Ur. 104. flbonnementS'ßedlnaüttdtft: Abonnements» Preis vränmnerandot ZZicrleljShrü Z,Z0 Mk�, monatb 1,10 Mt, wöchentlich 2S Pfg> frei ins H-ruS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg, Posl- Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS- PreiSWe. Unter Kreuzband mr Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, sür das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postaoonnemems nehmen an: Belgken, Dänemark, touand, Italien, Luxemburg. Portugal, umänien, Schweden und die Schweiz. Vlchtiitt ttgNlb außer mentaas. 39. Jahrg. Sie TntcrtlonS'Gcbüfjr Behägt sür die sechsgespaltene Kolonel- zcile oder deren Raum 00 Pfg,, für politische und aewerlschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigcn M Pfg. „Klein« Snretgen", das fettgedruckie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafftellcnan- zeigen das erste Wort 10 Psg„ jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15 Buch- ltabcn zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Berliner VolKsblntk. Zentralorgan der fozialdmiobrattfcben Partei Deutfchlands. Telegramm- Adresse: .Sozlalitembkrat Btrllo". Redaktton: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morittplatz, Nr. 1S8S. Sonntag, den F. Mai 4913. Expedition: SM. 68» �.indenstrasse 69. Fernsprecher: Am« Moritzplatz, Nr. X981. llachleie zum Molonialetat. 1. Was bei der ersten Lesung des Kolonial« e t a t s von der Regierung und von den Rednern der bürger- lichen Parteien zur Verteidigung der deutschen Kolonialpolitik gesagt worden ist. ist nicht danach angetan, die Sozialdemo- kratie von ihrer Feindschaft gegen diese exotische wie gegen jede Form kapitalistischer Ausbeutung zu bekehren. Die sozial- demokratischen Redner haben in ihrer Kritik darüber auch keinen Zweifel gelassen. Es ist von ihnen sowohl die prin- zipielle Stellung der Sozialdemokratie zur Kolonialpolitik klargelegt tvorden, wie auch in vielen Einzelheiten auf besonders krasse Mistbräuche und Ungerechtigkeiten hin- gewiesen, deren Abstellllng gefordert und dadurch auch „positive Arbeit" geleistet wurde. Immerhin haben wir in den Debatten mancherlei vermistt, was der Erörterung wert gewesen wäre; mancher Vorgang in der Kolonialgeschichte des letzten Jahres hätte vor dem Forum des Reichstages beleuchtet, und die Regierung zur Aufklärung gezwungen werden können. Die prinzipiellen Aus- führungen unseres ersten Redners zum Etat— deren Wert wir deshalb nicht geringer einschätzen, weil sie im Laufe der deutschen Kolonialgeschichte schon öfter von Sozialdemokraten dargelegt worden sind— hätten zweifellos an Ueberzeugungs- kraft gewonnen, wenn sie mit aktuelleren Beispielen aus der Kolvnialpraxis belegt und nicht einseitig auf das Negerproblem zugeschnitten worden wären, sondern auch auf die anders gearteten Verhältnissen in der Südsee usw. Rücksicht genommen hätten. An Material für diese Beispiele aus jüngster Zeit fehlt es nicht. Eine Frage, zu der unsere Redner im Reichstage hätten Stellung nehmen müssen, ist nach unserer Meinung die O v a m b 0 f r a g e. Wohl hat Genosse Noske beim Etat von Südwestafrika diese Frage kurz gestreift, wir vermissen aber den Hinweis auf ein Ereignis, das im letzten Sommer die Oeffeutlichkeit stark, beunruhigt hat und das mit der Ovambo- frage im Zusammenhange steht. Wir meinen die Irrfahrt der Kolonne Frankeuberg i m C a p riv i- Zipfel. Es drangen seinerzeit die abenteuerlichsten Gerüchte in die Oeffentlichkeit; die ganze Kolonne sollte niedergemetzelt sein. Die Folge davon war. dast eine verhältnismästig starke militä- rische Erpedition(2 Kompagnien. 1 Batterie usw. der südwest- afrikanischen Schutztruppe) in das nördliche Grenzgebiet der Kolonie gesandt wurde. Die Kolonne Frankenberg kehrte allerdings unversehrt von ihrer Irrfahrt heim, und das Ex- peditionskorps soll ebenfalls in seine Standorte zurückgekehrt sein, aber eine amtliche Aufklärung über die ganze Angelegenheit, die den Etat natürlich auch mit Kosten belastet hat, ist unseres Wissens nicht erfolgt. Auch aus den Berichten über die Ver- Handlungen der Budgetkommission konnten wir nicht ersehen. ob amtlich darüber Auskunft gegeben worden ist. Jedenfalls hatte das deutsche Volk Anspruch darauf, über diese Ereignisse Auf- klärung zu erhalten. Und das um so mehr, als an der Nord- grenze Deutsch-Südwestafrikas Zustände zu herrschen scheinen. aus denen sich sehr leicht Konflikte ergeben können. Es scheint zwar, als ob die Regierung im Ovambogebiete und am Oka- wango eine friedliche Eingeborenenpolitik einhalten will, aber das Drängen der südivestafrikauischen Grubenherren und Farmer, das in Deutschland durch interessierte Bank- leute und sonstige Kolonialtreiber unterstützt wird, um jeden Preis billige Arbeitskräfte zu erlangen. durchkreuzt immer wieder die Absichten einzelner wohlmeinender Regierungsbeamter. Daneben gibt es aber auch Beamte. vielleicht' sind sie in der Mehrzahl, die den Eingeborenen gegenüber nur den Herrenstandpunkt wahrnehmen. Es klingt daher sehr bedenklich, wenn nian lesen niust, dast der exponierteste deutsche Beamte am Okawango auf sehr schlechtem Fustc steht mit dem einflnstreichsten Oberhäuptling Libebe. Dast dem so ist. geht hervor aus eineni Artikel der„Deutschen Kolonialzeitung" vom 27. April 1912:„Wie steht es am Okawango?" Dieser Artikel bringt einen Auszug aus dem Bericht des deutsch-österreichischen Forschungsreisenden Franz Seiners, der das Okaivangogebiet kürzlich bereist hat. Nach diesem Bericht hat Herr v. Frankenberg auf der Okawango- insel Ngomukve im Gebiete des deutschfreundlichen Ober- Häuptlings der Mambukuschu. Libebe. eine Polizeistation er- richtet, deren Chef der Wachtmeister Hupel wurde. Von diesem schreibt Seiners: „Leider»ourde daS Verhältnis zwischen dem t e m p e r a m e n t- vollen Wockimeister Hupel und dem Libebe. der eifersüchtig seine Würde als Oberhäupiling geachtet sehen wollte, bald sehr unleidlich, so dotz Hupel den Ausbruch offener Feindseligkeiten befürchtete und daher rechtzeitig seinen Proviant in Njangana erneuern wollte. Zu meinem Erstaunen beiatz die Station kein eigenes Boot und war diesbezüglich ganz aus Libebe angewiesen, der ihr ein halbleckes, in offenem Stromwasser unbrauchbares Boot beigestellt hatte. Austerdem lieferte Libebe, der 30 Kühe besitzt, dem Wachtmeister trotz des Zwistes täglich ein grotzes Quantum Milch, und zwar unentgeltlich, was hier ausdrücklich be- tont fei". Wir wollen an diesen Bericht keine langen Erörterungen knüpfen. Jedenfalls kann aber das„temperamentvolle" Gebahren eines überschneidigen Beamten sehr leicht zu Konflikten führen, was widerum nur im Interesse der südwest- afrikanischen Ausbeuter und kriegslüsternen Lieferanten läge. Dazu kommt, dast in jenen Distrikten, wie seinerzeit in zwei aussührlichen Artikeln des„Vorwärts" über die Ovambo- frage dargelegt wurde, infolge der unsicheren Grenzlinien sehr leicht Verwickelungen mit dem portugiesischen Nachbar und mit den Grcnzstänimen entstehen können. Jedenfalls mustte die Regierung zu einer Antwort auf die Frage: Wie steht es am Okawango? zu geben und sich über ihre ganze Ovambopolitik zu äusteru.— In den Reden der bürgerlichen Abgeordneten des Reichs- tages kehrt immer die Behauptung wieder, dast die BeHand- lung der Eingeborenen„humaner" geworden sei. Freilich, jetzt gibt man auch auf bürgerlicher Seite zu, daß die brutale Ausrottungsstrategie des Generals von Trotha in Südwest- afrika, der-- aber noch heute als so eine Art nationaler Held gefeiert wird, ein schwerer Fehler war. Als die Sozialdemo- kratie damals gegen diese Brutalität des Kolonialkrieges zu Felde zog, wurde sie natürlich von allen Seiten darob weidlich beschimpft. Aber die kapitalistische Kolonialpolitik hat bis in die neueste Zeit ihren blutigen Charakter nicht verloren. Wir wollen hier nicht noch einmal auf das Blutbad eingehen, das Soldaten der südivestafrikanischen Schutztruppe im Jahre 1910 in Wilhelmsthal unter schwarzen Arbeitern anrichteten, die man in der Kapkolonie für den Bahnbau angeworben hatte. Wir erinnern aber daran, dast am 24. Februar 1911 auf der Südseeinsel Ponape 17 Eingeborene vor die Gewehrmündungen des Exekutionspelotons ge- stellt und zusammengeschossen wurden, weil sie an einem Ans- stand teilgenommen hatten, für den sie nicht allein verant- wortlich zu machen sind. Bei der Niederwerfung des Auf- standes waren drei Angehörige der deutschen Marine getötet, vier schwer und drei leicht verwundet worden. Außerdem waren zwei Mann der melanesischeu Polizei- truppe getötet und neun verwundet worden. � Von den Aufständischen waren(ohne die 17 standrechtlich Er- schossenen) 20 Mann getötet worden. Die Geschichte dieses AufftandeS-von Ponape verdient ebenfalls eine eingehende Erörterung im Reichstage. Und das um so mehr, weil darüber durch einen höheren Kolonialbeamten, der selbst längere Zeit auf Ponape tätig war, schwerwiegende Ent- hüllungen über die Vorgänge auf jener Südseeinsel gemacht worden sind. Der frühere Bezirksamtmann in Saipan, Jap und Ponape, Geheimer Regierungsrat Georg Fritz, hat kürzlich ein Buch über die Vorgeschichte des Aufstandes von 1910/1911 in Ponape herausgegeben(.M majorem Dei gloriam! Leipzig. Dieterichsche Verlagsbuchhandlung. 1912), in dem besonders schwere Anklagen gegen die katholischen Missionen erhoben werden. Herr Fritz schreibt den katholischen Missionen den größten Teil der Schuld an dem Aufstände zu. und das, was er vorbringt, ist— abgesehen von einem ziemlich stark kulturkämpfcrisch gehaltenen Tone— für die frommen Kapuzinerpatres sehr belastend. Hat sich doch sogar einer dieser Verkünder christlicher Kultur, ein Pater Fidelis, zu dem Ausspruch verstiegen:„Es kommt uns auch auf einen blutigen Zusammenstoß nicht an, wenn es Gläubige zu gewinnen gilt!" Wir können hier nicht im Einzelnen auf die An- klagen eingehen, die Herr Fritz gegen die Missionare erhebt. so viel steht jedenfalls fest, dast die Tätigkeit der Missionen neben den Lichtseiten wirklicher Kulturarbeit auch sehr grotze Schattenseiten aufweist, so daß das Wort vom„Segen" der Mission sehr kritisch aufzunehmen ist. Neben Anklagen gegen die Patres erhebt Herr Fritz auch Anklagen gegen die Kolonial- Verwaltung, der er schwere Fehler vorwirft. Er faßt sein Urteil darüber in folgenden Worten zusammen:„Diese Insel und die in allen Instanzen bis in das Referat am Reichskolonialamt hinein un- geschickte Verwaltung wird dem Reiche noch manchen Tropfen Blut und noch etliche Hunderttausende Mark kosten". An diesem pessimistischen Ausblick, der von eineni gründ- lichen Kenner der Verhältnisse stammt, darf der Reichstag nicht stunim vorübergehen. ver Krieg. Verzögerung der Dardanellenöffnuug. Hamburg, 4. Mai. Die deutsche Levantelinie hat ein Telegramm aus K 0 n st a n t i n 0 p e I erhalten, worin mitgeteilt wird, daß wegen schlechien Wetters mit der Wegnahme der Minen bisher noch nicht begonnen worden sei. Die Oeffnung der Dardanellen seikaum vor Mitte der kommenden Woche zuer- warten. Besetzung der Insel Rhodos durch die Italiener. . Rom, 4. Mai. In der heutigen Sitzung der Deputiertenkammer machte Ministerpräsident G i 0 l i t t i. unter allgemeinem stürmischen Beifall davon Mitteilung, dast die italienische Flotte heute vormittag auf der Insel Rhodos Truppen unter General Ameglio gelandet habe. Die Ausschiffung der Truppe« dauere noch fort; die Truppen hätten keinen Widerstand gefunden; das Wetter sei günstig. Vom tripolitauischen Kriegsschauplätze. Rom, 4. Mai. Die„Agenzia Stefani" meldet aus Homs vom 3. d. Mts.: In verflossener Nacht griff der Feind mit starken Streitkräften die kürzlich von den Italienern besetzten Stellungen von Lebda an. Der Angriff wurde mit Infanterie- und Artillerie« feuer zurückgewiesen. Zahlreiche Leichen wurden in der Nähe der Stellungen aufgefunden, welche das 89. Jnfanterie-Negiment besetzt hat. Die Italiener hatten zwei Toie und fünf Verwundete. Rom, 4. Mai. Der„Agenzia Stefani" wird aus Buch am ez gemeldet: General Garioni befahl, um den Italienern die Be- herrschung der Karawanenstrasten von Tunis her zu sichern, gestern früh ein Vorgehen nach Süden, wo sich Araber und Türlen zu Fuß und zu Pferde befinden sollten. Ein Bataillon Infanterie, ein Bataillon Askaris mit Maschinengewehren und eine Abteilung Pioniere und Genietruppen nahmen an der Expedition teil. Nach kurzem Marsche trafen diese Truppen auf etwa 2999 Araber und Türken, die sich verschanzt hatten. Sofort eröffneten die Italiener ein Feuer gegen die Stellungen des Feindes, machten dann einen Bajonettangriff und bemächtigten sich der Verschanzung. Der Feind ergriff nach schweren Verlusten die Flucht. Der Kampfplatz war voll von Toten. Nach einem längeren ErlundungSzuge auf der Kara- wanenstraste kehrten die Italiener ins Lager zurück. Auf feiten der Italiener sind fünf ASkariS gefallen, 49, darunter einer schwer, verwundet. Der Banco di Roma macht Ausprüche geltend. Rom, 2.«ai.(Eig. Ber.) Man sollte meinen, dast der klerikale Banco»t Roma alle Ursache hätte, mit dem bisherigen Verlauf des Krieges zufrieden zu sein. Freilich ist sein Bankmonopol in Tripolis zerstört worden, da der Banco di Sicilia hier bereits eine Filiale eröffnet hat und die Banca d'Jtalia im Begriff ist, eine solche zu eröffnen. Da aber die Banltätigkeit die geringste Sorge unseres klerikalen Instituts war. das sich vielmehr mit Handels- und Jndustriegeschäften befastte, trifft diese Konkurrenz den Banco di Roma kaum. Er komint schon auf seine Rechnung, indem er dem Militär- kommando Kamele, Hafer, Holz, Heu uslv. liefert. Fast die ge- samten Militärlieferungen liegen in seinen Händen, und dast er die Verträge recht geschickt abgeschlossen hat, haben wir wiederholt hier hervorgehoben. Trotzdem will der Banco dem„Avanti" zufolge den Geschädigten spielen und von der Regierung allerlei Schadenersatz fordern. Bei den ungünstigen Hafenverhültnissen von Tripolis müssen nämlich manche. Schiffe monatelang im Hafen warten, ehe sie ihre Ladung löschen können. Für diesen Zeitverlust must der Mieter dem Schiffer eine Entschädigung für Ucberliegezeit zahlen. So hat z. B. ein kleiner mit Brennholz befrachteter Dampfer unlängst 15999 Lire, cin grvstereS österreichisches Schiff 69 999 Lire für Ueberliegezeit erhalten. Der Banco di Roma schickt sich nun an, die von ihm bezahlten Summen von der Regierung zurückzufordern, mit der Begründung, dast der italienische Staat daran schuld sei, wenn der Hafen von Tripolis keine regelmästigen Löjckarbeiten erlaubt. Dabei vergistt die patriotische Bank, dast, als sie ihre Lieferungöverträge mit dem Kommando abschlost, der Hafen bereits die heute fortdauernden Schwierigkeiten aufwies. In den vereinbarten Summen sind also die daraus entstehenden Mehrkosten einbegriffen worden. Die Bank weist aber, dast der Staat in grosten Dingen sehr splendide ist und versucht es daraufhin mit der Schadenersatzforderung. Austerdem soll sie noch die Absicht haben, für angebliche Ent- Wertung ihrer Liegenschaften und Unternehmungen in Tripolis einen grostartigen Schadenersntzfeldzug zu beginnen. Und dabei wollen böse Menschen wissen, dast die Bank sich in Tripolis ganz und gar verspekliliert hatte und vor einem bedeutenden Verlust stand, der einzig durch den Krieg beschworen wurde! Das tut nichts. Die Bau! will erst soviel Vorteil als möglich aus dem Kriege ziehen, für den sie ein so groster Teil der Verantwortlichkeit trifft, und will sich dann als Geschädigte darstellen, um auch dabei wieder ihren Profit zu machen. Wozu soll denn der italienische Staat volle Kassen haben, wenn nicht für den Banco jdi Roma, der soeben 1599 Lire für die militärische Luftflotte spendiert hat! politifcbe(leberNckt. Berlin, den 4. Mai 1912. Eine Abrechnung mit den Arbeiterfeinden. Im Mittelpunkt der dritten Lesung des Etats, mit der das Ab- geordnetenhauS am Sonnabend begann, stand die Rede unseres Genosien H 0 f f m a n n, der nach einigen unwesentlichen Be- merkungen des Freiherrn v. Zedlitz über angebliche Terrorisierung der Reichstagsminderheit durch die Reichstagsmehrheit zu Worte kam. Wiederholt hatten die Gegner die Sozialdemokratie bei der zweiten Lesung mundtot gemacht, aber wenn sie geglaubt hatten, sie könntcn dadurch der Erividerung aus dem Wege gehen, so sind sie durch die Ausführungen unseres Genossen eines anderen belehrt worden. Hoffmann holte daS Versäumte nach, und er leistete gründliche Arbeit. Auf allen Gebieten der Verwaltung brand- markte er die preustische Reaktion, nagelte er die behörd- lichen Uebergriffe fest, geißelte er daS Gebaren der Sozialisten- töter. Dabei verschonte er die arbeiterfeindliche Mehrheit im Hause ebensowenig wie die austerhalb des Hauses. Ganz besonders derbe Wahrheiten bekamen die Herren Freiherr d. Zedlitz und b. Dallwitz zu hören, dies edle Brüderpaar, das in Beschimpfungen der gröstten Partei Deutschlands und PreustenS das menschen- möglichste leistet. Zwar kam der Präsident, Freiherr v. Erffa, seinen arg bedrängten Freunden zu Hilfe, indem er unseren Redner wiederholt zur Ordnung rief, aber eS gelang Hoffmann, seine Rede zu Ende zu bringen und das zu sagen, was einmal gesagt loerdcn mußte. Allzu höflich war eS ja nicht gerade. aber eS gibt Situationen, wo man gar nicht grob genug sein kann und eine solche Situation lag unzweifelhaft vor. Wochen hindurch war alles gegen die Sozial- dcmolratte losgezogen, die ganzen Verhandlungen des Hauses hatten unter dem Zeichen der Sozialistcntöterci gestanden. Da lvar es ein- einfach Pflicht, die erst- sich bietende Gelegenheit z« Brand- ingrkung des feigen Borgchens dieser übermütigen Gesellschaft zu ergreifen.. � Die Rede HoffinannS rief zwei Minister auf den Plan, den Justizmiuister B e s e l e r. der die von unserem Genossen gerügte iZchnellfeuerjustiz im Ruhrrevier zu verteidigen suchte, und den Polizeiminipe: v. D allw iK, der sein altes Lied vorn B-amt-neid sang. Als unfreiwilliger Regicruugskommissar gesellte sich ihnen der ehemalige Staatsanwalt H a a r m a n n, ein rechts steheuder � Na- tionalliberaler hinzu, der seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß die Streikenden nicht noch strenger bestraft werden und lv'gewollt zugab, dost unsere Justiz eine Klassenjustiz schlimmster Sorte ist. Selbst Herrn Friedberg wurde bei den Worten seines Fraktionsfrewndes angst und bange, namentlich, als Herr Haannann, angefeuert durch das Jubelgeheul der Rechten, sich zu immer gröstereu Dithyrambe.'! verstieg und rund heraus erklärte, daß die Justiz einen Damm gegen die Sozialdemokratie bilde. In der Spezialdebatte nagelte Genosse Liebknecht den un- vorsichtigen Herrn Haannann fest. Auch jetzt wieder war es Herr v. Erffa, der sich als Präsident für befugt hielt, unserem Genoflen zu verbieten, über Klassenjustiz zu sprechen. Es ist unglaublich. ipas der Nachfolger Kröchers sich alles herausnehmen zu können glaubt. Aber auch er wird, ebenso wie sein Vorgänger auf dem Präsidentensessel, bald einsehen müssen, daß ein Parlament keine Schulstube und ein Abgeordneter kein Schulbube ist, dem der Lehrer nach Beliebe» abkanzeln zu können glaubt. Die Vertreter der Sozialdemokratie jedenfalls werden sich eine so unwürdige Be- Handlung nun und nimmer gefallen lassen, und Liebknecht, der sich im übrigen ausführlich mit der Streikjustiz befaßte und das Bestehen der Klassenjustiz schlüssig nachwies, hat sich denn auch durch den parteiischen Präsidenten nicht aus seiner Ruhe bringen lassen. Die preußische Justiz ist gebrandmarkt, die Klassenjustiz ist an den Pranger gestellt, und kein Präsident iu der Welt vermag diese Tatsache aus der Welt zu schaffen. Wertvoll ist übrigens das Zugeständnis des JustiznunisterS, daß er die Staatsanwälte darauf aufmerksam gemacht bat, daß ein schnelles Eingreifen gegen die wegen Streikvergehens im Ruhrrevier Angeklagten notwendig sei. Ebenso wie Herr Beseler, so verteidigte auch der Abgeordnete Dr. Friedberg snatl.Z die Justizverwaltung, letzterer unter einigen albernen Ausfällen gegen die Sozialdemokratie. Als aber Genosse Liebknecht erwidern wollte, wurde die Debatte unter Außerachtlassung der Bestimmungen der Geschäftsordnung geschlossen. Diesmal fielen die Herren freilich gründlich hinein, denn an Stelle der kurzen Entgegnung Liebknechts, die höchstens einige Minuten gedauert hätte, mußten sie sich nun noch etwa eine Stunde über die Auslegung der Geschäftsordnung unterhalten. Am Montag wird die drille Lesung des Etats fortgesetzt. Ein weister Rabe. Während alle bürgerlichen Parteien sich innerhalb eines Jahrzehnts zur uferlose st en Flotten- und Welt- Politik durchgemausert haben, berührt es fast befremdend, daß es hie und da auch noch einen bürgerlichen Politiker gibt, der das Unsinnige und Gefährliche unserer kolonialpolitischen Eroberungssucht und namentlich unseres abenteuerlichen M.arinewettrüstenS zu kennzeichnen wagt. Immerhin gibt es noch dergleichen weiße Naben. So hat der national- liberaleLandtagSabgeordnetevomRathin den letzten Tagen in einem Artikel des roten„Tag" ausgesprochen, daß unsere Flottenpolitik uns in England einen unversöhnlichen Feind schaffen müsse, weil sich England durch Deutschlands Flottenrüsten in seiner Existenz bedroht fühle. Die„Post" ist über solche Verständigen Aussührnngen, die natürlich dem Organ der Panzerplattenpatrioten höchst unbequem sind, derart empört, daß sie diesen Nationalliberalen damit zu diskreditieren sucht. daß sich die Sozialdemokraten auf Herrn v. Rath als Gewährsmann berufen werden. Als ob die Sozialdemokratie nötig hätte. sich auf einen Nationalliberalen zur Bekräftigung ihrer Anschauungen zu berufen, statt auf die Logik und die Sprache der Tatsachen! Festgenagelt sei bei der Gelegenheit, daß die„Post" auch ihre Polemik gegen den nationalliberalen Abgeordneten wiederum im Interesse beS Panzerplattenkapitals dazu benutzt, das Verhältnis zwischen Deutschland und England durch un- verblümte Drohungen weiterhin zu der- schärfen. Sie schreibt nämlich: ES ist auch nicht u»ei»geichrä»kt zutreffend, daß wir mit unserer Flotte niemals die Aggressive gegen England mit sicherer Aussicht auf Erfolg ergreisen könnten. Die Geichichte kennt unzählige Beispiele, wo bei einem Zusammentressen verschiedener günstiger Umstände durch deren geschickte Benutzung der numerisch Schwächere sich von beengenden Fesseln befreit hat. llnS eine solche Lage zu schaffen, soll allerdings nach Herrn vom Raths Ausspruch unsere heutige Diplomatie nicht geeignet sein. Aber sie braucht doch nicht immer ungeeignet zu bleiben. Die„Post" und ihre Hintermänner würden freilich nichts lieber sehen, als einen Krieg mit England. Selbst wenn Deutschlands Aggressive zur See den ärgsten Mißerfolg hätte, würden sich ja unsere Panzerpiattenfabrikanten schmunzelnd die Hände reiben können: denn je mehr Kriegsschiffe mitsamt ihrer Besatzung versenkt und vernichtet würden, desto reichlicher würden ja die N e u b e st e l l u n g e n für die Flotte aus- fallen!_ Konservative Wahlfiilscher. In dcr konservativen wie der nationalliberalen Presse wird bei jeder ReichStagSwahl gegen die Sozialdemokratie die Beschuldi- gung erhoben, daß ihre Anhänger durch Bestechung, Stimmenkauf oder durch die Stimmenabgabe für gestorbene und verreiste Wähler das Wahlresultat zu fälschen suchen. Einen Beweis für ihre Be- bauptungen hat diese Presse bisher nicht zu erbringen vermocht. Dagegen ist wiederholt Anhängern der konservativen und national- liberalen Partei nicht nur St'wmenkauf, sonderet sogar direkte be- trügerische Wahlfälschung nachgewiesen worden. Dieser Tage stand in Torgau sogar ein ganzer konservativer Wahlvorstand wegen seiner Vergehen gegen§ 108 des Strafgesetzbuches vor Gericht. Die Anklage ging aus die Wahlen von 1907 zurück. Es wäre vermutlich gar nichts von der unsauberen Geschichte an die Oeffentlichkeit ge- drungen, wenn sich nicht einige der Beteiligten im Laufe der Zeit verfeindet und einander die Wahlfälschung vorgeworfen hätten. So kam die Sache zur Kenntnis des Staatsanwalts, der nunmehr ein- schreiten mußte. Ein wenig später und die Sache wäre verjährt gewesen. Aus der Anklagebank erschienen der Gutsbesitzer und Gemeinde- Vorsteher August Klemm, der Landwirt Herwann Gräfe, der Gast- Wirt Richter und der Lehrer Otto Fuchs, sämtlich aus Großthienig im Kreise Torgau-Liebenwcrda. Die vier Angeklagten bildeten 1907 den Wahlv.srständ in Großthienig. Dem Herrn Gemeinde- Vorsteher, der als Wahlvorsteher fungierte, war der Riesenwahl- schwindeil, der von Bülow und dem Neichsverband inszeniert wurde, noch nicht groß genug, deshalb nahm er einfach einige konservative Stimmzettel aus der Rocktasche, kuvertierte sie, steckte sie in die Urne und ließ den Lehrer Fuchs in dcr Wählerliste bei den Namen einiger älterer und kranker Wähler den Abstimmungsvermerk machen. Daß bei so plumper und grober Wahlfälschung die Kon- servativeu siegen können, ist dann natürlich kein Wunder. In der Gerichtsverhandlung führte dcr Lehrer Fuchs zu seiner Entschuldigung an, er habe nicht gewagt, sich den Anordnungen des Wahlvorstehers zu widersetzen. Als Lehrer sei er'oem Gemeindevorsteher gegenüber ohnmächtig. Auch der Verteidiger des Lehrers bat das Gericht, bei der Abmessung der Strafe zu berücksichtigen, daß sein Klient unter dem Drucke des Dorfgewaltigen gehandelt habe. Hätte er sich seinen Anordnungen nicht gefügt, dann wäre er in den Verdacht gekommen, den sozialdemokratischen Kandidaten begünstigen zu wollen, was den Lehrer sicher um seine Existenz gebracht hätte. Der Staatsanwalt nannte die nationale Wahlfälschung einen ganz krassen Fall, der eine exemplarische Strafe verdiene. und er beantragte deshalb, gegen den Hauptfälscher Klemm— zwei Wochen Gefängnis, Grase und der Lehrer Fuchs sollten je eine Woche Gefängnis erhalten. Diese„exemplarische" Milde war selbst dem Landgericht zu groß, und es verurteilte den betrügeri- schen Wahlvorsteher zu drei Wochen, die beiden anderen Angeklagten zu je einer Woche Gefängnis. Der vierte Angeklagte war krankheitshalber ausgeblieben � gegen ihn wird später verhandelt. Essener Polizeipraktiken. Die Hochwohlweise Polizei in Essen faßt ihre Aufgaben recht seltsam auf. Sie scheint der Anficht zu sein, daß die Gesetze für sie nicht gelten, und sie sich nach Belieben allerlei kleinere und gröbere Ungesetzlichkeiten leisten darf— wenn es auf Kosten der verhaßten Arbeiterschaft geht. Erst vor kurzem hat sie die Mitgliederlisten gegen hohe Bezahlung dem Zechenverband ausgeliefert, und jetzt hat sie Abschriften der widerrechtlich beschlagnahmten Mitgliederlisten des TranSportarbeiterverbandeS an die Essener Eisenbahndirettion weiter- gegeben. Vor einigen Wochen wurde in den GeschäftSräumemder Arbeiter« zeitungen in E s s e u und Duisburg und in den an diesen Orten befindlichen OrtSverwaltungen des Transportarbeiter- Verbandes Haussuchung abgehalten. Man wollte angeblich den Drucker einer in Duisburg vertriebenen Postkarte ermitteln. die das Bildnis eines von einem Arbeitswilligen er- schossenen Arbeiters enthält. Die Essener Polizei setzte fich bei dieser Haussuchung in den Besitz sämtlicher Mitgliederlisten de» Transportarbeiter« Ver« bandeS. obwohl ein Kmd einsehen mutz, daß diese über den Postkartendrucker keinen Aufschluß geben können. Anstatt nun die Listen mit dem übrigen Material nach den geietz- kicken Bestimmungen über die Beschlagnahme sofort dem Unter- suchungSrichter zu überliefern, nahm die Essener Polizei von ihnen genaue Abschriften. Den Beweis für diese ungesetzliche Behandlung lieferte die Polizei selbst. ES passierte ihr das Malheur, dem Transportarbeiterverband bei der Rückgabe des beschlagnahmten Materials«ins von ihr angefertigte Mitglieder- listenabschrtft mit zuzustellen. Aber nicht genug mit der Abschrift der Listen. Diese»vurden ohne Zeitverlust der Essener Eisenbahndirektion übermittelt, und diese schritt durch Vermittelung der Betriebs- inspeklion sofort zur Maßregelung eine« in der Mit- gliederli st« des TranSportarbeiterverbandeS aufgeführten Eisenbahners! Die gesetzwidrige Handlung der Polizei ermöglichte so. genau wie beim Kriegerverband, einen schweren Eingriff in das Koalitionsrecht der Arbeiter. Dem Gemaßregelten wurde der Lohn bis zum 8. Mai aus- gezahlt, gleichzeitig aber zu verstehen gegeben, daß über sein Verbleiben im Eisenbahndienst nur gesprochen werden könne, wenn er etwaige weitere Mit- glieder des TranSportarbeiterverbandeS im Eisenbahnbetriebe nambaft machen wolle. Die allgemeine Mitgliederliste führte nämlich nur diesen einen Eisen- bohner auf! Aus dieses feine Angebot ging der Gemaßregelte nickt ein. Er wird also wohl voraussichtlich keine Leidensgefährten erhalten. Ob auch die Eisenbahndirektion für die Abschrift der Liste be- zahlt hat wie der Zechenverband, entzieht fich einstweilen noch der Kenntnis, wird aber aufgehellt werden, da selbstverständlich alle gesetzlichen Wege gegen daS unerhörte Vorgehen der Polizei und in zweiter Linie der Eisenbahndirektion eingeschlagen werden. An dem geschilderten Geschehnis zeigt sich wieder einmal, daß dcr gesetzliche Schutz deS Staatsbürgers dann einfach aufgehoben ist, wenn es sich um die Bekämpfung der Arbeiterorganisationen handelt. Gegen die Polizciwirtschaft in Essen, die nur ein Ausfluß des gesamten preußischen Polizeisystems ist. wird von unseren dortigen Genossen eine öffentliche Protestaktion geplant. Eine scharfe Llbfertigung. Der eigenartige„entschiedene Link-ZlibcralismuS' der Königsberger„Hartungschen Zeitung" ist bekannt. Er ist von der Onalität jenes Wald- und Wiesenliberalismus, der schöne unverbindliche Redensarten liebt, dessen einziges Prinzip aber die Prinzipienlosig- keit ist. ES ist deshalb durchaus begreiflich, daß dieses liebliche FreisinnSblatt die Konservativen in folgender Weise anfleht, doch bei der Stickwahl in Varel-Jever für Herrn Wiemer zu stimmen: „Nickt um der Forischrittlichen Bolkspartei oder um Dr. Wie» merS willen, sondern iu ihrem ureigensten Interesse müssen die Konservativen bei der Stickwahl in Varel-Jever durch die Tat beweisen, ob sie ehrliche„Todfeinde der Sozial- demokratie" und nicht vielmehr im geheimen deren ent- schlossene Helfershelfer find." Auf diesen flehenden Hilferuf antwortet die»Kreuz-Zeitung" mit berechtigtem Hohn: „Die Sorge der Fortschrittker um daS„ureigenste Interesse' der Konservativen ist sehr überflüssig. Und über die Frage, ob die Konservativen ehrliche Todfeinde der Sozialdemokratie sind, möge» sie sich nur bei ihren Verbündeten erkundigen. Was die.Ehrlichkeit" der Fortschritilcr anlangt, ist ja.vor aller Welt" Klarheit geickaffen. Die Konservativen müßten also keine ehrlichen Todfeinde der RevolutionS- Partei sein, wenn sie auch nur einen Finger rühren wollten, um deren Verbündete zu stärken."__ WarenhauSsteuer. Die„Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser' veröffentlicht einige interessante Mitteilungen über die Erträge und Verteilung der Warenhaussteuer. Danach beträgt zunächst die Zahl der veranlagten Betriebe 108, gegen 10S im Jahre 1010. Auf die Städte kommen davon 07 und auf das Land 11. Da hier im Jabre 1010 noch 15 Warenhäuser gezählt wurden, so ist also ein Rückgang der Warenhäuser auf dem Lande eingetreten. Der Jahresbetrag der veranlagten Warenhaussteuer betrug 3 313 324 M., wovon aus die Städte 3 222074 M. und auf das Land nur 124 250 M. kommen. Verteilt man den Betrag auf die Städtegruppen, so kommt der größte Betrag auf die Städte mit mehr als 200 000 Einwohnern. Sie erzielen aus der WarenhauSsteuer 1 632 323 M. Der Rest ver- teilt sich auf die übrigen Städtegruppen derart, daß 17 Städte mit mehr als 100000 Einwohnern 228562 M., 14 Städte mit über 50 000 Einwohnern 208 000 M., 8 Städte mit mehr als 23 000 Ein- wohnern 01 135 M., 0 Städte mit über 10 000«inwohnern 52 500 M. und eine Stadt unter 10 000 Einwohnern 9500 M. erzielen. Die meisten Warenhäuser hat Berlin(19), dann folgen die Regierungsbezirke Potsdam(15), Oppeln(8), Düsseldorf(7), Köln(5)._ Selbstmordversuch oder Fahnenflucht? Ein unhaltbares Urteil fällte das Dredener Kriegs- gcricht gegen den Soldaten Wcndt vom 103. Infanterie- Regiment. Der im zweiten Dienstjahr stehende Angeklagte erhielt Anfang April eine 5 tägige Arreststrafe auferlegt, weil er den Dienst versäumt und hinterher falsche Angaben gemacht hatte. Diese Strafe brachte den etwas ängstlichen Soldaten in eine verzweifelte Stimmung, in der er den Entschluß faßte, außerhalb der Kaserne Selbstmord zu begehen. Dies teilte er auch unverblümt einem Kameraden mit, dem er wegen seines aufgeregten Wesens aufgc- fallen war. Am 3. April— an dem Tage sollte er seine Arrest- strafe antreten— entfernte sich Wendt heimlich aus der Kaserne, irrte umher und fand offenbar nicht den Mut, den Selbstmord gleich auszuführen. Durch seine Verhaftung am nächsten Tage wurde er an der Ausführung seines Planes völlig verhindert. Noch kurz vorher hatte er Kameraden brieflich mitgeteilt, daß er Selbstmord begehen werde. Obgleich hier zweifellos nur unerlaubte Entfer- nung zwecks Ausführung des Selbstmordes vorlag, wurde dcr Sol- dat wegen— Fahnenflucht angeklagt! Auch in der Ver- Handlung versicherte der unglückliche Mann, er habe sich nur entfernt, um Selbstmord zu begehen. Das Gericht nahm dagegen an. daß sich Wendt dauernd habe dcr Dienst- Pflicht entziehen wollen und der Selbstmord- gedanke kern ernstlicher war. Es erkannte auf—— 6 Monate 1 Woche Gefängnis.'! Die Gctneindewahlen m franhrdch. Paris, 3. Mai.(Eig. Ber.) Heber den Ausfall der Sonntag stattfindenden Gemeindewahlen Prophezeiungen an- zustellen, wäre ein höchst müßiges Geschäft. Es ist selbswcr- ständlich, daß im Kampf um die kommunalen Verwaltungen die prinzipiellen sozialpolitischen Fragen mit Fragen lokalen Charakters noch stärker vermengt sind, als bei den Wahlen für die Gesetzgebung und dies macht sich begreiflicherweise um so mehr geltend, je kleiner die Gemeinde ist. Die politische Parteibezeichnung ist da oft nur die Etikette für irgendeine um eingesessene Patrizier gescharte Klientel. Trotzdem kann man sagen, daß diesmal in den Sumpf des kommunalpoliti- schen Wettbewerbs bei weitem mehr Leben gekommen ist, als ehedem. Dies ist das Werk der g e e i n i g t e n s o z i a l i st i- schen Partei, die mit Elan in den Kampf eingegriffen hat. Speziell was Paris und feine Umgebung anlangt, ist an Propagandaarbeit im Hinblick auf die— wenngleich jetzt etwas besseren, so doch noch immer von dcr Vollendung weit entfernten— Organisationsverhältnisse das denkbar höchste geleistet worden. In der heutigen„Humanitä" legt Genosse Renaudel einige Ziffern vor, die die Leistung dcr Seine-Föderation illustrieren. Eine glückliche Neuerung waren die illustrierten Plakate, für die die Genossen P o n s e t und G e s s i e r ihre künstlerische Begabung zur Verfügung ge- stellt haben. Es wurden vier solcher Plakate in je 6000 Exem- plaren angeschlagen. Außerdem wurde der vom Parteitag in Lyon beschlossene Wahlaufruf, den die Verwaltungskommission der Partei hatte in Druck legen lassen, ein Aufruf für die „Humanitä" u. a. angeschlagen— im ganzen 100 0 0 0 Plakate. Besonders erwähnt sei die Afsiche, die durch die von syndikalistischer Seite ausgegebene ParolederWahl- enthaltung notwendig geworden war.— Eine Broschüre, die über die Tätigkeit der sozialistischen Stadthausfraktion Bericht erstattet, wurde in 30 000 Exemplaren ausgegeben, ferner 200 000 Flugblätter über die Lebensmittelteuerung, 200 000 über den Zinswucher, 300 000 mit den Programm- beschliissen des letzten Föderationskongresses— im ganzen 700 000. Dazu kommen die Spezialausgaben der„Huma- nitä", die verschiedene Parteisektionen unternommen haben und bei denen 200 000 Nummern verteilt wurden, endlich die in den einzelnen Wahlbezirken ausgegebenen Druckschriften lokalen Inhalts. Besonders erfreulich ist der geschlossene Aufmarsch der Partei. Die alte Krankheit der Zersplitterung der verschie- denen, einander entgegengesetzten sozialistischen Kandidaturen ist überwunden. Die Einheit der Partei in Organisation und Aktion also selbst in dem brodelnden Pariser Hexenkessel über- wunden. Die paar separatistischen Kandidaturen, die sich da und dort eine syndikalistische Maske vorgebunden haben, spielen keine Rolle. Unerfreulich ist die-Kandidatur des wegen des Streiks von 1910 gemaßregelten Schreibers des Lokomoiiv- führerverbandes T o f f i n gegen Genossen C a ch i n im Vier- tel Goutte d'Or auf Montmartre, Toffin war vor kurzem der Partei beigetreten. Wenn dank der geleisteten Agitation eine Ve-mehrung der sozialistischen Stimmen und wohl auch der sozialistischen Mandate zu erwarten ist. so ist gleichwohl für Paris ein großer Umschwung in den wenig erfreulichen kommunalpoliti- scheu Verhältnissen nicht zu erhoffen. Daran trägt vor allem die Wahlkreiseinteilung die Schuld, die den bour- geoisen Vierteln mit zusammen 1 Million Einwohnern ebenso- viel Mandate gibt wie den 1 850 000 Einwohner zählenden Bezirken mit vorwiegend proletarischer Bevölkerung. Dieser Umstand ist auch die hauptsächlichste Ursache des dem Fern- stehenden verwunderlch erscheinenden reaktionären Charakters der Pariser Gemeindevertretung. In manchen„vornehmen" Bezirken sitzen dank dem zahlreichen wirtschaftlich abhängiges und in seinem politischen Denken zurückgebliebenen Bedienten- tum und den klerikalen Philistern die Antirepustlikaner fest, anderswo hängt das ausschlaggebende Krämerhim der nationalistischen Demagogie an. Uebrigens verwischen sich die Unterschiede zwischen dieser und den„republikanischen" Bour- geoisparteien. die selbst wiederum ineinander verschwimmen. immer mehr. Hausherrinteressen, großkapitalistische Unter- nehmerinteressen und natürlich auch„Mittelstandsinteressen" geben den Ausschlag und die bürgerlichen Kandidaten tanzen an den Drähten der geldgebenden Cliquen. So hat Herr V i l l e m i n. der scharfmacherische Führer der Unternehmer des Baugewerbes, die Dotierung der Kandidaturen organi- siert. die bei ihm und seinen Kollegen im Hinblick auf die künftig von der Stadt zu vergebenden Bauten Vertrauen er- wecken. So sieht man, während die politischen Nuancen inner- halb der bürgerlichen Gruppen an Bedeutung verlieren, den Klassenkamps auch in der Gemeinde als die bewegende Kraft hervortreten. Rußland. Der Massenstreik. Der Proteststreik der Arbeiter aus Anlaß der Arbeiter metzelei in Sibirien hat nun auch auf das geivaltige zentral russische Industriegebiet übergegriffen. In Petersburg ist der Streik im Abflauen begriffen. Nachdem die Arbeiter in sämtlichen größeren Betrieben einen oder mehrere Tage gefeiert hoben, kehren sie nun an die Arbeit zurück. Alle Versuche der Behörden, Zusammenstöße mit den demon srnerenf"� Arbeitern zu provozieren, sind an der Be sonnenheit der Massen gescheitert. Angesichts der drohen den Haltung der Arbeiter hat der Petersburger Fabri kantenverband, der wegen seiner scharfmacherischen Tendenzen berüchtigt ist, diesmal nicht gewagt, aggressiv gegen der Arbeiter vorzugehen. In einer besonderen Sitzung be schloß er, den feiernden Arbeitern keine Strafe aufzuerlegen und sich mit dem Lohnabzug für den Streiktag zu begnügen. Die Zahl der in Verbindung mit den Kundgebungen und Ausständen in Petersburg verhafteten Personen be lief sich bereits am Donnerstag auf 500, und täglich finden neue Massenverhaftungen statt. Die Gefängnisse und Arrestlokale sind überfüllt. Unter den Arbeitern in den Lenagoldbcrgwerken dauert der Streik fort. Die Zahl der unter militärischer Be dcckung arbeitenden Streikbrecher ist gering. Die Ausdauer der Streikenden, die unter den größten Entbehrungen fast zwei Monate lang in der wüsten Taiga streiken, ist bewun dcrnswcrt.— In vielen Städten veranstalten die Arbeiter Sammlungen für die Hinterbliebenen der niedergemetzelten Arbeiter. Die Maifeier. Da die Maifeier in Rußland gewöhnlich nach dem alten Stil gefeiert wird, kommen vorläufig nur Russisch-Polen und die Ostsee Provinzen in Betracht, wo der I.Mai zu gleicher Zeit mit den West europäischen Ländern gefeiert wird. Nach dem Umfang der Maifeier in diesen Gegenden zu urteilen, können in diesem Jahre imposante Kundgebungen der Arbeiter im ganzen Reiche erwartet werden. So feierten in Warschau mehr als 10 000 Fabrikarbeiter und zahl> reiche Handwerker(mehr als ein Viertel aller Arbeiter). In Riga streikten die Arbeiter auf 20 Fabriken, insgesamt mehr als 20 000 Personen. Namentlich die letzte Zahl bedeutet einen starken Fort' schritt im Vergleich mit dem Vorjahre. Der Maifeiergedanke lebt nach wie vor im Herzen der russischen Proletarier, und die jüngsten Ereignisie in den Lenagoldbergwcrken, verknüpft mit den gewaltigen Protestkundgebungen der Arbeiter im ganzen Reiche, haben der dies- jährigen Maifeier eine besondere Bedeutung verliehen. Marokko. Mulay Hafid will abdanken. Paris, 3. Mai. Verschiedene Meldungen aus Fez bo stätigen, daß M u l a y H a f i d. der infolge der jüngsten Er cignisse sehr niedergedrückt ist. abdanken wolle, falls man seine Abreise nach Rabat verhindern würde. Er beruft sich darauf, daß der frühere Minister des Auswärtigen de Selves ihn im Oktober vorigen JahreS im voraus ermächtigt habe. »sobald er wolle, abzudanken und sich in eine von ihm zu wählende niarokkanische Stadt zurückzuziehen. Der„Temps" »vill wissen, daß der frühere Minister de Selves in der Tat am 17. Oktober vorigen Jahres dem Sultan gegenüber solche Verpflichtungen eingegangen sei. jedoch habe es den Anschein, daß er eS getan habe, ohne seine Kollegen im Ministerium davon zu verständigen. Paris, 4. Mai. Infolge der von General Lyautey ge- äußerten Ausicht, daß er gegen eine Abreise des Sultans Mulay Hafid aus Fez keine Bedenken habe, telegraphierte der Ministerpräsident Poincars an den Gesandten Regnault, daß die französische Behörde in Fez dem Sultan die Reise nach Rabat erleichtern möchte. Es heißt. Regnault werde den Sultan auf seiner Reise begleiten. Während der Abwesenheit Mulay Hafids werde dem General Momier die Sorge für die Sicherheit von Fez und Umgegend obliegen. Die Begegnung zwischen Mulay Hafid und General Lyautey wird entweder an dem Haltepunkt zwischen Fez und Rabat oder in Rabat selbst stattfinden. Die unzuverlässige marokkanische Armee. Paris, 3. Mai. Aus Fez wird berichtet, daß die gegen» Ivärtige scherifische Armee entlassen und sodann auf anderer Grundlage neu gebildet werden soll. Ins» besondere sollen die scherifischen Truppen nicht auf einem einzigen Punkt vereinigt bleiben, wo sie dem Einfluß franzosen» feindlicher Agitatoren leicht zugänglich seien, sondern aus ver- schiedene Gebiete verteilt und von französischen Truvpenabteilungen umgeben werden. Paris, 4. Mai. Aus Tanger wird gemeldet: Nach einem Funkcntelegramm aus M o g a d o r macht sich unter den dortigen scherifischen Truppen und unter den Stämmen der Umgebung eine starke Erregung be- merkbar. Der in Marrakesch eingetroffene französische Deputierte Ferry sowie die europäischen Ansiedler dächten bereits daran, an die Küste zurückzukehren. Der Aufstand im Mulnjagebiete. Udschda, 4. Mai. Nach einer hier eingetroffenen Mel- dung haben die Ghiata und die Beni Uarain den Heiligen Krieg erklärt. An der Kasbah von M'sum und bei Buyacubet samnieln sich zwei Heerhaufen, um die Vereinigung der fran- zösischen Streitkräfte und ihren Vormarsch aus Tazza zu verhindern._ Kämpfe bei Casablanca. Casablanca, 4. Mai. Eine Rekognoszierungsabteilung aus Elmasis wurde durch ausständische Zacrs angegriffen. die aber energisch zurückgeworfen wurden und beträchtliche Verluste erlitten; auch die französische Abteilung hatte Tote u«d Verwundete._ ZentralbildungsauZschuß, ein geistiges Bindeglied in der Form eines Zentralorgans für die Bildungsbestrebungen der Arbeiter in baldiger Zeit zu schaffen."_ polizeiliches, Gerichtliches ulw. Polizeiattacken gegen Maifeiernde. Während die Polizei im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk sich im allgemeinen bei den Maifeierveranstaltungen reserviert hielt, konnte es im Wahlkreise Neckling Hausen nicht ohne Polizeiattacken hergehen. In Gladbeck wurde ein Maifeiernder von einem Gendarmen überrisiten und von den Huse.. des P fe«.des schwer vorletzt. Die Äendarmen versperrten den Spaziergängern die Wege, so daß sie über die Felder schreiten muhten. Die Demonstranten wurden angeherrscht: „Wollen Sie laufen!" Dazwischen tönten die Kommandorufe: „Nehmen Sie den dort fest!— Verhaften Sie den!" Polizei. Spitzel werden nicht genannt! Im geradezu kleinlichen Kampf gegen die Breslauer Ar- beiterbewegung bedient sich jetzt noch die dortige Polizei der S p i tz e l, wie in einer Verhandlung vor dem Schöffengericht fest- gestellt wurde. Am Bußtag vorigen Jahres veranstaltete der Holz- arbeiterverband für seine Mitglieder und deren Angehörige einen Rezitationsabend mit dem Melodrama„Enoch Arden". Der Billett- verkauf geschah durch die Vertrauensleute, die nur an die Mit- alieder Karten abgaben. Nicht wenig erstaunt waren daher der Oekonom des Gewerkschaftshauses, Genosse Rasch, und Genoffe Kalbitz als Leiter des Abends, als sie beide ein Strafmandat wegen Veranstaltung einer öffentlichen Lustbar- k e i t erhielten. Selbstverständlich erhoben beide Einspruch. Der erste Termin wurde behufs weiterer Beweiserhebung vertagt. In der neuen Verhandlung wurde nun f e st g e st e l l t, sdaß der Kriminalschutzmann Gustav Alder sich durch eine Mittelsperson tatsächlich zwei Eintrittskarten aus dem Bureau des Holzarbeiterverbandcs besorgen ließ, um später damit den Charakter der Oeffentlichkeit der Ver- anstaltung zu beweisen. Auf die Frage, ob er die be- treffende Person, die ihm die Eintrittskarten besorgt habe, nennen Ivollte, verweigerte er die Antwort. Da es sich hier um eine reine Privawngelegenheit handelt, wurde das Polizeipräsidium ersucht, die Genehmigung zur Aussage zu erteilen. Prompt erfolgte die Antwort, daß die Genehmigung zur Aussage verweigert wird. DaS Gericht kam doch zur Freisprechung beider Angeklagten, weil die Veranstaltung nicht als eine öffentliche angesehen wurde. Also trotzdem zwei Eintrittskarten unter Vorspiege lung falscher Tatsachen erschwindelt wurdew weigert sich die Breslauer Polizei beharrlich� den Namen dieses Ehrenmannes preiszugeben Und solche skandalösen Vorgänge werden von der Polizei in die Wege geleitet, nur um der Arbeiterschaft Knüppel zwischen die Beine zu werfen._ „Der abgeblitzte Rclchsverbändler". Unter dieser Ueberschrift hatte unser Parteiorgan in Hannover, der„ B o l k s w i l l e im November vorigen JahreS einen durchaus sachlichen Bericht über einen Beleidigungeprozetz gebracht, den der Sekretär des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie in der Provinz Hannover, Karl K o m o l l. gegen den verantwortlichen Redakteur der„Bremer Bürgerzeitung" angestrengt halte. Bor dem Bremer Schöffengericht sowohl wie vor der Strafkammer halte Herr Komoll kein Glück mit seiner Klage; von beiden Gerichten wurde der Redakteur unseres Bremer Parteiblattes freigesprochen. In demBericht des„VotkSwillen" über diesen Prozeß war nun auch diejenige Notiz im Wortlaut wiedergegeben worden, derentwegen Herr Komoll Klage er» hoben hotte. Der Abdruck dieser Notiz war zwar zu einer verstand» lichen Berichterstattung unerläßlich notwendig, aber Herr Komoll fühlte sich dadurch wieder beleidigt. Er klagte deshalb auch gegen den verantwortlichen Nedaktcur des„VolkSwiNeii", Genossen SndrSe, foivie ferner gegen den Verantwortlichen Redakteur deS»Bor« wärtS", Genossen Barth, und gegen den Genoffen Prag er von der„Erfurter Tribüne", welche Parteiblätter dieselben Berichte veröffentlicht harten. Alle drei Klagen kamen am Freitag, den 3. Mai, Vor dem Schöffengericht in Hannover zur Verhandlung. Obwohl sich der Vertreter des klagenden ReichsverbandSsekretärS alle Mühe gab. die Absicht der Beleidigung nachzuweisen, kam das Gericht nach kurzer Beratung zu einer Freisprechung sämtlicher An» geklagten. In der Begründung des Urteils hob der Vorsitzende her« vor: Wen» die Angeklagten tn ihren Berichten die Wendungen: .Der abgeblitzte Reichsvcrbändler' usw. gebraucht hätten, so könne man ihnen im Kampfe gegen einen politischen >egner derartige hämische Bemerkungen, die an sich keine Beleidigungen seien, nicht übel nehmen; die in diesen Bemerkungen zum Ausdruck kommende Schadenfreude sei durchaus versländlich. Die Kosten des Verfahrens wurden dem abermals abgeblitzten Reichsverbandssekretär aufgeladen. Hus der partcu BezirksbildungSauSschnß für Schleswig-Holstekn. In Neumünster beschloß eine Konferenz der BildungSrniS- schusse der Provinz Schleswig-Holstein nach einem Referat de» Ge- Nossen Heinrich Schulz- Berlin, sür SckleSwig.Holstein einen Be- zirksbildungSousschuß einzusetzen, der den Kreis- und OrtsbildungS- auSichüffen mit Rat und Tat zur Seite stehen und solche «eranstaltungen. die fich über mehrere Orte erstrecken, zweckmäßig organisieren soll. Die Konferenz faßte außerdem noch folgenden Beschluß:»Die am 28. April in Neumünster tagende Bildungskonferenz ersucht den 8o2iales. Internationale Konferenz für Volks- und Schulböder. Eine internationale Konferenz für Volks- und Schulbäder findet vom 27. bis 30. August 1912 im Haag-Scheveningen statt. Es sind Referate über folgend« Punkte vorgesehen: Der physioA» gische Einfluß des Bades. Vorbeugung und Bekämpfung anstecken- der Krankheiten, der Einfluß des Badens auf die Umgebung in Wohnungen, Fabriken, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, der Einfluß des Badens auf die allgemeine Volksbildung und Volkserziehung und die Rolle der Frau dabei, der Einfluß des Badens auf den Unterricht, das Schulbad als Erziehungsfaktor, Baden während der Schulzeiten, Anlage, Bau und Einrichtung von Volksbädern, von Schulbädern, versetzbare Badeeinrichtungen, Bäder in Arbeiterwohnungen, Fabrikbäder, Bau und Einrichtung von Schwimmbädern, Beziehung des Staates, der Provinz und der Gemeinde zu dieser sozialen Frage, die Privatinitiative. Die Redezeit der Referenten soll 20 Minuten nicht übersteigen. Mit dem Kongreß ist eine Ausstellung von Modellen und Photo- graphien von Lolksbädern verbunden. Wenn ein Richter seine Pflicht tut. Kürzlich berichteten wir aus Halle a. S. über einen vor dem KaufmannSgericht verhandelten Fall, bei dem der GerichtSvor- sitzende Assessor Dr. Hnkfmann in anerkennenswerter Weife gegen die groze Jduna-Berflcherungsgefcllschaft Stellung genommen hatte. Herr Hoffmann hatte die klagenden Angestellten in Schutz ge- nommcn und der millionenrcichen Gesellschaft vorgeworfen, ihre Verträge verstießen gegen die guten Sitten und trügen die Täuschungsabsicht an der Stirn. Die gezahlte Provision charak- terisicre sich als Hungerlohn. Die Gesellschaft versuchte den Richter als befangen abzulehnen lind reichte gegen ihn ein Disziplinar- verfahren ein.— Jetzt wird nun bekannt, daß Herr Hoffmann, ob- wohl dos DisziplinaNvvfohren gegen ,hn aussichtslos erscheint, demnächst sein« hiesige Stellung verläßt und nach Thorn geht, wo er zum Stadtrat gewählt worden sein soll. Fabel von der ärztlichen Abhängigkeit. Ein jetzt vorliegendes Urteil des Reichsgerichts beschäftigt sich mit der Fabel von der Abhängigkeit der Aerzte durch Kassen- vertrage. Ems Anzahl gegen festes Gehalt bei einer rheinischen Orts- krankenkasie angestellte Aerzte(sogenannt« beamtete Kassenärzte) haben ihre» AnstcllungSvertrag angefochten, weil er gegen die guten Sitten verstoße und deshalb nichtig sei. Die Aerzte erblicken die Sittenwidrigkcit darin, daß durch die Verträge ein AbhängigkcitS- Verhältnis der Aerzte von der Verwaltung der Krankenkasse ge« schaffen worden sei, lvelches mit Sem Aerzteveruf unvereinbar und des ärztlichen Standes unwürdig sei. Nach§ 7 des Vertrages unterliegt nämlich die Tätigkeit der Aerzte für die Kasse, ins- besondere die Abhaltung der Sprechstunden, die Bestimmung dar- über, in welchem Bezirk die Aerzte ihre Wohnung zu uchmcn haben, den Anordnungen des Kasscnvorstandcs. Dieser soll nach 8 8 auch befugt sein, im Falle einer Verminderung des Mitglieder- bestaiideS das Aerztegehalt im Verhältnis zur Verminderung pro- zcntual zu kürzen, wogegen dann dem Arzte die sonst verbotene Ausübung einer Privatpraxis bewilligt werden könne. Diese Be- stimmungen hat das Reichsgericht in Uebereinstimmung mit dem Oborlandesgerickff Düsseldorf als nicht gegen die Zuten Sitten ver- stoßend angesehen. In seinen Entschcidungsgrüaden führt das Reichsgericht hierzu aus: Die bezeichnete Vorschrift greift nicht ein in unantastbare Rechte der Aerzte, deren Aufrechterhaltung durch die sittliche Würde und die öffentliche Bedeutung des Aerzteberufs geboten ist; von den Aerzten werden nicht Leistungen verlangt, die mit pflichtgctreucr Erfüllung ihres Berufes unvereinbar sind. Es dient vielmehr die Vorschrift hauptsächlich den Verwaltungs- zwecken der Kasse, die bei ihrem großen Umfang solcher Ordnungs- bestimmungen nicht entbehren kann. Es ist sittlich nicht unerträg- lich und anstößig, wenn die Aerzte, die ihre Berufstätigkeit der Kasse zur Verfügung gestellt haben, sich in die zur Wahrung der Interessen der Kassenmitglieder erforderlichen Anordnungen fügen. Durch die erwähnten Bestimmungen sind die Aerzte be» richtiger, den Grundsätzen von Treu und Glauben folgender Vertragsaus- legung keineswegs der Willkür des Kassenvorstandes preisgegeben? dieser hat vielmehr seine Anordnungen nach billigem Ermessen zu treffen; den Aerzten steht auch gegen eine vertragswidrige Hand- habung die Anrufung des Schiedsgerichts und die fristlose Kündi- gung zur Seite. Auch in der hinsichtlich des Gehalts gegebenen Bestimmung kann eine übermäßige und deshalb sittlich vcrwerf- liche Beschränkung der persönlichen und wirtschaftlichen Betäti- gungsfreiheit nicht erblickt werden. Den Aerzten ist unter Verzicht auf die Ausübung einer Privatpraxis eine auf Jahre hinaus ge- sicherte auskömmliche Lebensstellung gewährt worden. Hierin ändert der Vorbehalt des Kassenvorstan�s, daß für den Fall der Herabminderung der Mitgliederzahl eine prozentuale Gehalts- kürzung stattfinden soll, um so weniger etwas, als für diesen Fall die gleichfalls nicht unter der Willkür des Kassenvorstandes stehende Möglichkeit der Gewährung von Privatpraxis in Aussicht genommen ist.(Aktenzeichen: III. 72/11.) Der Rückgang des Milchvcrbrauchs auf dem fläche» Lande ist eine von vielen Volksfreunden und Kennern deS Landes lebhaft beklagte Erscheinung. Die nachteiligen Wirkungen sind schon mannigfach zu spüren, und eine Wandlung zum Bessern in diesem Punkte ist im Interesse der Volksgesundheit dringend geboten. Charakteristisch und zweifellos auch für andere Landstriche weithin typisch, nur mit dem linterschied, daß anderwärts an Stell« des schwäbischen„Mostes" Bier oder Branntwein zu setzen ist, sind Mitteilungen in einem Vortrag von Oberamtsarzt Dr. Moos- brugger, Leutkirch, der in Rr. L2 1911 der Stuttgarter„Blätter für das Armenwesen" abgedruckt ist.„Ein besonderes Wort als eiweißhaltiges Volksnahrungsmittel verdient die Milch, Dieselbe enthält 3— 4 Proz. Eiweiß, zwischen 3— 4 Proz. Fett und 4—0 Proz. Zuckerstoff. Früher, vor 30 und mehr Jahren, war es im Allgäu noch ziemlich verbreitete Sitte, daß im Bauernhaus zum Vesper ungekochte Milch mit reichlich selbstgebackenem Schwarzbrot gegeben wurde. Heute wird statt dessen Brot, Backsteinkäse oder seltener Schweizerkäse und ein Liter Most gereicht. Die Milch aber wandert alle bis auf die für die Kinder nötigste Menge in die Käserei; kür Erwachsene kommt Milch als Nahrungsmittel höchstens in den- zenigen Häusern noch in Betracht, welche von einer Käserei ziem- lich weit entfernt liegen und infolgedessen die Milch anderweitig verwerten müssen.... Es wäre doch bei der hohen Bedeutung gerade dieses Nahrungsmittels für das heranwachsende Geschlecht von großer Wichtigkeit, daß die Milch in guter Beschaffenheit, genügender Menge und zu einem mäßigen Preise erhältlich wäre." Dr. MooSbrugger fährt fort:„Bei den augenblicklichen Verhältnissen ließe sich dies meines Erachiens nur auf dem Wege erreichen, daß die Ziegcnhaltung eine viel größere Verbreitung fände als bisher. Die Ziege ist ein sehr anspruchsloses Tier, dabei milchergiebig und gegen Tuberkulose nach Angabe der Tierärzte in weit höherem Maße geschützt als die Kuh.'_ Gefahr des täglichen Lebens«der Betriebsunfall? lautete die Frage, die vor kurzem das ReichSversicherungSamt zu entscheiden hatte. Der Lehrling Georg T. auS Lichtenberg erlitt am 28. Oktober 1910 im Betriebe der Dt. Nikes Werkzeugmaschinenfabrik einen Unfall. Während der Besperpause, als sich die Lehrlinge im Speise- saal aufhielten, nahm ein Lehrling ein Weihbicrglas, um es auf den Tisch zu setzen. Beim Hinsetzen des Glase« sprang ein Stück desselben ab und drang de»n T. in das rechte Auge. Die Sehkraft erlosch. Der Vater des Verletzten erhob bei der Nordöstlichen Eisen- und StahlberufSgenossenschast Anspruch auf Entschädigung nach dem Gewerbeunfallversicherungsgesetz. Die BerufSgenoffenschaft lehnte den Anspruch ab. Sie machte geltend, es liege kein beim Bttriebr ich ereignender Unfall vor, eS handele sich in diesem Falle lediglich um eine Gefahr des täglichen LebenS. dem auch jeder andere im Betriebe Beschäftigte ausgesetzt ist: Beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung, Reg.-Bez. Pots- dam wurde gegen den ablehnenden Bescheid der Genossenschaft Be- rufung eingelegt und geltend gemacht, daß der Speisesaal zu den Einrichtungen des Betriebes gehört, denn im§ 9 der ÄrbeitSord- nung wird bestimmt:„Jugendliche Arbeiter haben sich während deS Frühstücks und Vesperpausen außerhalb der Fabrikräume und nur im Speisesaal aufzuhalten." Es besteht mithin ein Zwang für diese Personen, den Speisesaal zu benutzen. Unfälle, die sich darin ereignen, sind also durch BetriebSeinrichhingen verschuldet. Das Schiedsgericht wies die Berufung zurück, weil das Reichsversiche- rungSamt in ständiger Rechtsprechung anerkannt hat, daß diejenigen Vorrichtungen, welche Arbeiter zum Zwecke der Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse von Speise und Trank vornehmen, im all- gemeinen nicht dem Betriebe zugehörig anzusehen sind. Der beim ReichS-Bersichrrungsamt eingelegte Rekurs hatte Erfolg. Das Reichsversicherungsamt erkannte den Anspruch des Verletzten auf Entschädigung dem Grunde nach gerechtfertigt an und verurteilte die Genossenschaft zur Entschädigung. Aus der Begründung der Entscheidung seien bei der Wichtigkeit des Falles einige Sätze wiedergegeben:„Das Schiedsgericht hat das Vorliegen eines Betriebsunfalles verneint, weil der Kläger, als er in dem Arbeiter-Speisesaal der Fabrik während der Vesperpause den Unfall erlitt, sich fern von dem eigentlichen Gefahrenbereiche des Betriebes aufgehalten habe und lediglich einer Gefahr des täglichen Lebens zum Opfer gefallen fei. Nach Ansicht des Rekurssenats hat das Schiedsgericht aber nicht hinreichendes Gewicht auf den§ 9 der Arbeitsordnung für die Deutsche Niles-Werkzeugmaschinensabrik gelegt..... Hiernach bestand also für den Kläger als jugendlichen Arbeiter ein Zwang, sich während der Vesperpause in diesem Speise- aal aufzuhalten. Der Speisesaal ist durch diese Bestimmung zu einer Betriebselnrichtung gcwordcu, wobei dahingestellt bleiben kann, ob diese Maßnahme in erster Linie im Interesse der Lehr- linge oder in dem des Betriebes gvreoffen worden rir. Der Kläger hat in dem Speisesaal auch nicht ein« eigenwirtschaftliche Tätigleit ausgeübt, denn er nahm nicht selbst eine Erfrischung /zu sich, sondern tcmd in dem Saal nur zufällig in der Nähe eines Tisches, auf den ein anderer Lehrling ein Weißbierglas in der Weise hinsetzte, daß durch eine an dem Tische befindliche Schraube ein Stück des Glases abgesplittert wurde. Der Kläger hat mithin den Unfall erlitte», als er sich auf der Betriebsstätte befand; sein Aufenthalt in dem Speisesaal gehörte zu den nach der Arbeitsordnung ihm obliegende» Vorrichtungen, und er ist daher gegen Unfälle, die ihn hierbei be- treffen, in gleicher Weise versichert, wie bei der eigentlichen Be- triebStätigkelt. In diesen Umständen hat der erkennende Senat eine hinreichende ursächlich« Verbindung des Betriebes mit dem Unfälle erblickt." GewcrhlchaftUcbes. Die Sicherbeitsmänner-CClablen im Rubmvier. Am 29. April fanden die Ersatzwahlen für die durch den Streik ihres Amtes enthobenen Sichcrhcitsmänner statt. Zur Amtsent- Hebung dieser Sicherheitsmänner lag eigentlich kein zwingender Grund vor. Der Streik wurde von den Grubenverwaltungen als passende Gelegenheit benutzt, um manchen unbequemen Sicherheits- mann los zu werden. Die ihres Amtes entsetzten Sicherheitsmänner wurden dann in solche Reviere verlegt, wo die Sicherheitsmänner Arbeitswillige gewesen und mithin noch im Amt waren. Damit wurde erzielt, daß die bisherigen Sichcrheitsmänner zu den Ersatz- Wahlen nicht mehr kandidieren konnten. Die am 29. April vorgenommenen Ersatzwahlen gingen unter sehr schwacher Beteiligung vor sich. Die Bergarbeiter bringen dieser Institution, nachdem sie sie fast zwei Jahre ausgeprobt haben, nicht das geringste Vertrauen entgegen. Diese Institution zeigt sich eben als das, was Generaldirektor Hilger von ihr gesagt hatte, als „weiste Salbe'. Wirkungslos rst sie denn auch geblieben, das gibt selbst die Bergbehörde zu. So heißt es in fast allen Berginspektoren- berichten übereinstimmend: Wenn aus der Zahl der Unfälle ein Rückschluß auf den Nutzen der Sicherheitsmänner gezogen werden soll, so ist ein Borteil dieser Einrichtung nicht erkennbar. Hinzu kommt noch, daß die Sicherheitsmänner, die ihr Amt ernst nahmen, oft in der unerhörtesten Weise von den Grubenverwaltungen be- handelt wurden. Kurzum, die Sicherheitsmänner mußten und werden eS auch poch weiter fühlen müssen, so lang« ihnen kein besserer Schutz durch das Gesetz gewährt wird, daß sie vollständig der Gnade oder Un- gnade der Unternehmer überliefert sind. Wer nicht pariert, wer Eintragungen in das Fahrbuch macht, die den Grubenverwaltungen unangenehm sind, der mutz es fühlen. Nur ein Beispiel: Am 27. Februar d. I. machte ein Sicherheitsmann auf der Zeche„Bruch- stratze" folgende Eintragung in das Fahrbuch: „Im Revier 3 Ort 3, Flöz 8 standen Schlagwetter. In der Korbbremse(Ort 5) fehlte die Sicherheitsbarriere." Die Eintragungen werden von der Bergbehörde nachgesehen. Darum wird versucht, die Eintragungen der Sicherheitsmänner abzuschwächen oder als unwahr hinzustellen. Die genannte Ein- tragung patzte nun dem Reviersteiger Hartz von der Zech«„Bruch- stratze" gar nicht. Er schrieb darunter: „Schlagwetter sind durch Setzen einer Blende beseitigt. Der Bremsberg war zugenagelt. Außerdem war ein Arbeiter dabei, um die Barriere zu reparieren. Folglich war diese Eintragung Blödsinn. Hartz." Der Beamte gibt also selbst zu, daß die Mängel, die der Sicher- hcitSmann eingetragen hatte, vorhanden waren. Trotzdem be- zeichnet er die Eintragung als Blödsinn! Daß die Bergbehörde solche Zensuren durchgehen läßt, besagt genug. Aus alledem ist erklärlich, warum die Bergarbeiter den Sicher- heitSmämrerwahlen so wenig Interesse entgegen brachten. Am Wahltage selbst wurden die wenigen Bergarbeiter, die zur Wahl erschienen, noch zu gunsten der Schwarzgelben von den Gruben- Verwaltungen terrorisiert. Zahlreiche Wahlproteste sind die Folge. Am 29. April, also am Wahltage, wurden noch Kandidaten in andere Reviere verlegt und dadurch ihnen die Wählbarkeit ge- nommen. Auf der Zeche„Graf Beust" wurde einem Kandidaten eine halbe Stunde vor Beendigung der Wahlzeit die Entlassung gegeben. Dieselben Unternehmer entrüsteten sich aber beim Berg- orbeiterstreik über den Kontraktbruch der Arbeiter. Zur Wahl find von den Zechenverwaltungen unbeschriebene Stimmzettel zu liefern. Auf der Zeche„Matzen" wurden Stimm- zettel geliefert, die am Kopf den Vermerk trugen:„Wahl der Sicherheitsmänner". Darunter war dann mit Tinte der Name des schwarzgelben Kandidaten geschrieben. Diese Stimmmzettel wurden direkt am Eingang zum Wahlbureau von Grubenbeamten ausge- geben. Die Tür zum Wahlbureau stand während des ganzen Wahl- gangS offen. Unbeschriebene Stimmzettel� auf weißem Papier waren nicht zu haben. Wer zur Wahl kam und wollte die schwarz- gelben Kandidaten nicht wählen, konnte nicht wählen, weil er keinen anderen Stimmzettel erhielt. Natürlich„siegten" hier die Kandidaten der Schwarzgelben. Auf der Zeche„Dannenbaum" waren 6 Sicherheitsmänner zu wählen. Die Kandidaten des Berg- arbeiterverbandeS erhielten 2S3, die Kandidaten des schwarzgelben „christlichen" Gewerkvereins 143 Stimmen. Unter den Kandidaten des Verbandes war einer, der' von einem Schwesterschacht nach- diesem Schacht verlegt worden war. Seitdem war noch kein Jahr verflossen. Wer gewählt werden will, mutz ein Jahr ununterbrochen auf demselben Bergwerk beschäftigt sein. Die Bergarbeiter glaubten nun, weil dieser Kandidat auf einem anderen Schacht derselben Gesellschaft vorher gearbeitet hatte und zwar jahrelang, sei dem Gesetz Genüge getan. Doch anders dachte der aus Zechenbeamten zusammengesetzte Wahlvorstand. Dieser erklärte nicht nur die Wahl des einen Kandidaten für ungültig, sondern die ganze Liste. Die Kandidaten des Gewerkvereins wurden für gewählt erklärt. So„siegten" hier die Schwarzgelben. Noch eine ganze Reihe ähn- lichcr Fälle ließen sich hier anführen. Das Verhältnis zwischen den Zechenverwaltungen und dem„christlichen" Gewerkverein war eben ein solches, wie es sich zwischen Brüdern geziemt. Die Wählbeteiligung war eine gottserbärmlich schlechte. So wählten z. B. auf„König Ludwig" von 3909 Mann Belegschaft ganze 89. Von den 369 999 Mann Belegschaft des Ruhrgebiets haben sich ungefähr 19999 Mann an der Wahl be- t e i l i g t. Es sind schwarzgelbe Kandidaten mit 4, 6 und 6 Stimmen gewählt, aber die„siegten". Diese„Siege" geben dann Veranlassung zu großen SiegeSartikeln. Wer allerdings aus diesen „Siegen" die Schlüsse ziehen will, daß der Gewerkverein jetzt das Vertrauen der Bergarbeiter besitzt, der ist auf dem Holzwege. Die Wahlbeteiligung beweist, daß dieses Gerede Unfug ist. Der Berg- arbeiterverband hat doppelt so viel Sitze bei der Wahl davon ge- tragen, als die anderen an der Wahl beteiligten Organisationen trotz des Zechenterrors, der den Schwarzgelben zur Verfügung stand. Gewiß hat der Gewerkverein den einen oder anderen bisherigen Sitz des Verbandes erhalten. Darüber sind die genügsamen schwarz- gelben„Christen" außer sich vor Freude. Das liegt aber nicht an der Stärke des Gcwerkvereins, sondern an dem geringen Vertrauen und Interesse, das die Bergarbeiter diesem Gesetze entgegenbringen. Sertin un» tlmgegtnd. Achtung, Flrischergesellrn! Um genau festzustellen, welche Fleischermeister ihre Gesellen matzregrln, fordern wir alle Mitglieder auf. jede Entlassung sofort im Bureau zu melden, damit gegen diese Meister geeignete Schritte unternommen werden können. Bis jetzt hat der Fleischermeister Richard Gugsch, Kraut- stratze 1a. einen organisierten Gesellen, der 2'/„ Jahre bei ihm be- schäftigt und Mitglied des Gesellenausschusses ist, entlassen. Zentralverband der Fleischer. Achtung. Schuhmacher! Der Schuhmachermeister A. Reff, SO., Admiralstr. 24, zahlt nicht den mit den Schuhmacher-Jnnun- gen Grotz-Berlins vereinbarten MinimaUohntarif, erst jetzt wurde wieder ein Arbeiter in fünf Tagen um 3,19 M. geschädigt. Das JnnungsschiedSgericht verurteilte selbstverständlich Herrn Reff zur Zahlung des abgezogenen Betrages. In der Begründung hob der� Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantv.: Vorsitzende hcrpor, daß es selbstverständlich sei, daß ein abgeschlosse- ner Tarifvertrag auch gehalten werden müsse. Unsere Kollegen ersuchen wir, uns in allen Fällen die Nicht- bezahluitg des Minimallohntarifs zu melden; die Pflicht, denselben zu bezahlen, hat jeder Arbeitgeber. Die Parteigenossen und-Genossinnen bitten wir, die im letzten Zahlabend herausgegebenen Flugblätter zu beachten. Zentralverband der Schuhmacher, Ortsverwaltung Berlin. Der Streik im Cafck Kerkau. Der krampfhaften Anstrengung der Direktion ist es nicht ge- lungen, vollweriigen Ersatz für die Streikenden auszutreiben, ob- gleich der Stellenvermittler Mollenhauer nichts unversucht gelassen hat, um Arbeitswillige herbeizuschaffen. Die Sympathie des Publikums ist vollständig auf Seiten der Streikenden. Um so auffallender ist die Haltung der bürgerlichen Presse, allen voran das„Berliner Tageblatt", das durch seine Ausführungen den An- schein erwecken will, als ob die Kellner durch die Organisation erst veranlaßt worden wären, einen festen Monatsgehalt statt der bis- herigen Bezahlung zu verlangen, und als ob die Forderung eine unverhältnismäßig hohe sei. Das„Berliner Tageblatt" ver- schweigt, daß dieses unverhältnismäßig hohe Gehalt ganze 29 Mark den Monat oder 67 Pf. den Tag über aus- macht. Diese Forderung ist von den Kellnern nur deshalb gestellt worden, weil sie durch die Trinkgeldereinnahmen keinen ausreichen- den Verdienst hatten. Fast jedes Jahr bringt das„Berliner Tage- blatt" zwei Feuilletonartikel, in oenen über die Trinkgeldmisere geklagt wird. Nun die Berufsarbeiter dieser Plage selbst zu Leibe rücken, hält es das Mosseblatt für angebracht, der Direktion helfend beizuspringen. Außer der Gehaltsforderung handelt es sich hier hauptsächlich um das Koalitionsrecht. Der erste Direktor B o e tz e l d hat die Angestellten vor die Wahl gestellt, entweder Verband oder Arbeit, worauf dieselben sich für den Verband ent- schieden. Die Organisation war in diesem Betriebe anerkannt, die Direktion hat sich mündlich und schriftlich verpflichtet, die Organisation von dem Ergebnis der Aufsichtsratssitzung in Kenntnis zu setzen. Dieses Versprechen hat sie nicht innc- gehalten, sondern unter Ausschaltung des Verbandes mit den Angestellten zu verhandeln gesucht, was dieselben abgelehnt haben. Von einer Gehaltszahlung ab September, wie das„Berliner Tage- blatt" behauptet, kann gar keine Rede sein. Es handelt sich hier lediglich um eine Machtprobe des Unternehmertums, um die An- gestellten zu zwingen, der Organisation den Rücken zu kehren. Man hat damit gerechnet, datz die Kellner sich widerstandslos fügen, schlimmstenfalls Streikbrecher genug vorhanden sein würden, ohne zu bedenken, datz die Aufklärungsarbeit des Verbandes der Gast- Wirtsgehilfen gerade bei den Cafeangestellten auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Die Haltung der Streikenden ist tadellos, woran auch das kolossale Aufgebot von Schutzleuten nichts ändern kann. Der Betrieb bleibt nach wie vor gesperrt. _ Die Ortsverwaltung. Lohnbewegung der Friseurgehilfen. Die aus den Reihen der Gehilfen und der tariftreuen Meister gewählte Kommission kam zu einer Verständigung auf folgender Grundlage: Die Arbeitszeit beginnt im Sommer wie bisher um 7 Uhr früh, im Winterhalbjahr dagegen statt um'/HS Uhr um 8 Uhr; sie endet um 9 Uhr abends, Sonnabends nicht nach 19 Uhr. Die Mittagspause von bisher einer Stunde beträgt an den Tagen von Montag bis Freitag 1!4 Stunden, Sonnabends 1 Stunde. Wie bisher werden nur die drei zweiten Feiertage freigegeben. Da- gegen ist der freie Wc rktagnachm i: dag(nach mehr als dreistündiger Sonntagsarbeit) auch in den Wochen freizugeben, in die ein gesetz- licher Feiertag fällt. Hier handelt es sich nicht um eine Forderung, sondern um die Beachtung der gesetzlichen Bestimmung. Dem MmdestwochenloHn für Herrenfriseure' von 22 M. stimmten die Meister zu. Bei Beschäftigung mit Haararbeiten sind 23 M., für Herrenbediener und Perückenmacher 27 M. und für Damenfriseure 39 M. zu zahlen. Strittig ist noch die Entschädigung für die Aus- hilfearbeit des Sonnabends und Sonntags. Die Gehilfen hatten hierfür 19 M. gefordert, gingen aber auf 9,59 M. zurück, während die Meistervertreter nur 9 M., eine Erhöhung um nur 59 Pf., zu- gestehen wollen. Eine Gehilfenversammlung stimmte dem Tarifentwurf in der Fassung der Kommission zu, da er nur als Ganzes angenommen oder abgelehnt werden konnte, ersucht jedoch in einer Resolution die am Montagabend tagende Versammlung der Meister, den Aushilfelohn auf 9,59 M. festzusetzen. Der Tarifvertrag 'oll bis 31. März 1914 Gültigkeit haben. Erklärt sich die Ver- sammlung der Meister damit einverstanden, wird der Tarifvertrag allen in Betracht kommenden Arbeitgebern zum Abschluß unter- breitet. Die Betriebe mit geregelten ArbeitSbedingunaen sollen veröffentlicht werden. Zur Tarifbewegung der Zigarrenarbeiter. Mehr und mehr bricht sich auch in den interessierten Händler- und GastwirtSkreisen die Erkenntnis Bahn, daß cS nun an der Zeit it, tatkräftig dazu beizutragen, daß den um den Tarif kämpfenden Tabakarbeitern ihr Recht werde. Auch in den Vororten regt es sich. Nachdem verschiedene Versammlungen der Gastwirte sowie auch der Siändler in Ober- und Nieder-Sckiöneweide zur Frage der Tarif- ewegung der Zigarrenarbeiter Stellung genommen, haben sowohl die freien Gastwirte als auch die Händler den Beschluß gefaßt, in Zukunft nur von solchen Fabrikanten zu bezieben, die mit dem Deutschen Tabakarbeiterverband den Tarif abgeschlossen haben. Der „Verein der Zigarreninteressenten der Oberspree, Sitz Nieder-Schöne» weide" faßte am Donnerstag bei Rabe, Wilhelminenhosstraße, eine dahingehende Resolution. Ten Worten werden Taten folgen und die Tausende von Arbeitern, die in den Riesenbetrieben an der Oberspree arbeiten, werden zweifellos nur dort ihren Zigarren- bedarf einkaufen, wo man das grüne Plakat, unterschrieben Alwin Schulz. ausweisen kann. An den Zigarrenfabrikanten Deutschlands liegt es, diesem Zuge der Zeit Rechnung zu trogen, wenn der Berliner Markt ihnen nicht Teil um Teil verloren geben soll. Es wird nicht? Unerschwingliches von ihnen verlangt. Die Bewegung wächst und kommt nicht wieder zum Stillstand. Die Leffentlichkeit läßt sich nicht mehr zum Schweigen bringen, laut und vernehmlich hat der 8. deutsche Gewerkschaftskongreß seine Stimme zugunsten der Tarifbewegung der Tabakarbeiter erhoben. Die Arbeiterschaft hat e-Z vernommen und sie wird danach handeln. Arbeiter. Parleigenosseu, fragt bei Euren Zigarreneinkäufen nach den grünen Plakaten, kauft nur dort, wo solche vorhanden sind. Die- selben sind nur dann echt, wenn sie unterschrieben find mit Alwin Schulze. Beachtet die Veröffentlichungen der Tariffirmen im„Vorwärts". Der Vertrauensmann der Tabakarbeiter. Tarifbewegung der Wagenlackierer. Die Wagenlackierer der Kleinbetriebe sind in eine von der Tarifben/egung in den Äarossericsabriken gesonderte Tarifbewegung eingetreten. Es besteht in diesem Gewerbe zwar ein„Tarif", der aber in seiner Art ein Unikum darstellt und eine Anzahl von Ar- tikeln enthält, die durch die tatsächlichen Verhältnisse schon längst überholt sind. Dieser„Tarif" ist nämlich vom Gehilfenausschutz am 1. April 1911 in einer— Jnnungsversammlung ohne Wissen der einzigen und wirklich als Interessenvertretung der Lackierer in Betracht kommenden Organisation, deS Ver- bandes der Maler, Lackierer und verwandten Berufsgenossen, sowie der meisten Bcrufsangchörigen, die auch keine Ahnung von den Matznahmen des Gchilfenansschusses hatten, beschlossen worden. Die Verbandsleitung erfuhr von diesem Vertrag erst, als sie selbst nun einen Tarifentwurf einreichte. Eine erfolgte Besprechung mit dem Gehilfenausschuß hatte das Er- gebnis, daß dieser zusagte, für den neuerlichen Entwurf einzutreten. Auf die Untcrbreitung deS Entwurfs hin erhielt die OrganisationS- leitung von den Unternehmervertretern ein Schreiben, in dem klipp und klar gesagt wurde, datz sie den Vertrag ablehnten, da schon einer th- Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.lr Lerlagsanitalj' bestehe. Sie würden auch in Zukunft zu den Abmachungen mit den 'Gehilfen kein Zutrauen mehr haben, wenn der jetzige„Tarif" nicht eingehalten würde. Der Entwurf der Lackiererorganisation enthält an wesentlichsten Forderungen: eine 53stündige Arbeitszeit. Ter Mindestlohn für Lackierergesellen soll 79 Pf. pro Stunde betragen. Für diejenigen Gesellen, die bereits im Besitze des Mindestlohnes sind, tritt mit Abschluß dieses Vertrages eine allgemeine Lohn- erhöhung von 3 Pf. pro Stunde in Kjjtft. Für Überstunden bis 9 Uhr abends ist ein Zuschlag von 25 Proz. und für Nachtarbeit von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens ein solcher von 59 Proz. zu zahlen. Das gleiche soll für Arbeiten an Sonn- und Feiertagen gelten. In den Betrieben, wo Arbeiten in Akkord ausgeführt werden, ist ein Akkordtarif zu vereinbaren und hat derselbe an sichtbarer Stelle in der Werkstatt auszuhängen. Die Akkordverträge mit den einzelnen Arbeitern müssen schriftlich niedergelegt werden. Bei Akkordarbeit wird der Stundenlohn garantiert. Im Jnnungstarif ist der Mindestlohn mit 59 Pf. angegeben. Die Organisation hat den Entwurf den einzelnen Arbeitgebern zugesandt und es hatten bis Sonnabend schon 6 von ihnen dem- selben zugestimmt. Der Inhaber des Schanklokals, Memeler Str. 82, T ü m l e r» der Lackierermeister ist. arbeitet für die Karosseriefabrik Langer u. Gutzeit, Memeler Str. 29, die auch vom Streik der Karosserie- arbeiter mitbetroffen ist. Die Schulheitz-Brauerei soll zwei unlackierte Wagen nach Breslau geschickt haben, die jedenfalls dort lackiert werden. Die Versammlung am Sonnabend beschloß mit 113 gegen 2 Stimmen, am Montag in den Streik zu treten. OentseKes Reich. Lohnbewegung der Schiffbauer an der Mittelelbe. Die Arbeiter im Flutzschiffbau zählen zu den niedrigst ent- lohnten. Beträgt doch z. B. der Stundenlohn in Aken für einen voll leistungsfähigen Schiffbauer 39 Pf., für einen aus der Lehre getretenen 22 Pf. und für einen Hilfsarbeiter 39 Pf. Das crmög- licht natürlich eine ungeheure Schmutzkonkurrenz im Gewerbe, und die Unternehmer sino sich deswegen im gewöhnlichen Leben gegen- seitig spinnefeind. Als nun aber in diesem Frühjahr die Arbeiter der Werften von Gerloff in Westerhüsen, von Weise in F r o h s e, von Sonntag in Schönebeck und von Schütze in A I e n sich einigten, eine Erhöhung des Stundenlohnes um 5 Pf. zu fordern, da war jede Feindschaft bei den Unternehmern aus- gewischt. Unter der Führerschaft des ehemaligen Ohrfeigen-Reichs- tagsabg«ordneten v. Plack« brüskierten sie die Arbeiter und lehn- t«n einfach die nur allzu gerechtfertigten Forderungen derselben ab. Vor oie Alternative eines«treiks gestellt, erbot sich der eine indessen doch zu einem ganzen Pfennig, und ein zweiter sogar zu zwei Pfennig Lohnzulage, jedoch auch noch unter ausdrücklicher Ablehnung jeglicher Bindung für zukünftig. Infolgedessen waren die Arbeiter gezwungen, am 1. April die Arbeit in Westerhüsen, am 3. April in Frohse und Schönebeck, und am 29. April in Aken niederzulegen. Bisher aber hat der Streik noch nicht so gewirkt, daß sich die Unternehmer die Forderungen zu bewilligen geneigt zeigen. Unter der Marke„Schlosser. Schmiede und Arbeiter" suchen sie vielmehr jetzt in den Zeitungen nach Streikbrechern. Auch der Streikbrecheragent Ludwig Knothe in Hamburg hat sich ihnen zu diesem Geschäft schon bestens empfohlen. Deswegen werden alle Schiffbauer, Holzarbeiter, Metallarbeiter und Hilfs- arbeiter dringend vor Annahme von Arbeit auf diesen vier bestreik- tcn Plätzen gewarnt._ Tie Hamburger Werften maffregeln weiter! Die Schiffsbauarbeiter der Werst von Blohm u. Votz legten gestern die Arbeit nieder, weil einer ihrer Kollegen entlassen worden war. Die Aussichten auf eine baldige Beilegung deS Streiks auf der Vulkanwerft sind gering. In einer von 4999 Werftarbeitern be« suchten Versammlung wurde einstimmig eine Resolution angenommen. wonach die Arbeit nickt eher wieder aufgenommen werden soll, gl« bis der gematzregelte Vertrauensmann der Arbeiter wieder eingestellt sei. Andererseits hat die Werftleitung erklärt, datz sie die Wieder- einstellung unter allen Umständen ablehne, es sei denn, datz der Mann im Zivilprozetzverfahren gegen den Meister, der seine Ent- lasiung„wegen unerlaubter Agitation" veranlaßt hat. ein obsiegende? Urteil erlange.— Anfang nächster Woche wollen die übrigen Werst- arbeiter zum Streik beim„Vulkan" Stellung nehmen. Hat man eine Aussperrung vor? Hustind. Der Schneiderstreik in London nimmt immer größere AuSdeh- nung an. Zirka 15 999 Schneider und Schneiderinnen feiern. In 24 Werkstellen sind die Forderungen der Streikenden angenommen worden, in 159 anderen Werkstätten sind dagegen die Forderungen der Streikenden abgelehnt worden, und diese Arbeitgeber sind über- Haupt nicht geneigt, mit den Ausständigen in Unterhandlungen ein- zutreten. Die Schneider von Eaftend haben beschlossen, mit ihren Kameraden in Westend gemeinsame Sache zu machen. Zwischen Streikenden und Arbeitswilligen ist es gestern mehrfach zu Zusam- menstötzen gekommen, namentlich bei solchen Gelegenheiten, wo Av- beitswillige von ihnen zu Sause angefertigte Arbeiten in den Werk- stätten zur Ablieferung bringen wollten, woran die Ausständigen sie zu hindern suchten. Zurzeit lagern ungefähr 39 999 unfertige Anzüge infolge de? Streiks in den Werkstätten, dre ihrer Vollendung harren. In den Druckereien Chikagos ist es zu einer Bewegung gc- kommen, die lebhaft an den bekannten Streik des Maschinenperso- nals bei der Berliner Firma Scherl erinnert. Di- Maschinenmeister der hauptstädtischen Tageszeitungen Haben die Arbeit niedergelegt. Trotz Abratens der Gewerkschaftsleitung traten nun auch die Setzer in einen Sympathiestreik, der die ZeitungsherauSgeber zwang, ihre Morgenausgaben auf ein Blatt ohne Annoncen zu beschränken. Einige Blätter mutzten ihr Erscheinen ganz einstellen. Letzte flachrichten. Explosion auf einem Kaliwerk. Halle, 4. Mai.(W. T. B.) Bei einer B e s i ch t i g u n g des Kaliwerkes KrügerShall in Teutfchental durch Mit- glieder d«s Lehrerverbandes von Halle und Umgebung er- plädierte auS bisher unaufgeklärter Ursache eine Pulver- k iste. Drei Personen wurden schwer und drei leicht verletzt. Schwerer Eiseubahnunfall. Genf. 4. Mai.(P.-C.) Ein schwe»r Eisenbahnunfall ereignete sich heute in der Nähe des Lotschbergwnnels. Ein Güterzug fuhr eine stark abfallende Strecke hinunter, als plötzlich infolg« Verfagens der Bremsen einige Wagen entgleisten. Verschiedenen in WoggonS befindlichen italienischen Arbeitern gelang eS, sich durch Abspringen in Sicherheit zu bringen. Zwei Arbeiter tvurden bei den» Unglück buchstäblich zerquetscht. Der Materialschaden ist bedeutend. Fliegertod. Nizza, 4. Mai.(W. T. B.) Der Flieger Graf Robillard Cosnae ist heute hier abgestürzt und seinen Verletzungen erlegen._ Neuer Dammbruch im Missisfippigrbiet. New Orleans, 4. Mai.(W. T. B.) Das Hochwasser bedroht bereits Teile von New Orleans. Alle Häuser des Ortes Bayou Sara sind infolge eines 399 Fntz breiten Dammbruchcs weggeschwemmt. In den Straßen stand das Wasser mehrere Fuß hoch und es kam zu einer entsetzlichen Panik. Männer und Frauen stürzten in die Häuser, ergriffen die Kinder und eilten Hals über Kopf davon.— Fünf Millionen Aires wert- vollen Landes sind überschwemmt. Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu 6 Vellage». Dr. 104. 29. Jahrgang. I Ifilnjf des, Amiirls" Serlintt IsMInlf. Sonntag, 5. Mai 1912. Hbgeordnetcnbaus» K4. Sitzung. Sonnabend, den 4. Mai, vormittags 11 Uhr. Nm Ministertisch: Lentze. v. Dallwitz, v. Trott. S y d o w. Dritte Lesung des Etats. Allgemeine Besprechung. Abg. Freiherr v. Zedlitz(frk.) kommt auf die Reichstags- d e b a t t e über die kleinen Anfragen zurück, in der er zugunsten der Einführung der kleinen Anfragen zitiert worden war. Ich habe nie daran gedacht, dab sich die kleinen Anfragen auch auf ein schwebendes Gerichtsverfahren beziehen könnten. Ein Widerspruch zwischen meinen Freunden im Reichstag und mir besteht nicht. Die demokratische Presse hat unseren Präsidenten wegen seiner Anregung auf Festsetzung einer Maximalredezeit angegriffen. Die Reichstagsmehrheit hat gestern gegen Minderheits- redner solche Ungeduld und Unduldsamkeit bewiesen, namentlich während der Rede des Grafen P o sa d o w s k y. datz ein gleiches Vorgehen der Mehrheil dieses Hauses sicher als Vergewaltigung und Terrori- sierung der Minderheit bezeichnet worden wäre.(Sehr wahrl rechts.) Nach diesem Verhalten der Reichstagsmehrheit sind wir berechtigt, jeden Angriff aufunseren Präsidenten in dieser Frage auf das Entschiedenste zurückzuweisen.(Beifall rechts.) Der Redner bespricht dann die Ueberlastung der Gemeinden und wünscht ein« höhere Beitragsleistung des Staates zu den Schul- kosten. Ein schärferes Veranlagnngsverfahren mutzte dem Staat die Mittel dazu geben. Abg. Hoffmann(Soz.): Die ganze Etatsberatung in diesem Hause stand im Zeichen d e r S o z i a l i st e n v e r n i ch t u n g. Es sab aus, als handelte es sich nicht um s'/z Milliarden für den Staat, sondern entweder zur Vernichtung der Sozialdemokratie oder zur Verwirklichung ihrer Ziele, und als ob einer nach dem anderen seine Bedenken dagegen zum besten geben mutzte.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Die Vernichtung der Sozialdemokratie im Parlament ist uns nichts Neues, wir sind so oft vernichtet worden und fühlen uns sehr mobil dabei. Diese VcrnichtungSaktionen haben angefangen mit der ZukunftSstaatsdebatte im Reichstag, wo die Bachcmsche Blcchschmicde errichtet wurde und sie find fortgegangen, bis wir zuletzt hier in den letzten Tagen unter den Blcch-Hammcr gekommen sind.(Heiter- keit links.) Präsident Dr. Frhr. v. Erffa: Sie dürfen nicht sagen Blech- Hammer.(Erneute Heiterkeit links.) Abg. Hoffmann(Soz.) bespricht nun den Verrat der christlichen GeWerk- f ch a f t e n beim letzten Streik im Ruhrgebiet. Die hier im Hause gemachten Versuche, diesen Verrat zu rechtfertigen, waren Mohren- Wäsche. Daß wir nicht nur von Judaswäsche gesprochen haben, sondern', datz eS in der Tat Judasarbeit war. bezeugen jetzt die den Arbeitern gegnerisch gegenüberstehenden Blätter selbst. So schreibt die «Tägliche Ru n d s ch a u"inNr.123:«Die christlichen Gewerkschasten, die sich dem Ausstand nicht angeschlossen und so der Industrie einen grotzen Dienst geleistet haben, gehören politisch zum Macht- bereich des Zentrums. Welche Gegenrechnung das Zentrum im Reichstag der Regierung aufmachen wird, bleibt'abzu- warten. Es ist das auch einer der dunklen Punkte der näheren Zukunft." Das Scharfmacherorgan«Dort- munder Zeitung" schrieb am 20. April:„Den Entschlutz(der christlichen Gewerkschaften) nicht mitzustreiken in Ehren, aber darin besonders rühmenswerte Eigenschaften zu erblicken, wenn dieser oder jener Verband aus Klughert, wirtschaftlichen oder parteipoli- tischen Rücksichten seinen Mitgliedern die Teilnahme an einem Streik widerrät, kann nur der, der die inneren Beweggründe solcher Entschlüsse nicht kennt."(Hört, hört bei den Sozialdemokraten.) Das zeigt zunächst, wie recht lvir haben, wenn wir den christ lichen Gewerkschaften die Schuld geben an dem Verlorengehen des Streiks. Die«Dortmunder Zeitung" schreibt aber noch weiter:„Wir erkennen durchaus die Bereitschaft an, mit der die christlich Organi- sicrten den Nationalliberalen im Kampf gegen die Sozialdemokraten beigestanden haben, aber eS war doch nur ein Geschäft auf Gegen- seitigkeit." Das wird den Arbeitern schlietzlich doch die Augen öffnen. (Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.), und wenn dazu noch�etwas nötig wäre, dann ist es die volle Billigung der kleines Feuilleton. Schillers Schädel. Ein Telegramm aus Weimar meldete dieser Tage, datz es dem Professor von Froriep nach längeren Untersuchun- gen gelungen sei. den echten Totenschädel Schillers festzustellen. Man hat also bisher den Schädel eines anderen Menschen für den Schädel des grotzen Dichters gehalten. Wie das geschehen könnt«, wird man begreifen, wenn man sich die Geschichte der Bestattung Schillers erzählen lätzt:„Der Sarg mit dem Leichnam des Dichters wurde." so erzählt Emil Pallcske in seinem Buche„Schillers Leben und Werke",„auf dem Jakobskirchhofe in das alte Kassengewölbe, eine grotze, feuchte Gruft, zu zehn anderen Särgen an Seilen hinabgelassen... Nach 21 Jahren sollte das Kassengewölbe, in welches noch mehrere Särge unbesehens auf die schon vorhandenen hinabgesenkt waren,„aufgeräumt", das heitzt, der Inhalt, wie er sein mochte, hinausgesckmfft und eingescharrt werden. Julius Schwabe, der Bürgermeister von Weimar, veronlatzte und leitete, besonders auf Andreas Streichers Antrieb, wie aus dessen Hand- schriftlichem Nachlatz hervorgeht, im März 1826 mit amtlicher Be- willigung eine Durchsuchung der Gruft. Als er hinabstieg, bot sich ein Bild grausiger Verwüstung. Die Särge, unordentlich ausge- stapelt, fielen bis auf wenige bei der ersten Berührung in Trümmer und schütteten ihre modernde Habe durcheinander. Schillers Sarg war, wiewohl sein Verfertiger Engelmann hinzugezogen wurde, nicht mehr herauszufinden. Schon murrte Konsistorium und Publi- kum über Verletzung des Toten friedens, und Schivabe sah sich ge- nötigt, sein ekles Geschäft heimlich, tief in der Nacht fortzusetzen. Endlich waren 23 S-bädel und viele Gebeine herausgesucht. Unter peil Schädeln, welche Schwabe in einem Sacke nach seiner Wohnung schaffen lieh, glaubte man, mit Hilfe einer Lcichenmaske Schillers durch Messungen und andere Prüfungen einen derselben als Schillers Schädel erkennen zu dürfen. Das Obcrkonsistorium war über den ganzen Vorgang sehr gereizt, dagegen bezeigten Karl August und Goethe(man k-nnt Goethes Gedicht:„Bei Betrachtung von Schillers Schädel") die grötzte Teilnahme. Es fragte sich nun, wo der Schädel aufzubewahren sei. Auch dafür fand sich Rat. Karl August hatte Danneckers Büste, welche der edle Künstler Schillers Erben zum Geschenk gemacht hatte, für 200 Dukaten von den letzteren angekauft. Nach einer Uebereinkunst mit Schillers Hinterlassenen wurde beschlossen, den Schädel im Postament dieser Büste zu verwahren. Dies geschah mit einer Art von Zeremonie am 17. September 1826. Nun erst wurden die übrigen Gebeine Schillers unter Anregung Goethes und mit Beihilfe von Anatomen aus dem Kassengewölbe hervorgesucht und geprüft, das ganze Skelett bis auf wenige nicht aufzufindend« Knochen zusammengestellt und noch im September 1826 in einem Jnterimssarge verwahrt..." Der Schädel wurde später aus dem Postament wieder herausge- nommen, nachdem Ludwig von Bayern bei einem Besuche in BUiylar im Sommer 1827 sich gegen die isolierte Aufbewahrung des Schnellfeuerjustiz im Rnhrgebiet durch die nationalliberalen und Zentrumsblätter. Sie sagen, es seien Verführte gewesen, die jetzt im Ruhrrevier verurteilt werden; dann hätte man aber doch alle Ursache, für milde Urteile, für Versöhnung zu plädieren, statt Urteile zu fällen, die nur auspeitschen können und schlietzlich auch dem Ruhigsten das Blut in Wallung bringen. Eine wahre Rekordjustiz bat sich da aufgetan. Und gerade in den Reihen der Christlichen herrscht eine .ganz unchristliche Denunziationssucht. Wo bleibt denn da die viel- gerühmte christliche Barmherzigkeit? Dem Scharfmacherzentralverband mutz das Herz im Leibe lachen über diese von seiner und der Zentrumspresse gelobten Justiz. In einem Streikprozctz anlätzlich des Bauarbeiterstreiks in Köln vor vier Jahren hat die Strafkammer erklärt:„Das Gericht ist sich bewutzt, datz durch ein solches Verhalten der Polizei die gesetzlichen und gewerblichen Rechte der Arbeiter ihre Bedeutung verlieren."(Hört! hört! b. d. Soz.) Da kann man sich denken, wie die Polizei bei Streiks gegen die Arbeiter vorgeht. Wir protestieren gegen die Art. wie die Prozesse im Ruhrgebiet aufgemacht und wie sie eingeleitet werden. Man veranlatzt die An- geklagten unter der verhüllten Drohung einer langen Untersuchungshaft und unter dem nervenzerrüttenden Ein- stütz der Haft, auf die in der Strafprozetzordnung garantierte acht- tägige Vorbereitungsfrist und damit auf die Beschaffung von Zeugen und ans die Anklagebeontwortung durch einen Rechtsanwalt zu ver- zichten. Ich kenne dieses Verfahren. Ich habe in der Unter- suchungshaft gesessen und da hat mir ein Beamter gesagt, wenn Sie nicht unterschreiben, können Sie sitzen bis Sie schwarz werden. Ich habe nicht unterschrieben— und bin rot geblieben.(Lebhafte Heiterkeit.) Der Redner schildert nun die furchtbaren Urteile, die mitunter wegen Kleinigkeiten verhängt worden sind. Als er dabei auch den Fall erzählt, wo ein junger Bergmann aus Herne, auf die Aussage eines Polizeibeamten, er habe gerufen:„Jetzt drauf mit Steinen", zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, während der Angeklagte beteuerte, nur gesagt zu haben,„werft nicht mit Steinen", ertönt von der Rechten lautes Gelächter, wie überhaupt bei der Schilderung der einzelnen Urteile. Sie lachen! Ich weise nur auf einen früheren Ausruhrprozetz wegen Straßen- krawalle in Berlin hin. Da hatte ein Knabe seinem Bruder zu- gerufen: Hugo. Der Schutzmann beschwor, der Junge hätte ge- rufen:„Haut ihn", und wenn der Junge nicht der Sohn eines unverdächtigen Bürgers gewesen wäre und Zeugen gehabt hätte, wäre er gewiß auch zu langer Strafe verurteilt worden. Ein Berg- mann, der sah, datz sein Kollege von einem Polizeihund ge- bissen wurde, warf nach dem Hund, traf aber den Beamten am Bein, und erhielt fünf Monate Gefängnis.(Lachen rechts.) Ein Bergmann aus Bochum sagte zu einem Arbeits- willigen: Wenn Du nichts zu essen hast, kann ich Dir ja Brot geben. Er gab ihm auch einen Schlag auf den Kopf, der keinerlei weitere Folgen hatte. Dafür erhielt er neun Monate Ge- fäugnis; ein Arbeiter in Bruckhausen, der nach einer Bogen- lampe geworfen habe» soll, aber keinen Menschen, auch nicht die Lampe getroffen hat, erhielt vier Monate Gefängnis und ebenso viel ei» anderer Arbeiter auf das Zeugnis eines 17jährigen Mädchens bin, die selbst erklären mutzte, den Mann nur an der blauen Jacke erkannt zu haben.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten. Heiterkeit rechts.) So geht es in gleicher Weise fort. Kommt aber mal ein wirk- licher Attentäter in Frage, wie z. B. jener Streikbrecher, der abends aus dem Hinterhalt auf eine Militärpatrouille schoß und noch falsche Angaben bei seiner Verhashftig machte, so wird aus eine Strafe von 2 Wochen Gefängnis und 26 M. erkannt. Solche Urteile sorgen mehr als tausend unserer Reden dafür, daß dem Volke die Augen aufgehen über das Walten der Justiz. Wie bei uns das gleiche Recht aussieht, beweist auch folgender Fall: Ein Offizier hatte mit seinen Kameraden spät nachts die F e n st e r- scheiden eines Hotels zertrümmert, durch grotzen Lärm die Nachtruhe gestört und einem warnenden Nachtwächter er- widert, er brauche ja nicht zuzusehen, lauter Dinge, die einem ge wöhnlichen Sterblichen viele Delikte an den Hals gebracht hätten. Die Offiziere aber bekamen je ein Strafmandat von 6 M (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Einer von ihnen beaw tragte richterliche Entscheidung und dabei erzielte er Frei' s p r e ch u n g, weil das Gericht erklärte, datz das nächtliche Eim werfen von Fensterscheiben als zweckdienliches Mittel zum Wecke» des Hotclknechts angesehen werde.(Heiterkeit und Hört! hört! b. d. Sozialdemokraten.) Das Schöffengericht in Leipzig urteilte bei demselben Delikt in zwei Fällen ganz verschieden. Ein Student hatte einen Schutzmann„Schwein" genannt und ein Streik Posten hatte einen Arbeitswilligen mit derselben Bezeich- nung delegt. Das Schöffengericht verurteilt� den Studenten zu IS M. Geldstrafe, den Streikposten aber zu einer Woche Gefängnis.(Hört! hört! links.) Wenn man solche Urteile vergleicht, dann zeigt es sich klar: nicht wir sind es, die den Glauben und die Gerechtigkeit untergraben, sondern solche Urteile haben diese Wirkungen. Wo führt eine solche Justiz hin, die nicht straft, um zu bessern, sondern straft, um zu rächen! Urteile, wie sie im Ruhrrevier ergangen sind, müssen ja die davon Betroffenen zur Verzweiflung, zum Anarchismus treiben. Wem verdanken Sie es denn, datz in Deutschland nicht ein Anarchismus in dem Matze besteht, wie er in anderen Län- der» vorhanden ist. Das verdanken Sie nur der A u f k l ä r u n g s- arbeit der Sozialdemokratie.(Lachen rechts.) Wir sind es, die die Arbeiterschaft auf den gesetzlichen Weg der Orga- nisation verweisen, und die eine gesetzliche Einwirkung aus die Verwaltung des Staates erstreben. Warum verlangen wir immer wieder das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl- recht auch für Preutzen? Weil wir der Arbeiterschaft damit d>e gesetzlichen Mattel zur Gewinnung politischen Einflusses geben wolle». Dieser Arbeit der Sozialdemokratie verdanken Sie es, datz wir in Deutschland keinen Anarchismus in größerem Umfange haben. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.— Lachen rechts.) S,e i i n d die Aufreizer zur Gewalt, die durch Unterstützung solcher Justiz und solchen Vorgehens gegen die Arbeiterschaft die- jenigen, die ihre Rechte verteidigen wollen, zur Gewalt aufreizen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das ist ein sonderbares „gleiches Recht", bei dem ein Arbeiter, der in Verteidigung seiner Existenz und seiner Familie sich vielleicht zu einem unvorsichtlgen Wort gegen einen Streikbrecher hinreihen läßt, schwere Gefängnis- strafe bekommt, während ein Duellant ein Ehrenmann bleibt. Derjenige, der aus religiösen Gründen und aus Achtung vor dem Gesetz ein Duell verweigert, der gehört nach der Meinung des Kriegsininisters nicht in das Offizierkorps. Das sagt derselbe Kriegsminister, der seinerzeit beim Mansfelder Bergarbeiterstreik die_.., schärfsten Strafen für Stretkenbe verlangt hat. Sie sehen, das Volk hat nicht so ganz unrecht, wenn es von den kleinen Dieben und dem Gegensatz dazu von den grotzen spricht. Wer als Offizier das Gesetz nicht mit Füßen treten will, der wird aus dem Heere entfernt, wer aber seine Arbeiterehre gegen Streikbrecher zu schützen sucht. dermutzaufMonateinsGefängnis. Es war ein bur- gerliches Blatt, das in einem Gedicht darauf hinwies, daß jeder Deserteur ohne Erbarmen erschossen werde, während bei wirtschaftlichen Kämpfen derjenige, der seinen Arbeitsbrüdern feig in den Rücken fällt, als Staatsretter und Heldgefeiertwird. �.... Das Zentrum hat ja in scharfer Weise gegen den Kriegsminister Stellung genommen und Herr Erzberger hat die Pflege der Religiosität in den Kasernen verlangt. Wir würden auch damit em- verstanden sein, wenn den Soldaten jeden Tag das fünfte Gebot gepredigt würde. Die„Germania" schrieb in einer Polemik gegen den Kriegsminister, man mutz Gott mehr gehorchen, als den Men- schen, wobei es ganz gleichgültig sei, ob es sich um den Kriegs- minister oder um eine noch höher gestellte Person handele. Damit sind wir voll und ganz einverstanden. Aber dann sollten die Herren vom Zentrum auch das göttliche Gebot beachten: du sollst nicht töten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wie will das Zentrum dann seine Bewilligungen für den Mili- tarismus mit der christlichen Religion in Einklang bringen. Der Krieg bleibt ein Holm auf Gott, auf das Christentum und auf die Menschlichkeit. Präsident Dr. Freiherr v. Crsfa: Ich habe Sie für diese Aeutze- rung in der zweiten Lesung zur O r d n u n g gerufen, weil der Prä- sident nicht nur wegen Beleidigung von Mitgliedern des Hauses einzugreifen hat. sondern auch dann, wenn er die religiösen und patriotischen Gefühle der Mitglieder des Haus es verletzt sieht. Ich rufe Sie auch heute wegen dieser Aeutzerung zur Ordnung, denn ich sehe darin eine Schmähungdesgrotzen Heldenkaisers, der drei grotze Kriege geführt hat. eine Schmähung unseres ober st en Kriegsherrn, der über Krieg und Frieden zu entscheiden hat. und eine Schmähung des ritterlichen und patrioti- schen Geistes in unser,» Volke, das in einem Kriege seine na- tionale Einheit errungen hat.(Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Hoffmann(fortfahrend): Ihre Jugenderziehung erzieht ja auch zum Militarismus, zum Krieg. Von konservativer Seite wurde uns vorgeworfen, Kopfes ausgesprochen hatte. Karl August ordnete nun an, datz der Schädel in einem„dauerhaften Gefäß" mit den vorhandene» Ge- beinen vereint und in der fürstlichen Familiengruft beigesetzt würde, Dies geschah am 16. Dezember 1827 vor Tagesanbruch. Musik. Die noch ziemlich junge Wiener Operettenbübne„Johann- Strautz-Theater" besucht uns jetzt im Lessing-THeater. Am Freitag begann sie mit einer heimatlichen„Heimlichen Liebe". Die neue Operette verdankt ihren Text dem„witzigsten Manne von Wien", Julius Bauer. Biel mehr als vereinzelter Wiv steckt aber nicht eben drinnen. Um so freier ist der Text von dem Gegenteil, an das uns ja manche jüngste Erfahrungen gewöhnt haben. Den Haupt- inhalt bildet die Liebe eines mißachteten Mädchens zu einem Haupt mann, der eine berühmte Tänzerin liebt. Dazwischen gibt eS nach uraltem Rezept einen wichtigen Ring, der hin und her wandert, und einen noch wichtigeren Profossen, dessen Ehehälfte sich geradeso wie alles Weibliche in den reizenden Tambour verliebt, als der sich die arme Toni verkleidet hat. Natürlich stimmt zuletzt alles. Paul Ottenheimer. uns noch unbekannt, hat dazu eine Musik geschrieben, die vor allem schlechtweg gut ist, obwohl sie keine neuen Wege einschlägt. Grazie hat sie, und Charakteristik hat sie— ungefähr so, wie wir manchmal das Charakterisieren Vater Haydns geschildert haben. Am stärksten ist sie in den Orchesterstücken und in coupletartigen Sologesängen. Hierkkann sie lyrisch weich und episch beredt werden; sentimental wird sie nie, und dramatisch nur wenig; in den Tanzduetten kommt sie über das Geläufige am wenigsten hinaus. Die Profossenrolle spielte der Wiener Altmeister A. G i r a r d i. Wer ihn bereits vor 36 oder 40 Jahren gesehen hat, konnte seiner wohl noch froher werden, als der Neuling. Einer der besten Sprecher der deutschen Bühne, ein Künstler von der schlichtesten Natürlichkeit, hinter der ein schärferer Blick allerdings das Streben und Können merkt, mit dem jede Einzelheit durchgearbeitet ist I Ein ernster, rührender Zug. der über ihm ungefähr so liegt, wie über den von A. A. Oberländer gezeichneten Figuren, macht seinen Spatz zum echten Humor. Wesentlich anders als die»eueren Komiker mit ihrer kunstvoll pointierten Verschärfung, saßt er doch den Zuschauer und Zuhörer kräftig und eindringlich, sei's nun sein Reirain„Wenn man nur gesund ist und keine Kinder hat", oder sei's sein Lied an den Kanarienvogel. Das Stück spielt im Vormärz und in der Wiener Gemütlichkeit. der eine ganz beionders einfache und ausdrückliche Melodie gewidmet ist. Eine solche Basis macht auch manches passender, als es sonst sein würde, zmn Beispiel das ziemlich langsame und gleichförmige Tempo der Regie. Ohne das würde vielleicht Gerda Walde in der Rolle der Heimlichen noch mehr an die treffliche Komikerin erinnern, als die wir sie vor längerem hier kennen lernten; aber das Innige ihrer Partie brachte fie vollkommen zur Geltung. So deutlich und ausdrucksvoll, wie Girardi, sprach und sang kaum einer; im übrigen sangen und spielten sie durchschnittlich gut. es. Humor und Satire. Das Preßgefetz. Untersuch ungsrichtee: Sie haben die Soldaten auf- gefordert, diesem General nicht Gehorsam zu leisten. Redakteur: Und mit Recht. Der General war geisteskrank und ist heute in einer Irrenanstalt untergebracht. Untersuchungsrichter: DaS tut nichts zur Sache. Als Sie Ihren Artikel veröffentlichten, war der General noch nicht am t» l i ch für geisteskrank erklärt. Sie erhalten auf jeden Fall 1— ü Jahre Gefängnis. « �» Redakteur: War ich denn nicht im Recht, wen« ich über diesen ausgekochten Schurken die Wahrheit schrieb und das Publikum vor ihn warnte? Rechtsanwalt: Bewahre I Sie haben sich dadurch des Verbrechens der Verleumdung schuldig gemacht, eine? Verbrechens, das nur Richter und Advokaten ungestraft begehen dürfen. » U n t e r I u r i st e n: Es ist durchaus nicht schwer festzustellen. ob eine Zeichnung das normale Schamgefühl verletzt. Man braucht sie nur genau zu betrachten, und wenn sich dabei fleischliche Ge- lüste regen, ist klar erwiesen... daß man ein Schweinepelz ist. AuS der„�ssiotto au Beurre". , Notizen. Die SluSfiellung b et StSeltetmSBelbn(Bf werkschaftshaufe ist von nun ab nur Montag, Mittwoch und Freitag von 6— 9 Uhr geöffnet. — Ein Rembrandt für sine Million Mark. Der englische Lord FeverSham hat an den Millionär Frick in New Bork einen Rembrandt für eine Million verkauft. DaS Gemälde stellt einen holländischen Kaufmann dar.— Dieser enorme Preis zeigt wieder einmal, zu welchem Wahnsinn der amerikanische BilderluxuS sich versteigt. Als Rembrandt das Bild malte, hat er vielleicht einige Gulden dafür bekommen, wenn er eS überhaupt verkaufen konnte (denn die ehrsamen Kaufleute liebten auch damals mehr die Photo- graphische Sorgfalt beim Porträt). Die kapitalistische Entwickelung hat Rembrandt erst zu einem Wert gemacht, in dem nun aufs tollste spekuliert wird(wie einst in Tulpenzwiebeln).— Charakteristisch ist dieser Verkauf auch wie der für den Patriotismus der angeb- lichen Kulturbeförderer. Wenn dieser Rembrandt ein so kostbare? Kunstwerk ist, wie kann seine Lordschast es denn ins Ausland verkaufen? Begeht er nicht einen Raub an seinem Lande und Volle? Sur verbreiteren SchuMiterolur. Nun. geben Sie doch hin zu Sit ?l u s st e l l u n g im Gewerkschafts Hause, die wird ihnen beweisen, wie wir gerade bemüht sind, die Schundliteratur zu be- kämpfen. Aber von bürgerlichen Unternehmern werden Gratis- heste an Schüler und Lehrer verteilt mit Abbildungen, wo z. B. darüber steht:„Unsere Königshusaren." Auf dem Bilde ist zu sehen, wie Husaren die Franzosen niedermachen, und darunter steht: die Husaren warfen ganze Reihen der Feinde über den Haufen. Unter einem anderen Bild mit der Ueberschrift:„Unter deutscher Flagge" ruft ein Hauptmann seinen Leuten zu:„D r a u f u n d o r a n a u f die Dinger!" (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Gegen die Verteilung solcher Schundliteratur sollte der Kultusminister ein- schreiten. Auf den Ankündigungen steht: es laufen ständig Be- stellungen von hohen Fürstlichkeiten und B e h ö r- den ein, u. a. hat der Schatullsekretär des Prinzen Friedrich von Preusien 250 Exemplare nachbestellt. Vor kurzem sprach sich ein Redner hier gegen den Mißbrauch von Schußwaffen durch Jugendliche aus. Aber diese Kriegsliteratur reizt ja geradezu zu einem solchen Mißbrauch.(Sehr wahr! bei ocn Sozial- dcmokratcn.) Lehren Sie unsere Jugend denken statt schieße n. Geben Sie das Zehnfache der Summe für Jugend- pflege für die Schulen aus, dann würden Sie ungeheuren Segen stiften. Aber Sie wollen nicht, daß das Volk zum Denken erzogen wird, denn ei» solches Volk läßt sich nicht unterdrücke», ausbeuten uud bevormunden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr Strosser sagte am 19. April, wir erzögen die Kinder zur Gewissenlosigkeit.� Das darf man hier gegen uns sagen! «Hört? hört! bei den Sozialdemokraten.) Als der Minister V. Dallwitz Beamte Heuchler irannte, hat Herr Straffer nicht�dagcgen protestiert, wohl aber, als wir die Beamten dagegen in Schutz nahmen und daraus hinwiesen, daß sie durch solche Verordnungen zur Heuchelei gezivungeu werden. Aber Herr S t r o s s e r kann den Beamten kein.£ für ein U machen. Die 414 Millionen Stimmen, die wir bei den letzten Wahlen erhalten haben, sind Ihnen in die Knochen gefahren. Es ist eine namenlose Wut über Sie gekommen, und die A n g st reizt sie auf, nun ernstlich an die Vernichtung der Sozialocmokratie zu denken. Haben Sie denn immer noch nicht begriffen, daß die Sozialdemokratie nicht znvcr Nichten ist. es seidenn, ihre Ziele wür- den erfüllt?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Sie halten die Sozialdemokratie für ein Hetzprodukt. Wäre sie das. dann wäre sie längst an sich selber zugrunde gegangen. Stein, die Sozialdemokratie ist aus den wirtschaftlichen und politischen Zu- ständen heraus geboren, und sie iviro erst verschwinden, wenn diese Zustände aufgehört haben zu existieren. Wir dringen in immer weitere Kreise, und Sie merken den Boden unter Ihren Füßen wanken, und deshalb glaichen Sie die Slufgabe zu haben, die Sozialdemokratie zu vernichten. Wie ansteckend diese Furcht wirkt, zeigt, daß sogar der VerkehrSminister v. Breiten- b a ch erklärt hat, es gehöre zu seinen ersten Pflichten, der Sozial- demokratie entgegenzutreten. Sein Neffort verwaltet er dann i m Nebenamt.(Heiterkeit.) Und derselbe Minister erklärt, er habe keine Furcht vor oer Sozialdemokratie. Daß diese Furcht doch vorhanden ist, das beweisen die unglaublichen' Mittel, mit denen man versucht, die Sozialdemokratie zu vernichten. So habe ich hier eine Verfügung der Kgl. Eisenbahndirektion Magdeburg vom 2. April, wodurch ein Hobler Knall und Fall ent- lassen wird, weil er am Stichwahltage in Halberstadt eine sozialdemokratische Versammlung, in der das Wahl- resultat verkündigt wurde, besucht hatte, nachdem er in das bürger- liche Lokal nicht mehr hineingekommen war. Der Mann war l 1 I a h r e bei der Eisenbahn beschäftigt, und in seinem Zeug- nis hieß es: Führung gut, Leistung sehr gut.(Hört? hört! bei den Sozialdemokraten.) Bei seiner Vernehmung wurde er aufgefordert, auch die Namen der anderen Beamten, die in der Versammlung gewesen sind, zu nennen. Er weigerte sich, diese Denunziation zu begeben. Hätte er es getan, so hätte er Aussicht gehabt, wieder angestellt zu werden. Bei einer weiteren Vernehmung wurde er gefragt, welchen Stadtverordneten er bei der letzten Wahl gewählt habe und welchem Verband er angehöre. Gewählt hatte er einen bürgerlichen Kandioaten und er war Mitglied des früheren Trierer Verbandes. Tie Entlassung wurde aufrechterhalten, trotzdem sich sogar der Vor- sitzende dieses Verbandes, der Reichstagsabgeordnete Jckler, für ihn verwandte. Aus diese Weise drängen Sie die Leute geradezu in die Reihen der Sozialdemokratie.(Sehr wahr! bei den Sozial- Demokraten.) Vor einigen Tagen hat man sich hier furchtbar entrüstet über eine Sleußerung Ströbels gegen Ruhland. Jetzt hat derselbe russische Staat 3 00 A r b e i t e'r, die als Bittsteller kamen, Einfach niederknallen lassen wie toll« Hunde.(Hört! hört! bei den Sozial- dcmokraten.)(Präs. Frhr. v. Er fsa ruft den Redner zur Sache.) Gestern bei der Fwge der Eingemeindung von Vohwinkel in Elberfeld hatten wir das prachtvolle Vergnügen. Herrn v. Bran- d e n st e i>i sprechen zu hören. Wahre Perlen für unsere Agitation finden sich in seiner Rede, hoffentlich polkt er sie uns bei der Korrektur nicht heraus.(Heiterkeit.) Einige haben wir ja gleich festgelegt. So sagte er, der L a n d r a t habe von der R c- g i e r u n g noch keine Anweisung gehabt, welche Meinung er haben miisse. Run er muß es ja wissen, wie es gemacht wird, er war früher selbst SIegierungspräsident. Leider können wir ihm keinen Platz bei uns bewilligen, weil er doch gar zu scharf borgeht gegen die Regierung. lHeiterkeit.) Sie entrüsten sich, wenn wir vom preußischen Polizeistaat sprechen. Haben wir denn allein eine solche schlechte Meinung von Preußen? Herr G r u n e n b e r g hat neulich bestritten, daß der Abgeordnete GieSberts die Aeußc- rung getan habe, man müsse sich schämen, ein Preuße zu sein. Tatsächlich hat nach demamtlichen stenographischen Be- r i ch t der Abg. G i e s b e r t s am 26. November 1906 im Sieichstag gesagt:..Allmählich kommt es so weit, daß man sich fast draußen in der Welt schämt, als Preuße sich zu bekennen.... Wir Rheinländer verwahren uns schon lange dagegen, Preußen in diesem Sinne zu sein."(Hört! hört? bei den Sozialdemokraten.) Warum entrüsten sich die Konservativen denn nicht in diesem Falle, wo ein scbwarzer Blockkollege so über Preußen spricht.(Präs. Frhr. v. Ersfa: Was im Reichstag passiert ist. geht uns hier nichts an.) Am 27. April sagte Herr Hammer: „Herr Dr. Liebknecht, es ist für uns ein Jammer, daß Sie unserem Volk angehören." So ettvas darf man hier gegen uns sagen! Wir sehen in einer solchen Aeußerung«ine Anmaßung und eine Ucberhebung. wie sie nur Herr Hammer fertig bringen kann. Er möge sich aber merken, daß sich Jammer viel besser auf Hammer reimt.(Heiterkeit.) Als sich der aalglatte Herr v. Zedlitz neulich nach redlichen Bemühungen einen Ordnungsruf geholt hat, da gratulierten ihm zwei Slbgeordnete dazu. Wir sahen keine Entrüstung auf der rechten S«itc. aber wenn wir so etwas tun. ist das eine Verhöhnung des Parlamentarismus «nd dieses Hauses. Wir sollen das Niveau des Hauses herabsetzen. Nun, der Ton im Hause war vor uns auch sibon ein recht schlechter. In dein Plateschen Kommentar zur Geschäftsordnung sind auf Seite 254 ff. eine große Reih« unparlamentarische Ausdrücke aus jener Zeit auf gezeichnet, die fünf Seiten füllen und an Kraft und Saft nichts zu wünschen übrig lassen. Darunter sind welch«, die wir nock, nickt erreicht haben.(Heiterkeit.) Vor kurzem erst hat Herr v. Pappenheim gegenüber Liebknecht gesagt, das sch»-Geschwätz. Wollten wir so etwas gegenüber einem Minister sagen, dann gäbe es gleich eine Sitzung der Kommission zur Berschärfung der Ge- schäftsordnung. Beschließen Sie nur, daß die Reden nicht länger als eine Stund« dauern sollen. Wir werden uns dann bemühen, wenn es uns auch schwer fällt, jedesmal eine Stunde zu reden. (Heiterkeit.) Der frühere Abgeordnete Gneist hat einmal ge. Ja�t...(Präsident Freihirr v. Ersfa ruft den Nedn?r erneut zur Sache und macht ihn auf idie gcschäftsorbnüstgs- mäßigen Folgen aufmerksam.) S'a, dann werde ich das in die Presse bringen, da ist man dock weniger beschränkt. Der Redner kommt nun aus des Ministers v. Breitenbach Erklärung zurück, daß er in eine Eisenbahnversammlung eingedrungen sei. Ich wurde von niemand angehalten, die Kontrolleure stanbcn gerade, wie vor einem Ministerialbeomten. Ich war von drei Seiten eingeladen und sagte auf ein Ersuchen zu, das Wort nicht zu ergreifen. � Aber trotzdem bat der Vorsitzende aus Grund einer Direktionsverfügung, ich möchte weggehen. Aber ein gewalliger Stimmenchorus verlangte, ich solle hierbleiben, sonst gingen sie alle mit. Es gingen auch über 1000 mit, es wurde darüber gesprochen, eine neue Versammlung in der Koppenstraße abzuhalten. Aber aus allen Haustüren beobachteten die Vorgesetzten die Leute. Sie, Herr Minister, hindern die Abgeordneten, sich zu orientieren über die Wünsche der Staatsarbeiter. Das verstößt gegen die Verfassung. (Lachen rechts.) Sie orientieren eben die Regierung nur über Ihre Wünsche, aber wir nehmen es mit unserer Pflicht ernster. Und tpenn Sie das Vorgehen der Regierung billigen, setzen Sie nur die Verfassung Ihres heiligen Preußens herab! Unseren Generalvormund nennt ein bürgerliches Blatt den Minister wegen seines unwirksamen Zeitungsverbots. Ja, aber wenn solche Zeitungen im Wagen liegen blieben? Sie werden das Verbot in allen Wagen anschlagen müssen. Lesen Sie den„Simpli- cissimus" nicht mehr, seitdem er hier aus dem Hause verbannt ist? Sie kaufen ihn wohl bloß mehr. Der Minister drückt mit seinem Verbot nur die Pacht der Bahnhofsbuchhändlcr herunter?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Gar kein Recht sollen nach Ihrem Willen die Beamten haben. Das hat ja auch Herr von W o y na offen zugegeben. Der Gedanke, daß ein Beamter für uns stimmen könnte, ist für Sie der Anfang vom Ende. Herr v. Dallwitz— den Ministerpräsidenten haben wir ja in dieser Session noch nicht gesehen, hoffentlich haben wir noch einen!(Heiterkeit.)— hat die Beamten, die bei den Reichs- tagswahlen sozialdemokratisch gewählt haben, als Lügner, Heuchler und Eidbrccher bezeichnet. Unmittelbar nachher ist mir von einem Beamten folgendes Schreiben zugegangen: Eben lese ich die Rede des Ministers v. Dallwitz und kann nicht unterlassen. Ihnen wieder einmal zu sagen, wie ich mit vielen Bcrufsgenosscn über das denke, was der Minister über die Zugehörigkeit von Beamten zur Sozialdemokratie geäußert hat. Es berührt mich ganz eigenartig, wenn ein Minister den Mut findet, andere Leute Eidbrüchige und Lügner zu nennen. Was der Minister da über die ihm unterstellten Beamten sagt, gilt gewiß auch für uns Lehrer und der Kultusminister wird wohl auch die Ansicht seines Kollegen unterstreichen. Da muß ich fragen, wer soll denn die Verantwortung tragen für alle die Lügen und Heuchelei, die unser Schulwesen demoralisiert. Doch nur die Vertreter der preußischen Siegierung, die uns Lehrer zwingen, täglich im Religions-, Geschichts- und Deutschunterricht die widersinnigsten Dinge zu lehren.(Unruhe rechts.) Und wenn da von Lügnern und Heuchlern gesprochen wird, so möchte ich mir die gehorsamste Frage gestatten, wer steht moralisch tiefer, derjenige, der gezwungen lügt und heuchelt, weil er sonst mit seiner Familie auf die Straße gesetzt werden würde, oder derjenige, der durch seine ihm zur Verfügung stehen- den Machtbefugnisse seine Untergebenen zur Heuchelei und Lüge mit Bewußtsein zwingt? Jchhabe den Eid gezioungenermaßen geschworen(Hört! hört! rechts), weil ich sonst niemals angestellt worden wäre. Ich habe mir schon damals als blutjunger Mensch gesagt, daß dieser Eid unmöglich der Person gelten kann und daß der Begriff„König" hierbei nichts weiter sein kann, als die Personifikation des Staates oder des Volkes. Wenn ich im Schuldienst, der durch mancherlei mittelalterliche Einrichtungen und manche An- ordnung der Vorgesetzten einem fast verekelt wird, täglich nach besten Kräften meine Pflicht erfülle, so folge ich damit meinem Diensteid. Ich habe dem Staat wohl meine Arbeitskraft verkauft, nicht aber meine Ueberzeugung, und wenn ich so oft gegen meine beste Ueberzeugung lehre, so trifft die Per- antwortung nicht mich, sondern jene, die mich dazu zwingen. Der Minister hat gut reden, tvenn er sagt, jeder, der die Absicht hat, sich der Sozialdemokratie anzuschließen, möge aus seinem Slmte scheiden. Wenn ein Minister glaubt, sich dem herrschenden RegierungSkurs nicht unterordnen zu können, nimmt er seine Entlassung und bekommt eine anständige P e n s i o n oft nach wenigen Dienstjahren. Wenn sich aber ein Beamter oder Lehrer nach jahrzehntelangem Dienst aus Ueberzeugung der Sozial- demokratie zuwendet, so könnte er seine Stelle nur aufgeben, wenn er seine Familie hungern sehen wollte, sofern er nicht noch irgend eine Brotstell« findet. Empfehlen Sie mich also, verehrter Herr Hoffmann, (Lachen rechts.) dem Minister v. Dallwitz und seinen Kollegen und eröffnen Sie ihnen, daß ich mich so lange kaltlächelnd Lügner und Heuchler nennen lassen werde, bis die Minister öffentlich erklären werden, daß alle diejenigen, die sich infolge der Herrschaft .der Kirche über die Schule oder der herrschenden Zustände zur Sozialdemokratie bekehren, mit voller Pension entlassen werden!(Lachen rechts.) Die Worte des Ministers stehen im vollsten Widerspruch zu den bekannten Aeußerungen der elsässischen Staatssekretäre über die volle Wahlfreiheit der Beamten, auch sozialdemokratisch zu wählen. Der Zorn von Bulach ist doch etwas ganz anderes als der Zorn von Dallwitz.(Lebhaste Heiterkeit links.) Herr Zorn von Bulach sagte, daß die Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht in der Hand der Regierung, sondern in der der Parteien liege. Und wenn die Minister im Namen von Treu und Glauben die Zugehörigkeit von Beamten zur Sozialdemokratie als mit dem Treueid unvereinbar bezeichnen, so scheint man im Elsaß ganz an- dere Begriffe von Treu und Glauben zu haben.(Sehr gut! boi den Sozialdemokraten.) Letzthin hat der Abg. I o h a n n s e n sich die alten längst wider- legten Behauptungen über unsere Auffassung von der Heilig- keitdeS Eides zu eigen gemacht. Ja, wie denken denn andere Leute über den Eid? Rudolf v. Bennigsen, den Sie gewiß alle hochachten, hatte dem König von Hannover den Eid ewiger Treue geleistet, aber schon 1867 schwor er dem König von Preußen Treue. Ebenso modifizierte Herr W i n d t h o r st seinen Treueid. Und wie steht es mit dem Monarchismus und der Königstreue? Mußte nicht der Reichskanzler v. Caprivi den Konservativen im Reichstage zurufen, daß sie doch nicht wegen 1,50 Mark Zolldifferenz ihren Patriotismus aufgeben sollen? Sie(nach rechts) haben im Zirkus gedroht, zur So- zialdemokratie überzugehen. Allerdings haben Sie nicht vorher gefragt, ob Sie auch aufgenommen werden.(Große Heiterkeit.) Im konservativen„Vaterland" wurde gesprochen von krachenden Thronen und auch Sie(zum Zentrum) brauchen Ihre KönigStreue nicht so zur Schau zu tragen, denn die„Germania" schrieb: Die Kirche kann der Monarchie entbehren, nicht aber die Monarchie der Kirche; diese befindet sich ganz gutauch im re- p u b l i ka n i s ch e ii Staat!"(Hört! hört! links.) Die na- tionalliberale„Kölnische Zeitung" hat daran erinnert, daß Sie innerlich Vernunftmonarchisten sind und daß Sie einmal Ihren Monarchismus einer entsprechenden Revision unterziehen könnten. Und hat es nicht auch Kanalrebellen gegeben, die, wenn es ihnen paßte, gegen ihren Herrn und König losgehen, um allerdings später ans der Ministerbant wieder aufzutauchen? Sie selbst haben den Grundsatz betätigt, daß die Beamten ein Recht haben, anderer Meinung zu sein, als der oberste Beamte. Und ist der Rektor der Technischen Hochschule zu München, Professor Günther, der er- klärt hat, aus taktischen Gründen sozialdemokratisch gewählt zu l>aben, ein Ehrloser, Lügner und Eidbrechcr? Und ist Bismarck das. der doch seinerzeit nach Frankfurt telegraphiert hat:„Für st wünscht Sabor"? Bebel wurde seinerzeit in Straßburg nur mit Hilfe der Konserdativen gegen den Protestler ge- wählt.(Abg. Hammer: Schöne Konservative.) Etwas schöner wie Sie, waren die qllerdinßs.(Lebhafte Heiterkeit links.) Wgr Pokrze'i Präsident von Magdeburg, Herr v. Ab- n i'm eidbrüchig und meineidig, der seinerzeit aufforderte, gegen nationalliberalen Büchtemann den Sozialdemokrat c n Avgust Heine zu wählen? Der Beamteneid sagt doch in seinem zweiten Teil:..... und meine mir vermöge meines Amtes obli�genide Pflicht nach meinem besten Wissen und Gewissen genau' zu erfüllen, auch die Verfassung gewissenhaft zu beachten." Und d.rs vergessen Sie immer. Der' Beamte ist außerhalb seiner dienstlichen Stellung Stao t s< bürger und nach der Verfassung hat er das Recht, seiner Mei- nung Ausdruck zu geben. Was ist nun Treue und wer ist treu? Ist der ein treuer Freund, der alles gut heißt und allem zujubelt oder der, der, wenn wir im Begriff stehen, unrecht zu tun. Fehler oder Dummhi'iten zu begehen, uns ivarnt, unter Umständen mit energischem W'ort und uns davon abzuhalten sucht? Ich meine, der ist der treue' Diener, der seinen Herrn selbst durch Ungehorsam vor Gefahr und Untergang behütet. Denken Sie zum Beffpiel, wenn der Kapit än der„Titanic" den Befehlen seines Di- rektorS oder der Llffizier den Rekordabsichten des Kapitäns wider- sprachen hätte und ungehorsam getvescn wäre, dann wären 1600 Menschen nicht ums Leben gekommen. ES kann also Fälle geben, wo es gerade die Ausgabe eines treuen Mannes ist, den Eid des Gehorsams zu brechen. Das Wahlrecht ist das Mittel. welches den Herrschenden anzeigt, wie es im Volke aussieht und welcher Kurs dem Staatsschisf gegeben werden muß, damit es nicht in Gefahr kommt, in Stürmen uud an Eisbergen zugrunde zu gehen. Also nicht die. die durch die Abgabe sozialdemokratischer Stimmen Warnungszeichen geben, brechen die Treue und sind Eid- brecher, Lügner und Heuchler, sondern diejenigen, die durch Drohung und Beichimpsung. durch Mißbrauch ihrer Amtsgewelt da« Wahlresultat fälschen,(Bravo! bei den Sozialdemokraten. Un- ruhe rechts.) D i e sind Lügner, Eidbrecher und Fälscher, brechen dem Konig die geschworene Treue, belügen und betrügen ihn, indem sie dem Staats schiff einen falschen Kurs geben, die ihm drichenden Gefahren verhüllen und ver- bergen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Herren Minister sind es, welche Staat, Monarchie und König durch die Fälschung der Volksmeinmig in Gefahr bringen. Ein staatstreuer Beamter hat nicht nur recht, wenn er seine Stimme nach seiner Ueberzeugung abgibt, sondern er hat als Beamter aus Grund seines Treueides die Pflicht, seine Stimme entsprechend seiner Gesinnung abzugeben, da er sonst das Wahlresultat fälscht, seinen höchsten Vorgesetzten, den König, belügt, über Gefahr täuscht und seinen Untergang bereiten kann. Der Slbfj. Freiherr v. Z e d-- l i tz hat einen solchen Beamten als einen vollständigen Gesinnungs- lumpen bezeichnet, für den kein Platz im ganzen Vaterlaride wäre. Ein kleiner Beamter hat keinen anderen Weg, seinen Vorgesetzten zu warnen, als den durch die Ausübung des Reichs- tagswahlrechts, und er wäre in der Tat ein Gesinnungs- lump, wenn er davon nicht Gebrauch machen würde. Die meisten Beamten müssen fünf Jahre auf den Tag warten, wo sie ihrer Meinung Ausdruck geben können. Sticht jeder ist in der Lage, be- sitzt die Fähigkeiten und den Mut, um als aktiver Beamter i n d i e Presse Artikel gegen die Regierung des Königs zu lancieren.(Hört! hört? links.) Sticht wahr, Herr v. Zed- l i tz, ein solcher Mann ist a u ch e i n L ü g n e r und Eidbrecher, der keinen Platz in Preußen hat? Einem selchen Gesinnungslumpen ist es aber gestattet, als Oberscharsmacher hier im Haufe Komödie zu spielen(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), das Volk zu verhöhnen und es in Wahrheit aufzuhetzen.(Stürmische Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die kleinen lVeauiten sind Fleisch von unserm-Fleisch und Blut von unserm Blut. Je kleiner die Bezahlung und je niedriger die Stellung, desto größer die Arbeitslast. die Not und Sorge. Je höher aber der Beamte, desto größer die Bezahlung und desto kleiner die Arbeit. Das Volk aber bringt alles das auf.(Lachen rechts.) Sie, die als Agrarier sogar die Milch verteuern und sogar den Säugling zur Aufbringung der Kosten mit heranziehen, sollten doch nicht lachen. Das Volk, das alle diese Lasten aufbringen muß, Ihr Herren Minister, ist es. d a S die Summen für Ihre hohen Gehälter und Pen- sionenaufbringen muß. Sie leben von den Säfte» und Kräften beS Volkes und da glauben Sie fortgesetzt ungestraft ihren Ernähern und Er- Haltern in dieser Meise entgegentreten zu können?! Die Antwort wird Ihnen gegeben werden bei den kommenden Wahlen. Wenn wir dann 5 Millionen Stimmen hoben, dann haben Sie das Verdienst, ein reiches dazu beigetragen zu haben.(Lebhaftes Bravo? bei den Sozialdemokraten.— Unruhe bei der Mehrheit.) Justizminister Dr. Bescler will nur auf Hoffmanns Be- merkungen über die Streikjustiz im Ruhrgebiet eingehen. Es wur- den 4000 Anzeigen sofort erstattet und zur baldigen Erledigung, damit bald wieder Ordnung im Lande ist, mußte Vorsorge zetroffcn werden. Es wird sogar noch einige Zeit brauchen, bis alles er- ledigt ist. Alle, welche auf Ordnung halten, werden das schnelle Vorgehen der Justiz nur billigen.(Beifall rechts.— Zuruf der Sozialdemokraten: Ihre Ordnung!) Der Verzicht auf die Frist ist nicht gegen das Gesetz und rasche Beurteilung liegt im Interesse der Angeklagten. Die Strafabmessung ist Sache der unabhängigen Gerichte. In der Kritik der Gerichte liegt trotz der Milderung gegen früher der Vorwurf, daß die Richter schwach- köpfe seien. Ob die Beweise ausreichen, entscheiden die Gerichte, die sich durch die Reden des Abg. Hoffmann nicht in ihrer Pflicht. nach ihrem Ermessen zu entscheiden, irre machen lassen.(Beifall.) Minister des Innern v. Dallwitz: Die Ausführungen des Slb- geordneten Hoffmann können nichts an der Tatsache ändern, daß ein Beamter, der dem Landcsherrn den Eid der Treue geleistet hat, sich nicht der Sozialdemokratie anschließen darf, die die Monarchie beseitigen will.(Beifall rechts.— Zurufe der Sozialdemokraten: Kanalrebelll) Abg. Haarmann(natl.): Beim Streik haben sich die Sozial. demokraten blamiert. Die Angriffe auf die Justiz weise ich namens aller bürgerlichen Parteien zurück.(Bei- fall.) Sie greifen die preußische Justiz, auf die wir stolz sind, nur an, weil Sie wissen, daß sie der festeste Damm gegen die Sozial- demokratie ist.(Beifall.— Stürmisches Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Sie müssen ja froh sein, unter dieser Justiz zu leben! Wenn der Mann in dem vom Abg. Ho ff mann erzählten Fall gerufen hat:„werft nicht mit Steinen", so glaube ich das nicht(Sehr gut! bei der Mehrheit), denn da hätten ihn die anderen totgeschlagen.(Stürmische Heiterkeit bei der Mehrheit.) Aber wenn er selbst gerufen hat:„Werft nicht mit Steinen!", so war das unter jenen Umständen nur die Aufforde- rung, erstrechtmitSteinenzuwerfen.(Beifall bei der Mehrheit.— Stürmische Rufe der Sozialdemokraten: Das ist ja Klassenjustiz I> Wir wollen den kriegerischen Geist in der Jugend pflegen, damit das preußische Volk im Kriegsfall sein- Feinde mit dem alten kuror teutonicnz niederschlägt. (Beifall.) Wir wissen auch, daß Ihre(zu den Sozialdemokraten) Lehren das Volk nicht davon abhalten werden.(Großer Beifall bei der Mehrheit.) Abg. Gvfiling(Vp.) erklärt, die Rede des Abg. Hoffmann habe großenteils nicht hierher gehört. Dann weist er den Angriff des Abg. v. Zedlitz auf das Reichstagspräsidium als völlig unbe- gründet zurück, da die ReickstagSdebatte in keiner Weis« durch Schlußanträge ustv. beschränkt worden sei. Wir verwahren uns überhaupt dagegen, daß ein Parlament das andere kritisiere.(Zu- itimmung.) Hierauf bespricht der Redner die Frage der B e- lastung der Gemeinden. Unfern Stolz auf Prcu» -eng Verd i e nste lassen wir uns von den Sozialdemokraten nicht rauben.(Zustimmung bei der Volkspartei.) Die allgenieine Besprechung schließt. Bei den Einzeletats werden zumeist Beamtenwünsche besprochen. Beim Etat des Abgeordnetenhauses begründet Abg. Strosser(k.) einen Antrag auf Ankauf eines Nachbar- grundftucks für einen Garten sowie zur Vermeidung einer ver- dunkelnden Bebauung. Wg. Hoffmann(Soz.s stimmt zu und wünscht, daß sich das Abgeordnetenhaus in der Frage der direkten Besoldung der Schrcibmaschinendamen einmal an das Beispiel des Herrenhauses halte, statt die Damen durch einen Vermittler zu besolden. Endlich tritt er für die Besser- stellung der Diener und Gewährung mindestens eines freien Sonntags im SDionat an die Diener ein. Der Antrag geht an die Budgetkommission. Eine Reihe von Etats werden nach unwesentlicher Debatte bewilligt. Es folgt der Bergetat. Abg. Göbel(Z.) spricht für eine allgemeine Lohnerhöhung für die Bergarbeiter. Abg. Leinert(Soz.): Die Bergleute in den staatlichen Gruben in Obernkirchen und Barfinghaufen wollten in den Streik eintreten mit denselben For- derungen, die im Ruhrrevier erhoben wurden. Dabei ist die Ber- waltung äußerst rigoros gegen die Bergleute vorgegangen. Der Arbeiterausschuß wupdc versammelt und ein Bergrat legte ihm die Frage vor:„Wollen Sie denn streiken?" Natürlich sagten alle Mitglieder des Ausschusses: Nein. Im übrigen war der Berg- rat lediglich bestrebt, den Ausschußmitgliedern klar zu machen, daß eine löproz. Lohnerhöhung nicht gewährt werden könne. Als dann der Streik doch ausbrach, bemühte sich derselbe Bergrat in einer Versammlung dar Streitenden den Leuten auseinander zu legen, daß eine Lohnerhöhung von 15 Proz. 400 000 M. Kosten verursachen würde. Wenn er wirklich den Streik verhindern wollte, hätte er ihnen wenigstens eine geringe Zulage zusagen sollen, natürlich in bestimulier Form, zumal die Betriebe einen hohen Ueberschuß abwerfen.— Weiter wird mir mitgeteilt, daß auf der einen fiskalischen Grube der Bergmann Thomas nicht wieder eingestellt ist. Ties wird als besonders schikanös deshalb empfun- den, weil Thomas zu den Leuten von der Radbodzeche gehört, denen der Minister für ihre Auskunft Beschäftigung auf einem fiskalischen Werk zugesichert hat. Durch solche Aussperrungen nach einem Streik nach Art der Oberscharfmacher wird es der Bergver- waltung nicht gelingen, die Seele der Arbeiter für sich zu ge- Winnen.> Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Minister Sydow: Es hängt nicht allein von dem Willen der Bergvernzaltuwz ab, ob ein Streik vermieden wird. Ties ist viel- mehr immer dann sehr schwer, wenn der sozialdemokratische Ver- band hinter den Arbeitern steht. In Obernkirchen wurde die Stim- mung streitlustiger, als der alte Verband bei den Wahlen der Sicherheitöleute die Oberhand bekam und anläßlich der letzten ReichStagswahlen. Es folgt der Etat der Handels- und Gewcrbcvrrwaltnng. Abg. Dr. Liebknecht sSoz.): Wir haben gestern in der Unterrichtskommüsion gehört, daß der Handelsminister ähnlich wie der Kullusminister vorgegangen ist gegen Personen, die privat handelsrechtlichen Unterricht an Sugendliche über 18 Jahren erteilen. Ich frage den errn Minister, wie er dies Vorgehen in Einklang bringen will mit den bekannten Entscheidungen des höchsten Gerichts. Ein Regierungskammissar erklärt, daß sich daS Vorgehen des Ministers auf Erlaffe von 1833 und 34 stütze, in denen von Jugend die Rede fei, worunter auch die jungen Leute auf den Universitäten fielen. Abg�Dr. Liebknecht(Soz.) betont, daß es sich hier etwa nicht um einen Ersatzunterricht für einen staatlich geregelten Unterricht handle. Ein Unterricht zur freiwilligen Weiterbildung stehe nicht unter staatsrechtlicher Aussicht. Es folgt der Justizctat. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Der Abg. Haarmann hat es vorhin als einen Ruhmestitel der deutschen Justiz hingestellt, daß sie einen Damm bilde gegen die Sozialdemokratie. Dies harmlos-naive Geständnis eines Praktikers beweist uns, wie in Wirk- lichkeit der Geist aussiebt, der in unserer Justiz herrscht. Aus diesem Geist heraus müssen Klassenurteile gröblichster Art erwachsen. Präsident Frhr, v. Erffa: Ich bitte, baß Sie nicht von Klassenjustiz reden. Das ist eine Beleidigung unseres R i ch t e r st a n d e s.(Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Liebknecht: Vor mir haben der M i n i st e r und der Abg. Haarmann von Klasienjustiz gesprochen. Danach ist eS selbstverständlich, daß wir hier über Klassenjustiz debattieren können. Präsident Frhr. v. Erffa: Gewiß dürfen Sie über Klassenjustiz sprechen, aber nicht in dem Sinne, daß Sie unseren Richtern Klassen- justiz vorloerfen.(Heiterkeit und Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Liebknecht: Wir unterhalten uns doch gerade darüber, ob sich bei unseren Richtern Klassenjustiz findet oder nicht. Wie soll ich denn gegen den Munster debattieren, wenn mir verboten wird, zu behaupten, daß die Auffassung de? Jusii, Ministers falsch ist, eS gäbe keine Klassenjustiz. Es muß mein gutes Recht sein, zu sagen, daß die Aeußerung des Abg. Haar mann beweist, daß offenbar in weiten Kreisen unseres Richterstandes und unserer Staatsanwaltschaft eine Auffassung über die Aufgaben der Justiz besteht, die zu politischen Tendenzurteile» führen muß.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Was die Prozesse im Ruhrrevier anlangt, so sagte der Mnister, es seien sofort 4000 Anzeigen eingegangen. Nun wäre es sehr inter- cfiant, zu hören, wieviel von diesen Denunziationen von Beamten oder von christlichen Gewerkvereinsmitgliedern ausgegangen sind. Von diesen ist ja eine förmliche Denunziations- kanonade eröffnet worden. Ferner möchten wir wissen, wieviel Untersuchungshaft die Betreffenden verbüßt haben und w i e viel Jahre Gefängnis insgesamt verhängt worden find sür Bagatelldelikte, herausgeboren aus dem Solidaritätsgefühl der Arbeiter. Ferner ist in all diesen Klagen mit einer solchen Gcschwindig- keit gearbeitet worden, wie sonst nur beim Standrecht. Diese Mitrailleusenjustiz, wie man sie dort nennt, hat eine genaue Nach- Prüfung der Anklagen und ein ruhiges Urteil der Nichter unmöglich gemacht. Von einer Störung der Ruhe im Ruhrrevier kann gar keine Rede fein. Nach der Niederwerfung des Streiks schon gar nicht. Präsident: Sie dürfen die Justiz kritisieren, aber keinen Mangel aus die Rechtsprechung werfen, wie das durch das Wort Klaffenjnstiz geschieht. Abgeordneter Dr. Liebknecht: Wenn meine notwendige.Kritik unangenehm empfunden wird, so ist daran diese Justiz schuld!(Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Wenn AuSnahmskammeni errichtet werden, so mag das manchmal zur Geschäflserleichterung geschehen. Aber wenn diesen Kammern ausschließlich Streilsachen überwiesen werde», so ist das verdächtig nach Ausnahmejustiz. Noch dazu, wo nicht alle Streikdelikte, sondern nur die des Bergarbeiterstreiks vor� diese Kammern kommen, ist dieses Borgehen ein von politischen Gründe» diktiertes, das dem Geist des GerichtSverfasiungs- gesetzes widerspricht. Die Justizverwaltung kann ja soviel Hilfs- richter heranziehen als sie will. Die ausnahmslose Ber- hängung der Untersuchungshaft über Ortsansässige wegen der ge« ringsten Vergehen geschah auch nur. um der Justiz den Charaltcr deS StandrechtS aufzudrücken. Die Herbeiführung der Verzichte auf die Einhaltungsfrist muß nicht einmal gesetzwidrig sein, aber hier werde ein System daraus gemacht. Dieses ganze Vorgehen fesselt den Beschuldigten an Händen und Füßen und dann läßt man ihn noch auf die Frist verzichten. Kommt eö der Justizverwaltung denn mehr auf die Fixigkeit als auf die Richtigkeit au? Die lleinsten, sonst bor die Schöffengerichte gehörigen Delilte hat man vor die Strafkammer gebracht, was die Ausforderung zum ernsten Einhaueu an die Richter bedeutet und den Angeklagten die Berufungsinstanz systematisch genommen. Alles zusammen zeigt, daß wir im Ruhrrevier alle schlechten Seiten einer Ausnahmcjustiz vereinigt sehen. Sind diese systematisch verübten einzelnen Ausschreitungen und bösartigen Auswüchse auf Anordnung der Zentralverwal tung verübt? Die Stellungnahme der Staatsanwälte ist ja auch sür die Gerichte von größter Bedeutung, sind die Staatsanwälte also angewiesen worden, auf Beschleunigung der Untersuchungshast zu bringen? Die Ausschreitungen der Justiz im Ruhrrevier zeigen leider, daß wir doch noch im klassischen Land der Klassen- justiz leben.(Zustimmung bei den Sozialdemolraten.) Justizminister Dr. Baseler: Ich habe die Staatsanwaltschaften zu schneller Erledigung der Sachen angewiesen, sonst habe ich keinerlei Anordnungen erlaffen. Alles andere haben die Gerichte noch ihrem Ermessen angeordnet. Die Kammerbildung ist Sache der Präsidien und eS sind nicht überall Spezialkammern gebildet worden. Man hat das Vorgehen der Streikenden vielfach als schweren Eingriff in die Rechtsordnung an- gesehen, viele fühllcn sich bedroht. 4000 Anzeigen beweisen das. (Abg. Liebknecht: Systematische Denunziationen I) Ich weiß doch gar nicht, von wem die Anzeigen sind. Gewiß find viele von Privatleuten, die sich bedroht fühlten. Es wurde nicht systematisch Unter- lüchungshaft verhängt, auch nicht systematisch die Einhaltungsfrist bc- festigt. Wenn die Leute wollten, wurde vertagt. Den Richtern, dieZdoch am wenigsten am Streik beteiligt waren. Erregtheit, wegen Anwendung der ihnen angebracht erscheinenden Strenge Rücksichtslosigkeit aus Rache vorzuwerfen, ist eine schwere Beleidigung, die ich auf das entschiedenste zurückweise.(Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Fricdbcrg(natl.): Abg. Haarmann hat nur ge- meint, daß die Gerichte sozialdemokratische Streiker, die die Gesetze verletzen, verurteilen.(Sehr wahr I bei der Mehrheit.— Oho I bei den Sozialdemokraten.) Unsere Justiz ist unabhängig, aber wie eine sozialdemokratische I u st i z aussehen würde, zeigt das Vorgehen sozialdemokratischer Veriammlungspräsidien gegen national- liberale Redner.(Beifall bei den Nationalliberalen und rechts.) Der Präsident erklärt nun. es sei niemand mehr zum Wort ge« meldet. Als Abg. Liebknecht auf seine Wortmeldung ver- weist, sagt der Präsident: Dium liegt ein Schlußantrag vor, die Abgg. v. Heydebrand und v. Pappenheim hätten sich streichen lasse». Trotzdem erhält Abg. v. Pappcnhcim das Wort, um einen etatS- rechtlichen Antrag zu begründen, über den erst Montag abgestimmt werden kann. Darauf wird der Schlußantrag angenommen, worauf der Präsident den Justizetat als erledigt— bis auf jene Abstimmung— erklärt. Es folgt eine längere GeichäftsordnungSdebatte, da Abg. Liebknecht sich zu dem Titel»Amtsgerichte" gemeldet hatte, jetzt aber verhindert ist, seine Bemerkungen gegen den Abg. Fried- berg und den Justizminister zu machen. Wahrend Abg. Lieb- knecht betont, daß durch den Schlußantrag nur die General- d e b a t t e geschlossen sei, erklärt der Präsident nach einigem Schwanken, später in Uebereinstimmung mit ihm die Abgg. v. Heydebrand(k.), Dr. P o r s ch(Z.). Arendt(fk.), v. B o n i n(k.) und Dr. Friedberg(natl.), daß eS nach der Uebung des Hauses bei der drstten Lesung nur General- d eb atte n gibt. Heute sei wohl vom Vizepräsidenten Dr. Krause, ohne daß Widerspruch erhoben worden wäre, die Sache so geregelt worden, daß die Generaldebatte bei Etats, wo mehrere Redner ge- meldet sind, diese nach den betreffenden Verhandlungsgegenständen geteilt werden könne. Diese Auffassung wird von der Mehrheit geteilt, Abg. Ströbel widerspricht, und durch einen Schlußantrag des Abg. v. Pappen- heim(k.) die Geschäftsordnungsdebatt« geschlossen. Abg. Dr. Liebknecht(persönlich): Ich muß es zurückweisen, daß Abg. v. Heydebrand den Schlußantrag in der Weise gestellt hat, daß er dann zur Abstimmung kommen solle, wenn ich als nächster Redner herankäme. Daß das der Fall gewesen ist, ergeben die Worte des Präsidenten, als ich mich meldete: Dann liegt ein Schlußantrag bor.(Rufe rechts: Persönlich!) Das ist ein durchaus ungehöriges Verfahren.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Präs. Frhr. v. Erffa: Sie haben durchaus kein Recht zu dieser Kritik, Herr v. Heydebrand hat den Schlußantrag ganz allgemein gestellt. Abg. Dr. Liebknecht: Dann bin ich durch die Worte deS Herrn Präsidenten— natürlich objektiv— irregeführt worden. Jeden- falls hat aber die Absicht bestanden, mir daS Wort zu entziehen. Die Weiterberatuug wird v e r t a g t auf Montag 11 Uhr(außer- dem kleinere Vorlagen). Schluß 6 Uhr. Gegen bequeme Monats- Raten liefern wir Photo-Apparate* Prismengläser allererste Fabrikate zu vorgeschriebenen Fabrikpreisen. Sie finden in unserem reich illustrierten Spezialkatalog die Original- Erzeugnisse von Finnen wie Goerz, Ememann, Goltz und Breutmann, Kodenstook, Laak, Meyer usw. und sind unsere Preise für Bar- und erleichterte Zahlung, die von Fabriken vorgeschriebenen. Wir bitten Sie das Vorurteil, das man häufig gegen Firmen unserer Branche hegt, fallen zu lassen und sich vertrauensvoll an uns zu wenden. Vergleichen Sie unsere Proiso mit denen reeller Spezialgeschäfte und überzeugen Sie sich von unserer Leistungsfähigkeit. 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Eingeschlossen sind aller- dings nur die �.-Produkte, d. h. die Walzerzeugnisie, Halbzeug, schwere und leichte Eisenbahn-Oberbaustoffe, Träger. Der Fortfall der Kontingentierung der L-Produkte(Stabeisen, Walzdraht, Grob- und Feinbleche, Röhren, Eisenbahnschmiede- und-gutzstücke) hat innerhalb der bürgerlichen Presse zu einer lebhaften Dislussion darüber geführt, ob das.Fortbestehen des Verbandes in seine: jetzigen Form für die deutsche Stahlindustrie überhaupt noch eine Bedeutung habe und welcher Art die Wirkungen des»Torsos" sein werden. Die Hoffnungen, die man in Interessentenkreisen 1904 bei der Gründung des Verbandes auf ihn setzte, sind allerdings unerfüllt geblieben. Der Stahlwerksverband sollte die Einleitung zur voll- kommenen Syndizierung der gesamten deutschen Eisenindustrie sein. Er wollte weiter darüber hinaus den Anstoss zu internationalen Verbandsgründungcn geben. Tatsächlich ist auf ihn der Zusammen- schlug zum internationalen Schienenverband und Trägerverband sowie des französischen und belgischen Stahlwerksverbandes zurückzuführen. Aber im Inland gelang ihm nicht einmal die Syndizierung der L-Produkte, für die nur eine Kontingentierung der Erzeugung, jedoch keine einheitliche Verkaufsorganisation und Preisfestsetzung erreicht wurde. Die immer größere Bedeutung der L-Produkte gegenüber den A.-Produkten hat dann zu einer Umwandlung der inneren Syndikatsverhältnisse geführt, an der die bereits 1997 gefährdete Erneuerung diesmal fast ganz gescheitert wäre. Die wichtigsten Mitglieder des Verbandes sind gemischte Werke. Die Uebcrlegenheiten des Großbetriebes als solchen, die technischen Veränderungen, die eine nur im gemischten Betriebe anwendbare Verwertung der Hochofengase und Ausnutzung der ersten Hitze des Rohmaterials gestatten, und vor allem auch daS Interesse der Kreditgeber(Banken) an einer Vereinheitlichung der Betriebe haben zu einer gewaltigen Konzentration in der Eisen- industrie geführt. Der Hochzollschutz und das kapitalistische Patent- Wesen, die einzelnen Betrieben technische Monopole sichern, sowie die Preispolitik der bestehenden Rohstoffverbände haben diese Tendenz noch verstärkt. Innerhalb des Syndikats entwickelte sich daraus eine lebhafte Konkurrenz zwischen kleinen(reinen) und großen(gemischten) Werken. Die ständige gegenseitige Kontrolle durch Bekanntgabe der Beteiligungsquoten erleichterte diesen Kampf. Erhöhung der Beteiligung ist nur durch Vergrößerung der Betriebe oder durch Fusionen möglich. Beides ist reichlich geübt worden. Kirdorf, Thyssen, Gelsenkirchen, Burdach, Krupp trieben eine erfolgreiche„Ouotenjagd". Die Trennung in A- und L-Pro- dukte kam ihnen infolge der Syndikatsbestimmungen besonders zu statten. Eine Einschränkung der Produktion in A je nach Bedarf des Konsums eröffnete ihnen den Ausweg der Produktion in L. Zu einer Einschränkung der technischen Leistungsfähigkeit dieser Be. triebe konnte es daher nie kommen. Die Schwankungen der Pro- duktion in A-Erzeugnissen können von ihnen leicht durch die Ge- staltung der L'-Produktion ausgeglichen werden.Dazu kam ein weite- res. Die Nachfrage nach L-Erzeugnissen war so groß, daß die Ab- gahe auf Ucberschreitung der Quoten L in Höhe von 29 M. pro Tonne Rohstahl gern gezahlt wurde. Diese Strafen kamen bisher zum größten Teil den kleinen Werken zugute, die ihre Quote nicht �"voll ausnutzten. Mit der Aufgabe der Syndizicrung von L erniedri- gen sich für die gemischten Werke sozusagen die Produktionskosten, "während den kleinen Betrieben eine Einnahmequelle entgeht. Mo- mentan haben daher die großen Werke von der Vertragsänderung nur Borteil. Die Nachfrage bleibt in der Zeit der gegenwärtigen Hochkonjunktur so lebhaft, daß eine Preissenkung infolge der Aufgabe der L-Syndizierung nicht eintreten wird Von einem dauernden Verzicht auf die L-Kontingcntierung ist ja auch durch jdie jetzige Form des Vertrages noch nicht die Rede. Bedeutet der Fortfall der L-Syndizierung für die gemischten Betriebe ohne weiteres einen Vorteil, so haben sie doch ein kleineres Interesse an dem weiteren Bestand der A-Syndizierung. Der beibehaltene Modus der Ouolenübertragung und des Quoten- ankaufs gewährt gewisse Vorteile gegenüber der völligen Ver- .schmelzung von Betrieben. Zugleich mit der Verlängerung des Verbandes haben z. B. die Westfälischen Stahlwerke in Bochum für die Dauer des Verbandes ihre Quote in A-Produkten für etwa 8 Millionen Mark an die Firma de Wendel übertragen. � Die Syndizierung der A-Produkte wird zudem die Abnehmer von Halbzeug, die reinen Betriebe, ganz an die gemischten Werke ausliefern. Durch die Preisgestaltung der A-Erzeugnisse können die Halbzeug verarbeitenden Werke vollends niederkonkurriert werden. Daß der Verband überhaupt zustande kam, scheint wesentlich 'durch das Interesse der B a n k e n mitbeeinflußt zu sein. Die starke Anlage von Bankkredit in der Stahlindustrie sichert ihnen einen .Einfluß, den sie natürlich stets für Prodmtionseinschränkungen im 'Interesse des Profitausgleichs geltend machen. In diesem Fall kam hinzu, daß das Faktum einer Verbandsauflösung den Börsenmarit, der in letzter Zeit sehr empfindlich ist, ungünstig be- einflußt hätte. Die tatsächliche Erneuerung hat umgekehrt geradezu 'eine Hausse in Montanwerten hervorgerufen. Als untergeordnetes Moment kommt noch hinzu, daß der Belgische Stahlwerksverband seinen Vertrag vor einiger Zeit nur unter der Voraussetzung erneuert hatte, daß auch der Deutsche Stahlwerksverband bestehen bleibt. Die Wirkungen des neuen Vertrags haben wir im wesent- lichen schon berührt. Eine neue erhebliche Stärkung der großen, gemischten Werke, und damit der bestehenden Monopoltendenzen werden die Folge sein. Die„Vertrustung" der Stahlindustrie wird weitere Fortschritte machen. Das bisherige Syndikat, das noch in gewissem Grade auf schwächere Werke Rücksicht nahm, und diese lebensfähig erhielt, wird abgelöst durch eine Zeit unumschränkter Konkurrenz, aus der auf Banken gestützte und durch Banken ge- förderte wenige Riesenbetriebe als Sieger hervorgehen werden. Sie werden der Arbeiterschaft noch gefährlicher sein als die heutigen Führer der Schwerindustrie, bis diese durch das Proletariat zu- gunsten der vergesellschafteten Produktion expropriiert werden. Dardanellensperre und Getreidehandel. Die Sperrung der Dardanellen äußerte sich in recht störender Weise auch für den europäischen Getreidehandel. Welche Wirkungen sie speziell für die Versorgung Konstantinopels mit Lebensmitteln und dre dortigen Nahrungsmittelpreise hat, hat bereits Genosse Parvus im Vorwärts(Nr. 199) erörtert. In Frankreich und den europäischen Staaten, die allein auf den Schifftransport russischen Getreides angewiesen sind, hat sich diese Sperre viel unangenehmer bemerkbar gemacht als für Deutschland, daS Getreide im wesent- lichen auf dem Vahnwege aus Rußland einführt. Aber die deutschen Getreide Händler klagen dennoch lebhaft über die Sperre, d. h. weit mehr über die osteuropäischen Exporteure, die sich die Sperre zunutze machten. Schon im Spätsommer vergangenen Jahres, als der türkisch- italienische Krieg ausbrach, suchten die russischen Getreidehändler von ihren Lieferungsfristen zurückzutreten. Sie begründeten das damit, daß der Krieg die Verladung unmöglich mache. Tatsächlich aber lieferten sie zu gleicher Zeit, natürlich zu höheren Preisen, auf Grund neu abgeschlossener Verträge. Auch jetzt haben südrussische, rumänische und bulgarische Getreide- Händler die Gelegenheit ergriffen, die Erfüllung ihrer Verträge ab- zulehnen. Ihre Handlungsweise ist diesmal verständlicher, da tat- sächlich eine Sperre der Dardanellen am 18. April eintrat. Aber auch jetzt sollen sie wieder an neue Abnehmer geliefert haben. Es ist daher zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen deutschen und westeuropäischen Interessenvertretungen von Getreidehändlern gekommen. Der fragliche Deutsch-Niederländische Getreidevertrag enthält die Bestimmung:»Wird die Verladung durch Aussuhrverbot, Blockade oder Feindseligkeiten verhindert, so ist dieser Vertrag oder jeder noch unerfüllte Teil desselben aufgehoben." Die Russen behaupten nun, die Voraussetzung für diesen Passus sei gegeben. Die deutschen Getreideimporteure legen dagegen den Ver- trag so aus, daß nur die Unmöglichkeit der tatsächlichen Verladung den Rücktritt gestatte, nicht aber die Möglichkeit eines späteren zwangsmäßigen Aufenthaltes an einem anderen Orte überhaupt von der Ladung entbinde. Die ganze Schwierigkeit der Frage beruht also darin, daß der Vertrag nur von einer Sperrung und Blokade in den Ablade- Häfen, nicht aber von Feindseligkeiten in Durchgangshäfen und Durchfuhr st raßen redet. Der„Deutsche Handels- t a g" hat daher auch ursprünglich abgelehnt, eine Interpretation des GetreidekontrakteS zu geben und sich erst vor wenigen Tagen bereit erklärt, mit dem Vorstand des Börsenkomitees zu Petersburg in Ver- Handlungen über die durch die Schließung der Dardanellen ent- standenen Schwierigkeiten einzutreten. Das Heitere an der ganzen Sache ist aber, daß auch einzelne westeuropäische Getreideimporteure sich weigern, abgeschlossene Ver- €)d Klicll hinter die Knlifien der Streihjnftlz. Kaum haben die Bergleute die Arbeit niedergelegt, so beginnt für die Staatsanwaltschaften im Streikgebiet die Hochkonjunktur. Eine besondere Order zum Eingreifen braucht die Staats- anwaltfchaft nicht abzuwarten. Die aus Anlaß der früheren Streiks angelegten Generalakten geben genügende Anweisungen. AIS Ge- heimakten wurden diese behandelt, und erst das Einsetzen des neuen Ausstandes befreit sie aus dem lange Jahre dauernden Verschluß. An dem gewaltigen Ringen zwischen Kapital und Arbeit nimmt vun auch die Staatsanwaltschaft tätigen Anteil. Der Erste Staatsanwalt entwirft eiligst die den Bergarbeiter- ausstand betreffenden neuen Verfügungen, um den in seinem Be- zirke belegenen Polizeiverwaltungen Instruktion zu erteilen. Aus den Reihen der Sekretariatsbeamten haben bereits einige zugreifen müssen, Gerichtsdicner sehen mit Spannung der Stunden entgegen, wo auch sie von den Wogen der Bergarbeiterbewegung getroffen werden. Nur wenige Stunden, und auch der Kanzleigehstfe faßt an. Er, der einem alten preußischen System gemäß seine Schreib- arbeiten noch im Akkord zu verrichten hat, wirft seine Dicnststunden über den Haufen; jetzt ist für ihn immer Dienst, ob's Mittags- stunde ist ober Abend. Familienverhältnisse werden zurück- geschoben. Ein Maschinenschreiber ist ebenfalls bereits in den Dienst her Streikjustiz gezogen.„,_ Die Mittagsstunve ist vorüber. Der Erste Staatsanwalt hat die Instruktion für die Polizeiverwaltungen in Urschrift ent» warfen, der Kanzleigehilfe fertigt die Reinschrift an. Jetzt gilt'S, letztere zu vervielfältigen. In der Druckerei des Landgerichts ist dieses in einigen Stunden zu erreichen. Dorthin eilt jetzt die Arbeit, und ein paar Stunden später wird sie gedruckt vorliegen. 9 Uhr abends ist'S. Die ersten gedruckten Exemplare kommen an. Zuoberst prangt da« Wort..Eilsache!" Die vier Seiten eines Aktenbogens haben nicht ausgereicht, sämtliche Instruktionen auf- zunehmen. Letztere geben zunächst der Befürchtung Ausdruck, daß her gegenwärtige Bergarbeiterausstand nicht ohne erheblich« Aus- schreitungen und Verstöße gegen das Strafgesetz verlaufen werde. „Im Hinblick auf die dadurch gefährdeten öffentlichen Interessen, zum Schutze der Arbeitswilligen und der energischen und wirk- samen Handhabung der Strafgesetzrechtsptlege" wird daher in die Belehrung der Sichcrheitsbchörden eingefchritien. Die größte Be- fchleumgung bezüglich der Ermittelungen in allen Sachen, welche den Bergarbeitcrausstand betreffen, wird den Polizeibehörden ans Herz gelegt. Das Ergebnis der Ermittelungen sei zweckmäßig ,ii einem kurzen Tatbestandsbericht zusammenzufassen.„Alsdann würde es in vielen Fällen genügen, wenn die Beschuldigten kurz «u Protokoll zu der Beschuldigung gehört werden, Zeugen aber nur insoweit protokollarisch vernommen werden, als dieses zur Wider- llegung der Einwendungen der Beschuldigten oder aus sonstigen besonderen Gründen notwendig erscheint."„In Haftsach«n werden dagegen die protokollarischen Vernehmungen soweit ausgedehnt wt&v müssen, gl» dieses hie Siche.rstellung her m dem GerMe zu treffenden Entschließung auf Erlaß des Hastbefehls erfvrder- lich macht." „EL wird dort anzustreben sein, daß alle den Bergarbeiter- ausstand betreffenden Verhandlungen so schnell als möglich und tunlichst binnen 24 Stunden, nachdem der Straffall bei der Poli- zeiverwaltung anhängig geworden ist, mit den erforderlichen Er- Mittelungen der Staatsanwaltschaft zugehen." Auf die Ueberwachung der öffentlichen Versammlungen wird besonders hingewiesen. Weiterhin werden die Straftaten aufgeführt, welche für die strafrechtliche Verfolgung„besonders in Betracht kommen". Es werden genannt: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Aufruhr, Auflauf, Hausfriedensbruch. Landfriedensbruch Androhung eines gemeingefährlichen Vergehens, Bildung oder Befehligung eines bewaffneten Haufens oder die Bewaffnung einer unbefugt ge- sammelten Mannschaft, die Aufreizung verschiedener Bevölkerungs- klaffen zu Gewalttätigkeiten, Beleidigung, Nötigung, Bedrohung mit der Begehung eines Verbrechens, Sachbeschädigung, Streikposten- stehen, das Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefähr- lichen Gebrauch von Sprengstoffen, das ReichsvereinSgesetz und die Polizeiverordnungen über unbefugtes Waffcntragen, über un- befugtes Verweilen in der Nähe von Betriebsstätten oder auf öffentlichen Straßen, sowie die einschlägigen Bestimmungen der Straßenpolizeiverordnungen werden ebenfalls nicht unerwähnt ge- lassen. „Bei Stellung von Strafanträgen wird besonders darauf zu achten fein, daß er von der dazu berechtigten Person ausgeht, also wenn eine Aktiengesellschaft usw. verletzt sind, von ihrem Vertreter und nicht von einem ihrer Angestellten." Den Inhalt de» Schriftstückes ganz aufzuführen, würde hier zu weit gehen. Man findet kaum Zeit, dasselbe abends noch durch- zulesen. Die bereits vorhandenen Exemplare werden schleunigst iuvcrtiert und an di- Polizeiverwaltungen versandt; größere Polizeiverwaltungen erhalten mehrere derselben. Ein Gerichts- diener ist bereits wieder zur Druckerei gesandt. Bald kommen neue Exemplare. Schleunigst werden auch diese in Kuverts gesteckt, und nach kurzer Zeit bereit? sind sie aus dem Wege zur Post, um am anderen Morgen bei den Polizeibehörden einzutreffen. Die Streikkorrespondenz zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei ist eröffnet, und bald gehen die vorgeschriebenen Benach- richtigungen über die Anzahl der auf jeder Grube Streikenden seitens der Polizeibehörden bezw. der Bürgermeisterämter täglich bei der Staatsanwaltschaft ein. Hier werden neue Generalakten- stücke angelegt und mit der Bezeichnung versehen:„Betrifft den Bergarbeiterausstand 1912." Nach Beendigung des Streiks wandern auch diese wieder unter sicheren Verschluß. Es sind eben Geheim- akten. Zwei, drei bis vier Tage gehen vorüber. Die ersten Streik- fachen sind eingegangen. Eine besondere Streikabteilung ist mitt- lerweile gebildet worden. Ein Streikdezernent ist bestimmt, der sich vor allem damit befaßt,„Anklagen zu bauen". Ein bis zwei Sekretariatsbeamten werden mit der bureaumäßigen Bearbeitung der Sachen betraut. Zwei und, wenn es sein muß, drei Kanzlei- gchilien lind tom Buregu zur Hilfeleistung Mrjoiesen� mehrere träge anzuerkennen. Eine süddeutsche Getreide-Großfirma schreibt der„Frankfurter Ztg.": „Es ist nämlich nicht nur billige Gerste verkauft worden, sondern auch unter anderem zu Preisen, die heute noch nicht über- boten sind, große Partien Weizen und andere Getreidesorten, und die russischeu Ablader haben natürlich kein Interesse daran, für diese Partien den Schutz des Kontraktes in Anspruch zu nehmen, da sie ibr Geld in teuer verkaufte Ware hineinstecken und mit der großen Wahrscheinlichkeit rechnen müßten, daß nach Wiedereröffnung der Dardanellen durch vermehrtes Angebot ein Preisdruck eintritt.... Wir hören soeben, daß Odessa und Novoroffisk große Posten Mais verkauft haben, der bekanntlich sehr diffizil ist. Die Käufer weigern sich, die Dokumente(die als Verkaufsurkunden geltenden Fracht- scheine werden vorher übersandt; ihre Annahme gilt als Be- stätigung des Lieferungsvertrags) aufzunehmen, weil sie die Gefahren der Reise nicht übernehmen wollen und fürchten, daß die Ablader sie nicht tragen, mit Hinweis auf korcs majeure(höhere Gewalt)." Was man bis im vergangenen Jahr und auch jetzt als Un- lauterkeit und spezifisch osteuropäische Handelspraktiken verurteilt hat, wird von biederen Westeuropäern selbst getan und verteidigt, wenn es nämlich dem eigenen Vorteil dient. jsugendbewegiing. Ein Jugendlicher als„AntiMilitarist". Der Kampf der Essener politischen Polizei gegen die freie Jugendbewegung wird ungeschwächt fortgesetzt. Auf dem Wege der Bespitzelung war ihr zur Kenntnis gekommen, daß in einer ver- traulichen Konferenz dem Helfer des Vertrauensmannes der Arbeiterjugend im Kreise Essen die Broschüre des österreichischen Ge- nossen Dannenberg„Die internationale Jugendbewegung" ver- abfolgt worden war. Diese Broschüre ist in Deutschland wegen an- geblicher Aufreizung zum Ungehorsam von Militärpersonen verboten, was dem Verteiler mcht bekannt war. Auf Veranlassung der Polizei wurde gegen den jungen Mann Anklage erhoben wegen Verstoßes gegen die Z§ 119 und 112 Str.-G.-B. Die Strafkammer kam zu einer Freisprechung. Die ver- teilte Schrift reize zweifellos— so hieß eS in der Begründung des Urteils— zum militärischen Ungehorsam auf, es sei aber dem An- geschuldigten das Bewußtsein der Strasbarkeit nicht nachzuweisen. Der Staatsanwalt hatte eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten beantragt._ Die sozialistische Jugendorganisation Italiens gegen den Parteivorstand. Rom, den 2. Mai.(Eig. Ber.) In seiner letzten Plenarsitzung hat der italienische Parteivorstand unter den Vorschlägen für das neue Organisationsstatut auch den Vorschlag angenommen, den Ver- band der italienischen Jugendorganisation für aufgelöst zu erklären und an seine Stelle jugendliche Sektionen treten zu lassen, die in jedem Ort in direktem Zusammenhang mit der dortigen Parteisektion bestehen sollen. Das Zentralkomitee des Verbandes der Jugend- Organisationen ist daraufhin sofort zusammengetreten und hat eine sehr heftige Tagesordnung gegen den Parteivorstand angenommen, in der die geplante Auflösung darauf zurückgeführt wird, daß die Jugendorganisationen antiministeriell und revolutionär find. In der Tat hat der Verband der Jugendorganisationen in den letzten Jahren oft gegen den wachsenden Reformismus und MinisterialiSmus Stellung genommen. Es ist kaum anzunehmen, daß der Parteitag dem An- schlag auf die Selbständigkeit der Jugendorganisationen beitreten wird. Hue Industrie und ftandeL Erneuerung des Aluminiumshndikats. Aluminium ist das Metall der Luftschiffahrt. Man kann sogar sagen, daß ohne Aluminium die Zeppelinepoche in Deutsch- land noch gar nicht hereingebrochen wäre. Aluminium kostete 1855 pro Kilogramm 1999 M., 1886 noch 199 M.; es wurde erst billiger, als es möglich geworden war, durch Schmelzflußelektrolyse die Ge- winnung aus der Tonerde praktisch auszubauen. Im Jahre 1999 wurde das Kilo Aluminium mit 2 M. bezahlt. Die Weltproduktion ist seit 1999, wo sie ganze 175 Tonnen ausmachte, bis 1919 schon auf 34 999 Tonnen gestiegen. Sehr bald finden wir deswegen die Versuche einer allgemeinen Syndizierung der Aluminiumproduk- tion. Es war dies von vornherein um so leichter, als die kostspieli- gen Aluminiumprodnktionsvcrsuche nur durch wenige Großunter- nehnrungen betrieben worden waren, die in dem Moment, als die Schreibmaschinen sind tätig, die von dem Dezernenten entworfenen Anklagen in Reinschrift zu fertigen. Für jeden Angeklagten mutz ein Anklageexemplar hergestellt werden, ebenso eines für jedes Aktenstück. Bald wandern die Akten haufenweise zur Straflammer zur Eröffnung des Hauptverfahrens. Diesem Antrage wird seitens der Strafkammer entsprochen. Abschrift der Anklage wird jedem Angeschuldigten zugestellt. Immer neue Alien wandern den Weg von der Staatsanwaltschaft zur Strafkammer. Plötzlich stockt hier die Maschine, und bald häufen sich die Aktenbündel. Die Strastammervorsitzenden weigern sich, das be- schleunigte Gerichtsverfahren in Geltung treten zu lassen. Sie sind der Ansicht, daß die durch die Strafprozeßordnung vorgeschrie- benen Fristen gewahrt werden müßten. Von anderen Orten werden bereits die ersten Verurteilungen in Streiksachen gemeldet, und hier ist noch kein Termin anberaumt worden. Doch da naht Rettung. Seitens des Justizministeriums und der Oberstaats- anwaltfchaft ist bei der Staatsanwaltschaft Bericht erfordert worden. Der Sachverhalt muß klargelegt werden. Jetzt kommt Leben in das zum Teil stillstehende Getriebe. Von abnv aus wird in das Räderwerk gefaßt, und nun geht es mit Volldampf. Er- öffnungsbeschlüsse werden bei der Strafkummer Witworfen; in einer Frist von kaum drei bis vier Tagen werden schleunigst Hauptvcrhandlungstermine in Strciksachen anberaumt. In der Kanzlei des Landgerichts sind eilige Hände beschäftigt, Reinschriften der Eröfftiungsbeschlüsse zu fertigen. An demselben Tage noch gegen Abend gelangen die Akten an die Staatsanwaltschaft zurück. Ladungen werden hier schleunigst verfügt. Die Feterabendglocke hat längst geschlagen. Aber die Kanzlei der Staatsanwaltschaft ist arbeitswillig.„Noch heute müssen die Ladungen heraus," so schallt die Anordnung, und das Kanzlei- personal, das verpflichtet ist, sich zu jeder Zeit der Behörde zur Ver- fügung zu stellen, ist geschäftig bei der Arbeit. Ladungen werden gefertigt für Angeklagte und Zeugen, llntl daS beschleunigte Gerichtsverfahren durchfuhren zu können, wird mehreren Angeklagten auf der Ladung vermerkt:„Da die von Ihnen benannten Schutz- zeugen geladen sind, wird angenommen, daß Sie auf Einhaltung der Ladungsfrist verzichten!" Die Postanstalt ist instruiert. Die Brieftimschläge erhalten die Bezeichnung„AuSsdandAsache". Die Postanstalt erkennt diese als solche und sorgt für schleunigste Rück- gäbe der Zustellungsurkunden, damit diese am TerminStage sich bei den Akten befinden. Eilbotenbriefe werden gefertigt und eventuell kommen telegraphische Ladungen, in Frage. Die Gerichtsdiener schimpfen und donnerwettern, da sie noch nach Feierabend eine umfangreiche Post zu besorgen haben. Jetzt ist das Werk in gutem, Fluß. Neue Anzeigen gehen ein, neue Anklagen werden gefertigt, neue Akten wandern den Weg zur Strafkammer, neue Erösfnungsbeschlüsse werden gefaßt, neue Be- schlußausfcrtigungen gelangen mit den Akten zur Staatsanwalt- schaft zurück, neue Ladungen werden verfügt, gefertigt und zur Post gegeben zur Zustellung an die Adressaten.... Und draußen auf den Straßen und Plätzen sorgen die Poli- zisten und Gendarmen dafür, daß der gefräßigen und fieberhaft arbeitenden Justizmaschine deS Klassenstaateg immer neue Mensche ocpfei tll den Äachw geMrsW tt&ciea," fabrikmäßige Herstellung gelungen erschien, die HerstelluNg�gcheun- , risse beherrschten. Es bestehen auf der ganzen ÄZelt nur rund ein Dutzend Aluminiumgcsellschaftcn. Die fünf grüßten— an ihrer Produktionsleistung gemessen—, sind die Aluminium-Industrie A.-G. Neuhausen, mit 13 Millionen Frank Aktienkapital, die Be- triebe in der Schweiz, Oesterreich und in Deutschland hat, die So- ciete Electro-Metallurgique fran<:aise, Kroges, mit Werken in Frankreich, die Comp. Produits Chimique d'Alais et de la Car- mague, Salindres, mit Werken ebenfalls in Frankreich, die British Aluminium Comp. Lim. in Schottland und die Aluminium Comp. of America in den Vereinigten Staaten und Canada. Diese fünf Unternehmen beherrschen neun Zehntel der Aluminiumproduktion. Das bald zustande gekommene internationale Syndikat regierte unter Neuhausen äußerst rigoros Produktion und Absatz. Am 1. Oktober 1808 flog es auf. Wohl in erster Linie deshalb, weil die Aluminiumgescllschaftcn anderer Länder, die langsam groß und stark geworden waren, sich nicht mehr einem Diktatursyndikat Neu- Hausens fügen wollten. Die Aluminiumpreise sanken sortgesetzt. Die englische Aluminium A.-G. stand vor dem Bankrott. Im Frühjahr 1911 law endlich wieder— die Alumininmgesell- schasten atmeten auf, denn die Werke wuchsen weiter, mit riesigen Wasserkräften und elektrischen Anlagen ausgestattet, und verlangten hohe Verzinsung— eine halbe Einigung zustande. Ncuhausen, die französischen und das englische Werk einigten sich zu einer Preis- Vereinbarung. Der Aluminiumpreis stieg. Schon Mitte 1911 war das Numpfsyndikat wieder gelöst. Die Preise fielen. Sie wichen von 1,40 M. pro Kilo Aluminium metall bes auf 1,04 M. Im Herbst 1911 fing man wieder an energischer zu verhandeln, in erster Linie wohl, um die Ueberproduktion, in Wirklichkeit die freie Konkurrenz, auszuschalten. Produktionsregelung ivar der Hauptverhandlungs- Punkt aller Zusammenkünfte der verschiedenen Werke. Kontingen- tierung war die Parole. Aber es wollte und wollte nicht gelingen. In der Zwischenzeit hatten einige große Unternehmungen den gan- zen Absatz ihrer Produktion an Händkerfirmcn gegeben. Interessant ist dies im besonderen deshalb, weil sonst bei den Kohlen-, Erz-, Eisen-, Metall- und Stahlwerken immer das Bestreben be- steht, sich von den Händlerfirmen unabhängig zu machen oder sie sich anzugliedern. So übernahm zum Beispiel die bekannte Frank- furter Metallgesellschaft den Absatz der französischen Aluminium- fabriken. Im Januar 1912 einigten sie sich mit Neuhausen, dem Großen unter den Heranwachsenden. Amerika wollte aber noch nicht. Trotzdem zogen die Preise schon an. Im April 1912 war der Preis schon wieder auf 1,33 M. pro Kilo Aluminiummctall ge- stiegen. Mit dem letzten April kam die erste inoffizielle Nachricht aus Paris, daß ein neues internationales Aluminium- syndikat gegründet worden sei. Das bestätigte sich zuerst an dein steigenden Aluminiumpreis. Das Syndikat ist sofort in Kraft getreten, es wurde für eine ganze Reihe von Jahren geschlossen. Die Verkaufsorganisalion der einzelnen Werke soll die alte bleiben, aber die Produktion wird planmäßig von der Zentrale aus geleitet. Die jeweilige Preisfestsetzung geschieht nach gegenseitiger Aus- spräche. Für 1912 tourde die Produktion sofort verteilt, und zwar zum festen Preise von 1,40 M. pro Kilo Aluminium. Für 1913 darf noch kein Werk verkaufen. Diesmal sieht es so aus, als sollte die Preispolitik recht vorsichtig betrieben werden. Das alte Syn- dikat flog mit deswegen in die Luft, weil es die Preise von 1�40 M. bis auf 4 M. in die Höhe trieb. Ehre, wem Ehre gebührt! Nach dem offiziellen Bericht hat die B u d a p e st e r Straßen- bahnaktiengesellschaft ihrem Generaldirektor Heinrich v. Jellinek nach 42jähriger Dienstzeit mit den höchsten Ehren verabschiedet. In Wahr- heit ist Jellinek, wie unser Wiener Bruderblatt berichtet, als Gauner ent- larvt und davongejagt worden. Er hatte bei allen Lieferungen entweder 20 Proz. Provision oder rechnete sie der Gesellschaft mit 20 Proz, Aufschlag an— jedenfalls hatte er sein 20prozentigeS Prinzip gewahrt. Und der leitende Dire�sor der gesellschaftlichen Waggonfabrik war JellinekS Bruder. Der Gemeinderat und Abgeordnete Paul Sander nahm als Direktionsmitglied de» Kampf gegen den sauberen Jellinek auf, zwang ihm die Rückerstattung von 2 Millionen an die Gesellschaft und seine Demission ab. unter Verzicht auf alle PensionSansprnche auch noch. Jetzt fehlte nur noch, daß herauskommt, wieviel der Kampf gegen den Korruptionisten dem Drachentöter eingebracht hat. Es wäre auch ländlich, sittlich. Gerickts-Teitung. Die Asylistenvergiftungen vor Gericht. In dem Prozeß wegen der Methylalkoholbergiftungen wurde gestern vormittag das Urteil gesprochen. Es ging dahin: Es werden verurteilt 1. S ch a r m a ch wegen Betruges, Vergehens gegen die ZZ 10 und 12 des Nahrungsmittelgesetzes, Uebertretung des 367 ad 3 und 5 des Strafgesetzbuches(Aufbewahrung und Feilhalten von Giften) sowie der darauf bezüglichen Polizei- Verordnung zu fünf Jahren Gefängnis und 2000 M. Geldstrafe(davon 1000 M. durch die Untersuchungshaft ver- büßt) eventuell für je 10 M. einen Tag Gefängnis und zu weiteren 40 M. Geldstrafe eventuell acht Tagen Gefängnis; 2. Z a st r o w und M e y e n wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz in Tateinheit mit Betrug zu je zwei Monaten Gefängnis, die als verbüßt erachtet werden;' 3. Dahle wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittel- gesetz zu sechs Wochen Gefängnis unter Anrechnung von drei Wochen Untersuchungshaft. Redomske wird freigesprochen. In der kurzen Begründung führte der Vorsitzende unter anderem aus: Scharmach hat in großen Mengen Methylalkohol zu ein Fünftel mit Aethyl- alkohol versetzt und als reinen Sprit verkauft, größtenteils durch Meyen und Zaftrow an Schankivirte, die daraus Schnaps fabrizierten, welcher die Gesundheit vieler Personen geschädigt und den Tod anderer verursacht hat. Daß der Methylalkohol giftig ist, hat die Beweisaufnahme eminent ergeben, die Sach- verständigen haben den klaren Beweis dafür erbracht. Es sind zwar Angriffe dagegen erfolgt, diese An- griffe reichen aber in keiner Weise aus. um das Gutachten. das der Entscheidung zu Grunde ge- legt ist, aus der Welt zu schaffen.. Scharmach hat sich seinen Abnehmern gegenüber, die da glaubten, reinen Sprit zu erhalten, des Betruges schuldig gemacht und da er das von ihni hergestellte Gemisch als Genußmittel verkaufte, hat er sich gegen das Nahrungsmittelgesetz vergangen. Der Gerichtshof hat auch erwogen, ob nicht der Z 222 St.-G.-B.(fahrlässige Tötung) gegen ihn an- zuwenden sei. Es sprechen viele Momente dafür, da er als Drogist Warcnkenntnis habe und sehr fahrlässig gehandelt habe. Doch hat der Gerichtshof sich nicht dafür entschieden, da nicht bewiesen erscheint, daß Scharmach in der lieber- zeugung von der eminent schädlichen Wirkung seines Gemischs dieses feilgeboten hat. Bei der Strafzumessung hat das Ge- richt berücksichtigt, daß unendliches Unglück durch die Handlungs- weise des Scharmach über viele Familien gebracht worden ist, zahlreiche Personen eines qualvollen Todes gestorben sind und durch die Wachsamkeit und Aufmerksamkeit der Behörden noch trötzeres Unglück abgewendet werden konnte. Bei den übrigen Augeklagten, die verurteilt worden sind, liegt die Sache milder. Die Nebeuklage mußte abgewiesen werden, da fahr- lässige Tötung bezw. Körperverletzung in diesem Fall nicht angenommen worden ist; die hierauf bezüglichen Kosten wurden dem Nebenkläger auferlegt. Eine Mcineidsliktion mit arbeiterfeindlichem Hintergründe wegen — einer Flasche Weißbier. Aus Halle a. S. berichtet man uns unterm 3. Mai: In einer vierzehnstündigen Sitzung beschäftigte sich heute das Schwurgericht mit den Verfolgungen des Arbeiterkasinos von Schweidnitz im Dclitzsch-Bitterfelder Kreise. Das Kasino wurde infolge der Ver- Weigerung von Sälen zu Versammlungen errichtet und im Auftrage des Sozialdemokratischen Vereins von einigen Genossen geleitet. Unter dem Neid der Wirte gegen die sich selbständig machende Ar- beiterschaft setzte alsbald die Verfolgung der Behörden ein. Da im Kasino Getränke zum Genuß auf der Stelle nicht verkauft werden durften, half man sich insofern, daß man die Getränke bei Ver- sammlungen und Festlichkeiten flaschen- und kastenweise von dem Maurer Franz Zcidler, der ganz in der Nähe des Kasinos wohnte und dort einen Bierhandel betreibt, kaufte und dann nach dem Kasino schaffte, um sie dort zu genießen. Gelegentlich eines am 20. August v. I. stattgehabten Festes der Freien Turnerschaft hatte nun ein Gendarmeriewachtmeister„ermittelt", daß der 21jährige Fabrikarbeiter Otto Truntrar am Büfett des Kasinos von Zeidler „eine Weiße" gekauft und diese seiner Geliebten, der 19jährigen Dienstmagd Ida Tetzner, geschenkt habe. Daraus entwickelte sich gegen Zeidler ein Verfahren wegen Gewerbevergehens, in dem Truntrar im Kasino eine Weiße gekauft habe. Zu diesen beiden Aussagen, die angeblich falsch sind, sollen nun Zeidler und Truntrar das junge Mädchen angestiftet haben. So standen denn nun das Mädchen, Truntrar und Zeidler auf Grund der vermutlich im Kasino verkauften Weiße wegen Meineids und Anstiftung dazu vor dem Schwurgericht. Der Ortsrichter von Schweidnitz bezeichnete den Angeklagten Zeidler als einen fleißigen, rechtschaffenen Men- scheu, der auch seine fünf Kinder gut erzogen habe. Auch die beiden jugendlichen Angeklagten wurden als rechtschaffene und wahrheits- liebende Menschen bezeichnet. Der ermittelnde Wachtmeister be- kündete, die Tctzner habe ihm in allerdings widerspruchsvoller Form in der Voruntersuchung erzählt, ihr Geliebter habe ihr im Kasino eine Weiße für 15 Pf. gekauft. Und dann sollte ein anderes junges Mädchen ihm noch dasselbe erzählt haben. Andererseits trat aber eine große Anzahl Zeugen auf, die bekundeten, daß bei dem Turnerfest im Kasino kein Bier verkauft worden ist; man vermied dies, um Konflikten mit den Behörden aus dem Wege zu gehen. Der Staatsanwalt beantragte aber die Bejahung der Schuldsragen. Die Verteidiger: v. Krosigk, Dr. Müller-Halle und Genosse Heine- mann-Berlin, beleuchteten das schwache Anklagegebäude mit treffen- den Worten und Genosse Heinemann erinnerte den Staatsanwalt an Schillers Worte aus Wallcnstein: So haben sie, was planlos war begonnen, Klug zugestutzt, um planvoll es zu enden. Eine Verurteilung hielt man für gänzlich ausgeschlossen. Die Geschworenen sprachen aber alle drei Angeklagten des Meineids schuldig. Die Verteidiger bezeichneten die Gcschworenensprüche als Fchlsprüche und beantragten die Kassierung der Fehlsprüche. Das Gericht verurteilte aber die beiden jugendlichen Angeklagten zu je einem Jahr Zuchthans, Zeidler zu zwei Jahren Zuchthaus und 1v Jahren Ehrverlust. Buchmacher. Dem Spielteufel waren in den letzten Jahren in Obcrschöne- weide auffallend viele kleine Leute, Handwerker, Arbeiter, kleine Kauflcute usw. verfallen. Ter Rentenempfänger Wilhelm König betrieb dort die Buchmacherei in großem Umfange. Er war früher Drahtzieher und als er sein Gewerbe infolge eines Unfalls auf- geben mußte, begann er sich als Mittelsmann für Rennwetten zu betätigen, wobei er dw Wetten in sich selbst zum Austrag brachte. Eine ganze Reihe von Zigarrenhändlern. Gastwirten und kleinen Geschäftsleuten waren gewissermaßen die Filialisten des König, die in ihren Geschäftslokalcn die Wettaufträge entgegennahmen und die eingezahlten Gelder gegen eine kleine Provision an König ablieferten. So kam es, daß vorgestern 22 Personen vor der Strafkammer des Landgerichts II zu erscheinen hatten; Wilhelm König unter der Anklage des gewerbsmäßigen Glücksspiels, die übrigen unter der Anklage der Beihilfe. Die Verhandlung endete mit der Verurteilung des Angeklagten König zu einem Monat Gefängnis und 1000 M. Geldstrafe. Zwei Angeklagte wurden freigesprochen, die übrigen zu kleineren Gefängnisstrafen verurteilt. die von 1 Woche bis auf 3 Tage herabgingen. Kautionsschwindel. Unter der Anklage des Kautionsschwindels und des Darlehns- betruges stand der Kaufmann Paul H a n n e l t vor dem Schöffen- gericht Berlin-Mitte. H. hatte im März d. I. ein Zeitungsinserat erlassen, in welchem- er für ein neu zu gründendes Weinrestaurant einen Kassenboten verlangte. Es meldeten sich auch mehrere Rcflek- tauten, die Kautionen in Höhe von 300 M. hingaben und dann die Entdeckung machen mußten, daß sie einem betrügerischen Manöver zum Opfer gefallen waren. Der Angeklagte hatte tat- sächlich die Absicht der Gründung eines Weinrestaurants, weil er hoffte, von einem sehr reichen Onkel in Hamburg 2000 M. zu erhalten. Aus der ganzen Sache ist aber nichts geworden und die Kautionssteller haben zum Teil ihr Geld verloren. Die Verhand- lungen mit ihnen hatten in der Hofbräubar in der Potsdamer Straße stattgefunden, deren Inhaberin Frl. Toussaint mit dem Angeklagten in näheren Beziehungen stand. Da sie beschuldigt wurde, sich an den Verhandlungen beteiligt und einen Teil von dem erlangten Gelbe erhalten zu haben, so war auch gegen sie Anklage erhoben worden, die sich aber nicht aufrecht erhalten ließ. Das Paar hatte eine größere Reise geplant und hierzu sich bereits umfangreiche Koffer angeschafft. Die Reise wurde aber durch die plötzliche Verhaftung des H. vereitelt. H. sollte ferner den Geld- Verleiher Gründer um 150 M. Darlehen durch die Vorspiegelung geschädigt haben, er sei Prokurist der Auskunftei Bürgel, während er in Wahrheit dort nur längere Zeit beschäftigt gewesen war. Der AmtSanwalt beantragte drei Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte auf Freisprechung im Falle Gründler und verurteilte den Angeklagten wegen Kautionsschwindcls zu zwei Monaten Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat auf die Untersuchungshaft.� Verfolgung wegen Bersammlnngsabhaltung. Am 7. Januar wurde in Spandau eine öffentliche Versamm- lung unter freiem Himmel auf dem Gelände des Naturheilvereins. welches der Verein von der Stadt Spandau gepachtet hat, ab- gehalten. Der Verein hatte das Gelände nicht hergegeben. Genosse Koppen als' Mitglied des Vereins war befugt, das Terrain zu betreten und auch andere mitzunehmen. Es ergingen gegen die Genossen Köppcn, Trompler(Einberufcr) und Ad. Cohen(Refe- rcnten) Strafbefehle. Sie sollten§ 368, Ziffer 9, Str.G.B.(un- befugtes Betreten von Gelände) übertreten haben. Das Schöffen- gericht sprach die Genossen Trompler und Cohen, die van Koppen mitgenommen waren, fret, verurteilte den Genossen Köppcn aber wegen AbHaltens der Versammlung zu 10 M. Geldstrafe. Das Urteil entspricht nicht dem Gesetz, da die Persammlung polizeilich genehmigt war. Ms der frauenbei-vegung. Die Hausdienstansschüsse, die seit langer Zeit von den Hausfrauenvereinen propagiert Werden und in einer Reihe von Städten auch eingesetzt worden sind, haben hier und da schüchterne Versuche gemacht, ihre schwere Aufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe soll bekanntlich darin bestehen, zur Lösung der Dienstbotenfrage beizutragen. Viel ist gesprochen worden von einem D i e n st v e r t r a g, der zwischen Hausfrauen und ihren Dienstboten abzuschließen wäre, um die alte Gesindeordnung, die für großstädtische Verhältnisse niegend mehr paßt, sondern überall hinderlich ist, zu ersetzen. Dieser Vertrag sollte die Beziehungen zwischen beiden Parteien in einer Weise regeln, die den modernen Zeitverhältnissen entspricht. So sagte, hoffte und wünschte man, aber in der Praxis gestaltete sich die Sache anders. Aus jedem Meer der frommen Wünsche sah man immer wieder eine gefährliche Klippe aufsteigen: die Dienstboten beanspruchten Rechte, und man wollte viel lieber an ihren Pflichten herumdeuteln. Die„Soziale Praxis" hat in ihrer letzten Numr-rer das Ver- tragsmuster des Hausdienstausschusses für Groß-Berlin veröffent- licht. Es bietet herzlich wenig und überläßt fast alles der freien 'Vereinbarung. Man kann sich nicht entschließen, den Hausfrauen vorzuschlagen, bestimmte Zugeständnisse zu machen, die � für die Dienstboten wirklichen Wert haben. In bezug auf die Freizeit heißt es, daß der Ausgang jeden zweiten Sonntag von 3 Uhr ab und wöchentlich ein freier Nachmittag oder Abend gewährt werden soll, aber— wieviel Stunden jedesmal die Freizeit betragen würde, muß besonders vereinbart werden. Nach einjähriger Dienstzeit soll ein Urlaub mit dem ortsüblichen Kostgeld bewilligt werden; die Hauptsache aber, die Dauer des Urlaubs, wird frei vereinbart. Einzelne Bestimmungen, die schon gesetzlich festgelegt sind, werden auch im Vertrag noch erwähnt. Andere Bestimmungen richten sich nach dem, was in Berlin bereits allgemeine Anerkennung gefunden hat. In bestimmter Form vereinbart wird durch den vorliegenden Vertrag nur sehr wenig; angeführt wird in dieser Beziehung die Aushändigung des Dienstbuches an die Angestellte nach dem Dienst- antritt, die Berechtigung, die Bedienung von Personen ablehnen zu können, die mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind; die Fest- setzung des Lohnabzugs für zerbrochenes Geschirr auf höchstens 10 Proz. vom Monatslohn. Bei Streitigkeiten aus diesem Dienst- vertrag sollen sich beide Teile an eine von dem Hausdienstausschuß bekanntgegebene Rechtsauskunftsstelle wenden, die Einigungsversuche anzustellen hat. Der Hauptwert des Vertragsmusters liegt darin, daß man von der alten Gesindeordnung abrücken will und nach einem Ersatz sucht. Man wird einen Ersatz aber nur finden, wenn man den, Dicnstvertrag, den der Zentralvcrband der Hausangestellten auf- gestellt hat. zustimmt, wobei betont werden mutz, daß es sich auch für den Verband nur um einen Notbehelf handelt, solange die Gesindeordnungen noch bestehen, deren Schäden durch Verträge nur zum Teil weggeräumt werden können. Weniger vorsichtig wie in Berlin ist der HausdienstauSschuß ,n .München mit einem Vertragsmuster vorgegangen, das dort bereits Geltung erlangt hat. aber vom Zentralverband der Haus- angestellten energisch bekämpft wird. Auch in München wollen die Hausfrauen nur das bewilligen, was zum größten Teil bereits sich Anerkennung erworben hat. Einzelne scheinbare Zugeständnisse werden aber sofort wieder eingeschränkt. Zum, Beispiel wird in bezug auf Freistunden bewilligt: Alle 14 Tage Sonntags 4 Stunden Ausgang, alle 14 Tage 2 bis 3 Stunden frei für eigene Arbeiten. Diese kaum erwähnenswerte Freizeit soll aber nach dem Vertrag noch eingeschränkt werden, sobald„eilige Arbeiten" für die Hausfrau zu erledigen sind. Die Gewährung einer Nachtruhe von 8 Stunden wird auch nur unter einer Klausel zugestanden. Man sieht, w,e furchtbar ängstlich alle Hausfrauen sind, sobald sie sagen sollen: Hier hat das Mädchen ein bestimmtes Recht. Dagegen wird sehr bestimmt festgelegt, daß Abzüge vom Geldlohn für angerichteten Schaden bis zur Höhe des h a l b e n Monatslohncs gemacht werden können. Eine Bestimmung, die recht fortschrittlich aussieht,»ndem sie mit einem alten Zwangsmittel der Gesindeordnung aufräumt, lautet: Di- Dienstherrschast verzichtet auf das Recht, bei Weigerung der Dienstleistung sich das Mädchen durch die Polizei zufuhren zu lassen. Wie liberal! Freilich darf man nicht vergessen, daß solche Zwangsmittel in großen Städten sich vollständig überlebt und ihre Wirksamkeit eingebüßt haben, und da ist eS ein billiges Vergnügen, großmütig darauf zu verzichten. Warum aber der Zentralverband der Hausangestellten sich scharf ablehnend gegenüber dem ganzen Vertragsmuster verhalt. das hat seinen triftigen Grund in einer Bestimmung, durch die den Mädchen ein sehr wichtiges Recht geraubt werden soll. Diese Bestimmung lautet:„Ueber alle aus diesem Vertrag entstehenden Streitigkeiten entscheidet unter Ausschluß des Rechts- Weges das bei dem Münchener Hausdienstausschuß gebildete Schiedsgericht endgültig; einzelne Personen aus diesem Schieds. gericht dürfen nicht abgelehnt werden."— Also das heißt: Die 'Hausfrauen wollen in eigener Sache entscheiden, denn ihr Einfluß ist ja maßgebend im Schiedsgericht, und die gefürchtcten Klagen 'bei den ordentlichen Gerichten müßten dann auchören. Von einem solch verbindlichen Schiedsgericht hat man in Berlin vorläufig noch wohlweislich abgesehen.— Ein Mädchen, das sich vor Schaden be- wahren will, sollte sich im Zentralverband der Hausangestellten erst die nötige Aufklärung holen, ehe es einen Vertrag unter- schreibt, der ihm vielleicht nur winzige Vorteile und große Nach- teile bringt._ Tie„Mischehen". Verbindungen von Angehörigen verschiedener christlicher Bekennt- msse, sind den Ultramontanen besonders verhaßt. Das ist aber nichts Neues. Wohl aber muß man sich wundern, daß die Konfessions- Hetzer es wagen dürfen, heute noch eine Schrift von der Art eines uns vorliegenden Heftchens herauszugeben, das bestenfalls� ins finstere Mittelalter hineingehört.„Der Irrweg der gemischten Ehe" heißt es, preisgekrönte Volksschrift von I. von den Driesch. Pfarrer in Heinsberg(Rhein!.); es ist erschienen im Verlage von I. P. Bachem(Kölnische Vollszeitung!) und trägt die vorn 19. Februar 1912 datierte Druckerlaubnis deserzbischöf- lichen Generalvikariats zu Köln. Es ist wichtig, dies alles zunächst festzustellen. Denn man darf wohl sagen, daß eine gemeinschädlichere Hetzschrift seit langem nicht von klerikaler Seite produziert worden ist. Das Schriftchen des rheinischen Pfarrers beginnt mit einem Vorwort des bekannten Jesuitenpaters Aug. Lehmkuhl, der ihm die „größtmögliche Verbreitung" wünscht. Es würde zuweit führen, all die anmaßenden, auf den Ton der„alleinseligmachenden" katholi- schen Lehre gestimmten Anpöbclungen des Glaubens Anldersdenken- der und all den in dem Schriftchen geübten argen Gewissenszwang aufzuzeigen. Nur einige Beispiele: „Deine protestantischen Kinder, Du katholische Mutter, wachsen heran. Wenn sie aus der Schule heimkommen, namentlich aus dem oft gegen alles Katholische aushetzerischen Konfirmationsunterricht, dann werden sie mit dem Vater schon wacker mitspotten und schimpfen über die katholische Mutter und deren katholischen Glauben, gegen den sie mit Lügen, Verleumdungen und Borurteilen erfüllt werden." An anderer Stelle ist dann von protestabtischen Schriften als von„Papierfetzcn und giftigen Verleumdungen" die Rede. Den Eltern wird es als„heilige Pflicht" ans Herz gelegt,„nie und unter keinen Umständen" in die gemischte Ehe eines ihrer Kinder einzuwilligen, und es wird als„wichtige Regel" aufgestellt,„d i e Kinder von vornherein sorgfältig vor dem Ver- kehr mit Andersgläubigen" zu behüten. Gegebenen Falles sollen die Eltern„sofort entschieden dazwischen fahren und der Sache gründlich ein Ende machen." Der fromme Verfasser sieht aber die Möglichkeit voraus, daß da? Verhältnis, wenn die Eltern„dem anderen kurzer Hand das HauS verboten" haben und dieser sieht, daß„auf ehrlichem Wege nichts zu machen" ist, heimlich fortgesetzt wird,-bis der saubere Pairon das Betörte Mädchen soweit gebracht bat, daß es eines Morgens mit verweinten Augen der Mutter zuflüstert und gesteht: Mutter, wir müssen heiraten, ich kann nicht mehr zurück."— Was nun?— fragt der Verfasser:„das Jammern der Mutter und das Fluchen des Baters macht die Sache nicht ungeschehen, und um die Schande in etwas zu verdecken, willigen sie endlich in die ge- mischte Ehe ein, wozu sie sonst nie zu bringen gewesen wären." Und dann heißt es in der mit erzbischöflicher Genehmigung gedruckten Schrift: „Aber trotzdem, so sage ich noch dazu, wäre es besser, die Folgen des Fehltritts auf sich zu nehmen, als in die gemischte Ehe ein zu willigen!" (Seite 24.) Jeder, der mit offenen Augen durchs Leben geht, weiß, was es bei den beute gültigen Anschauungen zumal in katholischen Gebieten auf sich hat, wenn ein Mädchen, wie es hier nach dem Willen des Pfarrers von den Driesch geschehen soll, mit einem unehelichen Kinde belastet durchs Leben gehen muß. Was istzdenn die Ursache der zahlreichen Kindesmorde? Logischerweist: müßte dieser„Priester" auch noch den Kindesmord der„gemischten Ehe" vorziehen. Zweifellos sind dem geistlichen Herrn infolge seines Berufes die Schicksale unehelicher Mütter und Kinder hinlänglich bekannt. Seine fanatischen Hetzereien sind darum doppelt frivol und verderblich. Das Büchlein gewährt uns einen erschreckenden Einblick in das Treiben klerikaler Eiferer, und es zeigt, wie heuchlerisch der Sirenengesang der Bachem-Richtung im Zentrum ist, die bei ihrer Versicherung der Jnterkonfessionalität es lediglich auf den Stimmenfang in protestantischen Kreisen abgesehen hat. Mädchenhandel. Im Tiergartenhof sprach Anna Pappritz über Mädchenhandel. Die Mädchen würden meistens unter falscher Flagge angeworben, als Gouvernanten, Sängerinnen, Tänzerinnen, Handelsangestellte, Kellnerinnen usw. Sehr oft gingen die Händler auch eine Schein- Heirat mit ihnen ein. Sobald die armen Opfer sich dann im srein- den Lande befinden, wo sie der Sprache nicht mächtig, die Gesetze ihnen fremd, sind sie in den Freudenhäusern hilflos der Brutali- tät der Bordellinhaber überantwortet, selten gibt es von dort ein Entrinnen. Die Mädchen geraten dort in Schulden, ihre Garderobe wird ihnen genommen und sie sinken von Stufe zu Stufe. Anfäng- lich in reicher ausgestatteten Häusern, endigen sie meistens in den armseligsten Hafenbordellen. Früher waren die Mädchenhändler, von denen dem Berliner Polizeipräsidium 1400 mit Namen bekannt sind, nur durch den 8 48, den sogenannten Auswandererparagraphen, zu fassen. Sie wußten ihn aber meistens zu umgehen, indem sie zu drei gemeinschaftlich arbeiteten, von denen der erste das Opfer an- warb, der zweite es auf dem Schiff in seine Obhut nahm, ein dritter es den Bordellen im Ausland überlieferte. Ueberhaupt war der Paragraph mit seiner eigenartigen Fassung, betreffs„unbescholte- ner" Mädchen, selten ganz anzuwenden. Von den dem Polizei- Präsidium bekannten Mädchenhändlern waren 300 schon vor Gericht gewesen, 90 wurden bestraft. 30 Mädchen seien gerettet, eine sehr kleine Anzahl, aber daran sei zu ersehen, wie schwer sie den Klauen der raffinierten, mit ihrem Geschäft schweres Geld ver- dienenden Mädchenhändlern zu entreißen seien. Aus der Er- kenntnis des Bestehens eines blühenden Mädchenhandels heraus entstanden die verschiedenen nationalen Komitees zu seiner Be- kämpfung, wobei besonders die Frauen den Männern mit gutem Beispiel vorangegangen wären, wie auch die abolitionistische Föde- ration. Diese Komitees, die international verbunden, geben An- fragenden Auskunft über Engagements im Ausland, vor allen Dingen über die Personen, die engagieren, ob dieselben Vertrauens- würdig usw. Diese Komitees haben 1902 in Paris einen Gesetz- entwurf versatzt, der nun auch am 13. Februar im Deutschen Reichstage angenommen worden ist und wonach man ganz andere Handhaben zum Abfassen dieser Verbrecher besitze. Selbst wenn die Verschleppten selbst in diesen Handel eingewilligt, sind die Händler hiernach noch zu strafen. Man unterscheidet Ein- und Ausfuhrländer des Mädchenhandels, Rußland, Südamerika usw. sind Einfuhrländer, Galizien, Rumänien, Ungarn usw. exportieren. Deutschland gilt für den internationalen Mädchenhandel als Durch- fuhrland. Da sich aber noch viele Länder den Komitees nicht an- geschlossen, da auch über die Minderjährigkeit große Verschieden- heit in der Auffassung vorherrscht, stehen dem Mädchenhandel immer noch Tür und Tor offen. Auf der nächsten internationalen Zusammenkunft will das„Deutsche Nationalkomitee" in Brüssel für den Anschluß aller Länder eintreten. Das Komitee hat aber keine großen Mittel zur Verfügung, manchmal nicht genug, um hilflos in der Fremde schmachtende Mädchen auszulösen. Auch in Deutsch- land selbst bestehe unleugbar ein großer, noch viel schwerer zu fassender Mädchenhandel; man müsse ein strenges Auge haben auf die hier ungesetzlicherweise geduldeten, Hygiene vortäuschenden, von der Polizei sanktionierten Bordelle(siehe Hamburg mit seinen polizeitechnisch nicht existierenden Bordellen!). Der Fall Schapiro- Mainz habe deutlich gezeigt, wie auch in Süddeutschland diese Bordellmädchen ausgenutzt würden, in erster Reihe durch die Bordellbesitzer. In Baden z. B. könnten Mädchen mit der Ge- nehmigung des Vaters, des Vormundes in Bordelle gehen; das spotte geradezu unserer fälschlich gepriesenen Gesittung. Bürgerliche Franenfexereien. Der„Franks. Ztg." wird aus New Dork geschrieben:„Die ex- tremen Frauenrechtlerinnen Amerikas, die sich in jeder Beziehung den Männern gleichwertig dünken, glauben noch eine besondere Ur- fache zur Trauer oder zur Entrüstung zu haben. Sie sind über die Haltung der Männer während der Katastrophe der„Titanic" empört. Die Verruchten bestanden nämlich darauf, daß die Frauen zuerst gerettet würden. Frau I. I. Brown von Colorado, die dort als Suffragette etwas gilt und unter den„Titanie"-Passagieren war, wird, wie sie erklärt, auf einen Zusatz im Parteiprogramm drängen, nach welchem die absurde„Frauen-zuerst"-Vorschrift geändert wer- den soll. Es sollen gleich viel Männer und Frauen gerettet werden. Frau Lida Stokes Adams, eine bekannte Suffragette von Phil- adelphia, geht noch weiter: Sie meint, bei künftigen Katastrophen würden sich die Frauen ein Vergnügen daraus machen, die Männer zu retten. Frau Brown hat übrigens einen Trost: sie hat im Rettungsboot sechs Stunden rudern dürfen— genau wie ein Mann!"_ Cdocbcn-Spielplan der Berliner Cbeater. Königl. Opernhaus. Sonntag: Aida. Montag: Rosenkavalier. Dienstag: Figaros Hochzeit. Mittwoch: Lohenzrin.(Anfang 7 Uhr.) Donnerstag: Maienkönigin. Doktor und Apotheker. Freitag: Der Rosen- tavalier. Sonnabend: Carmen. � Sonntag: Tristan und Isolde.(Ansang 7 Uhr.) Montag: Samson und Dalila.(Anfang 7h, Uhr.) Königl. Schauspielhaus. Sonntag: Weh dem, der lügt. Montag: Der grotze König. Dienstag: Weh dem, der lügt. Mittwoch: 1812. Donnerstag: Der grotze König. Freitag: Der Kaufmann von Venedig. Sonnabend: Der große König. Sonntag: Der Widerspenstigen Zähmung. Montag: 1812.(Ansang 71/, Uhr.) Lessing-Theater. Allabendlich: Heimliche. Liebe.(Ansang 8 Uhr.) Teutscheo Theater. Sonntag: George Dandin. Montag: Viel Lärm um Nichts. Dienstag: George Dandin. Mittwoch: Faust 1. Teil. Donners- tag und Freitag: George Dandin. Sonnabend: Faust 2. Test.(An- sang 61/« Uhr.) Sonntag und Montag: George Dandin.(Ansang 7-/. Uhr.) Kammerspiele. Sonntag: Sumurün. Montag: Eine glückliche Ehe. Dienstag: Wein Freund Teddy.(Ansang 7 Uhr.) Mittwoch: Frühlings Erwachen. Donnerstag: Mein Freund Teddy. Freitag: Der Arzt am Scheidewege. Sonnabend, Sonntag und Montag: Mew Freund Teddy. (Ansang 8 Uhr.) Berliner Theater. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Herodes und Mariamne. Allabendlich: Große Rosinen.(ZUisang 8 Uhr.) Neues Schauspielhaus. Sonntag, Montag, Dienstag: Titus und Salome. Mittwochnachmittag: Unter dem Schwert. Abends Titus und Salome. Donnerstagnachmittag: Opernschule Feßler. Abends: Alt- Heidelberg. Freitag, Sonnabend, Sonntag und Montag: Parkettsitz Nr. 10. (Ansang 8 Uhr.) Freischütz. DienStag: Rigoletto. Sonntag: Komische Oper. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Abends: Die Zauberslöte. Montag: Zar und Zimmermann. Der Troubadour. Mittwoch: Der Freischütz. Donnerstag: Freitag: Opernabend.(Anfang 7st. Uhr) Sonnabend: Undine. Der Troubadour. Montag: Die Zauberslöte.(Ansang 8 Uhr.) Knrfiirsteu-Oper. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Tiestand. Abends: Oberst Ehabert. Montag, Dienstag und Mittwoch: Tosea. Donnerstag: Der Schmuck der Madonna. Freitag: Tosea. Sonnabend: Tiesland. Sonntag: Der Schmuck der Madonna. Montag: Tosea.(Ansang 8 Uhr.) Kleines Theater. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Leibgardist. Allabendlich: Der Nachtwächter.(Ansang 8 Uhr.)..... Neues Theater. Sonntagnachmittag älU Uhr: Der Vogelhandler. Allabendlich: Der liebe Augustin.(Ansang 8 Uhr.). Schillcr-Theatcr O. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Probekandidat. Abends Kyritz-Pyritz. Montag und Dienstag: Der scharse Jmiker. Mittwoch: Don Carlos. Donnerstag: Die Jüdin von Toledo. Freitag: Der scharse Junker. Sonnabend: Die Jüdin von Toledo. Sonntag und Montag: Der scharse Junker.(Ansang 8 Uhr.) Schiller-Theater Gharlottenburg. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Don Carlos. Abends: Der scharse Junker. Montag: Der Kompagnon. Dienstag: Lady Windenneres Fächer. Mittwoch und Donnerstag: Die Haubenlerche. Freitag: Der Kompagnon. Sonnabend: Lady Windenneres Fächer. Sonntag:' Die Haubenlerche. Montag: Der Kompagnon.(An- sang 8 Uhr.)„ Friedrich- Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Sonntagnach. mittag L-/, Uhr: Götz von Berlichingen. Allabendlich: Die keusche Susanne. (Ansang 8 Uhr.)_ Residenz- Theater. Bis auf weiteres täglich: Alles sür die Firma. (Ansang 8 Uhr.) Theater in der Königgräher Straße. Sonntagnachmtttag 3 Uhr: Die Logenbrüder. Bis aus weiteres täglich abends: Die süns Franksurter. (Ansang 8 Uhr.) Theater des Westens. Sonntagnachmittag 3'/« Uhr: Wiener Blut. Allabendlich: Die schöne Helena.(Ansang 8 Uhr.) Thalia- Theater. Allabendlich: Autoliebchen.(Ansang 8 Ubr.) LustspielhauS. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Renaissance. Allabendlich: So'n Windhund.(Ansang 8 Uhr.) Neues OPeretten-Thcater. Sonntagnachmtttag 3 Uhr: Der Gras von Luxemburg. Abends, Montag. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag: Der Mädchenmarkt. Sonnabend, Sonntag und Montag: Der Kongreß von Sevilla.(Ansang 8 Uhr.) Trianon-Theater. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Mein Baby. Abends und bis aus weiteres täglich: Der Ehemann am Fenster. Ein angebrochener Abend.(Ansang 8 Uhr.) Rose-Theater. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Die Grille. WendS, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag: Preeosa. Freitag: Spree« athener. Sonnabend: 5 X 100 000 Teusel. Sonntag und Montag: Spreeathener.(Ansang 8 Uhr.) Luisen-Theater. Sonntagnachmtttag 3 Uhr: Ich lasse Dich nicht. Abends, Montag, Dienstag, Mittwoch: Gold und Liebe. Donnerstag, Frei- tag, Sonnabend, Sonntag und Montag: Ich lasse Dich nicht.(Ansang 8 Uhr.) Lkeues Bolkstheater.(Neue Freie Volksbühne.) Sonntagnachmtttag 3 Uhr: Der Meister. Abends: Der Meisler. Montag: Der Stärkere. Gläubiger. Mit dem Feuer spielen. Dienstag: Geographie und Liebe. Mittwoch: Der Meister. Donnerstag: Geographie und Liebe. Freitag: Der Raub der Sabinerinneii. Sonnabend und Sonntag: Der Meister. �Ansang 8'/, Uhr.) Casino-Theatcr. Sonntagnachmiitag 3st, Uhr: Unsere Neben Frauen. Abends täglich: Die lustige Strohwitwe.(Ansang 8 Uhr.) Metropol- Theater. Sonniagnachmittag 3 Uhr: Dorothea. Die kleinen Lämmer. �Allabendlich: Schwindelmeier u. Co.(Ansang 8 Uhr.) FolieS Gaprice. Allabendlich: Der Polizeihund. Das Broadway- Girl.«,ein letzter Wille.(Ansang Sllt Uhr.) Walhalla. Allabendlich: Um eine Krone.(Anfang 8'/. Uhr.) Apollo- Theater. Abends täglich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Passage- Theater. Sonntagnachmtttag 3 Uhr: Spezialitaten. Tag- lich: Spezialitäten.(Ansang 3 Uhr.) Garl-Haverlaud-Tveater. Täglich: Spezialitäten.(Anfang 79, Uhr.) Wintergarten. Täglich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Sonntag- nachmittag 3 Uhr: Spezialitäten. Reichshalleu-Theater. Täglich: Stettiner Sänger.(Ansang 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr.) Köuigftadl Kasiuo. Täglich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Sternwarte, Jnvalidenjlr. 57—62. * Halbschuhe Die<äro£>5e Hbde TajjcnUicnsfr�O Köni�sfraaac.�i- Lcipzi�crölr: 65 OrcmicaMr;� Oranicnafr: 5�. 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Nachmittags 3 Uhr: Neues Volks-Theatcr. Der Meister. Hochschule in Charlotteuburg: Geo- graphie und Liebe. Schiller-Theater 0.: Der Probe- kandidat. Schiller-Theater Charlottenbg. Don Carlos. Mztropol-Thcaler: Die kleinen Lämmer.— Dorothea. Trianon-Theater: Mein Babh. Neues Operetten-Theater: Der Gras von Luxemburg. Theater in der Königzrätzer Strohe: Logenbrüder. Kleines Theater. Der Leibgardist. Abends 8 Uhr: Neues Volks-Theatcr: Der Meister. Abends S'/a Uhr: Neues Volks-Theater. Montag: Gtrind- bcrg-Abcnd. Dienstag u. Donners- tag: Geographie und Liebe. Mittwoch und Sonnabend: Der Meister. Freitag: Der Raub der Sabine- rinnen. Hochschule in Charlotienburg: Sonn- abend: In Behandlung. Lehiiler-IliesleroH�r Sonntag, nachm. 3 Uhr: Der Prohehantllckat. Sonnlag, abends 8 Uhr: Kyritz-Pyritz. Montag, abends 8 Uhr: Ver scharfe Janker. Dienstag, abends 8 Uhr: I>cr scharfe Janker. Sehilier-Tliealer Sonntag, nachm. 3 Uhr: J>on Carlos. Sonntag, abends 8 Uhr: Der scharfe Janker. Montag, abends 8 Uhr: Oer Koinpaernon. Dienstag, abends 8 Uhr: I-ady Windermercs Fächer Neites Theater. Abends 8 Uhr: Der liebe Augustiu. berliner Theuter. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. Mtei'iiiilei'jlWMi'Arllöö Abends 8 Uhr: Sie 3 prsnllkul'lei'. " Theater des Westens. AbendS 8 Uhr: Die schöne Helena. Sonntag S'l, Uhr: Wiener Blut. Nesidenz-Theater. Direktion Richard Alexander. 8 Uhr: Alles für die Firma. Schwant in 3 Akten von M.Hennequin und G. Mitchell. Morgen u. jolgende Tage: Alles für die Firma.__ |OSE=THEATE Große Frankiurtet Str. 132� Nachmittag 3 Uhr: Die Grille. Abends 8 Uhr: b x lvl) 000 Mal. vontag- 5 X 100 000 Heufel. Urania. Wissenschaftliches Theater 8 Uhr: Im Lande der Mitternachtssonne. LOGISCHER GARTEN Heute am 1. Sonntag im Monat Eintritt OC Df | die Person: Gtl 1 I. Ah nachm. 4 Uhr: Gr. Militär-KoiizertJ Kapellen. Haus- und Wohnungsbau« Ausstellung von Bedarfsartikeln fflr den sfSdtlsehen Haus- beslh, vom 4. Mal bis 12. 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Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW, *'■>o4 29 � 4.§n\m des„Vsmürts" Kerlilter Nollisbliltt. S«W.SU.!« Mitwoch, äen 8. Mai.?ah!abent! für LroK-Kerlin. Partei- �Zugdegenbeiten. Zehlcndorf(Wannseebahn). Die zu Mittwoch, den 8. Mai. ge- plante öffentliche Versammlung findet erst in der kommenden Woche statt. Der Vorstand. Reinickenborf-West. Der Zahlabend am Mittwoch findet für sämtliche Bezirke in den„Eichbornsälen", Eichbornstt. SO, statt. _ Die Bezirksleitung. Berliner Nachrichten. Mehr Kinderschutz. In der letzten Zeit haben wir öfter Anlaß gehabt, auf den Mißbrauch hinzuweisen, der immer noch mit der Arbeits- kraft schulpflichtiger 5kinder getrieben ivird. Das geltende Äinderschutzgesetz, das die Erwerbsarbeit der Kinder nicht ganz- lich unterdrücken, sondern sie nur einschränken will, läßt in- folge dieser Halbheit einen noch recht reichlichen Spielraum für die K i n d e r a u s b e u t u n g. Daß oft nicht mal die wirklich nicht allzuweitgehenden Vorschriften dieses Gesetzesbefolgt werden, nicht mal dieses bescheidene bißchen Kinderschutz sicher vor der Profitgier ist, das zeigen immer wieder die Feststellungen arger Verstöße gegen das Kinderschutzgesetz. Wir verweisen hierzu auch auf die Gewerbeinspektionsberichte, aus denen wir dieser Tage wieder mitgeteilt haben, wie wenig noch das Äinderschutzgesetz ein wirksamer Schutz für die Kinder ist. Manchmal inag Unkenntnis der Gesetzesvorschriften die Uebertretnngen erklären, bei den Eltern wohl eher noch als bei den Arbeitgebern. Aber nicht selten wird— von Arbeit- gebern und auch von Eltern— das Gesetz dreist mißachtet und in voller Kenntnis der Verbote und ihrer Tragweite un- bedenklich die Arbeitskraft der Kinder ausgenutzt. Das Kinderschutzg-'setz, dem seine Halbheit zum Fluch werden mußte, bleibt im Kampf gegen die Kinderausbeutung eine schwächliche Waffe gegenüber den wirtschaftlichen Verhält- nissen und den hergebrachten Anschau- u n g e n. Wir haben Familien gesehen, die das bitterste Elend trieb, Kinder um ihr bißchen Brot arbeiten zu lassen. Doch auch solche Familien kann man immer wieder noch finden, die offensichtlich ohne Not ihre Kinder zwingen, durch eine sie körperlich und vielleicht auch geistig zerrüttende Er- tvcrbstätigkeit ein paar Groschen mit zu verdienen. Diese Zustände wurzeln tief in den Verhältnissen und An- schauungen unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Es gibt noch recht viele Leute, denen jedes Verständnis für das Ver- werfliche einer derartigen Ausnutzung eines Kindes mangelt. Arbeitgeber bereichern sich durch schamloseste Kinderausbeutung .ijmb spielen sich dann obenein als„Wohltäter" auf, die die Kinder "»rnier Familien �ja nur aus Mitleid beschäftigen". Noch fehlt an einer konsequenten Ausgestaltung und völligen Durchführung des Kinderschutzes, für den von jeher die sozialdemokratische Partei eingetreten ist. Ein gänzliches Verbot der Erwerbsarbcit schulpflichtiger Kinder würde eS Arbeitgebern doch etwas erschweren, Kinder auf dem Altar ihres GotteS Profit zu opfern. Und manchen Eltern Würde es ein wenig das Gewissen schärfen. Um niehr Kinderschutz zu erreichen, hat die Arbeiterklasse zu einer Selbsthilfe greifen müssen. Die Kinderschutz- kommissionen der sozialdemokratischen Partei und der freienGewerkschaften sind bemüht. Verstöße gegen das Äinderschutzgesetz zu ermitteln, damit durch persön- liche Einwirkung auf Arbeitgeber und Eltern wenigstens der gesetzwidrigen Beschäfttgung von Kindern ein Ende gemacht werden kann. Es versteht sich von selber, daß sie darüberhinaus möglichst auf Beseitigung jeder erwerben- den Kinderarbeit hinzuwirken suchen, auch wo diese innerhalb des leider so weiten Rahmens des Gesetzes bleibt. In dieser Hinsicht leisten die Kinderschutzkommiisionen eine Aufklärungsarbeit, deren Wert nicht unterschätzt werden sollte. Freilich ist leider nicht daran zu zweifeln, daß von den vorkommenden Mißbräuchen und selbst von den Ver- flößen gegen das Gesetz bei aller noch so großen Wachsamkeit der Kinderschutzkommissionen nur ein gc- ringer Teil zu ihrer Kenntnis gelangt. Gerade bei den schlimmsten Fällen der Kinderausbeutung sind die Schuldigen wohl meist sich der Gesetzwidrigkeit ihres Treibens beimißt, das sie dann um so sorgfältiger vor den Blicken kon- trollierender Personen zu verbergen wiffen. Die Kinderschutzkom Mission für Berlin und Vororte hat. um einmal eine Vorstellung davon zu gewinnen, in welchem Umfange noch Kinder sogar am frühen Morgen mit Zeitung- und Früh- stückaustragen beschäftigt werden, im Mai vorigen Jahres an einem bestimmten Tage in dem Gebiet von Berlin und Vororten eine allgemeine Kontrolle ausgeführt. Diese mühevolle Arbeit wurde ermöglicht nur durch die Opferfreudigkeit, nnt der zahlreiche Ge- nossen und Genossinnen aus unseren Wahlvereinen sich znr Mithilfe bereit finden ließen. Das Ergebnis jener sogenannten Razzia auf erwerbstätige Kinder, das ein recht lehrreicher Beitrag znr Beleuchtung der Unzulänglichkeit des Kinderschuh- gesetzes war. ist im Sommer 1911 in dem Jahresbericht der jiinderschuykommission und mit den Hanptzahlen auch im„Vorwärts" veröffentlicht worden. Manchen wird, was er da las, mit Entsetzen erfüllt haben und mit heiß aufloderndem Zorn darüber, daß so skandalöse Zustände sich noch immer zu be° haupten vermocht haben. Aber auch jene Razzia erbrachte sicherlich nnr einen kleinen Ausschnitt aus dem aroßen Bild bitteren Leids und grauenvollen lends. das aus so vielen ums Brot arbeitenden Kindern lastet. Je niehr die Ergebnisse solcher allgemeinen, mit einem Aufgebot zahlreicher Hilfskräfte ausgeführten Kontrollen die Größe des Kinderelends ahnen lassen, Vesta eher ist zu erwarten, daß wir eine Verbesserung des Kinderschutzes durch- setzen. Die einzige Verbesserung, die wirksam wäre, kann nur ein gänzliches Verbot der Erwerbsarbeit schulpflichtiger Kinder sein. Wohl suchen die Kinder- schutzkom Missionen in jedem Einzelfalle, der ihnen bekannt wird, möglichst selber eine Abhilfe herbeizuführen. Aber darüber hinaus wollen sie durch Aufdeckung des im Geheimen ; fortwuchernden Nebels die Notwendigkeit eines wirklich "durchgreifenden Kinderschutzes, einer völligen Beseitigung der erwerbenden Kinderarbeit leisten. Die Arbeiterklasse muß diesen Bemühungen die lebhafteste Teilnahme entgegen- bringen. Sie müßte das schon in ihrem eigenen Wirt- schaftlichen Interesse tun: denn die ums Brot arbeitenden Kinder sind die gefährlichsten Lohndrücker, die so manchem Erwachsenen den Verdienst schmälern. Es ist aber auch eine selbstverständliche Forderung der Humani- /tät, daß der schmachvollen Kinderausbeutung ein Ende ge- macht wird._ Beschränkung des Urlaubs für die Berliner städtischen Arbeiter. Aus den Kreisen der städtischen Arbeiter wird uns geschrieben:„Eine sonderbare Auslegung der neuen Urlaubsordnung für die städti- schen Arbeiter und Angestellten findet in diesem Jahre durch den Berliner Magistrat statt. Im vorigen Jahre ist auf Antrag der Stadtverordnetenversammlung eine Ausdehnung des Sommer- Urlaubs vom Magistrat bewilligt worden, wonach der Urlaub nach drei Jahren 3 Tage, nach 5 Jahren 7 Tage und nach zehn Jahren ig Tage unter Fortzahlung des Lohnes betragen soll. Jetzt kommt jedoch der Magistrat mit seinen Ausführungsbestimmungen über die betreffende Urlaubsverfügung herbei und bestimmt, großmütig, wie es sich nun einmal für die Berliner Stadtverwaltung schickt, daß den Arbeitern beileibe ja nicht etwa auch die 3 resp. 7 und lv Tage Urlaub voll bezahlt werden, wie es in den Vorortgemeinden und in den englischen Gasanstalten üblich ist, sondern daß die in die Urlaubsperiodc fallenden Sonntage wohl als Urlaubstage angerechnet, aber nichl bezahlt werden, also drei respektive sechs oder: neun Tage eventuell zu zahlen sind. Wohlgemerkt„eventuell!" Denn ist schließlich jemand gezwungen, seinen zehntägigen Urlaub am Freitag anzutreten, so bekommt er laut Verfügung des Magistrats nur acht Tage bezahlt, da ihm die zwei Sonn- tage, als in die Urlaubsperiode fallend, nicht bezahlt werden, Dasselbe tritt in die Erscheinung, wenn ein Arbeiter mit dreitägigem Urlaub denselben am Freitag oder Sonnabend antreten muh. Er bekommt auch nur zwei Tage bezahlt, weil der Sonntag als in die Urlaubspcriode fallend, einfach nicht bezahlt wird. Es mutet eigenartig an, wie die„liberale" Stadtverwaltung jede müh- sam erkämpfte Errungenschaft ihrer Arbeiter durch widersinnige und egoistische Jnterpretierung zu umgehen oder herabzusetzen ver- sucht. Doch mit dem noch nicht genug. Es wird in derselben Ma- gistratsverfügung noch betont, daß in diesem Jahre diejenigen Ar- beiter, die in einem höheren Lohnsatz stehen, z. B. die Ofenarbeiter in den Gasanstalten, von dem Tage an, wo sie den Urlaub antreten, als Hofarbeiter in der niedrigsten Lohnklaffe geführt werden, um ihnen ja nicht während der Zeit ihres Urlaubs die paar Pfennige Lohn mehr und den siebenten Tag zu bezahlen. Diese Anordnung beleuchtet grell die„tiefgründige soziale Erkenntnis" der sich wohl- wollend ihren Arbeitern gegenüber nennenden Berliner Stadtvcr- waltung. Hier mutz vor aller Oeffentlichkeit einmal festgestellt wer- den, wie die sozialen Taten der Berliner Stadtverwaltung in Wirk- lichkeit aussehen und so den schärfften Protest der städtischen Ar- beiter herausfordern." Zu diese» Darlegungen möchten wir bemerken, daß bei Ge- Währung der Ferien natürlich nur Arbeitstage in Frage kommen können und niemals ein zwischen die Ferientagc fallender Sonntag als Ferientag angesehen werden soll. Das ist in dem Stadtverordnetenausschuß, der sich Anfang vorigen Jahres mit der Lohnftage und mit den Ferien der städtischen Arbeiter beschäftigt hat, klar und deutlich ausgesprochen worden. Es wurde besonders betont, daß bei Gewährung der drei Tage Ferien die Woche geteilt werden könnte, indem ein Teil Arbeiter die ersten drei Tage der Woche der andere Teil die letzten drei Tage der Woche Ferien er- halten solle, so daß den Arbeitern immer der Sonntag bleibe. Dem Magistratsvertreter in dem Ausschüsse, Herrn Stadtrat Fischbeck, ist diese Ansicht des Stadtverordnetcnausschuffes sicherlich bekannt und wir können nicht annehmen, daß die jetzt getroffene Auslegung der Bestimmungen über die Ferien von ihm ausgeht. Es scheint bei den verschiedenen Verlvaltungen verschieden gchandhabt zu werden und es ist Sache des Magistrats, hier sofort Remedur eintreten zu lassen; im anderen Falle müßte die Stadtverordnetenversammlung die Angelegenheit ordnen. Das Besteigen und Verlassen der Straßenbahn während der Fahrt ist eine Unsitte, die alljährlich zahlreiche Opfer fordert. Mit Beginn des Frühjahrs mehren sich diese Unfälle erfahrungsgemäß und gerade jetzt vergeht kein Tag. an dem nicht Personen auf diese Weise durch ihren eigenen Leichtsinn verunglücken. Auch körperliche Geschicklichkeit genügt nicht, um hier die Gefahr zu vermeiden. Unter den Verunglückten finden sich genug Personen, die körperlich gewandt und be- möglich sind. Die elektrische Straßenbahn ist eben etwas anderes, als die alte Pferdebahn. Jeder vernünftige Mensch sollte die Geduld aufbringen, den günstigen Moment abzn- zuwarten, wo der Wagen, den er besteigen oder verlassen will, hält. Der kleine etwaige Zeitgewinn verschwindet gegenüber der Gefahr, in die man sich begibt. Kongreß des deutschen Vereins für Knabenhandarbeit. Der deutsche Verein für Kuabenhmiparbeit hält vom tv. biS 12. Mai d. I. seinen 2l. Kongreß in Cbarlottenburg ab. Der Verein will durch seine Berhaiidlniigen dazu beiiragen. die Idee des Wcrküätren- unlerrichts z» verbreiten, lieber den heutigen Stand der Si�üler- Werkstätten wird eine doppelte Aitöstelliing Zeugnis ablege». Herr Geheimrat Professor Dr. Pallat und Herr Direktor Dr. Jessen haben aus den Seminaren für Handarbeil»nd den bekanntesten Werkstätten Deutichlands eine Auslese guter Modelle getroffen Als ausgewählte Ar- bette» dürften die'e Ausstelliingsobjekle wohl Anspruch aufKorrektheit und Geschmack erheben. Die Stadl Charlottenburg wird in einer be- sonderen AnSitellung zeigen, was in ihren Schulen auf dem Ge- biete der Handarbeit imd deS Werkunlerrichis geleistet worden ist. Der Werkmiiercicht wird außerdem»och durch einige Lektionen mit Schülern illustriert werden. Beide Aiisstelluligcn finden in den Säle» des Charlottenburger Rathauses statt. Sie werden am U. Mai eröffnet und stehen noch etwa eine Woche an den Nach- mittagen von 3-S Uhr dem weiteren Publikum zur Besichtigung frei. Die Kongreßverhandlungen finden Sonnabend um 4�2 Kh'r und Sonntag 11 Uhr im Restanraiu Tiergartenhof statt. Hagenbeck im Treptower Park. Karl Hagenbeck hat den Magistrat um die Ueberkassung eines Teiles der großen Biirgerwiese in Treptow für eine große„Jndiiche Völkcrschau" gebeten. Diese Völkerschan soll hervorragende indische Kunsthandwerker, Geim betreibende, Fakire. Zauberer usw. mit ihren Familien inid Anbang limfasien. wobei auch Elefanten und andere indische Tiere zur Aiilchaumig kommen sollen. Nach der Meinung namhafter Gelehrter»nd Kenner des WnuderlandeS Indien soll diese Bölkerichan nicht nur angenehmer Unterhaltung dienen, sondern auch großes Wissenschaft- liches Jnteiesie erwecken. Der Magistrat hat beschlossen, den nörd- lichen Teil der großen Wiesen gegen eine Pacht von 30 000 M. an Hagenbeck für diese Schau zu verpachten, wenn H. fich verpflichtet, allen Schülern gegen 10 Pf. den Eintritt zu gewähren und solchen unbemittelter Eltern unter Führung ihres Lehrers freien Eintritt zu gestalten. Der 25 000 Quadratmeter große Platz muß nach Gebrauch auf Kosten des H. wieder in den jetzigen Stand gesetzt werden. Weite Kreise der Bevölkerung, die im Treptower Park und auf den Treptower Spielplätzen Erholung und Zerstreuung suchen, werden mit der Einengung dieser Spiel- und ErholungSgelegenbeit keineswegs einverstanden sein. Wenn auch das Treptower Gelände ein ausgedehntes ist. so werden speziell an den Sonntagen die dortigen Plätze von vielen Tausenden von Erwachsenen und Kindern be'ucht. Eine Einschränkung der Spielgelegenheit ist nach leiner Richtung hin wünschenswert._ Bankrotte Narren. Wie bürgerliche Blätter melden, hat die Große Rheinische Karnevalsgesellschaft, ein auf Vornehmheit und Wohlhabenheit zugeschnittener„erstklassiger" Berliner Vergnü- aungsverein, seine Zahlungen eingestellt. Einem zweiten ähnlichen Verein soll das gleiche Schicksal unmittelbar bevorstehen. Es wird offen zugegeben, daß der Zusammenbruch erfolgte durch die Sucht, prunkvollste Feste zu feiern und sich in kostspieligen Arrangements zu überbieten. Der Leiter des einen Vereins ist unter Hinter- lassung zahlreicher Leidtragender in ein Sanatorium geflüchtet, um allen Konsequenzen aus dem Wege zu gehen. Eine schreckliche Familientragödic hat sich in einem Charlotten- burger Hotel in der Berliner Straße m der Nähe deS„Knie" abgespielt. Dort erhängte sich eine Frau Esterbahn aus Gera(Reuß) mit ihren beiden Kindern im Alter von acht und zehn Jahren. Die Frau erschien Freitag abend in dem Hotel und erklärte, einige Tage mit ihre» beiden Kindern daselbst logieren zu wollen. Als sie sich im Laufe des gestrigen Vormittags nicht blicken ließ, wurde man stutzig und öffnete schließlich gewaltsam das Zimmer. Ein entsetz- licher Anblick bot sich den Eintretenden. An der Türklinke hing die Frau, am Fensterkreuz die beiden Kinder. Bei allen drei Personen war der Tod bereits eingetreten. Die Leichen wurden polizeilich be- schlagnahmt. Ueber die Beweggründe zu der schrecklichen Tat und über die Personalien konnte noch keine Klarheit geschaffen werden. Eine erschöplende' Auskunft dürften die Briefe geben, die von der Frau geschrieben und die aus dem Tisch vorgefunden sind. Seinen Berlctzungen erlegen ist der Waldwächter Scherf, der, wie gemeldet, von einem Unbekannten in der Nähe von Frohnau niedergeschossen wurde. Alle drei Schüsse, die der Attentäter ab- gegeben hatte, waren in den Unterleib gedrungen. Scherf war die ganze Nacht über bewußtlos. Gestern um 8 Uhr früh trat der Tod ein. Sckers hinterläßt eine Frau und drei kleine Kinder. Nach dem Attentäter, dessen Namen man nicht kennt, wurde während der ganzen Nacht gesucht. Da man annahm, daß er sich im Walde verborgen hält, wurden große Razzien veranstaltet, an denen sich Gendarmen, Forstbeamte und Zivilpersonen in großer Zahl beteiligten. Mehrere Trupps durchstreiften mit Polizeihunden nachts und gestern ftüh den Wald nach allen Richtungen, aber vergeblich. Man glaubt, in dem Attentäter einen mehrfach vorbestraften Verbrecher zu erkennen, der in der Gegend häufig gesehen worden ist. Selbstmord eines zwölfjährigen Berliner Waisenknaben. In Nauen bei Fürstenwalde, dem bekannten Ausflugsorte der Berliner, erhängte sich der Kvölfjährige Schüler Frieorich Schmidt. Er war von der Berliner Waisenhausverwaltung einem Ehepaare in Nauen in Pflege gegeben worden. Nachdem der Junge gestern nachmittag mit seinen Pflegeeltern Kaffee getrunken hatte, verließ er das HauS, ohne wieder zurückzukehren. Als man ihn suchte, fand man ihn als Leiche im Bienenhause hängend. Nach den Grün- den über die Tat ist man vollkommen im Unklaren. Der Junge war körperlich etwas zurückgeblieben. Ein Selbstmordversuch in einem Cafe erregte in der vergange- ncn Nacht unter den Gästen großes Aufsehen. In einem belann- ten Cafe Unter den Linden erschien in der vergangenen Nacht gegen 12 Uhr ein junger Mann, setzte sich allein an einen Tisch, bestellte ein Glas Bier und saß dabei zwei Stunden lang, anscheinend aufmerksam den Klängen der Hauskapelle lauschend. Im Laufe der Zeit schrieb er eine Ansichtskarte, die er neben sich auf dem Tische liege» ließ. Gegen zwei Uhr, als gerade der letzte Takt eines Musikstückes verklungen war, zog er plötzlich einen Revolver aus der Tasche und schoß sich eine Kugel in die rechte Schläfe. Besinnungs- los sank er dann auf seinem Stuhl zusammen. Erschrocken eilten die Gäste, deren Zahl sich schon gelichtet hatte, und die Kellner herbei und nahmen sich des Schwerverletzten an. bis eine aus der Nähe herbeigerufene Droschke kam und ihn nach der Charite brachte. Dort liegt der Schwerverletzte hoffnungslos danieder. Er ist noch nicht wieder zur Besinnung gekommen. Aus der Karte geht hervor, daß es sich um einen Rudolf.Großmann aus Reichcnberg i. Böhmen handelt und daß ihn unglückliche Liebe zu dem Schritte getrieben hat. Wer ist die Tote? Aus dem Müggelsee wurde die Leiche einer bisher unbekannten Frau gelandet, die ungefähr 20 Jahre zählt. Die Tote ist ungefähr 1,05 Meter groß und hat schlvarzes, volles Haar und lückenhafte Zähne. Bekleidet war sie mit einem dunkel- blauen Kostüm, einer weißen Bluse, schwarzen Schnürstiefeln, einem blaugrauen Unterrock, einem weißen Stehkragen und gelblichen Handschuhen. Ein Siegelring, den sie trug, ist T. W. gezeichnet.— Sticht festgestellt werden konnte auch die Persönlichkeit eines jungen, ungefähr 21 Jahre alten Mannes, den ein Schutzmann in der ver- gangenen Nacht besinnungslos vor dem Hause Potsdamer Str. 110 auf dem Bürgersteig liegend auffand. Ter Unbekannte, der nach der Charite gebracht wurde, wo er noch, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, daniederliegt, ist 1,65 Meter groß und schlank, hat dunkelblondes Haar und einen gestutzten Schnurrbart und trug einen dunklen Jackettanzug, ebensolchen Uebcrzieher und einen schwarzen, steifen Hut. Ein Ladentassenräuber wurde gestern vormittag nach einem Ueberfall in der Greifswalder Straße festgenommen. In dem Hause 46 treibt die Seisengroßhandlung von Ärtur Wasservogel ein Zweiggeschäft, das die Verkäuferin Frau Emma Ramin verwaltet. Gestern vormittag um 10?L Uhr kam ein Kunde, der für 20 Pf. Seife verlangte. Als Frau Ramin ihm die Ware überreichen wollte, zog er einen verborgen gehaltenen Nagelhammer hervor, um sie durch einen Schlag aus den Kopf niederzustrecken und dann die Kasse zu rauben. Der mit der scharfen Seite geführte Hieb traf die Verkäuferin über dem linken Äuge und brachte ihr eine blutende Verletzung bei. Der Räuber erreichte nicht die Absicht, die Ueber- sallene zu betäuben. Als sie gleich laut aufschrie, wollte er ohne Beute entfliehen. Frau Ramin aber klammerte sich an ihn, um ihn zurückzuhalten. Der Räuber schleppte sie mit bis vor die Tür. dann gelang es ihm, sich loszureißen. In mächtigen Sätzen eilte er davon. Er kam aber nur zwanzig Schritte weit. An der Ecke der Pasteurstraße wurden Gäste einer Schankwirtschaft durch die Hilferufe der Frau Ramin auf den Fliehenden aufmerksam. Einer stellte ihm ein Bein und brachte ihn zu Fall. Dann packte man ihn und prügelte ihn durch, nachdem man gehört hatte, was er verübt hatte. Zu seinem Glück kamen gleich zwei Schutzmänner dazu, die gerade in der Nähe waren und brachten ihn nach der Wache. Hier wurde der Räuber festgestellt als ein 21 Jahre alter Kutscher Albert Rühl, der in der Chodowieckistraße bei seiner verheirateten Schwester Wohnt. Bit dem Leichenfunb in Alt-Moabit wird mitgeteilt, dafc der von Damvferschrauben zerstückelte Tote wahrscheinlich der 61 Jahre alte Bureaubote Osivald Naerger aus der Sparrstr. 21 ist, der seit dem 1. April dS I. vermißt wurde. Eine durchaus sichere Fest- stcllung ist aber noch nicht erfolgt. Naerger wohnte vier Monate lang für sich allein in Stube und Küche und war zuletzt als Bureau- böte in einer Treibriemenfabrik beschäftigt. Vorher hatte er län- gere Zeit keine Arbeit gehabt. Auf seiner letzten Stelle verdiente er auch nicht viel. So kam eS, daß er bei Geschäftsleuten in Schul- den geriet und auch die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Am i'fpril ließ er sich vormittags vom Geschäft freigeben, um einen Neffen nach dem Bahnhof zu bringen. Seitdem war er ver- schwunden,_ Die Wohnungsfrage in Groß-Bcrlln. Dem Zweckverband Groß-Berlin will der bekannte P r o p a g a n d a- A u s s ch u ß, der in der letzten Zeit mehrere Versammlungen zur Erörterung der Aufgaben des Zweckverbandes veranstaltet hatte, weiter ein Mahner sein. Im Monat M a i wird er wieder s e ck s Versammlungen abhalten, um die Fragen des großstädtischen Wohnwesens swelträumige Bebauungspläne für gesunde Kleiiiwohnungen, Ausbau des ScknellbahnnetzeS und billige Tarife, Sport- und Spielplätze sowie Wald- und Wiesengürtel) zu erörtern, die jetzt auch im Hinblick auf den Internationalen Hans- besitzerkongreß auf ein besonderes Interesse rechnen dürfen. Tie Versammlungen finden statt: Am 7. Mai, 8h', Uhr, in den Pharussälen, Müllerstraße 142 (ReichstagSabgeordneicr Südekum, Wir und die Hausbesitzer; Direktor Kuczynski vom Statistischen Amt Schöneberg, Die Aufgaben des Zweckverbandes; Professor du BoiS-Neymond, Die Spielplatz- srogei; -im 7. Mai, 8'/, Uhr, in BallschmiederS Festsälen, Badstr. 16 sTtadtverordneter Zobel, Mehr Spielplätze für Groß- Berlin; Reichstagsabgeordneter Südekum, Wir und die Hausbesitzer); am 10. Mai, 8Vz Uhr, in der Neuen Welt. Hasenheide sFräulein Dr. Bäumer. Die Frau und die Wohnungspolitik; Dr. Friedrich Naumann, Groß-Berlin); am 10. Mai, 8'/, Uhr, in den Konkordia-Festsälen, Andrea?- straße 64(Reichstagsaba. Ouarch Die Wohnungspolitik der Kom- munen; Prof. Sommerfeld, Die Hygiene der Wohnung; Dr. Ja- blonski, Berliuer Waldschutz); am 14. Mai. 8'/, Uhr, in den Prachtsälen des Westens. Spichern- straße 3 sLandtagsabg. Hirsch, Die Aufgaben des Zweckverbandes; Pros. Edv. Lehmann. Die Sommerfrische für jedes Kmd; Dr. Weis« dach, Groß-Berliner Städtbaukunst): am 14. Mai, 8'/, Uhr, in der Bockbrauerei, Tempelhofer Berg sDirektor Wetekamp, Die Groß-Berliner Spielplatzfrage; Prof. Ewald, Berliner Waldschutz; Dr. Hegemann, Garteustädte für Groß- Berlin; Landtagsadg. Hirsch, Die Aufgaben dcS Zweckverbandes). Brandunglück in der Gipsstraße. ZweiPersonenschwer verbrannt. Durch die Meldung„Menschenleben in Gefahr- Würde gestern(Sonnabend) abend kurz nach 81h Uhr ein größeres Löschaufgebot der Feuerwehr nach der Gipsstraße 27 gerufen. Dort war im zweiten Stock des Vorderhauses in der Wohnung eines Fräulein Klein Feuer ausgebrochen, als dieses sich auf kurze Zeit entfernt hatte. Die Flammen hatten Möbelstücke, Betten und andere Gegenstände erfaßt und wurden erst spät bemerkt. Anstatt nun sofort die Feuerwehr zu alarmieren, unternahmen mehrere Männer selbst Löschversuchc. Sie schlugen die Türfüllung zu der brennenden Wohnung ein, um vorzudringen. Im gleichen Augenblick schössen aber lange Stichflammen aus dem Korridor hervor, sodatz die Leute schleunigst flüchten mußten. Bei Ankpnft des ersten Lösch- zuges brannte die Wohnung schon lichterloh und auch das Treppen» Haus hatte Feuer gefangen. Außerdem waren die einzelnen Wohnun- gen in den untere»', und oberen Etagen, ebenso wie das Treppenhaus selbst stark verqualmt. Es wurde daher sofort die Nachmeldung„Men. schenleben in Gefahr!" an die Feuerwachen gegeben, worauf noch '-weitere Züge unter Führung des Branddirektors Reichel herbei- eilten. Es»ourde auf der Straße eine mechanische Leiter errichtet, und gleichzeitig drangen Mannschaften über die Treppe vor. Auf dem Podest der dritten Etage fanden die Sappeure einen jungen Mann und ein junges Mädchen schwerverbrannt auf. Sie wurden sofort ins Freie geschafft und nach dem nahen Hedwigskrankenhaus transportiert. Beide Personen haben schwere Brandwunden im Gesicht und an den Händen davongetragen. Die Verletzungen des Mädchens sind anscheinend lebensgefährlich. Die Personalien der Verunglückten konnten noch nicht festgestellt werden, da sie noch vernehmungsunfähig ist und im Hause sie niemand kennt. Der verbrannte junge Mann ist der 2l)jährige Hausdiener Willy Weiß aus Neukölln. Er war gerade an dem Hause vorübergegangen, als die Hilferufe erschallten. Beim Rettungsversuch ist er dann ver- uuglückt. Das Feuer wurde mit einer Schlauchleitung abgelöscht. Die Freie Volksbühne hielt am 30. April im großen Saale des Gewerkschaftshauses ihre regelmäßige Ouartalsversammlung ab. Heinrich Schulz sprach über„Alte und neue Wegezur Ärb e i t e rb i l d ün g". Der erste Vorsitzende Dr. Kon rad Schmidt gibt den Vorstandsbericht für das abgelaufene 3. Quartal des Spieljahres 1911/12. Die bisherigen Verträge mit den Theatern wurden sämtlich erneuert. Ferner wurde ein neuer Vertrag mit der Deutschen Oper in Charlottenburg abgeschlossen, nach welchem sowohl die Mitglieder der Nächinittags- wie Abendabteilungen eine Operi»vorstellung großen Stils und inehrere Extravorstellungen nach Fertigstellung des im Herbst 1912 zu eröffnenden großen Deutschen Opernhauses in Charlottenburg erhalten. Dieses Opernhaus wird mit 7 Millionen Mark Kosten an der Bismarckstraße als Prachtbau aufgeführt, und von 1914 ab vorwiegend Wagneropern aufführen können. Als Eröffnungsstücke der nächsten Saison wurden auf den Spielplan gesetzt: Emil Rosenows Drama„Die im Schatten leb e n" und Karl Schönherrs„Glaube und Hei nta t". Mit dem Berliner Volkschor wurde eine engere Verbindung hergestellt. Am nächsten Charfreitag wird der Perliner Volkschor für die Freie Volksbühne ein größeres Chorwerk neu einstudieren und zur Auf- führung bringen. Beide Vereine erwarten, daß sich die sanges- kundigen Mitglieder der Freien Volksbühne dem Volkschor als aktive Mitglieder anschließen. Der Geschäftsführer und Kaffenver- Walter W» n k l e r gibt den Geschäfts- und Kassenbericht für das 3. Quartal vom 1. Januar bis 31. März 1912. Die Finanzen des Vereins sind geordnete. Die Einnahincn betrugen 67 032,24 M., die Ausgaben(bei 64 Vorstellungen) 67 044,73 M. Am Quartals- Schluß verbleibt ein Bestand von 9087,61 M. WalberholungSstätten vom Roten Kreuz. Bei prächtigem Früh- lingSwetter haben die an der Peripherie Groß-BerlinS belegenen Walderholungsstätten vom Roten Kreuz Anfang Mai wieder ihre Pforten zur Aufnahme von erholungsbedürftigen Männern, Frauen und Kindern geöffnet. In ihnen können täglich etwa 1700 Patien- ten Aufnahme finden. Für die Anstalten für Erwachsene (Männererholungsstätte in der Jungfernheide und Männer- erholungsstätte in Johannisthal und Frauenerholungsstätte im Grunewald bei Eichkainp und in der Schonholzer Forst) erfolgt die Ueberweisung meistens durch die zuständige Krankenkasse und die Fürsorgestellen für Lungenkranke, für die Anstalten für Kinder lim Grunewald bei Eichkamp, in der Schonholzer Forst und in der Wuhlheide bei Sadowa) durch die Fürsorgestellen für Lungenkranke und durch die Armendirektionen. Äufnahmeanträge können auch, -soweit fie nickt an die genannten Stellen gerichtet werden, bei dem Bureau der Walderholungsstätten, Berlin EW.. Friedrichstr. 207, gestellt werden. Das Bureau ist zu mündlicher Besprechung werk- täglich zwischen 10 und 1 Uhr geöffnet. Das Maiprograinm im Wil»tergarten fand Freitag abend ein sehr dankbares Publikuin. Die„Fee Morgana" zeigt die lieber- legenheit der Lichteffckttechnik über die Damenschneiderci. Frauen, „oic nie was anzuzielen haben", können hier in die Lehre gehen: ein ewiger Wechsel der Toiletten, wie auf den Leib gegossen, in glänzendsten Farben und raffiniertestein Geschmack, erzeugt durch einfachen Scheibemvechsel des Scheinwerfers. Der Leiterakt der Ella Vendaro-Truppe verdankte seinen Beifall wohl hauptsächlich bei schönen Körpern der sicheren Turnerinnen, während die fäbel- hafte Geschicklichkeit der Lottos-Nadfahrer wieder eininal die Un- erschöpflichkeit auf dem Gebiet akrobatischer Tricks bewies. Den größten Beifall erzielte der Universalkünstler Rudinoff als Schnell- rädierer und-Karrilaturenzeichner und Vogelstimmenimitator, be- sonders als verliebte Nachtigall. Freunde derben Humors kamen bei den Handtänzern und Boxern Vittorio und Georgetto und der Bogdannytruppe auf ihre Rechnung und ebenso die Freunde der Tanzkunst und sinnlicher Augenweide. Der Lnnapark in Halensee Iiat seine Pforten wieder geöffnet und tritt damit in ferne dritte Saison ein. Das gewaltige Vergnügungsetablissement der Reichshauptstadt wird auch diesmal be- sondere Attraktionen bieten. An der Stelle, an der sich im Vor- lohre Kairo erhob, sind diesmal unsere neuesten„Landsleute", die Kongoneger, untergebracht, die uns unsere neuesten„Er- rungenschasten" sä oculos demonstrieren sollen. Gegen 80 Männer, Frauen und Kinder bemühen sich, ihre Kenntnisse unter zum Teil ohrenbetäubendem Lärm zu zeigen. Die Kongoneger sind ein großer kräftiger Menschenschlag im Gegensatz zu der Zwerggesell- schaft, die im früheren Lachhause sich produzieren wird. An die Stelle der Wasserrutschbahn ist die Rodelbahn getreten. Das Publikum wird mittels seitlich angebrachten Fahrstühlen zum Plateau hinaufgeführt und kann die schnelle Reise nach abwärts auf Rodelschlitten hinabsausen. Unterhalb der bekannten Gebirgs- bahn ist die neue Liebcsmühle angebracht für Liebesbedürftige. Kurz, es ist alles auf den kommenden Besuch vorbereitet. Bei der Maifeier in Mentes Bolksgarten ist eine goldene Brosche mit anhängendem Kinderbildnis verloren worden. Abzu- geben bei K. Bleck, Kochhannstr. 161. Vorort-?fodmcdten. Neukölln. Der Stichwahlkampf in der 2. Abteilung. Nicht nur bei uns. sondern auch bei den Gegnern hat der Ausgang des Kampfes über- rascht. Nachdem die Demokraten endlich in letzter Minute ihre Stichwahlparole für die Sozialdemokratie ausgegeben hatten, wurde allgemein angenommen, daß der 6. Bezirk von den Sozialdemo- kraten erobert, der 3. Bezirk jedoch den Altbürgerlichen zufallen würde. Im 2. Bezirk war eS von vornherein sehr zweifelhaft, wem der Sieg zufallen würde. In eingeweihten Kreisen war es jedoch bekannt, daß sich bei den Demokraten inzwischen eine Wandlung vollzogen hatte, sodaß es fraglich erschien, welche Stellung die Mehr- zahl der demokratischen Wähler einnehmen würde. Schon im Sommer v. I. traten die Demokraten an die Sozialdemokratie heran, um Dispositionen für die jedenfalls auch in letzter Instanz für ungültig erklärten Stadtverordnetenwahlen zu treffen. Von der Sozialdemokratie wurde ihnen mitgeteilt, daß sie vor Erledi- gung der ReichStagSwahlen gar nicht daran dächte, sich in Vorbe- reitungen für die Stadtvrordnetcnwahlen einzulassen. Und als dann im Oktober v. I. nochmals dieselbe Aufforderung an unsere Genossen erging, und dieselben wieder die gleiche Mitteilung machten, erhielten sie von den Demokraten die Erklärung, sie nähmen an, daß die Sozialdemokratie nicht mit ihnen zusammengehen wolle, wenn sie bis zu einem bestimmten Tage von uns keinen entgegengesetzten Bescheid erhalten würden. Selbst wenn damals bei der Sozialdemo- kratie wirklich die Absicht bestanden hätte, mit den Demokraten Ver- einbarungen über die Stadtverordnetenwahlen zu treffen, so wäre es doch der ungeeignetste Moment gewesen, uns in eine derartige Taktik einzulassen. Gerade Mitte Novelnber, als die Sozialdemokratie intensiv mit den Borarbeiten zur Wahl zu tun hatte, als es sich die Demokraten nicht verkneifen konnten, eine Sonderkandidatur in Teltow-BeeS- low aufzustellen, sollten unsere Genossen mit ihnen über ein ge- meinsameL Borgehen beraten. Unsere Genossen haben den Demo- kraten keinen anderen Bescheid gegeben und mußten eS daher ihnen überlassen, ihre Vorbereitungen für die Stadwerordnetenwahlen zu treffen. Große Vorbereitungen haben sie damals im November für die jetzt im April stattfindenden Wahlen kaum getroffen, es kam jedenfalls nur darauf an, der Sozialdemokratie die Pistole auf die Brust zu setzen. Die Demokraten erklärten, da eS sich um Er- sah. und nicht um Ergänzungswahlen handle, bei denen das letzte Mal gemeinsam vorgegangen sei, fühle man sich moralisch gezwui»- gen, diesmal ebenso zu verfahren. Eine solche moralische Ver- pflichtung konnten unsere Genossen nun allerdings nicht akzep- tieren, da ja der Grund des Zusammengehens, der Wahlrechts- raub, inzwischen beseitigt war. Wie recht die Sozialdemokratie danrals gehandelt hatte, bewies auch der Ausfall der Reichstags- wähl, bei der die Demokratie 1846, die Sozialdemokratie dagegen 47 997 Stimmen gemustert hatte. Und erst recht der Ausgang des Kampfes bei den Stadtverordnetenhauptwahlen hat den deutlichen Beweis dafür erbracht. Bei den Hauptwahlen vereinigte die Demokratie 263, die Sozialdemokratie aber 2916 Stimmen auf ihre Kandidaten. Während unter dem Wahlrechtsraub 2490 Wähler ihr Stiinmrecht in der 2. Abteilung ausüben konnten, waren eS nach Beseitigung desselben über 8800. Für jeden politisch Einsichtigen war es daher eine platte Selbstverständlichkeit, daß die einzelnen Parteien erst in der Hauptwahl ihre Kräfte messen mußten. Das selbständige Vorgehen der Sozialdemokratie scheint nun eine bestimmte Verärgerung bei den Demokraten hervorgerufen zu haben, denn sonst ist ihre zweifelhafte Haltung nicht zu erklären. Schon in der Wahlagitation wurde der Sozialdemokratie borge- warfen, daß sie eine einseitige Klassenpartei sei, daß ihre Stadt- verordneten im Stadtparlament arbeitcrschädliche Handlungen vor- genommen hätten. Besonders war es der in Parteigenossenkrcisen aus dem 6. Berliner Reichstagswahlkreis bekannte Herr Roß, der verschiedenes auf diesem Gebiete leistete. Und als dann die Hauptwahlen vorüber waren, und feststand. daß die Demokraten eventuell den Ausschlag gebe»» würden, da konnte man von neuem die Taktik der Demokraten bewundern. Die Demokraten haben ganz energisch, das wollen wir gern konstatieren, unseren Kampf gegen die Wahlrcchtsräuber unter. stützt. Sie hätten also dafür wirken müssen, daß ihre Wähler ge- schlössen gegen die Wahlrechtsräuber eintreten müßten. Und was erleben wir da? Einen Tag vor der Stichwahl erst erfahren die nicht in der Generalversammlung anwesenden Demokraten, welche Parole ausgegeben wurde. Warum hat man solange mit der Herausgabe der Parole gewartet? Wir können doch nicht annehmen, daß»nan darauf lauerte, daß sich die Sozialdemokratie noch formell an die Deinokratie wenden und um deren Stichtvahlhilfe bitten sollte. Auf Grund der ganzen Haltung konnte die Demokratie gar nicht anders, als für die Sozial- demokratie einzutreten. Nicht aus Rücksicht auf die Sozialdemo- kratie, sondern aus Rücksicht auf ihre eigenen Grundsätze mußte sie entsprechend ihrer bisherigen Haltung ihre Parole ausgeben. Der Vorstand der Demokratischen Vereinigung hat denn auch der Generalversammlung einen derartigen Antrag unterbreitet. In der Generalversammlung wurde mit 16 gegen 13 Stimmen beschlossen, für die Sozialdemokratie einzutreten. Die Minderheit war dafür, eS den Wählern zu überlassen, wie sie stimmen wollen, also eventuell konnten die Wähler auch die Wahlrechts- räuber unterstützen. Die Zeit, für die Wahl der sozialdemo- »ratischen Kandidaten zu kämpfen, wie es der in der Eeneralver- sammlung angenommene Schlußsatz verlangte, war jedoch sehr kurz. Seitens des demokratischen Borstandes wurde nichts getan, um die nichtanwesenden 100 Wähler der 2. Wteilung, welche diese Parole befolgen sollten, über den Generalversammlungsbeschluß zu informieren. Im Gegenteil. Wie jetzt vom„Neuköllner Tageblatt" festgestellt wird, hat sie den Schlußsatz aus der Resolution nicht gestrichen. Damit wird also festgestellt, daß der Schlußsatz der Resolution-: „und mit allen Kräften für die Wahl derselben(gemeint sind die sozialdemokratischen Kandidaten. D. Red.) einzutreten", von dein Vorstand oder dem Schriftführer der Demokratischen Vereinigung unterschlagen wurde. Demnach war man garnicht ernst- hast bestrebt, für die Sozialdemokratie einzutreten, sondern man faßte den Beschluß nur, weil man nach außen nicht anders konnte. Und die Herren haben das erreicht, was augenscheinlich beabsichtigt war. Von den 66 demokratischen Wählern im 6. Bezirk haben 16 für die Gegner und 24 für die Sozialdemokratie ge- stimmt, während noch 26 Wähler der Wahl fernge- blieben sind. Also ein gutes Drittel der demokratischen Wähler hat die Wahlparole befolgt, während die übrigen zwei Drittel durch ihre Haltung den Sieg der Wahlrechtsräuber ermög- licht und damit den Gedanken der Demokratie geschändet haben. So hob dieser Stichwahlkampf wenigstens die nötige Klarheit über die Demokraten gebracht. Eine Lehre, die unter Umständen zwei Mandate wert ist. Unsere Parteigenossen haben in den ein- zelnen Bezirken versucht, soviel Reserven heranzuziehen, als möglich war. So haben wir im 2. Bezirk 69Stimmen mehraufge- b r a ch t als am Tage der Hauptwahl, im 3. Bezirk 6 9 S t i m m e n und im 6. Bezirk 64 Stimmen. Da-die Sozialdemokratie von den 6 Bezirken der 2. Abteilung 4 erobert hat. so muß ihr später— wenn die gegnerischen Mandate erledigt sind, welche jetzt noch turnusmäßig weiterlaufen— doch die Mehrheit in der Stodtverordnetenversammlung werden. Jetzt schon ist die sozialdemokratische Fraktion mit 31 Mandaten die stärksti' Fraktion des Rathauses, ihr folgt die altbürgerliche mit 29 und di-- kommunalfortschrittliche mit 12 Mandaten. Bei der Maifeier in der Vereinsbrauerei ist ein Portemonnaie mit Inhalt gefunden worden. Dasselbe kann bei Paul Fischer, Neukölln, Weisestr. 14, von dem Eigentümer in Empfang genommen werden. Gchöneberg. Rrbciterrifiko. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich vorgestern nachinittag in der Brunhildstraße. Dort wird gegenwärtig das Haus Nr. 4 renoviert, zu welchem Zweck um das Gebäude herum ein Leitergerüst errichtet ist. Als vorgestern der gljährige Bauarbeiter Hermann Abholz auS der Arndtstr. Sö in Berlin auf dem Gerüst in der Höhe der dritten Etage tätig war. stürzte er infolge eines Fehl- tritts rücklings in die Tiefe und blieb blutüberströmt und be- sinnungSloS auf dem Bürgersteig liegen. Der Verunglückte, der außer einem Schädelbruch schwere innere Verletzungen erlitten hatte, wurde in hoffnungslosem Zustande nach dem Schöneberger Kranken- hause übergeführt. Könists-Wusterhausen. Am heutigen Sonntag, den 5. Mai, nachmittags 4 Uhr, findet im Lokale Wedhorn. Altes Schützenhaus, die Neuwahl von 26 Arbeit- nehmervertreter der Gemeinsamen OrtSkrankenkasse für Königs- Wusterhausen und Uiiigegend statt. Versäume kein Kasienmilglied, zur Wahl zu gehen und wirke jeder darauf, nur solchen Kandidaten die Stimme zu geben, die die Fähigkeit und den Willen besitzen, die bestehenden Ucbel in der Kasse zn beseitigen. Stiinmrecht haben nicht nur männliche, sondern auch weibliche Äasseiimitglieder. Als Legitimation ist das Ouittungsbuch der Kasse mitzubringen. Kalkberge-Rüdersdorf. Den Achtstundentag hat am 1. Mai d. I. die königliche Berg- inspeltion Hierselbst im fiskalischen Betrieb eingeführt. Da gelegent- lich der verflossenen Rcichstagswahl fast sämtliche im Bergwerks- betrieb beschäftigten etwa 1100 Arbeiter dem sozialdemokratischen Kandidaten ihre Stimmen gegeben hatten, glaubt die Berginspeklion jedenstll« mit diesem Entgegenkommen die unzufriedenen Arbeiter wieder beschwichtigt zu haben. Potsdam. AuS dem Geschäftsbericht der Konsumgenossenschaft„Hoffnung� für Potsdam und Umgegend ist zu entnehmen, daß die Mitglieder- zahl sich im letzten Halbjahr von 12l9 auf t640 erböht hat. Der Umsatz stieg von 164 894 M. im letzten Halbjahre auf 203393 M. Die Spareinlagen stiegen von 48 000 M. auf rund 70 000 M.; auch die Mitgliedcrguthaben erhielten eine Zunahme von 4319 M. Der Antrag der Verwaltung, sich mit dem Konsumverein Nowawes zu verschmelzen, und zwar in der Form, daß letzterer mit Aktiven und Passiven übernommen ivird, fand gegen 7 Stimmen Annahme. Be- reiis durch den gemeiilsameii Bau der Bäckerei war der Grundstein zu dieser Verschnielzung gelegt. Die Ersatz- bezw. Neuwahl ergab die Wiederwahl deS Genossen Ziemann und die Neuwahl des Genossen Sabrowski-NowaweS in den Vorstand. In den Aufstchtsrat wurden die Genossen Hausmann und E. Krüger, außerdem die Genossen Oldenburg- und Wittke-Nowawes neu- bezw. wiedergewählt. Tödlicher Absturz von der Treppe. Im Haufe Charlottenstr. 69 stürzte gestern vormittag das 68 jährige Fräulein Greßler, das den dort wohnenden Arzt koiifultiert hatte, auf der Treppe infolge eines Fehltritts ab und erlitt dabei einen doppelten Schädelbruch. Sie war auf der Stelle tot. Jugendveranstaltunge«« Tempelliof-Mariendorf. Heute Spielpartlc nach Johannisthal Tresspiliikt 0,2 Uhr. Kanalbrücke, Berliner Straße. Unkosten entstehen aus diesem Aiisfliige nicht. U!>ost. Lichter, cldc. Heute Sonntag, den 6. Mal: Frilhpartle nach Jagdschloß.Drei Linden'. Abmarsch MesenSdorser Brücke(Diesenbaude), pünltlich um'/e" Uhr._ Arbcitcr-Samariterbuiid, KreiS Brandenburg. Lehrabend babcn in dieser Koche: Berlin. 1. Abteilung: Montag, RUterstraße 75, Restaurant Ritter« säle, abends 81/, Uhr. «chSneberg. 3. Abteillliig: Donnerstag, Borbergstraße 0, bei Haendel. abends 81/, Ubr. Lichtenberg. 4. Abteilung: Donnerstag, Scharnweverstr. 00, bei Pickenhagen, abends 8 Uhr. Spandau. Mittwoch bei PcczileS, PichelSdorser Straße 6, abends 8'/, Uhr. Marien darf. Montag bei Löwcnhagm, Chausseestr. 27, abends 8'/, Uhr. R o w a w e S. Freitag in der Fortbildungsschule, abends 8'/, Uhr. Schöneweide. Montag SiemcnSstr. 12, abends 8'/. Uhr. FriedrichShagen. Donnerstag, Friedrichstr. 60, 2. Hos, odcudS Hus aller Alelt. Die Men febenf alle auf der„Citamc". DaS auffallende Mißverhältnis in der Zahl der geretteten Passagiere der ersten, zweiten und dritten Klasse der„Titanic" ließ die Vermutung aufkommen, daß den Passagieren der dritten Klasse die Möglichkeit der Rettung dadurch genommen wurde, daß man sie nach dem Zusammenstoß am Betreten des DeckS hinderte. Verstärkt wurde diese Vermutung durch die Aussage deS Direktors I S m a y, daß er beim Ver- lassen der«Titanic' keine Frauen und Kinder mehr an Deck gesehen habe, während doch feststeht, daß 103 Frauen und Kinder— zumeist Angehörige der dritten Klasse— mit dem Ozeanriesen ertrunken sind. Die Aussage eines geretteten Z w i s ch e n d e ck p a s s a g i e r s vor der ameri» kanischen Untersuchungskommission läst die Vermutung, dasi viele Passagiere wie in einer Falle gefangen zugrunde gingen, zur ent- setzlichen Gewißheit loerden. Der Mann, ein Jrländer namens Buckley, erklärte, daß große Mengen Wassers in das Zwischendeck gedrungen sei, worauf die er- schreckten Passagiere die oberen DeckS zu erreichen ver- suchten. Die Matrosen hätten zwar die dorthin führenden Zu- gänge mit Gittertoren versperrt, doch seien diese von der von Panik ergriffenen Menge schließlich niedergerissen worden. Uebrigens behauptet die Zuschrift eines Sachkundigen an uns, daß die Seeleute auf verschiedenen großen Dampfern die mündliche Anweisung haben, bei Kollisionen, Feuersbrunst oder so n st igen Gefahren die zum Zwischendeck führen- den Klappen zu verschrauben, damit die Zwischendecks- Passagiere in ihrer Ueberzahl sich nicht der Rettungsboote bemächtigen könnten. Das scheinen ja ganz furchtbare Zustände zu sein. Es muß immer wieder verlangt werden, daß nicht mehr Personen auf den Dampfern sein dürfen, als tatsächlich Platz in den Rettungsbooten ist. Freilich liegt das nicht im Interesse der kapitalistischen Gesell- schaften, deren erster Grundsatz Steigerung des Profits ist. « Am 6. Mai tritt im Reichsamt des Innern eine Kom- Mission zusammen, die über größere Sicherheitsmaß- nahmen für Seedampfer beraten soll. Zur Erörterung stehen folgende Punkte: 1. Vorkehrungen gegen das Sinken der Schiffe und Schottenvorschristen; 2. Ausstattung der Schiffe mit Rettungsbooten und Rettungsdienst im allgemeinen; 3. drahtlose Telegraphie und 4. Dampferrouten sowie Fahrgeschwindigkeit, Schein- werfer und sonstige Borsichtsmaßregeln. Das Ergebnis der Be- ratungen soll dann einer internationalen Konferenz unterbreitet werden. Ter Pleitegeier im Studentenkorps. Im Restaurant Hähnchen in Bonn versammelten sich dieser Tage die Gläubiger des Oekonomen W. Dux vom Studentenkorps P a l a t i a, der sich zahlungsunfähig erklärt hat. Es wurde in der Versammlung auSgesührk, daß zahlreiche Bonner Geschäftsleute ganz erheblich geschädigt worden seien und zwar nur deshalb, weil sie im Vertrauen auf das Korps lieferten. Sie waren der Ansicht, daß die Lieferungen nicht aus Rechnung des Düx, sondern des Korps selbst erfolgten und der Oekonom nur als Besteller in Betracht käme. Sie wurden in dieser Annahme bestärkt dadurch, daß das Korps z. B. Wein und Zigarren direkt über den Kopf des Oekonomen hinweg bezog, ferner, daß das KorpS im vorigen Sonnner dem Oekonom 3000 M. zur Deckung der Schulden überwies und schließlich, daß Düx behauptete, alle Rechnungen überBezügevon Lebens- Mitteln müßten den Alten Herren vorgelegt werden. Einige besonders schwer getroffene Lieferanten haben sich vertrauensvoll an eine Reihe Alter Herren des Korps Palatia gewandt mit der Bitte, dafür zu sorgen, daß ihre Forderungen be- glichen werden. Tief beklagt und als unverständlich bezeichnet wurde es, daß hierauf ein völlig ablehnender Bescheid ein- gegangen ist. In der Versammlung wurde die Erwartung aus- gesprochen, daß doch noch eine Regelung durch die Alten Herren erfolgen werde. Sollte cS nicht der Fall sein, so will man versuchen, auf dem Prozeßwege gegen däs Korps Bezahlung zu erlangen. Die Passiva betragen etwa 12 000 M.; Aktiva sind so gut wie gar nicht vorhanden. Zu den Ge- schädigten gehören Bäcker, Metzger, Kolonialwarengeschäfte, Blumen- geschäste, Geflügelhandlungen, Eier- und Duttergeschäfte, Delikateß- geschäfte und— der Korpsdiener.> Das sind ganz reizvolle Zustände. Das Korps konsumiert alles das, was von den Geschäftsleuten bezogen und nicht bezahlt wird; die Rechnungen werden sogar von den„Alten Herren" ge- prüft, woraus sich ergibt, daß der Oekonom tatsächlich nur als bloßer Besteller in Betracht kam. Das Korps Palatia hat vor zwei Jahren große Berühmtheit dadurch erlangt, daß es nach einem RüngSdorfer„Bierhock" einenZug derKleinbahn stürmte und sich dabei recht indianermäßig benahm. Religiöser Wahnsinn. Eine einzigartige Bittschrift ist von 331 in Z i o n c i t h be- schäftigten Arbeitern dem englischen Botschafter in Washington zu- gegangen. Die Arbeiter haben in der von religiösen Fana- t i k e r n bewohnten Stadt sehr viel zu leiden. So ist u. a. das Rauchen verboten. Speziell wegen dieses Verbotes ist es zwischen den Zionisten und Arbeitern schon häufiger zu Zusammen- stößen gekommen. So kam es kürzlich wieder nach dem Verlassen der Kirche zu ernsten Zusammenstößen. Zwei Arbeiter wurden von den Zionisten ergriffen und durch die ganze Stadt geführt als Zeichen des Abscheu s für das Publikum. Fromme Kirchenlieder wurden hierbei gesungen. Die englischen Arbeiter ersuchen in ihrer Bittschrift den Botschafter, sie gegen diese Ueber- griffe religiös überspannter Menschen zu schützen. Kleine Notizen. Krieg im Frieden. Bei einer Uebung auf dem Exerzierplatz in S a a r l o u i s brach bei einem Geschütz während des Aufmarsches im Galopp die Verbindung zwischen Protze und Lafette. Die Artilleristen gerieten unter die Protze und wurden eine kurze Strecke mitgeschleift. Während einer von ihnen seinen Ver- letzungen erlegen ist, kamen die beiden anderen mit schweren äußeren Verwundungen davon. Von tollen Hunden gebissen. Meldungen aus Arlon berichten, daß im Großherzogmm Luxemburg in der letzten Zeit zehn Personen von tollen Hunden gebissen worden sind. Bis jetzt sind zwei Personen unter furchtbaren Oualen ge- storben. Die übrigen Kranken haben in Hospitälern Unterkunft gefunden. Mehrere von ihnen werden im Pasteurschen Institut bei Paris behandelt. Ein Priester als Wechsclfälscher. Der Priester Guglielmo M e r a ist von dem Gericht von B a r e s e sJtalien) wegen Wechsel» fälschung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Brnfkaften der Redaktion. und B. 8 und G. 8. Wiederholen Sic die Anfrage und geben Sie noch an, wann die Ehe geschlossen und wo der erste Ehclvohnlitz gewesen ist.— M. 2. Rechtlich erscheinen Sie dazu verpflichtet, insbesondere deswegen, weil Sie bisher nicht abgelehnt haben.— M. D. TZ. Ja, sofern die Schwiegermutter Armenunterstützung bezogen hat.— Gädickc. Ja.— A. B.'Z. Nein; das Amtsgericht ist die nächste Instanz.— A. P. 2. 9. t. Nur dann, loenn unsachgemäß verfahren oder ungeeignete Mittel ver- wendet sind. 2. An den Magistrat.— W. G. 100. Der Möbelhändler ist im Recht.— Zl. L. 210. Beantragen Sie beim Amtsgericht unter lleberreichung deS Urteils die Pfändung und Ueberweisung der Forderung. — R» W. 75. Beantragen Sie bei demselben Gericht Vollstreckung?- beseht und Zwangsvollstreckung.— E. K. 1000. Die Gründe erscheinen nicht ausreichend.— S. M. 800. Die Firma ist zu dem Verlangen berechtigt.— A. D. 106. Soweit ersichtlich, nein. Sie können abxr, salls die Frist noch nicht verstrichen ist, gegen die Veranlagung reklamieren. — P. U. 35 1807. Läßt sich erst nach Einsichtnahme in die Schriststücke beurteilen.— E. H. 6566. Nein.— Orbg. W. 1. u. 2. Die mündliche Vereinbarung ist gültig. Es kommt also vierteljährliche Kündigung zur Anwendung. 3. Am ersten Quartalstage.— W. 156. Nein. — P. M. 28. Ja.— I. K. 112. 1., 2. und 5. Ja. salls nicht ein Irr- wm über die güterrechtlichen Verhältnisse vorliegtt. 3. Notar oder Amts- gericht. i. Mit der Eintragung w daS Güterrechls-Register.— R. P. 01. 1. U. E. nein. 2. Nein. 3. Ja. Die Antwort aus Ihre srühere Anfrage ist In der Nr. 86 deS„Vorwärts" erschienen.— A. A. 78. Die Be- rukungssrist läuft— falls es sich um einen Zivilprozeß handelt— vom Tage der Z u st cl I u n g des Urteils ab gerechnet, einen Monat.— Marktbericht von Berlin am 3. Mai 1012, nach Ermittelung des königl. Polizeipräsidiums. M a r k t h a l l e n p r e i s e.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00—50,00. Speisebohnen, weiße. 30 ,00—56,00. Linsen 35,00—80,00. Kartosiein(Kleinhdl.) 8,00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, vi'-' 1,40— 1,80. Schweinefleisch 1,40— 2,20. Butter 2,60-:. Karpfen 1,00—2,40. Aaie 1,60—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,20—2,60. Barsche 0,80-2,00. Schleie 1,40-3,20. Bleie 0,80-1,40. 60 Stück Krebse 1,80-50,00.__ WasserstandS-Rachrichten• der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Z-s- bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Unterpegel. Gegründet 1879 y'.'i' Gegründet 1879 Oranienstr.(Moritzplate) 58 Specialiiat; 1 Zimmer und Küche! 2 Zimmer und Küche 'Ü. 234- M. 333.- M. 409.-" M. 496.- i M.m- M. 571.- M. 680.- M. 773.- M. 566.- M. 81?.- M. 655.- bis M. 1U00.-| M. 867.- M. 991.- M. 1044- bl» M. 2500,- Vertn«' kn"-Hwd*• Krl«' �•n• Eiwrit Werk8ti«'en» Besiohtljnng•rbolin• UosterbBCb jratii ülelne Fabrlkr&nme sind Sonntag;« nnr v. 8—10 Uhr g-eHlfnet�� Sommer Popellne-MSntel in denen wir Ihnen sowohl In bezug auf Fastont alt auch auf Modelle und sehr aparte Farben ganz ungewöhnliche Autwahl bieten 1078 13S0 16S0 IQOO 2175 26« vi. 3760 Ulster In Steffen englisch Art mit den med., einseitig gehalt. Garnlcrungen. tadellos sitzend, schon von 57B an Kostüme In diesem grossen Modeartikel finden Sie bei uns Uberwältigende Auswahl In nur allerletzten tot- schicken Modellen In Kammgarn. Phantasiestoffen, Lei. nen u. Bast besonders vorteilhaft 1576 1975 2400 2850 3600 41 s bis 8600 Verkauf I .y Kleider In zart. 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Tagesordnung: Bericht von der ordentlichen Generalversammlung und Stellungnahme zur aufterordcntl. Generalversammlung. Außerdem findet in folgenden Lokalen die Fortsetzung der Bezirksversammlung vom 29. April statt: OSteD* Comenlna-Slllc, Memcler Str. 67, abends 8% Uhr. Stralau and Rummelsburg: ZT* Südenbezirke:*ottiu[et Xflmm 76' do. Süd-Ost: Waldcmarstr. 7S. abends 8-/, Uhr. Dienstag, den 7. Mai 1912, abends 8'/, Uhr: �lOablt' Jp.®tzcnho'cr Brauerei, Durmstr. SS/Sv, abends 8 Uhr. Mitgliedsbuch legitimiert: Festsäle„Neu Kölln" früher Feuerstein Alte Jakobstr. 75.--»tum«7 Alte Jakobstr. 75. Empfehle die renovierten Säle mit elektr. Beleuchtung sowie Naturgarton für Festlichkeiten, Sommerfesto sowie Hochzeiten unt. kulanten Bedingungen. Anerkannt gute Küche. Voreinszimmer f. 60— 150 Personen. Seit Jahren bekannt f. Vereine n. Gewerkschaften. * Wojciechowskl(trllher„Artushof", Perleberjer Str. 28). Die Versammlungen werden pünltlich erössnet. Dienstag, den 7. Mai 1912, abends« Uhr: M?" Versammiung"üi aller in den StempelfabriKkn bkschäftigten Koßtgt« nnd Kolltginnen im GewerkschaftshauS, Engelnser IS(Saal 4). Tagesordnung: Beschlnftfaffung über die aufgestellte» Forderungen. Bei der änßcrst wichtigen Tagesordnung ist da» Erscheinen sämtlicher in dieser Branche Beschäftigten unbedingt erforderlich. Dienstag, den 7. Mai 1912, abends 9 Uhr: Versammlung"VI aller in der Mtiftttnllbrauchk beschäftigten Koliegen nnd Kolltgiiinen in den Nittersälen. Rilterstraße 75. Tagesordnung: t. Vortrag de« Kollegen K. Mücke über: Die Konzentratton der Industrie und die Stellung der Arbcilcr dazu. 2. BcrbaudSangelegcnheiten. 3. Verschiedenes. SS ist notwendig, daß alle Kollegen erscheinen. tl8/t5 JOI«. Ortsvcrn altang. Kleber!"MV A-der zlt tarifmäßigen Preisen arbeitende Kleber milfi für die Monate Mai-Oktobcr im Besitze einer Kontrollkarte sein. Dieselbe wird Montag, den 6. Mai. abends 8 Uhr. bei ycr. Dranicufir. 103, ausgestellt, und gilt für die Zeit ve�� bis 18. Mai, die andern Erueuernngsstellc» werden spä DM umt gemacht. In derselben Versammlung findet die SuT eines Baukontrolleurs für die Monate Mai bis Oftober statt. 178/7 Die VerbaudSleitung. �Jm gold'nen Fpühüngssonnenschein »llusst Du stets chic gekleidet sein .Opum kauf bei DskapWollbyrg ein. 56 Brunnenstraße 56. Nur eigene Fabrikate. Nur eigene Fabrikate. 0 ne jeden Zwischenhandel, Daher unvergleichlich in Auswahl und Preiswürdigkeit. Passend für>de Figur. P*ll8 Kflsfüiiie Stof/..eediegenstcVerarb. jetzt�wiSO foö"■ UvtSO tt»"" IMm Vi! tariiige fiaoeüiäQte! 1.50 aus Tuch, Rips. Alpaka, Popel ine, Voile und Seide, nur kleid- e» an og gg same Fassons.... jetzt IT.50 löi— ÖO'— EdüI Palitots ßoii Hitler ß in 19 1Q jetzt 0 50 1U.7S ld.50 13.- Extra preisuferte Angebote in Kinder- und Badefisch- Konfektion, Staub- a. Reise-Mänteln, wetterfesten Loden- Capes, Röcken und Blasen. o o Bremen-Kannoversehe Sebensversichemgsbank A. 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Max Wiegand, Soldinerltraffe 66, Patentanwalt Menzel, Chausseestraffe 5,_ Berlin. 1100K* Patentanwalt Wessel, Gitjchiner- straffe 94a,_ Patentanwalt Müller, Gitschiner- straffe 81, 2439K* Kunstsiopserei von Frau Kolosky SchlackteNsee, Kurftraffe 8 III. Sargmagazin Stephanstraffe 55, Rasenbleiche. Wappler, Köpenick, Luisenstraffe 4, liefert schneeweiße Leibwäsche, Laken, 4 Handtücher, 10. Vertausch ausgeschlossen. Abholung täglich, 13391t Jede Uhr zu reparieren 1,25 (auffer Bruch), kleinere Reparaturen billiger. Kariel, Uhrmacher und Juwelier, Brunnenstraffe 118, Ecke Usedomstraffe, 1026K* Pfandleihe MarkuSstraffe 27. Kunststopferei Große Frankfurter- straffe 67. 2399K* Handwäscherei. Groffe Stücke, Leibwäsche, vier Handtücher 0,10, Abholung Mittwochs, Friedrich Genzler, Köpenick, Müggelheimer» straffe 13, 1495K Wüsche wird sauber und schonendst gewaschen, Laken, vier Handtücher 10 Pfennig. Abholung Mittwochs, Frau Reetz, Köpenick, Dorolbecn- straffe 11. 149711 Wäsche wird sauber gewaschen. Bettwäsche, Leibwäsche, drei Hand- tücher, vier Taschentücher 10 Pfennig. Abholung Donnerstags. Robert Pflugbeil, Köpenick, Glienickerstraffc 18, Schulfreie, hübsche, junge Mädchen, die sür Gesang und Tanz begabt sind, erhalten kostenfreien Unterricht in Gesang und Tanz und späteres Engagement an einem ersten Berliner Theater garantiert. Meldungen tag- lich— auch Sonntags— zwischen 4 und 6 Uhr bei Frau Ballettmeister Genta, Berlin, Klopstockstraffe 38, II, Etage�_ 1499K Achtung 1 Radsahrerv ereine. Als Start und Vereinslokal vorzüglich geeignet Kantine Brunnenstraffe 181, 2, Hof, Am Rosenthaler Tor.+99 Aus! Ans! zur Herrenpartie des Mufikvercins„Freundschast" am 16, Mai(Himmelsabrtstag) zum Alten Freund in Pichelswcrda, Abmarsch früh 7'/, Uhr von Ballschmieder, Bad- straffe 16, Musik zirka 40 Mann unter Leitung des Dirigenten Uhrhahn, Vereine und größere Korporationen werden gebeten, uns vorher zu be- nachrichtigen, damit wir für Ver- pflegung sorgen können: alles andere Plakate und mündlich bcini Vereins- Wirt Molhes, Bastianstraffe 3,+27 Lcwandowoky-Gesellschast, Quitzow- straffe 105.+5* Wäsche ivird sauber und schonend gewaschen, im Freien getrocknet, Laken, Leibwäsche, drei Handtücher 10 Ps, Abholung undLieserung Donnerstags, A, Lehmann, Köpenick, Wilhelm- straffe 8/9. 1496K Wäsche wird sauber, schneeweiß gewaschen, im Freien getrocknet, Laken, Leibwäsche, vier Handtücher 10 Pf, Abholang täglich, Frau Behrendt, Köpenick, Dorotheenstraße 20, 1498K Tampfwäscherei Gustav Brauns, Neue Königstraffe 87, liesert tadeltose Wäsche, Drei Handtücher 0,10, Laken 0,10, Bezüge 0,15. Kein Vertauschen, Abholung täglich, 1518b Handwäscherei Otto Hamme, Köpenick, Müggelheimcrstraffe 22, liesert schneeweiße Wäsche, schonendste Behandlung, Laken, Leibwäsche, vier Handtücher 0,10, Abholung Mittwochs. Donnerstags, 1563b Waschanstalt Frau Gräbenitz, Köpenick, Luiscnstraffe 11, wäscht Leib- Wäsche, Laken, vier Handtücher, fünf Taschentücher 0,10, Abholung und Liescrnng Mittwochs, 1502b Wäsche wird schonendst ge- waschen, tadellos gerollt, Leihwäsche. vier Handtücher, vier Taschentücher, Laken 0,10, Kein Vertauschen. Ab- holung, Lieserung Donnerstags, Hcrm, Kubasch, Köpenick. Flemming- straffe 9. iseob Waschanstalt Bonack, Köpenick, Spreestraffe 1, wäscht tadellose Wäsche ohne scharfe Substanzen, Leibwäsche, vier Handtücher, Taschentücher 0.10. Lieserung, Abholung täglich, 1561b Aufpolfterung, Sosa, Matratzen billig, im, aufferm Hause. 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Tamenwäsche, Maschinen-, Hand« Näherin im, Barth, Schwedterstr, 12. �Tüchtige Plätterin verlangt Frie. drichsbergerstraff: 26,+43 Blusenarbeiterin Albrecht, Char- lottenburg, Leibnizstraße 97.+29 �Geübte Maschinennäherinnen aus leichte Weiffnäherei sosort gesucht. Hermann Tietz. Franksurter Allee 108/112, Pcrsonalleitung, 1502K Aendertnnc«, tüchtig und er» fahren, sür bessere Damenkonfektion gegen hohen Lohn zum sofortigen Eintritt sucht P. Gultmann, Tauen- tzicnstraße 18a, Hochparterre, 1561K Stepperinnen, Batist, Voile- blusen. verlangt Gutsche, Lornholmcr- straffe 9 a III._ 15206 Saubere Blusenarbeiterin verlangt SierakowSki, Elsenstraße 41, 1528b Fantasie, Geübte Binderinnen und Kleberinnen finden im Hause sehr lohnende Belchästigung bei Ge- brüder Nelson, Leipzigerftraße 71/72, Straustfedern. Geübte Lege» rinnen, Krause- und Näherinnen in und auffer dem Hause sehr lohnende Bcschästigung bei Gebrüder Nelson, Leipzigerftraße 71/72, 1526b* Lehrinädche» sinden in unserer Straufffedersabrik vorzügliche Aus- bildung und nachsolgende Beschäfti- gung bei Gebrüder Nelson, Leipziger- straffe 71/72, 1S25b* Pleurenien-Knüpserinnen, geüble, finden Beschäftigung bei Gebrüder Nelson, Leipziger straffe 71/72, 15246 �Wirtschafterin, bescheiden, sür kleinen Hausbalt gesucht, 10—3 Uhr. Reichenbergerstraffe 105 I r. 77/3 Leistungsfähige ältere Schuhfabrik, �b« welche eine preiswerte, solide Ware fabriziert, sucht einen bei den Konsum« vereinen in Deutschland eingesührten Vertreter sür sosort eventuell später. Offerten unter A 3 an die Haupt» Expedition des„Vorwärts" erbeten. Für unsere Kartonfabrtk suche» wir zur Entlastung des ersten Werk» Meisters einen zweiten. Derselbe muff möglichst aus der Branche sein und schon ähnliche Stellung bekleidet haben. 1532b Schriftliche Offerte erVelen Roseudeim& Kaufmann, Kartonfabrik, Winsstr. G3/63. Nichtige Keiler S'Ä verlangen liOnie»& H.Locwen- stein, Ziegelstraffe 28. 78/3 Achtung, Wagenbauer! In den nachsolgendcn Wagen- und Karosscriefabriken befind«» sich die Arbeiter im Streik und sind alle Arbeitsangebote dieser Firmen strikte zurückzuweisen. Gesperrt sind: Erdniann u. Rosst, Linien» «raffe 139/140. Rudolf Franke. Jnselstr. 11 Mb Courbierestr, 14. Hofschulte, Luiscnstr. 21. Kellner, Kaiscrin-Augusta-Allee 101. Kliemt, Neue Königstr. 74. Lange u. Gutzeit, Frankfurt« Allee 22/23. Max Sasse. Charlottenburg, Fritschestr, 27/28, Schebera, Wilhelmstr. 130/132. Scheu, Bcsselstr, 21. Utermöhle, Groffe Frankfurt« Straffe 137. Wienicke, Pankow, Breite Str. 17. In Frage kommen: Stellmach«, Schmiede, Schlosser, Lackierer und Sattler. Zuzug ist streng fernzuhalten. 176/8* Die Streikleitung. Achtung! Holzarbeiter. Wegen Streik oder Loh«- diffcrciizcn sind gesperrt: Tischleret Selmstee, Koper- nikuSstraste£3. Berufsverein der Berliner l'arkettgteschältc, Charlottenburg, Uhlandstrastc. Für Hartgummi--Arbeiter die die Firma Ziatthnev, Schle- fifchc Str. 3S. Das Berliner Arbeitswilligen» verinitteiungsbureau d. gelbe« .HandwcrkerschuhverbandeS". Arbeitsnachweis d. Stellmacher- innung und der Wagensadri- kante«, Kaiser-Franz-Grenadier» Platz, Zuzug ist streng fernzuhalten. Die vrtsvervaltung llerlln de» Deutschen Holzarbeiterverbandes. Für die Norden. Ausgabe unserer heutigen Nummer liegt ei» Prospekt des Schuhwaren- Hauses Lonls(falle, Berlin K.. Chauffeestr. 75, bei. ts/24. i ii 10(uuei atuee i,/*, uum._ n/io yiicuc,_ iü+su- oerouno oer Wanwrrrsgeyltfe«. Zweigverein der Eafs-Angestemen. Verantwortlicher Nedatteuri Albert«Lachs, Serlia. Mr de? Lnftrat-nteil verantw.:Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Perlag: Borwärt» Buchdrucker« u. Verlagsanstalt Laui Smger u-to* Berlin Sw.