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Eo, Berlin SW. 5r. 74 29. Jahrgang. 4. KcilW b Jonärfü" Knlim lolbM. Zm»rr,t«g, 28. Wq 1912. Die föerliner GewerkicbaMorominion hielt am Dienstag eine Sitzung ab, in der zwei wichtige Punkte behandelt wurden: Die Zentralisierung der Krankenkassen und Vor- schlage zum Bezirks-Maifonds. Mit Rücksicht auf den zweiten Punkt war eine starke Vertretung der Parteiorganisation zu der Sitzung hinzugezogen.— lieber die Zentralisierung der Krankenkasse» referierte Ritter. Der Referent empfahl die nachstehende Resolution, welche ohne Debatte einstimmig angenommen wurde: ..Die versammelten Vertreter zur Gcwerkschaftskommission für Berlin und Umgegend erklären sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden, daß im Interesse der Kranken- kasscnmitglieder eine Zentralisation im Berliner Krankenkassen- Wesen notwendig und daher aufs neue anzustreben ist. Sie nehmen Kenntnis von den bereits von der Zentralkommission der Krankenkassen Berlins in dieser Angelegenheit eingeleiteten Schritten und übernehmen ihrerseits die Verpflichtung, unter den Mitgliedern ihrer Gewerkschaften durch aufklärende Vorträge für den Gedanken der Zentralisierung zu wirken." S i m a n o w s k i, der Vorsitzende der Zentralkommission, be- merkte noch, es sei notwendig, mit der Agitatwn schon in den nach- sten Tagen zu beginnen, denn im April halten die Ortskranken- kasscn ihre Generalversammlungen ab, wo der Gedanke der Zen- tralisation erörtert werden müßte. Zu eingehenden Erörterungen führte der folgende Punkt der Tagesordnung: Vorschläge für den Bezirks-Maifonds. Bekanntlich ist nach den Beschlüssen des Parteitages in Leipzig und des Gewerkschaftskongresses in Hamburg aus freiwilligen Sammlungen ein Fonds zu bilden, aus dem die infolge der Mai- feicr Ausgesperrten zu unterstützen sind. Die Berliner GeWerk- schaften haben ihren Äitgliedcrn. welche am l. Mai arbeiten, zur Pflicht gemacht, mindestens 50 Pf., wenn es sich um männliche, und 25 Pf., lücnn es sich um weibliche Mitglieder handelt, zu diesem Fonds beizusteuern. Die Parteiorganisation hat die Beitragspflicht ihrer arbeitenden männlichen Mitglieder auf mindestens 1 Mk., der weiblichen auf mindestens 50 Pf. festgesetzt. Nach der diesjährigen Maifeier muß der Fonds gemäß den geltenden Beschlüssen zum erstenmal in Anspruch genommen werden. Eine aus Partei- und Gewerkschaftsvertretern bestehende Maikommission hat sich neuer- dings mit dieser Angelegenheit beschäftigt und neue Vorschläge über die Beitragsleistung zum Maifonds gemacht. Ä ö r st e n, der über diesen Punkt referierte, sagte unter an- derem: Die vorjährigen Sammlungen haben nicht so viel«inge- bracht, daß die voraussichtlichen Kosten der Maiaussperrung auch nur annähernd aus dem Fonds gedeckt werden könnten. 60 000 M. sind bei den Gewerkschaften eingeiommen und lb 000 M. haben die Sammlungen der Partei ergeben Dazu kommen noch 12 000 M. Ueberschüsse aus den festlicheki Veranstaltungen am 1. Mai. Da im vorigen Jahre der Holzarbeiterverband allein 68 000 M. Unter- stützung an die Maiausgesperrten zu zahlen hatte, � so kann der an- gesammelte Fonds auch nicht entfernt seiner Bestimmung gerecht werden. Sollen die Verpflichtungen, welche Parteitag und Ge- Werkschaftskongreß der Maitommission auferlegt haben, erfüllt wer» den, dann darf entweder die Zahlung von Unterstützung erst nach der ersten Woche der Aussperrung beginnen, oder die Beitragssätze zum Maifonds müssen erhöht werden. Wenn Unterstützung vom ersten Tage der Aussperrung ab bezahlt wird, dann würden nach den bisherigen Erfahrungen 120— 130 000 M. erforderlich sein. Diese Summe könnte aufgebracht werden, wenn die Vorschläge der Maikommission Annahme finden, welche dahin gehen: All« am 1. Mai arbeitenden Genossen anb Genossinnen haben die Hälfte ihres Tagesverdienstes an den Maifonds abzugeben. Auf Grund des Beschlusses des Parteitages in Nürnberg haben die Parteige- nossen, die am 1. Mai feiern und keinen Lohnausfall erleiden, einen Tagesverdienst zu zahlen. Auch dieser Betrag soll dem Maifonds zugeführt werden. Ebenso alle Ueberschüsse aus Partei- und Ge- werkschastsveranstaltungen, Verkauf von Festschriften und sonstige Zuwendungen. Ferner schlägt die Kommission vor, daß in der ersten Woche der Aussperrung keine Unterstützung gezahlt wird. Wenn die Meifeier erweitert werden soll, bemerkte der Refe« rent, dann müssen wir auch die Konsequenzen tragen und die dafür erforderlichen Kosten aufbringen. Glocke vertrat den Standpunkt, es muß nicht gefragt werden, wollen wir zahlen oder nicht, sondern: Wollen wir feiern oder nicht. Es ist unsere Aufgabe, die Maifeier zu propagieren. Wenn jetzt die Maifeier gehalten werden soll durch die Beiträge der Ar- bcitenden, dann werden sich die meisten sagen: Arbeiten wir lieber, damit die wenigen, welche feiern, ausreichend unterstützt werden können. Wenn wir in diesem Fahrwasser weitergehen, dann wird die Maifeier zu einer Theatermache.(Sehr richtig!) Dahin soll man es aber nicht kommen lassen, sondern, wenn es wirklich so ist, wie manche große Gewerkschaften behaupten, daß sie nicht feiern können, dann soll man offen erklären, von einer allgemeinen Feier kann keine Rede sein, wir feiern nicht. Durch Unterstützung die Maifeier halten zu wollen, das geht nicht. Wenn bei der großen Masse kein Verständnis für die Maifeier zu erwecken ist, dann sollte uian den Dingen ihren Lauf gehen lassen. Die paar Gewerkschaf- ten, welche den 1. Mai feiern, können das unter diesen Umständen auf die Dauer auch nicht durchführen. Durch die Beschlüsse von Parteitag und Gewerkschaftskongreß ist die Sache nur verschlechtert worden, weil keine Verpflichtung zur Feier besteht. Am besten wäre es, wenn der Fonds in diesem Jahre an die Gewerkschaften prozentual verteilt und es den Gewerkschaften dann überlassen wird, ob sie in Zukunft noch feiern wollen oder nicht. Nachdem einige Redner die Leitung des Mctallarbeiterverban- des wegen ihrer Haltung zur Maifeier angegriffen hatten, sagte Cohen: Die Beschlüsse des Verbandes entsprechen dem, was in der Metallindustrie notwendig ist. Es wird keinem Betriebe der- weigert, zu feiern, aber eine gewisse Stärke der Organisation im Betriebe wird mit Recht als Voraussetzung der Feier gefordert. Ist diese Voraussetzung vorhanden und beschließen die Arbeiter des Be- triebes, zu feiern, dann bedarf es nicht erst der Zustimmung de: Verbandsleitung. Es wird also niemand gehindert, zu feiern und die Unterstützung ist auch da.— Was den Fonds anbetrifft, so hält der Redner die Vorschläge nicht für glücklich. Wenn die Beiträge schon im vorigen Jahr mangelhaft eingegangen sind, so wird es noch mehr mangeln, wenn ein halber Tagesverdienst gefordert wird. Tie Grundlage der Unterstützung muß nach wie vor die Gewerk- schaft sein. Der Fonds kann nur zur Entlastung ihrer Kassen dienen. Die von Parteitag und Gewerkschaftskongreß angenom- mene Resolution will ja, daß gefeiert wird, nur nicht so, daß in- folge der Maifeier die gewerkschaftliche Tätigkeit für das ganze Jahr lahmgelegt wird. Ein Verstoß gegen diese Resolution ist eS, wenn wir einen halben Tagesverdienst als Beitrag zum Fonds fordern, denn die Resolution spricht von freiwilligen Beiträgen. Auf der Freiwilligkeit liegt der Nachdruck. Es sollte gezeigt wer- den, wie weit die Arbeiterschaft gehen will in der Aufbringung der Mittel für die Durchführung der Maifeier. Die Freiwilligkeit der Beiträge zu beseitigen, haben wir kein Recht, solange die Reso- lution besteht. Der Redner ist dafür, daß das vorhandene Geld seinem Zweck zugeführt, aber ruhig weitergesammelt wird. Was durch den Fonds nicht gedeckt werden kann, das müssen die Gewerkschaften aus ihren Beständen decken. Eugen Ernst bemerkt zu den Ausführungen GlockeS: Ob wir feiern wollen oder nicht, darüber haben wir nichts zu sagen, denn die Feier ist durch Parteitag und Gewerkschaftskongreß be- schlössen. Wir haben dem Beschluß des Parteitages in Leipzig nachzukommen und dafür zu sorgen, daß die Maifeier ausgedehnt wird. Wenn ausreichende Unterstützung vorhanden ist, wird die Beteiligung an der Feier stärker werden. Anfangs ist ja gefeiert worden, ohne daß jemand auf Unterstützung rechnete. Spater ist das anders geworden. Man braucht sich ja nicht darüber zu täu- schen, daß die Neigung vorhanden ist, Unterstützungen zu nehmen. wo ein Anspruch darauf besteht. Mit dem reinen Idealismus ist nichts mehr zu machen. Wenn man die Einkünfte des Fonds be- trachtet, dann scheint es, als habe die Partei weniger dazu bei- gesteuert als die Gewerkschaften. Das stimmt aber nicht. Unsere Parteigenossen haben zum großen Teil an die Gewerkschaften ge- ßlt, denen sie angehören. TaS konnten wir natürlich nicht hin- n, denn ihren Verpflichtungen an den Fonds sind sie ja nach- gekommen. Daß sie dort zahlten, wo sie es billiger hatten als bei der Partei, das ist ein Mangel an Idealismus, den wir bedauern. Will man die Feier, dann hat man zu verlangen, daß die Genossen, welche nicht feiern können, wenigsten? Geldopfer für die Unter- stützung der Ausgesperrten bringen. Wenn Cohen sagt, die Gewerk- schaftskassen müßten die Grundlage der Unterstützung sein, so könnte uns das recht sein, aber das stimmt nicht überein mit der Resolution des Parteitages und Gewerkschaftskongresses. Hiernach soll die Un- terstützung in erster Linie durch den Fonds aufgebracht werden und erst in zweiter Linie die Kassen der Partei und Gewerkschaften in Anspruch genommen werden. Die Freiwilligkeit der Beitrags- leistung wird durch unsere Vorschläge nicht berührt. Wenn wir einen halben Tagesverdienst fordern, so sind wir dazu genau so berechtigt, als wenn wir nur 25 Pf. fordern würden. Die Frei- Willigkeit besteht in der Zahlung des Beitrages, aber nicht in der Höhe desselben. Wenn wir den Vorschlägen von Cohen und Glocke folgen, den vorhandenen Fonds prozentual zu verteilen, dann wer- den die Gewerkschaften beschließen, die Maiausgesperrten nicht mehr zu unterstützen und damit würde die Maifeier aufhören. Darum ersuche ich um Annahme unserer Vorschläge. Klaar regte an, man solle, ehe man die Beitragssätze ändert. erst versuchen, die Sätze von 1 M. bezw. 50 Pf. von allen zu be» kommen, welche zur Zahlung verpflichtet sind. Glocke betonte, die Forderung eines halben Tagesverdienstes würde vielen vor den Kopf stoßen, aber nicht zur Hebung der Mai- fcier beitragen. Der Vorschlag, in der ersten Woche keine Unter- stützung zu zahlen, sei unannehmbar. Wenn der Holzarbeiterver- band seine Ausgesperrten, die meist nur wenige Tage ausgesperrt werden, erst nach einer Woche unterstützen wollte, dann würde die Feier aufhören. Propaganda sei die Hauptsache. Wenn der Me- tallarbeiterverband es jedem überlasse, ob er seiern wolle oder nicht, so werde dadurch die Feier nicht gefördert. Cohen antwortete darauf: Wenn wir mit Aussperrungen von nur 3, 4, 5 Tagen zu rechnen hätten, wie die Holzarbeiter, dann könnten wir eine Maifeier machen, wie sie Berlin noch nicht gesehen hat. Aber in der Metallindustrie ist die Maifeier für die meisten Arbeiter gleichbedeutend mit dem Opfer ihrer Existenz. Die Feiernden werden entlassen und nie wieder eingestellt. Es liegt nicht am schlechten Willen, wenn die Maifeier bei uns nicht die Ausdehnung genommen hat, die wir wünschen. Unser Standpunkt zur Maifeier wird dadurch bestimmt, daß wir uns nicht durch die Feier das ganze Jahr kampfunfähig machen lassen wollen. Wir haben der Maifeier viel zu verdanken. Die Verkürzung der Ar- beitSzeit ist dadurch sehr gefördert worden. Wenn der Fonds im ersten Jahre noch kein befriedigendes Ergebnis geliefert hat, so soll man nicht gleich neue Experimente machen, sondern es nochmal mit den bisherigen Beschlüssen versuchen. Nachdem K ö r st e n nochmals die Vorschläge der Kommission empfohlen hatte, wurde über die einzelnen Punkte derselben abg»- stimmt. Für die Zahlung eines halben Tagesverdienstes an den Fonds, sowie für Nichtzahlung von Unterstützung in der ersten Woche der Aussperrungen wurden nur wenige Stimmen abgegeben. Diese Vorschläge sind demnach abgelehnt. Mit großer Mehr» heit wurde beschlossen, daß die am 1. Mai arbei- tenden Genossen 1 M. und die Genossinnen 50 Pf. zum Maifonds zu zahlen haben und daß Unter- stützung vom ersten Tage der Aussperrung gewährt wird.— Diesem Beschluß gemäß wird der Bestand des Fonds der- teilt werden. Wenige Tropfen geben schwachen Suppen, Bouillon, Saucen, Gemüsen usw. augenblicklich einen überraschenden, kraftigen Wohlgeschmack. ist einzig! Achtung vor Nachahmungen! 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