■ Ur. 94. nbonnementS'Bcdlnsungen: MonnementS- Preis»rütuimerando: LwrtegShrl. 3P0 ÜOT., monafl. 1,10 Ml., wöchentlich 28 Psg. frei ins fiauS. Einjelnc Nuinmer 5 Psg. Sonntags- nummer mit illustrierter SonMags- Seilage„Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Schonnenient: l.10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Vrelsliste. Unter ktreuzband ,iii Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. nien, Schweden und die Schweiz. A9. Jahrg. Dk Tnkftkns-Gcbübr Beträgt für die sechsgespavene Kolonel- zellc oder deren Raum 60 Pig„ für politische und gewerkschaslliche Vereins- und Bersammlungs-Anzcigeu 30 Plg, „kleine Anreizen", daS fcttgedruilte Wort 20 Plg,(zulässtg Lfetlgedruikle Worte), jedes weitere Wort l» Psg. Stellengesuche und Schlafstellenon zeigen das erste Wort 10 Pfg„ jedes weitere Wort 5 Psg, Borte über 15 Buch- staden zählen für zwei Worte, Inserate siir die nächste Nunimer uiüjsen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpeditio» ist bis 7 Uhr abends geöffnet, VlchcW»glich snBtr montags. Verliner VolKsblÄkk. kelegramm. Adresse: „S«ÄsIiltw«bn> Kkkll»". Zcntralorqan der roztaldcm ohrati feben parte» Deutfchlatids. Redaktion: SRI. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Dienstag, den 2B. April 1912. Expedition: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981. Parteigenosstnnen und Narteigenojfen! Niir eine kurze Frist trennt uns noch vom 1. Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit. Von den Vertretern des klassenbewußten Proletariats aller Kulturstaaten wurde im Jahre 1889 zu Paris beschlossen, daß am 1. Mai eines jeden Jahres in allen Ländern, wo klassenbewußte Arbeiter wohnen, die gleichen Arbeiterschutz- forderungen erhoben und der Achtstunden- tag gefordert werden sollen. Von Jahr zu Jahr haben sich die Maidemonstrattonen wuchtiger ge- staltet. Sie haben die Herrschenden aufgerüttelt und auf den Weg der Sozialreform gedrängt, die— so unzulänglich sie lvar— in den letzten Jahren fast völlig zum Stillstand gekommen ist. Ja, man hat den Arbeitern in der Arbeiter- Versicherung Rechte genommen, die sie jahrzehnte- lang besessen und zum Wohle der Versicherten ausgeübt haben. Die Witwen und Waisen der Arbeiter hat man verhöhnt durch den Bruch feierlich gegebener Versprechungen. Die Forderung nach wirklicher Koalitionsfreiheit wurde beantwortet mit der Drohung weiterer Einschränkung bisheriger Rechte. Immer ernster und nachdrücklicher müssen deshalb unsere Forderungen erhoben werden. Die Bedeutung der Maifeier ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Sie hat sich angesichts des immer ungestümer und gemein- gefährlicher sich entwickelnden Imperialismus auch zu einer weltumspannenden Demonstration des Proletariats für den Weltfrieden gestaltet. Einmütig, wie die klassenbewußte Arbeiter- schaft ihre Schutzforderungen aufstellt, erhebt Mai auch Protest gegen das Wettrüsten, das am Mark der Völker zehrt und den Frieden immer mehr bedroht. ' Zu derselben Zeit, in der der Kampf der deutschen Bergarbeiter durch christlich-nationalen Verrat, durch Polizei, Gendarmerie und Soldaten erdrosselt worden ist, arbeiteten die Verbündeten Regierungen die Vorlagen aus, die vom Reichs- tag noch mehr Soldaten und Kriegsschiffe forden:. Nicht allein, daß solche Forderungen das Volk von neuem belasten, müssen— sie bedeuten mehr: sie veranlassen unsere Nachbarländer gleich- falls zu weiteren Rüstungen und steigern dadurch die Kriesgesahr ins ungemessene. Deshalb muß gerade in diesem Jahre das deutsche Proletariat am 1. Mai besonders laut und eindrucksvoll seine Stimme erheben gegen den verbrecherischen Rüstungswahnsinn, es muß mit den Arbeitern aller anderen Länder einmütig demonstrieren für den Weltfrieden. Parteigenossen! Am 12. Januar d. I. haben 4'/. Millionen mehr als 25 Jahre alte Männer für die Sozialdemokratie ihre Stimme abgegeben. Millionen jüngerer Arbeiter und Millionen Arbeiterinnen, die nicht wahlberechtigt sind, haben nicht mit- gezählt werden können— am 1. Mai können auch sie ihre Stimmen erheben. Tut alle Eure Pflicht! Die würdigste Form der Maifeier ist die Arbeitsruhe. Wo die Möglichkeit derselben nicht gegeben ist, da müssen die Abendversammlungen besucht werden. Sorgt dafür, daß es vielmillionenstimmig am 1. Mai den herrschenden Klassen in die Ohren gellt: pe am 1 Wir fordern den Achtstundentag! Wir fordern besseren Arbeiterschufz! Wir fordern nneingeschränhies Koalitionsreeht! Wir protestieren gegen das Wettrüsten! Nieder mit den neuen JYUUtär- und Jfiarine-Vorlagen! Koch der Sozialismus! Koch der Weltfriede! Berlin, den 22. April 1912. Der Dorftand der fozlaldeinoltratilclten Parte) Deutschland!. Zwei Sielten. WaZ bis heute noch an ideologischen Schleiern über der politischen Lage hing, ist jetzt herabgerissen und in blendender Klarheit liegt das Blachfeld da. auf dem sich, bis an die Zähne gerüstet, zwei Welten gegenüberstehen. Was hier mit dem Kampf um die Wehr- vorlagen ausgefochten wird, ist nicht etwa, wie die Mimster es auf- zufassen geneigt sind und auch wohl die bürgerlichen Parteien, ein Streit um inilitärlechnische Einzelfragen, die mit schlechten Zahlen zu b e- und mit guten Zahlen zu wider legen sind, um ein Mehr oder Minder von Mannschaften, sondern eS ist eine neue Phase eines unerbittlichen Existenzkanchfes zwischen den Vertretern einer unter- gehenden und aufsteigenden Gesellschaft. Was waren sie denn anders als Sachwalter einer, wenn man erst zu zählen anfängt, hoffnungslosen Minderheit, einer kleinen Sippe, die ihre Sach' auf Nichts gestellt hat, diese Bethmann und Kübn, diese Heeringen und? i r p i tz! Ob ein zerschliffenes philosophisches Mäntelchen ihre Blöhe mehr schlecht als recht zu dcrlen strebt, ob sie in Zahlenlunststückchen ihre Stärke suchen, sie haben nichts hinter sich als eine winzige Minderheit, did, just in ihrem Niedergang, den brutaren Schrei nach einer Gewaltpolitik innerhalb der eigenen Grenzpfähle wie in der Weltpolitik ausstößt. Sie haben nichts für sich, nicht menschliches noch göttliches Recht, nicht Logik noch Ethik, nicht Zivilisation noch Kultur, nur die nackte rohe Gewalt, ausgedrückt in der Zahl der Kanonen, bis auch diese Kanonen einmal die Sprache der Revolution zu reden anfangen. Zwei Welten sind-s fürwahr, die heute aufeinanderprallen, aber selten hat eine aufstrebende Klaffe so windige Gegner gehabt, als sie der Arbeiterklaffe in diesen Staatshampelmännern entgegen- treten. Dieser Bethmann Holl weg— Du lieber Himmel! er ist schon zum Kinderspott auf den Gasssn geworden und auch was er heute dozierend vorbrachte, war nichts anderes als ein verlegenes und hilfloses Gestammel, denn sonst müßte man's als eine Dreistig« keit sondergleichen auslegen, an Reichstag und Volk umOpfcr von solcher Schwere mit Gründen von solcher Leichtigkeit heranzutreten. Es war wirklich, um den treffenden Ausdruck des Genossen H a a s e zu brauchen, die Sedanrede eines Oberlehrers, und zwar eines minder begabten, Phrasen und Paukenschläge, Gewisper und Gerassel in buntem Gemisch. Nirgend wo am Horizont sieht selbst des Kanzlers umflortes Auge eine Kriegswolke. Schlußfolgerung: Deshalb muß gerüstet werden! Deutschland ist an Friedfertigkeit ein Lämmlein, weiß wie Schnee. Deshalb muß gerüstet werden! Keine Regierung einer Großmacht wünscht mit uns den Krieg. Deshalb muß— was wohl? Nun, gerüstet muß werden! Sehr häufig werden die Völker durch lärmende und fanatisierte Minderheiten in Kriege ge- hetzt. Folgerung: Darum muß diesen mit dem Feuer spielenden Minderheiten auch in Deutschland rechtzeitig auf die Finger geklopft werden? Unsinn I Deshalb muß gerüstet werden! D a s der Ge- dankengang des sozusagen leitenden Staatsmannes, und nennt sich Kanzler und Doktor sogar I Seine Handlanger, T i r p i tz und Heeringen, dienten ihm mit Handreichungen und Einzelheiten, und der Nachfolger Mermuths, der Staatssekretär des Reichsschatz- amteS, Herr Kühn, hatte die undankbare Aufgabe übernommen, den Geist seines Vorgängers nicht zu verleugnen und doch B e t h- manns neuer Defizitpolitik ein Mäntelchen umzuhängen oder wenigstens einen Bastschurz vorzubinden, ein Unternehmen, daß allemal einen Heiterkeitssturm hervorrief, wenn auf seinem Stuhl sich dräuend wie Bankos Geist der Schatten Mermuths erhob, der keine Ausgabe ohne Deckung gewollt hatte. Und womit wußte der Redner der einzigen bürgerlichen Partei, die zu Worte kam— von den Antisemiten schweigt de? Sängers Höflichkeit genau so wie die Weltgeschichte—, was hatte der mit allen Wassern gewaschene, mit allen Hunden gehetzte, in allen Sätteln gerechte Fraktionsführer des Zentrums auf diesen Schwall von Nichtigkeiten und Banalitäten zu entgegnen? Mit einem Schwall von Nichtigkeiten und Banalitäten! Ein Teil von Spahn» Rede war eine Variation des VolksmundcS:„Was der Mensch braucht, das muß er haben T, der andere Teil eine Paraphrase über Bethmann s Sprüchlein:„Wir werden sehen, wir werden hören und es wird sich zeigen!', aber aus all seinen Ausführungen, selbst dann, wenn er forderte, daß die Religion der Kaserne erhalten werden müsse, blinkte verräterisch der Bewilligungseifer heraus. Diesen Vertretern der ErobernngSgelüste gegenüber meldete Ge- noffe H a a s e die Forderungen der viereinviertel Millionen an, die im Januar mit ihrem Stimmzettel sich gegen jede Abenteurerpolilik und für den Weltfrieden ausgesprochen haben. Es war eine Rede, über die nicht viel Worte zu verlieren sind, da sie durch ihre Wirkung im Inland wie im Ausland für sich selbst sprechen wird, eine Rede gleich klar in ihrer Dialektik wie in ihrer Diktion, wuchtig in ihrer Prägnanz und ohne alle Effekthascherei. Wie ein ehernes Monument neben zerflatternden Nebelfetzen, so nahm sich in ihrer Geschloffenheit diese Rede neben dem Herumgerede der Minister und des bürgerlichen Parteiführers auS: es waren die sozialdemo- kratischen Wehrforderungen, die hier als Antwort auf die impera« listischcn erhoben wurden und eine Abrechnung mit den Kriegs- Hetzern, wie sie bei aller ruhigen Sachlichkeit schärfer kaum denk- bar war. llnd in Deutschland wie in der ganzen politischen Welt wird sich aufs neue die lleberzeugung mehren, daß cS keine stärkere FriedenSbürgfchast gibt als die deutsche Sozialdemokratie, diese kraftvolle und entschlossene Avantgarde alles Fortschritts und aller Kultur!''_ Frankreichs Machtqueiien. In allen offiziellen, offiziösen und privaten Befür- ivortungen der neuen Wesirvorlagc wird auf die ge- spannte internationale Lage hingewiesen. Alle Erörterungen dieser Art lausen am letzten Ende auf die Auffassung hinaus, daß die Großmächte kein anderes politisches Ziel kennen, als eines schönen Tages über das arme unschuldige Deutschland herzufallen und unser Vaterland zu vernichten. General von Bernhardt hat diesem grausigen Gedanken ein ganzes Kapitel seines hier schon mehrfach erwähnten Buches vom nächsten Kriege gewidmet und es betitelt:„Weltmacht oder Niedergang". Im Reichstag freilich bat am Montag der deutsche Reichskanzler bei Begründung der Wehrvorlage feierlichst er- klärt, daß die deutsche Regierung an keinen Krieg denke und von der aufrichtigsten Friedensliebe beseelt sei. Dasselbe ver- sichern aber auch alle anderen Regierungen. Aber wenn die zurzeit in Deutschland herrschenden Klassen dem Auslände mit verletzendem Mißtrauen gcgenübersteben, müssen da die Regierungen, denen man heimtückische Pläne zutraut, nicht mit noch größerem Unglauben die friedlichen Versicherungen Deutschlands aufnehmen, das seine jetzt schon überstarkc Wehr noch weiter verstärken und zum Dreinschlagen fertig machen will? Wir Sozialdemokraten sind uns über die Ursachen dieser internationalen Kriegsgefahr und Kriegsbereitschaft mit ihren immer drückender werdenden Rüstungslasten vollständig klar. Wir wissen auch, daß der imperialistische Kamps um Beute und Macht, der den Aufstieg der Völker zu höherer Kultur lähmt, nur beseitigt werden kann durch eine Toziali- sierung der Wirtschaft und Gesellschaft. Wir haben aber die Pflicht, dem Wüten des Imperialismus nicht.tatenlos zuzu- sehen, wir müssen vielmehr den Massen aufdecken, wie der Boden der kapitalistischen Kräfte, ans dem der Jmperialis-> mus in die Höhe schießt, gedüngt wird von dein Egoismus bestiinmter Klassen, wie die allgemeine Rüstungshctze nur möglich ist auf Grund eines raffiniert angelegten Volks- betruges. Daß es sich um eine Täuschung des Volkes handelt, wenn zur Begründung der neuen deutschen Wehrvorlage die Stärke der französischen Landmacht herangezogen wird, haben wir bereits nachgewiesen. Aber dieses Argument ist nickt das einzige, das unsere Rüstungshetzer ins Feld führen, um dem guten Michel vor der gallischen Gefahr gruselig zu machen. Immer und immer wieder kehrt seit dem Marokkohandel de? vorigen Jahres der Hinweis auf die französischen Kolonial- truppen, auf die„schwarze Gefahr", wieder. Maximilian Horden behauptet immer von neuem, daß die Ländermasse Marokkos dem Heere Frankreichs„braune Ersatzmannschaft von kriegerischer Gewöhnung und tollkühnem Mut" liefere. In der alldeutschen und Armeelieserantcn-Prcsse plärrt man mit mehr oder weniger Geschick die gleiche Melodie, und auch in dem Buche des Generals von Bernhard! marschiert die „schwarze und braune Armee" als eine Gefahr für Deutsch- land auf. In der Kommission des Reichstages, die den Ma- rokkovcrtrag im vorigen Herbste zu beraten hatte, haben zwar Herr Kiderlen-Waechter und Regierungsvertreter der schwarzen Gefahr ihre Schrecken zu nehmen versucht. Das lag im Znkeresse tiet KaMaliM Politik. Wer �ie WehrZorlage stellt die Regierung heute vor eine andere Situation.. In der Kommission, der die Wehrvorlage überwiesen werden wird, können diesmal den Abgeordneten von Regierungs- Vertretern vertrauliche Mitteilungen gemacht werden, die aus einen ganz anderen Ton gestimmt sind. Und da sich die bürgerlichen Parlamentarier widerspruchslos vor der Auto- rität militärischer und diplomatischer Sachverständiger beugen, deren Sachverständnis aber nicht immer einwandfrei ist, so wird die Wehrdorlage auf Grund von tendenziösen Dar- stellungen und Irrungen Gesetz werden. drei Artikeln in aller Gründlichkeit den Schwindel von der„schwarzen Gefahr" aufgedeckt. Die Ereig- nisse haben seit jener Zeit unsere Darlegungen nur bestätigt. Richtig ist, daß man in Frankreich sich übertriebenen Jlln sionen über den vermeintlichen militärischen Machtzuwachs durch die„Abrundung" des nordafrikanischen Kolonialreiches hingegeben hat und daß gewisse Politiker diesen Illusionen geflissentlich geschmeichelt haben, um die Mißstimmung über die Abtretung eines Teils des Kongogöbiets zu beschwichtigen. Die Vorgänge der letzten Tage in Fez, die Kämpfe im Muluja-Gebiete und in der Schauja-Ebene aber beweisen, daß Frankreich auf lange Jahre hinaus in Marokko große mili tär'ische Kraftaufwendungen machen muß und daß von der Verwendung der„braunen Ersatzmannschaft" aus Marokko für einen Krieg gegen Deutschland nicht geredet werden kann. Hierfüv.ein gewiß einwandfreies Zeugnis: In der„Deutschen Marokko'Zeitung" heißt es in einem von der„Deutschen Koloniafeeitung" vom 20. April übernommenen Artikel, der geschrieben wurde, ehe der Aufruhr in Fez ausbrach: „Au/ alle Fälle dürften sie(d. h. die Franzosen) noch eine schwere Arbeit dar sich haben« und besonders wird die Unter lverfung ixer bisher noch von keinem Sultan bezwungenen Stamme dw Blad es Siba große Mühe und zahlreiche Opfer tosten, und«.s mögen noch Jahrzehnte vergehen« che endgültig die französische' Herrfchaft eingerichtet ist." Mit den marokkanischen Armeekorps, die aus den Pässen der Vogesen hervorbrechen, sind also keine Geschäfte für die deutsche Wehrvorlage zu machen. Ja, das 19.(nordafrikani- sche) Armeekorps Frankreichs ist durch das Protektorat über Marokko auf lange hinaus in Nordafrika festgelegt. Dazu kommt, daß es in Tunis infolge des tripolitanischen Krieges gärt und brodelt, daß im Süden der Provinz Oran infolge der unruhigen marokkanischen Nachbarschaft immer Revolten zu befürchten sind, daß die Unzufriedenheit unter den Ein- geborenen Algeriens bei jeder Gelegenheit laut wird, und daß die panislamitische Bewegung auch an den Völkern des großen nordafrikanischen Kolonialreiches nicht spurlos vorübergeht. Gerade der letztere Umstand wird der Absicht der französischen Regierung, die allgemeine Wehrpflicht allen Eingeborenen der nordafrikanischen Kolonie aufzuerlegen, von Jahr zu Jahr mehr entgegenwirken. Die deutschen Zeitungsstrategen und Wehrveremsgrößen, die vor dem urteilslosen Spießer so aus deni Handgelenk 130—130 000 eingeborene nordafrikanische Soldaten aufmarschieren lassen, wobei sie ihre Einschüchte- rungsabsichten mit den sehr platonischen Wünschen und En gueten französischer Militaristen begründen, mögen einma recht aufmerksam in den Spalten des„Temps" die Nach- richten aus den nordafrikanischen Kolonien verfolgen. Sie werden dann finden, daß dieses Blatt der Kolonialkapitalisten eine recht feine Nase hat für die Stünmung unter den Ein- geborenen, sei es für die jungtunesischve Bewegung, sei es für die Klagen der Algerier über ungerrechte Justiz und Uebev vorteilung. Aus den Befürchtungen der französischen ko lonialen Ausbeuter ist viel mehr zu lernen, als aus dem Ge schrei chauvinistischer Journalisten und gloirewütiger Säbel raßler. Nun hat allerdings Herr Millerand etwas zustande ge bracht, was auf dem Papier aussieht wie der Amfang eines Rekrutierungsgesetzes für die Eingeborenen Algeriens. Er hat im Februar dieses Lahres ein Dekret erlassen, daß die Mannschaften für die Tirailleur- und Spahiregimenter nicht allein angeworben werden sollen, sondarn auch auf 3 Jahre ausgehoben werden können. Aber es heißt in dem Dekret aus- drücklich, daß diese Aushebung nur als ein Hilfsmittel zur Ergänzung der Anwerbung anzuwenden sei, auf keinen Fall aber verallgemeinert werden solle. Dieses Dekret ist un- gefähr ebenso einzuschätzen wie der Zapfenstreich-Erlaß des Herrn Kriegsministers. Man will dem Volke glauben machen. als ob in Algerien etwas zur Verstärkung der vrancke Armee geschähe. In Wirklichkeit weiß man sehr wohl, daß eine strikte Durchführung der allgemeinen Dienstpflicht die Ein geborenen aufs höchste erbittern würde. Trotz alledem behauptetHerr Bernhardt, daß Frankreich schon jetzt eineTurkodivision gegen Deutschland aufmarschieren lassen könne. Und die Heißsporne, die das Blatt der Panzerplatten- fabrikanten, die„Post", als Interpreten ihrer militaristischen Schmerzen benutzen, verbeißen sich immer wieder auf den Satz des französischen Obersten Mangin aus dessen Buche„I�a. force noire":„En effet, en cas de Mobilisation 4 coi-ps d'armde africains sont transportds en France".(In der Tat, im Mobilniachungsfalle werden 4 afrikanische Armee- korps nach Frankreich transportiert.) Bei unserer Respektlosigkeit gegyr die Epaulettenträger schätzen wir diese Aeußerung des Obersten Mangin ungefähr ebenso hoch ein, wie die des Generals Keim, der die Schaffung von neun neuen Armeekorps für Deutschland für nötig und möglich hält. Bei näherem Zusehen zeigt sich nämlich, daß hinter diesen Rodomontaden herzlich wenig steckt. Bis weit hinein in militärische Kreise, soweit diese nicht vollständig von chau- vinistischer und militaristischer Verblendung umnebelt sind, ist man sich darüber klar, daß die Verwendung von Neger- soldaten aus dem Sudan oder von Senegal auf einem euro- päischen Kriegsschauplatze gefährlicher Wahnwitz wäre. Auch unsere deutschen Rüstungstreiber sind mit diesem Trumpfe etwas zurückhaltender geworden. Sie sagen jetzt: Ja. wenn Frankreich auch seine schwarzen Soldaten nicht über die Vo- gesen schicken wird, so sind diese doch für die Besetzung der nord- afrikanischen Kolonien zu verwenden; dadurch werden die europäischen und arabisch-berberischen Truppen der nord- afrikanischen Armee frei und können gegen Deutschland ins Feld geführt werden. Doch auch das ist nur ein Märchen, erfunden, um in Frankreich der nationalistischen Eitelkeit zu schmeicheln, in Deutschland den politischen Kindern das Fürchten beizu- bringen. Der Negersoldat aus Zentralafrika kann nämlich in größerer Zahl und auf längere Zeit gar nicht nach Nord- ofrika verpflanzt werden. Er hat dort schwer unter dem Klima zu leiden, wenn es auch zehnmal von der deutschen Presse, die die Nüstungshetze zu betreiben hat. bestritten wird. In Paris ist vor kurzem ein Buch des Kapitän Marceau erschienen„ho tirailleur ßoudaDaia", in welchem vom echt kolonialmilita�stischen SkandpuMe aüs ein Loblied' auf den schwarzen Soldaiten gesungen wird. Aber der Verfasser betone ausdrücklich, daß �er Negersoldat nur in seiner innerafrikani sch-Nl Heimat zu verwenden sei. Nun hat man im Jahre 1910 ein Bataillon Sudonneger versuchsweise nach Algerien in einer Garnison von �üdoran untergebracht. Mit welchem Erfolge? Ein Blick cmf die offiziellen Krankenziffern und die Todesfälle im Bataillon zeigt das auf das allerdeutlichste Das Bataillon hatte eine Effektivstärke von 400 Manu (Man beachte auch hier die geringe Effektivstärke im Ver hältnis zur Etats stärke!) Von diesen 400 Mann waren im Monat Dezember 1910 krank 104 Mann mit 372 Krankheitstagen Januar 1911„ 104„„ 268„ Februar 1911„ 65„„ 228„ März 1911„ 128„„ 512 Es handelte sich meistens um Lungenkrankheiien. Im Laufe eines halben Jahres starben 25 Mannt Die französische Regierung will zwar noch einmal den Versuch mit den Negersoldaten in Algerien machen, aber das ist nichts weiter als ein gewissenloses Spiel mit Menschen leben. Freilich ist das„schwarze Elfenbein" in den äquatorial- afrikanischen Kolonien Frankreichs billig zu haben. Uebrigens haben auch die Negerbataillone, die dem ma° rokkanischen Expeditionskorps zugeteilt sind, große Krankem ziffern- aufzuweisen. Das Soldatenmaterial, das Frankreich aus seinen afrikm Nischen Besitzungen zieht, kann es also im günstigsten Falle zur Sicherung dieses Besitzes verwenden, für einen euro- päischen Krieg ift damit sehr wenig anzufangen. Daher sollten auch die deutschen Rüstungshetzer und die Herolde der neuen Wehrvorlage die Melodie von den„unerschöpflichen Macht quellen Frankreichs" von ihrer Walze nehmen. Ita! flrteitermaffafter In der sibirischen Cundra. Die blutige Bestie des russischen Unternehmertums hat wieder unzählige Opfer gefordert. Der langwierige Wirtschaft liche Kampf, den die Arbeiter in den Goldwäschereien Trans' baikaliens schon seit Wochen gegen die grausame Ausbeutung des Kapitals geführt haben, hat nun mit einer blutigen Niedermetzelung der Streikenden geendet. Selbst die offiziöse Petersburger Telegraphenagentur gibt die Zahl der Getöteten mit 107 und die der Verwundeten mit 80 Personen an. Wie hoch sich die Zahl der Opfer in Wirklichkeit beläuft, entzieht sich vorläufig unserer Kenntnis. Der Ausstand der Arbeiter auf den Lenaer Goldberg- werken, an welchem zirka 7000 Personen teilgenommen haben, begann schon vor etwa 6 Wochen. Er war hervorgerufen durch den unerhörten Druck und die furchtbare Ausbeutung, welche die„Lenaer Goldindustriegesellschaft" gegen ihre zahlreichen Arbeiter zur Anwendung brachte. Diese Gesellschaft, die zu den reichsten Bergwerksgesellschaften Rußlands gehört, deren Ausbeute sich jährlich auf 20 Millionen Rubel beläuft und die ein gewaltiges Gebiet, mit einer Eisenbahn, Dampfschiffen, Läden, Speichern usw. ihr eigen nennt, hatte im letzten Jahr die Ausbeutung der Arbeiter bis auf die Spitze getrieben. Sogar die offiziellen Regierungsberichte entrollen das Bild einer solchen Sklaverei, daß dagegen die Zustände in den Bergwerken und Fabriken des europäischen Rußlands wie ein Paradies erscheinen. Die Arbeiter sind vollständig in dje Ge walt der Bergwerksgesellschaft gegeben, die ihnen bei sehr langer Arbeitszeit außerordentlich niedrige Löhne zahlt, ihnen �ie Preise für die Lebensmittel diktiert, die Wohnung zuweist, sie mit einem Netz von Spitzeln umgibt und als un- umschränkte Herrscherin jede Bewegungsfreiheit raubt. Der Mangel jeder weiteren Arbeitsgelegenheit in den wüsten sibirischen Tundren, die Abgeschnittenheit von dem Mutter lande zwingt die von der Not und Arbeitslosigkeit nach Si birien getriebenen Arbeiter, sich der Diktatur der Bergwerks gesellschaft zu unterwerfen, deren Großaktionäre in Peters bürg und London aus der Haut ihrer Arbeiter Riemen schneiden und jährlich fette Dividenden einheimsen. Diese Ge- Waltherrschaft, die sich namentlich nach der Ankunft des Di- rektors T e p m a n n bis ins Ungemessene steigerte, hat end- lich die Geduld der Bergsklaven zum Ueberlaufen gebracht. Anfangs März setzte in den Goldwäschereien und Bergwerken eine regelrecht organisierte Lohnbewegung der Arbeiter ein, die in kurzer Zeit den gesamten Bezirk mit seinen mehr als 50 Untrnehmungen ergriff. Das jetzt erfolgte Massaker ist die endgültige Antwort des mit der Staatsgewalt koalierten Kapitals auf die vollkommen friedliche Lohnbewegung der Arbeiter. Wir schildern nachsehend dia wichtigsten Momente dieses heroischen Kampfes auf Grund der telegraphischen Berichte der „Nowoje Wremj a", die schwerlich in den Verdacht einer über- großen Arbeiterfreundlichkeit gelangen kann. Gleich nach dem Ausbruch des Streiks schilderte der Spezialberichterstatter dieser Zeitung die Lage folgendermaßen:„Nachdem die Bergwerksgesell- chast die tatsächliche und juristische Besitzerin der Eisenbahnen und Wasserstraßen geworden und auch alle anderen Zweige der kom- merziellen Tätigkeit an sich gerissen und utilisiert hat, ist sie zu- gleich zur Beherrscherin des Arbeitsmarktes geworden, indem sie in diese gefährliche Sphäre bei dem An- und Verkauf der Lebens- mittel und aller sonstigen Wirtschaftsgegenstände Willkür hinein- trug. Auf dieser Grundlage brach am 13. März auf dem Andrejew- chen Bergwerk Murren und Unzufriedenheit aus, die zur Ein- itellung der Arbeit führten. Die streikenden 900 Personen begründen die Arbeitseinstellung durch grobe Behandlung, durch alsche Lohnauszahlung, systematische Verweigerung rechtzeitiger medizinischer Hilfe, Lieferung von schlechtem Fleisch und KwaS, gesundheitsschädliche Bedingungen der Wohnhäuser, und verlangen eine Erhöhung des Arbeitslohnes usw.... Die Haupwerwaltung in Petersburg lehnt alle Forderungen schroff ab und ersucht, die Unruhen mit Militärgewalt zu unter- drücken. Am 17. März ergreift der Streik alle Betriebe der Ge- ellschaft. Diese lehnt es aber ab, die Forderungen der Arbeiter auch nur zu prüfen. In der Perspektive erscheinen Hungersnot. Zerstörung der Bureaus und Einmischung des Militärs." Am 5. April telegraphiert derselbe Berichterstatter über einige Kon- Zessionen, die die Gesellschaft zu machen bereit ist:„Dies alles be- tätigt llar, daß die Gesellschaft die wesentlichen Interessen der Arbeiter ignoriert hat. und daß die Komplikationen während des Streiks infolge des Verschuldens der Gesellschaft, die sich erst jetzt zum Nachgeben bereit zeigt, bewußt geschaffeu wurden. Das bessert aber kaum die allgemeine Lage. Am 30. März schrieb der Gouverneur auf Gesuch der Gesellschaft vor, die Arbeiter nach KirenSk, 800 Werst weit zu transportieren. Am folgenden Tage tellte der Bezirksingenäeur die Ungesetzlichkeit der Handlungen der Zjejelljchajt fest. Dir Hartnäckigkeit, mit lvelZer feie Gefell- schaff ve strebt ist. Cte SehMtff zvr EMsfiokt Vit Arbeiter herim« zuziehen, und ihr Wunsch, die Betriebe überhaupt einzustellen. drohen mit dem Ausbruch der Revolte." Am Iii. April telegraphiert er:„Die außerordentliche Sitzung des Bergwerksamtes, bestrebt um die schleunige Beilegung des ver- schärften Konfliktes, erkennt als einzigen Ausweg aus der ge- schaffcnen Lage eine Erhöhung des Arbeitslohnes an. Bei der Androhung der Entlassung und der Forderung, den Streik du- zustellen, haben die Streikenden 16 Forderungen gestellt. Die Ge- sellschaft hat kategorisch alle Forderungen abgelehnt und im Ein- vernehmen mit der Petersburger Verwaltung die Verhandlungen abgebrochen." Telegramm vom 13. April:»Der Generaldirektor der Gesellschaft weist darauf hin, daß der Streik ungeheure Ver- luste verursache, namentlich infolge der Frühlingsüberschwemmunz der Werke. Um dem vorzubeugen, sei es unbedingt not- wendig, den Streik selbst mit den Watfen in der Hand zu unterdrücken. Er erklärt sich einverstanden. sämtliche Arbeiter wieder einzustellen, falls die Arbeiter nicht später als am 14. April aufgenommen werden; er macht aber keinerlei Konzessionen. Die Arbeiter bestehen auf der Annahme ihrer Forderungen." Telegramm vom 14. April:„Die Lage hat sich verschärft. Die Streikenden zeigen eine aktive Hartnäckigkdt.(?)j Der Gouverneur hat den nach dem Streikgebiet kommandierten Gehilsen des Chefs der Gendarmerieverwaltung zu JrkutSk zum Kommandeur aller Polizeimannschaften auf den Werken ernannt." Telegramm vom 16. April:„Die Rechtsanwaltskonsultation in Jrkutsk hat von 8006 Arbeitern im Streikgebiet folgendes Tele- gramm erhalten:„Wir bitten um juristischen Beistand. Der Arbeitsvertrag ist von der Gesellschaft umgestoßen. Wir bitten, sofort herzukommen, um die Lage kennen zu lernen." Telegramm vom 17. April:„Auf dem Theodosiabergwerk. dem reichsten Gold« bergwerk, werden die Arbeiten unter militärischem Schutz vor- genommen. Die Arbeiter haben offenbar beschloffen, bis zur Er» öffnung der Schiffahrt zu streiken. Die Lage ist äußerst kritisch, Man erwartet den Ausbruch einer Revolte." Dies ist das letzte Telegramm, das vor dem blutigeK Massaker abgesandt wurde. Es zeigt in Verbindung mit dem vorhergehenden, daß die Metzelei von den Unternehmern und den Behörden planmäßig vorbereitet wurde. Im letzten! Augenblick wurden die Streikführer verhaftet. Die Arbeiter forderten ihre Freilassung, worauf das Militär die Antwort erteilte und scharfe Salven auf die wehrlose friedliche Masse abfeuerte. Das Blut der Getöteten komme über die verbrecherisches Anstifter und Vollstrecker dieses fluchwürdigen Anschlages, politifcbe(leberlickt. Berlin, den 22. April 1912. Ein sozialistisches Schnlideal. Im Abgeordnetenhause entwickelte am Montag Genosse Ströbel bei der Beratung des Kapitels„Höhere Lehranstalten' Anschauungen über daS Wesen der modernen Bildung, die wieder einmal beweisen, in wie hohem Grade die Sozialdemokratie eine Kulturpartei in wahrem Sinne des Wortes ist. Nachdem unser Redner in bezug auf die äußere Verfassung der Schulen die Beseitigung der Borschulen, dieses krassen Ausdrucks der Privilegienschulen, gefordert und einem einheitlichen Unterbau der höheren Schulen das Wort geredet chatte, befaßte er sich mit dem Lehrstoff, der den Besuchern der höheren Schulen heute geboten wird. Eine scharfe Kritik übte er an dem sogenannten humanistischen Gymnasium, dessen Tage seiner Meinung nach gezählt sind, und mit allem Nachdruck be» tonte er, daß uusere wirtschaftliche Entwickelung die Um« wälzung des höheren Schulwesens, die Tendenz zur praktischen Ausbildung bedingt, wie sie unsere Wirtschaft, Technik und Industrie braucht. Dabei freilich muß auch eine ideale Gesamtbildung nicht zu kurz kommen. Daß unser Genosse sich gegen die„nationalistische" Erziehung wandte, wie sie in Preußen-Deutschland von Amts wegen gepflegt wird, versteht sich von selbst. Ebensowenig wie die Volks» chule soll die höhere Schule Hurrapatrioten erziehen. Wir Sozial« demokraten wollen davon nichts wissen, weil für uns die Bildung Selbstzweck und nicht Mitte! zum Zweck ist. Deshalb hatte Ströbel durchaus recht, wenn er am Schluß seiner Rede keinen Zweifel dar- über ließ, daß unser Ziel, allen eine wirkliche Allgemeinbildung zuteil werden zu lassen, nicht verwirklicht werden kann innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die wohl für Militarismus. Marinis- muS und Kolonialpolitik Millionen übrig hat, nicht aber für BildungS- zwecke, sondern, daß die Borbedingung hierfür die Sozialisierung der Gesellschaft ist. Die Richtigkeit dieser Anschauungen wird dadurch nicht er, chüttert, daß einige bürgerliche Redner, denen die Ausführungen unseres Genossen nicht angenehm waren oder die sie nicht ver- tehen konnten, sich mit einigen persönlichen Hieben darübeo hinwegsetzen zu können glaubten. Ein Antrag betr. Einführung deS gemeinsamen Unterbaues der höheren Schulen wurde der Unterrichtskommission überwiesen und die weitere Beratung auf Dienstag vertagt. Auf der Tages« ordnung stehen außerdem kleinere Etats und die erste Lesung deS Gesetzentwurfs betr, Anlegung von Sparkassenbeständea ig In- haberpapieren, Tie große Luftkriegsflotte. Wie wir in der letzten Sonntagsnummer mifleilten, ist )er„Leipziger Volkszeitung" ein vertrauliches Rundschreiben )es Grafen Posadowsky auf den Redaktionstisch geflogen, in iiem mitgeteilt wird, daß sich unter dein Protektorat des Prinzen Heinrich von Preußen ein Reichskomitee für die Unterstützung des Flugwesens gebildet habe, das demnächst einen Aufruf zur Einsammlung einer sogenannten „Nationalflug spende" erlassen werde. Dieser an- zekündigte Aufruf ist jetzt erschienen. Er wendet sich mit olgenden Phrasen an die Opferwilligkeit des„deutschen Zolles": „Mit Stolz dürfen wir Deutsche den Mann den unfern nennen, der die Sehnsucht von Fahrhunderten zuerst verwirklicht hat: Zeppelin. Die stürmische Vorwärtsentwickelung aber, die das Luftfahrwesen mit dem Auftreten der Flugniaschine ge- nommen hat, zwingt uns. die äußersten Anstrengungen zu machen, um nicht durch die Opferwilligkeit und die Tatkraft anderer Nationen ins Hintertreffen gedrängt zu werden. Wenn irgendwo, so muß es hier allezeit heißen:„Deutsche vor die FrontI" Nicht spielerischer Ehrgeiz heischt dies von uns. sondern hier gilt es. unfern Ruhm als erste Meister angewandter Wissen- schaft zu wahren, hier geht cS um Schaffung von Werten, dia uns Deutschen einen Ehrenplatz in der Geschichte aller Zeiten sichern sollen. Nicht jedem ist es vergönnt, seine körperlichen und geistigen Kräfte persönlich in den Dienst dieser nationalen Ehrenaufgabe zu stellen. Wohl aber kann ein jeder sein Scherf» lein beitragen, damit der Gesamtwille der deutschen Nation der machtvolle Motor sei, der dre deutschen Nugmaschiao Qum Siege vxMft, ®8 hlwbeQ sich am ein« NationMpende, bei der keiner fehlen will noch darf, um eine Nationale Spende für das deutsche Flugwesen und die deutschen Flieger. Denn den Männern, die als Pioniere einer neuen großen Kulturaufgabe in dem patriotischen Bestreden, Deutschland auch auf diesem Gebiete einen ebenbürtigen Platz im Wettstreit der Nationen zu sichern, ihr Leben einsetzen, gebührt die werktätige Unterstützung der ganzen Nation. Vor allem aber soll die Nationalspende die Mittel bieten, unaufhaltsam weiterzuarbeiten an der Vervollkommnung der Flugapparate, an der Ausbildung der Flieger, auf taß die Ge- fähren vermindert, die Leistungen erhöht werden. Mit Hilfe der Nationalspende soll auch die Entwickelung einer Technik gefördert werden, die immer neue Arbeits- und Erwerbsfelder erschließen wird. Häufige und ausgedehnte Wettkämpfe sollen Erfindungs- geist, Mut und Tatkraft anspornen und immer stolzere Leistun- gen von Mann und Maschine hervorrufen. Kurz: das deutsche Flugzeug soll, ob es in der Stunde nationaler Ge- fahr wachsam in den Lüften kreist, oder ob es in friedlichem Wettbewerb der Nationen als neuestes Mittel mo- deinen Verkehrs und als geflügelter Bote vaterländischer Leistungsfähigkeit durch die Lande eilt, in jedem Augen- blicke bereit und imstande sein, zu erfüllen, was das Gebot der Stunde von ihm fordert." In nüchternes Deutsch übersetzt, heißt das, wie die letzten Sätze beweisen:„Sammelt recht fleißig, damitnebender großen Seekriegsflotte eine nicht minder lei st ungsfähigeLuftkriegsflotte geschaffen werdenkan n." Uebrigens dünkt uns diese Methode, die für die An- schaffung von Mordmaschinen erforderlichen Mittel durch öffentliche Sammlungen aufzubringen, immerhin um einige Grade vernünftiger, als die Kosten durch hohe Steuern auf die notwendigsten Lebens- und Genußmittel aus der ärmeren, schwer um ihren Lebensunterhalt ringenden Volksmasse herauszupressen. Vielleicht wendet man diese Methode auch bei der Aufbringung der Mittel für die geplante Ver�röße- rung der Seekriegsflotte an. Gibt es doch so manche, die mit ihrem aus den Arbeitern herausgeschundenen Profit nichts Vernünftiges anzufangen wissen. Bafsermäuner und Fuhrmänner. Die Anhänger Bastermanns in der nationalliberalen Partei find außerordentlich rührig. Wo sie Einfluß in den nationalen Orts-, und Prodinzialvereinen haben, bringen sie der Politik Bassermcrnns zustimmende Resolutionen zur Abstimmung und lassen zu dem am 12. Mai in Berlin stattfindenden nationalliberalen Parteitag Tele- gierte wählen, die BassermannS Anschauungen teilen. Man kann deshalb schon heute mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß, wenn nicht die„Friedberger" und„Fuhrmänner" noch sehr schneidigo Waffen in petto haben, Bassermann am 12. Mai mit ansehnlicher Mehrheit siegen wird. Am Sonnabend nahm auch der natianalliberale Verein von Berlin zur Bassermannschen Politik Stellung. Mit großer Mehr- heit wurde folgende Resolution gefaßt: „Die stark besuchte außerordentliche Hauptversammlung des Nationalliberalen Vereins Berlin spricht t*m Führer der Reichs- T'''"r tagsfraktion das vollste Vertrauen aus und erwartet, daß die Partei die in den letzten Jahren eingehaltene Politik un- beirrt weiter verfolgen wird. Die Versammlung er- wartet infolgedessen vom Delegiertentag die Ablehnung der gegen die Organisationen der Jungliberalen gerichteten Anträge." Als Delegierter zum Parteitag wurden fast nur„Bassermänner" gewählt. Ferner tagt« am Sonntag in Stuttgart der Vertretertag der nationalliberalen Partei Württembergs. Er nahm einstinmng eine Resolution an, in welcher der nationalliberalen Reichstagsfraktion unter der bewährten Führung BassermannS daS vollste Vertrauen ausgesprochen wird. Der Vertretertag müsse es verurteilen, wenn durch Uebertreibung der Wichtigkeit pon oryamsa- torischen Fragen Hader und Zwietracht in die Partei getragen werde. Zweierlei Moral. „In den Kreisen der Kraftdroschkenführer grassiert schon lange eine Unsitte, der nunmehr die Regierung selbst energisch zu Leibe gegangen ist. ES handelt sich um den rechtswidrigen Gebrauch der ihnen anvertrauten Automobile ihrer Dienstherren zum eigenen Vergnügen. Da das Amt deS KraftdroschkenführerS eine Vertrauensstellung im wahrsten Sinne des Wortes ist, und da eine Kontrolle über den jeweiligen Aufenthalt außerordentlich erschwert ist, so benutzen viele von den Chauffeuren die Gelegenheit, um öfters tagsüber allein oder mit Bekannten spazierenzufahren.' So lasen wir dieser Tage in der„Deutschen Tageszeitung". Und es wird weiter die für jeden Bourgeois beruhigende Mitteilung gemacht, daß solch unerhörter Verstoß hinfort auf das schärffte ge- ahndet werden soll, nämlich mit Entziehung deS Führerpatents, so daß der Verbrecher im ganzen Deutschen Reich keinen Kraftwagen mehr fahren darf. Nun sind wir gewiß weit entfernt, einen wirklichen Miß. brauch von Dienstbefugnissen irgendwie verteidigen zu wollen. Aber wem fällt hierbei nicht ein, daß neulich der Vizepräsident des preußischen Abgeordnetenhauses, der nationalliberale Justiz- rat Krause, zu einer Familienfeier die Räume deS Parlaments- baues benutzt hat! War das etwa nicht der„rechtswidrige Ge- brauch" des„ihm anvertrauten" Inventars„zum eigenen Ver- gnügen"? Und doch hat wohl die gesamte bürgerliche Presse den Borfall mit Stillschweigen übergangen und gerade die„Deutsche Tageszeitung" hat ihn verteidigt. Davon aber, daß er irgendwie gesühnt werden soll, verlautet nichts. Vielleicht wird man sagen: die Hochzeitsfeier im Abge- ordnetenhause ist doch wirklich kein so große? Unglück, daß eS lohnt, sich darüber aufzuregen. DaS mag wohl sein. Aber wir meinen, wenn einmal ein Autoführer mit seinem Kraftwagen«ine Spazier- fahrt macht, so ist da? ebenfalls kein großes Unglück. DaS eine wie daS andere steht auf genau demselben Blatt. Und wir führen die Sache überhaupt nur an, um zu zeigen, wie die bürgerliche „Moral" sofort ein Zetergeschrei erhebt, wenn ein Arbeiter das- selbe tut wie ein Justizrat. Der Vizepräsident benutzt einen ihm anvertrauten Gegenstand zum eigenen Vergnügen, kein Hahn kräht danach— der Arbeiter tut dasselbe, alsbald ist es ein Ver- brechen, daS mit Vernichtung der Existenz gestrast werden soll. Aber eS sind nicht nur solche Kleinigkeiten, die in der bürger- lichen Presse liebevolles Verständnis finden, wenn sie von ihres- gleichen begangen werden. Vielmehr ist in der kapitalistischen Welt auch die ganz gewöhnliche und echte Korruption gang und gäbe, ohne daß eS den Hütern kapitalistischer„Moral" ein- fällt, sich darüber aufzuregen. Wir verweisen auf die Angelegen- heit des Bremer Lloyd, die der„Vorwärts" kürzlich veröffentlicht hat. Jetzt finden wir in der Finanzzeitschrift„Die Bank" ein ganz gleichartiges Beispiel. ,.Diä großen Gewinne einer der Erfolgreichsten Berliner Terraingesellschasten"— so lesen wir da—„beruhen auf einer sehr einfachen Kalkulation. Di« Ge- sellschast erhält von ihrer„Konzernbank" billiges Geld und gibt es als Baugeld zu Sätzen bis zu 10 Proz. weiter. Bei einem Jahresumsatz von 25 Millionen und einer Differenz von 4 Proz. in den Zinssätzen— in Wirklichkeit dürfte die Spannung oft höher sein— resultiert allein hieraus ein Gewinn von einer Million Mark." Jedermann wird erstaunt fragen: wie kann denn die .Konzernbank" so dumm sein, das brillante Geschäft nicht selbst zu machen? Warum leiht sie nicht gleich direkt die Summen als Baugeld zu 10 Proz. aus, anstatt sie der Terraingesellschast zu 5 oder 6 Proz. zu geben und sich die Differenz von 1 Million weg- schnappen zu lassen?— Die Antwort ist verblüffend einfach: Der Gewinn fließt in die Taschen von Personen, welche„zufällig" Direktoren- und Aufsichtsratsposten bei den in Frage kommenden Banken bekleiden! Das heißt mit anderen Worten, die Direktoren und Aufsichtsräte der„Konzernbank" sind persönlich an den Gc- Winnen der Terraingesellschaft beteiligt, sie selber heimsen die Million ein, und deshalb leiten sie das Geld erst auf den Um- weg der Terraingesellschaft. Aber das ist noch nicht alles. Es muß bei diesem raffinierten System doch auch für eine gewisse Sicherung vor dem Staats- anwalt gesorgt sein. Und dazu dienen„Taxatoren mit der er- forderlichen Anpassungsfähigkeit". So nämlich drückt sich die „Bank" aus. Auf ihre Taxen können sich die Konzernbanken be. rufen, die auf zweite Hypotheken Millionenkredite gewähren. Um aber„bei den Taxatoren daS nötige Verständnis für ihre Aufgaben zu wecken, wählt man sie oft zu Direktoren, Liquidatoren, Auf- sichtsräten usw. bei einer der zahlreichen Tochtergesellschaften des Konzerns." So soll es nach der Behauptung der„Bank" bor- gekommen sein, daß der Taxator einer bekannten Terraingesell- schaft zum Direktor zweier Gesellschaften m. b. H. gemacht worden ist, welche nur zu dem Zweck gegründet sind, die 50 subhastierten Häuser zu versteigern, von denen er selbst die Taxe für Rechnung der Terraingesellschaft abgegeben hat. Diese Taxatoren, Direktoren, Liquidatoren, AufsichtSräte usw. das sind nun aber die Leser der bürgerlichen Presse. Sie sind es, die sich moralisch entrüsten, wenn einmal ein Auwführer mit der Kraftdroschke seines Prinzipals eine private Spazierfahrt macht. Wir wissen ja, daß in der kapitalistischen Welt durchweg daS Sprichwort von den großen und kleinen Dieben gilt. Aber man sollte die Moral mit doppeltem Boden doch nicht in so ekel- hafter Weise zur Schau tragen. Geopfert? Eine recht interessante, für die konservativ- klerikale politische Freundschaft charakteristische Enthüllung veröffentlicht die zur Be- känipfung der„Bachemiten" gegründete„Kölner Korrespondenz". Danach soll der frühere Reichstagsabgeordnete Roeren deshalb aus der Zentrumsfraktion herausgedrängelt worden sein, weil die Konser- vativen ihn als lästig empfanden. Die betreffende Korrespondenz druckt nämlich einen Brief von Edmund Schoopen an den früheren Provinzial der Weißen Väter Josef Frohberger vom 11. November 1S10 ab, wonach der Vorstand der konservativen Fraktion dem Zentrum das Ultimatum gestellt hat: der HyperkatholiziSmuS im Zentrum müsse aufhören; die konservative Fraktion sei zu dieser Stellung- nähme mit Rücksicht auf den evangelischen Bund genötigt. Hierdurch sei auch die schwache Haltung der Zentrumsfraktion und ihrer Presse in der Angelegenheit der Borromäus-Enzhklika bestimmt. In dem Briefe wird erklärt, eS sei höchste Zeit, daß das Zentrum sich von solcher Eigenbrödelei befteie. DaS Volk solle nicht hinter den Kulissen um seinen Glauben betrogen werden. Faule Mache- Eines der Berliner Sensationsblätter, die„Deutsche Montags- zeitung" leistet sich in ihrer Ausgabe vom 22. April einen Schwindel ganz absonderlicher Art. Unter der sensatwnellen Ueberschrift: „Das Mandat des RcichStagApräsidenten durch kaiserliches Ein» greifen ungültig?", behauptet das Blatt in bezug auf die am DienS- tag in der WahlprüfnngSlommisfion zur Verhandlung kommend« Wahl des AbgS Kaempf: „Es wird nun in allerletzter Stunde ein höchst eigentüm- liches Vorhaben sozialdemokratischer Kreise bekannt. Ein Bor- haben, das einer gewissen Pikanterie ebensowenig entbehrt, wie andererseits eines sehr, sehr ernsthaften staatsrechtlichen Jnter- esseS. ES soll die Absicht bestehen, Kaempfs Wahl u. a. mit der Motwierung zu beanstanden, seine Wahl sei zum Teil einem staatsrechtlich nicht gestatteten Eingriff des Kaisers zu ver- danken." DaS Blatt veröffentlicht sogar zwei juristische Gutachten. DaS eine vom Professor Kahl, daS andere von einem nicht genannten Rechtslehrer, die sich natürlich beide widersprechen. Wir können feststellen, daß die Angaben deS genannten MontagSblatteS a u f Erfindung beruhen. Mit keinem Wort ist in der Wahl- prüfungSkommisswn, soweit gelegentlich über den Wahlprotest gegen Kaempf gesprochen wurde, eine Aeußerung gefallen, die in dem Sinne ausgelegt werden könnte, wie dies das genannte Sensations- blatt getan hat. Wenn auch«ine Aeußerung durch die Presse ging; nach der der Kaiser gesagt haben soll, er habe für die Wahl Kaempfs agitiert, so würde, selbst die Richtigkeit der ZeitungSmeldung vor- ausgesetzt, darin kein Grund liegen, die Wahl zu kassieren. ES sei daran erinnert, daß 1S07 der Versuch gemacht wurde, die Wahl des ReichsverbandsgeneralS von Liebert für ungültig zu erklären, weil der Reichskanzler an Liebert den bekannten Siwesterbrief gerichtet hat,' in dem sehr wohl«ine Wahlbeeinflussung erblickt werden könnte. Wenn aber der Kaiser tatsächlich einen seiner Kutscher animiert hat, zur Wahl zu gehen, so liegt darin keinerlei amtliche Wahl- beeinflussung; denn eS ist kaum anzunehmen, daß der Kaiser dem Kutscher irgendwelche Nachteile in Aussicht gestellt hat für den Fall, daß er nicht für Kaempf stimmen werde. Außerdem gelten solche Zeitungsmeldungen nach der alten Praxis der WahlprüfungS- kommifsion als nicht genügend substantiiert, und bleiben deshalb unbeachtet. Vo» der bürgerlichen Presse. In einem Prozesse, den der liberale Reichstagsabgeordnete Dr. Neumann-Hofer angestrengt hatte, weil ihm Urkundenfälschung, Verleitung zum Meineide. Betrug und andere schöne Dinge vor- geworfen worden waren, bekundete vor einigen Tagen ein Zeuge, der früher Teilhaber der liberalen.Lippischen Landes- zeitung" war, daß ein Darlehen von 00 000 M. in der Zeit des lippischen Thronstreites von dem damaligen Grafregenten an die LandeSzeitung gegeben worden fei. Besitzer der.Lippischen LandeSzeitung" ist der Abg. Dr. Neumann-Hofer. Unser Partei- organ, die Bielefelder„VolkSwacht", erwähnte die Tatsache in ihrem Berichte. Darauf ging ihr eine Zuschrift des betr. Zeugen, des fürstlichen Rats Ouentin in Herford, zu. Darin heißt es mit Bezug auf die Zeit, wo dieser Herr in Detmold Redakteur und Teilhaber der Landeszeitung tvar: „Diese Summe ist mir vom Grafregenten(dem Vater des jetzigen Fürsten) als verzinsliches Darlehen geliehen. Gläubiger sind heute die verschiedenen Erben des Grafregenten. soweit die Summe nicht schon zurückgezahlt ist. Ich habe die Summe der LandeSzeitung als Darlehe» gegeben. De« Grafregent hat mir seinerzeit auf meinen Wunsch das Kapital geliehen, weil mir dafür in Aussicht gestellt tvar, wieder Teil- Haber der LandeSzeitung zu werden. Das Darlehen erfolgte, weil der Grafregcnt sich mir dankbar erzeigen wollte, da er anerkannte, daß ohne die Tätigkeit der LandeSzeitung und der hauptsächlich von mirbceinflußtcn deutschen Presse die Thronfolgefragc niemals zu einer richterlichen Ent- scheidung gelangt wäre, da nur durch den Druck der öffentlichen Meinung diese herbeigeführt ist. Sonst wäre unbedingt auf Grund der zwischen Lippe und Schaumburg-Lippe bestehenBen Verträge Prinz Adolf(der Schwager Wilhelms II.) beim Tode deS Fürsten Alexander ohne weiteres Fürst zu Lippe geworden." Die liberale..Lippische Landeszeitung" war seinerzeit daS erste Sprachrohr für die Vertretung der Biesterfelder Interessen im Thronstreit, und sie tat sich nicht wenig darauf zugute, daß man in weiten Kreisen annahm, sie führe den publizistischen Kampf in der uneigennützigsten Weise, nur von dem Drange beseelt, daß „Recht doch Recht bleiben muß". Die neueste Feststellung vor Gericht wird hiernach wieder als ein Beweis dafür gelten können, daß es mit der Unabhängigkeit der bürgerlichen Presse, im bc- sonderen der liberalen, denn doch oft ein recht eigenes Ding ist,— ganz abgesehen von ihrer allgemeinen Abhängigkeit vom Unter- nehmertum. Gegen die Spirituszentrale. Der Verband sächsischer Industrieller, an dessen Spitze Herr Dr. Stresemann steht, hatte zum Sonntag eine Delegiertenver- sammlung der Verbände der Spiritus verarbeitende«� und erzen- genden Industrie nach Dresden einberufen, wo der frühere natio- nalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Weber-Löbau über den Entwurf zur Beseitigung des Branntweinkontingents sprach. Die Versammlung erblickte in der Vorlage eine enorme Verteuerung des Gebrauchs, hob die schwierige Lage des Destillations- und Gast- Wirtsgewerbes hervor und sprach ihr Bedauern darüber aus, daß die Spirituszentrale in Berlin ihre Machtstellung ausnützt und ohne Rücksicht auf die Abnehmer eine Geschäfts- und Preispolitik treibt, die den sonst üblichen kaufmännischen Grundsätzen widerspricht. Die Versammlung sprach die Hoffnung auS, daß der Reichstag dem Entwurf sein« Zustimmung versagen und dafür sorgen werde, daß den fortgesetzten Preistreibereien und der ausschließlichen Vor- Machtstellung der Spirituszentrale ein Riegel vorgeschoben wird. Ver marokkanische Hufftand. Paris, 22. April. Nach den letzten Telegrammen des Generals Moinier an den Kriegsminister herrscht jetzt in F e z vollkommene R u h e. Die V e r l u st c der Franzosen während des Aufstandes und der darauffolgenden Kämpfe sind 15 Offiziere und 40 Mann tot und 4 Offiziere und 70 Mann verwundet. Außerdem wurden 13 Zivilpersonen, sämtlich Franzosen, getötet. Angehörige einer anderen Nation sind nicht getötet worden. Die französischen Truppen haben gegen tausend Ge- f a n g e n e gemacht, zahlreiche andere Meuterer sind in die Umgegend entflohen und haben sich in Häusern versteckt, die von Patrouillen durchsucht werden, während in der Nähe auf- gestellte Posten die Flüchtlinge dann festnehmen sollen. Tausend Jude» niedergemetzelt. Paris, 82. April. Nach einer Havas-Meldung auf Tanger sind bei der Plünderung des Judenviertels in F e z etwa 100 0 Inden getötet worden. Die Zahl der verwundeten Juden ist sehr beträchtlich und das Elend unter diesen sehr grob, Der Verlaus des AufstandeS. Paris, 22. April. Der Sonderberichterstatter der„Agenra HavaS", der den Unruhen in Fez glücklich entronnen ist, hat von eingeborenen Postboten eine Depesche an die Küste befördern lassen, in der es heißt: Etwa 40 eingeborene Soldaten begaben sich am 17. dieses Monats mittags zu El Mokri und er» hoben heftig gegen eine geplante Verkürzung des Soldes sowie gegen die Einführung von Tornistern Einspruch. UebrigenS war ihr Sold erhöht worden und die Einführung von Tornistern niemals geplant gewesen. Vier Soldaten wurden auf ihr Drängen vom Sultan empfangen, der ihnen Ruhe anbefahl. Sie gingen darauf weg und gaben das Zeichen zum Aufstande, indem sie ihren Hauptmann töteten. Der Aufstand begann in der KaSbah Chararda und griff dann auf andere Tabors über. Mehrere französische JnstruktionSoffiziere wurden ermordet, die meuternden Soldaten nahmen im Verein mit Leuten aus der Be- völkerung einige von Franzosen bewohnte Häuser ein. Die Be- wohner wehrten sich heldenmütig. Drei Telegraphenbeamte ver- teidigten sich von 2 bis 6 Uhr nachmittags gegen etwa sechzig Ein- geborene und wurden schließlich ermordet. Ihre Körper wurden mit Petroleum begossen und verbrannt. Ein Franzose wurde nach fünfstündigem BerteidigungSkampfe mit seiner Familie von dem Kaid Mechuar gerettet. Inzwischen wurden die Vertreter der „Agencc HavaS", deS„Matin" und der„Depeche Marocaine", die in einem Hause eingeschlossen waren, von dem Scherif Uezzan davor gewarnt, sich zu zeigen. Die Gesandtschaft sei benachrichtigt und werde ihnen eine Begleittruppe senden. Indessen ging der Auf- stand weiter. Scherifische Soldaten zogen umher und trugen an den Spitzen ihrer Lanzen die Köpfe und die Eingeweide von Europäern. Frauen feuerten die Aufrührer an. Bald wurden im Süden der Stadt Gewehrfeuer und Kanoncaschüsse hörbar. Um 9 Uhr abends wurden die Berichterstatetr von einer Kompagnie TiralleurS befreit, die sie zur Gesandtschaft führten. Nach und nach befreiten die TirailleurS auch die übrigen Franzosen. Die französischen Opfer deS Auf, standes wurden am 18. April bestattet. Am Mittag diese» TageS be, gann die Kannonade von neuem im Norden der Stadt und die Meute, rcr wurden durch das Geschützfeuer in ie Flucht gejagt. Paris, 22. April. Amtlich wird festgestellt, daß bei den Straßenkämpfen in Fez 1v Offiziere und 40 Soldaten getötet sowie 4 Offiziere und 70 Sol- daten mehr oder weniger schwer verwundet wurden. DeS ferneren wurden 18 Zivilpersonen, sämt« lich französischer Nationalität, von den Meuterern nieder» gemetzelt. Di« Leichen der Ermordeten waren gräßlich der» stümmelt. Die„HavaS"-Meldung über die Plünderung der Mokfoh ini Fez, wobei etwa 1000 Juden getötet worden seien, wird als durchaus übertrieben bezeichnet. Die Zahl der Getöteten beträgt sicheren Feststellungen zufolge nur 50; die Zahl der Ver- wundeten ist annähernd die gleiche. Der größte Teil der Mollah, die aus armseligen Hütten bestand, ist in Flammea aufgegangen, piextko, Eingreifen der Vereinigten Staaten. New Aork, 21. April. Wie ein Telegramm aus Keywest in Florida meldet, kommt das Schlachtschiff„New-Hampshire" morgen, hier an und erwartet das Linienschiff„Nebraska", mit dem es nach New-Orleans abgehen wird. Beide Kriegsschiffe begeben sich nach dem Golf von Mexiko und sollen sich augenblicklich bereit» halten, falls die Lage in Mexiko ein E i n s ch r e i t e n zum Schutze von amerikanischem Lehen und Eigentum erfordern sollte. GewerhfchaftUches. Die Bewegung im Ramburger Rafen erfolgreich beigelegt! Die Bewegung der Hamburger Hafenarbeiter hat mit dem Abschluß eines Tarifes von dreijähriger Dauer geendet, der einige Konzessionen an die Forderungen der Arbeiter macht. Am Sonnabendvormittag hatten Verhandlungen mit dem Hafenbetriebsverein stattgefunden. Der Verein hat sich bereit erklärt, die Tagelöhne der Schauerleute um weitere 1t) Pf., also von 5,10— 5,30 M. auf 5,20— 5,40 M. zu erhöhen. Weiter hat der Hafenbetriebsverein erklärt, daß er nach Unter- Zeichnung des so festgesetzten Lohntarifs bereit ist, über die Forderungen der anderen Hafenarbeitergruppen zu verhandeln, in bezug auf Lohnerhöhung und sonstige Gestaltung des Arbeitsverhältnisses den vorgebrachten Wünschen so weit als möglich entgegen zu kommen, diese Verhandlungen tunlichst rasch zu Ende zu führen und das Ergebnis der Abmachungen tariflich festzulegen. Die Schauerleute haben nun Sonntagmittag zu diesem Angebot des Hafenbetriebsvereins Stellung genommen. Der Saal des Gewerkschaftshauses>var bis auf den letzten Platz besetzt. Den Bericht der Verhandlungskommission erstattete H ä h n c l. Der Redner schilderte den Gang der VerHand- lungen mit den Vertretern der Unternehmer, die sich all- mählich von ihrer ursprünglich stark ablehnenden Haltung zu immer größeren Zugeständnissen bequemt hatten. Das gelte sowohl von der Arbeitszeit wie von den Lohn- und Neben- forderungen. Das erzielte Resultat sei nach langen, ernsten und schweren Beratungen zustande gekommen und müsse von diesen Gesichtspunkten aus von den Schauerleuten ge- würdigt werden. In der ausgiebigen Diskussion wurde zu- nächst lebhaft gegen die Annahme des Vorschlages opponiert, insbesondere wurde die Lohnerhöhung als durchaus unzu- länglich bezeichnet. Des weiteren Wandte man sich gegen die vertragliche Bindung aus drei Jahre und sprach die Be- sürchtung aus, daß vor allem die Verkürzung der Arbeitszeit von den Unternehmern nicht korrekt durchgeführt würde. Demgegenüber wurden die unverkennbaren Vorteile der Neu- rcgelung hervorgehoben und die Frage aufgeworfen, ob durch einen auf alle Fälle opferreichen Kampf mehr erzielt würde. Diesen Gedanken erörterte außer den Mitgliedern der Lohnkom- Mission insbesondere auch der Verbandsvorsitzende S ch u m a n n, der eindringlich die große Verantwortung der Schauerleute gegenüber den anderen, vielfach schlechter gestellten Gruppen betonte und darauf hinwies, daß, wenn zweifellos berechtigte Forderungen noch nicht in Erfüllung gingen, dies eine Folge der bisher ungenügenden Organisationsverhältnisse sei. Es bliebe nichts anderes übrig, als das Versäumte schritt- weise nachzuholen. Daß die Unternehmer überhaupt ver- handelten und sich zum Tarifabschluß unter sehr beachtlichen Zugeständnissen herbeiließen, sei ein Beweis für die inzwischen erfolgte Stärkung und Gesundung der Gewerkschaft. Als ehrlicher Berater könne er nur die Annahme des Vertrages empfehlen. Wenn die Aussicht bestehe, mit Kampf nicht mehr zu erreichen als ohne Kamps, dann sei es gewissenlos, ge- machte Vorschläge abzulehnen. Hier handele es sich um eine schwer errungene Abschlagszahlung, deren Sicherung für alle Hafenarbeitergruppen sich die Schauerleute als überlegene Männer nicht entgehen lassen dürfen. Nach diesen überzeugenden und mit starkem Beifall auf- genommenen Darlegungen erfolgte die schriftliche Abstimmung: sie ergab die Annahme des Vorschlages der Unternehmer mit starker Dreiviertelmasorität._ Berlin und dmgegend. Achtung. Bauanschläger! Die Kollegen werden ersucht, das heutige Inserat zu beachten. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Die Werkzeugmacher in den Schraubenfabriken klagten in ihrer am Sonntag abgehaltenen Branchcnversammlung darüber, daß ihre Löhne den heutigen Zeitverhältnissen nicht mehr entsprechen. Eine Aufbesserung der Löhne wurde als dringend notwendig bezeichnet. Einer der größten Betriebe geht nicht über einen Stundenlohn von kill Pf. hinaus, obgleich dieser Lohnsatz nach den bestehenden Ver- einbarungen nur als Mindest- und Anfangslohn zu betrachten ist. Auch darüber wurde geklagt, daß in nianchen Betrieben die Zahl der Werkzeugmacher im Verhältnis zur Zahl der Schraubendreher zu gering ist, was zur Folge hat, daß die Werkzeugmacher mit Av- beiten überlastet sind, deshalb nicht immer mit der nötigen Sorg- falt arbeiten können und dadurch wieder die Schraubendreher in ihrer Arbeitsleistung ungünstig beeinflußt werden. Die Versamm- lung setzte eine Kommission ein, welche in Verbindung mit den Branchenvertretungen der Schraubendreher und der Werkzeugmacher Vorschläge für die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhaltnisse ausarbeiten und der nächsten Versammlung zur Beschlußfassung unterbreiten soll. Die Arbeiter der Wagen- und Karosseriebetrlebe befinden sich im Streik. Wir haben mehrfach über die Bewegung derselben be- richtet. Da ein ausreichendes Entgegenkommen durch die Unter- nehmer nicht zu erzielen war, beschäftigten sich eine Reihe von Betriebsversammlungen mit der dadurch geschaffenen Situation. Die Beschlüsse dieser Versammlungen führten zur Niederlegung der Arbeit. Stellmacher, Schmiede und sonstige in der Wagen- fabrikation tätige Arbeiter seien davor gewarnt, in den Berliner Betrieben Arbeit anzunehmen. Die Tarifbcwegung der Fleischergesellen NeuKUnS scheint jetzt aucb die Polizei zu interessieren. Vor den Läden der Fleischer- .Meister Köpte, Hermannstr. tö9, und Kaplick, Emserstr. 54, die sich noch immer weigern den Tarif anzuerkennen, hatten sich am Sonnabend mehrere Passanten angesammelt. Durch das bekannte Eingreifen der Polizei wurde die Ansammlung immer größer. Oh- gleich nicht die geringsten Ursachen vorhanden, wurden mehrere Per- sonen verhaftet. Der Fleischermeister Gleich, Emserstr. 40, Krause, Nogat- stvaße 23, K a u e r, Nogatstr. 31, S t o ck, Emserstr. III, und Bartsch, Knesebeckstr. 41, haben den Tarifvertrag anerkannt. Letzterer legt Wert darauf, mitzuteilen, daß er nicht erklärt habe, er lasse sich weder vom Verband noch von der Kundschaft Vorschrif- ten über die Arbeitszeit machen. Achtung, Tapezierer! Wegen Tarifbruchs gesperrt sind die Wertstätten B a ch e r n i k, Meister Küster, Usedomstr. 21, und Swaboda, Kopenhagener Straße 16, für Polsterer und Dekorateure. Die Schlichtungskommission. DeutTekes Reich. Lohnbewegung der Metallarbeiter in Hannover. Die Metallarbeiter Hannovers stehen seit der Woche nach Ostern in einem Kampfe für die Verkürzung der Arbeitszeit. Alle Versuche des Metallarbeiterverbandcs, eine friedliche Verständigung herbeizuführen, schlugen fehl. Seit Juli 1911 gehen die Bemühun- gen, um eine Verhandlung mit den Unternehmern zu ermög- lichcn, bis die Metallarbeiter endlich die Antwort erhielten, daß die Festsetzung der Arbeitszeiten den einzelnen Werken vorbehalten bleiben müsse und der Unternehmerverband darüber nicht in Ver- Handlung mit dem Metallarbeiterverband eintreten könne. Die Metallarbeiter sind nun gezwungen, ihre Wünsche auf Der- kürzung der Arbeitszeit in den einzelnen Betrieben vorzutragen und durchzuführen. Es wurden folgende Forderungen gestellt: 1. Die Arbeitszeit von 59 auf 54 Stunden(täglich 9 Stunden) zu verkürzen. 2. Für alle im Lohn beschäftigten Arbeiter wird als Aus- gleich verlangt eine Lohnerhöhung von 5 Pf. pro Stunde. Wo die 5 Pf. als Ausgleich nicht ausreichen, ist der Stundenlohn nm soviel zu erhöhen, daß der frühere Wochenverdienst in 54 Stunden erreicht wird. Daß die Forderungen für die Metallarbeiter Hannovers de- rechtigt find, ergibt sich daraus, daß fast alle größeren Städte Deutschlands eine geringere Arbeitszeit aufweisen, und daß vor einigen Wochen in der„Westinghouse Bremsenfabrik" in Han- nover die neunstündige Arbeitszeit pro Tag eingeführt werden konnte, nachdem die Verständigung mit der Firma erfolgt war. Allerdings gehört die Firma nicht der Kampfesorganisation der Industriellen in Hannover'an. Ebenso konnte die Bewegung in der Maschinenfabrik von Max Müller in Hannover-Hainholz erledigt werden. Die Firma lehnte zuerst jedes Zugeständnis an ihre Ar- beiter ab. Erst als die Arbeiter die Arbeit einstellten, gelang eS, die Firma zu bewegen, eine wöchentliche Arbeitszeit von 56 Stun- den und eine Lohnerhöhung von 3 Pf. pro Stunde zq erringen. Diese Verständigung zwischen der Firma Mar Müller und ihren Arbeitern wurde möglich, weil der Verein der Metallindustri» ellen in Hannover noch nicht seine Anweisungen in Details geben konnte. Erst später trat der Ausschuß des Metallindustriellenver- eins zu einer Sitzung zusammen und gab die Parole heraus, dafz keine Firma weniger als 57 Stunden Arbeitszeit pro Woche und nicht mehr als 3% Proz. Lohnerhöhung geben dürfe. Die Parole der Ausschutzsitzung wurde von der Mitgliederversammlung des Mctallindustriellenvereins bestätigt und wirkte nun störend bei den inzwischen notwendig gewordeneii Verhandlungen bei den anderen Firmen, die deswegen jedes weitere Zugeständnis an ihre Arbeiter ablehnten. Infolge der Beschlüsse des Unternehmerverbandes lehnte die Direktion der Zentralheizungswerke in Hannover-Hainholz ab, irgendwelche Verkürzung der Arbeitszeit eintreten zu lassen; sie zwang dadurch die Arbeiter, die Arbeit niederzulegen. Nachdem die Arbeit eingestellt war, sagte die Direktion zu, die Arbeitszeit pro Woche auf 57 Stunden zu reduzieren und den Zeitlohn um 3)4 Proz. zu erhöhen. Die Geldschrankfabrik Bode lehnte jede Ver- kürzung der Arbeitszeit und jede Lohnerhöhung ab, weil in dem Betriebe 57 Stunden pro Woche gearbeitet wird. Die Arbeiter legten deswegen die Arbeit nieder. In den Lindener Eisen- und Stablwerken in Linden bei Hannover wurde von der Direktion ebenfalls zuerst jede Verkürzung der Arbeitszeit abgelehnt. In den weiteren Verhandlungen, die der Arbeiterausschutz herbeiführte, gestand dann die Direktion dasselbe zu, was der Metallindustricllcn- verein festgelegt batte. Dasselbe Zugeständnis wurde auch den Arbeitern in der Eisenkonstruktionswerkstatt von Dietrich gemacht. Alle in Frage kommenden Arbeiter waren mit den gemachten Zugeständnissen flicht zufrieden und erklärten ihren Firmen, sich zufriedengeben zu wollen, wenn die Arbeitszeit pro Tag um eine halbe Stunde verkürzt und die Stundenlöhne um 3 Pfennig erhöht werden würden. Die Firmen lehnten die Forderungen rundweg ab und verlangten die Annahme ihres gemachten Vorschlags. Aus dem Grunde legten die Arbeiter der Lindener Eisen- und Stahl» Werke am 19. April die Arbeit nieder, und wenn die Vorhand- lungen in der Eisenkonstruktionswerkstatt von Dietrich kein« weiteren Zugeständnisse ergeben, wird auch dort die Arbeitscin- stellung erfolgen. Wenn die Unternehmer nicht zu einer verständigen Behand- lung der Arbeitevwünsche kommen, dann steht zu befürchten, daß in allernächster Zeit in anderen Betrieben ebenfalls die Arbeft zum Stillstand kommt, denn es ist den Metallarbeitern in Hannover sehr ernst damit, endlich die zeitgemäße kürzere Arbeitszeit zu er- halten und die Belegschaft aller Betriebe drängt darauf, vorgehen zu wollen. Gegenwärtig stehen zirka 659 Personen im Streik. Voraussichtlich wird der Verein der Metallindustriellen in Han- nover die Aussperrung der anderen Arbeiter beschließen, um den Arbeitern seinen Willen aufzuzwingen. Die Haltung der Unternehmer erweckt den Eindruck, als ob sie eine Verständigung nicht zulassen wollen. Das Verlangen der Unternehmer, daß die Arbeitszeit an 5 Tagen der Woche unver- ändert bleiben soll, verhindert jede Annäherung zur Verständigung. Zdachdem die Arbeiter in den einzelnen Betrieben sich mit den Unternehmern verständigen wollten, veranlaßt der Verein, daß kein Unternehmer die Wünsche der Arbeiter erfüllen darf. Die Vorschläge der Unternehmer sind für die Metallarbeiter in Hannover in der jetzigen Form nicht annehmbar, weil ihre Wünsche unberücksichtigt geblieben sind. Wenn die Unternehmer die An- nähme ihrer Bedingungen von den Arbeitern mit der Aussperrung erzwingen wollen,— wie zu erwarten ist— dann werden etwa 10 000 Metallarbeiter ausgesperrt werden. Das wäre eine frivole Machtprobe der Unternehmer, wenn sie ausgeübt würde. Der Friede ist erreichbar, wenn die Unternehmer die zehnstündige tag- liche Arbeitszeit auf 9)4 Swnden verkürzen und die Stundenlöhne um 3 Pf. erhöhen._ Für Baggermeister, Lokomotivführer, Maschinisten, Kran- führe», Handwerker, wie Schmiede, Schlosser. Dreher, Kesselschmiede usw., sind sämtliche Baustellen de? Kaiser- Wilhelm-Kanals wegen Lobndisferenzen gesperrt. Nähere Aus- kunft wird erteilt: Kiel, Ringstr. 98, 2. Etage.— Alle arbeitet- freundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Achtung Textilarbeiter und Textilarbeiterinnen! In Neu- Münster ist in der Tuchindustric bei der Firma Gebr. Hans Brachenfeld seit einer Woche ein Streik im Gange. Hierauf baben die übrigen Unternehmer die organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen ausgesperrt. Wir ersuchen unsere Berufskollegen und-Kolleginnen, auf jeden Fall Neumünster bis auf weiteres zu meiden. Die Gauleitung des Deutschen Textilarbeiterverbandes. Ilnsinnd. Generalversammlung des Schweizerischen Lithographen-Bundes. Der Schweizerische Lithograpbenbund, in dem die Litbographcn, Chemigvaphen, Stein- und Lichtdrucker organisiert sind, hielt seine 23. Delegiertenvcrsammlung in Herisau ab. Anwesend waren 24 Delegierte aus 12 Ortsmitgliedschaften, die Hauptvorstandsver- treter und einige Vertreter befreundeter Organisationen. Aus dem Bericht des Verstandes ist hervorzuheben, daß daS abgelaufene Jahr für den Schweizerischen Lithographenbund ein außergewöhnliches war. Mit dem Abschluß eines ZentraltarifeS für das ganze schweizerische Gebiet sind nunmehr die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Berufsangehörigen in der Lithographie, im Stein-, Licht-, Stahl- und Kupferdruck sowie in der Chemigraphie nicht nur in den größeren Städten, sondern auch für den entlegen- sten Ort und für das kleinste Geschäft geordnet, dank dem Entgegen- kommen der Prinzipale. Die Verhältnisse sind jetzt mustergültig und in einer dem Frieden und damit dem ganzen Gewerbe dien- lichen Weise streng verbindlich geregelt. Die Mitgliederzahl der Gehilfen ist von 717 auf 819 gestiegen und die der Lehrlinge von 67 auf 96, so daß im letzten Jahr ein Mehr von 131 zu verzeichnen ist; eine Zunahme, die in der Entwickelung des Schweizerischen Lithographenbundes bisher unerreicht dasteht. Wie die Mitglieder- zahl, so ist auch das Vermögen ganz beträchtlich gestiegen, und zwar um 34 349,04 Frank, von 141 606,65 auf 176 005,58 Frank. Den Jahreseinnahmen von 77 412,80 Frank stehen 43 063,76 Frank. Ge- samtausgabc gegenüber. Von'den Ausgaben kommen u. a. auf Rechtsschutz 142,50 Frank, Streik- und Ronfliktsunkosten 3118 35 Frank, Arbeitslosenunterstützung 5434,50 Frank, Reiseunterstützung 1399,75 Frank, Umzugsunterstützung 1870,80 Frank, Krankenunter- stützung an Gehiljenmitgliedern 16 951,50 Frank und 1700 Frank auf Sterbegeld. Außerdem wurde in der Lehrlingsabteilung 265.50 Frank Krankengeld ausgezahlt und für außerordentliche Unter Der Zentralverband der Maschinisten und Heizer sowie Be- rufsgenossen nahm in einer Versammlung, die am Sonntagnach- mittag in den„Arminballen" stattfand. Stellung zu der Feier des 1. Mai. In den einzelnen Bezirken ist die Frage, ob die Maschinisten, Heizer usw. am 1. Mai vormittags eine eigene Ver- sammlung abhalten sollten, bereits besprochen worden. S ch w i t t a q stellte die Frage von neuem zu Diskusston und be- tonte, daß in jeder Werkstatt, wo eine Kveidrittelmajorität sich für die Arbeitsruhe am 1. Mai erklärt, natürlich auch die Maschinisten und Heizer die Pflicht haben, die Arbeit ruhen zu lassen. Die Ab- Haltung einer eigenen Versammlung am 1. Mai vormittags wurde gegen 2 Stimmen beschloffen. Es wird erwartet, daß auch die Bc- rufsangehörigen aus den Vororten sich zu dieser Versammlung einfinden. Einen beifällig aufgenommenen Vortrag über die Reichsversiche- rungsordnung hielt der Arbeitersekretär G. L i n k. Zwei weitere Vorträge über dasselbe Thema werden noch folgen. Der Vor- sitzende ersuchte die Anwesenden, für einen besseren Besuch dieser Vorträg«, die viel Aufklärung über die Versicherungsgcsetze bieten, zu agitieren._ Hetzte Nachrichten. Das serbische Wahlergebnis. Belgrad, 22. April. Nach den gestrigen Stichwahlen, in denen drei Regierungskandidaten, ein Jungradikaler, ein Natio- nalist und zwei Fortschrittler gewählt wurden, ist die Regie- rungspartei 8 3, die Opposition 82 Mandate stark. Eine Nachwahl ist noch erforderlich. Straßenschlacht zwischen Dragonern und Polizisten. Krakau, 22. April.(P. C.) In der Nacht zu heute ist eS in der hiesigen Vorstadt Ludwinow zu einer förmlichen Schlacht zwischen Soldaten des 10. Dragonerrcgimentes und einer Polizeipatrouille gekommen, wobei ein Geheimpolizist und mehrere andere Personen schwer verwundet wurden. Gegen 10 Uhr abends machte eine Polizeipatrouille ihre Rund«, als sie an der Ecke der Abrahamer Gasse von 12 Dragonern überfallen wurde. Durch den Lärm auf die Vorgänge aufmerksam gemacht, waren zahlreiche Bewohner der Nachbarstraßen herbeigeeilt, um der Polizei beizustehen. Nun Wandten sich die rasenden Dragoner auch gegen die Zivilisten und hieben mit ihren schweren Reitersäbeln auf sie ein, so daß mehrere von ihnen zum Teil schwer verletzt wurden. Erst einer starken Ab- teilung Soldaten sowie einer Abteilung Polizisten gelang es nach schwerem Kampfe die Dragoner zu überwäktigen und zu verhaften. Ein Luftballon explodiert. Magdeburg, 22. April.(H. B.) In der Nähe des anhaltischen! Dorfes Drohndorf. Kreis Bernburg, explodierte ein Ballon in unge- fähr 100 Meter Höhe. Kurz nach der Explosion sank der Ballon rapide. Bisher konnte man seinen Namen und seinen Aufstiegsort noch nicht feststellen, da die drei Insassen zunächst nicht v e r n e h- mungsfähig waren und in das Krankenhaus nach Gattersleben gebracht werden mußten. Das Unglück ereignete sich in den Nach-» Mittagsstunden. Wie weiter mitgeteilt wird, sollen die drei In- fassen schwer verletzt sein. � Fünfundzwanzig Fischer ertrunken. Astrachan, 22. April.(W. T. B.) Während des letzten SturmeS sind sechs Fischerboote gekentert. Fünfundzwanzig Fischer sind um- gekommen. 'verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw-�TH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, LerlagSanjtaÜ Paul Singer& Eo., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. UoterhaltungSbl, stützungen au? dem Hilfsfonds 307 Frank. Die Jnvalldenkaff� hatte noch keine Ausgaben. So hat also der Säbweizerische Litho- graphenbund neben seiner erfolgreicken gewerkschaftlichen Tätigkeir auch auf dem sozialen Gebiete der Unterstützung seiner Mitglieder außerordentlich segensreich gewirkt. Bon der Delegiertenversamm» lung wurde der Jahresbericht und Jahresrechnung einstimmig gut» geheißen. Nach weiterer Diskussion über den Tarifabschluß und sonstige Verivaltungsangelegenheiten wurden dann eine Reihe An- träge zum Statut erledigt. Sodann beschäftigte sich die Gencralver- sammlung mit einem Antrage, der dahin geht, der Verband möchte sich mit einem Betrag on 5—6000 Frank an der Errichtung einer Ferienhütte im Hochgebirge beteiligen. Damit will man den Mit- gliedern Gelegenheit verschaffen, ihre Ferien billig, in reiner Ge- birgsluft und unmittelbarer Nähe großer Gletscher verbringen zu können. Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Als Sitz des Verbandes wurde sodann wiederum Bern beittmmt; die nächste Delegiertcnversammlung findet Ostern 1913 in Aaarau statt._ Hub Induftrie und Handel* Agrarier und Kapital. Zu unserer am 12. April unter der genannten Ueberschrift veröffentlichten Notiz sendet uns der„Verband der Güterinter« essenten Deutschlands" folgende Mitteilung: „Der Verband der Güterinteressentcn Deutschlands verfolgt nach seinen Satzungen lediglich ideelle Zwecke. Mitteilungen, nach denen sich der Verband„Betriebskapital" verschaffen� wolle, sind geeignet, in Verbindung mit der weiteren Mitteilung über die Er- richtung einer Bank zugunsten des ländlichen Grundbesitzes, den Anschein zu erwecken, daß die Mittel des Verbandes selbst z» Kreditzwecken Verwendung finden sollen. Demgegenüber stellen wir fest, daß der Verband der Güterinteressenten in Ausübung seiner Tätigkeit Geld weder als Darlehen annehmen, noch solches weiter begeben darf. Er tritt der zu gründenden Bank nur als technischer Berater zur Seite, während die gesamt« Finanzgebarung der Bank vorbehalten bleibt. Für die von industriellen Gesellschaften und Firmen gezeick- neten Mitgliederbeiträgc werden Inserate in der— wie es seinerzeit in dem Ausschreiben an die Jndustriegesellschaften vermerkt— in 80 000 Exemplaren erscheinenden Verbandszeitschrist gewährt, deren Umfang sich nach der Höhe des Beitrages bemißt. Die Kosten der Zeitschrift trägt int übrigen der Verband selbst." Eine Mitteilung,„daß sich der Verband„Betriebskapital" ver- schaffen wolle" usw., ist von uns überhaupt nicht gebracht worden. Die Herren vom Verband haben uns ein durch Schreib- Maschine vervielfältigtes Formular zugesandt(nur die Adresse ist bandschriftlich angefügt), dessen Inhalt auf die von anderen Blättern gebrachten Nachrichten passen mag. auf unsere Notiz jedenfalls nicht. Uebcr die„ideellen Zwecke" unterrichtet folgende„Deklaration zu§ 1" der Verbandssatzungen: „Unter der Pflege von Beziehungen zum Zwecke der Regu- lierung von Kreditverhältnissen ist in erster Linie zu verstehen die Tätigkeit, die der Verband entwickeln wird, um eine Bank zugunsten der ländlichen Grundbesitzer zu gründen, welche der finanzwirtschaftlichen Stärkung der Landwirte durch Gewährung eines ausgiebigen Kredites und Beschaffung sogenannter zweiter �Hypo- theken dienen soll. Diese Bank wird für den ländlichen Grundbesitz von außerordentlicher Bedeutung sein, weil sie die Verhälnisse de? ländlichen Bodenkredites und die Bewertung de? ländlichen Grundbesitzes wesentlich beein- slussenmutz. In die Satzungen(§ 1) kann diese Bestimmung nicht auf- genommen werden, weil der Verband dann nicht zur Eintragung kommen und die Rechisfähigkeit erlangen kanni(8 21 BGB.) Mehr oder iveniger. baben 4iftr nicht behauptet und halten daher unsere damalige Notiz vollinhaltlich aufrecht. Versammlungen. St. 94. 29. 1. KtilU des Jomiitts" Krrlim üolMInlt Dieustag, 23. April 1912. Die Mehrvorlage im Reichstage. 43. Sitzung. Montag, den 22. April 1912, nachmittags 2 Uhr. Am Tische des Bundesrats: v. Bethmann Hollweg. Frhr. v. Heeringen, b. Tirpitz.Kühn. Lisco. Dr. Del- brück. Reichskanzler Bethmann Hollweg: Die Verbündeten Regierungen haben Ihnen Gesetzentwürfe vor- gelegt, welche eine Stärkung unserer Wehrmittel zu Wasser und zu Lande bezwecken. Die Vorlagen bereiten zum Teil eine sofortige, zum Teil eine sich allmälig steigernde Ver- niehrung und Verbesserung unserer Kriegs- und VerteidigungSbereit- schaft vor. Beide Borlagen sind das Ergebnis eingehender Prüfungen und Arbeiten der zuständigen Ressorts. Ihr Schwerpunkt liegt in den organisatorischen Neuerungen, die sie bringen, deren Begründung im einzelnen den Chefs der beiden Ressorts vorbehalten bleibt. Ich selbst will mich auf einige allgemeine Gesichtspunkte beschränken. Zunächst möchte ich hervorheben, datz wir Ihnen die Gesetzentwürfe nicht vorgelegt haben im Hinblick auf eine un- mittelbar drohende Gefahr. In der augenblicklichen europäischen Situation liegt kein Grund für uns zur Beunruhigung. Trotzdem würden wir gewissenlos handeln, wenn wir nicht unsere Rüstungen aus einem unseren Mitteln und unseren Kräften entsprechenden Stand erhalten und stets wieder auf ihn bringen wollten. Tun wir das nicht, dann sind alle unsere Aufwendungen für Wehr- zwecke überhaupt am letzten Ende zwecklos.(Sehr richtig l rechts.) Datz dieser Gedanke immer mehr Gemeingut der Nation geworden ist, dafür zeugen die zahlreichen Stimmen, die aus dem Volke selbst gekommen sind--(Schallende Heiterkeit bei den Sozialdemokraten. Lebhaste Zustimmung rechts), die sie fordern! Diese Stimmung beruht nicht auf kriegerischen Gelüsten oder auf dem Wunsche, andere zu bedrohen. Deutschland ist kriegsbereit, wenn ihm ein Krieg aufgezwungen werden sollte, Händel aber sucht eS nicht.(Beifall.) Die Stimmung beruht vielmehr auf der durch- aus berechtigten Auffassung, datz eine starke Rüstung für die Erfüllung aller unserer Zwecke und Ziele nötig ist. Wir brauchen eine starke Rüstung nicht nur zur Abwehr eines möglichen Angriffs auf uns, sondern zur Wah rung unserer Stellung im Frieden, zur Sicherung unserer Wohlfahrt zu jeder Zeit.(Sehr richtig!) Gerade diejenigen, die den Frieden wünschen, die für den Frieden arbeiten, die für den Frieden reden, können sich der Einsicht nicht vcrschlietzen, datz für Deutschland mit seiner kontinentalen Lage im Herzen Europas, mit seinen nach allen Seiten hin offenen Grenzen in einer starken Wehrmacht im be- sonderen Matze die sicherste Friedensbürgschaft liegt. Es geschieht ja viel, um Konfliktsmöglichkeiten zu verhindern, nicht bloß auf Friedenskongressen, sondern auch durch Abmachungen unter den Staaten und ähnliche Verabredungen. Dadurch werden die Kriegs- Möglichkeiten verringert, aber ausgeschlossen werden sie nicht. Die Beziehungen der Nationen breiten sich immer weiter über den Erdball aus. Dadurch werden unzweifelhaft die fried- lichen Berührungspunkte vermehrt; zugleich aber treten in dem Konkurrenzkampf der materiellen Interessen neue KonfliktSmöglichkeiten hervor. Ich habe gesagt, zurzeit liegen Gründe zur Beunruhigung nicht vor. Um so mehr bedauere ich die alarmierenden Gerüchte, die bei uns und anderswo, vielleicht in mitzverstandenem Pa- triotiSmus, in erregten Pretzartikeln ausgestreut werden, um die nötigen Rüstung Smatzrcgeln angeblich zu fördern. Sie stören Handel und Wandel(Sehr richtig I) und stiften keinen Nutzen.(Sehr richtig I) Ich habe die Ueberzeugung, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß keine Rcgicrung der Großmächte einen Krieg mit uns wünscht oder herbeizuführen sucht.(Hört I hört I links.) Aber sehr häufig sind die Kriege nicht von den Regierungen geplant und herbeigeführt worden. Die Bilker sind vielfach durch lärmende und fanatisicrte Minder- hcitcn in Kriege hineingetrieben worden. (Sehr richtig l links.) Diese Gefahr besteht noch heute und viel- leicht heute'. n noch höherem Matze als früher(Hört! hört I rechts), nachdem die Oeffentlichkeit, die Volksstimmung, di? Agitation an Gewicht und Bedeutung zugenommen haben. Wehe dem, dessen Rüstzeug dann lückcnvoll wäre! Wie sich die Zukunft entwickelt, wird niemand prophezeien wollen. Als wir 1919/11 das O u i n q u e n n a t machten, hat niemand voraus- gesehen, datz sich sofort an die Schlichtung öffentlich aufgetretener internationaler Differenzpunkte die Besorgnis vor akuten Ver- Wickelungen und damit die Sorge heften würde, ob wir noch länger einen Teil unserer militärischen Kräfte unbenutzt lassen könnten. Aber nicht nur im Ausblick auf einen möglichen Krieg— sei es in naher oder ferner Zukunft— haben wir die Pflicht, stark, militärisch stark zu sein. Auch unser Ansehen und unsere Wohlfahrt im Frieden hängen davon ab. Nach unserer Wehrkraft bemitzt mau unseren Wert als Freunde und Bundesgenossen(Bravo I rechts), unsere Bedeutung als eventuelle Gegner, das Gewicht unseres Wortos in internationalen Fragen, die unS berühren, die Rücksichten, die andere auf unsere Interessen nehmen. Wir sehen, datz alle Völker rings um uns nach denselben Grundsätzen verfahren. Wir werden darüber in der Kommission noch weitere Mitteilungen machen. Da können wir mit unserer exponierten geographischen Lage, auf die ich bereits hinwies, mit den steigenden Bedürfnissen eines wachsenden Volkes nicht zurück- stehen. Sie werden, wie ich glaube, dem Lande einen Dienst erweisen, wenn Sie ihm das, was für seinen Schutz und seine Sicherheit notwendig ist. im Gefühl nicht erregter Befürchtungen, sondern ruhiger und ernster Entschließungen gewähren.(Beifall bei den bürgerlichen Parteien.) Lassen Sie mich noch eiuige Worte über die DeckungSfrage sagen. ES ist gewitz keine leichte Aufgabe, schon sobald nach der Steuerreform von 1999 und den Lasten, die sie dem Volke auferlegt hat. mit neuen Steuerforderungen hervorzutreten. Niemand hat das klarer erkannt und hervor- gehoben, als der verdienstvolle bisherige Leiter der Reichsfinanzen.(Stürmisches Gelächter links.) Ich weitz nicht, warum das Ihre Heiterkeit erregt I(Zuruf bei den Sozial- demokraten: Wo sitzt er denn? Grotze Heiterkeit.) Aber so wenig wir um der Hindernisse willen, die sich neuen Steuerforderungen entgegenstellen, Aufgaben unserer nationalen Wehrkraft ablehnen, oder gar aufschieben könüten, ebenso wenig dürfen wir von dem Grundsatze einer gesunden Finanzpolitik abweichen. (Lachen links.) Keine Armee kann ohne die Rückdeckung starker Finanzen agieren, aber eine starke Armee ist zugleich das sicherste Fundament guter Finanzen. ES wäre deshalb unverantwortlich, wollten wir den Grundsatz verlassen: Keine Ausgabe ohne D e ck u n g. wollten wir zurückkehren zu dem System deckungsloser Ausgaben, das uns in vergangenen Jahrzehnten in so schwere Kalami- täten gebracht hat. Und ich bin überzeugt, datz auch der Reichstag die Schwere der Verantwortung fühlt, die ihm mit der Lösung der Decknngsvorlagen auferlegt ist(Sehr richtig! links), und datz er mit den verbündeten Regierungen einig in dem Willen ist. die Ausgaben für unumgängliche Rüstungszwecke nicht zum Ausgangspunkt eines neuen Leidensweges der Reichsfinanzen zu machen. Nun hat die öffentliche Kritik dem Finanzplan, der Ihnen in der Denkschrift des Reichsschatzamtes vorliegt, vielfach den Vorwurf mangelnder Solidität gemacht. Zu Unrecht, und ich hoffe, Sie werden sich dieser Auf- fassung anjchlietzen, wenn Sie die Darlegungen, die Ihnen der Herr Reichsschatzsekretär machen wird, unvoreingenommen prüfen werden. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Warum denn nicht Mermuth?) Ich mutz zugeben, alle Zukunfts- schätzungen für eine längere Zeit sind mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, müffen mit ihr behaftet sein, selbst wenn sie noch so sorgfältig aufgestellt werden. Die Ausdehnung der Erbschaftssteuer, die von der Linken dieses hohen Hauses grundsätzlich gewünscht wird, hätte uns nach unseren Schätzungen einen Ertrag von etwa 69 Millionen geliefert, gegenüber einem Ertrage von 36 Millionen, den wir von der Aufhebung des Branntw!insteuerkontingentS erwarten. Kann man nun wirklich behaupten, datz eine Differenz von 2ö bis 39 Millionen bei einem Milliardenetat unsere Vorschläge von vornherein zu un- soliden Vorschlägen stempeln mutz? Wer den Erörterungen der Oeffent- lichkeit in den letzten Tagen gefolgt ist und aufrichtig sein will, der mutz zugeben, datz die Kritik an unseren Finanzplänen nicht lediglich auf finanziellen Erwägungen beruhte.(Lebhafte Zu- stimmung rechts und im Zentrum.) Ein lautes Wort sprach dabei das Mißbehagen darüber mit, datz wir die Erbschafts st euer nicht eingebracht haben.(Sehr richtig I rechts und im Zentrum.) Hätten wir das getan, dann wären die Berechnungen der Ueberschüsse, die Hoffnungen der zukünftigen Einnahmen richtiger und gerechter beurteilt worden, und wir würden nicht den zehnten Teil der Vorwürfe zu hören bekommen haben, die jetzt gegen unsere angeblich unsolide Finanzwirtschaft erhoben worden sind.(Sehr richtig I rechts und im Zentrum.) Wir habe�darauf verzichtet, Ihnen die Ausdehnung der Erbschaftssteuer vorzuschlagen, weil ivir der Ueberzeugung sind, datz wir mit den Erträgen, die uns die Aufhebung des Kon- tingents bringen wird, auskommen(lautes Lachen links), und weil weiter die Erweiterung der Erbschastssteuer zweifellos die Kluft zwischen dm bürgerlichen Parteien vergrößert hätte.(Erneutes Lachen links.) Nun ist mir allerdings in der linksliberalen Preffe in der letzten Zeit tagtäglich als unverzeihlicher Fehler vorgehalten worden, datz ich die zu positiver Mitarbeit uns weit entgegengestreckte Hand der sozialdemokratischen Fraktion zurückgewiesen hätte.(Lachen rechts.) Gibt uns diese Hand die Wehrvorlage? (Zurufe bei den Sozialdemokraten: Nein!) Ich habe aus Ihrer Presse bisher dasselbe herausgefunden. Wenn wir uns jetzt darauf verlassen hätten, datz die Vorliebe der Sozial- demokratie für Besitzsteuern sich stärker erweisen würde, als ihre Abneigung gegen eine Verstärkung von Heer und Flotte, dann wäre daS ein Experiment gewesen, bei dein nur ein folgenschwerer Mißerfolg der Re- gierung herausgekommen wäre.(Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Also nicht dem einen zuliebe und dem anderen zuleide haben die Verbündeten Regierungen von der Einbringung der Erbschaftssteuer abgesehen, sondern aus dem einfachen Grunde, weil sie, statt eine Majorität für den Entwurf sich zu sichern, lediglich der Verbitterung unter den Parteien Vorschub geleistet hätte und das obendrein im unmittelbaren Zusammenhang mit der Frage der Wehrhaftigkeit des Deutschen Reiches, die für eine größtmögliche Einmütigkeit der Volksvertretung Wünschens- wert ist.(Beifall rechts und im Zentrum.) Ich kann des- halb die Linke dieses hohen HauseS doch nur bitten, datz die vorgeschlagene Aufhebung der sogenannten Liebesgabe nicht darunter leiden möchte, datz die Erbschastssteuer nicht auf das Tapet gebracht worden ist.(Lachen links, Zustimmung rechts.) Sie haben die Liebesgabe jahrzehntelang bekämpft.(Sehr richtig! rechts.) Sogar stärker als heute.(Sehr richtig! rechts und Heiterkeit.) Da meine ich, Sie sollten Ihren alten Grundsätzen treu bleiben(Sehr richtig! rechts, Heiterkeit.) und durch Zustimmung zu dieser Matzregel die Wehrvorlagen unterstützen, die, wie ich zuversichtlich hoffe, bei allen bürgerlichen Parteien dieses hohen HauseS ein über- zeugendes Entgegenkommen finden werden. So sehr Ihnen auf der Linken es auch am Herzen liegen mag, den unseligen Streit für die Erbschaftssteuer jetzt zum Austrag zu bringen, so würden Sie doch auch kein wahres Interesse des Landes, weder nach innen, noch nach außen darin erblicken, daß die nationale Frage unserer Wehr- kraft durch diesen Streit vergiftet wird. Die Genehmigung der Vorlagen, die die Verbündeten Negierungen im Interesse der Wehrkraft des Deutschen Reiches für erforderlich halten, ist ein Erfordernis, das hoch über den Kämpfen der Parteien stehen sollte. Je mehr diese Kämpfe dabei ruhen, desto stärker kommt der nationale Wille zum wirkungsvollen Ausdruck. Durch die Stellung, die Sie zu den Vorlagen einnehmen, geben Sie, darum bitte ich, der Welt einen neuen Beweis für die e i n s i ch- tige Opferwilligkeit und auch in Zukunft ungebrochene Vaterlandsliebe der Nation.(Bravo! rechts und im Zentrum.) Neue Macht und Stärke soll dem Deutschen Reiche aus dem Inhalt der Vorlagen erwachsen. Aber bevor sie noch zur Tatsache geworden sind, wird eine schnelle und möglich st einmütige Ge- nehmigung dessen, was die Verbündeten Regierungen zum Schutze und zum Mohle des Vaterlandes für unumgänglich halten, zur Erhöhung des Ansehens und der Machtstellung der Nation dienen. (Lebhafter Beifall bei allen bürgerlichen Parteien.) Preußischer Kriegsminister v. Heeringen: Die früheren Friedenspräsenzgesetze von 1899 ab erforderten einen allmählichen Ausbau des deutschen Heeres. Denselben Gesichtspunkt verfolgte auch noch das Gesetz vom 27. März 1911; es bewegte sich in den Bahnen, welche mein Amtsvorgänger schon 1999 in der Budget- kommission kennzeichnete: es sollten nur die allerschlimmsten Lücken in der Organisation während einer Reihe von Jahren geschlossen werden. Als die Heeresverwaltung dem Reichstage den Entwurf seinerzeit vorlegte, betonte ich, ein solches Gesetz sei aus- reichend, solange keine akuten politischen Schwie- r i g k e i t e n vorliegen. Nun aber kamen die Erfahrungen des Jahres 1911. Sie zeigten uns, daß die Anforderungen, die wir in dem Gesetz erhoben hatten, auf die Tauer nicht genügen würden. Es ist Pflicht der Heeresverwaltung, im einzelnen nachzuweisen, welche Verschiebung der militärischen Lage Deutschlands in der EntWickelung begriffen ist. Lassen Sie mich diesen Nachweis in der Budgetkommission führen, denn es scheint mir ztveck- mäßig zu sein, wenn solche Dinge nicht vor der ganzen Welt aus- gekramt werden. Die Untersuchungen ergaben, datz eine Fort- setzung unserer EntWickelung im Sinne jenes Gesetzes nicht mög- lich sei, daß eine alsbaldige Verstärkung des Heeres und seiner Äricgsfertigkeit unbedingte StaatSnotivendigkeiten seien. Es handelt sich um keine unmäßige Verstärkung) In Deutschland mutz nach wie vor die-Ueberlegenheit der Armee in der Bewaffnung, in der Organisation und der Aus- b i l d u n g, ferner in dem opferwilligen militärischen Geist seiner Soldaten, ja seines ganzen Volkes liegen. Die jetzigen Vorlagen toerden dem deutschen Heere die ausreichende Verstärkung bringen, vor allen Dingen aber die Schlagfertigkeit innerlich noch meho festigen. Wenn für das Vaterland durch eine Verstärkung der Armee Lücken beseitigt werden sollen, so muß sie s ch n e l l st e n s erfolgen. Deü früheste Twüiun dafür ist der 1. Oktobei löls. Es tviid daher vorgeschlagen, die geplanten MaßnähmAk, fofij'cit itgendibie angängig, zu diesem Termin ins Leben zu rufen. Die Erfüllung des angeftrebten Zweckes suchen die Gesetzentwürfe in zwei Hauptrichtungen: einmal in einer schnelleren Durchführung des Friedenspräsenzgefetzes, und zweitens in einer Ergänzung desselben, weil sonst eine Verstärkung der Mann- schaften erst in zwei bis drei Jahren eintreten würde. Weiter vcr- langen sie die Schaffung von zwei Korps. Wir sind ge- zwungen, unsere mobilen Friedenstruppen von vornherein voll- ständig zu verwenden. Solche Verbände lassen sich vor dem Feinde nicht improvisieren, und wir müssen von den Korps schon in den ersten Schlachten große Leistungen verlangen. Deshalb können wir sie im Frieden nicht entbehren. Damit in Verbindung steht die Bildung einer weiteren, siebenten Armee- Lnspektion. Die Armeeinspektionen sichern uns die gleich- mäßige Ausbildung unserer Korps, vor allen Dingen geben sie uns die Fuhrung für die Armee, die wir schon im Frieden vorbereiten müssen für die Aufgaben, welche unmittelbar nach der Kriegs- erklärung an uns herantreten. In Sachsen ist das Bedürfnis, ein Infanterieregiment zu formieren, um die normale Zahl von Jnfanterierogimentern bei jedem Armeekorps zu erreichen. Bei den sogenannten kleinen Regimentern wurden von den noch fehlenden 32 Bataillonen nur 14 gefordert. Hand in Hand damit geht die Bitte um Erhöhung des Etats einer Anzahl von Jnfanteriebataillonen, die einen solchen Berücksichti- gung überaus dringend bedürfen, und dann eine Anzahl Feld- batterien. Durch diese Maßnahmen würde nicht nur die Friedensausbildung dieser Truppen ganz besonders gefördert, son- der» auch ihre alsbaldige Schlagfertigkeit im Mobilmachungsfalle verstärkt. Auch eine Vermehrung unseres ausgebildeten Beurlaub- tenftandes ist angebahnt. ES ist möglich, die Maschinen- gewehrkompagnien zu vermehren,� nachdem in anderen Ländern durch die Zuteilung dieser Waffe der Infanterie eine erhebliche Verstärkung ihrer Feuerkraft zuteil geworden ist, können wir sie ihr nicht länger vorenthalten.(Der Kriegminister zählt dann die einzelnen Neuforderungen auf.) Die Vorlage enthält 26 Schein ioerferzüge, nachdem dies Material völlig aus- gebildet ist, ferner auch eine Fliegertruppe, um die über- raschende Entwickelung dieser Erfindung auch für das Militär völlig ausnutzen zu können. Die Neubildungen ermöglichen uns, den Militärpflichtigen in größerem Maße als bisher die Möglichkeit zu geben, den mili- tärischen Dienst durchzumachen. Nachdem die Nachbarstaaten uns gerade in dieser Richtung in großem Umfange vorausgegangen sind, wäre es bedenklich, wenn wir die rasch wachsende Volkszahl Deutsch- lands noch weiterhin so wenig ausnutzen würden wie bisher. Schließlich ist die gewünschte Verbesserung der Löhnung der Gemeinen in Aussicht genommen. Noch wichtiger ist eine Vermehrung der Stellen der General st abs- offiziere und Hauptleute. Unser Gesichtspunkt war da- bei die Sicherung der Stellenbesetzung im Kriegsfalle. Die Erweiterung und Vertiefung unserer Friedensausbildung hat die militärische Arbeit auf allen Gebieten gesteigert. Infolge der rastlosen Hingabe des Offizierkorps, und in besonderem Um- fange der unteren Offiziergrade sind die Folgen: Ueberanstrengung, Nervosität— nicht ausgeblieben. Namentlich gilt das von der In- fanterie. Wir haben die Uebungen des Beurlaubtenstandes ver- mehren müssen, und wir können auf diesem Wege auch nicht still- stehen, wenn wir auf diesem Gebiete auch nicht so weit gehen wer- den wie unser westlicher Nachbar. Wir müssen also auf dem Wege einer Vermehrung des Personals fortschreiten. Das ift auch notwendig im Sinne der unbedingt erforderlichen V c r j ü n- gung des Offizierkorps. Die Zahl unserer Leutnants können wir nicht verringern. Ihr Bestand deckt jetzt schon knapp den Friedensbedarf. Eine Erhöhung der Zahl der Pensionierten ist ausgeschlossen. Der einzige beschrcitbare Weg ist der einer mäßigen Vermehrung der Stellen vom Haupt- mann aufwärts. In dieser Hinsicht konnten wir gegen an- dere Armeen nicht zurückbleiben.— Bei der Beratung der letzten Militärvorlage ist im Reichstag mehrfach gesagt worden, man habe das Vertrauen zur Heercsvcr- waltung, datz sie mehr gefordert hätte, wenn mehp nötig gewesen wäre. Wir erwidern jetzt dieses Vertrauen(Heiteickeit), indem wir diese notwendigen Forderungen stellen, lind wir haben das un- bedingte Vertrauen zum Reichstag, datz er an einer Frage, an der unter Umständen die Existenz Deutschlands hängt (Oho! links), ohne Unterschied der Parteien nicht versagen wird.' (Beifall rechts.) Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpiii: Die neuen Marineforderungen bezwecken in keiner Weise eine Ab- änderung der Flottenpolitik, wie sie durch das Flottengesetz fest- gelegt. Sie sollen nur einige Mißstände beseitigen. Der eine besteht in der Entlassung der Reservisten im Herbst, wodurch fast ein Drittel ausgebildeter Leute durch Rekruten ersetzt und die Schlagfertigkeit der Flotte plötzlich und auf längere Zeit herab- gesetzt wird. Dieser Mißstand ist seit Jahren in der Budget- kommission zur Sprache gekommen. Seine Beseitigung oder Milde- rung war nicht möglich vor einer erheblichen Verstärkung der aktiven Streitkräfte. Solange die Flotte klein war, war auch die Beseitigung dieses Mißstandes nicht so dringend. Aber bei der Bedeutung, die unsere Flotte inzwischen gewonnen hat, ist seine Beseitigung geboten. Dazu kommt, daß jede Nation heutzu- tage mit der Möglichkeit eines plötzlichen Kriegs- ausbruchs rechnen mutz. Ich erinnere an Port Arthur. Darin liegt die zwingende Notwendigkeit, für die sofortige Verwendbarkeit eines erheblichen Teils der Flotte zu sorgen.(Sehr richtig! rechts.) Um dies Ziel zu erreichen, mußten, zumal auch das Heer verstärkt werden mußte, Konzessionen auf anderem Gebiet, z. B. durch Ver- zicht auf die Materialrcserve, gemacht werden, für die ich natürlich die militärische Verantwortung übernehme. Die Kosten der Vorlage sollen auf eine Reihe von Jahren verteilt werden. Sie sind verhältnismäßig nicht groß.(Zuruf links:„Na, es geht!") Sie sind in dem Vergleich zu dem Zweck in den engsten Grenzen ge- halten. Der Marineetat wird bis zum Jahre 1917 sich nicht wescnt- lich steigern. Es ist auch die Beschaffung von Luftschiffen vorgesehen und die Heranziehung von Flugzeugen. Die Vorlage bezweckt lediglich die Abhilfe von Mißständen in unserer maritimen Rüstung. Die Kosten sind im Vergleich mit früheren Vorlagen nur gering, der militärische Effekt aber'sehr groß. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß der patriotische Sinn des hohen Hauses der Marinevorlage die Zustimmung nicht versagen wird. (Beifall rechts.) Staatssekretär des Reichsschatzamts Kuhn: Aus breiten Volksgruppen heraus ist die Mahnung an die Rcgicrung ergangen, sie solle ohne jede Rücksicht für eine erhebliche Verstärkung unserer Streitkräfte sorgen. Der patriotische Bürger kann das fordern. Der verantwortliche Finanzministcr nicht. Er darf die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit nicht außer acht lassen. Seit 1999 hat man fest und zielbewußt einen Weg betreten, der uns aus der Finanzmisere herausbringen sollte. Diesen Weg dürfen wir nicht verlassen.(Lachen links.) Man kann einmal schneller, einmal langsamer gehen, aber einen Schritt zurück dürfen wir nicht wieder gehei». Die Schuldenlasten des Reichs dürfen nicht vergrößert werden, neue An- lMen dürfen nur»erbenden Anlagen dienen. Aene grvße finanzielle Anforderungen dürfen nicht bewilligt werden, ohne daß Deckung geschaffen wird. Dabei mutz vorsichtig vorgegangen werden. Wenn man jahrzehntelang hier an Steuervorlagen ge- arbeitet hat, wie ich, wird man schlietzlich etwas steuerscheu. (Heiterkeit links.) Die Gegnerschaft, die zunächst gegen alle Steuern vorhanden ist, vermindert sich erst, wenn sie eine Weile bestanden haben. Unter solchen Umständen erweist sich die m ö g- lichste Schonung des Steuerzahlers als Staatsnot- wcndigkeit. Besonders müssen Massenverbrauchs- a r t i k e l von der Steuer frei bleiben, wenn das aber nicht an- gängig ist, so müssen dabei neue Bahnen beschritten werden. Gegenüber der theoretischen Berechtigung der Staatsmonopole wird man aber die praktischen Schwierigkeiten dieser Art der Be- schaffung von Mitteln nicht verkennen. Die Wehr st euer kann als selbständige Steuer nichts bringen. Bleibt die E r b s ch a f t s- st e u e r. Sie spielt ini heutigen Porteileben eine eigenartige Kalle, ja sie ist geradezu zum Schibboleth der politischen Parteien geworden, und Parteien, die sonst nicht bewilligungsfreudig sind, verlangen geradezu diese Steuer. Demgegenüber mutz ich doeg sagen: die Elbschaftssteuer ist ebenso drückend wie alle anderen Steuern, sie mutz aber für Deutschland auch wie für alle anderen Staaten eines Tages kommen. (Zuruf links: Es ist ja eine grotze Mehrheit dafür vorhanden l) Es ist in einem Teile der Presse zu lesen, datz der bisherige Staatssekretär ein warmer Freund der Erbschafts- st e u e r gewesen sei und sein Nachfolger deshalb notwendig ein Gegner dieser Steuer sein müsse. In einer Frage von so ein- schneidender Bedeutung ist ein Personenwechsel natürlich ohne Einfluß. Unter drei Staatssekretären habe ich an der Aus- dehnung der Erbschaftssteuer gearbeitet. Der erste Entwurf dieser Art, der allerdings nie das Licht der Reichswelt erblickt hat, rührte von meiner Hand her.(Zurufe.) Da kann ich doch kein grundsätz- licher Gegner der Erbschaftssteuer sein. Die Verbündeten Re- gierungen haben auch zweimal Entwürfe dieser Art der Oeffent- lichkeit unterbreitet. Wie könnten sie da grundsätzliche Gegner der Erbschaftssteuer sein! Im gegenwärtigen Moment können wir aber einen solchen Vorschlag nicht machen, einmal, weil wir in letzter Lesung die Steuer nicht b e- willigt bekommen würden, dann aber auch, weil eine so grotze, das ganze Volk erregende Maßnahme nur getroffen werden darf, wenn wir einer großen Aufgabe gegenüberstehen, die ohne den Ertrag der Steuer nicht verwirklicht werden kann.(Zuruf.) Augenblicklich brauchen wir aber nur eine mätzige Deckung. Diese aber muh uns bewilligt werde», und tunlichst einmütig be- willigt werden, damit wir nicht wiederum dem spottenden Ausland das Bild der Zerrissenheit und Zerfahrenheit bieten. Bei dieser Be- ischränktheit der Steuerquellen kamen die Verbündeten Regie- rungen auf die Beseitigung der sogenannten Liebesgabe. Es ist eigentlich keine neue Steuer, sondern die Beseitigung einer bisherigen Leistung der Regierung, die heute nicht mehr die Be- deutung hat wie früher. Redner geht auf die Einzelheiten dieser Porlage ein. Man hat gesagt, die Last der Aufhebung der Liebes- gäbe würde wieder der Konsument tragen, der Konsum würde also zurückgehen. Ich stehe diesem Einwand sehr kühl gegenüber.(Zuruf aus dem Zentrum: Kühnl) Herr Abgeordneter, ich trage meinen Namen nun seit Sl> Jahren und olle Variationen meines Namens dieser Art sind mir bekannt. �(Heiterkeit.) Ich stehe diesem Einwand deshalb so kühl gegenüber, weil ich in der Abnahme des Branntwetnverbrauchs so grotze Borteile für die Volkskraft und Volksgesund- h e i t, einen so hohen Gewinn an ethischen Werten erblicke i(Lebhaftes Bravo l rechts. Heiterkeits links.), datz alle materiellen Schädigungen dahinter zurücktreten. Aber einstweilen ist diese Hoffnung resp. Befürchtung des Rückganges des Branntweinver- brauchs noch unbegründet. Gegen unsere Absicht, den Ueberschutz von ISN nicht ganz zu Tilgungszwecken zu verwenden ist von sachkundiger Seite in einem Artikel der„Deutschen Revue" neuerdings Stellung genom- men worden. Es liegt mir fern, gegen den Verfasser dieses Ar- tikels zu polemisieren, nicht bloß wegen des T r e u v e r h ä l t- n i s s e s, in dem ich lange Jahre zu ihm gestanden habe, sondern auch, weil ich mich letzten Endes mit ihm in jeder Beziehung eins weiß. Ich bin ihm dankbar, datz er noch in letzter Stunde so beherzigenswerte goldene Worte in die Welt gesetzt hat.(Lachen links. Zuruf: Wahrhast rührend.) Der Standpunkt, der in diesem Aufsatz eingenommen ist, findet auch die Billigung der Verbündeten Regierungen. ES besteht nur ein Unterschied, der wirklich nicht sehr erheblicher Natur ist und dahin geht, datz die Verbündeten Regierungen glauben, von dem Ueberschutz von IStl einen etwas größeren Teil für andere Zwecke verwenden zu können. Im übrigen kann ich nicht dringend genug davor warnen, aus der Vorlage den Schluh zu ziehen, daß unsere Finanzloge eine glänzende wäre. Treten neue grotze Ausgaben an uns heran, und treffen die Voraussetzungen in bezug auf die zukünftige Gestaltung der Einnahmen nicht ein, so werden neue Steuern angefordert werden müssen. Wenn Sie mich nun fragen, weshalb sich die Finanzverwaltung mit einer so kargen Deckung von 30—40 Millionen begnügt, so möchte ich nochmals be- nierken: Wir lehnen den Vorwurf ab, daß wir die Finanzlage zu rosig oder zu dunkel sehen. Wir hoffen, daß wir in der vorge- fchlagenen Weise, allerdings auch n u r in der vorgeschlagenen Werse die Mittel gewinnen, um die für den Bestand und die Ehre des Reiches erforderlichen Ausgaben zu bestreiten. Wir wissen, datz wir mit unserer finanziellen Forderung bis an die ä u h e r st e Grenze herabgegangen sind. Wir haben das aber mit vollem Bewußtsein getan, weil wir die Steuerkraft des Volkes schonen wollen, nicht bloß, wie einige der Herren zu meinen scheinen, in bczng auf die Erbschaftssteuer, sondern auch in bezug aus die Steuern schlechtweg. Wir halten diese Schonung für not- wendig aus finanzwirtschaftlichen und politischen Gründen. Es mutz eine Reserve d. sein für die Stunde der Not. Eine Nation, die wie die unsere unausgesetzt für die Abwehr eines Angriffs- Irieges gerüstet zu sein hat, die muH ihr Pulver trocken und ihre Einnahmequellen flüssig haben.(Bravo! rechts.) Abg. Haas-(Soz.): Als am 27. März ISN das Gesetz über die Jriedenspräsenz- stärke de» deutschen Heeres verabschiedet wurde, da hat wohl keiner der Abgeordneten geglaubt, datz schon nach einem Jahre die Regierung mit neuen Militärforderungen an don Reichstag heran- treten würde. Der Reichskanzler hat heute erklärt, datz auch die Negierung selbst daS nicht voraus gesehen habe. Heute aber wird da» Gesetz, das Ivir für fünf Jahr« beschlossen haben, wieder durch- brachen in einer bi» dahin unerhörten Weise. Mau fragt sich, was das Quinquennat überhaupt für einen Sinn. hat. Die Regierung bindet den Reichstag für fünf Jahre. Der Reichstag gibt dabei das wichtige Budgetrecht preis, die Regierung be- hält dagegen freie Haird. Das Volk mutz deshalb auch jetzt wieder darauf gefatzt sei», daß. wenn der Reichstag der gegenwärtigen Vorlage zustimmt, keinesfalls bis zum Jahre 1917 damit alle weiteren Forderungen abgeschnitten sino. Min wird gerade nach den heute gehörten Ausführungen vom RegierungStifch damit rechnen können, datz sehr bald wieder neue Heeresforderungen kommen werden.(Sehr wahr! links.) Sie find schon ange- kündigt worden in der Presse und haben ein Echo gefunden in den Ausfuhrungen der Minister. Es klingt ja wie ein Hohn, wenn versichert wird, datz das Quinquennat eine Stettgkert in der Organisation unseres Heeres gewährleistet und datz damit für -längere Zeit eine Beruhigung geschaffen wird. Kann es eine stärkere Beunruhigung geben, als tvenn die Regierung heute alles über sen Haufen wirft, was sie selbst noch im vorigen Jahre mit Rachdruck vertreten hat?(Sehr richtig! links.) Damals sagte der KricgSminister, eS wäre vollständiggenügendi wenn 11 000 Mann bewilligt würden. Jetzt heißt cS. die Existenz Deutsch- lands wäre gefährdet, wenn nicht 29 000 Mann bewilligt werben. Wem soll denn der Reichstag und das deutsche Volk nun Vertrauen schenken, dem Heeringen von 1911 oder dem von 1912?(Rufe bei den Sozialdemokraten: Keinem!) Der Kriegs- minister wird sich nicht wundern können, wenn aus seiner Haltung der Schluß gezogen wird, datz die militärischen Sachverständigen- urteile einen Wert nicht beanspruchen können.(Sehr rich- tig! bei den Sozialdemokraten.) Es wird behauptet im Lande, datz sich die auswärtige politische Lage in unvorhergesehener Weise geändert habe und daß die Heeresvorlage durch diese Aen- derung herbeigeführt sei. Diese Behauptung hat heute klipp und klar der Reichskanzler selbst widerlegt. Er hat gesagt, es liege kein Grund zur Beunruhigung in der äußeren politischen Lage bor, es gebe keine unmittelbar drohende Gefahr. Nicht ganz so klang es aus dem Munde des Kriegsministers. Er wollte mit der bekannten Geheimniskrämerei an- deuten, daß da irgendwo eine Gefahr bestehe, und er versprach, in der Kommission nähere Aufklärung zu geben. Wir find deshalb heute genau so klug, als wir es nach dem Studium der Vorlage und ihrer Begründung waren. In den der Regierung nahestehen den Zeitungen war zu lesen, daß Frankreich einen gewaltigen»lill tärischen Machtzuwachs durch fein neues Cadregesey bekomme. Diese Behauptung kann auf uns Leinen Eindruck machen. I n Wirklichkeit ist die Präsenzstärke des französi- scheu He eres kaum vermehrt worden und es hat nur eine Verschiebung innerhalb der Heeresorganisation stattge- funden. Auch mit dem Hinweis auf die schwarze Armee FrankvrichS will man das Volk gruselig machen. Auch die französischen Chauvi nisten brüsten sich damit, daß Frankreich aus seinen Kolonien viele Soldaten herausholen könne. ES liegt aber klar auf der Hand, daß Frankreich noch für lange Zeit gerade zum Schutze seiner eigenen Kolonien sein Land von Trupp en entblößen mutz. Die Besetzung Marokkos wird Frankreich noch lange Zeit in An- spruch nehmen, so daß nicht daran zu denken ist, daß irgendwie von daher uns eine unmittelbare Gefahr droht. Tatsächlich ist auch Frankreich an der Grenze seiner militärischen Leistungsfähigkeit angelangt, und ein Vergleich zeigt die gewaltige Ueberlegqnheit Deutschlands in der Geburten- z i f f e r vor Frankreich. Ii» Deutschland haben wir ein grotzes Reservoir, aus dem wir, wenn wir wirklich angegriffen werden und uns verteidigen müssen, diejenigen Truppen stellen können, die wir nötig haben zur Abwebr und zur Verteidegung. Wenn in Frankreich dieser und jener Bramarbas mit dem Säbel rasselt und hochtrabende Phrasen in die Welt schleudert, so glaubt doch kein Mensch daß da» französische Volk zu einem Angriffskrieg gegen Deutschland übergehen kann. DaS ist auch in einem Artikel der „Kreuzzeitung" ausgeführt worden. Wir fragen deshalb immer wieder: Was hat die Regierung dazu ge- trieben, jetzt, nachdem kaum daS Gesetz vom 27. März 1911 in das Reichsgesetzblatt aufgenommen ist, mit einer neuen, so weit gehenden Vorlage zu kommen. In der Begründung wird betont. daß das Gesetz schnell erledigt werden müsse. Jeder fragt, warum das nötig ist, und heute hah man auch vergeblich darauf ge- wartet, datz diesen inhaltleeren nichtigen Worten ein Inhalt gegeben werde. In der Begründung heißt eS: die militä- rische Lage erfordert noch darüber hinaus eine Steigerung. War- um? fragt man, welche militärische Lage? worin äußert sich die? Nicht» von alledem haben wir heute erfahren. Redensarten über Redensarten haben wir nur gehört.(Sehr rich- tig! links.) Als ich heute den Reichskanzler hörte, mußte ich mir sagen, daß seine Rede ein altes, sehr bekanntes Klischee darstellt. Es war eine Rede, wie sie unsere Oberlehrer gewöhnlich bei der Sedanfeier halten.(Lebhaftes Sehr wahr! link».) Irgend« etwas, was geeignet wäre, die konkret gestellten Forderungen konkret zu begründen, liegt nicht vor. So, wie diese Vorlage begründet ist, kann man jede Vorlage auch mit doppelten und dreifachen Forde- rungen begründen. Wa» in Wirklichkeit! den Wahnwitz dieser Rüstungspolitik begründet, ist die Weltmachtspolitik. Es denkt keiner meiner Parteifreunde daran, das Reich wehrlos zu machen, aber wir sind allerdings entschlossen, mit aller Kraft entgegenzutreien jenen Eroberung Sa e- l ü st e n, die sich innerhalb unseres Volkes bemerkbar machen.(Rufe rechts: Wo denn?) Lesen Sie doch die Ihnen nahestehende Presse. Dagegen halten wir es für selbstverständlich, unser Land. unsere Kultur' zu verteidigen und zu, schützen gegen etwaige räuberische Angriffe. Dieses Ziel zu erreichen, ist am geeignetsten. ein demokratische» BolkSheer, eine Miliz. Dies läßt sich allerdings nicht so leicht au Eroberungskriegen gebrauchen, wie das jetzige stehende Heer, das ja eine Institution istzurErhaltungdergegenwärtigenWirt- schaftsordnung. Durch ein Volksheer würden auch die m i l i- t ä r i j ch e n O p f e r für den einzelnen vermindert werden. Wir wende» uns selbstverständlich nicht gegen eine Ausbildung der Jugend zur Wehrfähigkeit, wir wehren uns nur dagegen� daß eine solche Jugendausbildung im Sinne des Hnrrapatriotis- mu» und des Chauvinismus erfolgt. Eine solche Miliz wäre nicht etwa eine sklavische Nachbildung der Schweizer Ein- richtung. Auch diese Schweizer Miliztruppen haben aber noch bei den letzten Manövern die Bewunderung militärischer Sachverständiger aus den verschiedensten Ländern der Welt errungen, und wenn der deutsche Kaiser in diesem Jahre in der Schweiz die Truppen besichtigen wird, so ist eS nicht ausgeschlossen. daß er auch von der Tüchtigkeit dieser Miliz ein ganz anderes Bild gewinnt» als er es jetzt wahrscheinlich hat. Die Miliz ist auf dem Marsche. Ein Staat nach dem anderen befreundet sich immer mehr und mehr mit dieser Einrichtung. Diejenigen, welche von der Miliz nichts wissen wollen, das sind die mächtigen Nüfcnießer der gegenwärtigenWirtschaftsordnung.die das Heer am liebsten gegen den inneren Feind verwenden, wollen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Das haben die Vorgänge der letzten Zeit bewiesen. Sie wissen, datz noch Rheinland-Westfalen au» Anlaß de» Berg- arbeiterstreiks Militär geschickt wurde, datz man nach Mans- feld, obwohl gar keine Unruhen vorgekommen waren. Maschi- nenaewehre gesandt hat. Sie werden eS begreifen, daß die sozialvemokratische Partei einem System, da» so vorgebt, auch nicht eine Spnr von Sympathie entgegenbringen bann. Die Arbeiter würden geradezu selbstmörderisch handeln, wenn sie zur Stärkung de» Systems etwas beitrage", würden. E» kann deshalb noch wie vor nur die Parole meiner Parteifreunde sein: diesem System keinen Mann und keine« Groschen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) W/ir wissen, daß die Miliz nicht von heute auf morgen durchgeführt wird, und wir stellen deshalb Forderungen, daß innerhalb der bestehenden Heeresver» fassung Erleichterungen für die Soldaten durchgeführt werden. Wir fordern die Herabsetzung der Dienstzeit für Kavallerie und reitende Artillerie. Wir stimmen dabei überein mit militäri- schen Sachverständigen, die längst zu dem Resultat, gekommen sind, daß eine Verkürzung dieser- Dienstzeit sehr wohl möglich ist. Daß sich die Herren von der Regierung gegen eine solche Forderung sträuben, qlaube ich; aber alS es sich darum handelte, für die In- santerie die Dienstzeit auf 2 Jahre herabzusetzen, haben wir von der Zlrgierung dieselben Gegengründe gehört(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten) und es hat sich herausgestellt, daß eS doch sehr wohl möglich gewesen ist, die kürzere Dienstzeit durchzu- führen.— Wir verlangen weiter, daß da» Borrecht der Einjährig- Freiwilligen beseitigt wird, daß alle Soldaten in dieser Beziehung gleichgestellt sind. Wir können Vicht zugeben, daß die Intelligenz der Einjährig-Freiwilligett, nattleniliche ihre Fähigkeit in militäri- scher Hinsicht von Natur aus und infolge ihrer Ausbildung auf Gymnasiasten usw., derartig ist, daß sie die Fähigkeiten der genieinen Soldaten überragt, und ein solches Privileg aus sachlichen Grün- den irgendwie berechtigt ist.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Nun werden von uns außerdem noch Bewilligungen für die Flotte verlangt. Seit Deutschland den D r e i z a ck in die Hand genommen und überall, wo ein Platz an der Sonne zu erobern ist, dabei sein will, hatsichderJmperialismusmächtigentwickelt. Wir verstehen es sehr wohl, daß immer mehr und mehr Reibungen zwischen den einzelnen Nationen entstehen. Das Finanzkapital sucht Anlage in fremden Ländern, das I n d u st r i e- kapital sucht Absatzgebiete, und wenn es nicht anders geht: mit Gewalt. Der italienisch-türkische Krieg ist dafür ein Musterbeispiel, und in China liegt das internatio- nale Kapital beutegierig auf der Lauer, um. wenn die Gelegenheit günstig ist, wiederum Eroberungen zu machen. Die Aufrollung der Dardanellenfrage ruft allerdings Bc- klemmungen hervor. Aber es ist ein ungeeignetes Mittel, die Rüstungen zu steigern, um diesem Zustand der Spannung entgegen zu wirken. Im Gegenteil, die fortgesetzten Rüstungen steigern die Gefahr des Wcltbrandes.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Jede Rüstung eines Staates reizt den anderen Staat auch zur Rüstung. Unsere Vorlage gibt sicherlich das Signal zu weiteren Rüstungen anderer Länder. Wohin soll das führen? Das Ende kann nur sein: ein Ende m i t S ch r e ck e n. Alles sollte deshalb versucht werden, um diesem Wahnwitz Halt zu gebieten. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt — darin stimme ich dem Reichskanzler zu— schafft allerdings Konfliktsmöglichkeiten. Aber deswegen ist ein Weltkrieg nicht unvermeidlich. So sicher es ist, daß der ewige Friede, an dem grotze Denker geglaubt haben, kommen wird, sobald die grotzkapitalistische Wirtschaftsordnung durch tken So-zialis- m u s abgelöst ist(Lachen rechts), so wäre es doch eine Illusion, zu glauben, datz in diesem Augenblick unter den kapitalistischen Staaten eine völlige Abrüstung herbeizuführen möglich wäre. Aber was sehr wohl durchführbar ist, ist eine Minderung, eine Ein- schränkung der Rüstungen. Unser Reich ist mächtig genug, datz cS nicht als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden kann, wenn unsere Regierung in dieser Beziehung den ersten Schritt tut.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn der Reichskanzler erklärt hat, das Ansehen des Reiches würde gesteigert, wenn sein Heer und seine Flotte größer würden, so erkläre ich demgegenüber, datz unser Ansehen durch friedliche Taten deutscher Kultur am meisten auch in den Augen der anderen Völker gehoben werden kann.(Lebhafte Zustimniung bei den Sozialdemokraten.) Es geht ja den Staatsmännern diese Erkenntnis auch von Zeit zu Zeit auf, datz der gegenwärtige Zu- stand auf die Dauer unhaltbar ist. daß ein GesundungSprozetz ein- geleitet werden muß. Noch vor kurzem hat der englische Schatzsekretär bei seiner Etatrede ausdrücklich hervorgehoben, datz diese Lasten für die Völker unerträglich werden. Lloyd George sagte:„Die ungeheueren Ausgaben für die Rüstungen beschränken den Staat in seiner Tätigkeit kür dringende soziale Bedürfnisse.(Hört! hört! und Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ganz bedeutende Werte, die für weit bessere Zwecke frei werden würden, werden diesen durch e p i l e p- tische Anfälle von Militarismus entzogen, die von Zeit zu Zeit die zivilisiert« Welt befallen." Solche epileptische Anfälle über uns heraufzubeschwören, scheint mir nicht Aufgabe unserer Regierung zu sein. Vielfach stellt man es so dar. als ob wir uns deswegen rüsten müßten, weil uns von England grotze Gefahr droht. Das Zentrum verweise ich demgegenüber aus einen Artikel der„Germania", der vor kurzem erschienen ist mit der Ueberschrift„Englands Schwäche". Ich verweise ferner darauf. datz in einem Artikel der„Kreuzzeitung" vom 14. April mit aller Entschiedenheit die populär« Auffassung, wie der Verfasser sie nennt, zurückgewiesen wird, als ob England im letzten Jahre über uns habe herfallen wollen.(Hört! hörtl bei den Sozial- demokraten.) Der Artikel läuft darauf aus. nachzuweisen, datz England auch in Zukunft nicht darauf ausgehen könne, einen Präventivkrieg gegen Deutschland zu führen oder Deutschland zu überfallen. Wenn das richtig ist— und ich unterschreibe eS—, dann muß bei gutem Willen eine Verständigung über die Einschränkung der Rüstungen möglich sein.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler sagte heute, von keiner Regierung werde ein Krieg izewünscht. Nun, wenn die Regierungen alle so friedliebend sind, Oann müßte eS doch wenigstens den Regierungen ein leichtes fein, zu einem Einvernehmen zu kommen, und es könnte ja dann >zen Parlamenten überlassen werden, ob sie den Schritt ihrer Re- gierungen billigen oder nicht. Ich glaube, der Reichskanzler kan» janz unbesorgt sein: das deutsche Parlauient wird, ganz gleich, wie >ie Abstimmung über die Heeresvorlage ausfällt, dann, wenn er eine solche Verständigung herbeigeführt hat, sein Siegel auf diese Verständigung drücken. Der Reichskanzler meinte freilich, ein Volk lasse sich leicht von einer fanatisierten Minderheit zum Kriege aufhetzen. Nun, die 4 Millionen, die bei den etzten Reichstagswahlen für die Sozialdemokratie' ge- timmt haben, sind sich darüber klar gewesen, datz sie sich nicht fanatisieren und in einen Krieg hineinhetzen lassen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In diesem Wahlkampf hat gerade die Frage unserer Rüstungen, die Frage des Im- >erialiSinu». die Frage eines Kriege» eine grotze llolle gespielt, und überall haben unsere Redner jubelndeAuf- nähme gefunden, wenn sie sich mit aller Schärfe aussprachen gegen einen Krieg und gegen weitere Rüstungen.(Sebr wahr! ei den Sozialdemokraten.) Allerdings gibt es eine Minderheit auch im Deutschen Reiche, die zum Kriege hetzt, aber diese Herren tehen politisch dem SieichSkanzler sehr viel näher al» un».(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler wird ja auch die Presse der Schwerindustrie verfolgen und wissen, welcher Chauvinismus sich dort breit macht, wie immer die Kriegstrompete geblasen wird. Mit einer geradezu himmelschreienden Ge. wissenlosigkeit wird von diesen Kreisen immer wieder zum Kriege gehetzt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn also der Reichskanzler verhüten will, datz eine kleine Minderheit da« Volk in den Kriegstaumel hineinreitzt, sollte er sein Augenmerk richten auf die geradezu gemeingefährliche Tätig- kelt des Flottenvcreins und de» Wehrvcrcios.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Außerdem gibt es noch eine kleine, aber einflutzreiche Gruppe von Junkern, die durch Ruhmsucht geleitet werden, die gern in einem frisch-fröhlichen Krieg Lorbeeren ernten wollen und Stellen für ihre Söhne. Diese Vorlage liefert den klaren Beweis dafür, datz die Regierung sich ins Schlepptau nehmen läßt von diesen Scharfmachern«und Kriegstreibern. Die Regierung sollte schon deshalb für eine Einschränkung der Rüstungen wirken, weil das deutsche Volk von den Rüstungen er- drückt wird, uird weil die Wirkungen eines Weltkrieges, der da- durch in gefahrdrohende Nähe gerückt wird, so grauenvoll sein würden, wie es selbst die Phantasie eines Dante nicht ausmalen könnte. Im vorigen Jahre sind 11000 Mann für die Heeres- Vermehrung bewilligt, in diesem Jahren sollen ei 2 900 0 Mann sein, das sind bereits 40 000, außerdem soll das Personal der Flotte vermehrt werden. Rechnen Sie dies Personal, wie es bis zum Jahre 1920 nach der Vorlage komplett sein soll, hinzu, zählen Sie hinzu die Zahl der Offiziere, Unteroffiziere und Bc- amten, so kommen wir auf einen Zuwachs von etwa 64000 Personen. Diese Last wird auf die Dauer auch für das opferwilligste Volk zu schwer. Ugd was wird, wenn«s zum Kriege kommt?. Die wenigsten werden sich eine Vorstellung davon machen, waS ein moderner Krieg bedeutet. Es ljat vor kurzem in Breslau in einer Versammlung unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichts- Präsidenten Dr. Bierhaus ein Hochschuldozent v. Fischer einen Bortrag gehalten, in welchem er auf Grund der Erfahrungen im deutsch-französischen Kriege bei einem Kombaltanten stand von 3 Millionen herausrechnet, wieviel künftig ein Krieg kostet, und er kommt dabei auf die Summe von 18 Millirnen Mark täglich.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Aver die Summe ist noch viel zu niedrig. Wenn wir die Kosten der Flotte hinzurechnen, so kommen wir sicher auf 25 Millionen und mehr pro Tag. Wenn gegenwärtig der Vorschlag gemacht wird, den Kriegsschatz auf 250 Millionen zu vermehren und einen Friedensschatz von 260 Millionen zu schaffen, so sind das bei den Kosten, die jeder Tag eines künftigen Krieges verschlingt, einfach Tropfen auf einen heißen Stein. Aber schlimmer noch als diese Last ist der Zusammenbruch des Wirtschaftsleben, wenn«s wirklich zu einem Kriege kommt. In diesem Falle muß ein Teil der Industrie den Be- trieb ein st eilen, weil ihr die Arbeiter entzogen werden-. Hunderttausende von Handwerkern und Bauern werden ihrem Beruf entzogen, das Kreditsystem unserer Staaten mutz den allerschwersten Schlag erleiden.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn man das vor Augen hat, mutz man, auch abgesehen von dem Jammer der Hunderttausende, abgesehen vom Massenmord, alles versuchen, um diese Gefahr zu nwldern. Aber auch die finanzielle B e l a st u n g ist ganz unmöglich. SSOsh Millionen werden bis 1917 neu gefordert, und dazu kommen 2äL Millionen im Budget, also über 880 Millionen. Mit großer Emphase hat der Reichskanzler, nach links gewandt, er- klärt, in Deutschland seien die Kosten für daS Militär und Marine pro Kopf der Bevölkerung sehr gering. Solche Rechnung ist falsch und irreführend. Nicht darauf kommt es an, was auf den Kopf der Bevölkerung fällt, sondern auf wieviel Ein- kommen die Last fällt. Wenn in England die Last auf die Einkommen über3000 M. fällt, bei welcher Grenze dort die Einkommensteuer erst beginnt, und wenn daneben in England eine starke Erbschaftssteuer besteht, so kann das m-it unseren Verhältnissen gar nicht verglichen werden. Der Reichs- kanzler hat auch nicht gefragt, wie denn sonst noch diejenigen be- lastet sind, die diese Kosten zahlen sollen. Unsere Zollpolitik hat ihnen soviel Lasten aufgewalzt, daß die 24 M., die für Heer und Marine hinzukommen, nur c i n e n Faktor darstellen, keineswegs die ganze Belastung. Aus der Vorlage selbst geht hervor und durch die Ausführungen des KriegSministcrS wurde es bestätigt, daß die gegenwärtigen. Vor- lagen schon weitere Keime in sich haben. In der Presse werden die dritten Bataillone gefordert, mehr Pioniere, eine be- ritteneJnfan terie, und weitere Kostenübernahme zur Ver- sorgung der frühzeitig verabschiedeten Offiziere. Immer lauter meldet sich auch die sogenannte vierte Waffe, die Luftflotte. In diesen Tagen ist ja von einer Nationalspende für sie die Rede gewesen. ES ist höchst charakteristisch, datz man bei uns zu diesem Mittel gegriffen hat, denn solche Spende läuft doch darauf hinaus, die Kosten für den Luftmilitarasm-uS auf die Armen und Aermsten abzuwälzen. EScheitzd ja auch bei der Begründung, alle Unterschiede der Parteien, der Konfessionen und der sozialen Schichten waren in dem Augeniblick verschwunden» wo das deutsche Volk vor eine große nationale Aufgabe gestellt ist. Dann nimmt man von Jude. Ehrist und Heide, von Arbeitern, Hand- w e r k e r n und Kaufleuten, dann macht man vor keiner sozia- -ftn Schicht Halt, und wir wissen, ja, wie schwer eS in solchen Fällen für den abhängigen Arbeiter, den- Handwerker und den- kleinen -lYKhniurzh pjnoqpBui]« roq uuscu'uoSvj nk mau'sti uuvmjnvU (Stbr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Bei pa tr i o ti s cher, Festen können« die Herren nicht genug von ihrer Vaterlandsliebe reden, dann strahlt ihre Opferfreudigkeit in hellem Licht. Wenn et, aber darauf ankommt, für eine Aufgabe, die sie selbst als nationalq bezeichnen, in die Tasche zu greifen, dann veranstalten siq eine„Spende" bei den kleinen Kaufleuten, Handwerkern und Arbeitern. Es ist charakteristische datz die Herren sich auch jetzt nicht ent, schlietzen können, einer � Erbschaftssteuer zuzustimmen. Die Regierung hätte sie sicherlich eingebracht, wenn sig nicht hätte fürchten müssen, datz die ihr nahestehenden Parteien sia ihr zerfetzt vor die Füße werfen würden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Gegen die Vorlagen werden, wir aller Wahrscheinlichkeit nach allein stimmen, denn auch die Fortschrittlich« Äolkspartei wird ihnen zustimmen. Das geht deutlich aus. einem Artikel den „Liberalen Äorvenspondenz" hervor, wo eS heißt, daß man nur noch eine neue Begründung abwarten will.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Nun, die Begründung wird kommen, Gründq sind ja so billig wie Brombeeren. Und dann werden- die Herren von der Volkspartei schm für die Vorlagen stimmen, wenn auch ..schweren Herzens". Wenn Sie sich noch ein wenig sträuben wer- den, ist das das Sträuben vor dem Fall. Was hätte wohl ein Eugen Richter zu diesen Vorlagen- gesagt? Ich bin nicht zweifelhaft, datz er sie mit ätzender Schärfe bekämpft kiätte.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten) Wenn Sie einen guten Sachverständigen brauchen, nun Sie haben ja ge- hört, was der General von Wartensleben in einem liberalen Blatte ausführte; er sagte, diese Vorlage stellt alle ihre Vor., gänger in den Schatten und lasse sich sachlichjue und nimmer begründen, wohl aber aus dem persönlichen Eigcnnutzderererklären.diesie angeregt und aufgegriffen haben.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Rur damit neue glänzende persönliche Geschäfte gemacht werden, sollen die deutschen Staatsbürger neue Hunderte von Millionen hergeben« heitzt es bei diesem Sachverständigen. Aber ich fürchte, er wird aus, die Fortschrittliche Volkspartei nicht genügend überzeugend wirken. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es ist ja richtig, datz ein großer Teil der Handwerker und des Mittelstandes überhaupt auch von dem imperialistischen Taumel ergriffen ist. Aber das Erwachen wird ein schreckliches sein, wenn die Leute seufzen und ächzen werden über die steigenden Lasten. Wir Sozialdemokraten verlangen bei dieser Gelegenheit, datz nicht das Heer vermehrt, sondern die Fürsorge für die Mann- schalten gesteigert wird; wir wollen, daß die Erhöhung der Mannschaftslöhne von 22 ausSv P f. gescplich fest- gelegt werde.(Zustimmung b. d. Soz.) Die Regierung hatte die Durchführung dieser Forderung gleichzeitig mit der Vorlage ver- sprachen. Jetzt aber will sie. daß die Vorlage zum 1. Oktober in Kraft trete, während die höheren Mannschaftslöhne erst im nächstjährigen Etat eingesetzt werden sollen. D,e Gleichzeitigkeit gibt sie also schon preis und wer bürgt dafür, datz nach der Bewilligung der Vorlage die Erhöhung der Mannschaft»- löhne wirklich im nächsten Jahre in den Etat eingesetzt wird? Es ist ja leicht möglich, datz an der Stelle des Reichskanzlers im nächsten Jahre ein anderer sitzt und datz auch der Reichs- schatzsckretär Kühn bis zum nächsten Jahre längst abgelöst ist; wir haben ja einen starken Verbrauch an Mini st er n. (Sehr wahr! b. d. Soz.) Dann ist cs leicht möglich, datz die neuen Herren von dieser Forderung nichts mehr wissen wollen. Be- zeichnend ist ja, datz von hoher militärischer Seite in der„Post" gegen diese Erhöhung der Mannschaftslöhne Sturm gelaufen wird. ES heißt dort:..Haben wir wirklich soviel Geld, datz wir uns eine solche Konzession an die Sozialdemokratie— denn weiter wäre es nichts—(Hört! hört! b. d. Soz.)— erlauben dürfen?" Anerkannt wird also, datz es sich um eine sb�ial. demokratische Forderung hierbei handelt! Die„Post" fährt dann fort:.oder sollen die Mannschaftslöhne zu erhöhtem Biergenusse auf Kosten der Schlagfertigkeit der Armee öer- wendet werden?"(Lebhaftes Hört! hört! links.) In diesen Wor- ten liegt eine schwere Beleidigung unserer Soldaten. (Sehr wahr! b. d. Soz.) Ein Hohn ist cs, zu sagen, die Schlagfertig- keit der Armee würde leiden, wenn diese Forderung erfüllt würde. (Sehr richtig! links.) Ucbcr die Deckung macht die Regierung sich anscheinend wenig Sorge. Der Reichskanzler führte zwar aus, ohne gute Finanzen gebe es kein gutes Heer. Datz aber die Finanzen bei dem jetzigen Etat gut fundiert sind, wird wohl niemand behaupten. Der Reichskanzler meinte, wir seien in früheren Jahren nicht immer gute Geschäftsleute gewesen. Nun, an Ermahnungen von unserer Seite hat es der Regierung wahrlich nicht gefehlt.(Sehr richtig! bei den Soz.) Mitten in der Etatsberatung erklärt derselbe Reichs- kanzler, der den Etat vor wenigen Wochen noch durch Herrn Mermuth hat vertreten lassen, dieser Etat sei nicht mehr maß- gebend, er müsse berichtigt werden. Dabei kommt das Wort „Verbesserung" vor. Das erinnert unwillkürlich an das berühmte corng6r la fortune. Als ich das Lob des Reichskanzlers für den verdienstvollen früherenLeiter desRcichsschatzamtes hörte, und ebenso das des Staatssekretärs Kühn, wunderte ich mich, daß nicht ein allgemeines stilles Lächeln durch das Haus ging. Dieser verdienst- volle Leiter des Reichsschatzamtes, dieser beste Reichsschatz- sekreiär, den wir hatten, dieser glänzende Kenner unserer Finanzen, wurde abgesägt und verschwand in der Bersenkung. Frei- lich ist er wieder aufgetaucht und hat nun nicht zu dem korrigierten Etat den Segen gegeben, sondern hat mit demselben Nachdruck, wie früher hier, seine Auffassung geltend gemacht, die weitab von dem liegt, was der Reichskanzler und der neue Reichsschatzsekretär vorgetragen haben. Die Negierung verwendet die Ueberschüsse nicht dazu, wozu sie sie nach den früheren Beschlüssen zu verwenden hat, zu einer Schuldentilgung. Sie rechnet weiter damit, datz die Finanzen so glänzend bleiben werden wie bisher. Freilich warnte Herr Kühn davor, unsere Finanzen als glänzend anzusehen. Dann verstehe ich aber seinen Standpunkt nicht.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Am Schluß der Etatsberatung sagte die Regierung selbst, dag ihre Finanzgebarung auf einer Reihe von Voraussetzungen beruht. Erstens nämlich, datz sparsam gewirtschaftet wird.(Lachen b. d. Soz.) Nun, nach den Ausführungen des Kriegs- und des Marine- Ministers wird auch in Zukunft nichts davon zu bemerken sein. (Sehr wahr! b. d. Soz.) Weiter wird vorausgesetzt, datz das Wirt- schaftsleben sich nicht wesentlich verschlechtern wird und keine besonderen Anforderungen an das Reich herantreten werden. Aber jeder politische ABC-Schütze weiß, datz im Wirtschaftsleben ein periodisches Auf und Ab eintritt, und bei jeder Depression mutz das kunstvolle Gebäude unserer Finonzgebarung wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten�) Und wenn alles richtig ist. was die Regierung uns sagt, bann läuft ihr Vorschlag doch wieder darauf hinaus, die Kisten der Militärvorlage wieder von den minderbemittelten Klassen tragenAU lassen. Denn die Ueberschüsse kommen doch aus den Erträgen der Zölle und Steuern, die gerade die ärmeren Klassen belasten.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wieder sollen also nach den Vorschlägen der Regierung die Reichen geschont, die Armen be- lastet werden. Wir meinen, die Ueberschüsse sollten nicht dem Militarismus dienen, sondern dazu, um die schier unerträg- lichen Lasten des Volkes zu lindern.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Sie sollten die Möglichkeit zur Herabsetzung der Salz st euer, zur Beseitigung der Zündholzsteuer geben. Auch weist die Regierung schon selbst darauf hin. daß, wenn die Ueberschüsse zur Deckung nicht ausreichen, entgegen ihrem Versprechen doch wieder indirekte Steuern herangeholt werden sollen, denn eS wird ja angedeutet, datz die Herabsetzung der Zuckersteuer dann nicht Platz greifen soll.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Ebenso soll dann nicht die Herabsetzung des Stempels beim Verkehr mit Grund- stücken durchgeführt werden. Auch bei dem sogenannten Deckungs- gesetz, dem Entwurf eines Gesetzes zur Beseitigung des Brannt- Weinkontingents, unterliegt es kemem Zweifel, datz der Konsum die Lasten tragen soll.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Sie alle werden ja zugeben, datz der Preis des Spiritus dadurch erhöht und also wiederum eine Belastung des Publi- kums eintreten wird.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wie Sie aber auch zu der Vorlage stehen, so werden Sie doch alle erkennen, datz eine Vorlage von so großer Tragweite nicht übers Knie gebrochen werden kann. Wenn die Regierung den Wünsch geäutzert und auch die Forderung aufgestellt hat, datz die Vorlage bis Pfingsten verabschiedet werden solle, so würde ja der Reichstag von seiner Würde sich etwas ver- geben, wenn«r sich danach richten würde.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichstag fühlt sich hoffentlich nicht in einer gottgewollten Abhängigkeit vom Reichs- kanzler; er ist auch nicht eine nachgeordnete Behörde des Reichskanzlers und hat sich nicht von ihm Direktiven geben zu lassen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Es ver- steht sich für uns von selbst, datz wir keine Steuern auf Borrat bewilligen werden, aber es mutz Vorsorge getroffen werden, datz nach dem Ausfall der jetzt auf dem Papier stehenden Ueberschüsse die Kosten der Militärvorlage dann nicht wiederum durch neue indirekte Steuern gedeckt wenden. Es besteht ja die Neigung, die ganze Frage der Deckung hinauszuschieben und einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten, in dem die bewilligungsfreudigen Herren -nieder die Möglichkeit haben, mehr als gegenwärtig in diesem Rcickstag die Lasten auf die schwachen Schultern ab- zuwälzen. Meine Parteifreunde werden jedenfalls in dieser Rich- tung auch bei der Beratung tätig sein. Wir- werden dafür ein- treten, datz einmal für unsere Mannschaften gesorgt wird, datz ferner die Ueberschüsse zur Aufhebung der drückendsten indirekten Steuern verwandt wer- den und datz endlich auch die Ehnenschuld an unsere Veteranen abgetragen wird. Wir werden dafür sorgen, datz keine neuen indirekten Steuern zu diesem Zwecke eingeführt wer- den. Im übrigen wird cs unsere Ausgabe sein, überall, wo wir es können, machtvoll zu demonstrieren gegen alle Kriegsabenteucr und Kricgstreibereien und einzutreten für den Frieden. Die deutsche Sozialdemo- kratie ist in diesem Bestreben einig mit der Sozialdemo. kratie aller Länder. In ollen anderen Ländern wird von der Sozialdemokratie in gleichem Sinne gewirkt. So wird es cnd- lich dahin kommen, datz an die Stell« einen Politik der Gewalt, der Unterdrückung und Völkcrverhetzung treten wird eine Politik der freiheitlichen, friedlichen Entwickelung aller Nationen.(Leb- haftcr Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Die Hecrcsvorlage belastet nicht nur die Mittel des Reiches, sondern in viel höherem M-atze durch die Vermehrung der Mannschaften den einzelnen Staatsbür- ger persönlich. Deshalb mutz sehr ernst geprüft werden, ob das Bedürfnis zu einer solchen Vorlage besteht. Die Aus- führungen des Kriegsministers haben zum Nachweis dieses Bedürf- nisscs nicht genügt.(Zurufe links.) Der Kriegsminister will uns ja erst in der Budgetkommission nähere Aufklärungen geben und wir werden, nachdem wir uns von der lllot-vendigkeit über- zeugt lpbcn, gern der Borlage zustimmen. Für die Lasten, die sie dem Volke ausbürdet, tragen nicht wir die Verantwortung, sondern die politischen Verhältnisse. Man darf doch zum Vergleich nicht immer nur das französisck� Heer heranziehen, sondern die möglichen Koalitionen mehrerer Mächte im Kriegsfälle. Unsere Auffassung ist die, datz der Kriegsminister im Vorjahre deshalb noch keine höheren Forderungen gestellt hat, weil er noch nicht wußte, wie sichunsere Finanzen entwickeln würden. Nach- dem er die günstige Entwickelung der Finanzen gesehen hat, ist er mit den Mehrforderungen gekommen.(Lachen Unks.) Wir wün- scheu, datz vom 1. Oktober 1912 ab die Löhnung der Mannschaften wirklich erhöht wird. Der Kriegsminister sollte dafür Sorge tragen. datz auch ,n den Kasernen die Religiosität gepflegt w-rd.(Beifall rechts und im Zentrum.) Wenn die Sozialdemo- traten auch die Verteidigung des Vaterlandes für nötig baltcu, dann sollten sie daraus die praktischen Konsequenzen ziehen. Unsere Reserveflotte ist beim ersten Angriff noch nicht bereit, sie kommt zu. spät. Die organisatorische Einheit, lote sie die Vorlage will, liefert uns für die erste Schlacht drei, statt zwei Geschwader. England hat aber mindestens vier bereit. Diese Reform verteilt sich auf eine Reihe von Jahren. Die Organisation der Unterseeboote nach Art der Torpedoboote, bedeutet nach unserer Meinung einen finan- ziellen Vorteil.(Sehr wahr! im Zentrum.) Abg. Spahn pole- misiert nun gegen den Artikel des Schatzsekretärs a. D. W e r m u t h in der„Deutschen Revue". Auch Mermuth, der die Einnahmen wesentlich niedriger veranschlagte, als nach den tatsächlichen Er- gebnissen von 1911 berechtigt ist, sollte den Kostenübcrschutz über die 00 Millionen der von ihm geplanten Erbschaftssteuer hinaus aus den Einnahmen decken. Die 24 Millionen Differenz sind zweifellos aus dem Etat zu decken. Die bilden keine Schwic- r ig keit.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Konsum- oder Be- sitzsteuern?) Das ist jetzt noch gar nicht die Frage. Herrn Haas e entgegne ich: Wieviel mehr sind die aus direkten Steuern bestritte- neu Leistungen der Gemeinden, Provinzen und Bundesstaaten gc- stiegen, als die indirekten Steuern!(Lebhafte Zustimmung rechts.) An dem Grundsatz„Keine neue Steuer ohne Deckung" hat-, ten wir fest(Große Heiterkeit links), natürlich an dem Grund- sah„keine Ausgaben ohne Deckung!" Im Prinzip stimmt der vorige Schatzsekretär ganz übercin mit dem jetzigen. Es besteht nur eine unbeträchtliche Differenz! Wir können ruhig mit einem weiteren großen Steigen der regelmäßigen Einnahmen des Reiches rechnen. Zur Branntweinsteuer mag man stehen wie man will: wir wünschen jedenfalls nicht, datz diese Vorlage zu einer Aenderung des Branntweinsteuergesetzes überhaupt de- nutzt wird. Der Schluß des Redners bleibt unverständlich. Abg. Herzog(Antis.): Die Worte des Kanzlers sind uns aus dem Herzen gesprochen. Eine Kritik, wie sie der Abg. Haa s e geübt hat, maßen wir uns nicht an. Entweder man hat zur Heeresverwaltung Vertrauen oder nicht und wir haben Ver- trauen. Trotzdem haben wir im einzelnen Bedenken. AIS Deckung empfehlen wir die Wehrfteuer und eine Dividen- den st euer.(Sehr gut! rechts.) Wir hoffen, datz in der Kom- Mission eine Einmütigkeit über die Deckung zustandekommt, aber ohne datz die Wcrmuthschen Finanzgrundsätze erschüttert werden. (Bravo! bei der Wirtschaftlichen Bereinigung.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf D-ens- tag 1 Uhr. Schlutz OH Uhr._ Zum Untergang der„Titanic". Ein Fluchtversuch Jsmays. Der Direktor der„White Star Line", Bruce Jsmay, den die Ueverlebenden von der„Titanic" einstimmig für den Haupt« schuldigen an der erschütternden Katastrophe halten, scheint zu der Ueberzeugung gekommen zu fein, daß ihm eine harte Strafe erwartet. Nachdem der Senat angeordnet hatte, datz Direktor Jsmay, sowie die vier geretteten Offiziere und 12 Mann der„Titanic" vor« läufig zurückzubehalten seien, versuchte JSmah am Sonntag- nachmittag einen Fluchtversuch. ES gelang ihm, mit Hilfe einiger Freunde, an Bord der.Cedric" zu kommen, die zur Abfahrt im New Dorker Hafen bereit lag. Die mit der Unter- suchung der Katastrophe betraute Kommission hatte jedoch Wind von Jsmay« Vorhaben erhalten, und eS gelang ihr. die Absicht dcL flüchtigen Direktors im letzten Augenblick zu vereiteln. Direktor JSmay hat Sonntagabend eine lange Erklärung veröffentlicht, in der es u.a. heitzt:.Nur aus Höflichkeit gegen die Untersuchungökommission des Senats halte ich mich verpflichtet, vorläufig auf die lächerlichen Erklärungen gewisser Zeitungen nicht zu antworten. Ich möchte aber heute die bestimmte Versicherung abgeben, datz ich an Bord der untergegangenen„Titanic" nie- mal? irgendwelche Vorrechte genossen habe. Ich bin auch niemals über den einzuschlage ndenWeg, über die zu entwickelnde Schnelligkeit oder sonst über irgend etwa«, waS mit der Führung des Schiffes zu tun hatte, gefragt worden. Ebenso ist es auch falsch, wenn be- hauptet wird, datz ich einen neuen SchnelligkeitS- rekord aufstellen und die Knotenzahl der«Titanic" erhöhen wollte, ich habe auch niemals daran gedacht, mich in die für die Frauen und Kinder bestimmten Rettungsboote zu begeben. Ich selbst habe mich über zwei Stunden lang an den RettungS- arbeiten beteiligt und dafür gesorgt, datz die Frauen und Kinder in die Boote geschafft würden. Hoffentlich werden alle Reeder aus der furchtbaren Katastrophe ersehen, datz sie kein zu großes Vertrauen in die wasserdichten Schotten setzen dürfen, und datz die heute üblichen Rettungsboote vollständig ver- altet sind." Der arme, vielverkannte Mann! Nur schade, datz die Ansichten der geretteten Passagiere über die Tätigkeit des Herrn JSmah so ganz anders sind. Menschen dritter Klasse. Ein grelles Schlaglicht aus den vielgerühmten Heroismus bei dem Untergang der„Titanic" wirft die Schilderung eines Schiffsarztes der„Titanic". Dieser erzählt, daß nach dem Zusammenstoß an Bord des Schiffes, besonders unter den Passagieren der dritten Klasse, eine entsetzliche Panik ausbrach. Die Passagiere stürzten an Deck und Szenen wildester Verzweiflung spielten sich ab, insbesondere als zwei Rettungsboote vor über fuhren, die nur zur Hälfte besetzt waren. Die Insassen beider Boote weigerte« sich jedoch, Passagiere der dritten Klasse auf- zunehmen. Nur der energischen Haltung der„Titanic"- Ma- trafen sei es zu danken, daß auch Frauen der dritten Passagierklasse gerettet wurden. Die Mannschaft habe mit vorgehaltenem-Revolver die männlichen Passa- giere der höheren Klassen davon abgehalten, sich vor den Frauen in die Boote zu stürzen. Aus Interviews von Zwischendeckern ist zu entnehmen, daß man erst dann an die Rettung der Zwischen- d e ck e r gegangen ist, als die K a j ü t L p a s s a g i e r e und l'/a Dutzend Boote von dem oberen Deck von der„Titanic" abgestoßen waren. Als die letzten Boote zu Wasser gc- lassen wurden, standen Hunderte von Frauen und Kindern jammernd und weinend an der Ree- l i n g. Nur wenige waren mit Rettungsgürteln versehen, an- scheinend weil nicht genügend vorhanden waren. Feuer an Bord der„Titanic". New Jork, 21. April. Der Heizer D i I l e y von der„Titennc" erklärt, im Kohlenraum des Dampfers sei schon in Southampton Feuer ausgebrochen, zu deren Be- kämpfung 12 Mann gestellt wurden. Diese hätten aber bis zur Stunde des Unterganges nichts gegen die Flammen ausrichten können. Die Offiziere hatten den Heizern streng verboten, darüber zu sprechen. Bergung von Opfern. New Nor», 22. April. Der Kabcldampfer„Mae Kay B e n n e t t" berichtet, datz er in der Nähe der Untergangsstelle der„Titanic' 64 Leichen gekorgen habe, die vermutlich noch identifiziert werden können. Einige andere, deren Rekognoszierung nicht mehr möglich war. wurden in die See versenkt. Nicht im Stich gelassen. Zu den Vorwürfen, die von dem zweiten Telegraphisten Bride von der.Titanic' und dem Börsenmakler Taylor gegen die Führung des Lloyddampfers„Frankfurt' erhoben wurden, ver- breitet die Direktion des Norddeutschen Lloyd folgende Dar- stellung: Der zweite Markomtelegraphist des Dampfers.Titanic', Bride. hat in seiner Aussage den Dampfer„Frankfurt' des Norddeutschen Lloyd beschuldigt, auf das ihm an erster Stelle drahtlos zugegangene Hilsegesuch der„Titanic' nicht reagiert zu haben. Auf diese uns allerdings von vornherein völlig haltlos erschienene Beschuldigung haben wir uns veranlaßt gesehen, uns so- fort auf drahtlosem Wege mit der.Frankfurt' in Verbindung zu setzen, von deren Kapitän uns soeben nach- folgendes drahtloses Telegramm zuging: Dampfer.Frankfurt' auf das Hilfesignal sofort nord w ä r t s gesteuert. Trafen um 10 Uhr 50 Minuten an der Unfall st elle ein. Die Distanz war 140 Meilen. Trafen an der Unfallstelle die Dampfer.Birma',.Virginian' und .Carpathia' an. gez. Hattorf. Danach beruhen also die Aussagen des Telegraphisten Bride auf einer direkten Unwahrheit, ebenso wie die diese Aussagen betreffende Bestätigung des Börsemnaklers Taylor aus Philadelphia. Diese Darstellung des Norddeutschen Lloyds wird noch gestützt durch die Aussage des Telegraphisten Bride selbst. Wie er vor der Untersuchungskommission bekundete, habe der Telegraphenbeamte Philipps, als er von dem Telegraphen- beamten der„Frankfurt' gefragt wurde, was geschehen sei, den Telegraphenbeamten der.Frankfurt' mit der Bemerkung, er sei ein Narr, aufgefordert, ihn nicht zu unterbrechen, trotzdem er aus der Stärke des Signals entnehmen konnte, daß die.Frankfurt' näher war als die.Carpathia'. ftim Prozeß wegen der flSylitten- Vergiftungen. In dem Methylalkoholprozeß wurde gestern die VerHand- lung wieder aufgenommen. Zu dem bedauerlichen Vorgehen des Landgerichtsdirektors Brieskorn gegen die Presse, das die anwesenden Berichterstatter zwang, den Gerichtssaal zu verlassen, geben uns diese gemein- schaftlich folgende ergänzende Erläuterungen. Herr Medizinalrat Dr. Störmer, der unschuldigerweise Anlaß zu der Aeußerung des Vorsitzenden gegeben hat. saß, in ein Aktenstück vertieft, nicht an einem der Sachverständigen- tische, sondern hatte aus Zweckmäßigkeitsgründen an einem der den Pressevertretern zugewiesenen Tische Platz genommen. Er hat sofort selbst die Erfahrung machen müssen, w i e schlecht man von dort aus verstehen kann, so- bald nicht sehr gut gesprochen wird. Wenn er diese Tatsache feststellte, so ist nicht zu erkennen, wie hieraus der Vor- sitzende Veranlassung zu einer so verletzenden Bemerkung gegen die Presse entnehmen konnte. Bekanntlich macht der Ton die Musik. Den Berichterstattern mußte diese Bemerkung des Vorsitzenden um so mehr als eine Brüskierung erscheinen, als sie sonst stets bei allen anderen Verhandlungslcitern ein dankenswertes Entgegenkommen zu finden gewohnt sind, an dem es auch die Vertreter der Staatsanwaltschaft niemals fehlen lassen. Im Gegensatze zu anderen Verhandlungsleitern, die bei größeren Prozessen sich über die Bedürfnisse der Pressevertreter informieren und ihnen zweckentsprechende Plätze zur Verfügung stellen. ertönte hier vor versammeltem Kriegsvolk die laute Weisung:.. dann muß die Presse 'raus!" Diese Bemerkung mußten die Berichterstatter als eine unbegründete Herabsetzung betrachten, zumal der Vor- sitzende schon im ersten Stadium der Verhandlung durch den gleichfalls unbegründeten Vorwurf einer„tendenziösen Bericht- erstattung' und andere Bemängelungen seinen ablehnenden Standpunkt der Presse gegenüber bekundet hatte. Was die eventuelle Verweisung der Berichterstatter in den schwer er- reichbaren und gefüllten Zuhörerraum betrifft, so ist kaum an- zunehmen, daß Herr Landgerichtsrat Brieskorn ernstlich an die Möglichkeit einer Berichterstattung von dieser Stelle ge- dacht haben kann, denn es bedarf keiner Beweisführung, daß selbst ein Mitglied des Gerichtshofes auch unter Zuhilfenahme eines amtlichen Stenographen nicht imstande wäre, von dort aus einen einigermaßen zutreffenden Bericht zu liefern. Wer als Berichterstatter an Gerichten im Reiche oder im Auslande tätig ist, weiß, daß man überall sehr geneigt ist, der Presse ihre Tätigkeit im Dienste der Oeffentlichkeit zu erleichtern. Als Beispiel diene, daß während des vor einiger Zeit in Petrikau in Rußland(!) verhandelten Prozesses den zahlreich erschienenen Pressevertretern ganz be- vorzugte Plätze zugewiesen worden waren. Angesichts der ganzen Sachlage wird es das Publikum verstehen, daß die beteiligten Berichterstatter nicht gewillt waren, eine in Aussicht gestellte Ausweisung abzuwarten, sondern als Leute, die auch Ehre im Leibe haben, auf eine westere Berichterstattung ver- zichteten. Ihnen wohnte dabei die feste Ueberzeugung inne, daß ihr Verhalten von den Zeitungsredaktionen durchaus ge- billigt werden wird. Oskar Thiele. in Uebereinstimmung mit den übrigen Berichterstattern. Zu den Vorkommnissen in der letzten Sitzung deS Pro- zesses geht uns noch folgende Mitteilung zu: Es ist aufgefallen, daß gegen die Behauptung des Justiz- rats Dr. Jvers, die sich gegen den Rechtsanwalt Dr. Werthauer richtete, letzterer nichts erwidert hat. Der letztere legt Gewicht darauf, festgestellt zu sehen, daß der Grund hierzu folgender sei: Der Vorstand der Anwaltskammer und das Ehrengericht stehen auf dem Standpunkt: wenn ein Anwalt eine Handlung in der Sitzung begeht, welche eine Verletzung enthält, ein anderer Anwalt niemals Anlaß nehmen darf, dieserhalb gegen den betreffenden Anwalt seinerseits in der Sitzung etwas zu veranlassen. Es würde dies einen Eingriff in die Sitzungspolizei des Vorsitzenden enthalten. Wenn der Vor- sitzende einen derartigen Vorgang nicht rügt, so hat der Verletzte nur das Recht, bei der dem Vorsitzenden vor- gesetzten Behörde diese Unterlassung zum Gegenstand der Disziplinarbeschwerde zu machen. Wenn derjenige, der die Verletzung ausgesprochen hat. ein Anwalt ist, so untersteht dieser der Anwaltskammer und dieser muß es durch Anhängig- machung der Sache überlassen werden, gegen den Betreffenden einzuschreiten. Demgemäß hat sich Dr. W. die Worte des Rechtsanwalts Dr. Jvers und die Nichtrüge der Worte durch den Vorsitzenden sich in der Sitzung lediglich gefallen lassen und nichts darauf erwidert, weil bei einem gleichen früheren Fall er vergeblich um Schutz gebeten hatte. In beiden vor- stehend bezeichneten Richtungen hat Rechtsanwalt Dr. Werthauer die vorgesetzte Behörde des Landgerichtsrats Brieskorn und die Anwaltskammer um ihr Einschreiten gebeten. L Uerbandstag des Deutschen Karschnerverbaudes. Leipzig, 22. April. Zum vierten Male kamen am Montag die berufenen Vertreter des Kürschnerverbandes im hiesigen Volkshause zusammen, um Rück, und Ausblicke über die Verbandstätigkeit zu halten. Der Vorstand des Verbandes hat über die drei letzten Jahre 1009 bis 1911 Rechenschaft abzulegen. Drei Jahre, in denen die Kon- junktur dem Berufe nicht besonders günstig war und die große Kämpfe für die Organisation beachten. Mit Schluß dieser Ge- schäftsperiode sieht dieser Verband auf ein 10 jähriges Be- stehen zurück:, am 1. Januar 1902 hat er seine Tätigkeit begonnen. Bei seiner Gründung traten dem Verbände gleich 1158 Mitglieder bei, Ende 1911 zählte er deren rund 4000. In den 10 Jahren hat der Verband manch harte Kämpfe für die Verbesserung der Ver- hältniffe der Kollegen geführt und manche Vorteile für die Mit- glieder errungen. Die tägliche Arbeitszeit wurde seit Bestehen des Verbandes im Berufe um mindestens eine Stunde verkürzt, und mit der Arbeitszeitverkürzung war auch fast überall ein Steigen der Löhne zu verzeichnen. In sieben Geschäftsjahren, über die eine Zusammenstellung vorliegt, wurde für 2710 Personen eine Lohn- erhöhung um 8053 M. pro Woche erzielt. Die Agitation wurde in der Berichtszeit rege betrieben. Daß sie erfolgreich war. zeigt die hohe Zahl der Aufgenommenen: 4890. Von diesen neu Eingetretenen blieben aber nur 24 Proz. als Mitglieder erhalten, ein Zeichen starker Fluktuation. Zu Beginn der Geschäftsperiode zählte der Verband 2811 Mitglieder<2092 männliche und 719 weibliche) und an ihrem Ende 3995 Mitglieder <2651 männliche und 1344 weibliche). Die Zahl der männlichen Mitglieder stieg um 27 Proz., die der weiblichen aber um 87 Proz.; der gesamte Zuwachs beträgt 1142 gleich 42 Proz. Die Zahl der Verbandsfilialen stieg von 44 auf 49. Lohnbewegungen, Streiks und Aussperrungen fanden in der Berichtszeit 47 statt, an denen 4728 Personen beteiligt waren. Im Mittelpunkt dieser Bewegungen steht die große Aussperrung in der Zurichterbranche, die vom 1. Januar bis 31. März 1911 dauerte. An dieser Aussperrung, die durch den Ausschluß dreier Verbandsmitglieder durch die Zahlstelle Rötha— mit dem der Verbandsvorstand aber nicht einverstanden war— hervorgerufen wurde, waren 1287 Mitglieder beteiligt. Die Kosten hierfür be- trugen 167 490 M.— Von den 47 Bewegungen verliefen 28 erfolgreich, 15 mit teilweisem Erfolg und 4 mit negativem Resultat. Erreicht wurde für die 4728 Beteiligten eine Arbeitszeitver- kürzung ülii 3904 Stunden wöchentlich und eine Lohnerhöhung uni 6321 M. pro Woche. Abgewehrt wurden eine Arbeitszeitver- längerung um 45 Stunden und eine Lohnreduzierung um 512 M. Tarifverträge kamen 22 zum Abschluß. Die Ausgaben für die Streiks und Aussperrungen 1909 4324 M., 1910 10 327 M. und 1911 170 924 M. Die Unterstützungseinrichtungen deS Verbandes wurden durch Beschluß des letzten Verbandstages ganz bedeutend erweitert. Am 3. Oktober 1910 traten die Arbeitslosen-, die Reise- und die Umzugsunterstützung in Kraft. Für die Zweige der Erwerbslosenunterftützung wurden in der Berichtszeit 37 201 M. aufgewendet. Und zwar für Arbeitslosigkeit am Orte 9790 M., Reis eunterstützung 361 M.. Krankenunterstützung 26497 Mark und für Wöchnerinnenunterstützung 550 M. Die Gesamt- einnahmen der Hauptkasse betrugen in den drei Jahren 353 023 Mark, die Ausgaben 352 653 M. Die Mehreinnahme ist also ganz gering, sie beträgt nur 370 M. Das Vermögen des Verbandes belief sich Ende 1908 auf 53 138 M.. Ende 1911 auf 53 508 M. Auf der Tagesordnung des Verbandstages stehen neben den Geschäftsberichten nur die Punkte Statutenberatung, Stellung zur Internationalen Kürschnerkonferenz und Beratung der übrigen Anträge. Der Verbandsvorstand unterbreitet dem Ver- bandstag einen Statutenentwurf, der eine Beitragserhöhung um 5. 10 und 15 Pf. vorsieht. Gleichzeitig wird eine entsprechende Erhöhung der Erwerbslosenunterstützung vorgeschlagen. Die Streikunterstützung soll in den drei ersten Klassen etwas ermäßigt werden. Wichtig ist ferner der Vorstandsvorschlag auf Einsetzung eines Beirats, wie ihn andere Organisationen haben. Der Vorstand hat weiter ein neues Streikreglement ausgearbeitet, das ihm bei Bewegungen größere Rechte zusichern würde. Nach diesem Reglement müssen sämtliche Streiks nicht nur die Zustimmung des Verbandsvorstandes haben— das war auch bisher so—, sonders dem Vorstand steht auch das Recht der Leitung bei allen Streiks zu. Auch soll er das Recht haben— und das ist wohl die wichtiyfte Frage—, einen Streik als beendet zu erklären, wenn keine Aussicht auf Erfolg vorhanden ist. Diese Vorschläge des Vorstandes wurden zweifellos durch die Vorspiele bei der großen Aussperrung in der Zurichterbranche diktiert. Die Anschauungen des Vorstandes und der Ortsverwaltung Rötha standen sich strikte gegenüber. Das Festhalten der Ortsverwaltung an ihrem Standpunkt— Ausschluß dreier Mitglieder— hatte die Aussperrung zu Folg«, die den Verband die hübsche Summe von fast 170 000 M. kostete. Daß der Vorstand da Vorsichtsmaßregeln treffen will, kann man ja verstehen, ob aber feine Vorschläge auf dem Verbandstage Zu- fiimmung finden, ist sehr fraglich. Die Redaktion des Verbands- organS hat in einem geharnischten Artikel gegen sie Stellung ge- nommen. Sie sieht in den Vorschlägen eine Beschränkung der Recht« der Ortvsverwaltungen und lehnt sie aus Gründen der Demokratie ab. Die Filiale Berlin verwirst in einem Antrag zum VeÄbandStage die Vorstandsvorschläge„wegen deS dariu ent- haltenen autokratischen Charakters'. Gegen diese Ansicht wendet sich der Verbandsvorsitzende im VerbandSorgan.„Nicht Herrsch- suchtSgelüste' feien die Leitmotive für die neuen Vorschlage gewesen,„sondern die Ueberzeugung, daß unter den jetzigen Ver- Hältnissen ein« schärfere Fassung erforderlich sei'. Diese gegenteiligen Ansichten lassen auf interessante AuSet»< anderfetzungen auf dem Verbandstage schließen, Soziales. Die Lieferungspfticht der Heimarbeiter. In der Heimindustrie ist es allgemein Sitte, daß die Arbeiter sich das Arbeitsmaterial abholen und die fertige Arbeit wieder zu, rückbringen. Dadurch entsteht den Betreffenden jedesmal neben den eventuellen Fahrkosten ein erheblicher ZeiWerlust, der ihnen nicht entschädigt wird; mit den oft sehr miserablen Löhnen gilt auch dieser Zeitaufwand für entschädigt. Daß dieser Zeitaufwand nicht gering zu bewerten ist, bestätigte jüngst ein Unternehmer selbst, indem er für das Abholen einer fertigen Arbeit von einer Näherin die nette Summe von 1,45 M. in Anrechnung brachte. Die betreffende Näherin, Frau war damit aber nicht einverstanden und klagte vor dem Gewerbegericht gegen die Firma Moritz Marcus auf Zahlung dieser Summe. Sie gab an, durch Krankheit am Liefern verhindert gewesen zu sein, und habe deshalb den Beklagten telephonisch ersuchen lassen, die fertige Arbeit abholen zu lassen. Der Beklagte machte den Ein- wand, daß ihm durch das Abholen ein Schaden in Höh« der ev- wähnten Summe entstanden sei, da sein Hausdiener dazu 214 Stunde Zeit und 20 Pf. Fahrgeld gebraucht habe. Die Kammer I unter Vorsitz des Magistratsassessors Dr. Ma- guhn vermochte jedoch einen der Firma entstandenen Schaden nicht anzuerkennen, da der Hausdiener gegen Wochenlohn beschäfttgt und zu jeglicher Dienstleistung dem Beklagten gegenüber verpflichtet war. Einen Erttaaufwand brauchte der Beklagte also nicht zu machen und konnte demgemäß auch keinen Anspruch auf Schaden- ersatz erheben. Nunmehr erklärte sich der Beklagte zur Zahlung der Klagesumme bereit. 6 hervorragend billige Angebote acKett- Anzüge tlilllllllllHIIIillUlllüllllilliiiMlllllllhiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiniiiniiiiiiiiHiiiilllllUiHIIHIIIli Hochmoderne Stoffe u. Fassons- Vorzüglicher Sitz- Exzellente Erzeugnisse unserer Kleiderwerke J SERIE I T__ 1_i.l. braun und graue Phantaaiesloffe nach o-f Jackett- Anzüge enzl. 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Katalog Nr. 44(Neueste Moden) kostenlos und Verantwortlicher Redakteur� Albert WachS�Berlin. Für den Jnjergtentetl Verantw.: T�GlHckc,Berttn.'Druck u.«erlag: Vorwärts Buchdruckerei s. LerlagSanftatt Kavl Singer u. Sfe» getliB SM* Kr. 94. 39. Iahrgasg. 2. KeilliU des.Fmiick" Kerlim WlksdlÄ Dienstag. 33. April t91Z. Mgeoränetenkaus. S3. Sitzung. Montag, den 22. April» vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Trott zu Solz. Tie höhere« Lehranstalten. Ein Antrag Eickhoff fVp.) wünscht Vereidigung der Lehr- amtSkandidaten zu Beginn des Vorbereitungsdienstes; ein Antrag Engelbrecht(fl.) ersucht um Einführung deS gemeinsamen Unterbaues der höheren Schulen namentlich in kleineren Städten und zwar im Interesse der Erleichterung der Vorbildung der Schüler. Abg. Graf Canuen-Zieserwitz(t) tritt für uneingeschränkte Auf- rechterhaltung des humanistischen G Y m nsa s i u m s mit dem griechischen Unterricht ein. Er billigt den Erlaß über die bei den schriftlichen Klassenarbeiten(Extemporalien) zu beobachtenden Grund- sähe. Aber wenn diese Leistungen bei einem größeren Anteil schlechter Arbeiten nicht zensiert werden sollen, so bedeutet das eine Förderung der Schülerfaulheit. Es wird überhaupt viel zu viel „Schonung' getrieben.(Beifall rechts.) Abg. Dr. Heß(Z.) äußert, jedoch nicht namens seiner Fraktion, Bedenken gegen den Erlaß, da die Herabsetzung der Anforderungen nicht richtig sei. Wenn hier ein Erlaß deS Ministers lobend be- sprachen wird, beruft sich der Minister darauf; wenn er aber kritisiert wird, spricht er der Kritik die Berechtigung ab. Der Erlaß bedeutet nur eine Begünstigung der Kinder der Neschen, denen die Erlangung höherer Stellen usw. erleichtert wird. Was für eine Generation wird man so erzielen! Möge dieser Erlaß nur bald verschwinden I Abg. Eickhoff(Vp.): In Dortniund versagt man trotz Reichs- gericktSurteil den städtischen Oberlehrern immer noch die höhere Besoldung, zieht aber schon die Steuern dafür ein! Die Ex- temporalien haben zur Verkennung und Entmutigung braver, aber langsamer Arbeiter unter den Schülern geführt. Kultusminister v. Trott zu Solz: Nicht die Anforderungen an die Schule, sondern nur die übergroße Schätzung der Extemporales wurden herabgesetzt durch meinen Erlaß. DaS Extemporale wurde mißbraucht. Ein Lehrer, der nicht so wirken würde, daß die vom Abg. Gras Carmer befürchteten Verabredungen zum Schlechter arbeiten unterbleiben, ist ernfach nicht an seinem richtigen Platze. (Sehr richtig! links.) Jetzt weiß der Schüler nicht, wann Extemporale ist, er niuß stets vorbereitet sein. Daß der Erlaß den Reichen nütze, ist ganz falsch, denn im Gegenteil ist zu bedenken, daß die Söhne der Reichen bisher zu Hause von H a u S- lehrern für die Extemporalien eingepaukt werden konnten, die Söhne der Armen dagegen nicht. Wir müssen unsere Schüler streng herannehmen, um sie zur Ucberwindung der ihnen im Leben bevorstehenden Schwierigkeiten zu befähigen. Die Hebung des Ober lehrerstandes ist im letzten Ende nicht der Lehrer wegen, sondern in dem Bestreben geschehen, die besten Kräfte für unsere Jugend und für unsere Schule zu gewinnen. DaS wachsende Angebot an Lehr- kräften setzt unS auch in die Lage, die Anforderungen zu erhöhen. Der Minister bespricht dann Dienst- und Stellenfragen. Abg. Ströbcl(Soz.): Mit dem Antrag Ernst(Vp.) auf Beseitigung der Vorschulen sind wir einverstanden, weil die Vorschulen ein krasser Aus- .druck der Privilegienschule und der Klassenschule sind. Wir wünschen deshalb, daß die Vorschulen recht bald verschwinden — auch deshalb, damit nicht unter Umständen freisinnige Stadt- verordnete sich genötigt sehen könnten, gegen die Beseitigung der Vorschulen zu stimmen, weil sich solche noch in der Nähe der Groß- städte, z. B. auch in den Berliner Vororten befänden. Diese Herren konnte» sonst sagen, wenn in Berlin die Vorschulen beseitigt werden, könnten die Eltern immer noch ihr« Kinder in die Vorschulen der Bororte schicken. Die Vorschulen könnten ganz ruhig verschwinden, sie haben gar keinen Zweck. Vennes hat sich oft genug gezeigt, daß die Schüler, die direkt aus der Volksschule in die höheren Lehranstalten über- treten, ebenso gut fortkommen. Zweifellos find die höheren Lehranstalten heute noch Ein- richtungen, die auf da» K l a s s« n i n t e r- s f e und den Klassen- bochmut der Besitzenden zugeschnitten find. Ein überaus geringer Prozentsatz der höheren Schüler sind Arbeiter- kindcr. trotzdem die«rbeiter einen so hohen Prozentsatz der Gesamt- bevölkerung darstellen. Dieser Klassencharakter verschwindet auch dann nicht, wenn eS einem oder dem anderen besonders begabten Schüler kleines Feuilleton. Theater. Matinee der Neuen freien Bühne. Mit dem Drama „Die Mutter' wurde der Stanislaw PrzybySzewSkysche „Totentanz der Liebe" zu einem wenig rühmlichen Ende gebracht; denn dies.Kammerspiel' war ein reine« Jammerspiel Ob aber selbst bei guter Darstellung daS Stück gewänne, dürfte angesichts seiner mühsam konstruierten Handlung und psychologischen Hilflosig- keit doch fraglich erscheinen. Partikelchen einer dichterischen„Stim- mung' entschädigen nicht für die mangelnde Gestaltung. Was da „unter Psychosen und Neurosen' als.neuer Mensch' angekündigt wird,.der Dinge fühlt und sieht, die für andere nicht vorhanden sind', ist doch schon sogar für die Ultramodernen ein recht veraltetes Experiment. PrzybqSzewSkyS.Mutter' hat hinter dem Rücken ihres Mannes ein ehebrecherisches Verhältnis mit dem Verwalter angefangen. Der Gehörnte gehl in den Wald und erschießt sich. Nach zehnjähriger Abwesenheit kehrt der Sohn de» Toten heim. Mit der Tochter des Verwalters spinnt sich»ine aus Kinderzeiten herrührende Liebe an, die sowohl von der Mutter al« vom Vater deS Mädchens zu ver- hindern gesucht wird. Dann taucht ober auch ein Freund des jungen MonneS auf. eine Art unheimlicher Gast, gazit: die Liebenden heiraten sich nicht, weil keins von beiden den Gedanken ertragen lönnte. daß die zwei Alten des Vaters Tod verschuldet haben. Wie man sieht: es ist nur«ine Tragödie in der Einbildung. Der Freund brennt die Fabrik an, deren Feuerschein leuchtet hwter der Szene. Der Verwalter nebst Töchterlein laufen zur Brandstelle; wahrscheinlich stürzen sie sich in die Flammen— denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Wenn dem Dichter am Weihrauch von ein paar KaffeehauSliterateukund orientalischen Ueber-Weibsen gelegen ist. schön; aber die OeMtlichkeit lasse man in Ruhe. v. K. NeueS Schauspielhaus:.Der Turm des Schweigen«'. Schauspiel von G u st a v C o l l i j n. Den ver- schwommencn Schwulst dieser drei Akte, die anderthalb Stunden fülle», doch mindestens da« Doppelte zu dauern schienen, bat man, als ob derlei nicht au» bei uns im Ueberfluß produzieri würde. vom Ausland, aus Schweden, bezogen. Tie Personen: die sagen- hafte Babylonierkönigin SemiramiS. der König von Indien. Pri-Iter und Heerführer entschädigen für das Schweigen des düsteren Turme«, durch um so eifrigere Beredsamleit. Dem alten Jsiar« tempel gegenüber erhebt sich in dem Bühnenbild die Silhouette einer steilen Treppe, auf deren oberen Absatz von Zeit zu Zeit SemiramiS in prunkvollem Schmucke, mit einer Geißel in der Hand, erscheint. Die Schauer der Situation noch zu erhöhen, hat der Poet die Sonne aus seinem Werk verbannt. Rächt muß es sein in den drei Akten; allenfalls, damit der Züschauer doch etwa» sehen kann, läßt er die Morgendämmerung heraufziehen. Der Hohepriester der Göttin Ist« hat Differenzen mit der Kömgin. Er prophezeit ihr Niederlagen, wenn sie ihr Heer über dm Grenzfluß zum Angriff in das Land des StabrobateS, des möglich ist, durch Stipendien und Schulgelderlaß das Studium an einer höheren Lehranstalt betreiben zu können. Uebrigens spielen diese Zuwendungen nicht die Hauptrolle, sondern vielmehr die Unter- halt» kosten. Ebenso sympathisch wie dem Antrag Ernst stehen wir demjliitrag Engelbrecht für einen einheitlichen Unterbau der höheren Schulen gegenüber. Dafür liegt zweifellos ein Bedürfnis, namentlich in den kleinen Städten, wo nur einerlei Anstalten vorhanden sind, vor. Der einheitliche Unterbau wäre bis zur Tertia, vielleicht sogar bis zur Sekunda möglich. Viele Jahre war das humanistische Gymnasium nur eine Vorbereitung« anstalt für die Universität, heute hat eS einen ganz anderen Charakter angenommen. Die Realschule wieder war zunächst nur ein Mittel, um denjenigen. die nicht studieren wollten, eine höhere Bildung zu gewähren. Die glänzende Entwickelung und die praktische Anwendung der Naturwissenschaft hat die höhere Einschätzung der Realschulen und technischen Hochschulen hervorgerufen; die technische Entwickelung hat aber auch die Wertung der Sprachen verschoben. Man sieht in den klassischen Sprachen nur noch in erster Linie das Mittel zum Verständnis der in sich abgeschlossenen alten Kulturwelt, während man an den lebenden Sprachen nicht nur den praktischen Wert, sondern auch ihr Fortschreiten schätzt. Die praktischen Verhältnisie zwingen zum gemeinsamen Unterbau, zur Vereinheitlichung, und nach meiner persönlichen Meinung sind die Tage des huma- nistischen Gymnasiums gezählt. Man überschätzt gewiß den Einfluß der griechischen Sprache auf unsere Kultur und ihr gramnmtikalischer Betrieb an den Gymnasien wird ja sogar von Philologen nur noch als Verstandesschulung gelobt. Ein Zeichen der hierin eingetretenen Wandlung ist auch der Extemporalienerlaß. Das Extemporale sollte den Grad der Beherrschung der Sprache durch den Schüler zeigen. DaS war der Hauptzweck und ist es heute noch, wenn auch gemildert durch den Erlaß. Dieser ist auS der Erkenntnis mit hervorgegangen, daß die Beherrschung einer Sprache weniger durch grammatikalische Studien als durch U e b u n g erreicht wird. In sehr vielen Fällen wurden tote Sprachen nicht für's praktische Leben erlernt, sondern auch um einen Unter- schied zwischen den„Gebildeten' und der großen Masse der minder- berechtigten, der von jenen beherrschten.Ungebildeten' herauszu- arbeiten. Die modernen Sprachen eignen sich aber ebenso wie die toten zum geistigen Turnapparat— sie sollen aber nicht um ihrer selbst willen, fondern um ihres Wertes und lebenden Ge- Haltes getrieben werden. Zur Lehre der antiken Kultur gehören auch Geschichte und Kulturgeschichte. Diese werden aber nicht so betrieben, daß daraus ein wirkliches Bild der alten Kultur gewonnen würde. Wir kennen Russisch und Norwegisch nicht— aber Tolstoj, Strindberg, Ibsen und G o r k i üben auf uns vielleicht längst mehr Einfluß auS als Aeschyloö, Sophokles und die anderen großen Dichter des klassischen Altertums. Zur Kenntnis der Literaturen ist die Kenntnis ihrer Sprachen nicht erforderlich. Wer wollte den kolossalen Einfluß Englands und Frankreichs, z. B. der französischen Revolution auf unsere Kultur leugnen? Erkennt ihn doch z. B. der nationalliberale Gcschicbts schreiber S y b e l an. Nur wer unter dieser großen Revolution bloß Guillotinenaufbau usw. versteht, kann daran zweifeln. Unser deutsches Geistesleben trägt die tief st en Spuren diese« Einflusses und kein anderer als Fürst B ü l o w hat dies zu« gestanden. An diesem Einfluß hat aber die ökonomische Entwickelung jener Länder und unsere eigene den größten Anteil. Trotzdem in unseren Schulen noch der Geist von anno dazumal herrscht, ringt sich doch in der jetzigen Revolution unseres Schul- wejenS der Gedanke durch, daß höhere Bildung die Erkenntnis unseres LeinS und feiner Kräfte sein muß. Unsere wirtschaftliche Entwickelung bedingt die� Umwälzung de« höheren Schulwesen«, die Tendenz zur praklischen AuS bildung, wie sie unsere Wirtschaft, Technik, Industrie braucht. Freilich die nationalistische Erziehung liegt nicht in dieser Tendenz. Wir Sozialdemokraten arbeiten mit aller Kraft dafür, daß unser Volk seine Heimat und Geschichte, seine Dichter und Künstler kennen lerne. Aber etwas ganz andere« ist der Nationalismus, derein falsches Bild de» eigenen Bater- lande« entrollt und jede» andere zu seinen Gunsten herabzusetzen bestrebt ist. Der Redner schildert daS Verschwinden des alten Studenten- lebens. seiner Streifereien in Wald und Feld, seines Frohsinn«— an dessen Stelle ein Uebertreiben de« an sich nur wünschenswerten Sports zur Fexerei, mit seiner AuSländerei und Sprachverderbung jungen Jndierfürsten, führe. Doch sie beharrt in Trotz. Niemand in ganz Asien dürfe sich mit ihr an Macht vergleichen. Darum muß auch Indiens Herrscher in den Staub gezwungen werden! Majestätisch pomphast rollen Drohreden, von der königlichen Treppe zu dem Turm herüber und hinüber. Dabei erfährt der ausinerl- tarne Hörer etwas von einem gebeimnisvollen Schwur. SemiramiS toll, unter Anrufung deS Zorns der Götter, sich verpflichtet haben, wenn sie nach ihres Gallen Tode je einen Mann mit ihrer Gunst beglücken werde, ihn dem Jstarpriester als Opfer auszuliefern. Und also bald kommt StabrobateS angeschlichen. Der König desertierte auS seinem eigenen KriegSlager, weil ihm SemiramiS' gerühmte Schönheit keine Ruhe ließ. Der gemütvolle Träumerjllngling muß der Feindin feine anbetende Liebe zu Füßen legen, auch iven» ihm diese Kühnheit gleich daS Leben kosten sollte. Unter leidenschaftlichen Beteuerungen klimmt er die steilen Stufen zu der Herrlichen hinan und wird zuguterletzt sehr gnädig auf- genommen. Am Morgen heisckit der mitleidslose Priester seinen Tod. Die Königin setzt sich zur Wehr. Der sanfte Jünßling aber, als er von den Götleritrafen, die dem Eidbruch folgen wurden, hört, betätigt die Echtheit seiner Liebe, indem er freiwillig in den Turm deS Schweigens geht und sich dort schlachten läßt. DaS Stück wurde wohl gewählt, weil man sich von ihm eine Bombenrolle für Tilla Durieux versprach. Indes alle ge- schmeidigen Reize des schlanken Körpers, alle Kunst im Ausdruck verzückter Selbstanbetung, springender Despotenlaune, de« Zorne» und begehrlich ausflammender Verliebtheit vermochte nicht den toten Konstrultioiien Leben einzuhauchen. Man empfand da« starke Können der Schauspielerin doch ohne Resonanz der Illusion. In den üblichen SchlußapplauS mischte sich vernehmliche Opposition. ckt. Musik. Eine Cavalleria Knrfürsticana wurde in der Kurfürsten- Oper am Sonnabend zum ersten Male aufgeführt. Die Musik- tragödie.Oberst Chabert', die wir also als eine Nachfolge der.Cavalleria rusticaua' zu kennzeichnen versuchen, ist ein ganz neues Werk eine» anscheinend noch sehr jungen Komponisten: H e r- mann Wolfgang von Walter« Haufen. Von ihm stammt auch der Text, abgesehen davon, daß dieser au» irgend einem wohl allgemein vergessenen Romane Balzac» herübergenommen ist. Das alte Motiv Enoch Arden wird hier dadurch variiert, daß ein siegreicher, aber dann totgeglaubter französischer Oberst lebendig begraben ist und durch alle möglichen Leiden«- geschicktren hindurch zu seiner Frau wiederkehrt, die aber mm glücklich ein zweites Mal verheiratet und Mutter von zwei Kindern ist. Da treiben nun ein bißchen Psychologie und noch ein bißckien mehr Theatertechnik ihr Spiel, bis endlich trotz aller besseren Anläufe der Schluß eine ganz kommune Schuß- uno Gistgeschichte mit Fackelbeleuchtung wird. Die Musik ist wenigstens konsequent. Kümmert sich um gar nichts, als um den darstellenden Ausdruck. Macht das oft verblüffend geschickt und jedenfalls mit dem heiligsten Ernst. Man hört auS dem Orchester wahrhastig, wie die da droben wimmert oder welch tritt; nicht zuletzt ist diese Entwickelung geschuldet der Entwicke- lung Deutschlands zur Weltpolitik, zum robusten Lebensgenuß der Besitzenden, zur ausschließlichen Bewertung des Geldes. Wie soll also die allgemeine Bildung unserer Zeit sein? Humanistisch, allgemein menschlich— so soll die Jugend die Stellung und Funktion des Menschen im sozialen Organismus kennen lernen. Der Uutmticht muß ziehend, konkret sein und neben der Entwickelung der Kennimsie muß auch auf ästhetischen und moralischen Unterricht Werl gelegt werden. Im Geschichtsunterricht, der fast der Mittelpunkt der Schule sein sollte, dürften nicht bloß Zahlen und Könige gelernt werden, sondern die Entwickelung von Staat und Familie, Gemeinden und der sozialen Verhältnisse müßten eine wahre Kulturgeschichte bilden, die uns vor diencr- hafter Demut, wie vor nationalistischem Hochmut bewahren würde Wir Sozialdemokraten verneinen keineswegs die Bedeutung großer Persönlichleiten, erkennen aber, daß auch sie sich eingliedern müssen in die Verhältnisse und nur bei Ueber- einstimnumg ihrer Absichten mit den Tendenzen ihrer Zeit erfolg- reich sein können. Wir sind auch nicht so einseitig, nur Erfolg- reiche als große Männer anzuerkennen! Diese Allgemeinbildung müßte allen zuteil werden, nicht nur jenen, die in der Wahl ihrer Eltern vorsichtig waren. Selbst der nationalliberale Abg. Hackenberg hat letzthin anerkannt, daß wir heute in der Tat nicht von einer allgemeinen Bildung sprechen können. Es müssen soziale Zustände geschaffen werden, in denen die Bildung wirklich allen zuteil wird, wo die Bildungsmöglichkeit wirklich der Gesamtheit unseres BolkeS gegeben ist. Weil dies aber in der heutigen„Ordnung" nicht möglich ist, fordern wir eben, damit unsere Kultur kein Kindcrspotl bleibe. eine andere Gesellschaftsordnung!(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Sie sagen, es tvürde eine wirkliche allgemeine Bildung un- geheuere Summen kosten. Nun, unser Militarismus kostet doch nicht nur 1700 Millionen, fondern mit den Zuschüssen vn die Soldaten von Hause mindestens 8000 Million enl(Hört! hört l bei den Sozialdemokraten.) Wenn das notwendig ist, dann um so notwendiger, daß hier Wandel geschaffen werde. Wenn siät der Abg. Heß und andere wundern, daß in der Lehrerschaft sozialistische Gedanken sich verbreiten, so ist eS klar, warum da» geschieht: Weil diese Kreise erst recht einsehen müssen, daß eine Vermittelung wirklicher Bildung und Kultur unserer Zeit nur mög- lich ist durch den Soziali SmuSI(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Hintzmann(natl.) behauptet, sich dadurch diametral vom Vorredner zu unterscheiden, daß er(Hintzmann) die Liebe zum Vaterland und zur Heimat in der Schule obenanstelle. Der Abg. Ströbel hat nur Bekanntes wiederholt, ohne allerdings hinzu- zufügen, daß es von anderen formuliert wurde. Der kgl. Erlaß, der die weitere Entwickelung des höheren Schulerlasses bestimmte, hat allen Streit beendet. Wir alle wünschen langsamen Fort- schritt und verwerfen alles Uebermaß an Kritik der Leistungen der Schulen, denn das nützt weder den Schülern, noch den Lehrern. Abg. Stroffcr(k.): Wer die Schüler kennt, weiß, wie leicht sie sich auch beim besten Lehrer verabreden können, schle-bte Arbeiten zu liefern, um die Nichtzensierung herbeizuführen. Wie erst bei minder guten Lehrern? Abg. Dr. Hauptmann(g.): Da« Lateinische ist heute noch eine miernationale missensaiastiiche Verständigungssprache. Die meisten technischen Ausdrücke sind lateinische Worte. DaS Lateinische wird also trotz aller Schulumgestaltungen auS unserem Leben nicht ver- schwinden. Abg. Ströbel(Soz„ persönliib): Der Abg. Hintzmann hat mich persönlich in einer Weise apostrophiert, zu der ich unmöglich schweigen kann. Er hat offenbar mit den von mir voraetragencir modernen Schulforderungen des Sozialismus nichts anzufangen ge- wußl und mich darum persönlich angegriffen. Wenn er mir vorwarf, ich hätte bei meinen Zitate» den Autor nicht an- gegeben— denn meine Rede selbst habe ich nicht vorher konzipiert—, so habe ich bei diesem Hause genug literarische Kenntnis angenommen, um das für uiinötia zu halten. Sollte da» nicht ausreichen, so bin ich gern bereit. Herr» H i n tz in a n n zuliebe nächstens zu sagen:„Unser großer nationaler Dichter Friedrich Christoph v o n S ch t l l e r hat gesagt" oder„der Herr Geheimrat und sogenannte Olympier Johann Wolfgang von Goethe hat grausigen Eindruck ein verlassene» Schlachtfeld macht und der- gleichen mehr; an allen möglichen Künsten in der Verwendung der — übrigens nicht besonders erweiterten— Orchesterinstrumente fehlt eS auch nicht. Manchmal kommen sogar sogenannte lyrische, weiche Züge. Da» ganze ist in ausgesprochener Weise eine Orchcsteropcr, 'eine Gesangsopcr, daS heißt: da drunten geschieht die Hauptsache und da droben findet man sich hinein, wie sich eben jedes Instrument in» Orchesterensemble hineinfindet.— Man brauche aber nicht den Ausdruck Naturalismus! Der Text bietet zwar eine moderne Konversation, aber bereits mit der entsprechenden theaterheißen Färbung. Und nun spricht da« Orchester nicht etwa so, wie wir es tereitS bei manchen Operndramen kennen gelernt haben, sondern fast immer wieder in der pompösen Art, die nun einmal von der ranzösischen Großen Oper zu dem sogenannten jungitalienischen Verismus führt. Aber alles, auch der Text, ist erfreulich knapp— nirgends wird geschwätzt. Im Publilum scheint ein kleiner energischer Anhang de? Kom- ponisten gewirkt zu haben. Der größte Teil der Zuhörer würde vielleicht den Kopf geschüttelt haben, wenn nicht der bald heraus- gerufene Koinponist einen so sympathischen Eindruck gemacht hätte— nichts weniger als den eines glücklichen Herrschers. So war denn alles in schönster Harmonie, und den Sängern kann man daS Beste (meist einschließlich deS Gesanges) nachsagen. Die in dein Verbände der Kursürsten-Oper neuaiiftaucheiide Anni'e Gura-Hummel brachte in der weiblichen Hauptrolle besonders das Lyrische, Weiche gut zur Geltung; und der Titelrolle wurde der Bariton Zawilowski so sehr gerecht, daß e« schien, er wolle lieber«in paar unschöne Töne singen, als nicht richiig charakierisieren. Die Kurfiirsten-Oper, heißt eS, wackelt schon, und die Füße derer, die Herrn Direklor M o r i« hinaustragen wollen, solle» vor der Türe stehen. Da» scheinen einerseits die Eigentümer des Hauses zu sei», die bereits den Uebergang in ein Schauspieluntcrnchmen vorbereiten möchten, und anderseits das Charlotteiibtirger Opern- hau», das vielleicht schon in l'/a Jahren spielen wird. Nun hat sich bisher Direktor M o r i« einen blauen Teufel um unsere Jnter- essen gekümmert. DaS hindert uns aber gar nicht, ihn, diese« Interesse freundlichst nahezulegen und ihm unsere Sympathie zuzu- sagen, wenn er die Absicht hätte, mit oder nach seinem Theater ans das Bildung«- und Kuustgenußbedürsnis der weitesien Kreise Rücksicht zu nehmen. Bisher hat er sich trotz allem immer noch ernst-kidffsst» risch bewährt. Und unsere Bevölkerung kann eS ganz gewiß brauchen, daß ein solch künstlerischcr Ernst endlich einmal auch über die durch „Berlin W und gar durch„Berlin C" gekennzeichneten Kreise hinauödringe.«. Notizen. — Gegen die Münchener Zensur, die ihrem reichen Ruhmeskranze eben ein neues Reis einverleibt hat— sie verbot die öffentliche Vorlesung von L. Goldschmieds Tragödie„Die Eni- weihung der Erde'— erlassen Münchener Schriftstsller einen gehar nischten Protest. aeschneven'. DaS bütffs dann Herrn HIntzmann genügen.(Heiierkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Hintzmann(natl.): Ich habe nicht den Ehrgeiz, mich in diese sozialistischen Schulforderungen hinein- zufinden, ebensowenig als ich Herrn StröbelS letzte LluS- führungen sehr geistreich finden kann. Der Antrag Engelbrecht(Vp.) geht an die Unterrichts- romniission. Bei der Abstimmung über den Antrag Eickhoff sBp.) setzt sich die Rechte und daS Zentrum. Erst alS ihnen zugerufen wird, daß fte den Antrag selbst unterzeichnet haben, stehen sie wieder cuf, so daß der Antrag angenommen wird.(Heiterkeit.) Abg. Ernst(Vp.) begründet seinen Antrag, die Lehrpläne der Volks- und höheren Schule» in enge Verbindung zu bringen und die Vorschulen zu beseitigen. Die 4>/. Millionen Stimmen der Sozialdemokratie beweisen die Notwendigkeit eines sozialen Ans- gleichs auch in der Bildungsfrage. Nicht nur die Sozialdemokraten fordern das Ideal der Einheitsschule. Der Redner wird in seinen sehr ausführlichen Tarlegniigcn der Notwendigkeit der von ihm be- antragten Reform öfter durch präsidiale Mahnungen zur Kürze unterbrochen. Ein Rcgier«ngskomuttssar: Wir haben schon bor drei Jahren eine Anregung in diesem Sinne gegeben, es sind aber nur drei Städte darauf eingegangen. Dienstag 11 Uhr: Fortsetzung; kleinere Vorlagen. Schluß 43/« Uhr._ Der Krieg. Kreuzfahrten der italienische» Flotte im Archipel. Saloniti,, 21. April. Ter hiesige Hafcnkommandant erhielt fion Rhodos die amtliche Mitteilung, daß heute sieben italienische Panzerschiffe und drei Torpedofahrzeuge dort eingelaufen und nach dreiviertelstündigenr Aufenthalt wieder in See gegangen seien. Nach Meldungen von Chios und Ten edos find dort gleichfalls ita licnische Kriegsschiffe gesehen worden. In Kreisen, die dem jung.. türkischen Komitee nahestehen, verlautet, den Mitgliedern des Komitees in Konstantinopel sei von berufener Seite die Zusicherung gemacht worden, daß mit einem italienischen Angriff auf Saloniki nicht zu rechnen sei. Trotzdem werden hier und bei den Befesti- gungen am Kap Kara-Burun sowie an den Küsten der Chalkidikc die Vorsichtsmaßregeln für den Fall eines Angriffs der Italiener plit ungeschwächtem Eifer fortgesetzt. Tschesme, LI. April. Zwei italienische Kriegsschiffe bombardierten gestern Alatsata bei Tschesme, richteten aber nur unbe- deutenden Schaden an. Verwundet wurde niemand. Auch die radiotelegraphische Station von Makri wurde von den Italienern bombardiert. Konstantinopel, 22. April. Infolge der Mitteilung deS Mali von S m y r n a, es gehe das Gerücht, daß acht italienische Kriegs- schiffe vor Chios erschienen seien, eine Frist von vier Stunden für die Ucbergabe gestellt und nach Verlauf dieser Zeit die Insel tbombardiert hätten, hat das Ministerium des Innern telegraphisch beim Gouverneur von Chios angefragt, doch steht die Antwort noch aus.— Tie Gerüchte von der Landung der Italiener auf L e mnos werden dementiert; alle Kabel, ausgenommen das von Mytilene, sind abgeschnitten. lieber die Auswieisung aller Italiener ist noch kein Beschluß gefaßt. Nur einige verdächtige Italiener beschloß die Ncgierilng auszuweisen. Tie Italiener vor Samos. Rom, 22. April.„Giornale d'Jtalia" veröffentlicht folgende Einzelheiten über die italienische Aktion vor Samos. Als der italienische Torpedobootzerstörer„Lstro" vor dem Hafen von VathN erschienen war, wurde die Besatzung des türkischen Stationsschiffes„Jskamich" von einer Panik ergriffen, öffnete die Ilnterwasserventile des Schisses, um es zu versenken und floh in die Stadt. Tie„Ostro" gab darauf einen Schuß ab, der den Kiel der„Jskamich" traf und ließ dann ein Torpedo ab, der die»Isla- mich" in die Luft sprengte. Schließlich traf ein genau gezielter Schuß den aus dem Waffcr hcrvorsehendcn Mast mit der türkischen Fahne. Die Bevölkerung begrüßte das Vorgehen der Italiener mit Rufen:„Es lebe Italien!",„Es lebe Savohenl" Die Italiener antworteten unter Schwenken der Mützen mit dem Rufe:„Es lebe SamosI" Tann trat das italienische Panzerschiff„Emanuele Filiberto" in Aktion und gab 64 Schüsse. gegen die türkische Kaserne ab, deren Flaggenmast mit der türkische» Flagge es zerstörte. Vier Geschütze, die von den Türken gegen den Aufstand von Samos verwendet worden waren, wurden gebrauchsunfähig gemacht. Ter italienische Kommandant verlangte sodann von dem vom Fürsten an Bord gesandten Beamten die Niedcrholung der türkischen Flagge und deren Uebcrgabc. Nachdem di»ö geschehen wvr, wurden die Feindseligkeiten eingestellt und cS wurde bekanntgegeben, daß, wenn gegen die Bevölkerung mit Zlvangsmoßregcln vorgegangen würde, die italienischen Schisse das Bombardement wieder ans- nehmen würden. Tie Bevölkerung von Samos ist über die Bc- freiungsaktion Italiens begeistert. Tie Tardanellensperre. Konstantinopek, 22. April. Die Sperrung der Dardanellen verursacht der Schiffahrt große Verlegenheit. Ucbcr fünfzig Dampfer befinden sich im Hafen. Im Personen-, Waren- und Post- verkehr ist eine Stockung eingetreten. Dock) werden Maßnahmen getroffen, um den Verkehr aus indirekten Wegen abzuleiten. Die Eisenbahngescllschaften sagten der Regierung Erleichterung für den Getrcidctransport zu. Tie Stadtbehörde trifft unablässig Vor- kehrungen, um die Lebensmittelteuerung hintanzuhalten. Wegen der Einstellung des Verkehrs mit Trieft trat auf dem Zuckermarkt große Hausse ein. Rostow am Ton, 21. April. Die Gctreideexporteure haben Beratungen abgehalten, wie Verluste infolge der Sperrung der Dardanellen verhütet werden könnten, und beschlossen, durch den Ministerpräsidenten bei der türkischen Regierung die Wieder- Herstellung des freien Verkehrs zu erwirken unter Hinweis darauf, daß es unmöglich sei, die teuer angeschafften Getreideüberschüsse zu realisieren und daß demzufolge schwere Verluste eintreten würden. Gleichzeitig haben die Getreidehändler darum ersucht, den Getreidekredit nicht einzustellen, weil sonst eine allgemeine Gcschäftsstockung erfolgen würde. ES wird ferner eine Beratung darüber sta.tjinden, ob die Vereinbarungen für April gültig sein sollen. Ein Gefecht bei Derna. Kairo, fei. April.(Meldung der Agence HaöaS.)' Aus Derna ivird vom 16. April gemeldet: Ein italienisches Bataillon, das vorzurücken versuchte, wurde von den Türken und Arabern zurück- geworfen, verlor mehrere Mann und ließ zahlreiche Gewehre im Stich. Es gelang der türkischen Artillerie trotz des heftigen Feuers der Forts und der Schiffe, ein italienisches Geschütz unbrauchbar z» Mchen. Tie Türken hatten 16 Verwundete..*» Hus der parte** Aus den Organisationen. � Der Sozialdenwkratische Verein B res lall, ftf fetzt übet 10000 Mitglieder zählt, beschloß i» seiner letzten außerordxntlichen GeneralverfaMtiluikg im Prinzip das Perkrekershstellt zu den geschäftsführenden Mitgliederversamm- l un gen einzuführen._ Ein Parteiveteran. In Bremen feierte am vorigen Mittwoch Genosse G u st a v D c ck w i tz seinen 75. Geburtstag. Genosse Deckwitz, dessen Wiege in Zeitz stand, kam, wie die„Bremer Bürgerzcitung" mitteilt, am 3. August 1863 als Tischlergeselle nach Bremen. Er war in Ham- bürg Lassalleaner geworden und bemühte sich auch in Bremen so- fort, Anhänger für die große Sache zu werben, und zwar im Bil- dungsverein„Vorwärts". Der„Vorwärts"-Vorstand ließ eine öffentliche Aussprache nicht zu und so agitierte denn Deckwitz im stillen. Am 6. November 1863 berief er die erste sozialdemolra- tische Volksversammlung nach einer Wirtschast in der Schwanen- straße ein. Es kamen nur 23 Personen-, aber sckioii acht Tage später fand wieder eine Versammlung statt, bei der das kleine Lokal überfüllt ivar. Nachdem sich allmählich ein kleiner Stamm gebildet hatte, schritt Deckwitz zu Ansang des Jahres 1864 zur Gründung einer Mitgliedschaft des„Allgemeinen deutschen Ar- beitervereins". In seiner Ronsdorfer Rede vom 22. Mai 1864 kam Lassalle auch aus die Bremer Mitgliedschaft zu sprechen: „Rührend fast ist ein Hergang in Bremen gewesen. Vor turzcn: erhalte ich nämlich einen Brief aus dieser Stadt, dessen 43 Schreivcr mir anzeigen, daß sie bereits seit fast zwei Monaten als eine Gc- nieindc aus eigene Faust bestehen, dies aber nicht eher bei dem „Allgemeinen doutsc�n Arbeiterverein" hätten anzeigen und sich mit ihm verschmelzen wollen, bis sie doch wenigstens eine einiger- maßen nennenswerte Anzahl erreicht hätten. Jetzt gälie» sie von ihrer Existenz Kunde und bäten um die Einsetzung eines Bevoll- niächtigten." Das Schreiben Lassallcs hat folgenden Wortlaut: „Ich ernenne hierdurch Herrn Gustav Deckloitz zum Bcvollmäch- tigten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für Bremen. Berlin, 6./4. 64. Der Präsident. F. Lassalle." Genosse Deckwitz, der seinen 7ö. Geburtstag in geistiger und körperlicher Rüstigkeit feiern kann, nimmt noch stets regen Anteil an allen Vorkommnissen der modernen Arbeiterbewegung. Personalien der Parteiprefic. Als Rcdaltcur der„BrcS- lauer Volkswach t" wurde Genosse Franz Forst er- Berlin gewählt. Der Antritt erfolgt zum 1. Mai. polizeiliches, Gerichtliches ukw. Die Falschcide des Gendarmen. Vor dem Schöffengerickt Bochum hatte sich der Genosse P i c. renkämpcr vom„B o ch u m e r V o l k s b l a t t" wegen Bclei- digung des Gendarmen Nicmicr aus Freiseirbruch zu verantworten. Ter Inhaber eines Verkehrslokals der Partei und der freien Ge- werkschaften erfreute sich der desonderen Aufmerksamkeit der Po- lizci. Der Wirt begegnete dem dadurch, daß er auf das peinlichste Ordnung hielt. Er erhielt aber trotzdem ein Strafmandat. Er sollte nämlich einem Kinde unter 14 Jahren Schnaps zum Verkauf über die Straße verabreicht haben, was jedoch nicht den Tatsachen entsprach, denn er hatte dem Kinde ein Dienstmädchen mit auf den Weg gegeben. Bor Gericht bestritt der Gendarm diese Tatsache. Er habe das Dienstmädchen weder früher noch in diesem Falle in Begleitung von Kindern gesehen, die aus der Renzelschen Wirtschaft Schnaps holte». Es traten nun eine ganze Anzahl Zeugen auf, die auf das bestimm- teste bekundeten, daß sie gesehen hatten, wie der Gendarm das Dienstmädchen beobachtet und zur Rede gestellt habe. Der Wirt wurde deshalb freigesprochen. Als nun das..Volksblatt" diese Tatsache mitteilte, forderte es die Staatsanwaltschaft auf, nachzu- prüfen, ob hier nickt auf feiten des Beamten oder der Zeugen ab- sichtliche oder grobfahrlässige Eidesverlctzuna vorliege; es wurde ferner in dem Artikel zum Ausdruck gebracht, daß das Publikum vor solchen Schikanen der Beamten geschützt werden müsse. Daraus erfolgte Anklage.-......~ Vor Gericht wurde nun durch eine ganze Anzahl einwandfreier Zeugen erwiese», daß der Gendarm nicht nur in die- sein Falle, sondern auch schon vorher das Dien st- mädchen aus seinen Bcgleitgängen beobachtet und angesprochen habe. Der Gendarm wollte sich jetzt aber an nichts mehr erinnern. Ter Wirt sagte aus, daß er. seitdem er den Sozialdemokraten sein Lokal eingeräumt habe, von der Po- lizei schikaniert worden sei. Bei allen anderen Wirten im Dorfe sähe die Polizei nichts, nur bei ihm. Ter StaatsaMpalt wollte diesmal keine Gefängnisstrafe beantragen, sondern nur 306 Mark Geldstrafe. Das Gericht verkündete, daß der Angeklagte den Bc- weis erbracht habe, daß der Gendarm sich in zw e i Fällen eine Eidesverletzung habe zuschulden kommen lassen, weshalb in diesem Falle aus Freisprechung zu erkennen sei. Daß der Gendarm aus Schikane gehandelt habe, sei nicht hin- reichend nachgewiesen, weshalb das Gericht in diesem Falle auf 56 Mark Geldstrafe erkannt habe. Abgelehnte Richter. Vor der Strafkammer des Dctmoldcr Landgerichts 'olltc sich Sonnabend Genosse Drecks Hage aus Biclc- •eld, Redakteur der„Volk sin acht", wegen Beleidigung des Redakteurs Staercke von der liberalen„Lippischcn Landeszeitung" verantworten. Er hatte eine Korrespondenz aufgenomme», worin daö Gebaren der Landeszeitung nach der Bekanntgabe eines „kaiserlichen Gnadcnattes" gekennzeichnet war, durch den dem Det- moldcr Bataillon gewisse Uniformabzeichen und dergl. auf Grund lippischer Traditionen verliehen worden waren. Das schössen- geeicht zu Detmold hatte den Genossen Drcckshage zu 73 M. Geld- träfe verurteilt und zu dieser Verurteilung eine Begründung gc- iefert, die einige merkwürdige Stellen enthält. Der Richter stellte ich auf den Standpunkt, daß durch den„kaiserlichen Gnadcnakt" dem lippischen Volke tatsächlich eine Ehrung erwiesen worden sei. und daß es sich hier um schamlose Angriffe handle. Durch diese Begründung sah sich Genosse Dreckshage veranlaßt, sowohl die Richter der Strafkammer, sowie die sämtlichen übrigen lippischen Richter abzulehnen. Die Verhandlung wurde darauf ausgesetzt, damit das Oberlandesgerickt Celle Gelegenheit hat, über den Ab- lehnungsantrag zu entscheiden_ Richterbeleidigung. Unser Elberfelder Parteiblatt, die„Freie Presse", hatte aus Haspe bei Hagen gemeldet, daß der unter dem Verdacht des Konkursvergehens inhaftiert gewesene Kaufmann Appelhaus, weil er der Tat nicht überführt werden konnte, nach e i n j ä h r i- ger Untersuchungshaft aus dem Gefängnis entlassen worden ist. An diese, einem bürgerlichen Blatt entnommene Notiz, knüpfte die„Freie Presse" die Bemerkung:„Es sei wunderbar, daß der Untersuchungsrichter über ein Jahr dazu gebraucht habe, um die Schuldlosigkeit des„dringend Verdächtigen" herauszufinden. Ein Jahr Untersuchungshast sei doch schließlich lein Pappenstiel. Dadurch fühlte sich der Untersuchungsrichter beleidigt und der- anlaßte ein Strafverfahren gegen den Genossen Hosfmann. In der Verhandlung tvurde festgestellt, daß der erwähnte Kauf- mann nicht ein ganzes, sondern„nur" ein halbes Jahr in Unter- snchungshaft gesessen habe. Wegen der Bemerkung, daß das Ver- halten des Untersuchungsrichters„wunderbar" gewesen sei, er- kannte das Gericht auf'2 6 M. Geldstrafe. Der Vertreter der Anklage hatte die Kleinigkeit von zwei Monaten Gefängnis be- antragt._ Bestrafte Berleumdung. Im Reichstagswahlkampf im Wahlircife K r o n a ch(Ober- franken) hatte die katholische Geistlichteit sich für die Zentrums- fach« scharf ins Zeug gelegt und nach bekannter Manier gegen die Sozialdemokratie gekämpft. Der Kuratus Will in Buchbach, jetzt in Hollfold, hatte den sozialdemokratischen ReichStagSkandi- baten, den Arbeitersekretär Seelmann in Kronach, in der unflätig- steu Weise beleidigt. Der brave Gottesmann hatte öffentlich be- hauplek, Seelmanti hätte schön wegen Betrügereien od« Pruge. leien fünf Monate und wegen Mißhandlung I-iner Eltern drer Monate Gefängnis verbüßt. Diese Behauptung ,st glatt erfunden. Seelmann stellte gegen den Verleumder Beleidigungsklage und er- zielte dessen Verurteilung zu hundert Mark Geldstrafe. Außerdem ivurde dem Kläger die Veröffentlichung des Urteils auf Kosten de� Verurteilten in zwei Zeitungen zuerkannt. Der Geistliche hatte gegen Seelmann Widerklage wegen einc-- von diesem veranlatzten Zeitungsartikels angestrengt. Er iM.e aber damit kgin Glück. Der Wahrheitsbeweis für die in dem. r- tikel aufgestellten Behauptungen wurde geführt und Seelmaun freigesprochen. Will hat nun auch sämtliche, nicht unbedeutende Kosten zu tragen.___ Sozialea» Mistbrauch der Konkurrenzklausek. Welcher Mißbrauch niit der sogenannten Konkurrenzklausel gc- trieben wird, zeigt folgender Fall, den die„Deutsche Industrie- beamtenzeitung". das Organ des Bundes der technisch-lndustriellen Beamten, mitteilt. Di- Gesellschaft für Inhalation- und Bader- einrichtungcn Berlin, Am Karlsbad 5, hat einem Angestellten ein Geaalt von 125 M. monatlich bewilligt, dafür aber diesen Angc- stellten verpflichtet, nach seinem Austritt aus der Firma auf die Dauer von 2 Jahren nicht bei einer Koickurrenzsirma einzutreten. widrigenfalls eine Konventionalstrafe von 5666 M. zu zahlen ist. Was sich die Firma bei dem Vertrag eigentlich gedacht hat. ist schwer zu erkennen. Wo soll ein Angestellter mit 125 M. Monats- gehalt eine Summe von 5066 M. hernehmen? Wenn der An- gestellte es nicht daraus ankommen lassen will, so ist er gezwungen, in ein ganz anderes Fach überzugeben, da die Koiikurrenzbestni'.- mung noch nicht einmal örtlich beschränkt ist. Um aber ganz sicher zu gehen, hat die Firma auch noch vertraglich festgescßt, datz alle Erfindungen, welche der Angestellte während seiner Anftellungözelt macht, in das Eigentum der Firma übergehen. Eine solche Handlungsweise verdieiit niedriger gehängt zu werden. (Seriebta- Zeitung. Zwei ErpressungSasfaren beschäftigten gestern die Moabiter Strafrichter. Vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I hatten sich der Büfettier Artur Bieseckc und dessen Ehefrau Gertrud B. unter der Anklage der versuchten Erpressung gegen(Cine Schauspielerin zu verantworten. Tic Mitangeklagte Ehefrau war schon von der Schule her mit der Zeugin befreundet. Letztere war in pekuniär lohnende Beziehungen zu einem vermögenden Herrn getreten. Die Angellagte leistete bei ihrer früheren Schulfrcundin Auswartedienste.— Als sie im Oktober vorigen Jahres in Rot geriet, ließ sie sich verleiten, in Gemeinschaft mit ihrem Ehemann an die Zeugin einen Brief zu richten, in welchem sie diese drohte, sie werde dem„reichen Ver- hältnis" gewisse Aufklärungen über ihren Lebenswandel geben. wenn sie nicht sofort 1660 M. unter der Chiffre.7333" an das Postamt 8 sende. Ter Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von je 1 Jahr und, 1 Monat. Das Gericht erkannte auf je 5 Monate Gc- sängnis unter Anrechnung von je einem Rionat der UntcrjuchungS- Haft. Außerdem wurden beide Angeklagte aus der Hast entlassen. Um einen gemeingefährlichen Erpresser bandelte cS sich in dem zweiten Anklagcfnll, der die fünfte Strafkammer des Land- gcrichts III beschäftigte. Angeklagt War ein Kaufmann Karl Lahttstein aus Stuttgart. Ter Augeklagte hatte vor einiger Zeit in einem Cafe von einem jungen Burschen gewisse Behauptungen über einen Freiherr» v. T. gehört. Diese Erzählungen benutzte der Angellagte dazu, um au den v. D. einen Erpresscrbric; zu richten, in welchem er 1666 M. verlangte, anderenfalls er die „sittlichen Verschlungen" des v. D. an die Oessentlichkeit bringen werde. Dieser Brief wurde von dem Erpreßten sofort der Kriminalpolizei übergeben.— Ter Staatsanwalt beantragte in diesem Falle 9 Monate Gefängnis. Das Gericht ging jedoch weit über diesen Antrag hinaus, da es sich um eine ganz niederträchtige und gemeine Tat handele. Das Urteil lautete deshalb auf 2 Jabre und 6 Monate Gesängnis. Außerdem wurde der Angeklagte, der sich bisher auf freiem Fuße befunden hatte, sofort verhaftet. Ein räuberischer Uebcrfall auf einen Geschäftsinhaber lag einer Anklagesache zugrunde, mit welcher gestern unter Vorsitz des 1!andgerichtsdircltors Liebcnow eine neue Tagung des Schwur- gcrichts bei dem Landgericht lll begann. Aus der Uutersuchungs- hast wurde der Lljährige«ranz Wcguer vorgeführt, um sich wegen versuchten schweren Raubes zu verantworten. Im November v. I. befand sich der damals arbcits- und wohnungslose Angeklagte in der„Wicscnburg", wie das in'der Wicsenstraßc gelegene Asyl für Obdachlose im Gegensatz zu der„Palme" in der Fröbelstraße unter de» Asyliste» genannt wird. In dem Asyl wurde er mit cinc», Arbeiter Rcmsow und mit einem wegen Fahnenflucht steckbrieflich verfolgten Arbeiter Müller bekannt. Alle drei beschlossen, sich auf irgendeine Weise Geld zu verschaffen und kamen schließlich dahin übcrcin, einen Raubansall auf den Zigarren Händler Stürmer in der Brehinestraße zu Pankow zu verüben. Nachdem die einzelnen Rollen verteilt waren, betraten die drei den Laden des Stürmer, u>n sofort über diesen herzufallen. Stürmer ivurde am Halse ge- Würgt, kannte aber dadurch, daß er dem Täter kräftig in den Finger biß, einen Augenblick Lust bekommen und Hilfe rufen. Diese Hilferufe wurden von dem in demselben Hause wohnhaften Schuhliiachcrmcistcr Ruda gehört, der durch sein bloßes Erscheinen die Räuber in die Flucht jagte. Ncmsow wurde festgehalten, wahrend die beiden anderen Täter entkamen. Der mitbeteiligte Müller wurde vom Kriegsgericht des Gardedukorps zu 4�4 Jahren Zuchthaus verurteilt, während Ncmsow vor dcm Schwurgericht lll mit 3 Jahren Zuchthaus davonkam. Gegen Wegner, der erst vor kurzem ergriffen werden konnte, wurde jetzt allein verhandelt. Von Rechtsanwalt Tr. Frei» wurde auf die Jugend sowie die da- malige bittere Not des Angeklagten hingewiesen, der seinerzeit aus Unüberlegtheit mitgegangen und mitgefangen worden sei. Die (lleschwvrenen billigten dem Angeklagten mildernde Umstände zu. Das Urteil lautete auf 216 Jahre Gefängnis unter Abrechnung von 2 Monaten der Untersuchungshaft. Hua der frauenbewegung* Fraucnwahlrecht und Steuerpolitik. Die Politik sei nicht Sache der Fraru davon verstehe sie nicht?, die Beschästigu.ig mit diesen Dingen mög� sie gcfällijsst dem Manne überlassen, so hören wir sort und fort die Philister salbadern. Ist das richtig? Mit Nichten? Die Politik greift in laä Sehen bdc Frau und trifft sie in ihrer Eigenschaft als Hausfrau, als Mutter. als Arbeiterin und Staatsbürgerin.— Deshalb ist es ein schrei- endeS Unrecht, daß die Frauen keinen direkten Einfluß auf die Politik haben, daß ihnen das Wahlrecht noch immer vorenthalte» wird. Wir wollen an einem Beispiel zeigen, wie lebhaft die Haus- frau an der Politik und damit an der Eroberung des Wahlrechts interessiert ist. E-eit den letzten Jahren haben wir in steigendem Maße unter den hohen Lebensmittelpreisen sckpver zu leiden. Die Hausfrau. die mit dcm vom Manne erhaltenen Hausstandsgelo auskommen und doch den Ihrigen eine nahrhafte, abwechselungSreiche Kost bieten möchte, empfindet diesen Uebelstand am schwersten. Sie überlegt und rechnet, sie knapst bald hier ein wenig, bald dort, und doch wollen die Einnahmen nimmer reichen, um die Ausgaben decken zu können. Schließlich bleibt nichts anderes übrig, als die Kost zu verschlechtern. Die Fleischrationen werden kleiner, bei vieltapsefld Arheitcrf/,Ubr, aus dem städtischen Fricdhoje, Müllerstraße. Eike Seestrai.c. stall. Um stille Teilnahme bitten vis trauernden Hinterdliehenen. j Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Manne?, unseres guten VaterS sprechen wir allen Verwandten, Bekannten, dem Wahlverein, dem Bauarbeiter- Verband(Sektion der Putzer), dem Gesangverein sowie den Bcrüsskollegcn der Arbeitsstätte und den Kolonisten der Kolonie„Gemüt- lichkeit" unseren herzlichen Danl aus. Pauline Keibip nebet Kindern. Wer Stoff ssldst liescrt Anzug od. Paletot nach Maß iptl. Zutaten, aus Roßhaar von LS M. an. Wenn ich Stoff zugebe, von 45 M. an. Deutsche in eng- lis ch e Stoffe. Mein Zuschneide- u Anprobe System bürgt(ür tadellosen Sitz. I.»8lÄÄ25... pollmannd andagen Oekchaft, nebkt Hrtihcl sur Gesundheits- u. Krankenpflege, Verbandstoffe, Gummiwaren etc. Berlin V., Lothringer Str. 60. i�Lieisranl liip Krankenkassen Eigene Werkstatt. Berichtigung. Invaliden- Unterstütznngs- kaffe der Gürtler. Montag, den 20.'April, abends 7 Uhr, im„Märkischen Hos", Admiral- straße 186: Grdenii. General-Versammlung Tagesordnung: 1. Bericht der Revisoren und Ah- nähme der JahreSrcchmmg. 2. Verschiedenes. Berlin, den 2t. April 1912. Ikcr Voristand. Adolf Heller, Vorsitzender. Ntuffe für clcg. Maßanzüge. Ulster, Paletots, Damenkoslüme Mir. 2,— 6,— M. Loden für Peterinen Mtr.>,50, 2,50. Tuchlager Koch& Seeland G. m. b. H. Gertraudteiistr. 20/21 pÄllr Gardinenhaus Bernhard Schwartz Erstklassige Bezugsquelle für Gardinen u. Teppiche Wallstr. 13(dreizehn). fioiastoffe Riesenauswahl aller Qualitäten. Wolle- Dacfal noeqaetts. i-flcolc! Plüsch- Sattellaschen. Muster bei näherer Angabe franko. Emil Leffevre, Änük t§. £l8Sr Xam 1.-Tlai! Rote Nelken soVooV Muster zu Diensten. SOOOgaränt. echte Strauüfodern, 10— 15 am breit, tO om lg. 1—, 42 am lg. 2,—, 45 cm lg. 3,—, 50 cm lg. 4,—, 18 cm br. fi.— u.8,—, 20 om br. 10.—. lllnstr. Preisliste. Honuann H e»sc. Dresden, Scheffelstr. 10/12. 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Kolleginnen und Kollegen! Dir ersuchen, sür einen guten Besuch dieser Versammlung zu sorgen._ Mitgliedsbuch legitimiert. 4SU Mittwoch, den 24. April, abends S'/a Uhr, in den „Korona-Prachtsälen", Kommandantenstr. 72: Versammlung"WA der Graveure und Ziseleure. Tagesordnung: 1. Vortrag deZ Herrn Dr. Pinkus über 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Um rege Beteiligung wird ersucht. .Krebskrankheiten' Mittwoch, den 24. April, abends 8�, Uhr, im „Dresdener Garten", Dresdener Straße 45: Mgliecker- Versammlung der Gold- und Silberarbetter und verwandten Äcrufsgenofle». Tagesordnung: !. Bortrag des Genossen Ua» 8ehiltls über: Friedrich, genannt „der Große-. 2. Verbandsangelegenheilen und Verschiedenes, Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird erwartet. Mittwoch, den 24. April, abends 8V, Uhr, in den ,�ohenstaufen-Gälen", Kottbuser Damm 76: Kranchen-Urrsammlung aller in der Eisenmöbelbranche be- schästigten Kollegen nnd Kolleginnen. Tagesordnung: 1. Der Schlossert-rtf und wie stellen sich die Kollegen zu demselben? 2. Bericht der Kommission. 3. Branchenangelegenheiten und Verschiedenes. Mglisüsr-Versammlungen Heute Dienstag, den 2S. April: Zedlnümeliei'. Tagesordnung: 1. Maiseier. 2. Berichte von der Gaukonserenz und von der Generalversammlung. 3. Branchenangelegenheiten. Vincofoa* Abends 8 Uhr im Uewerkscbaftsbanse, Saal 4 filUdClkCr.(Arbeitslosensaal). Tagesordnung: 1. Bericht vom l. Quartal. 2. Der 1. Mai. 3. Branchenangelegenheiten. Mittwoch, de« 24. April: Sodenleger. WendS SUHc im Gewerkscbattsbaas, Saal 3. Tagesordnung: 1. Malfeier. 2. Berichte. 3. Branchenangelegen. Helten. Jalousiearbeiter. Abends SV, Uhr. bei«»ekvr, Weberstr. 17. Tagesordnung: 1. Vortrag über:.Heinrich Heine und seine Dichtungen'.(Mit Rezitationen.) 2. Verbands- und Branchenangelegen. heiten. Börsten- und Pinselmaelier. ÄÄ.I�.'6eiPpenB' Tagesordnung: 1. Vortrag über: Die Aufgaben der Gewerk- fchaftSbewegung in der heutigen Zeit. Referent: Stadtverordneter Ritter. 2. Branchenangelegenheiten. Ifns'biMsabaH» Abends S>/, Uhr Im Govorkaebaktaban», kv4UUlavllv4. Saal 4(Arbeitslosensaal). Tageso i dnung: 1. Maiseier. 2. Bericht von der Lohnbewegung. 3. Bericht der Kommission. 4. Bericht von der Generalversammlung. Perlmutter-, Horn- und SteinnuH- Knopfarbeiter abendd 6>/, Uhr, im Gewerkscbaftabanae, Saal 5. Tagesordnung: Bericht vom 1. Quartal 1912. 2. Bericht von der Generalversammlung. 3. Maiseier. 4. BerbandS- und Branchen- angelegenheiten. Donnerstag, den 23. April: Stellmacher 8'/, Uhr, im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Tagesordnung: 1. Bericht vom ersten Quartal. 2. Branchen- angelegenheiten. 82/9 Die Ortsverwaltung. Arheiter-B! Dienstag. 30. Aprll, abendS S'/s Uhr. im Generalversammlung. TageSordnuni. 1. Bericht deS Vorstandes, des LebrerkollegmmS und der Revisoren. 2. Anträge. 3. Dahl zweier Revisoren. 4. Schulung elegenheiten. 5. Ber- schied eneS. MM- Mitgliedsbuch legitimiert.-MM Die rückständigen Beiträge müssen bezahlt werden. 6/9* Deutscher Buchbinder-Verband. Zablatelle Berlin. Blttwoch, den*4. April, abenda S'l, Uhr(nach der Flugblatt. Verbreitung), im großen Festsaal deS Berl. Klubcanaca, Ohmstr. 2: Waldschutz-Kundgebung. Referenten: 1. Herr Dr. Heseniann: Pflege und Giurichtunge» stadtischer Parkanlage» und Wälder. 2. Herr Redakteur Georx Eneon Kitzler: Die Waldverntchtnug bei Buch durch die Stadt Berlin uud andere Waldbedrohungen. Alle die ein Interesse für die Erhaltung unserer märkischen Wälder haben, werden aufgefordert, sich an dieser Kundgebung zu beteiligen. Eintritt frei. Garderobe 15 Ps. 1/4 Arbeiter-Wanderbund„Die Raturfreuude-. Geschästsbuch-Branche. Donnerstag, den 23. April IS12, abends 6 Uhr: Branchen-Versammlung int Etablissement Mufikersäle, Kais er-Wilhelm-Str. 18». Tagesordnung: 1. Die Eutwickeluug deS Tarifvertragsweseu» in den deutscheu Gewerkschaft«». Referent: Genosse Heitmnnn. 2. Die Einhaltung dcS Tarifs durch die Unternehmer. 3. Branchenangelegenheiten. 24/S DaS Mitgliedsbuch ist am Saaleingang vorzuzeigen. Ohne Mitgliedsbuch kein Eintritt. Zahlreichen Besuch erwartet Die BranchenleitUllg. Etttis-Branche. DonnerStag, de« 23. April 1012, abends 5J/s Uhr: Branchen- Versammlung aller tu den Ctiiis-Flibrikkli bkslhöstigte« Arbeiter und Arbeiterim« im„Graphischen Vereinshans". Alexandrinenstr. 44. Tagesordnung: t Bericht bau der Etnisarbeiter> Konferenz. 2. Branchen« angelegenheiten und Verschiedenes. Degen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist das Erscheinen aller Kollegen und Kolleginnen notwendig. Die Branchenleitung. A. Kullkowski. H.& P. Uder, Berlin SO. 16, Sngel-Ufer 5. Tabak-Großliandlnne und'Tabakfabrik. Spezialität: Nordhäuser Kautabak von Q.£. Kanewacker, Qrimm a Triepel 1 Stets frisch zu den äußersten Engrospreisen. 1 Amt IT, 3014. Di« Kollegen der -innen Kart Schulz. Hermau» Reiuhald, iepe, Grath u. Brandt. Jean Schöngraff, Paul Neye. Gustav«tepe, Grath u.«randt, Jean SchSnar, Amerikanische Metallbetteufabrit, MathS. Kunze. Lenz Lüdtke u. «aspari, iauder, Ruhnau, M. Pech. Förster n. Schulz und tarienfelde, sind ganz besonders eingeladen. Mittwoch, den 24. April, abends 8 Uhr, im Lokal von Hummel» Sophienstr. 5: Tertranensmänner- Konferenz »« HBF" der Bauanschläger. Wo kein Brrtrauensmann gegenwärtig ist, muh et» Kollege dieser Konferenz delegiert werden. H/W Mitgliedsbuch legitimiert.-M> 115/18 Ple Ortnverwaltany. ■g.1 g| E: S D K?? g l* Achtung Kaufen Sie nur beim Fachmann Elegante fertige Teilzahlung von IL Mark wöchentlich an JuliusFabian .Schneidermeister i uMchtn II?. G.ieblHi l!r.krMWl!r!lr.Z?"IluM.1S' Besichtigung und inzllMven stallen ohne Kauf* zwang gern guUttel.«In VweueH fOhrt zu dauernder Kundechatt. aa-i 31-| 53 M 3�-1 Peek& Cloppenburg Spozlalhaus für Herren- n. 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Ober-Schöneweide: Abends 7 Uhr von den bekannten Stellen aus. Stralau: Abends 8 Uhr von den Bezirkslokalen aus. Boxhagen-Rummelsburg: Abends 7 Uhr von den bekannten Lokalen aus. Maricndorf: Abends 7 Uhr von den bekannten Lokalen aus. Die hiesigen Genossen besuchen am Donnerstag die Versammlung in Tempelhof. Tretztow-Baumschulenweg: Abends 71/3 Uhr von den Be- zirkslokalcn aus. Die öffentliche Versammlung für Baum- schulen weg findet später statt. Tegel: Abends 7 Uhr von den bekannten Stellen aus. Bezirk Waidmannslnst: Abends 7 Uhr von den bekannten Stellen aus._ Partei- Hngelegenbcitcn. Zweiter Krei». Da die Protestversammlungen gegen die neue Webrvorlage in Nitzlcs Festsälen, HappoldtS Brauerei und der Bockbrauerei bereits heute tagen, findet die Flugblattverbreitung im zweiten Kreise am Mittwoch nicht statt. Der Vorstand. Karlshorst. Heute abend 8'/z Uhr im Restaurant.Fürstenbad' (Inh. Bartels): Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Fritz Tornow:„Von den Utopisten zur sozialistischen Wissenschaft.' 2. Diskussion. 3. Kassenbericht. 4. Mitteilungen. Die Bezirksleitung. AdlerShof. Heute Dienstag, abends S'/a Uhr: General» Versammlung des Wahlvereins im Lokal von Kaul, Bismarckstr. 16. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Neumann über: Die bürgerliche Jugendbewegung. 2. Bericht deS Vorstandes und der Funktionäre. Neinickendorf-Ost. Heute abend 8 Uhr: Mitgliederversammlung im Restaurant„Zur Eisenbahn", Provinz- Ecke Nordbahnstrahe. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Emil Eichhorn über:„Die Verfaffung des Deutschen Reiches". 2. Partei- und Vereinsangelegen- hciten. Die Bezirksleitung. Wilhelmsruh- Nicdcrschönhausen West. Mittwoch, den 24. April, emt? Uhr abends: Flugblattverbreitung von den Bezirkslolalen aus. � Die Bezirksleitung. Berliner Nachrichten. Schont die Wälder! In wenigen Wochen hält das Maienkind seinen Einzug. Unter siegreicher Sonnenkraft schafft sich die Frühlingsnatur reißend Turchbruch. Auch der eingemauerte Großstädter fühlt sich mit dem endgültigen Weichen des Winters, der uns gerade jetzt ohnmächtig noch einmal seine letzten Nucken zeigt, verjüngt. Mit der steigenden Boden- und Luftwärme wird jede freie Stunde benutzt, um sie der Natur und ihren Schön- heitcn zu weihen. Da sollen wir auch dankbar sein und nicht schänden, was die wiedererstandene Herrlichkeit in Wald und Feld uns beschert. Es kann nicht früh genug von neuem ge- mahnt werden: Schont die Wälder... schont Baum und Strauch! Es ist wirklich nicht nötig, daß man in der Freude über das erste sprossende Grün auch gleich wieder der Natur in den Arm fällt und rücksichtslos die jungen Triebe vom Zweig raubt, sie an den Hut, an die Brust steckt, um sie wenig später achtlos fortzuwerfen. Auge und Herz tun weh, wenn man sehen muß, wieviele Hunderttausende von zukünftigen Früchten alljährlich bloß bei der Obstbaumblütc von unnützen. lieblosen Händen vernichtet werden. Der Forstmann und der Landmann, die beide ihr Reich innig lieben und jedes Pflänz- wen in seinem Wachstum freudig verfolgen, kennen und fürchten diese sinnlose Plünderungssucht des Großstädters. Wozu auch die Grausamkeit gegen die wicdererwachendeNatur? Hat man nicht mebrFreude daran, beim nächsten Spaziergang zu beobachten, wie schnelle Fortschritte die Zauberkraft der Sonne geschassen hat. wie aus der mageren Rute ein blätter- und blütenschwerer Zweig geworden ist? Was die Hand vieler Menschen entweiht, verkümmert schließlich, bricht sterbend in sich zusammen. Und wo wilde Spekulationsgier uns ganze Wälder nimmt, haben wir doch'wahrlich alle Veranlassung. uns lvenigstens das, was der gewerbsmäßige Waldverwüster nickt in klingendes Gold umsetzen kann, in seiner vollen Pracht zu bewahren. Schont auch die sprossende Matte im Wald und auf der Wiese! Verunziert nicht die grüne Waldpoesie mit den prosaischen Ueberbleibseln eurer Wald- und Wiesen- picknickst Mit Mühe und Not sind seit vorigen Spätsommer zahlreiche und große Waldstrecken in der Berliner Umgebung durch Mannschaften der Berliner Arbeiterkolonie von Papier, Knochen. Eierschalen. Glasscherben. Konservenbüchsen gesäu- bcrt worden. Was sich da in monatelanger Arbeit auftürmte, gab, zusammengekehrt, erst den rechten Begriff davon, wie verbreitet der gedankenlose Unfug ist. Mancher wird jetzt denken: Tu kannst deine Mahrzeitreste ruhig liegen lassen, sie werden ja doch aufgesamemlt! Nein, das darf nicht sein. Die systematisch begonnene Waldsäuberung ist nicht dazu ein- geführt, um die Waldbesucher in ihrer Unreinlichkeit zu be- stärken.' Sie soll erzieherisch wirken und dem ausfliegenden Publikum nahelegen, eine Gewohnheit aufzugeben, die einem an manchen vielbesuchten Waldstellen die Sonntagsfreude wahrhaftig verleiden kann. Möge der eine auf den anderen achten. Auch Vereine, die geschlossen Ausflüge machen, können hier gutes stiften. Gute Beispiele verderben böse Sitten. Banmblütesonderzüge. Während der Baumblüte in Werder ver- kehren vom 23. April bis einschlretzlich 4. Mai d. I. täglich von Berlm. Potsdamer Bahnhof, um 11.15 vormittags. 1.05, 2.45. 3.0o und 3 15 nachmittags Vorortsonderzuge nach Werder, die um 12 36. 5.87 8.01 und 0,01 nachmittags von Werder zurückfahren. Am Sonntag, den 28. April verkehren, lvie die königl. Eisenbahndirektion Berlin bekannt gibt, bei schönem Wetter in der Zeit von 5.40 Uhr Vormittags bis 9.17 Uhr nachmittags Vorortzüge von Berlin. Pots- damer Bahnhof, nach Werder. Außerdem fährt ein Zug um 12.45 Uhr nachmittags bis Potsdam. Für die Rückfahrt von Werder ist eben- falls in weitgehendster Weise Vorsorge getroffen. Von mittag an verkehren von Werder im ganzen 33 Sonderzüge: die letzten drei Züge werden ab Werder um 11.26, 11.55 und 12.55 Uhr abends befördert werden. Um 8.20 Uhr nachmittags wird ein Sonderzug von Werder nach Brandenburg gefahren werden; zwischen Caputh- Geltow und Wildpark verkehren ebenfalls Sonderzüge um 2.10 und 3 41 Uhr nachmittags ab Caputh-Geltow. Wegen des großen An- drangeS zu den Fahrkartenschaltern in Werder wird empfohlen, die Fahrkarten für die Rückfahrt gleichzeitig mit den Fahrkarten für die Hinfahrt zu lösen. Die Spree— Havel- Dampfschiffahrtsgesellschaft„Stern" ver- anstalret jetzt täglich Sonderfahrten nach Werder. Abfahrt 9.00 von der Weidendammer Brücke, 9.25 von Cais Gärtner/.,1— 1 Uhr hinter Potsdam die Havelseen, welche sehr bewegt waren, durchfuhr, war geradeüber der Luftschifferstation ein mit zwei Mann besetztes Segelboot gekentert. Die Leute waren chon bis zur Brust im Wasser, hielten sich aber noch krampfhaft am Kiel des Bootes fest und riefen einen Sterndampfer, der etwa 100 Meter entfernt war, um Hilfe an. Der Führer dieses Dampfers sah wohl hinüber nach den Leuten, es fiel ihm aber nicht ein, etwas halblinks zu steuern und Hilfe zu leisten. Erst als der Dampfer vorbei war, schlug ein Segelboot den Kurs ein und brachte Rettung. Ich meine, so viel Zeit wäre übrig gewesen, und zwei Rettungs- ringe sind doch hoffentlick auch an Bord eines Sterndampfers, so daß eine augenblickliche Hilfe in solchen Fällen geleistet werden könnte. Oder ist den Führern der Dampfer die Instruktion erteilt, solchen Fällen auS dem Wege zu fahren? Ich möchte das nicht annehmen." Wir möchten das auch nicht glauben; aber vielleicht erklärt sich die Gesellschaft über die Angelegenheit. Grosffeuer in Schmöckwitz. Der bekannte Berliner Ausflugs- ort wurde in der letzten Nacht von einem Grotzfeuer heimgesucht. Der Brand entstand in einem großen Bootsschuppen neben dem Restaurant..Seglerschloß". Als die Gefahr bemerkt wurde, stand der Schuppen, in dem sich etwa 20 Boote befanden, schon vollkommen in Flammen. Durch Flugfeuer wurde auch der Dachstuhl der bc- nachbarten Villa einer Frau Besser in Brand gesteckt. Auf den hellen Feuerschein hin eilten fünf Feuerwehren aus der Umgegend zur Hilfeleistung herbei. In der Hauptsache galt eS, die anderen in der Nähe befindlichen Baulichkeiten zu schützen, was auch gelang. Der Bootsschuppen mit sämtlichen Böoten wurde zerstört. Auch der Dachstuhl der Villa ist ein Raub der Flammen geworden. Ueber die Ursache des Feuers konnte nichts festgestellt werden. Beim Verlassen eines fahrenden Straßenbahnwagens schwer verunglückt ist in der Nacht zum Montag das 21jährige Dienst- mädchen Emma Martin aus der Freiligrathstr. 8. Die M. sprang trotz der Warnung des Schaffners am Brandenburger Tor von einem Straßenbahnwagen der Linie 21, der sich in der Anfahrt zur Haltestelle befand und kam zu Fall. Das Mädchen schlug so heftig auf das Straßenpslajtcr auf, daß es eine klaffende Kopf- wunde erlitt und in besinnungslosem Zustande nach dem Kranken- hause Moabit übergeführt werden mußte. Bon einem Schutzmann angeschossen. Zu einem blutigen Zu- sammenstoß zwischen einem Kaufmann und zwei Schutzleuten kam es in der Nacht zum Sonntag in der Andreasstraße. Der Msährige Kaufmann Eduard Memert hatte am Sonnabend zu- sammen mit seinem Freunde, dem Handlungsgehilfen Sch. eine Bierreise angetreten, bei welcher sie unterwegs zwei junge Mädchen kennen lernten. Gegen 5 Uhr morgens kamen sie in ein Lokal in der Andreasstraße, wo drei offenbar angetrunkene junge Leute die beiden Akädchcn durch anzügliche Redensarten derart belästigten, daß Meinert sich schließlich die Flegeleien verbat. Es kam zu einem Streit, an dem sich auch die übrigen Gäste des Lokals bc- teiligten. Als der Zank in Tätlichkeiten auszuarten drohte, wies der Wirt die beiden feindlichen Parteien aus dem Lokal heraus. Auf der Straße setzte sich der Streit jedoch fort und es kam schließ- lich zu Tätlichkeiten, bei welchen die drei Angreifer von Meinert und seinem Freunde mit Spazierstöcken böse zugerichtet wurden. Auf den Lärm kamen schließlich die beiden Schutzleute August Meyer und Paul Meißner hinzu, um die Ruhestprer festzunehmen. Es kam zu rincm Rencontre, im Verlauf dessen der eine Beamte den Browning zog und einen Schuß abfeuerte, der Meinert in di: linke Hüfte traf. Der Angeschossene brach schwer verletzt zusammen, während die übrigen Kombattanten das Weite suchten. M. wurde von den beiden Beamten in einer Droschke nach dem Kranken- hause am Friedrichshain gebracht, wo die Kugel aus operativem Wege entfernt werden wird. Ein fingierter Einbruch wird auS der Simeonftraße 12 gemeldet. Hier fand Sonntagnachmittag der Werkmeister B. bei der Rückkehr vom Spaziergang seinen erwachsenen Pflegesohn gefesselt in der Wohnung liegen. Der Junge erzählte, daß er von Räubern über- fallen worden sei. Tatiächlich fehlten Wertpapiere, Sparkassenbücher und Schmucksachen. Der Raubüberfall erwies sich bald als erdichtet. Ins Gebet genommen, gestand der Bursche, daß er bei der Ge- schichte selbst die Hand im Spiel gehabt und die„Räuber" an- gestiftet habe. Er hatte zwei Freunde zu dem Raub veranlaßt. Den Erlös wollten sie sich teilen und„auf die Walze" gehen. Der Pflegesohn wurde von der Kriminalpolizei festgenommen. Die beiden Freunde, die die ganze Beute in der Tasche haben, sind noch nicht ermittelt. Die beiden Sparkassenbücher und Wertpapiere fand man später auf dem Nebengrundstück in einem Müllkasten. Die Diebe batten sie weggeworfen, weil sie ihnen gefährlich werden konnten. Die Schmucksachen behielten sie. Der Geisteskranke auf dem Dach. Am Montag versuchte ein anscheinend Geisteskranker von dem 22 Meter hohen Dache des Hauses Schivelbeiner Str. 25 auf die Straße zu springen. Als die von Straßenpassanten alarmierte Feuerwehr vor dem Hause erschien, hatte die Polizei den Mann schon in Sicherheit gebracht._ Fallschirmabsturz in Johannisthal. Am Sonntagnachmittag hatte sich auf dem Flugplatz Johannisthal ein außerordentlich zahl- reiches Publikum eingefunden, um den Versuchen des Luftschiffers Thomnick beizuwohnen. Das anfangs sehr böige Wetter klärte sich gegen Abend auf und als der Wind sich legte, brachte Thomnick seinen Ballon aus der Parsevalhalle heraus, um ihn startbereit zu machen. Durch Strohfeuer wurde die im Innern des Aerostaten befindliche Luft erwärmt und nach kurzer Zeit stieg der kleine Ballon, in dessen Gondel der Luftschiffer Platz genommen hatte, aus 800 Meter empor und wurde schnell nach dem Bahnhof Jo- hannisthal zu abgetrieben. Auf Rudower Gebiet, hinter der Parsevalhalle, verließ Thomnick die Gondel und stürzte sich mit seinem Fallschirm in die Tiefe. Der Apparat trat augenblicklich in Tätigkeit und in sanftem Gleitfluge landete der Luftschiffer kurze Zeit später auf einer Wiese. Auch der Ballon ging sehr bald nieder und konnte geborgen werden.— Am Nachmittag flogen Rosenstein auf der Taube, Gsell auf Dorner, Krieger auf dem neuen Jeanninschen Eindecker, Fokker, Bohlig auf Fokker und Poulain, der seit langer Zeit zum erstenmal wieder flog und mit seinem Eindecker 130 Kilometer in der Stunde erreichte. Aus der Selbstmordchronik. Erschossen hat sich am Sonntag- früh im Tiergarten der stellungslose Handlungsgehilfe Fritz KoMe* aus Leipzig. In hoffnungslosem Zustande wurde Köhler nach dem Ärankenhcmse in Moabit gebracht. In seiner Wohnung Bellermannstr. 7 schoß sich Ler Drewer Georg SchiviM eme Kugel in die Brust. Er wurde nach dem Virchow-Krankenhause geschafft. — Erhängt hat sich der 33 Jahre alte Zuschneider Flohda aus der Charlottenburger Str. 87. Flohda sah sich in einem von ihm kürzlich vorgenommenen Wechsel seiner Stelle stark enttäuscht. Radrennen auf der Olympia-Bahn. Sonntag. 21. April. Bei schönem Wetter und sehr gutem Besuch konnte ein umfangreiches Programm zu Ende geführt werden. Der gebotene Sport bestand aus mehreren Dauerrennen sowie Fliegerrennen, die mit ihren Vor- laufen ein stattliches Feld an den Start führten. Im„Preis der Nationen"(75 Kilometer) standen sich Stellbrink, Janke, Miguel, Ryser und Walthour gegenüber. Ersterer nahm von Beginn a» die Führung und war der einzige Fahrer, der glatt durchs Rennen kam und einen leichten Sieg feiern konnte. Der Franzose geht scharf inS Reimen, fällt aber bald vom Motor ab und bleibt nun meistens ohne Führung, so daß er weit zurück als Letzter endet. Walthour fährt gut. bat aber nach dem 30. Kilo- meter Radschaden, der ihn mehrere Runden kostet, holt aber bis zum Schluß gegen Stellbrink zwei Runden zurück. Janke hielt sich gut und Ryser büßt in regelmäßigen Zwischenräumen mehrere Runden ein.— Auch im„HarryElkes-Memorial"(10 Kilo- meter) siegt S t e l l b r i n k vor Walthour, Ryser, Janke und Miguel. — Ein Rekordfahren über 3 Runden hinler Motorführung sah Walthour als schnellsten Mann mit 1 Min. 13 Sek.— Das Vorgabefahren über 15 Kilometer gewann G n i l k a als Malmann leicht gegen drei Gegner, die 400. 800 und 1600 Meter Borgaben hatten.— Sämtliche Rennen verliefen ohne Unfälle. Vorort- Nacbricbteih Steglitz. Dir Unduldsamkeit der kirchlichen Behörden Anders- oder Nicht gläubigen gegenüber ist allgemein bekannt. Namentlich kommt die selbe aus den der Kirche gehörenden Friedhöfen zum Ausdruck. In Steglitz befindet sich der Friedhof in Händen der politischen Ge- mcinde. Trotzdem herrscht hier die gleiche Unduldsamkeit, wie der nachstehende Vorfall beweist. Am vergangenen Donnerstag starb der ehemalige Laterneuwärter Gottlob Jahn, ein Mann der die Schattenseiten eines Proletarierdaseins in jeder Hinsicht kennen gelernt hat. Jahns letzter Wunsch war, daß ein befreundeter Ver- bandskollcge ihm den letzten Nachruf widme. Diesem letzten Wunsche entsprechend suchten die Hinterbliebenen um die Er- laubniS nach. Sie glaubten diese, da der Friedhof Gemeindeeigentum ist, zu erhalten. Zunächst verlangte aber die Be- Hörde das Manuskript der Rede. Dies wurde eingereicht. Hierauf wurde dem betreffende» Kollegen vom Polizeikommiffar mitgeteilt, daß die beantragte Genehmigung aus ordnungspolizeilichen Gründen nicht erteilt werden kann. Also aus.ordnungspolizeilichen" Gründen darf der letzte Wunsch eines Proletariers nicht erfüllt werden. Nichts ist kennzeichnender für den Einfluß der Dunkelmänner im zwanzigsten Jahrhundert wie dieses Dokument. Die Beerdigung findet heute nachmittag Uhr von der Leichen- halle in der Bergstraße auS statt. Friedenau. Aus der Gemeindevertretung. Nachdem in einer vorhergehenden Sitzung die neu- resp. wiedergewählten Gemeindeverordneten ein- geführt und bestätigt worden waren, fanden in der letzten Sitzung die Wahlen zu den einzelnen Kon, Missionen statt. Diejenigen, die nun»ach den Versprechungen der bürgerlichen Herren vor der Wahl annahmen, die neuen Herren würden dem Wohle der Gemeinde dienen, erlebten ihre erste Enttäuschung. Die neuen Herren hatten sich vorher genau erkundigt, in welchen Ausschüssen die wenigste Arbelt zu verrichten sei. Die Besetzung derselben machte dämm auch wenig Schwierigkeiten. Anders verhielt es sich bei Kommisstonen, die wirklich Zeit und Verstand er- fordern, wie zum Beispiel der RechnungSprüfungSauSschuß� Keiner hatte die nötige Zeit und eS bedurft« erst eines langen FeilschenS, um einen Lückenbüßer in diesen wichtigen Ausschuß zu delegieren. Die Wahl eines sechsten Schöffen, die in dieser Sitzung vorgenommen werden sollte, wurde, da der Gemeindevorstand seinen Antrag zurückzog, vertagt. Dieser Beschluß kam im Gemeinde» vorstände m«t drei gegen zwei Stimmen zustande. Die beiden in der Minderheit gebliebenen Herren machten nach her in der öffentlichen Sitzung ihren, gequälten Herzen Luft, indem sie über Vergewaltigung durch die anderen schimpften. Einer, der Schöffe Saden, verließ gemeinsam mit den Gemeindeverordneten Schulz und Gerken unter lautem Poltern demonstrativ die Sitzung. Die Katzbalgerei im Gemeindevorstand wegen der Schöffenwahl währt schon eine'ganze Weile. Man ist sich nicht einig darüber, ob Herr v. Wrochem oder Herr Ott sich am besten zum Gemeinde- Vorstandsmitglied eignet. Es verlautet sogar, daß Gemeindebaurat Altmann als besoldeter Schöffe in Frage komme. Zu begrüßen wäre es. wenn über diese Frage einmal eine offene Aussprache herbeigeführt würde. Doch vermeidet man dies ängstlich. WaS sich die Herren gegenseitig nicht offen inS Gesicht zu sagen trauen, wird desto intensiver in den Gehcimkonventikeln der Pfahlbürgervereine durchgehaspelt, um dann in Form anonymer Zuschriften im Orts- blättchen zu erscheine». Lankwitz. Aus der Gemeindevertretung. Bei Beratung einer Borlage über die Aenderung der Bauordmina in Lankwitz-Süd, in welcher von den Besitzern verlangt wird, daß nur Vorderhäuser mit zwei Stockwerken und je einer Wohnung errichtet werden, wies Genosse Radike darauf hin, daß die Gemeinde vor allen Dingen den Klein- Wohnungsbau fördern solle, für große Wohnungen sei schon hin- reichend gesorgt. Bei dieser Gelegenheit erlaubte sich der neu- eingeführte Vertreter der ersten Klasse, Direktor Forthmann, die Aeußerung, man habe kein Interesse durch Bau von kleinen Woh- nlingei, Arbeiter heranzuziehen, sondern man solle den Zuzug des besseren fteuerkräftigen Publikums fördern, damit die Steuern noch herabgesetzt werden können. Diese Ansicht rief unter den Zuhörern, unter denen sich auch Frauen befanden, naturgemäß Empörung hervor. Eine ZuHörerin machte den Zwischenruf „traurigl Sofort forderte der Gemeindevorsteher die Dame, welch« den Zwischenruf getan hatte, auf. die Tribüne zu verlassen. Nmfcden, die R uferin der erregten Aufforderung nachgekommen. wurden auch die anderen weiblichen Zuhörer aufgefordert, die Tribüne zu verlassen. Eine solche Maßnahme wird unter der Einwohnerschaft sicher einiges Kopfschütteln erregen. Ein Hin- weis, daß Zwischenrufe unstatthaft sind, hätte denselben Zweck er- füllt. Nun ist auch noch eine amtliche Bekanntmachung ergangen, nach welcher Frauen in Zukunft nur mit Einlaß- karten versehen Zutritt haben. Die Vorlage selbst fand trotz heftiger Bekämpfung gegen 4 Stimmen Annahme.— Zur Neupflasterung einer Reihe von Straßen soll ein- Anleihe von 1800 000 M. aufgenommen werden. Unser Vertreter stellte den Antrag die Vorlage einer Kommission zu überweisen, da außer der notwendigen Pflasterung verschiedener Straßen, auch solche in dem Programm aufgenommen sind, für die heute noch kein Bedürfnis vorliege; auch soll die Art des Pflasters eingehend geprüft werden, da mit dem Ouarittepflaster, welches ev. angewandt wird. Lankwitz bisher böse Erfahrungen gemacht hat. Für die bürgerlichen Vertreter war die Sache genügend vorberaten. Ein Ortsstatut zur Einführung der Generalvormundschaft wurde nach kurzer Debatte angenommen. Bohnsdorf. Ueber Zweck und Ziele der freien Jugendbeweguns referierte in einer öffentlichen Versammlung am Dienstag Genosse Karl Scholz. In seinen Ausführungen zeigte der Redner, wie die Rc- gierung und die herrschenden Klassen bestrebt sind, an allen Orten Deutschlands durch Gründung von Jugendausschüsscn die prole- tarische Jugend im nationale» Sinne zu erziehen. Der Zweck sei zugleich, kie prölekarifche DeMWAg p ersticke ff. Dahet müsse die Arbeiterschaft bestrebt sein, an allen Orten Jugcndausschüsse zu gründen, damit die Arbeiterjugend zu freien, charakterfesten Mcn- schen erzogen werde. Mit den Goctheschen Worten:„Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann, die Nacht bricht an, wo niemand wirken kann." schloß der Redner seinen mit Beifall aufgenommenen Vortrag. An der Diskussion beteiligten sich GaSlang, Mohr und Drectz im Sinne des Referenten. Folgende von Mohr eingebrachte Resolution gelangte einstimmig zur Annahme:..Die Arbeiterschaft von Bohnsdorf verpflichtet sich, mehr wie bisher dafür Sorge zu tragen, daß die Jugend zu freien Persönlichkeiten und willcns- siorken Charakteren erzogen wird. Weiter verpflichten sich die An- wesenden, ihre Kinder von Veranstaltungen fernzuhalteii. die den Zweck verfolgen, die Jugend von den Anschauungen der Eltern zu entfremden und sie zum Hurrapatriotismus zu erziehen." In den Ausschuß zur Förderung der Jugendpflege wurden die Genossen Wlke, Rückert und Heese gewählt, Trebbin(Kreis Teltow). Die Pachtzeit des Marktstandsgeldes ist mit dem 1. April ab- gelaufen und da auf die erste Ausschreibung sich niemand meldete, ist die Stadt vorläufig verpflichtet, das Standgeld selbst zu erheben. Stadtv. Schottmüller sprach in der letzten Stadtverordnetenversammlung für die Aufhebung des Standgeldes, um dadurch den Zuzug zu heben. Die Angelegenheit wurde jedoch nochmals vertagt. Zur Gründung einer Jugendbibliothek für Lehrlinge und Fortbildungsschüler, welche sich der Stadtbibliothel angliedern soll, wurden 100 M. bewilligt. Der Antrag auf Absetzung des Armenarztes wurde in die geheime Sitzung zur Regelung zurückgestellt. Die Holzauktion am 1. April 1312 brachte einen Erlös von 1554,40 M. Hierauf folgte eine ge- Heime Sitzung. Friedrichsthal bei Oranienburg. Sozialdemokraten sind für den Staatsdienst nicht geeignet! So lautet das lakonische„Urteil" des neuen Landraies für den Kreis Nicderbarnim. Die Gemeindevertretung von Friedrichsthal wählte im Monat Februar den Kaufmann W. F. zum Steuererheber und Rechnungsführer der Gemeinde Friedrichsthal. Dem Gewählten ging unterm 1. März d. I. ein vom Landrat Busch unterzeichnetes Schreiben zu, in dem es hieß: „Unter Zustimmung des Kreisausschusses versage ich Ihrer von der dortigen Gemeindevertretung am 14. Februar d. I. vor- genommenen Wahl zum Steuererheber und Rechnungsführer der Gemeinde hiermit die Bestätigung." Der so von dem Vertrauen der Gemeinde Friedrichsthal ge- wählte und vom Landrat nicht bestätigte Steuererheber war sich keines Verbrechens bewußt und frug beim Landrat höflichst an, welche Gründe für die Nichtbestätigung vorlägen. Hierauf wurde dem Unbestätigten folgende Antwort zuteil: „Die Mitteilung der Gründe, aus denen die Bestätigung eines gewählten Gemeindebeamten verfügt wird, ist im Gesetze nicht vorgeschrieben und deshalb auch nicht erforderlich. Zu Ihrer Orientierung bemerke ich indessen, daß Mitglieder der sozialdemokratischen Partei für den unmittelbaren oder mittelbaren Staatsdienst nicht geeignet sind. Nach dem Berichte des Herrn Amtsvorstehers gehören Sie als Schriftführer und Kassierer dem Vorstande des dortigen sozialdemokratischen Wahl- vcreins an. Busch, Also nicht nach der Intelligenz und Fähigkeit eines von dem Vertrauen der großen Mehrheit der Einwohner gewählten Bürgers wird geurteilt, sondern die„Gesinnung" des Erkorenen ist maß- gebend, ob er„geeignet" ist, solche Vertrauensposten zu bekleiden. Trotzdem sind„alle Preußen vor dem Gesetze gleich". So steht es wenigstens in der Verfassung. Wir aber quittieren dankend für die landrätliche Brüskierung der Friedrichsthaler Bürgerschaft und freuen uns über die agitatorische Wirkung, die sie auslösen wird. Es leben unsere Freunde, die Feinde. Nowaweck. In der letzten Wahlvereinsversammlung machte der Vorsitzende zunächst auf die am Mittwoch, den 24. April, stattfindenden Bezirkssitzungen aufmerksam und forderte sodann mit Rücksicht auf die im nächsten Jahre fälligen Landtagswahlen diejenigen Wahl- berechtigten Genossen, die in den preußischen Staatsperband auf- genommen zu werden wünschen, dringend auf. bereits jetzt die dazu erforderlichen Schritte zu tun. Ferner teilte er mit, daß für das diesjährige Sommerfest der 28. Juli in Aussicht genommen sei. Zwecks Agitation für die Parteipresse sei in der letzten Funk- tionärsitzung eine fünfgliedrige Kommission gewählt worden, die sich gegenwärtig mit der Ausarbeitung eines wirksamen Agita- tionsplänes beschäftige.— Zur Aufnahme gelangten sechs, über- getreten sind vier Mitglieder.— Der Kassenbestand betrug am Schluß des 3. Quartals 83,20 M.; an Mitgliedern hatte der Verein 336, davon 825 männliche und 171 weiblich«.— Die Abrechnung von der Reichstagswahl ergab eine Einnahme von 833,35 M. und eine Ausgabe von 723,60 M. Der Ueberschuh von 164,35 M. wurde an die Kreiskasse abgeführt.— Der dritte Punkt der Tagesord- nung betraf die Erörterung kommunaler Angelegeniheiten. Dazu hatte Genosse Zöllner als Mitglied der sozialdemokratischen Frak- tion das Referat übernommen, das er an Hand des neuen Ge- meindeetats äußerst interessant zu gestalten wußte. Zum Schluß seines Bortrages unterzog er einen anscheinend der Feder eines bürgerlichen Gemeindeverordneten entstammenden Artikel, der am Tage vor der Wahl in dem OrtSblättchen erschienen war, einer scharfen Kritik. In dem Artikel wurden nicht nur die Arbeiter- Wähler der 3. Klasse beschuldigt, bei früheren Wahlen die bürger- lichen Wähler im Wahllokal eingekeilt und verhöhnt zu haben, sondern eS wurde auch in wahrheitswidriger Weise behauptet, es „herrsche in weiten Kreisen der Bevölkerung Mißstimmung über manche Beschlüsse der Gemeindevertretung, die ohne die Zustim- mung der Vertreter der 3, Abteilung nicht hätten zustande kommen können". Erinnert wurde besonders an die nachträgliche Bewilli- gung von 22 000 M. für die Pflasterung der Kaiserstraße. Um die ganze Niederträchtigkeit gerade dieser Behauptung zu zeigen, die lediglich dem Stimmenfang für den bürgerlichen Kandidaten der 3. Abteilung dienen sollte, sah sich Genosse Zöllner veranlaßt, auf die Bewilligung der 22 000 M., die von der Vertretung e i n st i m- m i g beschlossen wurde, näher einzugehen. Auf ständiges Drängen der Anwohner hatte sich der Kreis endlich entschlossen, die Kaiser- straße, deren Unterhaltung ihm obliegt, neu zu regulieren. Da die Gemeinde Klein-Glienicke mit einer NeuchaussieruNg nicht einver- standen war, vielmehr eine Pflasterung wünschte, so änderte der Kreis seinen anfänglichen Plan und zog nun auf Grund des ihm zustehenden Rechtes die beiden interessierten Gemeinden, Klein- Glienicke und Nowawes zu den PflasterungSkosten mit heran. Dabei wurde der anteilige Beitrag der Gemeinde NowaweS auf 17 000 M. festgesetzt. Um nun die ständigen Klagen der Anwohner über Staubbelästigung endgültig zum Schweigen zu bringen, stellte die Gemeinde die Bedingung, daß der zu ihrem Gebiet gehörige Reitweg wegfallen solle. Dieser Bedingung gab der Kreis statt und erhöhte den von der Gemeinde zu zahlenden Kostenbeiirag um 5000 M., so daß die Gesamtsumme nun 22 000 M. betrug. Die dritte Abteilung hat also in Anbetracht der Verhältnisse nicht nur völlig korrekt gehandelt, sondern die Gemeinde sogar vor einem er- heblichen Schaden bewahrt. Denn die Prozesse, m die die Gemeinde im Falle der Nichtbewilligung des geforderten Beitrages verstrickt worden wäre, würden weit mehr gekostet haben, als die für Be- scitigung des Reitweges bewilligte Summe beträgt.— Genosse Fesser gab eine Uebersicht über wichtigere Gcmeindebcschlüsse in der letzten Zeit und verteidigte vor allem die vielfach ungünstig kriti- sicrte Grundstückspolitik der Gcinrindc.— In der Diskussion gab der Vorsitzende seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß die Fraktion für eine Herabsetzung der Entschädigung für die Arbeiter- beisitzer beim Gewerbegericht gestimmt habe. Genosse Singer er- daß die hcschlpsscne Gleichstellung niij des Beifitzeill des KaufMSMMrWS felffe Bersch!«Me?tMH Befeuke. Für E«sZuiff» nis eines ganzen Arbeitstages werden nach wie vor 6 M. gezahlt; nur für halbiägliche Versäumnis sei die Entschädigung auf I M. festgesetzt.— Tie Maifeier soll nach dem Bericht des Komitees in derselben Weise wie bisher stattfinden: vormfttags%10 Uhr Versaniinlung im Singerschen Saale. nackmiitagS Konzert in beiden Lokalen und abends Tanz. Ihre Mitwirkung haben zugesagt der „Freie Männerchor", der Turnverein und der Arbeiterradfahrer- verein.— Genosse Schubert richtete an die Anwesenden die Bitte, die Barbicrgehilfcn in ihrem Kampfe um bessere Lohn- und Arbeits- bcdingungen dadurch zu unterstützen, daß sie diejenigen Geschäfte, die unorganisierte Gehilfen beschäftigen oder den tarifmäßigen Lohn nicht zahlen, streng meiden. Auch mühten die organisierten Arbeiter endlich einmal mit der leidigen Trinkgeldunsitte brechen, die schuld daran sei, paß so viele Gehilfe»»och der Organisation fernstehen. Ein peinlicher Borgang spielte sich, wie uns nachträglich berichtet wird, am Dienstag voriger Woche in der Friedrichkirche ab gelegentlich der Trauung eines dem Arbeiterstande angehörenden Brautpaares. Im Vorraum der Kirche wandte sich der Pfarrer Dessin an die Braut mit der Frage, ob sie Witftau sei. Nach Verneinung der Frage wünschte er weiter zu wissen, ob sie bereits ein Kind habe, da er sie in diesem Falle nicht mit Kranz und Schleier trauen könne. Als die Braut bei Verneinung dieser unerwarteten Frage in Weinen ausbrach und die Anverwandten ihrer Meinung über das sonderbare Verhalten des Pfarrers in nicht mißzuverstehendcr Weise Ausdruck gaben, erNärte der Pfarrer gereizt, daß er sich zur Stellung der Frage für berechtigt halte. Sollten die Anwesenden noch lange „murren", so sähe er sich veranlaßt, vorerst nach Hause zu gehen. um sich über die letztere Frage aus seinem Buche Gewißheit zu ver» schaffen. Nachdem sich alle beruhigt hatten, ging der Traualt ohne weiteren Zwischenfall von statten. Als beim Verlassen der Kirch« ein zum Traugefolge gehörender Soldat vorzeitig seinen Helm wieder aufsetzte, soll der Pfarrer erregt gerufen haben:„Hüte und Helme werden draußen aufgesetzt!"— Soweit die uns gewordene Mitteilung. Trifft dieselbe in allem zu, so mutz man sich fragen. wie sich die zum Traualtar Schreitenden so etwa« haben bieten lassen, zumal sie wußten, daß die kirchliche Trauung heute nur noch ein veraltetes dekoratives Beiwerk darstellt, auf das jeder denkende Mensch ohne weiteres verzichten sollte. Potsdam. Stadtverordnetenversammlung. Die Baustelle in der Krön- prinzenstr. 34 wird für einen Preis von 16 000 M. verkauft; vor kurzer Zeit hatte die Stadt eine Offerte von 18 000 M. abgelehnt. — Den Hauptverhandlungsaegenstand bildete das Projekt der neuen Hav erdrücke cm Zuge der Packhof straße. das nach fünfstündiger Verhandlung mit 37 gegen 15 Stimmen angenommen wurde. Die spätere Ausnutzung der Freundschafts- insel, für die die Ballgesellschaft Stadthalle-Potsdam�l Million Mar? zahlen will, wurde in die nichtöffentliche Sitzung verlegt. Die Gegner des Brückenbaues führten eine ganze Reihe Bedenken gegen die Vorlage aus. Vor allem bemängelten sie, daß die s p ä- teren finanziellen Wirkungen, die der Brückenbau nach sich ziehen werde, in'der Vorlage nicht berücksichtigt sind. Außerdem seien die von der Regierung zugesicherten Garantien alle unvcr- kindlich; für die Stadt sei nach den bisher verschiedentlich ge- machten Erfahrungen Vorsicht geboten. Wer ist denn schuld, daß der Bahnbau der Elektrischen nicht bis zum Wildpark ausgeführt werden kann, dieselbe ebenso nicht über die Alloestraße und Glic- nicker Brücke geführt werden darf, warum muß die Stadt in diesem Jahre 18 000 M. Zinsen für den Flugplatz zahlen und muß die Neue Luisenstraße von 26 Meter auf 30 Meter verbreitern, darf sie die Höhnestraße nicht anlegen usw.? Eingehende Be- sprechung fand noch die Anlegung eines Fußgängerweges über den Güterbahnhof nach dem Personenbahnhof, dessen Kosten sich auf. 80000 M. stellen. Seine Ausführung wurde allgemein für recht unpraktisch gehalten. Nach dem Beschlutz der Stadtverordneten, der auSgefiihrt wird, wenn die Regierung den in Aussicht gestellten Zuschuß von 60 000 M. in rechtsverbindlicher Form zusichert(durch den Etat am 1. April 13131), wurde festgelegt: Der Brückenbau über die FreundschaftSinsel, der Ankauf resp. der Austausch des noch im Besitze des Fiskus auf der Freundschaftsinsel befindlichen Ge» ländes und der Verkauf der ganzen Insel an die Stadthallengesell- schaft für l Million Mark. Zur Durchführung der Brück« muß ferner von» Eisenbahnfiskus Land erworben und die Häuser Burg- straße 22/23 niedergelegt werden. Außerdem wurde ein Kredit von 3 000 M. bewilligt zur Ausarbeitung eines Projektes eines Umschlaghafens an der Nuthemündung.' ßrlcfbaften der KedahtCon» ®. G. 30. Offenbacher Frauenkaffe. Prtnzenstraße 66 bei Hinz.— »> R. 17. Ersuchen Sie die„N. D. Volks-Ztz.". New Jork, 184 William Street, um Auskunst, oder wenden Sie sich an das Kaiserlich deutsch- Generalkonsulat in New Jork.— M. M. 66. 1. und 3. Ja. 2. Nein. ßnefbaften der 6xpeditfon. Patienten in Beelitz, Buch und anderen Hellftitten. Diejenigen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ueberweisung von Frei- exemplaren sofort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Nummern des neuen Monats von der Post nicht geliefert werden- Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. Marktbericht von Verlin am 26. April ISIS,»ach Ermittelung des köntgl. PolizetpräfidwmS. Marlthallenpreise.(Kleinhandel) Ivo Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00—50,00. Speisebohnen, weihe, 30,00—56,00. Linsen 40.00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 8,00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule l,S0—S.40. Rindfleisch, Bauchslcisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,40-1,80. Kalbfleisch 1.40-2,60. Hammelfleisch 1,40-2,20. Butter 2,60-3,20. 60 Stück Eier 3,00—6,00. 1 Kilogramm Kardien 1,10—2,40. Aal« 1,50—3,20. Zander 1,60—8,60. Hechte 1,40—2,80. Barsch- 1,00-3,00. Schiet« 1,60-3,30. Bleie 0,80-1,50. 60 Stück Krebse 4,00-30,00._ WltterungSüberflcht vom%8. April 1912. Stationen Swinemde. Hamburg Berlin Frankf.a.M. München Wien Ii sß 775 NNO 77SNO 774N 7? HNO 76SNO 768! NNO Setter 2 wölken! Swoltenl Sheiter ehester 5 walke nl 2wollenl <->« d* 4 II Iis Stationen Ja fea Haparanda Petersburg Scillh Aberdeen Paris 776 S 778 Still 770.RO 775Still 769'NO Setter 2 wölken! Dunst Dunst Nebel 2wolkenl tt d II 2 2 10 7 11 Wetterprognose für Dienstag, den 23. April 1312. Trocken und vorwiegend heiter, am Tage warm bei ziemlich srischm nordöstlichen Winden, Berliner Wetterbureau. WosserstandS-Nnchrichten der LandeSanflalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel. Tilsit P r« g e l, Jnsterburg Weichsel, Thotn Oder, Ratibor . Rroffen , Frantsmt Warthe, Schrimm „ LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leiimeritz , Dresden . Berby » Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Falk.—•) Unterpezek. jhneflniahi uns lisftre an jadarmara Möbel auf Kredit bei Zahlung einer Monatsrate laut Vereinbarung und bequemster Abzahlung komplette WohDungs-Sinrictatnngen sowie einzelne MSaeistOche, Pohierwnren, foroige Küchen Portleren, Leib- u Bettwäsche. Steppdecken, Teppiche, �"1 illllCllj Betten, Kronen, Kinder wagen usw. In modernster Aueführung. Ferner Garderobe kür Herren, Damen n. Rinder Grtfatte Auawahl muaatar Fasson Griebens Reiseführer, Buckow und Umgebung. V.NZM. Dresden und die Sächsische Schwei»....... 2,—„ Erzgebirge...... 2,—. Fretcnwaldc und EberS- walde........ 0,60„ Harz(kleine Ausgabe),. 1,—„ (große Sluägabc).. 2�0. Mecklenburg..... 1,50, Nordseebäder..... 2,—„ Oberbayern lSalzburg. Salzkamwergnt)... 3,—, Oberspree...... 0,50„ Ostsceböder...... 2,—, Potsdam und Umgebung 0,50„ Rheinreise...... 1,50„ Riesengebirge(kl. Ausgabe) 1,—, (gr. Ausgab«) 2,50„ Rüge«........ 1,50, Sächsische Schwei»... 1,—. Schwarzwold(N. 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Dirig. Obern. Peschke. Anfang 8 Uhr. Anfang 8 Uhr. BV An allen Wochentagen nachmittags: Großes Promenaden-Konzert bei freiem Eintritt. Mahlmann- Orchester. Heute; Urania. Wiflsensohaftliohes Theater 6 Uhr: Prof. Ur. Donath: Elektrodynamik, 8 Uhr: WeltbSder an europäischen Küsten. (Von Hamburg bis Lissabon.) Metropol-Theater. Wegen Vorbereitunaen zur Premiere heute geschloffen. Sonnabend, den 27. April, abendS>/,8 Uhr, zum erstenmal: Schwindelmeier& Comp. Phantastisch musikalische Komödie w 3 eikten von I. Freund. Musik von R. Nelson. In Szene ge- setzt vom Direktor R. Schultz. Ab 3 Uhr DM- Lebte Woche--MD des grofte» komischen Programms mit dem Tagesgespräch von Kerliv Bellini. ■Das vereinte] Riesenpaar Brünbild und Dosorc 1 Dentschlandu. Frankreich I iH, das Löwenmädchen| halb Mensch— halb Animal lebend zn sehen Ohne Extras-Entree. I Theater Schluß diesjähriger Spiclsaisou: Montag, 29. April bis dahin Dsich: � Aie man— Männer bessert 2 Alte von Anton n. Donat Herrnfeld mit den Autoren in den Hauptrollen. Hierzu die Novität: ver(jausteufd. Ansang 8 Uhr.• Billettvorverkaus 11—2(Theaterkasse) Reiclishallen-Thealer. Stettiner Jünger Zum Schluft: Eine Hochzeit in der Müllcrftrafte. Burleske von Meysel. Ansang: Wochentags 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. �dmiralspalast: am Bahnhol Friedrichstraße, z. Z. einziger Eis» palast Deutschlands Allabendl. d. sensat. Eisballett „Yvonne". Die tl.Wak.-Königin Charlotte. Weltmstr. Bror Meyer. Nachm.: Kunstlauf-Produktionen. Bis 6 Uhr und von tO*/« Uhr abends halbe Kassenpreise. Restanrant 1. Ranges. Wein- und Bier-Abteilung. Der Zirkus bleibt nur noch kurze ZeitI Zirkus 444 A. Schumann Heute Dienstag, den 23. April, abends 7'/, Uhr; Hon l Anftreten der He« I DonsKosaken In Ihren wilden Reiterszenen auf Orig.-Steppenpferden sowie alle übrigen Attraktionen. Um 9'/. Uhr: Das grflBte Ausstattungsstock der Gegenwart Das Motorpferd in 5 Akten. mit d. glänzenden, feenhaften Schlußapothoose. früher Neues Kgl. 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