Nr. 75. Abonnement! kcäiiigllngen: »bonnciiicntS- Prkis l'llinumcrando! Bil'rleljährl. S�aj J.Uf., inonatl. 1,10 Mk.< wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hans. Einzelne Zdinmier ö Pig, Sonnlags- nnmmcr niit illuswicrtcr Zonnlag4. Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Zldoiineinenl: 1,10 Marl pro Monat. Enigetragcn in die Post-Zeiiniigs- Preisliste, tinter tirclizband lür Teutschland und Ocslcrreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat, Postabonncnicnls nehmen u»: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, iliircmburg, Portugal, Kumänicn, Schweden und die Schweiz. 39. Jafyrg. kllchtlnt täglich außer MentZZi. Berliner Volksblnkk. vie Insertion;. Ledühr keirägt für die sech-Sgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg,, fü; politische und gewerkschaftliche Vereins und Pcrsaininlung-S, Anzeiget! a) Pig, „Kleine Hnieigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg,(zulässig 2 fettgedruckt- Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. Stellengesuche und Schlafstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Psg„ jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über lö Puch- stabeit zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis K Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben iverden. Die Expedition ist tis 7 Uhr abends geöstnei, Telegramin- Adresse: «Zsaiallimoiirai Rerlia". Zentralorgan der fozialdemokratlfcben Partei Deutfchlands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt MoristplaK, Nr. 1S8Z. Freitag, den 39. März 1913. Expedition: SRI. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplatz, Nr. 1981« Leset�gebuvg durch das Volk. Tas parlamentarische Kleinciewelirfcuer ist ans einige Wachen verstinnint, da die beiden Parlamente, Neichstag und Abgeordnetenhaus, in die Osterferien gegangen sind. In dieser Pause, in der die sleißigen Abgeordneten sich wieder einmal verschnaufen und die eifrigen Leser der Parlaments- berichte wieder einmal zu sich selbst kommen können, drängt sich von selbst die Frage auf: Wo stehen wir: Was ist erreicht? Was haben wir zn tun? In beiden Parlamenten ist die Lesung dcS Etats nicht allzusehr gefördert worden. Nichts ist da wohlfeiler, als von dem Schwatzbediirfnis der Herren Abgeordneten zn sprechen Aber nichts ist auch seichter, als wich billiger Zpott. Tenn bei uns liegen die Tinge nun einmal nicht so wie etwa in England, wo weniger geredet, als durch die Tat gesch geberische Arbeit geleistet wird. Ganz abgesehen davon, daß wir in Teutschland ja keine parlamentarische Regierung haben, sind die Parlamente bei uns ganz natnrnotwcndig das breite Blachfeld des ParteikampfeS. Man spricht zum Fenster hinaus, man will agitatorisch wirken, neue Anhänger werben durch die parlamentarische Propaganda. Und je heftiger der Kampf zwischen den Parteien und Klassen eist brennt, desto stärker betätigt sich das parlamentarische Agitationsbedürfnis. Nicht minder deutlich als im Reichs tag, zeigt seit dem Eintritt der kleinen sozialdemokratischen Fraktion auch das preußische Abgeordnetenhaus diesen Zug zn rednerischen Temonstrationen. Und Nationalliberale, Zentrum und Konservative entrüsten sich zwar weidlich über das Zuin-Fenster-hiuausrcdeii der sechs Sozialdemokraten, aber der Eifer, im Wettbewerb darin nur ja nicht hinter der Sozialdemokratie zurückzustehen, verrät sich nicht nur in den zahllosen jozialistentöterischen Reden der bürgerlichen Par teien, sondern er hat längst auch die Minister angesteckt! Man schimpft zwar auf die„Wahlreden", aber nur, um sich darin gegenseitig zu.übertrumpfen! erw hat der Kampf im Neichstag und inr Landtag seit Wochen und Monaten getobt. Täglich fast sind hitzige Rede schlachten geschlagen worden. So daß der ununterbrochene Waffenlänn und die endlose Kette der Scharmützel den politisch Unerfahrenen schließlich gar verwirren und über die allgemeine Gefechtslage täuschen könnte. Tgrum ist die Frage nach dem Wo und Wie um so gebotener. Und da hat sich denn gezeigt, daß es mit der Nieder werfugg des blauschwarzcn Blocks leider noch seine guten Wege hat. Schon das klägliche Zusammenklappen von Nationallibcralen bei der Präsidialfrage verriet die Unzu verläsugkeit der Fraktion Trehscheibe. Inzwischen ist unter den Natioiialliberalen ja auch der helle Krieg zwischen der süddentsch-jungliberalen und der rheinisch-westfälischen-frei konservativen Richtung ausgebrochen. Und wie hier der großindustrielle, scharfmacherische Flügel den Sieg davon gc tragen hat, so triumphierte er bereits bei den Debatten über den Bcrgarbeiterstrcik. Unter Niederreißung der blau- schwarzen Schranken waren sich Nationallibcrale, Zentrum und Junker inbrünstig ans Herz gesunken. Und wenn es gelten wird, der Regierung die enormen neuen Heeres- und Marinefordernngen zn bewilligen, werden wiederum die Schranken fallen. Tb in der Teckungsfrage die National liberalen sich wenigstens der hansabündlerischcn Plattform erinnern werden, bleibt abzuwarten. Allzu großen Illusionen sollte man sich auch in dieser Richtung nicht hingeben! Und noch eins: Wie im preußischen Iunkcrparlament leistet sich auch im Reichstag trotz d'es unübersehbaren wuchtigen Faktums der llll Sozialdemokraten die Regierung die dreiste Provokation, die Sozialdemkratie gewissermaßen außerhalb der Verfassung zu stellen, sie für vogelfrei zu. erklären und Beamten und Staatsarbeitern das Recht zu bestresten, sich als Anhänger der stärksten deutschen Partei zu bekennen, jener Partei, der reichlich ein Drittel des gesamten Volkes angehört! Unsere engstirnigen Reqierungsbureaukraten haben aus dem Wahlausfall also nicht das geringste gelernt und fahren fort, Gesetz, Verfassung und jede politische Ver- nunft mit Füßen zu treten!» Leider aber erleichtert nicht nur die Fraktion Trehsthsibe den Blauschwarzen und ihren gouvernementalen Handlangern solche arrogante Trutzpolitik, sondern auch der Fortschritt. Geradezu jämmerlich ist dessen Haltung im Dreiklasseuhause. Hat er sich doch nicht einmal zu d e r Höhe der politischen Ein- ficht und des politischen Anstandes aufzuschwingen vermocht, daß er für jeden Staatsbürger, auch für die Staatsbeamten, kategorisch das Recht forderte, sich ganz nach der eigenen Ucberzeuguug politisch zu betätigen, und sei es auch für die Sozialdemokratie. Im Gegenteil: Erst noch in den letzten Tagen versicherten ja fortschrittliche Angstmeier, daß Lehrer „sclbstverständlicki" keine Sozialdemokraten sein dürften! Wenn das fortschrittliche Holz schon so saftlos ist, wie soll man da vom dürren Holz der Nationallibcralen lenzhaft liberales Sprossen erwarten! Und ebenso bezeichnend für die frei- sinnige Kümmerlichkeit ist es, daß diese Partei auch in diesem Jahre wieder nicht das geringste gegen den Korruptionssonds zur Großpäppclung der Jugendverblödung und hurrapatroti- scheu Jugendkirrung einzuwenden hatte, die doch ihre Spitze ausgesprochen gegen die sozialdemokratische Partei richtet. So schlugen sich in allen ernsthaften Kultur- und Weltanschau- ungsfragen die fortschrittlichen Sturmgesellen getreulich auf die Seite der Reaktion. Ter schwärzblaue Block hat sich da schon längst wieder zu einem Phantom verflüchtigt, das mit dem Wahlkino seine Rolle ausgespielt hat! Und wie steht es mit der wichtigsten Frage der preußischen nicht nur, sondern der deutschen Politik, mit der preußischen Wahlresorm? Tie Regierung sieht den Dingen mit unter- geschlagenen Armen zu. Junker und Zentrum beglückwünschen sie zu dieser Obstruktion gegen die feierliche Verheißung der Krone. Und der Liberalismus? Ter Freisinn denkt selbst heut noch nicht an eine Volksbewegung, er begnügt sich mit mit dem Antrag, einstweilen einmal das direkte und geheime Wahlrecht zu gewähren. Aber selbst das ist den national- liberalen Mandataren der rheinisch-westfälischen Schlotbarone noch zu radikal! Sic beantragen, daß das direkte und ge- Heime Wahlrecht durch etliche Flickereien an dem Dreikiassen- system gleich zu einer Total- Reform gestaltet und damit die ganze Wahlrechtsfrage all iietn gelegt werde. Und zweifellos geht die Absicht der Friedberg und Konsorten in der Hauptsache dahin, durch eine Beseitigung der Drittelung in den UrWahlbezirken dem Zentrum, vor allem aber der sozial- demokratischen Arbeiterklasse möglichsten Schaden zuzufügen. Wenn dann trotz des geheimen und direkten Wahlrechts infolge des infamen Treiklassensystems womöglich auch die winzige Zahl sozialdemokratischer Vertreter wieder aus dem preußi- scheu Landtag hinausbugsiert würde, so wäre das ein Triumph liberaler Gesetzesmacherei, für den dem Friedberg, Schiffer und dessen reaktionärem Komparativ Schifferer geradezu ein blauschwarzer Nationaldauk gebührte! Wo stehen wir also? Vor dem Feind, der uns rings umgibt! Und wie sieben wir da? In der Hauptsache auf unsere eigene Kraft angewiesen, wie nur je zuvor.. Und worin besteht unsere Kraft? Nicht in unserer parlamentarischen Position— so wenig wir auch die parlamentarische Tätigkeit, namentlich deren agitatorische Seite, unterschätzen wollen—, sondern in unserer Verankerung mit dem Volke, in den Wtir- zeln unserer Kraft, in den Volksmassen selbst, in der Organi- sation, in dem Klassenbewußtsein und der politischen Regsam- keit und Energie dieser Bolksmässeii! Die Massen müssen sich rühren und regen, wenn unseren Aktionen im Parlament Mark und Nachdruck verliehen werden soll. Tic Fraktionen können höchstens den Tirigentenstab schwingen, die Musik muß das kraftvoll einfallende Orchester der Volksmassen machen! Und namentlich in Preußen werden die Wahlrechtshcloten erst dann gleichberechtigte Staatsbürger werden, wenn die Volksmasse selbst ihrer Empörung über ihre endlose Rechtsverböhnung unzweideutigsten Aus- druck gibt. Die Gesetzgebung durch das Volk ist nicht erst die Sache der Zukunft, sondern dringender denn je Aufgabe der Gegenwart! vie kergarbeiterdetvegulig. Ein neues Kapitel. London, 27. März.(Eig. Ber.)' Mit der Annahme der Mtnintallohnvorlage ist der Kampf in der britischen Bcrgwerkindustrie nicht beendet worden. Es ist nur ein neues Kapitel in dem gewaltigen Ringen der Bergknappen um eine menschenwürdige Existenz eröffnet worden, Tas Ende der von der Regierung einge- leiteten, Verhandlungen kam mit dramatischer Plötzlichkeit. eit Freitag hatte Herr A s g u i t h versucht, die Unter- nehmer zu bewegen, wenigstens die Minimallöhne von 2 und 5 Schilling anzuerkennen, um es den Bergarbeitern möglich zu machen, die Vorlage anzunehmen und zur Arbeit zurück- zukehren. Aber alle seine Versuche waren vergebens. Die Unternehmer weigerten sich, überhaupt mit den Arbeitern wieder zu konferieren, da sie eine dritte gemeinschaftliche Konferenz als nutzlos bezeichneten. In letzter Stunde brachte darauf die Regierung die streikenden Parteien noch einmal, jedoch nur auf einige Minuten, durch eine List zusammen. Der Premierminister hatte den im Ministerium des Aeußern versammelten Unternehmern eine Frage vorgelegt, über die diese nicht entscheiden konnten, ohne vorher im geheimen konferiert zn haben. Man wies ihnen ein Zimmer an, und als sie wieder kamen, fanden sie, daß Herr A s q n i t h die Vertreter der Bergarbeiter zu sich berufen hatte. Tic siid- Walisischen Arbeitgeber machten sofort kehrt, die anderen blieben, ohne daß jedoch etwas ausgerichtet wurde. Es heißt nun i» der Untcrnehmerpresse, daß es der Vizepräsident der Bergarbeiterföderation gewesen sei, der die Verhandlungen zum Scheitern gebracht habe' durch die Erklärung, daß die chottischen Bergarbeiter für Schichtlöhncr einen Minimal- lohn von 5% Schilling und für Knaben einen solchen von 3 Schilling forderten. Diese Angabe ist aber durchaus irreführend. Der Premierminister hatte den Vor- chlag gemacht, die Frage der Schichtlöhncr und Knaben ganz von der Hauptfrage zu trennen. Darauf erklärte S m i l l i e, es jrnisse wohl verstanden werden, daß die verlangten chilling und 2 Schilling nur die untere Grenze für alle Distrikte bildeten: dort, wo diese Arbeiterkategorien, wie in S chottland, schon besser entlohnt würden, verlangten die Berg- arbciter nach wie vor die herrschenden Löhne als Minimal- löhne. Diese Forderung, von der die Arbeiter nie abgewichen sind und die jedem vorurteilsfreien Beobachter auch als ganz selbstverständlich erscheinen muß denn die Arbeiter traten doch nicht in den Kampf, um eine allgemeine Lohnrednktion herbeizuführen wurde nun von den Unternehmern als unvernünftig bezeichnet. Nach dem Scheitern der kurzen gemeinschaftlichen Kon- ferenz hielten die Bergarbeiter eine Sitzung ab, in der be- schlössen wurde, die Arbeiterpartei zu ersuchen, gegen die Minimallohnvorlagc zn stimmen. Das geschah auch. Eine bemerkenswerte Rede wurde von dem Kohlen- besitzer Sir A r t u r M a ck h a m gehalten, der gegen die Vorlage stimmte. Die Rede M a ck h a m s, die oft von dem lauten Beifall der Arbeitervertreter unterbrochen wurde, führte folgendes ans: „Nichts in der Vorlage könne verhindern, daß der Minimal- lohn in einer minderwertigen Grube, die eigentlich nicht in Be» trieb sein sollte, auf SM Schilling festgesetzt werde. t?s sei 1:11- vernünftig von der Regierung, nun, da sie all ihre wirtschaftlichen Grundsätze preisgegeben, vor dem letzten Hindernis zurück- zuscheuen. I» vielen Revieren würde der Minimallohn von 5«chilling die Betriebskosten überhaupt nicht vermehren. Er sei überzeugt, daß der Streik vermieden worden wäre, wenn sich Herr Thomas dem südwalisischen Zechenvcrbaiid nicht angeschlossen hätte. Gewisse Leute hätten sich mit der Absicht in den itampf gc- stürzt, die Gewerkschaften zu z e r t r ü m m e r n. D i c Regierung habe ungefähr dieselben Gedanken. Er aber glaube, daß noch stärkere Organi» sation cn ans den Trümmern des Kampfes' her« vorgehen würden. Wenn nicht ein niedrigster Minimal- lolin der Vorlage einverleibt werde, so sei es nutzlos, sie weiter zu beraten. So weit es in seinen Kräften stehe, werde er die Berg- arbeitcr unterstützen, solange der Kampf anhalte. Immer wieder habe er der Regierung erklärt, daß die Kohlenbesitzer nicht die gc- ringste Absicht liegten, irgendwelche Zugeständnisse zu machen, daß sie bis zum äußerste» kämpfen würden. Man habe ihn nur aus- gelacht und ihm erwidert, er möge nur warten, bis die gemein- schaftlichen Konferenzen begönnen. Tic V c r a n t w 0 r t l i cli. keit für all das Elend müsse die Regierung tragen. Sic bättc den halsstarrigen Unternehmern erklären müssen: Wenn Ihr nicht die Minimallöhne von 5 und 2 Schilling bezahlt, so werde» wir die G r u b e n verstaatlichen und all diesem Humbug ein- Ende machen. Er lvepde gegen die Vorlage' stimmen, da sie nicht den wirtschaftlichen Frieden bringe." Die Bergatbeiterkonferenz war fast einmütig gegen die Annahnte der Vorlage. Ein Ainendement war gestellt worden, in dem verlangt wurde, daß sich die Arbeitervcr- treter.im Unerhause bei der Abstimmung über die Vorlage der Stimme enthalten-sollten. Das Amendement fand nur zwölf Uiiterstützer. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Stimmung der hier weilenden Delegierten die Kampfstimmung unter den Bergarbeitern widerspiegelt. Was immer auch die Vor- läge bezwecke» wird, sie wird die Bergarbeiter nicht zur Arbeit zurückführen. Nach der Ansicht der leitenden Berg- arbeitervcrtrcter wird die U r a b st i m ni u n g die Wieder- aufnähme der Arbeit mit großer Mehrheit verneinen. Sie stützen sich dabei auf die Resolutionen, die in allen Revieren in den letzten Tageit von den streikenden Berg- arbeitern angenommen worden sind. Um die Haltung der Arbeiter zn verstehen, muß nian bedenken, daß die Bergarbeiter Großbritanniens beträchtliche Erfahrungen niit den von der Vorlage geinachteit Schiedsgerichtelt haben. Mögen auch die Minister in bewegten Tönen beteuern, daß sie glauben, daß die Forderungen der Arbeiter recht und billig sind, und daß sie sich nicht vorstellen können, wie ein Schiedsgericht diese Forderungen herabsetzen könnte: die Bergarbeiter verstehen die Sache besser. Der Schiedsrichter wird rnis keinen Fall ein Arbeiter sein, sondern wird wie bisher der besitzenden Klasse entstammen. Die„unabhängige" Person wird irgendein Jurist sein oder eilt ausgedienter Parlanientarier der obersten Volksschichten, der die ganze Angelegenheit vom Geschäftsstandvnnkt be- urteilt. Der Vorteil, der für die Arbeiter abfallen könnte, wird daher nach dem bemessen werden, was die schlechteste und nnproduktivste Grube im Revier erschwingen kann. Und für diese Lappalie kämpft man nicht auf Leben und Tod. Die Regierung hatte eine Gelegenheit, die Vorlage den Berg- arbeitern noch in letzter Stunde annehmbarer zu machen. 'er Handelsministev schlug folgendes Amendement zur Klausel 2 vor: „Bei der Festsetzung irgendeines Mininiallohnsatzes soll das gemeinschaftliche Tisirittsamt unter anderen Tinge» dem täglichen Durchschnittslohnsatz, der den Arbeitern der Kategorie, für die der Minimallohiisatz festzusetzen ist, gezahlt wird, Rechnung tragen." Zu diesem nichtssagenden Amendement stellte der Berg- arbcitervertreter Walsh folgenden Abänderungsantrag: „Bei der Festsetzung irgendeines Minimallohnsatzes soll daS gemeinschaftliche Distriktsamt keinen Lohnsatz festsetzen, der ge- ringer ist als der tägliche Durchschnittslohnsatz, der den Ar- beitern der.Kategorie bezahlt wird, für die der Minimallohnsatz festzusetzen ist." Dieser Antrag wurde mit 101 gegen 271 Stimmen per- worfcn. � Es beißt fetzt, daß die Regierung beschlossen habe, den Schutz der Arbeitswilligen zu organisieren, und auch beabsichtige, die Reserve einznbertlfen. Tic Soldaten werden wenig zu tun haben, wenn die Behörden nicht den Kopf verlieren oder provokatorisch vorgehen. „Unsere Leute." so erklärte uns der Genosse G r e e n a l l Präsident des Bergarbeiterverbandes von Lancashirc,„stehen fest wie ein Fels. Sie werden ruhig ausharren.'Sie haben gelernt, daß sie am besten Widerstand leisten können, wenn sie die Hände in den Schoß legen." Angebliche Unruhen. London, 28. März.(W. T. B.) Der Verband der Gruben b e s i tz e r nahm gestern eine Resolution an, die die Grubenbesitzer auffordert, alle Anstrengungen zu machen, um das Gesetz über die Minde st löhne durchzuführen. In einigen Strcikgebieten kam es gestern zu großen U n ruhen. In Cannock-Chasc in Staffordshire behaupteten di Streikenden, daß mehr Arbeiter in den Gruben beschäftigt seien als für die Erhaltungsarbeiten notwendig wären. Etwa 7 bis 8(XX> Streikende aus dem ganzen Bezirk sammelten sich bei der Grube Littleton an. Die Polizei war machtlos. Sie telegraphierte nach Stafford um Unterstützung, mußte aber die Tore zu der Grube öffnen. Der Umkleideraum wurde in Brand gesetzt, und der Generaldirektor der Grube durch einen Stockhieb verletzt. ebenso ein Schutzmann, der den Täter verhaften wollte. Die Menge zerstörte das Bureaugebäude und schlug die Fenster ein, bis die Polizei gegen die Streikenden mit ihren Knüppeln vorging. An dem entstehenden Handgemenge beteiligten sich auch Frauen. Erst die Nachricht, daß Militär aus Lichfield abgegangen sei, brachte die Menge zur Ruhe. Bei der Grube Rhkinald Cirk in Schottland, wo die Ar beit wieder aufgenommen ist, kam es zu neuen Unruhen. Die Streikenden versuchten, den Güterschuppen und die Eisenbahn gelcise der Grube zu zerstören, wurden aber von der Polizei zurückgetrieben. Die Grube wurde von Militär besetzt Zwei Regimenter in Aldershot sind bereit, in? Streik. gebiet zu gehen.— Eine Abteilung Infanterie ist heute abend aus Shrewsburh nach Nordwales abmarschiert, um die Berg leute, die die Arbeit wieder aufzunehmen beabsichtigen, zu schützen. Premierminister A S q u i t h wohnte heute einer Versammlung von liberalen Parlamentariern aus den Kohlendistrikten bei und erklärte daselbst, die Annahme der Bill über das Lohnminimum habe eine neue Situation geschaffen. Seit die Regierung eingegriffen habe, sei dem Prinzip des Lohnminimums von einem erheblichen Teile der Kohlengrubenbesitzer zugestimmt worden. Wenn das Parlament es abgelehnt habe, in die Bill bestimmte Zahlen aufzunehmen, so müsse dies nicht so ausgelegt werden, als ob ein Teil des Parlaments der Meinung sei, daß die geforderten Zahlen unbillig seien. Den Distriktsämtern sollte der- irauensvall die Festsetzung der Raten für die Distrikte überlassen werden. Hub dem Ruhrrevicr. Nicht nur der Klassenstaat nimmt durch seine Justiz Rache an den Streikenden. Auch die siegreichen Zechenherren sorgen, daß den ihrer Uebermacht und dem Verrat des Zentrums Erlegenen kein fröhliches Ostern werde. Fast überall bestehen die Herren auf ihren Schein und ziehen den Arbeitern den Lohn für sechs Schichten wegen„Kontraktbruchs" ab. Der SechStagelohn soll ihren Profit erhöhen, den Arbeitern die drückende Not noch verschärfen. Und nach immer neuen Schikanen sinnen die Unternehmer. Die Bergleute wünschten bekanntlich auch kürzere LohnzahlungSperioden. Was aber in jedem anderen Berufe möglich, ja selbstverständlich ist, lehnen die Gruben Herren ab. Zu Ostern sollen die Bergleute noch besonders die Macht des Grnbenkapitals zu fühlen bekommen. Da sind z. B. die Zechen Bnichstraße, Wiendahlsbank, Glückauf, Tief- bau, Adolf von Hanseniann, Kaiser Friedrich und Tremonia, die öffentlich bekanntgeben, daß erst am 10. April, drei Tage nach Ostern, die erste Abschlagszahlung erfolgen wird. All die genannten Zechen gehören zu Deutsch-Luxemburg, stehen also unter dem Einfluß deS allgewaltigen, vom Zentrum sehr geliebten und gelobten Herrn S t i n n e S. Das Christentum, das hier den armen Bergleuten und ihren Familien eingebläut wird, wird Früchte tragen I Die Gelben und die Schwarzgelbe«. Die Gelben deS RuhrgebietS befinden fich mit den Schwarz« gelben vom christlichen Gewerkverein der Bergarbeiter in allerliebstem Streit. Das Organ der Gelben,«Der Werkverein", hat vor dem Ausbruch des Streiks dem»Bergknappen' bestätigt, daß er»gute gelbe Gedanken" verbreite. Wie eine gelbe Organisationsleitung hat sich denn auch während des Kampfes der Bergarbeiter der Vor« stand des christlichen Gewerkvereins benommen. Nun sehen die echten Gelben im tchlparzgelben-christlichen Gewerkverein eineKonkurrenz- organisatron. Sie haben darum ein Flugblatt in 75000 Exemplaren drucken lassen, da? jetzt zur Verbreitung kommt und in den Refrain ausklingt:»Traut den christlichen Führern nicht." Wir sagen:»Traut den Christlichen und den Gelben nicht I" Doch hören wir, was die echten Gelben den Schwarzgelben vom.christlichen" Gewerkverein zu sagen haben. In dem Flugblatt heißt eS: »Von den christlichen Gewerkschaftsführern kann man alfeS erwarlen. Die christlichen Gewerkschaftler haben bei dem soeben beendeten Streik im Ruhrrevier nach Militär gerufen. Das sind, wie der„Werkverein" sOrgan der Gelben! in seiner Ausgabe vom IS. März mit Recht schreibt,„dieselben Christlichen, die viele Jahre hindurch in gleicher Weise zur Bedrückung der Arbeits« willigen ihre Mannen auf die Strotze gestellt haben. Dieselben Christlichen, die vielleicht schon morgen anderwärts wieder das gleiche tun werden. ... Wahrlich in seiner unendlichen.Lächerlichkeit und Erbärmlichkeit ein Schauspiel für die Götter I" O weh! Hier werden die christlichen Führer nicht mehr mit Stockschlägen, sondern mit Skorpionen gezüchtigt, Dafür haben sie allerdings.gute gelbe Gedanken" verbreitet und sind den Gelben im Verrat der Bergarbeiterinteressen behilflich gewesen. Zum Dank dafür erhallen sie nun die wohlverdienten Fußtritte. Hub dem Lugau-Oelsmtzer Kohlenrevier. Der Streik im Revier nimmt immer noch zu. Mittwoch war der erste Zahltag für Unterstützungen. Die Begeisterung unter den Streikendeu und der ernste Wille, im Kampfe auszuharren, kam in allen Versammlungen, die stark besucht waren, zum Ausdruck. In Oberwürsnitz fielen Mittwochabend zwei Schüsse, ein Borgang, der sich schon einmal abspielte. Diesmal aber wurden die Bürschchen erwischt. Die Hoffnung der Reaktionäre, daß es Bergarbeiter sind, ist zuschandcn geworden, es handelt sich um zwei Realschüler. Auf verschiedenen Werken ist bekannt gemacht geworden, daß in der nächsten Woche die Arbeiterousschutzwahlen sind. Dadurch be« kommen die Werlsverwaltungen Leute in die ArbeiterauSschüsse, die ihnen genehm sind. Die berittenen Gendarmen haben daS Revier verlassen. Wie uns mitgeteilt wird, sollen an ihre Stelle Kriminalbeamte treten. Der Schacht„Vereinigt Feld" hat eine Bekanntmachung erlassen, in der alle Streikenden namentlich aufgeführt werden und die die Bemerkung enthält, daß diese beim Wiederantritt zur Strafe 20 Pf. weniger Schichtlohn bekommen sollen. Borher hieß es, fix feien entlassen, jetzt redet man nicht mehr davon.— Die Streikenden nehmen alle solche Bekanntmachungen mit unerschütterlicher Ruhe entgegen. Ter Streik in Böhmen. Im nordwestböhmischen Braunkohlenrevic wurde am 25. März in zahllosen Versammlungen, die von alle! Organisationen gemeinsam einberufen waren, der Streik be schlössen. ES streiken nach den bisher eingelaufenen Nachrichten von 28 000 Bergarbeitern volle 25 000. Bisher haben drei kleinere Werke Zugeständnisse gemacht. Im ganzen Revier ist ungeheuer viel Gendarmerie aufgeboten. Sonnabend und Sonntag wurden 300 Bergarbeiter verhaftet und es war bisher unmöglich, auch nur eine Freilassung zu erwirken. Trotz dieser schweren Geduldprobe verhalten sich die Streikenden ruhig. Auch die Drohungen der Unternehmer mit Maßregelung, Wohnungskündigung ufw. konnten bisher die Ruhe nicht stören. Im Revier Falkenau streiken 4000 Arbeiter auf 21 Schächten; dagegen wird auf 14 Schächten mit 8000 Arbeitern gearbeitet. Bemerkenswert ist, daß die AnlKnger des.Freisozialisten" Abg. Simon S t a r ck Streikbrecher sind. In dem großen Steinkohlenrevier von M ä h r i s ch- O st r a u. wo fast 50 000 Arbeiter in Frage kommen, dürften die Einigungsverhand lungen infolge der Hartnäckigkeit der Unternehmer trotz der Be mühungen der staatlichen Organe resultatlos verlaufen, so daß wahrscheinlich auch dort am Montag der Streik begrnnen wird. Auch in den kleineren Bergwerksrevieren von Oberosterreich> infolge der elenden Löhne und der absoluten Weigerung der Unter nehmer. sie aufzubessern, eine starke Streikbewegung.m Gange Die Regierung hat nach allen diesen Revieren Hunderte von Gen darmen geschickt und in den nächftgelegenen Garnisonen stärkere Truppenmassen konzentriert. Achtstundentag im ftanzöfischcn Bergbau. Paris, 28. März. Die Kammer beriet heute einen Gesetz entwurf, durch den die Arbeitszeit in den Bergwerken auf acht Stunden begrenzt wird. Die Deputierten Perrier, Basly. Bouveri und Lamendin erklärten, das Gesetz sei für die Berg leute notwendig, es könne der Produwou nicht schaden und bedeute auch nicht den finanziellen Ruin für die Gesellschaften Streitzjustir. Die Streikkammer am Dortmunder Landgericht wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt! Dortmund, 27. März. Am Mittwach standen vor der Strafe kammer In des Dortmunder Landgericht»— der S t r e i k k a m m e — wieder zehn Streiksachen zur Verhandlung an. In einem Fall sehte es 40 M. oder 8 Tage Haft, weil ein unbeteiligter Wal* Werkarbeiter sich auf der Straße, wo gar keine„Menschen menge" war, auf die Aufforderung eine» Polizisten hin nicht gleich entfernt hatte. Der Gerichtsvorsitzende beleuchtete grell die Zustände, als er dem Angeklagten dazwischen warf:„Wenn Sie allein auf der Straße waren, hätten Sie doch erst recht weiter gehen könnenl" Die Straße�dient wohl in Streikzeiten ausschließlich der Polizei und den Streik blechern auch dann, wenn diese gar nicht da sind! Eine Bergmanns f r a u. Mutter von acht Kindern, hatte sich mit einer Nachbarin im Fenster unterhalten und dabei das Wort„Streikbrecher" gebraucht. Sie sollte auch„Pfui gerufen haben, keiner hatte es gesehen oder gehört, aber ein Steiger gab an, daß der„Oberkörper der Frau etwas ge zuckt" habe, als da» Wort gefallen seil Solche»„Zucken ist— in Streikzeiten!— sehr gefährlich, der Staatsanwalt wog Monat Gefängnis ab! Der Verteidiger, Rechtsanwalt Frank I.Dortmund, wies au die frühere ständige Rechtsprechung im Bezirk bei ähnlichen Sachen hin. Früher, erklärte er. sei das Wort Streikbrecher durchweg mit einer mäßigen Geldstrafe geahndet worden.(Noch rühcr sahen die obersten Gerichte in dem durchaus fach gemäßen und bestimmten Wort überhaupt keine Beleidigung. Rcd.) Deshalb liege«ine große Härte in dem beantragten Strafmaß. Di« schwere Strafe treffe auch die Kinder der Frau so hart, daß man sagen müsse, eine solche Straf« sei nicht verdient. ES könnte, wenn keine Freisprechung erfolge, nur eine mäßige Geldstrafe in Frage kommen. DaS Gericht hielt aber«ine Geldstraf« nicht für angebracht. weil sie, wie es hieß, den Zweck nicht erfülle. Das Urteil lautete auf eine Woche Gefängnis. Danach lehnte der Rechtsanwalt für dir nachfolgenden Sachen, in denen allen er als Verteidigerbestellt war, den gesamtenGerichts« of wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Der Verteidiger betonte, daß er nach reiflicher Ueberlegung und mit Rücksicht auf die Ergebnisse der letzten Tage zu dem Entschluß ge kommen sei, die mit den Streiksachen beauftragte Kammer abzw lehnen. Begründend wurde ausgeführt, nach der Annahme weiter Kreise und nach dem eigenen Urteil deS Verteidigers seien auch bei leichten Fällen, wo nur einige Worte in Frage gekommen seien. austerordentlich harte Urteile gefällt worden, im Gegensatz zu der früheren Judikatur. Auch der Vorsitzende habe hervorgehoben, daß das Strafmaß anders gewählt werde wie früher. ES werde nicht auf Geldstrafen, sondern auf sehr erhebliche Frei heitsstrafen erkannt. AuS Mitteilungen der Presse sei zu ersehen, daß auch die an den anderen Gerichten des Bezirks für Streik fachen gebildeten Sonderabteilungen in gleicher Weise und in gleichem Gegensatz zu früher außererdentlich hohe Strafen verhängten. Der Umstand, daß so offenbar von der bisherigen Auffassung abgewichen werde, lege der Verteidigung den Gedanken nahe, daß die Mitglieder der Streik« kammern den Streildelikten nicht unbefangen gegenüberständen und daß in irgend einer Weise versucht word/n sei, auf die Urteile einzuwirken! Ter Verteidiger wies auf ahn- liche Verhandlungen hin, bei denen er früher beteiligt gewesen sei und er betonte, daß er aus sachlichen Gründen die Kammer ablehne. Eine neu gebildete Kammer lehnte nach 2j4stündiger Unter. brechung den Antrag der Verteidigung ab. Die Richter, so hieß e», hätten sich nicht für befangen erklärt. Die Streikkammer arbeitete dann in bewährter Weise weiter. Ein Bergmann wurde, weil er ausgespuckt und Pfui gerufen haben soll, zu vier Monaten Gefängnis(!l) verurteilt, obgleich Zeugen darüber nichts bekunden konnten. In einem anderen Fall wurde ein Entlastungszeuge, der nichts gehört hatte, vom Vorsitzenden gefragt:„Wie kommt es. daß Sie nichts gehört haben? Hatten Sie denn einen gc« trunken?"— Ter Angeklagte sollte„Pfui! St�r e i k b re ch e r" gerufen haben. Urteil: Einen Monat Gefängnis. Eine Frau mit sechs Kindern erhielt wegen Beleidigung eine Woche Gefängnis. Ein alter Bergmann sollte, als von einem Streikbrecher höhnisch Schnaps angeboten und für die„Begleitung" gedankt wurde, gesagt haben:„Sauft Ihr Streikbrecher den Schnaps selbst!" Resultate 30 M. Geldstrafe. Ter Staatsanwalt hatte drei Wochen Ge- fängnis beantragt. Obschon zwei Zeugen bestimmt angaben, der Angeklagte habe die Aeußerung nicht getan! In der Urteils« begründung wurde strafmildernd gewürdigt, der Fall liege so, daß man„fast" sagen könne, er habe mit dem Streik nicht» zu tun. Damit wurde zugleich bewiesen, daß es in der Hauptsache der Streik als solcher ist, der die Angeklagten zu Boden drückt und nicht die anderen Taten! In der letzten behandelten Sache erhielt noch eine Frau lyegen Streikbrecherbeleidigung eine Woche Haft. Jetzt wird schon von zirka 250 Streikanklagen geredet! Nach der Entsendung der Maschinengewehre diese Schi�cll- justiz— der Staat sorgt wahrlich für gründliche Aufklärung über seinen Klassencharakter. Der Krieg. Eine italienische Drohung. Konstantinopel, 23. März. Syrischen Blättermeldungen zufolge richtete der italienische Konsul von Beirut, der sich seit Ausbruch des Krieges im Libanon befindet, an die fremden Konsuln in Beirut ein Memorandum, in dem gegen die Ausweisung der Italiener aus dem Libanon protestiert und mit dem Bombardement der Libanonküste gedroht wird. Die panislamitische Bewegung in Tunis. Pari». 28. März. Wi« au» Tunis gemeldet wird, beröffent- licht die„Tepeche Tunisienne" sensationelle Enthüllungen über die Umtriebe des dortigen panislamitischen Komitees, das angeblich die Meuterei vom 7. November vorigen Jahres angestiftet habe, um den Bey von Tunis zu stürzen und dem französi» schen Protektorat ein Ende zu machen. Die Revolution in China. Parteihader in der Nationalversammlung? Schanghai, März 1912.(Meldung der„Agence d'extreme Orient".) Zwischen der Nationalversammlung und Dr. Sunjatsen samt den Ministern ist eS zu einem vollständigen Bruch gekommen. Die Abgeordneten von Kiangsu, sowie die Delegierten von Hupch nehmen an den Verhandlungen nicht mehr teil. Wegen der An- leihefrage und den hiermit im Zusammenhange stehenden Ver- Handlungen mit dem japanischen und später mit dem russischen Finanzausschuß ist e» zu Mßsftmmigkeiten zwischen den Abgeord- netcn und den Ministern gekommen. Gegen den Präsidenten der Versammlung wird der Vorwurf erhoben, in illoyaler Weise hinter den Kulissen mit der Regierung gegen die Versammlung VerHand» lungen gepflogen zu haben. DeS ferneren wird behauptet, daß er Vorlagen ohne die gesetzmäßig erforderliche Majorität der Mit- glieder der Nationalversammlung angenommen hat. So z. B. wur- den bei einer Sitzung, bei der nur 14 Delegierte versammelt waren, ein Beschluß mit acht gegen sechs Stimmen angenommen. Tie fehlenden Delegierten behaupten, daß sie von der Sitzung nicht benachrichtigt worden seien, und daß eS sich um eine abgemachte Sache gehandelt habe. Die Abgeordneten von Hupeh bezeichneten diesen Vorfall als den Gipfelpunkt der gegen sie gerichteten Jntri- gen. Neulich wurde die aufsehenerregende Meldung der Oeffent» lichkeit bekanntgegeben, daß man von feiten der Regierung an drei Delegierten der Provinz Hupeh Bestechungsversuche unternommen habe, um sie bei der Abstimmung gewisser Regierungsvorschläge für diese Vorlagen günstig zu stimmen. Als die Abgeordneten diese Zumutung mit Entrüstung zurückwiesen, habe man von höherer Seite in Hupch darauf gedrungen, die Delegierten zurückzuberufen, da sie gegen die Republik arbeiteten, und daß man sie unschädlich machen müsse. Aber Geueral Lihuevhung lehnte einen derartigen Vorschlag entschieden ab und nahm die Beschuldigten in Schutz. Die Kammer hat einstimmig beschlossen, den Vizeministcr, dem der BestechungSv ersuch zur Last fällt, erschießen zu lassen. Wieder eine Soldatenrevolte. Schanghai, 23. März. Ungefähr 500 Soldaten meuterten gestern abend in Gutschau, plünderten die Pfandleihen und ver- brannten mehrere Häuser. polftilcbe CTebcrficbt Berlin, den 28. März 1912. ReichstagSschlust. . S dem Reichstag. 28. März. Ter Reichstag hat wirklich das Pensum erledigt, das ihm von seinein Senioren- konvent gestellt war: er hat vor Ostern die Beratung des Postetats und des Etats der Rcichsdruckerei zu Ende geführt. So kann er mit gutem Gewissen in die Osterferien gehen, aus wnen er in vierzehn Tagen zu dem großen Geschäft der Wehr- vorlagen zurückkehren wird. ®ct letzte Arbeitstag brachte noch manche Aufregung und heftige Zusammenstöße mit der Regierung, deren Postsekretär allerdings eine geradezu provozierende Gleichgültigkeit wie mit Absicht zur Schau trägt. In seinem susfisanten Auftreten bringt er gewissermaßen zum Ausdruck, daß die Post- Verwaltung eine Herrschaft willkürlichen Absolutismus führt und daß es nur wohlwollende Herablassung ist, wenn sie iiber- Haupt dem Parlament Rede und Antwort steht. Gerade diese Frage beherrschte den ersten Teil der Sitzung, nachdem dos Etatsnotgesetz und der bulgarische Handelsvertrag in dritter Lesung erledigt und eine Reihe Resolutionen angenommen waren. Beim Titel„Oberpost- Direktoren" machte zuerst Genosse Kunert auf eine ganz ungehörige Einmischung der Postbchörde in Halle in poli- tische Angelegenheiten aufmerksam. Nach einer ebenso harmlosen wie patzigen Antwort des Unterstaatssckretärs Grenzow trug Genosse Dr. W e i l l, unser Vertreter für Metz, noch einen anderen, viel krasseren Fall behördlicher Wahlbeein- lussung in Metz eindringlich und wirksam vor. Man konnte erwarten, daß der Staatssekretär darin kein Unrecht sah. Das bestätigte er zuerst in einigen allgemeinen Redewendungen, und auf eine präzise Frage des Fortschrittlers Dr. S t r u v e betonte er besonders das gute Recht der amtlichen Wahl- berinflussung. Das verynlaßte den Genossen Ledebour, in scharfen Worten den Minister an seine Pflicht zu erinnern und an die rechtlichen Anstandspflichten, die seinem Tätig- keitsdrang gezogen sind. Und trotz der Empfindlichkeit des nationalliberalen Vizepräsidenten inahnte er den Staats- 'ckretär auch an seine eidlich eingegangenen Verpflichtungen. In der weiteren Spezialdebatte, die eine große Aus- dehnung annahm, behandelte Genosse Eberl die sehr unzu- reichende und ungünstige Stellung der Postbeamten und lnterbeamten in wirksamen Worten, und bei einem späteren Titel die wenig beneidenswerten Verhältnisse der Post, und Telegraphenarbeiter, die er durch viele Beispiele kenn- zeichnete. Auf diese Kritik, der sogar die Herren I ck l e r und Behrens immerhin beipflichten mußten, begnügte sich der Staatssekretär mit der beruhigenden Versicherung, daß die Lage der Arbeiter dauernd besser geworden sei. Ter Fort- 'chrittler Struve ließ sich dadurch allerdings nicht über- zeuge», Eine sehr ausgedehnte und teilweise heftige Debatte ent- stand über die O st m a r k e n z u l a g e n, die im national' liberalen Abgeordneten S ch I e e einen begeisterten Ver- teidiger fanden. Auf diese etwas wortreiche Darlegung ant- wartete Genosse Wendel mit der Anführung bestimmter geschichtlicher Tatsachen. Einige etwas scherzhafte Wendungen erregten die Entrüshing der Rechten und namentlich des Herrn Schultz, dem Graf W e st a r p beisprang, vornehmlich um das Zentrum zu ermahnen, bei der dritten Lesung bewilli» gungsfreudiger zu sein. Das lehnte der Abgeordnete Dr. Spahn einstweilen wenigstens ab, nachdem noch der Pole S e y d a gegen die Korruptionsprämie polemisiert hatte. Nach einer letzten Entgegnung des Genossen Ledebour auf die hakatistischen Anfälle des Herrn Schultz wurden in namentlicher Abstimmung die O st markenzulagen mit groher Mehrheit abgelehnt. Tie Einnahmen des Postetats gaben unserem Genossen Ulrich noch Veranlassung, über die ungünstigen Verhältnisse von Offenbach energische Beschwerde zu führen. Damit war der P o st e t a t erledigt. Ten Etat der Reichs- d r u ck e r e i wollten die Gewerkschafts-Christen Becker» Arnsberg und Behrens zu einer Hetze gegen den Buch- druckerverband mißbrauchen. Sogar der Leiter der Reichs- druckerei mußte diese Herren verleugnen, denen unsere Ge- nossen Hildenbrand und Artur H o f m a n n noch ge- hörig heimleuchteten. Ten Abschluß der Sitzung bildete eine äußerst heftige Ab- wehr des Abgeordneten Dr. S t r u V e gegen eine allerdings bösartige Insinuation der„Deutschen Tageszeitung", die sogar so perfid war, daß der Abg. Dr. Oertel sie preisgeben mußte, fast ohne einen Versuch, sie durch mildernde Umstände zu decken. Der Sukkurs, den die Abgg. Graf W e st a r p und andere ihm in dieser schwierigen Lage liehen, konnte den agrarischen Führer nicht aus der Verlegenheit retten. Die Herren Hoff und Dr. S t r u v e sowie Genosse Stadt- Hägen stellten besonders fest, daß Herr Dr. Oertel nicht einmal den Anstand gehabt habe, die schlimme Entgleisung seines Blattes zu bedauern. Der Präsident vertagte um 7 Uhr und wünschte vergnügte Ferien. Die Universitäten im Geldsackparlament. Das Dreillassenhau» ist gestern, Donnerstag, in die Oster- ferien gegangen, ohne— o Schmerz laß nach!— den KultuSetat erledigt zu haben. Und am 16. April wird auch zunächst der Eisen. bahnetat in Angriff genommen werden. Erst etliche Tage später wird man, bei den höheren Lehranstalten, erst wieder Herrn Trott zu Solz' gesenkte Stimme flüstern hören. Gestern wurde zunächst die Debatte über die Frankfurter Universität zu End« geführt. Nachdem der Fortschrittler F u n ck den Herzenswunsch der„Zeil" pertreten und der Nationalliberale Dr. v. Campe in dem lammfrommen Sinne de? Antrags Fried- berg, von dem man noch hören wird, gesprochen, vertrat Genosse Dr. Liebknecht die Ansicht unserer Fraktion. Nichts ist so charakteristisch für den Dreiklassenlandtag, al» daß unser Genosse bei schärfster Betonung des Rechts des Parlaments doch seine Zweifel nicht verhehlen konnte, ob nicht noch«her von der Krone als von den Junkern und Heiligen eine halbwegs erträgliche Ent- scheidung zu erwarten seil Dr. Liebknecht wandte sich auch in Uebereinstimmung mit unseren Genossen im Hause Limpurg, dem Frankfurter Rathaus«, gegen da» ganz« Projekt, da» die zu der- .Einigenden Frankfurter wissenschaftlichen Institute dem preußischen "Unterrich.tsabsolutiSmuS ausliefern will— nur um das Recht, -'staatSgültig zu prüfen und Zeugnisse auszustellen. 0 Noch mal» rief Herr v. Trott den Frankfurter UniversttätS- gründern die KultuSparol«:.Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben!" zu, nochmals beruhigte er die kleinlichen Konkurrenzkrämer, die am liebsten daS Aufkommen neuer Universitäten verbieten möchten. nochmals besänftigte er die wackeren ZentrumSmänner, die Lieb- knecht tüchtig gegeißelt hatte, und dann war die Abstimmung. Ein freikonservativer RückverweisungSantrag fällt, und angenommen wird FriedbergS UniversttätSprodukt: die Regierung möge die Universität nur als richtige StaatSuniversität, Modell 1807 wohl, gründen lassen, natürlich auch nur mit der in der Hut de» Herrn Trott zu Solz so wundervoll gedeihenden königlich preußischen Freiheit der Forschung und Lehre... Durch die Annahme diese» Antrag» soll, nach der Meinung de» DreiklassenhauseS, der sozialdemokratische, auf volle Freiheit und Selbstverwaltung der Frankfurter Universität, erledigt sein. In der Tat: preußische StaatSuniversität und Freiheit und Selbstverwaltung vertragen sich nicht miteinander! Bei der allgemeinen Aussprache über die Universitäten schnitt man unserem Redner einfach da» Wort ab. Der„Oberpräsident" de» Hauses. Rabe v. Pappenheim, gab zu, daß dies aus Scheu vor Liebknechts Red« geschehe. DaS half den guten Leuten aber wenig, denn bei den Einzeletat» der Universitäten von Berlin und Halle peitschte unser Genosse daS System der Polizeiaufsicht, der „Sitte", unter die man die Hochschulen zu stellen bestrebt sei. Er illustrierte seine Ausführungen durch die furchtbare Affäre des russischen Studenten DubrowSky und die systematische Drang. salierung der frei studentischen Bewegung. Ueber eine akademische ProtektionSafsäre, die Liebknecht besprach, schwieg sich die Regierung aus. Zu erwähnen ist sonst nur noch daS Eintreten deS fortschritt- lichen Abg. Eickhoff für die Unterweisung der künftigen Aerzte und Juristen in der sozialpolitischen und Versicherungsgesetzgebung. S«in Antrag, gegen den die Regierung und— Herr Friedberg„Be- denken" haben, ging an die Unterrichtskommission. Herrenhaussitzung. Am gestrigen Donnerstag verabschiedete die Erste Kammer zunächst die Vorlage über die Eingemeindung Box- hagen-Rummelsburgs nach Lichtenberg. Dann wurden ein Schock Petitionen erledigt. Die meisten ohne Debatte. So z. B. hatte man für die Bitte des Görlitzer Magistrats, die Fortbildungsschulen mit dem Religionsunterricht zu ver- schonen, nur den Uebergang zur Tagesordnung übrig. Besser behandelte man eine Berliner Lehrerpetition um Beförderung von Schiilerausflügen zum Kinderfahrpreis. Ter wackere Dr. v. Burgsdorff, einer der Gediegensten in diesem Hause, sprach sich für die Petition aus, damit die Ber- liner Kinder eher mal lebende Kühe und Schafe sehen können. Aber müßten sie darum wirklich erst aus Berlin hinausfahren? Auch die Regierung stellte sich zu dieser Petition freundlich. .Eine andere Petition wünschte, daß für Berlin der zweite Teil des Gesetzes zuni Schutze der Bauforderungen in Kraft gesetzt werde. Die Vorbedingung dazu, ein grassieren- der Riesenbauschwindel, muß aber erst durch weitere Er- Hebungen festgestellt werden. Immerhin war auch das. was Graf Schulenburg mitteilte, nicht von Pappe: In Steglitz machten im Vorjahre von 102 Baugewerbetreibenden 72 pleite— das langt. Ter Graf sprach auch von den vielen leerstehenden Wohnungen in Groß-Berlin: 72 000 Woh. nungen und 18 W Geschäftsräume! Und doch lebt das Volk zusammengepfercht, in stinkenden, lichtlosen Hinterhäusern, in nassen Kellern und in„Gartenwohnungen" vor bemalten Brandmauern.... Erst im Mai tritt das Herrenhaus wieder zusammen. Umfall der Zentrumslakaien. Wie aus Straßburg telegraphiert wird, ist der G n a d e n f o n d s des Kaisers, der von der Budgetkommisston der Zweiten Kammer deS elsaß-lothringischen Landtages seinerzeit gestrichen worden war, durch eine Mehrheit auS Zentrum, Lothringern und Liberalen in seiner ursprünglichen Höhe wieder eingesetzt worden._ Die klerikale Reaktion in Bayern. Ein interessanter Zufall fügte es, daß am Donnerstag un- mittelbar Hintereinader der altbayerische Bauernbündler Eisen- b e r g e r und der Ministerpräsident v. Hertling sprachen. Der Bauernbündler in seiner bäuerlichen Tracht verteidigte mit kräfti- gem und zielsicherem Humor daZ Wahlabkommen der Bauernbündler mit der Sozialdemokratie. Er trat für einen freien und unabhängigen Bauernstand ein, verspottete ergötzlich den geistlichen Mißbrauch der Religion für Zentrumszwecke und forderte Freiheit politischer Uebcrzeugung für jedermann. Eisenberger gab auch offen zu, daß die Sozialdemokratie eine sehr sachverständige und eifrige Tätigkeit zum Nutzen der Landwirtschaft im Parlament ent- wickelt habe. Nach diesem Bekenntnis eines freien Bauern hielt der Minister- Präsident v. Hertling die reaktionärste Rede, die seit vielen Jahren in Bayern gehört worden ist. Er proklamierte geradezu den Umsturz von Gesetz und Verfassung. Ueber die Geheimnisse des MinisterwechselS lehnte er auch jetzt jede Auskunft ab; nur gab er zu, daß er in der Tat von einem unverantwort- lichen Ratgeber, dem altliberalen Scharfmacher v. Auer, für den Posten vorgeschlagen worden sei. Auch für die Vorgänge im Bundes- rat hatte er lediglich inhaltlose Worte. Schroff lehnte Herr v. Hertling jede Wahlrechtsreform in der Rich- tung des Proporzes ab. Ueber feine Stellung zur Sozialdemokratie und zur Beamten- schaft erklärte er unter großer Bewegung des HaufeS:„ES wurde schon wiederholt gefragt, was ich mit dem Appell an die Beamten- schaft meinte, und es wurde angedeutet, als ob vielleicht die Regie« rung damit umginge, den Beamten, die in dem hinter uns liegen- den Wahlkampfe für einen Sozialdemokraten gestimmt haben, nach- träglich den Prozeß zu machen. Daran denkt die Regierung nicht. Die Worte bezogen sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft. Ich mache daraus kein Hehl, daß ich es für unzulässig halte, wenn in einem monarchischen Staate ein Staatsbeamter für einen Sozialdemokraten eintritt.(Lärm links, Rufe: Das ist. ausgezeichnet!) Wer als Beamter in den Dien st des Staates tritt, ist verpflichtet, auch für den Staat als solchen einzutreten. Er ist de»- halb auch im monarchischen Staate verpflichtet— ich spreche hier nur von Gewissencspflichten—, für die Aufrechterhaltung der mon- archischen Staatsordnung einzutreten, und sich von solchen Be- strebungen fernzuhalten, die, wenn auch auf dem Wege friedlicher EntWickelung und allmählicher Belehrung, die monarchische Staat»- form mit einer republikanischen vertauscht sehen möchten. Ich halte eS dahei für unzulässig, daß im monarchi- scheu Staate ein Staatsbeamter für die Sozial- demokratie tätig ist. Taraus folgt für uns— und hierin sind die Mini st er vollkommen einig— daß ein Angehöriger der Sozialdemokratie nicht al» Staatsbeamter an- gestellt werden kann. DaS gilt auch bezüglich der Bestätstsiing der ~"hm Sie e» denn nicht sclbstverständliK, daß der monarchische Staat zu seinen Beamten und zu den Trägern staatlicher Funktionen überhaupt keinen solchen heranzieht, der auf Ihrem Standpunkt steht, die Sie doch als letztes Ziel eine, wenn auch friedliche, Umwandlung der gesamten heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung anstreben?" Hertling bekannte sich dann als ein überzeugter Monarchist und erörterte ausführlich die sozialdemokratische GcschichtSphilosophie. Allgemeine Verblüffung rief der Schluß seiner Rede hervor. Er gab nämlich die Sammelpolitik auf und rief den Liberalen drohend zu:„Sollte man im Hause mit Ihnen(den Liberalen) nicht zu einer friedlichen Verständigung kommen, dann muß es auch anders gehen!"_ Tie Einberufung des nationalliberalen Vertretertages. Der Vertretertag. der laut Beschluß deS Zentralvorstandes vom 24. März innerhalb sechs Wochen einberufen werden soll, um die Gegensätze in der Partei zu klären, wird, wie die.National- Zeitung' mitteilt, am 12. Mai in Berlin im Zoologischen Garten stattfinden. Politische Polizei und Zechenverband. Wegen der Hilfe, die die politische Polizei in Essen dem Zechenverbande bei der Ermittlung der Mitglieder de» Steigerver- bände» geleistet, hat sich der Vorsitzende de? Verbandes am 18. März beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf beschwert. Darauf ist folgende Antwort eingegangen: „Die Ermittlung der Namen der Mitglieder d«S Steigerver- bandes und ihre Bekanntgabe an den Zcchenverband ist durch einen Beamten der Polizeidirektion in Essen veranlaßt worden, ohne daß der Herr Polizeipräsident davon Kenntnis hatte. Der' von Ihnen genannte Kriminalfchutzmann ist dabei nicht selb- ständig tätig gewesen. Der von dem Zechenverbande gezahlte Betrag ist lediglich zur Deckung entstandener Unkosten verwandt worden. Postbeamte find an der Angelegenheit nicht beteiligt gewesen. In Uebereinstimmung mit Ihren Ausführungen ist der Herr Polizeipräsident der Ansicht, daß die Polizei im Auftrage und für Rechnung eines privatwirtschaftlichen Vereins unter keinen Umständen tätig fein dürfte. Er hat daher dem betreffenden Be- amten feine schärfste Mißbilligung ausgesprochen und strengst« Anordnung getroffen, daß ähnliches nicht wieder geschieht. Mit den Maßnahmen de» Herrn Polizeipräsidenten bin ich vollkommen einverstanden." gez. Kruse. Aus der Antwort ersieht man, daß der Polizeiassessor sehr leichten Kaufes davongekommen ist, besonders da ihm geglaubt wird, seine Auslagen feien so hoch wie die empfangene Geldsumme gewesen. Die ihm vom Polizeipräsidenten ausgesprochene Miß- billigung ist keine Strafe für sein Verhalten. Man vergleiche da- mit nur einmal die jetzt gefällten Urteil�wegen Dtreikvergehens. Der Polizeiassessor hat bewußt dazu beigetragen, eine Reihe pflichttreuer Männer um ihre Existenz zu bringen nnd sie dem wirtschaftlichen Elende auszuliefern. Dafür hat er sich bezahlen lassen, denn solche hohen Auslagen— man spricht von 1900 M., die er bekommen— hat das Abschreiben der Adressen nicht er- fordert. Damit hat er nicht nur die Pflichten seines Amtes ver- letzt, sondern, da er seine Untergebenen zur Bestechung anderer Personen verleitet, hat er sich auch strafbar gemacht. Trotzdem behält er seinen Posten, und man spricht ihm nur die Mißbilligung aus. Vielleicht oder wahrscheinlich liest man schon in wenigen Mo- naten, daß er di« Treppe zu besserer Stellung hinaufgestürzt ist. Fünf Millionen für den Hamburger Hafen. Die Hamburger Bürgerschaft hat am Mittwoch einstimmig einen dringlichen Senatsantrag angeiiomlnen, in welchem mit Rücksicht aus den stark gestiegenen Schiffsverkehr für den weiteren Ausbau der Hafeneinrichlungen rund fünf Millionen Mark verlangt werden. Es handelt sich um Neuanlagen und Schiffsliegeplätze.— An demselben Abend ist die Bürgerschaft auch in die Budgetberatung ein» getreten.____ Zwei Blutopfer des Militarismuö. Der militaristischen Kasernenkultur mit ihrem Drill und ihrem Zwang, mit ihrer Vernichtung des Menschentums und der Er- drosselung der freien Persönlichkeit sind wieder zwei Menschen- leben zum Opfer gefallen. In der ostpreußischen Garnison- stadt Osterode hat sich am Mittwoch eine Tragödie ab- gespielt, die nur im Kasernenmilieu entstehen konnte und die sich nur aus dem Wesen des Militarismus heraus begreifen läßt. Nach einer Meldung des„B. T." wurde am Dienstag- vormittag gegen 11 Uhr Hauptmann Reetsch, der Kompagnie- chef der 11. Kompagnie des Infanterieregiments v. Grolman (1. Posensches) Nr. 18, auf dem Kasernenhof von dem der gleichen Kompagnie angehörenden Musketier Ehnersleben, der im ersten Dienstjahrc stand, erschossen. Der Musketier befand sich auf dem Gange seines Kompagniereviers und schoß vom Gangfenster auS mit seinem Dienstgewehr auf seinen Hauptmann. Dieser wurde in die linke Brustseite getroffen und stürzte sofort tot zu Boden. In der Begleitung des Offiziers hatten sich einige andere Offiziere befunden. Bevor sich diese im ersten Schreck klar wurden, was eigentlich geschehen war, krachte auch schon ein zweiter Schuß auf dem Kompagniegang. Der Musketier hatte sich selbst durch einen Schuß in den Kopf getötet. Ehe noch einige im Kompagnierevier anwesende Unteroffiziere und Soldaten herbeieilen konnten, war die Tat geschehen. Beide Leichen wurden in die Leichenhalle deS Garnisonlazaretts gebracht. Nach einer weiteren Meldung des„B. T." soll Hauptmann Reetsch gegen seine Untergebenen sehr streng gewesen sein. Wenn auch noch keine näheren Nachrichten über daS furcht- bare Kaserncndrama vorliegen, so läßt sich doch schon jetzt annehmen, daß der Musketier Ehnersleben durch die ,�Er- ziehnngsarbeit", die er in der Kaserne über sich ergehen lassen mußte, derart zur Verzweiflung gebracht worden ist, daß er sein junges Leben von sich zu werfen entschloß, daß er aber den wirklichen oder vermeintlichen Urheber seiner Oualen mit sich nehmen wollte in das Reich deS ewigen Schweigens. Wir wollen, solange uns keine Einzelheiten über die grausige Tragödie vorliegen, annehmen, daß der erschossene Hauptmann kein brutaler Soldatenpeiniger ge- Wesen ist, daß er vielleicht weder die Neigung noch daS Be- Ivußtfcin gehabt hat, die ihm unterstellten Mannschaften zu schinden und zu quälen; er war vielleicht„nur" ein strenger, diensteifriger Offizier, ber den Anforderungen, die das mili- taristische System an ihn und seine Kompagnie stellte, gerecht werden wollte. Aber gerade die grausamen Fordeningen dieses Systems zwangen ihn zu Maßnahmen, die von den Mannschaften der Kompagnie als Härte und Ouäkerei empfunden wurden.� Pie Soldaten sifld trotz allen Drills und aller Erziehung zum Kadavergehorsam fühlende und denkende Menschen, und daS einzelne Individuum reagiert je nach Charakter und Erziehung verschieden aus Druck und Zwang. Was der eine mit stumpfer Gleichgültigkeit, der andere mit spöttischem Leichtsinn erträgt» löst in dem Dritten dumpfen Haß und wilde Verzweiflung auS. Und zu dieser letzten Art von Leuten mag der unglückliche MuSketier gehört haben. Er und der Hauptmann, sie sind beide die Opfer eines Systems geworden, das neben vielen anderen schon auS diesem Grunde reif ist, für immer auS der Welt geschafft zu werden. frankrelck. Eine entführte Leiche. Paris, 27. März. sEig. Ber.) Heute hätte daS Leichenbegängnis des von einem Streikbrecher ermordetetcn Chauffeurs Bedhomme von der Morgue stattfinden sollen. Der Minister deS Innern hatte seine Zustimmung gegebe», aber er hatte nicht mit dem mächtigeren Herrn Lspine gerechnet, der seine Neigung, Arbeiterkundgebungen schikanös zu behindern, auch dann nicht opfern will, wenn unerhörte Brigantentaten der Polizei wahrlich ganz andere Aufgaben weisen. Während Genosse Francelle mit der Mairie deS 4. ArrondissementS verhandelte, um die Einzelheiten bei Leichenzugs zu regeln, ließ der Polizeiprüfekt gestern die Leiche BedhommeS holen und unter Eskorte von 169 Polizeiagenten nach Levallois- Perret führen. Di« Polizisten wurden zartfühlenderweise in Automobilen transportiert, di« die Gesellschaft„La F r a n- yaise", zu deren Streibrechern der Mörder gehört, zur Verfügung gesielt hatte!— Der Zweck dieses Willküraktes war, eine Kundgebung in Paris unmöglich zu machen- Lüpine wollte auch, daß das Begräbnis vom Hotel auS, das Bedhomme in LcvalloiS-Perret bewohnt hat, stattfinde, doch weigerte sich der Eigentümer, die Leiche aufzunehmen und so konnte es der Polfzei- gewaltige nicht verhindern, daß die Leiche im GcwerkichaftShauS der Chauffeure aufgebahrt wurde. DaS Begräbnis findet morgen statt, sofern nicht die Polizei zur Schädigung der Manifestation weitere Hindernisse ouSsinnt. Levallois, 28. März.(W. T. B.) Bei der Beerdigung des Krafttvagcnführers Badhomme kam es heute am Ausgange des Kirchhofes zu Streitigkeiten zwischen der Polizei und Manisestan- ten. Diese wurden zerstreut. Snglancl. Tom Mann aus der Haft entlaffen. Salford, 28. März. Das Gericht hat die Entlassung des Arbeiterführers Tom Mann aus ber Haft genehmigt, nachdem es eine schriftliche Bürgschaft dafür erhalten hatte, daß der Angeklagte, solange das Berfghren gegen ihn schwebt, seine die Soldaten zur Meuterei aus- reizenden Erklärungen nicht wiederholen werde. Keine Abtretung der Walfischbay. London, 28. März. Unterhaus. Faber fragte au, ob Staatsiekrelär Grcy irgend welche Mitteilung über die Möglichkeit der Abtretung der Walfischbay an eine fremde Macht sgemeint ist Deutschland. D. R.) machen könne. Grey erwiderte, die Antwort müsse negativ lauten, da ihm keinerlei Gründe bekannt seien, eine derartige Abtretung in Betracht zu ziehen. GcwcrkfchaftUches. Die Terbandlungen im Bcbncidergcwerbc. Ter Vermittelungsvorschlag, bcit hör Vorsitzende Tt. Hiller bei Den Verhandlungen am Mittwoch machte, hat folgenden Wortlaut: Tic Parteien einigen sidi dahin: 1. Tic Arbciigcdcr halten Nir Angebot aufrecht, daß durch die einzelnen Tarife eine mindestens fünfprozentige Lohn- crhöhung der Grundlöhne gctvährt wird. Tic vor und während der Frankfurter Schlichtungsverhandlnngcn vom Fcoruar gc- einigten Orte scheiden aus. 2. Tic Arbeitgeber sichern zu, das; sie den Wünschen der Arbeiter aus Beseitigung der Unebenheiten, Fehler und bc- haupteten Lohnverschlechterungen in den von dem letzten Ar- bcitgeberangebot betroffenen Tarifen Rechnung tragen wollen. 8. Die Entscheidung der Frage, ob das in Ziffer l erwähnte Mindestmaß von der Lohnerhöhung im neuen Tarif enthalten ist oder nicht, wird einem Kollegium von Unparteiischen über- tragen, vor welchem die örtlichen Vertreter im Beistand ihrer Lrganisationsvertretcr ihren Standpunkt zur Geltung bringen. 4. Tos Kollegium entscheidet auch über die zu Punkt 2 entstandenen Streitfragen. B. Tie Parteien unterwerfen sich von vornherein dem Spruch des Kollegiums, zu welchem jede Partei neben Dr. Hiller einen lveitcren Unparteiischen in Vorschlag bringt. 6. Streik und Aussperrung nehmen mit dem 8l. März 1912 ihr Ende. Gegenseitige Mastregelungen sind ausgeschlossen. Tic Arbeiter kehren auf ihre Plätze zurück. 7. Für den Beginn der Verhandlungen wird Montag, der 1. April, und als Verhandlungsort Jena in Aussicht genommen. Hierauf gab der Vertreter des Schueiderverbaudes folgende Erklärimg ab: Zu dem Einigungsvorschlag des Tr. Hiller haben die Vcr tretcr der Äehilfciiorganisationcn folgendes zu erklären: Nach dem der Vorstand des Adav es abgelehnt hat, in örtliche Vcr lvrndlnngen über die noch nicht gceinigtcn Tarife einzutreten, sehen wir in dem uns vorliegenden Vorschlage keine Möglichkeit� unseren Mitgliedern gerecht zu tvcrden. Gegenüber dem lllti- uiatuiii des Adav vom 26. Februar enthält dieser Vorschlag nur für jene Orte Verbesserungen, welchen damals auf die Grund- löhne keine 5 Proz. gewährt wurden. Tagcgcn sind in allen Städten, denen im Ultimatum bereits B Proz. geboten wurden, keine weiteren Lohnerhöhungen mehr zugesichert. Taran können tvcdcr die zugezogenen Arbeitcrvcrtretcr noch das Kollegium der drei Unparteiischen etwas ändern. Ter Gesanitinhalt des Vorschlages ergibt ohne weiteres, daß die Arbeitgeber gar nicht gewillt sind, die am 26. Februar abgebrochene» Verhandlungen wieder aufzunehmen und die Tarife wie in frichercn Jahren zu beraten, sondern daß sie nur die Zusicherung geben, den Wünschen der Arbeitnehmer aus Beseitigung der Unebenheiten, Fehler und behaupteten Lohnvcrschlcchtcruugcn Rechnung zu tragen. Damit sind ivir aber nicht imstande, unsere Mitglieder be- friedigen zu können. Dagegen sind Ivir nach wie vor überzeugt, daß die Freigabe örtlicher Tarifberatungen zwischen den beiden Parteien in einigen Tagen zu einer Einigung führen tvcrden, die eventuell auch unter der Leitung eines unparteiischen Kollegiums gepflogen werden können. Tie Arbeikervertreter spezifizierten darauf ihren Vor- schlag folgcnderniaßen: Tic Mindestlohnzulage beträgt si Proz. lieber die Orte, für die mehr als 5 Proz. gefordert werden, sollen besondere Verhandlungen zwischen den Hauptvorständen und Tr. Hiller stattfinden. Wenn die Einigung über diese Zuschläge zustande gekommen ist, kann die Arbeit wieder auf- genommen werden. Die Einzelberatung über die Akkord- karife geschieht dann zwischen den örtlichen Organisationen unter dem Vorsitz eim's Dreimännerkollegiums lVorsitzender Und zwei Unparteiische). * a* Tic Einigung im Lchnridcrgcwcrbr. Frankfurt a. M., 28. März.(Eig. Telcgr. des„Vorw.".) Nach dreitägigen Vcchandlungen vor dem Magistratssyndikns Herrn Dr. H i l l e r- Franksurt wurde die Einigung im Schneidergewerbe gesichert. Ter letzte Eiuigungsvor- schlag des Verhandlungsleiters wurde von den Arbeitgebern angenommen. Die Arbeitnehmer sicherten zu, denselben in den in den nächsten Tagen stattfindenden Mitgliederver- sammlungen z u r A n n a h m e zu e m p f e b l c n. Ter Einigungsvorschlag sichert den Arbeitnehmern eine Mindest- zutage von ö Proz. ans die Grundlöhne zu und überträgt die Entscheidung über weitergehende Forderungen der Arbeit- nehmer einem aus zwei weiteren Unparteiischen zu bildenden Schiedsgericht, das am 2. April in Aena tagt. Am gleichen Tage wird die Wiederaufnahme der Arbeit erfolgen. Berlin und Umgegend. Streik der Landschaftsgärtner. Am Tonncrstagmorgen begann der Streik der Berliner Land- schaftsgärrner bei allen Firmen, die den Forderungen der Arbeiter die Anerkennung versagen. Ein Arbeits- und Lobnvcrtrag ist lvl Unternehmern in der Landschaftsgärtncrci von Groß-Berlin ein- gereicht worden, aber nur der vierte Teil etwa hatte bis Mittwoch den Vertrag unterschriftlich anerkannt. Am Mittwochabend vcr- sammelten sich die Gärtner in Ocffs Festsälcn in Schöncbcrg, wo Walter Kwasnick vom Allgemeinen Teutschen Gärtncrvcrein die Situation schilderte und in Ilcbereinstimmung mit der Ver- trauenstommission empfahl, daß die Arbeiter am näcksitcn Morgen noch einmal geschlossen vei de» einzelnen Unternehmern die For- derungcn erheben uns im Falle der Ablehnung sofort die Arbeit niederlegen sollten. � Nur bei den Firmen, Ivo jede Verständigung ausgeschlossen erscheint— als Beispiel wurde die Firma Köhler angeführt—, soll de: Streik ohne weiteres beginnen. Tic Ver-' sammelten waren damit einverstanden. K w a s n i k verlas eine Reihe von ablehnenden Antworten ans die eingereichten Verträge. Eine Firma erklärt, daß sie die Landschaftsgärtnerei aufgeben müßte,..weil sich das Geschäft nicht mehr verzinst". Eine andere versichert, daß sie sich mit ihren Gärtnern in einem recht guten Einvernehmen befände. Dort erhalten die Gärtner, wie festgestellt wurde, einen Stundenlohn von 45 Pf., während 60 Pf. gefordert werden. Eine Gesellschaft für Heimstätten sieht„dem Streik mit Ruhe entgegen". Fast alle Firmen vom Verband der Unternehmer haben Zugeständnisse gemacht und Lohnerhöhungen bewilligt; die Unterschrift für einen festen Vertrag zu geben, ist aber den Ver- bandssirmcn streng verboten.— Die Arbeiter sind entschlossen, ihren Kampf mit großer Energie durchzuführen, wie i» der Diskussion von allen Seiten betont wurde. Ter Vertreter der Ehrist- lichen, von denen freilich nur sehr wenige in Betracht kommen, erklärte seine Ucbcreinstimmung mit der Anwendung des Streiks, um die gestellten Forderungen durchzusetzen. Wie Kwasnick bc- kanntmachte, sollen auch die Unorganisierten, sobald sie sick am Streik beteiligen, eine kleine Unterstützung erhalten. Alle, die zu den neuen Bedingungen arbeiten, haben während des Streiks einen Cxtrabeitrag von l,BO M. pro Woche zu entrichten. Bis Donnerstag mittag waren Unterschriften von 64 Firnren, die 210 Gärtner beschäftigen, eingelaufen. Bei dem Hoslieferanten I.»O Schmidt haben sämtliche Arbeiter den Streik begonnen, bei der Firma Köhler slreitt der größte Teil der dort Beschäftig- tcn. Der Kampf richtet sich hauptsächlich gegen die Firmen, die nicht dem Verband der Unternehmer angehören. Mit den Ver- bandsfirmen, die bewilligen wollen, wird man iich aucb ohne Unterschrift verständigen, da sine glauben, ibr Verband könne sie in hohe Strafe nehmen, wenn sie einen Vertrag mit der Organisation der Arbeiter unterschreiben. Teutscher Buchbutderverbaud, Zablftclle Berlin. Bei der Urabstimmung zur Wabl des Vorsitzenden wurden ab- gegeben 400t Stimmen. Davon erhielt: R. Würzburger 2206, E. Klaar 15B7, ungültig 88. Ersterer ist somit gewählt. An der Wabl des Beisitzers zum Verbandsvorjtand beleiligteu sich 8988 Mit- gliedcr. Von de» abgegebenen stimmen erhielten K. Klappen- Vach 2734, A. Z c u n c r 1171, ungültig waren 78; gewählt ist K. Klappcnbach._ Tie Tarifbewcgnng in der Plan- und Zeltcbranchc. In den letzten Tagen hatten die drei bei dieser Tarifbewcgung in Betracht kommenden Organisationen(sattlcr, Melallarbcitcr und Schmiede) Verhandlungen gepflogen, die als Ergebnis einen Entwurf mit folgenden Bestimmuugen gezeitigt haben, den eine Vollbeslichte Versammlung der Arbeitnehmer einstimmig annabin: Tic Arbeitszeit beträgt B2 Stunden pro Woche. Ucber- stunden dürfen nur in den dringendsten Fällen von den Arbeitern gefordert und geleistet werden. Für die ersten drei Ucbcrstunden nach beendeter Arbeitszeit wird ein Zuschlag van 25 Proz., für jede weitere Ueberstmide sowie für Sonntagsarbeit ein Zuschlag von 50 Proz. gezahlt.— Die M i n d c st l ö h n c der einzelnen Berufs- gruppcn betragen: für selbständige Schlosser, Schmiede und Dreher pro Stunde 65 Pf., für Helfer und Stockgesellcn pro Stunde 56 Pf., für Tischler, Sattler, Tapezierer und Segelmachcr in den ersten 14 Tagen ihrer Beschäftigung pro Stunde 58 Pf., von da ab pro Stunde 60 Pf., für Hilfsarbeiter, über 20 Jahre alt, pro Stunde 45 Pf., für Maschincnnäberinncn pro Stunde 35 Pf., für alle übrigen weiblichen Arbeitskräfte, über 16 Jahre alt. pro Stunde 80 Pf. Alle zurzeit im Betriebe beschäftigten Arbeitskräfte erhalten zu ihren bisherigen Wochenverdiensten eine Zulage von 10 Proz. Für Montagcarbeitc n in Berlin und den Vororten wird ocn gelernten Arbeitern �Handwerkern) ein Zuschlag von 10 Pst pro Stunde bezahlt. Für Hilfsarbeiter beträgt der Montagezuschlag für den ganzen Tag 50 Pf. und für den kalben Tag 30 Pst A r- bei tcn außerhalb Berlins und der Vororte werden inkl. Hin- nnd Rückfahrt mit 10 M. pro Tag bezahlt, wen» der Arbeiter auswärts übernachten muß.— Sämtliche Arbeiten sollen möglichst nur in eigenen Betriebswcrkstätten angefertigt werden. Bestehende bessere Lohn- nnd Arbeitsbedingungen dürfen nicht verschlechtert werden und sind während der Gelrungsdaucr dieses Vertrages bei- zubehalten. Entstehen aus Anlaß des Vertrages Tisscrcnzen, so haben die Vertragsparteien die Pflicht, zum Zwecke der Beilegung derselben gegenseitig in Verbindung z» treten. Gelingt dies trotz- dem nicht so ist das Einigungsaint des Berliner Geiverl'egcrichts anzurufew, dcsien Entscheidung rechtsverbindlich für beide Parteien ist. Vorstehender Vertrag tritt am 1. April 1912 in Kraft und hat Geltung bis 1. März 1915. Ter Vertrag soll sofort allen jenen Arbeitgebern zur Unter- schrist vorgelegt werden, die diesen Bestimmungen bis jetzt noch nicht zugestimmt haben. Lehnen die Betreffenden ab, so werden die Arbeiter hieraus die Konsequenzen ziehen. Achtung, Geschäftskutscher! Die Kutscher der Firma C. K l i e in t. Neue Königstr. 74, find, 60 an der Zahl, wegen Lobn- difsercnzen in den Streik getreten. Die Kutscher der Firma bc- kommen noch Löhne von 22,50 bis 25 M. pro Woche. In Anbetracht der jetzigen Teuerung versuchten unsere Kollegen, eine Ausbesse- rung der doch gewiß äußerst gcrinacii Löhne auf friedlichem Wege zu erreichen und suchten um cinc Verhandlung bei der Firma nach. Tic Firma stellte sich jedoch auf einen direkt avlchnendcn Stand- Punkt nnd blieb unseren Kollegen nichts weiter übrig, als von dem letzten ihnen zustehenden Recht Gebrauch zu machen und die Arbeit niederzulegen. Tic Firma versucht nun, ihren Betrieb auf jede Art und Weise ausrecht zu erhalten und hat an verschiedene andere Firmen das Ansuchen gestellt, ihre Mitfahrer zu schicken, welche die Fuhrlvcrke holen sollen. Wir richten nun an die Arbeiterschaft, speziell an die organisierten Kutscher und Mitfahrer, das Ersuchen, im Interesse ihrer kämpfenden Kollegen streiWte Solidarität zu üben und jede Strcikarbeit zu verweigern. Ter Betrieb E. K l i e m t, Nene Königstr. 74, gilt für organisierte Knischer und Arbeiter als gesperrt. Deutscher Transportarbeiierverband, Branche Gcschästskutschcr. Ter Schuhmacherstreik bei Pinncr. Die Arbeiter der Firma Pinner stehen nun schon über drei Wochen im Streik. In einer am Mitttvoch abgehaltenen nnd außer- ordentlich stark besuchten Mitgliederversammlung der Schuhmacher gab Hamann einen kurzen Ueberblick von dem Verlauf des Streiks, worüber an dieser Stelle schon verschiedentlich berichtet worden ist. Tie Hirsch-Tunckerstcheii beteiligen sich ebenfalls an dem Ausstände. In der Diskussion teilte ein Redner mit, daß Arbci- tcr, die bei Pinncr aufhörten während des Streiks, bei anderen Firmen nicht eingestellt wurden, weil dieselben, wie sie den Ar- beitsiichendeil erklärten, sonst 1000 M. Konventionalstrafe zahlen müßten. Folgende Resolution wurde einstimmig angcnoininc»: Die in den Residcuzjälen, Landsberger Straße 31, tagende Versammlung der Schuhmacher Berlins spricht, nachdem sie sich mit dem Streik bei der Firma Pinner Machst besckxistigte. ihre größte Mißbilligung darüber aus. daß Herr Borinsti in seiner Eigenschaft als Borsitzender des Verbandes Berliner Schuh- fabrikantc» dem Antrag der Ortsverwaltung auf Anberaumlliig einer Verhandlungen zwischen den beiden Organisationen nicht Rechnung getragen hat. Die Versammlung erblickt bierin einen Bruch mit den Grundsätzen, ivelchc die beiden Organisationen in letzter Zeit sich zu eigen gemacht hatten, nnd betont, daß die Arbeiterschaft der Firma Pinncr dies mit Recht als eine schwere Brüskierung ansehen nnd zum Mittel des Streiks greifen mußte. Sie versickert deshalb die Streitenden ihrer vollsten Sympa- thie mit der Aufforderung, der offenbaren Ausbungerungspolitik des Unternehmers die nötige Energie nnd Ausdauer ciitgegen- zusetzen, bis der Erfolg auf ihrer Seite ist. Tie Tirektion der Brauerei Königstadt schreibt nnS: ..Wir haben erst aus Ihrer Zeitung Kenntnis erbaltcn. das; zwischen unserem Oekonomen Liebing nnd seinen Angestellten Differenzen bestehen sollen;«» uns bat sich teiner der letzteren gc- wandt, es kann auch sonach keine Rede davon sein, daß zwischen den Kellnern und» n s Differenzen irgendweleber Art bestehen. Wch, müssen es unserem Ockonom überlassen, seine Difsercnzeil �lt�rdnen; mit unserem Vertrage haben dieselben absolut nichts zu tun, was Herr Liebing, von uns dieserhalb befragt, auch ancr- kannt hat." Deutsches Reich. Ter deutsche Holzarbeiterverband im Jahre 1911. Der Deutsche Holzarbeiterverband hat sich im Jahre 1911 recht günstig entwickelt. Er hat seine Mitgltederzahl um 17 708 erhöht und zählte am Jahresschluß 18 2 780 Mitglieder. Im laufenden Jahre hat die Mitgliederentwickelnng weitere Fortschritte gemacht, so daß die Hoffnung, das zweite Hllnderttausend im Laufe des Jahres 1912 vollzumachen, begründet erscheint. Die Zahl der weiblichen Mitglieder ist, entsprechend der verhältnismäßig ge- ringen Bedeutung der Fraueiiarbeit in der Holzindustrie, klein, aber ic wächst stark an. Während die Gesamtmitgliederzahl um 10,7 Proz. gestiegen ist, betrug di�unahme der iveiblichen Mitglieder 25,9 Proz. und deren Gesamtzahl 6m Jahresschluß 6349. Bemerkenswert ist der Rückgang der Fluktuation im Mit« gliederstand. Im Lause des Jahres wurden 54 828 Mitglieder aus- genommen. Das würde niit den am Schluß des Vorjahres vor- haiideu gcwescneil 165 042 Mitgliedern insgesamt 219 870 ergeben muffen. Tatsächlich stieg die Mitgliederzahl aber nur auf 182 750. Durch Tod, Austritt usw. sind also 37120 wieder verloren gegangen. Ein Vergleich dieser letzteren Zahl mit den 2l9 870 Mitgliedern die vorhanden gewesen wären, wenn alle Aufgenommenen der Organi- 'ation erhalten geblieben wären, ergibt eine Fluktuation von 16,8 Proz. Dieser Prozentsatz erscheint hoch, tatsächlich ist aber die Fluktuation in den meisten Gewerkschaslen bedeutend stärker und auch der Deutsche Holzarhciterberhand haste in früheren Jahren eine wesentlich größer« Klukluation. Sie betrug im Jahre 1908 25,6 Proz.. 1909 21,6 Proz., 1910 22,1 Proz., um, wie erwähnt, im letzten Jahre auf 16,8 Proz. zurückzugehen. Sehr lehrreich für jene Leute, die immer noch der Meinung huldigen, daß die Gewerkschaftsbeiträge lediglich dazu bestimmt sind, die Agitatoren zu mästen, ist ein Studium der Beträge, welche den Verbandsmitgliedern in Gestalt von II n t e r st ü tz u n g e n wieder zugeflossen sind. Im Jahre 1911 hat der Verband durch sein« Haiivlkasse und die Lokaikaisen insgesamt nahezu fünf Millionen Mark an Unterstützungen seinen Mitgliedern zugewendet. Im einzelnen verteilen sich die Ausgaben für die einzelnen Unter« stützungszweige folgendermaßen: Reiseunterstützung.... Arbeitsloseilunterstützung Streilunterstützung... Krankenunterstützung... Gemaßregelteiiiinterstützllilg Sterbegeld Umzugsunterstützung Notsalllinterstützung Rechtsschutz... Zusammen Der Löwenanteil an den die Streikunterstützung. 121740,19 M. 036 941,41„ 2 659 615,16„ 883 972,57„ 80 815,82„ 03124,50„ 46 043,—„ 64 814,84. 22 498,30, ... 4 929 571.79 M. Unterstützungsausgaben entfällt auf Das ist natürlich, deiin trotz der Bedeutung, welche das Ulilerslützungswesen in der Organisation er« langt hat, bleibt doch die Erringillig günstiger Arbeitsbedingungen die wesentlichste Aufgabe der Geiverkschaft, welcher sich alle anderen Einrichtungen unterzuordnen haben. Ter bedeniendste nnd umfang- reichste Kampf des Jahres 1911 war der große Streik der Ham« burgcr Tischler, der nach 33 wöchiger Dauer erfolgreich beendet wurde. Im übrigen aber ivaren es hauptsächlich kleinere Städte, in welchen im verfloffencn Jahre, zum weitaus größten Teil erfolgreiche, Lohnbewegliiigen durchgeführt wurden. Das macht es erklärlich, daß an den insgesamt 956 L o h n b e w e g n n g e n des JahreS 1911, über welche die Slreikslatislik des Verbandes berichtet, nur 62 796 Personen beteiligt ivaren, gegen 103 314 Per- sonen im Jahre 1910. Obivohl der Verband sehr bedeutende Summen für Streikzivecke ausgegeben hat, so ist doch ein sehr wesentlicher Teil der Erfolge durch friedlich verlaufene Lohnbewegungen erzielt worden. Mehr als die Halste der an Lohnbeloegungeli Beteiligten, nämlich 35 305 Personen, baben ihre Errungenschaften ohne Streik erreicht. Auch diese Ziffer ist sehr lehrreich; sie zeigt»äinlich, daß es den Gewerkschaften keineswegs darum zu tun ist, Streiks zu führen. Können sie ihre Absicht, bessere Arbeitsbedingungen herbei- zuführen, ohne Streik erreichen, dann ziehen sie diesen Weg vor. Und je kräjtiger eine Gewerlichaft ist, je größer infolgedessen die Achtung ist, die sie sich bei den Unternehmern errungen, desto häusiger werden sie ibr Ziel ohne Anwendung des nltimii ratio erreichen. Der Leistungsfähigkeit deS Deutschen HolzarbeitverbandeS stellt der hohe Prozentsatz erfolgreicher Lohnbewegungen ohne Streik ein recht günstiges Zeugnis ans. Jnsgesainl hat der Deutsche Holzarbeitccvcrband im Jahre 1911 durch seine Lohnbewegungen errungcil: Für 44 819 Personen eine Arbeitszeitverkürzung um durchschnittlich 1.9 Stunden pro Woche nnd für 51 987 Personen eine Lohn» erhöh ung um durchschnittlich 2,19 Mark wöchentlich. Trotz der bedeutenden Aufwendungen, welche der Deutsche Holz« arbeiterverbaiid im verflossenen Jahre für die Unterstützung der Mitglieder machte, hat sich sein Vermögen um etwa eine Viertelmillion Mark erhöht. DaS Gesamt- vermögen des Verbandes betrug am Jahresschluß 5 086 582 Mark.— Alles in allem genommen ist das Er- gcbnis des Jahres 1911 für den Verband recht zufriedenstellend. Besonders erfreulich sind seine Errungenschaften ans dem Gebiete der Vcrbeffcrnng der Arbeitsbedingmigeil. Und zieht man in Be- tracht, daß diese Orgaiiisalion Jahr für Jahr von ähnlichen Er- folgen zu berichten weiß, dann wird man zugeben müssen, daß der Deutsche Holzarbeiteruerband ein tüchtiger Vertreter der Jnleressen der Holzarbeiter ist. Zweifellos aber wären ieine Erfolge noch weil größer, wenn alle Berufsgenossen der Organisation angehören ivürdcn.__ Letzte Nachrichten. Lärmszeiten im österreichischen Parlament. Wien, 28. März.V. Hierzu t Beilagen«.Unterhaltungsbt. Kr. 75. 29. IchrMg. L Irilnjt des Joraiitlö" Sttliiicr WWlilt FrettG 29. Mlir; 1912. Reichstag 87. Sitzung. Donnerstag, den 23. März 1S12, bor mittags 10 Uhr. 8tm BundeZratstische: Kühn, Kraetke. Der Handels- und Sckiiffahrtsvertrag mit Bul- garten wird in dritter Lesung debattelos angenommen, ebenso das E t a t s n o t g e s e tz. Dann wird die zweite Beratung des Postetats fortgesetzt. Zunächst wird über die zum Titel Staatssekretär gestellten Re- folutionen abgestimmt. Die Resolution der nationalliberalen und der Volspartei, den Dienst nach 8 Uhr abends und den an Sonn- und Feiertagen IVa fallt zu rechnen, wird gegen die Stimmen der Rechten und des Zentrums angenommen. Die Resolution der nationalliberalen und der Bolkspartei, den Erholungsurlaub der Angestellten in angemessener Weise zu er- weitern, wird mit großer Mehrheit angenommen, ebenso die Resolution der Elsässer, die e l s ä s s i s ch e n Post- und Telegraphen- beamten denen der Reichseisenbahnen in bezug auf die Gewährung vichtpensionsfähiger Zuschüsse gleichzustellen. Beim Titel Oberpostdireltionen bemerkt Abg. Kunert(Soz.): Bei den Stadtverordnetenwahlen in Halle a. S. wurde ein starker Terrorismus von den bürgerlichen Parteien aus- geübt. Nach der Wahl hat sich ein Dcuunziautcnklüngel zusammengetan. um zu ermitteln, ob Beamte sozialdemokratisch ge- wählt haben. Vom Bürgerverein wurde eine Statistik auf- gestellt, nach der IS Beamte, darunter S aktive, ihre Stimme dem Sozialdemokraten gegeben haben. Die Oberpostdirettion Halle beteiligte sich an dieiem Denunziantenstrcich und be- schnüffelte die Beamten in einer Weise, die man nur als e i n e n A k t unverschämter Reaktion bezeichnen kann. Als Ergebnis ihrer Schnüffelei veröffentlickte sie eine Erklärung, daß die erwähnte Be- hauplung, soweit Angehörige der Reichspost- und Telegraphenvcrwal- tung in Frage kommen, sich auf irrtümliche Auszeichnungen stützt und unrichtig ist. Nicht daS ist wesentlich, daß diese Schnüffeleien negativ Verliesen, sondern daß sie überhaupt vorgenommen wurden. Es liegt darin eine Einschüchterung Wirtschaft- l i ch a b h ä n g i g e r M ä n n e r, die eine grobe Verletzung ihrer siaatsbürgerlichcu Rechte darstellt. Wie der Beamte wählt, das geht die Vorgesetzten gar nichts an. Der Beamte verkauft seine Arbeitskraft an den Staat, nicht aber seine Persönlichkeit, sein Innenleben, das seine ureigenste Sache bleibt. Wer die ökonomische Uebennacht des Staates benutzt, um den Beamten zu zwingen, seine wahre Meinung zu verhüllen, begeht an ihm ein Verbrechen (Sehr richtig I). und bei den Wiederholungen dieser Dinge muß man geradezu von Gewohnheilsverbrechen sprechen. lLebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Dieser Fall in Halle ist nicht ganz vereinzelt. Auch ISlO sind in Oberschlesien Beamte versetzt worden, die nicht so gewählt hatten wie die Regierung wünschte, sondern einem polnischen Kandidaten die Stimme gcgebew haben. Der Mini st e rialdirektor aber auch der Staatssekretär und der Reichskanzler sind die Urheber des unerhörten Druckes, der auf das gesamte Beamtentum ausgeübt wird. Vizepräsident Paasche: Der Reichskanzler gehört nicht zum Titel Oberpostdirektion; die allgemeine Diskussion ist schon gestern ge- schlössen. Abg. Lunert(fortfahrend): Auf die Postbeamten ist ein ganz unerhörter Druck ausgeübt worden, und der Reichskanzler ist mit der Urheber dieses Druckes. Uebrigens ist das von jeher so gewesen, die postalischen Behörden haben den Beamten auch das Koalitionsrecht genommen. Ich richte an den Staatssekretär die Frage, ob er etwas getan bat gegen dieselVorgnnge und was er tun will, um für spater solche Borkommnisse auszuschließen. Ich bin ja nicht Optimist genug, um zu glauben, daß er etwas tun wird. Wir haben aber die Pflicht, RUines fciullcton Ein Jubiläum des Telephons. Die Fachzeitschrift„Lumiere Elcctrique" erinnert daran, daß in diesem Frühjahr 26 Jahre vergangen sind, seit die erste internationale Fernsprcchver- bindung eröffnet wurde, und zwar zwischen Brüssel und Paris. Damals begegnete die Absicht, das Telephon über so große Eni- fernuugen beirutzen zu wollen, den größten Zweifeln, sogar unter den Elektrikern selbst, lrölirend heute über weit größere Räume hinweg gesprochen wird. Immerhin kam die Telegraphenverwal- tung in Belgien und Frankreich schon im Jahre 1882 dahin über- ein, Versuche zwischen den beiden' Hauptstädten vorzunehmen, die zunächst nur bei Nachtzeit ausgeführt wurden� indem man die Tele- graphendrühte dazu benutzte. Es wurden besondere Vorkehrungen dafür gietroff«n> den Strom zu verstärken. Am 18. Mai 1882 vollzog sich in den Morgenstunden das erste erfolgreiche Gespräch Mvischcn Brüssel und Paris. Dennoch, kam es nicht gleich zur praktischen, Anwendung in Europa, sondern die Pioniere des Telephons wandten sich zunächst nach Amerika, wo gerade ein« neue Leitung zwischen New Fork und Chicago angelegt und für eine gleichzeitige Be- Nutzung durch Telcgraphie und Telephonie abgemessen wurde. Nach- dem das Unternehmen vollauf geglückt war, kamen die nach Europa zurückgekehrten Ingenieure um die Konzcssion eines internatio- nolen Fernsprechdienstes ein, durch den sie unter Benutzung der Tclcgraphendrähte die Börsen, von Brüsscst Antwerpen». Amster- dam, Hamburg. Frankfurt, Paris, Madrid und Lissabon mitein- ander verbinden wollten. In diesem Umfang kam der Plan damals aoch nicht zum Ziel, sondern seine Ausführung wurde zunächst auf eine Linie von Brüssel nach Paris beschränkt. Im Jahre 1887, also vor 23 Jahren» wurde die Linie bei Gelegenheit einer Ausstellung für Aclcphonie in der Brüsseler Börse eröffnet. Zunächst wurden die Telcgraphendrähte benutzt, es wurde aber 1887 eine eigene Lei- (tung von 320 Kilometern Länge in 3 Wochen gelegt. Der Hastbesehl in einem Satz. Der Untersuchungsrichter beim Landgericht Düsseldorf erläßt, wie in Nr. 39SS des.Deutschen FahiiduugSblatteS" zu lesen ist, folgenden Haftbefehl: .Der Fleischtransporteur Henry Wollers ist zur UntersuchnngS- Haft zu bringe», weil er dringend verdächtig ist, zu Ralingen am 4. 3. 12 geniziitschaftlieb mit dem jetzt in Uutersmbnngshaft sitzenden Schreiner Theodor Eggert, mit Gewalt gegen eine Person fremde bewegliche«ackcn einem anderen in der Absicht weggenommen zu baden, sich dieselben reeblSwidiig zuzueignen, und zwar ans einer Straße indem sie dem Vorarbeiter Johann Junker, den sie in einer Wirtschaft keiuren gelernt, der für sie Bier bezahlt und bei dem sie. einen größereu Geldbetrag gesehe» halten, von der Wirtschaft Ouerling in Eckamp ein Stück nach seiner Arbeitsstelle an der Volkardeyerstraße in Eckamp begleiteten, indem dann auf dieiem Wege in der Nähe des' Bahn« Überganges auf der Ralherslraße in Ralingen WollerS den Junker plötzlich anpackte und festhielt, während Eggert, ihm ans seiner Gesäßtasche seine Barschaft im Gesamtbetrgge von ungefähr 48 M. in Zwei-, Drei- und Fünfmarkstücken hernuSnahin, worauf beide wegliefen Velbrechen gegen tzA 249, 230 Ziff. 3, 236, 47 St. G. BS.— und weil ein Verbrechen den Gegenstand der Untersuchung bildet und daher Fluchtverdacht gesetzlich be- gründet ist." die Unabhängigkeit der Beamten hochzuhalten und solche Bor- koinnmisse aus das energischste zu mißbilligen.(Lebhafter Bei- fall bei den Sozialdemokraten.) Unterstaatssekretär Granzow: Die Mitteilung, daß Beamte sozialdemokratisch gewählt hatten, war der betreffenden Oberpost- direltion als ein B o r w u r f zugekommen, und sie suchte nun fest- zustellen, ob das wahr sei(Lebhafter Zuruf bei den Sozial- demokraten: Das geht Sie gar nichts an), und als sich heraus- stellte, daß es nicht wahr sei, hat die Oberpostdirektion eine B e- r i ch t i g u n g erlassen.(Abg. Ledebonr(Soz.s: Das geht Sie gar nichts an, das ist eine Unverschämtheit.) Vizepräsident Paasche: Ich rufe den Abg. Ledebonr zur Ordnung. Unterstaatssekretär Granzow: Ist denn daS ein Verbrechen? Die Oberpostdirektion ist eifrig gewesen im Interesse der Beamten diesen Vorwurf(Lebhafte Zurufe bei den Sozialdemokraten: Es ist lein Vorwurf!)— es ist aber so aufgefaßt worden und die Oberpostdirektion hat diesen Vorwurf zu entkräften gesucht. Das ist die unverschämte Reaktion, von der der Abg. K u n e r l gesprochen. Abg. Graf v. Praschma(Z.) bittet die Einrichtung der Brief- telegramme auch auf kleinere Postämter auszudehnen. Staatssekretär Kraetke: Das geht nicht; Brieftelegramme sind vorläufig nur versuchsweise eingeführt, wo sie sich ohne die Ein- stellung neuer Beamter durchführen lassen. Abg. Dr. Weill(Soz.): Die Grundsätze, die der Staatssekretär gestern verkündet hat, werden von den nachgeordneten Postdirektoren sehr energisch ge- handhabt. Bei der merkwürdigen Antwort, die der Unlerstaats- sekretär soeben erteilt Hai, werde ich den Eindruck nicht los, daß die nachgeordneten Behörden in ihrem Eifer doch etwas sehr weit gehen. So wenig lobenswert auch die Theorie des Staatssekretärs ist über das Nichtdulden von Sozialdemokraten, so u n g e w ö h n- l i ch erscheint die Praxis der Oberpostdirektionen. Ter Fall, den der Abg. Kunert vorgetragen hat, kennzeichnet genug und ebenso die Fälle in Oberschlesicn, ans die gestern schon hingewiesen ist. Ein Fall in Metz aber übertrifft sie noch. Dort hat sich etwas sehr Seltsames und Kühnes zugetragen. Unmittelbar vor der Stichwahl hat die O b e r p o st d i r e k l i o n in Metz einer großen Zahl von Postbeamten, wenn nicht gar allen, folgenden Revers zur Unterzeichnung vorgelegt:.Von dem Erlaß des Staatssekretärs vom 23. Juni 1398 betreffend Be- strebungen der Sozialdemolratie habe ich Kenntnis erhalte n.�(Hört I bört! bei den Sozialdemokraten.) Der Erlaß stammt aus der seligen Zeit des Husarengenerals v. Podbielski, im übrigen enthält er die üblichen Redensarten gegen die Sozialdemokratie. Daß der Geist PodbielSkis auch jetzt noch die Verwaltung be- herrscht, ersieht man wohl daraus, daß auch jener Erlaß aus seiner Zeit stammt. Er ermahnt die Beamten, ja nicht zur Sozialdemo- kratie zu gehen, und betont, jede Beteiligung an sozialdemokratischen Bestrebungen sei unvereinbar mit der durch den Diensteid an- gelobten Amtspflicht, und Beamte, die solchen Anschauungen Ausdruck geben, würden im Dienste nicht geduldet werden. (Sehr richtig! rechlS.) Dieser Erlaß wird den Beamten unmittelbar vor der Wahl vorgelegt, und sie müssen unterschreiben, von ihm, von dieser Drohung, Kenntnis zu haben. Diese Zumutung an die Beamten wirkt wie eine behördliche Wahlbccinssussung. Diese Becinfluffnng ist so plump und so brutal, daß ich trotz aller Befangenheit, mit der man naturgemäß der Politik des Staatssekretärs begegnen muß, die Frage aufwersen muß, ob diese Beeinflussung mit der Billigung und der Kenntnis des Staals- selrelärs erfolgt ist. Wir haben gestern gehört, er duldet keine Sozialdemokraten in der Be a m t'e n sch a ft, und er dementiert das Vorkommen von Sozialdemokraten in der Post- beamtenschast. Ein sehr einfaches Mittel, sie daraus zu entfernen.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) In Widerspruch damit stehen schon die Bestrebungen, die M e i n u n g s s r e i h e i t der Postbeamten zu verhinderu, sobald das Eindringen der Sozial- demokratie befürchtet wird. Aber ganz anders liegt noch der Fall in Metz. Solange der Slaatsfekretär keine Zuneigung zur Sozial- demolratie hat, ist das nur ein Sentimcnt, und wenn er uns Für die merkwürdige geistige Diszipliuierung und Konzentration im Zusammenhang mft der möglichst komplizierten Darstellung eines einfachen Vorganges ist dieser Satz ein schönes Beispiel. Ter Hungertod in England. Der soeben erschienene amtliche Bericht des englischen Standcsregisters über das Jahr 1010 gibt ein trauriges Bild von der Zahl der Mvnschen, die alljährlich in England buchstäblich Hungers sterben. 1910 wurden bei nicht weniger als III Todesfällen von dem amtlichen Totenbeschauer festgesiellt, daß Hunger und Entbehrungen die unmittelbare Ursache des Ablebens waren. Unter den Opfern des Hungertodes werden ausgeführt: ein ehemaliger Schulmeiitcr, ein Buchhalter, zwei Hand- luugskommis, ein Stenograph, ein Viitualicnhändler, ein Schreiber, ein Chemiker und die Schwester eines Geistlichen. In 13 Fällen konnte die Persönlichkeit der Toten nicht mehr festgestellt werden. Weitere Nachforschungen haben dann ergeben, daß von den III an Hunger und Entbehrungen Gestorbenen nicht weniger als 83 ein Untcrstützungsgesuch an die Armenbehörde verschmäht haben. In den meisten Fällen beantworteten die Bedürftigen den Rat, ins Armenhaus zu gehen, mit der Erltarung, lieber zu sterben oder zu betteln. In drei Fällen fand man im Nachlaß nicht un- erhebliche Geldmittel, so daß krankhafter Geiz bei dem Hungertode seine Rolle gespielt haben muß. In dem Zimmer einer Frau wurden 3180 M. in Gold und Banknoten gefunden, ein Mann hatte ein Bankguthaben von 8000 M. und ein Dritter 2000 M. auf der Postsparkasse und 180 M. in der Tasche. Die Mutprobe des Torero. Die blutigen Grausamkeiten, die mit einem echten Stierkampfe untrennbar verknüpft sind, haben schon manchen fremden Gast voll Abscheu aus einer spanischen Arena getrieben, und selbst unter den durchaus nicht scnsations- feindlichen Badegästen des fashionablcn Kurortes San Sebastian gibt es nicht wenige Besuibcr, die schan� nach dem ersten Gange hastig der Arena dea Rücken kehren, vsie versäumen damit ein eigenartiges Schauspiel, das sich von den blutigen Zwischenfällen des regelrechten Stierkampfes durch die merkwürdige Tatsache unterscheidet, daß noch nie bei dieser Feuerprobe männlichen Mutes auch nur ein einziger Tropfen Blut geflossen ist. Und doch sordcrt diese„Probe des Don Taucredo" Nerven von Stahl und einen Mut, der dem Tode gerade ins Auge sieht, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. In der Pause wird ein etwa 80 bis 80 Zenti- meter hoher weißer Sockel aus Holz in die Arena getragen und dann erscheint einer der Toreros �in ein antikes, weißes Gewand gehüllt.' Alles an ihm ist weiß, Sandale», Trikots. Hals, Gesicht und Haare sind unter einer dichten Puderschicht verhüllt; in der atemlosen Stille besteigt der Mann jenen Sockel, kreuzt die Arme und bietet damit in völliger Uiibcwcglichkcit den täuschenden An- blick eines marmornen Standbildes. Ein Wink: und der junge, wütende Stier stürmt in die Arena. Noch hat er die seltsame Ge- stalt in der Mitte des Feldes nicht gesehen. Tann plötzlich kommt der Augenblick furchtbarer Spannung: das Tier hat den unbewcg- lichcn Torero erblickt, es senkt den Kopf und in der nächsten Sekunde stürmt das lvüteude Tier auf das lebende Standbild zu. Schon macht sich im Publikum die bis zu höchster Aufregung empor- gepeitschte Ncrvenspaiiuung in wildem Schreien Luft; blitzschnell vermindert sich der Abstand zwischen dem daherstürmenden Tier und seinem scheinbar sicheren Opfer: aber der Torero steht un- beweglich auf seinem Postament. Fast hat der Stier sein Ziel dementiert, so regt uns das nicht besonders auf. Wenn aber die Verwaltung in dieser Weise eingreift, sehen wir uns genötigt, die Gedankenfreiheit und die Menschen- und Staats- Bürgerrechte gegen solche unerhörten Maßnahmen in Schutz zu nehmen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich lege keinen Wert ans die besonderen, fast pikanten Umstände der Wahl jn Metz, keinen Wert darauf, daß mein Gegner ein Vorstand s- Mitglied des Vereins. Lorraine sportative" war, weil die ganze Wahl die Postverwaltuug überhaupt nichts angeht(Lebh. Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), weil sie sich um diese Dinge nicht zu kümmern hat, weil sie nur ihre Geschäfte zu be- sorgen hat und nickt in die Wahlagitation mit Flugblättern und Reversen eingreifen soll. Es handelt sick um einen unerhörten Eingriff in die Wahlfreiheit und Staatsbürgerrechte der Beamten. Wenn gestern der Staatssekretär gegen Angriffe auf die Beamten. die von uns erfolgt sein sollen, pathetisch prolestiert hat, so haben w i r vielmehr das Recht, im Namen der Beamten zu protestieren gcgew diese Herabsetzung ihrer politischen Rechte, gegen diese Unter- schätzung ihrer Stellung im öffentlichen Leben.(Lebh. Sehr richtig! bei den Sozialdemokraien.) Herr v. G a m p hat einmal geäußert, die Beamten seien deshalb zu größerer Königstreue verpflichtet, weil sie dafür bezahlt ivürden(Abg. v. G a m p: Die p o l i t i- scheu Beamten), dann freue ich mich, wenn Herr von Gamp diesen Eingriff in Metz gleich uns in i ß b i,l l i g t.(Abg. von Gamp: Gar nicht.) Andernfalls zeugt das von einer Geistesverfassung, die ebenso subaltern ist, wie beleidigend für die Beamtenschaft. Wir verlangen für alle Staatsbürger dieselben Rechte und laffen uns auch dadurch von der Vertretung dieser Rechte nicht abhalten, daß diese Einschüchternngsversnche nichts nützen und nichts genützt haben. Daß ich auf dieser Tribüne stehe, ist ja ein Beweis dafür.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Meinungen und Ueber- zeugungen lassen sich eben nicht wegdementiercn und lassen sich zwangsweise nicht so gestalten, wie der Herr Staatssekretär es wünscht. Wir legen aber den Nachdruck darauf, daß diese Einschüchterung wie ein Terror wirken muß. So schreibt ein Briefträger aus Metz, der sich über die vielen Dienststunden besckwert:„Meine Unterschrift kann ich nicht geben; sollte der Brief vielleicht in falsche Hände kommen, so wäre ich vcr- loren!"(Lebhaftes Lachen rechts und im Zentrum.) Das zeigt die Wersch ückterung der Beamten, aber auch ihre Er- bitter» ii g über den Mangel an Respekt, den man ihren Rechten und ihrer Persönlickkeit entgegenbringt. Nicht unsere Aufhetzung ist es, die das veranlaßt, sondern sie selbst schaffen unter den Be- amten eine Atmosphäre des Mißtrauens, ans der unmöglich Gutes erwachsen kann.(Lebhafter Beifall bei den Soziaidemolraten.) Staatssekretär Kraetke: Eine Anweisung an die Oberpostdircktion, den Erlaß von 1898 den Beamten beknnntzumachen, ist nicht erfolgt. Die Oberpostdirektion in Metz hat von der Auf- wiegelung Kenntnis erhalten, die durch das von sozialdemo- kratischer Seile an alle Beamten und Unterbeamten versandte Flug- blatt:„Die Postbeamten und die Reichstagswahlcn" geschah, und da hat sie es für nötig erachtet, diesen Erlaß von 1898 den Beamten zur Kenntnis zu bringen, damit sie unterricktet sind, wie die Behörde über solche Bestrebungen denkt. Sie selbst also(zu den Sozialdemokraten) haben die Behörde eigentlich zu dem Vorgehen veranlaßt. �(Große Heiterkeit.) Die Behörden können doch nicht die Hände in den Schoß legen und ruhig zusehen, was die Sozialdemo- kratie tut. Wenn derartige Unwahrheiten, wie sie in diesem Flugblatt stehen, verbreitet werden, können lvir das doch nicht ruhig hinnehnien. Wenn nun eine Obeipoildirektion die Beamten darauf hinweist und ihnen den allen Erlaß bekannt macht, so kann ich darin lein Unrecht sehen.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Struve(Vp.): Der Staatssekretär hat erklärt, von ihm aus sei der Befehl zu dem Vorgehen nach Metz nicht ge- kommen. Der großen Mehrheit des Hauses wäre es aber inter« essanter, zu hören, ob er wünscht, daß die Ober» postdirektionen so vorgeben, oder er unter keinen Umständen will, daß die Oberpostdirektionen sich um die Ab- srimimmgen und das Wählen der Beamten lümmern. Wenn mich mein Gcdäcktnis nickt täuscht, hat er vor 3 oder 8 Jahren gelegent- lich eines Falles in Kiel, den ich zur Sprache brachte, das erreicht, da geschieht etwas Seltsames. Die weihe Farbe, die Un- bcwcglichkeit der Gestalt verwirren das Tier. Kaum zwei Meter von ihr entfernt, stemmt es sich plötzlich zurück, noch peitscht der Schweif den Boden, aber es bleibt stehen, und starrt wie erstaunt auf dieses weiße Wesen. Ein paarmal umschreitet das Tier miß- trauisch den regungslosen Torero, wendet sich fort, kehrt wie zweifelnd wieder zurück: aber es unternimmt keinen Angriff. Wenn der Stier schließlich davontrabt, springt der Torero von seinem Postament und verbeugt sich lächelnd vor dem in wilder Begeisterung rasenden Publikum. Das ist die Probe des Don Tancredo, die seit Jahren regelmäßig stattfindet und hei der noch nie ein Unglück geschah._ Notizen. — T h e a t er ch r o n i k. Die Neue Freie BolkSbühne veranstaltet am Sonntag im„Neuen VolkS-Theater" einen zweiten Strindberg- Abend. Nutzer den bereits aufgeführten Einaktern: „Die Stärkere" und„Gläubiger" gelangt„Mit dein Feuer spielen" zur Aufführung. — Der homogene Intendant. Das schwarze Regiment, daS jetzt Bayern schöner denn je voranleuchtet, fängt an, ganze Arbeit zu tun. Ist das Ministerium homogen(d. h. schwarz), warum sollen eS die anderen Posten und Acuter nicht auch sein? Ist es zu dulden, daß die königl. bayerischen Bühnen einem Intendanten anvertraut sind, der zwar durch Hofgunst zu seinem Amt kam, aber der ZentrnmSparolc nicht folgt? Mit ntchtcn, ant- wartet der Zorn des Volkes, und sckon Ivcrden ein paar prasselnde Fenerchen in der schwarzen Presse entzündet, die den Herrn v. Speidel, der moderne Literaten wie Bahr, Lothar, Thoma und Wedckind gar zu Worte kommen ließ, hinausräuchern sollen. Wirk- liche und wahrhafte Prinzen(mit r) sollen es auch bestätigt habe», daß sie nicht mehr in ein Theater gehen, wo so grausliche Ehe- bruchsgeschichtcn aufgeführt.werden. Der Intendant mutz homogen, d. h. von Zentrums Gnaden sein. Und wozu hätte man denn die Intrigen in München, wenn man nicht einmal einen Theater- intendantcn wegbringen könnte. Atjo an die Arbeit! — Der Kinomatograph als Lehrmittel. Eine größere Anzahl technischer Films, wie die Fabrikation von Glüh- lampen, die Arbeiten in einem Eisenhüttenwerk und andere, lassen Siemens-Schuckert-Werke in Berlin zurzeit der Berliner Schul- jugend unentgeltlich vorführen. — Ein Freiligrath-Denkmal soll bei RolandSeck nach den Entwürfen des Londoner Bildhauers WienS, eines Enkels Freilig- raths, errichtet werden. — Einen geologischen Osterausflug nach Stettin und der Buchheidc unter Führung des Geologen Dr. Menzel ver- anstaltet die Freie Hochschule. Das ausführliche Programm ist durch die Geschäftsstelle, Blankenfcldestr. 4, zu beziehen. Ter vorbereitende Portrag findet diesen Sonnabend 8!4 Uhr in der Dorotheenstr. 12 statt. — Der größte Krater in Tätigkeit. Der Krater des Maunro Loa auf den Sandwich-Jnseln, der als der größte Vulkan der Erde bekannt ist, befindet sich seit mehreren Wochen in außergewöhnlich reger Tätigkeit. Der.ausfließende Lavastrom hat bereits sine Länge von 80 Kilonietern erreicht, ein? Länge, die bißher noch nie bexbgchtet wlirdd letztere erklärt.— Der Redner dringt dann eine Besclilvcrde über eine» Oberpostdireltor in Berlin vor, der die höheren Beamten nicht angemessen behandele. Staatssekretär Kraetke: Bei uns sind Silagen über den Berliner Oberpastdirekror nicht eingegangen. Mein Standpunkt in beziig auf die Krage des Borredners ist noch derselbe Wie früher, aber der Oberpostdirekior in Metz hat nur aus dem Anlag der Auf- wicgelung der Beamten die Bcaviien auf den früheren Erlag aufmerksam gemacht. fLachen bei den Sozialdemokrateu.j Abg. Ledeiour fSoz.): Die Antwort, die wir auf die Beschwerden der Abgg. Weil und Kunert zu hören bekommen haben, ist austerordentlich charakteristisch für die Vorstellung, die die betreffende« Herr»« von ihrem eigenen Verhältnis und dem ihrer nach- geordneten Beamren z u in Staat haben. Der Herr Staatssekretär cinpfindet das, was in Metz vorgekommen ist, und der Unterstaatsselretär. was in Halle vorgekommen ist, eigentlich als etwas ganz Natürliches. In Metz war von unserer Seite während der Wahl ein Flugblatt verbreitet worden, das sich speziell an die Postbeannui gerichtet hat. Das ist das Recht jeder Partei während einer W a h l b e w e g u i! g. sSehr richtig 1 links.) Dation machen sie alle Gebranch. Nun sagt der Staatssekretär, dieses Flugblatr enthält Unrichtigkeit«!, sollen wir uns das gefallen lassen? Wenn ein solches Flugblatt irgendeiner Partei nach seiner Auf- fossung unrichtige Behauptungen enthält, so ist die Behörde voll- ioinmen berechtig!, ihrerseits diese Behauptungen in der Oeffenllichkeit zu widerlegen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das können Sie nicht I) Lb sie das können oder nicht, ist für die Rechtsfrage gleichgültig. Häiien Herr Kraetke und die nachgeordneten Behörden sich inuer- halb dieser Befugnis gehalten, so würde niemand etwas dazu sagen. Aber die Postbchörde in Metz hat in die Wahlbewegung e i n g e g r i s s e n, um einen Druck auf die Beamten auszuüben, daß sie nicht sozialdemokratisch wählen, und zu diesem Zweck hat sie aus den Akren den Erlaß aus dem Jahre 18SS ausgegraben, worin da aufmerksam gemacht wird, daß die sozialdemokratischen Bestrebungen mit dein Diensteid unvereinbar sind, und daß Beamte, die solchen Be- strebungen Ausdruck verleihen, im Dienst nicht geduldet werden. (Sehr richtig! rechts.) Dieser Erlaß ist an sich schon gerichtet gegen unsere Nechtsauffasjung und gegen die Recht?- a u f f a s s ii n g der Verfassung.(Zuruf bei den Sozialdcino- kraten: Er ist eine Genieinheit.) Sowohl in der llieichSverfassung, wie in der preußischen Berfassung wird allen Beamten genau wie den übrigen Staatsbürgern die volle Freiheit der'Aus- Übung der staatsbürgerlichen Rechte gewähr- leistet, und die höheren Braniten sind durch ihren Diensteid ver- pflichtet, die Verfassmig und die Gesetze zu achten,(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten,) Wenn aber ein höherer Beamter gegen Ver- fassung und Gesetz einen terroristischen Druck auf die Beamten auszuüben sucht, ihr Wahlrecht nicht in Freiheit auszuüben, so handelt ein solcher Beamter und Minister selber gegen den von ihm geleisteten Eid.'(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemo- traten.) Präsident Kaenipf: Ich kann nicht zugeben, daß Sie im Reichs- tage einem Staaissetretär oder Minister vorwerfen, er handele gegen den von ihm geleisteten Eid. Abg. Ledebour(fortfahrend): Das ist die eine Seite der Sache. Ich komme nun zu der anderen. Indem die Poslbehörde in Metz unter der nachträglichen Billigung des Staatssekretärs diesen PodbiclSkischen Erlaß wieder ausgräbt, ihn den Beanueii während der Wohl mit dem angesührtcn Revers vorlegt, begeht sie eine direkte Wahlbeeinflussung, damit die Beamten entgegen ihrer möglichen Ueberzeugung nicht den Sozialdemokraten, sondern irgendeinen anderen Kandidaten wählen sollen. Das ist ein direkter Eingriff in das siaatsbnrgcrtiche Recht zu wählen, daS jeder 'Angehörige des Reiches, auch jeder Beanile hat, und bei einer früheren Gelegenheit— darauf hat der Abg. Struve hingewiesen— hat der Staatssekretär in einer Anwandlung von st a a t s b ii r g e r l i ch e m Gerechtigkeitsgefühl sich auch gegen solche Bccinfliissung gewendet. In Metz ist in diesem Falle direkt gegen diesen Grundsatz verstoßen worden, und der Staatssekretär stellt sich hierher und sagt: Ich empfinde das beinahe als etwas ganz Natürliches. Daraus geht hervor, daß er durch die lange Auwescuheit im Amt eine degradierende Abwärtsbewegung gemacht hat, und es ist die höchste Zeit, daß er sein Amt ver- läßt, um nicht noch tiefer herabzusinken.(Sehr gut I beiden Sozialdemokraten.) Nun zu dem Fall in Halle, den der Unterstaatssekretär be- antwortet hat. In irgend einer oder iiiehrerc» bürgerlichen Zeiliingen wird behauptet, Poslbeamte haben sozialdemokratisch gewählt, und diese Bchauplnng wird in die Form eines Vorwurfes gekleidet, und da sagt der Unterstaatssekretär: Da das ein Vorwurf ivar, mußte die vorgesetzte Behörde nachforschen, ob es wirklich vorgekommen war. Somit stellt cr sich im Einklang mit seiner nach- gevi dneten Behörde auf den Standpunkt, es sei ein B o r w u r f, wenn man s o z i a l d e m o k r a r i s ch wählt, und da? müssen wir uns sehr energisch verbitten.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Sie können über unsere Partei alle möglichen und beliebigen Anschauungen haben, aber Sie dürfen dieser Anschauung nicht gegenüber den von Ihnen abhängigen Beamten Ausdruck ver- leihen, weil Sie damit aus diese Beamten einen terroristischen Druck ausüben. Wenn die Behörde es für notwendig hielt, von dieser Behauptung überhaupt Notiz zu nehmen und darauf zu antworten. so hätte sie, wie es anständigen und rechtdenkenden Mensche n zugekommen wäre, sagen müssen: Wir verbitten uns das. Präsident Kacmpf: Sie dürfe» dem Unterstaatsselretär nicht Unaiiftäiidigkcit vorweisen. Abg. Lcdcbonr: Ich habe gesagt, was ich für a n st ä n d i g halte, und was jemand iiz einem bestimmten Fall tun soll. Aber ich füge mich der Anordnung des Präsidenten und tuill nur erklären, wer auf dem Slandpiiiikt allgemeiner Rechtsgleichheit steht mid Oberpostdirektor ist. der hätte gesagt, wir verbitten es uns, daß unseren Beamten ein Vorwurf gemacht wird, wenn sie für irgend eine Partei stimmen. denn das'st ihr gutes Recht, und ivic schätzen ihre Ehre viel zu hoch ein. als daß wir irgend jemand erlauben sollten, ihnen wegen ihrer Betätigung bei den Wahlen einen Vorwurf zu inachen. (Lebhafte Zusliminung bei den SozialdekNokraten.) Statt dessen stellt die Postbebürde Nachforschungen an und läßt herum- schnüffeln, ob irgend ein Skamter tatsächlich sozialdemokratisch gewählt hat. Das ist ein iicuch'Mbergriff. ein direkter Eingriff in daS geheime Wahlrecht, wiederum eine Verletzung eines staatsbürgerlichen Rechtes. Beamte, die so gehandelt haben, haben gleichfalls ihre Eidespflicht verletzt. Die Verfassmig ist deschworen und wenn eine vorgesetzte Behörde in die Wahlfrciheit eingreist. so verletzt sie die Eidespflicht, und eS ist höchste Zeit dagegen vorzugehen.(Lebhafte Zustinimung bei den Soiialdeniokrateii.) Präs. Kaempf: Sie haben von neuem Beamten Verletzung der Eidespflicht vorgeworie».(Große Unruhe bei den Sozialdemokrate», in der die solgenden Worte des Präsidenten verloren gehen.) Abg. Ledebiur(fortfahrend): Ich sollte eigentlich denken, daß darüber unter allen Par- teien dieselbe Meinung herrsche» sollte, daß ein Eingreisen in die Wahtsreiheit seitens der Behörden unter keinen Umständen geduldet werden könne.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) ES ist das ein Mangel an dem Selbstgefühl, das jeder Ab- geordnete als BoliSvortreter haben sollte, ein Mangel an ö»r Achtung, die Sie dem Reichstag schulden, ein Mangel an der Achtung, die Sie als Staatsbürger dein freien Wahlrecht schulden, wen» Sie tu irgendeiiier Weise dieses unqualifizierbare Vorgehen des Herrn Kraetke und seiner nachgeordneten Behörde billigen. Von unserem Parteistandpunkt aus können wir sagen: Fahren Sie nur so fort, dann werden Sie es dahin bringen, daß alle Beamten, die auch nur noch einen Funken von Ehrgefühl haben, sich dafür bedanlcn, für solche Parteien zu wirken.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Eine Resolution der K 0»i m i s s i 0 n auf Vorlegung eines Nach- tragsetats, worin den Ober-Post- und Telegraphen- assistenten sowie den Vorslehcra der Postämter III. Klasse, welche vor dem 1. Jarniar 1000 in den Postdieiisr getreten sind, so- weit sie drei Jahre lang im Genüsse des Höchstgehalts gewesen sind, eine Zulage von 300 Mark gewährt werden soll, wird an- g e n 0 ui in e 11; ebenso ein Antrag G a»> p(Rp.), diese Zulage peiisionsfähig zu machen. Ferner liegt eine Resolution der Kommission vor, eine Revision des Besotdungsgesetzes dabei vorjunehinen, daß die in der zweiien Lesung der BesoldungSordmmg vom Reichs- tag beschlossenen Gehaltssätze insbesondere für P 0 st s ch a sf n e r uno Posta ssistenlen durchgeführt werden: 2. geeignete Maß- nahmen in Erwägung zu ziehen, durch welche eine aerechre Be- seiligung der in der Festsetzung der Bezüge, insbesondere des WohnungsgeldzuichusseS für die P 0 ji u n t e r b e a m l e n in cinzeliieil Fällen hervorgetretenen Härten und U n st i m m i g- leiten bewirkt wird und in einem Nachtragsetat die erforderlichen Mittel anzufordern. 3. Maßnabnicu zu treffen, durch welche die in der R e i ch s- Post Verwaltung beschäftigten Personen eine den örtlichen Lohn- und Lebensverhältnissen entsprechende Bezahlung erhalten, sowie die Anwärter für die S ch a ff n e r k l a s s e nach zehnjähriger Beschäsligung in der Siegel ctatSmäßig angestellt werden, Abg. Gicsberts(Z.) spricht für die Resolution. So s ch e ch t geht es aber den Postunterbeamten nicht, daß sie. falls sie nicht überzeugte Sozialdemokraten sind, nur deshalb gezwungen wären, bei den Wahlen zum roten Stimmzettel zu greife». Diese Art Pression aus Regierung und bürgerliche Parteien würde ihren Zweck verfehlen und wäre nicht ihrem Stande gemäß. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das sagt ein Arbeitervertreter!) Staatssekretär Kraetke betont, daß die Postboten alle drei Jahre 100 M. Zulage bekonimeii: im übrigen werde die Verwaltung bestrebt sein, die Löhne möglichst den örtlichen Verhältnissen anzu- passen. Abg. Dr. Struve(Vp): Die Postboten llagen aber darüber, daß dieie Zulage nur acht Jahre lang gewährt wird und dann nicht mehr, falls die Postboten dann noch nicht angestellt sind. Redner befürwortet eine Resolution, die Ausgleichung der in der Besoldung der gehobenen Iliiterbeamten bestehenden Umerschtede ver- langt. Wünschenswert wäre auch eine Herabsetzung der Dienst- stunden der Postbeamten nach dem Vorbild der Eisenbahnverwaltung. Abg. Eiert(Soz.): Die Resolution betreffend die Postschaffner und A s s i st e n t e n ist von uns in der Budgetkommiision eingebracht und dort e i n st i m m i g angenommen worden. Ich brauche daher zu ihrer Begründung nicht mehr viel zu sagen. In der Denkschrift zum Besoldungsgesetz wurde seinerzeit ausgeführt, daß das Haupt- gewicht gelegt iverden solle auf eine Besserstellung der ll n t e r b e a m t e n. Nach Erledigung des Besoldungsgesetzes hat sich aber ergeben, daß keine Beamtenkategorie so schlecht weggekommen ist bei dieser Regelung als die Un t e r b e a m ten, ins- besondere die S ch a f f n e r k l a s s e.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Ihre Gehaltssätze betragen 1100 bis 170V M. Dabei kommt in Betracht, daß durch den Wegfall der Teuerungszulagen fast die Hälfte aller Unterbeamten durch die damalige Regelung überhaupt keine wirtschaftliche Besserstellung erfahren hat. (Sehr lvahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr Giesbert« meinte, man könne das Zentrum für die BesaldungSresorm nicht verantwort- lich machen. Tatsächlich war eS aber da« Zentrum, da« ebenso wie die anderen bürgerlichen Parteien mit Ausnahnie der Fortschrittlichen Volkspartei vor dem Unannehmbar der Regierung schließlich umgefallen ist, und gerade Herr Giesbert« hat in der Biidgetkommission erklärt, daß eS ein polinicher Fehler gewesen sei. daß man damal« der Regierung nachgegeben habe.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Tagegelder der nicht etatsmäßig angestellten Unter» beamten, der Postboten, sind durchaus unzureichend. Sie schwanken zwischen 2 und 3 M., mit der Zulage von 10 Pf. pro Tag erhalten die Postboten nach zehn Jahren eine» Höchftiohu von 2, HO bi» 3,80 M.(Hört I hört! bei den Sozialdeniokroten.) Daß damit nicht eine Familie ernährt werden kann, ist klar; insbesondere bei den teuren Verhältnissen im Westen kann selbst ein Lcdiger damit nicht seinen Unterhalt fristen.— Ferner möchte ich hinweisen auf daS große Mißverhältnis zwischen etatsmäßigen und nickt etats- mäßigen Stellen, insbesondere im DircklioiiSbezirk Düsseldorf. Hier kann man in der Tat von einer Notlage dieser Beamten sprechen, ja von H u n g e r l ö b n e n. Es wäre wünschen«- wert, wenn der SiaatSsekretär nur ciiienTeil des Eifers, den er an- wendet, uni an« politischen Gründen hinter Beamten herum- zuschnüffeln, verwenden würde für eine in ö g I i ch st baldige Aufbesserung der P 0 st b 0 t e n.(Sehr gut I bei den Sozial- demokraten.) Aus K 0 t t b u ö wird mir von einer sehr ungünstigen Verteilung der Dieiislstunden berichtet und in Elberfeld sollen Unterbcamte in den S 0 m m e r in 0 n a t e n oft bis 78 Wochendiciiststuilden leisten müssen, im Winter bis 7 0.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Herr G i e s b e r t s hielt es für notwendig zu sagen. daß wenn die Postbeamten für unS stimme», sie das nur als Mitläufer und nichi auö voller Ueberzeliginig tun. DaS ist natürlich gar»ichr festzustellen und geht auch Herrn Gicsberts gar nicht« an. tSehr lvahr! bei den Sozialdemokrate».) Im übrigen ist die Stellung- nähme des Herrn Giesberts in dieser Frage bezeichnend für die politische Wandlung des Zentrums, da« sich früher bitter heickwerte über die Religiolisschiiüffeleien und jetzt den systematischen Terror der V e r w a l t u» g gegenüber de» Beamten unterstützl. Charakteristisch ist, daß gerade Herr Giesberis eine solche Stellung einnimmt, der vor einiger Zeit einnial sagte,»1 an mutz s i cd s ch ä m c n. e i 1, P r e» ß e zu sein.(Hört! hört! und Bravo! bei den Sozialdemokraten.) UiiterstaatSsckreiär Granzow: Herr E b e r t sprach von Hunger- löhne», er möge aber bedenken, daß diese Postboten meist noch junge Leute ansangs SO sind, die lmverheiratel find. Auch bekommen sie die drei Mark an allen Sonn- und Festlagen. Der größte Teil der nicht etatSmäßigen Unterbeamten in Düsseldorf ist noch nicht zehn Jahre in Tätigkeit bei der Post. Daß Ilntcrbeamte bis 78 Sliinden beschäftig! werden, kann ich kaum glauben. ES wird nachgeforscht werden; jedenfalls würden wir daS aufs schärfste mißbillige». Im übrigen verweise ich die Herren darauf, daß wir im Laufe von zehn Monaten IS 000 Gesuche sinn Aufnahme in den Uilterbea»il«ndie»st haben abweisen müssen. Das beweist, daß die Verhältiiisie bei und noch immer besser sind als in der Pnvatindnstri».(Znruke bei den Sozialdnnokrarcii: Daß Sie diese Rotlage ausnutzen!» Abg. Giesbert«(Z.): Herr E b e r t hat mich mißverstanden. Ich habe nur gesagt, daß Postbeamte, die als Mitläufer Ihrer Par, ei glauben, ans die Regierung und die bürgerlichen Parteien eine Pression ausüben zu können, damit nicht richtig handeln. Ferner habe ich von einem großen politischen Fehler der Re- giernng, nicht de« Zentrums, bei der letzlen BesoldnngSreform ge- Iprochen. Im übrigen hoffe ich, daß die 0 z i a l d c in 0 k r a t e u jetzt als stärkste Partei ihren ganzen Einfluß ans die Regierung gellend machen, daß sie wiiiigsteus jetzt dem Beschluß des Reichs- tags nachkommt. Damit schließt die Diskussion. Die Resolutionen der Kam- Missionen werde» angenommen; ebenso gegen die Stimmen der Linken ein Antrag der Konservativen und des Zentrums, statt.die Anwärter für die Schaffnerklasse" zu setzen:„die Zibilanwärker für die Uiiterbcamtenklasie". Beim Titel„Postagentcn" wird nach kurzer Debatte eine Re- solution angenomme n, erneute Erwägungen über die Errichtung einer P e n s i 0 u s k a s s e für Postageuten auzustelleu und darüber eine Denkichrist vorzulegen. Es folgt der Titel: Löhne für außerhalb des Veamtenverhältnisses stehende Personen. Abg. Ebcrt(Soz.): Ich will nur kurz auf die Verhältnisse der P 0 st- ar heiter eingehen. Sie klagen darüber, daß ihnen bei ihrer An- stellung die Arbeitszeit, die sie im Reichsbetriebe durchgemacht haben, auf das Besoldungsdienstalter nicht angerechnet wird. Der Reichstag hat wiederholt Beschlüsse in dieser Richtung gefaßt, leider ohne Erfolg. Man macht grundsätzliche Bedenken dagegen geltend, während doch z. B. dem Postillion eine solche Dienstzeit angerechnet wird. Das Verlangeu der Arbeiter ist um so gercchlfenigter, als ihre Entlohnung äußerst un zuläng lich ist. Mitteilungen im einzelnen gehen uns darüber nicht zu, es wird nur angegeben, daß im Reiche durch- schniltlich 2,2 0 M. bis 4,80 M. pro Tag bezahlt werden. Im letzten Jahre ist eine Zulage erfolgt, zum Teil von 10, von 20, teilweise aber auch nur von b Pf. pro Tag. (Hört! hört! bei de» Sozialdemalralen.) Denen, die etwa? mehr bekouimcn haben, ist die Zahl der Diensrjahre, nach denen der Höchst- lohn erreicht ivird. erbeblich erhöht worden Ein Ausgleich für die teueren Verhältnisse ist in dieser Regelung absolut nickt zu erblicken und eine allgemeine Regelung der Lohnfrage für die Postarbeiter ist dringend noUvendig.(sehr wahr! bei den Sozialdemolraten.) Auch sollte man sie in ein st ä n d i g e s D i e n si v e r h ä l t 11 i s bringen und ihnen Wochen- statt Tagelöbne zahlen. Andere Verwaltungen sind der Neichspostvcrwallnng längst voran- gegangen. Die Regelung der Hand w erkerlöhne erfolgt in einigen Bezirken einsprechend den tariflichen Vereinbarungen in der Privalindustrie, in anderen nicht. Hier wäre einmal ein Anlaß zum Reglementieren.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeiterausschüsse scheint niau»loch immer für ein notwendiges Uebel zu halten. Wie aus einer Petition des Verbandes polnischer Post- und Telegraphenarbeiter und Handwerker mit dem Sitz in Bochum hervorgeht, sind eine Reihe von Arbeiter- auSschüssen infolge der erfolglosen Bemühungen um eine wirksame Tätigkeit amtsniüde geworden und denken daran, überhaupt nickt mehr zusammenzutreten.(Hört I hört! bei den Sozialdemolraten.) Einem Arbeilaausschußvertreter wurde bei einer Beschwerde gesagt:.Wenn e« Ihnen bei der Verwaltung nicht paßt, gehen Sie doch zu einem Privatunternehmer! Das ist der richtige Herrcnstandpuukt. (Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeiter verlangen Sicherung der Arbeiterausschußmitglieder gegen Maßregelung! Herabsetzung des Wahlrechts- alters für die Ausübung der Wahl zum Arbeiteraussckuß und wünschen ferner, daß ein ReichS-Arbeiteraus- schuß geschaffen werde. Bei einer so straff zentrali- sierten Behörde wie der Postverwaltung ist es klar, daß bei Arbeiterfragen von allgemeiner Wichtigkeit die Zentrale ent- scheidet, und deshalb muß auch den Arbeitern Gelegenheit gegeben iverden, auf diese Zentrale im Sinne ihrer Wünsche einwirken zu können. Die Frage der Schaffung einer Pensionskasie für Postarbeiter befindet sich noch immer im Stadium der Erwägungen. Der SiaatSsekretär sollte hinler seine Er- wügungSmühlen endlich einnial etwas mehr Dampf setzen. Entzieht sich die Verwaltung diesen Wünschen der Arbeiter, so be- weist sie damit, daß eS ihr an dem erforderlichen Ernst und de»» guten Willen, ihnen zu helfen, fehlt.(Bravo! bei den Sozial- demokraten.) Abg. Jckler(natl.): Die Löhne der Post- und Tele- graphenorbeiter sind keineswegs genügend aufgebessert. Die Zehrgelder bei auswärtigen Arbeiten sollten nicht in den Lohn eingerechnet werden. Auch sollten die Löhne in Wochenlöhne umgewandelt werden. Vor allem sollten die Befugnisse der ArbeilerauSschüsse klargestellt und fest umgrenzt werden. Der Staatssekretär wendet sich gegen einen Reichsarbeiter- a u ü j ch u tz, weil er nicht mit einem.Arbeilerparlament" verhandeln will. Aber er würde dadurch sehr gut die Wünsche der Arbeiter kennen lernen. Will man einen ReichsarbeitcrauSschuß nicht, so sollte man mit den Organisationen verhandeln, eine« von beiden ist nötig.— Ferner sollte man sür die Arbeiter ebenso gut wie für die Beamten P e n i i 0 n s k a s s e 11 errichten. Abg. Behrens(wirtsch. Vg.) tritt ebenfalls für die Arbeiter- p e n s i 0 n s k a s s e ii ein, und wünscht besseren A n s b a u der ArbeiterauSschüsie, wenn auch anzuerkennen sei, daß die Poslverwaltung die ArbciterauSschüsse besser ausgestaltet habe wie srüher. Die Frage eines ZentrolarbeiterausschusseS könne nicht von der Postverwalwng allein erledigt werden; sollten sie in den verschiedenen Ressorts geschaffen werden, so müßte» sie zu einem Ersatz für die gescheiterten Arbeiter- kammern werden. Staatssekretär Kraetke: Die Lage der Arbeiter ist dauernd besser geworden; manche Wünsche der Arbeiter sind nicht erfüllt, manche, wie die nach Wochenlühnen und von Zentral- aibeiterauSschüssen, können von einem Ressort allein nicht geregelt werden. Abg. Dr. Struve(Vp., wird von der Rechten mit lautem M u r r e u empfangen): Es ist bezeichnend, daß bei der VerHand- lung wichtiger Arbeiterinteressen hier solche Unruhe herrscht.(Abg. v. G a m p sfl.): Da« war liuls.) Redner schließt sich dann, im Zu- sammeiihong auf der Tribüne unverständlich, den Anregungen VcS Abg. Jckler an. Der Titel wird bewilligt. Es folgt der Titel Ostiuarkcnziilagen. Abg. Schlee(natl.): Trotzdem die Beamten diese Zulage fahre- lang bezogen haben, wollen die Polen sie ihnen jetzt Hand in Hand mit den Sozialdemokraten entziehe», und zwar unter Billigung des Zentrums. Sie betonen ihr gutes Herz für die Beamten, geben ihnen aber Steine statt Brot. Für die Streichung bringt mau grundsätzliche Bedenken vor. man sagt, diese Zulagen seien polit, scher Natur, sie seien«in Glied in der Kette der Maßnahineii der preußischen Polenpolilik. Die preußische Pole 11 Politik geht diese« Hau« überhaupt nichts an.(Lautes Lacken bei den Sozialdemolraten.) Aber die Bc- hauptung ist auch falsch. Mit Liebe find die Polen von Preußen von jeher behandelt worden, und der Danl war der polnische Auf- stand im Jahre 1863. Wenn Sie die Zustände bei uns kennen würden, würden Sie die Dinge ebenso an- sehen wie wir. Mau nennt diese Zulage auch eine Korruptionszulage. Auch das ist falsch. Uusere Postbeamte» erfüllen ihren Dienst eifrig gegen jedermann, dienstlich und außerdienstlich baben sie sich musterhaft gesührt und das vertrauen sowohl der Deutschen wie der Pole» erworben. Daran ändern einzelne Mißgriffe, wie sie Herr C h l a p 0 n S k i vorgetragen bat. gar nichts. Ems vorurteilslose Prüfung ergibt ganz klar, daß die Ostmarken- zulage eine politische Bedentmig nicht hat. Die amtliche Tätigkeit in einem geinischliprachigeli Gebiete ist nattirgeniäß bedeutend schwieriger als in eiuem einsprachigen Gebiete. Ein Emgelt für diese schwierigere Tätigkeit ist die Zulage. tSehr richtig I recht« und bei den Rationalliberaleu.) Die Beamten, die im Vertrauen auf diese Zulage»ach dem Osten gekommen sind, haben eine» Rechts- an sprach auf ihre Wcitergewährmtg. Also aus Recht«- und Billigkcitsgründen bitte ich die Zulage weiter zu gewähren. Abg. Wendel(Soz.): Bismarck hat einmal das Wort geprägt, der Appell an die Furcht wird niemals ein Echo im Herzen der Deutschen sindcir. Im allgemeinen ist BiZmarck der Abgott der?iationel» liberalen, aber der Mg. S ch l e e scheint nicht viel davon zu halten, denn er hat uns die Furcht geschildert, die er und seine Freunde 1S63 vor den Pistolen der Polen hatten. sUnruhe rechts.) Ich möchte aber konstatieren, dost der Abg. S ch l e e damals in dem Alter von sieben Jahren stand, seine Angst ist daher vielleicht einigermaßen verständlich.(Große Heiter- keit.) Vielleicht aber'auch seine politische Beurteiluug der polnischen Frage, die eben aus der Perspektive eines Siebenjährigen entstand.(Große Unruhe rechts.) Er hat einen kleinen historischen Ni'ickblick über die Polenfrage gegeben, den ich nicht unwidersprochen lasten möchte. Er sprach von der all- gemeinen liberalen Begeisterung, die 1848 für die Polen herrschte. Die schmarz-rot-goldene und die weiße Fahne waren da- malS wirklich verbrüdert, es herrschte tatsächlich eine Begeisterung, aber es war eine liberale, die sich eben auf Worte beschränkte und Taten nicht kannte.(Sehr gut! bei den Sozialdemo- Iralen.) Aus der Frankfurter Nationalversanimlung wurde bereits schnöder Verrat geübt. 1883 haben wir einen Aufstand zu verzeichnen, und zwar einen sehr berechtigten, aber mit den preußischen Polen hatte dieser Aufstand gar nichts zu tun. Freilich warf er einen Schandfleck auf den Namen des offiziellen Preußen. Vizepräsident Paasch«: Ich bitte solche Ausdrücke zu Unterlasten. Abg. Wendel(fortfahrend): Bismarck schloß damals die Militärkonvention zwischen Rußland und Preußen ab. die darauf hinauslief, die Schlächtcrarbeit der russischen Soldateska zu unterstützen. Ich will keine scharfen Worte gebrauchen(Lachen rechts), sondern nur die Worte eines bekannten Geschichtsschreibers zitieren, der im preußischen Abgeordnctcnhause sagte:„Diese Politik hat uns mit der Mitschuld einer kolossalen von ganz Europa mit sittlichem Abscheu betrachteten M e n s ch e n j a g d belastet". Das war Herr v. S y b e l, auch ein N a t i o n a l l i b e r a l e r. Wie die heuligen Nalionalliberalen aussehen, haben wir soeben gesehen. zSehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der Vorredner hat behauptet, die O st m a r k e n z u l a g e sei nicht aus politischen Gründen gegeben, sondern au-Z wohlwollenden für die Beamten und ihren schweren Dienst. Wir lassen uns die Ileberzcugung nicht nehmen, daß dieses Wohlwollen gepflanzt ist auf nationalem Chauvinismus.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich wiederhole, ivaS ich schon gestern sagte, wir sind bereit, diese Zulagen als einen Teil des G e h a I l s zu b e iv i l l i g e n, und zwar für sämtliche mittleren und unteren Beamten.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schultz(Rp.): Ich hätte nicht geglaubt, daß im Deutschen Reichstage jemand gegen den Fürsten Bismarck mit dem Vor- tonrs der Teilnahme an einer M e n s ch e n s ch l ä ch t e r e i vorgehen könnte.(Große Unruhe bei den Sozialdemokraten. Erregte Zwiichenrufe. Von rechts ertönt der Ruf: Maul halten!) lln- erhört ist eS, daß in diesem Hanse ein Lljähriger Mann(Lebhafte Ullriche und Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten.) Unerhört ist es, daß ein junger Mann so gegen einen alten Herrn auftritt, der in den Ostmarken groß geworden ist.(Erneute Unruhe bei den Sozialdemolraten. Abg. Dittmann fSoz.j: Es gibt auch alte Esel! Großer Lärm rechts.) Vizepräsident Paasche: Ich rufe den Abg. Dittmann zur Ordnung.(Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Schultz halle das Recht, auf den AlterSiiitterschied hinzuweisen, nachdem der Vorredner vom Verstand« eines Siebzigjährigen gesprochen hat. Abg. Schultz(fortfahrendi: Ich hoffe, daß die Worte, die der Abg. Wendel gesprochen, überall int Lande gehört werden.(Ab- geordneter L e d e b o n r sSoz.j: Es war ja ein Zitat von S Y b e l.) Shbel hat längst gesagt, daß er sich geirrt habe, er hat die Vorwürfe, die er gegen den Fürsten Bismarck gerichtet hat, lange bereut, das ganze deutsche Volk ist durch den Fürsten Bismarck bekehrt worden.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die Behauptungen des Abg. Wendel werden draußen im Lande noch einen Widerhall finden. Auch auf der Tribüne des Reichslages war diesen Worten gegenüber eine Abwehr notwendig.(Lebhafter Beifall rechts.) Vom 5k o r r 11 p t i o n s f o n d s kann man bei dieser Zulage nicht sprechen, das beweist schon der Umstand, daß unsere Beamten in den polnischen Landestcilen nicht korrumpiert sind. Auch die polnischen Abgeordneten werden sich wundern, mit was für Augen sie bei ihrer Rückkehr von den Beamten empfangen werden. Ich kann mir nicht denken, daß sie heute das letzte Wort in dieser An- gclcgenheit gesprochen haben.(Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Graf Westarp(k.): Jetzt oder nie steht das Hau? vor einem Beschluß, dessen Annahme eine große Ungerechtigkeit gegen die Beamten wäre. 6800 Beamten sollen wir ein Zehntel ihres Ein« kommen#, das sie vier Jahre lang bezogen habe», mit einem Feder- strich nehme».(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Es viel in ehr allen gebe n.) Mit dein Ausdruck Korrupiioiisfoiids haben die Herren von der polnischen Fraktioii sich in eine Form der Agitation begeben, die j e d e S. z u l ä s s i g c Maß überschreitet.(Leb- hastcs Oho! bei den Polen und Sozialdentokraten.) Auch in der Sache ist der Vorwurf ui, gerechtfertigt. Bon Bestrebungen, d i e nicht auf nationalem Boden st e h e n, haben die Beamten sich s e l b st v e r st ä n d I i ch fernzuhalten. Aber die Be- am teil, die in unseren LandeSIeilen mit polnischer Bevölkerung das tun. erleiden schwere wirlschaslliche und gesellschaftliche Schä- diguiigen infolge der großpolnischen Agitation, und dafür soll die Zulage ein Ausgleich sein. Der Antrag, sie zu streiche», ist eine D c m o n st r a t i o u der Polen sür eben dieselbe großpolnische Agitation, durch welche die Schwierigkeiten geschaffen sind und des- halb ist er eine Ungerechtigkeit. Die liberalen Parteien sind ja bereit. mit uns für die Zulagen zu stimmen. In der Provinz Posen hatlen sich auch während des WahtkanipfcS Liberale und Konservative auf nationalem Boden geeinigt, und auch das Zentrum ist vielfach mit den übrigen Deutschen zusaminengegangcn.(Zuruf: Fraustadl- Lissa I) Deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf. daß auch heule das Zentrum mit den übrigen Parteien für d i e O st m a r k e n- z u l a g e eintreten ivird. In Preußen ist sie nunmehr durch Gesetz festgelegt. Ihre Abschaffung im Reich würde also eine kolossole Ungleichheit schaffen, die umso erbitternder wirken muß, nkS die Maßnahme an sich eine große Härle bedeutet. Sollt« das Zentrum heule nicht sür die Zulage stimmen, so hoffe ich doch, daß es bis zur dritten Lesung sich anders besinnen wird.(Lebhafter Beifall rechts und Aha! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Seyda(Pole): Ans die philosophischen und historischen Exkurse des Abg. S ch l e« will ich nicht eingehen, über die Behand» lnng der Polen seit den Jahren 1883 und die Beteiligung des Fürsten Bismarck hat die Geschichte ihr Urteil ge- s p r o ch e il.— Der Abg. S ch l e e bestritt der politischen Charakter der Ostmarkenzulage. Graf Westarp dagegen erkannt« auch ihre politische Bedeutung an. Und er hat recht, denn die Ein- stellung dieses Titels bedeutete lediglich die llebertragung der preußischen Lstmnrienzulage auf die Reichsbeamten, und daß die vreußifche Ostinarkenzulage polirischen Eharakter hat, wird doch wohl niemand bestreiten.(Sehr richtig! bei den Polen und Sozialdem.) Daß die O st m a r k e n z u l a g e n ein Ko r r u p t i o n s f o il d s sind, habe» wir seitJahren nachgewiesen. Beamte, diepolnisch verstehen, werden versetzt und daflir Beamte nach den gemischtsprachigen Betrieben «eschickt. die k e i n W o r t polnisch verstehen. Ja. cS wird den Beamten verboten, mit dem Publikum p o l ni s ch zu sprechen. iHört! hört! bei den Polen.) Die Gerechtigkeit müßte da» Haus veranlassen, diesen imgerechten Fonds einstimmig zu streichen.(Sehr richtig! bei den Polen.) Mg. Dr. Spahn(Z.): Ich habe zu erklären, daß wir in Kon- scquenz unseres bisherigen Standpunktes auch diesmal gegen die O st m a r k e n z u l a g e n stimmen werden. Bei der Be- soldungsordnuiig holten wir gar keine Veranlassung, auf diese Frage einzugehen.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Ledctour(Soz.): Der Abg. Schlee hat daraus, daß wir die Ostmarkenzulage als Aorruptionsfonds bezeichnen, die Folgerung gezogen, daß wir alle Beamten, die von diesem Fonds betroffen werden, für kor-' rumpiert halten. Der Gebrauch dieses Ausdrucks hat aber. natürlich nur den Sinn, daß die Tendenz dieses Fonds, sein Zweck korrumpierend ist, es ist aber nicht damit gesagt, daß alle Beamte, die diesem korrumpierenden Einfluß ausgesetzt sind, deshalb notwendigerweise korrumpiert sein müssen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Im Gegenteil, wir hoffen, daß die große Mehrheit dieser Beaniten alt- tüchtige, ehrenhafte Choral tere solchen Kor« runipierungS versuchen Widerstand leiftenwerden. In Einzelfällen ist aber sehr wohl nachgewiesen, daß dieser Fonds korrumpierend gewirkt hat. Also diese Bezeichnung ist wegen des Zweckes und der teilweisen Wirkung des Fonds durchaus zutreffend; wer das nicht anerkennt, dem fehlt das Feingefühl dafür, was eine obrigkeitliche korrumpieren deEinwirkung ist.(Sehr gut 1 bei den Sozialdemokraten.) An der Härte, die durch die Streichung verursacht ist, tragen Schuld diejenigen, die den Fonds geschaffen haben. Auch sind wir bereit, diese Härte dadurch zu be- seilige», daß Ivir bei der dritten Lesung beantragen werden, allen Beamten der betreffenden Kategorien diese Zulage zu bewilligen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Staatssekretär ivies darauf hin, daß wir schließlich doch gegen den ganzen Etat stimmen würden. Das kann uns aber natürlich nicht abhalten, bei der Ausgestaltung des Etats im etil- zelnen ihn so günstig wie möglich zu g e st a l t e n. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten, Lachen rechts.)� Wir ver- fahren dabei genau so wie jede andere Partei einem Gesetz gegenüber, das ihr in seiner Gesamt- Wirkung nicht b e h a g t.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Es gibt ja auch Vorlagen, die Ihnen stiach rechts) nicht passen, und doch versuchen auch Sie in solchen Fällen die Vorlagen so günstig wie möglich in Ihrem Sinne zu ge- st a I t e n: Sie würden Ihre Pflicht verletzen, wenn Sie das nicht täten.(Lachen rechts.) Wenn Sie darüber lachen, so beweisen Sie nur, daß Sie das Wesen der parlamentarischen Arbeit heute noch nicht begriffen haben.(Lebh. Zustimmung links.) Nim hat Herr Schultz in einem Anfall h a k a t i st i s ch c r Entrüstung, wie ich sie in solch überquellender Vollkommenheit noch nicht erlebt habe, hier in einem fort darauf herumgepankt, daß niein Parteigenosse Wendel ein Wort des Historikers Shbel über Bismarck zitiert hat, worin dieser Bismarck vorwirft, daß er der Mensche njagd russischer Zarens chergen Bei» Hilfe g e l e i st e t habe. Ich habe die Befürchtung, wenn der Herr Präsident den Abgeordneten Schultz nicht schließlich ivohlwollend beruhigt hätte, würde dieser jetzt noch hier stehen.(Heiterkeit.) Der Abg. Schultz meinte, Shbel habe den Ausspruch nachher bereut. Wenn aber auch Shbel das was er in der Höhe seiner geistigen Kraft gesagt hat, nachher zurückgenommen bat, weil er allmählich der chauvinistischen S t r ö m u n g in Teutschland nicht hat Widerstand leisten können, so zeigt das nur, daß Shbel ein richtiger Nationalliberaler war.(Heiter- keit und sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Aber das kann unS nicht hindern, cS vollauf anzuerkennen, wenn einnial von einem Nätionalliberalen in einem gegebenen Moment in schöner Entrüstung über Untaten der Regierung ein kräftiges Wort gesprochen wird. Ich will auch auSdrücktich betonen, daß wir den Sybelschen Aus- ipruch heute noch für volllomnien gerechtfertigt halten. (Sehr ivahr! bei den Sozialdemokraten.) Im übrigen kann Herr Schultz unS keinen größeren Gefallen tun, als wenn er dazu beiträgt, es möglichst weit im Lande herum- zutragen, daß seine Freunde diese liebedienerische Politik der preußischen Regierung gegen das scheußliche, brutale Unier» drückungSregiment der Zarenrcgierung unterstützen. Wir haben uns schon genug im Lande und im Reichstag über all diese Fragen des ChauvlinSmns und HakalismuS und all diese nichtswürdigen Entartungen des nationalen Gedankens ausgesprochen, daß diese„Enihüllnngen" über die Menschenjagd- gcschichte niemand etwas Neues sagen. Graf W e st a r p hat dann mit„staatsrechtlichen" Gründen diese ganze Politik zu rechtserligen gesucht. Deutschland sei ein deutsch- nationaler EiuheilSstoat und deshalb seien GermanisierungSversuclie gegenüber den Polen berechtigt. Diese Redensart(Unruhe rechts) ist aber gar kein staatsrechtlicher Grundsatz. Räch dem deutschen Staatsrecht, das sich hier auf die preußische Verfassung stützt, sind alle Preußen vor dem Gesetze gleich, danach sind alle Preußen und auch Deutschen auch in bezug auf ihre Mutier spräche gleich zu behandeln und man darf niemand zwingen, den Gebrauch seiner Muttersprache aufzugeben, Daher ist die ganze Polcnpolitik eine direkte Berfas sungS- und G e f e tz e s v e r l c tz u n g, bei der mit den schäbigsten Mitteln gearbeitet wird.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozial- demokratcn,) Staatssekretär Kraetke bittet unter großer Unruhe des Hauses nochmals dringend, im Interesse der betreffenden Beamten die Zu» lagen zu bewilligen. Ich appelliere an Ihr Herz, Sie können ii i ch t s o h a r t sein, Stellen Sie wenigstens den Antrag: ein- zufügen:„künftig wegfallend". Dann erreichen Sie daö, was Sie wollen, für 1813, und die Beamten können sich darauf einrichten. (Bravo! rechts.) In namentlicher Abstimmimg werden hierauf die O st- m a r k e ii z u l o g e n mit 183 gegen 122 Stimmen bei einer Stimm- enthaltung gestrichen. Beim Titel„Arbeiten zum Bau und zur Unter« Haltung von Telegraphen Ii nie ii sowie Unter- st ii Hungen an Arbeiter, ehemalige Arbeiter und deren Verhältnisse" wird nach unwesentlicher Diskusflon die Resolution der Wirtschaftlichen Vereinigung auf Sicherstellung des Arbeilsverhältiiisses der Arbeiter und Handwerker und Errichtung einer Pensionskasie sür die Arbeiter angenommen, ebenso die Resolution der Wirischaftlichen Vereinigung, welche Bericht über die Tätigkeit der ArbeiterauSschiisse verlangt, und die der national- liberalen und Volkspartei, die für Arbeiter und Handwerker eine Anrechnung der Dienstzeit in anderen Reichsbetrieben wünscht. Der Rest der Ausgaben wird debattelos bewilligt. Es folgen die E i n n a h in e n. Abg. Ulrich(Soz,): Angesichts der großen Mehreinnahmen, die für 1812 auf 33(XX) 000 M. mehr veranschlagt sind als für 1811, sollte man nildt so engherzig fiskalische Interessen in den Bordergrund stellen, wenn benachbarte Städte die O r t s t a x e gegenseitig aus- gedehnt wissen wollen. In hohem Grade ist eine solche gemeinsame Ortstaxe notwendig für die Städte Frankfurt a. M. und O f f e n b a ch, die von den Handelskammern beider Städte beantragt ist. Die Postverivaltung hat leider den Antrag abgelehnt. Das ist um so unberechtigter, als Sachsen- hausen in den Ortsverkehr von Frankfurt a, M. ein- bezogen ist. � Der Grund für die Nichteinbeziehung Offcnbächs kann doch nicht der sein, daß Offenbach in Hessen und nicht in Preußen liegt. Der Staatssekretär schüttelt mit dem Kopf, das ist mir angenehm. Aber dann fehlt jeder Grund für die ablehnende Haltung der Postverivaltung. Wenn irgendwo, dann sind gerade für Lffendach und Frankfurt die Vorbedingungen für die gemein- same Ortstaxe gegeben, und beide Städte haben zufolge ihres starken gegenseitigen Verkehrs ein großes wirtschaftliches Interesse daran.— Des weiteren wünscht Redner, daß Briefe von Berlin nach O f f e n b a ch nicht erst nach Frankfurt gehen, wodurch empfindliche Verspätungen für die Geschäftsleute Offenbachs entstehen. Staatssekretär Kraetke: Sollte die letzte Beschwerde zutreffen, so wird für Abhilfe gesorgt werden. Was den ersten Punkt betrifft, so waren bisher Frankfurt und Offenbach noch nicht so zusammen- gewachsen, daß die Bedingungen sür den Nachbarortsverkehr zu- trafen: doch hoffe ich. daß das in naher Zukunft der Fall fein wird. Die Einnahmen werden bewilligt, die Resolution der nationalliberalen und Volkspartei auf Ausdehnung der Portosreiheit für Pakete an Soldaten wird angenommen. ES folgt der Etat der RcichSdruckercl. Abg. Bccker-ArnSberg(Z.) kommt auf feine Behauptung vom vorigen Herbst zurück. daß Mitglieder des Gutenberg- bundes in der Reichsdruckerei einem starken Terrorismus seitens deS sozialdemokratischen Buchdruckerverbandes ausgesetzt find, und sucht durch einen Brief eines Wilhelm Becker vom Jahre 1807 und eine Postkarte eines Richard Sachs vom Jahre 1905 zu bewerfen, daß diese infolge solchen Terrorismus aus dem Guten- bergbund ausgetreten und zum Buchdruckerverband übergetreten seien. Redner fragt den Staatssekretär, was er gegen solchen Terrorismns zu tun gedenke, damit die Mitglieder deS Gutenberg- bundes in der Reichsdruckerei in der Ausnutzung ihrer staatSbürger« lichen Rechte nicht gehindert werden. Direktor im Reichspostamt Aschenborn: Die Schriftsetzer und Buchdrucker in der Reichsdruckerei gehören zum größten Teil dem Verbände deutscher Buchdrucker an, zu einem kleiiwn Teil sind sie Mitglieder deö Gutenbergbundes. Der Direktion ist nicht be- k a n n t, daß Mitglieder des Bundes von denen des Verbandes terrorisiert werden. Darartiges hätte der Direftion aber bekannt sein müssen, wenn die Betreffenden den Mut gehabt hätten, d e n M n n d a u f z u t u n.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Da die Direktion der Reichsdruckerei aus eigener Erfahrung also derartiges nicht kannte, hat sie sich an den Gulenbergbund gewandt und erfahren, daß dort zwei Ftölle bekannt geworden sind, in denen Mitglieder des Gutenbergbundes erklärt haben, sie seien durch das Verhalten der Mitglieder des Verbandes dazu geführt worden, aus dem Gutenbergbund auszutreten. Es ging aber nicht daraus hervor, in welcher Weise ein Terror ausgeübt worden ist: zudem liegen die beiden Fälle 7—8 Jahre zurück.(Hört I hött l bei den Sozialdemokraten.) Weiter ist der Direktion nichts bekanni geworden. Sie würde auch irgend welchen Terrorismu» nicht dulden. Abg. Hildenbrand(Soz.): Durch die Erklärung deS Regierungsvertreters ist die Sache eigentlich erledigt. Herr Becker hat durch die Urkunden, die er selbst verlesen hat bewiesen, daß seine damalige Behauptung vam Terrorismus des Buchdruckerverbaiides in der Reichsdruckerei u»:- richtig war. Er hat aber trotzdem seine Behauptung nicht zurückgenommen, sondern hat sich nicht gescheut, eine Arbeiterorganisation, die er ihrem Wesen nach kennrn muß. in un« gerechter Weise zu denunzieren und zu verdächtigen. Er hat lediglich unkontrollierbare Schwätzereien einzelner Leute vorgebracht.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Derselben Leute, die dann, als die Sache nachgewiesen war, das Gegenteil von dem schriftlich widerlegt haben, was sie vorher behauptet hatten. (Sehr richtig! bei de» Sozialdemokraten.) Herr Becker wird nicht in der Lage sein, nachzuweisen, daß in einer Tarifinstitution des Buchdruckerverbandes insbesondere dem paritätischen Arbeitsnachweis nicht volle Parität geübt würde. Andererseits ver- weise ich darauf, daß in Ostpreußen christlich organisierte Buchdrucker zusanmien mit einem Teil der Prinzipale versucht haben, sozialdemokra- tische Vcrbändlcr aus der Kondition zu bringen.(Hört! hört! bei den Soz.) Ich erinnere auch an das Verhalten des Zentrums gegenüber dem Süddeutschen Eiscnbahnerverband.(Sehr wahr! bei den Sozial« demolraten.) Wenn Herr Becker immer vom„sozialdemokratischen" Buchdruckerverband spricht, so weiß jeder, der die Verhältnisse kennt, was davon zu halten ist. Der Deutsche Buchdruckerverband hat seit Jahrzehnten seine Stellung al» neutraler Verband in der Oeffent« lichkeit proklamiert. Gerade diese Neutralität hat es bewirkt, daß neun Zehntel aller Buchdrucker� dem Verbände als Mitglied au« gehören.(Sehr wahr! bei den-Sozialdemokraten.) Und gerade diese Sieniraluäi des Verbandes ist es, die dem Gutenbergbund gründlich das Geschäft verdorben hat: daher Ihre elende DenunziationSwut. (Sehr gut l bei den Sozialdemolraten. Vizepräsident D o v e rügt den Ausdruck gegen ein Miiglied des Hauses.) Abg. Becker-Arnsberg(Zentr.): In den Tarifinstanzen, die der Buchdruckertarif geschaffen hat, sitzt kein einziges Mitglied des Gutenbergbundes. Das beleuchtet die Gerechtigkeit des sozialdemokratischcn Buchdruckerverbandes. Es ist sehr stark, zu sagen, ich habe selbst bewiesen, daß meine Behauptungen unrichtig waren. Daß die Re« gierung nichts entdeckt hat, wundsrt mich nicht, denn die Leute, die aus dem Gutenbergbund austreten, um den Schikanen zu entgehen, werden sich natürlich nicht beschweren. Abg. Hoffmann-Rudolstadt(Soz.): Es ist charakteristisch, daß solche Angriffe gegen den Buchdruckerverband gerichtet werden in dem Moment, wo er beschäftigt ist, den Frieden im Gewerbe wieder aut Jahre hinaus zu sichern. Der Aerger deS Herrn Becker resultiert daraus, daß er zufolge der neutralen Haltung und der Taltik des Buchdruckerverbandes leine Erfolge uuter den katho- li scheu Arbeitern hat. Für die Taktik der christlichen Arbeiter des Zentrums ist es charakteristisch, daß ein Mitglied des Eisenbahnerverbandcs in München ausgeschlossen wurde, weil er im Auer-Prozeß unter Eid die Wahrheit gesagt hat.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Behrens(Wirtsch. Vg.): Angesichts der Vorgänge bei der Abschließimg des BuchdruckertarifS gehört wirklich ein steifer Nacken dazu, zu behaupten, eS hat völlige Parität geherrscht. Die Im- Parität ging so weit, den Gutenbergbund überall auszuschließen. Abg. Hildcnbrand(Soz.): In Stuttgart ist der Vorsitzende des Tarifschiedsgerichts nicht Mitglied des Allgemeinen Deutschen Buchdruckerverbandes, sondern deö Katholischen Gesellen« Vereins. Das beweist wohl die Neutralität der Tarifinstanzen. Abg. Erzberger(Z.): Der springende Punkt ist. daß kein Mit- glied des Gutenbergbundes in den Tarifinstanzen fitzt. Damit schließt die Diskussion. Der Etat der Reichsdruckerei wird bewilligt. Die Wahlen der Abgg. Fürst zuSalm-Reifferscheidt(Z.), ColLhorn(Welse), Dietrich(k.). S p e r l i ch(Z.) werden entsprechend den Anträgen der Wahlprüfungskommission für gültig e r k l a r t. Bei der Prüfung dex Wahl deS Abg. Dr. B l u n ck(Dp.) bringt Abg. Dr. Struve(Vp.) einen Artikel der„Deutschen Tages- zeitung" zur Sprache, in dem behauptet wird, er, Strub«, habe im Wahlkreise Tondern ei» Flugblatt gegen den nationalliberalen Kandidaten unter den Anhängern des Bundes der Landwirte ver« breitet in einer Form, die den Anschein erweckte, als ob da? Flug- blatt von der Leitung des Bundes der Landwirte herrühre. An diesem frivolen Angriff auf seine persönliche Ehre sei kein Wort wahr. Abg. Oertel(k.): Ich vertrete alles, was ich hier oder außer- halb des Hauses gesagt oder geschrieben habe, aber ob ich das, was fönst in der„Deutschen Tageszeitung" steht, ohne daß ich vorher oavon Kenntnis gehabt habe, vertrete oder nicht, müssen Sie schon mir überlassen. Ich habe von dem Artikel nicht eher Kenntnis er- halten, als.Herr Dr. Struve. Uebrigens hat sich die„Deutsche Tageszeitung" nur auf Feststellungen in dem Protest, nicht in der Kommission berufen. Ob ich den?lrtikel billig« oder nicht, darüber bin ich dem bohen Hause keine Erklärung schuldig. Die„Deutsche Tageszeitung' wird Herrn Struve so antworten, daß er befriedigt fein wird. Wg. Hoff(Bp.): Ich stelle fest, daß Herr Dr, Oertel über den unerhörten, frivolen Angriff der ihm sehr nahestehenden„Deutschen Tageszeitung" gegen ein Mitglied dieses Hauses kein Wort des Bedauerns gefunden hat.(Hört! hört! und Sehr wahr! links.) Im übrigen behaupte ich, daß der Verfasser des Artikels in der„Deutschen Tageszeitung" seine Behauptungen wider besseres Wissen aufgestellt hat. Abg. Stadthogen(Soz.): Nichtig ist, daß in dem Wortlaut des Protestes die Behauptung vorkommt, es sei festgestellt, Herr Struve sei Verfasser des Flug- blatts. Das ist doch aber himmelweit verschieden davon, daß diese „Feststellung" wirklich erfe' ist. Gegen diese moralwidrige Ver- wirrung der Begriffe soll rode die Redaktion der„Deutschen Tageszeitung", deren Lese: so besonders schwerfällig sein sollen (Heijerkeit), Front machen.(Lachen rechts.) Die» Lachen beweist die konservative Moral.'(Unruhe rechts, Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Abg. Qertel ik.): Ich werde die„Deutsche Tageszeitung der- anlassen, den beiden Vorrednern zu antworten. Uebrigens hat die „Dcutscbe Tageszeitung" nicht behauptet, in der Kommission sei festgestellt, sondern im Proteste sei festgestellt. Nach Dr. Struvcs Erklärung nehme ich lopalerweisc an, diese Feststellung war falsch. Abg. Dr. Struvc(Vp.): Kein Wort des Bedauerns oder der «Entschuldigung ist gesagt worden von dem Abgeordneten Ocrtcl. dem Vertreter einer Partei, die nach einer Lex Wagner ruft, weil die Presse nicht scharf genug bestraft werden kann für persönliche Berunglunpfungen. Das ist charakteristisch. Abg. Schmarze-Lippstadt(Z.): Das Haus ist nicht dazu da. um solche. Streitigkeiten mit Redaktionen zu erledigen, dazu ist § ll des Preßgesetzes da.(Bravo! rechts.) Abg. Graf Westarp(f.): Die konservative Partei als solche geht der Artikel der„Deutschen Tageszeitung" nichts an.— lieber Herrn Siadthagen haben wir gelacht, weil nie so wie hier das Wort paßte:„Wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen." Wenn wir jede Beschimpfung durch die sozialdemokratische Presse hier zum Gegenstand von Erörterungen machen wollten, könnten wir vier Wochen nichts anderes verhandeln.(Sehr richtig! rechts.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Beim Lesen des Berichts der Wahl- Prüfungskommission hatte auch ich das Gefühl: Herr Gott, da hat der Abgeordnete Struve ein bedenkliches Wahlmanövcr gemacht. Ein unbefangener Leser konnte das also annehmen. Das rührt daher, daß der Bericht von einem Juristen verfaßt ist.(Heiterkeit.) Es ist ja begreiflich daß die Herren von der Volkspartei Schaden- freude empfinden, daß die ihnen so verhaßte„Deutsche Tages- zeitung" so hereingefallen ist; aber eine ganze Partei jou man doch nicht dafür verantwortlich machen. Abg. Hoff(Vp.): Herr Arendt hat den Bericht offenbar nicht aufmerksam gelesen, denn es steht ausdrücklich darin, angeblich sei festgestellt usw. Abg. i>. Brockhausen(f.); Ich kann das nur bestätigen; im übrigen ist der Bericht in der Kommission festgestellt und kein Widerspruch dagegen erhoben. Damit schließt die Diskussion. Tie Wahl des Abg. Dr. Blunck wird für giiltig erklärt. Der Präsident schließt die Sitzung mit dem üblichen Wunsch, die Abgeordneten mögen sich in den Ferien erholen. Nächste Sitzung: Dienstag, den 16. April, nachmittags 2 Uhr. (Etat der Reichscisenbahnen und des Reichscisenbahnamts.) Schluß 7% Uhr. Ardkiter! Halldmrjtkr! Was ist Malz? Malz nennt man jedes mit einer bestimmten Wassermenge eingeweichte, durch Wechsel mit Wasser vom Schmutz befreite und dann durch einen Keimungsprozeß bei ebenfalls bestimmten Temperaturen aufgeschlossene Getreide, also sowohl Roggen wie Gerste, Weizen, Hafer und Reis. Diese Aufschließung wird bewirkt durch die bei der Entwicklung der Blatt- und Wurzelkeime auftretenden Fermente — das sind durch den Keimungsprozeß gebildete Stoffe und zwar hauptsächlich die Diastase oder Amylase— welche die Eigenschaft haben, das unlösliche Stärkemehl in wasserlöslichen Malzzucker und lösliche Stärke, die Proteinstoffe ebenfalls zum großen Teil in lösliche Form(lösl. Eiweiß) umzuwandeln. Von wirklichem Malz kann man erst sprechen, wenn der Blattkeim bis zu zweidrittel oder mindestens der Hälfte des Kornes, der Wurzelkeim nahezu zur gleichen Länge desselben gewachsen ist; diese Ausbildung ist äußerlich leicht zu erkennen. Garderoben kaufen Sie am billigsten beim Schneider. 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Die Beratung über die Gründung der Universität in Frankfurt a. M. wird fortgesetzt. Ein Antrag Dr. Friedberg(natl.) wünscht die Zustimmung zur Gründüng der Universität nur unter der Bc- dingung, datz der Charakter dieser Universität als einer Staats- Veranstaltung im Sinne des preutzischen Landesrechts gewährleistet ist» datz Staatsmittel für die Universität nicht in Anspruch ge- nommen werden und datz die mit den Frankfurter Geldgebern abgeschlossenen Verträge dem Abgeordnetenbause vorgelegt werden. Ein ähnlicher Antrag liegt vor vom Abg. Graf Clairon d' H a u s s o n v i l l e(k.). Ein Antrag Borchardt(Soz.) verlangt dagegen, der in Frankfurt geplanten Stiftungsuniversität mit Rücksicht darauf, datz Stiftungen und Stadtgemeinde alle Mittel für Gründung und Unterhaltung aufbringen, volle Selbstverwaltung und Freiheit in der Berufung und Beauftragung der Do- zenten zu gewähren und eine entsprechende Vorlage dem Landtage vorzulegen. Ein Antrag Schmedding(Z.) will dem konservativen An- trag das Ersuchen hinzufügen, datz der Ausbau der Universität M ü n st e r zu einer vollen Universität, sowie der weitere Ausbau der Universität Marburg mit tunlichster Beschleunigung ge- fördert wird. Abg. Funck(Vp.) bedauert, datz die Opferwilligkeit der Frank- furtcr Stifter nicht mehr Anerkennung gefunden hat. Die gegen die Gründung der Universität vorgebrachten Bedenken seien nicht stichhaltig. Abg. Dr. v. Campe(natl.) wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. Dr. Bell(Z.) und erklärt sich gegen den sozialdcmo- kratischcn Antrag und gegen eine Ueberweisung an die Kommission, während er dem Zentrumsantrag und dem ersten Teil des fonser- vativen Antrags zustimmt. Kultusminister v. Trott zn Solz: Mit den Anträgen der Nationallibcralcn und der Konservativen bin ich einverstanden. Die Universität mutz auf denselben Grundlagen wie die anderen errichtet werden. Die Krone mutz zuerst ihre Zustimmung geben und vorher können wir die Abmachungen dem Abgeordnetenhause nicht vorlegen. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Unser Antrag stellt durchaus keine so absurde Forderung, wie cS hier dargestellt wurde. Es ist ja gar nicht so lange her. datz die Universitäten noch vollkommen freie Selbstvcrwal- tungskörper waren und in anderen Ländern unterstehen noch heute vielfach die Universitäten leiner staatlichen Auf- ficht. Nirgends ist freilich eine solche Br»'klavung der Universitäten durch den Staat eingetreten, wie in P r e u tz e n.(Zustimmung bei den Sozialdemo- kraten.) Bei der Art Parlamentarismus, wie wir ihn in Preutzen haben, mutz man wirklich zweifeln, ob nicht vielleicht die Grün- dung der Frankfurter Universität durch die Krone noch der durch diese Gesetzgebung hier vorzuziehen sein würde. Es ist gar nicht ausgeschlossen, datz an der derjenigen Stelle, die nach der Er» klärung des Ministers das ausschliehliche Recht zur Begrlindung der Universität in Anspruch nimmt, eine viel vorurteilslosere Bc- urteilung der Sache Platz greift als bei der Mehrheit dieses Hauses. Und datz, wenn die Frankfurter Universität einigermatzen crträg- liche Zustände aufweisen soll, sie das vielleicht eber noch durch einen Akt der Krone, als durch einen Akt des Landtages erreichen könnte. Wir befinden uns in der eigentümlichen Situ- ation, datz wir, die wir doch in allen Fragen das gesctzgebe- rische Recht für das Parlament fordern, bei diesen! preutzischen Parlamentarismus in die schwierigsten Konflikte kom- mcn, ob wir mithelfen sollen, die Kompetenz dieses Parlaments zu erweitern.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Eigen« tümlich ist überhaupt diese ganze Debatte. Das Zentrum ist für das Kronrccht deshalb, weil es dort doch noch am besten seine reaktionären Zwecke aufgehoben wähnt. Andere Par- teien wiederum wünschen ein Gesetz aus den gleichen Gründen. Die Freikonservativen, die sonst doch die am wenig- sten parlamentarische Partei sind, fordern durchaus das Gesetz, weil sie meinen, dadurch die Frankfurter Universität zu v e r- hindern. Die Parteien fordern eben jeweils das Kronrccht cder das Gesetz, um die Universität ani sichersten umzubringen. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ein wahres Zirkus- t u n st st ü ck ist es, wie sich das Zentrum hier wieder mal als treuer Schildhalter der Krone produziert. Mit einer wahren Berscrkcrwut verbeitzt sich das Zentrum hier in den Gedanken, datz die staatliche Aufsicht nur ja nicht abgeschwächt werden dürfe, dasselbe Zentrum, das doch sonst überall die staatliche Aufsicht durch die kirchliche ersetzen möchte. Das Zentrum vertritt diesen Standpunkt aus Kulturfeind- lichkcit und um der verhatzten Frankfurter Universität ent- gcgentrctcn zu können. Nach meiner Ansicht müßte cS sich hier in der Tat handeln um einen Kampf um die Erweiterung des Einflusses des Parla- mentS bezw. der Krone. Man kann das allgemeine Landrecht nicht, wie Abg. Bell und der Minister getan haben, dahin interpretieren, datz Staat und Krone auch heute noch identisch seien. Daß war schon zur absolutistischen Zeit nicht der Fall, trotzdem die gesetz- gebende und die ausführende Gewalt noch völlig eins waren. Und eS ist schon gar nicht mehr der Fall nach der Einführung des Parla- mentarismus, wenn auch eines solchen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Oft genug schon ist durch den Staat das Recht der Errichtung von Lehranstalten ganz dem gesetzgeberischen Wege übertragen worden. Ueberhaupt hat das Parlament gar nicht nötig, seine Berechtigung zu beweisen, denn es ist zustän- d i g und die Krone hat nur, wie bei allen Gesetzen, das Recht der Mitbestimmung, ohne die ein Gesetz nicht zustande kommen kann. Die Verwaltung aber hat weiter nichts zu tun, als die ordnungs- gemäß zustande gekommenen Gesetze auszuführen. Die Mehrheit dieses Hauses, Konservative, Frcikonservative und Zentrum stehen ja auf dem Standpunkt, datz ein Gesetz nicht notwendig sei. Die Konsequenzen daraus können Ihnen in Zukunft vielleicht noch un- angenehm werden. Aber eS ist Ihre Sache, mit diesen Schwierig- leiten, wie mit allen Schwierigkeiten Ihres Parlamentarismus fertig zu werden.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ganz zweifellos aber ist mir, datz der Landtag aus budgetrecht. lichen Gründen zuständig ist, denn wenn auch die Mittel von privater Seit« aufgebracht werden, so werden doch auch Staats. ausgaben durch die Aussicht usw. nötig, die vom Landtag be- willigt werden mü Der Minister hat bei der Errichtung der gebung doch mitwi" sein! Er hat erklär handle, sondern datz also der Staat viel Lehrer soll durch bcr seine schwere Verantwortung t geklagt. Er lasse die Gesetz- wird ihm die Bürde gleich leichter sich nicht um bloße Staatsaufsicht rsität eine StaatSeinrichtung sei, .tc hat. Die Berufung der Erfolgen können, ohne an den Terno- Vorschlag der Universität gebunden zu sein. Keine Selbstverwaltung der Universität— vollen Absolutismus der Krone bezw. des Ministeriums, das wollen Sie!(Sehr wahr! b. d. Soz.) So gut wir Universitäten haben, in denen andere Fakultäten fehlen, so gut darf die theologische fehlen. Sie gehört durchaus nicht unbedingt zum Normaltyp der preutzischen Universität. Die Forderung nach der unbedingten theologischen Fakultät soll nur, wohlberechnct auf dieses Haus, den Haß gegen die Frankfurter Universität steigern.(Sehr wahr! b. d. Soz.) Und als entsetzlich und grauenhaft wird es hier hingestellt, wenn noch mehr preußische Universitäten gegründet werden sollten. Welche Angst, welches Grausen! Abg. Frhr. v. Zedlitz hat ja den Grund enthüllt: Die Angst vor dem Bildungsproletariat! Sie fürchten, datz Bildung und Kultur die Sozialdemokratie fördern— da kommt JFhre prinzipielle Kulturfeindlichkeit zutage!(Zustimmung b. d. Soz.) Dabei ist diese Angst unberechtigt und unaufrichtig, denn die deutschen Mäzene sind gar nicht so zahl- reich, datz das Frankfurter Beispiel allzuviel Nachahmung finden würde. Von den Universitäten in Großstädten fürchten Sie eben den Einfluß des modernen Lebens auf die Studenten, die sie am liebsten vom Leben der Gegenwart fernhalten möchten. Die„A u s- schweifungen der Großstadt" schützen Sie nur vor, gegen alkoholische und andere Exzesse der Studenten sind Sie gar nicht. Ihnen gilt es nur die Fernhaltung derStudentcn vom Leben des soziali st ischen Proletariats. Sic wissen, datz der Berliner Student doch nicht so sozialistenfeindlich erzogen werden kann als— der Bonner Borusse.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wir haben im deutschen Volke so viele bildungsdürstige Ele- mente, daß das Argument der Konkurrenz der Frankfurter Univer- sität gegen Marburg gar nicht wert ist, widerlegt zu werden. Wir fordern viele Universitäten, freilich unter der Voraussetzung, datz jedem Fähigen die Möglichkeit zu ihrem Be- such gegeben wird. Wenn die Frankfurter Universität in diesem Sinne sozial ausgestaltet wird, so wird sie Marburg erst recht keine Konkurrenz machen. Wenn unsere Freunde in der Frankfurter Stadtvcrtretung gegen diese Gründung stimmten, so deshalb, weil sie die Preis- gebung der Rechte Frankfurts an den Staat, trotzdem Frankfurt alles bezahlt, nicht mitmachen; aus Protest gegen den preutzi- schen Unterrichtsabsolutismus, der der Verwirklichung des Ideals einer sozialen Universität, die mit dem Volke Fühlung chat und der Volksbildung nützt, im Wege steht. Wir wollen nicht, daß diese Universität nach dem berüchtigten Typ der jeder Selbst- Verwaltung entbehrenden preutzischen Normaluniversität eingerichtet wird. Es gibt keinen Rechtsweg gegen die Entscheidungen des Kultusministeriums, die Universität wird sich allen absolutistischen Geboten fügen müssen, um so notwendiger ist die Schaffung eines UniversitätsgeseheS. Unsere Genossen in Frankfurt haben den Weg gewiesen, dem allem zu entgehen, durch Vereinigung und Ausbau der bestehenden wissenschaftlichen Institute. Der nationalliberale Antrag„Staatsuniversität— freie For schung und Lehre" ist ein Widerspruch in sich! Unser Antrag will von vornherein der Usurpation, der Herrschaft über die Universität durch den Unterrichtsabsolutismus vorbeugen. Er ist notwendig im Interesse der Universität, die doch nicht den Zweck haben soll, vor allem durch rechtsgültige Zeugnisse die Bourgeois- söhne in Stellungen unterzubringen, sondern den, das Wissen unserer Zeit zu sammeln und den Studenten zu ver- Mitteln. Wenn auch wir allein für unseren Antrag stimmen sollten, und die Mehrheit darüber lachen wird, so wissen wir, datz jeder, der das wahre Wesen der Universitäten richtig erfaßt, mit uns fein und nur üher Sie(zur Mehrheit) lachen wird.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Kultusminister v. Trott zu Solz erklärt, datz jeder Einfluß der Kuratoren auf die Frankfurter Universität ausgeschlossen s e i und diese nur die Finanzverwaltung zu besorgen hahen werden. Ein Schlutzantrag wird angenommen.' Der freikonscrvative Rückverweisungsantrag wird gegen die Frcikonservativcn und das Zentrum abgelehnt; der Antrag Friedberg(natl.) angenommen, der Antrag Bor- chardt(Soz.) als hierdurch erledigt erklärt, der Antrag Clairon d'Haufsonville(kons.) abgelehnt, der Zentrums- an trag wird angenommen. Tie Universitäten, Ein Antrag Eickhoff(Vp.) will, datz auf allen deutschen Uni- versitäten Lehrstühle für soziale Medizin errichtet wer- den, um die Aerzte und Juristen mit der Sozialversicherung bekannt zu machen. Abg. Dr. Bell(Z.): Es darf nicht mehr vorkommen, datz ein mitten in der Praxis stehender Jurist sich in der Kenntnis des sozialen Rechts von einem Arbeitcrsekretär über- treffen lätzt. Wir stimmen dem Antrag Eickhoff zu. Die Ueberfüllung der Universitäten, auch des Frauenstudiums, ist zu bedauern. Abg. Eickhoff(Vp.) begründet seinen Antrag und wünscht auch Lehrstühle für Kolonialrccht und Kolonialwirt- schaft. Abg. Graf Clairon d'Hanssonville(k.) wünscht auch für Berlin einen Lehrstuhl für protestantische Mission, da er sich in.Halle bewährt habe. Er spricht sich auch für einen Antrag des Abg. v. Schenckendorff(natl.) aus, den Universitäten Gelder für akademische Jugcndspiele zur Verfügung zu stellen. Der An- trag Eickhoff erscheint uns bedenklich. Es wird an dem nötigen Lehripersonal fehlen. Abg. Dr. Friedbcrg(natl.) hat auch Bedenken gegen den Antrag Eickhoff. Die neuen Bestimmungen über die Entziehung der Lehrbefugnis(vcniger legendi) der Privaldozenten scheinen mit dem Disziplinargesetz in Widerspruch zu stehen, so wenn einem Dozenten nur wegen der Ernennung zum Leiter eines größeren städtischen Krankenhauses die Lehrbefrignis entzogen wurde. Kultusminister V. Trott zu Solz führt aus, datz der vom Ab- geordneten Friedberg vermutete Widerspruch nicht bestehe. Geheimrat Elster vom Kultusministerium: Die Unterrichts- Verwaltung wünscht durchaus, daß die Aerzte die soziale Gesetz- gebung genau kennen. Ich glaube aber nicht/ datz ein Bedürfnis für einen besonderen Lehrstuhl der sozialen Medizin vorliegt. Ein Sch lutzantrag des Abg. v. Pappenheim(k.) wird a n- genommen. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.— zur Geschäftsordnung): Das Kapitel der Universitäten ist von großer Bedeutung. Noch niemals hat dieses.Haus uns dabei das Wort abgeschnitten. Datz es jetzt geschieht, beweist, wie außerordentlich gering Sie Ihre Pflicht der parlamentarischen Kontrolle einschätzen, und wie sehr Sie die prinzipielle Kritik fürchten, die. wie Sie wissen, aus- schließlich von unserer Partei ausgeübt wird.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten— Lachen bei der Mehrheit.) Abg. v. Pappenheim(k.): Ich habe den Schlutzantrag gestellt. nachdem der Präsident über die Geschäftslage des Hauses berichtet hatte. Aber ich mutz sagen, daß mich allerdings zu dem Schlutzantrag der Umstand mitbewogen hat, datz Abg. Lieb- knecht der nächste Redner sein sollte. Er hat in den letzten Tagen unsere Geduld durch stundenlange Reden und unzählige Wiederholungen derart in Anspruch ge- nommen, datz er der letzte ist, der hier im Hause das Recht hat, Rücksicht von der Mehrheit zu verlangen.(Bravo! rechts.) Abg. Hoffmann(Soz.) knüpft an eine persönliche Bemerkung des Abg. Roscnow(Vp.) an, datz es ungerecht sei, wenn man gegen einen Redner etwas habe, allen noch zu Worte meldenden Rednern das Wort abzuschneiden. Aber wir wissen ja längst, datz Herr v. Pappen heim den Oberpräsidenten dieses Hauses macht.(Lachen rechts.) Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Wir werden die Geduld des Hauses auch weiter in Anspruch nehmen und sind nicht gewillt, uns von Ihnen auch nur im geringsten vorschreiben zu lassen, was wir zu tun haben und was nicht.(Sehr wahr! bei den Sozialdeinokraten.) Zur Frankfurter Universitätsfrage habe ich nicht einmal die Hälfte so lange gesprochen wie Dr. Bell, und dabei nehmen wir in dieser Frage einen prinzipiell anderen Stand- Punkt ein, wie alle anderen Parteien. Es ist aber gar nicht die Länge der Reden, die Sie zu Ihrem Verhalten veranlatzt, sondern der Inhalt der Reden und die Furcht vor der Wahrheit, die wir Ihnen ins Gesicht sagen.(Bravol bei den Sozialdemokraten— Lachen rechts.) Abg. v. Pappenheim(k.): Ich stelle fest, datz ich ausdrücklich gesagt habe, mich veranlatztcn zur Stellung des Schlutzantrags dio Ausführungen des Präfidenten über die Geschäftslage(datz näm- lich vor den Ferien wenigstens noch die Universiiäten erledigt werden sollen). Ich habe nur hinzugesetzt, datz allerdings Rück- sichten auf die Person des Abg. Liebknecht uns nicht veranlassen könnten, von diesem Antrag abzusehen. Der Antrag Eickhoff wird der Unterrichtskommission über- wiesen., Beim Titel Universität Berlin* bespricht Abg. Liebknecht(Soz.si die Affäre des Selbstmordes des russischen Studenten Du« b r o w s k y. Die Mitteilungen des Ministers über die Gründe dieses Selbstmordes haben sich längst als unrichtig heraus- gestellt. Selbst in der russischen Duma hat die Art, in der der Fall hier behandelt wurde, Unwillen erregt. Das zeigt deutlich, datz das preußische Abgeordnetenhaus das rückständigste Parlament der Welt ist.(Sehr richtig! bei den Sozial- dcmokraten.) Die Lehren des Falles Dubrowsky sollten wir nicht vergessen. In der Tat steht die Polizei über der Uni- v e r s i t ä t und die ausländischen Studenten werden, wenn sie überhaupt zugelassen werden, zu Studenten zweiter Klasse de- gradiert. Minister und Rektor haben ja erklärt, daß der Selbst- mord schließlich ein Erfolg der geheimen Ueber- wachungsv er Ordnungen ist, die natürlich die Billigung dieses Hauses finden, statt datz es den Minister zwänge, mit diesen Zuständen ein Ende zu machen.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Bezeichnend für die Zustände an der Berliner Universität ist das rücksichtslose Vorgehen gegen die frei studentische Bc- w e g un g, die weit entfernt ist von Politik oder aar Sozialismus. Sie will nur, datz sich die Studenten über die Zustände im Staate unterrichten können, über die politischen Parteien usw. Das ist doch völlig einwandöfrei. Vizepräs. Dr. Krause untersagt dem Redner, allgemeine Uni- vcrsitätsangelegenheiten zu besprechen. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Ich spreche dock; von den Bestrebungen der Berliner frei- studentischen Bewegung, die die politischen Parteien durch Jnfor- mation von Politikern der betreffenden Parteien kennen lernen wolle. Das wird aber verboten. So hat man dem Dr. Breit- scheid einen Vortrag über die Demokratie verboten— dagegen wollte man den Syndikus des Zentralverbandes deutscher Industrieller sprechen lassen. Nachdem man den Abg. v. Heydebcand u. d Lasa hatte sprechen lassen, ver- bot man das Auftreten aktiver Politiker.(Hört! hört! b. d. Soz.) Die Universitätsverwaltung lätzt eben jeden Reaktionär sprechen, Sozialdeinokraten und Demokraten aber nicht! Ja sogar die alte studentische Sitte der fteien Verteilung von Flug- zetteln usw. wird nicht mehr gestattet— aus sanitären Gründen. Die beziehen sich Wohl mehr auf die Gesundheit der Seele der Studenten.(Abg. Wagner(fk.): Sehr richtig!— Hört! hört! b. d. Soz.) So, Sie geben also zu, datz der Berliner Rektor mit einer Unwahrheit gegen die freistudcntische Be- wegung operiert. Er gestattet aber ruhig weiter die Verbreitung antisemitischer und„nationaler" Flugzettel im parteipolitischen In- teresse der Verdumm ung der studierend� Jugend und der Bekämpfung der von allem Sozialismus»mit entfernten Freistudentenschaft; sogar ihren alten Herren— nur ihren— hat man die Flugblattverbreitung verboten und nur ihren Sandwich- niännern das Plakatcherumtragen. Das war der Gipfel. Gleich Falstaff verstand es die Berliner Universitätsverwaltung, sich selbst da noch zu übertreffen. Man schnitt aus einem Fe st Plakat zwei— Babys wegen Unsittlichkeit heraus.(Heiterkeit b. d. Soz.) Und diese Schildbürger sind die Leitung der ersten deutschen Universität, bei deren Nennung Sie schon geneigt sind, den Kotau zu machen, Sie sollten sich doch fragen, ob nicht diese stickige Polizeiluft durch frische ersetzt werden soll. Wir brauchen ein Universitätsgesetz, das allerdings, wenn es irgend er- sprietzlich sein soll, nicht in diesem Hause gemacht werden darf. (Lebhafter Beifall b. d. Soz.) Abg Dr. Wagner(fk.): Vielleicht ist im Fall Dubrowsky ein bedauerlicher Mißgriff untergeordneter Behörden vor-- gekommen; das darf man nicht verallgemeinern. Hoffentlich treten Dr. Liebknechts Freunde in der russischen Duma ebenso energisch auf, wenn etwa ein deutscher Student mißhandelt wird, ebenso wie Abg. Dr. Liebknecht hier für einen Ausländer eingetreten ist.(Zurufe b. d. Soz.: Da können Sie sicher sein!) Beim Titel Universität Halle danlt Abg. Graf WartenSlcbcn-Nogasen(kons.) für die Errichtung der M u s i k p r o f e s s u r an der Universität Halle. Abg. Delins(Vp.): Erregung hat es wachgerufen, datz die Uni- versitätsbchörde der Organisation der freien Studentenschaft in Halle Schwierigkeiten macht. Der Minister sorge für beschleu- nigte Prüfung. Die neubcgründcte akademische Lesehalle bewährt sich. In ihre Angelegenheiten sollte der Streit zwischen Inkorporier- ten und Nichtinkorporierten nicht hineinspielen. Unsere Universität Halle-Wittenberg hat sich glänzend entwickelt. Möge da die Für- sorge des Staates auch in Zukunft nicht erkalten. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Ich kann diesen begeisterten Lobgesang auf die Fürsorge des Staates nicht verstehen angesichts der Verfolgung der freien Stu- dcntenschaft in Halle. Der Kampf gegen die freie Studenten- schaft ist bis zur Spitze getrieben worden. Auch daS Vorgehen in Halle bildet in der Tat ein Zeugnis dafür, datz systematisch vorgegangen wird von der Universitätsverwaltung mit der ausge-- sprochencn Absicht, die freistudentische Bewegung nach dem Rezept: Fritz Vogel oder stirb! zu behandeln. Die Freie Studentenschaft bat nur die Wahl, auf alle Bewegungsfreiheit gänzlich zu ver- zichten oder vernichtet zu werden. Der Fall, wie man in Halle praktisch die Auflösung der freien Studentenschaft verfügt hat, ist in der Tat außerordentlich bedauerlich und es wäre -dringend zu wünschen, datz der Minister sich zu dieser Angelegen- heit äußern möchte. Ich bin fest überzeugt, datz es sich hier nicht handelt um die Aktion einzelner Universitäten, sondern daß das Vorgehen znrückzufihren ist auf eine generelle Anweisung der Verwaltung.(Geheimrat Elster nickt.) Das wird mir von Geheimrat Elfter bestätigt.(Geheimrat Elster macht ver- nein ende Gesten.) Gehciinrat Elster ist Noch so jung in seiner Stellung, datz er unwillkürlich die Wahrheit durch sein Nicken be- stätigt hat.(Sehr gut! b. d. Soz.) Bis zum Beweise des Gegen- teils mutz unterstellt werden, datz das Vorgehen gegen die Freie Studentenschaft auf einer generellen Verfügung beruht. .Ich habe noch einen anderen Fall anzuführen, der ein eigentüiw- lichl's Bl-ispicl preußischer Unidersitätskarriere bildet. Mir wird mitgeteilt, daß ein Protege des Kultusministeriums, ein Bibliothekar P ci tz o l d, der zunächst im Privatdienst eines Hamburger Mäzens Bibliothekar war, dann Bibliothekar in könig- lichen Museen und schließlich Hilfsarbeiter im Kultusministerium wurde, einfach vom Kultusministerium als Dozent an Stelle von Goldschmidt nach Halle versetzt wurde. Darauf kann man das Sprichwort anwenden: Wer den Papst zum Vetter bat, kann Kardinal leicht werden.(Lachen am Regierungstisch und Zuruf: Er ist ja gar nicht in Halle!) Ich sage Ihnen ja, das ist mir mitgeteilt worden und ich bitte Sie, sich dazu zu äußern. Meine Information geht dahin, daß Pätzold als Protege des Kul- tusministeriurns nach Halle als Dozent versetzt worden ist, ob- wohl er der akademischen Laufbahn fernstand. Diese Tatsache wird dadurch nicht berührt, wenn daraus später nichts geworden ist. Der Kultusminister kann sich ersparen, mitzuteilen, daß Pätzold nicht in Halle ist. Er möge sich nur darüber auslassen, ob die Berufung dieses Herrn vom Kultusministerium propagiert worden ist.(Bei- fall bei den Sozialdemokraten.) Die Besprechung wird geschlossen, vom Regierungstisch meldet sich niemand zum Wort.(Zurufe bei den Sozialdemo- traten: Schweigen ist auch eine Antwort, dieses Schweigen ist Gold!) Von mehreren Abgeordneten werden lokale Universi- tätsfragcn besprochen. Ein Antrag des Abg. v. Schenckenborff(natl.), die B e st r e- bungen der Jugendpflege zur körperlichen Ertüchtigung auch auf die Hochschuljugend auszudehnen, wird der Unterrichts- kommission überwiesen. Nächste Sitzung: Dienstag, 16. April, 12 Uhr: Eisenbahn- etat.(Vom Kultusctat sind noch die höheren Lehranstalten zu beraten.) Schluß 946 Uhr. i"_ Soziales» Freiheit der Lernmittel. Die Stadtverordneten in Mainz haben, wie uns tefc graphisch mitgeteilt wird, beschlossen, sämtlichen Kindern der Volksschulen freie Lernmittel zu gewähren. Wann werden die anderen Gemeinden folgen? £1*13 Induftnc und DandeL Stahlwerksverband. Nach der„Köln. Ztg." ist zwischen der Gelsenklrchener Berg- werks-Aktiengesellschasr und der Firma Thyssen u. Co. ein Abkommen bezüglich ihrer künftigen Beteiligung in den Produkten.A. am Stahlwerksverband zustande gekommen. Da dieses Abkommen auch die Billigung der anderen Werke gefunden hat, so sind damit die Be- miihungen um die Erneuerung des Stahlwerksverbandes, der bekanntlich Mitte dieses Jahres abläuft, ein guteS Stück Wegs vor- wärts gekommen._ Deutsche Bank und Fürstenkonzern. Auf der Generalversammlung der Deutschen Bank sah sich der Direktor v. Gwinner genötigt, Mitteilungen über die Be- ziehungen der Bank zum Fürstenkonzern zu machen. Die Vorgänge waren im wesentlichen bereits bekannt. Wir geben sie kurz zu- sammenfassend wieder, da sie für großkapitalistische Kreditunter- nehmungen typisch sind. Der Fürstenkonzern arbeitet mit den Geldern des Fürsten Fürstenberg aus DonauesÄingen und des Fürsten Hohenlohe aus Oberschlesien. Fürstenberg begann seine Spekulationsunternehmungen durch Beteiligung an der„Berliner Terrain- und Baugesellschaft". Er verkaufte dieser Gesellschaft im Jahre 1908 seine Terrains in Zchlendorf für 8,036 Millionen Mark(pro Quadratmeter 4,23 M.) und erhielt den Kaufpreis in Aktien der Gesellschaft. Es stellte sich aber später heraus, daß die Terrains überzahlt waren und Fürstenberg hat für 3,23 Millionen Mark Aktien hinzugeben müssen, so daß der Wert des Quadratmeters in der Bilanz der Terraingesellschaft nunmehr mit 1,30 M.(statt 4,23 M.) erschien. Im gleichen Jahre 1908 kam auch eine Verbindung der Terrain- und Baugesellschaft mit der Firma Boswau u. Knauer G. m. b. H. zustande. Boswau u. K n a u e r war ein altes, angesehenes Bau- geschäst in Berlin. Durch die schnelle Erbauung der Düsseldorfer Ausstellung erwarb Knauer den Ruf eines genialen Bau- Unternehmers und wurde deshalb in die Kreise der Bergisch-MjUjkischen Bank zugezogen. Die Bergisch-Märkische Bank wanKlte auch die Privatfirma BoSwau u. Knauer in eine G. m. b. H. um. Da die Deutsche Bank die Bergische Bank beherrscht, vermittelte sie 1908 die Verschmelzung der BoSwau u. Knauer G. m. b. H. mit der Berliner Terrain- und Baugesellschaft, so daß die Deutsche Bank an der Terraingesellschast mit interessiert war, während Fürst Fürstenberg gleichzeitig zum Konzern der Deutscheit Bank in Beziehungen trat. Trotzdem vor dem Engagement die Verhältnisse von Boswau u. Knauer durch die Deutsche Terraingeiellschaft geprüft worden waren, stellte sich nach dem Tode Knauers im Frühjahr 1909 heraus, daß Knauer ein„Be- trüger" und„Gauner" gewesen war. Das Defizit war durch das Privatkonto Knauers verursacht. Die Verluste der Terraingesellschaft und mitttelbar der Deutschen Bank stammen aber nur zum Teil von Boswau u. Knauer her. Ein größerer Teil rührt von ihrer Verbindimg mit weiteren Unter- nehniungen des Fürstenkonzerns her. Fürst Fürstenberg suchte nicht nur Kredit bei Banken, sondern schuf mit dem schon genannten Fürsten Hohenlohe eine eigene Bank, die„Handelsvereinigung", die nun die Gesckmfte der beiden Magnaten übernahm. Sie stützte finanziell die Berliner Terraingesellschast. Sie errichtete das Passage-Kaufhaus, das ursprünglich als Zentrale von Spezialgeschäften mit gemein- sanier Verwaltung gedacht war. Natürlich erschien dies Unter« nehmen als besondere A.-G., an der neben der Handels- Vereinigung wiederum die Deutsche Bank beteiligt war. Als der erste Plan sich überhaupt nicht verwirklichen ließ, wurde das Kauf- haus an Wolf Wertheim vorpachtet, der nun ebenfalls in den Fürsten« konzern eintrat und dadurch in Verbindung mit der Deutschen Bank gelangte. Auch das Kaufhaus erforderte mannigfache Opfer von Seite» aller Beteiligten. Zur Sanierung der Terrain- und Baugesellschaft, deren Ver- hältnisse Ende 1911 unhaltbare geworden waren, haben die Deutsche Bank und die Bergisch-Märkische Bank je über 3 Millionen Mark, insgesamt 11 Millionen Mark opfern müssen. Die Deutsche Bank hat diese Gelder aus ihren stillen Reserven entnommen, ohne daß sie überhaupt in der Bilanz erscheinen. Für die Bergische Bank ist der Verlust empfindlicher; ihre Dividende wird um 1'/» Prozent auf 7 Prozent reduziert. Die Opfer des Fürsten Fürstenoerg sind nicht bekannt, doch dürften sie ziemlich erheblich ausgefallen sein. Natürlich werden die kleinen privaten Aktionäre am empfindlichsten von der Sanierung betroffen. Statt barer Zuzahlung ist Zusammen- legung(Verminderung des Nominalwertes) beschlossen worden. Das Opfer der Deutschen Bank geschieht nicht nur des „Prestiges" wegen, wie Gwinner sich ausdrückte, sondern hat selbst- verständlich den Zweck, die Kreditgeber auf dem Grundstücksmarkte, auf dem es ständig„kriselt", zu beruhigen. Die Deutsche Bank ist gleich den übrigen Berliner Großbanken an Terrain- und Bau- geschäften stark interessiert. Jeder neue Krach brächte neue Unruhe und neue Opfer auch für sie. Mit der Hergabe der 11 Millionen Mark sucht sich die Deutsche Bank gleichzeitig von dem dilettantenhaft geleiteten Fürstenkonzern loszukaufen. Diese Politik verfolgt sie auch gegenüber den H o h enl o h e w e r ke n, in denen der Fürst als einer der Hanptaklionäre sich noch ganz als Machthaber aufspielt. Was eigentlich den Rückgang der Kurse der Hohenloheaktien verur- sacht hat, ist in, einzelnen noch nicht recht klar. Genannt werden verfehlte Spekulationen mit Zinkgruben in Norwegen. Den Rück- tritt der BerwaltungSmitglieder der Deutschen Bank aus dem Auf- fichtsrat der Hohenl'ohewerke begründet die Deutschs Bank mit dem Verhalten der Werke gegen den früheren Generaldirektor der Werke Lob. Bon der Unzufriedenheit mit Lob wurde zuerst in der Zeit der Reichstagswahlen etwas bekannt. Lob wurde von Fürst Hohenlohe zur Rechenschaft gezogen. weil er nicht in dem Sinne des Fürsten agitierte— eine recht bezeichnende Tatsache für die Stellung der höchsten Beamten in Privat betrieben. Nachträglich soll Lob Verschwendung nachgewiesen worden sein; hat er doch mehr als eine Million Mark innerhalb weniger Jahre für die Instandhaltung seines Dienstschlosses und des Gartens ausgegeben. Gegenüber den elenden Bergarbeiterlöhnen Schlesiens allerdings eine recht nette Summe, die es verstehen läßt, daß dann die„Begehrlichkeit" der Arbeiter nicht zu befriedigen ist. Die Deutsche Bank will nun 40 Millionen Mark Obligationspapiere der Hohenlohewerke, die noch in ihren Portefeuilles liegen, abstoßen, wobei sie nach Gwinner„die Zuversicht hat, ein sehr gutes Papier an den Markt zu bringen": sie selbst zieht sich jedenfalls auch von diesem Institut fürstlicher Geldgeber zurück. Bcrgmann-Elektrizitätswerke. Nun hat sie doch ausgekämpft. In der Generalversammlung der Deutschen Bank verkündete v. Gwinner, daß in Kürze die„An- lehnung" an eine der beiden führenden Elektrizitätskonzerne, der A. E.-G. oder der Siemens-Schnckert-Gruppe zu erwarten sei. Welcher der beiden Konzerne den lästigen Bergmann-Konkurrenten verschluckt, wird noch nicht verraten. Gegenüber den gewaltigen Kapitalmächten der beiden größten Konzerne konnte sich Berg- mann auf die Dauer nicht halten. Aber es macht seinen Ueber- windern den Sieg nicht leicht. 1393 wurde die Bergmann A.-G. mit dem bescheidenen Kapital von 1 Million Mark ge- gründet. Dann folgten Jahr aus Jahr Kapitalserhöhungen, Gründungen von Filial- und Tochtergesellschaften, Verschmelzungen mit ihnen und anderen Elektrizitätsunternehmungen, so daß das Aktienkapital bis auf 29 Millionen in die Höhe geschnellt worden ist. Anfänglich scheint die noch durch Anleihen vermehrte Kapitalshänfung wirklich durch die wachsende Beschäftigung der Werke notwendig ge- Wesen zu sein. In den letzten Jahren diente sie offensichllich nur dazu, den Kaufpreis möglichst hoch zu treiben, da der Untergang in einem der beiden Konzerne sicher war. Der Geschäftsumfang wurde ausgedehnt, die Betriebe erweitert, Neubauten an Neubauten gereiht. Die Dividende stieg gleich in den ersten Jahren auf 14, 16, 18, 22 und 23 Prozent, um sich dann mit Ausnahme der beiden letzten Jahre auf 17und l8Proz. zu halten. Dementsprechend trieben auch die Börsenkurse der Bergmann-Aktien hoch. Aber das Ganze war nur ein Schauspiel nach außen. Im inneren Betrieb wurde so gut wie nichts abgeschrieben und wenig zurückgelegt. Noch in den beiden letzten Jahren suchte die Bergmann A.-G. diese Politik fortzusetzen. Aber schon 1910 mußte die Dividende auf 12 Proz. reduziert werden. In diesem Jahre sucht die Gesellschaft vergeblich nach neuem Kredit. Die Bankschulden sind bereits so angewachsen, daß die Geldinstitute sich weigern, die Politik weiter zu unterstützen. Die Gesellschaft muß in einem der großen Elektrizitätskonzerne ver- schwinden. Die Entschädigung an die Aktionäre wird keine geringe sein, denn durch den Zuwachs der Bergmann-Gesellschast erfährt der erweiterte Konzern eine Stärkung von ganz wesentlicher Bedeutung im Kampfe gegen den Konkurrenzkonzern. Die Antitrustpraxis. Während die sogenannten Volksführer in den Vereinigten Staaten nicht genug versichern können, daß sie den Trusts ein baldiges Ende bereiten werden, sieht die Praxis sich erheblich milder an. Vor einiger Zeit hatte man Anklage gegen den Fleischtrust wegen Verletzung des Antitrustgesetzes erhoben. Die angeklagten Fleischmagnaten find jetzt glänzend fteigesprochen worden. Alles hat sich in Rührung aufgelöst und die Fleischkönige können in der alten Weise die Preise nach ihrem Belieben festsetzen und die Fleischqualitäten verschlechtern. Bis jetzt hat man gegen die Trusts so gut wie gar nichts erreicht und das wird auch wohl in Zukunft so bleiben._ Buq der frauenbewegung. Die A. E. G. und die Arbeiterinnen. Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, jenes Riesenunter- nehmen in und um Berlin mit seinen sich gewaltig ausdehnenden Produktionswerkstätten, ist in ihrem rapiden Aufstieg, ihrer hoch- entwickelten Technik, aber auch in ihren raffinierten Ausbeutungs- Methoden typisch für die EntWickelung der modern-kapiwlistischen Wirtschaft. Arbeiteten im Jahre 1908 in den gesamten Werken der A. E. G. durchschnittlich 23 982 Personen, nämlich 20 259 männlich« und 5723 weibliche, so im Jahre 1911 29 032 männliche und 10 753 weib- liche, insgesamt 39 731 Personen. Diese Zahlen zeigen, daß sich in diesen vier Jahren die Beschäftigung von Männern um ein knappes Drittel vermehrte, die von Frauen sich dagegen nahezu verdoppelte. Der Jahresbericht der Betriebskrankenkasse der A. E. G. legt nun in einer Ueberficht dar, daß im Berichtsjahr 1911 auf die 29 032 männlichen Personen 13 360 Erkrankungsfälle, dagegen auf die 10 739 Arbeiterinnen 6810 Fälle kamen. Die Arbeiterinnen sind der Erkrankungsmöglichkeit viel mehr ausgesetzt und unterworfen als die Arbeiter. Die Direktion und ihr Beamtenheer sind nun im neuen Jahre bemüht, überall, wo es möglich und angängig ist, in den Betrieben vermehrt Frauen und Mädchen zu beschäftigen. Es dürfte für 1912 ein gewaltiges Anschwellen der beschäftigten Fvauenhände zu verzeichnen sein. Sämtliche Betriebe, sämtliche Abteilungen werden in letzter Zeit mit Frauen geradezu überflutet. Arbeiten, die seit. her immer nur von Männern verrichtet, die ihrer Art nach stets als Männerarbeit bezeichnet wurden, erledigen jetzt Frauen. Gibt es doch Abteilungen, in � denen noch vor kurzem nicht eine Frau, augenblicklich dagegen deren 30 Proz. und mehr vertreten sind. Man stellt sich die Frage, wo denn �ic Männer bleiben? Bringt man sie nicht anderweitig unter, dann müssen sie den Betrieb ver- lassen. Täglich gehen somit langjährige Arbeiter aus den Betrieben, müssen der Frauenarbeit weichen. Daß man Mädchen nur ein- stellt, um billiger zu produzieren, versteht sich. Zahlt man ihnen doch stets nur die Hälfte oder tvenig mehr von den Akkordpreisen der Männer. Es hat den Anschein, als ob an alle, auch die größten und kompliziertesten Maschinen und Arbeiten Frauen gestellt werden sollen. Riesige Oelautomaten, Stanzen, Stoßwcrkc, Drehwerke, Bohrmaschinen usw. erhalten nach und nach weibliche Bedienung. Was macht es aus, daß sich unlängst eine Neueingestellte eine Hand abstanzte: Menschenfleisch ist ja so billig. Mit einem listig ausgeklügelten Einrichtersystem werden den Frauen die einzelnen Maschinen betriebsfertig zur Weiterbedienung überlassen. Da, wo Schichtwechsel vorherrscht, sind die Männer noch insofern benachteiligt, als man die Frauen nur in der Vor- mittagsschicht arbeiten läßt, während die Männer ständig abends und nachts arbeiten müssen. Verlassen auch manche Frauen sehr bald wieder den Betrieb, so garantiert dem Unternehmer die große Reservearmee immer eine leichte Neubesetzung und so frißt sich denn die Frauenarbeit immer tiefer in die Elektroindustrie ein. Es wäre töricht, von den Leitern der A. E. G. zu erwarten, daß sie Rücksicht auf die Arbeiter nehmen, im Gegenteil beweisen gerade ihre ausführenden Organe täglich, stündlich in aller Offenheit ihre Rücksichtslosigkeit. Wir wissen, daß die Arbeiterklasse sich nur selber helfen kann. Die Nutznießer der Arbeit jener 40 000 Menschen streichen alljährlich eine hohe Dividende ein und sie läßt ihnen nur für den einen Ge- danken Raum, wie sie weiter zu erhöhen fei. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter gilt es darum, gegen den gemeinsamen Feind anzukämpfen. Schulter an Schulter muß die Arbeiterin mit dem Arbeiter stehen. Darum, Ihr Frauen und Mädchen, hinein in Eure Berufsorganisation,' hinein in die Kampfcsorganisationen der modernen Arbeiterschaft, Versammlungen— Veranstaltungen. Bercin für Frauen und Mädchen der Arbeitervasse. Montag, den 1. April, abends 8'/z Uhr, in Kellers Neuer Philharmonie, Köpe» nicker Str. 96/97: Vortrag des Schriftstellers I. Rubin über „Gerhart Hauptmann". Gäste willkommen. Der Berein für Bcrbesserung der Fraucnklridung veranstaltet Sonn» abend, den 30. März, abends 3 Uhr, einen Vortrag im Berliner Rathaus über„Die Atmungskunst des Menschen zu Heilzwecken". Referenlin: Joanne van Oldenbarnevelt. £lus aller Alelt. Ein neues System der Lohndrückerek. Eine Unsitte, die gar nicht genug gegeißelt werden kann, ist in den Landgemeinden des Landkreises Göttingen eingerissen, näm- lich die, die G e m e i n d e ä m t e r an den Min de st fordernden zu vergeben. So wurde in einem Dorfe von etwa 1000 Ein» wohncrn das Amt des Nachtwächters, desForstaufseherS und Feldhüters— zur Gemeinde gehören etwa 1000 Morgen Forst und 1800 Morgen Feld— und das Amt deS Gemeinde« rechnungsführers an die Mindestfordernden vergeben. DaS Amt des vollbeschäftigten Nachtwächters übernahm ein Reflektant für die lächerliche Entschädigung von 2 0 0 M a r k, bisher wurden 400 Mark für den Posten gezahlt. Der Forstaufseher und Feldhüter bekommt für seine Arbeit jährlich 3 0 0 Mark und der Rechnungsführer, der sogar auch noch 3000Mark Kaution stellen muß, weil früher Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, ganze 130 Mark. Bei solchen Zuständen wäre es wirklich an der Zeit, daß die Auft'ichtsbehörde einmal dazwischen fährt. Ein Prozest gegen die Vorsehung. Einen Prozeß, der in den Annalen der irdischen Justiz kaum seinesgleichen haben dürfte, einen Prozeß gegen die„Vorsehung" hat ein Gastwirt in Stroudsbourg in den Vereinigten Staaten beim dortigen Gericht angestrengt. Ein Methodistenprediger ist von dem Besitzer einer Kneipe, die der Blitz zerstört hat, auf 200 000 Mark Schadenersatz verklagt worden. Der Kläger behauptet, daß der Pastor als„Vertreter der Vorsehung" für das Unglück verantwortlich sei. Der Apostel hatte den Bau einer Kneipe, die dicht neben seiner Kirche entstand, nicht verhindern können. DaS erfüllte ihn selbstverständlich mit gewaltigem Zorn. An einem Sonntag rief er, auf der Kanzel stehend, den Fluch des Himmels auf Kneipe und Kneipwirt herab. Tags darauf ging in StroudSbourgh ein furchtbares Unwetter nieder. Ein Blitz fuhr in den Dach st uhl der Kneipe und bald st and das ganze Haus in Flammen. Der Pastor und die als„Sachverständigen" vernommenen Theologen des Kreises behaupten, daß die Diener Gottes für die Handlungen der Vor» sehung nicht verantwortlich zu machen seien. Man sieht in Amerika dem Ausgang dieses seltsamen Prozesses mit Spannung entgegen._ Kleine Notizen. Schweres Automobilunglück. Wie auSToulon gemeldet wird, stürzte ein Automobil, in dem der Schriftsteller Georges d'ESparbes, ein anderer Herr und eine Dame saßen, mit 80 Kilometer Geschwindigkeit bei F l a s s a n e in einen ziemlich tiefen Wassergraben. Alle Insassen wurden verletzt.. Die Verletzungen d'EsparbeS scheinen nicht sehr schwer. Der Zustand des Chauffeurs ist h o f f n u n g l o S. Explosion eines Geschützes. Ein Telegramm auS Rio de Janeiro meldet, daß während einer Feldübung eines der Kruppschen Geschütze, die unlängst geliefert worden waren. explodiert ist. Mehrere Offiziere wurden auf der Stelle getötet, viele Soldaten schwer verletzt. Untergang eines Dampfers. Auf dem E r i e« S e e im Nord- offen t>er Vereinigten Staaten ist ein Trajektschiff, auf dem ein Eisenbahnzug stand, mit einem Dampfer zusammengestoßen. Der Dampfer sank und dreißig Personen fanden den Tod in den Fluten. Entdeckter Raubmord. Der seit mehreren Wochen vermißte Gastwirt Karl Ungetüm aus RuppertSgrün bei Werdau ist gestern mittag von seinem Sohne im Keller der Gastwirtschast tot aufgefunden worden. Die Leiche lag zwischen einigen Fässern, mit Decken und Erde zugedeckt. Es wird angenommen, daß U. einem Raubmord zum Opfer gefallen ist. Erschossene Schutzmannöposten. Auf der AltsarchewSkistraße in Lodz erschossen gestern drei Banditen zwei Posten stehende Schutz- leute. Krieg im Frieden. Wie auS W i l l e m st a d, der Hauptstadt der Jnjel Curacao, gemeldet wird, hat sich auf dem niederländischen Panzerkreuzer„Zoeland" eine schwere Geschützexplosion ereignet. Bei einer Schießübung, die der.Zoeland" in den West- indiichen Gewässern bei Curacao vornahm, barst plötzlich eine» der Geschützrohre. Ein Korporal wurde sofort getötet und drei Matronen lebensgefährlich verwundet. m«. Schwäbische Tagwacht in Stuttgart wird zu baldmöglichstem Eintritt ein Ikilklidcr politischer siedaktem gesucht. 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Kreis (jg bezirks. IV. Kreis. � ig? v? vg SozlaldemekraflselierWalilvereii! für den 4. BeFliner Reiclistags-WaiilkFeii Stralauer Viertel. Bez. 3Z2. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unsere Genossin, Frau Klara Knopp Friedrichöselderstr. 32, gestorben ist. Ehre ihrem Andenken: Die Lcerdigmig findet morgen Sonnabend, den 3t). März, nach' mittags vom Trauerhause aus dem Zentral-Friedhof in Friedrichs» fcldc um'l24 Uhr statt. Ilm rege Beteiligung ersucht Ter Borstand. Sozialinokrüt. Mmm Britz. Den Parteigenossen zur Nach- richt, dag unser Mitglied, der Silbcrarbeitcr Kiehurl! Lehövderuer im nicht ganz vollendeten Kt>. Jahre im Ztranlcnbausc am Schlagansall, nach bcstantDncr Lperntion, am Mittwoch srüh 0 Uhr verstorben ist. Ehre seinem Andenre» I Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3t). März, nach- mittags ll Uhr, auf dem Gemeinde- sricdhos in der Chausseestrage in Britz statt. Rege Beteiligung erwartet 201/14 l>er Vorstand. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der iilutosührer Bermann Schmoi am 27. d. Mts., im Alter von 47 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Ionnabend, den 30. d. Mts., nachmittags 2°/« Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Pauls-Kirchhoscs in Plötzensee aus statt. 62/20 Ter Vorstand. Deulaeher Bauarbeiter-Verband Zweigverein Berlin. Am 27. März verstarb unser Mitglied, der Isolierer Hermann 8dinask (Bezirk Wcdding). Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. März, nach- mittags b Uhr, von der Halle des Nazareth-Kirchhoses in Reinicken- dors-West, Kögelstrafie, aus statt. 138/5 Der Vorstand. Mittwoch, den 27. März, ent- schlios sanft nach kurzem, schwerem Leiden mein lieber, guter Mann. der Silberdrücker Biehard Schönberner im 60. Lebensjahre. Dies zeigt an, um stille Teil- nähme bittend Helene Schönberner geb. lieil'niK. Berlin-Britz, den 27. März 1912. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. d. M., nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Britzer Gemeinde- Friedhofes, Chausseestrage 145, '« aus statt. DeutZLim Metallarbeiter-Verband! Bernin ltnngsstellc Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, 6 dag unser Mitglied, der Metall- arbeiter �dotf Rucinski am 27. März gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. März, nach- mittags ,l2ö Uhr, von der Leichen- Halle des' Luisen- Kirchhofes in Westend aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Gürtler �ikred Lciiol? am 25. März an Nervenleiden. Die Beerdigung findet am Freitag, den 29. März, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- balle des Maricndorser Gemeinde- Friedhoscs in Mariendors, Frieden- ftrage, aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Mctalldcücker Biehard Schönberner. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen. Halle des Gemcinde-FriedhofeS in Britz, Chaufieestr. 144, auS statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Betestigung wird erwartet. 114/16 Tie Ortsverwaltung. Beutacher Boizarbeiter- Verband� Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Tischler Gustav Ungeraten Johannisthal, Parkstraße 8 im Alter von 55 Jahren ge- starben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. März, nachmittags 3>/, Uhr, von dem Trauerhause aus statt. 81/3 Die Ortsverwallung. Am Donnerstag verschied nach langem, schwerem Leiden unser lieber, jüngster Sohn und Bruder /Uvvin Sachs. Um Beileid bitten die Eltern August Sachs und Frau nebst Geschwister. RummelSburg b.B.,Türrschmidt- straß« 6. 883b Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 3>/, Uhr, von der Leichenhalle des Rummelsburger Gemeindc-Frieb- hofcS, Lückstrage, aus statt. Am Mittwoch, den 27. März, vormittags 9 Uhr, entschlief Plötz- lich und unerwartet meine liebe Frau und unsere gute Matter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwägerin und Tante, Frau Wilbeiniine Noeske geb. Raase im 60. Lebensjahre. Im Namen der Hinterbliebenen in tiefer Trauer 900b Verlin 80.. Pücklerstr. 3t II. Heinrich Noeske und Kinder. Tie Beerdigung findet am Soimtag, den 31. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des neuen Jakobi-KIrchhofcs, Neukölln. Hermanustrage, aus statt. Nach kurzem schweren Leiden entriß uns heute früh 7'/, Uhr der unerbittliche Tod unsere herzensgute Tochter und Schwester Gretchen Krüger im neunten Lebensjahre. Dies zeigen tiejbetrübt an Schöneberg, den 27. März 1912 Grunewaldstraße 96 tllllmg Krüger nebst Fraa und Sohn. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. März, nach- mittags 3>/, Uhr, von der Leichenhalle deSneüen SchönebergerKirch- hoses, Südgelände(Blanke Hölle) aus statt. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung niciner lieben Frau und Mutter Ernestine König sagen wir allen Freunden und Bekannten, insbesondere dem Wahloerein, Bezirk Nieder-Schönhausen, sür die reichen Kranzspenden Unseren herzlichen Dank. .Aibrecht König nebst Kind. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich auf diesem Wege allen meinen herzlichsten Dank. Wit�e Anna Gröschke 2580)2 nebst Kindern. Danksagung. Für die Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben, unvergeßlichen Frau, sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Lotterievcrein.Zusrieden- HeU* meinen ausrichtigsten Dank. Emii Tellschow. Mäntel» Kostüme direkt aus der Fabrik jetzt kolossal preiswert um zu räumen Zimmerstr. 49 Spezialität Backtischkontektion 6 Proz. Rabatt in bar. Danksagung. Da eS mir bei der überaus zahlreichen Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben ManneS Wilhelm Ki'uImK nicht möglich ist jedem Einzelnen zu danken, versuche ich eS auf diesem Wege, allen Verwandten, Freunden und Bekannten, den Genossen des IV. ReichstagswaHlkreiseS(Wahlbezirk 280), den Direktoren der Firma Baartz u. Co., sowie den Kollegen der Firma Paul Schur(Zentrale), dem Angelvcrein„Delphin", dem Deutschen Transportarbeitervcrband, dem Gesangverein, den Nolllutschem und MöbcltranSportarbcilcrn der Firma Baartz u. Co. und dem Genossen Melle für seine trostreichen Worte am Sarge meines lieben Mannes meinen tiesgesühlten Dank auszusprechen. Die tiesbetrübte Gattin ZIarie Grnlms. machfs Sdicuem seht bequem Und det Is mir re> ausserdem Bd' gschaften! kl. 145,457,190.78 Dividende, uuerhobeu..... Dr. Georg von Siemens-Eonds für die Beamten üeberghngsposten der Zentrale und der Filialen untereinander Kdokstelinng für Talonsteuer Gewinn- und Verlnst-Konto ' hark l�aso*» J7 Wl-ZöIZöZD SOO,COOfiCC MT.iaua WW 18B9ch855 265,262,229 Gewinn- und Vorlnot Konto. 82,679 7J523,65r. 6,064,796 i�oaooo 33,466.666 2,137,251,49�58 i die____ M. 20&9. . IM Debet. CfohUtor, Wethnachts-Gratiflkatlonem a nod allgomoine Unkosten.«•. Beamten-Försorge-Verein.... WohlfahrtselnrichtuDgea für dU B#- amtan(Klub, Kantinen nnd freiwillig überaonamene Versicherungsbeiträge). Steuern nnd Abgaben.... Q-ewinnbeteiligung an Vorstand, stellvertretende Direktoren u. Filialdirektionen (62 Personen)...... Rückstellung für Talonsteuer,., Ab schreib an gen auf Bankgeb äude,. Abschreibungen auf Mobilien. Saldo, aar Verteilung yerbleibender üeberschaii. Kredit. Per Saldo aus 1910...... w Gewinn auf VTechsel- und Zinsen-Konto _ Gewinn auf Sorten. Kupons und rur Rückzahlung gekündigte Effekten,. „ Gewinn auf Effekten.... 9 Gewinn auf Konsortial-Gescb<e.» # Gewinn auf Provisiona-Konto. 9 Gewinn an Dauernden Beteiligungen bei fremden Unternehmungen und Kommanditen Alark 66,261,968;� rauchen Febirarbeo-Sortimente in Beuteln enthaltend eine Mischung besonders preiswerter Marken L Fortuna 10 Stück 60 Pf. Hansa.. 10* 75 Pf. Hxelsior 10„ IwM. «J«Neumaim Berlin. Begründet 1850. XIambnrg/. Clffarrenfabrikcn. lieber 200 Niederlagen in Deutschland. 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Vorsteher Michclet eröffnet die Sitzung nach 5% Uhr mit körenden Nachrufen für den in diesen Tagen verstorbenen früheren Stadtkämiuerer M a a st und den früheren Berliner Abgeordneten Albert Träger. Tie Versammlung hat sich während der An- spräche des Vorstehers von den Plätzen erhoben. Für den in der I u n g s e r n h e i d e geplanten Hngenbeckschen Tierpark soll die Stadt eine Million Mark als hypothekarisches T a r l c h n hergeben. Stadtv. Heimann(Soz.): Wir beantragen, die Vorlage einem Ausschutz zur Vorbcratung zu überweisen und behalten uns die definitive Stellungnahme vor, bis der Ausschutz mit seinen An- trägen an uns herantritt. Ten Stcllinger Tierpark bei Hamburg, von dem in letzter Zeit viel die Rede war, habe auch ich mit meh- rcren meiner Freunde in Augenschein genommen. Von dem, was wir da gesehen haben, sind tvir ganz außerordentlich enttäuscht worden. �Hört! hört!) Auch auf uns Laien hat diese Anlage den Eindruck einer ganz gewöhnlichen Schaustellung ge- macht. sRuse: Sehr richtig!— Sehr falsch!) Sie kann mit dem Berliner Zoologischen Garten gar nicht in Vergleich gestellt werden; der Zoologische Garten steht auch wissenschaftlich aus der Höhe. Um so beklagenswerter ist es freilich, daß dieser in der Regel Eintritts- preise nimmt, die der kleine Mann nicht ausbringen kann. Dennoch kann er als gemeinnütziges Institut angeschen werden, weil die Aktionäre außer dem freien Eintritt für sich und ihre Ka- rmlie keine Dividende erhalten und die Erträge in gewissem Umfange zu gemeinnützigem Zwecke für den Garten verwendet werden müssen. Wenn es Herrn Hagenbcck nicht gelungen wäre, in sehr geschickter Weise das Interesse des Kaisers auf sich und seine Unternehmungen hinzulenken, wäre es weder dem Fiskus noch unserem Magistrat je eingefallen, diesem privatkapitalistischen Unternehmen öffentliche Gelder zuzuführen; denn unzweifelhaft ist dieser Hagenbecksche Tierpark nur ein Vergnügungs-Etablissement größten Stils, das aber keine w i s s c n s ch a,s t l i ch c n Zwecke und Ziele hat. Die Zeit für solche Unternehmungen scheint ja überhaupt gekommen zu sein;«ie werden wissen, daß diesem erst geplanten in dem sog.«Ethnographischen Garten" bei Pichelswerdcr eine große Konkurrenz erwachsen wird. Freilich scheinen die Unternehmer des letzteren nicht verstanden zu haben, sich hohe und höchste Konnexionen zu sichern, und so werden wir eine zweite Vorlage ähnlich der jetzigen wohl nicht erhalten. Zu- geben müssen wir, daß der Magistrat seine Geneigtheit für den An- trag mit einem Kranze von Bedingungen umgeben hat, die die Sache etwas schmackhafter machen. Auch für uns ist die E i n g c- meindung des ganzen Terrains nach Berlin Voraus- setzung für das Eingehen auf die Sache überhaupt. Wir glauben auch, daß die Anlage einen Anziehungspunkt für den bisher recht stiefmütterlich behandelten Norden werden wird. Indessen müssen in der Vorlage noch erhebliche Lücken ausgefüllt werden.«Bei mäßigen Eintrittspreisen" soll dieser Tierpark dem Erholungs- und Bildungsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung tragen; es wird aber nicht gesagt, welche Eintrittspreise genommen werden sollen. Hier mutz vorgesorgt werden, daß der Eintrittspreis wirklich ein mäßiger ist. Den städtischen Schulkindern soll bei klassenweisem Besuch der Eintritt für 19 Pf. pro Person gewährt werden; Hassent- lich heißt das: für die ganze Zeit des Bestehens des I n st i t u t s, nicht nur für die Zeit bis zur Ablösung der städti- fchcn Hypothek. Ganz schwächlich erscheint uns die Bestimmung, daß die Beteiligung der Stadt an den Grundstücksverkäufen nur für 15 Jahre Geltung haben soll. IS Jahre sind doch keine Lebens- dauer für ein solches Institut. Ob es lebensfähig ist, wird sich doch schon nach vier, fünf, sechs Jahren ergeben. Ist es nicht lebens- sähig, so wird es unter keinen Umständen IS Jahre lang erhalten werden; bleibt es aber 13 Jahre im Betriebe und wird dann auf- gelöst und das Terrain verkaust, dann ist für mich der schlüssige Beweis erbracht, daß diese ganze Tierparksachc nichts weiter als eine fein ausgeklügelte Terrainspekulation, wobei dazu noch die Stadt, die sie erst möglich gemacht hat, leer ausgehen würde. Daraus können wir nicht eingehen. Stadtv. Cassel(A. L.): Wir haben die Vorlage durchaus mit Zustimmung aufgenommen. Es ist uns bekannt, daß in Kreisen, die dem Zoologischen Garten nahestehen, die Besorgnis herrscht, daß der letztere durch diesen Tierpark ins Stocken geraten könnte. Wir glauben das durchaus nicht. Berlin ist sehr groß; kommen neue Institute einem wirklichen Bedürfnis entgegen, so können sie auch in mehrfacher Zahl existenzfähig sein. Die Sammlungen von Hagenbcck sind sehr gute, wenn sie auch dem Schaubcdürfnis mehr Rechnung tragen mögen. Weiter werden 189 Morgen Freiflächen erschlossen, die andernfalls bebaut würden. Wenn der Park jetzt nicht eingerichtet wird, wird das Terrain sofort Gegen st and der Terrain spekulation; wir fördern also durch den Ver- trag die Terrainspckulation nicht, sondern wir hindern sie eher. Dem Antrag aus Ausschußberatung werden wir uns nicht wider- setzen. Bürgermeister Dr. Rcicke: Ich kann mich den Ausführungen des Vorredners nur anschließen. Einmal halten wir das Projekt seiner selbst willen für beachtenswert. Ich habe bei meinem Besuch in Stellingen einen sehr starken und günstigen Eindruck gehabt. Warum soll das Bessere immer der Feind des Guten sein? Der zweite Grund, der uns leitete, war der, einmal etwas Großes für den-Norden zu tun, der tatsächlich bisher stiefmütterlich behandelt worden ist. l Zurufe; Ter Osten! Der hat den Viehhof! Große Heiterkeit.) Die Nord-Südbahn wird durch den sich entwickelnden Vergnügungsverkehr am Abend gewiß auch einen Vorteil haben. Wir spielen ja hier nicht den Unternehmer; wir beschränken uns daher auf die Forderungen, die im öffentlichen Interesse liegen. Daß Herr Hagenbcck dort 1 M. Eintrittsgeld erheben könnte, wird Herr Heimann selbst nicht glauben. Mit bestimmten Wünschen zu kommen oder gar Vorschriften zu machen, dazu ist der Moment noch nicht da. Ter Grund- und Bodenwert allein schon deckt uns mit unserer Hypothek vollkommen. Ueber die Angemessenheit der 13jährigen Frist wird im Ausschuß näher zu reden sein. Dagegen aber muß ich mich verwahren, daß von vornherein der Begriff der Tcrrainspekulation hiermit verquickt wird. Der Name Hagcnbeck bietet doch allein schon genügende Garantie. Berlin kann sehr wohl zwei solche Unternehmungen ertragen. Ohne Eingemeindung der Jungfernheide treten wir an die ganze Sache nicht heran. lBcisall.) Stadtv. Hildebrandt(N. L.): Wir hätten die Vorlage auch ohne Ausschutzberatung angenommen. Tic Versammlung beschließt nach dem Antrage Hei- man n. Mit dem Ankauf des sog. dritten Eierhänöchens in Treptow für 189999 M. erklärt sich die Versammlung einverstanden. Nachdem im Etat für 1912 die Gehälter der im Moabit- und im Rudolf Virchow-Krankenhaus beschäftigten städtischen Schwestern erhöht worden sind, schlägt der Magistrat auch für die in städti- scheu Anstalten beschäftigten Viktoriaschwestern Aufbesserungen vor. Es sollen die dem Verein..Biktoriahaus für Krankenpflege" zu zahlenden Pauschalgebaltssätze von 319 bezw. 699 M. für Schwestern und Oberschwestern auf 699 bezw. 759 M. erhöht, hiervon aber 49 M. für jede Schwester und Oberschwester wieder abgesetzt werden. Dem..Viktoriahause" ist nämlich 1891 von der Stadt für sein Pslegerinnenbaus eine Parzelle geschenkt und ein Betrag von 139 999 M. zg den Baukosten geleistet worden. Aus der Verzinsung rechnet der Magistrat eine Jahreszuwendung von 14 399 M. heraus, dcn denen er 8399 M. aus dem Wege dieses Abzugs wieder ein- bringen will. Stadtv. Dr. Weyl(Soz.): Wir haben gegen die Vorlage nichts Wesentliches einzuwenden, denn das Pflegepersonal muß so bezahlt werden, wie es seiner so verantwortungsvollen und entsagungS- reichen Tätigkeit entspricht. Daß wir vor 21 Jahren einmal irgend eine größere Summe dem Viktoriahause zur Verfügung gestellt haben und daß nunmehr die Schwestern deswegen sich eine Kürzung ihre Bezüge gefallen lassen sollen, kann ich nicht billigen. Der Vorschlag scheint mir überhaupt etwas kleinlich und wir werden daher dem Antrag Körte zustimmen, der diesen Mangel wieder gutmachen will, zumal es sich nur um wenige Tausende handelt. Ich vermisse aber in der Vorlage ein wesentliches Moment. Die Krankenhaus- deputation hat am 19. Februar in Verbindung mit der Zustimmung zur Erhöhung der Pauschalvergütung für die Schwestern den Be- schluß gefaßt, die Verstadtlichung des Biktoriahauses in Erwägung zu ziehen. Wir haben städtische Schwesterschulen und verfügen gegenwärtig über 89— 59 überzählig gewordene Schwestern am Moabiter und Virchowkrankenhause. Für diese von uns aus- gebildeten Schwestern Häven wir doch auch zu sorgen; wir haben doch auch neben den Krankenhäusern noch andere Anstalten: Waisen- Häuser, Heimstätten, Kinderkrankenhaus, Urbankrankenhans. Run ist uns gesagt worden, daß die Viktoriaschwestern eine gewisse Ab- Neigung haben, mit städtischen Schwestern in einem Krankenhause tätig zu sein. Eine solche Eifersüchtelei würde auch ich für sehr unangebracht halten. Tos Viktoriahaus ist andererseits gar nicht mehr imstande, genügend Pflegerinnen zu liefern. Wesentlich ist auch der Umstand, daß wir, wenn der Antrag Körte angenommen wird, dasselbe, was wir den städtischen Schwestern geben, auch den Viktoriaschwestern geben; wir haben aber kein Mitbestimmungsrecht, auch nicht über die Verwendung der her- gegebenen Gelder. Alle diese Gründe veranlaßten die Deputation, dem Magistrat nahezulegen, mit dem Viktoriahause wegen Ver- stadtlichung in Verhandlung zu treten. Welche Stellung nimmt er zu dieser Frage ein? Stadtv. Sachs(A. L.): Tie Viktoriaschwestern sehen sich selbst anscheinend als Schwestern erster Klasse an und werden auch im Publikum dafür angesehen; sie ljaben es sogar in ihrem Statut, daß sie nicht mit st ä d t i s ch c n« ch w c st e r n z u s a m m e n- arbeiten dürfen. Dieser Zustand ist für die Berliner Krankenpflege nicht günstig. Der Magistrat hätte Wohl über die Anträge der Deputation sich äußern können. An sich ist es doch nicht richtig, daß man dem Viktoriahause etwas zu schenken braucht; ich werde daher meinerseits gegen den Autrag Körte stimmen. Stadtv. Körte sFr. Fr.): Aus dem Zwiespalt im Personal erwachsen für unsere Kraukenhausverwaltung allerlei Schwierig- leiten. Die vom Magistrat angestellten Rechnungen entsprechen aber nicht dem, was die Bürgerschaft diesem Verein gegenüber mit Recht beobachtet wissen will. Nachdem man von 29 Jahren ein Kapital bedingungslos geschenkt hat, kann man nicht Zinsen dafür in Verrechnung bringen. Wir tun gut daran, das Mutterhaus zu unterstützen, und diesen kleinlichen Abstrich von 49 M. pro Turchschnittsgehalt soll der Magistrat hier nicht in Abzug bringen. Stadtrat Strnßmann: Dieser?lbzug mag. kleinlich erscheinen. Aber wir haben es hier mit einem Verein zu tun, an den die Abfindungssumme in toto geht. Tie Frage der Verstadtlichung ist im Magistrat einer späteren Beratung vorbehalten; mit der Besoldungsfragc wollte er sie nicht verquicken. Tie überzähligen Schwestern werden als Aushilssschwestern verwendet; es waren im vorigen Jahre übrigens nur zehn. Stadtv. Galland lA. L.): Wir haben doch keine Veranlassung viktoriahaussreundlickwr zu sein, als das Viktoriahaus selbst. Wenn dieses mit dem vom Magistrat Angebotenen zufrieden ist, so könnte es doch dabei sein Bewenden behalten. Der Verstadtlichung mutz der Magistrat endlich näher treten, damit den unleidlich werdenden Zuständen in unserer Krankenhauspflege ein Ende bereitet wird. Stadtv. Dr. Wepl: In der Krankenhausdeputation haben uns die Direktoren mitgeteilt, daß sie 39 Schwestern zur Verfügung hätten, die überzählig seien. Jetzt sagt uns der Magistratsvertreter, es seien nur zehn. Wo mögen dann wohl die übrigen 29 geblieben sein? Gehcimrat Straßmann sagt, es stehe nicht im Viktoria- Hausreglement, daß die Viktoriaschwestern mit anderen nicht zu- sammcnarbeiten sollen. Die Tatsache der Eifersüchtelei bleibt aber bestehen, und der Magistrat muß dafür sorgen, daß die städtischen Schwestern, die im wesentlichen dieselbe Ausbildung wie die Viktoria- schwestern genossen haben, auch im Urban und im Friedrichshain Dienste tun können. Tie Vorlage wird mit dem Antrag Körte angenommen. Gleichzeitig wird die Erhöhung des Kostgeldes für die im Friedrichshain-Krantenbaus beschäftigten Viktoriaschwestern von 1,89 auf 2 M. genehmigt. Die Vorlage betreffend die Abänderung der Ordnung von 1998 über den Anschluß an die Kanalisation und die Erhebung von Kanalisationsgcbühren geht nach kurzer Debatte an einen sofort vom Vorstand zu ernennenden Ausschuß. Ten, Bauunternehmer H a l l e r t soll für die Mehr- aufwendungen, die ihm durch die Anlage einer besonderen Rohr- leitung zum Spandauer Schifsahrtskanal bei der Grundwasser- senkung für die Putlitzbrücke gegenüber der Wasserabführung durch die Kanalisation entstanden sind, aus Billigkeitsgründen eine Ent- schädigung von 19 999 M. gewahrt werden. Nach längerer Erörterung wird ein Antrag Baumann (Fr. Fr.) auf Prüfung der Angelegenheit durch einen Ausschuß abgelehnt und die Bewilligung ausgesprochen, nachdem sich u. a. auch Stadtv. Lc i d iSoz.) dafür erklärt bat. Der Bau eines besonderen Abschtußwcrkes des Schleswiqcr Users an der Hansabrücke wird genebmigt und die Zustim- mung an die Große Berliner istratzcnbahn zur Her- stellung einer Straßenbahn in der Schivclbrinrr-, Tricsener- und Nordkapstraße ohne Diskussion erteilt. Schluß'AH Uhr.__ Hus der Partei. Aus den Organisationen. Welchen Fortschritt die Agitation im RiesengebirgskreiS Hirschberg-Schönau, der das Bober-Katzbachgebirge und die preußische Seite des Riesengebirges bis hinauf zur Schneekoppe umfaßt, der Partei gebracht hat, zeigte die jüngste Generalver- sammlung des Kreisvereins. Bei der Wahl von 1997 siegte der Freisinnige Dr. Ablaß in der Stichwahl nnt 8999 Stimmen Mehrheit über den sozialdemo- kratischcn Kandidaten Albert. 1912 dagegen betrug die freisinnige Majorität nur noch 1399 Stimmen. Dr. Ablaß verlor 3999 Stim. inen und der Sozialdemokrat Schiller gewann etwa 3599 Stimmen. Aber mehr wie diese Wahlzifsern bedeuten die anderen Erfolge, über die berichtet wurde. Während 1997 im Kreise ein einziger Wahlverein mit 139 Mitgliedern bestand, gibt es seit den letzten zwei Jahren selbst in den verträumtesten Gebirgsdörscrn eine Kerntruppc von Genossen, die einen Wahlverein bilden. So ist denn in dem Jahre vor der Wahl die Mitgliederzabl in diesen Wahlver- einen von 399 aus 1999 gestiegen. Und ebenso respektabel gestaltet sich die Verbreitung der Parteiprcsse. Als im November 1911 die im Kreise verbreitete„Brcslaucr Volkswacht" durch da» neue Waldcnburgcr Partciblait. die„Schlesischc Bergwacht", abgelöst wurde, da gab es im Hirschberger Kreis 1199 sozialdemokratische Leser; am Wahltage waren es aber über 1899 und heute sind rund 2999„Bergwacht"-Lcser vorhanden. Bei alledem ist aber zu be- achten, daß auch der zweimal wöchentlich erscheinende«Proletarier aus dem Eulengcbirge" dort gelesen wird und an Abonnenten zu- genommen hat. Diese Angaben beweisen, in wie hohem?Natze dort die sozialistische Aufklärungsarbeit fortschreitet. Es ist das um so mehr zu würdigen, da es sich um eine Kreisbevölkerung handelt, die zum größeren Teil kleinbäuerlich und kleinbürgerlich ist. Dazwischen ist allerdings auf dem Lande Industrie angesiedelt, die ihre Ar- bciter sehr schlecht bezahlt. Aber trotz dieser schwierigen Bevölte- rung und trotz einer ganz raffinierten freisinnigen Agitation, die immer wieder die Kleinbauern mit dem sozialdemokratischen Auf- teilen des Grund und Bodens graulich machte, haben wir in fast allen Dörfern Wurzeln geschlagen und haben— ebenso fast in jedem Dorfe— Kleinbauern als Wahlvereinsmitglieder. Der freisinnigen Unehrlichkeit haben wir offene grundsätzliche Aufklärung entgegen- gesetzt, und, wie obige Angaben zeigen, nicht vergeblich. Beim verarmenden Kleinbauern ist das proletarische Empfinden vor- geschrittener, wie man gemeinhin annimmt. Gemcindewahlerfolge. Bei der am Mittwoch stattgesundenen Gemeindevertreterwahl in Neuenhagen Nm. wurde in der dritten Abteilung Genosse Ebel einstimmig gewählt mit 81 Stimmen, llnsere Gegner geben den aussichtslosen Wahlkamps bei der'Gemeindewahl scheinbar auf. Bei der am Sonntag stattgesundenen Gemeindevertreterwahl in K l c i n- L c u b u s ch, Kreis Brieg, wurde die bisherige sozialdemokratische Mehrheit glänzend behauptet. In der 3. und 2. Abteilung beteiligten sich die Gegner überhaupt nicht mehr, weil es total aussichtslos ist. In der 1. Abteilung wurde mit sozial- demokratischer Hilfe ein liberal denkender Kaufmann gewählt, den die Gegner gern hinausgedrängt hätten. Parteitag der beutschböhmischen Sozialdemokratie. Am 24. März tagten in A u s s i g die Vertreter der deutschen Sozialdemokraten Böhmens. 41 Bezirksvereine waren durch 53 Delegierte(darunter 1l Frauen) vertreten, wozu weitere 48 Vertreter der Krcisorganisatioueu, der Jugendliches der Arbeiter« sänger und-Turner, der politischen und Fachpresse, der Landes- partcivertretung und der Fraktion kamen. Der Tätigkeitsbericht des nach dem ungünstigen Ausgang der letzten Reichsratswahlen errichteten Landcspartcisekretariats gab Kunde von kräftig einsetzender Arbeit. Tie Organisation,'auch der Frauen und Jugendlichen, hat sich gefestigt und ausgedebnt. Die Auslage der Parteiprcsse beträgt 69 999, wozu 28 999 Leser des neuen Wiener Halbmonatsblattes„Das Volk" kommen. Die Schaffung eines gemeinsamen Tageblattes hat sich als noch nicht aus- sührbar erwiesen. Tie R c i ch c n b e r g c r Genossen erklären sich bereit, ibr Tageblatt zugunsten des gemeinsamen zu opfern. Der gesammelte Zeitungsfonds, dessen Ausschüttung an die Kreisorga- nisationen beantragt war, wird wciterverwahrt. Zum Ausbau der Organisation wurde u. a. beschlossen, im Herbst eine gut vorbereitete große Werbeaktion zu unter- nehmen. Der Beitrag für die Laudesorganisatiou wird vom 1. Juli au auf 4 Heller festgesetzt, lieber die böhmische Wahl- rc form frage sprach Abg. Seliger. Er bezeichnete die ge« plante Schaffung einer neuen„allgemeinen Kurie" mit 43 Abge- orducten. in der die bereits durch 242 Abgeordnete der einzelnen Standeskuricn vertretenen privilegierten Wähler nochmals land- tagswahlberechtigt sein sollen, als Wortbrnch und Verrat der Re» gierung, die den Arbeitern Böhmens ein ganz anderes Wahlrecht versprochen habe. Aufs schärfste verwahrte er sich gegen den Ge- danken, als Vertreterin der deutschen Arveiter in dieser Frage die „deutsche Arbeiterpartei", diese„Bande von Marodeuren und aus- gchaltcncn Fabrikantensöldlingen", zu hören. Außer einer Sympathieerklärung für die Bergarbeiter wurde ein P r o te st g e g e n d i e d r u t s ch b ö h nr i s ch e I u st i z beschloffen, in dem es u. a. heißt:„Vor den Geschworeneu- ge richten Deutschböhmcns sind Sozialdemokraten überbaupt vogelsrei. Aus der G c s chw o r eu e n bank sitzen die Wirtschast- liche» und politischen Feinde der organisierten Arbeiterklasse, die ihr hohes Ehrenamt nicht aus die Art ausüben,-daß sie, ihrem Eide treu, nach bestem Wissen und Gewissen Recht sprechen, sondern die das Amt im Dienste der Rcchtshohcit mißbrauchen, um häufig Rache an den Sozialdemokraten, als ihren politischen. Gegnern, zu nehmen. Viele Berufsrichtcr in allen Teilen Deutsch- böhmcns, die durch die Korrumpicrung der Justiz, die die bürgcr- lichen nationalen Parteien seit Jabren systematisch betreiben, auf den Richterstuhl gelangt sind, behandeln die Arbeiter, insbesondere Sozialdemokraten, als ob Ansnahmebestimmungen gegen sie exi- stierten. Die politischen Bedürfnisse des„famosen Volksrats" und der deutschnationalen Schriftleiter befriedigen manche Richter, tn- dem sie, entgegen dem Grundgedanken ihres Eide, statt Recht zu sprechen, wie deutschnationale Parteimänncr handeln". Ein Nachspiel znm Attentat auf den italienischen König. Rom, den 26. März.(Eig. Ber.) Gegen den Redakteur des Organs der revolutionären und intransigenten Fraktion, der „S o f f i t t a". strengt die Staatsanwaltsckxzst eisten Prozeß wegen Aufreizung zum Verbrechen an. Der inkriminierte Artikel, für den Genosse Lcrda erklärt hat, die Verantwortung zu übernch- men, beschäftigte sich mit dem Attentat auf den König. Das Attew- tat selbst wurde als unsinnig und zwecklos bezeichnet. Gleichzeitig betonte der Artikel aber die Stellung der Sozialisten gegenüber der individuellen wie der sozialen Gewalt. In Perioden der Gewalt- tat von oben werde die Partei auch der individuellen Gewalttat ihre Solidarität und Bewunderung nicht verweigern, was sie den Märtvrern der russischen Revolution gegenüber oft genug an den Tag gelegt hätte. In Perioden der Legalität aber verwerfe die Partei die Gewalt und erachte jedes Leven für heilig, sei es das des Königs oder des clcndeste» Arabers, der seinen angestammten Boden und den Glauben seiner Väter verteidigt. Ter Artikel schloß dann unter scharfer Hervorhebung der weltgeschichtlichen Aufgabe der Gewalt in revolutionären Epochen, die mit alten Rechten ans- räumen, um neues Recht zu schaffen. Wo da die Aufreizung zum Verbrechen liegt, wird wohl außer dem Staatsanwalt niemand ve» stehen. Der Prozeß kommt vor die Geschworenen. potireltlcstes, SertcbvUcbes ufw, Das Arbeiterlicderbuch vor dem Reichsgericht. Das Arbeiterliedcrbuch bildete am Dienstag den Gegenstand einer Verhandlung vor dem Reichsgericht. Das Landgericht II in Berlin Hai am 19. Oktober 1911 den Geschäftsführer Ge- nossen Robert II m b r e i t, der vom Erscheinen entbunden war, wegen Anreizung verschiedener Bevölkcrungsklasscn zu Gcivalt- tätigkcitcn gegeneinander zu 39 M. Geldstrafe verurteilt und außerdem auf Unbrauchbarmachung des ganzen Textes der in dem vom Allgemeinen deutschen Arbeiterverein herausgegebenen Ar- beitcrliederbnchc enthaltenen Lieder„Die Arbeitsmänner" und das „Bundeslied" erkannt. Der Angeklagte hatte sich darauf berufen, daß in seiner Heimat(Ruhrgcbiet) das„Bundeslied" seit langer Zeit von der Polizei uubeansiaudet gesungen werde und daß das Landgericht D o r t m u n d das Lied„Tic Arbeitsmänner", abgc- sehen von zwei Strophen, die cS ausgemerzt hat, als harmlos au- erkannt habe. Das Gericht war aber der?lnsicht, daß er den straf- rechtlichen Dolus gehabt und das Dortmunder Urteil nur als Teck- mantel benutzt habe.— In seiner Revision behauptete der Au- geklagte, er habe, da er vom Erscheinen entbunden war. nickt zu einer Nebcnstrafe verurteilt werden könne», die in der Unbrauch- varmachuug zu erblicken sei.— Das Reichsgericht verwarf die Revision. Es hält an einer früheren Entscheidung fest, wonach die Unbrauchbarmachung keine Nebenstrase ist, sondern eine richterlich auzuprdncnde vorbeugende Maßregel polizeilicher Natur. Daher Arbeitsnachweis: H°s I. Amt Norden, Nr, mg, ITerwaltiiiipstelle Berlin Charit�strnstc 3. Hauptbureau: Hos in. Amt Norden, Nr, 1987 ' Achtmigi Mmg! Sonntag, Zt. März I1S1Ä, vormittags 10 Uhr: Kranchett-Uvrsammlung der Schlosser Berlins und Umgegend in der„Neuen Welt"(großer Saal), Hasenheide 103—114. Tagesordnung: I, Bericht über die lebte» Berhandlungen mit der Meister- koniinission. 2. Diskussion. Kollegen! In dieser Versammlung soll über Annahme oder Ablehnung des neuen Tarijs entschieden werden. Es ist deshalb in Ihrem eigenen Interesse dringend notwendig, daß Sic jür einen guten und zahlreichen Vcrsanmilungsbesuch sorgen! UM- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.-M> A»t»«g! Rohrleger u. Helfer! Sonntag, 31. März ISIS, vormittags 10 Uhr: Allgcilikine öraiillstn-httsMilllililg der Rohrleger u. Helfer Groß-Berlns in den Andreas-Feftsälen, Andreasstr. 21. Tagesordnung: I. Bortrag deS Stadtverordneten Genossen Max Grager. 2, DIZ- kusfion. 3. Branchen« und Verbandsangelcgenheiten. 4, Verschiedenes. Im Interesse aller Kollegen liegt es, bestimmt und pünktlich zu er- scheinen, da wir srühzeitig den Saal räumen müssen. Sonntag, ZI. März 101S, vormittags 10 Uhr: Kranchrn-Uersammlung aller in der Metallindustrie beschäftigten Maschinenarbeiter und Zlrbeiterinnen in dem Musiker-�estsälen, Kaiser-Wilhelmstr. 118m. Tagesordnung: 1. Jahresbericht der Agitationskommisfion, 2. Diskussion. 3. Neuwahl des Branchenlciters und der AgitationSkommissson. 4. Verbandsangelegen- heilen. S, Verschiedenes. 114/17 Diese Versammlung ist die wichtigste des JahreS' und sind deshalb alle in der Metallindustrie beschäftigten Hobler, Stößer, Fräser, serner Schnitt- arbeiter, an Ziehpressen und Stoßwerke» beschästigten Kollegen und alle an Maschinen tätigen Arbeiterinnen verpflichtet, in dieser Versammlung zu er- schetnen, Besonders hierzu eingeladen werden die Kolleginnen und Kollegen der Großbetriebe: A. E.-G., Ilergmann, Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik. A. Uorslg und die Kollegen der Firma lStoizenhers, Reinickcndors-West, Sonntag, 31. März 191S, vormittags 10 Uhr; sbb Versammlung™ siimtlicher in der Kchraubeubranche beschäftigten Ante- :: mateneinrichter und Einrichter an Einielbänken:: in den Arminhallen, Kommandantenstr. 59/39. Tagesordnung: 1. Vranchenangelegenheiten. 2. Diskussion, 3, Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltuug. 'Versvaltung Berlin. Heute, Freitag, abends SV« Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel- ufer 14/15, Saal 4(Arbeitslosensaal): Sitzung der Ortsverwaltung. Kamm-, Haarsehmuck- und Kragenstäbchenbranehe. Montag, den 1. April, abends 8 Uhr, bei Merkowski, Andreasstraste 3«: Krauchen-Versammlung. Tagesordnung: 1, Bericht von der Gaukonserenz, 2, Bericht von der Generalversammlung, 3. Anträge zum Verbandstage, 4. Verbands« u. Branchenangelcgenheilcn. Llrunta-V orstellung Taubenstraste 48/40 Sonntag, den 7. April 1912(1. Osterfriertag): � Von jVIeran zum Ortler.- Vortrag mit Lichtbildern. Der Phhfiksaal wird um 4 Uhr geöffnet. Die Vorstellung beginnt pünktlich b Uhr.— Billetts a S5 Ps. inkl. Garderobe sind in allen Zahlstellen sowie im Bureau, Engeluser 14/15, zu haben. Die Zahlstelle 30 ist von Nosenthaler Str. 57 nach Sophienstr. 2 bei Philipp Hummel verlegt. 81/2 Die DrtsTerwaituntx. Zentrakrband der Dachdecker Verwaltungsstelle Berlin. Sonntag, den 31. März, vormittags 10 Uhr: Petfamlititg der DchdeillnMglirlmtn im Gcwerkschaftshause, Engclufer 15, Saal 3. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Lohnfrage. 2, VerbandSangelegenhciten. Vollzähliges Erscheinen der Bcrussgenossen crwarlet M/7 Der Torstand. Sechster Wahlkreis. «onntag, 31. März, abends O'/s Uhr, in Obiglos Festsälen, Schwedter Str. Ä3/S1: Oeffenlliehe politisehe Versammlung für Männer nnd Frauen. Berühmte Frauen. SW Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein und Tanz.-UHI ■>27/4* d. Der Einberufer; Wilhelm Banmann, Rheinsberger Straße 67. Meiler- Raillalpep- BüdiI Solidarißt Ortsgruppe Berlin. Tonren zum Sonntag, den 31. März: 1. bis 11. Abt.: l Uhr: Bernau fSalzmann). Start an den bekannten Stellen. It. Abt.: Am 3. April: 9 Uhr: Lehnitzsee-Oranienburg. Start: Gr. Hamburger Str. 18/ 1 9 10/20 Achtung, Abteiluiigsleiter? Material zur Dclegiertenwahl ist beim Genoffen Schönfeld, Eisenbahnstr, 34, abzuholen. Der Zentralvorftand. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Äk 10—2. 5—7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Permanente MÖBEL Ausstellung Bürgerlicher WohHanas-Elnrlthlnn�en von 200 bis lOOOO MarK Moderne Wohnzimmer Moderne Schlafzimmer- Moderne Speisezimmer Moderne Herrenzimmer ------ Moderne Salons-------- Moö. buntfbg. Kücheneinrichtung. Vollstandlae Auaslattsng von Pensionaten, Villen, Hotels usw. CiBnatige X.hlunuflbediognnyrii. Barzahlung 50/o Rabatt! Buichtlgung ohne Kautiwang erwOntcht, Direkter Verkauf an daa Prlratpublikum. Frete Zusendung durch eigene Gespanne für Gross-Berlin Gebantto MObel können bcliebio lange frei lagern. Versand durch gsnzDeutsehUnd frachtfrei. Gelegenheitskäufe in gehraucb'.en und lurUckgeiettten Kdbeln. Berliner HiM-Holte Joider Inh. Rieh. Thiele 08 tanlMostr. 08 EckeBorsigsfraße, vis>ä>vis Stetliner Bahnhof. 1. Geschäft: Ackerstrasse 120 Speicher u. Mst&tt invfiiidenstrasse 118. Zeichnungen aller Art liefert billig 836b' R. Krahmnnn. 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Charlottenburg, Joachimstbaler Str. 40 Diegmann, A., Ziegelstr. 26 Dittmann, A., Friedenau. Jsoldestr. 5 Dobberstein, Dresdener Str. 42 Ebenstem, Unter den Linden 40/41 Chrich, Albert, Maucrstr. 95 Ehrlich u, Danz, Mittelstr. 9/10 Ehrlich, Alexandcrstr. 2 Ellrot, Inh, Rud. Pabst, Unter den Linden 57 Engel, W,. Klosterstr, 37 Eppendorf, Französischestr. 62 ESders u, Dyckhoff, Gertraudtenstr. 8/9 Exiner, Charloitenstr. 79 Fabian u, Hrich. Unter den Linden 71 Faethe. Königgrätzer Str. 83 Faßkcssel u.Münlmann, Unt.d,Linden2 Fischer, Ludwig, Unter den Linde» 47 Fordan, Zimmcrilr. 29 Förder, I,, Kursürstcndamm 20/21 Frank u, Co.. Französischestr. 49 Franz, Heinrich. Marlgrasenstr. 67 Geduldig, Joachimstbaler Str. 9 Genkel u. Freitag, Potsdamerstr. 13 Genossenschast, Erste Produktiv-, Kom- mandnntenstraß« Gerson, Herm., Wcrderschestr. 5/8 Goldschmidt, Friedrichstr. 150 Gollop, Louis, Unter den Linden 15 Graetz, Gebr., Nächst. Lust u. Türk« seid, Wallstr. 1 Griewisch, Fr,. Unter den Linden 53 Kroß u. Markmann, Mohrenstr. 53 Grüder. M,. WUHelmstr. 23 Gründler, Schützcnstr. 53 Wumpert, S,, Steglitz, Albrechtftr. 3 Haenjch, Kruppstr. 5 Hansoii, Paul, Grenadierstr. 22 Haustein. Oranieustr. 123 Heckenbcrgcr u. Becker, Unter den Linden 48/49 Herpich Söhne, Leipziger Str. 9/11 Herz, D., Französische Str. 33 Herzberg, Guft., Zimmerstr. 24 Heyder u. Jean Jaques, Unter den Linden 33 Hillmer, Dorothecnstr. 54 Hmkcl, Französische Str. 19 Hofsmann, Hermann, Friedrich- sträße 50/51 Holters, Wilh,, Luisenstr 41. Homuth, Eharlotlenburg, Kaiser- Friedrich-Str. 48 Horwitz u. Co,. Mohrenstr. 25 Hrneir u. Malirski, Unter den Linden 20 Janlowski, Charkotlcuburg, Bismarck- straße 9 Jarh, Peter, Französische Str. 49 Jffland, Ernst, u. Sohn, Charlotten- straße 48 Jockey-Klub, Unter den Linden 75 Johnnnsonn, Neandcrstr. 25 Isert, Friedrichstr. 113 Jürgens, Friedrichstr. 216 Katzenberger, Anbaitstr, 17 Keller u. Furch, Friedrichstr. 183 Kern u. Tschirbs, Cbarlottenftr. 88 Kirschstein u, Co,, Charlottenstr. 49 Knape, E., Fasanenstr. 17. Knebel, Friedrichstr, 30 Knenbühlcr, Krausenstr, 69 Koppel u, HiiscS, Dorolheenstr. 42 Koppel, M., Kronenstr. 66/67 Kosloivsln, Kanoilierstr. 3 Koste u, Boldt, Maucrstr. 77 Köß, Französischestr, 52 Krause, Charlottenstr. 1 Kriewitz u. Borgward, Kanonierstr, 10 Tarif der Herrenmaßschnetder nicht Kröhan, Charlottenburg, Wallstr, 30 Kruse, M,, Oranienburger Str. 4 Kühne, Ed., Friedrichstr. 72 Kunz u. Aorizet, Neustädtische Kirch» straße 3 Kurta, Friedrichstr. 153» Levy, Unter den Linden U Lcwühal, Mauersir, 2 Lewke, Scydelstr, 31 Lewlowitz, Mexanderstr. 14s Lichtcnstein u, Thurow, Mauerstr, 3 Liebenihal, Hugo, Unter d Linden 54/55 Lindemann, B, u. Westendors, Inh. Zibbei, Dresdener Str. 56 Lingott, Gebr., Alexandrinenstr. 67 Lippmann, Benno. Leipziger Str. 30 Lubahn vorm Stein, Schadowftr. 4/5 Lucht, Jägerstr. 69, 2 Tr. Lukas sc., Mohrenslraße Magnus, Unter den Linde» 69 (Krakow) Mathias u, Schade, Beffelstr. 11 Matz. Brüderstr. 13 Maurer, Rud,, Friedrichstr. 65» Mayer, Freitag Nachs,, Friedrich- straße 36» Mehl. Chausseestr, 124 Meyer, Mohrenstr, 9 Menhöfer. Friedrichstr, 187/188 Möller Söhne, Friedrichftr, 35 Müller, Fritz, Gr. Frankfurter Str. 95 Müller, Otto, Oranieustr, 30 Musa, Friedrichstr. 72 Nachmann, Alte Schützenstr. 1 Nielsen u, Thuiln. Charlottenstr. 84 Nos u. Schulze, Unter den Linden 2» Peel u, Cloppenburg, Gertraudten- str. 25/27 Pix. Mois, Marlgrasenstr. 80 Piusliewitz, Marlgrasenstr. 22 Pock�rny ü. Görke, Friedrichstr, 211 Probst u, Lemke, Friedrichstr. 44 Priebe, Luisenstr. 27 Prince os Wales. Friedrichftr. 188 Richter. Franz, Kanonierstr. 6, I Riethmüller. Molkenmarlt 5 Robrecht, Jägerstr. 18 Romann, Krausenstr. 4/5 Rönsch, Charlottenstr. 86 Rückert, Emil, Mohrenstr. 58 Rüdiger u. Suhr, Rosenthaler Str. 45 Rudolf, Gertraudtenstr. 10/12 Rund u. Co., Alexanderstr. 37s Salzwedel, Mohrenstr. 53 Samtcr u. Happeck, Charlottenstr. 59 Schachtel, Alcranderstr, 50 Schafus u. Signiund. Krausenstr. 12 Schalin, Unter den Linden� 52 schimmler, Königgrätzer Str. 4 Schöndube, Friedrichstr. 167/168 Schöning u. Lindner,.Krausenstr. 35/26 Schramm. Kochstr. 18 Schulmeister, DreSdenerstr. 4 Schulte, Inh. Brodersen, Krailsenftr.71 Schulz, Gebr., Martgrasenstr. 46 Schwarz, Lud., Friedrichstr. 158 Sebastian u. Storck, Mittelstr. 18 Segall, Leipziger Str. 30 Selig, Arnold, Unter den Linde» Sendke, Dorotbcenitr. 30 Siggcr u. Lorenz, Jägerstr. 8 Sitzki, Martgrasenstr. 75 Skala, Unter den Linden 10 Slobinsky u. Grünmayer. Kochstr, 11 Spicher, Karl, Niederwallstr. 26/27 Sleinberg, Joh,, Inh, Minak u. Stein- berg, Neustadt. Kirchstr. 15 Stelzner, Charlottenstr. 48 Stephan. Französischestr. 19 Steuer, R„ Kommandantenstr. 43 Siicr, Karl, Oranienstr. 166 Stolzenberg, Oranienstr. 72 Tackmann, Jerusalemer Str. 9 Thiel, Unter den Linden 51 Tollsdors(Englisch Compagni»), Unter den Linden 66 1 Torller u. Sohn, Französischestr. 13 Treitel, Werderstr. 6 Tributh, Friedrichstr. 204 Truntz u. Voß, Bchrenstr. 28 Tschirbs, Friedrichstr. 54 Vandsburger, Friedrichstr. 7 Vortrefflich, Friedrichstr. 143 Warenhaus sürAlrmee und Marine Wcllhausen, Neue Wilhelmstr. 2 Mendt u. Redlich. Unter ven Linden 29 Werner, Anton, Charlottenburg, Knese» beckstraße 88 Wolff, M,. Leipziger Str. 105 Wolfs n. Schulz, Friedrichstr. 49» Woormann, D,, Französische Str. 46 II Zobel. Karl, Köpenickcr Str. 124 Zvltermamt, M,». Haß, Behren- Pratze 24 Ueber die genannten Firmen wird hiermit die Sperre verhängt. Die Schneider Bocattus, Palisadenftr. 31, vorn II: Joseph Gaczareck, Eisasser Str. 41; Lieder. Gartenftr, III, vorn II. und Sydow& Strecker. Tcmpeihos. Berliner Str, 14. sertigen Streik- arbeit an und vermitteln solche. Ueber deren Werlstättc» wird hicrmil die Sperre verhängt. 1�/4 Die Ortsverualtmigr. ■»1.1 T VE SB.<■■■«■• �UiltUIV W.LUQt.—»�—1 Z-liy<■ J löerantwonltcher isteds/keur: Albert Wachs�Berltn. Kür de? Lnseralenteil verantw.: TH Glocke, Berlin. Druck u. Pcrlag: Vorwan» Kuchbruikc«! lt.!ötriag»anl««it tzlaui Singer 8.40i Berlin yr. 75. 29. Jahrgang. 4. KeilW des Joraärts" Serlim PoMitt. Freitag, 29. Mar; 1912. parte!- Angelegenheiten. Zur Lokalliste! Mitteilungen zufolge finden am Sonntag, den 31. März, im Marinehaus am Brandenburger Ufer die Ringkämpfe vom Freien Bund deutscher Alhletcnvereine für die Olympiicken Spiele in Stock- Holm statt. Dag das MarinehauS der organisierten Arbeiterschaft nichl zur Verfügung steht, bringen wir dies hiermit zur Kenntnis. Im o. Kreise hat das Lokal Guttempler-LogenhauS, Linien« strage 121, den Besitzer gewechset; der jetzige Inhaber Herr B. Nähring stellt uns das Lokal nach wie vor zur Verfügung. In Biesdorf-Süd N.-B. steht uns das Lokal Zum Waldrestaurant, Inhaber Pflug, zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung. Aus Malz bei Grabowsee wird mitgeteilt, daß uns nur der Gasthof Zum Waldschlößchen, Inhaber H. Neuber, zur Ver« « lügung steht. I» Papenberge P.-O.-H. hat daS Lokal Havelschloß, Papenberge, den Besitzer gewechselt; der jetzige Inhaber Otto Schöne stellt sein Lokal zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung. __ Die Lokalkommission. Nowawes. Sonntag, den 31. März, nachm. 3 Uhr, findet auf dem Friedhof in der Goethestraße die feierliche Enthüllung des Denk- steins für den Genossen G r u h l statt. Die Gedächtnisrede wird der Genosse Z u b e i l halten. Der Vorstand des Wahlvereins. Der Ausschuß des Gewerkschastskartclls. Tie am 10. April fällige Wahlvereinsversammlung fällt der Lsterfeiertage wegen aus. Dieselbe findet am 17. April statt. Berliner �acdricbten. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Die Stadtverordneten erörterten gestern die Frage, was man von dem Hagenbecks che n Tierpark erwarten darf, der in der Jungfernheide als ein Gegenstück zum Zoologischen Garten geschaffen werden soll. Um zu ermög- lichen, daß das geplante Unternehmen zustande kommt, will der Magistrat das für den Tierpark in Aussicht genommene Gelände mit einer Hypothek von 1 Million Mark beleihen. Die Stadtverordnetenversammlung ist geneigt, hierauf einzugehen, doch wird sie auf Antrag der sozialdemo- kratischcn Fraktion erst noch in einem Ausschuß sich die Sache genauer besehen. Genosse Heimann brachte einige Bedenken vor. die nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen sind. Unter anderem vermißte er die genügende Sicherheit dafür, daß der minderbemittelten Bevölkerung, auf deren Teilnahme der Tierpark bei seiner Lage im Norden Berlins besonders angewiesen ist, dauernd durch ent- sprechend mäßige Eintrittspreise der Besuch ermöglicht werden wird. Heimanns Mitteilungen über den wenig günsNgen Eindruck, den er von Hagenbecks Tierpark bei Hamburg empfangen hat, wurden vom Stadtv. Cassel mit einem Loblied auf jenes Hamburger Unternehmen beant- wartet. Tie Zukunft wird lehren, wie weit die Befürchtungen, die gegenüber dem Berliner Projekt sich aufdrängen, berechtigt waren. Tic sozialdemokratische Fraktion der Berliner Stadt- dcrvrdnctcnvcrsammlung hat folgenden Antrag gestellt: Die Stadtverordnetenversammlung ersucht den Magistrat, in einer an das Abgeordnetenhaus zit richtenden Petition gegen den Gesetzentwurf über die Ausübung der Armenpflege bei Arbeitsscheuen und säumigen Nährpflichtigen Stellung zu nehmen. Der„Weg zum Herzen der Jugend"! Dem Gründer des„I u n g d e u t s ch l a n d b u n d', Generalfeldmarschall Freiherr v. d. Goltz, hat die vom Berliner Lehrer verein herausgegebene.Pädagogische Zeitung", Haupt vrgan des Deutschen Lehrervereins, ihre Spalten zur Aufnahme eines Werbeartitels geöffnet. Ob der Generalfeldmarschall das Lehrerblatt uni diesen Liebesdienst ersucht hat oder ob vielleicht die„Päd. Ztg." selber von Er. Exellenz einen Beitrag aus ge- schätzter Feder erbeten hat, das wird weder von dem Verfasser noch von der Redaktion imt einer Silbe angedeutet. So oder so, zu denken gibt die Tatsache, daß ein Generalfeldmarschall sich unter die Volksschullehrer mischt und ihrem Preßorgan einen Artikel stiftet, um die Lehrerschaft zur Werbearbeit für seinen..I u n g d e u t s ch l a n db u n d" zu animieren. Der Artikel des Freiherrn v. d. Goltz ist interessant, weniger durch das, was er sagt, als durch das, was er nicht sagt. Uebcr Zweck und Ziel des„Jungdeutschlandbund" schreibt er: „Seine Aufgabe soll es sein, die Bestrebungen der Zahlreichen auf die körperliche Ertüchtigung unserer Jugend hinarbeitenden großen und kleinen Vereinigungen zusammenzufassen und den von den Regierungen geschaffenen Jugendpflegeanstalten in wohl- organisierter Weise freiwillige Hilfsdienste zu leisten." Tie körperliche Ertüchtigung, die Pflege der Leibesübungen, tws wird als das Wichtigste in den Vordergrund gerückt. Vergeb- lich sucht man in dem ganzen Artikel nach einem Wort über die sogenannten„U in st u r z b e st r e b u n g e n", vor deren Einfluß der?! achwuchs des arbeitenden Volkes durch die aller niodern st e Jugendpflege möglich st lange bewahrt bleiben soll. Wie der„Jungdeutschlandbund" hierzu sich stellt, das wird durch die folgenden Sätze nur angedeutet: „Daß mit der körperlichen auch eine sittliche Festigung ge- fördert wird, ist selbstverständlich; denn die Arbeit für jene bildet ein wesentliches Mittel, die der Aufsicht der Schule entwachsenen Jugendlichen den verderblichen Einflüssen des modernen Kultur- und Erwerbslebens zu entziehen..... Sodann steht der Bund in seinem Empfinden ganz auf nationalem Boden. Liebe zuni Vaterland. Treue zu Kaiser und Reich sollen von ihm sorgfältig gehegt und gepflegt werden." Natürlicb! Und ,.pa rteipolitische Rücksichten und einseitige Tendenzen" sollen der„Jugendpflege" fern- gehalten werden, versickiert Se. Erzellenz sogleich in den ersten Zeilen �es Artikels, unter Hinweis auf die Beschlüsse des sechsten Preußisch-" Jahrestages. Gegen die irgendwo aufgestellte Forderung, der Bund solle auch„Pflege des religiösen Lebens" in sein Programm aufnehmen, wendet Freiherr v. d. Goltz ein, daß hierzu die jungen Offiziere, die im„Jungdeutschlandbund" sich betätigen wollen, doch wohl nicht geeignet seien. Er sagt: -Sie werden sicherlich Tüchtiges leisten, wo es gilt, die Jugend zu üben, zu kräftigen, abzuhärten, ihr frischen Sinn, frohen Mut und schnellen Entschluß heizubringen; ob sie aber besonders be- sähigt sind. daS religiöse Leben zu fördern, wird billig dem Zweifel unterworfen sein." Wenn wir uns recht erinnern, hat einmal Wilhelm II. als oberster Kriegsherr die Rekruten belehrt, daß nur ein guter Ehrist ein guter Soldat sein könne. Warum sollten da die guten Christen, die hiernach sich unter den Offizieren gewiß in großer Zahl befinden werden, nicht den Versuch machen, auch mit den Pastoren zu wetteifern? Daß sie neben den Lehrern sich sehen lassen dürfen, sagt Freiherr v. d. Goltz der Lehrerschaft in ihrem Preßorgan mit dürren Worten. Er rühmt: „Offiziere sind seit Jahren mehr, als bekannt ist, am Wecken der Jugendpflege tätig und haben bisher alle Bedenken an ihrer pädagogischen Befähigung auf diesem Gebiete entkräftet. Das Märchen vom ausschließlichen Paradedrill, der in der Armee herrscht, gehört älteren Zeiten an; die heutige Ausbildungsmethode ist eine ganz andere." Die pädagogische Befähigung der jungen Offi- ziere wird von denjenigen Lehrern, die Soldat waren und selber die Offiziere als Erzieher kennen gelernt haben, am besten ge- würdigt werden können. Es ist ein Trost für die Lehrer, daß der Generalfeldmarschall daneben auch ihnen noch eine kleine Rolle in der Jugendpflege zuweist, indem er anerkennt: „Damit soll jedoch die Bedeutung der deutschen Lehrerschaft für die körperliche Ertüchtigung nicht in Zweifel gezogen werden. Ein frischer Sinn lebt heute in ihr, der dem trockenen Magister- tum, das ihr früher vielfach zum Vorwurf gemacht wurde, ab- hold ist," Schließlich kommt sogar das Eingeständnis: „Der„Jungdeutschlandbund" ist sich auch wohl bewußt, daß er ohne bereitwillige Unterstützung der deutschen Lehrerschaft nicht zum Ziel gelangen kann. In den Städten fände sich zur Not noch andere Hilfe, auf dem platten Lande sind sie ganz unent- behrlich." Gewiß! Die Lehrerschaft ist dem„Jungdeutsch- landbund" unentbehrlich, weil er ihre Handlanger- dienste braucht. Das sagt V. d. Goltz in folgenden Sätzen: „Der Lehrerschaft steht in der Schulzeit der nächste Weg zu den Herzen der Jugend offen; sie kann sie am ehesten für die Ziele des„Jungdeutschlandbundes" gewinnen. In ihrer Hand liegt hauptsächlich die Werbung für den Eintritt in die Jugend- pflegevereine für die Zeit der Schulfreiheit bis zum Eintritt ins Heer, das dann die Weiterbildung übernimmt." Wir empfehlen allen Eltern sich diese Sätze recht genau ein- zuprägen. Lehrer und Offiziere werden rasch genug merken, wie sehr der Weg zu den Herzen der Jugend des Volkes ihnen verschlossen bleibt. Der Zusammenbruch eines großen Geschäftes wird im Zen- trum der Stadt viel besprochen. In der Seydelstraße Nr. 10/11 und 12/13 befanden sich seit dem 1. April v. I. die Räume der Passementerie von Hugo W. A. Müller und der Konsektions-Neu- beiten von Bogl u. Co. Inhaber beider Geschäfte ist der Kaufmann Hugo Müller, Generalkonsul der mittelamerikanischen Republik Costarica, der in der Waldemarstr. 80, an der Ecke der Itordstern- straße zu Sckflachtensee, in seiner eigenen Villa wohnte, und das Bureau des Generalkonsulats neben seinen Geschäftsräumen unter- lnelt. Diese gehen durch die ganze Flucht des ersten Stockes beider Häuser durch und kosten jährlich 15 000 M. Miete. Hugo Müller, der sich zwei kostbare Privatkraftwagen hielt, galt im ganzen Viertel als ein millionenreicher Mann; um so mehr wunderte man sich, als heute morgen Angestellte, die ihren Dienst antreten wollten, die Räume verschlossen fanden und wieder umkehren mußten. Im Laufe des Vormittags erschien ein Leonhirsverwalter mit einem Krafttvagen und holte alle Bücher ab. Bald wurde bekannt, daß die Betriebe des vermeintlichen Millionärs zusammengebrochen und in Konkurs geraten sind. Man spricht von einer Unterbilanz, die in die Hunderttausende gehen soll. Auch Banken sollen Verluste erlitten haben. Als seine Verhaftung vorgenommen werden sollte, war M. schon verschwunden. Daß die Schuldenlast des Verschwundenen sehr bedeutend zu sein scheint, geht daraus hervor, daß nach dem Bekanntwerden des Zusammenbruchs der Geschäftshäuser schon über 20 Gläubiger in der„Handelsstätte am Spittelmarkt" waren, hie jedoch wieder umkehren mußten, weil sie alles verschlossen und versiegelt fanden. Wie aus Branchekreisen versichert wird, genoß Müller durch den Konsultitel einen fast unbeschränkten Kredit. Da er in den letzten Monaten größere Zahlungen zu leisten hatte, wandte er sich an mehrere mit ihm in Verbindung stehende Ge schäftsleute und nahm bei diesen Kapital in Höhe von zirka 1 7 0000 M. auf. Unter anderem akzeptierte ihm einer seiner ältesten Freunde Wechsel in Höhe von 5 0 0 0 0 M. Da diese zu Protest gingen, war der Geschädigte, der sein gesamtes Vermögen hergegeben hatte, gezwungen, in Konkurs zu gehen. Ferner ist nach gewiesen worden, daß Müller sich in Terrainspekulationen einge lassen hat, die ihm nahezu 600000 M. gekostet haben. Er geriet in den letzten Monaten in derartige Kalamitäten, daß er seinen Verpflichtungen auch nicht mehr im entferntesten nachkommen konnte und sogar seinen Angestellten gegenüber mit der Provision im Rückstand blieb. Tie Geschäftsbücher sollen nach zuverlässigen Mitteilungen nicht richtig geführt und deshalb von einem seiner Hauptgläubiger?lnzeige gegen Müller erstattet worden sein. In der Tat hat Müller, der von einer derartigen Maßnahme benach richtigt worden war, vor zwei Tagen Berlin im Automobil ver lassen, um angeblich nach der Schweiz zu reisen. Die Geschäfts� bücher wurden am Tonnerstag mittag von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und der Steckbrief hinter Müller erlassen. Das Geschäft wurde gestern geschlossen und den Angestellten mitgeteilt, daß sie zum 1. Mai gekündigt seien. Todessturz ans dem vierten Stockwerk. Auf entsetzlicbe Weise hat das dreiundzN'anzigjäbrige Dienstmädchen Frida Krüger ans der Fregestraße den Tod gesucht. Die K. war in einer Kaufmanns- familie bedienstet. Sie zeigte in der letzten Zeit ein recht nieder- geschlagenes Wesen, dessen Ursache man aber nicht zu ergründen vermochte. Daß die K. mit Selbstmordgedanken umging, ahnte man nicht. Gestern eilte die Unglückliche in dem Moment, als die Dienstherrin das Wohnzimmer verlassen hatte, ans Fenster und stürzte sich ans der Höbe des vierten Stockwerks auf die Straße binab. Mit.zerschmetterten Gliedent blieb die Lebensmüde ans dem Bürgersteig liegen. Ein sofort binzngenisener Arzt vermochte bei dem jungen Mädchen nur noch den Tod, der auf der Stelle ein- getreten war, festzustellen. Eine kostspielige Bierreise machte ein hiesiger Kaufmann durch Berlin bei Nacht. Der Mann machte ein Geschäft, bei dem er 5000 M. verdiente, viel mehr als er erwartet hatte. In seiner Freude beschloß er, den Abschluß ordentlich zu begießen, und lud dazu mehrere Freunde, die ihm bei den Verhandlungen geHolsen halten, aus Dankbarkeit ein. Leider war er so unvorsichtig, den Gewinn nicht erst beiseite zu legen, sondern sn der Tasche zu be- balten Tie Gesellschaft geriet endlich schon stark angeheitert in ein Cafe in der Nähe des Oranienburger Tores, Tort lernte der Kaufmann ein Mädchen kennen. Mit diesem trat er nach einer weiteren Zecherei den Heimweg an. Von dieser Zeit an hörte sein Erinnerungsvermögen auf. Mit einem furchtbaren„Jammer" und Schmerzen in allen Gliedern fand er sich morgens im Ge- wahrsam des Polizeipräsidiums wieder. Sein schönes Geld war bis auf 7,50 M. verschwunden. Wahrscheinlich haben das Mädchen und dessen Freunde den Mann gerupft und dann auch noch durchgeprügelt. Ein Schutzmann fand ihn endlich sinnlos betrunken in der Artilleriestraße an der Bordschwelle liegen und brachte ihn zu seiner eigenen Sicherheit nach dem Gewahrsam. Das angenehme Mädchen ist noch nicht ermittelt. Das aus dem Märkische» Museum entwendete Bild des Ma- lers Papicn ist, wie der„Vossischen Zeitung" von privater Seit« mitgeteilt Ivird, bei einem � Antiquitätenhändler bereits entdeckt und wieder dem rechtmäßigen Besitzer zugestellt worden. Eine Bc- stätigung der Meldung sowie eine Antwort ans die Frage, ob auch der Bilderdieb entdeckt sei, konnten an zuständiger Stelle nicht er- langt werden. Auf Anfrage beint Magistrat wird bestätigt, daß das Bild von einem Althändlcr, der es dem Diebe für 20 M. abgekauft hatte, der Leitung des Museums zurückgegeben worden ist. Erst nach abgeschlossenem Kaufe hat der Händler durch die Zeitun- gen erfahren, daß das Bild entwendet worden war. Auf Grund der von dem Antiquar gegebenen Beschreibung dürfte es wohl ge- lingen, den Dieb zu ermitteln. Zur Aufklärung des RaubüberfalleS, der im Südringzug auf die Kontoristin Frida Bürger verübt wurde, fand gestern eine Ortsbesichtigung statt. Es nahmen daran auch mehrere Zeugen teil, einige, die schon vorher vernommen worden waren, und ein anderer, der sich neu gemeldet hat. Dieser Mann macht sehr wich- tige Bekundungen. Er sah, ohne zunächst die Bedeutung der Ec- schetnung erkennen zu können, wie der Täter etwa 400?Neter vor dem Bahnhof Großgörschenstraße die Abteiltür eines der letzten Wagen, wahrscheinlich des vorletzten, des Zuges ein wenig öffnete und auf das Trittbrett heraustrat. Bald darauf erschien der Fahr- gast abermals auf dem Trittbrett und"ging bald wieder hinein. Endlich öffnete er die Tür ganz und kam wieder heraus. Jetzt zog er das Mädchen aus der Tür heraus, neben sich auf das Trittbrett und ließ es von diesem hinabfallen. Der Zug hatte unterdesseu seine Fahrt schon wesentlich verlangsamt. Wie die Lrtsbesichtigung zeigte, ist die Beraubte zunächst auf ein mit Eisenblech beschlagenes Brett gefallen, das sieb auf der Strecke etwa in der Höhe der untersten Trittstufe befindet. Von dort rollte es auf den Bahn- körper. Es schlug also nicht gleich auf die spitzen Steine des Dammschotters aus. Daraus erklären sich die verhältnismäßig unbedeutenden Verletzungen. Der neue Zeuge gibt von dem Räuber eine Beschreibung, die von der bisberigen erheblich abweicht. Nach seinen Beobachtungen ist der Täter nicht 1,82 Meter, sondern höchstens 1,68 bis 1,70 Meter groß. Er trug einen grauen Anzug und keine Kopfbedeckung. Wahrscheinlich hatte er Ueberzieher und Hut im Abteil gelassen, um sie erst nach Ausführung des Raubes wieder anzulegen. Von dem Räuber fehlt immer noch jede Spur« Ein Versicherungsschwindler ist in den letzten?Nonaten wieder- holt aufgetreten. Der Gauner„arbeitet" mit falschen Quittungen der Hamburg-Bremer Feuerversicherung. Er veranlaßt harmlose Leute, ihre Einrichtung durch ihn versichern zu lassen, nimmt ihnen Aufnahmegebühren ab und erscheint dann nach einigen Tagen wieder, um sich die erste Prämie zu holen. Zu spät erfahren die „Versicherten", daß sie betrogen worden sind. Der Stempel, mit dem die Ouittnngen gefälscht sind, trägt die Ausschrift„Generak- agentur E. Kube". Der Schwindler, der sich Bodshüber nennt, ist etwa 40 Jahre alt, mittelgroß und schlank, hat schwarzes Haar und Vollbart, ein längliches Gesicht und große(jutgepflegte Hände und trägt einen schwarzen Anzug, einen dunkelgrünen Ueberzieher, einen schwarzen steifen Hut und schwarze Lederstiefel. Die Leiche einer ungefähr 20 Jahre alten Frau wurde vor- gestern aus dem Karpfenteich zu Französisch-Buchholz gelandet. Tie Tote, deren Persönlichkeit sich bis jetzt noch nicht seststellen ließ, ist 1,70 Meter groß und hat schwarzes Haar und ein volles Gesicht und trug ein graues Jackett, eine grüngestreifte Bluse, eine schwarzwollene Weste, einen schwarzblau gestreiften Rock.�einca grünrosa gestreiften Unterrock, ein rosa Korsett, schwarze Schuhe und schwarze Strümpfe. Ihr Taschentuch war B. L. gezeichnet. Wege« eines großen Kellerbrandes wurde gestern die Feuer- wehr nach der Alten Schönhauser Straße 20 alarmiert. Dort standen in dem Eckhause an der Steinstraße die Kellerverschläge in großer Ausdehnung in Flammen. Diese hatten an Stroh, Kisten, Zelln- loidbällen, Verpackungsmaterial für Glassachen usw. reiche Nah- rung gesunden, so daß bei Ankunft der Wehr die Situation schon recht kritisch war. Die Feuerwehr gab mit mehreren Schlauch- leitungen kräftig Wasser, konnte aber trotzdem nicht mehr verhin- dern, daß mehrere elektrische Kabel total verbrannten. Das Feuer soll durch Unachtsamkeit entstanden sein. Vermißt wird seit dem 11. März der 75 Jahre alte Julius Geisler. Ter Vermißte ist klein und trägt einen Vollbart. Zweck- dienliche Meldungen iverden an die Polizei oder Brüsseler Str. 15, Seitenflügel III, an Hennings erbeten. Vorort- �aclrncbten« Neukölln sRixdorf). Stadtverordnetenversammlung.(Fortsetzung der Etatsberaiung.) Die städtische Fortbildungsschule sehließt in Einnahme und Ausgabe mit 70 200 M. ab. Der Zuschuß des Staates beträgt 12 000 M., während aus dem Stadtsäckel ein solcher von 50 640 M. nötig ist. Die Versammlung genehmigt dcbattclos diesen Etat. Beim Kapitel Kämmereiverwaltung beantragt Stadtv. H o p pe(Soz.) den Einnahmeposten an Gebühren für Erhebung d ew K i r ch e n st e u e r n, der mit� 5000 M. eingestellt ist, zu streichen. Die Einziehung ihrer Steuern möge den Kirchen- gemeinden selbst überlassen werden. Infolge lässiger Bearbeitung der Listen würde vielfach von Bürgern, welche längst der Kirche den Rücken gekehrt haben, die Zahlung von Kirchensteuern verlangt. Dadurch entstehen unseren Beamten so viele Scherereien und Be- lästigungen, daß die für die.Kirchengemeinden zu leistende Arbeit in gar keinem Verhältnis zu den paar tausend Mark, welche dafür gezahlt werden, steht. Der Kämmerer Stadtrat A r l a r t bestritt die letzten Ausführungen des Vorredners. Die gerügten Versehen bei Einziehung der Kirchensteuern seien Einzelfälle. Wir sollten uns die Einnahme nicht entgehen lassen.— Stadtv. Hoppe(Soz.) erwiderte, daß so einfach die Sache doch nicht läge; das werde be» wiesen durch die sich häufenden Pfändungen wegen der Kirchen- steuern. Die Persammlung lehnte den sozialdemokratischen Antrag darauf ab. Zum Titel Magistratsgehälter sprach Stadtv. W u tz k y (Soz.): Es müsse bei dieser Gelegenheit endlich einmal über die Art gesprochen werden, wie bei uns Personalfragen erledigt werden. Eine Ueberraschung seltsamster Art sei es gewesen, als ausgerechnet in dem Augenblick, wo die Schnellbahnfrage gelöst werden sollte, wo der Zweckverband Groß-Berltn ins Leben trat, der bisherige Dezer- nent für das wichtige Ressort des Verkehrswesens beseitigt wurve und einem Nachfolger Platz machen mußte, welcher naturgemäß weniger gut versiert sein konnte. Warum in kritischer Zeit eine solche merkwürdige Maßnahme? Man muß die Frage offen lassen, ob dadurch nicht die Neuköllner Interessen im Schncllbahnwcsen Schaden erleiden können. Jedenfalls sei ihm, Redner, bekannt ge- worden, daß der Berliner Oberbürgermeister über den Dezernats- Wechsel dem Sinne nach geäußert haben soll:„Das kann die Ver- ständigung zwischen Berlin und Neukölln schwerlich fördern." An- ders war es wieder in einem Fall, wo zugegriffen werden mußte. Jahr und Tag sei es her, daß unglaubliche Zustände im neuen Krankenhause festgestellt worden seien. Einschließlich Magistrat sei man sich in der Deputation einig gewesen darüber, daß hier cner gisch Wandel geschaffen werden müsse. Aber noch heute sei den Hauptschuldigen nichts geschehen— bis heute habe der Magistrat der Deputation nichts über seine Absichten gesagt. Das Gegenteil sei geschehen, als ein Wärter einen Arzt beleidigt haben sollte; ob' wohl der Beschuldigte es bestritt, wurde er sofort hinausgeworfen— nicht einmal die Nacht desselben Tages durfte er im Hause bleiben. Vor Gericht wurde dann schließlich auch der Beschuldigte frei- gesprochen; wiedereingestellt wurde er aber nicht; handelte es sich doch nur um einen simplen Arbeiter! In der Materialienverwal- tung führen die Stadtverordneten seit langem einen zähen Kampf um einen kaufmännisch geschulten Leiter des Lagers, damit dort endlich der Geschäftsgang beschleunigt wird. Ter Magistrat leiste dagegen beharrlich Widerstand. Er stelle jetzt einen Kaufmann an die zweite Stelle, von dem wohl erwartet wird, daß er sein fach- mannisches Können hergibt; zu sagen soll er aber nichts haben. Ein Mann, der etwas leisten kann, läge sich auf die Dauer nicht in eine derartige Rolle drängen. Es müsse eben ein Beamter an der Spitze bleiben, damit nur ja nicht die chinesische Mauer der Burcaukratie durchbrochen wird. Ganz anders sehe es in der Arbeitcrpolitik des Magistrats aus. Für die Beamtenschaft seien bekanntlich sichere Anslellungsverhältnissc Selbstverständlichkeiten. Dann müsse aber auch aufgehört werden, den Arbeitern ihre Rechte zu beschneiden. Tie eingesetzte Lohnkommission ider bezeichnenderweise wohl die Betriebsleiter angehören, aber keiner von den Arbeitern) treffe Entscheidungen, welche die 1908 eingeführte Allgemeine Arbeitsordnung stückweise außer Kraft setze und die Arbeiter um ihre Rechte an die Wohlfahrtseinrichtungen bringe. Und der Magistrat stimme immer ohne weiteres zu. Da sei es kein Wunder, wenn ein Geist in die Beamtenschaft der Betriebe einziehe, der selbst in einem Lohnbuchhaltcr schon die Hcrrenmoral Arbeitern gegenüber weckt. Der Pcrsonaldczcrnent des Magistrats liefere selbst dazu daS Vorbild. Ein Maschinenmeister wurde aus Stellung und Dienstwohnung mit der Familie geworfen, weil— sein Betrieb angeblich nicht sauber genug war. Seine Versuche, das Gegenteil unter Bc weis zu stellen, scheiterten. OmnibuSangestelltc, die Jahre im städtischen Dienst waren, wurden sofort entlassen; sie sollten ein paar unorganisierte Angestellte gekränkt haben. Sic bestritten das; es half aber nichts. Man wollte nach Scharfmacherart„Herr im Hause' sein; die beim Straßenrcinigungsinspektor unangenehm auffallenden Organisierten mußten hinaus. Derartige Fälle seien iwch mehr vorgekommen, die beweisen, daß nicht gerecht verfahren, sondern mit zweierlei Maß gemessen würde. Bei den höheren Be- amten und Angestellten wurde eine Nachsicht geübt, welche selbst schwere Schädigungen städtischer Interessen Übersicht. Das sei eine Methode, die nicht von sozialem Verständnis zeugt und die einmal öffentlich gekennzeichnet werden mußte.(Bravo! bei den Soz.)— Mit mehr Pathos als Ueberzeugungskraft wehrte sich Oberbürgev meister Kaiser gegen die erhobenen Vorwürfe. So wie die Stadtverordnetenversammlung sich ihre Rechte nicht nehmen lasse, so lasse auch er sich nicht sein Recht der Dczernatverteilung antasten. Er glaubt, der Berliner Oberbürgermeister hätte genügend guten Geschmack, um eine Aeußerung, wie die behauptete, nicht zu tun. Ein Schaden könne als Folge des Dczernatswechsels nicht bewiesen werden. Der Maschinenmeister sei nicht sofort entlassen, sondern gekündigt worden. Es sollen unverantwortliche Zustände in seinem Betriebe geherrscht haben. Als Beweis wußte der Herr Oberbürger- meister nichts weiter zu sagen, als daß irgendwo mal abgetropftes Oel am Boden gelegen habe. Ein ebenso großer Sünder soll der zitierte Wärter gewesen sein. Der Oberbürgermeister protestierte schließlich gegen den Vorwurf, daß der Magistrat kein soziales Empfinden habe, und fügte mit Emphase die Behauptung hinzu, Neukölln stehe in Groß-Berlin in Arbciterangelcgenheiten an der Spitze.(Zuruf des Stadtv. Wutzky: Das stimmt ja durchaus nicht!) Ten gemaßregelten Omnibusangestellten machte der Redner den billigen Vorwurf deS Tcrrorismuö gegen ihre Mitarbeiter, worüber prompt aus den bürgerlichen Reihen mit jubelndem Bei- fall quittiert wurde, lieber alle sonstigen tatsächlichen Angaben des sozialdemokratischen Kritikers schwieg sich der Herr Oberbürger- meister aber a»S; darüber will er nur in geheimer Sitzung reden. Er schloß mit der Behauptung, das System der Scharfmacher gebe es in Neukölln nicht; wo eS aber notwendig sei, greife man fest zu. (Lachen bei den Sozialdemokraten, Beifall bei den Bürgerlichen.) In den gleichen Bahnen bewegte sich die Abwehr der Stadt- räte M i e r und Dr. Mann, welch letzterer gar in den AuS- legungskünsten der Lohnkommission ein„Entgegenkommen" den Arbeitern gegenüber entdeckt hat.— Stadtv. Conrad(Soz.) rief dem Magistrat zu, er solle nicht so t u n wie ein harmloses Lamm auf grüner Flur. Es sei ja allerdings leichter, einen Ar- bester vom Omnibus herunterzuholen, als einem höheren Beamten eine Rüge zu erteilen. Bereits vor einem Jahr sei in der Mate- rialienvcrwaltung des Krankenhauses eine Schweinewirtschaft auf- gedeckt worden. DieDeputation habe bis heute noch nichts über Maß. nahmen des Magistrats gegen die Hauptschuldigen gehört. Dazu fehle anscheinend der Mut. Den sozialdemokratischen Stadtvcr. ordneten aber, die energisch auf Wandel dringen, habe man schon ins Gesicht gesagt, daß malt sie nicht als vertrauenswürdig be- trachte; das hat der Herr Oberbürgermeister fertig gebracht. Ter- artige verletzende Angriffe würden die sozialdemokratische Fraktion nicht abhalten, ganz energisch Ordnung und Gerechtigkeit herbei- zuführen.�— In gleicher Weise gingen noch die Stadtvv. Wutzky und Dr. Silber stein mit dem unhaltbaren Verwaltungssvstcm ins Gericht. Letzterer stellte fest, daß die bürgerliche Mehrheit in den Deputationen ebenso in Empörungen mache, ihr Beifall zu den Reden des Oberbürgermeisters also nur als Heuchelei zu betrachten sei.(Der vom Redner als Zeuge angerufene Stadtv. Prange hat inzwischen schnell den Sitzungssaal verlassen und erscheint trotz der Bemühungen seiner FraktionSfreunde nicht wieder.) Stadtv. Dr. Silber st ein zeigte an Beispielen, wie ratlos oft die De- zernenten selbst in P«rsonalfragen sind, weil sie da nicht drein- reden dürfen. Ebenso seien den Deputationen die Rechte be- schnitten worden wie nie zuvor.— In der langen und teils äußerst erregten Debatte versuchten noch wiederholt die schon genannten Magistratsmitglieder die erhobenen Vorwürfe zu entkräften; die Art. wie cS geschah, geigte aber, daß die Herren selbst fühlten, wie verloren ihre Sache war. Alle kniffligen Tatsachen verwiesen sie in die geheime Sitzung, wobei sie der Stadtverordnetenvorsteher kräftig.unterstützte; denn dieser wachte ängstlich darüber, daß unsere Genossen nur ja nicht gewisse Sünder zu deutlich kontcr- feiten. Im Schiffahrtskanal ertrunken ist vorgestern nachmittag die siebenjährige Schülerin Gertrud Kaufmann, die bei ihren Pflege- eltern. dem Bäckermeister Kiel in der Jnnstraß« 9, wohnte. Als da» Mädchen gegenüber dem Hause Weigandufer 27 spielte, kam es der Böschung des Kanals zu nahe und fiel in das Wasser. Eine Frau, die aus einem nahegelegenen Hause den Vorfall mitangeschen hatte, schrie um Hilfe, doch war die Kleine, ehe Leute herbeigeeilt waren, untergegangen und kam nicht mehr zum Vorschein. Nach 20 Minuten fand man die Leiche und brachte sie zu den Pflege- eltern. Ein Schauturnen mit nachfolgendem Tanz veranstalten die drei Fraucnabteilungen der Freien Turnerschaft Neukölln-Britz am Palmsonntag, den 31. März er., in Hoppes Festsälen(Jnh. Bartschi, Hermannstraße 49. Da das Programm sehr reichhaltig ist, wird die Arbeiterschaft freundlichst eingeladen. Anfang pünktlich b Uhr. In dem gestern veröffentlichten Bericht über die Generalver- sammlung des Wahlvereins sind einige kleine Fehler unterlaufen. Zunächst lautete der Kassenbericht vom 1. Juli bis 31. Dezember 1911(nicht 1912), ferner mutz es heißen: Außerdem wurden für die Krciskasse vereinnahmt und abgeführt für Broschüren usw. 1027,80 M., für Tellersammlung 149,60 M., in Summa 1177,40 M. Gchöueberg. Schule und Zukunftsstaat im Dreiklassenparlament. Ueber MefeS Thema referierte in einer hier stattgefundenen überfüllien Versammlung Landtagsabgeordneter Gen. B o r ch a r d t, der, wie unseren Lesern bekannt sein dürfte, am 23. März vom Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses verhindert wurde, auf Anfragen der Abgeordneten Heß und Hackenberg Antlvort zu geben. Die Herren wurden daher zu dieser Versamm lung eingeladen, leider hasten sie es trotz der zugesicherten Rede- freiheit vorgezogen, der Versammlung fernzubleiben. Der Referent rekapitulierte nochmals die Vorgänge, die sich aus Anlaß einer von ihm gehaltenen Rede zum Kultusetat abgespielt hatten. Alsdann behandelte er in großen Zügen die Schule und Erziehungsfrazc, dabei betonend, daß wenn dieselben in sozialistischem Sinne gelöst werden, allerdings erheblich größere Summen als jetzt beanspruchen würden. Solche Mittel aber seien vorhanden, wenn der Staat die go waltigen Summen, die er für Militär- und maritime Zwecke aus gebe, für unser Schulideal verwenden würde. Sodann setzte der Redner auseinander, wie der unsere Volksbildungsstätten bcem flussende Geist des Kultusministeriums hemmend auf die freie Entfaltung der Verstandes- und Geisteskräfte unserer Schuljugend wirke. Unsere Volksschulen auf ein höheres Niveau zu bringen, liege sogar im ureigensten Interesse des Staates. Am Schlüsse seines mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referates wider legte Borchardt die krausen Ansichten der Gegner, die diese über eine sozialistische Gesellschaftsordnung zum Ausdruck bringen. Nur wer unsere Gesellschaft als etwas Unabänderliches betrachte und die Triebkräfte der ökonomischen und geistigen EntWickelung außer acht lasse, könne von einer sozialistischen Utopie sprechen. Eine Gesellschaft aber, in der es weder Ausbeuter noch Ausgebeuteie gibt, werde auch die erforderlichen Mittel für unsere Unterrichts- ideale mit Leichtigkeit aufbringen. In der dem mit lebhaftem Bei fall aufgenommenem Referat folgenden Diskussion ckam zum Aus druck, daß die Arbeiterklasse immer mehr ihre Stimme gegen die preußische Dreiklassenschmach erheben und unsere geringe Anzahl Vertreter im Landtag durch energischen Kampf unterstützen müsse. Verhängnisvolle Folgen für die Passanten hätte am gestrigen Donnerstag beinahe ein Sturmschaden an der Königin-Louise Gedächtniskirche nach sich ziehen können. Gegen 5 Uhr nachmittags stürzte plötzlich vom Dache der Kirche ein etwa b Quadratmeter großer Ziegelfteinblock auf die Straße herab, wo er unter lautem Getöse in unzählige Stücke zersprang. Glücklicherweise find Per sonen nicht verletzt worden. Hätte sich der Unfall nur wenige Minuten früher ereignet, so hätten die Folgen sehr schwere sein können, da kurz vorher mehrere Frauen und kleine Kinder sich in unmittelbarer Nähe der Unfallstelle aufgehalten hatten. Die sofort benachrichtigte'Küsterei ließ unverzüglich durch Dachdecker das Dach der Kirche untersuchen, wobei sich herausstellte, daß außer dem herabgestürzten Tachteile noch eine große Zahl von Dachziegeln durch den Sturm völlig gelockert worden war, die jeden Augenblick hätten herabfallen können. Groft-Lichterfelve. In der lebten Gemeindevertretersibung wurde der Zuschuß der Gemeinde für die höhere Tankesche Mädchenschule von 3000 auf 4000 M. erhöht; da» Schulgeld für die neuerrichtete Seminar- übungS-(Mittel-) Schule für auswärtige Schülerinnen auf 8 0 M. normiert. Die zweite Lesung des Gemeindcvoranschlages pro 1912 brachte keine wesentlichen Äenderungen. Leider wurden die Ortszulagen der Gemeindeschullehrer in der Etatskommission abgelehnt und auch das Plenum billigte diesen Standpunkt. Beim Punkt„Polizeiverwaltung'' rief der Gemeindevertreter Zorn nach mehr Polizisten. Obwohl bekannt ist, daß die SicherheitS- vTrhältnisse des Ortes durchaus gute find und die Vermehrung der Polizeimannschaft daher unnötig ist. Aber eS sind„zu wcnig�auf der Straße" und deshalb, meint der Herr Gemeindeverordnete, könnte die Sicherheit leiden! Auch sprach er von„betrunkenen Kutschern"— sein Lieblingsthema—, gegen die eine imponierende Polizeimacht natürlich aufgeboten werden muß. Eine längere Debatte entfesselte ein Antrag des Gemcindeverordneten G e r S- bach auf Anrechnung der Dienstzeit der als Militäranwärter eingestellten Beamten der Gemeinde bezw. auf Bewilligung der infolgedessen erforderlichen Mittel. Der Antragsteller, der eine Kricgervereinsrcde aus dem ff. hielt, dem die Stadt Berlin nicht militärfreundlich genug ist. gebrauchte die gewiß geschmackvolle Wendung, daß die Kasernen eigentlich höhere Aufgaben zu er- füllen hätten als die Schulen, d. h. die Gcmeindeschulen! Er ver- wahrte sich deshalb auch dagegen, daß die Ortszulage der Lehrer mit dieser im Effekt auf Gehaltserhöhung hinauslausenden An- gclegenheit verquickt werden solle.— Gcmeindcverordneter S ch i r m e r, RiagistratSsekretär und Mitglied eines Krieg er- vereinS, verwies mindestens ein dutzendmal auf eine Kabinetts- order Seiner Majestät und meinte, das reiche Groß-Lichterfelde könne doch diese paar tausend Mark für die Militäranwärter noch aufbringen. Aber weder die KabinettSorderS Seiner Majestät noch der Hinweis auf da» reiche Lichterfelde— das sich übrigens erst einmal seiner sozialen Pflichten erinnern sollte— hatten die gewünschte Wirkung; die Angelegenheit wurde mit Hängen und Würgen an die Etatskommission verwiesen, au! der sie hoffentlich nicht mehr wiederkehren wird. Ein Nachtragsvertrag mit d«n Kreis wegen der Straßenbahnen wurde ohne Diskussion glatt ab- gelehnt. Auf die Herabsetzung der Fahrpreise, Aus- und Umbau der Bahnen. Einführung der Normalspur will der Kreis nur ein- gehen, wenn die beteiligten Gemeinden— Steglitz. Groß-Lichter- felde, Lankwitz— im Jahre 19 4 9 auch alle Schulden übernehmen, welche die Summe von 1 103 000 M. übersteigen. Den Vertrag pure abzulehnen, ohne Diskussion und nähere Begründung, erscheint durchaus unangebracht; die Gemeindebürger haben ein Recht, zu wissen, a u» welchen Gründen eine Vorlage angenommen oder abgelehnt. Gemeindemittel bewilligt oder verweigert werden. Schließlich ist nicht die Kommission, sondern das Plenum die ent- scheidende Instanz, die auch zuerst mit der Sache sich hätte be- fassen müssen. � Die Stichwahl zwischen unserem Kandidaten Gen. Wenzel und dem der vereinigten bürgerlichen Parteien hat leider mit dem •sieg des letzteren geendigt. Die sozialdemokratischen Stimmen stiegen von 436 auf 603, die bürgerlichen von 441 auf 666, darunter 0 4 Forensen. AlleS was abhängig ist, Beamte, Angestellte der Hauptkadcttenanstalt, Gemeindearbeiter usw., wurde von den Geg- nern restlos herangeholt. Im Vorraum deS Wahllokals waren eine Anzahl Schüler der höheren Lehranstalten postiert, um Schlepper- dienste zu leisten. Der Herr Kultusminister Trott zu Solz wird seine stille Freude an dieser Jugendbewegung im Dienste der bürgerlichen Parteien haben. Wäre die Arbeiterschaft bei der Hauptwahl, wo uns nur sieben Stimmen fehlten, nicht so sauin- selig gewesen, so wären her Partei hje Niederlage, Kosten und Arbeit der Stichwahl erspart geblieben. Der Boden in Groß- Lichterfelde ist zu hart, als daß wir auf eine Stichwahl und sehe sie noch so günstig aus, besondere Hoffnungen setzen könnten. Tempelhof. „Tie neue Einkommensteurrgesetznovelle, ein« indirekte Le- benSmittelverteurung", lautete das Thema der öffentlichen Protest- vrsammlung am Dienstagabend. Der Referent Genosse Lamme gab ein Bild von der Entwicklung der Konsumveteine und kriti- sierte die geplante Neubcsreuerung als eine Ungerechtigkeit son- dergleichen. Die Ausführungen der Diskussionsredner bewegten sich in"dmselben Sinne. Die Protestresolution fand einstimmig Annahm«. Ter Vorsitzende, Genosse Ewald, ersuchte die An- wesenden darum, schärfsten Protest zu üben» indem sie die Organi- sationen der Arbeiterschaft stärken. Weistensee. Am heutigen Freitag nachmittag von 2 bis 4 Uhr finden im Lokal von Enders, Berliner Allee 211/216, die Wahlen zum Kauf- mannsgericht statt. Pflicht der Wähler muß es sein, den Kandi- datert des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen die Stimme zu geben. Genoffen, welche am Tage der Wahl helfen wollen, werden gebeten, sich beim.Gastwirt Fritz Preuß, Berliner Allee 219, zu melden. I. A.: Das Gewerkschaftskartell- Grünau. Heute' Freitag nachmittag von 4— 8 Uhr findet für die dritte Wählerklasse die Ersatzwahl zur Gemeindevertretung statt. Die Gegner machen die größten Anstrengungen, um die Wahl des sozialdemokratischen Kandidaten zu verhindern. Jeder einzelne Genosse muß daher nach besten Kräften seine Pflicht erfüllen. Wir bitten, die Arbeiterschaft Groh-Berlins, die Grünauer Arbeiter auf ihre Wahlpflicht aufmerksam zu machen. Wenn jeder seine Pflicht erfüllt, ist der Sieg unser. Genossen, welche an der Wahl- arbeit teilnehmen, treffen sich um 3)* Uhr bei Lindenhayn. Pankow. Die Ersatzwahlen zur Generalversammlung der Ortsfranken- kasse Pankow finden am Sonntag, den 31. März von 10 Uhr vor- mittags bis 1 Uhr nackmittagS bei Roczycki. Kreuzftr. 3/4, statt. Es ist Pflicht eines jeden Arbeiters, der Mitglied der Kasse ist, seine Stimme für die Liste der Gewerlschaftskommisston abzugeben. Tie Gcwerkschaftskommission(Unterkommission) Pankow-Niederschön- Hausen. Nordend-Rosenthal. Heute Freitag, nachmittags von 4— 7 Uhr, findet die Ersatz-- wähl zur Gemeindevertretung statt. Unser Kandidat ist der Gärtnereibesitzer Karl Wetzet. Da unsere Gegner die größten Anstrengungen machen, um uns das vor zwei Jahren eroberte Mandat wieder zu entreißen, ist eS Ehrensache der Genossen, sich zahlreich und pünktlich dem Schleppbureau bei Tchüßler zur Ver- fügung zu stellen. Tue jeder seine Pfticht, dann bleibt die Absicht der Gegner ein frommer Wunsch. Tegel. Tie Gemeindevertretung hatte diesmal eine so umfangreiche Tagesordnung zu erledigen, daß zwei Sitzungen notwendig waren. Aus den Mitteilunaeen des die Verhandlungen leitenden schössen Reiche lt sei erwähnt, daß die sogenannte„Sechserbrucke am Hafen einen Leberschuß von 13 000 M. brachte, der zur Halfts auf Schloß Tegel, zur anderen Hälfte auf die Gemeinde� entfallt. Diese ziemlich bedeutende.Verkehrsabgabe" leisten im wesentlichen die Berliner Ausflügler.—«odann wurde zum Armen rat uns Wa isdnpfleg er der Jntendantursekretär Thielemann gegen die 2 Stimmen unserer Genossen gewählt. Letztere hatten wieder- holt um Berücksichtigung ihrer Vorschläge ersucht.— Gegen die letzten Gemeindevertreterwahlen lagen eimge Pro- teste vor, die indes zurückgewiesen wurden, demnächst wirS unsere Fraktion also verdoppelt, mithin mit 4 Genossen vertreten sein.— Weiter wurde die Verlängerung deS Hafens und der Bau cineS Lagerhauses beschlossen. Die Kosten find einschließlich Ele- vator und Kran auf AB 000 M. veranschlagt. Die Verpachtung des Lagerhauses bleibt späteren Beschlüssen vorbehalten. Der Ankauf de» Gaswerks, das einer Aktiengesellschaft gehört, zeitigte eine lange und sehr erregte Debatte, da ein wesentlicher Teil der Gcmcindevertrcter materiell dabei intcr- essiert ist und deshalb mit Verve für den Ankauf eintrat. Seit einem Jahre schweben schon Vtrhandlungen. uno nun soll sich die Vertretung plötzlich bis zum 1. April fckon definitiv entscheiden. Den ursprünglich geforderten Preis von 1900 000 M. hat man um 50 000 M. jetzt herabgesetzt, um das Geschäft schmackhafter zu machen. Die Opposition gegen den Ankauf bezweiftlte nachdrücklich unter Hervorhebung aller zutage getretenen Mängel in der Gas- lieferung den Wert des Werke?, wie er von den Befürwortern stets betont werde. Kaufe die Gemeinde das Werk, so müsse sie doch sehr bald bedeutende Aufwendungen für stärlere Leilungen und Verbesserungen machen, das Hauptgeschäft machten auch hierbei die Aktionäre, die für je 1000 M. beinahe 3000 M. einheimsen würden, denn so hoch beziffere sich der Ankaufspreis gegenüber dem Aktienkapital. Vom G e- meindevorstand wurde wiederholt die Zwangslage und die Notwendigkeit des Ankaufs für Tegel hervorgehoben; durch steigende Dividenden würde später der Preis noch böher werden und die Gemeinde von dem Vertrage mit der Aktiengesellschaft befreit, der sie hindere, zur eventuellen Elektrisierung überzu- gehen. In der langen Debatte hob u. a. unser Genosse Lichtenberg auch die sonderbare Tatsache hervor, daß in den Gemeindeetat bereits 140 000 M. Gewinn aus der Dividende und dem Erlös von 61 Aktien, die die Gemeinde besitzt, als Einnahme eingestellt sind; auch verlangte er, daß die Interessenten sich der Stimme bei der Abstimmung enthielten. Fast allgemein bedauerte man auch, daß der Gemcindevorstand in dieser Sache so selbständig borgehen konnte. Bei einem Etat mit 8% Millionen Mark Schulden müsse die Angelegenheit zurückgestellt werden bis nach Klärung der Bürgermeistersache.— Es wurde dann auch zunächst der Ankauf abgelehnt, nachdem vorher noch der Kom- merzienrat Borsig als Vorsitzender des AufsichtSratS des Gaswerkt daS Recht der Aktionäre zur Abstimmung betont hatte. Für den Ankauf stimmten nur die vier Schöffen und Herr Wi- stuba als einziger Gemeindevertreter, der bekanntlich nach einem Gerichtsurteil zu Unrecht sein Mandat ausübt; sechs Vertreter waren bei der namentlichen Abstimmung dagegen, drei ent- hielten sich der Stimme. ES wurde aber dann noch eine Kom- Mission von drei Personen(1 Schöffe, 2 Vertreter, darunter Genosse Lichtenberg) ernannt, die die Grundlagen für einen Ankauf deS Gaswerks und seiner Verhältnisse feststellt.— ES ist also sehr wahr scheinlich, daß der A n k a u f in nächster Zeit trotz der erfolgten vorläufigen Ablehnung doch erfolgt. Aus dem Gcmeinde-Etat und dessen Beratung sei erwähnt, daß für den Zweckvcrband 10 000 M., für daS KrciS- krankenhaus 50 000 M. angesetzt sind; letztere Summe außer den für die einzelnen Kranken zu leistenden Kursätzen.— Beachtens- wert ist besonders der Schuletat. Für die Volksschulen sind 283 000 eingestellt, für die Humboldt-Oberrealschule 106 000 und für die Höhere Mädck>enschule 28 900 M. Auf den einzelnen Schüler berechnet ergeben sich die Sätze von 107 M. bei der Volks- schule. 303 M. bei der Realschule und 117 M. bei der Höheren Mädchenschule. Bei dieser müßte der Satz ein bedeutend höherer sein, aber das Schulgebäude mit seiner Schuldentilgung und Verzinsung ist im Etat der Voltsschulc(früher war die G e- meindeschule dort untergebracht) enthalten, der also bei richtigerer Verbuchung den Satz von 107 M. pro Kind noch ver- r i n g e r n würde. Die richtige Bewertung würde sich etwa so stellen, daß der Realschüler drei, die„Höhere Tochter" etwa zwei und das sogenannte..Gemeinde">Schulkind nur einen Teil der Schullasten verursacht.— Im Etattitel:„JnSgemein" sind als Einnahme u. a. 125 000 M. Aktiengewinn und 16 000 M. Be- triebSüöerschuß vom Gaswerk, das bekanntlich noch gar nicht der Gemeinde gehört, aufgeführt. Für diese 140 000 M. muß jetzt nach Deckung gesucht werden.— Die ordentlicke Verwaltung der Gemeinde bilanziert mit 1 811 000 und die außerordentliche mit 2 480 000 M., darunter für Hafen- und Seeufer-Vettvaltung ordentlich 34 000, außerordentlich 812 000 M.. Hafen- und Kreis- bahnverwaltung 1040000 M.— An Gemeindesteuern kommen zur Erhebung: 126 Pro z. Zuschlag zur StaatSein- kommensteuer, 3 pro Mille vom Grundwert bebauter und 6 pro Mille unbebauter Grundstücke mit einem Ertrage von 363 000 M. Von der staatlich veranschlagten Gewerbesteuer 260 Proz. Zu- schlag in Klasse 1 und 2 mit einem Ertrage von 66 000 M. und 160 Proz. in Klasse 3 und 4 mit 12 760 M.. die Betriebssteucr mit 100 Proz. soll 1800 M. bringen, die Umsatzsteuer 60000 M. und der Anteil der Gemeinde an der ReichS-Wertzuwachssteucr 30 000 M.. Lustbarkeitssteuer 7000 M.. Hundesteuer 12 000 M.�(400 Hunde). Biersteuer 20000 M. An Grund- und Gebäudestcuer werdeis' 300 Proz. erhoben. In bezug auf die Hundesteuer ist die originelle Tatsache zu verzeichnen, daß der Kreisausschuß die Aufhebung der Steuerfrei- heit eines erheblichen Teiles der Hund« verlangte(es kommt hier die über 7 dl» 6 Uhr abend» statt. Jeder sstr den«rteflasteu defttmmtrn Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen dciznfügen. Briefliche iintwori wird nicht cricUt. Anfragen, denen keine AbouuementSquittung beigesstgt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. P. 4. 1. Ja, soscru die Frau zablungssähig ist. Länger als vier Jahre zurückliegende Ansprüche sind verjährt. L. Nein.— F. B. ÄS. 1. Der Vormund kann beim VormundschajtSaericht beantragen, dag der Mutter das Sorgerecht entzogen wird. Ergeht ein dahingehender Beschluß: ja. 2. Ja. 3. An den Vormund. 4. Nein.— Klebekarte. 1. Ihre Auf- safsung ist zutreffend. Sie können von dem Unternehmer verlangen, daß er die Marken nachklebt, ohne daß Sie zur Erstattung Ihre» sonstigen An- teils verpflichtet sind. 2. Nein. 3. Richten Sie einen Zlntraa aus Ent mündigung an das Vormundschaftsgericht.— St. P. 12. Das Verbot der Wirtin erscheint begründet.— L. L. 100. DaS Verlangen der Kirchen- gemeinde ist moralisch verwerflich, aber rechtlich begründet. Fall« Sie Psandobjckle nicht besitzen, zahlen Sie nicht.— N. L. SS. Sie sind stcucrpilichtig. In solchen Fällen wird das mutmaßliche Einkommen im Steuerjahr der Einschätzung zugrunde gelegt.— R. ft. 19. Ja, für da« Kalenderjahr 1911.— Willi 63. Ihren Anteil nur für die letzten beiden Wochen.— R. B. 6«. Nein.— W. P. 100. Vom 18. Lebensjahre ab, sofern steuerpflichtiges Einkommen erreicht wird.— St. M. 22. New.— O. ffi. 82. Die Klage erscheint aussichtslos.— L.®. Nein. — H. M. 122. Richten Sie, unter Darstellung de« Sachverhalt« und unter Angabe der Steuernummcr, eine Beschwerde an den Magistrat.— A. St. 29. Die Kündiaungsbestimmung de« Vertrage« ist maßgebelid.— B. E. 130. Nein, fall« Wohnräume.— E. N 53. Die Klage mutz durch einen Rechtsanwalt erhoben werden. Die Kosten Achten sich nach dem Objekt, da? vom Gericht festgesetzt wird.— Weber 88. 1. und 2. Fall« die Pfändung erfolgt, kann die Frau intervenieren. 3. Ja.— Ä. L. 61. Beide sind hastbar. Warten Sie jedoch ab, bis die Polizei- behörde an Sie herantritt oder erkundige» Sie sich bei der Polizei.— R. 31. 19. Die HaushaltungSgegenstände stehen Ihnen sämtlich zu.— Marktbericht von Berlin am 27. März 1912, nach Ermittelung des königl. Polizeiprästdmnis. Markthallenpreis c. sKleinhandcl) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 3100— 50,00. Speis cbohnen, weiße, 35,00—58,00. Sinsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 8,00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch. Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,60. Hammelfleisch 1,30—2,20. Butter 2,60-3,20. 60 Stück Eier 3,40—6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,10-2,40. Aale 1,80—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,40—2,60. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1,60-3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück Krebse 4,00—30,00.__ Witternugsiiberficht vom 28. März 1912. Stationen Swinemde. Hamburg Berlin Frankf.a.M. München Wien R— 756 759 759 763 765 763 J, B n c if WSW SW SW IN Wetter 6 wolkig 4bedeckt 2 wolkig 3 Dunst 4wolkig 1 bedeckt 9 10 11 öaparanda 745 NO Petersburg....... Scilly Abcrdeen Paris 740 NO 76 754 SW >68 SSL 4 schnee 3Rcgen 5hedeckt 1 heiter Äwolktg Wetterprognose für Jrcitag, den 29. März 1912. Ew wenig kühler, zeitweise heiler, jedoch unbeständig mit ewzelne» Regenschauern und ziemlich starken westlichen Winden. ritner Wetterbureau. Wafferstands-Nachrichten ')+ Bebeutet Wuchs,— Fall.—*) vnterpegel. HERMANN UETZ LEIPZIGER STRASSE v>--° Woch. ALEXANDERPLATZ soweit vorr.t FRANKFURTER ALLEE Sonntag, den 21. er. sind unsere Häuser von 1 Uhr ab geöfffnet Vorzugspreise für Lebensmittel soweit. Vorrat. X'' Butler und Käse Münster käse Pfund 85 Pf- Steinbuscher......... Pfund l10 Ziegenkäse........... Pfund 65 Pf- Emmenthaler.. Pfund l15 Schweizer» Pfund 85 Pf. Tilsiter...........*i Pfund 75 Pf. Edamer.. Pfund 90 Pf. Romadonr...... stück 26 Pf Limburger ,"T. i Pfund 48 Pf Feine Tafelbutter l48 �•»»»»* Konserven Geflügel Do»9'st Do»« Kaiserschoten.... I05— Junge Schoten££85, 48 pi. Junge Schoten I... 70 Pf— J unge Schoten ll. 55, 33 Pf. Stangenspargel I. I50 80 Pf. Stangenspargel II l25 68 pi. Stangensparg. III l15 63 Pf. Elite-Stangenspargel l75 193 'fiDase steDo»» Grüne Spargelköpfe l05 58 Pf, Eruchspargel I.,.. l10 60pf. Bruchspargel II... 95 pi— Riesen- Bruchspargel l35 73 Pf. Leipzig. Allerlei"£* 95 Pf— Leipzig. Allerlei. fein 75 pj.— Pflaumen süss, sauer., 55 Pf.—• Reineclauden...... 75 43 Pf Junge Hambg. Gänse.. Pfund l3o Suppenhühner.... Stück 220 bis 350 Brathühner....... stück 220 bis 350 Tauben...... stück 55, 65, 75 Pf. Rehkeulen........ stück 575 bis 760 Kaffee I35 l45 l55 Kakao, pm 70,90" l10 Tee..... T0 200 250 Leipziger Str. Alexanderplatz Schweinefleisch Frisches Fleisch Prima Ochsenflelsch Kalbfleisch Bauch..........pfnndöOpf Pökelkamm.... Pfund 70 pr Schinken....... 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