Ar. 128. RbonntmentS'ßedlngtinsen: TOonnementä• Preiz dräniwierondo! Bierteljährl. S£0 TOI., monuü. 1,10 TOI, wöchenllich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonnlags- nummer mit illuktrierler Sonnlags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psa Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitunas- Brcioiisie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. PostabonncmeMS nehmen an: Belgien. DSnemarf, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Siumänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. vichelltt tfzll» auUff dODtagi. Berliner Volkesblnkk. Die Tniertions'GebOiir belrZgt für die fechSgefpaltene Kolonel- gelle oder deren Raum 80 Pfg., für politische und gcwerlschaftliche Vereins- und BcrsammIungs.Anzeigcn M Pfg. „Kleine Hnzeigen", das settgedrurkre Wort 20 Pfg.(zulässig 2 settgedrmlte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlnssicllenan, zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über ISBuch- i laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachniittags in der Expedition abgegeben werden. Tie Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „Snlalddliokrat kirim". Zentralorgan der rozialdemokratl leben parte» Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplap, Nr. 1983. Mittwoch, den 5. Juni 1913. Expedition: SM. 68, Lindenetraese 69. Fernsprecher: Amt Moripplatz, Nr. 1984. Sie ttongrekivahlen in Argentinien unS clie koZlialistilche Kartei. Aus Buenos Aires wird uns geschrieben: Das Resultat der letzten Wahlen in Argentinien hat eine der reaktionärsten„Stützen" in folgender sehr Pessimistischen Prophezeihung zusammengefaßt:„Die letzten Wahlen be- stätigen das Emporschießen einer neuen Macht, die langsam, aber sicher zur Herrschaft gelangen muß. In der sozialistischen Partei— da steckt das kommende Unheil. Bei geheimem Stimmrecht bringt diese Partei es in zwei Iahren zur Minorität und nach vier Jahren gewinnt sie die Mehrheit in Buenos Aires". Und wenn wir nach den geheimen Ursachen dieser Erscheinung fragen wollten. belehrt er uns:„Alle anderen Parteien stecken sich nur politische Ziele, während diese eine„soziale" Basis hat. und darin eben liegt das Ge- hcimnis der riesigen Erfolge". Und aus all diesem dann der ganz gesunde Schluß:„Wir müssen alle zusammenhalten, um diese Flut zu hemmen". Und„La Razon", das Organ der Großkapitalisten, muß mit Zähneknirschen eingestehen: „Wir glaubten, der Sozialismus— eine fremde Pflanze• könne auf unserem freien(?) Boden nicht gedeihen. Die letzten Wahlen beweisen, daß diese Ideen immer mehr Boden gewinnen." Argentinien ist seit der„radikalen" Revolution von 1893 in mehr ruhige Bahnen eingetreten. Nichtsdestoweniger kommt man aus dem Staunen gar nicht heraus. Wie bekannt, ist Argentinien eine Föderation verschiedener Staaten(„Pro- vinzen"). Von diesen ist Buenos Aires der einzige, der im politischen Leben etwas von moderner Kultur zeigt: das übrige Land bleibt größtenteils in wildem Zustande; was man dort von Kultur findet, sind moderne Formen der Ausbeutung. Ein Regierungsbeamter, den man während der letzten Wahlen in eine entfernte Provinz geschickt hatte, um für die Reinheit der Wahlen einzutreten, schildert das politische Leben der Pro- vinz recht drastisch: Er meint, cS klinge überhaupt wild, wenn man hier von politischem Leben spricht. Die Hauptstadt der Provinz zählt ungefähr 8009 Einwohner(an Ausdehnung über- trifft die Provinz ganz Preußen); und hat ihren eigenen gesetz- gebenden Körper, Justiz, eine ungeheure Beamtenwelt. Man kann sich nun sehr leicht vorstellen, welche relativ ungeheure Macht hier die Rcgierungsbureaukratie besitzt. Die Mehrheit der Wähler bilden denn auch die Beamten(daS heißt hier die Regierungspartei) oder die Kandidaten auf Beamtenposten (das ist die„Opposition"),- dann kommen die Freunde und Sippschaften, und der Kampf dieser Cliquen heißt denn Wahl- kämpf. Die Masse besteht entweder aus Eingeborenen, welche als„Flcischwerdung" der abstrakten politischen„Idee" das Joch der Guts- und die Knute der Plantagenbesitzcr verehren können; oder aus ausländischen Arbeitern(xeonss), die ein mehr sklavenartiges Dasein führen, außerdem in der unge- heuren, unabsehbaren Pampa zerstreut und darum ganz widerstandsunfähig sind. Die wenigen industriellen Arbeiter. meint der Beamte, ändern sehr wenig an dem Ganzen, da es ihnen am„Bewußtsein ihrer Klasseninteressen"(wörtlich) fehlt. Die Wahlen sind hier darum auch nur gleichsam ein„Familien- ereigws". Hier droht man, dort kauft man mit barem Geld oder Versprechungen, und im großen ganzen dekretiert man die Abgeordneten, um dann das große Ereignis in alle Welt auszüschreien. Das ist das Bild der Wahlen, das bis in die letzten Tage für alle Provinzen maßgebend war, und abgesehen von der Hauptstadt Buenos Aires, noch immer bleibt. Auf diesem Boden kann das Parteiwesen im europäischen Sinne darum auch nicht blühen. Gewiß gab es immer Parteien. Gewöhn- lich waren es imnier zwei Parteien, die sich den Sieg streitig machten. Die Regierungspartei, die sich am Regicrungstrog mästete, und die Opposition, die nach den Fleischtöpfen des Kongresses schmachtete. Geschah es einmal, daß die einzelnen Kandidaten sich nicht einigen kannten über den Raubanteil, dann stampfte der Unzufriedene nur, und es gründete sich eine neue Partei. Und nach den Wahlen sammelten sich alle diese Raben im Kongreß. Die Abgeordneten haben darum auch keine Ahnung davon, was man sonst Gesetz- gebung nennt. Der Kongreß ist nur ein Mittel, um die eigene Raubsucht zu befriedigen oder die Appetite der Verwandten und Unterstützer im Wahlkampf zu stillen, oder die Interessen irgend eines Unternehmers unter den Abgeordneten zu wahren; das letztere nennt man Unter- stützung der heimischen Industrie. Man bemühte sich auch gar nicht einmal, das äußere Dekorum zu bewahren. Man ließ sich im Kongresse nur selten sehen, wenn es galt Subsidicn für Institutionen zu votieren, die es verstanden hatten, ihre Interessen diesem oder jenem Abgeordneten ans Herz zu legen. Dem Kongreß fehlt es auch fast immer an„Quantum"; gilt es darum eine für den Staat unumgängliche Maßnahme durchzuführen, dann muß man die Herren Gesetzgeber zu- sammenpeitschen. Freilich gibt es ein sehr wirksames Mittel, man braucht nur zu munkeln, daß die heiligen Eigentumsrechte oder die nicht minder„heilige Ordnung" des Bürgertums m Gefahr schwebt, dann kommt der ganze Schwärm zusammen; dann fabriziert man mit mechanischer Schnelligkeit Gesetze, dann macht man„soziale" Gesetzgebung, die sich gegen die Um- stürzler usw. richtet. All dieses Treiben trägt dann den Herr- lichen Titel„Patriotismus", und wenn man sich manchesmal an demselben berauscht, dann läuft man auch in die Straße, um unter gnädiger Deckung von Polizeischaren die Arbeiter- und Sozialistenlokale zu stürmen. Denn diese„Verräter" waren ja immer die Spiel- verderber. Sie sind es ja immer geivesen, die das korrum- pierte Wesen dieser„Politik" denunzierten; die aller„Nation" zum Trotz neue gesunde Prinzipien dem Wähler eintrichterten; sie sind es ja, die mit ihrem ewigen Geschrei nach Gesetzen, die die arbeitenden Klassen in Schutz nehmen, die Ruhe der Schlafmützen, die sich Gesetzgeber nennen, stören. Sie gehören darum der„Nation" nicht an. Sie sind Fremde, Eindring- linge(intmsos), die eine fremde Pflanze hier künstlich zum Treiben bringen wollen. Und als alles nichts gegen diese Eindringlinge ausrichten wollte, wurde der„berühmte" Ferri auserlesen, um den Sozialismus hier vom Stand- Punkt der materialistischen Geschichtsauffassung aus tot- zuschreien; das, was übrig blieb, trachtete man mit„sozialer" Gesetzgebung auszuweisen oder einzukerkern. Es ist nicht nur die Feindschaft der herrschenden Klassen, die die EntWickelung des Sozialismus— in erster Linie seine politische Aktion— hemmen. Das weit wichtigere Hindernis findet er in den hiesigen Verhältnissen. Die Arbeiterklasse besteht hier meistens aus Ausländern. Zudem kommt die hiesige Einwanderung größtenteils aus Italien, Spanien und Rußland.(In letzter Zeit gibt die Türkei einen hohen Prozentsatz Einwanderer.) Diese Masse ist hier schwer in die Organisation zu bringen, weil die meisten herkommen um „Amerika zu machen", und darum keine Lust haben, den „Aufrührer" zu spielen. Weiter, da diese Masse keine politischen Rechte besitzt, und man das Erwerben derselben fast unmöglich macht, wird die Arbeiterklasse der Politik ganz entfremdet, und auf diesem Boden lvuchert dann der Anarchismus und — in letzterer Zeit— der Syndikalismus. Man schwärmt darum für„direkte Aktion",„Generalstreik". Den letzteren dekretiert man denn auch regelmäßig, um dann ebenso regelmäßig den schmäh- lichen Rückzug mit gruseligen Phrasen zu decken.') Die Arbeiter- klaffe auf ökonomischem Gebiete(wenigstens) zu organisieren, daran denken diese Ockonomisten ganz und gar nicht. Dagegen verschleudert man die ganze Zeit mit Sozialistenfresserei, die gewöhnlich auf fruchtbaren Boden fällt. Und wenn dann die Wahlen kommen, dann kauft man diese„Anarchisten" um den denkbar niedrigsten Preis. In diesen Verhältnissen hat die Partei jahrelang mit bewunderungswürdiger Zähigkeit und Ausdauer gearbeitet, indem sie die Arbeiter über ihre wirklichen Klasseninteressen aufzuklären anstrebte. In öffentlichen Versammlungen, Mee- tings, Manifestationen usw. hat sie ihr Möglichstes getan, um die arbeitenden Klassen zu überzeugen, daß sie das eigene Wohlergehen untergraben, wenn sie dem politischen Leben den Rücken kehren. Und die Bemühungen sind nicht fruchtlos geblieben. Die Geschichte der Wahlbeteiligung konstatiert ein stetes ununterbrochenes Wachsen an Stimmenzahl. Seit 1896 hat man schon viermal das Wahlsystem geändert, und die Schuld daran tragen die Sozialisten. Es genügte nur, daß 1904 ein Sozialist in den Kongreß gelangte, um sofort das Wahlsystem zu ändern. In der letzten Wahlschlacht(1912) hat die Partei 14009 Stimmen(gegen 7000 im Jahre 1910) erhalten und zwei Abgeordnete durchgebracht. In den letzten Jahren hat die Arbeiterbewegung enorme Dimensionen angenommen. Der große Streik der Hafen- arbeiter, an welchem zirka 30000 Mann teilnahmen und der nach zwei Monaten hartnäckigen Widerstandes mit einer Niederlage der Arbeiter endigte, hauptsächlich weil die Polizei— auf den neuen„sozialen" Gesetzen fußend— mit Ausweisungen, Einkerkerung der Rädelsführer, mit dem Ver- bieten von Versammlungen der Streikenden, Lokalsperrungen usw. es unmöglich machte, diese un- geordnete Bewegung zu organisieren; dann der gewaltige Eisenbahnerstreik, in dem die Regierung die Rolle des Lakaien des englischen Kapitals bis aufs äußerste trieb und Hand in Hand mit den Eisenbahngcsellschaften den Streik erstickte, haben manchem Arbeiter die Augen geöffnet darüber, was man Politik nennt. Der zweite Grund, warum auf die sozialistische Partei eine so enorme Stimmcnzahl fiel, ist das neue Wahlsystem. Wie gesagt, Parteien im europäischen Sinne gibt es hier nicht. Die sogenannten Parteien bilden sich ein paar Tage vor den Wahlen, und wenn erst die Kandidaten fest im Sattel sitzen, hört man auch nichts mehr von der„Partei", bis bei der folgenden Wahl derselbe Kandidat eine neue Partei ge- ivöhnlich mit neuem Schild ins Leben ruft. Unter den bürgerlichen Parteien gab es nur eine Ausnahme: die radikale Partei. Zwar besaß diese nie eine Organisation; sie existierte jedoch immerfort. Nun ist dieses eine südamerikanische Partei xar excellence, d. h. eine Partei, die nur von Revolutionen, Militärkomplotts. Aufständen usw. schwärmt und dieselben auch, wenn irgend möglich, zu venvirklichen sucht. Ein Pro- gramm besitzt auch sie selbstverständlich nicht; was sie anstrebt ") So wurden im Jahre 1909 138 Streiks proklamiert; bei 4762 Beteiligten waren davon 439(I) Kinder. Dagegen hat der Zentralverband der Arbeiter in seiner Blütezeit jährlich etwa 29 Ovo M. Einnahme gehabt.(Movirirnento sozialista y obrere 1910.) ist Ehrenhaftigkeit der Staatsbeamten, Reinheit der Wahlen. Seit ihrer famosen Revolutton im Jahre 1893 haben die Ra- dikalen keinen direkten Anteil an den Wahlen geuommen, weil man ihnen nicht die nöttgen„Garantien" gewährte. Dagegen munkelten sie jahrein jahraus von Aufständen, und hielten das Land in steter Erregung. Die kapitalistische Gesellschaft, die sich hier einnistet, fordert jedoch Ruhe und Sicherheit und es ist wohl aus diesem Grunde, daß ihr Vertreter, der Präsident,„seinen" Dienern in dem Kongreß befahl, ein neues Wahlsystem zu dekretieren, das die geheime Wahl garantterte, um damit die„revolutionären" Instinkte in der radikalen Partei zu ersticken. Das Ziel ist denn auch erreicht worden. Die radikale Partei hat einen glänzenden Triumph errungen und ihre Führer erklären nun auch, daß sie nun alles erreicht haben, was sie anstrebten. Freilich haben auch die Sozialisten aus dem neuen System Nutzen gezogen. Weil das Wählen nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht war, deren Unterlassung mit Geldbuße bestraft wird, haben viele Wähler, ehrliche Bürger, die dem früheren Wahlschwindel mit Ekel aus dem Wege gingen, gewählt, und zwar sozialistisch. Welche Folgen nun mögen die letzten Wahlen für die sozialistische Partei nach sich tragen? In erster Linie besitzen wir jetzt eine herrliche Tribüne, um so mehr, als auf dem grauen Hintergrund des Kongresses die sozialistischen Abgeordneten (Palacies ist einer der glänzendsten Redner Südamerikas und Justo der hiesige Theoretiker des Sozialismus) grell abstechen müssen. Dann werden die Wahlen die bürgerlichen„Parteien" zwingen, zusammen gegen den gemeinsamen Feind loszugehen. Dabei wird man wohl auch trachten, die Arbeiterklasse mit einigen Konzessionen vom Klassenkampf abzulenken. Schon jetzt sind alle bürgerlichen Parteien einig darin, daß man die arbeiterfeindlichen Gesetze der letzten Jahre etwas mildern könnte, was eben dieselben Parteien nicht hindert, in den Nachwahlen in einigen Distrikten in einem festen konservativen Block gegen den Sozialismus zu kämpfen. Für gewisse Strömungen in der Partei selbst wird die parlamentarische Tätigkeit ein praktisches Erempel sein. Gibt es hier doch sehr viele Sozialisten, die hoffen, auf dem Wege der Gesetz- gebung dem Klassenkampf die Spitze abbredhen zu können» das„Katastrophische" aus unserer Bewegung ganz aus- zuscheiden. Diese Helden der Legalität werden aus der par- lamentarischen Tätigkeit noch viele bittere Schlüsse zu ziehen haben, und die Partei als ganzes, die objektiv eine Partei der Arbeiterklasse, eine Klasscnpartei ist und bleiben will, kann damit nur gewinnen. ver Sieg der Flurallchande. Brüssel, 3. Juni.(Eig. Ber.) Wenn auch erst die nächsten Stunden die vollständigen Wahlresultate bringen und nähere Berechnungen und Ver- gleiche erst die genaue Abgrenzung und Wertung des klerikalen Sieges ermöglichen, so könne am Gesamtbild selbst nichts anderes geändert werden, als daß der Majorität vielleicht noch zwei oder vier Stimmen zugefügt würden. Das mag den moralischen Triumph der Regierung noch um einiges er- höhen— die entscheidende Tatsache war bereits in dem Augenblick gegeben, als feststand, daß die Regierung statt ge- schwächt oder gar vernichtet, wie die Opposition und gut die Hälfte des Landes erhoffte, mit verstärkter Majorität, also triumphierend aus den Wahlen hervorging. An diesem Triumph, den nun die klerikale Presse selbst- redend als Sieg der Ordnung, des Patriotismus, der Religion feiert, ist in der Tat nicht zu drehen und zu deuteln. Er besteht, so unerwartet und desillusionierend er sich auch präsentiert. Denn so sehr man durch die letzten Wahl- erfahrungcn gewohnt war, seinen Optimismus zu dämpfen, so hat diesmal selbst kühler wägende Elemente die Hoffnung verführt und aus der sichtbaren Revoltterung der Geister gegen das klerikale Regime auf den lange eskoniptierten ver- nichtcnden Schlag der Wählerschaft gegen die Regierung schließen lassen. Die Zusamnicnberufung des ganzen Wähler- korps, die Bermehrung der Deputiertcnsitze schien dieser Hoff- nung eine gewissermaßen mathematische Grundlage zu geben. Wie die Wahlen diese Hoffnung beantwortet haben? Die vor- läufige Schätzung ergibt, daß die Rechte von 86 Mitgliedern die sie in der verflossenen Kammer zählte, auf 101 Deputierte gestiegen ist. Der sozialistische Gewinn für sich betrachtet, stellt sich so dar: 1 Mandat in Soignies. 1 Möns, 1 in Charleroi. und eines in Brüssel. Bon den fünf neuen Mandaten, die Brüssel zubekommen hat, kommep zwei oder gar drei auf die Klerikalen. Die klerikalen Eroberungen verteilen sich nicht allein auf die vlämisch-bäuerlichen, sondern auch auf wallonisch- städtische Wahlbezirke— eine Tatsache, die bei einer genaueren Würdigung der Wahlen noch Beachtung finden wird. Als ein charakteristisches Ergebnis dieser Wahlen ist zu buchen, daß fünf klerikale Siege, die von C 0 u r t r 0 i. Nivelles, Tongres, Hasselt und H u y, Siege über sozialisttsch-liberale Wahlbündnisse sind. Auch dieses Faktum wird in seinen Ursachen bei einer ins Detail gehenden Untersuchung noch zu würdigen sein. So viel mag immerhin schon hier gesagt sein, daß die Kartellpolitik, wie ein Teil der belgischen Parteigenossen von je behauptet, weit entfernt die Kräfte der beiden Parteien zu addieren, sie weit eher schwächen und im Grunde nur den Klerikalen billiges Material geben, die Bündnispolitik taktisch auszuschlachten. Wenn auch die psychologischen Ursachen des klerikalen Sieges verschiedentlich verzweigt sind, so ist über allen Zweifel erhaben, daß er in erster Linie und hauptsächlich in dem niederträchtigen Nierstimmenwahlrecht liegt, das dem Klerika- lismus eine Schutzmaucr bietet, deren Durchbrechung allen Berechnungen, wie sich wieder gezeigt hat, spottet. Was sich freilich die Regierung und ihre Helfer diesmal an Korruption, an schmählichster Wählerbeeinflussung geleistet, übersteigt alles Vergangene. Der elegante, feine Herr v. Broqueville versteht dieses Geschäft noch ganz anders als seine fast harmlos zu nennenden Vorgänger. Davon und von der schamlosen Aufhetzung, die sich diesmal die Klerikalen leisteten, noch ein andermal. Indes wird in einer späteren, eine ruhige und ausführlichere Betrachtung ermöglichenden Darstellung auch noch über die Niederlage des Liberalismus, dem eigentlichen Besiegten des 2. Juni zu sagen sein. »» » Die Erregung in der Arbeiterschaft. Brüssel, 4. Juni.(Privattelegr. d.„Vorw.".) Aus Angst vor der empörten Volksmeinung, die überall los- bricht, hat die Regierung die Z u s a m m e n z ie h u n g der ganzen belgischen Armee und Bürgerwehr besohlen. In Brüssel war die Armee gestern konsigniert. 4tXK> Mann Bürgerwehr sind in den Vororten Brüssels sepanri einberufen worden. Die Bürgerwehr ist in der Kammer, im Eisenbahnministerium und in den öffentlichen Gebäuden untergebracht. In den Straßen, vor den Kirchen, Klöstern, klerikalen Anstalten und Redaktionen patrouillieren Polizei, Gendarmen und Bürgerwehr. Infolge der überall stattfindenden Manifestationen wurden zahlreiche Ver- Haftungen vorgenommen. Zusammcnstöste mit der bcwaff- neten Macht fanden statt insbesondere in Loewen, Charleroi, Centre, Borinage, Gent, Tournai und Brügge, wo zahlreiche Ver- wundungen vorkamen. In Verviers wurde ein Arbeiter tödlich verwundet. Der schlimmste Zusammenstoß fand in L ü t t i ch statt, wo abends nach der Ansprache eines Genossen vor dem geschlossenen sozialistischen Volkshaus ein förmlicher Kampf zwischen der Gen- darmerie und der Bevölkerung tobte. Die Polizei gab hier in der Richtung auf das Parterre und den ersten Stock des Volkshauses in etwa 20 Meter Entfernung drei Salven ab. Die Fassade des Volkshauscs weist mehr als achtzig R e V o l v e r s ch ü s s e auf. Im Innern des Hauses wurden vier Arbeiter getötet und ein Kind verletzt. Etwa vierzig Personen wurde» verwundet. Im ganzen traten 10l> Gendarmen, zwei Eskadrons Schützen, ein Regiment Bürgerwehr und leichte Jäger gegen bie Demonstranten in Aktion. Heute abend st't die Bürgerwehr wieder einberufen. Das Ferrer- denkmal wurde von Klerikalen besudelt. Im Henne gau fanden massenhafte Arbeitseinstellungen statt; in Centre ist der Generalstreik ausgebrochen. Am Mittwoch wird der Partei- vorstand über die Situation beraten. Ausdehnung des Streiks. Brüssel, 4. Juni. Die Lage wird immer kritischer. Auch im Becken von Möns streiken etwa 3000 Arbeiter wegen der Ergeb- nisse der Wahlen. In S e r a i n g hat der A u s st a n d am Nach- mittag eine weitere Ausdehnung erfahren. Für heute abend sind überall hie strengsten Maßnahmen getroffen. Nach den Morgenblättern scheint der in Lütt ich angerichtet« Schaden groß zu sein. Nach dem„XX. Siecke" sollen im Zentrum der Stadt Tausende von Fensterscheiben zertrümmert sein; außer- dem sei noch der Tod eines Verwundeten zu erwarten, so daß die Unruhen fünf Menschenleben gefordert hätten. Eine Demonstration der Bürgerwchr. Brüssel, 4. Juni.(P. C.) Zu einem ernsten Zwischenfall ist es heute morgen in Brüssel gekommen. Eine Abteilung Zivilgarde in Stärke von etwa 130 Mann, unter denen sich einige Offiziere befunden haben sollen, begab sich nach der Place St. Catherine und präsentiertenbordem dortauf- ge st eilten Ferrerdenkmal ihre Waffen, worauf einer der Teilnehmer eine revolutionäre Ansprache hielt. In aller Eile wurde Gendarmerie benachrichtigt, die die Zivilgarde zerstreute. Die Demonstranten gingen mit dem Rufe:„Nieder mit den K u t t e n t r ä g e r n!" auseinander. Dieser Zwischenfall hat in allen Kreisen große Erregung hervorgerufen. Die Militär- Verwaltung hat eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sek Streit im �eatrumziager. Die„Kölner Richtung" macht gegen ihre Widersacher mobil. Nachdem ihr die scharfe Stellungnahme des Papstes zunächst die Rede verschlagen hatte, stellt sie sich jetzt not- gedrungen zum Kampfe. Freilich hütet sie sich, direkt gegen den Papst vorzugehen, vielmehr tun die Herren noch immer so, als ob die Willenskundgebung des Papstes nicht genug authentisch wäre und päpstliche Erklärungen erst dann auf größere Beachtung Anspruch erheben könnten, wenn sie durch dcndeutschenEpiskopatverkündetwürden. Aber dasistbloßer Vorwand; denn die„Kölner" wissen recht gut, daß auch der größte oder jedenfalls ein sehr einflußreicher Teil des deutschen Episkopats unter Führung des Kardinals Kopp und des Trierer Bischofs K o r u m zu ihren unversönlichcn Gegnern gehört. Uniso schärfer wenden sie sich gegen die„Berliner Richtung". Aber die Vorwürfe, die sie gegen jene erheben, deren Tendenzen der Papst so überaus nachdrücklich g e- billigt hat, richten ihre Spitze natürlich gegen den Vatikan und man darf auf die Antwort einigermaßen neugierig sein. Die„Kölner" sind gleich mit zwei Kundgebungen hervor- getreten. Die eine ist eine Erklärung des Gesamt- Verbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands. Darin wird zlinächst betont, daß die christlichen Gewerkschaften über 300 000 Mitglieder zählen. Im Gegensatz dazu gehe der Verband der katholischen Arbeitervereine(Sitz Berlin) mit seinen Fachabteilungen andauernd zurück und seine Einnahmen entsprächen einer Mitgliederzahl von höchstens 10000. Die Fachabteilungsidee habe sich in zehnjähriger angestrengter Arbeit und mit großem Auf- wand an Geldmitteln nicht durchsetzen können. Die ganzen Fachabteilungen des Berliner Verbandes ständen vor dem vollständigen Ruin. Die zehnjährige Agitation und Organisationsbestrebungcn des Berliner Verbandes für seine Fachabtcilungen stellen ein einziges großes Fiasko dar. Was sie erreichten, war lediglich eine Henimung der christlichen Gewerkschaften und eine indirekte Förderung der sozialdemokratischen Bewegung. Um einem vollständigen Zusammenbruch des»Berliner" S y st e m S vorzubeugen, suchten dessen Vertreter in den letzten Tagen über die Köpfe der Gewerkschaften hinweg in Rom eine Beanstandung der christlichen Gewerkschaften für die katholischen Arbeiter zu erwirken. Diesem Zivecke diente eine sogenannte„Huldigungsadresse" an den Pap st. Es heißt dann weiter: „Noch nie ist daS Oberhaupt der katholischen Kirche über das Wesen und den Charakter der christlichen Arbeiter- bewegung Deutschlands schmählicher hintergangen und getäuscht worden wie in dieser Huldigungsadresse. Sie ist die Krönung eines jahrelangen V e r l e um d u n g S f e ldzugeS des Berliner Verbandes gegen die christlichen Gewerkschaften. Da« gegen erheben die christlichen Gewerkschaften schärfsten Protest. Die christlichen Gewerkschaften haben satzungsgemäß als Organi« sationen die Verpflichtung übernommen, in ihrer gewerkschaftlichen Praxis so zu verfahren, daß die religiös- sittliche Ueberzeugung ihrer Mitglieder in keiner Weise verletzt wird. Das hindert aber die christlichen Gewerkschaften keineswegs, ihren Aufgabenkreis auf ein bestimmtes lvirt schaftliches Gebiet zu be« schränken. Solche Beschränkung in der Zweckietzung ist für deutsche Verhältnisse nicht zu umgehen. Die große Mehrzahl der deutschen Bevölkerung ist industriell. In fast keinem Lande der Welt ist die industrielle Entwicklung in den letzten Jahren in so schnellem Tempo vorangeschritten, wie in Deutschland. In wenigen Ländern ist die Kartellierung der industriellen Unternehmungen so allgemein; kein Land hat so mächtige, festorganifierte Arbeitgeber- verbände wie Deutschland. Dabei hat Deutschland die st ä r k st e Sozialdemokratie der Welt. In einem solchen Lande ist eine leistungsfähige, nicht sozialistische Gewerkschaftsbewegung unabweisbare Not« wendigkeit, wenn der nach Millionen zählende Ar« beiterstand angemessenen Anteil an den Erfolgen der produktiven Arbeit erhalten, und die nationaldenkende Arbeiterschaft nicht der Sozialdemokratie über« antwortet werden soll. Die christlichen Gewerlschaften haben ihren 360000 Mitgliedern gegenüber tägliche Verpflichtungen, sie sind an rund tausend Tarifverträgen beteiligt; durch diese ge. waltigen Verantwortungen sind die christlichen Gewerkschaften un« zerreißbar mit dem gesamten volkswirtschaftlichen und staatlichen Leben der Nation verbunden. Bei solcher Sachlage ist eine ver« trägliche gewerkschaftliche Zusammenarbeit aller christlich-natio« nalen' Arbeiter unvermeidlich. Jede gewerkschaftliche Organisation, die auf einer anderen Grundlage aufbauen würde, müßte zur Un- fruchtbarkeit verdammt sein, wie dies die EntWickelung der Berliner Fachabteilnngen schlagend beweist." Hier wird also der dem Papst so verhaßte»inter- konfessionelle Standpunkt" und die Selbständigkeit in Wirt- schaftlichen Fragen aufs nachdrücklichste betont. Wenn freilich die Kundgebung den gewerkschaftlichen Charakter ihrer Organisation hervorhebt, so hat der Verrat der christ- lichen Führer beim letzten Bergarbeiterstreik bewiesen, wie wenig ernst es diesen in Wirklichkeit mit den gewcrkschaftlirfjen Interessen ist. Und der politische Charakter der chrrst- lichen Organisationen wird ja auch in dieser Verteidigung hervorgehoben. Sie sind gegründet als Schutztruppe der bürgerlichen Gesellschaft gegen die Sozialdemokratie und deshalb schrecken sie eben auch vor der Zersplitterung des Gewerkschaftskampfes nicht zurück. Eine zweite Kundgebung erfolgte auf dem Verbandsfest der katholischen Vereine Dortmunds durch den Stadtverord- neten L e n s i n g. Er erklärte dort: „In einem Hirienschreibcn hat Kardmal Fischer mitgeteilt, der Heilige Vater habe mit Entschiedenheit erklärt, daß er in der Gewerkschaftsfrage nach wie vor beiden Richtungen gleichmäßig neutral gegenüberstehe und nicht daran denke. die christlichen Gewerkschaften zu verurteilen.„DaS dient", so schloß Se. Eminenz,„zur Beruhigung für unsere katholischen Arbeiter, die den christlichen Gewerkschaften beigetreten find oder beizutreten gedenken." Angesichts dieser feierlichen Erklärung unseres Oberhirten gehen wir über die gegenteiligen Aeußerungen eines Herrn vom Berliner Verbände mit Recht zur Tages- ordnung über. Etwas anderes ist es mit dem Wortlaut der Huldigungsadresse, welche der Verband dem Heiligen Vater überreicht hat und die im Organ deS Berliner Verbandes veröffentlicht ist. An diesen Wortlaut können wir uns halten. Dort werden über die sozialen Bestrebungen der west- und süddeutschen katholischen Arbeitervereine und der christ- lichen Gewerkschaften so grobe Verleumdungen auS- gesprochen, als kümmerten sie sich nicht mehr um Gott und Religion, wollten an erster Stelle den wirtschaftlichen Machtkampf statt des sozialen Friedens usw. ES ist ja selbstverständlich, daß wir diese allen Tatsachen inS Gesicht schlagen« den Anklagen mit größter Entrüstung zurückweisen.(Leb- hafter Beifall.) Man hat damit an die Ehre gegriffen der 310 000 katholischen Arbeiter, die in dem Kartellverbande katho- lischer Arbeitervereine West-, Süd- und Ostdeutschlands zusammen- geschlossen sind. Man hat die Ehre angetastet der mehr als 2000 geistlichen Präsides dieser katholischen Arbeitervereine. Ja, es liegt in dieser Anklage sogar der Vorwurf der P f li ch t v e r« gessenheit gegen die 19 hochwürdigsten Herren Bischöfe, mit deren Billigung, ja Ermunterung, die ihnen unterstellten katho- tischen Arbeitervereine ihre Mitglieder den christlichen Gewerk- schasten zuführen. Leute, die mit solchen wahrheitS- widrigen Anklagen katholischer Glaubensgenossen vor den Heiligen Bater treten, haben keine Legitimation dazu, sich uns gegenüber als die Vermittler der Willensmeinung des Heiligen Vaters in einer so wichtigen Frage aufzuspielen.(Lebhafter Beifall.) Ich habe geglaubt, an- gesichts der Haltung der sozialdemokratischen und der anderen gegnerischen Presse in diesen Dingen, und angesichts deS Miß« brauchs, der mit ihnen gegen uns getrieben wird, hier diese Ge« legenheit vor Tausenden katholischer Männer benutzen zu müssen, um klar und frank und frei zu sagen, wie wir über die erwähnten Vorgänge denken.(Slürmischer Beifall.)" Die„Kölner" würden nicht so schweres Geschütz auf- 'ahren, ivenn die Gefahr nicht so groß wäre. Sie beschuldigen ja deutlich das Papsttum der völligen Unkenntnis der Verhältnisse, über die es sdin Urteil abgibt, also der allergrößten Leicht- sertigkcit. Gelingt es ihnen und ihren Verbündeten, der deutschen Regierung, nicht den Papst zum Einlenken zu bringen, so ist aus dem kunstvollen Aufbau der Zentrums- organisationen der wichtigste Stein herausgebrochen, in den lolzen Turm von innen heraus die Bresche gebrochen, aus der dann die katholischen Arbeiter schneller als früher ihren Weg ins Freie finden würden. vek Krieg. Ein ernster Kampf in Albanien. Saloniki, 3. Juni. Fadil Pascha berichtet: Seit gestern hatten sich große Arnautenscharen in der Umgebung von I p e k ver- sammelt und zeigten außergewöhnliche Bewegung. Plötzlich rückten fi«, etwa 4000 Statn Hark, don verschiedenen Selten gegen JpcjJ vor, durchbrachen die Stellungen der vorgeschobenen Truppen*nb umzingelten einzelne Abteilungen. ES entbrannte ein heftiger Kampf, der bis gegen Morgen anhielt, wo e» den Truppen ge« lang, die Arnauten teilweise zurückzudrängen und Jpek zu retten. Fadil Pascha war gezwungen, von Djakowa in größter Eile zwei Bataillone nach Jpek zu entsenden, damit die Truppen neuen An- griffen gwachsen seien. Die Verluste find noch nicht festgestellt. polftilebe Qeberlicbt Berlin, den 4. Juni 1912. DaS Attentat auf die Immunität der preußische» Landtagsabgeordneten. Am Montagnachmittag sollte vor dem Landgericht Hannover Genosse L e i n e r t über die Vorgänge im preußischen Ab- geordnetenhause vernommen werden. Genosse Leinert erklärte, an dieser Stelle nicht aussagen zu wollen. Was er getan habe, habe er nach seinem pflichtgemäßen Ermessen getan. Leinett verzichtete demzufolge auch auf die Verlesung des von dem Polizeileutnant Kolb verfaßten Berichts über die Be- Handlung Leinerts und Borchardts im preußischen Dreiklassen- Hause._ Die Reichseinnahmen. Die soeben abgeschlossenen I st e i n n a h m e n des Rech- nungsjahres 1911 ermöglichen nunmehr einen Ueberblick, wie sich der Gesamtbetrag der Ueberschüsse aus Zöllen und Steuern von 193 Millionen Mark im einzelnen zu- sammensetzt. Das Ergebnis sowohl in der Gesamtheit wie im einzelnen läßt erkennen, daß es sich im Haushaltsjahre 1911 um außergewöhnliche Verhältnisse in der Gestaltung der Reichseinnahmen gehandelt hat, auf deren Wiederkehr nicht zu rechnen ist. Es ist keineswegs zu erwarten, daß in den nächsten Jahren wieder so hohe Mehreinnahmen zu verzeichnen sein werden, wie das Jahr 1911 sie gebracht hat. Die höchsten Ueberschüsse über den Voranschlag haben naturgemäß die Zölle mit 95 Millionen Mark gebracht. Daß hiervon etwa ein Drittel auf eine vermehrte Ein- fuhr infolge der ungünstigen Ernteverhältnisse zurückzuführen ist, darf nicht übersehen werden. Ein Mehr von 30 Millionen über die Schätzung hat auch die Ver- brauchsabgabe für Branntwein gebracht. Aber auch mit der Branntweinsteuereinnahme darf nicht als mit einer gleich- mäßigen oder gar steigenden Einnahme gerechnet werden. Dafür wird schon der Branntweinboykott sorgen. Umsomehr da die Verschärfung des Branntwein- boykotts die einzig wirksame Antwort auf den Preis- Wucher der Spirituszentrale bildet. Um 18 Millionen über- schritt der Erttag der Z u ck e r st e u e r den Voranschlag. Die Stempelabgabe für Kauf- und sonsttge Anschaffungs- geschäfte brachte Mehrcrttäge von 8,6 Millionen, die Erbschaftssteuer 5,9, Zigarettensteuer 4,9, die Brau- steuer 4,6 und die Leuchtmittelsteuer 3,3 Millionen. Mit 2—2,6 Millionen sind in der Reihe der Ueberschüsse über den Etatsansatz vettreten die Zündwarensteuer sowie der Stempel von Privatlottenen, Frachturkunden und Personen- fahrkartcn. Bei den übrigen Steuern sind Mehrerträge von rund 1 Million zu verzeichnen. Mindererträge gegen- über dem Voranschlag finden sich bei sechs Steuern bezw. Stempelabgabcn. Die Steuer auf inländischen Tabak hat alS olge ungünstiger Anbauvcrhältnisse einen Minderertrag von Millionen gebracht, ebenso die Zuwachsstcucr von 2 Millionen und die Stempelabgaben von Grundstücksübertragungen von 2,4 Millionen; beim Scheck- und Lotteriestempel und der Leuchtmittelsteuer erreichten die Minderetträge nur einige Hunderttausend Mark._ Andere Zeiten. Zum Fall D ü w e l l bringt die„Frankfurter Zeitung" folgende Reminiszenz: „Schon einmal hat die Versagung deS BerechtigungS� sch e i n e s zum Einjährigendienst aus politischen Gründen das Parlament beschäftigt. Am 1. Juni 1863 be- antwortete der Minister des Innern, Graf Eulenburg, eine Interpellation Motty, welche Maßregeln die Staatsregierung zu ergreifen gedenke,„um ein Verfahren zu redressieren, welches der gesetzlichen Grundlage entbehre, und das auf Anlaß eines Reskriptes des Kriegsministers und eines Reskripte» des Ministers des Innern von den Behörden in Posen beliebt worden sei". Man hatte nämlich jungen Polen, die am Aufstande gegen Rußland teilggenommen hatten, den BerechtigungS- schein entzogen und sie obendrein noch in die Arbeiterabteilungen eingestellt. Graf Eulenburg erklärte die Teilnahme am Aufstand für„unmoralisch", die jungen Leuten besäßen nicht die„moralische Qualifikation". Das Abgeordnetenhaus aber nahm diese Erklärung nicht gleichmütig hi». Unter lauter Zustimmung von allen Bänken de» Hause» erwiderte der Abgeordnete Jung, indem er einen Vergleich mit dem Unter- nehmen Schills zog, daß man unmöglich Jünglinge» die moralische Qualifikation absprechen könne, die sich für ihre Nation der Gefahr ausgesetzt hätten, einem Muraview in die Hände zu falle«. ES wurde ein Antrag angenommen, worin erklärt wurde, daß die be» treffenden Ministerialerlasse nicht nur gegen die all», gemeinen, gesetzlichen Bestimmungen, sondern auch gegen die Ersatzinstruktion selb st verstießen." Der Antimodernistcneid vor dem bayerischen Landtage. In zwer Sitzungen des Abgeordnetenhauses wurde die General- dcbattc zum Kultusetat durch einen Schlußantrag des Zentrums beendigt. In den Vordergrund der Debatte stellten die Liberalen den Anti-Modernisteneid. Die Wirkung der Ableistung des Eides müßte, so führte Professor Günther aus, die Loslösuog der theologischen Fakultät von der Universität zur Folge haben. Dem widersprach der neue Kultusminister, der den Modernisteneid ent- schieden verteidigte. Ei» anderer liberaler Redner nannte den Minister deshalb einen Handlanger des Zentrum». Von sozialdemokratischer Seite sprach Genosse Hoffmann über die zunehmende Klcrikalisierung des gesamten Bildungs- und Erzichungswescns in Bayern. Er entwickelte das sozialistische Schulprogramm und erklärte dem Minister da? Maximum des Mißtrauens.— Genosse V o l l m a r zog aus den theologischen Debatten, die gar nicht in die Parlamente gehörten, die Folgerung, daß nur die Trennung des Staates von der ZÄrche die verworrenen Verhältnisse klären könne. Die theologische Fakultät gehörte ihrer Natur nach überhaupt nicht zu den Universitäten. Als Vellmar den neuesten Streich des Zentrums erörterte, die Absicht der Mehr- heit nämlich, die Forderung für den Neubau einer Frauenklinik in München erst dann zu bewilligen, wenn die Stadt München ge-� wisse Wünsche für eine Münchener Klofterschule bewilligt hätte, und als Volkmar in diesem Zusammenhange von der Erpresser- taktik des Zentrums sprach, die die Beseitigung lebens» gefährlicher Zustände, die in der Frauenklinik herrschen, von Vor. teile für private konfessionelle Interessen abhängig macht, wurde ®T�nul'9 gerufen, und als er diese Charakteristik autrechl erhielt, bekam er einen zweiten Ordnungsruf. Zwischendurch liefen Debatten über den Begriff und die Grenze der �.ehrfreiheit. Liberale und Sozialdemokraten der- bedingungslose L e h r f r e i h e i t. die das Zentrum und der Zentrr.umsminister nicht anerkannten. Ein Lentrumsrei.lier iprach unter großem Lärm der Linken geradezu ?;Hf's"ur Staate dürfe man die Erziehung aiwertrauen, der sich der Kirche unterordnet. Zur Landtagswahl in Koburg-Gotha. . den 4. Juni, finden die Neuwahlen statt. Bei der letzten Wahl im Jahre 1908 gelang es, in Coburg von 11 Man- <1 unb i*1®othci von 19 Mandaten sechs zu erobern. Gothaer Lande gibt es eigentlich nur drei Parteien. Di« Agrarier, in denen Konservative und Antisemiten restlos auf- find, die„vereinigten" Liberalen, in der die unbestrittene Fuhrung„Nechtsnationalliberale" von besonders reaktionärer Spielart haben, und die Sozialdemokratie. Kann auch die glänzend ausgesallene Reichstagswahl als eine Art„Generalprobe" für den Ausfall der Landtagstvahl gelten, so ist doch dabei zu berücksichtigen, daß viele unserer Genossen nicht die goihaische Staatsange. 5-0 r m®'i.6' � besitzen und deshalb nicht vollberechtigt sind. Auch rae Bindung des Wahlrechts an einen, wenn auch geringen, Steuerzensus entrechtet viele der Aerinsien. der Unfall- und Jnvalidenrentner usw. mit ganz niederem Einkonunen. Besonders ringünstig für die sozialdemokatischen Wahlaussichten wirkt das indirekte W a h l v e r f a h r e n. In vielen Orten, in denen die Agrarier herrschen, verhindert der bündlerische Terror die Auf- stcllung einer sozialdemokratischen Wahlmänneliste. So koinimt es, daß wir wohl bei der Rcichstagswahl 29 099 Stimmen auf unseren Kandidaten vereinigten, daß uns aber die letzte Landtagswahl nur wenig mehr als 19 999 Stimmen brachte. Wenn wir diesmal unsere Stimmenzabl aus 12 999 erhöhen können, so wäre dies zweifellos ein großer Erfolg. ..Besonders aufregende, gesetzgeberische Arbeit hat die verflossene Seiiion nicht gebracht. Sechs Besoldungsvorlagen in vier Jahren,! -r.ie. Staatsarbeifsr hat man mit einer einmaligen zehnprozentigen Ausbesierung abgespeist. Umso besser wurden die höheren Beamten dedacht. Alle Bemühungen unserer Genossen, die infolge der Klein- staaterei � ldesonders hohen Vcrwaltungskosten der Thüringer Staaten ourch Bereinfachung und Zusammenschluß der Verwaltung berab.-umindcrn, scheiterten an dem Kriegervereinspatriotismus Der bürgerlichen Klassen und den Eifersüchteleien der Rcgiicrungen, G:n Antrag unserer Genossen: „Der Landtag wolle die Herzog. Staatsregierung ersuchen, mit den Regierungen sänrtlicher Thüringer Kleinswaten Ver- chandlungen einzuleiten, um für diese Kleinstaaten eine ein- heitliche Gesetzgebung und Zentralverwaltung anzubahnen", Wanderte gegen die Stimmen unserer Fraktion einfach in den Papierkorb. Auch der von einer großen Mehrheit des Landtages gefaßte Beschluß, an Stelle der indirekten Wahl das direkte Wahlrecht einzuführen, scheiterte an dem Widerstand der Regierung. Ohne reaktionäre„Kompensationen", wie Einführung eines Dreiklassenwahlrechts oder Bevorrechtung von Besitz und sogenannter„Bildung" usw., dürfe an dem be- stehenden Zustand nicht gerüttelt werden, erklärte einfach der als Staatsminister fungierende ehemalige preußische Geheimrat von Richter. Ein„lediglich auf der Masse" beruhendes Wahlrecht dünkt der Regierung, wie sie zugestand, zu gefährlich! Neben einigen kleineren Vorlagen, die u. a. Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten, Einrichtung von Pfarrerbesoldungskassen, Abänderung des Wolksschulgesetzcs betrafen, hat die Schaffung einer E l e k- krischen U e.b e r la n d z e n tr a l e längere Zeit beschäftigt. Es wurde ein umfangreicher, ziemlich komplizierter StaatSvertrag mit der Berliner A. E. G. geschaffen, und obgleich unsere Fraktion nicht durchzusetzen vermochte, daß das Unternehmen in Staatsregie aus- geführt und betrieben wurde, stimmte sie schließlich doch für die Vorlage, um nicht das ganze Projekt, das weiten, Kreisen der Be- dölkerung wirtschaftlich Vorteile bringt, scheitern zu lassen. Zum Schluß sei nur noch der Beschuß des Gothacr Landtags erwähnt, die Ro t w i l d j a g d e n in den Staatsfarftcn nicht wieder zu verpachten, sondern das Wild abschießen zu lassen. Damit wurde noch in letzter Stunde einer gänzlichn Vernichung großer, durch den Wildfraß vcrursacher Waldreviere vorgebeugt und einer alten Forderung unserer Genossen Rechnung getragen. Auch die Chausseegeldfrage und die damit verbundene Einführung einer Heranziehung der Automobile zur Erhaltung der Straßen sei hier nur nebenbei erwähnt. Da der Antrag unserer Genossen auf Beseitigung des Chausseegeldcs überhaupt abgelehnt wurde, so waren sie aus Gründen ausgleichnder Gerechtigkeit da- für daß diese Chausseegelderhebung auch für die Besitzenden durch geführt wurde. Selbst der beschlossene Boykott des Landes durch tie vornehmen Automobilklubs konnte sie nickt wankend machen. Den zukünfttgen Landtag werden voraussichtlich drei größere Gesetze beschäftigen, um die sich der Wahlkampf vorwiegend dreht. Die Sozialdemokraten fordern eine gründliche Reform des G e m e i n d e g e s e tz e s. An die Stelle der jetzigen Bürger- gemeinde soll die Ei nwo h n e r g e m e i n d e treten. Die not- wendige Reform des Gemeindcabgabengesetzes möchte die Reaktion mit einer Erdrosselungssteuer für die Konsumvereine belasten z die gilt es zu verhindern, und weiter wird gesorgt werden müssen, daß den zahlreichen armen Gemeinden durch lieber nähme der gesamten Schul lasten auf die Staatskasse geholfen werde. Endlich wird die Wahl- rechtsfrage erneut aufgerollt werden müssen. Da damit auch das Staatssteucrgesetz geändert werden muß, stehen heftige Kämpfe bevor. Unsere Partei verlangt Befreiung der unteren Einkommen»- klaffen von der Staatssttuer ohne Vernichtauig des Wahlrechts, wie überhaupt eine Reform im Sinne unseres Programms. Bis jetzt besteht hier noch der skandalöse Zustand, daß Einkommen von über 899 M. zur Steuer herangezogen werden. Auch in dein Gothacr Ländchen verbietet der„Familiensinn" den besitzenden Klassen die Einführung jeder Besitzstruer und der Steigerung der Einkommen- steuer für größere Einkommen. Die gründliche Erörterung aller dieser Fragen hat den Wahlkampf nicht nur beherrscht, sondern ihm auch eine besondere Schärfe verliehen. Wo bleibt die Aufklärung. Im März d. I. erschoß in O st e r o d e(Ostpreußen) der Musketier Emersleben den Hauptmann R e t s ch. Vornebmlick die bürgerliche Presse konnte damals allerlei Einzelbeiten veröffent- lichen, au? denen hervorging, daß der erschossene Hauptmann ein Mann gewesen ist, der seinen Soldaten das Leben zur Hölle ge- macht haben muß. Die Erregung war damals allgemein; die Militärbehörden schwiegen jedoch beharrlich, und zur Beruhigung teilten die Blältcr mit, die Militärbehörde werde eine ein- gehende Untersuchung vornehmen und dasResultat der Oeffentlichkeit mitteilen. DaS war im März, jetzt ist Juni, aber noch hat die Militärbehörde nicht ein Wort über die geführte Untersuchung veröffentlichen lassen. Ist diese noch nicht beendet, oder ist das Material derart belastend für den getöteten Hauptmann, daß man nicht wagt, die Oeffentlichkeit über die Ursachen der Tat Einerslebens auzuklären? Man muß das letztere annehmen, wenn nicht jetzt endlich die Behörden das Wort ergreifen. Zeit zu einer„eingehenden Untersuchung" haben sie wahrlich genug gehabt. Sollte die Militärbehörde weiter schweigen, so weiß man, daß keine Autwort auch eine Autwort ist._ Amtlich bescheinigtes Wahlunrecht. DaS grobherzoglich badische Statistische Landeöaint hat soeben ein Sonderheft mit den Ergebnissen der letzten ReichstagSwahl herausgegeben. Der Leiter des Statistischen LandeSamtS hat in öer EuiUumig zu der Wahlstatistik auch Berechnungen aufgestellt über die Vertretung Badens im Reichstage, wenn statt des gellenden ein Proportioualwahlrecht zur Anwendung gekommen wäre. Er hebt in Verfolg dieser Berechnung hervor, daß der konservativ- klerikale Block b, die Nationalliberalen 5, die Sozialdemokrat e>l 4 Mandate zu fordern gehabt hätten. In Wirklichkeit hat die Sozialdemokratie nur ein Mandat erlangt, die Liberalen ö und der rechlsstehende Block 7. Fürstenvertretung im Landtage. In R e u ß j. L. ruht auf der Besitzung zu Köstritz die Be- rechtigung einer Berlreiung im Landtage. Das Gut gehört dem Fürsten. Das Laiidtagswahlrecht sollte nunmehr dahin abgeändert werden, daß dem Fürsten gestaltet wird, einen Stellvertreter in den Landtag zu delegieren. Die sozialdemokratische Fraktion verhinderte durch Obstruktion am Dienstag die Annahme dieser Verschlechterung der verfassungsrechtlichen Ver- Hältnisse. Sturrnfzemn im unganfehen Hbgeordnetenbaua. Die herrschende Oligarchenclique in Ungarn, bei der sich Korruption und Brutalität die Wage halten, treibt ihre Gewaltpolitik unter der Führung ihres„starken Mannes", des Grafen Tisza zum äußersten. Sie fragt nicht nach der doch so deutlichen Willenskundgebung der Arbeiterschaft, noch nach den Forderungen der parlamentarischen Opposition. Rücksichtslos wird von der Mehrheit und vom Grafen Tisza die Geschäftsordnung vergewaltigt, um die Opposition mund- tot zu machen und zunächst die Wchrvorlage durchzudrücken und um dann in der Wahlrccktsfrage mit leeren Bersprcchun- gen den Volksbetrug auf die Spitze zu treiben. Das Geschenk der Wehrvorlage, das die Mehrheit dem Wiener Hofe macht, soll dort auch betveisen, daß eine volkstümliche Wahlreform nicht nötig ist. Die Folgen dieser Gewaltpolitik sind unab- sehbar, auf die Dauer wird sich das ungarische Volk die Tyrannei der Adelssippen nicht gefallen lassen. Ueber die Vorgänge im Abgeordnetenhause liegen folgende offiziöse Meldungen vor: Budapest, 4. Juni. Die heutige Sitzung des«bgeord- netenhauses begann mit ungeheurem Tumult. Präsident Graf Stephan TiSza eröffnete die Sitzung um 10ll2 Uhr. Auf der Tagesordnung stand die Generaldebatte über die Wehrvorlagen. Mehrere Abgeordnete der äußersten Linken wünschten das Wort zur Geschäftsordnung. Der Präsident verweigerte eS ihnen, ebenso lehnte er die Abhaltung einer geschlossenen Sitzung ab. ES erhob sich große Unruhe. Der Abgeordnete Bela Knn warf dem Prä- sidenten vor, er sei parieipolitisch. Der Präsident rief Knn zur Ordnung.(Stürmischer Lärm aus der äußersten Linken. — Lebhafter Beifall rechts.) Die äußerste Linke rief dem Präsidenten zu: Halten Sie die Geschäftsordnung ein I (Andauernder großer Lärm.) Der Präsident rief zahlreiche Ab- geordnete zur Ordnnng. Die äußerste Linke setzte den Lärm fort. Einige Abgeordnete trampelten mit den Füßen, schlugen mit Pult- deckeln und bliesen mit Trompeten. Die Worte des Präsidenten waren kaum verständlich. Auf Antrag des Präsidenten wurden einige Abgeordnete dem JmmunitätSausschuß überwiesen. Hierauf gelangte ein Antrag Szepeshazh auf Abhaltung von täglich zwei Sitzungen zur Abstimmung. Der Antrag wurde unter ungeheurem Beifall der Rechten angenommen. Nunmehr brachte der Präsident die Wchrvorlage» zur Ab st immun g. Die ganze Rechte erhob sich unter stürmischem Beifall. Händeklatschen, Hoch- und Eljenrufen. Der Präsident erklärte, daß die Wehrvorlagen im allgemeinen und in den Details angenommen seien. Sodann beraumte er eine Sitzung aus heute nachmittag 4 Uhr au mit der Tagesordnung„Verhandlung des Landwehrgesetzes". Während der ganzen Sitzung des Abgeordnetenhauses herrschte ein unbeschreiblicher Lärm. Die Opposition unterbrach die Ansprache des Präsidenten Grafen Tisza durch leidenschaftliche Zurufe und schleuderte ihm ernste Schmähungen entgegen. Der Abg. Justh schrie wiederholt: Ehrloser Schurke! während die Majorität dem Präsidenten zujubelte und jedes seiner Worte mit frenettschem Beifall und Händeklatschen begrüßte. Graf TiSza sagte nach erfolgter Abstimmung: Ich bin bei meinem Vorgehen nur dem Gebote meines Gewissens gefolgt, in der Ueberzeugung, daß ich dem ungarischen Parlamentarismus und den Interessen der Nation einen Dienst erweise. Darüber kann nur daS Abgeordnetenhaus mein Richter sein und ich werde diesem Ge- legenheit geben, wenn es das für notwendig hält, in dieser An« gelegcnheit Stellung zu nehmen. Der Abg. Justh wurde wegen seines ZurnfS an den Präsidenten dem JmmunitätSausschuß über- wiese». Unter ungeheurem Lärm der Opposition und stürmischen Ovationen der Majorität für den Präsidenten Grafen TiSza wurde die Sitzung geschlossen. Während der Pause war im Abgrordnetenhause eine starke Abteilung Polizei erschiene» und zwar entgegen der ergangenen Weisung schon während der Pause, während die Order dahin ging, daß die Polizisten erst am Ende der Sitzung Aufstellung nehmen sollten. Der Zweck dieser Maßnahme war der, daß etwaige Gewalt- alte der Opposition vermieden werden sollten. Beim Antritt der Polizisten brach die Opposition in laute Pfui-Rufe auS. Sämtliche Mitglieder der Opposition begaben sich in den großen Kuppelsaal des Hauses und hielten dort eine Konferenz ab. In derselben er- klärte Graf A p p o n y i, es sei zu hoffen, daß die ungesetzlichen und gegen die Formen votierten Wehrvorlagen nicht die Zustimmung des Maguatenhauses finden und vom Könige nicht sanktioniert werden würden. Graf Michael K a r o l h i ersuchte den Grafen Apponyi, ans Grund seiner Beziehungen zum Ausland diese flagrante Verletzung des Parlaments zur Kenntnis des Auslandes zu bringen. Mittlerweile Jjattei� auch die Regierungsparteien eine Konferenz abgehalten. Sämtliche Parteimitglieder unterschrieben einen Resolutionsantrag, der dem- nächst im Abgeorduetcnhause eingebracht werden soll und in dem erklärt wird, daß die Parteimitglieder mit dem Vorgehen des Prä« sidenten sich vollkommen solidarisch erklären, der den uiizweife'ckaften Willen der großen Majorität, welche die Wehrvorlagen angenommen habe, zur Geltung brachte._ Die Nachmittagssitzung. Budapest, 4. Juni. In der Nachmittagssitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses haben sich die Sturmszenen vom Vormittag in verstärktem Maße erneuert. Um 4 Uhr zogen die Abgeordneten in den Saal und warteten ans die Eröffnung der Sitzung. Gleich zu Beginn der Verhandlungen erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm. Die Mitglieder der Opposition pfiffen, trampelten mit den Füßen und klappten unausgesetzt mit den Pulldeckeln, ivaS zur Folge hatte, daß die Sitzung auf einige Zeit ausgesetzt werden mußte. Bei Wiedereröffnung setzte der Lärm sofort von neuem ein, so daß die Sitzung wiederum ausgesetzt werden mußte. Dieses Spiel wiederholte sich dreimal. Zum Schluß erklärte der Präsident Gras Tisza, daß er im Sinne der 48er Gesetze durch die Nationalgarde die Ordnung im Saale aufrecht- erhalten lassen werde. Die Nationalgardc bestehe heute aus der H o n v e d und der Gendarmerie. Falls die Ruhe nicht wieder hergestellt würde, werde er die Ruhestörer durch die Honved und Gendarmerie aus dem Saale tragen lassen. Hierauf erhebt sich von neuem ein großer Tumult. Vor dem Parlament sind ein Regiment Handeb und ein« Brigade 9ku» darmerie aufgestellt. Der Streik im Londoner Dafen. London, 3. Juni.(Eig. Be?.) Der Streik der Hafenarbeiter hat an Ausdehnung ge« Wonnen durch den Beschluß des Verbandes der Londoner Bauarbeitergewerkschaften, seine Mitglieder aus den Be« trieben der Hafenbehörde und den Schiffen und Werkstellen zu ziehen, wo Streikbrecher beschäftigt werden. Der Zenitralvor« stand des Transportarbeiterverbandes hat dem Streikkomitee geraten, den Vorschlag der Regierung, ein Einigungscunt für die gesamte Londoner Transportindustrie zu errichten, anzu- nehmen, vorausgesetzt, daß Vorkehrungen getroffen werden, wodurch die Beschlüsse des Amtes erzwungen werden können, Das ist jetzt der springende Punkt. Die alten Verträge sind von den Unternehmern nicht gehalten worden. � Diese entschuldigen das Verhalten der Unternehmerschaft mit dem Hin« weis darauf, daß die kontraktbrüchigen Unternehmer nicht organisiert sind oder aus der Unternehmerorganisafton aus- treten, wenn ihnen der Vertrag nicht mehr paßt. In dieser Unorganisation scheint jedoch Methode zu liegen. Es ift daher zweifelhaft, ob die Unternehmer den Vorschlag der Re- gierung bezüglich des Einigungsamtes annehmen werden!, Der Vorschlag ist bisher nur den Arbeitern unterbreitet worden. Wie die„Times" berichten, hat der Schatzkanzleo die Unternehmer nur gefragt, ob sie bereit seien, einen starken, alle Unternehmer der Londoner Transportgewerbe um« fassenden Verband zu gründen. Inzwischen hat sich der Vor« stand des Transportarbeiterverbandes genötigt gesehen, den» Nationalen Rat des Verbandes auf morgen zu einer Sitzung nach London einzuberufen, in der die Frage des nationalen- Transportarbeiterstreiks erörtert werden soll. Zu dieser Sitzung ist auch der Sekretär des Internationalen Transport« arbeiterverbandes, Genosse Jochade, eingeladen worden. � Die hartnäckige Haltung der Unternehmer wird nicht in letzter Hinsicht dadurch hervorgerufen worden' sein, daß viele von ihnen ihren Arbeitern große Summen Geld schulden Lohnteile, die trotz der Verfügung der Schiedsrichter den Arbeitern nie ausbezahlt worden sind. In einer Rede, die B e n T i l l e t gestern hielt, konstatierte er, daß diese Summen ohne Berechnung der Ueberstunden und Spezialarberten mindestens 480 000 Pfund Sterling ausmachen.� Das ist mehr, bemerkte er, als alle Einbrecher und sonsftgen« Spitz- buben im ganzen Königreich in einem Jahre einheimsen, Für die schlecht entlohnte Arbeiterschaft sind diese Summen keine Kleinigkeit. 50 000 Arbeiter im Londoner Hafen ver- dienen wöchentlich weniger als 20 Schilling, und die Hälfte von diesen haben im Durchschnitt tverüiger als 15 Schilling die Woche. Und zu jeder Tages- und Nachtzeit müssen diese Arbeiter ihre Arbeitskraft für den Unternehmer in Bereit- schaft halten....._ An ein baldiges Ende des Kampfes ist nicht zu denken, G o s l i n g, der Vorsitzende des Transportarbeiterverbandes, sagte gestern in einer Rode, daß es lange dauern werde, die Streitfragen zu regeln, selbst wenn man schon morgen einen Anfang damit machen werde. Diesmal müsse die Angelegen- heit gründlich geregelt werden und nicht wie im vergangenen Jahre, als man zu eilig zu Werke gegangen sei. frankreieb. Sozialistische Erfolge bei den Generalratswahle«. Paris, 3. Juni.(Eig. Ber.) Bei den gestrigen Wahlen für den Gcneralrat des Seine-Dcpartcments hat die geeinigte Partei- sehr gut abgeschnitten. Bisher hatte sie 2 von den 22 Mandaten inne: gestern behauptete sie die zwei und gewann ein dritte»(das des Kantons von St. Denis) dazu; weiter ist sie an auKMtMichey Stichwahlen beteiligt. � Rußland. Die Schiffahrtsmisere in Finulaad. Unser finnischer Mitarbeiter schreibt nnS: Seit der Russifizierung der finnischen Lotsenverwaktung liegt die Schiffahrt in den finnischen Gewässern ganz danieder. Da es an Lotsen mangelt und das Fahrwasser nicht abgesteckt ist, sind viele Schiffe aufgelaufen. Andere, die keine Lotsen erhielte«, haben den Rückweg angetreten, weil sie die Schiffe und die Ladungen nicht diesen Gefahren aussetzen konnten. Vielfach werden Fälle bekannt, wo Kapitäne und Reeder andere warnen, Ladungen nach Finnland aufzunehmen. Die Proteste und Schadenersatzansprüche der Schiff- führer mehren sich täglich. In HelsingforS wird geraten, ob nicht die Kommune eigene Institutionen für Lotsen errichten soll, um dem Schaden zu entgehen, der durch diese heillosen Zustände etil« stehen muß Soweit die Mitteilung unseres Korrespondenten. Wie uns von anderer Seite mitgeteilt wird, trägt namentlich der deutsche Handel und die deutsche Schiffahrt den Schaden an dem gemeingefährlichen Treiben der russischen Regierung in Finnland. Statt aber dagegen zu protestieren, ballen die deutschen Kapitalisten die Hand in der Tasche und ducken sich vor den RussifizierungSmaßnahmen der Zarenregierung ebenso, wie die deutschen Behörden eS gegenüber den fortwährenden Grenzübergriffen der russisch«® UEjetnifloTfoten und-Beamten tun. Marokko. „Frankreichs beste Soldaten". Mit diesem Schlagwort operierten während der Marokko- Händel des vorigen Sommers sowie noch vor kurzem zur Be« gri'mdung der deutschen Wehrvorlage die alldeutschen Kriegs- und Rüstungshctzcr. Sie behaupteten, daß Frankreich aus Marokko ganze Armeekorps herausholen und auf einen europäischen Kriegsschauplatz werfen könne. WaS Frankreich aber jetzt in Marokko erlebt, ist genau daS Gegenteil von dem, tvas französische und deutsche Imperialisten erhofft haben. General Lyautey hat sich nämlich gezwungen gesehen, die jetzt bestehende marokkanische Armee aufzulösen. Angeb« lich sollen bei dem Aufstande im April nur 700 Mann der marokkanischen Tabors gemeutert haben, in Wirklichkeit fühlt man sich aber auch der„treu" gebliebenen 2500 Mann so wenig sicher, daß auch sie heimgeschickt werden. Für die- jenigcit Marokkaner, die sich freiwillig zum Weiterdienen be« reit erklären, will man ein paar Kompagnien und Schwadronen — natürlich mit französischen Offizieren und Unteroffizieren— formieren. Diese kümmerlichen Fragmente einer marokkani- schen Streitmacht sollen dann ohne Waffen in die Schauja- ebene transportiert werden, wo die starke europäische Besatzung von Casablanca über ihr Wohlverhalten zu wachen hat. In Fez und im Innern des Landes wollen die Franzosen jedenfalls auf marokkanische Soldaten verzichten. Für die Artillerie und die technischen Truppen sollen Ein- geborene in ganz Nordafrika nicht verwendet werden.— Es trifft also alles genau so ein, wie wir es von jeher bei Behandlung der marokkanischen Frage und in unsere» Arttkeln zur Wehr- Vorlag« vorhergesagt hob«. GewcrhrcbaftHcbes. Ontivnchmer-Cerror. In Wismar i. Meckl. haben die Metallindustriellen ein Abkommen getroffen, durch das sie die Einstellung von Ar- beitern, die aus irgendeinem Grunde einem Betriebe den Rücken kehren, in einen anderen Betrieb verhindern. In den letzten Wochen waren nicht weniger als vier derartige Fälle von Verrufserklärung zu verzeichnen, wodurch die Arbeiter fast immer gehindert wurden, unter besseren Bedingungen Arbeit zu nehmen. Tie Arbeiterorganisationen haben nun- mehr dazu Stellung genommen und sich zunächst an sechs Firmen mit einer Anfrage gewendet; drei Firmen haben überhaupt nicht geantwortet, woraus man wohl schlichen darf, daß solche Verabredungen! bestehen. Zwei Firmen haben die Verabredungen bestritten, und die Wagenbau-Aktiengesell- schaff hat eine Bekanntmachung erlassen, in der sie das Be- stehen bestimmter Verabredungen zugibt, jedoch sollen sie nur auf Arbeiter, die noch in Arbeit stehen und sich nach einer anderen Stelle umschauen, Anwendung findlm Das trifft aber nicht zu, denn es werden einige Leute nicht in Arbeit genommen, obwohl solche vorhanden ist. Es liegt also nach- weisbar eine Verrufserklärung mißliebiger Arbeiter vor.- Jetzt haben die Gewerkschaften zunächst in Betriebsver- sammlungen den Beschluß gefaßt, alle Ueberstunden zu der- weigern. Dieser Beschluß ist später dahin erweitert worden, daß die Sperre über ganz Wismar verhängt wurde und die unverheirateten Arbeiter ersucht wurden, abzureisen. Die Zusammenwirkung dieser Beschlüsse dürfte ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Direktion der Wagenbau-Aktiengesellschaft ist wenigstens anscheinend sehr erbost darüber. Sie fordert durch Anschlag sämtliche Arbeiter auf, Ueberstunden zu leisten, und verlangt von denjenigen, die auf der Verweigerung der Ueber- stunden beharren, dies im Kontor persönlich zu bestätigen! Der Schlußpassus des famosen Anschlages lautet wörtlich: „Ich bemerke noch ausdrücklich, daß die mir treubleibenden Arbeiter in jeder Weise auf mein Entgegenkommen und auf meine Fürsorge rechnen können"! Peitsche und Zuckerbrot— das also ist die Losung der Metallindustriellen von Wismar. Natürlich werden die Ueberstundeni von den Arbeitern weiter verweigert, und niemand wird sich im Kontor melden. Die Sperre wird streng durchgeführt, um durch Entziehung der Arbeitskräfte den Terrorismus der Unternehmer zu brechen. Alle Arbeiter aber, die in Wagenfabriken, Gießereien, Automobilfabriken, Maschinenfabriken usw. tätig sind oder sein können, werden deswegen! dringend ersucht, Wismar zu meiden. SerUn und Utngcgcnd« Die Jalousiearbeiter befinden sich in einer Bewegung, um ihren Tarif auch bei den Kleinmeistern zur Anerkennung zu bringen. Wie in der am Montag abgehaltenen Versammlung ausgeführt wurde, gibt es in Berlin mehr als 40 Kleinmeistcr, die sich vor- wiegend mit Reparaturen befassen, zum Teil aber auch Bauarbeit ausfuhren. Soweit die Kleinmeister Arbeitskräfte beschäftigen, werden sie ohne Bemchung des Arbeitsnachweises eingestellt. Da auch sonst die tarifmäßigen Bedingungen wenig beachtet werden, so beschäftigen die Kleinmeister mit Vorliebe unorganisierte Arbeiter. Der schwerste Verstoß gegen die allgemeinen Arbeiterintcressen ist es, daß bei den Kleinmeistern die tägliche Arbeitszeit oft bis 12, ja 14 Stunden ausgedehnt wird, während die übliche Arbeitszeit der Jalousiearbeiter 814 Stunden beträgt. Um diese Uebelstände zu beseitigen, hält es die Organisation für notwendig, daß auch die Kleinmeister in das Tarifverhältnis einbezogen werden, welches mit großen Firmen bereits besteht. An eine Anzahl der Klein- meister ist kürzlich eine dahingehende Aufforderung gerichtet wor- den, aber nur einer bat einen Tarif abgeschlossen, während die anderen auf das Schreiben der Branchenleitung der Jalousie- arbeiter gar nicht geantwortet haben.— Bei der Firma Samson u. Strotthof ist es zu einem Konflikt gekommen, weil sie den Jalousie- einsctzern einen ungewöhnlich niedrigen Akkordlohn anbot. Die or- ganisicrten Arbeiter haben deshalb die Arbeit niedergelegt. Die am Nonnendamm befindlichen Bauten der Firma sind gesperrt, und sie sucht nun mit Hilfe eines Kleinmeisters die Arbeiten aus- führen zu lassen: doch hoffen die Arbeiter, daß die Firma zur An- erkennung des Tarifes geztvungen werden kann. Die Versammlung beschloß, daß gegen die Kleinmeister, welche sich dem Tarifverhältnis nicht anschließen wollen, mit den schärfsten Maßnahmen vorgegangen werden soll. Die Finna Lichtreklame, G. m. b. H., verwahrt fiS in einer Zuschrift an uns gegen den ihr in einer Versammlung der Buch- stabenklempner gemachten Vorwurf, daß sie nicht tarifmäßige Löhne zahle. Die Firma erklärt, daß sie sämtliche Angestellten tarifmäßig entlohne._ Zur Bewegung der Fleischer in Neukölln. Der Flcischermeister Bohl mann, Fuldastr. 53/56, weigert sich immer noch, den Tarif anzuerkennen. Er benimmt sich auch höchst aufgeregt und ungehörig den Slreikvosten und Pasfanten gegenüber. Auch seine Frau gebraucht eifrig ihr Mundwerk. Der Fleischer- meister Fried erich, Waltcrstr. 18. versuchte. Streik.� bezw. Boykottposten zu denunzieren. Bei der Verachtung, welche diese Herr- schaften gegen die sozialdemokratisch gesinnte bezw. gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft zur Schau tragen, sollten sie doch froh sein, wenn diese ihren Geschäften fernbleibt. venvlclies Reich. Zum Streik in der Farbenfabrik Ehr. H-rstmann-Steinberg in Celle. Seit bald sieben Wochen stehen die Arbeiter dieser Fabrik im Streik. Die Arbeiter verlangten eine Erlsiihung der Löhne. Die Fabrikleitung konnte sich dem nicht ganz verschließen, daß die Löhne eine Aufbesserung verlangten, denn sie bot teilweise Ver- besserungen an. Die Arbeiter hätten somit keine Ursache gehabt, zu streiken, wenn nicht mit den Verbesserungen der Löhne zugleich soviel Verschlechterungen der allgemeinen Arbeitsverhältnisse ein- geführt werden sollten, daß von Verbesserungen keine Rede mehr sein konnte. Hinzu kommt aber noch, daß die Firma äußerst dikta- torisch gegen die Arbeiter vorging. Mag die Betriebsleitung in ihrem hartnäckigen Standpunkt sich auch dadurch gestärkt fühlen, daß es gelungen ist. eine Anzahl Stceikb«chcr herbeizuschaffen. Wieweit sie aber damit kommen wird, dürfte sich bald heraus- stellen. Die Arbeiter haben es auch nach Ausbruch des Streiks nicht fehlen lassen, auf dem Verhandlungswege zu einer annehm- baren Einigung zu kommen. Die Firma war aber all diesen Ver- suchen gegenüber unzugänglich. Nach wie vor stehen die Arbeiter geschlossen im Streik und werden ihn erfolgreich durchführen. Dazu gehört aber, daß der Zuzug strengstens ferngehalten wird. Tarifabschlnh in den Kieler Brennerei- und Testillationsbetrieben. Außer dem Tarifvertrag mit den Kieler Brauereien waren auch die der Brennereien, Destillationen und Mineralwasiergeichäite, zu- sammen sechs Betriebe, zu erneuern. Auch diese Verhandlungen mußten mit dem Vertreter des Acbeitgeberverbandes geführt werden. Bereinbart wurde, daß für das letzte Tarifjahr eine halbstündige tägliche Arbeitszeitverkürzung eintritt. Die Wochenlöhne erfahren Lerantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Lnferatenteil verantw., während der vierjährige» Tarifdauer eine Erhöhung von 1 M. bis 1,75 M. Die Sätze für Ueberstunden und Sonntagsarbeiten werden um 5 Pf. pro Stunde erhöht. Neben sonstigen kleineren Verbesse- rungen wurde noch ein jährlicher Urlaub mit Lohnzahlung von zwei bis vier Tagen erzielt. Damit sind nun für alle größeren Betriebe dieser Art in Kiel die Lohn- und Arbeitsbedingungen tariflich geregelt.__ Die Lohnbewegungen im Hamburger Hafen nähern sich ihrem Ende. Durch die Verhandlungen mit dem Hafen- betriebsvercin sind nun auch für die ausständigen Flußma- s ch i n i st e n befriedigende Bedingungen erzielt worden, die eine bedeutende Verkürzung, der Arbeitszeit und eine ansehnliche Lohn- crhöhung bringen. Der Streik ist daher aufgehoben worden. Minder giinstig haben die K a i a r b e i t e r abgeschnitten, die teils bei oen Großreedern, teils im Staatsbetriebe beschäftigt werden. Vater Staat erloeist sich nach altem unlöblichem Brauch auch hier als das Gegenteil eines sozial empfindenden Unternehmers. Seine beharliche Weigerung, den ganz unzulänglichen Lohn seiner Kai- arbeiter angemessen zu erhöhen, ist die Ursache, daß auch die in den Pachtkaibetrieben tätigen Arbeiter sich mit unbefriedigenden Verbesserungen zufrieden geben müssen. Es wurde nur für die Gelegenheitsarbeiter eine Erhöhung des Tagelohnes um 20 Pf. auf 3,80 Mk. und bessere Löhne für Nacht- und Sonntagsarbeit be- willigt. Ferner soll in Konsequenz der Abmachung mit den Schauer- leuten am 1. Mai 1913 die zehnstündige Arbeitszeit durch die neunstündige ersetzt werden. Am Staatskai und bei der Amerika- linie wird meistens nach einem für die Arbeiter sehr uuvorteil- haften Akkordsystem garbeitet, bei dem Vorschüsse in Tagelohnhöhe gegeben werden. Würde der Tagclohn erhöht, so müßten auch die Akkordsätze erhöht werden; und das paßt dem Staat nicht in den Kram! So leiden unter seiner Knauserigkeit die gesamten Kaiarbeiter. Ein Tarif ist nicht abgeschlossen worden. Die Woer- mannlinie und die Ostafrikalinie haben ihren Kaiarbeitern besondere Lohntabellen gegeben, nach denen sich der Lohn für Vorarbeiter um 1 Mk., nach vierjähriger Beschäftigung auf 36 Mk., für feste Kranführer im Ansangssatz um 2 Mk.. im Endsatz nach dreijähriger Beschäftigung um 3 Mk., für Hilsskranführer im Endsatz nach dreijähriger Tätigkeit um 1 Mk., für Schuppcnschreiber im An- fangssatz um 1 Mk., im Endsatz nach siebenjähriger Beschäftigung um 2 Mk., für feste Kaiarbciter nach fünfjähriger Beschäftigung um 1 Mk. erhöht. Ferner sind die Vergütungen für Nacht- und Sonntagsarbeit ustv. verbessert worden. Die Folge der ungc- nügenden Bezahlung ist das starke Fluktuieren der Arbeiter in den Kaibetrieben. Da leider auch die Organisatioiisvcrhältnisse recht zu wünschen übrig lassen, ist gegenwärtig nicht mehr zu erreichen.— Noch nicht beendigt ist die Bewegung der Motor- s ch i f f e r. Es ist hier am 1. Juni zur Kündigung gekommen in den Betrieben, die bisher sich nicht zur Abschließung eines vom Transportarbeiterverbande übersandten Tarifs bereit erklärt haben. Ueber das Stahlwerk Mark in Wengern an der Ruhr ist wegen Matzregelung von zwei Arbeitern, darunter einem Mitgliede des Arbeiterausschusses, und wegen Nichteinhaltung von schrist- lichen Vereinbarungen die Sperre verhängt worden. Die Direktion hat nun sämtlichen Arbeitern zum 15. Juni das Arbeitsverhältnis und zugleich auch die Werkswohnung gekündigt. Am 1. Juni wurden abermals drei Former gemaßrcgelt und am 3, Juni wurden wieder drei Former nicht mehr in den Betrieb gelassen. Zuzug von Metallarbeitern aller Berufe ist nach dem Stahl- werk Mark in Wengern an der Ruhr deswegen streng fernzuhalten. Nach dem Rhcinschisserstreik. Als während des Rhcinschifferstreiks auch die Kapitäne, Boots- führer und ersten Matrosen usw. an die Reeder mit Forderungen herantraten, da verstand es die Reederpresse, diese zwischen dem eigentlichen Arbeitspersonal und den Unternehmern als Prellbock stehende Angestelltengruppe mit Versprechungen hinzuhalten und sie zur Weiterarbcit zu bestimmen. Nicht wenige von ihnen ver- richteten denn auch direkt ArbeitSwilligendienste, oder suchten durch Einwirkung auf Verwandte und von ihnen abhängige Per- önen Streikbrecher zu werben; sie halfen somit, das Schiffs- personal in seinem Kampfe um bessere Existenzbedingungen nieder- ringen. Nachdem diese Leute so im Interesse des Rccderkapitals die ihnen unterstellten Mannschaften erfolgreich an der Durch- ührung ihrer Forderungen gehindert haben, möchten sie nun selbst gern die Früchte ihres Verhaltens einheimsen. Doch hiermit haperts anscheinend. Aus Duisburg, dem Hauptsitz des rheinischen Schiffahrtsbetriebes, wird berichtet, daß die Setzschifser und Kapitäne usw. in einer Versammlung am 12. Mai beschlossen haben, noch einmal zu versuchen, auf gütlichem Wege von den Reedern eine Gehaltserhöhung zu erlangen, daß dieser Versuch aber mißglückt ist. Diese Angestellten hatten sich auf die unver- bindlichen Versprechungen in der Reederpresse verlassen, und jetzt sind sie nun erbost, daß die Reeder sich ablehnend verhalten, ob- wohl das Schiffspersonal mit seinen Forderungen nicht durch- gedrungen ist. Die ablehnend« Haltung der Reeder geht soweit, daß nur einige wenige überhaupt Antwort gegeben haben. Es war deshalb zu Sonntag, den 2. Juni, von der Unterstützungskasse „Rheingold", der die meisten Kapitäne und Schiffsführer usw. an- gehören, eine außerordentliche Generalversammlung einberufen, in der die Angelegenheit erneut besprochen wurde. Nach Aeußc- rungen, die in der bürgerlichen Presse Duisburgs am Sonnabend veröffentlicht wurden, steht ein Streik der Kapitäne und Schiffs- führer des Rheinstroms nahe bevor, falls die Reedereien kein Eni- gegenkommen zeigen. Es erscheint indes sehr fraglich, ob es dazu kommen wird. Wohl herrscht eine starke Mißstimmung unter den genannten Angestelltengruppen der Rheinschisfahrt, doch die Reeder werden schon wissen, was sie diesen„besseren Proleten" bieten können. Die Leute haben während des Streiks im Interesse des Unternehmertums„ihre Schuldigkeit getan" und können nun gehen! ZZusland. Stoffhut- und Mützenarbeiter! Seit fünf Wochen stehen die Arbeiter und Arbeiterinnen in sechs Pariser Stosfhut- und Miitzenfabriken im Streik. Um einen Druck auf die Streikenden auszuüben, ließen die vereinigten Unternehmer am 3. Juni eine allgemeine Aussperrung eintreten, von der 6—700 Personen betroffen wurden. Handeln die Hntfabrikaiitcn solidarisch Bei der Kanalbaufirma Held u. Francke haben heute morgen 600 Arbeiter wegen L»Ku- differenzev die Arbeit niedergelegt. Der Londoner Hafenarbeiterstreid. London» 4. Juni.(W. T. B.) Während der Verhand, lungen zwischen der Regierung und den Führern der Streikbewegung im Ministerium des Innern sammelte sich eine Anzahl von Streikenden vor dem Gebäude und erwartete den Weggang der Arbeiterführer. Diese hielten Ansprachen von der Treppe des Gebäudes und teilten den Ausständigen mit. daß sie ein Ultimatum unterbreitet hätten, in dem erklärt werde, daß die Arbeit nicht eher wieder aufgenommen«erde» bis alle Arbeiter wieder eingestellt seien. Die Regierung hatte später eine Besprechung mit den Unternehmern, über deren Ergebnis nach nichts bekannt ist._ Spitzbuben auf Reisen. Gotha, 4. Juni.(H. B.) Heute nacht zwischen 12 uAv 1' Uhr fand hier zwischen Kriminalbeamten und einer Anzahl Schutz- leuten ein heftiger Kampf mit zwei internationalen Ein, blechern statt. Die Verhaftung gestaltete sich äußerst schwierig, da die Verbrecher bewaffnet waren und hartnäckigen Widerftond leiste, ten. Di« beiden Einbrecher haben große Einbruchsdieb, st ä h l e in Weimar, Erfurt, Berlin, Düsseldorf und Gotha verübt. Der eine von ihnen, ein gewisser Arthur Krause, wird vbll der Berliner Staatsanwaltschaft steckbrieflich verfolgt- Weil sie nicht heiraten konnten. Braunschweig, 4. Juni.(H. SS.) Im Lechlumer Holze bei Braunschwcig wurde heute nachmittag der 20 jährige Schreiber Helling und die 13 jährige Tochter eines Milchhändlcrs in Braun- schweig erschossen aufgefunden. Unglückliche Liebe ist das Motiv zu dem Doppelselbstmord. Die Eltern des Mädchens wollten eine Heirat noch wicht zulassen._ kaitl Singer Eo.,B!rlm Ll«. Hierzu s ficUafltll«.Qnttr&altUUlfA Nr. 128. 29. Iahrgallg. 1. Kilagc Ks Jonnätts" jaittmoi 5.|a»i 1912. Tuberkulose und Schule. In der 12. Versammlung des Vereins für SchulgesundheitS- Pflege, die in Verbindung mit der 4. Versammlung der Vereint- gung der Schulärzte Deutschlands Ende Mai im hygienischen In» stitut der Universität abgehalten wurde, hielt Ministerialdirektor Professor Dr. Kirchner, der Leiter der Medizinalabteilung im Kultusministerium, einen Vortrag über: Tuberkulose und Schule. Er führte aus: „Was die Tuberkulose für uns bedeutet, sehen wir an der großen Sterblichkeit. In den letzten Jahren, seitdem die Gesund- heitspflege einen großartigen Aufschwung genommen hat, ist die Sterblichkeit in geradezu wunderbarer Meise zurückgegangen. Von 1816 bis 1886 war die Sterblichkeit in Preußen eine ziemlich gleich- mäßige, abgesehen von einigen besonderen Anstiegen, die durch große Epidemien bedingt waren. Von 1886 an aber sehen wir einen sehr starken und stetigen Abfall. Von 29 pro 1000 im Jahre 1886 ist die Sterblichkeit gesunken auf 16 pro 1006 im Jahre 1910. Das ist in Wahrheit ein Triumph der Wissenschaft und bedeutet einen Gewinn an Glück und nationalem Vermögen, wie man ihn sich kaum hat vorstellen können. Diese Abnahme der Sterblichkeit ist bedingt durch die Abnahme der übertragbaren, der Jnfektionskrank- heitcn. Insbesondere ist gesunken die Sterblichkeit an Diphtherie seit 1894, seit der Erfindung des Heilserums durch Behring. In hervorragender Weis« ist die Sterblichkeit an Typhus gesunken, seit 1875 um den 15. Teil. Auch die Sterblichkeit an Tuberkulose zeigt ein Sinken von 32 pro 19 690 im Jahre 1875 auf 15 pro 19 999 im Jahre 1911. Aber dieses Sinken ist doch, verglichen mit dem Sinken der TyphuSsterblichkeit, nur gering. Wir müssen also alle Kraft daran setzen, die Sterblichkeit noch mehr zu verringern. Namentlich, wenn wir uns vorstellen, daß diese 15 pro 19 999 in absoluten Zahlen in Preußen heute noch immer 69 999 Menschen darstellen. Es handelt sich also hier um«ine Aufgabe, die des Schweißes der Edlen wert ist, und alle, die etwas davon verstehen, müssen sich fest zusammenschließen gegen diesen Feind des Vater- landcs. Schon im Jahre 1995 hat der Vortragende besondere Unter- suchungen über die Abnahme der Sterblichkeit an Tuberkulose in den verschiedenen Altersklassen angestellt, und er kam zu dem über- raschenden Resultat, daß die Abnahme namentlich diejenigen Alters- klassen der Männer betrifft, die von der sozialen Gesetzgebung in den 89er Jahren getroffen wurden. Die jugendlichen Altersklassen und die weiblichen nahmen daran nicht teil. Von 1875 bis 1992 hatte gerade in den jugendlichen Altersklassen und beim weiblichen Geschlecht die Sterblichkeit an Tuberkulose nicht ab-, sondern sogar noch zugenommen; sowohl die absolute, wie die relative Sterblich- keit. Eine erneute Berechnung in den Jahren 1993 bis 1996 zeigte keine besseren Ergebnisse. Erst die Berechnungen der Sterblichkeits- Verhältnisse bis 1919 haben konstatieren lassen, daß rn keiner Altersklasse und auch beim weiblichen Geschlecht nicht die Sterblich- keit zugenommen hat, sondern nunmehr zeigt sich auch hier überall eine Abnahnie. Nur die relative Sterblichkeit ist noch immer im Wachsen begriffen, ein Beweis, daß die Anstrengungen zur Be- kämvfung der Tuberkulose im KindeSalter noch keineswegs das Ziel erreicht haben. Koch hat bei seiner epochemachenden Entdeckung des TubcrkuloscbaztlluS den Echtnerpunkt darauf gelegt, daß die Tuberkulose rechtzeitig erkannt werde. Auch bei der Bekanntgabe seine« Tuberkulins hat er hierauf besonderen Nachdruck gelegt. In den ersten Jahren hat das Tuberkulin leider nicht die Anerkennung gefunden, die es verdient; heute wissen wir, daß es ein ausgezeich- nctes, fast unfehlbares Mittel ist, die Tuberkulose zu erkennen. Die Tuberkulose ist nicht überall zu Hause, sondern nistet sich in bestimmten Familien und Häusern ein. Der Grund dafür ist der, daß fast die einzige Quelle der Krankheit der kranke Mensch selbst ist. Durch die Milch pcrlsüchtiger Rinder kommt ja zuweilen eine llebertragung vor, aber doch sehr selten. Durch Husten. Niesen, Räuspern verbreitet der kranke Mensch Tuberkelbazillen um sich, die sich eine Zeitlang in der Luft schwebend halten können, und da- durch werden die Wohnugen, in denen die Kranken gehaust haben, eine Gefahr für die Mitmenschen. kleines feiiiUeton. Künstlerstolz vor Ministcrialbcamte». Es ist ein merkwürdig Ding bei uns mit der künstlerischen Freiheit, ohne die keine Kunst ge- deibeu kann. Der Polizei, der Regierung und auch der Justiz ist diese Freiheit zumeist ein Greuel, ein schlechterdings in einem auf Untertänigkeit zugeschnitleuen Staatswesen nicht zu duldender Unfug, den man aber nun mal nicht ganz mehr verhindern kann. Und die Künstler? Nun. die Künstler— wir haben vor allem die Ausüber der bildenden Kunst im Auge— wollen leben, wollen vom Staat Aufträge haben, es mit der„öffentlichen Meinung" nicht verderben. Auch sind sie obendrein, wenn sie zu Namen und Einflug gelangt sind, durch Titel imd Orden geködert, durch höfische und andere Rück- sichten gefesselt. Die Freiheit deS künstlerischen Schaffens wird so zu einem froinmen Wunsch, der sich allen Einflüssen beugt. Ein sauberes Stückchen künstlerischer Byzanliuerei berichtet Dr. Hermann H i e b e r au» Sachsen, dem klassischen Beamtenstaate, in der.Frankiurter Zeitung". In Dresden findet eine deutsche KmistmiSstellung stall; die Jury hat ihres Amtes gewaltet und alles scheint in Ordnung. BiS aus den Regierungskommissar. einen Ministerialdirekior Schelcker, der die Funktion ausübt sauf Grund welche» Rechtes?). den Grad zulässiger Nacktheit festzustellen. Be- sagtcr Nndiiätenral aber findet, daß Otto Gr ein er und Max K l i n g e r da« für einen Normaliachsen Zulässige überschritten haben. Sang- und klanglos werden die beanstandeten Sachen aus der Aus- stellung geschafft. Die beide» bekanntesten Künstler Sachsens nehmen das«n den Kauf und schweigen. Warum soll die kgl. sächsische Bureaukratie sie auch respektiere», wenn sie sich selbst nicht als freie Künstler. sondern alS tgl. sächsischer Professor oder Geheimrat eiiiichStzen! Aber ein anderer Professor, der auch konfisziert wurde, ichweiyt ■itfit. Sr wendet sich beichwerdelührend an seine Organisation, die „Künstlervereimgung". Und nun höre man. welch unglaubliche Antwort»hm wird: .... Die Mitglieder deS AuSschlisseS schließen sich der vollen künstlerischen Würdigung, welche Ihr Bild.Rivale»' durch die Jury unserer Pereinigung bereits gefunden hat. vollkommen an und be- dauern die Ablehnung desselben durch den königlichen Kommissar außerordentlich. Leider mußten wir aber in Erfahrung bringen, daß der Kommissar ermächtigt ist. Werke von der Ausstelluiig auS- zuschließen, die ihm ungeeignet erscheinen, und daß gegen eine solche Verfügung ein Protest unmöglich und absolut wirkungslos ist." Das geschah nicht in Schilda. nicht in einem vormärzlichen Duodezstaalchen, sondern in Dresden, der berühmten Kunststadt I Diese kgl. sächflichen Künstler sind doch wahrlich Männer, von denen die Freiheit der Kunst aufs allerbeste verwaltet wird. Aber sie sind eben in»och stärkerem Maße loyale Untertanen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Als die Bewegung gegen die Lex Heinze vor einer Reihe von Jahren in Gang kam, mußte»lap schon damals die betrübende Er» sahrung machen, daß manche Künstler sehr damit einverstanden Und damit komme ich zur Schule. Die Frage, ob man die Tuberkulose eine Schulkrankheit nennen kann, muß mit einem ent- schiedenen Nein beantwortet werden. Die Schule hat mit ihrer Verbreitung recht wenig zu tun. Die Zahl der Kinder mit offener Tuberkulose dieser Schule ist nur gering. Dagegen ist die Zahl der- jcnigen Kinder, die den Keim der Krankheit in sich tragen, die Kinder mit latenter Tuberkulose, sehr erheblich, und diese bringen den Krankheitskeim aus der Familie mit in die Schule. Was können wir nun dagegen tun? Wir müssen die Kinder hüten vor der Berührung mit Menschen mit offener Tuberkulose. Der Reichs- gesetzentwurf zur Seuchenbekämpfung enthielt die Altzeigepflicht für Tuberkulose» doch ist dies in Deutschland nicht Gesetz geworden. Wohl aber ist der Kampf gegen ansteckende Krankheiten seitens der Schule in Preußen nicht in die Hände der Polizei, sondern in die der Schulauffichtsbehörde gelegt, und deswegen konnte 1997 der- ordnet werden, daß Lehrer und Kinder mit offener Tuberkulose die Schule nicht betreten dürfen. Diese Maßregel mag vielleicht manchen drakonisch erscheinen, aber sie ist notwendig, sowohl im Interesse der getroffenen Kinder, als im Interesse der anderen. Weiter ist 1899 bereits die Stadt Wiesbaden mit der Anstellung von Schulärzten vorgegangen. Andere Städte sind gefolgt, und zwischen Lehrern und Aerzten hat sich nach anfänglichen Reibungen jetzt ein sehr gutes Verhältnis entwickelt. Ich stelle mir vor, daß alle Schulrekruten dem Schularzt vorgestellt werden müssen vor ihrer Einstellung. Ich stelle mir weiter vor. daß die Schulärzte Personalbogen über die einzelnen Kinder anlegen, welche die Kin- der vom ersten bis zum letzten Schultage begleiten, und ich stelle mir schließlich vor, daß die Schulärzte von Zeit zu Zeit sämtliche Kinder Revue passieren lassen müssen, um zu sehen, was ihnen etwa noch fehlt. Wie man stotternde, schwerhörige und geistig schwache Kinder in gesonderte Klassen gebracht hat, mit außer- ordentlichem Erfolg sowohl für die normalen Mnder, als für diese schwachen Kinder, so sollte man auch die Tuberkuloseverdächtigen, die den Krankheitskeim in sich tragen, in gesonderten Klaffen unter- bringen. Man wird auch dann ähnliche Erfolge erzielen. Mit gutem Erfolg vorangegangen und vorbildlich ist auf diesem Gebiet die Stadt Charlottenburg mit der Errichtung der Waldschulen. Ist die Tuberkulose aber erst einmal eine offene, dann muß die Forde- rung, daß Schüler und Lehrer, die davon ergriffen sind, die Schule vollständig meiden, absolut und konsequent durchgeführt werden. Die Aufgaben der Schule sind damit noch keineswegs erschöpft. Es mutz verlangt werden, daß jede Schulstube mindestens einmal täglich gefegt und mindestens breimal jährlich gründlich gereinigt wird. Ferner sollte keine Familie, auch der Schuldiener nicht, im Schulhause wohnen. In neuerer Zeit ist ja viel auf dem Gebiete der Schulhygiene geschehen, namentlich durch Schulbäder und Schul- speisungen. Alle Bestrebungen in dieser Richtung sollten eifrig ge- fördert werden. Auch die Zahnpflege der Schulkinder ist geeignet. durch Herbeiführung besserer Verdauung den Körper zu kräftigen und dadurch widerstandsfähiger zu machen gegen diesen heimtücki- schen Feind. Vor allem aber hat die Schule dann noch eine große Aufgabe: die der Belehrung. Die Schule sollte die Kinder über die Forderungen der Hygiene belehren, die Kinder tragen das, was sie dort lernen, in die Familie, und so kann die Schule wirken als Lehrerin des gesamten Volkes Wenn in dieser Richtung gearbeitet wird, dann wird auch der Erfolg nicht ausbleiben." So dankenswert die Darlegungen dcS Vortragenden rücksichtlich der Schule sind, so scharf mutz immer wieder betont werden, daß die Tuberkulose ihre Hauptnahrung aus den sozialen Verhältnissen empfängt. Die Widerstandsfähigkeit gegen die schlimme Krankheit sinkt mit sozial schlechteren Verhältnissen. Der beste Kampf gegen die Tuberkulose besteht in sozialer Hebung der minderbemittelten Volkskreise. Arbeiterschutz heißt auch Schutz der Allgemeinheit. k!rbeit§Io!envei'iicherll»g. Der Verein für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik hielt gestern im Berliner Rathaus eine Sitzung ab. � Zur Verhandlung stand unter anderem das Thema:„Die Entwickelung waren, daß— andere die LebenSinteressen der Kunst für sie ver- fochten. Aber das Dresdener Vorkommnis hätte damals sicher noch niemand für möglich gehalten. Beobachtungen auf glühender Lava. Die Naturforscher legen großen Wert darauf, zu erfahren, welche Temperatur die Lava- massen besitzen, wenn sie aus dem Krater eines Vulkans aus- strömen. Diese Wißbegier ist aber begreiflicherweise nicht leicht zu befriedigen, denn soviel weiß man wenigstens genau, daß die Temperatur hoch genug ist, um eine Messung durch unmittelbare Annäherung zu verbieten. Es könnte daher nur durch Erfindung besonderer Mittel jemals möglich sein, den Hitzegrad einer Lava beim Austritt aus dem Krater oder aus einer seitlichen Spalte festzustellen. Immerhin ist man damit soweit gegangen, wie es eben möglich erscheinen wollte. Einen besonderen Mut in der Er- füllung einer derartigen Aufgabe hat der italienische Forscher Giovanni Platania während des letzten AetnaauSbruches im September vorigen Jahres bewiesen, und von den gewonnenen Ergebnissen berichtet jetzt eine Mitteilung an die Accademia dei Lincei in Rom. Erst am 29. September, also 19 Tage nach dem Beginn des Ausbruches, konnte sich der Forscher dem höchst ge- legenen.Krater nähern, dann auch einigen kleinen Oeffnungen in der Nachbarschaft des Monte Rosso. Er fand dort wenigstens noch eine Cessnung, aus der frische Lava entquoll. Er unternahm das Wagnis, einen auf der Oberfläche einigermaßen befestigten Lavastrom zu betreten, und zwar an einer Stell«, die 89 Meter vom Ausfluß und 15 MHcr vom Rand entfernt war. Er konnte durch die Schollen der Oberfläche hindurch mit dem sogenannten pyrometrischen Fernrohr die glutflüssige Masse in orangeroter Farbe im Innern des Stromes erkennen. Dieser bewegte sich noch mit einer Geschwindigkeit von 1 Meter in der Sekunde. Eine Messung an der Oberfläche ergab Temperaturen zwischen 569 und 779 Grad. Später vermochte Platania das Thermometer auch bis an die rotglühende Lava selbst heranzubringen, wo sich eine Hitze von 949 Grad ergab. Schon zweimal früher sind ähnliche Versuche unternommen worden, die zur Beobachtung von Merten bis zu 1299 Grad führten. Die Temperatur nimmt selbstverständlich mit der Entfernung vom Krater und nach den Rändern des Lava- stroms ab. Der See von Panama. Der Bau des Panamakanals ist nun in seine levte. entscheidende Phase getreten: mit der Schließung der großen Pforten des DamineS von G a t u n beginnen die Arbeiten der letzten Etappe. Als die Schleusen geschlossen wurden, verwandelte sich der kleine lhogreSfluß, der bisher als ungeberdiger Sturzbach schäumend dahingestürmt war, in einen friedlichen Bach, der gemäch- lich in einen großen See fließt. Und dieser neue See von Paiiania wird nach der bevorftchenden Vollendung bei Werkes das charakteristische Merkmal diese» Jitselkanals sein. Von dem Einschnitt bei Culcbra abgesehen, bestand der größte Teil der Arbeiten am Kanal nicht aus Grabungen und Ausbaggerungen. Die Hauptarbeit war die Erbauung der künstlichen Küsten an dem nördlichen und dem südliche» Rande des mächtigen Sees« der jetzt im Entstehen ist. der Arbeitslosenversicherung". Der Referent. Stadtrat Wedel- Kiel, vertrat die Ansicht, eine Förderung der Arbeltslosenverstche- rung könne nur durch eine eingehende Untersuchung der Lage in den einzelnen Gewerben geschehen, diese müsse aber von Reichs wegen erfolgen. Andererseits sei die Einführung des Verstche- rungszwanges für einzelne Berufe und Gruppen» z. B. die der Bauarbeiter, schon jetzt reif. Mit Recht habe der Städtetag um einen Gesetzentwurf die Reichsregierung ersucht. Leider sei die Reichsregierung dieser Bitte nicht nachgekommen. Bei dieser für die Kommunen bedauerlichen Lage, führte Redner aus, ist es inter- essant zu überblicken, was durch die Städte zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bisher geschehen ist. Das wirksamste Mittel dagegen sind gut organisierte Arbeitsnachweise, die auch die Voraussetzung für jede weitere Tätigkeit auf diesem Gebiete bilden, insbesondere für Notstandsardeiten und für die Arbeitslosenversicherung selbst. Ein anderes Mittel sind die sogenannten Notstandsarbeiten, die allerdings nur als ein Notbehelf angesehen werden können. Es bleibt nur die Arbeitslosenversicherung, die als obligatorische mcht in Betracht kommt. Auf dem Gebiet der fakultativen Arbeits- losenversicherung ist das Genter System als das einfachste und praktischste anzusehen. Es stellt eine Verbindung dar zwischen den Gemeinden und den Gewerkschaften als Träger der Versicherung. Die Gewerkschaften bleiben Träger der Versicherung und dw Ge- meinde zahlt dazu einen Zuschuß. Für die Nichtorganisierten Ar- bester hat die Stadt Genf einen Sparfonds eingerichtet, aus dem für die Sparer, die im Falle de- Arbeitslosigkest ihr Guthaben abheben. Zuschüsse geleistet werden. Di« Voraussetzung für dieses System ist das Vorhandensein einer guten Arbeiterorganisation und natürlich eines gut geführten Arbeitsnachweises. Dieses Genter System hat bisher die meiste Verbreitung gefunden. Aus- führlich ist es behandelt in einer Denkschrift, die auf Veranlassung des Magistrats von Charlottenburg von Professor Jastrow und dem Direktor des Charlottenburger Statistischen Amtes, Dr. Bade, herausgegeben wurde. �_, In dieser Denkschrift werden die Bebenken gegen da? Genter System eingehend gewürdigt, aber schließlich kommen die Ver- fosser doch zu dem Schluß, daß sie nicht durchschlagend sind. Auf der Grundlage des Genter Systems hat auch der Charlottenburger Magistrat eine Vorlage an die Stadtverordnetenversammlung ausgearbeitet, die allerdings vor wenigen Tagen abgelehnt wurde. Als erste der Groß-Berliner Gemeinden hat die Stadt Schöneberg Anfang 1911 eine Arbeitslosenversicherung nach dem Genter System eingerichtet. Für d,e Nichtorganisierten hat die Stadt ebenfalls eine Spargelegenheit geschaffen, die jedoch sehr wenig in Anspruch genommen ist, während die Arbeitslosenversiche- rung nach dem Genter System sich eines steigenden Zuspruches er- freut. In Straßburg ist eine Arbeitslosenversicherung nach dem Genter System, also lediglich mit Gemeindezuschüssen an die Ge- werkschaften, schon seit 1997 eingerichtet. Erlangen hat eine ahn- liche Einrichtung w>e Straßburg getroffen, ebenso im März 1919 Freiburg i. Br. In Mannheim ist lediglich ein städtischer Zuschuß für Sparer eingerichtet, ein System, das sich auch dort nicht be- währt hat. Dann existiert noch in Köln eine Versicherungskasse für Arbeitslose, die im Jahre 1911 in Anlehnung an das Genter System umgeivandelt ist. Bisher haben also recht wenige Städte ctivas Praktisches geschaffen, und ein guter Erfolg»st eigentlich nur erreicht worden mit dem Anschluß an die Gewerkschaften und sonstigen Organisationen. Die Spareinrichtungen haben überall versagt. Um so mehr müssen wir hoffen, daß bei dem gegen- wärtigen Stande der Arbeitslosenversicherung dem Beschlüsse des vorjährigen Städtetages gemäß die Reichsregierung sich doch noch zu einem gesetzlichen Vorgehen entschließt. In der Diskussion hob Reichstagsabgeordneter Landrat von Halem hervor, daß Staatssekretär Delbrück doch wohl recht habe mit seiner Behauptung, die Sache sei für eine reichSgesetzliche Regelung noch nicht reif. Jährlich brauchen wir Hunderttausende von Arbeitern aus dem Auslande, um die Arbeit im Jnlande zu betvältigen. Unsere Armenhäuser sind überfüllt. Da wäre es vielleicht angebracht, einen reichsgesctzlichen Zwang zu schaffen, um Arbeitslose von einem Gebiet, wo Arbeiter im Ueberfluß sind, in ein anderes zu verpflanzen, wo eS an Arbeitern mangelt.(Bei- fall.) In meinem ostelbischen Landkreis haben wir keine Arbeits- losigkeit, sondern eine Arbeiterlosigkeit, die eine große Schwierig- keit für unsere Landwirtschaft bildet. Wird die deutsche Landwirtschaft weiter ausgebaut und blühen, so wird, glaube ich, die Frage der Arbeitslosigkeit verschwinden.(Beifall.) Oberbürgermeister Cuno-Hagenr Städte, wie g. B. Ham- born, die nur durch eine einzige Industrie groß geworden sind, Von diesem Teil der Arbeit wird auch der endgültige Erfolg des Unternehmen? abhängen; eS wird sich zeigen, ob die Kunst der Ingenieure dieie Dämme genügend haltbar errichtet bat. Insofern liegt die gefährliche Stelle des Kanals eigent- lich bei Gatun. Die Bauleiter haben daher auch ihre größte Auf- merksamkeit auf diese mächtigen Dämme konzentriert. Die Besucher freilich, die nach Verlauf eine-Z Jahres vielleicht nach Panama kommen, um den Kanal zu besichtigen, werden nicht wenig erstaunt sein, wenn sie statt eines Kanals von Ozean zu Ozean mur ein kurzes Stück Kanal zu beiden Seiten der Meere sehen. In der Tat münden beide kurzen Kanäle in den neuen riesigen See, zu dem die Schiffe durch mächtige Schleusenanlagen Zugang finden. Der See aber wird nach seiner Vollendung den Eindruck machen, als habe er feit jeher bestanden und zerstreute Spaziergänger werden dann viel- leicht enttäuscht fragen:„Und mehr ist von dem Kanal nicht zu sehen?" Humor und Satire. Amtliche Aufklärung. Die in der Presse getadelte Revision der Berliner Magistratsmitglieder und Stadtverordnelen bei ihrer Ankunft in Berlin war ein Staatsinteresse unerläßlich. Es mußte festgestellt werden, ob die Herren ihre preußische Eigenart aus Wien unbeeinträchtigt mitgebracht haben, da sie sich sonst nicht mehr zu Organen der Selbstverwallung geeignet haben würden. Eine Berlin«.! Zeitung»Das Parlament' soll angeblich im Herbst herauskommen. Zum Chefredakteur wäre der Freiherr v. Erffa. zum Verantwortlichen der Polizeileutnant Kolb zweckmäßig zu bestellen. Eine Strafanzeige gegen die schwedische Be- rufSgesellschaft ist von militärisch-patriotischer Seite erstattet worden. Man erblickt in dem vierfachen Hurra der Herren im Berliner Rathaus einen unlauteren und noch dazu ausländischen Wettbewerb gegen das landesübliche Hurrageschrei. Notizen. — Die Sezession stellt ihre Bedingungen im Falle Neicke. Sie will von einer friedlichen Erledigung nicht eher etwas wissen, als bis Bürgermeister Reicks seine Beschuldigung wieder gut gemacht habe. Sie wird auch der Berliner Kunst- deputation, die wieder Bilder aus der Sezession ankaufen will, kein Bild verkaufen, so lange Herr Neicke unter diesen Umständen ihr Borsitzender bleibt. — Strindberg«»Gustaf Adolph' im Zirkus. Am Dienstag sollte StrindbergS Schauspiel„Gustaf Adolph", dessen Probe der Dichter bis zuletzt mit größtem Interesse verfolgt hat, in Stockholm zum ersten Male im Zirkus aufgeführt werden. 299 Personen und 69 Pferde wirken in dem Stück mit, über das Georg Brandes unlängst in„Politiken" schrieb:„Es ist eine tief angelegte und ausgeführte Tragödie, ein großartiges Bild des Zeitalters deS dreißigjährigen Krieges, eine interessante, echt Strindbergsche Auf- fassung von Gustaf Adolph, der von Skrupeln gequält, mit Zweifeln kämpsciid, schließlich durch eine Menge sinnig erfundener Züge einen tiefen Eindruck von der Abscheulichkeit und dem ßLahnsinn der Religionskriege gewinnt." können unmöglich eine Arbeitslosenversicherung einführen. Denkt man sich da eine Krise, so würde vie Gemeinde, wenn eine städtische Arbeitslosenversicherung existiert, geradezu bankrott werden. DaS einzige� Hilfsmittel würde bestehen in einer Abschiebung der Ar- beitSkräfte dahin, woher sie gekommen sind, nach dem Osten oder nach dem Auslande. Alle Experimente mit der Arbeitslosen- Versicherung sind gemacht worden von Städten, die sich den Luxus erlauben können, weil sie nur eine kleine Industrie haben, flu bedenken ist auch, daß die großindustriellen Unternehmer die Ar- beitnehmerorganisation keineswegs zu der Macht gelangen lassen wollen, die sie erstreben, und daß sie sich deshalb gegen das Genter System entschieden wehren werden.(Beifall.) Der Referent, Stadtrat Wedel. Kiel, betont in seinem Schlußwort, er habe keineswegs die Schwierigkeiten des Genter Systems verkannt, aber es fei bisher das einzige System, mit welchem Erfolge erzielt seien. »• # Die Frage der Arbeitslosenversicherung ist durch diese Tagung nicht gerade besonders gefördert. Von Interesse ist es, daß der mit Unrecht lediglich infolge falscher Auszählung in den Reichstag gelangte Landrat Halem gar den Versuch machte, an Stelle einer Arbeitslosenversicherung die Aufhebung der Freizügigkeit zu setzen. Diesem ungeheuerlichen Angriff gegen das Selbstbestimmungsrecht der Arbeiter, diesem unverhullten Versuch, eine neue Hörigkeit zu schaffen, hätte eine scharfe Abwehr gebührt: in dem Verein ist eine solche nicht zutage getreten. Hus der Partei. Zu den Parteistreitigkciten in Württemberg. Ueber die Sanierung des Göppinger Parteiunternehmens er- läßt der Württembergische Landesvorstand eine um- fangreich« Erklärung gegen die Darstellungen, die der Stuttgarter Korrespondent des„Vorwärts" in diesem und einigen anderen Parteiblättern gegeben hat. Es handelt sich im wesentlichen um die Behauptung, der LandeSvorstand habe vom Austritt deS Genossen Dr. Thälheimer aus der Redaktion der„Freien Volisgeitung" die finanzielle Sanierung des Göppinger Parteiunternehmens abhängig gemacht. Dazu sagt der Landesvorstand: „Dieser Artikel enthält das Ungeheuerlichste und Verleum- derischste, was bisher gegen die Tätigkeit des Landesvorstandes der Sozialdemokratie Württembergs aus dem Lager der eigenen Partei veröffentlicht wurde, und stellt in dieser Hinsicht sogar noch, den bekannten Aushungerungsbrief des Genossen Westmeyer in den Schatten. In dieser Einsendung wird nicht mehr und nicht weniger behauptet, als daß der Landcsvorstand den Göppinger Parteigenossen gegenüber die Rolle des Erpressers gespielt und die finanziellen Schwierigkeiten des Göppinger Parteiorgans dazu mißbraucht habe, die Entlassung des Genossen Dr. Thälheimer zu erzwingen. Es ist unwahr, daß der Landcsvorstand in irgend einem Stadium der Verhandlungen die Entlassung Dr. Thal- heimers verlangt hat. Wahr dagegen ist, daß die Ulmer Partei- genossen verlangt haben, daß der seit der Gründung ihres Partei- organs mit dessen Leitung betraut gewesene Genosse Roßmann die politische Redaktion der zu vereinigenden Parteihlätter über- nehmen solle, da sie keine Ursache haben, einen Mann um seinen Einfluß auf ihr Parteiorgan zu bringen, iüit dessen Leistungen sie in jeder Hinsicht zufrieden waren. Wahr ist, daß Genosse Dr. Thälheimer seinen Austritt aus der Redaktion persönlich und freiwillig erklärte. Dem wahren Tatbestände gegenüber bedeutet die unwahre Tarstellung im„Vorwärts" eine beabsichtigte Herab- Würdigung ds Landesvorstandes. Die Göppinger Parteignossen haben der Sanierung unter den mitgeteilten Modalitäten und nach Kenntnisnahme des Austritts des Genossen Dr. Thälheimer aus der Redaktion mit einer an Einmütigkeit grenzenden Majori- tät(mit allen gegen 6 Stimmen) zugestimmt. Da heißt es doch .mit den Interessen der Partei ein geradezu frivoles Spiel treiben, wenn jetzt auf dem Umwege über den„Vorwärts" die sich anbahnende Verständigung der württcmbergischen Parteigenossen wieder zerstört wird. Der Landesvorstand bedauert, daß das Zentralorgan der Partei sich von seinem Berichterstatter dazu mißbrauchen läßt, pflichtgemäß handelnde Parteigenossen zu he- schiwpsen, ohne sich über den wahren Sachverhalt zu otiontieren, was besonders im vorliegenden Falle beim Parteivorstand sehr leicht möglich gewesen wäre. Es ist das um so bedauerlicher, als die Redaktion des„Vorwärts" seit langem wissen muß, daß ihr Stuttgarter Berichterstatter bei seinen Arbeiten keinerlei Rück- ficht auf das Interesse der Partei nimmt. Derselbe erblickt seine Ausgabe darin, notwendige Vereinbarungen, die sich aus den Ver- hältwissen ergeben, tendenziös zü entstellen. Dieses Partei- schädigende Teiben, das dazu angetan ist, den Parteistreit in Württemberg weiter zu schüren, verdient die entschiedenste Bcr- urteilung und Mißbilligung der gesamten Partcigcnossenschaft." Zu dieser Erklärung, die in ihrer scharfen Zuspitzung gegen die Person des Genossen Westmeyer keinen angenehmen Eindruck machen wird, möchten w i r zunächst bemerken, daß die Vorwürfe, die gegen uns erhoben werden, völlig unbegründet sind. Wir haben den uns zugegangenen Bericht erst einen Tag später veröffentlicht, und haben uns vorher beim Parteivorstand informiert. Wie aber schon aus der bereits mitgeteilten Erklärung des Vorstands her- vorgeht, war dieser selbst ohne jede Information über die Göppinger Versammlung und ihre Beschlüsse gelassen worden. Taraufhin erst fügten wir unsere hypothetisch gehaltenen Ausführungen dem Berichte an. Damit fallen die gegen uns gerichteten Vorwürfe zu Boden. Zur �selben Angelegenheit erhalten wir noch eine Erklärung vom Genossen Erich Roßmann-Ulm, die wir unter Hinweg- lassung einiger bereits durch die Erklärungen des Parteivorstandcs und des Württembergischen Vorstandes erledigten Punkte und einiger persönlicher Ausfälle gegen unseren Korrespondenten wieder- geben: „Was die Stellung der U l m e r Parteigenossen anbelangt, so ist folgendes zu sagen: Es ist richtig, datz� der Partcivorstand im Einverständnis mit dem Landesvorstand eine Unterstützung des Göppinger Parteiunternehmens von der Herstellung der„Donau- Wacht" in Göppingen abhängig machte, weil nur so das finanzielle Ergebnis des Unternehmens verbessert werden könnte. Der Stutt- garter Korrespondent des„Vorwärts" befitzt die Liebenswürdigkeit, diese„Ueberweisung" des Ulmcr Parteiblattcs nicht zu beanstanden. Die Rechte von vier württembergischen Reichstagswahlkreisen, für die das Ulmer Parteiblatt zuständig ist. existieren für ihn ein- fach nicht, er kennt nur eine„Zwangslage" der Göppinger. Nun steht es zum Glück für die Genossen des 14., IS., 16. und 17. württem- bcrgischen Wahlkreises nicht so, daß sie genötigt wären, ihr Blatt a.n Göppingen förmlich verschachern zu lassen. Sie haben ein ver- t r a g l i ch gesichertes Recht auf die Herstellung der„Donau-Wacht" in Stuttgart, und damit auf den gesamten Inhalt einen weit- gehenden Einfluß, dessen sie sich bei einer bedingungslosen Ueber- nähme des Druckes in Göppingen entweder vollständig begeben oder die finanzielle Grundlage ihres Unternehmens aufs schwerste gefährden mußten. Wer will es unter diesen Umständen den Ulmer Genossen, die ihrerseits gar keine Veranlassung hatten, den be- stehenden Zustand zu ändern, die man aber suchte und benötigte, verwehren, wenn sie für die Wahrung ihrer Rechte eintraten? So- lange nach dieser Richtung zwischen Ulm und Göppingen keine Einigung vorlag, war eben„eine allseitig befriedigende Lösung" nicht gesichert. Darin irrt sich der Stuttgarter Korrespondent des „Vorwärts" in höchst auffälliger Weise. Es war damit d i e Vor- auSsetzung nicht erfüllt, mit der nach Ansicht des Parteivorstands tz»r ganze Plan steht und fällt. In die Form, unter der sich diese Einigung vollziehen sollte, hat sich weder der württembergische Landesvorstand noch der Parteivorstand gemischt. Wer diese Dinge objektiv prüft, muß einsehen, daß in die Uebernahme der„Donau- Wacht" von Göppingen notwendigerweise die RedaktionSsrage mit hineinspielen mußte. Sie ist aber für die Genossen der genannten vier württembergischen Wahlkreise keine Angelegenheit, die man nach der Manier des Stuttgarter„Vorwärts"-Korrespondenten ein- fach als Luft behandelt. DaS von Göppingen vorgeschlagene Nebeneinanderbestehen von zwei gleichberechtigten Redaktionen war eine technische, finanzielle und— wie für die Ulmer und meine Person hinzugefügt sei— nach all den unerquicklichen Vorgängen der letzten Monate auch eine politische Unmöglichkeit. Es handelt sich also nicht darum, den Genossen Dr. Thälheimer seines Postens als Redakteur der„Freien Volks- zeitung" zu entheben, sondern wie die politische Redaktion beider Blätter zu besetzen sei. Nur Unverstand oder böser Wille kann bei der gegebenen Lage und der UnVerbindlichkeit der Ulmer von einem „Ultimatum" reden. Di« Lage, in der sich die Göppinger Genossen befanden, ist ohne die Schuld der Ulmer von den Göppingern selbst trotz der eindringlichsten Warnungen der Parteiinstanzen geschaffen worden. Daß sich die Ulmer Genossen für ihre Bereitwilligkeit, die nachgesuchte Hilfe zu gewähren, nun auch noch vor der gesamten Parteiöffentlichkcit gewissermaßen als Halsabschneider hinstellen lassen sollen, ist alles andere als parteigenössisch. Für meine Person erkläre ich noch: Es ist eine Unwahrheit, daß ich die„Göppin- ger Genossen" wiederholt„aufs schärffte angegriffen" habe. Ich habe lediglich hestimmte, in Göppingen beliebte Formen der Partei- diskussion und Parteiführung in sachlicher Weise kritisiert, und von diesem Recht als Redakteur einen sehr homöopathischen Gebrauch gemacht. Mit den Genossen deS 16. württembergischen Wahlkreise? habe ich immer die freundschaftlichsten Beziehungen unterhalten, waS unter anderem daraus hervorgeht, daß mir nicht nur bei der Gründung der„Freien Volkszeitung" einstimmig deren Redaktion angeboten wurde, die ich aus Gründen ablehnte, die heute keine Rolle mehr spielen, sondern auch der Vorsitzende der Göppinger Parteiorganisation, Genosse Kinkel, in den letzten Monaten mehrfach den Versuch gemacht hat, mich als Redakteur des Blattes zu gewinnen. Der Stuttgarter ,.Vorwärts"-Korrcspond«nt macht sich über die zukünftige Gestaltung der Dinge ganz über- flüssige Sorge. Wenn es zu einer endgültigen Vereinbarung zwischen Ulm und Göppingen und damit zur finanziellen Sanierung des Unternehmens kommt, so darf er eS rubig der künftigen Redaktion und den Göppingern überlassen, wie sie sich nebeneinander ver- tragen." » Schließlich schickt uns noch Genosse T h a l h e i m e r- Göppin- gen folgende Erklärung: „Auf die letzte Erklärung des Landesvorstandes in der„Schwäbischen Tagwacht" erkläre ich: Ich bin von der Redak- tion der„Freien Volkszcitung" zurückgetreten, weil die Bcauf- tragtcn des Verlags und der Geschästslcitung der„Donau-Wacht" meinen Rücktritt als ultimative Vorbedingung für die Ver- schmelzung beider Blätter stellten und weil der Landesvorstand, obwohl die Sanierung des Göppinger Parteiblattes vom Partei- vorstand von der Verschmelzung mit der„Donau-Wacht" ab- hängig gemacht worden war, erkkärte, keinerlei Einfluß auf die Stellungnahme der Ulmcr Genossen ausüben zu wollen. Die Tatsache meines erzwungenen Rücktritts verschwieg ich sowohl in der entscheidenden Göppinger Parteiversammlung als in der in der„Freien Volkszcitung" veröffentlichten Erklärung, weil die Aussprache meiner Maßregelung die Zustimmung der Partei- Versammlung zu dem Ergebnis der Fusionsverhandlungcn und damit die Sanierung des Blattes gefährdet hätte. An dem Zu- sammenbruch des Blattes, der zugleich den Zusammenbruch der Parteibcwcgung des 16. Wahlkreises auf Jahre hinaus bedeutet hätte, wollte ich auch um den Preis äußerster persönlicher Opfer keine Verantwortung tragen. Die Rücksichten auf das Zustande- kommen der Sanierung der„Freien Volkszeitung" fallen jetzt weg, ich habe also keinen Grund mehr, der Gesamtpartei die Tatsach« vorzuenthakten, daß mein Rücktritt ein erpreßter war. und daß die Verantwortung dafür auf die Schultern der Ulmer Vertreter, des Landesvorstandes und des Parteivorstandes fällt, insoweit der letztere durch seine Bedingungen und durch seine weitere Passi- vität uns in die Hände der crsteren auslieferte. A. Thälheimer." Diese Erklärung des Genossen Thälheimer steht nicht nur in Widerspruch mit der deS Württembergischen LandeSvor- standes, sondern auch mit der des Parteivorstandes. Aus dessen Erklärung geht deutlich hervor, daß er nie die Ver- schmelzung des Ulmer und Göppinger Organs gefordert, son- dcrn nur den Druckauftrag des Ulmcr Blattes für die Göp- pinger Druckerei als Bedingung der Sanierung verlangt hat. Dies wurde zugesagt und daraus hätten keinerlei Konsequenzen für die Göppinger Redaktion folgen können. Wenn dann später von den Ulm er Vertretern die Verschmelzung gefordert, ist und daran redaktionelle Bedingungen geknüpft worden sind, so ist das ohne Wissen und gegen den ausdrücklich erklär- ten Willen des Parteivorstandes erfolgt und es läge dann eine Ueberrumpelung vor. Hier muß ja noch die nötige Aufklärung abgewartet werden. Ein Polizcispion. Die Essener„Arbeiterzeitung" teilt mit, daß am 21. Mai von dem Landgericht in Essen ein Polizeispion namens Wilhelm eher entlarvt worden ist. Unser Essener Parteiblatt hringt das Bild des dunklen Ehrenmannes und kann über dessen Persönlich- keit noch folgende Angahen machen: Beyer ist nach seiner eigenen Angabe vor Gericht mit 236 M. Monatsgehalt bei der p o l i t i s ch e n A b t ei l u n g d e r königlichen Polizei zu Spionagezwecken an- gestellt. Er hat sich die Mitgliederliste des Steigerverbandes auf unlautere Wesse— wie er sich ielbst gerühmt haben soll, mittels Einbruchs in die Wohnung des Vorsitzenden des Steigerverhandes— beschafft. Von 1962 bis April 1969 spielle Beyer sich als Sozial- d e in o k r a t auf und markierte nebenher den w ü t e n d e n Frei- denker, hielt auch in diesem Sinne viele Vorträge a 15 M. Referentengebllhr. In der sozialdemokratischen Partei, im Bezirk Rheinland und Westfalen, setzte man ihm dieserhalb scharf zu, weil seine ÄgitationSmeihode absolut unsozialistisch war und nur auf den Profit berechnet erschien. Als seine Position auch noch infolge anderer Vorkonnnnisse in der sozialistischen Partei absolut unhaltbar geworden und er abgewimmelt werden sollte, zog Beyer es vor. rechtzeitig seinen Austritt zu erklären mit dem Bemerken, daß er sich von der politischen Betätigung ganz zmückziehen wolle. Er wurde dann Mitglied des evangelischen Arbeitervereins und trat in Stellung bei der jetzt längst verkrachten, W e st- deutschen Zeitung", wo er Anschluß an die Gelbenbewegung und die politiiche Polizei fand, die beide bei der„Wcftdeutichen Zeitung" liebevolle Förderung ihrer Interessen fanden. Nebenbei harmonierte der Exgenosse auch sehr schön mit einer Anzahl Führer der christlichen Gewerkschaftsbewegung in Essen und war Mitarbeiter an der Scharfmacher-Korreipondenz des Herrn Kasparei, bei der P o st" in Berlin und verschiedenen anderen Scharfmacherblättern. Auch bei den Sekretären des Nationalen Vereins wußte Beyer sich gut anzufreunden. Zum Unterhalt seiner Familie ließ dieser Mensch seine Frau als Zeitungsträgerin. Waschfrau usw. mitverdienen, obgleich ihm sein vermögender Vater einen Wohnungszuschuß von 56 M. gewährte. Der auS rein persönlichen Motiven unpfändbare Beyer brachte eS fertig, der politischen Polizei und der deutschen Scharfmacherpresse Berichte zu liesern über die Unpfändbarkeit der Redakteure der Arbeiterzeitung", obwohl dieselbe nur dem Schutze des Gehalte» dient, damit sie und ihre Familien nicht unter GerichlSkostenpfän- düngen für Preßprozeffe zu leiden haben. Ei» Parteiveteran. In S a g a n beging am Sonntag der Genosse Gottlieb Moser seinen 86. Geburtstag. Genosse Moser stellte schon im Jahre 1848 seinen Mann und nahm mit an den Kämpfen jener Zeit teil. Auch jetzt in seinem hohen Alter stellte er sich noch in den Dienst der Partei. Noch bei der letzten Reichstags- wähl machte Moser seine Tour mit Flugblättern und Stimmzetteln. Hoffentlich bleibt der brave, greise Kämpfer, der trotz seine« Alter» noch in der Fabrik seine Tag- und Nachtschicht versteht, der Parrer noch recht lange erhalten,_ poll-eillcbes, emditllches ukw. Beleidigung, Verruf oder Erpressung. Mit der Freisprechung endete eine Aktion, die der Leipziger Staatsanwalt gegen Genossen Müller von der»Leipziger Volkszeitung" eingeleitet hatte. Müller sollte sich gegen den § 158 der Gewerbeordnung und gegen eine Anzahl Strafgesetz« Paragraphen vergangen haben. Die„Volkszeitung" Hatto eimge Notizen zugunsten de» Fleischerverbande» aufgenommen._ Neben Müller nahmen auf der Anklagebank noch zwei Funktionäre deS Fleischerverbandes Platz. Da der Amtsanwalt während der Ver- Handlung vor dem Schöffengericht sah, daß der ominöse§ 153 keine Anwendung finden würde, beantragte er die Verweisung der Sache an das Landgericht, da— Erpressung(I) vorliege, denn f" bezweckt worden, die Nichtorganisierten Fleischergesellen in die Organ:- sation zu treiben.. Das Schöffengericht fand in den Notizen weder ein» Beleidigung. noch sonst eine strafbar« Handlung und kam zu einer Freisprechung; nur ein Verbandsfunktionär soll 36 M. Strafe zahlen wegen ein- facher Beleidigung durch ein Flugblatt. Soziales. Arztverband und„Vorwärts". Die Ausführungen des„Vorwärts" über Mißstände in: Fabrik- arztsystem einer Krankenkasse in Oberschlesien geben dem in ärzt- liehen Standessachen sehr maßgebenden Artikelschreiber de»»Aerzt- lichen VereinsblatteS" in Nr. 867 vom 21. Mai d. I. Anlaß zu einer Kritik. Herr Dr. Magen oruckt zuerst unsere Notiz über die Mißstände in der Arztversorgung der Betriebskrankenkasse wörtlich ab und knüpft an unfern Schlußsatz:„Hieraus kann man ersehen, wie wichtig die vollständige Unabhängigkeit de» untersuchen- den und behandelnden Arztes von der Betriebsleitung ist" folgende geistreiche Bemerkung an:., „Die„vollständige Unabhängigkeit" bietet eben die organisierte freie Arztwahl. Der„Vorwärts" bringt aber zurzeit offenbar daS Wort nicht über die Lippen, weil er Fräßdorfs Donnerkeil fürchtet.".„, Welch kindische, frivole Unterstellung! � Glaubt wirklich� oaS „Aerztliche Vereinsblatt", die„Honorigen" müßten dem.LZorwärts" erst Mut einflößen, damit er gegen— Fräßdorf auftreten kann? Wie man doch die Sache verdrehen kann. Dr. Magen gehört zu der Klasse der maßgebenden ärztlichen Standesherren, welche doch jederzeit in der Lage sind, durch die bekannten Regeln der Kam- mern, Ehrengerichte und ärztliche Vereine, andern Aerzten ihre Ansichten aufzudrängen. � Daß die Zunftgenossenschaft der Aerzte nicht auch den�„Vor- wärts" vor das Tribunal der Ehrengerichte schleppen kann, ist wohl ärgerlich, jedoch unmöglich. Daher versucht man e» mit solch lächerlichen Ausreden und wahrheitswidrigen Anwürfen. Ein auf- merksamer Leser des„Vorwärts"— und die„Standesherren" sind sehr aufmerksame Leser— wird zugeben müssen, daß unser Blatt niemals gegen die freie Arztwahl sich aus prinzipiellen Gründen ausgesprochen hat, sondern dies als Angelegenheit jeder einzelnen Kasse betrachtet und auch betrachten muß. Damit befindet sich der„Vorwärts" im Einklang mit allen Beschlüssen der Kranken- kassentage, die doch aus Anhängern und Gegnern der freien Arzt- wähl zusammengesetzt sind. Wie die Kassenvertreter, so sind ja auch nickst alle Aerzte in Deutschland Anhänger der freien Arzt- wähl und müssen sehr viele aus reinen Standesrücksichten und aus Furckst vor dem„Donnerkeil" aus Leipzig für diese scheinbar eintreten und Kämpfe unterstützen, die gegen ihre eigene Ueber- zeugung gefiihrt werden. Der Leipziger Verband der Aerzte ar- l stet nach dem bekannten System der Agrarier und die�Forde- rung„freie Arztwahl" wird sehr oft als Deckmantel für ihre Macht- und Standessragen angesehen. Nicht im Interesse der armen Kranken, sondern der eigenen Organisation, wird diese Forderung erhoben, denn wenn man nur das Interesse der Kranken im Auge hätte, dürsten die Zünftler der Aerzte unmöglich in einen Streik eintreten, der doch in erster Linie die unschuldigen Kranken schädigen muß. Diese Mißstände hat natürlich der„Vor- wärts" stets kritisiert und sich deshalb die besondere Wut der „Standesherren" zugezogen. DaS ist verständlich. Niemals werden wir ein System für gut befinden, welches den StandeShcrren die Macht über jeden einzelnen Arzt einräumt und eS zuläßt, daß Beleidigte gleichzeitig als Richter auftreten können. Ist eS nicht erst neulich vorgekommen, daß man in Hesscn-Nassau den Versuch machte, in einer Sache, in der sich die Standesherren von einem Arzt beleidigt glaubten, diesen vor ihr eigenes Forum zu bringen und somit Beleidigte und Richter in einer Person sein wollten? Die Abhängigkeit der Aerzte von den Aerztckammern hat ja auch bei Beratung des Kurpfuschergesetzes der früheer Abgeordnete �und Arzt Dr. Arning zugegeben. Zuweilen ist also hier der Beschützer schlimmer als der Feind. Ein wirklich Unabhängigkeit der Aerzte ist also nur möglich, wenn die Uebermacht der Kammern und Ehrengerichte der Zünftler gebrochen wird und der einzelne Arzt wieder das sein kann, was er laut Gesetz und Recht auch sein soll. Die Aerzteschast weiß die? ja auch. Im vorliegenden Falle hat man aber künstlich daS Bild verschoben und zu dewußten Zwecken zurechtgedrcht. Wirklich unabhängige Aerzte können nur bei Krankenkassen vorhanden sein, die nicht als Einrichtungen der einzelnen Betriebe anzusehen sind. Unsere Kritik richtet sich also in erster Linie und jedenfalls mit vollem Recht gegen den Miß- stand, daß eS dem einzelnen Bctriebsunternehmer erlaubt ist, sich eine„eigene" Betriebskrankenkasse zu gründen, die er dann zu seinen Zwecken ausnützt. Wer 156 Arbeiter beschäftigt, nach der ReichSvcrsicherungsordnung sogar bei 56 Arbeitern in der Land- Wirtschaft, kann eine eigene Betriebskrankenkasse halten. Kein anderes Gesetz macht solche Konzessionen auf Kosten der Versicherten an die Unternehmer. Jeder Fabrikbesitzer, sogar der solventeste wie Krupp usw.. muß zur BerufSgenossenschast sein« Beiträge zahlen und sich dieselben Jnvalioenmarken kaufen, wie jeder Schustermeister auch. Nur bei dem wichtigsten Gesetz, der„Unter- läge" der ganzen ArbciterocrsicherungSgesetzgebung, ist eS denr ein- zclnen Unternehmer erlaubt, Zersplitterung der Kräfte vorzu- nehmen, die eine richtige Krankenversicherung ständig vereiteln. Auch den Aerzten muß bekannt sein, daß darunter in erster Linie die Ortskrankcnkassen zu leiden haben, denen die gesunden Arbeiter entzogen und dann später als Invalide wieder zugeschoben werden, wenn sie keine Aufnahme mehr in den Großbetrieben mit eigener Kasse finden können. Der Unternehmer bleibt„Herr" im Hause über die gesunden und kranken Arbeiter und ist in der Lage, mir geringeren Beiträgen auszukommen, für den Betrieb auf Kosten der Allgemeinheit zu sparen. Dagegen wenden sich aber die„Ho- norigen" gar nicht. Sie bieten ihre Dienste jederzeit auch diesen Parasiten am Baume der Arbeiterversicherung gerne an. ja sie treiben noch die Politik der Zersplitterung der Kräfte mit. um zu„teilen und zu herrschen". Sie untersuchen ja so gerne die sich zur Aufnahme in die Betriebskrankenkasse meldenden Arbeiter auf ihren Gesundheitszustand und finden kein Wort der Kritik, wenn dann der gesunde Arbeiter nach Jahren wieder als Kranker aufs Pflaster geworfen wird. Wie im Falle aus Oberschlesien gibt es auch Aerzte, die im Dienste des Kapitals als Fabrikärzte sogar die GcsundheitSverhältnisse der Arbeiter zu verschleiern suchen. Und wer macht denn die„Statistik" über die KrankheitS- Verhältnisse einer Fabrik mit eigener Betriebskrankcnkasse? Etwa der Arzt oder der Leipziger Verband? Diese wird vom„Herrn Rendanten" der Betriebskrankenkasse auf Grund der mangelhaften Gutachten der Aerzte zusammengestellt und dann veröffentlicht. Unbeyueme Zahlen werden einfach unterdrückt; uns ist keine Be« frteB8lran!en!afle Bekannt, die Kritik an den Gesuildheitsverhält- nissen des eigenen Personals geübt hat. Der Rendant würde fliegen, weil er den.Donnerkeil" des Brodherrn fürchten mutz. Deshalb fordern wir immer und immer wieder die Auslösung der Betriebskrankenkassen, damit der Arzt wirklich unabhängig vom Betrieb wirken kann. Unterstützen uns die Aerzte in diesem Kampfe nach Kräften— und sie können es—, dann werden manche Streitfragen beseitigt sein._ Umtausch von Klebemarken. Für Umtausch und Bareinlösung nicht verwendbarer gültiger Beitragsmarken gelten folgende Bestimmungen: I. Die Postanstalten tauschen Beitragsmarken zur Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung nur unter nachstehenden Bedin- gungen um: 1. Die Marken, deren Umtausch gewünscht wird, müssen gültig, völlig unbeschädigt und in einem solchen Zustande fein, datz mit Sicherheit erkannt werden kann, datz von ihnen noch kein Gebrauch gemacht worden ist. 2. Die Marken werden nur gegen Beitragsmarken einer anderen Sorre umgetauscht. Der etwaige Unterschied der Werte ist an die Postkasse bar zu entrichten. Eine Barzahlung aus der Postkasse findet nicht statt. 3. Jede Postanstalt nimmt nur die Marken derjenigen Ver- sicherungsanstalt zum Umtausch an, deren Marken sie zum Ver- kaufe führt. II. Der Umtausch verdorbener oder unbrauchbar gewordener Beitragsmarken sowie die Bareinlösung nicht verwendbarer Beitrags- marken überhaupt erfolgt durch die Versicherungsanstal- ten unter nachstehenden Bedingungen: 1. Der Antrag auf Einlösung oder Umtausch von Marken ist an den Vorstand der Versicherungsanstalt zu richten, deren Name auf den Marken verzeichnet ist. 2. Der Vorstand prüft den Antrag und bewilligt die Ein- lösung oder den Umtausch, sofern nach seinem Ermessen die An- nähme einer unrechtmätzigen Hinterziehung von Beiträgen oder eines sonstigen Mißbrauchs der in Rede stehenden Vergünstigung nicht begründet ist. Ausgeschlossen von der Zurücknahme sind Marken, die bereits verwendet waren. Rückzahlungen werden in der Regel nur bewilligt, wenn es sich um den Betrag von min- bestens einer Mark handelt. 3. Die Rückzahlung des zu erstattenden Betrages erfolgt durch die Kasse der Versicherungsanstalt oder mittels Postsendung auf Kosten des Antragstellers. In entsprechender Weise ist bei dem Umtausch der Marken zu verfahren. Die von der Versicherungsanstalt vereinnahmten Marken sind entweder zu vernichten, oder, sofern ihre Beschaffenheit es gestattet und der Vorstand es genehmigt, für die Zwecke der Versicherungsanstalt zu verwenden. Die vollständige Sonntagsruhe im Handclsgewerbe entwickelt sich immer mehr und mehr. Wie uns aus Elberfeld berichtet wird, hatte sich dort auf Antrag des Deutschen HandlungS- gehilfenverbandes(Sitz Hamburg) am Donnerstag eine Plenar- Versammlung des Kaufmannsgerichtes mit der Einführung der vollständigen Sonntagsruhe im Handelsgewcrbe zu befassen. Die Vertreter der Unternehmer brachten ihre alten, hinreichend bekann- ten Einwendungen vor. Bei der vollständigen Sonntagsruhe müsse das Handelsgewerbe zugrunde gehen. Namentlich die auswärtige Kundschaft könne nur am Sonntag kaufen, weil da die Männer ihre Frauen beim Einkauf begleiteten. Und was der abgetretenen Argumente mehr sind. Der Zentralverband der Handlungsgehilfen hatte folgenden Antrag gestellt: 1. An Sonntagen dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter nicht beschäftigt werden. Es gelten lediglich folgende Ausnahmen: 2. In offenen Verkaufsstellen dürfen Sonntags nur Back- waren, Milch. Fleisch, frische Blumen und Eis verkauft werden, und zwar während zweier aufeinander folgender Vormittags- stunden. Die gesamten 12 Gehilfenbeisitzcr stimmten für diesen Antrag, desgleichen die 2 sozialdemokratischen Kaufleute-Beisitzer. Die übrigen 10 Kaufleute-Beisitzer stimmten mit dem Vorsitzenden, Bei- geordneten Lehmann, dagegen. Das Resultat also war die An- nähme des Antrages mit 14 gegen 11 Stimmen. Serickrs- Leitung. Haftpflicht des Gastwirts bei Verletzungen der Kegeljungen. Gemäß der Vorschrift des A 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches hat der Dienstbercchtigte Räume, Vorrichtungen oder Gerät- schaften, die er zur Verrichtung der Dienste zu beschaffen hat, so einzurichten und zu unterhalten, und oic Dienftleistungr» selbst so zu regeln, datz der Verpflichtete gegen Gefahr für Leben und Gesundheit soweit geschützt ist, als die Natur der Dienstleistung es gestattet. Die Anwendung dieser gesetzlichen Bestimmung zu- gunsten der Kcgcljungen bei einer dreiteiligen Kegelbahn zeigt ein Rechtsstreit, der unlängst dem Reichsgericht zur Entscheidung unter- breitet worden ist. Der Gastwirt T. in Magdcburg-Sudcnburg war bis zum 1. März 1007 Besitzer dcS Gasthofs„Zur Stadt Magdeburg" in Burg. Am Nachmittag des 24. Juli 1S04 Amrde bei T. gekegelt. Der Zuschneiderlehrling H. setzte in der mittleren Bahn die 5iegel auf. Während des Kegelns wurde er von einer Kugel, die von der Schlutzwand der Kegelbahn zurückprallte und an dem nur 25 Zentimeter hohen Standort des Jungen emporsprang, am Knie des rechten Beines verletzt. Er macht jetzt in einer Klage gegen den Gastwirt T. Schadenersatzansprüche geltend uno behauptete,! daß durch den Stoß der Kugel ein Knicgelenkleiden verursacht worden sei. Dem Beklagten wirft er vor, daß er nicht die crforder- lichen und möglichen Vorkehrungen zum Schutze der 5icgcljungeu gegen Gefahr für Leben und Gesundheit getroffen habe: die An- läge von drei Bahnen nebeneinander mit den zwischen oen Bahnen gelegenen Podien sei gefährlich, die Schlutzwand mit den an ihr angebrachten Strohsäcken habe keine genügende Sicherheit. gegen das Zurückspringen der Kugeln gewährt, die Strohsöcke seien nicht gefüllt gewesen, auch die vertiefte Fläch« sei nicht mit Lohe oder Sand ausgefüllt, sondern vollständig fest gewesen. Das Landgericht Magdeburg erklärte den Anspruch dem Grunde nach für gerechtfertigt, das Oberlandcsgcricht Naumburg wies oie Klage ab. Dagegen hat das Reichsgericht das Urteil des Ober- landcSgcrichts aufgehoben und im Prinzip eine» Verstos? des Be- klagten gcge» 8 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches festgestellt, weil die Kegelbahnen nicht so eingerichtet gewesen sind, dnff die Kegel- jungen gegen Gefahr für Leben und Gesundheit hinreichend ge- schützt waren. AuS den Entscheidungen dcS Reichsgerichts interessiert folgen- dcS: Der Sachverständige(dessen Gutachten das Oberlandesgericht nicht richtig gewürdigt hat) hat gesagt, die Gefährlichkeit der drei nebeneinanderliegenden Kegelbahnen für die Kegeljungen sei aller- dings eine grössere, sei sogar erheblich gröher, als bei einer An- läge von nur zwei Bahnen nebeneinander. Tiefes erheblich größere Mas? von Gefahr hätte also der Beklagte doch vermeiden können, indem er nur zwei Kegelbahnen nebeneinander anlegte, bei welchen sich die Standorte für die Kegeljungcn an der äußercn Seite der Bahn befanden. Es kann auch nicht etwa darauf verwiesen werden, daß bei den Kegelbahnen im Kcglerheim des„Hosjägers" in Magde- b'-ro die für die Kegeljungcn angebrachten Podien sich gleichfalls Mischer, den Gruben zweier nebencinanderliegcnden Bahnen be- finden. Denn die Einrichtungen dieser Bahnen, bei welchen die Rückwand durch 1,36 Meter hohe schwebende Pfosten gebiloet wird, vor denen außerdem noch mit Kork gefüllte und mit Leder über- zogen? Matratzen angebracht sind, ist nach dem Gutachten des Sach- verständigen C. eine folibe, daß die Gefahr eines Zurückprassens der Kugeln ausgeschlossen ist. Der Beklagte hätte sich durch Be- obachtung davon überzeugen müssen, ob der Kegelbetrieb gefährlich war. Wenn er das getan hätte, hätte ihm das Hochspringen und Zurückprallen der Kugeln nicht entgehen können. Aus diesen Gründen folgert das Reichsgericht, daß der Beklagte den Betrieb nicht so eingerichtet hatte, wie es nach Z 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches seine Pflicht war.— Da das Oberlandesgericht noch nicht darüber erkannt hat, ob der Unfall des Klägers für die be- stehende Erkrankung ursächlich geworden ist, ist die Sache zur Entscheidung hierüber an das Oberlandesgericht Naumburg zurück- veaoiesen worden._ Urkundenfälschung auf einem Bürgermeisteramt. In einem vor dem Schöffengericht in Mayen(Rheinl.) ver- handelten Beleidigungsprozeß, den der dortige Bürgermeister Schä- fer gegen den Schuhmachermeister Konrad herbeigeführt hatte, und der mit Verurteilung zu 56 M. Geldstrafe wegen formeller Belei- digung endete, bekundeten vernommene Zeugen, daß sie in Zu- sammcnlegungsakten vorhandene Unterschriften nicht gegeben hätten und sie sich nicht erklären könnten, wie ihre Unterschriften in die Aktenstücke hineingekommen seien; andere Zeugen sagten aus, datz sie ihre Unterschriften nur für ein bestimmtes Gebiet, das Mayener Thal, nicht aber für die Zusammenlegung von Kottenheim gegeben haben. Der Zeuge Bürgermeister Basten, der früher in Mayen Bür- germeistereisekretär war, verweigerte seine Aussage in der Zu- sammenlegungssache, da er sich durch eine wahrheitsgemäße Aus- sage selbst strafbar machen würde. Bürgermeister Schäfer mußte zugeben, daß er dem früheren Sekretär, jetzigen Bürgermeister, zu der Zeugnisverweigerung geraten habe. Das Gericht verurteilte, wie gesagt, den Schuhmacher wegen formaler Beleidigung, indem es in dem Urteil sagte, daß zwar Urkundcnfläschungcn auf dem Bürgermcistcranit Mayen vorgekommen seien, daß sie aber dem Bürgermeister Schäfer nicht nachzuweisen und jedenfalls von dem Bureaupersonal, insbesondere von dem Sekretär Basten(jetzigen Bürgermeister!) vorgenommen worden seien Auch aus dem Rat der Zeugnisverweigerung Basten gegenüber wollte das Gericht ein Einverständnis des Bürgermeisters Schäfer nicht folgern. Hus der frauenbeivegung. Minderwertig. Seit einigen Jahren bekundet auch das Zentrum ein ge- wisses Interesse für die Frauenbewegung,— aber beileibe nicht für Frauenrechte I Nein, getreu dem Gebot: Er soll dein Herr sein, erweist man der katholischen Frau die Gnade, auch politisch als Schleppenträgerin der Männerherrschaft unter der Zentrumsfuchtel sich betätigen zu dürfen. Man gründet katholische Frauenvereine, nicht um das Frauenwahlrecht>zu erobern, sondern um den Frauen Gelegenheit zu geben, als Handlangerinnen— für Klassenherrschaft und gegen Gleich- berechtigung aufmarschieren zu können. Natürlich im Jnter- esse der Religion, des Christentums, der katholischen Kirche, der päpstlichen Oberhoheit. Politische Rechte für die Frau will man nicht, angeblich weil sie für das politische Leben, für den politischen Kampf zu schade sei. Der Frauen Stärke, hört man, liege in ihrem tief verankerten religiösen Empfinden, sie seien das Fundament der Kirche, die Säulen des Glaubens. Sonderbarl Auch im katholisch kirchlichen Leben weist man der Frau die Aschenpuddelrolle an, auch hier ist sie die quanütö nögligeable. Sie darf nur von fern zuschauen, wenn männliche Säulen die katholische Kirche repräsentieren, sie kommt höchstens aK geduldete Staffage in Betracht. Hier enthüllt sich die ganze grenzenlose Mißachtung und Verachtung des Weibes, wie sie die katholische Dogmatik und der herrschende Klerikalismus züchten. Jetzt veröffentlicht die ultramontane Presse die Einladung zur 59. Generalver- sammlung der„Katholiken" Deutschlands. Die Frauen, die Grundfesten des Glaubens, finden darin nicht einmal Er- wähnung. Die Einladung richtet sich nur an die„katholischen Brüder", an die„deutschen Katholiken", an die„Glaubens- brüder", sie ruft man zur Heerschau der Katholiken. Nichts, kein Wort, keinen Ton von der Katholik in, der Glaubens» schwester— sie gehört nicht dazu. Aber wenn wieder der Zentrumsturm, die Herrschaft des Kapitals, der privilegierten Gesellschaft bedroht erscheint, dann ruft man die Frau auf zum Kampfe— für die Religion und Kirche! Daun dürfen die Frauen wieder Schlepperdienste leisten, des Fußtrittes als Dank gewiß! Wären die Frauen nicht systematisch durch Ge- wohnheit und— Kirchenlehre in dem Gefühl ihrer Minder- Wertigkeit erzogen worden, sie müßten die darin so offen- kundig bescheinigte Mißachtung mit Empörung von sich weisen._ Leseabende. Schöncberg. Heute, Mittwoch, den 5. Inn!: LeseoBend für den Friedenauer Ortsleil bei Krause. Begasstraße, Ecke Rubenstraße. Vortrag:„Die Frau und die polilische Bewegung". Versammlungen— Veranstaltungen. Wilmersdorf- Halensce. Die Parteigenössischen Frauen machen am Donnerstag einen Ausflug nach dem Grüne- wald; sie treffen sich mittags zwischen t und l'/a Utir an der Ecke der Augusta- und Mecklenburziichen Strasse. Das gemein- same Kaffeekochen erfolgt im Caiö Pein iJ'chaber Türck). Die beste Fahrverbmdnng bieten die Strassenbahnlinien 8 und B. Zahlreiche Beteiligung wird erwartet. Zus aUer Mclt. Hue dem paradico der Schwarzen. Am linken Niederrhein ist bekaiinllich das Paradies der Schwarzen nnd einer der schwärzesten Bezirke ist der Kreis Kempen mit der Hauptstadt gleichen Namens. Was sich die Geistlichkeit dort gegen- über erwachsenen Menschen erlaubt, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, davon hat vor turzem der Pfarrer von Boisheim ei» Schul- beispiel gegeben. Ein Arbeüer hatte sich kürzlich auf dem Standes- aiilt trauen lasten und damit dem Gesetz Genüge getan. Das passte aber dem Pfarrer von Boisheim nicht und er schrieb ihm deshalb folgenden Brief: Boisheim, ll./ö. 1912. Herrn Wilb. Heinrich L...... Ich ersuche Sie, nachdem Sie dem Vernehmen nach bürgerlich auf dem Standesamt in Dülken getraut sind, heute nackmillag nach 5 Uhr mit der Per ion zu mir zukommen, um die Dispens zur kirchlichen Trauiuig nnchzusuchen, damit die Ehe vor Gott und der Kirche gültig werde. Kosten sollen Euch nicht entstehen. Es ist vor allem nötig, das Aergernis zu entfernen. FaSbender, Pfarrer. Der Empfänger dieses Beleidigenden Schreibens, der Leser unserer Parleipresse ist, fühlt kein Bedürfnis, sich kirchlich trauen zu lassen, und ließ das Schreiben unbeantwortet. Nun versuchte der Pfarrer mit allen ihm zu Gebote stehenden Mittel», den Mann aus Boisheim zu entfernen. Er wandte sich auch an die Mutter des Arbeiters, bei der dieser mit seiner Frau wohnt, um sie zu veran» Asssn- deneigenenSshn aus demHausezuweisenl Aber auch die alte Frau blieb diesem terroristischen Ansinnen des Pfarrers gegenüber standhast. So versuchen Zentrumsgeistliche, Zwist in die Familien zu tragen, wenn sie aus einem anderen Wege einem charakterfesten selb» ständigen Menschen, der sich nicht willenlos unter die geistliche Fuchtel beugt, nicht Beikommen können. Riesenbrand in Konstantinopel. Zu dem Bereits gestern gemeldeten Großfeuer in K» n st a n- tinopel werden folgende Einzelheiten Berichtet: Zwölf Stadtteile sind in rauchende Trümmerhaufen verwandelt worden. Die Stadtteile Bis zur Eisenbahnlinie hinunter sind buch- stäblich dem Erdboden gleichgemacht worden. Das grosse Militärlazarett Gulhane wurde gerettet. Die Zahl der ein- geäscherten Häuser wird auf 2666 geschätzt, doch scheint diese Ziffer übertrieben zu sein. Nach der ersten Untersuchung ist das Feuer in einem Neubau ausgebrochen, der für einen Abteilungschef im Unterrichtsministerium errichtet wird. Hier sind Hobelspäne in Brand geraten. Die sich widersprechenden Aussagen der fest- genommenen Arbeiter lassen Brandstiftung als Ursache vermuten. Wassermangel begünstigte die Ausbreitung des Feuers. Das Justiz- Ministerium und das Verwaltungsgebäude des Wilajets Konstanli» nopel schwebten in grosser Gefahr. Als im Justizministerium die Fensterscheiben zertrümmert waren. Begannen die Flammen schnell zu erlöschen. Als Opfer des Brandes liegt ein junges Mädchen i m S t e r B e n, eine kranke Frau ist verbrannt. Auch sollen ein Mann, ein Offizier und mehrere Pionier e ver- wandet sein. Die meisten eingeäscherten Häuser der ärmeren Volksklassen sind nicht versichert; die Verluste werden auf fünf Millionen Frank geschätzt. New Aorker Verbrechertum. Wie der„Daily Chrouicle" aus New D o r k meldet, erklärte der Chef dcrNew Dorker Geheimpolizei, Fly nn, daß die Verbrechen der Pariser Apachen Kinderspiel seien gegen die Gewalttaten des! New Jorker Verbrechertums. Die Verbrecher seien in einer geheimen Baude, die sich L u p o m o r e l l o nennt, organisiert. Auf das Konto dieser Bande kämen während der letzten Zeit nicht weniger als 66 Morde. Im Durchschnitt habe diese Bande pro Tag eine Person auf dem Gewissen, wahrscheinlich erhöhe sich die Zahl aber noch durch Bluttaten, die nicht entdeckt werden können. Man findet ihre Opfer meist in Abzugskanälen. Wir sind überzeugt, erklärt Flynn weiter, daß diese Bande einen eigenen Friedhof hat, auf dem sie ihre Opfer begräbt. Aber wir hoffen, daß wir diesen chaurigen Ort bald entdecken werden. Der Klostermusikant. Aus Petersburg wird der„Franks. Ztg." gemeldet: Die Aebtissin von Pokrowski nahm vor füns Jahren einen sah- renden Musikanten ins Kloster auf, der. wie sie zur Be» ruhigung der über diesen Skandal empörten Gläubigen und der Nonnen versicherte, ihr von Gott selber zugeschickt worden war und jeder irdischen Schwäwe fremd blieb. Da sich aber einige der älteren Nonnen durchaus nicht an die Anwesenheit eines Mannes gewöhnen wollten, so gab die Aebtessin den Musikanten als— Eunuchen aus. Schließlich ließ sie ihn sogar a l S Nonne einkleiden, nachdem er sich Bart und Haare geschoren. Die Gläubigen der Gemeinde Beschwerten sich mehrmals beim Bischof, aber ohne jeden Erfolg. Im Kloster fanden sich schließlich die Nonnen mit der seltsamen Schwester ab, die Tag und Nacht, selbst izn.Scki l a fr N u w mit ihm», zujammefflebte. Doch in Bujem unirdischen Wesen regten sich schließlich wieder menschliche Gefühle, der Musikant entführte eines TageS eine junge Ron ne und ließ sich mit ihr in eindm" benachbarten Dorfe nieder, wo er eine Werkstätte zur Ausbesserung von Musikinstrumenten eröffnete. DaS Paar, das immer noch die Klostergewänder trug, zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, so daß der Orlspfarrer einschreiten mußte. Dieser drohte den beiden mit Ausweisung, wenn sie nicht heiraren würden, und der Musikant führte denn auch richtig die entführte Braut zum Altar. Auch die OrdenSgewänder haben die beiden seit- her abgelegt. Die Gläubigen der Umgebung denken aber strenger als ihr Seelenhirt. Sie haben eine mit vielen Unterschriften ver» sehene Eingabe an den Heiligen Synod gerichtet, der sich nächstens mit der Angelegenheit befassen mutz. Hoffentlich stört der zu er- wartende Eutscheid wenigstens das junge Eheglück nicht, das aus diesem merkwürdigen Klosterroman aufgeblüht ist. Der gestrenge Hauswirt. Unter dieser Ueberschrift brachten wir in unserer Nummer vom 23. Mai eine Notiz, daß an dem Hause des Weingroßhändlers K e h r m a n n in Biebrich a. Rh. folgender Ukas prangt:„Jede Verunreinigung dieses Torwegs ist strengstens verboten. Sollte es dennoch fortan vorkommen, so werde ich eventuell die Hilfe eines Polizeihundes in Anspruch nehmen, um den Täter zu er» Mitteln und bestrafen zu lassen." Wie wir weiter ausführten, habe Herr Kehrmann diese Drohung mit dem Polizeihunde für nötig gehalten, um Patienten eines im Hause wohnenden Zahn- arztes das Ausspucken auf den Hausflur zu verleiden. Dazu schreibt uns Herr Kehrmann folgende„Richtigstellung": 1. Es wurde Zahnleidendcn von den, Augenblick der Ver- mietung an den betreffenden Zahnarzt Gelegenheit gegeben, sich des Spucknapfes im Treppenhaus zu bedienen. Erst als die? trotzdem nicht geschah, wurde auf zwei gleichlautenden Plakaten auS hygieni« schcn Gründen höflich aus die Anwesenheit des SpucknapfeS auf» merksam gemacht. Von einer Drohung mit dem Polizeihund ist auf diesen Plakaten keine Rede. 2. Von Stratzenpassanten wurde wiederholt meine Torfahrt beschädigt und verunreinigt. Nach Rücksprache mit der Polizei brachte ich deshalb dort eine entsprechende Warnung an. in der die Ermittelung des Täters mit Hilfe des Polizeihundes angedroht wird. Die Drohung mit dem Polizeihunde gibt also Herr Kehrmann selbst zu. nur soll der Polizeiköter gegen Verunreiniger der Torfahrt aufmarschieren._ Kleine Notizeu. Der Nordwestflug verschoben. Nach einer Mitteilung der Sport- leitung des Nordweslfluges ist der Flug auf Grund eine» gestern gefaßten Beschlusses der sportlichen Oberleitung im Einverständnis mit den beteiligten Fliegern und den Vereinen abgebrochen und auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die Verschiebung war durch das andauernd schlechte Wetter bedingt. Aufgehobene Falschinünzerwerkstatt. In Düsseldorf wurde in der vergangenen Nacht eine Falschmünzcrwerkstatt aufgehoben, in der viele falsche Zwei- und Dreimarkstücke angefertigt worden sind. Eine große Menge Werkzeuge wurde beschlagnahmt. Als Falschmünzer wurde ein Reisender aus Hannover und als Verbreiter der Geldstücke ein Reisender aus Paderborn verhaftet. Bluttat im Gcrichtssaal. In Ohonnax(Departement Ain) drang ein Arbeiter namens C o m t e während einer Verhandlung vor dem Friedensrichter in den Gerichtssoal und verlangte ungestüm ein Aktenstück. Als ihm dies verweigert wurde, feuerte er einen Revolver ab. tötete den GerichtSaktuar und ver- wundste den Friedensrichter. Der Mörder wurde fest- genommen. 50 Dampfer im Eise. Wie auS Archangelsk gemeldet wird, werden durch größere Eis massen und Nebel bei demSwjatoi- Leuchtturm im Weißen Meer 56 Dampfer, vorwiegend ausländische, festgehalten. Ein aus Norwegen nach Archangelsk entsandter großer Rettiingsdampfer ist dort bisher nicht eingetroffen. [ ÜÜI j Todes-Anzeigen| Sozlalriemokraiisclier Watilverein; für deu ißsrlinepRe.'eiislass-Wahikreis.j Görlitzer viertel. Bezirk 1991. Den Miigliedern zur Nachricht,! datz unser Genosse, der Drechslers Ks»'! Linde Grünauer«trabe 3, gestorben ist, Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, nachmittags S Uhr, von der Hülle des GnimauS-Rirch- böses, Neukölln, Herinannstratzc, aus statt. lltfi/Ui_ Der Vorstand. Verband deutscher Gastwlrtsgeliilfen Ortsverwaltung Äerlin I. Am 2. Juni verstarb unser| )| langjähriges Mitglied 31/10 j Friedrich Barthel. Ehre seinem Andenken! Die Beerdig ing findet am! «Mittwoch, den S. Juni, nach. I mittags 6 Uhr, von der Leichen- I halle deS Gemeinde-FriedhoseS � | in Schmargendors aus statt Um rege Beteil gung ersucht Der Borltand. Veulscher Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht,! dag unser Kollege. der Drechsler] Karl Iii ndc Grünauer Str. 8, im Alter von| 48 Jadren gestorben ist, Ehre seinem?l»de»tcn! Die Beerdigung findel heute! Mittwoch, den b, Juni, nach- l mittags 5 Uhr, von der Halle des Emmaus-Kirchhoses in Neukölln,[ Hermannstraße, aus statt. 84/14 vis 0ri»ver«sliung. Am 3. Juni, abends 7 Uhr, verschied nach schwerem Leiden mein lieber herzensguter Mann, Sohn, Vater, Schwicger- und Großvater, der Kohlenhändler Karl Fisenher� im 53, Lebensjahre. 1S8Sb Dies zeigt tiesbetrübt an Emilie Eitzenberg/ nebst Kindern, Förster Str. 48. Die Beerdigung findet am-.Juni, nachm. 5 Uhr. von der Halle des neuen Jakobi-Kirchhoss in Neu- kölln, Hermannstr. 100, au« statt Toziatvemotrat.«Lalilvcrein jür den �.Berliner Nteichstngs. BSahikrci«. Görlitzer Viertel. Bez. 203 I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Klavier- arbciter Karl Fisenherx Förster Str. 46 gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Lrcitag, den 7. Juni. nachmittagZ 5 Uhr, von der Halle des neuen Jakobi-Kirchhofcs, Neukölln, Her» mannstr. 100, aus statt. Rege Beteiligung erwartet Der Borstand. Zoziällleniollpalizcliei' Watilvereln für den 4. Görlitzer Viertel. Bz. 154 I Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Schuhmacher (Zeorx Kordel Skalitzer Str. 22 gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmiilags 4 Uhr, oon der Halle de« Zentral-Fified- hoses in griedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter Boriiaud. Spar» verein Am 3. Juni starb jäbrigeS Mitglied unti Krelüt» „Solidaria". unser iang- Georg Kordel. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6. Juni, nach- mittag« 4 Uhr, aus dem geniral. griedhos In Friedrichsseide statt. 19826 Ter Borstand. Nachruf. Allen Bekannten und Gönnern zur Nackricht, daß unser Kollege, der Mechaniker IBrnst Richter am 29. Mai, srüh 1'/» Uhr. im Urban-Krankcnhaul c verstorben ist. Ehre seinem Angedenken! Im Austrage der Hinterbliebenen: ISA«otttWea Ulnx. Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Fillaie OroÜ-iterlln. lVaciiriif. Durch deu Tod ist unS eine« |§ unserer Mitglieder, der Kollege Gotttieh Böhmer 1 welcher im Betriebe de« Wasser- werk« Müggelsee beschäftigt war. | entrissen worden. Wir werden ihm ein ehrendes s Andenken bewahren. Die Bestattung fand bereits am i Dienstag, den 4. Juni, statt. 34/10 Tie Lrisuerwaltung. Danktiag/iiiig/. Für die vielen Beweise 10Ü. herzlicher bei der Tellnahme und Kranzspenden Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters sagen vttetligten herzlichsten Dank. allen Kleber Ä. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, i daß unser Kollege, der Droschken- > sührer Lodert lg/. Für die zahlreiche Beleuigung rmd Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben MaimeS, unseres Bruders und SobneS 1930b I'nni Oricg/cr sagen wir allen Freunden und Be- kannten, dem Gesangverein, den Mit- gliedern deS Wablvcreins u. des Metall- arbeiicr-VcrbandcS, seinen Kollegen der Firma i.Lv/v& Co., Wittenau, unseren heimlichsten Dank, Eamllle Grieger. Danksagung. Allen AnteUnehmenden bei der ve- erdigung meines lieben Mannes herzlichen Dank. 19816 Klara Ranchka. WestrasfraDentiagaziii! Extra- Ab tr Illing |l. Gesch.. Barlin W.. MotKen- j Slraße37a(2 Haus von der| Jerusalemer Straße). II Gesch.: Berlin NO., Große 1 Frankfurt Str. 115(2 Haus j von der Andreasstraße). Sehr(fr.Auew. feit Kleider,! Hüte, Handschuhe, Schleier; etc. v. einfachsten bis zum i hooheloganl Genre /..äußerst j niedrige n Preisen. Sonder-Abteilung: .llailanrcrrigung in 10 bit- 12 Stunden Mit d>m Einsetzen der wärmeren Jahreszeit steigt auch die «inderslerbtichk-tt, da Brechdurchsälle und Durmkatarche dann häufiger aus- treten. Jede Mutter, die ihr Kind mit der Flasche nährt, sollte darum beizeiten der Kuhmilch einen Zusatz von, K u s e k e- geben, well diese Nahrung vorbeugen d wirkt. i Vierter Wahlkreis. Polnische Mitbürger! Arbeiter, Parteigenojsen! Sonntag, den 9. Juni 1912, nachmittags 2 Uhr, im Lokal von Borgmann, Andreasstr. 21: DetMiciie Protest-Versammiung. Tagesordnung: Die letztell Vorgänge im Abgeordutteuhause nnd das polnische Volk. Referent: Landtagsabgeordneter H. Ströbel. , Freie UlxkuaHlon.— 216/16* Ter Einberufer: Paul Hossmann, Königsberger Str. 28. MBU Wir ersuchen die�Genossen, ihre polnischen Kollegen und Bekannten auf diese Versammlung aufinertsam zu machen. lln.Limnivl 8pe2lsI-�F?t kür Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Ä$z 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Von der Boise zurück Freischmidt prakt. Arzt Charlottenburg, Berliner Str. 107. •p Haut- d. Harn- 4> leiden, Ehrlich-Hata, Queoksilber- sohäd. Spezialärztliche Leitung. Blutuntersuoh., Fäden im Harn, etc. Honorar maß., Teilzahlung gestatt. DrJoineyer�ÄchÄV, geg. Panopt. Spr. 1 0-2,5-9, Sonnt.1 1-2 Haben Sie Stoff? davon Anzug Paletot ass, schick, dansrh. Zutaten Mark an. Moritz Laban d, Promenade 8, iL(Stadtb. Bors.) Terwattung ilcrlln. Bautischler! Heute Mittwoch, den S. Juni 191Ä, abends 8'/, Uhr: VerirauenzmSnner-VerzammIunW Nenlrk Ii Südwesten, Süden, Südosten bei Grasthoff, Admir.ilstr. 18c. «eslrk S:«wten bei Bratner. Weidenweg 85. Uenli-k S: Xei'den nnd nürdlleke Vei-orte bei Gliesche, Kopenhagener Slr. 74. IZesli'k d:«»esnndbrnnnen, Wedding und Hoablt bei Sachse, Lindowcr Str. 26. venlr-k S: Ulenkülln bei Schenk, Rosenftr. 24. Modv>poIivi*«i* u. Beizer ------------- Bezirk Weißensee.■ Donnerstag, den 6. Juni 1912, abends Ä1/« Uhr, im„Prälaten", Lehder Str. 122: Braucken-Versammlung Tagesordnung: 1. Bilden die Pollere und Bcizer im Sinne der Handwerkskammer einen Berus 1 Welche Stellung nehmen die Kollegen dazu ein 1 2. Branchenangelegenheiten. 3. BerschiedeueZ. 84/13 Die OrtSverwaltung» Arbeitsnachwels: Hos I. Amt Norden, Nr. 1239. yerwaltuiptelle Berlin Charitdstrahe 3. Hauptbureau: Hos in. Amt Norden, Nr. 1937 Zentral-KraDken- und Ster&ehafte der Zimmerer(£. y. Nr. 2 Hamburg). Oertliche»Verwaltung Berlin. Areitag, de» 7. Juni, abends Sst, Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engeluser 15. Saal 3: Mitglieder-Versammlung Tagesordnung: 1. Wrechnung vom 1. Quartal. 2. Verschiedene Kassenangelegenheiten. 253/3» Ter Borstand. I. A.: Richard Schröder, Berlin L>., Tilfiter Str. 7, vorn IV. Vertat der Lederarbeiter Filiale Berlin I. TonnerStag. den 6. Juni, abend» 8 Uhr. Prinzenallee 33: Mitglieder-Versammlung Tagesordnung: 1. Vorstandswahlen. 2. VdrbandSangelegcnheiten. 3. BerschiedeneS. Zahlreichen Besuch erwartet 143/12 Der Borstand. Donnerstag, den 6. Juni 1912, abends 8'/, Uhr: VeFsemmnlung der in den Eisengießereien beschäftigten Putzer und Schleifer in den Borussia-Sälen» Ackerst ratze Nr. 6/7. Tagesordnung: 1. Bortrag. 2. Branchenangelegcnhciten. 8. Verschiedenes. Es ist Pflicht elncS jeden Kollegen, in dicjct Berjammlung zu erscheinen. Donnerstag, deu 6, Juni 1912, abends O'/a Uhr: Versammlung sämtlicher in de« Automobil-Betrieben beschäftigten Klempner im Lokale von Merkowski, Andreasstratze Nr. 26. Tagesordnung: 1. Wie verbessern wir unsere Lohn- und Arbeitsverhältnisse? 2. Diskussion. 3. Interne Berufsangelegenheiten. 118/13 Kollegen I Sorgt sür einen zahlreichen Bciuch. Jnsbcsoudere find die Kollegen au» den Steparaturbetriedcn hierzu eingeladen. Jede Weclstatt muß vertreten sein. Ble Ortsvern-ultang. r in Filiale GroB-Berlin. Donnerstag, den 6. Juni 1918, abends 8'/, Uhr: » VecssiBmlunci im GewerkschaftShaus(grostcr Saal), Engelufer IS. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Genossen Br. Rudolf Breltncheld: Das KoalltiODsrecht und feine Gegner. 2. Die Auslcgungskünste bet den neuen Sommerurlaubsbestimmungen. 8. Verbandsangelegenhelten. NW- Das Milgltedsbuch ist am Saaleingang vorzulegen 1"TOS 31/9 Tie Lrtsvcrwaltuug. iier —— Filiale Berlin 11. Znsclmelder! Donnerstag, 6. Juni, abends 6 Uhr, bei Schulz, KSnigsgraben 14: ZWtgUeÄer-VerfcimmlTiiig Tagesordnung: 1. Giellungnahme zum Verbandstag. 2. Aufstellung der Kandidaten. 3. Verschiedenes. Der wichtigen Tagesordnung wegen Ist eS Pflicht eines jeden Kollegen sowie Kollegin, pünktlich zu sein. 164/6_ Die Ortsverwaltung Filiale 11. Berlin.> MohrenstrM tOr.rramituricitr. Iis. Erfrischungsgetränke denen der Saft der Früchte zugesetzt ist, bilden an warmen Tagen«in beliebtes und nicht zu 4» an warmen Tagen"ein beliebtes und nicht zu � � cnlbehrendes Labsal, doch ist die Verwendung � Sa** QlsWI<4\ f• Xxv/fk Olii£ H**af(a>T ,«» HMtftSr»ST{/4» V 6 Pfd. Limonaden. sirnp oon staunen«- wericrOnaiitötund reinstem Fruchtge. schmack in Himbeer, Kirsch. Erdbeer, Zi- tronen, Grenadine, Limetta usw.— '<» Origtnalflasche \ 75 Pfennig. ♦ Zur Probe K Flasche V 10 Ofen. % nig.- � der Früchte durch Auspressen zu umständlich u.kost � id spielig. Dem ist nun aus leichte Art mit den so beliebten u. 7k tz bereits millionensach g. brauchten Reichels Limonaden-» _ St uP-Ertrakl-n abgeholfen. Dieselben enth ItcndaS volle � , edle Fruchlaroma u. Jede ökonomische» eraibl«ine Flasche Frau wird oon der» Einfachheit der Be- n reitung und der gro-■ ßen Billigkeit über- L raschtsein.denn IPsd.> stellt sich si; u. fertig, auf nur 25 Pf., wo- a durch es jedermann»> möglich ist, täglich J küstliche Limo- naden.Pud- f dingS und td Flamme- � rl« ic. zu• genießen. � Erhältlieh in den bekannten Drogerien, die„Original-Reichel* Eaaenzen" führen, wenn ausnahmsweise nicht, Versand ab Fabrik. Vor untauglichen Nachahmungen wird dringend gewarnt! 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Zahrgatlg. küllljk des trlinct InllisUntt. pntnmi 5.?mi 1913. Partei- Hngelegenbeiten. Zur Lokalliste! Der Tanzlehrer Willi Reifschneider in Tegel veranstaltet am 15. Juni in HamuiekS Etablissement, Tegel, Hauptstrabe, ein Rosen- fest. Das Lokal ist gesperrt. ES wird versucht, für dieses Fest in Arbeilerkreisen Billetts abzusetzen. Die Parteigenossen werden er- sucht, durch Zurückweisung der Billetts die Ldlalsperre zu beachten. Wannsce. Heute Mittwoch, abends Ve9 Uhr, findet im„Fürsten- hos" eine öffentliche Volksversammlung statt, die sich neben anderen örtlichen Verhältnissen speziell mit der Badegelegenheit am hiesigen Ort beschäftigen wird. Wittenau a. d. Nordbahn. Heute Mittwoch, abends b'/z Uhr: Extra-Zahlabend bei E. Wiltchow, Oranienburger Slr. 100. _ Die Kommission. Berliner N�cbricbten. Ans dem Tagebnche einer Hebamme. Eine junge Frau holte mich. Sie laufe schon lange der- geblich, denn keine Hebamme wolle mit ihr gehen. Etwas mißtrauisch folgte ich ihr. In einer verrufenen Straße des Südostens wohnte die Hilfsbedürftige. Im dritten Hof, direkt über einem Pferdestall, lag der winzige Raum, in dem ein schmales Bett ein rachitisch aussehendes junges Weib aufnahm. Zwei wacklige Stühle, ein kleiner Tisch und ein Reisekorb machten das dürftige Mobiliar aus. Die Frau wand sich vor Schmerzen und ein Freuden- schein glitt bei unserem Eintritt über ihr breites, gutmütiges Gesicht.— Sie war eine Prostituierte und die hilfreiche Freundin ebenfalls. Schon jahrelang gingen sie auf die Straße; daS Arbeitshaus und daS Gefängnis waren ihnen gut bekannt.— Doch wenn das Kind da war, wollte sie arbeiten, ihre Näherei aufnehmen, damit das Kleine seine Ordnung hatte. Ihre ganze Hoffnung auf ein besseres Dasein schien für sie in dem noch ungeborenen Geschöpf zu liegen, ihre schlum- mernde Kraft würde erwachen und dem Kinde eine richtige Mutter geben. Sie sagte es in ganz einfachen, selbstverständlichen Worten, für sie war die Mutterschaft Erlösung.— Ich sah sie an und entdeckte ein durch schwere Rachitis verengtes Becken, am besten war es, sie einer Klinik zu überweisen. In diesem Raum war ein operatives Arbeiten beinahe unmöglich. Ich sagte es ihr.— Sie wurde totenblaß und mit einer Leidenschaft, die mich erschütterte, bat sie mich, sie zu Hause zu lassen.— Die Studenten würden ihr Kind töten, sie wolle nicht als Lehrobjekt dienen. Ich solle bei ihr bleiben und einen Privatarzt holen, sie wolle ihn später bezahlen. Ihre heiße Bitte erfüllte ich und ließ einen jungen Arzt komnien, der noch nicht ganz den Idealismus seines Berufs verloren hatte. Stunde um Stunde saßen wir am Lager der Aechzenden. Durch das Zimmer dröhnte das Trampeln und Ausstoßen der Pferde, unzählige Fliegen schwirrten um uns herum und ließen die Julihitze doppelt peinvoll empfinden. Die kleine Petroleumlampe brannte trübe, einen unangenehmen Geruch verbreitend, der starke Lysol und ein aufdringlicher Moschus- dust, verursachte Uebelkeit. Die Frau litt unsäglich, sie klammerte sich an den Arzt und er stützte sie nüt unendlicher Zartheit. Die Nacht brach an, kein Fortschritt war zu bemerken und wir sandten nach einem zweiten Arzt, der eine Narkose machen sollte, damit wir die Frau durch Knnsthilfe entbinden konnten. „Das Kind— lieber Herr Doktor, o machen Sie es nicht tot."— Noch im Einschlafen flehte sie in gurgelnden Lauten uni Barmherzigkeit.— Es war eine harte Arbeit. Die Chloroformierte schlief tief und fest, unermüdlich versuchte der Arzt, die Freundin stand hilfreich zur Seite, jeden Wunsch des Operierenden er- füllend. „Herr Kollege— das ist unmöglich, perforieren Sie doch"— ein wenig nervös klingen des zweiten Arztes Worte, die betäubende Luft und das Milieu macht ihn ungeduldig. Was liegt an dem Leben des Kindes?— Aber der Arbeitende läßt nicht nach, große Schweiß- tropfen perlen von seinem Gesicht und seine Hände beginnen vor Anstrengung zu zittern, lind als wolle er durch seinen Willen das Kind dem Leben geben, versucht er ein letztes Mal — und hat Erfolg.— Ein starker Knabe schreit und erweckt mit seinem hellen Stimmchen die schlafende Mutter, die mit blauen Lippen uns glückselig anlächelt.— Es dämmerte bereits der Tag, als wir die Frau der- ließen, denn es hatte noch einen bitteren Kampf mit Gevatter Tod gegeben, der wartend hinter der Tür stand und durchaus nicht mit leeren Händen gehen wollte.— Aber er unterlag, auch die Mutter wurde gerettet und noch nach Jahren besuchte sie mich mit ihrem hübschen, blond- lockigen Kinde, dem sie Vater und Mutter zugleich war. DaS JoachimSthalfchc Gytmiafimn wird, soweit cS als Lehranstalt deS Siaaces in Betracht kommt, von Verlin verlegt; und das grotze, an der Kaiierallec belegene Grundstück geht am l. Oktober in den Besitz der Stadt Wilmersdorf über. Wie es vom Fiskus nicht anders zu erwarten ist. läßt er sich sei» Eigentum teuer bezahlen; der Er- werbsprei» beträgt 4 350 000 M. Das große Gebäude, in dem zurzeit noch ein Alumnat untergebracht ist, wird wohl auch weiter zu Schul Zwecken Verwendung finden; jedoch meint der Wilmersdorfer Magistrat, daß der Schulgarten mit seinem schönen Baumbestände nur zum Teil als Park erhallen werden kann. Er will„im Interesse der Gesamtheit" eine größere Frei- fläche gewinne» und den Rest als Bauland weiter veräußern. Der Norden. von Wilmersdorf, in dem das Gymnasium gelegen ist» heißt im Vvlleniunde das Brüsewitzvieriel; lnan hat es hier mit der vornehmsten Gegend der Stadt zu tun. In dem besitzeuden Teil der Bürgerschakt kämpfen in dieser Frage nun zwei Parteien miteinander Die Interessenten der Bauipeknlation weiden sich a» den Profiten, die ihnen durch den Berkauf von ideal gelegenen Parkgrnndslncken in den Schoß fallen werden. Andere Leule aber meinen, daß der an grünen Flächen nicht eben reiche Vorort sehr ivohl das ganze Grundstück als Park gebrauchen könnte und daß bei der Last von 100 Millionen Mark Schulden, die Wilmersdorf sich nächstens auf- gebürdet haben wird, es auf ein paar Milliouen mehr nicht air- kommen kann. Auch wir find selbstverständlich der Ansicht, daß alle« aufgeboten werden sollte, um den Schulgarten in feiner ganzen Aus- dehnung der Oeffenllichkeit zu gewinnen. In einer Vorlage empfiehlt der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung, eine gemischte Deputation aus 10 Stadtverordneten und S Magifirgtsmitstliedern zur Regelung der Angelegenheit niederzusetzen. Für das zweite städtische Volkskonzert des Philharmonischen Orchesters, welches heute, Mittwoch, den 3. Juni, abends 7�/2 Uhr, im Saale der Bockbrauerei stattfindet, sind noch eine Anzahl von Billetts a 30 Pf. an der Abendkasse er- hältlich. Das erste Konzert, das am Sonnabend im Friedrichshain stattgefunden hat, erfreute sich eines so starken Besuches, daß viele Hunderte, die sich nicht vorher mit Billetts versehen hatten, keinen Einlaß finden konnten. Bon der Fürsorge für schwachbcfähigte Schulkinder. Für die schwachbefähigten Kinder hat die Stadt Berlin ihren Gemeindcschulen erst spät die Hilfseinrichtung der sogenannten Neben klaffen gegeben, in denen unter günstigeren Bedingungen als in den normalen Klassen nach einem besonderen Lehrplan die Aneignung des notweiidigsteil Wissens und Könnens erreicht werde» kann. Nachdem diese Nebenklassen bald zu stufenförmig auf- gebauten kleinen Schulsystemen zusammengefaßt worden waren, ging schließlich aus ihnen die Organisation der Hilfsschulen hervor, die wir jetzt in unserem Gemeindeschulwesen haben. Während es früher in den Gemeindeschulen Berlins als etwas . Unabänderliches" galt, daß zahlreiche Kinder bei Vollendung deS 14. Lebensjahres noch in den unter st enKIassen saßen und aus ihnen mit mangelhaftester Schulbildung abgehen mußten, hat nach Einführung jener Hiljseinrichtungen die Zahl der- artiger Kinder sich allmählich verringert. Groß genug ist sie freilich noch immer, größer noch, als mancher es überhaupt für möglich halten wird. Von den Kindern, die im Schuljahr 1910/11 nach Vollendung der Schulpflicht aus den Gemeindeschulen ansschieden, saßen in Klasse I 12 179, in Klasse II 6964, in Klasse IH 3657, in Klasse IV 1506, in Klasse V 378, in den Klassen VI bis VIII zusammen 50, in den Nebenklassen 372.(Jnter- essant könnte es sein, zu erfahren, wieviel im besonderen sogar erst in den Klafien VII und VIII saßen. Aber die von der Schul- deputation aufgestellte Statistik, der wir diese Zahlenangaben ent- nehmen, saßt leider die Klassen VI bis VIII zusammen.) Nicht bei allen Schwachbesähiglen wird es leicht sein, sie rechtzeitig in die Nebenklassen hin überzunehmen. Wenn die Be- fähigung nicht sogleich in den ersten Schuljahren als unzulänglich erkannt worden ist, so läßt die spätere Ueberweisung an eine Neben- klaffe sich nur schwer noch ausführen. Diese Schwierigkeit besteht auch bei denjenigen Schwachbefähigten, die erst in ihren letzten Schuljahren nach Berlin zuziehen und aus Orten kommen, wo es noch keine Hilfseinrichtungen für schwachbefähigte Schulkinder gibt. Doch angesichts der oben mitgeteilten Zahlen drängt sich uns die Frage auf, ob nicht manchem dieser vielen in den untersten Klaffen hängen gebliebenen Kinder noch die Wohltat deS Unterrichts der Nebenklassen durch rechtzeitige Ueberweisung hätte gesichert werden können. Sehr zu denken gibt ein Fall, der u»S eben jetzt von den Eltern eines vierzehnjährigen, nicht über Klasse V hin-j ausgekommenen Mädchens vorgetragen wird. Dem Mädchen, das Anfang März das vierzehnte Lebensjahr vollendete und zu Ostern konfirmiert wurde, ist beim Halbjahresschluß die Schulentlassung verweigert worden. Es soll einstweilen noch weiter die Schule besuchen, soll als Vierzehnjährige noch weiter in Klasse V zusammen mit den um vier bis fünf Jahre jüngeren Kindern sitzen, dainit es vielleicht doch noch ein bißchen mehr an Schulbildung in das Leben mitnehmen kann. Wir haben, um uns über die Schullaufbahn des Mädchen? zu- verläsflg zu informieren, uns von den Eltern die Zensuren vorlegen lassen, die erfreulicherweise sämtlich noch vorhanden waren. Das im März 1893 geborene Kind war vorschriftsmäßig im April 1904 eingeschult worden und hat dann bis März 1912 volle acht Schuljahre durchgemacht. Der Schulbesuch war nicht besonders lückenhaft: die Zahl der Stunden, die wegen Krankheit versäumt werden mußten, stellte sich in den 16 halben Jahren nacheinander auf 0, 9, 3, 7, 7, 9, 8, 62, 0, 15, 24, 30, 36, 36, 80, 75. In den acht Jahren wurde, obwohl die Eltern immer die selbe Wohnung halten, das Kind drei verschiedenen Schulen zugewiesen, zunächst der 121. Schule in der Prenzlauer Allee, dann der 289. Schule in der Scnefelderstraße, schließlich der 2l5. Schule in der Dunckerstraße. Die Ellern versichern, daß niemals sie selber um Umschulung gebeten haben, sondern diese immer ohne ihr Zulun und gegen ihren Wunsch verfügt worden sei. Das Kind besuchte die 121. Schule vier Jahre hindurch, von denen eS drei(!) Jahre in Klasse VIII zubrachte. Nachdem es dann ein Jahr in Klasse VII gesessen hatte, erfolgte die Umschulung nach der 289. Schule, wo für Klasse VII ein zweites Jahr draufging. Zwei Jahre erforderte auch Klaffe VI. so daß erst mit Beginn des letztes Schuljahres das schon 13jährige Mädchen nach Klaffe V versetzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt erfolgte die er- neute Umschulung, diesmal nach der 215. Schule, wo das Kind in Klasse V hängen blieb und nun zu weiterem Besuch über das Alter der Schulpflicht hinaus zurückgehalten wird. Merkwürdig ist, daß es keinem Menschen eingefallen sein sollte, dieses Kind beizeiten einer Nebenklasse zuzuweisen. Mußte das nicht schon als nolpiendig erkannt werden, als die beiden ersten Jahre des Besuches der Klaffe VIH erfolglos geblieben waren? Die 121. Schule hatte keine Nebenklassen, aber Nebenklassen gab es schon damals in einer anderen Schule des Stadtteils, und vor Um- fchulungen fürchtet die Schulverwaltung sich doch sonst gewiß nicht, wie das ja nachher gerade dieses Kind noch an sick, selber hat erfahren müssen. Die Eltern versichern, daß niemals eine Lehrerin, ein Lehrer, ein Rektor, ein Schularzt zu ihnen die Absicht geäußert habe, das Kind in eine Nebenllasie zu tun. Sie selber waren mit dem Wesen der Nebenklassen zu wenig vertraut, als daß sie auf den Gedanken halten kommen können, ihrerseits die Ueberweisung anzuregen. Aus den Zensuren geht hervor, daß es sich um ein gutes und williges, aber schwaches Kind handelt. Es scheint, daß das zu An- fang nicht richtig erkannt wurde. Auf den Zensuren der ersten drei Halbjahre wurde die Aufmerksamkeit mit„nicht vor- handen",«nicht vorhanden",„wenig vorhanden", der Fleiß mit „genügte nicht",„genügte nicht",„genügte nicht" beurteilt. Im vierten und im fünften Halbjahr wurde dann die Aufmerksamkeit als„nicht rege" und„nicht rege genug", aber der Fleiß jetzt als „genügend" und„genügend" bezeichnet. Das sechste und das fiebenle Halbjahr brachten beide für Aufmerksamkeit und für Fleiß die Urteile„gut". Dann aber wurde vom achten Halbjahr an die Aufmerksamkeit wieder als„nicht rege", „wenig rege",„nicht rege genug" und ähnlich beurteilt, während der Fleiß stets mindestens als„genügend", gelegentlich als„befriedigend" oder„ziemlich gut" bezeichnet wurde. Erst in den letzten vier Halbjahren findet sich auch für Aufmerksamkeit wieder „genügend",„ziemlich gut",„gut",„genügend". Daß auch von der Schule der gute Wille anerkannt wurde, schließen wir aus der auf- fallend geringen Zahl von Tadeln und Nachbleibestunden, die auf DaS Betragen wurde, nebenbei be- oft„sehr gut" und einmal„lobenS- den Zensuren verzeichnet sind. merkt, nie schlechter als„gut", wert" genannt. Es ist in der Tat unbegreiflich, wie die Schule es dazu lommen lasten konnte, daß dieses bedauernswerte Kind, statt in eine Nebenklasse getan zu werden, in KlasseV endete. So sehr wir sonst wünschen, daß Kinder mit mangelhafter Schulbildung noch über die Schulpflicht hinaus die Schule besuchen, können wir doch in diesem Fall den Eltern nur beistimmen, wenn sie für ihr Kind vom weiteren Besuch der Klaffe V wenig Gewinn erwarten. Das Kind ist befähigt zu Handarbeiten und könnte bei zweck- entsprechender Ausbildung sehr bald sich seinen Lebensunterhalt selber erwerben. Aber nach den Bestimmungen müssen die Eltern sich dem Zwang fügen, die Vierzehnjährige neben den Neun- jährigen weiter die Schulbank drücken zu lassen. Die Schuldepntation hat ein erstes Entlassungsgesuch abgelehnt, und über ein zweites, das auf den Ausweg eines Besuches der Fortbildungsschule für Schwachbefähigte hinwies, soll sie noch entscheiden. Inzwischen hat man, weil da? Mädchen zu Hause behalten worden war, dem Vater eine Strafandrohung geschickt. Die Bücher des Mädchens sind an einen jüngeren Bruder übergegangen, der jetzt gleichfalls in Klasse V sitzt. Der Vater will nicht noch einmal dieselben Bücher anschaffen. Daraufhin ist ihm in Aussicht gestellt worden, daß man die Kosten von ihm eintreiben werde. Ueber sein Gesuch um unentgeltliche Lieferung soll noch entschieden werden. Wir möchten ihm eigentlich raten, daß er den Spieß umdrehte. Durch Beschwerde an die staatliche Aufsichtsbehörde sollte er die städtische Schulverwaltung zu einer Aeußerung darüber nötigen, warum die Schule seinem Kinde nichts anderes als das kläglich unvollständige Wissen der fünften Klasse mitzugeben vermocht hat. Unsere Toten. Gestern nachmittag wurde auf dem Tegeler Gemeindefriedhos der Schlosser Hermann Hackbarth beerdigt. Hackbarth ist einer der alten Garde, die unter dem Sozialistengesetz die Fahne der Partei hochgehalten. Am 1. Februar 1853 in Belgard(Pommern) geboren, litt es ihn nicht lange in seiner Heimat und so kam er 1882 nach Berlin. Hier schloß er sich bald der sozialdemokratischen Be- wegung an. Tapfer half er bei allen Kämpfen der Partei mit und keine Gefahr schreckte ihn ab. Mehrere Jahre gehörte Hermann Hackbarth der engeren Bewegung des Kreises VI B an, in der er längere Zeit seiner Gruppe vorstand. Als 1890 der Streit in der Partei ausbrach, schloß er sich der Bewegung der Unabhängigen an. Erst später kehrte er wieder zur Partei zurück. Nach langem, schwerem Leiden starb er am 1. Juni an Magenkrebs. Ehre seinem Andenken! Am Montag früh schied der allen Genoffen des sechsten Kreises wohlbekannte Genosse Emil Wegehaupt freiwillig aus dem Leben. Wegehaupt wurde am 7. November 1860 zu Fraustadt ge- boren. 1891 trat er hier in Berlin der Parteiorganisation bei und bis zu seinem letzten Lebenstage wirkte er ununterbrochen als Funktionär des WahlvereinS des 6. Kreises. Oefientlich weniger hervortretend, wirkte Wegehaupt um fo elftiger im Stillen für unsere Sache. Mehr als zwei Jahrzehnte war die Rosenthaler Vorstadt im 6. Wahlkreise das ausschließliche Tätigkeitsfeld Wegehaupts. In diesen langen Jahren war er fast Tag für Tag auf dem Posten. Keine Arbeit war ihm zu viel, kein Opfer zu groß, wenn eS die Partei galt. Und wenn so mancher wackere Parteifreund der Arbeit müde, aus die Seite trat, Wegehaupt blieb zähe und ausdauernd bei der Fahne. Kein Kampf der Partei geschah, keine Agitation für dieselbe erfolgte, in der Wegehaupt nicht seinen Mann stand und kein Vergnügen der Rosenthaler Borstadt fand statt, in dem er nicht als Komiteemitglied fleißig mitwirkte. Auch in den Dienst der Stadt stellte er seine Fähigkeiten. So wirkte er seit vier Jahren mit Erfolg als Schiedsrichter. Ueberall tätig, überall hilfsbereit, erwarb sich Emil Wegehaupt wohl die Freundschaft aller. An ihm bollzog sich ein tragisches Arbeiterschicksal. Von 1888 bis 1911 war er in dem Uhrenwarengeschäst von Busse tätig, zu dessen Bekanntwerden in den Arbeiterkreisen er wesentlich beitrug. In letzter Zeit aber hatte er keine rechte Freude mehr an seiner Stellung. Er nahm deshalb die wenigen, mühsam ersparten Groschen und eröffnete ein Gold- und Uhrenwarengeschäft. Bald aber stellten sich die Sorgen ein, die geringen Mittel reichten nicht, um die Verpflichtungen zu erfüllen, die Forderungen der Gläubiger wurden drückender und drückender, Wegehaupt sah keinen Ausweg mehr aus dem Dilemma und— die Katastrophe erfolgte. Er, der für jedermann Rat und Hilfe wußte, konnte nicht den rohen, harten Konkurrenzkampf, bei dem man kein Gewisien haben darf, aus- fechten. Heute stehen seine Frau und sein Sohn mittellos an dem Sarge des von ihnen so heißgeliebten ManneS, mit dem sie ein herz- liches Einvernehmen verband. Die Partei verliert in Emil Wegehaupt ein treues, braves Mitglied, der selbstlos und begeistert unseren Idealen anhing, seine Belannten verlieren in ihm einen lieben, guten Freund. Ehre seinem Andenlen l Die Soldatenbeiträge für die Nationalflugspende sind verschiedent- lich angezweifelt worden. In bürgerlichen Blättern wurde sogar die bestimmte Erwartung ausgesprochen, daß, wenn einzelne Kommandos einen direkten oder indirekten Zwang zum Sammeln auf Untergebene ausgeübt haben sollten, schleunigst Remedur geschaffen wird. Unsere Soldaten seien in ihrer Löhnung nicht so gestellt, um derartige ZwangSauSgaben zu vertragen. Wer etwa noch zweifeln sollte, der wird durch die.Biesentaler Zeitung", daS amtliche Publikationsorgan deS märkischen Städtchens Biesental, eines anderen belehrt. Hier finden wir in Nr. 58 vom 15. Mai die 6. Quittung über kleine Beträge von 0,10 M. bis 1 M., die von 39 Insassen des dortigen militärischen GenesungS- heimS beigesteuert worden sind. Die nächste Nummer vom 16. Mai enthält schon wieder eine Quittung über Beiträge von 13 Insassen desselben HeimS. DaS Geschäft, an dem Soldaten aller Grade vom Feldwebel bis zum Gemeinen abwärts beteiligt sind, blüht also. Man wird selbstverständlich behaupten, daß freiwillig gesammelt worden sei. Es ist aber nicht zu verkennen, daß mancher, der sich von einer solchen Sammlung ausschließt, glaubt, Nachteile zu haben und aus diesem Grunde lieber seinen OboloS opfert. Die schwedischen Stadtvertreter in Berlin. Die schwedischen Gäste unternahmen gestern einen Ausflug nach Potsdam. Für heute vormittag sind verschiedene Unternehmungen zur Wahl gestellt. Ent- weder sollen besichtigt werden: die Obcrrealschule in der Pasteur- itraße, die Badeanstalt in der Gerichtstraße, die Vörie oder der Viehschlalbthof oder endlich das Waisenhaus in der Alten Jalob- slraße und daS Märkische Museum. Um 1 Uhr vereinigen sich alle als Gäste der Handelskammer zum Frühstück in der Handels- kammer, Dorotheenstraße. Um 8V3 Uhr findet ein Besuch des Zoologischen GartenS und um 7V, Uhr abends ein Besuch deS Opernhauses statt. Nach der Vorstellung ist Zusammen- sein bei Siechen am Potsdamer Platz. Am DonnerStagvormittag 10 Uhr fahren die Herren nach der Gasanstalt Tegel oder nach Rüdnitz zur FleisclivernichtnngSanstalt. Um l'/z Uhr gibt Kempinski den Gästen ein Frühstiidh Um ö'/z Uhr findet ein Besuch deS LaiidesausstellungsparkS statt. Die Führung in der Ausstellung wird Kunstmaler Schlichtung übernehmen. Nach der Besichtigung ist Abendessen im Ausstelliingsrestaurant. Am Freitagvormiltag 10 Uhr erfolgt ein Besuch des Kabelwerks Oberspree der A. E. G., daselbst Frühstück. Um Zl/z Uhr Fahrt nach Buch. Besichtigung der Lungen- Heilstätte, des Heims für alte Leute und der Irrenanstalt. Um 8 Uhr abends Abschiedsbankett im Hotel Kaiserhof. Unter den Rädern eines Stadtbahnzuges. Auf der Station Lichtenberg warf sich gestern vormittag ein etwa fünfzig Jahre alter Mann des Arveiierstandes vor einen einfahrenden aus Kaulsdorf kommenden Stadtbahnzug. Ehe die Lokomotivführer den Zug zum Stehen bringen konnten, waren die Räder der Maschine schon über de» Mann hinweggegangen. Der Kopf wurde vollständig von, Rumpfe getrennt, so daß der Tod auf der Stelle eintrat. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt. Ein schwerer Unfall, der einem Menschen das Leben kostete, er- eignete sich gestern nachmittag kurz nach 2 Uhr auf dem Nedlitzsee unmittelbar vor dem Restaurant Römerschanze. Der Dampfer »Prinz Eitel-Friedrich" der Stern-Gesellschaft, der die Mitglieder eines Vereins vom Restaurant Schweizerhaus nach der Nömerschanze übersetzte, überfuhr ein mit vier Personen besetztes Ruderboot. Sämtliche Bootsinsassen stürzten in die Fluten. Wohl nahm das Motorboot des Restaurants Römersihanze sofort die Rettungsversuche auf; es gelang jedoch nur, drei Personen zu retten. Eine Frau Papenhagen versank vor den Augen ihres Mannes. Bisher ist es noch nickt möglich gewesen, ihre Leiche zu bergen. Die drei Ge- retteten wurden durch das Motorboot bewußtlos nach der Römer- schanze gebracht. Einen schaurigen Fund mackte das Sckneiderehepaar Radtke aus der Bornholmer Siratze 03. Bei der Familie wohnte seit dem 22. April die 21 Jahre alte unverheiratete Näherin Ida Dahlmann, die in der Nachbarsckaft beschäftigt war. Das Mädchen scklief in der Stube der Frau Radtke und hatte auch dort seinen Koffer unter- acstellt. In der letzten Zeit machte sich aus diesem ein unangenehmer ieruch bemerkbar, der immer stärker wurde und schließ- lich nicht mehr auszuhalten war. Gestern nachmittag ver- schafften sich die Leute Gewißheit und öffneten den Koffer deS Mädchens. Ein entsetzlicher Geruch strömte ihnen aus diesem entgegen. Auf dem Korbboden fanden sie ein Paket, das die völlig in Ver- wesung übergegangene Leiche eines neugeborenen Kindes enthielt. Als die Näherin von ibren Wirtsleuten zur Rede gestellt wurde, sagte sie. daß sie das Kind von ihrer früheren Stelle mitgebracht habe. Weil sie fürchtete, daß die Eheleute Radtke der Polizei von ihren» Funde Mitteilung machen würden, packte die Mutler den ver- Westen Leichnam ihres Kindes in ein Tuch und verschwand damit aus dem Hause. Bis jetzt ist sie nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Kurz vor der Berhastung erschossen hat sich gestern morgen der 74 Jahre alte Veteran Christian Lorenz aus der Langestr. 3. Der alte Mann, der seit drei Jahren in dein Hause ein möbliertes Zimmer bewohnte, hatte wiederholt kleine Kinder in feine Stube gelockt und sich hier an ihnen vergangen. Als dieses jetzt der Kriminalpclizei bekannt wurde, sollte Lorenz verhaftet werden. Ein Kriminalbemnter des 04. Polizeireviers, der den Veteranen, der die Kriege 180« und 1870/71 mitgemacht hat, persönlich kannte, begab sich in seine Wohnung und sagte zu ihm, ob er nicht mit ihm spazieren gehen wolle, wie er es schon früher öfter mit ihm getan. Lorenz sagte auch zu, ließ den Beamten aber einen Augenblick im Nebenzimmer warten, damit er sich inzwischen zurecht machen könne. Als es diesem aber zu lange dauerte, ging er in das Zimmer des alten Manne«. Bei seinem Eintreten sah er gerade, wie sich Lorenz mit einem Revolver eine Kugel in den Kopf schoß. Der Beamte brachte den Schwerverletzten gleich mit einer Droschke nach der Charitö, wo man aber nur noch den Tod deS Mannes feststellen konnte. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Boa eine« Eiswagen überfahren und getötet wurde gestern nach- mittag das fünf Jahre alte Töchterchen Hildegard des Arbeiters Reinicke aus der Goßlerstraße 14. Als das Kind mit mehreren anderen auf dem Fahrdamm vor der elterlichen Wohnung spielte. kam plötzlich in sehr schnellem Tempo von der Bossestraße her ein mit zwei Pferden bespannter Eiswagen der Firma Bartlick aus der Prinz-Albrecht-Straße zu Rummelsburg angefahren. Die Kinder liefen schnell auseinander, um sich in Sicherheit zu bringen. Dies gelang auch noch gerade allen bis auf der kleinen Hildegard Reinicke, die von einem Pferdehuf getroffen und unter die Wagenräder ge- warfen wurde. Die Räder gingen ihr über Brust und Beine und führten ihren sofortigen Tod herbei. Bon der Straßendahn totgefahren. Ein entsetzlicher Unglücksfall ereignete sich am gestrigen Dienstagnachmittag gegen 2 Uhr in der Nürnberger Straße. Dort spielten nahe der Augsburger Straße mehrere Knaben auf dem Fahrdamm, als ein Wagen der Linie 77 (Nichtung Wilmersdorf) herannahte. Währe», d es den übrigen Kindern gelang, den Bürgersteig zu erreichen, lief der dreijährige Kurt Neiltner. dessen Eltern Achenbachstr. 7/3 wohnen, dem Gefährt entgegen und geriet mit dem ganzen Körper unter den Schutzrahmen. Mittels mitgeführter Winden wurde der Körper deS Knaben aus seiner entsetzlichen Lage befreit. Passanten hatten inzivischen einen Zug der Feuerwehr requiriert. Die Samariter des Löschzuges be- mühten sich um den lleinen R.. dessen Brustkorb eingedrückt war und der auch sonst schwere innere Verletzungen erlitten hatte, ins Leben zurückzurufen, doch verstarb das Kind bereits auf dem Wege zur nächsten Unfallstation. Ein gefährlicher Brand kam in der letzten Nacht in der Frank- furter Allee 28 zum Ausbruch. Auf dem ersten Hofe befindet sich dort ein l'/zstöckigeS Stallgebäude, dessen Dochgeschoß mit einem Holzlager eines Tischlermeisters angefüllt ist. Das Feuer entstand in diesem Holzlager und wurde erst bemerkt, als gegen 1 Uhr morgens helle Flammen durch das Dach schlugen. Die alarmierte Feuerwehr griff sofort mit drei Schlauchleitungen ein. Die in dem Stalle stehenden Pferde konnten noch rechtzeitig in Sicherheit ge- bracht werden. Nach halbstündiger Löschlätigkeit war der Brand erstickt. Das Dachgeschoß mit der Dackkonstruktion ist größtenteils ausgebrannt. Die Ursache des Feuers ist nicht ermittelt. Ein zweiter überaus gefahrdrohender Brand wütete gestern vormittag auf dem Faßlagerplatz der Faß- Großhandlung von E. Dietert in der Goßlerstraße 50, Ecke Bossestraße, im Osten Berlins. Das Feuer hatte seinen Herd in einem Schuppen und sprang dann auf mehrere Fässerstapel und aus einen angrenzenden Zimmerplatz von Richter u. Co. über. Bei Ankunft der Wehr, die von niehreren Seiten aus alarmiert worden war sah die Situation sehr bedrohlich aus. ES gelang den Mann- schaften aber, das Fener einzukreisen und auf den Faßlagerplatz und Zimmerplatz zu beschränken. Wodurch der Brand venllsocht worden ist, konnte noch nicht fostgestellt werdo.'. Deutscher Arbeiter-SSngerbund(Gau Berlii,). In der am Sonn- tag stattgefundenen Ausschußsitzung wurde der Gesangverein.Einig- keit"-Staaken aufgenommen. Zum Sängerfest, welches am 28. Juli in, Schloß Weißensee stattfindet, werden sich am Einzelgesange zwölf größere Chöre beteiligen, außerdem konzertiert das Philharmonische Blasorchester unter Leitung deS Herrn Franz v. Blon. Ferner wurde beschlossen, zwecks definitiver Stellungnahme zu der in Aussicht ge- nommenen Chorsührerschule eine außerordentliche Ansschnßsitzung einzuberufen. Zu dieser sollen außer den Delegierten auch die Chorführer der Vereine Zutritt haben. In derselben wird ein Vor- trag über die Aufgaben einer Chorsührerschule und über die Organi- sation derselben gehalten werden. Vorort- ffackmcdtem Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Der Vorsteherstell' Vertreter Genosse Molkenbuhr gab zunächst den Inhalt eines Schreibens des früheren Stadtrats und jetzigen Berliner Kämmerers V ö ß bekannt, worin derselbe der Versammlung seinen Dank aus- spricht für das ihm bewiesene Vertrauen sowie für die Ebnung des Weges zu einer von Erfolg begleiteten Bahn. Für die chirurgische Abteilung des städtischen Krankenhallses sind drei Assisteuzarztstellcn und zwei Voloutärarzlstellen vorgesehen. Aus Maugel an B� Werbern-st es nickt möglich, die beiden �lolontärarzlslelle»» zu be� setzen, es soll dafür eine Assistenzarzlstelle geickaffcu werden.— Auf dein diesjährige» in Fürstenwalde stallfiildenden Braudenburgischen Städtetag, soll die Spielplatzfrage zur Beratung gestellt und als Re- fercnt der Oberbürgermeister Dominicus in Vorschlag gebracht werde». Eine längere Debatte rief die Vorlage hervor, die im Kellergeschoß der Hohenzollernschule, Gymnasialabteilung, Martiu-Lulher-Straße. die Einrichtung eines Raumes für Kastenrudern verlangt. Dieses von den Protektoren der Schülerveieine der höheren Lehranstalten gewünschte Projekt ist bereits vor Jahren unter allerlei Gründe» von den Liberalen abgelehnt worden. Diesmal stimmten sie sonderbarerweise für die Vorlage. An Koste» entstehen 3000 M. Unsere Genosse» wandte» sich gegen diese Hebungen, die obne jeden päda- gogischen Wert seien. Für die Volksschule habe man für solche Sport- fexereien nichts übrig. Diese Einwendungen brachten den Professor Welekamp in Harnisch. Seine Ausführungen machten auf unsere Ge- nossen jedoch keinerlei Ausdruck. Ferner wurde die Anfertigung eines Gutachtens beschlossen darüber, ob es zweckmäßig ist, ein zweites Druckrohr oder ein zweites Zwischenpumpwerk zu bauen. Die Kosten des Gutachtens belaufen sich auf 5000 M. Ruf viclscitigrn Wunsch hält der hiesige Magistrat abermals einen kostenlosen Fischkochknrsus ab und zwar am Freitag, den 7. Juni d. I., nachmittags 6 Uhr, in der XI. Volksschule, Feurigstr. 57. Ein- gang Ebersstraße. Teilnehinerinnen können sich unter Angabe der genauen Adresse in der städtischen Seefischhalle, Berlin-Schöneberg, Feurigstr. 4. oder beim Magistrat melden. Nenkölltt. Ein cntsctzlichcr Unglücksfall hat sich gestern aus einem un- bebauleil Grundstück am Weigandnfer zugetragen. Dort spielten zahlreiche Kinder, und mehrere Knaben vergnügten sich schließlich damit, zusammengelesenes Reisig in Brand zu stecken. Dabei kam die fünfjährige Tochter Erna Schmidt, Tochter des in der Elbcstr. 30 wohnenden Arbeiters Sch., den Flammen zu nahe, so daß ihre Kleider in Brand gerieten. Die übrigen Kinder liefen nun in ihrer Angst fort, ohne jemand den Vorfall mitzuteilen. Auf die gellenden Hilferufe deS bedauernswerten Kindes, das innerhalb weniger Mi- nuten einer lebenden Feuersänle glich, eilten in der Nähe beschäftigte Straßenreiniger hinzu, denen es nur mit Mühe durch Aufwerfen ihrer Kleidungsstücke gelang, die Flammen zu löschen. Das unglück- liche Mädchen, das am ganzen Körper furchtbare Brandwunden er- litten hatte, wurde nach der Unfallstation in der Steinmetzstraße und von dort, nachdem ihm die erste ärztliche Hilfe zuteil geworden war, in hoffnungslosem Zustande nach dem städtischen Kranlenhause in Buckow geschafft. Zehlendorf Wannseebahn). Der Konsum-, Produktiv- und Sparverein Zehlendorf und Um- qegend hatte in seinen zwei Verkaufsstellen in Zehlcndorf und Teltow in den ersten sechs Monaten�deS laufenden Geschäftsjahrs im eigenen Geschäft einen Umsatz von 03 252 M., bei Lieseranten für Backware 7000 M. und für Briketts 505 M., insgesamt 101 417 M. Die Zahl der Mitglieder stieg von 505 aus 003. In der gleichen Zeit des Borjahres betrug der Gesamtumsatz nur 52 324 M. Die konsumgenosienschaftliche Bewegung macht demnach auch im hiesigen Bezirk Fortschritte trotz der Gegenagitalion namentlich der Händler in Teltow. Die Nr. 51 des.Teltower Anzeigers" enthält ein Ein- gesandt, in dem ein Kaufmann H. Th. zum Kampf gegen den Konsumverein auffordert. Nachdem der Verfaffer des Eingesandt die Konkurrenz des Wochenmarltes als das kleinere Uebel bezeichnet, geht er auf den.lveit gefährlicheren Konsumverein" ein und betont, es bedürfe eines energischen Entschlusses, einer tatlräftigen und ziel- bewußten Tätigkeit der Kaufmannschaft, um den Kamps gegen den Konsumverein aufzunehmen und mit Erfolg durchzuführen. Diese Kompfansage wird für die Arbeiterschaft ei» Ansporn fein, mit noch größerer Jnlensivität die Ausbreitung des Genoffenschaftsgedankens zu fördern. Am heutigen Mittwoch, abends 8'/, Uhr, wird sich in Zehlen- darf bei Wilh. Miel. Karlstr. 12. eine Versammlung des Konsum- Vereins mit der Angelegenheit beschästigen. Schmargendorf. Das unvorsichtige Umgehen mit einer geladenen Schußwaffe hat wiederu», einen schweren Unfall zur Folge gehabt. Der Bäcker- geselle Franz Heinze aus Wilmersdorf hatte am Sonntagabend mit einigen Bekannten und mehreren jungen Mädchen das Vergnügung«- etablisiement Waldpark in der Hubertusbader Straße aufgesuchl. In einer Tanzpause zeigte er seinen Freunden einen Revolver, den er sich vor einigen Tagen gekauft halte. Schließlich versuchte Heinze den Revolver gegen den Erdboden abzuschießen, die Patrone entlud sich jedoch nicht. Hierdurch ließ sich H. dazu verleiten, die Waffe gegen seine Schläfe zu richten und abzudrücken. Zum Schrecken der Augenzeugen entlud sich aber jetzt der Revolver und die Kugel drang dem H. in den rechten Backenknochen. Der Schwerverletzle erhielt von einem herbeigerufenen Arzt einen Notverband und wurde dann nach dem Kreislraiikenhauie in Groß-Lichterfclde geschafft, wo das Geschoß auf operativem Wege entfernt werden mußte. Weifjensee. Einen Propagandaverein zur Hebung des Ansehens des Ortes hat der Geincindevorstand in Verbindung mit Ländereiinhabern und den Direktoren der Terraingesellschaften gegründet. Durch eine groß- zügige Reklame will man nunmehr auf die Vorzüge deS OrteS hinweisen. Ohne Zweifel hat Weißensee in den letzten Jahren soziale Einrichtungen geschaffen, die in so mancher reichen Gemeinde noch fehlen. Auch die in früheren Zeiten vernachlässigten Verkehrs- Verhältnisse, die Schaffung gärtnerischer Anlagen und Plätze sind mit großen Opfern geförderl worden, ebenso ist der Ausbau der Kanatiiation, die von Anfang an nur ein Provisorium war, seiner Vollendung nahe. Leider ist durch das Geichrei der alt- eingesessenen Grundbesitzer, die in den plötzlichen Verbesserungen ihren Untergang befürchleten, der Zuzug gehindert worden; es ist erwiesen, daß durch das fortwährende Gejammer solvente Käufer abgeschreckt wurden und daß durch die fortgesetzlen Einsprüche und Klagen gegen die Kanalisationsbeiträge die KanalisationSgebühren so erhöht werden inußlen, daß Grundstücke mit der dadurch ent- standcneii Sleuerbelastung nicht mehr verkauft werden tonnte». Wenn die schwebende» Klagen nichl bald ihre Erledigung finden, sieht zu erwarten, daß die Kanalisalionsgebühlen, die jetzt 0,3 Proz. des NutzungSwertes betragen,»och weiter erhöht werden müssen, denn»ach dem Komninnalabgabcngesetz haben die Eigentümer der bebmiien und angeschlossenen Grundstücke die Lasten der Verziusung und Unteraaltung der Kanalisation zu tragen. Bei einer einsitzenden guten Konjunktur wird man obne weiteres diese Lasten auf die Mieter abwälzen, daher bat die Arbeiterschaft, das Gros der Einwohner, ein besonderes Interesse, daß die Verhältnisse sich zugunsten der Mehrheit der Gemeindevertretung entscheiden, und die KanalisationS- beitrüge wie in Berlin und allen anderen Orten ciiigesührt werde». Wenn der Propagandaverein auch hierin seine Schuldigkeit tut, dann hat die Arbeiterschaft keinen Schaden davon Wir befürchten nur, daß der Verein seine Hauptaufgabe darin erblicken wird, die Ländereien seiner Mitglieder an den Mann zu bringen, um der Spekulasion dann weiter Tür und Tor zu öffne». Dem muß durch eine günstige Gestaltung der Bebauungspläne, vurch Schaffung genügender Plätze, Anlagen und Schulen Hinhalt geboten werden. Ober-Schöneweide. Beschlagnahmt wurde die Leiche der gestem im Elisabeth-Hospital verstorbenen 15jährigen Anna Schleunert. Das junge Mädchen, das bei einer Kaufmannsfamilie in der Auguste-Viktoriastraße 51 in Stellung war, wurde am Montag früh in fast leblosem Zustande in seinem ganz mit Gas angefüllten Zimmer aufgefunden. Man schaffte die Sch. sofort nach dem Krankenhause, wo es aber wenige Stunden nach der Einlieferung der Einwirkung des Giftes erlag. Es wird angenommen, daß die Dienstherrschaft der Schleunert, die in der Nacht zum Montag erst sehr spät nach Hause gekommen war, und nochmals die schon abgestellte Gasbeleuchtung angezündet hatte, wahrscheinlich den Haupthahn der Gasanlage wieder zu schließen vcrgeffeu bat, sodaß'das Gas in dem Schlafzimmer oes Mädchens, wo zweifellos ein Hahn aus irgend einem Umstände offen stand, während der Nacht ausgeströmt ist. Zehdcmck. Ein erfolgreiches Gastspiel haben Berliner Geldschrankknacker in der gestrigen Nacht am hiesigen Ort gegeben. Sie drangen, nachdem sie die Türen erbrochen halten, in die Bureauräume der Elisabeth- Mühle ein und mochten sich sofort daran, den eisernen Geldichrank aufzuknacken. Das gelang ihnen bald. De» Verbrechern fielen mehr als 4000 M. in 100 M.-Scheincn und 10- und 20 M.-Stücken in die Hände. Die Einbrecher sind unbemerkt entkommen. Spanvau. Modcllzeichminge» von Gcschntztrilen sind in der Nacht vom Sonmag zum Montag auS einem Holzschrank des Artilleriedepots gestohlen worden. Da die Modellzeichnungen neben 100 anderen in dem Sckrank auibewahrt waren, der Dieb aber bei der Entnahme derselbe» keinerlei Unordnung verursacht hat, wird angenommen, daß eS sich um eine Person handelt, die mit den Berhältniffen genau vertraut ist. Eine Meldung, daß mit dem Diebstahl das Verschwinden eines Sergeanten in Verbindung zu bringen sei. beruht auf einem Irrtum. Es handelt sich in diesem Falle um einen Feuerwerker, der in der Pulverfabrik angestellt ist und der mit dem Artilleriedepot nichts zu tun hat. Der Feuerwerker verschwand am Mittwoch ohne Urlaub, ist jedoch am Montag« abend ivieder zurückgekehrt. Ter Diebstahl in dem Depot ist den Dieben um so leichler gemacht worden, als sie keine Störung zu befürchten brauchten. Die Bureaus liegen in der ersten Etage eines Hauses, das völlig unbewacht ist. Das zweite Stockwerk bewohnte ein Kaufmann, der jedoch von dem Lärm, den das Ansägen des Geldschrankes verursacht hoben mutz, nichts gehört hat. Am Sonn- abendabend nach Dicnstschluß nahm die Ordonanz noch einen Rund- gang durch alle Räumlichkeiten des Hauses vor und verließ dann das Gebäude, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß alles in Orb- nung sei._ Ermittelung sKleinhandcl) Marktbericht von Berlin am Z. Jnni 1912, nach dcS föniflL Polizcibrösidiums. Marktballenpreise. 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00— 50,00. Spcilcbobnen, weis,-. 30.00—55.00. Linsen 40.00—80.00. Karlosseln(KlcinhdI.) 8.00—13.00. 1 Kilogramm Rindslcisch, von der Keule 1,70—2.40. Rindsleisch, Bauchfleisch 1,40— 1,80. Schweinefleisch 1,40— 1,90. Kalbfleisch 1,50— 2,60. Hammelfleisch 1,70—2,40. Buller 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,00—4,80. 1 Kilogramm Karplen 1,20-2,20. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,60—3,00. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1,40—3,60. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 4,00—40,00. Zigarren- Herbst Fabriken E-esrr. 1862. Tel.: Moritzplatz 3873. BRHMNSW.. Itittcrstr. 83 Erstklassige Ware. Zifrarren- händlern bestens empfohlen. —— T a r i far b c i t.—— Klnmen- nnd örainbiuderei m Roberl Meyer,' mit UlMliNtll-Ätaje 2. 1 Wer ist'd6r im. Uohnhrs mmM kaut Unübertroffen in Qualität. X Sparsam im Gebrauch. = Hauptniederlago: Berlin C. L, Kloslerstraße 63.= Amt Kgst. 8498. Berliner Credit-Haus Kommandantepstr. 67. ( fllfaohoHrelc Getränke� Fruuz Abraham Hamb. Messina-u.Romertrank-Kell. y �Banelatr.Sa, Fernsp. Kgst.13708 Erscheint 2 mal wöchentlich. Bezugsquellen-Verzeichnis. fliifrrh Selter-u. Limonad.-Fabrik liUlilil, Thaerstr. 44. T.A.7.8176. 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Fabian, Köpenick, Kietzcrstr. 1. Fleer, Friedr., Sparr-Str. 17. Formanowlg,Yorckstr.53(i00,0Rab.) D.Ganz,Nkjin., Hermannstr. 1981 Tipp-Topp VifSf Ostcrmar.n, Goltz-Str. 41._ OttoGratscE7(!lhausseestr.l2u.67. )C Weg 10 I. Trauer-Magazin J Westmann MohrenstTjSTa�GrFrk�St�ilS. ( Uhron u. Goitiwaren} OscarAldag,Cliarl. Krummeät.29. J. Behrendt, Wrangelstr. 52. OttoBiekeU�Ä"'1 Gustav Schoder Fabrik moderner Gold w. u. Uhren Hauptgescin L.42.0ranienst. l 55, 56 I. Filiaio W. 80. Lützowstr. 80. I T.„ Scfaöneberg, Hauptst. 142 Otto Brauer, Müllerstr. 164. KiiarlslIentaiSc MaxEisermann,' barl.Ne 'andauerst. 3 1 nirscL.fr.TrenlJ Nebriijgstr.16. Brüggemeun, KeiDickeadorterstr. 96. Bürger, Jul., Müllerstr. 6. Max Busse BrSstr- W.E!solt?Ckar!.,WiliBeridorfcrstr.l 1 1. j Ellinghausen, Gebr., GrüDon?eg48. Fenske, S., Kottbusserdamm 96 P. Fischer, SO., Michaeikircbstr.S J. Gebhardt Eer"nomnrb12L George, Adolph, Badstr. 65. Emst Gräber, Brunnenstr. 78. H. Kamm ler, Charl., Krummestr.l. S�.Sariel�na.11'"' KnlebuscbtW., Frft. Chaussee 61 Lehmann, Alb., Frankf. Allee 40. Lehmann, Wilh., Kottb. Damm 23. ihüäers.B..g�'°Si �oite. K., Limon-Dachsrr. 13� M\A\ PiilOZ, Brunnenstr. Quitzow, Job., Müllerstr. 1 s. Emil Quade Carl Schlewinsky, Koppenstr. 4. R.Schmelz, beSt",« Willy Sdrmidt, FmdmiUlheiiutr.lS. I fiatlav saolz Schünemann, G-NkUn., Berl.-St.va F, Schönwitz, Berl. O., Gosslerstr. 27 W.SchultzBoiflagen.Neue Baknhofstr.Sl Schumacher, 0.,Tegel,Berl.-St.6a. Schulz, Osw., Frankf. Allee 24. Max Storch, Elbingerstr. 100. M. Tomechn« Nchf., Braekeustr. 16. Paul Trenk, CharL, Spand.-Str. 32. A.Tremier, Wilkoiatank, Hanptstr. 12. Trnxa, W., Frankft. Allee 185. Berlin 220, Lindenstr. 16. Beste direkt. Bezugsquelle! Katalog gratüi. Verkaud aack tuSerbalb, billigste Preiio. Uhren-Klinik, ßruunen-E. Bernanerst Wmi5,Ad.,BÄÄ Zabel Nchf., Chtrlbg.. Bfrliiier.lf.118. Bettinger, K., WtU bto, Wl«U.fit,. OroBd..ZnrSonne', P. Freadeabcrf. 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(Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 12 15 201 lü 63 316 460 602 632 53 61 967 1110 70 225 369 452 85 13000) 669 97 969 2 263 3 216[600] 401 818 90 079 4218 66 336 40*78 662 838 909 5004 301 31 409 505 665[500) 73 806 17 45 936 6144 288 335 42 BS 511 84 779 93 7316 478 802 63 76 903 3142[500] 209 95 1500] 443 130001 90 570 647[1000] 729 13000] 33 0052 102 237 358 65 78 454 553 708 72 833 915 49 1O087 123 67 220[19001 495 783 863 943[500] ,11037 117[1000] 33 62 365 644 76 83 93 717 67 CS 12064 202 15 829 BS 78 77 758 13041 164[500] 238 47[5001 415 31[3000] 706 810 905 14137 380 805 24 83 1B07C 85 121 09 79[500] 630[600] 679 88 729 50 990 16005 61 170 262 71 413 14 535 781 17056 184 91 263 89[3000] 492[1000] 653[500] 614 61 715[3000] 43 77 942 SO 13017 145 239[600] 81 948 19051 73 74 121 261[1000) 368 434 38 65 647 729 928 66 20156 383 404 61 604 888 91 969 2 1 008 107 10 289 310 410 64 525 73 640 784 829 900 22183 377 307 96 482[500] 83 608 811 53 791 837 78 23327 76 422 617 724 934 70 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Zhliung 5. KI 226. Kul. Preuss. Lotterie, Ziehung Tom 4. Juni 1912 nachmittags. Auf Jede gezogene 5 n mm er sind swel gleich holis wiane gelallen, und zwar je einer anf die Loee gleicher.Xainmer in den beiden Abteilnngen I and U Nur die Gewinne über 240 Mark Bind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 22 101 41 73(1000] 225 354 468 969 1180 208 42 83 392 443 605 30 708 813 999 2008 45 337 63 603 1500] 32 06(1000] 621 720 51 65 871 3011 51 03 266 649 53 699 4079 253 554 65 633 772[1000] 73 83 891 945 80 5148 08 220 431 51 603 58 729 95 698 1600] 6168 75 331 421 633 838 7328 887 809 S252 553 619 789 867 901 62(500] 66 0058 233[1000] 63 15001 323 31 609 811 81 681 10248 323 455 521 792 833 89 909[500] 38 01 11083(10001 161 457 506 20 613 14 81 749 828 83 922 35 12096 325 86 480 574 612 38 732 87 846 13056 298 327 430 608 17 39 640 61 835 64 14053 125(10001 63 71 208 382 418(500] 652 87 747 879 15020(3000] 144 472 851 083(1000] 91 18075 134 209 97 316 683 780 966 17013 127 272 314 88 489 604 96 18068 180 209 783 10009 198 233 63 333 [500] 881 733 834[1000] 948 2 0 948 268 462 613 73 770 21130 481 89 631 611 22 38 915[1000] 84 22028 161 291 428[3000] 39 72 649 784 93(10001 23089(30001 125 217 56 85 341 95 640 24021 217 312 487 576 77 704 25003 44 53 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Glocke, Berlin, Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u, Berlin Nr. 128. 29. ZahrMg. I Ctiliiif iifü„lIitiDirtü" jlttlinft lliilliöliliitt. Mtvoch. 5. Juni 1912. 18. Uerbandstag des Jentralvtrbandes der Schmiede. Düsseldorf, 3. Funi. Nachdem am gestrigen Tage die Konstituierung des Verbands- tages vor sich gegangen, wurde heute in die Verhandlungen einge- treten. Es sind 4t Delegierte, 3 Mitglieder des Vorstandes, der Redakteur, der Ausschuhvorsitzende und 8 Gauleiter anwesend. Cohen vertritt die Generalkommission, Reichel den Deutschen Metallarbeiterverband, Schlicke den internationalen Metall- atbeiterbund; Vertreter der dänischen und österreichischen Bruder- organisationen sind als Gäste erschienen. Den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildet die Beratung und Beschlußfassung über die Verschmelzungs- Verhandlungen mit dem Vorstand des Deutschen Metall- arbciterverbandes. Zum ersten Punkt der Tagesordnung erstattete Verbandsvor- sitzender Lange den Bericht des Vorstandes. Er gab zunächst ein Bild der zahlenmäßigen EntWickelung des Verbandes, über die wir schon im Vorbericht eine gedrängte Darstellung gaben. Die Mit- gliederzahl stand im 4. Quartal lgll um 1682 Mitglieder höher als im 4. Quartal llllO. Die Steigerung wäre sicher höher gewesen, wenn nicht die ausgeschriebene Extraunterstübung lähmend auf die Zunahme eingewirkt hätte. Ter Verband hat heute die höchste Mit- aliederzahl, die er jemals aufzuweisen hatte. Tie Befürchtungen, die man vor zwei Fahren mancherseits hegte, daß die in München geschaffene Situation das Prestige des Verbandes herabdrücken und die Agitation merklich erschwerden würde, sind also wohl kmim zugetroffen. Der Redner beleuchtete im einzelnen die Tätigkeit und agitatorischen M«ns;nahmen des Hauptvorstandes. Der Vorstand und auch Wohl die ganzen Verwaltungsstellen hatten vor allem im Auge, daß die Diskussionen über die Verschmelzungsfrage nicht lähmend auf die Agitation einwirkten. Bei der Werftbewegung sah der Vorstand sich genötigt, von seinem statutarischen Recht Gebrauch zu machen, bei Lohnbewgungen größeren StHs Extra st euern auszuschreiben. Sic wurden auf die Dauer von zehn Wochen und pro Mitglied 50 Pf. per Woche erhoben. Die Angestellten machten es sich zur Pflicht. 8 Mk. pro Woche und 2 Mk. von ihren TageS- diäten zu steuern. Die Erfahrungen mit der Extrasteuer waren keine idealen, aber immerhin bessere, als der Vorstand zu Anfang erwartet hatte. Besonders auch die Orte, die für eine Verschmel- zung mit den Metallarbeitern eintreten, haben prompt die Steuer entrichtet. Ter Redner erläuterte die Erfolge der einzelnen Streiks und Lohnbewegungen und kam zu der Schlußfolgerung, daß der Verband in den zwei Jahren trotz der in mancherlei Hinsicht un- günstigen Situation nicht Sysiphusarbeit geleistet habe. Der Vor- stand nehme für sich in Anspruch, sein Bestes getan zu haben. Der Kassierer Schreiber erläuterte kurz den Kassenbericht, den wir ebenfalls im Vorbericht besprachen. Wie die höchste Mit- gliederzahl, so hat der Verband gegenwärtig auch einen höheren Kassenbestand als jemals erreicht. Das besage aber immer noch nickt, daß der Verband jetzt auch den veränderten Verhältnissen und Aufgaben, die an ihn herantreten, finanziell gewachsen ist. Der Vorstand hat sich zur Unterstützung der bei der Werftbewegung Ausgesperrten um Beihilfe aus den Lokalkassen bemüht. Was er jedock nicht erwartet hätte, ist. daß so viele Filialen nachher die Rückzahlung dieses Betrages gefordert haben. Der Vorstand hat über>00 Ml> M. durch die Vermittelung der Gencralkommission überwiesene Gelder an Unterstützung auszahlen können. Es lasse sich berechnen, daß günstigstenfalls>0 000 Mitglieder die Extra- steuern bezahlt haben. Gcrechterweise müßten von den säumigen Mitgliedern jetzt noch die Extrasteuern eingezogen werden.(Sehr richtig 1) B a s n e r- Berlin gab den Bericht de? Ausschusses, der sich größtenteils um interne VerbandSangelegenheiten drehte. FnS- gesaint sind 20 Beschwerden vor den Ausschuß gekommen. In der Diskussion wird die Haltung des Ausschusses zu einem Konfliktsfall in München, bei dem mebrere Mitglieder ausgeschlossen wurden, mehrfach angegriffen. Tie Angelegenheit wurde schließlich einer Beschwerdekommission überwiesen. Tie Diskussion wurde den ganzen Tag hindurch fortgesetzt und heute noch nicht zu Ende ge- führt. Es wurden mancherlei temperamentvolle Kritiken am Vor- stand geübt, dem ein Teil der Redner mit die Schuld dafür bei- maß, daß in den letzten Jahren der wirtschaftlichen Prosperität kein höherer Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen war. Der Vorstand habe die Verschmelzung viel zu sehr in den Vordergrund gestellt, und unter der Erwartung diese? kommenden Ereignisses habe dann naturgemäß die Zunahme der Mitglieder gelitten.— S i e r i n g. Berlin machte dem Vorstand in scharfer Rede eine laxe und wenig grundsätzliche Handhabung des Statuts zum Vor- Wurf. Unter Antührung von bestimmten Einzelheiten zielte seine Kritik im allgemeinen dahin, daß die Berliner Verwaltung mehr- fach die Grundsätze des Statuts sowohl Ausschuß wie dem Zentral- vorstand gegenüber hat wahren müssen.— Gegenüber dem Vorwurf des Kassierers hoben mehrere Redner hervor, daß die Zahl- stellen in dem Glauben gehandelt haben, daß das für die Werft- bewegung zur Verfügung gestellte Geld der Hauptkasse nur geborgt sein solle. Diesen Glauben habe der Zentralvorstand selber durch die Unklarheit seines Schreibens hervorgerufen. Gegenüber den Kritikern wiesen andere Diskussionsredner darauf hin, daß die Entwickelnng der letzten Jahre gegen den Verband war. Der Zustrom der Kollegen wende sich im allgemeinen den groß-n Jndustrieorganisationen zu, und dadurch habe der Ver- band in seiner Agitation durchaus nicht mehr die alten günstigen Chancen.— Die Verhandlungen wurden auf Dienstag vertagt. Sechster Uerbandstag der Gemeinde- nnd Staatsarbeiter. München, 3. Juni. Im großen Saale des Hackerbräu-Kellers traten gestern abend die Vertreter des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter zu ihrem 6. Verbandstag zusammen. Erschienen sind 87 Delegierte, 6 Vorstandsmitglieder und 19 Gauleiter. Vom Verbandsausschuß ist B a s e n e r- Hamburg, von den Revisoren Lutz-Berlin und von der Preßkommission Wutzky- Berlin an- wesend. Von der Gcneralkommission ist K u b e- Berlin erschienen; der Verband der Steinsetzer entsandte seinen Vorsitzenden, Genossen Knoll, als Gast. Von den ausländischen Bruderorganisationen sind Vertreter anwesend von: Dänemark, Frankreich, Holland, Luxemburg und der Schweiz. Am Montag früh wurde im Saale der alten Schießstätte in die eig' ntlicken Verhandlungen eingetreten. Der Verbandsvor- sitzende M o h s- Berlin erstattete den Geschäftsbericht. Der Redner ergänzte den gedruckt vorliegenden(und vom ..Vorwärts" bereits in der Sonntagsnnmmer ausführlich bespräche- nen) Tätigkeitsbericht. Jeder, der die Bewegung einwandfrei ver- folgt habe, müsse konstatieren, daß sich die Organisation nicht nur nach außen gut entwickelt, sondern auch nach innen gekräftigt habe und einflußreicher geworden sei. Auch das Verhältnis zu den übrigen Gewerkschaften sei besser getrwrden, als das früher der Fall war. Innerhalb der BerichtSzcit stieg die Mitgliederzahl von 29 516 auf 47 376. lieber die von einzelnen Gauen angestrebte Anstellung von Hilfsarbeitern, sowie über die Beamtcnfrage über- Haupt bestehe unter den Mitgliederkreisen und dem Verbandsvor- stand eine Meinungsverschiedenheit. Es sei aber unmöglich, Ausgaben für Hilfsarbeiter in den Gauen auf die Hauptkasse zu übernehmen. Tie immer mehr zunehmenden Arbeiten im Haupt- bureau mache wohl oder übel die Anstellung eines Sekretärs not- wendig. Auf das Verhältnis zu den übrigen Gewerkschaften über- gehend, konstatiert Redner, daß dieses Verhältnis mit wenigen Aus- nahmen ein gutes genannt werden könne. Dann behandelt Redner die Grenzstreitigkeitcn und spricht die Meinung aus, daß sich die EntWickelung des Gemeindearbeiterverbandes nach und nach zur BctriebSorgonisation vollziehen werde. In bezug auf das Bi l- dungswesen wurde von der Organisation seit dem letzten Ver- bandstag mehr geleistet als früher. Wenn unsere Statistiken aus den einzelnen Mitgliedschaften als ungenügend kritisiert wurden, so mag sein, daß noch viele? anders sein könnte. Aber andererseits müsse konstatiert werden, daß unsere Organisation in puncto Statistik für Gemeinde- und Staatsbetriebe mehr geleistet habe, als von bürgerlicher Seite geliefert werden konnte, wobei bedauerlich sei, daß innerhalb einzelner Mitgliedschaften immer versucht werde, die Erfolge der Organisation zu verkleinern. Redner meint, daß der Hauptvorstand gerade von der Ortsverwaltung Hamburg in der Frage der Statistik im Stiche gelassen wurde. In bezug auf die Lohnbewegungen konstatierte Redner, daß schöne Erfolge für die Gemeindearbciter erzielt wurden; wenn die Stadtgemein- den das Koalitionsrecht der Gcmeindearbeiter auch anerkennen, so werde die Organisation von den Unterorganen doch in versteckter Weise bekämpft. Ter Verbandsvorsitzende betonte in seinen weite- ren Aussiihrungcn die Notwendigkeit, die Verbandsfinanzen zu stärken und ersucht den Verbandstag, die Beitragsfrage so zu regeln, daß die Organisation in Zukunft kampffähiger wie bisher wird. (Lebhafter Beifall.) Der zweite Vorsitzende, Riedl- Berlin, kennzeichnete hierauf in Ergänzung der Ausführungen M o h s' den Standpunkt der Mehrheit des Vorstandes in Fragen, in denen diese eine andere Haltung wie Mohs einnimmt. In der Hauptsache betrifft die? die Anstellung von berufsfremden Personen. Der Vorstand hat in der letzten Zeit einen Gauleiter angestellt, der nicht aus den Reihen �e��ollegen�enommen�vurde��Dagcgen�vurde�bc��ei�WU� gliedern Widerspruch erhoben; auch Mohs war gegen diese An- stellung. Riedl erklärte nun für die Mehrheit des Vorstandes, auch diese stehe auf dem Standpunkt, daß. wenn Kräfte gebraucht wer- den, diese in erster Linie aus den Reihen der Kollegen gc- nommen werden. Wenn der Vorstand daran gegangen sei, berufs- fremde Personen anzustellen, so deshalb, weil keine geeigneten Be- Werber aus den Reihen der Kollegen vorhanden waren. Den Kassenbericht erstattete A ß m a n n- Berlin. Die hauptsächlichsten Ziffern sind ebenfalls in unserem Vorberickt schon mitgeteilt. Auch der Redner behandelte ausführlich die Differenzen der Mehrheit des Verbands- Vorstandes mit dem Ausschuß über die Veröffentlichung der Quittungen der Hauptkasse und der Quartalsabrechnungen, die bisher vierteljährlich im Verbandsorgan veröffentlicht wurden. Die Mehrheit des Vcrbandsvorstandes beschloß, daß dies in Zukunft unterbleiben solle. Tagegen erhob der BerbandSvorsihende Mohs Beschwerde beim Ausschuß, und dieser vertrat mit Mohs den Stand- Punkt, daß der Vorstand nicht berechtigt sei, eigenmächtig die Ver- Lffentlichung der Abrechnung zu unterlassen. Die Entscheidung liege nun beim Verbandstag. Ebenfalls ausführlich erörtert wurden diese Differenzen von dem Vorsitzenden des Ausschusses, B a s e n e r- Hamburg. Vorstand und Ausschuß haben sich auch mit der Wahl des ersten Vorsitzenden beschäftigt. Beide Instanzen haben sich dahin geeinigt, dem Ver- bandstag an Stelle des bisherigen ersten Vorsitzenden den Kollegen Wutzky in Vorschlag zu bringen. Ter Ausschuß habe sich hierbei von dem Gedanken leiten lassen, daß als Repräsentant des Ver- baudcs der Tüchtigste genommen werden sollte.(Gelächter.) Wir sind zu dem Vorschlag auf Grund unserer Kenntnisse der Geschäfts- führung gekommen. Für die Redaktion des Verbandsorgans berichtete Ditt- m e r- Berlin. Das Verbandsorgan habe allen sozialen und politi- schen Vorgängen sein Augenmerk geschenkt. Die„Sanitätswarte" (das Organ für das Krankenpflege- und Badepersonal) ist er- weitert worden. Ausstellungen an der Rcdaktionsführung wurden weder vom Verbandsvorstande, noch von der Preßkommission ge- macht. Die„Gewerkschaft" zählte am Schlüsse der Geschäftsperiode eine Auflage von 50 000. Der Redner macht auf die Notwendigkeit aufmerksam, daß die Arbeiterpresse in den Kollegenkreiscn mehr gelesen wird, weil das Verbandsorgan kein Ersatz fllr die Arbeiter t ag e s presse sein könne. An den Berichten schloß.sich eine lebhafte Diskussion, in der keine besonderen Argumente zur Sprache gebracht wurden. Entsprechend dem Antrage der Mandatprüfungskommission werden sämtliche Mandate für gültig erklärt. WitterungSübersicht vom Juni 1912. ktattonrn Swinemdc. Hamburg Berlin Franks a.M München Wien ct. t: ci ifl i? I s 757 756 SSW 758,3» 75b! ZW 760 sW 759, Still Wetter 4 heiter vjwollig L.beiter 3!w°>Na 4 halb bd. — iwolktg All Wio 15 14 15 13 13 16 etatlonen i|M Haparanda Petersburg Scillh Aberdeen Paris »!■£ 47 Hl Ä 5 = J 5 U lg" Lss! ÄZ S 758,3® 7543 744 SD 75MNW 7543 Wetter Lwolkenl «Regen L.wolstg 4, bedeckt 4Regen C""* 6» M" 9 14 9 9 11 Wetterprognose für Mittwoch, den 5. Juni 1912. Zunöchst ziemlich heiter, etwas wärmer be! lcbbastcn südlichen Winden; später wieder zunehmende Bewölkung und Gewliterregen. Berliner Wetterburea Wasterftands-Nachrichte« der LandeSanstalt für GewSsserkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburea». Wasserstand Memel, Tilstt P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratlbor , Krassen , Frankiurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmeritz , Dresden , Berbv , Magdeburg ')-p bedeutet Wuchs, Fall.—*) Unterpcgel. l�jVWVWWVWWWl#WWVWVWWWWVWWWVWVWVWWWWWWWWVWVVWVVWVWWWWVVMW��WWWWS�WWWVWWWWWWWWWVfW'WVVW J 6 hervorragend billige Angebote acKett-Anzüge .liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiHiiiiiiiiiiaiiiisiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiniiiiii Hochmoderne Stoffe u. Fassons— Vorzüglicher Sitz- Exzellente Erzeugnisse unserer Kielderwerke SERIE IV T__ 1__,» A Cheviots in den neuestMustern, jestr. n. Q/C Jackett- Anzüge liiert.-ehrhallbar a.vornehm aussehend �O.- SERIE V la A n TU rtf* Kamm?arne und Cheviot«, neueste Aus- Af) JadVCLL /AllZUgC nuisterun;, elegante Verarbeitung... 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