Ur. 95. fl bonnementS'Bedingungen; Wiotmcmcntä- Preis trönuaietanSo: Viert-Ijährl. 3,30 äRt, moitalL 1,10 SRI, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hans. Einzelne Nummer S Pfg. SoimtagS- nuouncr mit illustrierter SanntagS- Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Pos!- Wonncmenll 1,10 Marl vro Monat. Eingetragen in die Posl-ZeitunaS- BrelSlifte. Unter Kreuzband für nehmen am Belgien. Dänemarl. Holland. Italien. Luxemburg. Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 29. Jahrg. Clcheinl liglich außer niODtagj. Berliner Volksblntk. VIe Inkertianz-Sebilhr beträgt für die fechsgefpallene Kolonel- geile oder deren Raum 60 Pfg.. für politische und gewcrlschafuiche Vereins- und Lersamnilungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnscigen", das feltgedruckic Wort 20 Pfg. izuläfftg 2 fettgedrucNc Worte), jedes wettere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Worts Pfg. Worte über ISBuch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5" Uhr nachmittags in der Expedition - chst abgegeben werden. Die bis 7 Uhr abends g xpedtt öffnet, ttion ist Telegramm- Adresse: „S»ÄaIlleui»Iilat»erli»", Zcntralorgan der fozialdemokrati feben Partei Deutfchlande. Redaktion: 8 LI. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1383. Mittwoch, den 24. April 1912. Expedition: 6 Cd. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1384. Cui bono? Wein nützt die neue Wehrvorlage? Herr v. Beth" mann.Hollweg und seine Trabanten sind mit der Antwort aus diese Frage sehr schnell bei der Hand: dem deutschen . Wolke, denn seine Sicherheit und damit sein Wohlergehen werden durch diese Rüstungen gewährleistet. Und der ganze Chorus unserer geaichten Patrioten und Militaristen singt die gleiche Melodie. Bei genauerem Zusehen zeigt sich aber, daß der Teil des deutschen Volkes, dem die Wchrvorlage Nutzen bringt, aus zwar sehr einflußreichen, aber der Zahl nach sehr kleinen Bevölkerungsschichten besteht. Die große Masse der miseru zllebs oontribusns hat nur die Lasten der Rüstungen zusträgen; sie spürt auch am meisten, daß die angeblich ge- Ivährleistete Sicherheit nur eine Phrase ist, daß die Wehr- Vorlage nur eine Vermehrung der vorhandenen Unsicherheit und Spannung der internationalen Politik zur Folge hat, was nicht ohne Rückschlag auf das Wirtschaftsleben der Nationen bleibt. In seinem von unS des öfteren erwähnten Buche vom nächsten Kriege schreibt General v. Bernhardt: „Die Geldsummen, die der Staat für die Wehrbarmachung deS Volkes aufwendet, sind in allererster Linie eine wahrhaft soziale Ausgabe, die sozialen kulturfördernden Zwecken dient und die Nation geistig und sittlich hebt, die letzten und höchsten Kultur» zwecke also viel unmiltelbarer fördert als Errungenschaften der Technik, der Industrie, des Handels und Verkehrs.. Daß die Wehrbarmachung des deutschen Volkes verbunden ist mit einer Zoll- und Steuerpolitik, die die Lebenshaltung der breiten Massen niederdrückt und Unterernährung weiter Volksschichten zur Folge hat. daß daraus Wohnungsnot, Volks- krankheiten, Säuglingssterblichkeit und wie die sozialen Plagen alle heißen, folgen, braucht ein ehemaliger Kavalleriegencral nicht zu wissen.(Immerhin tritt Herr v. Bernhardt, was gcrechtigkeits- halber: erwähnt sei, für eine weitgehende Einführung der Erbschaftssteuer ein.) Aber die Anschauungen, die in den obenstehenden Sätzen vertreten werden, kehren immer und immer in der bürgerlichen Presse in den verschiedensten Variationen wiedcp. so daß es notwendig ist, an dem Beispiel der neuen Wehrvorlage nachzuweisen, in welche'Taschen die „wahrhaft soziale Ausgabe" des Staates fließt. Es leuchtet ohne- weiteres ein, daß durch die vermehrte Anschaffung von Geschützen, Maschinengewehren,. Handfeuer» und blanken Waffen, von Artillerie und Heergerät, von Uniformen und Ausrüstungsgegenständen ein Teil der deutschen Industrie zu erhöhten Lieferungen und zu vermehrten Profiten kommt. Aber die Nutznießer sind doch nur die Unternehmer und Aktionäre der direkt oder indirekt in Betracht kommenden Industrien. Aktienkurse, Dividenden und Reingewinne solcher mit Staatsaufträgen bedachten Betriebe pflegen in der Sonne fiskalischer Gunst sehr üppig zu wachsen. Das Lohnniveau der hier beschäftigten Arbeiter unterscheidet sich aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht von dem der gleichen Industrien, die nicht für die Heeresverivaltung arbeiten. In den Staatswerkstätten liegen die" Dinge für die Arbeiter vielleicht noch ungünstiger. Nehmen wir an, daß ein Zehntel der deutschen Arbeiterschaft für den Heeresbedarf tätig ist. so hat dieses Zehntel doch genau wie die übrigen neun Zehntel die durch die Rüstungen hervorgerufene Verteuerung der Lebenshaltung auf sich zu nehmen. Irgend ivelche wirtschaftlichen Vorteile springen also für die Arbeiterschaft, abgesehen vielleicht von einer kleinen Anzahl besonders qualifizierter Arbeiter, aus den Rüslungsaufwendungen des Staates nicht heraus. Natürlich sind es die Aktionäre und Besitzer der Groß- betriebe, z. B. die Firma Zlrupp und ähnliche, die von diesen „wahrhaft sozialen Ausgaben" des Staates' das Fett ab- schöpfen. Daher auch die fanatische und verlogene RüstungS- hetze der Zeitungen, die von diesen Großindustriellen aus- gehalten werden. Viele Artikel dieser Presse, die von patriotischer Besorgnis strotzen und von Eifer um das Wohl und die Sicherheit des Vaterlandes überfließen, sind nichts weiter als verkappte Reklameplakate für die Betriebe, die sich mit Staatsaufträgen mästen. Diese Prozentpatrioten kümmert es wenig, daß der Staat die Arbeiter, die staatlichen und privaten Angestellten, die Handwerker und die Klcinindustrie mit Zöllen und indirekten' Steuern belasten muß, um die Mittel zur Bezahlung seiner Großlieferanten zu erhalten. Aber nicht allein eine kleine Zahl von Großindustnellen und Aktionären sucht aus der Wehrvorlage erhöhten Vorteil. auch die Agrarier, vor allem die Ostelbier kommen nicht zu kurz. Zunächst schon durch die stattliche Zahl von Dienst- Pferden, die die Wehrvorlage ftir den 1. Oktober fordert. 6829 Pferde werden durch die Neuformationen mehr eingestellt, so daß das deutsche Heer vom 1. Oktober 19)2 einen Bestand von 126 480 Dienstpferden zählen wird. Dabei haben wir im„Vorwärts" schon darauf hingewiesen, daß diese Zahl sich für den Etat 1913/14 noch um 1 bis 2 Tausend erhöhen wird, da die sechs neugefordertcn Slavallerieschioadronen sowie die Bespannungen für die Maschinengewehrkompagnien im laufenden Etat noch nicht enthalten sind, wie überhaupt an Verschleierung und � Vertuschung in der Wehr- Vorlage das Menschenmöglichste geleistet wird. Daß die Erhöhung des Pferdebestandes den Remontezüchtern in Ostpreußen, Hannover usw. Aussichten auf vermehrten Absatz und Gewinn gewährt, ist selbstverständlich. Die Pferdezüchter sind natürlich nur in den seltensten Fällen Kleinbauern, sondern meist Großgrundbesitzer, Groß- und Mittelbauern, kurz agrarische Schichten, die ohnehin schon die Nutznießer unserer Zoll- und Liebesgabenpolitik sind. Die Erhöhung des Pferdebestandes der Armee zieht natürlich auch einen erhöhten Bedarf an Fourage nach sich. Die Lieferung von Körnerfutter, Heu und Stroh muß daher in größerem Umfange erfolgen, wobei ein großer Teil unserer Agrarier nicht zu kurz kommen wird. Natürlich wird diesen Kreisen durch die Erhöhung des Mannschaftsbestandes auch bei der Truppcnvcrpflegung indirekt vermehrter Profit zufallen. Es ist daher kein Wunder, daß die agrarische Presse und die agrarischen Parlamentarier stets für Rüstungen und Rüstungsvermehrung zu haben sind, daß sie sich als die eifrigsten Befürworter der neuen Wehrvorlage geberden. Dabei ist zu beachten, daß die Offiziere und Generäle, die ihre Feder für die Heercsvermehrung usw. in Bewegung setzen, meist Fleisch von agrarischem Fleisch, zum Teil sogar selbst Grundbesitzer sind. Damit kommen wir auf das Offizierkorps im allgemeinen. Es muß mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß gerade diese Wehrvorlage eine ganz gewaltige Ver- mehrung der Offizier stellen vorsieht, ganz be- sonders in den höheren Chargen. Tie neugefordcrten Stellen sind allein für 1912 folgende: 25 Generäle 1 1 Regimentskommandeure 262 Stabsoffiziere 422 Hauptleute 552 Leutnants 75 Sanitätsoffiziere 35 Veterinäre 41 Zahlmeister Dazu kommen ferner an höheren Beamten(ohne Bayern): Intendantur: 18, Geistliche: 3, Militärjustiz: 9, Proviaytamt: 1„ Garnisonverwaltung: 1, Mflitärbauwesen: 11. In diesen Zweigen der Militärverwaltung"vird natürlich die Schar der mittleren und unteren Beamten auch erheblich ver- mehrt/"...... Auch die Marine soll eine erhebliche Vermehrung ihres Offizierskorps erfahren und zwar um 48 Seeoffiziere(darunter 10 Stabsoffiziere), 13 Marineingenieurc, 8 Marinczahlmeister. All diese Vermehrung der Offizier- und höheren Beamten- stellen kommen zugute einer kleinen, engbegrenzten und zehn- mal gesiebten Gescllschaftsschicht, aber nicht allen Klassen des deutschen Volkes. Die Wehrvorlage baut mehr als jede andere das Heer zu einer großarttgen Versorgungsanstalt für die Söhne des Junkertums und der rassenreinen Bourgeoisie aus. Selten aber hat eine Wehrvorlage den Avancements- schmerzen des Offizierkorps stärker Rechnung getragen als gerade die gegenwärtige. Die Beförderungsmaschine wird vom 1. Oktober ab mit Volldampf arbeiten. Man sehe sich nur die unverhältnismäßig große Zahl der Stellen vom Hauptmann aufwärts an.. Dazu kommen dann im nächsten Jahre noch etwa 25 Kavallerieosfiziere und 14 Landwehr- inspekteure(mit Generalsrang) usw. Das alles gibt Lust in den höheren Offiziersregionen. Ist es da verwunderlich, wenn die Junker und die Bourgeois, deren Söhne und Verwandte den„vornehmsten Rock" tragen dürfen, die Wehrvorlage mit Begeisterung aufnehmen, wenn die bürgerlichen Parlamentarier, von denen ja auch sehr viele verwandtschaftliche Beziehungen zum Offizierkorps haben, auch bei der Wehrvorlage in erster Linie die Interessen ihrer Klasse wahrnehmen. Sie können doch nicht dafür, daß diese Interessen sich(nach ihrer Meinung) auch mit„der Würde und der Sicherheit des ganzen Vaterlandes" decken. Ein genauerer Blick auf die neugeforderten Offizierstcllen fördert aber noch manche andere Erscheinung zutage. So finden sich unter den Generalsstellen(ohne Bayern) acht, bis 1915 werden es 22 sein— für Landwehrinspekteure. das heißt für Herren, für die� es im Frieden blut- wenig zu tun gibt. Von den Stabsoffizieren erhalten in Preußen nur 30 ein Truppenkommando, 171 werden den Stäben zugeteilt; von den Hauptleuten erhalten nur 129 eine Kompagnie resp. eine Batterie, 166 komwen zu. Stäben und dergleichen. Das heißt mit anderen Worten, eine sehr große Anzahl der Offiziere bekommen im Frieden gutbezahlte Sine- kuren, Stellen, iür die es im Frieden eigentlich keine Be- schäftigung gibt oder die ihre Inhaber nur zu allerlei militä- rischem Kleinkram, zur Kontrolle von Äammerbeständen und dergleichen verpflichten. Die gewaltige Vermehrung der Offiziere ohne Kommando soll angeblich eine Sicherheit für den schnellen Uebergang aus der Friedens- in die Kriegs- formation geben. Sie bedeutet aber in Wirklichkeit eine un- geheuere Belastung der Steuerzahler. Militärisch begründet wird die Schaffung dieser milita- ristischen Pfründnerstellen mit dem Hinweis auf das fran- zösische Kadergesetz, das gleichfalls eine starke Vermehrung der Offizierstellen bei den Stäben usw. vorsieht. Wir haben schon mehrmals in diesen Artikeln auf die schwachen Kader der französischen Armee hingewiesen imd haben dargetan, daß Frankreich bei einer Mobilmachung weit mehr als Deutsch-� land zur Komplettierung seiner Truppen erster Linie auf Reservisten und Reservcformationen angewiesen sei. Vom. militaristischen Standpunkt aus ist also die Vermehrung der aktiven französischen Offizierstellen zu rechtfertigen. Bei uns in Deutschland läuft aber die ganze Offiziersvermehrung am letzten Ende auf die Verbesserung der Avancementsverhältnisse hinaus. Eni bono? Wem kommt die Wchrvorlage zugute? Den breiten Volksmassen sicher nicht, am allerwenigsten der Ar- beiterschaft. Dieser kann es auch gleich sein, ob Herr von Bethmann Hollweg mit Hilfe der Wchrvorlage die durch den 12. Januar ramponierte Gunst seines Herrn und Meisters wieder repariert. Die Sozialdemokratie und die organisierte Arbeiterschas« bleibt bei der Parole: Diesem System keine» Mann und keinen Groschen! Zweierlei Gerassel. Der gestrige Tag, an dem die Sozialdemokratie nicht zu Worte kam, war von zweierlei Gerassel erfüllt, denn um Gerassel handelt eS sich hüben wie drüben. Die Junker beider Spielarten, heute vertreten durch den Edlen Herrn zu Putlitz und den Freiherrn v. G a m p, rasselten mit dem großen Sabul des Militarismus und brannten ein patriotisches Phrasenfeuerwerk ab; die Liberalen beider Spielarten, durch Herrn B a s s e r m a n n und Herrn Müller-Meiningen repräsentiert, rasselten mit dem Holzschwert der gesinnungstüchtigen Opposition und blendeten mit dem Scheinwerfer der Kritik. Aber in ihrer grundsätzlichen Stellung zum Militarismus unterscheiden sich die vier bürgerlichen Parteien, die heute sich vernehmen ließen, nur nach Nuancen. Bewilligen wollen die Nationalliberalen, bewilligen auch die Freisinnigen und auf das klare entschiedene Rein, das allein die Losuug einer wahrhaft fortschrittlichen Politik sein kann, wartete man gestern vergeben». Daß neue Panzerschiffe gebaut, neue Kanonen gegoflen, neue Bataillone gedrillt werden sollen, darüber herrscht kein Zwiespalt; nur wer sie bezahlen soll, über dieser untergeordneten finanztechnischen Seite der Sache ist der Erisapfel unter die bürgerlicben Parteien gerollt. Der Gans Edle Herr zu Putlitz, der als getreuer Jünger Heydebrands für die Konservativen sprach, hat nichts von der rotbäckigen Frische der hinterpommerschen Junker an sich, wie sie in Sudermannschen Dramen herrenmenschlich aufzutreten Pflegen, weder in seinem Wesen noch in seinen Worten. Das aber macht die hinterpommerschen Ansichten über Krieg und Frieden, über Militarismus und Sozialdemokratie nicht genießbarer, die er in ledernstem Tone vortrug, nur dann lebhafter werdend, Ivenn er gegen die stärkste Partei des Reiches einen schnoddrigen Ausfall machte. Im übrigen war seine Rede ein Sammelsurium von Wiederholungen, ein Echo von Echos: alle Welt ist friedliebend, aber Rüstungen sind notwendig, die Grundsätze des Reichsschatzsekretärs sind zu billigen, nur das Branntweinsteuergesetz ericheint nicht unbedenklich— all das hat man schon gestern gehört und vorher schon oft und wird es noch hören. Herr Baffermann versäumte es nicht, sich mit patriotischer Geste in die Brust seines nationalliberalen Gehrocks zu werfen. Selbst- verständlich bewilligt seine Partei dem Militarismus, was der MIitariS» mus haben will. Aber und auf der Basis dieses Aber entwickelte nun Herr Basfermänn seine Anschauungen über die Deckungsfrage und ging dabei dem Kanzler mit gutem Geschick zu Leibe. Warum nicht die Erbanfallsteuer, für die sich Herr Bethmann Hollweg doch seinerzeit als Staatssekretär BülowS selbst eingesetzt? Warum immer die Ermahnung an die Linke, auf ihren finanzpolitischen Grundsätzen nicht zu bestehen? Und»Wir behalten unS vor, in der Deckungsfrage eventuell mit Initiativanträgen vorzugehen". Nur daß ein Eventuell an sich und erst recht ein nationalliberales Eventuell dieser Ankündigung für Regierung, Junker und Pfaffen wahrhaftig alles Tragische nimmt. Herr Müller-Meiningen ging wesentlich schärfer ins Zeug. Auf der Pauke fortschrittlicher Opposition donnerte er herum, daß es nur so eine Art hatte und die Pfeile seiner Witze versinsterten zu Zeiten die Sonne der Regierungsgunst, die sich Herr Müller und die Seinen während des Bülowblocks doch so gern auf den Buckel haben scheinen lassen. Jetzt aber ist man nicht Regierungs-, sondern Volkspartei, und da darf man sich's schon etwas kosten lassen. Und wie Herr Müller-Meiningen taktisch operierte, war gar nicht ungeschickt. Er wandte sich mit Schärfe gegen die Absicht, die Vorlagen schnell durchzupeitschen, wie auch gegen die Absicht, die Kritik an der militärtechnischen Seite zu unterbinden, und namentlich in der Deckungsfragc schoß er manche gutgezielte Breitseite gegen Regierung und Rechte ab. Nach kurzen Ausführungen der Staatssekretäre Tirpitz und Kühn nahm zum Schluß der Freiherr v. Gamp das Wort, um für die Reichspartei in dieselbe Kerbe zu hauen, wie der Edle Herr zu Putlitz. Dieser knorrige Ostpreuße ist ohne Zweifel"ein ehrlicher Kerl, wenn er der Sozialdemokratie auch wenig parla- mentarisch die Ehrlichkeit abstritt, aber auch er fand lediglich die abgegriffenen Klischees des Hurrapatriotismus— seiner Ansicht nach sind weitesten Volksschichten(man höre: weitesten Volksschichten!) sogar die neuen Wehrvorlagen noch viel zu gering. Na, also! Dem politischen Laien auf den Tribünen mutzte der Tag heute wie ein lebhaftes Gefecht zwischen zwei Weltanschauungen vor» kommen, und doch handelte es sich nur um Nuancenunterschiede. Dafür gab es ein Sinnbild: bei den heftigsten Angriffen des Herrn Müller-Meiningen lächelte der Kanzler und bei den blutigsten Witzen lachte er sogar fröhlich mit, und er hat recht: Hier darf er lächeln, darf er lachen! Morgen aber, wenn der Sozialdemokrat spricht, wird ihm schon das Lachen vergehen. Und auch mit Recht! ß'MhiiZüeg des ördnungsbrcies 900 lüilwaukee. New Aork, 5. April.(Eig. 93er.) Tie am 2. d. M. iw Miltvaukee abgehaltenen städtischen Wahlen nahmen den Ztusgang. den man angesichts des Zu- �mmengehens der bürgerlichen Parteien, der Temokraten und Republikaner, von vornherein erwarten mußte. Unsere Genossen unterlagen der Koalition der Gegner. Ter Fufions- tandidat Tr. Gerhard Bading. ein Republikaner, wurde mit 13172 Stimmen ge�en 30 2 Stimmen, welche auf den Genossen Seidel, den bisherigen Inhaber des Amtes, ent- sielen, zum Mayor(Oberbürgermeister) von Miltvaukee ge- wählt. Gleichzeitig mit.Pading treten am 9. April zwei Temokraten als Stadtschatzmcister und als Compbroller(Chef des städtischen Finanzwesens) an die Spitze der Stadtverwal- tung. Von den neugewählten Stadtverordneten gehören 7 der sozialdemokratischen Partei, 20 der Fusion an. Die si�g- reichen sozialdemokratischen Stadtverordnetenkandidaten gm- aen ausschließlich aus den Bezirkswahlen hervar, während die t von sämtlichen Wählern der Stadt erkorenen Stadtverord- nete>?(Aldermen-at-large) von dem Ordnungsklüngel aus- gestellt waren. Die gesamte amerikanische Presse beschäftigt sich in Leitartikeln mit dem Resultat. Abgesehen von ver- rinzeltcn Ausnahmen, wagen auch die bürgerlichen Blätter nicht zu bestreiten, daß die„Ordnungsparteien" einen Pyrrhussieg errangen, der den Keim zu künftigen Nieder- lagen in sich birgt. � Vor zwei Jahren vereinigte der Genosse Seidel als Mayors-Kandidat 2 7 6 2 2 Stimmen aus sich, während 20 813 Wahlzettel auf seinen demokratischen Gegenkandidaten V. I. Schoenecker und 11263 auf den repnblikanizchen Be- Werber John M. Beffel lauteten. Seit 1910 wuchs die Zahl der Wahlberechtigten um rund 2000 Seidel erzielte eine Zunahme von 2328 Stimmen. Am letzten Diens tag beteiligten sich 73 372 Stimmberechtigte an der Wahl Handlung, 13 973 mehr als vor zwei Jahren. Die Sucht, uin jeden Preis wieder an den Futtertrog zu kommen, ließ die bürgerlichen Raubpolitiker nicht nur ein Bündnis schließen, sondern spornte sie auch zu einer uner- hörten Wahlagitation an, welche„fast den letzten Wähler" an die Urne brachte. Bei einer gleichen Wahlbeteiligung wie 1910 hätte Seidel nahezu die absolute Mehrheit der Stimmen erlangt, zu der ihm 1910 noch 4133 Stimmen fehlten. In der Ihnen vor zwei Jahren übermittelten Korrespon- Venz über den Ausfall der Wahl in Milwaukee hieß es:„Aber daß Genosse Seidel... bis auf wenige tausend Stimmen der absoluten Mehrheit nahekam, überraschte selbst unsere Ge- Nossen."� Wie bei fast allen amerikanischen Wahlen entscheidet auch bei den städtischen Wahlen in Milwaukee die relative Mehrheit: die absolute Majorität ist nicht erforderlich. Schon während des Wahlkampfes 1910 war es klar, daß die bürgerlichen Wähler, der jahrzehntelangen korrupten Wirtschaft der demokratischen und republikanischen Beute- Politiker müde, teilweise für Seidel eintreten, teilweise steh der Abstimmung enthalten würden. So gingen denn auch die bürgerlichen Stimmen von 41 517 im Jahre 1908 auf 31 773 im Jahre 1910 zurück, während die sozialdemokratischen Stimmen, deren 1908 20 887 gezählt worden waren, zwei Jahre später, trotz der viel schwächeren Wahlbeteiligung, auf über 27 000 hinaufschnellten. Da die Wahl 1910 unter anormalen Verhältnissen statt- fand, muß man zur Würdigung der diesjährigen Wahl die- jenige von 1908 zum Vergleich heranziehen. Da ergibt sich denn, daß das sozialdemokratische Votum in vier Jahren um fast 10 000, das der beiden bürgerlichen Parteien um noch nicht 2000 Stimmen zunahm, obwohl die auf die fieberhafte Agitation zurückzuführende Steigerung der Wahlbeteiligung fast ausschließlich der Fusion zugute kam. Die Stimmen, welche am Dienstag in Milwaukee auf die Namen sozialistischer Kandidaten lauteten, wurden auch von Sozialdemokraten abgegeben. Mitläufer gab es da nicht. Tie bürgerlichen Parteien hatten sich geeinigt: ihre Führer hatten die Beute im voraus geteilt. Eine scharfe Grenzlinie schied die Wähler in zwei Lager: in Sozialdemokraten und in Anhänger der bestehenden Gesellschaftsokd- nung. Wie die bürgerliche Presse unterschiedslos zugibt, daß Milwaukee unter Seidel seit einem Menschenalter zum ersten- mal eine ehrliche Vanvaltung hatte, so wirst sie auch fast ausnahmslos, sei es direkt, sei es versteckt, die Frage auf: „Wie lange wird die Fusion der Demokraten und Republikaner in Milwaukee der unaufhaltsam zunehmenden Sozial- bemokratie gewachsen sein?" Tie Befürchtung ihrer Gegner bald zu verwirklichen, traten unsere Genossen in Milwaukee schon wieder Zuversicht- lich und energisch m die Agitation für die nächsten Wahlen ein. Auch in anderen Städten zeigte sich übrigens der Zu- sammenschluß der Demokraten und Republikaner gegen unsere Partei. Ties konnte aber nur verhindern, daß unsere Man- datszahl entsprechend unserer Erstarkung wuchs, nicht aber die bedeutende Vermehrung unserer Stimmen- zunahm e. In C h i c a g o wurden über 18 000 Stimmen erzielt. In Quincy, Illinois, wurde der erste Sozialist gewählt, ebenso in Peoria bei einer Skimmenzunahme um die .Hälfte und in Pearl gegen die verbündeten Gegner. In Michigan: in Battle Creek 1 Stadtrat(4- 50 Proz.), tu zialainzoo 2, beinahe auch der Mayor, in Dcnvagiac die Hälfte des Stadtrats: die Stimmenzahl war um 347 größer als die beider Gegenparteien und viermal so groß wie die bei früheren Wahlen, bei der Wahl des Mayors und Rechners fehlten nur einige Stimmen. In Iowa stieg in Tavenport die Zahl von 384 auf 1000, in Hopkington. dem Sitz der Uni- vcrsität, wurden der Mayor und 2 von 3 Stadträten gewählt, in Ryan der Mayor und 3 Räte. In Fort Scott. Kansas, Sieg über die geeinten Gegner, 3 Aldermen von 3 gewählt, sozialistische Ratsmehrheit. Unter gleichen Umständen in Ottoivana. Minnesota, 2 Aldermen, 1 Mitglied der Schulbehörde gewählt. Eine Reihe Siege berichtet auch Wisconsin. In Elroz 3 Aldermen, 1 Friedensrichter: in Green Bay 1 Alder- man, einer mit 4 Stimmen unterlege», Zunahme von 514 vor zwei Jahren auf 81?: i» Eau ISlairp Mehrheit von 288, Bürgermeister erwählt. Hier überall Gegiter als„Unpar- teüsche" geeinigt. In Butte, Montana, mit 2800 stärkste Stimmenzahl. 1 Alderinau gewonnen: tetzt 6 unter 36. In Aurora Springs ging die ganze Liste durch. Dasselbe geschah o y n c G e g n e r im Acrgarbeiterdorf Scammond, K a n s a s. Eine ganze Reihe weiterer Orte melden Gesamt- oder Teil- ficge oder mindestens erhebliche Stimmcnziuwhme. Der Krieg. Die Bewegungen der italienischen Flottf. Saloniki. 23. April. Sieben italienische Kriegsschiffe kreuzen fast beständig zunschen Enos und den Inseln Jmbros, Tenedos und Lemnos. Vor Chios liegen sieben italienische Schiffe, die wahr- �heinlich Instruktionen abwarten. Ein aus neun Schiffen bestehen- des italienisches Geschwader liegt vor Mudros auf Lemnos, wo zwiest Transportschiffe mit Kohlen und anderen Vorräten eintrafen. Von den Befestigungen des großen Kaps Karaburun wird gemeldet, daß üo der Ferne vier italienische Schiffe gesehen wurden, die wieder verfchchande»». Rovn, 23. April. Die Agenzia Stefani meldet, die Marine- drvision, anter dem Befehl des Admirals Presbitero, hat die Insel Astropalia besetzt und dort einen Stützpunkt zur Versorgung der Schjffe errietet. Die Besetzung dieser Insel, die große und sichere Ankerplätze iw Norden und Süden besitzt, wird ein wirksameres Vorgehen zur Wegnahme von Kriegskonterbande ermöglichen. Tie Wirkung der Dardanellensperre. Wie«. 22. April. Die„Neue Freie Presse" meldet aus Kon- stantin-opel: Ter Hafen von Konstantinopel bietet wegen der Schiffahrtsjtockung einen nie gesehenen Anblick. Bis heute ankern im Bosporus über 100 Handelsdampfer aller Flaggen. Die meisten führen Getreide, einige Mehl, Petroleum oder Herakleskohlen. Sie finden Gelegenheitskäufer, wodurch die Teuerung einigermaßen ge- mildert wird. Die Stadtverwaltung warnt bor Spekulationen und das Kriegsgericht bestrast die spekulative Verteuerung der Lebens mittel. Der österreichische Zucker, der infolge der Seesperre von 1% auf 6 Piaster stieg, kommt auf der Donau an; 7000 Faß Mehl werden mit der Anatolischen Bahn von Angara erwartet. Augen blicklich herrscht kein Brotmangel, dagegen hört der Fremdenzufluß fast vollständig auf. Die ägyptische Khediviallinie plant, die Passa- giere für Konstantinopel in Dcdeagatsch zu landen. Doch trifft die Orientbahn selbst Anstalten, ihre Züge von Saloniki im Falle eines italienischen Angriffes auf Dedeagatsch auf dem Ilmweg über Bodoja und Feredschik hierher zu führen. Aufhebung der Sperre in Sicht? Bremen, 23. April. Wie dem Norddeutschen Lloyd von seiner Agentur in Konstantinopel bestätigt wird, ist mit der Ein! z i e h u n g der Minen begonnen worden. Die Freigabe der Tardanellen erfolgt voraussichtlich binnen drei Tagen. Tie internationale Lage. London, 23. April. Unterhaus. Der Liberale King fragte an, ob das Auswärtige Amt Informationen darüber habe, daß Oesterreich-Ungarn die Neutralität in dem Kriege zwischen Italien und der Türkei aufrecht- erhalten wolle unter der Bedingung, daß Italien keinen Angriff auf die Besitzungen der Türkei in Europa mache. Parlaments Unterstaatssekretär A c l a n d erwiderte: Ich habe von einem derartigen Abkommen keine Kenntnis. In Beantwortung einer wei- teren Frage des Abgeordneten King sagte Acland, die Mächte hätten die italienische Regierung gefragt, unter welchen Bedingungen sie geneigt wäre. die �-freundschaftliche Ber Mittelung der Mächte anzunehmen; ein gleicher Schritt wäre in Konstantinopel erfolgt. Bei der Beantwortung weiterer Fragen stellt« Acland fest, daß ulan von Rmn eine Antwort bekommen habe, aber von Kon- stantuwpel hätte hie englische Regierung noch nichts gehört. ttoustantinopaT 23. April. Gegen Mittag hat der UnterstaatS- sekretär des Aeutzern den Botschaftern die Antwort der Pforte aus den Pc.rmittelungsvorschlag über- reicht. Bevorstehende Aktion der Italiener an der tripolitauischen Ostgrenze. Alexandrien(Aegypten). 23. April.(Meldung der Agenzia Stefani.) Große Erregung verursachen hier von der tripolitanischen Grenze kommende Nachrichten, nach denen in Tobruk eine Kon- zentration italienischer Truppen stattfinden soll. Diese Truppen sind, wie die einen sagen, zur Besetzung von B o m b a bestumnt, wie andere behaupten zu einer demnächst statt- findenden Aktion an der Ostgrenze, analog derjenigen Mio», welche in der Nähe von Seid Said an der tunesischen Grenze vor sich geht. Enver Bei tot? Kairo. 23. April. Die Agenzia Stefani meldet unter dem 22. d. M.: Enver Bei, der sich seit einigen Tagen in Mariut befand, wo er wegen Schwierigkeiten, die sich der Fortsetzung seiner Rückreise entgegenstellten. Halt gemacht hatte, ist um 4 Uhr früh gestorben. Sein Tod ist infolge Brand einer Wunde, die er kürzlich im Kampf mit den Italienern erhalten hat, eingetreten. Türkische Rundschreiben geben dagegen bekannt, daß der Sultan Enver Bei den Titel eines Pascha verliehen habe und ihn zur Wiederherstellung seiner Gesundheit vom türkischen Kampfplatz in der Cyrenaika zurückberufe. Enver Bei werde vorläufig bis zum Eintreffen Etmb Sabri Beis, der schon von Konstantinopel nach Saloniti abgereist sei, von wo er sich nach der Cyrenaika begeben werde, um das Oberkommando zu übernehmen, durch Aziz Bei vertreten werden._ Die Revolution in Lhlos. Allerlei zur Lage. Irlisiel, 23. April. Die Agentur des äußersten Ostens meldet aus Peking: Das Gerücht, daß General Liyuenhuiig. der Vize- Präsident der Ziepublik, ermordet worden sei, ist falsch. Es sind allerdings zwei Männer in sein Haus eingedrungen und haben Revolverschüsie auf ihn abgegeben, ohne ihn jedoch zu treffen. Sie wurden verhaftet und enthauptet. Die Lage ist jedoch noch derart unruhig, daß der General Liyuenhuug seine Familie in die franzosische Konzession nach Hanlau geschickt ljol Der Minister Tangschaoyi schlägt den Gesandten /der fremden Mächte vor. die auö dem Boxeraufstand herrührende Entschädigungssumme erst in drei Jahren zu bezahlen. Tie Gesandten haben noch nicht auf diesen Vorschlag geantwortet. I u a n s ch i k a i hat den Bauern die Zahlung der schuldigen Steuern für das letzte Jahr er» lassen unter der Bedingung, daß die Steuerzahlung nunmehr regelmäßin erfolge. Ter Vertreter Juanschikais in der Mongolei ist nach Peking zurückgekehrt und hat die Nachricht überbracht, daß die M v n g o l c u ihre Ünavhängigteit bewahren wollen. Eine große Anzahl von den in Peking residicrc:ldcn mongolischen Lamas und Tibetaner haben jedoch eine Verjammmng arrangiert, in der eine Resolution zugunsten der Vereinigung der Mongolei und Tibet mit China gefaßt worden ist. Juanschikai hat die Teilnehmer der Bersamm- lung zu dieser Haltung beglückwünscht. politilcke(leberlickt. Berlin, den 23. April 1912. Abgeordnetenhaus. Vor leeren Bänken beriet das Abgeordnetenhaus am Mttwoch in zweiter Lesung einige kleinere Etats und beendete sodann die Besprechung des Kapitels„Höhere Lehranstalten". Ein hierzu von steifinniger Seite gestellter Antrag auf organische Ver- bindung der Lehrpläne der Volks- und höheren Schuten und Ab- schaffung der Vorschulen wurde gegen die Stimmen der Antragstellee und der Sozialdemokraten abgelehnt. Die Klassenunterschiede sollen nun einmal in Preußen verewigt werden. AuS der weiteren Debatte über das höhere Schulwesen ist eins recht interessante Episode zu erwähnen. Ein Redner de? Zentrums, Abg. Dr. Schmitt- Düsieldorf. hatte fich des langen und breiten über ein Geschichtswerk ausgelassen, daS an höheren Lehranstalten verteilt wird, obwohl es einen zentrurnsfeindlichen Charakter-habe- Der Präsident ersuchte den Redner, auf dies Thema, das eigentlich in der Generaldebatte hätte erörtert werden müssen, nicht einzugehen, er gestattete dem Redner aber schließlich, wenn auch nur still« schweigend, seinen Faden weiter zu spinnen. Als aber Ageordnetcr Dr. Maurer(natl.) erwidern wollte, suchte ihn Frhr. v. Erfsa wiederholt daran zu verhindern. Abg. Maurer, der wohl glauben mochte, daß es im preußischen Abgeordnetenhause so etwas wie Gerechtigkeit gibt, wollte sich das nicht gefallen lasien, er wurde zweimal zur Sache gerufen, und fast schien es, als wollte er fich das Wort entziehen lassen oder gar dem Leutnant Gelegenheit zum Ein» schreiten geben. Aber im letzten Augenblick besann er sich darauf, daß er als Mitglied der„staatserhaltenden" Parteien eS nicht so weit kommen lassen dürfe, er brach deshalb ab und fügte sich gehör« sam den präsidialen Anordnungen. Seinen Freunden vom rechten Flügel war ein Stein vom Herzen gefallen, eine solche»Blamage" hätten die Friedberg und Genossen nicht überlebt. In später Stunde begann noch die Beratung deS vom Herren» hause angenommenen SparkassengesetzeS, wonach 20 bis 30 Proz. des Vermögens der Sparkassen in mündelsicheren Inhaber» papieren, mindestens drei Fünft el davon in Reichs- oder Staats» anleihen anzulegen sind. Die Besprechung dieses Gesetzentwurfs, durch den der Kurs der Konsols künstlich gesteigert werden soll, wird am Mittwoch fortgesetzt._ Wieviel Deutsche tvarte« auf den nächsten Zkrieg? Der Regierungsentwurf eines Gesetzes zur Ergänzung des Gesetzes über die Friedenspräsenzstärke des deutschen HeeeeS vom 27. März 1011 und des Besoldungsgesetzes verlangt in erster Linie eine Abänderung des Paragraphen 1 dieses Gesetzes. Es soll da die Zahl 515 321 in 544 211 umgeändert werden. Dies heißt ober nur. daß die Ziffer der Gemeinen. Gefreiten und Obergefreiien um so viel zu erhöhen ist. Der Gesamtste st and des deutschen HeereS, einschließlich der Unteroffiziere und Offiziere ist um über 100000 Mann höher. Ebenso ist natürlich auch die wirkliche Erhöhung der jetzigen Anforderungen viel größer, als ziffernmäßig erkennbar ericheint. Es werden 17 neue Jnfanterirbataillone, 6 Kavallerie- eSkadronS, 41 Feldartilleriebatterien, 4 Pionierbataillone, 1 Verkehrs« truppenbataillon und 2 Trainbataillone neugeschaffen, die eigentliche Truppenvermehrung umfaßt dabei 23 310 Mann. Dazu kommen dann aber noch die Unteroffiziere und Offiziere bis in bie hohen Chargen, die notwendig sind die neuen Formattonen zu kommandieren! Wieviele Menschen soll nun eigentlich nach diesem Entwurf daS deutsche Heer umfassen? Wie hat sich sein Umfang seit 1872, also seit der Zeit nach dem deutsch-stanzösischen Kriege geändert? Der gesamte MannschastSbestand einschließlich der Offiziere und Militärbeamten betrug resp. wird nach Annahm« deS Gesetzes betragen: ■ 1872.. 359 000 Mann 1893.. 667 093 Mann 1875.. 401 659„ 1899.. 606 516„ 1881.. 427 274, 1905.. 614 866„ 1887.. 468 400„ 1911.. 626 732. 1890.. 486 983„ 1912.. 655914, Und diese mehr als 655 000 Menschen warten auf nicht anderes als auf den nächsten Krieg! Sie werden gedrillt und eingeübt. zu töten und zu vernichten. Taufende von Söhnen vornehmer Familien sehen ihren einzigen Beruf darin, Menschen auf den Menschen zu dressieren. Die Entwickelung geht dabei in einer kulturgefährdenden Ge« schwindigkeit zu immer größeren Aufgeboten und stets mehr anwachsenden Ausgaben. Im Jahre 1372 hatte das Deutsche Reich bei rund 42 Millionen Menschen 360000 Mann im aktiven Heere. Im Jahre 1912 soll, trotzdem das deutsche Volk bis jetzt nur aus 66 Millionen angewachsen, da» aktive Heer schon 656000 Mann betragen. Also damals 0,8 Prozent der Bevölkerung Deutschlands, heute schon 1 Prozent der Bevölkc- rung lebt ständig unter Waffen. Dabei muß beachtet werden, daß die eigentlich Waffenfähigen zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. Unter den 65 Millionen deutscher Bevölkerung find viel- leicht— hoch gerechnet— 20 Millionen zu ihnen zu zählen. Mit anderen Worten, heute stehen drei unter Hundert in der Vollkraft ihres Lebens befindliche Männer ahrelang untätig, wirtschaftlich und kulturell tot, Gewehr bei Fuß und warten auf Krieg! Schlaue Taktik. Die Friedberg-Fuhrmoniische Richtung innerhalb der national» liberalen Partei scheint eingesehen zu haben, daß voraussichtlich auf dem zum 12. Mai einberufenen nattonaliiberalen Parteitag ihr An- trag, der das Aufgehen der jungliberalcn Sonderorganisation in die allgemeine Parteiorganisation fordert, durchfallen wird, und die Bassermannsche Richtung schließlich einen glänzenden Sieg davon« trägt. Um das zu verhüten, haben die Friedberger ihre Taktik gc« ändert. Sie wirken jetzt darauf hin, daß ihr Antrag nicht auf dem Parteitag zur Beratung kommt, sondern mitsamt den jung- liberalen Gegenanträgen auf dem Wege des KompromiffeS durch eine BertufchungSkommission erledigt wird, so daß auf dem Partei- tag jede Aussprache über die innere Orgamsatian der Partei und die Gegensätze zwischen den sogenannten„Jungen" und„Alten" wegfällt und nur ganz allgemein über die politische Lage geschwätzt wird. Die unter dem Einfluß der.Friedberger" stehende Partei- amtliche„Nattonaltiberale Korrespondenz" bringt bereits an der Spitze der Nummer 90 vom 23. Apttl folgende Aufforderung: „Zum uationallibcraleu Bcrtretertage. Eme freie Kommission hat am Sonntag in Berlin darüber beraten, in welcher Weise die dem Berliner Bertretertage vorzulegende Organisationsfrage eine allseitig befrtedl« gen de Lösung finden könne. Nachdem diese Beratung zu emcm vorläufigen Ergebnis gelangt ist. bitten wir die Orgamsattoiien im Lande, das im Verlaufe einer Woche zu gc- wärtigende endgültige Ergebnis abniwarlcn. Die dem Vertreter- tage vorzulegenden Anträge werden nach Ablauf dieser Frist sofort den einzelne» Organisationen zugehen." Die Ankündigung ist etwas dunkel, aber die nachstehende Notiz der ebenfalls im Iriedbergschen Fahrwasser segelnden»Magdebg. Ztg." liefert dazu einen guten Konmtentar: Am Sonntag hat tn Berlin eine freie Kommission unter dem Borsitze des Landtagsabgeordneten Dr. Friedberg getagt die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Versuch einer Ber- ständigung zwischen den Gegensätzen zumachen, die auf der letzten Zentralvorstandssitzung zutage getreten sind. Das Ergebnis dieser Verhandlung ist ein Kompromisivorschlag, der jetzt den einzelnen Gruppen zur Begutachtung und Entscheidung vorliegt. In einer Woche wird die Bescblusifassung der in Frage kommenden Organisationen erfolgen und im Falle der Annahme der Antrag gemeinsam von den Jungliberalen und den Gegnern eingebracht werden, so daß damit der eigentliche Anlaß zur Einberufung des Parteitages am 12. Mai in Wegfall käme. Der Parteitag hätte dann Gelegenheit— was unS auch wesentlich nützlicher erscheint—, sich mit der politischen Lage zu beschäftigen. Die Frage ist uur, ob die Anhänger BassermannS sich auf dieses faule Manöver einlassen werden. Frankfurter Universität. Wie telegraphisch aus Frankfurt a. M. gemeldet wird, haben die Stadtverordneten in ihrer gestrigen Sitzung nach dreistündiger Erörterung über die llniversitätsfrage in namentlicher Abstimmung die MogistratSvorlage mit 43 gegen 26 Stimmen angenommen. Die dichlgesüllte Galerie begrüßte das Ergebnis mit lautem Beifall. Der Vorsitzende, Geheinrer Justizrat Friedleben, bemerkte, daß die Stadlvertrelung noch selten einen Beschluß von so weittragender Bedeutung gefaßt habe, wie heute. Er hoffe, daß der Beschluß der Stadt zum Segen gereichen werde. Versprechen und Halten. In einer von Gemeindebamten aus allen Teilen Bayerns zahlreich besuchten Versammlung in München, der auch Vertreter der Regierung und aller Parteien des Landtages beiwohnten, wurde nach eingehenden Referaten einstimmig eine Resolution an- genommen, in der das Erstaunen ausgedrückt wird, daß die Staats- rcgierung trotz der früheren bündigen Zusagen nicht mehr gewillt ist. dem gegenwärtigen Landtag den versprochenen Gemeinde- bcamtengesetzentwurfs vorzulegen. Die Gemeindebeamten emp- finden dies als eine schwere Zurücksetzung ihres Standes und richten an den Landtag die Bitte, der Staatsregierung gegenüber durch einstimmigen Beschluß die Bereitwilligkeit zur Behandlung des Gesetzentwurfs noch in dieser Session zu erklären. Die Staats- regierung wurde um baldige Vorlage des Entwurfs ersucht. Zur Maifeier. Das oldenburgische Staatsministcrium verbot die öffentlichen Umzüge bei der Maifeier in Rüstringen. ES ist das erste Mal. daß dort der Maifeierumzug verboten wird. Hoffentlich geben die Wähler im Rüstringcr ReichStagswahlkreisc am 26. April auf dies? gänzlich ungerechtfertigte Maßnahme die richsige Antwort! Neben den Behörden sind auch die Scharfmacher an der Arbeit, den Arbeitern ihren Weltfeiertag zu nehmen. Der Arbeitgeber- schutzverband für das deutsche Holzgewerbe, die Freie Vereinigung der Holzindustriellen von Groß-Berlin, der Zentralvorstand der Bautischlermeister Berlins und Umgegend, sowie die Berliner Metallinduftriellen u. a. Verbände haben beschlossen, jeden Arbeiter, der am 1. Mai feiert, zu entlassen und vor Montag, den 6. Mai, nicht wieder einzustellen._ Kadavergehorsam bis i«S Lazarett! Der Soldat WilmS vom Grenadierregiment Nr. 161 war im Dezember v. I. im Dresdener Garnisonlazarett untergebracht. Hier soll er dadurch gegen die Lazarettbestimmungen verstoßen haben, daß er eines Sonntags Geschwistern von sich vom Fenster aus zu- winkte! W. durfte am fraglichen Tage keinen Besuch empfangen. bat aber trotzdem mit seinem Bruder aus dem Korridor ein paar --Worte gewechselt. Vom Sanitätsunteroffizier dieserhalb zur Rede gestellt, hat er geäußert:„Ich kann doch vor ineinen Bruder nicht ausreißen!" W. soll dann einige Befehle unbefolgt gelassen, eine unmilitärische Haltung eingenommen, die Hacken nicht fest zusammen- genommen und mit den Händen herumgefuchtelt haben! Der leicht erregbare und an einer Nervenkrankheit leidende Mann wurde wegen dieses Vorfalls zu der äußerst harten Strafe von 21 Tagen strengen Arrest! verurteilt, wegen Achtungsverletzung, Un- gehorsams und Beharrens im Ungehorsam— im Lazarett! Dagegen legte W. Berufung ein. Es nützte jedoch dem kranken Mann nichts. Die Berufung wurde verworfen! Das Dresdener Kriegsgericht ist der Meinung, daß die vom Standgericht verhängte Strafe durch- aus angemessen ist, denn es sei schon berücksichtigt worden, daß zur fraglichen Zeit eine„geringe Beeinträchtigung der Willensfreiheit' vorgelegen hat l Vle Mimn in JMarohfco. Paris, 23. April. Nach den Berichten der Blätter aus Fez kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der Auf- st a n d der marokkanischen Soldaden einem wohl vor- bereiteten Plane entsprang. Alle Soldaten des Machsen überfielen ihre Jnstruktionsoffizierc, machten mehrere nieder unb zogen dann durch die Straßen, wobei sie ausriefen, der Augenblick sei gekommen, um die Euro- päer davonzujagen. Die Bevölkerung jubelte ihnen überall mit großer Begeisterung zu. Furchtbare Szenen spielten sich beim Angriff der Marokkaner auf das Haus der französischen Telegraphiften ab. Die Angreifer erstiegen die Terrasse und durchbrachen sie, um in das Innere des Hauses zu gelangen. Da sie zurückgeschlagen wurden, schleuderten sie durch das Loch brennende Balken hinein und schütteten Pc- troleum darauf. Erst dann konnten sie eindringen und metzelten drei Telegraphisten nieder. Der vierte, welcher einen Selbstmordversuch unternommen hatte, wurde von den Ma- rokkanern als tot liegen gelassen und entkam später. Er erlag jedoch, wie es heißt, der erlittenen Verwundung. Der„F i g a r o" gibt die Zahl der bei dem Aufstand in Fez umgekommenen französischen Offiziere, Soldaten und Staatsangehörigen insgesamt auf 118. die der Verwundeten auf 104 an. Nach einer Meldung aus A r s i l a vom 22. AprU hat der Dschebala-Stamm die schcrifischen Truppen in Arbaua ange- griffen.'' � Mehrere Blätter treten nachdrücklich dafür ein, daß weitere�Truppen nach Marokko entsandt werden, da die gegenwärtig dort befindlichen Streitkräfte durchaus unzu- länglich seien und in dem ungeheuren Gebiet unmöglich über- all die Ausstände unterdrücken und die Ordnung aufrecht- erhalten könnten. Erregung der spanischen Zone. Madrid, 23. April. Wie aus Melilla den Blättern ge- meldet wird, ist von den spanischen Lagern aus eine Gärung unter den Eingeborenen auf dem linken Ufer des Kcrt- fluffes beobachtet worden. Diese Gärung wird auf Aufwiege- lungen der Kabylen zurückgeführt, die aus dein Innern des Landes kommen. Die deutsch-französische Marokkokonfercng. Beru, 23. April. Die schweizerische Gesandtschaft in Paris hat dem Bundesrat uiitgeteilt, daß in ofsizilleu Kreisen die Absicht bestehe, die deutsch.fr an zö fische Kon. ferenz, die in Ausführung des Marokkovertrages die ge- nauen Grenzen der abzutretenden Gebiete am Kongo festsetzen soll, im Mai d. I. nach Bern einzuberufen. Die Konferenä M»«L vier deutschen und vier französischen Delegierten bestehen. Truppeusendungen nach Marokko. Paris, 23. April. Nach einer Blättermeldung erhielt der Gou- verneur von Französisch-Westafrika den Befehl, unver- züglich ein Bataillon Senegalschützen und ein Ba- taillon Fremdenlegionäre nach Marokko zu senden. Ferner heißt es, daß Regnault die Aufstandsbewegung schon vor einiger Zeit befürchtet und die Entsendung von Verstär- k u n g e n verlangt habe, was jedoch rundweg verweigert worden sei. Oeftermeb. Glänzender Erfolg der Sozialdemokraten bei den Wiener Gemeindewahlen. Wien, 23. April.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Die Wiener Gemeinderatswahlen brachten- der Sozialdemokratie einen großen Erfolg. Von den 21 zur Wahl stehenden Gemeindebezirken wurden sechs von den sozialdemokratischen Kandidaten, Schuhmeier, Reumann, Winarsky, Skaret, Domes und Wutschel, erobert. In a ch t Bezirken stehen die sozialdemokratischen Kandidaten außerdem noch in Stichwahl. Die C h r i st l i ch- sozialen haben von den bisher von ihnen innegehabten 14 Mandaten nur 3 behaupten können. An 4 Stich- Wahlen sind die Liberalen, die bisher kein Mandat besaßen, beteiligt. Bon den Kandidaten der tschechischen Se- paratisten sind 3 in die Stichwahl gedrängt. Bielohlawek, der Führer der Christlichsozialen, steht in einer Stichwahl, die für ihn sehr schlecht aussieht. Schweiz. Gute Resultate. Zürich, 22, April.(Eig. Ber.) Sonntag Kar für uns ein guter Tag. Im Kanton Neuenbürg ist unser Genosse Graber im zweiten Wahlgang mit 16100 gegen 02S8 Stimmen, die auf seinen freisinnigen Gegenkandidaten fielen, in den National- rat gewählt worden. Die Konservativen hatten Stimmenthaltung beschloffen. Gegenüber dem ersten Wahlgang hat unser Genosse 3176, der unterlegene Gegner 3000 Stimmen gewonnen. Mit Graber hält der siebzehnte Sozialdemokrat seinen Ein- zug in den Nationalrat. In Zürich brachten die Wahlen der Bezirksanwälte(Unter- suchungsrichter) die Wiederwahl unserer Genossen Kaufmann, Heußer und Siegfried sowie die Neuwahl des Genoffen Dr. Hüppi, so daß nun unsere Partei 4 von den 10 Bezirksanwälten in ihren Reihen zählt. Der Versuch unserer Genossen, den bürgerlichen Bezirksanwalt Hensser wegen unbefriedigender Amtsführung durch unseren Genossen Leuthard zu ersetzen, scheiterte an dem Verzweif- lungskampfe der verbündeten Bürgerlichen. Unser Genosse Leut- hard erhielt 11073, Heusser 13133 Stimmen. Die Schuld daran trägt die Arbeiterschaft im sozialdemokratischen AussersihI, die leicht 2000 Stimmen(Leuthard erhielt 5842 Stimmen) mehr hätte auf- bringen und uns den Sieg sichern können. Erfreulich ist auch die Annahme des Proporzgesetzes im Kanton Genf, die mit einer Mehrheit von zirka 700 Stimmen erfolgte. Nach dem neuen Gesetz müssen die Gemeinderatswahlen in allen Gemeinden mit mehr als 3000 Einwohnern nach dem Proporz vorgenommen werden. Also ein neuer Sieg des Proporz- gedankens. Rußland. Der Massenmord in den sibirischen Goldminen. Der Umfang des Arbeitermassakers in den sibirischen Goldminen hat sich, wie wir voraussahen, viel größer er- wiesen, als die amtlichen Mitteilungen ursprünglich angaben. Insgesamt sind 270 Personen getötet und 250 der- w u ndet worden! Der Dumaabgeordnete B e l o u s s o w erhielt von den Arbeitern im Streikgebiete folgendes Tele- gramm, das die Ursachen des Konfliktes und den Verlauf des Blutbades wahrheitsgemäß schildert: „Wir warteten friedlich auf volle Entlohnung und wandten uns an die Rechtsanwälte in JrkutSl mit der Bitte, in Anbetracht der Verletzung unseres Arbeitsvertrages durch die Lenaer Gesellschaft gerichtliche Forderungen- gegen sie ein- zureichen. Anfangs April wurde der Gendarmerierittmeister Treschtschenkow und Soldaten nach den Goldbergwerken geschickt. Unsere Delegierten versuchten wegen unserer Forderungen mit dem Rittmeister, dem der Chef der Polizei Vollmachten erteilt hatte, in Verhandlungen zu treten. Der Rittmeister fuhr sie roh an, überschüttete die Delegierten mit den gemeinsten Schimpfwortcn und jagte sie hinaus. Am 16. April wurden unsere Delegierten, angeblich weil sie sich nicht beim Unter- suchungsrichter zum Verhör eingefunden hatten, verhaftet und nach dem Gefängnis in Bodaibo transportiert. Dabei hatten 10 von ihnen nicht einmal die Aufforderung hierzu er- halten. Da wir die Verhaftung für ungesetzlich hielten, begaben wir uns am 17. April zu dem Bezirksingenieur Tultschinski und dem Rittmeister Treschtschenkow in den Nadeswerken mit der Bitte, die Verhafteten frei zu geben. Während die Menge mit Tultschinski unterhandelte, ertönte das Kommando zum Schießen. 270 Personen sind getötet, 250 verwundet. Tultschinski ist wie durch ein Wunder unver- sehrt geblieben. Nach der ersten Salve legte sich die Menge auf die Erde. Tultschinski lag mitten in der Menge. Man schoß auf Fliehende und Liege ndc.- Jeder feuerte fünfzehn Kugeln ab. Unter den Verwundeten befinden sich zwei Frauen. In der Menge ist ein Landpolizist getötet. Wir wiederholen, daß wir uns keine Gewalttaten erlaubte». Bringt eine Interpellation ein, bemüht Euch, die sofortige Unter- suchung der systematischen ungesetzlichen Handlungen der Direktion der Lenaer Gesellschaft durchzuführen, die zur gesetz- lichen Arbeitsniederlegung der Arbeiter geführt haben, ferner auch die Untersuchung gegen die ungesetzliche Handlungsweise des Rittmeisterz Treschtschenkow zu erzielen, der gegenwärtig um die Einführung des Kriegszustandes und um Truppen- scnduugen aus Jrkutsk petitioniert." Die R e g-i c r u n g versuchte in ihrer ersten Mitteilung über diese grauenhaften Ereignisse die Sache so darzustellen, als lväveir 3000 Arbeiter, mit Stangen und Steinen be- waffnet, gegen das Militärkommando vorgegangen. Im übrigen versuchte sie nach alter Manier, den„Aufruhr" der Arbeiter auf politische Gründe und die„Agitation" des Streikkomitees zurückzuführen, an dessen Spitze angeblich ein Verbannter stand. Die Unsinnigkeit dieser Darstellung war ohne weiteres tlar, denn wenn es sich in der Tat um 3000 be- waffiiete Arbeiter gehandelt hätte, so hätte ein zehnmal kleineres Militärkommando mindestens Tote und Verwundete davongetragen. Die Truppen haben aber nicht die gerüigsten Verluste davongetragen. Ferner beweist die Tatsache, daß der Bezirksingenieur sich mitten unter den Arbeiter» befand, die völlige Lügenhaftigkeit der amtlichen Darstellung. Die Re- gieruug gibt denn auch in ihrer zweiten Mitteilung zu, daß die„Unruhen" dadurch hervorgerufen wurden, daß die Ver- waltung die Hauptforderungesi der Skreikenden nicht be- willigte, sie exmittieren wollte, ihnen die Lieferung von Lebensmitteln, die sonst nicht zu beschaffen waren, verweigerte und das Streikkomitee verhaften ließ. Die ungeheure Zahl- der Opfer sucht die Regierung dadurch zu entschuldigen, daß die Soldaten auf 110 Schritt Entfernung in die Menge zu feuern begannen. Dadurch gibt die Regierung selbst zu, daß die Schlächterei ohne jede Schuld der Arbeiter, auf Veran- lassung der Behörden und der Direktion, vorgenommen wurde. Die Dumainterpellation. Petersburg» 22. April. In der Reichsduma wurden heute die von den Oktobrifien, Kadetten und Sozialdemokraten cingebrach- ten Interpellationen über die Vorgänge in den Lena- Goldwäschereien erörtert. Der Führer der Oktobristen G u t s ch- k o w betonte dabei, daß die Menge keine Gewalttätig- leiten begangen habe, die den Wpffengebrauch von feiten des Militärs gerechtfertigt hätten. Petersburg, 23. April. Die Reichsduma nahm mit großer Mehrheit die Dringlichkeit der Interpellationen über die Er- e i g n i s s e am Lena ström an, die von den Kadetten, Sozial- demokraten und Oktobristen eingebracht worden sind. Der sibirische Abgeordnete Schilo brachte einen Borschlog der Arbeiterpruppe ein, nach welchem die Vorkommnisse durch eine Parlamentskommission untersucht werden sollen. Der sozialdemokratische Abg. T s ch i l i k i n stellte im Namen einer Gruppe sibirischer Abgeordneter einen Antrag, in dem die Notwendigkeit einer Gesetzesvorlage zur Regelung der Dingung von Arbeitern für die Gold- und Platinwerle, femer zur Regelung der Arbeitszeit und der Wohnungsverhältnisse sowie Ein- beziehung der Arbeiter der Goldwäschereibezirke in Sibirien in die Unfall-. Kranlheits- und Jnvoliditätsversicherung betont wird- Die Interpellation der Sozialdemokraten wurde mit 97 gegen 75 Stimmen abgelehnt, die Interpellationen der Kadetten und Oktobristen mit großer Majorität angenommen. Der Präsident der Duma erklärte, daß über den Vorschlag der Arbeitergruppe nicht ab- gestimmt werden könne, da er ungesetzlich sei. perNen. Wachsende Anarchie? Täbris, 23. April.(Meldung der Petersburger Telegraphen- agentur.) Aus Khalkhal(Bezirk von Ardebil) treffen alarmic- rende Nachrichten ein, daß die Anarchie im Wachsen begriffen sei. ES wird ein Uebergreifen der Anarchie auf den Karadag und den an Rußland grenzenden Landstrich befürchtet. Die Kaufleute sind benachrichtigt und die Abscndung von Worcn aus Ardebil eingestellt worden. Argentinien. Wahlsieg in Bnenos-Aires. In den jetzt beendeten argentinischen Parlamenistvahlen wur- den in der Hauptstadt 2 Sozialisten gewählt. Dem vorletzten Ab- geordnetenhaus gehörte Genosse P a l a c i o an. Bei den vorigen Wahlen gelang es den Machenschaften der Regierung, die bekannt- lich vor der Verwendung von Lockspitzeln und den rohesten Zer- störungsakten gegen Bibliothek und Druckerei der Partei nicht zurückscheute, ihn zu verdrängen. Inzwischen gelang es, die Zeitung wieder herzustellen. Die Wahl zweier Abgeordneter (deren Namen noch nicht gemeldet sind) ist die Ouitiung über die Hooliganpolitik der herrschenden Clique, zugleich ein Sieg über die parlamentarismusfeindliche Agitation der Anarchisten, die in der vielfach noch sehr rückständigen, meist aus Italien und Spanien stammenden Arbeiterklasse bisher noch viel Einfluß gehabt hat. Soziales. Elend der Ziegeleiarveiter. Aus Herzfelde wird unS geschrieben: Die Ziegeleikampagne, die alljährlich mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit in bedeutend verstärktem Maße einsetzt, hat auch in diesem Jahre die hiesigen Ziegeleibesitzer wieder veranlaßt, Hunderten von deutsch-russischen Arbeitern auf ihren Betrieben Beschäftigung zu bieten. Von den hiesigen Arbeitern ist aus den hiesigen Ziegeleien jedoch kaum die Hälfte beschäftigt, weil der überaus karge Lohn in keinem Verhältnis zu der schweren Arbeit steht und die Arbeitsverhältnisse für die Arbeiter außerordentlich ungünstig sind. Im Winter, wo vornehm- lich nur hier ansässige Arbeiter beschäftigt sind, beträgt die Ent- lohnung pro Woche und Maim 10—16 M. Naturgemäß kann damit, unter Berücksichtigung der teueren Lebensbedingungen, keine Familie, die hier durchschnittlich aus 5 Köpfen besteht, auskommen. Um ihr Leben fristen zu können, müssen die Arbeiter nun bei den Schlächtern, Krämern usw. sich die Waren auf Kredit geben lassen. Sobald nun die wärmere Jahreszeit beginnt und die Tage länger werden, letzt die Ziegelindustrie lebhafter ein. Um die Schulden. die im Winter bei den Krämern usw. gemacht worden sind, abzu- tragen, nehmen jetzt auch die Ehefrau des Arbeiters und teilweise auch noch die Kinder aus den Ziegeleien Beschäftigung. Die Arbeitszeit ist in dieser Periode unnatürlich lang. In der Regel beträgt sie durchschnittlich, sage und schreibe: 15 und mehr Stunden pro Tag. Die Arbeiter, die im Akkord arbeiten, vornehmlich die „Streicher" gönnen sich, um einen möglichst„hohen" Lohn zu er- schuften, sogar kaum die Zeit zum Essen; vom Einhalten der auf dem Papier angegebenen Pausen ist gar keine Rede. Man wird einwenden können, daß das ja dann nur die Schuld der Arbeiter selbst fei: doch wer die Verhältnisse kennt, urteilt darüber anders. Die deutsch-russischen Arbeiter sind natürlich den Unternehmern als billigere und willigere Arbeitskräfte viel lieber, weshalb auch von Jahr zu Jahr mehr davon auf den hiesigen Betrieben beschäf- tigt werden. Besonders die Ziegelei der Gebr. Manu Hierselbst, die, nebenbei bemerkt, pro Jahr 40 Millionen Steine produziert und eine der größten Firmen der Provinz Brandenburg ist, be- schäftigt fast ausschließlich fremde Arbeiter. Wenn oben gesagt wurde, daß letztere von den Ziegeleibesitzern als billigere Arbeits- kräfte vorgezogen werden, so ist das aber nicht so zu verstehen. als wenn sie noch niedriger als die hiesigen Arbeiter entlohnt wer- den würden. Nein, oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Unternehmer wissen diesen Arbeitern aus anoere, weniger auffällige Weise die Taschen zu leeren. Diese Arbeiter werden nämlich in Kasernen ober Kantinen, in denen sie in Massen dicht nebeneinander gepfercht Hausen und die oft vor Schmutz förmlich starren, unter- gebracht. Was sie zum Lebensunterhalt brauchen, wird ihnen ge- liefert. Hervorzuheben ist, daß in diesen Kantinen der Alkohol- k o n s u m enorm ist. An jedem Sonnabend werden dann bei der Lohnzahlung die entsprechenden Abzüge vorgenommen. Da sich die Arbeiter ihren Lohn' meistenteils nicht berechnen können, nehmen sie, was ihnen gegeben wird. Nur selten kommt es vor, daß sie gegen etwaige falsche Berechnung des Lohnes Einspruch erheben.— Das Los eines Ziegeleiarbeiters und seiner Familie ist wahrlich nicht zu beneiden. Diese Verhältnisse sind geeignet, in den Arbeitern die größte Erbitterung gegen die kapitalistische Mrtschaft hervorzurufen. Trotzdem halt eS aber furchtbar schwer, die Ziegeleiarbeiter unserer Organisation zuzufiihen, weil ihre Erbitterung vielfältig in völlige Gleichgültigkeit und Stumpfsinnig- keit auswächst bczw. ausgewachsen ist. Deshalb ist auch einiger- maßen erklärlich, wenn die Arbeiler vielfach ihre Sorgen in Alkohol zu ersäufen suchen. Um auch diese Arbeiter, deren Zahl keineswegs gering ist, und vornehmlich die jugendlichen Arbeiter, zu tüchtlgen, zielbewußten Sozialdemokraten heranzubilden, ist noch ein großes Stück Arbeit zu leisten. Hoffentlich sind die jetzt wieder in die Wege geleiteten diesbezüglichen Bestrebungen bald von Eckolg gekrönt.'*©{«» auK 3. Beilage.), GewerhlcbaftUchea. „politifche" Gcwerhrchaftcn. In einer Zahlstellenversammlung der Dresdener Mitglied- schaft des Deutschen Bauarbeiterverbandes wurde beschlossen, dem sozialdemokratischen Reichstagswahlfonds 1000 M. zu überweisen. Der Vorsitzende des Zweigvereins Dresden vom Deutschen Bauarbeiterverband wies darauf hin, daß eine Zahl- stelle keine eigene Kasse hat und über die Kasse des Zweig- Vereins nicht verfügen darf, das könne nur die General- Versammlung. Diese sprach sich auch später gegen den Be- schlug aus und die Auszahlung des Geldes unterblieb. Trotz- dem erklärte man wegen dieses Vorfalls die Gewerkschafts- Zweigstelle für politisch. Die Polizei forderte Einreichung der Mitgliederliste usw. und als das verweigert wurde, verurteilte ein Dresdener Schöffengericht den Vorsitzenden zu 15 M. Geld- strafe. Das Gericht meinte, daß die Zahlung eines Betrags zur Wahl eine intensivere Einwirkung auf die Politik sei als die schönste Versammlungsrede. Diese Begründung ist mehr burschikos als überzeugend, zumal diese„intensive Einwirkung" am Ende ja gar nicht stattgefunden hatte. Der Bestrafte und auch der Ankläger legten Berufung ein. Letzterer weil ihm dsts Urteil zu mild war. Jetzt hat das Landgericht beide Berufungen verworfen, das Urteil des Schöffengerichts bestätigt, und damit die Gewerkschaft für politisch erklärt. Der Beschlutz wegen der 1000 M. Wahlgelder schien der zweiten Instanz aber selbst nicht ausreichend zu diesem Urteil zu sein. Bei Eintritt in die Verhandlung bemerkte der Vorsitzende, datz er diesen Be- schlutz ganz beiseite lasten und den Beweis, datz der Zweig- verein politisch sei, weiter erheben werde.(!) Um diesen Beweis zu führen, verlas er zunächst eine Reihe Paragraphen der Satzungen. Dann konstatierte er, datz das Vereins- o r g a n, der„Grundstein", sozialdemokratische Propa- ganda treibe. Unter der Sammelüberschrift:„Politische Uebersicht" und auch an anderen Stellen bringe es rein sozialdemokratische Artikel. Es wurden eine grotze Reihe solcher Artikel und Notizen, wie auch Aufrufe zum Parteitag zu Jena und zur Reichsstagswahl verlesen. Es nützte nichts, daß der Verteidiger auf das Unhaltbare einer solchen Argumentation hinwies. Denn alle Fach- blätter. besonders auch die der Unternehmer, sind dann „politisch", weil keine derartige Zeitung die politischen Vor- gänge gänzlich unbeachtet lassen könne. Der Antrag des Verteidigers, zwei Pressesachverständige zu laden und zu hören, wurde abgelehnt. Das Gericht erachtete sich allein für kompetent zur Beurteilung der Frage. Das Urteil sagt ganz kurz: Der Dresdener Zweigverein ist ein selbständiger und auch ein p o l i t i s ch e r V e r e i n. Seine Ziele lassen sich gar nicht anders betätigen als Politisch. Aber auch die Zeitung„Der Grundstein" zeigt ganz klar die politische und sozialdemokratische Tendenz des Vereins, es handelt sich deshalb, da sie das Vereinsorgan ist, unr einen politischen Verein. Was dem Gericht da alles„ganz klar" ist, wird in weiteren Kreisen starkes Befremden hervorrufen. Denn bs patzt durchaus nicht zu den Erklärungen, die seinerzeit der sächsische Minister Graf Hohenthal über eine loyale Handhabung des Reichsvereinsgesetzes gegeben hat. Und von Liberalität, von der immer so geschwärmt wurde in bezug auf das Rcichsvereinsgesetz, kann schon gar nicht mehr die Rede sein nach solchen Entscheidungen.— Das letzte Wort dürfte in dieser wichtigen Angelegenheit noch nicht ge- sprachen sein. Berlin und Nmgegend. Lohnbewegung der Caf6angestellten. Eine öffentliche Lersamuilung der Berliner Cafeangestellien beschäftigte sich mit der bisherigen Lohnbewegung. Der Lohntarif für die Aushilfskellner ist durchweg anerkannt. Ferner ist es der Organisation gelungen, in zirka 5V Betrieben mit 35V Angestellten einen Monatslohn von 1V bis 2V M. und in den Aschinger-Kon- ditoreien einen solchen von 5V M. zu erzielen. Diese Erfolge haben den Scharfmachern im Cafetierverein keine Ruhe gelassen und ist deshalb der vertrachte„Schwimmende Sarg", der vollständig zer- schellt war, wieder ins Leben gerufen worden. Für 2VV Silberlinge fanden sich 46 Verräter, die in der Johannisstr. 14/15 unter dem Namen„Verband deutscher Cafehausgehilfen" den alten gelben Verein aufs neue„gründeten". Ter ausschließliche Zweck dieser zweifelhaften„Gründung" besteht darin, den organisierten Ge- Hilfen, wie im Cafe„Alter Kuhstall", in den Rücken zu fallen. Die Versammlung nabm mit Entrüstung von diesem Vorgeben der Gelben Kenntnis und verurteilte dasselbe durch die einstimmige Annahme nachstehend r ReseliLon: „Die heute in den„Germaniaiälen" tagende, von zirka 806 Berliner Cafeangestellten besuchte öffentliche Versammlung nimmt mit Genugtuung Kenntnis von den Erfolgen, welche die durch den Zweigverein der Cafeangestellten unternommene Lohn- bewegung bisher erzielte. Der im Vorjahre eingeführte Aushilfskellner-Lohntarif und die in letzter Zeit, statt der bisher üblichen Abgaben, in zirka 25 Proz. der Betriebe Groh-Berlins eingeführte Lohnzahlung von 10 bis 20 M. monatlich, lasten erkennen, daß nur eine starke und geschlossene freigewerkschaftliche Organisation auch im Gast- wirtsgcwerbe in der Lage ist, mit Erfolg die Vcrbcsterung der Arbeitsbedingungen durchzuführen. Die Versammlung protestiert daher auf das Entschiedenste gegen die von einer kleinen Scharfmachergruppe betriebene Zer- splittcrung der Gehilfenschaft. Die von einzelnen Unternehmern und ihren gelben Söld- lingen ausgestreuten Lockungen mit dem gemeinsam betriebenen Arbeitsnachweis sind nicht in der Lage, die Anwesenden in der eingangs dargelegten Auffassung zu beirren, weil dadurch ohne Zweifel nur der Versuch gemacht wird, die vorwärts strebende Gehilfenschaft in ihrer Bewegung aufzuhalten und die Erringung minimal fester Löhne unmöglich zu machen. Wäre es anders, hätten diese Unternehmer allen Anlaß, den in einiger Zeit zu eröffnenden städtischen paritätischen Arbeitsnachweis mit allen Mitteln zu unterstützen. Ter zwecks Täuschung und Irreführung der Angestellten vor- genommene Namenwechsel'des gelben Gehilfenvercins in der Johannisstraßc(Schwimmender Sarg) gibt den Versammelten Anlaß, auch weiter eine rege Agitation für den Anschluß an die frcigcwerkschaftliche Organisation und deren Ausbau zu entfalten, um dadurch der alten gelben Korruption mit dem neuen Namen um so schneller ein wohlverdientes Ende bereiten zu können." Deutfdies Reich. Ter Verband der Friseurgehilfe« im Jahre 1V11. Die überaus mühevolle Agitationsarbeit unter den Friseurgehilfen spiegelt auch die Geschäftstätigkeit im vergangenen Jahre wider. Der Verband hatte 1640 Neu- und 150 Wiederausnahmen zu verzeichnen. Da aber ein Teil der Gehilfen„zu alt" wird, andere sich selbständig machen oder sich einer andere» Erwerbstätig- keit zuwenden müssen, so geht der Zuwachs an Mitgliedern dem Ver- bände durch dielen Abgang nahezu.vollständig wieder verloren. Die Mitgliederzahl betrug durchschnittlich 2170, am Jahresschluß 2210; 26 000 Gehilfen werden in Deutschland beschäftigt. Die Lohn- bewegungen nahmen einen friedlichen Verlauf. Die Einnahmen des Verbandes betrugen 56 175 M., die Ausgaben 40 07S M. 6785 M. wurden fiir Unterstützungen verausgabt. Eine Eingabe des Ver- bandeS an den Reichstag, auf Abänderung des ß 139k oder deS§ 41b G.-O., um die örtliche Einführung deS AchwhrladenschlusteS auf ge- setzlicher Grundlage zu ermöglichen, wurde dem Reichskanzler als Material überwiesen. Da die Entwickelung der Organisation an die rückständigsten Berufsverhältnisse gebunden ist und Hindernisten begegnet, wie sie kaum einer anderen Berufsgruppe entgegenstehen, darf das Ergebnis des vorigen Jahres immerhin als befriedigend angesehen werden. Die Differenzen in der Solinger Arbeiterbewegung, die schon so oft in unrühmlicher Weise von sich reden gemacht haben. sind neuerdings wieder mit aller Heftigkeit losgebrochen, in einer Weise, daß man sagen muß: einen solchen Charakter haben sie noch nicht gehabt. Dieser Ausbruch ist natürlich nicht von gestern auf heute geschehen, denn die Differenzen waren ja immer da. wenn sie auch in den letzten Jahren der Oeffentlichkeit weniger sichtbar wurden. Aber daß sie so jäh emporstiegen, das kam fast über Nacht. Die Differenzen haben so lange geschwiegen, wie die Erwerbs- Verhältnisse daniederlagen und die beiden Arbeiterverbände für die Solinger Stahlwarenindustrie— Metallarbeiterverband und Jndustriearbeiterverband— keine Aktionen unternehmen konnten. Als sich das aber änderte, die beiden Verbände in eine Agitation zur Gewinnung neuer Mitglieder und in Lohnbewegungen eintraten. da war das alte Leid wieder da: beide Verbände traten sich überall in scharfer Weise entgegen. Das hatte zur Folge, daß verschiedene groß angelegte und günstige Lohnbewegungen verloren gingen. So mußte z. B., um einen besonders schwerwiegenden Fall heraus- zugreifen, der Metallarbeiterverband die gewaltige Lohnbewegung in der Federmesserbranche, die ihm nicht weniger wie 180 000 M. kostete, da 1200 Mann in Streik standen, abbrechen, weil die im Jndustriearbeiterverband organisierten Arbeiter der Federmesserbranche weiter arbeiteten. Das besonders gab natürlich einen ungeheuren Sturm, bei dem die ge» samten Zentralorganisationen gegen den lokalen Industriearbeiter- verband standen. Am schlechtesten waren in dieser Situation wie überhaupt bei den ganzen Differenzen die Partei und unser Partei- organ, die„Bergische Arbeiterstimme" daran. Sie beide glaubten am besten zu handeln, wenn sie sich völlig neutral verhielten und den rechten Ausweg von der Einsicht der Gewerkschaftsmitglieder beider Seilen, von den Massen erwarteten. Zudem war diese Hal- lung die bisher geübte und von beiden Seiten als richtig anerkannte; die..Arbeiterstimme" besonders war durch Beschlüsse gehalten, jeden Anstoß nach der einen oder der anderen Seite zu vermeiden. In dieser Situation nun waren die Zentralverbände mit dieser Neutra- lität unzufrieden; sie verlangten ein Eingreifen vor allem der „Arbeiterstimme". Dabei kam es sogar zu Versammlungen gegen unser Parteiorgan und zu Abbestellunge», die nach Hunderten zählten. Jedoch die„Arbeiterstimme" konnte nicht anders, sie blieb bei ihrer Zurückhaltung. Erst ein PreßkommissionSbeschluß gab ihr die nötige Freiheit. Jedoch zu dem Gebrauch kam es nicht, da die Bewegung in der Federmesserbranche zu derselben Zeit abgebrochen wurde und die Reichstagswahlen vor der Tür standen, die die Einigkeit aller Arbeiter erforderte, wenn der Kreis gut geholt werden sollte. Die Reickstagswahl kam und zeigte die gesamte aufgeklärte Arbeiterschaft in einer erhebenden Einmütigkeit, trotz allem Vorher- gegangenen: der Wahlkreis wurde mit einer glänzenden, noch nie dagewesenen Mehrheit geholt. In dieser Situation war es notwendig, das Eisen zu schmieden, das die-Ar- beiter auch auf gewerkschaftlichem Gebiete einig sehen sollte. So wurden denn beiln Parteivorstand in Berlin und bei der General- kommissiou Einigungsverhandlungen beantragt. Solche Verband- lungen hatten ja schon wiederholt stattgefunden, so erst noch während des Streiks in der Federmefferbranche, aber stets ohne Erfolg. Nun schienen die Verhältnisse günstiger zu stehen, denn die Arbeiter auf beiden Seiten verlangten nach einer Einigung, da sie sahen, daß sie ohne diese sich nur selbst zerflenchen und den Unternehmern auch nicht die geringste Konzcssion in bezug auf die Löhne abtrotzen würden. Die angerufenen Instanzen gaben jedoch dem Gesuch nicht statt, da sie sich hiervon nichts versprachen; sie wollten erst die beiden Verbände am Orte unterhandeln lassen. Und sie hatten recht I Ganz plötzlich nämlich brachte das Organ des Industriearbeiter- Verbandes, ein nur alle acht Tage erscheinendes Blatt, noch ehe der ablehnende Bescheid von Berlin eingetroffen war, einen Artikel gegen die Einigung— die nach diesem Artikel jetzt entfernter denn je liegen sollte—, kurz danach wurde aber auch der Geschäftsführer dieses Verbandes entlassen— wie seine Gegner sagen, wegen un- ordentlicher Geschäftsführung, wie von anderer Seite behauptet wird, weil er als einziger unter den Angestellten energisch auf eine Einigung ge- drängt hatte. Die„Arbeiterstimme" nahm nun in scharfer Weise Stellung gegen die Führung des JndustriearbeiterverbandeS. Der entlassene Geschäftsführer berief eine öffentliche Versammlung ein, die sich auf seine Seite stellte. Zu gleicher Zeit hielt aber auch der Industrie- arbeiterverband eine Versammlung ab, der kurz darauf eine zweite folgte. Man beschloß dort unter anderem, die„Arbeiterstimme" wegen ihrer Haltung in diesem Streit zu boykottieren. Man ging noch weiter und beschwerte sich bei der Preßkommissio�. Indes wurden die Beschwerdeführer dort abgewiesen: die Preßkommission billigte einstimmig die Haltung der.Arbeiterstimme", verpflichtete die Redaktion sogar, so wie bisher weiter zu schreiben. Zum zweiten Male fiel der Jndustriearbeiterverband ab. als er auch in einer ge- schloffenen außerordentlichen Kreisparteiversammlung am ver- gangenen Sonntag seine Anschauungen als richtig hinzustellen suchte. Hier wurde— ebenfalls einstimmig— der„Arbeiterstimme" recht gegeben und weiter der Beschlutz gefaßt, in allen DistriktSversamm- lungen die Einigung zu propagieren. So ist es zu einem regelrechten Kampf gekommen, und dieser wird um so schärfer, als das Organ des JndustriearbeiterverbandeS heftig gegen die„Arbeiterstimme" und die Partei kämpft. Die „Arbeiterstimme' hingegen bringt tagtäglich Artikel, in denen sie die andere Seite abferngt und die Einigungsfrage bespricht. Ganz sicher befindet sich nun der Jndustriearbeiterverband in einer Krise. Die Mitglieder sind teilweise mit ihren Führern unzufrieden; das geht so weit, daß bereits eine Branche zum Metallarbeitervecband übergetreten ist, andere Mitglieder sich einzeln abmelden, noch andere das Verbandsorgan zurückschicken. Was aus alledem wird, das läßt sich nicht sagen. Aber auf jeden Fall gibt es noch scharfe Kämpfe. Kämpfe, wie sie wohl— glücklicherweise— die Arbeiter- bewegung noch selten gesehen hat. Die Partei in Solingen, die „Arbeiterstimme" und die Zentralverbände dringen auf einen Eni- scheid,— und dieser kann nach ihrer Ueberzeugung nur die Einigung brrngen._ Lohnbewegung der städtischen Arbeiter in Tilsit. Im Herbst v. I. hatten die städtischen Arbeiter die Errichtung einer allgemeinen Arbeitsordnung gefordert, durch die die Lohn- und Arbeitsbedingungen eine Neuregelung erfahren iollten. Dies war notwendig, weil die Arbeilsverhällniste rein willkürlich von den einzelnen Betriebsleitern festgesetzt werden. Die Tilsiter„All- gemeine Zeitung" veröffentlicht nun eine authentische Mitteilung des MagytratS. die den Anschein erwecken soll, als ob die Betriebs- leitungen genügend Arbeitswillige hätten. Dadurch sollen die Arbeiter eingeschüchtert werden. Um Fernhaltung des Zuzugs wird gebeten. Christliche Gewerkschaftsversammlunge« gegen die Leitung des Gewerkvereius der Bergarbeiter. Das Gewerkschaftskarkell der christlichen Gewerkschaften für Dortmund-Hörde hatte für den 21. April eine Anzahl Versamm» lungen für das Dortmunder Landgebiet einberufen. In den Ver- sammlungen sollte die Tagesordnung:.Der Streik im Ruhrrevier". „Welche Lehren ergeben sich für die christlich-nationale Arbeiter- und Bürgerschaft daraus", besprochen werden. In Berghofen kam es zu einer interesianten Diskussion zwischen den Referenten der christlichen Gewerkschaften, Schlabach und Hirtsiefer und dem Genosien Löffler vom Bergarbeiterverband. Gegen 2 Stimmen wurde nach« folgende Resolution angenommen: „Die am 21. April 1912 in Berghofen stattfindende, vom christlichen GewerkschastSkartell für Dortmund-Hörde einberufene. von 300 Bergarbeitern und Bürgern besuchte Versammlung ver- urteilt das Verhalten der Gewerkvereinsleitung entschieden und bezeichnet es als einen Verrat an den Arbeiterintereffen. Die Versammlung fordert alle christlich organisierten Arbeiter auf, aus den christlichen Organisationen auszutreten und sich de« freien Gewerkschaften anzuschließen." In Sprockhövel wurde eine von den christlichen Gewerkschaften einberufene Versammlung mit einem brausenden Hoch auf den Berg- arbeiterverband geschlossen, während die„christlichen" Referenten fluchtartig das Feld räumten. Husland. Die Bewegung der Eisenbahner in Grostbritannien. London, 22. April 1912.(Eig. Ber.) Die Unzufriedenheit, die unter den Eisenbahnern Großbritanniens herrscht, erinnert an die Lage vor dem großen streik vom letzten Sommer. Man hört von allen Seiten von Personen, die die beste Gelegenheit haben. die Stimmung unter �den Arbeitern zu erfahren, datz der Aus- bruch eines großen Streiks jeden Tag erfolgen könne. Wahr» schcinlich werden die Eisenbahner jedoch bis zum Hochsommer warten, ehe sie losschlagen, da dies die günstigste Zeit ist. Tie allgemeine Unzufriedenheit hat sich seit dem Abbruch des Streits nur gesteigert. Einige Gesellschaften suchen der Unzufriedenheit dadurch Herr zu werden, daß sie die bekanntesten Mitglieder der Eisenbahnergelverkschoften entlassen. Diese Politik befolgten sie namentlich während des Bergarbeiterstreiks, als durch die Ein- schränkung des Verkehrs ein Teil des Personals vom Dienste jus- pendiert oder entlasten werden mußte. Die Gesellschaften betonen natürlich, daß der Entlassungsgrund nicht die Zugehörigkeit zur Organisation sei; aber die Arbeiter sind davon überzeugt, daß man ihre unerschrockensten Fürsprecher maßregelt. Hinzu kommt noch, datz sich einige der Eisenbahngesellschaften bei der Organi- sation der Einigungsämter einer Methode bedienen, die darauf schließen läßt, daß sie die Verhandlungen über die Forderungen und Beschwerden ihrer Angestellten auf die lange Bank schieben wollen. Alles dieS hat eine Stimmung erzeugt, die, wenn die Gesellschaften nicht rechtzeitig einlenken, bald zu einer gewaltsamen Explosion führen muß. Die Regierung und die Gesellschaften scheinen mit der Mög- lichkeit eines neuen Ausbruchs zu rechnen, und haben schon, wie Genosse Ks i r Hardie gestern in einer Rede zu London aus- führte, ihre Matzregeln getroffen. K e i r Hardie erklärt«, daß bei einem zweiten Eisenbahnerstreik das Heer nicht allein zum Schutz der Bahnen mobilisiert werden, sondern daß es auch den Verkehr besorgen würde. Man habe besondere Eisenbahnkorps gebildet, deren Mannschaften im Falle des Streiks die Stellen der Lokomotiv- und Zugführer, Weichensteller usw. einnehmen würden. Das Heer werde dazu verwendet werden, die Bahnstrecken zu bewachen. Wenn nötig, würden die Lokomotiven kugelsicher gemacht werden; Maschinengewehre würden vorne und hinten am Zuge geführt werden. Er warnte die Arbeiter, datz ein ztveitcr Streik eine Situation schaffen werbe, in die man sich nicht leichten Herzens hineinbegeben sollte. c, Letzte Nachrichten. Nachwahlsieg in Oesterreich. Graz, 23. April.(Eig. Telegramm des„Vorwärts".) Bei der Reichsrats-Nachwahl in Villach(Kärnten) wurde Ge- nosse Gregor mit großer Majorität gewählt. Das Wettrüsten. Wie», 23. April/(W. T. B.) Zu Beginn seiner Rede über die Wehrvorlagen betonte der Ministerpräsident die Notwendigkeit der Erhöhung des Rekrutenkontingentes und verwies hierbei auf das Beispiel des Deutschen Reiches, wo seit 1889 ein« Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um rund 170 000 Mann erfolgt sei. Bei einer Bevölkerungszahl von rund 64 Millionen werden jährlich 285 000 Mann ausgehoben, aber selbst diesen Standard, den wir auch nach der Wehrreform nicht erreichen werben, hält unser Bundesgenoste nicht für ausreichend. Eine französische Stimme über die deutsche Wehrvorlage. Paris, 23. April. In einer Erörterung der gestrigen Rede deS Reichskanzler schreibt das„Journal des Debats": Eine fana- tische Minderheit gibt es auch in Deutschland und sie hat mit dem Gespenst der schwarzen französischen Armee und mit der Behauptung, daß Marokko eine unerschöpfliche Quelle schwarzer Rekruten bilde, auf das deutsche Volk einen großen Eindruck gemacht. Jedermann weiß, daß Ma- rokko für Frankreich nur eine. Q uelle der Schwäche und nicht der Kraft bildet, und daß lange Zell hindurch ein Teil der Truppen des Mutterlandes zurückgehalten wird. Angesichts der sehr ernsten Schwierigkeiten in Marokko, welche vielleicht die Entsendung von Verstärkungen nötig machen werden, ist die Be- hauptung, daß Deutschland infolge deS marokkanischen Protektorats zwei neue Armeekorps und drei Geschwader errichten müsse, sehr schlecht angebracht. Friedensschluß im Tuxer Grubenrevier. Dux(Böhmen). 23. April.(P.-C.) Zwischen den ein- zelnen Grubenbesitzern und den B c r g a r b e i t e r n ist es endlich zu einer Einigung gekommen, so daß die Gefahr eines neuerlichen Ausstandes der Bergleute beseitigt ist. Die Apachenherrschaft in Paris. Paris, 23. April.(P-C.) Ein äußerst kühner Einbruchs» d i e b st a h l, der am hellen Tage in der Rue de Provence be» gangen wurde, versetzte heute nachmittag die Sicherheitspolizei in grotze Aufregung. Mehrere Apachen drangen durch ein unbeauf» sichtigtes Nebengelaß in den Laden eines Juweliers, dessen Besitzer sich für einige Augenblicke aus seinen Geschäftsräumen entfernt hatte. Die Einbrecher raubten Gegenstände im Werte von an» nähernd 100 000 Frank. Als der Juwelier wieder erschien, waren die Apachen bereits verschwunden. Trotz fieberhafter Tätigkeit der Polizei ist es bisher noch nicht gc» lungen, der Täter habhaft zu werden. Feuer auf dem Güterbahnhof. Tctschcn a. E., 23. April.(P.-C.) Auf dem hiesigen Güter« bahnhose geriet gestern durch Funkcnflug aus einer Lokomotive die Ladung eines Waggons in Brand, die auS 50 Ballen Baumwolle bestand. Sämtliche Ballen wurden ein Raub der Flammen; auch der Waggon wurde stark beschädigt. Der Schaden ist groß. yerantw. Redakteur: Albert WochS, Berlin. Inseratenteil verantw.: TH. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Lerlagsanstalt Paül S'nger& Co.. Striin SW. Hierzu 2 Beilagen«.vnterhaltnngSbl. Nr. 95. 29. Jahrgang. 1. Anläse i>tg„öoniiirte" Kerlim WMM Mtttmch. 24. M l912. Keicbstag. 44. Sitzung. Dienstag, den 23. April IlZIZ, nachmittags 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: v. Bethmann Hollweg, Dr. Delbrück, v. Heeringen, v. Tirpitz, Kühn. Die erste Beratung der Wehrvorlage und der Teckungsvorlage wird fortgesetzt. Abg. Gans Edler Graf zu Putlitz(kons.): Wir müssen allen Vorkommnissen, allen Explosionen, die auf internationalem Gebiet vorkommen können, gegenüber gewappnet sein. In weiten Kreisen der Bevölkerung ist die Empfindung verbreitet, dah wir gefährlichen Explosionen ausgesetzt sind, und datz die Forderungen der Vorlage nicht weit genug gehen. Der Kriegs- minister wird in der Kommission nachzuweisen haben, daß die Forderungen genügen, um unsere Rüstung zu vervollständigen. Das Schwergewicht unserer Rüstung liegt im Landheer. Die Er- höhung der Mannschaftslöhnung begrüßen wir mit Freuden und wünschen, daß sie so früh wie möglich Platz greifen soll. Die Denkschrift über die Deckung zeigt, daß die Grundsätze, die mit dem Staatssekretär Mermuth vereinbart sind, innegehalten werden, daß nämlich Anleihen nur'für werbende Anlagen auf- zunehmen sind, und daß die Schulden deS Reichs nach einem be stimmten Plan getilgt werden. In dem Etat von 1912 ist sogar mit der Tilgung noch über den vereinbarten Plan hinausgegangen, und deshalb hat der Staatssekretär Mermuth mit seinen Ausführungen in einem Artikel in jüngster Zeit nicht recht, die Deckung ist vielmehr ans durchaus soliden Grundsätzen aufgebaut. Gegen den Vorschlag, das Branntweinkontingent aufzuheben, haben wir schwere Bedenken: trotzdem wollen wir der Re- gierung in der Beseitigung der so vielfach mißverstandenen und ge- schmähten Liebesgabe entgegenkommen, falls die Vorlage in der Kommission so gestaltet werden kann, daß die landwirtschaftlichen Brennereien in allen Teilen Deutschlands lebensfähig erhalten bleiben. Die Ausführungen des sozialdemokratischen Redners haben wieder gezeigt, daß sie die Wehrvorlagen nicht vom nationalen Standpunkt betrachten, sondern von ihrem i n t e r- nationalen. Sie wollen dem Staat, den sie umstürzen wollen, nichts bewilligen: das ist nur konsequent. Aber nicht konsequent ist es, wenn sie sich gegen ihre Bezeichnung als vaterlandslos wenden. Inkonsequent ist es auch, wenn sie sagen, bei einem Ueberfall werden sie sich wehren. Womit denn? Etwa mit der Miliz? Darüber will ich erst gar nicht reden.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Es fehlt Ihnen auch der deutsche Geist, unser Geist, der uns dahin gebracht hat.(Zuruf bei den Sozial- deinokraten: Nach Fenal) Die Offiziere von 1896 haben auch die Freiheitskriege durchgekämpft und das gut gemacht, was sie verschuldet hatten. Den Sozialdemokraten fehlt der Geist, der davon durchdrungen ist, daß wir alles ein- setzen müssen für unser Vaterland, gerade das Gegenteil wird von Ihnen gepredigt, und leider zum Teil mit Erfolg.(Sehr wahr! rechts.) Sie hassen und verleumden unser Heer, weil es Ihnen nicht dienstbar ist, sondern unseren deutschen Stand- Punkt gegenüber ihrem internationalen zur Geltung bringt.(Zu- stimmung rechts.) Die Junker suchen Kriege, sagte gestern der Ab- .,. geordnete Haase, um ihre Ruhmsucht zu befriedigen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Um zu verdienen! Ruf rechts: Pfui!) Präsident Kaempf: Der Ruf Pfui ist nicht parlamentarisch. Abg. Gans Edler zu Putlitz(fortfahrend): Wo wären wir hin- gekommen, wenn wir wehrlos gewesen wären: wo wäre denn der glänzende Aufschwung unseres Wirtschaftslebens geblieben. In immer weitere Kreise dringt die Ueberzeugung, daß der Militarismus, wie Sie sagen, unsere Wehrkraft, wie ich sage, auch der Hort für das Weiterblühen unseres Wirtschaftslebens ist.(Bravo! rechts) Abg. Bassermanu(natl.): Wir sind bereit, das zu be- willigen, was zur Verstärkung unserer Wehr- kraft notwendig ist. Die Branntweinvorlage beantragen wir nicht der Budgetkommission, sondern einer besonderen Kommission von 28 Mitgliedern zu überweisen, im Interesse einer möglichst schleunigen Erledigung auch dieser Vorlage. Der Reichskanzler hat gestern die Linke beschwört, auf die E r b s ch a f t s st e u e r jetzt im kleines feuilleton- AuS der Geschichte der Dardanellen. Es ist nicht da? erstemal, daß italienische Kriegsschiffe die alte Kaiserstadt des Ostens be- drohen: schon vor vielen Jahrhunderten war Konstantinopel das Ziel ilalienischer Großmachtspolitik. Die stolzen Republiken Genua und Venedig vertraten die Ansprüche auf die Seeherrschaft im Mittelmeer mit weit größerer Energie und mit weit stärkeren Er- folgen, als das Hans Savoyen. Damals, im Zeitalter der Kreuz- züge, war freilich Konstantinopel noch nicht in den Händen der Moslems, eS war bielmehr die Hauptstadt des griechischen Reiche?. Die Bewegung, die wir Äreuzzüge nennen, war nichts anderes, als der gemeine Versuch der römischen Kirche, der italienischen Kaufleute und der französischen Aristokratie, den Orient zu erobern. In diesem Lichte gesehen erscheint es ganz begreiflich, daß die Kreuzfahrer ebenso gut die christlichen Griechen wie die ungläubigen Türken angegriffen haben. So hat in, Jahre 1204 die venezianische Flotte, zum Teil bemannt mit französischen Rittern und unter dem Segen des Papstes, Kon- stantinopel erobert. Die Selbstzerfleischung der Griechen hatte den Abendländern den Weg in die für die damalige Kriegstechnik unein- nehmbare Riesenfestung gebahnt. Die Stadt wurde mit unerhörter Grausamkeit behandelt, und dann teilten die Sieger die Beute. Der Doge Enrico Dandolo von Venedig hat damals so viel Land im Orient annektiert, wie Herr Giolitti zu erobern auch in seinen kühnsten Träumen nicht hoffen dürfte: der größte Teil von Griechen- land, Kreta und die meisten Inseln des Aegäischen MeereS ge- horchten seitdem der mächtigen italienischen Republik. Die Ehre, in Konstantinopel den Kaiser zu spielen, gönnten die klugen Venezianer einem unternehmenden belgischen Grafen. Seine Kaiserherrlichkeit dauerte freilich nicht lange. Das Operettenreich der französischen Abenteurer im Osten dauerte im ganzen nur ein halbes Jahr- hundert: dann jagten die Griechen die verhaßten„Franken" wieder aus Konstantinopel heraus und gewannen ihre Selbst- pändigkeit wieder. Die Macht der italienischen Städte freilich konnte auch das neu- erstandene griechische Reich nicht mindern: Venedig behielt all seine zahlreichen Niederlassungen und in dem Konstantinopeler Stadtviertel Pera entstand eine genuesischeKolonie.die sich völlig unabhängig von der griechischen Regierung verwaltete. Die Italiener blieben die wahren Herren des Ostens und als die Türken im Jahre 14ö3 Konstantinopel einnahmen, haben sie tatsächlich nicht gegen die Grieche», sondern gegen die Italiener zu kämpfen gehabt. Die Türken entwickelten seit Anfang des 14. Jahrhunderts unter der jungen Dynastie der Osmanen eine gewaltige Expansionskraft und bald war Konstanti- nopel die einzige griechische Insel, die aus dem Meere des Islam noch hervorragte. In dieser Not warf sich der griechische Kaiser den Abendländern völlig in die Arme. Aber die große Masse des griechi- schen Volkes wollte von dieser Kapitulation nichts wissen: sie zog die türkische Herrschaft der europäischen, die praktisch eine italienische war. bei weitem vor. So sah sich der letzte byzantinische Kaiser zur Verteidigung seiner Hauptstadt aus die Hilfe einiger tauseud Italiener, die damals in Konstantinopel lebte», angewiesen. Die Türken des IS. Jahrhunderts waren für Interesse der Einigkeit der Parteien zu verzichten. Weshalb wendet sich nicht der Reichskanzler mit dieser Mahnung an die fechte des Hauses(Sehr' gut! links), damit sie im Interesse der nationalen Wehrkraft auf ihren Wider st and gegen die Erbschafts st euer verzichtet.(Sehr richtig I links.) Als die Wehrvorlage auftauchte, hatte wohl jeder den Eindruck, daß ein großzügiger Plan vorlag, eine erhebliche Verstärkung der Wehrkraft vorzunehmen und als Deckung vor allem die Erbschafts- steuer. Ich erinnere an die Worte des Reichskanzlers gegenüber dem Abg. Speck, der die Wiedereinbringung der Erbschaftssteuer als Brüskierung der Rechten bezeichnet hatte.(Sehr gut I links.) Inzwischen sind Wochen ins Land gegangen. Herr Mermuth ist gegangen, Herr Hertling ist Schöpfer des parlamentarischen Systems in Bayern geworden.(Heiterkeit links.) Herr Mermuth ist doch offenbar gegangen, weil er die vorgesehene Deckung nicht für ausreichend hielt. In seinem Artikel in der„Deutschen Revue" betont Herr Mermuth ausdrücklich, daß jetzt eine Besitz- steuer vor allem an der Reihe war, d. h. also die Erbschaftssteuer. Wir begrüßen es ja, daß Herr Kühn auch auf dem Standpunkt der Erbanfallsteuer steht. Er sagt, sie wird kommen, heute nicht, aber später.(Heiterkeit). Heute fußt man auf den zu erwartenden lieber- fchüssen. Was wird dann aus der beabsichtigten Herabsetzung der Altersgrenze für die Altersrente, aus der Beseitigung des S ch e ck st e m p e l s. wenn alle Ueberschüsse für Heer- und Marinezwccke verbraucht werden.(Sehr gut I links.) Für die Aufhebung der Liebesgabe sind wir im Prinzip durchaus, es fragt sich nur, ob nicht schließlich der Konsum dadurch erheblich b e l a st e t wird. Wir behalten uns vor, in der Deckungsfrage eventuell mit Initiativanträgen vor- zugehen.(Bravo! links.) Die Heeresvorlage hat das Ziel, die Armee schlagfertiger zu machen und wir werden anerkennen müssen, daß die Heeresverwaltung mit der Ausfüllung der bestehenden Lücken unserer militärischen Organisation auf dem richtigen Wege ist. Tatsäch- lich erfolgt bei uns die Heranziehung der waffenfähigen Mannschaften bei weitem nicht in dem Maße wie in Frankreich. Bei kommenden Reformen wird zu erwägen sein, die Ersatzreservisten zu regelmäßigen Uebungen heranzuziehen und dafür die älteren Jahrgänge etwas zu entlasten. Der Redner geht dann zustimmend auf die militärischen Einzelheiten der Vorlage ein. Auf unser Offizierkorps sind wir stolz. Die Heeresverwaltung sollte aber darauf achten, daß die Offiziere nicht zu alt werden, ehe sie in Hauptmanns- und Majorsstellungen aufrücken und Regimentskommandeure werden. Die Niederlage von Jena ist verschuldet durch ein veraltetes Offizierkorps. In gewisser Hinsicht wird ja jetzt durch die geforderten Neuformationen Ab- Hilfe geschaffen, da die Avancementsverhältnisse dadurch verbessert werden. Die Flotten» ovelle will den Mißstand beseitigen, daß bei der Entlassung der Reservisten im Herbst die Kriegsfähigkeit erheblich herabgesetzt wird, und sie will die für den Kriegsfall zur Verfügung stehenden Schiffe vermehren. Darin liegt absolut nichts Agres- s i v e s. Auf unser Verhältnis zu England brauchen wir bei dieser Gelegenheit nicht einzugehen, nachdem der englische Marineminister erklärt hat, keineswegs nur auf die Entwickelung der Flotte in Deutschland Rücksicht zu nehmen, sondern auch auf die in anderen Ländern. Der deutsche Flottenverein und der alldeutsche Verband haben große Verdienste um die Hebung unseres nationalen Bewußtseins: aber man darf sie doch nicht ohne weiteres mit der Marineverwaltung identifizieren. Herr v. Tirpitz ist der großzügige Organisator der deutschen Flotte, der dabei jedes Uebermaß von Forderungen zu ver- meiden gewußt hat, sondern ruhig und stetig unsere Flotte auf den schönen Stand gebracht hat, den sie heute hat.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Den Ausgangspunkt für diese Vorlagen bilden die Vorgänge von Marokko und Agadir. Blitzartig ist damals die Ge- fahr der internationalen Lage erleuchtet worden, und das Volk hat volles Verständnis dafür, daß es not tut, unsere Wehr zu verstärken. Auch die Sozialdemokratie mutz anerkennen— Redner zitiert einen Artikel der„Leipziger Volks zeitung" und des„Vorwärts"— daß der Chauvinismus in Frankreich gestiegen ist. Dann muß man aber auch die Konsequenzen ziehen und die Lücken in unserer Wehr aus- füllen. Wir stimmen den Vorlagen zu und hoffen, daß ihre Zeit höchst moderne Soldaten: die Erfindung der Kanonen, die damals ebenso viel Sensation machte, wie heute die des Aeroplans, wurde vom Sultan aufs geschickteste in den Dienst seiner Sache ge- stellt: die türkische Artillerie schoß die früher unüberwindlichen Mauern in Trümmer, und die Italiener wurden bis auf den letzten Mann zusammengehauen, lieber den Leichen der Italiener aber reichten sich damals Griechen und Moslems die Hand; der Orient gehörte wieder sich selbst. Seit jener Zeit sind die Dardanellerf und mit ihnen Konstantinopel unbestritten in den Händen der Türken geblieben. Der Flug von Peking»ach Paris. Der Plan eines Weitfluges von Peking nach Paris ist nunmehr gesichert. Die Organisatoren des Unternehmens haben nun. nachdem die meteorologischen Beob- achtungen aus Rußland und Sibirien vorliegen, in einer Sitzung die Einzelheiten der Konkurrenz ausgearbeitet. Der Flug geht durch die Gobiwüste, die Route ist Peking, Kalgan, Tuering, Urga, Kiachta, Baikalsee. Die Flieger folgen dabei der die Gobiwüste durchque- renden Telegrapbenlinie, die alle 225 Kilometer eine Station hat. Dann führt der Weg durch die Lüfte über Jrkutsk nach Tomsk, weiter nach Omsk, nach Kasan, nach Nischninowgorod, Moskau und Warschau. Von Warschan wendet sich die Etappenstraße südöstlich nach Wien und führt schließlich über Trieft, Genua, Avignon, Lyon nach Paris. Die ineteorologischen Auskünfte haben ergeben, daß die Witterungs- Verhältnisse ini September am günstigsten sind, sowohl in Sibirien wie in Nordchina ist dann die Regenzeit vorüber und die Winde wehen durchschnittlich mit einer Geschwindigkeit von vier bis fünf Metern in der Sekunde. Die Flieger werden also voraussichtlich Anfang September von Peking aufbrechen. Einstweilen stehen Preise für 155 000 Frank zur Verfügung. Bedingung für die Ausführung des Planes ist, daß mindestens fünf Konkurrenten an dem Fluge teilnehmen. Der Mensch als elektrische Maschine. Nach einer Berechnung in der„Electric World" verbraucht ein erwachsener Mensch von durch- schnittlicher Kraft etwa LVz Kilowattstunden an Energie täglich durch seine Bewegung, Muskeltätigkeit, geistige Anstrengung und Wärme- entwickelung. Das entspricht einer fortgesetzten Verausgabung von etwa 100 Watt, wie sie durch einen Motor von V« Pferdestärke geliefert werden könnte. An Wärme verliert der Mensch trotz seiner hohen Körpertemperatur und großen Körperwärme volle 50 Watt- stunden in einer Stunde, so daß darauf etwa die Hälfte seines Energieverbrauchs entfällt. Die Wärmeentwickelung des Menschen- körpers ist ungefähr der einer elektrischen Glühlampe von 16 Kerzen gleich. Humor und Satire. Nachklänge vom Streik der Bergarbeiter. Der englische Soldat: Wenn die Verständigung unter den Nationen und die offiziellen Schiedsgerichte für Konflikte zwischen Unternehmern und Arbeitern innner allgemeiner werden, bleibt uns weiter nichts übrig, als ein Engagement in einem Zirkus zu suchen. Einfache Feststellung: Wenn wir arbeiten, kümmert sich kein Mensch um uns; legen wir aber die Arbeit nieder, dann ist gerade das Gegenteil der Fall. sie zum Frieden beitragen werden: denn sie werden die Kriegslust in anderen Ländern dämpfen und so der Vermehrung der Macht Deutschlands und der Erhaltung des Friedens dienen.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): Wir stimmen der Verweisung der Wehrvorlagen an die Budgetkommission und der Deckungs- Vorlage an eine besondere Kommission zu. Wenn sie sich aber nicht bis zu Pfingsten erledigen lasten, so ist das nicht Schuld des Reichstages, sondern der Regierung(Sehr richtig! links), die den Reichstag nicht nur bei dieser Gelegenheit sehr merk- würdig behandelt hat. Ich erinnere nur an die überhastete Beratung der Pensionsversicherung der Privatbeamten im letzten Reichstage. Seit dem November hat die Negierung gewußt, daß diese wichtigen Vorlagen kommen werden, sie hat aber keine Vorsorge getroffen, daß der Reichstag früher zusammentreten konnte. Jetzt aber drängt man plötzlich. Es wird ein. Raubbau mit der Arbeitskraft des Parlaments getrieben. Fast sämtliche Parteien dcS Hauses sind mit dieser Be- Handlung des Reichstages durch die Regierung sehr unzufrieden. (Abg. Ledebour: Der Reichstag hat die Abänderung selbst in der Hand I> Er wird auch auf Mittel und Wege sinnen müssen, diesen Zustand abzuändern.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Soll er's doch I)— In der H e e r e s v o r l a g e werden wir das, was uns als notwendig nachgewiesen wird, bewilligen. Aber wir sind fern von einem blinden Vertrauen zu der Regierung, sondern werden die Vorlage objektiv prüfen. Wenn wir einfach den militärischen Sachverständigen vertrauen wollten, wäre der Reichstag ganz überflüssig. Mit de» Bindungsgesetzen sollten wir ein für allemal ein Ende machen, denn bei der technischen Entwickelung ist die Bindung doch nicht einzuhalten. Der Agitation der Chauvinisten entgegenzutreten, sollte eine gemeinsame Aufgabe der Regierung und des Volkes sein. Selbst Mitglieder dieses HauseS haben sich die gröbsten Taktlosigkeiten dem Ausland gegenüber geleistet. Der betreffende Herr fühlt es jetzt selbst, er wird ganz rot.(Große Heiterkeit rechts.) Mit großer Genug- tuung haben wir die Bemühungen eines hervorragenden Mitgliedes der englischen Regierung bemerkt, die Reibungs- flächen zwischen England und Deutschland zu vermindern. Ich nehme an, daß diese Verhandlungen mit England durch die jetzige Vorlage nicht unterbrochen werden. Sehr bedenklich ist die Tätigkeit des Pressebureaus des Reichsmarine- .a m t s.(Sehr wahr! links.)— Auf die sofortige Kriegsbereitschaft der Armee und Flotte legen auch wir größten Wert. Im einzelnen bedarf die Vorlage. genauer Prüfung. Die Steigerung der Pensionen hat man noch gar nicht berücksichtigt. Mit den 800 Millionen, mit denen man rechnet, wird zweifellos nicht aus- zukommen fein. Um so notwendiger sind Ersparnisse auf anderem Gebiet. Da ist sehr wichtig die militärische Aus- bildung der Jugend und die Verkürzung der Dienstzeit. Leider fehlt es der Militärverwaltung an dem guten Willen zu solcher Sparsamkeit. Sie hält zähe an den dekora- tivsten Sachen und Sinekuren fest. Dabei hat 1908 Bülow dem Reichstage in der feierlichsten Weise derartige Sparsam» keit versprochen. Diesen Wechsel hat die Militärverwaltung nicht eingelöst. Also die Budgetkommission wird Arbeit in Hülle und Fülle haben, und es kann keine Rede davon sein, daß wir mög- lichst schnell alles in Bausch und Bogen bewilligen. Noch viel peinlichere Prüfung ist notwendig in der Deckungs- frage. Wir haben gewiß keine Ursache, der Regierung Steuern auf dem Präsentierteller entgegenzubringen, wir haben auch die Steuerscheu deS NeichSschatzsekrctärs, aber wir wollen auch nicht mir offenenAugenin die alte Finanzmisere hinein- rennen.(Sehr richtig I links.) Es fragt sich sehr, ob sich die Schätzung der Ueberschüsse als richtig erweisen wird. Wie sich doch die Verhältnisse und die Menschen ändern. Als Reklameschild über das Reichsschatzamt sollte man die Inschrift hängen:„Hier wird unübertreffliche Stimmungsschnellmalerei getrieben." Herr Mermuth war der Schwarzmaler, Herr Kühn ist jetzt der R o t m a l e r. Noch im Dezember hat uns Herr Mermuth händeringend dargelegt, es sei absolut kein Geld da zur Herabsetzung der Altersrente von 70 auf 65 Jahre. Aus Geldmangel hat man durch die Verweigerung eines ausreichenden Wöchnerinnenschutzes das kulturelle Niveau des Reiches heruntergedrückt.(Unruhe rechts. Sehr wahr! Aristokratische Menschenfreundlichkeit: Ich wünsche gewiß den Arbeitern alles nur denkbare Wohlergehen, aber ich danke bestens dafür, sie allzu sehr in meine Nähe kommen zu lassen. DieArbeitund die Wissenschaft. Auf dem Bündnis zwischen Kapital, Arbeit und Grund und Boden beruht das Wirtschaftsleben der Gesellschaft.— Was wird aber aus dieser warm- herzigen Theorie, wenn wir die Arbeit einstellen? Sie wird sehr schnell erfroren sein, wenn wir nicht Kohlen herauf- fördern, sie zu erwärmen. Die Harmonie zwischen Kapital und Arbeit. (John Bull, Hände und Arme voll strotzender Geldbeutel zum Berg- arbeiter.) Du siehst doch lieber Freund, daß eS mir bei allem guten Willen unmöglich ist, Dir die Hand zu drücken. Der englische Gruben Herr und die Fußball spielenden Bergleute. Solange sie sich die Zeit vertreiben, indem sie sich gegenseitig Fußtritte versetzen, habe ich nichts zu be- fürchten.(Aus der„�.sLivtto au Beurr e".) Notizen. — Bühnenchronik. Der Präsident der Genostenschaft Deutscher Bühnenangehöriger. Hermann Nissen, wird sich wieder als Schauspieler betätigen. Er ist vom 1. September ab für das Deutsche Schauspielhaus verpflichtet, mit einem Normalvertrag natürlich. — Das„Deutsche Künstlertheater�, zu dessen Gründung sich die Mitglieder des LessingtheaterS nach dem Ausscheiden deS Direktors Brahm zusammengeschlossen haben, hat sich am Sonnabend endgültig konstituiert. Das Stammkapital be- trägt 790 000 M. Wo das Ensemble sein Heim aufschlagen wird, ist noch nicht entschieden. Die Zahl der Sozietäre beträgt äugen- blicklich 13. — Ein Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Lübeck. Die Pläne für den Ausbau des Lübecker St. Annen- Klosters zum Museum für Kunst- und Kulturgeschichte sind nunmehr, wie im«Cicerone" gemeldet wird, gebilligt worden. Da die Bürger- schaft zugleich den Betrag von 130 000 M. dafür genehmigte, ist das Projekt gesichert. — Die internationale Kunstausstellung in Venedig wurde am Dienstag, den 23., eröstnet.— Das Fremden- geschäst blüht. — Verlorene Schiffe im Jahre 1911. Eine Statistik, die jetzt besondere Beachtung verdient, stellt die Zahl der 1911 unter- gegangenen Schiffe zusammen. 542 Dampfer und Segler aller scc- fahrenden Nationen sind den Wellen zum Opfer gefallen. England steht mit seiner mächtigen Handelsflotte natürlich an erster Stelle. Seine Verluste betragen 173 Schiffe, davon 123 Dampfer. Die Vereinigten Staaten haben den Verlust von 75 Schiffen zu beklagen. Norwegen steht an dritter Stelle mit 73 Schiffen, von denen 25 Dampfer sind. Dann kommt Deutschland mit 39 Schiffen, darunter 26 Dampfern. Die Zahl der verlorenen französischen Fahr- zeuge beläuft sich auf 31, von denen 14 Segelschiffe waren. Schweden und Rußland haben einen Verlust von je 30 Schiffen aufzuweisen, Italien den von 17. Spanisn den von 1b und Dänemarl den von 11 Schiffen, Itnfe.) Auch für die unteren Postbeamten und für die Kriegsveteranen hatte man lein Geld. Herr Mermuth wehrte sich nodh zuletzt ganz entschieden gegen die Streckung und Dehnung der Einnahmen. Und jetzt nach kaum sechs Wochen hören wir von Herrn Kühn genau das Gegenteil. Welchem Reichsschatz- sckrctnr soll man da glauben?(Lebhafte Zurufe bei den Sozial- dcinokraten: Keinem 1) Was kann man noch auf Regierungs- erklärungen geben?(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Gar nichts!) Wahrhastig, gar nichts. Und da sagt Herr Spahn, die beiden Reichsschatzsekretäre sind ganz erner Meinung. Ja, warum ist denn Herr Mermuth nicht mehr da, dieser be sie Schatz sekretär des Freiherrn v. G a m p.(Sehr gut! links.) Die Unterschiede zwischen den beiden Schatzsekretären sind folgende: 1. Herr Mermuth will keine solche Streckung der Einnahmen loie Herr K n h n. 2. Er will eine andere Ver- Wendung der Ileberschiisie. 3. Er hält die Beseitigung der Branut- weinlicbeSgabe für völlig ungenügend. 4. Er will die Erbschaftssteuer und Herr Kühn will sie...(Zurufe rechts: Auch! Graste Heiterkeit.) Ja, das ist der gröstte Unterschied zwischen beiden: Herr Mermuth wallte seine Grundsätze tatsächlich durchführen, Herr Kühn hat zwar auch Grundsätze, will aber keinen Gebrauch davonmachen.(Große Heiterkeit rechts, Sehr wahr l links.) Die Bolksnbstiimmiiig iiier die Erbschaftssteuer hat im Januar dieses Jahres stattgesirnden, und mit erdrückender Mehrheit hat das Volk entschieden, daß es die Erbschaftssteuer will. (Widerspruch rechts, Zustimmung links.) Wir schwimmen also jetzt in Gold. Wenn es wirklich so wäre, so wäre dies eine glänzende Rechtfertigung unserer Haltung bei der Reichsfinanzreform(Lachen rechts), denn wir erklärten damals bereits, daß Hütt Millionten nicht nötig seien. Wenn Sie aber nun diese Ueberschnsse haben, so müßten die drückend st en Steuern beseitigt w e r d e n, vor allem die Z ü n d h o l z st e u e r.(Zu- pimmuug links.) Aber die Deckung der Regierung trägt einen mephistophelischen Zug. Herr Kühn macht selbst drei große Fragezeichen dahinter. Das erste heißt: Wahrung der Grundsätze sparsamer Wirtschaftsführung wie in den letzten Jahren. Klingt das nicht wie reiner Hohn!(Zustimmung links.) Das zweite ist: Kein Eintreten einer Verschlechterimg der Wirtschaftslage. Herr Wermuth schreibt hierzu seinem Nachfolger den lapidaren Satz ins Stammbuch:„Wer seine Einkommenanschläge von der Gunst des gegenwärtigen Augen- blickS abhängig machen läßt, arbeitet mit einem latenten Ueberschuß.� DaS dritte Fragezeichen des Herrn Kühn lantet: Keine neuen An- forderungen sollen an das Reich gestellt werden. Wer das glauben könnte! In drei bis vier Jahren höchstens geht dieselbe Sache wieder loS, die Vorlage selbst zeigt das sehr deutlich.(Lebhafte Zustimmung links.) In» Dezember 1910 stellte die Bildgetkommission als Finanzgrund- fätze auf: Keine künstliche Streckung der Einnahmen; keine Aus- gäbe ohne Deckung; Verwendung aller Ueberschüsse zur Schulden- iilgung. Bereits jetzt sind diese Grundsätze über den Haufen geworfen. Jetzt zum ersten Male haben wir Gelegenheit, wirk- lich einmal Ueberschüsse zur Schuldentilgung zu verwenden, und da versagt die Regierung und. wie ich fürchte, auch die Mehrheit des Reichstages. Die Z)eckungsfrage ist zu einem neuen Leidensweg unserer Finanzen gemacht worden, wurde gestern mit Recht gesagt. Und warum alle diese gefährlichen Operationen bei der Deckung? Ausschließlich aus taktischen und politischen Gründen wegen der Angst der Kon- servativen und desZentrums vor einer wirklichen gerechten Besitz st euer. Herr Spahn hat fich gestern aus grundsätzlichen Gründen gegen die Erbschaftssteuer gewendet; dabei sitzen doch die Väter der Erbschaftssteuer im Zentrum.(Zurus im Zentrum: Sie waren stüher ja auch dagegen I) Wir haben uns bekehrt. Sie scheinen unbelehrbar. Der Staatssekretär sagte, die Erbschaftssteuer sei zu einem Schi- voleth geworden. Für uns ist sie ein Schiboleth der steuerlickien Gerechtigkeit.(Sehr richtig I links.) Die Rechte will jetzt ihr großes Opfer durch die Aufhebung der Liebesgabe bringen. Die Herren v. H e r t I i n g und Beth mann Hollweg— so heißt ja jetzt die Reichsfirma(Heiterkeit)— sind auf dies Kind ja sehr stolz. Uns mahnte der Reichskanzler, wir sollten in dieser Frage unseren alten Grundsätzen treu bleiben. Nun, in der Frage der Aufrechterhaltung von Grundsätzen wüßte ich keinen ungeeigneteren Lehrer als den Reichskanzler.(Lebhafte Zustimmung links.) Heute sind die Folgen der Aufhebimg der Liebesgabe ganz andere als vor dem Jahre 1909.(Aha! rechts und im Zentrum. Sehr rickitig! links.) Sie lesen ja Ihre eigene Presse nicht, sonst wüßten Sie, daß die„Germania" im März dieses Jahres einen Artikel brachte, der genau diesen Standpunkt vertrat, und zwei Tage darauf tat die„Kölnische Volkszeitung" dasselbe.— Herr Kollege Erzberger, wissen Sie das gar nicht?(Große Heiterkeit links.) Das Zentrum hat in der Liebesgabenstage allmählich eine solche Drehkrankheit bekommen, daß es wohl selbst nicht niehr weiß, welchen Standpunkt es einnimmt. Heute ist die Beseitigung der Liebesgabe ohne Ver- gällungszwang eine glatte Koiisiintstcuer.(Sehr richtig! links.) Charakteristisch ist, daß die konservative Presse von einer Gefährdung der Wehrvorlagen sprach, wenn die Regierung es wagen sollte, mit der Erbschaftssteuer zu kommen. Das ist ein feiner nationaler Sinn.(Sehr wahr! links. Lachen rechts.) Warum hat sich der Reichskanzler mit seiner Moralpredigt nicht an die Rechte gewandt? Er glaubte wohl, daß er dort nicht viel damit erreichen würde. Nun bei uns erreicht er damit auch nichts. (Heiterkeit.) Der Reichskanzler hat sich allmählich herausgebildet zu einem Abkanzler der Linken.(Große Heiterkeit.) Er meinte, die Sozialdemokratie hätte in diesem Falle doch nicht positiv mitgearbeitet. Warum denn nicht? Zwingen Sie doch die Sozialdemokratie, die Erbschaftssteuer abzulehnen. Täte sie es, die 110 Sozialdemokraten würden verschwinden, wie die Sonne im März.(Stürniische Heilerkeit.)— Seine Moralpredigten richtet der Reichskanzler immer an uns, aber feine Politik macht er nach den Rezepten der Nechten, das nennt er dann: über den Parteien stehen.(Sehr gut! links.) Merkwürdig ist seine Verständnislosigkeit für die ethische Bedeutung einer Erbschaftssteuer. Es konimt nicht auf die 2ö Millionen Differenz zwischen Erbschaftssteuer und Beseitigung der Liebesgabe an, sondern darauf, daß die soziale Gerechtigkeit mit dieser Steuer angebahnt werden soll.(Lebhafte Zustimmung links.)— Der Reichskanzler beklagt sich selbst über den Chauvinismus. Die beste Waffe gegen ihn aber wäre die Heranziehung der Be- Mittelteil zu den Kosten all dieser Wehrvorlagen. Dann wäre dieser Hurrapatriotismus bald ganz gewaltig gedämpft.(Sehr wahr I links.) Aber die Herren mögen»och so aufgeregt sein, die direkte Besitzsteuer kommt doch, und zlvar in wenigen Jahren, und wenn die ganze Rechte einschließlich des Herrn Kollegen O e r t e l sich auf den Kopf stellen.(Heiterkeit links.) Die Regierung hat ihren Weg zur Deckung gewählt, um es mit den Konservativen und dem Zentrum nicht zu verderben. Im Fe- bruar nannte Herr Speck die Möglichkeit der Erbschaftssteuer eine Brüskierung. Stolz wie ein Spanier erhob sich der Reichskanzler und wies solche„Machtaussprüche" zurück; getan aber hat er, was Herr Speck Ivollte und hat seinen Mitarbeiter entlassen; denn Herr Wermuth war ja ein Schatzsekretär, der Grundsätze hatte, und das darf eine nachgeordnete Behörde nicht, eS sei denn, es handle sich um eine Militär- oder Marine- behvrde, die freilich darf eine eigene Politik auch gegen die Reichs- leitung treiben. Diese subalterne Stellung des Reichsschatzsekretärs ist ganz unhaltbar. In einer Demokratisierung unseres Verwaltungskörpers sieht der Reichskanzler eine Desorgani- sation. DaS Zurückbleiben unserer staatsrechtlichen EntWickelung hinter unserer wirtschaftlichen ist eine der Hauptursachen unserer Verwickelungen, die nach immer neuen Rüstungen drängen. Noch eine Bemerkung: 1911 sagte der Kriegsminister, an Quantität können wir eS auf die Dauer den anderen Staaten zusammen nicht gleich machen; aber unser Menschenmaterial, unser llnteroffiziermaterial macht uns so- bald keine Nation nach. Diese kulturelle Höherstellung unserer Offiziere und Unteroffiziere verlangt auch für sie eine andere Behandlung, höhere Rechtsgarantien. Auch im Soldaten muß der Bürger geachtet werden. Gerechtigkeit ist die beste Stütze der Disziplin. Eine Disziplin ohne Gerechtigkeit wird zu einem im Ernstfalle unbedingt versagenden Kadavergehorsam.(Leb- hafter Beifall bei der Volkspartei.) Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpitz: Ich habe gestern ausdrücklich betont, ich halte eS für ausgeschlossen.�daßldie Materialreserve. auf die wir jetzt verzichten, künstig wieder angefordert wird; die gegenteilige Ausführung des Abg. Müller- Meiningen ist also irrig.— Auf den Flottenvereiu habe ich keinen Einfluß. Die Vorlage entspricht auch keineswegs den Wünschen des Flotten- Vereins.— Ferner bestreite ich entschieden, daß vom Nachrichten- bureau des Marineamts eine Agitation ausgegangeil ist. Die in diesem Bureau tätigen Offiziere werden sehr erstaunt sein, daß man ihnen solche journalistischen Fähigkeiten zuschreibt. Solche Bewegung, wie sie für die Flotte stattgefunden hat, kann nicht von ein paar Menschen gemacht werden, eine solche Bewegung liegt in der Nation. (Bravo! rechts.) Reichsschatzsekretär Kiihu: Herr Müller- Meiningen sagte, ich hätte auch Grundsätze, mache aber keinen Gebrauch davon. Wie er diese Behauptung mit seiner parlamentarischen Schulung und semer Kenntnis meiner bisherigen Tätigkeit vereinbaren will, verstehe ich nicht. Ich habe auch den Grundsatz stets sachlich zu bleiben und diesem Grundsatz werde ich auch jetzt, trotz der Schwere der be- gleitenden Umstände, treu bleiben.(Bravo I rechts.) Wie liegt die Sache! Ich sagte, ich habe die Ueberzeugung, daß die Erbschafts- steuer wie für andere große Kulturstaaten auch für Deutsch- la»d kommen wird. und ich habe dann weit- läufig auseinander gesetzt, warum gerade jetzt die Erb- schaftssteuer nicht kommen kann. Wo liegt da die Verletzung eines Grundsatzes?— Was die Denkschrift über die Deckung an- langt, so war unser Bestreben, ein Bild der Entwickelung der Finanzen zu entwerfen, das der Wirklichkeit tunlichst nahe kommt. Natürlich sah sich dies Bild im Spätsommer 1911 etwas anders an als im Frühsommer 1912. Wir haben aber auch auf alle wunden Stellen unserer Ausstellung selbst hingewiesen. Sollten wir nun bloß, weil die Möglichkeit besteht, daß unsere Einnahmenschätzung fich später als unrichtig erweist, Ihnen jetzt schon eine neue Steuer vorschlagen, die größere Einnahmen bringen würde als wir brauchen.(Oho! links.) Abg. Freiher v. Gamp(Rp.): Herr Müller warf Ver Re- gierung vor, daß sie an den Spariamkeitsgrundsätzen de? Fürsten B ii l o w nicht festgehalten habe, machte aber selbst Vorschläge, die dieser Sparsamleitspolitik widersprechen.(Widerspruch links.) Herr Müller sagte weiter, die Einnahmen seien gestreckt, auf der anderen Seite aber behauptete er, eS sei Geld da zur Aufhebung der Zünd- holzsteuer usw.— Der Reichskanzler hat die Wehrvorlagen ruhig, ich möchte fast sagen kühl eingeleitet. Den Empfindungen der großen Masie des Volkes hätte es mehr entsprochen, wenn er in einer großzügigen politischen Rede die ganze Lage der internationalen Verhältnisse, die zu diesen Wehrvorlagen gefuhrt hat, dargelegt hätte.(Bravo! recht?.) ES sollte ihm er- wünscht sein, daß in weiten Kreisen des Volkes eine noch weit- gehendere Verstärkung der Wehrmacht gefordert wird.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Diese Frage wird daher eingehend in der Kommission zu prüfen sein.— Die Anschauungen des Herrn Haase über die Miliz werden von seinen Parleigenossen in Frank- reich nicht geteilt; denn dort haben Sie ja einen Kriegs- minister Ihrer Richtung.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Er war es.) Er ist doch von sozialtstischen Ideen beeinflußt' aber an die Einführung einer Miliz denkt er nicbt. Die weitesten Kreise der Bevölkerung, nicht nur der bürgerlichen, begrüßen bei uns die Militärvorlogen, und haben nur die Sorge, ob sie auch wirklich ausreichen. Wir wünschen keinen Krieg; wird er uns aber aufgedrängt, so mutz Deutschland in der Lage sein, dem Gegner die Friedensbedingungen zu diktieren.(Zustimmung rechts.) Die Entscheidung für uns liegt zwar beim Landheer; aber auch auf die Vermehrung der Flotte können wir nicht verzichten, zumal ja zwischen Frankreich und England eine Ver- ständigung zustande gekommen ist. Redner verteidigt des weiteren den Flottenverein gegen die bekannten Angriffe des Abg. Haußmann. Der Flottenverein hat große Verdienste, aber er hat auch oft mit seinen Forderungen über daS Ziel hinausgeschossen, und hat dem Staatssekretär deS ReichsmarineamtS oft das Leben sauer gemacht. Die Behauptungen des Abg. Haußmann über das Nachrichtenbureau des ReichsmarineamtS hat ja Herr V. T i r p i tz schon widerlegt. Usbrigens hat Herr v. Tirpitz stets den Standpunkt eingenommen, daß er einer Verständigung mit England über die Stärke der beiderseitigen Flotten durchaus nicht ablehnend gegen- überstehe.— Für eine Erhöhung der Mannschaftslöhnung sind wir auch, halten es aber für besser, wenn sie ihnen zum Teil durch Verbesserung der Kost gewährt wird. Wird sie nur in bar gewährt, so bleibt es doch zweiselhaft, ob sie richtig ver- wendet wird. Vor einer Ueberschätzung der Einnahmen warne ich. Gerade Hxrr Erzberger hat den Ausdruck„frisierter Etat" auf- gebracht. Er kann also unmöglich mit der Etatsrede des Herrn Speck einverstanden sein. Wenn die Schuldentilgung nicht so, wie eS bei der Finanzrcform vorgesehen wurde, vorgenommen wird. kommen wir wieder in die Finanzmisere zurück, Bei einer Wehrvorlage könnte man ja ein Auge vielleicht zudrücken. aber man müßte eS im nächsten Jabre wieder öffnen. Ich freue mich, aus den Ausführungen des Abg. Müller- Mei- ningen zu entnehmen, daß auch die Vollspartei für die Vorlage stimmen wird; um so mehr wird sie als FriedenZinstrument dienen. lvenn sie recht bald und einmütig angenommen wird.(Bravo! rechts.) Reichsschatzsekretär Kühn verteidigt seine Schätzung der Ein« nahmen gegenüber der Kritik deS Vorredners. Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Mittwoch 1 Uhr. Schluß S'/« Uhr._ par larn en tari Ich cq. Aus der Budgetkommission des Reichstags. Bei der Weiterberatung des Etats für Südwestafrika wurden die recht ungünstigen Verhältnisse zur Sprache gebracht, unter denen d>e< in den Olaviminen beschäftigten Arbeiter zu leiden haben. Die Otaviminengesellschast hat im Siegerlande, wie auch in anderen deutschen Bergwerksbezirken, Bergarbeiter unter schein- bar günstigen Bestlmmungen engagiert. An Ort und Stelle an- gelangt, ntützten die Arbeiter die Erfahrung machen, daß sie Opfer recht trügerischer Vertragsabs chließungen geworden sind. Gegen die Arbeiter werden ganz exorbitante Strafen verhängt, von S0 bis über 1000 M. In einzelnen Fällen sind Leute für die dreijährige Vertragsdauer mit täglicki 2 M. Abzug bestraft worden. Ebenso sind rigorose Entlassungen verfügt, und sind Entlassenen, als sie in die Heimat abreisen wollten, von der Gesellschaft wegen angeblichen Vertragsbruchs die Habseligkeiten gepfändet worden, so daß die Leute betteln gehen mußten. Die Krankenpflege soll ebenso viel zu wünscheii übrig lassen, wie die Sicherheitsvorrichiungen in den Gruben zum Schutze von Leben und Gesundheit. Abgeord- neter Behrens brachte deshalb eine Resolution ein, die aus- reichenden Arbeiterschutz, Kraulen- und Uiifallfürsorge fordert, ferner Maßregeln gegen die enormen Vertragsstrafen. Da Behrens den von ihm beantragten Schutz nur für die weißen, aus Deutschland be- rufenen Arbeiter forderte, verlangten unsere Genossen einen aus- reichenden Schutz für alle Arbeiter. Ein Regierungskommissar wie auch Staatssekretär So If bekämpften die Resolution, denn es sei für die Arbeiter genügend Sorge getragen. Sie verdienten bis LOV M. monatlich, in der Regel 6— SOVV M. pro Jahr. Derart gut bezahlte Arbeiter können fich selbst versichern, außerdem werde für die Arbeiter schon alle» nötige getan. Die weißen Arbeiter seien zudem mehr Vorarbeiter und Auffichtsbeamte, die gar kein gesetzgeberisches Eingreifen zu ihren Gunsten haben wollen. Der Gouverneur und der Landes- rat seien die einzig richtigen Stellen, um Abhilfe zu schaffen. Von sozialdemokratischen, volksparteilichen und selbst auch von national- liberalen Rednern wurde das Verhalten der Minengesellschaft ivie auch der Regierung energisch gerügt. Die hohen Löhne erscheilleu sofort in anderem Lichte, wenn man die enormen Lebens- mittelpreise sowie die Tatsache bedenkt, daß die weißen Arbeiter ihre Familien in der Heimat auch noch zu unterhalten haben. Die verhängten Strafen würden als HalSab schneideret und die abgeschlossenen Verträge als gegen die guten Sitten verstoßend bezeichnet. Die in Deutschland geltenden Bestimmungen über Lohnbeschlagnahme ein- fach auf die Kolonien zu übertragen, sei ungerecht und unsinnig; es müsse eine viel höhere Summe eingesetzt werde*, ehe die Lohu- beschlagnahme zulässig ist. Mögen auch hier in Deutschland die Verhältnisse für die Bergarbeiter noch so ungünstig sein, so steht ihnen doch einmal ihre Organisation und die öffentliche Meinuitg zur Seite. Das fehlt aber leider in Südwest. Wenn die Regierung den ernsten Willen hat, eine Besserung eintreten zu lassen, kann sie das auch ohne gesetzgeberisches Eingreifen. Das sagte die Regierung schließlich, wenn auch recht zögernd, zu. Die Resolution Behrens fand Annahme. Zu einer allgemeinen Aussprache über die wirtschaftlichen Ver- Hältnisse in Südwest führten die Forderungen, die der Kredit- beschaffung für Landankäufe, Wasierbohrungen usw. dienen sollen. Es mußte zugegeben werden, daß Südwestafrika vor einem großen wirtschaftlichen Krach steht. ES ist eine erhebliche Ueberschuldung eingetreten; für die Farmer ist der Absatz ihrer Produkte sehr eingeschränkt worden, nachdem in der Hauptsache die Bahnbauten beendet sind. Wie der Wasser- kalamität zu steuern ist, weiß heute noch kein Mensch. Durch die vielen Wasierbohrungen ist Raubbau getrieben worden, und ob eS gelingt, durch unterirdische Staudämme das Grundwasser zu heben, ist auch noch fraglich. Die Anlage von oberirdischen Staudämmen hat sich vielfach als verfehlt erwiesen, weil das Wasser versalzte, wodurch die Kulturen vernichtet worden sind. Genosse NoSle bekämpfte lebhaft die Versuche, die Regierung zu dränge», weitere Mittel zur Kreditbeschaffung flüssig zu machen, die den un- ausbleiblichen Krach auch nicht mehr verhindern können. Durch weitere Anleihen gerate Südwestafrika in eine immer bedenklicher werdende Verschuldung. Gegen die außergewöhnlich hohen Güter- tarife auf den Bahnen kämpften die Volksparteiler mit einer Reso- luiion an. Die Regierung teilte jedoch mit, daß in absehbarer Zeit kaum eine Besierung wird eintreten können, woraus die Resolution zurückgezogen wurde. Die Weiterberatung wurde hierauf vertagt. Wahlprüfuugskommission. Das Mandat des Antisemiten B r u h n wurde gegen 4 Stimmen für gültig erklärt. Nach den getroffenen Feststellungen waren dem konservativen Kandidaten V. Schuckmann 807 Stimmen abzuziehen. Die Mehrheit der Kommission lehnte es aber ab, die kassierten Stimmen den unterlegenen Kandidaten zuzuzählen. In diesem Falle hätte eine Stichwahl stattfinden müssen zwischen dem Gouverneur v. Schuckmann und dem Sozialdemokraten. Diese Konse- quenz herbeizuführen, lehnte die Mehrheit der Kommission ab, die Folge war. daß das Mandat deS.Wahrheits"-Bruhn für gültig er- klärt wurde. Die Kommission trat dann in die Prüfung der Wahl des Abg. Pauli(Hagenow) ein, die jedoch nicht zu Ende geführt werden konnte. Kranbenfärforge und Aohnungselend. Zur Aufdeckung des Wohnungselends trägt die Ortskranken- lasse der Kaufleute wirksam bei durch die Wohnungsuntersuchungen, die sie seit einem Jahrzehnt bei ihren erkranken Mitgliedern aus- führen lägt. Sie dienen dem Zweck, die Bedeutung des Wohnungs- zustandes für den Erfolg der Krankenfürsorge darzutun und die zum Schutz der Volkögesundheit notwendigen Reformen im Wohnungswesen zu fördern. Alljährlich veröffentlicht der Vorstand der Krankenkasse über diese Wohnungsenqueten sorgfältig durchgearbeitete Berichte. Immer wieder bringen sie ein lehrreiches Material, das grell genug daS Wohnungselend beleuchtet und eindringlich die Notwendigkeit einer Abhilfe predigt. Uns liegt jetzt der Bericht über die Wohnungsenquete von 1911 vor, verfaßt im Auftrage des Vor- standeS wieder von Albert Kohn, wie in den Vorjahren. Wenn die Ergebnisse auch erkennen lassen, daß im Laufe der Jahre einiges sich gebessert hat, so ist doch immer noch eine reichliche Fülle von Wohnungsmitzständen festgestellt worden. Die Ermittelungen wurden vorgenommen durch Kranken- kontrolleure, die im Jahre 1911 die Wohnungen von 12 975 er- werbsunfähig kranken Mitgliedern der Krankenkasse untersuchten. An dieser Gesamtzahl waren beteiligt 1876 Handlungsgehilfen, 4027 Handelshilfsarbeiter, 3109 Handlungsgehilfinnen, 3963 Handelshilfsarbeiterinnen, zusammen 5903 männliche und 7072 weibliche Mitglieder. In Vorderhäusern wohnten 6457, in Hinter- Häusern 6518 der beteiligten Kranken, so daß Vorder- und Hinter- Häuser hier nahezu gleiche Anteile haben. Es wohnten ober in Vorderhäusern von den Handlungsgehilfe.» zwei Drittel(1295 von 1876), von den Handelshilfsarbeitern nicht viel mehr als ein Drittel(nur 1417 von 4027), von den Handlungsgehilfinnen rund zwei Drittel(2042 von 3109), von den HandelShilfsarbeiterinnen noch lange nicht die Hälfte(nur 1703 von 3963). Die Untersuchung der Aufenthaltsräume nach Bodenfläche, Höhenmaß, Rauminhalt, BenutzungSzahl usw. ergab wieder, daß noch sehr viele Wohnungen nicht mal den allerbescheidensten An- sprächen genügten. 779 Kranke wurden in Räumen vorgefunden, deren Vodenfläche nur bis 10 Quadratmeter groß war. 10 Quadrat- meter große wäre z. B. die Bodenfläche eines einfenstrigen Zimmers von 5 Meter Tiefe und 2 Meter Breite. Diese 779 Aufenthalts- räume, deren Flächeninhalt unter dem noch erträglichen Mindest- maß blieb, verteilten sich auf alle Größenklassen von 10 Quadrat- meter abwärts bis unter 6 Quadratmeter. Die Zahl der Kranken, die in Aufenthaltsräumen von höchstens 6 Quadratmeter Boden- fläche vorgefunden wurden, belief sich noch auf 62. Bei 6 Quadrat- meter könnte man z. B. an eine Kammer von 4 Meter Tiefe und 1% Meter Breite denken. Man beachte, daß es Kranke sind, die in solchen Löchern Hausen müssen! Schlimmeres noch ergab die Untersuchung der Höhenmaße. Die für Berlin jetzt geltende Baupolizeiordnung bestimmt, daß die Höhe eines AufenthaltsraumcS nicht unter 2,89 Meter fein darf. Noch 2699 Kranke, fast 21 Proz., mehr als ein Fünftel aller, wurden in Räumen angetroffen, die dieser polizeilichen Mindest- forderung nicht entsprachen. In ihnen hausten speziell von den Handlungsgehilfen rund 11?L Proz., von den Handlungsgehilfinne-- 14�3 Proz.. aber von den Handelshilssarbeitern 26 Proz., von den Handelshilfsarbeiterinnen 24% Proz. Die Höhen maße blieben in vielen Fällen recht weit unter 2,89 Meter, z. B. reichten sie in noch 101 Fällen nicht über 2,25 Meter hinaus. Von da ging es weiter abwärts bis unter 2,00 Meter, ja bis unter 1,60 Meter, was noch in 11 Fällen festgestellt wurde. Eine Stubenhöhe von nur 1,60 Meter gestattet einem Erwachsenen mittlerer Größe nicht mehr, gerade zu stehen. Entsprechend diese» Zahlen für Bodenfläche und Höhenmaß waren die Ergebnisse der Feststellung des Rauminhalts. Meist Nucken Sie Kranken ihre ohnedies Mzulanglichen Räume auch noch mit anderen Personen teilen. In einem und demselben Raum Hausen mit einem Kranken oft zlvei, drei, vier Personen, nicht selten sogar fünf, sechs, sieben und mehr Personen. Mehr noch als die Schlafstelleninhabcr litten unter dieser Zusammen- drängung die vermietenden Familien, da sie selber, um vermieten zu können, meist sich mit den elendesten Räumen begnügen mutzten. Wenn 20 Kubikmeter Luftraum pro Person das mindeste ist, so waren 5t21 Kranke auf Räume angewiesen, die der Mindest- forderung nicht entsprachen. Dabei ist nicht mal berücksichtigt, datz ja durch die aufgestellten Möbel der Luftraum noch verkleinert wird. Wollte man, wie in Krankenhäusern, M Kubikmeter pro Kopf und bei ansteckenden Krankheiten 150 Kubikmeter pro Kopf fordern, dann wären die meisten der untersuchten Wohnungen als ungeeignet zum Aufenthalt Kranker anzusehen. Die Erwitte- lungen der Krankenkontrolleure ergaben aber, daß in den Woh- Hungen sehr oft noch nicht mal jene 20 Kubikmeter Luftraum pro Kopf erreicht wurden. 1421 Kranke hatten noch keine 10 Kubik- Nieter und 158 davon noch nicht mal 5 Kubikmeter. Ein Zimmer z. B. von 5 Meter Tiefe, 2 Meter Breite, 3 Meter Höhe hat 30 Kubikmeter Luftraum, und in einem so engen Gelatz wohnen und schlafen dann manchmal mit dem Kranken noch ein halbes Dutzend andere Personen.„Wer kann— fragt mit Recht der Bericht— erwarten, datz in solchen Verhältnissen Kranke wieder gesunden, wer sich wundern, daß unsere Volksseuchen immer neue Opfer kosten?" Und wie waren, abgesehen von der Unzulänglichkeit der Boden- fläche, des Höhenmatzes, des Rauminhalts, die Räume sonst be° schaffen? Da fehlte oft die Möglichkeit einer wirksamen Lüftung, da wurde das Fenster kaum recht vom Tageslicht erreicht, da hatte mancher Aufenthaltsraum überhaupt kein Fenster, da mutzten Kranke sogar ohne Hcizgelegenheit sich behelfen. In nicht heizbaren Räume» mutzten sich 323 Kranke aufhalten, auf Räume ohne Fenster waren 64 Kranke angewiesen. Die fensterlosen Räume gehörten zu den kleinsten: von 64 hatten 43 nur bis 10 Quadrat- mcter Bodenfläche, 13 von diesen gar nur bis 6 Quadratmeter Bodenfläche. Offenbar haben wir es hier nur mit„Kabusen" zu tun, aber für Kranke mußten sie„immer noch gut genug" sein. Die ganze Gefahr dieser menschenunwürdigen Zustände wird klar, wenn man sieht, welche Krankheiten am häufigsten festgestellt wurden. Mit den höchsten Ziffern stehen obenan Ertrankungen der Lungen, die allein 1690 Fälle umfaßten, und hieran dürfte nicht unerheblich die Lungenschwindsucht beteiligt sein. Auch akute Infektionskrankheiten, deren Uebertragung in engen, stark besetzten, von Luft und Licht kaum erreichten Wohnungen besonders leicht und rasch zustande kommt, sind mit einer recht beträchtlichen Zahl. mit 991 Fällen, vertreten. Personen, die an Lungenkrankheiten oder an akuten Infektionskrankheiten litten, hausten selbst in Räumen ohne Fenster(6 und 9 Fälle) oder ohne Heizgelegenheit (49 und 20 Fälle). Lungenkranke und an akute Infektionskrank- heiten Leidende wurden auch in überfüllten Räunle» gefunden, die sie oft mit vier, fünf, sechs, sieben und mehr Personen teilen mußten. Von 1690 Lungenkranken hatten nur 450 einen Aufent- Haltsraum für sich, während 373, 330, 250, 140, 82, 35, 30 ihn mit noch 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7(oder mehr) Personen teilten. Bei den akuten Infektionskrankheiten wurde festgestellt, datz von 991 Kranken nur 242 einen eigenen Aufenthaltsraum hatten und 216, 197, 147, 100. 44. 23. 17 ihn mit noch 1. 2. 3, 4. 5. 6. 7(oder mehr) fPersonen teilten. Oft wird in einem solchen Raum auch noch Heimarbeit getrieben, vielleicht sogar eine Heimarbeit, die ohne- dies schon eine Verschlechterung der Luft mit sich bringt und den Llufenthalt in dem vom frühen Morgen bis zum späten Abend benutzten Raum zu einer Gefahr selbst für Gesunde macht. Wie eS in Wohnungen dieser Art manchmal um die Schlaf- grlegenheit bestellt ist, das kann jeder sich leicht ausmalen. Auch hierfür hat die WohnungSenquete zahlenmäßige Nachweise er- bracht, die mit erschreckender Deutlichkeit zeigen, zu welchen Zu- ständen die der unbemittelten. Bevölkerung aufgezwungene Ein- schränkung ihres Wohnungsbedürfnisses führt. Von überhaupt 12 975 Kranken, deren Wohnungen untersucht wurden, hatten nur 2767 einen Schlafrauin für sich, nicht viel mehr als ein Fünftel aller Kranken. Die übrigen mutzten ihren Schlafraum mit anderen Personen teilen, meist mit einer, zwei oder drei Personen, oft auch mit vier oder fünf, manchmal sogar mit sechs, sieben und mehr Personen. Einen Schlafraum für sich hatten z. B. von den 1690 Lungenkranken nur 407, nock) kein Viertel aller. Und auch hier ging für die übrigen die Zusammendrängung so weit, daß bis fünf, sechs, sieben und mehr Personen zusammen mit einem Lungenkranken in einem und demselben Raum schlafen mutzten. Bei 1110 Kranken wurde festgestellt, datz sie nicht einmal ein Bett für sich hatten, sondern trotz der Krankheit auch ihr Lager noch mit anderen Personen teilten. Der Bericht sagt hierzu:„Das Grauen und der Jammer aber, der sich in diesen Ziffern enthüllt, wird noch erhöht durch die Tatsack)«, datz darunter 116 Lungen* kranke waren." Es liegt auf der Hand, daß in solchen Wohnungen nicht nur für die Kranken die Möglichkeit einer Wiederherstellung der Gc- sundheit sehr gering ist. sondern auch die Gesunden der Gefahr einer Uebertragung von Krankheiten ausgesetzt sind» In dieses Wohnungselend immer wieder hineinzuleuchten, ist eine verdienstliche Tätigkeit der Krankenkasse der Kausleute, aber den Hausagrariern, die aus den dunklen Höhlen ihrer Mietskasernen ungeschmälerten Profit herausholen wollen, ist solche Mienisch und sozialpolitisch wertvolle Kontrolle allerdings sehr unerwünscht. Die Ergebnisse dieser Wohnungsenqueten, die noch nicht mal die schlechtestent- lohnten Schichten der Arbeiterklasse erfassen und daher noch lange nicht das schlimmste Wohnungsclend aufdecken, sind eine ernste Mahnung an die Reichsregierung wie an die Kommunalver- waltungen einschließlich des Berliner Zwcckverbandes» im Kampf gegen das Wohnungselend ihre Pflicht zu tun. sieue liiedlzlnen zur Gefundung- ärztlicher Geldbeutel? Der Fabrikarbeiterverband, die Organisation der ungelernten Arbeiter, konnte vor wenigen Tagen zweihunderttausend Mit- glieder zählen. Es sind die Proletarier und die Proletarierinnen der fabrikmäßigsten der modernsten Industrien, unter anderem auch der chemischen Industrie, die sich hier zusammengesunden haben. Wie notwendig ihre Vereinigung ist und wie reinigend schon ihre Anwesenheit wirkt, wird jetzt wieder einmal von neuem bewiesen. Hier ist das Forum der unbeeinflußten, nur der Kultur dienenden Oeffentlichkeit erst geschaffen. Kapitalistische Presse, kapitalistische Wissenschaft und kapitalistische Meinungsfreiheit— ach, gebt ihr Tantieme, beteiligt sie am Geschäft, und alles ist gut und schön und herrlich! Treffendes Bcweismaterial dazu bringt der Fabrikarbeiter- verband jetzt an die Oeffentlichkeit. Waren da vor kurzem ein Dutzend der höchsten Leiter— Doktoren,. Professoren. Geheim- und Kommcrzicnräte— eines chemischen Riesenbetriebes zu einer ge- Heimen Konferenz versammelt. Der„Proletarier", das Verbands- organ der Fabrikarbeiter, teilt mit, datz dabei ausschließlich Fragen der Konkurrenz und der Produktion besprochen wurden. Einer jener berühmten Zufälle ließ das haargenau geschriebene Protokoll jener Zusammenkunft den notwendigen Weg zum Zentralvorstand des Fabritarbeiterverbandes finden. Was kam da zutage? Wieder einmal unwiderlegbare Beweise dafür, daß die Wissenschaft heute zur Prostituierten des chemischen Kapitals gc- worden ist, zum mindesten, datz das für die Wissenschaft einer ganzen Anzahl der prominentesten Vertreter der Lehren Lleskulaps zutrifft! Lassen wir das Protokoll selbst reden. Eifrig wird über ein neues— Abortiv mittel debattiert, das wirklich wirksam ist. Bekanntlich sind alle im Handel ohne weiteres kaufbaren Mittelchen dieser Art minderwertig, auf Nepperei berechnet. Hier soll ein„wirklich wirkendes" Mittel ge- schaffen werden. Tatsache ist aber doch, datz die Aerzte innerliche Abortivmittel gar nicht mehr geben; für wen wird dieses„sicher- wirkende" Mittel gesucht? Wie werden medizinisch-chemische Mittel in den Verkehr ge- bracht? Einer der ungeklärtesten und doch zugleich der aller- interessantesten Punkte in der Praxis des Vertriebes chemischer Medikamente. Das Protokoll der direktorialen Zusammenkunft sagt sehr beachtenswertes dazu. Ein(im Dienste der Fabrik stehender?) Doktor hat sich«mit dem Dezernenten. für das Hebammen Wesen im Ministerium in Verbindung gesetzt" zwecks obliga- torischer Einführung eines von der Fabrik hergestellten Mittels; der hat erklärt, datz eine„Autorität" auf dem Gebiete eine Ein- gäbe an das Ministerium machen müsse.„Wir wollen dieserhalb an Professor.... herantreten, eventuell Professor...., München, dafür in Anspruch nehmen"— so steht es kurz und bündig im Protokoll! Wie werden heute Autoritäten der medizinischen Wissenschaft, hier der Gynäkologie, durch chemische Fabriken, die medizinische Mittel herstellen,„in Anspruch genommen"? Eine andere noch deutlicher besprochene Sache Da ist z. B. ein neues Mittel mit einem sehr langen Namen, das als Heilmittel eingeführt werden soll. Es hat nur einen kleinen Fehler— es hilft zumeist nicht. Ja, es schadet sogar. Versuche in Krankenhäusern ergaben immer viele Versager. Die Konferenz spricht sich darüber aus: „Professor.....(hier ist der Name eines unserer bedeutensten medizinischen Schriftsteller genannt) hat sich bereit erklärt, den.... noch weiter zu prüfen, doch erscheint Vorsicht ihm gegenüber ge- boten, weil er mit Hofmann-La-Noche im Konnex stehen soll." Der„Proletarier" bemerkt hier zur Erläuterung, datz Hof- mann-La°Roche nicht etwa eine wissenschaftliche Kapazität, sondern eine chemische, ebenfalls medizinische Medikamente herstellende Fabrik in Grenzach, Baden, ist. Die Konferenz ist also der Meinung, mit dem Professor... mutz vorsichtig umgegangen werden, denn der ist ja schon„interessiert", aber an einer Kon- kurrenzfirma! Ein anderer Fall. Ein anderes Mittel soll allgemein ein- geführt werden. Ein Professor.... macht Versuche.„Berlin hat den Frauenarzt Dr......— wieder folgt ein sehr bekannter Name— interessiert." Was heißt hier wieder das ominöse Wört- che»„interessiert"? Das Protokoll enthält zu dieser Sache noch den Vermerk, datz der betreffende Arzt das Mittel„früher in die Praxis eingeführt" hat. Er wurde also für von ihm schon ein- geführte Medikamente„interessiert"! Komisch, hochkomisch— wenn es nicht schandbar wäre! Das Protokoll gibt noch eine Aufklärung zu diesem„Jnter- essieren". Es enthält nämlich noch folgenden Nachsatz: „..... Doch erscheint dies(die Jnteressierung des betreffenden Aerztes) taktisch nicht richtig, da.... am St..... beteiligt und infolgedessen an Merk gekettet ist."„Merk" ist wieder keine Kapazität, sondern ein Konkurrenzbetrieb in Darmstadt, der gleich- falls Heilmittel herstellt. Also der Frauenarzt ist schon an einem anderen Heilmittel— es soll dasselbe, nur von der anderen Firma hergestellt, sein—„interessiert", und deswegen ist es„taktisch nicht richtig", ihn„noch einmal zu„interessirren"! Die Tatsachen, kalt und nackt, wie sie durch den„Proletarier" mitgeteilt werden, machen schaudern. Hier wird durch einen, man mutz sagen, glücklichen Zufall die unglaublichste Menschen- betrügerei aufgedeckt, ein Spiel mit Menschenleben, das unter der Voraussetzung erfolgt: ich nehme die Medikamente, bei denen ich am meisten„interessiert" bin. Und das sind unter den Aerzten nicht Hinz und Kunz, sondern große Männer, Professoren, Autori- täten usw. Es bleibt nur zu wünschen, daß der„Proletarier" noch fest zupackt und die am genauesten charakterisierten„Kapazi- täten" ins helle Licht der Oeffentlichkeit stellt. )Zus cler Partei. Die Parteipresse und die Justiz des KlasscnstaateS. Die Zahl der Pretzprozesse gegen die sozialdemokratische Presse ist ständig im Wachsen. Während vom 1. April bis 30. September 1911 die Zahl der Prozesse und Urteile 103 betrug, ist diese Zahl vom 1. Oktober 1911 bis zum I. April 1912 auf 115 gestiegen. Das ergibt also innerhalb Jahresfrist des nette Sümmchen von zwei. hundertunddreiu.n dz wanzig Prozessen! Im letz- ten Halbjahre wurden an Strafen verhängt gegen unsere verant- wörtlichen Redakteure 28 Monate, 9 Wochen, 3 Tage Gefängnis und 16 960 Mark Geldstrafe! Zusammengerechnet ergibt unsere Opferliste für das letzte Jahr(1. April 1911 bis 31. März 1912) an Strafen: 7fh Jahr, 1 Monat, 4 Wochen Gefängnis und 40 833 Mark in Geld! Uns Sozialdemokraten wird sehr eindringlich klar gemacht, daß wir im Lande„der vollendetsten Rcchtsgarantien" leben. Mit dem Stichwahlabkommen beschäftigte sich am letzten Sonnabend eine Parteiversammlung in Hannover. Nach längerer Debatte, in der für und wider das Abkommen geredet wurde, wurde folgende Resolution mit großer Mehrheit abgelehnt: „Die Genossinnen und Genossen des 8. hannoverschen Reichs- tagsivahlkreiscs bedauern(in der ursprünglichen Fassung hieh eS: mißbilligen auf das entschiedenste. D. Red. d.„V.".) das vom Parteivorstand mit der Fortschrittlichen Volkspartei abgeschlossene Stichwahlabkommcn. Sie halten die ganze Art, besonders die Heimlichkeit des Abkommens, sowie die Dämpfung des Wahlkampfes in 16 Kreisen, für geeignet, Verwirrung in weite Kreise der Partei- genossen zu tragen." Erledigter Streitfall in der P. P. S. Bekanntlich entstand vor vier Jahren ein Streit in der P. P. S. wegen einer ErbschastSsache, in die Genosse Stefan Thiel aus Britz und die Berliner Organisation der P. P. S. verwickelt lvaren. Die Angelegenheit ist nunmehr zur Zufriedenheit aller Beteiligten aus der Welt gesckzafft worden. Vor Ostern tagte in Krakau ein Schiedsgericht unter Vorsitz des Reichsratsabgeordneten Genossen Dr. D i a m a n d, dessen Spruch sich alle Teile unterworfen haben. Das Schiedsgericht entschied, datz die Erbschaft dem Vorstande der P. P. S. zufallen müsse, daß aber den Genossen Stefan Thiel durch- aus keine ehrenrührigen Vorwürfe treffen. Demgemäß ist der Ausschluß aus der Partei des Genossen Thiel aus Britz, welcher auch seinerzeit im„Vorwärts" veröffentlicht wurde, rückgängig geucacht worden, Der Maifestumzug tu Frankfurt a. M. verboten. Wie alljährlich wandte sich auch dieses Jahr das Maikomitee in Frankfurt a. M. an die Polizeiverwaltung, um einen Umzug zu per- anstalten. Der neue Polizeipräsident, Herr RieS von Schuvcn- schloß lehnte die Genehmigung ab: AuS seinem ablehnenden Bescheid seien folgende Sätze angeführt: „Da in diesem Jahre der 1. Mai auf einen Werktag fällt, die Mehrheit der Anhänger der Sozialdemokratie somit den am I.Mai stattfindenden sonstigen Veranstaltungen fernzubleiben genötigt ist, so ist bei der auf Sonntag, den 5. Mai, verlegten Kund- gebung mit einem Demonstrationsmassenzuge in besonders großem Umfange zu rechnen, an dem auch Frauen und Kinder teilnehmen. Schon die Aufstellung des Massenzuges in dem engen Viertel der Aktstadt, das zum Teil von Be- völkerungselcmenten bewohnt toird, die zu Ausschreitungen neigen, ist mit unmittelbaren Gefahren für Leben und Gesundheit der Teilnehmer des Zuges sowie der übrigen Bevölkerung ver- bunden, zumal bei dieser Gelegenbeit auch mit dem Zuzug einer großen Zahl auswärtiger und insbesondere auch solcher Elemente zu rechnen ist, denen jede Gelegenheit zu Ungesetzlichkeiten recht rst und die auch einem organisierten Ordnerdicnste der sozialdemokratischen Partei sich nicht fügen würden. In den engen und winkligen Straßen der Altstadt ist eS überhaupt nicht möglich, die Massen ungefährdet zu formieren." In diesem Ton geht eS auf über 70 Druckzeilen weiter. Im Juli ist ein Festumzu'g zum 60jährigen Schützenfest genehmigt, an dem angeblich eine Million Menschen teilnehmen werden, und der dieselben Straßen zieht. Kommentar überflüssig. Zum Parteitag der polnischen Genosse». Unter obiger Ueberschrift erschien in Nr. 82 des„Vorwärts" 'vom 7. April d. I. ein Artikel, an dem wir nicht schweigend vorüber- gehen können. Auf da? Treiben des Genossen Easpari gegen die P. P. S. können wir hier nicht eingehen, denn wir glauben nicht, daß Sie uns den dazu nötigen Raum zur Verfügung stellen könnte». Be- merken müssen wir aber, daß Easpari diese Tätigkeit erst dann begonnen hat, als er seine Stellung in der„Gazeta Nobotnicza" kündigte. Ueber die Zweckmäßigkeit der zum Parteitag der P. P. S. ge- stellten Anträge wollen wir hier nicht streiten, denn jeder Genosse hat das Recht. Anträge zu stellen und seine Meinung zu haben. Einspruch erheben müssen wir jedoch gegen die Schulmeisteret, welche sich der Artikelschreiber an unserer Delegation zum Juternationalen Kongreß in Kopenhagen erlaubt. Die. galizischeu Genossen bilden eine einheitliche Organisation. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß auf den internationalen Kongressen sich alle polnischen Delegierten um diese einheitliche Organisation scharen sollten. Dieser Ansicht entsprechend haben bisher unsere Delegierten auf allen internationalen Kongressen gehandelt. Auch ein Teil der Ge- nossen von Russisch- Polen(die P. S. ohne Trauerrand*) hat die Notwendigkeit einer einheitlichen Delegation eingesehen. Das Internationale Bureau richtet auch stets für alle polnischen Dele- gierten eine gemeinsame Tafel mit Sitzplätzen ein. Daß die übrigen Gruppen der Genossen aus Russisch-Polen sich diesen Gedanken nicht zu eigen machen, ist nur bedauerlich. Direkt auf Irreführung ist der Satz berechnet in welchem es heißt: „Die Redaktion verhindert jedoch die Veröffentlichung seines (CaSpariS) Artikels. Easpari schrieb den Artikel vierzehn Monate vor dem Parteitag, als er noch Redakteur der„Gazeta Robotnicza" war. Der Kollege des Genossen Easpari machte rhn darauf auf- merksam, daß der Artikel nicht angebracht sei, denn er konstruiere etwas, was gar nicht vorhanden sei. CaSpari wandte sich an die Preßkommiffion. deren Vorsitzender der Beauftragte des Deutschen ParteivorstandeS. Genosse Otto Hörsing ist. Die Kommission beschloß einmütig, daß die Veröffentlichung deS Artikels zu unterbleiben habe. Es hat somit nicht die Redaktion, der„Gazeta Nobotnicza", sondern die Preßkommiffion die Ver- öffentlichung des Artikels verhindert, und Easpari hat den Artikel- schreiber wissentlich falsch informiert. Die P. P. S. in Deutschland verhält sich den drei in Polen vegetierenden sozialistischen Gruppen gegenüber neutral. Genosse CaSpari versuchte jedoch systematisch, uns vor den Wagen der einen Gruppe(P. P. S. mit Trauerrand) zu spannen. Der Konflikt'mit dem Genossen Easpari hat einen persönlichen Ursprung und wird jetzt mit dem Mantel der Parteigrundsätze zu- gedeckt. Die leitenden Genoffcn in der P. P. S. bemuhen sich, mit den deutschen Genossen in gebührlichem Einvernehmen zu leben; gelingt dieS nicht immer, so ist Caspars daran schuld. Der Vorstand der Polnischen Sozialistischen Partei. I. A.: Josef BiniSekiewiez. Anmerkung der Redaktion: Mit dieser Erwiderung de? Vorstandes der P. P. S. halten wir die Erörterung der rein internen Streitfragen der P. P. S. in den Spalten des«Vorwärts" für erledigt._ DaS Schlußwort zum Fall Ferri. Rom, den 21. April.(Eig.©er.) Die römische Parteisektion hat zum Fall Ferri die folgende Tagesordnung angenommen:„Nach Kenntnisnahme der AuStrittSerklärung deS Mitgliedes Enrico Ferri gibt die römische Parteisektion der Ueberzeugung Ausdruck, datz dieser Austritt die notwendige Folge einer ideellen und praktischen Unvereinbarkeit ist, dieffich zwischen den Anhängern der Ursprung- iichen Auffassung des Klassenkampfes und den neuen Vertretern sozialer Harmonie und Zusammenarbeit der Klassen immer deutlicher ausprägt. Die Sektion nimmt den Austritt zur Kenntnis mit dem Wunsche, datz das von Ferri gegebene Beispiel von allen nachgeahmt werde, die in ihrer Ueberzeugung und Auffassung Enrico Fern nahe stehen." Der erste Satz wurde einstimmig, der andere gegen die Stimme» der Reformisten angenommen._ Kommunalsicg. In Forchheim bei Karlsruhe errangen unsere Parteigenoffen in zwei Wahlgängen jeweils zwei Mandate und be« setzen damit den Gemeinderat in seiner Mehrheit. Die Fortschrittler gingen leer aus. Städtische Maifeier in Brüssel. Der Stadtgemeinderat von Brüssel hat auf Antrag der Sozialisten beschlossen, den Schülern der Kommunalschulcn und den st ä d t i s ch e n Beamten zur Feier des 1. Mai dienstfrei zu geben. Liberale und Klerikale waren gegen den Beschlutz. poUzeiUchcs,©enchtltcbes ufw* Vom Polizeikampf in Breslau. Die Breslauer Polizei hat in ihrem Kampfe gegen die Arbeiter- fchaft ein neues Gebiet gefunden. Sie verbot einen Volksunter- haltungSabend der bekannten VolkSsänger-Gefellschaft Strzelewicz im GcwerkschaftShause, weil das letztere nicht als Singspielhalle kon- zessioniert ist. Drohend fügte die Polizei dem Verbot noch hinzu, daß sie, wenn der Volksunterhaltungsabend dennoch abgehalten werden würde, diesen durch Anwendung von Geivalt verhindern will. *) In Polen bestehen jetzt zwei P. P. S.- Parteien; um nicht verwechielt zu werden, hat die eine die Buchstaben P. P. S. schwarz umrandet. Marktbericht von Berlin am LS. April 1V1L, nach Ermittelung des lönigl. Polizeipräsidiums. M a r k t h a 1 1 e n p r e i s e.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00— 50,00. Speis ebohnen, roeige, 80 ,00—65,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 8.00— 13.00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule l,KO— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,40—1,90. Kalbfleisch 1,40—2,60. Hammelfleisch 1,40—2,20. Bulter 2,60-3,20. 60 Stück Eier 8,00—6,00. 1 Kilogramm Karpse» 1,00-2,40. Aale 1,50—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,40—2,80. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1,40-3,20. Bleie 0,70-1,40. 60 Stück Krebse 4vOO— 30,00, Todes-Anzeigen Deutscher Trjnsporlarheiter-Yerbani Bezirksverwaltung Groß-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Arbeiter �uxust Krone am 23, April im Mer von 36 Jahren verstorben ist. 63/3 Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Freitag, den 26, April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- hake des Moabiter Krankenhauses nach dem Johannes-Kirchhos statt, zur der Den Mitgliedern ferner Nachricht, dag unser Kollege, Autosührer Franz Lehmann am 21, April im Alter von 19 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet beute Mittwoch, den24,ApriI,nachmiltags 3'/z Uhr, von der Leichenhalle des Steglitzer Friedhofes, Steglitz, Bergstrage, aus statt. Nachruf. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, dag unser Kollege, der Droschkensührer Wilhelm Lchroäer am ts. April im Alter von 68 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Bezirksverwaltung.' Verband der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Schöneberg. Am Sonntag, den 21. April, starb unser Kollege, der Gastwirt Franz Lehmann Steglitz, Feldstr. 5. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, den 24. April, nach- mittags 3'/, Uhr, aus dem Fried- Hose in Steglitz, Bergstrage, statt, Um rege Beteiligung ersucht 72/18 Der Borftand. Zlerbnnd der Maler, Ladiierer, Anstreicher usw. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag der Kollege Vllhelm SMevsh! am 21. April verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Mitt- woch, nachmittags 41/, Uhr, von der Halle des Thomas-Kirchhoses in der Hermannstrage aus statt. 128/13 Bio Ortsverwaltung. Todesanzeige. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, dag meine liebe Frau, gute Mutter und Tochter Linke geb. Lplllttke im Alter von 32 Jahren verstorben ist. Um stille Teilnahme bitten Heinrich Linke, Tochter und Eltern. Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 25. April, nachmittags 2'/, Uhr, aus dem städti- schcn Friedhof, Mariendorser Weg, statt. 0\\m. Gehilfimen öeutseh!. Bezirk WeiBenses. Kachrnf. Nach schwerem Leiden verstarb am Sonnabend, den 20. April unser Kollege 230/6 (justav Kannenhei-x im Alter von 13. Jahren. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Deutscher Metallarbeiter-Verband Berwalmngsstelle Berliu. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Former Paul Streit am 13. April gestorben ist. Ferner starb unser Mitglied, der Werkzeugmacher »Joh. Piskureck am 18. April an Lungenleiden. Ehre ihrem Andenken! Die Ortsverwaltung. �iaehruk. Nach langem, schwerem Leiden verstarb unsere treue und brave Mitarbeiterin, die Botensrau Emma Prause Pinlschstrage 23. Ehre ihrem Andenken. llie„Varwlrts"-Spedition Am Petersburger Platz 4. Nich.*-" Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich allen Freunden und Be- kannten meinen herzlichsten Dank. Fritz Kam und Sohn. Extra* Abtcilnng 1 1. Gesch.; BerlinW., Mohren- i Stra6e37a(2. Haus von der| ierusalemer Straße). III. Gesch.: Berlin NO., Große! Frankfurt. Str. 1 15(2. Haus| von der Andreasstraße). Sehrgr.Ausw. fert. Kleider, Hüte, Handschuhe, Schleier etc. v. einfachsten bis zum hochelegant. Genre z. äußerst niedrigen Preisen. Sonder-Abteilung: lHaBanfertlgting in 10 bis 12 Stunden. ttr Zahlstelle Charlottenbnrg. Heute Mittwoch, abends 8'/. Uhr, im Boltshause, Rosinenstr. 3: General- Versammlung Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Stellungnahme zur Maiseier. S. Verbands- SNgelegenheiten. 82/10 Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet __ Die Ortsverwaltnng. I- rt und verwandter Berufsgenossen. Zahlstelle Berlin. 0. 54: Mulackstr. 10, I. Fernsprecher: Amt Norden, Nr. 4518. Tonntag, de» 28. April 1912, nachmittags 2� Uhr, im Gewerk- schaftShause, Engeluser 15, großer Saal: Generalversammlung. Tagesordnung: l. Geschiifts- und Kassenbericht vom 1. Ouartal 1912. 2. Diskusfion. Da über ganz wichtige VerbandFangelegenheiten Beschluß gesaßt werden muß, ist das Erscheinen aller Mitglieder notwendig. Wgr- Buch oder Karte legitimiert I Ohne diese kein Zutritt!-Mg 42/13« Ble Ortsverwaltnng. verkaufe ich Planus erstklassiges Fabrikat! (9 mal prämiiert, Staatsmedaill«) in allen Holz- u. Stilarten, von wunderbar. Tonfülle(Flügelton) l 1..... FlUgeS... Harmoniums o gegen kleino monatliolie Teilzalituns ohne jeden PreiBaufschlag. O" fQr je�ej Instrument gewähre ich 20 jährige schriltliche Garantie-- Pnnrari IfraiKP Nrhfff �in, Ansbacher Strasse l. 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Referenten: Die Genossen Büchner, Borchardt, Däumig, Dittmann, Eichhorn, Ad. Hoffmann, Hirsch, Kunert, Ledebour, vr. Liebknecht, Dr. Lensch, Leinert, Schöpflin, Rob. Schmidt, Ströbel» Vogtherr. Dr. Weill. VAdlltrelZ Mm- Beesko w- Storkow- Charlottenburg. Neukölln:„Hoppes Festsäle(Inhaber Kartsch), Hermannstr. 49. Kchonekerg:„Mue Rathaussäle", Memmger Str. 8. Adlershof: Keyer, Kismarckstr. 16. Eharlottenkurg:„Kolkshans", Rostnenstr. 3. Cöpenick: Stadt-Theater. Friedenau- Kteglitz:„Kaiser- Milhelm- Garteu", Kheinstr. 65. Königs- Wusterhausen:„Altes Schutzeuhaus", Anh.: Mio. Medhorn. Nowawes: Singers„Nolksgarteu", Priesterstr. 31. Tempelhof:„Wilhelsgarten", Kertiuer Straße 9. Treptom-Kaumschnlenweg:„Sport-Restaurant", Slseustr. 115/116. Wilmersdorf:„Gesellschastshaus", Wilhelmsaue 112. Referenten: Die Genossen Eduard Bernstein, Brandes, Giebel, Grenz, Hasenzahl, Käppler, Peirotes, Dr. Ouarck, Taubadel, Wels, Znbeil. Wahlkreis Niederbarnim. Kernan: Frau; Salmauu, Kasdorferstraße. Korfigmaide:„Korstgmalder Festsäle", Kouradstr.42. Frz.-Knchholz:„Pa.krestauraut Rojsack", Hauptstr. 71 Friedrichsfelde- Ken- Lichtenderg: Kärger, Priu;eu-Allet 36. Friedrichshagen: Ferche, Friedrichstraße 112. Lichtenderg: Aruhold, Frauksurter-Ehaussee 5. Oder-Schöneweide:„Wilhelmiueuhaf". Oranienburg:„Waldhaus Saudhauseu", schiitzeustr. Reinickendorf-Ost:„Schätzeuhaus", Restdtu;str.1/2. Reinickendorf-West:„Hartmauus Krauerei", Scharumberstraße 161/164. Rnmmeisdnrg: ,Fafe Kelleoue",Hauptstr.2,«»«-». Stralau:„Taverne", Alt-Stralau 24/25. W-ißeusee:„Schloß Weißensee". Wilhelmsruh: Deutschmann, Hauptstraße 1. Referenten: Die Genossen Bender, Deichmann, Feldmann, Grnnwald, Haberland» Jaeckel, Kratzig» Keil, Pinkan, Peus, Schmidt-Meisten, Silberschmidt, Spiegel, Thöne. Männer und Frauen! Erscheint in Massen. wiw Für die Einberufer. Eugen Ernst. Berlin. Liesenstr. 16. Orts-Krankenkasse für das Töpsergewerbe zu Berlin. Die ordentliche General-Versammlung wird anberaumt aus rrcita?, den 3. Tlai 1912, abends 8 Uhr, im Königstadt-Kasino, Holmarktstr. 72. Tagesordnung: 1. Vorlegung des VcrwaltungS- berichts und Nechiiungsabschlusses 1911 2.~......... und . Bericht der Prüfung Stonimission > Beschlutzsassung über die Ab- nähme der Jabresrechnung. 3. Statutenänderung,§ 13(betr. Erhöhung des Krankengeldees). 4. Slussprache über die Zentralisa« tionsbestrebungeu der Bertiner Orts- krankenkassen. 5. Verschiedenes. 275/1 Als Legitimation Ist die schriftliche Einladung mitzubringen. Der Vorstand. M. Markmann, A. Gcnsch, 1. Vorfitzender. 1. Schnslsühcer. teppdecken betondcrS preiswert. Größte Auswahl. St»' ohinandel, Wallstr. 72.* Fpack-Vcrleih-Institnt. Frack-, GeHrock-, Smoking-Anzüge, für ede Größe passend, m grotzer Aus- "�rS. Berg HaeM. Borehanit, Friedrichstr.l 1 5 I, a. Oranienburg.Tor Tel. Nord 7402. Ans Teilzahlung! Ohne Anzahlung! Kein Kassierer. Tcppiche, Gardinen, t Stoi'es, Portleren, Stepp-, Plüsch- und Divandecken. Matzner, Hufelandftrafte.il, Bild ergejchäft. Karlen od. Besuch erbet. Biele schlaflose Nächte sind ein Opser, das Taufende von Müttern ihren Säuglingen bringen. Die meiste Schuld an der Unruhe der Kwder trägt eine unrichtige Ernährung, ein Uebersüllen der kindlichen Verdaumigs. organe mit Stoffen, die nicht genügend leicht verarbeitet werden können. .K u f e k e" als Nahrungsmittel bietet hier ewe ideale HUse, denn e» ist nicht nur leicht oerdaillich und wohlschmeckend, sondern eS wirkt verdauungs- regelnd und bringt insolge seiner wertvollen Bestandteile die Kinder zu bester, gedeihlicher Entwickelung. ZSTMANN mau�on/ddionshous■■■■ Für diese Woche Preisermässigung bis zu 33*0 Prozent lOOO Kostüme 1 Hein Massen�enre, aar 500 seidene Mantel)«ebiebe gewählte Fiecea Besichtigung ohne Knufzwng erbeten> Preislagen 15-, 16.-, 22.-. 25— 30-, 36-, 45.- bis 150.- - Verantwortlicher iftc&ßttfur; Älbrrt Wachs. Berlin. Für den Lnseratentetl verantw.:Th.GroiIt, Berlin. Druck U. Verlas: Borwärtz Luchdruckerei u. LerlasSaiiffalt Paul Sinsn u-To.. LerliuS�, |t. 95. 39. ZahtMz. 2. Itilojf Ks Jorairto" Serlim WMIt. vs; Urogramm»nck Sie Isktlli der norwegischen Arbeiterpartei. Zu den wichtigsten Fragen, mit denen sich der Parteitag der Norwegischen Arbeiterpartei zu befassen hatte, gehörte das Land. wirtschaftsprogramin, wie im allgeineinen auch das Pro- gramm und die Taktik der Partei bei den im Herbst stattfinden- de» Storthingswahlen. Der Entwurf zum Landwirtschaftspro- gramm war von einer besonderen Kommission ausgearbeitet wor- den, deren Vorsitzender Genosse Hornörudh, der selbst Landwirr ist. auf dem Parteitag das Referat über diese Frage hielt. ES folgte darauf eine sehr ausgedehnte Debatte, in der von einigen Rednenn ausgeführt wurde, dah der Entwurf in einigen Punkten nicht mit den sozialistischen Prinzipien in Einklang stehe, nament- lich deswegen nickst, weil darin der private Kleinbetrieb in der Landwirtschaft begünstigt werde. Demgegenüber wurde von an- deren Rednern bemerkt, daß das norwegische Land mit seinen vielen Bergen und Tälern, mit den zerklüfteten Küstenstrichen. sich wenig für den landwirtschaftlichen Großbetrieb eigne. Horns- rud meinte in seiner Erwiderung auf die Einwendungen, daß tat- sächlich in jedem Punkt d-S Entwurfs ein Stück Sozialismus stecke. Die Diskussion führt« dazu, daß das vorgeschlagene Pro- gramm in einzelnen Punkten, die jedoch mehr von praktischer. als von prinzipieller Bedeutung sind, abgeändert wurde und so die Zustimmung des Parteitages fand. Es beginnt mit den Worten: .Die Erde mit ihren unerschöpflichen Reichtumsquellen soll unter bestimmten Garanften dem arbeitenden Volke sichergestellt werden, so daß eS das Eigentumsrecht an dem Ertrag seiner Arbeit erlangt." Unter den Forderungen zur Erreichung dieses Ziels steht dann an erster Stelle die eines Gesetzes über Ervpacht öftentlichen Land« cigentums, dann die, daß kein Verkauf öffentlichen Eigentums an Private stattfinden soll, und ferner, daß Staat und Kommunen in so großem Umfange wie möglich die Naturreichtümer de? Landes ankaufen sollen. Im übrigen sind die am nächsten liegen- den Forderungen auf diesem Gebiete in das allgemeine Wahl- Programm der Partei aufgenommen. Es sind in der Hauptsache die folgenden: Zinsfreie Darlehen an Unbemittelte zur Boden- Verbesserung in der kleineren Landwirtschaft. Die Landkommunen sollen sich Land erwerben, das jederzeit in kommunalem Betrieb oder als Arbeiterlandwirtschaft verwendet werden kann. Vor- zugSrecht für die Kommunen bei Darlehen aus öffentlicher. Mitteln zum Ankauf von Land, Wald und anderen Naturreichtümern. Er- Weiterung der Wirksamkeit der Arbeiterlandwirt schaftS- und Woh- nungSbank, so daß sie auch Darlehen zur Ablösung von Schulden landwirtschaftlicher Kleinbetriebe gewährt. Ein Recht für die Kommunen zur Besteuerung privater Jagd- und Fischercireckte, in der Weise, daß der Kommune die beireffenden Rechte zufallen, wenn die Steuern nicht bezahlt werden. Der Steuerertrag soll zur Förderung der Jagd und Fischerei und zur Erwerbung solcher Reckte verwandt werden. Ein Recht, für Staat und Kommunen Landeigentum zu erwerben und ander« Naturreichtümer, wie Wald, Wasserfälle, Gruben und Fischgewässer, und zwar auf dem Wege der ZwangLentäußerung. Dieses Reckt der Kommunen soll in erster Linie angewandt werden gegenüber Besibtümern, die außerhalb wobnenden Leuten und Gesellschaften gehören, fowie gegenüber solchen, die längere Zeit hindurch so schlecht beWirt- schaftet wurden, daß die Allgemeinheit keinen Nutzen davon hat.— ES folgt dann eine Forderung, die mit.den übrigen zu- sammenbängt, aber über die Landwirtschaft hinauSgreist. Sie besagt, daß der Staat die kooperativen Unternehmungen sowie die kommunalen Handels- und Handwerksbetriebe unterstützen und durch Gesetz fördern soll und serner. daß der Staat und die Aemter den Dampfschiffsverkehr übernehmen sollen, um einen planmäßigen Betrieb der großen Küstenlinien und eine bessere Ordnung der wichtigen Lokalrouten herbeizuführen. Daran schließen ssch die Forderungen zur Bekämpfung de» Alkohols und einer Gesetzgebung, die zum StaatSverbot der Alkoholgetränke führen soll. An der Spitze de? Wahlpvogramm» stehen jene nächstliegenden Forderungen, die im allgemeinen dem entsprechen, was von den sozialdemokratischen Parteien anderer Länder ebenfalls gefordert wird: Allgemeines politische« und kommunales Stimmrecht für Frauen und Männer vom 21. Lebensjahre ab, BolkSabstimmnngen in wichtigen Fragen der Gesetzgebung: EntWickelung der Volks- schule zu einer Einheitsschule, freier FortbildungS-, Fach- und Mittelschulunterricht, Erweiterung de« Schulunterricht» sowie Verbesserung, namentlich� auch der Landschulen, so daß sie auf eine Höhe mit den Stadtschulen kommen: direkte Wahl der Sckml- Verwaltung durch die Gemeindewäblev: ein besondere« RegierungS- devartement für da« Schulwesen: Ersatz der Zollsteuern durch Ein- nabme-, Vermögen, und Erbschaftssteuer mit gradweise steigender Skala: wirksame Hilfsmittel gegen die Arbeitslosigkeit; gesetzlicher achtstündiger Arbeitstag und Schutz de« VereinigunaSrechtes: all- gemeine Volksvension: Uebernahm« der Krankenpflege auf die Besteuerung. Bei Abänderung des Krankenversicherungsgesetzes soll eS den.Kommunen leichter gemacht werden. Aerzte und Heb- ammen zu festem Lohn anzustellen und den Kranken freies Heil- verfabren und freie KmnkenhanSpfle�e zu gewähren. Dann folgt der Punkt: Abschaffung des Militarismus und Errichtung inter- nationaler NeütralitätS- und SchiedSgerichtSvevträge. Hieran schließen sich die oben bereit» wiedcrgegebenen Forderungen auö dem Landwirtschaftsprogramm. Für die Taktik bei den bevorstehenden Storthingswahlen sollen dieselben Grundsätze maßgebend sein, wie sie auf dem Parteitag von 190V beschlossen wurden. Kandidaten— und als solche werden nur Genossen anerkannt, die durchaus auf dem Standpunkt de« prinzipiellen Programms der Partei stehen— stellt die Partei in allen Wablkreisen auf, wo sie Abteilungen hal. Wahlbündnisse mit anderen Parteien, oder mit Leuten, die außer- halb der Arbeiterpartei stehen, sind ausgeschlossen und dürfen weder' direkt noch durch stillschweigendes Uebminkommen abgeschlossen werden, auch nicht bei den Stichwahlen. 4. lerbaudstag des Delltschea KmslhnerverbandtS. Leipzig. 22. April. Der Verbandstag, der heute vormittag mit den üblichen Be- grüßungSreden im„Volkshause" eröffnet wurde, ist von 27 Delc» gierten und 2 Borstandsmitgliedern besucht. Den Ausschuß ver- tritt Neumann. Leipzig, die Redaktion R e a g e- Berlin, die Revisionskommission M e n k- Hamburg und die Generalkommisston K u b e- Berlin. Die österreichische Brudcrorganisation hat den Kollegen R o S n e r- W,en delegiert. Das Bureau der Tagung wird von den Kollegen Leisler. Hamburg und Kra tz sch- Lindenau als Borsitzende und# r i tz e- Berlin und Lehmann- München als Schriftführer gebildet. Bei Festsetzung der Geschäftsordnung entspannen sich längere Erörterungen über die Frage, ob die Ver- treter der Verbandsinstanzen(Vorstand und Ausschuß) auch Stimmrecht auf dem Verbandstag haben. Ein bejahender Bor- schlag des Vorstände» stieß auf Widerspruch, doch wird mit über- wiegender Mehrheit demgemäß beschlossen. Der vorgesehenen Tagesordnung werden noch die Punkte:»Arbeitszeitverkürzung und Saisonarbeit" und»Unsere Stellungnahme bei künftigen Lohn- fcwegungen" angefügt.' Dann erstattete Verbandsvorsttzenoer Leisler- Hamburg den Geschäftsbericht. Er verwies auf den gedruckten Bericht, von dem wir bereits einen Auszug brachten, und gab hierzu Ergänzungen. Leisler hob hervor, daß e� gelungen sei, eine ganze Reihe Filialen im Auslande zu gründen, bei denen allerdings die Sprachenverschieden- heften manche Schwierigkeiten bildeten. Der Vorstand sei auch mit Erfolg bestrebt gewesen, naheliegende Filialen— wie Lindenau und Leipzig— zu vereinen. Die Organisierung der Hilfsarbeiter habe in einigen Zahlstellen gute Fortschritte gemacht, in anderen Filialen liege es aber hier noch im argen. Viele Hilfsarbeiter sind im Fabrikarbeiterverband organisiert, da muß Klarheit ge- schaffen, event. durch Kartellvcrtrage die vorliegenden Mißstände beseitigt werden. Bei Aufnahme von Statistiken durch den Bor- stand hat es an der richtigen Mitwirkung der Kollegen gefehlt.— Für die Streik- und Lohnbewegungen waren die Jahre 1999 und 1919 besonders günstig. Bei zwei Bewegungen in Leipzig und Berlin konnte der Vorstand seine Zustimmung nicht geben. Leisler besprach dann ausführlich die Vorgänge in Rötha, die zu der großen Aussperrung in der Zurickterbranche führte. Von der Filiale Rötha wurden drei Mitglieder aus dem Verband aus- geschlossen, weil sie als Mitglieder eines Schützenvereins in einer Versammlung dieses Vereins dafür gestimmt hätten, daß ihre Ver- anstaltungen nicht mehr im Lokale der Partei und Gewerkschaften abgehalten werden. Einer von diesen Ausgeschlossenen erflärte, dieser betreffenden Sitzung des Schützenvereins nicht beigewohnt und ein anderer betonte, nicht in der beschuldigten Weise ab- gestimmt zu haben. Der Ausschluß wurde aber von der Filiale Rötha trotz Widerspruchs de« Vorstandes aufrecht erhalten, und der Ausschuß des Verbandes stellte sich aus die Seite der Röthaer. Durch Tarifvertrag ist in Rötha gegenseitiger Organisationszwang festgelegt. Die Ausgeschlossenen konnten also nicht mehr weiter beschäftigt werden. Nun griff der Unternehmerverband ein, der sich auf feiten der Ausgeschlossenen stellte und mit Aussperrung drohte— die dann auch später vollzogen wurde—, falls der Ausschluß der drei Kollegen nicht aufgehoben werde. Der Verbands- vorstand wies das Eingreifen der Unternehmerorganisation in interne Verbandsangelegenheiten energisch zurück und bezeichnete die Aussperrung als Tarifbruch. Der Vorstand ist aber der Anficht, daß der Ausschluß unberechtigt war. Die Zugehörigkeit zu einem bürgerlichen Verein— so betonte Leisler— kann kein Grund zum Ausschluß auS dem Verbände sein, denn sonst dürften wir auch keine Kollegen aufnehmen, die Mitglieder der bürger- lichen Turn-, Gesang-, Schwimmvereine usw. sind. Anderseits war dieser Ausschluß für die Unternehmer kein berechtigter Grund zum Einschreiten und zur Aussperrung, darum hat der Vorstand der Filiale Rötha auch seine Unterstützung nicht verweigert.— Am Schlüsse seiner Ausführungen erklärte der Rodner, der Vor- stand habe sich bei seinen Entschließungen nur von dem Gedanken leiten lassen, ob sie im Interesse der Gesamtorganifation liegen. Wenn auch seine Beschlüsse nicht immer die Zustimmung der Mit- glieder gefunden hätten, so wäre sich der Vorstand doch bewußt, in der Geschäftsperiode seine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben. Den Kassenbericht gab W a gn i tz- Hamburg. Die Aussperrung in der Zurichter- oranche hat die Kasse sehr stark in Mitleidenschaft gezogen; ver- schlang sie doch fast 179 999 M Damit ist auch zu erklären, daß das VcrbandSvermögen sich in der Berichtszeit nur um einige hun- dert Mark vermehrt hat. ES betrug Ende 1911 53 598,24 M. Die sonstigen wichtigen Zahlen aus dem Kassenbericht haben wir bereits gebracht. Der Kassierer klagte über Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung usw. in einigen Filialen. Er schlägt die Neuein- fübrung von Formularen für die Kassenführung vor, die er ein- gehend erläutert. Für die Revisionskommission berichtete M e n k- Hamburg, daß bei den Revisionen alles in bester Ordnung gefunden worden wäre. Neumann-Leipzig berichtete für den Ausschuß, der in manchen Angelegenheiten eine andere Ansicht wie der Borstand ver- trat. Wie Leisler ging auch Neumann ausführlich auf die mißliche Röthaer Sache ein. Die Bürgerlichen in Rötha feien bestrebt ge- Wesen, den dortigen Gewerkschaften das mühsam errungene Ver- sammlungslokal wieder abzutreiben, und dies Bestreben habe die Schützengesellschaft durch ihren Beschluß unterstützt. Der Ausschuß sei der Ansicht, daß die drei Ausgeschlossenen sich in dem ihnen zur Last gelegten Sinne betätigt haben. Darin erblickt er einen wissent- lichen Verstoß gegen die Organisation und die Borbedingung für den Ausschluß gegeben. In der Debatte über dies« Berichte nahmen erklärlicherweise die Vorgänge in Rötha den breitesten Raum ein. Ein Röthaer KoMege und der Bezirksleiter des GaueS verteidigte die Haltung der dortigen Mitglieder. Nicht wegen ihrer Abstimmung, sondern »regen ihrer Mitgliedschaft in dem Schübenverein seien die drei Kollegen auegeschlossen worden. Dieser Verein wäre systematisch bestrebt gewesen, dem Verbände da» Versammlungslokal abßu- treiben. Dadurch hätten sich diese 5dollegen einer groben Schädi- gung der Verbandsinteressen schuldig gemacht. Darum seien diese drei Mitglieder mit Recht ausgeschlossen. D it t m a n n- Berlin erflärte, das Vorgehen der Röthaer nicht billigen zu können. Der Beginn der Aussperrung sei in die schlechteste Zeit in der Zurichter- branckie gefallen, da hätte man vorsichtiger sein müssen; ein großer Kampf sei vorauszusehen gewesen. Die Debatte wurde heute nicht mehr beendet; sie wird morgen fortgesetzt. Ktradtstog des Arbeiter-Zamantkrdtlndts. Der Arbeiter-Samariterbund hat im Gewerkschaftshause zu Hamburg einen Bundestag abgehalten. Vertreten waren 48 Kolonnen mit 3197 Mitgliedern durch 3S Delegierte und Vorstands- Vertreter, darunter seck>s Aerzte. Da» Bundesorgan„Der Arbeiter« Samariter' hat seine Auflage in der zweijährigen Berichtsperiode von 2099 auf 4999 gesteigert. Bon den einzelnen Kolonnen find Kurse in der ersten Hilfeleistung veranstaltet worden, in denen im letzten Jahre 2799 Personen ausgebildet wurden. Allein im Jahre 1911 konnte denn auch in 12387 Unfällen die erste Hilfe durch Mitglieder des Bunde« geleistet werden. Zwar sind dies in der viehrzahl nur leichte Fälle, doch waren auch schwere darunter. wie Scblaganfälle, Vergiftungen,.Knochen- und Schädelbrüche. Be- sonders bei großen Arbeiterfesten traten die Kolonnen häufig in Tätigkeit. An einzelnen Orten ist die Stellung der Samariter- wachen bei Festen und großen Versammlungen mit dem Gewerk- schaftSkartell respektive den Parteivorständen generell vereinbart. Da« soll auch an anderen Orten erstrebt werden. Die Einnahmen des Bunde« betrugen im Jahre 1911 9599,41 M. und die Ausgaben 7793,67 M. Die Verhandlungen gestalteten sich besonder» interessant durch eine Reihe fachwissenschaftlicher Vorträge, die die Beratungen über die B-undesangelegenheiten in interessantem Wechsel unter- brächen. Dr. H irsch fel d- Harburg sprach über die Bakterio- logie mit besonderer Berücksichtigung der aseptischen Wundbehand- lung und Dr. Frommholz-Nürnberg über das Seelenleben Ver- letzter. Dr. Stein und Dr. Lachmaiin sprachen über Knochenbrüche und Knochenverstümmelungen und erklärten die Funktionen der Röntgenapparate. Daran knüpfte sich eine Besichtigung der Heil- anstalt Edmundstal bei Geesthacht. Sie ist eine Gründung des Herr» Edmund Siemers. der im Laufe dcv Jahre zirka ändert- halb Millionen Mark für das Unternehmen stiftete. Jetzt wird wieder«ine große Erweiterung der Anlage vorgenommen. Wem, diese vollendet ist. können in der Anstalt 199 Männer, 139 Frauen, 80 junge Mädchen und 80 Kinder untergebracht werden. Die An- stalt dient zur Aufnahme minderbemittelter Lungenkranker, die dort die sogenannte Liegekur durchmachen. Die ganze Anstalt ist aus den Stiftungsmitteln errichtet worden und wird vom Ham- burger Staat erhalten. Dieser hat auch da? große Areal von etwa 390 Morgen kostenlos zur Verfüguna gestellt. Der leitende Arzt Dr. Ritter führte die Delegierten durch die gesamte Anlage und ab ihnen recht instruktive Erläuterungen des Heilverfahrens usw. Im Anschluß an die Besichtigung wurden in Geesthacht die Ver- Handlungen weitergeführt. Genosse Brauer-Hamburg hielt einen Vortrag über die Agitation im Bunde, zu dem folgende Resolution angenommen wurde: »Der Kongreß des Arbeiter-SamariterbundeS spricht seine lebhafte Freude darüber aus, daß da» Arbciter-Sanlariterwescn seit dem dreijährigen Bestehen des Bundes so gute Fortschritte gemacht und fast überall ohne Ausnahme die Sympathie und An- erkennung der Arbeiterorganisationen gefunden hat. Bedauer- licherweise aber rekrutiert sich die Zunahme de? Bundes fast ausschließlich aus neugegründeten Kolonnen und neuausgebil- deten Mitgliedern. Trotzdem unsere Kolonnen alle unter ärzt- licher Leitung stehen und durchweg gut ausgerüstet sind, finden wir in den Sanitätskolonnen vom„Roten Kreuz', den„Ge- nossenschaften freiwilliger Krankenpflege' und anderen noch über 59 Proz. Mitglieder, die ihrem Stande, ihrer politischen und gewerkschaftlichen Ueberzeugung nach eigentlich bei uns sein müßten. Dieser Zustand ist verwerflich. Wir sind der Ansicht, daß eS mit den wahren und ehrlichen Ueberzeugung eines auf- geklärt sein wollenden Arbeiters unvereinbar ist. Mitglied der- artiger Organisationen zu sein. Dies um so mehr, als sich Ar- beitervereinen. die die Militärspielerei und die Erziehung zum Hurrapatriotismus zur höchsten Aufgabe gemacht und die Ar- beiter in ihren politischen Bestrebungen direkt bekämpfen, un- bedingt fernhalten sollten. Diesen Ucbclstand können wir nicht allein beseitigen. Dazu bedürfen wir der energischen und tat- kräftigen Unterstützung der politischen, getvcrrschaftlichen und sportgesundheitlichen Organisationen. Jede einzelne Organisa- tion sollte Gewicht darauf legen, daß ihre Mitglieder auf anderem Gebiete nicht arbeiterfeindlichen Organisationen angehören. Wer Arbeiter ist und freier Arbeiter sein will, oder wer nur diesen sympathisiert, der darf seine Gesinnung auf keinem Ge- biete verleugneil. Um die einheitlichen Bestrebungen auf Bildung und Befreiung der arbeitenden Klassen zu verwirklichen, erachten wir es als notwendig, daß die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen sich mehr als bisher uns widmen und uns ihre Presse unbeschränkt zur Verfügung stellen. Andererseits aber er- scheint eS uns auch als dringend notwendig, daß sich alle Neben- arbeiterorganisationen— Turner, Radfahrer, Schtvimmcr, Sänger usw.— zu einer einzigen Organisation, mindestens aber zu einem Kartell, zusammenschließen.' Am letzten Tage wurden eine Reihe innerer Bnndesangelegen- Helten besprochen. Dabei wurde beschlossen, von Dr. Kretzschmer- Dresden ein neues Lehrbuch verfassen zu lassen. Im Reichstag ist eine Vorlage eingebracht worden, nach der Personen, die bei frei- williger Rettung von Dienschcn verunglücken, entschädigt werden sollen. Der Bundcvorstand wurde beauftragt, den Abgeordneten Material zu überweisen, damit auch die Samariter bei diesem Gesetz berücksichtigt werden. Zum Vorsitzenden und Redakteur des Bundesorgans wurde Genosse Stein-Berlin, zum Kassierer Frankenstein-Berlin, zum Obmann der Revisionskommission Hell- muth-Berlin und zum Obmann des Ausschusses Richter-Dresden wiedergewählt. Mit der Tagung war eine Ausstellung verbunden, die den Bc- suchern die mannigfaltigen Ausrüstunasgegenstände der Arbeiter- Samariterkolonnen zeigte. Die Hamburger Kolonne hatte ihre gesamte Ausrüstung in der Wandelhalle untergebracht. Die Trag- bahren. Skelette. Gürtel mit allem Zubehör. Tabellen und vor allem das große Zelt für die Arbeit im Freien erregten da» leb- hafteste Interesse aller Besucher. für die ausgesperrten Porzellanarbeiter Deutschlands gingen bei der Eewerkschastskommission für Berlin und Umgegend ferner ein: Bierkasse der Karosserlefabrtk Gebr. Wienecke, Pankow 89,-». 2689 Fröschte u. Co. 8,25. 146 Anaestelite des Holzarbeiterverbandes, OrtSver- waltung Berlin 25,—. 2729 Buchdruckeret Rosentba! u. Co. 7,10. Kranz- Überschuß ftotofferitbau Schebera 21,70. 163 Tischlerei Gebr. Weidncr 16.—. 2553 Konsumneuban Lichtenberg 42,75. 281 Berlinische Verlags- anstatt 2.—. Berliner Lcdermöbelsabrik 12,—. 2S0 Druckeret Simon 6,00. 2741.Deutsche Presse" 7,35..Blaue Brüder" 9,00. 144. Bezirk, 8. Krcl» 5,—. Hugo H.»N. B." 82,30. 327 Verband der Porzellanarbeiler 9,30, 329 5,10. 330 13,30. 331 0,25. 335 11,— 339 11,—, Märztranzüberschutz der Firma D. Jachmann 31,50. Verband der Maschinisien und Heizer, Zadlstelle verlin IVO.—. 1268 Tießerei!l. Friedrich 18,85. 282 Buchdruckerei L. Schumacher 9,60. Buch- d ruckerei Masse 70,20. 151 ModeNtlschlerci Bergmann 80,—. Märzkranz» Überschuß der Deutschen Teiepbon-Werke 59,50. 279 Buchdruckerei Borusfia 10,65, 2719 Stereotypie Ullstein 8,50, 2721 Akzidenzstereotypie u. Galvanoplastik 17,80. 305 Buchdruckeret Marschner 12,75.«ogenlanipensabrik Weinert 10,95. 148 Tischlerei Sauerwein 15.30. 302 Buchdruckeret R. F. Funke 9,10. 284 Buchdruckerei F. AShelm 16.90. 2748 vuchdruckerci Kroll u. Strauß 8.90. 2733 Buchdruckerei M. Lichtwitz 10,10. 807 Buchdruckerei ,H. Büttner 10,05. 309 Buchdruckeret Billig Aachs. 22,20, Setzer u. Drucker bei Sehdel u. Co. 83,—. 2739 Buchdruckerei ffi. Moescr 30,25. 286—289 Buchdruckerei Stttenseld 8. Rate 66,35. 2736 Buchdruckerei Aisted Unger 15,—. Schneider IM 2728 Rotationsmaschinenmeister der.Morgen- Post' 26,—. Tischlerei Kiinger u. Schmidt 6,25. 290 Druckeret Bernstein 11,45. 2740 VerbandSmitglteder bei Georg Büxenstein u. Co. 11,50. Berbands- Mitglieder bei W, Büxenstein 30,-. 283 Druckerei A. W. Schade 11,25. 291/2 Lindendruckerei 2l.45. Automatenwerkstatt Dapag, Efubag, Staaten 31,70. Abt. 7 des Arbetter-RadsahrerbundeS 10,—. Bierkasse mech. Werk- statt H. Götzke 5,—. Verband der Töpfer. Filiale Berlin 1500.—. Elektro- Monteure de» K. d. W. 5,40. Verband der Glasschlctser 91,50. 2044 Mit- sabrer der Konsumgenosienschast 4.60. Märzkranz-Ueberschuß der Maschinen- sabrik Kappler 11,35, Märzkranz-Ueberschuß der Firma Schuchardt 53,25. 2554 Konsumbau Lichtenberg 11,25. 308 Buchdruckeret Gustav Beyer 4,50. 896 Liehhos 8.90. 162 Stellmacher bei Franke 18.—. 8750 Langenscheidl, Schöncberg 17,65. 2731/8 Buchdruck. Hempel u. Co., 2. Rate 87,26. 2764 Stuttgarter Union 19,45. 8730 Druckerei Gebr. Unger 12,65. 2757 Buchdr. Gebr, Gruner» 3.90. Scherl: Gartenlaube 6,25, Woche 4,50, Gewitzgeld 12,—. Tag 4,10, Maschinensetzer 18,15, Sport im Bild u. Bibliothek 8,30. Zeitung u. Maschinensetzerei bei Ullstein u. Co. 45,40. 150 Kistciisabrik Mölltnger 8,80. 310 Druckerei Zitelmann 3,45. 2760 Berliner Galvanoplaftische Anstalt 11,—. Sechsertasse d. Buchdr. Akt.-Ges. f. Buchdruck u. Zcitschristen 10,—. 154 Holzarbeiter 12,25. Maler bei Warmbrunn, Quilitz u. Co, 5.—. 300 .Deutsche Presse- 5,25. 2759„Kreuz-Zeiwng" 10,15. 2289 0,80. 2762 Buchdruckeret Marschner, 2. Rate 12.30, 2758 Akzldinz-Stercotypi« 80,—. 2761 ZettungS-Stereotypie 8,50. 2768 Buchdruckerei Denier u. Nicola« 12,15. 1059„Drahtlose Telegraphie", Abt. Jäger 30,50. 1 Werkstatt Schober 7,35. 806 1,90. Gärtnerei Lehmann 8,—. Dcuta-Werke, Abt. Grimp« 20.65. 1333/4/6 Wertzeuamaschinensabrik Hasse u. Wrede 77,45. 295-298 Mittler u. Sohn 36,15. 149 Stellmacher b. Utermöhie 19,40. Berb. d. Dachdecker aui 111 7,20. 113 8.20, 114 3,90. 115».20. Solzarb. 16,-. Verb. d. Porzellanarb. 328 15.—. 333 11,90. 311 9,95. 342 8,50. 343 17,46. 346 10,85. 2274 Schröder 5.70. 2722 Korrektoren bei Ullstein u. Co. 4,40. A. E.&. Hennigsdorf a, H, 213,60. Unterkommilsion Reukölln aus Listen 350,—. Verband der Sattler, Ortsverwaltung Berlin, aus Liften 88,20, 2725 Ull- stein u, Co. 21,50. Verbandsmitgiieder bei Gertz, 3. Rate 7.40, 2064 Louisenbrauerei, Weitzensee 13,10. 2816 Löwenbrauerei. Abt. I 8,75. Ver- band der Bureauangestellten aus Listen 77,60. 304 5,65. Lackierer der A. E, G,- Werke 6,45, Verband der Tabakarbeiter aus Liste» 49.15. 293 Buchdruckerei Wiczorek 2,—. Sparverein Harmonie 5,—, Verband der Transportarbeiter, Bezirk Grotz-Berlin, aui folgende Listen: 2011 9,30. 2030 7,80. 2046 6,—. 2055 4,95. 2062 18,80. 2066 3,80. 2069 10,30. 2085 Brauerei Eiigeldardt 21,70. 2087 Betriebs- u. Fahrpersoual Brauerei Grotci- 'an 12,26. 2089 6,30.'2096 3,55. 2103—.80. 2125 Betrieb Eschmann 1,35 ,28 F F, 21. Schulze, Fehrbelliner Strotze 6,-, 3130»,70. 2146 0,10 2150 8,80. 2160 13,85, 2161 10,—. 2163 SefrieB Seitflelfflflnn, Kaffee. röftcrci 8,60.*2164 do. 5,85. 2167 Waschanstalt„Schneeweiß" 5,30. 2189 1,80. 2198 13,30. 2208 9,45. 2211 Möbeltransport Paul Schur 7.— 2216 Ärajtdroschkeiisuhrer der Feldparage Steglitz 19,40. 2229 Mülllutscher. depot, Helinholtzstraße 13,35. 2237 9,80. 2233 Kohlenplatz 8 der V. B. 4,85. 2299 2,65. 2307 Betrieb Steffen u. Nolle 7,80. 2308 14,20. 2309 10,10. 2311 2,80. 2312 4,50. 2319 Trausportarb. I. Pinlich 9,25. 2322 3,40. 2323 7,75. 2326 Piauofabrik Markus 8,—. 2327 Gardinenstangensabrik P. Schröder 6,65. 2330 Heim u. Gerken, Möbelfabrik 7,35. 2332 Adolf Werkmeister, Goldleistensabrik 17,30. 2333 14,45. 2334 Beiricb Laborenz 12,60. 2335 7,25. 2336 Sargfabrik Klee 14,10. 2337 17,75. 2340 Betrieb SS. König, Rculölln 11,65. 2344 2,55. 2345 13,20. 2346 2,20. 2196 1,90. 2018 4,90. 2033 3,30. 2034 7,55. 2035 3,70. 2036 4,55. 2037 2,60. 2054 7,35. 2056 5,55. 2065 Masch.- u. Fahrpers. Brauerei Gabriel u. Richter 24,95. 2081 Brauerei Willner 11,65. 2094 Strastenbahncr-Bahnhof 12 Wiclesstraffe 1,70. 2100 Stratzenbahner-Bahnhof 12 Biclesftrai-e 11,15. 2101 �abrpcrsonal Gr. Berl. Straßenbahn 2,80. 2127 Handclshilssarb. d. Firma I- Salomonis 6,—. 2151 2,60. 2153 Arb. der Zentralmarkthalle 5—, 2169 Handtuchfahrer 16,90. 2195 7,05. 2207 7,30. 2210 Betrieb Schur 6,—. 2245 3,60. 2264 Berl. Spediteurver. Laujitzerpl. 5,85. 2298 13,75. 2314 3,10, 2331 Hausd. v. Kimbel u. Friedrichscn 2,—. 2339 Betrieb 2h. Franke G. m. b. H. 3.—. 2342 2,15. 2349 2,70, 2001 3,20. 2012 »,70. 2020 14,10. 2021 8,65. 2022 7.40. 2023 11,40. 2024 3,20. 2025 11,95. 2026 10,90. 2027 11,40. 2029 3,20. 2031 4,40. 2048, gesammelt in der Stodteschen Garage 10,20. 2061 Chauffeure der Firma A. Wertheim 12,—. 2068 5,45. 2072 Kollege» der Brauerei(Engelhardt 16,30. 2083 Fahrer der Weißbierbr. A. Landrs 5,80. 2095 1,45. 2109 5,—. 2113—,75. 2136 3,05. 2138 3,40. 2142 Molkerei Volkswohlfahrt, Pankow 3,-. 2179 Kollegen v. S. L. Cahn 9,20. 2190 7,60. 2194 4,40. 2231 Müllkutfcher Degen u. Co.. Plötzensec 7,70. 2246 4,70. 2266 6,10. 2272 6,45. 2280 2,30. 2303 Brcest u. Co. 11,70. 2310 Kollegen d. Firma Hasse 3,70. 2313 Kollegen der Firma S. Härtung 1,95. 2320 2,30. 2321 4,20. 2348 5,80. 2351 4,70. 2353—,90. 2090 Vom Fahrpersoyal der Gr. Berk. Slraßenb. 6,90. 2098 4,80. 2122 Vom Betr. Hecht, Pfeifer u. Co. 5,5a. 2170 Von Packern, Hausd. und Lagerarbeitern d. Firma Llshclm 4,95. 2240 Kohlenplatz„Union", Jorckstraße 5,15. 2284 L,85. 2304 13,20. 2315 14,10. 2317 Kall. d. Fa. Bofe, Wiener Straße 6,50. 2328 10,55. 2329Koll.d. Fa. Raschig 9,80. 2341 2,10, Summa 1040,70.— Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter, Filiale Groß-Berlin, 4. Rate aus folgende Listen: Zentralmagazin Liste 715 9,90. Gasanstalt Müller- straße 801 8,70. Gasanstalt Gitschinerstraße 790 9,15. 792 5,40. Gas- nnstalt Danziger Straße 818 9,30. 819 7,35. Gasanstalt Schmargendorf 778 12,15. 780 2,65. 782 4,40. 783 6,05. Röhrensystem 708 5,50. 710 8,55. 712 7,95. Oeffentliche Beleuchtung 702 8,15. 703 3,50. 704 3,55. Revierinspeklionen 663 3,85. 664 11,45. 672 4,75. 673 7,70. 674 10,10. «76 7,35. 678 5,85. 684 4,50. 686 11,20. 691 11,—. 692 2,55. Kanali- sation 820 6,—. 823 5,40. 824 2 95. 825 1,35. 826 3,60. 828 3,75. Bauverwaltung 834 3,70. 835 4,10. 836 4,50. Wasserwerk Berlin 838 8,40. 844 3,15. Wasserwerk Tegel 855 5,60. Wasserwerk Lichtenberg 853 12,40. Englische Gasanstalten 865 6,40. 866 2,60. 867 2,—. 868 10,45. 869 3,10. 871 6,15. 872 7,75. 880 1,60. 886 1,80. Straßenreinigung 552 3,35. 555 1,10. 559 2,80. 561 2,40. 563 1,55. 566 11,60. 575 6,05. 576 5,85. 578 4,05. 581 5,40. Krankenhaus Fricdrichshain 747 10,80. 748 7,20. Heimstätten Buch 753 1,40. Irrenanstalt Dalldorf 755 15,50. Städtisches Obdach 761 17,—. Badeanstalt Bärwald- slraße 583 2,70. Gerichtstr. 585 5,—. Oderberger Str. 586 4,35. Part» »erwaltung 720 3.50. 721 6,50. 724 1,10. 728 3,25. 730 5,60. Stein- Platze 734 3,50. Schulheizer 736 5,90. WasserwerkS-A.-G. 923 3,35. Charlottenburg 598 9,—. 604 3,25. 608 5,95. 610 9,95. 613 6,15. 617 2,50. 621 1,70. 630 1,10. 631 2,40. Rixdorl 634 20,10. 635 1,95, 638 5,50. 639 3,85. 642 2,55. 648 13,20. 649 3,95. Reinickendors 912 3,30. Schöneberg 656 2,—. Sa. 530,80.— 2. Rate aus folgende Listen: Hauptburcau 737 18.—. Ortsbureau 777 17,--. Zentralmagazin 714 7,95. 716 9,30. Gasanstalt Müllerstraße 802 5,20. 803 4,30. Gasanstalt Gitschinerstraße 791 9,05. 795 6,05. 797 10,10. 798 5,60. Gasanstalt Danziger Straße 804 6,90. 805 4,20. 805 6,15. 808 11,05. 810 2,70. 812 12,05. 813 2,10. 814 4,40. 815 6,40. 816 11,65. 817 2,75. Gasanstalt Schmargendorf 779 6,—. Tegel 763 770 3,55. 669 i8,20. 685 5,95. 738 10,35. 830 7,05. 557 2,20. 580 8,10. 891 3,80. 750 9,90. 591 2,50. 781 5,55. 787 1,70. 788 7,05. 789 6,30. Gasanstalt 1,85. 766 1,—. 767 19,95. 768 4,70. 769 8,80. 771 5,—. Revier-Inspektionen 666 9,90. 668 7,85. 670 4,75. 671 5,~. 675 4,95. 677 8,05. 680 6,75. 687 10,—. 688 5.35. 689 8,50. 694 8,20. 697 5,95. Oeffenll. Beleuchtung 701 5,05. Kanalisation 827 1,—, 829 4,95. 831 2,35. 832 0,60. Bauvcrwallung 833 1,75. 837 2,35. Wasserwerk Berlin 839 8,20. 840 8,40. 642 1,25. 846 1,20. 848 5,35. Wasserwerk Tegel 854 4,—. 856 8,70. Wasserwerk Westend 857 1,75. Englische Gasanstalten 860 3,70. 861 9,35, 862 8,90. 873 6,—. 875 0,50. 881 3,80. 883 0,90. 884 2,60. 865 1,20. Straßenreinigung 551 2,80. 558 2,55. 564 1,05. 571 2,95. 572 3,30. 573 3,60. 577 1,20. Schlacht- und Viehhof 887 3,90. 888 6,70. 889 5,70. 890 7,90. 892 1,65. 893 8,—. 894 4,85. 895 1,35. Virchow-Krankenhaus Irrenanstalt Wuhlgarlen 760 8,—. Badeanstalten 584 3,50. Parkverwallung 726 1,60. 729 4,95. 731 4,20. 732 17,80. Steinplöhe 733 2,—. 735 0,50. Markthallen 743 7,50. 926 9,60. Blindenanstalt 739 2.05. 762 12,30. Friedhöfe 898 1,25. Charlottenburg 594 2,60. 595 3,45. 596 8,50. 597 11,30. 599 5,50. 600 3,95. 601 5,25. 602 8,10. 603 2,—. 607 2,40. 611 2,80. 612 6,75. 614 4,20. 619 6,35. 623 7—. Lichtenberg 660 3.50. 661 6,50. 902 6,45. 904 5,15. 906 2,20. 907 1,65. Numinelsburg 922 4,85. Rixdors 632 3,10. 644 3,05. Schöneberg 651 0,25. 652 2,50. 653 0,25. 654 1,80. 655 3,—. 657 9,10. 659 1,60, Weißensee 740 1,10. 911 1,40. Summa 741,65.— Verband der Gastwirtsgchilsen, Zweigvercin Casc-Augestellten, Berlin: 461 Warna! 15,80. 462 Pctcrohn 4,75. 463 Auerbach 4,50. 464 Britz- mann 7,—. 465 Beißcr 5,75. 466 Bartozewsti 8,20. 467 Dunkel 7,—. 468 Ciigcls 6,85. 469 Eichholz 16,55. 470 Faust 5,45. 471 Gcrnert 14,50. 472 Görcke 10,65. 473 B. Hoffmami 13,60. 474 Lehmann 3,40. 475 E. Kraatz 5,10. 476 H. Berlin 4,—. 477 P. Lindstedl 4,10. 478 R. Matzner 2,20. 479 Mallwitz 3,—. 480 Mündt 6,40. 481 Mtcßner 2,50, 482 Nagl —,50. 463 Alb. Renmann 5,80. 484 Priemer 2,60. 483 Reich 4,10. 486 Richter 1,—. 487 Aug. Sommer 3,20. 488 Struck 4,50. 489 Specht 7,50. 400 P. Schröder 9,—. 491 Schier 20,30. 492 Schlucker 7,90. 493 Schön 40,—. 494 P. Schmidt 3.85. 495 Schubring 9,—. 496 P.jsThiel 7,75. 497 Thierbach 4,10. 498 Ulbricht 5,90. 499 Ueberle 12,20. 500 Zoch 1,95. Gesammelt auf dem Alpeusest der Eass-Angestellten 48,25. Vom Casetier Mück überwiesen 20,—. Aus der Lokalkasse der Easö-Au gestellten 100,—. Durch Blaczeck 2,20. Summa 283,40. Metallarb.-Verbmid, Ortsverwaltung Berlin, 1. Rate: 1002 Gerhardt 12,75. Joseph, Gießerei 1005 6,85, 100610,20. 100711,23. 1008 H.Thiele. Graveure 11,50. 1009 Seligsoh» 5,45. 1010 Dr. W. Gerard 18,75. 1012 Deutsche SNasch.-Verlr.-Ges. 38,45. 1013 Ritzel. Brandenburgstraße 8,40. 1014 Groß u. Gras 55,30. 1016 Soinmerseld 8,25. 1018 Gebr. Mechnh 23,90. 1019 Gaswerk Mariendorj 10,60. 1020 Gast 9,—. 1021 Rumpier 14,90. 1052 Argus, Dreher 19,—. 1053 ArguS, Schloffer 17,80, 1055 Koll. Weinberg 48.—. llhclop 1055 5,45, 1057 24,30. 1061 A.E.-G. 12,45. 1062 Otto, Met.- Gicßerei 13,—. Dewitt u. Herz 1064 9,70, 1065 40,35, 1066 14,40, 1067 4,85, 1068 28.—. 1150 Joh. Hauff 14,10. 1151 Schwager, Waldemarstr. 17,80. 1164 Grüder u. Blank 13,—. General-Comp., Comp. 116613,15, 116714,—. 1168 Neumann u. Rechiin 14,10. 31. Roller 1169 13,90, 1170 27,50. 1186 Dr. Paul Mcher 98,55. 1187 H. Thiele, Graveure 11,30. 1188 Becker. Alte Jatobstraße 6.50. 1189 Ouisiiana 9,35. Loep, Charlottenburg 1190 29,30, 1191 16,90. 1208 Patzeiihoser 7,55. 1211 Ziegler 15,25. 1212 Münchmeyer 1190 1213 Spitz u. Co.. Masch.-'Abt. 16,80. 1214 Prometheus 2t,—. 1215 Kandclhardt 14,75. 1210 L. Mädler 7,10. 1220 Karo-Werk 14,20. 1221 Alb. Kurt; 10,—. 1223 Lautenschläger 18,10. 1224 Hugo Hartmann 13,35. 1225 Spitz u. Co.. Montage 15,—. 1226 W. Krüger. Muskauerslraße 13,—. 1227 Boas 9.50. Zentr.-Mag., Stadt Berlin 1228 20.15, 1229 19,55. 1230 K. Otto Aachs. 9,85. 1231 Gundelach, Tempelhos 22.75. 1263/64 Jachmann, Met.-Gießcrei 26,20. 1265 Ed. Grimm 19,85. 1270 Otto Hcrzberg u. Co. 10 25. 1271 Märt. Motor-Flugsabr. 13,20. 1272/73'Adam Schneider 34,95. 12*4 Jule II 4,—. 1275 Riewe 16,50. 1276 Gebhardt u. Harhorn 3,65. 1343 H. Mellen u. Co. 21.75. 1337— 134I Bolzani 101,40. 1344 Dr. Paul Meyer 11,55. 1345 Grauer! 21,60. 1597 Thiel u. Co. 10,90. 1599 Brügge- manu 6,—. 1600 Gebr. Bergas 11,30. Stelzner 1605 22,05, 1606 21,35. 1607 Stein 6.75. 1610 Ehesiädt u. Robert 8.70. 1612 Herrmann u. Co. 12,40. 1645 Turbine, März-Kranz-Ueberschuß 416,40. Bergmann» Roseulhal IC-SO, 1101, 1102, 1103, 1104, 1105, 1108, 1110, 1111, 1113, 1114, 1115, 1117, 1118, 1119, 1120, 1125, 1128, 1132, 1133, 1134 352,85. Daimler 1152, 1153, 1154, 1155, 1156, 1157, 1158, 1159 1160, 1161, 1102, 1163 163,10. 1011 W. Gerard 14,80. Zwietusch 1171, 1172, 1173, 1174, 1173, 1176, 1177, 1178, 1179, 1180, 1181, 1182, 1183, 1184 199,40..1015 Meyer u. Ruschkowsky 3,50. 3598 Otto Herberg 11,25. 1608 Siemens-Schuckert Dynamo-W. 16,—. 1611 Oppcnheimer 18,30. 1696 Bergas 8,60. 1698 Krey u. Co. 21,—. 3699 Bora u. Co. 16,35. 1004 Masch, für Massenverpack. 14,05. 1063 Wasser 9.—. Joses 1232 4.50. 1233 10,20, 1234 13,70, 1235 16,15. 1236 Frost». Söhne 21,10. 12.37 Neye 15,85. 1238 Trettill 12,15. 1239 Hcimjchutz 9,80. 1240 Voß u. Stange 11,70. 1241 Gchrs u. Co. 16,70. 1242 Müller 13,55. Görz 1303, 1304, 1305, 1306, 1308, 1310, 1311, 1312, 1313, 1314, 1315, 1316, 1317, 1318, 1319, 1320, 1321, 1322, 1323, 1324, 1325, 1326, 1328, 1329, 1330, 1331, 1332 335,50. 1243 Beleuchtungskunst 6,65 1244 Frieß 10,—. 1245 Gradenwitz 7,10. 1246 Spengler 7,25. Joses 1247. 3, 85, 1248 11,45, 1249 8,85, 1250 8,40, USl 6,90,, 1252 1505. 1253 Trsftin 8,20. 1601 Stegmeier 5,25._ Z 148. 1628 3,50, 1629 4,70.- 1631 Bosse 20,40. Behling u. Lübke 1633, 1634. 1635 40,95. Lüben U. Buhse 1641. 1642, 1643, 1644 49,65. 1697 Kandelhardt 2.—. In Summa 1549,25. In Summa 10 512,55 M. Bisher sind veröffentlicht 4266,30 M., dazu kommen 10 312,55 M. In Summa 14 778,85 M. Gelder, welche per Post eingesandt werden, find an St. Körsten SO. 16, Engelufer 15 I, zu senden. Alle Sammlungen und noch ausstehenden Listen sind sosort auf unserem Bureau, Engelufer 15 I, Zimmer 23, an den Wochentagen pormittags von.9— I2V2 Uhr und nachmittags von 4— 7Vz Uhr öder in den Bureaus ihrer GeWerk- sckaft abzuliefern. v Der Ausschuß der Gewerkschaftskommisfion für Berlin und Mngcgcud. Eue Induftnc und Fjandel. Tantiemen des Aufsichtsrates. Da die Tantiemen an Aufsichtsratsmitglieder von Aktiengesell- schaflen, Kommanditgesellschaften auf Aktien und Gesellschaften m. b. H. seit 1906 einer Steuer von 8 Proz. unterliegen, kann man aus den Steuereinnahmen die Versteuerlen Tantiemen berechnen. Sie be- trugen 1907: 52,77 Millionen, 1903: 41,99 Mill.. 1909: 59,30 Mill., 1910: 65,39 Mill., 1911: 71,56 Mill. Bei diesen Zahlen ist aber zu berücksichtigen, daß nur Vergütungen der Gesellschaften versteuert werden, die niehr als 5000 M. Tantieme zahlen. Die erhebliche Steigerung der versteuerlen AuffichtSralS- Vergütungen, denen bekanntlich keine nennenswerte Leistung ent- spricht, sondern die als Geschenke zu betrachten sind, von 53 auf 72 Millionen in fünf Jahren können keineswegs allein auf die Zu- nähme der Zahl und des Kapitals der Akliengesellschaften zurück- geführt werden. Das zeigt folgende Zusammenstellung der»Frankf. Ztg." ES betrugen: AufsichlsratS- in Prozent Gewinn Dtv.deiide tantiemen des der Mill. M. Mill. M. Mill. M. Gewinns Dividende 1907/08. 1351 1023 52,77 3,9 5,15 1908/09. 1233 960 41,01 3.3 4,27 1909/10. 1366 1044 59.30 4,4 6.17 Die Tantiemen sind danach viel schneller gestiegen, als die Gewinne und selbst als die verteilten Dividenden. Dampfkraft in der Landwirtschaft. Die durch künstliche d. h. nicht rein volkswirtschaftliche Ver- hällnisse gehemmte EntWickelung zum Großbetrieb in der Land- Wirtschaft'wird durch eine Mitteilung der„Slalist. Korresp." über die Dampfpflüge in Preußen deutlich. Die Dampfpflüge in Preußen haben sich seit der erstmaligen Auszählung, die für den 1. April 1904 erfolgte, in sehr erheblichem Maße vermehrt; die An- zahl der Dampfpflüge ist von 1904 bis 1911 um 64,21 Proz. und zwar von 394 auf 647 gestiegen. Dabei sind es die leistungs- fähigeren Dampfpflüge mit zwei Lokomotiven, die eine noch stärkere Zunahme erfahren haben; ihre Anzahl ist von 347 auf 610, also um 75,8 Proz. gestiegen, während die Eimnaschinenpflüge sogar von 47 auf 37 zurückgegangen sind. Die Größe des mit Dampf ge- pflügten Ackerlandes dürste seit 1904 mehr als auf das 1� fache an- gewachsen sein, weil im Laufe der letzten Jahre auch beim Zwei- tokomotivensystem immer größere und leistungsfähigere Danipfpflüge gebaut und in Betrieb gesetzt werden. So betrug am 1. April 1905 die gesamte Leistungsfähigkeit der damals vorhandenen 407 Dampf- pflüge smit 770 Lokoinöbilen bezw. Lokomotiven) 34 576 Pferde- stärke», auf eine Dampfpfluglokomotivc entfielen daher 44,9 Pferde- stärken; 1911 dagegen hatten die vorhandenen 1257 Dampfpflug- lokomobilen eine Leistungsfähigkeit von 81 662 Pferdestärken, also war eine jede Lokomobile im Durchschnitt 64� Pferdestärken stark. Die gesamte maschinelle Leistungsfähigkeit hatte sich mehr als ver- doppelt.— Allerdmgs werden heute erst 2 bis 3 Proz. preußischen Ackerbodens mit motorischer Kraft bearbeitet. Eue der f rauenbewegung. Franenstimmrccht. AuS der schier unübersehbar angeschwollenen Flut antifeministi- scher Literatur ist neuerdings das Pamphlet„ F r a u e n st i m m- recht" von Professor Dr. Fr. Sigismund(Leipzig 1912, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Theodor Weicher) zu erwähnen. Das Motto der Schrift lautet:„Männer machen die Geschichte". Altgermanischen Männergeist will sie wieder erwecken, um die Frauen, die unsere Ahnen von ihrem Himmel ausschlössen, von dem Walhall der Politik fernzuhalten. Die Begründung dieses Ausschlußurteils stützt sich vornehmlich auf eine Fülle frauenfeindlicher Zitate, die der Verfasser aus allen möglichen Büchern und Artikeln zusammengelesen hat. Keiner der ältesten Ladenhüter unter den Einwänden gegen die politische Gleich- bercchtigung der Frau wird verschmäht. Nebenbei bemerkt, ist der Autor Antisemit, und so kommt er zu der von keinerlei Sachkenntnis ge- trübten Behauptung, daß die Frauenstimmrechtsbewegung lediglich ein künstlich angeblasenes Feuerchen sei, an dessen Schüring sich unsere jüdischen Mitbürgerinnen mit besonderem Eifer beteiligen." Deshalb ist sie ihm der Ausfluß einer nationale» Krankheit, eines Verfalls. Neu ist an der Sigismundschen Schrift für Deutschland die Verwendung des Materials, das der amerikanische Bund stimm- rechtsfeindlicher Frauen dem Verfasser zur Verfügung gestellt hat. Alle diese Mitteilungen tragen den Stempel tendenziöser Ge- hässigkeit, viele den bewußter Verdrehung und Entstellung der Tat- fachen an der Stirn, aber kritiklos werden sie benützt, um die Schädlichkeit ses Frauenstimmrechts zu„beweisen". So führt der Autor als Beispiel für die Unfähigkeit der Frau zu öffentlicher Betätigung an. daß der Bund der Frauenvereine einer großen Stadt Amerikas zwölf Stunden brauchte, um einen Vorstand für das kommende Jahr zu wählen. Wie müßte gerechterweise das Urteil des Verfassers über die Fähigkeit des deutschen Reichstages aus- fallen, da dieses Männerpnrlament kürzlich ebenso viel Tage wie jene Frauen Stunden brauchte, um sein Präsidium zu wählen, und dann noch kein bleibendes Resultat zustande brachte! Es ist natürlich unmöglich, an dieser Stelle ausführlich auf die vielen andere», nicht minder fadenscheinigen Argumente einzu- gehen, zumal man nicht ohne weiteres in der Lage ist, das Zahlen- Material aktenmäßig nachzuprüfen. Doch gibt es eine Reihe gewichtiger offizieller Zeugnisse gegen das absprechende Urteil des Verfassers. So hat die parlamentarische Vertretung des Staates Wyoming, in dem die Frauen seit 1868 das Stimmrecht besitzen, wiederholt e i n st i in m i g die überaus günstige Wirkung des Frauenstimmrechts anerkannt und auf Grund ihrer Erfahrungen allen zivilisierten Nationen der Welt empfohlen, ihren Frauen ohne Ausschub das Stimmrecht zu verleihe». Es liegen ferner geradezu begeisterte Gutachten der interparlamentarischen Union über ihre praktischen Erfahrungen mit dem amerikanischen Frauenstimmrecht vor. Der Verfasser kennt alle diese Zeugnisse sehr wohl, aber er tut sie sehr einfach mit der schnodderigen Bemerkung ab, daß er „nicht die geringste Ehrfurcht vor dieser phrasendreschenden Ver- einigung nerven- und willeusschwacher Friedensmeicr" empfindet. Damit kennzeichnet Prof. Sigismund naturlich nur eine blinde Vor- eingenommenheit. Es soll ohne weitere? zugegeben werden, daß verrannte bürger- liche Frauenrechtlerinnen in manchen der sogenannten Frauenstaaten Amerikas die volle Gleichheit zwischen Mann und Frau zu etablieren glaubten, indem sie sich jedem besonderen Schutz der weiblichen Arbeit widersetzten, daß sie an anderen Orten wieder die Forderung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit" aus kurzsichtigen Opportunitäts- rücksichten nicht nachdrücklich durchzusetzten versuchten. Allein den australischen stimmberechtigten Frauen lassen sich solche Unter» lassungssünden im allgemeinen nicht nachsagen. Sie haben nicht nur die Einführung einer gleichen Gehaltsskala für männliche und weib» liche Beamte durchgesetzt, sondern auch auf gewerblichem Gebiete einen vielversprechenden Anfang gemacht, indem der vor 2 Jahren neu geregelle Tarif der Texiilgewerbe gleiche Löhne für Arbeiter und Arbeiterinnen borsieht, bon einer Reihe anderer Reformen zugunsten der Frauen ganz abgesehen. Kann uns das Beispiel Australiens zur Nachahmung, d. h. zur Einführung des Frauenstimmrechts reizen? fragt der Verfasser und antwortet: Nein, denn„in Australien und Neuseeland find Parlament und Re- gierung stark in sozialistischer Wolle gefärbt— der jetzige australische Ministerpräsident gehört"— man denke!—.den Gewerkschaften an!" Schaudernd meldet der profejsorale Spießbürger diesen er- schrecklichen Fall und enthüllt im Zusammenhang damit den eigent- lichen Grund seiner Ablehnung des Frauenstimmrechts: es würde bei unS i» Deutschland die Macht der Sozialdemokratie verstärken. die schließlich die unumschränkte Herrschaft im deutschen Reichstage gewinnen würde. Darum soll alles hübsch beim alten bleiben, wünscht unser Gegner und schließt sein Büchlein mit dem von keinem modernistischen Hauch berührten Wort:.Die Frau wurde aus der Rippe geschaffen, die aus der Seite des Mannes genommen wurde, nicht aus seinem Kopfe, um ihn zu beherrschen, sondern aus seiner Seite, um seinesgleichen zu sein. unter seinein Arm. um beschützt, nahe seinem Herzen, um geliebt zu werden." Ebenso zutreffend und originell wie diese Auffassung ist die Beweisführung des Autors in allen Einzelheiten. Mit stillem Vergnügen werden hoffentlich die Genossinnen, die zu ihrer großen Stimmrechtskundgebung am 12. Mai rüsten, von den reaktionären Unkenrufen dieses typischen Anti- Stimmrechtsphilisters Kenntnis nehmeil._ Gerichts- Zeitung» Ein Teltowcr Magistratsmitglied als Wahlagitakor. Vom Amtsgericht Groß-Lichterfelde forderte gestern sier Rentier Karl Rühle, Beigeordneter für Teltow, die Bestrafung deS Teltowcr Stadtverordneten Genossen Wilhelm Roeder, der ihn durch verleumderische Beleidigung gekränkt haben sollte. Roeder hatte in der Stadtverordnetenversammlung bei einer Wahlprüfungsdebatte einen von Wählern eingegangenen Protest unterstützt und dabei erwähnt, daß für den seiner Ansicht nach zu Unrecht gewählten Stadtverordneten, den Tcltower Rechtsanwalt Granner, sogar ein Magrstratsmitglied„den Anreißer gemacht" habe. Gemeint war mit dem Magistratsmitglied der Beigeordnete Rühle, der das auch sofort merkte, obwohl Roeder keinen Namen angab. Rühle hörte dabei noch eine Aeußeruug über„Wahl- terrorismus", den er vor jener Wahl versucht haben sollte, indem er seinem Hypothekenschuldner, falls dieser nicht für den von Rühle gewünschten Kandidaten stimme, die Kündigung der Hypothek angedroht habe. Er setzte auch diese Aeußerung auf Roeders Konto, stellte gegen ihn«strafantrag wegen verleumde- rischer Beleidigung und erzielte, daß die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Roeder erhob. Vor Gericht gab der Angeklagte Roeder da? Wort„Anreißer" ohne weiteres zu, doch bestritt er. daß eS beleidigend sei. Im übrigen erklärte er, daß er weder von„WahlterrorismuS" noch von Hypothekenkündigung irgendein Wort gesagt gäbe. Hätte er derartiges gesagt, so würde er als ehrlicher Mann es zugeben. In der Beweisaufnahme hatte, wie billig. Beigeordneter Rühle den Vortritt. Er bekundete die dem Angeklagten zur Last gelegten Aeußerungen und versicherte, daß auch bezüglich des Wortes„LLahlterrorismus" kein Irrtum möglich sei, da er in jener Stadtverordnetensitzung sich das- alles sofort notiert habe. Rühle gab weiter an, daß er seinem Hypothekenschuldner erst nach der Wahl gesagt habe:„Ich habe eigentlich geglaubt, Sie Würden dem Kandidaten, für den ich Propaganda gemacht habe, Ihre Stimme geben." Durch den- Vorwurf des ,/WnhlterroriSmuS�'' .fühle er sich noch mehr als durch das Wort„Anreißer" beleidigt.. Selbstverständlich habe er vor der Wahl bei Leuten, die er kanniö/'" Propaganda für den Kandidaten gemacht, dessen Wahl er wünschte. Der Verteidiger des Angeklagten hielt dem Zeugen vor, daß ja auch der schriftliche Wahlprotest, der nicht von Roeders Partei- freunden, sondern von Wählern der zweiten Klasse eingereicht worden sei. die Androhung der Hypothekenkündigung erwähnt habe. Roeder werde, indem er auf den Protest Bezug nahm, lediglich dessen Inhalt vorgetragen haben. Zeuge bestritt das. Auch das erklärte er für unzutreffend, daß, wie der Gerichtsvorsitzende an» deutete, ein Parteifreund Roeders den Ausdruck„Wahltcrro, rismus" gebraucht habe. Die weitere Beweisaufnahme ergab, daß nur noch ein einziger Zeuge, der Stadtverordnete Zittrich, aus Roeders Mund die Aeußerungen über„Hypothekenkündigung" und.LLahlterroriSmuS" gehört zu haben meinte. Tischlermeister Otto Roeder, der Hypothekenschuldner Rühles, unterstützte dessen Bekundung, daß Rühle erst nach der Wahl ihm gesagt habe:„Ich habe eigentlich geglaubt, Sie würden usw." Von der Hypothek sei dabei gar nicht geredet worden. Die Darstellung des Angeklagten unter- stützend, bekundete Stadtverordneter Franke, aus RoederS Mund seien die Aeußerungen über„Wahlterrorismus" usw. nicht ge- kommen. Auf eine Frage des Angeklagten gab Zeuge als möglich zu, daß er selber, Franke, in jener Stadtverordnetensitzung die Aeußerungen getan habe. Zeuge Hausbesitzer Genfer, der bis Ende 1911 Stadtverordneter war, versicherte sehr bestimmt, daß tatsächlich Franke von,, Wahlterrorismus" ufw. gesprochen habe. Daß etwa auch noch Roeder etwas Derartiges gesagt habe, sei unzu- treffend. Zeuge, der Roeders Stuhlnachbar war, hätte e» hören müssen. Hier äußerte der Gerichtsvorsitzende seine Verwunderung darüber, daß dem Zeugen das Fremdwort„Terrorismus" sogleich im Gedächtnis hängen geblieben sein sollte. Der Amtsanwalt sah trotz Gensers Aussage Roeder als überführt an. Das Wort„Anreißer" könne man auf sich beruhen lassen, aber den Vorwurf des„Wahlterrorismus" solle Roeder mit 60 M. Geldstrafe büßen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Hugo Haase, beantragte Frei» sprcchung. Das Wort„Anreißer" sei in dem Sinne, den Roeder hineingelegt habe, nicht beleidigend. Ucbrigens sei hier ja der Wahrheitsbeweis erbracht; denn Rühle habe selber zugegeben, daß er für die Wahl agitiert habe. Gewiß dürfe das jeder, aber von einem Magistratsmitglied erwarte man, daß es über den Parteien stehe. Daß Rühle das nicht beachtet habe, sei mit Recht von Roeder gerügt worden. Mit Recht habe man auch das rügen müssen, daß Rühle als Hypothckenglänbiger seinem Hypothekenschuldner gesagt habe, er hätte von ihm eine Stimmabgabe für dcnzenigen-Kan- didaten erwartet, den er, Rühle, empfohlen hatte. Wenn auch Rühle ihm das erst n a ch der Wahl gesagt habe, so erinnere es doch an das Wort;„Wes Brot ich esse, des Lied ick singe." Habe Roeder, auf die Angaben des Wahlprotestes sich stützend, diese Dinge so zur Sprache gebracht, wie sie darin dargestellt waren, so müsse ihm der Schutz des§ 193 zugebilligt werden. In Aus- Übung seines Amtes habe er die Gültigkeit der Wahl angefochten und zur Wahrung dieses berechtigten Interesses habe er auch die Aeußerungen gegen den Beigeordneten Rühle getan, wobei die Absicht, zu beleidigen, ihm gefehlt und er nicht einmal den Namen genannt habe. Das Urteil sprach den Angeklagten schuldig. Erwiesen sei, daß er auch von Hypothekenkündigung und don..Wahlterrorismus" gesprochen habe. Als erwiesen sei das anzusehen trotz Frankes und Gensers Bekundungen; denn Rühle habe sofort notiert. daß Rveder diese Aeußeryngen getgo habe. Nun stehe gechiß eiviV EkaMttvrSnckn Set Schutz des§ 193 gu, aber Roeder sei mU t>-m Ausdruck„Tcrronsmus", den das Gericht als schwere Be- lcidigung ansehen müsse, zu weit gegangen. Der Angeklagte habe sie mit 69 M. Geldstrafe zu sühnen. Zum Asylistenvergiftungsprozeß. Ta Landgcrichtsrat Brieskorn, der Vorsitzende im Prozeg gen den Trogisten Scharlach, es bisher nicht für nötig ge- alten hat. sich wegen seines Verhaltens den Presseveriretern gegenüber zu entschuldigen, fand die heutige Sitzung ohne»eil- nähme der Presse statt. Der Bezirtsverband Berlin-Brandenburg bvm Rcichsverband der deutschen Presse beschäftigte sich in seiner ietzten Versammlung mit der Aeusterung, die in dem Prozeß gegen Scharmach und Genossen der Vorsitzende Landgerichtsrat Bricslorn gegen die Presse gebraucht hatte. Der Vertretertag billigte das Verhalten der Gerichtsberichterstatter, die nach der Aeußerung „Dann muß die Presse raus!" den Saal verlassen hatten, und be- auftragte den Vorstand des Bezirksverbandes. Beschwerde beim Landgcrichtspräsidenten einzulegen. Die Beschwerde ist. da Land- aerichtsrat Brieskorn bisher verabsäumt hat, sich wegen seines Verhaltens zu entschuldigen, dem Landgerichtsvrässdenten zugesandt Worden. Die kartenlegende Eibeshelferin. Um eine Art Meineidsfabrik soll es sich nach Behauptung der Anklage in einem umfangreichen Prozeß handeln, welcher zurzeit unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Telkeskamp das Schwur- gcricht des Landgerichts I beschäftigt. Wegen wiederholten wissent- lichen Meineids beziv. Anstiftung dazu sind angeklagt: Die SLjährige Näherin und Kartenlegerin Emilie Braach der Kaufmann Franz Kicselack und der Aartoffelhändler Karl Böthling. , Ter Anklage liegt folgender Tatbestand zugrunde: Anfang September 1910 wurde zwischen dem jetzigen Angeklagten Böthling und einer Frau Poreg ein Vertrag geschlossen, nach welchem elfterer sein Kartoffelengrosgesckftift zum Preise von 12 990 M. an die Frau P. verkaufte. Böthling. der an mehrere Behörden lieferte und unter anderem auch Armecliefrant war, verpflichtete sich, unter Festsetzung einer Konventionalstrafe von 19 999 Ml, innerhalb einer bestimmten Reihe von Jahren in Berlin jeglichen Handel mit Kar- toffcln zu unterlassen. Schon einige Wochen nach Abschluß des Vertrages sah sich Frau P. genötigt, diese Bestimmung in Anwen- bung zu bringen, da sie erfuhr, daß Böthling entgegen seiner Ver- tragspflicht einen Posten von zirka 29 Waggons Kartoffeln in Ber- lin verkauft hatte. In dem sich anschließenden Zivilprozeß auf Zahlung der. Konventionalstrafe tauchten plötzlich die jetzigen An- geklagten Braack und Kieselack als Zeugen auf und erkllärten unter ihrem Eide, daß sie zugegen waren, als der Ehemann Poreg dem Böthling ausdrücklich die Genehmigung erteilt habe, den hier in Fräge kommenden Posten Kartoffeln zu verkaufen. Da P., der eine derartige Erlaubnis ganz entschieden bestritt, die beiden Zeugen auch nie gesehen hatte, auf jene Auslagen hin den Prozeß gegen Böthling unweigerlich verloren hätte, setzte er alle Hebel in Be- wegung, um dahinter zu kommen, in welchen Beziehungen die beiden Zeugen zu Böthling stehen. Er bediente sich hierbei in sehr geschickter Weise einer kleinen List, wobei er mit der Schwatzhaftig- reit mancher Frauen rechnete. Nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, daß die Angeklagte Braack in der Gegend des Schlesischen Bahnhofes eine gewisse Berühmtheit als Kartenlegerin besaß, ver- anlaßte er seine alte Mutter, eine Lehrerwitwe, die Braack auf- zusuchen und sich von ihr die Karten legen zu lassen. Im Laufe des Gesprächs erzählte dann die alte Frau P., daß sie einen Prozeß führe, in welchem Meineide geschworen seien, so daß sie wahrschein- kich verlieren werde. Nachdem die Braack durch eine ausführliche Erzählung jedes Mißtrauen gegen die alte Dame verloren hatte, erklärte sie plötzlich mit geheimnisvoller Miene, sie sei bereit, gegen e fite angemessene Entschädigung den Prozeß. zu einer günstigen Cä�scheidung zu Hringcn. Nachdem sie die Frau P. nochmals zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte, erzählte die Angeklagte, daß sie schon wiederholt dadurch Leute glücklich gemacht habe, daß sie recht- zeitig als Zeugin eingesprungen sei. Hierzu sei nur erforderlich, daß sie die Verhältnisse genau kennen lerne, um die Fragen des Richters richtig beantworten zu können. Frau P. ging scheinbar aus dieses Anerbieten ein und fragte dann, ob die B. denn schon Erfahrungen auf diesem Gebiete habe. Die B. ging auch prompt in die Falle und erzählte, daß sie erst vor kurzem einem Kartoffel- Händler, der ihr 599 M. dafür versprochen habe, auf diese Weise geholfen habe. Damit es nicht ausfalle, habe dieser noch einen Regimentskameraden namens Kieselack in die Sache eingeweiht, der dann ebenfalls den verlangten Eid geleistet habe.— Diese Angaben wiederholte die Angeklagte später in Gegenwart einer Kon» toristin Eblcrt, welche Frau P. als ihre Nichte ausgegeben hatte. Um ganz sicher zu gehen, stellte sie der Braack einige Tage darauf auch noch einen Bankbeamten Telscher als ihren Sohn vor. dem gegenüber die Angeklagte ebenfalls zugab, daß sie für Böthling auf dessen Anstiften in dem Prozeß als Zeugin aufgetreten sei. Nunmehr erst wurde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet, worauf die sofortige Verhaftung der drei Angeklagten erfolgte. Vor Gericht bestreiten alle drei, schuldig zu sein. Die An- geklagte Braach die sich wegen Schwachsinns schon einmal in einer Irrenanstalt befunden hat, behauptet, geisteskrank zu sein, während die beiden anderen Angeklagten einen Entlastungsbeweis nach der Richtung hin anzutreten versuchen, daß die Angaben der Frau P. unglaubwürdig seien.— Zu der Verhandlung sind zirka 79 Zeugen geladen, so daß vorläufig drei. Sitzungstage in Aussicht genommen worden sind. Wir werden über den Ausgang berichten. Ter Streit um die Bezeichnung„Pilsener". Die drei Pilsencr Großbrauercien haben gegen eine Anzahl deutscher Brauereien Klage auf Unterlassung der Bezeichnung „Pilsener" für nicht in Pilsen gebraute Biere erhoben. Eine der Klagen richtete sich gegen die Brauerei Ernst Engelhardt Nächst Aktiengesellschaft, Berlin-Pankow, wegen der Bezeichnung„Engel- Hardt Berliner Pilsener". Das Landgericht hat die Bezeichnung für zulässig erklärt, das Kamm'ergcricht war jedoch anderer Meinung. Es vertrat den Standpunkt, daß das Publikum nach seiner maß- gebenden Allgemeinauffassung unter Pilsencr nur Bier verstehe, das in Pilsen gebraut ist, und daß es bei dieser Sachlage über- Haupt keine Hinzufügung zu dem Wort„Pilsener" gäbe, welche diese Bedeutung des Wortes wieder aufheben und in unzwei- deutiger, jeden Zweifel ausschließenden Meise zum Ausdruck bringen könnte, daß das Bier nicht aus Pilsen stamme. Das Reichsgericht hat jetzt das Kammergerichtsurteil aufgehoben. In der mündlichen Urteilsbegründung hat das Reichsgericht ausge- führt:„Schon in früheren Fgllen hat das Reichsgericht den Stand- Punkt vertreten, daß das Wort„Pilsener" zur- Bezeichnung eines nicht in Pilsen gebrauten Bieres dann benutzt werden könne, wenn durch die Wortverbindung deutlich hervorgehe, daß das Bier nicht aus Pilsen stamme; iedoch dürse natürlich das Wort„Pilsener" gegenüber den anderen Zuiätzen nicht besonders hervortreten. Das Reichsgericht sieht keine Veranlassung, von diesem Standpunkt ab- zugehen; iL* vom Kammeraer'cht vertretene Anschauung vermag es nicht zu änlligen. Das Reicysgericht ist der Anschauung, daß die Biertrinker in der Bezeichnung„Engelhardt Berliner Pilsener" sehr wohl erkennen, daß es sich um ein nicht in Pilsen gebrautes Bier handelst"_ Lersagung der Ausbildung von Automobilführern. Der§ 3 des Antomobilgesetzes vom 3. Mai 1999 bestimmt: „Wer zum Zwecke der Ablcgung der Prüfung(§ 2 Abs. 1 Satz 2) sich in der Führung von Kraftfahrzeugen übt, muß dabei aus öfsent- lichen Wegen oder Plätzen von einer mit dem-Führerschein ver- ßfhenen, durch die zuständige Behörde zur Ausbildung von Füh- rern ermächtigte Person begleitet und becmfsichtigt sein. Das gleiche gilt für Fahrten, die bei Ablegung der Prüfung vorgenommen werden." Der 8 5 bestimmt dann:„Gegen die Versagung der Fahrerlaubnis, wenn sie aus anderen Gründen, als wegen un- Senügenden Ergebnisses der Befähigungsprüfung erfolgt, ist der kekurs zulässig. Das gleiche gilt von der Entziehung der Fahr- erlaubms. Danach tritt für den Fall des§ 5 in Preußen Las Ver» waltungsstreitversahren ein, in dem die endgültige Entscheidung das Oberverwaltungsgericht fällt. In dem zur Entscheidung stehenden Falle(Fuchs wider Ober- Präsident der Provinz Brandenburg), wo di� Ermächtigung zur Ausbildung von Führern versagt worden war, entschied nun das Oberverwaltungsgericht am 18. April, daß der Kläger schon deshalb abgewiesen werden müsse, weil das Bcrwaltungsstreitverfahren nur für Versagung und Entziehung des Fahrscheines, nicht aber für die PersagiC,, der Erlaubnis zur Ausbildung von Fahrern gegeben sei. Begründend wurde ausgeführt: Das Berwaltungsstreitverfahren sei nur zulässig, soweit es durch besondere Vorschriften zugelassen sei. Im vorliegenden Falle handele es sich nun um die Ausbildungs- erlaubnis. Das sei etwas von der Versagung des Führerscheines sehr wesentlich verschiedentliches. Insbesondere könne diese Er- laubnis nccht als eine Art Unterabteilung des Führerscheines an- gesehen Werden. Das Reichsantomobilgcsetz lasse nur für die Ver- sagung des Führerscheines und für die Entziehung des Führer- schcincs den Rekurs zu, mit der Möglichkeit, daß die Zuständigkeit nach den Vorschriften der Landesgesetzgebung geregelt werden könne. Das sei in Preußen geschehen, indem an Stelle des Rekurses das Berwaltungsstreitversahren trete. Das sei aber nur geschehen für das Gebiet des Rekurses, also für die Versagung und Entziehung des Führerscheines, nicht aber für die Ausbildungserlaubnis.— Es könnte sich nur noch fragen, ob eine Verfügung auf Versägung der Ausbildungserlaubnis eine polizeiliche Verfugung im Sinne des vierten Titels des preußischen Landcsverwaltungsgesetzes wäre, wofür das Vcrwaltungsstreitverfahren gegeben wäre. Das sei aber auch ausgeschlossen. Dieser Titel beziehe sich nur auf bestimmte polizeiliche Verfügungen und nehme direkt aus diejenigen Polizei- lichen Verfügungen, welche sich auf das Unterrichtswesen, auf die Erteilung von Unterricht beziehen. Darum handele es sich hier aber. Eine christliche Verleumdung am Pranger. Die bekannte Bochumer Klosterkirchen-Schändungsgeschichte erfuhr am Montag vor dem Bochumer Schöffengericht ein eigen- tümliches Rachspiel. In der Wirtschaft von Berends zu Bochum- Grumme diskutierte am 11.Februar d. I. ein Verbandsältester uii dem als fanatischen Christen bekannten Bergmann Wilh. Klüsencr zu Bochum VI. Liboriusstr. 24, über die Schändung der Kloster- kirchc. Der Christ behauptete schlankweg, nur ein Sozi käme für die Schandtat in Betracht. Auf die Frage nach Beweisen beschuldigte er den in Herne wohnenden Knappschaftsältesten Benz. Dieser habe vor Jahren— bei der Einweihung der Hcrz-Jesu-Kirche in Herne aus Fanatismus die Girlanden zerschnitten. Das bestätigte der fromme Mann den sofort herbeigerufenen Zeugen ausdrücklich als eine feststehende Tatsache. Auf die weitere Frage, ob denn der Genosse Benz bestraft worden sei, erwiderte er, das habe der Kaplan nicht gewollt. Von der Erzählung wurde Genosse Benz unterrichtest Er wandte sich sofort an den ihm bekannten Christen. Dieser schrieb dann einen jammervollen Brief an Benz: er habe sich geirrt, nehme alles zurück und wolle die Behauptungen in den Zeitungen wider- rufen. Den Wderruf brachte er nicht, weil er nicht zugeben wollte, daß die Beleidigung wissentlich geschehen fest Darauf blieb dem Genossen Benz nur Klage. Der Beklagte gab zu, nicht den Schatten eines Beweises zu haben und berief sich -immer darauf, sich geirrt zu haben. Dabei kennt er Benz seit Jahren ganz genau. Der Gerichtsvorsitzende redete dem Genossen Benz zu, die Klage zurückzunehmen, da sein Zweck ja doch nicht erreicht würde, die Sache so in die Zeitung zu bringen. Die Gerichtskosten müsse er sowieso bezahlen. Besser sei daher ein Vergleich. Glücklicherweise ließ sich Genosse Benz darauf nicht ein. Er erklärte, auf ein Urteil be- stehen zu müssen, da nach den vielen Erfahrungen die Christen bei jeder Gelegenheit solche Lügen»veiter benutzten. Auf die Höhe der Strafe lege er kein Gewicht. Nach kurzer Beratung belegte das Gericht den Beklagten mit— S Mark Geldstrafe. Ist, der Begrün- dung hieß es. da der Beklagte am Gericht geständig gewesen sei, wäre auf eine milde Strafe erkannt worden. 73iis aller Älelt. 0!e Ötiterfucbutig der„Citamc"-Katartrophe. Die Senatskommission, die die Untersuchung über den Unter gang der.Titanic" führt, setzte das Verhör fort. Franklin, der Vizepräsident der White Star Line, wurde hauptsächlich wegen der beruhigenden Nachrichten befragt, die die White Star Line am 18. April veröffentlichte. Franklin gab zu. daß sie nur auf Berichten und Gerüchten beruhten, die einige Zeitungen aus Cape Race gemeldet hatten. Bis zu dem Abend, an dem er sofort die Presse von dem Sinken der.Titanic" in Kenntnis setzte. habe es keine authentische Nachricht gegeben. Franklin bestritt ent schieden, daß er in irgend einer Weise versucht habe, über die draht- losen Nachrichten der.Carpathia" eine Zensur auszuüben. Sodann bestritt er, daß die.Titanic" einen neuen Rekord aufstellen sollte. Niemand sei für die Katastrophe verantwortlich. Die Ausrüstung der»Titanic" habe das vom Gesetz geforderte Maß übertroffen und man habe ein Sinken für unmöglich gehalten. Er habe die.Aflociated Preß" gebeten, die erste Nachricht zurückzuhalten, bis die Sache untersucht sei. um eine unnötige Beunruhigung zu vermeiden. Die Absicht, die Beamten und die Mannschaft nach England zurück- zuschicken, um sie einem Verhör zu entziehen, habe nicht bestanden, und trotz Jsmays Depeschen habe er die.Cedric" nicht zurückgehalten. Wie weiter berichtet wird, hatten die W a ch t p o st e n an Bord der.Titanic" den ersten Offizier, der die Stelle des Kapitän» ein« nahm, während dieser dinierte, um 11 Uhr 18 Minuten be- nachrichtigt, daß ein großerEiSberg in Sicht fest Der Offizier habe jedoch der Meldung keine große Bedeutung beigelegt. Die Posten seien über die Gleichgültigkeit des Offiziers sehr erregt gewesen und hätten dies auch ihren Kameraden gegenüber geäußert. Auch die englische Regierung wird eine Untersuchung deS Untergangs der„Titanic" vornehmen. Mit der Lütung der Verhandlungen ist, wie der Handelsminister in einer Sitzung' deS Unterhauses mitteilte, L o r d M e r s e y, der frühere Präsident der AdmirarnätSabteilung des Obersten Gerichtshofes beauftragt worden. Er werde Vollmacht erhalten, Zeugen vorzuladen. Das Zeugnis von Passagieren werde, wenn erforderlich, in den Bereinigten Staaten abgenommen werden. Die White Swr Gesell- schast habe sich verbürgt, daß alle Mitglieder der Besatzung der „Titanic", deren Zeugenaussagen von dem Gerichtshof für notwendig erachtet werden sollten, persönlich erscheinen werden. • Das englische HandelSamt hat eine Versammlung von Ver- tretern der großen Personenschiffahrtsgesellschaften einberufen, um ich über die Schritte zu unterrichten, die sie im Hinblick auf die . T i t a n i c Katastrophe zur Ausrüstung der Dampfer mit Rettungsbooten zu unternehmen gedächten. Die Ge» sellschaften haben dem Amte erklärt, daß fie bereits beschlossen haben, ihre Schiffe mit so vielen Rettungsbooten und Flößen zu versehen, daß alle a» Bord befindlichen Passagiers aufgenommen werden könnten. Es sei zwar schwer, sofort genügend Boote zu beschaffen, doch werde man alle Anstrengungen machen, uin die Schiffe sobald wie möglich mit Booten auszustatten._ Was der Herr Landgerichtsdirektor nicht versteht. An einer der neugebildeten Strafkammern des Landgerichts Bochum präsidiert der gestrenge Landgerichtsdirektor Heuser. Vor dieser Kammer spielte sich nun dieser Tage ein� Vorgang ab, der mit erschreckender Deutlichkeit die weltfremde VerständniSlostgkeit mancher Richter offenbart. Solidarität— Koalition, zwei Begriffe, auf die die gesamte Arbeiterbewegung aufgebaut ist— sind dem Landgerichtsdirektor� Heuser fremd. Aus der Anklagebank steht ein Streiksunder. Vors.: Warum haben Sie gestreikt? Angekl.: Weil es Parole war. Vors.(erregt, mit scharfer Betonung): Was ist das für eine Art; die Menschen haben doch entgegen dem Tiere ihren eigenen freien Willen. Angekl.: Jeder kann doch ma�en, was ihm beliebt. Vors.: Das ist was anderes; aber der Parole folgen, das ver st ehe ich nicht. Darf man sich da noch über Streikjustiz wundern? Panik in einem Kinotheater. Montagabend kam eS während der Vorführung in einem Kine- matographentheater in Barcelona zu einer Panik. Zwei junge Leute waren in Streit geraten und der lebhafte Wortwechsel beider wurde von dem zahlreichen Publikum mißverstanden, das an den Ausbruch eines Feuers glaubte. Es entstand plötzlich eine wilde Panik, alles versuchte schleunigst die Ausgänge zu er- reichen. Bei dem fürchterlichen Gedränge wurden zwölf Per- sonen zu Boden getreten und schwer verletzt. während fünfzig andere mit leichteren Verletzungen davonkamen._ Kleine Notizen. Opfer der Kälte. In Bosnien herrscht zurzeit große Kälte. In der Nähe der Ortschaft Klasernica wurde eine siebzig- jährige Bäuerin und deren sechsjährige Enlelin erfroren aufgefunden. Sturm auf dem Kaspischen Meere. Wie aus Odessa gc- meldet wird, richtete ein Sturm unter der Fischerflottille des Kaspischen Meeres großen Schaden an. Verschiedene Boote schlugen um und die Insassen ertranken. Panik in einer Kirche. In der St. Privat-Kirche in C a r»n a u x entzündete sich während einer Leichenfeier ein aus Zelluloid an- gefertigter Kranz, und eine bohe Flamme schlug bis zum Kirchengewölbe hinauf. Es entstand eine furchtbare Panik, alle« drängte nach dem Ausgang, zehn Personen erlitten erhebliche Verletzungen. etatlonm Swinemde. Hamburg Berlin §ranls.a.M. iünchen Wien Witterungsübersicht vom 23. April ISIS. B— 775 775 77:4 769 769 c 5 i§ NO NO NO NO NO 768 OSO Detter »s; ll i? biio Äwolkenl Äwoltenl -Äbeiter tzheiter Zzwollig Lbcdeckt Stationen Haparanda Petersburg Scllly Aberdcen Paris 774 773 778 -- s sß Detter N Still 77, ONO 2 SO 769 NO 3 d* frü halb bb. wollen! balb bd halb bb. wolkenl 12 12 11 Wetterprognose für Mittwoch, den 34. April 1013. Trocken und vteisach heiter, nachts kühl, am Tage ziemlich warm bei irischen nördlichen Winden. Berliner Wetterbureau. ünnalsmeilellen für„Meine flnzelgen" Berlin C. A. Höhnisch, Auguststr. 80, Eingang Joachimstraße. W. G. Schmidt, Kirchbachstr. 14. O. R. Hackelbusch, Petersburger Platz«. Gustav Bogel, Koppen- ftratze 82. R. tivengcls, Gr. Franksurter Str. ,20. Nv. L. Zucht, Jmmanuelkirchstr. 12. I. Renl, Barnimür. 42. Iii.- W. Baumann, Rbeinsbcrger Str. 67. F. Trapp, Bastianstr. 6. Karl Mars, Greisenhagener Str. 27. 1. Hönisch, Nazarethkirchstr. 49. H. Bogel, Lortzingslr. 37. Sl. Ttetz, Jnvalidenftr. 124. L. Dechnnd. Ruheplatzstr. 24. ltzltzV. Karl»Inders, Salzwcdclerstr. v. SW. H. Werner, Gnciienauftr 72. Daehn, Hagelberger Str. 27. S. St. Fritz, Prinzenitr. 3t. F. Lehmann. Kottbnser Damm 8. SO. Paul Böhm, Lausitzer Platz 14/18. P. Harsch, Engeluser 18. ch«Uer»1iet. Karl Schwarzlose, Hofsmannftr. S. Itaamnchalenweg. H. Hornig, Marienthalerstr. 13, 1 Borsigwalde. Paul Kienast, Räuschftr. 19. üimrlottendnrg. Gustav Scharnbcrg, S es enh elmer Str. l. Friedrichshagen. Ernst Werkmann, Köpemcker Str. 13. Ortinnn. Franz Klein, Friedrichstr. 19. Johannisthal. Pielicke, Kaiser-Wilhelm-Platz 8. Karlshorst. Richard Küter. Rödelstr. S, II. 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Uhr abend?, s-nnabenb?, von«>>> dt? 8 Uhr abends(mit. Jeder für den vrirstaften drfttmmlen Anfrage ist ein Bn-hstade and«In« Sah» als MeMet-bea betjafügen. B tu fliehe Antwort wird nliht ereeUl. Anfragen, denen«eine BbonncmentfemiUnng beigefügt ist, werden nie»« beautworlet.«Uigr Fragen trage man in der kdreehftnnb« vor. M. X. 13. Zum mittleren Poftdienst.— X. R. 100. Lasten sie die Wette durch einen Fachmann entscheiden.— E. 100. Inwieweit Sic, ohne am rrgelmätzigen Unterttcht teilzunehmen, Ihren Zweck erreichen können, würden Sie am besten bei dem Direktor der in Frage kommende» Schule ersahren.— W. H. 164. XragfSftigleit. Die„Titanic" hatte eine solche von 45 300 Tonnen, ein im Bau begriffenes Echwefterschiff 47 000 Tonnen. In Deutschland sind zwei Schisse im Bau Mit je 50 000 Registertonnen Gehalt.— Mai 11. 1. Wenn seit der Ausstellung der letzten Karte mehr al» zwei Jahre oergangen find, ohne daß etn Unttausch stattgesunden hat, lebt der Anspruch erst wieder aus, wenn von neuem 200 Marlen, darunter aber mwdeslenS 100 Marken aus Grund ver- stcherungSpflichtiaer Beschästtgung geklebt sind. 2. Das wollen Sie zunächst mit Ihrem Arzt besprechen.— Wi. 9t. 77. 1. Ret». 3. Ja. (». P. 39. Leider ist der Anspruch der Steuerbehörde begründet. Ver- suchen Sie eS mit«wem neuen StundungSgcsuch.— Cito 36. Lesen Sie den Arttkel„Steuersragen" in der Nummer vom 17. März. Die Montage» zulagen sind abzugssähig._____ ßnefhalten der Expedition. Patienten in Beelitz, Buch attb anderen Heilstätte«. Dtesenigen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats tl» der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ueberweisung von Frei- exemplarcn sofort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung dt« ersten Nummern des neuen Monats von der Post nicht geliefert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingefandt werden, Wafierstands-Rachrichteu der LandeSanstall für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Detterbureau. Wasserstand Memel, Tilfit Pregel, Jnsterburg Weichsel, Thor« Oder, Ratibor . Krassen . Frantiurt Warthe, Schttmm „ Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leiwietttz „ Dresden „ Bcrbh , Magdeburg Berliner Credit-Haus £ Kommandantenstr. 67. ASkohoffreie Getränke z Franz Abraham Hamb. Messina-u.Römertrank-Kell. N 4, Schlegelst. V, Fernsp. III, 7727 GntPfh Seiter- u. Limonad.-Fabrik liülHli. Thaorytr. 44. T. A. 7. 3176. Scfafitze, E., WcbersU1. Iba, T. 7, 1 1 1 25. Si-Si Bestes alkodsl tt::es Betränk. Berlin O.Sntulft. 4 (fArbeHep-BeliieidunB� IP* U?«r»< 1 jr f Zosaemntr. Zi r oÄ CSdSCXa Bergmannstoe Hamburger Laden, Char|.,WtlIst.69 J.Kastnep£Älr0.li RoterLaden,5chöneb.,HaDpt8tr.l08 �BSckorcien, Konditor!� Biottnep's Großbäckerei Geschäfte In Berlin, Chariottenburo, SchSneberg, Wilmersdorf. Adlershofer Bäckerei, H. 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Freitag, abends 8 Ufer: Lady Wtndermerea Fächer Refideni-Theater. Direktion Richard Alexander. 8 Ufer: Alles für die �irma. Schwant in 3 Akten von M.Henneguin und G. Mitchell. Morgen u folgende Tage: Alles für die Firma. Zonntag, 28. Zlpril, nachm. 3 Uhr: Ein Walzer von Ehopiu._ Theater des Westens. Abends L Ufer: Die schöne Helena. Sonntag 3'/, Ufer: Wiener Blut. ff H ClOll" Berliner Konzerthaus. Mauerstr. 82 Zimmers tr. 90/91. Beate: Qp. KOIlZert. Musikc. d. 2. Garde-Eegts. z. Fuß. Dirig. Oberm. Graf. Anfang 8 Uhr. Anfang 8 Ubr. gBT" An allen Wochentagen nachmittags:-MF Großes Promenaden-Konzert bei freiem Eintritt. Heute: Mahlmann- Elite s Orchester. Baumblute in Werder a. H. in schönster Pracht Extraziige und Extrailaiiipler täglich. .JÄ- Wunsch-Konzert Große Frankfurter Str. 106#» flittwoch Hackepeter, Lnisen-Theater. Heute und folgende Tage: Ich lasse Aich nicht. OSE=THEATE Große Frankiurlei Str. t32. Abei'dS 8 Uhr:» s xlOO 000 Teufel. 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