Kr. 113. Ndonnementz-lieckwgungen: ttbormementi- Preis"ränumerandoi vierteljäh rl. S,Z0 Mk., monatt 1,l0 Mh, wöcherlllich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag». nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt» 10 Psg. Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- PrelSIiiic. Unter Kreuzband sür Deutichland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. PostabonncmentS nehmen am Belgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, «Utnänien. Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Die Tnicrtions- Geblar beträgt für die sechsgespaltene Kolonel. zeile oder deren Raum CO Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigcn M Pfg. „Kleine Hnieigen", da» settgcdruclle Wort 20 Pfg. lzulässig llsettgedrucite Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Worts Pfg. Worte über löBuch- paben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nm 5 1....... umnier müsten bis Uhr nachmittags in der Expedition eben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöfsnet. vlSeliit Kgllch anDer Eontags. Verlinev VolkSblskk. Telegramm> Adress« „S«ÄäIiI«li>»Ilnit sterlil»". ZentraXorgan der foziaXdemohratx feben partd Deutfcblands. Redaktion t 8 AI. 68. Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Mittwoch, den IS. Mai 1913. Expedition: SAl. 68. I-indenstrasse 69, Fernsprecher: Amt Morttzplatz, Nr. 1981. flerfanungswidrige Drohungen. Wilhelm II. war in den letzten Tagen in Strasburg und hat dort zunächst gegen den Beschluß der elsässischen Kammer demonstriert, die der elsässischen Regierung wegen ihrer Haltung im Grafenstadener Fall ihre schärfste Miß- hilligung ausgesprochen hat. Bekanntlich hat die preußische Regierung der Fabrik Grafenstaden die Bestellungen ent- zogen, weil angeblich ein Direktor eine deutschfeindliche Hal- tung einnehinen soll. Die Kammer erblickte darin eine Schä- digung der elsässischen Industrie und tadelte die Regierung, weil sie die Interessen Elsaß-Lothringens Preußen gegenüber nicht genügend gewahrt habe. Verantwortlich für den Vor- gang war in erster Linie der Unterstaatssekretär Mandel, der, wie wir mitteilen können, in dieser Sache über den Kopf des Statthalters und des Staatssekretärs Zorn von Bulach gehandelt hat. Wilhelm II. hat es nun für richtig be- funden, Herrn Mandel den Exzellenztitel zu verleihen. Damit aber nicht genug. Im Laufe einer Tischunter- Haltung bei dem Staatssekretär Zorn von Bulach kam die Rede auch auf die Zwischenfälle, die sich in Elsaß-Lothringen seit der Einführung der neuen Verfassung ereignet hatten, und da sagte Wilhelm II. zu dem Bürgermeister Dr. Schwan- der nach einer Meldung des Pariser„Matin" folgendes: „Wcnn dies so fortgeht, schlageJch Ihre Verfassung in Scherben. Sie kennen Mich bisher nur von der guten Seite, könnten Mich aber leicht von einer anderen Seite kennen lernen. Jawohl, wenn es nicht anders wird, machen wir aus Elsaß- Lothringen eine preußische Provinz." Man müßte diese ungeheuerlichen Aeußerungen für eine Erfindung halten, wenn sie nicht der offiziöse„Berliner Lokal-Anzeiger" in folgender Form bestätigt: „Hören Sie einmal. Sie haben uns bis jetzt hier nur von der guten Seite kennen gelernt. Ich kann Ihnen aber sagen. daß Sie uns auch von der anderen Seite kennen lernen können. Tas kann so nicht weitergehen hier. Wenn die Dinge aber so weitergehen, dann heben wir einfach die Verfassung aus und verleiben Sie Preußen ein." Wenn W i l h e l m II. wirklidh diese Worte gebraucht hat, so können sie nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Denn diese Aeußerungen würden zeigen, daß Wilhelm II. wieder einmal den Anspruch erhebt, ein Selbstherrscher von Gottes Gnaden zu sein, der sich, wenn es ihm beliebt, über die Ver- fassung einfach hinwegsetzen könnte. Die elsaß-lothringische Verfassung beruht auf dem Reichsgesetz und sie kann nur mit Zustimmung des Reichstags und des Bundesrats geändert werden. Wilhelms Worte würden, wenn sie wahr wären, einfach die Drohung mit einem verfassungswidrigen Staatsstreich sein, die Drohung, den gesetzlichen Boden zu verlassen und den Weg der Gewalt von oben, zu betreten. Es ist selbstverständlich, daß der Reichstag, wenn nicht nachgewiesen wird, daß Wilhelm II. solche oder ähnliche Worte nicht gebraucht hat, zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen muß. Denn die Drohung Wilhelms II. richtet sich nicht nur gegen die elsässische, sondern gegen die deutsche Reichsverfassung überhaupt. Denn es ist das Recht, das der Reichstag geschaffen und das ohne seine Zustimmung nicht abgeändert werden kann, das durch den Appell an die Ge- Walt bedroht wird. Und ebenso stellt die Drohung, Elsaß- Lothringen in Preußen einzuverleiben, das Recht der anderen Bundesstaaten in Frage. Denn was heute Elsaß-Lothringen, könnte niorgen ebensogut einem anderen Bundesstaat ange- droht werden. Bestätigen sich die Worte Wilhelms II., so werden jedenfalls neue moralische Eroberungen im Elsaß wie ini übrigen Süddeutschland zu verzeichnen sein. Deshalb ist es gut, daß der Reichstag schon am Freitag bei der Beratung des Etats des Reichskanzlers Gelegenheit haben wird, die Angelegenheit zu erörtern. Wilhelm II. gibt sich einer argen Täuschung hin, wenn er meint, daß Ansprüche eines Selbstherrschertums heute noch erträglich seien. Hinter der elsässischen Verfassung steht nicht nur das Volk von Elsaß-Lothringen, hinter ihr steht alles im deutschen Volke, was für das politische Selbstbestimmungsrecht eintritt. Sind die Aeußerungen Wilhelms II. wirklich gefallen, dann be- weisen sie aufs neue, daß die Lehren, die 1908 in den No- Veniberdebatten dem persönlichen Regiment erteilt worden sind, nichts gefruchtet haben. Sie beweisen, wie falsch die Haltung jener bürgerlichen Parteien gewesen ist, die die Proklamation des Gottesgnadentums in der Königsberger Rede ruhig hin-' genommen haben. Man muß vom Reichstag fordern, daß er diesmal, wenn sie notwendig wird, die Abrechnung mit dem persönlichen Regiment gründlich und ohne sich einschüchtern zu lassen, vollzieht. Herr v. Bethmann Hollweg aber wird klare Antwort zu geben haben, ob er die Verfassung und die Rechte des Parlaments zu wahren imstande ist oder als! willenloser Höfling seines Herrn Aeußerungen decken will, die, wenn sie gefallen, in jedem Sinne unverant- w 0 r t l i ch sind._ Die mfiUcije Revolution erwacht. ...— doch sag' ich euch: Sie«st nicht tot! F. Freiligrath. Der Gang der Ereignisse war furchtbar einfach. Am 13. März traten in dem Andrejewsky Goldbergwerke 999 Ar- beiter in den Ausstand. Am 29. März standen schon alle Lenaer Werke still, die Zahl der Streikenden wuchs bis 6999 heran. Faßt man die höllischen Arbeitsbedingungen auf den Goldgruben ins Auge, so erscheinen alle Forderungen der Arbeiter, darunter auch die des Achtstundentages, die den Petersburger Regierungstölpeln so große Furcht einjagte, als in höchstem Grade gemäßigt, und die Ausdauer des nieder- gedrückten Arbeitsmenschen, die aus ihnen spricht, ist direkt erstaunlich. Der Sinn aller Forderungen bestand darin, die Berg- tverksgesellschaft habe wenigstens die skandalös-ärmlichen Ge 'setze zu befolgen, die in dem Romanoffschen Reiche zum Schutz der Arbeit bestehen. Es genügt zu sagen, daß unter den For- derungen die Entlohnung einmal im Monat und die Ab- schaffung des Zwanges für die Frauen, in den Goldminen zu arbeiten, figurierten. Dank der Leitung des Streiks durch eine von den Ar beitern ernannte Kommission, zu der auch einige politische Verbannte gehörten, wurde der Ausstand einen Monat lang durchaus geschlossen, planmäßig und ruhig geführt. Nach den Worten des Handelsministers Timaschoff waren die Arbeiter bereit, Mitte April auf ein Kompromiß einzugehen. Anderer seits war die Lenaer Gesellschaft in Erwartung der Wieder aufnähme der Arbeit höchst nervös geworden und zu Kon- zessionen bereit. Aber in der Nacht auf den 17. April arretierte nach vor beriger telegraphischer Order aus Petersburg die nach den Werken eiligst abkommandierte Truppenabteilung das Streik- komitee, die Ausständigen nahmen sich der gefangen genom- nienen Führer an, aber bevor ihr friedlicher, waffenloser Zug seine Forderungen aufstellen konnte, feuerten 159 Soldaten unter 2 Offizieren auf 159 Klaftern Entfernung, ohne Warnung, in die unbewaffnete Menge, schössen nach den Liegenden, den Verwundeten, den Fliehenden, töteten und verkrüppelten über 599 Menschen, von denen 279 bereits begraben sind. Warum wurde geschossen? Daß man dazu durch nichts „gezwungen" war, leuchtet allen ein. Und obwohl Makaroff in der Duma schwor, daß seinem erprobten Provokateur, dem Lenaer Gendarmerierittmeister Treschtschenkoff, Todesgefahr gedroht habe, wurde ihm nicht einmal von seiner Spitzelgarde Glauben geschenkt. Warum wurde geschossen? Weil die lokalen Treschtschen- koffs, die von der Grubenadministration unterhalten werden, sich empor zu dienen suchten? Weil die ungeduldigen Aktio- näre die allzu langsamen Verhandlungen mit den Streikenden durch Blei beschleunigen wollten? Oder weil die Regierung ein Bedürfnis hatte, in möglichst weiter Entfernung von den großen Zentren zur Warnung für die anderen mit den Strei- kenden ins Gericht zu gehen und so die sich wieder belebende Arbeiterklasse einzuschüchtern? Vielleicht auch— wie die Zeitungen andeuten— beschloß irgendeine Hofclique, die auf das Sinken der Lenaer Aktien spekulierte, ein Blutbad zu inszenieren und Verwirrung hervorzurufen, um welchen Preis auch immer I Oder wollte man sich auf diese Weise der Freund- schaft der englischen Börse versichern, in deren Händen sich beinahe 75 Proz. aller Lenaer Aktien befinden? Oder viefl leicht kommen zu diesen englischen Kapitalien auch die Mil- lionen hinzu, die der Zar für jeden Fall in den englischen Banken aufbewahrt und es handelt sich um die eigenen Ge- Winne des Zaren? Warum wurde geschossen? Man muß glauben, daß sich hier alle Ursachen zusammen- getan haben: Treschtschenkoff hatte es nötig, in dem Feuer der„Beruhigung" des nichtcxistierenden Aufstandes seine die- bische Rechenschaftsablegung zu begraben, der Baron Günzburg war gar nicht abgeneigt, die Arbeiter vermittels einer mäßigen Masse von Blei auf den Weg der„Vernunft" zu bringen: die hohen Spekulanten konnten im Gegenteil interessiert sein an der Steigerung der Verwirrung— alle diese Ursachen konnten sich vereinen, sich durchkreuzen, verwickeln— und das Er- gebnis ist: 279 Getötete, 259 Verkrüppelte! Welcher Teil davon unmittelbar auf die Erhaltung des Ruhmes und der Größe der zarischen Monarchie und welcher auf die indirekte Förderung der durchlauchtigsten Gewinne fällt, wieviel Leichen auf eine Aktie des Baron Günzburg und wieviel durchlöcherte Schädel auf die lokalen Treschtschen- koffs kommen, das wird kein noch so gelehrter Buchhalter ausrechnen können. Die einzelnen zu addierenden Zahlen werden ewig unklar bleiben, klar und unzweideutig ist dafür das Ergebnis: 279 Leichen, 259 Krüppel! Der Gang der Ereignisse war furchtbar einfach. Aber in der Gesamtheit der einfachsten Tatsachen und Wirkungen: des Hungers, der Erschöpfung, der Arbeitsniederlegung, der Per- Haftung, der Schüsse und des Geröchels der im eigenen Blute Erstickenden— in der Gesamtheit dieser grauenhaften Ein- fachheit haben wir vor uns die Oekonomik. Politik. Ethik und Philosophie dieser Gesellschaft, von der gottesgeweihten Hierar- chie beschirmt, die mit dem Selbstherrscher Treschtschenkoff an der Lena anfängt und mit dem gekrönten Gendarmericritt- meister Nikolaus Romanoff in Petersburg endet. Auf einem goldhaltigen Fleck Erde, der durch die Entfernung, durch das rauhe Klima, die Flußüberschwemmungen im Frühjahr und Herbst von der ganzen Welt abgeschnitten ist, sperrten Räuber — militärische und zivile, geistliche und weltliche, einheimische und fremde Räuber— ein paar tausend hungrige und recht- lose Menschen ein. jagten sie in kalte, stets einzustürzen drohende Höhlen hinein, von deren Wänden Wasser nieder- rieselt, das auf dem Boden oft hoch bis über die Knie der Arbeiter reicht, halten sie und ihre Familien in engen, ichmuh- starrenden, rauchigen Kasernen unter Läusen und mensch- lichem Dünger, zahlen ihnen 1— Wz Rubel pro Tag, aber nicht mit Geld, sondern mit Scheinen auf schlechte Ware, manchmal direkt Aas, zu tollen Preisen; man zwingt sie gegen schriftliche Verpflichtung zum Verzicht auf ihr Recht, gegen die Administration Klagen zu erheben,— und für das alles preßt man täglich Blut hinter ihren Nägeln heraus, das sich auf der Stelle in schimmerndes Gold verwandelt. Aus den Krusten, aus den vom Rheumatismus gebrochenen Gliedern, aus den syphilitischen Geschwüren, aus der Rachitis der Säug- linge, aus den erschöpften, blutenden Mütterbrüsten— daraus fließt der segensreiche Strom des Lenaer Goldes heraus, alle auf seinem Wege bereichernd, außer denen, die es gewinnen. Während der Dumadebatten aus Anlaß der Lenaer Er- eignisse wiesen einige Deputierte den Minister Makaroff darauf hin, daß die russischen Gesetze den Streik nur in den Unternehmen verbieten, die von staats- oder gesellschaftlicher Bedeutung sind, und zu denen private Goldbergwerke nicht zählen. Wieso zählen sie denn dazu nicht?! staunten die Makarosfs und Günzburgs aus der tiefsten Tiefe ihrer Ein- geweide. Ist es denn nicht klar, daß der goldhaltige Lenaer Springbrunnen, der täglich 3 Puds pures Gold— 1999 Pud im Jahr!—• liefert, hundertfach wichtiger und heiliger ist als alle Staatsunternehmen, alle strategischen Eisenbahnen und Panzerschiffe, alle Standarten, Gerichtsspiegel, Kirchenfahnen, Heiligenbilder und Reliquien. Weil ihre Staatseinrichtungen und Staatsunternehmen schließlich nur dazu sind, um die An- Häufung des kapitalistischen Reichtums zu bewachen, zu sichern und zu heiligen, des Reichtums, der am vollsten, am klarsten, am überzeugendsten und vielseitigsten sich im Gold aus- drückt. Und hier, an der Lena, handelt es sich ja unmittelbar um dieses Gold, um das reine Gold, um das vielbegehrte Gold, das mächtiger als alle Gesetze, heiliger als die urältesten Heiligenbilder und unverweslicher als die patentiertesten Re- liquien ist. Hier an der Lena gibts genug des gelben Me- talls, um „geweihte Bande zu lösen und zu knüpfen, zu segnen den Verfluchten. Gold macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß Im Rat der Senatoren." Und als die 6999 Lenaer Arbeiter, nicht mehr imstande. sich mit Aas zu ernähren, aufhörten, einen Monat lang aus den Erdentiefen das Gold mit blutenden Nägeln herauszu- kratzen, da ließ sich mit fürchterlichem Gekrach die eiserne Faust der Staatsgewalt auf ihre Schädel nieder: ein halbes Tau- send Menschenleiber blieb auf der Erde.... „So war es," sagte in der Duma Makaroff,«und so wird es weiter sein!" „So wird es sein," antwortete ihm ein schon zweihundert- tausendfaches Echo der Streikenden und Demonstranten,„aber nur so lange, bis loir die Näuberspelunke der zarischcn Monarchie bis auf den Grund umwühlen und für uns Frei- heit, Luft, Licht erkämpfen!" � A � Die Streikbewegung der russischen Arbeiter. Der Proteststreik der russischen Arbeiter aus Anlaß der Metzelei in den Lenabergwerken nimmt einen immer größeren Umfang an. Nach dem Streik in Petersburg, Riga. Warschau. Odessa, Charkow usw. sind nun auch die Arbeiter im zentralrussischen Jndustrierayon in den Ausstand getreten. In Moskau allein haben zirka 70 000 Ar- bester gestreikt, und der Ausstand geht mit jedem Tage immer mehr auf die Provinz über. Nach mäßiger Schätzung haben in Peters- bürg und Moskau allein über 200 000 Arbeiter an dem Proteststreik teilgenommen. ES dürfte kaum zu hoch gegriffen sein, wenn man die Gesamtzahl der Streikenden auf eine halbe Million schätzt. Es ist eine Maifeier, wie sie das Zarenreich feit den NevolutionSjahrsn nicht gesehen ist, doppelt eindrucksvoll, da sie neben dem spontanen Erwachen des Solidaritätsgcfühls der Ar- beiterklaffe den unbeugsamen Willen der letzteren dokumentiert, wiederum tatkräftig einzugreifen in den Gang der politischen Ent- Wickelung Rußlands._ von allen Göttern verlalle»! Als die reaktionäre Presse am Abend de« glorreichen Tages. an dem der Parlamentarismus durch die Vergewaltigung eines Vertreters der stärksten preußischen Partei die grausamste Verhöhnung erfahren hatte, daS Werkzeug des reaktionären Terrors, Herrn v. Erffa, anfeuerte, nun auch noch ein AeußersteS zu tun und Strafantrag gegen das gesetzwidrig vergewaltigte Mitglied des Hauses, den Genossen Borchardt, zu stellen, da war man versucht, das für einen der täppischen Beschönigungsversuche der unsäglichen prä- sidialen Handlungen zu halten. Denn daß Herr v. Erffa sich auch noch dazu hergeben würde, nach dem Polizeilcutnant auch noch den Staatsanwalt mobil zu machen, das schienen selbst ultra montane Blätter nicht sür recht glaubhaft zu halten. Nun aber stellt sich heraus, daß Herr v. Erffa in der Tat bereits am 9. Mai also am Tage der gesetzwidrigen Altion selb st gegen das Opfer der Gesetzwidrigkeit Strasantrag erhoben hat! Das ergibt sich aus den beiden Schriftstücken, die in der Dienstagssitzung des Abgeordnetenhauses vom Vizepräsidenten gleich zu Beginn der Tagung dem überraschten Hause zur Kenntnis gebracht wurden. Es bandelt sich um ein Schreiben des Justizministers an den Präsidenten deS Hauses und um ein Schreiben des E r st e ir S t a a t Z a n lv a l t S an den I n st i z m i n i st e r. Das e r st c r c Schriftstück lautet: „Ew. Hochwohlgcboisn beehre ich mich, einen Bericht des Ersten Staatsanwalts beim Landgericht I, hier, vom l l. d. MtS. nebst Anlagen mit dem Anheimstellen ergebenst zu übersenden, in Gcmüßheil des Artikels der Verfassungsurkunde für den preutzischen Slaat die B esch l nst fa s s u n g des Hauses der Abgeordneten herbeizuführen. Berlin, den 11. Mai. gez. Veselec. DaZ Schreiben des Ersten StaatSanlvaltS an den Jusiizminister lautet: Durch Ttrafantrag vom 9. Mai 1312 hat der Herr Präsident des Hauses der Abgeordneten auf Grund der Vorgänge bei Ansschlicstung des Abg. Borchardt von der Sitzung am 9. Mai 1912 die Bestrafung des Abg. Borchardt wegen Hausfriedensbruchs beantragt. Nach Zeiftings berichten und der mir soeben zugegangenen Anzeige dcS Herrn Polizeipräsidenten über den Hergang der Sache kommt auch Widerstand des Abg. Borchardt und des Abg Leinert gegen die Staatsgewalt in Betracht. Ew. Exzellenz bitte ich ehrerbietigst, die G e nehmtgung des Hauses der Abgeordneten dazu herbeizuführen, datz die Abgg. Borchardt und Leinert wegen dieser Handlungen zur Untersuchung gezogen werden. Berlin, 11. Mai 1912. gez. Prcnß, Oberstaats anioalt. Herr b. Erffa hat also wirklich der Tragikomödie noch einen zweiten Akt hinzufügen zu müssen geglaubt, obwohl er sich doch sage» mußte, daß es wahrhaftig nicht seine Sache sei, den Staats- anwalt anzurufen, sondern daß es sich die g e s e tz w i d r i g der« gewaltigten und beleidigten Abgeordneten selb st nicht nehmen lasten würden, die Hilfe der Gerichte anzurufen. Aber der Notkollcr, von dem die junkerliche Mehrheit des Abgeordneten Hauses befallen ist und den sie auf ihren Präsidenten übertrug, hat die Attentäter gegen die parlamentarischen Rechte und die Nbge- ordnelenimmunftät offenbar vollends aller Besinnung beraubt. Auch das letzte Rcstchen von Schamgefühl hat sich verflüchtigt, ohne den leisesten Skrupel wird abermals die Immunität der Abgeordneten preisgegeben und dem Parlamentarismus der Genick- fang versetzt. Im Grunde ihres Herzens wütende Gegner des Parlamentarismus, Anhänger des absoluten PolizcistaateS, scheuen sich Junker und Junkcrgenossen nicht, nachdem sie sich daS erste Mal schon durch die Anwendung der Polizeigewalt bis auf die Knochen blamiert haben, auch noch den Staatsanwalt gegen sozialdcmo- krattsche Abgeordnete anzurufen. Und der Erste Staatsanwalt, offenbar begierig, so erlesene Lorbeeren zu ernten, will eS bei der Anklage wegen Hausfriedensbruchs nicht bewenden lassen. Seiner Meinung nach kommt auch Widerstand gegen dir Staatsgewalt in Betracht, und um gleich ganze Arbeit zu verrichten, soll neben Porchard! auch Leinert auf die Anklagebank gezerrt werden! Auf Grund des ß 04 der Verfassung muß das Ab- g e o r d n e te u h a ns seine Austimmung zu der Straf- Verfolgung geben. Um diese zu erlangen, sind die Anträge der Staatsanivaltschaft der GeschäftSordnungSkommisfion überwiesen worden, die sich nun darüber schlüssig zu werden hat. ob sie sich auch in diesem Falle auf die Seite ihres Präsidenten schlagen wird. Die Ueberweisnng an die GeschäftSordnungs kommission erfolgte, wie übli». ohne Debatte. Wir unserem sci!S sehen dem Verlauf der amüsanten Affäre mit heiterster Ruhe entgegen. Wie der Entscheid auch immer ausfällt, die lachenden Dritten werden die Sozialdemokraten sein. Die Per- gewaltigiuig eine? der wenigen wirklichen Volksvertreter hätte ja die Oesfentlichleit ohnehin noch lange und lebhaft beschäftigt. Wollen Folgen verlaufen. Nachrichten auZ dem türkischen Lager versichern, daß dieses in schlechtem Zustande sei, weil es an Lebensmitteln mangele und der gesundheitliche Zustand nicht gut sei. Vom Noten Halbmond seien nur acht Aerzte anwesend. Die Anwesenheit italieni- scher Gefangener im Lager sei vollkommen ausgeschloffen. Buchamcz, 14. Mai.(Meldung der Agenzia Stefani.) Heute früh nahm eine Kolonne Bersaglieri und AskariZ eine sorgfältige Erkundung der westlichen Küstenzone in der Richtung auf die tunesische Grenze vor. Die Grenzpfähle an der tunesischen Grenze wurden unverändert vorgefunden. Andere Truppenteile gingen von Buchamez südwestlich vor um sich den Bewegungen des Feindes nach dem Westen zu widersetzen. Einige feindliche Gruppen hinter Sebket wurden vom Artillerieschnellseuer schnell zerstreut. Auch auf der Halbinsel fand ein Artilleriegesecht statt, durch das die Feinde zerstreut wurden._ Die Revoiution in China. Konflikte mit dem Vorparlament. Kirln, 13. Mai. Das Pekinger Vorparlament hat eins Petition von fünfzehn öffentlichen Organisationen abgelehnt, Ivelche dahin geht, die W a h l e n, die ungesctzmäßig ohne Hinzw zichung der Majorität der Bevölkerung vor sich gegangen seien, für ungültig zu erklären. In einer stark besuchten Versammlung der Stadtbewohner wurde beschlossen, als man von der Antwort des Borparlaments erfuhr, Delegierte nach Peking abzusenden, mit dem Auftrage, auf der Ansehung von Neuwahlen zu bestehen, im Falle abermaliger Absage aber daS Vorparlament zu b o y k o t t i e r e n. den sollte. Dieses Argument Ijätte naKrlsch ebensogut bei der Heeresvorlage vorgeschützt werden können, und jedenfalls ist der Regierung diese neue Mode nicht unangenehm. Sie paßt ja zu der vorhin schon erwähnten Neigung, das Recht der Volksvertretung, so gut es geht, zu kürzen I Die Genossen Bernstein und Vogtherr vertraten die Auffassung der Fraktion, und der Reichstag, der nicht sprechen wollte, hörte wenigstens zum großen Teil aufmerksam zu. Beide Redner behandelten das Problem, wenn sie es auch von verschiedenen Gesichtspunkten anfaßten, mit inter. essanten Dokumenten und geschickter Beweisführung. Die Flottenvorlage wurde gegen unsere Stimmen, die Polen und die Elsaß-Lothringer angenommen. Der Flottenetat wird Mittwoch behandelt. die Hintermänner des Herrn v. Erffa die Ausrütlelung der Massen ihrerseits noch durch besonders schlagkräftig« Aktion«» unterstützen, so haben wir nicht daS geringste dagegen einzuwenden! Der Krieg. Die Dardanellen mincufrei. Konstantinopel, 14. Mai. Der„Tanin� bestätigt, daß alle Minen au« de» Dardanellen entfernt sind. Die Behörden werden vorsichtshalber ein altes Fahrzeug die enge Fahr- straße passieren lassen und spätestens morgen die Meerenge für offen erklären. Russische Intrigen? Konstantinopel, 13. Mai. Der Minister de? Aenßern erklärte heule auf eine Anfrage de? russischen Botschafters von G i c r s betreffend die Wied eröffnung der Darda- n e l l c u, die Entfernung der Minen sei heute beendigt loordcn, die amtliche Bckaniilmachung der Oeffnung der Dardanellen werde wahrscheinlich morgen oder überniorgen erfolgen. Die Pforte ist, wie versichert wird, über die neuen Konzentrationen russischer Streitkräfte beunruhigt.— Aus S i n op e sind bei der Pforte Nachrichten eingetroffen, daß ein russisches Geschwader des Nachts mit abgeblendeten Lichtern an den Küsten del Schwarzen MeereS kreuze. Wie es heißt, hat der Minister des Aenßern den russischen Botschafter um Lufllärung darüber gebeten. Dieser habe erwidert, eS handle sich lediglich um einige Torpedo- boole. die Hebungen veranstaltet hatten und bereits in Kertsch ein- getroffen seien. Der Aufstand in Albanien. Saloniki, 14. Mai. Anderthalb Bataillone und eine GebirgS- baiterie erreichten, von Pcischtina kommend, Jstok. wo sie sich mit den von Jpek angekommenen Truppen vereinigten. Die Ankunft der Artillerie machte einen ernüchternde» Eindruck auf die Albaner, welche in die Berge zurückgingen. Die Truppen rückten nach und imterhielten die ganze Nacht hindurch ein lebhafte», aher nutzloses Feuer mit den Albanern. Auf die Bitte des Kommandanten von Jpek, ihm vorsichtshalber Verstärkungen zu senden, gehen zwei Bataillone Infanterie und ein Bataillon Schützen von Saloniki nach Mitrowitza ab. Vom tripolitanischen Kriegsschauplätze. Bcnzhafi, 14. Mai.(Meldung der Agenzia Stefani.) Gestern morgen bat italienische Kavallerie einen schnellen erfolgreichen Vor- stoß gegen feindliche Abteilungen durchgeführt, die sofort unter Vcrlust zersprengt wurden. Bei den Italienern sind zwei Reiter und ein Pferd leicht verwundet worden. Ein Trupp BarkaS sorgt in ausreichender Weis« für den Schutz der Crntearbciter in Benghast. Irden Tag gibt eS einig« Zusammenstöße, die aber meist ohne Politische Cleberftcht. Berlin, den 14. Mai 1912. Gegen Jnnkerwilltür für Volksrechte: Ter Gewaltstrcich gegen die sozialdemokratischen Volks Vertreter im Drciklasscnparlamcnt hat wie ein Wctterstrahl cingeschlageu. Er beleuchtet im blendendsten Lichte die«vcrträg- liche Situation der arbeitenden Klaffe, das Helotenwm der Millionen fleißiger und nützlicher Staatsbürger, wie den grenzenlosen Ucbcrmut der privilegierten Kaste! Er riß mit einem schmetternde» Hall die Maffen aus dem Schlaf! Mit einem Schlage ist die Situation geklärt. Die Riesen- demonstratio»!« vom Freitag haben es bewiesen, daß das Volk den Kampf mit Macht wieder aufnehme« will, den Kampf gegen die Willkür und den Terror der preußischen Gewalthaber, den Kampf»m die Volksrcchte, den Kampf um das gleiche Wahlrecht! DaS klassenbewußte Proletariat begrüßt die grenzenlose Provokation der Junker und ihrer Sippen als Signal des wuchtig einsetzenden neuen Wahlrechts- 't n r m c s! Am nächsten Montag wird voraussichtlich im preußischen Abgcordnetenhanse der freisinnige Wahlrechts- a n t r a g zur Verhandlung gelangen. Zu de» Beschlüsse» des GeldsackparlamentS wird dann das Volk Stellung nehmen! Und zwar in Masfenversammlnogen, die am Mittwoch, den SS. Mai, in ganz Preuße» stattfinden werden! Die durch die Dreiklasicnschmach skandalös enttechtete werktätige Bevölkerung Groß- Berlins wird am 22. Mai dafür sorgen, daß die Kundgebungen des VolkSwilleus noch weit gewaltiger ansfallr», als die Demonstration vom letzten Freitag! Die Solidarität der Orthodoxen und Korpsbrüder. Das preußische Herrenhaus versammelte sich gestern, Dienstag, wieder. Einiges Erstaunen weckte eS, daß zu Beginn der Sitzung ein Hauptmann in Uniform den Präsidenten begrüßte und sich neben ihn setzte. Aber das war keine Nutzanwendung ans den Erlebnissen des anderen Hauses, sondern es war der Schriftführer Graf v. Arnim-Boitzenburg, der gerade die für einen Garderittmeister gewiß schwere Reservistenpflicht der Waffenübung mit altpreußischem Pflichtgefühl erfüllt. Was sollte etwa auch Herr Kolb im Herrenhause? Den Oberbürgermeister Dr. Bender- Breslau wegen staats- gefährdenden, hauSfriedenSbrecherifchen Zwischenrufens entfernen oder den Professor Borchers- Aachen wegen verdächtigen Namens- klangs?! Zwei Debatten erlebte das erlauchte und edle Ha»« gestern. In beiden war eS wie fast immer, einmütig. Die erste betraf das Gesetz über die Vermehrung und teilweise Besoldung der Vorstands- Mitglieder und Repräsentanten der Berliner Judengemeind«. ES soll damit die Besorgung der stark anwachsenden Verwaltungs- geschäfte erleichtert werden. Aber im Herrenhaus hat man ein Haar darin gefunden. Die„positiven' orthodoxen Gläubigen unter den Berliner Juden haben sich an daS Herrenhaus mit der Klage gewandt, daß die nur reformgläubige Mehrheit sie in allen Dingen majorisiere. Und ehe nicht für ordentliche Minderheitsvertretung ge- sorgt, will daS Herrenhaus nichts von der Vorlage wisien»nd hat sie gestern ttotz des Flehens der Regierung einstimmig abgelehnt. Welch ein Gerechtigkeitsgefühl lebt doch in unseren PairS, wenn nur die Minderheiten orthodox find I Die zweite Debatte des Tages endete mit der Uederwetftmg einer Lachener Studentenpetition zur Berücksichtigung, wa» der höchste Grad von Zustimmung ist. Die Petition wünscht eine Abänderung de» Strafgesetze» dahin, daß die studentischen Schläger« inensuren, bei denen man die schönen, dem Zivilversorgungsschein fast gleichwertigen Quarten und Durchzieher erhält, nicht mehr als Zweikämpfe mit tödlichen Waffen gelten sollen. Dafür waren alle die alten Professoren und auch der frühere Oberlandesgerichts- Präsident Hamm. Dieser hohe Richter besprach bei diesem Anlaß auch die„Vuchstabenjustiz' de» Reichsgerichts— so sagte Präsident Präsident Hamm, Herr Preuß!— und die„Automatenhaftigkeit" gewisser Richter— sagt der Präsident, Herr Beseler!— denen eS bei ihren Urteilen an gesundem Menschenverstand fehle— was Präsident Hamm sagt, wie wir Herrn Lisco gehorsamst zu bedenken geben möchten. DaS war ein ganz schöner AuSklang. Mittwoch: Kleinere Vorlagen. Militäretat und Flottenvorlage. Der erste Tag der„kurzen Anfrage n" hat erneut den Eindruck bestätigt, den schon die Beratung der Geschäfts ordnungsreform erzeugt hatte: daß die Regierung streng dar auf bedacht ist, den Reichstag nach Möglichkeit an einer Ausdehnung oder auch nur an einer wirksamen Ausnutzung seiner Rechte zu hindern. Auf die Anfragen der Genossen Dr. Frank und Richard Fischer gaben sich die beiden Regierungsvertreter die größte Mühe, möglichst keine Aus' kunft zu geben. Staatssekretär Dr. Delbrück sprach immer' hin drei Sätze. Der andere Herr aber, der Lehmann heißt, hielt es für geistreich �md geschickt, in möglichst unge zogenem Tone die Auskunfterteilung abzulehnen. Es liegt nur am Reichstag selbst, dessen rechter Flügel allerdings die Regierung bei der Einschränkung parlamentarischer Rechte immer unterstützen wird, den Herren vom Bundesratstisch andere Uebungen anzugewöhnen. Im übrigen war ja auch diesmal keine Antwort doch eine Antwort, und es läßt sich schon denken, aus welchen Gründen die Regierung über eine Zustimiinmg Hollands zu den Schiffahrtsabgaben nichts zu sagen weiß! Der M i l i t ä r e t a t wurde zu Ende beraten, nachdem die Verhandlung über die Lage der Militärarbeiter durch einen Schluß der Debatte erheblich frühzeitig abgekürzt wurde. Die Genossen B ü ch n e r und Dr. W e i l l wurden dadurch neben einer Reihe bürgerlicher Redner ausgeschaltet. Dagegen hatte Genosse Dr. Liebknecht bei der Besprechung der Verhält- nisse in den Spandauer Werkstätten ausreichend Gelegenheit, die Verwaltungspraxis und das sozialpolitische Verständnis der Heeresverwaltung unter Anführung eines reichhaltigen Materials zu kritisieren. Herr Pauli, der früher Potsdam vertrat und bei den letzten Wahlen sich nach Hagenow ge- flüchtet hat, hielt auch diesmal seine alte Rede, in der er den Kriegsminister besonders bat, ja keine Sozialdemokraten in seinen Betrieben zu behalten. Das hinderte aber nicht, daß nach Abschluß der Debatte unter anderen Anträgen unserer Fraktion auch der angenommen wurde, der bei der Ein- stellung von Arbeitern jede politische Erwägung ausgeschaltet wissen will. Unter den Anträgen der Budgetkommission, die alle Annahme fanden, findet sich auch der Antrag, nach welchem die Erhöhung der Mannschaftslöhne bereits am 1. Oktober 1912 eintreten soll. Die zweite Beratung der Flottenvorlage, die darauf in Angriff genommen wurde, dauerte nicht lange, da die bürger- lichen Parteien sämtlich auf die Teilnahme an der Erörterung Verzicht leisteten. Es ist wohl noch nicht vorgekommen, daß in einer so wichtigen Frage sämtliche bürgerlichen Parteien das Recht der Erörterung im Parlament preisgeben. Ter Grund für diese Entsagung ist die Sehnsucht, möglichst bald nach Hause zu kommen, der Vorwand, mit dem man versuchen wird, sich der Oeffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen, wird aller- dings anders lauten. Man wird sagen, daß die Geschlossen- heit des Bürgertums in einer Wehrfrage demonstriert wec-� Freiherrn v Marschalls Berufung auf den Londoner BotschaftSposten. Wie wir schon vor mehreren Tagen meldeten, tritt der bisherige deutsche Botschafter in London, Graf Wolff-Mettcr- nich, von seinem Posten— angeblich wegen geschwächten Ge- sundheitszustandes— zurück. An seiner Stelle übernimmt der Freiherr Marschall v. Bieberstein, der seit 1897 Botschafter in Konstantinopel gewesen ist, den Botschasterposten in London. Da Freiherr von Marschall sich einen bedeutenden politischen Einfluß in Konstantinopel zu sichern der- standen hat und allgemein als einer der besten Kenner der komplizierten orientalischen Verhältnisse gilt, so hat seine Berufung auf den Londoner Posten ein gewisses Erstaunen hervorgerufen. Man erklärt sich seine Entsendung nach London daraus, daß er dazu auscrschen ist, bessere Beziehungen zwischen Deutschland und England anzubahnen und die Ver- Handlungen fortzusetzen, die mit Haldanes Besuch in Berlin begannen, aber seit dem kaum vorwärts gekommen sind. DaS Aufsehen, daS die Entfernung Freiherrn von Mar- schallS von dem gerade jetzt so wichttgen Botschasterposten am Goldenen Horn hervorgerufen hat, dürfte noch vennehrt werden durch die sonderbare Art, in der das Kanzlerblatt die Ernennung deS Freiherrn Marschall von Bieberstein zum Bot- schastcr in London ankündigt. Die„Nordd. Allgcm. Ztg." bringt nämlich an der Spitze ihrer heuttgen Abendnummer lediglich folgende lakonische Notiz. Wie wir hören, ist der kaiserliche Votschafter in Konstantinopcl Freiherr Marschall v. Bieberstein zum kaiserlichen Botschafter in London ernannt worden. Allzu herzlich scheinen danach die Beziehungen zwischen Herrn v. Bethmann Hollweg und Herrn v. Marschall nicht zu sein._ Beängstigend! Daß die Nerven dcS Herrn v. Erffa durch daS ständige Drängen seiner Junkcrfreunde, den starken Mann zu mar- kieren. seit geraumem hart mitgenommen waren, bewies ja seine Geschäftsführung, die schon seit Wochen selbst von den zahnisten liberalen Blättern zur Zielscheibe halb bosbastcr halb mitleidiger Bemerkungen geworden war. Durch den traurigen Akt von Heroismus, den Herr v. Erffg Hann-ur Krönung seines präsidialen Ruhmes am 9. Mai bctärigtc. scheint zudem die nervöse Spannung keine Lösung sondern un Gegenteil noch eine Verschärfung erfahren zu haben Denn daß Herr v. Erffa, zwei läppische Zuschriften, die ihm zugc- siangen sind, der Presse zur Veröffentlichung übergeben hat. kann doch nur als Ausfluß bedenklicher Angstgefühle gedeutet werden, sofern man wenigstens nicht annehmen will, daß der Präsident der preußischen Duma in einer beispiellos plumpen Weise Stimmung gegen die Sozialdemokratie zu macheu sucht! Die beiden„Drohbriefe", die Herr v. Erffa der Presse überwies, haben folgenden Wortlaut- 1.„Legen Sie Ihr Ami nieder, e« kostet sonst Ihr |e b e n._ Verlassen Sic schnellstens Berlin. I h r e 0« m. in e Tat m uisen Sie sühnen-*n Sachen Borchardt.'— Aus der Rückseite steht in Blaudruck- Be-cchtigung! Inhaber dieser Karte ist berechtigt, sich kostenlos'im' Jienburger Wald. Baum Nr. 8. Ast Nr. 12. z u e r h ä n a e n Die Forstverwaltung.' 2.„ES wird Ihnen»ntoeteilt daö S> e z u m T o d e v e r- urteilt sind, und das Sie dem Schicksal nicht ent- gehen werden, und wenn Sie alle Blulbunde zusammen lassen holen, Sie werden nicht entkommen, ob Sic fortmachen werden wird nichts nützen Sie werden verfolgt auf Schritt und Tritt. Sie mit Ihrem ganzen Jimierheer. die die Ungerechiig- keit und die Lüge auf Ihrer Stirn geschrieben habe», und die Gerechtigkeit, und Khristlichkeit allen Hohn spotten. Die wenn ein Armer Mann Ihnen Ihre Himmelichreiende Ungerechtigkeit bor» bällt, herausgeworfen und Mißhandelt wird. Die Welt wird über kurz oder lang in Staunen versetzt werden, und befriedigt iverden." Jeder nicht an Nervenüberreizung leidende Mensch würde solche Zuschriften nach flüchtigstem Lesen als dumme Witze dem Papierkorb überliefern; wenigstens haben es bisher sozialdemokratische Redakteure und Abgeordnete stets so ge- halten, trotzdem die ihnen zugegangenen Schmäh- und Droh- briefe noch viel zahlreicher waren und gar noch schauderöser lauteten. Nur in ganz seltenen Fällen hat einmal ein Sozial- demokrat des Scherzes wegen solch eine Stiliibung ver- öffentlicht. Dem Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses blieb es vorbehalten, solch ab- gcschmackte Albernheiten tragisch zu nehmen I Es ist nur gut, daß sich daS Abgeordnetenhaus schon am 23. vertagen will, sonst wäre eS allerhöchste Zeit, den Präsidenten schon vorher in Urlaub zu schicken! Die Begeisterung für den Luftmilitarismus hat auch eine Anzahl ostprcußischer Städte erfaßt. Die Stadt Alle»stein hat den Einfall gehabt, dem neue» 20. Armeekorps ein Flugzeug.Allenstein' anzubieten. Die Stadtverordneten- Versammlung hat— vorläufig— ganze 6000 Mark bewilligt. Sollte durch die.freiwilligen� Sammlungen, die von den.Damen der Gesellschaft' besorgt werden, nicht die erforderliche Summe zusammenkommen, so will die Stadtverwaltung großmütig auch bis zu 10 000 M. spenden. Andere Städte wollen nun nicht zurückstehen und so beabsichtigen zwanzig masurische Städte ein Flugzeug mit dem Äamen „Masuren' zu stiften. Die Aufbringung der erforderlichen Mittel soll durch Beiträge der Kreise und Städte, sowie durch Sammlungen in den einzelnen Städten erfolgen. In der Hauptsache sollen also auf Kosten der Steuerzahler die Flugzeuge gestiftet werden. Dabei herrscht in den meisten oft- preußischen Städten große Finanznot. Fast überall sind die Ge- meindesteuern enorm hoch; für gemeinnützige Zwecke ist herzlich wenig übrig. Die Stadt Allenstein. die hier.bahnbrechend" vorgegangen ist, hat noch bis in die letzte Zeit hinein ganz arme Dien st boten und Witwen besteuert. Kürzlich wurde in der Stadtverordnetenversammlung erklärt, die Dienstboten könnten auch nach wie bor Steuern bezahlen. Um wenigstens völlig arme Witwen von der Einkommensteuer zu befreien, hat man beschlossen, Einkommen st euer erst bei einem Einkommen von 3 0 0 M a r k an pro Jahr zu erheben. Und diese selbe Stadtverwaltung fyendet Tausende für den LuftmilitariSmuS. Die erste Parade deS Wehrverews. Der deutsche Wchrverein hielt am Sonntag in Berlin seine recht mäßig besuchte Hauptversammlung ab, die auch ziemlich stim- -mungSloS verlief. Der Vorsitzende, General Keim, berichtete, daß der verein 33 000 Einzelmitglieder und 10 000 körperschaftliche Mitglieder erworben hat, bedauerte jedoch, daß gerade in den Ercnzprovinzcn, die doch besonders interessiert sein müßten, die Sache nicht recht vorwärts gehe. Aus den langen Reden, die Ge- ncral Keim sowohl am Beginn der Versammlung wie während ihres Verlaufes hielt, mag nur eine Klage darüber hervorgehoben sein, daß man den Wehrverein dcS EhauviniSmuS bezichtigte. Er wies diese im Reichstage und selbst vom Reichskanzler geübte Kritik zurück und meinte, daß eine größere Empfindlichkeit der amtlichen Stellen für Deutschlands Ehre und Würde gar nicht schaden könnte. Natürlich protestierte er auch unter lebhaftem Beifall der ver- sammelten Reserveoffiziere dagegen, daß man eS in Deutschland wagen dürfe, sein Vaterland herabzusetzen. Ter Generalleutnant a. D. Litzmann sprach über die Stellung des Wehrvereins zur HcereSvorlage. Er spendete den I ärgerlichen Parteien deS Reichstages zwar Anerkennung für ihre Vewilligungsfreudigkcit und meinte, daß die Regierung hieraus doch den Schluß ziehen werde, im nächsten Jahre zur 100jährigen Feier deS sogenannten Befreiungskrieges mit recht viel höheren Forderungen herauszuloinmen. Dann kritisierte er die eben an- genommene HcereSvorlage als durchaus unzureichend, wobei er be- sonders bemerkte, daß unsere Wehrpflicht keine allgemeine sei, und jährlich 70 000 wehrpflichtige junge Männer nicht militärisch ausgebildet werden. ES wurde dann nach dem Beispiel Frank- reich» gefordert, daß schon im Frieden die Offiziere und Unter- ofs-ziere für die im Kriegsfälle zu bildenden Reserveregimenter aitiv vorhanden sein sollten. Eine entsprechende Resolution, in der auch sonstige Forderungen auf Verstärkung der Rüstungen ent- halten sind, wurde einstimmig angenommen.„,- Hierauf sprach der greise Natwnalökonom Professor Adolf Wagner über Deutschland» Wehrmacht. Seine Anschauungen sind belannt. es mag nur hervorgehoben werden, daß er betonte. die sozialdemokratische Arbeiterschaft müsse doch auch einsehen, daß die Rüstunacn die Vorbedingungen des wirtschaftlicheu Gedeihens sind; und daß die Kosten für diese Rüstungen dann auch bezahlt werden müßten. Am Schluß forderte er jedoch, daß die erhöhten Lasten für militärische Ztvecke, die er vom deutschen Volke ver- laugt, gerecht verteilt werden müßten, und ztvar durch direkte Steuern auf Besitz und Reichtum. LöhnnngSerhöhung bei der Marine. Wie bei der Armee, so wird auch bei der Marine vom 1. Oktober 1912 eine Erhöhung der Löhnung eintreten und zwar sollen erhalten: für Obermatrosen. Ob-rmasckiinistenanwärter.«rtilleriemechanlker- nnd Funkentelegraphic-Oberanwärter als Kapitulanten 3V9,S0M. für Mairosen. Maschinlstenanwärlcr.«rtilleriemeckaniker und Funkenlelegrapbieanwarter als Kapitulanten 381.60 M. für alle übrigen Kapitulanten(ausschließlich Marineinfanterie) � 884,80 M. M für Gemeint mit Obermatrosenrang(ausschließlich Marineinfanterie) 280.80 M. für Gemeine und Schiffsjungenunteroffiziere(auSschließltch Marine- infanterie) 262,80 M. für Kapitulanten der Marineinfanterie 226,80 M. für Gefreite der Marineinfanterie 172.30 M. für Gemeine der Marineinfanterie 164.80 M. für Seekadetten 614.30 M. Auch die UebungSgelder der Mannschaften de» Beurlaubten- standeS werden erhöht und zwar für Unterofsiziere um 12, für Gemeine um 8 Pf. pro Tag._ Dem Verdienste seine Krone. Als Nachfolger deS kürzlich verstorbenen LelterS der sozialpoli- tischen Abteilung der Hamburg-Amerika-Linie Direktor Huber ist der Rcichstagsabgeordnete und.große" Sozialpolitiker Dr. Heckscher in da» Direktorium der Hamburg-Amerika-Linie berufen worden. frznhrcxdy. Das Ergebnis der Stichwahlen. Paris, 13. Mai.(Eig. Ber.) Was die gestrigen Stich- Wahlen für die Gemeindevertretungen ck)arakterisiert, sind die die Erwartung der meisten Parteigenossen übertreffenden Erfolge der geeinigten Sozialisten. Sowohl in Paris und seiner Umgebung, wie auch in großen und kleinen Provinzgemeinden hat die Partei die Zahl ihrer Vertreter vermehrt. Eine Reihe wichtiger großer Provinzgemeinden, die ehemals von ihr verwaltet waren, hat sie zurückgewonnen, in einer Menge kleinerer Orte zum erstenmal Fuß gefaßt. In Paris hat sie fünf neue Bezirke gewonnen und von den zwei in der Stichwahl stehenden einen behauptet, so daß die Zahl der sozialistischen Vertreter nunmehr 15 beträgt. Bedauerlich ist die Niederlage N a v a r r e s im 13. Arron- dissement, doch ist zu bedenken, daß Navarre 1908 als„un- abhängiger" Sozialist gelvählt worden und erst später der Partei beigetreten lvar. Unter den gestern Gewählten sind D o r m o y, der Sekretär der Seine-Föderation, C a ch i n, einer der vom Parteivorstand angestellten Propagandisten, und Genosse Reiß, ein in Partei, Gewerkschaft und Ge- nossenschaft gleichermaßen tätiger Veteran der Pariser Ar- beiterbewegung, zu nennen.— Die Zeche des gestrigen Tages haben ausschließlich die R a d i k a l e n zu tragen. Die Rechts- Parteien hielten ihren Besitzstand aufrecht. Sehr bemerkens- wert ist, daß die Sozialisten ihre Siege den Stimmen der „unabhängig-sozialistischen" Wähler verdanken, die zum Teil der Ordre ihrer Kandidaten entgegengesetzt stimmten. Der „Radical" schreit schon über Verrat, aber sogar ein der ge- einigten Partei mit solchem Haß gegenüberstehendes Organ wie die„Petite Republique" muß zugeben, daß die Partei ihre Pariser Siege nicht einer„Allianz mit der Reaktion" zu danken hat. Sehr schöne Resultate hat die Partei in den Vororten aufzuweisen. St. Denis, das schon längere Zeit von den Sozialisten verwaltet worden war, wurde zurückgewonnen. A l f o r t v i l l e und Kremlin-BicStre behauptet, Saint- Quen und P u t e a u x erobert. In Cham- p i g n y drangen 10 Sozialisten durch und sind jetzt die stärkste Gruppe im Gemeinderat. Von besonderer Bedeutung ist die Zurückeroberung der drei großen Städte Toulouse, Brest und N o u b a i x. Toulouse, die politische Hauptstadt des Südens, war zuletzt in den Händen der Radikalen. Brest war 1908 der Partei von den vereinigten Bürgerlichen abgenommen worden, nach einer wüsten, in Büchern und Zeitungen betriebenen verleumderischen Hetze, deren übelriechendste Unratprodukte ein Export- artikel für die internationale Scharfmacher- und Pfaffenpresse wurden.— Gestern drangen 18 Sozialisten durch, 3 waren schon im 1. Wahlgang gewählt, die anderen Parteien haben 15 Vertreter.— Nicht minder erfreulich ist der Sieg in Roubaix, dem„sozialistischen Mekka", wie die Bourgeoispresse einst höhnend sagte. Die sozialistische Verwaltung dieser � mit Lille— ersten großen Gemeinde, die eine von der organi- sierten Arbeiterschaft gewählte Vertretung hatte, spielt in der Geschichte der sozialistischen Kommunalpolitik eine dem inter- nationalen Proletariat bekannte Rolle. Behauptet wurde die Mehrheit in Nim es, erobert Dragnignan im Departement Var im äußersten Süden, in A n k i ii siegte eine gemischte sozialistische und radikal- sozialistische Liste über die Radikalen, De na in wurde von der Partei behauptet. In T o u l o n wurde die Partei in die Minderheit gedrängt, sie behält 14 Mandate gegen 22. In Lyon, wo die Partei bisher nur einen Vertreter im Gemeinderat hatte, hat sie jetzt 12. In B o r d e a u x wurde die gemeinsame Proporzliste gewählt. Die Sozialisten haben 17 von 36 Mandaten.— Die Fortschritte in kleineren Orten sind sehr beträchtlich, in ihrer Gesamtheit aber noch nicht zu überblicken. So läßt sich aus den diesjährigen Gemeindewahlen ein Vormarsch der sozialistischen Partei feststellen, der freilich in der offiziellen Statistik, die nach„Hauptorten" der Depar- tements rechnet und dabei mit ganz unvergleichbaren Größen operiert, nicht zum Ausdruck kommt. Sicher hat die Partei auch empfindliche Verluste erlitten— vor allem ist hier Mar- seille zu nennen—. aber sie werden durch Gewinne in den meisten großen Städten mehr als wettgemacht. Wichtiger noch ist aber das Eindringen des Sozialismus in die kleinen Jndustricgemeinden namentlich des Nordens und in die länd» lichen Orte des Südens. Und die Partei darf auf diese Rc- sultate mit um so größerer Befriedigung zurückblicken, als sie sie— mag bei den Stichwahlen auch manche Kombination ntit den Linksparteien oder auch mit den proporzfeindlichen Progressisten mitgeholfen haben— vor allem einer mit Eifer und prinzipieller Entschiedenheit geführten Propaganda verdankt. England. Ein Umschwung i» der englischen Zeitimgöindustrie. London, 11. Mai.(Eig. Ber.) von Montag, den 18. Mai, ab wird sich da« historische linksliberale Blatt, die„Daily News", das einmal von Charles Dickens redigiert wurde, mit dem links- liberalen„Morning Lcader" verschmelzen und unter dem Namen „Daily New« und Leader" erscheinen. Beide Blätter vertraten bis- her die Poliiik der entschiedenen Linksliberalen und legten zuweilen einen solchen Grad von«rbeiterfrcundlichkeit an den Tag, baß manche, die die Taktik deS englischen Liberalismus nicht verstehen, glaubten, sie steuerten auf den Sozialismus hin. Beide Blätter haben sehr tüchtige Mitarbeiter und eS kann daher nicht die zwei- malige Darbietung des gebotene» Lesestoffes sein, die den für die Verschmelzung verantwortlichen Rückgang der Leser- zahl vermocht hat. Die Ursachen des LeserschwundeS liegen in einer anderen Richtung. DaS Bürgertum wendet sich immer mehr der Sorte des Liberalismus ab, die in L l o y d E e o r g e ihren Houptvertreter findet, nachdem er eingesehen hat, daß die liberale Sozialreform die Unzufriedenheit der Mafien nicht ver- ringern und die EntWickelung der Arbeiterschaft zur politischen Selbständigkeit nicht aufhallen kann. Zudem hat sich die Londoner Arbeiterschaft im„Daily Herald" ein eigenes Organ geschaffen, daS nach den Angaben der ZeiiungSverkäufer täglich an Lesern gewinnt. Vereint werden nun die„Daily News" und der„Morning Leader" den Kampf gegen die„Daily Ehronicle" aufnehmen, die mit ihrem großen Leserkreis und elastischem Gewissen der liberalen Partei daS ist. was die„Daily Mail" der konservanven Partei ist. Zur Verschmelzung der beiden Blätter wird auch der Drang nach Konzentration beigetragen haben, der sich in den letzten Jahren in der kapitalistischen ZeitungSindustrie Großbritanniens äußerst stark geltend gemacht hat. Ein«einer Betrieb nach dem anderen geht ein oder wird von dem stärkeren aufgekauft. Gegenwärtig suchen nicht weniger al« vier Londoner Blätter, die nur noch schwer mitmachen können,«inen Käufer. Im konservativen ZeitungSlager vollzieht sich eine ähnliche Wandlung wie im liberalen.� Einige der altmodischen konservativen Blätter haben einen schweren Stand. Namentlich die keit kurzem von dem Draufgänger Garbin, dem Redakteur deS Wochenblattes„Obscrver", redigierte„Poll Mall Gazette" zieht die sonservativen Leser zu Tausenden an sich. Die Vorgänge im Zeitungswesen sind sehr bezeichnend für die innerpolitische EntWicke- lung Englands._ Die Regelung der MindestlShne. London. 14. Mai. In Steffordfhire und L a n- c a s h i r e sind von der Lohnkommission Mindest löhne festgesetzt worden. Die Lohnsätze, welche in einer ganzen Reihe von Fällen das von den Arbeitern geforderte Minimum von fünf Schilling übersteigen, sind unter Zustimmung der Arbeit- geber und der Arbeiter zustande gekommen.— Die Lohnkommission von Süd-Wales beschloß, mit der Beratung der Mindestlöhne nicht fortzufahren, so lange die Delegierten der Bergleute sich fernhalten. Der Vorsitzende der Kommission Lord St. Aldwin lehnte sowohl die Anträge der Arbeiter auf Erhöhung der Lohnsätze als auch die Anträge der Arbeitgeber auf Herabsetzung ab. Marokko. Verstärkung der nordafrikanischen Truppe«. Paris, 14. Mai. Die Zuaven-Bataillone. die in Paris und Lyon in Garnison standen, werden nach Algerien und Tunesien zurückkehren, um die dort nach Marokko entsandten Truppenteile zu ersetzen. Die Affäre der Farm Renschhausen. Dresden, 14. Mai. Zu der Nachricht französischer Blätter, daß die Farm Renschhausen in Marokko Deserteure versteckt habe, hat Adolf Renschhausen in Kötzschenbroda von seiner Firma in Tanger folgendes Telegramm erhalten: Französische Preßnachrichten sind unzutreffend. Unsere Leute in Ulad- Bessam verneinen aufs bestimmteste, Deserteure auf der Farm versteckt zu haben. Am 7. Mai hat die französische Gesandt- schaft in Tanger auf Grund der vom kaiserlichen Gesandten Freiherrn v. Seckendorff gemachten Vorstellungen durch Eil- boten vom französischen Kommando Aufklärungen verlangt. Die sind bis heute nicht eingetroffen, obgleich die Antwort bereits am 10. Mai hätte in Tanger sein können. Em der Partei. Mein letztes Wort. Daß KautSky den von ihm und dem Genossen Bebel ohne jede Not an die OeffeiUlichkeit gezerrten Streit jetzt abzubrechen wünscht, ist mir begreiflich. Ich bin ihm auch dankbar dafür, daß er mir er- leichtert, seine Wünsche zu berücksichtigen, indem er Waffen wählt, die ich verschmähen muß, weil sie die einfachsten Gebote der Schick- lichkeit und des Takts verletzen. Der„große Unbekannte", mit dem KautSky mich zu verhöhnen sucht, ist eine verehrungswürdige Per- sönlichkcit, die ihm ungleich näher steht ol« mir. In der Tat, die Wahl der Waffen zeugt für die Güte der Sache. Es bleibt dabei, daß KautSky zweimal— in Anknüpfung an einige, dem Parteivorstande mißfällige Artikel— die kategorische und positive Forderung an mich gestellt hat, ich solle mir daS feit 21 Jahren gewohnte Maß publizistischer Bewegungsfreiheit ein- schränken lassen. DaS ist dieselbe Methode, die in der kapitalistischen Presse herkömmlich ist, um unbequemen Mitarbeitern die Pistole auf die Brust zu setzen. Gegen die Tatsache kann KautSty nichts ein- wenden, als daß ich den Vorschlag gemacht habe, während seiner Abwesenheit von Berlin die Spitzartitel einzustellen. Dieser Vor« schlag, der jeden Konflikt ausgeschlossen hätte, soll ihn berechtigt haben, mir ztveimal eine schimpfliche Demütigung anzusinnen l WaS den Parteivorstand anbetrifft, so sagt dieser in seiner neulichen Erklärung, zu dem Tadel meines Artikels:.Kronprinzliche Fronde" fei er durch die Jenaer Resolution gezwungen gewesen, die ihn beauftrage, gegen jede„gehässige persönliche Art der Diskussion" einzuschreiten. Das erkenne ich gern an. Aber KautSky verdächtigt mich, wegen diese? Tadels hätte ich dem Parteivorstand ewige Rache geschworen. Du lieber Himmel I ES gibt Dutzende von Parteigenossen, denen ich den Tadel auS freien Stücken mit- eteilt habe, und jeder von ihnen könnte mir bezeugen, daß ich da- ei schlechterdings nichts von irgendwie düsteren Enipfindungen ver- raten habe. Und wie hätte ich bis auf den Tod betrübt sein sollen, nachdem ich schon vor dem Tadel des Parteivorstandes das Lob Knutslys eingeheimst hatte:„Ich habe den Artikel mit großem ästhetischen wie politische» Vergnügen gelesen. Er ist ebenso frisch und fein in der Forin wie kernig in: Inhalt, er zeigt Sie wieder ganz auf der Höhe. Ich freue mich sehr darüber." In der Tat hat mich daS Lob des Einen so wenig erschüttert wie der Tadel der Anderen. Ich tue meine Partcipflicht nach bestem Wissen und Ge- wissen und halte mich übrigen? an den alten Spruch i Wer da bauet an der Straßen, muß die Leute reden lassen. _ F. Mehring. Totrnliste der Partei. In Elberfeld starb im Atter von 40 Jahren Genosse Emil Backhaus an einem Krebsleiden. Der verstorbene ist seit Jahren in der gewerkschaftlichen und politische» Arbeiterbewegung hervor» ragend tätig gewesen, von 1900 bis 1906 hat er an oen Kämpfen der Arbeiter von Hagen und Umgegend teilgenommen. Am 1. Sep- tember 1906 wurde Genosse Backhaus in Elberfeld als Sekretär de? Verbandes der Maler und Lackierer jc. Deutschlands angestellt, welchen Posten er bis zu seinem Tode in treuer Pflichterfüllurg aus- füllte. Aber nicht nur in den gewerlschastlichen, sondern auch in den politischen Kämpfen stellte unser nun toter Genosse seinen Mann. Seit etwa drei Jahren war Genosse Backhaus ferner Mitglied des Niederrheinischen sozialdemokratischen AgitationSkomitecS. das in ihm einen gewissenhaften und sachkundigen Mitarbeiter verliert. Auch gehörte er in letzter Zeit der Preßkommission unserer Elberfelder Parteileitung an. Die Partei wird sein Andenken in Ehren hakten. In C h e in n i tz starb im Alter von 33 Jahren Genosse Franz Zuckschwerdt. Unter dem Sozialistengesetz wirkte der Per- storbene für Ausbreitung der gewerkschaftlichen und politischen Organisation in Leipzig und fiel schließlich der Ausweisung zum Opfer. Damals wandte er sich nach Chemnitz, wo er in' ver- schiedenen Fabriken arbeitete, sich bald aber durch seine Agitations- und Organisationsarbelt bei dem Unternehmertum verhaßt niachtc, daS ihm keine Beschäftigung mehr gab. Durch einen Kohlenhandel hat er sich eine lange Reihe von Jahren durchs Leben geschlagen. Bis an sein Lebensende bat er in den Reihen der tätigen Genossen gestanden und mitgearbeitet an dem Aufstieg der Arbeiterklasse. Ein Irenes Andenken ist dem Genossen Zuckschwerdt sicher. Sozialdemokratische Wahlcrfolgr in ber Schweiz. In den Kantonen Solothurn und Neuenburg fanden am Sonntag die kantonalen und kommunalen Wahlen statt, die der Arbeiterschaft Erfolge brachten. Die nach dem Proporz borge- nommenen solothurnischen KantonsratLwahlen ergaben für die so- zialdemokratische Partei 4424 Stimmen und 25 Mandate(1908: 4000 bzw. 22). � Die Gemeindewahlen im Zhanton Neuenburg fanden eben- falls nach dem Proporz statt und es wurden gewählt in Chaux de Fonds 19 Sozialdemokraten, 14 Radikale und 7 Liberale; in Le Loclc 27 Sozialdemokraten und 13 Radikale; in Neuen- bürg 15 Liberale, 14 Radialle und 11 Sozialdemokraten. Auch im Kanton T es sin brachten die jüngsten Gemeinde» Wahlen der Arbeiterschaft hübsche Erfolge, so namentlich in der Kantvnshauplstadt Bcllinzona, wo 8 Sozialdemokraten, 32 Radi- kale und 10 Konservative gewählt wurden. Unsere Partei gewann zwei Sitze auf Kosten der letzteren. GewcrhrcbaftUcbca. Glieder ein gericbtlicbes CIrteil gegen das Streikposten lteken 1 Gelegentlich des Streiks der Braunkohlenbergleute in Mitteldeutschland im Juni v. I. erließ der Kreisdirektor von Helmstedt im Herzogtum Braunschweig, gestützt auf ein Gesetz vom Jahre 1850, eine Bekanntmachung, wonach bis auf weiteres jede Ansammlung von Menschen und jedes Stehen oder Gehen in Gruppen auf den Wegen der bestreikten Grube „Emma" verboten wurde, da„Gefahr im Verzuge" sei. Das Prchlikum wurde bei Strafandrohung aufgefordert, den An- Ordnungen der Gendarmen im Umkreise von einem Kilometer der Grube„Emma" Folge zu leisten. Mehrere Bergarbeiter, Streikposten, erhielten wegen Uebertretung der Verfügung Strafmandate. Das Schöffen- gericht in Helmstedt bestätigte die Strafverfügungen, das Landgericht als Berufungsinstanz sprach die Bergleute frei, weil sich die Verordnung der Kreisdirektion nur gegen die Streikenden richte und infolgedessen gegen den Z 152 der Ge- werbcordnung verstoße. Die Angeklagten seien Streikposten gewesen, hätten also ein ihnen nach dem Reichsgesetz zustehen- des Recht ausgeübt. Gegen dieses Urteil legte die Staatsanwaltschaft Revision beim Oberlandesgericht in Braunschweig ein, und dieses hob das Urteil auf und wies die Sache an das Landgericht zurück mit der Begründung, daß das Urteil der Strafkammer der- fehlt sei. Die Verordnung habe sich nicht gegen die Streik- Posten(!), sondern gegen alle Ansammlungen und gegen jedes Stehen und Gehen in Gruppen, ganz gleich, ob von Aus- ständigen oder anderen Personen, gerichtet. Wörtlich heißt eS weiter: „Gegenüber dem klaren Wortlaut der Verordnung würde nicht einmal eine abweichende Absicht der Kreisdirektion Anspruch auf Bedeutung machen können. Denn nach bekannten Aus- legungen kommt es nicht darauf an, was der Gesetzgeber hat sagen wollen, sondern was er gesagt hat." Die Ansicht, daß Streikposten durch den 8 152 der Ge- Werbeordnung gedeckt seien, laufe darauf hinaus, den Strei- kenden einen Freibrief gegen ordnungspolizeiliche Vorschriften zu erteilen, denen alle übrigen Menschen unterworfen seien. Das sei nicht die Absicht des 8 152. Die Verordnung der Kreisdirektion enthalte die vorschriftsmäßige Bezugnahme auf die„eingetretene Gefahr". Dagegen sei dem Richter die Prü- fung der Frage entzogen, ob auch wirklich Gefahr im Ver- zuge bestanden habe 0). Eine neue juristische Deduktion! Die Polizeibehörde braucht bei einem Streik danach nur„Gefahr im Verzuge" anzunehmen und sie kann dann das Streikpostenstehen ohne weiteres verbieten: dem Gericht steht eine Nachprüfung, ob „Gefahr" wirklich im Verzuge war. nicht zu. die Polizei ist souverän in ihrer Machtbefugnis. Und die Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung und die Entscheidungen des Reichs- gerichts verschwinden gegenüber den vortrefflichen Bestim- mungen einer reaktionären Landesverwaltungsvorschrift aus dem Jahre 1850. Koalitionsfreiheit in Preußen! Bertti» und ClrngegencL Fleischerstreik Neukölln. Trotz aller Gegenagitatio» der Innung haben bis heute KZ Fleischermeister den Tarif unterzeichnet. Wir ersuchen die Partei, und Gewerkschaftsgenossen, ihre Frauen auf die Liste der Fleischermeister im heutigen.Vorwärts" aufmerksam zu machen, welche die Forderungen bewilligt haben. Viele Frauen gehen aus Unkenntnis noch in boykottierte Geschäfte; deshalb ist es Pflicht der Genossen, hier aufklärend zu wirken. Nachstehende Fleischcrmeister haben den Tarif noch anerkannt: O. Weiland, Friedelstr. 46, W. K o r t e � Wildenbruchftr. b4. Die Streikleitung de? Zentralverbandes der Fleischer, ElisabetWr. 11. Telephon Kst. 3024. Deutlches Reich. Der Streik in der Görlitz«? Waggonfabrik dauert nun die sechste Woche. Die Streikenden stehen nach wie vor geschlossen im Kampfe. Im Betriebe sind außer den Mitgliedern des gelben Werkvereins, die von Anfang an stehen geblieben sind, die Leute des Berliner Streikbrechcraaenten Kaczmarek, etwa 130 Mann, beschäftigt. Um die Tüchtigkeit der Streikbrechevgarde öffentlich zu dokumentieren, brachte die bürgerliche Presse einen sicher lan- eierten Bericht, wonach die Fertigstellung von drei Schlafwagen hauptsächlich das Werk der Arbeitswilligen sein sollte, die sich als „vollgültige" Handwerker erwiesen hätten. Eine ganz nette Re- klame für die Streikbrecherfirma Kaczmarek, sonst aber der Wirk- lichkeit nicht sehr entsprechend. Natürlich haben die wenigsten der jwczmarekschen„Vollgültigen" an den Schlaftvagen gearbeitet, im Rohbau und in der sonst komplizierten Arbeit waren die Wagen von den alten, jetzt streikenden Arbeitern längst fertiggestellt. Die Notiz hat nur den Zweck, die öffentliche Meinung zu oüpieren und die Verlegenheit der Firma zu verdecken. Im Arbeitsmarkt des „Berliner Lokal-Anzeigers" werden von Kaczmarek, Orth- straße 7, Leute gesucht. Dieselben sollen als Streikbrecher in der Görlitzer Waggonfabrik dienen. � Der Streik bietet nach wie vor gute Aussicht auf Erfolg, wenn' der Zuzug von wirklich tüchtigen Arbeitern ferngehalten wird. Der Streik der städtischen Arbeiter in Tilsit dauert fort. Die Stadtverwaltung glaubt auf ihrem Machthaberstandpunkt beharren zu können und lehnt jedes Entgegenkommen ab. Eine von der Organisationsleitung angebahnte Verhandlung brachte kein Er- gebnis. Selbst die von einem sozialdemokratischen und auch von einem liberalen Stadtverordneten unternommene Vermittelungs- aktion führte zu keinem Resultat. Der Magistrat hat beschlossen und weicht von seiner Stellungnahme nicht ab. Das ist der Stand- Punkt der Stadtgewaltigen. Nach außen brüstet er sich damit, daß genügend Arbeitskräfte vorhanden seien, um oie Betriebe aufrecht- zuerhalten. Er läßt durch die liberalen Zeitungen die Nachricht verbreiten, daß selbst die Feuerwehrleute nicht mehr in Anspruch genommen zu werden brauchen, sondern daß ausreichend Arbeiter zur Verfügung ständen. Dabei sind auch zurzeit noch sechs Feuer. Wehrleute in der Gasanstalt tätig. Wie sehr aber dem Magistrat das Feuer auf den Nägeln brennt,«rweist sich daraus, daß ein- zelnen Arbeitern besondere Versprechungen gemacht wurden, wenn sie sich zur Wiederaufnahme der Arbeit bewegen ließen. Diese Versuche sind freilich an der Einmütigkeit der Arbeiter gescheitert. Die Streikenden sind der festen Zuversicht, daß ihre Forderungen zur Durchführung kommen und sehen in Ruhe der weiteren Stellungnahme der Stadtverwaltung entgegen. Die Geschlossenheit der Streikenden bürgt auch für eine günstige Erledigung des Streiks. Edelinge. Welchen Kalibers die von den Unternehmern gehätschelten und getätschelten Streikbrecherknaben sind, dafür bietet die folgende„Un- fallanzeige" einen neuen interessanten Beleg: Von den Streikbrecher- banden, die im Umherziehen ihr Lumpengewerbe ausüben, war ein Trupp aus Gent nach Essen zurückgekehrt. Da die Gesinnung dieser Edelinge nicht ausreichte, um die aus Anlaß eines Hafenarbeiter- streiks erforderten kapitalistischen Handlangerdienste zu leisten, sandle der hereingefallene Unternehmer die international dienstbereiten nationalen Ordnungsstützen wieder nach Hause. Jeder bekam noch Berantw-lXedakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: ' 160 M. ausbezahlt. Aber da der Wutki teurer geworden ist, reichte daS nicht lange. Wenige Tage später versuchten zwei von ihnen in einem Kolonialwarengeschäst— in Abwesenheit des Inhabers— „Einkäufe" zu machen. Die Polizei, die sich in die Angelegenheit einmischte, erkannte in den beiden nächtlichen„Arbeitswilligen" alte Bekannte und wies ihnen vorläufig ein Quartier mit eisernen Gardinen an. Der Unglücksfall wird von der Kaschemmenzunst gewiß ebenso bedauert wie von der Scharfmachersippe. Die Dringlichkeit der Schaffung eines Arbeitswilligcnschutzgesetzcs steht nun wohl außer Zweifel._ Aus dem Ruhrbecken. Die Anzeige des Vorsitzenden des Steigerverbandes, Werner, gegen den Polizeiassessor Hausch in Essen wegen der Auslieferung der durch Bestechung erreichten Mitgliederliste des Steigerverbandes an den Zechenverband(wofür dieser bekanntlich 1300 M. an Hausch bezahlt hat), war vom Ersten Staatsanwalt in Essen wie folgt ab- getan worden: „Nach den angestellten Ermittelungen haben von dem vom Bergassessor Kratz hergegebenen Gelde Beamte nichts für sich be- halten. Damit entfällt die von Ihnen erhobene Beschuldigung." Diesem für die preußische Rechtspflege wie für die Zustände im Ruhrgebiet charakteristischen Bescheide reiht der Bescheid des Oberstaatsanwalts in Hamm— an den Werner sich beschwerde- führend gewandt hatte— sich würdig an. Auch er verdient als Kulturdokument in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Er lautet: „Auf Ihre Beschwerde vom 15. d. M. betr. die Strafverfol- gung des Polizeiassessors Hausch und oes Bergassessors Kratz tvegcn Bestechung eröffne ich Ihnen, daß ich nach Prüfung des Sachverhalts keine Veranlassung gefunden habe, entgegen der Verfügung des Herrn Ersten Staatsanwalts zu Essen vom Ig. d. M. ein strafrechtliches Einschreiten anzuordnen. Der an- gefochtene Bescheid ist zutreffend. Ihre Ausführungen bieten zu einer anderen Beurteilung der Sachlage oder zur Anstellung weiterer Ermittelungen keinen Anlaß. Hiernach wird Ihre Be- schwerde als unbegründet zurückgewiesen." Man glaubt sich in die Aera Bismarck-Puttkamer zurückversetzt, wenn man diese Bescheide liest. Ultramontaner Arbeitertrutz. Die Propaganda des Strcikbruchs gehört seit dem großen ultra- montanen Arbeiterverrat im Ruhrrevier zweifellos zu den grund- sätzlichen Aktionen des Zentrums. Das sieht man nun an dem Ver- such, die Lohnbewegung der Rheinschiffer kaput zu machen. Das verrufenste Scharfmacherorgan kann nicht gehässiger gegen die Ar- beiter auftreten als wie z. B. die„Köln. Volksztg.", das führende Organ der Gewerkschaftschristen. Ueber den Ausstand der Rhein- schiffer berichtet das edle Blatt— Nr. 425— nach der beim Berg- arbeiterstreik beliebten Methode, u. a. also: Da die gänzliche Erfolglosigkeit der Lohnbewegung des Schiffspersonals Wohl längst von den Machern erkannt wurde, ßt es allerdings nicht unmöglich, daß nun sogar der Versuch. sämtliche Arbeiter im Schiffahrts- und Verladebetrieb zum An- schlutz an den Ausstand zu bewegen, unternommen werden wird. ... Ob ein Beschluß gefaßt werden wird, der dahin geht, sämt- liche Hafenarbeiter aufzuwiegeln, wird von Kennern der Sache vielfach aber doch als unwahrscheinlich betrachtet, denn die Erwcrbs- und Lohnverhältnisse sind hier in den Ruhrhäfen so günstig, daß die meisten Hafenarbeiter wohl vorziehen dürften, bei der Arbeit zu bleiben, statt dem Ruf des(sozialdemokratisch „angehauchten") Transportarbeitcrverbandes zu folgen.... Wohl mag es fast unglaublich klingen, daß viele Hafenarbeiter bis zu 10 M. und noch darüber täglich verdienen.... Leider ist in Hessen immer noch nichts veranlaßt worden, um das Anfahren von„Streikposten" mittels Nachen oder sonstiger Fahrzeuge an vorüberfahrenden Sckleppzügen zu verhindern. Fortgesetzt er- folgt hier dieses Anfahren. Obschon am 10. d. M. ein Schleppzug von Matthias Stinnes Begleitung von Gendarmen hatte, ge- schah es wieder, wie auch wieder Streikposten das Maschinen- personal des Bootes Johann Knipscheer Ar. VII behinderten, vom Ausstand betroffene Schiffe in Anhang zu nehmen. Dringend notwendig ist es, daß diesem Vorgehen abgeholfen wird...." Die frisch-fromm-frech erfundene Behauptung, daß„viele Hafenarbeiter 10 M. und darüber hinaus täglich verdienen", soll die Oeffentlichkeit gegen das Schiffspersonal aufhetzen. Und mit der Redensart von den„aufwiegelnden Machern" des„sozialdemo- kratisch angehauchten" Transportarbeiterverbandes glaubt man in gehöriger Weise den Eifer der Polizei gegen das Anfahren von Streikposten aufmutzen zu können. Besser kann auch die„Post" nicht gegen die Arbeiter betzen. Der Gewcrkscbaftszerschmetterer Bueck. dr polternde Dr. Tille, der schimpfend« Reiswitz und wie sie alle heißen, sind doch nur Waisenknaben gegenüber den pfäffisch-ver- logenen ultramontanen Scharfmacherknechten k Vom Rheinschifferstreik. Die Zahl der Streikenden hat sich um reichlich 400 vermehrt. Die Streikenden stehen noch in gleicher Geschlossenheit, wie beim Ausbruch des Slreiks am 29. April. Die Unternehmer haben aus Essen und Hamburg einige ArbeitSwilligenzufuhr erhalten. Es sind fast alles Ausländer, Polen, Italiener, vielfach Leute, die in ihrem Leben kaum ein Schiff gesehen haben, geschweige denn es bedienen können. Ihre Unsicherheit in der Schiffskenntnis läßt die größten Befürchtungen in bezug auf die Fahrsicherhcit auskommen. Diese Unsicherheit wird noch erhöht durch die Maßnahmen des Oberpräsidenten v. Rhein- baben, der die gesetzlichen Verfügungen über die Mindestzahl der Besatzung und die Qualifikation der Bedienungsmannschaften außer Kraft gesetzt bat. Der Transportarbeiterverband hat wegen dieser Maßnahmen eine Eingabe an den Reichstag gemacht. Die bürgerliche Presse verbreitet die sensationelle Nachricht, daß Militär in das Streikgebict requiriert worden sei. Wohl sind die Gendarmerieposten verstärkt und die polizeilichen Maßnahmen ver- schärst worden, doch Militär ist bis jetzt nickt im Streikgebiet. Die Polizei gebt allenthalben rigoros vor. An Bord eines jeden Fahrzeuges befinden sich zwei bis drei Schutzleute oder Gendarmen. Nähert sich einem solchen Fahrzeuge, auf dem sich Schutzleute befinden, irgend- ein Nuderboot, so wird, ohne daß die Schutzleute danach fragew weshalb das Nuderboot sich dem Fahrzeug nähert, ohne weiteres auf das Boot geschossen. Die Polizei hat übrigens einen Nachen, der von den Streikenden benutzt wurde, um an die Fahrzeuge heranzurudern und die Arbeitswilligen aufzuklären, beschlagnahmt. In Mannheim ist vermutlich auf Veranlassung der Stinnes und Konsorten auch die Polizcimannschaft verstärkt worden. Dort kreuzen vier Boote mit Polizisten ständig den Strom von Obermannheim bis Ludwigshafen. Die Häfen in Mannheim sind polizeilich abgeschlossen.— Ein einsichtsvolleres Benehmen z«igt die Polizei in Mainz. Sonst sind in den übrigen Orten die polizeilichen Maßnahmen ebenfalls schärfer geworden. Auch dort ist das sicher auf die Wei- sung der Stinnes und Konsorten, die auch hier einen wesenttichen Einfluß haben, geschehen. Am Dienstag findet in Duisburg eine Sitzung der Unternehmer statt, die sich mit der Streiklage befassen soll. Die Unternehmer sind in starker Verlegenheit, denn die Streik- brecher, die sie haben, können einen geordneten Frachtenverkehr nicht aufrechterhalten.— Ein bürgerlicher Verein, der sich„Rhein- gold" nennt, ein reiner Uutcrslützungsvcrein, bestehend aus sog. Setzschiffcrn und aus Kapitänen, hat am Sonntagabend beschlossen, daß, wenn die Unternehmer die gestellten Forderungen der Mit- glieder des Vereins„Rheingold" nicht akzeptieren, sie ebenfalls ihre th. Glocke, BerUn. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.n öerlagsanstalt? Tätigkeit einstellen. Das dürste wohl mit der Anlaß gewesen sein. daß die Unternehmer sich in einer Sitzung über ihr weiteres Ver- halten schlüssig machen wollen. Die Organisation der Schiffer wird in dieser Woche übrigens noch Stellung dazu nehmen, ob es nicht ratsam erscheint, das Personal der sogenannten Partikulierschiffe ebenfalls zum Streik zuzulassen. Zlustand. Ein italienisches Getverkschaftsblatt in der Schweiz. Seit dem 1. Mai gibt der Schweizerische Gewerkschaftsbund für die zirka 150 000 italienischen Arbeiter und Arbeiterinnen in der Schweiz ein eigenes Blatt unter dem Titel„L'Operaio" heraus, das während 9 Monaten des Jahres wöchentlich und während �dcr übrigen 3 Monate 14tägig erscheinen wird. Die Redaktion führt Genosse G. Bianchi, der vorher in einer Mailänder Druckerei als Korrektor tätig war. Die Herausgabe des neuen Gewerkschafts- blattes hat zur Folge, daß die schweizerischen Gewerkschaftsblätter den italienischen Text, den sie bisher den italienischen Verbands- Mitgliedern boten, nun weglassen und diese das neue Blatt er- halten. Welche Erfolge das neue Blatt unter den italienischen Ar- heitern zugunsten der schweizerischen Gewerkschaftsbewegung er- zielen wird, muß abgewartet werden. Der Streik der Londoner Schneider. London, 13. Mai 1912.(Eig. Ber.) Der Streik der Londoner Schneider hat jetzt einen allgemeinen Charakter angenommen. Letzten Mittwoch beschlossen die Schneider Ostlondons, sich der Bewegung anzuschließen. Es war jedoch bis jetzt schwer, zu beurteilen, wie viele der Schneider OstlondonS streiken. Heute wird es klar, daß die Arbeitseinstellung im Osten ebenso allgc- mein ist wie im Westen. Man schätzt die Zahl der Streikenden auf 50 000. 36 Geschäfte im Westen haben die Forderungen der Ar- beiter schon bewilligt, und wenn die Arbeiter wie bisher wacker aushalten, ist ihnen'der Sieg sicher. Denn man muß bedenken, daß die seinen Geschäfte des Westens, die in der Herrenmode den Ton angeben und viele Kunden im Ausland haben, Gefahr laufen, eine beträchtliche Anzahl Kunden zu verlieren, wenn sie in der Saison nicht liefern können. Unglücklicherweise besteht zwischen dem Lon- doner Schneideroerband und dem allgemeinen Schneiderverband, dessen Sitz Manchester ist, augenblicklich ein heftiger Streit. Die Mitglieder dieses Verbandes, die mit den Mitgliedern der Londoner Gewerkschaft in den Kampf traten, erhalten von ihrer Organisation. die den Streik nicht billigt, keine Unterstützung. Letzten Sonntag fand eine Versammlung der Londoner Mitglieder des allgemeinen Verbandes(„Amalgamated Society of Tailors") statt, in der mit 367 Stimmen gegen 339 die Wiederaufnahme der Arbeit beschlossen. wurde. Heute stellten sich aber nur wenige zur Arbeit ein. Nach den Angaben der Streikposten waren es nur 30. Hetzte ffachricMeti. Gegen die Vergewaltigung unserer Vertreter. Stuttgart, 14. Mai.(Eig. Telegr. des„Vorwärts".) Hier fand eine große, von mehr als 4000 Personen besuchte Dcmonstrationsversammlung statt, in der Genosse W e st- meyer die Vergewaltigungspolitik im preußischen Abge- ordnctenhause unter großem Beifall geißelte. Eine dahin- gehende Resolution wurde einstimmig angenommen. 150 neue Mitglieder sind der Organisation beigetreten. Die Straßburgcr Kaiscrrede. Frankfurt a. M., 14 Mai.(P. C.) Die„Frankfurter Zeitung" erfährt von maßgebender Seite aus Straßburg, daß die Aufsehen erregende Acußerung deS Kaisers während dcS Tiners beim Staats- sckretär Zorn von Bulach dem Stratzburger Bürgermeister Tr. Schwandcr gegenüber tatsächlich erfolgt ist.(Siehe den Artikel „Verfassungswidrige Drohungen".) Ein italienisches Machwerk. Tripolis, 14. Mai.(W. T. 53.) Heute ist eine bedeutungsvolle Bekanntmachung veröffentlicht worden, die von 105 Lraberhäupt- lingen aus Tripolis unterzeichnet ist. Die Bekanntmachung preist das Werk der italienischen Zivilisation, rät den Arabern, ihre Augen dem neuen Lichte zu öffnen und ihre Illusionen aufzugeben. und fordert sie auf, von ihrer vergeblichen Feindseligkeit gegen die Italiener abzustehen, durch die sie ihrem eigenen Glück und dem des Landes schadeten. Die Wahlreform in Italien. Rom, 14. Mai. Die Kammer hat heute bei der Beratung deS ersten Artikels der Wahlreform auf Antrag des Minister- Präsidenten G i o l i t t i durch namentliche Abstimmung mit 206 gegen 57 Stimmen den Antrag Mirabclli, daS Stimmrecht allen großjährigen Italienern zu gewähren, abgelehnt. Die Maifeier in Petersburg. Petersburg, 14. Mai.(W. T. B.) In dem Beiriebe der Fo° briken ist ein fast völliger Stillstand eingetreten. Tic Zahl der Streikenden beträgt rund 100 000. Trotz Regenwetters wurden mehrere Straßendemon st rationeu beran- staltet. Die Arbeiter duröhzogen verschiedene Stadtteile mit roten Flaggen und sangen revolutionäre Lieder. Die Polizei zerstreute die Menge und nahm 40Verhaftungen vor. Zu ernsten Zwischensällen ist es nicht gekommen. Sympathiestreik der Pariser Herrenschneider. Pakis, 14. Mai.(P.-C.) Heute fand hier eine stark besuchte Versammlung der Herrenschneider und Gesellen statt, die sich mit dem Entschluß der Londoner Konfektionäre, einen Teil ihrer Arbeiten nach Frankreich vergeben zu wollen, be- schäftigten. Nach längeren Beratungen faßte die Versammlung den Beschluß, sich mit den Londoner Herrenschneidern solidarisch zu erklären und in einen Sympathiestreik einzutreten. Eine neue Apachenschlacht im Gange. Nogent für Marne. 14. Mai.(W. T. B.) Die beiden Auto- banditen Ballet und Garnier sind in einem Hause e i n g e- schlössen und werden durch Polizeimannschaften belager!. Die Verbrecher feuern mit Gewehren auf die Menge und die Be- amten. Ein Polizeibrigadier ist verwundet und ins Hospital transportiert worden. Paris, 14. Mai.(P. T.) Der Kampf um die Apachenvilla in Nogent sur Marne dauert an. Um 8 Uhr wurde ein Versuch ge- macht, das„Fort Garnier" mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Eine Dynamitpatrone wurde zur Explosion gebracht, verursachte aber außer einem furchtbaren Getöse keinerlei Schaden. Leider hat die Belagerung weitere Opfer gefordert. Drei Polizisten wurden von den Schüssen der Banditen tödlich getroffen. Auch ein Ein- wohncr von Nogent sur Marne, der sich der Fcucrlinie unvor- sichtigerwcisc genähert hatte, büßte seine Neugier mit dem Leben. Der Polizei ist es gelungen, die Geliebte Garnicrs zu vcr- haften. Ihren Aussagen zufolge befinden sich in der Villa fünf Personen, drei Männer und zwei Frauen. !aul Singer& Co.. Berlin LW. Hierzu 4 Beilaaen o. UnterhaltongSbl. lt. 112. ZS.ZllhtMg. 1 KeilM Ks.FsriMs" Serlim NslkM«». Mlvsch. 15. Ms!!N2. R.eiä)stag. 62. Sitzung. Dienstag, den 14. Mai 1912, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratStisch: v. Heeringen. Dr. Delbrück. Auf der Tagesordnung stehen zum ersten Male kurze Anfragen. Präsident Dr. Kaempf ruft die vom Abg. Dr. Frank(Soz. gestellte erste Anfrage auf. Abg. Dr. Frank(Soz.) verliest folgende Anfrage; Ist der Herr Reichskanzler bereit, Auskunft darüber zu geben, ob Holland seine Zustimmung zu der Erhebung von Schiffährtsabgaben auf dem Rhein erklärt hat? Zur Beantwortung erhält das Wort Geh. RegierungSrat Dr. Lehmann: Ich bin beauftragt, die Frage dahin zu beantworten datz der Herr Reichskanzler zu seinem Bedauern nicht in de» Lage ist, über den Stand der Angelegenheit eine Auskunft zu geben. Abg. Dr. Frank: Ist der Herr Reichskanzler auch nicht bereit. Auskunst darüber zu geben, ob Holland sich geweigert hat, in Wer» Handlungen über die Schiffahrtsabgaben einzutreten? Geheimrat Dr. Lehmann: Ich habe meiner ersten Auskmrft nichts hinzuzufügen.(Hört I hört I links. Heiterkeit rechts. Abg. Dr. Frank: Ist durch diese Aulwort ausgedrückt, dah Verhandlungen stattgefunden haben? Geheimrat Dr. Lehmann: Auch auf diese Frage biu ich nich in derLage, irgend eine Auskunft zu geben.(Große Unruhe links. Heiterkeit rechts.) Abg Fischcr-Berlin(Soz.) verliest folgende Anftage: Ist der Herr Reichskanzler bereit, darüber Auskunst zu geben, ob bei der demnächst zusammentretenden Internationalen Schiffahrtskonfercnz auch Venreter der Schiffsleute zu den Verhandlungen zu gezogen werden? Staatssekretär Dr. Delbrück: Ueber da? Zusammentreten einer Internationalen Schiffabrtslonserenz steht Endgültiges noch nicht fest. Daß zu den diplomatischen Verhandlungen Vertreter der Schiffslcute zugezogen werden, erscheint unwahrscheinlich. Der von Deurichland der Internationalen Konferenz zu unterbreitende Vor- schlag wird vorher dem Vorstand der Seeberussgenoffenschaft zur Beguiochlung vorgelegt werden, da die internatioiral vereinbarten Sicherheitsmaßnahmen für Deutschland im wesentlichen durch die von der SeeberufSgenossenschast zu erlassenden Unfallverhülungs Vorschriften in Kraft zu setzen sein werden. Der Vorstand der See- berufsgenossenschaft wird die Vertreter der Versicherten, deren Zu- ziehung zur Beratung und Beschlußfassung über die zu erlassenden Borschristen gesetzlich angeordnet ist, bereits bei der Begutachtung der diesseitigen Vorschläge zuziehen. Abg. Fischer- Berlin: Ist der Herr Reichskanzler bereit, wenn andere Staaten Seeleute zu diesen 5lonferenzen zuziehen, auch seinerseits Seeleute zuzuziehen? Staatssekretär Dr. Delbrück: Ich habe«seiner vorigen Er- klärung nichts hinzuzufügen.(Heiterkeit rechts, Unruhe links.; Damit ist dieser Punkt der Tagesordnung erledigt. Hierauf wird die Einzelberatung des Militäretats in zweiter Lesung fortgesetzt. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.) bespricht Petitionen des Deutschen Tcchnikerverbandes und des Buirdes der technisch-industriellen Beamten auf Einführung von Bcamtenausschüsien, Anerkennung der Organisation und Sicherung des Koalitionsrechles. Die Forderungen dieser Organisation sind durchaus bescheidene, und die Verbesserungen geringfügiger Art. die diesen Angestellten gewährt sind, genügen nicht. Sodann geht Dr. Liebknecht ausführlich aus die Wünsche der Unter- beamten und Werkstättenarbeiter ein, denen gegen- über sich der Staat nicht wie ein Vater, sondern wie ein S t i e f- Vater benehme. Alle Anträge auf Einsetzung von Schiedsgerichten bei Streitig- leiten, bei Vergebung von Urlaub, auf Bezahlung der Wochen- feiertage und dergleichen sind bisher gänzlich erfolglos gewesen Ein ganz besonderes Marthrium haben die Pulverarbeiter hinter sich. Bei der Regelung der Verhältnisse dieser Arbeiter sollte man doch wahrlich nicht kleinlich verfahren. Es wird in der Pulver- fabrik über Mißstände im Kantinenwesen geklagt, besonders aber August 8trmclberg (22. Januar 1849— 14. Mai 1912.) Strindberg ist Dienstag nachmittag 4 Uhr 39 Minuten in Stockholm gestorben. Hätte eS noch eines letzten Beweises bedurft, um Strindbergs ernzigartige Bedeutung für das heutige europäische Schrifttum darzulegen, so war es der Zeitpunkt, an dem, die Art, in der man einem gabereichen Schöpferleben demonstrativ die Dankesschuld ab- trug. Diese späte Anerkennung, zu der sich die Schwedische Aka.- demie, als Verteilerin des literarischen Nobelpreises, auch in Jahr- zehnten noch nickt verstanden hätte und die sich daher in privater Generosität und öffentlichen Sammlungen äußern mußte, galt nur noch einem Sterbenden. In sein Todesleiden, das die fteudige Spannung der Festtage wohl kurz unterdrücken konnte, fiel als feierlicher Abglanz der Schein jener Fackeln, die am Abend des 22. Januar huldigend unter seinem Balkon vorüberzogen. Die Blumen des Tages streute er auf die Fackelträger als Dank für die einzige Ehrung, zu der er seine Person herausstellte— Denkmals- setzen, Festreden und Bankette, Teilnahme an den Theaterauf- führungcn hatte er mißbilligt—, wie er auch die Nationalspende zur Hälfte gleich wieder an die Arbeiter zurückgab. So, wie in dieser letzten großen öffentlichen Geste, ist Sirindberg, trotz allem Haß, den er gegen echte und vermeintliche Widersacher schoß, trotz aller Welt- und Menschenflucht, in die ihm zu schwacher Widerhall, zu karger Ruhm gejagt, dennoch die vierzig Jahre seines dichterischen Eckxzsfcns hindurch gewesen: ein Diener am Werke der Menschheit und Menschlichkeit, kein spielerischer Artist noch eitler Selbstver- göttercr. Seine Person, selbst in ihrer leiblichen Begrenzung, war ihm gerade gut genug, als Objekt der Erfahrung durch immer neue Phasen menschlichen Daseins, des äußeren wie des inneren, geführt zu werden. Und wenn auch die stets erneute Erfahrung ihm stän- dige Qualen bilden mutzte, so schuf die immer reichere Gestaltmig eine Erlösung davon für alle jene Zeiten, in der diese Erfahrungen für die Menschheit in Geltung bleiben werden. Man weiß, in wie- viel Berufen sich Strindberg versucht hat, ehe er sich ausschließlich auf seine Feder verließ, wie er Lehrer und Prediger, Mediziner und Schauspieler, Maler und Telegraphist, Zeitungs- und Biblio- theksbeamter gewesen ist.� Und all das vorwiegend in dem Be- streben, nicht den bequemsten und nahrhaftesten Posten zu findetz, sondern eine Möglichkeit, darin nach Maßgabe seiner besonderen Fähigkeiten uird Kräfte für die Gesamtheit und den Fortschritt wirksam zu werden. So suchte er nicht nur im Umkreis seiner Gegenwart allenthalben heimisch zu werden, sondern ging auch der Vergangenheit divinatorisch, aufspürend, wissenschaftlich forschend bis in die tiefften Schichten nach; in seinen naturwiffciisckaftlichen Studien oder in seinen historischen Drainen ui»d Erzählungen näherte er sich den Voraussetzungen des Lebens eigener Erfahrung erkennend und gestaltend. Ter fanatische Trieb, überall hinter die bedürfen die sanitären Zustände einer Erörterung. Wenn auch die sanitären Verhältnisse in den staatlichen Betrieben im allgemeinen nicht ungünstig sind, so gilt das doch nicht von diesen besonders gefährlichen Betrieben, wo viel Staubentwicklung vorhanden ist, undmit Aethern und Säuren gearbeitet wird. Früher wurde für die Arbeit in diesen Betrieben eine Gesundheitszulage gewährt, aber seit 1905 ist diese Gesundheitszulage abgeschafft worden, während doch die Ge- fahr für die Gesundheit in gleicher Weise geblieben ist. Als der Arbeiterausschuß sich darüber beklagte und um die Einholung eines Gutachtens seitens des Reichsgesundheitsamtes bat, erhielt er vom Betriebsdirektor die Antwort, die Arbeiter sollten ihren Mund zügeln. (Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Mit Vorliebe wird in diese gefährlichen Betriebe junges Volk geschickt; die älteren Arveiter, die noch vom Jahre 1904 her die Gesundheitszulagen zu bekommen hätten, schiebt man in andere Betriebe ab, wo sie nicht zu zahlen ist. Auf diese Weise spart man, und außerdem sind die jungen Leute bequemer und haben nicht das Verständnis für die Gefahren der Arbeit, wie die älteren Arbeiter. ES ist auch nicht gerechtfertigt, daß die Arbeitszeit bei den gefährlichen Arbeiten ebenso lang ist, wie in den anderen Betrieben. Wiedereinführung der Gesundheitszulage, Verkürzung der Arbeits- zeit, häufigere ärztliche Kontrolle mutz hier gefordert werden. Als ein Arzt eine Messingvergiftung konstatierte, wurde er zur Verantwortung gezogen, wie mir berichtet wird, bis er sein Gut- achten dahin abänderte, daß eine Messingvergiftung nicht vorliege. Es mag ja sein, daß diese Schilderung nicht zutrifft; aber schon die Tatsache, daß die Arbeiter eine solche Aus- fassuug, ein solches Mißtrauen haben, sollte der Verwaltung doch zu denken geben. In der Gewehrfabrik wird besonders über die G ü n st- lingswirtschaft des Meisters Karl geklagt, serner über den Inspektor Friede! und den Direktor Major Weißhaupt, die die Arbeiter in unangemessener Weise behandeln und mit u n- anständigen Redensarten regalieren, die nicht einmal in den Kasernenhof gehören und schon ganz gewiß nicht in eine Fabrik. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auch im Feuerlverks- laboratorium haben sich seit dein Weggange des früheren Direktors im Jahre 1908 die Verhältnisse erheblich verschlechtert und eine Protektionswirtschnft schlimmster Art soll eingerissen sein. Nainenllich über den Meister Schilling wird geklagt, der auch in politischer Beziehung seinen Einfluß geltend macht und zu den Arbeitern, die sich an ihn wenden, sagt: Scheren Sie sich doch zu Herrn Liebknecht, der mag Ihnen helfen, wir sind dazu nicht dal Solche Ungehörigkeit sollte dem Herrn ernstlich angestrichen werden.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ob- Wohl nach der Arbeitsordnung die Akkorde in Uebereinstinrmung mit den Arbei'.ern festzusetzen sind, werden sie von Schilling stets allein festgesetzt. Seiner Paschawirtschaft muß unbedingt ein Ende gemacht werden. Ueber die Betriebsunfälle in den Spandauer Werkstätten dringt zu ivenig an die Oeffentlichkeit. Die Verwaltung sollte einmal eine Statistik der Unfälle vorlegen. Besonders geklagt wird über das Hetzen bei der Arbeit. Die Arbeiter an der Presse nennt man allgemein Rennfahrer, ein deuiliches Zeichen, wie dort gebctzt wird. Daß die Gesundheit der Arbeiter bei solcher An- lreiberei leidet, ist ganz selbstverständlich. Bessere Löhne für die Leute und die Zeit zu ruhiger Arbeit, das ist die beste Sicherheits- Vorrichtung; alle anderen Sicherheitsvorrichtungen»Verden nieinals die Gefahren aus den» Wege räuinei», so lange nicht diese beste Sicherheitsvorrichtung von der Verwaltung angewendet wird. (Sehr richlig I bei den Sozialdemokraten.) Charakteristisch für das Umgehen mit den Arbeitern ist ein Fall aus der Armeekonservenfabrik. Ein Arbeiter war an das Totenbett seines Vaters gereist und hatte sein Fortbleiben ent- schuldigen lassen. Nach der Arbeitsordnung soll die Entschuldigung persönlich vorgebracht werden. Da er dies nicht getan hatte und nicht hätte tun können, wurden ihm Vorhaltungen gemacht, es ergab sich ein Wortwechsel und er wurde entlassen. Von den Arbeitern, die einen Teil des Jahres bei der Landesaufnahme be- schäftigt werde»», wird über Einbehaltung der Dienst« Prämie beim Weggang geklagt. Ganz klug bin ich arrs dieser Dienstprämie nicht geworden. Es scheint sich da lediglich um einen Abzug vom Lohn beim Aufgeben der Stellung zu handeln— ein ehr bedenkliches Mittel, um die Arbeiter bei der Landes« aufnähme festzuhalten. Hier haben die Arbeiter nach der Arbeits- ordnung eine letzten Voraussetzungen des zivilisierten Lebens zurückzugehen und den innersten, noch mit der urhaftcn Natur verwachsenen Kern der Dinge herauszuschälen, ist überhaupt der vielleicht stärkste in Sirindbergs Seele gewesen. Hier spricht auch die Erwägung mit: je weiter zurück wir die bereits von der Menschheit durchmessene Strecke zu verfolgen vermögen, desto weiter vorauf, ins Künstige hinein können wir den weiteren Verlauf festlegen. Wesentlicher jedoch ist der spezifisch dichterische Anteil an diesem Streben. Der Dichter, soweit er nur Sprachkünstler, doch in seiner Vollendung, ist, wird den alltäglichsten und abgegriffensten Worteinheiten und Wortgebilden in jedem einzelnen Falle auf den tiefften Grund gehen, um durch die besondere und originale Art ihrer Anwendung und Konckinierung im Ausdruck schöpferisch zu wirken. Ist er dazu noch ein Scher uird Deuter verborgener Lebensmächte, so muß er sich auch in die Dinge selbst seine eigenen Gänge bohren und ihren Ursprung feststellen. Strindberg hat in beiden Richtungen die tärkste Originalität bekundet. Doch während der revolutionierende und neubauercke Sprachkünstler naturgemäß nur seiner schwedischen Muttersprache dienen konnte, bedeutet die bildnerische und bildende Macht seines Lebenswerkes einen Einsatz in die ganze europäische Kultur. Strindberg begann als ein schneidiger Gesellschaftskritiker zu einer Zeit bereits, als bei uns noch alles im schönsten Dornröschen- Schlaf der Butzenscheibenpoesie ruhte. 1879 trat er, nach bemerkens- werten Satiren auf das moralisch und geistig versumpfte Studenten- tum mit dein Roman„Das rote Zimmer" an die Spitze seiner Gene- ration. Das war ein ganzes und umfassendes Gemälde zeitgenössi- cher Kulturverrottung, gesehen aus der Perspektive seiner Stock- holmer Heimats- und Umwelt. Was damals den Dichter»nit eineln Schlage erhob und sein Buch noch heute unveraltet erscheinen läßt, war die darin bewährte Gestaltungskraft, insonderheit ein uner- bittlich überzeugender Realisinus, nicht minder, als der darin ver- arbeitete Gehalt, mit dem der Sozialismus ernsthaft in die schwe- dische Literatur eintrat. In dieser war, ganz analog zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts, eine gegenwartsfremde Romantik von ersten realistischen Versuchen abgelöst worden, deren revolu- tionierende Darstcllungssorm durch den neuen Ideengehalt der bürgerlichen Freiheitsbestrebungen, der Kämpfe um Verfassung, Preßfrci.heit und dergleichen, bedingt war. Diese Bestrebungen wiederum hatten bekanntlich ihre Vorgänger im 13. Jahrhundert, praktisch in der französischen Revolution, literarisch in Rousseau und dem deutschen Sturm und Drang gehabt. Eine schwedische Literaturgeschichte hat diese ganze Bewegung, die im Gefolge der bürgerlichen Revolutionen und parallel zu ihnen— unterbrochen das erstemal durch Klassizismus und Romantik, das zweitemal durch die klassizistischen Epigonen— in Schweden grab so wie bei uns— verlief, als Rousseauismus bezeichnet. Das ist eine sachliche Ueber- treibung im Hinblick auf den einzelnen Rousseau; der Inhalt einer o ausgedehnten Epoche wird nicht von einem einzigen, noch so über- legenen Kopfe bestritten, sondern empfängt von den wechselnden oder beharrlichen Realitäten der Zeiten stets von neuem seine Nahrung. Wer der Name Rousseaus ist hier immerhin weg- tveifend« um so mehr als hie Uebereinstimmung der Charaktere Mtbcgrcnzte Arbeitszeit, jederzeit, auch Sonntags, können sie von der vorgesetzten Behörde zur Arbeit herangeholt»Verden.(Hört! Hort! be, den Sozialdemokraten.) Das ist etwas ganz Einzigarüges. Die Arbmter verlangen eine begrenzie Arbeitszeit, eine angeinessene Teuerung:- zulage' und eine erhebliche Lohi»aufbesserung. weil sie ia einen doppelten Haushaki führen müssen. In bezug auf die Lohnverhältnisse kann man der Militärverwaltung wahrhaftig kein Loblied singen. In der untersten Klasse beginnen die Arbeiter mit 3.90 M.— früher betrug der Lohn nur 3,50 M.— und nach fast einem Menschenalrer kann der Arbeiter bis auf 4,80 M. kommen. Solche Löhne sind doch eines Staats- betriebes unwürdig, zumal die Stadt Spandau eine sehr teure Stadt ist. Ihren eigenen ungelernten Arbeitern zahlt die Staöt einen Anfangslohn von 4 M. Aber die staatlichen Arbeiter, die st.ij recht geschwollen königliche Arbeiter nennen sollen, bekommen nur 3,90 M. und auch das noch nicht lange. Von der kleinen Lohn- aufbesserung im Jahre 1907 zehrt die HeerSverwaltung noch heute. Dabei ist diese kleine Lohnaufbesserung damals sofort durch die Erhöhung der Mieten cskamotiert worden. Die Gesamtlage der königlichen Arbeiter hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert, sondern verschlechtert, und zwar nach Auffassung der Arbeiter erheblich. Beim Uebergang in einen anderen Betrieb fangen die Arbeiter wieder mit dem A n f a n g s g e h a l t an. Bei eine»n Beamten würde so etwas als unerhört empfunden werden. Bei dem Arbeiter heut man es für selbstverständlich. Was den Beamten recht ist, sollte doch für den Arbeiter billig sein. Das gilt auch für die Be- zahlung der W o ch e n f e i e rt a g e. Der Reichstag wird hoffentlich eine dahinzielende Resolution annehmen, wie er es schon einmal getan hat, und dann wird dieser Wunsch von der Verwaltung hoffentlich endlich erfüllt werden. Die alten entlassenen Arbeiter haben gar keine Ansprüche. Die Einrichtung einer Pcnsionskasse ist ein sehnlicher Wunsch der StaaiSarbeitcr. Der Zentrums- resolution über diesen Punkt werden wir selbstverständlich zu- sti-nmen. Sie ist aber viel zu sanft, denn sie verlangt nur die Anstellung von Erwägunge» über ihre Einrichtung. Es sollte ein nobils officium der Verwaltung sein, eine Pensiotlskasse ein- zurichten. In bezug auf die Wohnungsfrage fordern die Arbeiter die Errichtung von Arbeiterwohnungeit. Das ist sehr schweischneidig, weil die Arbeiter dadurch einer starken Fesselung unterivorfen werden. Deshalb stehen wir in» allgemeinen der Forderung nicht sehr freundlich gegenüber. In Spandau haben die Arbeiter eine Baugenossenschaft gegründet und sich an die Staatsverwaltung um eine Beihilfe zu ihrer Fun- dierung gewandt. Mit Mühe haben sie auch eine allerdings un- zureichende Beihilfe bekommen. Die Arbeiter aber,� die die Anträge an die Zentralverwalltung gestellt haben, sollen jetzt zur Verant- Wertung gezogen sein, weil sie den dreimal heiligen Jnstanzeuzug nicht innegehalten haben. Dabei hat die Genossenschaft mit dem Betriebe nichts zu tun. Ich meine, sie sollt? nnterstützt werden, ohne daß man für sie eine Abhängigkeit von der Verwaltung fordere. Ein besonders ernstes Kapitel bilden die Arbeiterausschüsse, deren Tätigkeit in ganz unzulässiger Weise eingeschränkt wird. Sie werden viel zu selten gehört und die Verwaltung macht, was sie will. Dabei köniite die bureaukratische Verwaltung den Rat dieser im praktischen Leben stehenden Männer meist gut gebrauchen. We Arbeiterausschüsse in den staatlichen Werkstätten lassen sich mit den famosen SicherheitSmännern in den preußischen Bergtverlen vergleichen. Steht doch im Statut der Arbeiterausschüsse die Be- stimrnung, daß die Behörde das Recht hat, den Arbeiterausschnß jeder Zeit außer Kraft zu setzen.(Hörtl HörlI bei den Sozialdemokraten.) Ueberhaupt werden die Beschwerden der Arbeiter mit einer unerhörten Nichtachtung behandelt. Die Arbeiter schreiben sich die Finger wund und es bleibt doch alles beün alten. Der Erholungsurlaub wird den Arbeitern verweigert und z>var aus finanziellen Gründen. Dabei fragen die Beamten, von denen diese Berlveigerung ausgeht, aber nicht danach, was ihr eigener Urlaub den Staat kostet.(Sehr gut l bei den Sozialdemokraten). Die Verwaltung übersieht auch ganz, datz die Diensifreudigkeit der Arbeiter durch einen Sommer Urlaub gehoben und datz dadurch der finanzielle Ausfall lvenigstens zu einem Teil wettgemacht wird. Angesichts dieser Berhältnisse spricht man von dem Wohlwollen der Militärverwaltung ihren Arbeitern gegenüber. In Wirklichkeit zwischen ihm und Strindberg, namentlich in den Selbstbekenntnissen beider, geradezu überraschend ist. Doch während Rousseaus Rück- kehr zur Natur den Feudalgesellschaften nur die innere politische Gleichberechtigung brachte, hat Strinidberg aus seinen Irr- und Ziel-, seinen Himmels- und Höllenfahrten die sichere Gewißheit heimgebracht, daß die Entwicklung der Menschheit den völligen sozialeir Ausgleich vorausgesetzt. Der Sozialismus darf Strindberg voll für sich in Anspruch nehmen, nicht nur mit einzelnen Werken und Epochen seines wand- lungsreichen Daseins. Er hat das am Ende seiner literarischen Laufbahn so deutlich ausgesprochen, wie er es an ihrem Anfange niedergeschrieben hat. Wir haben im besonderen bei der ausführ- lichen Besprechung seiner Selbstbiographie„Der Sohn der Magd" (im Vorjahre) darauf hingewiesen, daß hier zum ersten Male die Entwicklungsgeschichte einer Seele mit Bewußtsein unter die Ein- Wirkungen des Klassengegensatzes gestellt worden ist. Es ist nicht einmal nötig, an die kommunistischen„Utopien in der Wirklichkeit" zu erinnern, die künstlerisch übrigens nicht die Höhe Strindbergscher Kraft und Anschaulichkeit erreichen. Wichtiger dürfte■es sein, auf scheinbare Abweichungen ein- zugehen, wie sie in der mit Nietzsche in Verbindung gebrachten radikal-individualistischen Ethik der Romane voin Ansang der neunziger Jahre,„An offener See" und„Tschandala", der okkultistischen Zeichen- und Buchftabcngläubigkeit seiner letzten Jahre vermutet werden könnten. Diese beiden Anschauungen, deren zweite sich ziemlich direkt aus der ersten entwickelt hat, sind im wesentlichen als rein persönliche Regulative des Dichters be- absichtigt und auch so anzusehen. Eine individualistische Ethik, die dein Sozialisinus widerspräche, gipfelt konsequenterweise in einer Glorisizicrung der kapitalistischen Gewaltherrschaft. Auf dieses Niveau ist aber Strindberg nieinals herabgestiegen, ebenso- wenig wie Nietzsche selbst; das blieb erst seinen angeblichen Jüngern bösartiger oder ahnungsloser Richtung vorbehalten. Allerdings fordert Strindberg in jener Epoche eine Klassenscheidung, aber nicht nach Maßgabe des Besitzes und der Gewalt, sondern nach Maßgabe der Intelligenz und der Bildung. Mit dirftr Unterscheidung nähert er sich allenfalls den früheren sozialen Utopie»., wie sie etwa in Platons Staat vorgezeichnet sind. Seine Religiosität ist aber niemals mit der Forderung allgemeiner Gültig- keit proklamiert, geschweige denn als bewährtes Mittel der Volks- Unterdrückung empfohlen worden. Daß er sich jedoch überhaupt auf solche Nebenwege begeben konnte, lag daran, daß das ihm eigene, proletarisch gefärbte Klassenbewußtsein nicht bis an die ökonomischen Wurzeln hinabragte, sondern in die stets bewegte Oberfläche seines wogenden Temperaments eingebettet war. Was seine� Ueberzeugung blieb, hat er trotzdem nie auf dem Markt verhandelt. Ibsens irdischen Ruhm, des klügeren, aber weit kärgeren Talents, hat Strindbergs überschäumende Lebens- und Bildnerkraft sich nicht sichern können. Er wollte in keinem der Lager zu Hause sein, in denen heute die Macht wohnt, und in dieser Erkenntnis hat ihn die Macht darben und im Dunkel ge- lassen. Und dies ist der erste und letzte Beweis seiner in die Ankunft ragenden Grohe. empfinden die Arbeiter bon diesem Wohlivoilen nichts und fällen wahrlich keine schmeichelhaften Urteile über die Verivaltmig. Man begreift es. daß die Militärverwaltung unter diesen Uniständen ihre Werkstätten gegen Besichtigungen hermetisch ab- schließt. Das zeugt nicht von einem guten Gewissen. Jetzt hat man sich besonders auf die Jugendpflege gelegt. Man geht dabei so weit, daß man in daS Familienleben sich ganz krasie Ein- griffe erlaubt. Wir wissen ja, um was es sich bei diesem Jugend- fang handelt; um Erzirhitug zum Hurrapatriotismus und um gewöhnlich sie Soziali st enbekämpfung. Darüber brauckt mau sich ja nicht zu wundern, wenn man an die sonstigen politischen Ucbergriffe der Verwaltung denkt. Sozial- demokraten werden üverhanpl nicht eingestellt I Aber was geht die Verwaltung die politische Gesinnung ihrer Arbeiter an. Am schlimmsten zeigt sich die poliüsche Betätigung der Verwaltung natürlich bei den Wahlen. Das große Heer der Vorgesetzten wird dann der Agitation für die Konservativen zur Verfügung ge- stellt. Ein Arbeiter wurde kurzerhand entlassen, weil er im an- getrunkenen Zustande gerufen haben sollte: Hoch Liebknecht I lHeiterkeit.) Braucht ein Staatswerlstättenarbeiter staatstreuer zu iein als jener Dessaner Sckutzmann, der meinem Freund Heine zu seiner Wahl gratulierte und dem schließlich nichts geschah? Ein anderer Arbeiter wurde nach 22jähriger Tätigkeit entlassen, weil in der Wirtschaft seines SohiicS die Wölilerlisten aufgelegen habe», sHört I hört I p. d. Soz.) Das ist doch geradezu skandalös. Vor jeder Wahl wird geflisseullich das Gerücht verbreitet, für de» Fall der Wahl eines Sozialdemokraten würden die W e r k st ä t t e n geschlossen und alle Arbeiter entlassen werden. Das ist natür- sich heller llusinn. Aber die Arbeiter werden doch dadurch ein- geschüchtert. Trotzdem nimmt die Heeresverwaltung niemals Ver- milassinig. diesen Gerüchten entgegenzutreten. Die Werkstätten- arbciter und llnterbcamten aber erkennen immer mehr, wo ihre wahren Fürsprecher sitzen. Sie sehen das mangelhafte Ver- st ü Ii d n i S bei der Negierung und den herrschenden Parteien für ihre Lage, sie erkennen die Wurzel des llebels und wenden uns mehr und mehr ihr Vertrauen zu. Sie folgen nicht mehr den falschen Freunden, die ihnen nur nach dem Munde reden, sondern der Partei, die für eine größere politische Freiheit und auch für gröbere soziale Gerechtigkeit in Deutschland kämpft.(Beifall bei de» Sozialdemokraten.) Abg. Trimborn(Z.) bringt Arbeiterwünsche für die Werkstätten in seinem Wahlkreis Siegburg vor. Abg. Piiuli-Hagenow(k.): Mit einer Aufbesserung der Arbeiter- löhne bin ich angesichts der allgemeinen Teuermigsverhältnisse ein- verstanden. Redner trägt H a n d w e r k e r w ü n s ch e vor und polemisiert dann gegen Dr. Liebknecht. Der Militärarbeiter- verband tritt zwar sehr� harmlos auf, treibt aber verkappt Agitation für die Sozialdemokratie und muß scharf bekämpft werden. Schließlich verliest der Redner eine Eingabe, in der es beißt, daß nach dem Ausfall der Reichstagswahl in Straßburg, Erfurt und Spandau anständige patrio- tische Arbeiter mit den Vertretern dieser Städte keine Fühlung mehr iiehincii können.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) S e l b st- v e r st ä n d l i ch darf ein Sozialdemokrat nicht Arbeiter in der Militärwerkstütte fein.(Bravo I rechts. Lachen bei den Sozial- demokraten. Zuinf bei den Sozialdemokraten: Das haben Sie wieder einmal großartig gemacht!— Große Heiterkeit.) Generalmajor Wandel: Die Zustände in unseren Werlstätten können wirklich nicht so schlecht sein, denn sonst wäre der Zudrang nicht so groß.(Bravo I rechts.) Abg. Jikler(natl.) meint, die Heeresverwaltung könnte sehr wohl dit- Löhne der Arbeiter ganz allgemein etwas erhöhen. Das Alkordsystcm sollte eingeschränkt werden; an den Unfällen trägt eö nicht selten schuld. Die Wiedereinführung der G e s n n d h e i t s- z u l a g c n ist ein berechtigter Wunsch der Arbciter. ebenso der Wunsch nach Errichtung einxr Pensionskasse. Die Arbeiter- auSschüsse sind auch nicht das, Ivas sie sein sollen. Dazu sind die Befugnisse zu begrenzt und fehlt zu sehr an gegenseitigem Ver- siändnis und Vertraue».(Sehr richtig I links.) Aber sie können auch niemals das werden, was man sich von ihnen verspricht; bei den großen Frage» brauchen wir doch die Ar- beiterorganiiationen. Wariini also gruselig vor ihnen niachen wie der Abg. Pauli es tat. Der Arbciterausschuß in Spandau hat sich jetzt an den Reichstag mit einer Petition gewendet. Ich will hoffen, daß er dafür nicht noch bestraft wird, aber ich fürchte c 8.(Hört! hört I bei den Sozial« demokraten.) Zuriiffweisen muß ich die Aeußerung des Abgeordneten Liebknecht, daß nur die Sozialdemokraten die Interessen der Arbeiter rückhaltlos vertreten und alle andern Parteien nur einen Wcttlauf um die Stimmen der Arbeiter als Wähler vollführen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Mir waren meine AuS- siihruiigcii ein HerzcnSbedürsniS.(Brabo! bei den NationalUbercilen.) Ava. Weinhansen(Vp.): Den Arbeitern sollte man weniger versprechen, aber mehr von ihre» berechtigten Wünlche» ersilllen. LllS Musterbetriebe kann man unsere Staatsbetriebe gewiß nicht an« Liemes f eiiüfeton. Mnfir. Im Neuen Operetten-Theater tvird»D e r Kongreß von Sevilla", für den Direktor Palfy ei» franzö- sisches Versassertrio aufgk rufen hat, voraussichtlich längere Zeit belustigend tagen. Die Librettiste» R. de F l e r s und G. A. de Cailiavet haben eine Bratensauce anzurichten verstanden, die pikant genug gewürzt ist. um die verwöhntesten Gvschniäcker zu befriedigen. Maroktalzische oder sonstige Wirren hat der Kongreß freilich nicht beizulegen. Politische Weisheit ist für diese Diplo- malen nicht vonnötcn. Ihnen gelingen nur die schwierigsten Kunststücke, wenn sie sich als Ton Juans bewähren. Baron Sim- plicius von La Palisse, der sich ausschließlich mit der Aufzucht von Kälbern. Schweinen und Hühnern befaßt hat, verspürte bisher so gar keine Befähigung für jenes edle Waidwerk, weil er glaubt, daß ihn dje Natur allzu stiesmütterlich ausgestattet habe. Gerade will er sich in die ehelichen Arme seiner Cousine, einer alten häßlichen Wittib, stürzen, da kriegt er den Besuch eines gräflichen Namens- betters, der als Gesandter Frankreichs zum Kongreß nach Sevilla reist, sich aber nun hier bei der Jagd auf dralle ländliche Evas- töchter das Bein verstaucht. Was tun? Schließlich läßt sich der simple Gutsbesitzer zux Uebernahme der kongreßlichen Mission beteben. Und siehe da: im Land des Weines und der Gesänge wird, ohnedies durch die ihm aufgetragene diplomatische Marschroute, ae- zwungen, ein liebetrunkener Penusritter. Diese Umwandlung bei ihm besorgt eine junge feurige Spanierin. Sie liebt ihn rasend, und 'er— nun er entdeckt seine Mannbarkeit— wird so glückselig, daß er allen Gesandtenweibern um den Hals fällt. Spielend setzt er sämtliche Forderungen Frankueichs an Spaniens Nachgiebigkeit durch und kommt mit seiner Duenna heim. Zwar ist ihm die ver- wandtschaftliche alte Schachtel nachgereist, uni die Heirat niit ihm zu erzwingen. Aber er schlägt sie in die Flucht mit einem Märchen, Ivonach er unter die Korsaren gefallen und seiner Manneszicr be- o i r k u n g d e r A r b e i t e r a u s s ch ü s s e bei der Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Eine ausführliche Resolution der Sozialdemokraten wird abgelehnt, so weit sie eine Abstufung der Löhne nach der Dtensizeit, eine Erböhuna der Akkordlöhne und die Gewährung der freien ärztlichen Behandlung und freie Arznei sowie Sterbegeld für Invalide und deren Ehesrauen verlangt. An- genommen werde» die Forderungen eines festen Wochenlohnes ohne Abzug für Woche nfeiertage, einer G e- sundheitszulage bei gesundheitsgefährlicher Arbeit, einer Er- 10 eitern n g des So nim erurlaubs, einer Aenderung der Satzungen der A r b e i t e r a u s s ch ü s s e und einer Einstellung und Beschäftigung der Arbeiter ohne Rücksicht auf ihre politische Gesinnung oder Betätigung. Die Abgg. Sperlich(Z.) und Wrinhauscn(Vp.) bringen Lokal- wünsche der F. stungSstädle G l a tz und D a n z i g vor. Abg. Schirmer/z Millionen Tonnen, die englische 17 bis 18 Millionen Tonnen, also vier- mal soviel. Trotzdem gibt England für seine Flotte nicht das Bierfache, sondern nur noch das Doppelte aus. wie Deutschland. Unier Marineetat betrug 1911 450 Millionen Mark, der englische 905 Millionen. England zahlt also sür jede Tonne seiner Handelsflotte eine Versicherungsprämie von ö 0 M. jährlich. wir von 10 0 M. jährlich.(Hört I hört! bei den Sozialdemo- traten.) Als Versicherung ist dir Klottenvorlagr und sind die Rüstungen nicht anzuichen. Als was denn? Droht uns von irgend Preisen wollte ich den Edeln. Der uns seine Spuren weist Und in all den morschen Schädeln Weckte Schillers Freiheitsgeist l »» » Kirchliches und Weltliches. Eine ehemalige Pfarrers- köchin in Polnisch-Livland hat eine Sammlung von Reliquien, aus deren Besichtigung sie große Einnahmen erzielt. Sie zeigt den Hut des Apostels Andreas, das Eßgeschirr der Jungfrau Maria, einen Huf des Esels, der den Heiland auf der Flucht nach Aegypten getragen hat, endlich eine Feder aus einem Flügel des Erzengels Gabriel, die dieser bei der Verkündigung Mariä verloren hat. Um einem Hohen Adel und vcrehrungswürdigen Publiko immer etwas Neues zu bieten, hat die ehemalige Pfarrersköchin sich noch ein Museum kirchlicher und tveltlicher Merkutürdigkeiten zugelegt. Sie zeigt dort u. a.: den Blitz, mit dem Sodom in Brand gesteckt wurde, eine Fanfare der Trompete von Jericho, einen Gestank aus dem Auspuffer des Automobils von PonliuS Pilatus, einen Druck, den die Presse aus die öffentliche Meinung von Gomorrha ausgeübt hat, den Geschmack, den die Juden am Manna verloren hatten, den Kleiderriegel, auf den Frau Potiphnr den Mantel Josephs aushing, das Breit, das die Besucher der Reliquien vor der Stirn halten, Würmer, die die Pfarrersköchin ihren frommen Besuchern aus der Nase gezogen hat, den Löffel, über den sie sie barbiert hat sowie das Schäfchen, daS sie ins Trockne gebracht hat.(»Jugend".) Notizen. — Geographische Verteilung der Großstädte. Nach den Zählungen von 1900/0! und 1905 gab eS in der ganzen Welt 341 Großstädte, d. h. Städte mit über 100 000 Einwohnern. Bei dieser Zählung wurden Doppelstädte, wie Hamburg-Ältona, als eine Stadt gerechnet. Von diese» Großstädten entfielen 171 auf Europa, 97 auf Asien, 61 ans Amerika und 4 auf Australien. Die meisten Großstädte finden sich zusammengeballt im tuest« und mitteleuropäischen Gebiet, am westlichen Mitlelmeergestade, in Nordost- amerika, Ostasien und Vorderindien. Die nördlichste Großstadt ist Helsingfors, die südlichste Melbourne. 4t Großstädte haben über Vi bis 1 Million Einwohner und 20 über 1 Million Einwohner. Von den Millionenstädten liegen 8 in Europa, ö in Asien/ S in Nord- und 1 in Südamerika. — Ausflug in den Brieselang. Die Deutsche Naturwissenschaftliche Gesellschaft veranstaltet am Sonntag einen Ausflug nach Finkenkrug, dem Brieselona und der Bredower Forst(Abfahrt vom Lehrter Bahnhof früh 7.21), bei dem den Teilnehmen» Gelegenheit zum Kenueillernen der herrlichen Wiesen- und Laubholzflora geboten wird. Die Bestimmungsübungen leitet Dr. A. Berg. einer Seite Gefahr? Gewisse Blätter suchen die Meinung zu verbreiten, als seien wir rings von Feinden umgeben, die nur darauf lauern, über uns herzufallen. Gewiß ist Deutsch- land im Ausland nicht beliebt. Man hat wohl große Achtung vor den Leistungen Teutschlands in Wissenschaft und Kunst, nicht aber vor dem politischen Deutschland, und wir tun alles, um unsere Unbeliebtheit zu vermehren. Im preußischen Landtage wird jetzt das Befestigungsgesetz beraten, das man nennen könnte»Gesetz zur Befestigung der schlechten Meinung von Deutschland im Auslande". Glauben Sie denn, daß diese Befestigungsvorlage für uns bei den skandinavischen Völkern Sym- pathien erwecken oder Antipathien auslöschen wird? Oder glauben Sie, daß sie bei den slawischen Völlern uns Sympathien erwecken wird? In O e st e r r e i ch spielen die Polen eine ziemlich be- deutende Rolle und sie sind immer deutschfreundlich gewesen. Mit dieser Vorlage aber werden wir uns ihre Sympathien verscherzen. Wenn also die sreundschattlichen Empfin- düngen für Deutschland in der Welt sehr nachgelassen haben, so ist es doch eine große Uebertreibung, daraus zu folgern, die anderen Völker denken daran, über Deutschland herzufallen. Ja allen Ländern ist die organisierte Arbeiterschaft der entschiedenste Gegner des Krieges (Lebhaftes Sehr richtig l bei den Sozialdem.) und die Arbeiterschaft spielt von Tag zu Tag eine größere Rolle, sie gewinnt von Tag zu Tag ein größeres Gewicht in der Politik der Länder, sie ist eine der wichtigsten Faktoren für den Frieden geworden.(Lebh. Zust. b. d. Soz.) Die Möglichkeit eines Krieges ist damit im Abnehmen, nicht im Zunehmen. Nun suckil man die Flotteyvorlage mit dem Hinweis auf die gespannte Situation im letzten Sommer mund- gerecht zu machen. Zweifellos war die Situation gespannt, aber für eine Vermehrung der Flotte beweist sie gar nichts. Und dann: Wer war denn Schuld daran, daß die Situation so gespannt wurde. Ich will hier nicht einseitig einer Regierung die Schuld geben, denn das würde im Interesse der anderen Regierungen liegen, und ich bin nicht dazu da, fremden Negieriuigcn Hilfe zu leisten. Ich bin ein Vertreter der Arbeiterklasse, die den Frieden will und die in jedem Lande schon mit ihrer Regierung abzu- rechnen versteht.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Unsere englischen und französischen Freunde besorgen das sehr gut. Aber in zwei Punkten hat die dmtsche Diplomatie zweifellos gesündigt: einmal durch den Streich von Agadir und dann� da« durch, daß sie zuerst viel zu hohe Forderungeil an Frankreich gestellt hat.(Widerspruch rechts.) DaS sagen im Auslände nicht nur die Feinde Deutschlands, sondern gerade die Leute, die sonst immer für Deutschland ihre Stimme erheben. I a u r ü S hat diesen Gedanken in der schärfsten Weise zum Ausdruck gebracht. Wir haben ja noch kein Weißbuch über den letzten Sommer. Aber so viel ist schon bekannt geworden, daß die französische Regierung in der Entsendung deS „Panther" einen gegen sie gerichteten Streich sah und daß die englische Regierung zu einer Verständigung jederzeit bereit war.(Unruhe rechts.) Ich halte eS für notwendig, wenn man hier eine Flottcnvorlage mit der Begründung einbringt, daß wir im letzten Sommer dicht vor einem Kriege ge- standen haben, dieses hier hervorzuheben.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In England hat man während des letzten Sommers, um die ausgeregte öffentliche Meinung zu beruhigen, wiederholt erklärt, daß weder Deutschland noch England jemals an einen Ueberfall gedacht hätten. Lei uns ist reine solche Er- klärung erfolgt, yiid daraus machen wir unserer Regierung einen schweren Vorwurf.(Sehr richtig I bei den Soz.) Der politische Alkoholisums, von dem Sir Edward Grey sprach, hat nicht nur im englischen Volke eine Rolle gespielt, sondern auch in Deutschland.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Es ist geradezu unglaublich, wie man in Deutschland in bürgerlichen Kreisen mit gefälschten Nachrichten die Köpfe verdreht hat.(Sehr wahr! bei den So- zialdemokraten.) Früher galt die Flotte nur als Mittel zum Zweck, heute ist st» schon für viele Leute Selb st zweck geworden, und ich halte eS für eine furchtbare Sache, daß es dahin gekommen ist.(Gelächter rechts.) Die Rechte lacht hierüber.(Zuruf bei bei Sozialdemo-. kralen: Die bezahlen ja die Flotte nicht!) Jede Flottenveriiiehrung vermehrt auch die Zahl der Flotteninteresienten. Das Rüttungs- kapital wird immer größer. Damit allein»st eS nicht getan. Immer mehr Offiziere werden eingestellt, obwohl Dr. S t r>» v e im „Berliner Tageblatt" heute nachgewiesen hat, daß schon heute bei uns der Prozentsatz von Seeoffizieren unverhält- nismäßig grob ist. In England kominen aus je 1000 Tonuen zwei Offiziere, in Deutschland über drei.(Hört I hört I lints.) Darin liegt eine große Gefahr, denn diese Offiziere wollen ihre Nützlichkeit beweisen und schriststellern nun daraus loS. Aus eine Sensaiionsschrist über den Landkrieg kominen zwölf SensationSschristen über den See- krieg. Mit dieser„Seesternliteralur" berauscht man die Köpfe. Die Vermehrung der Zahl der Mannschaften aber vermehrt die Zahl der M i li t ä r a n w ä r t e r, und das ist wiederum für unsere Selbstverwaltungskörper eine unangenehme Sache, denn sie müssen aus Grund deS Gesetzes eine bestimmte Anzahl Militäranwärter einstellen, und es sind ihnen daher die Hände gebunden bei der Ein- stellung ihres Personals.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir haben andere Aufgaben zu lösen als die Flotte zu vermehren, wir baben die Produktion dessen zu fördern, was die Völker brauchen. Heute wird ein großer Teil der Arbeitskräfte der Nation unproduktiv verwendet. Dabei stehen wir bereits an einer Nera internationaler Preissteigerung; und da verteuern Sie noch bei un« extra alles künstlich. fZuruf rechts: Die Löhne steigen.) Gewiß, aber die Lebensmittel steigen noch mehr, dafür sorgen Sie schon.(Lebhaftes Sehr richtig I bei de» Sozialdemokräten.) Im Jahre lSOO betrug der Marineetat 136 Millionen, heute beträgt er 450 Millionen, und durch diese Vorlagen muß er Weiler steigen. Deshalb müssen wir die Vorlage sowohl aus finanziellen wie au« poli- tischen Gründen bekämpfen, denn wie die Finanzen be- schaffen sind, so ist auch die Sozialpolitik und die Wirtschaftspolitik beschaffen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen nicht einen unechten Frieden, sondern einen wirklichen echten Frieden, und wir wissen, daß dieser zu erreichen ist, aber nicht durch Zwei- und Dreibünde, sondern durch einen internationalen Bund der Völler. Alle Streitfragen sind endgültig nur noch inter- national zu lösen, sonst können nur noch Verständigungen für den Augenblick geschaffen werden. Der neue Botschafter, der nach England geht, wird als Friedensbote geschildert, aber»ebenbei hat er in seiner Tasche die Flottenvorlage mit den neuen Rüstungen gegen England. Möge er Gutes ausrichten, ober eine» danernden und echte» Frieden kaiin er nicht bringen, so lange diese Rüstungen fortdauern. Der Reichs- kanzler hat in diesem Hause gegen meine Fraltion gesagt, wir hänen während der Wahl unser internationales Programm beiseite gelegt. Im ganzen Wahlkamps habe ich stelS gerade diese Frage in den Vordergrund gestellt.(Zurus bei den Sozialdemokralen: Wir olle!) Gewiß, denn wir haben uns gesagt, sie ist der Kernpunkt, sie ist die Hauptfrage der Gegenwart. Sie können uns bestenfalls Bezugnahme aus Strömungen deS Tages entgegenhalten, Sie haben für sich vielleicht die Mode deS Tages, wir haben für uns die große» Strömungen der Zeit, die große Ent- Wickelung der Zeit. Sie mögen heute einen Nationalismus predigen, dessen sich die edelsten Vertreter des Bürgertums vor 80 oder 40 Jahren geschämt hätten.(Lebhaftes Sehr gut! bei den Sozinldeinokraten.) Trotz aller Rüstungen, trotz aller Zoll- mauern, die Sie ausrichten, haben wir das Recht der Jnternationalität auf unserer Seite, denn das Recht der ökonomischen Ent- Wicklung spricht für die Internationale. Ein dichtes Netz von Verbindungen aller Art, von wissenschaftlichen, industriellen und Handelsdervindungen breitet sich vber die Erde auS. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts fanden LS internationale Kongresse statt. In den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts 290. Da sind die Vertreter der Wissenschaft. der Künste, der Industrie, der Sozialpolitik, Reformer aller Art zusammengekommen, haben sich kennen gelernt und freundschafllich die Hände gereicht, und dann koinmt eine solche Hetz- und RüstungS- agitation und verlangt, dag die Leute, die sich eben überzeugt haben, welche großen Ziele sie genieinsam verfolgen, sich hassen und als Feinde verfolgen sollen. Das ist Ihre Kultur.(Starke Unruhe rechts.) Abg. Liebert war noch dessen eingedenk, daß der Katholizismus schon seinem Worte nach ein weitumschließender Begriff war. Heute ist an feine Stelle Herr Erzberger getreten als freiwilliger Re- gierungskommissar.(Unruhe im Zentrum. Lebhaftes Sehr� gut! bei den Sozialdemokraten.) Weltumschließend ist jetzt die immer mächtiger sich entfaltende internationale Arbeiterbewegung. In dem Bewußtsein, daß wir die Kultur, daß wir alles Große der Zeit auf unserer Seite haben, werden wir nicht rasten noch ruhen, bis wir das Ziel zur Verwirklichung gebracht haben, das den großen Schöpfern der Religionen, den großen Reformern aller Zeiten vorgeschwebt hat und das Sie heute verleugnen: Friede auf Erden I(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bogtherr(Soz.): Ich betrachte es als eine Anerkennung meiner Partei von der Mehrheit, daß sie uns allein überlassen, zu sagen, was zu dieser Marinevorlage zu sagen ist. Doch will ich von deni Rechte der Redefreiheit nur beschränkten Gebrauch machen.(Bravo I rechts.) Sie sehen, ich kann auch gegen Sie liebenswürdig sein. (Erneutes Bravo! rechts.) Allerdings schweigen sich gerade die- jenigen Parteien jetzt aus, die in dem Augenblick sehr gesprächig werden würden, wenn die Kostendeckung dcu Schichten auferlegt verde» sollte, die Sir vertreten und die von den Kosten für die Armee und Marine von jeher verschont geblieben sind. Das Stillschweigen der Mehrheit soll zeigen, als ob zwischen der ersten und zweiten Beratung nichts geschehen wäre, was für die Ocffentlichkeit von Interesse ist. Seitens der Rechten ist Verwunderung darüber ausgesprochen worden, daß die Regierung mit einem so„geringen Maß" von An- forderungen glaubt auskomnien zu können. Die Regierung ist geradezu scharf gemacht zu Diehrfordernngen. Der Reichskanzler hatte bei der ersten Beratung ausdrücklich erklärt, daß keine Großmacht einen Krieg mit uns herbeigeführt zu sehen wünsche. Trotz dieser bündigen Erklärung ist in den Verhandlungen im Hause sowie iu der Kommission wiederholt gesagt worden, eine Flotteuvermehrung sei auch aus politischen Gründen notwendig. In den Agilations- und Flugschriften wird sorgsam verschwiegen, daß England wegen seiner eigenartigen politischen Lage eine stärkere Flotre braucht als wir, und daß daher eine Vermehrung unserer Flotte notwendig auch eine der englischen Flotte bedingt. Dabei hat Lord Churchill ausdrücklich erklärt, daß England bereit wäre, wenn in Deutschland eine Verlangsam ung der Rüstling erfolge, sich danach zu richten.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Heute aber gewinnt Deutsch- laud gegenüber England absolut nichts durch diese Flotten- Vorlage, denn England muß notgedrungen dann seinerseits auch weiter rüsten. Der Unterschied ist nur, daß wir bald an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit gelangt sind, während England ei» sehr reiches Volk ist. Run bringt uns die Borlage auch den Anfang der Luftflotte, die vor- läufig allerdings nur Beobachlungszwecken dienen soll. Aber man wird bald dazu übergeben, die Luftschiffer auch als Waffen zu gebrauchen. Wir haben es ja jetzi im italienisch- türkischen Krieg erleben müssen. daß ein nalienischer Lufrkrcuzer über Tripolis erschien und von oben Geschosse herabwarf. Es müßten internationale Abmachungen getroffen werden, die eine derartig unmenschliche Benutzung der Lufikreuzer unmöglich machen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Zu allem Neberfluß hat man jetzt, wo das Voll durch die Wehrvorlagon schwer besaslei wird, noch eine Nationalslug spende eingerichtet, die möglichst viel Geld einsammeln soll. Der Staatssekretär wird es natürlich gern nehmen, denn er huldigt dem Grundsatz: nou olot, und es ist ihm gleich, wie das Geld zusammeugedelielt ist. So ' haben die A l b a t r o s- W e r k e ibrcn Arbeitern nahegelegt, sich mit möglichst hohen Beiträgen an der Flugspende zu beteiligen und ihnen, um sie zu ermuntern, Tabellen gezeigt, die den Verdienst anzeigen sollen, der sich au» einem möglichst hohen Erlrag der Flugspende für die AlbatroS-Wcrke ergeben würde.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Eine solche Bettelei muß geradezu als unverschämt bezeichnet werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdcinolratcn.) Aber so ist cS ja immer, die Aibciier sollen die Kosten aufdringen, da das Kapital selbst sich als unfähig erweist, die für eine solche Spende aufzubringenden Mittel selbst zu geben. Diese freiwillige Steuer, die man dem Volke anferlegt, ist um so schlimmer, well das Boll infolge Ihrer verkehrten Wirtschaftspolitik obnehin Lasten genug zu tragen hat.(Unruhe recht».) Wir unsererseits werden alles tun, um den Wohl st and der b reite st en Schichten des Volkes zu heben und damit dem Vaterlnnde die wertvollste Bevölkerungsichicht zu erhalten, die eine» gesünderen und ver- nllnfligeren Patriotismus bat, als der. den Sie hier mit großen Worten bekunden.(Bravo 1 bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Debatte. Jnzivischen ist der Reichs- k a n z l e r im Saale erschieiicn. In der Gcsaiiitabstimmung wird die Flottenvorlage gegen die Stimmen der Sozial- deniokraten, der Polen, Dünen, Elsässer und Welsen bewilligt. Der Reichskanzler schüttelt dem Staatssekretär die Hand. DaS Abstiinnmngsvcrhäliiiis wird von den Mehrheits- Parteien mit lauten Bravorufen ausgenommen. Das Haue vertagt sich auf Mittwoch 1 Uhr.(Marineetat.) Schluß ö Uhr.__ MrwmeMarilcbes. Das Mandat des Abg. Pauli— ungültig. Die WahlprüsiingSlommissio» des Reichstages befaßte sich am Dient lag abermals'mit der Wahl des Abg. Pauli(Hagenow). Der Wahlproiest war von den Protesterhebrrn in feinem wesentlichsten Teile zuuickgczogcn worden, nachdem die Prüfung der Wahl nahezu beendet war. Die Kpmmission entschied, daß diese Zurück- nähme unbeachllich sei. Die Prüfung der Wahl wurde dann beendet. Das Ergebnis war. daß nirm der Sozialdemokrat, sondern der Fortschrittler mit Pauli i» die Stichwahl halte kommen müssen. Unter diesen Umständen beschloß die Kommission mit acht gegen vier Stimme», die Wahl des Abg. Pauli für un- gültig zu erklären._ Der Marineetat in der Bildgetkomulission. Neber die Stellung der M a r i n e i» g e n i e u r e gegenüber dem Seeoffizierkorps wurde in der DieitSiagssitzung der Kommission eine lebhafte Aussprache gepflogen. Die Ingenieure können höchstens den Rang eines Korvettenkapitäns erreichen, rangieren an Bord und auch sonst hinter jedem Seeoifizier. Von den Secosfiziercn werden die Ingenieure auch geiellschafilich nicht gleich geachtet. Wie daS OifizierkorpS die Stellung der Ingenieure einschätzt, beweist ein vom Abg. G o t b e i n verlesenes Schreiben des VizeadnnralS Cörper an den Kapilän z. S. Wildbrandt. der die Prüsungsabteilimg für Jngenieur- anwärter teilet. In diesem Schreiben wird wörtlich gesagt:„Es cnt- spricht nicht meinen Wünschen, daß sich die Marineingcnieure aus denselben Familien ergänzen, wie die Seeoffiziere. Für das S-eoffizierskorpS ist es günstiger, wenn sich die Ingenieur- anwärter nur auS dem Mittel stände und Familien darunter ergänzen. Wir werden damit erreichen, daß die In- genieure von selbst in die tintergeordneie Stellung zurückkehren, die ihnen zukommt." Bemerkenswert für den lächerlichen Kastengeist beim Seeosfizierskorps ist auch die entrüstete Mitteilung des Admirals, daß ein Ingenieur sich erlaubt hat, mit seiner Frau einem Seeoffizier einen Besuch abzustatten. Die volksparteilichen Kommissionsmitglieder forderten in einer Resolution, daß das Marineingxnieurkorps dem der Seeoffiziere gleich gestellt werde; ferner sollen die Dienstgrade der Ingenieure ausgebaut werden.— Staatssekretär v. Tirpitz verlas Schreiben der Ingenieure der Nord- und Ostseestation, in welchen Protest da- gegen erhoben wird, daß von Reichstagsabgeordneten ihre Interessen vertreten werden. Das Schreiben des Vizeadmirals Cörper gab der Staatssekretär preis; er sei dagegen auch eingeschritten. � Genosse Noske betonte, daß solche Schreiben, wie sie der Staatssekretär verlesen hat, keinen Eindruck machen können. Die allerbesten Leute werden diese Ingenieure, die sich derart anbiedern, nicht sein. Mit aller Schärfe müsse gegen den Geist der Ueberhebung Front gemacht werden, der aus dem Schreiben des Admirals spreche. Die erste Forderung in der volksparteilichen Resolution wurde gegen die volkSparteilichen und sozialvemokratischen Stimmen abgelehnt; die zweite gegen die volksparteilichen Stimmen. Dann führte die Stellung und Lage der Deckoffiziere zu einer Debatte. Hierbei fragte Genosse Bogtherr an, ob noch die Verordnung in Kraft sei, die bestimmt, daß Unteroffiziere der Marine, die aus bestimmten Gründen ihre Braut heiraten müssen, um sie nicht im Zustande der Schwangerschaft oder mit einem Kinde sitzen zu lassen, von der Laufbahn des Deckoffizsers ausgeschlossen werden.— Ein A d m i r a l erklärte, daß in der schroffen Form diese Verordnung nicht mehr be- stehe; eS werde in jedem Falle eine Prüfung vorgenommen im Interesse des Standes der Deckoffiziere. Abg. S t r u v e machte darauf aufmerksam, daß bei den verheirateten Unteroffizieren amtliche Nachfrage gehalten wird, wann sie sich verheiratet haben, an welchem Dalum das erste Kind geboren wurde und dergleichen. — Gegen die Stimmen des Zentrums und der Konservativen wurde eine Resolution angenommen, die vom Reichskanzler Erwägungen fordert, um die soziale und wirtschaftliche Stellung der Deckosfiziere z u h e b e n. Abg. S t r u v e wünschte dann, die deutschen Unterseeboote auf den technisch höchsten Stand zu bringen und Kritiker nicht gleich von oben herab abzutun.— Im Anschluß daran gab der Staats- s e k r e t ä r vertrauliche Mitteilungen über das Unterseebootwesen. Damit war die Beratung des Marineetals zu Ende. In der WohnnngSkoinmission des Reichstages legte am Dienstag die in der vorigen Sitzung gewählte Subkommission eine von ihr verfaßte Resolution vor, welche Vorschriften über eine amtliche W o h n n n g s a u f s i ch t durch Orts- bezw. Bezirks- und Landeswohnungsämter mit einem Reichswohnungsamt als Zentralstelle für das gesamte Wohnungswesen vorsieht. Mit einigen Aenderungen wurde der Entwurf angenommen. Auf eine Anfrage erklärte der RegiernngSvertreter L e h w a l d, daß nicht aus fach- lichen, sondern aus finanziellen Gründen die Regierung nichts für das Wohnungswesen unternehmen kann, da Mittel im Etat nicht vorgesehen sind. Trotzdem seien die Vorarbeiten zur Regelung des Wohnungswesens im Gange. Abg. G ö h r e glaubt aus den Ausführungen des Regierungsvertreters zu entnehmen, daß sich die Regierung doch nicht ganz ablehnend verhalten will, wie sie es in der vorigen Sitzung durch den RegiernngSvertreter erklären ließ. Die vorliegenden Resolutionen werden in einer späteren Sitzung erledigt.__ Veteranenfürsorge. Aus den zahlreichen Petitionen, die alte Kriegsteilnehmer an den Reichstag richteten, gewinnt man innner wieder die Auffassung, daß die Militärbehörden mit den ergrauten Veteranen nicht gerade glimpflich umspringen; etwas weniger Engherzigkeit wäre diese» Stellen sehr zu wünschen. So beschäftigte sich die Petitions- kommission in ibrer Dienstagssitzung u. a. mit einer Eingabe, nach weicher einem Militärrentner nach 33 jährigem Rentenbezuge(der Man» ist 70 Jabre alt) die Rente entzogen wurde. Der untersuchende Militärarzt wollte bei seiner einmaligen(I) Unter- slichung des Mannes festgestellt haben, daß die noch jetzt bestehende Erwerbsunfähigkeit nicht mehr ans dem angeblich behobenen Leiden resultiere, das als Kriegsbeschädigung anerkannt lvar. Wenn in der Kommission die formalrechiliche Seite auch nicht weiter bemängelt werden tonnte, so war man doch allgemein von solchem Borgehen wenig erbaut. Von dem sozialdemokratischen Redner wurde nament- lich die Gründlichkeit jener einmaligen Untersuchung angezweifelt. Die Petition soll der Regierung zur Kenntnisnahme mit dem Ersuchen um wohlwollendste Prüfung überwiesen werden. Aus der Brannttvcinsteuerkommissto». gu Beginn der DienSlagSsitzung war eine ganze Reihe von Abänderlingsanträgen zun,§ 5 eingelaufen. Die Genossen Dr. W e i l l, Wurm und Dr. S ü d e k u m traten für unsere An- träge ein. die jedoch von der geschlossenen Mehrheit abgelehnt wurden. Herr Dietrich siegte, wie immer, mit 15 Stimmen. Bei§ 5a war es ebenso. Eine Ueberraschung gab es aber beim folgenden Antrag der Sozialdemokraten, der das Kontingent der gewerblichen Brennereien auf h ö ch st e n s 3000 Hektoliter festgesetzt wissen will. Dieser Antrag wurde »ach einer kurzen Begründung durch Genossen Wurm mit großer Mehrheil angenommen, da das Zentrum mit den Fortschnttlern sür uns stimmte. Herr Paaschs war fassungslos I Man muß allerdings wissen, daß die große Sinnersche Brennerei— mit der Herr Paasch? gute Bekanntschaft hält— anstatt früher 360 000 M. zuletzt noch 250 000 M. und nach dem Enlivurs 90 000 M., jetzt nach der Fassung unseres angenommenen Antrages aber nur noch 15 000 Mark Liebesgabe beziehen kann, Der ß 7(Verlust des Kontingents) wurde in der Formulierung des Herrn Dietrich mit der üblichen Mehrheit angenommen, ob- wohl der Antragsteller selbst die vom Genosse» Dr. W e i l l erhobenen Einwände als berechtigt zugeben mußte. Die§8 8 und 9 (Verlust des Durchschniltsbrandcs und Kürzungen) wollten wir streichen. Die bekannte Vlehrheit nahm sie aber an. Die§§ 10, 11 und 12 enthalten dK Bestimmungen über Festsetzung des Durch- schnittsbrandes. Der vom Genossen Wurm begründete Antrag auf fünfjährigen statt zehnjährigen Turnus und auf erstmalige Fest- setzung im Jahre 1914/15 wurde natürlich abaelchiit. Bei den„besonderen Vorschriften" wurden die Abänderungen am bestehenden Gesetz erörtert. Die Streichung der Betriebsauflage wurde abgelehnt. Ebenso ivurde abgelehnt immer gegen die Minorität von 12 oder 13 Stimmen— die sozialdcmokratuchen und forlschriittichen Anträge auf Ermäßigung der erhöhten Betriebsauflage. Zurückgezogen ivurde ein Antrag Dietrich, der so schamlos die Interessen der Zentrale nertrat, daß die Herren gar nicht gewagt hatten, ihn in der ersten Lesung einzubringen. Vorgesehen war nämlich eine fast unbegrenzte Erhöhung der BetriebSauflage. Genosse Wurm charakterisierte dieses Vorgeben mit den richtigen Worten, während die Herren Brenner mit roten Köpfen dasaßen. Auch der Volksparteiler S ch w e> ck h a r d t und Genosse Dr. Sü de- k u m wandten sich gegen diese Anmaßung. Abg. Speck erklärte. das Zentrum mache nicht mit, und darauf zog Herr Dietrich den Antrag zurück. Zu s 54 des Gesetzes wurde die versteckte Exportprämie zwar beibehalten, aber doch eingeschränkt. Die Ausnahmestellung für Essig tvurde beseitigt. Die zweite Lesting lvird wohl am Mittwoch beendet werden. Die landwirtschaftliche Nufallversichermig in Prcnsicn. Der Entwurf eines Gesetzes über die landwirtschaftliche Unfall- Versicherung ist dem Abgeordneten hause zugegangen. Es handelt sich im wesentlichen um AusführungSbestimmungen zu den einschlägigen Bestimmungen der ReichsverstcherungSordnung. Der Entwurf beschränkt sich auf das wesentlichste; er macht von der durch die Reichsgesetzgesetzgebung erteilten Befugnis nur innerhalb der Grenzen Gebrauch, die schon die bisherigen LlusführungSgefetze innegehalten haben. Insbesondere überläßt er eS in den Fällen, in denen örtliche Verschiedenheiten zu berücksichtigen sind, den Berufs- gcnossenschaften, die erforderlichen Vorschriften durch die Satzungen zu treffen, wie es schon bisher der Fall war. Versammlungen. Krieg oder Frieden im Bangewerbe 1913? Diese Frage stand auf der Tagesordnung einer allgemeinen Mitgliederversammlung der Zahlstelle Berlin des Zimmererver- bandes, die am Montag den großen Saal des Gewsrkchaftshauses füllte. Als Referent war der Verbandskassierer Adolf Römer aus Hamburg erschienen. Er führte in der Hauptsache folgendes aus: Wenn wir die Frage nach Krieg oder Frieden im Baugewerbe auf die Tagesordnung gesetzt haben, so kann es sich hier selbstverständ- lich in keiner Weise darum handeln, zu entscheiden, was im Jahre 1913 bei Ablauf der Tarife zu geschehen hat, denn das hängt ja nicht von uns allein ab. Wenn auch jetzt über 339 000 Arbeiter im Baugewerbe organisiert sind, so haben wir auf der anderen Seite mit einer nicht minder starken, kapitalkräftigen Unternehmerschaft zu rechnen. Zwei Orgamsationsriesen stehen einander gegenüber. Für uns wird es vor allem nun darauf ankommen, unsere Truppen u sammeln, wie ja auch das Unternehmertum seine Organisations-- ruppen immer mehr zu stärken sucht. Wir haben schon manche harte Probe bestanden und Kämpfe ausgefochten, die große Opfer kosteten. In den Jahren 1890 bis 1895 wurde unsere Mitglieder- zahl von 13 900 auf 9500 zurückgeworfen,, hauptsächlich infolge der Wirtschaftskrise. Aber es war nicht nur die Krise, sondern wir hatten auch durch innere Kämpfe gelitten. Es war die sogenannte Lokalorganisation, die uns Schaden zufügte. Bis zum Jahre 1890 hatte sie vielleicht eine geivisse Berechtigung; aber seitdem das Aus- nahmegcsctz gefallen ist, hat sie jede Berechtigung verloren und ist ja auch jetzt zu einer kleinen bedeutungslosen Gruppe geworden. Die Mitgliederzahl unseres Verbandes war cm Fahre 1900 bereits auf 28411 gestiegen, 1905 auf 43 557. 1910 hatten wir 54 548 Mit- glieder und jetzt sind es über 80 000. Unser Verband hat im Laufe der Jahre ansehnliche Erfolge erzielt. Im Jahre 1895 war der durchschnittliche Tagelohn der Zimmerer Deutschlands 8,35 M., 5 Jahre später 4,48 M. und 1919 betrug er 5,34 W. Hand in Hand mit der Lohnsteigerung ging eine Verkürzung der Arbeitszeit, und eben so oft, wie die Unternehmer den Beschluß faßten, unter keinen Umständen auf eine Verkürzung der Arbeitszeit unter 10 Stunden einzugehen, mußten sie auf die Durchführung dieses Beschlusses verzichten. Von Tarifverträgen wollten die Unternehmer früher nichts wissen; sie fanden sich höchstens hier und da bereit, mit dem Gcsellenausschuß gewisse Vereinbarungen zu treffen. Wir sorgten dann aber dafür, daß organisierte Zimmerer in> die Gesellenaus- schüsse gewählt wurden, und noch und nach kam das Unternehmer? tum zu der Ueberzeugung, daß es zweckmäßiger sei, einen regel- rechten Tarifvertrag mit der Organisation abzuschließen, und gegenwärtig arbeiten bereits 53 598 Zimmerer unter Tarifverträgen. Aber nicht nur die Arbeiter, auch die Unternehmer haben ihre Organisationen bedeutend ausgebaut. Der Bund der Unternehmer im Baugewerbe zählte im Jahre 1900 erst 67 Einzelderbände mit 2850 Mitgliedern. 1903 ivaren es 124 Verbände mit 6385 Mit- gliedern. 1909 521 Verbände und 20 930 Mitglieder und 1910 war die Zahl der Einzelverbände auf 1354 angewachsen, die der Mit- glieder auf 51 832, und diese organisierten Bauunternehmer be- schäftigen 448 845 Arbeiter. Es sind heute ungefähr 51 Proz. der Bauarbeitgeber organisiert. Bedenkt man, welche Kapitalsmacht hinter diesen Unternehmern steht, wie das gesamte Unternehmer- tum zusammenhält und unterstützt wird von der Staatsgewalt und den Behörden, während man der Arbeiterschaft da» Koalitiansrecht zu rauben sucht und aufs äußerste einschränkt, könnte es zweifel- hast erscheinen, ob wir überhaupt in der Lage sind, den Kampf mit den Baugcwaltigen auszuhalten. Aber glücklicherweise liegt die Sache so, daß das Solidaritätsgefühl bei den Unternehmern nicht in dem Maße vorhanden ist, noch vorhanden sein kann, wie in der Arbeiterschaft. Der Unterschied in der Kapitalskrast der einzelnen Unternehmer, die gegenseitige Konkurrenz, die Bauspekulation usw. haben zur Folge, daß bei den Unternehmern ein einheitlicher Wille nicht so zur Geltung kommen kann. Hierin ist die hunderttausend- köpfige Arbeiterschaft dem Kapital überlegen. Die Einsichtigen unter ihnen haben das auch schon erkannt und sind zu der Uebcr- zeugung gekommen, daß das ltapital nicht imstande ist, die Gewerk- schaften zu erdrosseln. Nachdem das Unternehmertum sich mit den Tarifverträgen abgefunden hat, sucht es jetzt die Arbeiter durch diese Verträge auf eine möglichst lange Zeit zu fesseln und außer- dem, den einzelnen Arbeiter bogelfrei zu machen. Darum will es die Verbände haftbar machen für die Tarifverträge und überdies die Agitation verbieten. Verlangte mau doch von uns im Jahr« 1910, daß wir für Orte, die sich den damals getroffenen Vereinbarungen nicht sogleich fügten Streikbrecher in Massen kicfern sollten, was wir natürlich ablehnen mußten. Unser Unternehmer- tum strebt aber nach wie vor dahin, die Arbeiterschaft im Bau- gewerbe überall durch die zentralen Tarifverträge zu fesseln, während wir verlangen, daß die örtlichen Organisationen immer das letzte Wort haben sollen. Es ist wahrscheinlich, daß man sich auch bei der bevorstehenden Tarifbcwegung wieder rechtzeitig an uns wenden wird. Aber die Arbeitgeber bieten alles auf, ihre Organisation so zu stärken, daß es uns unmöglich gemacht werden soll. Fordevungen zu stellen. Sie glauben offenbar, daß sie es dahin bringen können. Zu diesem Zwecke suchen sie auch jetzt bereits die Baukonjunktur für das nächste Jahr künstlich zu schwächen, und sie haben sich schon an ihre Auftraggeber gewandt mit der Bitte, noch in diesem Jahre so viöl wie nur möglich alle notwendigen Arbeiten fertigstellen zu lassen. Andererseits ist an die Bauunternehmer das Verlangen gestellt worden, auf dem Lande keine organisierten Arbeiter zu beschäftigen, um die Landbevölkerung nicht mit sozia- listischen Ideen zu vergiften. Aber der Bundesvorstand der Unter- nehmer hat das abgelehnt, offenbar in der Einsicht, daß dergleichen ganz unmöglich ist. Statt dessen ersucht das Unternehmertum über- all seine Auftraggeber und die Behörden, die Streikklausel zu unter- schreiben, um im Falle eines Kampfes von der Verpflichtung zur Fertigstellung der übernommenen Arbeit entbunden zu sein. Wenn wir erwägen, wie das Unternehmertum durch Stärkung seiner Organisation und durch geheime Abmachungen rüstet, so erkennen wir. daß wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ans einen Kampf rechnen müssen. Die Arbeitgeber behaupten, daß das Baugewerbe die besten Löhne zahle, und daß die Löhne im Laufe der letzten Jahre gewaltig gestiegen seien. Man vergißt aber dabei die ungeheure Steigerung der Lebensmittelpreise, die gewaltige Verteuerung der ganzen Lebenshaltung des Arbeiters zu erwähnen. Nach den Be- rechnungen Cnlwers braucht ein vierköpfige Familie, um auch nur einigermaßen kulturmenschlich leben zu können, mindestens 2700 Mark im Jahre. Es steht fest, daß wir, um ein solches Jahresein- kommen zu erreichen, mindestens 70 Proz. Lohnerhöhung verlang-ri könnten. Aber wir werden nicht einmal 50 Proz. fordern, sondern uns mit viel weniger begnügen, und dennoch müssen wir darauf gefaßt sein, daß das Unternehmertum uns nicht einmal dieses Wenige freiwillig zukommen lassen wird, daß wir es uns vielmehr erst erkämpfen müssen. Wir können nun wohl feststellen, daß unsere Organisation gewachsen ist, und daß wir auch finanziell vor- wärtsgekommen sind, und zwar so, daß das Vermögen unseres Verbandes rund 40 M. pro Kopf der Mitglieder ausmacht. Aber es gilt für uns, den Geist der Organisation und der Solidarität noch immer mehr zu entfachen, den Schlendrian, der sich hier und da breitgemacht hat, aus der Welt zu schaffen. Es kommt darauf an, daß jeder Einzelne in der Kleinagitation seinen Mann steht.— Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Zur Diskussion wurde das Wort nicht verlangt. Zum Schluß machte der Vorsitzende auf die am kommenden Montag stattfindenden Wahlen zum Jnnungsschiedsgerichl aufmerksam und forderte alle bei Jnnungsmeistern beschäftigten Zimmerer auf, so weit sie das 25. Lebenszahr erreicht haben und somit wahlberechtigt sind, ihr Stimm- recht gewiffenhaft auszuübs» E Todes-Anzeigen Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nach> richt, dag am Sonntag, den 12. Mai, abends S1!, Uhr, mein geliebter Mann und guter Vater frieliried Schliewenz im 62. Lebensjahre janft entschlafen ist. Dies zeigen tiefbetrübt an Ägne» 5eKIio«esnr geb. Hoffmann nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 16. Mai, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Leichen- halle des alten Elisabeth-Kirch- hoseS. A-kerftr. 37, aus statt. 20A MßsjWWW'M WWWMß ZliiiMlliMMlZlief�stllvei'elii cio» iß. öei'I. keletiMgz-VMImlzez. Am 12. d. Bits., verstarb unser > Aenosse, der Puder I Friedrieb Sebiiewenz Anklamer Str. 30. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am > Donnerstag, den 16. Mai, nach» I miitags 4'/, Uhr. von der Halle ! Ms allen Elisabeth-KirchhoseS in | der Ackerstrage aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 1 223/8 Ter iHorftnnv, WWWAUMHM Für die uns anISfilich des HinscheidenS meines lieben VaterS, unseres guten Großvater», Bruders, Onkel«, Schwagers und Schwiegervaters, deS Webermeisters und PsandleiherS 85/10£§ Hermann Vetter bewiesene herzliche Teilnahme sagen wir allen Neben Freunden und Bekannten unseren aufrichtigsten Dank. Insbesondere danken wir den Herren Kollegen von der Weber- und Wirker-Jnnung und vom Neuen Verein Berliner Pjandleiher. Im Namen der Hinterbliebene»: Adolf Vetter. Nerbaud der Maler, Lackierer, Aastreicher usw. � Filiale verli». Ifaehruf. Den Mitgliedern zur Nachricht.> | daß der Kollege Wübeim Münz | am 10. Mai verstorben ist. Ehre seinem Andenken k 1 129/8 Die Ortsverwaltung, Deuiscber i Bauarbeiter-Verband. Zweigverein Berlin. Kekiiou der Putzer. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Mitglied Friedrieb Bebiievenz! am 12. Mai im Alter von 61 Jabren verstorben ist. 139/11 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Donncrslag, den 16. Mai,»ach. mittags 4'/, Uhr, von der Halle ocs allen Elisabeth-KirchhoseS, Ackerslr. 37. ans statt. vis örillesto Verwaltung ! Am 12. Mai verstarb mein j Kollege, der Tischmacher A.rUcm Grüßner. Die Bccrdigui g findet am t 15. Mai, nachmittags 5 Uhr, von | der Leichenhalle des Friedhofes in > Marzahn aus statt. i60A Wilhelm Reckllnf;- \achrm. Allen Freunden zur Kenntnis, j daß unser Mitglied de» Spar- verein»»Immer heiter- Ibeodoi-(jl-otb | plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Der Vorotnnd.l Zurückgelclirt vom Grabe meines Mannes, sage ich allen denen, die ihm da» letzte Geleit gegeben, be- sonders den organisierten Kollegen Potsdams und denen der Firma Niggel u. Hesse, sowie dem Verband der Steinarbeitcr sür den Kranz meinen tiesgcsühltesten Dank. Frau Prldu Kehüttauf IM nebst zwei Kindern. lir. Asharhsz Gardinen- hana Bernhard 8 oh war tz Wallst. 18 (dreizehn) Brat- klasal�e Becnea- qnelle f. Sardinen u. Teppich, Extra- Ab telluns 1 1. Gesch.: BarlinW., Mohren- 1 StraB837a(2. Haus von der| Jerusalemer Sirallo). | II. Gesch.: Berlin NO., GroSel Frankfurt. Str. 1 16(2. Haus[ von der AndreasstraSe). Sehxgr.Ausw. fert. Kleider, 1 Hfite, Handschuhe, Schleier| leto. y. einfachsten bis znin | hochelegant. Genre z. äußerst niedrigen Preisen. Sonder-Abteiltmg: MnUanfertiguns in 10 bis 12 Stunden. 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Spr. 10-2,5-9, Sonnt. 11-2 erhalten Sie sofort gut�tiohi leben, wmn Sie«lob nach abgeschlossenem Kaut auf dieses Inserat beziehen- Mit wöchtl Ii Abzhlg. fl M GsiSk kauft man in der PfBfllllBiiißPrlnzenstr.at 1 Tr.(kein Lad.) wie allbekannt Jackettanlöge, Rockanzöge, Paletots, Hosen för jede Figur passend. für sy— Damen und Herren| Zigarren- W Herbst nilicon Anriioa Ifa Bt*« K»»5 Lr a-» n• KA A Är• Blusen Anzüge Koit me In(Jackett- n. mod Färb Rockfasson) Jacke» I» Uioter Mantel Paletots Nur hochmoderne Sachen. iett-u. Leibwäsche �Qr alte Kunden ohne Anzahlung! Mche- und Krawattenbrändje. Freitag, de« 17. Mai, abends 8 Uhr: Gr.öffentliche versammUmg aller Mäslhearbelter uvd Arbeitermllt» aller Kraachea im großen Saale der Brauerei Böstow, Prenzlaner Aller»47. Tagesordnung: L Welche Borteile haben die Krankenkaffeumitglieder durch de« Zusammenschluß der Ortskrankenkafs eu. Referent: Stadtverordneter Adolf Witter. 2. Diskusston. Kollegen und Kolleglnnenl Anläßlich der großen Protestversammlungen der Berliner Arbeiterschaft gegen die Willlürberrschaft im preußischen Land- tag wurde auf allgemeinen Wunsch diese öffentliche Versammlung für die Kranlenkasienmitglieder auf kommenden Freitag verlegt. Wir ersuche« nun» mehr alle Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäsche- und Krawattenbranche, zu dieser äußerst wichtigen Versammlung zu ertcheinen, mn über dt« durch die Zusammenlegung der Orts- und Betriebskrankeukasie» entstehenden Vorteile für alle Versicherten zu diskutieren. Die Vertreter zu den Generalversammlungen der OrtSkrantrnkasi« sür die Wäschefabrikatton, der BetriebSkrantenkasien der Firmen Erünbaum und hiermit besonders ein- 252/6 sie« Woll& Glaserscld und die Vorstandsmitglieder find geladen. Agitiere jeder für gute» versammlnngSbefnchk Der Rendant, Herr Donai, und der Vorfitzende der Wäschelranlenkasie, Herr Stcrnberg, find gleichfalls brieflich eingeladen und gebeten worden, zu erscheinen. Ter Einberufer: Filiale Berlin III. Trapps Festsäle, Inhaber Max Gamm Teecl, Bahnhofstrasse 1. Smpfehle»um HimmelfahrtStag mein Lokal mit schönem Garte» und Kegelbahnen. Von 4 Uhr ab im Garten: Großes Künstler-Konzert. Im Saale: Großer Ball. Die Kasieeküche ist von 3 Ubr ab geöffnet. ------■ 1702b~ ES ladet ergebenst ein Max Gamm. Strandrestaurant Kichtershorn bei Grünau Fabriken gegr. Is62. Tel.: Moritzplatz 8873. BKKI,I\SW.. Rltterstr. SB Erstklassige Ware. Zigarren- händiern bestens empfohlen. - Ta rifarbclt.—— Eis! Hau» Jahr: Deuiscber Holzarbeiler-Verbaod! Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zu: Nachricht, daß| j unser Kollege, der Tischler �nton Grüßner 1 Junkstr. 27, im Alter oon29 Jahren| ] gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beeidigung findet deute, I I Mittwoch, ven 15, Mai, nachm. tiags| ! 5 Uhr, von der Halle des Lichten- berget Gemeinde- Friedhofes in Marzahn aus statt. Um rege Beteiligung erlucht 83/13 Tie Orrsverwaltung. Nach Ichweren Leiden verschied am Montag früh 121/, Uhr unser lieber Sohn, Bruder, Schwager und Onkel Raberl Barowsky im Atter von 22 Jahren an den Folgen seiner Militärdienstzeit. Die trauernden Hinterbliebenen Die Beerdigung findet am DonncrSlagnachmittag 3 Uhr von der Halle des Gemeindesriedhoses Adlershos auS statt. A Hiermit die traurige Nachricht, dag meine tiebe Frau Konstmue Röbel nach schwerem Krankenlager ver- storben tsl 60?t DieS zeigt tiefbetrübt an Heinrich Kübel. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 4 Uhr. von der Leichenhalle des Zentral-Fried- hoscs in Friedrichsselde aus statt. llallllsagullg. Für die rege Beteitigung bei der Beerdigung meine» lieben Manne». treusorgendcn Vaters, Groß- und Schwiegervaters, de» WeißgcrberS August Duttke sagen wir hiermit allen Verwandten, Freunden und Bekannten, besonders dem Verband der Lederarbeiter Deutschlands, Filiale Berlin I, der KeschäflSIeitung, sowie der Putz- abteilung der Firma W. Wertheim G. m. b. H., Leipziger Straße, dem Sparverein.Vergißmeinnicht' unsern herzlichsten Dank, 23A Die trauernden Hinterbliobonen. Witwe Duttke. Alfred Duttke nebst Frau. Georg Duttke nebst Frau u. Sohn. Klara Duttke nebst Bräutigam. Elisabeth Dnttke nebst Bräutigam. "" Leranlwortltcher iNevalteur Frankiurter Allee 1541 Poke Nieds/ barnlmstrass*. Auf Teilzahlung! Ohne Anzahlung I Kein Kasslerer. Teppiche, Uardinen.. httores. Portieren, Stepp-, Plüsch- und Uivandccken. Matzner, Hufeland-raße 41. Bildergeschäst. Karlen od. Besuch erbet osiericren sür da» lausende den ganzen Eimer zu Bö PI., den halben Eimer zu St) Pf. Mdeulsehe Eiswerke Köpenicker Str. 40/41. Abesßiutr-Krmilltll zum Sclbstausstellen für 3 m Ties« schon von CS M. an' Hospunipcn, Garten- � und Druckpumpen usw. "Ä 5 Jahre Garantie. Jlluslr. Preislisten gratt». Koblank& Co., Pump.-Fb. Berlin HJ.. Rein icke u d orfc rsir. 95. 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SO Pfennig. Fabrik: Urban A. I.cnini, Charlottcnbnri Nibert Wachs, Berlin. Zur de? Lnjeratentei! oeranm».: TH.GIockr, Berlin. Tcuciu. Verlag: Vorrvang tvuchdrudere, u. Berlagsaniiall Paul«inger u. Berlin 1 Hr. 112. 29. Iahrgauß. Der Protett der Freien YMMHne. Zu einer überaus eindrucksvollen Kundgebung gestaltete sich eine Protestversammlung der Freien Volksbühne, die am Montag- «bend in den„Concordiasälen" in der Andreasstrage stattfand und non weit über MM Personen besucht war. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit wieder die erfreuliche Tatsache, wie grotz und wie stattlich die Gemeinde ist, die sich um diese Institution schart. Schon zwei Stunden vor Beginn der Versammlung traten die ersten Besucher an und bald war der weite Raum bis auf den letzten Platz besetzt. Markante Köpfe aus der Berliner Arbeiter- bewegung, aus dem Literatur- und Kunstleben tauchten auf, und zahlreich waren die Pressevertreter anwesend; alles Merkmale da- für, wie groß die Bedeutung der Freien Volksbühne ist und wie tief und fest sie in der Berliner Bevölkerung wurzelt. Die Ursache zu dieser Protestaktion ist ja hinreichend bekannt. Sie richtet sich gegen das vom Berliner Polizeipräsidium erfolgte Verbot der Auf- führung des Stückes„Die im Schatten leben", dessen Verfasser der verstorbene frühere Reichstagsabgeordnete R o s e n o w ist, sowie gegen das Verbot der Polizeidirektion von Neukölln, wonach der Vortrag des Oratoriums„Der heilige Franzikus" von Edgar Tinel am Karfreitag nicht erfolgen darf. Der erste Redner. Reichstagsabgeordneter Dr. Frank-Münnheim, frürmifch begrüßt, führte ungefähr folgendes aus: Im Deutschen Reich wird man nach dem bürgerlichen Recht mit dem 21. Lebens- fahre mündig. Bei der Freien Volksbühne ist das umgekehrt. Sie konnte 20 Jahre lang das Recht der Mündigkeit besitzen, um zum 21. Lebensjahre von der Polizei als Geburtstagsgeschenk die Ent- mundigung zu erhalten, und zwar erhielt sie als Vormund den einreichend bekannten Polizeipräsidenten v. I a g o w von Berlin. Das erste Muster polizeilicher Bevormundung liegt schon vor uns in dem Verbot des Schauspiels von Rosenow:„Die im Schatten leben". Fragen wir warum? Ja. sage die Polizei, das geschehe aus Günden der öffentlichen Wohlfahrt und sie beruft sich dabei vus den Titel I des Z 10 aus dem Preußischen Landrecht, den sie zu dresem Zwecke aus den verstaubten Aktenschränken hervorgesucht hat. Wie kann die Aufführung dieses Stückes die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährden? Beim Durchlesen dieses Schau- spiels findet man nichts, aber auch rein gar nichts, was darauf schließen läßt. Sollte es etwa deshalb sein, weil der Verfasser ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter gewesen ist? Die Polizei hat ja auch auf anderen Gebieten gezeigt, wie sie das Aenfurrecht auffaßt, so z. B. als sie die Plakate des Zweckverbandes für Groß-Berlin, gezeichnet von der Künstlerin Käte Kollwitz, konfiszierte; wahrscheinlich, weil sich Hausbesitzer in ihren heiligsten Gefühlen verletzt fühlten. Genau so sucht sie zu verhindern, daß die' Schattenseiten der Großindustrie mit ihrer Wohlfahrtsplage öffentlich vorgeführt werden. Wenn aber Zustände vorhanden sind, die durch sich aufreizend wirken, dann soll man deren Schilderung nicht verbieten, sondern die Zustände ändern oder abschaffen; denn ein häßliches Gesicht wird nicht anders, wenn man den Spiegel verhängt.(Lebhafte Zustimmung.) In Frankfurt a. M. konnte das Stück aufgeführt werden, ohne daß die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Gefahr geriet. Was man den Mußpreußen im Süden gestattet, wird im Norden den Berlinern verboten. Dagegen müssen wir uns ganz energisch wenden. Die Polizei tat aber noch mehr. Der Verein„Volkschor" wollte am Karfreitag das Oratorium „Der heilige Franziskus" aufführen. Die Polizei verbot es, mit der Begründung,„daß das Oratorium keine rein geistliche Musik" enthalte. Aber auch die Heiligen seien nicht von irdischen Bestand- � teilen frei gewesen, ehe sie in den Himmel auffuhren. Er(Redner) nehme an, daß die Polizei, als sie dieses Verbot erließ, tatsächlich von allen Heiligen verlassen gewesen sei.(Große Heiterkeit.) Viel- leicht wurde es verboten, weil die Armut darin vorkommt und der Krieg. Die Polizei will verhindern, daß ein Schauspiel oder Ora- torium ausreizend wirkt. Wenn es uns aber darauf ankäme, auf- zureizen, dann könnten wir nur wünschen, daß jede Woche zwei Stücke verboten würden. Ja. wenn Jagow nicht da wäre, er müßte erfunden werden.(Sehr richtig!) Vielleicht war es nur ein glücke lichet Zufall, daß die Freie Volksbühne so lange unbehelligt ge� blieben ist. Hat sie doch überall gezeigt, bei der Jugend, bei den Frauen usw.. überhaupt, wo aufstrebende Kräfte sich bemerkbar machen, daß die Polizei hindernd in den Wg tritt. Eine Freie Volksbühne werden wir erst von dem Tage an haben, wo wir ein freies Volk geworden sind. Dann wird die Volksbühne im wahren Sinne des Wortes eine Bühne des Volkes sein. Die im Schatten leben drängen zur Sonne— mit ihnen gehen wir morgenwärts und sonnenwärts!(Tosender Beifall.) Hierauf machte der Vorsitzende Baake bekannt, daß der Ab- geordnete Dr. Gothein, der nach Frank reden sollte, mitge- teilt habe, daß er durch eine dringende Fraktionssitzung verhindert sei, zu dieser Versammlung zu kommen. Des weiteren teilt er mit. daß er sich bemüht habe, das Urteil eines unparteiischen Musik- kenners über das Oratorium„Der heilige Franziskus" zu erhalten. Das sei ihm gelungen, und zwar habe der Zentrumsabgeordnete Dr. Pfeiffer ihm folgendes geantwortet: „Sehr geehrter Herr Kollege! Das Verbot de? Oratoriums „Franziskus" von Ek�or Tinel setzt mich in Erstaunen, ja. ich kann es einfach nicht verstehen. Das Werk ist allerdings keine„Kirchenmusik", sicher aber„geistliche" Musik. Ich kenne es ganz genau, da eS in Bamberg vor mehreren Jahren viermal Tufgcfichrt wurde. Ick bin der Ansicht, daß das Oratorium dem Charakter des ernsten Karfreitags nicht widerspricht. Ich b e- grüße geradezu diese Wahl für die Volksbühnenzuhörer; die ohne alle religiösen Aspirationen an das Werk herantreten, werden durch die musikalische Kraft, mit der das Wollen eines heroischen Geistes erfaßt und interpretiert wird, eine große Erhebung er- fahren. Nach dem leichten. Leichtsinn widerspiegelnden Em- leitungsteil kommt besonders zur Geltung das prachtvolle Lied von der Armut und der grandiose Hymnus an die Sonne, beides von tiefer und reifer Schönheit. Ich spreche den W u n s ch a u s. es möchte die angerufene Oberinstanz alsbald daS Werk fror g e b e n im Interesse der Volksbildungsbestrebungen, und wünsche Ihren Bemühungen besten Erfolg. Mit ausgezeichneter Hochachtung Dr. Pfeiffer, M d. R." Baake fügte diesem Schreiben noch hinzu, daß es sich gezeigt habe, daß die Polizei noch schwärzer ist als das Zentrum. Als zweiter Redner nahm Kunstschriftsteller Dr. Max Osborn das Wort und gab einen kurzen Abriß von der dichterischen Person- lichkeit Roseno-vs und seiner Werke. Das verbotene Schauspiel „Die im Schatten leben" führt uns den Dichter in seinem reifsten Können vor. Gewiß: DaS Stück ist ein soziales Schauspiel. Die Menschen, die darin vorkommen, zählen zu den Enterbten. Redner gibt eine kurze Skizze von dem Schauspiel Rosenc-ws„Die im Schatten leben" und sagt weiter: Man kann darüber streiten, ob in dem Stück dem Dichter künstlerisch restlos alles geglückt ist. Aber das ist eine Frage der Kunst, der Aesthetik, doch nicht der Zensur. Nichts ist dann, was verhetzend wirkt. Gewiß ist das Stück aus tiefstem menschlichem Empfinden geboren, aber es ist keine hetzerische Mache, sondern eine großangelegte Zustands- schilderung. Die Kunst�Rosenows wurzelt im Erleben, daher die wirksame Kraft seiner Dichtung. Gerade in dem kleinen persön- kicken Leben, nicht in großen sozialen Kämpfen steht das Stück, das kein Hetzwerk ist, sondern einen erhebenden Lebensappell darstellt. Daher gibt es nur eine Forderung: Fort mit der Zensur!(All- leitiger Beifall und Zustimmung.) Der nächste Redner war alMloil Wwch. 15. W 1912. Landtagsaibgeordneter Ströbcl, dem die Versammlung stürmische Ovationen darbrachte. Er er- klärte, daß die ganze Richtung, das ganze System dem Geist des preußischen Abgeordnetenhauses entspreche und dem Dreiklassen- system angepaßt sei. Tie Theaterzensur hat sich von jeher schon durch ihre Lächerlichkeit selbst gekennzeichnet. Redner gibt eine ganze Reihe von Beispielen zum besten, die die Lächerlichkeit der Zensur bezeugen. Aber die Zensur hat auch eine ernste Seite, und selbst ein Mann wie Treitschke hat darüber sehr herb und bitter geurteilt. Der Zensor kann ja an sich ein ganz gemütlicher und griter Herr sein, aber das Amt verführt geradezu zum Mißbrauch. Daher müssen wir mit aller Kraft darauf hinarbeiten, daß jedes polizeiliche Einspruchsrecht auf dem Gebiete der Kunst beseitigt werde, um so mehr, als die Zensur den Zweck hat, den modernen Geist und den Fortschritt zu treffen, den Geist, der sich auflehnt gegen polizeiliche Bevormundung und Knechtung. Es gilt, die Frei- heit der Kunst hochzuhalten, die Freiheit der Kunst bis zum Miß- brauch; es mutz der Kunst schrankenlose Freiheit gewährt werden. Auch die Tendenzkunst hat Anspruch auf schrankenlose Entfaltung, auch sie kann Kunst sein, das zeigt z. B. Schiller in seinen Jugend- werken. Will das Volk aber den Kampf aufnehmen gegen jede Unterdrückung und Behinderung der Kunst, so muß es auch den politischen Kampf mitkämpfen. Denn nur mit den politischen Zu- ständen können und werden sich die Existenzbedingungen der Kunst günstiger gestalten.(Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Nach Ströbel sprach Herr Gutmann, einer der künstlerischen Berater des„Volkschors", über die Heber- griffe der Zensur auf musikalischem Gebiete, und ging besonders auf das Verbot der Aufführung des Oratoriums durch die Polizei- direktion von Neukölln ein, die vermutlich nur das kleine Textbuch gelesen habe, sonst aber die Musik gar nicht kenne. Redner gibt dann noch mehrere Erlebnisse aus dem Zensurwesen bekannt. So sei er(der Redner), als er in Lichtenberg vor der Arbeiterjugend einen Vortrag über Beethoven hielt, von der Polizei mitten im Vdrtrag unterbrochen worden, die von ihm, laut Verfügung von 1847, einen„Erlaubnisunierrichtsscheiu" verlangte. Da er einen solchen Schein nicht vorweisen konnte, mußte er den Vortrag ab- brechen. Genau so erging es dem bekannten Schriftsteller Bab, der über Goethe sprechen wollte.(Pfuirufe und Beifall.) Ms letzter Redner trat Dr. Breitscheid, von der Versammlung lebhaft begrüßt, auf, der bedauerte, daß man in Deutschland solche Vorstöße der Reaktion noch immer viel zu sehr auf die leichte Schulter nehme. Genau wie bei den Vorgängen im Abgeordneienhause, sei es auch hier bei den Zensurverboten die- selbe Schicht, die Protest erhebe. Die Polizei maßt sich Funktionen an, die geradezu mittelalterlich anmuten. Sie kann verfassungs- mäßige Rechte und Gesetze einfach aufheben und illusorisch machen, sie ist so mächtig, daß sie das Strafgesetzbuch außer Kraft setzt, sie verbietet, künstlerisch wertvolle Plakate an der Litfaßsäule anzu- bringen und dergleichen. Es ist alles eine Linie und die heißt: Jagow— Erffa— Dallwitz.(Lebhafte Zustimmung.) Ein« freie Kunst kann es nur geben, wenn wir ein freies Parlament und ein freies Wahlrecht haben. Wir werden vom Zensor befreit, wenn wir vom Zensus befreit sind. Die im Schatten leben werden gehen wie Lisa in Rosenows Werk— groß, aufrecht und ohne sich umzusehen.(Stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende Kurt Baake faßte das Ergebnis der Ver- sammlung dahin zusammen, daß man angesichts dieser grandiosen Kundgebungen auf eine Resolution verzichten könne, da die Stirn- mung Oer ganzen Versammlung einmütig in der Forderung zum Ausdruck komme: Fort mit der Zensur! Das Verlangen nach Be- seitigung der Zensur, nach unbeschränkter Freiheit der Kunst sei so selbstverstänidlich, daß man dafür nicht erst die Hände zu erheben brauche. Die beste und treffendste Antwort auf die Verbote der Polizei sei ein Massenbeitritt zur Freien Volksbühne, daß aus den 18 000 Mitgliedern 2S OM werden. Mit einem dreimaligen Hoch auf die Freie Volksbühne war die imposante Versammlung zu Ende. Hus Induftne und Handel Prozente aus dem Zwischendeck. Emden soll der dritte deutsche A u Swa nd e r er Hafen werden. Warum nicht Abfahrtstell« der Kabinenpassagiere und weshalb nicht Frachtstapelplatz? Warum gerade Zwischendeckler- bafcn? Die„Kreuzzeitung" gibt in einem Anfall von gesunder Ehrlichkeit die Antwort darauf, sie lautet:„Die Auswande- r u n g war es auch die Hamburg und Bremen den Uebergang von der Segelschiffahrt zur Dampfschiffahrt erleichterte, die ihnen die Möglichkeit gab, jo große Flotten prächtiger und schneller Dampfer zu schaffen, wie sie ihnen heute zu Gebote stehen. Auf dem Massen- verkehr der Auswanderer beruht der Aufschwung der Bremer und Hamburger Schifahrt. Er bringt die gößten Einnahmen, nicht der Luxusverkehr der ersten Klasse. Erbrachten doch auch auf den deutschen Staatsbahnen 1000 die erste und die zweite Klasse nur 102, die dritte und vierte Klasse aber OM Millionen Mark!" Welch tröstender Gedanke! Die Hunderte von Zwischendeck- Passagieren der„Titanic" wurden geopfert, ihr mühsam zusammen- gekratztes Ueberfahrtsgeld macht den geretteten Millionären das Leben angenehm. Es entbehrt nicht einer gewissen Raffiniertheit des Kapitalis- mus, einen neuen Auswandererhafen, den dritten für Deutschland, zu schaffen, und dazu als Finanz- und Arbeitsgruppe den Fürstenkonzern zu benutzen. Welch tröstlicher Gedanke, das Fahrgeld der Zwischendeckler. denen mit eisernen Gittertoren der Zugang zum Oberdeck versperrt wird, es wird nicht nur die erste und zweite Klasse von Emden aus rentabel machen, es soll auch die anderen Geschäfte des Fürstentrusts wieder auf die Höhe der ersten Klasse bringen! Naturgemäß ist bei der als sicher anzunehmenden Gründung des Emdener AuSivandererhafenS die Stellung der älteren Jnter- essenten im ozeanischen Passagier- und Frachtverkehr von größter Bedeutung. Die Hamburg-Amerika-Linie und der Norddeutsche Lloyd, Hamburg und Bremen, was sagen sie zu Emden,? ES sind Frager die noch durchaus ungeklärt erscheinen, auf Konflittsttirm wies der Ansmarsch von Homburg und Bremen aus einer der fürstlichen Schifsahrtsgesellschaften hin. Konkurrenz besteht im Grunde heute mehr denn je zwischen der Hapag und dem Lloyd. Da? ist aber ein Krieg nach innen, dem Publikum gegenüber herrscht Einigkeit. Kapitalistisch ein sehr gesundes Prinzip, wer sollt- sonst auch die Zeche zahlen, die die beiden Schifsahrtsgesellschaften auf- machen? Mit der internationalen Konkurrenz und Feindseligkeit der Schi fs sgesells cha st e n ist-- überhaupt eine eigene Sache. Was ist nach der„Tits!rov5e nicht alles in den bürgerlichen Blättern von der Konkurrenzwut, dem Bedürfnis möglichst viele Passagiere auf die eigene Seite zu ziehen usw. usw., geschwätzt worden. In Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders. Wie die beiden deutschen Gesellschaften schon selbst zugegeben haben, bestand bis, Februar 1912— seitdem, soll er, wie kürzlich mitgeteilt wurde, nicht mehr bestehen,— zwischen dem Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie und der International Mercantil Marine Co., dem sozenannteu Morgantrust, dem auch die Whitestarlinie angehört, ein äußerst exakt und weitreichender gemeinsamer Arbeitsplan. Ter Vertrag, der durchaus ein Schutz-, und Trutzbündnis gegenüber anderer Konkurrenz darstellt, setzte fest, daß die Linienlegung gegen» fettigen Aussprachen vorbehalten sei, sogar die Schaffung neuer Linien erst gemeinsam zu besprechen wäre. Es war auch festgelegt, daß die Gesellschaften sich gegenseittg mit ihren Schiffe» ausgu- helfen haben. Ohne Zustimmung der beiden deutschen Gesellschaften darf kein Trustfchiff an einem deutschen Hafenpier anlegen, ebenso haben die beiden deutschen Schisfahrisgesellschaften Bestimmungen anerkannt, demzufolge sie sich im Verkehr mit englischen Häsen gewisse Beschränkungen auferlegen. Ja, noch viel mehr, die drei Gesellschaften hatten sich unterein- ander sogar finanziell beteiligt. Und zwar auf folgender eigen- artiger Basis. Einmal war festgelegt, daß gegenseitiger Aktien- erwerb nicht zulässig sei. Es sollte so die Gefahr der Einfluß- gewinnung auf Grund von Aktienmacht bei irgendeiner der drei Gesellschaften durch eine der anderen zwei behindert werden. Da- mit aber trotzdem das finanzielle Gemeinsamikeiisinteresse gewahrt bleibe, wurde festgelegt, daß die beiden deutschen Gesellschaften. Hapag und Lloyd, sich verpflichteten, dem Trust alljährlich den Anteil an Dividende auszuzahlen, der einem Besitz von 20 000 000 Mari: Aktien entsprechen würde. Diese Anspruchssumme auf Dividende sollte bei Kapitalserhöhung bis auf 25 Prozent des gesamtem Aktienkapitals zu erhöhen sein. Das ist sicher auch geschehen., den» 1902 besaßen die beiden deutschen Unternehmen je 80 Millionen Mar! Aktienkapital, während sie heute zusammen 275 Millionen Mark besitzen., t„ Verblüffend ist. daß jetzt, bei der Herausgabe des Prospektes zur Begründung einer neuen Kapiialaufnahme von 25 Millionen Mark plötzlich die Hapag mitteilt, dieses Abkommen ist 1902 im Februar nach zehnjährigem Bestand abgelaufen und nicht wieder: erneuert worden? Zu fragen, wäre dabei aber noch, ob nicht«in anderes Abkommen geschlossen worden ist. Der ozeanische Z w i s ch en d c ck p o o l ist schon seit einer gan- zen Reihe von Jahren in Kraft und erst vor kurzem wieder einmal erneuert worden. An den Preisabmachungen über den Zwischen- deckverkehr sind alle wichtigen deutschen, englischen und amerikani- scheu Gesellschaften beteiligt. Sie haben den Zwischendecklertrans- port untereinander in bestimmten Quoten verteilt. Wird auch nur in einem Monat durch eine Gesellschaft die ihr zugesprochene Quote am Auswandererverkehr überiroffen, so muß sie die Fahrpreise er- höhen, der Verkehr flutet automatisch nach, den anderen Linien zu ab. Es schien vor der Erneuerung dieses Zwischendeckpools, daß wegen des Auswandererverkebrs nach Kanada scharfe Konflikte ent- sieben sollten. Sie haben sich'doch zusammengefunden, wenn auch nicht gerade als die besten Freunde, so aber doch wenigstens gegen den gemeinsamen— Zwischendeckpassagier, der planmäßig zu neppen ist, damit die erste und zweite Klasse des Ozeanverkehrs rentabel bleibt..... Welche Stellung Emden, und seine neue Auswandererlinie zu diesem Zwifchendeckpool einnehmen wird, was für Raten sie be- willigt erhalten wird, das ist alles noch unklar. Es hat schon die schärfsten Konkurrenzkämpfe zwischen Poolgefellschafien und Außenseitern gegeben. Der Pool läßt in solchen Fällen auf gemeinsame Kosten Konkurrenzschiffe mit Kampfraien solange fahren, bis der Konkurrent mürbe geworden ist. Dasselbe geschieht auch im eigent- liehen Frachtengeschäft. So im vorigen Jahre in der Fahrt zwischen Wladiwoswck und Deutschland im Sojabohnenfrachtgeschäft. Alles in allem: oben, für die erste und zweite Klasse, werden die Rekords gebrochen und neue aufgestellt, für die Millionäre uud Hunderttausenddollarleute werden die Luxusdampfer gebaut, und die Zwischendeckler sie zahlen, sie sichern die Divi- denden! Das ist die kapitalistische Hauptsache. Wozu soll da noch das Leben der Zwischendeckler geschützt werden?, für daß der als Der Frauentag in Oesterreich. Aus Wien wird uns geschrieben: DaS Frauenreichskomitee hatte den Genossinnen empfohlen, dieses Jahr von einer Straßendemonstration abzusehen. Aber als der 12. herankam, zeigte es sich, daß eine Anzahl von Bezirken nicht verzichten wollten, gemeinsam zu der(einzigen) Versammlung im Sophie nsaal zu ziehen. Viele trugen rote Fahnen, Standarten und Banner an der Spitze. Mit breiten roten Schärpen geschmückte Genossinnen gingen einigen Zügen voran. Auf mächtigen weißen Leinensireifen standen in flammend roter Schrift die Worte: „Heraus mit dem Frauenwahlrecht".„Wir fordern die politische Gleichberechtigung".«Zum Zahlrecht das Wahlrecht."»Witwen- und Waisenversorgung" usw. Zu Beginn der Versanimlung sang der Gesangverein„Freie Typographia" einen Freiheilschor und das SonntagSlied von O. W. P a y e r.(Genosse Nenner.) Dann eröffnete Genossin Therese Schlesinger namens des Frauenreichskomitees die macvtvolle Versammlung mit einer eindrucksvollen, die Bedeutung des Tages würdigenden Rede. DaS Referat erstattete Genossin Popp. Daiiil sprach Genossin Anna Bosch ick namens der gewerk- schafllich organisierten Arbeiterinnen. Mehrere Vertreter der Partei würdigten die Bedeutung des Frauenwahlrechls die gesamte Arbeiterklasse. Genosse S e i tz schloß damit, er de» Tag, an dem zum erstenmal auch eine Frau sozialdemokratischen Fraltion im Parlament angehören würde, eiiien der schönsten und bedeutungsvollsten für die Partei bezeichnete. Dann erhielt nock Genossin S ch e r e r als Vertreterin der polnischen Arbeiterinnen das Wort. Als die Genossin noch einige Worte in polnischer Sprache sprecken wollte, protestierte der Vertreter der Regierung, was tosende Pfuirufe hervorrief. Für die bürgerlichen Frauen hatte sich Frau Adele Gerber das Wort erbeten und sie erklärte, mit ihren Gesinnungsgenossinnen den Kampf um das Wahlrecht unermüdlich führen zu wollen. Nach Annahme einer Resolution zogen die Genossinnen auf die Ringstraße. In Niederösterreich haben außer der Wiener Versamm- lung noch 17 Versammlungen stattgefunden. In Steiermark fanden 28, in K ä r n t e n uud Tirol je 0 Versammlungen statt. In Vorarlberg, O b e r ö st e r r e i ch, Salzburg, Mähren ulid Schlesien gab es überall glänzende Versammlungen. In B v h m e n fanden mindestens 90 Versammlungen statt, darunter� viele, die für einen ganzen Bezirk tagten, wohin die Ortschaften in geicklosseiiem Zuge marschierten. Uud das ist der Stolz der Ge- nosstnnen, daß ihre Arbeit, ihr Streben so viel Beachtung findet und von den Vertrauensmännern und Abgeordneten der Partei auch als ihre Sache betrachtet wird.„Auch Männersache" nannte unser Genosse Viktor Adler den Kampf um das Frauen- Wahlrecht. Außer den deutschen Sozialdemokratinnen in Oesterreich haben auch die polnischen, die tschechischen, die slowenischen und die italienischen Arbeiterinnen glänzende Versammlungen abgehalten._ Huö der frauenbe�egung. Vom Francntag im Reiche liegen noch folgende Meldungen vor: In Kassel erhoben(nach einem Privatte''gramm) 2500 Frauen und Männer die Forderung des Frauenwahlreehts und Protest gegen Junkeisrechheit. 150 Neuaufnahmen fanden statt. In Adlershof referierte Genosse Banh. Folgende Zusatzresolution fand Annahme:„Gleichzeitig erheben die Versammelten energisch Protest gegen die fortwährende schmachvolle Vergewaltigung derBer- Ireter der Arbeiterklasse im preußischen Abgeordnetenhause; gegen jene Mehrheit nnd jenen Präsidemen, die sick nicht entblödeten, ent- gegen dem klaren Wortlaut des Gesetzes und der Verfassung die SchutzmannSfaust walten zu lassen und die wenigen wahren Volksvertreter an der Ausübung ihrer Rechte zu hindern. Die Vor- sammelten geloben, mit aller Macht für die Beseitigung solcher schmachvollen Lustände Sorge tragen zu wollen, indem sie sich ohne NiiZnahme bcm Sozialdemokralischeu SSaHücreht anschließen und die sozialdemokratische Presse abonnieren. In Oronicubnrg unternahmen die Vesncher nach einem Referat Eeorzz Schmidts einen Spaziergang durch die Stadt. Tic Aufhebung der Trennung der Geschlechter in den Synagogen� eines der charaltcriitischen Kennzeichen des jüdischen Gottesdienstes, ist, nach dem.Bürien-Courier', von der Berliner Indischen Gemeinde- Berloaltung geplant. Die Sache ist so weit gediehen, daß bei den Gemeinderabbinern Gutachten darüber eingeholt werden sollen, ob dieser Neuerung religiöse Bedenken entgegenstehen. Wird die Frage von der Mehrzahl der Rabbiner verneint, dann dürfte die Be- seiiigung der„Frauenableilung" jedenfalls zunächst in einigen Synagogen erfolgen._ Jugendbewegung. Jttgendwehriinsug. Tic Bestrebungen, überall sogenannte Jugendweihren zu bilden, angeblich um die Jugend zur Wehrfähigkeit zu erziehen, nehmen einen geradezu bedenklichen Charakter an. In der„P o st" veröffentlicht ein gewisser Dr. Schütz aus Bremerhaven einen langen Artikel, in welchem er Ansichten entwickelt, deren Durchführung ganz entschieden verhindert werden sollte. Seiner Auffassung nach müssten überall Jugendwehrkompagnien a 150 Köpfe geschaffen werden, für die ein Aufwand von 3000 bis 0000 M. jährlich e» forderlich wäre. Vor allen Dingen sollen für die Jugend Gewehre angeschafft werden, und zwar will er die älteren kräftigeren Jungen gleich mit Jnfanteriegewehren ausrüsten. Das Gewehr soll seiner Meinung nach die Begeisterung ganz besonders entfachen. Später will der Mann mit de» Jungen Scharfschiessen veranstalten. Es liegt auf der Hand, dass die Bewaffnung solcher Jungen mit Schicssgcwchrcn außerordentlich bedenklich ist. Die bisher be- stehenscn Jugendwehrcn sind weiter nichts geivcsen als mehr oder weniger geschäftliche Unternehmungen, lieber eine gewisse Spielerei kommen diese ganzen Bestrebungen nicht Hinaus, jedenfalls sind sie nickst dos, was die Sozialdemokratie unter Erziehung der Jugend zur Wehrfähigkeit versteht. Soziales. Die Trouermusik im Cafe. lieber den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Dies trifft nicht nur auf leibliche, sondern auch auf geistige Genüsse zu. Wer aber bei seiner Abneigung gegen das Dargebotene die ihm durch Gesetz und Rechte gesteckten Grenzen überschreitet und seine ihm daraus erwachsenen Pflichten verletzt, dem kann dies unter Umständen sehr teuer zu stehen kommen. Das sollte auch die Inhaberin des Cafe Flora in der Hasenheide, Frau Lauerhaas, erfahren, die von einem Pinuisten auf Zahlung oon L10 M. verklagt worden ivar, da sie einen durch ihren Ehemann mit dem Kläger mündlich abgeschlossenen Vertrag nicht erfüllt hatte. Ter Ehemann der Beklagten hatte mit dem Kläger mündlich ein Engagement vereinbart, wonach dieser nebst einem Geiger und cineni Cellisten gegen eine Entschädigung von 5 M. pro Mann und Tag in dem Cafe Flora zu spielen verpflichtet Ivar. Ueber ein eventuelles Probespicl smvic über Kündigung war nichts vereinbart worden. Der schriftliche Bertrag, den der Kläger am Antritlstage des Trios begehrte, ivar nach Angabe des Ehemannes der Be- klagten noch nicht ausgefüllt und sollte spätestens am folgenden Montag in die Hände des Klägers gelangen. Inzwischen ereignete sich aber folgendes i Ein Gast bestellte sich bei der Musikkapelle eine Picea aus einer Oper, welchem Wunsche auch entsprochen wurde. Diese Musik entsprach aber durchaus nicht dem Geschmack der Beklagten; sie geriet in helle Entrüstung und forderte die Musiker auf,„etwas Lustiges" zu spielen, ein Cafe sei doch kein TrauerhauS. Des weiteren soll sie noch ein Benehmen gegen die Ausikcr an den Tag gelegt haben, das nach Aussage einer Augen- zeugin nicht anständig gewesen war. Schliesslich ließ sie den Musikern durch einen Kellner den fälligen Lohn auszahlen und ihnen saezcn, dass sie nicht mehr wiederzukommen brauchten. Diese erhoben icdoch Anspruch auf die gesetzliche Kündigungsfrist, womit die Beklagte sie aber abwies.° � .Vor dem Gewerbcgericht bestritt gestern die Beklagte zunächst die Berechtigung ihres Ehemannes, Verträge in ihrem Namen ab- zuschliessen. Andererseits ivandle sie ein, dass erst ein Probespiel vereinbart worden sei. Sie stritt auch den drei beteiligten Musikern die Fähigkeit: eine brauchbare Musik zu liefern, mit dem Bemerken ad, sie könnten nicht einmal das Instrument richtig halten. Das ganze Verhalten der Beklagten brachte ihr eine Ordnungsstrafe von 10 M. wegen Ungebühr vor Gericht ein. Die Kammer 0 unter Vorsitz des Magistratsrats Dr. Seckt er- achtete die. Nichterfüllung eines rechtmässig zustande gekommenen Vertrages für vorliegend und verurteilte die Beklagte zur Zahlung der vom Kläger geforderten Summe. Ein Boykott zwecks Abschaffung der Heimarbeit. Seit einer Reihe von Jahren geht das Bestreben der Arbeiterschaft, soweit sie gewerkschaftlich organisiert ist, dahin, Heimarbeit irgendwelcher Art tunlichst zu beseitige». Ganz besonders erstrebt wird dieses Ziel von der Arbeiterschaft im Schneidcrgetverbc, und hier ist es namentlich die Konfektionsbranchc, gegen die in den letzten Jahren wiederholt die Kämpfe des Verbandes der Schneider sich richteten. Im Frühjahr 1907 unternahm vie Mitgliedschaft Berlin des Tchneidervcrbandcs wieder einen Vorstoß zivccks Ab- schaffung der Heimarbeit in der Konfektionsbranche. In einem Flugblatt wurden die Konsumenten von Herren- und Knaben- konfcktion aufgefordert, die Arbeiterschaft in dem Kampfe um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen dadurch zu unterstützen, daß bei Einkäufen diejenigen Firmen vermieden werden, die die Forderungen des Verbandes ablehnen; es ist eine Liste dieser Firmen beigefügt und eZ wird dann weiter ausgeführt, daß die Gardcrobenhändler die klare Sachlage dadurch zu verschleiern suchten, dass sie behaupten, sie produzierten überhaupt nicht selbst und seien deshalb nicht verantwortlich für etwaige Schundlöhne; die Heimarbeit sei aufs schärfste zu bekämpfen; die Errichtung von L?etriebSwerkstötten fei auch van den Konfcktionshändlern zu ver- langen; das kaufende Publikum wird ersucht, die in der Liste auf- geführten Firmen, über die der Boykott verhängt sei, streng zu meiden, Eine ähnliche Bekanntmachung ist in mehreren Nummern des„Vorwärts" veröffentlicht worden. In der Liste der boyiot- tierten Firmen war auch die Firma S. Böhm in Berlin. Skalitzer Strasse 31, bezeichnet, die sich mit dem Verkauf von Burschen- und Arbeiicrkleidungsstücken beschäftigt, die nicht in eigenen Werk- Witten hergestellt sind. Tie Firma Böhm behauptet, infolge des Boykotts sei ihr Geschäftsumsa» um ein Drittel zurückgegangen; sie habe einen Schaden von 60 000 M. erlitten. Hiervon klagt sie von der Mitgliedschaft Berlin des Schneiderverbandes und deren Geschäftsführer Kunze zunächst, einen Teilbetrag von 5000 M. ein. Da? Landgericht t zu Berlin hat den Schadenanspruch dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt. Ueber den weiteren Klage- ansprach(auf Unterlassung der weiteren Verbreitung des Flug- blatte? und auf Schadenersatz gegen die Druckerei de« �.Vorwärts") ist eine Entscheidung noch nicht ergangen. Im Gegensatz zum Landgericht hat das Kammergrricht zu Berlin die Schadensklage abgewiesen. Es führt in Anlehnung an die ständige Rechtsprechung des Reichsgerichts aus, daß weder der Boykott an sich als eine un- erlaubte Mahnahme zu betrachten sei noch dass er dies durch das erstrebte Ziel oder die Art seiner Durchführung geworden sei. Es sei anzuerkennen, dass die Forderungen auf Einrichtung be- sendercr BetriebSwerkstätte», Zahlung ausreichender Löhne und Abschaffung der Heimarbeit nicht gegen die guten Sitten Verstössen. Das Flugblatt gehe im Ausdruck zwar bis an die äußerste Grenze des Erlaubten: die Ausdrücke feien zwar scharf, aber nicht so maß. loS. dass anzunehmen wäre, es sei dem Verfasser nur auf die Schmähung des Gegners angekommen. Dass eine— an sich un- zulässige— Verteilung der Flugblätter auf den Straßen bor dem Geschäftslokal der Klägerin stattgefunden habe, hält das Kammer- gcricht nicht für erwiesen. Dem Bericht des Polizeipräsidenten, dass lmzunchmen sei, dass auch vor dem Geschäft der Klägerin eine Flugblattverbreitung erfolgt sei und daß loahrscheinlich auch Bohkotiposteli aufgestellt gewesen seien, legt das Kammcrgcricht gegenüber dem Ergebnis der BelveiSaufnahme kein Gewicht bei. Schliesslich wird auch die Absicht der Beklagten, die wirtschaftliche Existenz des Klägers zu vernichten, vom Kammergericht verneint. Die Revisio» des Klägers suchte auszuführen, dass der Boykott im vorliegenden Falle, insbesondere durch die Art seiner Durch- führung, ein erlaubtes Kampfmittel nicht mehr gewesen sei. Es sei die völlige Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz des Klägers beabsichtigt gewesen; die vom Kläger hierfür crbotencn Beweise habe das Kammcrgcricht zu Unrecht abgelehnt. Das Reichsgericht hat am Montag das Urteil des Kammergerichts aufgehoben und die Sache zur anderweitcn Verhandlung und Entscheidung an das Kammergericht zurückverwiesen. Krüppclfiirsorgekongrcß. Für den 2. Kongreß der Deutschen Vereinigung für Krüppel- fürsorgc in München(29. Mai 1912> liegt jetzt die vollständige Tagesordnung vor. Die VormittagSsitznng bringt die Vorträge: „Wie richtet man die Krüppelfürsorge ein?"(Behandlung, Er- zichung, Versorgung.)„Was ist durch die � bisherige Krüppcl- fürsorgebcwegung erreicht worden?"(Gründung neuer An- stalten usw.)„Die weit kann die Zahl der Krüppel durch recht- zeitige Behandlung vermindert werden?" In der Nachmittagsjitzung werden diejenigen Fragen erörtert, an welchen in erster Linie Erzieher und Acrzte Anteil nehmen. Als Vorträge für den Nachmittag sind vorgesehen: Ulbrich-Cracau- Magdeburg:„Die Berufswahl der Krüppel", Dr. Gg. Hohmann- München:„Welche Kinder bedürfen der Ausnahme in die Krüppel- anstalt?" und Dr. Fürstenheim-Michelstadt i. O.:„Die Seele des Krüppels". Die amtlichen Zählungen haben ergeben, dass in Deutschland über 100 000 unversorgte Krüppelkinder unter 15 Jahren und über eine halbe Million erwachsene Krüppelkindcr vorhanden sind. Der Zutritt zu den Verhandlungen ist unentgelt- lich gestattet. Sencdts-Zeitung. Die Patrioten in Wandlitz. Unsere Leser werden sich erinnern, daß Genosse Stadthagen auf eine Privatklage des gräflich Redernschcn Forstbeamten Finsser- waldcr wegen Beleidigung des Klägers am 8. Januar vom Schöffen- gcricht zu einer Geldstrafe von 50 M. verurteilt worden ist, während Finsterwaldcr auf StadthagcnS Widerklage zu 5 M. verurteilt wurde. Infolge der von beiden Parteien eingelegten Berufung wurde die Klage gestern in zweiter Instanz vor dem Landgericht Berlin I verhandelt. Hier ergab die Beweisaufnahme in allen wesentlichen Punkten denselben Tatbestand, der in der ersten Instanz festgestellt worden war: Stadthagen sprach in einer sozialdemokratischen Versamm- lung in Wandlitz(Kreis Niedcrbarnim) am 29. Mai 1910. Die konservativen Honoratioren von Wandlitz und Umgegend hatten Vorkehrungen getroffen, um den Redner nach besten".Kräften zu stören und die Versammlung zu sprengen. Dem Wirt deS Lokals hatte man angedroht, man werde ihm alles kurz und klein schlagen, wenn er die Sozialdemokraten in seinem Lokal tagen lasse. Aber die Versammlung fand statt. Auch die„Patrioten" rückten an. Der im Dienste des Grafen Redern stehende Oberförster Finfterwalder, der AmtSvorstck»cr Fielitz, der Gemeindevorsteher Sommer und andere lokale Stützen der konservativen Partei saßen, um mehrere Tische gruppiert, im Saale. In ihrer Mitte befand sich der anii- semitisch-konservative Agitator Döring, den man sich zu dieser Ge- legenheit aus Berlin hatte kommen lassen. Während Stadthagcn sprach, wurde ihm vom Tische der konservativen Ortsgrössen auS wiederholt zugerufen:„Jude",„Judcnlümmel",„Quatsch".„Blöd- sinn" usw. Nachdem Stadthagen unter Heiterkeit der Versamm- lung die Zwischenrufcr in humoristischen Wendungen abgefertigt hatte, wandte sich Döring an Stadthagen mit der Versicherung, er sei in der Lage, Ruhe unter seinen Gesinnungsgenossen zu schaffen, wenn ihm als ersten Diskussionsredner da? Mori erteilt werde. Der Vorsitzende, Genosse Koffert, sicherte Döring das Wort zu und teilte das nach der durch die Störung veranlassten Vertagung der Ver- sammlung mit. Aber der von den„Patrioten" verursachte Radau setzte sich fort. Als Stadthagen an der Hand de? damaligen Eni- Wurfs der Reichsversicherungsordnung zeigte, wie rechtlos der Ent- Wurf die Mitglieder der Landkrankenkassen hinsichtlich der Kassen-. Verwaltung mache, rief der Oberförster Finfterwalder, daS sei un- wahr. Stadthagcn forderte den Zwischcnrufer auf, seine gegen- tcilige Ansicht in der Diskussion zu vertreten, und wiederholte dann seine AuSfübrung über die Verwaltung der Landkrankenkassen, wo- bei er die betreffenden Bestimmungen des Entwurfs zitierte. Nun rief Finsterwaldcr Stadthagen zu:„Das ist eine bewußte Unwahr- heit!" Stadthagen wehrte sich gegen diese grobe Beleidigung mit den Worten:„Wenn Sie behaupten, ich sage die Unwahrheit, dann sind Sie ein unverschämter Lümmel!"— Hierauf erfolgte ein wüster Tumult. Die Konservativen sprangen aus. drängten nach dem Podium und schimpften auf Stadthagcn und die Sozialdemokraten. Ein Bierseidel wurde als Wurfgeschoß nach den VersammlungS-. leiten, geworfen. Der überwachende Gendarm löste die Versamm- lung auf, weil er— wie später vor dem Oberverwaltungsgericht festgestellt wurde— den Ausbruch einer von den Konservativen der- ursachtcn Schlägerei befürchtete. Daß diese Befürchtung nicht unbegründet war, dafür»legte Altsitzcr Müller, einer der konservativen VcrsammlungSbesucher, in der gestrigen Verhandlung beredte? Zeugnis ab. Sehr anschau- lich und drastisch schilderte er, wie er sich an daS Podium gedrängt und versucht habe, mit seinem Krückstock Stadthagen ans Bein zu haken und herunterzuzcrren in den Knäuel seiner patriotischen Freunde.„Wenn wir ihn runtergckriegt hätten, dann wäre es ihm schlecht ergangen," versicherte Müller, seinen Krückstock vor dem Gerichtstische schwingend.— Der Vorsitzende. Landgerichtsdireltor Neuenfeld, sah sich veranlaßt, den Zeugen Müller eindringlich zu einem anständigen Verhalten vor Gericht zu crmahnen.— Müller behauptet, auS Furcht vor seinem Krückstock habe sich Stadthagen hinter die Gendarmen gefluchtet, zwischen ihnen„durchgeglustert" und weiter geschimpft. Diese Angabe wurde durch die Zeugen Kestert und Neumann als unzutreffend bezeichnet. Nach ihrer Angabe ist Stadthagen nach Auflösung der Versammlung an den Rand de? Podiums getreten und hat den Oberförster um Nennung seines Namens ersucht. Finsterwaldcr aber gab seinen Namen nicht an. Nun suchte Stadt- Hagen den Namen des Oberförster« von den Gendarmen zu er- fahren, verhandelte aber ohne Erfolg mit ihnen. Bon einem Ber- stecken hinter die Gendarmen kann nach Ansicht dieser Zeugen gar keine Rede sein. Auch Stadthagen bestritt ganz entschieden, dass er auch nur daran gedacht habe, hinter der Polizei Schutz zu suchen vor den konservativen Radaumachern. DaS sei doch in einer Ver- sammlung, deren Mehrheit auS Sozialdemokraten bestand, wirklich nicht nötig gewesen. Daß die Konservativen die Sprengung der Versammllung von vornherein geplant hatten, geht auch iwrauS hervor, dass Döring— wie er selbst angab—, nachdem ihm der Vorsitzende der Versamm. lung daS Wort als ersten Redner zugesagt hatte, seinen Freunden mitteilte, er bekomme daS Wort nicht, worauf diese weiter lärmten. Während sich die Klage Finiterwalder« auf die Worte Stadt- Hagen« stützt:«Frecher, unverschämter Lümmel", hat Stadthagen Widerklage erhoben, weil ihn Finfterwalder in der Versammlung der bemühten Unwahrheit beschuldigte, ferner, weil in der schrift- lichen Klagebcgründung behauptet w,rd, Stadthagen habe als Reichs. tagsabgcordncter zum Zweck der Verhetzung bewußt unwahre Be» hauptungen verbreitet; Stadthagen pflege zu verduften, nachdem er eine Hetzrede gehalten Kabe, Diskussion werde nicht zugelassen; weiter wird zu« Gegenstand der Widerklage gemacht, dass der Kläger bor dem Schöffengericht Stadthagcn beschuldigte, er habe sich hinter die Gendarmen verkrochen. Rechtsanwalt Ulbrich, der den Kläger vertrat, beantragte nach einer weniger an juristischen Erwägungen, als von politischen Enipfindungen beeinflußten Rede die Bestrafung des Angeklagten und die Freisprechung des Widerbeklagten. Rechtsanwalt Dr. Hcinemann, der Verteidiger Stadthagens, trat für die Freisprechung des Angeklagten ein. Diesem sei vom Kläger der denkbar schwerste Vorwurf, nämlich der Lüge, gemacht worden. Dass der Angeklagte darauf sofort in scharfer Weise reagierte, sei selbstverständlich. Er habe sich mit seiner Acusscrung gegen Finfterwalder in der Notwehr befunden. Denselben Standpunkt vertrat Stadthagcn, der in längerer Rede aus das Ergebnis der Beweisausnahme einging. Er wandte sich auch gegen die Begründung des Urteils erster Instanz, welches dem Kläger zubilligt, er habe den Ausdruck„bewußte Unwahrheit" in Wahrnehmung berechtigter Interessen gemacht.— �seine Interessen hätte der Kläger bercchtigterweise in der Diskussion vertreten können. Unberechtigt aber seien die durch seine beleidigenden Zwischenrufe verursachten Störungen. Auf der Seite des Klägers werde es jetzt so hingestellt, als habe sich der Zuruf„bewuhtc Unwahrheit" nicht auf die sachlichen Darlegungen, sondern darauf be. zogen, dass der Referent die Lage der Arbeiter als schlecht, als rechtlos bezeichnet habe. Es müsse doch festgestellt werden, ob ein konservativer Versammlungsbcsucher berechtigte Interessen vertrete» wenn er Ausführungen, die ihm nicht gefallen, als bewußte Un- Wahrheit bezeichne. Jedenfalls würde man einem Arbeiter, der in einer konservativen Versammlung die dort vorgetragenen Ansichten als bewußte Unwahrheiten bezeichnen würde, nicht Wahrnehmung berechtigter Interessen zubilligen. Das Urteil wurde noch nicht gefällt. Es soll erst am 21. Mai verkündet werden. Eine späte Beleidigungsklage, die noch aus dem vorjährigen Kellnerstreik in HappoldtS Brauerei- auSschank(Hasenheide) herrührt, sollte gestern vor dem Amtsgericht Berlin-Tcmpclhof verhandelt werden. Im Juli 1911 hatte der Pächter des genannten Ausschanks, der Ockonom Zabel, es erleben müssen, dass auch Kellnern endlich einmal die Geduld reißt, wenn sie vergeblich auf Erfüllung ihrer berechtigten Wünsche warten sollen. Ueber die Ursachen deS Streiks äusserte sich«in kleines Flugblatt, das damals besonders unter den Gästen des Herrn Zabel verbreitet wurde. Als der beim Berband Deutscher Gastwirtsgehilfen angestellte Gewerkschafts» beamte Vehr das Flugblatt im Lokal selber verteilte, wurde er von mehreren Gästen beschimpft und angegriffen. Einem dieser un- gestümen Beschützer des Oekonomen brachte sein Eifer eine Geld- strafe von L5 M. ein. Aber auch gegen Bchr sollte der Strafrichter mobil gemacht werden, weil Herr Zabel sich durch daS Flugblatt beleidigt fühlte. Da eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft nicht den gewünschten Erfolg hatte, so blieb nur übrig, dass Zabel selber klagte. Dem Angeklagten Vehr wurde zur Last gelegt, den Kläger Zabel beleidigt zu haben durch einige in dem Flugblatt enthalten« Aeusserungen über die Art, in der Herr Zabel den Kellnern die Forderungen bewilligt und dann die Bewilligung wieder zurück- gezogen habe, und über die Beschaffenheit der Kost, deren Abschaf» fung die Hauptforderung sei. Vor Eintritt in die materielle Ver- Handlung machte BehrS Verteidiger, Rechtsanwalt Heine, den Ein- wand der Verjährung. Schon mit dem erfolglos gestellten Straf» antrag sei, führte er aus, Zabel zu spät gekommen. Bchr habe das Flugblatt, wie in dem Verfahren gegen jenen Gast festgestellt worden sei, bereits am 17. Juli in dem Lokal verteilt; der Straf» antrag gegen Vehr sei aber erst am 19. Oktober, nach mehr als drei Monaten, bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Selbst wenn, wie Zabel unzutreffend angebe, der 19. Juli als Tag der Verteilung des Flugblattes in Frage käme, so sei für die Einreichung deS Strafanlragcs die vorgeschriebene Frist von drei Monaten nicht innegehalten worden. Die Judikatur sei darüber einig, dass inner- halb der drei Monate der Strafantrag einlaufen müsse, so dass in dem vorliegenden Fall spätestens am 18. Oktober der Antrag in die Hände der Staatsanwaltschaft hätte gelangen müssen. DaS Ol c eicht entschied, die Antragsfrist habe begonnen mit dem Tag, an dem Zabel Kenntnis von dem Flugblatt erhielt, und habe geendet nach Ablauf der drei Monate. Wenn Zabel spätestens am 19. Juli das Flugblatt kennen lernte, so sei mit Beginn des 19. Oktober, an dem der Antrag erst einging, die dreimonatige Frist bereits abgelaufen gewesen. Hiernach sei wegen Verjährung das Verfahren einzustellen, und der Kläger IjaÖe die Kosten zu tragen. Zum Kampf gegen die Arbeitertnrnveeeine. Einen ständigen Kampf haben in der letzten Zeit die Arbeiter- turnvereine in Potsdam und in Bornstedt und Bornim bei Potsdam zu führen gehabt. Beide Bereine wurden aufgefordert, ihre Mit- gliederlisten und ihre Statuten einzureichen, weil sie politische Ten- dcnzen verfolgten. Das letztere sollte daraus hervorgehen, daß sie in der„Brandenburger Zeitung" inserieren, daß sie dem Arbeiter- turnerbnnd angehören und dass sie zuweilen bei den sozialdemokra. tischen Vergnügen mitwirken; auch seien einige ihrer Mitglieder ausgesprochene Anhänger der sozialdemokratischen Partei. Während der Potsdamer Verein mit seiner Beschwerde gegen die polizeiliche Verfügung durch zwei bis drei Instanzen abgewiesen wurde, schwebt bei dem Bornimer Verein zurzeit die Sache noch. Der Potsdamer Verein denkt natürlich nicht daran, dem Wunsche der Polizei nach- zukommen und lauert nun schon seit mehreren Wochen auf ein Strafmandat, gegen das dann richterliche Entscheidung beantragt werden soll. Doch die Polizei wird sich jetzt schwer hüten, ein solches Strafmandat zu schicken. Hat doch dieser Tage vor der Pots- bamer Ttraftammer die Regierung einen Reinfall erlebt, der sie jedenfalls von weiterem Vorgehen gegen die Arbeiterturnvercinc kuriert haben wird. Der Vorstand de» Turnverein»„Freiheit" in Ketzin war nämlich aus dem gleichen Grunde wie oben geschildert mit einem Strafmandat bedacht worden, gegen das er Eini'vruck! beim Potsdamer Schöffengericht einlegte und von diesem freigesprochen wurde. Die Staatsanwaltschaft legte gegen dieses frei- sprechende Urteil Berufung ein, die dieser Tage vor der Potsdamer Strafkammer verhandelt wurde. Diese Berufung ist betoorfeu worden, weil der Beweis nicht erbracht werden konnte dass es sich um einen politischen Verein im Sinne des Reichsvereinsaciet-eS handele. Während das Schöffengericht keine �itts� Ätätiau� darin erblicken konnte, wenn der Verein sciiic Turnab-mde in Parteilokalen abhält und rn der sozialdemokraiisiben Vrcsie inseriert. stellte die Strafkammer fest, dass man aus der Zuachörigkcit des Turnvereins zum Ardeiterturnerbunde keine politische Tätigkeit herleiten könne.—— eingegangene Dnrekrehriften. Die Zeitschrift. Hest IS. Herausgeber a. Selms 50 Pf.«. S-nffen. Hamdurg�' � Die kriminelle Mruchtabtreibnna von«eb-imrat Pros. Dr. F. v. Winkel. 2 M.- Uusere Jrreuliänscr ston Dr. ß. M. Kötscher. 3 M. - Zuchrha"« nutz Gefängnis von M. Baehr. SR-- Dr- P- Langen- scheidt, Berlin W. 57. Marktbericht von Berlin am 18 Mai 1012, nach Ermillelung de« fönigl Polizeipräsidiums� lRa-ltballen preise. fKlemhandel) 100 Kilogramm Erbse», gelbe.>».»»ocken 34,00—50,00. Sv-iiebohne», iveigt, 35,00— 56,00. Linsen 10 00— S'uio Kartoffeln kikletnhdl.) L,0C— 13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Leu'» 1 70—2,40. Rindfleisch, vauchileisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1 40— 1 90" Kalbfleisch 1,40—2,00. Hammelfleisch 1.40-2,80. Bulter 2,40-3,20 60 Stück«!« 8,20-5,50. f Kilogramm Karpsen 1,00—2,40. Aale 1,60— 300«ander 1,60-3,00. Hechte 1,20— 2,6a Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,40�3,20. Bleie 0,80—1,40. 60 Stück Krebse 1,80—10,00. Jald-Mjl!" Conrad Krause Nciifg, Die Perle ana Ijaitgeii See w das Schmöckwitz. Bedeutend vergrößert. 2 große bieten Untectunit für 600 Personen. M unter Leit. des Herrn Willi Lilien, dal. Beauems Bahnverbindung von sämtlichen Stavlbahnhösen und üiörlitzer Bahnhos bis«Stchwalde-Tchmöckwid, von dort aus in 20 Minuten herrlichen Waldweges bis zum Lokal. Lnh. Erpst Ä'oaclc.* Säle sowie große RestaurationSräume Jeden Sonntag: Tanz-ReUNivN erstK!g.Ksl.?es k'n.drikiit! (Lival prL.ini!e?t, Ütsatsme�siile) � in allen Holz- u. Stilarten, von? wunderbar. Tonfülle(Flügelton)«z - PlUgal... 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Der Hauptkatalog Nr 44(Letzte Moden) kostenfrei Achtung! McherweiK! Achtnug! Die Fleischergesellen in Neukölln sind, nachdem alle Ver- suche, aus gütlichem Wege geregelte Arbeitszeit zu erhalten, gescheitert sind, in den Streik getreten. Folgende Fleischermeister haben die Forderungen der Gesellen anerkannt und den Tarifvertrag unterzeichnet: R. Lindner, Niemetzstr. 8 J. Paul, Boddinstr. 49 0. Loose, Stncjcbctfftr. 150 W. Riedel, Karlsgartcnstr. 2 E. Schlicht, Tcllstr. 13 0. Fonfara(Wurstsabriy, Berliner Straße 27 P. Lukascheck, Berliner Str. 28 W. Fischer, Zietenstr. 51 H. Jochmann, Zielenftr. 41 M. Kailer, Zietenstr. 23 H. RauoMeld, Zietenstr. 13 F. Klein, Kottbuser Damm 12 C. Flehmlng(ffiurftfabdf), Themas- strave 36 Paul Schwel, Steinmetzstr. 110. W. Rahn, Mahlower Str. 8 E. Schilde, tzerrsurtbstr. 23 F. Schmidt, Weichtclstr. 49 Reh. Jtrndt, Weichselstr. 57 st. öurck. Welchjelplatz 4 st. Surck(Filiale), Harzerstr. 118 H. Riete, galtstr. 20 W. Kräger, Hertzbergstr. 21 0. Schonbrunn, Richardfir. 61 P. Hennig, Knelebeckstr. 117 K. Tschepe, Knelebeckstr. 68/69 st. Belerfuß, SRcuterftr. 66 K. Kroll, Emserstr. 76 K. Stock, Smser Str. III st. Schmidt, Smser Str. 21. 0. Seifert, Hobrechtstr. 38 W. Rademacher, Hobrechtstr. 19 llu» der Liste gestrichen: P. Bai letzterer verzichtet, Der Ausschuß der GewerkschaftSkommliston Berlin« und Umgegend und die Zentralleituna de« Berdand« sozialdemo- kratischer Wahlvrreine haben ihre Zuliimmung zur Verhängung de« Bohfott« gegen solche Fleischermeister gegeben, welche die Forderungen der Besellen nicht anerkennen.' Arbeiter! Mitbürger! HanSsranen! Unterstützt daber die um eine ge- regelte Arbeitszeit streikenden Fleischergesellen. Kaust Sure Fleisch- und vurstwaren nur da, wo der Tarisoertrag unterschristlich anerkannt ist Latz! Such von den gleischermeistern nicht täuschen, wer nicht m der Aste ausgesührl, hat den Taris nicht unterzeichnet. 291/2» Bio StrolUloltuiix. Berlin, SItsabethftr. 11, IL Telephon: Amt KSnigstadi Sir. 3024. 0. Friedel, Prinz-Handjerystr. 87 J. stolz, Kaiser-Friedrichstr. 7 Vf. Dörr, Bodestr. 26 P. Gelle, Schudemastr. 42/44 P. Wonnoberger, Wcisesir. 21 F. Schieide, Scifeitr. 51 K. Gerlcch, Warthes!:. 70 G. Saft. Warlhestr. 58 Th. Pahnke, Warihestr. 73 W. Friedmann, Warthestr. 7 P. Jünger, Bürkncrstr. 5 A. Müller, Selchower Str. 28 J. Wasowicz, Selchower Str. 35 W. Fischer, Selchower Str. 1 F. Kubin, Donaustr. 15 M. Falkner, Donaustr. 7 1. Neukfillner Engros- Schlächterei, H ermann str. 114 0. Persike, Hermannstr. 169 B. Riedel, Hermannstr. 46 G. Seidel, Jögerstr. 7 P. Kuznik, Jögerstr. 59 M. Meier(Wwe.). Weserstr. 168 J. Blfimiein, Mareschstr. 14/16 E. Immrieh, Nogatslr. 14 st. K5nig, Nogatslr. 40 R. Kauer, Nogatstr. 31 E. Krause, Nogatstr. 23 J. Orth,©tu(er Str. 26 Gleich, Emser Str. 40 K. Träder, Aller str. 12 0. Weiland, Friedeistr. 46 W. Körle, WUdenbruchstr. 64 Mefter-EaiüaiirEr- Biiad SolMaritit. Ortsgruppe Berlin. Tonren zum 16. und 19. Mai, 1. Abt.: Am 16. 6 Uhr: Grabow« 1«: 1 Uhr: Birkenwerder.— Am 19. 5 Ubr: Buckow; 12 Uhr: Strans- berg(Hungriger Wols). Start: Bülowstr. 58. 2. Abt.: Am 16. 6 Uhr: Lücken- walde(Gesellschaftsbaus): 1 Uhr: Birkcnwerder(Paradiesgarten).— Am 19. 6 Uhr: Kienbaum(Abkochtour); 1 Uhr: Rahnstprser Mühle (ParadieSgartcn). Starr: Schönleiu« strage 6. 3. Abl.: Am 16. 7 Uhr; Streif- züge durch den Osten(Endziel Zerns- darf): 12'/, Uhr: Nauchfangswerder. — Am 19. 5 Uhr: Beelitz(Sana- torium): 1 Uhr: Wannsee(Fürsten- hos). Start: Laufitzer Platz 12. 4. Abt.: Am 16. 6'/, Udr: Hcrren- tour, Start: Küslriner Platz: iOUtir: Damentour, Start: Madaistraste, Ecke Fruchlstraße.— Am 19. 5 Uhr: Teupitz 1 1 Uhr: Sichwalde(Witte). Start: Küstriner Platz. 5. Abt.: Am 16. 4 Uhr: Rbein?. berg(Serrentour); 1 Uhr: Glienicke a. d. Nordbahn(Altermann).— Am 19. 6 Uhr: Wörl-See: 1'/, Uhr: Hirschgarten. Start: Elystum. 6. Abt.:?lm 16. 5 Uhr: Tcupitz: 1 Uhr: NichlcrShonz— Am 19. 6 Uhr: Rüdersdorf(Roll): 12'/, Uhr: Rahnsdorser Mühle. Start: Oder- berger Straße 28. 11/10 7. Abt.: Am 16. 7 u. 1 Uhr: P apenberge(Havellchtotz).— Am 19. 6 Uhr: Zühlsdorf(Zur Eisenbahn); 1 Uhr: Gorin-See. Start: schutstr. 29. 8. Abt.: Am 16. 5 Ubr: Grannsee: 1 Uhr: Birkenwerder(Paradies- garten).— Am 19. 7 Uhr: Kaputh; 1 Uhr: Wannsee(Fürstenhos). Start: Leoetzowstr. 21. 9. Abt.: Am 16. 12 Uhr: Mitten- walde.— 19.!>/, Uhr: Buch. Start: Swillingstr. 22. Jugendliche Bundesmitglieder: Am 16. Start: 1 Ubr Stralauer Brücke 3. Spielpartte nach Sadowa-Pserdebuchl. Für Nachzügler und Ellern von 3 Uhr an ebcndori.— Am 19. Start: 1 Uhr bei Lchmanu, Stralauer Brücke 3. Spiclparlie nach Pichelswerder(Alter Freund). Für Eltern und Nachzügler von 3 Uhr an ebenfalls dort. Neinickendorf. Am 16.(Perelnstour) 9 Uhr: triedrichsbagen. Start: 1. Abt.: charnwcbcistr. 87; 2. AbL: Am- endeftratze 83.— Am 19. 1. Abt.: 2 Uhr: Hriligensee. Start: Schorn- weberstratze 37; 2. Abt.: 2 Uhr: Blankesclde. Start: Hauptstr. 51. Hohenstaufsäle Caie und KeHtanrant. Täglich: Gnstav GottschalL- Konzert üaniorizitischo Kapelle. (uCsanK9vortrtt.g,'e. Sonntag: Oeffentl. Tanz. Jeden Donnerstag: (h'oker Ball mit Präsentverteilung:. 76KotlbuserDaiiiiii76 Amt Moritzplatz: 5024._ Vornehme BeKleiduns fertig und nach Maß trhalttn SU tu der mederam ülass- Schneiderei J. Kurzbers auf IVunteh Wochenrat», I Kusvalbalcr Strasse ilackecchez Markt Frankfurter AJIee 104 Sofce Frlederntr»»««. RelnlckendorferStr.4 Wcddlngplat«.__ kepplieckeu bewnderS preiswc:!. Größte AuSwahL Str»ftiaandol, Wallftr. 72. �T�Zeräntwöttüchcr lsteöaileur: Albert Wachs, Berlin. Für den Lnjer�teil verantw.: Zh. GlätkBerlt». Drucks.«erlag: Vorwärts Luchdruckere» u. VerlagSanftalt Paul Singer u. Co., Berlin SVL ft. 112. 29. Zahrgaez. eilqe öks Mmch. 15 m 1912. Partei- Angelegenheiten. Zur Lokalliste! In ZiegenhalS ici Niederlehme hat das Lokal von Heiß den Besitzer gewechselt: der jetzige Inhaber Älbert Merl- stellt das Lokal zu allen Veranstaltungen zur Verfügung; es wird ersucht, das Lokal m der Lokalliste nachzutragen._ Die Lokalkommission. Köpenick. Heute Mittwoch, abends S'/a Uhr. im Stadt-Theater: Versammlung. Der Vorstand. Biesdorf. Heute, abends S'/z Uhr: Zahlabend bei Friedrich Haack. Marzahner Straße.* � v* u ßerllner Nad>nchtesi. Das Strafgefängnis in Tegel. Aus einer Schule, die viele Berliner Genossen in reiferem Lebensalter besucht haben, darf man zu Nutz und Frommen der Nachfolger ruhig plaudern. Erst ein Dutzend Jahre öffnet das imposante, freilich seinen Charakter auch äußerlich sofort verratende Bauwerk an der Tegeler Landstraße seine Pforte den armen Sündern, die sich am Staatswesen und an den Mitmenschen vergangen haben, oft nur vergangen haben sollen. Tie Tegeler Strafanstalt, die in ihren äußeren wie namentlich in den inneren Einrichtungen einen Typ im preu- ßischen Gefängniswesen darstellt und späterhin für manche andere Gefängnisbauten als Vorbild gedient hat, wurde in den Jahren 1896 bis 1899 mit einem Kostenvufwande von über 3 Millionen Mark errichtet. Die vier Meter hohen Mauern, nur einmal von dem Torgebäude unterbrochen, ziehen sich auf �etwa 6 Hektar Fläche in einer Länge von nicht weniger als 859 Metern hin. Die gesamte Anlage umfaßt einschließlich des außerhalb der festen Umwehrung gelegenen Komplexes mit den Wohnhäusern und Wirtschastsgärten für die Beamten etwa 12 Hektar. Das Torgebäude enthält auch die Telephonzentrole und die Alarmvorrichtungen. Letztere sind besonders vervollkommnet, nachdem man in Tegel den ersten praktischen Versuch gemacht hat, ohne die sonst in Ge» fangnissen übliche Militärwache auszukommen. Dafür sind sämtliche Unterbeamte nüt Revolvern und Karabinern aus- gerüstet. Um jedoch gegen Revolten und„sonstige plötzliche Zufälle" gesichert zu sein, ist das Gefängnis mit der Kaserne des Luftschifferbataillons und mit derjenigen der Garde- füsiliere durch direkte Telephonleitung verbunden. Die eigentliche Strafanstalt ist nach dem System erbaut, daß die einzelnen Flügel an einem Mittelpunkt zusammen- treffen und von diesem in seiner ganzen Ausdehnung über- sehen werden können. Sie zerfällt in das Gefängnis I, wo nur Haststrafen verbüßt werden, mit 15 Kubikmeter Luft- räum jeder Einzelzelle, in das Gefängnis II für langfristige Strafen(22 Kubikmeter), das Gefängnis III für kürzere Strafen(18 Kubikmeter), endlich in das Gefängnis IV, das für die Gemcinschaftshast von 127 Internierten bestimmt ist. Jede der ersten drei Gefängnisstationen unterscheidet lange Flügel mit durchweg Einzelzellen und kurze Flügel mit Dis- ziplinarstrafzellen sowie Schlafzellen für Außenarbeiter. Tie Station I enthält 457 Einzel- und 49 Schlafzellen. Station II 444 Einzel- und 42 Schlafzellen, Station III 498 Einzel- und 99 Schlafzellen. Zum Gefängnis IV gehört die Zentral- bäckerei für sämtliche Berliner Gefängnisse, die täglich rund 6999 Personen zu versorgen hat. und die für einen Bedarf von 1699 Personen eingerichtete Anstaltsküche. Ten Abteilungs- bureaus sind die kürzeren Flügel in den drei Hauptstationen zugewiesen, das Hauptbureau befindet sich zugleich mit der Anstaltskiiche, deren beide Türme den Gesängniskomplex weit überragen, im Erdgeschoß des Mittelpunktes der Gesamt- anlage. Selbstverständlich haben sich hier auch die religiösen Verschlimmbesserer häuslich eingerichtet. Die Kirche weist über 499 Terrassensitze auf, die so'angelegt sind, daß die Ge- fangenen sich nicht sehen können, und drei Chöre für die Beamten. Die Insassen sind nur erwachsene männliche Bestrafte. Wer länger als drei Jahr? zu„sitzen" hat und sich mit der Einzelhaft nicht einverstanden erklärt, kommt nach Plötzensee. Von allen, die noch besserungsfähig sind oder nur mal im Ausnahmefall gefehlt haben, wird jedoch die Einzelhaft aus erklärlichen Gründen entschieden vorgezogen. Beim täglichen Spaziergang ist natürlich ein kurzes Zusammentreffen mit Gewohnheitsverbrechern nicht zu vermeiden. Eine Neuerung im Gefängniswesen ist, daß von den meisten Bestraften die Reise im Polizeipräsidium angetreten wird. Von hier kommt der Tcligucnt, nachdem er sich freitvillig gemeldet hat oder eingezogen werden mußte, in den mit 22 Sitzzellen aus- gestatteten grünen Transportwagen der Straßenbahn, die sogen,„elektrische Minna" oder..dicke Marie", dir.kt hinter das Gefängnistor, wo die übliche Bcwillkommnung mit Per- sonalausnahme, Pflichtbad, Desinfektion, Einkleidung. Zellen- Zuweisung und Arbeiteverteiliing stattfindet. Persönliche Wünsche in bczug aus Arbeit sollen bei erstmalig Bestraften nach Möglichkeit berücksichtigt werden. An Arbeit, hauptsäch- lich für Staatsbehörden, ist niemals Mangel. Es gibt da u. a. eine Möbeltischlerei, eine Kuvertfabrik, eine Druckerei. eine Werkstatt für Eiscnbahnbedarfsartikel. eine Buchbinderei. Korbflechterei. Stnimpfstrickerci und Trahtbinderei arbeiten vorwiegend für Privatunternehmer. Dos Krankenhaus kann in fünf Sälen und II Eiuzelzellen mehr als 49 Kranke auf- nehmen, auch 5 Tobzellen für„wilde Männer" sind vor- gesehen._ Die Wahl des Oberbürgermeisters wird in der heute abenv stattsindenden Stadtverordneten- verlammlimg erfolgen. Herr Mermuth hat in einem längeren Exposö sich über seine Absichten auf kommunalpolitischem Ge- biete verbreitet, das aber im wesentlichen auf die Beteuerung hinausläuft, seine ganze Kraft in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Das ist aber eigentlich selbstverständlich. Die bürgerlichen Fraktionen haben die Wennuthschen Erklärungen. wie es heißt, mit„großer Befriedigung" entgegengenommen und ihre Mitglieder werden ausnahmslos Herrn Mermuth wühlen. Sie wollen dies tun, auch wenn Herr Mermuth keinerlei Erklärungen abgeben würde. tkinschncidcndc Aendernngcn in der Psychiatrischen Abteilung der Königlichen Charite sind von dem neuen Direktor derselben, dem am 1. April aus Breslau berufenen Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Bonhöffer, zu erwarten. Schon seine kürzlich ge- holtene Antrittsvorlesung, die nach altem Brauche einen kurzen, allgemeinen Vortrag über das psychiatrische Gebiet brachte, ließ deutlich erkennen, daß hier fortan ein anderer Wind wehen soll. Der Vortragende betonte, daß die Psychiatrie wohl dos einzige medizinische Gebiet sei. wo der Arzt oft allein aus den subjektiven Beschwerden des Kranken die Diagnose stellen müsse, und daß kein anderes Fach so sehr lehre, den ganzen Menschen zu erfassen. Be- kanntlich wird gerade in letzterem Punkte außerordentlich viel ge- sihiiigt, da die meisten Psychiater, selbst solche in hervorragendster Stellung, eben nicht den ganzen Menschen zu erfassen verstehen, sondern sich ihr Urteil aus einzelnen herausgerissenen Eigenschaften und Handlungen bilden. In weiteren Hör saalvor trägen hat Pro- fesior Bonhöffer ganz unzweideutig ein starkes Mißtrauen gegen die an öffentlichen und privaten Anstalten wirkenden Irrenärzte durchblicken lassen. Besonders scheint er von der städtischen Irren- anstatt Buch und deren Leitung nichts weniger als entzückt zu sein. Die Charite liefert zufolge ministerieller Anordnung neuerdings solche Patienten, die der längeren AnstaitÄnternierung bedürftig find, nicht mehr, wie seit Jahrzehnten, nach der Jrrenanswlt Dall- dorf, sondern nach Buch Geheimrat Bonhöffer beschränkt aber diese Ueberführungen auf das allernotwendigste Maß und entläßt lieber die zur Beobachtung eingelieferten Patienten, als daß er sie für gut genug hält, um sie den Irrenärzten zu Wahrscheinlichkeit�- cxperimenten zu überweisen. In weiteren Vorträgen kam unver- blümt zum Ausdruck, daß die Anstaltsärzte unfoßliche Gutachten abgeben. Dies gilt freilich auch von Universitätsauwritäten, denen zuweilen so etwas wie ein„Autoritätswahn" anhaftet. Im allgemeinen haben kundige Thebaner den Eindruck, daß Geheimrat Bon- höffer, der aus Anlaß des noch unvergessenen Frrenhausfvlter- Prozesses in der Oeffentlichkeit scharf angegriffen wurde, gleich manchen anderen hochgestellten Psychiatern vor dem Sturmlanf der modernen Jrrenrechts-Resormbewegung eine kluge Schtvenkung vollzieht. Wichtige Aenderungen sind auch in der inneren Verwaltung geplant. Die beiden Beobachtungsabteilungen für Männer und Frauen zählen je 80 Betten und ein Wärterpersonal von je 32 Köpfen. Obwohl jede dieser beiden Abteilungen um 30 Betten vergrößert werden soll, beabsichtigt Professor Bonhöffer, da» Per- sonal auf je 22 Köpfe zu verringern, so daß au-s je fünf Bette« nur ein Wärter bezw. eine Wärterin käme. Äis wird von detrjen-igen, welche die besonderen Verhältnisse cm der Charite au» jahrelanger Erfahrung kennen, für verfehlt gehalten. Unter den Eingelieferten befinden sich regelmäßig viele Patienten, die groß« Anforderungen an Pflege und Behandlung stellen. Der sonst übliche Maßstab von 6:1 ist daher hier nicht anwendbar. Wie es heißl� stößt denn auch Professor Bonhöffer mit dieser Absicht, die zur Entlassung von Personal führen müßte, bei der Charitedirektion auf Widerstand. Ferner soll in der Abteilung fiir männliche, nicht zu strafrechtlicher Beobachtung eingelieferte Kranke neben dem Oberpfleger auch ein« Oberpflegerin eingestellt werden, wogegen sich nichts einwenden läßt.— Die Leitung der Nerven-Polikiinik an der Charite ist dem Oberarzt Dr. Forster, der als Gegner der radikale« IXeberpsychiotrie gilt, übertragen worden. Ein Blumentag soll am kommenden Sonnabend auch in Friedenau veranstaltet werden. Die dortigen Wohltätigkeitstiger haben es sehr eilig. Sie befürchten wohl, daß andere Leute ihnen zuvorkommen und das Feld abgrasen. Man kann nur wünschen. daß diese neue Auflage deS Blumentages gründlich ins Wasser fällt. ES wird ja zweifellos von Damen und Dämchen noch erbeb- liches Geld zusammengebettelt werden, aber viele Angeschnorrte werden sich doch zugeknöpft zeigen, nachdem im preußischen Ab- geordnetenbause der liberale Pastor Dr. Runz« erklärt hat, eS seien bei der Verwaltung der eingegangenen Gelder so große Ver- untreuungen vorgekommen, daß die Gelder nicht für die Veteranen, sondern zur Deckung dieser Veruntreuungen verwendet werden mußten. Frühere Straßrnbahnveriindung nach dem Spnndauer Bock ist vom 15. April as eingeführt worden Zwei Wagen der Linie R ver- lehrten bereits um 6" und T12 ab Kilhelmsplatz nach dem Spandauer Bock. Die Neuerung stellt zunächst nur«inen Versuch dar, die dauernde Einrichtung der früheren Verbindung wird von der Be- setzung abhängig gemacht werden. Ein aufregender Vorgang hat sich in Nieder-Gchöne- weide abgespielt. Ein junges Pärchen, da» von Berlin gekommen war, hatte auf dem Wege durch Schöneweide«inen erregten Streit gehabt. Als die beiden dann den Kaisersteg passierten, stürzt« sich der Bräutigam plötzlich über dos Geländer hinweg an« beträchtlicher Höhe in die Spree hinab. Mit Hilfe des NetlungSkahne« versuchten mehrere Männer, den Selbstmörder den Fluien zu entreißen, doch jede Hilfe kam zu spät. Der Lebensmüde war inzwischen unter- gegongen und kam nicht wieder an die Oberfläche. Die Begleiterin halte eS vorgezogen, sich zu entfernen. Wie festgestellt wurde, war sie eiligst nach dem Bahnhof zurückgegangen und wieder nach Berlin gefahren. Die Leiche des Selbstmörders konnte bisher nicht ge- borgen werden. Arg enttäuscht wurden am Sonntag die Besucher deS Flugplatzes Johannisthal. Den Besuchern war bei Erlegung deS Eintrittsgeldes versichert worden, daß am Sonntag geflogen würde, wenn die Luft' Verhältnisse das gestatten. Nun war es gegen abend windstille. aber geflogen wurde nicht. Die Besucher fühlten sich schwer benach- teiligt. Der Grund lag daran, daß die Flieger sich weigerten, zu fliegen, weil bestimmte Wünsche nicht erfüllt waren, insbesondere weil eS an genügenden sanitären Einrichtungen fehlte. Die Direktion de« Flugplatzes war von den Flugzeugführern vorher in Kenntnis gesetzt worden, daß letzlerr ihre Forderung auf An- slellung eines ArzteS durch eventuellen Verzicht auf das Ausfliegen des Sonntagspreises unterstützen würden. Hiernach»st es doppelt zu verurteilen, wenn die Direktion des Flugplatzes den Besuchern 1 M. abnahm, ohne ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Unterschlagung vo» Postgrldern. Beim Berliner Haupttelegraphen- aml sind geiieru früh Fälschungen und Unterschlagungen etnes flüch- tigen Telegraphenassisiciiten aufgedeckt worden, die bereits 5000 M. übersteigen, aber walirscheinlich noch beträchtlich größeren Umfang annehmen dürften. Der Angelegenheit liegt folgender Tatbestand zugrunde: Vor drei Tagen berschivand ans seiner elterlichen Wohiiuitg in der Biebrickislraßc 9 zu Neukölln, der 23 Jahre alle Telegraphenassistent Fritz Blunck. Die Eltern nahmen einen Selbst- mord an und machten der Postbehörde davon Mitteilung, doch ließen sich zunächst keinerlei Verfehlungen feststellen. Erst gestern früh entdeckte die Behörde, daß Blunck telcgraphische Geld anweiiuilgcn gefälscht und die Beträge unterschlagen hat. Die Spur der Unterschlagungen führte zur Eunilleluitg eines 21 Jahre alten Reisenden Gerhard Rabe, der gleichfalls in Neukölln. Wipperstr. 20, wohnte. Aber auch dieser ist am gleichen Tage wie Blunck ver- schiounden und da beide eng befreundet waren, haben sie vermutlich gemeinsam die Fälschungen und Unterschlagungen begangen und sind gemeinsam nach dem Ausland geflüchtet. Vlur.ck ist von schmächtiger Figur, hat liesschwarzes Haar, medrige Stirn und schwarzen Schnurr- bari. Sein Komplice, der Bilderreisende Gerhard Rabe, ist 1,65 Meter groß, trägt schwarzgescheiieltcs Haar nnd ist bartlos. Nach einer späteren Meldung ist es der Polizei gestern abend gelungen, den Nabe zu verhaften. Der TobcSsturz deS Fliegers Pachniayr veranlaßt die Flug- werke Haefclin u. Co. zu folgender Erklärung:„Wir habe« mit vollster Absicht bisher zu den teilweise den wahren Sachverhalt direkt auf den Kopf stellenden Berichten verschiedener Zeitungen über den Unfall unseres Flugschülers Pachjmayr geschwiegen, weil wir am offenen Grabe unsere Rechtfertigung für unangebracht hielten. Auf dem gleichen Apparat, der übrigens nicht unser neuestes Modell, sondern lediglich ein modernisiertes Modell 1911 war, flog am Abend vorher unser Fluglehrer 29 Minuten in einer durchschnittlichen Höhe von 150 bis 200 Meter in allerbester Form. Um es diesem Herrn gleich zu tun, ließ des anderen Morgens, trotz- dem es regnete und neblig war und obwohl keiner aller anderen Flieger oder Flugschüler deshalb einen Flugversuch machte, der Ver- unglückte den Apparat aus dem Schuppen fiihren uno flog trotz Warnungen mehrere Runden. Er mußte wegen Kurzschlusses im Magneten, welcher durch den Regen verursacht worden war, landen. Nach der Reparatur stieg er wiederum auf und beschrieb eine sehr enge Runde in der von allen Fliegern wegen ihrer ungüntstigeir Windverhältnisse gemiedenen Waldecke, geriet dabei offensichtlich zu uabe in den ihm durch den Nebel etwas verdeckten Wold und ließ sich in dem plötzlichen Schreck hierüber zu einer falschen Steuer- bewegung verleiten. Leider stellt« sicv erst später heraus, daß der Abgestürzte sehr schlechte Augen hatte. Obwohl wir während der ganzen Zeit des Bestehens unserer Firma bezw. der vorhergegan- genen Versuchsgesellschaft niemals einen ernsten Unfall zu beklagen hatten!, hat eine bestimmte Konkurrenz sich bemüßigt gefiihlt, den vorgenannten bedauerlichen Unglücksfall zu einem Vorgehen gegen unsere Firma zu benutzen, um uns geschäftlich mimöglich zu machen. Wir sind sicher, daß uns kein Unparteiischer einen wirklichen Vor- Wurf wird machen können. Das endgültige Urteil werden die zu- ständigen Gerichte sprechen, welche wir angerufen haben." Aus Berschel, aogeschiffen. In der Werkstatt des Schuhmacher« meisters Eduard Sch., Joachim-Friedrich- Straße zu Halensee, er» eignete sich, anscheinend durch einen unglücklichen Zufall, ein bedauernswerter Borsall. Der Meister hatte sich eine Browning- Pistole angeschafft, und diese wollte er gestern ausprobieren. Der Geselle, der in Neukölln wohende Julius Schmidt, der bei dieser Probe zugegen war, interessierte sich auch für die Scbießversuche; er stand deshalb ziemlich nahe bei seinein Meister. Dieser mutz nun während eines Augenblicks die nötige Borsicht außer acht gelassen haben, denn plötzlich löste sich ein scharfer Schuß, und mit einem lauten Aufscbrei brach der Geselle, von der Kugel getroffen, zu- sammen. DaS Beschoß war ihm in den Leib gedrungen. Man brachte den Verwundeten zu dem benachbarten Arzt Dr. Simonstein, der ihn in seine Klinik überführen ließ, mn eine Operation— es bandelt sich um einen Leberschuß— vorzunehmen. Die Operation wurde jedoch noch nicht vorgenommen, weil der Allgemeinzustand des Verletzten, der zu ernsten Bedenken Anlaß gibt, sie bisher nicht zuläßt. Stellung»- und Mittellosigkeit haben den 26 Jahre alten Hand» lungSgehilfen Heinrich Rehmann aus der Linienstraße 15S in den Tod getrieben. Der junge Man«, der aus Wismar hierher ge- koiirmen war, hatte seit vier Wochen keine Arbeit mehr. Nach Auf- zehrung aller seiner Mittel klagte er seiner Wirtin wiederholt, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich zu erschießen. Die Frau versuchte umsonst, ihn zu beruhigen und ihm Hoffnung einzuflößen. In der vergangenen Nacht griff der Verzweifelte zum Rwolver und erschoß sich im Toilettenraum einer Bierwirtschaft in der Friedrich- straße. Arbeit»- un» MitteNofigkett haben den 32 Jahre alten Arbeiter und Kutscher May Lehnert au» der Schliemannstr.»9 in den Tod getrieben. Der Mann verlor vor einem halben Jahre seine Stellung, die er lange Zeit inne hatte. Seitdem bemühte er sich vergeblich um feste Beschäftigung. Gelegentliche Arbeit, die er zuwetlen zur Aushilfe fand, reichten nicht für den Lebensunterhalt. Schiuermültg geworden, erhängte er sich gestern mit einer Gardinenschnur am Bettpfosten. Ein tödlicher Straßenunfall ereignet« sich Montan nachmittag an der Ecke der Gr. Frankfurter und Littauer Straße. Als die Ehefrau Marie, geborene Grahmann, des Stallmanne» Dsiddan aus der Mirbachstr. 60 auf dem Wege zum Einholen vor dem Hause Gr. Frankfurter Straße 122 den Damm überschreiten wollte, wurde sie von einem Radfahrer angefahren und mit dem Kopfe so heftig auf die Straße geschleudert, daß sie einen Schädelbruch erlitt und o besinnungslos liegen blieb. Man bracht« die Schwerverletzte mit einem Wagen nach der Charite, wo sie im Laufe der vergangene» fcxcht starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Wer sind die Tote«? AuS dem Wasser gelandet wurde« die Leichen zweier Männer, deren Persönlichkeit noch nicht festgestellt werden konnte, die eine an der Neuen Schleuse bei Plötzensee, die andere an der Spreemündung bei Spandau. Die erste hat wohl schon monatelang im Wasser gelegen, wurde jetzt durch einen Bagger emporgebracht und ist schon sehr stark verwest. Die zweite ist noch frischer und leichter zu erkennen. Hier handelt es sich um einen Mann von etwa 25 Jahren, der dunkelblonde» Haar hat und eine dunkle Hose, graue Strümpfe nnd Gummizugstiefel trug. Für 3006 M. Uhren und Goldwaren erbeuteten Einbreche« bei dem Juwelier A. Mctke in der Warschauer Straße 67. Sie dran- gen vom Hausflur ein, indem sie dort die Lcrdentür erbrachen, trafen ungestört ihre Auswahl und verschwanden wieder, ohne daß jemand von ihrem Auftreten auch nur das geringste vernahm. Im Streit erschlagen hat gestern abend der 29 Jahre alte Bier- fahrer Karl Prusack aus der Landsberger Allee 8 den 43 Jahre alten Bierfahrer Otto Klostcrmeyer aus der Piittschstraße 16. Beide Leute waren bei der Patzenhofer Brauerei beschäftigt. Als sie gestern nach ihrer Rundfahrt in der Kantine abrechne ren, gerieten sie in Streit. Klostermeyer, der als zänkischer Mensch seinen Kol- legen bekannt war und sehr oft Händel suchte, warf dem Prusack immerfort Scbimpfworte an den Kopf. Das versetzte den Prusack in eine solche Wut. daß er drei auf dem Tische stehende Henkelgläser ergriff und sie Klostermeyer auf den Kopf schlug. Durch die große Wucht des Schlages zersprangen die Gläser in Scherben, einige Stücke drangen dem Angegriffenen in den Kopf, so daß sein Schädel gespalten wurde und er besinnungslos zusammenbrach. So» fort rief man den dem Tatort gegenüber wohnenden Arzt Dr. Blumenthal, der versuchte, das in Ströme« fließend« Blut zu stillen. Dann ließ er den Schwerverletzten mit einem Wagen nach dem Krankenhaus am Friedrichshain bringen. Auf dem Wege dorthin verstarb dieser aber schon. Die Aerzte im Krankenhause konnten nur noch seinen Tod feststellen und ließen die Leiche gleich nach dem Schauhause bringen. Prusack, der das Opfer eines Wut- anfalles geworden ist, stellte sich gleich nach der Tat der Polizei. Beide Männer sind verheiratet und Familienväter. Serloren wurde am Sonntag in der Versammlung bei Ludwig, Treptow, ein Damenschirm. Abzugeben Stralauer Platz 1/2, Wahl» vereinsbnreau. Die Abteilung VIII(Theateraitcilung) be» Pollzeiprifibi««» verlegt am 20. und 21. d. M. ihre Dieusträume nach dem Polizei» dienstgebäude Magazinstr. 8/5(3. Stockwerk). Da der Geschäfts» betrieb nur in ganz beschränttem Umfange aufrecht erhalten werden kann, werden au diesen Tagen weder Anträge entgegengenommen noch Auskünfte erteilt. Auch kann das Publikum zu Rücksprachen nur in ganz eiligen Fällen empfangen werden. Vorort- Naclmcbtei*« Schtjftebcrg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst wurde zur Kenntnis gebracht, daß die Einrichtungen des opulenten Badehauscs im Auguste-Vikloria-Krankenhause weiteren Kreisen der Bürgerschaft gegen angemessene Entschädigung zugänglich gemacht werden können. ES soll in geeigneten Fällen Personen, die im Krankciihouse be« handelt worden sind und einer Nachbehandlung durch Bäder auf ärztliche Anordnung bedürfen, Bäder verabfolgt werden. Patienten III. Klasse zahlen l.Ml M. pro Bad, II. Klasse 3 M. und I. Klasse 4 M. Dadurch soll versucht iverden, die außerordentlich hohen Kosten, die das Badehaus verursacht, herabzumindern. Diesem Antrage wurde zugestimmt. Die Diphtherie-Epidemie iär vergangenen Jahre hat durch die Herausgabe von Merkblättern und anderen Unkosten eine Ucberschreitung der Etatsmittel gebracht. Genosse K ü t e r stellte die Anfrage, ob die Epidemie erloichen ist und was für Maßnahmen gclroffcn sind, um einen weiteren Ausbruch zu verhüten. Stadtrat Li a b n o w betonte, daß in den Schulen kaum noch ein Er- krankungsfall vorgekommen sei. Die Tätigkeit der Schulschwester habe mit bewirkt, daß jeder Fall zur Kenntnis gebracht und für Auf- klärung Sorge getragen werde.— Die Mittel wurden bewilligt.— Um die 12 Millionen-Anleihe besser unterzubringen, wird empfohlen Anleihescheine zu 200 und 100 M. herauszugeben. Dem wurde zu- gestiinnit. Die liberale Fraktion beantragte die Einsetzung eines Aus- schusses. der die Geschäftsordnung der Stadtverordnetenversammlung einer Prüfung unterzieht.— Zobel sLib.) versicherte, es handele sich nicht um Schaffung eines Hausknechtsparagraphen, sondern um eine Modernisierung der Ordnung.— Genosse Molkenbuhr hält die Geschäftsordnung gleichfalls einer Reform für bedürftig, da verschiedenerlei Unklarheilen darin enthalten seien. Es wurde dem- gemäß beschlossen und die Genossen Bernstein, Mohs und Molken- buhr in den Ausschuß delegiert. Die Gemeinde Boldixum-Wyk beabsichtigt eine Strand- mauer zu errichten, um gegen Sturmschäden besser gesichert zu sein. Die Stadtgemcinde Schöneberg ist wesentlich daran interessiert, da das Kinder-Eiholnngsheim hierbei mit in Frage kommt. Dem Per- trag soll zugestimmt werden. Die Gemeinde Boldixum überläßt der Stadt Schömberg die ausschließliche Ausübung des Strandrechts vor dem Scvöneberger Grundstück, ferner das ausschließliche Bade- recht; anderen Personen ist das Baden an dieser Stelle nicht zu gestatten. Für die Ueberlassung des Strand- und Baderechts ist eine Abgabe an Boldixum nicht zu entrichten. Für den Bau der Strand- mauer werden 8000 M. und für die Beseitigung der Sturmschäden 2150 M. bewilligt. Das Genesungsheim für Tuberkulose in Sternberg mußte eriveitert werden, da die Zahl der an Tuberkulose Erkrankten wesentlich gestiegen ist und auch das städtische Krankenhaus entlastet werden sollte. Der Neubau ist fertiggestellt und sollte von den städtischen Körperschaften besichtigt werden. Die Woblfahrtsdeputation hatte beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, außer den DepulationS- und MagistratSmitglicdern auch eine Kom- Mission von 13 Stadtverordneten zu entsenden.— Bester slib. Fr/ hielt eS für genügend, wenn nur die Mitglieder der Wohlfahrtsdeputation an der Besichtigung sich beteiligten.— Genosse Küter war gegen- teiliger Meinung. Gerade für die Stadtverordneten sei es erforderlich, derartige Anstalten zu besuchen, um aus eigener Anschauung mitreden zu können. Nachdem die Stadtv. Bamberg, Starke, Zobel dagegen gesprochen, wurde beschlossen, nur die Deputation zu ent- senden. Hierauf wurden die Genossen Hoffmann und Küter in die Berkehrsdeputalion, Küter und Reiche sowie Knobloch in die Straßenreinigungsdeputation und Hoffmann in die Parkdeputation gewählt. ES folgte eine geheime Sitzung. Charlottenburg. Polizeilich beschlagnahmt wurde die Leiche des in der Nacht zum Monrag plötzlich verstorbenen Kaufmanns Gustav Strobel auS der Berliner Str. 48. St., der im 46. Lebensjahre stand, hatte am Sonnragnachmittag eine mehrstündige Fußwanderung durch den Grunewald unternommen und war gegen 7 Uhr nach Hause zurück- gekehrt. Der Kaufmann spielte dann noch mit seinen Kindern, aß Abendbrot und begab sich, nachdem er noch ein Bad genommen hatie, zur Ruhe. Gegen 3 Uhr nachlS erwachte er plötzlich und wollte, da er sich nicht wohl fühlte, aufstehen. Kaum hatte St. das Bett verlassen, als er plötzlich leblos zu Boden sank. Da ein herbei- gerufener Arzt die Todesursache nicht niit Sicherheit festzustellen vermochte, wurde die Leiche polizeilich beschlagnahmt und zwecks Obduktion nach dem Schauhause übergeführt. Neukölln. In demokratischen Berdrehnngskünsten übt sich Herr Roß in der letzten Nummer des„Freien Boll" gegenüber der Sozialdemo- kratie. In dem Artikel„Eine lehrreiche Wahlgcschichte" stellt der- selbe so ziemlich alles auf den Kopf, was sich zwischen Demokraten und Sozialdemokraten abgespielt hat. So wird zu Beginn des Artikels gleich folgende Behauptung aufgestellt' „Als im Jahre 1808 die Rixdorfer Stadtverordneten den be- rüchtigten Wahlrechtsraub durch eine Aenderung des Ortsstatuts einleiteten, war der demokratische Verein erst wenige Monate alt und zählte nur 70 Mitglieder. Trotzdem hielt es die Sozialdemokratie für angebracht, uns um Unter. stützung anzugehen, weil sie deren moralischen Wert seitens bürgerlicher Politiker wohl zu w ü r d ig e n wußte." Die Wahrheit liegt auf der entgegengesetzten Seite. In der Neucn-Wxlt-Versummlung, welche am 18. März 1803 zum Protest gegen den Wahlrechtsraub stattfand, wurden unsere Genossen von den Demokraten gebeten, daß von unseren Parteigenossen ihre Pla- kkate zu einer Protestversammlung gegen den Wahlrechtsraub ver- teilt werden möchten. Ein Wunsch, den unsere Genossen ohne weite- res erfüllten. Auch die Anregung zu dem gemeinsamen Vorgehen bei den Stadtverordnetenwahlen von 1810 ist von den Demokraten ausgegangen. Wenn es der Raum des„Vorwärts" zuließe, wären wir gern bereit, den gesamten Schriftwechsel zwischen den Demo- kraten und unseren Genossen zu veröffentlichen, um das Gegenteil von dem zu beweisen, was der Artikelschrciber behauptet.. In dem Artikel wird dann weiter behauptet, daß die Demokraten bei allen Prozessen Schulter an Schulter mit der Sozialdemokratie ge- kämpft haben. Wenn Herr Roß schon„lehrreiche Wahlgeschichte" schreibt, dann muß man schon verlangen, daß er genau bei der Wahrheit bleibt. Allerdings haben die Demokraten in dem letzten Stadium des Wahlrechiskampfes gegen die Stadtverordnetenver- sammlung geklagt. Wir behaupten sogar, daß die Demokraten den Prozeß hätten beschleunigen können, wenn sie bei den ersten Wahlen unter dem Wahlrechtsraub, die damals im Nordbczirk der zweiten Abteilung stattfanden, und bei denen die Demokraten unterlegen waren, die Ungültigkeit der vollzogenen Wahlen im Verwaltungs- streitvcrfahren angefochten Hütten. Dadurch wäre die letzte Klage der Sozialdemokratie auf Ungültigkeit der 28 Mandate von 1910 überflüssig gewesen. Diese zweite Behauptung ist genau so hin- fällig und mit der Wahrheit in Widerspruch stehend wie dif_erste. Aber es tommt noch schöner. Ucber den Wahlausfall bei den Stadt- verordnctenwahlen von lOlO stellt der Artikelschreibcr folgende sinnige Betrachtung an, er schreibt: „Schon damals gab uns zu denken, daß die gemeinsamen Kandidaten in dem für absolut sicher gehaltenen Südbezirk mit etwa 20 Stimmen gegenüber den Wahlrechtsräubern unterlagen, weil eine größere Anzahl- von Sozialdemokraten, darunter sogar ein Stadiveroröneter, ihr Wahlrecht nicht ausübten." Damit soll also bewiesen werden, daß die Sozialdemokratie 1910 genau so unzuverlässig gewesen ist, wie mau es jetzt den Demo- kraten zum Vorwurf macht. Aber auch diese Verdächtigung steht mit der Wahrheit auf dem Kriegsfüße. Zunächst hat von den Sozialdemokraten keiner behaupten können, daß der Südbezir! ab- solut sicher zu erobern wäre, sondern es ist stets gesagt worden, wenn wir Erfolge zu erwarten haben, so wäre der Südbezirk der einzigste Bezirk, den wir eventuell erobern könnten. Und der Wahlausfall hat bewiesen, daß der Südbezir? der günstigste Bezir? gewesen ist, da wir mit nur LI Stimmen hinter den Wahlrechtsräubern zurück- blieben. Wenn aber der Artikelschreiber dann weiter sagt, daß eine größere Anzahl— wieviel denn? 22 oder 100?— Sozialdemokraten sich nicht an der Wahl beteiligt hätten, so muß man sich über die Unverfrorenheit wundern, mit der das behauptet wird. Bisher haben wir stets von den Demokraten erklären können, und diese Wenfalls von den Sozialdemokraten, daß bei den Stadtverordneten- wählen von 1310 die Anhänger der beiden Parteien dem Wahlab« kommen gefolgt sind. Wenn Herr Rotz jetzt nach zwei Jahren das Gegenteil nachweisen will, ohne die Spur eines Beweises zu er- bringen, so können wir diese Behauptung zu den übrigen legen. Aber eins müssen wir doch sagen, wir sind erstaunt über die politische Kurzsichtigkeit der demokratischen Führer. Wenn die Sozialdemo- kratic ein derart unzuverlässiger Bundesgenosse ist, wie es Herr Rotz darstellt, wie kann man dann dazu kommen, daß man diese un- zuverlässigen Bundesgenossen ein neues Anerbieten macht, bei den nächsten Wahlen zusammenzugehen. Nun zur Stichwahlparole. Zur Entschuldigung für die späte Abgabe der Parole wird angegeben, daß die demokratischen Mit- glieder über die Haltung der Sozialdemokratie verstimmt gewesen sind, infolgedessen hat sich der Vorstand der demokratischen Ver- einigung veranlaßt gesehen, die Parole nicht selbst herauszugeben, sondern erst eine Generalversammlung einzuberufen und dieser eine Parole vorzulegen. Darin liegt schon, daß es den Demokraten gar nicht ernst gewesen ist mit einer energischen Wahlparole für die Sozialdemokratie. Das geht ja auch noch daraus hervor, daß der Vorstand den Schluß der Resolution unterschlagen hat. Herr Rotz hütet sich sorgfältig, auf diesen Vorwurf einzugehen. Die Verstimmung der demokratischen Mitglieder soll nun durch daS Verhalten der Sozialdemokratie den Demokraten gegenüber hervorgerufen sein. Demgegenüber muß doch festgestellt werden, daß in der Agitation wir uns nur sehr wenig mit den Demokraten beschäftigt haben, wir haben sie als ein Häuflein Offiziere ohne Armee hingestellt und der Wahlaussall hat uns ja recht gegeben. Unser Kamps richtete sich in erster Linie gegen die anderen Parteien. Auf alle Verdrehungen des Artikels einzugehen, ist nicht möglich. Wenn der Artikelschreiber jedoch zum Schluß glaubt der Sozial- demokratie Vorhaltungen machen zu müssen über loyale Umgangs- und Kampfesformen, so können wir ihm nur empfehlen, diese zu- nächst mal den Mitgliedern seines Vereins gegenüber praktisch an- zuwenden. Betonen möchten wir aber, solange die Demokraten eine so zweifelhafte, unzuverlässige Haltung einnehmen wie bei den letzten Wahlen, daß ein Teil ihrer Wähler sozialdemokratisch, ein Teil reaktionär wählt und ein großer Teil sich der Stimme enthält, solange werden sie von keiner Partei ernst genommen. Damit, daß die Herren Demokraten zu den Stichwahlen erst in letzter Minute Stellung nahmen, ihre Wähler alsdann durch Nichtbekanntgcben und Fälschen ihrer Parole in Unklarheit ließen, haben sie mit den Grundsätzen der Demokratie nur ein freventliches Spiel getrieben. Daß es die Herren später anders machen werden, wagen wir, so- lange Herr Roß seinen Einfluß bei den Demokraten geltend macht, sehr zu bezweifeln. Herrn Roß können wir nur dies Zeugnis aus- stellen, daß er es in der Kunst, die Dinge in ihr Gegenteil zu ver- drehen, schon zu einer gewissen Befähigung gebracht hat. Am Sonntag, den 19. Mai, hält der Schwimmklub„Vorwärts" Neukölln sein Anbaden in der Kortschen Badeanstalt, Köllnische Allee, ab. Freunde und Gönner der Schwimmsuche sind hierzu ein- geladen. Friedenau. Bei einer Terpentiuexplosio» schwer verunglückt ist vorgestern der Malermeister Treuter aus der Kaiserallee 114. T. halte in dem Hause Filandastraße 34 Neparawrarbeiten auszuführen und wollte im Keller des Gebäudes eine größere Menge Terpentin und Wachs abkochen. Plötzlich explodierte der Kessel und die siedende Flüssigkeit ergoß sich über den Malermeister, der schwere Verletzungen an den Armen, Händen. Beinen und im Gesicht erlitt. Ein hinzugcrufener Arzt legte dem Verunglückten Notverbände an; Treuter wurde nach seiner Wohnung übergeführt. Die von Hausbewohnern herbei- gerufene Feuerwehr trat nicht in Tätigkeit. Steglitz-Friedenau. Der Männerchor Steglitz-Friedrua« veranstaltet am Himmel« fahrtstag eine Herrenpartie nach dem AgitalionSbezirk beider Orte. Treffpunkt am Wannseebahnhos Steglitz früh 6 Uhr. Für Nachzügler in Arnsdorf bei Ludwigsfelde. Abfahrt vom Anhalter Bahnhof Berlin 9 Uhr 15 Minuten. Tempeshof. Einen Kampf rnn dir Hergabe von BersammlnngSsSle» führen seit mehreren Jahren die hiesigen Parteigenossen. Um nun den unserer Partei verweigernden Saalbesitzern klar zu machen, daß sie nicht allein von Konservativen und Freisinnigen, denen sie ihre Säle zur Verfügung stellen, leben können; verbreiteten unsere Genossen ein an dir Berliner Ausflügler gerichtetes Flugblatt, in welchem darauf aufmerksam gemacht wird, daß uns in Tempehof nur zwei Säle, und zwar der WilhelmSgarten. Berliner Str. 9, und das GcnoffenschaftSwirtshauS, Dorfftr. 5, zur Verfügung stehen. Flugs wurde die Polizei mobil gemacht und eine Jagd auf unsere Zettel- Verteiler Veranstalter; dabei wurde ein Zettelverteiler sistiert. Am nobelsten soll sich, wie man uns mitteilt, der Wirt deS Tempelhofer „Tivoli", Herr Hoffman», benommen haben, der unserem Ge- nassen erklärt haben soll:„Ich habe die Polizei benachrichtigt, daß Sie hier Zettel verteilen, und wenn Sie nicht bald machen, daß Sie fortkommen, dann werde ich mit dem Gummischlauch nachhelfen." Unsere Genossen find der Meinung, daß Herr Hoffmann in Laufe der Zeit einsehen wird, daß er auf die Arbeiterschaft nicht ganz verzichten kann. Am allerwenigsten wird da etwas mit dem Gummischlauch auszurichten sein. Ober-Schönewcide. Errichtting der 5. Eemeindeschnle. Da infolge der raschen Zu- nähme der Zahl der Volksschüler eine vollständige Ueberfüllung der einzelnen Klassen zu befürchten ist, haben die Gemeindebehörden den Bau eines neuen Schulgebäudes ernstlich in Erwägung gezogen. Nach der neuesten Feststellung wird die Volksschule von 4246 Schülern besucht; davon entfallen ans die evangelische 3627, auf die katholische 582 und auf die Hilfsschule 37 Kinder. Die Besetzung der einzelnen Klassen schioankt zwischen 29 und 63 Schülern, die Mehrzahl der Klassen weist 40—50 aus. Es wird geplant, aus dem Hinterland deS Schulgrundstücks in der Wattstraße noch ein zweites Gebäude zu errichten; hiermit würde auch dem Uebelstande abgeholfen, daß viele Kinder den weiten Weg nach dem Ortsteil Ostend machen müssen. Britz. WaS zuweilen ein Flugblatwerteiler zu hören bekommt, geht aus einer uns zur Veröffentlichung übersandten Zuschrift eines Genossen heivor. Als der Betreffende am Freitagabend daS Flugblatt, welches zur Frauenversammlung am 12. Mai einlud, mit ver- teilen hals, passierte er auch daS Hans Germania-Prommenade 20. Neben Mieter» des Hauses überreichte der Genosse auch einer Frau Panuier, deren Ehemann Gcmcindebeamter und zugleich Verwalter des Hauics ist, ein solches Flugblatt. Die Donie soll den Ueber- bringer deS Flugblattes aber mit den Worten:„So'n Dreck brauchen wir nicht" und„Nee, wir sind kcene Strcikcr I" abgewiesen haben. Diese liebenswürdige Abfertigung hat unseren Genossen natürlich in seiner Parteipflichl nicht im geringsten beeinflussen können. Er hat sich nur seine Gedanken darüber gemacht, welche Vorstellung Frau Pannier von der sozialistischen Frauenbewegung haben mag. Pankow. Ein Sittlichkeitsattentätrr wurde gestern in dem Händler G. aus der Pappelallee verhastet. G. hatte in der Berliner Straße ein zwölfjähriges Mädcben durch Versprechungen an sich gelockt und in einen Hausflur verschleppt, wo er sich an dem Kinde verging. Er wurde kurz daraus von einem aufmerksam gemachten Kriminal- beamten abgefaßt und ins Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Spanvan. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich vorgestern abend auf der Döberitzer Heerstraße. Als gegen 8 Uhr der in der Adamstraße wohnende Gastwirt Grahl mit zwei Bekannten aus einem Break von einem Ausfluge zurückkehrte, wurde das Gefährt an der Spandau- Staakener Grenze von einem in voller Fahrt dem Wagen folgenden Privatautomobil angerannt. Der Zusammenstoß war so heftig, daß das Break umgeworfen und vollständig zcr- trümmert wurde. Die drei Jnsaffen wurden in weitem Bogen auf die Straße geschleudert. Der Gastwirt Grahl er- litt eine schwere Kopfverletzung, seine beiden Begleiter kamen mit allerdings erheblichen Hautabschürfungen davon. Die Auto- mobilistcn fuhren in dem gleichen rasenden Tempo weiter. Infolge- dessen konnte die Nummer des Autos nicht festgestellt werden. An der Unfallstelle wurde jedoch ein Ersatzpneumatik und ein Karbid- behälter, die bei dem Zusammenstoß von dem Kraftwagen losgerissen wurden, aufgefunden, so daß es vielleicht möglich sein dürfte, mit Hilfe dieser Gegenstände, die mit Fabrikzeichen versehen sind, den Besitzer des Automobils zu ermitteln. Di« drei verunglückten Per- sonen wurden von Passanten nach ihren Wohnungen gebracht, wo sie sich in ärztlicher Behandlung befinden. Jugendveranstaltuuge». Köpenick. Donnerstag, den t6. Mai(Himmelsahrtstag): Früh Partie nach den Müggelbcrgen. Tresspunlt srüh 5 Uhr Schloßplatz. Rege Be- teiligung erwartet Der Jugcndausschnß. NowaweS. Die Arbeiterjugend trifft sich am Himmelsahrtstag zu einem Ausflug nach Großbceren. Treffpuntt Sfl, Uhr früh bei vinger. TageSProviant und Liederbücher mitbringen. Hus aller Melt. Rerr Bmtenbacb, wie wird Ihnen? Ein besonderes Charakteristikum erhalten die Eisenbahndebatten in der preußischen Duma und im Reichsparlament durch das Auf- treten des Sozialistentöters Breitenbach, seines Zeichens wohl- bestallter preußischer Eisenbahnminister. Wehe dem Eisenbahnarbeiter, der es wagt, außerdienstlich seiner sozialdemokratischen Gesinnung Ausdruck zu geben, wenn gerade ein liebedienerischer.Kollege" in seiner Nähe ist. Und nun gar die sozialdemokratischen Eisenbahn- beamten I Sie sind nach preußisch-burcaukratischer Auffassung Eid- b r e ch e r. die nicht würdig sind, auch nur eine Stunde länger unter der Fuchtel ihrer Vorgesetzten zu stehen. So entwürdigend derartige Gesinnungsschnüffelei für die davon betroffenen Beamren ist, so wenig hat natürlich die polittsche Ueber- zeugung eines Eisenbahnbeamten mit der Betriebssicherheit zu tun- Ein klassischer Beweis dafür ist die Tatsache, daß während der letzten Reise des Kaisers von Genua nach Karlsruhe auf schweizerischem Gebiete der Sonderzug von dem Obcrzugführer Giovanni Tamo geleitet wurde, einem Be» amten, der zu den eifrig st en sozialistischen Agitatoren in der Schweiz gehört. Aber das wird Herrn Breitenbach natürlich nicht hindern. auch in Zukunft in jedem sozialdemokratischen Eisenbahnbeamten einen Eidbrechcr und Schurken zu sehen, der nicht würdig ist, dem von Preußens Ministern so genial geleiteten Beamtenstabe anzu- gehören I_ Schwere Fliegerkatastrophe. Abermals hat der Flugsport den Tod zweier blühender Menschenleben gekostet.' Am Montag unternahm der Aviatiker Fisher mit einem Amerikaner M a s o n als Passagier auf dem Flugfelde von Brookland sEngland) einen Flug. Bei einer Wendung stürzte der Apparat und sauste in die Tiefe. Der Eindecker geriet in Brand und wurde voll- ständig vernichtet. Fisher war auf der Stelle tot, während der Amerikaner kurze Zeit nach dem Sturze verstarb. Sturmschäden. Die orkanartigen Stürme der letzten Tage haben Veiteren schweren Schaden angerichtet. Am schlimmsten bettoffen wurde das in der Nähe von Taucha gelegene sächsische Dorf Sehlis. Eine Windhose, die in der Nacht zum Monlag über den Ort dahinbrauste, hat den größten Teil des Dörfchens zerstört. Dächer wurden abgedeckt und Häuser zum Einsturz gebracht. Die Kirche und das S ch u l g e b ä u d e des OrteS stehen als Ruinen da. Auf dem Kirchhofe wurden Grabmäler vom Sturme um- gerissen, Grabhügel dem Erdboden gleichgemacht; ein fünf Zentner schweres Zinldach wurde von der Kapelle eines Erbbegräbnisses heruntergeweht und wie ein Stück Papier um einen Baum gewickelt. Auch die Ortschaften Püchau, Groß-Zschepa, Nischwitz und Hochburg erlitten durch den Sturm schweren Schaden. In Sitzenroda sind mehrere Wohnhäuser eingestürzt. Menschen scheinen bei dem Unwetter nicht zu Schaden gekommen zu sein. In Ungarn ist am Montag nachmittag die Ortschaft Bäk» Vanyos-Varalja von einem Zyklon heimgesucht und fast völlig zerstört worden. Von 350 Häusern des Ortes liegen 330 in Trümmern. Der Obergespan Graf Bethlen begab sich sofort mit Feuerwehr und Militär in die Ortschaft, wo eine HilfS- aklion begonnen wurde. Bisher hat man vier Tote und zahl- reiche Verwundete aus den Trümmern hervorgezogen. Zwei in der Nähe gelegene Ortschaften liegen ebenfalls zum größten Teile in Trümmer«. Kleine Notizen. Eisenbahnunfall. Am DienStagmorgen stieß eine Lokomotive. die durch das Herabfallen des Lokomotivführers führerlos geworden war, im Bahnhof Magdeburg-Neustadt mit dem einfahrenden Güterzuge 7501 zusammen. Vier Wagen entgleisten und wurden teilweise stark beschädigt. Der Lokomotivführer. der Zugführer und ein Schaffner wurden verletzt. Das Hauptgleis Magdeburg— Berlin war acht Stunden gesperrt. Ein bayerisches PfarrliauSidyll. Zu dem Kindesmord im Pfarrhofe zu Staad orf in der Ooerpfalz ist noch nachzutragen, daß sich das Gerücht, der Pfarrer habe bei seinem Verschwinden 22 000 M. mitgenommen, nicht bestätigt hat. Er bat sich wieder eingefunden, ist aber vom Amte suspendiert, «eine geistliche» Funklionen werden von einem Mönch des nahen Franziskanerklosters Dietfurt ausgeübt. Wegen deS Ktiidesmordes ichweben umfangreiche gerichtliche Untersuchungen. Ein Dorf niedergebrannt. Die pommersche Ortschaft Groß- Garde ist in kurzer Zeit zum zweiten Male von einer Feuers- brunst hcinigesli»! worden. BerettS am 26. April brach in dem Dorfe infolge Brandstiftung Feuer aus, daS die halbe Ort- ichait in Aiche legre. Der noch stehen gebliebene Teil des Dorfes ist jetzt den Flammen zum Opfer gefallen. 26 Häuser sind vernichtet und v i e l V i e h ist in den Flammen umgekommen. Tie bei dem letzten Feuer um ihre Habe gekommenen Einwohner waren in den jetzi durch Feuer eingeäscherten Teil untergebracht und sind nun zum zweiten Male obdachlos. Lese, und DiSkuticrklud„Jiidoft«. Heule Mittwoch. 8ll, Uhr. bei Ncidhardt,(Sörlitzer Str. 53. Vortrag Gäfle willkommen. Ardriter-Büaiiderbiind„Die Naturfreunde-. Wanderfahrten am Donnerstag, den 16. Mai töimmeisahitstag): I Ob erspreewald—Vetschau— Burg— SIraupitzer Buschmühle— Kahnsahrl über Forflhaus Eiche, Kunow- wühle, Schützenhaus, Lehde-Lübbenau. Absähet Görlitzer Bahnhof 6°- Uhr morgens. II. Brand— Waldow—Golßen. Abfahrt Görlitzer Bahnhos 6» Uhr morgens. III. Brandenburg— Lchnin— Gr. Kreuz. Absahrt Potsdamer Fern- bahnhos 5" Uhr morgens. IV. Birkenwerder— Briese— Lehnitz. Absahrt Sieltiner Vorortbahnhos g« Uhr morgens. V. Grunewald. Treffpuntt Bahnhos Grunewald(Waldhaus) L Uhr nachm. Gäste willkommen. ( AbzahlunoBOCCchafte�} Berliner Credit-Haus gg- Kommandantcnstr. 67. £ Alkoholfreie Getpänke�) franz Abraham H«nb. Messina-iLRömertraiik-Kell. y t, Bartelstr. 8a, Fernsp. Kgst.13708 IErs _» Erscheint S mal Schentiich. Ssl©8ia sSae�ischeStTsT | BeasMgsegaieiBen�eyzeichgiSss| Untenstehende Geschlfte empfehlen sieh bei ElnkSufen r.nfffh Seiler- u. Limonad.-Fabrik UülHll, Thaeretr.*4. T. A. 7, 817fi. SAfltze, Weberrtr. 1 äa, 1. 7, 1 1 1 gT dv. e> besf« alkobol- kftltt 6etränh. �1 Berlin O.Sstttft. 4 fArb����Bcfeleldungl FKJ* f 1*- V fotmente. 32 •Ä tet Jl äälo BcrjHaiiüütSS Bambar{rer Laden, Charl., Willst. 09 J.KastnergR�Xl Rot erL a d en,Sch oneb., Hasptetr. 1 OS � Blckorelen, Konditor, j Blottnep's GroBbäckerei Geschäfte ia BerSIn, Cherlottenburo, Schfinsberg, Wilmorsdorf. Adlersbofer B&ckerel, U. Zigrait Max Backer, Ramlerstr. 86. Emil Beyer, Thorneretr. 6. ¥ y i iKtor»ia- Bad Kottbuser Damm 75 FrlodrlchWiihalmsbad Chausseestr. 87. � Bandt�ggn, Gummlw,) R. Baake, Stralauer Str. 66. Berkholz, Köpenickerstr. 70. Laage, A. E., Brui��nstr. 167. Liepe, Schöneberg, Gniaews!dstr.30. Mever,P.,Kkll!L,BerIiner8tr.49— 50 J. Ch. Pollmann, Lotbringentr. 60. Wende, A., TÄr"' PaipIia A Seydelstraße 15, I\CIUICy H. Lief. allerKassen Fritz Reibe, Scböneberg, Hanptdr. 18 Fr.Schulte, Adlershof.BismarckBtS Zaremba�-.bCTkii. f Beerdig.-Anet� SarflmTj IÖrot-J-abrik„Vorwärts' Hermann Ullrich, Köpenick. „Brotfabrik'1,,.™�.» Brotfabrik Buehl&Sohn, fpSEP Willy Delor, Prsnil.uor Allee tl. Herrn. Carl, leikill», fienusrir. 281 Herrn, Eder, Schonensebestr. 1 . Engel'« Lendbpoth Helnersdorfer MOUe iTerkfirielL: Kclictwtt. Roletwiriit 2, |I,iHeritiit.S5,Setl,e]k«iieTit44,8whe- Inulentr. 12, Psakow, PbrulT. 88. Brotfabrik Vriteuu, PirUh. A Verkauf la Milcheeecbkftea 1 Berlins Bekum gepeW 1. fUkeU. CUohees Qflrliuerstr. 65, 1 Balkenelelutr. 20, lepnlekend. in. W. Oerlach, Sek»,« 8z. Sadeaett. S/7. Alfred Graf, Benaaelatr. 14. Karl Olesmann, Wuutock.tr. 7. H. Olfldk, WilhslmafaaTenersU.U. HÜnseD Dnnkerstr. 78 . HESSE rnuluer Alle« IM. Aaffnat Hübner, Seh vedteratr AS. Antust Handt, Cöpeolck. Kille«-Großbäckerei, Boßestr. A Carl Landalm. Weberatr. SO, Landbrot-Bh II bhek O. Senf, Ndkl. Krug, Waldatr. areli latr.ej Hermann Laheit, HnaaitunatrAS Alfred Lter, Wiolefstr.»6. atr. 24 pf. MM M 1 1 1 11� V_7 1 V 1 ti-l D v 1»- Cnttav MfihUleph, Rhinowdr. t, TkaNenmaniijOldenbnrgerstrJl, Bonn. Proeil, Nonnondamm. Bäckerei„Nordstern� Inh.: Gast. Müller Fffialen t. verschied. Stadtteilen A. Rutti, Zorndorfer Str. 23. Otto Büttner, NecköilB.Einflbahiit 32. BFiprbn? l*kilBMflohenzolIernpLll Mm Buckow a. ßiid.Krankcciaoj. MäX fDCÖl Frankfumer-Ällee 170 Hiekel, Fr., Gr. Hamburgerst. 37 Bloldt, Fritz, Kkll«,, Routerplatt. Gust. Nobert, Potsdameretr. 116a H. Petermeier, Strelitzerstr. 8. Peter-Schley, Wilh., ZMiuneritr.ll. W. öltä!), Nanesn® leLNeek. 28» fBelouchL-l�Benerl.� � ßunzel, R. k�iÜMeiS!-«.« Carl lii8)3iu-ÄÄu BBttser, A., Danxigaratr. 96. Sfhrarnmar,H„R1�m.us. Berufskleidung D VL Bertram, Norden, Maxscr. 17. Keiner, Otto, Qerichtstrafie 86. Wecker, A c Bettfe dern u. Betten ) O. Bebrenda, SeaL Ilesebeckea.lOS P. Berliner, Kklla.,Henn*nos4280. A.Hampel.Kl�Bsr;iw. 44-15. Kelelgoaj Carl Henxe, Aainuetr. 51, Keinizug. M. Zyanarskl, Alt Moabit 82. c Biorbrauarelen.Blerta. | Akt.-BTaa»r.Pot«d»m.Kl|.SW«rL Berlin SW, Tcmnelhofer Ufer. IJ | BnaAeakirg a. lL,Wil8elo«6ar(«nU 18 8p*s. Potsd. Staagenbler EirsitKiWeiQsmetliiirj� Brauerei Pfefferbtrg TersAnd- and Pilsener Bier. ßraacrei Tiroli Fruohtatr. 17 Caramel-Weiftbier fait alkthairnl,«rfriaeWii b«kiraliel, Berliner Wefßb.-Bnmcrd C-Wiliner. ßeiiisclie ßertraflerel 1,4 Berlixt�Pisch elsdorf Qrotcrjans HalzUa.8«b4ik.-Anee iio,T.in,5sn. Albort Pfennig, Grätiatr. 10. Riebard Rciiik«. Panl RIß mann, Tnrlner.tr. 88. Max Sander, Dnnkentr. 28. JOttoSziUat»�« »chüttyG.Äs:�. BkerakLW eltmee« ßeiaarUerfemr. 1 1 Staebr'c Bäckerei, S. IHltotr. il. Paul Stemel, Banmsehnlenweg. Ouur Tmaplla, Printan-AUe« 61, Thama's beur. Bäckerei Aeker.tr. III. OarichUtr. 84 I- Tr.'VJot, wselilenae«■ *Fllial.H.uptgeaeh.Sed«nat.loeB Volksbrot E. fi.m. O. H Fehmarnatr. 10 Mirbachatr. 18 Hlaelencr. 11 S Häaolerat. 16* l»«r.c;krid:»tr.t.äöil.iieE!iitt«llnt.7b Joe. Wegen knecht, Olezteeret 17, Albert Wiese, Kolonie.tr. 84. Heinrich Wittler Paannltkel-. Scksanknt- x Siaeaa- bret-Kebrik. T. IL 8212. Maxetr. 7. TerkitleeUlL L alLCezeei. CrtABwlla« �__�adeeiiäat«ltep j Arkona-Bnd, Anklam.r-Btr. 84 Aagiuta-Bad, Eep.nick.-8tr. MUl Bad W7 Canitz-�-�x�«■ taitnl-Bad a»ää�. Baasa-Piatl CbUtbg.Vl ilwerzdorsvnl.svKi Erstes Lohtannin-Bad Ugl fr. ibksf beag, tele Ertrekt w»U- «U.7I) Tl.Lief.e.ätM.Kea-Cällae.ir�g Bad Frankfurt, Cr.FrkfLStr. izx Lieferant saratl. 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Druiku. Verlag: BMiärtS Buchdriickdrei v. Verlagsanstalt Paul Singer u, CSy'BerM, SW, Rite dls Gewinne Uber 818 Wart alnd dan betrekcailen Xammezm la Klamaseta beigefügt. (OAae Gewähr.)(Nseböruek rerbWea.) 162 78 208 497 921 781 87 860 860 1034 06 86 823 47« 90«02 30(3000) 631 60 645 86 924 2030 76 80 IST 201»2 625 71 780 890»240 433 88 608[600] 771 89 606*001 86 166 887 677 743»3«S 147 66 81« 490 179«74 761»046 74 92 U 631 78 760 833 68 7271 314«8 78 413 561 768 234[600]»018 97 «V« 86 426»007 62 267 467 676 806 31 910 61 92 15107 338 4« 56 74[600] 446 513 82[500] 367 11885 440 678 9»[1000] 665 61 65 971 12051 62 IM«»0 486«1 501 11000] 93 306(1000) 965[500] 13073 163 81 600 41 63 54 406 923 68 65 904 1*004 «8 267 7 8|30C0; 415 637 609 800 16013 117 410[1000] 606 648 68 13000) 724 13000] 878 1C033[30001 236 499 589 771 088 1 7040 93 138 7 0 211 38 60 387 454 85 15118[1000] 40 338 409 33 610 603 37 64[600) 710 939 04[1000] 19312 56 610 61 36 619 097 25138 87 227 613[500] 72 807 934 21087 74 87 109 738»4 878 22197 318 588 90 746 67»[1000] 23087 108 30« 633 71 709 2*167 226 388 479[60«] 606 48 744 608 25134 68 618 461 668 760 868»44 25147 813 464 606 13000] 613 60 734 48 666[1000] 27100[ 30001 215 65 87 406 49 881 28106 38 82 232 M 88 774 80« 93 038[600] 29026 253 373 462 633 66 72 97 606 30128 336 064 31012 200 06 8» 74 612 58 756 (500) 90»07 88»23« 432(tO«l 600 63 761»3106 73 233 658 641 47 66 740 837 818 78 8*014(8001 60 77[600] 209 47 7 8 97 448 16001 664 825 4 5 3 5000 [10001 121 206 496 657 76 636 60 806»15033 240 309 23 462 76 636[3000] 684 93[1000] 718 37015 420 23 33 43 539«37 736 3»002 73 310 49 430 608 780 893[3000] 38152(500] 72 556 768 813[10001 66 824 91 97 *0 160 208 66 330 83 00 TO[600] 618 83 706 14 907[606]*1110 78 807 82 493 fllO 69 76 16O0) 78 827 866*2037 167[3000] 812[600] 433 65 563 81 603 63 735«22*3142 74 300 41« 21 81 368 817 64 **074 136 94 230 491 86 641 733 819 60 922 33 79 45230 SS 60 348 484 04 561 064 31 858*0449 66 81 673 073 4 7218 11000] 380 417 96 665[1030] 796 943 83(1O001*819«(3000) 230 428 656 88 717 831[600) 38 4 9259 40« 88 648 755 71[500] 878 50160 67 264 30« 427 65 637 52 56 048«6 6« »1109 264 399 553[500>«9 559 56«2 734 944 5? »3075 146 64 370 409 16 39 90 600 746 53022 53 171 224[600] 74 412 608(1000) 723 863 994 5*368 M 814 73(«00) 86 5 5134 665[600] 876 809 98 B»1U 264 506 60 66 433 576[500] TT«63 907 9 7037 210 300 741 382 974 78 52071 361 301 66 84[S00) 59258 83 371 666 976 eeooo 223 468 040 803 M»1102 64t 655 881 86 »»064 80 88 119 51 264 83 307 667 617 63143 204 39 360 433 72 96 609 8*112 231[500] 331 415 49 641 735[ 500] 56 814 968[1090] 85066 97 206 19 32 63 88 472 544[10000] 61 C8022 08 119 50 88«77 626 60 98 635 718 20 865[500] 67037 67 58 223 43 64 82 364 492 574 93 633 38 68019 265 470 647 733 39 945 6 9232[500] 61 71 679 695 778 840 78247 302 37 418 45[500] 575 686[3000] 711 71106 79[500] 333 666 877 990 72100 68 267 69 431[600] 474 807»42 68 73119 33 67 298 663 78 (1000] 560 949 7*124[ 5001 216 23 326[SOOO) 409 «0 596 806 844 82 02 7 5013 13» 243[3000] 367 475 [3000] 69 529 68« 7 6022 133 262 70 7 5 406 651 8« 96«47[ 600] 77232 40[1000] 94 418 03 634»22 28 41[600] 798 78097(3000) 150[600] 267 71 394 773 u 71(130 207 73 340 64[500]»13 56 835[1900] 840 89426 60 638«3[1000] 62»1348 768 95[3000] 804[600] 15 93 82119 47 49 SSO 31 466 614 34 64 796 94 809 932 8 3 018 92[10001 Sil 77 472[500] 620 696 1)0001 702 838[500] 987 8*043 188 224 40 337 69 493 500 60 713 38[1000] 954 8 5095[500] 177 849 67 463 66 643 877 0 8066 363[1000] 72 840 460 689 601 65 87018 281 476 841 900 01[600] 38193 [600) 405 681«66 780 893 814»0001 7 160 280 324 40 04 436 73 07 800 938 »0383 853 689[500) 606 781»106« 602 667(SOS] 613 79 731 79 640 41 SO 92081 09 157 82 89 830 444 801 096 713 074 920 57[1000] 85 93115 16 263 67 649 63 74 415 40[500] 72 33 603 670 69 99» 0*094 160.0)«7 609 819 827 996 QSl�, 2.M. 0+4 50 ISi 639. 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Jahrgang. 4. M\m des Jormirts" Serliner BoläÄt MR«ch. 15. N»i 1912. 5. Jtrtonbstnj bn Sttiiorbcitn StuKdilaiibs. München. 13. M-n 1312. Die Verhandlungen des S. Verbandstages wurden heute vor- mittag in der Mathäserbrauerci eröffnet. Es sind 69 Delegierte, vier Vorstanosmitglieder und zehn Gauleiter anwesend. Von der Redaktion des Verbandsorgans ist S t a u d i n g e r- Leipzig, vom Ausschuß E l s n e r- Dresden, von der Nevisionskommission K a m p f ra d- Leipzig erschienen, während die Generalkommission durch Genosien K n o I l- Berlin vertreten wird. Der österreichische Bruderverband delegierte Kollegen Müller- Wien, der ungarische Kollegen Ries als Gäste. Nachdem Genosse Timm» München die Delegierten namens der 69 699 organisierten Arbeiter Münchens begrüßt hatte, wurden E l s n e r- Dresden und Müller- Striegau als Vorsitzenoe, Zippel-Aue und Er lach er- München als Schriftführer ge- wählt. Den Geschäftsbericht erstattete Verbandsvorsitzender S t a r k e- Leipzig. Der Redner verwies auf den den Delegierten gedr. llt vorliegenden Bericht. Dieser zeigt eine erfreuliche Entwickelung der Steinarbeiterorgani- sation, stieg doch die Mitgliederzahl in den letzten beiden Berichts- lahm, von 17 995 auf 26 871= eine durchschnittliche Steigerung um 57,2 Proz. Mit der Organisation der weiblichen Arbeitskräfte wurde erst im Jahre 1919 eingesetzt. Die Zahl der weiblichen Mit- glicoer beträgt zurzeit 88. Von den nach der Berufszähluug von 1997 in der Steinindustrie beschäftigten 5127 Arbeiterinnen ist also nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz organisiert. Auch die Zahl der männlichen Organisierten ist noch der Zahl der Beschäf- tigten gering, denn nach der Berufszählung von 1997 sind in der Steinindustri« 169 939 Personen tätig. Sonnt ist noch ein großes Agitationsfeld zu bearbeiten. Der Bericht hebt die intensive und erfolgreiche Agitation während der Berichtszeit hervor. Die Agita- tion wurde insbesondere durch Sie Einführung der Staffclbeiträge wesentlich gefördert. Eine interessante Zusammenstellung über die Verteilung der Mitglieder nach Ortsgrößenklasscn ist dem Bericht beigefügt. Demnach lebt der größte Teil der Mitglieder auf dem platten Lande, nämlich 39 Proz.. 9 Proz. von den Mitgliedern wohnen in Landstädten, 27 Proz. in Kleinstädten, 8 Proz. in Mittel- städtcn und nur 17 Proz. in Großstädten. Noch im Jahre 1999 leb- ten 27 Proz. in Großstäoten. Diese Zahlen zeigen, daß hauptsäch- lich in den Steinbruchgcbicten mit der Agitation eingesetzt werden muß und daß die eigentlichen Steinarbeiten bereits im Steinbruch gemacht und an den Bauten in den Städten meist nur noch zuge- richtet und versetzt werden. An Lohnbewegungen, Streiks und AuSsper- r u n g e n verzeichnet der Bericht insgesamt 212 Bewegungen, die sich auf 354 Orte mit 1132 Betrieben und 21 895 Beschäftigten er- streckten. Erreicht wurden für 3795 Kollegen eine Verkürzung der Arbeitszeit um 5174 Stunden und eine Lohnerhöhung für 9612 Kollegen um 18 769 M. pro Woche. Abgewehrt wurde ein« Ver- längcrung der Arbeitszeit um 426 Stunden für 53 Kollegen und eine Lohnkürzung um 544 M. für 179 Kollegen wöchentlich. Diese Bewegungen erforderten im Jahre 1919 eine Gesamtausgabe von 156 356 M. und 1311 148 493 M. Tie Zahl der abgeschlossenen Tarifverträge mehrt sich von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1997 betrug die Zahl der abgeschlossenen Tarif. vertrüge 199, im Jahre 1919 waren eS bereits 163 und am Ende der Geschäftsperiod« bereits 298. Zirka 55 Proz. der VerbandSmit- glieder arbeiten zu tariflich geregelten Lohn- und Arbeitsverhält- niffen. Die Tarife erstrecken sich auf alle Arbeiter in der Stein. industrie, während vor nicht langer Zeit nur die Sandsteinmetzen unter tariflich geregelten Verhältnissen arbeiteten. Der Bericht klagt über äußerst mangelhaften Arbeit e r s ch u tz. Die Unternehmer beachten in vielen Fällen die BundeSratsverordnung vom 29. März 1992 nicht, besonders häufen sich darüber die Klagen aus den Steinbruchgebieten. Tie Organisation hat durch eine Eingabe an die Behörden eine Wandlung zum Besseren herbeiführen wollen, das Vorgehen aber zeitigte keinen besonderen Erfolg. Erst eine starke Organisation könne den gesetzlichen Schutzbestimmungen Anerkennung verschaffen. Den Kassenbericht erstattet Kassierer G e i st- Leipzig. Er weist folgend« Ziffern auf: Tie Einnahme der Hauptkasse stieg im Jahre 1919 auf 498 929 M. gegen 353 145 M. im vorhergehenden Jahre. Im Jahre 1911 betrug die Einnahme 592 989 M.. d. i. gegenüber dem Jahre 1999 eine Steigerung von 42,23 Proz. Die Mehreinnahme entfällt fast au»- schließlich auf die Mitgliederbeiträge. Diese ergeben im Jahre 1919 ein Mehr von 53 978 M.. 1911 ein solches von 91 686 M. Gegen den gesteigerten Einnahmen ist die Gesamtausgabe der letzten drei Jahre nahezu gleich geblieben. Infolgedessen er- höht« sich der Kassenbestand auf 589 977 M. im Jahre 1911. Durch Unterstützungen der verschiedenen Arten flössen an die Mitglieder direkt wieder zurück: im Jahr« 1919 279 356 M. und im sichre 1911 262 933 M., also ein ganz hoher Prozentsatz der Gesamtausgaben. Den Bericht der Redaktion erstattete Redakteur Staudinger. Leipzig. Erfreulicherweise sei die Auflage des„Steinarbeiters" beträchtlich gestiegen. Sie be- trug im Jahre 1911 33 999 Exemplar« pro Nummer. Die Mit- arbeiterschaft aus den Kreisen der Kollegen lasse zu wünschen übrig; auch die Gauleiter müssen mehr mitarbeiten. Für die Revist-nskommisston berichtet Kam p frad-Leipzig. Kasse und Bücher sind immer in bester Ordnunsi gewesen.— Nach dem Bericht der Beschwcrdekommission waren>n der Berichtszeit 36 Beschwerden zu erledigen. Sämtliche Mandate wurden für gültig erklärt. M ü l l e r- Wien gab hierauf in seiner Begrüßungsrede ein anschauliches Bild über die wirtschaftliche Lage der Steinarbeiter in Oesterreich, wobei er die Schwierigkeit der Agitation betonte. An den Geschäftsbericht schloß sich eine lebhafte Diskussion. Fünfzehnte Generalversammluvn der Deutschen Fünfte Gkneralversammlung der Zipmuforttem und Tabakarbeiteroerbandes. I Kisteubekleber Deutschlands. Hamburg, 13. Mai. Die Generalversammlung tagt im festlich geschmückten großen Saale des Hamburger Gewcrljchaftshauses. Laut Präsenzliste sind 74 Delegierte, vier Mitglieder des Vorstandes, der Vorsitzende des Ausschusses, die beiden Redakteure und 14 Gauleiter, ferner Vertreter der Bruderorganisanonen aus Holland und Dänemark und Eoh en- Berlin als Vertreter der Gencralkommission anwesend. Nach den üblichen Begrüßungsansprachen erstattete der Vorsitzende, Reichstagsabgeordneter Deichmann� im Namen des Vorstandes den Geschäftsbericht. Der Referent behandelte zunächst ausgiebig die verheerenden Wirkungen der in der Reichsfinanz„reform" be- schlossenen Tabaksteuer. Diese Steuer hat hunderte kleiner Selbständiger ihrer Selbständigkeit beraubt und Tausende von Tabakarbeitern in lange Arbeits- und Verdienstlosigkeit geworfen, ja direkt aus dem Berufe herausgedrängt. Ganz selbstverständlich, daß dadurch die Ausgaben der Or ganisation für Arbeitslosen, und Reiseunterstützung ganz gewaltig in die Höhe gingen. Die unzureichende staatliche Unter- st ü tz u n g der Tabakarbeiter, die durch die Machinationen der rechtsstehenden Parteien, besonders des Zentrums, noch außer- ordentlich verschlechtert wurde, wurde von der Regierung nicht ein- mal den Bestimmungen des Gesetzes gemäß ausgezahlt. Erst auf das persönliche Vorstelligwerden v. Elms und Deichmanns im Rcichsichatzamt hin wurden schließlich Ausführungsbestimmungcn zur richtigen Durchführung des beschlossenen Gesetzes erlassen. Vom 16. Juli und dann nocb einmal vom 3. Oktober 1919 an wurden die Unterstützungssätze, die bis dahin in Höhe von 75 Proz. des ver- dienten Lobncs gezahlt wurden, erheblich reduziert, und vom 3. De- zember 1919 an wurden Unterstützungen im Sinne de? die Unter- stützung regelnden§ 2a. des Tabaksteuergesetzes nicht mehr gezahlt. Daraus ist der Verband dazu übergegangen, die von: Staat verabsäumte Pflicht soweit wie möglich zu erfüllen und den ge- schädigten Kollegen über das Statut hinaus außerordentliche Unter- stützungen zu bewilligen. Diese Unterstützungen bedürfen der nach- träglichen Genehmigung durch die Generalversammlung.— Heute, nach einer Reihe von Jahren, sind die Schläge noch lange nicht überwunden, die Regierung und rechtsstehende Parteien durch ihre Steuer der Industrie und einer außerordentlich bedürftigen Be- völkerung geschlagen haben. Die so geschaffene Krise mußte selbstverständlich die Vorwärts- entWickelung des Perbandes hemmend beeinflussen. Redner schildert im einzelnen die Mitglicderbcwegung. Während der Berichtszeit (1919/11) hat der Verband seine Mitgliederzahl von 32 625 auf 35 443 gesteigert, worunter 17 674 weibliche. Ein Steigerungssatz, der gewertet werden muß mit Hinblick auf die ungeheuer widrigen Verhältnisse.— Im verflossenen Winter focht der Verband die bekannte große Tabakarbciterausspcrrung durch, die ihren Anfang in Westfalen nahm. Arme Tabakprolcten wagten es, sich gegen eine beabsichtigte noch weitere Verschlechterung ihrer LebenSbedin- gungcn zur Wehre zu setzen. Es wurde ausgesperrt, und dann zog die Sperre ihr« Kreise auch in der Tabakindustric in Bremen und Hamburg, so daß schließlich rund 14 999 Arbeiter im Kampfe standen. Der Kampf ist für die Tabakarbeiter günstig verlaufen. — Zusammen zahlte der Perband in den Kämpfen der zwei Jahre 1 999 129,44 M. an Streikunterstützung aus. Für Gemaßregelten- Unterstützung 53 595,94 M., für Rechtsschutz 2 743.44 M., für Um- zugSunterstützung 16 581,95 M., für Arbeitslosenunterstützung 239 826,12 Vi., für Krankenunterstützung 392 926,87 M., für Sterbe- Unterstützung 19 795,75 M. Die Gesamteinnahmen aus Aufwendungen der Mitglieder be- trugen in den zwei Berichtsjahren 1 621 817,95 M. Hierzu kommen im Jahre 1911 noch 399 999 M. Einnahmen auS freiwilligen Beiträgen(bezogen durch die Generalkonumssion) und ein Darlehen von 298 529,86 M., alles zusammen eine Einnahme von 2 223 346,91 Mark. Die Gesamtausgaben betrugen 2 352 239,53 M. Das ge- samte Verbandsvermögen, das sich am Ende 1999 auf 334 131,15 M. bezifferte, betrug ani 31. Dezember 1911 211247,47 M. Hätte der Verband nicht die Einrichtung der Gauleiter gehabt, wären schwerlich die Fortschritte gemacht, die tatsächlich noch erreicht worden sind. Besonders schreitet die Gewinnung der w e i b l i ch e n Mit- glieder vorwärts. Gegenwärtig haben sie die Zahl der männlichen Mitglieder bereits um einige Hundert überflügelt. Daß der Verband trotz aller widrigen Verhältnisse, soviel es die Umstände gestatteten, mit Bewegungen im Interesse der Mit- glieder vorging, beweisen seine 361 Angriffsbewegungen mit über 21 999 Beschäftigten, wovon 348 mit über 21 999 Ar- beitern mit einem vollen oder teilweisen Erfolg endeten. An Ab- wehrbewegungcn wurden 64, davon 52 erfolgreiche, registriert. Die tatsächliche Zahl der Abwehrbewegungen ist jedoch weit höher.— Soweit die Schätzungen der Tabakberufsgenossenschaft in Frag« kommen, erfolgte im Jahre 1919 ein Sinken der Löhne um 2 M.(dem Arbeiter pro Jahr 399 Tage gerechnet), 1911 dagegen ist es dem Verbände gelungen, das Niveau der Löhne wieder um 16 M. zu steigern. An statistisch erfaßten Arbeitszeitver- kürzungen wurden für 3857 Kollegen pro Woche 11 837 Stunden erkämpft. Unier vielseitiger Zustimmung betonte Redner die Not- wendigkeit gerade der Arbeitszeitverkürzung für die Tabakarbeiter. Das Tarifwesen verbreitete sich aus 476 Betrieben im Jahre 1999 über 944 Betriebe mit 5991 Beschäftigten im Jahre 1911. —- Den Schluß des Referats bildete die Erläuterung der Verschmel- zungsbedingungen mit dem Verband der Zigarrensortierer usw., um deren möglichst unveränderte Annahme der Referent ersuchte. (Lebhafter Beifall.) EZ erfolgten dann die Bericht« des Kassierer» Nieder- W e l I a n d und des Ausschußvorsitzenden E i l k e n- Altona, die wir hier übergehen können. Die Generalversammlung sanktionierte ohne Diskussion die Ausführungen Deichmanns und die Tätigkeit des Vorstandes. Ein großzügiges Referat des Sekretärs K r o h n über die Vorschläge zur Vereinigung der Zigarrensortierer und Tabakarbeiter löste eine eingehende Generaldiskussion aus, die Vor- schlage wurden einer 14gliedrigen Kommission überwiesen. Hamburg, den 13. Mai. An der Tagung nehmen 43 Delegierte, 5 Vorstandsmitglieder, ein Ausschußmitglied und der Genosse K n u d s e n- Kopenhagen, als Verlrcter der dortigen Brudcrorganisation, teil. Die General. kommission ist durch Cohen vertreten. Den Geschäftsbericht gibt Arnold- Hamburg. Redner greift zurück auf das Jahr 1995, wo auf der damaligen Generalversammlung schon die Ver- schmclzungsfrage erörtert wurde, die nun im Jahre 1912 verwirk- licht werden soll. Sie ist im Interesse der Agitation, der Organi- sation und der Kämpfe um bessere Arbeitsbedingungen und Lohn- aufbesserungen freudig zu begrüßen. Die Kämpfe der Tabak- arbeitcr berühren immer mehr das Gebiet der Sortierer, wie der letzte Kamps in Westfalen zur Genüge bewiesen hat, und deshalb ist ein Jneinanderaufgehen für beide Teile geboten. Weitere Ausführungen veranschaulichen den Kampf gegen die Tabaksteuer, der gemeinsam mit dem Tabakarbeiterverband geführt wurde. Auf der einen Seite der Kampf gegen die Steuer und auf der anderen Seite das Bestreben der Arbeitgeber, billige Löhne zu zahlen und die Arbeit deswegen in die zurückgebliebenen Gegenden Hessen, Thüringen und Ostpreußen zu verlegen, hielt den Sortierer. verband ständig in Bewegung. Der Einfluß der Geistlichkeit er- schwerte aber die Stetigkeit der Organisation in diesen Gegenden ungemein. Redner glaubt, daß die Schwierigkeiten gemeinsam mit den Tabakarbeitern weit besser zu überwinden sind. Die Ver- breitung der Frauenarbeit im Sorticrerberuf habe ebenfalls in den Großstädten, selbst in Hamburg, enorm zugenommen. Ein Kampf gegen das Eindringen der Frauenarbeit sei nicht erfolgt, aber man habe versucht, die Schäden, die durch das Eindringen der Frauen- arbeit drohen, wie Verschlechterung der Löhne, zu beseitigen, indem man in Hamburg mit der betreffenden Firma einen Tarif abschloß, der gleiche Löhne festsetzte und die LehrlingSfrage so regelt, daß auf 5 Sortierer 1 Lehrling kommt. Damit ist vorgebeugt, daß die An- lernung von weiblichen Lehrlingen bis ins Maßlose gesteigert wird. Den Kassenbericht gibt Kollege R u m p k e- Hamburg. Danach be- trug die Einnahme im Jahre 1911 223 847,46 M., die Ausgabe be- lief sich auf 281 719,56 M. Die Mitgliederzahl hat sich seit 1995 verdoppelt, sie stieg von 1833 auf 3395 Mitglieder, unter diesen be- finden sich 1939 weibliche. Der Verband erstreckt sich auf 64 Zahl- stellen. Nach ganz kurzer Debatte, in der unter anderem bemängelt wird, daß der„Organisator" seit etlichen Jahren keine Zeile zur Maifeier gebracht hat, erhält Arnold das Schlußwort. Betreffs der fehlenden Maiartikel äußert sich Redner dahin, daß er die heutige Form der Feier nicht für richtig halte und deshalb auch nicht dazu geschrieben hätte. Dem Vorstand wird auf Antrag der Revisoren Entlastung er- teilt. Beschlossen wird, den Kassenbericht für 1911 und vom 1. Januar 1912 bis zum 30. Juni d. I. den Zahlstellen bei der Ver- schmelzung zuzustellen. Zur Durchberatung der Statuten werden 7 Kollegen bestimmt, die gemeinsam mit den Kollegen vom Tabak. arbeiterverband die Grundlagen des Statuts schaffen. Die Ber- sammlung beschließt weiter, von vornherein auf die Bestimmungen betreffs des Reservefonds zu verzichten, dagegen sollen die befände- ren Bestimmungen über die Tarifverträge bestehen bleiben. Auch soll die Kommission bei der allgemeinen Beratung Sorge tragen, daß den Sektionen die Freiheit gelassen wird, sich ein Reglement des Arbeitsnachweises zu schaffen. Nachdem v. E l m noch einige Ausführungen zu dem neuen Statut machte, die der Kommission zur Richtschnur dienen sollen, werden auch von Vertretern der ein- zelnen Orte noch mancherlei Wünsche geäußert und darauf die Sitzung aus Dienstag vertagt. WitteniusSüberstcht vom 14. Mai ktatwnen 5 II |l Swinemde.1 761 WNW tamburg 1 7649!® erltn 763MW Franks. mW. 765 KD München 765 KD Wien 764 KW Wetter ÖK t- Stationen w-si . S is K« 5 wolkig Swolkig halb bd. 2 heiter 2 wolkig 1 heiter Haparanda 751 Petersburg 73S Scilly Aberdcen Paris 762 766 762 KKD W ®D SSW KD «ffttn tt 8 bedeckt IKebel wolkig wölken! bedeckt 11 8 12 Wetterprognose für Mittwoch, de» IS. Mai ISIS. Nachts ziemlich kühl, am Tage neue Erwärmung, vielfach heiter und trocken bei mäßigen westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. WafferstandS-Rachrichteu der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgetM vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, Tilsit P r e g e l, Jnsterdurg Weichsel, Thoru D d er, Ralibor , Krossen . Franksurt Warth«, Schrimm , LandSberg Rehe, vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Berby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlih Havel, Spandaus , Rathenow') Spree, Gpremberg') , BeeSkow Weier, Münden , Minden Rhein, MaximllianSau . 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Gutzeit, Frankfurter Allee 22,23. Scheu, Beflelstr. 21. Wienicke, Pankow, Breit« Str. 17. In Frage kommen: Stellmacher, Schmiede, Schlosser, Lackierer und Sattler. Zuzug ist streng fernzuhalten. 176/8» Die Streikleitung. Achtung! HctiaMas. Wegen Streik oder Lohn. disterenzen find gesperrt: Ialoufiefabrik Samson A StrodtholT. Chartottenburg, Nchr.tngstr. 19. In Betracht kommen folgende Bauten: niillcr, Nouueudamm- Allec, Meckowttzftr., Schulftr., I-Tselirr, Wattftraste, Ecke Siemens- und Herzftraste. ISornfsveroIn der Berliner ParlicttceschlWte, Char» (Ottenburg, Uhlaudstraste. Für Hartgummi> Arbeiter die Firma»atthae�, Schlestsche Straffe 32. Das Berliner Arbeitswilligen- vermittelungsbureau d. gelben .Handwerterschutzperbaudes*. Arbeitsnachweis d. Stellmacher- innung und der Wagenfabri- kauten, Kaifer-Franz-Grenadier» Motz. Zuzug ist streng fernzuhalten. VI« 0rt,vervaltuag verllo cke, Deutschen Dolznrdelterverdaockes. Verantwortlicher Redakteur: Albert Wach». Verlin. Für den Jnjeratenteil verantw.: TS. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag i Borwärt« Luchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer u-To� Berlin SVt.