Ur. 114. HbonnementS'Bedlngttnseti: TOonnementä- Preis vränumerand« BierteIjShrI> Z,Z0<011., monaiL 1,10 Mk, wöchentlich 28 Psg, frei ins HauS. Einzelne Nunnner 5 Psg, Sonnt-gS- nunnner mit illustrierter Sonntags« Bellage.Die Neue Welt' 10 Pia, Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS- Prelsliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslerreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat PostavonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, mänien, Schweden und die Schweiz, 39. Jahrg. vltolirt»glich anfitr fficntagi. S** Nerltnev Volksblctlk. Die Insertion!-Ledllh? beträgt für die fechsgespallene Kolonel» zeile oder deren Raum 00 Pfg„ für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen M Psg. „Klein« Hnieigcn", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort ö Pfg, Worte über 15 Buch- f iben zählen für zwei Worte, Inserate r die nächste Nummer müssen bis Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SoilalilrasKrat Rtelio" Zentralorgan der roziatdemokratifchen Partei DeutfcMande. Redaktion: 831. 68» Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Morissplay, Nr. 1383. Sonnabend, den 18. Mai 1913. Expedition: 831. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1381. Lchte und geipielte Cntrüftung. Der Etat des Reichskanzlers steht auf der Tagesordnung. Zwei bedeutsame Vorfälle, die die arbeitenden Massen des Reiches aufs tiefste aufgeregt haben, stehen im Mittelpunkt des politischen Interesses. Im Reichstag des gleichen Wahl- rechts muß abgerechnet werden mit dem frechen Uebergriff, den die Gewalthaber des preußischen Verfassungsbruch- Parlaments gegen die Vertreter des preußischen Volkes ge- wagt haben, muß gesagt werden, daß hinter den sechs Ab- geordneten, die in dem Parlament der Entrechtung und der Polizeifaust allein das Recht haben, im Namen des Volkes zu sprechen, die viereinviertel Millionen, der dritte Teil des deutschen Volkes steht, das jede Vergewaltigung seiner Ver treter als unerträgliche Herausforderung empfindet. Als um erträgliche Herausforderung auch die verfassungswidrigen Drohungen des persönlichen Regiments, das feinen Autokratenwillen gegen das Recht der Volksvertretung setzt. Scheidemann spricht, frisch und witzig. Schneidend verhöhnt er die Politik des Reichskanzlers, des Mannes des allgemeinen Mißtrauens, der in der Geschichte fortleben werde als der Name des Mannes, unter dessen Regime die Sozial- demokratie viereinviertel Millionen Stimmen mustern konnte. Doch Herrn v. Bethmann trifft nicht nur persönliche Schuld. Er ist der gegebene Mann für diese �eit des Ueberganges, wo das Alte morsch geworden, und erfüllt schlecht und recht seine Funktion: das Alte zu halten, Wankendes zu stützen und Leichen einzureden, daß Leben in ihnen ist. Morsch aber und unhaltbar sind vor allem die preußischen Zustände. Die Ehrenschuld der Wahlreform ist immer noch uneingelöst. Das Volk hat alles Vertrauen verloren und erwartet alles nur von seiner eigenen Entschlossenheit. Und als typischen Ausfluß dieses preußischen Geistes, der Feindschaft gegen Volksrechte, kenn- zeichnet nun Scheidemann, was sich soeben in Elsaß- Lothringen abgespielt hat. �edes Wort dieser Anklagerede ist ein Keulenjchlag und immer wuchtiger sausen die Schläge nieder. Da ist der politische Boykott gegen die Fabrik Grafenstaden, die Verleihung des Exzellenztitels als Demon- stration gegen die Kundgebung der elsässischen Kammer, da sind schließlich die Aeußerungen des Kaisers, die Drohung, die elsässisch-lothringische Verfassung in Scherben zu schlagen und das Reichsland Preußen einzuverleiben. Mit beißendem Sarkasmus begrüßt Scheidemann das Geständnis, daß k e i n e schwerere Strafe einem Volke angedroht werden kann, als die Einverleibung in Preußen. Denn was sonst nur der Verbrecher, der mit Zuchthaus bestraft ist, er- leiden muß, den Verlust der bürgerlichen Ehren- rechte, das ist ja das geltende Recht der Dreiklassenschmach, das ist die Folge der Einverleibung in Preußen! Eine Ver- setzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes gleichsam, die Versetzung in die unter st e Klasse der Reichszu- geHörigkeit, das sei der Sinn der Drohung. Die letzten Sätze unseres Redners werden mit stürmischen Pfuirufen von den Konservativen aufgenommen. Der Präsi- dent weiß sich nicht zu helfen. Scheidemann selbst stellt die Ordnung im Hause einen Moment lang wieder her. indem er dem Grafen Westarp zuruft, er dürfe froh sein, nicht im preußischen Landtage zu sitzen und Sozialdemokrat zu sein, da ihn sonst der Polizeileutnant hinausbefördern würde. Immer wieder aber toben die Konservativen und plötzlich erhebt sich der Reichskanzler, winkt den Staatssekretären, die Bundes- ratsbevollmächtigten schließen sich an und unter schallendem Gelächter der Sozialdemokraten verlassen die Regie- rungsvertreter den Saal. Auch die Konservativen folgen zu einem Teil, während der Präsident Dr. K a e m p f Scheidemann den Ordnungsruf in Aussicht stellt, sobald ihm der stenographische Bericht vorliegt. Unbeirrt setzt Scheidemann seine Kritik fort. Er er- innert an die Debatten über das persönliche Regiment, an die schönen Reden, die damals von den Vertretern der bllrger- lichen Parteien gehalten worden sind, wie alles das nichts genützt und wir wiederum einem umgekehrten Meisterstückder Politik gegenüberstehen, das uns an hundert Stellen schaden muß. Nicht rückwärts in Elsaß- Lothringen, sondern vorwärts in Preußen ist unsere Losung, und wenn etwas die Arbeiter aufgerüttelt hat, so der schnöde Gewaltstreich an den wirklichen Volksvertretern in Preußen. Preußen müßte endlich aufhören, das deutsche Sibirien zu sein, und an Stelle der Verordnung, die vor 63 Jahren unter Bruch eines königlichen Wortes erlassen worden ist, muß end- lich das gleiche Wahlrecht treten. Nur unter großen Schwierigkeiten konnte Scheidemann seine Rede zu Ende führen. Sie wurden ihm allerdings weniger von den Zuhörern bereitet als von der Stelle, die zur Führung der Geschäfte des Hauses berufen ist. Herrn K a e m p f hatten die konservativen Pfruirufe und die Ab- sentierung des Herrn v. Bethmann in einer nervös Erregung versetzt, die sich in fortgesetzten Ordnungsrufen— gegen unseren Redner entlud. Ja, Herr Kaempf trieb das Bestreben, die Negierung und die Konservativen von der Güte seiner Ge- schäftssührung zu überzeugen, bis zu dem unglaublichen Versuch, unseren Redner an der Besprechung der Vorgange im preußischen Abgeordnetenhause hindern zu wollen. Die l aroße Nachsicht, mit der Scheidemann seinen ftüheren Kol- legen vorerst zu einer besseren Führung der Geschäfte anzu- leiten versuchte, erwies sich leider vergeblich, und Scheide- mann mußte schließlich in schärferer Weise sein parlamentari- sches Recht gegen den Präsidenten, einen liberalen Prä- sidenten, schützen, was schließlich, wenn auch schwierig, unter einem Hagelschauer deplazierter Ordnungsrufe gelang. Unterdessen verbreiten sich im Hause unkontrollierbare Gerüchte. Die kindische Demonstration der Regierungsver- treter wird merkwürdigerweise von manchen Abgeordneten ernst genommen. Von einer Bundesratssitzung, die eigens abgehalten werde(in Wirklichkeit war sie schon vorher für 2 Uhr festgesetzt worden) und Anrufung des Kaisers durch Bethmann, von Reichstagsauflösung usw. wird gesprochen. Und alles das wegen„Beleidigung Preußens"! Als ob die Kennzeichnung der Rechtlosigkeit des preußischen V 0 lkes, als ob die Anklagen gegen das in Preußen Herr- schende System der Junker- und Bureaukra- t e n w i l l k ü r eine Beleidigung des preußischen Volkes wäre und nicht vielmehr seine Verteidigung gegen die unerträglichen Anmaßungen einer herrschenden Klasse! Wenn die' Junker diesen Anklagen gegenüber entrüstet auffahren, so ist das begreiflich, denn ihre Wirtschaft ist es, um die es sich handelt, wenn von Preußens Schande gesprochen wird. Wenn aber Herr von Bethmann diese politische Heuchelei der Konservativen mitmacht, was beweist das anders, als daß er sich nur als konservativer Handlanger fühlt? Es ist ja nichts so lächerlich, als wenn sich als Schützer des preußischen Volkes diejenigen ausspielen wollen, die nichts so sehr fürchten, als das Volk selbst zu Wort kommen zu lassen. Man gebe endlich diesem Volke sein Recht, man b e- seitige die Dreiklassenschmach, und Preußen wird vor jeder„Beleidigung" geschützt sein. Aber die Entrüsteten mit ibrem Bethmann an der Spitze werden tausendmal lieber tausend Beleidigungen ihres Preu- ßens einstecken, als dem preußischen Volke ein Tausendstel seines Rechtes geben. Und deswegen war die scharfe Kritik, die. Scheidemann heute übte, nur der g e t r e u e A u s d r u ck der Stimmung der überwiegenden Masse d e s p r e u ß i s ch e n V 0 l k e s. Deshalb wirkte auch van C a l ksg r, der national- liberale Redner, so überaus komisch, als er sich gleichfalls zur „Entrüstung" bekannte und dem Hause mitteilte, daß es in dem ersten Liede, das er gelernt habe, geheißen habe:„Ich bin ein Preuße". Denn da in dem Liede schamhaft ver- schwiegen wird, daß das preußische Wahlrecht das elendeste aller Wahlsysteme ist, wird Herr van Calker selbst nicht meinen, daß durch dieses Zitat die Anklagen unseres Genossen ab- geschwächt werden können. Im übrigen sprach Herr van Calker nur nationalliberal und professoral, fand aber doch auch ein paar vernünftige Worte gegen die nationalistische Hetze, die gegen Elsaß-Lothringen inszeniert wird, der aber vielleicht manche seiner Parteigenossen nicht ganz fernstehen. Während der Rede Calkers war die hohe Regie- rung unter den heiteren Zurufen der Linken wieder im Saal erschienen, und endlich ergriff Herr von Bethmann Hollweg das Wort. Der Reichs- kanzler hat dem deutschen Volke schon längst nichts mehr zu sagen, desto mehr aber diesmal seinem Herrn. Nachdem er die gebotene Entrüstungskundgebung gegen Scheidemann mit anerkennenswerter Kürze absolviert hatte, besprach er die elsässischen Vorgänge und suchte den Boykott gegen die Fabrik zu rechtfertigen. Ein Fabrikdirektor soll deutschfeindlich ge> Wesen sein, und deshalb seien der Fabrik die Aufträge entzogen worden. Worin diese Deutschfeindlichkeit bestünde, erfuhr man freilich nicht. Dann kam Herr v. Bethmann Hollweg auf die Aeußerungen Wilhelms II. zurück. Er legte natürlich „Verwahrung gegen die Angriffe" ein, erklärte, daß der Kaiser „unmutig" gewesen sei, daß es ihm aber ferngelegen habe, die Rechte von Bundesrat und Reichstag zu berühren. Er übernehme die Verantwortung und werde immer vor den Kaiser treten. Herr v. Bethmann Hollweg sprach da also als reiner Höfling. Das Versprechen größerer Zurückhaltung wird von dem Kanzler nicht gefordert. Bülows Entlassung hat auf ssine» Nachfolger belehrend gewirkt. Herr v. Bethmann findet es bequemer, das persönliche Regiment zu leugnen, als es einzuschränken und sich auch dort zu ihm zu bekennen, wo er in Wirklichkeit anderer Ansicht ist. Mußte er doch selbst schon, um sich gegen die konservativen Angriffe zu schützen, sagen, daß es verfrüht wäre, ein endgültiges Urteil darüber abzugeben, ob sich die elsässische Verfassung bewährt habe oder nicht. Trotz der vorsichtigen Fassung ist es genau das Gegenteil von dem, was Wilhelm II. sagte, als er den Wunsch zu erkennen gab, die elsässische Verfassung in Scherben zu schlagen. Aber Herr von Bethmann Hollweg hatte heute einen leichten Stand. Die bürgerlichen Parteien sind kampfes- müde. Gerade daß noch der Vertreter der Fortschrittspartei Dr. Haas ein paar Worte gegen die Straßburger Aeuße- rungen sagte und Herr Dr. Spahn im Namen des Zentrums ein leises Bedauern über diese Aeußerungen flüsterte. Tie übrigen Parteien wichen jeder politischen Debatte über- Haupt aus. So blieb die Antwort auf die Rede des Reichs- kanzlers, nachdem noch der Elsässer Hauß den Fall Grafen- staden richtiggestellt hatte, unserem zweiten Redner vorbe- halten. Genossen L e n s ch charakterisierte glücklich die Lächerlichkeit der Entrüstungskomödie, die der Reichs- kanzler und die Parteien aufgeführt hatten. Er er- innert die Konservativen daran, wie gerade sie von jeher die Feinde des Deutschen Reiches und die Feinde des deutschen Volkes gewesen sind. Und gründlich nahm er sich den Reichskanzler vor, der wie ein Agitator des Reichsver- bandes über die Sozialdemokratie herfällt und dann fürchter- lich beleidigt tut, wenn das System, das er vertritt, in seiner ganzen Schönheit enthüllt wird. Der Mann, der kein Ver- trauensmann des deutschen Volkes, kein Vertrauensmann des Reichstages, sondern nur ein vorübergehender Hand- langer des persönlichen Regiments ist, der hat überhaupt kein Recht, der Sozialdemokratie gute Lehren zu erteilen. Nach dieser Abrechnung, die wiederum durch Störungen des Präsi- deuten und Entrüstungsrufe der Rechten unterbrochen wurde, entwickelte Lensch in großen Zügen die sozialdemokratische Auffassung der kapitalistischen Entwicklungstendenzen, die mit Notwendigkeit zu immer neuen Kämpfen führen müssen, bis sie schließlich in der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat ihren Abschluß finden werden. Mit der sozialdemokratischen Rede hatte die Sitzung be« gönnen, in der sozialdemokratischen Rede fand sie ihren Aus-! klang. Dazwischen die Hilflosigkeit und Konfusion der bürger- lichen Welt, die keinen Konflikt mehr ausfechten mag aus Furcht vor den Nutznießern ihrer Kämpfe, aus Furcht vor der Sozialdemokratie. Und so versanden alle ihre Ausläufe. Große Worte— keine Taten! Aber daß sie die Kämpfe vermeiden, nützt ihnen so wenig, als wenn sie sie führen. Ihre Untätig- keit klagt sie an und die ungelösten Konflikte häufen sich immer mehr, bis sie schließlich in jene große, alles umfassende Entscheidung zusammenfließen werden, in der sich der Kampf um die politische Macht entscheidet. Klar und scharf hat Scheidemann heute die bürgerlichen Parteien vor die Fragen gestellt, auf die die deutsche politische EntWickelung Antwort verlangt. Am Schluß der Sitzung konnte der Sozialdemo«. krat konstatieren, daß die bürgerlichen Parteien versagt haben, daß die entscheidende Antwort nur vom Proletariat gegebM werden kann. �_ Die Scherben ftllbelms XX. Aus dem Elsaß wird uns geschrieben: Der offiziöse Telegraph hat mit Berufung auf eine Mitteilunz des Bürgermeisters von Stratzburg den Versuch gemacht, den üblen Eindruck der auch von andern mitangehörten Worte Wilhelms II. bei dem Frühstück im Palais des Staatssekretärs Zorn v. Bulach abzuschwächen. Bürgermeister Dr. Schwan der in Straßburg ist ein sehr strebsamer Herr, dessen patriotische Gesinnung diesen Liebes- dienst erklärlich macht, und wenn er nun erklärt, daß der„Wort- laut" der kaiserlichen Aeußerung in der Presse„nicht authentisch" wiedergegeben worden sei. daß aber die Aeußerungen des Kaisers „dem Sinne nach zutreffend" angeführt worden seien; und wenn er weiter hinzusetzt, daß der Kaiser bei Erwähnung der Möglichkeit der Einverleibung Elsaß-Lothringens in Preußen dies „jedenfalls nur in dem Sinne gemeint(!) hat. daß dies auf dem Weg durch die gesetzgebenden. Faktoren des Reiches erfolgen müsse", so darf man diesen ausdrücklichen Jnterpretations- versuch ohne Sorge als die materielle Bestätigung des Wortes buchen:„Wenn dies so fortgeht, so schlage ich Ihre Ver- fassung in Scherben." Zum Ueberfluß sind wir in der Lage, von einer ähnlich temperamentvollen Aeußerung des Kaisers zu dem Präsidenten der Zweiten elsaß- lothringischen Kammer, dem Landtags- und Reichstagsabgeordneten Dr. R i ck l i n, bei derselben Gelegenheit und aus demselben Anlaß zu berichten. Wilhelm II. begrüßte den Präsidenten der Zweiten Kammer bei der Vorstellung mit der durchaus eindeutigen Apostrophe:„So, Sie sind derjenige, dem ich die Streichung meiner Jagd und die Geschichte mit dem Gnaden� fonds zu verdanken habe?"... Und dann war Präsident Dr. Ricklin Luft, während die Straßburger Presse zu berichten wußte, daß der Kaiser den neuernannten Landgerichtsrat Vonderscheer in ein Gespräch zog, das nach Aufhebung der Tafel etwa eine halbe Stunde dauerte.„Den Gegenstand dieser kaiserlichen Rück- spräche bildete, wie glaubhaft versichert wird, dieZweiteKam- mer Elsaß-Lothringen s", melden die„Straßb. Neueste» Nachr.". Dieser Herr Dr. Vonderscheer, Zentrumsmann wie Dr. Ricklin, stimmte bekanntlich als einziger elsaß-lothringischer Zen- trumsabgeordneter 1911 im Reichstag für die neue elsaß- lothrin- gische Verfassung, worauf ihn die nationalistische Richtung der Zen- trumspartei in seinem Reichstagswahlkreise Schlettstadt für die folgenden Wahlen als Kandidat absägte. Die Regierung hat ihn jetzt zum Tröste erstzumMitgliedederErstenKammer in Elsaß-Lothringen und später vom Rechtsanwalt zunr Landgerichtsrat ernannt,— ein Entwicklungsgang, den die Justizverwaltung in Elsaß-Lothringen bisher grundsätzlich ab- lehnte. Und nun bespricht sich Wilhelm II. mit ihm über die Hai- tung der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Zweite» Kammer, und sagt dieser Kammer Kampf und nahes Ende an: Friß, Vogel, oder stirb! Der Vogel wird sich wehren, er weiß das ganze Land hinter sich Das Votum der Mißbilligung, das vor einigen Tagen aus Anlaß der Affaire von Grafen st aden die Regierung traf, hat in allen Schichten des elsaß-lothringischen Volkes ein zustim- mendes Echo gefunden. Nicht ungeschickter kann eine Regierung operieren, als es das Regime Mandel-Zorn v. Bulach in Elsaß- Lothringen als Spielball des rheinisch-westfälischen Scharfmacher- klüngels tut, für de« die dzutsch-chauvinistifchen Bestrebungen in diesem Falle wie bei all seinem patriotischen Tun mir das Feigen- blatt für das Profitinteresse des nationalen Dividendenschluckers sind. Die Elsäs fische Maschinenbaugesellschaft, die in Grafenstaden bei Strasburg über 2000 und in Mülhausen i. E. über 4000 Ardeiter beschäftigt, soll zum Vorteil des Unternehmertums, dessen Organ die scharfmacherische«Rheinisch-Westfalische Zeitung" ist, bei der preußischen und rcichs deutschen Eifenbahnderwaltung als Liefe. rantin ausgeschaltet werden, und so werden denn jetzt Dinge, die der in die Enge getriebene Staatssekretär bei der Jnterpellations- debatte in der Zweiten elsatz-Iothringischen Kammer selbst als „Kindereien" bezeichnen mußte,— das Spielen französischer Musik- stücke durch einen Mufikverein des Fabrikperfonals in Grafenstadcn, der Mchtempfang eines deutschen Offiziers, der die Werkstätten be- suchen wollte u. dgl. m.— als Verbrechen gegen die Majestät des Deutschen Reiches bei der preußischen Staats- und der deutschen Reichsregierung denunziert, indem der Abbruch der geschäftlichen Beziehungen der Eisenbahiwerwaltung zu der Elsässischen Ma-- schinenbaugefellschast angestrebt wird. Und die Regierung macht aus den„Kindereien" wirtlich Haupt- und Staatsaktionen, und der Elsässischen Maschincnbaugesellschaft wird die Entziehung der Auf- träge für die bisher zu voller Zufriedenheit gelieferten Lokomotiven in aller Form angesagt, es sei denn, daß sie„Garantien für die Zukunft" leiste und vor allem den angeblich deutschfeindlichen Di- rcttor Hehler in Grafenstaden entlasse! Der Terrorismus, wie er im Buche steht! Was ist natürlicher, als daß sich in Elsaß-Lo- thringen Volksvertretung und Volk einhellig dagegen aufbäumt? Und was ist weniger überraschend, als doS große Aufsehen, daS diese Vorgänge in Frankreich gemacht haben, wo die Eisenbahngesell- schaften zahlreiche Lokomotiven deutschen Ursprungs in Betrieb boten und wo die Chauvinisten natürlich nur solche Geschichten zu »hohren brauchen, um einen ähnlichen Jeldzug gegen die beut- s ch e n Maschinenliefcranten zu eröffnen? Wie tief die Erregung in Elfaß-Lothringen geht, zeigt ein schon vor den letzten Ereignissen in der„Deutschen Export-Rebuc" der- öffentlichter Brief des früheren nationalliberalen Reichs- tagSabgcordnaten Theodor Schlumderger, der als Vertreter der elsässischen Industrie im Jahre 1002 durch d i e Erhöhung j)cr Zollschranken die Abfchließung der elsässi- fÜH cn Industrie vom ehemaligen französischen A bsatzmarkte mit herbeiführen half und den es daher doppelt schmeiAlich berühren muß. wenn er jetzt steht, wie durch Machen- schaftett solcher Art auch der deutsche Absatzmarkt versperrt wird. Kommerzieurat Theodor Schlumderger, der nationalliberale Hurra- patrwt von 1900— 1907 im Deutschen Reichstag, weist hier den „übertriebenen Brotneid seitens der Konkurrenz" sin Rheinland. Westfalens zurück und bestätigt, daß der Fall Grafenstaden in Elsaß-Lothrfngen die ganze Bevölkerung entrüsten und der An« Näherung zwischeu Einheimischen und Aktdeutschen sehr viel schaden werde, und er prophezeit, daß, wenn die Regierung ihren Fehler nicht wieder gutmache, in Elsaß-Lothringen„leider ein Spektakel sondergleichen losgehen wird"; tieftraurig bleibe die Angelegenheit auf alle Fälle, und sie erschwere ungemein die Aufgabe derjenigen, die sich bemüheu, versöhnend zu wirken.— Das ist mehr als wahr, und es hat nur der Ausfälle von Wilhelm II. bedurft, um dem Faß den Bode» auszuschlagen. Der Augenblick wäre recht: der deutsche Kaiser mache, da er sich trotz feines Wortes von den Scherben über die dumme Ver- fassung fürs erste doch noch nicht hinwegsetzen kann, von seinem verfassungsmäßigen Rechte Gebrauch und löse die fatale Zweite Kammer auf sZ 11 der Verf. Els.-Lothr.». 31. Mai 1911). Er muß dann freilich, gemäß derselben Verfassung(§ 12). dafür sorgen, daß der Landtag binnen 90 Tagen wieder versammelt wird, das heißt er muß Reuwahlen ausschreiben. Es wird dann Scherben geben. Die Antwort dürste deutlich sein! Hier ist Rhodus, hier tanze! Sie Revolution in Lhinn. Tas internationale Kapital und die Anleihe. London» 16. Mai. Wie das Reutersche Bureau erfährt, hat die in London abgehaltene Konferenz der au der chine. fischen Anleihe interessierten Bankiers ihre Sitzungen vorläufig geschlossen. In der Konferenz sind beträchtliche Fortschritte gemacht worden. Es heißt, die Konferenz hätte über die Grundlagen der chinesischen Finanzen und über die Details der Vorschüsse zur Bezahlung der Truppen beraten. DaS Datum der Wiederaufnahme der Konserenz ist noch nicht festgesetzt, und einige Delegierte verlassen England umgehend, um mit ihren Auftrag- gebern die Angelegenheit weiter zu besprechen. DaS Reutersche Bureau erfährt weiter, daß daS österreichisch-ungarische Ministerium des Aeußern sich wegen Beteiligung an der Anleihe an die Regie- rungen der sechs Mächte gewandt habe; an den Beratungen der Konferenz habe jedoch noch kein österreichisch-ungarischer Delegierter teilgenommen. London, 16. Mai. Wie die„TimeS" aus Peking meldet, ernannten die Banken für die Kontrolle derOOMil- lionenanleihe den Deutschen Rump, der gegenwärtig bei der deutschen Sektion der Tientsin-Pukaubahn tätig ist. Die Nationalversammlung wehrt sich gegen die Ab- hängigkcit vom internationalen Kapital. Peking, 17. Mai. tMeldung der..Agence d'Extrem« Orient".) Die Nationalversammlung beschäftigte sich in geheimer Sitzung mit der Frage der Sechsmächteanleihe. Die Redner sollen sich in äußerst heftigen Worten gegen diese Anleihe wegen der zu ihrer Deckung geforderten Finanzkontrolle ausgesprochen haben. Schließlich wurde der Anleihevorschlag fast einstimmig von der Versammlung abgelehnt. Sollte diese Sechsmächteanleihe endgültig scheitern, so beabsichtigt man. das erforderliche Geld aus dem Wege einer sehr hohen Einkommensteuer, von der die wohlhabenden Klassen getroffen werden sollen, aufzubringen. Verschiedene der in diesem Sinne gehaltenen Reden erinnern an die berühmte Rede MirabeauS, in welcher er empfahl, ein Viertel des Einkommens der Wohlhabenden und Reichen für den Staat zu beschlagnahmen. Man ist trotz alledem der Meinung, daß die Verhandlungen mit der Sechsmächte-Finanzgruppe fortgesetzt und schließlich doch zu einem Ziele führen werden. Aufforderung zum Kampfe gegen die mongolische« Unabhängigkeitsbestrebungeu. Zizikar, 16. Mai.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) In einem umfangreichen Bericht an den Präsidenten Juanschikai dringt der Gouverneur darauf, daß unverzüglich die energischsten Maßregeln zur Bekämpfung der Mongolen ergriffen würden. Er begründet dies damit, daß es leicht sei, die Unabhängigkeit der Mongolen zu zerstören, weil ihnen ein organi. siertes Heer fehle und Rußland eS nicht wagen werde, die Mon- golen offen zu unterstützen, da dies eine Einmischung der im fernen Osten interessierten Mächte hervorrufen würde. Der Bericht wird dem Pekinger Vorparlament unterbreitet werden. Fortdauer der Kämpfe in Tibet. Simla, 16. Mai.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Friedensverhandlungen zwischen Chinesen und Tibetanern in 2 h a s s a sind gescheitert. Der Kampf ist wieder aufge- nommen worden. Die Tibetaner bombardieren ein Kloster, in dem sich 800 Chinesen befinden, deren Munition knapp wird. politische(leberliedt. Berlin, den 17. Mai 1912. Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus überwies ani Freitag zunächst den Gesetzentwurf über die landwirtschaftliche Unfall- Versicherung an die Agrarkommifsion, nachdem u. a. Ge- nasse Liebknecht kurz aber treffend die agrarische Privi- legienwirtschaft gebrandmarkt hatte. Ter übrige Teil der Sitzung wurde durch die zweite Lesung des sogenannten Besitzbefestigungsgesetzes ausgefüllt. Nach eingehender Beratung in erster Lesung und in der Kommission, die die unveränderte Annahme empfahl. boten die Debatten nichts Neues. Die Stellung der Parteien war bekannt. Wie immer jammerten die Hakatisten. deren Reigen diesmal der Abg. Viereck(fk.) eröffnete, über den Terrorismus der polnischen Presse und den Boykott deutscher Gewerbetreibender durch die Polen. Aehnlich der Konservative W i n k l e r, der den Kampf gegen die Polen und Dänen als einen Akt der Staatsnotwendigkeit bezeichnete. Eine komische Er- schemung ist der Unterslaatsseketär H o l tz vom Ministerium des Innern, der trotz des eklatanten Mißerfolgs der bisherigen Polenpolitik triumphierend im Kriegervereinstone verkündete. die Regierung werde die Matznahmen ausbauen, die sich bis- her im Osten zur Stärkung des Deutschtums bewährt haben. Viel Glück wird sie dabei nicht haben. Energisch gegen die Ausnahmegesetzgebung sprach Abg. Graf S p c e vom Zentrum. Der Zentrumsgraf kann es sich einmal erlauben, das Prinzip hochzuhalten und sich radikal zu gebärden. Unterliegt doch die Annahme der Vorlage keinem Zweifel! Nachdem noch der natwnalliberale Herr G l a tz e l sich mit dem feurigen Hakatismus für und der Abg. P a ch n i ck e gegen die Ausnahmegesetze(aber für eine des nationalen Kamps- charafters entkleidete Siedelungspolitik) gesprochen, verteidigte schließlich noch der Landwirtschaftsminister v. Schorlcmer selbst feine Politik._____ Etatsdebatte im preußischen Hcrreuhaufe. Das Herrenhaus nahm am Freitag das Moorschutzgesetz an. Dann wurde in die Beratung des Etat» eingetreten. Der Finanz- minister gab wieder seine schon ouS dem Abgeordnetenhouse bekannten Erklärungen ab. daß die Steuerzuschläge nicht aufgehoben werden könnten und daß trotz Ansammlung von 160 Millionen Mark im AuSgleichfondS nicht daran gedacht werden dürfe, den Staatshaus- haltSetat auf schwankende Sisenbahneinnahmen zu stützen- Der bekannte konservative Graf Dohna- Schlobitten erklärte unter anderem. daß die beiden Nachfolger Bismarcks. Caprivi und Hohenlohe in der auswärtigen Politik minder- wertig gewesen seien, und daß die Angriffe Bethmanns auf Heydebrond in der Marokkofrage Keffer unterblieben wären. Gras Mirbach beklagte dann die Aufhebung der SchnapsliebeSgaben und wünschte eine recht gründliche Hinausschiebung der Herabsetzung der Zuckersteuer. Dann begrüßte er den Hinauswurf BorchardiS aus dem Abgeordnetenhause als ein erfteulicheS Zeichen dafür, daß man endlich zu einer energischen Zurückdrängung des Radikalismus über- geh«. Das hätte schon längst geschehen sollen. Der Oberbürgermeister von Köln, Wallraf, beklagte die starke Belastung der Kommunen und die Einschränkung der Staatsverwaltung durch die Staats- aussicht.— Fürst Salm dankte der Regierung für die Rieder- werfung des Bergarbeitcrstreiks und für die Schnell- justiz. Der bekannte Reaktionär Herr v. Buch wandte sich gegen eine frühere Einberusung des Landtags, die nur dazu führen würde, daß noch mehr unnötiges Zeug geredet werde, und daß die Abgg. mit ihren FreifahrlSkartea und Diäten in die WeihnachtS- ferien gehe» könnten.— Prof, Adolf Wagner billigte die Finanz- politil der Regierung, wünschte aber, daß die Einkommensteuer nicht bei i Proz. stehen bleibe, während andere Staaten bereits zu 5 Proz. übergegangen sind. Schließlich polemisierte der Breslauer Ober- bürgermeister Dr. Bender noch gegen Graf Mirbach, der den Gegnern keine Gerechtigkeit widerfahren lasse.— Morgen Einzelberatung des Etats._____ Ter Nebenpräsident. Als ob Herr Dr. Kaewpf nicht genug aus der Fassung geraten wäre, mußte er in den stürmischen Reichstagssitzungen noch die guten Ratschläge seines Parteifreundes, des Exblockjünglings Dr. Heck scher, nunmehrigen Direktors der Harnburg-Amerika- Linie, über sich ergchen lassen. Herr Heckscher war gar nicht von der Tribüne wegzubringen, bebte oben beständig vor Entrüstung, zitterte unaufhörlich nach Ordnungsrufen, schlotterte aus Angst vor einem.Konslickt zwischen Präsidium und Regierung(wegen nicht genug schneller Ordnungsrufschüffe), kurz bot einen geradezu nationalliberalen Anblick. Ohne Herrn Kaempf entschuldigen zu können, muß doch konstatiert werden.: Heckscher ist sein Milde- rungsgrund. Arbeitsscheue und säumige Nährpflichtige. Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberalnng des vom Herrenhause bereits erledigten Gesetzentwurfs betreffend die Abänderung und Ergänzung der AusführungSgesetze zum Reichsgesetz über den Unterstützungswohnsitz hat ihre Arbeiten beendet. Gegen- über der Fassung des Herrenhauses ist der Entwurf nicht unwescnt- lich abgeändert worden. Zunächst hat die Kommission dem§ 1» einen Absatz angehängt, wonach alS unterstützt der Ehemann oder der unterhaltungSpflichtige Elternteil oder— bei uneheliche» Kindern— die Mutter auch dann gilt, wenn die Unterstützung der Ehefrau oder der Kinder ohne oder gegen den Willen dieser Unter- Haltungspflichtigen gewährt ist. Dadurch sollen diejenigen getroffen werden, die ihre Frau und Kinder böswillig verlassen, auf Unter« stützung verzichten und Frau und Kinder ruhig Not leiden lassen. Ferner ist bestimmt, daß die Unterbringung in eine Anstalt dann nicht erfolge, wenn sie mit erheblichen, den Umständen nach nicht gerechtfertigten Härten oder Nachteilen für das Fortkommen deS Unterzubringenden verbunden sein würde, und daß anstatt Unter- bringung in eine Arbeitsanstalt auch die Einweisung in eine Erziehungsanstalt oder HeUanstalt(insbesondere auch Trinkerheil- anstatt) angeordnet werden kann, in welcher Gelegenheit gegeben ist, den Eingewiesenen mit angemessener Arbeit zu beschästigen. In bezug auf den Rechtsweg hat die Kommission wenigstens einige Garantien geschaffen; soweit dies ohne erhebliche Schwierig- ketten geschehen lann, soll der Unterzubringende, gegen den das Ver- fahren sich richtet, vor der Entscheidung gehört werden. Da« Beschluß- verfahren vor Kreis-(Stadt-)AuSschuß kann solange ausgesetzt werden, bi« über die Klage des Unterzubringenden, der seine Unter- Haltungspflicht bestreitet, im ordentlichen Rechtswege rechtskräftig entschieden ist. Gegen den Beschluß deS Kreis-(Stadt-)AuSschusseS findet innerhalb zwei Wochen der Antrag auf mündliche Verhandlung im VerwaltungSstreitverfahren statt. Die Entscheidung des Bezirks- ausschuffeS ist endgülttg. Der Unterzubringende ist über die ihm zustehenden Rechtsmittel schriftlich zu belehren. Eine Verbesserung bedeutet auch die Bestimmung, daß wenn ein Untergebrachter nach einem Jahre beurlaubt wird, eine erneute Unterbringung erst nach Ablauf von drei Monaten beschlossen werden darf. Trotz alledem bleibt die Taffache bestehen, daß daS Gesetz ein tzolizeigesetz in des Wortes schlimmster Bedeutung ist und daß es in Widerspruch zu den Reichsgesetzen sieht, denn eS regelt eine Materie, )ie durch das Einführungsgesetz zum Slrafgesctzbuch der Reichsgesetz- zebung überwiesen ist. Daß andere Bundesstaaten ähnlich vor- zegangen find, kann an dieser Tatsache nichts ändern. Bedauerlich st es übrigens, daß die Kommission die Aufnahme einer Bestim- nung abgelehnt hat, wonach Personen, welche in eine Anstalt unter- gebracht waren, obwohl die gesetzlichen Voraussetzungen nicht vor- zelegeu haben, oder die über die im Gesetz bestimmte Zeit hinaus estgehalten waren, einen Enffchädigungsanspruch gegen den die Unterbringung betreibenden Armenverband nach Analogie des Reichs- zesetzeS über die Entschädigung der im Wiederaufnahmeverfahren reigesprochenen Personen haben. Wenn ein Regierungskommissar zegen den Antrag einwandte, daß eS sich, rein praktisch genommen, nur um Trinker und Personen handle, denen ein Zwang nur nützlich «, so bedeutet das das offene Zugeständnis, daß das Gesetz ein Polizeigesetz ist und sein soll._____ Posadowsky als Handlanger der Ehristea. Nachdem bei der Rcichstagswahl der christliche Appell an die Eisenbahnarbeiter und-beamten so kläglich miß- lungen. fühlten sich die Macher des christlichen Eisenbahner- Verbandes in Elberfeld um so mehr veranlaßt, einen neuen Coup zu unternehmen. Sie bedurften dazu irgend eines Lockvogels, den sie denn auch in dem Grasen Posa- d o w s k y, dem ehemaligen Staatsimnisteri und jetzigen wild-srei-konservativen Reichstagsabgeordneten, fanden. Da Posadowsky trotz der ihm bisher im Reichstage eingeräumten überaus splendiden Redefteiheit nach schönrednerischer Be- tätigung geradezu zu lechzen scheint, bedurfte es nur der Ein- ladung der Christen, um ihn für die Demonstration des christ- lichen Elberfelder Eiienbahnerverbandes zu gewinnen. Und preisend init viel schönen Reden schilderte dann auch Graf Posadowsky die Tätigkeit der Eisenbahnbediensteten. So sagte er unter anderem: Wenn ich de» Nachts die Züge in Wind und Wetter durch da« Land brausen höre, so sage ich mir immer von neuem: Wie- viel Pslichtgesühl und Gewissenhaftigkeit aller Beteiligten ist erforderlich, damit dieser gewaltige Betrieb ohne«chaden an Menschenleben und Gütern sich mit solch pcin- licher Pünktlichkeit Tag und Nacht vollziehen kann wie bei uns in Deutschland!(Beifall.) Und w e l ch e tz e l d e n t a t e n haben die Eisenbahnbcamten schon verrichtet, um mit Verlust ihre? eigenen Ledens da» Leben ihrer Mitmenschen zu retten! Die Staatsbetriebe sind in ihren Grundlagen und in ihren Aufgaben wesentlich verschieden von jedem Privatbetrieb. Der Privatbetrieb wird auf Gedeih und Verderb der einzelnen Unternehmer ge- führt, ihr Nutzen und Gewinn ist Zweck des Unternehmens. Die Staatsbetriebe dienen dem Interesse- des gesamten Voltes, sie haben im Interesse der Gesamtheit wirtschaftliche und soziale Aufgaben zu erfüllen und die Frage des Ertrages muß sich höheren Rücksichten unterordnen. Hieraus folgt, daß alle die, wetcho dem Staat als Beamte oder Arbeiter verpflichtet find, die Mitverantwortung tragen für die Erfüllung jener Aufgaben des Staates, und deshalb haben sie weitgehendere B c r p f l i ch- tungen dem Staate gegenüber, wie die Ange- stellten jedes Privatbetriebes.(Sehr richtig!) Der Staat ist nichts als die Gesamtheit seiner Bürger, und wer dem Staate dient, steht deshalb im Dienste seiner Mitbürger. Für den Staatsdiener kann nicht nur der formale Arbeitsvertrag maß. gebend fein. Zwischen dem Staat und allen, die ihm dienen, be- steht vielmehr ein Treuverhält uis, ohne welches der Staat seine Aufgaben dauernd und wirksam nicht zu erfüllen vermag. Jede Stillegung der Lebensaufgaben des Staates muß mit Notwendigkeit zum schwersten Schaden weiter unbeteiligter Kreise führen." (Lebhafte Zustimmung.) Leider war es keine„solonische Weisheit", die Gras Posadowsky im Interesse der Christen und der Scharfmacher hier zum Besten gab. Denn gerade dann, wenn die Arbeit der Eisenbahnbediensteten im Interesse des Staates als der Volksgesamtheit geleistet wird— wie kann dann die preußische Regierung ihren Angestellten verbieten, sich ge- verkichastlich oder politisch im Sinne einer Partei zu be- ätigcn, die mehr als ein Drittel des gesamten Volkes umsaßt, also weitaus stärker ist, als irgend eine andere Partei! Und wie kann man von einem„Treuver- aältnis" zwischen Arbeitern und Staat reden, wenn die Ver- reter nicht des V o l k s st a a t e s. sondern des Bureau- c r a t e n- und A u s b e u t e r st a a t e s sich anmaßen, den Ztaatsbedicnsteten nicht nur ihr Verhalten im Dienste, son- dcrn auch ihr a u ß e r d i e n st I i ch c s Verhalten vorzu- schreiben, ja. den unerhörtesten Terrorismus so- gar für das st a a t s b ü r g e r l i ch c Verhalten vor, schreiben wollen! Nicht von einem Treuverhältnis, sondern von einem Helotenverhältnis der Staatsbediensteten ist also die Rede, und für ein solches Verhältnis schwärmt Graf Posadowsky! Auch hier wieder zeigte sich also, in welch jäm- merlicher Weise der seinerzeit so ungeheuer überschätzte Graf im Barte sich von den reaktionärsten Elementen zum Hand- langer ihrer Scharsmachergelüsta mißbrauchen läßt! Kuriose Widersprüche. Als am Dienstag beim Etat für Kiautschou Genosse Herz- selb gegen die Zurückbchaltung von bOO Mann Ablösungstruppen ?um angeblichen Schutz deutscher Staatsbürger in China sprach. «rregte er damit den Zorn der Oertel-Garde im Reichstage und in der Presse. Nun will es die Ironie des Schicksals, daß in derselben llummer deS Ocrtel-Blattes, in der über die Rede des Genossen Herzfcld mit einigen schnoddrigen Bemerkungen hinweggegangen Wird, im Leitartikel genau derselbe völkeprechtliche Stand- punkt vertreten wird, den Genosse Herzfeld in seiner Rede einge- nommen hat. In diesem von Herrn Dr. Franz Erich Junge- Hermsdorf gezeichneten Artikel„Mexiko und die Bereinig. ten Staate n", wird der Fankee-Regierung zu Gemüte geführt, taß sie völkerrechtlich nicht befugt sei. unter dem Vorwande de» Schutzes amerikanischer Bürger oder deren Interessen in Mexiko einzufallen, �vabei heißt es wörtlich: .Lein Fremder, ob ansiffsiz oder»»rilbergchend, darf in Mexiko eine bessere Behandlung beanspruchen, al» sie dem Sin. geborenen des Landes durchschnittlich zuteil wird. Ganz gleich, ob Amerikaner, Engländer oder Deutscher, mutz er daS Risiko feine» Unternehmen» auf sich nehmen und sich den Gesetzen und Gepflogenheiten de» Landes anpassen." Da» ist fast Wortlauk genau dieselbe Begründung, die Ge. nosse Herzfeld auf Grund eines Fraktionsbeschlusses am Dienstag gegen die erwähnte Verstärkung der deutschen Truppen in China an, geführt hat. Für die Oertel-Garde scheint es aber nicht dasselbe zu sein, wenn zwei dasselbe tun. Zwangstribut statt freiwilliger Spende. Vor einigen Tagen teilten wir der Oesfentlchkeit mit, daß der sleiZvertrelende Leiter der Albatroswerke in Johannisthal in einem Aufruf die Arbeiter der Flugzeugwerke aufgefordert habe, zu der Alugspendc einen Beitrag beizusteuern, und zwar in Höh« von mindestens LS Ps. Wir knüpften daran die Bemerkung, datz ein solches Mittel, freiwillige Beiträge zusammenzubringen, höchst uniair sei. und daß die Mitteilung dieses Vorganges wohl genügen werde, andere Flugzeugfabriken von der Anwendung ähnlicher Mittel abzuhalten. Daraufhin erhielten wir zwei Zuschriften des stellvertretenden Leiters der Älbatroswerke, Johannes Potthoff, die sich höchst ungnädig über unsere Kriik seines Borgehens äußerten. Der gute Mann behauptet da, wir hätten seine Bekanntmachung in einer„höchst gemeinen Weise" beleuchtet, und was der» gleichen Stilübungen mehr waren. Wir haben sein erstes Schreiben aus dem Gesühl der Schonung heraus nicht veröffentlicht, da es an den von uns wiedergegebenen Tatsachen nicht? das geringste zu bestreiten vermochte; sehen uns jedoch aus die zweite, in ebenso naiv unverfrorenein Tone gehaltene Zuschrift hin veranlaßt, auf die Angelegenheit lurz zurückzukommen. Wenn Herr Potthosf meint, daß sein Betreiben„rein privater A'atur" sei, so beweist die uns zugegangene Zuschrift aus Ar» b e i t e r k r« i se n. wie ja auch für jeden Verständigen der Wortlaut des von Herrn Potthosf unterzeichneten Anschlages, dass die Arbeiter den Ausruf gar nicht anders verstehen konnten, als daß man von ihnen Zeichnung verlange. Auch ist die Entschuldigung, daß Herr Potthosf nur deshalb an die Arbeiter der Albatroswerke herangegangen iei. weil für die Alugspendc in Johannisthal bis dahin noch nichts gezeichnet worden sei, nur von geradezu per» blüssender Naivität. W«nn die Flugspende eine freiwillige sein sollte, so durfte von den einzelnen Werken auch keine Sainin, lung inszeniert werden, die als Beitrags zwang nicht nur auf» gefaßt werden konnte, sondern auch aufgefaßt werden mußte. Und wenn Herr Potthosf weiter erklärt, die Arbeiter bei den Albairoswerken seien keineswegs schlecht bezahlt, das aber nicht dadurch beweist, daß er unsere Lohnangaben bestreitet, sondern nur damit, daß die Albatroswerke innerhalb der Flugzeug, indwstrie doch a m besten bezahlten, so ist das auch nur ein« Argumentation, die der Intelligenz des Herrn Potthosf gerade keine vesondere Ehre macht. Aber vielleicht liegt das alles weniger in einer individuellen Begriffsstutzigkeit des Herrn Potthoff selbst, als daran, daß er noch allzu tief in jenen Gedankengängen steckt, die einem noch wenig borgeschrittenen Unternehmertum eigen zu sein pflegen. Meint doch Herr Potthosf allen Ernstes, daß es die Ausgabe der in der Flugzeugindustrie beschäftigten Arbeiter sei. für die Flug. zeugindustrie Mittel in Gestalt der nationalen Flugspende auf, bringen zu helfen, denn die F l u g z e u g i n d u st r i e l l e n seien es doch, die den in der neuen Industrie beschäftigten Arbeitern Arbeit und V c r d i e n st gewährten. Jedermann, der sich etwas näher mit Natisnalökonomie vertraut gemacht hat, weiß natürlich. daß es nicht die Herren Arbeitgeber sind, die ihren Arbeitern gnädigst Brot und Lohn gewähren, sondern datz'umgekehrt die Arbeiter der Industrie erst den Unternehmern Sie Möglichkeit geben, in Gestalt unbezahlter Mehrarbeit, de» sogenamiten Mehr- wertes, Kapitalprosit zu häufen.' Das wird der stellvertretende Leiter der AlbatroSwerke natürlich auch jetzt noch nicht begreifen. Aber das tut auch nichts zur Dache. Tie Hauptsache ist. baß die FIngspendo wirklich nur aui frei» willigen Sammlungen zusammengebracht wird, nicht aber durch „«faKii Druck aus die für die Flugzeugindustrie tätigen Arbeiter! Stuttgarts Stadtväter. Eine heitere Historie ist in Stuttgart passiert. Die machtvolle Demonstrationspersammlung der Stuttgarter Arveiterschaft gegen den junkerlichen Gewaltstreich im preußischen Abgeordnetenhaus am letzten Dienstag ist der etwas ängstlich veranlagten Mehrheit der Stuttgarter Stadlväter ins Gebein gefahren. Die Partei« leitung hatte in der vyn rund 4W0 Personen besuchten Bersomm» lung ersucht, von einer Straßendemonstration abzusehen! einige Hund' et Teilnehmer der Versammlung ließen eS sich trotzdem nicht nehmen, zur Villa des preußischen Gesandten zu ziehen und dort die Marseillaise anzustimmen. Die. Mehrheit der Stuttgarter Stadtväter lebt nun in großen Aengsten, lange Berliner Ohren könnten den Gesang und insbesondere den Vers, der vom freien Wohlrecht handelt, vernommen haben. Um der Ungnade dex Junker zu emgehen, haben sie in ihrer letzten allergehe'insten Sitzung beschlossen. den Herrn Oberbürgermeister ins Gesandtschaftshotel zu senden und um Verzeihung zu bitten. Da der Gesandte, wie der Stulkgarter„Schwäbische Merkur" anderntags bestätigte, nicht da, heim war. wird dem Herrn Oberbürgermeister wohl nichts anderes übrig bleiben, als dem Kammerdiener die Entschuldigungsrede vor, zutragen. Nebenbei bemerkt halsen„ltberale" Mannesseelen und Kämpen von der„Fortschrittlichen BolkSpartei", den angstvollen Büßgang zu beschließen...... Schtvarzblauv Fuselkameradschaft. In einer in Köln abgehaltenen Protestversammlung rheinisch» westfälischer Interessenten gegen die Branntweinsteuervorlage erklärte der Brennereibejitzer Jos, Klimm sKölps. der Hauptredner: Er fürchte, daß Zentrum und Konservative in dieser Vorlage zusammengehen würden. Der ZentrumSabg. Dr. K u ck h o f f sKüln-Land) habe bei einer Unterredung mit einer Deputation lzu der Herr Flimm ge» Hörles gesagt: Das Zentrum betrachte dt» Liebesgabe nicht vom wirtschastlichen, sondern vom Partei» politischen Standpunkte. Diese Mitteilung erregte große Kensation. Der Zentrums» abgeordnete gibt also offen zu, daß seine Partei auch in dieser Frage wieder die Interessen der Allgemeinheit an die konservativen Fusciborone üerkauft, um seine Freunde vom schworzblauen Block. ohne die es keine resktionäre Mehrheit zu bilden vermog, bei guter Laune zu halten. Landtagsersatzkvahl i» Homberg-Zicgenhain. Der Lanotagsadgeordnete v. Paumback erlitt heute mvrgen mitten in einer Rede, die«r in der Pudgetkommisston hielt, einen Schlagansall, an dessen Folgen er bald daraus im Hause verschied. Der Verstorbene war gewäzlr im Wahlkreis« Kassel 8 jHomberg- Ziegen Hains und gehörte der konservativen Partei an. Preußische Militärjustiz. Der Leutnant Hans Georg Witt vom lik. Infanterieregiment wurde vom Kriegsgericht der S5, Dipssion zu sllns Monaten Festung verurteilt. Er halt« in einer Februarnacht bei der Heimkehr von einer Festlichkeit in angetrunkenem Zustand« den Wachtposten belästig», Schuft geschimpft, ihm dip Browning» Pistole auf die Stirn gefetzt und zur Bekräftigung seiner Drohung sogar einen Schreckschuß in die Luft gefeuert. Jetzt ist auf die eingelegte Berufung des Leutnants das Urteil vom Oberkriegsgericht Tborn ausgehoben und der Leutnant freigesprochen worde», weil n sich hei Be» gehung der Tat im Zustande krankhafter Störung der Äeistestäligkeil befand, pörtugaL*„. Amnestie für Streikvergehen Lissabon, IS. Mai. Der Senat nahm ein Gesetz an, in dem die Amnestie auf alle Streikvergehen ausgedehnt wird, außer auf Fälle von Tötung und TötungSvcrsuchcn Sngwnck. Ein Opfer des Zaren. London, 15. Mai.(Eig. Ber.) Eine englische Dome, Fräulein M a l e ck a, ist von einem russischen Gerichtshof in Warschau wegen ihrer„sozialisti- schen Ueberzeugung" zu vier Jahren Zwangsarbeit und lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien verurteilt worden. Dieses monströse Urteil, das sich aus die Angaben eines ge» meinen Denunzianten, der schon viele Opfer an den Galgen gebracht, stützt, hat in weiten Kreisen der englischen Bevölke- rung die größte Entrüstung hervorgerufen, und augenblick- lich bemüht man sich, die englische Regierung zu bewegen. bei der russischen Regierung gegen dieses Schandurteil gegen eine englische Bürgerin Einspruch zu erheben, um ihre Be- freiung herbeizuführen. Fräulein M a l e ck a ist eine gebürtige Engländerin. Ihr Vater war ein Pole, der sich vor einem halben Jahrhundert vor der Knute Väterchens nach England flüchtete, sich naturali- sieren ließ und eine Engländerin heiratete. Vor einigen Jahren lernte Fräulein Malecka polnisch und stattete der Heimat ihres Vaters einen Besuch ab, der sich in einen dauernden Aufenthalt verwandelte. In Warschau traf sie einige polnische Sozialisten, die sie schon in London kennen gelernt hatte, und diese Begegnung wurde ihr zum Verhängnis. Denn von der ganzen vagen Anschuldigung, die die Regie» rung gegen sie erhob, wurde nur bewiesen, datz sich unter ihrer Bekanntschaft polnische Sozialisten befanden, Sie wurde im April des letzten Jahres verhaftet/ blieb sechs Mo- nate in Untersuchungshaft und wurde dann gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, namentlich infolge der beharrlichen Agitation, die die„Justice" gegen die frwole Inhaftierung einer englischen Bürgerin in Rußland entfachte. Das oben erwähnte Urteil wurde letzt« Woche gefällt. Ob Fräulein Malecka wirklich eine Sozialistin ist, ist sehr fraglich. In den Kreisen der englischen Genossen war ihr Name bis zur Verhgstung ganz unbekannt. Sie gehört wohl zu der zahl- reichen Gruppe der englischen Intellektuellen, die mit den sozialistischen Ideen sympathisieren. Was wird nun Sir Edward Grey,„die mit Eisen- färbe angestrichene Latte", angesichts dieser Schandjustiz an- stellen, um die Rechte einer englischen. Bürgerin, die selbst jetzt von den Russen als Engländerin betrachtet wird, zu wahren? Von allen Seiten bestürmt, windet er sich nach rechts und links und sucht und fiiidet Ausflüchte. Wie anders würde ein Palmerston oder ein Gladstone dem russischen Scheusal zu Leibe gegangen sein! Welch jämmerliche Rolle ist doch dem liberalen England in der. Entente mit dem russischen Barbaren zuerteilt worden! Die Antwort auf die deutsche Flottenvorlagr. London, 16. Mai. Unterhaus. M a r i n e m i, «ister Churchill beantwortete verschiedene Fragen über d� Wirkung des neuen deutschen Flottenge. setz es aus den englischen F l o t t e n b n n und er» klärte: Es wird notwendig sein, dem Hause dies Jahr einen Ergänzungsflotten etat vorzulegen, ober ich kann noch nicht sagen, wann die Abstimmung darüber.stattfinden wird. Der Konservative Kapitän Faber fragte Premier» minister A s a u i t b, ob die deutsche Regierung die englische Regierung im Jahre 1909 dahin informiert hätte, sie beab. sichtige zu dem Flottengesetz von 1908 keine weiteren Bauten vorzünehmen, und ob die deutsche Regierung trotz dieser Er- k'irung jetzt ihre Flott? um drei Dreadnougts vermehre. Asquith entgegnete: Von der deutschen Regierung sind keine Zusicherungen gegeben worden, und ich kann nicht sagen welche Absichten sie zu dieser und zu jener Zeit hatte, da es der deutschen Regierung frei stand, ihre Ansicht zu ändern. Trennung von Kirche«nd Staat in WaleS. London, 16. Mai, Nach viertägiger Debatte hat das Unter, hau» heute die zweite Lesung der Bill betreffend die T r e n n u n g von Staat und Kirche in, Wales mit tzltz gegen 8C7 Stimmen angenommen. Marokko. Sammlung aufständischer Streitkräfte in der Nähe von Fes. Paris, 17. Mai. Nach einem Funkeutelegramm des „Matin" aus Fes vom 15. d. M. zählt die in der Gegend von Tazs angesammelte aufrührerisch? Haxka an 3500 Mann, darunter 500 Reiter, und erwartet noch weitere Ver« stärkiingen. Sie sei gegenwärtig leichterer Berproviantierung wegen in drei Gruppen geteilt, die sich auf das erste Signal vereinigen werden. Wenn die Besatzung von FeS hinreichend stark wäre, so würde ein Angriff auf Jiie Harka unternommen werden, doch seien die verfügbaren Streitkräfte zur Bewach» uns der Stobt um so notwendiger, als die Stimmung der Bevölkerung eine sehr feindselige sei. Man müßt« sich damit begnügen, ein Bataillon an die Sebubrücke, etwa 4 Kilo- meter von Fes, zur Zeberwachung der Bewegungen der Harka zu entsenden. Bevorstehende Kämpfe im Mulujagehikte. Orap, Iß. Mai, Die liier aus U d s ch d a einlaufenden Meldungen lauten andauernd bedrohlich. Besonders der von jeher unbotmäßige Stamm der Ben» Urain soll sich gegen die Franzosen erHoven haben. Eine starke Abteilung dieses Stammes habe den Mttlujaflutz überschritten und ziehe gegen Debdu heran. Man schätzt diesen Heerhaufen auf 6000 Mann. General Girardot hat eine Kolonne von 4000 Mann gegen diese Aufständischen entsandt, Todesurteil als Beruhigungsmittel. FeS, 17. Mai. Das Kriegsgericht verhandelte gestern gegen 14 Zivilpersonen und Askaris, die der Teil- nähme an den Massakers in Fes angeklagt waren. Neun' wurden zum Tode, vier zu Zwangsarbeit ver»' urteilt. Einer wurde freigesprochen. Wie gemeldet wird, sammeln sich die Hyainas in Tsul. zwanzig Kilometer von Fes. Ein Gegensultan jm Susgebiete. Wie dem„Tempi" gemeldet wird, ist von den Stämmen im Husgebiet« Hgmed el Harbs, Sohn des ScherifS der Samara, zum Sulta« ausgerufen worden. Die Proklamation fand am 6. Mai in Tisnit statt. Der Kair Guelluli und der Kalif von Agadir sollen sich für den Gegensultan erklärt haben. Dieser soll die Bildung von kriegerischen Aufge» boten abwarten, um zuin Angriff überzugehen. parlamentarisckes. Aus der Wahlprüfungskommission. Die Wahl des Abg. Dr. L e n s ch(22. Sachsen) wurde ohne sede weitere Erörterung für gültig erklärt.— Dagegen ist die Wahl des Antisemiten H e r z o g(Rinteln-Hosgeismar) be» anstandet worden. Es handelt sich um eine echt antisemitische» p. h. s ch w i n d e lh a f t e Wahl. Außerdem sind etwa 200 Wähler noch nach Abschluß der Wählerlisten in diese eingetragen worden, «in Verfahren, dos nicht zulässig ist.— Die Prüfung der Wahl deS mit polnischer Hilfe im Kreise Fraustadt-Lissa gewählten Grafen Oppersdorf zeitigte wieder einmal die interessante Frage, ob die auf der Kanzel betriebene Wahlagitation als unzulässige Wahl- beeinflussung anzusehen ist. Mit 7 gegen 7 Stimmen wurde dies verneint. Außerdem war behauptet datz die Agenten d«S Grafen Geld, und Schnaps gespendet haben, um die Wähler für ihren Auftraggeber zu gewinnen. Die Prüfung der Wahl, die be- stimmt zu einer Beanstandung führen witd, soll in der nächsten Sitzung beendet werden.— Die abgeschlossenen Wahlprüfungen sollen kommende Woche aus die Tagesordnung des Reichstags ge«. setzt und somit noch vor der Vertagung erledigt werden. Bus der Partei. Gegen den Polizeigewoltstreich im preußischen Dreiklassenhause protestierte am Sonntagnachmittag die Wuppertaler Arbeiterschaft in einer großen Bolksversaminlung, die unter freiem Himmel auf einer Wiese auf der Straße zwischen Elberfeld und Barmen stattfand. Etwa 5000 Personen hatten sich trotz des strömenden Regen« eingesunden. Die Reichstagsabgeordnete!, Genossen Ebert und Bauer kennzeichneten unter lebhaftem Beifall der Bersamm» lung den Gewallstretch der junkerlichen Mehrheit und ihre? Präsidenten gegen die Vertreter des Volke« im preußischen Ab« geordnetenhanse. In einer einstimmig angenommenen Resolution stimmte die Versammlung der scharfen Verurteilung des Gewalt- streicheS zu. Zahlreiche Bexsammlungsbesucher ließen sich als Mit- glieder in den sozialdemokratischen Verein aufnehmen. PolfzeUCcbeo, Seeicbtlicbes ufw. Bestrafte Verleumdung. Den widerlichsten persönlichen Kampf gegen ihre politischen Gegner führt die bayerische Zentrumspresse, und im speziellen steht hierbei an der Spitze der von dem Abg. Held geleitete„Regens- burger Anzeiger". Diese« Blatt hat im Februar d. I. einen gist- sprühenden Artikel über das Landtagswahlabkommen zwischen Sozial- demokraten und Liberalen gebracht und dabei auch von einem Champagnergelage liberaler und sozialdemokratischer Führer im Rat- Hanskeller gesprochen, wobei Lie Liberalen die Zahlenden gewesen seien. Einer der Sozialdemokraten war so deutlich gekennzeichnet--- man scheute sich nicht einmal ans ein Fußgehrecheu anzuspielen—• daß man in ihm sofort den Parteisekretär Genossen Burg au er« kennen konnte. Burgau stellte deshalb Beleidigungsklage gegen den verantwortlichen Redakteur Schulte wegen des schweren Vorwurf« des Äbschmierenlassens. Schulte erhielt«0 W. Geldstrafe. ' Soziales. Schmuykonkurrrnz. Ein Schuhmachergeselle klagte gegen den Schuh-- in a ch e r m?» st e r Hermann Brandt auf Zahlung eines Rests ohne« m Höhe von«,14 fßl„. da ihm für geleistete ülcparatltk» arbeiten nicht der tariflich festgelegte Preis ausbezahlt worden.war. Der Bettagte wandte ein, er könne die tariflichen Löhne nicht zahlen, da er von seiner Kundschaft auch nicht die Preise danach erhalte. Er sei schon 22 Jahxe Meister und wolle sich nicht von seinen Gesellen bevormunden und die Löhne vorschreiben lassen. DaS JnnungSschiedSgericht verurteilte ani Dienstag den Beklagten zur Zahlung der geforderten Summe. Die auf« gestellten Akkyrdpreiss entsprächen dem Tarif, der von den maß» gebenden Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen abgeschlossen worden sei, um den Gesellen ein E x i st« n z m i n i m u m zu sichern. Ans Grund dieser Löhne hätten die Unternehmer dann ihre Preis« festzusetzen, damit auch sie eristiercn können. Prämien für Unterschlagung von Arbeitergroschen. Gegen die Bestimmungen des Kranken, und Jnvaltdenversiche, rungsgesetzeS hatte der 3« Jahre alte Bauunternehmer Moritz Hemvel verstoßen und stand deshalb vor dem Chemnitzer Land- gericht unter Anklage. H. hatte einige Zeit in Harthau bei Chem, Nitz gewohnt und gebaut. In ber Zeit vom 30, April bis 16. Sep. tember hatte ex den von ihm beschäftigten Personen insgesamt 247,38 R. Versicherungsbeiträge vom Lohn gekürzt, aber nicht an die Ortskrankeukasse Harthau abgeliefert, sondern sich daran be- reichert. H. ist jetzt in Hamburg wohnhaft und war deshalb vom persönlichen Erscheinen in der Verhandlung entbunden worden. Das Gericht betrachtete seine Verfehlung sehr milde, eS erkannt« auf 50 M. Geldstrafe. 347 R. Unterschlagung, _ ab 60 M. Geldstrase als„Geschäfts"unkosten, - bleibt 107 Mi' Gewinns Wenn die Richter bei Aburteilung solcher Bergehen sich dies Exempel gegenwärtig halten würden, so würde ihnen zum Bewußt, sein kommen, daß so niedrige Strafen bei Veruntreuungen von Arbeitergroschen wie Prämien für Unterschlagung von Arbeiter« groschen wirken müssen. � Weite Auslegung de» Konkurrenzverbots. Eine prinzipielle Frage, die dem Reichsgericht noch nicht vor- gelegen hat. ist ihm unjängst zur Entscheidung unterbreitet worden. Wie es bei Geschästsvertäufen allgemein üblich ist, hatte sich der Beklagte beim Perkauf feiner Abdeckerei in Loburg verpflichtet, im Umkreise von SO Kilometern keine Abdeckerei mehr zu botreibcn noch betreiben zu lassen� ebensowenig einen solchen Betrieb zu unter» stützen. Beim Verstost gegen diese« Konkumnzverbot verpflichtete er sich zur Zahlung einer Vertragsstrafe von 6000 M. Bald darauf errichtete der Dofm de? Beklagten einen Abdeckereibetrieb in Gommern; der Beklagte selbst kaufte das nötige Vieh auf. Dieser Abdeckereibetrieb liegt von dem alten nach der Auskunft de« Ka« tasteramts in box Luftlinie 10,06 Kilometer entfernt. Somit ver- stößt der Beklagte gegen das Konturrenzverbot. Er behauptet je» doch, daß die Luftlinie nicht maßgebend sei, sondern die gewöhnlich« Wegstrecke, und die mihi mehr al« 20 Kilometer. Das Landgericht Magdeburg hat sich der Ansicht des Beklagten angeschlossen und die Klage auf Zahlung der Vertragsstrafe abgo» wiesen. Dagegen hat da? Oberlandesgericht Naumburg erklärt, daß hie Luftlinie mastgrbend ist und dafi der Beklagte die Bertrogsstraf» zu zahlen hat. Da« Oberlandesgericht führt zur Begründung seines Urteils aus, daß bei diesem Konkurrenzverbot, das die Konkürrenz aus gewisse Entfernungen ausschließt, immer die Luftlinie gemeint ist. D'e Parteien hätten zweifellos an einen Kreis gedacht, dessen Halbmesser 20 Kilometer beträgt. Die Bemessung der Strecke nach den öffentlichen Wegen ist schon deshalb unzuverlässig, weil die Wege vielfach geändert werden und aus einem der Konkurrenz für eine Zeit verschlossenen Gebiete plötzlich ein konkurrenzfreies Gebiet werden kann. Die vom Beklagten gegen da? Urteil des Oberlandesgerichts Naumburg eingelegte Revisien ist vom Reichsgericht am Mittwoch zurückgewiesen werden: damit ist die weite Auslegung zuungunsten der Angestellten bestätigt. Diese Entscheidung steht in krassem Widerspruch zu der Ansicht des Reichsoberhandelsgericht», daß Ver» träge im Zweifel zugunsten des Angestellten auszulegen sind, CSewerfercbaftlwbea. Slne Differenz im Zaitrairchiedögend)t für das Baugewerbe. Im Zentralschiedsgericht für das Baugewerbe ist es zu einer kleinen Unstimmigkeit gekommen, die anscheinend von der bürgerlichen Presse gegen die Bauarbeiterverbände aus- geschlachtet werden wird. Die„Kölnische Zeitung" wenigstens schreibt schon über„Sozialdemokratische Treue" und krittsiert das Verhalten des Bauarbeiterverbandes und des Zimmerer- Verbandes. Der Tatbestand ist folgender: Das Zentralschiedsgericht hatte nach einer kleinen Krise in der Besetzung der Unparteiischen Ausgang des Monats März nach vorheriger Rücksprache mit den Parteien eine Sitzung angesetzt. Diese Sitzung konnte wegen einiger neu eingetretenen Schwierigkeiten nicht statt- finden, und es sollte nunmehr Mitte Mai das Schiedsgericht zusammentreten. Der Zimmererverband gab rechtzeitig am 24. April dem Vorsitzenden des Schiedsgerichts bekannt, daß seine Vertreter im Monat Mai geschäftlich verhindert seien, an der Beratung des Schiedsgerichts teilzunehmen. Der Unternehmerverband aber drang anscheinend darauf, daß die Sitzung im Mai absolut stattfinden müsse. Der Vorsitzende, Magistratsrat v. Schulz, gab sich alle Mühe, um die Sitzung zustande zu bringen. Der Zimmererverband erklärte ins- besondere, daß es nicht etwa böser Wille von'ihm sei, sondern daß eben geschäftliche Rücksichten ihn dazu zwängen, die Sitzung zu einer anderen Zeit zu beantragen. Als trotzdem das Schiedsgericht zum 13. Mai nach Berlin die Sitzung ansetzte, erschienen Vertreter des Bauarbeiter- Verbandes und des Zimmererverbandes nicht. Außer den Unparteiischen hatten sich nur Vertreter des Unter- nehmerverbandes und Vertreter der christlichen Bauarbeiter eingefunden, so daß in Verhandlungen nicht eingetreten werden konnte. Die Geschäftsordnung des Schiedsgerichts ist bisher so gehandhabt worden, daß immer erst nach vorheriger Ver- ständigung aller Parteien die Sitzungen festgesetzt wurden. Auch auf die Unternehmer ist wiederholt Rücksicht genommen ivorden, wenn sie wegen geschäftlicher Verhinderung an in Aus- ficht genommenen Sitzungen nicht teilnehmen konnten. Die Arbeitervertreter können sich dem Diktum des Unternehmer- Verbandes nicht ohne weiteres fügen, sie müssen auch für sich das gleiche Recht verlangen. Verlin und Umgegend. Beendete Lohnbewegung der Arbeiter in den Stempelfabriken. Nachdem die in Nr. 107 des„Vorwärts" veröffentlichten Forde- rungen der Arbeiter in den Stempelfabriken den Unternehmern unterbreitet worden waren, hatten diese es zunächst abgelehnt, ein s» weites Entgegenkommen zu zeigen. Das, was sie bewilligen wollten, lehnten die Arbeiter in einer späteren Versammlung aber einmütig ab. Dieser Geschlossenheit ist es zu danken, datz die Unter- nehmer nun doch nachgaben und die ursprünglichen Forderungen mit geringen Abweichungen glatt bewilligten. Die Arbeitszeit wurde in einzelnen Betrieben von 54 auf 62, in anderen auf 53 Stunden herabgesetzt. Wo nur eine Stunde Arbeitszeitvcrkür- zung bewilligt wurde, erhöht sich der Stundenlohn der Lohnarbeiter um einen Pfennig extra. Der Anfangslohn für gelernte Arbeiter beträgt 60 Pf., für Jungausgelernte im ersten halben Jahr 56 Pf., im zweiten halben Jahr 55 Pf., für Hilfsarbeiter 45 Pf. Die Ar- beiterinnen erhalten 25 Pf. Anfangslohn, nach sechsmonatlicher Tätigkeit 27)4 Pf. Diejenigen Ardeiter und Arbeiterinnen, welche die vorbenannten Löhne bereits haben, erhalten eine allgemeine Zulage von 2 Pf. pro Stunde. Ueberstunden werden mit 25 Proz. Aufschlag bezahlt, nach 8 Uhr abends und Sonntagsarbcit mit 56 Proz. Die Akkorde sollen, wenn sie zu niedrig sind, nach Ver- einbarung aufgebessert werden. Bei eintretendem Arbeitsmangel soll die Arbeitszeit verkürzt werden, bevor Entlassungen vor- genommen werden. Diese Vereinbarungen sollen am 1. Juni d. I. in Kraft treten; ein Termin für den Ablauf derselben ist nicht vorgesehen.— In einer stark besuchten Versammlung, die gestern im großen Saale des Gewerkschaftshauscs hierzu Stellung nahm, empfahl B e h r e n d namens der Kommission die Annahme dieser Abmachungen. Nach kurzer Diskussion, in der hauptsächlich gegen die unsichere Festlegung der Akkorderhöhungen aufgetreten wurde, stimmte die Versammlung in geheimer Abstimmung mit 361 gegen 128 Stimmen für die Annahme dieser Vereinbarungen. Damit ist diese Lohnbewegung beendet. Nur bei der Firma Ludtke, die nichts bewilligen wollte, soll heute die Arbeit niedergelegt werden; in Betracht kommen aber nur 5 Mann. Die Tarifvereinbarungeu in der Stapelkonfektion, die im Herbst vorigen Jahres abgeschlossen wurden, werden leider in manchen Fällen nicht innegehalten. Diese Tatsache sowie die Frage, wie dem abzuhelfen ist, beschäftigte am Dienstag eine vom Schneiderverband einberufene Versammlung für die Herrenstapclkonfettion, die den großen Saal von Schulz am Königsgraben füllte. Wie der Referent Krienke ausführte, liegt die Schuld, daß die mit den Konfektio- nären abgeschlossenen Tarife nicht zur Geltung kommen, zu einem guten Teil auch an den Zwischenmeistern und Arbeitnehmern, an ihrer Lauheit in der Wahrnehmung ihrer Interessen und an der Zersplitterung, die bereits im letzten Herbst eingerissen ist. Die Zwischenmeister haben es damals bekanntlich für zweckmäßig er- achtet, statt sich immer fester im Schneiderverband zusammenzu- schließen, eine eigene Organisation zu gründen, gewiß, wie der Referent betonte, in bester Absicht, ihre Interessen zu vertreten. Dies mit Erfolg zu tun, war jedoch für dietzieugegründete Zwischen- meisterorganisation um so weniger möglich, als die Tarife mit den Konfektionären vom Schneiderverband abgeschlossen wurden, dieser Veröand also auch als Tarifkontrahent der rechtmäßige Vertreter der Arbeitnehmerinteressen der Zwischenmeister gegenüber den Kon- Aktionären ist. Andererseits hat der Schneiderverband aber auch einen Tarifvertrag mit den Zwischenmeistern abgeschlossen zur Re- gelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der bei ihnen beschäf- tigten Arbeiter und Arbeiterinnen, hat also die Interessen dieser seiner Mitglieder gegenüber den Zwischenmcistern wahrzunehmen. Diese Doppelstellung des Schneiderverbandes schien den Zwischen- meistern unhaltbar und Grund zur Gründung ihrer besonderen Or- ganisation. Wie der Redner darlegte, ist es jedoch sehr wohl durch- sührbar, die Interessen beider Unternehmergruppen zu vertreten. Der gute Wille und unablässige Eifer, die tarifliche Regelung auf beiden Seiten überall durchzuführen, ist natürlich die Voraussetzung des Erfolges.— Der Redner machte ferner auf den Arbeitsnachweis in der Hirtenstraße aufmerksam, der von der Organisation einge- richtet ist, um die Arheitskräfte für die Zwisckenmeister in der Herrenstapelkonfektion zu vermitteln. Um den Fortschritt, der in dieser Einrichtung liegt, voll zur Geltung zu bringen, ist es not- wendig, daß der Arbeitsnachweis bei jeder Gelegenheit von beiden Seiten fleißig benutzt wird, und daß man sich dabei streng an die Regeln hält. Schließlich bemerkte der Redner noch, daß das, was durch die Tarife in der Stapelkonfektion geschaffen ist, erst den Anfang dessen bildet, was erreicht werden soll und muß, und daß auch in dieser Branche Kämpfe mit dem Unternehmertum jeden- falls nicht ausbleiben werden.— In der regen Diskussion, an der sowohl die Zwischenmeister wie die Gesellen teilnahmen, wurden die Verhaltnisse noch weiter besprechen. Im allgemeinen zeigte es sich wohl, daß man in beiden Gruppen erkannt hat, daß der gemein- same Gegner das Unternehmertum ist, wenn auch andererseits wieder ein Gegensatz zwischen den Gesellen und dcnZwischcnmeistern besteht, der namentlich bei solchen Zwischenmeistern hervortritt, die lediglich ihren eigenen persönlichen Vorteil anstreben und sich auch nicht um die allgemeinen Interessen in den eigenen Reihen be- Beamte. Nedakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.: k&ntnern, auch in dieser Hinsicht das st? notwendige Solidaritäts- gefühl vermissen lassen.— Nach Erledigung dieses Punktes folgte die Wahl der Beisitzer und Stellvertreter zum Tarifamt, und es wurden in das Tarifamt, das zur Schlichtung von Streitigkeiten der Zwischenmeister mit den Kon- fektionären bestimmt ist, gewählt als Beisitzer M. Jos eph, I. Manasse und Neumann, als Stellvertreter B u j a r s k i, I. Abraham und Gottehrer; in das Tarifamt zur Erledi- gung von Streitigkeiten zwischen Zwischenmeistern und Gesellen und Arbeiterinnen als Vertreter dieser Arbeitnehmergruppe G. Baer, Goldberg, M. Schräder, H. Ca s pa r i, K n i p p e l und Singer. Die Vertreter der Zwischenmeister für dieses Tarifamt zu wählen, bleibt den Zwischenmeistern über- lassen; falls sie darauf verzichten, müßten sie in jedem einzelnen Falle ihre Beisitzer ausersehen. Die Linoleumleger und Teppichnäher, organisiert im Verband der Sattler, besprachen in einer außerordentlichen Versammlung, die am Mittwochabend im Gewerkschaftshaus stattfand, ihre Stellungnahme zum Ablauf des Tarifvertrages in den Lohnwerk- stätten. Der Tarif läuft am 31. August ab, eine Kündigungsfrist ist nicht vorgesehen. Für die Akkordarbeiter gilt der Tarif aber noch ein Jahr länger. Nach einer Empfehlung der Branchen- leitung, der sich die Versammelten anschlössen, soll nun der Tarif auch für die Lohnarbeiter noch ein Jahr fortlaufen, um dann event. mit den Akkordarbeitern gemeinsam etwas zu unternehmen. Wo aber noch Differenzen vorhanden sind zwischen den bestehenden Ver- Hältnissen und den im Tarifverträge vorgesehenen ArbeitSbedin- gungen, soll ein Ausgleich dieser Differenzen angestrebt werden. Die Firmen G e r s o n(Hoflieferant) und P a n n i e r wurden be- sonders kritisiert, weil sie den Forderungen des Tarifvertrages noch nicht einmal gerecht geworden sind. Tie Mineralwasserarbeiter der Firma G. Kinkel, Schöne- berg, Hclmstr. 5, befinden sich, wie wir bereits berichteten, im Aus- stand. Dem Unternehmer ist es wohl gelungen. Arbeitswillige zu finden, jedoch ist es ausgeschlossen, daß der Betrieb für die Dauer damit aufrechterhalten werden kann. Die Kundschaft, welche zum großen Teil aus Restaurateuren, Kaufleuten, Grünkramhändlern besteht, hat nun durchaus nicht die Absicht, sich von Streikbrechern bedienen zu lassen. Die Folge war davon auch, daß ein erheblicher Prozentsatz der Waren wieder zurückgeschickt wurde und die Kunden die Annahme der Fabrikate aus diesem Betrieb ablehnte. Der Unternehmer hat seine Vereinigung zum Schutze ange- rufen. Einigen der Streikenden ist es gelungen, anderweitig Be- schäftigung zu finden. Das paßt aber deu�Mineralwasserfabri- kanten-Verein nicht, und so hat denn der Vorsitzende, Herr Busse, Engclufer 6, darauf hingewiesen, daß Kutscher im gleichen Betriebe nicht beschäftigt werden dürfen, also die regelrechte Entlassung ge- fordert. Auf diese Weise glaubt man die Arbeiter auf längere Zeit brotlos zu machen. Das Statut der Fabrikanten sieht im§ 3 sogar eine Strafe von 166 M. in jedem Fall vor. wenn Kutscher in ähnlichen Betrieben eingestellt werden und die alte Kundschaft, die sie sich oftmals mit vielen Mühen und Unkosten erworben haben, besuchen. Würden Arbeiter ähnlich handeln, dann würde nach dem Eingreifen des Staatsanwalts gerufen werden. Die Firma G. Kinkel, welche ihre Arbeiter vor_bem Streik schon unter dem Tarif bezahlte, glaubt den erlittenen Schaden da- durch weit zu machen, daß sie den Lohn für die Arbeitswilligen noch niedriger ansetzt. Jedenfalls bleibt der Betrieb für organisierte Arbeiter gesperrt. Gleichzeitig machen wir die Konsumenten, be- sonders aber die Mitglieder des Deutschen Transportarbeiter-Ver- bandes, darauf aufmerksam, daß die in der Getränkeindustrie Be- schäftigtcn im Besitz einer Kontrollkarte sich befinden, die allmonat- lich abgestempelt sein muß. Pflicht eines jeden organisierten Arbeiters muß es sein, nach dieser Karte zu fragen. Wer nicht im Besitz einer solchen ist, gilt als Unorganisierter. Auch den Fabrikanten von alkoholfreien Getränken, deren hygienische Einrichtungen vielfach zu wünschen übrig lassen und bei denen die Unfallverhütungsvorfchriften trcch der großen Ge- fahren nur auf dem Papier stehen, mutz gezeigt werden, datz die Solidarität der Arbeiter kein leerer Wahn ist. Die Branchenleitüng der Mineralwasserarbeiter und Kutscher des Deutschen Transportarbeiterverbandes. Zur Lohnbewegung der Frisrurgehilfen. Unterschriftliche An- erkennungen des vorgelegten Tarifvertrages sind bis jetzt 468 ein- gelaufen. Hervorzuheben ist die große Zahl der bewilligenden Neuköllner Friseure. Die einzelnen Meijlerkorporationen verhalten sich durckpveg ablehnend. Auch die Arbeitgeber von Köpenick und Adlers- Hof haben in dieser Woche beschlossen, den Tarif nicht anguer- kennen. Da die Frist am 26. d. M. abläuft, die Gehilfen an diesem Tage sich mit dem Ergebnis beschäftigen werden, trägt das Ver- halten der Arbeitgeber zur Verschärfung der Situation bei. Zum Streik der �lcischcrgesellen in Neukölln. Die Fleischermeister haben nun die Polizei mobil gemacht und. wie das� gewöhnlich ist, dort auch ein williges Ohr gefunden. Eine Reihe Schlächtereien haben daher doppelte Schutzmannsposten er- halten, die jeden Streikenden, sobald er nur einen Moment vor dem Geschäft stehen bleibt, nach der Wache sisticren. Einige Fleischer- meister gehen jetzt gewalttätig gegen die Streikenden vor. Das jetzige Vorgehen der Fleischcrmcister fordert zur schärferen Durch- führung des Boykotts heraus. Heute befindet sich im Inseraten- teil des„Vorwärts" eine Liste der Fleischcrmeister, die bewilligt haben. Wir ersuchen die Partei- und Gewerkschaftsgenossen, ihre Frauen auf die Liste aufmerksam zu machen und hier aufklärend zu wirken. Hoch die Solidarität! veutfedes Reich. Vom Hamburger Hafen. Die Ewerführer nahmen am Donnerstag Stellung zu dem neuen verbesserten Angebot der Baase. Die strittige neue Lohnklasse für ungelernte Arbeiter von 18 bis 21 Jahren, die pro Tag 36 Pf. weniger haben sollten, als die eigentlichen Ewerführer- tagelöhner, ist danach beseitigt. Die Zahlung von Mittagsgeld ist erweitert auf Arbeiten diesseits der Elbe innerhalb eines be- stimmten Rayons und an der Alster nebst den Kanälen. An den Fabriken soll die Mittagspause sich nach den in diesen Betrieben üblichen richten, geht dabei 1h Stunde verloren, so wird sie mit 36 Pf. vergütet. Die Vergütung für Decken, Dampfen, Verholen und Bergen nach 6 Uhr abends ist für die erste Stunde von 56 auf 66 Pf. erhöht, ferner ist für die ersten 11h Stunden eine solche von 66 Pf. festgesetzt worden, ebenso wird auch weiter bis 9 Uhr nach halben Stunden gerechnet. Für das Verlegen voller oder leerer Fahrzeuge während der Nacht oder Sonntags wird die Mindest- Vergütung von 1,26 auf 2 M. erhöht. Endlich ist eine einheitliche Regelung der Bezahlung und der Personalstellung bei Massengütern über 166 TonS getroffen in Form eines Sondertarifs, der eine Staffelung ab 166 Tons vorsieht, bei zwei Mann bis 166 Tons, beginnend mit 1 M. und steigend für je 16 TonS um 25 Pf. bis 2,25 M. pro Mann extra, von 156 Tons bei drei Mann beginnend mit 1 M. und steigend für je 16 Tons um 15 Pf. bis 1,75 M. bei 261 bis 216 Tons. Die gleichen Bestimmungen sind in den Tarif für die Deckschutenschiffer übernommen. Die Versammlung stimmte nach längerer sachlicher Debatte diesem verbesserten Tarif zu, und zwar die Ewerführer mit 778 gegen 46, die Deckschutenschiffer mit 396 gegen 23 Stimmen. Damit ist auch für diese Gruppe die. Lohnbewegung beendet, die für die beteiligten Arbeiter folgende wesentliche Verbesserungen brachte: Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde ab 1. Mai 1913 analog den mit den Schauerleuten getroffenen Vereinbarun- gen. Generelle Lohnzulage von 56 Pf. pro Tag, Erweiterung der Mittagsgeldzahlung wie angegeben, Erhöhung des Mrttagsgeldes von 75 Pf. auf 1 M., einheitliche Bezahlung der Nachtarbeit bis 16 Uhr abends �init 56 Pf. pro halbe Stunde, nach 16 Uhr abends mit 1 M. pro Stunde, was im Höchstfall eine Erhöhung um 5 M. pro Nacht ausmachen wird. Erhöhung der Bezahlung für Früh- arbeitsstunden von 75 Pf. auf 1 M., Bezahlung für Decken, Dampfen, Verholen und Bergen nach 6 Uhr abends bis 9 Uhr nach Th, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt halben Stunden, noch 9 Uhr nach Stunden, wobei im Höchstfalle eine Erhöhung um 1 M. eintritt, während im Mindestfalle 66 Pf. statt bisher 56 Pf. vergütet werden. Für diese Arbeiten beträgt der Frühstundenlohn 75 Pf., Erhöhung der Bezahlung für Verlegen von 1,26 auf 2 M., der Vergütung für Sonn- und Festtagsarbeiten für den ganzen Tag von 8 auf 9 M., Feierabend am Weihnachts- abend um 4 Uhr, eventuelle Bezahlung weiterer Stunden nach dem Ueberstundentarif.(Bestand bisher nicht.) Endlich der erwähnte Sondertarif für Massengüter, der wesentliche materielle Vorteile bietet, insofern er nunmehr generell für alle Betriebe eingeführt ist. Der Tarif gilt, wie schon mitgeteilt, bis 1. Juli 1915 und tritt bereits am 1. Juni d. I. in Kraft, obwohl der alte Tarif bis 1. Juli Geltung hatte. Zum Abschluß gelangt sind auch die Verhandlungen mit den Schisfsreinigern und den Kesselreinige r n. Zu dem von den Unternehmern vorgeschlagenen Tarif, der bis 36. Sep- tember 1915 gelten soll, werden die Arbeiter am Sonnabend Stellung nehmen. In Verhandlungen eingetreten sind am Dienstag die Schiffs- führer in der Bugsier- und Schleppschiffahrt, am Freitag werden die Speichereiarbeiter und Kaiarbei-- t e r folgen. Damit sind für alle Gruppen, für die der Hafen- betriebsverein Verhandlungen zugesagt hat, solche erfolgt be#v. angesetzt. Der Wunsch der beiderseitigen Berhandlungskommissionen geht dahin, die Verhandlungen bis zum 21. d. M. zum Abschluß zu bringen. Einen eigenartigen Standpunkt nehmen die Korn- umstecherfirmen ein, indem sie Verhandlungen sowohl mit dem Verband wie mit der Lohnkommission ablehnen und nur Wünsche von„ihren" Arbeitern entgegennehmen wollen. Endgül- tiger Bescheid steht noch aus für die Kohlenakkordschauer- I e u t e der regelmäßigen Linien. Die Importeure eng- lisch er Kohlen lehnen Zugeständnisse ab. Beendet sind endlich die Verhandlungen mit der A m e r i k a l i n i e für die Werk- st e l l e n a r b e i t e r. Der Tarifentwurs wird in Bälde erscheinen. Es stehen also immerhin noch eine ganze Anzahl Abschlüsse aus, während ein großer Teil Hafenarbeiter bereits zu den neuen Bedin- gungen arbeitet. Warnung! Seit einiger Zeit versuchen eine Anzahl hiesiger Firmen und auch der Arbeitsnachweis der Unternebmerorganisation, durch Inserate in allen möglichen Zeitungen, Arbeiter nach Har- bürg an der Elbe zu ziehen. Da aber von einer allzu starken Be- schäftigung der Harburger Metallindustrie nicht geredet werden kann, scheint das Bestreben der Unternehmer dahin zu gehen, durch Uebervölkerung des Marktes mit Arbeitslosen die bestehenden Ar- beitsverhältnissc zu verschlechtern. Wenn man weiterhin den starken Wechsel der Kollegen in einigen Betrieben betrachtet, muß man zu dem Resultat kommen, datz es mit der Beschäftigung der einzelnen Betriebe nicht weit her ist, da man dcxb sonst für die Abstellung der dem Wechsel zugrunde liegenden Ursachen Sorge tragen würde. Das geschieht aber nicht, sondern man sucht willigere, dem Unter- nehmer mehr Rechnung tragende Elemente heranzuziehen. Wir ersuchen deshalb die Kollegen allerorts, sich vor Annahme von Ar- beit in Harburg aus unserer Geschäftsstelle, Harburg-Elbe, Sand 1, nach den Arbeitsverhältnissen zu erkundigen, damit sie vor Schaden bewahrt bleiben. Kollegen, welche trotz unserer Warnung ohne vorherige Erkundigung in Arbeit treten, haben keinen Anspruch daraus, kollegial behandelt zu werden. Deutscher Metallarbeiterverband, Verwaltungsstelle Harburg a. E. Der Kampf der Gastwirtsgehilfen in Elberfeld-Barmen hat schon bisher zu einem schönen Resultat geführt.� Es haben sich keine brauchbaren Arbeitskräfte als Ersatz für die Streikenden ge- funden. In vier größeren Betrieben kam eS zur Arbeitsnieder- legung; nach viertägiger Dauer wurden die Streikenden wieder eingestellt und die Streikbrecher entlassen. Bis jetzt haben 16 Be- triebe mit III Gehilfen bewilligt. Die Lohnbewegung nimmt ihren Fortgang. Zuzug nach beiden Städten ist unter allen Umständen zu vermeiden. y Der Streik der Rheinschiffer ist insofern in ein verschärftes Stadium getreten, als auf Antrag der im sogenannten Partikulie'ö- schifferbetriebe beschäftigten Matrosen die Organisation gestattet hat, daß sich diese der Bewegung anschließen können. Bisher be- teiligte sich das Personal der Partikulierschisfer— das sind Schifter, die ihre Verfrachtungen durch das Kohlcnkontor beziehen— am Streik nicht. Die Streikenden hoffen, daß durch die Arbetts» niederlegung der Matrosen im Partikulierschifferbetriebe eine er- hebliche Einwirkung auf die weitere Gestaltung des Streiks erfolgen wird, da dann mit der Stillegung von etwa 466 Fahrzeugen gerech- net werden kann. J*ctzU Nachrichten. Todesopfer der Kriegsspielerei. Metz, 17. Mai.(W. T. B.) Bei den g r o ß e n M a n ö v e r n am Sonnabend bei Mörchingen sind, wie bis jetzt fest- gestellt worden ist, bei der hohen Temperatur insgesamt 18 Soldaten an hivschlagartigcn Erscheinungen erkrankt. Drei von ihnen sind gestorben, nämlich ein Unteroffizier und zwei Mann eines hier garnisoniercndcn bayerischen Infanterieregiments. Vom Schifferstreik am Rhein. Köln, 17. Mai.(P. C.) Der Oberrpäsident der Rheinprovinz hat die gesetzliche Verfügung über die Mindestzahl der Besatzung und die Qualifikation der Bedienungsmannschaften auf den Rhein- schiffen außer Kraft gesetzt. Der Transportarbeiterverband hat wegen dieser Maßnahme eine Protesteingabe an den Reichstag ge- richtet. Die von den Kapitänen und Schiffsführern eingereichten Eingaben wegen Lohnerhöhung sind von den Reedern im Prinzip angenommen worden. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Paris, 17. Mai.(W. T. B.) Das Präsidium der Jnternatio- nalen Vereinigung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit trat gestern im ArbeitSministcrium zu einer Sitzung zusammen. Anwesend waren die beiden Präsidenten, Minister Leon Bourgeois und Dr. Freund-Berlin, sowie die drei Generalsekretär« Varlez, Fuster und Lazard. Es wurde beschlossen, am 6. und 7. September eine Versammlung in Zürich abzuhalten, woselbst zum ersten Male eine „Internationale soziale Woche" organisiert werden wird. Morgen wird Dr. Freund im Rathause vor dem Pariser Gemeinderat einen Vortrag über die Organisation des Arbeitsnachweises halten. Ein Ehepaar ermordet. Braunschweig, 17. Mai.(W. T. B.) In dem Dorfe Inge- leben bei Jerxheim wurden heute, den„Braunschweiger Neuesten Nachrichten zufolge, der Landwirt Einecke und seine Frau er- mordet aufgesunden. Die Tat ist bereits im Lause des gestrigen Tages geschehen. Bon den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur. Eisenbahnunglück durch einen Orkan. Budapest» 17. Mai.(P. C.) Im Komitat U g o c s a wütete gestern ein orkanartiger Sturm, der in den Staaten und Wäldern des Komitats großen Schaden anrichtete. Der Sturm warf einen fahrenden Zug, der aus einer Lokomotive und fünf Waggons bestand, aus dem Gleise. Der Zug fiel den Bahndamm herunter. Bier Personen wurden schwer, 26 leicht verletzt. Internationales Luftrecht. Brüssel, 17. Mai.(W. T. B.) Hier ist heute unter deutscher Beteiligung eine internationale Kommission zur Schaffung eines Lustrechts zusammengetreten. Die Verhandlungen werden geheim geführt. Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu 6 Beilagen u. UnterhaltungSbl. Kr. 114. 29. ZahkMS. 1. Sdliijie to.Amiirls" getlintt WllisblM Somtabend, 18. Pal 1912. Reichstag 64 Sitzung. Freitag, den 17. Mai 1912, nachmittags 1 Uhr. Lim BundeSratStisch: von Bethmann Hollweg, Von Kiderlen-Waechter, Lisco. Auf der Tagesordnung stehen zunächst Kleine Anfragen. Aög. Colshorn Weife) fragt nach dem authentischen Wortlaut der Kundgebung deS Kaisers an den Bürgermeister von Straßöurg. und ob der Reichskanzler den authentischen Wort- laut bekannt zu geben in der Lage i st, und die v e r- fassungsmästige Verantwortung für die Kundgebung übernimmt. Reichskanzler v. Bethmann-Hollwcg: Ich werde zu der An» gelegenheit bei der unmittelbar bevorstehenden Beratung meines Etats sprechen. Abg. Dr. Quarck(Soz.) fragt, ob der Reichskanzler darüber Auskunft geben will, ob nach dem Vorgange Frankreichs nun- mehr auch der Abschluß einer Literaturkonvention zwischen Deutschland und Rußland zu erwarten steht. Gcheimrat Lehmann: Ueber den Abschluß einer Literaturkonven- tion zwischen Deutschland und Rußland sind gegenwärtig VerHand- l u n g e n im Gange. Es folgt die Beratung des Etats des Reichskanzlers. Hierzu liegt ein Antrag Bassermann und Genosten(natl.) vor, der Reichskanzler möge darauf hinwirken, daß die den Staats- bürgern zustehenden Vereins- und Versammlungsrechte nicht seitens der Landespolizeihchörden durch allgemeine polizeiliche Bestimmungen und Anordnungen in einer dem Wortlaut und dem Geiste des Gesetzes widersprechenden Weise eingeschränkt werden. Präsident Kaempf schlägt vor, zunächst die Frage der inneren Politik zu behandeln und dann erst die der äußeren Politik in Verbindung mit der Beratung des Etats des Auswärtigen Amtes. Diesem Vorschlag wird zugestimmt. Abg. Schcidcmann(Soz.): Undank ist der Welt Lohn und speziell auf dem Gebiet der Politik kennt man Dankbarkeit nicht. Ein neuer Beleg hierfür liegt in der Tatsache, daß wir Sozialdemokraten auch in diesem Jahre die für den Reichskanzler verlangten 100 000 M. n i ch t b e« willigen können. Sie werden zugeben, daß wir Sozialdemo» krnten mit den Ergebnissen der Politik des Reichskanzlers a m meisten zufrieden sein können. Sein Name wird in der Geschichte fortleben, als der Nanie des Mannes, unter dessen Regime die Sozialdemokratie bei den Wahlen mehr als 4'/« Millionen Stimmen zählte, unter dessen Regime wir Sozialdemokraten in dieses Haus in der Stärke von 110 Mann einziehen konnten. Sie werden begreifen, daß wir unter diesen Umständen für den Reichskanzler eine Art Zärtlichkeit empfinden(Heiterkeit) oder empfinden könnten, wenn wir nicht wüßten, daß die Ergebnisse seiner Politik fatalerweise genau das Gegenteil von dem waren, was er erreichen wollte.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In der Geschichte der Parteien geht es ebenso wie im Kriege nicht immer so. wie die Feldherren es wünschen. So wurhe denn auch der 12. Januar ein sehr kritischer Tag für den Reichskanzler. Wir haben uns gefreut, daß damals auch dieser Mcdina Sidonia einen gnädigen Philipp gesunden hat. Wenige Tage nachher war der Reichstag freilich in einer nierlwürdigen Situation. Es wurde ein Etat vorgelegt, in dem das Gehalt für den Reichskanzler verlangt wurde. Es war auch zweifellos, daß die Mehrheit eS bewilligen würde; denn welchem Reichskanzler würden Sie das Gehalt nicht bewilligen I Zweifelhast war nur, für welche Person es bewilligt würde. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Aber die Wolken verzogen sich; sie zerteilten sich unter der ewigstrahlenden Sonne vonKorfuund mit großem Vergnügen konnten wir in den illustrierten Zeitungen das strahlende Gesicht eines treuen Dieners sehen, der sich in dem Bewußtsein freute, daß ihm die Gunst seines Herrn erhalten blieb, und mit noch größerer Freude lasen wir in der.Norddeutschen Allgemeinen Zeitung'', daß aus der Insel des Odysseus mit Liebe und Sorgfalt eine passende Schlaf- gelegenheit für den Reichskanzler besorgt wurde.(Heiterkeit.) Mir will es aber scheinen, daß in einer kritischen Zeit, wie der unsrigen, das Vertrauen des kaiserlichen Herrn zu wenig ist, wenn man der Mann deS allgemeinen Mißtrauen? ist.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Keine Partei nehme ich davon aus, nicht eine ist hier, die dem Reichskanzler rückhaltlos ihr Vertrauen aussprechen würde. Nach der Auffassung des Reichs- kanzlers allerdings von der Regierung, die über den Parteien steht, könnte dieser Umstand als Beweis dafür angesehen werden, daß er sich auf dem richtigen Wege befindet. Die Kunst. eS keinem recht zu machen, wäre nach dieser Theorie der Inbegriff der höchsten Staatskunst. Unser früherer Kollege, jetzt der Kollege des Reichs- kanzlers, der Freiherr v. H e r t l i n g. hat freilich eine andere An- schauung. Er sagte bei seinem Antritt in der Zweiten Bayerischen Kammer:.Wir wollen und können nur auf das V e r t r a u e n der Mehrheit gestützt die Regierungsgeschäfte führen." Schwerer als unter dem heiteren Himmel Griechenlands und schwerer als bei der bayerischen Gemütlichkeit lasten allerdings unter unserem unfreundlichen Himmel die Sorgen auf dem Reichskanzler. Wenn wir bedenken, wie er auf dem Felde der inneren Politik so manches, was er wollte, hat schief gehen sehen, und wie auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik, auf welchem wir infolge der verschleiernden Künste der Diplomatie weniger klar sehen, eS ebenso gehen könnte, so könnte uns ein banges Grausen erfassen. Wenn der Reichskanzler zweifellos die Erhaltung des Friedens und die Verständigung mit England wünscht, so hoffen und wünschen wir. daß er hier mehr Erfolg haben möge, wie auf dem Gebiete der inneren Politik. Anzeichen fenug liegen allerdings vor, daß auch da es nicht so geht, wie es oll. Von der angekündigten ... BerständigungSaktion mit England) haben wir feit Jahren nichts mehr gehört, desto intensiver haben wir uns hier mit R ii st u n g s v o r l a g e n beschäftigen müssen, die daS genaue Gegenteil davon bedeuten.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn man jetzt den neuen Botschafter in London als den Mann predigt, von dem alles Heil kommen soll, so erinnert daS in unheimlicher Weise au gewisse frühere Vorgänge. Wir sind weder überzeugt, daß die deutsche Balkanpolttik eine glückliche war. noch sind wir bereit, dem Frhrn. v. M a r s ch a l l für seine englifche Mission Vorschußlorbeeren zu spenden. Wenn wir sehen, waS Frankreich in Marokko und Italien in Tripolis erleben, so wird unS bange für das, was der neue Botschafter in London alS Morgengabe der deutsch-englischen Ver- ständigung nach Hause bringen soll. Wir wünschen die Berständi- gung um ibrer selbstwillen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial» demokraten.) Präsident Kaempf bittet den Redner, jetzt nicht über Fragen der auswärtigen Politik zu sprechen. Abg. Schridemann(fortfahrend): Ich wollte nur diese paar Worte sagen und komme wieder in tzit eigene Häuslichkeit zurück. Hier können wir mit der Freude, die man als die reinste bezeichnet, feststellen, daß die Früchte gegenwärtigen Regierungsbemühungen fast ausschließlich unserer Partei zugute gekommen sind. Nicht nur, daß die Wahlen ganz entgegengesetzt den Intentionen der hohen Obrigkeit ausgefallen sind(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.), nicht nur, daß der Reichstag trotz seiner Bewilligungsfreudigkeit doch nicht immer so will wie die hohe Obrigkeit— auch die dem Reichskanzler nachgeordneten Stellen fangen ja an unbotmäßig zu werden. Wir haben die Herren v. L i n d e q u i st und Mermuth gehen sehen, und wir haben sagen hören von ironischen Leuten, daß die starke Persönlichkeit des Reichskanzlers selbständige Naturen in s einer Nähe nicht verträgt.(Große Heiterkeit links.) Wir haben dann das BerichtignnzSspicl erlebt und daraus den Schluß ziehen müssen, daß tiefgehende Un- st im m i g k e i t e n in der Regierung vorhanden sind. In dem Kanzlernckrolog wird der Geschichtsschreiber allerdings Herrn v.. Bethmann zugute halten müssen, daß es nicht leicht ist. in einer Zeit des Ucberganges eine klare, zielsichere Politik zu niachen. Daß wir in einer Zeit des Ucberganges leben, daran besteht kein Ztoeifel. Alte Autoritäten werden baufällig, neue Ansprüche werden gestellt, und Herr v. B e t h m a n n hat die Aufgabe, das Alte zu halten, Wankendes zu stützen und Leichen ein- zureden, daß noch Leben in ihnen ist.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Er befindet sich im Widerspruch mit den Empfindungen des ganzen Volkes, das von diesem Hause ertvartet, daß es sich eine seiner Bedeutung entsprechende Stellung verschafft, nötigenfalls erkämpft.(Lebhafte Zustimmung bei den So- zialdcmokraten.) Die Aenderung der Geschäflsorduung, durch die wir das Recht bekommen haben, auszusprechen, daß der Reichskanzler in bestimmten Fällen so gehandelt hat, wie cS der Anschauung des Reichstages entspricht oder nicht entspricht, gibt dem Reichstage eine solche Stellung nicht. Sie wird zunächst nur die Ohnmacht dieses Hauses feststellen, die Ohnmacht, die darin besteht, daß das Haus zwar die Nichtübereinstimmung seiner Wünsche mit dem Reichskanzler ausspricht, daß es aber nicht sich die Kraft zutraut, hinter seinen Aussprüchen auch den nötigen Willen zu setzen, um die Dinge zu ändern. Sie stehen vor der Wahl, ob Sie diesen Weg einschlagen wollen oder nicht, ob Sie das HauS zum Fassen konscquenzenloser Resolutionen erniedrigen, oder ob Sie hinter den Willen auch die Tat setzen wollen. Schrecken Sie vor diesem zweiten Wege zurück, so werden Sie sich klar machen muffen, daß Sie über kurz oder lang Platz machen mnsien entschlosseneren Männern, die bereit sind, nicht allzulange nach der Errichtung derRe publik China auch Preußen-Deutschland zu einem modernen Staatswesen zu machen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten, große Unruhe rechts.) Auch an einer zweiten Stelle ist das Reichssystcm morsch, auch hier bereitet sich ein Uebergang vor: auf dem Gebiet der Finanz- Politik. Auf diesem Gebiet müssen Sie wohl zugestehen, daß Sie am Ende Ihres Lateins angekommen sind. 1906 hatten wir eine Finanzrcform, 1009 hatten wir eine Finanzreform und 1912 haben wir wieder eine Finanzreform. Alle drei Jahre neue Stenersorgen und neue Steuerkämpfe. Vom rein agitatorischen Ge- sichtspunkte aus werden Sie zugestehen, daß wir damit e i n v e r» standen sein können. Wir fahren dabei nicht schlecht. Trotzdem sind wir nie erlahmt, Sie darauf hinzuweisen, wie Sie die Finanzen auf gesunde Füße stellen können. Wir haben Ihnen andauernd Vorschläge zur Sparsamkeit gemacht und haben Ihnen direkte Steuern empfohlen. Sie sind nie darauf eingegangen. Die neue Heeresvorlage erfordert wieder große Summen. Sie haben jetzt nicht den'Mut, wieder mit einer neuen indirekten Steuer zu komme». Selbst zahlen wollen Sie auch nicht. Deshalb haben Sie Herrn Mermuth über den Stock springen lassen und machen jetzt in der Kommission und in den Zirkeln und Konventikeln hinter der Kommission statt einer neuen indirekten Steuer in verschleierter Weise eine Verstärkung einer bestehenden(Lebhafte Zustim» mung bei den Sozialdemokraten), und dann hat man den Mut, das Volk zu belügen, als handle eS sich bloß um die Abschaffung der Liebesgabe. Präsident Kaempf: Ich kann nicht zugeben, daß Sie daS HauS beleidigen, indem Sie ihm Lüge vorwerfen. Abg. Scheidemann(fortfahrend): Ich habe gesagt, man belügt das Volk. Niemand wird mir zutrauen, daß rch das hohe Haus beleidigen werde.(Heiterkeit.) Das schlimmste Mißgeschick des Reichskanzlers wurzelt aber nicht im Reiche, sondern auf einem anderen Gebiete seiner viel umfassenden Tätigkeit. Das Schicksal hat ihn dazu bestimmt, Konservator von Altertümern zu sein, und die Geschichte wwd ihn bezeichnen als den Mann, der die preußische W a h l r e f o r m auf die lange Bank geschoben hat. Wir haben daS Wort von der Entwickclung gehört, die nicht stille steht, das Wort von den Aufgaben, an deren Erfüllung daS Volk denkt. Wir haben aber alle auch daS Wort vor Augen von der „wichtig st en Aufgabe der Gegenwart", von der die Thronrede spricht. Ich weiß ja, wie sehr man eS einem ver- übelt, wenn man an Versprechen erinnert, die nicht gehalten sind. Die Verurteilung eines solchen Verhaltens mag die Form, in der sie geschieht, noch so schlimm sein, ist aber lange nicht so schlimm, wie das gekennzeichnete Verhalten selbst.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wenn auch so milde wie möglich, so muß doch festgestellt werden, daß auf feierliche Ankündigungen keine Taten gefolgt sind. Es liegen Versprechungen bor, die nicht erfüllt sind, eS besteht eine Ehrenschuld, die bisher nicht eingelöst ist.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler hat sich als wenig einsichtsvoller Staatsmann gezeigt und auch als ein wenig guter Diener der Krone, als der er doch dastehen will. Wir find heute so weit, daß das Volk nichts mehr auf Ver» sprechungen gibt, daß eS das Vertrauen verloren hat und nichts mehr von oben erwartet, sondern es erwartet alles nur noch von semer eigenen Entschlossenheit.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Während man sich in Preußen unter arger Schädigung auch der Interessen der Krone an das Alte klammert, gibt es wohl in keiner Partei einen Menschen, der sich einbildet, die jetzt bestehenden Zustände aufrecht erhalten zu können. Eine Thronrede hat die Wahlreform versprochen; d a s Volk verlangt sie leidenschaftlich; die Regierung hat wenigstens einen Teil des bestehenden Systems als ungerecht an» erkannt und durch ihre Borlage zu beseitigen versucht; die K o n« servativen sogar, die preußischen Konservativen— Sie wissen, was das bedeutet— haben anerkannt, daß hie und da geändert werden müsse und haben für die Beseitigung der indirekten Wahlen bei den Wahlmännerwahlen sich aus- gesprochen. Trotz alledem soll jetzt so verfahren weiden, al» sei gar nichts vorgefallen. Diese Politik zu verfolgen, heißt ein frevelhaftes Spiel treiben und das Unheil geradezu herausfordern.(Sehr wahr! links.) Kein Tag vergeht, an dem nicht nur an Preußen, sondern an dem ganzen deutschen Volk durch diese unhaltbaren Zustände schwerer Schaden verübt wird. Einen typischen Fall, der uns die Schäden der preußischen und Reichspolitik zeigt, haben wir ja soeben erst in Elsaß-Loth» ringen erlebt. Aus die Denunziation der rheinisch» westfälischen Konkurrenz hm und nach dem Einlaufen geheimer Schnüffelberichte eines exzellenten Spitzels(Lebhaftes Sehr gut! bei den So�ialdemo» kraten und im Zentrum) droht die preußische Eisenbahn- Verwaltung der Grafenstadener Lokomotivfabrik init der Ent- ziehung der Aufträge, also mit wirtschaftlicher Vernichtung, wenn sie nicht einen angeblich deutschfeindlichen Direktor maßregelt, das heißt auf die Straße werfen will. Auf dem Rücken von 2000 Arbeitern, deren Kompottschüssel nicht voll ist(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten), die mit der Brotlosmachung bedroht werden, soll sich dieser schäbige Kleinkrieg abspielen. Die Arbeiter haben in der Sorge um ihre Existenz gegen das ganze Verfahren Protest erhoben. Die Zweite Kammer des elsaß-lothringischen Landtags hat sich einstimmig diesem Protest an- geschlossen. Und was geschah? Der von dem elsaß-lothringischen Parlament am schwersten getadelte und durch sein ganzes Verhalten zweifellos mit als der Hauptschuldige in dieser ganzen unglücklichen Affäre dastehende Mann, der Unterstaatssekretär Mandel, der über den Kopf des Statthalters und der ihm sonst übergeordneten Behörden die geheimen Nachforschungen angestellt und ihr Ergebnis direkt nach V e r l i n berichtet hat, wurde in ostentativer Weise durch die Verleihung deS ExzellenztitelS ausgezeichnet.(Hört! hört! links und im Zentrum.) Außerdem sind Aeußerungeu des Kaiser? bekannt geworden, daß er die elsaß-lothringische Berfassmig in Scherben schlagen werde(Hört! hört! links und im Zentrum.), daß er das ReichSland Preußen einverleiben werde.(Lebh. Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wir begrüßen es als ein schwer- wiegendes Geständnis, daß von kompetenter Stelle au? die Ein« verleibung in Preußen angedroht wird als die schwerste Strafe(Lebhafte Heiterkeit und stürmische Zustimmung links.), die ein Volk wegen seiner Widerspenstigkeit treffen kann, als eine Strafe, die gewissermaßen gleich neben dem Zuchthaus steht, und die ja auch insofern mit der Zuchthausstrafe im Einklang steht, als durch ihre Verhängnug, d. h. durch die Einverleibung in Preußen der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte in bezug auf das Wahlrecht ausgesprochen wirb?(Levh. Zustimmung b. d. Soz„ immer stürmischer werdende Pfui I»Rufe rechts, worauf sich die Beifallskundgebungen der Sozialdemokraten erneuern, anhaltender Lärm.) Herr Abgeordneter Graf Westarp, Sie dürfen froh fein, daß Sie nicht im preußischen Landtage sitzen und Sozial» demokrot sind, sonst würden Sie wegen Ihrer störenden Zwischen- rufe von derPolizei herausgebracht werden.(Lebhafte Heiterkeit.) Wir meinen, daß man mit solchen Drohungen, die der mit der Versetzung in die zweite Klasse des SoldatenstandeS gleich» kommt, oder mit der Versetzung in dieuntersteKIasse der Reichszugehörigkeit, nämlich der zu Preuße n, etwas weniger unvorsichtig fein sollte.(Lärmende unausgesetzte Pfui l-Rufe und Rufe„Unerhört!" rechts, starker Beifall bei den Sozialdemokraten. Großer Lärm.) Präsident Dr. Kaempf: Ich bitte, sich in Ihren Ausdrücken zu mäßigen, da sie fönst dahin führen müßten, baß ich Sie zur Ordnung rufe.(Rufe rechts: Das wäre das richtig«, eS wäre schon längst die Zeit dazu gewesen I Auszug der ReichSregiernng k Der Reichskanzler, der bisher auf seinem Eckplatz am stechten BundeSratStisch gesessen hatte, erhebt sich und schreitet eilig der Tür zu. Mitten auf dem Wege wendet er sich um und winkt den Staatssekretären und preußischen Bundesrats» bevollmächtigten, ihm zu folgen. Darauf erheben sich diese und ziehen hinter dem Reichskanzler her zum Saale hinaus. Diesem Beispiele folgen auch die nicht mehr zahlreichen BundeSratSbevollmächtigten der anderen Bundesstaaten, die auf der linken Bundesratsestrade Platz genommen hatten. ES bleiben zunächst nur einige G e h e i m r ä t e auf den Bundesrats- Plätzen, die aber, nachdem sie ihre Sachen gepackt, ebenfalls verschwinden. Der AuSzug der Reichsregierung wird von der Rechten mit Beifall, von den Sozialdemokraten mit Beifall und Heiterkeit begrüßt. Abg. Schridemann(Soz., fortfahrend): Nach dem Auszug der hohen Herren von der Regierung werden Sie sich(nach rechts) vielleicht wieder beruhigen. Die Konservative« ziehen hinterdrein! Bei diesen Worten erheben sich die Konservativen und ziehen unter großer Heiterkeit der Linken sowie unter heiteren Rufen Raus I raus I der Sozialdemokraten hinaus. Nur die Abgg. Graf v. Schwerin- Läwitz und Herr v. Normann bleiben auf ihren Plätzen. Der Abg. v. K r ö ch e r geht ebenfalls der Saaltür zu, über» legt sich dann die Sache aber und kehrt wieder auf seinen Platz zurück. Auf diesen AuSzug hin erklärt Präsident Dr. Kaempf, daß er nach der Fertigstellung dev steno- graphischen Berichts dem Abg. Scheidemann den Ordnungsruf erteilen werde, wenn dessen Aeußerungen ihn erfordern. Abg. Scheidemann(Soz.[fortfahrend]): Ich protestiere dagegen, daß eine Stelle, die nach bei Reich?» Verfassung nur ein Faktor der ReichSgesetzgebung ist, au? eigener Machtvollkommenheit eine derartige Erklärung abgibt, ohne den Reichstag und den Bundesrat zu befragen, ob sie mit einer solchen Drohung und ihrer Ausführung einverstanden sind.(Lebhafte Zustimmung.) Ich werde sicher nicht desavouiert werden, wenn ich hier zur Beruhigung der durch dir unverantwortlichen Aeußerungeu tief erregten Bevölkerung von Elfaß-Lothringen sage, daß de« eine Faktor der Gesetzgebung, nämlich der Reichstag, das, was da an» gedroht wurde, nicht mitmachen wird.(Lebhafte Zustimmung auch im Zentrum.) Ob jene Aeußerung bei den Vertretungen der süddeutschen Bundes st aaten große Begeisterung hervorrufen wird, weiß ich nicht, aber ich hätte gewünscht, daß einer der Herren, die sich natürlich dem ExoduS angeschlossen haben, nachher sagt, waS sie sich eigentlich bei der Sache denken.(Sehr gut I links.) Ich stelle fest, daß die Presse keiner Partei und keines Bundes st aateS sich mit dem einverstanden erklärt hat. was der K a i s e r i n Straßburg gesagt hat, und daß überall die lebhaftesten Proteste erfolgt sind.(Sehr wahr I) Ich bedauere, daß zu den Herren, die sich entfernt haben, auch der Abg. Dr. O e r t e l gehört, der die Verantwortung trägt für die.Deutsche Tageszeitung", an deren Kopf das Motto steht:„Für deutsche Art, für Kaiser und Reich, für deutsche Arbeit in Stadt und Land I" Diese kaisertreue und deutschnationale Zeitung fand die Worte deS Kaisers so unverantwortlich, daß sie zunächst dazu sagte: Derartiges könnte sich der deuschseind» liche„Matin" nur aus den Fingern gesogen haben. (Hört I hört I) Damit möchte ich übrigens nur den Charakter der auf der Rechten zur Schau getragenen Entrüstung beleuchten.(Sehr gut k links. Rufe: Komödie I) Ganz Elsaß-Lothringen ist aufgeschreckt und aufgescheucht, von allen Seiten erfolgen P r o t e st e, aber diel schlimmer noch ist es, daß nicht nur in Elsaß, sondern namentlich auch tn Frank» reich sehr schlimme Gesinnungen, nämlich die nationalistische Er- regung aufgepeitscht wird. ES handelt sich hier wieder um eines jener umgekehrten Meisterstücke der Politik(Sehr gut! links), durch die niemals genützt, aber an hundert Stellen geschadet wird. Die Politik ist doch ein schwierigeres Handwerk, als mancher glaubt und— als mancher gelernt hat.(Leb» hafte Heiterkeit links.) Ich will nur ganz kurz zurückkommen auf die Devatten de? November? 1908, als wir uns bedauerlicherweise auch mit de, Person des Kaiser? beschäftigen mußten. Damals sagte d-, Abgeordnete Dr. v. Hey beb ran d:«Man muß es ganz off» aussprechen, daß cS sich hier um eine Summe von Sorge», Bedenke« und auch von Unmut handelt, die sich seit Jahren auf« gesammelt haben und zwar auch in Kreisen, an deren Treue AU Kaiser und Reich bisher noch niemand gezweifelt hat."(Hört I hört! links. Und der jetzige Kollege des Reichs- kanzlers und damalige Abgeordnete Frhr. v. Hertling crrlärte:.Die Tage des srauzösischen SoimenkimigS und der englischen Stuarts sind vorüber und hinter uns liegen sie längst. Heute in der modernen Welt mutz auch der Träger der hoch st en Würde der Kritik durch die Volks- Vertretung unterzogen werden, wenn er durch seine Handlungen dazu Aulatz gegeben hat. Der Reichskanzler hat heute gejagt, er habe die Ueberzeugung. daß der Kaiser von der Schädlich keit seiner Aeutzerungen gegenüber dem Interviewer des„Daily Telegraph" durchdrungen sei und sich künftig ähnlicher Aeutzerungen enthalten werde. Ich weitz nicht, ob das genug ist und ob wir nicht hätten erwarten sollen, datz der Reichskanzler gesagt hätte! Als ich mich bereit erklärte, die Geschäfte weiter zu führen, habe ich zugleich bestimmte Garantien gefordert.(Hört! hört! Und der uationallibcrale Abg. Basser nr an n erklärte damals .Wir revidieren des Vorgefallenen wegen unsere monarchischen Ge> fühle nicht, aber weite Kreise in Deutschland, die republikanischen Anschaungen anhängen, finden in solchen Vorkommnissen den ihnen tvillkomzneilen Stoff zur Agitation gegen die Monarchie. Hat doch ein so konservativer Mann wie der Ge sandte a. D. v. R a s ch d a u gesagt:.Wir alle stehen ein für eine starke Monarchie; wenn wir die wollen, müssen wir Einspruch er- heben gegen die Wiederkehr ähnlicher Ereignisse, sonst haben wir den selben Schreck in kürzester Zeit wieder. Solche Dinge sind schon oft vorgegangen, aber es ist gelungen, sie der großen Oeffentlichkeit zu verbergen. Wir usiuideln an einem Abgnind..(Hört I hört I links.) WaS würde Herr B a s s e r m a n n, der inzwischen zum Pctroleur von Mannheim avanciert ist, heute sagen? Präs. Dr. Kacmpf bittet den Redner, den Abg. Bassermann doch nicht mit einem derartigen Ausdruck zu belegen. Diese Mahnung erregt lebhafte Heiterkeit im ganzen Hause und es wird dem Präsi deuten zugerufen, datz der Redner doch nur die erzkonservative »Mecklenburgische Warte" zitiert hat. Abg. Scheid nnailn: Ich schätze die Unparteilichkeit des Präsidenten so hoch, datz ich überzeugt bin, er würde mich nicht unter- krochen haben, wenn er die Aeutzcrung als die eines k o n s e r- d a t i v e n Blattes gekannt hätte. Präsident Dr. Kacmpf: Sie dürfen aber doch nicht ein Mit- glied des HauscS in dieser Weise bezeichnen.(Hört I hört! links.) Abg. Schcidemann(fortfahrend): In einer späteren Sitzung erklärte Reichskanzler Fürst B ü I o w, er hätte in der Aussprache mit dem Kaiser die Ueberzeugung ge- Wonnen, datz es ib-n gelungen sei, den Kaiser dahin zu führen, fernerhin auch in Privatgcspräche» jene Zurückhaltung zu beobachten, die im Interesse einer einheitlichen Politik und für die Autorität der Krone gleich»»entbehrlich ist. Wäre dem nicht so, so fuhr Fürst Bülow fort, so könnte weder ich. noch einer meiner Nach- solger die Verantwortung tragen!(Lebhaftes Hört! hört! links. ~ Zurufe: Wo ist der Nachfolger?) Ich kann ja nur an den leeren Stuhl des Herrn v. Bethmann Hollweg die Frage richlen, was er aus Anlaß all dieser Vorkommnisse zu erklären gedenkt, wie er sich die Sache denkt. Für ihn wird es nicht leicht fein, eine passende Antwort zu finden!(Sehr wahr I links.) Aeutzerst merkwürdig aber ist, datz in der freikonser- dativen„Post" am 8. Mai in bezug auf Elsatz-'Lothringen wörtlich dasselbe zu lesen war, was der Kaiser acht Tage später in Stratzburg g e s a g t h a t. Da war erltärt. datz an den elsässischen Verhältnissen gegenwärtig nichts mehr zu retten sei, die einzige Möglichkeit wäre vielmehr, rasch und un- erschrocken zu handeln: Aufhebebung der Verfassung und Einverleibung des widerspenstigen Landes in den Macht- und Znchtbereich des preußischen Staates. (Hört I hört! links.— Abg. Ledebour: Welcher.Po st"-Esel hat denn das geschrieben?— Lebhafte Heiterkeit.) Sie werden nun zur Erkenntnis gekommen sein, wie un- berechtigt die Entrüstung der Rechten war. Am 8. Mai verlangt die„Post" die Zerschlagung der elsässischen Ver- fassung in Scherben und die Einverleibung in Preußen; am 11. Mai hält der k l ü g st e Mann, den die Freilonservative Partei hat, ihr anerkannt intelligentester Wortführer. Frhr. v. Zedlitz- N e u k i r ch, eine Rede, in der er dem Reichskanzler alles Mögliche, auch allerlei Schmeicheleien sagt und erklärt:„er ist ein Mann von außerordentlicher Reinheit der Gesinnungen und Absichten. «in Mann von durchaus modernen Anschauungen. Er ist ja auch unser Parteigenosse, der durchaus dem konservativen Fortschritt huldigt."(Hört! hört! links.) Also, der Reichskanzler ist der Parteigenosse der Herren von der„Post", die wenige Tage vor der Kaiserrede das geschrieben hat. was wenige Tage nach der Zedlitzrcde der Kaiser in Stratzburg sagte.(Hört! hört! linls.) Wir wollen mit den unheilvollengu ständen ein Ende «lachen durch die Stärkung der Stellung des Parlaments und durch die Eroberung des freien Wahl- rechts in Preußen. Wir wollen nicht, datz Preutzen noch länger daö deutsche Sibirien bleibe!(Stürmische Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Lärm rechts.) Präsident Dr. Kacmpf: Für diese Beleidigung Preußen» rufe ich Sie zur Ordnung. Abg. Schcidemann: Gegen diesen nach meiner Ucbcrzeugnng u n b e r e ch t i g t e n Orduungsruf werde ich Beschwerde führen.(Zustinimung links.) Wir wollen aus Preutzen ein freies Land machen. Nicht im Elsaß zurück, sondern in Preußen vorwärts, ist die Losung.(Stürmischer Beisoll bei den Sozialdemolraten.) Die stürmische» Szenen, die sich im preuhischen Abgeordneten- Hause von Zeit zu Zeit und namentlich in den letzten Tagen ab- gespielt haben und ihren Höhepunkt erreicht haben im Eindringen der Polizei in den ParlamcntSsaal(Zurufe rechts, Etat deS Reichskanzlers I Wir sind hier nicht im Landtag!)— waS sind sie sonst, als die äutzerste Erscheinung eines verrotteten und aufS äutzerste unhaltbar gewordeneu Zu st andeS? (Lebhafte Zustinmmiig links, erneute Rufe rechts, nämlich bei der Reichspartei und Winschastlichen Vereinigung, datz diese Erörteflnig nicht hierher gehört.) Präs. Dr. Kaenipf: Ich mutz Sie aufmerksam machen, datz die Ereignisse im preußischen Abgcordnetenhause doch wohl kaum mit dein Etat des Reichskanzlers zusammenhängeil.(Beifall rechts und im Zentrum.) Abg. Scheidemann: ES tut mir außerordentlich leid, daß ich als ehemaliger, wenn auch nur kurzfristiger Kollege des Präsidenten(Heiterkeit) nicine Verwunderung aussprechen muß über eine solche Ge- schäftSführung.(Lachen und Lärm rechts und im Zentrum.) So lange der Deutsche Reichstag besteht, hat er sich ganz selbst- verständlich mit den Angelegenheiten Preußens befaßt. Hier im Reichstag den der Reichskanzler mit der Erklärung eröffnet hat. daß die Entwicklung nicht stillstehe, hat er selbst ein dutzendmal Auskunft gegeben über den Stand der Wahlreform in Yrxußen und jetzt, wo ich einmal preußische Dinge besprechen muß, soll das nicht gehen? Wir wolle» doch nicht den Reichstag zum preußischen Abgeordnetenhaus degradieren!(Stürmischer Beifall bei den Sozialdemokraten.— Lärm rechts.) In anderen Parlamenten ist gewiß auch die Präsidialgewalt sehr weit ausgebaut und sie ist in manchen Parlamenten auch schon mißbraucht worden, aber was jenen Fall im preußischen Ab- geordnetenhause kennzeichnet. ist der Umstand. datz eine Versamm- lung, die l e i nse Volksvertretung ist, die wirklichen Volks- Vertreter, hinter denen ein Drittel des preußischen Volkes steht, durch Polizeigewalt hmauswersen läßt. Das eben war das Symptomatische: die wirklichen Volksvertreter hat die Polizei aus dem Dreiklassenhaus hinauSgebracht! Das ist Preutzen, wie es leibt und lebt, jenes Preutzen, von dem hier mit Recht ein Zentrumsabgeordneter gesagt hap man müsse sich schämen, ein Preuße zu sein! (Stürmischer Beifall bei den Sozialdemolraten.— Lärm rechts.) Präsident Dr. Kacmpf: Ich weitz nicht, ob jener Abgeordnete für diese Aeutzerung zur Ordnung gerufen worden ist.(Nein! nein! bei den Sozialdemolraten.) Jedenfalls ist ein solcher Ausdruck nicht parlamentarisch. Abg. Scheidemann: Dieser Vorgang im prcutzischen Abgeordnetenhaus war die Handlungsweise einer„Autorität", die jeden Rechtsboden unter den Füßen verloren hat und kein Mittel mehr weiß, ihre Macht aufrecht zu erhalten, als die Anrufung der Polizei. Die Urheber jenes Streiches werden sich inzwischen gewundert haben über die ungeahnte Wirkung. Das Eindringen der Polizei in den Saal des preußischen Abgeordnetenhauses war der Signalschuß, der durch ganz Deutschland gellt und alles aufrüttelt, was bisher vielleicht noch geschlafen hat.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Wie ist dieses Verhalten in Einklang zu bringen mit den ztz 105 und 206 des ReichsstrafgesetzbucheZ? Da wird gesagt: wer... eine gesetzgebende Versammlung des Reiches oder eines Bundesstaates auseinanderzusprengen, zur Fassung oder Unterlasiung von Beschlüssen zu nötigen oder Mitglieder aus ihnen gewaltsam zu entfernen sucht, wird mit Zuchthaus nicht unter fünf Jahren oder entsprechender Festungshaft bestraft. Und§ 106 bestimmt: wer ein Mitglied einer der vor- bezeichneten Versammlungen durch Gewalt oder Bedrohung mit trafbaren Handlungen verhindert, sich an den Ort der Versammlung zu begeben, wird mit Zuchthaus bis zu zwei Jahren bestraft.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wie kommen denn die Leute im Abgcordnetenhause dazu, sich einzubilden. daß durch die Geschäftsordnung ein R e i ch S g e s e tz außer Kraft gesetzt wird? Wer sind denn die Leute, die mit Polizei- gewalt die Vertreter eine« Drittels des preutzischen Volkes gewaltsam aus dem Parlamentssaale entfernen lassen, wo sie sich in Ausübung ihrer Pflicht befinden? Auf Grund welchen Gesetzes sind denn diese Leute in jenem Saal? Ueberhaupt nicht auf Grund eines Gesetzes, soudern auf Grund einer Verordnung, die vor 63 Jahren unter Bruch eines königlichen Wortes erlassen worden ist. (Stürmische Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Lärmende Pfui!- Rufe rechts.) Präs. Dr. Kacmpf ruft den Redner zur Ordnung. Abg. Scheidemann(Soz.): Kommen Sie nicht mit der Behauptung, das Verhalten der Sozialdemokraten im preußischen Landtag hätie den Präsidenten ge- nötigt, so vorzugehen. Wir sind hier 110 Sozialdemokraten, wird jemand die Dreistigkeit haben, zu behaupten, datz hier ein fach- licheS Verhandeln unmöglich sei? In 19 deutschen Bundesstaaten sitzen in den Landtagen zusammen 183 Sozia l demokraten (Rufe rechts: Traurig! Heilerkeit bei den Sozialdemokraten.) Haben Sie schon jemals von solchen Szenen gehört, wie sie sich im preutzischen Landtag zugetragen haben? In den deutschen Stadt- und Gemeindevertretungen sitzen 9000 Sozialdemokraten. Haben Sie jemals von solchen Vorfällen gehört? DaS, was sich dort abgespielt bat, war nur möglich aus dem Boden dies e S HauseSI(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Was war denn das Vergehen des Abg. Borchardt?(Zurufe rechts: DaS gehört doch nicht hierher?) Der Abg. S ch i f f e r e r halte ausdrücklich durch den Abg. Hofsmann unseren Freund Borchardt eingeladen, sich seine Rede anzuhören. Die Alustil im Abgeordnetenhause ist so schlecht, datz Abg. Borchardt von seinem Platz aus gar nicht imstande war. den Redner zu v e r st e h e n. Er stellte sich, wie Sie das auch hier sehen.(Der Redner weist auf die die Rednertribüne dicht umstehenden Abgeordneten.) Sie(nach rechts), die mich mit einem Schnellfeuer von Zwischenrufen überschütten, sollten doch Verständnis für die Zwischenrufe haben. (Sehr gut! links.) Wenn Sie nun sagen, datz ganz besonders viel Zwischenrufe von den Sozialdemokraten gemacht werden, so mag das daher kommen, datz unsere Parteigenossen einen viel intensiveren Anteil an gewissen Verhandlungen nehmen, als die Rechte.(Zu- ruf links: Die interessiert sich meistens für Schnapsliebes- gaben!) Und wenn von der Linken schärfere Zioischenrufe er- folgen, als von der Rechten, so wird wahrscheinlich auf der Linie» mehr Witz und Verstand vorhanden sein, als auf der Rechten.(Heiterkeit.) Ich will auf dies« wider- lichen Szenen im Landtag gar nicht näher eingehen und nur sagen. datz ihnen jetzt die Krone aufgesetzt werden soll dadurch, daß nun auch noch dem gewaltsam aus dem Hause entfernten Abg. Borchardt und dem völlig widerrechtlich mißhandelten Abg. Leinert der Prozeß gemacht werden soll wegen Hausfriedens« bruchs und Wider st ands gegen die Staatsgewalt. (Heiterkeit links.) Da hätte ja der Gedanke nahe gelegen, datz auch die beiden Abgeordneten den Spieß unikchren und Anklage erheben. Aber selbst in dieser kritischen Situanon wollen sie keinen Augenblick den Standpunkt verleugnen, datz die Immunität unter allen Umständen geschützt werden mutz und sogar ein E r f s a. der sicher- lich das schwere Attentat auf die Jmmunitäl verübt hat, selbst noch durch die Immunität geschützt bleiben soll.(Bravo I bei den.Sozial- demokraten.) Den reaktionären Parteien, die durch eine wahnwitzige Gewaltpolitik ihre verfallende Macht zu erhalten suchen, möchte ich zurufen: treibt die Dinge nicht auf die Spitzel Lernt, Ihr seid gewarnt! Sperren Sie sich nicht gegen eine»olwendige Enlwickelung. geben Sie dem Volke, daö sich durch die Behandlung seiner Vertreter aus das schwerste mißhandelt sieht, endlich das Recht, daö ihm zusteht und nach dem es stürmisch verlangt. Sie sagen selbst immer, der Appell an die Furcht fände im deutschen Herzen keine Stätte und dabei ist doch die Politik der Rechten dem Volke gegenüber nichts anderes als eine Spekulation auf die menschliche Schwäche, auf die Furcht vor der Drohung mit Macht und Gewalt. Sie nennen sich national, wie groß aber ist d i e V e r a ch t u n g. dit Sie. nach Ihrem Verhallen zu urteilen, dem Volle entgegenbringen! Und das ist vielleicht die größte Schuld des Reichskanzlers, datz er diese Verachtung des Volkes durch Reden, die er hier und anderswo gehalten hat, bedauerlicherweise sehr belebt und gesördert hat. Dos Vorgehen deS Abgeordnetenhauses ist nichts anderes, als dieUmsetzung der Theorie der Nichtgleichberechti- gung in die Praxis, dieser Theorie, die im Widerspruch steht mit dem Entwickelungsgang unserer Zeit, mit der Tendenz zur Demokratie, nach der das Volk verlangt.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Deshalb sage ich, wir haben kein Vertrauen zum Reichskanzler, zu dem System, das er verantwortlich vertritt, wir werden nicht auf- hören, im schwersten Kampf gegen seine Polink die volle Selbst- achtung und Gleichberechtigung des Volkes zu fordern. Der Reichska»zler/der die Geringschätzung des Volkes predigte, hat bei der Beratung der Wchrvorlage gezeigt, datz er aus einem Verächter zu einem Bewunderer, ja Fanatiker der großen Zahl geworden ist. Freilich nur, wenn es sich nicht rnn die Selbstbestimmung des Volkes, sondern um die Zahl d e r S o l d a t e n und Gewehre handelt, die dem jetzigen System bewilligt werden. Wir rechnen nicht mit der Zahl der bewaffneten Arme, die der Sache der Herren gedankenlos und freudlos dienen, sondern der Zahl der K ö p f e in denen die Lehren unserer grotzen Lehr- meister leben, mit der Zahl der He r z c n, in denen die Sehn- sucht lebt nach unseren großen, schönen Zielen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Zukunft wird lehren, wer richtig gerechnet hat. Sie oder wir!(Stürmischer, an« hallender Beifall bei den Sozialdemokraten.— Zischen rechts und im Zentrum.) Präsident Dr. Kaempf: Wenn Sie gemeint haben, datz die Eisatz- Lothringer durch die Einverleibung in Preutzen bürgerliche Ehren- rechte verlieren würden(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Wahl« recht! Wahlrecht!>, so mützie ich Sie zur Ordnung rufen. Abg. Dr. Spahn(Z.): Die Vorgänge im preutzischen Abgeordnetenhause stehen augenblicklich, soweit die Frage der Verfassung und der strafbaren Handlung in Betracht kommt, zur Entscheidung der Gerichte. Ich halte es deshalb für besser, diese Vorgänge solange hier nichts zu besprechen, bis eine gerichtliche Entscheidung ergangen ist. Eine ähn- liche Erwägung liegt bei den Vorgängen in Etsatz-Lothringen nicht vor. In der Verfassung von Elsatz-Lolhringen steht, datz das Reich allein diese Verfassung wieder ändern kann. Ich hätte erwartet, daß der Reichskanzler uns heute den Wortlaut der Aeutzerung des Kaisers mitgeteilt hätte. Er wird aber wahr- scheinlich den Wortlaut nicht richtig wiedergeben können. weil er dabei nicht anwesend war, aber ich würde es bedauern. wenn der Kaiser die Aeutzerung getan hätte. sei eS auch nur in dem Sinne, wie der Stratzburger Bürgermeister es darstellt und im Einverständnis mit den gesetzgebenden Faktoren im Reiche diese Verfassung wieder zurücknehmen zu können glaubt. Wir haben die Verfassung mit der Unterschrift des Kaisers. Niemand kann darauf rechnen, datz der Reichstag einer Aenderung dieser Verfassung zu- stimmt. WaS die inneren Vorgänge betrifft, die diese Drohung ver- anlaßt haben, so meine ich, wer nicht mittendrin in den elsatz- lothringischen Verhältnissen steht, wird sich nicht ein eigenes Urteil bilden können.(Sehr richtig! im Zentrum.) Des- halb enthalte ich mich auch eines Urteils in dieser Sache und mutz es dem elsatz-lothringischen Volke überlassen. Auch die Frage der W a h l r e f o r m in Preutzen möchte ich hier nicht näher erörtern, weil darüber der preußische Landtag enlscheidet. Darin gebe ich dem Abg. Scheidemann recht, Freiheiten fallen einem Volke nicht zu wie Geschenke deS Christkindchen: Freiheiten wollen errungen ein, und dazu bedarf es der Energie und des Willens des Volkes. Die Vorgänge im preutzischen Abgeordnetenhause will ich auch nicht näher erörtern, weil das Sachen find, die ich von hier aus nicht ändern kann und die ich mir deshalb gefallen lassen mutz. — Redner richtet dann die Bitte an die Regierung, bei der Vor- bereitung der nächsten Handelsverträge zu versuchen, i nt er- nationale Abkommen dahingehend zu treffen, datz die Ver- hältnisse in den einzelnen Staaten in bezug auf die Arbeiterfragen. besonders auch mit Bezug auf die im Auslande tätigen deutschen Arbeiter möglichst einheitlich geregelt werde». In bezug aus die Jesuitensrage wollen wir abwarten, wie der Bundesrat sich entscheidet. Wir sind sicher, datz die Majorität dieses Hauses mit der Beseitigung sämtlicher Ausnahmegesetze ein- verstanden ist und behalten uns vor, dieS bei nächster Gelegenheit zu konstatieren.(Beifall im Zentrum.) Abg. Graf v. Schwenii-Löwitz: Ich halte eS nicht für an- gebracht, auf N a ch r i ch t e n d e r P r e s s e über Aeutzerungen des Kaisers einzugehen(Lachen bei den Sozialdemokraten), bevor diese amtlich bestätigt sind. Namen« meiner politischen Freunde habe ich aber zu erklären, datz die inneren Vorgänge i» Elsatz-Lothringen »nS in der Ueberzeugung bestärkt haben, datz eS ein schwerer Fehler war, diese Verfassung dort einzuführen und datz wir in vollem Recht waren, als wir sie ablehnten. Auch auf die Ent- fernung des Abg. Borchardt aus dem preußischen Abgeordneten- Hause werde ich nicht eingehen, da dies nicht hierher gehört. Redner verbreitet sich sodann über die deutsche Handelspolitik und die Notwendigkeit der Schutzzölle. Keinem Boll der Erde geht es besser in jeglicher Beziehung als dem deutschen Volk.(Der BundeSratStisch bleibt andauernd leer; der Bundesrat hält eine Sitzung ab). Der Redner polemifiert gegen den Grafen Posadowsky, der den Großgrundbesitzern„das Bauernlegen" vorgeworfen hat. ist aber bei der im Hause herrschenden Unaufmerksamkeit und andauernden Unruhe im Zusammenhang völlig unverständlich.(Oester erschallt die Klingel des Präsidenten, vergeblich Ruhe heischend. Eines dieser Zeichen icheint draußen so aufgefaßt zu sein, als ob der Redner zu Ende sei. Ein Mitglied deS Bundesrats er- scheint und verlätzt, da der Redner noch spricht, den Saal sofort wieder.— Große Heiterkeit.) Der Redner spricht� weiter über unsere wirtschaftspolitischen Beziehungen zu anderen Ländern. Präsident Kacmpf: Bei der während der Rede des Abgeordneten Scheidemann herrschenden Unruhe habe ich mehrere Stellen nicht hinreichend verstanden. Nach dem Stenogramm habe ich bereits «ine Stelle gerügt. Es findet sich darin noch folgende Stelle: „Wir meinen aber doch, datz man mit solchen Drohungen, wie mit der Versetzung sozusagen in die zweite Klosse des Soldatenstandes oder mit der Versetzung in die unter st eKla>se der Reichs- Zugehörigkeit, nämlich der Einverleibung in das preußische Land, doch etwas vorsichtiger sein soll." Wegen der Preutzen aus daS schwerste beleidigenden Ausdrücke m dieser Stelle(Heiter- keit bei den Sozialdemokraten) rufe ich den Abgeordneten Scheide« mann nachträglich zur Ordnung.(Lebhafte Bravo!- Rufe rechts.) Abg. Dr. van Ealkcr(natl.): MS ich mich zum Wort meldete. beabsichtigte ich als Deutscher, als Neuelsässer zu sprechen von der Augelegenhert. die über Elsatz-Lothringen hinaus heute ganz Deutichland interessiert. Aber durch die Worte des ersten Redners habe ich ganz vergessen, datzich El süsser bin, und bekam die Erinnerung an meine Jugendzeit, wo. ich als kleiner Knabe das Lied lernte„Ich bin ein Preuße"(Lebhafte Bravorufe rechlS, schallende Heiterkeit bei den Soz. und Rufe: Hurra!» Ich bin traurig, datz Sre darüber lachen(Heiterkeit), datz Sie lachen können darüber, daß em Deutscher aus vollem Herzen sich auch als Preutze bekennt. Gerade als solcher fühle ich mich in diesem Augen» blick. Welcher Staatsangehörigkeit man auch sei— ich habe auch die bayerische StaalSangehörigkeit— in diesem Hause haben wir die heilige Verpflichtung, uns desset, bewußt zu fein, waS Preutzen für das Deutsche Reich geleistet hat.(Sturnnschc� Bravo I rechts und bei den Nalionalliberalen.j Einer Rede gegen- über wie der deS Abg. Scheidemann mutz PZfa testiert werden.(Sehr richtig I bei den Nationalliberalen.) Lassen Sie mich einmal ganz Professor sein.(Heiterkeit und Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sein Sie doch BolkSverteter.) Ich bin«in deutscher Volksvertreter, wenn ich die Ehre Preutzens hier offen und aus vollem Herzen verteidig- R-i ver Sieform des Strafgesetz- auS vollem Herzen verteidige. Bei der Reform■ Buche« hatte ich das Referat über den Abschnitt der MaieftatSbeleidl- gungcn und eS fiel mir auf. datz in England Niemals eine Verurteilung stattfindet.(Abg. Ledebour(voz.): Weil niemals dort angeklagt wird!) Ein englischer Anwalt, an den ich Irnich wandte, schrieb mir: Sin Engländer beleidigt seinen König nicht, weil er der Meinung ist. daß der König der Repräsentant de» Staates ist; ,hn zu beletdigen gilt nicht als gentlemanlile.(Zuruf W Abgeordneten L e d e b o u r.) Wenn nun doch ein Engländer den König beleidigt und sich gegen den Siaat wendet, so ist die allgemeine Auffassung, dofc ein solches Verhalten sich selber richtet.(Abg. Ledebour: Sie haben ja gar keine Ahnung von englischen Verhältnissen.) Jeder, der seine Pflicht als Volksvertreter tut, wird alle Erscheinungen, die für die Entwickelung nachteilig sind, kritisch betrachten.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Na also I) Die Konsequenz für uns ist die, dag die nationalliberale Partei in der aichexordentlich wichtigen Frage des Wahlrechts den Weg der Eni- Wickelung gehen will und zwar nnl fester Kraft, und daß wir bei der Durchführung der bestehenden Gesetze.gegen jede Mißdeutung der Gesetze sind, zeigt Ihnen unser Antrag.(Staats- sekreiär L i s c o und eine Anzahl von Kommissaren erscheinen wieder im Saal, von allgemeinem„Ah 1" begrüßt.) Wir sind vollkommen bereit, all denjenigen Momenten entgegen zu treten, die nach miserer Ansicht einer gedeihlichen politischen Ent- w i ck e l u n k i m Wege stehen. Auf diesem Wege einer gerechten Kritik werden Sie uns innner sehen, einer Kritik, die ausgeht von einer heißen Liebe zum Vaterland.(Lebhaftes Bravo I bei den Nationalliberalen.) Ich freue mich, daß wir in E l s a ß- L o t h r i n g e n ein all- gemeines und gleiches Wahlrecht haben, da sich so weite Kreise an der allgemeinen Entwickelung beteiligen können. Als ich im Früh- jähr vorigen Jahres hierher kam, war in meiner Fraktion über diese Frage gerade eine Meinungsverschiedenheit.(Zuruf von den Sozialdemokraten: Wie immer I) Gibt es denn bei Ihnen keine Meinungsverschiedenheiten?(Heiterkeit.) Wir entschlossen uns aber schließlich doch dazu, dem gleichen Wahlrecht zuzustimmen. (Ahl oh I bei den Sozialdemokraten. Zuruf rechts: Politische Kinder!) Es gibt viele, die zuerst der Verfassung entgegeustanden, innerhalb und außerhalb Elsaß-LotbringenS, die aber jetzt für deren Ein- führung dankbar sind und die Verfassung nicht mehr missen möchten. Dennoch aber muß man die Vor- gänge itn elsaß- lothringischen Landesausschuß bedauern. Eine Volksvertretung muß außerordentlich auf ihre Autorität achten und sich dieser Aufgabe stets voll bewußt sein, auch wenn sie in der Opposition steht. Französische Zeitungen schreiben von den Elsässern gern von einem Volt in Fesseln, das nur daraufwartet, eines Tages wieder zu Frankreich zurückkehren zu können. Ein alter Elsässer aber sagte mir. das seien nur noch ein paar Narren, die noch heute französisch werden wollen. Wir müssen gegen jede Aeußerung vorgehen, die gegen eine An- Näherung Elsaß-Lothringens an Deutschland gerichtet ist. Eigentlich sollte man ja über Aeußerungen des Kaisers, so lange sie unverbürgt sind, überhaupt nicht sprechen, das ist jedoch leider geschehen. Und da will ich auch nur sagen: Auch der Kaiser hat ein Recht, u n- mutig darüber zu sein, wenn die Dinge eine andere Entwickelung nehmen, als man bei Einführung der Verfassung erwartet hatte. Die Hauptsache ist, daß wir uns stets als Deutsche fühlen müssen.(Bei- fall bei de» Nationalliberale».) RcichSlanzler v. Bcthmann Hvllvcg: Auf die Vorgänge, die mich und die Mitglieder des Bundesrats veranlaßt' haben, eine Zeitlang den Saal zu verlassen, gehe ich selbstverständlich nicht ein, nachdem von feiten des Herrn Prä- sidenten ein Ordnungsruf wegen der Aeußerung erfolgt ist, die der erste Redner getan hat. Ein Mann, der von seinem Lande so spricht, wie es geschehen ist, verurteilt sich selbst.(Lebhafte Vravo- Rufe rechts. Unruhe links. Stürmische Ruse bei den Sozialdemokraten: Er hat nicht vom Lande, sondern von Ihnen, von der Regierung gesprochen.) Ich will, wie ich das bereits in meiner Antwort ans die Anfrage des Abg. TolShorn gesagt habe, über die e I s ä s s i s ch e n An- gelegenheiten spreche». Vorweg muß ich mit einigen Worten auf die Grave» st adener Angelegenheit eingehen, da die Resolution, die zu ihr gefaßt worden ist, wie der Abg. v. C a l k e r eben ausgeführt hat, eine gewiss« Bedeutung erlangt hat. Der Sach- verhalt in der Gravenstadener Angelegenheit ist kurz folgender. Gravenstadengehört derNorddeutschenLoloniotivvereinigung an und hat deshalb Anteil an den Bestellungen für die Reickiseisenbahnen und für die preußischen Bahne». Der Wert- der Bestellungen hat in den letzten Jahren durchschnittlich 4 Millionen Mark pro Iahe betragen. Im Januar d. I. wurde die preußische Eisenbnbnverwaltung durch ZeitungSariikel und durch eine mit Namensunter- f ch r i f t versehene Zuschrift darauf aufmerksam gemacht, daß von der Leitung des Gravenstadener Werkes bchaupiet werde, sie wstke in direkt deutschfeindlichem Sinne. Danach hat die Eisenbahnverwallung im Benehmen mit der Landes- Verwaltung eine Untersuchung augestellt, deren Ergebnis der Unter- staatSsckrctär Mandel in der elsäskischen Kammer mitgeteilt bat. Ich will aus dieser Mitteilung hier kurz folgendes anführen: Die clsässische Regierung erklärte. eS sei für sie notorisch, daß der leitende Direktor des Werke» die Seele aller deutsch- feindlichen Bestrebungen sei, die sich in und um Gravenstadcn bemerkbar machen. Alle persönlichen Beziehungen zwischen Fobrilslcitung und Behörden hätten aufgehört und daran habe jener Direktor schuld, der bei jeder Gelegenheit das Deutschtum belämpft. Er hat auch die gesellschaftlichen Ver- einigungen in französisches Fahrwasser zu lenken gesucht. Auf Grund dieser Ergebnisse stellte die Eisenbahn- Verwaltung dem Werk die Einstellung weiterer Auf. 1 1 ä o c in Aussicht, falls nicht in bestimmter Frist dieser Direktor von seinem Posten entfernt würde(Lebhaftes Hört! hört! links Sehr richtig I rechts) und bis zu semer Entfernung Gewähr dasür geboten würde, daß er seine Tätigkeit in deutschfeindlichem Sinne in der Fabrik und in der Gemeinde einstelle. (Abg. Emme l[Soz.s: Zorn von Bulach sagt das sei nur Kinderei! Vizepräsident Dave bittet, den Redner nicht zu unterbrechen.) Für das Deutsche Reich ist es ein Ding der Un- Möglichkeit, geschäftliche Beziehungen zu emem Werke auf- recht zu erhalten und ihm jährlich Millioiienbestellungen zuzuivenden, dessen Leitung die Verachtung deutschen Wesens zur Schau trägt.(Sehr richtig! rechts. Abg. Emmel: Wo denn, wann denn?) Die deutsche Eisenbahuvcrwaltung wurde pflichtwidrig gehandelt haben, wenn sie diese Vorgänge ignoriert hätte..Es ist nicht Gesini'ungSschnüffelei— dieser Ans- druck ist in der clsässischcn Kammer gebraucht worden— sondern cS waren, als die Bahnverwaltung durch Vermittlung der Landesregierung die nähere Untersuchung einleitete, staat- l i ch e u n d nationale Notwendigkeiten.(Sehr richtig.. rechts.) Kein Privatmann erhält geschäftliche Beziehungen ohne zwingende Notwendigkeit aufrecht, wenn der andere Teil sich sortgesetzt darin'ergeht, wichtige Interessen seines AuslraqgebcrS zu schädigen. Uiid hier sollte eS der Staat tun. wenn die nationalen Jmeresse» in Frage stehen?' Dann ist auch der Vorwurf gemacht worden, die Eisenbah,»Verwaltung wäre von der r h e i» i> ch- w e st f ä l i s ch e n G r o ß i n d u ji i e als Vorspann benntzt worden, um die Konkurrenz von Gradenstaden auszuschließen. Man bat das daraus gclchlossen, daß zufällig auch die„Rhein.-Westf. Ztg." auf das Treiben m Gravenstaden aufmerksam gemacht hat. Dwser Vorwurf ist w> d e r s l n n i g. Da« Koukurrenzmoiiv, das anqcblich für das Borgeken der Eisenbahnverwaltung mitbestimmend gewesen sein soll, existiert nur m der Phantasie derjenigen Personen, die die- Angelegenheit polltisch gegen Preußen aus- beulen wollen. Gegen>vart>g hat Gravenstaden noch für die beiden Verwaltungen Maschinen tm Werte von etwas über 1 Million Mark, zusammen für 2/, Millionen, zu bauen. Die Aufträge sind für die erste Hälfte ves JuhreS 1912 vergeben, für die zweite Hälfte werden Bestelluligen m ungefähr gleichem Werte zurückgehalten in der Hoffmulg, daß„och eine Ver- st n u d i g n n g gelingt. Diese Berstandigmig ist bisher nicht zustande gckommc», weil das Werk sich to e ig er t ,d« n Direktor zu entlassen. ES ist selbstverständlich, daß die Eisenbahnverwaltung auf ihrer Fordermig besteht.(Zustimmung rccbls.) Wenn die Arbeiter der Fabrik notleiden sollten— was ich nicht hoste— weil das Werk die Forderungen nicht erfüllt, dann wird cS das Werk sein, welches die ausschließliche und alleinige Verantwortung dafür tragt.(Beifall rechts.) Wenn man den Eisenbahnverwaltungeu einen Vorwurf machen wollte, dann könnte es vielleicht nur der sein, daß sie zu vor- sichtig gewesen sind. Mancher andere Staat würde bei diesem Verhalten der Werkleitung einfach mit der Bestellung aufgehört haben, ohne daß man in Verhandlungen eintrat.(Sehr richng! rechts.) Dann war kein Stoff zur Agitation gegeben. Die Verhaiidluligen galten aus beiden Seiten als vertraulich. Die Vertraulichkeit ist auf feiten der Regierung auf das strengste ge- wahrt worden und auch dann noch, als vor einiger Zeit im preußischen Abgeordnetenhause die Sache zur Verhandlung kam, hat sich die Regierung auf eine ganz kurze Bemerkung beschränkt. Der Abg. Blumenthal war es, der in der elsässtschen Kammer zum ersten Male die Sache vor die Oeffentlichkeit brachte und im nationalistischen Interesse z» verwerten suchte. Damit komme ich auf die allgemeine politische Be- deutung dieses Falles. Die elsässische Kammer hat bekanntlich für Gravenstadcn und gegen die Regierung Partei genommen. Daraus und aus manchen anderen Vorkommnissen haben die Gegner der vorjährigen Versassungsgesetzgebung den Schluß ge- zogen, daß diese Gesetzgebung verfehlt oder doch ver- srüht gewesen sei. Daß sich die neue Verfassung leicht und ohne Reibungen einleben würde, habe ich nicht erwartet. Ich möchte da auf Einzelheiten nicht eingehen, nachdem dieses hohe Haus die vor- treffliche Rede des Abg. van Calker gehört hat. Die Schwierig- leiten, die sich ergaben, sind zuerst drastisch hervorgetreten bei den ersten Wahlen zur elsaß-lothringischen Kammer im vorigen Herbst. Damals mußten sich eigentliche politische Par- teicn im Lande erst bilden. Charakteristisch für die verworrenen Zustände, die damals entstanden, waren auch die Gewissenskonflikte. in die ein Teil der deutschen Wählerschaft geriet� als sie vor die Frage gestellt wurden, ob sie mit Hilfe der Sozialdemo- traten den Nationalismus überwinden oder ihm durch Stimmenthaltung zum Siege verhelfen sollten. Und alle diese Zustände, wie hätte öS anders sein können, haben ihre Rücklvirlung ausgeübt. Ob diese Vorgänge eine andauernde politische Bedeutung haben, ob aus ihnen der Schluß gezcgen werden kann, daß die Verfassung unzweckmäßig ge« wesen sei, das kann heute nicht entschieden werden. Aber un- zweifelhaft— und das hat auch der letzte Vorredner zugegeben— haben diese Vorgänge das nationale Empfinden weiter deutscher Kreise tief verletzt, und einen verständlichen Unwillen hervorgerufen. Nun(mit erhobener Stimme), dieser Unw illen ist cS, dem S. M. der Kaiser in seine,» Gespräch mit dem Oberbürgermeister von Straßburg Ausdruck gegeben hat. Wegen dieses Gespräches sind in der Oeffentlichkeit heftige Angriffe gegen de» Kaiser gerichtet worden. Ich lege gegen diese Angriffe Ver- Wahrung ei».(Beifall rechts. Unruhe bei den Sozialdemo- traten.) Wie war denn die Sache? In einem Kreise geladener Gäste(Zuruf der Sozialdemokraten: Ist ja ganz gleichgül- t ig?) hat der Kaiser oem Unmute Worte verliehen, der in diesen Wochen viele deutsche Herzen erfüllt hat. Diese Worte sind durch eine bedauerliche, nicht aufgeklärte Indiskretion (Hört! hört!)- bsi drr, wie ich indessen ausdrücklich hervorheben möckste, oer Herr nicht beteiligt war. an den die Worte gerichtet worden sind— i» die Oeffentlichkeit geraten, und zioar, tvas peinlich ist. und was, wie ich annehme, auch von vielen Elsaß-Lothriugern als peilllich empfunden werden wird, nicht in einer deutschen Zeitung, sondern in einer französi» scheu.(Zustimmung und Hört! hört!) Trotz dieser Berösfeutlichung ist keine Situation geschaffen, für die ich nicht die Verantwortung trüge.(Beifall und Hört! hört!) Solange ich an dieser Stelle stehe, trete ich vor den Kaiser. (Beifall rechts. Lachen-bei den Sozialdemolraten.) Nicht aus höfischen Rücksichten, wie schon in der Presse angedeutet worden ist — die kenne ich nicht—, sondern aus staatlicher Pflicht(Beifall rechtöl, und wenn ich dieser staatlichen Pflicht nicht gerecht werden kann, dann werde» Sie mich nicht mehr an diesem Platze sehen.(Hört! hört! und Lachen bei den Sozialdemokraten. Ledebour ruft: Also Sie billigen den Verfassungsbruch!) Mit Bundesrat und Reichstag werden offene Türen eingerannt. Es hat dem Kaiser völlig ferngelegen, die Rechte von Bundesrat und Reichstag auch nur irgendwie zu berühren. Wem will man es denn klar machen, daß der Kaiser, wenn er von einer Beseitigung der Verfassung gesprochen hat, nicht an einen Akt der Reichsgesctzgebung gedacht hat, der doch nur als ultima ratio in Betracht kommen konnte? Ter Kaiser hat auch nicht davon gesprochen, daß jetzt an eine Revision der Ver- fassungszustände in Elsaß-Lothringen herangetreten werden soll. Das hat er nicht getan. Aber verwunderlich ist es, daß elsaß- lothringische Politiker die Zeit für gekommen erachten, um die Ver- fassungsgesetzgcbung vom Reiche auf das Land zu übertragen. Davon kann keine Rede sein. Elsaß-Lothringen ist Reichsland. Bundesrat und Reichstag sind es gewesen, die dem Lande seine Verfassung gegeben haben. Und nur Bundesrat und Reichstag werden darüber zu befinden haben, ob einmal die Zeit kommen sollte, wo die Verfassungszustände geändert werden müssen und wie sie geändert werden müssen. Darum sind alle Konjekturen über die Richtung, in der sich Acnderungen bewegen sollten, völlig gegenstandsles. Bundesrat und Reichstag werden, lvenn ihnen solche Beschlüsse aufgenötigt werden sollten, sich nur von den Lebens- interessen des Reiches leiten lassen. Bei Elsaß-Lothringen steht es, ob diese Lebensinteressen die Erhaltung und Konservierung der dem Lande gegebenen Freiheit und Selbständigkeit oder ihre E i n- schränkung fordern werde». Das Land wird sich sein Schicksal selber schaffen. Das Land wird, wenn es den Prinzipien folgt, die der Abg. von Calker hier eben angedeutet hat, das erreichen und das erhalten, tvas es jetzt hat und wird es sichern- Wenn es einen anderen Weg geht— ja, meine Herren! niemand kann die Augen davor schließen, daß deutschfeindliche Bestrebungen im Lande vorhanden sind, welche aus dem Lande ein der Verbindung mit dem Reich widerstrevendcs Land machen wollen. Gegen diese Bestre- bungen muß alles, tvas deutsch ist, zusammenstehen, dann werden sie überwunden werden, Das, uieine Herren, und die Sorge für die Zukunft des Reichslandes ist Kern und Inhalt der ernsten Mahnung des Ka isers gewesen. >Abg. Ledebour(Soz.j ruft: Faule Ausrede!) War es ein Unrecht, daß der Kaiser den Mahnruf ausgestoßen hat? Nein, denn darüber ist sich die gaiize Nation einig, Elsaß-LothriUgen ist ein Land, das zu uns gehört, wie jeder andere Teil des deutschen Vaterlandes. fBravo! rechts und bei den Natioiialliberalen.) Sollten-r- ich glaube es nicht— Treibereien die Ueberhand gc- iviuneu, welche diese Tatsache auch nur entfernt in Zweifel ziehen tonnen, dann allerdings würde es Pflicht des Bundesrats und des Reichstags sein, nach Mitteln auszuschauen, uin diese Treibereien zuschauden zu machen und— des bin ich gewiß— diese Pflicht würde dann erfüllt tvcrden, denn eS tväre eine Pflicht deutscher Ehre.(Lebhaftes, anhaltendes Bravorufen rechts und bei den Natwnalliberaleu. Anl>altendes Zischen bei den Sozial- demokraieir. Abg. Ledebour ruft: Eine feige Drohung war das!) Vizepräsident Tove: Den Ausdruck„Faule Ausrede" muß ich als unparlamentarisch entschieden zurückweisen. Abg. Dr. Haas(Baden. Vp.): Wir haben in Baden zwar auch ei» schlechtes Wahlrecht, aber wenn jemand von uns behaupten wollte, wir gehörten deshalb gewissermaßen in die zweite Klasse des Soldatensiandcs,— da würden sogar die badischen So- zialdcinolratc» eine Autwort erteilen, die sich gewaschen hat!(Na! na!) Wenn der Reichskanzler irgendein Verdienst hat, so'st das. daß er an der elsaß-lothringischen Verfassung mitgewirkt hat. Er sollte daher doch wohl eine andere Antwort g»t die Worte des Kg.isers.h«dkll. Ls S>31 KW Schamlosigkeit, daß das Gespräch in die Oeffentlichkeit hin- ausgetragen wurde, eine doppelte Schamlosigkeit, daß es zuerst an französische Blätter weitergegeben wurde. Aber das Wort ist nun einmal gefallen, und es ist meine Erachtcns ein sehr gefährliches Work. Ganz Deutschland muß dagegen energischste Ver- Wahrung einlegen.(Sehr richtig I links.) Um die Hand- lungsweise der Elsässer zu verstehen, muß man sich in das Wesen dieser Leute bertiefeil. Schon Bismarck hat den Gedanken cüicr Einverleibung Elsaß-Lothringens in Preußen weit von sich ge- wiesen, und das lediglich aus dem Grunde, weil man dorthin preußische Beamte schicken müßte, die die Elsaß-Lothringcr nicht verstehen würden. Es ist so schon so viel von den norddeutschen Beamten gesündigt worden. Das Wort des Kaisers hat großen Schaden für die deutsche Sache in Elsaß- Lothringen angerichtet. Bei der Haltung des Reichs- kanzlers kommt mir unwillkürlich der 15. November 1908 in Erinnerung. Damals erklärte der Vorgänger des jetzigen Reichs- kanzlers, daß der Kaiser auch inPrivatgesprächen größere Zurückhaltung üben würde. Hätte der Kaiser das getan. so hätten wir diese Konflikte nicht gehabt. Wir haben nun eine offiziöse Erklärung, ober eine recht merkwürdige. Es heißt in ihr, der Kaiser hätte nicht dem Wortlaut, wohl aber d e m Sinne nach so gesprochen. Auf den Wortlaut kommt aber gar nichts an, nur auf den Sinn. Dann heißt es weiter, der Kaiser hätte nur an eine gesetzmäßige Einverleibung in Preußen gedacht. Ja, haben wir denn an einen Staats- streich gedacht? Wir haben natürlich selbst nicht angenommen, daß der Kaiser nicht nur gegen den Reichstag, sondern auch gegen den Bundesrat und die Bundesfürsten handeln würde. Was würde wohl geschehen, wenn ein anderer deutscher Bundcsfürst sich in ähnlichem Sinne äußerte?(Sehr richtig! links.) Abg. Schultz(Bromberg, Rp.): Ich halte es für ausgemacht, daß die Dinge in Elsaß-Lothringen nicht den Ertvartungen entsprechen, die wir bei der Einführung der Verfassung gehegt haben. Kein Mensch kann dem Kaiser irgend welche Staatsstreichgelüste vor- werfen. Gerade Sie(zu den Soz.) sind es. die die Verfassung ändern ivollen, und dann unterstellen Sie dem Kaiser Mißbrauch seiner Gewalt. Wenn ich noch einmal die Worte überdenke, die der Abg. Scheidemann über Preußen gemacht hat, so kann ich nur sagen, daß es mir völlig unverständlich ist. wie jemand, der sich Preuße nennt, solche Worte aussprechen kann. Ich kann darauf nur erwidern, daß alle die Beleidigungen, die Sie auf Preußen häufen, nicht an das Maß der Verachtung heran reichen. die wir für Sie empfinden!(Bravo! rechts. Unter- brcchungen bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Dave: Meinen Sie mit dieser Aeußerung Mit- glieder des Hauses? Abg. Schultz(Bromberg. Rp.): Mitglieder des Reichstages meine ich selbswerständlich nicht. Ich halte es für eine Ehre, dem Preußen Friedrichs des Großen als Staatsbürger anzugehören. Abg. Haust(Elsässer) nimmt die Elsaß-Lothringer gegen die Vorwürfe in Schutz. Die Elsaß-Lothringer geben sich jetzt im Landesausschuß große Mühe, ihre Finanzen zu sanieren. Weder der Dispositionsfonds noch der Gnade nfonds sind so verwendet worden, wie es ihrer Bestimmung entsprach. Deshalb ioar das elsatz-lothringische Volk berechtigt, eine Kontrolle dar- über zu verlangen, und nur, weil die Regierung dies konzedierte, hat der Landtag den Fonds bewilligt. Daraus kann man ihm sicher keinen Vorwurf machen.— Der Repräsentaiionsfonds des Statt- Halters betrug 200 000 Mk; dieser Fonds ist in dieser Höhe gc» schaffen, als Elsaß-Lothringen aus dem vollen schöpfte. Daß jetzt Abstriche gemocht sind, geschah lediglich aus finanziellen Gründen.— Nun der Fall Grafen st aden, bei deni der Reichskanzler die Frage geschickt verschoben hat.(Sehr richtig!) Die preußische Regierung mag ihren Lieferanten Bedingungen auf- erlegen, welche sie will, das kümmert uns nicht, wir hatten es ledig»- lich init dem Verhalten der elsaß-lothringischen Regierung zu tun. Sie hat auf eine Anfrage von Preußen lediglich auf die Berichte zweifelhafter Personen hin nach Berlin berichtet, der Direktor von Grafenstaden sei die Seele der deutschfeindlichen Bestrebungen, derselbe Direktor, dem sie selbst ein halbes Jahr zuvor die Prüfung an der kaiserlich- technischen Schule übertragen halte. Von dieser Stelle aus muß ich daher auch feststellen, daß die elsatz-lothringische Regierung höchst leichtfertig gehandelt hat, und ihr allein galt das einstimmige Mißtrauensvotum des elsaß-lothringischen Landtages, nicht der preußischen Regierung, die uns bei dieser Frage nicht kümmert. Wir wollen aber unsere Angelegenheiten selbst ordnen. Wir sind mündig und wollen uns ebensowenig hineinreden lassen, wie Preußen. Der Abg. van Calker meinte, wir tragen selbst einen Teil der Schuld, weil wir unsere vater- ländische Gesinnung nicht genug betonen. Wir halten es nicht für anständig, das bei jeder Gelegenheit zu tun.(Sehr richtig! bei den Elsässern.) Um ihm aber eine Freude zu machen, betone ich noch einmal, keiner unserer Abgeordneten denkt daran, Elsaß- Lothringen vom Deutschen Reiche loszulösen. Die Drohungen, daß unsere Verfassung in Scherben geschlagen und wir in Preußen einverleibt würden, hat bei uns keinen besonders großen Eindruck gemacht. Wir gehören ja zu einem großen Weinland und sind daher nicht geneigt. Tischgespräche tragisch zu nehmen.(Heiterkeit.) Auch werden wir ja seit 41 Jahren schon nach preußischen Maximen regiert. Tief bedauert haben wir den Ausspruch im Interesse des Deutschen Kaisers und wir bitten den Reichskanzler, dem schlecht informierten, und zwar von unserer Regierung schlecht informierten Kaiser zu sagen, daß wir nicht so schlechte Menschen sind, als man uns ihn hingestellt hat. Wir schimpfen wohl über unsere Regierung, aber das ist nicht spe- zifisch elsässisch, sondern beweist nur, daß wir gute Deutsche find.(Große Heiterkeit.) Wir gehorchen nicht aus Zwang, sondern aus Ueberzeugung und Gewissen.(Bravo! bei den Elsässern.) Abg. L«nsch(Soz.): Zunächst einige Bemerkungen über diedramatischeSzene vor einigen Stunden. Wir haben gesehen, wie die Rcgicrungsver- trcter mit dem Reichskanzler an der Spitze den Saal verließen, an- geblich, weil mein Parteifreund Scheidemaiiii das preußische Volk oder Preußen beleidigt hat und weil der Präsident ihn dafür nicht zur Ordnung gerufen hat. Der Reichskanzler war nicht berechtigt, den Saal zu verlassen, too gerade sein Etat zur Debatte stand, wo er uns Antwort geben sollte über seine Tätigkeit oder Nichttätigkeit, wo er vor allen Dingen in einer außerordentlich wichtigen aktuellen Frage um Auskunft ersucht war. Nehmen wir an. der Präsident wäre zu der Ansicht gekommen, die Redewendungen Scheide manns böten keinen Anlaß zu einem Ordnungsruf, hätte der Reichskanzler dann diesen Saal etwa dauernd meiden wollen. Die Begründung des Auszuges unserer Regie- rungsvertrctcr mit der angeblichen Beleidigung Preußens ist so un- gefähr der dürftigste Borwanb» den ich mir denken kann. Scheidemann soll das preußische Volk beleidigt Iiabem Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Wenn ein Sozialdemokrat aggressiv gegen Preußen redet, meint er natürlich nicht da» preußische Volt, sondern den Geist der Bevormundung, für den die edelsten Geister Deutschlands aller Jahrzehnte die schärssten Worte der Verurteilung gefunden habe». Dieses Preußen hat Scheideinann gebrandmarkt und dafür danken wir ihm.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Schultz- Bromberg tat besonders entrüstet, daß in diesem Saale, der ohne preußische Mitwirkung überhaupt nicht hätte er» richtet werden können, solche Aeußerungen gefallen seien. Wer waren denn aber die c r b i t t e r t st e n Feinde des Deutschen Reiches. Die saßen allezeit auf Ihrer(nach rechts) Seite.(Lebhaftes Sehr richtigl bei den Svzialdemorratcn.) Die Szene ist so überaus charakteristisch. Weim hier von Preußen geredet wird, sagen die Herren rechts und die Regie- rungsvertreter: Preußen, das find wir. Ach nein, wie Mw suZ ig Pxevbeo dik asöfcc SAeidvve sail�ea feen atBeUenFen uftS�ettT�eftStn K!asse»l. Mschek den Ausbeutern und den Ausgebeuteten, und sie hat in Preutzen besonders krasse Formen angenommen. Wenn wir Preußen lediglich als Land der Junker benngeichnen wollen, hat Scheidemann mit seinen Ausflührunyen vollkommen recht. Besonders übel wurde es ihm ausgelegt daß er die beim Tischgespräch in Straßburg vom Kaiser angedrohte Ein- verleibung Elsaß-Lothrinyens in Preußen mit der Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes verglich. Die E l s ä s s e r haben jetzt ein Wahlrecht, das unendlich besser ist, als das preußische Drei- klassenwahlrecht, und würden ihre Einverleibung nach Preußen sicherlich als capitis deminutio sWertverminderung> empfinden. So waren Scheidemanns Worte zu verstehen, und da soll man sich doch nicht mit so aufgedonnerter Entrüstung hier herstellen.(Heiterkeit.) Wenn übrigens der Reichskanzler so außerordentlich empfindlich ist bei jedem kritischen Wort über Preußen, so ist er doch nicht der Berufenste dazu, eine besonders dünne Epidermis(Oberhaut) zur Schau zu tragen. Als er am IS. Februar vor dem neuen Hause hier gewissermaßen sein Regie rungsprogramm niederlegte, hat er die schärfsten Wort gegen die S.o zialdemokratie gebraucht, er hat uns nicht nur eine internationale, sondern antinationale Partei ge nannt, eine im schärfsten Sinne des Wortes volksfeindliche Partei (Sehr richtig! rechts.) Es ist mir sehr lieb, das von Ihrer Seite bestätigt zu hören, denn da sitzen ja die Hauptvertreter des sattsam bekannten Reichsverbandes, und wir wissen ja, daß a u dem Schwemm kanal dieses Verbandes alle diese Redensarten gegen die Sozialdemokratie geschleudert werden. Ich hätte aber angenommen, daß Männer, die es mit sich selbst ernst nehmen, auch mit der Ehre des politischen Gegners nicht so um gehen, wie es der Reichskanzler getan hat.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Und mit welchem Rechte wirst der Reichs- kanzler sich zum Wortführer der deutschen Nation auf? Er ist nicht der Vertrauensmann des deutschen Volkes (Sehr richtig!), auch nicht einmal der Vertrauensmann dieses Hauses(Erneutes Sehr richtig!), er ist lediglich der Vertrauensmann des persönlichen Regiments (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), also der RegierungS� Methode, die in den weitesten Kreisen immer wieder die schärffte Erbitterung wachruft. Wenn der Reichskanzler es für angemessen erachtet hat, die größte Partei des Hauses, die größte Partei im Reich und in der Welt als antinational hinzustellen, so sei ihm hier mit geantwortet: Die deutsche Sozialdemokratie hat bereits für Deutschlands Wohlfahrt gelitten und gekämpft, als Se. Exzellenz noch in den Windeln lag, und sie wird in deutscher Kultur und Geistcspstege noch hervorragend tätig sein, wenn dieser Handlanger schon lange in den Katakomben des persönlichen Regiments eingesargt und vergessen ist.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten: Unruhe rechts.) Auf den sachlichen Inhalt der Ausführungen des Reichskanzlers über Elsaß-Lothringen brauche ich nicht einzugehen. Nach den Aus führungen meines Vorredners ist davon nichts übrig ge� blieben, als ein großer Scherben.(Heiterkeit.) Der Staatssekretär im Elsaß hat ja gesagt, wir im Elsaß halten die Dinge, die da in Gravenstaden vorgekommen sind, fifr Kindereien; aber da drüben in Preußen denkt man anders und deswegen wurde aus dieser Geschichte eine große Haupt- und Staatsaktion. Auch Herrn v o n C a l k e r. über dessen Rede der Reichskanzler ja so entzückt war, hat gesagt, es sind nur eine Sandvoll N a r r e r., die an deutschfeindliche Agitation denken. Daß deshalb der Lokomotivfabrik Aufträge entzogen werden, weil die Gesinnung deS Direktors den maßgebenden Jnftanzen nicht gefällt, ist derselbe Akt politischen Terrors, den wir überall bemerken, wenn der Arbeiter aufs Pflaster ge. warfen wird, weil dem Unternehmer seine politische Gesinnung nicht gefällt, und den wir alle alS nichtswürdigen Streich be- zeichnen. Fürst B ü low hat gesagt, daß weder er, noch einer seiner Nach« folger unter solchen Umständen auf seinem Platz bleiben könnte. Davon hört man heute bei Herrn v. Bethmann kein Wort. Er begnügt sich damit, die scharfen Worte deS Kaisers so ab zu- mildern, daß man sie nickst wiedererkennt. Der Kaiser sprach in Straßburg. erzerschmetteredieVerfassung.der Reichs- kanzler macht daraus eine Revisionder Verfassung. Durch diese Variation gibt er selbst zu, daß die Rede des Kaisers in Straß. bürg überhaupt nicht zu rechtfertigen ist, und es machte einen unglaublich kläglichen Eindruck, als der Reichs- kanzler sagte, so lange er hier stehe, stehe er vor dem Kaiser. Aller- dings war seine Rede weniger die eines verantwortlichen Ministers, so redet vielleicht der Prügeljunge bcS persönlichen Regiments. (Sehr gfllt! bei den Sozialdemokraten; Unruhe rechts.) Präsident Dr. Kämpf ruftchen Redner zur Ordnnng. Abg. Dr. Lensch(fortfahrend): Aus der Rede des Kaisers spricht derselbe Geist d e S GotteSgnadentumS, der uns auS jener Königsberger Rede entgegenschlug, die alles für sich beanspruchte. AuS den Straßburger Worten spricht der Geist, der sich in die Worte der Dibel zusammen- fassen läßt: Der Herr hat'S gegeben, der Herr hat'S genommen, der Name des Herrn sei gelobt.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten; lebhafte Pfui!-Rufe rechts und im Zentrum.) Präsident Dr. Kämpf: Dieser Vergleich ist unzulässig, ich rufe Sie abermals zur Ordnung. Abg. Dr. Lensch: Sowohl die Rede von Straßburg, als die Vorfälle im preußi- schen Abgeordnetenhaus sind ein Zeugnis für das Elend unserer deutschen Politik. Ein Parlament, in dem es möglich ist, daß die P o l i z e i g e w a l t die Abgeordneten zum Hause hinauStreibt, h a t aufgehört, ein Parlament zu sein(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten; Lachen rechts), wobei ich nicht die Frage auf- werfen will, ob das preußische Abgeordnetenhaus jemals ein Parlament gewesen ist. Aber außerordentlich erstaunt war ich. als die Herren von der Rechten so entrüstet taten, weil Scheidemann darauf hinwies, daß das preußische Abgeordnetenhaus aufGrund einer Verordnung gewählt ist, die unter Ver- fassungsbruch erlassen i st. Das ist keine neue Wahrheit, und das haben nicht mir Sozialdemokraten, nicht nur liberale Hisio- riker und konservative Politiker, das hat sogar der frühere p r e u- ßische Minister des Inner, n. v. Herrfurth, erklärt. der im Maiheft der„Deutschen Revue" von 1893 schrieb, daß die Verordnung vom 39. Mai 1849 auf Grund des hierfür allerdings keine genügende Rechtsfrage gewährenden Artikels 195 der oktroyierten Verfassungsurkunde erlassen worden sei.(Hört! hört! links.) Das heißt Verfassungsbruch, weiter gar nichts! Die Situation, die im preußischen Abgeordnetenhause zutage tritt, ist nur ein Beweis dafür, daß die wirklichen Verhältnisse unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens in einen unheil- baren Gegensatz getreten sind mit den geschriebenen VerfassungS- gesetzen, die schon ein Alter auf dem Rücken haben, in Preußen von 69 und im Reich von über 49 Jahren. Diese Verfassungen stellen lediglich eine geschichtliche Vergangenheit dar, aber keine wirkliche Realität mehr. Ter Widerspruch zwischen Schein und Wirklichkeit. zwischen den angeblichen und wirklichen Machtverhältnissen im Volke ist es ja, der ununterbrochen und immer wieder'zu Konflikten treibt und dafür sorgt, daß in Preußen reine Ruhe wer. den wird, solange die große Arbeitermasse des preußischen Volks nicht in genügendem Maße Einzug halten kann in die Hallen des preußischen Abgeordnetenhauses.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo. kraten) So lange wird sich der preußische WahlrechtSkampf immer wieder erheben.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) '---- was sie wollen. Diese «erhätttilsse Tiigtn aBft auch im Reiche vor. Sie Reichst, st. fassung, die Bismarck Lothar Bucher in die Feder diktiert hat, stammt aus der Zeit nach der Schlacht von KÄniggrätz. und sie wurde nur noch reaktionär verschlechtert, z. B. durch die Verlängerung der Legislaturperiode. Als diese Verfassung gc- boren wurde, hat der Hauptwortführer der Nationalliberalen, M i q u e l, der frühere K o m ni u n i st, A t h e i st und O r g a n i- sator von Bauernaufständen(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten) und spätere preußische Finanz- in i n i st e r, sie schon als die Verfassung eines kurzlebigen Militär- staats bezeichnet. Sie besteht aber heute noch, und die Sozialdemo- kratie ist die einzige Partei, die wirklich ernsthaft entschlossen ist, eine Revision der Reichsverfassung in demokratischem Sinne vorzunehmen. Als die Reichsverfassung erlassen wurde, waren die Verhält- nisse in Deutschland und Europa außerordentlich rück- ständig und klein; die europäischen Staaten, und namentlich Deutschland, trieben damals lediglich Kontinentalpolitik, und die großen Siege von Düppel. Königgrätz und Scdan wurden wenige Schnellzugstunden von Berlin erfochten. Heute ist von dieser Kw tinentalpolitik nichts übrig geblieben. Ueberall in der ganzen Welt haben wir deutsche kapitalistische Interessen; Welt Politik im größten Maßstäbe wird getrieben, und nicht nur Düppel und Königgrätz, sondern China, Marokko und Zentral- afrika sind maßgebend für die deutsche Politik. Spurlos sind diese gewaltigen Veränderungen an der deutschen Reichsverfassung vorübergegangen. Wir werden heute noch so regiert wie vor 49, 45 Jahren, obwohl sich alles in der Welt und im Deutschen Reiche geändert hat. Damals war die Arbeiterklasse nur in bc scheidcnem Maßstabe vorhanden, und der L i b e r a l i s m u s, der damals noch eine gowisse kleinbürgerliche Opposition machte, ist militärfromm geworden wie ein Trompeter- schimmel.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Das haben wir eben erst bei der Rüstungsvorlage gesehen. Heute verteuert man den Massen alle Lebensmittel durch die Schutz zölle, treibt die ungeheuerlich st en Rüstungen und er- schüttelt alle Verhältnisse des arbeitenden Volkes; kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Lassalle machte einmal die merkung, daß die Entwickelungstendenz des Kapitalismus ihn zwingt, volle Freiheit für die wirtschaftliche Entwickclung zu schaffen. Die herrschenden Klassen Deutschlands sind allerdings nur entschlossen, den letzten Hauch aus der Arbeiterklasse für die natio nale Politik herauszupumpen, im Vertrauen auf die Ge duld des deutschen Volkes. Wir verlangen eine vollständige Revision der deutschen RcichSverfassung im demokratischen Sinne, wissen abe? auch, daß Verfassungskämpfe Machtkämpfe sind, und darum begreifen auch die arbeitenden Massen des deutschen Volkes die große Bedeutung der Frage der Verfassungsreform vollständig. Wir Sozialdemokraten wissen ganz genau, daß die Bedeutung unserer 119 nicht auf den einzelnen Hersönlicheiten beruht, sondern aufden 4% Millionen Stimmen und der Million sozial demokratisch organisierter Manner, die hinter unS stehen. Es sind die besten Köpfe der deutschen Arbeiterklasse, und sie alle sind entschlossen, nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in schlechten für ihre Partei durchs Feuer zu gehen und dafür zu sorgen, daß unsere Kämpfe für die freit�itliche Ge staltung der deutschen politischen Verhältnisse siegreich zu Ende geführt werden.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die gewaltige Volksvermehrung, die eintrat, als der Nord- deutsche Bund auf das ganze Reich ausgedehnt wurde, veranlaßt« dazu, das allgemeine gleiche Reichstagswahlrecht mit jenem un- geheuerlichen Pluralwahlrecht zugunsten der Agrarier zu verbinden, das in der W ah l kr e i S e i n t e i. lu ng gelegen ist. Die ganze Volksvermehrung seit damals aber existiert nicht für die Reichsverfassung, so wie wenn sie gar nicht da wäre. Die wirtschaftliche Aenderung. die sich seit Jahrzehnten vollzogen hat, die totale Veränderung der politischen Parteien, die Kartelle und Trusts,— das alles steht nicht in den Akten des Herrn v. Bethmann und ist daher für ihn nicht in der Welt!(Heiter- keit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Herr Rathenau hat ausgesprochen, daß 399 Männer die Herren der deutschen Industrie ind. Würde man jetzt die Hand legen auf sechs der größten »rutschen Riesenbanken, so hätte man alle maßgebenden Industrien Deutschlands in der Hand. So gewaltig ist bereits die Konzentration des deutschen Kapitalismus; aber das alles existiert nicht für die Reichsverfassung. Zu immer neuen Konflikten muß dieser Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Papier ühren, und man schafft diese Konflikte nicht aus der Welt, wenn man sich entrüstet oder Phrasen macht!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler sagt, die EntWickelung stehe nicht still, und er wolle den Fortschritt auf allen Gebieten. Damit tröstet sich der Reichskanzler, aber just der Fortschritt auf allen Gebieten ist das, was w i r wollen, und gerade auf Grund der Erkenntnis, daß die EntWickelung nicht still steht, sind wir unseres Sieges sicher. Der Fortschritt auf allen Gebieten wirtschaftlicher EntWickelung bedeutet, wenn man von den Phrasen zu den Tatsachen übergeht, das Wachstum der kapitalistischen Produktionskräfte, die Bewegung der Arbcitermassen in erhöhter Zahl bei gleichzeitiger Verminbe- rung des Mittelstandes. Sie(nach rechts) hätten doch die Macht, den M i t t e l st a n d zu retten, warum tun Sie es nicht? Weil die wirtschaftliche Entwickelung Sie zwingt, Ihr Mittelstandsprogramm aufzugeben!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Arbeitsprozeß führt immer mehr zur Sozialisierung des Produktionsprozesses» nur daß immer noch der Privatbesitzer der Produktionsmittel den Arbeitsertrag in Empfang nimmt. In der rastlosen Entwickelung deS Produktionsprozesses erblicken wir die Garantie für die Er- reichung unserer Ziele, aber der Reichskanzler freut sich darüber, obgleich es da? Todesurteil seines ganzen Regie- rungSsystems ist, nur erkennt er das nicht.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler erklärt, er werde feine Politik niemals nach den zwei Polen radikal oder reaktionär, liberal oder konservativ orientieren. Für die größte Partei und Klasse. Sozialdemokratie und Arbeiterschaft, ist in seinem System kein Platz. Längst ist der alte Gegensatz zwischen konservativ und liberal verdrängt durch den immer schärferen Gegensatz zwischen der Arbeiterklasse und dem Kapitalismus. Soll sich denn nach der reichskanzlerisch approbierten Gegensätzlichkeit der Gesellschaft die Arbeiterflasse als Schwanz. a r t e i hinter den Liberalen oder vielleicht auch Konser- vativen gruppieren? Diese politischen Gesichtspunkte waren viel- leicht gktuell. als der Großvater die Großmutter nahm.(Heiterkeit.) Dieser Reichskanzler will uns unsere ge- jchichtliche Entwickelung vorschreiben! Sein« Unbefangenheit er- innert mich an jene Szene in der Apologie des Sokrates bei Plato, wo des SokrateS' Freund ihm in seinem Kellerloch sagt: Ach. das geht gar nicht so schlimm mit Dir, ich werde Dir schon die Wege weisen, wenn Du nur aus diesem verfluchten Kellerloch heraus- kommst. Der zum Tode verurteilte Kapitalismus Sokrates weiß daS besser, daß es für ihn keine Hilfe gibt. Er antwortet dem ■ freunde nur: O Du in Deiner Blindheit Glückseliger!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) O Du in Deiner Blindheit glückseliger Reichskanzler! (Erneute Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler und die bürgerlichen Parteien wollen d i e Sozialdemokratie isolieren. Je machtloser die Sozial- demokratie wird, um so schlimmer für Sie; denn nur die S o z l a l- emokratie hat Interesse an der Fortentwickelung der Gesell- chaft. Alle anderen Parteien verfolgen nur eigene Jnter- s s e n. völlig ideenlos sehen sie der Zukunft entgegen, und der Reichskanzler tut in genau gleicher Weise das, was man in Oester- reich Fortwursteln nennt. Je mehr die Sozialdemokratie in der allgemeinen Politik fehlt, desio mehr ist sie verurteilt zur StegTteüolk. Die Folge Mfm lfl km« er fkekgeltlle S«I pörung im Lande. Seit Jahrzehnten haben wir nicht einen e'nzigen wirklichen Fortschritt gemacht, nicht ein einziges wirflich großes Ziel in der Verfassung des Landes erreicht, weil eben die Furcht vor der Sozialdemokratie alle bürgerlichen Parteien lähmt. Wir suchen nicht die Isolierung, aber wir kennen Ihre Praxis und wissen, daß wir uns darauf einrichten müssen, allein im Kampfe mit allen bürgerlichen Parteien unseren Sieg zu erringen. Je höher Sie und die Regierung die Dämme gegen die Sozialdemokratie aufwerfen, desto schlimmer für Sie. desto höher steigt der Strom, dasto reißender wird die Flut, die eines Tages die Dämme zerreißen und alles mit sich fortschwemmen svird, was faul ist in diesem Staatswesen. Machen Sie, was Sie wollen, wir werden mit Ihnen fertig, (Lebhafter, anhaltender Beifall bei den Sozialdemokraten.) Hierauf wird ein von den bürgerlichen Parteien gestellt« Schlußantrag angenommen. Dann vertagt das Haus die Weiterberatung auf Sonnabend 1 Uhr.- Schluß 6% Uhr. » Berichtigung. In der Mittwochsißung deS A b g e o r S n e!« Ik, hauseS läßt unser Bericht den Abg. Rahardt(fr.) gegen einen Antrag auf Regelung des S u b m i s s i on s w esenS sprechen. Herr R aHardt ersucht uns mitzuteilen, dah er für den Antrag eingetreten ist_ parlamcntanrches. AuS der Budgetkommission des Reichstag? Die Kommission begann in der Freitaysitzung die Beratung des Etats der allgemeinen Finanzverwaltung und deS Ergänzungsetats. Von den ursprünglich für den Bau de» Kaiser-Wilhelm-Kanals geforderten 42 Millionen Mar? für da? Jahr 1912 sollen nur 32 Millionen Mark verbraucht werden. Auf die Frage, woher diese Minderausgabe komme, antwortete Schatz- sekretär K ü hn, daß eine Verlangsamung des Baues nicht eintreten solle. Für die erwähnten zehn Millionen sei in diesem Jahre keine Verwendung, auch aus dem Vorjahre stehen noch 27 Millionen zur Verfügung. Abg. G o t h e i n kritisierte lebhaft diese Etatisierung je nach der politische Lage. Das Minimum von Vertrauen zur Der- waltung müsse unter solchen Umständen auch noch schwinden.— Schatzsekretär Kühn antwortete, daß das Schatzamt auf das Ternpa deS Kanalbaues keinen Einfluß habe. Die Abgeordneten Lede- bour und Südekum drücken ebenfalls ihr Befremden über da» Verfahren der Regierung aus. Im Ergänzungsetat werden auch 45 Millionen Mehreinnahmen auS Zöllen, Steuern und Gebühren eingefetzt. Die Einnahmen sollen schätzungsweise im laufenden Etatsjahre 1966 Millionen bringen; Itfo Millionen mehr als im Vorjahre. 39 Millionen davon sollen infolge der schlechten Ernteverhältnisse im vorigen Jahre ein» gehen, also durch eine erhöhte Einfuhr. Die Zuckersteuer wird 27 Millionen weniger bringen, zu einem Teil infolge der Ver- sorgung im vorigen Jahre. Die Zuwachssteuer wird eine Mehr- einnähme von 9 Millionen bringen, so daß unter Verrechnung anderer Posten etwa 45 Millionen Mehreinnahmen zu erwarten sind. — Abg. Südekum machte Bedenken dagegen geltend, ein« solche Mehreinncchme auS Zöllen in den Etat einzustellen. Vor diesem Verfahren müßte doch gewarnt werden. Abg. Gothein schloß sich diesen Bedenken an, mit dem Hinweis auf die großen Schwan- kungen bei den Einnahmen auS Zöllen.— Schatzsekretär Kühn betonte, daß die Mehreinnahme nach DurchschnittSerträgnissen be- rechnet und einqestellt worden sei.— Abg. Erzberger ist der Meinung, daß die Zuwachssteuer auch steigen werde, trotzdem in den Großstädten der Grundstücksmarkt danieder liegt. Schon allein die Entwickelung der Braunkohlen- und Kaliindustrie führe zu be- deutenden Mehreinnahmen.— Abg. R o l a n d- Lü ck e, eine Autorität in, Finanzstagen, schloß sich den geäußerten Bedenken SüdekumS und GotheinS an. Abgelehnt müsse cS werden. in so unsicherer Zeit einfach für die nächsten fünf Jahre mit Mehr- einnahmen so zu rechnen, wie es die Regierung tut. Durch die Rüstungsvorlagen sei doch die Unsicherheit der Lage illu- striert worden.— Schatzsekretär Kühn trat den Darlegungen de» Abg. Roland-Lücke insofern bei, daß neben den militärischen Rüstungen gute und auf sichere Basis gestellte Finanzen gehen müssen, soll die Sicherheit des RvicheS garantiert werden. Aber die Bereckmung der geschätzten Mehreinnahmen ruhe doch auf besserer Grundlage, als der Abg. Roland-Lücke annehme. Die Regierung habe jede Vorsicht dabei walten lassen.— Auf Antrag Roland-Lücke wurde von der Summe von 18 Millionen Mehreinnahmen, die schätzungsweise aus Wertpapieren und Kaufgeschäften sich ergeben sollen, 9 Millionen Mark gestrichen, also nur die Hälfte der Summe in den Etat eingestellt. Die Volksparteiler bantragen sodann, die Scheck st empel« st euer, die mit 2,4 Millionen Mark eingesetzt ist, mit Wirkung vom 1. Januar 1912 an aufzuheben�— Schatzsckretär Kühn widersprach diesem Antrage.— Die Abgg. Basfermann, Graf Westarp, Gröber und Südekum betonten gleichfalls die staatsrechtliche Unmöglichkeit, durch eine Bemerkung im Etat ein Gesetz zu beseitigen; es müsse ein besonderer Gesetzentwurf einge- bracht werden. Abg. Südekum sprach sich im übrigen für die Be- seitigung des Schcckstempels aus.— Abg. Gothein betonte, ein solcher Gesetzentwurf liege bereits vor. und die Voflsparteiler werden darauf dringen, daß der Entwurf mit dem Etat zusammen verabschiedet werde, deshalb werde der Antrag jetzt zurückgezogen. — Abg. Erzberger teilte mit, daß die Fideikommiß» stempel bis zur Stunde teils nur ganz wenig, in manchen preußischen Provinzen aber noch gar- nichts eingebracht habe, z. D. in Schlesien. Tie unteren Verwaltungsbehörden wissen bis jetzt noch nicht, wie sie verfahren sollen. Es fehle an einer Instruktion, die Klarheit schafft. Die Regierung gab die angegebenen Tatsachen zu. Es seien aber in der Praxis so viele Schwierigkeiten und Zweifel entstanden, daß die Behörden sich nur schwer zurechtfinden.— Abg. Süde- k u m bezeicknete den Vorgang als..übelriechend« Korruption", zu- mal wenn auch Wahrheit ist. daß mit fingierten Güterpreisen Mogelei getrieben wird. Der Rechnungshof habe hier auch ein Wörtlein mitzusprechen und tue es hoffentlich An Mehreinnahmen aus der Beseitigung des Branntwein- kontingents wird mit jährlich 36 Millionen Mark gerechnet. Nach den Beschlüssen der besonderen Kommission, die die Aufhebung des Kontingents vorberaten hat, ist nur mit einer Eii'.nghme von- etwa 18 Millionen zu rechnen. Demgemäß müssen die für 1912 mit 14,5 Millionen eingesetzten Mchreinnohmc» ebenfalls um die Hälfte reduziert werden, vorausgesetzt, daß der Reichstag die Beseitigung des Kontingents in der jetzt gestalteten Weise überhaupt beschließt. Zu einer lebhaften Aussprache führte die Forderung, den Direk- toren im Reichsversicherungsamt für die Angestellten ein um 1999 Mark höheres Grundgehalt zu geben, als den Direktoren im Reichsversicherungsamt für Arbeiter. Abg. Südekum und Abg. Erzberger bekämpften diese Gehaltserböhung. weil es unvcr- antwortlich sei, die hohen Bcanitcn der ReichöversicherungSanstalt iit Angestellte höher zu bezahlen, als wie die der Anstalt für die Arbeiter. Ein vom Abg. Südekum gestellter. gieichlnatzigeS Gehalt fordernder Antrag wurde angenommen.— Di« Weitet- bcratung wurde dann auf Sonnabend vertagt. EincseFsngene Vruclifckrfften. von der„Gleichheit-, Zeitichrist für die Interessen der«rbetterinnen, ist unS soeben Nr. 17 deS 22. Jahrgangs zugegangen. AuS dem Inhalt heben wir hervor: Vom neuen Liberalismus.—«vezialisierte Agitation unter den Frauen. U von Luise Zieh.— Der Massenmord ber Arbeiter k den Linagoldberawerken. Von Ed. Ten.— Die weiblichen Angestellten Im BastwIrtSgewerbe. Von Hugo Poetzsch.— Gewersschasiliche Slrbcitcrorganisationen in Italien. Bon Angelika Balabanoff.— AuS der Bewegung. Die.Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pf. durch die Post bezogen beträgt der Slbonn-mentspreis vierlcljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; muer Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement 2,60 R Möae die Regierung und die Rechte sagem____ "— verantwortlicher RedlMkllr; fllhert Wachs, Berlip. Für den Lnjergtenteil verantw.; TH.Gl»cke, Berlin. Drgcky.Vxrlag: Vorwärt»»vchdruckerei>». VerlagSanjtgit Paul Singer u-Co� Berlin LW. ».iii 29.j.iW 2. Keilllge des„Vmarts" Serliner AldsdIM Der Krieg. Endgültige Oeffnung der Tardanellen. Lonstautinopel, 17. Mai. Amtlich wird mitgeteilt, daß die Dardanellen morgen früh wieder geöffnet werden. Italienischer Siegcstaumel. Rom, 17. Mai. In der Kammer teilte heute Minister- Präsident Giolitti unter größter Aufmerksamkeit des Hauses fünf Depeschen über das militärische Vorgehen der Italiener auf Rhodos mit, das durch einen großen Erfolg der italienischen Waffen glücklich beendet sei. Großer, nichtcndenwollender Beifall begrüßte die Depesche, in der gemeldet wurde, daß die türkische Garnison sich mit den Waffen unter militärischen Ehren ergeben habe. Giolitti fügte im Namen der Regie- rung hinzu, er habe als Dolmetsch der Gefühle des Parlaments und des Landes dem General Ameglio seinen Gruß gesandt.(Neuer begeisterter Beifall.) Die Kapitulation der türkischen Truppen auf Rhodos. Rom, 17. Mai.(Kammer.)� Giolitti teilte über den Sieg auf Rhodos folgendes mit: Das letzte Telegramm, das ich soeben von Ameglio erhalten habe, besagt: Nach dem gestrigen Kampfe hat der türkische Kommandant meiner Aufforderung, die Waffen zu strecken, Folge geleistet und gestern abend einen Parlamentär in das italienische Lager gesandt. Die Uebergabe fand um acht Uhr in Psithos unter den von mir diktierten Bedingungen statt. Alle türkischen Truppen auf der Insel werden eels Kriegsgefangene betrachtet, alle Waffen und die ge- samte Munition werden den Italienern übergeben. Den Offizieren hat man zum Zeichen der Anerkennung ihres tapferen Verhaltens den Säbel gelaffen. Ich stelle unsere gestrigen Verluste fest: Ein Offizier wurde verwundet, 4 Soldaten getötet und 26 verwundet. (Bravorufe, langanhaltender Beifall, Rufe: Es lebe Ameglio, es lebe die Armee, es lebe die Marine.) Beschlagnahme eines Munitionstransportes. Rom, 1(3. Mai. Admiral Viale telegraphiert: Die Torpedo- bootzerstörer„Nembo" und„Aquilone" haben heute in der Nähe der Insel Lipso eine Galeere genommen, die Waffen und Munition geladen hatte. Vom tripolitanischen Kriegsschauplatze. Konstantinopel, 16. Mai. Das KricgSminifterium veröffentlicht eine Meldung aus T o b r u k, wonach ein türkisch-arabisches De- tachement die Italiener, während sie mit der Errichtung von Ver- schanzungen beschäftigt waren, angriff, wobei 20 von ihnen fielen und 26 verwundet wurden. Eine Meldung aus Benghasi vom S. d. M. besagt: Nach einigen Vorpostenscharmützcln rückten zwei Bataillone italienischer Infanterie mit einer Batterie, ihnen voran 120 Gariawi, das sind eingeborene Zigeuner, in der Richtung auf Karayunus vor, zogen sich aber infolge des FeuerS der Titrken und Araber zurück. Mehrere GariawiS und zehn italienische Reiter wurden getötet. Auf türkisch-arabischer Seite waren keine Verluste zu verzeichnen. Kamelgeschichten auö Tripolis. Rom, 16. Mai.(Eig. Bei.) Wir haben seinerzeit über die guten Geschäfte berichtet, die der Banco die Roma dadurch gemacht hat, daß er die von der Militärverwaltung angekauften 3000 Kamele für 3,60 Lire täglich zu verpflegen übernahm unter Stellung der not- wendigen Treiber. Dieser Vertrag ist nunmehr abgelaufen, und bei eBBB= KleincQ f cuillcton, Strindberg und die nordische Sozialdemokratie. Der Tod Strindbergs hat natürlich vor allem der skandinavischen Presse Veranlassung gegeben, sein Lebenswerk und seine Persönlichkeit zu würdigen, und die Arbeiterpresse fühlt sich ganz besonders ver- pflichtet, des Mannes zu gedenken, der in den letzten Jahren seines wechselvollcn Lebens im„Socialdemokrat" das am besten zur Dar- legung seiner sozialen und politischen Meinungen geeignete Organ fand. Hatte doch auch die Arbeiterschaft Stockholms schon ducch ihre große Huldigung an seinem letzten Geburtstage bewiesen, wie hoch sie ihn schätzte. H j a l m a r B r a n t i n g, der dem Dichter persönlich nahe stand, schreibt in seinem Nachruf auf Strindberg: «Es entsteht in dem Geistesleben unseres Landes ein leerer Raum, den soeben noch Strindbergs Riesengestalt ausfüllte. Er war unser, denn er war schwedisch bis in die Fasern seines Herzens, und in unserer Sprache hat er das Lebenswerk geformt, das seinen Namen durch die Zeiten tragen wird. Aber dieses Dichter- und Dcnkerhaupt gehörte nicht nur Schweden an, er war in seinem Schaffen der einzige, der von hier oben hinaus über Europa leuchtete. Nun ist dieses Licht erloschen. Es ist nicht nur ein Häuptling ohnegleichen, es ist ein Zeitabschnitt, der mit dem Sohn der Dienstmagd zu Grabe geht. Die Zeit des DurckchrucheS. der großen geistigen Befreiung, di? vorausging und der Be- freiung der Arbeiterklasse den Weg bereiten half.-- Dann kamen andere Zeiten, und Strindberg ging hin und opferte neuen Göttern— cr war weit fort auf allen Irrfahrten, und das Alte glaubte schon, ihn zu haben. Aber das war ein Irr- tum. Ties in seinem Innern lag der Zweifler, der Forscher, der Entschleierer äußeren Scheines und falschen Schimmers. Und so schloß er, wo er begonnen hatte, bei den Bedrückten, als des Volkes geliebter Dichter, als der geschworene Feind der Ober-. »lasse— er prägte ja übrigens selbst dieses Wort Oberklasse." Strindbergs Stellung zur modernen Arbeiter- bewegung und»um Sozialismus war im Laufe seines langen Lebens oftmals unklar und dem Wechsel unterworfen. Er war offenbar zu sehr Individualist und zu wenig Nationalökonom, um die theoretischen Grundlagen des modernen Sozialismus zu erfassen. Im norwegischen„Socialdemokrat" schildert der schwedische Genosse C. N. C a r l e s o n Strindbergs wechselnde Stellung zum Sozialismus und schließt mit den Worten: „Die Ehrlichreii und der Ernst der sozialdemokratischen Ar- beiterbewegung im Kampfe gegen die Armut hatte schließlich seine Seele erfaßt und darum sollte jedes Sozialdemokraten Brust sich gehoben fühlen im Anblick des titanischen inneren und äußeren Kampfes dieses Niesen, eines Kampfes durch die tausend Hinder- nisse und Schlingen der Burgerlichkeit— vorwärts zur Klarheit darüber, daß die Forderungen und Hoffnungen der Massen doch schließlich der feste Leuchtturm sind, der hinausleuchtet in das Tmnkel der Zukunst. Theater. Charlottenburger Schillertheater: Die Ge» fährtin; Paracelsus; Der grüne Kakadu von Ar- thur Schnitzler. Die Aufführung war in der Wahl der Stücke wi« in der Form der Wiedergabc eine würdige Feier von Schnitz- lerS fünfzigstem Geburtstag. In der stimmungs- und sinnvollen, ironisch-nachdenklichcn Art, wie die drei Einakter den Gegensatz von Illusion und Wirklichkeit, ihr wechselndes Sichkrcuzen und Jnein- ander-Uebergehen beleuchten, prägt die Persönlichkeit des Dichters sich eindrucksvoll bedeutsamer, wie in so manchem seiner späteren mnsangrcicheren Dramen aus. Das Schweben der Stimmung geht dem neuen Wettbewerb hat eine neue, vorwiegend aus Arabern bestehende Gesellschaft, dieselben Verpflichtungen für 2,40 Lire den Tag übernommen, was an jedem Tage eine Ersparnis von 3300 Lire und für die 100 Tage des Vertrages ein solche von 330 000 Lire bedeutet. Man sieht wenigstens, daß der Banco di Roma schon gewußt hat, warum ihm der Krieg so sympathisch ist. Uebcr die Kamele ist weiter zu sagen, daß ihr Ankauf 1 800 000 Lire gekostet hat, ihr Unterhalt in den ersten 100 Tagen rund 1 Million Lire und auf Grund des zweiten Vertrages weitere 720 000 Lire kosten wird. Macht alles in allem zirka SM Millionen Lire. Wie gut das Geld angewandt ist, ersieht man daraus, daß die Kamele bis jetzt noch keine Verwendung fanden. Da Vorsicht die Mutter der Weisheit ist, hatte man sie nämlich rechtzeitig zum Vormarsch in die Wüste angekauft. Ein nachgelassener Brief William Steads an den„Avanti". Rom, 16. Mai.(Eig. Ber.) Im Nachlatz des bei der „T i t a n i c"- K a t a st r o p h e untergegangenen Schriftstellers Stead hat sich, wie der Korrespondent des„Avant i" aus London meldet, ein Brief gefunden, den Stead auf eine Anfrage des „Avanti" geschrieben ud dann wahrscheinlich, weil er ihn einer neuen Durchsicht unterziehen wollte, nicht abgeschickt hatte. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: London, 2. November 1011. An meine Freunde in Italien! Ich danke dem Chefredakteur des„Avanti", mir die Gelegen- heit zu bieten, mich in kurzen Worten über den Krieg i n Tripolis zu äußern. Ueber den Krieg als solchen habe ich Euch nichts zu sagen. Was uns jetzt interessiert, das ist, wie cr enden wird. Wollen Sie einem aufmerksamen englischen Beobachter er- lauben, ganz offen seine Meinung zu sagen? Das italienische Heer, so stark und mutig es auch sein mag, hat sich an ein Unternehmen gemacht, von dem sich selbst Napoleon hatte zurück- ziehen müssen. Die Eroberung der Wüste durch eine Militär- kampagne ist ein Unding. Vor Weihnachten wird das italienische Ministerium der Tatsache gegenüberstehen, daß ihm die Er- oberung von Tripolis nicht gelungen ist und die Unterwerfung der Araber auch nicht; daß die Annahme der italienischen Forde- rungen durch die Türken nicht erreicht und den Beistand seiner Verbündeten nicht erlangt hat. Was wird dann geschehen? Es gibt nur zwei Alternativen: entweder die Revolution oder der Rücktritt des Kabinetts mit Friedensschluß. Die �zweite Lösung ist auf alle Fälle vorzu- ziehen, weil sie weniger Unheil einschließt. Wie wir in England das Kabinett Chamberlain durch ein burenfreundlichcS ersetzt haben und die südafrikanischen Repu- bliken den Völkern zurückgaben, die sie bewohnen: so sollten auch die Italiener die Zügel der Regierung in solche Hände legen, die den Arabern wohlgesinnt sind, und sollten die Regierung von Tripolis seinen eigenen Bewohnern überlassen. William Stead. Bemerkenswert ist an dem Brief, der freilich nicht von Propheten- gäbe zeugt, daß Stead sich immerhin schon vor dem Bekanntwerden der Araberrcvolte deutlich darüber klar war, in welch schwierige Situation sich Italien durch den Krieg begeben hatte. Damals galt dieser hierzulande noch als der berühmte Kolonialspaziergang l Hochverrat und Polizeiblamagen. Rom, 16. Mai.(Eig. Ber.) Im Laufe von wenigen Tagen 'ist in Rom zweimal wegen Verdachts des Hochverrats gegen un- bescholtene Bürger vorgegangen worden. Zuerst hat man einen Beamten des Ackerbauministers behauSsucht, unter dem Verdacht, mit einem türkischen Spion in Verbindung zu sein. Als sich dann hier mit sicherer künstlerischer Konzentrierung Hand in Hand; eS ist ein Fließen, kein Zerfließen, wie etwa in dem„Einsamen Wege" und dem„Ruf des Lebens". Der feinen, naturalistisch durchgeführten Seelenstudie„Die Gefährtin" folgte die graziöse Versdichtung„ParacelsuS". Im„grünen Kakadu", dem Schlußstücke des Abends, hat Schnitzlers Kunst den bisher nicht übcrtroffenen Gipfel ihrer Kraft erreicht. Gespenstisch jagt ein bunter Mummenschanz, indes von draußen her die Donner des VastillesturmeS dröhnen," vorüber. Eine verrottete Pariser Aristokratensippe feiert bei dem Wirt zum grünen Kakadu, der angeworbene Komödianten zum Nervenkitzel der er- lauchten Gäste sensationelle Verbrecherszenen mimen läßt, nächtliche Orgien. Hinter dem Spiele lauert der Haß der Ausgestoßenen. Die beiden Gruppen sind in markanten, knappen Zügen vortrefflich kontrastiert. In daS gespielte Verbrechen mischt sich das wirkliche — ein aus dem Zuchthaus entlassener Mörder; und bei dem Mo- nologe Henris, des genialen Haupts der Truppe, der erzählt, eben habe er sein junges, angebetetes Weib mit dem Herzog von Ca- dignan überrascht und ihn erstochen, verwischen sich vollends alle sicheren Grenzen. Was er als Spiel erfunden, war Wirklichkeit und wird es: Er hört, der Herzog habe ihn mit der Geliebten bc- trogen, und bohrt in rasendem Schmerze das Messer in des adligen Rivalen Brust. Von der Straße schallt Lärm und Jubel. Man ruft: es lebe die Freiheit, es lebe Henri. Drohend klingt hinter den erschreckt forteilenden Aristokraten die Prophezeiung GrassetS: Laßt sie für heute— laßt sie—, sie werden uns nicht entgehen. Diese„Groteske", in ihrer seltsam originellen Eigenart be- sonders schwierig, hatte der Regisseur Walter H o r st ganz über- raschend glücklich inszeniert, die Gegensätze plastisch-malerisch aufs wirksamste herausgearbeitet. Aus der Fülle der Einzellcistungcn traten insbesondere die spielerisch lüsterne Marquise Hedwig Paulhs, P a e s ch k e s jugendlicher Herzog. Wirths Kellerei- besitzer, Gerhards schwärmerischer Henri und Else Wasas leichtsinnig buhlerische Leocadie hervor.— Als„ParacelsuS" brachte sich Herr Gerhard durch eine Christusmaske, die für den Aben. teurer wenig paßte, um einen Teil des Eindrucks. Desto ge- schlossener wirkte Bernecker als breiter, arroganter Bürgers- mann.— In der„Gefährtin" erfreuten Max Reimer und Hedwig P a u l y durch diskret getönte Charakteristik. ät. DaS neue VolkSlheater(Neue freie Volksbühne) ver- anstaltete am Mittwoch gleichfalls einen Schnitzler-Abend, der den Wiener Dichter in zwei seiner populärsten Stücke vorführte. Der amüsanten und in allerlei Ironien glitzernden Plauderei„Literatur" folgte das Drama Schnitzlers, das für seine Art am allercharakteristischstcn ist:„Liebelei". Die echten und die falschen Töne sind in dieser süß« schwermütigen Liebesgesckichte des Wiener MädelS, die an der Liebelei des vornehmen jungen Mannes zugrunde geht, aber auch der ganze Zauber der«chnitzlerschen Dialog- und Milieukunst. Die Darstellung war in beiden Stücken eine recht gute. Nur war der Gilbert des Herrn Robert Müller(in der„Literatur") wohl in Maske und Alter etwas oergriffen. Um so besser wirkke desselben Darstellers feine Charakterisierung des alten ViolinspielerS in der „Liebelei". Die kontrastierenden Mädchenfiguren wurden von Martha Anger st ein(die tiefe, hcrzcnsechte Christine) und Else Bock(die leichte, nette Mizi Schlager) wahr und ansprechend verkörpert. Musik. Etwa? Fürchterlicheres kann der Literatur nicht angetan werden, als daß aus vorhandenen Werken Stücke herausgerissen und zu einem angeblich neuen Wert zusammengefügt werden. In solcher Weise aus verschiedenen Stellen der Lyrik Heines, zumal »Traumbilder" Rr. v, etivaS zusammengestellt zu haben, ist das der türkische Spion als ein deutscher Geschäftsmann mit Namen Bernhard Schweitzer herausstellte, der für eine Berliner Firma über die Einrichtung einer Fabrik in Tripolis verhandelte, mußte man den Beamten in Ruhe lassen, während die lokale Presse spalten- lange Berichte über die Polizeiblamage brachte. Dadurch scheint man noch nicht gewarnt zu sein, denn am 14. Mai hat man einen Artillerieleutnant z. D.. den Ingenieur Giuliano, verhaftet, weil er angeblich Festungspläne und andere Dokumente an auswärtige Staaten verkauft hat. Auch Angaben über die Mobilisierung in Italien soll cr geliefert haben. Die Leute, die den Verhafteten kennen, glauben nicht an seine Schuld, und wer die Schlauheit der Polizei in solchen Dingen kennt, der glaubt noch viel weniger daran. Der Kriei, als Schule der Verrohung. Rom, 16. Mai.(Eig. Ber.) Schon bei Beginn des Kriege? haben wir auf die schweren Mißstände aufmerksam gemacht, denen Italien entgegengehen würde, wenn erst einmal die Soldaten vom Kriegsschauplatz heimkehrten. Einen Vorgeschmack dieser Folgen, die sich namentlich in Roheitsberbrechen äußern würden, geben einige Episoden, die dem„Avanti" aus Verona und L i v o r n o gemeldet werden. In Verona sind am 12. Mai Soldaten zurück- gekommen, von denen einige Schächtelchen mit sich trugen, in denen siealsAndenkenandenKriegOhrenvonBeduinen aufbewahrten! Menschenohren, fein säuberlich in pulveri- siertem Tabak aufgehoben. In Livorno brüstcte sich ein zurück» gekehrter Soldat mit einem in derselben Weise aufbewahrten Ohr, das er der staunenden Menge zeigte, indem er sich rühmte, es einem im Todeskampf liegenden Türken aus» gerissen zu haben! Bemerkenswert ist, daß es sich nicht um Soldaten handelt, die auS Tripolis zurückkehren, also nicht um solche, die etwa durch die Marterungen der Bersaglieri in Scharaschatt und Henni bis zur Bestialität erbittert worden sind. Die Soldaten kamen aus Bengasi. Da hat sich also der frische, fröhliche Krieg so abgespielt, daß man sich freudigen Herzens Leichenteile. von Getöteten als Andenken mitnimmt. Da kann man den italienischen Richtern gratulieren: sie werden Arbeit bekommen und die Ge- fängnisse Insassen. Man ruft nicht ungestraft die Geister her Roheit und Bestialität._ Gericdts Leitung. Milde Strafe gegen Streiker. Daß gegen Terrorismus Richter auch milde sein können, zeigt folgender Fall: In der Stadt Schweinfurt hat die Metzgerinnung den Beschlutz gefaßt, ihre Mitglieder zu verpflichten, daß sie bei Fleischlicferungen an staatliche und städtische Institute keinen Rabatt mehr gewähren. Ein Mitglied, das diesen Beschluß miß- achtete, wurde nach allen Regeln der Kunst terrorisiert. Auf dem Schlachthofe kam es zu einem furchtbaren Skandal; der zweite Vorsitzende der Innung beschimpfte den„Streikbrecher" und be- arbeitete ihn schließlich derart, daß Blut floß und der Geschlagene mehrere Tage bettlägerig war. Bei Gericht kam der Jnnungs» Vorsitzende, der dem Abtrünnigen so entschieden Solidarität ein- bläuen wollte, mit 10 M. Geldstrafe davon. Wenn ein Arbeiter bei einem Streik sich derartiges zuschulden kommen läßt, geht es schwerlich unter einigen Monaten Gefängnis ab. Kinberbeschäftigung auf Tennisplätzen. Wie wir vor ewiger Zeit berichteten, hat das Kammergericht ein Urteil gebilligt, wodurch der VerPachter von Tennisplätzen wegen traurige Verdienst von Erik Meher-Helmund; und diese „Traumbilder von Heinrich Heine(Mitternachtsszene)" wurden am Mittwoch zum anscheinend allerersten Mal in der Kurfürstenoper aufgeführt. Nun kann man den Kompo- nisten, wenn man von höheren künstlerischen Ansprüchen absieht, in seiner Sphäre des Netten, Lieblichen, Reizenden sehr hochschätzen und sich an seinen ganz geschickt gemachten Liedern einen kleinen Abend lang erfreuen. Hier aber, wo ans deni Kirchhof die Geister von allen möglichen Liebesabenteuern zwischen 12 und 1 Uhr nachts durcheinanderschwirren, mit dem leibhaftig erscheinenden Heinrich Heine selbst, will der Komponist viel höher hinaus. So bietet er eine Summe von Orchesterspäßen mit Harfe, Xylophon, Solo- Violine usw. auf, geht in absonderliche Tonverbindimgen hinein. kehrt ein paarmal wieder zu der ganz simplen Liedkomposition zurück und erreicht schließlich nur, daß wir wehmütig zurückdenken an die uns so lieben wirklichen Vertaner Heines ans der Roman- tikerzeit(Schumann usw.); und eine neue Weise, den Texten Heines gerecht zu werden, ist hier doch nicht einmal angestrebt. Weit mehr finden wir den Komponisten bei sich selbst in einem anderen Einakter, der im Textbuch„Tanz-Oper", auf dem Theater- zettel dagegen„Lustige Episode" hieß. Das ist unnötig; denn eine gute Spur von komischer Oper ist hier immerhin erreicht, und derartiges brauchen wir für die Opernbühne notwendig. DaS Stückchen heißt„T a g l i o n i" und behandelt die angeblich authen- tische Episode, daß die berühmte Tänzerin auf einer Reise in Ruß- land von Banditen überfallen wurde und ihnen etwas vortanzen mußte. Das von dem Komponisten selbst verfaßte Textbuch bemüht sich immerhin danach, das dankbare Motiv von der Macht der Kunst recht nachdrücklich durchzuführen. Während der Räuberhauptmann sich an dem Tanz der Künstlerin berauscht, kommt die Gendarmerie und fesselt ihn: dann berauscht sich hinwiederum die Gendarmerie an dem Tanz der Taglioni, tanzt selber und merkt nicht, daß ihr inzwischen der Gefangene von seiner Geliebten wcggetanzt wird. Diesmal also kam Meyer-Helmund frischer, ohne Gespenster- sezeffwn zur Geltung. Entscheidend sind nette Lieder und noch nettere Tänze. Gelegenheit freilich, von irgendwelchen besonderen musikalischen Eigenheiten zu erzählen, ist nun einmal nicht vor- handen. �. Die zahlreichen beteiligten Sänger auch nur auswählend zu nennen, geht hier nicht an; a»: äußeren Erfolg fehlte es nirgends. 6t, Notizen. — Die Kurfür st enoper ist vom 1. September ab auf 10 Jahre an Direktor Palst vermietet worden. Das Schicksal der jüngsten Berliner Operngründung hat also rasch den Kreislauf vollendet. Direktor Palfi wird mit der Oper fortfahren... aber nötigenfalls(also sicher) zur Operette übergehen. Direktor Morris, dem das Kapital zu bald ausgegangen ist, hatte sich redlich mit künstlerischem Erfolg bemüht, die Traditionen der Komischen Oper fortzusetzen. 7"- Die� Ausstellung der Futuristen ist bis zum 3l. Mai verlängert worden. Sie ist in die Königin-Augusta-Str. 61 verlegt worden und täglich von 10-8 Uhr geöffnet. — Wie Strindberg beerdigt sein wollte. Strind» bergS letzter Wille lautete: Mein toter Körper darf nicht obduziert und nicht ailsgestellt werden. Keine Totenmaske und keine Photo« graphien dürfen genommen werden. Ich will früh morgens um 8 Uhr zu Grabe getragen werden, um den Blicken der Neugierigen zil entgehen. Keiue Bestattung in einer Grablapelle, noch in ciner Kirche darf stattfindcn; ich will nicht»il dem Quartier der Reichen aus dem Markte der Eitelkeit ruhen. Am Grabe darf nicht gespielt. gesuiige» oder geredet werden, sonder» der Pfarrer soll nur dem Text des Handbuches folgen. unzulässiger Kinderbeschästigun�r. H. Vnger.— Gegen SO Pfennig auf 10 Ps. Anweisung frei. Ohne Zweisei die bequemste u. wirksamste Hilfe. Der Schmerz ist in öMin. fort. DaS Hühnerauge selbst in.1 Tagen.(Enthält Salicylsäure u. indischen Hansextrakt.) Dr> jj. UflgCr IN WÜrzbltTg. Berlin(20 Ps.): Salomon- Apotheke, Charlottenstraze Sä.— Lreit» Apoihsk«, Barnimstr. 33.— Wo nicht, zu haben: Rosen-Apotheke, WDrzburg. Zigarren- Herbst Fabriken gegr. 1862. Tel.: Moritzplatz 3873 BERLIN SW., ltltterstr.83 Erstklassige Ware. Zigarrenhändlern bestens empfohlen. rifar be it.—— Sieg auf Sie wurde errungen bei allen W e 1 1 m ä r s c h e n mit Ournmi-Absätzen Continental; . Dresdener Arntee-Gepäckmarsch....... 12. Mai Wettmarsch: Quer durch den Taunus.... 12. Mai Weltmeisterschaft Berlin............ 4. Mai Großes InternationalesMarathonlaufen, Berlin 5. 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BerlagSanstalt Paul Singer». Co., Berlin SW Ar. 114. 29. Zahrgaug. 8. KeiiU des Jotniirts" Snlim loMlitt. Sonnabend. 18. Mai 1912. Gemeinsame Generalversammlung der Verbände der Cabakarbeiter und Zigarrensortierer. Hamburg, 15. Mai. Erster Berhandlungstag. Heute tagen die Delegierten beider Verbände zum ersten Male gemeinsam. Ins Bureau werden aus der Reihe der Sortierer- kollegen V. E l m als Vorsitzender und zwei Schriftführer entsandt. Am gestrigen späten Abend ist die 21 er Kommission mit der Be- ratung der Statutenvorlage fertig geworden, während sie das Streik- und Wahlreglement erst in weiteren Sitzungen prüfen mutz. Sander- Hamburg berichtet im Namen dieser Kommission. Dieselbe hat� keinerlei wesentliche Aenderungen am Vorständcent- Wurf getroffen, insbesondere die Beitrags- und Unterstützungs- staffeln unverändert belassen, also auch alle Anträge auf Herab- setzung der Beiträge für Jugendliche abgelehnt. Die geringen Aenderungen, die die Kommission vorschlägt, werden vom Plenum der Delegierten angenommen. Es wurde sofort in die Spezialberatung und Abstimmung über die einzelnen Paragraphen des Statuts eingetreten. Man gab dem Einheitsverbande den Namen..Deutscher Tabakarbeiterverband". Bezüglich der Jugendlichen beschlotz man, dah denselben bis zum 16. Jahre nur der Beitritt in die erste Beitragsklasse gestattet ist und sie, sofern sie aus Jugendorganisationen kommen, kein Ein- trittsgeld zu zahlen brauchen. Die Beiträge werden gegen wenige Stimmen aus 25 Pf. in der ersten, 45 Pf. in der zweiten, 55 Pf. in der dritten, 70 Pf. in der vierten, 1 M. in der fünften, 1,20 M. in der sechsten Klaffe festgesetzt. Die Streik- und Ausgesperrtenunterstützung wird auf 9,—, 10,50, 12,—, 13,50, 15,— M. pro Woche klassifiziert; für jedes Kind unter 14 Jahren wird eine Extraunterstützung von 75 Pf. gezahlt. G e- matzregelte Mitglieder erhalten ohne Beachtung der Dauer der Mitgliedschaft eine vom Verbandsvorstand nach den im tz 7 des Statuts(betreffend die Streik- und Ausgesperrten- Unterstützung) aufgestellten Grundsätzen festzusetzende Unterstützung. Die A r b e i t s l o s e n u n t e r st ü tz u n g wird gestaffelt auf 5,40, 7,20, 9,—, 10,80, 12,60, 15,— M. pro Woche. Die Arbeitslosen- Unterstützung wird nach einer 26 wöchigen Mitgliedschaft und un- unterbrochenen Beitragsleistung gezahlt, und zwar im ersten Mit- gliedSjahre bis zu 12 Tagen und dann steigend pro Jahr bis zu 72 Tagen im siebenten Jahre. Umzugsunter st ützung er- stalten diejenigen aus triftigen Gründen den Wohnort verlassenden Mitglieder, die dem Verbände mindestens zwei Jahre angehören, einen eigenen Haushalt führen und für die die Entfernung bis zum neuen Arbeitsort mindestens 12 Kilometer beträgt. Diese Unter- stützung wird innerhalb zweier Jahre nur einmal gewährt und be- trägt bei einem Umzüge im dritten Mitglicdsjahre bis zu 20 M., im vierten bis zu 30 M., im fünften bis zu 40 M., im sechsten bis zu 50 M.. im siebenten Jahre bis zu 60 M. Inzwischen war die Zeil der Mittagspause eingetreten. Der Nachmittag wird zu einem gemeinsamen Ausfluge nach Blankenese verwandt, es werden deshalb die Verhandlungen auf Donnerstag vertagt. Hamburg, 16. Mai. Zweiter Berhandlungstag. Die Spezialberatung und Abstimmung über die einzelnen Paragraph war der Krankenunterstützungsparagraph. Schlietz- ist unter anderem der KrankenunterstützungSparagraph. Schlietz- lich wurde über den Nahmen der Vorstandsvorlage hinaus die ein- jiMM.Karenzzeit zum Bezüge der Krankenunterstützung in emeein halb jährige verwandelt. Die Unterstützung wird fest- gesetzt in Klasse 1 auf 2,10 M. pro Woche, Klasse 2 3 M., Klasse 3 4M M, Klaffe 4 6,30 M, lasse 5 11,40 M., Klasse 6 14,70 M. pro Woche. Diese Unterstützungen werden vom vierten Kränk- heitstage an gewährt, und zwar nach 26wöchiger Mitgliedschaft bis zu 18 Tagen, im zweiten Mitgliedsjahre bis 36 Tagen, im dritten bis zu 60, im vierten bis zu 84, im fünften bis zu 108, im sechsten vis zu 132, im siebenten bis zu 156 Tagen.— Die Sterbe- Unterstützung wird nach 52wöchiger Mitgliedschaft bezogen, und zwar je nach Klasse in Höhe von 15, 17,50, 20, 25, 37,50 und 45 Mark. Diese Unterstützungssätze erhöhen sich nach jedem weiteren zurückgelegten Mitgliedsjahr um 5 M., bis zu den Höchstbeträgen von 40. 42,50, 45, 50, 62,50, 70 Mark. Diese Sätze gelten für die Hinterbliebenen beim Ableben eines Mitgliedes. Ausserdem erhalten verheiratete Mitglieder nach einer sechs- jährigen ununterbrochenen Mitgliedschaft und gleichen Beitrags- leistung beim Ableben ihrer Ehehälfte Unterstützungen je nach Klasse in Höhe von 22,50, 25. 27,50. 32,50, 45. und 52.50 Mark. Die Stärke der obersten Verwaltung des Verbandes wird für den Vorstand auf neun, für den Ausschuss auf sieben Personen festgesetzt. Beiden Körperschaften mutz minde- stens ein Sortierer angehören, jedoch sollen nach Möglichkeit alle Spezialbranchen darin vertreten sein.—__ Da die Sondergeneralversammluna der Sortierer einstimmig beschlossen hatte, bei der Verschmelzung der beiderseitigen Verbands« vermögen auf die Bildung eines besonderen Kassenfonds mit allen daraus hervorgehenden besonderen Berechtigungen zu ver- z i ch t e n, so waren alle zu dieser Frage vorliegc-nden Vorschläge erledigt. Die sonstigen im Interesse der Sortierer unterbreiteten Vorschläge wurden angenommen. Sie lauten: „Tarifverträge für die Zigarrenindustrie können nur dann abgeschloffen werden, wenn ausser den Forderungen der in der Zigarrenmacherei beschäftigten Arbeiter auch die Forderungen der in der Zigarrensortiererei beschäftigten Arbeiter Aner- tennung gefunden haben.— Die Arbeitsnachweise der Sortierer mit eigener Leitung sind beizubehalten und anderer-. seits ist den Zigarrensortierern die Ncugründung von Ar- beitSnachweisen gestattet.— Alle Beschlüsse der Zigarrensortierer in bezug aus Hausarbeit und Sonntagsarbeit sind als zu Recht bestehend anzuerkennen.— In den Fällen, wo es sich notwendig erweist, für die Zigarrensortierer einen Ortsbeamten anzustellen (wie zum Beispiel in Hamburg), ist ein Zigarrensortierer als Ortsbeamter anzustellen.— Bei der Vereinigung der beiden Verbände treten die zwei angestellten Kollegen des Verbandes der Zigarrensortierer in entsprechende Stellungen ein." Damit war die Hauptsache der in Betracht kommenden Ver- schmelzungsbestimmungen erledigt, lieber das Gesamtstatut konnte jedoch noch nicht abgestimmt werden, da die Vorstände sich zuerst scklüssig werden mutzten, ob in anbetracht der beschlossenen erheb- lichen Erweiterung der Krankcnunterstützung(einhalbjährige Karenzzeit statt einjähriger) eine Beitragserhöhung nicht unum- gänglich sei. Es wurde dann eine Resolution angenommen: „Die Generalversammlung empfiehlt dringend allen Zahl- stellen, die Gründung von Lokalkassen vorzunehmen und den Beitrag auf wöchentlich ö Pf. festzusetzen." Weiter besckloh der Verbandstag, dass durch die Neuregelung der durch das Gesetz über die Versickerung der Privat- angestellten geschaffenen Verhältnisse den. Beamten des Ver- bandes keinerlei Mehrkosten erwachsen sollen, die Beiträge vielmehr vom Verband übernommen werden. Ohne Aenderungen gelangten die von den Vorständen ausgc- arbeiteten Wahl- und S t r e i k r e g le m e n t s zur Annahme. Im letzteren heitzt es: „Der Verbandsvorstand entscheidet, ob und toann und unter welchen Voraussetzungen in eine Bewegung eingetreten werden soITünS ob zur' nkerstützüng der Bewegung von der Ar- beitscinstellung Gebrauch gemacht werden soll. Ein Streik ist vom Vorftqttde für beendet zn crktären, wenn von den Streikenden in einer zu veranstaltenden Abstimmung sich Zur Psychologie des llülitarismus. Von einem deutschen Soldaten. II. Um zu ermessen, was die Inanspruchnahme der ganzen, ungeteilten Persönlichkeit bedeutet, so tut man gut, sich klarzumachen, dah es ausserhalb des Militarismus keine Bindung, kein Verhältnis gibt, das den Menschen so in seiner Totalität sozusagen absorbierte, wie das hier der Fall ist. Alle Abhängigkeitsverhältnisse im beruf- lichen und im sonstigen Leben sind so beschaffen dass sie den Menschen immer nur partiell engagieren: cS bleibt immer ein Stück seiner Persönlichkeit, ein Stück seines Tuns, ein Stück seiner Zeit übrig, das ihm selbst gehört. Wir sind immer nur von einer Seile von dem sozialen Gebilde, dem wir als Teilstücke angehören, in Anspruch genommen: der Lohn- und Berufsarbeiter von der Arbeitsgemeinschaft, der tochüler von seiner Schule, der Beamte von seiner vorgesetzten Be- Hörde, der Kaufmann von seinem Geschäft usw. Ja, man wird sagen dürfen, daß selbst in Äoordinationsverhältnissen der intimsten Art, wie z. B. in der Freundschaft und in der Ehe, unser ganzes Ich doch eigentlich niemals in Beschlag genommen ist: wir geben in alle derartige Verhältnisse immer nur einen Teil unseres Selbst. unserer Persönlichkeit hinein, gehen nicht ganz darin auf. können - uns losmachen und wieder anbinden, fliehen einander und finden uns wieder. Dieser Borbchaltlichkeit, dieser Beweglichkeit, diesem Wechsel von Freiheit und Zwang verdanken wir alle Mannigfaltig- kcit unserer Beziehungen, verdanken wir allen Reiz des Lebens: es würde einem siebenden Sumpfe gleichen, wenn es von einer Macht. von einem Gedanken, von einem Gefühl, von einem einzelnen oder einem sozialen Verbände so vollkommen in Anspruch genommen würde, dah der ganze Mensch— seelisch oder physisch— darauf ginge. Dieses nun scheint im Soldatenstande der Fall zu sein. Hier weicht das freie bewegliche Spiel des Lebens einer totenstarren. istnercn und äusseren Gebundenheit. Nicht etwa nur, weil des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr eine gewisse Eintönigkeit und Starrheit in das Soldatenlebcn hineinbringt: dass die Seele hier abstirbt und der Mensch hier aufhört, das Leben in seiner Ver- schiedenseitigkeit, in seiner Mannigfaltigkeit durchzukosten, liegt daran, dah das Verhältnis des Soldaten zum Hcercsverbande ein nicht zu lockerndes und nicht zu lösendes ist; dah es, sich immer gleich bleibend, den ganzen Menschen will und sein ganzes Leben bis auf den letzten Rest ausfüllt. Die absolute Gebundenheit und Zugehörigkeit zum Heeresverbande kommt schon in der äusseren Regelung des Soldatenlebens drastisch genug zum Ausdruck. Schon das uniforme Kleid und der Zwang, es stets zu tragen, deutet auf eine endgültige Auslöschung alles Persönlichen, auf die ständige ?4-'nstba''kcit hin, die das Leben des Soldaten kennzeichnet. Die Ab- «Mcklossenbeil des Wohnens betont den Abbruch aller Beziehungen na'ck aussen hin— cs ist als ob die Mauern, die das Kasernemcnt umickliessen immer wieder zum Bewusstscin bringen wollten, dass „jcht mehr dir selbst und dem Leben da draussen angehörst. Und in der Tat ist ja auch dies Leben da draussen eine verbotene Welt tür dei� Soldaten, in die er sich entweder gar nicht oder nur unter Vorbehalten hineinbegcben darf. Das ganze Gebiet der Politik für den Mann zumal unserer Zeit die wichtigste Jnter- «ssensphäre- we.l hier s-' n- Schlachten geschlagen werben--st ihm verschlossen Ja. cs gibt hier Dinge, um die er. wenn sie gleich von der wc. testtragenden Bedeutung für ihn und für das Vaterland Z-nd. das er beschützen soll, gar nicht w i s s e n darf. Dinge, die er hassen und verachten soll, ob sie glcich manchem als höchste Ideale vorschweben. 7 Die Berührung des Soldaten mit der Aus-n- «velt ist stets nur eine kurze, vorübergehende. ,st stets ein Aus- nahmrzustand und eine Vergünstigung, Ms em rein äußerliche, nur räumliche Verschmelzung: sich auch innerlich von seinem Milieu, wenn auch nur zeitweise, zu emanzipieren, ist nicht sowohl ein Verstoss gegen das Gesetz als vielmehr schlechterdings eine Unmög- lichkeit, ein Unding— psychologisch betrachtet. So oft der Soldat aus dem Kasernement herausgeht, so ist es, als ob feine Seele in der Gefangenschaft dennoch zurückbliebe, als ob sich selbst über weiteste Entfernungen hin unsichtbare Fäden von seinem Truppen- teil zu ihm hinüberspönnen: er weiss, daß es nur eines Anziehens dieser Fäden bedarf, um ihn sogleich wieder an die Stelle zu brin- gen, da er eigentlich hingehört. Und so wird auch auf Urlaub, auch im Kreise der Familie und in der angestammten Heimat dem Sol- baten das militärische Bewusstscin stets lauter schlagen als alle anderen Bewusstseinselemente zusammengenommen. Man'mühte, um völlig darzutun, dass der Soldat weder sich selbst noch anderen angehört, dah et iiur ein einziges Verhältnis zum Leben hat und in diesem Verhältnis mit Leib und Seele, im Wachen und im Schlafen auf- und unterzugehen hat— man mühte zum völligen Erweise dessen aus die Einzelheiten des praktischen Dienstbetriebes und auf das geschriebene Dienstreglement zurück- gehen. Wie jeder Eingeweihte weiss, ist das tägliche Dienstquantum so freigebig znbemessen, dass der Soldat über dem ständigen Exer- zieren, Schiessen, Jnstruiertwerden. Sachenreinigen usw. überhaupt nicht zur Ruhe, viel weniger zur Pflege irgend welcher anderer Verhältnisse kommt.. Und selbst als juristische Person gehört et, wie bekannt, der ihn überall einschlietzenden, einengenden, ihn ganz absorbierenden Welt des Militarismus, als eines Staates im Staate an.., Wie weit die Machtvollkommenheit und der Anspruch dieses Staates aber geht, wie völlig der Soldat— der einzige Typus dieser Lktt in unserer modernen Gesellschaft— ein aller Menschlichkeiten entkleidetes Wesen sein soll, wie völlig seine ganze Existenz psychologisch auf eine einzige Beziehung gestellt ist und sein soll: das lehrt am besten jener viclgeschmähte Ausspruch Kaiser Wilhelms II., der. so kratz er formuliert sein mag und so hart er in den Ohren klingt, doch schliesslich nur in der Konsequenz eines einmal vorhandenen Systems liegt— der Ausspruch nämlich: dah der pflichtgetreue Soldat auch auf Vater, Mutter und Kinder schiehe» mäissc, wenn die Staatsraison es verlange... Hier wird mit deutlichem Finger auf den tra- aischen Konflikt in einer seiner furchtbarsten Erscheinungen gewiesen, der in dem modernen System des Militarismus, in der absoluten Gebundenheit des Individuums, verborgen liegt. Dieser Konflikt aber ist imnier lebendig in der Seele des Soldaten. Er wird praktisch, so oft die Bedürfnisse und Forderungen des Jndi- viduums mit denjenigen des Heeresorganismus kollidieren— so oft Wunsch und Befehl als zwei verschieden starte Mächte mitein- ander um die momentan« Herrfchast ringen. Fragt man aber, wer hier der Sieger sein kann: und auf diese Frage haben wir die Antwort schon gegeben. Der Soldat liegt an einer Kette, die er nicht durchbrechen kann, lebt in einem Bereiche, deren Mauern er nicht überspringen kann— ohne sein ganzes Lcbensglück aufs Spiel zu setzen. Er kann nur resignieren— mag ihm auch noch so oft sein saustischer Drang den Berzweiflungsschrei aus der Seele pressen:„Das ist deine Welt! Das heitzt eine Weltl" Wie ein drohender Gott, der kein Erbarmen kennt, der auch ins Verborgene sieht und vor dem cs kein Entrinnen gibt der alte Judengott der Rache,.JeKovsli redivivus— steht das eiserne Gesetz der Disziplin vor dem Dcwusstseili des Soldaten. Und dieses ist der letzte Grund für das psychologisch auf das Zwangs- bewusstsein reduzierte Empfinden und Befinden des Soldaten: die Disziplin ist das grosse psychologisch wirksamste Regulativ im mili- tärische» Leben, aus dessen Anwendung sich die vorbeschriebenen psychologischen Zustände von selber ergeben, ja noch um ein Be- trächtliches steigern und inlenvisieren. Wenn wir nämlich diese Zustände al« latente chronische De- pressi ona? und Siesigna tionsgefühle kepM gellxnt"Wen. d'k die Iveniger als zwei Drittel für die Fortführung des Streiks erklären'. Diese Abstimmungen haben geheim zu erfolgen." Auf die ErLlärunq v. Elms hin, daß die Vorstände nach reif- licher Prüfung der finanziellen Tragweite der einhalbjährigeu Karenzzeit bei der Krankewunterstützung statt der einjährigen, die Verantwortung für d.ie Schwächung des Kampfcharakters der Organisation durch diesen Äeschluss nicht übernehmen können, wurde noch einmal in die Beratung dieser Frage eingetreten. Diese noch- malige Beratung war um so notwendiger, als die Delegierten aus Westfalen durch den Gauleiter Schlüter erklären liehen, daß sie nur auf Grund einer ganz falschen Auffassung für die 26wöchige Karenzzeit gestimmt haben. Nach einer gründlichen Erörterung wurde diese dann auch in die 52 wöchige umgewandelt. Das Datum des Eintritts im letzten Jahr soll für den ANauf der b2wöchigen Karenzzeit gelten.— Das neue Statut tritt mitsamt allen UnterstützungSberechti- gungen am 1. Juli dieses Jahres in Kraft. In der Gesamt- abstimmung über die Vorlage wurde dieselbe e i n st i m m i g an- genommen.— Eine lange Zeit nahm ein Antrag Dresden in An,- spruch, dew im Jahre 1006 ausgeschlossenen Geschäftsführer Uhlig wieder: iy den Verband aufzunehmen. Die Beschwerdekommission ist einstimmig zu der Annahme gekommen, dass sine Wiederauf- nähme in den Verband gar nicht in Betracht komnien kann. Die Generalversammlung beschlotz in namentlicher Abstimmung mit allen gegen eine Stimme demgemäh. Am Freitag gehen die Ber- Handlungen weiter._ Fünfte Generaloersammlnug des Verbandes der Ijgarrenssrtierer. Hamburg, 18. Mai. Am Donnerstagnachmittag traten die Delegierten der Sortierer zum letzten Male zusammen, um die Formalitäten zur Aufhebung des Verbandes zu vollziehen. Einstimmig wurde beschlossen, dass auf der geschaffenen Grundlage der Zusammenschluss beider Ver- bände erfolgen soll. In packender Weise hielt v. Elm die Schlussrede.� Er betonte. dass die Organisation der Zigarrensortierer als ein Stück Lebens- werk für ihn zu betrachten sei. Gleich nach seiner Rückkehr von Amerika habe er in Hamburg angefangen, die Kollegen zu orgam- sieren, aber bald habe er gesehen, dass nur durch eine Zentral- Organisation die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu besser» feien, und dieser Anschauung gemäss sei der Verband über Deutschland verbreitet worden. Er' müsse sagen, ihm sei der Verschmelzung!- gedanke lange Zeit ziemlich fremd geblieben. Aber der Wirtschaft- liche Kampf, dtp ganzen Verhältnisse von heute bedingen ein Zu- sammengehcn der Tabakarbeiter, und deshalb halt« er den Zu- sammenschluss für eine Notwcndigleit. Geben auch die Sortierer ihre Selbständigkeit auf. so werden sie doch nicht aufhören, die Ein- richtungen ihres Verbaiides. immer mehr im gemeinsamen Verband zur Einführung zu bringen.— Mit einem Hoch auf den Tabak- arbetterverband wurde die den Sortierervcrbgiid auflösende Sitzung geschlossen.___ 5. Verbandstag der Stemarbeitkr DeiitschlwAs. München, 15. Mai 1012. In feinem Schlusswort über den Geschäftsbericht ging Verbandsvorsitzender Starke ausführlich aus die zum Teil hef- tigeg Angriffe gegen ihn ein. Er verteidigte seine und des Vor- standez Haltung bei Lohnbewegungen und Unterhandlungen mit den Unternehntcri,."Der Börfiänd habe ein grössere VerantwsrtevK zu tragen als die örtlicheii'Kollegen. Nicht immer könne die von den Kollegen gewünschte Taktik: alles bewilligen oder Streik, ein- geschlagen werden. Am Schlüsse seiner Ausführungen erklärte Seele immerhin noch ein Auf und Nieder, ein Mehr und Weniger empfinden lassen, so lässt sie die Disziplin, wo sie in der strafenden oder nur befehlenden Anrede ihr drohendes und finsteres Gesicht zeigt, gleichsam erstarren. Die Disziplin, der kurze, feindselige Imperativ der militärischen Anrede, schaltet den persönlichen Willen, den eigenen Antrieb so völlig aus, dass es sich wie eine Lähmung über den ganzen, zumal den feiner empfindenden Menschen legt. Auch die Seele steht vor dem Vorgesetzten gcwissermassen stramm— stramm in derselben forcierten Haltung, die der Körper einzunehmen hat. und die das Reglement in scherzhafter Ironie „zwanglos" nennt. Diese Zwangspositur stellt die Seele des Sol- baten auch in den weniger spannenden Momenten der disziplinischen Handhabung unter einen beständigen Hochdruck, dem sich selbst alt- gediente Mannschaften Nicht ganz entziehen können: man weiss, dass es nur einer Miene, nur eines kleinen Unterlassens bedarf, um sie zu verletzen, diese Disziplin. Wer je Gelegenheit gehabt hat. Sol- baten zu beobachten, wenn sie, ohne etwa auf verbotenen Wegen zu sein, von einem Vorgesetzten unversehens überrumpelt wurden, der wird von der Verwirrung und Fassungslosigkeit, die sich ihm hier zeigt, auftdie psychologische Wirkung der militärischen Disziplin einen zutreffenden Rückschluss machen können. Der Soldat trägt, wie der sündenbcwusste Christ, ob mit oder ohne Grund, beständig ein schlechtes Gewissen mit sich herum— und das„schlechte Gewissen" ist von je die schwerste Belastung der menschlichen Seele gewesen, im übrigen aber viel weniger eine Erfindung schwarz- galliger, schwerblütiger Grübler als ein Instrument für solch«, die auf Herrschaft ausgingen. Hinter dem schlechten Gewissen steht die Autorität— und nun wissen wir, worum die Seel« des Soldaten und die des wortgläubigen Christen unter ganz ähn- lichen, wenn auch verschieden schwer erlebten Gefühlen zu leiden haben. Der Katholik sieht die Höllenstrafe als immer dastehendes Bedrohnis auf sich gerichtet, der Soldat die vielen kleinen Peini« gungen, die ihm den Dienst zur Hölle machen können— oder auch Schwereres.„Man steht", so pflegte ein Kamerad von uns zu sagen, der in seinem Zivilverhältnis Schauspieler an einer der grössten Bühnen war und hiernach trotz seelischer Elastizität und Anpassungsfähigkeit dem psychologischen Gravamen der militärischen Disziplin nicht gewachsen schien,„man steht hier immer mit einem Fusse auf Festung"... Es ist das Gefühl der Furcht, das, in allen Spielarten und Nuancierungen, das seelische Bewusstsein des Soldaten beherrscht. Me der Soldat vor der dunkeln und beständig zu drohen scheinen- den, dabei alles vermögenden Macht steht, als welche er sein mili- tärisches Verhältnis empfindet, so müssen die Naturvölker vor ihren eingebildeten dämonischen Gewalten gestanden, so müssen die alte» Schicksalsdramatiker das rächende Walten des FatumS empfunden haben: wie man eben übergewaltigen Erscheinungen gegenüber empfindet, gegen deren furchtbare Uebierlegenheit es keine andere Rettung gibt als unterwürfige Furchtgefühte. Ein dunkles Gefühl der Furcht scheint auch diejenige Stim. mulig zu sein, mit der man im Volk dem Militarismus gegenüber- steht. Daher die vielen umlaufende» Geschichten, mit denen man von den Gefährlichkeiten der militärischen Dienstzeit zu erzählen liebt; daher der Zorn und die Entrüstung, mit der man— denn Furchtgefühle ziehen Rachegefühle nach sich— die Partei des Soldaten ergreift, so oft ein noch so sachlich abgetaner Fall der mili-" tarischen Justiz die Oeffentlichkeit beschäftigt. Daher auch endlich die geheime und kaum deutlich bewußt werdende Sorge, mit der, wie wir eingangs schilderten, der junge Mlitärpflichtige seiner .Dienstzeit als einer Zeit der Nöte, als einer gefährlichen Zeit der Nöte, entgegengeht: er liebt es, sich das peinliche Gefühl einer' ungewissen Zukunft mit dem Alkohol zu vertreiben— wie denn den Mensch(„Wer Sorgen hat, hat auch Likör," spricht der lachende Philosoph Wilhelm Busch) gern im Rausche Vergessenheit zu suchen pflegt, wo sich ihm etwa» BtLrohljAe» hervortut. Marke, wenn Fer SSet&mbSkg iier Ansicht sei, dah er auf seinen Posten nicht mehr passe, auf ihn brauche keine Rücksicht genommen tverden. In den 10 Jahren, seitdem er Vorsitzender ist, habe er nach ganzen Kräften die Interessen des Verbandes vertreten. Und der Verband habe sich in dieser Zeit doch ganz gewaltig entwickelt. — Das unbesoldete Vorstandsmitglied Äampfrad- Leipzig be» tonte. Starke sei nur das ausführend« Organ des Vorstandes, nicht ein einzelnes Mitglied desselben, sondern der ganze Vorstand sei masigebend und verantwortlich. Es sei daher ungerecht, ein ein- zelnes Vorstandsmitglied herunterzureißen. Bei der Abstimmung über die einzelnen Anträge wurde be- schlössen, daß, wenn der Vorstand die Genehmigung zu einem Streik versagt, vorher ein Mitglied der örtlichen Verwaltung zu einer Borstandssitzung geladen werden muß.— Der Vorstand wurde be- auftragt, mit sämtlichen mit den Steinarbeitern in Berührung kom- Menden Gewerkschaften Kartellverträge abzuschließen.— Angenommen wurde ein Antrag Frankfurt a. M.. wonach die Generalversammlung bis zum nächsten Berbandstag im Jahre 1914 als gewählt zu gelten habe, um bei außerordentlichen Angelegen- heiten die Zeit nicht mit Neuwahlen zu vertrödeln.— Mit großer Mehrheit>vurde die Einsetzung eines Beirates beschlossen. — Dem Verbandsvorstand wurde ein Antrag zur Berücksichtigung überwiesen, alle überflüssigen Gelder den Privatbanken zu ent- .ziehen und in der Bankabteilung der GroßeinkaufSgesellschaft anzu» legen.— Dem Vorstand wurde gegen 1 Stimme Entlastung erteilt. Es folgt ein instruktiver Vortrag des Redakteurs Stau- diaiger über „Unser Tarifwesen". Der Referent unterbreitete dem Verbandstag folgende Leitsätze, Ue er eingehend begründete: Die bisher mit den Unternehmern abgeschlossenen Tarife weisen nicht nur in ihren allgemeinen Bestimmungen, sondern auch in der technischen Ausgestaltung eine recht große Verschieden. heit auf; es muß deshalb unsere Aufgabe sein, in Zukunft unsere Tarife bedeutend einheitlicher zu gestalten. Der Berbandstag erhebt dagegen schärfsten Protest, daß sich «in großer Teil der H a r hst e i n i n d u st r i e l l e n weigert, Tarifverträge abzuschließen. Gerade die Arbeiter in den Stein- brächen gehen einem sehr anstrengenden und gefahrvollen Beruf noch, so daß es für diese Arbeiterkategorien geradezu aus sozial- politischen Gründen notwendig ist, wenn für sie das wilde Akkord- system beseitigt und geregelte tarifliche Lohn- und Arbeitsver- Hältnisse geschaffen werden. Ter Verbandsvorstand wird beauf- tragt, zukünftig gecignste Schritte zu unternehmen, daß bei der Vergebung von staatlichen und städtischen Lieferungen, gleich« gültig um welche GesteinSmatemlien ei sich handelt» in erster Linie„tariftreue" Firmen berücksichtigt werden. Der Verbandstag ist der Meinung, daß schon auS allgemeinen sozialpolitischen Gründen diese staatlichen und städtischen Baubehörden verpflichtet wären, aus eigener Initiative dafür Sorge zu tragen, daß bei der Arbeilsvergebung nur tariftreuen Firmen der Zuschlag erteilt wird. Trotz der tariflich fixierten Positionen stellt sich häufig heraus, daß die Arbeiter im Akkord den Stundenlohn nicht der- dienen. Es ist deshalb zu verlangen, daß den Kollegen bei allen Arbeiten dieser Stundenlohn garantiert wird. Beim Abschluß von Tarifen ist weiterhin anzustreben: 1. eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, die natürlich durch dementsprechende Lohnzulage ausgeglichen werden mutz; 2. daß die Werkzeugs- und Jnstandhaltungskosten desselben, wie dieses eigentlich selbstverständlich sein sollte, vom Unternehmer zu tragen sind; 3. daß sich die Unternehmer verpflichten, den bundesrätlichen Bestimmungen bezüglich des Schutzes der Steinarbeiter Rechnung zu tragen. Die umfangreiche Gestaltung der Tarife sowie das Ueber- handnehmen der tarifftatistischen Arbeiten bedingt es, daß im Hauptbureau für die Einleitung der Lohnbewegungen und für das Tarifwesen ein besonderes Ressort geschaffen wird.— Durch eine systematischere Einleitung der Lohnbewegungen wird es auch möglich sein, daß für die 110 Zahlstellen, in welchen Tarife bis jetzt noch nicht bestehen, solche eher zum Abschluß gebracht werden können. Bei Tarifabschlüssen in der Haristeinindustrie ist unter allen Umständen darauf zu achten, daß das menschenentwürdigende Prämienshstem beseitigt wird, und daß ferner beim Abnehmen der Steine nur„geeichte Maße und Gewichte" verwendet werden dürfen. Der Verbandstag erhebt überdies scharfen Protest, daß es in einigen Steinbruchgebieten die Unternehmer mit Treue und Glauben vereinbaren können, ihren Arbeitern gegenüber eine solche Uebervorteilung stets und ständig zu betreiben. ES muß weiter konstatiert werden, daß die abgeschlossenen Verträge oftmals in den wichtigsten Positionen vondenUnter. nehmern nicht innegehalten werden. Der Verbandstag legt mit Nachdruck Wert darauf, daß bei allen Tarifab- schlüssen Schiedsgerichtsinstanzen vorgesehen sein müssen. Um Tarifstreitigkeiben zu regeln, sollen folgende Schieds- inftanzen vorgesehen werden: a) für jeden Ork ein« Tchlichtung?ksnmission, bestehend au» einem Arbeiter und einem Arbeitgeber; d) für jeden Tarifbezirk ein Schiedsgericht, dem nach Mög» lichkeit ein unparteiischer Vorsitzender, welcher Unternehmertreisen nicht angehört, vorstehen soll. c) Um gegen das Urteil der Bezirksschiedsgerichte Berufung einlegen zu können, werden für die wichtigsten Gruppen in der: Steinindustrie zentrale Schiedsgerichte angestrebt. Da- mit soll insbesondere bezweckt werden, daß eine einheitliche AuS-- legung der Tarife selbst immer mehr zur Geltung kommt, daß des ferneren die Urteile der Instanz unter b. welche eventl. nicht respektiert werden, mehr zur Anerkennung kommen. Dem Referat folgte eine ausgiebige Diskussion in ga* stimmendem Sinne, worauf vorstehende Resolution elnstimmrg gr» genommen wurde, u.,.-..__ Jugendbewegung. Sozialistische Jugendpflege in England. Die vierte Jahresversammlung de» verbände« sozialistischer SonutagSschulvereine wurde kürzlich in Manche st er abgehalten. Der Bericht stellte einen stetiger: Fortschritt fest; zahlreiche OrtSvereine sind geschaffen und eine große Zahl(nähere Angabe fehlt) Schulen eröffnet worden. Ein Lieder- buch ist herausgegeben worden. Die Versammlung beschloß, eine Ausgabe mit Noten zu veranstalten. Ueber die Zeitschrist.Doung Sozialist Magazine" entspann sich eine eingehende Diskussion. Man beschloß, das Blatt vier Seiten stärker erscheinen zu lasien. Ferner wurde ein Beschluß zugunsten eineS.Jungsozialisten-Bürgerkorps" gefaßt.— Aehnliches besteht schon iu G l- S g o w, wo in Verbindung mit der Schule Gruppen für Turnen, Schwimmen und Fußball gebildet sind. Ter dortigen Schule gehören außer 80 Kindern auch 40 Heranwachsende an. Da die Räumlichkeiten nicht ausreichen, ist ein B a u f o n d S zur Errichtung eine» eigenen SchulhaufeS geschaffen worden. Marktbericht von Berlin a« 15. Mai 1012, nach Ermitt-luna de» königl. Polizeipräsidiums. Markthallenprrtse. sKIewhandey 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00— 50,00. Speis ebobnen. — O'-'~——~~-——--- 100 Kilogramm isrojen, gcwe. zum«ouje....■ WM ttdße, 30,00-66,00 Linsen 40,00-80,00. Kartoffel««leknhdl.) S.00-13,0»I 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch. Bauchfletsch Schweinefleisch 1,40-1,90. Kalbüetlib 1, 40-2,60. Hammelfleisch ..................... Kalbfleisch 1,40—8,60, 140— 2'20. Butter 2L0— 3,20. 60 Stück Eier 3,20—5,50, Karpsen 1,00-2,40. Aal« 1,60—3,20. Zander 1,�-3,60. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80—1,40. 1,80—40,00. _ Kilogramm ile 1,20—2,60. Stück Krebse □ □□ DOD □□□ Thealer und Vergnügungen Sonnabend. 18. Mai 1912. Ansang 3 Uhr. NeueS Schauspielhaus. Minna von Barnhelm. Anfang VI, Uhr. Sgl. Opernhaus. Cavalleria rusticana. Bajazzi. «tgl. Schauspielhaus. Weh dem der lügt. Ansang 8 Ubr. Lessing. Heiniliche Liebe. Deutsches. George Dandin. «ammerspiele. Mein Freund Teddy. «turfürftenoper. Tiefland.! Ko uiii che cptr. Die Spiele ihrer § Exzellenz. Westen. Die schöne Helena. «tüniggrätzer Straß«. Die süns Franksiirtcr. Neues Schauspielhaus. Parkett- sitz Nr 10. Neues. Der liebe Augustin. Residenz. Alles für die Firma. Pustspielhaus. So'n Windhund. Berliner. Glotze Rosinen. Schiller<1. Emilia Galotti. Schiller- Crbnrlolteuvur». Die Haubenlerche. Neues Operetten. Der Kongretz von Sevilla. Pulse». Schwester Carmen. Rose. Spree-Athener. Sriano». Der Ehemann am Fenster. Ein angebrochener Abend. Dhniin. Auioliebchen. Steines. Der Nachtwächter. Lottchens Geburtstags Wterrovol.«chwindelmeier u. Co. Wintergarten. Spezialitäten. «kasino. Die lustige Strohwitwe. Apollo. Svezialttäten. Htasjage. Spezialitäten. Ansang 8-/. Uhr. Griedr.- Wilh. SchauspielhanS. Die keusche Susanne. «Polles Caprice. Der Polizeihund. Walhalla. Um eine ftnme.� Ansang 8';, Uhr. Neues BolkStheater. In ve- Handlung. NeichShalle». Siettiner Sänger. Eine Hochzeit in der Müllerstratze. «tänigftadt-«asino. Spezialitälen. Sternwarte. Jnvalidenftr. 57—62. Scliiller-TI,ealerO.?;X Sonnabend, abends 8 Uhr: Eniilla Gulotti. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Kyritz-Pyrltx. Sonniag, abends 8 Uhr; Die Hanbenlerche. Montag, abends 8 Uhr: Der Kompagnon._ Schiller-Tliealer"buT"' Sonnabend, abends 8 Uhr: Die Hanbenlerche. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Der Pfarrer von Kirchfold Sonntag, abend» 8 Uhr: Oia Gefährtin— Paracelsu«. Oer grüne Kakadu. Montag, abends 8 Uhr: Die Gefährtin— Paracelsus. Der grüne Kakadu._ i Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. Abends 8 Uhr: Die s Frankfurter. Residenz-Theater. Direktion Richard Alexander. 8 Uhr: AlleS für die Firma. Schwank in 3 ANen von M.Hennequin und G. Mitchell. Morgen u. folgende Tage: Alles für die Firma. Nenes Theater. Abends 8 Uhr: Der liebe Augusti«. Operette von Leo Fall. Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Die schöne Helena. Sonntag 3'/» Uhr: Wiener Blut. Lmsen-Theatcr. Sonnabend: Schwester Carmen. Sonntag nachm. 3 Uhr: Ich lasse Dich nicht. 8 Uhr: Schwester Carmen. Montag: Schwester Carmen. i OSE-THEATE Trotze Franksurter Str. 132. MendS 8 Uhr: Preziosa. , Sonntag nachm. 3 Uhr: 5GY 000 Teufel. Abends 8 Uhr: Preziosa. 1 Ab 8 Uhr Da» große komische Programm. g Uhr: Debüt Panl Beckers mit neuen Schlagern. Biamenstr. IO Heute Sonnabend Anfang 4 Uhr Der Sensationsschlager SPREE- A HAVEL l DAHPFSCHIFFfAHRT- GESELLSCHAFT HiU.M I» Vorm. 9 Uhr W 8�10 Jeden Sonntag; (1,50 M. hin und zurück) ab Taft Gärtner(Bahnhof Bellevue) 9,25, Tharlottenburg(Schlotzbr.) 9,50, Spandau(Tharlottenbrücke) U Uhr. 9,00 Uhr Woltersdorfer Schleuse(70 Ps. eins. F.) 9,30, Rauchfangswerder(55.,„ (Bclveddre)(10,00, Krampenburg und (Sehl. Tor'/«Std. später)[ Schmöckwitz(50... Ab Potsdam nach Ferch: 10,15, 11,00, 2,00, 4,00, 6,00 Uhr. . Potadam nach Werder: 12,00, 1,00, 3,00, 5,00, 7,00 Uhr: 9,00 und 10,00 Uhr bis Caputh. ' Nedlitz, Krampnitz: 11,10 vorm., nachm. von 1,40 bis 6,40 stundlich. , Wannsee nach Pctsdam: Vorm. stündlich, nachm. halbstündl. Verkehr. . Spandau- Vorm. 9.25, 10,30, 11,00, 11.30. nachm. 1,10, 2,20, 3.10 blS 7,10 Uhr stündlich nach Pctsdam. Autzerdem regelmäßiger täglicher verkehr aus der Oberspre«, der Ober- Havel und dem Tegeler See laut Fahrplan._ i Werktäglich vom 20. Mai ab vorm. 9,00 und nachm. 2 Uhr(außer Sonnabend nachm. ab Jannowitzbrücke(Schlcs. Tor'/, Stunde später): killige ügmpMoiiljöMsn nach Woltersdorfer Schleuse, Fahrpreis vorm. 70 Pf., nachm. 60 Pf. hin u. zurück, Kinder 40 u. 25 Pf. Jeden flienstag mm. 8,03 Ohr naeh Teupitz{ Taschen-Fahrpläne werden gratis verabfolgt.===== • 17 lÖCISCHER GARTEN Täglich eh 4 Uhr: Gr. MilHär• Doppelkonz. Eintritt 1 M., ▼. aücke. 6 U. ab 50?t. Kinder unter 10 Jahren die __ Hälfte.— Jahres- Abonnements an allen 3 Schalter- Kassen. Metropol-Theat er. Abends 8 Uhr: Rauchen gestattet. Schwilldtlmkler A Comp. Phantastisch musikalische Komödie In 3 Akten auS dem Englischen völlig srel bearbeitet von I. Freund. Musik vonR. Nelson. U. a. Tänze v. W. Bishop. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Morgen-nachm, 3 Uhr: Dorothea. Die kleinen Lämmer. NeuitfiiiiFatoierSli'. 1 Minute vom Hermannplatz: Der große skandinavische Täglich abends 8'/. Uhr: «roße«ala- Borstellunge». An Sonn- und Festtagen sowie Mittwochs und Sonnabends je :: s große Borstellunge»»:» Nachm. 4 und abends 8'/, Uhr: Einstimmiges Urteil aller B-such-r. Das beste Zirkusprogramm, welches biS jetzt g-z-tgl wurde. 45»Igsne erstklassige Pferde. ISO Personen. villiae Eintrittspreise. Trianon-Theater. Ansang 8 Uhr. Der Ehemann am Fenatar. Hieraus: Ein angebrochener Abend. Königstadt-Kasino. EckeHolzmartt- u. Alexanderstratze Täglich wochentags von'/,3 Uhr Sonntags von'/,6 Uhr: Da» brillante Maiprogram« S Spezialität, u. Mutter»ine. GcsangSposse von O. Kiew. Borzugskarten haben an allen Wochentagen Gülttgkeit.— Mitt« wachs— Sonnab. u. Sonnt. Tanz. Ion hei Mchaelbrücke a. d. Michaelkirchstr. Mge 8xtra|ahrt Bssenwmkel u. Neu-Helgol Morgen Sonntag: Krampenburg, Schmöckwitz, Hessenw------ Woltersdorf, Heseenwinkel u. Neu-Helgoland.------ Fahrt 40 Ps. Dampfer an Vereine sind billig zu verg. mit Musik. Adf. S Uhr nach _____ i-Helgoland, Z'l, Uhr nach Preis hin u. zurück 70, einfache ----- Reederei Zachow. Reederei Nobiling. normen Sonn tag;: Billige Aasnahme-Eitrafahrien mit Husik ab JannowltabrUche vom Reatanrant SchnlthelB 9naTb'rrüh 3 et* litt er Schweiz und 'nachm. Woltersdorfer Schleuse 0ünharh Keue Wühle Avis. Am 2. Pfingettag: Extrafahrt naeh Tenplta. 84/13 hin und zurück nur SO Pf. Kinder die Hälfte. Folies Caprice. Täglich 8',. Uhr: l£oM Krach Bunter Teil i>o. 14. Voigt-Theater. Gesundbrunnen Badstratze 58. Morgen Sonntag, den 19. Mai: Bei günstiger Witterung im Garten I Die Fischerm von Islanh. Drama in 5 Akten von Pausa. Kasseneröstnung 10, Ansang 4 Uhr. Nach der Borstellung: Grvfler Pall. früher Heues Kgl. Operntheater Kinemaholor-Uclitsplclc in wirklichen NStUr-FärbBIl Alleinige Vorführung in Berlin. Grolles Orchester mit Gesang. Thgllch von 4—11 Uhr. Casino-Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Nur noch bis 29. Mai das glänzende neue Programm 5 erstklassige Spezialitäten- Schlager Riesen-Lachersolg der Posse Die lästige Strohwitwe. Sonntag 31/, Uhr: Die Dochter des Sträflings. ReiettsttaUen-Tkeater. Stettiner Gänger Zum Schluß: Eine Hochzeit in der Müllerstraße. Burleske vonMeysel. Wochentags 8 Uhr. Sonntags: 7 Uhr. |ARK Heute Elltetag. 8 Kapellen Feenhafte Illumination, Pracht-Feuenvork (Deichmann- Gallwitz). Dazu gratis: Variete-Vorstellung, Zirkusvorstellung, Korsofahrten für] Kinder i. d. Zwergequipagsn. Dies alles frei! Entree Hark 1,—. Sonntag, 19. Hai: Billiger Volksfag Eintrittspreis 25 Pf. Kinder an allen Tagen ohne Ausnahme bis 6 Uhr frei I Kohenstanjen-Säle Cafö and Restaarant. Täglich: Gustav Gottschalk- Konzert. Humoristische Kapelle. Gesangsvortrbge. S?nnteg- Oeffentl. Tanz. Jeden Donnerstag: Großer Ball mit Präsentverteilung:. l76KottbuserDaiiini76 Amt Moritzplatz: 5024. Admiralspalast am Bahnhol Friedrichstralle, z* Z. einziger Eis» palast Deutschlands Allabendl. d. sensat. EisbaUett „Yvonne". Die kl.Walz.-Königin Charlotte. Weltmstr. Bror Meyer. Nachm.: Kunstlauf-Produktionen. Bis 6 Uhr und von IO3/, Uhr abends halbe Kassenpreise. Hestanrant 1. Ranges Steinarbeiter. Zur Besprechuug der Zatzungen des geplanten obligatorische»» Arbeitsnachweises finden folgende Versammlungen statt: Weißensee. Sonnabend, den 18. Mai, nachmittags S1/» Uhr, im Prälaten, Berliner Allee, Ecke Lehderstraße. K»nÄsteinbraneI»e. Montag, den ÄO. Mai, abends 8 Uhr, in den Musiker- sälen, Kaiser-Wilhelm-Stt. 18 m. Marmorbranche. Dienstag, den 21. Mai, abends 8 Uhr, im Englischen Garten, Alexanderstr. 2~c. SV Jeder Kollege ist verpflichtet, in der für ihn in Betracht kommenden Versammlung zu erscheinen. 171�12*__ Ple OrtaTenraltong. tstler Arbefls nachweist Amt Nor! S°s t rden, Nr. 12ZJ. VökHZlltiiligÄtelle Berlin EharitSstrafle 3. Haupttau reau: Hof III. Amt Norden, Nr. tSS7. Sonntag, de» IS. Mai 1912, vormittags 10 Uhr; Kranchen U�rsammlung tiltt Milkklei- und Isilatiaus-Arbtiter und Ardtiterinuen im �voigt- Theater, Badstrahe S8. Tagesordnung: 1. Vranchenangclegenheiten. 2, Diskussion 3. Die letzten Dorkomm- uiffe innerhalb der Groschenkasse der A. E. G., Brunnenstraße. jWV Kolleginnen und Kollegen l Da in der letzten Versammlung der Troschenkosse der A. E. G. gegen unsere Branche schwere Vorwürfe erhoben wurden, so ist es notwendig, daß Sie alle in dieser Versammlung erscheinen, um der Branchenleiwng Gelegenheit zu geben, die Sache aus- zuklären. Außerdem sind auch noch wichtige Branchenangelegcnheitcu zu erledigen. Sorg« darum jeder für einen guten Versammlungsbesuch. Erwerbslose(Kranke). Der Pfingstfeiertage wegen finden die Zahltage der Krankenunterstützung wie folgt statt: Für den 24., 23., 20. Mai am Freitag, den 24. Mai. „„ 27., 28. Mai am Sonnabend, den 23. Mai. Arn Sonnabend wird nnr bis 12 Uhr gezahlt. Arn Montag, den 27. Mai, und Dienstag, de« 28. Mai wird keine Unterstützung gezahlt. 717/7 ftnr schnellen Erledigung der EeschSfte werden die Kollege» flichst ersucht, diese Zahltag« genau zu beachten. Die Ortaverwaltnna;. EBeslelK DamentucheÄ per Meter...... tod&«n Kostümstoffe��o m Muster. per Meier Ton � aa Seidenplüscrr�r*. Nord, 80 cm breit, per Mir. � � Unilo ru Kleidern fUllC 130 cm breit O M. per Meter...... ron � an Samt und Seide usw. zu sehr billigen Preisen! Auswahl in OC M. ▼. an Paletots �.Äam engl. Stoffen etc.,. Ton Kostüme iv-wär engl.Stoffcnu Kammg. Kostüm- Röcke in grosser Aaswahl ron � an StiuMntel zu sehr billigen Preisen! r IP Et S I T Kottbuser H kbe FCLa> Strasse 5.J Gewerkschaftshaus. Bezirk Groh-Berlin, Sektton II. Engelufer 14/13. Achtung! Achtung! Kulschkr, Milfthm, Stlllleulk und Arbkitn aus allen Kau- und Arbeitsfuhwnksbktnelien Grnß-Kerlins. Souutag, den 19. Mai 1912, nachmittags 3 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel- ufer Nr. 14—15(großer Saal): Große Versammlung. Tagesordnung: 64/3 1. Bericht der Lohukowmisfion über de« Stand unserer Lohnbewegung! 2. Diskussion und Beschlußfassung. Die Kollegen werden ersucht, vollzählig zu erscheinen! Die Berbandsbücher sind mitzubringen und am Eingang des Saales vorzuzeigcu:__ Die Brauch enleitung. Anß er ordentliche Geuerai-Versammiang der Vertreter der vris-Nrsnkenkssse der Leih- unä Zinngießer am Donnerstag, de« SV. Mai, abendS 6 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engel- Ufer 15. Saal 5. wozu sämtliche Vertreter hiermit ein« geladen sind. Tagesordnung: 1. Nochmalige Beschlußsasiung über Abänderung deS 8 13 Ziffer 3 deS Statuts. 2. Kassenangelegcnheiten. 3. Verschiedenes. NL. Anfragen, welche Einsicht w die Kassenbücher fordern, müssen spätestens drei Tage vorher im Kassenlokal angezeigt werden, widrigen- sallS selbige nicht berücksichtigt werden lönnen. 1723b Der Borstand. I. A.:«. Schlltt, 1. Vorfitzender. Berlin, den 17. Mai 1312. Achtung! Achtung! Maurer, Zimmerer«. KauhUfsarbeiter! Dir weisen ausdrücklich noch einmal daraus hw, daß am Montag, den 29. Mai d. I., abends 0�/, Uhr, in den „Kammersälen", Teltower Str. 1, die Ersatzwahlen zum Gesellenausschntz und die Neuwahlen zum Jnnungs-Schiedsgericht d. Berliner Innung: Bund d. Bau-, Maurer- u. Zimmermeister stattfinden. Wählen zum Gesellen auSschuß kann jeder Maurer und Zimmerer im Aller von 21 Jahrn, zum JnnungS-SchiedSgcricht jeder Geselle und Arbeiter im Alter von 25 Jahren, der zurzett bei einem Mitglied der Innung be- ' Als Wahllegitimation dient eine vom Meister ausgestellte Bescheinigung über die Beschästtgung bei demselben, wozu die Mitglieder der Innung von dieser selbst Formulare geliefert belommen. Laste sich daher jeder eme der- arttge Bescheinigung ausstellen, und versäume niemand die Wahl. Für Mllglieder der LrtSIrankcnkasse genügt das mit dem Firmenstempel abgestempelte OrtSkrankenlastenbuch. Da von den Berlmer Baufirmen rund 360 Mllglieder der Innung sind, darunter die größten Geschälte, und bei Streitigietten aus dem Arbeits- Verhältnis in solchen Fällen nicht daS Gewerbcgericht, sondern daS JnnungS- Schiedsgericht zustündig ist, ist es besonder« auch Pflicht der Putzer, sich an der Wahl zu beteiligen. 133/12 Di« Borstäude der Berbände der Bauarbeiter und Zimmerer. �SÖ5?iSfiing ■eiere in(ederrnann Garderoben wKredit fOr Herren, Damen und Kinder Gehrock* Anzüge, Jackett- AntOge, Paletot», Dieter, Damen* Koetüme, elueen, Röcke, Paietote, Engl. Jackctte, Staubmäntel, Seidene Kleider u. Mäntel in äUen Farben n neuesten Faeeona. Qröeete Auswahl Bei Zahlung einer Uonatarate laut Vereinbarung und bequemster Abzablnng Mfihel»ompl. W ohnanflS-Einrieh tan», sowie einzelne 1 iUUCl nabelstfleke, Polslerwaren, farbig. Klletaen. Portieren, ßapHinon u. 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Ziehung vom IT, Mal IUI vormittags.' iaf Jods■oaoseno Ifunctr sied swel gleich hohe 6»- vlBBft gofaUtn, nnd anar Jo einer saf dl« Lo,e gleicher Sammer U den l,elden Abtollangen.1 nnd II (lur die Gewinne Uber 240 Mark sind den hefreflesden, Nnnunern in Klammsrn beigefügt.' (Ohne Gowähr.j(Nachdruck verboten.) , TS 358 673 911 12 SS! 1036 80 273 399 629 61 *16 867 909 60 66 2039 121 15001 250 427 29 94 641 «7 600 716 23 50 3060 3Ü6 412 45 SO 658 645 47 70 71 802 4057 288 326 40 489 97[3000] 684 720 97 016 6 234 53 358 453 602 64 832 913 8124 31 671 747 04 815 900 7052 94 144 636 794[500] 865 961 85 8075 245 343 63 47 s 505 852 54 84 909 74 9003 62 215 24 64 644 73 858 994 i 10337 411 743 66 901 11034 291 367 473 12194 305 534 45[10001 680 708[800] 851 58 13115 23 872 805 954 14051 115 58 73 265 312 48 416 43[1000] 64 610 80 798 835 926 SS 18003 79 385[500] 546 97 686 708 805 28 OOS 47 16061 311 55 80 564 658 756 80 821 36 17064 237 307 8 86 549 57 93[1000] 795 [2000] 932 18014 28 268 71 330 68 75 405 87 607 15 89 708[3000] 34 844[1000] 19031 48 162[500] 214 482 637 689 779 20169 70 236 96 626 33 710 26[1000] 848 936 '44 74 2 1 083[500] 362 08[IflOO] 503 18 29 63 874 92 737 898 912 63 69 22103[COOO] 334 55 66 63 422 678 782 23019 150 245 419 21 628 768 824 947 24089 106 723 852[600] 974 25252 376 418 629 34 94 602 (600] 13 25 755 812[600] 89 26180 321 535 859 944 27133 69 390 01 508[1000] 16 23 63 74 831 28156 11000] 233 68 447 87 658 605 10 29022 233 339 69 404 503 689 849 998 39017 24[500] 171 273 401 524 BIT 935 3 1 217 24 96 554 627 39 89 743 73 924 32018 30[500] 63 68 [1000] 476 665 89 700 959 33002 138 85[500] 200 8 69 87 415 863 34023 57 161 217 562 62 632 41 822 953 3 5 147 205 354 412 16 667 030 787 838 3 6 364 flOOO) 403 550 778 930 68 37050 58 196 363 434 525 656 781 84 90 823[500] 946 38115 29 48 204[500] 328 440 94 619 706 832 3 9058[3000] 64[600] ISS 238 641 659 747 834 90 40213 303 13 31 93 400 616 986 4 1 060 194 214 46 385[600] 530 613 61 705 24 810 986 42136 90 221 68 328 401 65 685 608 869 43153 415 672 825 925 28 44103 67 346[800] 607 76 708[500] 34 857 62[5000] 77 45106 75 234 86 410 99 621 24 84[3000] 908 82 46092 115 202 697 641 42 749 96 602[500] 47 075 184 221[1000] 328 628[1000] 784 955 48364 78 420 65 99 630 650 43101 224 94 376 445 631[500] 767 914 50274[600] 77 302 423 681 605 66[1000] 772 92 833 942 5 1 053 237 403 558 89 858 962 73[10001 52063 284 368 423 89 508 830 89[1000] 710 49 53068 290 430 632 766 836 5 4219[600] 369 651 996 55047 202 351 668 716 938 66035 42 43 129 273 307 496 610 18 800 44 5 7 039[5000] 276 634 964 58025 45[1000] 48 226 366 612 52 622 759 939 96 59001 223 544 648 95[600] 828 60110 267 477 596 614 61097 128 277 437 661 978 8 2502 641 61 705 93 881 932 64 80 6 3364 510 22 629 761 64033 46 64 1500] 248 420 92 723 61 62 11000] 896 15 42 976 65110 15 29 208 92 341 406 flOOO] 83 641 93[600] 937«6053[6001 89 258[500] S40[3000] 679 931 40 87226[500] 42 814 404 77 735 6 8444 570 643 776 69178 81 220 44[1000] 636 779 70035 276 422 29 522 783 971 71010 284 548 74 771 843 89 939 72219 427 38 952 74 822 99 980 7S008 9[500] 45 410 29 47 641 797 807 024 31 74027 32 225 98 425 606 SO 79 00 779 95 994 96 75004 68 101 301 69 521 63 710[1000] 32 34 72 669 7 6051[30001 103 340 687 916 47 77003 123 754 1800] 850 044 7 8020 1600] 90 93 99 1900] 242 339 440 994 947 94 OO 7*299 301 441 49 9,9[1000] 094 L.QVLÄ VAS BA'/OB VS 5 B3 B1070 R» 3B3 Ott 431 620 OOtt 7.» B«Oa3 07 104»11 13 383 423 tittO C21«ft* 8BÖB7»72 07 1 1000� 310 734 040 50 fit B4330[5001 427 543 622 OO tt4\_tOO\ 700 004 85278 801 620 064 85008 100 254 71 404 84 08 02 [30001 528 66 058 833 87354 69 405 94 566 776 025 48 88042 162 256 89 378 013 743 854 73 919[3000] 89019 50 71 849 55 683 85 706 ■•«0219■[500] 378 599 721 314 22 905 41 O1300 423 613 636 78 93[3000] 716 839 62 867 77 97 92181 228[30001 98 351 99[500] 468[3000] 69 602 12 87 932 83139 79 86 270 77 306 607 67 756 73 867 951 «■»033 m 200 874 466 00 702 11 23(10601 81[808] 899 901 94 9 5008 128 648 656 67 957 78»«064 126 284 416 45 1500] 678 703[1000] 006 964 82«727» 334[500] 428[8000] 86 800 818 000 4«««054 677 799 801 4 5 1? 020 9 9350 606 38 42 84 /OO 648 o??0,4!-,134 64 3,68 84>2000] 91 442 604 14 656 805 998 10 1 004 79[500] 351[3000] 456 614 22 967 102026[1000] 78 83 303 35 412«3 49 SO 90 699 795 878[5001 940 1 03338 SS 444 68 679 614 25 28 35 867 104024 13000] 194 329 601 655 780 98 851[30001 66 929 40[1000] 105092[5001 104 82 [1000] 314 495 11009] 605[500] 652 770 956 83 1OO010 233 331[1000J 700 823 928 107088 107 414 636 39 650 831 993 1 08347 484 99 752[500] 109016 40 114 33 275 97 317 409 1500] 694 681 707 110159[1000] 322 431 57 666 80 868 111010 343 568[10001 639 744 76 92 859 62 996 112081 91 207 300 17[3000] 66 62 681 779 836 97[1000] 910 19 113040 64 76 225 87 89 431 586 683 773 114067 202 323 684 760 87 93 843[500] 115321 61 TS 618 24 38 928 116014 144[500] 60 414[1000] 19 95 660 54 tlOOO) 642[1000] 61 117122 63 672 110181 318 81 451 521[1000] 64 60 782[1000] 922 ll«01l 219 307[600], 437 608[500] 620 781[500] 815 32 68 63 79 e 120048 71 134 47 244 86 479[500] 742 998 121085 109[600] 202 352 417 31 79 814 79 027 122018[500] 50 117 95 249 485 608[1000] 63 619 043 84 1 23037 347 76 98 439 724 821 976 1 24166 77 245 427[30001 579 703 32 984 125142 201 330 463 654 809 89 98 126051 240 44 347 74 BOT[1000] 663 987 127065 80 131 65 325 98 532 60 654[1000] 69 702 39 911 95 128064 218 455 642 93[500] 604 19[3000] 74 720 74 956 125019 261 471 503 694 760 90 4. 130156 89 207 318 82 599 603 96 787 683 928 [30001 131133[500] 95 462 638 65[500] 78 786 811 85[1000] 955 132053 118 239 328 62 83 570 853 70 133000 9 12 48[500] 76 183 73 77 331 644 918 [500] 43 66 1 34029 52 163[506] 294 469 586[500] 637 853 913 135145 303 77 96 542 800 42 658 130047 134 350 438 517 603 799 821 137057 80 140 387 402 50 563 844 705 890 138413 75 577 757 818 [1000] 139126 95 331 498 644[500] 901 7 1 40275 324 08 417 26 662 832 33 818 14 1022 110 209 72 329[3000] 462 608[1000] 728 42 800 1 32[600] 142063[500] 150 66 81[1000] 201 10 85 345 59 63 87 460 521 659 834 63 05 696 143580 634 1 44140 244 495 747 810[1000] 974 145011 265 418 23 623 31 697 769 84 940[500] 146052 209 300 614 88 709 28 1 4 7607 96 169 88 258 487 531 881 148068[10001 78 82 310 605 711 620 983 149007 9 178 202 67 318 404 683 702 10 30 150369 403 870 89 151108 39 68 BT[500] 74 76 547 152126 34 201 316 63 63 76 534 676 153039 [600 J 44 82 204 87 642 86 785 876 77 1 5 4074 191 94 680 604[600] 70 720 86 842 49 942 1 5 5063 68 107[3000] 75 231 356 744 60 1 56267 88 377 494 627 710 813 36 057 86 157280 347[3000! 84 558 70 93 602 23 77[500] 734 69 91 096 1 58083 ISS»361 75 94 724 961 159234 41 523 617 61 85 729 63[600] 960 95 160048 71 280 328 77 442[1000] 92 549 85 95 618 751 828 161285 327 35 92 789 858[500] 162021 173 237 319 67 450 65 937 38 163109 20 92 95 208 27[1000] 305 456 558 837 905[600] 28 164015 115 73 213 23 378 468 564 78 764 849 165064 184 379 634 644 68 779 822 082 166062 120 266 305 66 445 694 187323 438 87 602 6 41[800] 739 903 1 68062 133 442 76 516 80 603 169065 242 93 447 717[1000] 170094 296 502 45 99 700 830 171129 93 300 35 414 24 601 811 27 46 77 172021 47 60 231 80 SSI 543 64 97 665 769 819 173042 58 92 181 214 494 562 775 838[10000] 174039 50 83[500] 450 504 37 44 97 657 823 175076 105 94 223[600] 53 433 50[500] 605 40 622 61 733[6001 42 039 176081 240 73 512 53 660 68 75 833 96 177017 246 337 711 29 881[6001 178024 210 BS 523 718 939 179050 100 23 87 iSOO] 221 407 72 Ol SB 704 884 983 81 180243 95 462 645»45 1 81171 ,81 310 23 110001 70 729 902 110001 102019 20 225 00 809 446 520 29 174 79 300 0 70 437 014 047»29 185104«l 79 290 ÖOO OO 000 74 80 008 718 4L 68 OOO ISBOla 70 407 Ol» 49 712 43 859[5001 77 89[8991 1*7 153 432 74 652 788 188077 184 203 390[1000] 406 45 63 .604 16 633 827 38 913 23 36 189047 80 198 222 310 .468 656[1000] 742 64 Im Gewinnrade verblieben 3 Prämien i" JOOOOO M. 2 Gewinne zu 600000, 2 zu 200000, 2 zu 100000, 2 zu ' 75000, 4 zu 50000, 2 zu 40000, 18 zu 30000, 28 zu 15000, 56 zu 10000, 128 zu 6000, 1850 zu 3000, 2910 zu 1000. 5330 zu 500 M. L'Ziehtinp: 5. Kl. 226. Kgl. Preuss. Lotterle.> Ziehung vom 17. Mal 1913 nachmittags, Auf Jede gezogene Hammer sind zwei gleich hohe Oe- wlnne gefallen, nnd zwar Jo einer auf die Loae gleicher Kammer In den beiden Abtellangen I and II Kur die Gewinne Ober 340 Mark aind den netreOenden Kummern In Klammern beigefugt. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verholen.) 202 413 807 093 9S 1000 37 250 697 725[3000] «02 981 2033 64 240 BS 336[1000] 610 764 860 91 3513 44 642 948 4133 523 761 808 976 5002 39 95 113 201 28 SO 322 466[1000] 535 728 844 909 52 97[500]«071 88 135[6000] 63 303 8 37 603 714 669 7091[500] 227[1090] 630 635 740 65 891 074 «044 101 46 231 301 440 820 994»076[3000] 134 [3000] 262 95 317 27[500] 4X3[500] 606 610-V 4 10261 354 77 617 765[600] 819 1X296 389 445 [500] 940 76 91[1000] 12361 77 604 87 87 1 3096 667 73 819 78[1000] 88 917 1 4114 40 232 864 499 [500] 705[1000] 11 15 80 902[3000] 60 15036 61 167[600] 315 91 432 511[600] 46 867 768[1000] ■l«01O 113 67 746 871 17308 830 65[16000] 814 55 996 18072 95 314 42 438 763 830 073- 19077 200 STD 435 606 66 64 TIS 34 848 915 64 78.. i - 20599 27 612 768 886[3000] 2 1 030' 274[500]> 418 625 96[500] Sil 61 SS 905 52 22174 92 335 99 SIS 77 23007 21 195[1000] 308 632 687 703 965 24288[1000] 362 77 96 456 578[1000] 670>46 61 64 644 25001[1000] SO 36 123 57 272 356 657 795 96 602 969 20016[ 500] 29 122 271 315 18 23 73 489 564[3000] 703 819 38 2 7068 231 654 947 2 8030 276 310 37 39 69 664[1000] 734 84 820 921 28072 163 246 64 344 617 721[500] 842«i* f '■' 30013 108 439 63[500] 800[3000] 76[3000] 908[6001 31169 348 65[500] 98 472 548 60 81 702 95 32003 36 421 69 71 524 69 623 34 708 25[500] 28 962 33095 207 18 95[1000] 383 608[600] 43 848 34025 34 68 86[500] 110 11 14 29 41 221 78 326 27 49 475 666 91 667 727 77[500] 83 3 5107 25 231 491 845 3 8275 418 74 640 834 73 941 80 3 7084 280 300 699 818[3000] 78 03 740 805 38019 37 112 215 46 <500] 338 76 406 39110 795 99 672[500] 904[600] 40024 34[3000] 92[1000] 151 269 687[6001 600 732 882 944 94 41011 120[500] 31 276 384 412 43 80 610 74 814 081 42010 27 138[500] 254[500] 333 427 761 849 972 94 43208 657 650 66 60 739 44122 364 68]3000] 97 412 65 92 600 8 684 740 960 95 46145 80 340 652 713 18 837 925 46282 334 61 76 594 719 886 983 47037 339 65 421 25 73 857 4 8215 303 23 433 72 643[1000] 67 73 81 989 49060 117 378 437 607 65 680 02 764 881 631 09[3000] 50C61 62 300 441 48 500[10001 37 62 695 718 88 826[600] 066 51048 91 297 340 611 83 85 650 95 785 830[500] 97 999 62128 83 284 452 58 72 694 690 786[1000] 834 7 4 5 3024 90 113 235 314 818 [1000] 940 54137 221 525[1000] 28 787 043 6 5023 241 77 612 71 802 921 56005 242 310 470 561 689 704 37 949 67[1000] 57115 334 43[500] 73[1000] 451 693 943 58019 120 274 81 05 327 80 91 614 31 93 828 61 64 S9500 639[500] 946 80 6 0311 81 782 89 97 845 940 6 1 091 119 88 479 896 919 58 8 2228 385 424 791 984 6 8436 40 61 619 766[500] 845[500] 981 64190 204 604 62 608[1000] 708 69 863 80.65033 65 107 342 90[500] 422 66023 SO 121 27 201[500] 488 640 652 82 797 949 67053 341 510 764 852 69 88 90[500] 907 58 6 8343 65 612 11000] 69089 138 275 311 97 449 77 666 70154 269 448 89[6001 668 71296 302 465 09 641 642 724 43 64 827 72106 343 466 605 771 909 73087 483 904 7 4026 168 238[10001 98 630 962 75053 106 209 18 314 B04 7 812 76011 264 329 419 630 81 94 7 7 083 101 320 30 84 IIOOOI 413 26 6B0 659 707 60 846 120001 06 022 78141[6001 87 266 373 550 606 39 632 033 7*075 78 03 tSOOl 274 847 448 81 00 649 604 60 »OOll 04 116 231 422 022»6 677 S6 110001 060 81007 140 67 242 70(OOO, 617 27 601 07 088 82132 303[10001 57 421 55 61 520 80 623 24 29 SO 80(50001 711[10001 803[600] 70 03285 369 83 658 76 636 784 (500| 890 I1C001 84221 330 634 621[50001 785 85040 407 623 34 90 644 93 86308 555 96 675 97 727 854 61 83 99 915 87032[5001 51 110 236 79 381 477 590 93 736 89[5001 933»8047 141 87[5001 94 216 33 46 82 369 411 18 24 550 602 7 19 45 819 615 67 88034 206 305 533 636 88 713 892 913 ft.»»0112 419 668 622 621 61 971 91188 SIS 45 311 [(38 69 99 634 80 919[600]»2X44 392 474 707 79 90 f6,00! 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Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Bvrioartj Buchdruckelei u. B« rlagSanstalt Paul Singer[».Co., Berlin LW. Hr. 114. 39. Aahrzauy. 4 SeilW des Jomätts" ßttlinet KldsM Jollnabeud, 18. Mai 1912. Hus Induftrle und Kandel. Die Kohleuvorräte Deutschlands. Der briannte Geologe Dr. Frech, Professor an der technischen Hochschule Breslau, hat eine neue Abhandlung über.Deutschlands Steinkohlenfelder und Steinkohlenvorräle" veröffentlicht(Verlag von Schweitzerbart. Stuttgart). Frech gab bereits 1900 eine viel be- achtete Studie:.Wann sind unsere Steinkohlenlager erschöpft?" heraus und behandelte dasselbe Thema 1909 in der Wolfschen.Zeit- schrift für Sozialwissenschaft". In seiner neuen Abhandlung berück- sichtigt der Verfasser die Ergebnisse der mittlerweile erfolgten Boh- rungen auf Kohle und die Angaben über die auf Grund sonstiger Aufschlüsse festgestellten oder geschätzten Kohlenablagerungen. Frech mutzte seine früheren Darlegungen in manchen Punkten modifizieren, schon weil die von ihm damals angenommenen Vorratsschätzungen auf voraussichtlichen Fördermengen basierten, die inzwischen teilweise bedeutend überschritten worden sind. Das trifft besonders für Nordamerika zu. Die dortigen riesigen Kohlenablagerungen werden viel rascher als Frech und andere an- nahmen, erichöpft sein, wenn die Förderung so rapide weiter erhöht wird wie seit 1990 und lein rationeller Abbau stattfindet. Die nord- amerikanische Kohlenförderung ist nämlich im ersten Dezennium des 20. Jahrhunderts von 244 aus 455 Millionen Tonnen gestiegen I Geht es in einem ähnlichen Tempo weiter, dann dürften die nord- amerikanischen Kohlenvorräte in einigen hundert Jahren— die größten Pessimisten schätzen nur zweihundert Jahre— erschöpft sein. Dagegen steigt die britische Kohlenförderung relativ wenig und da in den englischen Grafschaften neue, un- erwartet große Kohlenvorräte aufgeschlossen sind, so mutz für den britischen Kohlenbergbau eine längere als die früher geschätzte Dauer angenommen werden. Auf Grund eines reichen fachmännischen Materials ist Frech zu folgenden Berechnungen gekommen: Am schnellsten werden in Deutschland die Kohlenablagerungen im Königreich Sachsen und in Nieder schlesien erschöpft sein, nämlich in 70—100 Jahren. Ebenso schnell geht es mit den mittelfranzösischen und in höchstens 200 Jahren mir den nordenglischen zu Ende. Nach Ablauf von 200—500 Jahren sind die Kohlen- flöze im Saargebiet, in Mitielengland und in Nord- frankreich abgebaut. Die voraussichtliche Förderungsdauer im Aachener. im niederrheinisch- westfälischen Kohlenbecken, in Belgien und im österreichischen Schlesien-Mähren schätzt Frech auf 800—1000 Jahre. Die größten europäischen Kohleuablagerungen sind die im preußischen Oberschlesien; hier werden die Flöze für eine mehr als tausendjährige Abbauzeit ausreichen. Deutschland ist das weitaus koblenreichste Land Europas. Es wird in dieser Be- ziehung nur von Nordchina und Nordamerika übertroffen. Die ge- samten Kohlenvorräte(nur Steinkohlen find gemeint) Deutschlands berechnet Frech mit 162,22 Milliarden Tonnen! Allerdings sind hierin auch Vorräte in einer Tiefe bis 1500 Meter in Betracht ge- zogen, deren Abbau bei dem heutigen Stande der Technik unter- bleiben mutz. Soziales. Maßnahmen gegenüber den Terraingesellschaften. Die berechtigten Klagen über die hohen Mieten und ihre Steigerungen, namentlich in den zu Grotz-Berlin und anderen Großstädten gehörigen Vororten, sind in den Versammlungen des Propagandaausschusses mehrfach zu lebendigem Ausdruck gekommen. A.uch ist deutlich darauf hingewiesen worden, daß an diesen Hebel- ständen nicht allein die Hausbesitzer und die Bauunternehmer schuld sind. Es wurde vielmehr schon bestimmt darauf hingewiesen, daß diese allgemeine Verteuerung der Wohnungen und Wohnhäuser auf die künstliche Verteuerung des Bauterrains durch reiche Bodenspekulanten und Terraingesellschaften zurückzuführen ist, die, auf ihre großen Barmittel fußend, es schon frühzeitig verstanden haben, sich durch schlaue Manöver in den sicheren Besitz der später für die Bebauung durchaus benötigten Gelände zu setzen. Das Berliner Adreßbuch führt über 300 solcher Terraingesell. schaften und Geschäfte an. Manche von ihnen sind Tochtergesell- schaffen anderer Gesellschaften. Wir erinnern hier nur an einige bekanntere, wie die Bodenaktien-Gesellschaft Berlin-Nord, die Terraingesellschaft Rittergut Lichtenberg, die Terraingesellschaft Frankfurter Chaussee bei Berlin, die Zehlendors-Klcin-Machnower Terraingesellschaft A.- G., die Berlin-Spandauer Terraingesellschaft, die Tempelhofer-Feld-Terrain-A.-G. und die Berlinische Bodengesellschaft. Letztere hat auf ihr eine Million Mark betragendes Aktien- kapital sowohl für das Betriebsjahr 1910, wie für 1911 je hundert Prozent Dividende verteilt. Der verteilbare Reingewinn betrug 1911 1240 014 M.(1910: 1280 075 M.). Auch. andere Gesellschaften haben ähnliche kolossale Gewinne erzielt. Solche großen Gewinne bedeuten natürlich ebenso große Belastungen der be- treffenden Grundstücke schon vor der Bebauung. Die Bauunter- nehmer wollen aber auch verdienen, und ihre Abnehmer, die neuen Hauswirte, ebenfalls. Da kann man sich nicht wunder«, daß die Mieten in diesen neuen Grundstücken recht hoch sein müssen, und daß das Gelände beim Bau möglichst ausgenutzt wird; es werden meist so viel wie möglich Wohnräume geschaffen, die dann natürlich oft sehr klein ausfallen. Natürlich gehen fast alle anderen Haus- besitzer, deren Häuser nicht von vornherein mit so großen Terrain- Verteuerungen belastet sind und mit den durch letztere hervor- gerufenen Mietssteigerungen mit, wodurch die Mietssteigerungen allgemein werden. Die Mieter ihrerseits suchen die teuren Wohnungen möglichst auszunutzen, indem sie sich auf möglichst kleine Wohnräume be- schränken oder Aftermieter oder Schlafleute aufnehmen, was alles in gesundheitlicher wie in sittlicher Hinsicht Schädlichkeiten mit sich bringen muß. Spätere Generationen werden es ebenso unbegreiflich finden, daß die Gesellschaft den Privatbesitz an Grund und Boden duldete, wie heute die Kulturvölker die Sklaverei des Menschen für unmöglich halten. We diese Uobelständ« im heuttgen Wohnungswesen werden ja schon seit Jahren beklagt. Jeder wünscht ihre Beseifigung durch Verhinderung der Manöver der Terrainspekulanten, um damit eine allgemeine Verbilligung und Verbesserung der Wohnverhältnisse herbeizuführen. Aber da dieser Terrainerwerb im großen nur von sehr reichen Leuten oder Großbanken mit sicherem Erfolge durch- geführt werden kann, so ist es nicht so leicht, ihnen ihr Handwerk zu legen. Sie stehen ähnlich da, wie die Großagrarier, die durch ihre Beziehungen zur Regierung und ihre Vertretung in den Parla- menten sich in der Gesetzgebung Vorteil« zu sichern wissen, wie durch die allmählich noch erhöhten Einfuhrzölle auf Getreide und ähnliche Produkte, oder durch schikanöse Verschärfung der Grenzsperre für Schlachtvieh usw., wodurch das von ihnen produzierte Getreide usw. um ebenso viel über die Preise der Auslandsprodukt« verteuert werden können, als die Einfuhrzölle und Einfuhrkosten betragen. Aber während durch die Erhöhung der Getreideeinfuhrzölle die Reichskassen auch eine bedeutende Erhöhung ihrer Einnahmen er- zielen, erzielt weder das Reich noch der Staat durch die Duldung der Manipulationen der Terraingesellschaften eine wesentliche Ver- mehrung der eigenen Einnahmen. Denn die Wertzuwachssteuer- ertrage und Stempelabgaben sind, gegenüber den Einnahmen aus den Einfuhrzöllen, doch nur sehr unbedeutend. Was die Zulässigkeit einer gesetzlichen Behinderung solcher wucherischer Grundstücksauf- käufe im großen in den näheren oder weiteren Umgebungen größerer Städte— um solche wird es sich nur handeln— betrifft, so würde diese, wenn sie als im Interesse des Gemeinwohles liegend erkannt wird, sicher ebenso berechtigt sein, wie der Erlaß eines Ausfuhr- Verbotes landwirtschaftlicher usw. Produkte im Fall einer fast völligen Mißernte im eigenen Lande. Mus der frauenbewegung. Frauen, Boykott und Fleischermeister. Unsere Notiz über die Teilnahme der Frauen am Fleischer- bohkott in Vjfjesack erregt den Zorn der biederen Fleischermeister so .sehr, daß sie nicht nur den„Vorwärts", fondern auch Arbeiterfrauen schlechthin beschimpfen. Die Empfindlichkeit der„Demschen Fleischer- Zeitung" verstehen wir recht gut; fürchten doch die Fleischer, daß der Boykott in. Neukölln durch die Unterstützung der Arbeiterfrauen einen ebenso erfreulichen Verlauf nehmen könne wie der in Vegesack. Also pöbelt ihr Organ:„Was für Blüten edler Weiblichkeit auf diese Weise gezogen worden sind, kann man in jeder sozialdemo- kratischen Versammlung beobachten. Man kriegt dann einen Respekt vor diesen Genossinnen und kann sich sehr wohl denken, daß der be- kannte Schillersche Vers, der die Frauen in der Revolutionszeit schildert, auch von diesen Damen gelten würde."„In der Tat, so eine sozialdemokratische Hausfrau hat ja nicht für Mann und Kinder zu sorgen, zu kochen und reinzumachen, sondern muß der Partei dienen. Der Mann kann in der Destille essen, die Kinder werden in der Schule abgefüttert, dürfen sich auf der Straße herum- tummeln, und die brave Gattin und Mutter steht tagsüber Streik- Posten und geht abends in Versammlungen.".„Wir zweifeln gar nicht, daß sich solcher Pflanzen genug finden werden, aber hoffentlich werden die dadurch belästigten Meister und d i e Polizei im Verkehr ihnen gegenüber keine GlacHs anziehen, sondern sie so behandeln, wie sie es ver- dienen." Durch Drohungen haben sich Arbeiterinnen und Arbeiter noch nie einschüchtern lassen. Di« Unterstützung der für ihre Ar- beitsbedingungen kämpfenden Genossen durch strengste Befolgung des Boykotts in Neukölln ist eine Ehrenpflicht der Genossinnen! Die bürgcrltche Frauenbewegung am S�rrnewege. Die Scheidung zwischen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung ist längst vollzogen. Die Klassenlage schafft stärkere Bande als Geschlechtsgemeinschaft. Die Unentschiebenheit der bürgerlichen Frauen gerade in den Fragen, die di« soziale und politische Gleichstellung beider Geschlechter betreffen, zwang uns dabei zu einer Kampfesstellung, obgleich wie lieber nur ein wohlwollendes Verfolgen der getrennt Marschierenden geübt hätten. Inzwischen haben sich innerhalb der bürgerlichen Frauenwelt Gegen- sätze gebildet, die durch das Einströmen der reaktionären Frauen erklärt werden. Heute hat sich die Reakfion mit der Frauenbewegung abgefunden und sucht sie den eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Die Frauen kämpfen bereits im eigenen Lager gegeneinander. In der Frage des politischen Mittels werden sich wahrscheinlich auch hier die Geister scheiden. Innerhalb des Frauenstimmtechtsverbandes z. B. soll eine starke Strömung gegen die in den Satzungen erhobene Forderung des allgemeinen Wahlrechts Sturm laufen. So sind uns die wehmütigen Worte der sympathischsten und ehrlichsten unter den bürgerlichen Frauen- rechtlerinnen, Frau Minna Cauer, verständlich._ In ihrem Organ„Die Frauenbewegung"(Nr. 10) knüpft sie folgende Be- trachtungen an unseren Frauentag, der mit der Tagung der natio- nalliberalen Partei zusammenfiel: „Am Sonntag, den 12. Mai, fanden zwei Tagungen in Berlin statt, die eine war der Vertretertag der nationalilberalen Partei, die andere, welche allein in Berlin und Umgegend 32 Versamm- lungen umfaßte, war der zweite sozialdemokratische Frauentag, der jedoch nicht nur in Deuffchland, sondern auch in Oesterreich, in der Schweiz, Holland, Dänemark usw. stattfand, also eine internationale Kundgebung bedeutet... Von den Nationalliberalen hin zum sozialdemokratischen Frauentag— von den Satten zu den Hungerigen. Von einer Partei, in welche auch seit kurzem die satten Frauen eintreten können, zu jener Partei, welche die Frauen als ihre gleichberechtigte Genossinnen ansehen, um mit ihnen zusammen sich diejenige Macht zu erobern, die ihnen die Möglichkeit gibt, nicht nur von den Brosamen zu essen, die von des Herrn Tische fallen, sondern die mit am Tische sitzen wollen, die für sich und ihre Kinder ein menschenwürdiges Dasein nicht allein zu erringen versuchen, sondern für volle Freiheit und Gleichberechtigung beider Geschlechter im StaatSleben kämpfen, um auch ihrerseits zur vollen Entfaltung all ihrer Gaben und Kräfte kommen zu können. Freie Bahn für alle, lautet dabei die Losung!... „Aus zwei Welten!" so sagte ich mir, als ich in den lachenden sonnigen Maientag auS diesen beiden Versammlungen durch die wogende Sonntagsmenge der Millionenstadt hindurchschritt. Da gingen sie an mir vorbei die Menschen, die Satten und Hunge- rigen, die Frohen und die Traurigen, die Sorglosen und die Kämpfenden, die im Luxus Schwelgenden und di« Mühevoll- beladenen! Gedanken eigener Art wollten mich nicht verlassen. Muß diese Welt so voller schreiender Gegensätze sein und muß sie, kann sie so bleiben und wessen Schuld ist das alles? Aber noch eins bannte mich: Die Frauenbewegung hat stolz, einst verkündet in ihrem Anfang„das Recht für alle", und ihre Gründerin, Luise Otto Peters, sprach den Satz aus: Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen! Wohin ist aber die Frauenbewegung geraten.? Sie vertritt weder das eine noch das andere mit Kraft, noch viel weniger mit Idealen, Festigkeit und Einigkeit. Die bürgerliche Frauenbewegung beginnt sich der Welt der Satten und Gesättigten zuzuneigen, doch die Verhältnisse sind stärker als die Menschen. Es werden Kräfte aus den erwerbstätigen Frauen erwachsen, die von neuem die Ideen der Frauenbewegung vertreten werden in voller Kraft, mit neuen Idealen und mit freudigerer Kampfeslust für Freiheit und Gerechtigkeit. Dann werden manche harte Gegensätze schwin- den, die zwischen diesen beiden Welten bestehen. Die bürgerliche Frauenbewegung aber hat die große Aufgabe, sich auf ihre Grund- sätze und Ziele zu besinnen, wenn sie nicht in sich zerfallen will. Sie könnte leicht, und es liegen Anzeichen dafür vor, das Schicksal der nationalliberalen Partei haben; daß sie nach außen hin scheinbar geeint, ja vielleicht glänzend dasteht, aber innen schon viele? hohl und morsch geworden ist. Mögen dann auch Führerinnen, wie der Führer der National- liberalen, noch so die EinerseitS-AndererscilS-Jmmerhin-Theorie und -Praxis vertreten, und vortrefflich in ihren Reden ausführen— der innere Kern ist nicht mehr echt. Die bürgerliche Frauenbewegung steht a» Scheidewege, das muß sie sich klarmachen— auch in i h r zeigen sich zwei Welte n." Die alte Stiller-Firma eröffnet heute Sonnabendj nachm. 5 Uhr, eine weitere Verkaufssteile Chaussee-Sfr, 114-15 Ecke Invaliden-Strasse, nahe dem Steftiner Bahnhof. Gegr. 1867 Wwstwaren Zwlebe!- od. Rotwurst.... Pfand 55 � Landleberwurst............ pmnd 85 fl Rotwurst I.................... Pfand 85 pf. ff. Leberwurst.............. Pfand 1.05 Jagdwurst....................?° 1.10 Rouladenwurst.............. �1.10 Cemelat- od. Salamiwurst..... Pfand 1.25 Schinkenspeck............. ptandl.1 5 Nusschinken................. 1.25 "Frisches Gemüse Spinat........................ 4 Pfand lOkt. Kopfsalat.................... 10 pl Junge Schoten............. Pfand 25� Junge Mohrrflben.......... Band 15? A.Dandorf&€ Belie-Aiiiancestrasse Gr. 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In Frage kommen: Stellmacher, Schmiede, Schlosser, Lackierer und Sattler. Zuzug ist streng seruzuhalieu. 176/8» Die Streikleitung. Nr. llä. 29. Iahrgüvg. 5. Snltze des Jotmärts" Knlim Pollislilatl Sonnabeud, 18. Mai 1912. partei- Hngelegenbeiten» Lichtenberg. Sonntag, den 19. Mai: Gemeinsamer ftamilien- ausflug nach Friedrichsfeld?. Treffpunkt für Nachzügler 4 Uhr nach- mittag» im Schloßpark in Friedrichsfelde. Mnhlsdsrs fOstbahn). Heute Sonnabend, den 18. Mai, abends LVz Uhr: Bersanunlung des Wahlvereins im Lokale des Herrn Anders, Bahnyvfftraße. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskuinon. 3. VercinSangelcgenheitcn. Die Bezirksleitung. Bernan. Sonntag, den 19. d. Mt.s, findet in Lanke im Saale de? Parkschloß eine«ffentliche Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Die Wehrvorlage. 2. Die Vergewaltigung unserer Vertreter im Landtag. Ncfercnt: Arbeitersekretär Emil Woldt-Berlin. Die Ge- nosien iowie die Genossen werden ersucht, sich zahlreich an der Ver- samnilung zu beteiligen._ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbten. • Dtr Himmelsahrtstag, der Vertraute so vieler Landpartie- geheininisse unberingter Ehemänner, hat seiner landläufigen Bedeutung nicht die gewünschte Ehre angetan. Die meisten „Herrcnprojekte" fielen unter der Lieblosigkeit des grau in grau getauchten, stundenlang seine Schleusen öffnenden Hirn- mels ins Wasser. Zur Freude aller Mucker, die nicht be- greifen wollen, daß die freie, ungebundene, ewig schöne Natur die Kirche der Massen ist. Und die Tausende, die es trotz des »nstcheren Wetters am Nachmittag, als Frau Sonne ein ver- schämtes Lächeln aussteckte, doch hinaustrieb in die Felder und Wälder, haben sich erbaut an dem im feinen Sprühregen mächtig sprossenden Segen des Frühlingskindes. Fast zu- sehen konnte man, wie die jungen, kraftgefüllten Knospen sprangen, die durstgestilltcn Blattriebe sich dehnten und reck ten, die grünen Frühlingsfarben in allen Schattierungen spielten. So kamen schließlich auch die Vorsichtigen, die wenigstens auf dem Balkon hinter der dampfenden Kaffee könne saßen, trotz des ungnädigen Himmels zu ihrem Erden fahrtsrecht. Alles, was arbeitet, freute sich, auch mal wieder in der Woche einen Tag„blau machen" zu dürfen. Aber man merkte doch schon, daß das große Weltsrühlingsfest, das der um ihre Schäfchen jammernden Kirche nur noch historisch ge- hört, dicht vor der Tür steht. Die ganz Schlauen, die an weise Einteilung des Verdienstes gewöhnt sind, hielten den Daumen auf den Beutel und bauten Luftschlösser für Pfingsten. Dcr flüchtige Magistratösekrctär Hülsen Hot sich nach einer gestern vormittag eiiigcloufeiien Mitteilung der Kriminalpolizei in Dessau im Hotel zum goldenen Löwen erschossen. Hülsen halte bei seiner am Miitwochmorgen durch den zuständigen Revisor im Zimmer des Rendaulcn der Sladthanplkasse erfolgte» Bcruchmuug gebeten, mal ouslrcleu zu können. Diese Bitte wurde ihm genehmigt; gleich- zeitig war dein auf dem Kassenflur der-Stadlhauptkasse postierten Kriminalschiiymann die Weisung gegeben, Hüllen im Auge zu be- halten. Dieser sah Hülsen die Relirade verlassen und folgte ihm in einer gewissen Entfernung. Durch einen der verschiedenen Ausgänge ist Hülsen dann auS dem Rathaus verschwunden, ohne daß der ihm solgende Schutzmann dies bemerkte. Auf diese Weise hat sich Hülsen seiner Verhaftung entzogen. Die Antwort des ncugcwählten Oberbürgermeisters auf die Mit teilung von der erfolgten Wahl ist, wie nicht anders zu erwarten war, recht höflich gehalten und wird auch sofort in den Zeitungen veröffentlicht. Sic lautet: »Den Herren Stadtverordneten zu Berlin beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom IS. d. Mls. ergebenst zu erwidern, daß die Wahl zum Ersten Bürqernlcister von Berlin mich mit lebhafter Freude und aufrichtiger Dankbarkeit erfüllt. Ich betrachte es als eine große Auozcichmiiig von der Reichshauptstadt aus zwölf Jahre an die Spitze der Verwaltiiiig berufen zu sein und werde nach besten Krätleii virluchen. den dadurch an mich herantretenden Anforde« ruiigcn im herzlichen Einvernehmen mit der gesamten- Bürgerschaft geieait zu werdcii.�DciNiiach nehme ich die Wahl unter den mir mitgcleillcii Bedingungeii ag. Hochachiimg ganz ergebenst Mit dein Ausdruck ausgezeichneter Wermuth. Hoffentlich»e hiiicn die fortgesetzten Versicherungen des Herrn Wernmtb, das Beste für die Stadl Berlin zu tun, bald ein Ende. Mil Selbstversiänollchkeiten locki man heute keinen Hund hillterm Ofen hervor. Nur Talen beweisen I � AuS der Praxis eines prügelnden Pädagoge«. Lehrer viid Lehrerinnen, die mit ihren Zöglingen nicht ohne Hiebe fertig werden können, sollten immer wieder' daran erinnert werden, welche Bedenken man gegen dieses vielgepriesene Allhcil- mittel habci. muß. Da weder hie Schulbchördcn, noch die Lehrer- blätter cZ für nötig halten, die Lehrerschaft durch immer wieder- holte Hinweisung auf Einzelfälle aus der Praxis prügelnder Kol- legen und Kolleginnen über die Gefahren des Prügeliis zu belehren, so fällt diese Aufgabe dem„Vorwärts" zu, dessen Veröffcnilichun- gen ja in Lehrerlreisen nicht unbeachtet bleiben. Zur Warnung für alle, die es angeht, wollen wir heute die Aufmerksamkeit auf eine Prügclmeihode lenken, die zu einer schweren Gefahr für die Gesundheit des ge- prügelten Kindes werden kann. Früher war es üblich, daß ein prügelnder Lehrer so einen Jungen beim Kragen packte. ihn über den Tisch zerrte und ihm die Hosen stramin zog. um ihm seine Tracht Hiebe aufzuzählen. Diesen wegen seiner Einfachheit einst sehr beliebten Brauch hat man in neuerer Zeit wohl ziemlich allgemein abgeschafft, verinuilich im Hinblick aus die lebensgcfähr- lichen Verletzungen des Unterleibes, die dabei zu befürchten sind und früher tatsächlich vorkamen. Heutzutage soll ein Junge, der seine Prügel in Empfang zu nehmen hat, sich frei hinstellen und in gebückter Haltung dem den Rohrstock schwingenden Lehrer das Gesäß darbieten. Das Verfahren hat seine Mängel insofern, als oft d-r zu prügelnde Sünder sich nicht nach Wunsch bückt und die Hose nicht so vollständig strafft, wie der Lehrer es zur Sleigrung des Eindrucks seines Erziehungsmittels für nötig hält. Dieser Uebelstand, der von manchen Lehrern als sehr störend empfunden wird, fällt weg. wenn ein Lehrer den Delinquenten sich über «inen Stuhl legen läßt. Es ist aber klar, daß hiermit wieder, wie früher, die schwere Gefahr innerer Verletzungen des Unterleibes verbunden ist. Eben das ist für uns der Grund, bor dem Verfahren öffentlich zu warnen. Uns wird mitgeteilt, daß es sich noch erhalten habe in der Pingelmethode eines Lehrers Gerson, der an der 29 b. Knaben-Gemeindeschule(Lcvctzowstraße) in Kl a s s e V O unterrichtet. Herr Gerson läßt Jungen, die er mit dem Rohrstock erziehen will, sich über einen Stuhl legen, wobei sie obencin mit den Händen die Hosen straff ziehen müssen. Die Jun- gen liegen bei solche., Prügelexekuiioncn schwer mit dem Bauch auf dem Stuhl auf, weil sie der Möglichkeit.beraubt, sind, sich mit den Händen zu stützen. Da Herr Gerson schon über ein Viertel- jghrhuude.rt im Lehramt steht, so ist er im Unterrichten wie im Prügeln längst kein Neuling mehr und könnte mithin wissen, wie gefährlich sein Verfahren ist. Kürzlich Hai er in dieser Weise einen Jungen geprügelt, der im letzten Herbst eine Blinddarmentzündung durchgemacht hatte und daher vom Oktober bis zum April vom Turnen dispensiert worden war. Der Junge hat seinen Eltern angegeben, zunächst habe er, nachdem er in der Nechenstunde eine Zahl vergessen hatte, von der er eine andere abziehen sollte, nur einen Hieb bekommen. Weil er aber die Hose nicht straff genug gezogen habe, sei dann noch ein zweiter Hieb hinzugefügt worden. Diese beiden Hiebe müssen mit beträchtlicher Heftigkeit geführt worden sein; denn bei der am folgenden Tage durch einen Arzt vorgenommenen Untersuchung des Jungen ergab sich eine aus- gedehnte Schwellung, so daß es anscheinend nicht mehv möglich war, die einzelnen Striemen voneinander zu unterscheiden. Der Arzt bescheinigte, der Junge habe auf dem Gesäß„lauter Strie- men" und„eine dunkelblaurot verfärbte Schwellung, die beinahe handtellergroß ist". Auch fügte er hinzu:„Ich kann darin nur Zeichen einer über das Maß hinausgehenden Mißhandlung finden." Rektor Dank, den die Eltern durch die Großmutter des Jungen von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen ließen, schickte den Jungen noch zum Schularzt. Dieser bescheinigte, daß der Junge etwa 3 bis 4 Tage nicht werde auf der Schulbank sitzen können. Die Eltern schickten ihn dann erst am sechsten Tag wieder zur Schule. Der prügelnde Lehrer hätte noch sehr viel Schlimmeres an- richten können als das, was die beiden Aerzte bescheinigt haben. Daß der Junge eine Blinddarmentzündung durchgemacht hatte, wird ihm nicht bekannt gewesen sein. Aber auch bei völlig gesunden Kindern sollte jeder Lehrer sich hüten, sie in dieser Weise sich über den Stuhl legen zu lassen. Im Interesse der Kinder, die in Herrn Gcrsons Klasse sitzen, müssen wir allen Eltern raten, ge- gebenenfalls die Schuldeputation um Schutz anzurufen. Es mutz, solange das Prügeln leider noch erlaubt ist. darauf gedrungen werden, daß wenigstens diese Prügelmethode streng- stens verboten wird. In dem vorliegenden Fall hat übrigens der Rektor sich willig gezeigt, auf die ihm von der Großmutter vorgetragene Beschwerde einzugehen. Zu einer Unterredung zwischen der Großmutter und dem Lehrer kam eS indes nicht. Ter Versuch des Rektors, eine solche herbeizuführen, schien an dem Widerstand des Lehrers zu scheitern. Unterspülung von Straßcnbahngleisen auf dem Tcmpelhofer Felde. Hipter dem SteucrhäuSchen auf dem Tempelhofer Felde entstand gestern nachmittag dadurch eine Verkehrsstörung von etwa I V« Stunde, daß ein auf einem dort befindlichen Neubau verlegtes größeres Wasserrohr plötzlich barst. Unter starkem Druck ergossen sich infolge- dessen ungeheure Wasscrmassen aus den Fahrdamm der Tempejhofer Chaussee und der Bellealliancesiraße und unterspülten die Straßen- bahngleise in kurzer Zeit, so daß der Verkehr in der Zeit von 3 Uhr bis 4 Uhr IS Minuten nur eingleisig aufrechterhalten werden konnte. Hierdurch erlitten die Züge der Linie» 79, 73, 99 und 99 vorüber- gehende Verspätungen. Kurz darauf konnte der Betrieb in vollem Umfange wieder hergestellt werden. Wegen Heiratsschwindeleie» festgenommen wurde der Bäcker Hermann Fleischer, der sich wohnungS» und arbeitslos umhertrieb. Weil er jedoch einen guten Eindruck machte, fiel eS ihm nicht schwer, mit schon etwaS angejahrten Damen Liebeleien anzuknüpfen. Er erklärte sich immer gleich bereit, mit den heiratslustigen Mädchen den Bund der Ehe zu schjießen. Dasselbe hatte er fünf Mädchen versprochen, mit denen er zur gleichen Zeit Verkehr unterhielt. Unter diesen war einS, das mit Gewalt auf die baldige Verheiratung drang und immer um ihn herum war. Ein anderes Mädchen, da» gleichfalls nicht von ihm lassen wollte, nahm ihn in seine Wohnung. Inzwischen waren bei der Polizei von mehreren Mädchen Anzeigen eingelaufen, denen er unter Heiratsversprechen ihre ganzen Ersparnisse ab« geschwindelt hatte. Eine schrieb auch, daß er sich bei seiner neuen Braut ausholte. Als die Kriminalpolizei dort erschien, wurde ihr aus ihr Klopfen zuerst gar nicht geöffnet. Nach einer Weile machte seine Geliebte de» Beamten doch die Tür auf, leugnete aber hart- näckig, daß der Gesuchte in ihrer Wohnung- sei. Eine Durchsuchung ihrer Wohniliig verlief auch zuerst erfolglos. Als man aber den ttleiderschrank öffnete, fand man in' demselben außer Berten. Kleidern nsio. auch den Schwindler. Er war so gut verpackt worden, daß ihm fast der Atem ausgegangen war. Bon einem schweren Unfall wurde Donnerstag nachmittag gegen b Uhr der 67 Jahre frühere Gesandte am Vatikan F r e i h e r r W o f r a m v. Rotenhan betroffen. AIS er seine Wohnung in der Keithstraße 14 kaum verlassen hatte, wurde er beim Ucber- schreiten des Fahrdammes von einer Automobildroschke erfaßt und zu Boden geschleudert. Er fiel so unglücklich, daß er sich«inen schweren Schädelbruch zuzog. In bewußtlosem Zustande wurde er nach der Unfallstation am Zoologischen Garten gebracht, wo er die ersten Notverbände erhielt. Dann wurde er mit einem Kranken- wagen des Verbandes für erste Hilfe nach der Privaiklinik dcs Professors Dr. Israel in der Augsburger Straße gebracht. Sein Befinden gibt zu ernsten Besorgnissen Anlaß. In der Nacht mutzten ihm mehrfach Morphiumeinspritzungen gegeben werden. Freiherr Rotenhan ist unverheiratet. Die Schuldfrage an dem Unfall ist noch nicht aufgeklärt. AuS Versehen seine Mutter erschossen hat Donnerstag nachmittag der 29 Jahre alte Arbeiter Fritz Thiem aus der Huttenstraße 9. Die 47 Jahre alte Miwe Klara Thiem wohnte seit 1. April d. I. mit ihren vier Kindern, von denen zwei noch schulpflichtig sind, im vierten Stockwerk des rechten Seitenflügels. Den Lebensunterhalt für die Familie erwarben die beiden ältesten Söhne der Frau, der 29 Jahre alte Arbeiter Fritz und der um zwei Jahre jüngere Arbeits- bursche Richard. Auch die Mutter verdiente noch nebenbei durch Reincmachearbeiten. Da die Söhne immer ordentlich waren und pünktlich ihrer Arbeit nachgingen, kamen die Leute auch ganz gut aus. Donnerstag wurde ihr Familienglück plötzlich durch einen Unglücksfall zerstört. Richard und Fritz Thiem beabsichiigien, nachmittags mit ihren Freunden einen Ausslug zu machen. Zu diesem Zweck wollte Fritz das Kursbuch vom Küchenrahmen nehmen. Bei dieser Gelegenheit fiel auch ein ganz kleinkalibriger Revolver, der mehr einem Spielzeug ähnelt und auf dem Kursbuch gelegen hatte, zur Erde, entlud sich und die Kugel drang der in der Küche be- schäftigten Mutier mitten ins Herz. Sie brach sofort zusammen und hatte trotz der kleinen Wunde, die das Geschoß angerichtet hatte, einen so starken Blutverlust, daß sie starb, noch ehe ein Arzt zur Stelle war. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht und Fritz Thiem, dem das Unglück passiert ist. nach dem Polizeipräsidium übergeführt. Hier war der junge Mann, der stets an seine Mutter gehangen hat, vollständig zusammengebrochen. Er erzählte, daß er die kleine Waffe vor vier Wochen auf der Straße gefunden und, ohne nachzusehen, ob sie geladen sei, auf den Küchenrahmen gelegt habe. Seit dieser Zeit lag sie dort, ohne daß sich jemand um sie gekümmert Hütt«. Auch jetzt ist sie nur durch diesen unglücklichen Zufall heruntergefallen. Weil der Verhaftete einen durchaus glaubwürdigen Eindruck macht und ihm von allen Seiten das beste Zeugnis ausgestellt wird, wurde er heute vormittag wieder auf freien Fuß gesetzt. Selbstmord eines Hoboisten. Ein Opfer des Spiels ist der 3Sjährige Feldwebel Otto Rondel vom Königin» Elisabeth-Garde- Grcnadier-Regimcnt geworden. R. war ein sehr begabter Musiker und infolgedessen viel ptivgtim beschäftigt. Da ex außerdem einer wohlhabenden Familie entstammte und von seinen Eltern regelsmäßig unterstützt wurde, befand er sich in guten finanziellen Vev- hältnissen. Seine großen Einnahmen verleiteten den Junggesellar jedoch leider dazu, in ausgedehntem Matze dem Glücksspiel zu huldigen. Er war ständiger Gast in einem in Spielerkreisen be» kannten Restaurant am Friedrich-Karl-Platz in Charlotienburg, wo sich täglich mehrere wohlhabenden Hausbesitzer und Rentiers, aber auch Unteroffiziere einfanden, um zu mauschein oder anderen Glücksspielen zu frönen. Randel hat nun beim Spiel i» letzten Zeit, das sich sehr oft bis in die ftühcn Morgenstunden ausdehnte» ganz erhebliche Beträge verspielt. Er war dadurch in groß« finanzielle Schwierigkeiten geraten. Aus Verzweiflung hierüber: verübte der Feldwebel Selbstmord, indem er sich in seiner Wohnung» Garde-du-Corpsstraße 17 in Charlotienburg, vorgestern mit Salz« säuve vergiftete. In dienstlicher Beziehung hatte sich der Ver- storbene nicht das geringste zu schulden kommen lassen. Auf einen Kinbesmord läßt ein schauerlicher Fund schließe�. den gestern das Dienstmädchen einer Bewohnerin des Hauses Motz« straße 83 machte. Als das Mädchen vormittags gegen 19l4 Uhr über den Hof ging, sah sie in einem Schuttkasten, den augenblicklich dort arbeitende Töpfer neben den Müllkasten hingestellt hatten, ein Wut» durchtränktcs Packet liegen. Sie öffnete dieses und fand darin die Leiche eines neugeborenen Mädchens. Sie war in ein Frauen« Hemd und eine Gardine eingewickelt und erst vor kurzer Zeit dort» hin gelegt worden. Man machte der Revierpolizei von dem Fund« Mitteilung, die die kleine Leiche nach dem Schauhause bringen ließ. Die Suche nach der Mutter war bisher erfolglos. Allem Anschein nach ist das Kind gleich nach der Geburt fest eingewickelt worden und dadurch erstickt. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich am Himmel» fahrtstage gegen 4 Uhr nachmittags am Blücherplatz. Dort wollte das 22jährlge Fräulein Johanna Ort aus der Zimmermannstr. 3 in Steglitz vor dem Hause Nr. 1 das Gleis unmittelbar vor einem nach Neukölln fahrenden Straßenbahnzug der Linie 7 ül'erschreiten,. Obwohl der Führer des Bahnwagens alle ihm zur Verfügung: stehenden Bremsmiitel anwandte, wurde Fräulein O. umgestoßen und geriet mit dem Oberkörper unter den Schutzrahmcn. Mit Hilfe von Passanten wurde der Wagen angehoben und die Verun- glückte befreit. Die O. hatte einen Schädelbruch und innere Ver» letzungen erlitten und wurde in bedenklichem Zustande nach dem Urban-Krankenhause übergeführt.— Beim Verlassen eines fahrenden Straßenbahnwagens ist Donnerstag abend der Hospiialist Friedrich Braumüller, der in dem Filialhospiial der Stadt Berlin� Berliner Straße 128 in Reinickendorf, wohnt, verunglückt. B. sprang: trotz der Warnung des Schaffners von einem bereits in der Ansahrt zur Haltestelle befindlichen Wagen der Linie 31 in der Schorn» weberstraße ab und stürzte so unglücklich auf das Straßenpflaster, daß er eine kläffende Kopfwunde und eine Verletzung am Kinn erlitt. Der Verunglückte wurde nach seiner nahen Wohnung gebracht. Radrennen M Olympia-Park. Das Progranim am Himmel- fahrtstag bescherte den Besuchern fast ausschließlich Daucrrcnnen mit einer Besetzung von 13 Fahrern. Drei Vor- und zwei Hoff» nungSIäufe über je 19 Kilometer stellten mit ihren jeweiligen Siegern die Teilnahme zum Jimmy Michael-Preis über 59 Kilometer fest. Demke, Guignard, Rhscr, Schcuermann und Walthour waren die Starter zu diesem Rennen. Letzterer hat die Führung vor dem Franzosen Guignard; Demke, der schlecht in Schwung kommt, büßt schon in der 6. Runde eine Bahnlänge ein und fällt auf den letzten Platz. DaS Rennen machen zuerst nur Guignard und Wathour unter sich aus, da Ryser und Scheuermann nicht schnell genug sind. Demke legt dann ein flottes Tempo vor und arbeitet sich auf den dritten Platz. Bei einem Angriff des Franzosen auf Walthour in der S2. Runde bleibt der Amerikaner zurück und muß auch noch Demke vorbcilassem der dem in Bahnrekordzcit fahrenden Franzosen leicht folgt. In der 98. Runde verliert Walthour die zweite Runde; Demke ist im Begriff, den Amerikaner abermals anzugreifen, als der Treibriemen seines Motors reißt; ehe Ersatz zur Stelle, hat der Berliner mehrere Runden eingebüßt. Er kann bis zum Schluß den Amerikaner noch einmal passieren, endet aber auf den dritten Platz.— Die Sieger der Vorläufe, Walthour, Guignard und Scheuermann, bestreiten ein Match über 10 Kilometer, das Guignard als Sieger sieht.— Auch die Fliegerrennen brachten hübsche Kämpfe bei guter Besetzung. Der Besuch war schwach. Der nach Fälschungen von tclegraphischcn Postanweisungen flüchtig gewordene Telegraphenassistcnt Fritz Blunck wurde gesiern nachmittag verhastet, als er Unter den Linden spazieren ging. Um 2Vg Uhr sah ihn dort ein Bekannter und machte die Polizei auf ihn aufmerksam. Auf der Wache wiederholte der Verhaftete dasselbe. was er in dem Briefe an seine Eltern geschrieben hat. Er schiebt alle Schuld auf Rabe und will nur durch ihn zu den Verfehlungen verleitet worden sein. Er gab noch an, daß Rabe den größten Teil des Geldes unter einem englischen Doppelnamen bei einer hiesigen Bank hinterlegt und den Depotschein einem Rechtsanwalt übergeben habe. Ein Fahrradmardrr treibt im Norden Berlins wieder einmal sein schändliches Gewerbe und leider immer wieder mit Erfolg. So ist am Freitagabend b'/, Uhr dem Tischler P. Knoche, Rodenberg- straße 34, in einem unbewachten Augenblick sein Fahrrad vom Hof gestohlen worden. Der Dieb ist vielleicht 19—18 Jahre alt und war bekleidet mit blauem Jackett und heller Mütze. Da» Fahrrad weist folgende Merkmale auf: Niedriger Rahmen mit Firmenschild HornradVeder 34 Jahr« alt, an Lungentubcr- kulosc. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittag» 3'/, Uhr, aus dem Sophien-Kirchhos, Freien- walder Slrasje, statt. Um rege BeteUigung ersucht 17l/13 DI» Ortsverwaltung. Deutseher Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler k�ritz Marienfeld Müncheberger Str. 22, im Aller von 63 Jahren gestorben ist. Ehre feinem Andenken l Die Beerdigung findet Sonn- lag, den 19. Mai, nachmittag» 3 Uhr, von der Halle de» Andreas» lirchhos«inWiIhcim»bcrg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 83/l6 Tie Orisvermaltuiig. Am Donnerstag, den 16. d. M. entechliek sanft nach kuraem, schwerem Leiden meine liebe Frau, unsere gute Mutter, Schwester, Schwägerin und Xante Wilhelmine Matthes geb. Stuhxmann im 33. Lebensjahre. Dies zeigt tiefbetrübt an Im Namen der Hinterbliebenen Ferdinand Jlatthee. Die Beerdigung findet am Montag, den 20. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Zentralfriedhofes, FriedrichSfelde, aus statt. 1728b Allen Freunden, Verwandten und Bekannten die traurige Nach« rtcht, daß mein lieber Mann, der Gastwirt Karl Lehmann Wiener Str. 1-6 am Dienstag nach kurzem Kranken- lager sanst entschlasen ist. Die» zeigt, mit der Bitte um stille Teilnahme, tiesbetrübt an Die trauernde Gattin Hartha lichmann. Die Beerdigung sfindet am Montagnachmittag 4 Uhr von der Halle des Zentral-Friedhose» in Friedrichsjelve an« statt. 1718b Sohlleder. Schäfte, Leisten. Rühl, Schöneberg, Bahnstraße 43.+12 Verband der freien Gast- und Zahlstelle Berlin. Den Mitgli-dern zur Nachricht, daß der Kollege Kar! I�ekmann Wiener Straße 1— 6, Bezirk 4, verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Mon- tag, den 20. Mai, nachm. 4 Uhr, von der Halle des Zentral-Fricd- hofeS in FriedrichSfelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 73/2 Die Ortsverwallung. Am Mittwoch, den 15. Mai, starb nach kurzem Krankenlager meine geliebte Frau, unsere ge- liebte Müller, Schwiegermutter, Großmutter, Schwester und Schwägerin 1720b .Johanna Koselowski geb. Jahn im 61. Lebensjahre. Dies zeigen in tiefer Betrübnis an Die trauernden Hinterbliebenen Die Beerdigung findet am Montag, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Gethsemane-Kirch- Hofes in Nieder-Schönhansen aus statt. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschlen- sührer Hermann Thomas um 10. Mai im Alter von 63 Jahren verstorben ist. 64/4 Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Montag, den 20. Mai, nachmittags 2'/, Uhr. von der Leichenhalle des Friedhofs in Ahrensfelde au» statt. __ Die Bezirksverwaltung. Verband der Litbograpben, Steindnielter n. lerw. Bfirale. (Deutscher Senelelder-Band.) (Chemlgrapheu). X ach ruf. Am 12. Mai verstarb unser Mitglied, der Photograph Paul Huffmann im Aller von 32 Jahre» an der Lungenschwmdsucht. Ehre seinem Andenken: DI» Verwaltung der filliale II. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung unserer lieben Schwester, unvergeß- lichen Mutter, Schwiegermutter und Großmutter, Frau»ach««! geb. Granowski. sagen allen Verwandten, Freunden. Genossnmen und Genossen, besonder» dem Genossen Rintors sür die herzlichen Worte so» wie den Sängern des Verein»»Kreuz- berger Harmonie" unseren herzlich- sten Dank. 17295 Im Name» der Hinterbliebenen: Hohcrt Ciranowiikl. der übernommenen Schuhwaren Rosentholer Statte 40-41 Hackescher Markt— Bahnhof Börse. Heute 8— 10 nnd 2— 6 geöffnet J Damen-Stiefel schwarz im. Chevrtairr mit Lackkappe, moderne Fassons.... jetzt nur schwarz Chevreanx mit Lackkappe, schlanke und breite E qc Fassons.... jetzt nur schwarz prima CheTraaaz mit Lackkappe, auch ohne, die ele- gantest. Fassons. Good-"Jf q m year-Welt...jetzt nur» braun Cherrennx mit Lackkappe, moderne—_ Fassons,... jetzt nur braun In Cherrtanz m. 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Für die zahlreiche Beteiligung und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Vaters k�eräinanä V�obst sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Rauchllub .Intelligenz-, den Mitgliedern de» Deutschen Holzarbeiter- Verbandes, Zahlstelle Adlershos, und den Lauben- kolouiiten.Freie Pflanzer- unseren innigsten Dank. 7a. Witwe Klara Rohst nebst Sohn. Adlershos, Kaiser-Wlhelmstraße 13. Danksagung. Herzlichen Dank sür alle Kranz- spenden anläßlich der Beerdigung meines geliebten Gatten, unseres lieben Vaters, des Glaspolierers fkleSrieli Selieller besonders den Mietern des Hauie» Reinickendorser Str. 30, dem Sozial- demokratischen Wahlverein des 6. Kreises, dem Zenttaloerband der Glasarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands sowie seinen Kollegen der Firma Röder u. Mayer. Miwe Emilie Scheller öA nebst Kindern. ILeseii Sie! Jeder neue Käufer erhält bis ztun Pfingstiest ala Präsent solort beim Einkauf jeder Herr eine eleg. 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Verlag: llsorwartg Kuchdruderel ih ÄerlagSanjmlr Paul Sänger u. Co., Berlin iW. ZK. 114. 29. Jahrg. KnlGt des Lmärls"- AMt« flr 5Si>ei>»!>i> Westen 18. Mm 1912. Vorort- JVadmcbtein Lichtenberg. Staiüvcrordnctenversammlung. Die am Mittwoch von dem Stadtverordneten Witte als dem Alterspräsidenten einberufene außerordentliche Versammlung hatte nur die Wahl eines stell vertretenden Stadtverordnetenvorstehers vorzunehmen. Die beiden ordnungsmäßig gewählten Herren begaben sich sofort nach der Wahl auf die Reise. Anstatt schon in der vorigen Sitzung auf geschäfts ordnungsmäßigem Wege einen Stellvertreter zu wählen, wollte man einfach von dem in der ersten gemeinsamen Sitzung der ehe- maligen Gemeindevertretung von RummelSburg und der Stadt- verordnetenversammlong von Lichtenberg ordnungswidrig als dritten Vorsteher gewählten Herrn Aigte die Geschäfte führen lassen. Der Protest der Sozialdemokraten hob hervor, daß einmal die damalige Wahl des Herrn Aigte gegen die Geschäftsordnung verstoße, dann aber auch der Magistrat dem ungesetzlichen Be fchluß— allerdings nur aus Versehen— noch nicht beigetreten sei. Der Magistrat und die bürgerlichen Vertreter wollten damals weder das eine noch das andere Bedenken gelten lassen. Mittlerweile haben sich die Herren wohl davon überzeugt, daß die Sozialdemo traten vollständig im Rechte waren, und wie Figura zeigt, ließen sie sich von den Umstürzlern wieder auf den Weg der Ordnung und des Gesetzes leiten. Die Mehrheit der abgegebenen Stimmen machte Herrn Aigte zum vorübergehenden Leiter der Geschäfte; Genosse Grauer blieb in der Minderheit. Damit war die Tages ordnung der außerordentlichen Versammlung erschöpft.— Herr Aigte eröffnete nunmehr die von Herrn Plonz einberufene ordcnt- liche Sitzung, in der zunächst eine Reihe Wahlen zwecks Verstärkung der bestehenden Kommissionen und Deputationen durch Stadt- verordnete auZ dem früheren Rummelsburg vorzunehmen waren. Die Znwahl ergab, soweit unsere Genossen in Betracht kommen, folgendes Resultat: Baudeputation John, städtische Werke John Kanalisationen Günther und Witzle, Rieselgut Tempel und Kertscher, Grundeigentumsdeputation Bitter, Park- und Friedhofs deputation John, Straßenreinigung Witzle, Feuerlöschdeputation Günther, Einquartierungsdeputation Stephan, Gesundheits- deputation Ritter, PetitionSausschuß Müller, Ausschutz zur Prüfung von Stadtverordnctenwahlen John. regl. Kassen- revisionen Tempel, Kommission für soziale Angelegenheiten Witzle. Eine lauge Debatte entfesselte sodann eine Vorlage, die den Aus tausch von Grundstücken zwischen der Stadt und der Stiftung Evangl. Gemeinde- und Krankenhaus Kaiserin Augusta Viktoria verlangte. Mehrere bürgerliche Vertreter wollten einen bei einer Beschlutzfassung in der früheren Gemeinde Rummelsburg unter gelaufenen Irrtum zu einem Vorteil für Lichtenberg ausnutzen. Unsere Genossen widersprachen solcher Praxis. Schließlich wurde dann auch die Vorlage mit LS Stimmen angenommen. Für einen von der anderen Seite gestellten Antrag, die Vorlage zwecks Durch siebung an eine Kommission zu verweisen, hatten sich nur LZ Stimmen ergeben. Mit dem gleichen Stimmenverhältnis war übrigens auch Stadtverordneter Aigte gegen den Willen der durch eine Anzahl Rummelsburger Herren verstärkten Gruppe Schachtel Rott in die Schulkommisfion gewählt worden. Ohne Widerspruch fand eine Vorlag« Annahme, die eine Verlängerung des unter irdischen Regenwasserkanals im Weißenscer Wege bezweckt. So- dann waren wieder einmal 600 M. gefordert, als Rückerstattung von vor Lv Jahren aufgewendeten Bürgersteigherstellungskosten. Unsere Genossen sind der Ansicht, daß in einem neueren Prozeß verfahren die Ungültigkeit solcher Ansprüche an die Stadtgcmcinde zu erweisen sei, deshalb lehnte sie auch jetzt die Bewilligung der Forderung ab. Einer MagiftratSvorlage zufolge wurde beschlossen, für die Asphaltierung der Kronprinzenstratze, auf einer Strecke von 7b Meter vor dem Schulgrundstück, 11 200 M. zu bewilligen. Für einen von unseren GWossen gestellten, über die Magistrats- Vorlage hinausgehenden Antrag, der die Asphaltierung der Schorn- Weberstraße bis zum Tradeplatz verlangte, stimmten nur drei bürgerliche Herren. Der Antrag entsprang den gleichen Motiven wie die vorige Forderung, nämlich, das den Schulunterricht störende Straßengcräusch zu vermindern. In der anschließenden geheimen Sitzung gelangten nur Personalfragen zur Erörterung. Charlottenburg. Die neue Charlottenburger Speisehalle in der Grünstraße 16 erfreut sich seit dem Tage der Eröffnung eine» außerordentlich guten, stets steigenden Besuches. ES find seit dem 14. April, dem Eröffnungstage, bis einschließlich 8. Mai neben einer Unmenge von Butterbroten, Kaffee. Kakao, Limonade usw., bereit» 21 893 Portionen warmes Essen verkauft, also durchschnittlich 875 Portionen pro Tag. Die höchste Ziffer wurde am Sonntag, den b. d. Mts., mit 1280 Portionen erreicht. Pflegestclleu für Säuglinge gesucht, doch nur in Charlottenburg. Gewährt wird ein monatliches Pflegegeld von 2b M. und Be« kleidung, ärztliche Behandlung und Arznei. Meldungen baldigst an die Geschäftsstelle der Waisenverwaltung Charlottenburg, Kirchhof- straße 9. Hinterhaus. Erdgeschoß, Zimmer 21, Sprechstunde werk- täglich von 12—2 Uhr. Schöneberg. Festnahme einer gemeingefährlichen.Zigeunerin". Die Schöne- berger Kriminalpolizei ergriff gestern eine angebliche Zigeunerin namens Emma Brau» im Friedenauer Ortsteil der Stadl, auf die schon seit längerer Zeit gefahndet worden war. Die 40 Jahre alte „Zigeunerin", die den Berliner Jargon mit verblüffender Sicherheit beherrscbt, hatte in den südlichen Vororten mehrfach Dienstmädchen und sonstigen einfältigen Gemütern unter allerlei Hokuspokus und Wahrsagerei Schmuckgegenstände und Geldsummen bis zur Höhe von 1S0 M. abzuschwindeln verstanden. Zehlcndorf(Wannseebahn). Eine Massenversammlung, wie sie Zehlendorf noch nicht gesehen hat, fand im Mieckschen Saale statt. Das Referat über.Preußen in der Welt voran I* hatte der Abgeordnete Genosse Dr. Karl Liebknecht übernommen. In fünfviertelstündiger, scharf pointierter Rede kennzeichnete Liebknecht die Vorgänge der letzten Tage. Sein oft von stürmischen Beifallskundgebungen unterbrochenes Referat klang aus in der Zusicherung, daß die sozialdemokratischen Vertreter sich durch die Gewaltmaßregeln des Junkerparlaments in der Er- süllung ihrer Pflichten nicht beeinflussen lassen werden. Die imposante Versammlung wurde mit einem Gesangsvortrag des ArbeitergesangvereinS.Echo' eingeleitet und auch geschlossen. Ober-Schöneweide. lieber die sozialen Umwälzungen am Ausgang des Mittelalters referierte in der letzten gutbesuchten Mitgliederversammlung deS Wahlvereins Genosse Zimmermann. Der inhaltsreiche Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Hierauf entspann sich eine leb- haste Debatte darüber, daß einig« Genossen sich die Bekämpfung eines gemeinschaftlichen Beschlusses des Wahlvereins und de» Gc- iverkschafiskartells angelegen sein ließen. Die Versammlung sprach den betreffenden Genossen eine Rüge auS. Des weiteren sprachen die Genossen die Meinung au», daß aus Anlaß der Vorkommnisse im preußischen Abgeordnetenhause der Porteivorstand sofort eine um- fangreiche Protestaktion hätte einleiten müssen. MahlSdorf-Kaulsdorf a. d. Ostbahn. Ein Zusammenstoß zwischen einem Brauereiwagen der Firma Scbulze-FriedrichSseldc und einem Automobil der Firma Tietz »eignete sich m der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag auf der Frankfurter Chaussee. Obwohl durch den Zusammenstoß beide Wagen arg beschädigt wurden, blieben Führer und Kutscher glücklicherweise unverletzt. Nowawes. Der Uebergang im Zuge der Sirchstraße ist wegen der Eisenbahn- Höherlegung seit Mittwoch, dem IS. d. Mts., für jeglichen Verkehr gesperrt. Der Durchgangsverkehr für Fußgänger wird durch die Unterfiihrung an der Bülowstraße und der Verkehr für Fuhrwerke durch den zum Teil fertiggestellten Uebergang im Zuge der Eisen- bahnstraße geleitet. Wegen KüchenbrandeS wurde die Feuerwehr in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag nach dem Hause Wallstr. 14 gerufen. In der Küche des Schuhmacher« Krüger war aus bisher unaufgeklärter Ursache Feuer ausgebrochen, das an verschiedenen leicht brennbaren Gegenständen reiche Nahrung fand und sich deshalb schnell aus- breitete. Dem energischen Eingreifen gelang es jedoch bald, des Feuers Herr zu werden. Das Ehepaar, daS nichts ahnend in einem Rebenzimmer schlief, hätte vielleicht den Erstickungstod ge funden, wenn nicht ein gegen 12'/? Uhr heimkehrender Hausbewohner, durch den intensiven Brandgeruch aufmerksam gemacht, sofort Alarm geschlagen hätte. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. In der Sitzung am Mittwoch wurde zu Beginn Kenntnis gegeben von einem Schreiben des Kuratoriums für das Bestattungswesen in Berlin, welches auf eine Anfrage des hiesigen Magistrats die Mitteilung macht, daß auch die Leichen Spandaucr Einwohner von dem Berliner Krematorium zur Einäscherung übernommen werden; die Kosten sollen nicht höher sein als für Berliner Einwohner.— Bei der Fluchtlinien« festsctzung für die Kammerstratze entspann sich eine lebhafte Bussprache über die Besetzung der einzelnen Deputationen. Stadtv. Dr. Baumert beschwerte sich darüber, daß er keine Gelegenheit gehabt hätte, in der Fluchtliniendeputation auch seine maßgebende Ansicht zu diesem bedeutsamen Werke kundzugeben, da die Dezernenten es belieben, die Sitzungen mehrerer Deputationen immer zu ein und derselben Stunde anberaumen. Bürgermeister Wolf erwiderte, daß es sich nicht vermeiden lasse, daß einzelne Sitzungen kollidieren; es sei aber ein Mißstand, daß manche Stadt- verordnete in 8 bis 9 Deputationen sitzen. Diesen Standpunkt vertrat auch Stadtv. Pieck(Soz.), der darauf hinwies, daß gewisse Herren, meistens solche aus der ersten Abteilung, bei der Wahl in die Deputationen immer bevorzugt werden; andere, die auch gern arbeiten möchten, werden stets beiseite geschoben.— Für den weiteren Ausbau des Hafens wurden dann b4 300 M. bewilligt. Auf eine Anregung, dort auch eine Dampferanlegestelle zu errichten, wurde geantwortet, daß der Versammlung demnächst eine solche Vorlage unterbreitet werde.— Die Errichtung eines Lehrerinnen- seminars im Anschluß an das neuzuerbauende städtische Lyzeum bildete den Mittelpunkt des Interesses innerhalb der Versammlung. Stadtv. V e r l i n hätte statt des Seminars lieber eine sogenannte Studienanstalt gesehen, deren Absolvierung nicht nur die Be- rechtigung zum Lehrerinnenberuf, sondern auch zum Besuch technischer Hochschulen und zum Studium der Medizin mit sich bringen. Der Redner bedauerte es, daß die preußische Staats- regierung, welche diese Studienanstalten selbst in Anregung ge- bracht habe, jetzt sonderbarerweise die Genehmigung zur Errichtung derselben in den meisten Fällen versage. Diese Auffassung könnte man teilen, wenn man nicht Ursache zu der Annahme hätte, daß Stadtv. Berlin, der selbst Oberlehrer ist, mehr im Sinne seiner Berufskollegen sprach, die in der vermehrten Ausbildung von Lehrerinnen eine unwillkommene Konkurrenz erblicken. Mit großer Mehrheit beschloß die Versammlung die Errichtung des Seminars; eine siebcnklassige Volksschule soll als UebungSfchule miterrichtet werden. Das Schulgeld für den Besuch des Seminars wurde auf jährlich 140 M. festgesetzt; für auswärtige Besucherinnen beträgt es 200 M. Genosse Pieck sprach sich gegen ein höheres Schulgeld für auswärtige Besucherinnen aus, doch wurde dem- gegenüber betont, daß diese Sitte überall bestände und daß die Stadt auch Zuschüsse zu dem Seminar leisten müsse, so daß diese Maßnahme gerechtfertigt sei. AIS Bauplatz für das Lyzeum nebst Seminar und Uebungsschule wurde ein Grundstück zwischen Askanier- und Hohenzollernring gewählt. Sodann wurde eine Submisswnsblüte zur Kenntnis der Stadwerordneten gebracht. Die Gebote für die Herstellung von Pflasterarbeiten in der Nonnen- damm-Allee und in der SiemenSstraße schwankten zwischen 21000 und 6 5 000 M. Beantragt wurde, den Zuschlag der Firma Callies u. Co. zu erteilen, die LS 000 M. fordert. Genosse Pieper schlug vor, die Ausschreibung noch einmal vorzunehmen, da die Submittenten jedenfalls nicht die nötigen Unterlagen für ihre An- geböte gehabt haben. Dem wurde jedoch vom Stadtrat Gebens. leben widersprochen, worauf die Vorlage zur Annahme ge- langte.— Allseitiger Unwille über die Staubplage wurde laut bei der Vorlage auf Anschaffung eines weiteren Sprengwagens. Vom Viagistratstifch wurde schleunige Abhilfe versprochen.— Auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung wird ein Antrag des Stadtv. Schreiber gesetzt werden, der die Errichtung einer Freibade- a n st a l t in der Wilhclmstadt fordert. Mieteeinzichnng durch Vcrmittelung des Arbeitgebers. Vor dem Amtsgericht Bcrlin-Mitte wurde gestern eine Räu- mungsklitge verhandelt, die von einem Hauseigentümer gegen einen seiner Mieter und zugleich gegen dessen Arbeitgeber angestrengt worden war. Für den Mieter hatte die Jutespinnerci in Stralau, bei der er beschäftigt war, anderthalb Jahre hindurch allmonatlich die Miete an den Wirt ausgezahlt, wofür sie allwöchentlich einen Teilbetrag des Lohnes zurückbehielt. Als nun der Mieter die ihm nicht mehr behagende Wohnung vor Ablauf des Mietvertrages auf- aeben wollte und an seiner Arbeitsstelle meldete, daß er zu Anfang Mai umziehe, hörte die Jutespinnerci auf, an den bisherigen Hauswirt zu zahlen. Die Frau des Mieters hatte mit Wissen der Frau des Wirtes bereits die Wohnung verlassen und von der be- scheidenen Habe mitgenommen, was sie für das Nötigste hielt. Der Wirt aber klagte hinterher gegen den Mieter und gegen dessen Eheftau auf Räumung der Wohnung und auf Zahlung der Miete für Mai und dehnte die Klage aucb auf die Jutespinncrei aus, an die er einen Anspruch darauf zu haben meinte, daß durch sie die Miete an ihn gezahlt werde. Vor Gericht ließ die Jutespinnerci erklären, es sei richtig, daß sie aus dem Lohn die Miete an den Wirt gezahlt habe, doch niemals habe sie gegenüber ihm eine Ver- pflichtung hierzu übernommen, und sie könne eine solche keinesfalls anerkennen. Da der Wirt daraufhin die Klage gegen die Jute- fpinnerei ohne weiteres zurückzog, so erfuhr man leider nichts Näheres über dieses eigenartige Mieteeinziehungsverfahren, das die Jutespinnerei nicht etwa nur bei diesem einen Arbeiter geübt hat. Die Klage gegen das Ehepaar, die der Wirt aufrecht erhielt, inter- cssiert weniger. Der Ehemann gab an. daß er die Wohnung nickt länger habe behalten können, weil sie infolge llndichthcit des Daches naß gewesen sei. Als er auf Verlangen des Klägers den Beweis anbot, daß er bereits vor Monaten den„Portier" als den Stell- Vertreter des Eigentümers davon in Kenntnis gesetzt habe, bean- tragte der klagende Wirt, im Hinblick auf die durch die Beweis- erhebung entstehenden Kosten den Verklagten zur Zahlung eines Vorschüsse« anzuhalten. Dem Verklagten wurde vom Vorsitzenden eröffnet, daß die beantragte Zeugenladung nur erfolgen werde, wenn er binnen einer Woche 3 M. Vorschuß zahle. Er lehnte ab: „Machen wir nicht!" und kündigte an, daß für den Wirt von ihm nichts zu holen sein werde., Die Jutespinncrei ist noch heute verpflichtet, an ihn den in Gestalt der Miete gezahlten Lohn zu zahlen. Die Mictezahlung hat nach dem Lohnbeschlagnahmegesetz und nach§ IIS ff. G.-O, keinerlei Wirkung dem Arbeiter gegenüber, Gerichts-Zeitung. »Die Verführten". Der Hyansche Roman„Die Verführten", welcher, wie mitge- teilt, vor einigen Tagen Gegenstand eines mit Freisprechung ge- endeten Prozesses vor dem Landgericht III war, ist am Dienstag und Mittwoch dieser Woche auf Veranlassung der Staatsanwalt- fchaft bei dem Landgericht I von neuem beschlagnahmt worden, trotz Freigabe durch da? Landgericht III. Das Buch unterliegt nämlich, nach der Auffassung der Staatsanwaltschaft, trotz der freisprechenden Entschcidüng der Konfiskation auf Grund eineS Urteils vom De- zember v. I.. Damals ist es durch ein längst rechtskräftiges Urteil vom Landgericht I als unzüchtig eingezogen worden. Heiratsschwindel. Unter der Anklage des Heiratsschwindels hatte sich der Re- dakteur Dr. phil. Adolf Henle gestern vor der dritten Strafkammer des Landgericht? I zu verantworten.— Der Angeklagte, welcher mit einem süddeutschen Erzbischof sehr nahe verwandt ist, war in den Jahren 1905 und 1906 bei einem Buchdruckereibesitzcr in der Strausberger Straße angestellt gewesen. Mitte des Jahres 1905 machte er die Bekanntschaft einer Krankenpflegerin Anna B., mit der er ein intimes Liebesverhältnis einging, trotzdem er verheiratet war. Kurze Zeit nachdem er sich mit der B. verlobt hatte, machte er im Tiergarten die Bekanntschaft einer Näherin S., mit der er ebenfalls ein Verlöbnis einging. Als„Dritte im Bunde" gesellte ich zu den zwei Bräuten noch eine Frau F.— Die Anklage wirft >em Angeklagten vor, daß er diese Verlöbnisse nur eingegangen sei, um seinen Bräuten unter der falschen Vorspiegelung, er könne bei einer hiesigen Zeitung eine Stellung als Chefredakteur annehmen, deren Ersparnisse abzunehmen. Tatsächlich hat der Angeklagte zirka 2S00 M. von seinen„Bräuten" erhalten.— Als Dr. H. die Entdeckung befürchten mußte, flüchtete er nach der Schweiz, welche ihn aber auf Grund eines Steckbriefes an Deutschland auslieferte. — In der gestrigen Verhandlung wurde wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. DaS Urteil lautete auf 4 Monate Gefängnis unter Anrechnung von zwei Monaten der erlittenen Untersuchungshaft. )Zus aller Melt. der Bchlacht. AuS Paris wird uns geschrieben: Auch die bürgerliche Presse scheint etwas wie Scham zu überkommen angesichts der so wenig imponierenden Rolle, die die Staatsgewalt in ihrem Kampf gegen die Banditen Garnier und Ballet gespielt hat. Blätter aller Richtungen greifen die Polizei wegen ihrer theatralischen In- szenierung der Ergreifung und ihrer dabei an den Tag gelegten organisatorischen Unfähigkeit an. Neun Stunden lang hat man finnlos in der Nacht auf eine Mauer losgeknallt, in einem solchen Durcheinander, daß drei Polizisten von ihren Kollegen verwundet wurden, man holte einen Schein- Werfer, der nicht funktionierte, die Dynamit- und Melinit« bomben versagten oder blieben wirkungslos. Dafür stieg Herr L 6p ine auf ein Dach, um eigenhändig einen Karabiner abzufeuern.... Doch ist daS alles eher tragikomisch, so wirken die Szenen, die sich im Umkreise der Banditenvilla abgespielt haben, ganz anders. Wir lesen darüber in der„Petite Nüpublique': Wir beklagen die Gegenwart dieser Männer im Frack, dieser de» kolletiertenFrauen, dieser berühmtenTänzerinnen, die die Nachtrestaurants verlassen hatten und zur Menschen- jagd wie zu einer Tierhatz gekommen waren.... Wir empfinden Abscheu vor jenen Entarteten, die in wildem Weit- lauf herzustürzten, um ihr Taschentuch in daS Blut der Elenden zu tauchen, vor den Wütenden, die zuckende Leichen mit Fußtritten schlugen... Und nicht mit Fußtritten und Stock- hieben, sondern, wie bürgerliche Blätter bezeugen, mit Händen und sogar mitden Zähnen wurden die Leichen zerfleischt. Aber nicht das Publikum allein löst bei den Beschreibern solche Gefühle aus. Die„Petite Röpublique" schildert die Erstürmung de? Hauses durch die Polizisten und Soldaten folgendermaßen:„Eine tolle, unbegreifliche, unentschuldbare u t hatte sich der Angreifer bemächtigt. Sie schössen alle, ohne anzuhalten, auS unmittelbarer Nähe auf die zwei loS, die nichts mehr als Leichen waren. And als diese von Kugeln durchsiebt waren, betrachteten sie sie mit offenbarer Be- friedigung ob ihres Sieges.. Im Rettungsboot verhungert. Aus New Jork wird ein furchtbares Nachspiel zu der „Titanic"-Katastrophe gemeldet. Ein dort eingetroffenes Funkentelegramm berichtet, daß der Dampfer ein Rettungs- boot der untergegangenen„Titanic" aufgefischt hat, in dem sich drei Leichen befanden. Während zwei der Toten offenbar zu der Besatzung des Schiffes gehören, handelt es sich bei dem dritten um einen Passagier namens Thomas Beatt. Der Zustand der Unglücklichen ließ erkennen, daß sie aus Mangel an Nahrungsmitteln gestorben sind. Der Papst als Flieger. WaS manche Priester ihren frommen Schäflein bieten können, ohne ausgelacht zu werden, zeigt eine Meldung de«„Nordhalbcner Grenzboten" aus Innsbruck: Während der akademischen Predigt, die der Jesuit?. AI. Schlveykert hielt, gab eS eine kleine Sensation. Der Prediger versicherte nämlich, auö bester Quelle in Rom es zu wissen, daß vor einiger Zeit Pap st Pius X. in seinem Arbeitszimmer frei in der Luft schwebend angetroffen wurde. Eine Reihe von vatikanischen Person- lichleitep, die zum seltenen Schauspiel herbeigerufen wurden, waren Zeugen dieses Wunders. Der Papst, aus der Ekstase ge- weckt, ersuchte, über die Sache Stillsckiv eigen zu bewahren. Dagegen wurde ihm das Bedenken geäußert, daß es bereits zu viele Personen gesehen hätten, als daß die Verheimlichung noch möglich wäre. Der Prediger fügte noch bei, es sei natürlich nie- mand verpflichtet, dies zu�glauben, indes habe er dieses Faktum von verläßlicher Seite erfahren. Es wird wohl trotz des.Wunders" beim Flugsport die Methode „Schwerer als Luft" Geltung behalten. Die Autoraserei. Ein schweres Automobilunglück. ereignete sich am� Donnerstag in unmittelbarer Nähe der Stadt Bielefeld. An dem Unfall waren drei Automobile beteiligt. Zunächst fuhr der Benzinwagen des Kaufmanns Schwabodisscn- Herford in de» Chaussee- graben, wobei der Chauffeur schwer verletzt wurde. Der Besitzer des Automobils holte Fuhrwerke zur Hilfeleistung her- bei. An dem Hilfswerk beteiligten sich auch die In« fassen eines kurz nach dem Unfall eintreffenden Viele- felder Automobils. AIS man damit beschäftigt war, den be« schädigten Wagen auS dem Chausseegraben herauszuziehen, fuhr ein von Bielefeld kommendes drittes Automobil in voller Fahrt in die Hilfsmannschaften und Autos hinein. Dabei wurde der Fuhrmann W o r n i n g und der Chauffeur des dritten Autos verletzt und der von diesem gesteuerte Wagen schwer beschädigt. Die Schwerverletzten wurden sofort ins Viele felder Krankenhhus geschafft, wo der Fuhrmann Worning kurz nach der Einlieferung starb. Die Chauffeure hofft man am Leben er- halten zu können. Die drei Automobile waren auf dem Wege nach Pyrmont, wo ein F e st des Auromobilllubs stattfand. Feurige Liebhaber. In der Nähe von N e a v e l spielte sich am Donnerstag nachmittag ein blutiges Drama ab. In der Ortschaft Casinodo waren zwei junge Burschen in Liebe zu einem hübschen Mädchen entbrannt, das jedoch weder von dem einen noch von dem anderen etwas wissen wollte. Schon seit einigen Tagen kam eS nun zwischen den beiden zu Händeln, die jetzt ihren Abschluß in einer regelrechten Schlacht fanden. Beide Liebhaber hatten in Gemeinschaft mit ihren Freunden Spaziergänge unternommen und begegneten sich in einer Strage, wo sie sich gegenseitig verhöhnten. Schließlich kam es zu einem wahren Fcuergcfecht und als die Munition für die Revolver verschossen war, entspann sich ein fürchterlicher M e s s e r l a m p f, der sich in dem nahe gelegenen Walde fortsetzte. Als es endlich der Polizei gelang, die Kämpfenden auseinanderzutreiben, bedeckten acht Tote das Schlacht- seid. Eine große Anzahl anderer war teils schwer, teils leicht verletzt worden. Unter den Toten befanden sich auch die beiden Helden deS Dramas. Die Strafprozeßordnung, die einen Prozeß verhindert« Aus Rom wird uns geschrieben: In einer ganz merkwürdigen Situation befindet sich die italienische Justiz einem Totschläger gegen- über, der aus frischer Tat ergriffen wurde und gegen den man doch nicht vorgehen kann, weil sein Na m e nicht sestzunellen ist. Vor zwei Wochen fiel ein ärinlilb gekleideter jüngerer Mann in der Mai- ländcr Passage, der Gallcria Vittorio Emanncle, einen Priester gn und durchschnitt ihm mit c i n c ni Messer die Kehle. Der auf so schreckliche Weise Getötete scheint dem Totschläger ganz unbekannt gewesen zu sein. Der Schuldige wurde sofort verhaftet, nachdem er noch zwei andere Personen verwundet hatte. Seitdem ist cS nicht gelungen, ihn zur Nennung seines Namens z u bewegen. Obwohl man ihn dntzendfach konfrontiert hat, auch mit Personen, die von fernher zugereist sind, weil sie nach der Be- schreibung einen ihnen bekannten Menschen vermuteten, vermochte man ihn bis heute nicht zu identifizieren. Er befindet sich also als namenloses Individuum in Händen der Justiz oder richtiger, in denen der Polizei, die ihn zur Disposition der Gerichte hält, ohne das; diese von dem Angebot Gebrauch machen könnten. Als Totschläger»nd möglicherweise Mörder gehört der Mann vor die Assisen. Er kann diesen aber nicht über- stellt werden, weil der H 432 der italienischen Strafprozeßordnung festsetzt, daß in der Anklageschrift der Angeklagre namhaft ge- macht werden muß. Außerdem tväre es ganz unmöglich, die Ge- schworencn rechtmäßig zu vereidigen, da keiner von ihnen eidlich erhärten kann, mit einem I ir d i V i d u u in unbekannten Namens nicht verwandt zu sein. Wollte man den Prozeß wirklich machen, so müßte ihn der Kassationshof auf alle Fälle für Null und nichtig erklären. Kleine Notizen. Ein Unmensch. Der 41 Jahre alte Tagelöhner August Kurt in Kippenheim Weiler(Baden) hat seinen neunjährigen Sohn ermordet. Als dieser die Beaufsichtigung der ihm anvertrauten Kühe auf dem Felde nachlässig betrieb, schlug der darüber in Zorn geratene Vater mit einem umgekehrten Peitschen st iel so lange auf den Knaben ein, bis dieser tot zu Boden sank. Tarauf lud der Vater das tote Kind auf seinen Wagen und fuhr nach Hause. Zu seiner ihm unterwegs begegnenden Frau bemerkte er, der Knabe sei unter die Kühe gekommen und totgetreten worden. Unter der Last des Bewcismaterials gestand er aber später, seinen Sohn erschlagen zu haben. In den Flammen unigrkoiiliuen. In der Lczrrksanstalt Lichten« st e i n- C a l l n b e r g in Sachsen zündete gestern früh der 77 Jahre alte Insasse Landgraf in selbstmörderischer Absicht s e i n B e t t an. Landgraf und sein Schlafgenosse Riedel sind bei dem Brande u m g e k o m in e n. � Familnndrama. Ter 43 Jahre alte Finanzassistent Fuhr in Chemnitz tötete in der vergangenen Nacht wegen schlechter Per- mögcnsverhältnisse seine elfjährige Tochter durchs einen Rcvolvcrschnß, verletzte darauf seine Frau lebensgefähr- l i ch und erschoß sich dann selbst. Ein Priester als betrügerischer Verwalter. Die von dem Priester Pietro B o l i s geleitete ländliche Sparkasse von C a r v i c o(Italien) machte vor einiger Zeit bankerott, worauf der Priester und seine Mitverwalter wegen betrügerischen Bankrotts, falscher Buchführung und gefälschter Unterschriften unter Anklage kamen. Das Gericht erachtete den Priester nur der Urkundenfälschung für schuldig und hielt ihn außerdem für vermindert zurechnungsfähig. Daher lautete das Urteil auf 18 Monate Gefängnis, während der Staatsanwalt sieben Jahre beantragt hatte. Singegangene Druckrchnftcn. Dom»Wahren Jacob" ist ganges, 16 Seiten stark erschienen. gcndc Beiträge: Zeichnungen: Psingstlcst. Don H. Kriegsmmistcr.— Moderne Prozcßsührung. preußischen Drciklasscn-ZirkuS.—„Titanic"-Statistik. usw. usw. Text: Ein edler Kämpe. Von Tobias.— i mann.— Patent-Register.— Der Ucbcr-Kröcher.—! Borussta-Kinematograph.— Lieber Jacob t Von Jotthils Rauke.— Die Wehrverlage. Von Tobias.— o. Arnim-Schnodderhcim an v. Below» Pleitenburg.— Der Telegraphist der.Titamc", Bon?. E.— Aus einem Prospekt. Von Tobias usw. usw. Der Preis der 16 Seiten starken Nummer ist 10 Pf. Probenummc.n sind jederzeit durch den Verlag I. H. W. Dictz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehe». Witterungsübersicht vom 17. Mai ISIS. Stationen Ey, n£ if 755 SD Wetter Swinemde.,....— Hamburg j 758 WSW öbalbbd Regen soeben die lt. Nummer deS 29. Jahr- Aus ihrem Inhalte erwähnen wir sol- 5. Jcntzsch.— Preußens Von Jos. Eberz.— Im Von Erich Schilling »ccringen. Von Leh« Zorbildiiche Justiz.— Berlin' I757'NW ftranff.fl.3R."60j@SB München 762 Wien i757 SW Zwolkig 41 heiler 5 bedeckt 4 Regen ass -ilj i«» blZi Stationen Haparanda Petersburg scilly Abcrdcen Paris =.2 7651 A n c5 if TT 7671OND 759 ND 766 WNW 8 3BNS3 Wetter 4 wölken! s bedeckt 4bedeckt wollenl woMg asi ~a Bk 6 2 12 9 11 Wetterprognose für Sonnabend, den 18. Mai 1S12. Nachts sehr kühl, am Tage wieder etwas wärmer, vtelsach heiter bei ziemlich frischen westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e t t e r b» r e a a. WasterstandS-Nachrichte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berklner Wetterbureau. ')+ bedeutet WuchS,— Fall.—") Nnterpegel. Nw 10 0i© MuUenl Telephon: Chart. 420. Telephon; Charl.420. Hm-Hoiien Vertrieb Charlottenbürg JMni-PMf vis> a- vis Rathaus, direkt am Untergrundbahnhof Wilhelm-Platz. der liierten- Moden-Vertrieb Cbarloltenbnrg ist dardi die öffentliche Bekanntmachung gesetzlich verpflichtet, seine Waren, gleichviel ob fertig oder noch Maß, ■ zum Selbstkostenpreis abzugeben and einen Nutzen von 10 Prozent zu erheben. Es ist somit für jedermann von großem Vorteil, seine Bekleidung nur vom Herren- Moden- Vertrieb Charlottenburg zu beziehen. Sie finden dort fertige Tferren-tf'izüge, Palsiots, Ulster, 3 eiv Melder etc. in jeder Preislagt am Lager, sowie größte Anamahl von Stoffen deutscher und englischer Fabrikate zur Anfertigung nach Maß. Herstellung erfolgt in eigenen Werkstätten, Auf Wunsch Masteroersand zur Maß- Anfertigung. Sommer- Kleidung Die schönen Tage laden ins Freie ein. 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