Ar. 105. nbonnement$'ßfdiiigottgen: Abonnements- Preis Pränumerando! McrtelMrI. 3,30 Mb, inonatl. 1,10 Mb. wöchentlich 28 Pfg. frei ins HoitS, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags» nummet mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deuischland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Poswbonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl. Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 39. Jahrg. vie Insertion!-Ledühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 80 Pia. ..Alelne Hnzclgen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. ~~ zesuche und Schlasstellenan- gen das erste Wort 10 Pfg., jedes Buchserate vlchilllt täglich<>»!» HIODUgl. Berliner Volksblstt. weitere Wort S Pfg. Worte über IS 2 staben zählen für zwei Worte. Ins für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse: „SozUltKnolint Bcrllo". Zentralorgan der fozialdemohratifchen Parte» Deutfchlands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. 1983. Nachlese zum Moloniaktat. 11. Die wichtigste Frage der ganzen Kolonialpolitik ist ohne Zweifel die Arbeiterfrage. Hier klafft zwischen Sozial- demokratie und bürgerlichen Parteien ein unüberbrückbarer Gegensatz. Wir wissen, daß der farbige Arbeiter mehr als der weiße ein Ausbeutungsobjekt ist, daß das Kolonialkapital aus seinen Knochen hohen Profit herausschinden will, und daß bei diesem Bestreben alle Gesetze der Menschlichkeit und Gerechtig- keit mit Füßen getreten werden. Im Grunde ihres Herzens weiß die kolonialfreundliche Bourgeoisie das auch ganz genau. aber sie will es natürlich nicht eingestehen, wie sie auch die Ausbeutung des weißen Arbeiters bestreitet. Auch die Aeuße- rungen der bürgerlichen Redner im Reichstage beim Kolonial- etat sind stets Variationen auf die Melodie von dem„Segen der Kolonialpolitik für die Eingeborenen". Nur schade, daß der Kolonialmilitarismus und andere„Kulturpioniere" dafür gesorgt haben, daß die Sorge um Arbeitskräfte zum brennend- sten Schmerz unserer Kolonialinteressenten geworden ist. Alles Gerede über„Erziehung der Eingeborenen zu christlicher Kultur" und wie die sonstigen heuchlerischen Zivilisations- Phrasen alle lauten mögen, kann nicht über die Tatsache hin- weghelfen, daß die brutale und egoisüsche Raubwirtschaft, die nüt den kolonialen Arbeitskräften getrieben wird, einen immer größeren Mangel an solchen hat entstehen lassen. Erst kürzlich hat eine Sitzung des kolonialwirtschaftlichen Komitee Vorstandes stattgefunden, in der sehr bewegliche Klagen über„den Ernst der Arbeiterfrage" in allen Kolonien angestimmt und beschlossen wurde, das gesamte Material über die Verhandlungen d-zpi Reichskolonialamt zu überweisen. Diese Klagen werden, ist.' nie verstummen, da die kapita- listische AusbeutungK'Siulhode die Eingeborenen stets veranlassen wird, den Plantagen, Farmen, Gruben usw.-fernzubleiben, es sei denn, sie werden, wie es- meist geschieht, mit List und Ge- tvalt zu- Zwangsärbeitern gepreßt. Denn selbst wenn hier und da einzelne Regierungsbeamte in den Kolonien eine vernünftige Eingeborenenpolitik durchführen wollen, fallen ihnen inimer wieder die Vertreter der kapitalistischen Betriebe, manchmal sogar Missionare(siehe unseren Hinweis aus Ponape im vorigen Artikel) in die Arme, um die gefährdeten Profit- interessen zu schützen. Und zeigt dann ein solcher Beamter Rückgrat, so werden die kapitalistischen Freunde in der Heimat mobil gemacht, die kolonialfromme Presse legt sich ins Zeug, gewisse Parlamentarier arbeiten offen oder hinter den Kulissen gegen den Sünder, bis er zur Strecke gebracht und durch einen willfährigeren Kolonialbureaukraten ersetzt ist. Es braucht hier nur an den Fall Rechenberg unter vielen anderen erinnert zu werden. Ein klassisches Beispiel, wie jede humane Eingeborenen- Politik an den kapitalistischen Profitinteressen zerschellen muß, wie also alle kapitalistische Kolonialpolitik am letzten Ende auf nackte Ausbeutung hinausläuft, liefert ein Bericht über eine Sitzung des Gouvernementsrats von Deutsch-Neu- g u i n e a vom 10. Nov. 1911 in Rabaul(Nr. 23 des„Amtsblattes für das Schutzgebiet Deutsch-Guinea" vom 1. Dezember 1911). Tort verhandelten Kolonialbeamte und Vertreter von Plantagen- firmen usw.; ein Punkt der Tagesordnung war auch die Arbeiterfrage. In dem Protokoll über die Debatten heißt es u. a.: „Der Borsitzende(Gouverneur Dr. Hahl) hält es für ge- boten. Bestimmungen zu treffen, die der Anwerbung(von Arbeitern) einen ganz bestimmten Gang weisen. M i r 0>v(Vertreter einer Firma) führt aus, daß es die all- gemeine Meinung sei, daß der Anwerbung nichts mehr schade, als der. a Ilgen, eine Pflanzzwang. Den Leute», die Erträge haben, falle es nicht ein, von ihren Plätzen fortzugehen und sich aniverben zu lassen. Wenn das Gouvernement den Pflanzzwaug allgemein einführe, müsse dies den Pflanzer iehr schädigen. Der Vorsitzende erwidert, daß der Pflanzzwang den früheren Wünschen des Gouvernementsrats entspräche.... Die Eingeborenen würden jetzt ebenso wie früher durch Befehl ulid An- leitung der Behörde zum geregelten Anbau geführt. M i r 0 w erklärt, daß ihm hiervon nichts bekannt sei. Er wisse nur, daß dem Gouverneur Anregungen gegeben worden seien, die von ihm abgelehnt wurden. Es sei der allgemeine Wunsch, daß der Pflanzzwaug. wo er eingesührt sei. aufgehoben werden möchte. Die Stenern dagegen müßten erhöht werden. Der Vorsitzende meint, daß es demgegenüber wohl eine andere Lösung gebe, die es ermögliche, beides zu behalten. Der Weg würde der sejn, neue Aniverbegebiete zu erschließen und Ar- beiler von auswärts einzuführen. Mirow erwidert, daß sich kaum jemand dazu entschließen würde, die dreimal so teuren Arbeiter einzuführen, wenn eS nicht durchaus sein müsse. Er stelle den Antrag, den Pflanzzwaug in Friedrich-Wilhelmshafen aufzuheben. Der Vor- sitzende erwidert, daß der Pflanzzwang nicht nur in Friedrich- Wilhelmshafen, sondern in der beschriebenen Form überall bestehe. Der Vorsitzende führt aus, daß eS sich beim Pflanzzwange auch darum handele, die Dörfer, die kein: Palmen hätten, damit auszustatten und die E i n g e- geborenen dadurch seßhaft zu machen. Er sei der Meinung, daß jetzt durch eine Erhöhung der Steuern nicht er- reicht werden würde, was man erhoffe, nämlich das Zuströmen der Leute zu den Pflanzungen.... Der Vorsitzende erwidert(auf andere Einwände), es mögen �ihm Wege zur Hebung der Anwerbung angegeben werden. Weber (Bezirlsrichter) meint, daß vielleicht beides vereinigt werden könne dadurch, daß für die Kopra nicht s 0 hohe Preise ge- zahlt würden. Der Staat könnte den Preis fest- setzen und zwar so niedrig, daß es lohne, sich anwerben zu lassen. Der Vorsitzende meint, daß das heißen würde, die Ein- Haltung eines gewissen Preises bei gerichtlicher Strafe zu gebieten. Diese Anregung sei nicht neu. H a e S n e r(Vertreter der Pflanzer) erwähnt, daß die Holländer schon dies System gehabt hätten. Dr. Gehrmann führt aus, daß die Leute nicht mehr so geneigt sein würden, ihre Steuern aufzubringen, wenn man den Leuten bei der Kopraaufberei- tung mit schärferen Maßnahmen zu Leibe gehen würde. v. Blume nthal erklärt, daß hier grüne Kopra eingehandelt werde, in Samoa dagegen trockene. Dr. Gehrmann erwidert, daß dann die Mühewaltung des Eingeborenen gleich Null fei. Mirow schlägt vor, anzuordnen, daß jeder junge Eingedorenc drei Jahre lang arbeiten müßte. Die Einstellung müßte zwangsweise erfolgen. Der Borsitzende erwidert, daß man durch Zwangsarbeit die Leute nur abschrecke, beim Weißen zu arbeiten. Die Kolonien. die Zwangsarbeit gehabt hätten, wären ruiniert worden. Ueber ein gewisses Matz könne der Staat nicht hinausgehen, sonst löse er Widerstand aus. Weber bezweifelt, ob der. der Arbeiter zwangsweise erhalte, sie auch so gut behandeln werde, wie der, der frei- willig Angeworbene beschäftige." Aus den trockenen Worten dieses Berichtes geht folgendes hervor: Der Gouverneur will die(wenig zahlreiche) ein geborene Bevölkerung zur Seßhaft'igMt erziehen, sie zu rationellem Anbau von Kokospalmen u. dergl. veranlassen, kurz kulturell zu heben versuchen. Die Vertreter des weißen Unternehmertums sind damit höchst unzufrieden, wird ihnen doch dadurch der Bezug spottbilliger Arbeitskräfte erschwert. Sie sind daher mit Gegenvorschlägen schnell bei der Hand und finden dabei liebevolle Unterstützung bei einigen anderen Beamten. Sie verlangen eine Erhöhung der Steuern für Eingeborene, denn, so kalkulieren sie, wenn der Eingeborene mehr Steuern zahlen mutz, als er auf seinem Grund und Boden erarbeiten kann, muß er zu uns auf die Plantage kommen und zufrieden sein mit dem, was wir ihm bieten. Andere Vorschläge laufen darauf hinaus, die Wirtschaftsweise(Kopra zubereitung) durch schikanöse Bestimmungen und durch eine Preisherabdrückung von Amtswegen derart unrentabel zu machen, daß der Eingeborene seine Arbeitskraft notgedrungen den weißen Ausbeutern verschachern mutz. Am radikalsten aber ist der Vorschlag, die jungen Arbeiter einfach auf drei Jahre zu Zwangsarbeit zu verurteilen. Es ist wohl niemand darüber im Zweifel, daß der Wille der kapitalistischen Kolonialunter nehmer schließlich über alle wirklichen Kultnrabsichten siegen wird. Sie können sicher sein, daß sicherlich in der Heimat Bankiers', Parlamentarier, Journalisten usw. sich ihrer Schmerzen annehmen werden. Die Eingeborenen aber müssen immer wieder die Kosten dieser„humanen" Kolonialpolitik tragen. Einer der Hauptgründe für den Mangel an Arbeitskräften in den Kolonien ist die Behandlung der Arbeiter, nicht allein in den Plantagen usw., sondern auch bei Arbeiten, die direkt oder indirekt unter Kontrolle des Reiches vor sich gehen. An Beispielen hierfür fehlt es trotz aller Beschönigungs- und Vertuschungsversuche im Reichstage nicht. Ein besonders krasser Fall wird uns von gründlich unterrichteter Seite mit- geteilt. Es handelt sich um den Bau der Bahn in Kamerun— Bonaberi-Nikongeamba(der Manenguba- Bahn). Die Bahn wurde Ende Mai 1911 nach einer Bauzeit von fünf Jahren fertiggestellt. Der Bahn- bau wird als eine technische Glanzleistung bezeichnet, leider ist aber auch hier wie schon so oft der Triumph der Technik mit einer Vernichtung von zahlreichen Menschenleben ver- Kunden. In einem Artikel der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure wird der Bahnbau geschildert;.es heißt da u. a.: „Die Arbeiterverhältnisse beim Bau dieser Bahn waren von Anfang ungünstig. Freiwillige Arbeitsangebote seitens der Eingeborenen fanden nur in geringem Maße statt, und da auch die bisher in der Nähe der Bahn ansässigen Ein- geborenen, um nicht zum Bahnbau herangezogen zu werden, mehr und mehr abwanderten, so war die Bauleitung gezwungen, die nötigen Arbeitskräfte in entfernteren Bezirken der Kolonie an- zuwerben." Eine nähere Darlegung, weshalb„die Arbeiterverhältnisse ungünstig" waren, hat die obengenannte Zeitschrift ab- gelehnt. Wir sind in der Lage, sie hiermit der Oeffent- lichkeit zu unterbreiten: „Bei dem großen Mißtrauen und der schwer zu überwindenden Scheu der Völkerstämme im Innern des Landes war aber das Anwerbegeschäft, so weit eS durch Privatpersonen betrieben wurde, eine vielfach sehr mühselige Arbeit. Der private An- Werber, der vom Austraggeber gewöhnlich pro Kopf eine gewisse Summe erhielt, war oft genötigt, um die Eingeborenen zur Annahme der Werbung zu überreden, sich schwarzer Gehilfen zu bedienen. Letztere berteilten sich auf eine Anzahl Dörfer und wandten so mancherlei Künste und K n i f f e an, um Arbeitswillige zu finden. Vielfach gehörten diese Expedition: SM. 68, lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morittplatt, Nr. 1981. schwarzen Angestellten aber zum Negergesindel übel st er Sorte, die dann, um zum Ziel zu kommen, auch vor Gewalttätig- leiten nicht zurückschreckten. So sollen nun, um die Eingeborenen den Anwerbegesuchen gefügig zu machen, Prügel, Trunken- machen, Binden usw. oft angewendet worden sein. Auf dem Transporte nach der Küste und in den ersten Tagen der Tätigkeit auf der Baustelle ließ dann die Zahl der flüchtig gewordenen Kontraktbrüchigen sehr bald erkennen, ob das Anwerbegeschäft gesetzmäßig vor sich gegangen war oder nicht. Die Vertragsdauer der Eingeborenen betrug durchschnittlich zehn Monate. Im Vertrage wurde den Arbeitern neben freier Unterkunft und Verpflegung ein Tagelohn von 33 Pfennig zugesichert, wovon noch die Anwerbekosten in Abzug kamen. DaS reichlich aus 3000 Negern bestehende Arbeiterheer setzte sich aus Angehörigen der verschiedensten Stämme des Landes zusammen; daher waren Streitigkeiten untereinander häufig. In bezug ans soziale Fürsorge für diese Arbeiter hatte man scheinbar wenig Verständnis. Die Arbeiterbaracken, aus Stangen und Palmenblättern zusammengebundene Hütten, machten sowohl innerlich als äußerlich einen wenig erfreu- lichen Eindruck. Gewöhnlich waren diese UnterlunftShäuser überfüllt und ohne wasserdichte Bedachung, so daß sich die Arbeiter vor den oft Tage lang anhaltenden tropischen Regengüssen nicht zu schützen vermochten. Einen besonders traurigen Anblick boten die Nachtlagerstätten der Arbeiter, wenn das Regen- wasser in diese Räume eingedrungen und den lehmigen Fußboden in einen tiefen Morast verwandelt hatte. Die sogenannten Buschlazaretts boten dasselbe Bild wie die Unterkunftshäuser, in welchen der erkrankte oder vcr- un glückte Eisenbah narbeiter Hilfe finden sollte, und glichen teilweise ekelerregenden Stallungen, in welchen der betreffende Heilgehilfe nebenbei seineu Viehstand mästete. In vielen Fällen vergaß man überhaupt, die erkrankten Arbeiter nach dem Lazarett zu schaffen, so daß diese wochenlang in den Baracken oder in der Nähe derselben in oft grauenerregendem Zn- stände hcrnmlagcn und so schließlich zugrunde gingen. Der Mangel an geeigneten Proviantdepots führte auch häufig zu Störungen in der Verpflegung der Arbeiter; vielfach kamen die Lebensmittel infolge mangelhafter Transportmittel und verkehrter Anordnungen verspätet oder in verdorbenem Zustande in die Hände der Arbeiter. Die hohe Erlrankungsziffer und die große Sterblichkeit, die in einzelnen Arbeitsschichlen mitunter bis zu 49 Proz. erreichte, rief zuzeiten eine wahre Panik unter den Arbeiter- beständen hervor, gesunde und kranke Arbeiter entliefen in Massen und entzogen sich so den Vertragöpflichlcn. Die Folge dieser Zustände war, daß das Bauprogramm nicht ordnungsgemäß durchgeführt und der Bahnbau in der vertraglich festgesetzten Zeit nicht fertiggestellt werden konnte." Diese Schilderung, die, wie gesagt, von durchaus unter- richteter Seite stanimt, bedarf keines weiteren Kommentars. Sie beweist, daß die koloniale„Leutenot" tief begründet liegt in dem Wesen der kapitalistischen Kolonialpolitik. Und wenn hier und da auch einzelne sozialistische Eigenbrödler gemeint haben, dieser Kolonialpolitik Konzessionen machen zu müssen, haben sie sich an ihren Schreibtischen und im stillen Frieden ihrer Studierstube keine Vorstellung von der Brutalität aller Kolonialwirtschaft machen können. Der Kapitalismus als Kolonisator kann gar nicht anders handeln, er mutz über Menschenleiber hinweggehen, wenn er Profit einsacken will. Die Sozialdemokratie aber würde ihren elementarsten Grund- sähen ins Gesicht schlagen, wollte sie der kolonialen Aus- beutungspolisik goldene Brücken bauen. Sie liaflonalflngfpende. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", das offiziöse Organ, macht noch einmal in einem langen Artikel Reklame für die Nationalflugspende. Frankreichs Erfolge auf dem Gebiete des Flugwesens müßten Deutschland zu den gewaltigsten Anstrengungen veranlassen. Die Städtesammlungen hätten ja bereits ein hoch- erfreuliches Ergebnis gehabt; aber mit derartigen lokalen Bewc- gungen sei das„große nationale Problem" nicht zu lösen. Es gelte. die Mittel freiwillig als eine von der Begeisterung des ganzen Volkes getragene Spende aufzubringen. Diese Mittel sollten nicht nur eine erwünschte, sondern dringend notwendige Ergänzung dessen sein, was im Reichs- und Staatshaushalt für diesen Zweck bereit- gestellt werden könne. Um diesen Erfolg im Interesse des Vater- landeS zustandezubringen, bedürfe es eines gemeinsamen, ziel- bewußten, einheitlich organisierten Vorgehens, einer völligen Ein- mütigkeit des deutschen Volkes, und der Entschlossenheit, jegliche Einzelpolitik hinter das gemeinsame große Ziel zurückzustellen. Wer den„Vorwärts" verfolgt hat, wird wahrlich nicht be- haupten könnten, daß das Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei der epochemachenden Errungenschaft der Flugkunst un- sympathisch oder auch mir gleichgültig gegenübergestanden habe. Im Gegenteil! Trotz aller Unzulänglichkeit der bisherigen tech- w scheu Mittel zur Eroberung der Lust hat auch der.Vorwärts" immer und immer wieder hervorgehoben, welch eminente Bedcu- tung der Flugtechnik zukomme und wie sehr im Interesse der kulturellen Fortenwickelung jede Phase unserer modernen Flug- technik zu unterstützen sei. Wenn wir trotzdem dem Gedanken der Nationalflugsper.-''c ab- lehnend gegenüberstehen, so liegt das daran, weil durch diese Nationalsammlung nur die Mittel flüssig gemacht werden sollen, um auch den Militarismus w der Lust zu organisiere�. Denn salange bk Jlugtcchnik unseren Behörden und Regierungen alZ nichts erschien, crls neue technische oder sportliche Errungen- schaft, ohne klar zu übersehende Tragweite, war dis Interesse ein ausserordentlich minimales. Erst als sich die militärische Verwertbarkeit herausstellte, streiften unsere Behörden ihre ansang- liche Zurückhaltung ab. Und wie es den Behörden erging, so erging eS auch dem Privatkapital. Solange noch nicht mit Bestimmt- heit herauszukalkulieren war, wieviel an dem Flugwesen in Pro- zerrten zu oerdienen war, solange verharrte das Kapital in eisigster Zurückhaltung, und die flugtechnischen Erfinder und die hinter ihnen stehenden Gesellschaften vermochten nur in der kümmer. lichsten Weise zu vegetieren. Mit einem Worte: unsere herrliche tapitotlistische Gesellschaftsordnung stand einem unabsehbaren technischenFortschritt.der zugleich die herrlichste Erfüllung unserer poetischsten Sehnsucht' bedeutete, kühl abwartend und absolut untätig gegenüber, bis in Frankreich die Erfahrung gemacht wurde, dass sich auch Flugmaschinen zu militärischen Zwecken verwenden ließen. Und nun, nachdem auf dem Gebiete des Luftmarinismus ein Wetteifer zwischen Deutschland und Frankreich entbrannt ist, soll auf einmal auf dem Wege einer freiwilligen Sammlung, vermittelst einer„Nationalflugspende" der Betrag zusammengebracht werden, der zur Förderung der Flugtechnik im Dienste des Militarismus benötigt wird! Da sind wir denn doch der Meinung, dass gegenüber den vielen Hunderten von Millionen für den Land- und Wassermilitarismus die— einstweilen— paar Millionen für den Luftmilitarismus wirklich keine Rolle spielen und auch schon aus den a l lg e m e i n e n m i l i t a r i st i- fchen Mitteln gedeckt werden könnten! Und das um so mehr, als ja offenbar die aufgebrachten Mittel der„National- flugspende" nur zur Entla st ungunseres Militarismus und zur Sicherung des am Luftmilitarismus interessierten Kapitals und zum allerkleinsten Teil zur Förderung des Erfindergenics dienen würden, das die Flugtechnik zu einem Werk- zeug des allgemeinen Kulturfortschritts auszugestalten beflissen wäre. Dass überhaupt eine solche Nationalsammlung notwendig wurde, stellt unsere mKapitalismusdasdenkbarschlechte st e Zeugnis aus. Wenn wirklich die Behauptung zutreffend wäre, daß unser kapitalistisches System die Gewähr böte, daß auch für Kulturzwecke jederzeit die Mittel bereit stünden, so hätte doch wahrhaftig die Aussicht auf Erfüllung des uralten Menschheits- traumes der Eroberung der Luft durch die Flugmaschine den auS- rcichendsten Impuls geben müssen, dieser neuen technischen Errungen- schaft auch die ausreichenden Mittel unserer Kapi- listen zuzuführen! Aber gerade die Tatsache, dass unsere Flugmaschinentechnik nur in der kümmerlichsten Weise vorwärts kam, daß das Kapital sich nur in der zögerndsten Weise für die neue Technik engagierte, daß die Flugmaschinen- und Flugmotoren- fabriken mit den grössten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, und dass vor allen Dingen auch die kühnen Pioniere der Luft- erobcrung unter den aller traurigsten Verhält- nissen zu leben gezwungen waren, beweist, daß unser heutiger Kapitalismus wirklichen Entwickelungs- tendenzen, denen ein momentaner materieller Vorteil nicht lächelt, keineswegs gewachsen ist, sondern im Gegenteil höheren idealen Anforderungen gegenüber vollständtg versagt! n?. Der Aufruf zur Nationalflugspende ist deshalb im Grunde das jämmerlich st e Armutszeugnis, das unserem gegen- wältigen Staate, unserem heutigen Kapitalismus überhaupt aus- »gestellt werden konnte. Aber nicht nur unserem Kapitalismus, sondern auch unserem Militarismus. Denn unser Militaris- muS, der doch im Fordern um Hunderte von Millionen wahrhaftig nicht zurückhaltend ist, geniert sich doch, For» derungen für einen technischen Zweig zu stellen, dessen mili- taristische Bewertung ihm nicht über alle Zweifel erhaben ist. Unser Militarismus möchte deshalb die erforderlichen Millionen für den Luftmilitarismus nicht auf der: Militäretat übernommen, sondern durch jene Nationalflugspende aufgebracht sehen, die doch wieder nichts anderes darstellt, als eine freiwillige Erhöhung des ohnehin ungeheuerlich hoch an- geschwollenen M i l i tä r eta ts! Der Krieg. Die Italiener auf Rhodos. Rom, S. Mai.(Meldung der Agenzia Stefani.) General v( m e g l i o meldet drahtlos aus Rhodos unter dem 4. Mai durch Vermittelung des Linienschiffes„Regina Margherita": Die Landung von Truppen und Material wurde 4 Uhr früh begonnen und war 2 Uhr nachmittags beendet. Um diese Zeit wurden die Feindseligkeiten gegen den Feind eröffnet, der nach und nach auf die Stadt Rhodos zurückzugehen gezwungen wurde. Abends 7 Uhr war er durch das Feuer und die Bajonettangriffe der italienischen Soldaten und Matrosen geschlagen. Wegen der vorgerückten Stunde habe ich die Truppen eine halbe Stunde vor der Stadt anhalten lassen. Wir hatten fünf Verwundete, zwei von ihnen sind schwer verletzt. Die Verluste des Feindes sind unbekannt, sollen aber ziemlich schwer gewesen sein. Es wurden gegen 50 Ge- fangene gemacht, unter ihnen befindet sich eine Abteilung regulärer Truppen. Rom, 5. Mai.„Giornale d'Jtalia" schreibt: Nachdem die Truppen in der Bucht südwestlich der Stadt Rhodos ausgeschifft waren, rückten sie sofort vor, warfen die türkische Garnison in der Richtung der kleinen Halbinsel an der äußersten Spitze der �i.fcl zurück und nahmen Stellungen ein, die den Feind ver- hinderten, sich in das Innere der Insel zurückzuziehen. Während unsere Truppen ihn auf dem Lande angriffen, konnten die Schiffe sich an der Aktion beteiligen, indem sie die beiden Seiten der Halbinsel flankierend beschossen. Rom, G. Mai. Die Agenzia Stefani meldet auS Rhodos vom 5. Mai: Der etwa 3000 Mann starke Feind wurde gestern mehrmals geschlagen und bis unter die Mauern von Rhodos zurückgeworfen. Während der Nacht zog sich der Feind dann in kleinen Gruppen in das Innere der Insel zurück. Die Italiener hatten sieben Verwundete, von denen einer gestorben ist. Der Feind hatte 23 Tote und 48 Verwundete; 57 Türken, darunter ein Offizier, wurden gefangen genommen.— Heute früh wurde die Uebergabe der Stadt binnen einer Stunde unter An- drohung des Bombardements im Falle der Weigerung gefordert. Um 8 Uhr erschien der interimistische Gouverneur im italienischen Lager, um die Unterwerfung anzubieten. Um 9 Uhr besetzten Truppen und Matrosen die Stadt; sie wurden von der Bevölkerung gut aufgenommen. General Ameglio erließ sofort eine Pro- klamation und traf Vorkehrungen für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Mailand, 6. Mai. Die auf Rhodos gelandete 8000 Mann starke Division besteht aus je 2 Bataillonen des 57. In- fantcrie-RegimeiitS(bisher in Bcnghasi), des 34. Infanterie- Regiments(bisher in Tobruk) und des 4. Bersaglieri-Rcgiments (bisher in Tripolis), ferner dem alten Jäger-Bataillon von Feneftrellc(bisher in Tripolis), 2 Batterien Gebirgs- und einer Batterie Feldartilleric. einer Kompagnie Mine««, einer Kavallerie- Abteilung sowie Train und Sanitätskorps. Die Artillerie war bisher. 14 Tage lang in Tobruk vereinigt, um im Gebirgskampfe ausgebildet zu werden, da man voraussah, dass die Türken sich in das Innere der Insel zurückziehen und auf den Gebirgskampf verlegen würden. Nach Meldungen italienischer Blätter besteht die türkische Besatzung auf Rhodos aus 2000 Mann Kerntruppen mit einer Gebirgs- und 2 Feldartillerie-Batterien sowie Sanitäts- Mannschaften. Ausserdem soll ein Teil der Muselmanen der Insel bewaffnet sein. Man weiß in Italien vorläufig noch nicht, ob General Ameglio beabsichtigt, die Türken anzugreifen, oder ihnen die Zufuhr abzuschneiden und sie auszuhungern. Die türkische Darstellung. Konstantinopel, 5. Mai. Aus Smhrna melden die amtlichen Depeschen, dass gestern 10 italienische Kriegsschiffe Rhodos bom- barbiert und im Golf von Paludia, 16 Kilometer westlich der Stadt Rhodos, Truppen gelandet haben. Die türkischen Truppen auf der Insel haben entsprechende Stellungen eingenommen. Von amtlicher Seite wird erklärt, daß das Vorgehen der Italiener erwartet sei und auf die militärischen und diplo- matischen Kreise keinen Eindruck gemacht habe. Die Türkei werde den Berteidigungskampf in Tripolitaniew mit derselben Zähigkeit wie bisher fortsetzen. Man sei allgemein davon überzeugt, dass Italien Rhodos werde wieder räumen müssen. Gerüchtweise verlautet, die italienische Flotte habe jetzt um die Insel EhioS herum Stellung genommen. Weitere Aktionen der italienischen Flotte im Archipel. Konstantinoprl, 5. Mai. Den Blättern zufolge hat gestern ein italienischer Kreuzer zwischen den Inseln Symi und Rhodos das Schiff„New Dork" der Hadschi-Daud-Gsscllschaft durchsucht. Nach einem Bericht des Kapitäns befinden sich an Bord deS italienischen Kreuzers der Bürgermeister von Astropalia und einige türkische Gendarmen als Gefangene. Ein italienischer Torpedojäger hat sämtliche Häfen der Insel LeroS durchforscht. Saloniki, 6. Mai. Ein aus vier Schiffen bestehendes Ge- schwader kreuzte gestern vor der Insel E n o s und traf nachts vor Dedeagatsch ein. Die Schiffe setzten ihre elektrischen Schein- werfer in Tätigkeit und verschwanden bald wieder. Der Dampfer „Thasas" der Khedivial Company wurde vor Rhodos von den Jta- lienern beschlagnahmt. Die„Texas"-Affäre. Smyrna, 5. Mai. Trotz des Einspruchs des griechischen und des amerikanischen Konsuls ist der Kapitän des Dampfers „Texas" aus dem griechischen nach dem Gefängnishospital gebracht worden, da die Türken den Kapitän beschuldigen, für Italien Spio- nage getrieben zu haben. Die amerikanische Botschaft in Kon- stantinopel soll den Kommandanten des amerikanischen Stationärs und den ersten Botschaftssekretär nach Smyrna entsandt haben. Eine offizielle türkische Kundgebung über den Krieg. Konstantinopel, 5. Mai. In der gestrigen Sitzung des Senats wurde der von der Kommission ausgearbeitete Adretz- entwurf unterbreitet. Die Debatte darüber wurde auf die TageS- ordnung der nächsten Sitzung gestellt. Der auf den Krieg bezügliche Passus des Adretzewtwurfs besagt: Ob- wohl die Fortführung des von Italien wider alles Recht und gegen alle Verträge und elementaren Grundsätze der Billigkeit und Menschlichkeit heraufbeschworenen Krieges die Friedensliebe unserer Regierung verletzt, so geht doch die den Ottomanen angeborene Vaterlandsliebe jedem anderen Gefühl voran, wie eS die Erfolge der Truppen und ihrer edlen arabischen Kampfgenossen dartun. Gestützt auf den Patriotismus und die Tapferkeit ihrer Kinder und im Vertrauen auf die Kundgebungen des Billigkeitssinnes der zivilisierten Welt wird die ottomanische Nation wicht zögern, bis zum letzten Blutstropfen die Rechte der Ottomanen und die Ehre des Baterlandes zu verteidigen. Ein Nachspiel zur„Manuba"-Affäre. Paris, 5. Mai. Offiziös wird bestätigt, daß der italieni- sche Flieger Nardini einen Ausweisungsbefehl er- halten hat. Es heißt, Nardini habe seinerzeit insofern den bc- kannten„M a n u b a"- Z w i s ch e n f a l l miwerschuldet, als er der italienischen Regierung gemeldet hatte, dass der französische Dampfer„Manuba" zwei für die Türkei bestimmte Flugzeuge an Bord habe._ Die Revolution in Cllina. Russlands mongolische Intrige. Nrga, 0. Mai.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Der Hutuktu hat den Vorschlag Juanschikais betreffend Entsendung besonderer Bevollmächtigter nach Urga, die mit den Mongolen über Anerkennung der chinesischen Republik verhandeln sollen, zum dritten Male abgelehnt und Juanschikai emp- sohlen, Ruhland um Vermittelung anzugehen. Politische(lebersicdt. Berlin, den 6. Mai 1912. Dissidentenkinder«nd Jesuiten. Das Abgeordnetenhaus setzte am Montag die dritte Lesung des Etats fort. Während eine ganze Reihe von Etats fast debattelos genehmigt wurden, knüpfte sich an die Beratung des KultuSetats eine Erörterung, die die ganze Sitzung ausfüllte. Unter den hierbei besprochenen Fragen traten als besonders interessant und aktuell die der Handhabung des Jesuitenerlasses und die der Erteilung von Religionsunterricht an Dissidentenkinder hervor. Der Jesuitenerlaß wurde von nationalliberaler Seite zur Sprache gebracht. Abg. Dr. v. Campe forderte die Regierung auf. an ihrer bisherigen Stellung festzuhalten und im Bundesrat dafür zu sorgen, daß im Gegensatz zu Bayern die seitherige Auslegung des Jesuitengesetzes beibehalten bleibt. Sehnlich äußerte sich der Konservative Schenk zu SchweinSberg, während der Zentrumsabgeordnete D i t t r i ch über die Liberalen wegen ihres Verlangens, die Jesuiten unter ein Ausnahmegesetz zu stellen, die volle Schale seines Spottes ausgoß. Unklar ist die Stellung der Regierung; angeblich kann sich der Kultusminister deshalb nicht zu der Frage äußern, weil sie dem Bundesrat zur Entscheidung vor- liegt. In Wirklichkeit wird man nicht fehlgehen in der Annahme, daß das Ministerium Bethinann Hollweg in seiner gottgewollten Abhängigkeit vom Zentrum vorläufig noch nicht weiß, waS zu tun ihm huldvollst gestattet ist. Die Frage der Erteilung des Religionsunterrichts an Dissidentenkinder behandelt ein schon vor längerer Zeit eingereichter nationalliberaler Antrag, der eigentlich zur zweiten Lesung des Kultusetats beraten werden sollte, aber in der Er- Wartung, daß er bald in Angriff genommen werde, ohne Debatte der Unterrichtskommission überwiesen worden ist. Der Vorsitzende dieser Kommission, der Konservative Heckenroth, hat es bisher noch nicht für nötig gehalten, den Antrag auf die Tagesordnung zu setzen. Sein Borgehen, das einzig und allein von der Wckstcht auf seine konservativen Freunde diktiert war, fand scharfe Missbilligung auf feiten der Linken. Sachlich äußerte sich zu dem ZHema Genosse Hoffmann, der in einstündiger Rede, gestützt auf ein ungewöhii- lich reichhaltiges Material, die Fortschritte der Reaktion auch auf diesem Gebiete nachwies und mit guten Argumenten unsere prinzi- pielle Forderung begründete. Am Schluß der Sitzung gab eS wieder eine GefchästSordnungs- debatte. Hoffmann hatte gegen den ihn am Sonnabend erteilten Ordnungsruf Protest eingelegt, aber die Mehrheit entschied, daß die Frist versäumt sei, da der Protest am folgenden Tage ein- zureichen ist und auch der S o n n t a g mitzählt. Für diese un- glaubliche Auslegung der Geschäftsordnung stimmten auch die Nationalliberalen, die sich dadurch offensichtlich um eine sachliche Stellungnahme zu dem Ordnungsrufe herumzudrücken suchten. Am Dienstag soll die Etatsberatung beendet werden. Selbstentmündigung. Wie eine recht verlässliche Parlamentskorrespondenz meldet, können sich die junkerlichen und bürgerlichen Parteien des Dreiklassenhauses über die von dem konservativen Ab- geordneten v. Ditfurth angeregte Neuregelung des Diäten- wesens nicht einigen. Man ist zwar darin einig, daß fünf- zehn Mark täglich zu wenig seien. daß den Landtags- Mitgliedern freie Fahrt in ganz Preußen, nicht nur vom Wohnort nach Berlin gewährt werden soll und man ivill auch irgend eine Kontrolle der Anwesenheit und Diäten- losigkeit bei Abwesenheit einführen— aber da man sich über die Einzelheiten nicht einigen kann, will man erst die Vor- schlage der Staatsregierung abwarten. Man erklärt sich also selbst unfähig zur Besorgung seiner eigenen Angelegenheiten. verkündet selbst dasBedürfnis nach einer hohenVormundschaft der Herren v. Dallwitz und Lentze. Während jedes wirkliche Parlament einmütig daran festhalten wird, daß sich in seine inneren Angelegenheiten die Beauftragten des anderen, gleich- berechtigten Faktors der Gesetzgebung nicht einmischen, haben die Dreiklassenleute, die so viel Achtung für sich zu fordern gewohnt sind, nicht nur zu den Verhandlungen über die Revision der Geschäftsordnung— Behandlung der Ilster- pellationen— die Staatsregierung hinzugezogen, sondern bitten sie jetzt auch noch, dem ratlosen Haus in der Diäten- frage mit Rat und Hilfe diskret zur Seite zu stehen. Und dann wird man sich gelegentlich wieder über die Mißachtung des Hauses beschweren, die in der späten Ein- berufung alljährlich zum Ausdruck kommt l Jedes Parlament hat eben die Behandlung, die es verdient. Ordnet es sich selbst der Regierung nach, dann ist es eben— nachgeordnet! � � Zu der merkwürdigen Szene, die sich am Schluß der Sonnabendsitzung des Dreiklassenhauses abspielte, ist noch ein Detail nachzutragen. So oft in der langen Geschäftsordnungs- debatte die Genossen Dr. Liebknecht und Ströbel den Vor- gang, um den es sich drehte, darstellten und der Präsident meinte, daß die Darstellung nicht richtig sei, obwohl sie richtig war, klingelte er den Redner einfach nieder, um seine Dar- tellung zu geben. Zweifellos hat der Präsident nur dann )as Recht, Redner zu unterbrechen, wenn sie nicht zur Sache brechen oder die Ordnung des Hauses verletzen. Es ist aber stwas ganz Neues, daß in einer Debatte, in der der Präsident elbst Partei ist, er die Donnerglocke dazu benutzt, eine ihm unangenehme Darstellung gewamst' t zu unterdrücken! Viel- leicht zieht die Geschäftsordnungsto...'stion auch diese neue ungeahnte und unbegrenzte Möglichken w das Bereich ihrer Reformarbeit!_ Politische Gleichberechtigung in Baden. AuS Mannheim wird uns berichtet: Die Bezirksräte sind die kollegialen Behörden in den Bezirks- ämtern. Die Mitglieder werden von der Regierung ernannt, aber die Regierung hat sich dabei an eine von der KreiSversamnrlimg erweiterter Kommunalverband) aufgestellte Vorschlagsliste zu halten. Nachdem eS der sozialdemokratischen Partei in Mannheim trotz des veralteten und reaktionären Wahlgesetzes für die Kreiswahlen möglich war, einige Vertreter in der Kreisversammlung zu erhalten, mußten ich die Bürgerlichen bereit finden, in die diesjährige Vorschlags- liste einige Sozialdemokraten aufzunehmen. Für drei ausscheidende BezilkSräte müffen neun Vorschläge gemacht werden, aus denen dann die Regierung wieder drei Räte auswählt. Von unserer Seite waren die Genossen Landtagsabgeordneter Geiß und Stadtrat Barver genannt worden. Trotz der früher eingenommenen, ablehnenden Stellung der Regierung gegenüber der Wahl von Sozialdemokraten zu Bezirks- raten, rechnete man allgemein mit der Berücksichtigung wenigstens eines der Kandidaten bei der diesjährigen Wahl. Denn bisher war a die Regierung noch nie gezwungen gewesen, sich über auf Vor- chlagSlisten genannte Sozialdemokraten zu entscheiden. Die Eist- cheidung fiel jedoch in reaktionärem Sinne aus. Weder Geiß noch Barver wurde gewählt. Sozialdemokraten dürfen also nach wie vor nicht Bezirksräte werden. Volle politische Gleichberechtigung gibt es, wie dieser Vorgang zeigt, auch in Baden noch nicht, und eS ist jedenfalls sehr notwendig. der Regierung wegen dieser ihrer neuesten Leistung kräftige Fehde anzusagen._ Eine wiirttembergifche Bündlerparade fand am Sonntag, den 5. Mai, in Stuttgart statt. AIS Zugkraft hatte sich die Landesorganisation den bekannten Bündler- führer Rittergutsbesitzer Dr. R ö s i ck e verschrieben, damit diese Leuchte des Bauernbundes der Flucht der schwäbischen Bauern aus dem Bauernbunde kräftig entgegenwirke. Von den rund 20000 Mitgliedern, die der Bund in Württemberg noch zählen soll, waren denn auch etwa 8— 900 dem Rufe:„Auf nach Stuttgart" gefolgt. Der Vorsitzende der Landesorganisation Oeko- nomierat S ch m i d- Platzhof begrüßte seine wenigen Gelreuen mit kräftigen Worten. Diejenigen Bauern, die dem Bunde nicht angehörten. seien Mißleitete oder Trottel, sagte er. Die übergroße Mehrheit der schwäbischen Bauern, die vom Bauernbund nichts wiffen will, wird ob dieser schmeichelhaften Einschätzung ihrer Geistesverfassung dem Herrn Redner gewiß sehr dankbar sein. Der Geschäftsführer der württembergischen Landes- oraanifatio». Herr Körner, derselbe, dem lürzlich vor Gericht nachgewiesen wurde, daß er seinerzeit seine Bereitwilligkeit aus- gesprochen, für 1000 Mark mehr Gehalt für die National- liberalen, statt für den Bauernbund zu agitieren, erstattet- den dürftigen Jahresbericht. Der Vorsitzende forderte daraus die Versammelten auf, dem vom Gericht so arg Zerzausten durch Er- heben von den Sitzen ihr Vertrauen auszudrücken. Und es geschah also. Nun betrat Herr Rittergutsbesitzer Dr. Rösicke höchftfelbst die Rednertribüne, um die schwäbischen Kleinbauern über die allein echte Bauernpolitik der norddeutschen Junker zu belehren. Zu dem Zweck schlug der Redner zunächst alle anderen Parteien mit scincm Zitatensack mausetot. Tie Sozialdemokratie sogar dreimal. Mit Zitaten aus dem Fa&organ des Maurcrvcrbandcs, dem„Grund- stein", aus den Schriften der Vorkämpfer der Sozialdemokratic, Marx. Engels, mst Zitaten von Schippcl und Calwer bewies er haargenau die Bortrefflichkeit der Zollpolitik des Bundes der Land- Wirte. Wenn der Bauernbvnd nicht wäre, so wäre es mit der beut- schen Industrie Mathäi am letzten ynb die Arbeiterschaft am Ver- hungern. Ferner bcrsicherle er seinen Zuhörern, die Junker hätten so gut wie gar keinen Einfluß auf Kaiser Wilhelm II.; die Herren von der Deutschen Bank und der Herr Rathenau seien die einfluß- reichen Ratgeber des Herrschers. Doch das sei nicht so schlinun, schlimmer sei die Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstages, denn aus ihr werde die Revolution hervorsprießen. Der Vorsitzende der Landtagsfraktion des Bauernbundes, Herr Rechtsanwalt Kraut, erfreute die Versammlung zum Schluß mit einer Rede über die bevorstehenden Landtagswahlen. Mit dem Absingen eines neuen schönen Liedes vom Ar und Halm schloß die Bündlcrpavade._ Von der Streikjustiz. Am Landgericht Bochum gelangen an den einzelnen Strafkammern noch täglich Streikvergehen in großer Zahl zur Aburteilung. Nicht weniger als dreizehn Hilfsrichter sind zur Be- ivältigung der Arbeiten hinzugezogen worden. Im Gegensatz zu den ersten Aburteilungen,»vo durchwegs auch gegen Frauen auf Gefängnis erkannt wurde, hat jetzt eine verhältnismäßig ruhigere Beurteilung Platz gegriffen. Ein Fall, der typisch in seiner Art ist, kam am Sonnabend zur Verhandlung. Der Bergmann Hund aus Recklinghausen und seine Ehefrau sollen einen Streikbrecher durch Pfuirufe und durch Aus- spucken beleidigt haben. Bei der Beweisaufnahme stellte sich durch die einwandfreie Bekundung von vier Entlastungszeugen heraus, daß nicht der Angeklagte, sondern derStreikbrecher der AuSspucker und Pfuirufer gewesen war. Die Verhandlung ergab nicht das geringste gegen die Angeklagten, dagegen wurde der Arbeits« willige als ein ganz gefährlicher Bursche gekennzeichnet, der zlveifel- kos aus Rache gegen die Angeklagten gehandelt und der gegen sie auch früher schon einmal eine falsche Anzeige erstattet hatte. Die Angeklagten wurden freigesprochen. WaS geschieht nun mit dem Burschen?_ Zu der Ersatzstichwahl i« Barel-Jever. AuS dem Reichstagswahlkreis Barel-Jever, in dem am S. Mai die Stichwahl zwischen dem sozialdemokratischen und dem fortschritt- lichen Kandidaten angesetzt ist, wird gemeldet, der Vorstand der nationalliberalen Krersorganisation habe beschlossen, keine Parole für den von der fortschrittlichen Volkspartei aufgestellten Kandidaten Dr. Wiemer auszugeben. Der erste Vorsitzende Dr. BartikowLki hat daraufhin sein Amt niedergelegt. Roerens Nachfolger.__ In Merzig sReg-Bez. Trier) stellten am Sonntag die dort zu- sainmengetretenen Zentrumsdelegierten des ReichStagswahlkreiies Saarburg-Merzig-Saarlouis als Reichstagskandidaten für den zu- rückgetretenen Oberlandesgerichtsrat Roeren den Amtsrichter Dr. W e r r- M e r z i g auf Der Wahlkreis ist sichere ZentrumSdomSne. Roeren wurde mit 85 789 Stimmen gewählt. Auf den nationalliberalen Kandidaten entfielen 2629, auf den Sozialdemokraten 1112 Stimmen. Die Ersatzwahl ist aus den 80. Mai angesetzt. frankreicb. Die Gemeiudewahle«. Paris, 6. Mai. Nach einer vom Ministerium des Innern herausgegebenen Statistik lagen bis halb zwei Uhr morgens die R e s u l t a t e der Munizipalratswahlen aus 81 Arron- ivffements- Hauptstädten vor. Sie ergaben keine b e- beutende Veränderung der Parteistärke. In Paris wurden wiedergewählt 9 Konservative, 7 libelale Republikaner. 16 fortschrittliche und unabhängige Republikaner, 3 Linksrepublikaner. 8 Radikale und So- zialistisch-Radikalc, 3 unabhängige Sozialisten, 9 geeinigte Sozialisten, im ganzen 55. Es sind 25 Stichwahlen erforderlich._ Die Erfolge der Sozialdemokratie. Paris, 6. Mai.(Privatdepesche deS„Vorwärts".) Die Geeinigte Partei behauptete von elf Mandaten in der Haupt« »vahl neun. In der Stichwahl sind weitere Erfolge über den früheren Besitzstand hinaus sicher. Die Stimmenzahl stieg von 105009 auf 116000. Die Sozialdemokratie hat die Majorität in L i m o g e s erobert, sie in Carmaux. Dijon, Narbonne. Lens. Montceau behauptet. Mandatsgewinne sind zu ver- zeichnen in Lyon und Bordeaux. Dagegen verlieren wir die Majorität in St. Ouentin. In Lille wurde unser Ansturm von den Progressisten abgeschlagen. In Roubaix, Valenciennes und Toulouse haben wir aussichtS- reiche Stichwahl, die uns in NimcS die Majorität sicher ver» schaffen wird. In Marseille siegten die Progressisten über die Koalition der Linksparteien. Im Norden haben wir zahlreiche industrielle Gemeinden erobert. Zwischenfälle. Paris, 6. Mai. Die Wahlen sind im allgemeinen ruhig ver- laufen. Zwischenfälle ereigneten sich in A u x e r r e, wo der «ekretär der Mairie, als er feststellte, daß die Wählerlisten unvoll- ständig waren, halb totgeschlagen wurde. Ferner wurde dort ein Kandidat mißhandelt, worauf sein Sohn zwei der Angreifer durch Revolverschüsse verletzte. In D S l e wurde ein Kandidat durch einen Schlag mit einer in ein Taschentuch gewickelten Eisenkugel schwer verletzt. In Clichy starb ein Kandidat während der Auszählung der Stimmen. 6chwedeti. Der Kampf gegen den Militarismus. Außer der allgemeinen Resolution, die die internationalen Forderungen der Arbeiterschaft zum Ausdruck bringt und im übrigen auch einen Protest gegen den Raubzug Italien? gegen Tripolis enthält, hatte der Vorstand der Arbeiterkommune Stock- Holm, also der Ortsorganisation der Partei, noch eine Zusatz- resolut ion in Vorschlag gebracht, welche sich gegen eine BersuchSmobilisierung wendet, die die liberale Regie- rung durchzuführen beabsichtigt. Diese Resolution lautete: .Die Versammlung spricht ihren schärfsten Prote st gegen die Versuchs Mobilisierung aus, die außerordentlich bedrückend und zwecklose Opfer fordernd wirken muß, vor allem auf die arbeitenden Klassen, die in erster Linie die Leidtragen- den dieser liberalen Erfindung sein werden. Gegen die mili- taristischen Anmaßungen, von denen auch diese Mobilisierung eine Frucht ist und die durch sie gefördert werden, betonen wir mit aller Kraft die Losung der internationalen Sozialdemokratie: Dem Militarismus keinen Mann und keinen Groschen!" Diese Zusatzresolution wurde neben der allgemeinen an drei der vier Rednertribünen von den versammelten Genossen und Gc. nossinncn angenommen. Von der einen Rednertribüne aber sprach sich in für unS völlig unbegreiflicher Weise Genosse Branting dagegc»aus und sagte, die Resolution sei in ihrem ersten Satze überflüssig und am Schlüsse sei sie so abgefaßt, daß sie unmöglich von allen hier Versammelten gutgeheißen werden könne. Der Schlußsatz:..Keinen Mann und leinen Groschen dem Militaris- mus", würde, auch wenn cS nicht die Absicht sei, als eine rein verteidigungsnihilistische Phrase ausgelegt werden, welche«wir, die wir eine andere Ansicht in der LandcSvcrteidigungsftatze haben, nicht gutheißen können".— Die Worte Brantings hatten denn auch die Wirkung, daß die um diese Rednertribüne Versammelten die Zusatzresolution ablehnten, und Mlr, wie«Socialdcmo- kraten" schreibt, so gut wie einstimmig.— UcbrigenS tritt die verschiedene Meinung über die geplante Vcrsuchsmobilisierung auch innerhalb der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion hervor. Branting ist der Meinung, daß diese Mobilisierung einen gewissen Wert für die Arbeiten der von der Regierung eingesetzten Kommission hat, welche unter Berück- sichtigung der wirtschaftlichen Tragkraft des Volkes und der übrigen Aufgaben deS Staates Untersuchungen über das Landesverteidi- gungswesen anstellen soll. Deshalb schlägt er in der Zweiten Kammer nicht vor, die Mobilisierung überhaupt abzulehnen, son- dern stellt den Antrag, die Uebung auf 7 Tage einzuschränken, statt sie 2 oder 3 Wochen dauern zu lassen, und ferner eine tveit höhere Entschädigung für die einberufenen Mannschaften und ihre Fa- milien sowie auch Entschädigung für die Personen, die von der Mobilisierung ausgeschlossen sind, aber durch diese arbeitslos wer- den, was ja namentlich in den Großbetrieben vorkommen wird, wo es technisch unmöglich sein wird, den Betrieb mit dem nicht mobilisierten Teil der Arbeiter fortzusetzen. Im Gegensatz zu Branting hat sein Fraktionsgenosse Bern- Harb Eriksson einen Antrag eingebracht, in dem die glatte Ablehnung des ganzen Mobilisierungsrummels verlangt wird. Dieser Genosse ist der Auffassung, daß die Mobilisierung nutzlos sein wird und für das arbeitende Volk so große Verluste und Lei- den mit sich bringt, daß man sie schon deswegen ablehnen müsse. Außerdem könne man sich auch deS Gefühls nicht erwehren, daß diese Mobilisierung, ebenso wie es im Jahre 1906 der Fall war, als ein Vorbote noch weiterer Ausdehnung der Dienstzeit der Militärpflichtigen auftreten werde. Bei der Maidemonstration in Stockholm sprach auch die russische Genossin Alexandra Kollontay, die in den letzten Wochen eine Agitationsreise durch Schweden gemacht hat. Ucbcrall, wo sie Vorträge gehalten hat. erklärte die schwedische Arbeiterschaft sich solidarisch mit dem doppelt schwer um seine Befreiung kämpfenden russischen Proletariat, und der Gedanke dieser internationalen Solidarität kam in einer Resolution zum Ausdruck, die in acht Städten Schwedens angenommen worden ist und in der in besonders energischer Weise gegen das Justizver- brechen an den sozialdemokratischen Abgeord- ncten der zweiten Duma Protest erhoben wird. Die Republik. Die Zweite Kammer des schwedischen Reichstages hatte sich am Sonnabend mit einigen Anträgen zur Verfassungsreform zu beschäftigen, die der Genosse Lindhagen eingebracht hatte. Sie enthalten zunächst die Forderung einer weiteren Reform des Wahlrechtes zur Zweiten Kammer, dann die der Ab- schaffung der Ersten Kammer und Einführung deS Ein- kammersystcmS; schließlich wird vorgeschlagen, daß der Reichstag sich prinzipiell für die Abschaffung der erblichen Re° gierungsmacht und die Einführung einer repu- blikanischen Staatsverwaltung aussprechen möge, die sich auf Volkswahlen aufbaut. Die ersten beiden Vorschläge wurden, wie üblich, dem Konsti- tutionsausschuß zu weiterer Prüfung überwiesen, beim dritten Antrage aber erklärte der Kamnierpräsident, er verstoße gegen den § 1 der Verfassung, der besagt, daß Schweden von einem König regiert und ein Erbreich ist. Er halte sich deshalb für berechtigt, den Antrag zurückzuweisen und zwar auf Grund der Geschäfts- ordnung des Hauses.— Lind Hagen sprach gegen diese Auffassung und auch B r a n- ting. der darauf das Wort nahm, erklärte, daß er mit dem Präsidenten uneins sei hinsichtlich der Auslegung der Geschäfts- ordnung, fuhr aber dann fort und sagte, er bedaure die Hand- lungsweise des Präsidenten, weil durch sie die Aufmerksamkeit auf einen Antrag gelenkt werde, der nach seiner(Brantings) Meinung sobald wie nur möglich von der Tagesordnung dcS Reichstages verschwinden müsse, da er nur geeignet sei, eine ernste Sache, die Frage nach der besten Staatsform, zum Gegenstand von Spott und Hohn zu machen, aber nicht geeignet, der Sache zu nützen, die der Antragsteller vertreten wolle. Als alter Republikaner sei er (Branting) unangenehm berührt worden von der Art und Weise, wie diese Sache vorgebracht worden, und er bedaure, daß sie infolge der Handlungsweise deS Präsidenten solche Dimensionen angenom- men habe. Diesen Ausführungen Brantings gegenüber sprach Lind- Hägen sein Erstaunen darüber aus, daß sein Fraktions- genösse die Frage der parlamentarischen Taktik in die Debatte ge- zogen habe. Die große Frage der Staatsverfassung müsse aufge- warfen werden, damit das Volk sein Zukunftsziel vor Augen habe. Der Antrag gründe sich auf die Ansicht, daß die Verfassung nicht nur durch blutige Revolution, sondern auch auf friedlichem, gesetz- lichem Wege geändert tverden könne.— Die Kammer beschloß dann mit 126 gegen 59 Stimmen, daß Lindhagens Antrag nicht abgewiesen werde, sondern seinen Weg weiter gehen soll, worauf der Präsident erklärte, daß er nun den Konstitutionsausschuß über die Frage der Behandlung des An- träges entscheiden lassen werde. Marokko. Die Lage wird immer ernster. Paris, 6. Mai. Die aus Marokko, besonders aus dem Süden des scherifischen Reiches, hier vorliegenden Nachrichten lauten nach wie vor nichts weniger als beruhigend. Die aus Marrakesch hierher gelangten Meldungen sind sogar direkt besorg niserrege n d. In eingeweihten Kreisen gilt es daher für sehr wahrscheinlich, daß die geplante Reise Mulay Hafids sowie des französischen Gesandten Regnault auf ganz unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden wird. Gegenwärtig finden zwischen dem General Liautey, dem neu- ernannten Generalresidcnten Frankreichs in Marokko, und Mitgliedern der Regierung Beratungen statt, die sich um be- deutende, nach Marokko zu entsendende Truppenverstärkun�en drehen. In erster Linie kommen hierbei mehrere Batterien Artillerie in Frage. General Liautey wird nach seiner Ankunft in Fez sofort nachhaltige Maßnahmen treffen, um die Ruhe in Marokko wieder herzustellen. Paris, 3. Mai. Der Berichterstatter der Agence Havas schreibt aus Fez: Wie das Gerücht von der Abreise des Sul- tans den Aufstand am 17. April mitverschuldet hat, so könnte auch seine Abreise nach Rabat wiederum von blutigen Ereig- nissen begleitet sein, obschon die militärische Lage eine andere ist. Es ist ein Wunder, daß eine so große Anzahl Europäet der Niedermetzelung entgangen ist. Wären die Anführer besser organisiert gewesen und nicht durch die ihnen im Juden- viertel winkende Beute abgehalten worden, so wäre vielleicht kein einziger Europäer entkommen, da die Feinde, die nur auf ein Signal ivarteten, um an der Plünderung teilzu- nehmen, in Fez eingebrochen wären. Paris, 5. Mai. Nach einer Meldung des Sonderbcricht- erstatters des„Matin" aus Fez soll General Moinier be- schlössen haben, den Sultan und den Gesandten Regnault auf ihrer Reise nach Rabat von drei Bataillonen und einer Artilleriebatterie begleiten zu lassen.— Ferner berichtet der „Matin" vom 3. Mai, daß 2000 Vertreter der aufrührerischen Stäinme acht 5iilometer von Fez eine Versammlung abhalten wollten, um über dcu Plan eines Angriffs auf Fez oder das Lager von Dehibat zu beraten. Französische Verluste. Paris, 6. Mai. In dem Gefecht bei El Masis (im Sikanja-Gebiet) sind 17 französische Soldaten getötet, ein Offizier und 27 Manu ver- w u n d c t worden. Vermißt wird niemand. Neue Gefechte in Aussicht. Casablanca, 6. Mai. Eine Kolonne von vier Bataillonen Infanterie, zwei Batterien Artillerie und zwei Eskadrons Kavallerie wird heute aufbrechen, um die H a r k a. deren Teile bei Sukes Sebt und Taansera stehen, anzugreifen. Regnault wird erst nach der Rückkehr dieser Kolonne aus Fez abreisen,• Soziales. „Bürgerliche Krankenkassen." Die Errichtung von Hilfskassen muß doch immer noch ein sehr einträgliches Geschäft sein, denn täglich stößt man auf neue Rainen, neue Gründungen, die auf den Mitgliederfang ausgehen. Was nützt es auch, wenn unsere Parteipresse täglich vor solchen Gründungen warnt? Alte Krankenkassen verkrachen und neue Namen treten an ihre Stelle. ES ist das alte Statut und nur der neue Name zieht weitere Kreise an, die aus Not iin Krankheitsfalle eben auf den Leim gehen und die Prospekte dieser Kassen für bare Münze hinnehmen. Und man muß eS diesen Geschäftsleuten lassen: in der Reklame verstehen sie ihr Fach gründlich. Die Not der armen Familie im Krankheitsfälle, die unzulänglichen Leistungen der Zwangsversiche- rung usw. wird da sehr geschickt ins Feld geführt und ihre Agenten nehmen an einen, Bau, in einer Fabrik dann ganze Abteilungen von Arbeitern als Mitglieder auf. Neuerdings hat man sich auf den Trick geworfen, der Kasse den Namen einer„Bürgerlichen" Kasse zu geben, um so das Vertrauen der Gewonnenen zu stärken. Wenn die „Bürger" der Kasse beitreten, dann kann eben auch der Arbeiter Mitglied werden. So lange die Mitglieder ihre Beiträge, die an sich sehr hoch sind, bezahlen, so lange sind sie gern geduldet. Nur krank darf em Mitglied nickt werden. Dann hört der Spaß aus. Auch nach jahrlanger Mitgliedschaft wird dann der Aufnahmescheii, herbeigeholt und der Arzt befragt, ob der Erlrankte eventuell srüher schon einmal krank war und diese Krankheit bei der Aufnahme verschwiegen habe? AhnungloS meldet der harmlose Kranke auch dem Arzt aus dessen Frage, daß er vor seiner Ausi, ahme schon einmal b Tage an Schnupfen, Influenza usw. erkrankt war und diese Meldung führt zu», sofortigen Ausschluß des Mitgliedes, weil er eben bei seiner Aufnahni« die Krankheit verschwiegen habe. Vergeblich ist nun das Bemühen des Mitgliedes, daß er dem Agenten vor Zeugen sogar die Erklärung über seine früheren Krankheiten angegeben habe, daß der schlaue Agent aber ausdrücklich versichert habe, daß solck' „kleine Krankheiten" ja gar keine Rolle spielen usw. Der Auf- nahmeschein trägt eben den Vermerl über frühere Krankheiten nicht und das Mitglied wird gestrichen, sogar ihm noch mit dem Staatsanwalt gedroht. Andere wieder, deren Vergangenheit verschwiegene Krankheiten nicht ergeben, werden einfach in das Krankenhaus verwiesen, wenn auch der Arzt die Spitalpflege gar nicht für nötig hält, weil eben das Statut im Gegensatz zur Zwangskasse dein Kassenvorstand alle Rechte allein«Kucauint. Weigcrt sich der Kranke, dem Befehle nachzukommen, so wird ihm eröffnet, daß er auf weitere Unterstützungen keinen Anspruch mehr habe. DaS Kassenstatut hat natürlich lein Mitglied vorher gelesen. auch nicht die Bestimmungen. daß er für gewisse Krankheiten gar keineri Anspruch hat, selbst wenn Kranken« hauSpflege nötig wird. Folgendes leistet sich die unter»staatlicher Aufsicht stehende" Bürgerliche Mitteldeutsche Krankenkasse zu Frank- furt a. M., deren Statut ausdrücklich hervorhebt, daß„an Rekonvales- zeiiten irgendwelche Unterstützungen nicht gewährt werden— als solche sind anzusehen: Diejenigen Kranke», welche auf Veranlassung des ArzteS in eine Heilanstalt, Luftkurort, Sanatorium oder Wald- erholungsstätte eiiigeiviesen werden". Diese Erwerbsunfähigen gelten cben nach dem Kassenstatut als»nicht vollkommen erwerbsunfähig". Also trotz Arztattcst gelten diese Kranlen nicht als»erwerbs- unfähig". Und solche Statuten werden von der Behörde genehmigt. Und wie gehen solche Kassen mit ihren Mitgliedern um, wenn diese trotzdem auf ihre Rechte bestehen? Vor uns liegt ein Brief, der folgende„Bemerkungen" enthält: „Wir haben aus Ihren diversen Erkrankungen die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie als gemeiner Simulant und Kassenausbeuter erkannt sind, die Kasse auf unrechtmäßiger Art und Weise ausbeuten. Deshalb ist es geboten, diese Elemente mit allen möglichen Mitteln auszurotten. Wir stützen unsere Behauptung darauf, daß Sie über- Haupt nicht erwerbsunfähig waren, sondenr die Krankheit lediglich vorgetäuscht- haben und sich das ärztliche Attest somit erzwungen haben." Löhnert, Direktor. Der Herr„Direktor" sucht also vorläufig als mögliches Mittel die Kranken schwer zu beleidigen und wird sich deshalb vor dem Strafrichter zu verantworte» haben. Bleibt aber ein Mitglied bei einer'solchen„BürgerlichenIKasse" mit seinen Beiträgen etwas in Rückstand, dann folgen Mahnbriefe in Fülle, weil man Geld braucht, die Verwaltungskosten doch so hoch sind und mehr als die Krankengelder oft betragen. Interessant fft es nun, daß man sich ans der Kasse sehr schnell ans- schließen lassen kann, wenn man auf eine solche Mahnung zur Zahlung sich krank meldet. In einem Falle mahnte die Kasse einen Arbeiter, welcher nicht mehr Mitglied bleiben wollte, zur Zahlung von sechs Monaten Beiträge. Er war aber inzwischen krank geworden und schickte ein Arztattest ein mit der Bitte, ihm daS Krankengeld auf die weitere Dauer seiner Erwerbsunfähigkeit zu senden und die fälligen Beiträge davon in Abzug zu bringen. Die Antwort war vorauszusehen, denn eS wurde«hm sofort niit- geteilt, daß er wegen Beitragsrückstand schon vor vier Monaten aus der Kasse ausgeschlossen worden sei, daher leinen Anspruch mehr habe. Der Arbeiter hatte somit seinen Zweck erreicht und ist froh, die Mitgliedschaft so billig los zu sein. Also— Vorsicht vor„bürgerlichen Krankenlassen" l Verzicht bei einer kommunalen Stichwahl unzuläsfig. Bei der Gemcindevertreterwahl in Niendorf(Kreis Pinneberg) an, 3. März 1911 hatte in der dritten Abteilung Herr Voß nicht die absolute, aber die relative Mehrheit erlangt. Er erhielt III Stim- men, lvährend die beiden Kandidaten nach ihm je 163 Stimmen erhielten. Die Frage war nun, mit welchem von den beiden Kau- didaten, die gleichviel Stimmen hatten, er in Stichwahl zu treten habe. EL hätte zwischen den beiden>(Köln und Mohr) gelost werden müssen. �Ehe es aber dazu kam, verzichtete Mohr zugunsten Kölns. In der Stichwahl wurde nun zwischen Köln und Voß gewählt. Voß erhielt die Mehrheit und wurde für gewählt erklärt. Die Wahl des Voß wurde nun im Vcrwaltungsstreitverfahren angefochten. Der BczirkSausschusi zu Schleswig erklärte sie auch für ungültig, und zwar hauptsächlich deshalb, weil ein Angesessener hätte gewählt werden müssen, aber ein Nichtangesessener gewählt worden sei. Das Oberverwaltungsgericht bestätigte am Freitag das Urteil, aber aus einem anderen Grunde. Es führte aus: Es sei Stich- Wahl erforderlich gelvesen. Da die beiden Kandidaten nach Voß aber gleichviel Stimmen hatten, so hätte das Los entscheiden niüsscn, wer von den beiden mit Voß in die Stichwahl zu bringe» sei. Statt dessen habe der eine(Mohr) einfach zugunsten des andern (Köln) verzichtet und man habe zwischen Voß und Köln gewählt, wobei Boß die Mehrheit erhielt. Ein solcher Verzicht sei aber un- zulässig. Es hätte unbedingt das Los cntscheidrg müssen. Somit sci die Wahl des Voß vo» vornherein ungültig, Gewerkfcbaftlicbes» Anerkennung der 6cwerhrchaftcti. Während die Scharfmacher aller Grade in der wütendsten Weise gegen die Arbeiterorganisationen Hetzen, müssen Staatsbeamte, die berufsmäßig mit den Arbeiterbedingungen und-Verhältnissen sich zu beschäftigen haben, die kulturelle Be- deutung, ja die Notwendigkeit der GeWerk- s ch a f t e n amtlich feststellen! Das geschieht nämlich in dem Bericht der Gewerbe- inspektoren für das Jahr 1911. Verschiedene Auslassungen geben deutlich zu erkennen, daß die Aufsichtsbeamten der Arbeiterorganisation durchaus nicht allgemein vorurteilslos gegenüberstehen. Bei manchem von ihnen, speziell bei den königlichen Bergräten, merkt man sehr deutlich, daß die in der Regierung nach den Wünschen des Unternehmertums pflichtgemäß kultivierte Abneigung gegen die freien Gewerkschaften bei ihnen schr stark abgefärbt hat. So fühlt sich der Bergrat Jllner, Bergrevier Görlitz, dazu be- rufen, eine Maßregelung aus Rache zu verteidigen. Die Ar- bciter der Grube Görlitz hatten Forderungen erhoben, die keine Anerkennung fanden. Daraufhin nahm eine Anzahl Leute die Abkehr, um eine bessere Arbeitsgelegenheit zu suchen. Der Beamte sagte:„um einen Druck auf die Werks- Verwaltung auszuüben." Dann bemerkt er weiter:„Die Wcrksverwaltung entließ aber 7 Leute, die sich als Rädelsführerbetätigthatten, sofort unter Aus- zahlung der ihnen gesetzlich zustehenden Lohnbeträge." Solches Urteil zeugt wahrlich nicht von vorurteilsloser Würdigung. Um so höher sind daher die anerkennenden, auf konkrete Tatsachen und wirkliche Wahrnehmungen der Beamten beruhenden Urteile zu bewerten, weil sie trotz der herrschenden Richtung erfolgen. Es gibt kaum ein soziales Gebiet, auf dem die Gewerk- schaften sich nicht segensreich betätigt hätten. Selbst Beamte, die einen Horror vor Lohnbewegungen bekunden, müssen an- erkennen, daß die Gewerkschaften gute soziale und Er- ziehungsarbert leisten. Die organisierten Arbeiter machten den Arbeitgebern mancherlei Schwierigkeiten, behauptet z. B. der Beamte von Erfurt. Er sieht sich schließlich aber doch gezwungen, zu kon- statieren:„Andererseits wird von den Arbeitgebern aner- kannt, daß die Erziehung der Arbeiter durch die GeWerk- schaften sich zuweilen vorteilhaft bemerklich gemacht habe, z. B. bei Verhandlungen mit den Organisationen zum Zwecke der Neuaufstellung von Tarifverträgen." Viel weiter in der Anerkennung gewerkschaftlicher Arbeit gehen andere Beamte. Ter Bericht aus dem Bezirk Potsdam wiegt in dieser Be- ziehung dutzende freier Phantasie entstammender oder tendenziös zugestutzter Terrorismusgeschichten auf, wie sie besonders in der letzten Zeit in christlichen Blättern und der berufsmäßigen Scharfmacherpresse serviert worden sind. Der Beamte schreibt: ..Mehr Jntereffe für die Unfallverhütung zeigen die Ar- bcitcrorganisationcn. Am Schlüsse des Berichtsjahres hat sich innerhalb des Holzarbeiterverbandes, Zahlstelle Berlin, eine Un- fallkommission der an Holzboarbeitiingsmaschinen beschäftigten Arbeiter Groß Berlins gebildet. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, den Berkehr mit den Getoerbeinspektoren und Berufsgenossen- schaften zur Durchführung und weiteren Ausbildung der Unfall- Verhütung an Holzbearbeitungsmaschinen zu pflegen, bewährte Schutzvorrichtungen zu verbreiten, durch Aufklärung der Arbeiter die Ueberzeugung von der Notwendigkeit ausreichenden Unfall- schutzes zu verallgemeinern und den Borurteilen gegen Schutzvor- richtungen und der Nichtbeachtung der bestehenden Unfallver- hütungsvorschriften seitens der Arbeiter entgegenzuwirken. Es liegt auf der Hand, daß die Kommission bei richtiger Auffassung dieser Aufgabe segensreich wirken kann." Daß die Arbeiterorganisation erfolgreich das Ueber- arbeilen und die gesundheitsschädliche Nachtarbeit bekämpfen, hebt der Beamte von Kassel hervor: „Wie das Streben der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter- schaft überhaupt auf Verkürzung der Arbeitszeit gerichtet ist, so sucht sie auch die Nachtarbeit, soweit dies technisch möglich ist, einzuschränken." Ein Gewerbeinspektor des Bezirks Frankfurt a. O. er- kennt ebenfalls an, daß die Gewerkschaften schon jetzt in erfolg- reicher Weise für die Durchführung gesetzlicher Bestimmungen tätig seien. Man liest in dem Bericht: „Die Inanspruchnahme der Gewerbeinspektoren durch Wünsche und Beschwerden vorbringende Arbeiter war sehr ge- ring. Dagegen hat sich mit Arbeiterorganisationen ein etwas lebhafterer Verkehr entwickelt. Der Gewerbeinspektor in Frank- furt hat Gelegenheit genommen, sowohl bei der Ortsgruppe des Metallarbeiterverbandes Fls auch beim Evangelischen Arbeiter- verein Vorträgen beizuwohnen und bei diesem selbst einen Vor- trag über die Bedeutung der Industrie für Deutschland gehalten. Mehrere Beschwerden von Organisationen erwiesen sich als ge- rechtfertigt und führten zur Abstellung der Mängel, zum Teil zur Bestrafung. Andere Beschwerden erwiesen sich als hinfällig, zum Teil infolge ungenügender Kenntnis der gesetzlichen Vor- schriften." In dem Bericht aus Frankfurt findet man aber auch noch ein viel weitergehendes Urteil. Wird doch mit dürren Worten gesagt, daß ohne die Mitwirkung der Gewerkschaften an eine Durchführung der Schutzgesetze kaum zu denken sei. Im An- schluß an seine Erfahrungen bei der Untersuchung, ob und in welchem Umfange eine verbotswidrige Mitgabe von Arbeit nach Haufe vorkomme, sagt der Beamte: „Bei Beurteilung der Angelegenheit muß berücksichtigt wer- den, daß eine regelmäßige Aufsichtstätigkeit über die Durchfüh- rung der Bestimmungen kaum möglich ist. Zuwiderhandlungen werden im allgemeinen wohl nur durch Anzeigen aus Arbeiter- kreisen zur Kenntnis der Aufsichtsbeamten gelangen. Angesichts des bedeutenden Einflusses der Arbeiterorganisationen im Bezirk ist außerdem damit zu rechnen, daß die organisierten Arbeiter die Durchführung dieser Bestimmungen hier ebenso scharf überwachen werden, wie das bezüglich anderer Gesetzes- Vorschriften schon bislang'geschah. So wird wohl auch hier im Wege der Selbsthilfe aus der Arbeiterschaft dem Gesetze ge- bührende Beachtung verschafft werden." In derselben Frage bemerkt her Beamte von Düsseldorf, in einigen Fällen hätten die von Arbeiterorganisationen er- statteten Anzeigen über unzulässige Mitgabe von Arbeit nach Hause zu eingehenden Ermittelungen Anlaß gegeben, ohne jedoch zu einem greifbaren Ergebnis zu führen:„Immerhin wird man die Kontrolle durch die Organisationen als ein wesentliches Hilfsmittel zur Durchführung des Gesetzes ansehen müsse n." Bei der Unfallverhütung, der Durchführung der Bestim-. mungen über Arbeitszeit usw.. bei der Bekämpfung schädlicher und nicht unbedingt erforderlicher Nacht- und Ueberarbeit entfalten die Gewerkschaften dankenswerte Arbeit, ohne welche, wie die Beamten mehr oder minder scharf herausstellen, die staatliche Gewerbeaufsicht in manchen Fällen voll- ständig wirkungslos wäre. Auch in der Erziehung der Ar- beiter besonders bei dem Kampfe gegen den Älkoholmiß- brauch, leisten sie fruchtbare, sozial wertvolle Arbeit. Im Bericht aus dem Regierungsbezirk Minden wird hervor- verantw. Redakteur:«lb- 4 W-ie Einrichtung einer besonderen Rubrik in der Handlungsgehilfen- Zeitung einzurichten. Dem Vorstande wurde anheimgegeben, eine Agitationsbroschüre gegen die Bestrebungen der gegnerischen Ver- bände herauszugeben._ Hus der Partei. Zum Mitglied des Parteivorstandes wurde an Stelle des verstorbenen Genoffen Leopold Liepmann gemäß§ 15 des Organisationsstatuts der Partei Genosse Paul Brühl-Lichtenberg von der Kontrollkommission gewählt. Genosse Brühl ist Vorsitzender der Wahlkreisorganisation von Niederbarnim._ Zur Abwehr. Unter diesem Titel veröffentlicht Genosse Mehring ölgende Erklärung: Die„Bremer Bürgerzeitung' und die.Leipziger BolSzeitung' veröffentlichen in ihrer Nummer vom 25. April eine Erklärung des Genossen B e b e l, auf die ich— soweit sie ehrverletzende und tat- Schliche unrichtige Angriffe gegen mich enthält— so kurz wie mög- lich erwidern muß. Der Genosse Bebel beschuldigt mich, Leußerungen von Marx und Liebknecht verstümmelt wiedergegeben zu haben, um die Parteidisknssion zu verschärfen. Er unterstellt mir hier wieder ebässige Beweggründe, von denen er sich mit leichtester Mühe ätte überzeugen können, daß sie nicht vorhanden sind. Nur ein Beispiel! Marx schrieb im Jahre 1819 über die damaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie:„Sie sind schon so weit vom par- lamentarischen Idiotismus angegriffen, daß sie glauben, über der Kritik zu stehen.' In meinem Zitat ersetzte ich die Worte: parla- mentarischer Idiotismus durch Punkte. DaS soll ich nach der Be- hauptuna deS Genossen Bebel getan haben, um meinen Angriff tendenziös zu verschärfen, und er verspricht, diese Metbode zu be- kämpfen, Ivo immer er ihr begegne. Dazu kann ich auS Achtung vor dem Genoffen Bebel nur schweigen. Dann überschüttet er mich mit neuen Angriffen, indem er chreibt: Nach journalistischem Brauche konnte man erwarten, daß dieser Streik in dem Blatte ausgetragen werde, in dem er zum AuS- bruch kam. In der Tat hatte auch Genoffe Mehring auf ' meine» Artikel in der Nr. 29 der.Neuen Zeit' der Redaktion eine Entgegnung eingesandt, die in der Nr. Nr. 30 zum Abdrncl kommen sollte. Aber plötzlich fiel es dem Genossen Mehring ei», seinen Artikel, der bereits gesetzt war. von der Redaktion der „Neuen Zeit" unter der Vorgabe zurückzuverlangen: er erscheine hier zu spät, er werde ihn der„Bremer Bürgerzeitung" zur Ver- öffeutlichung überienden. So geschah es. Welcher Went dieser Angabe beizumessen ist, geht daraus hervor, daß die„Bremer Bürgerzeitung" mit dem Artikel Mehrings nur einen Tag vor der „Neuen Zeit" erschien. Doch war der Artikel, den er in der .Bremer�Bürgerzcitnng' veröffentlichte, ein anderer wie jener, den er der Redaktion der„Neuen Zeit" übersandt hatte. Hier stellt mich Genoffe Bebel als geradezu lappischen Partei- zänker war, wiederum ohne jede Prüfung der Umstände. Der„journalistische Brauch", aus den sich der Genosse Bebel bezieht, gebietet vor allem, jedem Mitglied einer Redaktion alle Erklärungen, die gegen seine redaktionelle Tätigkeit einlaufen, zur Kenntnisnahme und erforderlichenfalls zur Rückäußerung vorzulegen. Genosse Kautsky hat mir erst vor wenigen Monaten, als mir gegen- über bei einem hier gleichgültigen Anlaß dieser„Brauch" verletzt worden war. bestimmt versprochen, daß ein gleicher Verstoß nicht wieder vorkommen solle. Gleichwohl wurde die gegen mich gerichtete Erklärung des Genossen Bebel hinter meinem Rücken in die Druckerei nach Stuttgart gesandt, obgleich überreichliche Zeit vorhanden war. sie mir vorzulegen. Als ich davon erfuhr, ließ ich mir telegrapbisch einen Abzug aus Stuttgart kommen und ersah daraus, daß Genosse Bebel mir ebenso ehrenrührige wie unrichtige Vorwürfe machte, die ich auch mir acht Tage auf mir sitzen, zu lassen weder geneigt noch verpflichtet war. Es gelang mir noch knapp vor Toresschluß, eine Erwiderung nach Stuttgart zu expedieren, die, unmittelbar an Bebels Erklärung anknüpfend, das von diesem ent- fachte Feuer in glimpflichster Form dämpfte. Skun ergab sich die kleine Unstimmigkeit, daß Genosse Bebel beim Korretturlesen einen Ausdruck, auf den sich meine Erwiderung bezog. ein wenig geändert hatte. So gelaugte von Stuttgart der tele- graphische Vorschlag an Kautsky, beide Erklärungen auf acht Tage zu verschieben. Dies war in der Tat der einzig vernünftige Aus- weg aus der von Kauisly angestifteten Verwirrung. Genosse Kautsky antwortete jedoch— ich tveiß es von ihm selbst— in einem kategorischen Telegramm, Bebels Erklärung müsse sofort er- scheinen, dagegen nicht die meinige, deren Manuskript ihm nach Friedenau zn senden sei. Kautsky hat dies Versahren dadurch zu begründen gesucht, daß er den Genossen Bebel nicht habe erreichen können, um dessen Zustimmung zu dem Stuttgarter Vor- schlage einzuholen. An der Tatsache zweifle ich keinen Augenblick. aber als ErklärungSgrund macht sie die traurige Affäre noch viel trauriger. Wenn aucki in keiner anderen Beziehung— denn die Unabhängigkeit der Parteipresie innerhalb des Parteirahmens ist hoffentlich noch kein leerer Wahn—, so mochte Bebels Zustimmung insofern nötig sein, als ihm vermutlich versprochen worden war, seine Erklärung in der nächsten Stummer zu bringen. Aber es heißt den Genossen Bebel allzu niedrig einschätzen, wenn man unterstellt, er könne auf seinem Schein bestanden haben, selbst wenn dadurch die Rechte eines von ihm heftig angegriffenen Parteigenossen bccin- trächtigt würden. Da habe ich ivirklich einen ungleich größeren Respekt vor den, Genossen Bebel als Kautsky. Zurzeit, wo ich die „Leipziger Volkszeitung" redigierte, sandte mir Bebel eine vom „Vorwärts" zurückgewiesene Erklärung mit dem Ersuchen um wört- lichen Abdruck ein. Ich fand darin einige Sätze, die«rig waren und unangenehme Auseinandersetzungen verursacht haben würden, wenn sie veröffentlicht worden wären. Da Bebel damal-s für mich so wenig erreichbar war, wie neulich für Kauisly, strich ich die anfechtbaren Sätze kurzerhand, und diese formelle Ungehörigkeit aller- ärgster Art hat Genosse Bebel mir nicht nur nicht nachgetragen, sondern sich auch dafür bedankt, als ich ihm den Sachverhalt aus- einaudersetzte. Genosse Bebel ist sicherlich der letzte Mann, cineitt Patteigenoffen. den er angegriffen hat, die Verteidigung zu er- schweren. Im übrigen weiß ich wirklich nicht, weshalb der Genosse Kautsky meine Erwiderung auf Bebel, deren rechtzeitiges Erscheinen er tele- graphisch verhindert hatte, nachträglich hat absetzen lasten; ich habe ihn mit keiner Silbe darum gebeten. Sobald ich davon hörte, teilte ich ihm vielmehr mit, daß die nachträgliche Veröffentlichung für »sich keinen Wert habe; icki würde mich in einem airvercn Partei- blatt zur Sache äußern. Wenn ich mich reckt erinnere, fügte ich hinzu: soweit sich in dem Borgehe» des Genossen Bebel gegen mich ein allgemeiner Uebelstand verkörpere; jedenfalls habe ich mir, wie mein„Protest" zeigt, freiwillig diese Schranke gezogen. Gleichfalls aus freien Stücken versprach ich dem Genossen Kautsky, meiner be- absichtigtcn Veröffentlichung eine Form zu geben, die nach anßen hin jeden Verdacht ausschlösse, als ob eine Krise in der Redaktion der„Neuen Zeit" bestände. Auch das habe ich redlich erftillt, und ich kann nur lebhaft bedauern, daß der Genosse Bebel meine loyale Absicht durchkreuzt und interne Parteisachen, über die ich mir— nicht in meinem persönlichen Interesse, sondern im Interesse der Partei— vollkommene» Schweigen auferlegt hatte, ohne Not und in total falscher Darstellung in die Oeffentlichkeit gezogen hat. Daran knüpfe ich jedoch die Hoffnung, daß Genosse Bebel nun endlich aufhöre» wird, den durch ihn vom Zaune gebrochenen Streit weiterzuspinnen, dessen Gründe mir völlig unverständlich sind und dessen Wirkungen darin bestehen, die gegnerische Presse zu amüsieren. In der Krise der„Neuen Zeit" habe ich um des äußeren Partei- sriedenS willen eine Nachgiebigkeit bewiesen, die nach Ansicht er- fahrener Parteifreunde wichtigere Interessen verletzt, aber wie dem immer sei, umsonst möchte ich dies Opfer nicht gebracht haben. _ F. Mehring. Der Redaktionswechsel in, Zentralorgan der norwegischen Arbeiterpartei. Nachdem„SocialdemokrateuS" langjähriger LIedaktcur Genoffe I e p p e s e n auf feine Stellung verzichtete, weil er sich nicht ein- verstanden erklären konnte mit dem vom letzten Parteitag beschlossenen Passus über das Altoholverbot im Wahlprogramm der Partei, halte der Landesvorstand der norwegischen Sozialdemokratie am vorigen Sonnabend die Neuwahl des Redakteurs vorzunehmen. Gewählt wurde der Genosse Jakob B i d n e s, der bereits seit einer lanaeu Reihe von Jahren ständiger Mitarbeiter des Blattes ist und übrigens' auch vom Parteitag als Repräsentant'für daS Internationale Bureau gewählt worden ist. Der neue Redakteur ist allerdinas auch nicht Abstinent, jedoch der Meinung, daß das Alkohvlvcrbot als erstrebenswert aiizusehen ist und der Beschluß des Parteitags so- mit iür ihn kein Hindernis bildet, die Redaktion des ZentmlorganS zu übernehmen. In derselben Sitzung beschäftigte sich der Landesvorstand mit der Stellung Alfred Er, ksens zur Partei, und der Genosse Enkien gab hier personlich die Erklärung ab. daß er sein Amt als Borfitzender de« ReichSiprachenverbandeS dafür einsetzen werde, daß weder dieser verband noch sein Pretzorgan. noch einzelne Abteilungen den Kandidaten der Arbeiterpartei entgegenarbeiten wollteu. Ans Grund dieser Erklärung nahm der Landesvorstand in dieser Sache Abstand von weiteren Beschlüssen, erklärte jedoch folgendes: Sollte es sich zeigen, daß die Reichssprachenvcreine trotz der Erliärung Dr. Eriksens als des Vorsitzenden de» Verbandes, im Kampf gegen die norwegische Arbeiterpartei eigene Kandidaten auf- tellen oder für die Kandidaten anderer Parteien arbeiten, so hat -der Sozialdemokrat gemäß dem Beschluß des Parteitages ans dem lleichSsprachcnverband auszutreten' Diese Entscheidung wurde gegen 6 Stimmen getroffen; die Minderheit stimmte dafür, daß Dr Erilsen auf Grund deS ParteitagSbeschlusseS als ausgetreten an» der Partei anzusehen sei. — Die sozialdemokratische Storthinqsfraktion hatte sich bekanntlich flcich nach dem Parteitag mit der' Sache befaßt, war jedoch eben- 'alls zu der Ueberzeugung gekommen, daß kein hinreichender Grund vorliege, um den Austritt Eriksens zu verlangen. Eni schlauer Gedanke. Die Vertreibung des Sozialismus r ch i s m u S empfiehlt die.Illinois- Staatszeitung'. durch An- »Der Staat * sollte Anarchisten In die sozialistischen Oczanisationen bringen und ihnen die Mittel zur Bekämpfung deZ Sozialismus liefern. Sie würden ihr Werk erfolgreicher tun als Polizei und Staatsanwalt." Die Amerikaner find nicht dumm und manchmal sogar ehrlich. polizeiliches, gerichtliches ulw. Den Hütern des„guten Tones" ins Stammbuch. Eine Urteilsbegründung, die dem Reichswahrheitsverband nnd allen denjenigen, die immer über den angeblich rohen Ton in sozial- demokratischen Zeitungen und Versammlungen nicht häufig genug herfallen können, nicht in den Kram passen wird, gab der Vor- sitzende der vierten Breslauer Strafkammer. Landgerichisrat Flank, in einem Veleidigungsprozetz. Der frühere Lagerarbeiter Hellmann hatte gegen den Kassierer des Arbeiter-Konsumvereins„Vorwärts" in Breslau ein Flug- blatt losgelassen, das grobe Unwahrheiten und schwere Be- leidigungen des Kassierers enthielt. Das Schöffengericht erkannte auf Freisprechung, Iveil die Unwahrheiten nicht erwiesen und die beleidigenden Ausdrücke„unter Sozial- demokraten so üblich sind".' Auf die eingelegte Be- rufung verurteilte die vierte Strafkammer unter dem Vorsitz des obengenannten Landgerichtsrat den Hellmann wegen Ver- breitung von Unwahrheiten und Beleidigung zu IS Mark Geld- st r a s e, Tragung sämtlicher Kosten usw. In der hierzu gegebenen Begründung hieff es: Die Geschäftsführung des Kassierers war einwandfrei. Das Gericht hat der Auffassung des Vorder« richters nicht beipflichten können, daß der Ton in sozialdemokratischen Versa mnrlungen, in der sozialdemokratischen Presse und in sozialdenro- Iratischen Flugschriften besonders schlecht ist. Gewiß, es mögen hin und wieder scharfe Ausdrücke vorkommen, aber sicherlich nicht schärfere, als in manchen bürgerlichen Versammlungen. Dem An« geklagten muffte der Schutz des K 193 auch versagt werden, weil man so keine berechtigten Interessen vertritt. Alle Hüter des„guten Tones" wird beim Lesen �dieser Urteilsbegründung natürlich eine Gänsehaut überlaufen. SmcKts-Leitung. Die Direktion der Berliner OmnibuSgesellschaft forderte gestern vom Amtsgericht Bcrlin-Mitte(144. Abteilung) eine Genugtuung, für deren Wert anderen Leuten das Verständnis sohlen wird. Sie hatte den„Borwörts"-Rcdakteur Genossen Wachs zur Bestrafung angezeigt, weil ihr eine„Berichtigung" nicht sogleich in derjenigen Nummer des„Vorwärts" abgedruckt worden ivar, in der sie noch hätte abgedruckt werden können.„Berichtigen" wollte die Direktion eine vom Deutschen Metallarbeiterverband uns über- sandte Darstellung über einen im OmnibuSdepot der Use- domstraffe ausgebrochenen Streik der Metallardeiter, die von uns am 29. Februar mit der Unterschrift des Verbandes veröffentlicht worden war. Die„Berichtigung" kam nachweislich erst am 4. März in die Hände unseres verantwortlichen Redakteurs Albert Wachs, und da dann über die Angaben der Direktion erst noch Erkundigungen bei der Leitung des Metallarbeiterverbandcs eingezogen werden mufften, so konnte die Zuschrift erst am 6. März in �Druck gegeben werden. Am 7. März stand die„Be- richtigung' ohne Kürzung und ohne Aenderung in unserem Blatt, aber hinzugefügt waren sreilich auch die Erläute- rungen, die der Metallarbeiterverband uns dazu gegeben hatte- Jnzwischen war, weil die Direktion es eilig halte, schon am 6. März beim Gericht eine Strafanzeige wegen Richtaufnahme der „Berichtigung" eingegangen, wovon wir natürlich noch keine Kennt- nis hatten. Trotz der am anderen Morgen erfolgten Veröffentlichung wurde die Anzeige aufrecht erhalten, und so hatte gestern Genosse Wachs wegen der Verzögerung sich vor Gericht zu verantworten. Er erklärte, ihm könne doch höchstens da« Versehen zur Last gelegt werden, daff nicht unverzüglich die Veröffentlichung erfolgt sei. Der Awtsanwnlt beantragte 10 M. Geldstrafe und stellte im übrigen dem Gericht anheim, auch noch eine Ausnahme der Berichtigung � also eine zweite Veröffentlichung!— anzuordnen. Genosse Wachs machte darauf aufmerksam, daff sogar dann, wenn eine Berichtigung überhaupt nicht veröffentlicht worden sei, weil der Redakteur irrtümlich sie für nicht den Bestimmungen deS PreffgesetzeS entsprechend gehalten habe, Freisprechung erfolgen könne und nur nachträgliche Aufnahme angeordnet zu werden brauche. Hier aber werde, obwohl Veröffentlichung erfolgt sei, Bestrafung ge- fordert, nur weil die Veröffentlichung sich verzögert habe. Noch- malige Aufnahme anzuordnen, sei unzulässig. Verwunderlich sei dieser Antrag auch deshalb, weil hiermit der Gesellschaft, nachdem der Stieik längst beendet und Friede wieder eingetreten sei, wirklich nicht gedient werde. Das llrteil verhängte über Wachs eine Geld- strafe von 10 Mark wegen der Verzögerung. Nochmalige Auf- nähme wurde nicht augeordnet, weil ja Veröffentlichung schon er» folgt ist._ Ein untreuer Gcmclndebeamtcr. Der nach Unterschlagung von ISstW M. flüchtig gewordene Gemeindedicnrr und Bollzichungsbramte Elan? Heifch aus Mahls- dorf wurde gestern aus der Untersuchungshaft der 4. Strafkammer des Landgerichts III vorgeführt, um sich wegen Unterschlagung im Amte zu verantworten.— Der Angeklagte, welcher früher Schul- diener war, war von der Gemeinde Mnhlsdorf erst im vergangenen Jahre als Gemeindediener und' Vollziehungsbeamter angestellt wor- den. Am 29. Dezember v. I. erhielt er den Auftrag, von einer Bank in Berlin den Betrag von IS 000 M. abzuheben. Zur be- 'sonderen Sicherheit wurde ihm noch der Wächter Kleinow mit- gegeben. Als steh H. im Besitze des Geldes befand, reifte in ,hm der Entschluß, die Flucht zu ergreifen. Kurz vor Abfahrt des Zuges erklärte er seinem Begleiter, austreten zu muffen. Er kam dann erst im letzten Augenblick zurück und lieh den Zug scheinbar versehentlich davonfahren. Mit dem unterschlagenen Gelde fuhr der Angeklagte über Spandau, Stendal. Hannover nach Hamburg und von dort nach Kopenhagen. Nachdem er einen in Malmö an- 'lässigen Bruder besucht hatte, fuhr er nach Stockholm weiter. Hier stellte er sich, von Gewissensbissen über die von ihm begangene un- überlegte Tat geplagt, freiwillig dem deutschen Koii,ul, dem er auch den Rest des Geldes mit Ausnahme von 2700 M.. die er verbraucht hatte, freiwillig aushändigte.— Der Siaatsanwalt be- antragt? 9 Monate Gefängnis. Das Gericht ging jedoch über diese» Antrag hinaus, da es sich um einen schweren Vertrauensmiffbrauch bandele, und erkannte auf ein Jahr Gefängnis unter Anrechnung Von zwei Monaten der erlittenen Untersuchungshaft. Vcrschwiindcne Staatsaiiwaltsakten. fein eigenartiger Strafprozeß gegen einen Beamten der Dresdener Staatsanwaltschaft, Karl Friedrich Arnold, beschäftigte in iüvcitäaiaer Verhandlung die 2. Strafkammer des Dresdener Lau aerichts Der frühere Vizefeldivebel des 12. Jägerbotaillons ArnU trat aml. Dezember 1900«18 Burcanbeamter bei der Dresdener Staatsanwaltschaft-m©! war anscheinend dem Dienste nicht gewachsen, befaß auch mcht die notigen Kanzleibcamtenkeirnt. uisse und kam infolgedeffen mit seinen arbeiten imnitr mehr in Rückstand. Kurzerhand packte er e.ne grotze Anzahl Ak en der Staatsanwallschaft des Landgerichts, der AmlSanwaltjchaft Ehar- lottenburg, Polizei- und Handakten von mehr als ingesomt 21 Banden in zwei Bündel zusammen und versteckte diese«ktcnbundel tn seiner Wohnung, und als ihm dieser Aufbewahrungsort nicht «ehr sicher genug erschien,'M Kellergeschoß ceS Dresdener Land« gerichtsgebäudes. Damit der Staatsanwalt das Verschwinden der ' zahlreichen Alten nicht bemerlie, fälschte er die zur Führung der Akten angelegten Listen und Register und bemerkte dabei, daß die Prozeßsachen erledigt bezw. daß die Strafsachen beigelegt feien. Der Staatsanwaltschaft wurden durch diese Manipulationen des Beamten alle Uiiterlagen zur Strafvollstreckung entzogen und auf diese Weise konnte es sich ereignen, daß an einer Reihe von Ver- urteilten, die Gefängnisstrafen bis zu 10 Monaten zu verbüßen hatten, diese Strafen nicht vollstreckt werden konnten. Die Vor- gesetzten des Angeklagten stellen diesem über feinen Fleih ein gutes Zeugnis aus. Er soll fast täglich nach Bureaufchluff noch mehrere Ueberstunden gemacht, auch anderen Beamten geholfen haben. Es soll von feiten seiner Vorgesetzten angeregt worden sein, den Be- amten durch Anstellung einer Hilfskraft zu entlasten, doch soll von höherer Stelle ein dahingehendes Ersuchen abgelehnt worden sein. Nach Bekundung des medizinischen Sachverständigen ist der Beamte als geistig minderwertig zu betrachten. Hierauf nahm das Gericht Rücksicht und verurteilte den Angeklagten wegen Vergehen und Ver- brechen im Amte zu 1 Jahr und 2 Monaten Gefängnis unter An- rechnung der Untersuchungshaft mit 0 Monaten. )Ziis aller Hielt. Bürger Browning als Ordnungsretter. Aus Paris schreibt man uns: Das Licht kommt diesmal aus Wild-West. Weil ein paar gemeine Verbrecher Mordtaten begangen haben und sie mit anarchistischen Phrasen rechtfertigen möchten, soll die Gesellschaft alle, in langer Kulturarbeit errungenen Grundsätze und Bürgschaften des Rechts über Bord werfen. Der allgemeine Zug zur Bestialität, der die ihrem Untergang zueilende bürger- liche Welt kennzeichnet, druckt sich auf dem Gebiet der öffent- lichen Sicherheitspflege in einem Appell an die bedenkenlose brutale Gewalt aus. Die„Sicherheit" im Dourgeoisstaat ist nicht die Sicherheit des Menschenlebens, sondern die des Eigentums. Um ihretwillen ist alles erlaubt. Am Freitag verfolgte ein Gendarm in einem Pariser Vorort zwei Einbrecher. AIS er sie cillfforderte, sich zu ergeben, tat der eine einen verdächtigen Griff in die Tasche. Der Gendarm hob schnell seinen Revolver, schoß und tötete— den anderen. Man kann es am Ende verstehen, daß in der jetzigen Zeit, da die Panik dank der Sensationspresse überall um sich gegriffen hat, ein Gendarm die Geistesgegenwart vermissen läßt, die freilich die Voraussetzung für sein verantwortungsvolles Amt sein müßte. Vielleicht ließen sich genügend mildernde Um stände zu seinen Gunsten geltend machen. Aber in jedem Falle, sollte man glauben, muffte man eS für ein Unglück betrachten, daff ein junger Mensch ein Delikt, auf das das Gesetz ein paar Monate Kerker setzt, mit dem Tod hat Hüffen müssen. Doch weit ge- fehlt I Der Gendarm, der den«Unrichtigen" erschossen hat, läßt sich leichten Gewissens von einem Reporter photographieren und seine Heldenvisage in die Zeitung bringen. Und im„Matin" wird seine Tat als„Is bon gesto" angezeigt. „Die gute Geste I— vor zwanzig Jahren bewunderte der blasierte Geckenanarchismus die„schöne Gr st e" der terroristenkonservativen Bourgeois. Die Ethik von heute ist wahrhaftig noch widerwärtiger als die nihilistische Bourgeois-Aesthetik von damals. Der„Matin" verkündet mit behaglichem Schmunzeln, daß der Gendarm den Banditen in? Jenseits relegiert habe. Den„Bau- diten"— das wird jetzt überhaupt ein bequemes Schlagwort. Als „Bandit" avanciert jeder Nichtsnutz, der irgendeinen üblen Streich verübt hat, zum Kollegen der Banditen in Reinkultur, der B o n n o t und Garnier. Nötigenfalls erfindet man, wie es auch schon in diesem Fall versucht wird, daß er mit jenen in Verbindung gestanden habe. Auf diese Weise bekommt die „Gesellschaft der Ucbeltäter", die der Staatsanwalt den geängstetcn Geschworenen vorstellen wird, immer furchtbarere Züge. Jeder Strolch, der sich jetzt bei seiner Verhaftung, statt die Polizisten ordinär als„vaebso"(Kühe) zu beschimpfen, stolz als„Anarchisten" deklariert, vergrößert den Kreis. Jeder, der irgendwo einen der„tragischen Banditen" gestreift hat, kann zum„Teil- iiehmer" des„Komplotts" gestempelt werden. Unter diesen Umständen glaubt der Bürger, der von den Schreckens- zeitungen geistig genährte Bauer schließlich wirklich, daß die moralische Ordnung durch die Anarchisten außer Rand und Band gebracht worden sei und daß nichts übrig bleibe, als die Rechts garantien außer Kraft zu setzen und den Polizisten zu bevofr mächtigen, in einem summarischen Berfahren gleich den Richter und Strafvollstrecker zu spielen. Im„Rappel", dem fortgeschrittensten Organ des Radikalsozialismus, macht einer der besten Köpfe der bürgerlichen Demokratie, der Lyoner Bürgermeister H e r r i o t für die Einführung der„neunschwätzigen Katze", der Auspeitschung der Gefangenen nach englischem Muster Stimmung. Er schreibt wörtlich:„Wir wollen eine Verstärkung der Re pression, um den republikanischen Idealismus zu retten." Der Idealismus soll emporgepeitscht werden. Schweres Verkehrsunglück. In'der Sonntagnacht stieß in W i e s b a d e n an der Ecke der Schiersteiner und der Niederwaldstraße ein in voller Fahrt befind- sicher Straßenbahnwagen mit einem Break zusammen. In dem Fuhrwerk befanden sich außer dem Kutscher noch drei Feld- webel und ein Sergeant des Infanterieregiments Nr. 80 sowie eine Dame. Der Wagen wurde etwa 30 Meter weit geschleift, sämtliche Insassen flogen im weiten Bogen heraus. Während der Kutscher nnd der Sergeant nur leichte Kopfverletzungen erlitten. wurden der Sanitätsfeldwebel Büttner, der Vizeieldweael Orth sowie der Feldwebel D e b u S, alle von der 3. Kompagnie des ge- nannten Regimentes, schwer verletzt und von der SanitätS- wache dem Garnisonlazarett zugesührt. Die Dame erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. Der Pariser Polizeipräsident verhaftet. Nach einer Meldung des„Matin" ist Polizeipräsident Löpine am Sonntag während einer Anton, obilfahrt nach T e r r i t e t von Gendarmen angehalten worden, weil das Automobil nicht mit der vorschriftsmäßigen Nummer versehen war. Der Polizeipräsident weigerte sich jedoch, seine Personalien anzugeben und so mußte er wohl oder übel den Gang nach der Polizeiwache antreten. Alles Protestieren blieb erfolglos, er»nißte mit. Auf der Polizeistube kam es z u e i u e r e r r e g t e n A u s- e i n a ii d e r s e tz u n g nnd erst als Lspine sich als Pariser Polizei- Präsident zu erkennen gab, ließ man ihn laiifen. Es ist nur gut, daß die Gendarmen den Polizeigewaltigen nicht für einen der gesuchten Autoniobilräuber gehalten haben, sonst hätte er wohl mit den Brownings recht unliebsame Bekanntschaft gemacht. Ob übrigens gegen den polizeilichen GesctzeSverächter Anklage wegen llebertretung polizeilicher Vorschriften, Beamtenbeleidigung, Wider- stand usw. erhoben wird?_ Die Mississippiflnt. Die Lage in dem Ueberfchwemmungsgebiet wird immer ernster. Von Vicksburg bis nach New Orleans ist der Mississippi beträchtlich höher, als bei srühcren Nebcrschweimmmgen. Die Schutz- dämme sind mit Arbeiter» besetzt, die versuche», sie gegen den Stroni zu halten. Motorboote sind abgesandt worden, um die Leute von den HauSdächern aufzunehmen. Sie sind aber in vielen Fällen z u spät gekommen. ES ist bisher unmöglich, die Zahl der Opfer zu schätzen. Kleine Notizen. Pulverezchlosion. Wie aus Nancy gemeldet wirb, explodierte im Bergwerk La Noue ein Wagen mit Sprengpulver. Sechs Arbeiter wurden getötet, mehrere ver- tv u n d e t. Folgenschwerer Hailseinsturz. Bei dem Einsturz eines Kon- fektionshauses in Toronto Nordamerika) wurden drei Leute getötet und über zwanzig verletzt. Explosion in einer Sprengkiipselfabrik. Montag nachmittag er- folgte in der Sprengkapselsabrik in D ö n i tz(Mecklenburg-Schweriii) eine Explosion. Ein Mann wurde getötet, einer schwer verwundet._ Briefkasten der Redaktion. 3t. O. 45, Pankow. 1. und 2. Das Gewerbe muff in Paukow an- gemeldet werden. Sie erhallen darüber kostenlos eine Bescheinigung. 3. Wandergcwerbcschcin. 4. Ja 5. Erfahren Sie bei der Polizeibehörde. — Würdig. 1. Besagt, daff dem Mieter das Recht zur sos ortigen Lösung des Mictsoertrages zusteht, wenn die Benutzung der Wohnung mit einer erhebliche» Gefährdung der Gesundheit verbunden ist. 2. Der Bescheid rcichi zur sosortigcn Veitragslösung nicht aus. Falls Sie ausreichend geheizt und gelüstet haben, so können Sie den Schaden ersetzt verlangen.— K. S. 103. Allgemeine Schwächlichkeit ohne anderweitige körperliche Fehler oder Entkrästung nach übcrstandener Krankheit.— O. W. 30. Es kann bei der Staatsanwaltschast Strasantrag gestellt werden aus Z 29, Ziff. 3 des Feld- und Forslpolizeigesetzes, ß 274, Ziff. 2 des Strasgesctzbuches. Die Täter sind schadenersatzpstichlig, ob auch der Maurer- meister, läßt Ihre Darstellung nicht erkennen.— F. B. 100. Sie sind zur Herausgabe verpflichtet.— G. Sch., Turin. Bescheinigung de-' Hcimatsbehörde über die Staatsz«zehörigkeit am zweckmäßigsten.— !i0Äs!taMeIiefMvkse!li Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß am 4, Mai ,der Genosse Tischler HudusK(»Base| [ gestorben ist. ! Verband der Maler, Sackierer, Anstreicher Melchiorstraße 28, Part. Titiale Berlin. USW. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Donnerstag, de« 9. Mai 1912, abends 8'/z Uhr, im Gewerkschastshause, Eugelufer 15 Versammlung für Berlin«. Bororte. Tagesordnung: 12S/1' Stellungnahme zu der Tarifvertragspolitik des Arbeitgeberverbandes. Referent: Landtagsabgeordneter R. Leinert. Kollegen! Zeigt«larcli den Massenbeancb, dnfi Ihr gewillt seid, Eure wirtschaftliche Lage verbessern za wollen. Die Ortsverwaltung. (Ar -iffl Arbeitsnachweis: Hol I. Amt Norden, Nr. 12Z9. Charitestrafte 3. Uauptbureau: Hos m. Amt Norden, Nr. 1937. Heute Dienstag, den 7. Mai ISIS, im Saale der Patzenhofer Brauerei, abends 8'/� Uhr, Turmstraße 25/26: ßriirtsiiklliiMliiiig für Miltbit. Tagesordnung: Fortsetzung der Bezirksversammlung vom SS. »- Mitgliedsbuch legitimiert!: April. Sie Versammlung wird pünktlich erössnet/ Vollzähliges Erscheinen wird erwartet. bi»ms! Bauanschlager Achtung! . Donnerstag, den S. Mai ISIS, abends 8'/z Uhr: = Versammlung � • im Gewerkschaftshaus, Engeluser 15(saal 1). Tagesordnung: 1. Verbands- und Branchenangelegenheiten. 2. Diskussion. 3. Per schtedeneS. Zahlreichen Besuch erwartet 1 1S/16 Die Ortsverwaltnng. NB. Die Ausgabe der Billetts zum Sommervergnügen ersolgt in der Versammlung. Steinarbeiter! Freitag, den IS. Mai, abends 8 Uhr, in den„Armine hallen", Kommandantenstr. 58/59: Kombinierte Versammlung. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zu den auswärtigen Anträgen zum VerbandStag. 2. Bericht über den Stand der Verhandlungen zwecks Einsührung eine? paritätischen Arbeitsnachweises. 3. Beschlußfassung über die Höhe der dteS- jährigen Maimarke und Ausgabe derselben. 4. Verschiedenes. ES ist Pflicht eines jeden Kollege», insbesondere derjenigen, die noch nicht im Befihe der Nrbeitslosenunterstnbnngs-Ouittungs- karte sind, zu erscheinen. 171/11* Die Drtsverwaltnng. Sei Rückgrat- oerktömung glänzendste£ffOlffß mit meinem weltberühmten regallerbarea Redresslons- Apparat'— Patent Haas— iür Erwachsene und Kinder. Mein Apparat wurde auf d. 10* Aerzte-Kon- gress mit d. 1. Preis anagezeichnet o. erhielt auf der International. Hygiene- Ausatellong in Dresden 1911 die silberne Medaille. Prospekt n. fachmänn. Beratung kostenlos. F. Menzel 0rttÄi1st°hM Barlin W. 35, SchSneberger Ufer 28. Pumpen ali er Art fUr Abeeslasier u. Keeaelbrnnnen, Janehepumpen usw. In bester Ausführung zu den billigsten Freisen, Kataloge gratis. Paul Gries, Berlin SO 16, KBpenlekor Straaso 44. 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Iahrgauz. filiiSt Ks Jormitts" Btrüntt Bolliülilatt. pcnsita, 7. Mai 1912 Der IPcStraub vor Gericht. Jene aufsehenerregende Beraubung cine-Z Postwagens, bei welcher den Tätern bares Geld und Wertpapiere in Höhe von «00 000 Mark in die Hände gefallen war, beschäftigte gestern die erste Strafkammer des Landgerichts I. Aus der Untersuchungshaft wurden der 29jährige in Buchhorst gebürtige ehemalige Postillion Max W e n d t und _ der Sljäfjdge Büfettier und Reisende Eduard C a v e l l o vor- geführt. Mitangeklagt war ferner die � 23jährige Kellnerin Martha B a r o w i tz, zuletzt wohnhast in der Weierstratze zu Neukölln. Die Anklage gegen Mendt und Cavello lautet auf schweren Diebstahl, begangen an Gegenständen, die zur Beförderung durch die Post gehören, und gegen die Barowitz auf Begünstigung.— Den Vorsitz im Gerichtshof führt Land- gerichtsdirektor S ch m i d t. Sachverhalt. Der Angeklagte Mendt trat am 1. April 1903 bei dem kaiser- lichen Postfuhramt in Berlin als Postillion ein und leistete als solcher den Diensteid. Sein Diensteiniommen betrug zuletzt 3,79 M. täglich. Da er jedoch als Musiker in Verguügungslokalen sich noch einen recht erheblichen Nebenverdienst verschaffte, konnte er mit Frau und zwei Kindern sehr gut auskommen. Zu seinem Unglück lernte er vor längerer Zeit den schon vorbestraften Mitangeklagten Cavello keimen, der früher Telegraphenarbeiter war, dann eine Zeit lang eine Schankwirtschaft betrieb und in der letzten Zeit von allerlei zweifelhafte» Geschäften gelebt hatte. Cavello lebte von seiner Frau gelrennt und schon seit längerer Zeit mit der Angeklagten Barowitz in wilder Ehe. Durch Cavello, der allgemein als liederlicher Patron geschildert wird, vernachlässigte Mendt seinen Dienst und gab wiederholt Anlast zu dienstlichem Tadel und Bestrafungen. Cavello war auch derjenige, der Mendt, der bisher in auskömmlichen Verhältnissen lebte, zum Wetten bei Pferderennen verleitete. Als Mendt Wettverluste hatte, lieb er sich von Cavello Geld, so dast er ihm schliestlich S0 Mark schuldete. Wie Mendt in dem Vorverfahren behauptete, sei Cavello auch derjenige gewesen, der ihn zuerst auf den Gedanken gebracht habe, sich durch Beraubung eines Postwagens Geld zu verschaffen. Als Mendt immer mehr in Schulden geriet, fastten beide folgenden Plan: Von der Posthalterei in der Möckernstraste, bei der W. beschäftigt war. wurde jeden Abend ein einspänniger Briefbeutelwagen zur Be- förderung eines Gcldversandes nach dem Postamt 0. 17(Schlesischer Bahnhof) gestellt. Die beiden Angeklagten planten nun diesen von Mendt selbst gelenkten Magen, der hauptsächlich zur Beförderung der Wertsendungen der Großbanken dient, in unauf* fälliger Weise zu bestehlen und zwar sollte der Diebstahl selbst vor dein Postamt 41 in der Kurstraste bewerkstelligt werden, da sich hier sämtliche Geldsendungen der Banken in de»i Postbeutel befanden. Dieser Plan wurde dann auch am Abend des 24. November vorigen Jahres ausgeführt, nachdem Mendt schon vorher die von Cavello angcfertiglen verschiedene» Nachschlüssel ausprobiert halte. Die Tat ging ganz programmästig vor sich. Cavello öffnete, als der Wagen kurze Zeit vor dem Postamt 41 hielt, mittels der Nachschlüssel den Wagen, nahm den Postbeutel auf die Schulter und lief die Alte Leipziger Slraste hinunter über die Jungfernbrücke und "» durch die Spree- und Neumannsgasse bis zur Breilestraste, wo er sich eine Droschke nahm und nach Neukölln fuhr. Der Diebstahl ii selbst wurde sofort bemerkt und die Kriminalpolizei von dem da- maligen Oberpostinspeklor Lübbert benachrichtigt. Kriminalkommissar Schnellralh gab an sämtliche Polizeireviere Nachricht von dem Dieb- stahl�und eine genaue Beschreibung des gestohlenen Postbeutels. Inzwischen hatte Cavello in Gegenwart der Barowitz den Beutel geöffnet. Er nahm alles Geld und die veräusterlichen Werl- Papiere in Höhe von mehreren Hunderllausend Mark an sich, während er die übrigen Wertpapiere Wechsel und Schecks, in dem Ofen verbrannten. Aus den Hinweis der Barowitz. dast der Ofen platzen werde, ver- brannte er da»» in dem Badeofen ein Teil der übrigen Wertpapiere. Als er hiermit nicht fertig wurde, beschlotz er, die Papiere ins Wasser zu werfen. Als Cavello gegen'/z3 Uhr morgens mit den, Beutel durch die Nansenstraste in Neukölln ging, wurde er von dem Schutzmann L i n d e r s geiehen, der in ihm einen Dieb vermutete. AlS er auf ihn zuging, ergriff Cavello die Flucht und warf den Sack i!i_ der Mamliusstraste über den Zaun auf ein unbebautes Grundstück. Cavello wurde jedoch sestgenoinmen und von Liuder-Z nach dem 8. Polizeirevier in Neukölln gebracht, wo es sich he, ausstellte, dast der Beamte einen guten Fang ge- macht halte. In der Wohnung der Barowitz wurde dann sofort eine Haussuchung vorgenommen, bei der Bargeld und Wertpapiere i» Höhe von zirka 399 999 M. beschlagnahmt werde» könnten. � Das gestohlene Bargeld soll, wie behauptet wird, bis auf 399 M. vollständig vorgefunden fein. Geschädigt sind hauptsächlich die Neichsbauk. die Direktion der Diskoutogesellschaft, die Deutsche Bank, die Bank für Handel und Industrie sowie die Banksirmen S. Bleichröder, F. W. Krause u. Co.. Mendelssohn u. Co., A. Schaaff- hausenicyer Bankverein u. a. Für diese Schäden ist die Postbchörde haftbar.— Bei der Verlesung des Eröffiiungsbeschlusses ergab es sich, dast gegen de» Angcklagtcii Cavello auch gleichzeitig eine An- klage wegen wissentlich falscher Ä u s ch u l d i g u n g er- hoben worden ist, die darin liegen soll, dast er seinerzeii den Post- schaffner Bruschkowskn einer Beteiligniig an dem Diebstahle be- zichtigte. Nach Verlesung dieses Beschlusses stellt Staatsanwalt Heyne den«„.rag auf Au S schlug der Oesfentlichkeit wegen G e t ä h r d n>i g p c r ö f f c n l l i ch e n Ordnung. In der Ver- Handlung würden alle möglichen Einzelheiten aus dem internsten Betriebe der Post, über die Art der Eröffnung der Postwagen sowie der Absah, tszciien erörtert. Es liege deshalb die Gefahr nabe, dast eine derartige Tai von anderen Tätern wiederholt werden kann, wenn diese Einzelheiten i» der Oeffentlichkeit be- kannt wurden. � Der Antiag auf AnSschlust der Oeffentlich- kcit werde auf ausdrücklichen Wuii'ch der Obeipostdirektion gestellt.— Tos Gericht beichlost die Oeffentlichkeit wegen Gefährdung der ö f f e n i l i ck e n Ordnung a u S z u- s ch l i e st e n. ES wurde eineni Vertreter der Presse ge- st a t t c l, der e r h a u d l u n g b c i z u>o o b n c n, nachdem dieser durch ein �chivcigeverbot Verpflichtet worden war, über ge- Wisse Eiuzclheiteu aus dem Postbetriebe keine Milteilniig:» in die Leffeutlichkeir gelangen zu lasse». Austerdcin wurde cineiit Vertreter der Lberpostdirellioii gestattet, der Verhandlung beizuwohnen. In seiner Bernrhmuug bestreitet der Angeklagte Mendt, an dein Diebstahl selbst be- tsiligt gewesen zu iem. Er gibt dann eine sehr ausführliche Schilderung seiner perionlichen Verhältnisse. Schliestlich gibt er zu, im Einverständnis mit Cavello gehandelt zu haben. Als Cavello vor dem Postaint 41 an dem fraglichen Abend erschien, habe ibn noch im letzten Augenblick die Angst gepackt. Er habe Cavello stehenilich gebeten, den Diebstahl nicht auSzufübre». Cavello. der vor Aufregung gezittert habe, habe ihn, die Schlüssel förmlich ans der Hand geriisen und de» Wage» geöffnet. Als der Diebstahl be- merkt wurde, sei er sofort scstgenominen worden. Ter Angeklagte Cavello spielte bei seiner Vernehmung den »wilden Mann', indem er alle möglichen Grimasien schnitt und zum Teil recht dreiste und freche Antworten gab. Aus die Frage des ttaiidgerichtsdirellorS Schmidt, was er zu der Aussage des Wcitdt zu sagen habe, antwortete Cavello heftig gestikulierend r Das !ist lauter Quatsch I Er sei bei der ganzen Diebstahlssache überhaupt i nicht zugegen gewesen, sondern ein Kollege des Mendt, den er jetzt blost nicht nennen wolle. Dieser Kollege, der mit Vornamen „Wilhelm" heiste und in der Kaiser-Friedrichstraste wohne, habe auch den Wagen geöffnet. Er selbst habe gar nicht gewutzt, dast Mendt Geld fahre und wo er beschäftigt sei. An jenem Tage habe ihn Mendt gebeten, ihm ein„Privatpaket" in seiner Wohnung aufzu- bewahren.— Auf eine Frage des Vorsitzenden, ob er denn nicht in der Wohnung der Barowitz Wertpapiere verbrannt habe, erklärte Cavello, dast er sich an die ganze Sache nicht mehr erinnern könne. Die Angeklagte Barowitz bestritt in ihrer Vernehmung. sich einer Begünstigung schuldig gemacht zu haben. Sie habe dem Cavello sofort gesagt, dast sie niit der Sache nichts zu tun haben wolle. Cavello habe ihr aber 6 Fünfzigmarkscheine in ihre Handtasche gesteckt, die sie am nächsten Tage einwechseln sollte. Aus eine Frage des Staatsanwalts Heyne erklärt der An- geklagte Mendt noch, dast Cavello einmal zu ihm geäustert habe, wenn er verhaftet werde, spiele er den Verrückten und in 14 Tagen sei er dann wieder frei. In dee Beweisaufnahme wurde als erster Zeuge der Postrat Li bb er t- Hamburg ver- nommen, der zur Zeit der Tal in Berlin als Oberpostinspektor tätig gewesen war. Der Zeuge äusterte sich über verschiedene Einzel- heilen aus dem internen Postbetriebe. Gestohlen seien folgende Werte: 1.152999 Mark in bar, davon 81 999 M. deklariert, bestehend in deutschen und englischen Noten, 2. Wertpapiere in Höhe von 259 999 Mark, 3. Zinsscheine. deren Wert noch nicht festgestellt ist, 4. Wechsel und Schecks der Reichsbanl sowie mehrere Testamente. Der augenblicklich festgestellte Schaden von 24 999 Mark ist von der Postbehörde gedeckt worden. Nach Vernehmung mehrerer Zeugen, die nur unwesentliche An- gaben machten, wurde die Verhaudluug auf Donnerstag vertagt. IRmibniöräer Crenkler vor den Geschworenen. Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Berlin I begann gestern die Verhandlung gegen den Schloffer Ernst Oswald Trenkler, der unter der Anklage des dreifachen Raubmordes steht. Die entfetzliche Bluttat, der der Juwelier Schulze, dessen Ehefrau und Tochter zum Opfer fielen, hat sich am 17. Januar abgespielt. Die Goldarbeiter- Eheleute Schulze und dercu erwachsene Tochter, Alte Jakobstratze 94/95 wohnhaft, wurden am genannten Tage in der hinter ihrem Goldwarenladen belegenen Stube gegen 1 Uhr nachimttags schwer verletzt aufgefunden. Alle drei waren durch Hammerschläge iiieder- gestreckt worden. Die in entsetzlicher Weise verstümmelte 18 Jahre alte Tochter Grete verstarb bald nach der?luffindung der Vcrletzlcn, der 59 Jahre alte Goldschutiedemelster Schulze wurde nach der Charite gebracht, wo er bald seinen Geist ausgab, ohne vorher zum Bewutztsein gekcmmen zu sein. Tic schwerverletzte 44jährige Ehefrau Schulze verstarb am Tage»ach dem unerhörten Verbrechen im Krankcnhause am Urban, ohne dast sie irgendwelche Angaben über die Bluttat hätte machen köiineii. Letztcrc war durch einen Kunden, der das Schulzesche Geschäft gegen 1 Uhr mittags be- treten hatte, zuerst entdeckt worden. Der Kunde wunderte sich, dast niemand aus dem Zimmer nach vor» kam, um sich nach seineil Wünschen zu erkundigen und da auch sein Rufen keinen Erfolg hatte, so kam ihm die Sache verdächtig vor und er holte von der Straße einen Polizeibcaiiitcn herbei. Als beide dann durch die hinter dem Ladentisch befindliche Glastür in die dahinter gelegene Stube blickien, sahen sie zu ihrem Entsetzen die drei leblosen aus klaffende» Wunden blutenden Körper. Dast ein Raubinord vorlag, tonnte bald festgestellt werden. Denn aus den Mitteilungen von Verwandten der Toten ergab sich, daß eine große Menge von Schmucksachen und ein Sparkassenbuch über 1299 M. geraubt worden waren. Unmittelbar nach der Tat hat der Mörder auf dieses Buch 159 M. von der Sparkasse abgehoben. Die Nachforschuitgcn der Polizei blieben, wie erinnerlich, trotz aller Mühe längere Zeit er- folglos. Endlich, am 19. Februar, kam die lange erwartete Kunde. daß in der sächsischen Stadt Zittau der jetzige Angeklagte, Schlosser Oswald Trenkler aus Klein-Schönau, als der Mörder festgenom- inen worden sei. Tie Kriminalpolizet hatte die Art und Form der geraubten Schmucksachen, die Nummern der geraubten Uhren usw. festgestellt. Das Verzeichnis aller dieser Schmucksachen wurde nicht der Oeffentlichkeit übergeben, aber an alle in Betracht kommenden Geschäftsleute, Psandleiher, Goldwarenhändler, Alt- Händler usw. in ganz Deutschland verschickt. Am 18. Februar wurde die Berliner Kriminalpolizei von der Kriminalpolizei in Zittau davon benachrichtigt, daß nach einer Mitteilung des in Dres- den wohnenden Althündlers Plowitz diesem von einem bei Zittau wohncitden Manne Uhren und Juwelen zum Kaufe angeboten wor- den seien, die anscheinend aus dem Raubmorde herstammten. Da der Althändler mit dem sich anbietenden Verkäufer ein Zusamiiieii- treffen in Zittau in einem von ihm der Polizei bezeichneten Lokal verabredet hatte, so gelang auf diese Weise die Festnahme Trcnk- lers, der nach einigem Sträuben bald vor dem Kriminalkommtssar Hoppe ein Geständnis ablegte. Er behauptete, Komplicen nicht gehabt, die Tat bielmehr allein ausgeführt zu haben und bemühte sich, die Sache so darzustellen, dast er bei der Ausübung eines Diebstahls im Schulzeschcn Laden von der Frau Schulze über- rascht worden sei und sie, da sie ihn nicht weggehen lassen wollte, niedergeschlagen habe; dann sei er von der nach Hause kommenden Tochter gehindert worden, zu entfliehen und habe sich ihrer erwehrt, indem er sie mit dem Sammer niederschlug; dasselbe Schicksal habe dann noch im letzten Moment den auf der Bildfläche erscheinenden Schulze ereilt. Trenkler will also darauf hinaus, dast er nicht mit Ueberlegung gehandelt, sondern die Tat nur begangen habe, um sich der Ergreifung zu entziehen. Den Borsitz im Gerichtshofe führt Landgerichtsdirektor Gayer, die Anklage wird vom Staatsanwalt Leisering vertreten, dem An- geklagten steht Rechtsanwalt Dr. Mar Cohn als Offizialverteidiger zur Seite. Bei dem Angeklagten hat sich während der Untersuchungshaft der in ihm steckende Keim einer Lungentuberkulose stark entwickelt. Der Angeklagte wird durch den verlesenen Eröffnungs- veschlust des dreifachen Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub beschuldigt. Er soll 159 M. bar, 19 999 M. in Juwelen und ein Sparkassenbuch über 1299 M. geraubt haben. Bernehmung des Angeklagten. Auf Befrage» des Vorsitzenden bekundet der Angeklagte: Er ist im April 1883 in Klein-Schönau geboren, evangelischer Religion und befindet sich seit dem 19. Februar in Untersuchungshaft. Er ist schon mehrfach wegen Diebstahls vorbestraft und zwar schon im Jahre 1897 vom Schöffengericht in Zittau mit einem Ver- weise, dann 1899 vom Landgericht Bautzen zweimal zu je 6 Mo- naten Gefängnis, im Jahre 1994 vom Landgericht in Dresden wegen schweren und einfachen Diebstahls zu ö Jahren Zuchthaus, 19 Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Präsident: Wollen Sie sich auf die Anklage erklären?— Angeklagter: Ich möchte das meinem Verteidiger überlassen.— Präsident: Das geht nicht. Sie müssen sich schon selbst erklären.� Wollen Sie Aufklärung geben, was Sie getan haben und wie Sie dazu gekommen sind?— Angeklagter: Ja.— Präsident: Fühlen Sie sich denn schuldig im Sinne der Anklage?— Angeklagter: Ja, ich fühle mich schuldig, drei Menschen totgemacht zu habe», aber ich fühle mich nicht schuldig, zu dem Zweck nach Berlin gefahren zu sein, um drei Menschen tat zu machen.— Präsident: Hatten«ic denn das Bewutztsein. als Sie den Schulzeschen Laden betraten? Hatten Sie sich überlegt, die drei Menschen zu töten?— An- geklagter: Nein, das ging alles zu schnell.— Borsitzender: Dann erzählen Sie einmal, wie die Sache sich abgespielt hat.— Der Angeklagte spricht so leise, dast die Geschworenen wiederholt erklären, dast sie kein Wort verstehen. Der Angeklagte mutz deshalb den Anklageraum verlassen und auf einem Stuhl in gröstercr Nähe der Geschworenenbänke Platz nehmen. Der Angeklagte erzählt, soweit er verständlich ist; folgendes: Am 16. Januar wollte er nach Görlitz fahren, um wegen seines Lungenleidens einen Arzt zu konsultieren. Er habe sich in ein Paket mehrere Sachen gepackt, darunter ein Stück Eisen, einige Schlüssel und einen Sperrhaken; autzerdem eine Rolle mit Zeich- nungen von kleinen Automobilen, die er selbst in der Lungen- Heilanstalt Tannenwaldc angefertigt haben will, um sich danach eine Krawattennadel machen zu lassen.— Borsitzender: War der Zweck dieser Reise wirklich nur, in Görlitz einen Arzt aufzusuchen? Wollten Sie nicht direkt nach Berlin fahren? Wollten Sie nur einen Arzt befragen?— Angeklagter: Ich wollte auch stehlen.— Borsibender: Hatten Sie sich schon einen Diebstahlsplan zurecht- gelegt!?— Angeklagter: Ich hatte im allgemeinen den Plan, einet, Juwclierladen zu berauben und Brillanten zu stehlen. Für mich hat alles Neue immer einen grotzeu Reiz, ich konnte manchmal stundenlang vor Schaufenstern stehen, um die neuen Auslagen zu besichtigen und da wurde ich immer von Brillanten besonders leb- hast angeregt. Ich dachte dann oft darüber nach, wie ich in den Besitz der Edelsteine kommen könnte. Ich hatte mir vom Aater 25 SN. Reisegeld geborgt. Ich habe, wie dies zumeist der Fall war, des Nachts nicht schlafen können und habe gelesen; er habe über- Haupt mit Vorliebe viel dummes Zeug gelesen. Als er des Morgens früh aufwachte und von Hause wegging, habe er alles, was er zu- sammengepackt hatte, in eine Tasche gesteckt und auch das Diebel- eisen dazugelegt, um damit eventuell eine Schaufensterscheibe zu zertrümmern.— Borsitzendcr: Dazu brauchten Sie doch nicht ein so schweres Instrument. Haben Sie sich nicht gleich gesqgt: wenn Ihnen ein Mensch hindernd in den Weg tritt, dann schlagen Sie ihn nieder?— Angeklagter: Zunächst nicht.— Borsitzeride-r: Ww»i sind Ihnen solche Gedanken gekommen?— Angeklagter: Erst als ich die Tat beging. Der Angeklagte erzählt auf Befragen des Vorsitzenden weiter: Er habe sich eine Fahrkarte nach Görlitz gelöst. In seinem Allteil habe er einen jungen Mann getroffen, der ihn fragte, was ihm denn fehle, da er doch so krank aussehe. Er habe gesagt, dast es ihm schlecht gehe und er einen Arzt in Görlitz aufsuchen wolle, der junge Mann habe ihm aber zugeredet, doch lieber nach Berlin zu fahren, da dort für seilt Leiden bessere Hilfe zu finden sein würde. In Berlin seien sie dann beide in eine Restauration zum Mittagessen gegangen. Dann habe er sich seines früheren Aufent- Haltes in Berlin erinnert und wollte die alten Strasten, die ihm bekannt waren, wie die Alexandrinenstraste, die Jakobstraste usw. wiedersehen. Den Schulzeschen Laden habe er von früher her noch im Gedächtnis gehabt und dorthin sei er gegangen. Vor diescin Laden sei er längere Zeit hin und her gegangen. Es war bitter kalt und er fei schliestlich wieder weggegangen. Er habe dann ei» in der Dresdener Straste gelegenes Restaurant aufgesucht und auf sein Ersuchen dort Gelegenheit zum Nachtquartier gewährt er- halten. Am Abend sei er noch einmal weggegangen, nachdem er ein alkoholfreies Getränt zu sich genommen.— Vorsitzender: Zu welchem Zweck hatten Sie eigentlich die Zeichenrolle mitgenommen? Angcllagtcr: Ich hatte das Bestreben, eine.Fruchtschale in Form eines Automobils mir anfertige» zu lassen. Es sei überhaupt seit seinem Besuch des Technikums eine Angewohnheit von ihm ge- ivesen, eine solche Zeichenrolle mit sich herumzutragen.— Bor- sitzender: Haben Sic nicht den Zweck damit verfolgt, piese Zeichenrolle einem Juwelier vorzulegen und, wenn dieser sich dann nach den Zeichnungen bückt, ihm eins über den Kopf zu geben?— Angeklagter: Ich habe das nicht überlegt; mein Kopf hat zu viel in sich. Ich war doch in einem kläglichen körperlichen Zustand und in einem solchen Fall wäre ich wohl sehr leicht überwunden worden. Das habe ich nicht beabsichtigt.— Der Angeklagte erzählt weiter: Er sei dann nach einer Apotheke gegangen, um sich etwas Morphium und Hustentropfen zu holen. Dann sei er in die Stadt gegangen, um auszuspionieren, ob und wo Gelegenheit zum Diebstahl sich zeige. So sei er auch nach der Jakobstraste gekommen. Dort seien mehrere Juweliergeschäfte. Eines derselben an der Seydclstraste sei hell erleuchtet gewesen und es sei ihm der Gedanke gekommen, dieses Schaufenster zu zertrümmern und Brillanten zu rauben. Dies habe er aber wieder aufgegeben, da er sich überlegte, dast er bei seinem Zustande doch nicht so schnell würde weglaufen können. Des Schulzeschen Geschäfts habe er sich noch aus der Zeit erinnert, wo er im Jahre 1992 oder 1903 die technische Schule „Elektra" besuchte. Da habe ihm Herr Schulze einmal das Löten gezeigt. Er habe nicht gewustt, dast drei Menschen zur Schulzeschcn Familie gehörten. Er habe gesehen, wie drei junge Leute in den Laden gingen, dabei konnte er einen Blick in den Laden iverfcn und habe gesehen, dast der Laden im Innern noch so aussah, wie damals. Da habe er den Borsatz gcfastt. in dem Schulzeschcn Laden cincit Diebstahl zu begehen, doch habe er diesen Vorsatz an jenem Abend nicht ausgeführt, er ging vielmehr in die Walde- marsche Restauration zurück, genost Kaffee und eine Stulle und ging dann ins Bett.. Er habe aber gar nicht schlafen können, weil er starken Husten hatte. Am aiiderii Morgen, so erzählt der Angeklagte auf weiteren Vorhalt, sei ihm sehr elend gewesen; es war eine furchtbare Kälte, er habe sich in einer Apotheke noch einen Löffel Hustentropfen geholt, dann habe er sich wieder auf die Wanderung nach dem Schulzeschen Laden gemocht. Das Eisen hatte er beim Kasfeetrinken in die rechte Manteltasche gesteckt, das Stemmeisen und einen kleinen Meiste! in die andere. Die Zeichenrolle hatte er vergessen. Er ging dann in das Restaurationslokal zurück, atz etwas, trank ein Fläsch- chen Medizinalwein und ging dann wieder weg, nachdem er die Zeichenrolle zu sich gesteckt hatte. Kurz vor Mittag traf er in der Alten Jakobstrastc ein.— Borsitzender: Sie sind aber vorher noch zu einem Waffenhändler gegangen und haben sich einen Revolver ge- kaust?— Angeklagter: Ja, das war schon nach dem ersten Aus- gange.— Borsitzender: Sie kauften etilen Revolver nebst Patronen? — Angeklagter: Ja, ich ging damit in eine Restauration und da sah ich. dast man mir Platzpatronen gegeben hatte. Ich ging dann nochmals in die Waffenhandlung und erhielt scharfe 5lugelpatroneii. Ich lud dann den Revolver in dem Klosettraum der Restanration, dann sicherte ich den Revolver und steckte ihn in die Hintere Hosen- tasche. Die Tat selbst. Vorsitzender: Als Sie nun in den Schulzeschen Laden gingen, mutzten Sie doch mit der Möglichkeit rechnen, dast daS Ehepaar anwesend sei?— Angeklagter: Ich ging aufs Geratewohl hinein. Ich stand erst eine ganze Weile im Laden, ich habe auch den Versuch gemacht, da sich niemand meldete, das Schaufenster aufzumachen und aus diesem ein Tablett mit Juwelen herauszunehmen. Da kam Frau Schulze aus der Stube in den Laden und fragte nach meinen Wünschen. Ich fragte, ob sie eine Krawattennadel in Form eines Automobils, aus welcher ein Stein heraus war, reparieren könnten und sie bejahte es. Dann stagte ich nach dem Preise eines kleinen Brillantringes, den ich kaufen möchte. Sie holte ein Tablett aus dem Schaufenster und zeigte mir einen Ring zu 32 M., den ich auch aufprobierte, der aber nicht patzte. Mein Portemonnaie battc ich auf den Ladentisch gelegt.— Borsitzender: Das taten Sic osfcn- bar, um den Anschein zu erwecken, als ob Sic ein ernstlicher Käufer wären.— Angellagter: Daran hatte ich keinen Gedanken. Ich fragte dann die Frau, ob sie Silbersachen habe und legte ihr die Zeichenrolle als Muster vor. wonach ein Automobil als Fruchtschale hergestellt werden mußte.— Borsitzender: Sie hatten doch aber gar keinen ernstlichen Kaufplan gehabt.— Angeklagter: O ja. wenn es mir nicht gelungen wäre, Gelegenheit zum Diebstahl an Brillanten zu finden, hätte ich eine Bestellung gemacht. Als ich die Zeilben- rolle aufgemacht hatte, sagte die Frau:„Da müssen Sie chicoer- kommen, wenn mein Mann da ist."— Der Borsitzende hält dem Angeklagten vor, daß er vor dem Untersuchungsrichter gesagt habe, er habe die Zeichenrolle nur vorgelegt, damit sich die Frau bückte und er sie erschlagen könnte.— Angeklagter: Das ist nicht richtig. Es kam Plötzlich über mich. Die Frau stand in gebückter Stellung mir gegenüber und da kam es über mich: Du mutzt die Tablette mit Brillanten haben. Angesichts der blitzenden Brillanten griff ich in die Tasche und schlug mit dem Eisen zu.— Borsitzender: Wohin haben Sie den Schlag geführt?—- Angeklagter: Ich glaube auf den Kopf. Dann ist sie zusammengestürzt. Sie fiel nieder hinter dem Ladentisch. Ich zog mir den Ueberzieher aus und habe sie in die hinter dem Laden gelegene Stube geschleppt. Dort habe ich sie an einen Schrank angelehnt. Das hat einige Minuten ge- dauert: da ist sie ganz ruhig sitzen geblieben.— Vorsitzender: Warum haben Sie die Tat von Anfang an geleugnet? Sie haben sie zuerst bestritten.— Angeklagter: Die Einzelheiten sind mir erst nach und nach ins Gedächtnis zurückgekommen.— Borsitzender: Warum haben Sie bei Ihrer zweiten Vernehmung ganz anders ausgesagt als heute?— Angeklagter: Im Interesse meiner Angehörigen. Es hieß immer:„Da ist der Mörder" und da wollte ich im Interesse meiner Angehörigen die ganzen Vorgänge besser hinstellen.— Borsitzender: Jedenfalls taten Sie das auch in Ihrem eigenen Interesse. Run erzählen Sie weiter. Angeklagter: Als ich die Frau an den Schrank angelehnt hatte, tat sich plötzlich die nach dem Laden führende Verbindungstür auf und ein Fräulein ohne Hut, mit vor Kälte gerötetem Gesicht erschien auf der Bildfläche. Auf einmal sah sie mich stehen. Sie war schon mit einem Fuß in das hintere Zimmer hineingetreten. Ich wollte hinaus, faßte sie am Arn, und sagte: Fräulein, ich wollte stehlen und habe die Mutter geschlagen, laffen Sie mich hinaus. Sie weigerte sich und sagte:„Dann müssen Sie zur Polizei!" Ich wollte nach der Tür hinaus, ich bat sie wiederholt, mich laufen zu lassen, sie verhinderte mich daran, ich hatte sie am linken Arm ge» faßt, sie lief in das Zimmer zurück und gab mir einen Stoß, so daß ich an den Ofen flog, denn das Fräulein war stark. Ich nahm das Eisen in die Hand, sie wollte zum Fenster hinaus und um Hilfe schreien, es entspann sich zwischen unS ein Kampf, dann habe ich blindlings zugeschlagen und sie sank gegen einen Amboß, der dabei umfiel. Ich schlug mehreremale auf sie ein, btS sie still war.— Vorsitzender: Wenn Sie bloß den Weg zur Flucht frei haben wollten, warum begnügten Sie sich denn nicht bloß mit einem Schlag?— Angcllagter: Ich weiß nicht. Es drehte sich alle» im Zimmer. Ich stellte dann das Eisen an die Tür und in diesem Moment kam ein großer starker Mann in den Laden und kam in daS andere Zimmer. Er machte die Tür auf und s—>■'' «äffe! Gewässer! andS-Vlachrtchte» be, mitgeteilt vom Berliner Vetterbureau. Kafferstand Memel, Tilsit Preael, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krassen » Franksurt Vorth«, Schrimm , LandSberg Netze, Bordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Berby , Magdeburg Saal«, Grochlitz Havel, Spandau? - Ratbenow� Sp�ee. 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In Frage kommen: Stellmacher, Schmiede. Schlosser. Lackier« und Sattler. . Zuzug ist streng fernzuhalten. 1i6/8'- Tie Streikleitung. ▲«u/o 0 Achtung! Hotzäfbeiter. Wegen Streik oder Lohn. diffrrenze» stnh gesperrt: Tischleret Schuster,«oper. «iknSftraste 23.„__ Bernfsvercln �erBerllner ParkottSfeschtttte,(shai. lorteuburg. Uhlandsiraffe. Für Hartguwml- Arbeiter die bic Firma Matthaey, Schleiche Str. SS. Das Berliner Arbeitswilligen. vermittelungsbureau d. gelben .HanbioerkerschunverbandeS«. Arbeitsnachweis d. Stellmacher- Innung und der Wagenfabri- kanten. Kaiftt-Franz-Grmadier» Platz. Zuzug ist streng fernzuhalten. Ulbert Wachs, Serlin. Für den Lnicraloukeil veranlw.: Th. Glocke, Verlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u. Verlagsanstalt Paul If.105. 29. Iahrgavg. 3. KkilU des„Smiitts" Kerlim lolbliliitl Jitnshj, 7. M«i 1912. partci- Hngckgcnbcitcn. Der Zahlabend für Taubstumme findet Mittwoch, den 8. Mai, bei Haberland, Linienstr. 73, statt. Die hörenden Parteigenossen werden gebeten, ihre taubstummen Mitarbeiter darauf aufmerlsam zu machen. Zweiter Kreis. Der gemeinsame Zahlabend der 2. Abteilung findet bei Nifile, Dennewitzstr. 13, statt mit dem Vortrag des Ge- nassen Dr. Breitscheid. Johannisthal. Der Zahlabend am Mittwoch fällt für unseren Ort aus. Dafür am Mittwoch, den IS.: Mitgliederversammlung bei Neubauer, Friedrickstr. 61. Der Vorstand. Bohnsdorf. Morgen, Mittwoch, den 8. Mai, abends 8'/, Uhr, im Lokale des Herrn Bukofzer lVilla Kahl), Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag über„Die Stellung der Partei zu den Bau-, Produktiv- und Konsumgenossenschaften"; 2. Diskussion; 8. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Aufnahme neuer Mitglieder. Der Vorstand. Grünau. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet am Mittwoch, den 8. Mai, abends 8>/.z Uhr, im Lokal zur„Grünen Ecke", Köpenicker Str. 83, statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Pankow. Mittwoch, den 8. Mai, von 7 Uhr ab: Flugblatt Verbreitung von den bekannten Stellen aus. Die Bezirksleitung. 9 Nowawcs. Morgen, Mittwoch, abends 8'/z Uhr. im Schmidtschen Lokal. Wilhelmstr. 41/43: Versammlung des Wahlvereins. Tages ordnung: 1. Vorttag. 2. Geschäftliches. 3. Delicku des BildungS ausschusseS. 4. Sommerfest. 6. Verschiedenes.— Gäste haben Zutritt, auch werden neue Mitglieder aufgenommen. Der Vorstand. Lerlmer I�acbricbten. Der Internationale Hausbefitzerkongrest, der nach Berlin einberufen worden ist. trat am Sonntag zusammen. Verhandeln will er hauptsächlich über drei Fragen: über das Heimstättenrecht, von dem»ein fördernder Einfluß auf die Lösung des Wohnungsproblems erwartet wird, ferner über den Realkredit, von dessen günsttgerer Ge staltung die Existenz so manches verschuldeten Hausbesitzers abhängt, und schließlich über vergleichende Wohnungsstatistik, deren Ergebnisse zur Beleuchtung des modernen Wohnungs Wesens dienen können. Zur Eröffnung dieserHeersch au der H a u s a g r a r ier aller Länder wurde eine Feier veranstaltet, die sich sogleich auf den„richtigen Ton" stimmte. Als Führer der tausbesitzer Deutschlands eröffnete Fustizrat Baumert- pandau die Verhandlungen mit einer Begrüßungsausprache, in der er recht forsch gegen die Sozialdemokratie losdonnerte. Sie ist den Hausagrariern allerdings die un bequemste Gegnerin, weil sie in ihrem Kampf gegen die Wohnungsmisere das Uebel an der Wurzel anfaßt. Dieser internationale Hausbesitzerkonareß solle, so sagte Baumert, eine Kundgebung zur Aufrechterhalt ung des Privateigentums an Grund und Boden sein. Die Aufhebung des Privateigentums, wie der Sozialismus sie fordere, sei nicht ein Fortschritt, sondern ein Rückschritt in der Kulturentwickelung. Redner pries die Spekulation, ohne die ein Aufblühen der Städte nicht möglich sei. Die Hausbesitzer seien keineswegs rückschrittlich, wie der zur För derung des Zweckverbandes Groß-Berlin zusammengettetene Propagandaausschuß es ihnen vorwerfe. Interessanter noch als dieser Herzenserguß des Haus agrarierführers war die Begrüßungsansprache des wieder mal recht darauflos redenden Bürgermeisters R e i ck e, der den Vertreter der Stadt Berlin zu spielen hatte. Er führte aus: „Wai wird nicht alles gegen die Hausbesitzer gesagt. Aber die schlechtesten Früchte sind es nicht, an denen die Wespen nagen. Keine Stadt Europas eignet sich so für Ihre Tagung wie Bettiu. denn das Problem Groß-Berlin, unter dem wir stehen, i)..in BebauungSproblem, ein Grundbcsitzproblem. Gewiß gibt es Mängel im Wohnungswesen. Aber diese Mängel darf man nicht dazu benutzen, die Rechte des Grundbesitzes in den städtischen Verwaltungen zu bekämpfen. Man darf nie vergessen, daß die Beziehungen zwischen den Städten und dem Grundbesitz so alt find wie die Städte selber. In der Seßhaftigkeit sahen die Städte des Mittelalters und sehen wir noch heute die Vor bedingung für eine dauernde Interessiertheit am Wohl und Wehe der Stadt. Der Grundbesitz ist auch heute noch zum großen Teil immobil und wandert nicht wie eine Ware von Hand zu Hand. 1367 waren 4,69 Proz. des Grundbesitzes mobil. 1910 nur noch 2.97 Proz. Diese Zahlen sprechen wirklich nicht für eine Mobilität des Grundbesitzes. So liegen die Verhältnisse in Berlin und in anderen Städten wird es nicht viel anders sein. Wenn man die Rechre des Grundbesitzes kassieren wollte, so müßten die Stadt' Verwaltungen sich danach umsehen, wo sie anders eine dauernde Interessiertheit am Wohl und Wehe der Stadt finden können. Unsere Städte dürfen nicht regiert werden von Leuten, die wir seit gestern unsere Bürger nennen. Und wenn man gewiffe Rechte davon abhängig machen wollte, daß jemand zwanzig Jahre in der Stadt wohnt, dann würden wir wahrscheinlich zum größten Teil die Hausbesitzer als die ermittelten, die diese Seßhaftigkeit repräsentieren. Die Städte sollten es sich wohl überlegen, ob sie dem Grundbesitz noch neue Lasten aufbürden sollen. Das etwaige PluS an Steuern wiegt leichter als die erhebliche Schwächung des Mittelstandes, die eine solche Belastung mit sich bringen würde." sStürmischer Beifall.) Ei. gewiß l Der eine preist die Hausbesitzer als die Stützen der Kultur, die von ihnen gegen'die rückschrittliche Sozial- demokratte verteidigt werden muß. Der andere sieht nur bei den Hausbesitzern eine dauernde Jnter- essiertheit am Wohl und Wehe der Städte und will diese nicht regieren lassen„von Leuten, die wir seit gestern unsere Bürger nennen." Wehe dem G e- meinde Wahlrecht, dem ohnedies für die Arbeiterklasse so dürftigen, wenn die Wünsche der Hausagrarier, denen der freisinnige Kommunalpolitikus Reicke so„treffenden" Ausdruck zu geben wußte, verwirklicht würden! Die Hausagrarier freuen sich eines Bürgermeisters, der so offenkundig ihre Interessen wahrnimmt. Die große Masse der Bürgerschaft aber hat alle Ursache, auf der Hut zu sein gegen die hausagrarischen Gelüste und die bürgermeisterliche Förderung._ Der Landespolizeibezirk Berlin in der Gewerbe- inspektion 1911. Der Bericht der Gewcrbeinspektion des Polizeibezirks Berlin. dem gegenüber 1910 1456 Betriebe und 26 607 beschäftigte Personen mehr unterstanden, enthält eine Reihe bemerkenswerter Tatsachen- angaben und reflektiert teilweise eingetretene soziale Umwälzungen und Neuordnungen. Gleich eingangs des Berichtes wird mitgeteilt, I daß die Ausdehnung großgewcrblicher Bäckereiuntcrnehmen in ' Berlin, die sich durch die Einrichtung zahlreicher Verkaufsabtci- l langen einen breiten Abzugskanal für ihre Produktton schaffen, die Zahl der Bäckereien ohne Motorenbetrieb in einem Vorort trotz stark wachsender Bevölkerung beträchtlich zurückgedrängt habe. Weiter vernimmt man, daß es dem Verbände der Schneider, Schneiderinnen und Wäschereiarbeiter zu verdanken sei, daß bereits in einer Anzahl Betriebe die Arbeitszeit auf 9 Stunden, an Sonn- äbenden und Festvortagen auf 8 Stunden, für Arbeiterinnen auf 7 Stunden reduziert worden sei. Leider ist die Nachtarbeit ziemlich stark verbreitet. So in einer Glashütte; die Ofenarbeiter wechseln in ILstündigen Schich- ten. Von zwei Messingwerken arbeitet das eine in doppelter, das andere in dreifacher Schicht. Dieses Beispiel zeigt, daß, wenn ein kontinuierlicher Betrieb nicht zu umgehen ist, die dreigcteilte Schicht sich einführen läßt. Die zwölfftündige Nachtschicht ist unbedingt zu verwerfenl Auch in Maschinenfabriken ist die Nachtarbeit häufig anzutreffen: teilweise ist sie beliebt, weil sie eine„bessere Ausnutzung der Betriebseinrichhxngen" erlaubt.„Lediglich auS wirtschaftlichen Gründen" unterhält ein Emaillewerk regelmäßigen Nachtbetrieb. Es hat aber dreischichtigen Betrieb eingeführt. Da- gegen besteht in mehreren chemischen Fabriken eine zwölfftündige Nachtschicht. Empörend ist die Einrichtung in einer Jutefabrik. Hier haben 46 Arbeiter stets Nachtschicht; am Tage werden sie von Arbeiterinnen abgelöst. Sehr verschieden ist die Arbeitszeit in den Bäckereien und Konditoreien. In den meisten Betrieben dauert der Nachtdienst fast allgemein 12 Stunden. Daß man auch mit der Achtstundenschicht auskommen kann, beweist der Betrieb des Kon- sumvereins in der Rittergutstratze in Lichtenberg. Auch in Mühlen- betrieben, in Brauereien, Mälzereien, einer Hefefabrik, zwei Sprit- fabrikeu und in einer Pappew- und Papierfabrik müssen zwölf- stündige Nachtschichten geleistet werden. Weit ausgedehnt ist ferner die Nachtarbeit in Druckereien, Gast- und Schankwirtschaften' und vor allem in den kleinen Wasch- und Plättereianstaltcn. Gegen die Bestimmungen über die Sonntagsruhe und die Be° schäftigung von Arbeiterinnen sind„zahlreiche Verstöße" in Putz- machereien und Blumenbindereien ermittelt worden. Wie die meisten anderen Gcwerbeinspektoren, mutz auch der Beamte für de» Polizeibezirk Berlin konstatieren, daß die Uebertretung der Arbeiterschutzgesetze sehr milde bestrast wird. Er hebt diesen Fall heraus:„Ein Fabrikbesitzer war im Jahre 1902 wegen unerlaubter Beschäftigung von Arbeiterinnen in drei Fällen über SM Uhr abends hinaus insgesamt zu 90 M., und im Jahre 1903 wegen Be° schäftigung einer Arbeiterin an einem Sonnabende nach 5H Uhr nachmittags zu 20 M. verurteilt worden. Bei der erneuten Ver- Handlung vor dem Schöffengericht im Jahre 1911 wurde festgestellt, daß der Angeklagte selbst wiederholt unzulässige Ueberarbeit von Arbeiterinnen angeordnet hatte, und daß diese mitunter bis 11 und 12 Uhr nachts ausgedehnt worden war. Gleichwohl wurde er nur zu 20 M. verurteilt." Die Zahl der beschäftigten erwachsenen Ar- beiterinnen ist im Berichtsbezirk um 8 4 81, gleich 7 Prozent ge- stiegen. Eine auffallende Erscheinung tritt bei den Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion mit weniger als 10 Arbeitern in- sofern zutage, als hier die Zahl der Betriebe mit Arbeiterinnen weiter um 394 zurückgegangen ist. Dies wird in erster Linie dar- auf zurückgeführt, daß in diesem Betriebszweig die eigentliche Her- stellungsarbeit immer mehr in die Heimarbeit zurückgedrängt oder doch in die kleineren Zwischenmeisterwerkstätten verlegt wird, um in bezug auf die Dauer der täglichen Arbeitszeit den gesetzlichen Beschränkungen zu entgehen. Der Bericht über die Beschäftigung Jugendlicher enthält keine bemerkenswerte Angaben; ihre Zahl ist um 1530 gleich 6,98 Proz. gewachsen. Aus den wiederum in„überaus großer Zahl" festge- stellten Verstößen gegen daS Kinderschutzgesetz erwuchsen den Unter- nehmern Strafen in„beträchtlicher Zahl". Aber sehr schmerzhaft waren sie nicht, denn sie„schwankten zwischen 3 bis 60 Mark Die meisten Verstöße wurden durch Vermittelung der Volksschule festgestellt. Insgesamt sind 19 89 5 Unfälle— 242 mehr als im Vor- jähre— gemeldet worden. Wiederholt mußte die unvorfchrifts mäßige Lagerung von Benzol, Benzin, Mineralölen, Zelluloid und anderen feuergefährlichen Stoffen beanstandet und für zweckmäßigere Einrichtungen gesorgt werden. Anerkennend verweist der Bericht auf die vom Holzarbeiterverband eingerichtete Arbeiterschutzkow' Mission zwecks Verhinderung von Unfällen an Holzbearbeiwngs- Maschinen. Unzulängliche Betriebsräume wurden wieder in größerer Zahl in Kellern vorgefunden und mußten wegen schlechter Tagesbeleuchtung, mangelhafter Entlüftung, Feuchtigkeit der Wände. fehlender Fußbodencntwässerung und anderer Mängel beanstandet werden. Die Unternehmer leisten der Ausrottung des Uebcls Widerstand mit dem Hinweis auf die„steigenden Bodenpreise". Auch die Beschaffenheit und Betriebsweise der Metallbrennen( forderte vielfach das Eingreifen der Gewerbeaufsichtsbeamten. Hie GesundheitsschädlichZeit schlecht ventilierter Anlagen, deren Betrieb Dämpfe und Säuren entwickeln, erhellt die Tatsache, daß der Betrieb einer größeren Färberei eingestellt werden mußte, weil die ätzenden Laugen die eiserne Trägerkonstruktion der Decke so stark angegriffen hatte, daß ein Einsturz zu befürchten war. Nach Ansicht des Berichterstatters, der mangelnden Sparsinn beklagt, ist der durchschnittliche„Arbeitsverdienst in beachtenswerter Weise" gestiegen. Im Laufe des Sommers sei der Mehrverdienst allerdings durch die Steigerung der Lebensmittelpreise wieder aus- geglichen worden. Die auf die Rettung und Sicherung von Menschenleben bei Feuersgcfahr gerichteten Maßnahmen haben eine Förderung er- fahren, teils durch Anlagen von Türen, Notausgängen, Leitern usw. Zum Schluß beschäftigt sich der Bericht mit der Frage, wie die Arbeiter ihr Lebensbedürfnis befriedigen, das im allgemeinen sehr stark sei. Neben den städtischen Bibliotheken werden erwähnt: 6 Bücherausgaben des Gewerkschastshauses, 57 Büchereien evangelischer Jünglingsvcreine und 15 katholische Barromäus-Biblio- theken. Daß der hier zutage tretende konfessionelle Eifer nicht der Absicht entspringt, die Arbeiter wirtschaftlich und politisch aufzu- klären, dürfte kaum bezweifelt werden; diese Bibliotheken haben eher den gegenteiligen Zweck. Es lohnt sich wohl, auch dieser Er- scheinung Aufmerksamkeit zu schenken. Um vor Ausbeutung geschützt zu sein! Die Leute, die durch Zeitungsinserate den Beschäftigung- suchenden einen lohnenden Nebenerwerb anbieten und dann Einsendern von Offerten zunächst für Arbeitsmaterial, für Arbeitsanleitung usw. bar Geld abfordern� fürchten offenbar, bei ihrem Publikum auf Mißtrauen zu stoßen. Um dem zu begegnen, geben sie manchmal in ihren Inseraten oder auch in den Briefen, mit denen sie die eingegangenen Offerten beantworten, im voraus die Versicherung ab, daß die Sache absolut reell sei. Uns wird ein Brief dieser Art überreicht, der einem Neben- erwerbsuchenden zugesandt wurde, nachdem er auf eine im Arbeits- markt des„L o k a l a n z e i g e r" gefundene Annonce sich durch Offerte unter angegebener Chiffre gemeldet hatte. Die Annonce lautete: „Wer schriftlichen Nebenerwerb oder sonstigen sucht, sende sofort seine Adresse ein an...(hier folgt die Chrifste)." Auf die Offette kam aus Karlsruhe als Antwort ein vollständig gedruckter Brief, an dessen Kopf man die Firmenbezeichnung „Peter Ehrich, Karlsruhe i. B., Kon. missions- bureau und Adressenverlag" las. Eine Ucberschrift in großen Buchstaben verkündete:„A bsolut reelles Angebo t", und dann erzählte der hochachtend unterzeichnete Peter Eyrich: „Ich gelangte in den Besitz Ihrer gefl. Offerte und teile Ihnen hierdurch höfkich mit, daß ich verschiedenen schriftlichen Nebenerwerb zu vergeben habe. Zur Ausführung dieser lohnen- den Tätigkeiten, nach meinen Anleitungen, welche bequem in den freien Stunden ausgeführt werden können, sind besondere Vor- kenntnisse nicht nötig und bringe ich Ihnen nachstehend einige in Vorschlag." Er offerierte erstens Anfertigung von Briefen nach Musterbrief. Hierzu versicherte er, daß durch diese Tätigkeit andere, namhaft zu machende Personen in ihren freien Stunden 25— 30 M. verdienten— er gab nicht an, in wieviel Stunden—, und daß er eventuell ein Einkommen von 60— 100 M. pro Monat garantiere. Zweitens empfahl er Sammeln von Spezi aladressen, die er pro 100 Stück mit 6— 8 M. vergüten wolle. Drittens bol er noch Adressenarbeit an, bei der man mit 1000 Adressen 5—10 M. verdienen könne. Und daran schloß sich die folgende Mitteilung: „Falls Sie nun auf die Ihnen vorgeschlagenen reellen, schrift- lichen häuslichen Tätigkeiten reflektieren, stelle ich Ihnen gegen Einsendung von 1, 85 M.(per Postanweisung oder in Briefmarken: Nachnahme 35 Pf. mehr) das erforderliche Anfangs- Material und Jnstrukttonen zur Verfügung und Sie können als- dann sofort mit Ihrer Tätigkeit beginnen. Der für das Jnst.'-uk- tions- und Anfangsmaterial gezahlte Betrag wird bei der ersten Provisionszahlung oder bei Lieferung der zweiten 1000 Adressen an Sie wieder zurückvergütet: denselben erhebe ich, um mein Material in die richtigen Hände zu bringen und um vor Aus- beutung geschützt zu sein. Sie werden gewiß auch einsehen, daß ich zu dieser Maßregel gezwungen bin, wenn Sie in Betracht ziehen, daß es eine große Anzahl sogenannter Jnseratenjäger gibt, welche gewohnheitsmäßig auf jedes Inserat schreiben, ohne ernstliches Interesse, und um ihre Neugierde zu bestiedigen." Beigefügt war noch ein gedruckter Zettel mit Briefen von Personen, die Herrn Peter Eyrich für empfangenen Lohn dankten. Um jedes Mißtrauen zu zerstreuen, war der Vermerk darüber gesetzt: „Nachstehende Originalschreiben können bei mir eingesehen werden und zahle ich jedem die Reise nach Karlsruhe und zurück, wenn dieselben nicht echt sind." Der Nebenerioerbsuchende, der uns diese Schriftstücke überreicht hat, lehnt das Angebot einer Reise nach Karlsruhe ab. Er wird aber auch die 1,85 M.— die Herr Peter Eyrich fordert, um vor Ausbeutung geschützt zu sein— in der Tasche dehatten. Resultat der Kinderkonzerte. Die im März d. I. im Zirkus Busch veranstalteten Kinderkonzerte haben einen Reinertrag von etw»s über 14 000 M. ergeben. Hiervon sind dem Verein für Ferien» kolonien 1200 M., dem Hauptverein Kinderhort 3500 M., dem Berein zur Förderung der Blumenpflege bei Schulkindern 1800 M.. dew Verein Mädchenhort 3500 M.. dem Verein Kinderhort der Schön- Häuser und Prenzlauer Vorstadt 1000 M., dem ErziehungS- und Fürsorgeverein für geistig zurückgebliebene(schwachsinnige) Kinder 1560 M., dem Zentralverein für Schülerwanderungen 1000 M. und dem Freiwilligen Erziehungsbeirat für schulentlassene Waisen 500 M. überwiesen worden._ Kautionsschwindler. „Märkische Autoomnibusverkehrsgesellschaft" nannte sich eine andere, von berüchtigten Berliner Gaunern ins Leben gerufene Schwindelfirma, deren Inhaber, die es ebenfalls lediglich auf den Kautionsschwindel abgesehen hatten, vorgestern abend von der hiesigen Kriminalpolizei alle hinter Schloß und Riegel gebracht wurden. Die Seele dieses Schwindelunternehmens war ein der Polizei schon lange bekannter Betrüger, der 25 Jahre alte, aus Liebenwalde gebürtige„Kaufmann" Paul Armonier, der„Speziali- tät" lange Zeit hindurch der Provisionsschwindel war. Diese„Ar- beit" war ihm jedoch nicht mehr einträglich genug, und jetzt legte er sich auf den Kautionsschwindel, der ihm bedeutend mehr Geld einbrachte. Zuerst gründete er nun die„Märkische Autoomnibus- Verkehrsgesellschaft", d. h. aber nur auf dem Papier. Für den Direktorposten fand er sehr bald einen sehr geeigneten Mann in der Person des 44 Jahre alten, aus Wilmersdorf im Kreise Ost- priegnitz gebürtigen Hubert Michaelis. Dieser war zwar nur ein ganz einfacher Handelsmann, doch machte ihm ein Papier, das er vorweisen konnte, für den Direktorposten dieser Gesellschaft bc- sonders geeignet. Er war nämlich im Besitze eines—„Verrücktem fcheines". Jetzt schob Armonier bei allen Verhandlungen, Ab- machungen usw. immer Michaelis vor und hielt sich wohlweislich im Hintergrund. Die erste Tätigkeit der Schwindelgesellschaf, mit ihrem geisteskranken Direktor an der Spitze war, durch Zeitungs- anzeigen Geschäftsführer, Buchhalter, Rendanten, Chauffeure, Schaffner und Kontrollcure für ihr„großes Unternehmen" zu suchen, die entsprechende Bürgschaft stellen mußten. Es meldete sich auch eine so große Anzahl Bewerber, daß die Gesellschaft in wenigen Wochen über viele Tausende verfügte. Um allen Bc- denken der Angestellten zur Hergabe ihrer beträchtlichen Kautionen entgegenzutreten, setzte die Gesellschaft tatsächlich zwei Omnibusse in Verkehr, die auf der Strecke Rheinsberg-Wittstock und RheinSberg- Zehdenick fuhren. Die beiden Kraftwagen hatten sich die Gauner mit dem Gelde der Angestellten von einer hiesigen Omnibus- gesellschaft gemietet. Daß sich ihr Betrieb nicht rentieren würde, wußte die Gesellschaft ganz genau, doch war ihr dies auch einerlei. Als die Kriminalpolizei von der Schwindelgründung erfuhr, nahm sie gleich am selben Tage, am vergangenen Freitag, den„Herrn Direktor Michaelis" fest und führte ihn auf seinen Ausweis als Geisteskranker einer Irrenanstalt zu. Seinen Sohn jedoch, der ihm bei seinen Geschäften zur Seite gestanden hat, brachte sie nach dem Polizeipräsidium. Armonier jedoch, das Haupt der Schwindler. war nirgends aufzufinden. Vorgestern abend gelang es der Kriminalpolizei, auch ihn zu verhaften, als er sich gerade wieder mit einem Opfer, dem er 1000 M. abknöpfen wollte, auf dem Lew- ziger Platz getroffen hatte.— „Dr. jur. Eugen Hoffmann" nennt sich ein Kautionsschwindler, der zahlreiche Kassierer und Boten um ihre Bürgschaften gebracht hat. Der Gauner suchte in hiesigen Zeitungen für eine angeschene Provinzbank, die hier eine Filiale zu errichten beabsichtige, mehrere Kassenboten, die in der Lage seien, für ihre Vertrauensstellung eine entsprechende Kaution zu bieten. Den Leuten, die sich dar-iuf meldeten, schrieb er. daß sie zwecks Rücksprache zu einer bestimmten Ze,t ,n einem genannten Hause in der Schützenstraße sein sollten. Hier empfing der Schwindler, der sich Dr. Hoffmann nannte und angab. Vertreter der Leipziger Bank zu sein, die Leute in einem vornehm ausgestatteten Zimmer, stellte sie. nachdem er ihre Zeug- ssffst und Empfehlungen scheinbar genau geprüft hatte, an und ließ sich dann die Kautionen geben, um sie, wie er angab, bei seiner Bank zu hinterlegen. Die Nachforschungen der Kriminialpolizei haben ergeben, daß dieser angebliche Dr. Hoffmann, der jetzt in den letzten Tagen wieder auftrat, derselbe ist, der im Dezember vorigen Jahres ähnliche Schwindeleien beging. Damals gab sich der Gauner als Direktor des„JnteressenverbandeS Berliner Diplomingenieure und Chemiker" aus und suchte, ebenfalls auf dem Anzeigenwege. für diesen Kassierer zur Einziehung der Bei- träge. Nachdem er den Leuten ihre Bürgschaft abgenommen hatte, gab er ihnen eine Liste, auf der die Namen zahlreicher Ingenieure und Chemiker verzeichnet waren, bei denen sie die Mitglicderbei- träge am nächsten Tage erheben sollten. Wenn sie dies nun taten, nierkten sie bald, dah da etwas nicht in Ordnung sein müsse, denn alle Adressen erwiesen sich als erdichtet. Kehrten sie nun in die vornehme Wohnung des„Herrn Direktors" zurück, so er- fuhren sie zu ihrem Schrecken, daß dieser weggegangen war und daS Zimmer nur auf kurze Zeit gemietet hatte. Bisher gelang es nicht, den gefährlichen Gauner, der bei den Unterredungen aristokratische Manieren zur Schau trägt, zu fassen. Er ist un- aefähr 30 32 Jahre alt, 1,70 Meter grob und kräftig, hat schwarzes, WllcS Haar, einen mittelgroßen, dunkelbraunen Schnurrbart und ein rundes, volles gelbliches Gesicht und trug einen schwarzen Gchrock, ein schwarzes Beinkleid, eine gelbe Weste, einen dunkelbraunen FrühjahrSpaletot mit breiten grünlichen Streife», einen schwarzen, steifen Hut und ein Monokel. Zwei Automobilunfälle, bei denen eine Person getötet und eine andere erheblich verleht wurde, ereigneten sich Sonntag in der Bellcvue-Allce und in der Königgrätzcr Straße. In der Bcllevue- Allee an der Ecke der Ouer-Allce versagte dem Chauffeur Richard Rothe, als er mit seinem Kraftwagen von dem Kemperplatz her, kommend nach dem Scl> lasse Bcllevue zu fahren wollte, plötzlich die Steuerung. Das Automobil raste mit seiner ganzen Schnellig kcit auf den Reitweg an der linken Straßenseite und dann gegen einen Baum. Das Vorderteil des Kraftwagens wurde gänzlich zertrümmert. Der Ehauffeur wurde durch den heftigen Anprall vom Bock gerissen und flog im großen Bogen gegen denselben Baum. Hierbei zcrschmctierle er sich den Schädel und trug außerdem noch mehrere Brüche und schwere innere Verletzungen davon. Man brachte ihn sofort nach der Charite, doch konnten die Aerzte hier nur noch seinen Tod feststellen. Ein Fahrgast, der in dem Automobil saß, hatte die Gcistesgeglenwart, aus dem Wagen zu springen, als dieser plötzlich nach links bog und über die Bordschwelle rwimte. So kam er ohne Verletzungen, die auch für ihn leicht hätten vcr- hängnisvoll werden können, davon. Der zweite Unfall ereignete sich abends kurz nach 0 Uhr an der Ecke der Zimmer- und König- grätzcr Straße. Hier wollte ein Kraftwagcnführer mit seinem Wagen bei der Fahrt vom Anhalter Bahnhof in die gimmcrstraße einbiegen, als ein Wagen der elektrischen Straßenbahn ebenfalls um die Ecke in euigegengesetzter Richtung fahren wollte. Beim Ausweichen geriet er nun zwischen diesem Wagen und etncni anderen Straßcnbahnlvagen, der die Stelle gerade kreuzen wollte. Der Kraftwagen wurde dabei eingeklemmt und das Vorderteil zu- sammcngedrückt. Auch die Scheiben gingen entzwei. Der Chauffeur flog bei dem Anprall mit dem Kopf rückwärts gegen die hinter ihm angebrachte Scheibe und zog sich erhebliche Schnittwunden am Kopf und Gesicht zu. Mit einem anderen Kraftwagen wurde er nach der HilfSwache in der Köthcner Straße gebracht und dort verbunden. In dem Wagen befanden sich drei Fahrgäste, die jedoch alle mit dem bloßen Schrecken davonkamen. Berliner Asylverein für Obdachlose. Im Monat April näch- tigten im Männerasyl 14 810 Personen, wovon 0742 badeten, im Frauenasyl 2460 Personen, wovon 621 badeten. Arbeitsnachweis wird erbeten für Männer: Wtesenstr. Sö/b9, für Frauen: Colberger gpfrVA&ft lieber den Selbstmord einer Hrtsskrankenschwcster wird aus dem Welten der Stadt berichtet. In einem Privatsanatorinm war seit September vorigen Jahre» die 25 Jahre alte Krankenwärterin Maria Lobes aus Stettin als HilfSschlvestcr tätig. Sie verrichtete ihre Obliegenheiten stets zur vollsten Zufriedenheit und niemand sah ihr an, daß etwas sie bedrückte. Am Mittwoch voriger Woche fand man sie abends gegen 10 Uhr stöhnend und besinnungslos un ersten Stock des Sanatoriums auf dem Fußboden liegen. Der Arzt erkannte gleich, daß sie Gift genommen hatte, wandte die ersten Gegenmittel an und lieh sie dann nach dem Krankenhause bringen. Dort erlag sie trotz sorgfältigster Pflege der Wirkung des Giftes. Aus dem Inhalt eines hinterlalscnen Zettels geht her- vor, daß Liebeskummer die Unglückliche in den Tos getrieben hat. Sie hat Cyankali genommen. Bon einem Diebe niedergeschosien wurde, wie wir miiteillen, ani Freitag voriger Woche auf der Berlin-Oranicnburger Chaussee zu Frohnau der Forstausieher Scherf. Hierzu erläßt der Erste Staats- anwalt beim Landgericht III folgende Bekanntmachung: Der Täler, der bis jetzt noch nicht ermittelt werden konnte, ist in die südlich von Frohnau gelegenen Wälder entkommen und hat, als er zuletzt gesehen wurde, die Richtung nach der Kolonie Glienicke eingeschlagen. Auf der Chaussee lieh er ein Fahrrad sMarke Dürkopp) zurück, an dessen Lenkstange ein Paket befestigl war. In diesen, befanden sich, eingewickelt i»«ine blaue Schürze und«in schmutziges weißes Tuch. ungefähr 3 Pfund Einmenthaler und 1 Pfund Holländer Käse, sowie 3 Pfund Margarine oder Butter, die noch besonders in weißes Pergemament« papier geschlagen war. Diese Waren rühren ohne Zweifel ans einen, Diebstahl her. Der Täter, der von dem in�ivischen seinen Ver- letzungen crlegenen Forstanfsehcr wegen Verdachts des Einbruchs- dtebstahls festgenommen werden sollte, ist ungefähr 1,70 Meter groß. hat einen etwas affenartigen GcsichlsauSdcuck. ein eingedrücktes Siafenbein, einen etwas breiten Mund, einen hellblonden, mittel- großen Schnurrbart und ein spitzes Kinn und trug ein ziemlich schlechtes, graues Jackett, eine graue Hose, die mit einem Leidrienieu gehalten wurde, eine graue, vallonartige Sportmütze, ein graues Hemd oder Halstuch, schwarze Schnürstiefel und keinen Kragen. Als besoilverc» Kennzeichen ist zn erwähnen, daß der Täler, bevor er mit dem Sprechen beginnt, etwas stockt, ohne direkt z» stottern, und dabei eine Grimmnste schneidet. Mitteilungen von Personen, die den Täter zuletzt gesehen haben, sind von großer Wichtigkeit. Diese werden gebeten, sich bei der Staatsauwallschaft III zun, Akten- zeichen B. 5. J. 526. 12 sKrimInalgerichtsgebäude Zimmer 626) zu melden. Im Grelsenalter verunglückt sind vorgestern im Straßen- getriebe des AlexnndcrplatzeS ein Mann und eine Frau. Ter t>0 Jahre alte Strumpfwirker Fritz Zimmermann aus der Schivedter Straße 23 wollte gegen 2� Uhr nachmittags am Bahn- hos Alexanderplatz den Straßendamm überschreiten. Hierbei faßte th» eine Kraftdroschke und schleuderte ihn so heftig zur Seite, daß er hinfiel und mit dem Kopf auf das Pflaster aufschlug. Der Greis zog sich eine stark blutende Verletzung zu und mußte mit einer Droschke nach der HilfSwache in der Kctbelstraße gebracht werde». Nachdem er dort einen Verband erhalten hatte, wurde er auf seinen Wunsch nach seiner Wohnung gebracht. Die 72 Jahre alte Frau Joscfine Specht aus der GreifSwalder Straße 207 wollte ein wenig sväter an der Saltestelle an der Ecke dcS Alexander- Platzes und der Landsberger Straße einen Straßenbahnwagen be- steigen, glitt in der Hast aus. fiel bin und brach sich den linken Arm. Die Verunglückte wurde von der Hilfswache in der Keibel- ftraße, die sie verband, auf eigenen Wunsch ebenfalls nach der Wohnung gebracht. Großfener am ASkanifchen Play. Gestern vormittag kurz nach 9� Uhr wurden vier Löschzrige der Berliner Feuerwehr nach der Betnburger Straße 3 am Askanischen Platz gerufen, wo der Dachstuhl des Hauses der Askanischen Apotheke in Flammen stand. Das Feuer muß schon längere Zeit geschwelt haben, denn als die Gefahr bemerkt wurde, hatten die Flammen schon fast das ganz! Dachgeschoß deS Vorderhause« und Seitenflügels erfaßt. Die Feuerwehr griff sofort mit vier Schlauchleitungen ein, die von Tampfspritzen gespeist wurden. Der Löschanariff erfolgte über mechanische Leitern und Treppen hinweg, doch dauerte es über zwei Stunden, ehe das Feuer gelöscht war. Die Aufräu- munaSarbeiten waren erst in den Nachmittagsstunden beendet. Der Schaden ist erheblich, da auch die Wohnungen im Obergeschoß durch Wasser sehr getttien haben. Die Brandursachc ist nicht er- mittelt. Selbstmordversuch einer Achtzehnjährigen. Aus Liebeskummer beging gestern abend gegen 7 Uhr die 18 jährige Tochter Emma des MiichengroShändlers und Hansbesitzers K a b e l i tz in der C b r i st- burger Straße 30 einen Selbstmordversuch, indem sie sich durch einen Revolverschliß in die rechte Schläfe sehr schwer ver- wundcte. Da« junge Mädchen unterhielt ein Liebesverhältnis mit einem Hotelbesitzer, das aber von den Eltern nicht gebilligt wurde. Die Schlververietzte wurde in bewußtlosem Zustande nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebracht. Nadrciinbahn Olympiaxark. Sonntag, 3. Mai. Auch dieser Renntag ließ die Berliner Sportfreunde in Scharen hinauswandern nach der entlegenen Bahn in Plötzeusee,»m sich an den radsport- lichelt Kämpfen zu ergötzen. Die Hauptzugkraft bildete der O l y m p i a- P r e i s, ein 100 Kilomeier-Rennen. an dem Böschliu. Demke, Guignard, Liuart und A. Stellbrink teilnahmen. Stellbrink erringt in der 4. Runde die Spitze und kann bereiis in der 18. Runde Demke die erste Bahnlänge abnehn'.en; dasselbe Schicksal erleidet bald darauf Böschlin. Da beide außerdem des öfteren von ihrer Führung im Stich gelassen werden und Defekte erleiden, kommen sie nicht mehr in Betracht. Auch Linart ist mehr oder weniger Statist, so daß da? Rennen von Beginn an zwischen Stellbrink und Guignard lag. Der Franzose ist auch nahe in Gefahr von Stellbrink über- rundet zu werden. Nur zirka 40 Meter trennen beide. Beim Pafsieren von Linart und Böschlin gewinnt aber Guignard einen Voriprung. den er zusehends vergrößert. In der 03. Runde hat Stellbrink Raddcfckt, muß wechseln und büßt zwei Runden ein. Einer dritten Verlustrunde eiitgeht er durch einen mächtigen Spurt, doch muß er in der 109. Runde abermals da« Rad wechseln und damit ist sein Schicksal besiegelt. Mit 4130 Meter ist Stellbrink beim 30. Kilo- ineter im Rückstand. Doch der Berliner wird nicht mutlos. Mit erneuten Kräften folgt er seiner Fiihrung und eS gelingt ihm, dem Franzosen 3 Runden abzunehmen, so daß er mit nur 2S20 Meter als zweiter da» Rennen beendet. Unter stürmischen, Beifall fahren Guignard und Stellbrinl die Ehrenrunde. Der Franzose hat seinem Gegner den Kranz überlassen und begnügt sich mit der Schleife.— Tie Fliegerrennen Verliesen recht interessant. Leider brachte das AuS« scheidimgsfabren mit 44 Teilnehmern zahlreiche Stürze.— Er- �eb nisse: Preis von der Jungfern Heide. 1200 Meter. 50, 73, 30, 20 M. 1. S ch ü r m a n n. 2 Min. 17 Sek.: 2. Wegener, Ve L.; 3. Lorenz,'/. L.; 4. Fechner. V, L. Vorgabefahren. 1200 Meter. 60, 40. 30, 20 M. 1. Stolz s3) 1 Min. 31'/z Sek.: 2. Pawke(0); 3. Freiwald(30); 4. Abraham(45). Ausscheidungsfahren. 80, 60, 40, 20 M. I.Lorenz 11 Min. 25-/, Set.; 2. Wegener; 3. Packebnsch; 4. Eblert. Olympia- Preis. 100 Kilometer. 2000, 1500. 1200, 1000, 800 M. Erster Guignard 1 St. 62% Sek.; 2. Stellbrink. 2920 Meter, 3. Linart, 3620 Meter; 4. Demke. 14 190 Meter; 3. Böschlin. 13 230 Mekcr. Tandem-Rennen. 4000 Meter. 130, 100, 50 M. 1. Lorenz- o f f m a n n 3 Min. 27% Sek.; 2. Wcgener-Kudela; 3. Breitenbach- chiirmann. Zeugen gesucht! Zeugen, welche den Unfall einer Frau am 7, Dezember 1911, nachmittags 4 Uhr, im Warenhaus Jandorß AudreaSstraße, gesehen haben, niöchten sich an Stahl, Rigaer Str. 60, vorn 3 Treppen, wenden, besonders das Ehepaar, welches der Frau behiflich war und der Mann, der das Heftpflaster gab. Feuer in einer chemischen Fabrik. Gestern nachmittag gegen 3 Uhr wurde die gesamte Lichtenberger Feuerwehr nach der Fabrik der Aktiengesellschaft für chemische Produkte vormalS H. Scheide- maudel am Weißeuseer Weg 94/93 zu Wilhelmsberg gerufen, wo ein größeres Feuer ausgebrochen war. Der Brandheerd lag in einem einstöckigen Gebäude in dem sogenannten Knochen- bleichraum. Als die Löschzüge eintrafen, stand dieser etwa 'ünf Meter lange und sechs Meter tiefe Raum mit dem Dach chon Vollständig in Flammen. Gewaltige schwarze Rauchwolken wälzten si» über das Terrain, so daß die Simation äußerst gefährlich war. Oberbrandmeister Groß ließ daher sofort von der Landsberger Chaussee und vom Weißenteer Weg aus vor- gehen. Außerdem griff die Withelmsberger Feuerwehr, die gleich- falls herbeigeeilt war. mit einer Handdruckspritze ein. In der Hauptsache galt es. das Feuer von einem angrenzenden Lager- und Maschinenraum fernzuhalten. Die Lage wurde auch dadurch noch bedrohlicher, daß in einem etwa acht Meier von dem Brandherd entfernt liegenden Gebäude größere Benzinvorräte lagerlen. Durch die Hitze waren btreils die Fenster dieses Gebäude» zer- fprungeu. Den Bemühungen der Feuerwehr gelang es aber, nach einstüiidiger Löschlätigkeit den Brand auf den Knocheubleichraum zu beschränken, der allerdings vollständig zerstört ist. Auch das Dach dieses Raumes und des angrenzenden Lagers ist vernichtet. Unfälle sind bei den Löscharbeiten nicht vorgekommen. Die Ursache des Feuers wird auf Unvorsichtigkeit zuiückgeführt. Eine Vetriebsstörung tritt bei der Firma nicht ein. Vorort- r�admckten. Wilinersdorf-Halensee. Ein Rathaus, das mehr als zehn Millionen Mark kosten soll, will Wilmcrsdors errichten. Der Magistral hat den viel kritisierten Bauplan des Banrats K r o e g e r gebilligt; und hiernach stellen sich die eigentlichen Baukosten aus 7 Millionen Mark. Es kommen noch hinzu 530 000 M für Inventar, 600 000 M. für Ausstattung der Sitzungssäle, 167 000 M. für KaiialisaitonS- mid Pflafterkosteu und 1 379 000 M. für Erwerb de« BnuvlatzeS. Welter sind z» zahlen für Modelle und Baiilkitung 130 000 M.»ud endlich als tarifmäßige« »morar an Brnirat Kroeger 170 000 M. Daß Wilmersdorf zu einem der uwickellmg der Stadl cnlsprechenden Rathaus« kommen muß. wird niemand bezweifeln, der berücksichtigt, daß heule die meisten städiischeii Bureaus in MielShäuseru untergebracht sind. Fraglich ist nur, ob «in Bau noiwendig ist, der weit mehr verschlingt als irgend ein anderer Ralhausbau in Groß-Berlin bis dahin gekostet hat. Auch ist nicht zu vergcflen, daß Wilmersdorf trotz des erwähnten Pro- viiorininS Manche andere Einrichtung dringender bedarf als da« RicseiirathauS an dem bis jetzt noch völlig brächliegenden Fehrbellincr Platz. Pom Kampf NM die städtische Fischhalle. Auf Veranlassimg der Stadtgemelnde ist bekanntlich in Wilmersdorf ein öffentlicher See« sischverkanf derart eingerichtet worden, daß in dem der Sladt ge- hörenden Gebäude Berliner Str. 41«in Geesleniünder Großhändler den Verkauf Unter städtischer Konirolle Mit einem von der Stadt festgesetzte» Ausschlage veranstailet. AIS dteS Unternehmen mit der Bezeichnung Städtische Fischhalle versehen war, klagte der Händler Groh im Austrage des Vereins der Fischhändler unier Berusung auf dos Gesetz gegen den utilanteren Wettbewerb auf Abänderting des Namens. Das Amisgericht gab auch dem Kläger recht; jedoch hat auf die von dem Geesieasiiitder Ilnlernehmer cingeiegw Berufung hin die Erste Kammer für Handelssachen am Landgericht III jetzt dahin entschieden, daß das Urleil des Amtsgerichts irrtümlich ist. Somit darf der Name„Städtische Fischhalle" an der Verkaufs- stelle wieder angebracht werden. Ein städtisches Elektrizitätswerk. Der Magistrat hat einen Ve- schluß gefaßt, der von der bis dahin in diesem Borort üblich ge- wesenen Politik vorteilhaft absticht. Int Gegensatz zu der zu- ständigen Deputation für Beschaffung elektrischer Energie erklärte er sich nämlich dafür, daß das von der Gesellschaft sür elektrische Unter- nehmungen in der Nähe des NingbahnhofeS Schmargendorf er- richtete Elektrizitätswerk von der Stadt zu über- nehmen ist. Mit diesem Beschluß ist Bresche gelegt in die An- schaumig, daß Wilmersdorf sich auch durch den Berzicltt auf werbende Anlagen im Gegensatz zu Groß-Berlin stellen muß. Man mag einwenden, daß ja doch die eleltrisckie Unter- grunvbahn auf Kosten der Stadt errichtet wird, aber hierauf ist zn erwidern, daß die Stadt sich zu dieser Aufgabe erst not- gedrungen entschloß, als alle für diese Zwecke in Betracht kommenden Pridatunternehmungen erklärt hatten, das Risiko des Baue« nicht tragen zu wollen. Im übrigen galt es bis dahin im Magistrat und gilt es sehr wahrscheinlich auch heirte noch bei der Stadtverordnsten- mehrbeit als Grundsatz, daß die öffentlrchen Werke nach Möglichkeit dem Privatkapital zur Nutznießung überlaisen werden minien. Hoffentlich zeigt der Magistrat Energie genug, wenn ttuüg, seine neue Anschauung auch einer verknöiherten Opposition gegenüber zur Geltung zu bringen. � �. Zur Sache selbst ist noch zu beonerken. daß laut Vertrag der Stadt Wilmersdorf das Recht zusteht, innerhalb sechs Wochen nach dein Tage der Belriebseröffnung sich darüber zu erklären, ob sie das Werk sofort oder etwa erst später käuflich übernehmen will. Im Falle der Uebernahme find der Gesellschaft für elektrische Unter- nehmungen als Kaufpreis die auf Grund ihrer Bücher nachzu- weisenden Selbstkosten des Grunderwerbs und der Bauausführung einschließlich 3 Proz. Zinsen HS zum Tage der Betri-bseröffnung und zuzüglich eines Zuschlages vwn 13 Proz. auf die so ermittelte Kostensumme zu vergüten und ztvar nach Wahl der Stadt rn bar oder in vierprozentigen städtischen Obligationen zum Parikurse unter Äirrechmmg der etwaigen Stiickzinsen'. Wenn die Stadl das Elektrizitätswerk übernommen hat. ist sie in der Lage, die am 1. April nächsten Jahres in Betrieb kommende Untergrundbahn selbst mit Kraft versorgen zu können. Nach dem am 22. Juni 1910 abgeschlossenen Vertrage hätte das Elektrizitäts- werk schon am 1. Februar d. Z. in Betrieb genommen werden sollen; verschiedene Hindernisse verzögerten aber die Fertigstellmig. ?ieukölltt. Im Seebad HeringSdorf Selbstmord verätt hat vorgestern nach- mittag ein Neuköllner Liebespaar, der 20 Jahre alte Modelleur Hermann Gultschin ans der Bieberichftr. 9 und die 27 Jahre alte Verkäuferin Anna Weigelt aus der Münchener Str. 44. Das Paar uuterbiett seit längerer Zeit ein LiebeSverhärmis. das jedoch von d«i Eltern de« Mädchens nicht geduldet worden fein soll, weil Guttschin oft obne Stellimg und auch zn jung sür ihre Tochter war. Seit einiger Zeit war der Modelleur wieder ohne Arbeit, alle Bemühungen, Beschäftigung zu silidea, blieben ohne Er- folg. In den' letzten Tagen war er sehr niedergeschlagen und äußerte wiederholt zu seiner Braut, daß er sich, wenn er nicht bald Stellung finden werde, das Leben nehmen würde. Auch das sonst lebenslustige Mädchen war iu der letzten Zeit schwermütig. Am vergangenen Freitag meldete sie sich krank und blieb zu Hause: Am Sonnabend ging sie aus, ohne wiederzukehren.' Am anderen Morgen erhielt die«chwester des Mädchens einen Brief, der den Bahnpoststempel Berlin-Stralsimd trug, in dem sie dieser mitteilte, dah sie gemeinsam mit ihrem Geliebte» in den Tod gehen werde. Die Angehörigen der Lebensmüden setzten davon sofort die Polizei in Kenntms, di« sofort nach den in Frage kommenden Ortschaften berichteten. Den verhängnisvollen Schritt der beide» konnten sie jedoch nicht abwenden. Vorgestern wurde das Liebespaar im Strandwalde des Seebades HeringSdorf erschossen aufgesunden. Mariendorf. Bei der am Sonntag ftattaefundenen Olemeinbevertreterwahl zur dritten Klasse wurde unser Genosse Welk mit 743 Stimmen gegen 149 bürgerliche, die auf den Herrn Bächler sie len, gewählt. Tie Wahlbeteiligung war gegenüber die der Wahlen im März eine wesentlich schlechtere. Tie Bürgerlichen haben bei die ser Wahl alle Anstrengungen gemacht. Insbesondere glaubten sie durch ihr am Sonnabend teilweise durofy Schulkinder verbreitetes Flugblatt uns zu überrumpeln. Der Inhalt desselben ähnelt« außerordentlich dem von uns verbreiteten. In öffentlicher Versammlung zu erscheinen, hatten die Herren nicht den Mut, weil sie eine Auseinandersetzung mit unseren Genossen fürchteten. Weistensee« Aus der Gemeindevertretung. Zunächst tvurden die neu- �wählten Herren Deldrück, Knorr und Schwarz eingeführt; vom Vorsitzenden wurde ganz besonders hervoagehobeii, daß di« Herren nicht die Jntereffen ihrer Vereine, sondern die der Allgemeinheit zu vertreten haben. Herr Kohler, dessen Wahl in letzter Sitzung mit einer Stimme Mehrheit für ungültig erklärt: wurde, hat gegen diesen Beschluß die Klage erhoben. Die Gemeindevertretung sollte nun beschließen, ob sie sich auf die Klage einlassen wolle. Ein Tcil unserer Genossen hatte für die Ungüliigkeitsertlärung gestimmt, sie kamen aber später zu der lleberzeugung, daß sie den ß 62 der LGO. älsch aufgefaßt hatte. Hiervon machten sie dem Gemeindevorstand Mitteilung: durch den nunmehr zustande gekommenen Beschlutz, sich nicht auf die Klage einzulassen, behielt die Wahl des Herrn Kohler Gültigkeit. Ter neueingetretene Gemeindevertreter Schwarz wollte unsere Genossen belehren, daß sie sich im Unrecht befänden. Auf zwei weitere Klagen wegen Ungültigkeitserklärung der Wahl in der ersten Abteilung und der Wahl des Herrn Schwarz ließ sich die Gemeindevertretung ein. Einer Veränderung der Freibank und der Kühlanlage wurde zugestimont. Di« Kosten im Betrage von 1b 000 M. haben die beteiligten Schlächtermeister mit 4 Proz. zu verzinsen und in 10 Jahren abzutragen. Einem Schwestern- vertrag mit dem Vorstand des Proviuzialvereins Berlin de« Vater- ländischen Frauenvereins wurde«bcmfalls zugestimmt. Der von unseren Genossen bei der Etalsberatung gestellte Antrag, die Teuerungszulagen bis zum 1. Juli weiter zu zahlen, wurde ein- stimmig angenommen. Es erhalten demnach alle Arbeiter und Angestellt« mit einem Einkommen bis zu 1800 M. pro Woche 2 M. Teuerungszulage. Für die gewerbliche Fortbildungsschule wurden für Lehrmittel und Modelle 450 M. bewilligt. Der Erlaß eines Ortsstatuts gegen die Verunstaltung von Straßen und Plätzen wurde angenommen. Es kommen hierfür in Betracht, die Rachbar- grundsiücke der allen Pfarrkirche, ferner die Gegend um den Weißen «see, die Albertinenstraße und die Parkstraße. Die Prüfung der Bedürfnisfrage bei Gastwirtschafks- und Schankkonzessionsgesuchen wurde abgelehnt. Eine längere Diskussion veranlaßt« die Wahl einiger Kommissionsmitglieder. Die Alte Fraktion glaubte von der Mehrheit bei Besetzung von Kommissionen an die Wand gedrückt zu werden, weil man den Herrn Alers als Mitglied des Kura- toriums der höheren Schulen nicht mehr haben wollte. Nach langem Streiten wurde eine Zettelwahl vorgenommen und das Mitglied der fortschrittlichen Fraktion, Herr Schmiedecke, mit 17 Stimme- gewählt, Herr Alers erhielt 3 Stimmen. Zu dem Erweitcrungs bau des Krankenhauses wurde beschlossen, den zweiten Pavillon uni ein Stockwerk zu erhöhen. Die Kosten belaufen sich auf 39 000 M. Das Augusta-Viktoria-KrankenhauS wird bekanntlich von der Gemeinde in frühestens 10 Jahren und spätestens in 15 Jahren übernommen, sie hat daher das Bestimmungsrecht bei den jetzt vorgenommenen Neubauten. Das Krankenhaus verfügt über 100 Betten; nach dem Neubau können insgesamt 2000 Betten aufgestellt werden. Tpanduu. Bei der Arbeit vom Tode ereilt wurde am Sonnabend im Klein- bau der Aktiengesellichaft Siemens u. Halske der Nrbetter König. Er vrach plötzlich zuiammeit und wurde nach der Unfallstation oc- tragen, wo indes ein bald daranf hinzugezogener Arzt nur den Tod des Manne» feststellen konnle. Der Verstorbene wohnte in Char- lottenburg. Als Todesursache wird Herzichlag angegeben. B)ttt«ruiiaSüberftcht vom 6. Mat 1913. Etatlonen Better Swinemd«. 7?7'NO Hamburg 1 706 DSD Berlin 707:5 Franffa M 704.NO München 706,® Wen 767 NO 1 Deiler 3 wolkig 1 wolkig 1 Dunst 1 wollig 1 heiter Wetterprognose für Dienstag, den 7. Mat 191«. Zunächst etwa» wärmer, ziemlich heiter bei meist schwachen südlichen Winden; nachher zunehmend« Bewölkung und etwas Gewitterneigimg, verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck U.Verlag. Vorwärts Buchdruckeret u. VerlagSanstalt Paul Singer U.Co.. Berlin sw.