Ar. 103. nbonntmentS'Bedtoäfffldfll: WonnementS• Preis trämimctanfcaj BierteijShrl. 3, SO 2RI., tnonail. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Pfg, frei ins HauS, Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags« iimnmer mit illustrierter Sonntags» Bellage.Die Neue Welt» 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat Eingetragen in die Post-ZcitungZ- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemart Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumütlicn, Schweden und die Schweiz. S9.Z«ches» vi« s»lt?ki««.Stdah» veträgt für die fechsgefpalten« Kolonel- Seile oder deren Raum«0 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche BereinS. Und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg, „Kleine Aneeigen", daS fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zuläfstg 2 fettgedruckte Worte), jedes wettere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasftellenan- zeigen da§ erste Wort 10 Pig„ jedeS wettere Wort 5 Pfg, Worte über lö Buch- jtaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen biS 5 Uhr nachmittags in der Erpeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. vlidlillt täglich außer montig«. Berliner Vollcsblntk. Zentralorgan der roztaldem ohrati fchen Partei Deutfchlanda. Telegramm- Adresse! uS»liUil(is«knt BerUs"« Redahtion: 8 Cd. 68» Llndenstrass« 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Sias die GcwerbeiofpeHtoren erzählen. IL Das Fehlen von Schutzvorrichwngen verursachte fünf Unfälle, die an ein und derselben Maschine eines Betriebes im Bezirk Berlin hintereinander den Arbeiter zum Krüppel inachten. Der Unternehmer erzielte trotzdem Freisprechung, weil er den Betrieb erst einige Zeit vorher übernomnien habe. Eine monatelange, täglich sich wiederholende gesetzwidrige Beschäftigung von 12 Arbeiterinnen trug einem Uulernehiner im Bezirk Posen die wuchtige Strafe von— 3 M k. ein, obwohl der Anzeige schriftlich und mündlich Ermahnungen von feiten des Aufsichtsbeamten wirkungslos voraufgegangen waren. Dieselbe Strafe traf einen Schokoladenfabrikanten in Minden, der 6 Arbeiterinnen wiederholt nachts beschäftigt hatte. Das freventliche Spiel mit Menschenleben, das die Be- lastung von Sicherheitsventilen an Dampfkesseln zweifellos darstellt, ahnte ein Gericht, wie der Düsseldorfer Beamte mitteilt, indem es den Heizer zu 3 M., dep Besitzer, mit dessen Wissen die Ueberlastung erfolgte, zu 6 M. Geldstrafe der- urteilte. Das wird aber abschreckend wirken!— Einen Antrag des Beamten von Arnsberg, gegen einen Unternehiner ein Verfahren wegen Urkundenfälschung einzuleiten, weil ei eine aus Grund einer Bundesratsverordnung zu führende Liste über angeordnete Ueberzeitarbeit in grober Weise ge- fälscht, lehnte die Staatsanwaltsck)aft ab. Solche Fäl- schung sei nicht strafbarl Die objektivste Behörde im— Kampfe„gegen" Ärbeiterschutzbestimmungen misi- achtende Unternehmer, liefert ein prächtiges, den Klassen- charakter der Rechtsprechung trefflich zeichnendes Pendant zu unserer berühmten Streikjustiz. Ueberwiegend konstatieren die Berichte Ausschrei- tungen in bezug auf die B e s chä f t i g u n g 3» d a u e r. Daß dabei auch die direkten Vorschriften übertreten werden, so die des Bundesrats über die Registrierung der in den Hütten- und Walzwerken geleisteten Ueberstunden, darüber macht der Beamte von Arnsberg folgende sehr inter- essante, die vorerwähnte Urkundenfälschung betreffende Mit- teilung: „Beim Gewerbeinspektor in Unna beschwerte sich ein Arbeiter eines Walzwerks, datz ihm für die Arbeit an Festtagen ein ge- ringerer als der vereinbarte Lohn ausgezahlt sei. Bei einem Vergleiche seiner Angaben über die geleistete, nach den Vor- schriften nicht zulässige Sonntagsarbeit mit dem eingereichten Ucberarbeitsverzeichnis ergab sich, daß der Arbeiter in das Ver- zeichnis überhaupt nicht aufgenommen war. Bei dem nunmehr auf dem Werke vorgenommenen Vergleiche des Uebcrarbeitsver- zeichnisses mit den Schichtenlisten und der Markenkontrolliste stellte sich weiter heraus, daß nicht nur noch weitere Arbeiter in dem Verzeichnisse fehlten, sondern auch vor allem in zahl- reichen Fällen nur ein geringer Teil der wirklich geleisteten Ucber- arbeit in das Verzeichnis eingetragen war. Sehr häufig fehlten besonders die Eintragungen, wenn die Arbeiter über die gesetzlich zulässige Zeit hinaus beschäftigt waren. Aus den Schichten- büchern ergab sich, daß in wiederholten Fällen Arbeiter sogar 48 Stunden hintereinander gearbeitet hatten." Danach ist anzunehmen, daß etliche Millionen Ueberstun- den verheimlicht werden. Ob nun endlich die Regierung sich dazu beguemt, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die Acht- stundenschicht allgemein obligatorisch macht? Arbeitszeiten von 17 bis 2 0 Stunden wurden in Mühlenbetrieben, so im Bezirk Gumbinnen festgestellt. In einer Druckerei im Potsdamer Bezirk mußten junge Leute bis zu 17 Stunden arbeiten. Die Mitteilungen über gesundheitsschädliche Verhältnisse sind sehr mager. Ter Bericht des Bezirks Königsberg ent- hält folgende' Mitteilung:„Die hygienischen Verhältnisse in den Bäckereien lassen vielfach noch zu wünschen übrig. In dem rauchigen Ofenraum einer Bäckerei war das Bett des Gesellen a u-f g e st e l l t. Mehrfach wurden innerhalb von Bäckereien Abortanlagcn und Hühnerställe angetroffen." Km Bezirk Erfurt ermittelte der Beamte unerhörte „Schmutzcrcicn" in der Behandlung der Tabakblätter bei Hausindustriellen. Ekelhaft war ferner das Einwickeln von Bonbons in hausindustrieller Ueberarbeit. Km Trierer Be- zirk wurden auffallend oft unzulängliche Abortanlagen kon- statiert, die Wascheinrichtungen waren ebenfalls mangelhaft oder fehlten gänzlich. Verschiedene Knspektoren berichten kurz über gute Ersah rungen im Verkehr mit den Arbeiter- 0 r g a n i s a t i 0 n e n. Wie schon bemerkt, hob der Beamte von Kassel deren Mitwirkung bei der Einschränkung schäd- licher Nachtarbeit hervor. Der Beamte von Potsdam be- merkt, daß die Arbeiterorganisationen erfreuliches Interesse für die Unfallverhütung bekundeten. Ter Holzarbeiterver- band habe eine besondere Schutzkommission eingerichtet, die segensreich wirken könne. Solche Feststellungen erklären, weshalb die Unternehmer sich so heftig gegen die Anstellung von Kontrolleuren aus den Reihen der Arbeiter wehren. Aber schließlich wird sich auch dieser Widerstand überwinden lassen. Die trotz Unter- bindung kritischer Urteile der Jnspektionsbeamten sichtbar � werdenden Mißstände schreien geradezu nach einex amtlichen! Expeditfom 8M. 68, Lindenstras©« 69* Fernsprecher: Amt Morttzplatz, Nr» 1984» Mitwirkung der Arbeiter bei der Durchführung der Schutz- gesetze und Herbeiführung menschenwürdiger, sanitären An- forderungen entsprechenden Arbeitsverhältnissen. In den Berichten nehmen die Mitteilungen über die Ver- Hältnisse in der Zementindustrie, die Maßnahmen zum Schutze gegen Feuersgefahr, das Mitnehmen von Arbeit nach Hause und der Umfang der Nachtarbeit den breitesten Raum ein. Zum Teil sind die Sonderuntersuchungen im„Vorwärts" ja schon kurz besprochen worden. Das notwendige über die Zementindustrie stellten wir in unserem allgemeinen Bericht heraus. Der Umfang der Nachtarbeit wird, wie die Berichte ergeben, nicht allgemein durch technische Gründe und aus der Natur der Betriebe bestimmt, sondern sehr stark von der Sucht, die Anlagen ununterbrochen auszunutzen. Aus dem Bezirk Kassel vernimmt man, daß die Einschränkung der schädlichen Nachtarbeit teilweise als Erfolg des wohltätigen Eingreifens der gewerkschaftlichen Organisationen ange- sprachen werden kann. Die Bemühungen der Beamten, ein Urteil über den Umfang der Mitnahme von Arbeit nach Hause zu gewinnen, waren von wenig Erfolg gekrönt. Die Bericht- erstatter von Gumbinnen und Allenstein, Berlin und Aachen heben das Fiasko ausdrücklich hervor. Es sei schwer, den Umfang dieser Art Arbeit festzustellen, eine„Aussicht sei kaum durchführbar". Die Verschleierungsbestrebungen der Unternehmer lassen arge Mißstände in dieser Hinsicht ver- nmten, Mißstände, die manche Bestimmungen über die Be- schäftigung von Arbeiterinnen, Jugendlichen und Kindern vollständig illusorisch machen. Daß die Schutzbestimmungen vielfach nur auf dem Papiere stehen, daß sie oft nichts wert sind, geht aus mancherlei anderen Feststellungen hervor. Wie steht es zum Beispiel mit dem Kinderschutz? Mit Paragraphen darüber sind wir anderen Staaten voraus. Aber das ist nur Theorie, die Praxis läßt in Verhältnisse schandbarer Unkultur, brutaler 5iinderaus- beutung schauen. Im Bezirk Potsdam wurden Kinder in Druckereien, in einer Glashütte und einer Schlosserei als Ar- beiter angetroffen. Aus Breslau wird berichtet:„Ein Kon- ditor, der wegen Vergehens gegen das Gesetz in den Vor- jähren viermal mit 5, 3, 5 und 12 M. bestraft worden war, wurde von neuem angeklagt, weil er Schulkinder fortdauernd wie seit Jahren an Werk- und Sonntagen etwa 6 bis 7 Stunden bis nachts gegen 1 Uhr mit dem Ver-. kaufe von Backwaren in einem Nachtlokale beschäftigt hatte." Die erste Instanz verurteilte den hartnäckigen Liebhaber billiger Kinderarbeit zu 4 Wochen Gefängnis. Das Be- rufungsgericht ließ„noch einmal" Milde walten, der Mann habe nicht gewohnheitsmäßig,„vielmehr" aus dem Entschlüsse heraus gehandelt, Kinder bei„jeder sich bietenden Gelegenheit zu beschäftigen". Die Strafe wurde auf 6l) M. reduziert. So wird der Respekt vor Schutzbestimmungen— untergraben. Bemerkenswert ist die Mitteilung aus Oppeln, daß aus den Grenzbezirken Kinder ins Ausland, namentlich nach Oester- reich gehen, um dort„auf Bauten täglich 10 Stunden zu arbeiten". Dem Unfug müßte unbedingt gesteuert werden. Vielsagend ist folgende lakonische Mitteilung im Bericht des Polizeibezirks Berlin:„Die in beträchtlicher Zahl verhängten Strafen wegen ungesetzlicher Kinderbeschäftigung schwankten zwischen 3 u n d 60 M." Solche Sühne für nachgewiesene Uebertretungen der Schutzbestimmungen reizt eher zu weiteren Mißachtungen als zur Respektierung der Gesetze. Aus Merseburg wird folgender Fall berichtet:„In einer Papierwarenfabrik wurde ein schul- pflichtiges Kind in Gegenwart des Arbeitgebers bei der Ar- beit getroffen: eine Bestrafung konnte jedoch nicht erzielt werden, da das Gericht den angeklagten Arbeitgeber nicht als verantwortlich anzusehen vermochte. Der Arbeitgeber war vor dem Tage der Feststellung drei Tage verreist gewesen, und das Kind war in dieser Zeit eingestellt worden". Ein- wände, daß der Verantwortliche die Einstellung nicht bemerkt habe usw., lassen sich immer erheben. Hier war doch das Kind in Gegenwart des Fabrikanten bei der Arbeit ange- troffen worden— trotzdem: er war unschuldig! Noch einige andere Fälle mögen die Schonung bewußter Gesetzcsverächter illustrieren. Der Besitzer einer Molkerei im Bezirk Gumbinnen. der schon aus früheren Strafverfahren eine zarte Behandlung gewöhnt war, mußte sich wieder nial wegen systematischer verbotswidriger Beschäftigung von Mcierinnen verantworten. Der Mann erklärte, kein G e- Werbeinspektor bringe es fertig, die gesetz- liche Arbeitszeit durchzuführen!— Der Amts- anwalt hielt trotzdem— oder weil?— eine Freisprechung für geboten, das Urteil lautete auf 10 M. Geldstrafe. Der Be- anite von Potsdam klagt:„Die Höhe der von den Schöffen- geeichten verhängten Strafen erschienen wieder häufig der Schwere des Vergehens wenig nngemessen. So wurde der Betriebsleiter einer Ziegelei wegen regelmäßig zwölfstündiger Beschäftigung seiner Arbeiterinnen nur mit 5 M., ein anderer, der sämtliche auf der ihm unterstellten Ziegelei woh- nenden Arbeiterinnen elf Stunden lang beschäf- tigt hatte, mit 10 M. bestraft, obwohl bei den Strafanzeigen ausdrücklich darauf hingewiesen worden war, daß Unkenntnis der gesetzlichen Bestimniungen nicht in Frage kommen könne." In zahlreichen anderen Fällen wurden auch Uebertreter dieser Schutzbestimmungen mit 3 M. Geldstrafe belegt. Nun weiß nian doch, daß solche Vergehen als lächerlich geringfügig an- gesehen werden. vss Recht der VoHtsvertretang. Was nach den Novemberdebatten des JahreS 1908 an der kon« ferbativ-liberalen Gemeinschaft gescheitert ist, soll jetzt durchgesetzt werden. Damals gelangten die Versuche, daS JnterpellationSrecht des Reichstags auszubauen, über eine erfolglose Kommisstons- beratung nicht hinaus. Heute liegen bestimmte Snträge der Ge- schmtsordnungskommission vor und die erdrückende Mehrheit de» HauseS ist entschlossen, zu einem wirklichen Ergebnis zu gelangen. ES ist eine Frage der Geschäftsordnung, um die eS sich handelt, und es ist in der Tat nicht begreiflich, wie die Ver« tretung des deutschen Volkes sich so lange hat sträuben können, ihrer selbstverständlichen Ansprüche sich bewußt zu werden und sich die Stellung zu schaffen, die die Parlamente aller Kulturstaaten be« sitzen. Nur im Deutschen Reichstag war es denkbar, tkäß über eine Interpellation stundenlang verhandelt werden konnte, ohne daß die Debatte durch einen Beschluß, durch den Ausdruck der Meinung der Mehrheit, sanktioniert wurde. Die äußerste konservative Reaktion hat sich freilich immer gegen diese bescheidene Reform gewehrt, weil sie eben in dem AuS« druck eines MehrheitSwillenS den Beginn eines modernen parla- mentarischen Regimes sieht. Davon kann aber gar nicht ge- sprachen werden. Die Anerkennung und die Festsetzung eine? solchen Rechtes bedeutet sicherlich nicht die Einführung oder auch nur den Anfang einer Modernisierung unserer Verfassung. Schon deshalb nicht, weil nach wie vor die Regierung selbst ja ein Bestandteil der Reichsgesetzgebung ist und zur Ausführung der ReichStagSbeschlüsse rechtlich keineswegs verpflichtet ist. Als zu Be- ginn der heutigen ReichStagssitzung der Staatssekretär Dr. Delbrück die vorsichtige Verwahrung der Regierung zum Vortrag gebracht hatte, wies auch sofort Genosse Ledebour daraus hin, daß wir eine uns wünschenswerte Verfassungsänderung nicht auf dem Wege einer Aenderung der Geschäftsordnung versuchen würden. Die jetzt vom Reichstag unternommene Reform kann also nach dieser Richtung nicht überschätzt werden: sie ist eine im Grunde harmlose Sicherung eines bisher nicht ausgenützten Rechtes, das dem Parlament selbstver- ständlich zusteht, nämlich seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Wie ja dieses Recht auch in einzelnen deutschen Landtagen— in Württem- berg und in Elsaß-Lothringen— in der Geschäftsordnung bereit» angewandt ist. Wir sagten schon, daß die Konservattven Furcht empfinden, nicht nur vor der Drohung befferer VerfaffungSzustände. sondern auch vor jeder Festigung parlamentarischer Volksrechte. So haben sie denn auch heute— all ihren Ableugnungen zum Trotz— bewußt und hart- näckig eine Obstruktion gegen das Zustandekommen der Beschlüffe gewagt. Sie mußten aber bald einsehen, daß ihre Hoffnung, am letzten Arbeitstag der Woche den Reichstag beschlußunfähig zu machen, an der Entschlosienheit der Majorität scheitern mußte, und so haben sie sich denn auf die Taktik der vielen und langen Reden verlegt. Es gelang ihnen aber nur, die Beschlußfassung über den zweiten Teil der Kommissionsanträge hinauszuschieben. Der erste Teil gelangte trotz aller ihrer Mühen zur Erledigung. Die kurze Galgenfrist bis zum nächsten Mittwoch ist ihnen gewährt für die Interpellationen! die Einführung der»kleinen Anfragen" ist vom Reichstage beschloffen worden. Nach der Verlesung der Regierungserklärung, der der Exodus der Regierungsvertreter folgte, begründete Genoffe Ledebour unsere Stellung zu den Kommissionsanträgen und die von unserer Fraktion eingebrachten Amendements. Von den Konservativen waren es die Herren Kreth und Westarp, von den Reichsparteilern die Herren v. H a l e m und Schultz, die alles taten, um die Beschluß- fassung zu verzögern. Sie holten die unmöglichsten Einwendungen hervor, ohne auch nur bei ihren Freunden von der Wirtschaftlichen Vereinigung oder von den Antisemiten irgendwie Eindruck zu machen. Herr Schultz strengte seine Lunge zwar sehr, aber vergeblich an. Der einzige, der diesen Herren zur Hilfe beisprang, war der nach- gerade unvermeidliche Graf Posadowskh, dessen Argumente— so weit er sie auch herholte— sich indessen von den Einreden seiner Freunde nicht sehr unterschieden. Und es war der sicher- lich nicht demokratische Graf Oppersdorff, der ihn darauf aufmerksam machte, daß seine schönen Reden mit den kurzen An- fragen gar nichts zu tun hatten. Die Nationalliberalen, für die Herr L i st sprach, der Fortschrittler Dr. Müller- Meiningen und der Zentrumsabgeordnete Dr. Bell traten für die Kommissions- beschlüffe ein, die dann auch unter Ablehnung aller Amendements von rechlS und links angenommen wurden. Es war so schon ziemlich spät geworden, al» die Frage der Interpellationen behandelt werden konnte. Hier begann Herr Kreth mit einer einstündigen Rede die Obstruktionskampagne, an der nachher noch Herr v. Halem und Graf Westarp eifrig teil- nahmen, während Herrn Schultz offenbar der Atem ausgegangen war. Genosse Dr. David hatte schon Herrn Kreth in der geeigneten Weise heimgeschickt, ein ebenso unglückliches Schicksal er- lebte vor allem Graf Westarp, dem Herr Gröber sagen mußte, daß knit seinen staatsrechtlichen Bedenken kein Staat gemacht werden könne. Diesmal fand er trotzdem eine wertvolle Stütze an Herm Mumm. Für die Kommisstonsbeschlüsse trat Herr Dr. I u n ck im Namen der Nationalliberalen, der Pole v. L a s z e w s k i, der Zenntrumsabgeordnete Dr. Bell und der Fortschrittler Dr. D 0 v e ein. Die Diskussion wurde schließlich zu Ende geführt und die eifrigen Obstruktionisten müssen sich damit abfinden, daß am Mittwoch ab- gestimmt wird. M auswärtige Politik der ruiiiichev Kortcrrevolutiou. Die provozierende Haltung, die �ic russische Diplomatie gegen die Türkei eingenommen hat, in Verbindung mit der verstärkten Aktivität Rußlands in Ostaften und Persie«, hat schon seit einiger Zeit in der gesamten europäischen Presse Beunruhigung hervorgerufen. Selbst dir? cntentefreundliche Presse Englands und Frankreichs h»b mit sichtbarer Unzufriedenheit hervor, daß Neuorientl erungen in der auslvärtigeu Politik bevorstehen, bee dem'n der russischen Diplomatie die Hauptrolle zufallen Ivürtxe. Das zwei- deutige Spiel, das Rußland in den letzten Wochen im Zlveikampfe zwischen Italien und der Türkei treibt, hat die Situation noch mehr verschärft. Kein Wunl.er daher, daß die gesamte politische Welt den Erklärungen Zvs russischen Ministers des Auswärtigen Ssasouow und der daran aw knüpfenden Debatte in der Duma eine verstärkte Bedeutung beimißt. Nicht etwa weil man von Herrn Ssasouow eine wahrheitsgetreue Klarstellung der politischen Lage erwartet hat,' sondern weil das, was das russische diplomatische Ressurt zu verdecken und zu vertuschen pfmgt, gewöhnlich das be�e Material für die Aufdeckung der geheimen politischen Plan,? und Absichten Rußlands liefert. Tie Hauptfrage, um die es sich hier handelt, ist: welche Zwecke verfolgt die russische Politik, indem sie sich zu gleicher Zeit in Ostasien und Persien festlegt und der Türkei gegen- iiber eine immer mehr herausfordernde Haltung einnimmt? Eine teilweise Aufklärung über diese Frage liefert uns die Be- trachtung der innerpolitischen Lage Rußlands. Die russische Politik hat im letzten Jahrfünft eine Wandlung durchgemacht. Nach dem militärischen und politischen Zusammenbruch im japanischen Krieg und den revolutionären Kämpfen im Jnne�i galt es als oberster Grundsatz der Regierung und der herrschenden Parieien: Wir sind für einen Krieg nicht vorbereitet und können nicht kämpfen. Dieser Standpunkt wurde durch den diplomatischen Zusammenbruch Rußlands während der bosnischen Krise noch mehr bekräftigt. Inzwischen bereiteten sich aber tiefgehende Wandlungen vor. Die Entente mit England— eine Frucht des euglisch-deutschen Gegensatzes-r- festigte die Stellung Rußlands in Asien und gab der russischen Diplomatie die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen den westeuropäischen Mächten für eine raffinierte Erpresserpolitik auszunutzen. In derselben Richtung lag die Potsdamer Uebereinkunft mit Deutschland. welche Persien endgültig an die russischen Eroberer auslieferte. Das U/bereinkommen mit Japan gab Ruß- land tviedcr freie Hand in Ostasien, wo das zu neuem Leben erwachende China von den beiden Nachbarstaaten in eiserner Umklammerung gehalten wird. Die neuerdings zutage tretende Annexionspolitik Rußlands in der Mongolei und in Ostturkestan ist eine direkte Folge des russisch-japauischeu Komplotts gegen China. Die russische auswärtige Politik kann im allgemeinen dahin charakterisiert werden, daß ihr Schwerpunkt nach Ostasjen und dem Iran verlegt worden ist und immer deutlicher das Gepräge der imperialistischen Raubpolitik annimmt, welche von dem kriegslustigen Junkertum und dem nach neuen Märkten und Ausbeutungsgebieten lüsternen Großkapital gefordert loird. Das bewirkt, daß die russische PolUlk in Europa notwendigerweise einen defensiven Cha- alter trägt. Einerseits braucht der Zarismus Ruhe an den europäischen Grenzen, weil er sich in militärischer Hinsicht den Weststaaten nicht im geringsten gewachsen fühlt. andererseits fürchtet er die Aufrolluug neuer Probleme, wie etwa der Balkanfrage, weil er auch in diplomatischer Be- ziehung zurückgedrängt werde« würde. Bloß ein politischer Schwätzer vom Schlage des Abg. Erzberger kann sich erdreisten. die russische Militärmacht als ernstliches Argument für die Notwendigkeit der deutschen Wehrvorlagen heranzu- ziehen. In Europa betreibtRußland gegenwärtig dieselbe Politik. wie unter Lobanotv- Rostowski und Lambsdorff, die für die Austragung gewaltiger Eroberungspläne in Asien rüsteten. Das hindert freilich nicht, daß die russische Diplomatie neuer- dings Versuche macht, die Dardanellenfrage aufzurollen und die von Italien bedrohte Türkei durch gewaltige Truppenansamm- luiigen an der kaukasischen Grenze und durch die Besetzung des llrmia-Gebietes ihrem Willen gefügig zu machen. Sic hätte aber nie eine so drohende Haltung einzunehmen gewagt. wenn nicht die deutsche.Freundschaft" ihr die Wege nach Ana- tolien geebnet hätte. Alle diese Momente traten in der Rede, die Ssasonow mit spezieller Einwilligung des Zaren in der Duma hielt. deutlich hervor. Er Pries in gleicher Weise die Milliarden liefernde„Freundschaft" mit Frankreich und das Ab- kommen mit England wie die Potsdamer Abmachungen mit Deutschland, die der Politik des Raubopportunismus, die der Zarismus betreibt, die Krone aufgesetzt haben. Bon Interesse ist hierbei, daß er die für Rußland vorteilhasten Seiten dieses Abkommens besonders hervorhob und so der deutschen Diplomatie den Dank für ihre Zutreiberdienste in Pcrsien in recht eigenartiger Form übermittelte. Von be- sonderer Wichtigkeit ist der Passus seiner Rede, der die vorder- asiatische und die mongolische Politik Rußlands behandelt. Auch abgesehen von der alten panslawistischen Rote, die Türkei müsse die Bedürfnisse der„christlichen Be- völkerung" sichern, enthält die Rede des russischen Ministers eine ziemlich deutliche Drohung gegen die Türkei. Die russische Diplomatie will sich die Dardanellensperre nicht länger gefallen lassen und drängt, gestützt auf die Truppenansammlungen an der kaukasischen Grenze und im Urmiagebiet. auf die schon mehrfach angetragene„Vermitte- lung" im türkisch- italienischen Kriege. Die Bemerkung Ssasonows. der Krieg werde„keinen allgemeinen Konflikt" hervorrufen, läßt bei der ganzen Sachlage annehmen, daß die russische Diplomatie auch vor stärkeren PressionSmitteln auf die Türkei nicht zurückschrecken wird. Ueber die immer be- stimmter auftretenden Nachrichten von einer geheimen Ab- machung zwischen Rußland und Italien schwieg sich der russische Minister gänzlich auS, obgleich diese Frage gegen- Wärtig das größte Interesse beansprucht., lieber die Lage in P e r s i o n äußerte sich Herr Ssasonow recht befriedigt."Nach den jüngsten Erfolgen der russischen Eroberungspolitik und der Zertrümmerung aller persischen Rcformansätze durch Rußland und England sieht der russische Minister„keine außerordentlichen Verwickelungen" bevor. Wie sollte er auch? Die russische Bestie ist vorläufig gesättigt und lauert auf die nächste Gelegenheit, um ihre Macht in Persicn noch mehr zu befestigen. Bon großer Wichtigkeit sind endlich die Erklärungen des Ministers über die Mongolei. Im Widerspruch zu seinen bisherigen Kommuniques über die mongolische Frage, erkennt er in seiner Rede klipp und klar an, daß die russische Diplo- matie auS dem bisherigen Vasallenstaate Chinas einen ihrem Einfluß unterworfenen Pufferstaat machen und die An- gliederuug der Mongolei an die chinesische Republik nicht zu- lassen will. Ohne jeden rechtlichen Anspruch erhebt er die Forderung, daß die mongolisch-chinesische Streitfrage„unter Teilnahme Rußlands", d. h. nach russischem Diktat geschlichtet werde. So verrät die ganze„Friedens"rcde des russischen Ministers des Auswärtigen nur die Absicht, den Völkern im nahen und fernen Osten die verstärkten Raubgelüste der zarischen Diplomatie spüren zu lassen. Ser kirieg. Die Regelung der Durchfahrt durch die Dardanelle«. Konstantiuopel, 2. Mai. Die Pforte hat in einem Communiqu« den Schiffsmaklern die Wiederöffnung der Dardanellen angezeigt. Sie hat hinzugefügt, daß die notwendigen Arbeiten zur Oeffmnig der MeereSenge in Angriff genommen würde», und daß die Entfernung der Minen in frühestens vier Tagen möglich fein werde. Dann werde eine weitere Benachrichtigung die endgültige Oeffnung bekannt geben. Um Unglücksfällen vorzubeugen, die auS der Ansammlung der Schiffe, die die Durchfahrt erwarten, sich ergeben könnten, hat die Kammer für die auswärtige Schiffahrt der Hafenpräfeklur eine Denkschrift zugestellt, die eine Reihe von Wünschen enthält, namentlich über die Reihenfolge der Durchfahrt nach dem Datum der Ankunft. Postdampfer sollen den Borrang genießen. Berlin, 3. Mai. Die türkische Regierung hat angeordnet, daß dle im Hafen von Konstantinopel befindlichen Schiffe sich bis auf weiteres des Gebrauches der drahtlosen Telcgraphie zu enthalten haben. Vom tripolitauischeu Kriegsschauplätze. Rom, 3. Mai. Die„Agenzia Stefani" meldet vom 2. Mai aus H o m s: Morgens gegen 5 Uhr griff General Reiioli, Kommandant der Truppen vor Homs, das stark vom Feind besetzte L e b d a an, dss sich nach heftigem Kampf bald nach S Uhr in den Händen der Italiener befand. Der Feind floh, nachdem ihm beträchtliche Verluste beigebracht worden waren, die auf mindesten? 300 Tote geschätzt werden. Um diese Zeit ging Major di Giorgio auS Margbeb vor und griff den Feind, der offenbar im Begriff war, Lebda zu verstärken, an. Es gelang, ihn in ein Gefecht zu verwickeln und festzuhalten. Die italienischen Verluste betragen: Ein Offizier tot, drei der» wundet, sieben Soldaten tot und 64 verwundet. Die Stellungen um Lebda wurden sofort in Verteidigungszustand gesetzt. Koustantrnopel, 2. Mai. Mehrere italienische Kriegsschiffe haben den Stapelplatz KaSri Ahmed in der Nähe von Misrata in Tripolis beschösse» und die Zollstarion sowie einige Barken beschädigt. Die Kriegsschiffe entfernten sich sodann nach der Ehrte zu. Das englische Oberhaus über die Dardauellensrage. Londo», 2. Mai. Oberhaus. Der Konservative Newton und der Liberalle Nunburnholme lenkten die Aufmerksamkeit auf die Schließung der Dardanellen. Newton erklärte: Als Italien den Kriegsschauplatz von Tripolis auf die türkischen Gewässer ausdehnte, wäre es das näckstliegende gewesen, die albanische Küste anzugreifen. Trotzdem hat Italien dies nicht getan, weil die öfter-- r-eichische Rxgienmg es vor dem Adriatischen Meer und dem Golf von Saloniki gewarnt haltet Nundurnholme fordert« die Regierung auf, sich von Italien die gusickerung geben zu lassen, daß der OperationSkreiS eingeschränkt werden solle. Der Lordpräsidenl des Geheimen Rats BiScount Morley sagte in seiner Erwiderung: Die englische Regierung ist ständig in Verbindung mit der Türkei und Italien gewesen, und die Türkei hat. wie bereits bekannt, beschlossen, die Dardanellen wieder zu öffnen. Lord Newton behaiqztete, Italien habe Oesterreich eine Zusicherung ge- geben, und fragte, warum wir uns nicht an Italien gewandt und eine ähnliche Zusicherung von ihm verlangt hätten. Das wäre keine verständige Hallung. Wie könnte«ine neutrale Regierung den Kriegführenden sagen, wie sie den Krieg führen sollen. Lord Newton unterbrach hier und sagte: Das ist es gerade, was die österreichische Regierung getan hat. Morley fuhr fort: Newton nimmt nur an, daß Oesterreich eS getan hat. Nichts würde weniger an- gebracht sein, als anzunehmen, die österreichisch-ungarische Regierung habe diesen oder jenen Schritt getan, und die englische Regierung dafür zu tadeln, daß sie nicht denselben Schritt unter- nommen habe. Wenn der Briefwechsel veröffentlicht werden würde, so würde daS Lanff sehen, daß die englische Regierung mit Sorgsalt und Festigkeit ihre Pflichten als neutrale Macht den Kriegführenden gegenüber vollständig erfüllt hat. Die türkische Rc- gierung hatte zweifellos das Recht, alle legitimen Mittel zu ihrer eigenen Sicherheit zu ergreifen. Die Türkei war aber verpflichtet. die Meerengen für den neutrale» Handel offen zu halte», außer wenn eine dringende Notwendigkeit vorlag, sie im Interesse der Sicherheit der Türkei' zu schließen. Diese für die Türkei bestehende Notwendigkeit legt ihr aber anderer- seitS die Verpflichtung auf, dieses Prinzip im Falle des Krieges mit anderen Mächten nicht zu überspannen. Morley schloß: Es wäre ein großer Irrtum, wenn wir hin- sichtlich der Türkei di« gewaltigen mohannnedanischen Interessen außer acht ließen, mit denen wir eS zu tun haben. Hinsichtlich Italiens wäre es andererseits ein un- geheurer, ja sogar beklagenswerter Irrtum, unsere lange traditio- nelle Freundschaft mit Italien zu vergeffen, und noch mehr, wenn wir unser Interesse an seiner Lage und den Beziehungen als Mitteln« erinacht in einer leicht denkbaren Zukunft vergessen sollte». poUtilcbc(leberlicbt. Berlin, den 3. Mai 1912. Abgeordnetenhaus. Aeußerlich machte daS Abgeordnetenhaus am Freitag den Ein- druck eines sogenannten großen TageS. Was selten vorkommt, die Vertreter des preußischen Volkes hatten sich in beschlußfähiger Zahl eingesunden, als gelte es einer Haupt- und Staatsaktion. Und doch war eS nur die welterschüttcriide Frage, ob Vohwinkel in Elberfeld eingemeindet werden solle oder nicht, die die Abgeordneten so zahlreich herbeigelockt hatte, darunter auch solche, die sich so selten machen, daß sogar die Diener sie nicht kennen. Nach der Fülle des dem Landlage zugegangenen Materials zu ur- teilen, scheinen die Gemüter der braven Vohwinklcr aufs heftigste erregt, die Bürgerschaft scheint in zwei feindliche Lager geteilt zu sein, in Freunde und Gegner der Eingemeindung, die sich gegenseitig heftig befehden. Nun können die Vohwinkler sich freuen, das Abgeordneten- Haus hat die Eingemeindung abgelehnt, der Frieden ist wieder her- gestellt, die Freunde der Eingemeindung dürfen die Gegner wieder auf der Straße grüßen und am Stammtisch mit ihnen zusammen- sitzen. Allerdings ist der Frieden teuer erkauft werden, die reaktiv- näre städtefeiudliche Mehrheit des Junkerparlaments hat wieder einmal ihrem Haß gegen die Entwickclung der Großstädte Ausdruck verliehen. Ihr Wortführer war an erster Stelle der ftühere Re- ijierungSpräsident von Hannover, der konservative Abgeordnete v. B r a n d e n st e i n. der bei dieser Gelegenheit— auf eine eigen: langjährige Praxis gestützt— recht interessante Enthüllungen über die Art machte, wie die Staatsbehörden in Preußen mit den Selbstverwaltungsbehörden umspringen. Im übrigen erledigte das Hau? ohne wesentliche Debatte in erster Lesung die Gesetzentwürfe betr. die Bewilligung iveitcrer Staatsmittel zur Verbesserung der WohnungSverhältnisse von Staats« irbeilern und Beamten, betr. die Umlegung von Grundstücken in Wiesbaden und betr. die Polizeiverwaltung im Regierungsbezirk Dppeln. In zweiter Lesung gelangte das Aussiihrungsgesetz zur Naß- und Gewichtsordnung zur Annahme. Arn Sonnabend beginnt die dritte Beratung des Etats. Um den Nachfolger Roercns ist im Wahlkreise Saarburg-Merzig-Saarlouis ein heftiger Kampf entbrannt. Die in diesem Kreise wohnenden Berg- und Hütten- arbeitcr wenden sich gegen den von der Zentrumsleitung vorgc- schlagenen bürgerlichen Kandidatcnz sie wollen absolut den Berg- mann und Landtagsabgeordnetcn Sauer mann aufgestellt wissen. Eine in Fraulautern stattgehabte Versammlung von Arbeiter- delegierten aus 40 Ortschaften des Wahlkreises, die von dem Sicher- beitsmann Peter Kelckel aus Hülzweiler geleitet wurde, sprach sich tür die Kandidatur Sauermanns aus. Eine dahingehende Rcso- lution wurde gefaßt, in der außerdem der Wunsch ausgesprochen wird, daß in allen Orten zuerst örtliche Parteivcrsammlungen statt- linden, in welchen die Delegierten öffentlich gewählt werden, und „daß der alte Modus, Delegierte zu ernennen, endlich beseitigt wird". Ferner tvird in der Resolution gewünscht, der Delegierten- tag möge erst stattfinden nach erfolgter öffentlicher Wahl der De- legierten, und zwar an einem Sonntag, um der Arbeiterschaft die Möglichkeit zu geben, au dem Delegiertentag teilzunehmen. Auf der Konferenz sprach der christliche Gcwerkschaftssekretär A a tz. der betonte,„daß die große Zahl der Arbeiter in diesem Wahlkreise eine Arbeiterkandidatur verlange und sich nicht mit einer anderen, nur arbeiterfreundlichcn Kandidatur beschwichtigen lassen wolle". Diese anscheinend entschiedene Sprache hat die saarabischc Zentrumsprcsse aufgescheucht. Der Nachfolger Roercns im bomben- sicheren Zentrumswahlkreis ein Arbeitcr I DaS geht entschieden zu weit. Und so holt die„Saarbrücker Volkszeiiung" am 27, April gegen Aatz aus: „Wohin sollen wir denn kommen, wenn alle anderen Stände eine gleiche Sprache führen würden. Unsere Arbeiter haben bisher stets meisterhast Parteidisziplin gewahrt, und sie werden es sicher ebenso bedauern, daß ein Mann, wie Herr Aatz, von dem man in seiner Stellung ein besonderes Maß von Besonnen- beit und Parteitreue erwarten muß, sich zu einer derartigen Aeußerung versteigt. Zu seinen Gunsten wollen wir annehmen, daß er sich nur im Ausdruck vergriffen hat oder daß der Bericht seine Ausführungen falsch wiedergegeben hat. Aber un Interesse der Parteidisziplin haben wir geglaubt, derartige? nicht unge- rügt durchgehen lassen zu dürfen." ES handelt sich bei dem Zentrumsblatt nicht allein darum, Aatz wegen„Disziplinbruch" in die Schranken zu lveisen, sondern der Zweck der Notiz ist zunächst, eine Arbciterkandidatur zu hinter- treiben. Im Saarbrücker und Ottweiler Kreise waren Arbeiter- kandidaturen angebracht, weil alles auf des Messers Schneide stand und die Arbeiter allein ausschlaggebend waren. Im Rocrcnschcn Wahlkreise hingegen ist der Zentrumssicg garantiert. Waruni also eine Arbciterkandidatur! Und wir werden sehen, Aatz und Genossen werden sich noch„überzeugen" lassen, daß für einen solchen Kreis Arbeiterkandidaturen nicht passen. Aber nicht allein darum l)andelt es sich. Im Saarburg-Mcrzig- Saarlouiser Kreiö wird bei Ausstellung deS Kandidaten auch dessen Richtung und Anschauung eine Rolle spielen. Roeren ist zwar der sogenannten Kölner Richtung unterlegen, aber er hat zahllose An- Hänger im Kreise. Hinzu kommt der Einfluß des bischöflichen Stuhles in Trier, der den„Kölnern" nicht gewogen ist. Also geht der Kampf nicht allein um die Frage, ob Arbeitcr- oder bürgerliche Kandidatur, sondern der Streit dreht sich auch um die Richtungen in der Zentrumspartci. Hie Bachem, hie Roeren! Man kann deshalb gespannt sein, ob in diesem Streit um die Kandidatur die Roeren-Ritter-Gruppe oder die Köln-Münchcn-Gladbachcr Richtung den Sieg davontragen wird. Bachem 1897 und Spahn 1912. Der Sündenfall des Zentrums auf dem Gebiete des Milc- tariSmus geschah mit dem Jahre 1838, als eS die damalige Flotten- Vorlage bewilligte. Bis dahin hatte es sich den Militär- und Marineforderungen gegenüber durchweg ablehnend verhalten, wenn sich auch schon 1887 und mehr noch 1333 die Zeichen künftiger Sümesälkderung bemerkbar mackiten. Heute bewilligt das Zentrum für Heer und Flotte alles, was die Regierung haben will, und es spart sich sogar die Mühe, eine kleine Weile scheinbar zu opponieren oder einen geringen Teil abzustreichen, wie eS das früher tat, um seinen Wählern gegenüber sich als die Partei der unentwegten Wachsamkeit und Sparsamkeit aufspielen zu können. Herr Spahn hat am 22. April in seiner Rede über die neuen Forde» rungen für Heer und Flotte die Regierung wissen lassen, daß sie vom Zentrum keinen Widerstand gegen die weitere Rüstung zu Wasser und zu Lande in dem von oben gewünschten Umfange und Tempo zu fürchten brauchte. ES ist bei dieser Gelegenheit von unserer Seite mit genügendem Nachdruck hingewiesen worden auf die Haltung, die dos Zentrum in früheren Zeiten gegenüber den Heeresforderungen eingenommen hat. Es lohnt sich, bezüglich der Flolte einer Rede zu gedenken, die einer der Zentrumsführer vor fünfzehn Jahren gehalten hat und die so recht geeignet ist, den GesiilnungSwandel der Klerikalen auf diesem Gebiete erkennen zu lassen. Im Herbst 1897 machte das Zentrum im Lande seine Wähler mobil, um sich für die nächstjährige Wahl in elnpfehlende Erinnerung zu bringen. Im September deS genannten Jahres trat der Ab- geordnete Karl Bachem vor seine Krefelder Wähler und redete dabei— wie es im Bericht der ZentrumLpresse hieß— über die„im Vordergrunde stehende M a r i n e fr a g e'. Herr Bachem stellte die Frage: Wofür ist denn eigentlich die Flotte da? Zur Küstenverleidigung? N e i n I Zur Sicherung Deutschland« im Herzen Europas? Nein! Zum Schutz und zur Förderung des Handels? Nein! Und dann weiter: Wozu soll den» nun eine Flott« ersten Ranges nötig seiv? Man sagt: um Weltpolitik zu treiben! Ja, was ist denn das? Darunter versteht man vielleicht eine Art Abenteuerpolitik, djie überall die Hand im Spiele haben will, ohne s e l b st zu wissen, was sie eigentlich soll. Wir wollen ein« Flotte, die innerhalb der naturgemäß gezogenen Grenzen der Grundsätze von Recht und Billigkeit überall zur Geltung bringen kann. Daß unsere bestehende Flotte das vermag, das hat sich in der Orientpolitik glänzend erwiesen. Deutschland hat darin an- erkannte moralische und tatsächliche Erfolge errungen. Mehr wünschen wir auch aus die Dauer nicht, und damit die gesunde Entwickelung unserer Marine nicht ins Ungesunde umschlage, dafür wollen wir mit aller Kraft sorgen. Herr Bachem wies auf die Notwendigkeit besonderer Vorsicht gegenüber der Rarine mit umso größerem Nachdruck hin. als auch die Ausgaben für daS Heer in ständigem WachZtum begriffen feie», und er kam bezüglich der finanziellen Seite zu dein Schlug: Die Lasten sind wahrlich schon hoch genug gespannt, namentlich die indirekten Steuern, die ohne äußerste Not nicht weiter erhöht werden dllrfeiu ES müßten also eventuell direkte Steuern sein. Denn da bezahlen doch ivenigstens die wohlhabenden Klassen, die sich um die Marine ereifern, etwas mehr als der kleine Mann, dem es gar nicht einfällt, für die Marine in Feuer und Flamme zu geraten. Zum Schluß beklagte Herr Bachem das Ueberhandnehmen Materialistischer Gesinnung im öffentlichen Leben; dieser immer- währende Kampf um das nackte materielle Jntereffe schließe die Verständigung aus und dränge das Streben um die Förderung idealer Dinge zurück:„Wer wird schließlich noch von bürgerlicher Freiheit reden, da man doch zur Ber- tretung nratericller Interessen nrit einem Mini- mum von Lolksfreiheit auskommt!" So Herr Bachem im Jahre 1837. Damit vergleiche inan die Rede, wodurch Herr Spahn am 22. April 1912 den HeereL- und Flottenforderungen seinen Segen gab— und man wird den Ge- sinnungswandel des Zentrums in seinen, ganzen Umfange zu er- kennen wiffen. Wieder Hunderte Millionen für die Zwangs- germanisierung! Dem preußischen Abgeordetenhause ist am Freitag ein Gesetzentwurf zur Befestigung des Deutschtums in einigen Landesteilen, das sogenannte Besitzfestigungsgesetz, zugegangen. ös sollen 100 Millionen Mark dafür aufgewendet werden, in den national gefährdeten Teilen der Provinzen Ostpreußen, Ponimern, Schlesien und Schleswig-Holstein Grundbesitz zu erwerben, der nur an Deutsche abgegeben werden soll und der durch ein Wiederkaufsrecht des Staates im Falle des Bcsitzwcchsels deutsch erhalten werden soll. Außerdem soll diese große Summe den Staat in die Lage setzen, sich an gc- meinnützigen Gesellschaften zur Bcleihung deutscher Renten- guter in Staatsanleihen zu beteiligen. Durch königliche Per- Ordnung sollen jene Gebiete der genannten Provinzen be- zeichnet werden, die national gefährdet sind.— In der Be- gia.wuilg dieser Vorlage wird auf das stete Vordrängen des PolentumS, ferner auf die wachsenden Absonderungs- bestrebungen der polnischen Bevölkerung in Oberschlesien und der dänischen Bevölkerung in Nordschlcswig Hingelviesen. Also das Fiasko der preußischen Polen- und Dänenpolitik soll wieder vom Volk mit neuen Lasten bezahlt werden. Nationalslugspende und Heimarbciterinnenelend. ES reimt sich schon zusammen, daS Heimarbeiterinnenelend und die RüstinigSwut des LuftmilitariSniuS, sie wachsen beide auf einem Boden. Das zweifelhafte Verdienst, beide noch näher zueinander in Verbindung gebracht zu haben, gebührt der Leitung einer Zentrumsgewerkschaft. In den Waschzetteln, die an die bürgerliche Presse versandt werden, erschien gestern folgende Notiz: „Dem Grafen Posadowsky ist für die Nationalflugspende von einem Frl. B e h m aus Berlin im Auftrage der organisierten > deutschen Heimarbeiterinnen eine Spende im Betrage von .19 9 Mark mit folgendem Begleitwort zugegangen: Auch arme Frauen denken dran, Deutschland auch in der Luft voran." Ja, wer ist denn dies Fräulein Behm, und wer sind„die orga» nisierte»! deutschen Heimarbeiterinnen"? Frl. Behm ist die Mit- begründerin und jetzige Leiterin des seit zehn Jahren bestehenden christlichen Gewerkvereins deutscher Hei in arbeite r i n n e n. einer dem christlichen Zentralverbande angeschloffencn Organisation I Die in dein Gewerkverein organisierten zirka 9299 Heimarbeite- rinnen sollen demnach 199 M. für die Nationalflugspende gestiftet haben. Die Organisation des Elends, so wurde sie vom christliche» Zentralblatt vor einiger Zeit cinnial genannt, hat also ihre Stunden- lohnpscnnige zusammengescharrt und«gehungert, um 199 M. in die Kasse zu bekommen, es sind vielleicht tausend Stunden Heimarbeile- rnmenfron. Und jetzt kommt der christtichc Vorstand, der überdies bedenklich im rein katholischen Fahrwasser gondelt, und wirst dies Geld, diese Blutgroschen zum' Fenster hinaus für die Nationalflug- spende! Dabei wäre eS ein Irrtum, annehmen zu wollen, daß der Ver- band reichlich mit Geldmitteln gesegnet sei. Wo soll bei Heim- arbeiterinnen auch Geld herkommen? Der M i l i t ä r ä r o p l a n, der mit diesen hundert Mark von Hnngerpfennigen gebaut wird, verdient die Inschrift: Wir gaben die Hungerpfennige der Heimarbeiterinnen, damit noch mehr Elend auf Erden angerichtet werden kann. Gelobt sei Gott in der Höhe l Der christliche Verbandsvorstand. Endlich ein wirksames Mittel gegen die Maul- uno Klanenscuchc. Nach dem Statist! sckcn Jahrbuch dcS Königreichs Bayern wurden im letzten Jahre in Bayern von der Maul- und Klauenseuche be« fallen 697?51 Rinder. 70 709 Schafe. 3927 Ziegen und 218 168 Schweine. Im Deutschen Reiche beträgt der Schaden, den diese Seuche in einem der letzten Jahre anrichtete, ungezählte Millionen. Der !Ze»Iriii>'.Sabgeordiiete Matzinger aus Nicdcrbayern erklärte im Deutschen Reichstage in der Sitzung vom IS. März, daß dein, der ein Mittel gegen die Maul- und Klnileiistnchc findet, oder dci», der deit Seuckenerreger entdeckt, eine Nationaispeilde gebührt. Nun in dieser Helfer gegen die Manl- und Klauenseuche gefunden und zwar ist dies kein geringerer als der heilige Sebastian. Selbstvetständlich ist das Baltt, da» diele für die Landwirtschaft so wichtige Entdeckung machte, ein Zeilirl»iSblatt, und zwar eines aus der schwarzen Oberpfalz, nämlich die„Amberger VoltSzeitnng". Dieses ZentruinSorgaii teilt in seiner Nuntiner vom 25. April mit, daß fromme christliche Arbeiter der Gewehrfabrik Aulberg zm.t 299 jährigen Jttbilätim deS Wiederaufbaues der SebastianSkirche ein bemaltes Kirchenfeiister gestiftet haben. Es heißt in diesem. Artikel unter ailderem:„In der Mitte das Jesuskind mit Hammer und Kreuz, links Maria mit Nocke» und Svindel, rechts St. Joicvh, sein ZimmermaiinSwerkzeiig auf dem Rücken, gerade im Begriff, zl.r Arbeltsstätte zu gehen; die hl. Fa- milie. die bl. Atbelterfamilie zuführen. Hier spricht der Futterneid der anderen Unternehmer mit. Die Stelle aber von den„Führern und Parteimännern* be zweckt nur, unter den Streikenden eine Hetze gegen die Streik- leitung zu entfachen; die Versammlung zeigte aber deutlich, daß sie auf den Trick der Herren nicht hineinfallen werde. Die Behauptung der Unternehmer, es bestehe erst in drei Orten des Reiches die achtstündige Arbeitszeit, trifft auch nicht zu und die Organisation wird den Beweis liesern, daß der Acht- stundentag schon in einer ganzen Reihe von Orten durchgeführt ist. Daß Ersatz für Stuckarbeiten, wie: Holz, Trockenftuck usw., zur Not genommen wird, soll zugegeben werden; damit lasten sich aber die Streikenden auch nicht schrecken, zumal sie wissen, daß die Unternehmer sich dabei selbst ins Fleisch schneiden. Die Herren sagen auch, dos Bedürfnis, 8 Stunden zu arbeiten, sei unter den Berliner Stukkateuren nicht in dem Maße vorhanden, daß sich ein langer Streik verlohne. Nun, die Streikenden haben in den fünf Wochen des Streik» bewiesen, daß ihnen der Achtstundentag wichtig genug ist. Die Herren schreiben von.Streikfanatikern* und von einer„annehmbaren* Grundlage zu einem Tarif. Was heißt für die Unternehmer annehmbar? Die Streikenden wollen verhandeln, aber sie laufen den Unternehmern nicht nach Die Diskussion zeigte, daß die Streikenden mit den Aus- führungen des Referenten vollkommen einverstanden sind und die e i n st i m m i g e Annahme folgender Resolution bestätigte dies auch: „Die heutige, von allen Streikenden besuchte Versammlung erklärt, entgegen dem Flugblatt der Unternehmer, ihr volles Vertrauen zur Streikleitung und betont, daß entgegen dem In halt des Flugblattes, die Stukkateure jederzeit zu Verhandlungen bereit waren und noch sind. Von einer Arbeitszeitverkürzung kann auch trotz deS Flugblattes der Unternehmer nicht abgelassen werden" Deutscher Holzarbeiterverband. Bei der Wahl der Delegierten zum Verbandstage durch die Zahlstelle Berlin wurden 7227 gültige Stimmen abgegeben. Gewählt sind Glocke. Lehmann, Nigbur, Georg Maier, Gülh, Grunow, Maaß, Fritz Otto, Richard Leopold, Thielemann, Felix Leopold, Fendel, Schreiber, Klingner, König, Max Meyer, Franz. Michaltseck, Kirsch, Lockhoff, Märten, Windmüller, Hacker, Meersbach, Palm. Langhammer, Holzhüter, Westphal. Der Streik der Sattler im Deutschen Offizierverein zieht bereits weitere Krxiie. Da es der Firma nicht gelingen will,„Arbeits- willige* zu bekommen, so sucht sie ihre Arbeiten anderweitig unter- zubringen. Beispielsweise wurde dem Saillermeister Karl T e s ch, Chaussee st raße 130, die Anfertigung eines Postens Vorder- zeuge und Zivilzäume übertragen. Die dort beschäftigten Kollegen verweigerten die Fertigstellung dieser Arbeit. Herr Tesch glaubte aber auf seinen Kopf bestehen zu müssen, weshalb auch dort die Kollegen die Arbeit niederlegten. Beide Betriebe sind für Sattler gesperrt. Die Ortsverwaltung Berlin des Verbandes der Sattler und Portefeuiller. Der Streik des Hilfspersonals bei Kempinski dauert fort. Die Firma ist bemüht, Arbeitswillige in genügender Zahl herbeizuschaffen. Neben den christlichen Herbergen sind es vor allem die Stellenvermittler, die die Firma hierin unterstützen. Auch oer Gastwirt Z e m t e r, Kommandantenstr. 02, bei dem ein lokaler Kellnerverein seinen Sitz hat, beteiligt sich an der Lieferung von Arbeitswilligen. Trotzdem reichen die Arbeitskräfte keines Wegs aus, weil viele der Ankommenden, sobald sie von der Tatsache des Streiks Kenntnis genommen, die Arbeit wieder einstellen. Die Firma sucht sich dadurch zu helfen, daß sie unorganisierte Kellerei arbeiter, Arbeitsfrauen usw. beschäftigt. Auch bei diesem Konflikt zeigt es sich von neuem, daß die Unternehmer den Arbeitswilligen in generösester Weise das bewilligen, was sie ihren alten Arbeits- kräften ablehnten. Die neueingestellten Arbeitskräfte haben sofort 00 M. Lohn seinen solchen hatten die Streikenden gefordert) zu gebilligt erhalten, außeroem das Versprechen, daß bald weitere Lohnzulagcn erfolgen sollen. Ferner hat das ganze Personal am ersten Tage deS Streiks für besondere Leistungen je 3 M. erhalten, also eine Prämie für Arbeitswilligkeit.— Die Streikenden sind guten Muts, sie wissen, daß die von ihnen geleistete Arbeit an den Geschirrabwaschmaschinen nicht so leicht von jedermann ausgeübt werden kann. Deutfebes Reich, Ter Streik der Rheinschiffer gewinnt immer mehr an Ausdehnung. Die Schleppzüge liege» überall am ganzen Rhein still. Die großen Syndikatssirmen ver- suchen ihren Betrieb teilweise dadurch aufrechtzuerhalten, daß sie Kapitäne, Schiffer und erste Maschinisten auf einzelne Fahrzeuge legen. Dies kann aber auf den Streik selbst keinen Einfluß aus- üben. DaS Waffer fällt ständig, so daß hieraus den Reedern große Kalamitäten entstehen. Mit kleineren Firmen sind schon sechs Tarife abgeschlossen. Der Kampf wird unverändert gegen die großen Firmen fortgesetzt. DaS gesamte Personal ist in die Heimat ab- gereist. An den Streikorten befinden sich nur soviel Streikende, als zur Bewachung notwendig sind. Die Streikenden rechnen mit einer langen Dauer deS Streiks. Streikbrecher sind in der Rheinschiffahrt nicht zu gebrauchen, da sie für die Reeder nur eine Gefahr bilden würden; in der Rheinschiffahrt ist nur geschultes Personal zu ge- brauchen. In Ruhrort wurden die Vorsitzenden deS holländischen Schiffer- bundeS Kerkhoff und van Hoff, die hier weilten, um über den An« schluß der holländischen Schiffer an den Rheinschifferstreik zu ver- handeln, in der Nacht von der Polizei festgenommen und als lästige Ausländer ausgewiesen. Ter Staud der Lohnbewegung im Hamburger Hafen. Die Verhandlungen mit den Unternehmern gehen, nachdem der Vertrag für die Schauerleute zwischen dem Hafenbetriebsverein und dem Transportarbeiterverband auch formell festgelegt ist, nur langsam vorwärts. Beendet ist inzwischen nur die Lohnbewegung der Kutscher. Zwischen dem„Verband der Arbeitgeber in den Transport«, Handels- und VerkchrSgewerben* und dem Transport- arbeiterverband wurden nach langen Beratungen Vereinbarungen getroffen, die nunmehr durch beiderseitige Anerkennung als Tarif- vertrag in Kraft getreten sind. Es«st dadurch für die Blockwagen« kutscher die Fondauer der bisherigen Abmachungen unter Erhöhung des Wochenlohnes' um 1 M. für das erste Jahr erzielt worden. Der Ablauf des Vertrages ist für den gleichen Termin vorgesehen, an dem der Tarif für die am Baugewerbe beteiligten Firmen abläuft. Für die Roll-, Speditions- und Möbelkutscher gilt der Tarif für zwei Jahre(bis 30. April 1914) und enthält folgende Ver- besterungen: Sofonige Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde, uneingeschränkte zweieinhalbstündige Pausen, darunter anderthalb Stunden Mittagspausen, während bisher nur zwei Stunden Pausen üblich waren, Erhöhung des Wochenlohnes um je eine Mark für jedes Vertragsjahr, Herabsetzung der Wartezeit mit geringerem Lohn für Anfänger, von sechs aus drei Monate. Er- höhung deS TageloHneS für Aushilfen bis zu drei Tage» um ö0 Pf., bei Aushilfen über drei Tage Zahlung nach dem tariflichen Lohn, Bezahlung der sogenannten neutralen halben Stunde, die am Schluß der regulären Arbeitszeit unentgeltlich gearbeitet werden mutz; in allen Fällen, wo sich Ueberstunden über diese Zeit ausdehnen, tritt Erhöhung der Vergütung für Sonn- und Feienagsarbeit von 75 Pf. pro Stunde auf 1 M. ein. Neu sind die Bestimmungen über die Gewährung von Ferien. Es erhalten künftig alle Arbeiter nach Friedensverhandlungen in Mexiko. Washington, 3. Mai. �W. T. B.) Wie aus Mexiko gemeldet wird, hat der mexikanische Kongreß, der augenscheinlich des andauernde» Revolutionszustandes müde ist, eine Friedens, kom Mission eingesetzt, die direkt mit den Aufständischen unter- ___________ handeln soll._________ verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantv.; xh. Glocke, Berlin, Druck u. Perlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt PaülSingcr � Co., Berlin 5VV. Hierzu 4 Beilagen«.UnterhaltungSbl. mindestens einjähriger Tätigkeit im Betriebe drei«rbettStage Ferie» unter Fortzahlung des Lohnes. Für die Einführung der Ferien- bestimmung gilt der 1. Mai 1012 rückwirkend. Ferien fallen in die Zeit vom 1. Mai bis 30. September. Ferner hat künsttg der Kutscher jeden dritten Sonntag gänzlich frei, was bisher nicht der Fall war.... Die bereits bestehende Schlichtungskomnnsflon muß künftig drei Tage nach Eingang einer Beschwerde zu einer Sitzung zusammen- treten. Die jetzt bestehenden, ohne Zustimmung der Gruppe ab- geschlossenen Verträge, z. B. mit der Transport-Akttengesellichaft, müssen bis zum Ablauf des Vertrages mit dem vorgenannten Arbett- geberverband prolongiert werden. Mit einigen ouherhalo deS Arbeitgeberverbandes stehenden kleineren Firmen wird noch ver» handelt. Für die eigentlichen Hafenbetriebe ist einstweilen nur der Vertrag für die Ewersührer soweit gediehen, daß in der nächsten Woche die Arbeiter zu dem Augebot der Unternehmer Stellung nehmen können. Endlich ist noch in Harburg, wo der Hafenbetriebsverein die Sache der Unternehmer führt, am Donnerstag mit den Verhandlungen be» gönnen worden; für die Arbeiter nimmt die Gauleitung deS Verbandes an den Verhandlungen teil. ZZusland. Die norwegische Gewerkschaftsbewegung im Jahre Ivlt. DaS Landessekretariot der Gewerkschaften Norwegen? hat kürzlich seinen Bericht über das Jahr 1911 herausgegeben. Das Jahr war reicher an Lohnbewegungen als alle vorhergegangen Jahre. ES haben 201 Lohnbewegungen stattgefunden, an denen zusammen 50 100 Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt waren, und für Streik- Unterstützung wurden 1003 329 Kronen ausgegeben, wogegen das Jahr 1910 nur 110 Lohnbewegungen mit 10 429 Beteiligten aufwies, und die Unterstützungssumme nur 239 470 Kronen betrug. Von den 201 Lohnbewegungen des verflossenen Jahres verliefen löl ohne Arbeits» einstellung, und bei den übrigen kam es in 38 Fällen zum Streik, in 12 Fällen zur Aussperrung. Durch die Bewegungen erzielten 25904 Ar- beiier und Arbeiterinnen Lohnerhöhungen, die pro Jahr die Summe von 2 007 902 Kronen, oder für den einzelnen Arbeiter im Durchschnitt 30 Kronen ausmachen. Ferner wurde für 19 795 Arbeiter eine Ar- beitszeitverkürzung erzielt, die im Durchschnitt pro Woche 1,70 Stunden beträgt. Außerdem wurden neben anderen Vorteilen auch Ferien festgelegt, und zwar in 14 Tarifverträgen für 1350 Arbeiter, und diese Ferien betragen im Durchschuttt pro Jahr 5,38 Tage oder im ganzen 7204 Tage. Am Schlüsse des Jahres waren in den ver- fchiedenen Berufen im ganzen 590 Tarife abgeschlossen für 01 454 Arbeiter und Arbeiterinnen. Die der Landesorganisation der Gewerkschaften angeschlossenen Verbände batien am Jahresschluß 53 533 Mitglieder, was gegenüber dem vorhergegangenen Jahre einen Zuwachs von 7175 Mitgliedern bedeutet. An Arbeitslosenunterstützung zahlten sie 122 130 Kronen aus, an Krankenunterstützung 271407 Kronen, an Jnvalidenunter» stützung 10 878 Kronen, an anderen Unterstützungen 38 738 Krone», und die Streikunterstützung erforderte über eine Million Kronen. ver Slichtvahlßamps in lieußölln. Heiß wurde am gestrigen Tage gestritten. Von den Gegnern wurde die äußerste Energie entfaltet, um dte be- drohten Mandate zu retten. Viel kam auf die Haltung der Demokraten an; soweit wir im gegenwärtigen Moment über- sehen können, ist ein großer Teil der Demokraten mit der Reaktion gegangen. Dadurch war es leider nicht möglich, die Gegner zu Wersen. Tie Demokratie hat den Sieg der Re- aktion auf dem Gewissen. Das Resultat ist folgendes: 2. Bezirk: Sozialdemokrat 454 Stimmen, Gegner 503 Stimmen..,... Ä Gewählt sind die kommunalfortschrtttlichen Kandtdaten Kobermann und Klebe. Bei der Hauptwahl wurden abgegeben: Sozialdemokrat 386. Demokrat 38, Kommunalfortschrittler 318 und Altbürger. sicher 104 Stimmen. m 3. Bezirk: Sozialdemokrat 436 Stimmen, Gegner 436 Stimmen. Durch da« Los wurde unser Genosse Maurermeister Wilhelm Schuch gewählt. Bei der Hauptwahl wurden abgegeben für die Sozial- demokratie 367, Demokratie 20, Konimuncüfortschrittler 147, Altbürgerliche 252 Stimmen. 6. Bezirk: Sozialdemokrat 530/527, Gegner 534/532 Ssimmen. Gewählt wurden die fortschrittlichen Kandidaten Dr. Borchardt und H e u n i g s. Bei der Hauptwahl wurden abgegeben für die Sozial- demokratie 466, Demokraten 66, Kommunalfortschrittler 231, Altbürgerliche 197 Stimmen. Somit hat die Sozialdcmokratte nur ein Mandat ge- Wonnen. Sie verfügt jetzt über 31 Mandate von 72 Stadt- verordneten. LrCtztc l�achmbtcn. Der Untergang der„Titanic" vor der englischen Kommission. London, 3. Mai.(W. T. B.) Die Verhandlungen der Kom. Mission zur Untersuchung des„Titanie"-Unglücks wurden heute durch den Vertreter des HandelSamtes, Sir R usus Isaaks, im Namen der Regierung eröffnet. In seiner Darstellung oeS Tatbestandes führt« Isaaks aus. die„Titanic* sei vom Beginn der Reise an mit 21 Knoten Geschwindigkeit gelerufen. und soweit sich feststellen lasse, sei diese Geschwindigkeit bis zum Augenblick des Zusammenstoßes nicht verringert iporden. Er stellte fest, daß sowohl von der„Carpathia* wie von der„Baltie" Eiswar» n u n g e n gegeben worden seien. Sodann gab Isaaks einen Ver» gleich der geretteten Passagiere nach den einzelnen Schiftsklasscn und nach Geschlechtern, und sagte, es werde zweifellos die Auf- merksamkeit des Gerichtshofes erregen, daß 53 Proz. Passagiere von der ersten, 42 Proz. von der zweiten und nur 25 Proz. von der dritten Klasse gerettet worden seien. Eine weitere auffallende Er- scheinung sei es. daß von den weiblichen Passagieren der ersten Klasse alle gerettet worden seien außer fünf, die, wie man an- nehme, ihre Gatten nicht hätten verlassen wollen. Ferner sei es auffallend, daß nur 125 männliche Passagiere gerettet worden seien. Die Untersuchung werde sich insbesondere auch auf die u n z u- reichende Zahl von Rettungsbooten und die Kon- struktion der wasserdichten Abteilungen erstrecken. Der erste Zeuge, der Ausguckmann I e w e 1 1, gab an, daß er sich bis 10 Uhr abends im Ausguck befunden habe, daß die Ausguck- leute nicht mit Gläsern verschen gewesen seien, und daß dix Stewards und die Heizer nicht darauf eingeübt waren, die Boote herabzulassen. Nach seiner Meinung seien auch in den Booten weder Lichter noch Kompasse, noch Lebensmittel gewesen. Ein Matrose bezeugte, daß Oie Passagiere sich in wilder Hast auf die Boote stürzten. Er habe sie mit einer Ruderpinne ab» a e w e h r t. und der erste und noch ein anderer Offizier hätten Schreckschüsse aus ihren Revolvern abgefeuert. Nr. 103. 29. Zahrgavg. t ffilije des Joraiärte" Krim UcksM Sounabevd, L Mai 1912. Reichstag 54. Sitzung. Freitag, den S. Mai 1912, nachmittags 1 Uhr. Hm BundeZratstisch: Dr. Delbrück. Huf der Tagesordnung stehen zunächst die Anträge der Ge- schäftSordnungskommisston auf Aenderung der Geschäftsordnung. Staatssekretär Dr. Delbrück: Ich habe im Namen der Verbün- beten Regierung folgende Erklärung abzugeben: Nach Art. 27 der Reichsverfassung hat der Reichstag seine Geschäftsordnung allein zu regeln. Dementsprechend verzichten die Verbündeten Regierungen darauf, an Ihren Verhandlungen t e i l z usn e h m e n. Ich halte es aber für notwendig ausdrücklich festzustellen, daß die Geschäftsordnung einseitiges Recht nur für den Reichskag und seine Mitglieder schafft, daß daher die von Ihnen zu deschließenden Ab- änderungen der Geschäftsordnung weder eine Erweiterung der verfassungsmäßigen Rechte des Reichstags, noch eine Beschränkung der verfassungsmäßigen Rechte des Kaisers, der Verbündeten Re- gierungcn und des Reichskanzlers herbeiführen(Bravo! rechts) und deswegen auch irgendwelche staatsrechtlichen Konsequenzen für die Stellung des Reichskanzlers gegenüber dem Reichstag nicht baben können.(Unruhe links.) Unter dieser ausdrücklichen VerwahrunD�erkläre ich aber, daß der Herr Reichskanzler Ihren Wünschen auf eine weitere AuS« gestaltung Ihrer Geschäftsordnung insoweit entgegen« zukommen bereit ist, als er unter Wahrung des Rechts der Ablehnung im einzelnen Falle die in Aussicht genommenen kurzen Anfragen nach Möglichkeit beantworten oder durch seine Stellvertreter und Kommissare beantworten lassen will, insofern der Gegenstand zur verfassungsmäßigen Kompetenz des Reiches gehört und nicht ein schwebendes Gerichts«, Verwaltungs« oder Disziplinar- verfahren betrifft.(Lebhaftes Bravo I rechts, Unruhe links, Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sehr gnädig I) Zur Debatte gestellt wird zunächst der Abschnitt über die so- genannten kurzen Anfragen. Nach den Anträgen der Kommission lautet§ 31a: Die Mit- pkieder des Reichstages können Anfragen an den Reichskanzler stellen. Die Anfragen sind schriftlich einzureichen; sie müssen sich auf die Bezeichnung der Tatsachen, über welche Auskunft ge- wünscht wird, beschränken. Hierzu beantragen die Konservativen und die Reichs- Partei hinter.Anfragen" einzuschalten:.Welche Tatsachen von allgemeiner Bedeutung aus dem Gebiete der inneren oder aifs- wärtigen Politik des Reiches zum Gegenstand haben". Ferner hinter „stellen" anzufügen:.Aufragen, die ein schwebendes Gerichts-, Ver- waltungs« oder Disziplinarverfahren betreffen, sind unzulässig". Und schließlich noch anzufügen:.Anfragen, die gegen diese Grund« sätze verstoßen, hat der Präsident zurückzuweisen, seine Ent- scheidung ist endgültig". Z 31d lautet nach dem Antrag der Kommission: In den Sitzungen am Dienstag und Freitag jeder Woche darf je die erste Stunde auf die Anfragen verwendet werden. Die Fragesteller werden in der Reihenfolge des Verzeichnisses aufgerufen und verlesen die Anfrage. Der Aufruf unterbleibt, wenn die Au- frage einem Gegenstand der Tagesordnung vorgreift. Eine Be- sprcchung der Antwort deS Reichskanzlers und Anträge zur Sache sind unzulässig. Zur Ergänzung oder Berichtigung der Anfrage kann der Fragesteller, und falls mehrere Mitglieder gemeinsam eine Anfrage gestellt baben. ihr Wortführer das Wort verlangen. Ein Antrag A l b r e ch t will die Worte.der Fragesteller, und falls mehrere Mitglieder gemeinsam eine Anfrage gestellt haben, ihr Wortführer" ersetzen durch die Worte„jedes Mitglied des HauseS". Ein Antrag der Konservativen und der Reichspartei will diesen letzten Satz des Kommissionsantrages streichen. § gla lautet nach dem Antrage der Kommission:.Der �rage- steller kann jederzeit erklären, daß er sich mit einer schriftlichen Antwort begnüge." Berichterstatter Abg. Gröber(Z.) betont gegenüber der Erklärung des Staatssekretärs: Wenn behauptet worden ist, daß durch die An- I�ekring, Mendel und Clnfug» Genosse Heinz Sperber schreibt unS: Da ich verreist war und bei meiner Rückkehr so viel zp lesen vorfand, daß mir davor graute, bekam ich die„Neue Zeit" und die Polemik im„Vorwärts" vom 25. April unter dem Titel:„Die Aesthetik der schlvieligen Faust" erst jetzt zu sehen. Obschon ich ein Feind solcher polemischen Angriffe bin, meine ich mich doch ernstlich gegen eine schon vom Genossen Döscher mit Recht gerügte Behauptung des Genossen F. Mehring auflehnen zu müssen. Mehring schreibt in der„Neuen Zeit": „In dem Feuilleton des„Vorwärts" ist kürzlich eine eifrige Propaganda für eine Aesthetik der schwieligen Faust gemacht worden; was den Arbeitermassen nicht gefiele, hätte keinen ästhe- tischen Wert." Nach Lektüre dieser Zeilen habe ich Genossen Mehring schrift- lich um Aufklärung ersucht, wann und wo ich den tatsäch« lichen Unfug behauptet haben soll:„was den Ar- beitermassen nicht gefiele, habe keimen ästhe- tischen Wert". Genosse Mehring weigerte sich. Antwort darauf zu erteilen. Ich muß ihn also in der Oeffentlichkeit der Verbreitung grober Unwahrheiten bezichtigen. Nie und nimmer habe ich irgendwo einen derartigen Blödsinn veröffentlicht. Die Leser werden sich vielleicht entsinnen, daß ich im November lOlO, also vor anderthalb Jahren, die Meinung vertrat, daß der bürgerliche Humorist, sobald er Proletarier„humoristisch" be- handelt, in der Interessensphäre seiner Klasse stecken bleibt� und daß sein Humor deshalb auf den erwachten Proletarier abstoßend ein- wirkt. Genosse Ströbel war darin nicht mit mir einig und äußerte die Ansicht, daß der„Dichter" über den Klassen stehe. Ge- nasse Mehring war und ist mit Genossen Ströbel nach dieser Rich- tung hin rührend einverstanden. Mehring bekannte sich zu Ströbel — Genossen mit nicht zu unterschätzendem kritischen Urteil, wie Maxim Gorki, Henriette Roland-Holst u. a. traten meiner Ansicht vollkommen bei. Damit war— sollte man meinen— diese gewaltige Angelegenheit aus dem Jahre 1910 erledigt! Aber nicht für Mehring. Auf un- faire Weise gräbt er meinen„Unfug": den Arbeiter-Lesern dieses Blattes den Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Kunst klarmachen zu wollen, maulwurfartig auf und serviert ihn mit der aus den Fingern gesogenen Behauptung, daß ich die oben angeführte Torheit publiziert hätte. Diese Methode Mehrings gemahnt an gallige Kasuistik Mnd... macht vorzügliche Schule. In der„Frankfurter VolkSstimmv" nimmt Reichstagsabgeordnetcr Ge- nosse Karl Max Ludwig Hermann Wendel eine Mandel faule Eier in beide Hände, um sie mir, durch das Mehringsche Vorbild aufgestachelt, an den harten Schädel zu werfen. Ich möchte dem Genossen Wendel, von dem auf literarischem Gebiet bisher� nur bekannt ist, daß er als Mitglied, der„freien Landsmannschaft Eheruscia" an der Münchener Universität von 1902—1904 Gott träge der Kommission eine Verschiebung der Machtver- Hältnisse zwischen Reichstag und Verbündeten Regierungen be- absichtigt sei oder tatsächlich bewirkt werde, so sind das P h a n- t a s i e n, die eine Grundlage in unseren Anträgen nicht finden. Es kann gar keine Rede davon sein, daß wir auf einem Umweg eine materielle Aenderung der Reichsverfassung herbeizuführen beab- sichtigten. Abg. Lcdcbour(Soz.): Die Mitteilungen, die uns der Vertreter des Herrn Reichs- kanzlerS machte, waren entweder überflüssig oder nicht berechtigt. Ueberflüssig insofern, als eine Verwahrung dagegen, daß der Reichstag beabsichtige, durch die Ausgestaltung des Jnter- pellationsrechts eine Machterweiterung vorzunehmen, deshalb voll- kommen gegenstandslos ist, weil in den sehr ausführlichen Ver- Handlungen in der Kommission von allen Seiten ausdrücklich fest« gestellt worden ist, daß niemand etwas derartiges beabsichtige. Für meine Partei kann ich auch erklären, daß, wenn wir es auf Grund der politischen EntWickelung unseres Vaterlandes für notwendig halten, die Machtbefugnisse des Parlaments zu erweitern, wir den direktenWeg des Antrages auf Verfassungsänderung dazu beschreiten, wie wir das auch bereits getan haben, nicht aber auf Umwegen eine solche Macht« erweiterung zu erreichen suchen. Daß Anfragen vom Reichstag an die ReichSregiernng gestellt werden, ist ja an sich nichts Neues. Die Neuerung liegt nur darin, daß hier bestimmte neue Formen des Fragerechts vorgesehen sind. Wir haben nun beantragt, daß nicht nur der Antragsteller, sondern jedes Mitglied des Hauses berechtigt sein soll, Ergänzung s- fragen zu stellen. Wir stützen uns dabei auf die Erfahrungen, die man in England, wo das Fragerecht deS Parlaments die größte Ausdehnung gesunden hat, damit gemacht hat. Natürlich muß sich die Ergänzungsfrage in dem Rahmen der ursprünglichen Anfrage halten. Die Fassung der Kommission führt zu dem Resultat, daß für eine bestimmte Frage an cineni Tage einer bestimmten Partei ein Fragemonopol gegeben wird. Erstens widerspricht es der Grundidee deS Frage- rechts, eS in dieser Weise zu beschränken, und dann würde auch mit der Einschränkung nicht das Ziel, ein Ueberwuchern der Frage zu verhindern, erreicht werden. Man kann dem Fragesteller, wohl daS Fragemonopol, aber nicht das Monopol der absoluten Einsicht geben, daß er sofort den richtigen Gesichtspunkt herausfindet, von dem aus eine Ergänzung der Anfrage notwendig ist, und es kann sehr leicht vorkommen, daß bei einer Anfrage von unserer Seite nach der Antwort der Regierung ein Mitglied der Rechten zuerst darauf kommt, daß hier eine Ergänzungsfrage dringend notwendig ist, und dann haben die Herren sich selbst den Mund ver« bunden. Es liegt also hier ein allgemeines Interesse des ganzen Reichstages vor. Die Folge der Fassung der Kommission wird sein, daß dieselbe Frage von den verschiedensten Parteien ge« stellt wird, damit jede Partei das Recht der Ergänzungsfrage hat. Es kommt dann zu einem ähnlichen Konkurrenzwett- laufen, wie wir es bei den Etatsresolutionen wiederholt erlebt haben. Was die Anträge der Konservativen betrifft, so bedeuten sie alle eine Einschränkung des Fragerechts. Wenn diese Anträge angenommen werden, wird das Fragerecht ein Messer ohne Klinge, dem daS Heft fehlt.(Sehr wahr l bei den Sozialdemo- kraten.) Schließlich möchte ich betonen, daß die Anfragen schon deshalb notwendig sind, weil es dadurch im Gehlebe der auswärtigen Politik, der Wcllpolitik die Stimme Deutschlands, die Auffassung deS deutschen Volks und der Regierung rascher zur Geltung kommen kann. Heute ist London gewissermaßen der koous(Herd) der Weltpolitik. Alle Informationen über die wichtigsten Fragen der Weltpolitik müssen wir heute aus dem englischen Parlament entnehmen. Durch die Neuerung, die wir jetzt schaffen, wird Berlin gleichberechtigt mit London. Es liegt daher im Interesse deS Ansehens Deutschlands in der Welt, wenn die Kommissionsbeschlüsse mit unserem Antrag angenommen werden. (Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg, Kreth(k.): Gewiß mag niemand in der Kommission die Absicht gehabt haben, in der formlosen Weise der Einführung der kurzen Anfragen die Macht des Reichstages zu erweitern. Aber«ine Folge der Aenderungen der Geschäftsordnung könnte eS doch sein. ES soll jetzt verlangt werden, daß der Reichskanzler oder sein Ver- tretcr am zweiten Tage der Woche hier erscheinen und außerhalb der Tagesordnung Rede und Antwort stehen. Das bedeutet eine erhebliche Belastung des Reichskanzlers.(Wider und Welt einschüchternde Philosophie getrieben hat(siehe Kürschners Reichstagshandbuch), den Rat erteilen, seine stolze Devise: „... lieber mit Mehring irren, statt mit Sperber recht haben", nicht als unantastbares sozialistisches Moralprinzip zu propagieren. Weil nach meiner bescheidenen Meinung jeder gute Sozialdemokrat die Pflicht hat, Irrtümer, wo er sie findet, und selbst solche Meh- ringscher Natur, aufzudecken. Es ist der Unfug des Genossen Mehring und seines cheruscischen Jüngers Wendel, bei Meinungsverschiedenheiten, noch nach ändert- halb Jahren, die Sache, um die es sich handelt, aus dem Auge zu verlieren, um einen loyalen, äußerst korrekten Personenstreit zu entfachen, der höchst sympathisch an bürgerliche Dispute erinnert. _ Heinz Sperber. Sceminen. Die schreckliche Katastrophe, der im Hafen von Snchrna der türkische Dampfer„Texas" mit mehr als 175 seiner Passagiere zum Opfer gefallen ist, ereignete sich zwar infolge einer geradezu verbrecherischen Unvorsichtigkeit des unter amerikanischer Flagge segelnden Pilgerschiffes; sie zeigt jedoch auch, wie außer- ordentlich die ganze Handelsfchiffahrt durch das Auslegen von Minen im Seekriege gefährdet ist. Denn die Führung durch Lotsen gewährt keineswegs Sicherheit vor den schwimmenden Riesensprengkapseln; die Strömung des Meeres treibt die Minen unter Wasser weiter, reißt sie sogar aus ihrer Verankerung, soweit eine solche überhaupt erfolgt ist, und führt sie unter Umständen im Laufe der Zeit Hunderte und Tausende von Meilen weit in Ge- Wässer, die mit dem Schauplatz des Seekrieges gar nichts zu tun haben. Die Seeminen, fanden ihre erste Anwendung vor fünfzig Jahren im amerikanischen Sezessionskriege. Auch im russisch-türki- schen Kriege hat man sich ihrer bedient; ihre ganze Schrecklichkeit offenbarte diese unheimliche Waffe jedoch während des russisch- japanischen Krieges in den ostasiatischen Gewässern. Neben verschiedenen kleineren russischen Fahrzeugen fielen den Minen zwei gewaltige Panzerfchiffe zum Opfer: das russische Flaggschiff „Petro Pawlowsk". mit dem 750 Mann, an ihrer Spitze der Admiral Makarow, in die Luft flogen. Auch der berühmte russische Schlachtenmaler Wereschtschagin fand, wie erinnerlich, bei jenem Unglück den Tod. Nicht viel später stieß das japanische Linien- schiff„Hatsuse" mit etwa 450 Mann Besatzung auf eine Mine und ging unter. Seither sind derartige Katastrophen bis zu der jetzt im Hafen von Smyrna erfolgten nicht wieder vorgekommen; ver- hältnismäßig günstig mag dabei auch der Umstand gewirkt haben, daß der Sck>auplntz des russisch-japanischen Krieges sich in wenig befahrenen.Gewässern befand. Was geschehen würde, wenn etwa das westliche Mittelmeer, die Nordsee oder der Kanal mit Minen bestreut würden, ist gar nicht auszudenken. Die Minen stellen eiserne, verschiedenartig geformte Kessel dar. die durch aufgeschraubte Deckel luft- und wasserdicht abge- schloffen sind. Dieser Kessel enthält eine mehr oder minder kom- plizierte Maschinerie, die dazu dient, die Mine bei einer Berüh- runy mij dem Boden eines Schiffes zur Explosion zu hringen. spruch bei den Sozialdemokraten.) Die Erklärung der Verbündeten Regierung zeigt, wie richtig unser Standpunkt- in der Komnnssioii war. und Sie täten gut. alles, was in dieser Erklärung mit Nachdruck hervorgehoben ist, unserem Antrage entsprechend in die Anträge der Kommission aufzunehmen.— Die kurzen Anfragen können in der Tat gut wirken. Wenn man aber auf England exemplifiziert, so soll man auch anführen, daß dort der Sprecher jede Frage zurück- weisen kann, er ist omnipotent(allmächtig). Wollen Sie die>es Recht auch aus den Reichstag übertragen?(Abg. Ledebour fSoz.j: Wenn wir alle anderen Einrichtungen des englischen Parlaments hätten.) England hat nicht unser Wahlrecht, und in England das ganze Volk patriotisch. Bei einem Tausch mit den englischen Einrichtungen würde also die rechte Seite noch ein ganz gutes Geschäft machen(Heiterkeit). Wir fürchten einen Miß- brauch des Rechts der kurzen Anfragen, weil wir nicht das Vertrauen haben, daß jedes Mitglied deS HauseS den nötigen Takt besitzt. Deshalb wollen wir durch unsere Anträge die Grenzen der Ausübung des Rechts der kurzen Anfragen festsetzen. Wird dies abgelehnt, so werden wir gegen das Recht der kurzen Anfragen überhaupt stimmen.(Bravo! rechts.) Abg. List(natl.): Wir werden die Anregungen von lmkS und rechts ablehnen; denn die Kommission hat diese Fragen ein- gehend erörtert und mit ihren Vorschlägen das getroffen, waS den Anregungen und Absichten der nationalliberalen Partei entspricht. Von einer Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen Regierung und Reichstasi kann bei der Einführung der kurzen Anfragen gar keine Rede sein. Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): Auch meine Freunde be- grüßen die Anträge der Geschäftsordnungskominission als eine erfreuliche Erweiterunglunserer Geschäftsordnung. Daß der Reichs- kanzler bei Anfragen über ei» schwebendes Gerichtsverfahren nicht antwortet, halten wir für selbstverständlich. Daß er aber, wie die Erklärung der Regierung besagt, auch bei Fragen über ein Verwaltnngsverfahren nicht antworten will, ist eine bedenkliche Konzession an die Rechte. Gerade wenn durch ein VerwaltungS« verfahren ein Gesetz verletzt wird— denken Sie doch an das Ver- einSgesetz—, sind kurze Anfragen am Platze; werden sie nicht beantwortet, so wird der Reichstag ja geradezu zu dem schweren Geschütz der I n t e rp e ll a ti on gezwungen. Gegen die An- träge von links und rechts werden wir stimmen, so sympathisch uns auch die Anträge von links sind. Doch soll das System der kurzen Anfragen sich bei uus erst einleben und festigen.(Bravo! bei der Volkspartei.) Abg. v. Halem(Rp.): Mir scheint, daß daS Recht der kurzen Anfragen bedeutend überschätzt wird. Zu Informationen und privaten Auskünften find die Vertreter der Verbündeten Re- gierungen stets bereit gewesen. In England führt sich bei den kurzen Anfragen immer mehr das System der Schriftlichkeit ein. Mindestens sollten die kurzen Anfrggen mit den Kautel«» verseheir werden, ivelche die Anträge der konservativen Partei verlangen; sonst müssen wir dagegen stimmen. Abg. Dr. Bell(Z.): Kein einziger der von der Kommission gefaßten Beschlüsse greift irgendwie in die verfassungs- mäßigen Rechte des Kaisers oder der Verbündeten Regierungen ein. Die Verwahrung deS Staatssekretärs war also nicht n ö t i g. Solche Eingriffe können ja auch gar nicht einseitig vom Reichstag beschlossen werden, da sie eine Verfassungsänderung be- deuten würden. Schon jetzt werden oft kurze Anfragen an die Re- gierung gerichtet, nämlich bei der Etatsberatung. Die Form dieser kurzen Anfragen soll nur geändert werden. Im Abgeordneten- Haus hat kein anderer, als der Führer der freikonservativen Partei, Herr v. Zedlitz, diese Einführung der kurzen An« fragen angeregt.(Hört I hört I links.) Die von den K o n s e r« v a t i v e n und von den Sozialdemokraten beantragten Aenderungen werden wir ablehnen. Wir beantragen aber, im§ 31 a einzufügen:„Anfragen, die in ein schwebendes Gerichts-, Verwaltungsgerichts- oder Disziplinar« Verfahren eingreifen, sind unzulässig." Weiter beantragen wir, im 8 31b eine Einfügung, wonach der Fragesteller nur noch zur„einmaligen" Ergänzung oder Berichtigung das Wort erhält. Schon bei der kurzen Zeit, welche auf die kurzen Anfragen verwendet werden soll, empfiehlt es sich, dem Fragesteller nur noch einmal das Wort zu gestatten.(Bravo I im Zentrum.) Abg. Graf v. Westarp o w. der als Pomarel ganz neue Flötentöne hören läß»; Edmund Pa ul s en und R. I. S enius in brillant hingelegten Rollen origineller Käuze. Klara Berger als anbetende gutgläubige Delphine, sowie die ganze Familie„ävs Aubrais" nebst Reinhold Pasch(Leutnant), die so schlagend die wissenschaftlich begründete Vererbungstheorie des gelehrten Herrn Vaters in prmri beweist, Donnerwetter noch einmal! Kapellmeister A. Friede dirigiert die musizierende Schar, die oben auf der Bühne agiert und die Kapelle unten im Orchesterraum, daß aus der Partitur Jean Gilberts nur so die Funken schlagen; während Alwin R e u ß und SeniuS für eine geradezu glänzende Regiekührung zeichnen. Wem diese Susannen-Aufführung nicht das Blut in Wallung bringt, der ist ein saurer Hering— den aber der Knall- psropfengeist dieses feschen Operettenensemble» hoffentlich gar bald in quietschvergnügte Stimmung versetzen wird. o. k. '•. Damit schließt die Debatte. Unter Ablehnung aller Abändern n gSan träge werden§ 31 a, b und c nach den Anträgen der Kommission angenommen. Der zweite Abschnitt handelt von den Interpellationen. § 32 sieht vor, daß Interpellationen von mindestens 3 0 Mit- gliedern unterzeichnet sein müssen, und daß ihnen kurze Er- w ä g u n g s g r ü n d e beigefügt werden können. Diese letzte Bestimmung will ein Antrag von Normann[l. st r e i ch e n und außerdem eine Bestimmung einfügen, wonach Jnter- jzellationen nur Fragen von allgemeiner Bedeutung aus dem Gebiete der inneren oder auswärtigen Politik des Reiches zum Gegenstande haben dürfen, und Interpellationen, die ein schwebendes Gerichts-, VerwaltungS- oder Disziplinarverfahren betreffen, unzulässig find. § 33 soll nach den Kommissionsbeschlüssen lauten: „An die Beantwortung der Interpellation oder die Ablehnung ihrer Beantwortung schließt sich die sofortige Besprechung an, falls mindestens 80 anwesende Mitglieder dies verlangen. Der Ablehnung der Beantwortung der Interpellation steht es gleich, wenn der Reichskanzler eine bestimmte Erklärung, ob er die Interpellation beantworten wolle, nicht abgibt. Falls keiner der Interpellanten widerspricht, darf die Besprechung auch in einer späteren Sitzung er- folgen... Durch Beschluß des Reichstags kann die sofortige Besprechung auch dann zugelassen werden, wenn der Reichskanzler eine bestimmte Erklärnng, wann er die Jnterpelltion beantworten wolle, nicht ab- gibt oder die Frist zur Beantwortmia auf mehr als zwei Wochen vom Tage ihrer Einbringung an bemißt." Ein Antrag A l b r e ch t und Genossen(Soz.) will im ersten Absatz hinter dem Worte„ob" einschalten die Worte.oder wenn sowie hinter„nicht abgibt" die dem Absatz 2 entnommenen Worte oder die Frist" usw. bis„bemißt". Ein Antrag v. N o r m a n n(k.) will im zweiten Absatz die Worte „oder die Frist" bis„bemißt" streichen, event. statt 2 Wochen sagen 4 Wochen, oder, falls auch dies abgelehnt wird, die Frist aus 4 Wochen bemessen, sofern es fich um eine Angelegenheit der auswärtigen Politik handelt. Ferner soll hinzugefügt werden: Wem, der Reichskanzler das Wort vor dem Interpellanten er- greift, um nachzuweisen, daß die Besprechung der Interpellation das Reich schädigen würde, so hat der Reichstag über die Zulassung der Besprechung ohne Beratung zu beschließen. Die Abstimmung ist eine namentliche. § 33a sieht in der Kommissionsfassung vor. daß bei der Be- sprechung einer Interpellation Anträge gestellt werden können, welche die Feststellung verlangen, daß die Behandlung der den Gegenstand der Interpellation bildenden Angelegenheit durch den Reichskanzler der Anschauung des Reichstags entspricht oder daß sie ihr nicht entspricht. Ein Antrag Albrecht(Soz.) verlangt, daß durch die Anträge der Reichstag zum Ausdruck bringen soll, daß er die Antwort des Reichskanzlers billigt oder nicht billigt. Ein Antrag v. Normann(Z.) will den§ 83 s durch die Bestimmung ersetzen: „die Stellung eines Antrages bei der Besprechung einer Interpellation ist unzulässig. Es bleibt ober jedem Mitgliede des Reichstags überlasten, den Gegenstand in Form eines Antrages weiter zu verfolgen." Im Falle der Ablehnung dieses Anträge sollen nur zugelassen werden bei Jnterpellattonen, die ein Gebiet betreffen, für welches der Reichs- kanzler verfassungsmäßig die Verantwortlichkeit trägt, und die Ab- stimmung über solche Anträge soll eine namentliche sein. Z 33b endlich bestimmt, daß die Verhandlungen über Jnter- pellationen aus einen bestimmten öffentlichen Sitzungstag beschränkt werden können, wenn �Interpellationen in zu großer Zahl einlaufen. Die Sozialdemokraten beantragen, diesen Passus zu st r e i ch e n. Abg. Dr. Bell(Z.): Meine Freunde werden für die Kommissions' beschlüsse stimmen. Den Antrag der Sozialdemokraten auf Streichung des 8 33 b lehnen wir ab. Abg. Kreth(kons.): Die Anträge auf Ausgestaltung des Jnter fiellationSrechtS stammen aus der Zeit unmittelbar nach den türmischen Novemberdebatten deS Jahres 1S08. Man glaubte damals— ich will nicht erörtern, durch wessen Schuld— daß die Regierung zu allem bereit sein werde, was man forderte. In fanatischem Eifer stürzten sich damals die Vertreter der unentwegten Demokratie, auf das lebhafteste von den National' liberalen unterstützt, auf die alten Wünsche der Demokratie, daS Patlament auf Kosten der Krone zu stärken. Inzwischen sind nun vier Jahre vergangen und die Welt steht noch(Heiterkeit rechts). DaS beweist, wie„dringlich" diese Aufgabe ist. Wir werden uns nach wie vor gegen jeden Versuch wenden, solchen Verstoß gegen diesen föderativen Charakter deS Reichs sehen wir in der Zulassung von Anträgen. Die Erweiterung deS Jnter- pellationsrechts bedeutet die Verleihung des Rüge rechts an den einen der beiden gleichberechtigten Faktoren gegenüber dem anderen, d. h. eine Machterweiterung des Reichstages. Das hat die sozialdemokratische Presse offen zugestanden. Ein Reichs- kanzler mit nicht ganz robusten Nerven wird eS vorziehen zu gehen, wenn er fortgesetzt schlechte Zensuren wegen Unfähigkeit usw. bekommt. Es ist allein das Recht deS Kaisers, zu be- stimmen, ob ein Reichskanzler bleibt oder geht. Gegen ihn also richtet sich die Kritik, die ihm ziffernmäßig bescheinigt, daß der Mann seines Vertrauens des Vertrauens nicht würdig ist. Mir ist es un- verständlich, daß das Zentrum, daS bis jetzt noch immer auf dem Boden. des föderativen Charakters des Reiches ge- standen hat, hier einen so ganz anderen Stand- p lt ii k t einnimmt.— Dann noch«ne praktische Frage. Der Beschluß des Reichstages wird doch dem Reichskanzler und dem Bundesrat vorgelegt. Angenommen dieser lehnt den Beschluß ab, so wird der Reichstag de» Reichskanzler wiederum über diesen Be- schluß interpellieren und so geht das Ballspiel weiter mit Gracie in mfinitum, es fragt sich nur, wer den Ball zuerst an die Nase kriegt.(Heiterkeit.) Den Vorwurf, daß wir r o h a- l i st i s ch e r wären, als die Regierung, nehmen wir gern auf uns.(Bravo! rechts.) Man wird jetzt wieder viel von„Reaktion" sprechen. Ein österreichischer Staatsmann hat einmal gesagt, die Liberalen aller Länder teilten die Welt in Aktionäre und Reaktionäre.(Heiterkeit. Abg. Dr. David(Soz.): Sie find beides I— Erneute Heiterkeit.) Wenn wir ein Hemmnis sind der rasenden Fahrt, die der Reichswagen jetzt nimmt, um möglichst schnell zum Ab- grund zu sausen, dann wollen wir uns diesen Vorwurf als Reaktionäre gern machen lassen. Wir brauchen eine feste Rc- giernng in dieserZeit, wo dem Reiche von innen und außen Gefahren droben. Darum wollen wir die Autorität, die zur Führung des deutsche» Volkes berufen ist, nicht schmälern lassen, nach unserem Grundsatz: Autorität, nicht Majorität.(Lebhafter Beifall rechts.) die Autorität des. Kaisers zu schwächen und den föderativen Charakter des Reiches zu mildern. Einen Humor und Satire. Maikühle. Oestlich Wehn die Frühlingswinde Und bedauernd konstatiert man: Bleibt der Paletot im Spinde Spät am Abend, dann erftiert man. Dennoch trotz der Maienkühle Will der Jüngling sich beweiben, Muß er sich im Hochgefühle Frostig auch die Hände reiben. Ja. der Drang ist nicht zu halten. Mondscheintrunken läßt der Schwärmer; Freilich, voll wird sich entfalten Die Natur erst, wenn es wärmer. Auch im Reichstag siehst du Spuren Neuer Lenzeskraft erstehen, Mag auch von Ostelbiens Fluren Scharf der Wind herüberwehen. Einig find sich die Parteien, Daß der Zweikampf nicht zu bill'gen, Nur die Rechte will sich weihen Erst dem Schutz der ArbeitSwill'gen. Und in Afrika die Sklaven Will das Zentrum ganz befreit sehn, Wenn in Deutschland erst die braven Jesuiten kampfbereit stehn. Daß der Reichstag nicht noch lleiß'ger Unsre schlimmen Schmerzen lindert. Liegt nur daran, daß ein eis'ger Ostwind die Entfaltung hindert. Trotz der Heil'gen und der Ritter Weiß man. daß sich manches wendet, Wenn des Volkes Zorngewitter Endlich erst Befruchtung spendet. Fridolin. Notizen. — August Strindberg ist Donnerstag abermals operiert woroen. Die Operation ist gut verlaufen. Der Kranke fühlt sich bedeutend besser. Die Aerzte sind aber der Meinung, daß die Besserung nur ein« vorübergehende ist und daß die Tage des Patienten gezählt sind. Trotz seiner großen Schmerzen hat Strind- derg das Interesse für alles, was um ihn vorgeht, bewahrt. — Edwin Bormann, der Bliemchendichter, der die sächsische Mupdartdichtung wenn nicht begründet, so doch fruchtbar beeinflußt hat, ist in L e i p z i g gestorben. Abg. Dr. David(Soz.): Der Vorredner hat alle möglichen Gründe angefiihrt, weshalb die Konservativen im Interesse des Vaterlandes, im Interesse deS Kaisers usw. die Vorschläge der Kommission bekämpfen müßten. Nur den Grund der Gründe hat er uns in seinen langen Aus- führungen nicht gesagt. Dieser eigentliche Beweggrund: weshalb die Herren sich gegen die Absicht stellen, daß der Reichstag das Recht haben soll, im Anschluß an Interpellationen ein klares Urteil über die Haltung der Regierung auszusprechen, ist der: die Herren von der Rechten betrachten die Regierung als ihren Exckutivausschuß.(Lebhafte Zustimmung links.) Wenn in England die Regierung der Exekutivausschuß der Majorität des Parlaments ist, so ist bei uns die Regierung der Exekutivausschuß der konservativen Minderheit und die Herren setzen alles daran, um dies Verhältnis zu erhalten. Der Vorredner meinte, es sei eine Anmaßung, wenn die Volksvertreter sich herausnehmen, ein Mißtrauensvotum gegen den Reichs- kanzler auszusprechen, der doch Vertrauensmann des Kaisers sei. Ach ja, meine Herren, einen solchen Reichskanzler, den darf man gar nicht scheel ansehen, weil er Vertrauensmann des Kaisers ist. Und dieselben Herren sind es. die einen Reichskanzler nach dem anderen über die Klinge haben springen lassen. i Lebhafte Zustimmung links, Händeklatlchen auf den Tnbünen, was Vizepräsident Dove nicht für zulässig erklärt.) Wer hat den Bismarck gestürzt? Er selbst hat eS gewußt und hat es ausgesprochen mündlich und schriftlich. Und aus dem Lager der Konservativen sind auch die Pfeile gekommen, die den Grafen C a p r i v i gestürzt haben. Auch Fürst B ü l o w hat eS den Konservativen schriftlich bestätigt, daß sie sich in frivoler Weise gegen die Interessen des Reiches und der Mon- archie vergangen haben. So dachten die Reichskanzler selbst über die Art, wie die konservative Partei die Unantastbarkeit des Reichskanzlers und des Kaisers in der Praxis handhabt. Auch der jetzige Reichskanzler könnte vielleicht schon einiges sagen über die Art, wie ihm die Herren aus der Rechten das Leben er- schweren. Angesichts all vieler bekannten historischen Tatsachen ist die Argumentasion des Vorredners derartig gewesen, daß es mir schwer fällt, zu glauben, daß er selbst an den Ernst seiner Aus- führungen geglaubt hat. Das Recht, der Regierung seine Meinung zu sagen, hat der Reichstag heute schon durch Annahme von Rc)oluttonen. WaZ hier neu geschaffen wird, ist lediglich, daß solche Anträge aus Zweck- mätzigkeitSgründen auch am Ende der Besprechung einer Jnter- pellation angenommen werden können. Also von einer Erweiterung der Rechte des Parlaments kann keine Rede sei». Man kann doch nicht die Mithilfe der Presse bei der politischen Aufklärung unterschätzen. Wer Zeitungen liest. hat jedenfalls ein besseres Urteil über politische Dinge, als wer sie nicht liest. Freilich gibt es auch Leute, die keine Zeitung lesen, sondern fich Ausschnitte präparieren lassen. Gerads für solche Leute, die die öffentliche Meinung nur zurecht- geschnitten und verfälscht erfahre», ist eS wichtig, die öffentliche Meinung hier in authentislber Weise klar festzustellen. Und das fit am besten durch eine solche JnterpellationS- debatte zu erreichen. Geht sie ohne Beschluß aus, fo liegt die Gefahr vor, daß dem Kaiser auch dann die Meinung des Reichs- tages nur durch Ausschnitte der konservativen Presse und deS„Lokal-Anzeigerö" vor Augen kommt. Gerade im Interesse einer zuverlässigen Information des Reichskanzlers und des Kaisers dürfen wir keinen Zweifel lassen, wie in einem solchen Falle die Volksvertretung denkt. Herr Kreth rühmte die Regie» rung, daß sie sich an das Kochen der Volksseele in den bekannten Rovembertagen nicht gekehrt habe. Nun, auch die Freunde des Herrn Kreth, haben damals scharfe Worte der Kritik an der Regierung bis zur höchsten Spitze hinauf gefunden, und daS kann jetzt nicht wieder weggekratzt werden. Bei den letzten Wahlen hat das Volk den Freunden des Herrn Kreth ja auch einen Denkzettel gegeben. Sie sind zusammengeschmolzen, weil sie glaubten, fich der Entwickelung entgegenstellen zu können. DaS Werlvolle an dieser Debatte ist, daß sie unS die ganze Schwäche der konservativen Partei zeigt(Sehr richtig! links), die ganze Schwäche der kleinen Gruppe, auf die sich die Regierung stützt, und die Regierung sollte sich warnen lassen, sich noch weiter auf diese Gruppe zu stützen und so immer mehr in Gegensatz zur Mehr- heil des deutschen Volkes zu kommen. Das Zentrum hat besser begriffen, um was eS sich handelt. Aber die Konservativen sehen das nicht ein. Wen Gott strafen will, schlägt er mit Blindheit. (Lebhaste Zustimmung links.) Noch ein paar Worte zu unseren Anträgen! Der erste will be- wirken, daß auch dann eine Besprechung der Interpellationen statt- finden muß, wenn die Regierung die Beantwortung ablehnt. Die Streichung deS§ 33 b beantragen wir. weil bei einer JntepellalMi die Gefahr einer Obstruktion nicht vorliegt, dazu eignet sich eine Interpellation ihrer ganzen Technil nach nicht. Für einen solchen Fall, der an wichtige Dinge anknüpft und dann andere Formen an- nimmt, braucht man hier keine Borkehrungen zu treffen. Im§ 33» wünschen wir lediglich einen klareren und deutlicheren Ausdruck. Eine beleidigende Form wählt man in solchen Fällen schon deshalb nicht, um in der Sache eine Mehrheit zu erreichen.(Bravo l bei den Sozialdemokaten.) Abg. Dr. Junck(natl.); Ich spreche dem Abg. Kreth und feinen freunden den Dank dafür aus. daß sie namentliche Abstimmung eautragt haben. Uns wäre eS auch nicht unangenehm, wenn die Rede des Abg. Kreth im Stenogramm verbreitet würde. Man würde dann erkennen, wie die Herren jeden Fortschritt hintanzuhalten suchen, wenn eS fich um den bösen Reichstag handelt. Er stellte die Anträge als Ausfluß der Tätigkeit des Großblock« hin. Bergißt er, daß das Zentrum daran mitgewirkt hat Z(Sehr gut I links.) Die AuSführungm des Abg. Kreth waren— ich sage das ohne Ironie-- tiefgründig(Srofce Herter Icil), tiefgründiger jedenfalls als die eines anderen hochgeschätzten Mitgliedes dieses Hausest Aber neu waren sie nicht. Staatsrechtliche Wirkungen können Jntepellationen nicht haben. fondern mir faktische, und daran ivird durch eine Beschlußfassung nichts geändert. Graf Posadowsky, der sich als Gegner des Parlamentarismus bekannt hat, ist hier doch ein- getreten mit der Absicht, da-S Niveau der Debatten zu heben. Aber seine staatsrechtlichen Ausführungen über die Kompliziertheit unseres Verwaltungsmechanismus erinnere ich mich schon in meinem c r st e n Semester gehört zu haben. Von einer Erweiterung der Rechte des Reichstages kann bei dieser Gelegenheit gar keine Rede sein.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Gröber IZ.): Es ist schon wiederholt borge- kommen, daß über ein schwebendes Strafverfahren hier ver- handelt werden mußte, z. B. 1882 wegen Verhaftung des Abg. Dietz-Stuttgart. Art. 31 der Bersafsung ist gar nicht durchführbar ohne Eingriff in ein schwebendes Strafverfahren. Solche Ausnahmefälle laiien sich auch sonst denken, z. B. wenn die Zeugen bei einer solchen Verhandlung so behandelt werden, daßjne Oeffcntlichkeit davon unterrichtet werden muß.(Sehr richtig/ her bitte ich. es bei den Kommissionsbeschlüssen zu belassen. Abg. v. Laszewski(Pole) erklärt sich für die Konrmissions- beschlüsse. Abg. v. Halem(Rp.): Ich möchte Ihnen einen Ueberblick geben über die Entwickelung des Jnterpellationsrechts.(Unruhe links. Abg. Ledebour: Sie brauchen doch hier nicht Ihr Referendar» ex amen zu machen! Große Heiterkeit.) Die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben überhaupt kein Jnter- pellationsrecht.(Hört! hört! rechts.) Das englische System der Interpellation dient der Information, das fr a n z ö s i sch e der S e n- s ation. Diesem letzteren Zweck sollen anch die neu g e st e II t e n Anträge zum JnterpellationSrecht dienen.(Un» ruhe links.) Der Kaiser ernennt den Reichskanzler, und wenn der Reichstag ihm das Mißtrauen ausdrückt, haben wir einen Konflikt z w i s ch e n K a i s e r u n d R e i ch s t a g. Das kann der ruhigen Entwickelung nicht dienen. Sie verlangen für den Reichstag ein Recht, um den Kaiser, den Bundesrat und den Reichs kanzler durch das kaudiniiche Joch zu zwingen. Dazu können wir unsere Zustimmung nicht geben.(Bravo! rechts.) Mg. Dr. Bell(Z.): Noch einmal möchte ich mit allem Nachdruck erklären, daß es uns nicht einfällt, die verfaffungsmäßigen Rechte der Krone und des Bundesrats antasten zu wollen und durch die Beschlüsse der Kommission geschieht das in keiner Weise.(Beifall im Zentrum.) Abg. Mumm(Wirtsch. Vg.): Ein Mißtrauensvotum würde da? Ansehen unserer Regierung im Jnlande und auch im Auslände herabsetzen, und das wäre sehr bedenklich.— S t ö ck e r hat den Fürsten Bismarck stets als sehr groß in der auswärtigen Politik betrachtet, als groß in der inneren Politik, nicht ganz so in der innersten Politik, gegenüber der Kirche(Heiterkeit), und hat ihn stets in oller Leffentlichkeit bekämpft.(Zuruf links: Scheiterhaufen- briek!) Dieser Brief ist von Trertschke als durchaus loyales politisches Kampfmittel bezeichnet worden. (Große Heiterkeit links.). Abg. Graf v. Westarp(k.): Dr. David sprach gegenüber der Rede meines Freundes Kreth von Obstruktion. Dafür fehlt mir jeder parlamentarische Ausdruck. So etwas von Heuchelei und lleberhebung ist mir noch nicht vorgekommen. (Stürmische Zurufe links.) Präsident Kaempf: Derartige Vorwürfe gegen Mitglieder des Hauses sind parlamentarisch unzulässig. Abg. Graf Westarp(fortfahrend): Bei der Militärvorlage haben Sie stundenlang geredet. Wir haben Sie durch unsere Zurück- Haltung verwöhnt.(Stürmische Heiterkeit links.) Dr. David brachte wieder die Legende der Kanzler stürzerei durch uns vor. Darauf gehe ich nicht ein.(Heiterkeit links.) Ich übe eben auch da wieder Zurückhaltung.(Zuruf bei den Sozial- demokraten: Das böse Gewisien!) Ich verbitte mir einen derartigen Zuruf...-„ Präsident Kaempf: Der Zuruf ist unparlamentarisch, Ich rufe den Herrn, der ihn gemacht, zur Ordnung. Abg. Grat Westarp(fortfahrend): Auch ein Beschluß, Reichskanzler taZ Mißtrauen des Reichstages ausdrückt, �ist nach der> sich aber inzwischen mit der Regientng auf einen agrarischen ' Kompromißantrag geeinigt, und schlägt jetzt mit Konservativen, Nationalliberalen und Polen eine Höchstgrenze von 50 Liter vor. Der sozialdemokratische Antrag aus Erhöhung der Grenze auf 200 Liter wurde nach längerer Debatte gegen die acht Stimmen unserer Vertreter abgelehnt, der Kompromißantrag Dietrich darauf einstimmig angenomme n. Bei z 4 handelt es sich um die Vorzugsstellung kleinerer landwirtschaftlicher Brennereien, die vor dem 1. April 1912 betriebsfähig hergerichtet find. Der Entwurf sah eine Grenze von 10 Hektolitern und einen Abgabensatz von 1,175 M. pro Liter vor. Genosse Wurm vertrat unseren Autrag: Das ein- schränkende Datum zu streichen und die Produktionsgrenze aus 300 Hektoliter festzusetzen mit dem Argument, daß auch die Kon- kurrenz der mittleren Betriebe gegen die großkapitalistisch betriebenen Brennereien gestützt werden müsse. Unser Antrag wurde abgelehnt, während die Gegner nur— in einen, Antrag Herold— das Zugeständnis machten, den Abgabesatz auf 1.13 M. festzusetzen. Eine sehr ausgedehnte Diskussion nahm der§ 5(Vorzugs» st e 1 1 u n g der l a u d w i r t s ch a f t 1 i ch e n B r e n u e r e i e n mit einer Jahreserzeugung von 10— 300 Hektolitern) in Anspruch. Ein Antrag Herold(Z.) verlangte eine Staffelung der Brennereien, ein sozialdemokratischer die Aufhebung der— ebenso wie bei§ 4— einschränkenden Zeitbestünmung. Ter Fortschrittler Schweickhardt machte darauf ausinerkfam, daß die neue Be» stimmung gegen das Reservatrecht der süddeutschen Staaten ver» stoßen würde und ein Regieruiigsvertretcr gab auch sofort zu, daß eS die Absicht dieser Bestimmung sei, die kleineren und mittleren Betriebe in Norddeutschland den süddeutschen gleichzustellen. Abg. Dr. S ü d e k u m und Abg. Wurm wiesen»ach, daß bei de» teureren Produktionsverhältnissen in Süddeutschland die dortige» Brennereien bei solcher Gleichstellung beträchtlich benachteiligt würden, die im übrigen gegen den Sinn des Reservats verstoße. Gegen diese einfache Logik suchten sich der Staatssekretär und die Redner des Zentrunis, der Rechten und der Nationalliveralen mit allen möglichen Einwendungen zu wehren, llufer Antrag auf Streichung des einschränkenden Datums(.vor dem 1. April 1912 betriebsfähig") wurde gegen die sozialdemokratischen und forlschritt- lichen Stimmen abgelehnt, der Antrag Herold gegen die sortschritt» lichen Stimmen angenommen. Zu§ 6(Borschristen über das Koulingent in den Reservat- staaten) beantragten unsere Genossen, daß eine zahlenmäßig be- stimmte Kontingentsgrenze von 3000 Hektoliter für die gewerblichen Brennereien eingeführt werde. Abg. Dr. Südekum begründete diesen Antrag mit der notwendigen Stärkung der kleinen und mittleren Brennereien. Der Antrag wurde gegen unsere Stimmen und die Stimme des Abg. Speck/« Uhr. parlamentarisches. Die Wchrvorlagen in der Budgetkommission. In der Freitagssitzung wurde lebhaft über die Errichtung von 22 Landwehrmspeliionen debattiert, die von sozialdemokratischer und volksparteilicher Seite bekämpft wurde. Die von der Regierung für diese Jnspekiioiren gegebene Begründung war vertraulich. Ein volksparteilicher Antrag, grundsätzlich diese Inspektionen abzulehnen. wurde mit 14 gegen 13 Stimmen abgelehnt, ebenso sechs fiir Preußen geforderte Inspektionen; dagegen wurden für Preußen vier be- willigt, für Sachsen waren zwei Inspektionen gefordert, bewilligt wurde keine, für Württemberg ivurde die Beschlußfassung aus- gesetzt. Bei der Forderung, Errichtung von Maschinengewehrkom« pagnien, wurde energisch die Geheimniskrämerei kriti- siert, die die Militärverwaltung bei dem organisatorischen Ausbau der Bewaffnung des Heeres mit Maschinengewehren betreibt. Es sind eine ganze Anzahl von Kompagnien errichtet worden, ohne daß der Reichstag davon unterrichtet worden wäre. Aus den Mitteln eines Fonds: Versuche im Waffenwese», ist die Errichtung der Ma- schinengewehrkompagmen bestritten worden.— Die Weiterberatung wurde auf DienStag vertagt._ Die Branntweinsteuer in der Kommisfion. Die Debatte über den Absatz 2 des§ 2 wurde in der letzten Sitzung abgebrochen, da bis zur zweiten Lesung des Entwurfes in der Kommission eine bessere Formulierung gefunden werden soll, die sich mit der Abänderung deS Absatzes Nr. 1 verträgt. Der§ 3 betrifft die Herabsetzung der Verbrauchs- abgäbe für die kleineren Ob st brenne r. Der Entwurf sieht als Grenze für die Gewährung der niedrigeren Steuer eine Jahreserzeugung von höchstens 30 Liter vor. Da« Zentrum hatte der dem! zuerst die Heraussetzung dieser Grenze auf 100 Liter beantragt, hat wetschgen besteht. Dr. Zehnter(Z.) angenommen. Witterlingsübersicht vom 4. Mai ISIS. Stationen Swinemdc. Hamburg Berlin ■jrnnff.a.SK. München Wien 8f 758 ZSW 758»SA 760.®» 762! 5» 764 ö» 764 Still Setter 4 bedeckt 4!Rcgen I bedeckt üivolte»! vwolkcnl Iwolter.I Haparanda Petersburg Tcillh Aberdeen Paris 762 Still 76ljO 76.! Still 76! NNW 761 Still heiter .bedeckt halb bd. 3 wolkig chedecki Wetterprognose für Sonnabend, den 4. Mai ISIS. Etwas kühler, veränderlich, vielfach wolkig mit leichten Siege), fällen und frischen westlichen Winden, Berliner Wetterb„reau. ArboUznaelnreie: So, I. Zimt Nordcil, Nr. 1239. iferwaltungssielle Berlin EharitHstraste 3. Hauptbureau: Hof III. Amt Norden, Nr. 1987. M o n t a g, den«. Mai 191«: Bezirksversnmmlungen: Wesfen nuti Scliäneberg: WeifiSÜSee: Prälaten, Lchderstr. ISS. abends 8-/. Uhr. Tagesordnung: Bericht vyn der ordentlichen Generalversammlung und Stellungnahme zur ausferordentl. Generalversammlung. Außerdem findet in folgenden Lokalen die Fortsetzung der Bezirksversammlung * vom«9. April statt: ö8!ö!1 Comcnlns-SBlUe, Menieler Str. 67, adendS 8'/, Uhr. Stralau und Rummelsburg: W"°"nd7A. iU"" ' l*Pl!,cnsts!ll!s,,cni'Äle' Kottbnfer Tamm 76. dg. SQd'OSt.' Waldemarftr. 75. abends 3'), Uhr. ;==-=- Mitgliedsbuch legitimiert:: Die Versammlungen werden pünktlich eröffnet. Vollzähllges Erscheinen erwartet 110/13 Die Ortsverwaltnng. Verband der jftaler, Saekierer, Anstreicher etc. Bureau: Melchtorstr. 28. pari. rj|;.|B DDpi;n Arbeitsnachweis: Rückerftr. 9. Fentfpr.: Slmt Moritzplatz. 4787. rillfllC OCniH. Fernfpr.: Amt Norden. 6706. Heute Sonnabend» den 4. Mai. abends prcizise 8'/, Uhr: Zentsallisanlienliane der Hiaurer Grundstein zur Einigkeit Zahlstelle Charlottenburg. Sonntag, 5. Mai, vorm. 10 Uhr. im BolkShaus, Rofinenstr, 3, vorn: Iftltglflcdcr Versammlung. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom ersten Quartal 1912. 2. Kasienangelegenheiten. 149/4 I. A.: Die Di-tsverrvaltnng;. Ailti. Strahl. Hföbel-Cobti 58 Gr. Frankfurter Str. 58 unweit der KaiserstraBa. Möbel auf Kredit Riesen=Auswahl Anzahlungen auf Stube und Küche: Mark 15 30 50 75 bis 25 bis 43 bis 70 Moderne bis 160 Schlaf-, Speise-, Herren- und Wohnzimmer joder gewünschten Art von 40 31. Anzahlung an. Elnzslne mbelsttcte ISF von 6 M. Anzahlung an. MO losigkelt. liefere auch auswärts, Abzahlung wöchentlich, monatlich, resp nach Uebereinkunft. Vorzeiger dies. Inserats erhält beim Kauf 5 M. gutgeschrieben. tSonutags 8 bis IQ Uhr Kfitirnet.| Versammlung der in den Wllgkuillckitrsikv der Kleinmeifler beschäftigt. Fackierer in Fritz Wittes Festsälen, Sebastianstr. 39. Tagesordnung: «cschlustfassung über die weitere«erfolgung der Lohnbewegung. VugefichlS der wichtigen Tagesordnung erwarten wie. bah die Kollege» vollzählig erscheinen. Tie Tektionsleitung. tlllisiigeliscli für Balkons als Pult etc. Neu! Klappstühle Gartenmöbel Blasberg, �SlT " Zlohung v. 13.-18. Mal 1912« Grosse Coburgor fjeld-Merie 17533 Geldgewinne ohnt Abzod— Porto u. Liste 30 Pf. dxtra ipllehll und ▼er»«>d«t Mob untsr MacbnaUnae B Los« Q Po iM.O, j—1_ Emil Sfiller.�r�l tSrnnbbi'flriffc der Politil. von ffricdrich Stampfer. Gebunden 3 M. Buchhandlung Vorwärts, Linden- flraße 69(Laden). Orts-Kraukeukusse der Mechlluiber, Optiker«nd vem. Geulerbe;» Serlm. Montag, den 13. Mai 1V1S, abends präzise 8 Nhr: lZSöASl-VMWIIlIlIlIg swtlieksl VMöl in den 275/11 »Arminhallc»". Kommandantcn- strahe 58/59. Tagesordnung: 1. Abnahme der Jahresrechnung für 1911, Bericht der Revisoren, Dechargeerteilung. 2. Bericht der im November 1911 gewählten Kommission zur Ab- änderung der Statuten und Beratung der von derselben gepellten Anträge. 3. Bericht des Vorstandes Über die Zenlralsation der Berliner Krankenkasien. 4. Beschlußsassung über die weitere Zulassung der Kasse nach der Reichsversicherungsordnung. 5. Geschäslllche Mitteilungen. Berlin, den ZV. April 1912. I>vi' Vonstzsud. I. 81.: M. Glitsche. Vorsitzender. Beschwerden, zu deren Erledigung die Einsichl der Kassenaiten ersorder- sich ist, sind bis zum 9. Mai schrljl- lich im Kassenlokal einzureichen. Oartenatadt Hoppe- garten: Q.-R. 15 M. Gartenstadt Kol Jagdrevier: Q.-R. 15 ZI. Blrkenwerdor: Flleß- parzeUen Im Hot- Jagdrevier: 500 M. Kolonie Thyrow, Anhalter Bahn: 8 M. Hohen- Nenendorf r Q.-R. 15 M. Zehlendori: Q. R. 70 M. Kanlsdort: Q.-R. 1591. Königrstal: Q.-R. 1591. 50 M. 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Zentral-Verband Ider Zimmerer Deutschlands.1 j Zahlstelle Berlin und Umgegend.| Bezirk 1. | Den Berussgcnossen zur Nach- richl. daß unser Mitglied i Gottfried Dubian am 2. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, d cn 6. d. Mts., nach- mittags 3 iihr, von der Leichen- Halle des Auserstehungs-Kirchhojes in Wcigensee aus statt. Nin rege Beteiligung ersucht 254/8 Ter Borstand. Deerdlgungsvereln der Zimmerleute Groß-Berlins. Am 2. Mai verschied nach längcrem Leiden unser Kamerad, der Zimmerer I5IZ8b Gottfried Gubiau im Alter von 61 Jahren. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet am I Montag, den 6. Mai, nachmittags 4 Uhr. von der Leichenhalle I des Auserstehungs-Kirchhoses in I Weißensee, Lichtcnbcrger Straße, I ans statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Vr i.i! Allen Verwandten und Freunden die traurige Nachricht, daß am Donnerstag, den 2. Mai. nachmittags 4'/, Uhr, meine liebe Frau, die treusorgende Mutter, Schwester und Schwägerin Frau BeHa SCarras g-v. Busse nach kurzem, schwerem Leiden verstorben ist. Um stille Teilnahme bitten im Namen der Hinterbliebenen Richard Karras. Erich Karras. Die Beerdigung findet am Montag, den 6. Mai, nachmittags 3'/- Uhr. von der Halle des städtischen Friedhoscs in Friedrichs- ' � 15126 Am 2. Mai verschied nach län- gcrem schwerem Leiden nach zirka Mjähriger treuer Pflichtersüllung der Nendant a. D. Franz f�önx im Alter von 70 Jahren. Alle, die wir mit ihm lange Jahre zusammengearbeitet haben. bewahren ihm cm ehrendes An- denken I 1505b Ter Borstand der Orts- Krankenkasse des Zimmerergewerbes zu Berlin. /i. Brunzel, Vorsitzender. Die Beerdigung findet am Montag, den 6. Mai, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des Gcorgen-Kirchhoses, Lands- berger Allee, aus statt.. Deutscher Iransportarbeiter-Verband.! Beurhsverwaitung GroB-ßerlin. Den Mitgliedei n zurNachricht, daß j unser Kollege, der Arbeiter Gottlob Uersfeld am 1. Mai im Alter von 53 Jahren i -verstorben ist. 63/17 j Ehre seinem Aiidenken! Die Beerdigung findet am I Sonnabei d, den 4. Mai, nach» mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle des Städtischen Friedhoses,! Müllerstraße, Ecke Seestraße, aus l statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Bezirksverwaltung. 1 Beerdigungsvereiin der Zimmerleute Groß- Berlins. Am 2. Mai verschied nach schwerem Leiden unser Mitglied der Rendant a. D. Franz Kiinx im Alter von 70 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findel ani Montag, den 6. Mai. nachmittags 4>/, Uhr, von der Leichenhalle deS (Aeorgen-KirchhoseS, Landsberger Allee. aus statt. l507b Um rege Beleiligung bittet Der Borstand. ÄFtieiler-itodlahrEF- W Solidarität. Ortsgruppe„Berlin». Allen Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unsere Bundes. genossin ' Frau Berts Karras am 2. Mai verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 6. Mai. nachmittags 'S1!, Uhr, von der Halle des S städtischen Friedhoses in Friedrichs- selbe aus statt. I Um zahlreiche Beteiligung bittet B 11/8 Ter Zentnalvorftand. Tanksagung. Für die Beweise h<:rzlich er Teilnahme bei der Beerdigung meines Mannes Otto Lilmscbneider sage ich dem Verband der Litagrapben sowie den Kollegen der Firmen Schütte und Labisch meinen herzlichen Dank. 1r>03b Marie ttlmichneider. Vornehme SeMeMuiis fertig und nach Maß rrhalien Sie In der modernen IVIass» Schneiderei J. Kurzbera auf lV,'nsch Wochenrat*. Rosenlhalcr Strasse Backeacber Markt. Frankturler Allee 104 Ecke Friedenstraeso. Reinickendorf er Str.4 Weddingplatz »ilosien ä"u Alles lSuvots und Sigismund Lacrotf.Die wahre(Re« statt des Christentums-, von August Bebel. Preis 75 Ps.. billige AuSgabe 30 Ps. Expedition Ltndenstraße 69 Laden. Seit unlerer letzten Bekanntmachung vom 2. Januar 1912 sind solgende Beilräge bei uns eingegangen: A) Legate: 3000,— Dr. I. H. Goldschmidt. 202.76 Frau Geheime Kanzleirat Kurzenberg.— B e iträsg e der Städte: 1000,— Charlotten- bürg. 2000,— Neukölln. ö) Einmalige Beiträge: ,— Alfred Böhm. 2000,— Baron Hans v. Bleichröder aus Anlaß seines u. seiner Gattin Geburtstag. 1000.— Frau Anna Friedberg zum 19. März. Diskonto-Keiellschast, von den Erben der verstorb. Frau Geh. Kommerzien- rat Tb. Hahn. 400,— Th. Masse. 300,— Gebr. Schneider. 200,— Otto und Gustava Schilling. 100,— Kom- merzienrat H. Eisner, Dr. Georg Hahn, Frl. Marie Meyer Cohn, Frau Pros. Meyer, L., Arbetter der Berg- mann Eiektr.-Werke, Rosenthal durch M. Heymann, I. Vortmann. 80,— Frhr. o. Thielmann. 54,05 Oskar Tietz aus einer Vergleichssache. 50,— M. Bruck u. Loewenstein Dr. Nathan. Kommerzienrat H. Walter, Karl I. Lehmann zur Verteilung von Speise- marken an bedürstige Arbetter und Arbeiterinnen. 36,— Berlitier Feuer- Assekuranz-KIub. 32,— Otto Haas. 30,— Dr. I. Frankel, E. Eßlinger, Felix Misch, Arbeiter u. Arbeiterinnen von Ferd. Ashelm statt Kranzspende s. d. Märzgefallenen. 23.70 Hochzeits- jeier Cohen-Heilbrunn d.M.Hehmann. 20,— A. Behrend, Klara Fiedler, Geb Reg.-Rat Dr. C. Hosmann, Heymann Welter u. Co., Geh. Rat Winlerseld, Dr. Karsten, F. Münk. 16,98 Martin Cohn. M-ran, d. Frl. Thölde. 10.— L. B.. Gras Berck- beim, Dr. Erwin Brettauer, Frau Cäcilie Cohn, Geh. Rea.-Rat Dr. Eger, A. Fett, Karl Gernsheim, München, Frauenschule für innere Mission, L. Gaier d. W. Manafie, Frl. Beate Michelsberg, H. Meyer, Emtl Neter, Mannheim, Paul Oppen- heim, Geldbuße aus einer Privat- klagciacke d. Justiz-Rat Wreschncr. Frau Dr. Heinemann, Dr. Leiden, Dr. S. Weinberg und Frau Berta Weinberg. 6,75 Arbeiter der Elektr. Werke Rosenthal, Abt. Kontrolleur- bau. 5,50 Chauffeure der Konsum. zenossenschast Lichtenberg statt Kranz- pende sür die Märzgesallenen. 5.35 800. Wahlbezirk. 5.l0 661. Wahlbezirk. 5,— Frl. A. Coelcr. Geh. Kommerzien- rat Fromberg, Otto Fiedler, Willy Eloesser, königl. Domkandidatenstist, Frau Elise Gaulhiot, Beate Mchcls- berg, L. Michelsberg, W. Menget, M. N. 4,75 Mitfahrer der Konsum» zenossenschast Lichtenberg statt Kranz- pende für die Märzgesallenen. 4,— Severen u. Co. Stammtischsammlung 3,— Beamte der A. E.-G., Hedwig Barbara di San Giorgio, S. Gold- stein, Alice Israel, Sigmar Mehring, E. Weber, Glauchau. 2,— Henriette lemnamt, durch Otto Loeb, E. 7üller. 1,60 Wygod. Wir sagen den geehrten Spendern herzlichen Dank und bitten, weitere Beiträge und Zeichnungen an unseren Schatzmeister. Herrn A. Hirschseld, Berlin IV, Fasancnstr. 33— Post- schecklonto 2969— oder an dessen Stellvertreter, Herrn Kommerzienrat Dr. AronS, Mauerstr. 34— Postscheckkonto 1153— deS Bankhauses Gebr. AronS einzusenden. Ge- tragcne Kleidungsstücke lassen wir durch unsere Boten oder durch die Pakelsahrt gern abholen. Berlin, den 1. Mai 1912. Der Verwaltungsrat deS Berliner AsylvereinS für Obdachlose. Aommerpreiss. Gegr. 1893. Gegr. 1893. � Ä. B. KOCH � Kohlen- und Brikett-Großhandlung Hauptkontor: Berlin 0. 84, Petersburger Straße 1. Telephon: Amt KSnigstadt, 3040 und 3096. Lagerplatz 1: O. 34. Rüdersdorter Str. 7t(Küstriner Platz, altOstb.). Lagerplatz 2: 0. 17. Fruchistrafle 13(Ostbahn-Güterbahnhof) Preise für la Marken ab meinen Lagerplätzen von 10 Zentnern an: Tonksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Krwizipeuden bei der Beerdigung meiner unvcr- gcßiichcn Frau, unserer giitcn Mutter, sagen wir allen Bekannten sowie den vier anwesenden Vereinen, insbeson- dcre Herrn Girbig sür die traft- reichen" Worte am Sarge, unseren herzlichsten Dank. 60A Im Namen der trauernde» Hinterbliebenen Karl Ulm._ "" Kerontwortlicher Redakteur Wkan-Salon-Briketts itFone-Salon-.. Ilse, KaiseF u. Äkw.. pr. Ztr. pr. Ztr. 0.90 m. Rrcne Ballisteine... 0.85 m. 0.95 m. Ilse, Kaiser u.Akw. Halbst. 0.90 m. 1.00 m. AnthFacit Cade.... 2.80 m. Ein Zentner(enth. 110—120 Stück) Holz zerkleinert 1*90 M. 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Slbrrt Wuchs, Berlin, für den Jnjeratenteil verantw.! Th, Glocke, Berlin. Druck u.Beriag: Vorwärts Buchdruckeret u. VerttigSanPaU Paul«t,izer Berti» SW. Dr. 103. 29. Jahrgang. 2. Irilip des Jotniärts" Knlim llollislilatt. i. Mal 1912. 9er tote Jagow gegen den lebenden Koienow. Bra 1. Mai hat der Polizeipräsident v. Jagow folgende Mai« botfchaft an die Berliner Freie Bolksbühne erlösten: Die öffentliche Aufführung des von der Direktion am 10. April diese? Jahres zur Zensur eingereichten Stückes.Die im Schatten leben' im Thalia-Tbeater wird gemäß Z 10, II 17, d. Allg. Landrechts aus ordnungspolizeilichen Gründen hiermit untersagt. Das Bühnenexeniplar folgt anbei zurück. Jagow. Als der Berliner Polizeipräsident durch seinen bekannten Erlaß der Freien Volksbühne die Zensurfreiheit entzog, deren sie sich viele Jahre lang unbestritten erfreut hatte und gegen die Beschwerde des Vorstandes ein obsiegendes Erkenntnis des Oberverwaltungsgerichts erreichte, wurdd von der Regierung feierlich erklärt, daß das Vor« gehen gegen die Volksbühne aus keinerlei parteiischer Vorein« genommenheit erfolge. Selbst der Polizeiminister v. Dallwitz er« kannte im preußischen Dreiklassenhause das kultursördernde Wirken der Freien Volksbühne uneingeschränkt an. Kaum aber hat sich die Behörde ihr zweifelhaftes Recht erstritten, so geht sie auch schon dar- auf aus, das kulturfördernde Wirken der Freien Volksbühne mit den Mitteln der kleinlichen Polizeischikane zu untergraben. Das nachgelassene Werk unseres leider zu früh verstorbenen Parteigenosten Emil Rosenow, des Dichters des.Kater Lampe', spielt im Ruhrrevier und behandelt in der naturalistischen Manier der neunziger Jahre Konflikte des Bergarbeiterlebens. Bei dem Er« scheinen der Buchausgabe vor einigen Monaten wurde der hohe literarische Wert des Dramas allgemein anerkannt, und bürgerliche Blätter wiesen darauf hin, daß sich die Freie Volksbühne durch seine Aufführung ein hohes Verdienst erwerben könne. Bald darauf er- Waich die Freie Volksbühne das Stück zur Erstaufführung, tziet der sie ihre nächste Saison im Herbst dieses Jahres zil' �«öffnen gedachte. Sie gestattete jedoch dem Arbeiter« bildüngsausschuß von Frankfurt am Main eine einmalige hrung, die als Vorfeier des 1. Mai am letzten Sonntag im furter Schumann-Theater vor einem mehr als viertausend- sigen Publikum mit bedeutendem Erfolge stattfand.(Siehe den picht des.Vorwärts'.) Was in Frankfurt a. M. erlaubt war, wird nun in Berlin ver- Es wird interestant fein, die Gründe kennen zu lernen, mit die Berliner Zensur ihren Streich zu rechtfertigen versuchen pd. Einstweilen fehlt dem ganz unverständlichen Verbot jede here Begründung. So charakterisiert eS in seiner nackten Willkür le.Freiheit', deren sich das amtlich anerkannte kulturfördernde Wirken eines ArbeiterinstitutS in der Aera Dallwitz-Jagow zu er- freuen hat._ Soziales� Aus dem Ausschuß deS Berliner KaufmannSgerichtS. Der Ausschutz des Berliner Kaufmannsgerichts beschäftigte sich in seiner Sitzung am Donnerstag mit der Sonntagsruhe in Kon- toren, Ruhezeit und Festsetzung der täglichen Arbeitszeit in den« jenigen Betrieben des Handclsgewcrbes, die nicht mit offenen Ver- laussstellen verbunden sind.__ Hierzu lag ein Antrag der Freien Bereinigung der Kauf- mannsgerichtsbeisitzer Groh-Berlins(Handlungsgehilfen) vor, welcher lautete: „Das KausmannSgericht Berlin wolle auf Grund des Z 18 Abs. 2 des Gesetzes über Kaufmannsgerichte bei den verbündeten Regie- rungen die Borlage einer Novelle zur Gewerbeordnung beantragen, in der die Arbeitszeit und Sonntagsruhe der Angestellten in Kon- toren nach folgenden Vorschlägen geregelt wird: 1. Der§ 106 b Absatz 2 der Gewerbeordnung ist dahin zu er- gänzen, daß den Angestellten in Kontoren eine sechsunddreißig- stündige Sonntagsruhe gewährt wird. 2. Dem 8 130 c Absatz 1 ist eine Bestimmung anzufügen, nach der die Angestellten in Kontoren nicht länger als neun Stunden, unterbrochen durch eine zweistündige Mittagspause, beschäftigt werden dürfen. Bei ungeteilter Arbeitszeit darf diese Beschäfti- gung die Dauer von höchstens acht Stunden, einschlietzlich einer halb- stündigen Pause, nicht überschreiten. Nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit ist eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens drei- zehn Stunden zu gewähren. Diese Arbeitszeit ist für die jugend- liehen Angestellten unter 18 Jahren um eine Stunde zu verringern. 3. Die Bestimmungen des§ 139 d sind dahin umzuändern, datz Ausnahmen von der vorgeschriebenen Arbeitszeit nur zugelassen werden können für Arbeiten, die in unvorhergesehenen Notfällen im öffentlichen Interesse oder zur Durchführung der gesetzlich vorge- schriebenen Inventur auszuführen sind." Zu diesen Anträgen wurde von feiten eine? Gehilfenbcisitzers noch folgender Unterantrag gestellt: Z 139 k der Gewerbeordnung ist dahin zu ergänzen, datz auf Antrag von mindestens zwei Dritteln der beteiligten Geschäfts- inhaber für eine Gemeinde oder mehrere örtlich zusammenhängende Gemeiitden durch die höhere Verwaltungsbehörde für alle oder ein- zelne Geschäftszweige angeordnet werden kann, datz die Koutor- arbeitszeit an den Sonnabenden spätestens um 3 Uhr nachmittags zu beendigen ist. Auf Antrag von mindestens einem Drittel der beteiligten Geschäftsinhaber hat die höhere Verwaltungsbehörde ein entsprechendes Abstimmungsverfahren einzuleiten.' Die dentschnationalen Handlungsgehilfenbeisitzer hatten zu Antrag 2 noch den Zusatzantrag gestellt, die Vergünstigung der früheren Schluhstund« auch auf alle weiblichen Angestellten auszu- dehnen, zogen denselben auf Anraten der übrigen Gehilfenbeisitzer aber zurück. Des weiteren beantragten sie: Räch dem zweiten Satz des Antrages 2 ist einzufügen: .Bei geteilter Arbeitszeit mutz der Gewerbebetrieb um 7 Uhr, bei ungeteilter Arbeitszeit um 6 Uhr nachmittags beendet sein." Nachdem die Antragsteller ihre Anträge eingehend begründet hatten, wurde von den Beisitzern der bü�zerlichen Kaufleute ausge- führt, daß ihnen dieselben viel zu weit gehen. Wenn die Gehilsen in ihrem Antrag 3 schon selbst Ausnahmen zugestehen, so beweise dies, datz von ihrer Seite noch viel mehr Ausnahmen zu fordern seien. Ein großer Teil der Geschäftsinhaber strebe bereits selber danach, früher Feierabend zu geben, man soll aber diejenigen, die es nicht können, durch Gesetze nicht dazu zwingen. Die Gehilfen wollten die Kaufleute durch die Anträge, die hauptsächlich aus agi- tatarischen Zwecken für ihre Verbände gestellt seien, nur unter poli- zeiliche Aussicht bringen, damit der Schutzmann in den Geschäften aus- und eingehen könne. Im Interesse des deutschen Handels lehnten sie die Anträge ab. Der Schutz der Jugendlichen sei kein Schutz; die Jugendlichen seien heute bereits in allen öffentlichen Vergnügungsetablissements in großer Anzahl zu finden, würden die Anträge Gesetz, so hätten sie noch mehr Zeit— zum Bummel«. Der Beisitzer der sozialdemokratischen Kaufleute trat für die Anträge ein. Er und d-e Gehilfen traten der Anschauung der bür- gerlichen Beisitzer entgegen. Wenn diese Kaufleute sich so energisch gegen die polizeiliche Ueberwachung wehren, so hätten sie doch seiner Zeit für den Antrag auf Einführung von Handelsinspektoren stimmen sollen. Wer keine Gesetzesübertretung begeht, habe auch den Schutzmann nicht zu fürchten. Da auf der Seite der Kaufleutebeisitzer nur 7 Mitglieder an- wesend waren, mutzten 3 Gehilfenbcisitzer bei der Abstimmung aus- scheiden. Sämtliche vorliegenden Airträgc sowie die 2 llnteranträge wurden hierauf bei der Abstimmung mit 7 Stimmen der Gehilfen- beisitzer und der Stimme des sozialdemokratischen Kaufleutebei- sitzcrs gegen die 6 Stimmen dar bürgerlichen Kaufleutebcisitzer an- genommen. Der Vorsitzende enthielt sich der Stimme. Derfrühte Abmeldung bei der Krankenkasse. Erhebliche Folgen für die Beklagte dürfte ein Urteil des Gc- Werbegerichts, das vorgestern gefällt wurde, nach sich ziehen. Tic Botenfrau T. klagte gegen die Firma Deutsches Druck- und Bcr- lagshauS auf Zahlung eines Tagelohns in Höhe von 1,10 M. Die Klägerin war bei der Beklagten damit beschäftigt gewesen, die Zeit- schrift.Freha" auszutragen. Diese Tätigkeit erstreckte sich immer auf die letzten drei Tage der Woche. Des Mittwochs mutzte die Klägerin sich aber die Eyemplare aus der Expedition in der Linden- stratze abholen, um am anderen Tage pünktlich ihre eigentliche Tätigkeit beginnen zu können. Am Mittwoch, den 6. September 1911, weigerte sich nun die Klägerin, einen Posten der Hefte, da er ihr zu schwer war, nach ihrem Wohnort Oberschöneweide zu schaffen. Daraufhin wurde sie sofort entlassen. Ihre Abmeldung von der Krankenkasse seitens der beklagten Firma erfolgte aber nicht vom 6. September ab, sondern als letzten Arbeitstag gab die Firma den vorhergehenden Sonnabend, den 2. September, an. Die Klägerin, welche die Absicht hatte, sclbstzahlendes Mitglied der Krankenkasse zu bleiben, versäumte es, innerhalb der statutarisch festgesetzten Frist »ach dem 2. September eine dahingehende Erklärring bei der Krau- kenkaffe abzugeben, tat dies vielmehr erst einige Tage später. Die Krankenkasse wies deshalb llhre Mitgliedschaft ab. Da nun aber, wenn der 6. September als letzter Arbeitstag zu gelten hatte, die Frist noch nicht abgelaufen war und die kkrankenkasse die fernere Mitgliedschaft hätte anerkennen müssen, klagte die Klägerin bei dem Gewerbcgericht zunächst auf Erstattung des Schadens, der ihr durch die verfrühte Abmeldung entstanden war, indem die Krankenkasse ihr bei einer später eintretenden Krankheit keine Unterstützung gc- währte. Für diesen Vorprozetz erklärte sich jedoch das Gewerbe- gcricht als unzuständig und verwies die Klägerin auf den Weg des Vcrwaltungsstreitverfahrens gegen die Krankenkasse. Das Gc- Werbegericht stellte der Klägerin damals anhcim, vorher auf Zahlung des Lohns für den 8. September zu klagen, um dadurch festzustellen, ob an diesem Tage noch ein Arbeitsverhältnis bestand. Diesem Rate war sie Klägerin denn auch gefolgt. Die Kammer 8 unter Vorsitz des MagrstratSratS Schultz ver- urteilte am 2. Mai die Beklagte gemäß dem Antrage der Klägerin zur Zahlung des Tagelohns. Ein sofortiger Grund zur Entlassung habe nicht vorgelegen, und hätte die Klägerin daher an dem be- treffenden Mittwoch noch Anspruch auf Beschäftigung gehabt, da sie sonst mindestens am Abend vorher hätte entlassen werden müssen. Der Umstand, datz nur die letzten drei Tage der Woche eigentliche Arbeitstage waren, sei schon um deswillen unerheblich, weil der Klägerin ja nicht schon am letzten Sonnabend ihre Entlassung mit. geteilt worden sei. Auf Grund dieses Urteils dürfte nun Frau T. gegen die Ber- liner Ortskrankenkasse für das Buchdruckgewerbc, die hier in Bc- tracht kommt, bei der Aufsichtsbehörde aus nachträgliche Anerkev- nung ihrer Mitgliedichaft klagen. Falls dann die Krankenkasse ver- urteilt wird, steht es dieser zu, gegen das Deutsche Druck» und Ver«. lagshauS Regretzansprüche zu stellen. killige Schuhwaren für den Sommer! Gegr. 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OUvetzkl, All« J>k«b die 21 Jahre alte Berta Graber auS der Dennetvitzstraße 5, eine Tochter aus erster Ehe� der verwitweten Sprachlehrerin Frau Dr. Tronz, in den Tod getrieben. Die junge Dame hatte ein Liebesverhältnis mit einem höheren Beamten. Dieser schrieb ihr bor 14 Tagen, sie möge nicht auf ihn warten und sich seinetwegen alles verderben, vielmehr keine Rücksicht auf ihn nehmen, wenn sie anderswie ihr Glück finden könne. Diese Absage schlug sie ganz nieder. Gestern Abend saß sie bis kurz vor 10 tthr bedrückt und schweigsam bei ihrer Mutter. Dann erhob sie sich, ohne ein Wort zu sagen und ging hinaus. Die Mutter ahnte nichts Böses. Aber schon wenige Minuten später brachte man ihr die Tochter mit schweren Verletzungen in die Wohnung zurück. Die Unglückliche hatte das Nebenhaus aufgesucht, dort im fünften Stock Zuckcrsäure genommen und sich dann aus dem Bodenfenster auf den asphaltierten Hof hinabgestürzt. Sie starb nach kurzer Zeit unter den Händen eines Arztes, der grade vorübergekommen und Zeuge ihres Verzweiflungsschrittes geworden war. In die Kreissäge gestürzt. Ein schrecklicher Betriebsunfall hat sich gestern nachmittag in der Kistenfabrik von Drabach, Dresdener Str. 96 ereignet. Der dort beschäftigte 25jährige Arbeiter Hermann Wettke aus Rummelsburg hatte an der Kreissäge zu tun, als er plötzlich von einem Ohnmachtsanfall heimgesucht wurde. Er brach zusammen und stürzte unglücklicherweise mit dem Kopf in die Kreis- säge hinein. Die linke Schädelseite wurde dem Manne fast voll- ständig ausgesägt. Als Arbeitskollegen hinzusprangen und den Ver- unglückten befreiten, ioar dieser über und über mit Blut bedeckt. In bedenklichem Zustande fand der Schwerverletzte, der furchtbar zugerichtet ist, Aufnahme im Rummelsburger Krankenhause. Gcldschrankeinbrccher suchten in der Nacht zum Freitag das Bankgeschäft„Deutsche Zentral-Genossenschaft" in der Kalckreuth» straße 1 heim. Die Diebe, die sich in das Haus hatten einschließen! lassen, schnitten aus einer vom Hof in die im Erdgeschoß liegendem Bureauräume führenden Tür die Füllung heraus und verschafften. sich so Eingang. Dann„knackten" sie nach Art gewerbsmäßiger Gevdschrankeinbrecher das Spind auf und stahlen daraus den ganzen Inhalt an barem Gelde, ungefähr 3600 M. Die Pulte und Schränke erbrachen sie wicht. Mit der Beute entkamen sie nnbe- merkt. Der Diebstahl wurde erst am Morgen, als Angestellte ihren Dienst antreten wollten, gemerkt. Durch zwei Schüsse schwer verletzt wurde gestern mittag auf der Oranienburger Chaussee zivilchen Hcrmsdoif und Frohnau der Wald- Wärter Scherf von einem Fremden, der sich seiner Festnahme auf seinem Rade durch die Flucht entzog. Wenige Minuten später kam von Hermsdorf her ein Privatautomobil auf der Chaussee heran. Waldarbeiter teilten den Insassen den Ueberfall mit und das Auto- mobil nahm sofort die Verfolgung des flüchtenden Radfahrers auf. Dieser sprang jedoch nach einiger Zeit vom Rade, ließ dieses aus der Chaussee liegen und verschwand im Walde. Einige Arbeiter setzten dann die Verfolgung zu Fuß fort, konnten' aber den Verbrecher nicht einholen. Dieser gab auf seine Verfolger noch zwei Schüsse ab, die jedoch fehlgingen. Unterdessen war der bewußtlos auf der Chaussee liegende Wald» Wärter in das Automobil gehoben worden. Er wurde ins Kranken- haus nach Reinickendorf transportiert, wo man feststellte, daß er zwei Schüsse in den Magen erkalten hatte. Die Verwundungen sind io schiverer Natur, daß au seinem Aufkommen gezweifelt wird. Scharf ist verheiratet und Vater eines fünfjährigen Kindes. Die Gemeindeverwaltungen von Frohnau und Hermsdorf setzten sofort alle Polizeibehörden von Oranienburg bis Berlin telephonisch von dem Nevolverattentat in Kenntnis. Die Berliner Kriminalpolizei wird im Laufe des Nachmittags einige Beamte mit einem Polizei- Hund an den Talort entsenden. Im Jnvalidcnparl erhängt hat sich in der Nacht zum Freitag ein bisher noch unbekannter, ungefähr 40 Jahre alter Mann, der seinem Aeußeren nach dem Arbeitcrstande angehört zu haben scheint. Gestern morgen um 6 Uhr fand man ihn tot im Gebüsch hängen. Seine Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Der Tote ist 1,70 Meter groß und dunkelblond und trug einen dunkel. braunen Jackettanzug, graue Strümpfe, schwarze Schnürschuhe und ungezeichnete Wäsche. Aufsehen erregte am Freitagnachmittag in der MarkuSstraß� das Gebahren zweier berittener Schutzleute. Beide ritten im Galopp die Straße entlang, gefolgt von einer nach Hunderten zählenden Menschenmenge, die alle Augenblicke in Johlen ausbrach. Der eine der berittenen Polizisten machte den Eindruck eines Betrunkenen und schwankte fortwährend im Sattel hin und her, und sein Kollege versuchte ihn auf dem Pferde festzuhalten. Bei diesen Versuchen brach die nachfolgende Menge immer wieder in Johlen auS. Da« durch wurden die Pferde obendrein noch scheu, wodurch der zweite Schutzmann die grüßte Mühe halte, seinen Kollegen im Sattel fest» zuhalten. So galoppierten die beiden durch die Markusstraße, den Glünen Weg, die Marsilius-, Blankenfelde- und Magazinstraße, wo sie im Polizeigebäude vcrschlvanden. Im Publikum fielen Aeuße« rungen, die wir hier nicht näher wiedergeben wollen. Der Leichenfund in Moabit, über den wir berichteten, ist nach der Richtung aufgeklärt, daß kein Verbrechen vorliegt. Die ärzt- liche Untersuchung hat festgestellt, daß die Zerstückelung der Leiche und die Verletzungen einzelner Teile von Dampferschrauben und Bootshaken herrühren. Alle Spuren sind geradezu typisch für Ver- letzungen dieser Art. Die Person des Toten rst noch nicht fest- gestellt. Nach den Körpermaßen und den sonst vorhandenen Merl- Zeichen wird er höchstens 50 Jahre alt, kann aber auch noch viel jünger gewesen sein. Er war ungefähr 1,85 Meter groß und nicht sehr kräftig, hatte graumeliertes Haar, einen rötlich-blonden Schnurrbart mit weißem Haar durchsetzt und gar keine Zähne niahr. Daß die zerstückelte Leiche nackt war, kann daher rühren, daß Dampferschrauben und Bootshaken dem Ertrunkenen die Kleidung abgerissen haben. Es kann aber auch sein, daß der Mann beim Baden ertrunken ist. Wer über die Persönlichkeit etwas mit, zuteilen weiß, kann sich an die Kriminalpolizei wenden. Selbstmord eines Defraudaiiten. In seiner Wohnung Junker- Jörg-Siraße 4 zn KarlShorst hat sich gestern früh der 35 Jahre alte Kaufmann Wilhelm Jaei'ench durch einen Revolverschnß gelötet. Der Grund zur Tat dürfte in umfangreichen Unterschlagungen liegen, die sich Jaeserich zuschulden kommen ließ. Die Höhe der veruntreute» Gelder konnte noch nicht fienau fefl�cftellt werden, doch minmt rna» an. dah sie etwa öt)0t10M. erreichen werden. I. hatte seit mehreren Jahren die Vertretung der westsibirischen Butterfirma Karl Jörgenseu und der Firma Göttsche in Haniburg. Die Niederlage befindet sich in der Neuen Friedrichstrasze 2. Donnerstag morgen erschien der Dircltor der sibirischen Butter firma plötzlich in Berlin, um eine Revision der Geschäslsbüchcr Jaeserichs vorzunehmen. Wider Erwarten kam man dabei grotzen Fehlbeträgen auf die Spur, die, wie sich bald herausstellte, auf Veruntreuungen des Vertreters zurückzuführen waren. ES zeigte sich, dah Jaescrich durch geschickte und raffinierte Buchungen den Versuch gemacht hatte, die Unter- schlagungen zu verschleiern. Zur Eröffnung seiner Sommerturnplätze hält der Turnverein .Fichte" im Frühjahr und im Herbst sein An- und Abturnen ab. Dasselbe besteht in Einzelkämpfen der Männer-, Frauen- und Lehrlingsmitgliedcr. Am Sonntag, den 28. April, fand da» Anturnen sämtlicher Fraucnabteilungeni auf den beiden Vereinsspicl- Plätzen, in Treptow, Köpenicker Lanidstratze, und Plötzensec, hinter der Olympia-Radrennbahn, statt. Zu diesem Anturnen versam- melten sich 1b8 Turnerinnen, um sich im cidlen Wettstreit zu messen. wurden auch von einzelnen Turnerinnen recht gute Resultate erzielt. Auf den Sommerturnplätzen ist den Turnerinnen Gelegen- heit gegeben, den Körper zu stählen und zu kräftigen. Vermißt wird seit 8 Tagen der IS'/z Jahre alte Richard Noak. Der junge Mensch verlieh am Donnerstag, den LS. April, das Ge- schüft, in dem er beschäftigt war und ist bis heute nicht zu den Eltern zurückgekehrt. Der Vermißte ist mittlerer Statur und trug einen duukelkarierten Jackettanzug und einen Strohhut. Wer über den Verbleib des jungen Menschen Auskunft geben kann, wolle diese an die Eltern des Noak, Stralauer Str. 13/14, vorn III, gelangen lassen. Im Apollotheatcr Hai Will B i s h o p, der bekannte Tänzer VcS Metropoltheaters, seinen Einzug gehalten. Mit einer jungen Dame lMiß HayeS) und W. Lishop jun. zusammen gibt er im raschen Fluge eine kleine historisch-internationale Uebcrsicht des Tanzes. Man sieht, wie die langsamen, gemefienen Formen des bürgerlichen Walzers wie der höfischen Gavotte sich gelockert und beschleunigt haben. Dann kommt dieser Dialektiker des Beines uns mir Nigger- tanzen und tanzt uns ihre Entlvickelung zum modernen Kunstbolz- schuhtanz vor. DaS beste aber gibt er als Pantomimiker. Er stellte eine Knnstfigur dar, die aufgezogen wird und dann als scheinbarer Mechanismus die ausdruckvollsten Gesten und Tanzbewegnngen vor- führt. Von den übrigen Darbietungen des Abends sind die unter- haltsamen Zanberkiluststücke Georg Hart mannS und die ganz niltzerordenttichen Leistungen von B e l l o n i S dressierte» Kakadus hervorzuheben. Ein leibhaftiges Ilniversalinstrilinrilt. daS alle Klang- cbaraklere annimmt, ist Robins, der ein Orchester ohne alle Apparate mimt. Eine Schauspi.elcrgerichtsvollzieherszene von Georg Kaiser gelang darstellerisch recht nett, aber die Kalauer und Witze waren alle aus der ältesten Rumpelkammer. koiUffien hatte, wieder herausrücken; die Sachen hatten einen Wert von etwa 12,5l> M. Das Mädchen wandte sich an den Verband, der seinen Mitgliedern Rechtsschutz gewährt. Tie eingeleitete Klage hatte den gewünschten Erfolg; dem Mädchen wurde das Weih- nachtsgcschenk als Eigentum zugesprochen. Ter Beklagte hatte dem Rechtsanwalt Dr. Ncinak die Vertretung seiner Interessen über tragen. In dem Schriftsatz, den der Rechtsanwalt dem Gericht einreichte, war zum Schluß die eigentümliche Wendung enthalten: „Offenbar ist die Klägerin nur durch die Prozeßvcrtrcterin, Fräulein Auguste Lücke, die Vorsitzende des sozialdemokratischen Dienstbotciwcrbandes ist. zur Klage veranlaßt worden." Glaubte der Rechtsanwalt, mit dieser Angabe seine Sache stützen zu können, oder welchen Ztvcck verband er damit? Die An- gäbe ist übrigens unrichtig. Denn der Verband ist nicht sozial demokratisch. Wer Mitglied ioerden will, wird weder bei dem Ein- tritt noch später nach seiner Gesinnung gefragt. Der Verband ist eine wirtschaftliche Jntcrefffnt»'rtrctung für seine Mitglieder, und er hat' damit alle Hände t oll tun. Wenn die Vorsitzende des Verbandes neben den vielen übrigen Arbeiten auch die zeit- raubende Prozeßvcrtrctung für dje..Mitglieder übernimmt, so er- füllt sie damit eine schwere Pslichsi Nach der angeführten Aeußc- rung des Rechtsanwalts könnte man glauben, sie ladet sich diese Bürde aus Bosheit auf oder nur zu dem Zwecke, die„Herrschaften zu ärgern. Bus Industrie und ftandd Rückgang der Vichelnsuhr. Die Versorgung der deutschen Märkte mit Schlachtvieh geht neuerdings wieder ganz erheblich zurück. Im vorigen Herbst uns Winter haben die Viehbestände in Teutschland mit Rücksicht aus die ho h e n Futterpreise eine recht bedeutende Verminderung erfahren. DaS durch den Winter gebrachte Vieh wird naturgemäß gegenwärtig nur ungern verkauft, da sich bald Gelegenheit zur Verwendung von Grünfutter bietet. Infolgedessen läßt der Auf- trieb an den inländischen Viehmärkten ganz erheblich nach. ES kommt hinzu, daß auch die Zufuhr aus dem Auslände in starkem Rückgange begriffen ist. Die Einfuhr von Kühen, fast ausschiieß- lich zur alsbaldigen Schlachtung bestimmt, bclief sich im ersten Quartal 1912 auf 12 041 Stück. In den ersten drei Monaten 1911 wurden 29 383 Stück importiert. Der Wert der Einfuhr ist von 7.55 auf 3,33 Millionen Mark gesunken. Dänemark lieferte in der Berichtszeit 12 599 Ksihe nach Deutschland gegen 23 966 Stück im Vorjahre. Tie Zufuhr aus Frankreich, die sich im erjten Quar- tal 1911 auf 1964 Stück belief, wurde in diesem Jahre ganz ein- gestellt. Der Import von Bullen ist von 4961 auf 734 Stück zurückgegangen. Dem Werte nach ergibt sich eine Senkung von 1,94 aus 9,35 Millionen Mark. Di« Einfuhr von Ochsen belief sich in den ersten drei Monaten d. I. auf 4898 Stück gegen 19 779 Stück im Vorjahre. Der Wert des Imports ist von 6,74 auf 3,97 JWiliionen Mark gesunken. Frankreich, das im Vorjahr« noch 8667 Stück siber die deutsche Grenze lieferte, hat in diesem Jahre gar keine Ochsen nach Teutschland importiert. Hingegen ist die Einfuhr aus Oester« reich-Ungarn von 519 auf 4169 Stück gestiegen. Der Gesamt- import von Jungvieh unter LVii Jahren belief sich im ersten Quartal 1912 auf 14 500 Stück. Im Vorjahre wurden 18 92? Stück «ingeführt. Der Import aus Dänemark ist erheblich zurückgez ingen, während die Zufuhr aus der Schweiz gestiegen ist. Eine kräftige Zunahme hat die Einführ von Schweinen aufzuweisen. Sie belief sich in den Monaten Januar bis März 1912 auf 39 653 Stück gegen 22 692 Stück im Vorjahre. Dem Wert« nach ergibt sich eine Steigerung von 3,3 aus 4,60 Millionen Mark. Der Import von Schweinen aus Rußland ist von 22 394 auf 39 582 Stück gestiegen. Ter Rest kam aus Frankreich resp. Oestcrreich-Ungarn. Prämien für Staatsbeamte. Die preußisch-fiskalische Bergwerksverwaltung ist modern ge- worden. Sie hat kaufmännische Grundsätze akzeptiert. So läßt sie nämlich die Einführung des Prämiensystems von offiziösen Federn preisen. Die höheren technischen Beamten, die Vorsitzenden der drei Bergwcrksdirektionen, der Direktor der Bernsteinwerke, der Direktor der Oberharzer Berg- und Hüttenwerke, die Leiter der K>zndelsbureauS bei den drei Bergwerksdirektionen sowie die 49 Werksdirektorcn sollen fortan am Gewinn der hierfür in Betracht kommenden Staatswerke beteiligt werden. Die Gesamtsumme der Gewinnanteile ist auf 124 999 M. berechnet. Die oberen und mittleren Werksbeamten jener Betriebe sollen durch monatliche Prä- mien an den wirtschaftlichen Ergebnissen ihrer Tätigkeit interessiert werden. Hierfür sind 278 999 M. vorgesehen. Die Grundsätze über die Verwendung dieser Mittel und über die Berechnung der einzel- ncn Gewinnanteile und Prämien werden zwischen dem Handels- minister und dem Finanzminister vereinbart. Ein Rechtsanspruch auf Gewinnanteile und Prämien wird keinem Beamten eingeräumt, auch sind diese Bezüge nicht pensionsfähig. Für den fiskalischen Geist ist es sehr charakteristisch, daß er just solche kaufmännischen Grundsätze akzeptiert, die auf eine Verschärfung der Antreiberei hinauslaufen. Gerade im Bergbau mit seiner besonders hohen Unfallgefahr ist das eine sehr bedenklicky: Praxis. Im letzten Gc- werbeinspektorcnbericht wird vielfach eine Zunahme der Unfälle konstatiert. Die Beamten wissen keine Erklärung dafür. Wenn im laufenden Jahr« die Unfälle auf den fiskalischen Gruben zu- nehmen, dann erinnere man sich bei dem Suchen nach der Erschei- nung Ursache der. neuen kaufmännischen Grundsätze. GcvichtQ-Zcxtunq. DaS Weihnachtsgeschenk für das Dienstmädchen. Wenn ein Dienstmädchen seine Stellung kündigt, wird von manchen„Herrschaften" da? letzte Weihnachtsgeschenk zurück- gefordert oder der Wert des Geschenks bei der Lohnzahlung in An- rechnung gebracht. Der Zcntralvcrband der Hausangestellten hat kür seine Mitglieder schon manchen Prozeß deswegen geführt, und zwar mit wechselndem Glück. Vor einigen Tagen erzielte der Ver- band ein günstiges Urteil vor dem Charlottenburger Amtsgericht. Da» Dienstmädchen dcS Kaufmanns Türk in Charlottcnburg hatte gekündigt und mutzte einige Sachen, Hie es zu Weihnachten bc- Dcr ungläubige Pastor. Ein Beleidigungsprozeß, in dessen Mittelpunkt der in Stabns- dorf amtierende Pastor Ncinhold Luther steht, gelangte gestern wieder vor dem Schöffengericht in Potsdam zur Verhandlung. Pastor Luther hat gegen den praktischen Arzt Dr. Wilhelm Eckert in Stahnsdorf im Auftrage seiner vorgesetzten Bclstirde Strafantrag wegen Beleidigung gestellt, weil Dr. Eckert öffentlich behauptet hat, Pastor Luther'habe vor mehreren Zeugen Aeutzerungen über Kirche und Religion getan. Nach den Behauptungen Dr. Eckerts soll Pastor Luther unter anderem gejagt haben, daß„Haeckels Welt- rätsel" sein richtiger Glaube sei. Er habe mehrere Predigtbücher und nehme sie zn Hilfe, je nachdem er bezahlt werde. Wenn reiche Leute kämen, lese er auS einem besonderen Buche vor, und wenn arme Leute kämen, halte er eine um so dürftigere Predigt. Er habe ferner gesagt, ihn könne niemand etwas anbabcn, denn Ivenn ihn jemand auf die Folgen seiner Ansichten aufmerksam mache, dann sage er im Notfalle immer, er sei vom Herrn erleuchtet worden und aus einem Saulus ein Paulus geworden. lieber die Kollekten- samnilungen habe Pastor Luiher gesagt:„DaS ist nur für den Not- stand der Kirche, damit dstjcnigen, die fette Pfarren haben und nicht genu„ bekommen, Geld zu Vergnügungen und Saufereien haben. Drei Viertel der Kollekten bekommt der Kollekteur und das übrige ist für den Notstand der Kirche." In einem anderen Zu- sanimenhang soll Pastor Luther gesagt haben:„Die ganze christliche Religion und alles, was in der Bibel steht, ist Quatsch. Kein ver- »ünrtiger Mensch und er am ollerwenigsten glaube an solche Dinge, die längst veraltet sind. Er glaube überhaupt kein Wort von dem, was er in der Kirche sage. Er sage seine Predigten� aus den Büchern heraus und zwar nur deswegen, weil er das Gehalt als Pastor bekäme. Die kirchlichen Behörden seien so dämlich, daß er ihnen bloß mit. ein paar Bibelsprüchen zu konimen brauche, wenn man ihm etwas anhaben wolle. In das Konsistorium kämen nur Halunken, die schon Proben von Diebstahl abgelegt haben." In der Verhandlung, die unter dem Vorsitz des Amtsgerichts- rals v. Naumann stattfand, bestritt der Pastor, derartiges gesagt zu haben, mit Entschiedenheit. Er sei ein gläubiger, orthodoxer Ehrist. Eine Reihe Zeugen bekundeten die Richtigkeit der Angaben des beklagten Arztes. Unter anderein bclundet Zeuge Rechtsanwalt Naekc-Steglitz: Vor etjva 3 Jahren war ich am Biertisch mit Pastor Luther zustimmen, der mit zwei Freunden vom Kegelabcnd kam. Es wurden Zoten erzählt, keiner schloß fick> auS. Mir fiel es da- mals auf, daß gerade der Pastor sich am Erzählen beteiligte und daß er Zoten vorbrachte, die auf sein geistliches Amt Bezug hatten. Der Zeuge bekundet, daß Pastor Luther ihm gesagt habe, er glaube nicht das, was er von der Kanzel sage. Was in der Kirche gesagt werde, sei ührrhaiipt Quatsch, Religion wäre nichts für gebildete Leute. Die Hauptsache für ihn sei, dast er an, erste» sein Gehalt kriege. Ter Zeuge hatte diese Gespräche längst vergessen, als er einige Jahre später bei einem Frühschoppen mit seinem Eoulcurbruder Dr. Eckert zusammentraf. Als Eckert ihm sagte, er habe in Stahns- dorf seine Praxis eröffnet, fragte ihn der Zeuge:„Ist denn da noch der dolle Pastor?" Dr. Eckerl war über diese Bemerkung sehr er- freut, denn er befand sie,-chon im heftigsten Streit mit dem Pastor und konnte sich nun auf das Zeugnis Raekcs beziehen. Der Amtsanwalt beantragte auf Grund der Beweisausnahme Freispreckzung. Nach kurzer Beratung erkannte das Gericht diesem Antrag« entsprechend mit folgender Begründung: Der Wahrhcits- beweis ist gelungen. Die Aeutzerungen sind tatsächlich gefallen. Welchen Einfluß dieses Verfahren aus das Schicksal des Pastors Luiher hat, ist für das Gericht gleichgültig. Dr. Eckert hat von den Aeutzerungen schon seit Jahren Kenntnis, er hat sie aber erst ver- wertet, als er durch das Verhalten des Bastors Luther dazu ge. zwungen wurde und sah, daß daS Pfarrhaus und nahestehende Per- sonrn ihn dazu provoziert hatten. Wem gehört die„Ilse"? Zur Uebertragung des Eigentums an einer beweglichen Sache ist neben dem Willen der Eigentumsübertragung die Uebergabe der Sache erforderlich. Ist der Erwerber oder ein Tritter im Besitz der Sache, so kann die Uebertragung durch Vereinbarung erfolgen. In den Fällen, wo der Veräußerer beim Verkauf nicht mehrBAgentümer der Sache war, kommt es für die Wirkung des Eigentumsüberganges darauf an, ob der Käufer in gutem Glauben war. als er die Sache erwarb. Hat er infolge von grober Fahr- lässigkeit übersehen, daß der Verkäufer gar nicht rechtmäßiger Eigen- tümer sein konnte, so gehört ihm die erstandene Sache nicht. Ganz ausgeschlossen ist der Erwerb des Eigentums nach 3 935 des Bürgerlichen Gesetzbuches, wenn die Sache dem Eigentümer gestohlen worden, verloren gegangen oder sonst abhanden gekommen war und dann von einem anderen verkauft worden ist. DaS Gesetz umfaßt mit dieser Bezeichnung alle die Fälle, wo keine freiwillige Hingabe der Sache stattgefunden hat. Zu umfangreichen Erörterungen haben schon die Streitfragen geführt, ob ein Abhandenkommen dann vor- ließt, wenn die Sache durch widerrechtliche Drohung oder Irrtum jemandem abgenommen worden ist. Die Praxis der Rechtsprechung hat in solchen Fällen das Abhandenkommen� verneint und eine „freiwillige" Uebertragung angenommen. sKammergericht Band 19. S. 57.) Von großem Interesse ist deshalb die jetzt vom Reichs- gericht entschiedene Frage, ob ein Abhandenkommen vorliegt, wenn jemand irrtünilich glaubt, eine Pfändung sei berechtigt und wenn er infolgedessen die Sache fortschaffen läßt. Die Prozeßvorgänge sind folgende: Jede der Parteien nimmt das Eigentum und das bessere Recht zum Besitze an einem Motorboot„Ilse" in Anspruch, welches zu- folge einer einstweilige» Verfügung bei der Spreewerst in Stralau aintergebracht ist. Dieses, Boot hat mannigfache Besitzwandlungen ■durchgemacht: Die Firma L. verkaufte es einem Paul M. unter EigentumSvorbchalt. Bon dem M. ging das Boot an die Frau B. in Schöneberg über, die eS bei dem Restanrateur Schreier in Grünau einstellte. Bei Schreier wurde es für einen Kaufmann P. gepfändet, der es bei einem Restanrateur Schröder in Köpenick unterbrachte. Dort ist es schließlich von dem Fabrikanten H. in Berlin erworben worden. Nach diesem Kauf nahm es die Frau B., die eS in Grünau eingestellt l)atte. wieder in Besitz. H. als Käufer widersprach und klagte gegen die Frau B. auf Herausgabe des Bootes. Auf Grund einstweiliger Verfügung wurde es in Stralau untergebracht. Das Landgericht Berlin erkannte dann zugunsten der Beklagten, das Kammergericht aber verurteilte die Beklagte, damit cinveo- standen zu sein, daß das auf der Spreewerft Stralau liegende Motorboot„Ilse" an den Kläger herausgegeben werde. Auf die Revision der Beklaglcn hak da» Reichsgericht da» UrkeN de? Kammergerichts bestätigt. Aus den Entscheidungsgründen intcr- cssiert noch folgendes: Bevor das Boot zu Schröder geschafft»var. statte es sich im Verlvahrungsbcsitz des Schreier besunden. Ter Berufungsr,chtcr hat festgestellt. Schreier, welcher geglaubt habe. gegen die Pfändung nichts machen zu können, habe sie zugelassen und fei zur Herausgabe des Bootes bereit gewesen, ihm sei sonach das Boot nicht abhanden gekommen. Rcclstlich kommt in Betrachi, daß gemäß der Feststellung die Pfändung und Fortschaffung des Bootes nicht ohne den Willen, sondern niit pem Einverständnis des Schreier vollzogen worden ist. Wenn Schreier sich zufolge feiner irrigen Ansicht, zur Duldung der Amtshandlung des Gcrichtsvoll- ziehers verpflichtet zu fein, einverstanden gezeigt hat, so fehlte ihm darum keineswegs der Wille, das Boot herauszugeben.(Akten- zeichen: VII. 363/11.)_ Hu 9 aller Melt. Die Henkersmahlzeit an Bord der„Titanke"»� Man weiß, daß Bruce Jsmay am Abend vor dem Untergang der.Titanic" den Passagieren der ersten Kajüte ein Festmahl gegeben hat. Das Menu dieses opulenten Diners hatte einer der Gäste zu sich gesteckt, und nach seiner Rettung fand er die Tischkarte in der Rocklasche vor. So ist die Speisenfolge dieser HenkerSmahl- zeit dem nassen Grabe entrissen worden, und ein Londoner Blatt druckt jetzt die ominöse Mennkarte ab. Hier ist sie: R. M. E.„Titanic", April 14, 1912. Verschiedene HorS d'Oenvre Austern Lachspostete mit Gurkensauce Filet Mignon ä la Lili Ragout von Lhoner Küken Gebackenes Pflanzen-Mark Lammbraten mit Minztunke Junge Ente mit Apfeltunke Rindsnierenstück mit Schloßkartoffeln Junge Schoten-Karotten mit Rahm-Rcis a la Parmenticr und Neuen Kartoffeln Punch Romain Gebratene Täubchen mit Kresiensalat Eingemachter Spargel Gänseleberpastete Selleriesalat Waldorf-Pudding Psirsichge.üe in Chartreuse Schokoladen- und Banillentorte— Französischer SiZereme. Neue Ueberschwemmungen im Misfissippigediet. In ungeheuren Schrecken wurden in der letzten Nacht die De- wohner von Torah versetzt, da der Mississippi wieder iin Steigen begriffen ist, bereits den Wall durchbrochen und die ganze Stadt und Umgegend überschwemmt hat. Die Bewöhncr haben sich fluchtartig auf höhergelegene Punkte ge- rettet. Der bisher durch die Ueberschwemmung angerichtete Schaden ist enorm. Große Zuckerplantagen stehen unter Wasser. Hart mitgenommen sind auch zahlreiche Baumwollplantagen, die fast vollständig von der Flut�vernichtet sind. Es find bereits Hflss- züge abgegangen, um die Bewohner der gefährdeten Gegend zu retten.__ Oekonomisch. Im schwarzen.Würmtalboten" lesen wir in der Nummer vom 1. Mai folgendes Inserat: Warnung! Wer meiner Frau Anna etwaS leiht oder borgt, hat von mir keine Zahlung zn erwarten. Karl Meier, Puchheim 17." Um aber das Unangenehme mit dem Nützliche» zu verbinden, ließ Herr Meier unter diese Anzeige setzen: „Mnttrrschwcin mit 12 Ferkeln(14 Tage alt) sehr preiswert zu ver» kaufen._ Der Obige." Adel verpflichtet. Ein unerhörtes Vorkommnis bildete am Donnerstag den Gegen- stand emcr parlamentarischen Anfrage im englischen Unter- hause. Am 11. April hatten die bekannte» Frauenrechtlerinnen Miß S h e e p s h a n k S, die eine TochterdeS Bischofs von B o r w i ch S ist, und Miß F a w c e t t in Wiceter eine Frauen- rechtSversammlnng abgehalten, die einen völlig geordneten und er- folgreichen Verlauf»ahm. Die beide» Damen hatlen für die Nacht im Erown-Holel Wohnung genommen. Gegen 11 Uhr nun drangen vier junge Herren. Angehörige des Grass chasiS» ad eis, von denen zwei de in Offizier stände angehören, in das Schlafzimmer der. beiden Damen ein, schlugen alle Möbel entzwei und rissen die Kleider der Suffragettes.m Fetzen. Anfangs wurde versucht. die Angelegenheit um der hohen Stellung der Schuldigen willen totzuschweigen. Jetzt aber forderten im Parlament Miglicder aller Parteien eine strenge Untersuchung der rohen Tat, die denn auch seitens dcS Ministers des Innern MacKennan zug-sagt wurde. Kleine Notizen. Arbeiterrisiko. Auf dem neuen GülerbaSnhof in Kiel ist j» der letzten Nacht bei Baggerarbenen eine Wand eingestürzt' wodurch zweiArbeiter getötet wurden; einer ist f ch w e r verletzt.— Der Monteur Wahl, der bei dem Einsturz eines HängegerüsteS am Rheinbauhafen in Mannheim schwer vcrlenl lvurde, erlag Donnerstagabend seinen Verletzungen. Der Monteur JooS, der beim Einsturz sofort getötet wmde, hinterläßt eiue Frau und acht Kinder. Das Apachcnwcsen in Paris. Ein neuer Ueberfall auf einen Automobilchauffeur wurde Donnerstagabend in Paris verübt. Gegen 7 Uhr abends wurde auf dem Boulevard Bcrthicr der Chauffeur Amagat von einem unbelannicn Verbrecher angefallen und durch einen Revolverschuß am Fuß verletzt Trotz der sofort ausgenommenen Verfolgung gelang eS dem San- diten, unerkannt zu entkommen. Vier Nonnen umgekommen. Bei einem Brande dcS Nonnen- klosters in Ardatow bei Nischni-Nowgorod sind gestern vier Nonnen erstickt. Toiiristenvercw.Die Raturfrennde-. Olisaruppe Berlin. Sonntag, den 6. Sm.: ffinndniing von Mclchow. Schönho!,. Ro-mcnflictz. Lcucnbcrg, Ticsensee. Abfahrt ,rüh ö llhi. Stclimer Bcchubol kFcrndahnho. nach Melchow. Gäste willkommen. 1-mwi iö""" Waflerstands-Nachrichten der Landesanstalt sur Eewäsierkuiide. milgctcill vom Berliner Z Wasserstand M emel, Tilsit P r e g e I, Jnstcrburg Weichsel. Thom Oder, Ratibor , Krassen . Frankfurt Warthe, Schrimm , LandZberg Netze, Vordamm Elbe, Lciüneritz , Drcsocu , Berby , Magdeburg Wasserstand Saale, Srochlitz Havel. Spandau K Rathenow')' Spree. Svrembcrg� B-eskow Weser, Münden Minden Rhein. MaximülanSau , Kaub Köln Neckar, HeilbroiM Main. Hanau M o j e l, Trier am 2. V. cm 70 47 108 64 88 123 ■192. 360 113 130 47 120 45 I-it 1. 5. cm1) —4 +1 —« _ o +i 0 —6 0 — 1 —4 —3 -2 —3 ')+ bedeutet Wachs,- Fall—") Untcrpcgel. yllmpnan �bur. Wal», sto w lilllculill[)ca) Sllim. u.itrrain» ftirort, Znnatorium, Sommerfr., SSintcrfportj)!. 8lu4f. Prosp. m. Woh- nunflsnaf�ro, frei b. b. gabujcvlrct. 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Die Mehrheit lieh diese Argumente nicht gelten und beschloh. den Vertrag mit dem Zusatz gutzuheißen, daß die Gesellschaft die Hunde« fänger mindestens in der Woche einmal nach unserem Ort entsenden möge. � Die Regulierung und der Ausbau der Kursürstenstrahe, deren Südseite gegenwärtig tu der ganzen Länge mit Steinen belegt und für Passanten und Kinder geradezu lebensgefährlich ist, erfordert an der Schöneberger. Ecke Kurfürstenstrahe die Veränderung deS das Grundstück umgebenden Zaunes mit gemauertem Sockel. Da hier daS Strahenland kostenfrei abgetreten ist, übernimmt die Gemeinde die Kosten von 2235 M. für die Veränderung.— Hierauf entwickelte sich eine heftige und lebhafte GeschästSordnungsdebatte. Genosse Reichardt beantragte die Verlegung von vier Punkten der TageS» Ordnung aus der geheimen in die öffentliche Sitzung mit der Be« gründung, daß diese Punkte ohne jeden Nachteil für die Gemeinde — e» handelte sich hier um Protokollberichtigung und Vornahme von Wahlen für Kommissionen, Armen-, Bau- und Strahenkom- Missionen— öffentlich verhandelt werden könnten. Die grohe Zahl der Tribünenbesucher beweise, daß die Bevölkerung den Verhandlungen rcgeS Jntereffe entgegenbringe. Wenn der alte Gemeindevorsteher gern Geheimsitzungen anberaumt habe, so brauche der neu: Bor« jteher nicht das gleiche zu tun. Die Protokollberichtigung wollte der Gemeindevorsteher für die Oeffentlichkeit preisgeben, sonst aber wandte tL sich scharf gegen unseren Genossen. Die bürgerlichen Vertreter,--ßj. wohl auch lieber geheim verhandeln als nater der Aufsicht eii-�, 5., setzten Tribüne, unterstützten natürlich den Gemeindevorsteher und so wurde denn der Antrag gegen die Stimmen unser-� gj"Nossen abgelehnt. besonders preiswert! n ersten Lausttzer Tuchfabriken habe ich größere Posten soliSer flnzugstoffe neuster Musterung sehr billig erstanden. Die dar- im eigenen Setriebe in 24 verschiedenen Größen her- gestellten flnzüge offeriere ich in folgenden fünf Preislagen« IL 28 27 II D(«f* fln« Zormenfchön ♦ Elegant im Sitz Gut im Tragen � Ersatz für Maß Q oltli eO llkitt Schöneberg, Hauptstraße 161"'Ä'.'i; .eske& L 78 Kottliuser Danun 78 Spezial-Haus für Herren«• und Knaben- Bekleidung Verkauf aar gegen bar zu niedrigen Preisen 6 preiswerten AnzQse! 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Mai hielt der erste Sozial- demokrat, der Genosse Mitzner, seinen Einzug in unser Ortsparlament. Bon der sehr reichhaltigen Tagesordnung ist besonders erwähnens- wert, daß die 7. Klasse der Gemeindeschule, die 63 Kinder zählt, ge« teilt werden soll, wodurch die Anstellung einer neuen Lehrkraft be- dingt wird, ffür die Gewährung von Flufffreibödern an Schulkinder wurden 130 M. bewilligt mit der Mastgabe, dag es den Kindern freigestellt ist, die Badcaustalt im Ort oder das Freibad zu besuchen. Die Veröffentlichung amtlicher Belanntinachungen im.Grünauer Tage- blalt� wurde abgelehnt. Für die Genicindcarbciter wurde eine tägliche Arbeitszeit von.9 Stunde» festgesetzt, lieberstunden sollen mit 40 Pf. and Sonntogsarbeit mit 60 Pf. vergütet iverden. Genosse Mitzncr erklärte, in nächster Zeit eine neue Lohnskala sowie deir Entwurf zu einer Arbeitsordiiiing vorzulegen. Ferner wurde der sehr dringende öeschlutz gefastt, die Köpenicker' Straste von der Lahmertstraste bis zum Kanal neu zu pflastern. Die Kosten betragen einschiehlich der Jutwässerung etwa 25 000 M. Dieser Betrag wird aus Etalsmitteln, Erträge der llmsatzstencr, sowie durch den Verkauf des Altmaterials annähernd gedeckt. Genosse Mitzner brachte zur Sprache, dast bei der letzten Gemeindevertreterwahl der Lehrer L. nicht allein besonders für den bürgerlichen Kandidaten eingetreten sei, sondern sogar da? Austragen von Wahlflugschriften durch Schulkinder habe besorgen lassen. Einige Vertreter bestritten die Kompetenz, auf Drängen unseres Genoffen wird die Schulkommission hierzu Stellung nehmen. In der nachfolgenden geheimen Sitzung zogen sich die Verhandlungen bis'/zll Uhr hin. Nolvawes. Aus der Gemeindevertretung. Zur Beratung stand zunächst ein von den Vertretern der dritten Abteilung gestellter Antrag auf Be- reitstellung von Mitteln zur Errichtung einer Badeanstalt in der Ruthe. Genosse Fester begründete den Antrag kurz damit, dast die Gemeindevertretung ja bereits vor Jahren die Notwendigkeit einer den Ansprüchen der Einwohner genügenden Badeanstalt anerkannt habe, jedoch die UnanSführbärkcit des Planes damit nach- zuweisen glaubte, dast der Gemeinde lein geeignetes Grund- stück zur Verfügung stände. Dieser Einwand könne heute nicht mcbr erhoben werden, da durch die Erwerbung des grasten, an die Ruthe grenzenden Geländes in der Nähe der Klär Kation die Möglichkeit zur Errichtung der Badeanstalt wohl gegeben sei. Die von Jahr zu Jahr wachsende Einwohnerzahl mache es der Gemeinde zur Pflicht, das Projekt so ralch wie möglich zu ver- wirklichen. Bei Bewilligung der Mittel dürfe man nicht zu sparsam sein, denn es müsse ein schönes, modernes Volksbad geschaffen werden, daS sich aus lange Zeit hinaus als ausreichend erweisen soll. Der Bürgermeister erkannte zwar die Berechtigung der Forderung an, bezeichnete jedoch ihre Erfüllung nach Mastgabe dcS Antrages als unmöglich, weil nach einer Regierungsverordnung kommunale Badeanstalten, die gleichzeitig dem Schwimmunterricht für Schüler dienen müssen, nur an solchen fliestendendcn Gewässern errichtet werden dürfen, die keine Schmutzwässer aufnehmen. Bei der Ruthe sei letztarcs jedoch der Fall und die Gemeinde würde �»Fhalb die Genehmigung zum Bau nicht erhalten. Es empfehle sich die Frage solange zurückzustellen, bis eS der Gemeinde ge- lunge � sci. ein passenderes Gelände zu finden, eventuell an der Havel, deren Waffer er übrigens für einwandfreier halte. Leider sei ein Grund« stückßkauf für diesen Zweck nicht so leicht, da die Privatbesitzer in Fällen, wo die Gemeinde als Käufer auftrete, ihre Forderungen nicht hoch genug stellen können.(Ist Die Angelegenheit wurde schlicstlich der Wegekommission zur weiteren Prüfung überwiesen. Damit ist die in gesundheitlicher Beziehung so wichtige Frage wiederum auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben.— Der auf der Tagesordnung stehende Punkt:.Aenderung des Vertrage? mit der Continental-Gesellschaft' kam im öffentlichen Teil nicht zur Ver- Handlung und zwar auf Grund eine? von 16 bürgerlichen Vertretern schriftlich und eines vom Gemeindevertreter Nathan. mündlich gestellten Antrages.— lieber die Eingemeindung des nörd- lich der Wetzlarer Bahn am Bahnhof Drewitz belegenen Parallel« wcges ist nach längeren durch den KreiSauSschust geführten Verhandlungen insbesondere mit der Aktiengesellschaft Orenstein u. Koppel eine Einigung zustande gekommen. Die Vertretung stimmte dem abzuschliestenden Vertrage zu.— liebet die Nahrungsmitteluntersuchung sind mit der Landwirtschaftskammer neue Vertrags- besiinimungen vereinbart worden. Die Vertretung erklärte ihr Ein- Verständnis damit.— Die letzten zwei Punkte betrafen Aenderung der Baufluchtlinien der Schul- und der Grostbeerenstroste. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Die Verhandlungen in der letzten Sitzung bollzogen sich fast gänzlich unter AuSschlust der Oeffentlichkeit. In der öffentlichen Sitzung wurden zunächst die Ferien fiir die Stadwerordnetenversammlung vom 5. Juli bis 4. September festgesetzt. Dann lag ein Vertrag vor, den der Ma- gistrat mit dem Königlichen Kreisarzt Medizinalrat Dr. Jaenicke abzuschließen gedenkt. Demzufolge sollen die Funktionen des Dr. Jaenicke, der seine Pensionierung als Kreisarzt in die Wege geleitet hat, noch erweitert werden. Die bisher im Nebenamt inne- gehabte Stellung als Stadtarzt soll in Zukunft Haupttätigkeit des Herrn I. werden. Die bisher an ihn gezahlte jährliche Vergütung von 3000 M. wird auf 5000 M. erhöht. In der Versammlung machte sich Opposition dagegen bemerkbar, daß man einem Arzt, der sdhen eine reichliche Pension beziehe, noch diesen so gut dotierten Posten übertragen wolle. Die Genossen Pieck und Pieper be- sonders wiesen darauf hin, daß man die Funktionen besser zwei jüngeren Aerzten überweise, welche sicher eine größere Arbeitskraft mitbrachten, wenn auch die Kosten für die Stadt dann etwas höher werden würben. Die Mehrheit stimmte aber doch der Vorlage zu. — Eine längere Debatte entspann sich nur noch bei dem Bericht über die Streitfragen wegen Abnahme der Dampfkessel in den Wasserwerken. Von dem Stadtv. L i e r o w war seinerzeit auf er- hebliche Mängel an diesen von der Maschinenfabrik.Cyklop" ge- lieferten Dampflesseln aufmerksam gemacht worden, infolgedessen er, da er dabei die Wasscrwerksdeputafton angegriffen halte, vielen Anfeindungen ausgesetzt loar. Wie nun der Magistrat selbst zu- geben mußte, waren die Mängel tatsächlich vorhanden und sie sind inzwischen von der Maschinenfabrik abgestellt worden. Der Stadt- verordnete Lierow soll nur etwas zu weit übers Ziel geschossen haben, indem er ausgeführt hatte, daß durch die Schuld des Be- triebsleiters der Wasserwerte der Maschinenfabrik zum Schaden der Stadt ein Vermögensvorieil erwachsen wäre. Herr Lierow hat später erklärt, daß er dies in gutem Glauben getan habe. Die Versammlung nahm dies zur Kenntnis und dürfte damit diese An- gelegenheit, die seinerzeit viel Aufregung verursacht hat, endgültig erledigt sein._ Nachträge zur Maifeier. OKer-Schäneweide. Zu einer gewaltigen Demonstration ge- staltete sich die Maifeier unseres Ortes. Sowohl die Vormittags« Versammlung wie auch die Abendveranstaltung waren zahlreich besucht. Hoffentlich bat bei dem Verfasser der Antimaifeierannoncen im „Ober-Schöneweider Tageblatt� die Kenntnisnahme des imposanten Verlaufes der Maifeier leine gesundheitsschädigende Wirkung aus- gelöst. In Alt-LandSberg nahm das Maifest einen würdigen verlauf. Die Festrede hielt Genosse M o h aupt. wlarNbericht von Berlin am». Mai 1912, nach Irmittelmig des fönigl Polizeipräsidiums. Markthaileupreile.(Klein bandcl) 100 Kilogramm'Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00— 60,00. Edeisebohnen, iteiste, 40,00— 66,00. Linsen 40,00— 80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 8,00—13,00, 1 Kllograuun Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleis 1,40— 1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,40— 2,60. Hammelfleii 1,40—2,20. Butter 2,40—3,20. 60 Stück Eier 3,00—6,00. jrarnm Karpjcn 0,90—2,40, Aale 1,40—3,20. Zander 1,20—8,60. Htc—2,60. Barsche 1,00—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80-; t;«reble 2,40—45.00. Nur 100lo Nutsenl Telephon: Charl. 420. Telephons Charl. 420. 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