Ur. 79. Nbonnementz-keSingungeNi MonnementS. PretZ prünmnerantai Bierteljährl. 3£0 Ml. monatL 1,10 Mk., wöchenllich 28 Psg, frei tnS Haus. Einzelne Kummet 6 Pfg, Sonmags- nummn mil illustrierter Sonntags. BeUage„Die Neue Welt" 10 Pfa, Post- Wonnernent: 1,10 Marl pro Monat. Eniaetragen in die Posi-Zeitungs- Preisliste, Unter Kreuzband lür Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 2 Marl pro Monat. PostabonnernentS nehmen am Belgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. 89. Jahrg. LI« TnftrtlonS'GebQljr beträgt für die sechsgespaltene Kolanel- geile oder deren Raum M Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Verfammlungs.Anzeigen 80 Psg. „Ulteine Zn-eigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jede? wettere Wort S Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedttion ist bis 7 Uhr abends geöffnet, GWltlnt tSglltf) nBtr flhgftgi. Verlinev Volksbletkk. Zentralorgan der fozialdemokrati fchen partei Deutfchlands. Telegramm• Adresse: „Stzlaldtnidkrit Btrlln'*. Redaktion: 8 Cd. 68, Ltndcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Mortstplast, Nr. IS83. Mittwoch, den 3. April 19 1Ä. Expedition: 6M. 68, Lindcnstraeac 69. Fernsprecher: Amt Moriffplast, Nr. 1984. ■ Begrabene Hoffnungen. Von Otto Baue r.*) �England ist einer friedlichen Lösung der sozialen Schwierig- selten und Gegensätze sicher. Kein Engländer zweifelt daran, gleichviel, ob er auf der Rechten oder auf der Linken stehe, Arbeiter oder Arbeitgeber sei. Nirgend» gibt es jene uns wohlbekannte Stimmung des sozialen Pessimismus, nirgends in den unteren Schichten der Gesellschaft den Glauben, daß das Heil allein im Umsturz und in der Vernichtung des Bestehenden liege, nirgends in der oberen den Gedanken, daß es lediglich darauf ankomme, vorher alles getan zu haben, um mit ruhigem Gewissen das Schwert ziehen zu können." So schrieb Schulze-Gaevernitz im Jahre 1899. Umständlich beschrieb er, wie Arbeitcrschutzgesctze, Gewerkschaften, Hilfskassen und Konsumvereine die Lebenshaltung des britischen Arbeiters gehoben, Tarifverträge, Schiedsgerichte und gleitende Lohnskalen den sozialen Frieden in der britischen Industrie ge- sichert hätten. Friede zwischen Unternehmern und Arbeitern nach Englands Beispiel— das war die Hoffnung des deutschen Sozial- liberalismus der Neunzigerjahrc. Bis tief in unsere Reihen wirkte seine Lehre: Eduard Bernstein bekannte» sein Urteil über die Zu- kunft der Arbeiterbewegung sei durch Schulze-Gaevernitz und ihm verwandte Denker beeinflußt. Die Hoffnung des SoziaUiberalismus und seiner revisionisti- schen Nachläufer ist begraben. Wo sie den sozialen Frieden ge- sichert geglaubt, vollzieht sich heute die soziale Revolution. Seit einem Jahre ist die britische Arbeiterklasse in Aufruhr. Den Riesenkämpfen der Eisenbahner und der Hafenarbeiter im letzten Sommer ist der Riesenausstand der Kohlengräber gefolgt. DaS sind nicht mehr bloße Lohnkämpfc zwischen einer Unternehmer- gruppe und einer Arbeitergruppe. Die Quantität schlägt in die Qualität um. Der Streik wird zur Revolution. Freilich, Auf- rühr und Hochverrat im Sinne des Strafgesetzes sind in der Ge» schichte des großen Kohlenstreiks nicht zu finden. Aber zur Revo- lution wird der Streik, indem er nicht mehr nur die Profite einer einzelnen Unternehmerschicht bedroht, sondern das Leben des ganzen Eesellschaftskörpers unterbindet. Die Aktionäre der Bergwerks- gesellschaften mögen es monatelang ertragen, daß in den Gruben die Arbeit ruht. Aber die Gesellschaft erstickt, wenn die Kohlen- not die Eisenbahnen, die Dampfschiffahrt, die Fabriken stillsetzt. Der Streik wirkt nicht mehr durch den Druck auf eine einzelne Unternehmerschicht, er wirkt als Anschlag auf das Leben der ganzen Gesellschaft. Die Arbeiterschaft demonstriert die Unmöglichkeit der Dauer kapitalistischer Produktion, indem sie die Produktion schlecht- hin, über die Grenze des Produktionszweiges hinaus, unmöglich macht. Die Kohlenaktionäre treten in den Hintergrund; den Streik zu beenden wird zur Aufgabe der Sachwalter der Gesellschaft selbst, zur Aufgabe der Regierung und des Parlaments. Aber sie beenden ihn nur, um zu neuen Kämpfen den Anstoß zu geben. Was heute die Bergleute erringen, werden morgen, durch ihr Beispiel bewegt, die Eisenbahner, die Hafenarbeiter, die Arbeiter der Gas- und der Elektrizitätswerke mit gleichen Mitteln erbeuten. Was gestern in England geglückt, versuchen heute die Arbeiter der anderen Länder. Die Bourgeoisie kann sich des An- grifss nur erwehren, indem sie den Arbeiterschichten, deren tägliche Arbeit der ganzen Gesellschaft unentbehrlich ist, das Koalitions- recht zu schinälern versucht. Aber dadurch führt sie erst recht die Kämpfe herbei, die sie vermeiden will. Es ist nichts mit dem sozialen Frieden in der Industrie. Durch die eherne Folgerichtigkeit seiner eigenen Entwicklung treibt der gewerkschaftliche Kampf' zu immer gewaltigeren, immer gefähr- licheren Kämpfen. * Industriestaat oder Agrarstaat?— das ist die Frage. Die Parteien, die im industriellen Wachstum Deutschlands wurzeln, gehören zusammen. Die industrielle Arbeiterklasse ist der natür- liche Bundesgenosse des industriellen Unternehmertums. Aus So- zialdcmokraten. Freisinnigen, Natioualliberalen muß die„Partei der neudeutschen Volksentwicklung" erstehen. Ist erst„eine re- gierungSfähige parlamentarische Linke" geschaffen, dann beginnt in Deutschland„eine Periode einheitlicher industrieller und freiheit- licher Gesetzgebung, ein Ausarbeiten aller der Anlagen, die in der deutschen Reichsgründung enthalten sind. Mag der Osten knurren und brüllen, der Westen und Süden haben dann erst ganz ihren Kaiser gefunden. Wie er in Dortmund stand, so steht er dann stets, umgeben von der Masse derer, in deren Augen das neue Jahr- hundert glüht. Der Schwerpunkt Deutschlands wird vost rechts der Elbe nach links der Elbe verlegt. Wie bisher der Osten dem Westen seine Gcsindeordnung aufzuprägen suchte, so werden dann der Westen und Süden die große schöne Aufgabe übernehmen, ein Landprogramm für den Osten auszuführen: Bauerngut an Bauerngut bis an die russische Grenze." So schrieb Friedrich Nau- mann im J�hre 1999. Und wieder wirkte die sozialliberale Bundes- Hoffnung auch auf uns. Das Bündnis der Sozialdemokratie mit dem Liberalismus, der Block von Bebel bis Bassermann ist der politische Gedanke des deutschen Revisionismus. Keine Zeit noch schien dem Unternehmen so günstig wie das letzte Jahr. Die Nationalliberalen, mit Zentrum und Konserva- tivcn, ihren alten Bundesgenossen, entzweit,"führten Hand in Hand mit dem Freisinn und der Sozialdemokratie den Kampf gegen den schwarzblauen Block. Die Stunde schien gekommen, den Bund der L'iken zu verwirklichen. •) Aus dm„K a m p f". der ausgezeichneten Monatsschrift der deutsch-österreichischen Sozialdemokratie. I Die Sozialdemokratie paßte ihr Verhalten der neuen Schichtung der Parteien an. Sie schloß mit den Freisinnigen ein Stichwahl- bündnis. Sie leistete den Nationalliberalen Stichwahlhilfe. Sie erwies sich den Liberalen nachgiebig bei der Konstituierung des Reichstages. Sie entwarf ein parlamentarisches Aktionsprogramm, das die Liberalen zur Unterstützung rief. Sie hat recht getan: zwei Jahrzehnte lang hat der Liberalismus die Mär verbreitet, der Starrsinn der Sozialdemokratie allein verhindere den Bund der Linken, der Junker und Pfaffen von der Macht fernhalten würde. Nun mußte dem deutschen Volke durch das Experiment ge- zeigt werden, ob der Bund der Arbeiter mit den Fabrikanten möglich ist. So tvard die Bildung des Präsidium? im Reichstag zum Sym- bol. Scheidemann ward zum Vizepräsidenten gewählt. Aber das Experiment endekL wie es enden mußte: nach vier Wochen schon waren die NatiotMlliberalen umgefallen. Der Sozialdemokrat schied voni Präsidentenstuhl. Und der Kaiser verweigerte den liberalen Präsidenten den Empfang, weil sie einen Augenblick mit denen ge- gangen,„in deren Augen da» neue Jahrhundert Llüht". Nicht ein- mal die Nichtigkeit einer Präsidentenwahl eint den Bund der Linken. Wie erst, wenn es gälte, die Junker zu enteignen, um Naumanns Landprogramm zu verwirklichen:„Bauerngut an Bauerngut bis an die russische Grenze"? Es ist nichts mit dem Block der Linken! In welcher Sache wäre er möglich? Sozialpolitik? Die nationalliberalen Fabri- kanten lverden gemeinsam mit den Junkern, die die Leutenot fürchten, die Forderungen nach Arbeiterschutz niederstimmcn. Zölle? Die Natioualliberalen stimmen für die Agrarzölle, damit die Junker ihnen die Kartellschutzzölle bewilligen. Wehrvorlagen? Die Na- tionalliberalen werden so wenig wie die Konservativen an der Wehrverfassung des kapitalistischen Staates rütteln. Auswärtige Politik? Die Fabrikanten des Westens wetteifern mit den Heyde- brands des Ostens in der Politik der Rüstungen und Eroberungen! Ein Häuflein Freisinniger mag in der Gefolgschaft der So- zialdemokratie einhergehen. Die Nationalliberalen und gar bald wohl auch der rechte Flügel des Freisinns einigen sich mit Junkern und Pfaffen viel leichter als mit der Sozialdemokratie. Nicht der Bund der Linken, die eine reaktionäre Masse des Besitzes ist Deutschlands nahe Zukunft. Ueber alle Parteien des Besitzes muß die Arbeiterklasse siegen, allein muß sie die Mehrheit im Reichstag besitzen, damit die „regierungsfähige Mehrheit der Linken" möglich werde! Wird der Besitz, den sie bedroht, untätig warten, bis das allgemeine Wahl- recht sie allmählich zur Mehrheit wachsen läßt? Werden nicht vor- her über das Wahlrecht selbst außerhalb des Reichstages die Würfel fallen? Nicht zum Bunde der Linken— zum EntscheidungSkampf zwischen der Arbeiterklasse und der ganzen bürgerlichen Welt treibt Deutschlands Entwicklung. * „Die Tatsache muß als feststehend angenommen werden, daß der Weg der Revolution verlassen ist", schrieb Naumann im Jahre 1999. Auch diesen Glauben hat der rechte Flügel unserer Partei geteilt. Hat man uns doch sogar aus Geologie und Biologie er- weisen wollen, daß die Vorstellung der Revolution dem„Entwick- lungsgedanken" widerspreche! Seit jenen Tagen haben wir erlebt: die russische Revolution 199ö, die persische Revolution 1996, die türkische Revolution 1993, die portugiesische Revolution 1919, die chinesische Revolution im letzten Jahre. Die Revolution in China, dem Riesenreich, das nicht viel weniger Bewohner zählt als alle Staaten Europas zusammen, ist das folgenschwerste Ereignis unserer Tage. Wie alle orientalischen Revolutionen ist auch die chinesische Re- volution hervorgegangen aus der Verknüpfung der liberalen Bewegung der gebildeten Oberschicht der Nation mit der konservativen, fremden- und neucrungsfeindlichen national- religiösen Bewegung der V 0 l k s m a s s e. Die liberale Bewegung der gebildeten Oberschicht setzt nach Chinas Niederlage im Kriege gegen Japan 1894 ein. Sie gewinnt schnell einen einflußreichen Teil der Beamtenschaft. Unter ihrem Einflüsse verkündet 1898 der junge Kaiser Kuang-Hsü sein Pro- gramm,„europäische Methoden zu befolgen, weil, während China und Europa gleichermaßen der Ansicht sind, daß der erste Zweck des Staates die Wohlfahrt des Volkes ist, Europa in dieser Er- kenntnis weiter fortgeschritten ist als wir, so daß wir also mit der Uebernahme europäischer Methoden nur unsere Lücken aus- füllen". Der Kaiser versucht zunächst Heer und Schule nach euro- päischem Beispiel umzugestalten. Aber nach 199 Tagen der Reform macht ein Staatsstreich der Reaktionäre den Reformbestrebungen ein Ende. Der Kaiser wird gefangen gesetzt, die Kaiserinwitwe Tzu- Hsi übernimmt die Regentschaft, die Führer der Reformbewcgung werden hingerichtet. Nun setzt in den Volksmassen die nationalkonservative Be- wegung ein. Die Boxer, halb Miliz, halb religiöse Sekte, erheben sich(1999), um die Fremden aus China zu vertreiben, der Propa- ganda des Christentums auf chinesischem Boden ein Ende zu machen, die uralte chinesische Sitte von jedem fremden Einfluß zu befreien. Chinas Unabhängigkeit von den Weltmächten wiederzugewinnen. Europa antwortet mit dem Hunnenfeldzug. Die Einnahme Pekings durch die europäischen Truppen ist die tieffte Demütigung des Reiches der Mitte. Der Russisch-Japamsche Krieg(1994) ermutigt die gedemütigte Nation. Nun ist es durch die Tat erwiesen, daß die Mongolen gelösten Fragen zwischen der Adria und dem Persischen Meerbusen eine europäische Großmacht besiegen können, wenn sie sich euro- auftverfen kann? päischer Methoden bedienen. Die Reformbewegung setzt von neuem � Und was ist die heutige Sorge um die Türkei gegen die un- ein. Tie Mandschu machen ihr Zugeständnisse. Schule und Armee gleich größeren Fragen, die der nächste Tag in China, in Persien, werden nach europäischem Muster reorganisiert, Eisenbahnen ge-, in Indien vielleicht stellen kann? Wer hätte heute noch, in dieser baut, Studenten an japanische, amerikanische und europäische Hoch-\ Stunde verdoppelter Rüstungen in allen Staaten, den Mut zu schulen geschickt, Provinz iallandtage berufen, die Verlündung einer Verfassung wird versprochen. Aber diese Reformen befriedigen die nationale Bewegung nicht. Ihre Träger sind: patriotische Beamte, die die Reorganisation dcS tiefgesunkenen Reiches ersehnen; die Kaufmannschaft, die den Bot)- kott der ausländischen Waren verkündet und die Konzessionen anl ausländische Kapitalisten bekämpft; die Offiziere der reorganisierten! Armee; die Lehrer und die Schüler der reorganisierten Hochschulen; die Studenten und Arbeiter, die in Japan, Amerika, Europa ge- Wesen und dort höhere Formen sozialen und staatlichen Daseins kennen gelernt haben. Aber ungleich der Bewegung von 1893 findet die nationale Rcformbcwegung jetzt Stütze in den Volksmassen. Sie gewinnt sie, indem sie an den doppelten nationalen Haß der Chinesen appelliert: an den Haß des Chinesen gegen die Fremd« Herrschaft der tatarischen Mandschu und an den Haß de» Asiaten gegen die Anmaßung der europäischen Fremdlinge.„Aus Europa brechen Soldaten herein. Horch, im Palaste des Kaisers hört man die Schritte des Mannes, der mit offenen Armen die Fremdlinge aufnimmt", so warnt da» revolutionäre Lied. Die Mandschu» dynastie muß fallen, damit Cliina wieder selbständig und mächtig! toerde. So gewinnt die in Amerika erzogene Intelligenz die Volks- masse für das Programm eines republikanischen Bundesstaates nach amerikanischem Muster. Anwendung europäischer und amerikani- scher Methoden als Mittel zur Befreiung von europäischem und amerikanischem Druck— das ist die Losung der Revolution. Die liberale Reformbewegung von 1898 und die volkstümlich-nationale Reaktion von 1999 sind zu höherer Einheit verschmolzen. Auf einen großen Teil der Armee und der Beamtenschaft ge«! stützt, siegt die Revolution. Aber wie die konstituierende National« Versammlung von 1789 nicht das Ende, sondern der Anfang einer Jahrzehnte dauernden revolutionären Epoche war, so ist die Ver- kündung der chinesischen Republik nicht das Ende, sondern der An« fang der chinesischen Revolution. Lllle inneren Gegensätze werden nun aufgerollt: die Gegensätze zwischen der Notwendigkeit schneller Umgestaltung und dem konservativen, an uralter Ueberlieferung hangenden Sinn der Volksmasse, zwischen dem Reich und den nach Selbständigkeit strebenden Provinzen, zwischen dem Süden und dem Norden, zwischen den Grundherren und den Bauern, zwischen Stadt und Land. Im größten Reiche' der Erde setzt eine Periode unge- heurer innerer Kämpfe, riesenhafter Umwälzungen ein. Alle Weltmächte haben Besitzungen auf chinesischem Boden, alle gieren nach der Erweiterung ihres Besitzes. Jede neue Phase der chinesischen Revolution wird ihnen willkommene Gelegenheit zum Beutezug sein. Aber kein Staat gönnt dem andern seinen Teil an die Beute. Um das bißchen Marokko kamen wir zweimal an den Rand des Krieges; wie erst, wenn China in Bewegung gerät? Ge- steigerte Rüstungen, wachsende Steuerlast, verschärfte Kriegsgefahr werden in Europa die nächsten Wirkungen der chinesischen Rcvolu» tion sein. *.« „Die Verantwortlichkeit für einen Krieg zwischen europäischen Großmächten ist heute eine so ungeheure geworden, daß bei den Gefahren, mit denen solch ein Krieg die ganze Kulturgemcinschaft bedroht, bei der geringen Aussicht, etwas damit zu erreichen, der immer größeren Wahrscheinlichkeit einer Vernichtung, ein solcher Wahnwitz bereits als unmöglich erscheint." So schrieb Alfred H. Fried, der Theoretiker der Friedensbewegung, vor sieben Jahren. Auch diese Ansicht drang in unser Lager ein. Die einen wollten mit Schiedsgerichtsverträgen und Neutralitätserklärungen den Kriegsgott fesseln, die anderen durch die Drohung mit dem Massen» streik den Ausbruch des Krieges verhindern. Die Meinung, die Zeit europäischer Revolutionen sei vorüber, paarte sich mit dem Glauben an die Dauer des Friedens; denn oft in der Geschichte war der Krieg die Quelle der Revolution, die Revolution die Quelle des Krieges. Wird auch heute noch jemand zu sagen wagen, daß ein Krieg zwischen europäischen Großmächten unmöglich erscheine? Heute noch, nach der Kriegsgefahr der Marokkokrise 1995, der Anncxions» krise 1999, nach den Schrecken des letzten Sommers? Will heute noch jemand meinen, daß der Machtkampf der Weltmächte vor dem Richterstuhl im Haag friedlich geschlichtet werden könne? Heute noch, nach den Erfahrungen des letzten Sommers, als gewiß an» nehmen, daß der Einspruch der Arbeiterklasse den zum Weltkrieg- drängenden Tendenzen des Kapitalismus in letzter Stunde, in der Stunde höchster nationaler Erregung, in den Arm fallen könne? Eben jetzt sind zwei europäische Staaten im Krieg. Ein arm, seliger Krieg, der über den Küstensaum von Tripolis nicht hinweg- kommt! Aber wie wird er enden? Wird, wenn der Krieg fort- dauert, die italienische Flotte vor den Dardanellen erscheinen, die alte Streitfrage der freien Durchfahrt in das Schwarze Meer auf- zuwerfen, die an die Lebensintercssen aller Mittelmccrmächtc rührt? Oder wird, wenn die Türkei nachgibt und die Araber in Tripolis im Freiheitskrieg gegen den fremden Eroberer allein läßt, in Arabien und Syrien der alte Haß zwischen Arabern und Türken, im Jahre 1911 schwer genug gedämpft, von neuem auflodern? Wird das Ende des Krieges das Ansehen der jungtürkischcn Regierung erschüttern, der Gegenrevolution willkommener Anlaß sein, den Aufruhr in Albanien und Mazedonien neubcleben. den kleinen Balkanstaaten die ersehnte Gelegenheit zum Raubzug geben? Wer vermöchte heute vorauszusagen, wohin ein Krieg führt, der alle un- sagen, daß M Krieg zwischen europäischen Großmächten� unmöglich erscheine? ... In erner Nn�epanse der Geschichte sind SvztattvberattSrnnS und Mevistoniemus entstanden. Sie meinten, die Weltgeschichte sei ab* geschlossen. Kein großes Geschehen harre unser mehr. Kein Kampf der Klassen mehr— nur friedlicher Handel zwischen Gewerkschafts- und Umernehmervertretern am grünen Tisch im Schiedsgericht. Kein Umsturz politischer Machtverhältnisse mehr— ein parlamen« tari scher Bund der Arbeiterpartei mit bürgerlichen Parteien werde die Staaten gemächlich umgestalten. Kein Krieg der Völker mehr — das Schiedsgericht im Haag werde jeden Streit schlichten. Keine Revolutionen mehr— friedliche„Aushöhlung der Kapitalismus", allmähliches»Hineinwachsen" in das sozialistische Gemeinlvescnl Äl�r die Geschichte geht einen anderen Weg. Achtzig Jahre gewaltigster Umwälzungen— von 1789 bis 1871— waren nötig. die bürgerliche Welt zu schaffen. Es ivar eine Zeit blutiger Böller» kriege, furchtbarer Revolutionen, eine Zeit, in der alte Staaten verschwunden und neue Reiche entstanden sind, eine Zeit schnellen Umsturzes jeder Verfassung. Solchen Weg mußte die Menschheit gehen, an die Stelle der feudalen die kapitalistische Welt zu setzen. Wirb es anders gehe», wenn auf den Trümmern des Kapitalismus der Sozialismus entstehen muß? Sie Kerprbeitei'bewgiiiig. Die niedergerungenen Bergarbeiter. Der Zwetbund, Zechenbesitzer und Christliche, versucht mit vereinten Kräften auch nach dem Streik, die niedergerungenen Bergleute weiter zu befehden, zu strafen und die vereinigten drei Verbände zu zerstören. Die Grubenherren lassen manchen liichtigen Bergmann vergebens nach Arbeit anfragen. Wer irgendwie im Verdacht steht, für die Organisation besonders tätig zu sein, erhielt seine Abkehr. Wenn die Bcrgherren dabei nicht zu große Auslese halten können, so liegt das daran, daß die günstige Konjunktur eS ihnen unmöglich macht, alle tüchtigen Bergleute entbehren zu können. Wer aber seine Abkehr hat, fragt vergebens auf anderen Zechen nach Arbeit an. Einigen Anfragenden wurde der Bescheid, wenn sie nicht auf ihren alten Zechen Arbeit bekämen, würden sie wohl mindestens ein Vierteljahr vergebens wo anders um Arbeit nachsuchen können. DaS sei die Folge des Streiks. Die deutschen Grubenbesitzer aber würden sich nie dazu bringen lassen, mit den Arbeiterorganisationen zu der- handeln. Statt der versprochenen Lohnzulagen werden Lohn- a b z ü g c gemeldet. Die Christlichen hatten ja auf diese Zusagen ihre Hoffnungen aufgebaut, die sie jetzt mehr und mehr schwinden sehen. Von Lohnzulagen ist natürlich nirgends die Rede. Die Christlichen fetzen ihren Verleumdungs- seldzug gegen die Streikenden fort. Dabei macht das ebenso niedrige wie alberne Vorbild der Brustschen Verleumdungsrede jm preußischen Abgeordnetenhause immer mehr Schule. Als Dritte im Bunde gegen die Bergarbeiter arbeitet die preußische Justiz. Gegen das abgekürzte Verfahren. daS jetzt von den Strafkammern in Bochum, Dortmund und Essen gegen Streiksünder betrieben wird, hatte der Vorstand des Bergarbeiterverbandes bekanntlich telcgraphifch Beschwerde beim Justtzmintster eingelegt. Nicht vom Justtzmtnister, aber von den nachgeordneten Behörden, von den Ober- staatsanwältcn in Hamm und Düsseldorf, sind Ant- Worten eingetroffen. Darin wird dem Bergarbeiterverband zunächst bestritten, daß er zur Einreichung der Beschwerde für die Angeklagten legitimiert sei. Weiter wird darauf ver- wiesen, daß den Staatsanwälten in Bochum. Düsseldorf und Essen von den unter Anklage gestellten Personen in keinem einzigen Falle Beschwerde darüber zugegangen sei, daß sie in ihrer Verteidigung irgendwie beschrankt und insbesondere ver- hindert worden seien, die nötigen Schritts zur Bestellung eines Verteidigers zu stellen. ES sei im Gegenteil vor- gekommen, daß von den Verhafteten auS freiem Antriebe die Erklärung abgegeben worden sei, sie bäten um schleunige Ab- urteilung und verzichteten auf Einhaltung der Ladungsfrist. Die Beschleunigung deS Strafverfahrens liege nicht allein im öffentlichen, sondern ganz besonders auch im Interesse der verhafteten Angeklagten, was von ihnen selbst in vielen Fällen anerkannt sei. Selbstverständlich wird jemand, der wegen Beleidigung in Untersuchungshaft sitzt, nicht das Verlangen haben, durch Anfechtung des Termins seine Haft wochenlang zu verlängern. Und als ob der gesetzesunkundige Arbeiter überhaupt etwas vom Rechte deS Angeklagten wüßte! So geht die Aburteilung per Streiksünder zur höheren Ehre der preußischen Rechtspflege im abgekürzten Verfahren munter weiter. Wegen der ein- fachsten Beleidigungen hagelt es monatelange Gefängnisstrafen. Ist doch am Sonnabend ein Streiksünder zu einer Woche Ge- fängnis verurteilt worden, weil er zu einem Arbeitswilligen gesagt haben soll:„Junge, Junge!"... Alle diese Bekämpfungsmcthoden wurden den Ruhrberg- leuten am Sonntagnachmittag in 70 Versammlun gen vorgetragen. Es herrschte in den Versammlungen durchaus keine niedergedrückte oder etwa elegische Stimmung. Es kommt den Bergleuten jetzt doppelt zum Bewußtsein, daß sie sich gegen eine Welt von Feinden zu wehren haben. Die Christlichen haben keine Aussicht, daß ihr„christlicher Wunsch" in Erfüllung geht, daß die Mitglieder des alten Verbandes ihre Mitgliedsbücher abgeben und zum geheiligten Zweibund übertreten. Nichts von Vorwürfen wurde laut gegen die Leitung des Verbandes. Klar erkannten die Bergleute, wem sie es zu danken haben, daß der Streik verloren ging. In einigen Versammlungen traten christliche Diskussionsredner auf. In Hattingen erklärte ein Redner, daß die Christlichen auch in Zukunft so handeln werden wie jetzt. Ueberall waren die Versammlungen gut besucht, und all- gemein gewinnt die Stimmung die Oberhand, den K r i e g S- f o n d s z u stärken und sich z u n e u e n K ä m P f e n z u rüsten. Allen Versammlungen lag eine Resolution vor. in der der organisierte Streikbruch der Christlichen als eine frivole Schädigung der Arbeiterklasse bezeichnet wurde. Es wurde energischer Protest erhoben gegen die Streik- j u st i z, deren Handhabung das Rechtsempfinden des Volkes tief verletzt und das Gefühl der Rechtsunsicherheit außer- ordentlich verstärkt. Die Versammlungen erwarten, daß die Perstöße gegen das Vereins- und Versammlungsrecht und die an einen ausnahmegesetzlichen Zustand erinnernde Streik- justiz im Reichstage und Landtage zur Sprache gebracht und die Regierung zur Rechenschaft gezogen wird. Zum Schluß fordert die Resolution die Bergarbeiter auf, die Mit- glieder der christlichen Gewerkschaft über die arbeiterverräterische Haltung der Gewerkvereinsleitcr aufzuklären und sie ersucht, solchen Organisationen den Rücken zu kehren und sich einer Organisation anzuschließen, die die Interessen der Arbeiter energisch vertritt. Wenn so die Organisationen geeint, verstärkt und ge- rüstet dasteheu, dann wird den Bergarbeitern ein Auf- erstehungsfest blühen, an dem die Scharfmacher im Zechen- verband und die christlichen Landsknechte keine Freude erleben werden. 1500 Anflog«*. Dortmund, 2. April. fPrivalte legramm.) Die Streikjustiz im Rubrgebiet nimmt ungeahnten Umfang an. Jetzt sollen bereits mehr als 1ö<)0 Anklagen wegen Streikvergehens erhoben worden sein, und täglich laufen noch weitere Anzeigen ein. Sine Hochflut der Denunziation ist die Wirkung der„christlichen" Hetzarbeit. Ver Streik im bLkmilcben ßraunfeoblengebwt Teplw, 1. April. Mg. Ber.) Der Stand des Streiks ist unverändert. Die für den 2. April anberaumten Verhandlungen des EinigungSamteS, die in Brüx beim Revierbergamt beginnen sollten, sind telegraphisch abgesagl worden; ein anderer Tag, an dem sie stattfinden sollen, ist bis jetzt nicht ge- nannt. ES ist wahrscheinlich, daß diese Vertagung in irgend einem Zusammenhange der heute in Aussig abgehaltenen Beratung der Ministeriolsekretäre mit den Werksbefitzcrn steht. Die Zugeständnisse derRegierung für die Belegschaft der staatlichen Schächte beschäftigten mehrere Versammlungen im B r ü x e r B e z i r k e. In den massenhaft besuchten Versammlungen wurde über die Zugeständnisse berichtet. Schließlich erklärten die Streikenden, trotz der Zugeständnisse in die Gruben nicht ein- fahren zu wollen, so lange nicht der Streik auf allen Schächten beigelegt ist. Die Bergarbeiter dieser Schächte wollen den anderen Solidarität erweisen. Streik-Ende? Teplitz, 2. April.(W. T. B.) Die s o z i a l b e m o k r a t l s ch e Bergarbeiterunion hat in ihrer heutigen Sitzung, in der die Zugeständnisie der Zechenbesitzer mitgeteilt wurden, beschloffen, den Streik abzubrechen. Die Zugeständnisse der Braunkohlengrubenbesitzer bestehen in einer durchschnittlichen Erhöhung der Löhne um acht Prozent, in einer monatlichen Alterszulage für ledige und einer doppelt so großen für verheiratete Arbeiter und außerdem in der Beibehaltung des erhöhten Kohlendeputats. Der sächsische Streik. Zwickau, 2. April.(Privattelegramm.) Im sächsischen Kohlengebiet ist noch kein Anzeichen vorhanden, daß eine Aenderung der Situation eintreten könnte. Die Bcrgherren scheinen allerdings das Gefährliche ihrer ferneren Ablehnung jeder Vermittelung mit den Bergarbeitern einzusehen. Denn wenn nicht noch weitere unterirdische Betriebsteile zu Bruch gehen sollen, muß eS zu einem Ende kommen. Einige Gruben- direktorcn sind geneigt, den Streikenden entgegen- zukommen, jedoch die Mehrzahl ist trotz der selbst in der bürgerlichen Presse bemerkten empfindlichen Beschädigungen der Betriebe noch halsstarrig. Dennoch scheint ein in der bürger- lichen Presse veröffentlichter Artikel des bergbaulichen Vereins. der in einem auffällig versöhnlichen Tone gehalten ist, auf eine andere Behandlung des Streiks berechnet zu sein. Darum haben die Bergarbeiter des Zwickauer und Lugau- Oelsnitzer Reviers in einer Dienstagvormittag abgehaltenen gemeinsamen Revierkonferenz beschlossen, nochmals das Einigungsamt anzurufen, um ihren Willen zum Frieden kundzugeben. Der Direktor eines großen Werkes hat seinem ArbeiterauSschutz gesagt, daß er selbst keinerlei Ver- fügung treffen dürfe, well der bergbauliche Verein die Sache in Händen habe. Daraufhin hat sich die Leitung der Berg- arbciter weiter entschloffen, auch bei dem bergbaulichen Verein anzufragen, ob er geneigt sei, von Organisation zu Organt- sation zu verhandeln. Die Abstimmung der englische» Bergarbeiter. Manchester, 2. April.(Privattelegramm deS„Vorwärts".) Die Behauptungen der bürgerlichen Presse, daß die große Mehrheit der Bergarbeiter sich für die Beendigung des Kampfes entscheiden werde, sind irreführend. Die Situation ist folgende: Die Bergleute Lancashtres folgen dem Ratschlag ihres Präsidenten Greenall und stimmen gegen die Wiederaufnahme der Arbeit. Andere englische Reviere folgen der Führung LancashireS und weisen große Mehrheiten für die Fortsetzung des Kampfes auf; so Iorkshire, Derbyshire, Northumberland, Durham und die schottische Grasschaft Fife. In einigen Revieren weigern sich viele Arbeiter zu stimmen und erklären bei der Abstimmung, sie hätten bereits bei Beginn deS Streiks ihre Meinung zum Ausdruck gebracht. Bis jetzt sind folgende Ziffern bekannt: 122072 Arbeiter haben für, 107 907 gegen die Fort- setzung des Streiks gestimmt. Das Endresultat ist noch ungewiß.__ Das luitizocrfcrcchcn des Zarismus an den Armeniern. Genosse P a rv u S schreibt unS: In Petersburg spielt sich jetzt der Prozeß der armen i- s ch e n Partei„D a s ch n a I z u t j u n" ab. Diese Partei wird von der russischen Regierung doppelt g«. haßt: weil sie eine Stütze der Revolution in Rußland war und eine Stütze des Parlamentarismus in der Türkei und in Persicn ge- worden ist. Der Prozeß gehört also zum Teil in das Kapitel der russischen Orientpolitik. Während der Revolution haben die Schergen deS ZarentumS die tatarischen Maffen aufgehetzt und ArmeniermassakreS ver- anstaltet nach türkischem Porbild— wie sie ja auch nach demselben Vorbild Pogroms der Inden und der Intelligenz arrangierten. Dann kamen die Strafexpcditioncn mit der Brandfackel, die ganze Dörfer einäscherte, blühende Besitzungen in Staub verwandelte, und der Orgie der Soldateska, die alles niedertrat und in Blut ertränkte. Und jetzt als Abschluß des Rachewerkes der Monstre- Prozeß gegen die Partei„Daschnakzutjun". AuS Anlaß dieses Prozesses wurden mehr als 2900 Personen in Untersuchungshaft genommen, von denen 899 längere Zeit zurückgehalten wurden: von diesen wieder wurden 159 auSgc- schiede», gegen die Anklage erhoben wurde und jetzt der Prozeß geführt wird. Von den 159 Angeklagten hat einer bereits 5 Jahre Untersuchungshaft hinter sich, S9 je 4 Jahre. 39 je 2 Jahre, 48 je 1 Jahr das sind zusammen 433 Jahre Untersuchungshaft. Dabei wurde noch ein Teil der Angeklagten einige Monate vor dem Prozeh gegen Kaution freigelaffen, wofür in Summa 799 999 Rubel Kaution zu stellen waren. Die lange Untersuchungshaft hatte zum Zweck, die Angeklagten mürbe zu machen und ihre Qualen zu vermehren. Trotzdem aber die Anklage jahrelang geführt wurde, ergibt sich jetzt, daß der An- klagoakt sich auf g-e fälschte Dokumente stützt. Rur ein- zelne dieser Fälschungen mögen hier zur Charakteristil der russi« schen Justiz angeführt werden. Denn, wenn man alleS anführen wollte, so würde daS zahllose Zeitungsspalten füllen. Der Angeklagte Talgodschijeff wirb beschuldig!, einen Mutb- «Uschlag auf einen gewissen Keschitnjan und einen gewiß en Muchtaroff verübt zu haben. Der Anklageakt stützt sich auf die Bekundung der. Angefallenen, die protokollarisch erklärt haben sollen, daß sie in dem Angeklagten den Angreifer„desgleichen erkennen", daß er ihm„sehr ähnlick," sei. Die photographische Expertise hat aber erwiesen, daß es im Protokoll vielmehr hieß:„nicht er» kenneu",„nicht ähnlich" und daß diese Worte von anderer Hand in„desgleichen erkennen" und„sehr ähnlich" umgeändert wurden! In einem anderen Dokument, das denselben Angeklagten betrifft, wurde der Name„Dolgori" in den Namen„Dolgodschijeff" gefälscht. Damit nicht genug! Es wurde ein gefälschtes Protokoll produziert, das den echten Namen, des Untersuchungsrichters Lischt« und den gefälschten Namen des V i ze p ro I u r o r s Alexe- j e w z e f f trug. Herr Lischin hat also in einem amtlichen Dokument den Namen seines eigenen Kollegen gefälscht, um einen Unschuldigen an den Galgen zu bringen. Um den Angeklagten Arakeljian zu treffen, benutzt der Unter- suchungsrichtcr ein Dokument, das von einem Areweljian herrührt: er ändert bloß das„w" in ein„k". Eine Kleinigkeit, nicht wahr? Und das bringt dem Manne Zwangsarbeit! Die Anklage gegen Davidjanz stützt sich auf einen Brief, der vom 14. August 1997 datiert ist. Der Angeklagte wurde aber schon am 11. August 1997 verhaftet. Er konnte aber nicht eine Handlung begehen, zu der er erst drei Tage später aufgefordert wurde. Wie hilft sich der Anklageakt? Er ändert die Zahl 14 in die Zahl 7, und nun klappt die Geschichte. Eine Eintragung im Notizbuch deS Angeklagten Sawrijeff: „Müsch— 5909 R.", d. h. 5999 Rubel für das Krankenhaus in der Stadt Müsch, wird wie folgt umgefälscht:„Eriwan Muschegjan— 6999 Rub.". Aus..Amassija" wird ,.G. MenjaS" gemacht. Aus „Dato" wird„Dawtjanz Charkoff" usw. ' Der Angeklagte Danieljan wird des Mordes beschuldigt. Die Anklage stützt sich auf einen Brief, der angeblich in der Tasche deS Ermordeten gefunden wurde, von ihm selbst herrührt und lautet: „Wenn ich getötet werde, so hat es kein anderer getan als Danieljan." Der Angeklagte und seine Freunde konnten es sich nicht erklären, wie der Ermordete zu dieser Anschuldigung kommen konnte. Man forschte nach und verschaffte sich Briefe des Ermor» deten, die er an seine Frau und Fmnilie schrieb. Sofort ergab es sich, daß die Handschrift eine ganz andere ist, daß der angeblich in der Tasche des Ermordeten gefundene Brief eine dreiste und plumpe Fälschung war. Der Gerichtshof selbst hat, trotzdem er völlig unter ber Fuchtel der Regierung steht, über 79 solcher Fälschungen zugeben und die betreffenden Akte annullieren müssen. Wieviele Fälschungen sind aber unberücksichtigt geblieben? Denn der Prozeß, der unter AuS- schluß der Oeffentlichkeit geführt wird, wird so geleitet, daß es den Verteidigern fast unmöglicb ist, mit ihren Anträgen durchzudringen. Wieviele Fälschungen konnten bei dem Riesenumfange deS Pro- zesses überhaupt nicht zur Evidenz gebracht werden. Denn Fälschungen zu machen, ist viel leichter, als sie aufzudecken, und der Verteidigung stehen weder so viel Zeit noch solche Riesemnittel zur Verfügung, als die zarischen Beamten anwandten, um diesen gor- dischen Knoten zusammenzuknüpfen. Der Anklageakt allein umfaßt 499 Druckseiten in Folio, zweispaltig gedruckt; der Auszug auS dem Material umfaßt 6999 Druckseiten in Folio, zweispaltig; die Hand» schriftlichen Grundlagen dieses Materials umfassen 135 Bände mit 44 000 Foliobogem Gerade dieser Ricsennmfang deS Prozesses war es, der die Fälscher besonder? dreist macht«. Selbst amtliche Berichte der Jen- tralleitung der politischen Gendarmerie wurden in ihr Gegenteil umgelogen. So wurde von dieser der Angeklagte Chaschak als der „hauptsächliche Theoretiker" der Partei charakterisiert— der An. klageakt machte daraus den„hauptsächlichen Terroristen". Organ!» satilmen wurden erfunden, die niemals existierten. So z. B. ein „Erkundungsbureau", das nur in der Phantasie des Untersuchungs- richters bestand; eine geheimnisvolle„ErfchreckungSkommission", ebenfalls ein Wahnsinnsprodukt der kriminellen Phantasie der Ber- fasser der Anklageschrift. Als Vorsitzender dieser erschwindelten „ErfchreckungSkommission" bezeichnet der Anklageakt den armem- schen Dichter Aharonianz, dessen Schriften übrigens auch dem deutschen Publikum durch eine Retlamsche Ausgabe bekannt geworden find. Die zarische Regierung bedient sich in diesem Prozeß der Fäl. scher von Beruf und der Verbrecher aus Anlage, die. geleitet von ihrer kriminellen Phantasie und angespornt von der Jagd nach Auszeichnungen ein Lügengewebe geschaffen haben, das ebenso grotesk wie fürchterlich ist, und ein Richterspruch wird gefällt werden, dessen einziges Gefühl die Rache, einzige Räson der Schrecken ist. Und dieses Verbrechen, dem wackere Menschen, begeisterte Führer des Volkes, Denker und Dichter zum Opfer fallen, voll- zieht sich ungestraft vor den Augen der ganzen zivilisierten Welt! Der lirleg. Die Tätigkeit der italienischen Rote Meer-Flottr. Perim, 2. April.(Meldung deS Reuterschen BureauS.) DaS italienische Kriegsschiff„Piemonte" hat offiziell vom 1. April an die Blockade für die Häfen Löheia und Kamara, zwei bedeutende internationale Pilgerstationen, und S a l i f, wo sich türkische Salzwerke befinden, angekündigt.— Die Italiener haben den britischen Dampfer„W o o d c o ck" in der Nähe von Loheia angehalten und nach Massaua gebracht.— Die Italiener haben da? Kabel zwischen der Insel Kamara und dem arabischen Festland zerschnitten. Vom tripolitanischen Kriegsschauplatz. Tobrnk, 2. April. Auch gestern machten die Türken und Araber wiederholt den Versuch, die Italiener bei ihren Arbeiten an einem neuen Fort durch Gewehrfeuer zu hindern, wurden durch das Artillerie- und Gewehrfeuer der italienischen DeckungStruppeu zurückgewiesen und hatten Verluste zu verzeichnen, trotzdem sie sich in gedeckten Stellungen zu halten bemühten. Auf italienischer Seite wurde ein Soldat leicht verletzt. Die Bauarbeiten konnte» ohne Unterbrechung weitergeführt werden. Tripolis, 2. April. In der gestrigen Nacht rückte eine etwa hundert Mann starke Abteilung Araber gegen Ainzara vor und beschoß daS Fort, wurde aber beim Licht der Scheinwerfer durch einige Kanonenschüsse verjagt. Bcschlagnalime eines Schiffes. Rom, 2. April. Heute haben zwei italienische Torpedoboote auf der Höhe der Küste von Sizilien den Dampfer„ElpiS" angehalten, der im Verdacht stand, Kriegskonterbande an Bord zu führen. politische üebcrftcht. Berlin, den 2 April 1912. Der klerikale Kurs in Bayern. Die„Münchener Neuesten Nachr." beschästigen sich in einem Leitartikel mit der in gestriger Nummer des„Vorwärts" berichtete» kuriosen Interpretation des Jesuitengesetzes durch die beide» bayerischen Minisier b. AnMng und Sode« und bringen bei dieser Kemuniz einen Vorfall zur Sprache, der deutlich zeigt, wie sich das ge klerikale bayerisch- Ministerium über die Reichsgesetze hinweg- . Da» Blatt erzählt: Es gibt aber noch eine dritte Hrt von Ordenstätigkeit der Jesuiten, die nach dem Reichsgesetz gleichfalls verboten ist: die iogenannien Exerzitien. Von diesen sagt die Entschließung der beiden Ministerien nichts. Dadurch aber wird eine Unklarhett geschaffen, die von den Jesuiten benützt werden kann und tatsächlich benützl wird, um die verbotenen Missionen unter dem Decknamen von Exerzitien doch abzuhalten. In München hatten wir dafür in den letzten Tagen ein lehrreiches Beispiel: In der Stadtpfarr- kirche in Haidbausen fand. wie das Stadlpfarramt, gez. Möns. Widmann. bekanntgab, in der Zeit vom PassionSsonntag bis Palmsonntag, 24. bis S1. März, eine »heilige Mission* statt, bei welcher die sämtlichen Predigten der Jesuitenpater Professor Franz Taver Hayler hielt. Nachdem in der Presse auf diese Verletzung deS Reichsgesetze» über den Jesuitenorden aufmerksam gemacht worden war. wurden in der Bekanntmachung des Stadt« Pfarramts von Haidhausen die Worte»heilige Mission' durch »heilige Exerzitien' ersetzt. Im übrigen blieb der Inhalt der Bekanntmachung der gleiche. So Ivurden aus einer verbotenen .Mission' durch einen Federstrich»Exerzitien', die, wahrscheinlich schon unter der Wirkung der neuen, bisher geheim gehaltenen Ministerialentschließung, unbeanstandet ge« blieben sind. Nach unserer Meinung mögen die Jesuitenpater« nach Belieben »Misstonen',.Exerzitien' oder»Konferenzen' abhalten; aber vor« läufig ist das Jesuilengesetz noch Reichsgesetz, und auch die neue klerikale bayerische Regierung ist verpflichtet, Reichsgesetze«inzuhalten und nicht zu dulden, daß unter ihren Lugen solche Gesetze offen- kundig verletzt werden.__ TaS bundesrätliche Einverständnis über die Deckungsfrage. Die..Nordd. All gem. Ztg.» veröffentlicht halbamtlich das Folgende: »Der Bundesrat ist vor seinem Eintritt in die Osterpause zu einem Einverständnis auch über die DeckungSvorlage für die neuen Wehrforderungen gelangt. Der hiernach aufzustellende Gesetzentwurf zur Abänderung der Kontingentsbestimmungen des BranniweinsteuergesetzeS wird binnen kurzem seine formale Ausgestaltung erhalten, und cS ist mit Sicherheit zu erwarten, doh er dem Reichstag bei seinem Wieder- zusammentritt nach Ostern gleichzeitig mit den Wehrvorlagen zu- gehen wird.' f Die»National-Ztg.» bemerkt da�u, daß dies„Einverständnis' hoffentlich nicht wieder so unerquickliche Aus- etnandersctzungen der beteiligten Regierungen nach sich ziehen werde, wie die berühmte„Einmütigkeit' in der Frage des Verzichtes auf die Erbanfallsteuer. Diese nationalliberale Anmerkung ist durchaus begründet. wen» man sich erinnert, baff ja auch die„Nordd. Allgem. Ztg.' beysuptet hatte, daß man im Bundesrat einstimmig der Ansicht gewesen sei, daß eine erneute Einbringung der Erbschaftssteuer einen politischen Fehler darstellen würde. Hatten doch unmittelbar nach dieser offiziösen Erklärung der„Nordd. Allgem. Zeitung' verschiedene Bundesstaaten nichts eiligeres zu tun, als diese Darstellung für unrichtig zu erklären. So die sächsische, die württembergische, die braun- s ch w e i g i s ch e und bis zu einem gewissen Grade auch die arrh altische Regierung! Sollte eS also diesmal wirklich zu einem faktischen Ein- jpcxständnis der bundesstaatlichen Regierungen über dieDeckungS- frage für die neuen Militärvorlagen gekommen sein, so wäre eS schon dringend wünschenswert gewesen, auch gleichzeitig Mit- teilung über das einmütig geplante Deckungsmtttel zu machen' Darüber nähere Auskunft zu geben, wäre eigentlich unter solchen Umständen diePflicht des offizlösenBlattes gewesen. Denn je früher eine Diskussion über die Deckungsabsichten der Verbündeten Regierungen eingesetzt hätte, desto gründlicher hätten die Steuerprojekte erörtert werden können. Aber auf eine solck gründliche Behandlung der Steuer- plane kommt es dem offiziösen Organ offenbar viel weniger an, als auf die Konstatierung, daß die bundesstaatlichen Regierungen unter sich einig sind über die nächste Steuer- schröpfung. Wie die V o l k s m a s s e darüber denkt, ist den Bundesstaatsvertretern anscheinend außerordentlich gleich- gültig!_ Die Bachemite« unter sich. Die»Köln. VolkSztg.' stellt sich höchst erfreut über das Aus- scheiden des bisherigen Reichstagsabgeordneten Hermann Roeren aus der Zentrumsfraklion. Sie schreibt: »Wie glücklich würden die Nationalliberalen sein, wenn st« so einig und geschlossen wären, wie das Zentrum. Die Einigkeit und Geschlostenheir des Zentrum» läßt letzt gar nicht« mehr zu wünschen übrig, nachdem die Abgeordnelen Bitter und Fle»scher nicht wiedergewählt worden sind, der Abgeordnete Graf OpperS- dorff in da« Zentrum nicht aufgenommen wurde und der Ab- geordnete Roeren seinen Austritt au« den beiden Zentrum«- fraktionen vollzogen hat. Was außerhalb der Fraktionen und überhaupt außerhalb der großen Organisationen der Zentrums« Partei jetzt etwa noch spielt, ist für das Zentrum als solche« be- langloS. Danach rechnet die»Köln. BolkSztg'' alle jetzigen Zentrums- abgeordnete des Reichstages zur Gefolgschaft der Bachemilen. Hamburger Fleischpirate«. Aus Hamburg wird uns geschrieben: In der Budgetberatung der Hamburger Bürgerschaft kam eS am Montagabend in einer Extrasitzung beim Artikel„Schlachthof und Viehmärite" zu �regten Auseinandersetzungen über das rigorose Vorgehen der Schlächterinnung. Im Vorjahre haben Senat und Bürgerschaft beschloffen, eine Statistik über.Ham« burger gleischpreise herauszugeben; jedoch hat die Schlächter- innung den Meistern auf» strengste untersagt, ihre Detailpreise der Schlachthofdeputation mitzuteilen, angeblich, weil es nicht möglich sein soll, eine einlvandfreie Liste der Fleischpreise auf» zustellen. In Wirklichkeit will die Innung natürlich— unser Ge. uosse Krause sowie Vertreter anderer Parteien wiesen nach- drücklich darauf hin—, die Preistreibereien und die zeitweiligen gewaltigen Spannungen zwischen Engros- und Detailpreisen der- schleiern Zur Agrarpolitik gesellt sich so die ebenso rücksichtslose Profitmqcherei de« Detaillistentums und der Konsument. ist der Leidtragende dabei. Disziplinarverfahren gegen de» Borstand des Leipziger Lehrervereins. Im Mai vorigen Jahres hielt Rechtsanwalt Dr. Schiller im Leipziger Lehrervercin einen Vortrag, in dem er die Schmerze» der sächsischen Lehrerschaft zum Ausdruck brachte. Dr. Schiller nahm die Schulinspcktion und die leidige Schulburcaukratie unter die Lupe, kritisierte das Verfahren gegen einige Dresdner Lehrer, die eine sozialdemokratische Versammlung besucht hatten, und da» Chemnitzer Verbot, nach dem Lehrer nicht Mitglieder drS Vorstand«» eine» Wirtschaftsvercins sein dürfen. Gegen den ersten unk ftn zEeiten Vorsitzenden de« Leipziger LehrervereinS wurde dann von der Leipziger Bezirksschulinspektion ein Disziplinarverfahren eingeleitet, da beide den Vortrag im Berein geduldet, ja ihn sogar vorher gelesen und dem Referenten nachher den Dank des Vereins abgestattet hatten. Da eine Berufung gegen die Entscheidung der Schulinspektion unstatthaft ist, ließen die beiden Lehrer durch Rechtsanwalt Dr. Steckner die Nichtigkeitsbeschwerde beim Sächsischen Kultusministerium einreichen. Diese Beschwerde hat nach einer Meldung der„Leipziger Neuesten Nachrichten' das KulwSmimsterium jetzt zurückgewiesen, da die Beschwerdeführer sich durch Duldung des Vortrages eines achtungswidrigen Benehmens gegen die Schul- behörde im allgemeinen und gegen ihre dienstlichen Vorgesetzten im besonderen schuldig gemacht haben. Gänzlich unbegründet sei ihre Berufung auf das Vereinsgesetz. Dieses laste solche Beschränkun- gen des Rechtes, Vereine zu bilden und sich zu versammeln, unbe- rührt, die sich aus den besonderen Pflichtbeziehungen zwischen Be- Hörden und Beamten ergeben, und die jeder Beamte und jeder Lehrer bei Ausübung seiner staatsbürgerlichen Rechte zu berück- sichtigen verbunden fei._ � Eine neue„Chebrufe". Ein Unternehmer, der für eine von der Reichswcrft in Kiel ausgeschriebene Submission eingereicht hatte, erhielt folgenden Brief: „Ich habe in Erfahrung gebracht, daß Sie sich an der Sub- Mission der Kaiserlichen Werft in Kiel beteiligt haben. Die von Ihnen angegebenen Preise sind aber bedeutend billiger als diejenigen, welche die Vereinten deutschen Großhändler für die Submission festgesetzt haben. Ich gestatte mir, Ihnen nach- stehend die festgesetzten Preise zur gefl. Kenntnisnahme zu unterbreiten mit der höflichen Bitte, Ihre Offerte doch cnt- sprechend berichtigen zu wollen. Ich nehme an. daß eS Ihnen nicht darum zu tun ist, unsere Bestrebungen zu stören, sondern daß Sie in dem vorliegenden Falle nur aus Unkenntnis so billige Preise offeriert haben. Unter Benutzung des beiliegenden Freikuvertö bleibe ich, Ihre Bestätigung erwartend, daß Sie Ihre Offerte zurückgezogen bezw. meinen heutigen Angaben ge- inäß berichtigt haben, wofür ich Ihnen im voraus im Namen der Vereinigten Grohbändlcr verbindlichsten Dank sage.' Der Unternehmer bekam später noch einen zweiten Brief von der Vereinigung der Großhändler, worin angefragt wurde, ob er die Berichtigung schon abgesandt habe.— Das ReichSmarincamt dürfte sich für folgend« Fragen interessieren: 1. Wer hat der Ver- einigung der Großhändler die Mitteilung gemacht, wie hoch die Offerte deS Unternehmer» war? Die eingereichten Offerten muffen doch vor der amtlichen Oefftiung geheim gehalten werden. 2. Wer hat dem Verein der Großhändler die Mitteilung gemacht, daß der Unternehmer eine Berichtigung seiner Offerte im Sinne der For- derungen der Großhändler noch nicht abgesandt hatte?— Aus dem großen Kieler Werstprozeß ist die berüchtigte„Chebruse" bekannt; besteht ebenso wie damals für den Althondel mit der Werft auch eine solche.Chebruse' für Arbeiten und Lieferungen für die Werf» Vielleicht läßt dem Staatssekretär des ReichSmarineomtS die Vertretung der Flottenvorlage doch noch soviel Zeit, sich auch einmal mit der Vergebung der Arbeiten und Lieserungen durch die Reichs- werft zu beschäftigen._ Ocftemlcb. Gleiches Recht für die Konsumvereine. Da« Abgeordnetenhaus hat in seiner letzten— vierzehn- sillndigen!— Sitzung vor den Osterscrien das Gesetz verabschiedet, da« alle nicht auf. Gewinn. berechneten Genossenschaften der gleichen Besteuerung unterwirft und den Konsumvereinen und Arbeiter- produktivgenoffenschaften die gleiche Behandlung garantiert wie Mittelstands- oder LandwirtSgenoffenschaften. Der fanalisch« Arbeiter- haß deS Deutschen Nationalverbandes äußerte sich in einem gemeinsam mit der christlichsozialen Krämerpartei gestellten Rück- verwcisungSantrag. Er wurde aber mit den Stimmen der Sozial- demokraten und der slawischen Parteien abgelehnt und da« Gesetz mit der gleichen Mehrheit beschloffen.— In der gleichen Sitzung wurde auch die im Herrenhaus schon einmal versandete Vorlage angenommen, durch die die strafrechtliche Verfolgung de« Kontrakt- bruch« der Arbeiter beseitigt wird. Die 17. September-Justiz. Der Oberste Gerichtshof hat die Bluturteile, die das Landes- gericht Wien gegen die wegen der Teuerungskrawalle vom 17. Erp- tember 1911 Verhafteten fällte, ein» nach dem anderen als recht«- widrige Tendenz. Wahlsprüche' gekennzeichnet. Nun ist— im Wiederaufnahmeverfahren— auch da» allererste jener Schreckensurteile gebrantmarkt worden. Ein jetzt al« völlig schwachfinnig erkannter armer Teufel war wegen Einwerfen« einer Laterne zu einem Jahr schweren Kerker« sZuchthau«) verurteilt worden. Jetzt, nachdem er vier Monate verbüßt, kam er mit—— drei Tagen Arrest davon I Die Laudtagswahlreform iu Böhmen. Noch heute sind die Arbeiter im Landtag des industriellsten Landes der Monarchie dank dem schandvollen Geldsackswahlrecht un- vertreten. Die Deutsch.freiheitlichen' verschleppen seit Jahren selbst die bescheidene Vorlage der Regierung, die zu den 242 GeldsackS- Vertretern 43 Mandate der bisher vom Wahlrecht Ausgeschlossenen hinzufüge» will. Da? geht den Deutsch.freiheitlichen' zu weit und sie wollen es arbeiterfreundlich reduzieren. Einer sozialdemokrati- scheu Abordnung unter der Führung de« Landesvertrauensmannes für Deutschböhmen, Abg. Genoffe Seliger, erklärte nun der Ministerpräsident Graf Stürgkh. daß die Regierung an ihrer Vor- läge festhalten werde. Das gleiche Wahlrecht lehnt sie für die Land- tage prinzipiell ab. Snglatid. Das Frauenwahlrccht. Au« London wird uns geschrieben: Mit der Ablehnung der sogenannten Versöhnungsvorlage der Frauenrechtlerinnen durch da« Unterhaus ist nicht nur diese besondere Maßregel wahrscheinlich für immer abgetan, sonder» hat auch die Sache de» FrauenstimmrcchtS im allgemeinen einen empfindlichen Schlag erlitten. Ein größerer Umfall war kaum denkbar. Dieselbe Vorlage, die im vorigen Jahr mit Söä gegen 88 Stimmen die zweite Lesung passierte, ist jetzt von demselben Untcrhause mit 222 gegen 298 Stimmen in zweiter Lesung verworfen worden. Eine Reihe von Umständen haben zu diesem Ergebnis beigetragen. Eine Analyse der Stimmen zeigt, daß die Mehrheit gegen die Vorlage sich aus 114 konservativen, 78 liberalen und 36 irischen Stimmen zusammensetzte, während 117 Liberale, 63 Konservative, 26 Arbeitervertreter und 8 unabhängige Iren für die Bill stimmten. Im vorigen Jahre hatte die Arbeiterfraktion fast vollzählig für die Vorlage gestimmt, und der diesjährige Abfall erklärt sich wohl hauptsächlich au« der Abwesenheit der fünfzehn Bergarbeitervertreter in den Streikgebieten. Wären sie anwesend gewesen, dann hätten sie wahrscheinlich auch, diesmal für die zweite Lesung gestimmt, obickion bekanntlich gerade die Berg- arbeiter einem beschränkten Frauen Wahlrecht stark ab- geneigt sind. Von den Iren, die jetzt geschlossen gegen die Vorlage stimmten, hatten im letzten Jahre 31 dafür und nur 9 dagegen ge- stimmt. Sie gingen jetzt deshalb gegen die Vorloge vor, weil die Pasfierung der zweiten Lesung diesmal auch die weiteren Stadien der Verhandlung nach sich gezogen Hütt«, z« welchem Zwecke der Ministerpräsident den Frauenrechtlerinnen eine volle parlamentarische Woche zur Verfügung gestellt hat. Herr ASquitH Blieb bei diesem Versprechen, ob schon er je'Udem sich zur Eindringung einer allgemeinen Wahlrechtsreformbill verpflichtet hat, bei deren Verhandlung die Frage des Frauenwahl« rechts in Form eines Amendements zur Entscheidung kommen soll. Unter diesen Umständen wollten die Iren die Zeit für die weitere Verhandlung der BersöhnungSvorlage nicht opfern, die die» die Aus« sichten der Homerulebill beeinträchtigt hätte. Die Aussichten der Gesetzwerdung der Versöhnungsvorlage waren übrigens ohnehin sehr gering, da sie nicht nur mit der Feindseligkeit der Gegner de« Frauenstimmrechts wie deS Ministerpräsidenten, sondern auch vieler grundsätzlicher Anhänger, wie Lloyd George und Churchill, die aber ein demokratisches Frauenwahlrecht wollen, zu rechnen gehabt hätte. Endlich zeigt eS sich, daß 16 Liberale und 19 Uniomsten, die im vorigen Jahre für die Vorlag« stimmten, jetzt gegen dieselbe stimmten und'daß eine viel größere Zahl von Abgeordneten beider Parteien, die in der letzten Session die Bill unterstützten, sich jetzt der Abstimmung enthielten. ES kann keinem Zweifel unterliegen. daß die hysterischen Kapriolen und Fensterdemolierungen der Suffragette» teilweise den Vorwand zu djesem Umfall en gros ab« gegeben haben. So lange die SuffragetteS sich damit begnügten, die Zylinderhüte von Ministern und die Fensterscheiben der Regierung«- gebäude einzuschlagen, ließ man sich eS gutmütig gefallen und be« handelte sie, wenn sie verurteilt wurden, als privilegierte Gefangene. Seitdem sie sich aber durch die Deinolierung von Ladenfenfter» an dem heiligen Privateigentum vergriffen haben, haben sie die „sbopooroczr" und da» allgemeine Philistertum gegen sich aus- gebracht. Jetzt haben sie zu büßen, wenn auch natürlich noch lange nicht in dem Maße und der Weise, wie Arbeiter es müßten, die sich etwa Sehnliches erlaubten. ES ist anzunehmen, daß die be- liebten„KampfeSmethoden' der Suffragette« unter solchen Umstände» wenigstens für einige Zeit aus der Mode kommen werden. Viel ernster aber ist, daß die grundsätzlichen Gegner jede« Frauenwahlrechts aus der Ablehnung der Versöhnungsvorlage neuen Mut schöpfen werden. Die Hoffnung, daß eS ans Anlaß der ver- sprochenen Reformbill zur Verwirklichung deS Fraurnwahlrecht» kommen wird, hat sich jedenfalls stark verringert. Lloyd George über das Budget. London, 2. April. Unterhaus. Bei der Einbringung des Budgets führte der Söhatzkanzler Lloyd George aus, der erzielte Ueberschuß von 6 646 999 Pfund Sterling sei der größte jemals verzeichnete. Der Voranschlag der Ausgaben für 1912/13 betrage 186 886 999 Pfund Sterling. Die Steigerung von 6 819 999 Pfund Sterling gegenüber dem Budget von 1911/12 fei hauptsäch- lich zurückzuführen auf das VersicherungSgesctz und die Bevstaat- lichung deS Telephondienstcs. Die günstige Entwickclung von Handel und Wandel hätte all« Erwartungen übertroffen. Die Hauptsteuern hätten ein günstiges Ergebnis gehabt, ungeachtet de» Streiks, der bis zum 31. März eine Minderung der Einkünfte um 490 999 Pfund verursacht hätte. Der Minister verweilte hierauf lange bei den Wirkungen de» Budgets von 1999. Er erklärte, die wirtschaftliche Lage habe sich seither stetig gebessert und die Arbeitslosigkeit abgenommen. Der Minffter sprach hierauf über die Verwendung der erzielten Ueber- schüsse. Mancherlei Umstände mühten aber berücksichtigt werden. So stellten zum Beispiel 1 699 999 Pfund der erzielten Ueberschüsse Geld dar, das im letzten Jahre nicht für die Flotte verwendet wor- den sei, obschon es zu diesem Zweck vorgesehen war, das aber dieses oder das nächste Jahr dafür verwendet werden würde. Ob« schon er erwartete, daß der Kohlen streik diese Woche bei» gelegt werden würde, müßte er doch seine Wirkungen auf Handel und Wandel und die Staatseinkünfte im Auge behalten. Er müßte auch mit der Möglichkeit rechnen, daß jene erhöhten Ausgaben nötig werden würden, auf die von Churchill in seiner machtvollen Red« hingewiesen worden sei. Keiner bedauere mehr als er die ungeheuren Ausgaben für Rüstun» gen; aber soviel hänge von der Sicherung der ab- soluten Unverletzlichkeit derKüsten Englands« b, daß, wenn wir uns irren sollten, wir uns nur irren dürften, indem wir zuviel tun. Der Minister schlug vor, für den Augenblick den gesamten Ueberschuß zur Stär, kung de« Staatsschatzes zu bestimmen. 6chwecl(ti. Das Frauenwahlrecht. Stockholm, 2. April. Dem Reichstage wurde haute ein Gesetzentwurf der Regierung über das politische Wahlrecht der Frauen unterbreitet. Der Gesetzentwurf be- zweckt die Verleihung des aktiven und passiven Wahlrecht» an die Frauen in gleichem Maße wie an die Männer. Verheiratete Frauen, deren Männer in den letzten drei Jahren keine Steuern bezahlt haben, sollen kein Wahlrecht haben. Marokko. Der Sultan mußte sich füge«. Paris, 2. April. Au» Fes wird unter dem 1. April gemeldet: Der ProtektoratS-Vertrag umfaßt 7 oder 8 Artikel. Der Sultan unterzeichnete den Vertrag eigenhändig. E» geht da» Ge» rächt, daß der Sultan am ersten Tag« nicht geneigt schien, zu unterzeichnen, daß er aber später keine Schwie- rigkeiten gemacht habe. Der Text, den Regnault au» Pari» mit» gebracht hatte, blieb unverändert. Paris. 2. April.„Matin" schreibt: Der Widerstand, den Sultan Mulay Hafid anfänglich der Unterzeichnung de» ProtcktoratsvertragS entgegensetzte, bezog sich fast ausschließlich auf die Vertragsklausel, die Bestimmungen über die Rechte Spanien» und die Jnternationalität Tanger» enthält. Frankreich hat, indem eS mit Nachdruck diese beiden Bestimmungen aufrecht erhielt, einen neuen Bcwei» seiner Redlichkeit Spanien und England gegenüber gegeben. Hoffentlich wird die Madrider Regierung die von Frank» reich bei dieser Gelegenheit bewiesene freundschaftliche Haltung an- erkennen. Aegypten. Ein Gefecht am vbereu Nil. Kairo, 2. April.(Meldung des Reutcrschen Bureau».) Wie datz Kriegsamt bekannt gibt, stieß eine kleine, von einem britischen Offi- zier befehligte Expedition, die in das Gebiet der A n h u a k am oberen Nil entsandt tvar, um diesen Stamm für von ihm unternommene Raubzüge zu bestrafen, am 16. März auf starke feindliche Streitkräfte. Der Kampf fand im dichten Busch statt. Tie AnYuäk wurden zum Rückzug gezwungen und die Dörfer in der Nachbarschaft von Odonga eingenommen und zerstört. Von den Truppen wurden zwei britische und drei ägyptische Offiziere sowie zwciundvierzig sudanesische S o I» d a t e n getötet, ein ägyptischer Offizier und zwölf Manu ver- wundct. Die Anzuak hajftn schwer« Verluste. ©ewcrfefcbaftlicbea. Lohnbewegung im Ramburger Raken. Der Hamburger Hafen lenkt jetzt die Aufmerksamkeit der ganzen Oeffentlichkeit auf sich. Sämtliche dort tätigen Ar beitergruppen stehen in einer Lohnbewegung, von deren Aus gang es abhängt, ob das Erwerbsleben nicht nur der großen Hansestadt, sondern der ganzen Handelswelt überhaupt schweren Erschütterungen wird ausgesetzt werden. Im Winter 1896/97, als lange Jahre geduldig getra genes Unrecht die rücksichtslos ausgebeuteten Lohnsklaven der Reeder und Stauer zu einem mit heroischer Ausdauer durch. geführten, aber zunächst äußerlich ergebnislosen Verzweif lungskampf um bessere Existenzbedingungen aufgepeitscht hatte, gelang es den Unternehmern, die unzulänglich organi sierten, infolge langer Unterdrückung und Entbehrung ge> schwächten Proletarier des Hafens in die Knie zu zwingen. Vergebens waren glücklicherweise die Opfer nicht, die damals die Beteiligten brachten. Was der Riesenkampf von 1896/97 an materiellen Vorteilen gebracht hatte, war allerdings bitter wenig. Und auch in der Folgezeit stellte das, was den Unternehmern in zäh sin Ringen entrissen wurde, vielfach nur einen Tropfen auf einen heißen Stein dar, stand in keinem Verhältnis zur anhaltenden Verteuerung der Gesamtlebenshaltung. Um so höher war der mora- l i s ch e Erfolg einzuschätzen. Alle Kräfte wurden an den Ausbau der Organisation gesetzt! Langsam, doch sicher schlössen sich die Reihen. Die Arbeit war nicht eben leicht Das Unternehmertum, geldkräftig und geschäftskundig zu- gleich, bot alles auf, den Aufstieg der Arbeiter zu hemmen. Immer wieder schleppte und schleppt man heute noch unauf geklärte, bedürfnislose Arbeiter aus allen Himmelsrichtungen ein. unbekümmert darum, ob der„teuren Vaterstadt" unnütz Lasten aufgebürdet werden; nur zu dem Zwecke, um die Verbandstruppen durch einen hohen Prozentsatz Unorgani- sierter in Schach zu halten. Es hat alles nichts geftuchtet! Auch die vor 5 Jahren erfolgte Aussperrung der Schauer. leute, die daran anschließende Schaffung von„Betriebsspar- kassen", mit denen die„festen" Leute finanziell an den Un ternehmer geknebelt werden sollen, wie anderswo mit Werks Wohnungen und Pensionskassen, die Bindung von„Kon trakt"arbeitern, die Privilegien bekamen, für die man sie zum eventuellen Streikbruch verpflichtet wähnt, die Boykottierung der organisierten Arbeiter durch den Arbeitsnachweis, die Gründung„gelber" Verbändchen und wie sonst all die Shmst- griffe der Kapitalisten zur Zertrümmerung der Gewerkschaf. ten sich betiteln mögen— alles das hat nicht vermocht, dem siegreichen Fortschreiten der Organisation Einhalt zu gebie. ten. Im Gegenteil! Vor allem seit dem Zusammenschluß der Hasenarbeiter und Seeleute mit dem Transportarbeiter- verbände haben gerade die Machinationen der Reeder und Stauer und ihrer skrupellosen Handlanger wesentlich mit dazu beigetragen, das Tempo des Wachstums der freien Gewerkschaft und den Abscheu der großen Massen der Arbeiter vor jenen Mausefallen des Unternehmertums zu erhöhen. Die Hafenarbeiter und Seeleute stellen heute im Transport- arbeiterverbande eine bisher nicht dagewesene Anzahl Or- ganisierter. Daneben hat auch das Bedürfnis, auf politischem Gebiete zur Befreiung der Gesamtarbeiterklasse beizutragen, mehr und mehr Platz gegriffen, und die Erkenntnis, daß der Arbeiter als Konsument sich zu organisieren und haus- wirtschaftlich auf seine Kämpfe zu rüsten habe, reiche Früchte getragen in die„Produktiv n", deren Einrich- tungen auch den Lohnarbeitern des Handels- und Schiffahrts- kapitals unschätzbare Dienste leisten. Heute sind nun die Hasenarbeiter und Seeleute über- zeugt, daß sie ein Recht und ihren Familien gegenüber auch die Pflicht haben, endlich die Früchte ihrer Mühen zu ernten und eine Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen, in erster Linie eine Erhöhung der völlig unzureichenden Löhne zu beanspruchen. Reedereien und Hafenbetriebe lenken einen gewaltigen Goldstrom in die Taschen der an Handel und Schiffahrt beteiligten Kapitalisten. Ein be- scheidener Anteil der Arbeiter an diesem Ueberfluß würde diesen außerordentlich wohltun, ohne den Unternehmern Schmerzen zu bereiten. Und so haben denn nunmehr alle Kategorien den Arbeitgebern ihre Wünsche unterbreitet. Sie sind wirklich nicht übertrieben! Der Lohn soll um etwas er- bäht, die Arbeitszeit verkürzt, eine Maximalgrenze für sie festgelegt, Nacht- und Sonntagsruhe garantiert und eine Ver- besserung der Schutzvorschriften und ihrer Durchführung ge- sichert werden. Das alles sind durchaus berechtigte und vor allem er- füllbare Forderungen. Von 1895 bis 1908 sind die Löhne der Hafenarbeiter nicht annähernd in gleichem Maße ge- stiegen wie die Lebensmittelpreise! Während die Lebens- mittelpreise um 27,64 Proz. sich erhöhten, stieg der Lohn der Hafenarbeiter nur um 13,33 bis 26,6 Proz. Und es handelt stch um großstädtisch� Löhne von ungewöhnlich geringer Höhe, bei denen also eine Steigerung um ein Viertel absolut noch nicht sehr viel ausmacht! Es bewegten sich nämlich die Löhne zwischen 3 und 4,20 Mk. im Jahre 1895 und 3,40 bis 4,80 Mk. ini Jahre 1908. Der Stundenlohn beläuft sich heute in Tageslohnarbeit zwischen 34 und 48 Pf. Ja, seit 1872, also in 40 Jahren, ist der Tagelohn einer der wichtigsten Ar- beitergruppen, der Schauerleute, um ganze 80 Pf., d. h. u m nur 10 Proz. gestiegen! Man bringe aus Hamburg eine Arbeiterschicht mit ähnlich schwerer, verantwortungsvoller Arbeit, die so miserabel entlohnt wird! Dabei ist ein großer Teil der Hafenarbeiter eigentlich genau so gut gelernte Arbeiter wie andere, die als solche gelten, insofern nämlich ihre Arbeit bei weitem nicht jeder leisten kann, sie viel- mehr erst nach langer Uebung ordnungsmäßig verrichtet wird. Dazu kommt, daß die meiste Arbeit Gelegenheitsarbeit ist, daß also die Arbeiter mit manchen Unterbrechungen und Lohnaussällen, verbunden mit zeit- und geldraubendem Aus- schauen nach Arbeit rechnen müssen. Ferner ist die Arbeit ausnahmslos eine recht schwere; sie muß in Wind und Wetter, in Regen und Sonnenbrand ausgeübt werden, bedingt also ohne weiteres eine reichliche Ernährung, wenn der erforder- liche Kräfteersatz eintreten soll. Dann aber hat der Hafenarbeiter, um zur Arbeitsstätte zu gelangen, manche Ausgabe an Fahr- und Fährgeld. Er muß seine Mahlzeiten außerhalb des Hauses einnehmen, und er muß hohe Mieten zahlen oder stundenweit gehen, um sein Heim zu erreichen. Das alte am Hafen gelegene Hamburg verschwindet dank der umfassenden �anierungsarbeiten. die Hamburg seit der Cholerakatastrophe von 1892 vornimmt, da- mit aber auch die kleinen und relativ billigen Wohnungen, Lerantw. Redakteur: Albert Wach». Berlin. Inseratenteil verantv.: mehr al» fünf Jahre im Betriebe beschäftigt war. Plötzlich, nach den stattgehabten Verhandlungen, entlassen wurden. Die Folge davon war, datz am Sonntagabend zirka 30 Kellner sich mit ihren gemahregelten Kollegen solidarisch erklärten und die Arbeit einstellten. Das Lokal mutzte daraufhin auf einige Stunden für das Publikum wegen„Ueberfüllung des Lokals'— wie es auf dem Plakat der Firma hietz— geschlossen werden. Von den Gästen, die das Lokal verließen, und von denen, die hinein wollten, konnte man sehr deutlich vernehmen, datz ihre Sympathien auf seiteu der Kellner waren. Natürlich war auch die Polizei sofort in großem Aufgebot zur Stelle, um die Arbeits- willigen zu schützen. Sicherlich hätte sich die Direktion des Wein- Hauses„Trarbach' nichts vergeben, wen» sie so wie die Inhaber der anderen Betriebe, durch friedliche Verhandlungen mit den Organisationsvertreteru eine Verständigung herbeigeführt hätte. Bisher hat die Firma Arbeitswillige in genügender Zahl nicht er- halten können. In den VermittelungsburcauS selbst der gelben Vereine finden sich nur wenige Arbeitswillige. Die Differenzen mit den Kellnern des BrauereiauSschonk König st adt sind, wie schon gemeldet, beigelegt. Die Forderungen der Kellner auf Erhöhung des Gehalts und Abschaffung der Kost sind bewilligt. Die Organisation und deren Arbeitsnachweis wurden anerkannt. Die Entlassenen sind wieder eingestellt worden. in denen bisher der Hafenarbeiter Unterkunft fand. Kon torhäuser und Wohnungen, in denen ganz bescheidene Wohnungen 400 bis 600 M. pro Jahr kosten, treten an ihre Stelle. So wird der Mann der Hafenarbeit in entlegene Gegenden gedrängt und seine Lebenshaltung kolossal verteuert. Rechnet man noch hinzu, daß infolge seiner Arbeitsweise, die an die Leistungsfähigkeit und damit an die Gesundheit die uner hörtesten Ansprüche stellt, der Hafenarbeiter Krankheiten besonders ausgesetzt ist, dann bedarf es keiner weiteren Be gründung der Notwendigkeit der Lohnerhöhung wie der Ar- beitszeitverkürzung. Daß die maximale Begrenzung der Arbeitszeit dringend erforderlich ist, erhellt aus der Tatsache, daß nirgends die Ueberstunden-, Nacht- und Sonntagsarbeit so grassiert wie im Hafen. Sind doch 36-, 48-, ja 60stündige ununterbrochene Arbeitszeiten an der Tagesordnung. Lediglich kapitalistische Sparwut hindert die Durchführung eines vernünftigen Schichtwechsels und Beschränkung der Ueberarbeit und Feier tagsentheiligung auf das unvermeidliche Maß. Das gilt auch von den Schutzvorrichtungen. Alle Arbeit auf und im Wasser ist mit Gefahren verknüpft. Diese könnten aber in hohem Maße verhütet werden, wenn nicht mit u n m ä ß i g e r Hast, wenn unter Beobachtung der erforderlichen Vorsichtsmaßregeln gearbeitet würde. Daß dem heute nicht so ist, beweisen die grauenvollen Ziffern der Hafenunfallstatistik, die für 1901 bis 1910 nicht weniger als 418 Tote und 24 250 Verlebte aufweist! Wer wollte da ernstlich-die zwingende Notwendigkeit bestreiten, daß den Hamburger Hafenarbeitern geholfen werden muß? Nun ist der Stein im Rollen! Die Forderungen sind eingereicht, die Unternehmer haben das Wort. Was kommen wird, läßt sich natürlich auch noch nicht annähernd sagen Gewiß ist nur, daß auch heute wieder die Sympathien der ganzen Bevölkerung den Hafenarbeitern sicher sind. Daß die Unternehmer dies wissen, beweist am besten ihr von der feilen bürgerlichen Presse gestützter Versuch, die Oeffentlich keit mit einer Neuauslage der berüchtigten frisierten Lohn tabellen von 1896 hinters Licht zu führen. Es wäre richtiger, die Hamburger Großkapitalisten ließen solche unschönen Praktiken beiseite und einigten sich in Güte mit ihren Arbeitern über die sehr mäßigen Forderungen. Dann würden sie ihrer Vaterstadt und dem ganzen Reiche wirklich einmal einen guten Dienst erweisen, der ihnen oben drein sehr billig zu stehen käme! Berlin und Umgegend. Die Bewegung der Stukkateure. Am Dienstag beschäftigte sich daZ EinignngSamt de° Gewerbsgerichts mit der Bewegung der Stukkateure. Zu einem Resultat kam eS nicht. Die Unternehmer verlangten die vorläufige Wieder» aufnähme der Arbeit, da hiermit die Verständigung wesentlich ge- fördert werde, und zwar solle der alte Vertrag noch bis zur Beschlutzfassung gelten. Die Arbeiter lehnten das ab. Hierauf erfolgte eine Erklämng der Unternehmer, datz sie sich innerhalb 48 Stunden äußern wollten, ob ihrerseits der alte Vertrag als Grundlage der Verhandlungen anerkannt werde. Tarifbewegung der Militärsattler. DaS wesentlichst« Ergebnis der bisherigen Verhandlungen ist folgendes: Die£>3stündige Arbeitszeit bleibt bestehen. ES wird ein Mindestlohn von ö5 Pf. pro Stunde für Lohnarbeiter festgesetzt. Bisher bestand kein Mindestlohn. Für die Akkordarbeiler tritt eine Lohnerhöhung von etwa 5 Proz. im Durchschnitt ein. Arbeiter unter 45 werden als Heimarbeiter nicht beschäftigt. Diese sowie die übrigen im Entwurf enthaltenen Bestimmungen gelten für alle im Betrieb vorkommenden Arbeiten. Dieser Tarifvertrag tritt mit dem 1. April 1912 in Kraft und endet mit dem 81. März 1915. Die unter L Absatz 8 genannte ständige Schlichtungskommission tritt 6 Monate vor Ablauf deS Vertrages zusammen, um über Vorschläge zu einem weiteren Tarifverhältnis zu beraten.— Eine Versammlung der Militärsattler erleilte der Lohnkommission den Auftrag, noch einmal mit den Unternehmern zu verhandeln, um betreffs einzelner Punkte günstigere Abmachungen zu erzielen._ Die Dachdcckerhilfsarbcitcr berieten im Gewerkschaftshause über die Tariffrage, die ja schon vor 14 Tagen eine gemeinsame Ver- sammlung der Dachdecker und der Hilfsarbeiter beschäftigte. Der Vorstand und die Vertrauensmänner waren, wie bei den Dach deckern, so auch bei den Hilfsarbeitern zu dem Entschluß gekommen. keine höheren Lohnforderungen zu stellen, aber den Tarif klarer und einfacher sowie einheitlich zu gestalten und für die allgemeine Durchführung zu sorgen. Nachdem der Vorsitzende Marien kurz auf diese Beschlüsse hingewiesen' hatte, verlas und erläuterte er den dementsprechend abgefaßten Entwurf. Daran schloß sich eine ehr rege Diskussion, in der zwar von mehreren Rednern stark betont wurde, datz weitere Verbesserungen notwendig seien, die aber damit endete, datz der Entwurf mit unbedeutenden Aenderungen gutgeheißen wurde.— Unter Verbandsangelegenhelten wurde auf den ja schon in der gemeinsamen Versammlung gefaßten Beschlutz zur Maifeier aufmerksam gemacht, der die Mitglieder zu allgemeiner Arbeilsruhe verpflichtet.— Als Delegierte zum Verbandstag, der am 15. April in Nürnberg zusammentritt, sind gewählt: Für die Hilfsarbeiter Marien, für die Dachdecker Görnitz, Weiske und Stolzenhein._ Zur Lohnbewegung der Kellner. Seit einiger Zeit sind die Berliner Kellner eifrigst bestrebt, eine Verbesserung ihrer traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse herbei- zuführen. Bisher wurde in den meisten Geschäften entweder gar kein oder doch nur ein lächerlich geringer Lohn gezahlt, der vielfach durch Abgaben aller Art für Gläserbruch, Bonbüchcr, zur Bezahlung anderer Hilfspersonen, wieder aufgewogen wurde. Die«Leute- k o st' ist meist eine so minderwertige und ungenügende, datz die Kellner in der Regel sich doch für eigenes Geld beköstigen müssen. DaS Bestreben der Kellner geht deshalb insbesondere dahin, neben einem festen Gehalt die Ablösung der Beköstigung durch eine Kost- entschädigung und schließlich die Abschaffung aller Abgaben an die Geschäftsinhaber zu erreichen. In einer Anzahl größerer Restaurants, auch der Friedrichstadt, ind diese gewiß sehr berechtigten Forderungen mit Hilfe der Orga- nisalion bereits durchgeführt. In jüngster Zeit sind diesem Beispiel auch verschiedene große W e i n r e st a u r a n l s, wie«Kempinski', Traube',.Kaiserkeller" usw. gefolgt. In allen diesen Betrieben gelang es, durch friedliche Verhandlungen zwischen den Direktionen und den Venretern der Organisation die Wünsche der Kellner zu befriedigen. Dagegen kam es am Sonntag, den 31. März, im„Weinhaus Trarbach' zur Arbeits- niederlegung der Kellner. Die Direktion hatte zwar die Erfüllung der Forderungen versprochen, aber doch in einer Weise, die nicht befriedigen konnte. Sie lehnte vor allen Tingen edwede Verhandlung mit den Organisationsvertretern ab und war auch nicht bereit, irgendwelche Vereinbarung schriftlich zu treffen. Auch früher waren den dort angestellten Kellnern von der Direktion 'chon mancherlei Versprechungen in bezug auf Arbeilsverhälmisse gemacht, aber später nicht gehalten worden. Durch diese Er- ahrungen gewitzigt, mutzten die Angestellten darauf beharren, daß die Abmachungen mit ihrer Organisation getroffen würden. Die Erbitterung der Kellner wurde schließlich dadurch aufs höchste gesteigert, datz drei ihrer Vertrauensleute, darunter einer, der bereits daß er bald darauf starb. rh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u Verlagsanstalt PauISingerL Co., Berlin L1V. Hierzu 4 Beilage« u-UaterhaltungSbl. Die Tarifbewegung der Zigarrenarbeiter. In der Berliner Zigarrenindustrie, wo die Arbeiter schon seit September vorigen Jahres in einer Lohn- und Tarifbewegung stehen, ist, nachdem bei den meisten Firmen Erfolge erzielt worden sind, insofern eine taktische Aenderung eingetreten, als die Sperre für Berlin nunmehr aufgehoben wird. Diesen Beschlutz faßte eine Versammlung der Tabakarbeiter, nachdem Alwin Schulze einen Situalionsbericht erstattet hatte. Damit ist der Kampf nicht ab- gebrochen, sondern wird nur der veränderten Situation angepatzt. Das Hauptaugenmerk gilt von jetzt ab der Konttolle, die in schärfster Weise geübt werden soll. Nur jene Verkaufsgeschäfte, die daS grüne Plakat aushängen, bekunden hierdurch, datz sie die Zigarrenarbeiler in ihrem schweren Kampfe unterstützen wollen, indem sie nur tarifierte Ware feilhalten. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: Die kombinierte Mitgliederversammlung beschließt nach An- hörung des Berichts über die örtliche Zigarrenarbeiterbewegung, die Sperre über Berlin aufzuheben. Darunter soll nicht zu verstehen sein, datz die Bewegung am Orte zu Ende sei. Im Gegenteil mutz eS zur Pflicht gemacht werden, nach kräftigen Mitteln zu suchen, mittels deren die Aktion in verstärkter Weise fortzuführen ist. Das mutz um so mehr betont werden, da die Gewerkschaften auf dem 8. Deutschen Gewerkichaftskongretz ihre tätige Unter- stützung in der bekannten Resolution zugesichert haben und weite Kreise der Oeffentlichkeit diese Bewegung mit unterstützen. Die Generalversammlung in Hamburg wird ersucht, in diesem Sinne weitere Richtlinien zu geben und namentlich zu veranlasien, in der deutschen Tarifbewegung die Einheit deS Handelns mehr herauszuarbeiten. Die Versammlung nahm deS weiteren noch Stellung zum kommenden VerbandSkongretz und nahm mehrere diesbezügliche Anträge an._ Achtung, Friseurgehilfe«! Mit dem 2. April ist eine neue Kontrollkarte von hellgrüner Farbe eingeführt. Dieselbe wird nur dort ausgegeben wo tarifliche Abmachungen bestehen. Am Ostermontag ruht die Arbeit in den Betrieben. Tariflich geregelt ist ferner: Reichel, Tegeler Str. 25; G e i k«, Tegeler Str. 84; B arth, Libaner Str. 21; Ziegler, Neukölln, Lesstngstr. 27. Verband der Friseurgehilfen. Zweigverein Berlin und Vorotte. Deutfcbea Reich. Das Schiedsgericht zur Beilegung der Stteittgkeiten im Schneidergewerbe trat gestern in Jena unter dem Vorsitz des MagistratSshndikuS Dr. H i l l e r- Frankfurt a. M. zusammen. Der VermittelungSvor- schlag deS Syndikus Dr. H i l l e r wurde von der über- wiegenden Mehrheit der Arbeiter abgelehnt. Die für gestern vorgesehene allgemeine Wiederaufnahme der Arbeit ist nicht erfolgt. Es gelang jedoch den Bemühungen der Unparteiischen zu erreichen, datz das aus den Herren MagistratSrat v. S ch u l z- Berlin, Gerichtsdirektor Dr. Prenner- München und Syndikus Dr. H i l l e r- Frankfurt a. M. bestehende Schiedsgericht von fämt- lichen Parteien als Einigungskommission anerkannt wurde, welche nunmehr einen Weg zu einer Verständigung finden soll. In der Waggonfabrik in Görlitz sind am Dienstag 1200 Ar- beiter in den Aussland getreten. ES drehte sich um Lohnforderungen und um eine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Direktion hat nur ganz winzige Zugeständnisie gemacht. Beteiligt sind an der Be- wegung Metallarbeiter-, Holzarbeiter-, Schmiede-, Maler-, Fabrik- arbeiterverband und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine. Die Fcilenarbeiter inHannover-Linden haben am 1. April die Arbeit niedergelegt. Der für das Feilenhauergewerbe bestehende Tarifvertrag ist am 31. März abgelaufen. Am 30. Januar schon war den Unternehmern ein neuer Tarifentwurf zugestellt worden. worauf erst am 22. März auf wiederholte Anfrage eine Antwort einging, nach der aber fast gar keine Berbesierungen, in einem Punkt gar eine Verschlechterung gegen früher eintreten sollte. Nachdem die Kündigung bereits beschlossen war, wurde die Kommission zum 28. März zu einer mündlichen Verhandlung geladen. Beim Erscheinen wurde derselben dann aber kurz erklärt, datz Verhandlungen nicht geführt werden könnten. Darauf erfolgte am 1. April die gemeinschaftliche Arbeitseinstellung. ES wird erwartet, datz die Feilenhauer, Schleifer, Härter und Hilfsarbeiter keine Arbeil nach Hannover-Linden annehmen. Hetzte Nachrichten. Der Geheimfonds im reichsländischcn Parlament. Etrahburg i. Elf., 2. April. jBZ. T. B.) Die ZweiteKam. m e r nahm heute bei dem Etat des Jgnern an Stelle des ge- strichenen Fonds von 44 000 M. für die Geheimpolizei einen Fonds von 30 000 M. gegen die Stimmen der Sozialdemokraten nach dem Vorschlage der Budgetkommission an, und zwar unter der Bezeichnung:„Zur Belohnung für Entdeckung und Ergreifung vogt Verbrechern, insbesondere von internationalen Verbrechern und Mädchenhändlern.' Das Justizvcrbrcchcn an den Armeniern. Petersburg, 2. April.(W. T. SB.) Nach zweimonatlicher Verhandlung verkündete heute der Senat das Urteil in der Sache der armenischen Revolutionspartei. Von 145 Angeklagten wurden vier, darunter ein Arzt, zu Zwangsarbeit von 4 bis ö Iah- ren, 26/ darunter ein Priester, zur Verschickung, 21 zu Festungshaft von 3 Monaten bis zu 2 Jahren, einer zu 3 Jahren Gefängnis ver- urteilt. Die übrigen 94 Angeklagten wurden freigesprochen. (Siehe den Artikel auf der zweiten Seite.) Explosion in einer Dynamitfabrik. Siegen, 2. April.(W. T. SB.) In der Dynamitfabrik in W ü r- gcndorf explodierte ein mit 1000 Kilogramm Säure ge- üllter SBehälter, der sich in Reparatur befand. Ein Schlossermeister wurde sofort getötet; cm Ingenieur erlitt so schwere Brandwunden, Nr. 79. 29. Iahrgaas. 1 KcilU des Jormärts" Kerlim MM. MM«ch. z. April lAZ. ein fraircölisch-dentlches Parteifeit. Paris, 31. März.(Etg. 93er.) Die internationalen Kundgebungen des vergangenen kriti schen Sommers haben gestern ein freudiges Nachspiel erhalten. Die französischen Parteigenossen hatten nach dem Wahlsiege der deutschen Sozialdemokratie den Beschluß gefaßt, ihre brüderliche Mitfreude festlich kundzugeben. Jnnerpolitische Verhältnisse, besonders die Abhaltung des Parteitages im Februar, machten eine Verzögerung nötig. Aber der groß- artige Verlauf der gestrigen Manifestation hat bewiesen, daß die Vertagung dem Interesse, das die französischen Sozialisten dem Kampf der deutschen Genossen entgegenbrachten, keinen Abbruch getan hat. Es war von Anfang an bestimmt, daß die internationale Tendenz der Kundgebung in der Form der Veranstaltung selbst zutage treten sollte. Die Organisation wurde in die Hände der Verwaltungskommission der ge einigten Partei und des deutschen sozia listischen Leseklubs gelegt. Der deutsche Partei v o r st a n d delegierte Genossen Scheidemann, die elsaß-lothringische Landespartei den Ab geordneten von Metz, Genossen Dr. W e i l l, der nach den abgehausten Politikern, die hier bei den Reaktionären ständige Gäste sind, einmal die Stimme des Volkes seines Landes zur Geltung bringen sollte. Die Versammlung hatte ein außerordentliches Interesse wachgerufen. In der Salle Wagram, einem der schönsten und größten Versammlungsräume von Paris, waren schon lange vor der in Paris für den Versammlungsbeginn üblichen Zeit alle Räume dicht gefüllt und die Späterkommenden fanden nicht mehr alle Platz. Im ganzen waren an 6000 Menschen da, vorwiegend französische Arbeiter, aber auch sehr viel Deutsche und Russen. Auch die Kreise der französischen Intellektuellen hatten viele Besucher gestellt. Die Versammlung wurde mit der„Internationale" er öffnet, die der sozialistische Orchesterverein des XII. Arrondisse- ments vortrug. Die Menge sang das Lied mit und brachte Hochrufe auf die Internationale aus. Hierauf schlug Ge- nosse D u b r e u i l h. Sekretär der geeinigten Partei, folgendes Bureau vor: Vorsitzender: Genosse Vaillant, Beisitzer: Genosse B a b i o n. Vorsitzender des deutschen Lese- klubs, und R i e b k e. Sekretär des Pariser deutschen Ge> Werkschaftskartells. Die Wahl erfolgte mit Akklamation. Dubreuilh verlas ein Begrüßungsschreiben des Genossen Jules G u e s d e. dem sein Gesundheitszustand den Besuch der Versammlung, in der er das Wort ergreifen sollte, der- sagt hat. Genosse Saillant(mit Hochrufen auf die Kommune begrüßt) gibt der Genugtuung über den zahlreichen Besuch und über die Teilnahme der deutschen Delegierten Ausdruck: Wir feiern hier ein Familienfest. Der Sieg der deutschen Sozialdemo- tratie hat uns gleich einem eigenen Sieg gefreut. Der Redner erinnert an die Aktion, die das internationale Pro« letariat— und das deutsche mit besonderer Energie— im vorigen Jahre gegen den Krieg geführt hat. Die deutsche Wahlbewegung war eine Fortsetzung dieses Kompfes. Der Sieg der Sozial« demokratie war für uns keine Ueberraschung, denn er war die logische Folge der in Deutschland geleisteten Parteiarbeit. Vaillant schildert die deutsche Wahlkampagne, die das Prinzip nie aus dem Ange ließ und entschieden antimilitaristisch und anti- kakonialislisch war. Er schließt mit der Bitte an Scheidemann und Dr Weill, den deutschen Genossen zu sagen, daß die französischen mit ihnen eins sind im Kampf gegen den Krieg und für die Emanzipation des Proletariats.(Stürmischer Beifall.) Dubreuilh(für den Conseil National) begrüßt die deutschen Redner: Die vergangenen Monate haben uns gezeigt, daß sich etwas in der Welt geändert hat. Wir haben an Selbstbewußtsein gewonnen. Die Internationale will heute eine Realtität werden. Wohl ist die Habgier der Herrschenden noch immer lebendig, noch werden diplomatische Intrigen gesponnen. Aber die Herrschenden wissen jetzt, daß unsere Macht wächst, die in internationaler Ver- brüderuug die neue Gesellschaft errichten wird.(Beifall.) Grumbach(für den deutschen Leseklub): Wir wollen hier zeigen, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes den Chauvinismus ver- wirft In diesem Augenblick gibt es keine Grenze.(Beifall.) Der Redner erinnert an Jaurös letzte Rede über Elsaß-Lothringen. Auch die deutsche Sozialdemokratie— sie allein in Deutschland— braucht sich nicht zu scheuen, über diese Frage zu reden. Sie hat stets die Rechte der Nationalitäten auf die Erhaltung ihres Volkstums an- erkannt. Aber wenn wir Elsaß-Lothringen die freie Selbstverwaltung geben wollen, so wollen wir nicht sein Schicksal durch den Krieg enl« scheiden.(Anhaltender Beifall.) � Hierauf.ergreift, stürmisch begrüßt, Dr. Wetll das Wort. Er führt, oft von Applaus unterbrochen, in französischer Rede folgendes aus: Auf dem Siege nach CancaSHIre. (Von unserem Korrespondenten.) Pontypool, 30. März. Da? Eisenbahnnetz des Landes ist vollständig desorganisiert. Die Zahl der Züge ist sehr gering und ihre Fahrzeit ist höchst un- gewiß. Nicht einmal die Stationsvorsteher können einem Auskunft geben. Nur die Fahrpreise sind dieselben wie früher— sehr hoch. Man springt in einen Zug und hofft, daß einem der liebe Gott gnädig ist und nach seinem Ziele führen wird Hätten die Reisenden von Merthyr nach Manchester nicht einen weilen Umweg über Bristol und Derby gemacht, so hätten sie nicht weniger als 8 Stunden in Pontypool au' einen Zug warten müssen. Das einzig Gute ist, daß die verschiedenen Eisenbahngeiellschaslen ein Abkommen getroffen haben, nach d�m sie sich gegenseitig verpflichten, alle Reisenden zu befördern, mit welchen Billetten sie auch versehen sein mögen. Auf Grund dieses Abkommens gelang es uns, etwa hundert Kilometer umsonst zu, fahren. was allerdings kein ungemischtes Vergnügen war. Dieses Arrangement, das der Bergarbeiterstreik den Gesellschaften aufgezwungen, dürfte übrigens die Konzentration in der Eisenbahnindustrie Großbritanniens, die vor etwa vier Jahren kräftig einsetzte, sehr beschleunigen. Die Ge- sellschaften haben jetzt eine Gelegenheit, die wirtschaftlichen Vorteile eines einheitlichen Systems praktisch zu studieren. Noch weniger zahlreich als die Personenzüge sind die Güterzüge. Die leeren Waggons stehen zu Hunderten an den Knotenpunkten der Bahnen. Die wenigen Wagen, die gefüllt sind, enthalten fast nur Kohlenstaub, den man jetzt in großen Mengen von den Zechenplätzen fortschafft. Vermischt mit dem Staub sind kleine Kohlenftückchen von der Größe einer Erbse oder Bohne. Das Zeug kostet den Kohlenbesitzern gar nichts. Denn hier in Wales wird der Arbeiter nicht für»through and through* Kohle, das heißt für Die Sozialisten Elsaß-Lothringens find glücklich, hier kundgeben zu können, tckie tief sie den Ideen der Internationale und des Friedens ergeben sind. Der Anteil, den wir an den Januarsiegen haben, erlaubt uns, diese Gedanken für unser Land in Anspruch zu nehmen und die Chauvinisten auf beiden Seiten der Grenze einander gleichzustellen. Wir haben 110 000 Stimmen aufgebracht und zu unserem Besitz Straßburg und Mülhausen Straßburg-Land, Kolmar, den Sitz unserer Nationalisten, und Metz, die Hauptstadt des brutalsten Militarismus hinzugewonnen. Wir hoffen aber, daß das nur ein Anfang ist und daß bald ganz Lothringen, namentlich das französische Lothringen mit seinem ungeheuren Kohlenbecken und seinen Hochöfen diesem Beispiel folgen wird. Dieses Arbeiterland mutz dem Sozialismus gehören. Durch ihre Abstimmung hat die Bevölkerung Elsaß-Lothringens gegen den Mißbrauch protestiert, den die Wirrköpfe des Nationalis- mus mit der Vergangenheit und den schmerzlichen Krisen ihres Landes treiben. Elsaß-Lothringen hat diejenigen, die sie zum Vorwand für eine Politik kriegerischer Provokationen nehmen wollen, Lügen gestraft. Es will den Frieden durch den Sozialismus. Wir wollen nicht unsere nationale Persöw lichkeit aufgeben. Der sozialistische Internationalismus kann nicht mit der Negation der nationalen Idee verwechselt werden. Wir streben das Einvernehmen aller Länder und aller Nationen an. Die Nation aber ist die Gemeinschaft der Sprache, der Geschichte, der Traditionen, wie sie sich in der Seele eines Volkes und in allen seinen Bestrebungen kundgibt. Und der Sozialismus, der den vom Kapitalismus Enterbten alle Güter und Ergebnisse der Kultur zugänglich machen will, sollte die un- schätzbaren nationalen Werte bestreiten oder gar bekämpfen I Er hat im Gegenteil immer die unterdrückten Nationen verteidigt, er strebt das internationale Einvernehmen der frei konstituierten Nationen an. Elsaß-Lothringen weiß wohl, daß e» in den schwierigsten Augenblicken nur durch den Sozialismus verteidigt worden ist. In- dem es zu den Triumphen des Sozialismus beigetragen hat und sich mit Ihnen und der ganzen Internationale darüber freut, fühlt es wohl, daß der Sieg der Partei, weit entfernt davon, seinen nationalen Charakter zu bedrohen, es im Gegenteil vor den Brutalitäten des Chauvinismus beschützt, der in Deutschland genau so viel wert ist, wie in Frankreich.(Heiterkeit und Beifall.) Unser nationaler Charakter ist aber ganz und gar nicht derart beschaffen, wie ihn unsere Reaktionäre, die sich in Paris von allen Aniirepublikanern applaudieren lassen, hinstellen möchten. Wir im Elsaß haben in der Geschichte sicher mehr französische als deutsche Einflüsse erfahren. Es ist namentlich die große Revolution, die das politische Denken bei uns geformt hat. Aber muß nicht gerade darum Elsaß-Lothringen über die Siege der Sozialdemokratie Freude empfinden? Der Sozialismus ist eS, der die Re- volution fortsetzt und vollendet. Und die wahre Pflicht, die die politischen Traditionen unserem Land auferlegen, ist die Verwirklichung— heute innerhalb Deutschlands— der Forderungen der Sozialdemokratie. Dies ist die Revanchel (Beifall.) Der Kultus der Vergangenheit und unsere Hoffnungen ver- einigen sich in der sozialistischen Aktion. Der endgültige Sieg des Sozialismus wird der Sieg der unterdrückten Nationen sein. In der Internationale wird Elsaß-Lothringen seine Freiheit erringen. An diesem Tage aber werden die blauen Höhen der Vogesen und das Stromband des Rheins keine barbarische, trennende Grenzscheide der Nationen sein, sondern die Völker werden sich hier in einer großen, menschlichen Verbrüderung vereinen. Scheidemann, mit stürmischen Ovationen empfangen, hält in deutscher Sprache folgende Rede, die hernach vom Genossen G r u m b a ch übersetzt wird: Ich schätze mich glücklich, vor Ihnen sprechen zu können als der Delegierte der deutschen Sozialdemokratie. Als Vertreter von mehr als 1'/« Millionen deutscher Männer, die das 25. Lebensjahr vollendet haben, darf ich Ihnen sagen, daß sie mit Ihnen in Freundschaft leben, daß sie den Frieden wollen. Es ist eigentlich beschämend, dergleichen noch versichern zu müssen> denn es müßte selbst- verständlich sein. Wir Sozialdemokraten sind gewohnt, die politischen Erscheinungen auf ihre wirtschaftlichen Ursachen hin zu prüfen, und deshalb sind wir imstande, das, was man den nationalen Egoismus nennt, zwar nicht subjektiv zu billigen, aber objektiv zu begreifen. Wir wissen, daß der nationale Egoismus nichts anderes ist als der Egoismus einer herrschenden Klasse, der sich über die Interessen der Massen des eigenen Volkes mit der gleichen Brutalität hinwegsetzt, wie über die des Auslandes.— Aber das, was die Schürer des deutsch- französischen Gegensatzes treiben, hat mit dergleichen nichts zu tun. Dieses Treiben ist nicht nur absolut, sondern auch, soweit das Interesse der herrschenden Klasse in Betracht kommt, relativ bis zum Wahnsinn unvernünftig. Das ist nicht nationaler Egoismus, sondern Entäußerung jeglichen nationalen Jnteressenstandpunkts infolge einer fixen Idee— ist nationaler Doppel selbstmord. Wo auf dem Weltmarkt die konkurrierenden Jndustriekapitalisten einander den Rang abzulaufen suchen, da entstehen zwischen den herrschenden Klassen Haß und Streit und darum ist der deutsch-eng- tische und der deutsch-amerikanische Gegensatz immerhin begreiflich wenn auch tief bedauerlich. Nun aber sind die deutschen Kapitalisten vorwiegend industrielle Unternehmer, die französischen aber Händler und Finanziers und es ist überall in der Welt die Regel, daß der Jndustriekapitalist zwar mit seinesgleichen in Feindschaft, aber mit dem Finanz- und Handelskapitalisten in Frieden lebt. Wenn darum, auch vom Standpunkte der herrschenden Klasse aus, die gesamte Kohlenmenge, die er hinaufschickt, bezahlt, sondern nur für Stückkohle. An der Oberfläche der Grube wird die Stückkohle sofort von der Kleinkohle getrennt und dem Hauer nur das Gewicht der ersten angeschrieben. So wird aus der Tonne Kohle, d�ie der Arbeiter fördert, nur drei Viertel Tonne oder gar nur eine halbe Tonne. Und mit diesem unbezahlten Abfall machen die Kohlenbesitzer jetzt ein Bombengeschäft. Mein Reise- und Leidensgefährte war ein Kaufmann aus Nottingham, der die Arbeiterdörfer durchreiste und Weißwaren und Wollwaren an Privatkundcn verkaufte. Er versicherte mir, daß die Geschäfte durchaus nicht so schlecht gingen, als man annehmen könnte. Viele Bergarbeiter hätten noch immer Geld, um seine Waren zu kaufen. Er sprach über den Kohlenarbeiterstreik von dem Standpunkt eines Mannes aus, für deu die ganze Nation aus Geschäftsleuten besteht, um deren Schicksal sich der ganze Trubel dreht. Er hatte aber Sympathie mit der Minimallohnforderung einer Kunden, wie leicht verständlich ist. Nur hatte seine Sympathie mit der Arbeiterschaft Grenzen; denn er beschäftigte selbst eine Reihe Angestellte. „Die Forderung der Bergarbeiter, daß ein erwachsener Mann, der in der Erde arbeitet und Leben und Gesundheit aufs Spiel setzt, mindestens 6 Schilling den Tag verdienen soll", so hob er an, „scheint mir absolut gerechtfertigt. Nur bin ich der Ansicht, daß der Arbeiter dem Unternehmer auch eine gewisse Kohlenmenge garantieren 'ollte." Ich setzte ihm auseinander, daß dies im Bergbau unmöglich sei; denn der Arbeiter könne nicht für die Beschaffenheit der Arbeitsstelle und die Leitung der Grube, von welchen Umständen der Wert seiner Arbeitsleistung abhinge, verantwortlich gemacht werden. Er gab dies auch schließlich zu und fing au üster die Verderbtheit der Menschen zu moralisieren. Aller Fortschritt sei nur illusorisch. Dann kam er auf die Alkoholsrage zu sprechen und versicherte mir, daß der Alkoholgenuß wieder im Steigen begriffen sei. Ich erklärte ihm, daß ich mich in dieser Frage frei von jeder Schuld wisse; ich genösse nur wenig Alkohol, weil er mir nicht bekömmlich sei. Das gab dem zwei Länder dazu berufen sind, im besten Einverständnis zu leben, dann sind es Deutschland und Frankreich. Und in der Tat haben wir es ja auch erlebt, daß die Logik der Wirt- schaftlichen EntWickelung über die chauvinistischen Ideologien zur Tagesordnung übergegangen ist, daß französische Geldkapitalisten und deutsches Unternehmertum untereinander Bündnisse eingegangen sind, um das deutsche und das französische Proletariat oder auch fremde Völker gemeinsam auszubeuten. Hier ist die nationale Phrase nicht der konkrete Ausdruck vorhandener Interessengegensätze, sonder» nur die gedankenlose Formel einer überlebten Konvention und die vollendete Heuchelei. Ihr seid so einig, können wir den herrschenden Klassen in Deutschland und Frankreich zurufen, daß Ihr in der ganzen Welt Eure Geschäfte miteinander betreibt. Ihr seid so einig, den Profit miteinander zu teilen, den Ihr aus der Ausbeutung deutscher und französischer Arbeiter zieht. Ihr seid so einig, daß ihr beide in der aufstrebenden Macht des Proletariats Euren gemeinsamen Feind seht, den Ihr nach Kräften niederzuhalten bestrebt seid. Warum seid Ihr nicht auch einig, uns die furchtbare Last der Rüstungen ab- zunehmen, die uns schier erdrücken, um für alle Zeit das scheußliche Gespenst zu verscheuchen, das uns bedroht und dessen Existenz dauernde Qual und Schande für zwei große zivilisierte Völker be« deutet— den Gedanken eines neuen Krieges I? Krieg! Ihr wißt eS diesseits, und wir jenseits der vogesen wiffen, was der Krieg bedeutet. Aber was heutzutage daS schlimmere Schicksal für ein Volk wäre, zu siegen oder besiegt zu werden, wer vermag das zu entscheiden? Mehr als 41 Jahre find verflossen, seit ich als Kind den letzten französischen Kaiser Napoleon Hl. auf Wilhelmshöhe bei meiner Vaterstadt Kastel ge« sehen habe. Aber mehr habe ich damals gesehen: Zerschossene und verkrüppelte Soldaten, Deutsche und Fran- z o s e n. Mein eigener Vater ist an den Strapazen des Kriege? als Mann von 37 Jahren gestorben. Ich hasse den Krieg, wie ich den Militarismus hasse, und mein Leben gehört dem Kampfe wider den Militarismus und wider den Krieg. Und wie ich, so denken und kämpfen in Deutsch- lattd Millionen. Das haben uns neuerdings jetzt wieder die Wahlen zum Reichstag bewiesen. Es gibt keinen Wähler im Deutschen Reiche, dem unsere Gegner nicht hundertmal gesagt haben, daß wir den gewaltsamen Umsturz wollen, daß wir Feinde der Armee, der Monarchie, des Vaterlandes seien. Der Erfolg war, daß wir eine Million mehr Stimmen erhielten, als in dem Jahre 1907. Es scheint demnach, daß ungeheure Massen der Wähler sich gesagt haben: Wenn diese Sozialdemokraten von der bestehenden Ordnung keinen Stein auf den anderen lasten wollen, dann sind sie uns gerade recht. Millionen Wähler stimmten für uns, obwohl ihnen un- zählige Male gesagt worden war. daß wir bei der Marokko- k r i s e des vorigen Jahres unser Vaterland schnöde im Stich ge- lassen und mit dem Hochverrat gespielt hätten. Sie stimmten für uns, obwohl man versucht hatte, uns mit allen Hunden eines ent- fesselten Chauvinismus aus dem Felde zu hetzen, und so darf ich denn mit Recht sagen, daß die Mahlen im Januar dieses Jahres das schlimmste Fiasko bedeuten, das der nationalistiscljc Geist in Deutschland jemals erlebt hat. Ich darf es offen aussprechen: sie bedeuten eine starke Hoffnung im Sinne jenes dauernden wirklichen unzerstörbaren Friedens, den wir anstreben. Sie bc- deuten ein Frtthlingserwachen friedlicher Kulturgcsinnung nach Jahrzehnten rauhen Kriegssinnes und brutaler Willkür. Unsere Wahlen bedeuten— ich will mich vorsichtig ausdrücken— noch keine unbedingt zuverläßliche Sicherung gegen jeden Krieg, wohl aber eine ausreichende Gewähr dafür, daß Deutschland niemals einen leichtfertigen Angriffskrieg gegen eine fremde Macht unternehmen wird. Denn mit vielen Millionen Sozialdemokraten im Laude kann keine Regierung einen Angriffskrieg wagen. Und so wird die Hoffnung zur Gewißheit, daß das deutsche und französische Proletariat in gemeinsamer brüderlicher Arbeit wohl imstande ist, den Raufbolden diesseits und jenseits der Vogesen rechtzeitig die Waffen aus der Hand zu schlagen. Es gilt in beiden Ländern die Ueberzeugung zu festigen, daß es in ihnen nie Wieden zum Kriepe kommen kann, kommen darf, kommen wird. Von den verbrecherischen Illusionen eines solchen Krieges lebt der Militaris- mus beider Länder; ohne sie wird er überflüssig, lästig und lächcr- lich. Er kann nicht leben von einer Vergangenheit, die weit hinter uns liegt oder von einer Zukunft, die niemals kommen darf. Das Lebenselement des Militarismus ergibt eine Gegenwart, die mit Kriegsgefahren geschwängert zu sein scheint. Er muß die Völker in ständiger Kriegsfurcht erhalten, um seine erpresserische Schmarotzer- existenz fristen zu können. Alle Vernunft und jedes Interesse beider Völker, von einer winzigen Minderheit der Kriegsspekulanten, abgesehen, drängt zum Frieden und zur dauernden freund- schaftlichen Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland. Wir kommen dem Ziele immer näher, und wenn wir es mit leiden- schaftlicher Energie zu erreichen suchen, werden wir es erreichen. Es soll in Deutschland keine Kanone gegossen werden in Gedanken an Frankreich. Und es soll in Frankreich kein Soldat einexerziert werden in Gedanken an Deutschland. Die herrschenden Klasten mögen sich hüten, ihre leßtr Karte auf einen kriegerischen Zusammenstoß im Herzen Europas zu setzen. Sie könnten dieses Spiel verlieren und ihren eigenen Untergang nur beschleunigen..> Wir wollen den Frieden! Wir wollen aber nicht den Frieden wie er jetzt ist, diesen nervenzerrüttenden Waffenstillstand bis zu einm Ungewissen Termin, sondetn denFrieden, der ungestört bleibe von jedem Gedanken an ein möglfflfies Ende. Wir wollen den Frieden, der nicht gestützt wird durch neue Militärvorlagen, Kaufmann eine Gelegenheit, über mich zu triumphieren. Er be- merkte mit großer Genugtuung, daß er seit Jahren strenger Abstinenzler sei; was bei mir der physischen Abneigung entspringe, di bei ihm die moralische Ueberwindung: „Wissen Sie," sagte er,„bei all diesem Jagen nach Wohlstand und Glück vergessen die Menschen den moralischen Faktor. Viel wichtiger als hohe Löhne und dergleichen ist die Gnade GotteS, die der Mensch iin Herzen fühlen mutz." Dieser Sprung von der Oetonomie in die Theologie brachte mich etwas in Verwirrung; aber es gelang mir doch einzuwenden, daß das zufriedene Gemüt doch eine solide materielle Unterlage haben müsse.. Das Endresultat unserer ökonomisch-theologischen Diskussion war, daß der Kaufmann aus Nottingham zur Ansicht gelangte, daß er ein Freund der Sozialreform sei, nur müsse sie maßvoll betrieben werden. Augenblicklich könne es dem Lande nicht schudei:. wenn einmal auf ein paar Jahre Halt gemacht würde. Das Land müsse Ruhe haben. Die Regierung ruinie-e die Partei unser Kaufmann war ein Liberaler); schuld an dem Verlust Süd- Manchesters sei das Versicherungsgesetz. Ihm selbst werde die Ber- icherung 1ö Pfd. Sterl. im Jahre kosten und er habe im vergangenell Jahre nur 3>/z Proz. an seinem Kapital verdient. Vor allen Dingen müsse das Land jetzt Ruhe habey. Ich versicherte ihm, daß daran nicht zu denken sei, daß ber Stein, den die Bergarbeiter ins Rollen gebracht, nicht aufgehalten werden könne, daß sich die Arbeiter in anderen Berufen schon an- chickten, gleich den Bergarbeitern einen Minimallohn zu fordern, daß auch die Textilarbeiter... Diese Ausführungen stimmten ihn melancholisch. Er begann, eine Ansicht über den Minimallohn zu qualifizieren und zu rcvi- diercn. Als ich den Kaufmann aus Nottingham verließ, schien eS mir, daß die konservative Partei in Nottingham bald einen neuen Rekruten erhalten wird, ifonSefh Lurch Sie Gemeinschaft Sfk ShTrtejseh tifiS Re MttschüksK- iichc Gesinnung der Völker. Das sind die Gedanken, Kameraden, mit denen ich hierher gekommen bin, Euch zu grützen und Euren Beistand anzurufen fiir das gemeinsame große Werk. Denn obgleich wir verschiedene Sprachen sprechen, einigt uns alle ein Gefühl, kämpfen wir gemein» sam gegen den gemeinsamen Feind. Seien wir einig, bis wir einander immer besser verstehen, dann ist uns der Sieg gewiß. Wo sich deutscher Ernst und deutsche Gründlichkeit mit frcrnzö- si scher Initiative und französischem Elan paaren, da muß eine Macht entstehen, der keine Gewalt der Erde gewachsen ist. Hoch das internationale Proletariat! Nieder mit dem Kapita- lismus! ES lebe der Sozialismus und die Völkerverbrüderung! iEnthusiasti scher Beifall. Das Orchester wiederholt die„JnUr- nationale".) Jaures: Ich will nur in kurzen Worten der Bewegung IluS- druck geben, in die mich die Reden WeillS und Scheidemanns der- setzt haben. Ich hoffe, daß das heutige Fest nicht vereinzelt bleiben wird, und daß die Beziehungen zwischen den Genossen der ver- schiedenen Länder immer enger werden. Dies ist nötig, um die unheilvollen Mißverständnisse zu zerstören, mittels deren die Chauvinisten die Kriege vorbereiten. Auf beiden Seiten der Vogesen nennt man uns Vaterlandslose und Landesverräter, nnd hier wie dort stellt man die Sozialisten des anderen Landes als Musterpatrioten hin. Aber diese Komödie muß ein Ende nehmen! Wir brauchen den Frieden. Nicht den bewaffneten Frieden, sondern einen wirklichen, endgültigen Frieden, wo die Arbeit und die Wissenschaft leben und gedeihen können. Wir haben die Gewalt- taten der Vergangenheit, wir haben Irland, Finnland, Polen, Elsaß- Lothringen nicht vergessen, aber nicht durch den Haß, nicht durch das Schwert wollen wir die Ungerechtigkeiten gutmachen, sondern durch die Vereinigung der Völker. Noch sind wir weder in Deutschland. noch in Frankreich die Herren, aber mag man gegen uns die unsinnigsten Verleumdungen aussinnen, so werden wir doch nicht er- lahineil� zu wiederholen, daß das Einvernehmen Deutschlands, FrankreiilB und Englands die notwendige Bedingung des Friedens und der Kultnrentwickelung ist. Der Frieden ist nicht nur not- wendig, sondern auch möglich durch die wachsende Macht der Orga- uisation, durch den wachsenden Einfluß des Sozialismus in allen Kulturländern. Wir danken der deutschen Sozialdemokratie, die durch die demokratische Politik Elsaß-Lothringen die Freiheit bringen will und so die dauernde Versöhnung Frankreichs und Deutschlands vorbereitet. Noch nagt an den großen arbeitenden Völkern das Ungeziefer der profitgierigen, kapitalistischen Syndikate. Aber die Welt ist groß genug für den Lebensdrang aller Nationen »nd die Stunde wird kommen, wo sich alle Völker und Rassen Respekt verschaffen. Sehen wir rMit das alte China seine Republik proklamieren, die den Zarismus zittern macht? Alle Völker werden aus der Fülle ihres besonderen Genies ihren Stein zum Bau der Zukunft herbeitragen. Die Stämme des alten Griechenlands hatten ihren gemeinsamen Schatz im Tempel von Delphi. Barbaren 5,0 ben dann diesen Schatz geraubt. Beschützen wir den Schatz der Menschheit vor den modernen Barbaren: den Königen. Finanziers, Kapitalisten, die sie mit dem Krieg bedrohen.(Anhaltender, wieder- Holter Beifall.) Gen. Dubrcuilh ergreift, bevor der politische Teil der Veran- staltung geschlossen wird, das Wort zu einer kurzen Ansprache, worin er unter stürmischer Zustimmung des eingekerkerten Herve gedenkt und die Hoffnung ausspricht, daß es bald gelingen werde, dem tapferen Gegner des Chauvinismus und Militarismus die Freiheit wiederzugeben. Die Verfammluiig erhebt sich und bringt Hochrufe auf Herve und die Amnestie aus. Baillant schließt die Versammlung mit einem Hoch auf die Internationale. Es folgt ein musikalisch-deklamatorischer Teil mit einem auserlesenen Programm, zu dessen Ausführung sich die vor- nehmsten Künstler— und was hier besonders hervorgehoben sei—, Mitglieder der� beiden großen Nationaltheater, der Comsdte Franyaise und der Großen Oper, bereit gefunden haben. Gespannte Aufmerksamkeit begleitete ihre Darbietungen, herzlicher Beifall war ihr Dank. Nach Mitternacht wurde diese musterhast organisierte Festkundgebung, die den Teilnehmern in dauernder Erinnerung bleiben wird, geschlossen.__ Sparhaflen. Die Verhandlungen des preußischen Herrenhauses in der ver- slossenen Woche über die Anlegung von Sparkassen- beständen förderten weniger wie sonst, wenn von Sparkassen .die Rede ist, die Phrasen von der Bedeutung dieser Institute für die Wohlfahrt der unteren Klasse zutage. Nur der Exminister Oberpräsident v. Rheinbaben hielt es für angezeigt, die ad- gebrauchten Worte zu wiederholen, die Sparkassen seien„am ehesten geeignet, die Verelendungstheorie zu widerlegen". Nach -ihm wachsen auch die unteren Kreise des Volkes in die Kapitalisten- klasse hinein!' Wenn er das Hineinwachsen im gleichen Atemzuge als„ein natürlich in bescheidenem Sinne gemeintes" bezeichnete, so kann das nur heißen, daß auch er an daS Hineinwachsen nicht glaubt. Wie die Statistik lehrt, sinkt der Anteil der Sparkassen- bücher mit geringen Einlagen(bis 600 M.) beständig, während der Anteil der„Sparer" mit mehr als KlB M. Einlagen wächst. Auf die Bücher mit mehr als 600 M. entflelen 1009 allem 87 Proz. der 10,3 Milliarden M. betragenden Einlagebestände. Die kleinen Sparer werden für die Sparkassen immer bedeutungsloser. Auch der innere Betrieb der Sparkassen nimmt immer mehr Rücksicht auf die groß« Sparer. Die Sparkassen unterscheiden sich heute nur sehr wenig von Banken. Bereits löl Kassen hatten i. I. 1010 bankmäßigen Kontokorrentverkehr. Die Höhe der Konto. korrenteinlagen belief sich auf 18, Ib Millionen Mark. Deutlicher als im Verkehr mit den Sparern zeigt sich im Verkehr mit den Schuldnern der bankmäßige Charakter. Die Art der Anlage, die große Berücksichtigung der Besitzer in Land und Stadt, die immer größere Beschränkung des persönlichen Kredits dienen als Beweis. Dieser Charakter trat auch bei den Verhandlungen im Herrenhaus deutlich zutage. Die Beratungen des Herrenhauses beschäftigten sich mit einer Vorlage der Regierung, nach der die öffentlichen Spar- lassen von ihrem verzinslich angelegten Vermögen Mindestbeiträge zwischen 20 bis 30 vom Hundert in mündelsicheren Schuldver- schreibungen auf den Inhaber anzulegen haben. Davon müssen drei Fünftel in Schuldverschreibungen des Reiches oder Preußens angelegt werden. Zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes kann dieser Besitzstand auch veräußert werden. Der Besitzstand ist ober innerhalb zweier Jahre wiederherzustellen, sofern die Auf- sichtsbehörde nicht eine längere Frist gewährt. Zurzeit haben die 3.711 bestehenden Sparkassen nur 23,63 Proz. ihres VevmögenS in Jnhaberpapieren idavon etwa 10 Proz. in Staatspapieren) angelegt, wobei die Papiere nicht zu ihrem Ankaufswert, sondern zu ihrem augenblicklichen Kurswert gerechnet worden find. Der Anteil der Jnhaberpapiere am Vermögen der Sparkassen ist dabei stetig gesunken; Anfang der neunziger Jahre betrug er noch 30,69 Proz., Anfang dieses Jahrhunderts etwa 28 Proz. Seit 3908 besteht wieder eine gewisse Tendenz zum Steigen dieses Anteils. Der dem jetzigen ähnliche Sparkaffengesetz- entwurf von 1906 und das fortgesetzte Drohen der Regierung, den Anteil der Jnhaberpapiere zu erhöhen, haben die Sparkassen von selbst zu einer solchen Politik veranlaßt. Daß sich aber die Spar- lassen gegen eine derartige Anlegung ihres Vermögens sträuben, ist erklärlich. Einmal verzinsen sich Jnhaberpapiere bekanntlich viel schlechter als andere Papiere. Hypotheken auf städtische und länd- liche Grundstücke sind relativ sicher und bringen gute Zinsen. Im Jahre 1010 waren allein 60 Prozent des Sparkassenvermögens als Hypotheken gegeben; 40 Prozent davon auf städtische Grund- stücke. Aber nicht nur entgeht den Sparkassen bei der geforderten Anlagepolitik ein Gewinn. Sie erleiden auch einen positiven V e r! u st dadurch. Da die Kurse der Staatspapiere stetig falless, müssen die Sparkassen diese Anleihescheine zu höherem Preise an- kaufen, als sie später verkaufbar sind. Der Bilanzwert fällt in jedem Jahre gegenüber dem Ankaufswert. Seit 15 Fahren sind die Staatspapiere um 15 bis 20 Proz. im Kurse gefallen. Der Rückgang der 3 sh Prozent igen preußischen Kons als betrug z. B. von 1002 bis 1007 allein 8,45 Proz. Dementsprechend sind die Verluste der Sparkassen durch ihren Besitz an Jnhaberpapiere». Von 1804 bis 1911 haben sämtliche Sparkassen zusammen rund 200 Millionen durch solche Kursrückgänge verloren. Der Verlust für das eine Jahr 1010 wird allein auf 8 bis 10 Millionen Mark berechnet, obgleich dieses Jahr nicht die schlimmsten Kurs- stürze brachte. Den Sparkassen kann man daher ihr Sträuben gegen die Für- sorge des preußischen Staates für sie nicht verargen. Als„Für- sorgemaßnahme" wird natürlich auch der neue Gesetzentwurf be- gründet. DaS„ureigenste Interesse der Sparkassen", so erklärte Minister v. Dallwitz, erfordere eine höhere Liquidität(Flüssigkeit der Mittel) in normalen Zeiten und im Kriegsfalle. Nun hat man zwar noch nie etwas davon gehört, daß zu irgendeiner Zeit eS bei den Sparkassen mit der Rückzahlung der Einlagen ge- hapert hätte. Ganz abgesehen davon, daß für die Abhebung größe- rer Konten Kündigungsfristen vorgesehen sind, haften doch nach den jetzigen Statuten die Verbände und öffentlichen Körperschaften (Städte, Kreise, Provinzen), die Sparkassen errichten, mit ihrem eigenen Vermögen für die Einlagen. Eine Erschütterung kommu- naler Finanzen durch die relativ geringen Einlagebestände der Sparkassen ist einfach undenkbar. Die 186. Vereins- und Privat- sparkassen, die sich 1010 unter 1711 Kassen überhaupt befanden, spielen keine Rolle. Von 100 M. aller Einlagen stellten sie nur 5,40 M. Aber selbst in Zeiten der Kriegsfurcht hat sich der Zahlungsverkehr relativ glatt abgespielt. In Königsberg, Stettin und Randow, wo im Juli v. I.„Runs" stattfanden, wurden die Kassen der Situation Herr. Es wird vielmehr— und nicht mit Unrecht— gefolgert, daß eine größere Bindung der Spar- lassen durch Anlage in Staatspapieren sie erheblich mehr gefährden würden. Bürgermeister Weißenborn aus Halberstaot gibt dafür folgendes Beispiel: 314prozentige Konsols sind zum Kurs von 102 gekauft worden. Der Kurs ist bis auf 90 gesunken. Im Kriegs- Ejlle würde er weiter bis mindestens auf 80 fallen. Ein Verkauf er Papiere in solchen Zeiten ist völlig ausgeschlossen. Kein Pri- vatier würde sie erwerben. Nur der Staat käme als Käufer in Betracht. Der bedarf aber seines Geldes zu für ihn wichtigeren Zwecken. Es wird daher bereits jetzt von der Regierung zuge- geben, daß nur eine Lombardierung(Verpfändung) an den Staat in Betracht käme. Mit einer Verpfändung in Höhe von% des Wertes zu 8 bis 10 Proz. Zinsen wäre den Sparkassen aber in nichts geholfen. Professor Wagner fragte aber bei den Ver- Handlungen im Herrenhause, woher der Staat denn die Lom- bardierungsmittel nehmen wolle. Ein Krieg zwischen modernen entwickelten kapitalistischen Staaten erschüttert die gesamten sinan- ziellen Verhältnisse. Die ganze Argumentation der Regierung be- deutet daher nichts als Streusand. Die eigentliche Sorge der Regierung ist vielmehr eine andere. Als weiterer Grund wurde von ihr die Hebung der Staatskurse angegeben. Wir haben schon kürzlich(vgl. den Artikel„Der nie- drige Kurs der deutschen Anleihen" vom 26. d. M.) nackzgowiesen, daß eine Besserung der Kurse durch Heranziehung der Sparkassen als Abnehmer der Staatspapiere nicht zu erwarten sei. Die dauernde Ueberschwemmung des Geldmarktes mit Anleihen senkt die Höhe der Kurse. Anleihepapiere müssen„seltener" werden, fordern daher auch unsere Staatsbankiers. Die 60 bis 70 Millionen, die jähr- lich die Sparkassen auf dem Zwangswege erwerben müssen, werden die Kurse nicht heben. Solange die Aktien von Banken und In» dustrieunternehmungen durch hohe Dividenden locken, solange sich sogar Bank-Depositen(Spareinlagen) auf tägliche Kündigung gleich hoch und Höher verzinsen als Staatspapiere und Sparkassen- einlagen, wird der Geldmarkt leicht die verschwindenden Staats- papiere entbehren. Der Kreis der Abnehmer wird ein anderer, aber kein größerer werdem Wenn der Bank- und Privatdiskont (-Zinsfuß) fallen wird, entsteht erst ein größeres Bedürfnis nach festverzinslichen Papieren. Die Baisse auf dam Geldmarkt erhöht daS Kursniveau der Staatsanleihen. So stand nach einer Statistik von C a I w e r im Jahre 1005 der Privatdiskont auf 2,847, der Durchschnittskurs auf 06,73, dagegen im Jahre 1006 der Diskont auf 4,040, der Kurs auf 03,86. Mit steigendem Dis- kont fällt der Kurs der Anleihen und umgekehrt. Dem Staate kommt es aber auch weniger auf Hebung der Kurse als auf Unterbringung seiner Anleihen an. Er findet immer schwerer Abnehmer. So hat die Regierung schon in diesem Jahr durch Dermittelung der Kgl. Seehandlung eine Beteiligung der Sparlassen an der Emission bewerkstelligt. 45 Millionen Mark Anleihen sind ihm auf diesem Wege abgenommen worden. So müssen neben den Berufsgenossen. schaften, den verschiedenen Versicherungsanstalten, den öffentlichen Feuerversicherungsanstalten, den kommunalen Pfandbriefämtern, den Klein- und Privatbahngesellschaften auch die Sparkassen ge- schlich gezwungen werden, die unerwünschten Anleihen zu schlucken. Derartige Vorgänge sind symptomatisch für den finanziellen Stand unserer Regierung, für die Finanzpolitik unserer herrschenden Klassen. Sw gewinnen damit auch für die Arbeiterklasse ein po- litischeS Interesse._ Huö Induftm und Handel. Elektrizität. Die Vertrustung in der elektrischen Starkstromindustrie ist in einem Jahrzehnt, dem e r st e n des zwanzigsten Jahrhunderts, im modernsten Tempo vor sich gegangen. Um die Jalsthundcrt- wende sehen wir aus dem allgemeinen Tohuwabohu der Markt- depression sieben Elektrokonzerne scheinbar sämtlich unerschüttert hervorragen. ES sind die Siemens u. Haiske-Gruppe, A. E. G.» Gruppe, Schuckert u. Co.-Gruppe, Union-Gruppe, HelioS-Gruppe, Lahmeyer-Gruppe und die Kummer-Gruppe. Was ist mit diesen für ihre Zeit mächtigen Konzerne im Ver» laufe nur eines Jahrzehnts vor sich gegangen? Die Schuckertintereffen gingen in der Siemens u. HalSke-Macht auf. Die Uniongesellschaften, die Enkelunternehmen der amerika- nischen Edisongesellschast, verschwanden im A. E. G.-Konzern. Vor einem Jahre wurden m dieselben„mütterlichen" Arme auch die Lahmeyerinteressen aufgenommen. Die Heliosgruppe wurde durch gemeinsamen Aufkauf und Stillegung ihrer Hauptbetriebe von den beiden mächtigsten Elektrokonzernen— A. E. G. und Siemen« u. Halske-Schuckert— absorbiert und damit unschädlich gemacht. Die Kummergruppe brach zusammen. Ihre Konzernrechte verschwanden im Bereiche der Großherrschaftsgebiete der Elektromammute. So stünden jetzt nur noch zwei Rivalen sich einander gegen- über, wenn nicht, durch die Deutsche Bank finanziell unterstützt, ein neuer Konkurrent rasch groß und kräftig geworden wäre. Es handelt sich um die B e r g m a n n g e s e l l s ch a f t. Durch die Geldmittel der ersten deutschen Großbank gestützt, hat eS die Bergmann A. G. verstanden, in wenigen Jahren den beiden größten Elektrokonzernen eine empfindlich« und für die Allgemein- heit geradezu unschätzbare Konkurrenz zu machen. Wenn schon bei großen Lieferungsgeschäften die Feinde sich zusammenfanden, um gemeinsam Profite sich zu sichern, selbstverständlich auf Kosten des Volkes, im allgemeinen bestand nicht zuletzt auch der persönliche Gegensatz, starl genug, um im Prinzip eine scharfe Konkurrenz zu erhalten. Jetzt ist eS aber dahin gekommen, daß die Bergmann A. G. ta p i t u l i e r e n mutz. Wenn ihr schon die letztvergangenen Jahre Schwierigkeiten genug gebracht hatten, die Bergmann- gesellschaft wäre wohl auch darüber hinweggekommen, wenn sie die weitere Unterstützung der Deutschen Bank gehabt hätte. Nun kommt das Interessante. Dre Deutsche Bank, die dem Siemens u. Halske- lonzern sehr nahe steht, hat plötzlich ihre Hilfeleistungen einge- schränkt. Die Folge ist— sicher die planmäßig erzwungene Folge!—, daß die Bergmannunternehmungen kapitulieren und in den Aon»ern ver Siemens-Schuckert-Gesellschaften aufgehevl Wie verhält sich in dieser Pericche beispielloser Elekkroinssustric- entwickelung der Staat? Nun, er sah wohl die EntWickelung, das darf man ja auch noch von einem deutschen Minister erwarten, getan wurde aber absolut nichts. Oder richtiger, es geschah nur, was der privaten Vertrustung Vorschub leisten konnte! Es sei nur daran erinnert, was für Aufgaben einem modernen Staate in der Frage der Elektrifizierung der Eisenbahnen gestellt sind. Preußen muß jetzt die Berliner Stadt- und Vorortbahnen elektrifizieren, allein schon eine Aufgabe von viereinhalb Jahr Ar- beit und 123 Millionen Mark Kosten. In der soeben herausgekommenen Denkschrift der preußischen Regierung, die dem Dreiklassenparlament mit der ersten Geld- anforderung zur Stadtbahnelektrifizierung zugegangen ist, steht die programmatische Erklärung, daß der preußische Staat sürderhin davon absehen will, eigene Elektro- kraftwerke zu bauen! Es soll alles der profitwütigeu Industrie überlassen bleiben! Lächerlich wirkt dabei, daß der Mi- nister als„selbstverständlich" bezeichnen läßt, daß keine Monopol- bestrebungen unterstützt werden. Bei nur zwei nicht ernsthaften Konkurrenten! Viel wichtiger ist aber noch, daß der Staat sogar die Gelegenheit hatte, auf einen gesunden, technisch hochmodernsten und wirtschaftlich durchaus leistungsfähigen Elcktrokonzern Einfluß zu gewinnen. Dieses Unternehmen sind die Bergmann A. G.l Wie unwidersprochen geblieben ist, hat der Leiter des Bergmanns- konzerns, ehe er vor der Deutschen Bank und ihrem Elektrokonzern kapitulierte, versucht, einen Staatskredit zu bekommen. Die Bergmanngesellschaft gehört mit zu den Unternehmen, die Versuchs- lokomotiven usw. für die Elektrifizierung der Staatsbahnen bauten; im gleichen Betriebe werden auch die modernsten und leistungs- fähigsten Turbodynamos, kurz alle neuzeitlichen Starkstrom- Maschinen fabriziert. Auf diese Gesellschaft Einfluß zu gewinnen. sie nach und nach zu einem staatlichen Werk zu machen, das hat die kurzsichtige preußische Regierung ab- gelehnt. Ja, sie ruiniert sogar planmäßig die Voraussetzungen zu solch einem Schritt. Der preußische Forstfiskus besaß bis vor wenigen Wochen in der königlichen Oberförsterei Rothehaus bei Gräfenhainichen ein Riesenbraunkohlenfeld von 126 Hektar. Dies hat er öffentlich an den Meistbietenden verkauft! Die Stromlieferung für die elektri- fizierten Berliner Stadtbahnen soll aus zwei Riesenkraftwerken erfolgen, die in der Nähe von Bitterfeld oder Halle gebaut werden. Dort, im mitteldeutschen Braunkohlengebiet, da liegen die 126 Hektar, die der preußische Forstfiskus soeben freihändig au private Elektrointeressenten verkauft hat!! Die schon erwähnte Denkschrift stellt fest, daß fortan nicht wieder, wie bei der Elektri- fizierung der Bahnstrecke Dessau—'Bitterfeld, ein staatliches Elektrizitätswerk gebaut werden soll. Man will eben alles der pri. vaten Industrie überlassen, und bessert durch Kohlenfelder- verkauf usw. usw. deren Vorteil noch! Dieselbe Rückschrittlichkeit haben wir schon in Bayern erlebt, wo die Ausnutzung der Wasserkräfte von größter Bedeutung ist. Auch da wurden die großzügigsten Projekte vom Staate abgelehnt, damit der privaten Industrie- und Volksbewucherung kein Abbruch geschehe. Hier wie dort, der Staat fühlt sich als Beschützer des Privateigentums vor äußeren und„inneren" Feinden, er fühlt sich aber ebenso verpflichtet, sich brav vom privaten Unteinehmungs- kapital ausbeuten lassen zu müssen, und meint, es dürfe diesem bodenlosen Kulturbetrug durch StaatSunternehmen keine kräftige und gesunde Abbruchspolitik entgegengesetzt werden. Huö der frauenbeweguncj. Prämien auf Menschenfang. Zu der Berichtigung der Redaktion.Auswärts� i« gestriger Nummer schreibt unS unsere Mitarbeiterin: ES ist gänzlich ausgeschlossen, daß die Redaktion»Aufwärts" mit ihrer Berichtigung etwa nach außen den Eindruck erwecken wollte, daß unsere Mitterlungen aus Unwahrheit beruhten und einfach aus der Lust gegriffen waren. Keine Idee davon! Dafür bürgt schon die Tatsache, daß.Aufwärts",» Verbandsorganj katholischer Arbeiterinnenvereine, auS M.-Gladbach. Berlag»West« deutsche Arbeiterzeitung", stammt. Ebenso ausgeschlossen ist es, daß, so eifrig die Redaktion»Auf- wärts" auch die Fraurnrubrik deS„Vorwärts" studiert, gleichfalls die»Frauenarbeit" das Organ d«S Verbandes katholischer Vereine erwerbstätiger grauen und Mädchen Deutschlands'(Berlin) liest und wußte, daß unser skizzierter Artikel zwar nicht im„Aufwärts, aber in.Frauenarbeit" stand, so daß uns nur daS Versehen unterlief,»Frauenarbeit" mit „Aufwärts" zu verwechseln. Hätte die Redaktion.Auswärt«' daS ge» ahnt, sie hätte eS ganz sicher mitgeteilt, um ja nicht etwa die Meinung aufkommen zu lasten, datzunsere Mitteilungen Schwindel seien. Auch dafür bürgt wiederum die Tatsache, daß„Aufwärt«" aus M.»Gladbach, V ex lag»Westdeutsche Arbeiterzeitung", stammt. Die Redaktion„Aufwärts" wird uns deshalb dankbar sein, daß wir ihr die in Frage kommenden Teile des Artikels jetzt wörtlich unter- breiten, was sie ja nicht„übersehen" wird, da eS im.Vorwärts" und nicht in„Frauenarbeit" geschieht. »Frauenarbeit' schrieb in Nr. ö(3. März) folgendes: „Auf zur St. JosephS-Agitation l Wie oft schon hat eS der göttlichen Forschung gefallen, durch ein beängstigende» oder betrübendes Ereignis Pflichttreu« und Begeisterung in den Herzen der Gläubigen neu zu entfachen, so daß sie selbst dann zu den Kindern dieser Welt sprechen konnten:„Ihr sännet BöseS wider mich, ollein ich wandte es zum Guten." Einen solchen Beweis hatte unser Ver- band am St. Josephslage, dem 10. März 1911. der au» den zahl- reichen Sorgen und trüben Tagen de? vergangenen Jahres wie ein tröstender Lichtstrahl unS erscheint. Niemand anders als die Gegner und größten Feinde alles positiven Glaubens wie auch unierer friedlichen Berbandsbestrebungen. die Soztaldemo- kratie, halte un« die Grundlage geschaffen, auf welckier sich ein herrliches Bild des VerbandSlebenS entrollen konnte. Gerade den 19. März. den Tag de« teueren ' SäuitzpattonS unserer katholischen Kirche, St. Joseph, hatte sich die sozialdemokratische Frauenbewegung als AgitationStag ersten Ranges ausgesucht, um ihre sinn- verwirrende, gefährliche Propaganda unter den Frauen der ganzen Welt zu entfallen. Das Bekanntwerden der kühnen Absichten dieser sozialdemokratischen Frauen rief eine große Beunruhigung hervor in den Herzen aller jener, denen ihr Glaube sowie cbrist- liche Sitte und christliche« Familienleben noch teuer sind. Ganz besonders schmerzlich ergriffen war natürlich daS Herz de« Vaters unsere« Verbandes, des Berbandspräses Pfarrer Beyer, der in Nr. 6 der vorjährigen„Frauenwelt" einen warmen Appell an Herz und Gewissen der erwerbstätigen Frauenwelt richtete, auf diese Gefahren aufmerksam machte und in begeisterten Worten zu einer Gegenagitation im Namen des gesamten BerbandSvor- stände« aufforderte.... Berbandsschweltern I Wieder naht der Et. JosephStag l Soll er uns in diesem Jahre gleichgültig und träge finden?... Ge- wiß nicht l Darum rüstet mit frohem Mut und doppelter Be- geisterung zur Arbeit für den JosephStag ISIS, der an herrlichen Erfolgen den vorjährigen noch übertreffen muß.... Daher empfehlen wir allen unseren Vereinen, mit den Borarbeiten zu beginnen und macben folgende Vorscbläge: 1. In einer eingehenden Vorbesprechung und Beratung mit dem hochwürdigen Herrn Präses, Vorstand und Förderinnen werde unverzüglich ein regulärer Feldzuasplan entworfen. 2. Da der 19. März diesmal auf einen Wochentag fällt, fo muß die Agitation selbst verschoben werden auf den daraus fol- genden Sonntag, den 24. M ä r z, welcher gleichzeitig der Vor- abend des Festes Maria Verkündigung ist. An diesem Tage stärken sich unsere tapferen BerbandSsoldaten durch den gemein- samen Empfang der hl. Kommunion, die sie für unsere, von so vielen Feinden bedrohte erhabene Verbandssache aufopfern. S. An demselben Tage beginnt dann die eifrige «gitatie»«m Bor««od Lachmtttai«. Schon vorher haben Borstand, Förderinnen und MtgNeder auf aste ihnen nur mögliche Weise Adressen der noch außerhalb des Verbandes stehenden katholischen Mitschwestern gesammelt. Sie suchen die» selben nun möglichst in ihren Wohnungen auf, gewinnen sie durch Ueberreichung von Verbands« und Flugschriften, sowie durch ihre überzeugenden freund- lichen Worte und lassen sich auf mitgenommenen, mit der vollen Adreste de? neuen Mitgliedes versehenen Formularen sofort seinen Eintritt in den Verein schriftlich be- scheinigen. Sowohl nach den hl. Messen wie nach den Nach- mittagsandachten werden Flugschriften und Bei- trittser Klärungen an den K irchentüren verteilt; die hochwürdigen Herren Präsides werden es gern über« nehmen, dafür zu sorgen, dast auch von den Kanzeln der Beitritt zum Verein empfohlen ivird. Die VervandSleitung biltet, dost ihr die Resultate der Agitation baldmöglichst mitgeteilt werden, damit sie dieselben in der„Frauen- arbeit" veröffentlichen kann. Autzerdemwerden in diesem Jahre für die besonders eifrigen Werberinnen Preise ausgesetzt. Wer zehn neue Mitglieder. gewonnen hat, lasse sich von dem hochwürdigen Herrn Präses eine Be- scheinigung ausstellen. Es wird der Verbandszentrale eine Freude sein, solchen eifrigen Mitgliedern zur Belohnung und zum Andenken ein schönes Herz-Jesu« oder Josephsbild zu über« senden, mit welchem ste ihre Wohnung schmücken können... Zufrieden, Redaktion„Aufwärts"? Oder sollen wir uns über den Unterschied verbreiten, der darin besteht, daß diese schönen AuS- führrlngen nicht von.Aufwärts", katholische Christen Richtung M.-Gladbach, sondern von„Frauenarbeit", katholische Christen Richtung Berlin, gemacht wurden.... Wir wollen uns lieber vorläufig nicht darüber aufhalten, sondern uns etwaige Aufklärung darüber von der Redaktion.Auswärts" zu teil werden lasten. Wir warten daraus.__ Soziales* A« die Torstände der freien Hilfskasten! Unter den Vorständen der freien Hilfskassen herrscht noch vielfach Meinungsverschiedenheit darüber, ob es schon jetzt an der Zeit ist, die Aenderungen des Statuts nach dem neuen Recht vorzunehmen. Um dem zu begegnen, hat die auf dem Kongreß der freien Hilfskassen zur Wahrung der Jntcresten der Hilfskasten gewählte Kommission an die Kassenvorstände ein Zirkular gerichtet, aus dem wir ent- nehmen daß diese Kommission mit dem Aufsichtsamt für Privatversicherung über einzelne bedeutsame Fragen verhan- delt und Entgegenkommen zugesichert erhalten hat. Voraus- sichtlich dürfte im Krankenkasscnwesen der neue gesetzliche Zu- stand erst am 1. Januar 1914 in vollem Umfange in Kraft treten, so daß die Kassen Zeit genug haben, sich darauf einzu- richten. Schon jetzt das Statut nach dem neuen Recht umzu- gestalten und zur Genehmigung einzureichen, sei zwecklos, weil das Aufsichtsamt erst dann zuständig ist, wenn die Auf- Hebung des Hilfskastengesetzes in Kraft getreten sein wird. Wann letzteres der Fall sein wird, darüber ist noch nichts be- kannt. Andererseits herrscht auch, zum mindesten soweit die „Ersatzkassen" in Frage kommen, in Einzelpunkten noch Un- klarheit, die erst durch Verhandlungen mit dem Reichsver- stcherungsamt zu klären sein wird. Die betreffende Kommisston empfiehlt deshalb, daß die- jenigen Kassen, bei denen die Abhaltung einer Generalver- sammlung mit Schwierigkeiten und großen Kosten verbun- den ist. vorläufig von der Abhaltung einer solchen absehen möchten. Die Kommission wird auch Musterstatuten ausarbeiten und die Kassen können solche zu gegebener Zeit auf Wunsch erhalten. Auch wird die Kommission, sobald Veran- lastung dazu vorliegt, weitere Mittestungen im dte Kasten- vorstände gelangen lassen.._ Neberland, entrale für Wasserversorgung. Außer der auch in anderen Bezirken und Kreisen schon viel- fach durchgeführten Versorgung eines ganzen Kreises oder größeren Bezirks mit elektrischer Kraft durch eine Ueberlandzentrale wird im Kreise Saarburg, Regierungsbezirk Trier, auch eine Ueberland- zentrale für die Wasserversorgung der hauptsächlichsten Ortschaften des Kreises eingerichtet und geht ihrer Vollendung entgegen. Das zu 1 200 000 M. veranschlagte Kreisunternehmen, das von den 71 Ortschaften des Kreises die 40 bedeutenderen Ortschaften mit etwa 14 000 Einwohnern mit ausreichendem und einwandfreiem Trink- wasser versehen soll, ist soweit hergestellt, daß vor einigen Tagen in IS Gemeinden der Teilbetrieb aufgenommen werden konnte. Zur Verwendung gelangt Grundwasser, das aus einer Tiefe von LS Meter mittelst Heberleitung entnommen und durch Maschinen mit elektrischem Antriebe gefördert wird. Da die Bauarbeiten während des Winters durchgeführt wurden, steht auch die Versorgung der übrigen Gemeinden bald bevor. Die an der Provinzialstraße Trier— Saarburg errichteten Betriebsgebäude(Maschinenanlage, Dienstwohngebäude und TranSformawrenstation) wurden dem Landschaftsbilde entsprechend hergestellt. Die Herstellung der elek- irischen Ueberlandzentrale geht mit dem Bau der KreiSwasterleitung Hand in Hand. Die im Saartale gelegenen Orte des Kreises sind schon seit einigen Monaten mit elektrischer Kraft versehen und bis zum Ende 1912 wird voraussichtlich das auch bei den übrigen Ge- meinden durchgeführt sein. Wie das»Zentralblatt für Wasserbau und Wasserwirtschaft" mitteilt, hat sich die Stadt Trier gemäß dem zwischen ihr und dem Kveise Saarburg sowie seinen sämtlichen Ge. meinden getroffenen Abkommen zum Bau und Betrieb der Ueber- landzentrale für Wasserversorgung verpflichtet. Erfüllt diese für das volkswirtschaftliche und hygienische Gedeihen dieses Kreises eventuell sehr bedeutsame Einrichtung die auf sie gesetzten Erwar- tungen. so ist nicht zu bezweifeln, daß sie bald auch anderwärts ausgefiihrt werden wird. Mit der Auslegung des RrichS-ZuwachSsteuergesrtzeS hatte das preußische Oberverwaltungsgericht am 1. April sich zum ersten Mal zu beschäftigen. ES handelte sich um die Auslegung des Z 22 Absatz 1 Ziffer 2, wo der Wortlaut für die Beantwortung der zu entscheidenden Streitfrage nicht ohne weiteres ausreicht. Dort ist bestimmt:„Von dem Veräußerungspreis sind(für die Berech. nung der Steuer) in Abzug zu bringen: L. auf Antrag des Ver- äußerers der Betrag, um den nachweislich während des für die Steuerberechnung maßgebenden Zeitraums, jedoch nicht länger als für IS zusammenhängende Jahre, der auf dem Grundstück erzielte Jahrrsbetrag hinter drei vom Hundert des Erwerbspreises zuzüglich der nach§ 14 Ziffer 1 bis 3 zulässigen Anrechnung zurückbleibt." ES folgt dann noch ein« Vorschrift für besondere Ausnahmever- hältnisse. In dem Streitfall« einer Versicherungsgesellschaft gegen den Oberbürgermeister von Köln stand nun zur Entscheidung, ob die Worte„erzielte Jahrcsbetrag" die Auslegung zulassen, daß die Be. stimmung auch zur Anwendung komme, wenn das fragliche Grund. stück weniger als ein Jahr in Händen des VeräutzererS war. Der Bezirksausschuß hatte sich dahin entschieden. Das ObrrverwaltungSgericht hob das UrteN aber«ms, indem es entschied, daß in einem solchen Falle die Bestimmung nicht zur Anwendung komme. Begründend wurde ausgeführt: Das Gericht sei zu der Ueberzeugung gekommen, daß hier im§ 22, wenn der Wortlaut es auch nicht ohne weitere? ergebe, doch auch nur mit vollen Jahrrsertriigen z« rechnen sei. Dafür spreche schon der Be- griff des Ertrage», welcher eine abgeschlossene Wirtschaftspertode zur Voraussetzung habe. Man könne nschk von elnem JahreS- ertrage sprechen, auch nicht von einem nachgewiesenen Ertrage, so- lange nicht die Wirtschaftsperiode abgeschlossen sei. Als solches Jahr kämen in Frage zwölf Monate nicht zwischen Auflassung und Auflassung, sondern zwischen der Eintragung des Eigentums- Wechsels und der nächsten Eintragung des EigrnwmswechselS. i Die Bollmachtsstimmen der Forensen scheiden bei der Bildung des Wahlvorstandcs bei Landgemeindewahlen aus. Bei der Wahl der Beisitzer zum Wahlvorstand für die Ge- meindevcrtreterwahl am 10. März 1910 hatte der Gemeindevorsteher von Neukirch(Schlesien) 30 Papierstimmen-von Forensen(für Forensen von Bevollmächtigten abgegebene Stimmen), die auf die bürgerlicherseits vorgeschlagenen Beisitzer sielen, berücksichtigt. Diese Beisitzer wurden gewählt. Die sozialdemokratischen Wähler ver- ließen unter Protest die Wahlversammlung, so daß die bürger- lichen Kandidaten Schneider und Heidenreich ohne Gegenstimmen zu Gemeindevertretern gewählt wurden. Ihre Wahl wurde von sozialdemokratischer Seite angefochten, weil die Bildung des Wahl- Vorstandes gesetzwidrig erfolgt sei. Der Bezirksausschuß zu Breslau erklärte als Berufungsinstanz die Wahlen für ungültig, indem er mit den Klägern annahm, daß die Forensalstimmei. bei der Bildung des Wahlvorstandes nicht hätten beriich.chtigt werden dürfen. Auf Grund einer Berechnung war der Bezirksausschuß zu der Ueberzeugung gekommen, daß ohne die Vollmachtsstimmen der Forensen die bürgerlichen Beisitzer nicht gewählt worden wären. AuS ihrer Amtierung ergebe sich die Un- gültigfeit der Wahlen. Die Gemeindevertretung legte Revision ein. Das OberverwaltungSgericht trat dieser Tage der prinzipiellen Auffassung des Klägers und des Bezirksausschusses bei, hob aber aus einem anderen Grunde die Vorentscheidung auf und erklärte im Gegensatz zum Bezirksausschuß die Wahlen der Herren Schneider und Heidenreich für gültig, weil sich herausstellte, daß die Beisitzer, welche amtierten, auch ohne die Forensalstimmen die Mehrheit hatten, somit zu Recht gewählt seien. Deshalb seien auch die Wahlen gültig._ Briefharten der Redahtloiü R. K. 59. Wir hallen Sie zur Weiterzahlung der Prämie nicht sik der« pflichlet.— A.». 93. Nei«-, falls Eigentum Ihrer Tochter.— W. Z7. 1. Falls der Nachlatz mehr als SDO M. beträgt. 2. In dreißig Jahren.— G. 33. Sie können Ihren Anspruch im Zivtlprozetzwe�e geltend machen. K. G. 9. 1. Eine Klage lst nicht notwendig. Sie tonnen den Jungen ohne weiteres bei sich behalten. 2. Fall» die Wirtschaft Ihr Eigentum ist, ja. 3. Da Ihnen das Armenrecht bewilligt ist, brauchen Sie Gerichts- kosten nicht zu zahlen. 4. Spätere Klage zulässig.— M.N 7SIMW 752WNW Wetter 3 bedeckt bibedccki 3,bedeckt 4wolkig 5 Schnee SsRegen a»« all i? Wio 4 1 1 4 — 0 6 Stationen Hop«an da Pelersburg Scillh Aberdeen Pari« 701 754 ßZ I Better O 772»91» 765 769 IS» 'NNW wollrni bedeckt 4!halb bd Isbcdeckt gedeckt eis c-» —19 — 1 7 2 i Wetterprognose für Mittwoch, den 8. April 1913. Zeitweise ausklarcnd, am Tage etwas wärmer, aber veränderlich bei mätztgen westlichen Winden; später wieder Regen. Neueste JQimben Aneag Otker Maiinevl. od grauer Cherlot. Kragen in. SotaDDrbepatz Fb 8-8J(lhr Knaben 2. SO M, Jede« altere Jahr V> Et. mehr. Farbige Trikot■ Sweater 1.46, I.IO M. 05. 55 P(. Solei■ Höschen S.SO,I.SS,95PL Sport■ Hosen Blau Satin tos 1.00 aa Waeeh- Anzog Nr L. Geotreltt.(tlr 2- 8 Jahre I.IO M. Jedes altere Jahr 10 Pf. mehr. Nt. N Qeelr. Leder- Satin für 2-3J. 3.50 Jedes altere Jahr 26 Ff. mehr, Aneag; Merkur Fein, blauer Kamm- garn-Ohevlot, Latin- Oeberkragen. Hose eane uelttttert Für 2— 3 jährige Knaben 12.60 U Jedes ältere Jahr 75 PL mehr. Anzug: ROgen Dunkeibl. Kamm* tarn-Oher. Latin- Ueberkrag. Hose gana gefüttert Für 2—8 Jährige Knaben 9 M Jedes ältere Jahr 60 PL mehr. Anzug: IfeltuM Blauer Cheviot ra. Latin- Deberkragr. Kittelfoim. Für 1-2jahrlg« Knaben 0.50 U. Jedes altere Jahr SO Pf. mehr, Anaog; Sassnitz Sport-Hemd und blaue Kammgarn- Hose. Für lOjahr Knaben 0.50 M. Jedes altere Jahr SO Pf. mehr, Anzog; Leo Hobt Kieler Anzog, dunkelblau Cheviot mit kurzer oder langer Hose. Für 2-3iähr. Knaben 10 M. Jedes altere Jahr 1 U. mehr, Anzug; Borkum Braun, grau oder grünt Cheviot, auf- gesetzte Taschen. Für 2— S)&hrlgo Knaben II M. 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Pfd. 23 pl Kaliforn. Aepfel pfd.30, 40 pl Datteln......... pfd.85pL Knackmandeln____ Pfd. 75 pl Römische Pflaamen Pfd. 1.40, Eist« 78 PL 1.38 Paranüsse....... pfd. 75 pl Walnusskerne.... na. 1.35 Ananas...... pfd. 70, 80 pl Gemüse Rote Rüben____»pfd-lO» Schwarzwurzeln..nd 12 n Frische Gurken stt 43, 50 pl Malta-Kartoffeln.Pfand 10 pl Kanarisch. Kartoffelnpfd.14 rt. Sellerie-Knollen»�23. 28 pl Radieschen....... Bond 5 pl Rhabarber....... Bond 5 pl Kopfsalat...... z Kopt 25 pl Wegen Separierung Bflnzllclier Hustfertouf des übernommenen Schahwarenlagers Rosenthalerstr. 40-41! (Hackescher Markt)'Sin? Kinderstiefel, ■■■ Pakete xu IO u 20 Pfy •;.;.... V!*•%*''"■ v"-*-*- ,i� i, FeihriK" XjriifXri' C v j r,,'MZMkW »CNN ich soll scheuern hol ich sirhcks Vom Koiihnsun mir dozu: liiraTRRTS Verantwortlicher Redakteur: Albert Wache. Berlin. Für den Jnjeratenteil verantw.: TH. Glocke, Berlin. Druck».Verlag. Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. 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In der gestrigen Sitzung wurden eine Reihe Von Fällen festgestellt, in denen der Methylalkohol tödlich gewirkt hatte. Einen widerlichen Eindruck machte ein Verteidigungsantrag, der zu den entsetzlichen Folgen, die die Verwendung von Methylalkohol zu Trinkzwecken nach sich gebogen hat, in schreiendem Gegensatz steht. Der Verteidiger des Angeklagten M e y e n erklärte, sein Klient sei bereit, vor den Augen des Gerichts Methylalkohol zu trinken. Natürlich wurde vom Gericht abgelehnt, auf dies frivole Anerbieten ein- zugehen. Dem Angeklagten und seinem Verteidiger scheint bislang der tragische Ernst der Situation, der zu der Gerichtsverhandlung geführt hat, noch nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein. Wahrscheinlich 91 Personen, darunter viele im kräftigsten Mannesalter stehende, haben infolge des Genusses von Methylalkohol ihr Leben einbüßen müssen; wohl ebensoviel sind auf längere Zeit oder dauernd ihrer Gesund- heit beraubt. Gewinnsucht und Fahrlässigkeit haben die Vcr- ivendung von Methylalkohol zu Trinkzwecken herbeigeführt. Hat denn dieser Situation gegenüber der Verteidiger kein Empfinden für die Frivolität des Ansinnens seines Klienten? Ihm selbst verbietet selbstverständlich niemand Methylalkohol oder andere Gifte zu sich zu nehmen. Verkauft er aber derlei zu Trinkzwecken, so begeht er eine gemeingefährliche Handlung gröbster Art. Was soll sein Anerbieten beweisen? Daß er die Schädlichkeit nicht gekannt hat? DaS wird wohl ohne weiteres anzunehmen sein. Denn trotz Kenntnis der Giftigkeit des Methylalkohols ihn zu Trinkzwecken verkaufen, hieße die ab- scheulichsten Verbrechen. Massenmorde aus kleinlicher Gewinn- sucht, begehen. Die Anklage legt den Angeklagten nicht vor- sätzlichen Mord, sondern nur fahrlässige Körperverletzung mit Todeserfolg zur Last. Die Fahrlässigkeit besteht darin, daß die Angeklagten, wiewohl sie aus dem Verkauf des Methylalkohols zu Trinkzwecken ein Gewerbe machten, sich über die Gefährlichkeit und Giftigkeit des Methylalkohols nicht unterrichteten. Uns ist nicht faßlich, wie ein Verteidiger ein solches Anerbieten seines Klienten im Ernst vorbringen konnte, während die traurigen, tödlichen und gesundheitsschädlichen Wirkungen des MethylalkoholgenusseS bei anderen so klar zu- tage liegen. Eine Verteidigung sollte doch nicht so angelegt sein, daß sie die Nützlichkeit einer Vcr- teidigung überhaupt in Frage stellt und dadurch Wasser auf die Mühlen derer treibt, die auf Beeinträchtigung der Rechte der Verteidigung hinarbeiten. Keinen anderen Effekt aber können derlei Anträge und sonstige Eigenartigkeiten der Verteidigung in diesem Prozeß haben. Deshalb muß gegen ein solches Auftreten der Verteidigung entschieden Protest ein- gelegt werden. Das um so mehr, als im weiteren Verlauf der Sitzung es zu einer unseres tirachtenS unberechttgten Verhängung einer Ordnungsstrafe gegen einen Verteidiger und zu einem ebenso unberechtigten Verlassen der Sitzung durch die Ver- teidiger kam. Die Ordnungsstrafe erfolgte nach einer Unter- brechnng des Verteidigers Jaffs durch den Staatsanwalt. Der Staatsanwalt ist nicht berechtigt, einen Verteidiger zu unterbrechen. DieS Recht steht nur dem Vorsitzenden zu. Seine dahin gerichtete Frage, ob der Verteidiger legitimiert sei, war auch materiell ungehörig. Denn es bedarf der Ver- teidiger keiner schriftlichen Vollmacht. Wenn er im Einverständnis mit dem Angeklagten dessen Interessen in Ver- tretung des eigentlichen Verteidigers vertritt, so ist der An- walt der berechtigte Verteidiger. Der Anwalt machte, durch die Bemerkung des Staatsanwalts erregt,. eine formell kleines feiuUeton. Monismus und Weltkultur. Also doch! Auch der Monismus, der sich zunächst aus rein wissenschaftlichen und philosophische» Wegen als eine Theorie des modernen Aufllärertum» produzierte, mutz auf große Fragen der Kultur und der Weltgeschi-tite Rede und Aiiiwort stehen I Daß es so kommen mußte, war ja ohne weiteres klar. Es genügt eben nicht, in einem Zeitalter, das im Kampfe der Interessen die letzten ideologischen Hüllen abstreift,.ein persönlicher Feind de« Jehova" zu sei». Schon aus der vorjährigen internationalen Hain- burger Tagung hat der Wiener Professor Jodl eine Art philaniro- pischen Sozialismus al» Kulturanschauung des MonisniuS in An« sprucb gtuommen. Tie feierliche Sitzung der Berliner Gemeinde, in der der Philo- fophieprofessor L. Stein und der Naturwissenschaftler W. Ostivald am Montag die Bergangeiiheit, Gegenwart und Zukunft der Kultlirfrage behandelten, zeigte, daß eS außer den„Weliratseln" auch.Kultur« rälsei" gibt, die zu ihrer Bewältigung anderer Mittel und Wege erfordern, als sie dem gegenwärtigen MoniSmu« zur Verfügung stehen. WaS ist der Sinn der Geschichte? fragt Professor Siein. Eine Bewegung vom Wellbürgertum der Antike über den Nationa- liSniuS der Gegenwart zu dem JnternaiionaliSmnS der Zukunft. Ein schönes Schema, aber ein Schema nur, da« in seiner erschreck- licheii Blutleere auch dadurch nickt lebendiger wird, daß die koSmo« politische Lebeiisaiischauimg des AltertuinS in Verbindung mit dem Weltreiche Alexanders des Große» und der gegenwärtige Nationa- liSniuS mit der Zertrümmerung der Napoleon, schen Monarchie in Zuiaminenhang gebracht werden. Der Dreitakt der historischen Emwickeliing bleibt trotzdem iy den himmelblauen Regionen der ideologischen Konstruktion, die schließlich davor nickt zurückickreckt, in eineni Bismarck den Berkünder der„nationalen Gerechtigkeit" zu preisen. Und die Zukunft? Der Internationalismus wird kommen— vielleicht in 10 000 Jahren I— und wird der Menschheit ein paar neue internationale Verträge, die einheitliche Zeitrechnung, womöglich auck die Weltipracke bringen. Daß eS' aiidere schwerwiegendere iniernationale Probleme gibt, daß eS auch andere Kräfte gibt, die an ihrer Lösung in der Arbeit dunklem Schoß unablässig wirke», davon erfuhren wir auS diesem Vortrage nichts. Und daß eS in einer Tagnng der Arbeiterinternationale, wo mindestens drei ver« schiedeiic Sprachen gesprochen werden, mehr Jiiteriiotionalismue steckt, als»n allen Vemühiingen der Welliprackler zusainnieiigeiioinmen, da« geht offenbar über den Horizont eines»m Ideologischen be- fangen«, Monisten. Der Vortrag de« Prof. W. Ostwald gipfelte in dem neuen Lieblingssatze des um die Natiirwissenschaft vielverdienten Monisten- sührers. daß das Wesen aller Kultur und aller Ethik dmin besteht, die nutzlose Vergeudung der vorhandenen freien Energien der Natur und der Gesellschaft nach Möglichkeit, zu verhindern und sie der größtmöglichen Anzahl der Menschen dienstbar zu machen. Der Vor- rat an nutzbaren Energie» in der Natur wird, wie die Wissenschaft zeigt, immer kleiner und kleiner. Da heißt es, diesen unvermcid- lichen Verlust durch immer beffere Ausnutzung im Interesse der Menschheit wettzumachen. Der.energetische Jinperativ" sollrichtung- gebende» Ziel de» menschlichen Handelns werden. und materiell ebenso unzulässige Bemerkung, als die des Staatsanwalts war. Er meinte: dann hätte eher am vorangegangenen Tage die Legitimation des Ver- trcters des Nebenklägers bemängelt tverden müssen. Das Gericht, offenbar durch das Auftreten des Verteidigers im vorangegangenen Lauf der Verhandlung erregt, und von der Annahme ausgehend, der Rechtsanwalt müsse wissen, daß solche Bemängelung nur dem Gericht zusteht, erblickte in der Bemerkung des Anwalts eine Ungebühr, die es mit 100 M. ahnden zu müsseit glaubte. Die Anivälte verlangten dann den Eintritt einer Pause, verließen, als das abgelehnt war, den Saal und betraten ihn erst gegen Schluß der Sitzung, um eine Erklärung abzugeben. Die Abgabe einer solchen konnte nicht erfolgen, weil der Vorsitzende die Sitzung geschlossen hatte. Sind wir auch der Ansicht, daß die Ungebührstrafe zu Unrecht verhängt ivar, so macht doch die Gesamtsituation die Erregung des Gerichts sehr begreiflich. Der Verteidiger darf in keiner Weise in der Verteidigung beschränkt werden. Gegen die Unterbrechung durch den Staatsanwalt konnte er aber wirksamen Schutz des Gerichts anrufen. Das unterließ er. Seine nichts weniger als sachliche Stichelei mit dem Staatsanwalt, die das Gericht wohl auf sich bezog, hing mit der Wahrung der Rechte seines Klienten nicht zusammen. Freilich wäre für dies Ungeschick des Verteidigers eine Ordnungsstrafe nicht erforderlich gewesen. Das Auftreten der Verteidigung aber in diesem Prozeß, der auf des härtesten Menschen Herz erschütternden Vorfällen beruht, kann auch den ruhigsten Richter in Harnisch bringen. Eine Gerichtsverhand- lung soll der Erforschung der Wahrheit dienen: ein Staats- anwalt oder ein Verteidiger, der nicht allein von diesem Ziel und von dem der Wahrnehmung der Rechte des Angeklagten sich leiten läßt, erschwert die an sich schwierige Aufgabe des Gerichts. Sic haben sich in ihren Schranken zu halten: der Staatsanwalt hat nicht das Recht, an Stelle des Vorsitzenden den Prozeß zu leiten, aber ebensowenig sollte sich ein Verteidiger durch einen dahingehenden Versuch zu einer unsachlichen Unterhaltung mit dem Staatsanwalt hin- reißen lassen. Eine Gerichtsverhandlung darf nicht zu einem sensationellen Spektakelstück herabgewürdigt werden. Ueber die Verhandlung selbst informiert der nachfolgende Bericht: Nach Eröffnung der Sitzung durch LandgerichtSrat BrieSkorn teilt Staatsanwalt Dr. Gutjahr mit, daß er einen Dr. Förster- Charlottenburg zur Widerlegung des gestern von dem Sachver- ständigen Sandmann abgegebenen Gutachtens zu morgen geladen habe. Von letzterem fei bekundet worden, daß in der Spiritus- industrie die Giftigkeit des Methylalkohols nicht bekannt sei. Dem widerspreche die Tatsache, daß Dr. Förster schon vor längerer Zeit in der„Spiritus-Rundschau" einen längeren Artikel veröffentlicht habe, in welchem er auf die Giftigkeit des Methylalkohols hinweist und vor dessen Verwendung zu Genußzwecken warnt. Es wird sodann in der Verhandlung der einzelnen Fälle, die sich im Asvl abgespielt hatten, fortgefahren. Dr. Pinkus, Arzt in der Krankenstation des städtischen Ob- dachS, hat sich an der Versorgung der plötzlich erkrankten Personen in dem Asyl freiwillig beteiligt. Er äußert sich als Sachverständiger über den Fall eines gewissen Kühnel, der im Asyl verstorben ist. Medizinalrat Dr. Storrmrr, der die Obduktion der Leiche des Kühnel vorgenommen hat. bekundet, daß es sich um eine ganz typische Methylalkoholvergiftung gehandelt habe. Im Anschluß an dieses Gutachten richtet Rechtsanwalt Dr. Wrrthauer eine große Reihe von Fragen medizinischer Natur, die einen solchen Umfang annehmen, daß der Vorsitzend« wiederholt unterbricht und erklärt, daß gar nicht abzusehen ist, wohin alle diese Fragen zielen. Auf eine Frage des Verteidigers erklärt der Sachverständige, daß er nach den jetzigen Erfahrungen das Methyl- alkohol als Gift ansprechen würde, vor diesen Erfahrungen würde Wir, die wir an der vernunftgemäßen Gestaltung der Gesellschaft in allen ihren Lebensäußerungen wirken, können uns diese natur- wissenswaflliche Weihe unseres StrebenS gefallen lasten. Wir zweiWn aber sehr, daß der„energetische Imperativ* der leider noch herrschenden kapitalistischen Unkultur auch nur ein Haar krümmen kann. Behaupten doch ihre ideoologischen Vertreter gerade, daß nur die Privalwutichaft imstande ist, die nötigen ökonomischen Kräfte auszulösen und in Bewegung zu setzen. Da muß schon ein anderes Geschütz aufgefahren, da müssen andere Gründe in« Feld geführt werden; doch solche Waffen birgt die Rüstkammer des Monismus nicht. Der Architektenvcrein von Minister? Gnaden. Ein Beamter soll gehorsam sein. Und selbst wenn er vom Gegenteil überzeugt wäre. bat er das Opfer seine« Intellekts zu bringen. So nennt man da«. ES mag aper auch vorkommen, daß Beamte ohne solches Opfer gewissermaßen Dummheiten machen. Solch' eine Dummheit war der Beschluß, den der Klub der Baubeamten, der sich ein wenig irre- führend„Berliner Architektenverein" nennt, gefaßt hat. Die ab- gedanlten»nd die zukünftigen Regierungsbaumeister haben befunden. daß die Entwürfe für das neue Opernhaus ausgezeichnet wären. Das wird sich auch so gehören, von wegen der Personalakten. Im übrigen hat dieser Beschluß keine Bedeutung. Unter welchem Gesichtswinkel diese geheimen und sonstigen Räte Architektur zu beurteilen pflegen. dafür nur ein Beispiel. AIS neulich im Kunstgewet beVerein die Resolution gegen die OpernhauSpläne mit großer Majontät zur Annahme kam. versuchte im letzten Augenblick ein höherer Bau- beamier, die« Unglück zu verhüten und zwar dadurch, daß er ernst- Haft meinte:„Und wenn selbst ein freier Wctibewerb einen vorzüg- licken Künstler finden ließe, wer garantiert dafür, daß dieses archi- tektonische Genie auch die Gabe besitzt, mit den allerhöchsten Bau- Herren gebührend zu verkehren I* Bon solcher Art find die Mitglieder des Architektenverems. Theater. NeueS VokkStheater: Strindberg» Abend. Quälend« Seelensezierung, verbissenes Suchen und Bohren nach den Wechselsttöimmgen zwischen Mann und Weib, Rütteln an den Ketten der überlommencn Ehebegriffe ohne den tröstlichen Ausblick auf eine neue GesellschaflSordnung mit einer gesunden Moral all das zieht sich durch die Szene„Die Stärkere" und be- sonders durch die Tragikomödie„Gläubiger*. Diesen beiden schon besprochene» und auch diesmal wieder trefflich ge- spielten Einaktern folgte am Sonnlag die Komödie„Mit dem Feuer spielen*. Strindberg geht hier an seine Seelenanalyse mit etwas ingrimmigem Humor. Ein Ehemann läßt da« Liebesfeuer zwi'chen seiner unter der Spießbürgerlichkeit ihres Daseins stöhnenden Frau und einem leickt entzündliche» Freunde lustig ausflackern. Aber dieAuSsicht aus das eheliche Ofenfeuererstickt die leiden- ickaftliche Glut des Freundes und Liebhabers; er verschwindet und läßt die junge Frau am langweiligen, aber gutgenährten Herdfeuer ihres Gallen zurück. Annalise Wagner gab dem krankhasten Auslehnen der jungen Frau gegen ihre philiströse LerforgungSehe. dem Wechsel zwischen beherrschter Wohlerzogenheit und leidenschafllicher Nervosität beredten Ausdruck. Herr L i ch o zeigte als entgegenkommender Gatte behäbige Drolligkeit. Herr M o n l n a gab dem flatterhaften Freunde eine etivaS zu ernste Färbung, während Herr F r e i s l e r und Hedwig v. Lotöe ihre Schlviegerelternrolle mehr als nötig in» er es nicht gekannt haben.— Eine andere Frage des Verteidigers lehnt der Vorsitzende entschieden ab. Rechtsanwalt Dr. Werthauer ersucht um Gerichtsbeschluß und fixiert die Frage schriftlich, wobei er bemerkt, daß er diese Frage für außerordentlich wichtig halte, da ihm von allererster autoritativer Seite Mitteilungen gemacht worden seien, daß Methylalkohol weder bei äußerer Berührung mit Wunden, noch bei innerer Anwendung als giftig zu erachten sei. Er stelle seine Fragen immer zu ganz bestimmtem Zweck und zur Begründung von Beweisanirägen.— Rechtsanwalt Dr. Joffe: Der Angeklagte Meyen sühlt sich bezüglich des Methylalkohols so sicher, daß er sich bereit erklärt, hier vor den Augen des Gerichts und der Sachverständigen Methylalkohol zu trinken, und zwar so lange, bis die Sachverständigen sagen, es sei genug. Borsitzender: Auf solche Experimente laste ich mich nicht ei». Rechtsanlvalt Dr. Jaffe: Es kommt mir nur darauf an, zu zeigen, wie sicher sich der Angeklagte Meyen gefühlt hat und auch heute noch fühlt. Das ist nach der subjektiven Seite hin doch nickt unwichtig.— Auf eine laute Zwischenbemerkung des Justizrats Dr. Jvers entgegnet ihm Dr. Jaffe, daß Dr. Jvers doch nicht Verteidiger des Angeklagten Meyen sei.— Borsitzender: Ich bitte hier keine Auseinandersetzungen zwischen den Herren!— Rechtsanwalt Dr. Werthauer: Wir wünschen hier bloß ungestört reden zu dürfen, und wenn hier einer unter uns ist, der fortgesetzt dazwischen redet, dann müssen wir um Schutz bitten.— Borsitzender: Dieser Schutz wird Ihnen, falls es erforderlich ist, nickst fehlen. Ich bitte aber nochmals, solche Auseinandersetzungen zu unterlassen! Dazu haben die Herren außerhalb des Saales Gelegenheit genug! Zu dem Falle Kühnel wird noch Gerichtschemiker Dr. Jeserich vernommen: dieser hat in den verschiedenen Leichenteilen des K. zweifellos Methylalkohol festgestellt. Bei anderen Fällen der vermeintlichen Methylalkoholvergiftung werden von der Verteidigung immer wieder Ziveifel angeregt, ob es auch ganz sicher sei, daß der Tod auf den Genuß von Methyl- alkohol zurückzuführen sei oder ob nicht andere Ursachen, chronischer Alkoholismus und dergleichen möglich seien. Es bedarf zur Eni- scheidung dieser Frage immer wieder längerer Auseinandersetzun- gen der zur ersten Hilfe hinzugerufenen Aerzte, sowie der Sachver- ständigen Medizinalräte Dr. Stoermer, Dr. Hoffmann, des Dr. Jeserich und des Regierungsrats Dr. Juckeuack. Bei folgendem Fall steht nicht sicher fest, wo der todbringende Schnaps gekauft ist und ob dieser Fall einen der Angeklagten bc- trifft. Am 8. Januar hatten der Arbeiter Michael Grocholski und der Strasienarbeiter Michael Majore! größere Mengen Schnaps. vorwiegend„Schlesischen" und„Bittern" getrunken. Grocholski wohnte bei dem Laternenanzünder Kastor. Er erkrankte am 0. Ja- nuar mittags und verstarb sehr bald. Die Untersuchung des Dr. Jeserich ergab Methylalkohol. Majore! erkrankte am 9. Januar mit Erbrechen und Schwächezuständen. Er wurde am 10. Januar mittags ins Rudolf-Virchow-Krankenhaus gebracht, wo schwere Sehstörungen bei ihm festgestellt wurden. Am 11. Januar war die Sehkraft fast geschwunden. Bei Grocholski wurde eine Schnapsflasche mit einem Schnapörest gesunden, dessen chemische Untersuchung durch Dr. Jeserich ebenfalls Methylalkohol ergab. Es wird vermutet, daß Grocholski den Schnaps am 8. Januar abends in der Dreysestraße gekauft haben mag. Von diesem Schnaps hat Kastor gleichfalls getrunken, diesem hat der Genuß aber nichts geschadet. Justizrat Dr. JverS hebt diesen Umstand besonders her- vor. Die Anklage nimmt aber an. daß die Erkrankung auf einen Schnaps zurückzuführen sei, den Grocholski und Majore? vorher schon getrunken hatten. Dieser Schnaps soll aus einem Lokal in der Stromstraße stammen. Dieser Fall und ein anderer, bei welchem der verhängnisvolle Schnaps aus der Salzwedeler Straße gekauft sein soll, gaben zu längeren Erörterungen darüber Anlaß, ob die Fälle, in denen Professor Juckenack bei den Untersuchungen in Schanfftätten Methyl- alkohol in den Schnäpsen festgestellt hat, die Möglichkeit aus» schließen, daß auch noch in anderen Schankstätten Methylalkohol- Schnaps verschänkt sein mag. Beisitzer LandgerichtSrat Kriencr wünscht speziell zu wissen, ob systematisch in den Berliner Schank- stätten solche Nachforschungen stattgefunden haben. Rcgierungsrat Professor Juckenack verneint dies, da dies bei der Größe Berlins unmöglich fei. Die Verteidiger behaupten, es sei nickst� von der Hand zu weisen, daß in Berlin auch schon vor diesen Fällen und auch an anderen Stellen Schnäpse mit Methylalkohol versetzt wor« Postenhafte übertrieben. Im ganzen hinterließ die Aufführung aber einen abgerundeten, harmonischen Eindruck.—g. Humor und Satire. J DaS alte Lied. Ein Wink— eS naht die Polizei, Gendarmen nahen wie der Blitz, und Militär ist auch, dabei,• zu Fuß. zu Pferd und mit Geschütz. Ein Wink— daS Volk wird allackiert, die Jagd geht los und das Gewehr, der Scherlreporter recherchiert, wie groß denn wohl die Strecke wär'. Ein Wink— schon sind im Parlament die größten Knarren aufgedreht, die rastelquasteln vehement, dieweil es um den Geldsack gebt. Tin Wink— auch Kasperle ist da und hampelt am Regierungstisch und stöhnt: wir tun ja alle«, ja. was Sie befehl'n— empfehle mich. Ein Wink— doch nein, den braucht eS nicht! Der Staatsanwalt kennt seine Pflicht. Der Richter auch steht uicht zurück und kriegt die Streiker beim Genick. Was sonst gesühnt mit mildem Maß, mit eineni Taler oder zwei'n, was bei Studenten straflos, Spaß— das trägt hier nur Gefängnis ein. Wer grunzt im Hintergrund und lackt von Eulenburg und.HermannSschlackl" und so? Halt's Maul, Du Demokral I Hoch klingt daS Lied vom Klassenstaat. Franz. Notizen. --- Vorträge. Ueber die„Volks parkS derZukunft* spricht am 3. April, abends 3 Uhr, im Hörsaale des königl. Kunst» gewerbemuseunis sPrinz-Albrecht- Straße) Garlendirektor Lesser» Steglitz im Austrage der„Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst*. — Eine teilweise ivtondfinsternis war am Montag» abend bei uns fällig. Der Mond hatte um 10 Uhr LS Minuten in den Schatienlegel der Erde zu treten und»m 11'/« Uhr das Maximum der Verfinsterung zu erleiden, um dann bis 12 Uhr wieder frei zu werden. Leider ließ aber die vorherrschende Bewölkung nur kurze eit nach'/zll Uhr den schwarzgrauen Erdschatten auf der unteren ollmondscheibe fichtbar werden. — DaS Rorinalmaß für Radium. Die internationale Kommission zur Feststellung eines normalen Maßstabes für Radium bat den von Frau CurH angefertigten Maßstab, der aus einem 22 Milligramm Radiumchlorat enthaltenden GlaSröhrchen besteht, nach einer vergleichenden Prüfung mit dem Präparat Hoenigschmidt (Wien) endgültig als internationalen Maßstab angenommen. Die Kommission wird daS internationale Bureau für Maße und Gewichte ersuchen, diesen Maßstab in Bewahrung zu nehmen. Der öfter- reichische Maßstab von 31 Milligramm wird alS Reservemaßstab angesehen und soll in Wien aufgehoben werden. 6cn Teten. Auf wiederholte Fragen der Verteidiger und des Del- sthers Landgerichtsrats Kriener bekundet Regierungsrat Juckenack noch, daß die Polizei regelmäßig in den Schankstätten Proben von Schnäpsen entnehmen lasse, um festzustellen, ob etwa denatu- rierter Spiritus dazu verwendet werde. Vor der Tätigkeit des An- geklagten Scharmach habe sich nie gezeigt, daß Methylalkohol in irgendwie auffälliger Menge verwendet worden ist. Er habe bis dahin überhaupt kein Methylalkohol in trinkbarem Branntwein ge- fundcn. Es werden dann mehrere Schankwirte vernommen, die von Scharmach. Meyen und Zastrow„Sprit" bezogen und statt dessen Methylalkohol erhalten haben. Nach der Mittagspause kommt es zu einer erregten Szene. Bei der Vernehmung einiger Zeugen, die über den Verkauf einer Flasche Sprit durch Scharmach Bekundungen machen, sind die Ber- leidiger Scharmachs augenblicklich nicht zur Stelle. Statt ihrer richtet Rechtsanwalt Dr. Jaffa zugunsten Scharmachs einige Fragen an die eine Zeugin, er wird aber durch Staatsanwalt Dr. Gutjahr mit der Frage unterbrochen, ob er denn legitimiert fei. für Scharmach die Verteidigung zu führen.— Rechtsanwalt Dr. Jafse erklärt, daß schon einmal gesagt sei, daß sich die Ver- teidiger gegenseitig vertreten, wenn der eine oder der andere vorübergehend einmal abwesend ist. Das ist doch auch selbst. verständlich.— Staatsanwalt: So selbswerftändlich ist dies doch uicht.— Rechtsanwalt Dr. Joffe: Ich meine, es wäre angebrachter gewesen, wenn solche Bemängelung gestern bei einer Bemerkung des Justizrats Ibers eingetreten wäre.— Vors.: Das geht nun ober doch zu weit. Der Gerichtshof wird sich beraten.— Rechts. anwalt Dr. Josse will noch auseinandersetzen, daß seine Aeußerung nicht auf den Vorsitzenden, sondern auf den Staatsanwalt gerichtet sein sollte— er kommt aber nicht mehr zum Wort, vielmehr zieht sich der Gerichtshof zur Beratung zurück.— Nachdem der Gerichts- hos wieder Platz genommen, verkündet der Vorsitzende: Der Ver- teidiger Rechtsanwalt Dr. Joffe wird wegen Ungebühr in eine Ordnung?- strafe von 100 M. genommen. Rechtsanwalt Dr. Joffe: Welches ist der Grund zu diesem Be- schluß?— Bors: Der Grund ist der: Sie haben sich durch Ihre .leußerung einer Ungebühr schuldig gemacht.— Dr. Joffe: Ich habe...— Bors,(unterbrechend): Die Sache ist erledigt. Antrag, eine Pause eintreten zu lassen. Rechtsanwalt Dr. Joffe: Ich habe einen Antrag zu stellen. Ich bitte um eine Ausfertigung dieses Beschlusses. Ferner bitte ich, eine Pause eintreten zu lassen, da wir uns in unserer Ver- teidigung beschränkt fühlen. Die Verteidigung ist in ihren Fragen fortwährend vom Gericht und voni Staatsanwalt bemängelt worden und nun kommt auch noch plötzlich ohne erkennbaren Grund ein Ungebührstrafe. Außerdem ist mir überhaupt vor der Beschluß- fassung des Gerichts nicht das Wort erteilt worden, um mich äußern zil können. Ich bitte also, eine Pause eintreten zu lassen, damit wir uns mit den anderen Verteidigern darüber beraten können, ob wir gezwungen sind, die Verteidigung niederzulegen. Rechtsanwalt Dr. Puppe: Ich schließe mich diesem Antrage an. Es sind hier wiederholt Fragen in bezug auf andere An- geklagte gestellt, deren Verteidiger augenblicklich nicht anwesend ivaren. Ter Staatsanwalt hat auch bei mir gestern eine Frage in bezug auf meine Berechtigung zu einer Fragestellung gerichtet und ich habe sehr ruhig darauf geantwortet. Die Art und Weise, w.e hier gegen die Verteidigung vorgegangen wird, verletzt auch mich. Der Staatsanwalt seinerseits hat wiederholt direkt Fragen an die Angeklagten gerichtet, ohne daß es der Vorsitzende be- mängelt hat, obgleich diese prozessual unzulässig sind. Ich mache auch darauf aufmerksam, daß schon mitgeteilt worden ist, die An- geklagten seien damit einverstanden, daß wir für sie Fragen stellen können. Die Bemerkung des Kollegen Jaffe hat sich auch gar nicht gegen den Vorsitzenden, sondern gegen den Staatsanwalt gerichtet. Ich muß ebenfalls um eine Pause bitten, damit wir uns über die Niederlegung der Verteidigung beraten können. Ich habe außerdem folgenden Antrag zu stellen: Der Landgerichtsrat Kriener hat vor- hin zur Auffrischung seines Gedächtnisses von einer im Saale an- wesenden Stenographin, die für ihn tätig ist, sich Mitteilungen machen lassen. Ich halte dies für prozessual völlig unzulässig. Ich bitte, den Vorgang zu protokollieren, oder die Stenographin darüber zu vernehmen, daß sie hier nicht jedes Wort stenographiert, sondern nur bestimmte Zeugenaussagen nachschreibt.— Bars.: Ich lehne eine Pause ab.— Rechtsanwalt Dr. Puppe: Ich habe noch keinen Beschluß des Gerichts bemerkt.— Vors.: Wollen Sie ge- fälligst warten, bis der Gerichtshof beschlossen haben wird.(Nach kurzer Besprechung mit den Beisitzern): Der Gerichtshof lehnt die Pause ab. Rechtsanwalt Dr. Puppe: Ich muß dann auch formell be- antragen, daß sämtliche Herren vom Richtertiscke so laut wie möglich sprechen. Ich beispielsweise kann manck»� Fragen über- Haupt nicht verstehen.— Bors,(erregt und mit erhlhter Stimme); Sie wissen doch so gut wie ich, daß sich jeder hier so anstrengt, wir es ihm möglich ist. Ich bin gern bereit, so laut zu sprechen, wke ich es vermag.— Staatsanwalt Dr. Gutjahr: Die Ver- teidiger werden ihrerseits gut tun. das fortgesetzte Sprechen mit den Angeklagten zu vermeiden. Dadurch komttkt es wohl, daß manches nicht verstanden wird.— Die Verteidiger erklären hierzu, daß sie doch genötigt seien, mit ihren Klienten zu sprechen.— Bors.: Die Sache ist erledigt. Die Rechtsanwälte Dr. Joffe und Dr. Puppe verlassen den Saal. Antrag auf Vertagung. Angkl. Meyer beantragt die Vertagung, bis ein neuer Ver- teidiger für ihn eingetreten sei. Er fühle sich in seiner Verteidi- gung durch diesen Vorgang, der ihn sehr erregt habe, beeinträchtigt und könne ohne Verteidiger der Perhandlung nicht folgen.— Vors.: Auch wir sind durch den Vorgang erregt, das ist ja natür- lich. Im übrigen haben die Rechtsanwälte die Verteidigung jormell noch gar nicht niedergelegt. Der Antrag auf Vertagung wird vom Gerichtshof abgelehnt. Fortsetzung der Beweisausnahme. Einige Zeugen, Kutscher von Kahlbaum u. a., die- den Methyl- alkohol an Scharmach abgeliefert haben, werden vernommen. Einer will mit ihm über allerlei Fragen der Schnapsfabrikation gesprochen und ihn vor Methylalkohol gewarnt haben. Der Angeklagte Schar- Wach bestreitet dies entschieden. Auch der Bruder des Angeklagten. Franz Scharmach, Bankvor- fteher in Preustisch-Stargard, wird als Zeuge vernommen. Nach seiner Aussage war er Ende November in Berlin und hatte seinen Bruder besucht. Dabei hat er in dessen Vorräten auch Methyl- ollohol wahrgenommen und seinen Bruder gefragt, wozu er diesen Stoff gebrauche, und dieser habe ihm verschiedene Verwendungs- ziccckc angegeben. Auf seine Frage, ob man daraus auch Schnaps bereiten könne, habe der Binder gesagt, daß es ja azetonfreier Methylalkohol und deshalb unschädlich sei. Er habe dann vorge- schlagen, doch einmal einen Schnaps daraus zu sabrizieren. Dies sei auch geschehen, man habe einen Schnaps mit etwa 40 Proz. Methylalkohol zusammengebraut und davon ein nicht unerhebliches Quantum getrunken. Es habe recht gut geschmeckt und sei auch ganz gut bekommen. Am nächsten Tage sei es sehr kalt gewesen und da haben sie sich noch einmal solchen Schnaps gebraut, auch dies sei ihm sehr gut bekommen.— Staatsanwalt Dr. Gutjahr: Das ist doch wohl nicht ganz nichtig, denn in einer Postkarte haben Sie an Ihren Bruder geschrieben, daß Sie einen gehörigen Brummschädel aehabt haben.— Die Postkarte wird verlaien; es heißt darin:„Be- nachrichtige Dich, daß ich heute wohlbehalten nach Hause gekommen bin. Nur habe ich Dich auf dem Bahnhof vermißt. Weiß nicht, was ich dir Schlimmes getan habe, daß Tu mich so verlassen hast. Ich glaube, an allem hat der ausgewachsene, selbst fabrizierte Korn schuld, den» ich habe heute einen Brummschädel." Der Zeuge er- jllärt hierzu, daß er ja kein Gewohnheitstrinker sei. und da er hier Ig Berlin verschiedene alkoholische Getränk; zu sich genommen« so set es doch ganz erklärlich, daß ihm etwas schwer im Kopfe ge- Wesen, sei. Auf den Methylalkohol sei dies nicht zurückzuführen.— Rechtsanwalt Bahn als Nebenkläger hält dem Zeugen vor, daß ihm doch schlechte Folgen aus dem Methylgenuß erwachsen seien, darauf deute doch der Inhalt der Karte hin.— Zeuge: Gar nicht. Haben Sie in Ihrem Leben noch niemals einen Brummschädel gehabt? Regierungsrat Prof Juckenack schildert dann ausführlich seinen ersten Besuch bei Scharmach, nachdem er durch seine Schnapsunter- suchungew bei Jsaac auf Scharmochs Spur geleitet worden tvar. Auch äußert er stch über den Selbstmordversuch Scharmachs. Dem Sachverständigen war es aufgefallen, daß Jsaac laut enner bei ihm vorgefundenen Rechnung für SOS M. Sprit von dem Drogisten Scharmach bezogen hatte. Auch der billige Preis fiel ihm" auf. Infolgedessen begab er sich in Begleitung des Kriminalkommissars Toussaint und eines Kriminalschutzutanns in das Scharmachs che Geschäft. Scharmach bestritt zunächst, Methylalkohol zu befitzen, als aber in einer Korbflasche solcher vorgefunden wurde, erklärte er, daß er von einem. Manne, der bei ihm vorgefahren sei. ein Quantum gekauft habe, wovon in der Korbflasche der Rest sei. Bei diesem Märchen von dem großen Unbekannten blieb er trotz aller Vor- Haltungen, bis in einem Keller 10. Ballons mit Methylalkohol, die offenbar aus einer Fabrik geliefert waren, vorgefunden wurden. Dann erst gab er zu, den Methylalkohol bezogen und als Spritersatz weiter verkauft zu haben. Prof. Juckenack ging dann wieder vor in den Laden und während er mit Komnnssar Toussaint überlegte, kam der Kriminalschutzmann hereingelaufen und brachte eine Flasche mit dem Bemerken, daß sich diese inzwischen Scharmach zureicht gemacht habe und soeben daraus trinken wollte. Die Flasche enthielt Methylalkohol mit Wasser und einer Reichelschen, Esssnz. Der Sachverständige war keinen Moment im Zweifel, daß es sich um einen geplanten Selbstmord handelte.— Rechtsanwalt Bahn: Hat denn der Angeklagte irgend eine Erklärung abgegebene, was er mit der Flasche wollte?— Dr. Juckenack: Die Sache war für mich ganz zweifellos: er wollte sich vergiften.— Justizrat Dr. Jvers: Der Herr Sachverständige war ja selbst Apotheker: kommt es denn vor. daß ein solcher„Gelegenheitskauf" gemacht wird?— Dr. Juckenack: Das halte ich für ganz ausgeschlossen.— Rechtsanwalt Bahn: Der Angeklagte soll doch angeblich so stolz auf seine„Erfindung" gewesen sein; hat er von diesem Stolz etwas merken lassen?— Dr. Juckenack: Nicht im mindesten.— Angeklagter Scharmach: Ich erkläre hier noch einmal: ich habe niemals Selbstmordgedanken gehabt und hier in der Flasche befand sich Methylalkohol im Verhältnis von% zu %. Damit kann sich kein Mensch vergiften. Aber so etwas wird einfach in die Welt hinausposaunt. Ich wollte Sie davon über- führen, daß Methylalkohol nicht giftig ist.— Sachverständiger Dr. Juckenack: Nein, Herr Scharmach, diese Absicht haben Sie nicht gehabt, denn dann hätten Sie gesagt: ich werde jetzt einmal einen Schnaps mischen und vor Ihren Augen austrinken.— Scharmach: Der Schutzmann kam mit seiner Schlauheit hinzu und nahm mir die Flasche weg.— Dr. Juckenack: Sic müssen doch wohl zugeben, daß ich zu Ihnen gesagt habe: Lassen Sie das doch, wir wollen die Sache vernichten.— Rechtsanwalt Bahn: Wollte sich denn der An- geklagte mit dem Inhalt der Flastyp stärken?— Scharmach: Gewiß» ich habe mich ja dann mit vieo Flaschen Schultheiß gestärkt. Wenn ich mich hätte vergiften wollen, dann hätte ich Gifte genug zur Hand gehabt. Es folgt sodann die Vernehmung des Sachverständigen Arthur Wolf. Dieser ist. wie er angibt, seit 40 Jahren in der Spritfabri- kation tätig und hat mit den Stoffen, die hier in Frage stehen, viel zu tun gehabt. Er hat nie geglaubt, daß Methylalkohol giftig sei. — Staatsanwalt Dr. Gutjahr: In Nr. 1 der Zeitschrift für die Spiritusindustrie steht aber doch ein Artikel des Dr. Förster, in welchem schon auf die Gefährlichkeit des Methylalkohols hingewiesen wird. Ist dem Sachverständigen dies bekannt?— Sachverständiger: Diese Zeitschrift ist das spezielle Organ einer Jntevessenten�gruppe. Es ist immerhin nicht unmöglich, daß dieser Artikel ganz bestimmten Zwecken dienen und vielleicht verhindern sollte, daß ein Spiritus Verwendung finde, der nicht aus landwirtschaftlichen Brennereien stammt. Wiedererscheinen der Verteidiger. Während der Ausführungen des letzten Sachverständigen sind di« Rechtsanwälte Dr. Werthauer, Dr. Alsberg, Dr. Joffe und Dr. Puppe wieder in den Saal getreten. Borfitzender: Weitere Zeugenvernehmung ist für heute nicht zweckmäßig, ich schließe daher die heutige Verhandlung. Rechtsanwalt Dr. Joffe: Ich bitte um das Wort zu omer Er- klärung. Borsitzender: Die Verhandlung ist geschlossen! Ich habe es doch wohl deutlich genug gesagt? Rechtsanwalt Dr. Joffe: Ich bitte aber trotzdem, um daA Wort zu einer Erklärung. Borsitzender: Nein! Die Sitzung ist geschlossen� Nächste Sitzung: heute 0 Uhr. Bus der partcü Das Recht der Staatsbeamten auf eigene Uebcrzeagung. Rom, den 28. März.(Eig. Ber.) Der konservative Abgeord- nete Gallenga hat am 27. März den Unterrichtsminister über die Haltung des Parteigenossen Colasanti befragt, der im lokalen Parteiblatt von T e r n i gegen den Krieg Stellung ge- nommen hatte. Da Colasanti als Gymnasiallehrer Staatsange- stellter ist, wollte ihm Gallenga aus feiner Kriegsfeindlichkeit einen Strick drehen. Der Unterswatsfekretär V-icini stellte sich der Frage gegenüber aber auf einen anderen Standpunkt ynd erklärte, daß Colasanti in seinem Fach tüchtig wäre und in der Schule nicht für seine Ideen Propaganda machte. Was die Ueberzeugungen be- träfe, die er außerhalb der Schule zur Schau trüge, so würden sie die Regierung nur etwas angehen, wenn durch sie die Achtbarkeit des Lehrers beeinträchtigt würde. Das sei bei Colasanti nicht der Fall. Daher läge kein Grund vor, gegen den Gymnasiallehrer vor- zugchen. Das Ministerium sei entschlossen, fügte Vicini auf die ä ständigen Unterbrechungen der Rechten mW des Zentrums hin nzu, die volle Ueberzeugungsfreiheit der Lehrersckaft zu schützen und keinerlei Beeinträchtigung dieser Freiheit zu dulden. Den Re- aktionären klangen diese Worte sehr unsanft in den Ohren. In Preutzen-Deutfchland wäre ein solcher Lehrer und ein solcher Unterstaatssekretär unmöglich. Sozialdemokratische Wahlerfolge in Bulgarien. Als glänzenden Sieg feiert im„Peuple" Genosse Cyrill Ko- l a r o s f das Ergebnis der am 25. Februar beendeten, nach dem Proportionalwahlsystem vorgenommenen Gemeinde- und Pro- vinzialrats wählen: den ersten Wahlsieg nach 20 Jahren unermüdlicher Organisations- und Erziehungsarbeit. In S Pro- vinzialräten wurden 20, in 3ö städtischen Gemeinderäten 97 Sitze erobert. In der Hauptstadt Sofia und in mehreren anderen Städten ist unsere Fraltion stärker als jede einzelne bürgerliche. Freilich wird der Erfolg stark beeinträchtigt durch die bedauerliche Spaltung der Partei in zwei Fraktionen: die Geeinigten oder „Weitherzigen" und die„Engherzigen". In etwa 30 Gemeinden ist durch diese Zerreißung ein Erfolg der Partei verhindert worden. Die„Geeinigten" haben in 0 Provinzialräten 11. in 15 Gemeinde- räten 46 Sitze erhalten, die„Engherzigen" in 5 Provinzialräten 9. in 20 Stadträten 51 Sitze. Die Furcht, daß das zum erstenmal angewandte Proportionalverfahren den Klassenkampf abschwächen könne, hat sich als unbegründet erwiesen. Ueber die Spaltung sagt Äolaroff:„Man kann sagen, daß beide Fraktionen mehr Energie auf ihre gegenseitige Zerreißung ver- wenden als auf die Bekämpfung der Klassengegners Die sogenannten Engherzigen wollen nichts wissen von einer gemeinsamen Aktion, noch weniger von endgültiger Vereinigung. Und doch haben beide Parteien dasselbe Programm, dieselbe Grundlage, dieselbe Art des Vorgehens. Die Spaltung hemmt die Entwickelung. Noch trau- riger: sie sät Verzweiflung und Korruption unter die Arbeiter. Ohne sie hätte die Arbeiterklasse von selbst ihre Vertreter im Par- lament', Sofia, Warna u. a. hätten Sozialisten gewählt, wenn beide Gruppen im Einbernehmen vorgingen.� Ein Eingreifen der Internationale im Interesse der so hoffnungsvollen und doch in ihrer Entwickelung gehemmten bulgarischen Bewegung sei daher geboten._ polizeiliches« Gerichtliches uftv. Pressesünder im Kohlenrevier. Vor der Essener Strafkammer wurde am 30. März und l. April eine Beleidigungsklage verhandelt, die der Bergwerks- direktor Bunge von Zeche Graf Schwerin bei Castrop gegen die beiden Vorsitzenden Werner und Mantel vom Steigerverband, den Redakteur Wagner der„B e r g a r b e i t e r- Z e i t u n g", den Redakteur Schmidt vom„Bergarbeiter"(Hirsch-Dunckersche Rich- tung), den Redakteur N e u m a n n von der Essener„Ar- beiter-Zeitung" und den früheren Obersteiger Buk ange- strengt hatte. Der Anklage lag ein Artikel zugrunde, der im„Techn. Gruben- beamten", dem Organ des Steigerverbandes, erschienen war. In diesem Aufsatz war ein Gespräch zwischen dem Direktor und dem Obersteiger geschildert, das von einem Rechtsanwalt in einer Ver- Handlung vor dem Amtsgericht Castrop in einer Klage des Ober- sieigers gegen die Gewerkschaft Graf Schwerin erwähnt worden war. Der Rechtsanwalt hatte damit zeigen wollen, welchen Umgangston höhere Beamte gegenüber ihren Untergebenen gebrauchen, während sie gleichzeitig das Recht haben, die Angestellten mit ganz erheb- lichen Summen durch Entziehung von Prämien zu bestrafen. Denn eine Kürzung der Prämie lag der Caftroper Verhandlung zugrunde. Anschließend an die Wiedergabe dieser Unterhaltung, die in schwer beleidigenden Aeutzerungen gegen den Obersteiger bestand, waren die Folgen auf die gesamten Betriebsverhältnisse geschildert, die zu einer großen Verschärfung der gesamten Gegensätze führten. Diesen Artikel batten die Mitangeklagten Redakteure über- nommen und mit Kommentaren versehen, die besagten, daß auch die Arbeiter unter diesem Umgangstone litten. Der Direktor stellte Strafantrag. Im Februar d. I. fand vor dem Schöffengericht die erste Verhandlung statt.— Der Obersteiger wurde freigesprochen. Werner und Mantel zu je 40 M., die übrigen Angeklagten zu je 100 M. Geldstrafe verurteilt. Die gegen dieses Urteil eingelegte Berufung wurde am Sonn- abend und Montag verhandelt. Der Wahrheitsbeweis konnte nicht geführt werden, da der eine Zeuge des Gespräches vor dem Schöffen- gericht sich an nichts mehr erinnern konnte. Es war ein Steiger, und die Verteidiger erklärten sein mehr als eigentümliches Be- nehmen in der Weise, daß sie meinten, er fürchte sich aus An�st vor etwaigen Schädigungen, ungünstig gegen seinen früheren Direktor auszusagen. Die Wahrung berechtigter Interessen wurde nur den beiden Vorsitzenden des Steigerverbandes zugebilligt. Da auch das Berufungsgericht annahm, daß die Absicht der Beleidigung vor. gelegen habe, ließ es die Strafe für sie in Höhe von 40 M. bestehen. Ebenso wurde die Berufung der anderen Angeklagten verworfen. Gerichts- Zeitung» Kapitalistische Schwindeleien. Der Leipziger Prozeß gegen die Kaufleute Ulrich, Ratgeber, Lambers und Sitza, der aus Anlaß des Zusammenbruchs der Ge» werkschaft„Glückauf" seit 10 Tagen geführt wurde, ist gestern be- endet. Wir haben über die dem Prozeß zugrunde liegenden Tat- fachen bereits am 24. März berichtet. Die Ergebnisse des Prozesses sind in der Hauptsache folgende: Es ist festgestellt, daß bei der Gründung der Gewerkschaft„Glück- auf" Leipzig 125 000 M. Kapital eingezahlt war; aber das Geld ist auf irgendeine Weise wieder aus der Kasse verschwunden, nachdem die Buchungen und die Registeranmeldungen beim Gericht erfolgt waren. Wohin das Geld gekommen ist, war nicht zu ermitteln. aber man nimmt an, daß der Einzahler, der Angeklagte Ratgeb-r. � es wieder zurückgezogen hat. Die 125 000 M. sollten demnach keine ernstliche Grundlage für die Gewerkschaft sein, sondern die Ein-.�» Zahlung war nur eine Scheinoperation. Das Hausgrundstück der Gewerkschaft, das die Bank nach der Pleite erwarb, ist um 75 000 Mark zu hoch eingesetzt worden, um damit der Bank, die lediglich eine Fortsetzung der Gewerkschaft ist, Gewinne zuzuschanzen. Ferner sind Scheinkäufe von Aktien vorgenommen worden, um die Beschlüsse der Generalversammlung zu„korrigieren". Falsche Buchungen sind vorgenommen worden, um einen„Reingewinn" erscheinen zu lassen zu dem Zwecke, Dividenden und Tantiemen auszuzahlen. Und endlich sind die schwindelhaften Manöver beim Verkauf der Bohranteile der„Glückauf Galizien" festgestellt worden. Das Urteil erging dahin: Der Angeklagte Ulrich wurde zu 500 M. Geldstrafe, der Angeklagte Ratgeber zu 3000 M. und der Angeklagte Sitza zu 40» M. Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte Lambers wurde freigesprochen. Eine Behörde darf ihre Pflicht nicht auf eine andere abschieben. Dieser selbstverständliche staatsrechtliche Grundsatz sollte den Hütern der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung in Fleisch und Blut übergegangen sein. Und doch ist dem nicht so. Das Reichsgericht hat ihn am Montag wieder der Königsberger Staatsanwaltschaft und Oberzolldirektion einpauken müssen. Schon einmal— zur Zeit des Sozialisten- gesetzes in den achtziger Jahren— mutzte das Reichsgericht Ver. waltungsbehörden und Staatsanwaltschaft über diese Grundlage jeder staatlichen Ordnung belehren. Damals handelte es sich um die Grünauer Lassallcfeier. Eine Anzahl Genossen war nach üblichen hochnotpeinlichen Verhören und Haussuchungen des Verstoßes gegen das Sozialistengesetz angeklagt. Sie hatten ein „behördliches" Verbot nicht befolgt, alldieweil nicht die das Verbot aussprechende untergeordnete, sondern nur die höhere Verwaltungö- behörde zu solchem Verbot berechtigt gewesen sei. Da konstruierten dann die Hüter der bestehenden Ordnung ein Delegationsrecht der höheren an die niedere Behörde: sie könne ihr Recht auf ihr unter- geordnete Organe übertragen. Das Reichsgericht zerriß dies zum Einfangen schuldloser Genossen in die Schlingen des Sozialisten- gesetzes gesponnene Netz und erklärte: es widerspricht dem Grund- sah jeder geordneten Gesellschaft, daß eine Behörde die Erfüllung ihrer Pflicht der ihr nachgeordneten überträgt. Zur Wiederholung dieses Grundgesetzes war das Reichsgericht am Montag auf einem unpolitischen Gebiet gezwungen. Russische Gänse trotz der Bichsperre eingeführt zu haben, war der Gutsbesitzersfrau Olga Maidenbaum zur Last gelegt worden. Das Landgericht Memel hatte sie am 31. August v. I. freigesprochen. Gegen dies Urteil hatten die Staatsanwaltschaft und die Oberzoll- direktion in Königsberg Revision eingelegt. Am 18. Oktober 1910 war durch ein Extrablatt eine Verfügung des LandrateS bekannt- gegeben, daß wegen Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche im Memeler Bezirk Gänse aus Rußland auf dem Landwege nicht ein- geführt werden dürfen'. Trotzdem hatte die Angeklagte etwa 1000 Gänse über die Grenze gebracht. Sie konnte nicht bestrast werden, weil nicht der Landrat, sondern allein der Regieruug?« Präsident solche Verfügung erlassen durfte und der RegierungS- Präsident nicht in der Lage ist, seine Verfügungen durch eine unter- geordnete Behörde ausführen zu lassen. Das Reichsgericht ver- warf deshalb die Revision als unbegründet und legte gleichzeitig zur Klarstellung, daß es sich um eine durchaus hinfällige Anklage ge- handelt habe, der preußischen Staatskasse die Verpflichtung auf. der M. die ihr erwachsenen notwendigen Auslagen zu ersetzen. Cingegangene Druchrdmften. „Der Kampf". Sozialdemokratische Monatsschrift(Wien). 5. Jabr- gang. Heft 7. Aus dem Inhalt beben wir bcrvor: Otto Bauer: Be- qcnbcne Hvjtnungeii.— Edmund Burian(Brünn): Tschechische Literatur über Sozialismus und Separatismus.— Friedrich Adler: Fünfzehn Jabre allgemeines Wahlrecht i» Wien und Niederösterreich.— Ernst Lenz: Kommunale Arbeilslosensürsorge.— Adelheid Popp: Frau und Gemeinde.— S Topalovits: Die Agrarfrage in Bosnien und der Herzegowina.— Wilhelm Hausenstein: Tendenz. Berliner Credit-Haus Kommandantenstr. 67.' �Alkoholfreie Getränke� Franz Abraham Waab. Messina-ii.Römertrank-Kell. V 4, Schlegelst. 9, Fernsp. III, 7727 llUtSCll Limcmad.-Fabrik , Thaerstr. 44. T.A. 7,8176. Schutze, Em Weberstr. 15a, T. 7,11125. Bettes alkoholfreies öetränk. Berlin 0,ßiihlf#.4 $i-$i ( Arbeltep-BektetdunB � f Zossenerstr. 32 *• A Berginannst.96 H�inbur�er Laden, Charl�Wallst.ßd ReTalerstr. 6 . erß>WamlialLSL SoterLaden,Schöneb.Haaptstr.lOS £ Bäckerelan, Konditor.� BSottner's Großbäckerei Geschäfte In Berlin, Charlottenbupfl, SchCneberg, Wllmerndorf. 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Grossmann, LandsbergerMtr. 34. Henkes Blamenhaas, Manieaffclstr- 94. Otto Hinz, Graunstraße 8. Janiszewski, Felix, Eisenbabnstr. 7. Alb.Keil, Charl bg., Kaiser- Friedrichst.SO C1 aiiHOnt Brunnenstr. 63 . LuUl Ulli Petersburger« tr. N Gustav Mai, Schönhaus. Allee 177. M.Stratzke, Neokolln, Ilermauiutr.124 F. Müller, Danzigeretr. 27. H Penski. Schwedcnstr. 19. Eck Baostr. Ww.Rutschke, Ri. Hermannst.62 Th. Schirbel. N. Stettinerstr. 8. C.Sommer.\\ rangelst.tt.Aist IV 1 2066 Aug. Trothe, Wrangelstr. 11. Aug, Wandelt, Rixd., Bergstr. 96. U.Ziokc, koTixM/nsij,- kfiieirtril. Fr.Behrend.Nf.,FrankfQrler- Allee 27. Brager, J., Rixdorf, Bergstr. 57. Bräuer, P., 0. 12 Proskauerst. 12 Klein, Wilh.Srum1!44- Klemmer W., 8pandao,Scbönwalder8t.82 A.Kunstmann.Nowawes.Priesterste? Lingcl, Fritz, Eisenbahnstr. 6. A. R, Meyer Ndif., Sehleiischentr. 14. Willy Munsterraann,Gledit8ch8tr.48. W. Schuster Nf., Neanderstr. 28 c Damenkonfektion D Cohn, Geschw., Bergmannstr. 9. )ombrQwsky�?er�"»dctSM.t L. 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Oh LnPWv Rixdorr.Berflst. 52/5S L,oewy,£ Kir(,k( Meyer, Benaaent. 1 2,(Arbciterbcmdet) Nachtnaun,Mollei,tr.l31a,Kons.-LieI, Fr. Oliwetzkl, Alte Jakobitr. 137. Schaefep. Hu,»iten- » atr i3 Schrom, Lina, Mirbachatr. 21. Otto Seelisch, Kocbhanstr. 8. Hermann Meyer, SebirelbeintrSt. II. J.StcIn BiiBickenif.W.Scbtneibanl.lli Ad. Schäfer Nchf. SO. AdmlrelslP. 4. L. Schneider, Woberstr. 61. MM Ellaabetbklrobatr. 13 Wäache, Eettfedern. Thurow.O., Cfaarlbg., Caaerstr.lt L. Vlernrm, Zlonskirchztr. 84. E. Voigt, Beialckradorl, AmfodeitMOI. Albert Vogt Wlld u. Oeflflgel| C. Dittmann BerHner S?r. 42. P.HIlflebrandtstVzrm. Schmidt, E., Spandau, Havolst.W Za»trow,Uiiä'b6rg«T-AllMH7.Finhe. c Zahn-Atelier J E.Bode, N.Sobanh«u«erAllee43,I. Hollhrmh, Herrn., Fazkit.S.gagr. 1871 Heröd,H., Elaainnt 97,>. BoMnUlfl. Jordan, Altr., Feuitr. 61, gigr. 1838. Körber, O.,lltrlMd«rl,Ck6Uiee9tr.308 U/ilfD If Qv Muikanerstr. 16 TTlUD, mdA£ekt HuMtlfelilr. "Cbcatcre Mittwoch. 3. April t912. Anfonq 3 Uhr. Zirkus Tnrraiani. Grob« Vorstellung. Ansang 4 Ubr. Urania. Von Abbazia biz Korsu. Ansang �1|, Ubr. Kgl.QPrrnliouo. Der Roscnkavalier. Kgl. SrhauspielhauS. Der große König. Tent'cheS. Tin Sommernachlstraum. Zirkus Vusch. Gala-Polilklluiig. Zirkuö Sarrasant. Gala» Vor. slellung. Zirkus Schumann. Gala»Vor« stellung. «averland. Spezialitäten. Aiitang 8 Ubr. Urania. Dnnhrniiraste 48/4». Wrltbäder an europäischen Kütten. »iamiiiersptele. Eine glückliche Ehe. Lfiling. Das FriedenSsest. Sontl'che Dvcr. Die Hexe. Westen. Die schöne Helena. «Ii-ines. Tanzmäuse. gpulggrätzer Straste. Die süns Franksurter. Neu es AaiauivtelbanS. Unter dem Schwert. Kurfürsteiioper. Tiesland. Reue-?. Der liebe Auauftin. Residenz. Alles sür die Airma. Lustspielhan». Daß lauschige Nest. Berliner. Ärohe Rosinen Sieurs ci-erenen. Geschlossen. Schiller O. Kuritz-Pyritz. Srti» tfliarinitruuuca. Die Wildenie. Friedr.. Wild. Schauspielhaus. Husarenfieber. Luisen. Ich lasse dich nicht. Rose. Der Geiangene von Zenda. SJirtroiu Die Rachl von Berlin Trianon. Der Ehemann»m Fenster. Der angebrochene Abend. Dhnlia. Aulolicbchen. Winlergarie». Spezialitäten. Ensino. Die lustige Strohwitwe. flt>ui.u. Los Nr. 83. speziaittälen Bnüune. Svezmlilälen. Herrnfeld. Wie man Männer besten. Der HauSlousei. Neichsbuueu. Stettiner Sänger. Anfang 8'/, Ubr. Folie« vapricr. Der Polizeihund. Neues ft. Operntheater. Ge» schlössen. Boiat. Ein Sohn de« Volkes. Walhalla. Menschenrechte. Anlang 8'/, Ubr. Neues Boikstheater. Der Königs. leumant. Ajinigstadt. Kasino. Ein fideler RechieanwaU. Bruder Julius. Spezialitäien. Sternwarte. Jnvalldenstr. 57— SS. liestdeiiz-Theater. Direktion Richard Alexander. Abend« S Ubr: Alles für die Firma. iwant in 3 Akten von M Hennrquin und«. Mitchell. KründonnerStag, Karsreitag, Oster. lnabend: Geschlossene- Dsttrsonntag und folgende Tage: les für die Firma. Ostersonntag 3 Uhr: Kümmere ich um Amelte. Ostermontag 3 Uhr-«in Walzer « Chopin 8ehj!!er-7he»ier0.�7°r'. Mittwoch, abend» 8 Uhr: liA'HtM-tyHt». Donnerstag, abends 8 Ubr: Lady WinilerniereR Fttchcr Freitag(Karfreitag): Geschlossen. Schilier-Thealer Ch,brü?rn Mittwoch, abends 8 Uhr: Uie Wilii(inte. Donnerstag, abends 8 Uhr: Don Carlos. Freitag(Karlrellag) abend« 8 Uhr: Oralorien-Auttütiruiiz„Elias". Neues Theater. Abend« 8 Ubr: Der liebe Augusti». Donnerst, u. Sonnab. 8 Uhr sowie Sonntag tt. Montag 31/« Uhr: Oer Vogelhändler. Berliner Theater. Abends 8 Ubr: Große Rosinen. Mlef ittei' WWlmMe Abends b Ubr: Die 5 Frankfurter. Theater des Westens. 8 Ubr. Die schöne Helena. Donnerst, u. Sonnab. 8 Uhr: Ter fidele Bauer. Freitag 8 Uhr- Orator. Elias. Slg. u. Mtg. 3'/, U.: Wiener Blut. Luisen-Theater. Mittwoch Premiere: Ich lasse Dich nicht. Schauspiel in 2 Ahieilungen und 5 Alle». Donnerstag u. Sonnabend: Ich laue Dich nicht. Freitag: L chib Id. Melodram-Aul- sübrung: Be» Hur oder: �ie lrage deS McsstaS. Trianon-Theater. AbendS 8 Uhr: Der Ehemonu am Fenster. Hieraus: Ei» angebrochener Abend. arrasan Setiönliaiiser Allee. Telephon: Nord 4100 j Mittwoch, den 3. April: 2 Elitevorstellungen 2 Nachm. 3 Uhr u. 71/, Ubr. Nachmittags zahlen Kinder auf allen Plätzen halbe Preise. In jeder Vorstellung das | humoristisob. Gala- Progr. Galerie 40 Pf., III- Platz 70 Pf., II. Platz I.ÄO M., I. Platz 2 M., Parkett 3 M. Logensitz 4 M. Vorverkauf a. d. Cirons- kasso and an sümtlicben | BiUettverkaufsstellen von| A. Wertheim. Sozlaldcmokratlfcber Qlahlverelti für den 6* Berliner Retchstags-QIahUtrefs Osterfeier am Sonntag, den Etablissement im 7. April 1912(1. Osterfeiertag), „Pharussäle", Müllerstraße 142. Mitwirkende: HoIIfeldersche Konzertkapeile � Marga Heinrich, Konzertsängerin& Freiherr Hans von Wolzogen, ezitator je von Berliner Ulk-Trio. Nachdem: Großer Ball. H'33i.di5opS.SSÄ"' 227110* Anfang 7 Uhr. Eintritt 40 Pf. »»» Komitee. 0SE=THEATE 1 Brotzr FranttuNet Str. 132. Zum letztenmal: Der Grsangene von Zenda. Ansang 8 Uhr. 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Neu! la anolTsLoopIngthe Loop am«chwlng Trapez), zurzeit d sensationellste Luitakt, welch. jemals gezeigt wurde und das grolle Uala- Programm »'/.!---- Uhr:» Die Hexe". Ab 8 Ubr: Boslieiindig neue» Programm tlermunli klink mit neuem Repertcir Ernezto ßelliai Telepat. Phänomen _ usw._ Reichshallen-Theater. Stettiner SAnger Zum Schlug: -" zeit in der «ine Hochze Viüllerstraste. BurleZte von Meysel. Ansang wo�enlagl Sonnlag 7 Uhr. __________" Wunseh-Konzert Hackepeter, Große Frankfurter Str. 106*» ZlrkUN A. Hchnmann Heute Mittwoch 7'/« Uhr: 5 Anroras 5 mit ihrem lebenden Konlette. Frl. Dora Schumann mit dem Sohulpferd Czitt, Vollblüter sowie dae übrige nene April-Programm. Um 9 Uhr: Begltm dos mit to grolom Beifall aufgenommeDon AuaataHungt- atOok Das Motorpferd Besonders hervorzuheben: Im 2. Akt Oas Leben u. Treiben vor einem Berliner Warenhaus mit dem Autzug der Waohtparade. Metropol-Tliaater. Abend« 8 Uhr- Rauchen gestattet. Die Nacht von Berlin! fflrofet Jahresrevue in 7 Bildern von Jul. Freund. Musik von B Holländer. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Thsafcp Ein neuer Sensationserfolg — Ale man— litönncr bessert. 2 Alt« von Anken u. Donat Herrnseld mit den Autoren in den Hauptrolle«. Hierzu die Novitüt: ver yslltttllkel. Ansang 8 Uhr. Billettvcrverkaus U— 2(The aterkasse) Urania. WissenschaftlicheB Theater. 4 Uhr: Ton Abbazia bt. Corfn. 8 Uhr zum erstenmal: Weltbäder an europäischen Küsten. (Von Hamburg bis Lissabon.y Tolles Caprice. Täglich 8'/. Ubr- Die Saiion-ScMagef Der Polizeihund. as Broadway-Girl. Köniflsiadl-Kaslno. Ecke Hol,»lartt. u. A eranderstraste »iigltch- Et« fideler Rechtsanwalt und Nruder Julius. Außerdem S erstll. Glanznummern Ans. 8 Uhr. Sonntag«>/,6 Uhr. Miltw, Sonnab., Sonnt.: Tanz. Casino-Theatep Lothringer Str 37. Täglich 8 Uhr. Der Postenschlager Tie lustige Strohwitwe. DonnerSiag und Sonnabend: Ein Weib aus dem Bolte. An allen drei Feiertagen 8 Uhr: Die lustige Strohwitwe. 3'(, Uhr:»ufere lieben Frauen. AmBahnbdf Allabendlich; Tänze auf d. Else. D. kl! Charlotte. Wltmatr.B Meyer. D.proht.Eisballott: Alpenzauhsr. Nachm.; Kunstlauf-Produktionen. Bis> Uhr und von 10'/, Uhr abends halbe Voigt-Theater. Gesundbrunnen Badstrage 58. Mittwoch, den 8.«prii 1912: Eiu Sohn des Volkes. Seiisalions-Aollsstück in 3»ikten von HanS Müller und Berg. Kasteneräfinimg 7, Ansang 8',', Uhr. Burg(hea(er-Rino und Cncfcälo Schonhau. er reslSdlv, Alice ISS Säle für Hochzeiten u. Vereins- vergnügen. 4 hooheleg. Kegel- b ahnen._ Hndoll" Zlor». RerllnetEjlK-Trio Adr.;N«nk011n L.abustr.741 Verantwortlicher Redakteur: Albert Wochs. Berlin- Für den Inseratenteil verantw.:Th Gl»ike.Berlin. Druck u. Verlag: BorwärtS Buchdruckerei«. BerlagSanstalt Panl Singer u. Co.. Berlin SW. Für Den übernimmt Publikum gegenüber Verantwortung. J»bai»»er Inierurc die Stebattton dem keinerlei Nr. 79. �9. Jahrgang. Z. Kkilm Ks Lmiick" Krrli«» NilksblM Mittwochs 3. April ÜII2. Groß'ßerliner Zweckvcrbands-Verfaromlung. Das Parlament fccS Zlveckverbandcs Groß-Berlin, der nun- mehr am 1. April ins Leben getreten ist, ging gestern an die Arbeit. Nachdem die Zweckverbands-Versammlung in ihren schon früher abgehaltenen vorbereitenden Sitzungen sich konstituiert und dem Verband einen Direktor gewählt hatte, war in der gestri- gen Sitzung der erste Verbands-HauShaltsetat fest- zusetzen, den für das Etats jähr IS 12 der VerbandSausschutz vorlegte. - Im Etadtverordnetensitzungssaal Berlins trat die Zweckver- bands-Versammlung um II Uhr vormittags zusammen. Ihr Vor- fitzender. Oberbürgermeister K i r s ch n e r- Verlin, begrüßte den Verbandsdirektor Steiniger mit einer Ansprache, die durch ihre Stürze und Kühle ausfiel. In dem Etatsentwurf, der in Ausgabe und Ein- nähme mit nur 240 690 M. abschließt, stehen vorläufig nur Verwaltungskosten, d. h. Aeamtengehälter, Bureauausgaben usw. Die Gehälter sind mit 155 170 M. beteiligt, darunter vor allem das Gehalt des Verbandsdirektors mit 25 000 M., ferner das Ge- halt eines höheren Ingenieurs für Verkehrsaufgaben mit zunächst 15000 M., das Gehalt eines juristischen Obcrbeamten mit zunächst 11 500 M. usw. Die Einnahme der notwendigen 245 690 M. soll von den Gemeinden durch eine Umlage herangeschafft werden, doch schießt einstweilen Berlin das Geld vor. Zu dem Etat, der der einzige Gegenstand der Tagesordnung war und von dem Verbandsdirektor Steiniger mit einem kurzen Geleitwort eingeführt lpurde, lagen drei Anträge vor, darunter einer von den sozialdemokratischen Ver- tretern. Alle drei Anträge forderten, daß sofort auch ein für den Städtebau geeigneter Baubeamter an- gestellt werde. Im Etatsentwurf ist dieser für die Erfüllung der Aufgaben des Zweckverbandes überaus wichtige Posten leider noch nicht vorgesehen, weil im Verbandsausschuh sich hierfür keine Mehrheit gefunden hat. Der Streit um den Städtebauer war gestern das Hauptstück der ganzen Etatsberatung Stadtverordneter Genosse H e i m a n n- Berlin, der den An- trag der Sozialdemokraten begründete, begann mit der Erklärung, daß er es sich hier versagen wolle, näher auf die Misere des 'Wohnungswesens in Groß- Berlin einzugehen. Er deutete nur kurz an, wie sehr die Bekämpfung des Wohnungselends mit bedingt wirb durch eine planmäßige Regelung der Be- h a u u n g, die zu den lvichtigsten Aufgaben des Zweckverbandes gehört. Daß diese Aufgabe nur gelöst werden kann, wenn sie von vornherein in die Hand eines besonderen, hierfür geeigneten Bau- beamten gelegt wird, das wies der sozialdemokratische Redner über- zeugend nach. Er wolle die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß die Versammlung den Beschluß des Ausschusses, das in Frage kommende Arbeitsgebiet zunächst von dem Ingenieur für das Ver- kchrswescn im Nebenamt mitbcarbeitcn zu lassen, nicht gutheißen werde. Anderenfalls müßte man annebmcn, daß die ganze neuere Entivickjrlung unserer Anschauungen über Städtebau und Wohnungswesen an beiden Verbands- vrganen. dem Ausschuß und auch der Versammlung, spurlos vorübergegangen seien. Von vornherein würde der Ver- band, der von der Regierung und dem Landtag bauptsädblich aus Furcht vor der Sozialdemokratie so künstlich und widernatürlich zusammengesetzt worden sei, de» Beweis erbringen, daß er gar nicht in der Lage sei, die ihm gestellten Aufgaben zu lösen. Heimann betonte, daß nach wie vor eine Groß- B er- l i n c r E i n g e in c i n d u ii g, die doch einmal kommen müsse, als das einzige Mite! anzusehen sei, die Folgen der Zerrissenheit Groß-Bcrlins zu überwinden. Bis dahin aber müsse man sich mit dem Zwcckverband abfinden, und auch die Sozialdemokratie werde ihr möglichstes tun, ihn arbeitsfähig zu machen. Ein erster Versuch nach dieser Richtung bin sei der Antrag, den die sozialdemokratischen Vertreter gestellt haben. Auf dem Gebiete des Städtebauetz habe jgt Verband sich zu betätigen, wenn er seinen Hauptzweck erfüllen lp'ollc. Durch Festsetzung moderner Bebauungspläne könne das Wohnungselend eingeschränkt werden, indem der Verband den Mietskasernen die bisher noch unbebauten Grundstücke entziehe. Man dürfe sich nicht scheuen, dabei auch in die sogenannten„wohlerworbenen Rechte" der Terrain- spelulanten und Grund st ücksges ellschaften ein- zugreifen. Hoffentlich werde man sich in den einzelnen Gemeinden nicht allzu lebhaft der Festsetzung solcher modernen Bebauungs- Pläne widersetzen. Wichtig sei aber, daß auf diesem Gebiet eine tatkräftige Initiative einsetze, und zwar von einer Zentralstelle aus. wie sie im Zweckvcrband sich biete. Wolle der Verband nicht diese Ausgabe zu der seiiiigen inachen, sondern sie wie bisher den Einzelgcmeinden überlassen, dann sei zu fürchten, daß alles beim alten bleibe und die Mietkaserne auch in die noch nicht bebauten Teile des Verbandsgebietcs einziehe. Redner verwies auf das Beispiel Leipzigs, wo man imch der letzten Ein- gcmeindung die Notwendigkeit einer allgemeinen Regelung der Bebauung der noch unbebauten Gebiete erkannt habe. Wenn der Groß-Berliner Zweckverband gleichfalls die Lösung dieser Aufgabe als seine Pflicht empfinde, so sei es unerläßlich, sofort einen geeigneten Baubeamten anzustellen, wie der An- trag es fordere. Inzwifckicn war ein Antrag eingegangen, der eine so- fortigc Entscheidung zu verhindern suchte. Er empfahl, der Ausschuß solle die Angelegenheit nochmals erwägen und nach seiner Entschließung entweder Schritte zu baldiger An- itellnng eines Vaubeamten tun oder die Gründe der Ablehnung in besonderer Vorlage mitteilen. Zu den Unterzeichnern des Antrages gehört Herr Habcrland, der Vertreter von Wilmersdorf, der als Führe r der Terrain spetulation sich einen Namen gemacht hat. Den zweiten der eingangs erwähnten Anträge begründete als Mitantragsteller der Oberbürgermeister D o m i n i c u s- Schöne- bcrg. Er führte aus, daß nach dem Gesetz der Zweckverband nicht bloß die Möglichkeit hat, einen allgemeinen Bebauungsplan zu schaiien, sondern das als eine der ihm direkt gestellten Aufgaben ansehen muß. Gegen den Versuch einer Verschleppung wandte Toininicus sich ebenso, wie nach ihm der Stadtverordnete Herz- berg-Berlin, der den dritten der eingangs erwähnten Anträge mituntcrzcichnet hatte. Nachdem für den Verscktfeppungsantrag der Mitantragsteller Stadtverordnetcnvorsteher Lüil i ckg-Sipandau gesprochen hatte, ging Herr Haberland forsch zum Angriff vor und behauptete keck, daß von einem Wohnungselcnd in Groß-Ber- l i n keine Rede sein könne und Berlin so ziemlich die gesündeste Stadt der Welt sei. Er nahm die Terrainspekulation in Schutz gegen die Vorwürfe, die man immer sogleich gegen sie schleudere, wenn Mißstände im Wohnungswesen sich zeigen. Ter starke Bei- fall, den Herr Haberland fand, ließ erkennen, daß in der Bersamm- lung die Gegner einer gesunden Wohnungsreform leider zahlreich vertreten sind. Daß die Verschleppung auch von dem Stadtverordneten Cassel- Berlin mitgemacht wurde, verstand sich von selber. Er bestritt, daß für de» Zweckverband eine zwingende Verpflichtung gegeben sei, eine allgemeine Regelung der Bebauung herbeizu- führen. Nicht lediglich der Wortlaut des Gesetzes, sondern auch die Motive seien, so hob Stadtverordneter Genosse Hirsch- Char- lottcnburg hervor, bei der Beurteilung der dem Zweckvcrband ge- stellten Aufgaben zu berücksichtigen. Herrn Haberland fertigte Hirsch gebührend ab. Schließlich fühlte noch der als Vertreter des Oberpräsidenten erschienene Graf von Roedern das Bedürfnis, zu erklären, daß nicht aus Furcht vor der Sozialdemokratie die Re- gierung den Zweckverband so konstruiert habe, wie er zustande ge- kommen ist. In der Abstimmung wurde der VerschlcppungS- a n t r a g vorweggenommen. Er drang durch mit 58 Stimmen gegen 39, so daß die Terrainspekulation mit diesem ersten Streich zufrieden sein kann. Hiermit war die Frage der sofortigen Anstellung eines Baubeamten verneint und eine weitere Ab- stimmüng erübrigte sich. Di« Etatberatung nahm dann ihren Fortgang, ohne daß es noch zu nennenswerten Debatten kam. Der Etat wurde so, wie der Ausschuß ihn im Entwurf vorgelegt hatte, festgesetzt. Hiermit schloß die Sitzung. Partei- Angelegenheiten. Borsigwalde. Am ersten Osterfeiertage, abends, veranstaltet der Arbeitergesangverein„Freiheitsklänge" einen Unterhaltungsabend. Da genannter Verein stets bei den Veranstaltungen des Wahl- Vereins mitwirkt, ersuchen wir die Parteigenossen, sich recht rege an dem Fest zu beteiligen. Die Bezirksleitung. Spandau. Der ArbeiterbildungSauSschuß veranstaltet Sonntag, den 7. April sl. Osterfeiertag), in G. Borchardts Festsälen �Tivoli"). Seeburger Straße, einen Äunstabend. Beginn 6 Uhr nachmittags. Die Partei- und Gewerlschaflsgenossen werden ersucht, diese letzle Veranstaltung im Winterhalbjahr recht zahlreich zu besuchen. Teltow. Die Mitgliederversammlung findet am Donnerstag, den 4. April, abends ö Uhr, im Lokal von W. Bonow statt. Tagesordnung: Bericht von der Verbandsgeneralversammlung. Maifeier. Die Genossen wollen diesmal vollzählig erscheinen. _ Der Vorstand. Berliner jVacbricbten. Im Schnllastenstreit Neukölln gegen Berlin wurde gestern vor dem Bezirksausschuß im Verwaltungsstreitverfahrcn wiederum verhandelt. Es handelt sich um das Rechnungs- jähr 1908. Nelikölln hatte ursprünglich 242 000 M. gefordert. Im Beschlußvcrfahren waren ihm 44 000 M. zugebilligt worden. Im Verwaltungsstreitvcrfahren wurde der Beschluß zugunsten Neuköllns abgeändert und der von Berlin zu zahlende Schullasteubeitrag für 1908 auf 125 000 M. festgesetzt. Eine Begründung des Urteils ist noch nicht bekannt. Berlin wird dagegen die Berufung beim Oberverwaltung«. gericht einlegen, bei dem auch die anderen Jahrgänge 1899 bis 1907 schon anhängig sind. Aus der Heimstätte Giitergotz kommen wieder einmal Klagen. Die eine betrifft die den Patienten gereichte Kost, die unzulänglich fei. Es ist für uns immer sehr schwer, solchen Bemängelungen einer Anstaltskost näher zu treten, lieber Speisen kann in der Regel nur der ein Urteil haben, der sie am eigenen Gaumen und Magen lennon gelernt hat. Die Meinungen über Schmackhaftigkeil und Nährwert von Speisen sind aber oft unter den Äustaltsinsassen selber sehr verschieden, wie wir das immer wieder bei unseren Versuchen einer Prüfung dies- bezüglicher Klagen feststellen konnten. In dem vorliegenden Fall sagt nun der Verfasser der uns übersandten Beschwerde, daß er im Auftrage sämtlicher Patienten der Heimstätte Gütergotz handele. Doch hat nur er seine Mitteilungen mit seiner Unterschrift gedeckt, übrigens ohne dabei seine Wohnung anzugeben. Die andere Klage wendet sich dagegen, daß man in Gütergotz jetzt die Patienten'oft schon nach drei Wochen wieder aus der Heimstätte entlasse. Das geschehe nach eigenem Ermessen, auch wenn der überweisende Kassenarzt eine längere Kurdauer für nötig gehalten habe. Die so zeitig entlassenen Pa- ticnten seien meist noch nicht imstande� ihre Beschäftigung wieder aufzunehmen. Es liege aber im Interesse der Patienten und auch der Kassen, daß die von den Kassenärzten verordnete Kurdauer nicku gekürzt und eher noch verlängert werde. Wir können der Ansichi, nur beistimmen, daß durch vorzeitige Entlassungen aus Heimstätten die Patienten und schließlich auch die Kassen geschädigt werden. Aber � wenn zwiscken einem Kassenarzt und einem Anstaltsarzt ein Meinungsstreit über die Kurdauer ent- steht, wen soll man da als die größere„Autorität" respektieren? Klagen dieser Art sind bereits auch zur Kenntnis des Heim- stättenkuratoriums gelangt, so daß das Kuratorium in seiner letzten Sitzung die Frage der Kurdauer für die in Gütergotz untergebrachten genesenden Männer und auch für die in Heiners- darf und Alankenburg untergebrachten Kinder erörtert hat. Der Magistrat gibt hierüber durch /sein Nachrichtcnamt bekannt: „Die Beschränkung der Ueberweisungsdauer auf zunächst drei Wochen bildet vielfach Veranlassung zu Klagen, da die die Kur veranlassenden Stellen, wie z. B. Fürsorgestcllen, Kranken kassen und Krankenkassenärzte oder Armenärzte, meistens eine längere Zeit vorschlagen. Es wird hierbei übersehen, daß durch die Ueberweisung auf z u n ä ch st drei Wochen nicht die Dauer der Kur festgelegt werden soll, sondern nach dieser Zeit nur der Anstaltsarzt zu einem Bericht über den bisherigen Erfolg ver- pflichtet wird. Ist nach Ablauf der ersten drei Wochen der durch die Heimstättenverpflegung erreichbare Erfolg nach dem Befunde des Heimstättenarztes noch nicht erreicht, so ist es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht desselben, eine ihm angemessen erschei- ncnde Knrverlängerung zu bewirken. Das Kuratorium konnte sich nicht entschließen, eine Aenderung der bestehenden Bestim- mungen eintreten zu lassen, welche es dem Arzt ermöglichen, die Kur auf die für jeden einzelnen Fall angebrachte Dauer zu be- messen und damit in gleicher Weise die Interessen der Stadt, der Kranken wie der die Verpflegungskosten tragenden Stellen zu wahren." Der Schlußsatz dieser Mitteilung ist nicht ganz klar. Die Wahrung der Interessen der Stadt, wie der Rathausfreisinn sie auffaßt, läuft meist darauf hinaus, daß solche Anstalten m ö g- l i cb st wenig kosten sollen. Das würde dann dazu führen müssen, die Kurdauer möglichst einzuschränken, so daß dabei die Wahrung der Interessen der Kranken leicht zu kurz kommen könnte. Immerhin nehmen wir mit Befriedigung davon Kenntnis, daß die Hcimstätienärzte verpflichtet sind, die Kurdauer zu verlängern, falls nach den ersten drei Wochen der den Heimstätten mögliche Erfolg noch nickst erreicht worden ist. Um wieviel aber die Kurdauee dann noch verlängert werden soll, darüber haben die Heimstättenärztc allerdings nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Das Märkische Museum ist am Karfreitag sowie am ersten Osterfeimag geschlossen, am zweiten Feierlag hingegen von 10 bis 3 Uhr geöffnet. Der wahre Jacob gelangt des Karfreitags wegen in der Buch- Handlung Vorwärts bereits am D o n n e r s t a g vormittag zur Ausgabe. Aus Angst vor der Fürsorgeerziehung Selbstmord verübt hat das Dienstmädchen Johanna Buttgcreit, das bei einer Familie L. in der Finowstraße in Stellung war. Es stand vor dem 13. Jahre und sollte wegen verschiedener Verfehlungen der Fürsorgeerziehung über- wiesen werden: aber mehrmals äußerte es, daß es lieber sterben wollte, als in die Fürsorgeerziehung zu gehen. Diesen Vorsatz hat die B. nun ausgeführt! sie erhängte sich in ihrer Kammer. Eine aufregende Segelfahrt unternahmen gestern drei hiesige junge Leute aus der Oberspree. Bei Köpenick hatten sie ihr Fahr- zeug bestiegen und vorher hatten sie sich für die Segeltour etwas kräftig gestärkt. Als das Fahrzeug nun auf der Spree dahinglitt. kam ein Sturm zum Ausbruch. Es dauerte nicht lange, so lag der Segler gänzlich zur Seite. Er wurde hin- und hergepeitscht und schließlich einer der Insassen in die Fluten geschleudert. Vergeblich versuchte der Verunglückte, sich am Kiel de? Bootes anznklainmern. Bald stürzte auch der zweite Insasse in die Wellen. Bei dem Versuch, seine verunglückten Kameraden zu retten, verlor auch der dritte Mann das Glcichgewicbt und fiel ins Wasser. Wäre nicht im Augenblick der höchsten Gefahr der Schleppdampfer„Deutschland" hinzugekommen, so hätten die drei Segler einen elenden Tod im Wasser gefunden. Die Mannschaften des Dampfers retteten die Gefährdeten unter eigener Lebensgefahr. Zwei der Verunglückten mußten ins Krankenhaus gebracht werden. Straßenbahnunfälle. Ein Betriebsunfall, bei dem ein Schafs- ner schwere Verletzungen erlitt, ereignete sich am Montag abend gegen 11 Uhr in Cbarlottenburg. Vor dem Hause Spandauer Straße 25 fuhr der Motorwagen 2924 der Linie LI auf den an der Haltestelle stehenden Anhängewagen 888 auf, der an einem nach Neukölln fahrenden Motorwagen angekuppelt werden sollte. Der Schaffner Clauß war gerade im Begriff, die Verbindung zwischen dem Anhänger und Motortvagen herzustellen, als der Zusammen- stoß erfolgte. Clauß geriet zwischen die aufeinander prallenden Wagen und erlitt eine Brustouetschung sowie einen Schenkelbruch, so daß er sofort nach dem Krankenhaus Westend gebracht werden mußte. Die beiden Wagen trugen einige Beschädigungen davon. Eisenbahnunfull bei Rublebcn. Ein schwerer Eisenbahnunfall ereignete sich am Montag auf der Lehrter Bahn in der Nähe von Ruhlebcn. Der bei dem Viehhändler Nord aus der Ackerstraße in Berlin beschäftigte Kutscher Franz Gerhardt hatte mit einem Fuhr» werk zwei Kühe nach Spandau gebracht und trat spät abends die Heimfahrt nach Berlin an. Dabei mußte er auch die Gleise der Lehrter Bahn passieren, die in der Nähe von Ruhleben bekanntlich die Chaussee kreuzen. Obwohl die Schranke heruntergelassen war, konnte G. die Pferde nicht mehr rechtzeitig zum Stehen bringen; das Gespann durchbrach die Schranke gerade in dem Augenblick, als ein Güterzug herannahte. Es erfolgte ein heftiger Zusammenstoß. bei welchem das eine Pferd getötet, das andere schwer verletzt und der Wagen fast vollständig zertrümmert tvurdc. Ter Kutscher wurde auf den Bahnkörper geschleudert, kam aber wundcrbarcr- weise mit allerdings erheblichen Hautabschürfungen davon. Aus der Sclbstmordchron'.t. Aus Furcht vor unheilbarer Krank- heit ist der 50jShnge Gastwirt Adolf Ketterker aus der Grüiithalcr Straße 13 in den Tod gegangen. K war schon seit längerer Zeit leidend imd litt dabei so heftige Schmerzen, daß er sich selbst häufig Morphiumeinspritzungen niachle. Trotzdem der Gastwirt alles Mög- lichs versuchte, um eine Heilung herbeizuführen, verschlimmerte sich das Leiden immer mehr, so daß K. in Schwermut verfiel, aus der er sich trotz des Zuspruchs seiner Angehörigen nicht mehr zu erbeben vermochte. Gestern erhängte er sich am Fensterkreuz der Schlafstube. — Weil ihm seine Gesckiästsveiäuderuiig leid tat, hat sich der 37 Jahre alte Gürtlermeister Otto Krause das Leben genommen. In einem Anfalle von Schwermut verließ er gestern nachmittag seine Wohnung, schützte einen Geschäftsgang vor, ging aber nach der alten Wohnung, offnere dort den Hahn einer Gasampel und ver» giflete.sich. Als der Pförtner um 10 Uhr daS Treppenlicht löschte, fand er ihn tot a»f dem Fußboden liegen. Wiederbelebungsversuche, die ein Arzt und Samariter der Feuerwehr mit dem Sauerstoff« apparat machten, blieben erfolglos.— Nicht aufgeklärt ist der Selbstmord des 18 Jahre alten Handlungsgehilfen Franz Biehl aus der Oderberger Straße 44. der bei feinen Adoptiveltern in deren Eisen- Warengeschäft in der Jnvalideustr. 2 angestellt war und sich dort im Lageckeller erschoß. Man nimmt an. daß Liebeskummer ihn in den Tod getrieben bat, er selbst aber sprach nie über die Ursache des sonderbaren Wesens, das er in der letzten Zeit zur Schau trug. Bon den verschwundenen Schülern sind zwei ihren Eltern wieder zugeführt worden, und zwar der Obertertianer Wilhelm Dahle und der Obcrsekuiidaiier Erich Fuchs. Beide sind planlos in Berlin umhergeirrt, schließlich von Bekannteli aufgefunden und ihren Eltern wieder zugeführt worden. Von dem Primaner Albrecht aus Friedenau fehlt noch jede Spur. Hoffentlich hat auch dieser junge Meiisck, seinen Vorsatz, sich das Leben zu nehmen, nicht zur Ausführung gebracht.— Wie uns gemeldet wird, ist seit gestern ein vierter Schüler, der Quartaner Paul Hamann, aus der elterlichen Wohuuug verschwunden in der Absicht, ins Ausland zu reisen. Der Betrieb auf der Untcrgrundbahustrccke vom Leipziger Platz nach dem Spittelniarkt ist gestern nachmittag um 3 Uhr wieder auf- geilommen worden.. Einen Rrvolvcranschlag verübte gestern der 51 Jahre alte Arbeiter Hermann Neubert auS der Straßburger Straße aus eine Frau Gohlke, die in der Linienstraße 214 ein Grünkramgeschäft betreibt. Die Verletzungen sind nicht lebcnsgesährlich. Frau G. wurde nach dem Hedwigs- Krankenhause gebracht, N. aber verhaftet. Die llr- sacken der Tat sind auf Differenzen zurückzuführen, die die beiden seit einiger Zeit hatten. Das Programm des Zirkus Busch weist gegenwärtig sondere Attraktionen auf. Da ist es zunächst Jwauoff, sensationellen Luftakt zeigt. Am schwingenden Trapez führt er daS Looping the Loop aus. Als kunstvoller Lassowerfer und Tier- bändiger zugleich erweist sich der amerikaniscbe Jack Joyce. Die Vorführung und Meisterung eines solchen wilden Pferdes. eineS Schlägers, Steigers und Beißers. hält das Publikum in ständiger Aufregung, da nameittlich der Gehilse Jack Joyces fortgesetzt in Gefahr ist, von dem wie rasend hochspringenden und ausschlagenden Tiere getroffen zu werden. Das Risilo des Gehilfen ist, indem«r dem wilden Pferde den Sattel anlegen und es zum Aufsteigen bereit halten mutz, ebenso grotz wie das des Jack Joyces, der den günstigsten Augenblick abpatzt, um sich in den Sattel zu schwingen. Neben sonst noch bemerkenswerten Neuheiten bildet dann noch das grotze Manegeschauspiel„Die Hexe' den zweiten Teil des April- Programms. Die GlaSnrbeitcr-Gcsangvcreine Berlin und Stralau, M. d. D. A.» S.-B., veranstalten Sonntag, den 7. April, ein Konzert im Etablissement Königsbank. Franlfiirtcr Stratze 117. Konzert: F. v. Blon.— Margarete Walkolte.— Am Flügel: Erwin Feustel. einige be- der einen Vorort- r�acbricdten. Schöneberg. Dir Stadtverordnetenversammlung bewilligte zunächst die Rest- ausgäbe für den Neubau des Spritzenhauses und des GeflügelstalleS auf dem Rieselgut sowie 8000 M. für Bearbeitung von Untergrundbahn- projelten. In Ausarbeitung befindet sich ein Projekt zur Herstellung eines Anschlusses an die Berliner Nord-Südbnhn, ferner die Ver- längerimg vom Nallendorfplatz nach Berlin, sowie in daS Süd» gelände und nach Steglitz und Lankwitz, und der Umba» bezw. Neubau der Rnig-»Iis Wauuieebabnbrücken im Zuge der Tempel- Hafer Straße, der JnnSbrucker und LtnbenSstraße. Geplant wird die Errichtung von zwei neuen Wannseebahnhösrli. Dann wurde be- schlössen, dem Vertrage mit der Obcrpostdirektivu über die Auf- itellnng von Feriiiprechkioslen, die den Privaten sowie Gewerbe» treibenden eine ungestörte, billige und bequeme Gelegenheit bieten sollen, auch nach Schluß der Geschäfte Fernsprecher benutze» zu foimeit, zuzustimmen. Die Kosten ver Herstevung. Einrichtung. Ilnterhallung, Beleuchtung und Beseitigung der KioZke trügt die Postverwaltung. Ferner sind auf Verlange» der Stadt Normaluhren anzubringen. Die Mehrkosten trägt die Gemeinde. Die Kiosken stnd Tag und Nacht im Betriebe zu halten. Ungefähr dreizehn Kioske solle» an den verkehrsreichsten Punkten der Stadt aufgestellt werden. Im letzten Nugenblick hatte der Magistrat eine Vorlage zum Erlast eine« Orlsstatuts über die BcdürfniSfrage bei Erteilung von Schankkonzessionen eingebracht. Diese Vorlage bedeutet eine Verbeugung vor der Polizeivcrwaltung, die nicht genügend Mann- schasten zur Verfügung hat. um die Gastwirte mit halber Schank- konzeision andauernd kontrollieren zu können. Alsdann wird auf die Gefahr hingciviesen, die darin liegt, dast in dem ruhigen und vornehmen Orisviertel am Stadtpark bereits eine Anzahl Kon- zessionsgemche vorliegen und eS bestehe die Besorgnis, dast sich Mist- stände des öffentlichen RestaurationSwesens. die schon in anderen Gegenden des bayerischen Viertels unangenehm auffallen, auch auf da« Stadtparkviertel übertrogen werden. Des weiteren haben Gastwirtsvereinigungen petitioniert, dast die Schankstätte» nicht vermehrt werden mögen, da die graste Zahl derselben die Existenz der einzelnen Gastwirte sehr bedrohe. Es entfallen in Schöneberg auf 103 Einwohner eine Schankstätte und auf 2 Häuser 2 Schaukstätten. Dem Magistrat schienen Bedenken aufgekommen zu sein, dieses Ortsstatut in breitester Oeffentlichkeit zu verhandeln, denn der Ober» bürgermeister DominicuS beantragte Verlegung desselben in die geheime Sitzung. In geheimer Sitzung wurde der Dringlichkeit widersprochen und so mutz die Vorlage erneut eingebracht werden, Neukölln.(Nixdorf) Einige Minuten entsetzlicher Angst hat gestern die Händlerin Klotz, Kanner Straße 2l, durchlebt. Sie mußte von der Straße auS mit ansehen, wie ihr fünfjähriges Söhnchen, das allein in der Wohnung geblieben war, ans das offenstehende Fensterbrett kletterte und himiiiterspringen wollte. Frau Klotz rief zwar herauf, aber der Junge hörte nicht und sprang hinunter. Die Zeugen dieses auf- regenden Borganges glaubten schon, daß der Knabe tot sei; aber frisch und gesund erhob er sich, da er aus den weichen Bode» deS Vorgartens gefallen war. Infolge der heute abend bei Bartsch(früher Hoppe), Hermann- straße 49, im großen Saal statlfindenden Funktionärsitzung fällt der Turnabeud der Damenabteilung der.Freien Turner- fchaft' aus. Wiltnersdorf-Halcusee. Fortschrittliche Manncswürde. Den christlichen Grundsatz der FeindeSliebe hat die Fortschrittliche Volkspartei in Wilmersdorf mit geradezu ausschweifender Selbstentäußerung betätigt. Am Sonn- abend waren nämlich in Wilmersdorf so ziemlich alle bürgerlichen Vereine beisammen, um sich einen B i s m a r ck k o m m e r S zu leisten. Daß die konservative Parteiorganisation bei diesem Arrangement das Heft in Händen halte, gebührte sich, wie«S denn auch niemand ausfallen ivild, daß die bei Stadtverordnetenwahle» tm konservativen Sinne wirkendetz Bezirksvereine die Einladung zu der Feier mitunterzeichneten. Etwa« mehr Verwunderung muß es schon erregen, daß die politische Organisation der ZenlruniSpartei mitmochte, wo doch auch das Zentrum von Bismarck zu den Reichöfeinden geworfen wurde. Aber diese Konzession mag im Zeichen des schwarzblauen Blocks immerhin erklärlich sein, nur ist sie belanglos gegenüber der Tatsache, daß auch die frei- sinnig» fortschrittlichen Parteiorganisationen von Wilmersdorf sich offiziell zu der Ehrung desselben Mannes demütigten, der noch in den letzten Jahren seiner Amlstäligkeit ihren Führern im Reichstage das Wort entgegenschleuderte. daß sie weder deutsch noch freisinnig seien und dem überhaupt kein Zeichen de» Widerwillens zu scharf war, um dem Linls- liberalismuS feine Verachtung zu belunden. Es muß ungemein behaglich für die Fortschrittler gewesen sein, als ausgerechnet ein politischer Redalleur der antiliberalen und judenfeindlichen »Deutschen Tageszeitung" auf dem Kommers das Wirken Bismarck» pries und als dann ein anderer Konservativer. General v. Boß, im Hinblick auf die Haltung der Fortschrittler bei den ReichStagSwahlen von.dieser traurigen Zeit der Zerrissenheit" sprach. Diesem Spießrutenlanse» für die Fortschritllcr folgte ein„vergnügliche» Beisammensein", bei dem sich wohl genügend Gelegenheit geboten haben wird, das Ziel der Wünsche etlicher Fortschnttler, nämlich das lib-ral-kon» f e r v o t i v e A b k o>n m e n zu den nächsten Stadtverord- stetenwahlen, perfekt zu machen. Lichtenberg. Eine Verwaltung ohne Etat, das ist die besondere Gabe, die' Lichtenberg in die neue Städte-Ehe— Licktenberg-Rummelsburg■— einbringt. Die Vereinigung ist. bis auf den rein formellen„aller- höchsten" UnterschriftSvollzug perfekt, aber Lichtenberg arbeitet ohne Etat. In der vorletzten Stadtverordnetensitzung konnte der vor- gelegte Elatsentwurf für da» Jahr 1Vl2 nicht verabschiedet werden, weil nach einem empörende» Vorfall unsere Genossen die Vitzmig verließen und die Beschlußfähigleit bezweifelten. Nachdem die Be- schlußunsähigkeit konslatiert ivvrden war, was jede weitere Verhandlung unmöglich machte, vertagte der Vorsteher die Versammlung. ließ telephonisch noch einige Pflichtvergessene herbeirufen und dann den Etat en bloc annehmen, als hätte er ordnungsgemäß '»ine neue Sitzung der Stadtverordneten einberufen. Sonder- barerweise protestierte der Magistrat nicht gegen das ge- fchäfl«- und gesetzwidrige Verhallen, ja, er scheint sich nicht zu scheuen, ohne rechtliche Grundlage Gelder der Steuer- zahler ausgeben zu wollen, oder sollte er etwa die Gehalts- empfange und Zahlungen verweigert haben? Das Verhalten ist>nn so unerhörter, als in der vergangenen Woche noch eine Stadtverordnetenversammlung abgehalten worden ist, in der die Genehmigung de» Etats durch eine ordnungsgemäß berufene Per- fammlung vollzogen werden konnte. Den von unseren Genossen gegen die Gültigkeitserklärung eingereichten Protest nahmen die Vorsteher mid da« Kollegium zur Kenntnis, als ob die ungesetzliche Berwolrung etwas Selbstverständliches sei. Man darf gespannt daraus sein, was die Anfsichlsbehörde zu dem Skandal sagen wird. De» Rätsels Lösung! Hierzu wird nnS noch geschrieben: Endlich ist am 1. April den Stadtverordneten doS Protokoll der Versammlung von der Sitzung am 22. März im Druck zugestellt worden. Ein Aprilscherz mit recht bitterem Beigeschmack! Da beißt es in diesem Protokoll: Ueber Sonderelat I und U referiert Stadtv. Rott. Antrag der Etatslommission wird abgelehnt usw.„ES tritt hierauf eine Pause(!) von 20 Mi- Unten eins" »Nach Wiedereröffnung der Sitzung beantragt Sladtv. Schachtel(Rechtsanwalt) die Sonderetals III bis Vlll en bloc anzunehmen."—„Bei der Abstimmung über den Gesamtetat wird derselbe mit allen vorhandenen gege» 27 Stimmen an» g e n o m in e n I" Also kein Wort von der Anzweiflung der Beschlußfähig. keit der Versainmluiig durch den Stadtverordnete» Düwell I Kein Wort von der Auszählung des Hause« und ttonstatUrung der Be- schlußunsähigkeit durch da» Bureau. Einfach: Pause von 20 Mi- nuten. Kein Wort von Telephon und Bote», die in Bewegung gesetzt wurden, um die trotz der Etatberatnng zu Hause gebliebenen Herren zu holen. Kein Wort von der Verlängerung der Pause. warum verschwelgt man diese Tatsachen? Der Magistrat war durch eine Reihe seiner Mitglieder vertreten, diesen irrczusühreii kann also nicht die Absicht sein. Die Angelegenheit ist für die Geldiackvertreter höchst blamabel und am Ende auch für die Ordnung der Finanzen und der Verwaltung der Stadt. An der Tatsache aber, daß Lichten- berg ohne einen ordnungsgemäß zustandegekoninirnen Etgt in dg? Nlllle Steuerjahr eingetreten ist, kann auch durch ein-- irreführendes Protokoll nicht« geändert werden. Charlottenburg. In- der Sitzung der Kewerkschaftskommission vom 2g. März referierte der Sladtv. Genosse Stultz über das Thema:„Aus der wirtschaftlichen Entwickliliig Amerikas." Gestützt auf eine vielseitige. durch langjährigen Ausenihalt in der neuen Welt gelvomicne Ersah- ning erweckten die Ausführungen dcS Vortragenden das lebhafteste Jntercsse der versammelten. Nach Etstaltlmg des JahrcS« und Kassenberichts wurde sodann die Neuwahl der Funktionäre vorgeiioinmen. Als Obmann wurde Genosse Wilhelm Richter einstimmig wieder- gewählt. In den Ausschuß wurden wiedergewählt die Genossen AhrenS. Giese und Storch, und als Ersatzmitglied für den ausgeschiedenen Genossen Nordmann der Genosse F l e m in i n g. In den Bildungsausschutz wurden die Genossen Andersobn und P a u l a t delegiert, in die Bibliothekkommission die Genosien Schröder, Graudenz nnd M e n d e und in de» Volkshou«- auSschuß die Genossen H e n» i g, Lindenblatt und S l r a» z. An den Bericht über den Beschluß der Berliner Gewerkschafts- kommission betreffend die Sammlung für den Maifonds knüpfte sich eine äußerst lebhafte Diskussion. Von den»leisten Rednern wurde bedauert, daß für männliche Mitglieder nur Marken über den Be- trag von 1 M. herausgegeben werden sollten. Ihrer Meinung nach würde dadurch das Ergebnis der Sammlung»och mehr in Frage gestellt werden, als wie in» Vorjahr. Allgemein wurde angezweifelt, daß die neuen Vorschläge dazu beitragen würden, der Maiseier auf die Beine zu helfen. ES wurde«instimmig beschlossen, darauf hin- zuwirken. daß, wenn möglich, wieder Marlen über kleinere Beträge zur Ausgabe gelangte». Ober-Schönelueide. SonntagSsitzung der Gemeindevertretung. Nachdem die Freitags- sitzung den Bertrag mit den Berliner O st b a h.n e n in seinen grundlegenden Paragraphen abgelehnt und damit nach den Aus- sührungen des Vertreters der Gesellschaft für diese unannehmbar gemacht batte, wurde die Zwischenzeit benutzt, einen neuen Bertrag auszuarbeiten, welcher schon die BerkehrSkommission am Sonnabend beschäftigte. In der Sitzung am Sonntag lam es zu recht lebhafter Aussprache. Bon uuiere» Vertretern M u t h und G r u n o w wurde es als unerhört bezeichne:, in dieser Weise einen so wichtigen Ver- trag zu beraten; cS müsse als Theaterspielerei angesehen werden, wenn eine ganze Anzahl von Vertretern hier ihre Zustimmung geben solle, trotzdem sie weder Wortlaut noch Bedeutung der Be- stimmuiigen kenne, da der Vertrag, welcher in der Nacht vorher niedergeschrieben, soeben erst zur Verteilung gelangt sei. Sie geben ferner die Erklärung ab, daß sich die sozialdemokratischew Vertreter nur an der Beratung beteiligen würden, um den Vertrag für die Gemeinde so günstig als möglich zu gestalten. Recht wirksam wurde auch vom Genossen Muth die Anzapfung des Schöffen Feldinann zurückgewiesen, der unseren Vertretern die Schwänzung der VerkehrSkontmissionSsitzuiig vorlvarf. Da sich dort aber bereits eine Mehrheit für den Vertrag ge- funden hatte, waren alle Einwendungen umsonst, es wurde daher alleS fast unbesehen geschluckt und der Vertrag angenommen. Zum Schluß verlangte eine Anzahl Vertreter, daß nach der Geiieralabstimmung noch einmal in eine erneute Beratung ein- getreten lverden sollte, nur weil der Vertreter der Ostbahnen jetzt noch erklärte, daß er die beschlossene Tarissestsetzung für die Strecke Kabelwerk-RummelSburg(10 Pf.) nicht annehmen könne. Es war wohl nur der Weigerung des Gemeindevorstehers zuzuschreiben, daß sich die Vertretung einer solchen Lächerlichkeit nicht preisgab. Martendorf. Die letzte Sitzüng der Gemeindevertretung verhandelte zunächst über den Austritt aus der Brandenburgischen Witwen- und Waisen- Versorgungsanstalt, deren Nutznietzuna für die angestellten Beamten bezw. deren Witwen und Waisen bestimmt war. Begründend sagt die dazu eingesetzte Kommission, daß Leistung und Gegenleistung in gar keinem Verhältnis stehen. Wahrend die geleisteten Beiträge von tSgg— IStl im ganzen 82 000 M. betragen, stehen als Gegen- leistung 684 M. gegenüber. Nun gibt die Provinzialanstalt bc- kannt, daß die Beiträge jetzt von 6 auf 7,5 erhöht»oerden. was natürlich noch höhere Leistungen verlangt, daher ist auch in neuerer Zeit die Tendenz aller größeren Gemeinden dahin gerichtet, aus dieser Anstalt auszuscheiden und selbst Fonds bereit zu stellen. Die Kommission, welche die Ausscheidung empfiehlt, verlangt dafür so- fortige Bereitstellung einer Summe als Fonds. Der Gemeinde- Vorsteher ersuchte die sofortige Einstellung einer Summe abzulehnen, diese solle erst im nächsten Etat festgelegt worden; er erklärt in» dessen, daß, wenn Fäll« eintreten sollten, die Gemeinde dann jeden- falls ihrer Pflicht bewußt sei. Die Vertretung beschloß in diesem Sinne mit der Maßgabe der unverzüglichen Kündigung.— Zum Ausbau der Kurfürstenstraße gibt der Gemeindevorsteher bekannt. daß endlich die Akten hierüber ausgegraben seien; er stellte daraus fest, daß im Jahre 1906 ein Beschluß schon gefaßt war. Es sind grelle Schlaglichter, die fast in jeder Sitzung die Amtstätigkeit es alten Gemeindevorstehers beleuchten. Welche Kämpfe und Oppositionen haben unsere Genossen gegen die« frühere System gc- führt, stet? waren aber die bürgerlichen.Herren auf d«r Seite de» verflossenen Vorstehers. 1900 wurde der Ausbau beschlossen und nun endlich im Jahre 1912 geht es an die Ausführung dieser Straße, deren Zustand trotz des starken Verkehrs der allermiscrabelste in ganz Mariendorf ist. Nach Genehmigung zweier Abänderungen am vorhandenen Bebauungsplan wurde der umgehende Ausbau beschlossen. Die Gcsamtkosten sind auf 205 000 M. veranschlagt. deren Deckung au« der 1910 gemachten Anleihe vorgesehen ist.— Der Gemeindeverordnet« Lindenberg legt in einer schriftlichen Mit- teilung sein Mandat nieder. Die Vertretung gab nach den an, geführten Gründen ihre Zustimmung zur MandatSniederlegung. Karlshorst. Heute, am 3. April, findet die Stichwahl zur Gemeindevertretung zwischen unserem Genossen Bruno Engel und dem Kandidaten des HauS- und GrundbcsltzervereinS statt. Es ist Ehrenpflicht der ge« samten KarlShorster Arbeiterschaft, sich daran zu beteiligen. Be- sonderS die Wähler, welche jetzt verzogen sind, werden ersucht, ihr Wahlrecht auszuüben. Alle Berliner Genoffen, soweit sie mit KarlShorster Wählern zusammen arbeiten, werde» gebeten, dieselben auf ihre Wahlpflicht oufmerksain zu mache», da es ans jede Stimme an« kommt. Gewählt wird von 12—3 Uhr im»Fürstenhaus", Treskow- Allee 93. Stralau. Mit der Festsetzung des Voranschlages für 1013 beschäftigte sich die letzte Aemejndevertretersitzung. Da« Ecsamtvermögen der Ge- meinde beträgt 700V8Z.86 Dt, die Gcsamlschuiden belaufen sich aus 052 845,05 M. Der Voranschlag balm, ziert in Einnahmen und A»S- gaben mit 302400 M.(Vorjahr LS2000 M.). Unseren in der Gemeinde- vertrelung sitzenden zwei Genossen ist eS nicht möglich, selbständige An- träge zu stellen. Der Genicindevorsteher hatte bei der vorjährigen EtatSberaiung auf verschiedene Anreauiigen deS Genossen Wessel hin die Erklärung abgegeben, der Gcmeiiidevorstand werde dieselben in Erwägung ziehen und eventuell niit entsprechenden Vorlagen kommen. Doch hiervon habe» unsere Genossen nur wenig wahr- genommen. Sie mußten sich demgemäß darauf beschränken, ihre Anregungen und Wünsche zu erneuern. So bemängelte unser Redner, daß die Kosten sür die Polizeiverwaltnng ivieder um 100O M. höher im Etat eingesetzt seien; trotzdem der Gemeinde- Vorsteher im Vorjahr sich dahin geäußert, daß es mit einer weiteren Erhöhung dieics Postens wohl jetzt ein Ende haben werde. Der Geniciitdcvorsteher gab zu, daß er sich geirrt bavr. Wie die Dinge liegen, sei eS noch sehr fraglich, ob die 1000 M. mehr aenügcii. Das Lichtenberger Polizeipräsiditin, soll beabsichtigen, da« alte Lichtenbcrger Nathan« als Verwaltungsgebäude zu beziehen. Ferner ist eine große Bermehrung des Beamtensigbes vorgesehen. Go sollen unter miderm 1 RegieningSral, II Nssessottn und 51 Unlerbeamle neu eingestellt werden. Diese Auskunft deS GemeidevorsteherS eröffnet ja recht nette Perspektiven in Punkto Polizeikosien. Von bürgerlichen Vertretern wurde die Verzögerung der Fertig- stellung der Leichenhalle bemängelt und angefragt, ob sür die recht- zeilige Ablieferung des Baues keine Konventionalstrafe vorgesehen sei. Vom Gemeindevorstaiid wurde das letztere bejabt; gleichzeitig aber auf die Schwicrigteiten hingewiesen, die die Fertigstellung ver- zögert hätten, lieber die Bekämpfung der Schundliteratur äußert Genosse Wessel verschiedene Wünsche.. Ebenso fragte er an, aus welchen Gründen die Einrichtung einer Klasse sür �fremdsprachige Kinder unterbliebe» sei. Im Vorjahre habe der Schulreltor die Einrichtung einer solchen Klasse für zweckdienlich gehalten. Auch in bezug auf die Gewährung von Lernmitleln an die Kinder un- bemiltelter Eltern werde nicht lorrelt verfahren. So habe eine Witwe mit drei Kindern aus ihre» Antrag leine Lernmittel bekommeu. Vom Gemeindevorsteher wurde erwidert, daß nur aus dem Armenetat an Unbemittelte Lernmittel im Bedarfsfalle geliefert würden. Bezüglich der Errichtung einer Klasse für fremdsprachige Kinder habe der Reltor seine frühere Ansicht geändert. Eine solche Klaffe ein- zurichten, sei schon un» deswillen mit Schwierigkeiten verknüpft, weil man es nicht bei einer Unterklasse würde bewenden lassen können, die Ausgaben mithin ganz erhebliche fein würden. Auch könne man doch nicht, da hauptsächlich tschechische Kinder in Frage kommen, tschechische Lehrer anstellen. Für die Slraßenarbeiter verlangt der Genosse Wessel eine Aufbesserung der Löhne auf 27 M. ivöchentlich gegenüber den ASherigen Stundenlöhiien von 88 Pf.; serner die Beschaffung van cntsprechendcr Kleidung inllusive Stiefel. Von den bürgerlichen Vertretern war keiner für eine Lohnaufbesserung der Gemeindearbeiter zu haben. Man meinte, die Gemeindeorbeiler könnten ja selbst an die Gemeinde mit Wünschen herantreten, wenn sie solche hätten. Genosse Bebel erwiderte, daß es für die Gemeinde- arbeiter eine eigene Sacke sei, selbst mit Forderungen zu kommen, weil sie sich sonst der Gefahr aussetzen, entlassen zu werden. Jeden- falls sei im Hinblick aus die enorme Teuerung, wie wir sie seit einer Reihe von Jahren hoben, eine Lohnaufbesserung am Platze. Die vürgerlicheu Vertreter mll. Gemeindevorstand schwiegen sich au«. Einer besseren Verteilung der Badelarten an die Schulkinder will der Genieiudcvorstand nähertreten. Alö Gemeindeeinkoininensteucr sollen wieder 100 Proz. der StaatSeinlominensteuer erhoben werden. Die Erhebung der Steuer vo» Einkommen unter 900 M. in Wegfall zu bangen, wie der Genosse Wessel anregte, ivurde mit ollen gegen drei Stimmen abgelehnt. In diesem Falle stiinmte auch ein Bürgerlicher mit unserem Genosien. Die Ablehnung dieses Antrages ist um so bedauerlicher, als die Steuer scboii bei Einkommen von 000 M. an erhoben wird. Zudem sind für diese Zensitcn als Steuergebnis nur 800 M. im Voranschlag in Anrechnung gesetzt. Für den Gesamtetat eine wahre Bagatelle. Der Gesamtetat wurde mit allen gegen die Stimmen uiiserer beiden Vertreter genehmigt. Bon der Gesellschaft der Berliner Ostbahnen war das Ersuchen an die Gemeinde gestellt, mit ihr einen Vertrag abzuschließen über die Genehmigung vo» Gleisanlagen über den Markgrafendamm nach Rummelsburg. In Rücksicht auf daS geringe Siitgegenkoinmeii der Gesellschaft und dem Umstände, daß zum 1. April der Zweckverbond sür Groß« Berlin in Kraft tritt, wurde lein Beschluß gefaßt. Doch die Sache sollte bald eine Aenderung erfahren. Am 28. Mär, tagte nochmals eine Gemcindevertretersitzung. die dem Vertrage imt allen bürgerlichen Stimmen zustimmte. Unser Genosse sprach seine Verwundernna darüber auS, daß man jetzt, trotz der geringen Zugeständnisse der Bahngescllschast, anderer An- ficht geworden sei. Am besten wäre es, die Regelung dieser Frage dem Zweckoervand zu überlassen. Ueber die Fohrpreise ist im Vertrage nichts enthalten; doch hat die Gesellschaft mündliche Auskunft gegeben. Danach soll der Fahrpreis für die über den Schlefstch«» Bahnhos hinauSziiiührenden Linien vom Tunnel in Stralau bis zur Jannowitzbrücke 10 Pf. betragen. Von den weiterzuführenden Linien geht eine bis zum Spittelmarkt und Leipziger Platz, die andere bis zur Kanonierstraße. Wer also die ganze Streck« fährt, hat 15 Pf. zu blechen. Auch die gewünschten Umsteigelarten smd nicht erreicht tvorden. Wie der Gemeindevorsteher bekundete, lasse sich hierauf die „Große Berliner", die hierbei in Frage käme, nicht ein. So hat die Gesellschaft der Ostbahnen also noch kurz vor Toresschluß ihr Ziel vollständig erreicht. Weistensee« Die EtatSberatungen vollzogen sich diesmal recht ruhig. Den Hanptanteil an den Debatten hatten unsere Genoffen; selbst die alte Fraktion brachte ihre ovpositionelle Auffassung in den ein- zelnen Abstimmungen ohne jedwelche Begründungen zum Ausdruck. Nach dem einleitenden Verwaltungsbericht des Bürgermeisters wurde nicht einmal das Wort zur Generaldiskussion begehrt; in der Regel wurde von unseren Genossen eine solche eingeleitet. In diesem Jahre erwartete man, daß die alte Fraktion den Anfang machen würde. Die öffentliche Ucbertrittsertlärung des Schüssen Rotl)« zur neuen Fraktion und die Ablehnung des Weiter- amtierenö des Gcmeindevertreter« Langsch sind Anzeichen einer inneren Zerbröckelung der alten Fraktion. Auch die Herreu Fechner und Teickrert rücken ganz merklich von ihrem Vorsitzenden Könitz ab. Die früher so stolze in WohlfahrtSpolitik»tachende ordensgeschmückte Person ist in Verfall. Die Erhöhung der Ge- bühren von 2% auf 4M) Proz. und jetzt 6�8 Proz. des NutzcrtrageS bat die Hausbesitzer zur Ernüchterung gebracht, sie sind von dem Vertreter dcS Großgrundbesitzes, Herrn Könitz, irregeleitet worden; dahin zielten auch die Schlußworte des Bürgermeisters,„daß c« in Zukunft nicht mehr allgemein Mode sein möge, den Ort herab- zusetzen und das eigene Nest zu beschmutzen". Der Wohlfahrts- etat erfordert einen Zuschutz von rund 80 Pf. auf den Kopf der Bevölkerung, von unseren Genossen wurde yanz besonders be- tont, daß man die hiesige Wohlfahrtspflege nicht immer als be- sonderen Luxus hiiistellcn soll. Das Schulgeld für das Real- gymnasium wurde für auswärtige Schüler von 180 auf 180 M., für auslvärtig« Schülerinnen der höheren Mädchenschule von 140 aus 160 M. erhöht. Ein Antrag, die Zentralvorschule wieder ein- gehen zu lassen, tvurdc von allen Seiten bekämpft, weil diese Vor- schule einen leidlichen Ueberschuß liefert. Beim Etat der Armen- Verwaltung trat Genosse Frentz für eine Reorganisation de» ArmenwescnS ein. In den Sätzen der Unterstützung habe sich in 15 Jahren nichts geändert, trotz der immer weiter fortschreitenden Teuerung. Eine bereits vor Jahren eingesetzte Kommission werde nicht einberufen. Vom VorstandStilche erhielt nian, wie im Vor» jähr«, die prompt« Antwort, daß eine Borlage bereits fertig sei, aber man wolle warten bis zur Stadtwerdung, da ja dann doch da« ganze System geändert werden müsse. Das Elektrizitätswert soll für das nächste Jahr einen Ueberschuß von 69 500 M. ab- werfen. Der Etat- de? Rieselgutes Birkholz brachte wieder die Bauern auf den Plan. Ein Bauer sprach über die Verwertung und Verwendung der Kuhjauche, ein anderer über Schweinezucht; zum Schluß blieb alles beim alten. Beim Etat der Straßen und Plätze stellte Genosse Taubmann den Antrag, die bis zum 1. April allen Angestellten und Arbeitern mit einem Jahreövcrdienst von 2100 M. gewährte Teuerungszulage von ö M. pro Woche bis zum 1. Juli weiterzuzahlen. Tie Mehrheit wollte sich für diesen An» trag nicht gleich entschließen, sondern übergab denselben der Finanzkommissio»; hoffentlich wird er dort nicht begraben. Die Wasserversorgung bringt einen Ueberschuß von 28 700 M. Das gab Herrn Tcichcrt Pcranlassung, für die Verbilligung de» Wassers zu sprechen;«r stimmte die bekannte Litanei über die hohe Be- lastung des.Hausbesitzcs an. ES wurde beschlossen, den Waffer- preis auf der alten Höhe zu belassen. Auf Antrag der Auistchts- behördc waren im Fleischschauamt-Etat 4000 M. zur Beseitigung der KonsiSkate gestrichen, ivelche die allgemeine Vcrivaltung über- nehmen sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt und die gestrichenen 4000 M. wieder in den Etat eingesetzt. Die Eteuerverwaltung Iveist an direkten Steuern bei llh Proz. Zuschlag zur Staats- ejnkyMmenstenrr R., dir Gctvcrhcsteuer bei 845 Pro�. 187 200 M.. die Betriebtsteuer 1K80 M., die Gememdegrundsteuer bei 0,30 Proz. der bebauten Grundstück« SSO 000 M., bei 0,6 Proz. der gärtnerisch betriebenen Grundstücke 24 000 M. und bei 0 7L Proz. der unbebauten Grundstücke 273 600 M. auf. An in- düceiten Steuern sind etngejtellt: Lustbarleits- und Billettsteucr IL 000 M., Hundesteuer 33 000 M., Brau, und Biersteuer 32 000 M., Umsatzsteuer 125 000 M., Wertzulvachssteucr 100 000 M.. insgesamt 1 480 855 M. Hiervon sind an den Kreis abzuführen 133 483,83 M. Zuschüsse erfordern die Etats der Allgemeinen Verwaltung mit 330 013,55 M., Kapital- und Schuldenverwaltung mit 396 938,45 Mark, Schulverivaltung mit 480475 M., Armenverwaltung mit ILO 430 M., Wohlfabrtseinrichtnngen mit 14 568 M., Säuglings- krankenhaus mit 7020 M., Strasicn und Plätze mit 87 900 M. Da- gegen schließen mit einem Ueberschuß ab die Etats Gemeindegrund- siücke mit 51 800 M., Steuerverwaltung mit 1 344 355 M., Muster- ' kuhstall mit 20 610 M., Wasserversorgung mit 23 700 M., Fried- böse mit 5880 M. Folgende Etats stehen sich in Einnahme und Aus- gäbe gleich: Kanalisation, Rieselgut Birkholz, Fleischschauamt, Per- mögensverwaltung, Gewerbliche Fortbildungsschule, Kaufmännische Fortbildungsschule, Elektrizitätswerk, JnstallationS- und Verkaufs- obteilung des Elektrizitätswerks, Stiftungen, Leihamt. Die außer- »rdentliche Verwaltung schließt ab in Einnahme und Ausgabe mit 4 050 000 M. Die Einnahmen werden durch Anleihen gedeckt und finden für folgende Zwecke Verwendung: 50 000 M. zur Aufstellung und Einrichtung von vier Sckmlpavillons, 250 000 M. zum Bau eines Ledigenheims, 3 500 000 M. zur Ucberweisung an den Grund- erwcrbsfonds, 1 75 000 M. Rest der Kosten für den Bau und die Ein- richtung des Säuglingskrankenbauses und des Musterkuhstalls, 8000 Mark zur Deckung der Kosten für Uebercignung eines Grundstücks an die Große Berlmer Straßenbahn zur Erbauung eines Bahnhofs, 17 000 M. zur Deckung der Kosten für das dem Säuglingsheim überwiesene Grundstück. Die Aufnahme der Anleihe von 250 000 Mark für das Ledigenheim wurde sogleich gegen die Stimmen der Herren Fechner und Teichert beschlossen. Die Abstimmung über den Gesamtetat ergab die Annahme desselben. Dagegen stimmten unsere Genossen und die alte Fraktion. Neuenhagen(Ostbahn). 8 5 der Nmsatzstcuerordnung erhielt in der letzten Gemeinde- bertretersitzung folgende Fassung:„Ein Erwerb auf Grund einer Schenkung unter Lebenden im Sinne des ß 55 des Reichserbschafts- steuergesetzes bleibt von der im 8 1 bezeichneten Steuer frei, so- fern nicht anzunehmen ist, daß die Form der Schenkung nicht lediglich gewählt worden ist, nni die Steuer zu ersparen."— In den Vorstand der Pflichtsortbildungsschule wurden die Herren Bürger und Recklin als Gemeindevertrcter, Liebe und A. Hanne als Arbeitgeber und Weinberg und A. Neumann als Arbeitnehmer gewählt.— Gegen die Stimmen der beiden Sozialdemokraten wurde der Voranschlag für 1912 auf 68 150 M. und der Ncbenetat des Elektrizitätswerkes auf 37 000 M. festgesetzt. 60 680 M. oder 89 Proz. der Gesamteinnahme sollen durch(Gemeindesteuern aufgebracht werden. Von den direkten Steuern sollen ergeben: 100 Proz. der Einkommensteuer einschließlich der fingierten Steuersätze der Einkommen von 420 bis 900 M. — 39 Proz., die Grundwertsteuer 16 820 M.— 24 Proz., die Gewerbe- und BctriebSsteuer 2700 M.— 4 Proz., die indirekten Steuern, wie Umsatz-, Wertzuwachs-, Lustbarleits- und Hunde- steuer 14 160 M.= 4 Proz. aller Einnahmen. Die Ausgaben sind ebenfalls höher als im Vorjahre angesetzt. An Besoldungen und Dienslbezügen sind 7400 M. veranschlagt� tvozu noch 3309 M. Ver- waltungskosten kommen. Hierbei ist die Neuerung zu beachten, daß vom 1. April ab die Steuern nicht mehr an Herrn Lenz, sondern an das Gemeindebureau zu entrichten sind. Für öffent- liche Armen-, Wohlfahrts- und Gesundheitspflege sind 3309 M. eingesetzt. Zur Instandsetzung der Badeanstalt sind vorläufig 500 M. bewilligt. Der Wegebau erfordert die Summe vou 19 584 M. Der Beitrag der Gemeinde zu den Schullasten beträgt 21 000 M.; bei einer durchschnittlichen Zahl der zu unterrichtenden Kinder von 400 entstehen also pro Kopf ungefähr 50 M. Kosten, welche stetig wachsen. Im Schuletat sind unter Titel 11 auch 150 M. zur unentgeltlichen Lieferung von Lernmittel an bedürftige Schulkinder eingesetzt. Dem Verlangen, 500 M. zur späteren Er- richtung deiner gemeindlichen Arbeitslosenversicherung in den Etat einzustellen, ist man trotz vorheriger Versprechung nicht nach- gekommen. Zu den evangelischen Kirchenlasten, die sich nach er» höhtem Einkvinmensteuersoll ebenfalls auf 1600 M. erhöhen, müssen auch diejenigen Einwohner anderen Glaubens und die der Kirche nicht mehr angehören, beitragen; Göller und sköseling(Soz.) stimmten dem nicht zu. Klein-Tchönebeck-Fichtena«. Tie Gemeindevertretung erklärte in ihrer letzten Sitzung die Wahlen der Gemeindeverordneten, unter denen sich auch unser wieder- gewählter Genosse Tobias befindet, für gültig. Da die Gas- anstalt, welche zirka zwei Jahre von der Erbauerin, der Firma Hempel, gepachtet war. nach Feststellung der Rentabilität vom 1. April er. von der Gemeinde in eigene Regie übernommen wird, wurde be- schlössen, über die technischen Einrichtungen der Gasanstalt sowie über ihren Zustand als unparteiischen Sachverständigen den Betriebsleiter der Berliner städtischen Gaswerke- und den neuen Gasmeister gutacht- lich zu hören. Zur Annahm« gelangte dann der Entwurf eines OrlsstatuiS gegen Berunstatlung des Orts- und Straßenbildes, dessen Notwendigkeit sich schon seit langer Zeit herausgestellt hatte. Be- merkenswert ist das Bestreben der Geincindevertretung. die Fließ- Promenade wieder möglichst in dem Umfange herzustellen, wie sie bereits früher bestanden hatte. Der Gemeinde wird dadurch ein herrliches Naturpanorama wiedergegeben werden. Angenommen wurde des weiteren der Entwurf eines OrlsbebouungSstatutS, welches die Erteilung der Bauerlaubnis air noch nicht für den Anbau und den öffentlichen Verkehr fertiggestellten Straßen regelt, die Heran- ziehung der Anlieger bei Anlage von Straßen durch die Gemeinde normiert und nähere Bestimmungen enthält, unter welchen Voraus- fetzungen die Gemeinde die Anlegung neuer Straßen durch Unter- nehmer genehmigt. Birkcntverder. Mit den Forensen haben auch bei der diesjährigen Gemeinde- Wahl die Bürgerlichen gesiegt. Um diesem Forensenunfug ungestört frönen zu können, besetzten die Bürgerlichen auch diesmal wieder den Wahlvorstand. Wie die Hökerin die Kartoffeln abwiegt, legen sie, sodann, wenn die Zahl ihrer persönlich abgegebenen Stimme» ihnen nicht die llebermackit gibt, einen Pack ungeprüfter Papierstimmen nach dem anderen auf die Wahlwage, bis dt« schwarze Schale sinkt. Und da Papierstimmen zurzeit billiger zu beschaffen sind als Kartoffeln, so lohnt der Erfolg immer die aufgewendete Mühe. Vor drei Jahren setzte mit der Einführung der Grundwert- steuer in unserem Orte der Papierstimmenschwiiidel ein. Im vorigen Jahre hatten unsere Genossen in der Forensensrage ein obsiegendes Erkenntnis erstritten: die Gemeindevertretung legte aber Berufung ein. Bei der Aufstellung der diesjährigen Gemeindewählerliste hatte der Gemeindevorsteher wider Erwarten das Urteil des Kreis- ausschusses unbeachtet gelassen. Unsere Genossen erhoben deshalb Beschwerde beim Landrat und ersuchten ihn, den Gemeindevorsteher anzuweisen, dem vom Kreisausschuß gefällten Urteil gemäss eine ganze Anzahl namentlich aufgeführter Forensen aus der Wühlerliste zu streichen. Obwohl cd nun in der Ministerialanweisimg I zur Ausführung der Landgemeindeordnung wörtlich heißt:„Die Land- räte haben bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, insbesondere bei persönlicher Anwesenheit in den Gemeinden, auf eine vorschriftsmäßige und sorgfältige Aufstellung der Listen durch entsprechende Belehrung der Gemeindevorsteher und Prüfung der erfolgten Eintragungen hinzuwirken, ivurden unsere Genossen vom Landrat des Kreises Nicder-Barnim dennoch auf den Klageweg verwiesen. Den haben sie auch beschritten und beim Kreisausschuß die Streichung von 79 namentlich bezeichneten Forensen aus der Wählerliste beantragt. Daneben wird auch aus Ungültigkeitserklärung der stattgehabten Wahlen gellagt. An dem zähen Widerstande unserer Genossen müssen alle Machinationen der Gegner zerschellen. Bernau. In der letzten Stadtverdnetcnversammluug wurde über die Fest- stellung des EtatS pro 1912/13 verhandelt. Genosse H e l b i g refe- rierle als Vorsitzender der Etatskommission und gab bekannt, daß der Etat in Einnahme und Ausgabe mit 412 000 M. abschließt, mithin ein Mehr von 64 842,75 M. gegen das Vorjahr auflveise. In der Diskussion bemängelte K n ö s ch k c, daß aus Kosten anderer Titel wie Schule, Armenwesen usw. der Etat zum Ausgleich gebracht worden sei. Er gab der Meinung Ausdruck, daß bei Einführung der Grundsteuer nach dem gemeinen Wert verschiedenes gebessert werden konnte. Es wurde alsdann in die Spezialdiskussion ein- getreten und die einzelnen Titel durchberaten. Bei Titel IV: Bei- träge für Kirchenbeamte, wurde vom Genossen Krüger der Antrag gestellt, diesen Titel gänzlich fallen zu lassen; der Antrag fand einstimmige Annahme. ES sollen nun- mehr Verhandlungen über die Ablösung gepflogen werden. Bei Titel V betreffend die Unterbringimg armer kranker Schulkinder in Ferienheimen wurde auf Antrag der Etatskommission der Betrag von 200 auf 300 M. erhöht. Ferner wurde einer vom Genossen Knöschke eingebrachten Resolution zugestinimt, daß durch die Lehrer bei den Schulkindeni Erbebungen darüber stattfinden sollen, tvie viele von ihnen ohne Frühstück und Mittagbrot die Schule besuchen. Vorher ivurde der Antrag Knöschke, hierfür 300 M. einzustellen, gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Auf Antrag unserer Genossen wurde den Forstarbeiterinnen, welche bis- her einen Tagelohn von 1,50 M. erhiellen, ein solcher von 1,75 M. bewilligt. Die Gehälter der Lehrer und Beamten erfuhren in diesem Jahre durchgängig eine Erhöhung, über welche in der hier üblichen Form in nicht öffentlicher Versammlung verhandelt wurde. Der Etat wurde nachts 12 Uhr gegen die Stimmen unserer Genossen angenommen. In der leider nur schwach besuchten Mitgliederversammlung gedachte zunächst der Vorsitzende in ehrender Weise des verstorbenen Genossen Dörfel. Hierauf berichtete Genosse Kunze über die Kreis« Generalversammlung. In der darauf folgenden Diskussion Ivurde auf das VerhälmiS Groß-BerlinS mit Brandenburg besonders hin- gewiesen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß durch den an- genonnnenen Antrag Niederbarnims die Provinz in agitatorischer Hinsicht gewinnt. Aus dem Beriebt von Groß-Berlin, den Genosse Krüger erstattete, wurde besonders daS Stichivahlabkommen des ParteivorstandeS kritisiert. Die Maifeier soll folgendermaßen be- gangen werden: Vormittags 8 Uhr: Zusammenkunft im Gewerk schaftslokal vom Genossen Rich. Wünsche, Chausseestraße. 10'/z Uhr: Oeffentliche Versammlung bei Franz Salzinann, Basdorfer Straße. Nachmittags 1 Uhr: Ausflug mit Musik nach Kolonie Zepernick. Daselbst Konzert, Kinderbelustsgung und Unterhaltung für Erwarbsene. Abends>/z8 Uhr: Tanzunterhallung, Reigenfahren des Arbeiter- RadfahrervereinS. Ferner wurde noch beschlossen, am 1. Osterseiertag einen VolkSliederabend bei Salzmann abzuhalten. Der Anfang ist 7 Uhr, die Eintrittskarte kostet 30 Pf. Da zu diesem Abend gute Kräfte von Berlin gewonnen sind, wird auf guten Besuch gerechnet. Eintrittskarten sind bei den Partei« und Gewerkschaftsfunktionären zu haben. Nach Erledigung einiger interner Angelegenheiten forderte der Borsitzende noch auf, reger wie bisher die Versammlungen und die Zahlabende zu besuchen. Potsdam. Stadtverordiietenversammlung. Die Sitzung brachte die Schluß beratungen des EtatS: Die Allgemeine Verwaltung schließt in Einnahme mit 782 645 M. und i» Ausgabe mit 1 016 917 M. ab. Bei diesem Kapitel sind 17 710 M. als Zinsen für den Flugplatz an der Pirschheide eingestellt: einen Zuschuß, den die Stadl bis zur Eröffnung zahlen»miß. Festgesetzt»verde» weitere Kapitel: Witwen- »ind Waisenversorgung, Einnahme 68 200 M.. Ausgabe 71030 M.; Geineindeschulen, Einnahme 32 000 M., Atisgabe 435 830 M.: gewerbliche Fortbildungsschule, Einnahme und Aiisgabe 37 490 M. sHier soll noch eine Reorganisation dieser Schule beschlossen werden).— Kapitel Schuldenver w alt u»ig, Einnahme 808 000 M.. Ausgabe 1 388 500 M. lieber-inen Beitrag von 6000 M. für Höherlegung der Bahn Potsdam— Wildpark schwebt noch ein Prozeß.— Die G e m e i n d e a b g a b e n sind auf 1 801 900 M. in Einnahtne und 7200 M. in Ausgabe ver- anschlagt. Stadtv. Kiesche frug an, ob cS sich nicht empfehle, bei der WertzuwachSsteuer eiiieii städtischen Zuschuß zu erheben. Jetzt crichieiicil die Hauöbesitzervertreter sofort aus dem Plan und klagten, daß der Grimdbcsitz schon stark belastet seiS-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Weiterbureau. ü", Wasserstand Memel, Tilsit P r e g c l, Justerburg Weichsel, Thon» Oder, Raitbor , Krassen . Fraiiliurt Warthe, Schrimm . Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmcritz , Dresden Bcrby . Magdeburg + bedeutet Wuchs,— Fall.— st Unterpegel. ■■%' ÄW V in im» ii" ii«»in w——■ >1 yHKjfcßuHsJfclP i J i» sssssssssssos Fcrn«:.rechcr.Vörden 007. Zum Umzug auffallend billig herabgesetzte Preise. Metall■ Bettstellen verwandeibare Sciildtinöbel Bett-Sofas Bett-Stühle Bett-Chaiselongues Bett-Kommoden »Metall-Waschtische >» � WVWVV WWWVVMVWV . Eiserne Gartenmöbel WWWWWWWWWWWWWW» und verwandelbare Matratzen neuester Systeme mit Auflagematratzen in allen Füllungen Schlafmöbel-Fabrik, Berlin C., Am Stadtbahnhof„Börse46 4» Otto Schulz, Bei Bezug»af diese Zeitung Rnbntt. (am Hauptelngang) Preislisten kostenfrei.— Reparatnren in eigener Werkstatt. 1 l ZZIAZ, MC"fj r KZOOHHHt Unserem Bezirksführer Paul lillricli H nebst seiner junxen prso G W die herzlichsten Glückwünsche K « zur Hochzeit.» « Die Genossen des 794a Bezirks. M �SSKAIsSSSßSEESL�' Todes-Anzeigen Ä�isIiiellioliMzcliei'VsIiIvepeiii tirr cik-n S.SeMerKeictiZtM-VsIiIIlreiz. Den Milgliedeni zur Nachricht, daß unser Parteigenosse, der Dekorateur (iottkrieä Grande Bezirk 238(früher Bezirk 263) gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. April, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle deS Neuen Luisen-KirchhoseS in der Hermannstratze aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borttaiid. 8llm!öen!g!i!'slizcKei'Mvei'i!ni für Schöneberg. Am 30. März verstarb nach langen Leiden im Alter von 24 Jahren unser Mitglied, der Tischler S®zm1 Engel. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute, Mihwoch, den 3. April, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen. Halle des zweiten städtischen Fried- hoseS(Blanke Hölle) aus statt. " � Ter r"' 1 15)11 mm Borstand. Sozialdemokrät Mmck NeukSiln. Den Mitgliedern zur Nachricht, | dag unser Genosse, der Maler August Buchholz Rosenstr. 24 veestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 3. April, nachmittags 41/?UHr, von der Leichenhalle deS Neuköllner Kirchhofes, Mariendorfcr Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Svr V�rstsn«!. Deutscher Holzarbeiter- Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Stellmacher Hermann Seehafer am 28. März im Alter von 35 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, den 3. April. nachmittags 4 Uhr, von der FriedhosS- Halle in Ahrensfeldo aus statt. Abf. 3,15 Wriezener Bahnhof. vis ortsvorvattung. Uerband der Maler, Falkierer, Anstreicher vsw. Filiale Berlin. Bezirk Norden. Unseren Mitgliedern zur Nachricht, dag der Kollege Xugust Buchholz (Bezirk Neukölln) verstorben ist. 128/16 Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung findet am Mitt- woch. den 3. April, nachmittags i'l, Uhr, von der Halle deS Ge- meindctriedhoses in Neukölln, Maricndorser Weg, aus statt. Die Dillsvevinsltunx. Allen Bekannten, Freunden und Berwandten. zur Nachricht, dag meine liebe Frau �Harie Buttler geb. Zimmermann am 30. März nach schwerem Leiden verstorben ist. DicS zeigt tiesbetrübt an JnliuS Buttler und Sah». Tie Beerdigung findet am Mittwoch, den 3. April, nach- mittags St'f, Uhr, von oer Leichenhalle des Neuköllner Friedhoses, am Mariendorscr Weg, aus statt. Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Filiale«roß- Berlin. Sektion Gasanstalt Gttschinerstr. Durch den Tod ist uns unser Kollege �onesiek entrissen worden. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung findet am Mittwoch, den 3. April, nachm. Uhr, von der Leichenhalle der Sl. Michacls-Gcmeinde, Marien- darf, aus statt. Ferner starb der Kollege kränz Zander Sektion VII, Vieh- u. Schlachthof. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 3. April, nachm. >/z4 Uhr, in Friedrichsselde auf dem Zentral-Friedhos statt. 33/20 Die Ortsverwaltnng. Deutseber Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, dag mrser Mitglied, der Dreher IWax Genzmer am 1. April gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. d. M., nach- miltags 4 Uhr, von der Leichen- balle des Gemeindc-Friedhofes in Ober-Schöncweide aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. I�acbmf I Den Kollegen zur �Nachricht, dag unser Mitglied, der.Schmelzer Otto EJulcH am 30. März gestorben ist Den Kollegen zur Nachricht, dafi unser Mitglied, der Werkzeug- wacher Paul Schmidt am 29. März gestorben ist. Ehre ihrem Andenke« k 115/2 Die Ortsverwaltung. Am Sonntag 12'/, Uhr der- schied nach langem schweren Leiden meine liebe Frau, unsere gute Mutter 2724L Blise Dallmaim geb. Gudow. Die Beerdigung findet heute nachmittag 3 Uhr auf dem Ge- meindc-Friedhof in Treptow, Neue Krugallec, statt. Tallmann. Elsenstr. 38. Verband der kabrftarbeiter Deutschlands. Nachruf. Am Freitag, den 29. März 1912 verstarb unser Mitglied Uithetm Heckmann. Ehre seinem Andenke«: 57/10 Die Drtsvenraltung. Danksagnng. Für die rege Beteiligung und vielen Kranzspenden bei der Beerdi- gung meiner lieben Frau und Mutter sagen wir allen Verwandten und Bekannten, besonders dem Wablverein und der Freien Turnerslbast von Rummclsburg, dem Maschinisten- und Heizerverband Oberschöncwcidc, den samllichcn Kollegen der B. E>W., sowie dem Männerchor Boxhagen- Rummelsburg unseren herzlichsten Dank. Gustav Bliislnc nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters sagen wir hiermit allen Teilnehmer« unseren herzlichsten Dank. 2725L Wwe. Grell nebst Kindern. Danksagung. Für die herzliche und rege Teil« nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, meiner drei Kinder treusorgenden Vaters, sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten, sowie dem Zentralverband der Maschinisten, Heizer und Berufs- genossen Deutschlands(Vcrwaltungs- stelle Grotz-Berlin), dem Wahlvcrein Bezirk Rummclsburg(Kreis Nieder- barnim), den Ingenieuren und Mit- arbeitern der Tiesbau-Gescllschast un- seren tiefgesühlteslen Dank. Wwe. tünliiinx nebst Kindern, Rummelsburg, Sonntagftr. 3. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben, treu- sorgenden Vaters sagen wir allen Freunden und Bekannten sowie den Kollegen der Firma Schwarz».Fröhlich »nseren herzlichsten Dank. Witwe Dngeratiien und Kinder. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau und Mutler, Schwiegermutter und Grotz- mutier �WilKelmine Xdeske lagen wir allen Verwandten. Freunden und Bekannten, welche ihr die letzte Ehre erwiesen, unseren herzlichsten Dank. 1001b Familie Heinrich Noeske, Danksagung. Für die herzliche Tellnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und herzensguten Vaters sagen wir allen Verwandten und Bekannten, besonders den Kollegen der Firma Henschke u. Buchholz sowie der Freien .öilsskasse der Metallarbeiter uno dem Deutschen Metallarbeiter- Verband unseren tiefgefühltesten Dank. Witwe Klara Scbaper and Sobn. Extra- Abteilnns 1 1. Gesch.: BerlinW., Mobren- 1 StraSe37a(2. Haus von der| Jerusalemer StraSe). |ll. Gesch.; Berlin NO., GreBel Frankfurt. Str. 115(2. Haus| von der AndreasstraSe). 1 Sehrgr.Ausw. fert. Kleider, I I Hille, Handschuhe, Schleier 1 lote. v. einfachsten bis zmul j hochelegant. Genre z. äußerst J niedrigen Preisen. Sonder-Abteilung: Maßanfertlgang i 10 bis 12 Stunden. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. PriuzenslF. 41, HdicrÄ 10— 2. 5— 7. Sonntags 10—12. 2— 4 Verband der Gemeinde- nnd Staatsarbeiter. Filiale Groß-Berün. Freitag, den 3. April 1912, vormittags lO'/g Uhr, im„Gewerkschaftshaase", Engelufer 13(großer Saal): Außerordentliche General-Versammlung (Fortsetzung der General-Versammlung vom 29. M Tagesordnung: 1. Statutenrevision auf dem Verbandstage in München(Fortsetzung der Beratung). 2. Die Delegiertenwahlen zum Verbandstage. 3. Verbandsangelegenheiten. Kollegen und Kolleginnen! Erscheint pünktlich in dieser sehr wichtigen Versammlung. Nur Mitglieder unseres Verbandes haben Zutritt; das Mitgliedsbuch ist am Saaleingang vorzulegen. 33/19____________ Pie OrtBTerwaltnng. Srj). Verwaltung Berlin. Urania-Vorstellung Taubenstrasie 48/49 Sonntag, den 7. April 1912(1. Osterfeiertag): > Von stieran TUM Ortler.=== Vortrag mit Lichtbildern. Der Phhfiksaal wird um 4 Uhr geöffnet. Die Vorstellung beginnt pünktlich 5 Uhr.— Billetts a 65 Pfennig inkl. Garderobe sind wi Bureau, Enge!- nfer Nr. 14/15, zu haben._ 81,9 Achtung! 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BERI.IMSW., Kitte retr. 83 Erstklassige Ware. Zigarren h&ndlem bestens empiohl — Ta rl färbe it.— Buchhandlung Vorwärts Llndenstr. 69(Laden). Soeben erschien: 246/20 Die Wechuwachsstever. ReichSgefetz vom 14. Februar 1911. Von Albert Södekum. (Heft 12 der Sozialdemokratischen Gemeindepotittk.) Preis 1 M. BereinSauSgabe 40 Pf. 8. Goldtnann. 'Beralttwortltcher Redakteur: Albert Söachs. Berlin, gut de» Extra-Angebot wegen Räumung!''vi�,�biircr � ca. 800 neue elegante Anzüge und Paletots von 15 bis.. 25 m. D wSß�r0a�e Jackettanzöge, Rockanzuge, Paletots, 8Cs0Bn,enl>eil�sSeide.!8 m. D Damen-Kostüme, Kleider, Tuchmäntel, Wil". HersMUujft3zptri5 bu 30 st Perner vom Versatz � Ksttsn, RjngB, WäSCbO, TeppiChO USW. Än Proiseem verkauft Lnjeraienteu veranlw.: Th. Glocke, Verltn. Druck u. Verlag: Vorwärch iöuchvruckerel u. Vertagsanpatt Paul«inger».Elb, i&eUinöVV, 2t. 79. 29. Jahrgang. 4. örilM des.Amiills" KM« Mtw«ch, Z M>»lZ. Versammlungen. Verband der Maler, Lackierer und Anstreicher. Die Filiale Berlin des Malerverbandes hielt am Donnerstag im großen Saale des Gewerkschaftshauses eine Mitgliederversammlung ab, die sich mit dem Jahresbericht für 1911 zu befassen hatte, der in einer 44 Seiten starken Broschüre gedruckt vorliegt. Die Filiale hatte im verfli-ssenen Jahre verschiedene Lohnbewegungen und Kämpfe zu bestehen; sie endeten fast alle mit gutem Erfolg. Die Lackierer hatten in der Möbelbranche im Frühjahr eine Lohn- bewegung, die zum Abschluß eines Lohntarises mit den einzelnen Unternehmern führte, durch den die Arbeitszeit auf 9 Stunden, der Mindestlohn auf 70 Pf. festgesetzt wurde. Nur in zwei Betrieben kam es bei dieser Bewegung zum Streik. Eine allgemeine Lohn- bewegung fand ferner in der Zahlstelle Strausberg statt, ver- lief auf friedlichem Wege und brachte tarifliche Einführung des neunstündigen Arbeitstages und Festlegung eines Mindestlohncs von 62 Pf., für die unter 20 Jahren alten Gehilfen von 60 Pf., sowie verschiedene andere Vorteile. Eine Lohnbewegung in Bernau hatte ebenfalls, allerdings erst nach siebentägigem Streik, den Abschluß eines Tarifvertrages mit der neunstündigen Arbeitszeit zur Folge und mit Mindestlöhnen, die jedoch um 2 Pf. geringer sind als in Strausberg. Außerdem war ein größerer Teil der Mitglieder an der allgemeinen Lohnbewegung in der Berliner Geldschrankindustrie beteiligt, die mit einem neuen Tarfvertrag endete und Lohnerhöhungen von 4 und 2 Pf. brachte. Im übrigen fanden Lobnbewegungen, teils mit, teils ohne Streik, in ver- schiedcnen Wagenfabriken, Karosserien und Automobilfabriken statt, und überdies waren Mitglieder des Verbandes an Lohnbewegungen und Kämpfen in anderen industriellen Betrieben beteiligt oder dabei in Mitleidenschaft gezogen. Bon der Maiaussperrung im ver- flossenen Jahre waren 91 Mitglieder betroffen. 29 im Baugewerbe und 62 in der Mchenmöbelbranchc. Einen breiten Raum in dem Bericht nimmt der Abschnitt„Soziales" ein. Es handelt sich hier um die für Leben und Gesundheit im Malerberuf so außerordentlich wichtige Bleiweißfrage. Die seit einigen Jahren bestehende Bundes- ratsverordnung über die Verarbeitung bleihaltiger Farben hat im allgemeinen nicht viel genützt. Die Beseitigung der Vergiftungs- erscheinungen ist eben nur durch ein vollständiges Verbot der Ver- Wendung bleihaltiger Farben zu erreichen. Das wird immer wieder hervorgehoben von der Organisation, die im übrigen ihren Ein- fluß, soweit wie nur irgend möglich, geltend macht, um das Bleiweiß, für das es durchaus hinreichende Ersatzmittel gibt, zu verdrängen. Nachdem in Berlin seinerzeit schon der Beschluß gefaßt wurde, wonach bei den städtischen Bauten Blriweiß für die Jnnenarbeit nicht mehr verwendet wird, hat der Filialvorstand sich in derselben Sache auch an sämtliche Vorortsgcmeinden gewandt, und zwar mit dem Erfolg, daß bis Ende des verflossenen Jahres 10 Stadt- und Gemeindeverwaltungen der Anregung Rechnung getragen hatten. Eine unrühmliche Ausnahme bilder jedoch Boxhagen- R u m m e l s b u r g, wo der Gemeindevorstand von der dortigen Malcrinnung die Auskunft erhalten hatte, daß das Bleiweitz bei der nötigen Körperreinigung ungefährlich ist, und aus diesem Grunde das Ersuchen, das Bleiweitz bei den kommunalen Bau- arbeiten auszuschalten, ablehnte. Bei den privaten Arbeitgebern haben, wenigstens soweit die Industrie in Frage kommt, die Ersatz- stoffe, namentlich das Zinkweiß, das Bleiweitz mehr und mehr ver- drängt, und dies war bis Ende des Jahres in rund 20 Proz. der Betriebe und für über 20 Proz. der im Berufe Beschäftigten der Fall. Zwei Bautenkontrollen, die im Laufe des Jahres veranstaltet wurden, um festzustellen, wie weit auf den Bauten die Bundesrats- Verordnung befolgt wird, haben zwar ergeben, daß man sich immer mehr danach richtet, daß sie aber doch noch nicht überall durch- geführt ist. So hat sich noch bei der zweiten Kontrolle gezeigt, daß unter den 410 kontrollierten Arbeitsstellen 2 waren, wo der Umkleideraum als Farbenbude benutzt wurde. Waschgelegenheit war zwar überall vorhanden, aber auf einer Arbeitsstelle wird sie als mangelhast bezeichnet, und an Bürsten fehlte es auf 72, an Handtüchern auf 70 Arbeitsstellen. Der Arbeitsnachweis wurde in diesem Jahre wiederum von Arbeitnehmern wie von Arbeitgebern starker benutzt als im vorigen. Einschreiben ließen sich im Laufe des Jahres 13 033 Arbeit- suchende(1910: 11629), Stellen wurden gemeldet 13 329(1910: 10 289), besetzt davon durch den Nachweis 8162(1910: 7218). Dazu kamen noch 1110 Stellen nach auswärts, von denen 913 besetzt wurden.— Die Bibliothek der Filiale umfaßt jetzt 939 Bände, und die Zahl der Ausleihungen betrug 971. In einigen ent- fernteren Bezirken der Filiale bestehen besondere Bibliotheken mit im ganzen 222 Bänden, und dort war die Zahl der Ausleihungen 367. Die Jahresabrechnung weist eine Gesamteinnahme von 246 279,38 M. auf, der 134 648,94 M. Ausgaben gegenüberstehen. Der Kassenbestand ist von 100 812,23 M. auf III 630,44 M. ge- stiegen. An die Hauptkasse wurden 66 207,21 M. abgeliefert. Der größte Ausgabeposten auf Rechnung der Hauptkassc ist der für Krankenunterstützung mit 17 337 M. Die Arbeitslosenunterstützung erforderte 4642 M., die Streikunterstützung 1782 M. aus der Hauptkasse und 667,70 M. aus der Filialkasse, aus der im übrigen auch 2000 M. den streikenden Tabakarbeitcrn zur Verfügung ge- stellt wurden. Zum Maifonds wurden 1018,72 M. beigesteuert. Die Mitgliederzahl der Filiale stieg im Laufe des Jahres von 2977 aux 6191. An den Bericht schloß sich eine rege Diskussion, in der unter anderem hervorgehoben wurde, daß vor allem auch mit Rücksicht auf die bevorstehende Lohnbewegung noch mit größtem Eifer für die weitere Stärkung der Organisation gesorgt werden muß. Ferner wurde über den Nachweis gesprochen und darüber geklagt, daß die Unternehmer fast immer junge Leute verlangen, es den älteren dadurch sehr schwer gemacht wird, Arbeit zu erhalten. Jedoch wurde auch nicht verschwiegen, daß die unzureichende Inanspruchnahme des leider nicht obligatorischen Arbeitsnachweises zu einem guten Teil davon herrührt, daß eine große Anzahl Berufsangehörige sich auf anderem Wege Arbeit sucht. In die Ortsverwaltung wurden gewählt als Schristföh*« M. Stein, als Beisitzer Richter und Klotz, als Revisoren Hansen und B. Stein. Als Mitglieder zur AgitationS- kommission für den 1. Bezirk des Verbandes wählte die Ver. sammlung Ringel, Wendel und, als Vertreter der Lackierer, Walter Hase. Marktbericht von Berlin am 1. vprll 1912, nach«nttittel des königl. Polizeipräsidiums. Marktballenpreise.(Kleinhandeli 100 Kilogramm Erblen. gelbe, zum Kochen 34,00—20,00, Speifebohnen, weisi«, 35,00—66,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln lKIeinhdl.) 8,00-12,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,30—1,80. Kalbfleisch 1,40—2,60. Hammelfleisch 1,20. Butter 2,60-3,20. 60 Stück Eier 3,40—6,00. T Kilogramm 1,30—2,1 Karpsen 1,00—2,40. Barsche 1,00—2,00. 4,00—30,00. Aale 1,80— 3,20. Zander 1,60—8,60 Hecht- 1,40—8,60. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,40. 60 Stück Krebse EIN SCHICKES KOSTÜM s gute Ware— gut verarbeitet iamos sitzend auf«Seide Blau Kammgarn-Cheviot 19" Phant-Stoff engl. Art 19" das ist einer von den zaKl- reicKen Posten» die nicHt nur tagtäglicH unsere Runden in Erstaunen setzen, sondern jetzt sogar hiesige Mäntel-Fabrihanten In franz. Art mit reicher Stickerei von 12« 8200 sicH lebHaft für die Billigkeit unserer Ware w interessieren lassen. Für uns nur ein Grund mehr, unsere KundscKaft, wenn möglicH, nocH vor-® teilhafter zu bedienen. 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Für de» Snseralenteil»erentw.: Ttz. Glocke. Berlin. Druck u.Veriag: vorwärt,»usbfitutfeiei u- Bertagöanstatt K«!«.»k, LeUi« SM,