Nr. �4. � Jahrg. flbonncments-Bedlnaühöen: lü�n? W VIe Inkertionz-eebuh? «bonnements- Preis dränumeraiidoi W> SW l fcM V/ wB Wl W> HK WM S* �WWM�WKWs»- � vekZgt für die scchSsesvaltene Kolonel. BiertelM Ml. m°n°U l�°Mk. W'MW W//WWW W Ws W z.ile oder deren«P«!sk. wochenllich 28 Pfg. srer ms Haus. gM �WZ W W W W W W W W W // W P politische und«ewerlschastliche Lereins. Einzelne Nummer S Plg. Sonntags. JiSsO\CJK3B BH U> H'•) H» DW» KA kg IA Q WM p— // und Versammlungs-Zlnzeigen 30 Psg. »ummer mit illuslrierlcr Sonntags. �WWD KpHM I Wl Wll BH KS■ Wi mm KS»81 V) KM GH //„Klclne Anzeigen", das fettgedruckl- Bcilage.Die Neue Welt» 10 Pfg� Post. MWB\\ Kl 1 W W W W W W SS W W W«i» I AL. Wort 20 Pfg.(zulässig L setta-druckt- Wonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. I I SH| kg S> W WM Worte), jedes weitere Won lO Psg. Eingetragen m die Post- Zeiwngs. � KA WR W W BA\ �W�WsHlV Skk Bttl W H �*F9W f Stellengesuche und Schlasitellcnan. Preisliste. Unter Kreuzband ,ur I Wg HlklSx �MM>— 1 SK.\ W zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes Deutschland mrd Oesterreich. Ungarii �g WM) WM) weitere ZLort 5 Psg. Worte über ISBuch. 2 Marl, für das übrige Ausland BP� Zf Z' W» jtaben zählen für zwei Worte. Inserate S Marl pro Monat. PostaboiinementS � Z�_ iur die nächste stummer müssen bis nehmen an: Belgien. Dancmarl, Av/f—____ O ▼/» Uhr nachmittags in der Expedition tolland. Italien. Luxemburg. Portugal, C/( v-ZD � VS>�\•Z � abgegeben werden. Die Expedition ljt UMänien, Schweden und die Schweiz. V ✓ bis 7 Uhr abends geöffnet. ««.i. Vevlinev Volllsblnkk. �entralorgan äer fo2ialclemokratifcken Partei Daitfcblands. Redaktion: 8 Tl. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Morihplatz, Nr. 1S83. ver iiortltleutsche Lloxs. Aus Bremen wird uns geschrieben:* Nachdem des Krieges Stürme im Reichstag und im Ruhrgebiet vorüber sind, dürfte es an der Zeit sein, die Ocffentlichkeit auf eine Enthüllung aufmerksam zu machen, die von der gesamten bürgerlichen Presse mit voller Absicht totgeschwiegen worden ist. Vor einigen Wochen erschien im Heft 11 der Hamburger„Zeitschrift" unter der Ueber- schrift:„Bremen oder der Lloydl" ein Artikel von offenbar gut unterrichteter Seite. Du der Subventions- vertrag des Norddeutschen Lloyd mit dem Reiche 1914 abläuft und die Ausschreibung jetzt erfolgen dürfte, sind die Fest- stellungen des„Zeitschrift"-Artikels besonders bcachtlenswert. Der Lloyd, der die deutsche Post nach Ostasien und Australien besorgt, wird seit 39 Jahren vom Reiche sub- ventioniert. Er erhält 6 Millionen Mark. Dazu sagt nun der Artikelschreiber: „Der kluge Rechner ist darauf bedacht, die Zuschüsse möglichst bald zu verringern und am Gewinne teilzunehmen. Er will das Unternehmen nur in der ersten Zeit über Wasser halten. Dann -wird er am Gewinne partizipieren. So ist es auch im Sub- vcntionsvertrag ausgedrückt. Aber der Finanzier, das Reich, hat, statt an einem Gewinn partizipieren zu können, immer größere Summen ins Geschäft werfen müssen. Dreißig Jahre lang hat der Lloyd die Linien nicht rentabel gestalten können, während links und rechts neben ihm andere Schiffahrtslinien mit Gewinn arbeiten und ihren Geldgebern gute Zinsen bringen. Woran liegt das? Die Berichte des Lloyd sagen, daß auf den subventio- liierten Strecken an Fracht und Passage kein Mangel sei. Nur zwei Fälle sind denkbar: Entweder sind die Rechnung s- legungen des Lloyd einer Nachprüfung bedürs- tig, oder es sind in der Organisation des Lloyd Fehler vorhanden, die ein gewinnbringendes Arbeiten unmöglich machen." Mit der zweiten Vermutung soll— der Verfasser schreibt einen sehr vorsichtigen Stil niit zahlreichen Hintertüren— offenbar der Meinung Ausdruck gegeben werden, daß diese „Fehler" in der Organisation auf wohlerwogener.Absicht be- ruhen. Auf jeden Fall ist eins sicher:„Das Unternehmen steht vor der Versuchung, eine Unterbilanz herauszurechnen, weil es in diesem Falle dem Reiche, seinem Geldgeber, keinen Gewinnanteil auszahlen muß und alle Gelder im Betriebe für sich selbst verwenden kann." Und dieser Verdacht ist denn auch keineswegs neu: '„Im Reichstage, bei der Erhöhung der Subvention im Jahre 1910, ist bei den Abgeordneten ein Mißtrauen rege gewesen, und es ist deutlich gefragt worden, ob denn die Berechnung nach§ 36 des Subventionsvertrages aufgestellt sei. In einem angesehenen Finanzblatt ist 1916 behauptet worden, die Abrechnungen seien vertragswidrig aufgemacht. Am Regierungs- tische wurde auf die Interpellation Raab geantwortet, der 8 36 sei erfüllt. Wo ist in öffentlicher Verhandlung der Nachweis geblieben?" Der Verfasser rechnet nun nach, daß der Lloyd im Ver- gleich mit anderen Linien eine sehr geringe Dividende erzielt, nämlich nur 4.3 Proz. im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Diese Tatsache sei allgemein bekannt. Aber die Kritik schweigt: „Die deutsche Presse hat vor unseren Schiffahrtslinien einen allzu hohen Respekt. Jahrelang hören wir nur Lobpreisungen und lesen nur Nachdrucke aus den Korrespondenzen der Reedereien, den Hamburger Beiträgen und dem Leuchtturm. Und die Kritik? Da sitzt so ein armer, kleiner Redakteur und will es mit den großen Reedereien nicht verderben. Die großen Reede- reien sind generös mit Freifahrten. Wer hat das Geld, um mit Familie nach Ostasien oder Australien, Indien oder nach Kon- stantinopel reisen zu können. Bei der Hapag und beim Lloyd kannst du es haben. Gratis, Luxuskabine. Du verpflichtest dich nur, ein Buch oder eine Broschüre oder eine Serie von Artikeln in verbreiteten Zeitungen zu veröffentlichen. Als Titel hast du zu schreiben:„Mit dem„Meteor" oder dem„Kleist"(oder sonst einem Dampfer) nach Neapel, Indien oder China." Du er- wähnst recht häufig, wie gut du verpflegt wirst an Bord, wie köstlich der Aufenthalt ist, lobst die Reederei und fährst dann auch gratis wieder nach Hause. Die Reederei betreibt dies System nicht etwa als Mäcen, sondern nur als Reklame suchender Geschäftsmann. Das ist nicht so, als ob eine Thcaterdirektion dem Theaterkritiier Billette zur Verfügung stellt. Bis jetzt ist es noch nicht geschehen, daß einer dieser Reise- kritiker an den Einrichtungen des Schiffes etwas bemängelt hätte, was er vielleicht doch getan hätte, wenn er die Reise auf eigene Kosten unternommen hätte." Der Verfasser macht darauf eine Abschweifung, um die Bedcutuna des Lloyd für Bremen klarzulegem Diele Ab- schweifung ist im Grunde nur ein stilistischer Schachzug, um einige weitere höchst bezeichnende Tatsachen in scheinbarer Harmlosigkeit vorbringen zu können. Nämlich:> Für 1911 zeigte sich folgende merkwürdige Tatsache: die ein- heimischen 14 Vorstandsmitglieder des Lloyd sind insgesamt als Aufsichtsräte in Bremen 43malan21 Gefells chaftenbe- t e i l i g t. Sie sitzen im Lloyd zusammen, sie treffen sich in dieser oder jener Gesellschaft wieder, beraten auch über deren Schicksal und regieren so die Stadt. Herr Plate ist fünfmal Aufsichtsrat, Fr. Achclis sechsmal, Mclchers einmal, Kaspar G. Kulenkampf fünfmal, Nolze zweimal, Wätfen viermal, Z. K. Donnerstag, den 11. Alpril 1N1Ä. Victor und H. Kulenkampf gar nicht, desgleichen der neu hinzu- gekommene Herr Dr. Greve; dagegen F. Hincke achtmal, PH. Heineken viermal, Fr. Bremermann viermal, Chr. Leist einmal, A. Petzet dreimal. Dies Verzeichnis bezieht sich nur auf Stellun- gen im Aussichtsrat und sagt nicht, wievielmal die Herren noch als Direktoren oder Aktionäre an weiteren finanziellen und industriellen Unter- nehmungcn beteiligt sind. In Bremen findest du stets dieselben Namen wieder, stets dieselben Männer. Hinter allen steht der Lloyd. Dieser liefert ihm, jener arbeitet für ihn, der wieder schreibt für ihn, bezieht Pension von ihm." Die Republik Bremen mit dieser ihrer Inzucht so meint der Artikelschreiber, ist dem Untergang geweiht. Was für Anstriengungen, und mit was für Mitteln sie gemacht werden, um Äremen, d. h. dem Lloyd, aufzuhelfen, dafür werden ein paar allerliebste Beispiele angeführt. Die Wasserverhältnisse sind sehr ungünstig: „Preußen und Oldenburg haben die Flußgewalt und ziehen Vorteil daraus, daß die Schiffe nicht bis Bremen-Stadt gelangen können und in Bremerhaven oder Geestemünde anlaufen müssen. Bremen fühlt sich unbehaglich, sieht seine Existenz bedroht, handelt, bietet, spricht bedrohlich, bittet und setzt es endlich durch, daß die beiden großen Brüder, Preußen und Oldenburg, ihm das Recht einräumen, die Weser auf fünf Meter zu vertiefen. Die Sache ist also in Ordnung. Nach Jahr und Tag fragt sich aber ein ganz Schlauer:„Wie geht denn das eigentlich zu...? Im Hafen liegen Schiffe von sechs Meter Tiefgang und die Weser ist nur fünf Meter tief!" Die Frage geht von Mund zu Mund. Ja, natürlich, die Sache hat ihre Richtigkeit. Die Weser ist fünf Meter tief und von der See kommen Schiffe mit sechs Meter Tiefgang ungehindert hereingcschwommen. Eine Kommission beginnt— sicherheitshalber— eine mit würdiger Emsigkeit be- triebene Lotung, fährt auf dem Strome spazieren, lotet hier, lotet da und stellt fest, daß wirklich nicht daran zu zweifeln sei: die Weser'ist sieben Meter tief. Wer hat nun das gemacht? Wer hat den Vertrag gebrochen? Ja, da muß man sich an den Oberbaudirektor Franzius halten. Aber Oberbaudirektor Fran- zius sagt, er sei Angestellter der Stadt Bremen und man möge sich an die Stadt Bremen halten. Das tat Preußen auch. Aber was sollte es denn nun macheti? Sollte es verlangen, daß Bremen mit großen Kähnen dahergeschwommen käme und die Weser wieder zuschütte?... So verging einige Zeit. Da genügten sieben Meter schon nicht mehr und die Frage entstand, wie man das Preußen und Oldenburg begreiflich machen könne. Recht augenfällig, so daß an der Notwendigkeit weiterer Ver- tiefungen nicht mehr zu zweifeln wäre. Man hätte den beiden Großen das Recht zur Vertiefung vielleicht abkaufen können. Aber ein tüchtiger Hanseat versucht die Sache so billig wie möglich zu bekommen. Damals ließ die Aktiengesellschaft„Weser" das Kriegsschiff„Westfalen" vom Stapel. Das Schiff wurde mit Kanonen beladen, soviel nur irgend Platz hatten, dann wurde alle mögliche Ausrüstung darauf gepackt, was man ja auch hätte draußen machen können. Aber man erreichte doch glücklich, daß das Schiff bei der Ausfahrt sitzen blieb. Da saß es nun in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit und demonstrierte so eindringlich wie nur irgend möglich die Notwendigkeit einer weiteren Ver- tiefung der Weser." Aber, meint der Verfasser des Artikels weiter, auch mit solchen Mätzchen ist der Lloyd nicht zu retten. Denn er wirt- schaftet nun einmal unrentabel: „Der Lloyd ist schon lange keine Reederei mehr, sondern ein Finanzierungsinstitut für eine Unzahl von dritten Unterneh- mungen, die mit Schiffahrt nichts zu tun haben. Die Schiffe laufen nur als Dekoration, um das Bankgeschäft zu kaschieren. Wie aber wird das Bankgeschäft geleitet? Unrentabel!... 1991 betrug die Beteiligung an dritten Unternehmungen 3 299 999 M. Der Gewinn daraus belicf sich auf 1 618 191 M. Nun ist aber das Merkwürdige, daß sich die Antcilsummen an dritten Unternehmungen unaufhaltsam vergrößern, erst auf 14, dann auf 17, 18, 24, 39, 34 und 49 Millionen Mark. Dagegen stagniert die Gewinnsumme und wächst niemals an. Nein, sie verringert sich sogar! Also an 49 Millionen verdient der Lloyd heute 1 299 000 M., während er früher an 3 Millionen ganze 499 999 M. pro Jahr mehr herauswirtschaftetc." Der vorsichtige Artikelschreiber attestiert hierauf den Di- rektoren für alle Fälle, daß sie„als achtbare Kaufleute und ehrenwerte Männer anzusehen" sind. Ein„ehrenwerter Mann"... man denkt unwillkürlich an Brutus. Sollte der sorgfältige anonyme Stilist nicht auch„unwillkürlich" an Brutus gedacht haben? Die vom Reichsamt des Innern aufgestellte Statistik bildet die einzige Rechnungsablegung, die den Abgeordneten bei den Verhandlungen über die Subventionserhöhung vor- gelegt wurde. Sie enthält aber kein Wort über die Einnahmen aus Fracht- und Personen- verkehr, obwohl Z 36 des Subventionsver- t g e s die Angabe dieser Einnahmen vor- s e i b t. � Ferner: Die Hapag fuhr fünf Jahre lang gemeinsam mit dem Lloyd, indem sie zwei Dampfer in die Ostasienroute einstellte. Als die Hapag sich in den Geschäftsbüchern des Lloyd orientiert hatte, zog sie sich zurück! Während weiter andere Linien auf der Australienroute mit Gewinn fahren, erzielt der Lloyd auf ihr keinen Gewinn; d. h. auf der Subventionslinie keinen. Aber er läßt seit 1995 außerdem noch eine Frachtlinie laufen, und die— reu. t i er t j i ch, rentiert sich, obwohl der Vertrag demKanz- Expedition: 8 Tl. 68, Lindcnstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. ler vorschreibt, Gegenmaßrcgeln zu ergreifen, wenn er sieht, daß die Reederei sich auf den Sub- ventionslinien selber Konkurrenz macht. Woran der Kanzler natürlich nicht gedacht hat. „Nun komnit aber— so heißt es weiter— noch da? Schlimmste: Während hier solche Sachen auftauchen, besteht die Möglichkeit, daß die kanadische Regierung mit englischen Geld- gcbcrn auf Basis von 25 Millionen Dollar eine neue Linie einrichtet. Desgleichen veranlaßt die russische Regierung die Frei- Willigenflotte, eine Schnelldampferlinie nach La Plata und dem Schwarzen Meer einzurichten. Die bevorstehende Eröffnung des Panamakanals wird eine ganz neue Konstellation im internatio- nalcn Verkehr herbeiführen. Die Deutsche Bank, der frühere Geldgeber des Lloyd, arbeitet mit dem Fürstenkonzern, dem Besitzer der Lcvantelinie, zusammen, hat dadurch Verbindung mit einer rentablen Gesellschaft bekommen und braucht den Lloyd nicht mehr, wenn die Bagdadbahn etwa spätes eine Dampferlinie zur Frachtbcfördcrung fordert..." Mit anderen Worten: der Lloyd ist nicht mehr kon- kurrenzfähig. Es gibt, meint der Verfasser des Artikels, nur einen Ausweg: Der Lloyd darf kein Bankinstitut mehr sein, kein Trust, der in sich selbst alles deckt aus eigenen Pro- duktionsanstalten, was er braucht. Der Lloyd ist beteiligt an Mineralwasser-, Selterswasserfabriken, einem Kohlenberg- werk(dessen Kuxe er aber wahrscheinlich schon im stillen wieder abgestoßen hat), an Möbelfabriken, einer �Verlagsbuchhand- lung, an einein Tonwerk usw. Aus dem verschwiegenen Stil dieses Hamburgers ins Deutliche übersetzt, kann das, wenn man früher Gesagtes hinzu nimmt, nur heißen: DerLloyd erzielt keinen Gewinn, wie er könnte, weil die Lloydleute an den Materiallieferungen für den Lloyd um so höhere Gewinne erzielen. Die Leid- tragenden sind außer den Aktionären das Reich und die Steuerzahler. Obendrein will man die Steuerzahler jetzt noch auf fol- gende Weise einseifen: „In diesem Jahre soll der Lloyd auf einer Subveniionslinie einen Ueberschuß herauswirtschaftcn. Plötzlich, dicht Vor Ab- schluß des Vertrages, wird dem Reiche die Perspektive vorgehal- ten: Jetzt endlich beginnen die sieben fetten Jahre für dich." Mit den Worten:„Und wer macht darauf aufmerksam? Herr Ballin. In Form eines Lobes"— charakterisiert der Artikelschreiber dann die Bosheit der Konkurrenz. Uebrigens ist seine eigene Methode von der Ballinschen nicht so ganz verschieden. Zum Schluß fordert er nämlich mit unvcr- hohlenem Mißtrauen eine Nachprüfung der alten Rechnungs- ablegungen früherer Jahre. Soweit der Inhalt des„Zeitschrift"-Artikels, von dem wir nur einen Auszug mit kritischem Kommentar gegeben haben. Da die bürgerliche Presse die Enthüllungen, wie gc- sagt, systematisch ignoriert und sie nur in ein oder zwei Fällen durch ein lendenlahmes Dementi bestätigt hat, wird im Reichs» tag um so schärfer nachzufasfen sein. Sie Kergsrbeiterbeivegung. Die Wiederaufnahme der Arbeit in England. London, 19. April.(W. T. B.) Fast in allen Kohlenrevieren wurde gestern die Arbeit wieder aufgenommen, soweit der Zustand der Gruben eS erlaubte. In Siidwales dauert der Streik der Maschinisten fort, aber die Arbeit wird von Beamten übernommen und mehrere tausend Bergleute sind gestern eingefahren. Auch der Lohnstreik unter den über Tage arbeitenden Leuten in Dorkshire und Derbysbire ist beendet, dagegen weigern sich in Lancashire etwa zwei Drittel der Leute, die Arbeit wieder auszunehmen, che die Mindestlöhne für das Revier festgesetzt sind. Fast in allen Bezirken sind Vorbereitungen zur Einsetzung der durch das Mindestlohngcsetz eingeführten Lohnkommissionen getroffen. Streikjustiz am Landgericht Duisburg. Am Landgericht Duisburg werden die Strciksiinder ebenfalls wegen geringfügiger Vergehen zu schweren Gefängnisstrafen ver- urteilt. Auch von hier ein typischer Fall. Ein Bergmann, der wegen Erkrankung nicht am Streik beteilig war, war dabei, einen gedruckten Anschlag des Polizeipräsidenten zu lesen. Ein Polizeiwachtmcister trat ans ihn zu und forderte ihn auf, weiterzugehen. Der Bergmann erwiderte darauf, daß er das Plakat eben auslesen wolle. Darauf wurde er nach preußischer Manier von dem Polizeiwachtmeister solvie fünf Zechenbeschützcrn entfernt. Dem Vorsitzenden war die Sache anscherxend auch etwas kraus, denn er fragte den Polizeiwachtmeister:„Wozu ist das Plakat denn da, wenn cS keiner lesen soll?" Polizciwachtmeistcr:„Wir hatten Befehl, wonach kein Mensch auf der Straße stehen bleiben durfte." Der Staatsanwalt beantragte zwei Monate Gefängnis wegen Widerstandsleistung und wegen Nichtbefolgung einer Polizei- lichen Anordnung 14 Tage Haft. Das Gericht erkannte auf einen Monat bezw. eine Woche Haft. Line ftparatiftllcfye Gegenfiandidatar. Aus Wien wird uns geschrieben: I. Diesen Monat finden in Wien Wahlen i n d e n G e» meinderat statt, denen aus zwei Gründen eine große Be- deutung zukonimt. Erstlich hofft man, daß es möglich sein werde, in die Mauer der christlichsozialey Alleinherrschaft nun öucT) in bot GeMeuide eine VkeiA zu schkciM l7>>b 5M Tc'pü- tiKinus dieser Partei, deren Willkür und maßlose Kerrfthsncht die ganze Stadt vergewaltigt, ein Ende zu machen: und Zweitens kommt, ivas die Wahlen für die Arbeiter so wichtig macht, diesmal der vierte Wahlkörper zur Wahl, also der» jcnige, in dem allein die Sozialdemokratie auf Erfolge rechnen kann. Groß ist die Möglichkeit dieser Erfolge keineswegs: das Wiener Gemeindewahlrecht ist das denkbar erbärmlichste und schränkt mit der raffinierten Tücke des„allgemeinen" Wahlkörpers das Recht der breiten Schichten aufs äußerste ein. Es besitzen nämlich die Steuerwähler— und das Wahlrecht ist an einen so hohen Zensus geknüpft, daß es der Masse der Arbeiter unerreichbar ist— in drei Wahlkörpern nicht weniger als 144 Mandate,(jeder 48), wogegen dem vierten Wahlkörper nur 21 Mandate zugewiesen sind, für jeden Stadt- bezirk ein Mandat, so daß der Wahlkörper der Armen gegenüber den Wahlkörpern der Besitzenden, der Wohlhabenden und Reichen, ganz abgesehen von dem Unterschiede in der Wähler- zahl, schon bei der Verteilung der Mandate um mehr als die Hälfte betrogen erscheint. Aber in diesem vierten Wahl- törper wählen nicht etwa, wie man meinen sollte, d i e Wähler, die in den drei mit Mandaten so reichlich ausgestatteten nicht wählen, sondern die Wähler, die schon 144 Mandate besitzen, wählen in dem Wahlkörper mit 21 Mandaten noch mit: wohl ein Pluralwahlrecht der niederträchtigsten Unmoral. Und da sich die Arbeiterschaft gegenüber den bürgerlichen Schichten natürlich nicht in allen 21 Stadtbezirken zu be- haupten vermag— um so weniger, als die Wahlberechtigung an eine dreijährige Seßhaftigkeit geknüpft ist—, in gut der Hälfte von ihnen(den weniger bevölkerten, die gleich den stark bevölkerten Arbeiterbezirken je ein Mandat haben) ist die Mehrheit der Bevölkerung kleinbürgerlich und bürgerlich: so bedeutet dieses mit der ganzen christlichsozialen Skrupellosig- keit ersonnene Wahlsystem, daß die Sozialdcniokratie, die in Wien nach den Ergebnissen der letzten Reichsratswahlen als die stärkste Partei anzusehen ist. mehr Stimmen als die Christlichsozialen erhalten hat, von den 163 Mandaten des Ge- meinderates im besten und allergünstigstcn Falle, dessen Vor- anssctzungen aber auch diesmal noch keineswegs gegeben sind, 12 bis 13 Mandate erringen kann. Derartig ungünstig sind also die Chancen für die Wiener Arbeiterschaft bei der Wahl in einer Körperschaft, die für sie die allerwichtigste ist, wichtiger sicherlich als der Landtag und wichtiger sogar als der Reichsrat. Denn mit dem Wiener Ge- meinderat läßt sich, was Kompetenz, Macht, soziales und po- litischeS Gewicht betrifft, wohl gar keine Kommune ver- gleichen, keine in welchem Staat immer. Davon nicht zu sprechen, daß die österreichische Gemeindeautonomie weiter geht als die Selbständigkeit der Gemeinde etwa im Deutschen Reiche, hat sich das Machtverhältnis durch die Schwäche des Staates ganz merkwürdig verschoben; die Gemeinden der größeren Städte, hinter denen ja immer auch eine politische oder nationale Partei steht, mit der die Regierung im Par- lamente ängstlich rechnen muß, sind überall mächtige und dem staatlichen Einspruch entwachsene.Körperschaften geworden. Was aber Wien betrifft, so ist das Wiener Rathans geradezu e i n S t a a t f ü r s i ch, eine Macht, der sich die sogenannte Staatsautorität nur mit Zittern und Zagen zu nahen wagt. Das Rathaus ist weit mehr als das Palais des Minister- Präsidenten eine größere und jedenfalls dauerhaftere Macht als die Macht einer der vergänglichen Regierungen: eine wahre Biirg, in der der Bürgermeister mit unumschränkter und zügelloser Gewalt herrscht und vor der die auf dem Papier iibcrgeordnete Instanz, nämlich der niederösterreichische Statthalter, in jeder Sache feige zurückweicht. Und wie � sich diese Stadt im Verhältnis zu den Arbeitern bewährt, ' zeigt wobl ausreichend die letzthin gemeldete Schurkerei der Vergeivaltigung des Koalitionsrechtes der städtischen Straßen- bahner. Von dem Geiste der Mißgunst gegenüber den Ar- Heitern, der offenen Feindseligkeit gegen ihre Organisationen ist die christlichsoziale Gemeindewirtsckwft geradezu durch- tränkt. Danach versteht man, wie wichtig diese Gemeinde- ratswahlen sind, welche großen Jnteresseir der Arbeiterschaft sich an sie knüpfen, wie notwendig es ist, alle Kräfte zu- sammenznfassen, um bei den Wahlen wenigstens die Erfolge zu erringen, die im Rahmen des tückischen Wahlgesetzes über- Haupt möglich sind. Diese Tatsacki-en mußten vorausgeschickt werdest, um es der außcrösterreichischen Welt begreiflich zu niachen, was es bedeutet, welche Verleugnung aller proletarischen Pflichten darin steckt, daß die tschechischen S c p a r a t i st e n der Sozialdemokratie bei diesen Wahlen meuchlings in den Rücken fallen, daß sie nun ihre Treulosigkeit so weit gesteigert haben, den- Sozialdemokraten Gegenkandidaten e n t g e g e n z u st e l l e n! Wir glauben nicht, daß, solange und soweit es eine kämpfende Sozialdemokratie gibt, eine ähnliche Felonie erlebt worden ist. Während wir mit den bös- artigsten Feinden deS Proletariats im Kampfe stehen, alle Kräfte anzuspannen haben, um für die Arbeiterschaft in der Gemeinde einen bescheidenen Einfluß zu erringen, schleichen sich die Separatisten, die eine sozialdemokratische Partei sein wollen, in unseren Rücken, überfallen uns zum Nutzen und Gaudium der Christlichsozialen und suchen in die Reihen der Arbeiterschaft, denen mehr als je Einigkeit und Geschlossenheit not täte, mit allen Mitteln Zwist und Verwirrung zu tragen! Denn es bleibt ja selbstverständlich nicht bei der bloßen Ans- slellung der separatistischen Gegenkandidatur, als einem Mittel etwa zur Zählung der separatistisck>en Stimmen, viel- mehr muß für sie auch agitiert werden. Und wie wird für sie agitiert? Nur durch den Anruf der nationalistischen Instinkte der tschechischen Arbeiterschaft: indem bei ihr bewußt und planmäßig die Gefühle der Abneigung, ja des Hasses gegen die deutschen Genossen geweckt und geschürt werden: indem die deutsche Partei mit einer wahrhaft raffinierten Tücke in den Kot gezerrt, alle ihre Handlungen verdächtigt und entstellt, ihre Vertrauensmänner beschimpft und besudelt werden: indem die Empfindung für die proletarische Solidarität bei den tschechischen Arbeitern verschüttet, der Deutschenhaß ihnen als die richtunggebende Ueberzeugung eingeimpft wird. Man kann es auch ruhig sagen: im Deutschenhaß, in seiner be- wußten Pflege, hat die separatistische Presse die tschechisch- nationale längst überflügelt, und gegen die Kunstfertigkeit und Skrupellosigkeit, mit der sie heute die nationale Hetze betreibt, kommen die bewährten nationalistischen Klopffechter nicht aus. Der Kampf gegen die deutschen Sozialdemokraten ist nachgerade der einzige Kampf, den die Separatisten noch kennen, den sie niit Leidenschaft führen: mit ihren Klassen- gegnern im tschechischen Bürgertum haben sie ja schon längst Frieden gemacht. Wie weit es der separatistischen Gegen- kandidatnt gelingen wird, was sie so heiß ersehnt, nämlich die deutsche Sozialdemokratie bei diesen Mahlen ernstlich zu schä- digen. wird sich zeigen: vielleicht ist es so, wie man im Jnter- esse der EntWickelung der Sozialdemokratie in Oesterreich so sebüafk Kunschen mltsz: baß die tschechische Ar? esse?» schast- in ihrer breiten Masse mit der Verratspolitik der Führer nicht einverstanden sei und sich weigern werde, ihren kämpfenden deutschen Genossen in den Rücken zu fallen. Aber der moralische Schaden, der hier angestiftet ist. ist ungeheuer: denn es ist nur allzu begreiflich, daß sich ob solckzer Treulosig- keit, die alle proletarischen Tugenden verleugnet, der deutschen Arbeiterschaft die stärkste Verbitterung bemächtigen muß, daß das Verhältnis zwischen der deutschen und der tschechischen Partei durch diesen zum Jubel aller Feinde des Proletariats übernommenen Ucberfall unheilbar vergiftet wird, und daß sich dadurch die letzten Möglichkeiten, den brudermörderischcn Konflikt zu schließen, immer mehr verflüchtigen. Die Sepa- ratisten werden dessen schon noch inne werden, was sie da verübt haben.__ Der Krieg. Vom tripolitanischcn Kriegsschauplatz. Rom,!v. April. Die„Agenzia Stefani" mettiet über die gestrigen Vorkommnisse in Tripolis: Ungefähr 60 Araber mit zahlreichem Vieh und einigen Gewehren haben sich bei den Italienern eingefunden.— Bei T o b r u k unternahm der Feind wieder einen Angriff gegen daS neue Fort in einer Stärke von ungefähr 300 Mann, wurde aber von der italienischen Feldartillerie bald zurückgetrieben.— In Derna wurden wiederum von feindlichen Patrouillen wirkungslose Schüsie gegen italienische Wachtposten ab« gegeben. Dieselbe Quelle meldet: Nach einem vorbereiteten Plane haben gestern einige Kriegsschiffe, die einen Transport von Dampfern be- gleiteten, unter dem Kommando des Kapitäns Triangi in der Nähe von L u a r a einige Scheinmanöver ausgeführt, die eine Landung vortäuschen sollten. Als die Schiffe sich der Küste näherten, nahmen zahlreiche Abteilungen von Bewaff- neten Verteidigungsstellungen ein. Die Schiffs eröffneten gegen sie ein lebhaftes und wirksames Artilleriefeuer. Dieses Schein- manöver erzielte einen vollen Erfolg, weil cö gestattete, daß beim Morgengrauen ein starker Truppentransport, der von Italien kam und von Schlachtschiffen begleitet war, einen wichtigen, vorher be- stimmten Punkt der lybischen Küste ohne irgend welche Verluste besetzen konnte. Die Landung von Truppen und Material wird gegenwärtig noch fortgesetzt. Die Revolution in China. Japan stellt Bedingungen. Tokio, 10. April. �Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Bedingungen der japanischen Regierung für die Teilnahme an der chinesifchen Anleihe sind Anerkennung von Japans Sonderinteressen in der Mandschurei und Ausschluß der Mandschurei von den Operationen des Anleihe-SyndikatS. politische deberlicbt. Berlin, den 10. April 1912. Eine Wehrsteuer fordert wieder einmal die freikonservative.Post". Sie glaubt, daß eine solche Steuer, die von den vom Militärdienst befreiten Militärpflichtigen erhoben werden soll, die Kleinigkeit von 50 Millionen einbringen würde. Dann sei es auch nicht nötig, mit den Ausgaben bei den neuen Wehrvorlagen zu knausern, dann könne außer der Aufbesserung der Mannschaftslöhnung auch eine Verbesserung der Menagen vorgenommen werden, kurz dann könne man aus dem Vollen wirtschaften. Eine Verbesserung der MannschaftSbcköstigung und eine Er- höhung der Mannschaftslöhmmg sind allerdings dringend not- wendig. Sie wären ja auch leicht durchzuführen, da gegenwärtig das nötige Geld vorhanden ist. Hat doch die N-gierung selbst zugegeben, daß die Einnahmen im Jahre 1911 2l3 Millionen mehr betragen haben, als im Etat angesetzt waren- Dazu wäre also eine Wehrsteuer, eine Besteuerung der Personen mit schwächerer Körperkonstitution, nicht erforderlich. Zur Deckung der geplanten Mehrausgaben für die Vermehrung des HeereS und die neuen Schisfsbauten aber mögen ge- fälligst die besitzenden Klaffen endlich einmal daS Ihrige bei« tragen, sei es nun in Gestalt einer Erbschaftssteuer, sei es in einer anderen Form. Steuern aber, die nicht nur die Besitzenden treffen würden, sondern auch den minderbegüterten Mittelstand und das Proletariat, die doch den über- großen Teil der Bevölkerung ausmachen und deshalb auch den Löwenanteil der W e h r st e u e r aufbringen müßten, wären nichts anderes als ein neuer Beweis der infamen Steuerschs» der Besitzenden und einer geradezu unglaublichen Provokation der aus- geplünderten Massen I___ Wieder einer verbraucht. Wie die„Wiener Allgemeine Ztg." von„bestunterrichteter" Seite zu melden weiß, tritt demnächst bestimmt Herr v. Kiderlen- Wacchter von seinen: Posten als Staatssekretär deS Aus- wärtigcn Amtes zurück. Als sein Nachfolger soll der gegen- wärtigc deutsche Botschafter in Washington, Graf Bernstorff, in Aussicht genommen sein._ Immer tiefer hinab! Die„Köln. Volksztg." veröffentlicht folgende der Korrespondenz des Katholischen Volksvereins entnommene Rotiz: Der Zufall hat unS dieser Tage ein Schriftstück in die Hand gespielt, das als ein neuer Beitrag für die inkonsequente Hand- lungSweise vieler unserer Patentpatrioten Erwähnung und Wür- digung verdient. Es war am Tage nach der Reichstags- hauvtwahl von der Geschäftsstelle des Reichsverbandes gegen die Sozialdemolratie an einen im Wahlkreis Homburg-Ufingen ansässigen höheren Beamten offenbar ein Mitglied dieses Ver- bandes � gesandt worden und hat im wesentlichen folgenden Inhalt: In Ihrem Wahlkreise findet eine Stichwahl zwischen dem bürgerlichen Kandidaten und der Sozialdemolratie statt. Es wird der angestrengtesten Arbeit aller Nalionalgeflnnten des dortigen Kreises bedürfen, um den Wahlkreis vor einer sozialdemokratischen Vertretung zu bewahren. Der Reichsverband wird einige Tage vor den Stichwahlen Ihnen eine Anzahl Plakate zusenden, in denen die namentlich in bürgerlichen Kreisen überaus große Zahl der NichtWähler aufgefordert werden sollen, von ihrem Wahl- recht auf alle Fälle Gebrauch zu machen und dem bürgerlichen Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Wir möchten Sie schon heute aus diese Plakate aufmerksam machen und Sie bitten, sie in der üblichen Weise dort verteilen zu lassen oder fie den bürgerlichen Wahlkomitecs zur Anbringung zur Verfügung zu stellen. Und was ist ans dieses Schreiben hin, dos in ernsten und eindringlichen Worten zu pa- triotische in Haudeln auffordert, geschehen? Nichts, aber auch gar nichts! Die Plakate sind sicher von Berlin auö abgesandt worden, aber in Homburg und Umgegend hat sie keines Menschen Aug« entdecken können. Wenn man sich ja auch von ihrer Wirkung keine allzu großen Hoffnungen zu � machen brauchte, bor allem wegen der Nähe Frankfurts und seiner Presse: so viel ist doch sicher, der Appell hätte doch manchen Mann zur Abgabe eines nationalen Stimmzettels aufgerüttelt, er hätte vor allem den Mut der Zentrumswähler ge« hoben und die bürgerlichen Parteien auch für künftig zu gemeinsam ein Vorgehen zusammen- g e s ch l ö s s e n und bätte vielleicht auch das eine oder andere der öden Spott- und Schimpfgedichte verhindert, die in Homburg in großer Zahl mit weißen Stimmzetteln in der Urne gemischt waren: als traurige Antwort der gebildeten und besitzenden Wähler auf die Aufforderung der nationalliberalen Parteiiiislanz, . dem bürgerlichen(hier Zentrums-) Kandidaten ihre Stimnie zu geben... Dem Reichsverband gegen die Sozialdemokratie aber sei der Rat gegeben, sich nächstens etwas besser unter seinen Getreuen im Lande umzusehen: wir zweifeln nicht, daß ihm wie hier so auch anderwärts noch manchmal der Bock zum Gärtner ge- worden ist.- Die Notiz zeigt deutlich, wie das Zentrum auf der abschüssigen Bahn immer tiefer hinuntergleitet. Vor zwei, drei Jahren wandte sich die klerikale Presse noch mit Entschiedenheit gegen die sauberen Praktiken deS Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie und lehnte dessen Hilfe ab: heute aber erkennt sie die„patriotische" Tätigkeit des Reichsverbandes dankend an und erhofft von dieser eine Stärkung deS Mutes der Zentrumswähler. Nur eines hat sie noch an dem Reichsverband auszusetzen— daß seine Agitation gegen die Sozialdemolratie nicht intensiv genug ist. Die„Germania" gegen das Marinewettrüsten. In ihrer Nr. 81 behandelt die„Germania" in einem Artikel, der ihr„von besonderer Seite zugeht,„Englands Schwäche". Das ZentrumZorgan gelangt zu dem Ergebnis, daß England in wirtschaftlicher Beziehung soviel schwache und verwundbare Stellen auszuweisen hat. daß es wirklich keine Ursache habe, Deutschland gegenüber allzu eisenfresserisch aufzutrumpfen. Schon Bismarck habe ganz richtig während deS deutsch-dänischen Krieges von 1364 die feindseligen Noten der Engländer, die nur auf eine Ein- schiichterung abgezielt hätten, unbeachtet gelassen. So sei auch das Verhalten des Londoner Kabinetts im Jahre 1011 nur ein „Bluff" gewesen, dem von Rechts wegen keinerlei Bedeutung bei- zumessen sei. England, so wird weiter ausgeführt, habe mit so großen inneren und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu rechnen, daß von ihm kein Angriff zu erwarten sei. Ja, es habe alle Ursache, um seine eigene Sicherheit besorgt zu sein. Denn wie wolle denn England seine iO Millionen Einwohner bei einem Krieg mit Lebensmitteln versorgen, da doch die Statistik beweise, daß die in Großbritannien vorhandenen Getreide- und sonstigen Nahrungs- mittelvorräte nur für drei Wochen ausreichen würden l Dann heißt es weiter: „Zu beachten bleibt dabei, daß schon unter normalen Ver- hältnissen— geregelte Zufuhr, Friedenspreise— 30 Prozent der städtische n Bevölkerung nur in dürftigster Weise den Lebensunterhalt beschaffen können, und ferner, daß ein Krieg sicher eine Verringerung der industriellen Tätig- keit, also eine Vermehrung der Brotlosen zur Folge haben würde. An den Staat träte dann die schwierige Aufgabe heran, nicht nur für eine gute Verpflegung der unter den Waffen stehenden Vaterlandsverteidiger zu sorgen, sondern auch das hu n gerleidende Proleiariat zu ernähren. Kenner der britischen Zustände wollen letzteres auf etwa den vierten Teil der Gesamtbevvllerung, d.h. auf rund zehn Millionen Köpfe berechnen. Diese Erwägungen erklären eö, daß England seine ganze Kraft für die Erhallung seines Uebergewichtö zur See einsetzt und das Wachstum einer riichtbritischen Flotte als einen feindseligen Akt an sieht. Gelingt es einein seetüchtigen Gegner Englands, für längere Zeit die NahrungSmittelzufuhr nach dem Jnselreich zu unterbrechen, dann hat er gesiegt, gleichviel, ob zmn Schutz der Küsten eine gut ausgebildete, nach den Wünschen des LordS Roberts auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhende Armee bereit steht, oder ein Freiwilligenhcer von militärisch unbrauch» baren Territorials nach Lord HaldaneS Muster." Dieser Leitartikel der„Germania" ist sehr intcrcffant. Er be» weist nichts Geringeres als die II n s i n n i g k e i t unseres Flottenrüstens, das doch nach dem Eingeständnis aller maß« gebenden Flotten- und Weltpolitiler gegen England gerichtet ist. Denn wenn England sich in einer so schwachen inneren und wirtschaftlichen Position befindet, wie könnte es dann jemals daran denken, frivoler Weise einen Krieg gegen Deutschland zu beginnen! Besteht aber nicht die Gefahr eines englischen Angriffs, die ja auch ohnehin ganz absurd ist und nur in der Phantasie unserer Imperialisten und Flottenfanatiker existiert, so ist daS marinistischo Wettrüsten Deutschlands total unverständlich! Aber mehr noch: wenn Englands ganze Sicherheit auf der gewaltigen II eberlegen heit seiner Flotte beruht, wie da« von der„Germania" ausdrücklich hervorgehoben wird, so ist eS in der Tat eine unerträgliche Provo- k a t i o n f ii r E n g l a n d, sich von Deutschland mehr und mehr in seiner maritimen Vormachtstellung bedroht zu sehen! England wird dann ja gerade durch das deutsche Wettrüsten wider Willen dazu gezwungen, zur Behauptung seiner Existenz einen Waffengang mit Deutschland zu riskieren, sofern es nicht wehrlos vor dem Rivalen kapitulieren will. Die„Germania" beweist also nicht« anderes, als daß die deutschen Seerüstungen nicht nur ü b e r f l ü s s i g sind, sondern daß sie obendrein die Gefahr einer sonst überaus unwahrscheinlichen k r i c» gerischenAu Seinandersetzung mit England gerade- zu heraufbeschwören müssen! Delbrück über Steuerhinterziehung. Professor Delbrück bringt in der„Täglichen Rundschau" neue Beweise für den enormen Umfang der in Preußen ver- übten Steuerhinterziehungen bei. Zunächst für Steuer- defraudationen auf dem p l a t t c n L a n d e. Er schreibt: „Das gesamte Einkommen der mit mehr als.3000 M. ver- anlagtcn physischen Zensiten auf dem Lande betrug 1910 aus Grundbesitz 561.33 Millionen. Die Zahl dieser Zensiten betrug 173 304, daS Durchschnittseinkommen ans Grundbesitz bei alle» über 3000 M. Veranlagten also nur 3245 M. Man hat früher einmal ausgerechnet, daß an den Getreidezöllen eigentlich nur 25 000 größere Grundbesitzer ein Interesse hätten. Nehmen wir an, daß von diesen 25 000 etwa 10 000 das sind, was wir im gewöhnlichen Leben Großgrundbesitzer nennen, und nehmen wir weiter an, daß von den 173 304 Ländlichen mit mehr als 3000 M. Einkommen nicht weniger als 103,304 gerade 3000 M- Einkommen haben, so sind das 490 Millionen, und es bleiben für die 10 000 Großgrundbesitzer 71 Millionen oder im Durchschnitt 7200 M. DaS ist offenbar ganz außer» ordentlich wenig. Aber wir sind noch nicht zu Ende. Das Gesamteinkommen aus dem Lande(über 3000 M.) beträgt 1689,91 Millionen Mark, davon ans Kapitalvermögen 371,20, aus Handel. Gewerbe und Bergbau 255,30, aus ge- winnbringcnder Beschäftigung 403,08. Von dem Gesamteinkommen gehen aber an Schuldzinsen und Lasten noch 291.06 Millionen, also hauptsächlich ländliche Hypothekenzinsen. ab. Jene 7200 M., die wir oben alö das Durchschnittseinkommen der 10 000 größeren Grundbesitzer berechnet haben, sind also als das Bruttoeinkommen aufzufassen Sollen wir!»aZ wlrllich glauben? WaZ b le i b t da als v e r st e u e r t e S N e t t o e i n k v in in e n übrig?" Prof. Delbrück verwahrt sich dann abermals energisch da- gegen, daß seine wegen der Stcuerdefraudationen erhobenen Anklagen sich einseitig gegen das Agrariertum richteten. Seiner Meinung nach, und das habe er oft genug betont, bleibe natürlich auch das mobile Kapital hinter dem ländltchcn Kapital an Steuermogeleien keineswegs zurück. Für die vom mobilen Kapital verübten Steuerhinterziehungen verweist er diesmal u. a. ans einen Artikel des Oberregierungsrats Michaelis in Bromberg iin Verwaltungsarchiv(November 1911), wonach namentlich das in Hypotheken angelegte Kapital deshalb dadurch der Besteuerung entzogen wird, daß häufig Hypothekenschuldner sich dein Gläubiger gegenüber verpflicliten müssen, der Steuerbehörde keine Mitteilung zu machen. Delbrück führt darüber in der„Tägl. Rundschau" aus: „Die im Besitz von physischen Versonen befiudlicheu Hypotheken sind aber in Preußen auf etwa 27Vz Milliarden zu veranschlagen' das sonstige mobile Kapital an Papiere», Depositen uslv. an ü7 Milliarden. Es stellt sich heraus, daß von diesem nwbilen Kapital nicht weniger als etwa drei Viertel der Steuerveranlagung entzogen werden. Da rS nun auch ehrliche Leute gibt, die ihr Einkommen aus Kapital richtig angeben, so müssen die Unterschlagungen der Unehrlichen unendlich häufig den gesamten Besitz an Wertpapieren unifassen. WaS ist dagegen zu tun? Es gibt nur zwei durchgreifende Mittel: die B a u k i e r k o u t r o l l e und die E r b s ch a f t s- st e u e r. Beide haben den schweren Nachteil, daß sie nicht geringe Mengen des mobilen Kapitals ins Ausland treiben werden. Die Bankiers in Wien, Basel, Paris, Brüssel, Amsterdam, Soildon würden den Vorteil davon haben. Aber das Uebel, nicht bloß das finanzielle, sondern auch das moralische, ist so groß, daß man diesen Nachteil nicht s ch e n e it darf, und gerade wenn beides kommt, sowohl die Bankierkontrolle wie die Erbschafts st eue r." Wir sind mit den Sanicningsvorschlägen Delbrücks durchaus c i n p c r st a n d c u. Das sollte ihm übrigens auch ohnehin schon bekannt gewesen sein und ihn verhindert haben, der Sozialdemokratie den leichtfertigen Vorwurf zu machen, sie sei zufrieden, tvenn sie sich„gegen die Regierung ausschimpfen" könne, während er, Herr Delbrück, bei seiner Kritik lediglich auf die Äbstellung der kritisierten Uebel aus- gehe. Mag Herr Delbrück nur getrost fortfahren, Kritik an der Stcucrscheu der Besitzenden zu üben, inag er, dem bei seinen Beziehungen ja reichliches Material zur Verfügung steht, nur die Handhaben liefern, uin eine möglichst g e- n a u e Ermittelung des Eiukomnicns und des Vermögens der besitzenden Klassen durchzuführen, und er wird finden, daß die Sozialdemokratie allen Eifer aufbieten wird, uni seinen Bemühungen zum Erfolg zu verhelfen! Zu dem, ivas Herr Delbrück so kurzsichtig„Schimpfen auf die Regierung" nennt, nämlich zur rücksichtslosen Kritik herrschenden Unrechts, ivtrd der Sozialdemokratie auch dann noch überreichlich Veranlassung bleiben! Liebesgabe. Die„Voss. Ztg." berichtet, daß sich in dem NegienmgSentwurf über die Aushebung der Liebesgabe eine Bestimmung finden soll, die eine 2>k in de st alkoholgrenze für Trinkbrannt- wein festlegt. Die dauernde» Erhöhungen der Trinkbrannlwein- preise infolge der Stenergesetzgebung und der Preispolitik der SpirituSzentrale haben Likörfabrikanten, Destillaleure und Händler zu VerWässerungen und Fälschungen des Schnapses veranlaßt. Die gesetzliche Festsetzung eines Mindestgehalis an Alkohol im Trinkbrannt- wein würde allerdings diesem Verfahren steuern, den Rückgang des Gebrauches von Alkohol zu Trinkzwecken etwas mäßigen und den Brennern Absatz und Profit fördern. Bei der Aufhebung der Liebesgabe, unter Beibehaltung der sonstigen, den Bestand der SpiritnS-Zentrale garnnticrciiden Bestimmungen würde damit den Schnapsbrennern ein Teil ihres„Verlustes" sofort erfetzt werden. Es ist allerdings fraglich, ob die Regierung wirklich das Brannt- weinstenergesetz mit neuen Paragraphen belasten will. Zwar hatte sich 1!)09 bei der zweiten Lesung des Gesetzes eine Mehrheit für die Mindestnlkobolgrenze gefunden. Aber die Komplizierung des Gesetzes und die Bedenken, die gegen ein gesetzlich festgelegtes Ouantum von Gift sprechen, sollen vielleicht»nr dazu dienen, der Regierung den Weg zum lvt o n o p o l zu erleichtern, wie die„Voss. Ztg." vermutet. Fe größer der Widerspruch gegen neue Ver- günstigungen. mm so eher findet sich eine Mehrheit für das Spiritus- Monopol, das natürlich in erster Linie auch wieder den Schnaps« junkern Vorteile bieten wird und dann erst dem geldbedürftigen Staat.___ Tic Stärke der Parteien. In der„Hilfe" gibt R. E. Ray folgende ttebersicht der Lerhältniszuhleu der bei den ReichstagSwahlen hervorgetretenen Parteisiärkc in den Jahren 1993, 1997 und 1912: Die Zahlen beweisen das unaufhaltsame Vordringen vor allem der Sozialdemokratie und deren Stärke gegenüber den reaktionären Parteien. Ist die Sozialdemokratie allein doch 1912 bereits ihrer Wählerzahl nach stärker, als Konservative. Reichspartei. LandlvirtschaftZbündler. Antisemiten »-nd Zentrum zusammengenommen. Und Sozialdemokratie uns Freisinn zusammen haben lveit mehr Wähler (47,6 Prozent gegen 37,4 Prozent) als alle rechts von den Nationalliberalen stehenden Parteien insgesamt- Ja, ihre Wählerzahl wiegt annähernd sogar die a l l e r übrige n Parteien zusammen auf, einschließlich d e r N a t i o n a I- lib eralen! Wenn trotzdem die�Linke so wenig respektiert wird und der Reichskanzler eine Steuerpolitik treibt,� die im Grunde kaum dem dritten Teil der Wähler recht ist, so liegt das eben «m der so jammervoll schwächlichen Haltung unseres„Libera- IlSrnuS", der weder— w!c die Natiolialliberalen— den Willen noch— wie die Fortschrittler— den Mut hat, von seiner Macht Gebrauch zu machen. Eine Wendung zum Bessern ist erst dann zu erwarten, wenn aus den annähernd 3a Proz. Sozialdemokraten deren mindestens 59 Proz. geworden sind. Aber auch dann müßten die sozialdemokratischen Wähler natürlich das zeigen, woran es dem Liberalismus so kläglich gebricht: Courage! Ter neue Gouverneur von Togo. Der Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg ist, wie der„Köln. Zeitung" aus Berlin gcnieldet ivird, bestimmt als Gouverneur von Togo in Aussicht genommen. Einer schon früher in der Presse ge- äußerten Vermutung, daß seine etlvaige Ernennung zum Gouverneur von Togo lediglich als eine kurze Vorbereitung für den Gouverneur« Posten von Ostafrika zu betrachten sein würde, tritt der Herzog in einem an den Staatssekretär des ReichSlolonialamtS gerichteten Briefe energisch entgegen. Ei» behördlicher Eingriff in die Freizügigkeit und die Freiheit des Arbeitsvertrages. Vom preußischen Ministerium ist den Agrariern versprochen ivorden, daß beim Bau des masurischen Schiffahrtskanals in der Hauptsache ausländische Arbeiter beschäftigt werden sollen, da« mit den Junkern die einheimischen Arbeitskräfte erhalten bleiben. Die Unternehmer scheinen sich nicht strikt daran gehalten zu haben, denn jetzt nimmt die Regierung in die Verträge mit den Unter« nehmern folgende Bestimmungen auf: „Bewerber(Arbeiter), die in den letzten zwölf Monaten in einem l a n d w i r l s ch a f t l i ch e n Betriebe der Provinz Ost« Preußen, in einem stehenden Gewerbe beschäftigt waren, dürfen nur angenommen werden, wenn die Ortöpolizeibehörde des Wohnortes oder in Ermangelung eines solchen des letzten Auf« cnthaltsorts des Bewerbers bescheinigt hat, daß dessen Beschäftigung beim Bau des masurischen Kanals Bedenken nicht entgegenstehen. Die Bescheinigung ist grundsätzlich zu erteilen allen Arbeitern, die aus Mangel an Arbeil in der Landwirtschaft oder Industrie de- schäftigungSlos geworden sind. eS sei denn, daß der Ortspolizei- bchörde ohne weiteres bekannt ist, daß der Beteiligte aus Person- lichen oder sonstigen Gründen zur Verwendung beim Kanalbau ungeeignet ist. Bei solchen Arbeitern, die aus eigener Veranlassung aus ihrer Beschäftigung ausgeschieden sind, um etwa eine besser gelohnte Arbeit beim Kanal zu übernehmen, hat die OrtS- Polizeibehörde jedenfalls auf das strengste zu prüfen, ob sie die Bescheinigung erteilen kann » oder nicht." Mit dieser Vertragsklausel, die der Staat de» Bauunternehmern aufnötigt, kommen natürlich die Junker auf ihre Rechnung, denn den Landsklaven wird es dadurch ganz unmöglich gemacht, den Frondienst auf dem junkerlichen Gntshofe mit der besser bezahlten Kanalarbeit zu vertauschen. Deshalb brauchen sich die Agrarier auch nicht um die Landarbeiterlöhne zu sorge», das wirtschaftliche Gesetz von Angebot und Nachfrage ist ja durch jene Vertragsklausel ausgeschaltet. Die größere Ärbeiternachfcoge kann ihre lohn- steigernde Wirkung natürlich nicht ausüben, wenn die Freizügigkeit und Arbeitöfreiheit der Arbeiter behördlich unterbunden wird. Nach unserer Auffassung wtderspcicht zudem die Vertragsklausel den bestehenden Gesetzen, und der Vertrag müßte als den guten Sitten widersprechend von jedem Gericht als ungültig erachtet werden. Leider wird sich kein Unternehmer finden, der die Probe aufs Exempel macht._ Der Jesuitenerlaff der bayerischen Regierung. Wie eine hiesige Korrespondenz mitteilt, will die national- liberale Fraktion des Reichstages über den Jesuitenerlaß der bayerischen Regierung beim Wiedcrzusammentritt des Reichstages eine Interpellation einbringen, um der Reichs- regierung Gelegenheit zu geben, zu dem bayerischen Erlaß Stellung zu nehmen. Voraussichtlich wird sich auch der Bundesrat in seiner nächsten Sitzung schon mit dieser Materie befaffen. Wie in Bundes- ratskreisen verlautet, soll der Reichskanzler auf dem Standpunkte stehen, daß der bayerische Erlaß da? dem Kaiser allein zustehende Recht der Ausführung von Reichsgesctzen antastet. Man nimmt an. daß in Korsu der Kanzler vom Kaiser Anweisungen erhalten haben durfte, um diese peinliche Angelegenheit möglichst schnell aus der Welt zu schaffen. Wie verlautet, werden zwischen der bayerischen und der Reichsregierung bereits Verhandlungen geführt,, die die Meinungsverschiedenheiten bei der Handhabung deS Jesuitengesetzes bald beheben werden. Zu irgend welchen inneren Krisen bürste der Zwischenfall nicht führen._ * Die Lehrernmffregelnngen in Bremen nehmen ihren Fortgang. Vor einigen Tagen ist der Lehrer Emil Sonnemann vom liberalen Senat der freren Hansestadt Bremen vom Amte suspendiert worden. Es soll ein förmliches Disziplinarverfahren mit dem Ziele der Amtsentsetzung, gegen ihn eingeleitet werden. Gegenstand der Anklage bilden zwei Reden, die Sonne- mann im vorigen Jahre in Versammlungen der freien Jugend- organisatio» in Düsseldorf und Barmen gehalten hat. Die Polizei fand damals in diesen Versammlungen keinen Grund zum Ein- ichreiten. Man darf deshalb darauf gespannt sein, wie der bremische Senat sein Vorgehen begründen wird. frankreick. Das Budget für 1913. Paris, 10. April. Der M i n i st e r r a t genehmigte den Budget- entwurf für 1913. Die Ausgaben betragen 4(364 665 385 Frank, das bedeutet eine Vermehrung um ungefähr 167 Millionen gegen- über 1912. Die Vermehrung umfaßt insbesondere 8t> Millionen sü> die nationale Verteidigung, 46 Millionen für wirtschaftliche, 26 Millionen für soziale Zwecke. Die Einkünfte betragen 4 594 654 315 Frank. ES sind also noch ungefähr 161 Millionen zu decken, die ohne neue Steuern, u. a. durch den Ueberschuß des Budgets von 1911, geliefert werden sollen._ Gelbe Heldentaten und kein Ende. Aus Paris schreibt man unS: Wenn die Sensationspresse über Leben, Taten und Meinungen der„anarchistischen" Banditen nicht ausführlich genug zu erzählen weiß, so gleitet sie über die von den beliebtesten Regulatoren der bürgerlichen Ordnung, den Streikbrechern, verübten Gewalttätigkeiten möglichst flink hinweg. Und doch schwillt die Liste der von diesen vollbrachten Derbrechen unheimlich an. Es wird für verbrecherisch veranlagte Individuen das Streikbrecheramt sich bald als die Gelegenheit empfehlen, blutige Instinkte mit der größten Sicherheit gegen gerichtliche Verantwortung zu befriedigen. Man braucht nur die Kette von Schreckenstaten zu betrachten, die die Streikbrecher des Konsortiums der Pariser Auto- mobilsiaker angerichtet haben. Sie hat jetzt, kaum daß der Unglück- liche Bedhomme in die Grube versenkt war, ein neue» Glied an- gesetzt bekommen. In der Nacht von Freitag auf Sonnabend wurden au« zwei Automobilen in einer Straße von Levallois-Perret zahlreiche Aevolverschiisse abgegeben. Die Passanten flüchteten in die»och geöffneten Gasthäuser. In eines dieser Lokale drangen plötzlich mehrere Leute ein, die den Automobilen entstiegen waren: es waren Gendarmen und Streikbrecher. Diese trugen Revolver in der Hand, Einer von ihnen deutete auf einen der Flüchtlinge, entött streikenden Chauffeur namens Emil Louis, den zwei Gendarmen sofort in die Mitte nahmen. Aber aus der Strcii- brechergruppe löste sich nun ein Individuum los, das auf Louis zu- trat und aus nach st er Nähe einen Revolverschuß gegen seinen Unterleib abgab. Infolge einer instinktiven Bewegung des An- gegriffenen traf das Geschoß nur den Beckenknochcn und den Ober- schenkel. Die Wunde ist gleichwohl schwer. Die im Krankenhause vorgenommene Radiographie hat noch kein bestimmtes Ergebnis geliefert. Louis bezeichnet als den Täter mit aller Bestimmtheit einen Streikbrecher namrns C a t t e u. Die Polizei dagegen nennt einen ge- wissen D e r m i g n y als den Schuldigen. Decmigny ist mit dxr Waffe in der Hand festgenommen worden, leugnet aber, die Tat vorsätzlich br- gangen zu haben. Ueberhmipt wird die Sache von der Polizei und ihrer Presse jetzt so dargestellt, daß die Streikbrecher die Angegriffenen gewesen seien. Aber selbst gesetzt den Fall, daß Streikende, wie es heißt, einen mit „Gelben" besetzten Wagen wirklich mit Steinwürfen attakiert hätten, rechtfertigen die Steinwürfe die Nacheexpedition mit Revolvern und den Einbruch in das Gasthaus? Und wie ist die ungeheuerliche Kooperation der Gendarmen mit den betreffenden Gelben zu ver- leidigen? Zugleich mit Dermigny ist noch ein anderer Gelber namens Blancard verhaftet worden, der gleichfalls einen Revolver trug. ES ist notorisch, daß die Streikbrecher ihre Waffen vom Konsortium erhalten haben, das, ehe es die billigen Forderungen der Streikenden erfüllt, lieber einen permanenten Kriegszustand in Levallois-Perret und in den angrenzenden Stadt- vierteln hervorruft und in seinem provokatorischen Verhalten durch die Hilfe der Polizei bestärkt wird. Das ist eine weitere Un- geheuerlichkeit. Die Zentralregierung bemüht sich um einen Aus- gleich. Aber die Unternehmer lehnen das von den Arbeitern an- gerufene Schiedsgericht ab und führen gegen allgemeine Interessen Krieg mit Hilfe der Lepineschen Nebenregierung. Erfreulicherweise hat die Hoffnung des Konsortiums, die Streikenden auszuhungern, ebensowenig Aussicht auf Erfüllung, wie die, den Betrieb mit den famosen Gelben in Gang zu bringen. Die Bilanz deS organisierten Streikbruchs setzt sich aus zahlreichen Bc- schävigungen von Passanten, Fahrgästen und Wagen zusammen. Bis zur Aushungerung der Chauffeure aber hat es noch gute Wege. Das Koiyortium hatte auf das HauSherrnintercffe als Bundes- genossen spekuliert und vom Zinstermin im April eine entscheidende Wendung zu seinen Gunsten erwartet. Die Organisation der Chauffeure aber war nach drei Streikmonaten noch stark genug, einen Strich durch diese Rechnung zu machen, indem sie den Streikenden«inen außerordentlichen Zuschuß zur Bezahlung des Zinses zur Verfügung stellte. COrfed. Jungtürkischer Wahlterrorlsmn». Konstantinopcl, 19. April. Bei den Wahlen der zweiten Klasse in Konstantinopel haben bisher ausschließlich die Jung- t ll r k e n Gewinne zu verzeichnen. Die liberale Union beschloß infolge von Wahlmißbräuchen, wobei Parteigänger der liberalen Union angeblich auch geprügelt wurden, sich in einigen Wahlbezirken Kon- stantinopelS der Stimme zu enthalten. perNen. Rnsfische„ver«higungs".Arbeit und englische Perfidie. Dem Internationalen sozialistischen Bureau gingen folgende Nachrichten aus T ä b r i S zu: Das Gefängnis in Täbris enthält Hunderte aneinander ge- fesselter Unschuldiger, und wenn einer von ihnen zum Tode ver- urteilt und zum Galgen gebracht wird, benachrichtigt man die anderen von seinem Schicksal und verhindert sie, ihre Gebete zu ver- richten. Viele nach europäischem Muster eingerichtete Schulen hat man geschloffen. Im Gebäude der Schule Seadet, die die bestgeleitete und größte der Stadt war, wohnen augenblicklich die russischen Soldaten. Man hat die Kanonen der Regierung nach Bagh Ehemal. der Residenz der russischen Truppen transportiert und sie dort mit der Mündung nach unten auf der Erde aufgestellt. Die persischen Kosaken von Favriz, die dem unmittelbaren Be- fehl ihres Chefs, einem russischen Offizier in Teheran unterstehen- von dem sie allmonatlich ihre Löhnung erhalten, werden von Samad Khan in die Dörfer gesendet, um zwangsweise, mit der Flinte in der Hand, sogenannte Freiwillige zu rekrutieren, um dann mit Samad Khan in Teheran einzudringen. Der englische Konsul Mr. Shipli war die Haupsursache an der Hinrichtung Sekatol Islams und anderer Personen. Vor dem Einzug der russischen Truppen hatten eine Gruppe an- gesehener Männer und Sekatol Islam in Gegenwart des englischen Konsuls eine Versammlung im englischen Konsulat abgehalten. Der englische Konsul hatte Sekatol Islam zugesagt, daß die russischen Truppen keinen Verkehr mit der Bevölkerung haben und sich einfach in Bagh Chemal niederlassen werden. Auf die Versicherungen des englischen Konsuls hin hatte Sekatol JSlam, ohne an Schutz oder Flucht zu denken, an die Einwohner der Stadt geschrieben, um sie zur Ruhe zu ermahnen und sie dahin zu beruhigen, daß es zu keinem Blutvergießen kommen würde. Alö jedoch am folgenden Tage die russischen Truppen einzogen, war die erste Person, die sie verhafteten und zur Richtstatt führten, Sekatol JSlam. Hierauf töteten die Soldaten alles, was ihnen in den Weg kam. Die Bevölkerung leistete Widerstand und verteidigte sich mit aller Energie, aber die zahlreichen, gut bewaffneten russischen Truppe» massakrierten viele Personen, bombardierten die Privathäuser, die Ortsversammlung und das Polizeigcbäude. Um sich zu schützen, traten die russischen Soldaten in das HauS eines Barbiers und benutzten dieses als Zufluchtsort, indes sich der Barbier weit davon fort in seinem Laden befand. Die Soldaten ließen einen Toten in dem Hause zurück und verschwanden. Am Abend findet der Barbier den Leichnam de» Russen und auS Pietät macht er die Anzeige am russischen Konsulat. Am nächsten Tage wird er, sein Lehrling und ein Kunde, der ge- kommen war, sich rasieren zu lassen, verhaftet. Man beschuldigt die drei des Mordes an dem russischen Soldaten, obgleich ihre Unschuld von verschiedenen Leuten, denen sie- bekannt sind, bezeugt wird. Samad Khan selbst und die reaktionäre Geistlichkeit, Be» freundete des Konsuls, bitten diesen, die Männer, insbesondere den armen, ganz unschuldigen Lehrling nicht hängen zulassen. Aber der Konsul antwortet, die Zengenschast Hunderter UlemaS wiegt nicht das Wort eines russischen Soldaten auf. Der Barbier und sein Lehrling wurden gehängt. Nachedi Mamed USkoui, einer der FidaiS, die während dieser Mastaker russische Soldaten gelabt und einem russischen Offizier und mehreren russischen Soldaten Zuflucht geboten und den der Konsul begnadigt hatte, wurde von Samad Khan auf das Geheiß des russischen Konsuls gehenkt. Dem englische» Konsul in Täbris sind all- diese Grausamkeiten wohl bekannt, aber er erstattet seiner Regierung keine» Bericht, den er nicht dem russischen Konsul vorgelegt und nach dessen Wunsch redigiert hat. GcwcrkrchaftUcbea. Gelber Schwindel. Die Leiter der gelben Werkvereine gebärden sich, als hätten sie die Welt erobert. Neben dem Lebiusschen„Band", dem Organ der Berliner Gelben, wurde vor Jahresfrist in Essen„Der Werl- verein", als„Organ der nationalen Arbeiterbewegung" für den ganzen Westen, namentlich für den rheinisch-westfälischen Industrie- bezirk, ins Leben gerufen. Die Gründung erfolgte in Essen, wo die Bewegung der Gelben schon seit längerem in den Kruppschen Werk- vereinen einen Stützpunkt gefunden hatte. „Der Werkvcrein" bringt aus Anlaß seines einjährigen Bestehens in seiner letzten Nummer einen Rückblick über«Das erste Jahr", der an übertriebener Hoffnungsfreudigkeit und unerreichter Schön- färberei nicht zu überbieten ist. Man könnte diese Jubelhymne getrost mit Stillschweigen übergehen, wenn nicht auch die arbeiter- feindliche Tagespresse die Darstellungen des Werkvereins als bare Münze verbreiten würde. An allen größeren Orten des Jndustriebezirks wollen die Gelbe» festen Fuß gefaßt haben. In den meisten Orten hat man jedoch auch nicht das mindeste hiervon gemerkt. Uebcr die Entwicklung der Werkvereine im Westen wird in dem schon zitierten Jubelartikel gesagt:' „So trat„Der Werkverein" ins Leben und begann seinen erfolgreichen Lauf mit 7500 Abonnenten. Schon in der nächsten Nummer konnten wir 7800 Abnehmer zählen, die sich in Nummer 3 auf 8lX><) erhöhten und nach dem ersten Monat aus 8150 anwuchsen.... Dann trat eine Zeit der Sanimlung ein; eS wurde fleißig gearbeitet an dem inneren Ausbau des Blattes und mit Nr. 24 stiegen die Abonnenten ans 10 200. Die Nr. 30 wurde von 11700 Abonnenten bezogen, Nr. 34 konnte in einer Auflage von 12 500 erscheinen und mit Nr. 37 konnten wir 15 000 Gesinnungsfreunde als Abonnenten zählen. Weitere Kreise des Jndustriebezirks wurden auf die Zeitung aufmerksam und gewonnen. Mit der nationalen Arbeiterbewegung wuchs auch die Zeitung: neue Vereine wurden gegründet und erhoben den.Werkverein" zu ihren, Organ. Und heute können wir stolz die Zahl unserer Bezieher auf 40 000 angeben, können wir feststellen, daß unser„Werkverein" das verbreitetste Blatt der wirtschaftsfriedlichcn, nationalen Ar- beiterbewegung ist." Die von dem„Werkverein" angegebenen Zahlen sind natürlich nicht nachzuprüfen; aber 40 000„Abonnenten" auf den„Werkverein" bedeuten bei weitem nicht 40 000 Gesinnungsgenossen der Gelben. Man muß die Agitation kennen, die ein Teil des Unternehmertums für die gelben Wcrkvercine entfaltet, um den wirklichen Wert dieser Ziffer beurteilen zu können. ES ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man saqt, daß wohl etwa die Hälfte der„Abonnenten" völlig un- freiwillig in den Genuß der„schätzenswerten" Lektüre des „WerkvereinS" gelangt. Eine Anzahl Werke abonnieren das Organ der Gelben einfach für die gesamten bei ihnen beschäftigten Arbeiter. Wer nicht sein Brot verlieren will, der nimmt den Wisch an, verbraucht ihn in angemessener Weise und wird dann ohne weiteres zu einem Gesinnungsgenossen der Gelben ge- stempelt. So geht es namentlich dem großen Heer der Angestellten der Straßcnbahngesellfchaften, die fast in ganz Rheinland und Westfalen systematisch zur Mitgliedschaft in Betriebsvereinen gezwungen werden. Diese Betriebsvcreine, die sich vor kurzem zusammengeschlossen haben, tragen einen ausgesprochen gelben Charakter, die Mitglieder erhalten durchweg den„Wcrkvercin" als Vereinsorgan. Im übrigen darf aber ein Moment nicht verkannt werden: Es hat sicherlich immer schon solch sonderbare Käuze gegeben, die an eine Harmonie der Jntereffcn der Arbeiter und der Unternehmer glaubten. Schließt man diese nun zusammen, wa? im vergangenen Jahre geschehen ist, so mögen immerhin etliche Tausende dabei zu- sammenkommen. Was will diese Zahl aber bei den vielen Millionen der Arbeiter überhaupt und gegenüber den 2� Millionen frei- organisierter Arbeiter im besonderen bedeuten. Uebcr das„machtvolle" Anwachsen der«Gelben" dürfte die Scharfmacherpresse zu früh gejubelt haben. Der gesunde Sinn der Arbeiter wird schon verhindern, daß die„gelben" Bäume in den Himmel wachsen. Berlin und Umgegend. Die Berliner städtischen Gärtner nahmen in ihrer Monats- Versammlung am 4. April den Bericht ihres Ausschusses entgegen. Der Ausschuß führte lebhaft Klage über das geringe Entgegenkommen des Herrn Gartcndircktors Broderscn gegenüber den Wünschen und gar bescheidenen Lohnforderungen der Gärtner. In der dem Bericht folgenden Debatte stimmten sämtliche Redner den Ausführungen der Ausschußmitglieder zu; sie beklagten besonders die überaus niedrigen Ansangslöhne, die in der Berliner Park- Verwaltung gezahlt ivcroen, mit dem Hinweis, daß kleine Berliner Vorortgemcinden nicht nur höhere Löhne zahlen, sondern auch mehr soziales Entgegenkommen an den Tag legen. Allgemein wurde die Ansicht ausgesprochen, daß, nachdem die Direktion so wenig Entgegenkommen gezeigt, der Ausschuß die Wünsche und Forderungen der Gärtner bei der Parkdcputation abermals, even- tucll durch persönliches Vorstelligwerden zu Gehör bringen solle. Eine in diesem Sinne gehaltene Resolution fand einstimmige An- nähme. Nach einem Hintvcis auf die notwendige gewerkschaftliche Organisationsarbeit und Aufklärung über die sozialen Pflichten der Gemeinde als Arbeitgeber fand die zahlreich besuchte Vcr- sammlung ihr Ende. Die Lohnbewegung für die auf Zelte, Pläne und wasserdichte Artikel in Berlin beschäftigten Personen, welche vom Verbände der Sattler geleitet wurde, konnte mit gutem Erfolge beendet werden. Für alle in Betracht kommenden Betriebe wurde ein einheitlicher, für drei Jahre geltender Tarifvertrag abgeschlossen. Die Arbeits- zeit wurde von 53 auf 52 Stunden verkürzt. Ucberstunden werden mit 25 Proz., Nacht- und Sonntagsarbeit mit 30 Proz. Zuschlag bezahlt. Der Mindestlohn für Sattler und Tapezierer wurde von 50 auf 60 Pf., für Schlosser, Schmiede und Dreher auf 65 Pf. festgesetzt. Helfer und Stockgesellen erhalten 56 Pf., Hilfsarbeiter 45 Pf.. Maschinennäherinnen 35 Pf. Alle zurzeit im Betriebe Beschäftigten bekommen 10 Proz. Lohnzulagc. Zum Fleischerstreik in Neukölln. Herr Flcischermeister Fischer in Neukölln sendet uns folgende Erklärung: Die im Absatz 2 des Artikels„Zum Fleischcrstreik in Neukölln" in Nr. 78 vom 2. April aufgestellte Behauptung, ich hätte einem Verbandsvcrtretcr gegen- über erklärt:„Die Beschlüsse der Innung seien mir mehr wert, als die Parteizugehörigkeit", entbehren jeder Grundlage und sind aus der Luft gegriffen. Ich selbst bin seit 8 Jahren Parteigenosse und habe mir sowohl in der Partei wie auch in oer Jugcndbe- wegung viele Freunde erworben. Meine Gesellen erhalten nach- weislich mehr Lohn als der Tarif bedingt. Ich kann aber eine anderweitige Arbeitseinteilung meiner Gesellen Wegen der von meiner Kundschaft an inich gestellten Anforderungen nicht vor- nehmen, da ich sonst in kürzester Zeit ruiniert wäre. Wilhelm Fischer, Fleischermeister, Neukölln, Zietenstr. 51. Achtung, Töpfers Die Storkower Kollegen sind am Dienstag, den g. April, in den Streik getreten. Storkow gehört zum Königs- wusterhausener Zwangsinnungsgcbiet und zum Arbeitgeber-Unter- Verbandsgebiet Teltow-Becskow-Storkow. Da es hauptsächlich die Königswustcrhausencr Unternehmer sind und an ihrer Spitze der Obermeister Gustav B r u n n e r- Königswusterhauscn, die die Einigung mit den Storkower Unternehmern hintertreiben, ersuchen wir hiermit, den Zuzug für das gesamte Gebiet fernzuhalten. So- Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: mit also auch für die Orte KZnigSwusterhausen, Beeskow, Teupitz, Wendisch-Buchholz usw. Daß es in Storkow zum Streik kommen konnte, ist uns unverständlich, denn unsere Kollegen fordern weiter nichts als das Angebot der Innung,„für Storkow Bezahlung nach Berliner Tarif mit 15 Proz. Abzug". Nachdem die Meister nun ihre Unterschrist dazu gaben resp. die angebotene Bezahlung in Kraft treten sollte, weigerten sie sich dem nachzukommen. Sic erklärten, ihre jetzigen Verkaufspreise ließen dies nicht zu. Daß aber auch dies nur eine Ausrede ist, beweist der Umstand, daß sie doch ihr Angebot schon vor einem Vierteljahr gemacht haben; sie hatten also genügend Zeit, ihre Verkaufspreise danach einzu- richten. Kein Kollege darf also von jetzt ab in diesem Jnnungs- gebiet in Arbeit treten, ohne sich erst im Berliner Filialbureau erkundigt zu haben. Storkow ist aber unbedingt zu meiden. Auch ersuchen wir die Fliesenleger, keine Fliesenarbeiten bei den Stor- kowcr, Beeskower und Teupitzer Töpfermeistern anzunehmen, da sie sonst Streikarbeit ausführen. Die Fliesenarbeiten sind näm- lich bisher bei diesen Töpfermeistern immer von den Töpfern aus- geführt worden. Zurzeit handelt es sich um angefangene Fliesen- arbeit in Pechhütte. Die Verbandsleitung. Deutsches Reich. Ter Textilarbeiterverband im Jahre 1911. Der wirtschaftliche Druck, der in den Jahren 1903/09, zum größten Teil auch noch 1910 auf der Textilindustrie lastete, sängt an zu weichen. Die Arbeiter, die unter dem Krisendruck sich den Macht- gelüsten der Textilbarone beugen mußten, gehen wieder mit frischem Mut daran, an einer Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeits- bedingungcn zu arbeiten. Der Stand der Mitgliederziffern � zeigt das Vertrauen auf eigene Kraft. Am Jahresschlüsse 1909, also am Ende der vorigen Geschäftsperiode, zählte der Textilarbeiterverband 104 301 Mitglieder, am Jahresschlüsse 1910 schon 116 075 Mitglieder, Ende 1911 jedoch 131 525 und gegenwärtig 136 000 Mitglieder. Lohnbewegungen und Streiks fanden im Jahre 1911 insgesamt 259 statt, die sich auf 128 Orte mit 1046 Betrieben und 106 747 Be- schäftigtcn verteilten. Von den Arbeitern wurden Forderungen an die Unternehmer in 209 Fällen in 106 Orten in 963 Betrieben mit 88 399 Beschäftigten gestellt.— Von den Unternehmern wurden in 50 Fällen in 39 Orten in 83 Betrieben mit 18 348 Beschäftigten Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen versucht. Tarife wurden 16 für 3589 Personen abgeschlosseir. Insgesamt wurden bei allen Be- wegungen erreicht für 13 980 Personen 40 521 Stunden Arbeitszeit- Verkürzung pro Woche und für 31017 Personen 30 082 M. Lohn- erböhungen pro Woche. Für 19 550 Personen wurden sonstige Ver« besscrungen erreicht oder Verschlechterungen abgewehrt.— Für die Bewegungen wurden 345 846 M. an Unterstützung gezahlt. Bei allen Bewegungen, die in der Textilindustrie geführt werden, sind oft eine ganze Menge Verbesserungen zu konstatieren, die in ihrem finanziellen Effekt nicht Erfaßt werden können, da sie sich für den einzelnen nicht ziffernmäßig nachweisen lassen, aber trotzdem Erhöhungen der Wochenverdicnste darstellen. So sind auch diesmal mehrere Tausend Personen bei der besseren Be- Zahlung der Warte- und Putzzeit oder der Vorarbeiten be- teiligt. Für mehrere Tausend konnten bei schlechtem Material Zuschläge zu den bestehenden Löhnen herausgeholt werden, bei früherem Arbeitsschluß erfolgt Vollbezahlung. Bei der Kompliziertheit des Betriebes in der Textilindustrie darf gerade die bessere Bezahlung der Vorarbeiten, der Wartezeit, der Zuschläge bei geringwertigerem Material nicht unterschätzt werden. Für die Spinner war es notwendig, in mehreren Fällen die genaue Gewichtsbezeichnung der Gärnablieferungskörbe zu ver- langen, um in diesen Fällen dem Spinner das tatsächlich gelieferte Gewicht zu garantieren. Eine Reihe anderer Verbcsserungen wie Abschaffung der Strafen, von Ileberzeitarbeit, Anerkennung der Organiiation, periodische, kollektive Lohnregelung, Lieferung von Ar- beitskleidern, Freigabe des 1. Mai, Ferien usw. werden ohne weiteres dazu biitragen, das Vertrauen zur Organisation der Textilarbeiter zu erhöhen._ Vom Streik in der Görlitzer Waggonfabrik. Wie sehr die sogenannten Wohlfahrtseinrichtungen der Unter- nehmer zum Schaden der Arbeiter werden können, wird wieder einmal bei diesem Streik bewiesen. Bekanntlich stehen bei der Görlitzer Waggonfabrik von 1600 Beschäftigten 1200 seit einer Woche im Streik. Bereits in voriger Woche hat die Werksleitung bekannt gegeben, daß alle Arbeiter, die nicht wieder zur Arbeit kommen, aller Wohlfahrtseinrichtungen, die innerhalb des Betriebes für die Arbeiter geschaffen sind, verlustig gehen. Der erwartete Erfolg dieser Androhung blieb aus. Darauf hat die Werks- leitung denjenigen ausständigen Arbeitern, die in der Garteckkolonie des Betriebes Laubengärtchen inne hatten, als Ostergefchenk ein Schriftstück zugehen lassen, in dem den Inhabern das weitere Recht der Benutzung dieser Parzellen abgesprochen wird; es wird ihnen bestimmt, bis zu welchem Tage und zu welcher Stunde die in den Lauben befindlichen Gegenstände und Geräte entfernt werden müssen, gleichzeitig wird verlangt, daß die bereits ge- machten Anpflanzungen entfernt werden sollen. Lakonisch heißt es zum Schluß des Schreibens:„Vom 13. d. M. ab wird über Ihre Gartenparzelle anderweit verfügt werden."— Das ist der„Segen" der Wohlfahrtseinrichtungen des Unternehmertums. Dem Aufsichtsrate dieser Aktiengesellschaft, die 1910: 16 Proz. und 1911: 13 Proz. Dividende verteilte, steht ein freisinniger Partei- führcr in Görlitz vor._ Ein Erfolg der Lausitzer Granitarbeiter. In dem großen Steinbruchgebiet Demitz, Thumitz, Kamenz. Bischheim und Häslich(Lausitz) hat soeben der Steinarbeiterverband einen schönen Erfolg errungen. Für 2400 Arbeiter konnte erst- malig ein umfangreicher Bczirkstarif abgeschlossen werden. Die Verhandlungen gestalteten sich deshalb so schwierig, weil die bis- hcrige Entlohnung für die Steinmetzen, Brecher, Pflastersteinmacher und Hilfsarbeiter eine recht unterschiedliche war. UebrigenS ver- handelten die im„Jnduftrieschntz" organisierten Steinbruchbesitzer nur ungern mit der Organisationsleitung der Arbeiter. Der Stem- arbeiterverband betreibt aber schon seit Monaten eine umfassende Propaganda bei den Baubehörden dafür, daß bei ßier Uebertragung von Natursteinlicferungen nur solche Unter- nehmer berücksichtigt werden, die mit den Arbeitern Tarifverträge eingegangen sind.— Die Konkurrenz der Lausitzcr Industriellen hat bisher sehr drückend auf die Tarisentwickekung der ganzen deutschen Steinindnstrie gewirkt. Bemerkenswert ist, daß während der Ver- Handlungen der Steinarbeiterverband noch über 400 neue Mitglieder gewann. Die Firmen in der Lausitz sind alle gut fundiert, meist handelt es sich um Großbetriebe. In den, Pflastersteinbruchgebiet von Ammelshain. Falkenhain, Grimma, Röcknitz, Lüptitz und Würzen stehen gegen tausend Stein- arbeiter in einer Tarifbewegung. Die Unternehmer haben früher den Herrenstondpunkt eingenommen und jede tarifliche Festsetzung der Lohnverhältnisse abgelehnt. Diese« Mal dürfte ihnen eine solche Taktik kaum gelingen. Die Bezirkstarifverhandlungcn für die Steinarbeiter des bayrischen Walde?, die in Deggendorf unter dem Vorsitz des BezirksamtniannS v. Lenk stattsanden, brachten eine Verständigung nicht. Die weiteren Beratungen finden Ende April statt. Die Tarifbewegung der Holzarbeiter im rheinisch- westfälischen Industriegebiet. Nachdem eS gelungen war, über das Vertragsmuster und die allgemeinen prinzipiellen Fragen des neuen VertragSverhältniffes einschließlich der Frage der Vertragsdauer zu einer Verständigung zu gelangen._ hätte man annehmen dürfen, daß auch in gleicher Weise über die materiellen Fragen wie Arbeitszeit und Lohn eine Einigung möglich sein würde. Leider ist diese Hoffnung durch die örtlichen Verhandlungen, die in der letzten Woche für Dort- mund, Hagen u n d Lüden scheid stattfanden, gänzlich zer- tlh. Glocke, Berl'n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. n VcrlagSanstalt� stört. In diesen Verhandlungen forderten die Arbeiter für Hagen und Dortmund eine Verkürzung der Arbeitszeit von 54 auf 53 Stunden und für Lüdenscheid eine solche von 59 auf 56 Stunden pro Woche nebst einer Lohnerhöhung von 6 bis 7 Pfennig, verteile auf die ersten Jahre der vereinbarten vierjährigen Vertragsperiode. Von solchen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen wollen die Unter- nehmer aber nichts wissen. Nach längeren Auseinandersetzungen er- klärten sie sich bereit, in Lüdenscheid die Arbeitszeit um Ift, Stunden auf 57'/, Stunden pro Woche zu verkürzen, während sie erklärten, für Dortmund und Hagen eine Arbeitszeit unter 54 Stunden pro Woche grundsätzlich ablehnen zu müssen. Die Arbeilervertrcier lehnten ohne Arbeitszeitverkürzung den Abschluß neuer Verträge ab. Damit waren die Verhandlungen so ziemlich auf dem toten Punkt angelangt, selbst die anerkennenswerten Bemühungen des Ver- Handlungsleiters, des Herrn Beigeordneten Rasch aus Essen, ver- mochten nickt mehr, die Parteien einander näher zu bringen. In der Lohnfrage sind die Gegensätze gleichfalls recht groß. Die Unternehmer boten für Hagen an Lohnerhöhung: ab 1. August 1912 1 Pf., I.August 1913 1 Pf. und 1. August 1815 1 Pf. In Dortmund erklärten sie, zu einer bescheidenen Lohnerhöhung bereit zu sei»; ein bestimmtes Angebot wurde jedoch nicht gemacht in Rücksicht aus die gespannte Situation, die sich bei der Frage der Arbeitszeit er- geben hatte. Aehnlich wie in Hagen und Dortmund liegen die Verhältnisse in Essen und Bochum, während im Geljenkirchener und im Wanner Bezirk die Schwierigkeiten eher größer als kleiner sind. Es ist zwar vereinbart worden, die Verhandlungen am 10. April in Gelsenkirchen fortzusetzen und diese dann auch auf alle übrigen namhafteren One auszudehnen, aber viel Hoffnung auf ein friedliches Resultat besteht anscheinend auf keiner Seite mehr. Ist der Kampf zu vermeiden, so werden die Arbeiterorgaui- sationen nichts unternehmen, um den Frieden zu stören, ist er dagegckr unvermeidlich, dann sind sie auch in der Lage, bis zum siegreichen Ende durchzuhalten. Es ist keine Frage, daß neue Verträge für das Industriegebiet nur möglich sind auf der Grund- läge, wie das Vertragswesen im übrigen Deutschland in den letzten Jahren aufgebaut ist. Wo sich die Unternehmer nicht in diesem Rahmen bewegen wollen, da gilt es den Kampf, ganz gleich, ob ihre Hintermänner bei den Scharfmachern des Baugewerbes oder bei der Eisen- und Metallindustrie zu suchen sind. Im Ruhrgebiet müssen bis zum 15. April, dem Ablaufs- termin der alten Verträge, die Würfel gefallen sein. LrCtzU IVachn'cbtcn. Schwerer Unglücksfall. In dem Hutgeschäft von Schmidt, Wielandstr. 25 in Schöne- berg, wurden gestern nachmittag mehrere Einrichtungsgegenstände ausgewechselt. Als man ein großes Regal auf den Bürgersteig ge- stellt hatte, wurde es durch einen Windstoß umgerissen. Es traf zwei Kinder, die dort spielten. Der vierjährige Sohn OSkar des Expedierenden Eisenbahnsekretärs Vogt, Ringstr. 29 in Friedenau wohnhaft, wurde auf der Stelle getötet. Seine, sechsjährige Schwester Erna erlitt so schwere Verletzungen, daß sie nach dem Schöneberger Krankenhause gebracht werden mußte. Etlrdigtes Landtagsmandat. Landsberg a. Warthe, 10. April. In Fürstenwaldc starb Ge- neralmajor z. D. v. K r o s i g k. der Landtagsabgeordnete für Frank- furt 9 Luckou-Lübben und Führer der konservativen Partei im Wahlkreis Frankfurt a. O. Nach berühmten Mustern. London, 10. April.(W. T. B.) Wegen der feindseligen Hal- tung, welche die noch streikenden Bergarbeiter im Kohlenrevier von W i g a n gegen diejenigen einnehmen, welche die Arbeit in den Schächten wieder aufgenommen haben, ist heute ein Kavallerieregiment nach Wigan abgesandt worden, j Jünfzig Bergarbeiter verunglückt. London, 10. April.(P. C.) In dem Bergwerk zu Jelkeh stürzte heute morgen infolge Drahtseilbruchs der Förderkorb in den 300 Meter tiefen Schacht. Sämtliche Insassen, ungefähr 50 Arbeiter, erlitten schwere Verletzungen; 10 von ihnen haben lebensgefährliche Knochenbrüche und innere Kontusionen davongetragen. Opfer der heutigen Gesellschaftsordnung. Budapest, 10. April.(P.-C.) Ein aufregender Vor- fall spielte sich heute nachmittag auf dem Donaukai ab. Dort erschien eine Arbeiterftau mit ihren drei Kindern, die sie auf dem Kai niederlegte. Darauf zog die Mutter einen Revolver aus der Tasche und feuerte fünf Schüsse auf die Kleinen ab. Fast alle Ku- geln verfehlten jedoch ihr Ziel, Nur ein dreijähriger Mab« wurde von dem einen Geschoß getroffen und lebensgefährlich vcr- letzt. Nach dem fünften Schusse brach die Frau vor Auf- regung ohnmächtig zusammen. Wie es heißt, sollen Nahrungssorgen die Mutter zu der Tat getrieben haben. Selbstmord durch Absturz vom Pariser Triumphbogen. Paris, 10. April.(P.-C.) Ein aufregender Vorfall spielte sich heute nachmittag auf dem Place de l'Etoile ab. Ein gutgekleidetcr Mann mittleren Alters, dem Anschein nach ein Deutscher, stürzte sich von der Spitze des Triumphbogens vor einer zahlreichen Menge Passanten herunter. Der Selbstmörder blieb auf der zweiten Platt- form des 50 Meter hohen Bauwerks hängen. Nach einigen Augen- blicken stürzte der Körper des Unglücklichen zur Erde, wo er zer- schmettert liegen blieb. Der Unbekannte gab noch einige schwache Lebenszeichen und verstarb auf dem Wege zum Hospital. Große Unwetterschädeck in Rußland. Petersburg, 10. April.(P.-C.) Ein furchtbares Unwetter, das seit mehreren Tagen besonders den Südwesten Rußlands heim- sucht, hat in allen Teilen des Landes großen Schaden ange- richtet. Im Kaukasus sind infolge des furchtbaren Sturmes sämtliche Tclcgraphenlinien zerstört worden. Im Gouvernement Eher so u und in Bessarabicn sind sämtliche Eisenbahnlinien unterbrochen. In Nikolajew sind viele Gebäude zerstört. In Odessa stürzte ein in der Nähe des Hafens befindliches Haus ein und begrub drei Familien unter seinen Trümmern. Vier Personen wurden erschlagen. Bei Ovidopel kenterte in einem Schneesturm eine mit Zehn Mann besetzte Barke. Die g e- samtc Mannschaft fand ihren Tod in den Wellen. Auch aus Scbastopol werden Hiobsposten gemeldet. Das Un- Wetter richtete hiev großen Schaden in den Hafenanlagcn an. Bis jetzt wird der Materialschaden, den das Sturmwetter verursachte, auf 15 Millionen Rubel geschätzt. ßaulSingerä Co., Berlin LW. Hierzu Z Beilage« u.UntrrhaltungSbl. Ar. 84. 39. Iahrgaag. KcilaU des, Amiirls" Kcrlim AIKsM Donnerstag, lt. Aprtl lv12. eil» wtlUklKr ZungckeutichlZnckbuoS. Die Lorbeeren, die Herr Generalfeldmarschall Dr. Freiherr v. d. Goltz durch die Gründung des Jungdeutschlandbundes auf Vorschuß eingeheimst hat. haben die ehrgeizigen Vertreterinnen der weiblichen Bourgeoisie aus ihrem süßen Schlummer erweckt. Und nachdem Preußens Regierung, die im Orchester der �deutschen Bundesstaaten bekanntlich kräftig den Taktstock schwingt, alle „nationalen" Kreise in warmen, aber um so eindringlicheren Worten zur gemeinsamen staatlichen Jugendverhetzung aufgerufen hat, gehört die Mitarbeit an der heuchlerischen Jugendpflege so- zusagen zum guten Ton der oberen Gesellschaftsklassen. Haben da die Vertreterinnen des weiblichen Bürgertums so eine Art weiblichen Jungdeutschlandbund der Welt beschert.„Wie er räuspert und wie er spuckt, das habt ihr ihm glücklich abgeguckt." In einem Punkte haben sich die bürgerlichen Damen sogar klüger als ihre Meister gezeigt. Während Herr Generalfeldmarschall Dr. Freiherr v. d. Goltz seinen Bund mit einem lauten Geschrei in die Welt gesetzt hat, hoben es die Vertreterinnen der weiblichen Bourgeoisie vorgezogen, den Fang der weiblichen Arbeiterjugend ohne jede Erregung der Oeffentlichkeit einzuleiten. In aller Stille haben sie eine Konferenz vorbereitet, die am 14. Januar d. I. im Pestalozzi-Fröbelhaus in Berlin getagt hat. Die Konferenz be- ichloß, einen Pfadfinderbund für junge Mädchen zu gründen. Den einleitenden Vortrag über den Zweck und das Ziel des Bundes hielt Frau von Hopffgarten, die zur Geschäftsführerin des Bundes gewählt wurde. Was die Dame über die Aufgaben und das Ziel der neuen Organisation erzählte, war recht dürftig. Der Bund wolle durch Wanderungen, Bewe- gungsspiele im Freien, Gartenbau, Tanzreigen im Walde die Liebe zur Natur wecken und gleichzeitig den durch Schule und Berufs- leben der körperlichen Ucbungen entwöhnten jungen Mädchen Ge- legenheit geben, ihre Gesundheit zu stählen. Es sollen aber auch ethische Ziele verfolgt werden. Weniger diese inhaltslosen, von einer argen Weltfremdhcit der Rednerin zeugenden Ausführungen, «als vielmehr das Gespenst der proletarischen Jugendbewegung dürfte die anwesenden bürgerlichen Damen von der Notwendigkeit der Gründung eines Bundes, der alle bürgerlichen Vereine für die weibliche Jugend vereinigt und sich über ganz Deutschland erstreckt, überzeugt haben. In Hamburg besteht bereits seit zwei Jahren eine solche Pfadfinderinnenbewegung, die ein Dr. phil. F o c r st e r, der Ober- lehrer an einer höheren Mädchenschule ist, deshalb geschaffen hat. da„die Schule unmöglich allein eine Erziehung im weitesten Sinne des Wortes zu leisten vermag". Alle Peranstaltungen, insbesondere das Wandern, sind dem Herrn lediglich Mittel zum Zweck der Erziehung. Es werden„Kampfspicle" veranstaltet, Bcobachtungs- spiele gepflegt, Flaggentelegraphic geübt, vor allem aber werden die jungen Mädchen in den Ambulanzdienst(Feldlazarettdienst) ein- geführt, der besonders: Wunden verbinden, Transport der Kranken, Lebensrettung, Verhalten bei Unglücksfällen und erste Hilfe vor dem Eintreffen des Arztes umfaßt. Trotz größter Anstrengung in einer zweijährigen Tätigkeit ist es dem Herrn Foerster doch nur gelungen, 100 junge Mädchen für seine Pfadfindergruppen zu ge- Winnen. Sie stehen in einem Alter von ll bis 18 Jahren und rekrutieren sich zum größten Teile aus Schülerinnen höherer Mädchenschulen. Jetzt will der Herr auch Volksschülerinnen für seine Sache zu gewinnen suchen, auf die er es besonders abge- sehen l>at. In den Vprstand des Pfadfinderbundes für junge Mädchen wurden gewählt: Frau E. von Hopffgarten, Frl. Fran- ziska Caesar, Frau Oberbürgermeister Do mini- cus, Hauptmann Bah er(als Vertreter des deutschen Pfad- findcrbundcs für Knaben), Marks(Direktor der Bank für Handel und Industrie) und Hasse(Deposi!en» k a s s e n v o r st e h e r). Als Beisitzer wurden die Vertreter größerer Vereine, die an den Bestrebungen des Pfadfinderbundes mitarbeiten wollen, gewählt. Unter ihnen befinden sich: Hofrat Professor H. Raydt(Geschäftsleiter des Zentralausschusses zur Förderung von Volks- und Jugendspielen), Frl. L i l I i Jan nasch(Verein für Kindcrausslüge, Charlottenburg), Prof. Kaup(Zentralstelle für Volkswohlfahrt), Frau Rudolf Moste (Verein Mädchenhort) und Frl. Fanny Götz(Verband zur Ver- besserung der Frauenbildung). Dem Bund haben sich bereits vier Ortsgruppen angemeldet: Metz, Hamburg, Magdeburg. Frankfurt a. M. Eine fünfte Orts- gruppe will das Pestalozzi-Fröbelhaus gründen. Der Vertreter der Gesuirdheitsabteilung der Zentralstelle für Volkswohlsahrt, Professor Kaup, begrüßte die Bildung des Bundes darum, weil„die zunehmende Berufstätigkeit der Mädchen schon jetzt den Gesundheitszustand der weiblichen Bevölkerung ungünstig beein- kleines feuilleton. Geh deine Bahn! Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht das .Zürcher Volksblatt" in seiner Festnuminer zu Hermann Greu- lichs 70. Geburtstag folgendes Gedicht des Jubilars: Geh deine Bahn und laß die Leute schwätzen, die Bahn ist lang— die Leute schwätzen viel! Mag Unverstand von Ort zu Ort dich hetzen--- geh deine Bahn! Denk an dein hohes Ziel! Mag mancher Hieb dich hart und schwer verletzen, der schonungslos in deine Seele fiel,— wirf ab von dir, was deine See! umwittert! Geh deine Bahn, aufrecht und unerschuttert. Geh deine Bahn, ob sich mit tausend Krallen der blinde Haß an deine Ferse bangt, ob die Verleumdung dich, gefloh'n von allen, bis an den Rand des tiefsten Abgrunds drängt.— Geh deine Bahn! Du kannst, du darfst nicht fallen, ob's deine Seele auch zusammenzwängt. Kopf in die Höh! Mit keinem Glied gezittert l Geh deine Bahn, aufrecht und unerschüttert l Geh deine Bahn! Laß die Philister schwätzen, daß dies nickt möglich, das nicht tunlich ser, laß sie getrost sich hintern Ofen setze» mit ihrer blöden Kannegießerei. Geh deine Bahn und folge de» Gesetzen, in deren Sieg die Welt wird schön und frei, vor deren Macht das Sklavenjoch zersplittert— Geh deine Bahn, anstecht und unerschüttert. Geh deine Bahn! Sie muß zum Siege führen, schon weicht die Nacht, der Himmel färbt sich rot, schon hört man morgenfrisch die Trommeln rühren, der unterdrückten Massen Aufgebot. Schon dröhnen Schläge an der Zukunft Türen,— das Sturmgeheul des Volkes um sein Brot. Das Schloß springt bald, ob's noch so stark vergittert! Geh deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert! Jesus im Theater. AuS Bremen wird uns geschrieben: Edmond R o st a n d S„Samariterin", mit der die in ge- wiffem Sinne unsterbliche Sarah Bernhardt gute Geschäfte machle, ist in Deutschland nicht ausführbar, weil Jesu« mitspielt. Bremen macht eine Ausnahme, wie denn das liberale Christentum seine fast- lose und hohlwangige Existenz überhaupt durch literarische Schmink- effekt« aufzufrischen sucht. Also wurde dieses vorgebliche„Evangelium" am Ostersonntag im Bremer Stadttheater mit großem Aufwand f l u s s e". Ob denn der Herr wirklich glaubt, daß der neugebackene Pfadfinderbund diese Elcndserscheinung unseres kapitalistischen Zeitalters auch nur um einen Schimmer abzuschwächen imstande sein wird? Allein die Zusammensetzung des Vorstandes zeigt mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, daß die körperliche Kräftigung der weiblichen Arbeiterjugend in allerletzter Linie als Zweck des Bundes in Frage kommt. Neben einigen bürgerlichen Ideologen, die vielleicht den guten Willen, aber nicht die nötige Macht haben, um im Interesse der Allgemeinheit Nützliches leisten zu können, wird der Vorstand von ausgesprochenen Vertretern des Kapitalismus gebildet. Sie, die durch eine wahnsinnige Profitgier die Gesund- heit der weiblichen Arbeiterjugend untergraben haben, und die täglich die Jungen wie die Alten der Arbeiterschaft bis aufs Blut aussaugen, möchten jetzt in selbstgefälliger, pliarisäischer Art als Wohltäter der Menschheit vor der Welt erscheinen. Abgesehen von diesem mehr äußeren Charakteristikum des Bundes besagen die mageren Brocken der Referentin deutlich genug, wohin die Reise gehen foll. Die immer wiederkehrenden Vcrsiche- rungen der Redner und Rednerinnen, die militärischen Spiele und der militärische Klimbim sollen nur als Mittel zum Zweck der körperlichen Ausbildung dienen, müssen geradezu verdächtig klingen. Es kennzeichnet die Herrschaften, daß ohne militärischen Tand und Drill eine körperliche Ausbildung der Jugend ihnen unmöglich er- scheint. Offenbar spekulieren die Herrschaften auf den romantischen Sinn der weiblichen Jugend. Sie hoffen, daß militärischer Tand und Klimbim sich als die besten Lockmittel gegenüber der weiblichen Jugend erweisen werden. Die weibliche Arbeiterjugend zu besitzen, damit sie nicht von der Jugendbewegung des organisierten Pro- letariats erfaßt wird, das ist der eigentliche, wenn aus un- ausgesprochene Zweck des neuen Pfadfinderbundes für junge Mädchen. Sorgen wir dafür, daß dieser Zweck nicht in Erfüllung geht._ Kongreß der belgischen Arbeiterpartei. Brüssel, 8. April.(Eig.©ct.) Gestern begann die belgische Arbeiterpartei die Beratungen ihres Jahreskongresses. Am Abend aber gab eS trotz Ostern und Frühlingswetter im Festsaal des „Maison du Peuple" dichtgedrängte Arbeitermasscn. Sie waren dem Ruf der Arbeiterpartei gefolgt, um einem M o n st e r in e e t i n g beizuwohnen, in dem Heerschau über die gesammelten Streitkräfte gehalten werden sollte, die in der Juniwahlschlacht die Besieguug des Klerikalismus vollbringen und den Weg für das gleiche Wahl- recht freimachen sollen. Aber nicht nur Prüfung und Ueberschau der Kampflage verhieß die Partei mit dieser Demonstration: der Alarm und Kriegsruf sollte aus ihr an die arbeitende Bevölkerung er- gehen. mit allen Kräften die Entscheidungsschlacht gegen die usurpierte Sechsstimmenmajorität zu einem Sieg zu gestalten. Und der Abend brachte beides: die sachliche, praktische Prüfung und eine jubelnd-begeisterte Kriegsstiminung— eine Vcrschwisterung der Erscheinungen, die im belgischen Volkscharakter so prächtig ver- eint ist.— Und noch ein anderes erhebendes Moment zeichnete die von der grandiosen Schwungkraft des nationalen Temperaments getragene Kundgebung aus. Die sozialdemokratischen Arbeiterparteien Frank- reichS und Deutschlands hatten für Kongreß und Meeting Vertreter entsendet, deren SiegeSwünsche mit ihren, Gedanken der geistigen Umschließung aller Kämpfenden dem Abend seine besondere Stimmung gaben. Die Veranstaltung leitete ein vom Orchester und dem Gesang- verein des„Maison du Pettple" bestrittenes Konzert ein. dessen Ab- schluß die„Internationale" bildete, die von der Menge jubelnd mit- gesungen wurde. Der Parteisekretär V a n d e r s m i s s e n erklärte in der Eröffnungsrede den Zweck der Versammlung und begrüßte de» Delegierten der geeinigten französischen Partei Roland und Genossen Müller vom deutschen Partei- v o r st a n d. Nach den BegrützungSworten des französischen Dele- gierten, der mit der Hoffnung auf die Niederwerfung der belgischen Klerikalen schloß, nahm Müller, demonstrativ begrüßt, das Wort. Es sei für ihn, sagt er. nach den Ereignissen in Deutschland eine besondere Genugtuung, an cincin ausländischen Meeting teilzu- nehmen, das für den Wahlkampf begeistern soll. Die Kämpfe in Deulschland, die von Blllow an dem Wahlsiege der deutschen Sozial- demokratie vorangingen, müssen auch für Belgien die Zuversicht beleben, daß der Kampf gegen die Reaktion siegreich sein muß. Der erst von Biilow rednerisch überwundene und von seinem Kaiser zer- schmetterte Sozialismus überflutet nun alle Dämme.— Die alldeutsche Kriegshetze und der schwarzblaue Blockkurs haben statt zur erhofften Kriegsbegeisterung zur Ernüchterung und zu Viereinviertel Millionen sozialistischer Stiinme» geführt. Belgien läßt mit Deutschland neben der Analogie mit dem Klerikalismus, der sich dort zum ersten Male dargestellt. Rostand bietet eine übel assortierte Sammlung von Jesuworten, Gleichnissen und Wundertaten, die auf drei Bilder verteilt sind und zum Nahmen die Bekehrung der Stadt Sicbem in Samaria haben. Die Beziehungen Jesu zur Samariterin sind, ganz im Stile der sexuellen Psychopathie, wie sie zu Zeiten gesellschaftlichen Niederganges grassiert, aufs mystisch-erolische ge- deichselt. Die bekehrte Kameliendome wird zur Prophetin. Das anspruchsvolle und gedankenlose Stück, das durch eine triviale Uebersetzung noch ungenießbarer wird, schließt mit spottbilligen Prophezeiungen künftigen Ruhmes der Beteiligten(wobei man merk- würdigcrtveise einen Hinweis auf das„Evangelium" des Herrn Rostand vernnßt) und mit dem Paterunser, geipiochen von Jesus mit dem Heiligenschein zum knienden Volke von Sichem. Die ganze Profanierung der Evangeliendichwng präsentiert sich als unfähige und schwächliche Sensationsmache. F. Die Taucher im Wrack der Oceana. Tagelang haben die Taucher am Wrack der gesunkenen Oceana gearbeitet, ohne daß eS ihnen ge- lang, ihr Ziel zu erreichen: erst jetzt sind sie zu den Schatzkammern des Schiffes vorgedrungen und bis zum Sonntag konnten sie bereits nahezu vier Millionen von den fünfzehn bergen, die in Gold und Silber in der Tiefe des Kanals ruhen. Es ist eine schwere und ge- fahienreiche Arbeit. Die Männer nnt dem Knpserhelm müssen unter Wasser über 00 Fuß tief mir den Händen an einem gespannten Seil hinabturncn, che sie hinter den Wänden des Wracks notdürftigen Schutz gegen die Strömling finden. Selbst bei dem mildesten Wetter ist die Strömung dort stark genug, um die an dem Taue klammernden Taucher immer wieder zur Oberfläche eniporzutreiben. Ueber dem Wrack hat sich bereits ein wahrer Berg von Trümmern angehäuft, und hier kann ein Fehltritt, ei» einziger falscher Handgriff Verderben bringen. Haben die Taucher erst einmal unter dem ersten Deck Schutz ge- funden, so können sie verhältnismäßig sicher arbeiten; aber der heftige Seegang und die Wogen der Brandung erschüttern daS Wrack so stark, daß cö schwer ist, das Gleichgewicht zu behalten. Die eigentliche Schatzkammer der„Oceana" liegt vier Deck tief im Rumpf des Schiffe», und um sie zu erreichen, muß Treppe über Treppe in der Finsternis überwunden werden. In dem Goldraume selbst müssen die Taucher die schweren eisenbeschlagenen Kisten von der Wand loslösen und mühsam empor- schaffen, wo sie dann ain oberen Deck an Ketten befestigt und durch einen Dampserkraii zur Wasseroberfläche hinaufgezogen tverden. Die ganze Arbeit spielt sich nach den Berichten englischer Blätter in Vollkvnnnencr Finsternis ab; es ist so dunkel, daß die Taucher eine Handbreit vor ihrem Knpferhelme keinen Gegenstaud mehr unter- scheiden können. Sie sind vollkommen aus ihren Tastsinn angewiesen. Vor Beginn der Arbeiten haben sie tagelang die Baupläne des untergegangenen Schiffes studieren müssen. Sobald die Gold- und Silberschätze geborgen sind, wird man das Wrack der.Oceana" mit Dynamit in die Luft sprengen. in der Verbindung mit dem Junkertum präsentiert, auch einen Ver- gleich in bezug auf das Wahlrecht zu— denn das gleiche Wahlrecht Deutschlands läuft in der Praxis durch die Wahlgeometrie auf ein Pluralivahlrecht hinaus. Wie die allen Bischofsitze Wllrzburg, Metz und Mainz und schließlich das schwarze Köln in die Hände der Sozialisten gefallen sind, so hofft der Redner, wird auch von den wallonischen und flämischen Bastionen die rote Fahne flattern. Nach den ausländischen Vertretern kam der Ausmarsch der belgischen Redner für Brüssel und die Provinze». Erst V a n d e r« Velde, der mit Genugtuung feststellt, daß Brüssel dem Beispiel der Provinzen in seinen Kampfvorbereitungen nicht nachsteht, um den Sieg für die größte Schlacht seit den unvergeßlichen Tagen von 1894 vorzubereiten. Ihm folgen der Deputierte Pepin, der die besten Wahlaussichten für den H e n n e g a u mitteilen kann. Deputierter W auters für das„Lüttich des Eisens und der Kohle", wie nicht minder für die vom Klerikalismus eingelullte, aber allmählich zum Bewußtsein kommende Landbevölkerung: Deputierter Furnemont für die Provinz Namür; und schließlich A n s e e l e, der für die beiden Flandern, die in voller Tätigkeit für den 2. Juni rüsten, das Beste versprechen kann. Der Redner behandelt auch das Verhältnis der Partei zur künftigen Regierung der Linken und sagt: Wenn das klerikale Regime gestürzt sein wird, wird nur eine Regierung möglich sein, die der Existenz des Proletariats Rechnung trägt. Wir werden mit jenen sein, die mit uns rechnen. Wir werden gegen jene sein, die ohne uns oder gegen uns regieren werden. Vor Abstimmung über die Resolution, die die günstigen Situationsberichte zur Kenntnis nimmt und zum Kampf gegen die Regierung aufruft, macht der Vorsitzende die Mitteilung, daß die deutsche Partei für den Wahlfonds der belgischen Partei 20000 Frank gestiftet hat. Die Nachricht wurde mit stürmischem Jubel quittiert und die Resolution begeistert akklamiert._ Die Afyliitenvergiftnngen vor Geriebt. Nach dreitägiger Pause wurde gestern die Verhandlung in dem Prozeß gegen den Drogisten Scharmach wieder aufgenommen.— Nach Eröffnung der Sitzung durch Landgerichtsrat Bricskorn werden die noch nicht vernommenen Zeugen aufgerufen, die immer noch eine recht große Zahl bilden. Von dem Vorsitzenden wird fest- gestellt, daß der von R.-A. Dr. Werthauer gestellte Antrag, die sämtlichen Leichen der seinerzeit nicht sezierten Verstorbenen zu exhumieren, versehentlich nicht in das Protokoll aufgenommen wor- den sei. R.-A. Dr. Werthaucr erklärt, daß er diesen Antrag von neuem stellen müsse, wcnu der Staatsanwalt die Anklage nicht nur auf diejenigen Fälle beschränke, in denen die Sektion erfolgt sei. Staatsanwalt Dr. Guftahr erklärt, daß er die Anklage nur in denjenigen Fällen fallen lassen könne, in denen die Personen nicht im Krankenhause verstorben seien. R.-A. Dr. Werthaucr führt ferner noch aus. daß er auf eine größere Anzahl von Sachverstän- digen Bezug nehmen werde. Es sei das Urteil, ob der Methyl- alkohol im allgemeinen oder nur in dem hier vorliegenden Falle giftig gewirkt habe, von einem Interesse, das weit über den Rahmen der Verhandlung hinausgehe. Insbesondere erscheine für das Deutsche Reich als solches eine sichere Feststellung von besonderem Interesse, da sich die Denaturierung des gewöhnlichen Alkohols mit Methylalkohol seit Jahren bewährt habe und von allen Kulturstaaten nachgeahmt sei. Alles spreche dafür, daß es sich in dem vorliegenden Falle um einen ganz ungewöhnlichen Ausnahmofall handele. Die Verteidigung werde deshalb noch erste Autoritäten bitten, sich der Erforschung der Sache zu widmen und habe zunächst zu morgen den Geh. Oberrcg..Rat und vortragenden Rat im Reichsschatzamt, Universiätsprofessor Dr. v. Buchka, geladen. Er bitte ferner, eine» Teil des beschlagnahmten Methylalkohols und der Essenzen zu reservieren, damit Untersuchungsmaterial zur Verfügung stehe. R.-A. Brcdercck: Die Verhandlung hat bisher ergeben, daß die giftige Wirkung des Methylalkohols immer erst 4— S Tage nach der Lieferung durch Scharmach eingetreten ist. Wir behaupten nun- mehr, daß der Methylalkohol, wie er von Scharmach geliefert worden ist, nicht giftig war. Die Giftigkeit des Methylalkohols sei dann erst durch längeres Stehen an der Luft bezw. durch Vermischung mit anderen Stoffen entstanden. Hierdurch bilde sich an der Ober- fläche Ameisensäure und Formaldehyd, die, in größeren Mengen genossen, als Gift anzusehen sind. Wir beantragen deshalb, den Ingenieur Albert Pöschl über diesen Punkt zu vernehmen. Dieser fabriziert seit mehreren Jahren die Methylalkoholfeucrzeuge und hat dabei über die Natur des Methylalkohols folgende Erfahrungen gemacht: Methylalkohol ist an sich, insbesondere in reinem und frischem Zustande, ohne jede Gefahr für die menschliche Gesundheit und kann als Genußmittel verwendet werden. Bei längerem Stehen bildet sich dann, ebenso wenn er mit anderen Säuren in Humor und Satire. Die neugierigen Frager. (Erste Serie der„Kurzen Anfragen' im Reichstag.) „Warum mußte Mermuth gehen?" Antwort des Reichskanzlers: Vor ihm waren schon neun andere Nichlhomogenc gegangen worden, und das kann der Zehnte nicht vertragen. „Warum ließ man beim Streik das Militär eingreifen?" Antwort: Weil wir mit den Sozialdemokraten ein Tänzchen wagen wollten und die Krefclder Tanzhusaren zur Stelle hatten. „Warum sind die neuen Hundertmarkscheine so unhandlich?" Antwort: Damit Sie ein Langes und ein Breites darüber zu reden haben. „Warum ärgern Sie die SchnapSbrenner durch Abschaffung der Liebesgabe?" Antwort: Wir wollten grad' wieder mal nach Canossa, und da geht's über den„Brenner". „Warum werden auf dem Dache des Herrenhauses Karnickel und Hühner gezüchtet?" Antwort: Damit eS sich endlich verlohnt, den HerrenhäuSlcrn aufs Dach zu steigen. „Hat Churchill mit seiner Behauptung recht, daß Deutschland durch seine gewaltsamen Rüstungen dem Bankrott entgegengeht?" Antwort: DaS ist leine Frage I(«Lustige Blätter". ' Notizen. »» Eine BegaS-Auktion. Begas' künstlerischer Nachlaß wird vom IS. bis 17. April in dem neu gegründeten Kuust-AuktionS- hauS der Gebr. Heilbron in der Zimmerstraße versteigert. — Die„Werkstatt der Werdenden", eine neue Knnstlergemcinschaft, veranstaltet am Sonnabend im Künstterhause, Bellevucstr. 3, eine Uraufführung von Theaterstücken, die von der Zensur nicht zugelassen sind, vor geladenem Publikum. U. a. kommt W e d e k i n d s„Tod und Teufel" zur Darstellung.- Die„heimliche Bühne" beginnt also unter anderem Namen ihre Tätigkeit. — K u n st ch r o n i k. Die F u r u r i st e n beschicken die zweite Ausstellung der Zeitschrift„Der Sturm", Tiergarteustr. 34s., kollektiv. Sie wird am 12. April eröffnet. — Ein Jubiläum des Esperanto. In einigen Wochen werde» 2ö Jahre seit dem Tage verflossen sein, au dem der russische Arzt Zamenhof die von ihm erfundene Weltsprache Esperanto öffent- lich bekannt machte. Nachdem diese Weltsprache in den ersten Jahren mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatte, hat sie dann erstaunliche Fortschritte gemacht. Im Jabre 1907 bestanden bereits eiwa 1000 Esperantistenvereine: heute ist die Zahl wenigstens auf da» Doppelte gewachsen. In der ganzen Well werden 12ü Zeit- schristen in Esperanto veröffentlicht und in einer Reihe von Ländern wird Esperanto auch in einer Anzahl Schulen gelehrt. 1 Verbindung gebracht wird, durch Oxydation Ameisensäuts und Formoide.'nch. Herr Pöschl hat selbst aus Methylalkohol Schnäpse sabrkzicrt und auch selbst getrunken, ohne irgend welche schädliche Wirkungen ju verspüren. Es ist hier in der Verhandlung zur Eprarbe gekommen, daß mehrere der Verstorbenen kurz vorher sauren Hering gegessen haben. Es liegt deshalb die Möglichkeit vor, daß durch die in diesem enthaltene Säure erst in dem Magen der Ve: reffenden die Oxydation stattgefunden hat.— R.-A. Dr. (■afh schließt sich diesem Antrage an und beantragt ferner, den Apotheker Hans Eohn von der Blumenthalschen Apotheke zu laden, der ebenfalls bestätigen werde, daß die giftige Eigenschaft des M'eiftylalkohols erst später entstehen könne. !)t.-A. Vrcdereck erklärt nochmals, daß sich der von ihm vor- geschlagene Sachverständige erboten habe, den Versuch im Gerichtssaale vorz», nehmen, Landrichter Krienee: Wir werden dieses Experiment uns hier vor- führen lassen. Nachdem sich die Sachverständigen Prof. Jnckenack und Dr. Jeserich zu dieser Frage, ob der Methylalkohol durch Oxydation giftig wird, in einem den Behauptungen der Verteidigung entgegen- gefegten Sinne geäußert, wird die Beweisaufnahme über die ein- zelncn Fälle fortgesetzt. Ter Schutzmann Krammroth hat mehrere Erkrankte im Krankenhaufe darüber befragt, wo sie de» Schnaps, den sie ge- trunken, gekauft hatten. Sie hatte»« ihn alle in derselben Schank- Wirtschaft in der Nähe des Asyls getrunken und waren kurz nach dem Geiuiß auf der Straße umgefallen. Die Beweisaufnahme greift sodann kurz auf die Aussage der Zeugin Wichmann zurück, die seinerzeit eine vor dem Kriminal- Zommissar Toussaint gemachte Aussage etwas eingeschränkt hatte. Der Dater der Zeugin bekundet: seine Tochter habe ihm erzählt, sie sei bei der Vernehmung sehr befangen gewesen und habe wohl mehr gesagt, als sie verantworten könne; sie habe bei dieser Vcr- nehmung das. Wort„Methylalkohol" nicht gebraucht; sie wisse nur, daß irgend ein Fremdwort gefallen sei. Im Stadtvogteigefängnis sind auch einige Fälle vorgekommen, die von der Anklage zu den sogenannten Asylvergiftungen gerechnet werden. Ucber diese Falle wird der Direktor des Staotvogtei- gcfängnisses Taenzler vernommen. In der Nacht zum 30. Dezember verstarb dort der Untcrsuchungsgefangene Jentzsch im Anstaltslazarett an Erscheinungen akuter Magen- und Tarmver- giftungen. Jentzsch war die Nacht vorher im stadtischen Obdach ge- Wesen. In der gleichen Nacht erkrankten noch zwei Untersuchungs- gefangene, die die Nächte zuvor gleichfalls im Asyl gewesen waren. Nach ihrer Angabe hallen sie beim Schankwirt Jsaack Schnaps unter der Marke„Halb und Halb" getrunken. Am 3l. Dezeinber crkranltcn wiederum zwei, am 1. Januar drei neu Eingelieferte an denselben Bergiftungserscheinungen und mußten in das Rudolf- Virchow-KrankenhauS übergeführt werden. Vier find gestorben und es ist Methylalkoholvergistung festgestellt worden.— Die Er- örkcrung dieser und anderer Einzelfälle, in denen Dr. Bürger, Medizinalrat Dr. Stürmer und Dr. Jeserich vernommen werden, nimmt viel Zeit in Anspruch. In einzelnen dieser Fälle können die medizinischen Sachverständigen ihr Gütachten nur dahin abgeben, daß nicht bestimmt behauptet werden kann, daß der Tod durch Methylalkohol direkt verursacht worden ist. Oberinspektor Iaeckrl vom städtischen Obdach gibt ausführlich Auskunft über die dort vorgekommenen Massenerkrankungen, über deren Ursachen zunächst völlige Unklarheit herrschte. Da zu be- fürchten war daß vielkeicht eine Epidemie über Berlin verbreitet werden könnt«, hatte der Zeuge das Obdach gesperrt. Die Ver- waltung, der aus den zahlreichen Erkrankungen eine so große Ar- beitslast erwuchs, daß der Zeuge beispielsweise fast die ganze Nacht mach blieb, hatte natürlich ein großes Interesse daran, dem Herde der Erkrankungen nachzuspüren. Zuerst wurde Botulismus an- genommen, et« Teil der Befragten gab allerdings an, Bücklinge gegessen zu haben; alle aber sagten, daß sie Schnaps getrunken hätten. Der Zeuge hat dann den zuständigen Polizeileutnant Blasius gebeten, in den dem Asyl benachbarten Kneipen Schnapsproben zu entnehmen. In Schnapsproben, die bei Jsaack entnommen wurden, ist dann Methylalkohol gefunden worden. Die Asylverwaltung erhielt auch Zuschriften, in denen gesagt wurde, daß die Vergiftungen vielleicht auf den Anstrich der Wände im Asyl, auf Ratten, auf die verab- reichte Suppe, auf die kupfernen Kessel, in denen gekocht werde, usw. zurückzuführen seien, vereinzelt wurde aber auch auf Schnaps h,n- wiesen. Da erschien dann ein Drogist aus Charlottenburg und machte darauf aufmerksam, daß wahrscheinlich Methylalkohol in den von den Asylisten genossenen Schnaps gewesen sei. Das hat sich alsdann bestätigt. Der Zeuge hatte ein Interesse daran, die Knejpc von Jsaack sperren zu lassen und, nachdem diese Sperrung durchgeführt war, hörten die Erkrankungen auf. In der Nachrnittogssitzung wurde die Vernehmung des Ober- »inspektors Jaeckel vom städtischen Asyl für Obdachlose fortgesetzt. Justizrat Dr. Franz Jvers: In der Presse stand damals, nachdem die Geschichte mit den Fischen nichts war, daß in dem Asyl Unrein- lichkeiten vorgekommen wären, die möglicherweise mit den Ver- giftungen in Verbindung zu bringen wären. ES sollen u. a. kupferne Kessel.verwendet worden sein, in denen sich Grünspan befand? Zeuge Jaeckel: Wir find schon daran gewöhnt, bei jeder Gelegenheit angegriffen zu werden. Wir geben uns die größte Mühe, überall Sauberkeit zu schassen. Es ist doch aber zu bs- denken, daß wir täglich 4000 bis 5000 Menschen aufnehmen müssen, die große Unsauberteit verbreiten. Die Säle loerden jedoch jeden Tag gereinigt und in sauberem Zustande geöffnet. Kupferne Kessel haben Ivir im Asyl überhaupt nicht, sondern nur Nickelkessel. Bei dieser Gelegenheit will ich noch mitteilen, daß eS mir seinerzeit auf- gefallen war. daß unter den Insassen des Hospitals im Obdach nicht eine einzige Erkrankung vorgekomincn ist. Ich habe mir die Mühe gemacht, und der Ursache nachgeforscht. Ich habe sämtliche Leute gefragt, ob sie auch bei Isaak verkehren und dort Schnaps getrunken haben. Sie verneinten dies sämtlich und erklärten mir, zu Isaak gingen sie nicht hin, weil dieses Lokal eine„Penner- kneipe" sei. Auch unter den Frauen, die zumeist zum Abschaum des weiblichen Gcschlechrs gehören, sind Erkrankungen im Asyl nicht vorgekommen. Wie niir der Arzt im Obdach, Dr. Moses, mitteilte, haben sich alle Erkrankungen der Asylisten in der gleichen Weise be- merkbar gemacht, und zwar indem die Betreffenden schon durch eine auffällige Erweiterung der Pupille kenntlich wurden. Von 19 Leuten, bei denen ick diese Pupillenerweiteruug bemerkt habe, sind 10 verstorben.— Justizrat Dr. Franz Jvers: Schildern Sie uns doch einmal den Verlauf der Erkrankungen. Zeuge: Es war ein furchtbare? Krankheitsbild. Die Leute kamen noch in ganz gutem Zustande in das Asyl. Schon nach kurzer Zeit wurden sie von Ucbelkeit befallen, erbrachen sich und klagten über furchtbare Schmerzen im Leibe. Ich fragte einen der Erkrankten, wieviel Schnaps er getrunken habe, worauf er mir erwiderte, daß er im Laufe des Tages für 2,75 M. Schnaps bei Isaak getrunken habe. Ter Betreffende ist dann bald darauf verstört. Fast sämtliche Leute erzählten mir, daß sie nichts gegessen, aber dafür sehr viel SchnapS getrunken hätten. Mir ist häufig von Asylisten erzählt worden, essen brauchten sie nichts,«venu sie nur Schnaps hätten. Staatsanwalt Dr. Gutjahr teilt mit, daß er mehrere Asylisten, die am Leben geblieben sind, geladen habe, ferner habe er eine Anzahl Schwestern und Krankenpflegerinnen zu Freitag geladen, die über die Angaben, welche ihnen die Verstorbenen kurz vor ihrem Tode gemacht hatten, vernommen werden sollen. Oberinspeitor Jaeckel lieknndet in seiner weiteren Vernehmung noch, daß ihm mitgeteilt worden sei, daß die Asylisten ihr Geld, täglich etwa 6 h-s 800 M., in der Kneipe von Isaak deponieren, damit es im Asyl nicht bei f ihnen gefunden wird. Dieses deponierte Geld setzen sie dann in Schnaps um. Wie weiter festgestellt sei, verkehrten bei Isaak täglich etwa 800 Asylisten.— Auf mehrere Fragen der Rechtsanwälte Dr. Puppe und Dr. JpffZ erklärt der Zeuge, daß von den 110 im , Afbl erkrankten Personen 53 verstorben seien. Wenn man am- * mimtet das, zu jener Zeit sich 4000 Personen in dem Asyl befanden, so tarnen 3800 als gesund geblieben in Frage. Ob diese auch bei Lia�k oder an StMy vMaps Utsuft Mkli« jfcfe jich jedoch nicht mehr feststelle«» lassen. ES habe sich aber feststellen lassen, daß insgesamt 10 Prozent aller derjenigen Asylisten erkrankt waren, die an jenem Tage Schnaps getrunken hatten.— Der nochmals aufgerufene Schankwirt Isaak erklärt, daß er den von Scharmach gelieferten Methylalkohol sofort nach Erhalt zu Schnaps verarbeitet habe. Insgesamt habe er 300 Liter Methylalkohol verwendet, so daß von ihm über 1200 Liter Schnaps hergestellt und verkaust worden seien. Nach einer kurzen Pause wird in der Verhandlung der eiir- zelnen Fälle fortgefahren, in denen immer die Schutzleute, welche die Erkrankten aufgefunden hatten, und ferner die Sachverständigen, welche die Obduktion vorgenommen hatten, vernommen werden. Zur Erörterung gelangen hierauf mehrere kleinere Betrugs- fälle, in denen Schankwirt« durch Vermittekung des Arigeklagten Zastrow von Scharmach„Sprit" gekauft hatten, der, wie die spätere Untersuchung ergab, über 80 Proz. Methylalkohol enthielt. Di« hierzu vernommenen Schankwirte bekunden, daß Zastrow immer nur von reinem hochprozentigen Sprit gesprochen habe, den«r deshalb so billig verkaufen könne, weil er über 2000 Liter in Kommission erhalten habe, die bis zum 1. Jarmar verkaust fein müssen. Die Mehrzahl der in dieser Weise hineingelegten Schankwirte hatte zum Glück den fertiggestellten Methylschnaps noch nicht verkauft. Vom Rechtsanwalt Brcdcreck wurde ein Hinterlegungsschein über 0000 M. im Auftrage des Angeklagten Dahle überreicht, der nunmehr, dem bereits ergangenen Gerichtsbeschluß gemäß, aus der Haft entlassen werden wird. Die Verhandlung wurde hierauf abgebrochen und auf Freitag, 9 Uhr, vertagt. Heute(Donnerstag) findet keine Verhandlung statt. Verbaudstag der Kullstgewerbtstichuer. Am Ostersonnabend, Ostersonntag und Montag hielt der Ver- band deutscher Kunstgewerbezeichner zu Plauen i. V. seinen zweiten Verbandstag ab. Anwesend waren 20 Delegierte, dazu die Ver- treter des Verbandsvorstandes, sowie eine Anzahl Vertreter be- freundeter Organisationen. Vom Ostschweizer Kuivstgcwerbo zcichnerverband war Ke el-St. Gallen erschienen, vom Verband der Lithographen und Steirrdrucker Deutschlands Lange, die Gcneralkomrnission! der Gewerkschaften war durch Robert S ch«n i b t vertreten. Der Verband hat in den seit dem vorigen Verbandstag verflossenen Jahren recht erfreuliche Fortschritte gemacht; die Mitgliederzahl ist von 1007 auf 2231 gestiegen. Der Verband hat an verschiedenen Orten für eine mehr oder minder große Zahl von Berufsgenossen Verkürzung der Arbeitszeit, Gehalts- erhöhung, Ferien und andere Verbesserungen erziett und zwar auf friedlichem Wege. An Unterstützungen bezahlte der Verband in den beiden Jahren 11780,73 M. aus. Es ist in der Haupt- fache Stellenlosenunterstützung usw., jedoch sind auch 304 M. für Gemaßregeltenunterstützung und 1080 M. für Strcikunterstützuirg darunter. Es tvar das erstemal seit Bestehen der Zentralorgan i- sation, daß der Verband Streikunterstützung zahlte. Diese Art Unterstützung ist auch im Verbandsstatut nicht vorgesehen und der Verbandsvorstaicd stützte sich bei der Bewilligung darauf, daß das Statut zur Wahrnehmung der wirtschaftlichen Interessen der Mit? glieder verpflichte. Es handelte sich hier um 10 Mitglieder in Leipzig, die durch den Lohnkampf der Lithographen und Stein- drncker in Mitleidenschaft gezogen waren.— Der Verbandstag billigte übrigens auch diese Ausgabe einstimmig, wie denn auch der ganze Verlauf der Beratungen zeigte, daß man sich nach besten Kräften bemüht, im Sinne der modernen Gewerlschaftsbewegung tätig zu sein. Der Verbandsvorstand hatte u. a. ein Regulativ für Arbeitseinstellungen und Sperren ausgearbeitet, entsprechend den in den freien Gewerkschaften geltenden Bestimmungen mit festen Sätzen für die Streikunterstützung. Man kam jedoch nach gründlicher Beratung zu der Ueberzeugung, daß es verfrüht sei, dergleichen zu beschließen, namentlich, weil die Mitglieder nicht für eine dadurch notwendig werdend« Beitragserhöhung zu haben wären. Der Verbandsvoriiand wurde beauftragt, bei eventuellen Lohnkämpfen Streikunterstützung auszuzahlen, soll aber im übrigen auf Grund der dann gemachten Erfahrungen dem nächsten Ver- bandstag neu« Vorschläge zur Regelung dieses UnterstützungS- zweigeS wie auch zur Deckung der Ausgaben machen.— Daß der Verband, wenn es sein muß, das Mittel des Streiks nicht scheut, trat namentlich auch bei der Debatte über:„Die gewerkschaftlichen Kampfesmittel der Angestellten und ihr Verhältnis zur Arbeiter- bewegung" hervor. Dabei wurde auch über den Anschluß an die Generalkommission der Gewerkschaften gesprochen, und es zeigte sich, daß man wohl allgemein prinzipiell dafür war, aber mit Rücksicht auf die Abneigung eines großen Teils der Mitglieder eine feste Verbindung mit den organisierten Arbeitern einzu- gehen, vorläufig davon Abstand nehmen will. UebrigenS erklärte auch Robert Schmidt, daß die Gencralkommission gar keinen Wert darauf lege, Gewerkschaften zum Anschluß zu bswegen, Ivenn die Befürchtung borliege, daß diese dadurch in ihrer Entwicklung b» einträchtigt würden. Zwei sehr wichtige Punkte der Tagesordnung: Die Zeichner und die Pensionsversicherung, sowie die Frage: Sind im Zeichner- beruf Tarifverträge uröglich?, konnten aus Mangel an Zeit nur sehr kurz behandelt werden. Bei der Pensionsversicherung ist eS noch zweifelhaft, wie weit die Zeichner als unter das Gesetz fallend, betrachtet werden. Die ganze Aufmerksamkeit soll darauf gerichtet werden, die winzigen Rechte, die daS Gesetz den Ber- sicherungspflichtigen bietet,«räch Kräften auszunutzen und der Referent S t e i n e rt- Berlin wies auch darauf hin, daß man zu diesem Zweck vielleicht eine Arbeitsgemeinschaft bilden könne, die die gewerkschaftlichen Arlgestelltenverbäirde und auch die Arbeiter- gewertschaften unter Hinzuziehung der Arbeitersekretariate um- fassen sollte. Als 1. Vorsitzender wurde H. W e ise, als zweiter Vorsitzender M. S t e i n e r t, als Gauleiter für Sachsen und Thüringen Heine einstimmig wiedergewählt. Bus der parteL Ein Ausschluß aus der Partei. Ein ParteifchiedSgericht tagte am Karfreitagnachmittag im Solinger Gewerkschastshaus. Es verhandelte über die von dem bisherigen Parteimitglied Gerhard Hildebrand-Solingen eingelegte Berufung gegen seinen vom Agitationskomitee in Elber- selb am 0. September 1911 ausgesprochenen Ausschluß aus der sozialdemokratischen Partei. Als Borsitzender des Schieds- gerichtS war von« Parteivorstand in Berlin der Genosse Reichstagsabgeordneter H o f r i ch t e r- Köln bestimmt worden, al» Beisitzer fungierten fllr die Solinger Partei- organisation die Genossen W e st k a m p. Düsseldorf, Drescher« Elberfeld und Ludwig« Hagen, für Hildebrand die Genossen Löwenthal- und W e r n e r- Solingen und Rübenack- Wald. Außer dem Genossen Hildebrand waren ferner— als Vertreter der Solinger Parteiorganisation— die Genossen Bellert und Dittmann anwesend. Vor Eintritt in die Verhandlung wurde festgestellt und zu Protokoll genommen, daß der Beisitzer Löwenthal seit Monaten der Redaktion des„Solinger General- anzeigerS" angehört, woraus die Organisation ihre Konseguenzen gemäß dem ParteitagSbeschlnß noch zu ziehen haben wird. Um die Schiedsgerichtssitzung nicht in Frage zu stellen, sahen die beiden Organisationsvertreter Bellert und Dittmann von einem formellen Protest gegen den Beisitzer Löwcnthal ab, demselben wurde jedoch vom Bor- sitzenden ein besonderes Schiveigegebot auferlegt. In der sacklichen Verhandlung drehte es sich im wesentlichen wieder um den Inhalt des Hildebrandschen Büches: Die Erschütterung der In- dustrieherrschaft und des JndustriesozialiSmus. Das Schiedsgericht kam nach mehrstündiger Beratung mit 4 gegen 8 Stimmen zu dem Schluß, daß Hildebrand nicht mehr auf dem Boden des sozialdemokratischen Parteiprogramms stehe und daher au» der Parteiorganisation auszuschließen sei. Gegen dies Urteil steht dein Betroffenen»och eine zweite Berufung zu, über die vom Parteitag entschiede» wird. Die Ausschließungsgründe besagen folgendes: .Die Verhandlungen, ganz besonders die Darlegungen deS Ge- nossen Hildebrand, vor dein Schiedsgericht selbst haben ergeben, daß Hildebrand die sozialen Forderungen des grundsätzlichen Teils des Parteiprogramms als offene Fragen betrachtet wissen will und ledig- lich den deinolratischen Teil des Parleiprogramms als verbindlich für sich anerkennt. Das tritt auch an verschiedenen Stellen seines Buches.Die Erschütterung der Jndltstrieberrschaft und deS Industrie- sozioliSmuS" klar zutage. Da zur Partei nur gehören kann, wer die Grundsätze des Parteiprogramms voll anerkennt, mußte auf de» Ausschluß HildebrandS erkannt werden." � Eine unrichtige Meldung. Bürgerliche DepeschenbureauS verbreiten in sensationeller Form die Meldung, daß die Tochter des Genossen Bebel geisteskrank geworden sei und in eine Anstalt habe verbracht werden müssen. Die Nachricht ist unrichtig. Die Tochter Bebels, die durch die Pflege ihrer Mutter wie durch verschiedene Krankheiten in der Familie schon hart mitgenommen war, ist allerdings von einer schweren Gemütsdepression befallen worden, als ihr Mann, Dr. Simon, so plötzlich durch eine Blutvergiftung hingerafft wurde. Diesen schweren Schlag vermochte die schon erschütterte Ge- sundheit nicht standzuhalten und sie suchte deshalb zu ihrer Erholung vor einigen Wochen ein Sanatorium auf, in dein sie sich noch befindet. Ihr jetziger Gesundheitszustand läßt die baldige Wiederherstellung erhoffen. Genosse Bebel, der die letzten Wochen in Zürich weilte, trifft übrigens schon in den nächsten Tagen wieder in Berlin em, um an den Verhandlungen des Reichstages teilzunehmen. poli-eiiicbes. Hericbtlicbes ukrv. Eine mißglückte Staatsaktion. Unter der Anklage der MajestätsbeleidigunH stand die Genossin Kaschewski auS Berlin vor dem Landgericht in Mein in gen. Sie hatte am 5. Oktober 1911 in einer Versamm- lung in Steinbach-HaUenberg über:.Die Frau mrd die bevor- stehende Reichstagswahl" referiert und iin Verlaufe des Referats die Königsberger Kaiserrcde besprochen und dabei die Be- hauptung aufgestellt, auf den Gütern des Kaisers würden die weiblichen Arbeiter außergewöhnlich lange beschäftigt und schlecht bezahlt. Den Depulantenfrauen, also ver- heirateten Frauen, die nach der Kaiserrede ins HauS gehören, würden außer dem Deputat nur 40 Pf. Tagelobn gezahlt. Diese Behauptungen soll die Genossin KaschewSli in einer Form geäußert baden, daß die Staatsanwaltschaft annahm, sie babe bös- willig, mit Ueberlegung und in der Absicht der Ehrverlctzung de« Kaiser beleidigt. Die Vernehmung vor Gericht ergab, daß die Ge» nossin Kaschewski in der Hauptsache nur die Königsberger Kaiser» rede und die schlechte Bezahlung der Frauenarbeit auf dem kaiser» lichen Rittergut Gramenz lcitisiert hatte. Trotzdem beantragte der Staatsanwalt nicht weniger wie drei Monate Gefängnis. Der Verteidiger. Dr. R o s e n f e ld-Berlin, wies nach, daß die gesetzgebenden Körperschaften bei der Abänderung des MaiestätS- beleidigungsparagraphcn gerade solche Anklagen unmöglich machen wollten, und forderte die Freisprechung, weil weder der Wortlaut der Aeußerung der Angeklagten feststehe, noch erwiesen sei, daß die Angeklagte böswillig und in der Abficht der Ehrverletzung den Kaiser beleidigt habe. Das Gericht erkannte auf Freisprechung. Vom Polizeikampf gegen die politische Organisation in Breslau. Sticht weniger als 340 M. Geldstrafe soll der Borstand deS Sozialdemokralischen Vereins Breslau zahlen, weil er im Februar dieses Jahres einen nach Ansicht der Polizei öffentlichen Frauen» abend nicht als öffentliche politiiche Versammlung angemeldet hatte. Außerdein wurden noch einige Genossinnen mit Strafmandaten be- glückt, die den fraglichen Frauenabend leiteten. Die Strafmandate bewegen sich in der Höhe zwischen 20 und 00 M. Der Nachweis. daß alle Vorstandsmitglieder den Frauenabend veranstaltet haben. wird der Breslauer Polrzei vor Gericht schwer gelingen. Abertrotz» dem regnet eS Strafmandate. 8o2iales. Den Besuch der FortbildnngSschuftz betraf eine interessante Rechtsfrage, die das Kammergericht tu schäftigte. Im Orte Carlshasen(Hessen-Nassau) war der fugend» liehe Arbeiter Mahlmann, welcher in Brambeck wohnt, wohin ev abends immer zurücklehrt, älS Holzarbeiter tätig. Er besuchte die landwirtschaftliche Fortbildungsschule in Brambeck. Nun besteht aber in Carlshasen eine auf Grund des§ 120 der Gewerbeordnung errichtete Fortbildungsschule. Das Ortsstawt bestimmt, daß alle in Carlshafen beschäftigte jugendliche gewerbliche Arbeiter und Lehrlinge die dortige gewerbliche FortbilduirgSschule zu be« suchen verpflichtet seien. Weil er sie nicht besucht habe, wurde M. wegen Uebertretung der Gewerbeordnung in Verbindung mit dem OrtSstawt angeklagt. Er berief sich demgegenüber darauf, daß er ja die in seinem Wohnorte bestehende landwirtschaftliche Fort- bildungsschule besuche. Die Strafkammer in Kassel verurteilte den Angeklagten zu> einer Geldstrafe, weil er die gowerbliche Fortbildungsschule rn Carlshafen nicht besucht habe. Das Kamergericht verwarf die vom Angeklagten eingelegte Revision, indem es von folgenden Erwägungen ausging: Von einer Verpflichtung zum Besuch beider Fortbildungs- schulen, der gewerblichen in Carlshafen und der landwirtschaft- lichen in Brambeck, könne keine Rede sein. Wenn zwei Fortbildungsschulen gewerblicher Art, die auf Grund des§ 120 er- richtet seien, in Frage kämen, eine im BeschäftigungSort und eine im Wohnort des Pflichtigen, dann habe der Lehrling oder fugend» liche Arbeiter nach der Judikatur des Kammergerichts nicht die im Wohnort, sondern die im B e sch ä f t ig u ng s o r t zu besuchen. Nun handele es sich aber hier um eine gewerbliche Fortbildungs» schule im BeschäftigungSort und um eine landwirtschaft» liche Fortbildungsschule im Wohnort. Wenn Angeklagter letztere besuchte, so könne er sich nicht auf den Schlußsatz des 8 120 der Gewerbeordnung berufen. Danach seien von der durch statutarische Bestimmung begründeten Verpflichtung zum Besuch einer Fort- bildungsschule diejenigen befreit, welche eine Jnnungs- oder andere Fortbildungsschule oder Fachschule besuchen, sofern der Unterricht als ausreichender Ersatz anerkannt sei. Wenn hier von anderen Fortbildungs- oder Fachschulen die Rede sei, dann wären damit gewerbliche Schulen gemeint, so daß die Bestimmung hier, wo die besuchte andere Fortbildungsschule eine landwirtschaftliche sei, keine Airwendung finden könne. M. sei eben zum Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule seines Arbeitsortes verpflichtet ge- Wesen. Die Bestrafung sei deshalb aufrecht zu erhalten. )Ziis Industrie und F)ande!. Gewinne der Terrainspekulation. Die Berlinische Boden-Gesellschaft erzielte im ber- gangenen Geschäftsjahr einen Bruttogewinn von 1,485 Millionen Mark. Aus Terrainverkäufen entfielen davon allein 1.303 Millioen Mark. Dieser Gewinn ermöglicht die Zahlung einer Dividende von 100 Prozent. Tie Gesellschaft zahlte in den beiden ersten Jahren seit ihrer Gründung(i. I. 1900) 0 Proz. Dividende, daralis 50 und 12 Proz. In den folgenden elf Jahren wurden jedesmal 30 Proz. ber- teilt. Seit 1905 wurden Jahr für Jahr 100 Proz. Dividende aus- geschüttet(mit Ausnahme d. I. 1907, das„nur" 35 Proz. brachte). Die Gesellschaft arbeitet mit einem Kapital von einer Million Mark. Die Mehrzahl der Aktien befindet sich im Besitz der Dresdner Bank. Direktor ist der bekannte Kommcrzienrat Haberland. Früher hat die Gesellschaft für die Stadt Schöneberg Terrain?„>*.?- wertet"; seit 1906 tut sie da« mit Grundstücken der Stadt Char- lottenburg in der Bismarckstraße. Neben Käufen und Verkäufen auf eiguie Rechnung ist die Gesellschaft an verschiedenen Terrain« i gesellschaften Berlins beteiligt. 1906 schuf sie sich eine eigene Bau- gesellschaft m. b. H. zur Bebauung ihrer Terrains. Bei der Krise auf dem Berliner Terrain- und Baumarkt verdienen die Gewinne der Berlinischen Gesellschaft besondere Beachtung. Das Kapital lernt fliege«. Ausstellung. Schlechtes Aeroplangeschäft. Militärsüchtige Er- öffnungsreden und Narionaläroplanspende. Das Kapital hat fliegen gelernt und mutz leider bemerken, datz das dabei erhoffte Geschäft nicht recht gehen will. Deswegen kam erstens die Ala, zweitens ein halbes Dutzend Propagandatoaste und drittens die Forderung einer Nationalspende. Warum will nun eigentlich daS Aeroplangeschäft nicht gehen? Weswegen findet das Flugzeug, auf das die Menschen feit Jahr- taufenden gehofft haben, keinen Absatz? Am kapitalistischen Pro- duktionseifer fehlt es doch wahrlich nicht. Da ist die Zeppelin- baugesellschaft mit 4,5 Millionen Mark Kapital und— vier ruinierten Zeppelinen! die Parsevalgesellschaft baut immer neue Luftschiffe un- starren Systems. Siemens-Schuckert, Schütte-Lanz, A. E.-G.— alle bauen sie Luftschiffe. Die eigentlichen Flugzeugfabriken zählen schon nach Dutzenden. Da ist die Albatros G. m. b. H., die trotz ihres geringen Grundkapitals von 59 009 M. heute ju den erfolgreichsten Geschäften gehört, denn ihre Hauptabnehmerin ist die Armeeverwaltuitg. Die Automobil- und Avialik- A.- G. Mühlhausen, die Deutschen Flugzeugwerke Leipzig-JohanniSthal wurden mit je 109 090 M. Kapital gegründet. Dorner baut mit einem Geschäftskapital von ebenfalls 199 999 M. seine Aeroplane. Auch Grade. Eines der größten Flugzeugwerke ist Euler-Frankfurt a. M. Die Flugmaschinengesellschaft Wright G. m. b. H.,— eine Gründung der Allgemeinen Elektrizitäts- gesellschaft—, arbeitet zurzeit mit 699 999 M. Ihre Gründung ist der kapitalisierte Beweis der Eroberung der Lust. Die Bruder Wright erhielten für daS Einbringen ihrer Erfindungen 299 999 M. in bar und 299 999 M. in Geschäfisanteilen. DaS Geld mutz sich verzinsen und die A. E.-G. will auch verdienen. Die Ftilgzeugwerke Haefelin arbeiten mit 199999 M., die Harlan- Werke, die Werke Gustav Schulze, Burg, die Rumplcr-G. m. b. H. sie arbeitet mit 259 990 M.— alle warten sie auf Bestellungen. Die Luftverkehrsgesellschaft Parseval, die auch die bekannte Luft- schiffreklame betreibt und 1,5 Millionen Mark Aktienkapital besitzt, ebenfalls. Die Aeroplanmotorenindustrie wird zurzeit durch die ArguS- motor-G. m. b. H., die Daimlermotorenwcrke und die Neue Auto- mobil- Gesellschaft, eine Tochtergriiudung der Allgemeinen Elek- trizilätsgejellschaft, dargestellt. Das Ausland liefert vorzüglich Gnom- moloren. Der GrotzkapitalismuS witterte Riesendividenden. zugeflogene Goldhaufen, deswegen war er so eifrig am Platze. Warum ist die deutsche Aeroplanindustrie jetzt durchiveg aus einem toten Punkt an- gelangt, was sich für die Geldgeber in Dividendenlosigkeit bitter genug ausdrückt? Kritische Techniker sage» unS, der Aeroplan von heute, mit seinen steifen Flügeln, ist konstruktiv auf einem toten Punkte angelangt. Hier müssen auch die geübtesten Flieger daS Genick brechen. Für uns kommt»och ein ganz anderes, viel wichtigeres Moment hinzu. Der Hauptabnehmer der interntionalen Flugzeugindustrie ist der Mili- tarismus, er hat Geld und hat auch Genicke genug dazu. Dadurch mutz aber die Flugzeugindustrie notwendig in ein kultursalsche« Fahrwasser geraten. Dem Hauptabnehmer mutz in allen Wünschen, nicht zuletzt in den Konstrultionsbedürfnissen, entgegeugekomincn werden. Der Bluttaumel der fünften Waffe— der Fünften!— ist drauf und dran ouS dem Aeroplan, dem Flugzeug, diesem ge- waltigsten aller Mltel zur Ueberwindung des Raumes, dem ge- borenen Berringerer aller Berkehrsweiten, einen'Nurbombenwerfer, einen kapitalistilchen Anarchisten zu machen. Einer so beeinflutzten Flugzeugindustrie werden die fürchterlichen Reihen gestürzter und ge- tötcter Flieger zu Geschäftsunkosten. Sndwestafrikanische Bodcnkredrtgesellschaft. Die Kolonifierung Südwestafrikas ziehr ihre kapitalistischen Kon- sequenzen. Nachdem ungeheure, durch Steuern des arbeitenden Volkes aufgebrachte Summen auf afrikanischem Boden vergeudet aorden find, ist dieser Boden für weitere kapitalistische.Arbeit" präpariert. Ein Hypothekeninstitut wird in Südwestafrika in Tätigkeit treten. 699 999 Mark sind von dem 1 Million Mark betragenden Aktienkapital bereits gezeichnet worden, für den Rest sucht die Kolonialbauk A.» G. Abnehmer. Die Anteile lauten auf je 199 Mark. Die Gesellschaft darf Hypoihekenpfandbriefe und Kommunalobligationen bis zum siebeneinhalbfachen Betrage des eingezahlten Grundkapitals und des Reservefonds ausgeben. Gewährt wird Boden» und Kommunal» kredit in den Gemeinden Deutsch-Südweftafrikas. � Beliehen werden solche im Grundbuch eingetragene Grundslücke, die bereits bebaut sind oder deren Bebauung in Angriff genommen ist. Die Be» leihung darf 59 Prozent dcS Wertes nicht überschreiten. Ein.dringendes Bedürfnis" nach Gewährung von Boden» kredit soll sich bereits herausgestellt haben. Nach Er- Mittelungen des Gouverneurs von Südwestafrika waren am 1. Januar 1911 innerhalb der Ortschaften in den Gerichts» bezirken Windhuk, Swakopmimd, Lüderitzbucht und KeetmannShoop insgesamt 1366 Grundstücke im Grundbuche eingetragen und mit insgesamt 9 899,654,67 M. Hypotheken belastet. Nach einer Zusammenstellung der Bürgermeistereien der Städte Windhuk. Swakopmund und Lüderitzbucht vom April und Mai 1911 betrug der Finsfutz für Darlehushhpothekcn in Windhuk 8—9 Proz., in Swakopmund durchschnittlich 8 Proz. und in Lüderitzbucht 7 bis 19 Proz. Da die Südwestafrikanische Bodenkreditgesellschaft für ihre Darlehen nur 6'/, Proz. Zinsen nehmen will, hofft sie, datz nicht nur neue Beleihungsanträge an sie herantreten werden, sondern datz auch der größte Teil der bereits eingetragenen Hypotheken, soweit diese innerhalb der vorgeschriebenen BeleihungSgrenze liegen, in kurzer Zeit auf sie übergehen wird. Auf Grund ihrer Berechnungen glaubt sie schon jetzt die regelmäßige Verteilung einer Dividende von 8 Proz. in Aussicht stellen zu können. Ja sie verkündet sogar, ehe überhaupt ein Pfennig eingenommen worden ist, datz sie.die Aus- schüttung einer höheren Dividende nicht beabsichtige, um das Unter- nehmen tunlichst innerlich erstarken zu lassen." An Versprechungen fehlt eS also wie bei jeder Neugründung nicht. Dazu soll die relativ geringe Höhe der Anteile möglichst viele kleine Leute anlocken, um ihre Ersparuiffe dep schlimmsten aller KapitalSanlagen, die imperialisti- scheu Machtgelüste» dient, zu opfern. Hus der frauenbcwe�ung» Internationaler Frauentag. Die deutschen Genossinnen begehen ihren Frauenentag bekannt- lich am 12.' Mai. Ii» Oesterreich hat man denselben Tag gewählt. um für daS vollh- Bürgerrecht der Frau zu demonstrieren. Die sozialdemokratischen Frauen in den Niederlanden halten die erste Demonstration dieser Art in diesein Jahre ab. Der Tag ist noch nicht bestimmt, eS wird aber wahrscheinlich ebenfalls der 12. Mai sein. In Schweden sind die Frauen so gut wie entschlossen, an der internationalen WahlrechtSdemonstration teilzunehmen. Di« dänischen Sozialdemokratinnen haben es für unmöglich erklärt, in diesem Frühjahr einen Frauentag zu organisieren, da die Kommunalwahlen alle ihre Kräfte beanspruchen; doch wollen sie später eine große Agitation siir daS Frauenstimmrecht einleiten. Die Schweizer Ge- nosfinnen hatte» ihren Frauentag" a>n 17. März. Durch verschiedene Umstände waren sie verhindert, mit den Frauen Deutschlands und vesterreichs zugleich zu demonstrieren. Berband sozialtzemokratischer FranenNnbS in Holland. Auch dieses Jahr wurde wieder am Vorabend des Parteitages der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die Jahresversammlung sozialdemokratischer Frauenklubs abgehalten und zwar im Parteitags- orte Leiden im„Nütssaale". In ihrer Eröffnungsrede erinnerte die Vorsitzende Frau Wibaut- Amsterdam an die Petition für das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen und daran, datz diese Petition nicht weniger als 114999 Unterschriften allein von Frauen enthielt, sowie an den Roten Wahl- rechtsdienstag im Haag, woran sich die Frauen in zahlreichem Matze beteiligt hatten. Alle Wünsche der Frauen fließen zusammen im allgemeine» Wahlrecht. Die Erwartungen auf den Bericht der Staatskommission für die Verfassungsänderung sind allerdings sehr gering. Die proletarischen Frauen stehen nicht ans dem Standpunkt der englischen Suffragetten. Der auch in Holland am 12. Mai statt- findende Frauentag werde zeigen, datz völlige Einheit herrsche zwischen den proletarischen Frauen und der Arbeiterbewegung. Vom Frauentag erwartet man große Propaganda für das allgemeine, insbesondere für das Frauenwahlrecht. Bei dieser Gelegenheit werden in 19 Orten Versammlungen veranstaltet werden. Genossin Helene Ankersmit hielt ein Referat über die Bedeutung der Frauenklubs. Sie betonte, datz diese Sonderorganisationen nötig seien, um die Arbeiterfrauen mehr der Partei zuzuführen und weil sonst die Interessen der Frauen von der Sozialdemokratie ver- nachlässigt würden. Ein Verbandsreglement wurde angenommen, in dem u. a. bestimmt wird, datz die Frauenklubs in Uebereinstimmung mit den Abteilungen der S. D. A. P. errichtet werden müssen; datz der Verbandsvorstand aus sieben, der Ausschutz aus drei Mitgliedern bestehen und seinen Sitz zu Amsterdam haben soll; der Verbands- beitrag beträgt 1 Cent monatlich für jedes Mitglied. Redaktion und Administration de? VerbandSorganS»Die pro» letarische Frau" sowie der Vorstand wurden wiedergewählt. Nach einem ermutigenden Worte der Vorsitzenden geht die Ver- sammlung unter dem Singen der„Internationale" auseinander. Ein wohlverdienter Erfolg. Die vortreffliche kleine Schrift„Jugendgeschichte einer Arbeiterin", in der unsere österreichische Genossin Adelheid Popp ihren Werdegang aus tiefstem Elend, härtester Arbeitsfron und intellek- tueller Verwahrlosung zur kämpfenden und führenden Sozialdemo- kratin schildert, ist kürzlich von F. C. Harvey ins Englische übersetzt worden und, mit Vorreden von Bebel und dem englischen Arbeiter» sichrer I. Ramsay Macdonald versehen, in einem grotzen englischen Verlage erschienen. Das Büchlein, das wir an dieser Stelle denen, die es noch nicht keniieir, von neuem zum Lesen emp- fehlen, ist nach dem Wille» der Versasserin allen gewidmet, die„mit einem Herzen voll Sehnsucht nach Betätigung lechzen, aber immer wieder zurückschrecken, weil sie sich nicht die Fähigkeit zutrauen, etwas leisten zu können". Nun wird Adelheid Popp durch ihre Schrift auch in England aufrüttelnd und anfeuernd wirken, wo un» gezählte Arbeiterinnen in keinem geringeren Elend leben, als es die Verfasserin in ihrer Jugendgeschichte so ergreifend geschildert. Alle« Frauen das Stimmrecht. Der unglaublich törichte Fensterfeldzug, den die Anhängerinnen der Women S Social and Political Union— die sogenannten Suffrageites— in den Ladenvierteln des Londoner Westens unter- nahmen, hat bekanntlich dazu beigetragen, die Frauenstimmrechts- Vorlage im Parlament zu Fall zu bringen. Unser englisches Bruder- organ„Justice" widmer ihr in seiner letzten Nummer eine» längeren Nachruf, dem wir einige besonders markante Ausführungen ent- nehmen.„Justice" schreibt: „Nun ist der Weg frei für eine grotzzügige, gerechte, vernünftige und damit auch demokratische Vorlage. Wir sind mit dem Nationalverband der Frauenstimmrecht»- Bereine(National Union of Women Suffrage SocietieS) ganz ein- verstanden, wenn er erklärt, datz die Niederlage der„VeriöhnungS- bill" die Forderung des Stimmrechts für alle Großjährigen neu beleben und die Kräfte aller derer mächtig anfeuern werde, die für dieses Ziel kämpfen. Die Verhältnisse, in denen sich die FrauenstimmrechtS-Agitatton nun befindet, ebenso die etwa« ärgerlich« Kritik einiger unserer Freunde, die in einer sonderbaren Verwechselung der Be» griffe die„kämpfenden" Stimmrechtlerinnen und ihre be- londere Kampsmelhode für ultrarcvolutionär halten, ver- anlassen unS, unsere Stellung zu dieser Frage nochmals klar- zulegen. Als Sozialdemokraten— als Demokraten sowohl wie als Sozialisten— treten wir ein und find wir immer eingetreten sllr ein allgemeines Wahlrecht aller Großjährigen: jedem Manne und jeder Frau eine Stimme, ohne auf den Besitz gegründete Ouali- silation oder irgendeine wie immer geartete Einschränkung. Aber wenn wir für dteseS Wahlrecht eintreten, für das volle Bürgerrecht jedes Mannes und jeder Frau, die dem Gesetz unterstehen, durch ihre Stimmabgabe auf die Gestaltung dieses Gesetzes einzuwirken. so sind wir auch mit Notwendigkeit Gegner jeder Ausdehnung der bestehenden Privilegien des beschränkten Wahlrechts. Deshalb muffen wir der„VersöhnungSb'.ll" oder einer ähnlichen Maßregel entgegentreten, die einer kleinen Schicht von Frauen— und noch dazu denen, die seiner am wenigsten benötigen— ein politisches Stimmrecht überträgt, das der grotzen Mehrzahl ihre« Geschlechts vorenthalten wird. Betrachtet man die Stimmrechtsfrage von dem Gesichtspunkt aus, datz alle Mitglieder der Geineinlchaft politisch gleich sein sollen, so würde die Zulassung einiger Frauen zum Wahlrecht die bestehende Ungerechtigkeit nur vergrößern und noch schreiender gestalten. Wenn man daS Stimmrecht aber nicht als Endzweck betrachtet, sondern als ein Mittel zu seiner Erreichung, nicht als Gegenstand einer abstrakten Gerechtigkeit in einer sorgfältig aufgebauten Gesellschaftsordnung, sondern als ein Werkzeug zur Begründung der Gerechtigkeit, zur Umwandlung der bestehenden Ordnung, kurz, wenn man das Stimmrecht vom revolutionären Standpunkt aus wertet, so war und ist genügend Grund vorhanden, sich jeder loeiteren Ausdehnung des Vorrechts zu widersetzen, die den Effekt haben würde, die poetische Macht der konservativen Elemente zu stärken und in demselben Matze die revolutionären zu vermindern. Von jedem Standpunkt aus war es also unsere Pflicht und Schuldigkeit, jedem beschränkten FrauenstimmrechtSentwnrf entgegen- zutreten, und hierin befinde» wir tinS in Uebereinstimmung mit der gesamten internationalen Sozialdemokratie. „Justice" polemisiert dann noch in längeren Ausführungen gegen die letzten Gewaltakte der Suffrageites und verwahrt sich gegen die Zumutung, ihnen Loblieder zu singen und die Märtyrer- kröne zu verleihen. Diese Frauen könnten entschuldigt, aber nicht verteidigt werden._ Lescabende. Mmiendorf. Heute Donnerstag, abends 8 Uhr, bei Restaurateur Paul, Königstr. 14._ «Versammlungen—«Veranstaltungen. Zentralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Deutschlands, Bezirk Nixdorf. Freitag, den 12. April, abends 9 Uhr, in de» Bürgcrsälen. Neukölln, Bcrgstr. 147. Versammlung. Vortrag des Herrn Dr. Moses über:„Kulturbilder aus Preutzen-Deulsch- land." Gäste willkommen. Hus aller Melt. Die mederne folUr. Eine dramatische und überzeugende Illustration für die Behaup- tung derer, die in dem berühmten»dritten Grad", wie er von der amerikanischm Polizei zur Erpressung eines Geständnisses bei Au- geklagten angewandt wird, eine moderne Folter schlimmster Art er« blicken, liefert ein Fall, der eben in New Aork bekannt wird. Ein junger Mann namens Theodore Furman kehrte am vorigen Donnerstag nach einer Abwesenheit von fünf Monaten in sein Haus zurück und fand zu seinem Schrecken seine beiden Brüder in Haft unter der furchtbaren Anklage, datz sie ihn ermordet hätten, ja mehr als das, sie hatten die garnicht verübte Tat sogar eingestanden. Furman war im letzten November plötzlich ge- heimnisvoll verschwunden, und einige Tage später hatte man unweit dem Bahnhof der Stadt die verbrannten Gebeine eines menschlichen Körpers in einem Aschenhaufen aufgefunden. Man glaubte aus verschiedenen Zeichen annehmen zu können, datz eS die Gebeine des verschwundenen Furman wären, und sofort erhob sich gegen seine beiden Brüder der Verdacht, datz sie die Urheber des scheußlichen Verbrechens wären. Man verhaftete die Verdächtigen, und nachdem man sie in dem„dritten Grad" verhört hatte, der darin besteht, datz man die Gefangenen durch unaufhörliche Tag und Nacht fortgesetzte Verhöre quält, hatten sie sich nach einiger Zeit dazu bequenit, ein detailliertes Ge- ständnis des Mordes abzulegen. Nun erschien plötzlich das vermeintliche Opfer lebend und gesund wieder in der Stadt; er hatte den ganzen Winter über auf einer Farm gearbeitet, ohne daS geringste davon zu erfahren, in welche Not sein unerklärliches Verschwinden seine Brüder gestürzt hatte. Die Brüder wiederum er- klärten, datz die Polizei sie mit ihrer Art zu verhören einer so u n- erträglichen Marter unterworfen hätte, datz sie schlietzlich bereit gewesen wären, auch ein Dutzend Morde einzugestehen, nur um einen Moment der Ruhe zu erlangen und sich von dem ewigen Kreuzverhör zu erholen.„Wir waren bereit," so sagten sie,„so viel Verbrechen zuzugestehen, als die Polizei von uns verlangte.� Familiendrama in Fürstenwalde. Auf eine furchtbare Art hat am Dienstag in dem märkischen Städtchen Fürstcnwalde die Frau des dort wohnhaften Zimmer- mann» Münch nach einem geringfügigen Wortwechsel mit ihrem Manne ihrem Leben eine Ende gemachi. Das sonst in voller Harmonie lebende junge Ehepaar geriet nach der Rückkehr von einem Besuch aus ganz geringfügiger Ursache in Streit. Die Frau, die durch Schwangerschaft hochgradig nervös war, wurde durch den Zwist so erregt, datz sie nach der Küche lief, ihre Kleidung mit Petroleum tränkte und an st eckte. Die gellenden Hilferufe der einer Feuersäule Gleichenden riefen den Mann herbei, der in Gemeinschaft mit Hausbewohnern die Flammen löschte. Die Unglückliche hatte jedoch io schwere Brandwunden erlitten, datz sie gestern morgen im Krankenhause starb, nachdem sie von einem toten Knaben entbunden worden war. Der Schmerz des Mannes über die furchtbare Tat seiner Frau war so groß, datz er nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, ebenfalls Selbst- mord zu begehen._ Folgen pfäffischer Verhetzung. Welche Stimmung gegen die Protestanten in der Greifs« n» berger Gegend in Schlesien herrscht, zeigt ein anonymer Brief, den die Bauerngutsbesitzerin Lorenz in Krummöls, KreiS Löwenberg, erhielt und dessen Wortlaut folgender ist: Du evangelischer Hundl Mache Dich raus aus unserem Dorfe, unsere Rache sollst Du fühlen. Das Ketzernest wollen wir schon räuchern. Die Mutter Gotter mutz weinen; sogar auf unseren Gottesacker dringt Ihr, nichts ist Euch heilig. Doch wir wollen Euch Blauen schon heimleuchten, auf einen grünen Zweig sollst Du nicht kommen. Also besinne Dich; mach Dich fort oder— Du sollst noch etwas erleben, doch dann zu spät. Neben der Kirche dulden wir Euch Ketzer nicht. Ein eifriger Anhänger der Mutter Gottes. Kurze Zeit nach dem Empfange dieses Briefes brannten in einer Nacht das Wohnhaus, die Stallungen und die Scheunen der Frau Lorenz mit sämtlichem Inventar total nieder._ Immer Fachmann. Tin Fahrradreisender mutz aus die„Tour", al» gerade daheim ein freudiges Ereignis zu erwarten ist. Er verständigt das Dienst- mädchen, datz ihm sofort dringend telegraphiert werden müsse, und als echter Fachmann der Faheradbranche macht er dem Mädchen klar, wenn et» Junge:„Herrenrad eingetroffen", wenn ein Mädchen: „Damenrad angekommen". Und schweren Herzens reist er ab. Fünf Tage später erhält er von zu Hause folgendes lakonische Telegramm: Tandemi Kleine Notizen. . Unfall oder Verbrechen? Unter dem Verdacht de» Gatten- mordeS ist in Stettin der 28 jährige Weinhändler Kurt Werner verhastet worden, der im Flascheulager feines Geschäftes in der Kronenhofstratze seine 23jährige Frau durch einen Schutz in die Herzgegend tödlich verletzte. Bei der amtlichen Ver- nehmung bestritt Werner die Absicht de» Mordes. Er will seine Frau nur versehentlich beim Scbeibenschietzen getötet haben.— Diese Darstellung scheint sich zu bestätigen, denn nach einer späteren Meldung ist Werner wieder aus der Haft entlasten worden. Keilerei und Tanzvergnügen. In der rheinischen Ortschaft Burgwaldniel entstand vor einem Tanzlokal eine wüste Schlägerei, wobei ein junger Mann durch M e s s e r st i ch e in die Brust getötet und fünf Personen, darunter der zur Hilfe herbeigeeilte Nachtwächter, schwer verletzt wurden. Die Urberschwemmung in Nordamerika. Infolge deS Dammbruchs bei Goldenlake sind gegen zweitausend Ouadratmeilen Land überschwemmt, darunter 599 999 Acres reiches Farm � l a n d im Nordosten von Arkansas. Mehrere Städte stehe» unter Wasser. Die Verbindungen sind unterbrochen. Der angerichtete Schaden wird auf eine Million Dollar ge- schätzt. Verband der Friseuraehilfc« Deutschlands. Heute, Donners- tag, abends 9'/, Uhr, Rosenthaler Str. 11/12- Versammlung. BHefkartcn der Redaktion. Tie kurlftlsiye Sprechstundr findet Ltndcngrage SS, dar» vier Treooe» Fahrst u»,—, wochentaalia, uan t'-, bis Uhr abends, Ssnuatends, do» 4>4 bis 6 Uhr ateubs statt. Jrser für de» Ärirftafte» brsttniintca Anfrage Ist rin Buchstabe und eine Zahl als ivierljelche» deizufUge». Brtesilche Antwort wird nicht rrtcil«. Anfragen, denen keine AbannementSguIttung»cigrfstg« ist, werden nicht beantwartet. iklltge Frage»»rage man tn de» Sprechftund« vor. Rdana. Anscheinend Ist der Betrag bei dem Konsularacrlcht hinterlegt worden. Ist das der Fall, so beantragen Sie dorl, unter Hinweis aus das obsiegende Urteil, die Rnazahlinig. Austerdeni schreiben Tie an Ihren An- Walt.— W. F. 200. Anmeldung mutz erfolgen. Der Steueriatz wilr iN jährlich L M. betragen, falls Sic aus Grund des Einkomnienstcucrgeseye« zur Einkommensteuer veranlagt sind. Ist dies nicht der Fall, so ist das Vermögen stcuersrei,—/, Uhr: Wiener Blul. Ab 8 Uhr Ei» sensationeller Erfolg der gr. komischen Programms. Gluij Ufrlitt spricht von Bellliil. Urania. WiesenschaftlicheB Theater 4 Uhr; Ton Mcran zum Ortler. 8 Uhr: Weltbäder an europäischen Kästen. (Von Hamburg bis Lissabon.) Bis 14. April Inkl. Volkstage! Jedorm. 1 Kind frei. Jedes I Kind erhält ein Gosohenk j Das vereinte Rieseopaar Brünhild und Dusorc 1 Deutschland u. Frankreichs I Rede,(las Löwenmädchen[ halb Mensch— halb Animal lebend zu sehen Ohne F.xtra-Fntree. I Gastspiel Gertrude Barrison Karl Hollitzer Das Geisterfenster und das große I April-Programm| mit 10 neuen Attraktionen! Sonnabend, den 13. April, abends S'l, Uhr, im Gewerkschaitshaus: Ordner-Sitzung. BW Die Mitglieder d. Machmittagsabtellangen können zu den Bontaeabendvorstellangren im Neuen Schauspielhanse Qastkarten a 1.80 M. beim Obmann im Theater(7—8 Uhr) erhalten. 242/14 Residenz-Theater. Direktion Richard Alexander. � 8 Uhr: Alleö für die Mrma. Schwank in 3 Akten von M. Hcnncguin und G. Mitchell. Morgen u. solgende Tage: Alles für die Firma. Sonntag, 14. April, nachm. 3 Uhr: Ei» Walzer von Chopin. Lnisen-Theater. Heute und folgende Tage: Ich Ittsse~ Kroll* Theater. Vorkührung der neuen Siehtspiele in wirklichen Naturfarben (Klncmakolor). Täglich von 4— 11 Uhr. Prciso d. Plätze: 50 Pf. bis 3 M. Triauon-Theater. Ansang 8 Uhr. Der Ehemann am Fenster. Hieraus: Ein angebrochener Abend. Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße. Eis-Arena. AUabendl. d. sensat. Eisballett „Yvonne". Die kl.Walz.-Königin Charlotte. Weltrustr. Bror Meyer. Nachm.: Kunstlauf-Produktionen. Bis 6 Uhr und von 103/, Uhr abends halbe Kassenpreise. Restaurant 1. Ranges. Wein- und Bier-Abteilung. Zirkus Busch Heute Donnerst, abends 7'/z Uhr: Großer Gala-Abend. SSF* I w a n o f f(Looping the Loop am schwing. Trapez), Jack Joyce, d. berühmte amerik. Cowboy n. Pferdebändiger. Vorführung und Meisterung der wildesten Pferde, Schläger, Steiger und Beisser. (Buoking Horses.) Amateur-Konkurrenz-Reiten! 50 M. Belohnung, wer stehend auf dem Pferde dreimal um die Manege reitet Anmeldung im Bureau.) �„Dio Hexe". Metropol-Theater. Abends 8 Uhr: Rauchen gestattet. Die Nacht von Berlin! Gräfte JahreSrevue in 7 Bildern von Jul. Freund. Musik von V. Holländer. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. ReiekZiisHen-Tkeslei'. Stettiner Sttnger Zum Schluft: Eine Hochzeit in der Müllerstrafte. Burleske von Meysel. Ansang: Wochentags S Uhr. Sonntag? 7 Uhr. krsnclie der Elektromonteure. _ Mitglieder des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes._ Sonnabend, den 20. April, abends 8>/z Ubr, in Happoldts Konzertsaal, Hasenbelde 32 (Eingang von der Gräfestraße): Erster Kunst-Hbend Mitwirkende; Berliner Kammcrrnnslk-Terelnlg-nns. baam, Konzertsängorin, Herr Danegger, Mitglied de Frau Panla Weines Deutschen Theaters. Nach dem Konzert: BALL,* SaalSffnung 7'/, Uhr. Kindern unter 10 Jahren ist Zutritt nicht gestattet Eintritt 60 Pf. Während des Konzerts bleiben die Saaltüren geschlossen. Billetts sind bei den Vertrauensleuten und in folgenden Geschäften zu haben; Zentrum: Ph. Hummel, Sophienstr. 5. Westen: A. Wiemers, Bülowstr. 58; G. Sengebusch. Halensee, Karlsruher Str. 16; Bethge, Lützowstr. 7. Nordwesten: Ed. Seitehnann, Charitestr. 3; A. Kürbis, Luisenstr. 26, Nachf. F. Freitag; K. Kasper, Schiffbauer- damm 12; Hufenbach, Perleberger Str. 58. Osten: F. Bähr, Stralauer Allee 47. Südosten: O. Kinunel Nachf., Sebastianstr. 13; Tolke, Adalbertstr. 15; F. Fröhlich, MuskauerStr. 1. Süden: A. Quandt, Gitschiner Str. 70; O. Reim, Urbanstr. 29; E Wiersdorf!, Urbanstr. 6; H. Fischer, Tempelhermstr. 20; P. Reiß, Blüoherstr. 60; Blücher Lichtspiele, Blücherstr. 61; O. Eicks, Schönleinstr. 6. Südwesten; Oaspari, Wilhelmstraße 141. Norden: Paul Wilhelm, Voltastr. 41. Neukölln: Ideal-Kasino, Weichselstraße 8. Steglitz: G. Fischer, Sohloßstr. 102; Clement, Düppelstr. 7. 118/4* OSE-THEATE Grefte Fraufsurter Str. 132. Abends 8 Uhr: Der Gefangene von Zenda. Romantisches Militärstiick In 4 Akten von Rose und Lutz. Freitag: ES gibt nur ein Berlin. Voigt-Theater. Gesundbrunnen Badstratze 58. Donnerstag, den 11. April 1912: Das Schloß am Meer. Schauspiel in 4 Akte» v. O. Walther. Kasseneröffnung 7, Ansang 8 Uhr. fW „CLOU" Berliner Konzert«Haus. Maüerstr. 82 Zjmmorstr. 90/91, Heute: Gr. Boppel-Konzertü! Musikc. d. 5. Grde.-Re°;ts. z. F. Dirig. Oborm. Tschütsch. Musikc. d. 1. Grde.-Drag.-Regts. Dirig. Oberm. Baarz. Anfang 8 Uhr. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen nachm.: Gr. Promenaden-Konzert bei freiem Eintritt. Heute: Musikc. d. 2. Grde.-Regts. z. F. Dirig. Oberm. Graf. Casino-Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Das glänzende Rprilprogramm mit Grete Gallas. Allabendlich Lachstürme! Der Possenschlager Die ittstige Strohioiwe. Nachm. 3ft, Uhr: Unsere lieben Frauen. tönigslskMBino. EckeHolzmartt- u. Alexanderstrafte Bom 1. bis 16. April s D.auSerwählte Riesenprogramm Unter anderem: Die heiiatsittstige Wiwe. �GroftePois�mi�esang�in�M EiSbein, Sauerkohl»nd Erbfenpuree a Portion 66 Pf. -im. Hackepeter, DV Vcrstürktes Orchester!"901 »«««««««»««««««««««»«««»»«»«»»«»«««»««»»i Mentes Volksgarten Jnh. Walter Schröter Telephon: Amt Lichtenberg Nr. 164 Lichtenberg, Roederftr. S8/SS Verlängerte Landsberger'Allee. Vom Aleranderplatz 15 Minuten. Linie 64. 67. 7l. Linie Kurzestrafte— Hohenschönhausen, Vom 1. April jeden Dienstag, Opnnerslag = Frei-Tanz.== Sonntags: GrosierBall Zirkus A. �chumanii Heute Donnerstag, den lt. April, abends 7'/, Uhr; mit ausgewähltem Progr. U. a.: 5 Anroras 5 Frl. 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Jeden Donnerstag: Große Soiree d. allgemein beliebten und bekannten . ioffmanns Sänger. Direktion Fr. Fanthor Heute: Grafolosie. Lustspiel in 1 Akt. Anfang 8 Uhr. ;_V_. Jrei-Tanz. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Nach der Solree: Für Den Inhalt Der Jmccutc nbernimmt Die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. '�Lelantwortlichcr Redatteur: Slbert Wachs, Berlin. Für den Lnseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret a. BerlagSanstalt Paul Einger u. Co.. Berlin S Hr. 84. 29. Jahrgang. s Jsrwrls" Kcrlim WlksdlM Ptnonüttg,<1. IM 1912. Kongreß der belgischen Arbeiterpartei. (Fortsetzung aus der 1. Beilage.) Brüssel, 8. April.(Eig. Ber.) Der 27. Iohreskongress der belgischen Arbeiterpartei, der an den beiden Osterfeiertagen im „Maison du Peuple" tagte, beschäftigte sich ausschliesslich mit der Diskussion der Parteiberichte und Fragen der inneren Partei- organisation. Fehlte den Beratungen so auch die Spannung des Meinungskampfes, wie sie sonst etwa die taklischen Auseinandersetzungen bringen, so war gerade dieser„trockene", vorzugsweise der nüchternen Prüfung organisatorischer Dinge gewidmete Parteitag eine tüchtige und Früchte verheißende Arbeiisleistung, die allen, die sie verfolgten, das Bewußtsein gab, daß die belgische Partei nicht nur schlechthin anwächst und an Terrain gewinnt, sondern daß ihre Pioniere mit immer größerem Ernst und Gewissenseifer die organisatorischen Grundlagen wie die � sozialistische Disziplin zu befestigen sucken. Die ganze Dis- kussion in diesen zwei Tagen zeugte von diesem Geist, und man kann nur mit dem Präsidenten des Parteitages beklagen, daß den belgischen Kongressen nur eine so kurze Tagungs- dauer zugemessen ist, so daß immer wieder Fragen der- tagt werden müssen oder nicht genügend erschöpft werden können.— Zwei Dinge müssen, wenn man die günstigere Ge- staltung der belgischen Parteiverhältnisse vermerkt, als für die letzte Entwickelungsperiode besonders charakteristisch erwähnt werden: Ein- mal die Konsolidierung des Gewerk schafts Wesens, das die durch die deutsche Methode inspirierten belgischen Gewerk- schaftsführer im Sinne einer zentralistisch-einheitlichen Organisations- form zu entwickeln streben. Ferner die vor einem Jahre erfolgte Gründung der Bildungszentrale(„Csntrsls d'Edu- cation Ouvriere"), die mit größtem Erfolg nunmehr ein Feld bearbeitet, dem hier bisher nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte. Vandervelde in seiner Kritik über den Bericht der Bildungszentrale im„Peuple", wie die Redner auf dem Kongreß selbst haben denn auch ihre freudige Genugtuung über den so kräftig- sichtbaren Erfolg dieser Institutionen in dem einen Jahr ihres Wirkens ausgedrückt. Als Borsitzendcr des Parteitages fungiert wieder DeBrucköre, der in seiner Eröffnungsrede unter stürmischem Beifall des Wahl- erfolges der deutschen Bruderpartei gedenkt— ihm werde der Sieg der belgischen Partei folgen. Der Kongreß ist äusserst zahlreich besucht. ES sind S7S Dele- gierte anwesend, die 415 Gruppen vertreten.— Die französische geeinigte Partei hat Genossen Roland delegiert, der deutsche Parteivorstaud Genossen Müller, der in seiner Begrüssungsansprachc der internationalen Beziehungen gedenkt, die kcit der Schaffung des Internationalen Bureaus in Brüssel zur vollsten Innigkeit zwischen den Gliedern der roten Internationale gediehen sind. Müller erinnert an die zwei Reisen der belgischen Gewerk- schaftsführer nach Berlin, die das Band der beiden Proletariate noch befestigten, die in mehr als einer Hinsicht verwandte Verhältnisse zeigen. Dem westfälischen Jndustrialismus kann man den belgischen zur Seite stellen. Dieser industriellen Analogie schliesst sich die Verwandtheit der Programme an. Und wenn De Brvucksre den Sieg der deutschen Sozialdemokratie gefeiert habe, so habe er von der Vertretung des deutsche» Proletariats den Auftrag, dem belgischen Proletariat für die Jnniwahlen, für den Kamps gegen den Klerikalismus und für ein demokratisches Wahlrecht Erfolg zu wünschen. � Diesem Wunsche schließt sich der französische Delegierte in herzlichen Worten an. Als erster Punkt steht der Bericht des Generalratcs zur Diskussion. Als erster Redner zu ihm spricht Band er- Velde für die Schaffung einer Instanz für die Frauenorga- n i s a t i o n. Es sei höchste Zeit, daß sich die Partei für die A g i- tation und Propaganda unter dem weiblickien Proletariat ernstlich einsetze. Die Gewerbegerichts- Wahlen, die demnächst stattfinden, und an denen sick) Frauen zum ersten Male beteiligen, müßten in diesem Betracht ein Fingerzeig sein. Auch die in Europa immer mehr hervortretende Tendenz, den Frauen politische Redste zuzugestehen. Soll der Sozialismus nicht zu schlimmen Enttäuschungen kommen, wenn die Reform, die früher oder später kommen muß, verwirklicht sein wird, so muß er in dieser Richtung Vorsorgen. Im selben Sinne fpridst die langjährige Kümpferin für die proletarische Francnsache, Genossin T i l l e m a n s. Sie empfiehlt die Wahl einer Kommission, die die Frage des Frauensekretariats beraten und über ihre Resultate dem nächsten Kongreß berichten soll. Parteisekretär V a n d e r s m i s s e n unterstützt den Vor- schlag, indem er die Notwendigkeit, eine Zentralstelle für die Frauen zu schaffen, als unabweislich hinstellt, �wenn die Frauen- organisation sich entwickeln soll. In diesem Sinne legt Vander- smissen eine Tagesordnung vorl Der Parteitag geht zur Diskussion über den Parlamen- tarischen Bericht über. Entscheidend« Richtung für die De- batte geben hauptsächlich die kritischen Ausführungen des Genossen Hins über die Haltung und Taktik der parlamentarischen Frak- tion nach dem Sturz des Ministeriums Schollaert, mit dem be- kanntlich das klerikal-rcaktionäre Schulgesetz mit verschwunden ist. Hins ist der Meinung, daß die Fraktion die Gelegenheit zu cnt- scheidenden Maßnahmen, vor allem durch obstruktionistische Taktik zur Kammerauflösung zu treiben, verpaßt habe. Die politische Konjunktur für diesen Schritt wäre durch die Zurückziehung des Schulgesetzes äußerst günstig gewesen. Die großartige August- Manifestation, der günstige Ausfall der Gemeindewahlen hätten eine ivesentlich andere Eutwickelung der Dinge erwarten lassen. Die Fraktion, bezw. die parlameniarische Opposition habe es auch in der Hand, durch die chr günstige Abstimmung in den Sektionen die Votierung des Eisenbahnbudgets zu verhindern.— Wenn man einwende, daß es mit der sofortigen Auflösung nicht getan gewesen wäre, weil das Gesetz über-die Vermehrung der Abgeordneten, nicht votiert war, so wäre gerade damit die Agitation nur befruchtet und cineni Sieg vorgearbeitet worden. Statt alles dessen habe man der Regierung Zeit gelassen, sich wieder zu„verschnaufen" und ihr Korruptionswerk nach allen Richtungen weiter zu führen. — Der Redner faßt auch die parlameniarische Situation nach dem eventuellen Sturze der Klerikalen im Juni ins Auge. Nach diesem Sturz könne es nur eine Losung geben' Heraus das allgemeine Wahlrecht!— An den Sturz der klerikalen Majorität knüpfe sich auch die wichtige Parteifrage der ministeriellen B e t e i l i- gung. Als Gegner der Teilnahme der Soziali st en an der Regierung wünsd?e er die Entscheidung über diese Angelegenheit noch vor den Wahlen.— Die Resolution des Red- ners enthält einerseits die Aufforderung an die Partei, am Tage nach den Wahlen innerhalb und außerhalb der Kammer die Frage der V e r fa s s u n g s r e v i s i o n aufzurollen und andererseits das Verbot der Beteiligung von Parteimitgliedern and er Regierung. Der Verfasser des parlamentarischen Berichtes, Deputierter Wauters. erklärt die Haltung der Fraktion folgendermaßen. Die Kammeropposition habe Genugtuung in allen Punkten er- halten: Das Schulgesetz ist zurückgezogen worden! die Vermehrung der Abgeordnetensitze ist von dxr Regierung zugestanden wordeng die Forderung der Auflösung und allgemeinen Wahlen durch-- gesetzt. Man hatte unter den gegebenen Verhältnissen sonach keine Veranlassung, den parlamentgrisckren Fortgang zu hindern. Es wäre nur gewagt gewesen, seinerzeit eine Auflösung herbeizuführen» ohn».- vorher das.Gesetz über die Vermehrung der Deputierten ge- sichert zu haben. Wauters bezweifelt, daß die von Hins gepredigte hpf OWruftiM Mp Repisiopr �ex Perfassung zc führt Mte. Die klerikale Partei, die in der Schulfrage zurückgewichen ist, hätte nicht weiter nachgegeben. Dagegen hat die Fraktion durch ihren Kampf gegen die Teurung das Land bis in seine Tiefen auf- gewühlt und für die Wahlen eine nicht nur antiklerikale, sondern sozialistische Plattform geschaffen. Vandervelde bemerkt gegen Hins, Obstruktion ist leichter als eine gewissenhafte parlamentarische Arbeit. Die Geschichte der Fraktion zeigt übrigens� daß wir, wenn es not tut, auch energisch sein können. Vandenpecreboom und Schollaert wissen davon ein Lied zu singen Die Fraktion hat ihre Pflicht getan; möge die Partei die ihre tun, um das Land vom klerikalen Regime zu befreien H i n s beantragt, der Kongreß möge entscheiden ob die Frage der Teilnahme an der Regierung schon diesmal oder auf einem außerordentlichen Kongreß nach den Wahlen, behandelt werden solle. Nach einer kurzen Debatte, in der Vandervelde festgestellt hat, daß niemand der Diskussion ausweichen wolle und die Teilnahme eines Sozialisten an der Regierung die vorherige Zustimmung der Partei voraussetze, zieht Hins seinen Antrag zurück. Nachmittags-Sitzung. Die Presse. Das französislhe Zentralorgan der Partei,„Der Peuple", hat daS Defizit überwunden. 1S10 wie 1911 brachte er 4500 Fr. Ueberschuß. In den letzten drei Jahren hatte er 33 009 Leser ge- Wonnen. Allerdings hat seine kleine Ausgabe„L'Echo du Peuple" 20 000 Leser verloren. Bemerkenswert ist der Fortsdzritt in den von den Parteiorganisationen aufgenommenen Kcllektivabonne- Ments. Derzeit haben 73 Parteigruppen 12 700 Exemplare abonniert. In der Diskussion meint Vandervelde, der„Peuple" sei vom antiklerikalen und demokratischen Gesichtspunkt ein aus- gezeichnetes Blatt, dagegen komme sein Sozialismus mehr in sentimentaler und humanitärer als in wissensdiaftlicher Gestalt zum Ausdruck. Das Blatt müsse in Zukunft die'Erziehung zum Sozialismus mehr als bisher pflegen. W a u l e r s. der Chefredakteur des„Peuple", hebt die Ueber- lastung der Redakteure hervor und betont die Notwendigkeit, im Informationsdienst auf die Konkurrenzblätter und auf die Wünsche des großen Publikums Rücksicht zu nehmen: sicher werden wir uns bemühen, Va n d e r v e l d e n s Wünschen Rechnung zu tragen. Aber muß nicht die augenblickliche Wahlpolitik auf den Ton des „Peuple" abfärben.(Zwischenrufe:„Aha!") Wenn Sie wesent- liche Verbesserungen durchsetzen wollen, müssen Sie uns die Mittel dazu fchaffen. Bei der Besprechung des in Gent erscheinenden„V o o r u i t" wird die Gründung eines vlämischen Blattes für Brüssel angeregt. Wie A n s e e l e hervorhebt, würde ein solches Blatt dem„V o o r u i t" eine Erleichterung bringen, der bei der Provinz- aufläge zusetzt. Die Frage der Errichtung neuer Blätter wird dem General- rat zum Studium überwiesen. Ser Intendantenprozeß in Aarlchau. Man schreibt uns aus Krakau: Das Marschauer Publikum lächelt in diesen Tagen eigentümlich ironisch... Die stadtbekannten Herren aus der Kaiserlichen Inten- dantur des Warschauer militärischen Bezirkes stehen vor Gericht als Diebe und Schwindler.->... Eine Menge von Obersten, Oberstleutnants bis zu den Maga- zinaufsehern herab müssen sich jetzt vor dem Gericht verantworten. Dieser Prozeß ist die nächste Folge der„Senatorenrcvision", die im Jahre 1910 in Russisch-Polen stattfand. Die„Senatorenrevisionen" sind eine außerordentliche Bierwal- tungsmatznahme im russischen Leben, aus der allgemeinen Beamten- korruption entstanden. Der russische Zar wird in der Regel so „falsch informiert", daß er von Zeit zu Zeit zu dem energischen Mittel greift, um wenigstens einen Bruchteil der Wahrheit zu er- Mitteln. Er schickt also seinen bevollmächtigten Senatoren aus, der, mit allen möglichen Pollmachten ausgestattet, alles mögliche„rcvi- diert" und dann dem Zaren einen passenden Bericht erstattet. Daraufhin werden eine Anzahl von Strafprozessen geführt, wobei das Sprichwort zu Ehren kommt:„Eine Krähe hackt usw." Nach dem russisch-japanischen Kriege kamen so furchtbare Dieb- stähle und Unterfchleife zur öffentlichen Kenntnis, daß die Tra- dition der„Senatorenrevisionen" wieder zu einer sehr notwendigen Institution wurden, um die empörte öffentliche Meinung ein wenig zu beruhigen. So wurden also der Senator Garin nach Moskau und nachher Neud Hardt nach Warschau hinausgeschickt, um „Ordnung zu schaffen". Herr Neudhardt hatte zuerst die Erfahrungen seines Kollegen Garin sich zueigen gemacht, um in Warschau um so leichter den Diebstählen beizukommen. Ehe er selbst Petersburg verließ, schickte er zuerst einen von seinen Vertrauten, um das Treiben der Warschauer Intendanten zu invigilicren. Aber man wußte dort bereits von der nahenden Gefahr und eine eigentümliche„Abwchr"aktion wurde rasch organisiert. Zuerst verbrannte man überall die kompromittierenden Papiere und Dokumente.„Ueber Wsirschau standen in diesen Tagen— sagen die nachher vernommenen Zeugen aus— dichte Rauchwolken", fo viele Papiere wurden auf einmal dem Feuer übergeben... Zwei Hauptpersonen der Intendantur, der Hofrat Bontsch- Bogdanovsky und Oberst Süßkandt, haben bereits seit Jahren die Majorität der Jntendanturbeamten„organisiert" und zusammen- gebracht, mit den großen Lieferanten, die„zumeist Juden sind", wie der Senator in dem geheimen Berichte an den Zaren schreibt. Dieser geheime Bericht(der zufällig vor mir liegt!) bildet ein grausam erbautes Denkmal des innerlichen Zerfalles des russischen Reichest Er wimmelt von Diebstählen und Schwindeleien, die alle an dem militärischen FiskuS— eigentlich an den Hundert- taufenden armer russischer Soldaten— begangen werden. Er deckt die � Schleichwege auf, worauf die Beamten und ihre Komplicen wandeln, und stellt überall fest, daß die russische Verwaltung von der Bestechung nicht zu trennen ist... Auf die erste Alarmnachricht, daß der Senator kommt, wurde in der Intendantur alles gemacht, damit er die Wahrheit nicht erfahre. Den Lieferanten wurde eingeschärft, keine Aussagen vor den Revisionskommissionen abzulegen, die irgend wen belasten könnten; dann sollen die Lieferanten noch mehr verdienen... Unter den Beamten wurden die wahrheitsgetreuen Aussagen in den Angelegenheiten der Intendantur als etwas„Unmoralisches" ausgeschrien! Die Schränke mit den Dokumenten, die schon nicht„schönzu- schreiben" waren, sollten„zufälligerweise" abbrennen.., Der Zufall.hat sie aber davor bewahrt! So mutzte sich Herr Neudhardt den Weg zur Wahrheit mühsam bahnen, ohne aber jemals die ganze Wahrheit erfahren zu können. Was er aber dem Zaren berichtet, ist so ergreifend, daß es auch das westeuropäische Publikum sicher interessieren wird. Zumal tzie Heerespe rzvaltungeu hg Wcsteurppa, Herr Neudhardt wollte eine gründliche Arbeit machen und bildete nicht weniger als 19 Untersuchungskommissionen in der Provinz, die am 7. April 1911 gleichzeitig ihre Tätigkeit entfalteten; in Warschau fungierten 8 Kommissionen. Außer feinen Beamten wurden 120 Offiziere diesen Kommissionen beigezogen. 175 Hcercsabteilungen gaben ihre Meinungen betreffend die Tätigkeit der Intendantur ab; 155 davon hatten viel Wichtiges zu sagen. Ganze Berge von Papieren wurden in den unzähligen HauS- durchsuchungen beschlagnahmt; man nahm alles, was auf die letzten 5 Jahre Bezug haben konnte. Die gelieferten Stoffe waren von der schlechtesten Qualität; die Uniformen, die Mäntel, die Hemden waren noch dazu fast durch- gehends zu kurz;' die Lieferungen kamen niemals zeitig an. „Nicht ein Gegenstand des täglichen Gebrauches war einwandfrei" — berichtet der Senator. „Die Tragik" aber steckte in den Schuhen!„Die Stimmen der Abteilungskommandanten über die gelieferten Schuhe sind wahr- Haft tragisch; man könnte sagen, daß die Armee eher ohne Schuhe, als in den Schuhen geht..." Die durch die Lieferungskommissionen als gut befundenen Schuhe konnten höchstens einen Monat aushalten,. 60 Proz. der Schuhe waren schon„nach dem ersten Regen" untauglich, 80 Proz. gingen in den ersten Tagen zugrunde! Der Wert des Schuhpaares wurde in der Intendantur auf 7 Rubel festgesetzt; aber kein Soldat trägt die„Kommiß"-Schuhe, da er doch barfuß gehen müßte! Die Schuhe werden also unmittel- bar uack) der Ausfassung von den Soldaten verkauft. Der feste Preis dieser Schuhe ist aber 1% Rubel! Für seine paar Rubel muß der Soldat sich eigene Sckiuhe anschaffen. Einzelne Kommandanten berichten haarsträubende Dinge dar- über.„Nach einem Tage käput" oder„nach dem dreimaligen Anziehen außer Gebrauch" oder„zur Annahme ungeeignet, da die Vorderteile der Schuhe während des Transportes ab- gefallen" und dergleichen. Die Mäntel zu kurz und schlecht geschnitten, die Hosen schützen nach zwei Monaten den Soldaten nicht vor der Kälte, die Hemden zu kurz und aus den schlechtesten Stoffen verfertigt; sogar die Schnupftücher— gegen die Vorschrift— zu klein! Unter 9000 Stück„Papachas"(große Pelzmützen), die im Jahre 1905(also im Jahre des Krieges!) in die 5. Jägerbrigade geliefert wurden, fanden sich über 1090 Stück, die so klein waren» daß sie nicht einmal ein kleines Kind tragen könnte!... Jahrelang wurden die notwendigsten Dinge einfach nicht ge- liefert. Nicht besser verhält es sick) mit den Nahrungsmitteln, die geliefert werden. Nur der Hafer tvar gut, fehlte aber in den„Kriegsvorräten" in ziemlich großem Ausmaße. Das Mehl war zum großen Teile schlecht, das Getreide nicht besser. Der„Frvntbastion" gegen Westen, die größte russische Armee von über 200 000 Mann, die in dem Warschauer militärischen Bezirke liegt, wurde unverschämt bestohlen. Unwillkürlich heiter wird man gestimmt, wenn man den Neudhardtschen„geheimen" Bericht über den Dicbsjargön liest, der über die Warschauer' Intendantur im Schwünge war. Tie Warschauer Äbnahmekommissioncn wurden„leicht" ge- nannt, dg dort alles akzeptiert wurde, wenn nur die Lieferung von der passenden Bestcd)ung begleitet wurde. Bestochen mußte werden; bei guter Ware war natürlich die Bcstechungssumme kleiner. Zugleich aber waren diese Kommissionen„unsympathisd)", weil es„in Warschau keine festen Traditionen gab, wie in anderen militärischen Bezirken"(wörtlich!) und die Höhe der Bestechung „von dem Temperamente oder den Kapricen" der Beamten abhängig tvar. Die prozentuale Höhe der Bestechungsgelder betrug 3 bis 7 Prozent des nominellen Lieferungswertes. Jeder Beamte der Intendantur mußte bestochen werden, dar- über wachten sehr eisersückitig die„leitenden Stellen". Die Beamten— bis zum letzten Magazinaufseher— lebten auch in Saus und Braus und legten noch Millionenvcrmögen auf die Seite ab. Die Lieferanten machten ja gleichfalls glänzende Geschäfte und der russische Soldat ging barfuß oder mußte den letzten Rubel hergeben, um sich eigene Schuhe zu kaufen. Er wurde oft zu einem Bettlerhaufen, immer hungernd und frierend... Wurden' die mächtigen Diebe nad) Petersburg angezeigt, und kam aus Petersburg die Kontrolle, so wurde aud) diese einfach bestochen und,„die Enden ins Wasser", das heißt die Sache vertuscht. Sedjzig Offiziere und Beamte wurden durch den Senator dem Strafgerichte übergeben, aber er selbst'weiß ganz genau, daß das Strafgericht gar nichts an der Sache ändern kann! Herr Neudhardt schlägt dem Zaren einen noch größeren und komplizierteren Kontrollapparat vor, er beschuldigt die höchsten Spitzen des militärischen Bezirkes, er weist hin auf die drohende Gefahr, daß die bcstohlenen Soldaten zur Beute der geheimen. revolutionären Umsturzparteien werden können, er hebt hervor, daß die Jntendanturbeamten schledst besoldet und keine Fachleute sind, aber alle diese Vorschläge können in dem vernünftigen Leser seines Veridits keinen Glauben erwecken, daß sie zu helfen imstande sind. Im Gegenteil: man weiß in Rußland ganz genau, daß eine jede„Senatorenrcvision" die Höhe der Bestechung steigert; die Bestechung muß sein, und wenn das Risiko größer wird, muß die Bestechung höher sein! Bei jedem größeren militärischen Kredite lachen den Lieferanten und den Jntendanturbeamten die Herzen im Leibe. Sie wissen schon warum... S~ . pavtd- Hragdcgcnbdtcn. Waimsee. Am Sonnabend, den 13. d. Mts., abends 8 Uhr, im „Fürslenhvf"(O. Ackermann): Versammlung des Wahlvereins. Wichtige Tagesordnung. Lickiteurade. Am Sonnabend, den 13. April, abends 8>/g Uhr, im„Wirtshaus Lichtenrade", Jnh. Butzmann: Mitgliederversamm- lung des Wahlvereins. Tagesordnung: U. a. Berichte von den Generalversammlungen. Bernau. Heute Donnerstag: Zahlabend in den bekannten Lokalen. ES werden die Broschüren:„Neue Fesseln für daS Prolc- tarint durch die Strafgesctzgebnng" an die Airlvesendcn gratis ver- teilt." Die Bezirksleitung. Nöntgcntal. Heute Donnerstag, den 11. April, abends 8 Uhr: Zahlobend bei Marx. ES ist eine wichtige Tagesordnung zu er- ledigen._ ßevllncv JVacbncbtcn. Ein Stück praktischer WohnungSreform. Als die Baugenossenschaft„Ideal" vor fast einem Jahre Modelle und Zeichnungen ihres Projekts von Klcinhalisbauten mit Gärten öffentlich ausstellte, da gab es unter den nach Tausendet! zahlendstt Besuchen, der Ausstellung keinen, der nicht dem Plane der Baugenossenschaft„Ideal" die schnellste Nerwirklichung und sich selbst eine der freundlichen Wohnungen in den schmucken, von Gärten eingefaßten Häusern gewünscht hätte. Allgemein war die Anerkennung, die man dem Projekt der KleinhauSbauten zollte. Doch viele mögen damals noch gezweifelt haben, ob wohl der schöne Plan Wirklichkeit werden könne, denn die Fachleute vertraten und vertreten größten- teils heute noch den Standpunkt, daß das Wohnungsbedürfnis der minderbemittelten großstädtischen Bevölkerung nicht anders als durch Errichtung vierstöckiger Mietskasernen befriedigt werden könne, weil sich der Kleinhausbau zu teuer stelle. Doch die Baugenossenschaft„Ideal" ließ sich durch derartige Bedenken nicht abschrecken. Hatte sie doch durch eingehende fach- männische Studien und Berechnungen feststellen lassen, daß der Kleinhausbau, wenn er rationell und von großen Gesichtspunkten aus betrieben wird, ebenso rentabel ist wie die Mietskaserne. Die Leitung der Baugenossenschaft„Ideal" ging also ans Werk. Sie erwarb in Britz ein Grundstück, groß genug, um eine umfangreiche Siedelung nach ihrem Plane darauf anzulegen. Mancherlei Schwierigkeiten mußten über- wunden werden, che man mit dem Bauen beginnen konnte. Unser ganzes Bauivesen, auch die polizeilichen Bauordnungen, sind ja auf die Mietskasernen zugeschnitten. Dem neuen Bau- sustem aber mußten neue Bedingungen gestellt, neue Wege ge- bahnt werden. Der umsichtigen-Leitung der Genossenschaft gelang öS, alle Hindernisse, welche der Verwirklichung ihrer Pläne entgegenstanden, zu überwinden. Was vor bald einem Jahre als ein für Berlin völlig neues Projekt von den Wohnungskonsumenten freudig begrüßt, von den Bau- intcressenten ober zweifelnd betrachtet wurde, wird jetzt zur greifbaren Wirklichkeit. Schon stehen einige Häuser, im Roh- bau vollendet, da, andere wachsen auS dem Sandboden empox. Am dritten Ostertage konnte bereits für einen Teil der jetzt im Entstehen begriffenen Bauten das Richtfest gefeiert werden. Lorstand. Aussichtsrat und eine Anzahl von Ge- nossenschaftSmitgliedern nahmen an der einfachen Feier teil. Am nächsten Sonnabend wird das Richtfest für einen zweiten Komplex des großen Bauwerks gefeiert werden. Die jetzt in Arbeit befindlichen Bauten werden im Laufe des Sommers fertig und können zum 1. Oktober bezogen werden. Gegen hundert Wohnungen von je einem, zwei, auch drei Zinimern sind es. die außer Küche. Keller, Boden, eigenes Klosett und eigene Badeeinrichtung haben, und jeder Mieter verfügt über ein unmittelbar an seine Wohnung stoßendes, etwa sechzig Quadratmeter großes Gürtchen, das er nach eigenem Gefallen bepflanzen kann. Der jetzt bebaute Komplex ist ungefähr der sechste Teil der ganzen Siedelung. Wenn er fertig ist, wird ein neuer Teil in Angriff genommen, so daß in einigen Jahren das ganze Grundstück bebaut sein wird. Mit lebhaften, Interesse verfolgen Fachleute und Wohnungsreformcr die Entwickelung des Projekts, welches beitragen will zur Lösung des Problems: Durch genossenschaftliche Selbsthilfe und rationelle Ausnutzung der gegebenen Mittel freundliche, gesunde und preiswerte Arbeiterwohnnngen zu schaffen. «... Mit der Leitung des LormuudschastSamtcS der Stadt Berlin, das am l. April in Kraft getreten ist, ist der Magistrats- assessor Dr. Schönberner betraut worden. zu Berufs- Vormündern sind die MagistratSsckretäre Hagcmann und Kretschmer vom Magistrat gewählt worden. Das Amt hat seinen Sitz im Wmsonhause. Alte Jakobstraße 33/35 im Zimmer 2l3. Aufgabe des Amtes ist die Uebernahme und Leitung der Vormundschaft für alle nach den, 1. April 1912 in Berlin geborenen unehelichen Kinder. Die Arbeiter- Bildmigsschnle(Grenadierstr. 37) beginnt am Freitag mit neuen Kursen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen »verden ersucht, sich recht zahlreich an den, Besuch zu be- teiligen. Zur Wahl eines oder mehrerer Unterrichtsfächer ist der Eintritt am ersten Abend frei. Parteigenossen und Ge- nossinnen, erweitert Euer Wisse», auf zur Arbeiter-Bildungs- chulc!— Näheres ist aus dein Lehrplan im Inseratenteil er- ichtlich.__ Wie die LebenSmittelteucrung wirkt» das Iveiß in der minderbemittelten Bevölkerung jede Hausfrau. Sic mcrtt es Tag für Tag, immer wieder, wenn sie hin und her rechne» muß, um in ihre», kleine» Haushalt die nötigsten Ausgaben ins GleickUewicht mit den Einnahmen zu brmgen. Haus- frauen, die jahraus jahrein alle Ausgaben notieren und dann mal die für die einzelne» Gebrauchsartikel gemachten Aufwendungen zusammenzähle» und zur Bergleichung die Ergebnisse der vorher- gehenden Jahre heranziehen, tonnen durch solche zwar nicht erfreu- lichen, aber sehr lehrreiche» Rechenexempel sich ganz genau über den Umfang der LebenSinittelteuerung unterrichten. Die Zahlen, die sich da dem verlounderten Auge präsentieren, dürfte» in ihrem eindrucksvollen Gegeneinander so ausreizend wirken, daß auch die gleichgültigst« Hausfrau stutzig wird und über die Ursachen dieser Auspowerung des Volkes»achzudenke» beginnt. Ebenso wisse» die Inhaber kleiner oder großer Speise« wirtschaften ein trübseliges Lied davon zu iiuge», wie in den letzten Jahren die Lebensmittelteuerung sich ihnen immer mehr fühlbar gemacht und ihren Geldbeutel angegriffen hat. Es hilft ihnen nichts, daß sie bei ihrem Massenverbrauch sich alle Vorteile eines Großeinkauses verschaffen können. Auch sie müssen ihren Tribut entrichten, ohne daß sie immer die Möglichkeit haben, ihn zum glößcren Teil auf ihre Gäste abzuwälzen. Dasselbe gilt von den Speiicai, stalten der gemeinnützigen Vereine, die von vornherciu mit einer mäßigen Verzinsung des hineingesteckten Kapitals sich begnügen und dabei de» Preis der dargebotenen Speisen auch in teueren Zeiten auf mähiger Höhe zu halten be- müht sind. Hier wird die Steigerung aller Lebensmittelpruse sogar als ein besonders schwerer Notstand empfunden, der geradezu die Existenz solcher Unternehmungen gefährdet, wenn sie nicht aus starke Reserven sich stützen können. Wie im vorigen Jahre zum Beispiel die Steigerung der Preise von Gemüsen. Hülsenfrüchten und Kartoffeln gewirkt hat, will die Volts- Kaffee- und Speisehalle„-Gesellschaft in ihren, das Betriebsjahr 1911 behandelnden, jetzt vorliegenden Ge- schäftSvericht zeigen, indem sie für eine Reihe von Perbrauchs- artikcli,»eben die von ihr gezahlten Preise aus 1919 die aus 1911 stellt. Der Preis pro Zentner war im Herbst 1911(in Klammern der Prciö vom Herbst 1910) für Rotkohl 8 M..(8,59 M.), Weißkohl 7 M.(2,75 M.). Wirsingkohl 0,50 M.(3,15 M.). Kohlrüben 3 M. (2,50 VI.), Mohrrüben 4,50 M.(2,50 M.>, Sauerkohl 10 M.(5 M.). Erbsen 20 M.(14 M.). Bohnen 19.50 M.(14,50 M.>. Linsen 19 M. (13 M.>. Reis 19 M.(14,50 M.), Bohnenmehl 28 M.(22 M.). Zwiebeln 8,50 Dt.(5,50 Dt.), und die Mehrausgabe pro Zentner betrug im Herbst 1911 für Rotkohl 4,50 Dt., Weißkohl 4,25 M., Wirsingkohl 3,35 Dt., Kohlrüben 0,50 Dt., Mohrrüben 2 M., Sauer- kohl 11 M., Erbsen 0 Dt., Bohnen 5 Dt., Linsen 0 Di., Reis 4,50 Dt., Bohnenmehl 0 Dt.. Zwiebeln 3 Dt. Was diese Preissteigerungen für den Betrieb des Unternehmens bedeute», das kann man sich ungefähr ausrechnen, wenn man weiß, welche Mengen von de» einzelnen Verbrauchsartiteln zur Zubereitung der Speisen ver- wendet wurden. Dci» Bericht entnehmen wir. daß im Jahre 1911 »erbrgücht wuidea vpn Rottohl 0S)jl Zentner» Weißkohl 78 Zentner» Wirimglohl 72-%; Jenlner, Kohlrübest 41 Zenlner, Mohrrüben 97 Ii Zentner. Sauerkohl 53 Zentner, Erbsen 147% Zentner, Bohnen 73% Zentner, Linsen 34% Zentner, Reis 00% Zentner, Bohnen- niehl 17% Zentner, Zwiebeln 132 Zentner.(Den Verbrauch von gedörrtem Rotkohl, Weißkohl usw. lasten wir außer Betracht.) Will man den Herbstpreis als den Durchschnittspreis des Jahres an- sehen, so ergeben sich bei den in 1911 verbrauchten Mengen etwa die folgenden Preiserhöhungen: für Rotkohl 309 M., Weißkohl 331 M., Wirsingkohl 244 M., Kohlrüben 22 M.. Mohrrüben 115 M., Sauer- kohl 583 M.. Erbsen 885 M., Bohnen 392 M., Linsen 207 Di., Reis 273 Di., Bohnenmehl 105 Di., Zwiebeln 390 Di. Für die hier aus- gezählten Gemüse und Hülsenfrüchte muhten zusammen 3802 Di. mehr ausgegeben werden. Bei den Kartoffeln nennt der Bericht den Durchschnittspreis des ganzen Jahres: pry Zentner wurden bezahlt durchschnittlich 2,91 M. in 1911, gegenüber 1,83 M. in 1910, so daß sich für 1911 ein Mehr von 1,08 Di. pro Zentner ergibt. In 1911 wurden 11820 Zentner Kartoffeln verbraucht, das macht allein für Kartoffeln eine Wehr- ausgäbe von 12 705 M. Wir Isaben uns diese Mehrausgaben für Gemüse, Hülsen- früchte und Kartoffeln selber berechnen müssen, ivcil der Geschäfts« bericht keine Zahlen hierüber enthält. Das Ergebnis der Äerech- nung wird, da die Herbst- bezw. Durchschnittspreise dazu benutzt worden sind, nur annähernd richtig sein können. Das genügt aber, um eine Vorstellung davon zu geben, wie sehr für die Volks-Kaffee- und Speisehallen-Gesellschaft die Mehrkosten dieser Verbrauchs- artikel ins Gewicht fallen. Da die Gesellschaft daran festgehalten hat, weder die Portionen der Speise» zu verkleinern, noch die Qualität hcrabzudrücken, und da sie auch die Preise nicht erhöhen will, so muß sie selber den Schaden tragen. Sie hat im Jahre 19ll a u s dem Betrieb ihrer Spei.sean stallten keinen Uebcrschuß erzielt. Brächten ihr nicht ihre Grundstücke noch Erträge aus der Vermietung der außer den Speiseanstalten darin noch befindlichen Wohnungen, so. hätte sie durch diese Teuerung in die schlimmste Bedrängnis geraten müssen. In dem Haushalt einer Familie aus der minderbemittelten Bevölkerung, fehlt es oft an allen Reserven, die über schlechte Zeiten hinwegbelsen könnten. Da muß eine LebenSmittelteucrung sich mit voller Wucht fühlbar machen, indem sie die Familie, zwingt, ihre Ernährung zunächst in der Qualität und schließlich vielleicht auch in der Quantität herab- zudrücken.„Sich nach der Decke strecken" nennt man dieses Verfahren, das die besitzende Klasse den Minderbemittelten an- gelegentlichst empfiehlt, während sie selber es nicht nötig hat. Wie dann so eine Teuerung der Lebensmittel samt der daraus sich er- gebenden Verschlechterung der Lebensweise auf die Volks- gesundheit wirkt, davon wissen nachher die Aerzte zu erzählen.___ Kahen im Straßenbahnwagen. Die erst seit einigen Jahren datierende Erlaubnis, auf der Straßenbahn gegen Lösung eines Fahrscheines kleinere Hunde mitzuführen, hat vielfach die Meinung verbreitet, daß auch andere Kleintiere die Fahrt mitmachen dürfen. Diese Ansicht ist jedoch irrig. Die Schaffner habe» Anweisung, andere Tiere als kleine Hunde von der Fahrt auszuschließen. DaS wird natürlich in der Praxis nicht immer so streng genommen. Einen Vogel im Käfig oder ein Huhn im Deckelkorbe lassen die meisten Schaffner ohne Extrafahrschein ruhig mitfahren, solange nicht andere Fahrgäste sich belästigt fühlen. Dagegen wurde dieser Tage auf der Linie 54 ein Jndier, der eine Katze auf dem Atme trug, trotz seines Protestes von der Fahrt avsgeschloffcn. Sicher bätte die Katze weniger belästigt, als es die vielen haushohen— Affen tun, die besonders in den späten Abendstunden auf der Straßenbahn nach Hause gefahren werden. Vom sonntäglichen Verhängen der Schaufenster. Herr Farnowskh sollte die Berliner Verordnung über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage dadurch übertreten haben, daß er Sonntags während der Zeit des Hauvtgottesdienstes das Schaufenster seines Zigarrenladens nicht verhängt hatte. Das Landgericht-verurleilte ihn zu einer Geldstrafe, obwohl feststand, daß er die Warenauslage seines Schaufensters mit Pappbogen verdeckt hatte. Das genüge nicht. Da» Kammergericht verwarf die hiergegen gerichtete Revision des Angeklagten mit der Begründung, daß die Vorschrift der Ver- ordnung, wonach das Schaufenster zur fraglichen Zeit zu ver- hängen sei, genau befolgt werden müsse. Das verdecken der Waren im Schausenster reiche nicht aus. Große Nachruft widmen die Blätter dem gestern verstorbenen Schmmkesabrilmitcn Leichner. Leichner ist durch die Fabrikation von Schminke und Puder ein steinreicher Mann geworden und wurde als olcher auch zum Kommerzienrat ernannt. Seine Inserate in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften machten den Namen Leichner zu einem weit bekannten und sichern dem Verstorbenen bei vielen Zeitungen et» gutes Andenken. Das viele Geld v-ranloßte Leichner dazu, auch ip Kunst zu machen und uns mit dem scheußlichen Richard- Wagner-Denkmal im Tiergarten zu beglücken. Agrarische Ausbeutung der Arbeitskraft von Idioten. Wir berichteten kürzlich von veviverflicher Ausbeutung der Arbeitskraft eines Dalloorfer Anstaltspfleglings durch einen Berliner Fuhr- Herrn. Der Fall ist jetzt beim Gewerbegericht anhängig gemacht, um den Fuhrherrn, der ein ganzes Jahr hindurch für eine volle Tagesleistung pro Woche eine einzige Mark zahlte, zur»achträg- lichen Zahlung angemessenen Lohnes zu zwingen. Als noch krasseres Gegenstück dazu wird uns mitgeteilt, daß die mit der Dalldorfer Irrenanstalt verbundene Jdiotenanstalt seit Jahren systematisch die Arbeitskräfte ihrer jugendlichen Insassen an Agrarier entweder ganz ohne Bezahlung oder für Barbeträge, die lediglich als Trink« gelder anzusprechen sind, verleiht. ES handelt sich um eine be. trächtliche Anzahl von Anstaltszöglingen, deren körperlicher und geistiger Zustand derart ist. daß sie die AiistaltSpflege nicht nötig haben. Auf manchen Gütern sind zu gleicher Zeit ein halbes Dutzend und mehr solcher„Idioten" untergebracht. Sie schlafen hier meist gemeinsam in Leutelvohnungcn von oft keineswegs ein, wandfreier Beschaffenheit und werden zu allen möglichen land. wirtschaftlichen Arbeiten herangezogen, sogar zu gefährlichen Ar. beiten mit maschinellem Betriebe. Früher waren gleichzeitig auf denselben Gütern auch weibliche AiistaltSpatientcn untcrgc. bracht, die aber zurückgezogen wurden, als sich der Klapperslorch meldete. Man kann nun gewiß der Ansicht zustimmen, daß der Aufcnt» halt auf dem Lande den Patienten der Jdiotenanstalt zuträglicher ist als der Aufenthalt in Dalldorf. Von diesem Standpunkte würde gegen die Landpflege und auch gegen die Beschäftigung mit leichten Landarbeiten nichts einzuwenden sein. ES findet aber eine regelrechte Ausbeutung der Arbeitskraft statt. In de» ersten Jahren wird überhaupt kein Lohn gezahlt, so daß der Agrarier dilligere Arbeitskräfte gar nicht haben kann. Manche Anstaltspaticnten sind hier schon Jahre und erhalten trotzdem 'elbst wenn sie dem Gutsbesitzer eine» Knecht ersetzen, nicht mehr als höchstens zehn Mark pro Monat. Der Agrarier will selbst. verständlich ein Geschäft machen. AuS bloßer Humanität über, nimmt er sicher nicht sechs und mehr Idioten. Darunter befinden rch auch Patienten, die sich geistig sehr vorteilhaft entwickelt haben, schon großjährig sind und längst hätten auS dem AnstaltSzwang entlassen werden müssen, um sich ihr eigene? Brot zu verdienen und den Verdienst in die eigene Tasche zu stecken. Man läßt aber die Sache ruhig so weiter gehen und hat in einem besonderen Falle in Dalldorf erklärt, daß man die Gutsberrschaft nicht vor den Kopf stoßen wolle. Eine gründliche Revision dieser sonder- baren Sklavcnverhältnisse scheint dringend nötig zu sein, 53000 M. für die künstlerische Ansnmlimg der Aula deS König- städtischen G»n»msi»ms in der Elisabethstr. 57/58 will der Magistrat spendieren. Die städtische Kunstdeputation hatte seinerzeit dem Verein Berliner Künstler 7500 Mark für einen Wettbewerb für die AuS- malung der Aula des genannten Gymnasiums zur Verfügung ge- stellt. Bei dem Wettbewerb wurden fünf Arbeiten mit Preisen be« dacht. Den ersten erhielt der bekannte Maler Prof. Karl K ö p p i n g für feinen Entwurf:„Der Garten der Jugend". Professor Koppmg verlangt für die Ausführung 45 000 Mark. Dazu kommen noch 8000 M. für die Vorbereitungen, Gerüste usw., Schiebebühnen usw.» so daß insgesamt über 00 000 M. Kosten entstehen würden. Es erscheint sehr zweifelhaft, ob das Werk des Professor? Köpping ausgerechnet an den Wänden einer Aula in Erscheinung lreten soll, die doch nur einem recht begrenzten Kreis von Personen geöffnet ist. Soll ein Kunstwerk und das hierfür aufgewendete Geld seinen Zweck erfüllen, so mutz eS einem möglichst großen Personen- kreis zugänglich sein. Ein Opfer des Wettcufcls ist am Dienstag nachmittag ein bisher noch nicht ermittelter junger Mann geworden. Gegen %7 Uhr bestieg an der Rennbahn Grunewald ein elegant gekleideter Mann und. eine junge Dame ein Troschkenauto, u»t sich nach einem bekannten Restaurant in der Friedrichstraße fahren zu lassen. Als das Kraftfahrzeug sich in der Bismarck-, turz vor der Wilmersdorser Straße befand, ertönte plötzlich ein Schuß tur Wagen und alsbald wurde das Haltesignal gegeben. Als der Chauffeur die Tür öffnete, fand er seinen Fahrgast aus einer Schußwunde im Kopfe blutend, leblos aus dem Polster lieget-, während das junge Mädchen in«chreikrämpsc verfallen tvar. Auf dem zuständigen Polizeirevier konnte die Dame nur angeben, daß sie ihren Begleiter auf der Rennbahn kennen gelernt und seiner Äufforoerung, mit ihm in einem bekannten Berliner Restaurant zu soupieren, Folge geleistet habe. Während der Fahrt habe der Frenrde allerhand wirre Reden geführt, so daß sie schon mehrfach habe halten lassen wollen, um auszusteigen. Plötzlich hätte der junge Mann einen Revolver gezogen und sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen. Da absolut aus dem Mädchen nicht mehr herauszubekommen war, wurde sie vom Po- Uzeirevier entlassen. Die Leiche des Selbstmörders, der kein Geld bei sich hatte, wurde nach dem Berliner Lcichenschauhausc geschafft. Bis jetzt ist der Name des Selbstmörders noch nicht ermittelt. Eine traurige Aufklärung hat das Verschwinden des 45 Jahre alten Fischers Ernst Zinnow aus der Fischerstr. 32 gefunden, der seit Karfteitag vermißt wurde. Fischer fuhr an jenem Tage mit seinem Kahn am Mühlengraben umher, um Aalnetze zu legen. Später fand man den Kahn herrenlos auf dem Waffer fahren. Die Nach- sorsckumgen nach Fischer blieben erfolglos, bis man ihn gestern vor der Mühlendammwehr als Leiche wiederfand und landete. Vielleicht ist er verunglückt, möglich ist aber auch, daß er selbst den Tod ge- sucht hat. Er hatte wiederholt geäußert, daß er die Trennung von seiner Frau, die ihn vor einem Jahre verließ, weil er trank, nicht verwinden tonne. Auf der Brandstätte des AuSwanderrrbahnhofeS in Ruhleben war die Spandauer Feuerwehr noch bis in die Morgenstunden des gestrigen Tages mit den Nachlösch- und Anfräumungsarbeitcn be- schäftigt. Sieben der Hauptbaracke, die. wie berichtet, vollständig ein Raub der Flammen geworden ist, hat auch die Isolierbaracke durch daS Feuer starke Beschädigungen erlitten. Die Hitzeentwickelung war anfangs so groß, daß die Feuerwehrleute zum Schutz Asbeste schirme in Benutzung nehmen mußten. Viele Schwierigkeiten be- reitete die Wasserbersorgnng. ES mußten Schlauchleitungen von nahezu zweihundert Metern Länge gelegt werden, um aus den Hydranten der Trabrennbahn in Ruhleben das nöttge Waffer zum Lösche» deS Brandes herbeizuschaffen. Auch der herrschende Sturm, der die Flammen weit»veg peitschte, erschwerte die Tätigkeit der Feuerwehrmannschaften. Unfälle sind aber glück- licherweise nicht vorgekommen. Die geretteten Auswanderer— es waren 43 Frauen, Männer und Kinder— wurden gegen Mitternacht nach Bremen transportiert. Die Leute waren abends lloß Uhr erst aus Eydtkuhnen in Ruhleben eingetroffen. Da mit der Hauptbaracke auch die StationSbureau» der Eisenbahn vernichtet wurden, so mutzte gestern«ine besondere Holzbude für den Stationsvorstand errichtet werden. Die gestern srüh neu eingetroffenen Auswanderer wurden in der vom Feuer verschont gebliebene» kleinen Baracke unter« gebracht. Der Gesamtschaden, den das Feuer angerichtet hat. dürste 25 000 bis 30000 Mark betragen. Ob der Auswandererbahnhof auf dem alten Platz wieder errichtet werden wird, steht noch nicht fest. Enttäuschung und NahruiigSsorgcn haben den 31 Jahre alten Arbeiter Bruno Stephan, der sich wohnungSloö in Berlin aufhielt, zu einem Selbstmordversuch veranlaßt. Der Mann kam aus der Provinz hierher, weil er glaubte, in Berlin jeden Augenblick Arbeit bekommen zu können. Darin sah er sich aber sehr getäuscht. Alle seine Versuche blieben erfolglos. Als seine geringe Barschaft er- schöpft war, beschloß er in der Verzweiflung, seinem Leben ein Ende zu machen, irrte gestern abend eine Zeitlang im Tiergarten umher und brachte sich endlich in der Nähe de» Wagner-DenkmalS mit seinem Taschenmesser einen Schnitt in den Hals bei. Ein Schutz- mann fand den Unglücklichen schwer verletzt daliegen und brachte ihn nach der Charitü. Opfer der Straße. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich Dienstag nachmittag vor dem Hause Ebertystr. 48. Die dort tvohnhafte Frau Perschke hatte sich mit ihrer 4jährigen Tochter Tora auf die Straße begebe», um Einkäufe zu machen. Beim Ueberschreiten des Fahrdammes riß sich die Kleine plötzlich von der Hand der Mutter lo», wurde von einein Müllwagen umgerissen und geriet unter das schwere Gefährt, dessen Räder über das Kind hinweggingen. Der Kleinen wurden die Zehen des linken Fußes abgequetscht, außerdem trug sie schwere innere Perletzungeu davon. DaS verunglückte Mädchen wurde in bedenklichem-Zustande in das Kinderkrankenhaus in der Reinickendorfer Straße emgeliesert. Vor dem elterlichen Wohnhause, Stralsunder Straße lS, wurde gestern nachmittag der fünfjährige Sohn Hermann des Schneiders Prigge von einem Bierwagen der Schloßbrauerei Schöneberg über- fahren und ani Kopf sowie an der rechten Haud verletz!. Der Knabe fand im Lazarus-Kvankenhauje Aufnahme. AuS verschmähter Liebe in den Tod. Ein schauriges Drama hat sich gestern nachmittag im Hause Rüdersdorf«« Straße 00 abgespielt. Dort wohnt seit längerer Zeit im vierten Stock de» Vorderhauses die Rentenempsängeri» Therese Meihold. die Witwe eines kleinen Beamte», eine alte kranke, fast ganz erblindete Frau mit ihrer 21 Jahre alte» Pflegetochter, der Arbeiterin Erna Weffely. Das Mädchen unierhielt seit zwei Jahren ein Liebesverhältnis mit einem jungen Tischler. Dessen Eltern aber wollten von einer ehelichen Ver- bindung nichts wissen und beeinflußten ihren Sohn dahin, die Be- Ziehungen zu lösen, weil ihnen sein«� Geliebte wegen ihrer Armut nicht genehm war. DaS Mädchen wußte vaS auch und fürchtete immer mehr, daß der Geliebte es über kurz oder lang verlassen werde. Schon öfter äußerte e» deshalb Selbstmordgedanken. Gestern hat sich das Paar verabredet, daß es um 5 Uhr von der Wohnung des Mädchens aus gemeinsam ein Theater besuchen wolle. Erna Wessely hatte schon zeitig ihren Sonntagsstaat angelegt, wartete aber vergeblich auf den Geliebten, der versprochen hatte, sie pünktlich abzuholen. Um 0 Uhr fragte sie einen kleinen Jungen auf der Straße, ob er ihren Bräu- tigam nicht gesehen habe,«l» er verneinte, sagte sie ihm, sie werde hinaufgehen und sich erhängen. Das erklärte sie dann auch ihrer Pflegemutter, die in ihrer Stubeuecke zusammeiigekanert aus ihrem Stuhle saß. Die alte Frau nahm ober die' Ankündigung nicht ernst, weil eS auch bisher immer bei den Selbstmordgedanle» geblieben war. Als sie nicht? mehr hörte, glaubte sie, daß ihre Pflegetochter hinausgegangen wäre. Diese aber hatte sich, ohne daß die Augen- kranke eS sehen konnte, in derselben Stube mit der Gardiii-nschnnr am Fenster erhängt. Eine halbe Stunde später bat die Pflegemutter um Tropfen zur Linderung ihrer Brustschmerzen. Als sie keine Aut- wort erhielt, ging sie lastend durch-da« Zimmer, kam dabei auch an das Fenster und bemerkte jetzt zu ihrem Schrecken die Tochter am Riegel hängen. Nachbarn, die die alte Frau herbeirief, schni«» die Lebensmüde ab und holten einen Arzt. Dieser konnte gh« nur noch feststellen, daß sie schon tot war. Der Zirkus Sarrasain wird am nächsten Sonntag die lebten beiden Vorstellungen semer dritten Berliner Saison geben. Sarrasani gedenkt im näcksten Jahre nicht nach Berlin zurückzukehren, da er zunächst seinen Dresdener Monumental-Zirkus, ein nach völlig neuen Ideen errichtetes Zirkus-Theater, einzuweihen gedenkt, um dann einer Verpflichtung ins Ausland für längere Zeit zu folgen. Das Polizeipräsidium teilt mit: Am 28. v. Mts., gegen lO1/« Uhr nachmittags ist die später verstorbene Ehefrau Elsbeth Hillmann, angeblich vor der Komischen Oper, Friedrichstr. 10t, besinnungslos auf- gefunden und von einem unbekannt gebliebenen Herrn, der sich als Arzt ausgegeben hat,, Nittels Kraftdroschke nach der königlichen Klinik, Ziegelstr. S—S. geschafft worden. Bisher ist weder die Adresse dcS betreffenden Herrn noch die des KraftwagenführerS bekannt ge- worden. Mitteilungen nimmt jedes Polizeirevier sowie auch die Äriininakpolizei, Zimmer 34g, zu 1335, IV. 20. 12. entgegen. Vermißt wird eine 22 Jahre alte Plätterin Martha Hintze, die mit ihrer um ein Jahr jüngeren Schwester bei ihrer Mutter in der Schillingstr. 13 wohnte und in deren Plätterer beschäftigt war. Martha Hintze ging mit ihrer Schwester und drei jungen Herren aus dem Bekanntenkreise der Familie am 22. März abends aus und be- suchte mit ihnen mehrere Easos. In vorgerückter Stunde äufferte sie im Eafö Metropol sau der Ecke der Köpenicker- und Brückeiutratze) den Wunsch, nach Hause zu gehen. Ihre Schwester aber wollte noch bleiben. Hierüber kam es zu einem unbedeutenden Zwist, der damit endete, das; Martha allein aufbrach. Seit dieser Zeit ist sie verschwunden. Man hat nur noch gesehen, dast sie in der Richtung nach der Jannowitzbrücke zu wegging. Es ist nicht ausgeschlossen, datz das Mädchen, das ein leicht erregbares Wesen hatte, sich ein Leid an- getan hat. Die Vermißte ist 1,58 Meter groß und untersetzt, hat dunkles Haar, ein volles, gesundes Gesicht und etwas dicke Hände und trug einen blauen Tuchrock, eine weiße Bluse, einen Samt- mantel. einen Samthut mit einer großen Pleureuse, Lackschuhe, dünne Strümpfe, einen Schirm mit blankem Knopf und eine schwarze, moderne Handtasche. Vorort- JSadmcbtcm Neukölln.(Rixdorf). Für die in den nächsten Jahren zu errichtenden Gemeindcschulen ist von der Schuldeputalion folgendes Bauprogramm vorgeschlagen worden: Zum 1. April 1913 soll das LOklassige Schulgebäude am Richardplay und eine Turnhalle auf dem Schulgrundstück Knesebeck- straße fertiggestellt werden. Zum 1. April 1S14 sollen zwei Schulhauserweiterungen, und zwar auf dem neuerworbenen Terrain an der Kopfstraße mit 18 Klassen und für das Schulhaus an der Donau- straße ivollständiger Ausbau) mit 20 Klaffen fertiggestellt werden, Am 1. Oktober 1S14 soll demnächst ein weiterer SchulhauSanbau am Rkaricnd orfer Weg mit 18 Klassen eröffnet werden. Die Knaben- Mittelschule soll zum 1. April 1914 mit den dann vorhandenen 10 bis 12 Klaffen in das SchulhauS an der Donaustraße verlegt werden. Von der Anstellung von besondere» Zeichen- und Turnlehrer», sowie Zeichen- und technischen Lehrerinnen an den Volksschulen soll nach Erörterungen der Schuldeputation vorläufig abgesehen werden. Dem vorgelegten vorläufigen Projekt zum Bau einer Turnhalle auf dem Schulhote des Schulhauses Knesebeckstraße unter Verlegung der Klosettanlage nach den bisherigen Räumen des Schulmuseums- wird zugestimmt. Es wird in Aussicht genommen, zum 1. Apri 11913 zwei bis drei H i l f S s ch u l k l a s s e n neu zu errichten und diese Klassen vorläufig in dem Schulhause ThomaSftraße unter- zubringen. TLilmersdors. Von einem Kraftwagen überfahren und schwer verletzt Jourde gestern nachmittag die 20 Jahre alte Kunstschülerin Eugenie Seibold aus der Pariser Str. 55 von lfier. Als sie am Brandenburger Tor den Fahrdamm überschreiten wollte, geriet sie unter den Wagen und erlitt einen Schädelbruch und einen Bruch deS rechten Oberschenkels. Ein Schutzmann brachte die Schwerverletzte nach der Charite. Im Fieberwahn aus dem Fenster gestürzt. Ein eigenartiger schwerer Unglücksfall hat sich vorgestern in dein Hause Berliner Straße 18 zugetragen. Im Parterre des genannten Hauses wohute seit dem Ostersonnabend der 28 jährige Opernsänger Adolf W. als Aftermieter. Während der Ostcrfeiertage lag der Mieter Iranl zu Bett. In der Nacht zum Dienstag muß der Kranke nun wohl von einem so heftigen Fieber befallen worden sein, daß er im Wahn ausstand und sich durch die Doppelscheiben hindurch aus dem Fenster auf die Straße stürzte. Bei dem Sturz zog sich der Opernsänger schwere Schnittwunden im Gesicht, an den Händen und vor allen Dingen eine lebensgefährliche Verletzung der Halsschlagader zu. In fast leblosem Zustande wurde der Verunglückte in seinen« Blute fchivtmmend gegen 4 Uhr morgens von Passanten aufgefunden und, nachdem ihm von einem schnell herbeigerufenen Arzte Notverbände angelegt worden ivaren, nach dem Kreiskrankenhause Groß-Lichter- fclde übergeführt. Charlottcnburg. Um ein Pferd beschwindelt wurde gestern der Tattersall der Ge- brüder Bcermaim aus der Hardenbergstraße 25. Bor Ostern erschien dort ein junger Mann, der fein gekleidet war und sicher und gewandt auftrat, ritt ein Pferd eine Stunde laug und bezahlte den verlangten Preis. Gestern vorinittag kam er wieder und nahm das Pferd zu einem Ritt nach dem Grunelvald. Der Tattersall ließ, sich kein Pfand geben: zu spät erfuhr er, daß er es mit einem Schlvindler zu tun gehabt hatte. Der junge Mann ist, wie sich ergab, gar nicht iin Grunewald gewesen und hat nichts mehr von sich hören lassen. Allem Anschein noch hat er das Pferd, eine 1,70 Meter hohe, braune kupierte Stute, irgendwo zu Geld gemacht. GericKts- Leitung. Unter der Anklage der gemeinschaftlichen schweren Kärperverlebung, bezw. des Diebstahls und der Hehlerei standen gestern neun Per- soncn vor der 3. Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdircktors Lieber. Als Belastungszeuge trat der Kriminalschutzmann Otto Nippe� auf. Dieser ging in der Nacht zum 7. Januar die Skalitzer Straße nach dem Schlesischen Tor zu cntlaitg. Er traf dort die Angeklagten, die in einein Schank- lokal einen Geburtstag gefeiert hatten und nun in einer Gruppe auf der Straße standen. Als Nippe an ihnen vorbei kam, rief ihm einer einen„Guten Abend!" zu und Nippe erwiderte diesen Gruß. Dann kam einer der jungen Leute zu ihm heran und fragte ihn, od sie nicht zusa,nmen noch einen«Zug machen", d. h. sich amüsieren wollte». Nippe ging zum Schein darauf ein und als gefragt wurde, ob er auch Geld habe, zeigte er einen Zwanzig- Markschein, den er lose in die Ueberziehertasche steckte. Nippe ging mit dem Unbekannten dem Schlesischen Tore zu, die anderen folgten in einem kurzen Abstände und fingierten in der Nähe des Schlesischen Tores eine Schlägerei. Sie"verstellten Nippe dann plötzlich den Weg und als dieser sie aufforderte, ihm Platz zu machen, erhielt er von einem eine Ohrfeige und die übrigen stürzten plötzlich auf ihn loS und fchlugen auf ihn ei», so daß er zu Boden stürzte. Nun rief Nippe ihnen zu, daß er Kriminal- beamter sei, zeigte seine Erkennungsmarke und indem er feine Browningpistole hervorzog, erklärte er, jeden niederzuschießen, der ihn angreifen würde. Die Burschen packten ihn aber sofort am Arm, so daß er die Waffe nicht gebrauchen konnte und entrissen «hin die Pistole. Dann schlugen sie, wie Nippe behauptet, mit harten Gegenständen. Schlüsseln. Schlagringen u. dergl. auf ihn ein. er fiel wieder zu Boden, erhob sich wieder, aber er wurde immer wieder zu Boden geschlagen. Von einem der Burschen wurde das in seiner Ueberziehertasche steckende Geld gestohlen. Dieses ist dann unter die Teilnehmer an dem Ueberfall verteilt worden. Nippe behauptet, die Burschen hätten sich wie die wilden Tiere auf ihn gestürzt: er sei über und über mit Blut besudelt getvcsen und durch die Schläge mit harten Gegenständen und durch die Fußtritte aus die Nase und in die Augen sei cr arg entstellt und im Gesicht völlig Verschivollen gewesen. Schließlich gelang es ihm, sich in ein Schanklokal in der Köpenickcrstraße zu retten. Tort erklärte er, daß er Kriminalbeamter sei, erzählte, wie man ihn zugerichtet habe und bat um Schutz. Statt dessen drangen die aiiwcsciiden Gäste auf ihn ein und warfen ihn kurzerhand aus dein Lokal hinaus. Endlich kam ihm Hilfe von zwei sich nahenden Schutzleuten.— Nach Feststellung dieses Tatbestandes trat das Gericht in die Ertvägung, ob es für diesen Fall zuständig sei, da an- scheinend doch Raub vorliege. Der Stantöanwaltsrat Dr. Hofstardt bestritt letzteres, da gar nicht feststehe, ob dem Zeugen der Zwanzig- Markschein unter Anwendung von GetvaU weggenommen sei und Rechtsanwalt Bahn hielt die Strafkammer gleichfalls für zu« ständig, da Zcirge Nivpe gar nicht sagen könne, unter lvelcheu bestimmten Begleitumständen ihm das Geld abhanden gekommen sei. — Die Strafkammer hielt jedoch die Angeklagten des schweren Straßenraubes dringend verdachtig und verwies die Sache deshalb an das Schwurgericht. Eine etwas romantische Geschichte lag der Anklage wegen Verletzung des Personenstandes zugrunde, die gestern die 1. Stmskammer des Landgerichts I unter Voiffitz des LandgerichtSdirektorS Schmidt beschäftigte. Der Angeklagte, Kaufmann Eduard Bendel, war beschuldigt, zu London an« 12. Juni 1909 durch zwei selbständige Handlungen erstens den Personenstand der am 10. Juni daselbst verstorbenen Ottilie N, vorsätzlich vcr- ändert zu haben, indem er sie bei Anmeldung des Todes dem Standesbeamten gegenüber fälschlich als seine Ehefrau ausgab; zweitens den Personenstand der am 24. Mai 1909 zu London unehelich geborenen Tochter der N. vorsätzlich verändert zu haben, indem er das Kind bei der Anineldung dem Standesbeamten gegen- über als seine in der Che mit der N. geborene Tochter bezeichnete. Der Angeklagte tvar mit der N., mit der er intimen Verkehr l>atte, kurz vor ihrer Entbindung nach London gegangen, wo sie am 24, Mai 1909 ein Mädchen gebar und 10. Juni 1909 im Wochenbett starb. Der Angeklagte, der sich in London Bell nannte, veranlahte dann die Eintragung der Toten in das standesamtliche Register für Sterbefälle als Ehefrau Bell und bezeichnete das Kind als seine eheliche Tochter. Dos Kind wurde später von London nach Fne- denau in Pflege gebracht und von den Pflegeeltern als eheliciw Tochter des Bell und seiner verstorbenen Ehefrau angemeldet.— Der Angeklagte gab diesen Tatbestand zu und versicherte, daß er die Absicht gehabt habe, die N. in England zu heiraten, bei dem plötzlichen Tode der N. aber nicht dazu gekommen sei. Die un- richtigen Beurkundungen in den« Londoner Register will er ans Rücksicht auf fein Kind veranlaßt haben, um diesem den Makel der unehelichen Geburt zu ersparen.— Der Verteidiger des Auge» klagten beantragte nun im gestrige» Termiii einen englische« Rechtsverständigcn als Gutachter darüber zu hören, ob der Tat- bestand des 8 189 des Strafgesetzbuches nach der englischen Birth and Deaths Registration Act von 1874 strafbar«st; nur dann könnte der Angeklagte gemäß§ 4 Nr. 3 des Strafgesetzbuches be- straft werden. Auch liege Verjährung vor. Das Gericht gab dem Antrage statt. Es soll durch Vermittelung deS englischen General- konsuls ein RechtSgutachten erfordert werden. Wetterprognose für Donnerstag, den 11. April ISIS. Kühl und velimderlich, vorherrschend wolkig mit geringen Nied«« schlüge«« und zicmlich frischen westlichen Winden. B-rliner Wctterbureau. mm? IhiXSUeß iji- WaJtyßsffimi /S&ttr£ l Den..Vorwttptu"-I.esei-n geiviihre Rabatt. Smil Lesevre Berlin, Oranlenstr. 158 Abgepaßte Fenster, weiß nnd creme p.F8nst8r235,8,4-60M. (mit. Point-Iace-Künstler- /i75 Gardinen, p. Neuster M, J85 J75 388 260 675 675 Elegante Sereesions-TDII- Stere»...... M. Gestickte echte Spachtel- Stores..... M. Goldfarbige reichgestickte Band-Stores... M. Tulibettdecken, Größe ISO/220 cm,.. M. Reichgest. Erbstüll-Bett- decken..... M. Elegante Tüll Betfriick- wände...... M. Brlse-Bise(iSohcibeneobleier) 25, 35. 40, 60 Pfannig Xacli auswärts p. Nuclinalnue, Spezial-Katalog AbbildunS gratis und franko. 3c«p gesucht. Für den'Automobilunsall, bei dein am 16. August 1911 vor dein Hause Schloßstr. 13 in Steglitz ein Radsahrer schwer verletzt wurde, werden Zeugen, besonders dl- damals vorüberfahren- den Kutlcher gesucht. Adressen unter Eblsfrc vk K. 7Ä6 an Rudolf tviosse, Wilmersdorf, Uhlaiidsir.vL, 09, erbeten. 63/17 Abessinier- Pumpen zun« Selbstausstellcn für Gartenbesitzer u. Lauben tolamsten von G M. au Flügelpumpen. Gartenspritze«, Filter, Röhre». Schläuche usw. billigst. Erdbohrer leihweise. Karl Köchlin&Go. ____«erli» SW., (IVlOTe,) AlteJakabftr.So/ÄS Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, ÄlTu 10—2. 6—7. SonntagB 10—12, 9—-4 Buchhandlung Vorwärts SW. 68, Lindenstr.69(baden) In«cner Auflage ist er, schieucn: ten-rirEr Eine Anleitung zum Erwerb deS für die sozialdemokratische Agi- tanonStätigkeit notwcn- digenWifsensu.KönnenS Von Eduard David. 4. durchgesehene Auflage. Preis 1,50 Mark. 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Todes-Anzeigen Sozialdemokrat. Wahlverein$ für den 4. Berliner Reichstags M Wahlkreis. (Landsberger Biertc» Bezirk 406 II. H Den Mitglieder» zur Nachricht, daß unser Genosse, der Kellner IBmil Thiemig, Ebclingstr. 6, gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung sindct am Freitag, den 12. April, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des AuferstehungS-FriedhofeS in Wcissensee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 215/2 Der Vortvtancl. Verband deutsch. Gastwirtsgehilfen. Ortsvertvaltnng Berlin I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Kellner Zmil am 8. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung ssndet am Freitag, den 12. April, nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- Halle deS Auserstehungs-Kirchhoss in Weissensee, an der Lichten- berger Strasse, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. des 6. Bert. Reichstass-Wahlkreises. Am 8, d. Mts. verstarb unser Genosse, der Maurer (Zotttidt) VorwefK Putbuscr Str. 11. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung sindet am Freitag, den 12. April. nach- mittags 3 Uhr. von der Halle deS Friedenslirchhoscs in Nieder- Schönhausen-Nordcnd aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 227/13 Ter Vorstand. Dentzctier Bauarbeiter-Verband Zwelgv crcin Ucrltn. Sektion d.Gips- u.Zemenlbrancho. Den Kollegen zur Nachricht, dass unser Mitglied, der Nabih- pusser (iottlieb Vorwerk am 8. April im Alter von 59 Jahren, an Magenkrebs gc« starben ist. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung sindct. am Freitag, den 12. April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Friedhoses der Friedens- Gemeinde in Niederschöiihausen- Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. deutscher Metallarbeiter-Verband! Verwaltungsstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dass unser Mitglied, der Mechaniker! Hans Fisoiien am 7. d. M, an«Lmigcnlcide» gestorben ist. Die Beerdigung findet am! Donnerstag, den 11. April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Gemeinde-Friedhofrs in! Neukölln, Mariendorser Weg, aus i statt.'_ Ferner starb der Schlosser unser Mitglied, i Gustav Höhne am 7. d. MIs. an Gehirnhaut- entzündung. Die Beerdigung sindct am Donnerstag, den II. April, nachmittags 3ss, Uhr, von der Leichen- Halle des stadtischen Friedhoses in der Müllerstrassc, Ecke Seeslrasse, aus statt._ Ferner starb unser Mitglied, der Former Bernhard Schaarschmidt am 9. d. M. an Herzschwäche. Die Beerdigung findet am Freitag, den 12. April er., nach- mittags i'li Uhr, vom Traue» hause, Oderbeincr Str. 34. nach dem Hcilands-Kirchhose, Plössen- see, aus'statt. Ehre ihrem Andenken: Rege Beteiligung erwartet 115/7 Die Drisverivaltung. Vcrlbaml der ßrancrei- nnd ültililcnarbcitcr und verwandter Berufsgenassen. ZuhUtcilc Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dass unser Kollege, der Brauer �Öols MuKfasche am 8. April im Alter von 39 Jahren plötzlich gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Frei- tag. den 12. April, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Gemcindesriedhoscs in Neulölln, Mariendorser Weg(Golilieb- Duukelstraßc) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 42/15 Die Ortsvcrwaltung. Verband der Schneider und Schneiderinnen. Todesanzeige. Den Mitglieder» zur Nachricht, | dass unser Mitglied, der Kollege IBrnst Neumann | Weberstr. 40a, gestorben ist. Ehre feinem Andcnken: Die Beerdigung findet heute, ! Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Markus-Kirch- hoses in'Wilhelmsberg aus statt. 163/17 Die Ortsverwaltung. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, dass unser Kollege, der Tischler Gustav Steinbacher Simon-Dach-Strasse 7 im Aller von 27 Jahren ge- storbcn ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet henke Donnerstag, den 11. d. M., nach- mittags 41/, Uhr, von der Halle des Rummelsburger Gemeinde- Friedhoses, Lückstrassc, aus statt. �TscllDtrf. Am 6. April 1912 starb unser Kollege, der Bodenleger Gustav Meyer Ouitzowstrasse 121 im Alter von 59 Jahren und wurde am Dienstag, den 9. d. M., aus dem St. Jodannis-Kirchhos in Plvsscnsce beerdigt. Ehre seinem Andenken: 81/17 Die Ortsvertvaltnng. SozialdeinokratiscIierWaiiiverein des 6. ßerl. Reichstags-Waiilkreises. Nachruf. Am 29, März verstarb unser Genosse, der Arbeiter .Anton Hunten Schwedtcr Str. 239. Ehre seinem Andenke»: 227/14 Der Vorstand. Zweite Abänderung vom 19. 11. 11 zu dem Statut derOrts-Krnnhtnknjse des Gnuklbts der liaekierer zu Berti» vom 1. Juli 1907. Artikel l. § 53. Feile 8 ist hinter„wahrgenommen. welcher"„sortzusahren": von der Generalversammlung, unter Vorbehalt einer cinmonatlichcn Kün- digung, alle zwei Jahre gewählt wird. § 12, Abs. 1, Zisser 3 wird ein« gesägt hinter dem Wort„Krankheits- tag".- Für die 1. Klasse täglich 2,40 M. ..„ 2... 1,80. ..3... 1,20„ .„ 4..... 0,60„ Die Worte„die Hülste des durch- schnittlichen Tagclohns"(8 11) werden gestrichen. Artikel 3. Vorstehende Abänderung tritt, nach Genehmigung, am Montag nach er- folgter Bekanntmachung in Kraft., Berlin, den II. Dezember 1911. 1098b Ter Vorstand. J. V.: Robert Zindler, Vorsitzender. Ziehung am 17. April, W 93, Wlortei PWe- JUEotterie 1200 garant. Gewinne, Ueaamtwert M, 64000 Hauptgewinne: 7 kompl. bespannte Wagren W.U. 22410 1 Los 1 M, Porto und Liste 20 Pf. 5 Lose nur M. 4.80 irauko Porto u. Liste empfiehlt auch gegen Nachnahme Gari Heinfze, OcrUu 4V, L'ntcr den Idiiden 3. Im- Ortsgruppe Berlin. Freitag, den 12. April, abends S'/s Uhr» im Saal 3 des Gewerkschaftshauses» Engeluser IS: Öffentliche Versammlung. Vortrag des Schriftstellers Simon Valienstem: Der Kampf um die Jugend. 239/7 Kahlreiches Erscheinen erwartet Oer Vorstand. Verwaltung Berlin. Freitag» den 12. April» abends 8 Uhr, im Gewcrkschaf tslfanse, Saal 4: General-Versammlung. Tagesordnung- 1. Stichwahl cfneä Beisitzers. 2. Beratung der von der letzten Generalversammlung zurückgestellte» Anträge. 3. Beratung der Anträge zum VerbandStage. 4. Ausstellung der Kandidatenliste jür die Delegierten zum VerbandStage. MgUsäer-Versammlungen Heute, Donnerstag, den 11. April: Westen und Südwesten. ÄÄÄÄt Hasenheide 52/53. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Kollegen H'ran� Wendel über;„England, Land und Leute". 2. Bericht von der Generalversamm- lung. 3. Berbandsangelegenheiten. �liktavtan l«Nil II Abends 5'/, Uhr, gleich nach Feierabend, in OUuQSieD 1 Ullu 11. bc» Vannyn Stilen, Raunynstr. S. defan II WendS 6'/, Uhr, in de» Comenins-Bestsaien, UalCU 11. Mcmcler Str. 67. Tagesordnung: 1. Bericht von der Gaulonserenz und von der Generalversammlung. 2. Verbandsangelegenheiten. fluvtHHia Vnrnpta Abends 6 Uhr in der I-öwcnbranercl, UcaUllllC lUrOrlG. Franlsurter Allee 51-53. Tagesordnung: 1. Bericht von der Gaulonserenz. 2. Vorschläge der Dclcgicrlcn zum Vcrbandstag. 3. Verbandsangclegenheiten. 4. Ver- schiedenes. Nordosten. Abends 61/, Uhr, bei Boeker, Weberstr. 17, Tagesordnung: Der 1. Mai. Roseutbaler und Schönhauser Vorstadt. W°nd-suhr bei Oblglo, Schwedter Str. 23. Wedding und Moabit. Neukölln, fflöbelliscliler. Tagesordnung: 1. Bericht von der Gaukonferenz. 2. Bericht von der Generalversammlung. 3. Beralung der Anträge zum Vcrbandstag. Ivadeneinrichtungs- und Kontormöbeibranche. Abends 6 Uhr im Englischen Garten, Alexanderstr. 27c. Tagesordnung: 1. Bericht von der Gaulonserenz und der Generaloersammlung. 2. Ausgabe der Dclegiertenlarten. 3. Verbands- und Branchenangelegenhelten. Bautischler. Abends 8«/, Uhr bei Boeker, Weberstr. 17. Tagesordnung: 1. Bericht von der Gantonscren». 2. Verbands- und Branchcnangclegcnhcitcn. 3. Wahl des Branchcnlelters. üslderrabmeninaeber. Tagesordnung: 1. Die Masseier. 2. Stellungnahme zum Verbandstage. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Einsetzer* Die Bezirks-Versammlungen finden am Donnerstag, den 18. April» statt. Die Delegierten zur General-Versamnilnng kommen am Freitag» de» 12. April» abends 7>/z Uhr, im Gewerk- schaftshause, Zimmer 11, zusammen. 81/16 Die Ortsverwaltnng. WlMÄI G. Birk u. Co., m. Ii. U.. München. Bei uns erschienen: Heft 1: Heft 2: Heft 3: Süddeutsche Volksbücher: Paul Rampffmeyer: Uettanschauung und So;iatdemohratie. Aus dem Inhalt: Vom Werden der Weltanschauung.— DaS Wesen der Sozialdemokratie.— Ethik und Sozialdemokratie, i — Religion, Btateriaiismus und Sozialdemokratie Paul Naniptftnexer: Soiifllbmioiuntif und Kirchtutum. Ans dem Inhalt: Kirche und Staat im klerikalen System.— Vom kirchlichen Staat zum Slaatskirchcntum.— Die zusammenbrechende klerikale Herrichastsmacht.— Los vom SwatSkirchenturm.— Enistaaklichte freie Kirche und sreicr sozialer Staat.— Religion ist Privatsache. Lothar Engelbert Schücking: Aus(ftrnb der prenWjtn Nenoultullg. Aus dem Juhall: Burcaulratte, Anitsgeheimiiis und Amts- Verschwiegenheit.— Die Verwaltung durch Konservative und zentrumsleute.— Die preussische Gcmcindcvcrsassung.— Demolralic, Kultur und Verwaltung.— Der Zweck des Zweckverbandsgeietzes.— Zum sozialdemokralischeii Kommunal- Programm siir Preussen. Preis jedes Heftes 1« Pf. Früher erschienen: vr. k�rilie Brupbacher: Kindersegen und kein Ende? Preis 30 Pf. Rudolf Franz: Die slhölltteu Piirdjfu für die natiouale Ktuderfvett Reich illustriert. Preis 1 M. Rudolf Franz: � ltUlIlllNg. Politische VerSsußtritte. Reich illustriert. Preis 1 M. Wilkolm SekrüclerZ Bandbuch der soiialdeNokratischen Parteitage Gebunden Preis 7 M. 288/6� jiMös-öIId»lig88chuIö Mk 8clinIlokal:«renadierstr. 37, Hof geradezu 1. Lehrplan für das 2. Quartal 1912. Sonntag: Nationalökonomie.(Die Grundbegrille der theoretischen Nationalökonomie. 2. Teil.) Zusammenfassende Wiederholung des 1. Teils: Kapitalistische Wirtschaftsordnung. Ware. Gesellschaftliche Arbeit. Wert. Geld. Preis. Kapital.— 2. Teil: Mehrwert. Mehrwertsrate.— Arbeitskraft. Arbeitslohn.— Akkumulation, Konzentration, Zentralisation des Kapitals.— Die Grundrente.— Die Entwicklungstendenz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Vortragender: Max Grunwaid. Sonntag: Hednerschnle(mündliche und schriftliche Agitationsübungen). Der Ausdruck in Wort und Schrift.— Die Technik und Disposition der Rede und des schriftlichen Berichts.— Das Manuskript, die Registratur und die Bibliothek.— Praktische Uebungen über bestimmte Fragen aktueller Wirtschaftspolitik. Vortragender: Max Grunwaid. Montag: Fortscbrlttsknrnns.(Der historische Materialismus.) Unsinnige Anschauungen unserer Gegner darüber.— Was ist Geschichte? Die Unterlage der bürgerlichen Geschichtsauffassungen.— Die wahre Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist: die sozialen Umwälzungen zu erklären.— Diese erklärt der historische Materialismus aus den Aenderungen der Produktion(aus den„ökonomischen Verhältnissen").— Die Anwendung des historischen Materialismus zum Verständnis der Geschichte.(Die gegenwärtige Umwälzung der Gesellschaftsordnung.) Vortragender: Julian Borchardt 6/3« Mittwoch: L-ltepatnrgeschichte(Wanderung durch die deutsche Literaturgeschichte.) Vortragender: Ernst Däumig. Donnerstag: Sozialpolitik.(Die Geschichte der sozialpolitischen Gesetzgebung.) Gründe und Anlässe für die Arbeiterschutzgesetzgebung und die Ärbeiterversicherung in Deutschland.— Ansätze im früheren Recht.— Pflicht des Unternehmers, Haftpflichtgesetze.— Gehilfen-, Seemanns- und Knappschaftskassen; freie Hilfskassen.— Sozialpolitische Fürsorge in den Einzel- Staaten und den Kommunen vor der reichsgesetzlichen Arbeiter- Versicherung,— Die Arbeiterversicherung im Auslande, in Großbritannien, Oesterreich, Ungarn, Holland, Belgien, Dänemark, Schweden, Skandinavien, Rußland, in der Schweiz und in den nordamerikanischen Staaten. Vortragender; Georg Schmidt. Freitag: Gewcrkschaf tswesen.(Aus Theorie und Praxis der Gewerkschaftsbewegung.) 1. Einleitungsvortrag: Dio geschichtliche Entwicklung der deutschen Gewerkschaften. II. Grundsätze der freien Gewerkschaften. III. Gewerkschaftliche Schulung und Disziplin. IV. Taktik bei Lohnbewegungen und Streiks. V. und VI. Kartelle und Ünternehmerverbände. VII. und VIII. Tarifveräge. IX. und X. Die wichtigsten gewerkschaftlichen Strömungen des Auslandes Vortragender: EmilDittmor. Sonnabend: Geschichte.(Geschichte der deutschen Sozialdemokratie.) I. Vorgeschichte bis zur Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins. II. Lassaüa und der Allgemeine deutsche Arbeiterverein bis zu Lassalles Tod. III. Die internationale Arbeiterassoziation. IV. Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. V. Eisenacher und Lassalleaner.— Inndde Kämpfe.— Verfolgungen.— Die Einigung. VI. Attentats-: hetze.— Das Ausnahmegesetz.— Die erste Wirkung.— Sammlung und Auseinandersetzung mit ,Most-Hasscliiiann. VII. Die Partei unter dem Ausnahmegesetz. VHI. Die Fesseln gesprengt— Innere Klärung: Erneuerung der Organisationen und des Programms. IX. Der Siegeszug der 90er Jahre.— Stellung der Partei zu den Genossenschaften und Gewerkschaften.— Beginn der taktischen Auseinandersetzungen. X. Das letzte Jahrzehnt. Vortragender: Emil Eichhorn. Unterrichtsbeginn: Freitag, den 12. April: Geworkschafts wesen. Sonnabend, den 13. April: Geschichte. Sonntag, den 14. April; Nationalökonomie und Rednerschule. Montag, den 15. April: Fortschritts kursus. Mittwoch, den 17. April: Literaturgeschichte- Donnerstag, den 18. April: Sozialpolitik. Jeder Kursus erstreckt sich auf zehn Abende und beginnt pünktlich um S'/j Uhr und endet um 10 Uhr. Der Sonntagskursus in Nationalökonomie beginnt um 9 Uhr, der in Redrcrschule um II1/, Uhr vormittags. Die reichhaltige Bibliothek ist an den Unterrichtsabendon von 7'/,— 81/, Uhr, Sonntags von 10'/, bis II1/» Uhr geöffnet. Der Mitgliedsbeitrag beträgt pro Monat 25 Pf.; das Unterrichtsgeld für jedes Fach pro Kursus 1 Mark und ist spätestens am zweiten Abend zu zahlen. Die Aufnahme neuer Mitglieder und Schüler erfolgt bei Beginn jedes Kursus im Schullokal Grenndicrstrußc 37, Hof geradezu 1 Treppe, und in nachstehenden Zahlstellen: Gottfr. Schnlz, Admiralstr. 40a; Beul, Bainimstr. 42; Vogei, Lortzingstr. 37; IV. ti aezoro wnkl, Ravonestr. 6; Ilortich, Engelufer 15. Alle Zuschriften sind an den Vorsitzenden Hermann l»anim£, I.ichtenbefg,-Berlin. Klttcrgntstr. 25 1, Goldsendungen an den Kassierer U. Königs, Berlin S. 59, Haseaheide 56. zu senden. Der Vorstand. BreiTVopfen *44 flüssige Metall-Politur putzen das schmutzigste Metal! spiegelblank in Flaschen von lO bis 50 Pf., Ueberal! za haben. Fabrik: I,nbsKynski& Co., i Bei'län-Iilchtcnberg. IMe reellsten und billigsten Möbel und Polstcrtvarcn erhält mau zu Kassapreisen in der seit 33 Jahren bestehenden Möbelfabrik von A. Schulz. Reichenbergcr Straße 5. Größte Auswahl in allen Holz- und Stilarten mit zehn- jähriger Garantie.(6 Proz. Kassaskonto.) Ev. auf Ratenzahlung. "verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlik!. Für de» Inseratenteil verantw.k TH.Glocke, Berlin. Drucku-Lerlagi Vorwärts LZchdruckerel w VerlagSanjtalt Paul Singer u.Co� Lerlis SW. Nr. 84. 29. Jahrgang. 3. StilM des Jmiiätts" Kcrlim loMlofl. Donnerstag. 11. April(912. 18. Verbandstag des Zentralverbandes der Glaser. Dresden, O. April. Am Dienstag nach Ostern begann im Volkshaufe zu Dresden dor 13. Verbandst«� des Zentralverbandes der Glaser und verivondten Berufe Deutschlands. Der Verband hat in der Berichtszeit, 1. Januar 1909 bis 31. Dezember 1911, die Verluste, die ihm die Krisenjabre geschlagen, wieder ausgeglichen. Zur Zeit des letzten Verbandstagcs(1909) war die Mitgliederzahl auf 4219 herabgesunken, nun beträgt sie rund 5000, sie stieg also um 700. Das Verhältnis der beschäftigten zu den organisierten Glasern zeigt eine vom Vorstand Ende vorigen Jahres aufgenommene Statistik. Diese ergab, dast in 83 Zahlstellen 6383 Kollegen am Ort beschäftigt, von denen 4941 im Zcntralvcrband der Glaser, 41 Rahmcnglaser im Deutschen und 3 Rahmenglaser im christlichen Holzarbeiter- verband sowie 3 Mcssingglaser im Metallarbeitcrvcrband organi- siert waren. In der Bcrichtszcit mutzten 5 Zahlstellen geschlossen werden, dafür wurden aber 6 Filialen neu gegründet. Die Fluk- tuation der Mitglieder ivar eine autzerordentlich starke. 4599 Kol- legen sind in der Geschäftspcriode dem Verbände beigetreten. Wegen rcstierender Beiträge mutzten aber in der gleichen Zeit 2114 gc- strichen werden nnd 475 sind ausgetreten. Die Finanzverhältnisie des Verbandes haben sich in der Berichtszeit in sehr erfreulicher Weise gebessert. Ter Kassenbestand stieg um 68 083 M., er betrug am 1. Januar 1912 96 063 M., gegen 27 980 M. am 1. Januar 1909. Die Gesamteinnahmen betragen 247 363,67 M., die Ausgaben 151 299,94 M. Die Einnahmen an Wochcnbeiträgen bclicfcn sich in den drei Berichtsjahren au� 331 855 M., gegenüber 256 299 M. in der vorhergehenden Geschäftsperiodc. Für Streik- und Gc- matzrcgeltenunterstützung wurden 56 058 M., für Arbeitslosenunterstützung 108 903 M. aufgewendet. Für Agitation, die intensiv entfaltet wurde, warf der Verband diesmal bedeutend mehr aus als in früheren Jahren. Die Lohnbewegungen verschlangen 56 058 Mark; sie waren sehr zahlreich und wurden bedeutende Verbcsse- rungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Kollegen erzielt. Tarifverträge wurden 1909 in 8 Orten, 1910 in 21 und 1911 in 33 Orten abgeschlossen. Internationale Beziehungen hat der Ver- band mit Bruderorganisationen in Amerika, Dänemark, Oesterreich- Ungarn, Schweden, Schweiz und Belgien gepflegt. Mit den Or- ganisationen in Dänemark und Oesterreich wurden Gegenseitigkeits- Verträge abgeschlossen.— Die Auflage der Verbandszeitung beträgt 6450; es wurden für sie 24 418 M. aufgewandt. Auf der Tagesordnung des Verbandstages stehen neben den Geschäftsberichten u. a. die Punkte: Einführung einer Kranken- zuschutz- und Sterbekasse, die Verschmclzungsfrage, Einführung eines Zentralarbeitsnachweises, der Reichstarif im Glasergewerbc und die Reichsversichcrungsordnung. Der wichtigste Punkt ist natürlich die Vcrschmelzungsfrage. Der Verbandstag be- schäftigt sich mit dieser nicht zum ersten Male, auf dem letzten Ver- bandstage vor drei Jahren wurde die Verschmelzung mit dem Holz- arbeiterverband nur mit ganz geringer Mehrheit abgelehnt. Nun werden die Delegierten auch diesmal wieder heiß um diese Frage streiten. Es liegen eine ganze Reihe Anträge zu diesem Punkte vor. Die Zahlstellen Hamburg und Aachen sehen nur in dem Bauarbeiterverband die geeigneteste Berufsorganisation. Anders die Zahlstellen Cassel, Tarmstadt, Dresden, Gera, Heidel- bcrg, Jena, Meißen, Nürnberg, Plauen i. V., Stuttgart, Wiesbaden und Ulm. Diese beantrggen den Uebertritt zum Holzarbeiter- Verband; der auch die berufsverwandteste Organisation sein dürfte. Das beweisen allein die Grenzstreitigkeiten mit dem Holz- arbeiterverband, über die die Glaser im Geschäftsbericht klagen. Die Filialen Freiburg i. B., Kaiserslautern, Pforzheim und Saar- brücken sind gegen die Verschmelzung mit dem Holzarbeitcrverband und haben diesbezügliche Anträge gestellt. Wie die Entscheidung auf dem«crbandstage ausfallen wird, ist daher noch ganz un- bestimmt.— Für die Einführung einer Kranken- und Sterbeunter- stützung hat der Vorstand einen Entwurf ausgearbeitet. Die Ein- führung bedingt eine wöchentliche Beitragserhöhung um 10 Pf., von 60 auf 70 Pf.— Das sind die zwei Hauptfragen, die grötzerc Er- örterungen auf dem Verbandstage hervorrufen werden. Der Vcrbandstag ist von 35 Delegierten und 3 Vorstandsmit- gliedern besucht. Die Generalkommission der Gewerkschaften ver- tritt Umbreit-Berlin. Nach Einsetzung verschiedener Kommissionen gab der Ver- bandsvorsitzende Eichhorn den Geschäftsbericht. Er ver- wies kurz auf den gedruckten Bericht, aus dem wir oben einen Auszug brachten, und gab seiner Befriedigung über den Auf- schwung und die Erfolge des Verbandes Ausdruck. In der Debatte über den Geschäftsbericht erklärten sich die meisten Redner mit der Tätigkeit des Vorstandes im allgemeinen einverstanden. Einen breiten Raum in den Er- örterungen nahmen die Grenz st reitigkeitcn mit dem Holz- arbeiterverband ein. Scharf kritisiert und bedauert wurde, daß die Zahlstellen Frankfurt a. M. und Offenbach sich dem Beschlüsse des letzten Verbandstagcs zur Verschmelzungsfrage nicht gefügt, die Filialen aufgelöst und sich dem Holzarbeitervcrband angeschlossen haben. Der Verbandsvorstand ist seinerzeit dieserhalb bei der Generalkommission vorstellig geworden. Der Vertreter des Holz- arbcitcrverbandes gab bei einer Besprechung der Beteiligten vor der Generalkommission die Erklärung ab, daß der Holzarbeiter- verband keine Glaser aufnehme, jedoch gegen die Aufnahme der Rahmentischler nichts einzuwenden habe. Damit war die Erörte- rung vor der Generalkommission erledigt. Einige Delegierte, be- sonders K l o tz- Darmstadt und M ü l l e r- Hamburg, machten dem Vorstand nun den Vorwurf, daß er bei dieser Besprechung vor der Gcneralkommission die Interessen des Verbandes nicht energisch genug vertreten habe. Der Vorstand hätte eine prinzipielle Ent- scheidung auf Grund der Beschlüsse des Hamburger Gewerkschafts- kongresses verlangen müssen.— Der Holzarbciterverband in Frank- furt a. M. habe Blankglaser aufgenommen und diese dann fälschlich als Rahmentischler bezeichnet. Dagegen müsse entschieden aufge- treten werden. Auch Helm- Leipzig berichtete von dort, daß Glaser vom Holzarbciterverband aufgenommen werden. B ö t t g e r- Mannheim betonte, die Gaulcitung habe alles getan, um die Auflösung der Zahlstellen Frankfurt a. M. und Offenbach a. M. zu verhindern. Er bedauerte des weiteren, daß in der Berichtszeit 2114 Kollegen wegen restierender Beiträge aus- geschlossen werden mutzten. Dagegen müßten Schritte getan, das System der Unterkassierer immer mehr ausgebaut werden. An- erkannt müsse werden, daß der Vorstand in der Berichtsperiode redlich bemüht war, alles zu tun, was im Interesse der Organi- sation getan werden konnte. F i g i c l- Berlin wünschte, daß in Ost- und Westpreutzen mehr Agitation bei den Blankglasern betrieben wird. S ch w e r d t- Karlsruhe(Verbandskassicrer) erklärte zur Grenzstreitigkeitsfrage, die Geircralkommission nehme in dieser Sache einen sehr merkwürdigen Standpunkt ein, der später noch näher zu besprechen sei. U m b r e i t- Berlin, der Vertreter der Generalkommission, wies die gegen die Generalkrimmission erhobenen Vorwürfe zurück. Ideale Vorschriften zur Regelung der Grcnzstreitigkeiten seien noch nicht gefunden, und würden wohl auch nicht gefunden werden. Die Generalkommission habe keinerlei Vollmacht, gegen eine Or- ganisation zwingend einzuschreiten. Sie habe kein« Exekutiv- gcwalt, sondern könne lediglich vcrsucyen, eine Einrgung, eine Klärung zwischen den Parteien herbeizuführen. Im Schlußwort ging Eichhorn ausführlich aus die vor» gebrachten Einwände ein. Um den Wünschen nach intensiver Betreibung der Agitation Rechnung tragen zu können, sei die An- stellung einer weiteren Kraft für die Agitation notwendig. Auf Antrag der Mandatsprüfungskommission wurden dann sämtliche Mandate für gültig erklärt. Den Kassenbericht gab hierauf S ch w e r d t- Karlsruhe. Er hob hervor, daß das Ver- mögen des Verbandes sich um 68083 M. erhöht hat. Die wichtigsten weitereu Zahlen haben wir bereits gebracht. Dem Vorstand wurde sodann Entlastung erteilt. S ch i e b e l- Leipzig erstattete nun den Bericht dcS Ausschusses. Der Ausschuß kritisierte die Ernennung der Delegierten zum Ge- wcrkschaftskongrcß durch den Vorstand. Auch erhob er gegen die Stellung des.Vcrbandsorgans zur Maifeier Beschwerde. Ter Redakteur habe für den Maifciergcdanien zu wenig Propaganda gemacht. Für die Prestiommission berichtete B ö t t g c r- Mannheim. Prinzipielle Auseinandersetzungen mit der Redaktion hätten nicht stattgefunden. Bezüglich der Maifeier stehe die Prcßkommission auf dem Standpunkt, daß das Vcrbandsorgan mehr Propaganda für die Maifeier machen solle. Die Prcßkommission wünscht ferner eine textliche Erweiterung des Vcrbandsorgans. Die Debatte über diesen Punkt ivar ohne Belang. Der Bericht wurde zustimmend aufgenommen. Die Perhandlungen wurden dann auf Mittwoch vertagt. Marktbericht von Berlin am 9. April 1912, nach Ermittelvnx des königl. Polizeipräsidiums. M a r f t h a I l e n p r e i s e.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00—50,00. Speis cbohnen, Meitze, 35,00—56,00. Linsen 40,00—80.00. Kartoffeln(Klcinhdl.) 8,00— 12,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,40—1,90. Kalbfleisch 1,40—2,60. Hammelfleisch 1,40— 2,20. Butter 2,60—3,20. 60 Stück Eier 3,00—6,00. 1 Kilogramm Karpsen 1,10—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,40—2,80. Barsche 1.00-2,00. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück Krebse 4,00—30,00._ Wasserftands-Nachrichte» der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e I, Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krossen , Franlsurt Warthe, Schrimm . Landsberg Netze, Vordannn Elbe, Leitmeritz , Dresden , Berby , Magdeburg am 9. 4. cm 430 88 214 313') 216 182 60 63 64 96 _ 22 217 172 seit 8. 4. ernst —8 -13 +38 —95 +28 +34 +6 +2 +4 +6 +31 +7 +20 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') . Rathenowst Spree, Sprcmbcrgst , BecSkow Weser, Münden . Minden Rhein, Maximlliansau . Kaub „ Köln Neckar, Heilbronn Main, Wcrtheim Mosel, Trier am 9. 4. cm 132 90 122 98 93 208 296 228 254 93 184 106 seit 8. 4. ernst —3 +4 —5 +18 — 1 —3 — I — 6 -13 — 1 +9 —2 st+ bedeutet Wuchs,— Fall.—') Unterpegel.—•) nach telegraphischer Meldung Wasserstand heute mvrgen 270 cm, weiter fallend. -M M ) M• S/ Wozu der laiv£e Nattve? einfach C&A, das sfenü Spezialhaus für Damen, Backfisch- und Kinder-Konfektion Königstrasse 33 Am Bahnhof Alexanderplatz Chausseestr. 113 Ecke I n val idenstrasse- WS*.«rtVclite woHl Rexife nocK An Vorteilen achtlos vorübergehen» besonders wenn sich die Möglichkeit bietet» in doppelter Hinsicht zu profitleren? Die verstandige Hausfrau tut es nicht und die rechnende noch weniger. Beide haben die Erfahrung gemacht» daß sie durch Verwendung von»»Kornfranck" ein gutes Kaffeegetränk auf den Tisch bringen u. dennoch sparsam wirtschaften können* Jedes Wort 10 Pfennig. Das fettgedruckte WortZO Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte). 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