Ur. 138. HbonncmentS'Bedingungcn: HBonncment#> Preis dränumerando! vierteljährl. 3£0 SKI., monatL 1,10 M, wöchentlich 28 Pfü- frei ins Hai». Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 1V Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. PostabonncmentS nebinen an: Belgien, Dänemark. Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. 'nien, Schweden und die Schweis. 29. Jahrg. Crfdidnt lsgltch außer fflontags. Verlinev Vollrsblclkk. Zentralorgan der rozialdemokrattfchen Partei Deutfcblanda. Sie TnlertlonS'Gebfllir Betrügt für die sechsgespaltene Kolonek- gelle oder deren Raum 60 Pfg., für Poll tische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 80 Pfg. „Alelne Mnzeigtn", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. szulässtg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. 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April die Kohlenpreise pro Tonne um durchschnittlich 80 Pf. gesteigert wurden. Im kritischen ersten Quartal 1912 haben die Durchschnittslöhne nach Zechenauskünften betragen für die Gedingearbeiter 5,74 M., gegen 6,14 M. im IV. Quartal 1907(Minus 40 Pf.!), für die Gesamtbelegschaft 4,83 M., gegen 4,87 M. im IV. Quartal 1907(Minus 4 Pf.). Hierbei ist zu beachten, daß in dem Märzlohn auch die Streikbrecherprämien mitver- rechnet sind, sonst wäre das Lohnminus noch stärker. Es ist nun durch die Erfahrung festgestellt, daß die Streikbrecher- organisationen mit ihrer Behauptung, die Zechenbesitzer würden für den 1. März, spätestens für den 1. April Lohnerhöhungen eintreten lassen, die Arbeiter schmählich betrogen haben. Aber nicht nur das. Selbst jetzt noch laufen Klagen von Gedinge- arbeitern über Akkordverschlechterungcn ein!„Schlagt nur drauf los, dann verdient ihr mehr 1" ist die Antwort der Bctriebsbeamten auf die Frage der Arbeiter nach den Lohnerhöhungen. Die Zcchcnbesitzer stecken zu den bisherigen hohen Uebcrschüssen noch viele Millionen mehr ein, die Kohlenverbrauchcr müssen den Zcchensyndikalisten diesen höheren Tribut entrichten und die Bergarbeiter können sich bei den ultramontanen Streikbrnchftthrern dafür bedanken, daß die notwendige und sehr gut durchführbare Lohnaufbesse- rung unterblieben ist. Erst wird durch eine rücksichtslose Ver- mehrung der indirekten Steuern und Zollerhöhuug die Lebens- Haltung der Industriearbeiter außerordentlich verteuert und wenn diese- sich dann aufraffen, um wenigstens die erlittenen schweren Lohnverluste durch ein einmütiges Vorgehen wett zu machen, dann komniandieren die für die Lebensmittelteucrung vornehmlich verantwortlichen ultramontanen Parteiführer ihre Agenten zu der Zerreißung der aussichtsreichen Lohnbewegung durch Massenstreikbruch. Behutsam verhüllen die Zcchensyndikalisten vor der Oeffentlichkeit, was sie wissen muß, um zu einem kritischen Urteil über die Notwendigkeit der neuesten Kohlenpreiscrhöhung zu gelangen. Dafür werden von dem Presseagenten der Zechenbesitzer immerfort mit Angaben über die„steigend-, er- drückende soziale Last",„stark gestiegene Löhne" gespickte Zeitungsartikel veröffentlicht, die dem Fernstehenden die Lage der Zechenbesitzer als eine nicht beneidenswerte erscheinen lassen sollen.° Selten ist es möglich, aus den offiziellen Publikationen der Grubenverwaltungen ein wenigstens einigermaßen klares Bild über die Finanzwirtschaft der Unternehmungen zu gewinnen. Dieser seltene Fall liegt� nun vor durch den Geschäftsbericht der Grubengewerkschaft „ K 0 n i g L u d w i g" bei Recklinghausen. Da diese Gesell- schaft zu den angeblich besonders notleidenden„reinen Kohlenzechen" gehört, so sei an diesem Beispiel gezeigt, welche Rück- sichtslosigkeit gegen die Kohlen- und Koksverbraucher die neuer- liche erhebliche Syndikatspreiserhöhung bedeutet., Die Zeche fördert Fett-, Gas- und GaSflammkohle; sie besitzt ausgedehnte Koksofenanlagen mit Geivinnung von Nebenprodukten(Teer, Ammoniak, Benzol usw.) Vergleichen wir ihre beiden letzten Jahresergebnisse niit dem des außer- ordentlichen Hochkonjunkturjahres 1907. Es betrug die Kohlen-' Arbeiter- Arbeiterleistung förderung zahl pro Schicht lSII: l 234 S6Y Tonnen 49lg 1.025 Tonnen 1910: 1 18g 213„ 6087 0,976 1907; 1 143 304„ 6157 0,895 Die Förderung stieg bei gleichzeitiger Verminderung der Arbeiterzahl infolge erheblich verstärkter Ausnutzung der Arbeits- kräfte und technischer Betriebsverbesserungen. Das kommt in einer Verminderung der Betriebskosten zum Ausdruck. Wenn wir zum Vergleich auch die Verkaufserlöse anführen, so wolle man beachten, daß die Kohlen- uud Kokspreise pro 1907 un- geheuerlich gesteigert wurden, wodurch auch ihr jäher Abstieg notivendiq getvorden ist. Um das zu veranschaulichen, gehen Vir mit den Nachweisen bis 1906 zurück: Selbstkosten Erlös Erlös pro Tonne pro Tonne pro Tonne Kohlen Kohlen Koks . 9,70 Vi. 10.23 Vi. 16.24 Vi. . 10,00. 10,66. 14,43. . 10,16„ 12,00. 17,01. . 9,25. 10,77. 14,76, Preissteigerung pro 1907 rächte sich durch ...._____ der Konjunktur. Es ist den Zechenbesitzern von den von ihnen abhäilgigen Kohlen- und Koksverbranchern mit Recht der Vorwurf gemacht worden, durch das rücksichtslose Anziehen der Preisschraube die Ende 1907 einsetzende Wirtschaftskrise erheblich verschärft zu haben. Betrachtet man nun den Unterschied zwischen Selbstkosten und Verkaufs- erlös der Kohlen, dann bemerkt man, daß 1910 ein Ueber- schuß von 66 Pf., 1911 gar nur ein solcher von 55 Pf. erzielt worden ist. Das wäre gewiß geringfügig. Mit 1911.. 1910.. 1907.. 1906.. Die rapide rasches Abslauen �solchen Ziffern operiert die Zechenpresse denn auch, ■um die„verschlechterte Lage" der reinen Kohlen- zechen zu beweisen. Tatsächlich ist aber der Rohüberschuß beim Kohlen- und Koksverkauf von 1 388 917 M. in 1910 auf 1 737 709 M. in 1911 gestiegen, d. h. pro Tonne von 1,18 auf 1,40 M. l Daraus geht schon hervor, wie irreführend die bloße Gegenüberstellung von Selbstkosten der Förderung ist. Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß 1910 die Syndikatsabgabe(Umlage) Pro Kohlen- tonne 8,75 Proz., 1911 aber 12 Proz. betrug. Diese höhere Abgabe, deren absolute Höhe verschwiegen wird, ist entweder den Selbstkosten zu- oder von dem Verkaufserlös abgerechnet, was auf jeden Fall die Endsumme um hunderttausende Mark beeinflußte. Diese Syndikatsabgaben zahlt der inlän- d i s ch e Kohlen- und Kokskonsument, damit das Syndikat dem A u s l a n d e billige Kohlen und Koke liefern kann. Indessen stellt der Ueberschuß aus dem Kohlen- und Koksverkauf nur einen Teil der Werkserträge dar. Worauf in den Stimmungsbildern der Zechenjournalisten höchstens andeutungsweise verwiesen wird, das ist die kolossale Ren- tabilität der bei der Äohlenverkokung gewonnenen Neben- Produkte! Manche Zechengesellschaften, darunter auch „König Ludwig", ziehen aus der Nebenproduktengewinnung weit mehr Gewinn als aus dem Kohlenverkauf, deshalb wird der ganze Betrieb dementsprechend eingerichtet und man hat gut klagen über die unerträglich gestiegenen Selbstkosten der „Förderung", da sich durch die moderne Betriebsorganisation der Schwerpunkt der Gewinnerzielung völlig verschoben hat. Während der Unterschied zwischen Kohlenverkauferlös und Tonnenselbstkostenpreis 1911 rund 800000 M. Ueberschuß er- gab, erbrachten die Nebenprodukte 1602 331 M. Gewinn, also mehr als das Doppelte! Detailliert sieht der Gesellschaft„König Ludwig" die Rentabilitätsberechnung wie folgt aus: Bruttoüberschuß aus Koblen- und Koks- verkauf, Nebenpro- dukten, Ziegelei usw. 1911 1910 3 496 577 M. 2 907189. Reiner Betriebs- gewinn nach Ab- setzung der An- leihe- und Hhpo- thekenzinsen 2 532 477 M. 1597 768. Verteilte Ausbeute 1 200 000 M. 1200 000. Eine Erhöhung des Reingewinns um bald 60 Proz., ein Reinüberschuß von mehr als 2 M. pro Tonne! Und bei solcher glänzenden Rentabilität haben die Zechensyndikalisten, deren größten einer der kürzlich verstorbene Hauptbesitzer von„König Ludwig". Kommerzienrat Funke, war. nun die Kohlenpreise noch um 80 Pf. pro Tonne gesteigert I In den Stimmungsbildern der Zechcnjournalisten wird wohl erwähnt, daß die betreffende Gesellschaft„nur" 1200 Mark Ausbeute pro Kux verteilte, was dem Kursstand des Papiers entsprechend nur eine geringe Kapitalsverzinsung darstelle. Daß aber nicht einmal die Hälfte des erzielten Reingewinns verteilt worden ist, der größere Teil für Neubauten, Grundschuldentilgung und Er- höhung eines Reservefonds auf 2 223 956 M. verwandt wurde, davon erfährt das breite Publikum nichts, dem ja die(an- gebliche) Notwendigkeit der abermaligen Kohlen- und Koks- Verteuerung plausibel gemacht werden soll. Dasselbe eindeutige Spiel wird mit den Lohn- und Be- lastungsangaben getrieben. Die Löhne sind von 1907 bis 1911 nicht nur absolut gesunken, sondern auch.im Verhältnis zur Arbeitcrleistung herabgedrückt worden, wie folgende Gegenüberstellung beweist: Lohn pro Schicht Arbeiterleisiung der Belegschaft pro Kopf 1911.... 5,17 M. 1,025 Tonnen 1907.... 5.49„ 0.895 Höhere Leistung, gesunkener Lohn. Darin dokumentiert sich die Lohnanarchie im Bergbau. Wollen die Arbeiter sich eine gewisse Lohnsicherung erkämpfen, dann überschwemmt eine natürlich unparteiische Regierung das Industriegebiet mit Polizist, Geudarm und Militär. Die Zechengesellschaft gestattet sich dann noch zur Ver- schiebuug des wirklich verdienten Lohnes das Rechenkunststück, den Durchschnitts-Schichtverdienst mit 300 zu multiplizieren und beziffert nun das durchschnittliche Lohneinkommen des Arbeiters auf 1551 M. Tatsächlich entftelen aber 1911 auf pro Arbeiter keine 300 sondern 287—288 Schichten, somit be- trägt sein Jahreseinkommen nur 1489 M. Der Zechen- geschäftsbericht geht noch weiter und rechnet dem Ar- beiter als Lohn auch die s o z i a l g e s e tz l i ch e n und freiwilligen W e r ks b e s itz-e r b ei tr ä z e m i t 4 5 P f. pro Schicht an, wodurch derDurchschnittslohn für 19l l aus 1668 M. anwächst. Damit gibt die Zechenverwaltung indirekt zu, daß sie die gesamten Beiträge zur Arbeiterversicherung als L o h n a n t e i l e betrachtet, womit die Richtigkeit der von sozialdemokratischer Seite vertretenen Ansicht von dem Charakter der sozialgesetzlichen Aufwendungen bestätigt wird. Noch merkwürdiger ist die Art der Lastenberechnung nach dem erzielten Gewinn. An Steuern und Abgaben seien ge- zahlt worden in Prozenten vom Gesamtgewinn verteilten Gewinn 1911... 43.63 92.09 1910... 57.00 9l,09 Die soziale Belastung der Unternehmung ist also letztjährig bedeutend geringer geworden und nur durch die Verschiebung der größeren Hälfte des Ueberschusses in Reserve-, Nenbaukosten- und Kapitalverzinsungssonds konnte man eine„Erhöhung der sozialen Lasten" gemessen an der verteilten Ausbeute errechnen. Nochmals sei betont, es handelt sich um eine reine Kohlenzeche, die ihre Selbstkosten noch nicht durch Kombinierung mit einem Hüttenwerk herabmindern konnte. Unzweifelhaft beweist aber der Geschäftsbericht dieser zu den relativ un- günstig gestellten Gruppe der reinen Kohlenwerke gehörenden Zechengesellschaft, daß die neuerliche Kohlen- und Kokspreis- erhöhung des Syndikats in Ansehung der hohen Werks- Überschüsse durchaus ungerechtfertigt ist. Aber das Volk ist mit tatkräftiger Unterstützung der fiskalischen Grubenverwaltung in die Hände der millionenreichen Kohlenmonopolisten gegeben und muß ihnen nun steigenden Tribut zahlen. Riin aber weiter! Vor einem Jahre noch bestritt unsere bürgerliche Presse ernst- hast, daß die Absicht bestehe, an den neuen Reichstag mit neuen Flottenforderungen heranzutreten. Die sozialdemokratische Presse freilich ließ sich durch solch dreiste Vertuschung nicht verblüffen, son- dern stellte fest, daß die ganzen früheren Marinegesetze und Novellen darauf zugeschnitten gewesen seien, ein neue Flottenvorlage not- wendig erscheinen zu lassen. Und die sozialdemokratischen Prophe- zeiungen haben ja bekanntlich recht behalten. Außer den diversen hundert Millionen' Mehrforderung für die Verstärkung des Land- h e e r e s hat der im Januar gewählte Reichstag ja auch eine neue Flottenvorlage bewilligen müssen, die für die nächsten fünf Jahre zirka 180 Millionen Mark Mehrausgaben beansprucht. Der Bau von drei Linienschiffen, zwei kleinen Kreu» z e r n und 64 Unterseebooten wurde gefordert und bewilligt. Dazu trat die Schaffung eines dritten Geschwaders, die durch weitestgehende Indienststellungen ermöglicht wurde. Man sollte meinen, daß diese erneuten Opfer für den Märinis- mus. die noch vor Jahresfrist in amtlichen Organen bestritten wurden, eine mehr als reichliche Abschlagszahlung darstellten, die wenigstens für die ersten paar Jahre ausreichte. Aber ganz das Gegenteil ist der Fall! Unseren Mvrineinteressenten ist beim Essen er st der Appetit gekommen. Das leichte Spiel, das die Regierung diesmal mit den bürgerlichen Parteien. und zwar allen bürgerlichen Parteien, gehabt hat, die längst militär- und marinefromm geworden sind, ist stzr unsere Flotten- treiber und Panzerplatteninteressenten nur ein Anreiz mehr ge- worden, nun erst recht für den weiteren„Ausbau" unserer Flotte einzutreten. Das bewies die Hauptversammlung des deutschen Flottenvereins, die am 9. Juni in Weimar tagte. Dort brachten es die leitenden Persönlichkeiten fertig, für weitere, noch kostspieligere Flottenrüstungsprojekte Stim- mung zu machen durch den Hinweis auf das Flottenrüsten in—- England und Frankreich! Dabei weiß jedes politische Kind. daß die englische Regierung nicht nur im vorigen Jahre den ernstlichen Versuch gemacht hat, zwischen England und Deutschland ein Einvernehmen über das Tempo des Rüstens herbeizn- führen, sondern daß auch in diesem Jahre wieder die eng- tische Regierung ihren Vertreter nach Deutschland gesandt hat. um eine Rüstungsverständigung auf marinistischem Gebiete zwischen den Hauptrivalen England und Deutschland auf der Grundlage der beiderseitigen Interessen herbeizuführen. Leider ist keinerlei Verständigung zustande gekommen! Deutschland hat die englische Regierung einfach abblitzen lassen. Deutschland hat trotz der seinerzeitigen Versicherung, daß mit dem verflossenen Jahre der H ö ch st st a n d des deutschen Flotten- rüstens eingetreten wäre, die neue Flottenborlage im Reichstag eingebracht und durchgedrückt! Und daß nun England und Frankreich aus dem forcierten, trotz aller internationalen Vor- stellungen unentwegt sich steigernden Flottenrüsten Deutschlands die Notwendigkeit abgeleitet haben. Deutschlands er- neute Rüstung mit einer Gegenrüstung zu beantworten, das gibt wieder den demagogischen Machern des Deutschen Flottenvereins den hochwillkommenen Vorwand, ihrerseits auf die ausländi- scheu Rüstungen hinzuweisen, um neue deutsche Flotten». rüstungen zu postulieren!• r- Sowohl der Vorsitzende des FlottenbereinS, Großadmiral von Köster, als der Kontreadmiral Weber als Referent, und auch der altenburgische Staatsminister Borries betonten die Notwendig- keit, Deutschlands Flottenrüstungen noch beträchtlich über denRahmen des v om R e ich S ta g Besch l ossen e» h in- aus zu verstärken. Kontreadmiral Weber erklärte die vom Reichstag beschlossenen Nüstungsvermehrungen für absolut unzu- reichend und verlangte, daß zur Durchführung deS Flottengesetzes bis 1917 noch fünf Panzerkreuzer(a 40 bis 50 Millionen Mark) mehr und dazu noch die Mehreinstellung von 5009 Mann aktiven Flottenpersonals notwendig seil' Daß diese Forderungen die stürmische Zustimmung der ver- sammelten Flottenfexe auslöste und bei den DiÄkussionsirednern die energischste Unterstützung fanden, versteht sich von selbst. Und ebenso versteht sich von selbst, daß von dem- höchst einflußreichen Flottenverein, der ja längst ein offizielles Instrument geworden ist, die Flottenagitation auch in die breiteste Oeffentlich- keit hinausgetragen werden wird. Man braucht sich also auch gar uicht zu wundern, wenn im nächsten oder übernächsten Jahre dem an solche Ucberraschungen ja längst gewöhnten Reichs- tag abermals eine Flottenvorlage zugehen wird, die wiederum Hundertevon Millionen beansprucht! Und das Bürgertum, von der äußersten Rechten bis zur äußersten bür- gerliAev Llilles. wirche idam» einM sollen chenjÄneM Seit gering st ey Widerstand entgegensetzen, wie e» sich die». mal zugn �leisesten Protest gegen die Flottenforderungen der der- flossenen Session aufzuraffen vermochte! Der Flottenwahnsinn ist ebenso wie die Jdeosyntrasie unsere? gesamten Bürgertums geworden. Gegen das wahnsinnige Weit» rüsten zu Wasser, zu Lande und in der Luft steht einzig noch die Sozialdemokratie ihren Mann! Alles, was die Kultur- ideale der Menschheit, die Ideale der Völkerverbrüderung, die ehedem auch die vornehmste Aufgabe des bürgerlichen Radi- kalismus bildeten, aufrecht erhalt, kann nur noch in den Reihen der Sozialdemokratie auf Vertretung und Erfüllung seiner Kulturbestrebungcn rechnen! vek Streik im Condoner Wen. Ein nationaler Transportarbeiterstreik? London, 8. Juni.(Eig. Ber.) Die zwischen der Re- gierung, den Transportarbeitern und den Unternehmern stahifindenden Verhandtungen stehen vor dem Abbrud). Wenn sich die Arbeitgeber bis Montag nicht entschieden haben, das von der Regierung vorgeschlagene und von den Arbeitern an- genommene Einigungsamt anzunehmen, wird Montagabend der Streik in allen Häsen Großbritanniens erklärt werden. Der Nationale Rat der Transportarbeiter hätte den Gene- ralstreik schon früher erklärt; denn die Lage erheischt schnelles und entschlossenes Handeln; die Unternehmer versuchen, die Angelegenheit in die Länge zu ziehen, wodurch sie den Zu- sammenbruch des Streiks herbeizuführen hoffen. Aber die Negiernng hat die Mitglieder des Transportarbeiterver- Landes überredet, mit der Erklärung des Generalstreiks noch bis Montag zu warten, da ihr die Arbeitgeber bis dahin eine bestimmte Antwort auf ihre Vorschläge versprochen hätten. Es handelt sich bei diesem Generalstreik keineswegs um eine leere Drohung. Die Mitglieder des Nationalen Rats, der obersten Behörde des Transportarbeiterverbandes, sind sich einig, daß der Anschlag der Unternehmer auf das Leben der Londoner Transportarbciterorganisationen nur unter Auf- bietung aller Kräfte vereitelt werden kann. Viele kamen als heftige Gegner des nationalen Streiks nach der Londoner Konferenz und kehren jetzt als überzeugte Anhänger dieser Taktik in ihre Heimat zurück, um die nötigen Vorbereitungen für den Ausbruch des Generalstreiks zu treffen. Die Regierung hat in ihrem Entwurf zu einem Eini- gungsamte für den Londoner Hafen in Anregung gebracht, das Einigungsverfahren von dem bekannten Brooklands- vertrag zu übernehmen, nach dem Arbeiter und Arbeitgeber in der Baumwollspinnerei ihre Differenzen regeln. Die Transportarbeiter haben diesen Vorschlag angenommen. Nach diesem Vertrag kann kein Streik und keine Aussperrung erklärt werden, ehe nicht der Gegenstand des Streits der Gegenpartei schriftlich mitgeteilt worden ist. Wenn dann die strittigen Punkte innerhalb der nächsten sieben Tage nicht ge- regelt worden sind, hat die klagende Partei das Recht, die Angelegenheit dem gemeinschaftlichen Komitee der Arbeiter» und Unternehmerorganisationen zu unlerbreiten. Kommt dann in den folgend«, 7 Tagen keine Einigung zustande, so kann jede Partei die Schritte tun, die sie für gut hält. Eine -weitere Anregung der Regierung, die ebenfalls die Billigung des Transportarbeiterverbandes gefunden hat, besteht darin. daß sowohl die Arbeitgeber wie die Arbeiter Kaution stellen sollen. Beide Parteien würden danach eine Summe Geld bei einer Bank deponieren, aus der bei Vertragsbruch Kon- ventionalstrafen zu zahlen wären. Eine ähnliche Bestimmung befindet sich in dem Vertrag zwischen Arbeitern und Arbeit- gebern in der Schuhindustrie. Dort wird bestimmt, daß die schuldige Partei dem Gegner aus der hinterlegten Summe eine Strafe zu zahlen hat, wenn die Arbeiter vier Tage nach der Erklärung des Streiks oder der Aussperrung nicht den Befehl erhalten, zur Arbeit zurückzukehren. Die Gewerk- schaftsbeamten, mit denen ich über diesen Punkt gesprochen habe, stehen dieser Neuerung sehr kritisch gegenüber. Auf alle Fälle beweist aber die Bereitwilligkeit, mit der die Trans- portarbeiter die Vorschläge der Regierung angenommen haben, daß sie es nicht sind, die dem Abschluß eines ehrenvollen Friedens im Wege stehen. Leider ist es nur zu wahrscheinlich, daß die Unternehmer die Friedensbedingungen Montag ab- lehnen Iverden und daß sie es vorziehen werden, dem Lande durch einen Generalstreik ungeheure Verluste zuzufügen. Die liberale Regierung hat in diesem wirtschaftlichen Kampfe e.inen äußerst schwierigen Stand. Auf der einen Seite gehören viele der größten Schiffsbesitzer zu den Stützen der liberalen Partei; auf der anderen Seite werden einige der liberalen Minister, unter anderen besonders der Handels- minister von den Transportarbeitern ins Parlament gewählt. Sie kann daher nicht offen gegen die Arbeiterschaft Partei ergreifen, was sie immer tun mag, um den Unternehmern den Kanipf Hu erleichtern. In reaktionären Kreisen regt man sich augenblicklich sehr Uber eine Rede des Ministers des Innern auf; man fordert den Kopf Mc Kennas, weil er sich als ungetreuer Kommis der Arbeitgeber erwiesen haben soll. Das Verbrechen Mc Kennas ist, daß er eine sehr vernünftige Rede gehalten hat. Wenn man überall so vernünftig redete und handelte wie der Minister M c K e n n a, so würde man von Streikunruhen nicht viel hören. Der Minister verteidigte im Parlament letzten Donnerstag sein Verhalten in bezug auf das Streikbrecherschiff Lady Jocelyn, in dem die Unter- nehmer Streikbrecher behausen. Er hatte sich geweigert, diesen Streikbrechern besonderen Polizeischutz angedeiben zu lassen. Die wichtigsten Stellen seiner Rede sind nach dem Berichte der„Times" folgende:„Es ist die Pflicht der Re- gierung, den Frieden zu wahren; aber wenn man zu Hand- fungen greift, von denen man weiß, daß sie provokatorisch sind(Beifall bei der Arbeiterpartei), dann ist es zu viel ver- langt, daß Polizei von außen importiert werden soll, um den Weg zu dieser provokatorischen Handlungsweise zu ebnen. (Zurufe der Opposition: Welche provokatorische Handlungs- weise?) Hier handelte es sich nicht darum Leute zu beschützen, die gewöhnlick» in Purfleet beschäftigt werden, hier handelte es sich darum, Leute zu beschützen, die ausgezeichnete Gelegen- heit hatten, in Newport zu arbeiten, aber als Streikbrecher besonders hergebracht worden waren.(Beifall bei der Ar- besterpartei.) Wenn diese Leute gearbeitet bätten und Un- ruhen wären entstanden, dann wäre es die Pflicht der Polizei gewesen, die Ordnung wiederherzustellen: aber es kann nicht die Pflicht der Polizei sein, bei jeder Gelegenheit Arbeit- S ebern in Handlungsweisen beizustehen, die in erster Linie arauf hinzielen(Zurufe: O! ol)— ich will nicht sagen in diesem Fall— aber die in vielen Fällen in erster Linie daraus hinzielen, Unruhen zu provozieren.(Zurufe: Nein!) In London wird gegenwärtig, wie Sie alle wissen, viel Arbeit beim Löschen von Schiffen verrichtet, und es sind praktisch keine Unruhen vorgekommen. Die Arbeiter haben sich mit großer Selbstbeherrschung aufgeführt, obwohl sie ob nun mit Recht oder Unrecht— fühlten, daß rhnen rn dem Kampf um das, was sie als ihr Recht betrachten, großes Unrecht ge- schehe, wenn sie durch die in dem Hafen zur Anwendung ge- brachten Maßnahmen geschlagen werden würben. Sie haben nichts unternommen, um Unruhen zu provozieren, aber wenn man ein Schiff hereinbringt, das besonders dazu bestimmt ist, Streikbrecher zu beherbergen, muß es zu Unruhen kommen. Die in London angewandten Methoden sollten rn anderen Distrikten nachgeahmt werden. Wenn Arbeitgeber dazu angespornt werden, Methoden zu benutzen, von denen sie sowohl wissen wie ich, daß sie Unruhen provozieren werden, dann muß ein Unglück passieren. Ich avpelliere an idie ehren- werten Mitglieder, mich in dem Versuch, die Arbeitgeber daran zu verhindern, provozierend vorzugehen, zu unter- stützen. Dies sind Schiffe, die mit Streikbrechern gefüllt speziell hereingebracht werden. Die ehrenwerten Mitglieder des Hauses werden der Allgemeinheit einen schlechten Dienst erweisen, wenn sie die Arbeitgeber zu solchen Taten et-' mutigen."(Zurufe: O! und Hört! hört!) Kein Wunder, wenn die Sck>arfmacher jetzt llen Kopf M c Kennas fordern. Es wird dem Leser nicht entgangen sein, daß der Ausdruck„Streikbrecher"(Strikebreaker) in den parlamentarischen Sprachschatz englischer Minister über- gegangen ist._ Der Krieg. Eine merkwürdige Geschichte. Rom, S. Juni.(Eig. Ber.) In spaltenlangen Berichten wurden vor«inigen Monaten die abenteuerlichsten Geschichten breitgetreten, die von Betrügereien der Nahrungsmittellieferanten für das im Kriege stehende Heer berichteten. Die Ochsen sollten mager und verhungert in Tripolis ankommen, obwohl st« bei der Uebergabe schweres Ge- wicht aufwiesen, sollten vom Wasser ganz aufgebläht sein. Blei m den Eingeweiden zeigen und solche Dinge mehr. Widerrufen wurden bisse Beschuldigungen in der P.esse nie. Mit um so größerer Ver« lounderung erfährt man heute, daß das Verfahren gegen die Liefe- ranten in der Voruntersuchung eingestellt wurde. Wie mag dann nur die Legende von den Ochsen aufgekommen fem, die dem Preise nach so fett und beim Konsum so mager waren? Ein Vorstoß der Italiener in Tripolis. Nach monatelanger Pause haben die Italiener in Tripolis wieder einmal ein« größere militärische Aktion gewagt, sie haben sich der zirka 1b Kilometer westlich von der Stadt Tripolis liegenden Oase Zanzur bemächtigt. Die offiziösen Siegesdepeschen melden darüber: Tripolis, S. Juni.(Meldung ber Agenzia Stefani.) Um den Italienern die Beherrschung derOaseZanzurzu sichern, machte gestern eine Abteilung, bestehend aus 14 Bataillonen Infanterie, einigen Bataillonen Artillerie und einer Kavalleriebrigade einen Vorstoß in westlicher Richtung. Das Ziel waren die Anhöhen süd- lich von Marsa und Sidi Abdel Gili. Der Vorstoß erfolgte in zwei Kolonnen, deren erste, die Bri- gade Giavdina(6. und 40. Jnfanterie-Regiment) an dem Meere entlang vorrückte, während die zweite Kolonne(Brigade Rainaldi, 82. und 84. Infanterie-Regiment) links von Tripolis auf Zanzur vorrückte. Der gut verschanzte Feind wurde um b Uhr früh zuerst von der Kolonne Giardina angegriffen und nach heftigem Artillerie- und Jnfanteriekampf geworfen. Desgleichen gelang«S der Brigade Rainaldi, den Feind nach heftigem Artillerie- und Jnfanteriekampf aus seinen verschanzten Stellungen zu vertreiben. Der Feind hatte starke Verluste. Gegen Mittag wurden die feindlichen Truppen auch aus den festen Stellungen geworfen, auf die sie fich bei Zanzur zurückgezogen hatten, und mehrere Kilometer weit verfolgt. Der Gegner befand sich in voller Auflösung, und die Verluste der Feinde bezisfern sich nach Maßgabe der aufgefundenen Leithen auf mehr als tausend Tote. Die Zahl der Verwundeten ist unbekannt. Auf seilen der Italiener fielen ein Offizier, 19 Soldaten und 19 Asikaris, acht Offiziere und 182 Soldaten und 70 AskvriS wurden verwundet. politifcke(Jebcrlicht. Berlin, den 10, Juni 1912. Freiherr». Erffa gestorben. Freiherr von Erffa, dessen Zustand nach vorübergehender Besse- rung sich wiederum verschlechtert hatte, ist am Montag mittag den Folgen seines letzten Schlaganfalles erlegen. Herr von Erffa, der ein Alter von 68 Jahren erreichte, gehörte bereits fett vielen Jahren dem preußischen Abgeordnetenhause an, ohne dabei besonder» hervor- getreten zu sein. Er war mehr ein Mann der unauffälligen reaktionären Minierarbeit, als dreister reaktionärer Vorstöße, und seine Haupiatigkeit lag deshalb nicht im Plenum deS Junkerparla- ments, wo draufgängerische Junkernaturen Regierung und Oeffcnt- lichkeit gegenüber die preußischen Junkertraditionen vertreten, sondern vielmehr in den K o m m i s s i o n e n, wo er sich als zuver- lässigste und zielbewußteste Stütze konservativ-agvarischer Politik wirksam betätigte. Daß man Herrn von Erffa von reaktionärer Seite an Stelle des Herrn von Kröcher, der zwar den starken Männ so oft ge- fordert und als Präses des PreußenparlomentS gegen die Sozialdemokratie auch so oft gemimt, aber in seiner Rolle doch schließlich ein H a a» gefunden und deshalb sein Präsidentenamt niedergelegt hatte, zum Präsidenten vorgeschlagen hatte, lag allerdings nicht daran, daß man der Sozialdemokratie gegenüber ein konzilianteres Verfahren einzuschlagen beabsichtigte, sondern war vielmehr der Absicht zuzuschreiben, unter der MaÄe schein- barer Loyalität ein Präsidium zu schaffen, das den Auf- reizungen der Rechten womöglich noch williger Folge leistete, als das Präsidium des UrjunkerS Jordan von Kröcher. Und es zeigte sich denn auch bald, daß die Junker sich bei ihrer Kalkulation nicht verrechnet hatten. Zwar bemühte sich Herr von Erffa anfangs, bei den unvermeidlichen Zusammenstößen zwischen den Volksvertretern und den Geldsack-Er- wählten wenigstens eine formale Objektivität zu wahren, aber gar bald zeigte sich, daß er mehr und mehr den Scharfmache- r e i e n und AufputschungSversucheu der Reaktion und speziell seiner engeren Parteifreunde erlag. So kam eS denn, daß der von Haus aus keineswegs aggressive Herr von Erffa dem Drängen seiner reaktionären Umgebung nachgab und schließlich bei der allerunpassendsten Gelegenheit jene skandalöse Polizeiaktion heraufbeschwor, die sein robusterer Vorgänger von Kröcher zwar hatte vorbereiten helfen, die aber selbst durchzuführen selbst er die begründetsten Be- denken getragen hatte! Wenn unsere Junker ihre reaktionäre Trutz- und Gewaltpolitik im Dreiklassenhause fortzusetzen beabsichtigen, sollten sie künftig wenigstens den Mut haben, auch diejenigen Leute vorzu- schicken, die es nach Konflikten mit der Sozialdemokratie ge- lüftet. Mögen doch die Konservativen� etwa Herrn von Pappen- heim oder Herrn von Brandenstein. Herrn Kreth oder Herrn von Richthofen vorschlagen oder gar den braven Fanuschauer rn hSchsteryener Persvtkk Denn jeden- falls ist es nicht ritterlich dritte Personen, die sowohl ihrem Tem- perament als ihren Jahren nach den Ansprüchen des Händel- und vergewaltigungssüchtigen Junkertums nicht gewachsen sind. Auf- regungen auszusetzen, wie sie ihnen von den Zkampfhähnen des Scharfmachertums zugemutet werden, die sich dabei in!begue»er D e ck u n g zu halten lieben!._ Gebete für den— Papst! Nach der„Post" und der„Rhein.-Westf. Ztg.' ergreist auch die„Kreuz-Ztg." mit wahrem Feuereifer Partei für die ch r i st l i ch e n Gewerkschaften, die den er- bittertsten Feinden der Sozialpolitik, den unverschämtesten Scharfmachern, nun einmal seit dem großen Streikbnich ans Herz gewachsen sind. Deshalb greift die„Kreuz-Ztg." scharf den Vatikan an, der in Ueberspannung seiner Autorität die deutschen Katholiken so arg bedrängt. Sodann veröffentlicht die„Kreuz-Ztg." folgende Erklärung eines deutschen Katholiken, von dem sie versichert, dah dieser Herr durch se'ine ganze öffentliche und publizistische Wirksamkeit sich äls get.'euer, gehorsamer, mit jeder Faser an der katholischen Kirche hängender Mann erwiesen habe: Wir haben es satt. Wir fallen nicht ab— daS weiß Rom, und darum bietet eS uns, was man menschlich nicht mehr, sondern nur mit der göttlichen Gnade ertragen kann. Wir verbitten un«, daß man in Rom neun Zehntel der deutschen Katholiken als Ketzer behandelt. Sollen wir dafür alle unsere Kraft und Mittel auswenden?! Wir wollen uns nicht als die rechtlosen Heloten und Parias der latho« lischen Kirche behandeln lassen, wo wir als Katholiken das Recht haben, unsere weltlichen Angelegenheiten ständig und mit den protestantischen Volksangehörigen zusammen zu regeln. ES ist Zeit, daß man den wohlmeinenden Papst befreit von den falschen und lügnerischen, verantwortlichen und unverantwortlichen Rat- gebern. Mehr als«in frommer latholifcher Priester und Laie betet in dem S i nn e d a S G e b et fü r d e n Papst:.Herr, übergib ihn nicht in den Willen seiner Feinde." Also, die Katholiken müssen für den Papst beten! Und sie müssen sich an die orthodox-protestantische„Kreuz- Zeitung" um Hilfe wenden! Die„Germania" hat da wirklich alle Veranlassung, über mangelnde Ehrfurcht vor dem Ober- Haupt der Kirche zu sprechen_ Ueber Gegensätze tu der soziakdemokratischeu Reichstagsfraktion fabuliert die„Germania" in einer Notiz, die von Anfang bis zu Ende glatt erfunden ist. Danach sei„EcheidemannS bekannte Kraftrede von einem großen Teile der Fraktion miß« billigt worden und die letzte Rede dieses Genossen in der Schluß- sitzung als eine Art Entschuldigung gedacht gewesen. Eindruck habe ste steilich nicht gemacht. Im Wahlkreis« Scheidemanns, in Solingen, werde die Rede Scheidemanns gleichwohl in For» einer Agitationsbroschür» verbreitet, jedoch nur in denjenigen Orlen, von denen man nicht zu befürchten brauche, daß st« dort mehr schaden als nutzen werde". So viele Behauptungen, so viel Lügen. Die Fraktion hat fich mit Scheidemanns erster Rede nie befaßt, geschweige ste mißbilligt, und seine zweite war eine improvisierte Gelegenheitsrede, die durch Herrn v. Bethmann Hollweg— nicht zu dessen Vorteil— provoziert worden war. Sie war ohne jede Vorbereitung gehalten und konnte schon deshalb nicht als.Entschuldigung" wirken, weil sie weder eine gewesen ist, noch al» solche beabfichtigt war. Und um die Verbreitung der Rede braucht fich die.Germania" erst recht keine Sorgen zu machen. Wir können ihr versichern, daß die Nach frage danach auch außerhalb Solingens sehr rege ist. Klerikale Polemik. Die.Kölner Korresp.". da« Organ der unbedingten Katholiken, führt die Polemik gegen die Bachemiien seit der päpstlich«, Kund- gebung noch schärfer als zuvor. Nachdem sie festgesteltt hat, daß der Papst sich sehr wohl informiert gezeigt und selbst erklärt habe, daß er die GewertschaftSfrage kenne, fährt die.Korresp." fort: .Und nun kommen diese„Köln-Gladbacher" Blätter und er» klären mit der souveränen llebcrlegenheit, die sie charakterifiert: der Papst ist über die wichtigst« und weittragendste religiöse An, gelegenheit Deutschlands nicht zutreffend unterrichtet; er spricht über Dinge, von denen er nicht« versteht; wir appellier«, an den besser zu informierenden Papst und wir werden ihm klar wachen. welche Stellungnahme er in Zuluust einzunehmen hat! Es sollte uns nicht wundern, wenn diese Blätter wegen ihrer bodenlosen Frechheit eine gehörig, Leltioa be- kämen.... Wenn ei« Katholik eine katholische Idee ausspricht, hie den „KSln-Gladbachern" nicht in den Kram patzt, dann hauen st« ihn nieder. Dem Papst gegenüber können sie ein gleiche» nicht wagen. Da begnügen sie sich, ihr Bedauern auszusprechen. Diese kleinen Menschen! Juliu« Bachem bedauert päpst- liche Enzykliken, die badische Zentrumsfraktion bedauert das Jüngste Motuproprio, die.Köln-Gladbacher" bedauern, daß der Papst von den deutschen Verhältnissen nicht« versteht und deshalb die häretische„Christliche Weltanschauung" der sogenannt«, Christ- lichen Gewerkschaften verurteilt. Pius X. muß überhaupt in den Augen jener kleinen Herren ein sehr bedauernswerter Mann sein. Einige katholische Blätter nehmen noch deutlicher Stellung gegen den Papst. Die„Hildesheimer Zeitung"(Nr. 125 vom 39. Mai) gibt einem„Gefühl lebhafter Enttäuschung" Ausdruck und ihr drängen sich angesichts der päpstlichen Kundgebungen .bittere Gedanken" auf. Die Gewerkschaftsblätter erklären rundweg, daß ihnen die päpstlichen Verlautbarungen Lust sind, da sie sich nicht daran stören wollen. Katholischer Augustinusverein, wa« sagst Du zu solchen Ver- höhnungen des Papstes?— Der Aermfte, er kauert zu den Füßen Bachems und wartet ängstlich auf die Parole, die sein Gebieter ihm geben wird." Ein schwerer polizeilicher Miftgriff. Der.Stadt-Anzeiger" der.Kölnischen Zeining" veröffentlicht das Erlebnis eines Kölner Bürgers, den man morgens um 6 U h r aus dem Bette heraus verhaftet, ins Gefängnis gefühtt und dort bis andern Tags mittags festgehalten hat. Der Mann hatte vor zwei Jahren eine Geldstrafe zudiktiert bekommen, und da diese nicht pünktlich bezahlt wurde, erging der übliche Haftbefehl, der indes nicht vollstreckt wurde, weil die Strafe im Januar 1911, also vor fast eineinhalb Jahren, bezahlt worden ist. Dieser Tage hott« der Bürger fich an die Polizei gewendet, da er zu seiner Verheiratung gewisser Bescheinigungen bedurfte. Bei der Gelegenheit fand man in den Personalpapieren den alten, längst hinfällig gewordenen Haftbefehl. Statt fich bei der Staatsanwalt- schaft nach der Gültigkeit des Scheines zu erkundigen, hatte man nichts eiliger zu tun, als den Mann aus dem Bette herau« ins Gefängnis zu bringen, trotz dessen lebhaftester Beteuerungen, daß die Sache längst erledigt sei. Daß er nach so langer Zeit die Ouitwng über die Erlegung der Strafe nicht mehr vorweisen konnte, ist begreiflich. Auf dem Polizei- ?ommlssar?at fand der Mann kein Entgegenkommen, und im Ge- fängnis lehnte man es ab, an die zuständige Abteilung der Staats- cmwallschaft zu telephonieren, die die Sache sofort hätte aufklären können.— Es wird abzuwarten sein, was die Behörden»erklären" werden und wie sie den unglaublichen Fall zu entschuldigen versuchen werden. Und wie will man den Schaden, den man dem malträtierten Bürger an seiner Ehre, seiner Gesundheit und seinem Beruf der- ursacht hat, gut machen?_ Zum Streit zwischen Köln«nd Rom. Aus unterrichteten Kreisen wird der„Kölnischen Zeitung" tmtgeteilt, daß unter den Führern der.2S christlichen Gewerkschaften Deutschlands eine unverbindliche Besprechung statt- gefunden habe, ob demnächst ein Gewerkschaftskon- g r e tz einberufen werden solle, der sich mit den vielerörterten Erklärungen des Papstes beschäftigen würde: über unverbind- liche Besprechungen sei man indessen bisher nicht hinausge- kommen. Sollten demnächst keine die höchst beunruhigten Gewerkschaftskreise befriedigenden Erklärungen aus Rom, vielleicht durch Veröffentlichungen im„Osservatore romano", erfolgen, so ivürde man allerdings einen Kongreß einbe- rufen, der sich die Frage vorlegen müßte, was geschehen muß, um für die Zukunft solche Zwischenfälle zu verhüten. Damit solle unter keinen Umständen eine Aktion gegen den Papst verbunden sein, sondern man will nur, schon aus Rücksicht auf die evangelischen Mitglieder der Gewerkschaften, Klarheit schaffen und vermeiden, daß das Gefühl etwaiger Geheimnis- tuerei aufkomme. Das päpstliche Leibblatt„Unita cattorica" erklärt nach einer Meldung aus Rom, der Pap st wünsche nicht die Auflösung der christlichen Gewerkschaften, er habe sie nur e r m a h n t. die päpstlichen Lehren und Befehle zu befolgen. Die„Kölnische Zeitung" berichtet: Auf die Eingabe einer führenden Persönlichkeit im evangelisch-sozialen Lager an den Reichskanzler wegen der jüngsten Vorgänge im Gewerk- fchaftsstreit ist aus der Reichskanzlei am 7. Juni folgende Antwort eingegangen: „Die in Ihrem gefälligen Schreiben berührten Vor- gänge werden voni Herrn Reichskanzler mit ernster Auf- merksamkeit verfolgt, wie dies der zunehmenden Bedeutung der christlichnationalen Arbeiterorganisationen für unsere soziale, wirtschaftliche und politische EntWickelung ent- spricht." Fleischpreise bei uns und in Dänemark. Ueber die schier unerschwinglichen Fleischpreise bei uns braucht man nicht mehr zu reden, die sühli jeder täglich selbst in drückendster Weise. Aber es ist angesichts der deutschen Fleischpreise interessant, was der fortschrittliche Reichsrags-ubgeordnete Leube-Altona über dänische Fleischpreise an liberale Blätter schreibt: „Von einer Geschäftsreise heimkehrend, finde ich in den Fleischer- läden der dänischen Stadt Hjörring in Jütland in den Schaufenstern Plakate hängen mit folgender Inschrift in wortgetreuer deutscher Uedersetzung: Infolge der hohen Viehpreife und großen Ver- luste bei Beschlagnahm« vonKühen sehen wir uns gc- nötigt, vom 1. Mai ds. IS. an die Fleischpreise wie folg» zu er- .zoodöben: schieres Beefsteakfleisch und Ochsen- z»ngen......... 65 Oere= 73 Ps. ajbdi �ochrippe und Ochsenbraten.. 55,=«'->. uppenfleisch....... 4?>- 50.= 5U>11, 'kalbskeulen........ 50.— ,», Natbsledern......... 40„— 45„ Ochsenlebern........ 25„— 28, Alles per Ve Kilo oder 600 Gramm. Hjörring. im April 1912. Sämtliche Schlachter. Das sind also die erhöhten Preise, die die Fleischer unseres Nachbarstaales Dänemait zu nehmen genötigt find, und wenn man damit die Preise vergleicht, die bei uns in Deutschland genommen werden müssen, dann bat man erst den richtigen Begriff davon, wie weit es die agrarische Gesetzgebung in den letzte» 15 Jahren bei uns gebracht hat. Diese Preile muten fast an wie aus der Zeit vor 50 Jahren bei uns in Deutschland, während diese guten Zeiten heute noch in Dänemark, also eben vor unterer Türe, gelten, und zwar in einem Laude, in dem der Bauernstand aus mindestens ebenso hoher Stufe steht wie bei uns in Deutschland, wo aber durch cme vernünftige Agrargesetzgebung Produzent und Konsument auf ihre Kosten kommen." Politische Gesinnungsschnüffelei. Ein Vertreter einer Versicherungsgesellschaft hatte sich an den Amtsporstelter in Hademarichen gewandt, daß ihm ein poli- zeiliches Fuhrungsattest ausgestellt werde. In dem Fllhrungs- attest. das ihm der Amtsvorsteher Wasner in. Hademarschen ausgestellt hat. heißt es:„... daß derselbe während seines Aufenthalts in Hademarschen. diesseitigen Amtsbezirks, vom 26. März 1968 bis 28. März 1912 stets einen untadelhasten Lebenswandel geführt und sich nicht an sozialisti- schen Umtrieben beteiligt und keine Vorstrafen erlitten hat."— Tie Worte„an sozialistischen Umtrieben be- teiligt" sind mit vorgedruckt, so daß angenommen werden muß. daß die Auskunft darüber, ob jemand sich als Sozial- demokrat betätigt oder nicht, ganz allgemein im AmtVezirk Hademarschen, vielleicht auch im ganzen Landratsbezirk, mit auf dem Führungsattest vermerkt wird. Die Ereignisse in Ungarn. Man meldet uns aus Budapest: Ministerpräsident von Lukacs ist nach Wien gereist, um dem Kaiser Bericht zu erstatten und gleichzeitig die Ver- tagungsorder für den Reichstag zu erbitten. Wann die Ver- tagung eintritt, ist noch ungewiß: man wird sich aber nach Kräften beeilen, denn trotz aller Gcwaltniaßnahmen glaubt man nicht daß sich der jetzige Zustand noch lange aufrecht- erhalten läßt. Tie Opposition hiett am Sonnabend abend eine neue Sitzung ab, in der über eine Aktion beraten wurde, die der Opposition in stärkerem Maße die Unterstützung der Bevölke- rung sichert. Am Sonntag sollten möglichst alle oppositio- nellen Abgeordneten vor ihren Wählern sprechen. Die Re- gierung hat die Militärabteilungen»nd Provinzgendarmen aus den Straßen Budapests zurückgezogen. Beim Zettgenverhör über die Tat Kovaczs wurde fest- gestellt, daß auch ein Mitglied der Regierungspartei, der Ab- geordnete Kiez, einen Schutz aus seinem ReVolver abge- geben hat. Am Montag vormittag um 16 Uhr zogen die oppo- sitionellen Abgeordneten wieder in den Reichstag. Sie ver- hielten sich ruhig. Kurz vor �11 Uhr erschien wieder der Polizeiinspektor und wollte die ausgeschlossenen 62 Abge- ordneten aus dem Saale weisen. Als kein einziger der Auf- forderung folgte, wurde jeder einzelne Abgeordnete, sogar der Führer. Justh, von den Polizisten gefaßt und hinaus- geschleppt. Dann änderte sich die Situation. An den früheren Tagen ließ man die ausgeschlossenen Abgeordneten ruhig in den Gängen stehen. Am Montag abex war in den Gängen eine große Polizeimacht postiert und die Ausgeschlossenen wurden von dem Polizeiinspektor aus dem Hause ge- wiesen. Die Abgeordneten protestierten dagegen und nun wiederholte sich die vorige Szene auch auf den Gängen. Jeder einzelne Abgeordnete wurde von den Polizisten aus dem Hause gestoßen. Die Aufregung unter der Arbeiterschaft ist sehr groß, da die Abonnenten keine Zeitungen erhalten. Die Polizei konfis- ziert die Zeitungen auch auf den Bahnhöfen, in den Cas6- Häusern, und erdreistet sich sogar, in Privathäusern einzelne Exemplare wegzunehmen. Nicht nur in Arbeiterkreisen, son- dern auch in anderen linksstehenden Parteien befürchtet man in den nächsten Tagen in den Provinzstädten Ausbrüche des Volksunwillens. Sämtliche Versammlungen, welche am Sonntag einberufen waren, wurden verboten. Das Besindep des Abgeordneten Julius Kovacz hat sich gebessert: er ist bereits außer Gefahr. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Wiener Kreise mit dem Vorgehen Tiszas einverstanden sind. In ein bis zwei Tagen wird das Oberhaus eine Sitzung abhalten, um die auf ungesetzlichem Wege geschaffene Wehrvorlage zu ge- nehmigen. Am Montag gab der Oberstadthauptmann einen Bericht über die Vorgänge am 23. und 24. Mai in Budapest. Laut dieser Meldung wurden im ganzen fünf Personen totgeschossen, 161 verwundet, 594 der Staatsanwaltschaft übergeben und 866 polizeilich abgeurteilt. Die Zahl der wegen Aufruhrs bei der Staatsamvaltschaft Angeklagten(Gefangenen) ist bis auf 61 Personen zurückgegangen. Die CCIaklreform in frankmeb. Paris, 7. Juni.(Eig. 33er.) Der Wahlreformentwurf der Regierung liegt nun in den Hauptbestimmungen vor. Er übernimmt die wesentlichen Punkte des von der Kammer in der ersten Lesung angenommenen Gesetzes: Listcnskrutinium mit Minorttätenvertrctung und Berechnung des Wahlquotienten auf Grund der Zahl der abgegebenen Stimmen, unterdrückt dagegen das„Apparentement" vollständig und teilt die nicht geniäß dem Wahlquotienten vergebenen Restmandate als Prämie der Partei zu. die die meisten Stimmen— also die relative Mehrheit erlangt hat. Er gruppiert ferner die kleinen Departements zu einem Wahlkreis und berechnet die Zahl der vom Wahlkreis zu besetzenden Mandate nach der Einwohnerzahl statt nach der Wählerziffer. Diese Be- stimmung würde den kinderreichen Departements, unter diesen der Bretagne aber mehr als den großindustriellcn zugute kommen, da die Zuwendung der wahlberechtigten Arbeiter auS den ländlichen Gegenden ihren politischen Einfluß nicht erhöhen würde. Am meisten würden die heute politisch so begünstigten südlichen Departements einbüßen, und darum wird diese Be- slinlniung die Radikalsozialisten. die ihre Macht hauptsächlich diesen Gegenden verdanken, der Wahlreform und der Re- gierung gegenüber kaum versöhnlicher stimmen, um so mehr, als sie bei der Verringerung der Mandate und der Neu- einteilung der Wahlkreise— ein Deputierter soll aus 76666 Eimvohner kommen— ohnehin verlieren müssen. Die Regierung hat den Entwurf direkt der Wahlrechts- kommission zugestellt und nicht dem Bureau der Kammer. Dadurch erreicht sie, daß in der Kammer kein Amendement eingebracht werden kann, ehe die Kommission ihren Bericht erstattet hat. Man steht, die Regierung faßt schon neue Ob- ftruktionsversuche ins Auge. Ob die Radikalen wirklich diese Taktik beibehalten wollen, wird sich am Sonntag beim Parteibankett in St. Mendö zeigen. Zweifellos ist die moralische Kraft der radikalen Opposition gebrochen, seitdem sich ein so hartnäckiger Gegner des Proporzes wie Bourgeois mit Poincarö solidarisiert hat. Den Bourgeois. Buifson-Dumont haben die radikalen Proporz- gegner in der Kammer keine ebenbürtigen Vorkämpfer ent- gegenzustellen, die vornehmsten Inspiratoren ihres Widerstands sitzen im Senat: P e l l e t a n, der„pvtit päre" C o m b e s, der morgen seinen Zorn über die verderbte republikanische Welt auslassen wird und— Clemeneeau. der alte Maul- wurs, der nicht stille sein will. Unterdes hat die radikale Opposition nun schon eine Art Gegeneniwurf fertiggebracht, der wie ein Vermittelungsvorschlag aussehen soll, aber nur den einen Zweck hat, die Mehrheit der Radikalrepublikaner darauf zu verpflichten und so das Mi- nisterium zu Fall zu bringen. Der Vorschlag kehrt die Regierungsvorlage um. Nimmt diese— in der Form der Wahlquvlienten— den Proporz als Basis, um die Reste nach den, Prinzip des majoritären Listenskrutiniums zu vergebeii, so will die Opposition die Listenwahl als Basis. Die absolute Mehrheit soll alle Mandate erhalten, ist keine absolute Mehr- heit vorhanden, hat der Proporz mit Apparentement platz- zugreifen. Daß dieses für die Anhänger der Wahlresorm ein- fach undiskutierbare Projekt gar nicht ernst genieint ist, ist unvertennbar, wenn auch die„Lanterne" heule einen Angriff daraus markiert. Unter seinen Anregern sind die Hrrren A u g a g n e u r, P o n s o t— der den Wahlquotienten für den„Tod der Republik" erklärt und übrigens seinerzeit das Apparentement zu Fall gebracht hat— und Breton, der Obstruktwnsmarschall. Angeblich sollen sie schon über 266 Unterschriftc» zusammengebracht haben. Das bedeutet freilich noch nicht, daß die Unterzeichner fest bleiben, wenn sie die Veranlivortung für das Mißlingen der Wahlresorm auf sich nehmen sollen. Am liebsten wäre es den Rcformgegnern freilich, wenn sie die Regierung vorher zur strecke bringen könnten. Daß ihnen jedes Mittel dazu recht ist, wird durch die Tatsache be- leuchtet, daß einige Radikale im Stillen einen Antrag zu- gunsten der politischen Amnestie, d. h. in erster Linie der H e r v s s vorbereiteten. Die Rechnung war nur allzu simpel: Die Regierung würde gegen die Amnestie sein und die Vertrauensfrage stellen, die gceinigten Sozialisten aber müßten in dieser Sache mit den Radikalen stimmen und so Poincarö stürzen helfen. Die saubere Intrige ist indes tot auf die Welt gekommen. Die Fraktion der geeinigten Partei hat gestern beschlossen, die unverzügliche Verhandlung der Wahlreform mit Hintansetzung aller anderen Angelegenheiten zu betreiben. Nach ihrer Erledigung sollen die anderen Probleme, nunmehr vor jeder Verfälschung der Diskusston ge- schützt, behandelt werden. Uebrigens hat auch Hervö selb st aus dem Gefängnis einen Brief an Gen. V a i l l a n t gerichtet, worin er sagt: Ich hoffe, daß Sie den Proporz nicht mir und den anderen politischen Häftlingen opfern werden, denn soviel Interesse wir auch verdienen mögen, sie verdient ein noch größeres. Von allen derzett Inhaftierten fitze ich am längsten im Käfig und habe noch die längste Frist vor mir. Ich bitte Sic aber. um unseren Genossen Deputierten das Herz leicht zu machen, ihnen von mir auszurichten, daß ich, der Hauptbeteiligte, eine Amnestie unter den vorgeschlagenen Bedingungen u m keinen P r e i s will und daß ich d a g e g e n stimme.* Italien. Das gerichtliche Nachspiel der Unruhen von Bervicary. N-m, den 8. Juni.(Eig. Ber.) Die Cholerarevolten in Ver- bicaro in Calabricn, als deren Opfer der Stadtrichter des Ortes einen grausamen Tod fand, haben nunmehr das übliche gerichtliche Nachspiel gehabt, das auf die Schrecken der Verzweiflung die Härte und Grausamkeit der 5ilassenrache folgen läßt. Bon den 76 An- geklagten, die seit dem vorigen Sommer in Untersuchungshast saßen, sind 31 wegen mangelnden Schuldbeweises freigesprochen lvorden. Der der Anstiftung angeklagte Priester Ruggiero ist in der Unter- suchnngshaft verstorben. Ueber die übrigen Angeklagten wurden Strafen von 1 Monat bis zu 3 Jahren verhängt. Das Urteil zeigt, daß eine Gemeindeverwaltung die ihrer Obhut anvertraute Be- völkerung ungestraft in Zeiten der Not hilflos Verlasien, ihr das Trinkioasser versagen, ihr Aerzte verweigern und die Choleraleichen unbegraben lassen kann. Wenn aber die Bevölkerung gewaltsam si'ch gegen eine Wirtschaft zur Wehr setzt, die alle Lasten den Armen aufbürdet, dann sind natürlich die Gerichte zur Hand, um durch Untersuchungshaft und Strafhaft alle mundtot zu machen. So wird dem Gcrechtigleitsbedürfnis Genüge getan! Rußland. Burtzeff geht nach Rußland. In der letzten Nummer seiner Zeitschrift„Buduschtscheje" ver- kündet B u r tz e f s seinen Entschluß, im kommenden Herbst Frank- reich zu verlasicn und nach Rußland zurückzukehren. ES ist V e r. zweiflung, die ihn dazu treibt, Verzweiflung darüber, daß seine sämtlichen bisherigen Enthüllungen weder zur Bestrafung der Provokateure noch zur Befreiung der Unschuldigen geführt haben, Verzweiflung darüber, daß die Regierung nicht einmal den Ver- such macht, die unheilvolle Provokationswirtschaft aufzugeben, wäh- rcnd selbst die Opposition in der Duma seit zwei Jahren keine Gelegenheit findet, um in gebührenden Worten die begangenen Justizverbrechen zu brandmarken. „Wir wollen— schreibt Burtzeff— offen und unter eigenem Namen nach Rußland kommen und werden dort gegen alle» Ver- brechertum protestieren, das die russische Regierung im Laufe der letzten Jahre sich hat zuschulden kommen lassen. Wir wissen, daß die Regierung uns mit einem Haftbefehl und darauf mit gericht- licher Verfolgung antworten wird. Die russische Regierung kann jedoch tun, was sie will; wir werden all da» tun, wa» wir für notwendig und nützlich halten zur Lösung der Aufgaben, welche wir un» in den letzten Jahren gestellt haben. Wir werden der Regie» rung nur sagen:»Ihr werdet uns nicht einschüchtern!" Bei allem ihrem Streben, unseren Protest zu unterdrücken, wird die Regierung eines nicht vermögen: sie wird nicht imstande sein, un» i« allen den Sachen nicht zu verhören, die wir in den Spalten der„Bu- duschtscheje" behandelt haben. Dann werden wir mit Dokumenten in der Hand ihre angesehensten Vertreter dessen beschuldigen, daß sie die Mörder verhehlt, daß sie Fälschungen begangen und Expro- priationen arrangiert haben usw. Wir werden sprechen von den zur Katorga deportierten sozialdemokratischen Mit» gliedern der zweiten Duma» von der Ermordung der Aolksvertretcr Herzenstcin, JolloS. Karawajew, deren Mörder offen in Petersburg leben und de» Schutze» der höchsten Regierung sich erfreuen; wir werden sodann reden von der langen Schar der Unschuldigen, welche die Kriegsgerichte verurteilt haben— von denen, die, wie Rogalski und die fünf JckaterinoSlawer Sozialdemokraten, gehenkt worden find, und von denen, die, wie Rappoport, noch in den Kawrgagefäng. niffen schmachten—, und ebenso werden wir von den Affären Bseff. Harting, JagolkowSki, Selesnjew. Petrow, Bvgroff und ihren Füh. rern Trussewitsch, Ratajeff, Gerassimow, Kuljabke. Makarmv, Schtschcglowitow, überhaupt vom ganzen System der Agents- Provokateure sprechen. Vor allen Dingen werden wir verlangen: 1. Die unverzügliche Verhaftung de» Lockspitzels Aseff, der nicht zu politischen, sondern zu rein persönlichen Zwecken, also als gewöhnlicher Kriminalverbrecher, an der Orga» nisierung der Ermordung des Minister» des Innern Plehwe, de» Großfürsten Sergius sowie an drei(nicht infolge seiner Versehen mißlungenen) Attentaten auf Nikolaus ll� an den Attentaten auf den Gencralgouverneur Dubassow und zahlreichen anderen teilgenommen hat. 2. Die unverzügliche Anklageerhebung gegen de» Senator Trussewitsch, den Gera! Gerassimow. den Fustizminister Schtscheglowitow, den Minister de» Innern Makarow und ihre Helfershelfer— gegen sie alle, die bewußt Aseff und zahl- reiche andere Verbrecher als Hehler dem Gericht entziehen." Im Herbst will Burtzcw nach Rußland hinübergehen, nachdem er mit seinen Materialiensammlungen endgültig fertig sein wird. Es ist ein wagehalsiger Schritt, den er tun will. Denn kein Mensch zweifelt daran, daß Burtzeffs Absichten mißlingen werden. Die Herren der gegenwärtigen Situation in Rußland werden froh sein, sich eines so unbequemen EnthüllerS ein für allomal zu entledigen. Der Gedanke gar, daß die Verhandlungen in dem»Prozeß ßjurtzeff* in aller Oeffentlichkeit sich abspielen werden, ist geradezu Wider» sinnig. Wenn erst Butzeff jenseits der Grenzpfahl« sei« fällig wird sein Mund für immer verstummen. Bulgarien. Ein Sozialist in die Sobranje gewählt. Sofia, 10. Juni. Bei den gestrigen Ergänzungswahlen für die Sobranje wurde an Stelle eine» Mincsteriellen in Sofia der Führer der Sozialisten, Zakizaff, ge» wählt. Dce Sozialisten waren bisher in der Kammer nicht ver» treten. Der andere erledigte Sitz fiel wieder den Mwifterwlleu zu. Marokko. Ruhe in Fez. Fez, 10. Juni. Es herrscht weiterhin Ruhe. General Gou- vaud will die Umgegend von Fez vollständig von Feinden säubern. Der Generalresident Lyautey beabsichtigt, mit einer starken Kolonne nach Sefru zu marschieren. Der Sultan verlieh Genergl Gouraud das Großkreuz des hafidischen Orden». Die Vorgänge im SuSgetzrcre. London, 10. Juni. Die.Morningpost" meldet au» M a ga d» r, daß die erste Abteilung des Thronprätendenten El Haida am 2. Juni Tismt verlassen hat. Zwei Abteilungen sollen folgen. Die Truppen gehen in nördlicher Richtung vor. Der Plan ist der» mutlich, Tarudant zu besetzen und weiter auf Marra- kesch vorzurücken. Es sind Gerüchte im Umlauf, daß Aga- dir die Herrschast El Haidas anerkannt habe. Dieser habe dem Gouverneur von Tarudant Befehl erteilt, alle Christen bis zur Wiederherstellung der Ordnung in Sicherheit zu bringen. El Haida soll entschlossen sein, keine Christen in seinem Machtbereich zu dulden, bis die Mächte ihn als Sultan de» SuSgebiet» anerkannt haben. GewerbfcbaftUtbca. DU GewcrfefcbaftöhartcUc im Jahve ipn. Eine kraftvolle Aufwärtsbewegung und ständig sich vermehrende Machtentfaltung der deutschen Gewerkschaften kommt wieder in den Ergebnissen der soeben von der Generalkommission herausgegebenen Jahresstatistik der deutschen Gewerkschaftskartelle zum Ausdruck. Bringt sie auch nur einen Teil der gewerkschaftlichen Wirksamkeit zur Darstellung, so Iaht diese doch schon die auch im Jahre 1911 ein- getretene günstige Eutwickelung der freien Gewerkschaften erkennen. ES kann schon heute aus den Ergebnissen der sichere Schlug gezogen werden, daß die Hentralverbände innerhalb des Jahres 1911 mindestens eine Viertel Million neuer Streiter ge- Wonnen haben. Auch eine weitere Vermehrung der Kartelle ist eingetreten. Und diese Erscheinung ist deshalb so erfreulich, weil sie Zeugnis ablegt von der Ausdehnungsfähigkeit der freien Ge- werkschaften, die ihre Vorposten immer weiter auf das Land hinausschieben und sich bemühen, die errungenen Post- tionen durch örtlichen Zusammenschluß der Zweigvereine zu festigen ES bestanden am Schlüsse des Berichtsjahres 797 Kartelle, 1910 betrug ihre Zahl 684. An der Statistik beteiligten sich 691 Kartelle, an die 9261 Gewerkschaften mit 2 160 728 Mitgliedern angeschlossen sind. Es ist eine Vermehrung von 268 247 Mitgliedern eingetreten. Mehr als 23 000 Mitglieder haben die Kartelle: Berlin(296 8l2), Bremen(30 333), Breslau(30 476), Chemnitz(40 083), Köln(26 711), Dresden(83 911), Frankfurt a. M.(40 890), Hamburg(130 383), Hannover(38 664), Leipzig(72 367), Magdeburg(38 063), München (68 736), Nürnberg<36 313), Stuttgart(42 813). Köln ist zu diesen Kartellen neu hinzugekommen, 1910 zählte es 22 201 Mitglieder. Ist die Tätigkeit der Kartelle auch örtlich begrenzt, so haben sie doch auf ihrem Gebiete eine reiche Fülle von Arbeit zu leisten. Ihre Haupttätigkeit ist die Betreibung der Agitation. 2324 allgemeine und 1107 Versammlungen für einzelne Berufe wurden von ihnen ab- gehalten. Von 41 Kartellen wurden eigene Versammlungsräume nuterhalten. 82 Kartelle haben Arbeiterinnen-AgitationSkommissionen oder weibliche Vertrauenspersonen. Die Bildungsbestrebungen der Arbeiter erfahren durch die Kar- telle eine x-ite Förderung. Im Berichtsjahre hatten 347 Kartelle (1910: 496; gemeinsame Bibliotheken und 87 Kartelle(1910: 71) Lesezimmer. BildungSausschüsse bestehen in 362 Orten(1910: 292) und die Zahl der Jugendkomunssionen beträgt 346(1910: 293). Erwähnenswert ist ferner noch die Tätigkeit der Kartelle zur Durch- sührung der Arbeiterschutzbestinunungen. Es bestanden 1911 zu diesem Zwecke: 133 Beschwerdelommnsionen für Gewerbeinspeltions- fachen und 233 Bauarbeitcrschutzkommissionen. An 46 Orten werden Kommissionen zur Beseitigung des Kost- und Logiswesens beim Arbeitgeber unterhalten. Gewerkschaftshäuser bestehen 67(1910 33). Im Bericht der Generalkommission wird wieder davor gewarnt, ohne die not- wendigen Unterlagen und mit ungenügenden Mitteln an solche Gründungen heranzugehen; sie entwickelten sich häufig zu wahren Schmerzenskindern. Dem Herbergswesen wenden die Kartelle erfreulicherweise be- sondere Aufmerksamkeit zu. Herbergen in eigener Regie unterhalten 31 Kartelle, in 322 Orten haben die Kartelle mit Herbergswirten besondere Abmachungen getroffen und haben sie sich das Recht der Kontrolle gesichert. An 102 Orten bestehen Arbeitersekretariate und an 198 Orten Rechtsauskunftsstellen, 18 Kartelle besitzen Bureaus mit Angestellten. Angaben über Einnahmen und Ausgaben liegen von 673 Kartellen vor, diese hatten eine Einnahme von 1 797 248 M. und eine Ausgabe von 1600 433 M. Für Streiks wurden 283 833 M. gesammelt und L09 046 M. verausgabt. Bon den Kartellen der g e g n er is ch e n G e w e rk- s ch a f t e n liegen absolut zuverlässige Angaben nicht vor. Das christliche Zentralblatt gab 230 Kartelle an. Nach den Angaben der Kartellfunktionäre der freien Gewerkschaften bestanden in 171 Orten christliche Ortsverbände und in 173 Orten solche der Hirsch- Dunckerschen Gewerkschaften. In 32 Orten befinden sich Hirsch- Dunckersche Arbeitersekretariate oder Rechtsauskunftsbureaus, und in 122 Orten bestehen christliche Sekretariate oder Volksbureaus.— Auch in dieser Gegenüberstellung kommt das tatkräftige Wirken der Kartelle unserer Gewerkschaften für die wirtschaftliche und geistige' Hebung der Arbeiter anschaulich zum Ausdrun. Neben den Zentral- verbänden erfüllen sie die ihnen verbleibenden Pflichten in stets zu- nehmendem, regem Maße zum Schutze unserer Gewerkschaftsmitglieder und zum Trutze unserer zahlreichen Feinde. ßerltn und Umgegend. Die Eisenkonstruktionsarbeiter hatten am 28. April Forde- rungen auf Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse be- schloffen, die den Unternehmern mit dem Ersuchen um Verhand- lungen eingereicht worden sind. Infolgedessen haben Vertreter der Unternehmer und des Metallarbeiterverbandes in zwei Sitzungen miteinander verhandelt, aber ein endgültiges Ergebnis ist noch nicht erzielt worden. Die Unternehmer haben zwar in einigen Punkten ein gewisses Entgegenkommen gezeigt, aber hinsichtlich der Haupt- fotderungen: Verkürzung der Arbeitszeit und Aufbesserung der Löhne haben sie bisher keine Zugeständnisse gemacht. Die Verhand- lungen sind jedoch noch nicht beendet, sondern sie sollen am nächsten Mittwoch, auch hinsichtlich der noch strittigen Punkte, fortgesetzt werden. Die Verhandlungskommission hat sich dahin geeinigt, daß bis zur endgültigen Erledigung der Verhandlungen von keiner Seite etwas gegen die andere Seite unternommen wird.— In einer sehr stark besuchten Versammlung, die am Sonntag den großen Saal der Brauerei Friedrichshain füllte, machte Maus als Vertreter des Metallarbeiterveobandes von diesem Stande der Angelegenheit Mitteilung und empfahl, der Vereinbarung gemäß, den völligen Abschluß der Verhandlungen abzuwarten.— Die Versammlung war sehr ungehalten darüber, daß die Bewegung noch nicht weiter ge- diehen ist. In der Diskussion wurde unter großem Beifall aus- geführt: Nachdem die Unternehmer erklärt hatten, sie könnten eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht bewilligen, hätten die Arbeiterver- tretcr sofort die Verhandlungen abbrechen sollen. Die Arbeiter seien -entschlossen zum Kampf und würden sich nicht mit nebensächlichen Zugeständnissen abspeisen lassen, wenn ihnen nicht in der Haupt- fache: Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des Mindestlohnes bzw. Einstellungslohnes, ein befriedigendes Entgegenkommen ge- zeigt werde. An diesen Forderungen müsse die Kommisswn un- bedingt festhalten. Es wurde verlangt, daß am Donnerstag wieder eine Versammlung abgehalten werde, die zu dem Ergebnis der am Mittwoch zu führenden Verhandlungen Stellung nehmen und er- forderlichen Falles den sofortigen Streik zu beschließen habe. Die Redner, welche dieses Verlangen stellten, fanden ungeteilten Bei- fall. Schließlich wurde die folgende Resolution einstimmig ange- nommen: „Die Versammlung der in den Eisenkonstruktionsbetrieben beschäftigen Arbeiter erwartet von den weiteren Verhandlungen mit den�rbeitgebern. daß die letzteren die Verkürzung der Ar- bcitszeit belvilligen. da es nach Meinung der Versammlung nur unter diesen Umständen zu einer Einigung kommen kann. Ferner erwarten die Versammelten, daß die Einstellungslöhne erhöht werden, und zwar sollen sie betragen: ftir gelernte Arbeiter 30 Pf, für ungelernte Arbeiter 45 Pf. pro Stunde." Der Antrag, am Donnerstag wieder eine neue Versammlung abzuhalten, tourde der Kommission überwiesen. Der früher gefaßte Beschlutz, bis zur Beendigung der Lohn- bewegung keine Ueberstunden zu machen, wurde aufs neue be- stätigt. Den Anlaß dazu bot das Vorgehen der Firma B e l t e u n d Sck'iieevogel, welche jetzt verlangt, daß die Arbeiter lieber- stunden machen oder, wenn dies verweigert wird, in Wcchselschichten arbeiten. Es wurde ausdrücklich erklärt, daß auch bei Belte und Schneevogel die Ueberstunden zu verweigern sind, selbst wenn des- wegen Wechselschichten eingeführt werden sollten._ Differenzen in der Wäschebranche Groß-Berlins. Die organisierten Wäschearbeiter und-arbeiterinnen Berlins und Umgegend erhoben in einer gut besuchten Versammlung am Freitag voriger Woche Protest wegen Nichterfüllung des Tarifver- träges seitens der Wäschefabrikanten. Der Bevollmächtigte Eue führte aus, der im Jahre 1911 abgeschlossene Tarifvertrag werde in einigen wesentlichen Punkten nicht erfüllt. Eine Regelung der Lchrlingsfrage, die vertraglich bis 1. April 1912 vorgesehen sei. ist seitens der Wäschefabrikanten unter nicht stichhaltigen Gründen abgelehnt worden. Die noch ausstehende Einlieferung der am Jahresschluß 1911 gezahlten Wochenlöhne ist nicht erfolgt. Nach lebhafter Aussprache wurde der Beschluß gefaßt, das Einigungs- amt des Gewerbegerichts als Schiedsgericht anzurufen. Mehrere strittige Fälle bei einzelnen Firmen sollen durch die beiderseitigen Organisationsvorsitzenden auf gütlichem Wege erledigt werden. Ge- lingt dies nicht, so sollen sie gleichfalls dem Gewerbegericht als Schiedsgericht überwiesen werden. Gleichzeitig sind Lohndifseren- zen in der Schnittmusterabteilung der„Berliner Morgenpost", Ullstein u. Co, ausgebrochen. Sämtliche dort noch arbeitenden 6 Maschinenzuschneider haben zum 15. Juni ihre Kündigung ein- gereicht. Der Betrieb gilt als gesperrt für alle Zuschneider. Zum Fleischerboykott in Neukölln. Der Ausschutz, der mit den Fleischermeistern, welche nicht be- willigt haben, einen Tarifvertrag abgeschloffen haben will, ist den Neuköllner Fleischergesellen völlig unbekannt. Die übergroße Mehr- zahl derselben gehört zum Verband der Fleischer und weist es entschieden zurück, daß sich irgendein Ausschuß in ihrem Namen an das kaufende Publikum wendet. Das ganze Täuschungsmanöver ist offenbar vom Jnnungsvorstand und einigen Gelben ausgeheckt worden und das Königliche Polizeipräsidium hat seinen Segen dazu gegeben. An dem kauseniden Publikum, besonders an den Frauen, liegt es nun, dafür zu sorgen, daß den nichtbewilligenden Fleischermeistern mit samt dem„Ausschutz" dieses Manöver miß- glückt. Jeder Arbeiter, jede Arbeiterfrau mutz weitgehendste Soli- darität üben! Der Fleischermeister C. Rüssel, Hermannstr. 64, der sich ebenfalls weigert, den Tarif zu unterschreiben, bringt es sogar fertig, Fleischergesellen, die keine Boykottzettel berteilt haben, zu denunzieren und deren Verhaftung zu verlangen. In der Gastwirtschaft Kottbuser Damm 23 werden nach wie vor Wurstwaren aus einem boykottierten Geschäft in Neukölln be- zogen, obgleich der Inhaber schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden ist. Wir richten nochmals an das Publikum die Bitte, ihre Fleisch- und Wurstwaren nur in den im„Vorwärts" veröffentlichten Ge- schäften zu kaufen. Zentralverband der Fleischer, Berlin, Elisabethstr. 11, Teleph. Königstadt 3024. Deutfches Reich. Ausländische Arbeitswillige als Revolverhelden! In Köln streiken an mehreren Forts die Erdarbeiter, weil der Unternehmer Besser die Zahlung tariflicher Löhne verweigert. Der Unternehmer sucht Ersatz durch Heranziehung von Kroaten, Slavoniern, Galiziern und Italienern. Eine Anzahl Ausländer kampiert auf einem der Forts in Baracken. Als dieser Tage zwei Streikende zwei der ausländischen Arbeitswilligen baten, einmal herauszukommen, um sich über die Verhältnisse und den Grund des Streiks aufklären zu lasten, zog einer der Arbeitswilligen einen Revolver und schoß ohne jede Veranlassung auf die Streikenden, glücklicherweise ohne jemand zu treffen. Was wäre geschehen, wenn die in Lebensgefahr schwebenden Streikenden in der gleichen„Sprache" zu ihrer Verteidigung geantwortet hätten I In Preutzen-Deutschland führen die Unternehmer fiskalische Ar- beiten aus, zu deren Kosten die Arbeiter als Steuerzahler in nicht geringem Matze mit beitragen müssen. Sind die Arbeiter gezwungen, um eine anständige Bezahlung ihrer schweren Arbeit herbeizuführen, zum letzten Mittel zu greifen und die Arbeit niederzulegen, dann darf das„nationale" Unternehmertum mit staatlicher Erlaubnis aus halbwilden Gebieten Lohndrücker herbeiholen, die unzweifelhaft eine Gefahr in sozialer, kultureller und krimineller Beziehung bilden. Im Kölner Gebiet haben seinerzeit kroatische Lohndrücker zwei alte Bauersleute überfallen, beraubt und in bestialischer Weise ermordet (Durbuscher Mordprozeß). Und andere Schandtaten allerlei Art sind auf Konto der kulturell tiefstehenden Eingewanderten zu setzen. Solche Elemente werden(mit behördlicher Genehmigung?) bei Lohn- kämpfen mit Revolvern und sonstigen Mordwerkzeugen ausgerüstet und auf die organisierten Arbeiter losgelassen. Für die Folgen, die sich aus solchen Verhältnissen ergeben, sind nicht diese ungebildeten Arbeitswilligen, sondern ihre Begünstiger verantwortlich zu machen, die diese Arbeitswilligen ins Land hereinholen, um sie gegen die um menschenwürdige Daseinsbedingungen ringenden Arbeiter ins Feld zu führen._ Warnung vor Zuzug! Dooenbach, 10. Juni.(Privattelegramm des„Vorwärts".) In den Bergmannwerken zu Bodenbach ist ein Streik ausgebrochen- Zuzug ist fernzuhalten._ Beendete Aussperrung in der Fürther Spiegelindustrie. Bekanntlich hatten die Glasarbeiter, die Metallarbeiter und Holzarbeiter bei der Firma Offenbacher in Fürth(Bayern) Forde- rungen gestellt, und als diese nicht bewilligt ivurden, stellten die ge- samten Arbeiter des Betriebes die Arbeit ein. Die Industriellen hatten nichts Eiligeres zu tun. als eine Unternehmerorganisation zu gründen, die sofort beschloß, eine Aussperrung vorzunehmen. Da sich die Verhandlungen zerschlugen, wurden am 30. Mai die Arbeiter fast aller Betriebe in Fürth ausgesperrt. Die dann erneut auf- genommenen Verhandlungen führten zu einer Einigung und für die Arbeiter zu einem befriedigenden Resultat. Die Glasarbeiter der Firma Offenbacher erreichten eine Lohnerhöhung von 10 Proz. Auch für die Holzai bester und Metallarbeiter wurden in fast allen Be- trieben wesentliche Zugeständnisse erreicht. Die Arbeitszeit wurde schon am 1. April 1912 von 56 auf 53 Stunden herabgesetzt. Die Industriellen erklärten daher jetzt, daß von einer weiteren Ver- kürzung der Arbeitszeit zurzeit nicht die Rede sein könne. Erreicht wurde aber doch, daß am 1. Juli 1913 die 54slündige Arbeitszeit eingeführt wird. Die Arbeiter gehen aus diesem Kampf mit einem annehmbaren Resultat hervor. Die Aufnahme der Arbeit erfolgte am 10. Juni._ HuoUnd. Unter den Matrose» und Dockarbeitern Antwerpens macht sich eine Streikbewegung bemerkbar. Es heißt, daß ein Generalstreik bevorstehe, dieser soll jedoch keinen politischen Hintergrund besitzen. Die Decker verlangen eine Lohnerhöhung, während die Matrosen die Anerkennung ihres Syndikates verlangen. Auf 4 Dampfern wei- gerten sich die Matrosen einschreiben zu lasten. Man hofft jedoch, daß dieser Streik in einigen Tagen beigelegt sein wird. Seemannsstreik in Frankreich. In dem Augenblick, als der Ozeandampfer„France" nach New Jork abfahren wollte, forderten 550 Heizer, Kohlenträger und Ma- trafen eine Lohnerhöhung um 30 Frank monatlich für Heizer und 20 Frank für Kohlenträger und Matrosen. Als ihre Forderung ab- gelehnt wurde, gingen alle an Land, so daß die Abfahrt der„France" verschoben werden mutzte. Ungefähr 1000 organisierte Seeleute haben sich mit den Maschinisten, Heizern und Kohlenträgern des Ozeandampfers„France" solidarisch erklärt. Es ist nicht ausge- schloffen, daß sich aus der Affäre ein allgemewier SeeMNnsstrelk entwickelt._ Streik der norwegischen Schiffsmaschinisten. In der Nacht vom Freitag auf Sonnabend ist im Schiffahris- Wesen Norwegens ein Streik ausgebrochen, der außerordentlich lähmend auf das Wirtschaftsleben einwirkt und auch den Touristen- berkehr aufs schwerste schädigen mutz. Es sind über 600 Maschi- nisten, die die Arbeit niedergelegt hoben oder in den Streik treten werden, sobald ihr Schiff den Heimathafen erreicht hat. Der Streik erstreckt sich auf 423 Fracht- und Passagierdampfer der regelmäßigen Küsten- und Seeschiffahrt. Die Maschinisten haben, ehe sie sich zur Arbeitsniederlegung entschlossen, alles aufgeboten, um auf güt- lichem Wege zu der notwendigen Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen zu gelangen, aber die langwierigen Verhand- lungen mit den Reedern und Schiffahrtskapitalisten führten zu keinem annehmbaren Ergebnis. Die norwegische Regierung hat» statt energisch und als unparteiischer Vermittler für eine Einigung der Parteien zu sorgen, 12 der vom Streik betroffenen Dampfer leihweise übernommen, um unter militärischem Kommando auf be- stimmten Routen den Verkehr aufrecht zu erhalten, und zwar mit Hilfe von Maschinisten der Kriegsmarine. Die Marinemaschinisten» die auch dem Maschinistenverband angehören, weigern sich, ihren streikenden Kollegen in den Rücken zu fallen, selbst auf die Gefahr, vor die Kriegsgerichte gestellt zu werden. Der Maschinistenverband ist jedoch nach gründlicher Prüfung der Sachlage zu der Ueber- zeugung gekommen, daß keine Einwendung gegen die Aufrecht- erhaltung der betreffenden Routen erhoben werden soll, sofern die Veranstaltungen nicht direkt in den Konflikt eingreifen oder zur Verlängerung des Kampfes dienen, und datz demgemäß die Marine- Maschinisten nicht als Streikbrecher zu betrachten sind, solange sie ausschließlich für Rechnung des Staates und unter militärischem Kommando tätig sind._ Hus der frauenbewegung, Arbeiterinnenschutz und Polizeipraktiken. Wie leicht unter Umständen Interessen von Arbeiterinnen preis- gegeben werden aus Rücksicht auf das Wohlbefinden bessergestellter Kreise, zeigt folgender Vorgang, der sich nach dem Bericht des Ge- wevbeinspektors für Köslin in seinem Bezirk ereignet hat: In Stolpmünde-bestehen Fischräuchereien. Diesen war in Rück- ficht auf das Seebad durch Polizeiverfügung das Räuchern am Tage verboten worden. Da nach einer Bekanntmachung des Reichs- kanzlers vom 1. Januar 1910 ab die Beschäftigung von Arbeite- rinnen der Fischräuchereien auch nachts dann erlaubt ist, wenn es sich um das Räuchern von Seefischen handelt, die von den Fischern aus ihren Booten direkt an die Räuchereien geliefert werden, in diesen Betrieben aber meist Arbeiterinnen beschäftigt werden, so waren diese eben jetzt zur Nachtarbeit verurteilt. Was kümmert der hochwohllöblichen Polizei die Gesundheit der Arbeiterinnen, wenn nur durch Nachtarbeit die Belästigung der Besucher des Seebades durch Rauch während der Tagesstunden be- seitigt werden konnte. Diese muß übrigens nicht besonders groß gewesen sein, denn die Gewerbeinspektion, welche die Aufhebung der Verordnung veranlaßte, hielt die geringe Rauchbelästigung nicht für ausreichend, um eine derartige Verfügung genügend zu be- gründen und außerdem eine solche Vermehrung der Frauennacht- arbeit durch behördlichen Zwang nicht für wünschenswert. Unge- setzlich ist sie aber nicht. Abgesehen nun von der wenig rücksichtsvollen Art. in der hier durch die Polizei Interessen von Arbeiterinnen preisgegeben wurden, zeigt der Vorgang aber auch in aller Deutlichkeit, wie lückenhaft die Arbeiterinnenschutzgesetzgebung ist. Was mühsam der Regierung an Schutzbestimmungen abgerungen wurde, wird durch Ausnahmebestimmungen wieder illusorisch gemacht. Der besondere Erlaß für Fischkonservenfabriken hebt den gesetz- lichen Maximalarbeitstag für erwachsene Arbeiterinnen und das Verbot der Nachtarbeit, Vorschriften, die seit 1891 bestehen, nahezu vollständig wieder auf. Und wer kontrolliert denn, ob auch wirk- lich alle Vorbedingungen für die zulässigen Ausnahmen erfüllt sind und wer sorgt dafür, datz der noch übrigbleibende minimale Schutz auch wirklich zur Anwendung kommt? Bis jetzt sind gesetzliche Garantien hierfür noch nicht geschaffen. Wohl wird auf Weltausstellungen und bei sonstigen Gelegen- Helten der deutsche Avbeiterschutz als mustergültig hingestellt und werden seine Wirkungen in allen Tonarten gepriesen. Die Arbeiter- schaft aber kennt seine Lücken und weiß, daß ihr allein unter den gegebenen Verhältnissen die praktische Durchführung der papiernen Bestimmungen überlassen bleibt. letzte Nachrichten. Die Wöllersdorfcr Pulverexplosion vor dem Parlament. Wien, 10. Juni.(W. T. B.) Der Minister für Lanidesvertei» digung erstattete Bericht über die Pulverexplosion am 7. und 9. d. M. und sicherte rascheste und strengste Untersuchung zu» deren Ergebnisse er mit rückhaltloser Offenheit dem Hause miitteilen werde. Alle in der Oeffentlichkeit über die Ursache der Explosionen angestellten Vermutungen seien vorläufig mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen. Bei der Explosion, die am 9. Juni erfolgte, lägen Anzeichen eines verbrecherischen An- schlages vor. Für die Familien der Verunglückten werde in aus» reichendem Matze gesorgt werden. Fernflug Berlin— Wien. Wien, 10. Juni.(P. C.) Oberleutnant B l a s ch k«"-ist mit seinem Passagier wohlbehalten bei Gänserndorf gelandet. Der Flieger war infolge der Dunkelheit gezwungen, um 8 Uhr 55 Min. eine Notlandung vorzunehmen. Sein Apparat sowie er und sein Passagier sind wohlbehalten angekommen. Die Landungsstelle be- findet sich 20 Kilometer vom Ziel entfernt. Der neue englische Kriegsminister. London, 10. Juni.(W. T. B.) Der ParlamentS-Untersekretär im Kriegsamt, Oberst S c e l y, wird der Nachfolger Lord H a l d a n e S werden. Die englischen Reeder gegen die Regierunge London, 10. Juni.(W. T. B.) Bei der heute nachmittag stalt- gehabten Konferenz haben die Reeder die Vorschläge der Regierung zurückgewiesen. Für morgen wird die Proklamation des Generalstreiks der Transportarbeiter erwartet. Die Unruhen auf Kuba. Washington, 10. Juni.(W. T. B.) Der Kreuzer„Washington" und daS Schlachtschiff„Rhode Island" sind heute früh nach Havanna abgegangen. Jedes Schiff hat neben der regulären Mannschaft von 55 Seesoldaten noch 125 Mann an Bord, die nur im Notfalle in Havanna gelandet werden sollen; für diesen Fall stehen auch die Matrosen der beiden Schiffe zur Verfügung. Der A-dmiiral Osterhaus, der Befehlshaber der Atlantischen Flotte, ist an Bord der„Washington". Durch ungenügende Bausicherung in den Tod, Köln, 10. Juni.(W. T. B.) Heute nachmittag stürzte das Bau- gerüst eines Neubaues am ReichKplatz in Köln-Deutz ein. Ein Zimmergcselle wurde getötet, ein Arbeiter ist schwer und ein zweiter leichtverletzt worden» Berantw. Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.u. VerlagSanstatt glagl Singer Je Co., Berlin S�V. Hierzu Z Beilagen u. UnterhaltungSbl. Nr. 133. 29. Jahrgang. 1. fifilnjc Ks Jotniätls" Kerlim WMlt. Dic«sI»g,ll.ZmiilSlz. Zm fall„Göppingen". _ In der Angelegenheit der Göppinger Volkszeitung ist tti der Leipziger„Volkszeitung" und der„Bremer Bürgerzcitung" ein längerer Artikel gegen unsere Erklärungen vom 4. und 6. Juni der- öfsentlicht worden, dessen Inhalt, obwohl er„Tatsachen über den Fall Göppingen" betitelt ist, zum erheblichen Teil den Tatsachen direkt widerspricht. Das zwingt uns, kurz auf diese Veröffentlichung einzugehen. Es heißt in dem Artikel: „Es soll ohne weiteres zugestanden werden, daß der Partei- borstand eine Verschmelzung mit Ulm in keinem seiner offiziellen Schriftstücke bedingungslos gefordert hat." Diese Behauptung, die den Glauben erwecken soll, als habe der Parteivorstand im Widerspruch mit dem Inhalt seiner offiziellen Briefe eine Verschmelzung wenigstens bedingungsweise gefordert, muß als dreiste Verdächtigung entsckieden zurückgewiesen werden. Wenn es weiter in dem Artikel heißt: ..... es ist nicht wahr, was der Parteivorstand behauptet, daß sich die Göppinger in keiner bedrängten Lage befanden, da er ihnen Geld angewiesen hat. Die Göppinger hatten das Geld am Sonnabend zu zahlen, Freitag erst kam die Anweisung vom Parteivorstand, aber die entscheidenden Sitzungen fanden schon Dienstag und Donnerstag statt. Und auch das Freitag ihnen an- gewiesene Geld bekamen die Göppinger nicht direkt, sondern es wurde der Gesellschaft„Schwäbische Tagwacht" überwiesen, die noch Sonnabend die Aushändigung des Geldes von der Verschwel zung abhängig machte," so muh wiederholt festgestellt werden, daß der Parteivorstand dem Göppinger Geschäft zur Befriedigung der drängenden Gläubiger ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt hat. Wir haben dem Verlag der Göppinger„Freien Volkszeitung" am 23. Mai folgende geschrieben: „Werte Genossen! Der Genosse Heinrich hat uns berichtet über den Stand des dortigen Unternehmens. Daraus ergibt sich, daß die Verhältnisse doch erheblich schlechter liegen, als nach den bisherigen Berichten anzunehmen war. Wir haben auch Kenntnis genommen von den uns unter- breiteten Vorschlägen zur Sanierung und künftigen Verwaltung des Unternehmens. Dabei vermissen wir jedoch jegliche Erklä- rung über das Ergebnis der Verhandlung mit den Ulmer Ge- nassen wegen Uebernahme des Druckes ihres Blattes. Nach unseren Abmachungen in Stuttgart sollte diese Frage ernstlich erwogen werden und bei den großen Zuschüssen, die nach dem - vorliegenden Bericht das Göppinger Unternehmen künftig er- fordert, ist die Regelung dieser Angelegenheit für uns von großer Bedeutung. Wir haben deshalb unsere endgültige Entscheidung über die gemachten Vorschläge ausgesetzt, bis uns Bericht über die Regelung der Ulmer Angelegenheit vorliegt. Bis dahin sind wir aber bereit, für die notwendig werdenden Zahlungen die erforderlichen Beträge vorzustrecken." Wir haben durch Vermittlung des Stuttgarter Geschäfts go zahlt, um durch die Ucberscndung des Geldes nicht Zeit zu ver lieren, sondern die Göppinger auf dem s ch n e l I st e n Wege in den Besitz des Geldes zu setzen. Es ist also eine Unaufrichtigkcit, wenn angesichts dieser Tatsachen nach wie vor der Anschein erweckt werden soll, dem Göppinger Geschäft seien die zur Schuldentilgung erforderlichen Mittel nicht zur Verfügung gestellt worden. Unwahr ist auch, wie bei den Verhandlungen in Stuttgart fest- gestellt wurde, daß die Stuttgarter Geschäftsleitung die Auszahlung des Geldes, die sie nur als Bankier des Parteivorstandes zu be- wirken hatte, von der Verschmelzung des Göppinger Blattes mit dem Ulmer abhängig gemacht habe. Unser» Vorwurf, daß die Göppinger Genossen den Partei- vorstand über den Verlauf ihrer Verhandlungen mit Ulm vor ihrer Entscheidung nicht unterrichtet hätten, versucht der Artikelsch-reiber mit folgenden Worten zu entkräften: „Aber die Göppinger hörten immer, der Landesvorstand berichte nach Berlin." Mit dieser allgemeinen Bemerkung ist nichts anzufangen. Wer sind„die Göppinger", die das„hörten", wann und von wem hörten sie das? Infolge der von Thalheimer veröffentlichten Erklärung haben inzwischen in Göppingen von neuem Verhandlungen stattgefunden, an denen teilgenommen haben: der Aufsichtsrat und Vorstand des Göppinger Geschäfts, die Göppinger Parteiinstanzen, als Ver- kleines feuMeron AuS der Geschichte der Unterseeboote. Die Entwickelung der modernsten Seewaffe, des Unterseebootes, hat ihren Weg über ein Feld von Leichen genommen, und obwohl diese Waffe im männer« mordenden Kampfe ihre Eignung überhaupt noch nicht hat be- währen können, haben trotzdem schon viele brave Seeleute durch sie ein schauerliches Grab in den Wellen gefunden. An dem Problem des UnterwasserschiffeS hat die Menschheit ähnlich wie an dem des Luftfahrzeuges Jahrhunderte gearbeitet. Ein Engländer war es, Cornelius van Drebbel, der im Jahre 1624 auf der Themse bei London ein Boot vorführte, das unterzutauchen vermochte. Schon damals hatte der Erfinder den für jene Zeit überaus geistreichen Gedanken in die Tat umgesetzt, die von der Besatzung des BooteS ausgeatmete Luft chemisch zu reinigen, um so die Leute vor der Gefahr des Erstickens zu bewahren. Noch beute wird die ausgeatmete Kohlensäure durch besondere Appparate innerhalb des BootsraumcS chemisch gebunden, während komprimierter Sauerstoff, der in großen Behältern mitgeführt wird, der Besatzung für mehrere Stunden die zum Annen nötige reine Lnft liefert. Die Erfindung Drebbcls wurde aber nicht weiter verfolgt; es dauerte genau 150 Jahre, bis wieder ein Engländer, namens Day, einen Versuch mit einem Unterseeboot anstellte. Er fuhr auf die Reede von Plyinouth hinaus und tauchte draußen auch unter. Aber es wurde nie wieder etwas von ihm und seinem Schiffe gesehen. Sem Mißerfolg hielt Robert F u l t o n, den Erfinder de» Dampfschiffes, von eigenen Versuchen dieser Art nicht ab. Im Jahre 1797 baute er ein Unterwasserboot, mit dem er auf der Seine Versuchsfahrten machte. ES gelang ihm auch, vier Sumden lang in einer Tiefe von acht Meiern unter dem Wasserspiegel auszuhallen. Er hatte bei seinen Versuchen auch bereils die Verwendungsmöglichkeit seines Fahrzeuges für den Seekrieg im Auge. Fulton erlebte aber den völligen Ausbau seiner Erfindung nicht mehr, und nach seinem Tode gab man die Versuche, die sich bereits aus die Verwendung der Preßlust bezogen, auf. Wieder verging ein halbes Jahr- hundert. Dann machte, im Jahre 1851, ein bayerischer Unteroffizier namens Bauer neue Versuche mit einem Schiff, das die Fähigkeit haben sollte, unter Wasser zu fahren. Aber bei der ersten Probe- fahrt im Kieler Hafen ging da« Fahrzeug unter. Als 1887 große Baggerungen stattfanden, fand man den Schiffsrumpf in tiefem Sande eingebettet. Die Ueberreste des Wracks wurden dem Berliner Museum für Meereskunde überwiesen. Während des amerikanischen Sezessionstrieges wurde von den Konstrukteuren Clintock und Howgatc ein Unterseeboot gebaut, das zwar mit Hilfe eines Torpedos ein kleines Kriegsschiff zum Untergang brachte, aber selbst dabei zugrunde ging. Weitere Versuche stellte vor etwa 50 Jahren Norden- felt an. Er luchte ein Boot, das leichter war als das von ihm ver- drängte Wasser, mit Hilfe von Schrauben unter die Oberfläche zu bringen. Beim Stillstand der Schrauben mußte natürlich das Boot unbedingt wieder zur Oberfläche emporsteigen. Die Probefahrten zeitigten ein ganz gutes Resultat, aber man verfolgte die Erfindung nicht weiter. I treter der Redaktion die Genossen Radek und Thalheimer, als Ver- treter des Laridesvorstandcs die Genossen Hildenbrand und Wasner, für den Parteivorstand die Genossen Ebert und Braun. Hier kam es zunächst darauf an, über die bisher gepflogenen Ver- Handlungen Klarheit zu schaffen. Dabei ergab sich, daß Genosse Rade! bereits in einer Sitzung, die der Beschlußfassung über die Vereinbarumg mit dem Landesvorstand und den Ulmer Genossen vorausgegangen war, erklärt hatte, er sei von Genossen Thal- heimer ermächtigt worden, zu erklären, daß Thalheimer aus seiner Stellung ausscheide, wenn der Landesvorstand den in der Vereinbarung vorgesehenen Einfluß auf das Blatt erhalte. Wie später f e st g e st e l l t worden ist und von Radek auch zu- gegeben werden mutzte, hat ihn Thalheimer zu dieser Erklärung nicht ermächtigt; er hat sie vielmehr ohne dessen Wissen und Willen abgegeben. Genosse Thalheimer hat sie aber erst in der Göppinger Parteiversammlung zu der seinigen gemacht. Im Laufe der Beratungen nahm er zweimal einen Teil der in seiner veröffentlichten Erklärung enthaltenen Behauptungen als unhaltbar zurück, um sie freilich nach Besprechung mit Radek wieder Wort für Wort aufrecht zu halten! Als das Ergebnis, der sicbenstündigen Verhandlungen in einer von den Göppinger Partei- un-d Geschäftsinstanzen abzugebenden Erklärung zusammengefaßt werden sollte, kam es infolge des Ver- Haltens des Genossen Radek, das näher zu charakterisieren wir uns hier versagen müssen, zum Abbruch der Verhandlungen. Auf Wunsch der Göppinger Geschäftsleitung fanden in Stutt gart am folgenden Tage weitere Verhandlungen statt, zu denen die Mitglieder der Göppinger Parteiinstanzcn eingeladen und, soweit sie nicht dringend verhindert, auch erschienen waren. Von den Göppinger Genossen wurde die am Tage vorher besprochene Er- klärung vollinhaltlich akzeptiert und unterzeich- n e t. Die Zustimmung der abtvesenden Genossen sollte eingeholt und dann die von allen Zustimmenden unterschriebene Erklärung dem Parteivorstand zur Veröffentlichung übergeben werden. Das ist nunmehr geschehen. Die Erklärung lautet: „Nach eingehender Aussprache mit den Vertretern des Partei Vorstandes, des Landcsvorstandcs und der Ulmer Genossen er klären wir folgendes: Der Parteivorstand hat für seine Mithilfe bei der Sanierung der Göppinger„Freien Volkszeitung" weder deren, Verschmelzung mit dem Ulmer Partciblatt, noch dessen Druck in der Göppinger Druckerei zur Bedingung gemacht. Er hat viölmchr nur gewünscht, daß versucht werden sollte, den Druck des Ulmer Blattes der Göppinger Druckerei zu übertragen, um diese lcbcns- sähiger zu gestalten. Ucber den Verlauf der Verhandlungen sollte ihm berichtet werden, dann wollte er über seine Beteiligung cnt- scheiden. Vor der Beschlußfassung des sozialdemokratischen Ver- eins in Göppingen ist dem Parteivorstand über den Verlauf der Verhandlungen"n i ch t berichtet worden, obwohl er schriftlich die Leitung des Göppinger Geschäfts darum ersucht hatje. Es kann daher auch dem Parteivorstand nicht der Vorwurf der Passivität gemacht werden. Es ist unrichtig, daß der Rücktritt des Genossen Thal- heim er erpreßt worden ist. Seine Rücktrittserklärung ist viel- mehr bereits vor der Versammlung in Göppingen ohn� sein Wissen von seinem Vertreter abgegeben und später in, der Versammlung von ihm wiederholt worden. Ter Parteivorstand hat ausdrücklich erklärt, daß seine Mithilfe bei der Sanierung dcs> Göppinger Mattes dessen Redaktionsführung auf keinen Fall be- cinflussen dürfe, insbesondere hat er dafür nicht die Entlassung des Genossen Dr. Thalheimer zur Bedingung gemacht. Das letztere kann auch dem Landekvorfland und den Ulmer Genossen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Allerdings hat der Landes- vorstand erklärt, daß bei Schaffung einer einheitlichen Redaktion für beide Blätter aus finanziellen Gründen nur e i n Redakteur beschäftigt werden könne, auch hat er gegen die Forderung der Ulmer. Genossen, dem Genossen Roßmann die Leitung der Redaktion zu übertragen, nicht ausdrücklich Einspruch erhoben, ohne sie dadurch zu der scinigcn zu machen. Die Göppinger Parteiinstanzcn haben sich bei ihren Eni- schließungen zum Teil von irrigen Voraussetzungen und Schluß- Folgerungen leiten lassen." Ortsvcrcin Göppingen; Kreisvorstand des 10. württem» bergischen Kreises; Verlag und Geschäftsleitung der„Freien Volkszcitung". (Es folgen die sämtlichen Namen.) Die ersten Konstrukteure, denen der Bau seetüchtiger Untersee- boote gelangen, waren die Franzssen Gustave Zödö und Goubet. Sie schufen 1889 einen Typ, bei dem zum ersten Male das P'eriskop zur Anwendung gelangte. Dieses Instrument dient zur Orientierung unter Wasser Nnd» besteht aus ciuem Ötohr, das über der Wasseroberfläche hinausragt. An seinem oberen Ende ist ein Spiegel befestigt, der sich nach allen Richtungen drehen läßt und so die Möglichkeit bietet, vom Innern des Bootes aus den ganzen Horizont zu überblicken. Sieben Jahre später begann die französische Regierung ernsthaft mit dem Van solcher Boote. Doch erst die Konstruktion lies amerikanischen Ingenieurs I. P. Holland gab der Unterseeboot- technik größeren Impuls, da die Mächte sich nun für dieses neue VernichtungSiustrumcnt interessierten. Holland hatte 1896 für die Flotte der Vereinigten Staaten für 150 000 Dollar ein Tauchboot auf einer Werft in Baltimore erbaut, das vorbildlich wurde für alle späteren Typs. Ein Menschenalter hindurch hatte sich dieser Konstrukteur der Aufgabe gewidmet, ein durchaus seetüchtiges und kriegsbrauchbares Tauchboot zu schaffen, und er war dabei schließlich wieder bei dem ältesten und einfachsten Hilfsmittel, dem Einlassen und Wiederauspumpen von Wasser zum Zwecke des SenkenS und Hebens zurückgekehrt. Von dem großen Enthusiasmus, mit dem man anfänglich die Tauchboote begrüßte, ist man heute allerdings freilich weit entfernt. Minna KantSky, die ausgezeichnete Volksschriftstellcrin. vollendet am 11. Juni das 75. Lebensjahr. Unter den zeitgenössischen Schrift- stellern zählte sie zu den ersten, die auS der Welt des proletarischen Klassenkampfes die Anregungen zu ihrer künstlerischen Betätigung schöpften. Ihre lebensvollen sozialen Romane und Erzählungen „Stefan vom Grillenhos".„Victorie",„Die Alten und die Neuen", Helene" haben in früheren Jahren durch unsere Partei- zeitungen weite Verbreitung gefunden. Trotz körperlicher Leiden schafft Minna Kautsky in den letzten Jahren eifrig an der Niederschrift ihrer Memoiren. Sie will sie ireklich nur dein großen Kreise ihrer Kinder, Enkel und Urenkel be- stimmt wissen. Allein sie hat in einem reichen, mannigfach bewegten Leben soviel des Interessanten durchlebt und erfahren, daß sie den Schatz ihrer Erinnerungen den weitesten Kreisen der sozialdemo« kratischen Arbeiterschaft zugänglich machen sollte. Möge sie das be- gonnene Werk in rüstiger Geisteskraft zu Ende führen I Eine Reform der Arbeiterdibliotheken Wiens wird jetzt energisch betrieben. Nach Referaten der Genossen Josef Luitpold Stern und Abg. Winarsky stimnile eine von 240 OrgamsationS- Vertretern und Bibliothekaren besuchte Konferenz fast einhellig einem Programm zu, das die Errichtung einer dem Unterrichtsansschuß anzugliedernden Zentralstelle für das Bibliotheks- wesen verlangt. Die Zentralstelle soll Besprechungen der Bücher- warte veranstaltej». Ratschläge für die Zusammenstellung der Biblio- theken und für die planmäßige Ergänzung der Bücherbestände geben und ein planmäßiges Zusammenwirken zwischen Vortragstätigkeit und Bibliotheksarbeit herbeiführen. Im Herbst soll zum ersten Male ein Kurs zur Heranbildung tüchtiger Bibliothekare der Arbeiter- organisationen abgehalten werden. Tötet die Fliegen! Es gibt noch immer Leute, die einer Fliege kein Haar krümmen können, und das Tierchen, wenn es ihnen in In dem Begleitschreiben, mit dem uns die Erklärung über- sandt wurde, heißt es u. a.: „Wir teilen hierdurch dem Parteivorstand mit, daß die heutige kombinierte Sitzung des Kreisausschusses, Ausschutz des Orts- Vereins Göppingen, sowie Vorstand und Aufsichtsrat der Gc- nossenschaft, der in Stuttgart vereinbarten Resolution einstimmig zugestimmt hat. was durch die Unterschriften bescheinigt ist. Ebenso ist der Kreisvorsitzende Schepperle durch Unterschrift der Reso- lution beigetretew" Da also diese einmütige Erklärung in Abwesenheit der Ver- treter des Parteivorstandes und des Landesvorstandes, wie aller- dings auch des Genossen Radek. der sich an diesem Tage nicht in Göppingen befand, abgegeben worden ist, so kann sie gewiß nicht als eine beeinflußte bemängelt werden. Bezeichnend für die bedenkliche Rolle, die einzelne Genossen in dieser unerquicklichen Angelegenheit spielen, ist ein als„streng vertraulich" bezeichnetes längeres Schreiben, das mit den Namen Westmeyer, Radek und Thalheimer unterzeichnet und an die Rc- daktionen der Parteiblätter in Leipzig, Halle, Bremen, Essen, Elber- feld, Düsseldorf und Solingen, sowie an zehn einzelne Partei- genossen versandt worden ist. In diesem Schreiben wird von den oben erwähnten Beratun- gen in Göppingen ein völlig entstelltes, zum Teil direkt wahrheitswidriges Bild gegeben und dadurch versucht, die Erklä- rung der Göppinger vor der Veröffentlichung durch den Partei- vorstand bereits zu diskreditieren. Wir begrüngen uns damit, dieses Treiben niedriger zu hängen und zweifeln nicht daran, daß die Adressaten, wie auch die Gesamtpartei es entsprechend würdigen werden. Da dieses„streng vertrauliche" Schreiben auch uns direkt zugesandt worden ist, wahrscheinlich in der Absicht, uns einzuschüch- tern, wie aus anderen uns zugegangenen Drohnoten gefolgert wer- den mutz, so erschien ein Hinweis darauf geboten. Wie verfahren die Verhältnisse in Göppingen sind und wie dort von einzelnen Genossen gehandelt wird, erhellt aus dem nach- stehenden Schreiben an uns vom 3. d. M., das wjr soeben cmp- fangen haben: „In einer auf gestern abend einberufenen Sitzung des Kreisvorstandes, des Vorstandes und Aufsichtsrats unserer Ge-„ nossenschaft und der Göppinger Parteileitung unterschrieb ich die Ihnen zugesandte Erklärung, ohne jedoch mit deren Inhalt voll einverstanden zu sein. JchstehevielmehrnachwievoraufdemStand- Punkt, daß der Rücktritt des Genossen Thal- heimer ein erzwungener war. Um aber die weiteren Verhandlungen in der Sache nicht zu erschweren, wird die Kreisgeneralversammlung am 16. Juni meinerseits Gelegenheit erhalten, eine Lösung zu treffen, die den Partei- und Landesvorstand nicht länger davon hindert, seine Parteipflicht zu erfüllen. Mit Parteigruß Chr. Schepperle, Oestl. Ringstr. 80a. Die Sanierung des Göppinger Geschäfts, das infolge leicht- fertiger Bcaründung in große Bedrängnis geraten ist, wird un- gemein erschwert, wenn Genossen, die zum Teil den Göppinger Verhältnissen fernstehen, durch wahrheitswidrige Sachdarstellungcn einen Parteistreit inszenieren, anstatt die Schwierigkeiten mit aus dem Wege zu räumen. Der Parteivorstand hat beschlossen, seine Beteiligung an einer Sanierung auf der Grundlage der vom Landesvorstand, den Ulmer und den Göppinger Genossen getroffenen Vereinbarung über die Verschmelzung des Göppinger nnd des Ulmcr Blattes ab- zulehnen. Er kann es aber auch der Gesamtpartei gegenüber nicht verantworten, für ein Unternehmen, dessen Unrentabilität von vornherein feststand, über 100 000 M. zu opfern. Wohl aber wird cr sofort Schritte unternehmen, das Göppinger Zeitungsuntcr- nehmen so zu gestalten, daß die finanziell beteiligten Genossen nach Möglichkeit schadlos gehalten werden, daß die Parteibewegung in Göppingen vor weiterem Schaden bewahrt wird; und er wird dabei bemüht sein, den Göppinger Genossen ein Blatt zu sichern, das ihrer grundsätzlichen Auffassung entspricht. Ter Parteivorstand. den Kaffee gefallen ist, sorgfältig herausfischen und auf Löschpapier oder aus die Serviette legen, damit es sich trocknen und weiterfliegen kann. Wahrlich eine unangebrachte Tierliebe I Mau kann es viel- mehr verstehe», daß ein englischer Pädagoge verlangt, jedes Kind solle abends sich die Frage vorlegen:„Wieviel Fliegen habe ich heute getötet?" und die Kinder sollten gewissermaßen in Wettbewerb treten, denn es sei ein verdienstliches Werk, möglichst viele dieser kleinen Tierchen fortzuschaffen. In der Tat muß jetzt bei Beginn des Sommers, wo mich die Fliegenplage wieder einzusetzen droht, ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß die Fliege einer der gefährlichsten Feinde der Menschheit ist, und zwar nicht bloß die große Stechfliege, sondern gerade die kleine, harmlos aussehende llusoa domestica. Schon unsere Borväter sind mit der Fliegenklatsche gegen sie zu Felde ge- zogen, aber wenn man bedenkt, daß eine Fliege, die im Juni herausgekommen ist, bis zum Ende des Sommers Mutter und Großmutter von etwa 25 Millionen Fliegen geworden ist, muß man zugeben, daß die Fliegenklatsche allein nicht genügt, und man mutz versuchen, an den Fliegen Massenmord zu üben. Denn diese Fliege ist nicht mehr und nicht weniger als der tatsächliche Verbreiter aller der Bazillen und Bakterien, die nur im Magen des Menschen schädlich wirken. An den kleinen, feinen Beinchen der Fliege, die sich auf alles niederläßt, auf das Ekelhafteste wie auf das Köstlichste, haften bei jedem Niedersetzen diejenigen Bazillen, die die Materie enthält, und auf den nächsten Gegen- stand, also auf Obst. Brot. Zucker usw. überträgt die Fliege die an ihren Füßen sitzenden Bazillen, die auf diese Weise«n die Blutbahn des Menschen gelangen. Die tödlichsten Bakterien können so verbreitet werden, der Cholerabazillus wie der TyphuSbazillus, die Pest und die Tuberkulose. Es ist daher ein sehr guter Vor- schlag, in allen öffentlichen Lokalen, besonders in solchen, in denen Nahrungsmittel verkaust oder verabreicht werden, Plakate anzubringen mit der Inschrift:»Tötet die Fliegen I" Notizen. — Wandernde volkskynzerte, die nach der Art ver Wandertheater kleinen Städten zunächst der Mark Kunst vermitteln sollen, beabsichtigt man in den Kreisen der Gesellschaft für Ver- breitung von Volksbildung ins Leben zu rufen. — Meist bietend versteigerter Patriotismus. Der Gerichtsvollzieher Zimmermann in Potsdam gibt öffentlich bekannt, daß cr Dienstag, den 11. Juni, nachmittags 3 Uhr, mit:r anderem folgende Bücher an den Meistbietenden versteigert: Zirka 1980 Expl. Liman, Hohenzollern, » 473, Liman, Revolution, . 3000. Liman,, . 900„ Liman, Der Kaiser, „ 575« Peters, England und die Engländer, » 500. Paasche.Deutsch-Ostafrika, „ 2000» Peters, Gründung von Deutsch-Ostasrika. Sollten sich gerade in Potsdam keine Interessenten für solche Literatur finden, die ihr die öffentliche Feilbietung ersparen? oder find si° von der letzten Reichstagswahl als unnütz» Vakaft zMck- gevlieven» 18. Perbandsiltg des Zentrillverbandts der Schmede. Düsseldorf, den 8. Juni. Nach Eintritt in die Tagesordnung wird ein Antrag Düsseldorf dem Vorstande zur Berücksichtigung überwiesen, beim Reichstag eine Petition einzureichen, die die Abschaffung des Befähigungsnach- weises zur selbständigen Ausübung des Hufbeschlagegewerbes der- langt. Dann erstattete der 2. Vorsitzende Kamps den Bericht vom Internationalen Sozialistenkongretz in Kopenhagen und vom vor- jährigen Verbandstag des dänischen Schmiede- und Maschinen- arbeiterverbandes, denen Kamps als Vertreter der deutschen Schmiedeorganisation beiwohnte. Der Verbandstag erklärte sich ohne Diskussion mit den Berichten einverstanden. S i e r i n g- Berlin gab den Bericht vom ö. Internationalen Metallarbeiterkon- grest in Birmingham, zu dem Sieriug und der Zentralvorsitzende der Organisation als Delegierte des Schmiedeverbandes entsandt waren. Auf dem Kongreß waren 13 Länder und 771 8 organi- sierte Metallavbeitcr vertreten. Siering legte vor allem dar, wie der ganze Kongreß beherrscht war von dem Gegensatz zwischen den englischen und den kontinentalen Organisationen. Beide Redner, Siering wie Kamps, vertraten den Standpunkt, daß die internatio- nalen Tagungen durchaus notwendig seien zur Verständigung und Verbrüderung der Arbeiter der einzelnen Nationen.— Auch der Sieringsche Bericht wurde ohne Diskussion gutgeheißen. Danach gab Peter- Elbing den Bericht vom Dresdener Gewerkschasts kongreß, der ebenfalls ohne Diskussion angenommen wurde. Beim Punkt Wahlen wurde auf Vorschlag von B a s n e r Berlin einstimmig beschlossen, den jetzt bestehenden Vorstand und Ausschuß bis zum Tage der Verschmelzung in ihren Funktionen zu belassen. Dann wurde beschlossen, bei etwa noch folgenden Ver- Handlungen mit dem Vorstande des Metallarbeiterverbandes wegen des Uebertritts den Kollegen B a s n e r- Berlin hinzuzuziehen. Es wurde dann ein Antrag der Filiale Stolpe auf Erlaß von Filial schulden angenommen und die gleichen Anträge einer Reihe anderer Filialen dem Vorstand zur Prüfung und Erledigung in dem Sinne überwiesen, daß Schulden der Filialen beim Uebertritt nicht nach- bleiben. Damit waren die Arbeiten des Verbandstages erledigt Nach herzlichen Abschiedsworten des Kollegen S i g l- Wien sprachen Schlicke(Metallarbeiter) und der Verbandsvorsitzende Lange ein packendes Schlußwort. Sie ginyen von dem Gedanken aus, daß die Verschmelzung perfekt werden würde und daß durch ein harmonisch's Zusammenarbeiten in der Einheitsorganisation die großen Fragen, die man bis jetzt infolge der Zersplitterung nur mangelhaft lösen konnte, besser im Sinne der Arbeiterschaft gelöst würden. Mit einem Hoch auf die moderne Arbeiterbewegung wurde der Vev bandstag geschlossen._ Sechster Nerbllndstag der Gemeinde- und Stnatsnrbeiter. München, den 8. Juni. Die Debatte über die Beitrags- und Unter st ützungs- frage nahm die ganze Abendsitzung in Anspruch. Nach lebhafter Debatte wurden mit 48 gegen 39 Stimmen die von der Kommission empfohlenen Vorstandsanträge angenommen. Danach beträgt in Zukunft der wöchentliche Beitrag für männliche Mitglieder mit einem Wochenverdienst bis inkl. 16 M.: 25 Pf., bis inkl. 21 M.; 40 Pf., über 21 M. wie bisher 50 Pf. Für weibliche und jugend liche Mitglieder 25 Pf. Die Unterstützungssätze bei Erwerbslosigkeit wurden in der höchsten Klasse um 1,50 M.. in der 2. Klasse um 2 M. erhöht. In der Sonnabendsitzung wurde hierauf mit der Statuten beratung fortgefahren. Bei dct Streikunterstützung wurde beschlossen, daß diese solange gewährt wird, bis die Streik» bzw. Aussperrungsbeendigung vonr Verbandsvorstande erklärt ist. Auf welche Dauer nach Beendigung des Streiks bzw. Aussperrung noch weitere Unterstützung gezahlt wird, entscheidet der Verbands vorstand.— Für alle Mitglieder, welche dem Verbände noch kein Bierteljahr(13 Beitragswochen) angehören, wird nur die Hälfte der Unterstützungssätze gewährt.— Bei Beteiligung an Streiks anderer Verbände können die von diesen gezahlten Unterstützungs sätze in Anwendung gebracht werden.— Die Umzugsunterstützung wurde von 30 auf 50 M. erhöht. Von den Beiträgen erhalten die Berwaltungsstellen zur Bestreitung der örtlichen Ausgaben 25 Proz., doch wurde besonders bestimmt, daß die Filialen von diesen 25 Proz. auch die Ausgaben für Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung zu bestreiten haben. Ein Antrag Stuttgart, wonach der Redakteur au� dem Vorstand auszuscheiden hat, wurde angenommen. Ein An- trag, den Vorstand zu erweitern, wurde a b g e l e h nt. Mit 44 gegen 36 Stimmen wurde ein Antrag Mohs angenommen, wonach an Stelle des Redakteurs ein Sekretär in den Vorstand ein- tritt.— Der Verbandstag beschloß, die Pretzkommission aufzu- heben.— Das neue Statut tritt am 1. Oktober 1912 in Kraft. Als Sitz des Ausschusses wurde Stuttgart bestimmt. Die Gehälter der Angestellten wurden wie folgt geregelt: Das Ge- halt der Hilfsarbeiter beträgt für daS Probevierteljahr 500 M., nach erfolgter Anstellung 2200 M. Jahrcsgehalt, steigend jährlich um 100 M. bis zum Höcksstgehalt von 2600 M. Das Gehalt der Filial- angestellten soll mindestens ebenso hoch sein. Ein weiterer Antrag der Hilfsarbeiter im Hauptbureau, allen Verbandsangestellten eine jährliche Ferienzulage von 50 M. zu gewähren, wurde vom Verbandsvorsitzenden Mohs warm befürwortet, von Wutzky namens der Kommission bekämpft. Zum Punkt: Wahl der Berwaltungskörper steht ein Antrag des Vorstandes und des Ausschusses zur Debatte, an Stelle von Mohs Wutzky- Berlin als 1. Vorsitzenden zu wählen. Der Antrag wurde von Schön berg- Hamburg in l�istündiger Rede begründet. Die Quintessenz seiner Anklagen ging dahin: die Leistungen Mohs seien unbefriedigend, er sei publi- zistlsch und rednerisch zu schwach. Der Redner begründete dies ein- gehend und meinte, daß von Böswilligkeit nicht ohne weiteres ge- sprachen werden könne, wenn sämtliche Vorstands- und Ausschuß- Mitglieder hinter dem Antrag stehen. Wie die Dinge liegen, könnten die übrigen Borstandsmitglieder nicht mehr weiter mit MohS zusammenarbeiten. Der Antrag wolle nur das Beste für die Organi- sation; möge die Entscheidung ausfallen, wie sie wolle.— Diesen Ausführungen folgte eine einstündige Rede des unbesoldeten Vor- standsmitgliedes Becker, der in einigen Punkten die Ausführungen des Vorredners ergänzte. Er wies die Behauptung Mohs, daß ihm im Vorstand das Leben sauer gemacht worden sei, zurück. Von einer Maßregelung oder Abwimmelung könne nicht gesprochen werden, bei allen Maßnahmen hatten die übrigen Vorstandsmit- glieder nur das Wohl der Organisation im Auge. Einen ihm an- getragenen Gauleiterposten ohne Kürzung des Gehalts habe Mohs abgelehnt.— Nach einer zweistündigen Pause wurde die Debatte in einer Abendsitzung fortgesetzt. Als erster Redner in der Abendsitzung verteidigte sich Mohs gegen die Angriffe Schönbergs. Der Verbandstag möge entscheiden, ob er seinem Posten gewachsen sei oder nicht. Die übrigen Vor- standsmitglieder hätten systematisch gegen ihn gearbeitet; sie haben Sitzungen abgehalten, von denen er nicht unterricbtet war. Dittmer habe nach dem Grundsatz gegen ihn gearbeitet:„Gehe weg. auf daß ich mich setze." Zum Schlüsse seiner längeren Ausführungen be- tonte Mohs, er habe für die Organisation getan, was in seinen Kräften stand. Wenn der Verbandstag glaube, einen anderen Vor- sitzenden wählen zu müssen, dann möge er es tun.„Lassen Sie sich riicht von Mitleid, sondern von Gerechtigkeit leiten."(Beifall.) Die weitere Debatte wurde auf beiden Seiten mit großer Leidenschaft geführt. Gauleiter Ehret- Brandenburg erklärte, die Gauleiter, die längere Zeit im Hauptbureau gearbeitet hätten und die jetzigen Hilfsarbeiter ständen auf Seite Mohs.— Heck- m a n n- Mannheim und S e ba l d- München traten in längerer Rede für die Wahl Wutzky ein.— Der zweite Vorsitzende Riedel erklärte, daß, wenn Mohs wiedergewählt werde, die übrigen an- gestellten Vorstandsmitglieder eine Wiederwahl nicht annehmen Bei der hierauf durch g e h e i m e A b st i m« v» g vorge. nowmenen Wahl eines ersten Vorsitzenden fielen auf den seit- herigen Vorsitzenden Mohs 43, auf Wutzky- Berlin 42 Stimmen; zwei Zettel waren leer. Damit wäre Mohs mit einer Stimme Mehrheit gewählt. Wieder setzte eine längere Geschäftsordnungsdebatte ein. da der Vorsitzende H e ck m a n n erkläre, daß das Bureau der Auffassung sei, daß diese Wahl ungültig und ein weiterer Wahlgang not- wendig sei. Nach langer Diskussion konstatierte schließlich ein De- legierter an der Hand des Statuts, daß bei den Wahlen zum Vor- stand die einfache Mehrheit genüge. Darauf erklärte Heck- mann, daß das Bureau seine Zweifel fallen lasse und die Wahl Mohs als gültig anerkenne. Mohs gab hierauf die Erklärung ab, daß er, so schwer es ihm unter den gegebenen Verhältnissen falle, die Wahl annehme. Der Verbandstag kam hieraus in eine unangenehme Situation, da die seitherigen besoldeten Borstandsmitglieder.erklärten, daß sie eine Wiederwahl ablehnen. Daran knüpfte sich neuerdings eine längere Diskussion, in der der Vertreter der Generalkommission, Genosse K u b e, und andere Redner in eindringlichen Worten an die seitherigen Vorstandsmitglieder den Appell richteten, im Jnter- esse des Verbandes diesen Standpunkt aufzugeben.— Nach einer kurzen Beratung der Vorstandsmitglieder gaben dies« die Erklärung ab, daß sie eine eventuelle Wiederwahl annehmen würden. Hierauf wurden die seitherigen Borstandsmitglieder sowie als Redakteur Dittmer einstimmig per Akklamation wieder gewählt.— Aus der Wahl eines Sekretärs ging M a r o k e Frankfurt a. M. hervor. Zum internationalen Kongreß in Wien wurden Sebald München, Wutzky- und D i t t m e r- Berlin, zur internationalen Konferenz der Gemeindearbeiter W u tz k y- Berlin, Jh l e-Ham bürg, P e tzo ld- Nürnberg, Heinz- Düsseldorf und Weigl Augsburg delegiert. Hierauf wurden noch die Wahlen zum Ge werkschaftskongreß(15 Delegierte und 3 Vorstandsmit- glieder) vorgenommen. Der nächste Verbandstag findet in Hamburg statt. Huö der Partei. Der diesjährige Parteitag. Unser nächster Parteitag wird vom 15. September ab in Chemnitz stattfinden. Der Parteivorstand hat folgende provisorische T a g e Z o r d n u n g aufgestellt: 1. Konstituierung des Parteitags(Eröffnungsrede Genosse Bebel). Endgültige Feststellung der Tagesordnung 2. Geschäftsberichte des Parteivor stände«: a) Allgemeines. Referent: Genosse Ebert; b) Kassenbericht. Referent: Genosse Braun. 3. Bericht der Kontrollkommission. Referent: Genosse Kaden. 4. Bericht der Reorganisationskommission. Re ferent: Genosse H. Müller. 5. Die Reichstagswahlen. Referent: Genosse Scheide mann. 3. Bericht der ReichStagSfraktion. Referent: Genosse Stadthagen. 7. Der Imperialismus. Referent: Genosse Haas«. 8. Die Maifeier. Referent: Genosse P f a n n k u ch. 9. Der Internationale Kongreß in Wien. Referent: Genosse Molkenbuhr. 10. Anträge. 11. Wahl des Parteivor st andes, de« Partei-SuS« schusseS, der Kontrollkommission und des OrteS, an dem der Parteitag 1913 statt finden soll. Der Parteivorstand hat davon abgesehen, die Steuerfrage auf die Tagesordnung zu setzen, weil es ihm wünschenswert er- cheint, daß diese bedeutsame Frage vor einer Erörterung auf dem Parteitage in der Presse eingehender behandelt wird, als das bisher geschehen ist. Die Wahlrechtsfrage wird den bedeutsamsten Punkt der Tagesordnung deS Parteitages für Preußen bilden, der nur kurze Zeit nach dem deutschen Parteitage stattfinden wird. Ans diesem Grunde wurde davon abgesehen, dem Chemnitzer Parteitage die Behandlung derselben Frage zu empfehlen. Eine Konferenz der BildungSauSschüsse Thüringens, die der BorbereitungSarbeit für den kommenden Winter diente, tagte am Sonntag in W« i m a r. Es waren 44 Bertreler von 26 Orlen anwesend, ferner die Mitglieder des BezirksbildungsauSschusscS, die Parteisekretäre Leber und B a u d e r t und als Bertreler des ZentralbildungsauSschusscs Genosse Pieck. An den Bericht des BezirksbildungSauSschusseS über die verflossene Geschäfts j Periode schloß sich ein interessanter und ausgedehnter Med nungsaustausch, der mit der Annahme einer Resolution endcle, nach der die Konferenz zur Bekämpfung der Schundkinemalographie auffordert. ferner sich gegen das Dilettantenwescn in der darstellenden Kunst ausspricht und die Ar- beiterorganisationen und sportlichen und geselligen Arbeitervereine auffordert, ihre Vereinssestlichkeiten möglichst einzuschränken und ihre Mitglieder mehr als bisher zum Besuch der belehrenden und künstleri- eben Veranstaltungen anzuhalten. Daran anschließend wurden die ür das kommende Winterhalbjahr gemeinsam zu treffenden BildungS- arbeiten besprochen und der BezirksbildungsauSschuß mit deren Organisation beauftragt. Die Konferenz zeugte von dem ernsten Willen aller Bildungsausschüsse, in Zukunft mehr noch alS bisher planmäßige und systematische Bildungsarbeit zu leisten. Kreiskonferenz in Mriningen ll. Die Parteiorganisation im Wahlkreise Meiningen II(Sonne- berg-Saalfeld) � hielt am Sonntag, den 9. Juni ihre diesjährige Kreiskonferenz in Stockheim bei Sonneberg ab, ES wurde über den Bericht der Kreisleitung, die Reichstagswahl sowie über die neuen Statuten der Partei im Reiche und im Kreise verhandelt.— Der Kreis zählt 2900 Genossen und 300 Genossinnen. Als Sitz der Kreisleitung wurde wieder S a a l f e I d bestimmt. Huö Industrie und Handel. Preußische Staats Aktiengrsellschaftcu. Im Juni 1911 wurde bekannt, daß der preußische KohlenfiSkuS, richtiger die Verwaltung der preußischen Sraatskohlenzechen zu Recklinghausen, Besitzer der Mehrheit des Aktienkapitals derRhein- und Seeschiffahrts- A,-G. zu Köln geworden sei. Die Eniwickelungsgeichichte die'er Unternehmung, die jetzt mit ihren Tochtergesellschaften, die ebenfalls durch den preußischen FiskuS beherrscht werden, den ersten Jahresabschluß veröffentlicht, ist außer- ordentlich interessant� Sie ist wie so viele andere Vorgänge gerade in den rheinisch-westsälischen Industriegebieten ein charakteristisches Beispiel für die völlige Umbildung der Heuligen Wirtschaftslechnik, Die„reinen" Betriebe, die nur Erz förderten, verhütteten. oder Stahl herstellten, mit ihrer Kohle zu Markte gingen oder nur KokS produzierten sind längst Formen der Vergangenheit geworden. Bei dem gewaltig ausschreitenden Eniwickelüngsprozeß zu„ge- mischten" Werken, welche alle Produktionsstufen in sich vereinigen und erst mit den völlig fertigen Waren aus den Markt kommen, ist seit etlichen Jahren auch immer mehr das Transportgewerbe in Mitleidenschaft gezogen worden. Die ehemals selbständigen Rheinfrachten schisfer sind heute notleidende Kleinbetriebler geworden, denen die Grotzschiffahrts-Aktiengesellschaften und die Kohlenkontore, die Verfrachtungsorganisation deS Kohlensyndikats das Brot vor der Nase wegnehmen. Die großen Kohlen- und Erzgrubenkonzerne, die Hüttengruppen und sonstigen rheinisch-westsälischen Jndustriesippen arbeiten seit langein planmäßig auf Unabhängigmachung von der selbständigen Rheinschiffahrt hin. Auf dem Rhein verkehren die Schleppzüge der Firma Hugo Matthias S t i n n e s, andere Boote tragen den Namen der H a n i e l s, die im Kohlenbergbau eine große Rolle spielen. Schon 1904 erwarb die Harpener Bergbau- A.-G. die Gesell- schaft Kannengietzer, Mühlheim a. d. Ruhr. Heute hat dieses Reedereiunternehmen von Harpen einen Laderaum von rund 75 000 Tonnen zur Verfügung. Schon 1905 hat Harpen sich auch noch die Akrienmehrheit der Mainkette-A.-G. erworben. Ueoerdles ging auch von dieser Seite die Gründung der Rheinischen Kohlen- Handels- und Reederei- G. m. b. H.— das Kohlenkontor des Kohlensyndikats!— aus. Gelsenkirchen transportiert heute vielleicht 8—9 Millionen Tonnen Fracht auf dem Rhein. Dazu dient die Firma Raab, Karcher u.Co., G. m. b. H., die 1905 durch Gelsenkirchen verschluckt wurde. Die A.-G. Friedrich Krupp verfügt gleich- falls über eine Reederei, ihre Schiffe dienen mehr dem Erztransport. Durch seine A.-G. für Hüttenbetrieb in Meiderich ließ Thyssen auf die Transportgesellichast Vulkan in Rotterdam Einfluß nehmen. Neben alten Schlepplinien geriet Überdies auch die Westfälische TranZport-A.-G. in Dortmund in Botmäßigkeit von S t i n n e s. Die? geschah anläßlich der Fusion der Union mit Deutsch-Luxem- bürg, Ivo die letztere überdies auch in den Besitz einer Rbeinschiffs- werft kam. Im Eigentum der Westfälischen Transport-A.-G. befindet sich die Majorität' der Schleppschiffahrt-Dortmund-Ems-G. m. b. H. Zur Erweiterung dieser Macht hat Stinnes überdies schon wieder neue Schritte getan. Stinnes war es auch, der sich bemühte, in die Rhein- und Seeschiffahrtsgesellschaft hineinzukommen. Dieses Unter- nehmen, das heute fiskalische Aktiengesellschaft ist, stellt für sich wieder ein ganzes Konglomerat von Schiffahrtsunter- nehmen dar. Es verschluckte die Badische Schrauben- Dampfschiffahrtsgesell- schaft, Mannheim; die Amstel-Rhein-Main-Gesellschaft, Amsterdam; die Firma Thomae u. Slenz, Mainz, und die Kölnische Dampf- schleppschiffahris-Gesellschaft. Ende 1909 zog sie die Mannheimer Lagerhaus-A.-G. an sich. Damit hatte sie auch auf den Lagerplätzen StraßburgS ein Interessengebiet. Nachher hat sie noch die Mann- heimer Dampfschleppschiffahrts-Gesellschaft in sich aufgenommen. Es wird auch davon gesprochen, daß sie Einfluß auf die RheinschiffahrtS- A.-G. vorm. Fcndcl besitzt. Hinter diesem Unternehmen steht die große Händlerfirma Stromeyer- Konstanz. Stromeyer ist wohl der größte Kohlenabnehmer des preußischen KohlenfiSkuS. Außer dem genannten Unternehmen kommen noch einige m Betracht, die ebenso in mehr oder weniger verhüllter Abhängigkeit vom lgl. preußischen Rheinschiffahrtskonzern stehen. Die Rhein- und Seeschiffahrt-Gesellschaft zu K ö l n kam so sehr in die Macht des preußischen FiskuS zu Recklinghausen. daß erstmals ein Frachtvertrag für sieben Jahre ab« geschlossen wurde, wobei ausbedungen war, daß jederzeit die Hälfte der Aklien zuzüglich einer— um die absolute Regierungsmehrheit im Unternehmen zu sichern— übernommen werden könnte. Dies ge- schah dann am 24. Juni 1911, also vor rund einem Jahre. Da- mals glaubten die Partikulierschiffer der Rheinwasserstratz« und seiner Nebenläuft noch an die gewaltige preußische Regierungshilfe. Jetzt haben sie nicht einmal mehr den Trost, die fiskalischen Kohlen- zechen im Gegensatz zum Kohlensyndikat und damii auch mehr oder weniger zum Kohlenkontor zu sehen. Preußen ist Mitglied des Syndikates geworden. Dafür haben die Parlikulierschiffer allerdings den zweifelhaften Vorteil, das Binnenwasserstraßengesctz gleich einem Damoklesschwert über ihrem Haupte schweben zu sehen. Origineller- weise war das„Berliner Tageblatt" noch vor einem Jahre der Meinung, der preußische Staat habe nur deswegen auf die'1' Rheinschiffahrt Einfluß genommen um, in Verbindung mit einer Zentralstelle der Partikulrerschiffer, einem zu gründenden Frachten- kontor, den Kleinbetrieblern die Steuer leichter zu machen, als sie jetzt bei den gedrückten Frachten zu ertragen möglich wäre l In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt gekommen. Die preußische Re- gierung wurde Binnenschiffahrtsaktionär, weil sie ihre Kohle nicht mehr ab Zeche verkaufen will, sondern sie nach den günstigen Ab- ätzgebieten selbst verschiffen möchte. Preußen ist Mitglied im preis« wuchernden Kohlensyndikat geworden. Preußen hat den Partikulier- schiffern nicht geholfen. Preußen hat im Gegenteil das eiftigste Be- treben an den Tag gelegt, die Binnenschiffahrt zu besteuern, was ssZ jetzt im besonderen nur am holländischen Widerstand noch ge- cheitert ist. Der Sieg der fich großkapitalistisch ausreckenden preußischen Reaktion ist sicher nur noch eine Frage der Zeit. Einstweilen hat der Schiffahrtskonzern des Königs von Preußen angefangen, Dividende zu verteilen. Bis dato, im besonderen die letztvergangenen Jahre, haben nämlich die drei großen Unter» nehmungen, die den Kern der fiskalischen RheinschiffabrtSgesellschaften bilden, kein Prozent Gewinn verteilt. Nachdem der fiskalische Kauf- mann ins Geschäft gekommen ist, wurde bei dem Mutterunternehmen eine Dividende von 5 Proz. herausgewirtschaftet. Wichtiger ist noch, daß die drei Unternehmen des Konzerns jetzt durch Vermögens- Übernahme in die Rhein- und SeeschiffahrtSgesellichast in Köln direkt verschwinden sollen. Also auch hier ist da« FussonSintereffe das Prinzip der BerwaltungSvereinfachung durch Konzentration. Die preußische Regierung treibt in den rheinisch-westsälischen Kohlengebieten durchaus hochkapitalistische Politik. ie marschiert im Schlepptau der Syndikate der Krupp, Stinnes und Thyssen. Die Mittelständler im RheintranSportverkehr werden noch lange auf die Hilfe»ihrer" Regierung warten müssen I To�ialeSs Ein Rabattsparverein znr Bedrückung von Arbeiterlkhne». Die Schädlichkeit der Rabattsparvereine ist allgemein bekannt. Die Rabattsparvereine sind Organisationen der Händler; sie wirken profitfördernd. Nicht niit Unrecht kann man die Rabattsparvereine als Ringe zur Verteuerung der Lebensmittel bezeichnen. Durch die Rabattmarke erhalten die Frauen auch nicht einen Pfennig geschenkt. Taffächlich werden in der Regel durch die Rabattvereine die Warenpreise um den Rabatt selbst urtd darüber hinaus verteuert. Das gilt für Rabattvereine, die von Händlern gebildet werden. Eine weit über diese Rackteile von Rabattsparvereinen hinaus- gehende Veiiachleiliguiig der Käufer erzielt ein kurioser Robattspar- verein oder richliger Kontrollverein, der fich, wie wir der.Rostocker eilung" vom 8. d. M- entnehiiieri. unter dem Namen„Bereinigung zur ördernng des Mittelstandes" in GreveSmühlen und Umgegend gebildet hat. Danach haben sich unter diesem Ramen eine Anzahl vornehmlich ländlicher Arbeitgeber aus der Umgegend von GreveS- Mühlen, Dassow und Klütz zusammengetan. Die Vereinigung will den Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden, bei denen die Arbeiter zu kaufen Pflegen. Rabattmarken aushändigen. Die Geschäftsleute sollen die Rabattmarken in Rabattmarkenbücher in Höhe von fünf Prozent jedes Einkaufs einkleben. Dann wollen die Arbeitgeber so großmütig sein, am Schluß deS Dienstjahres bis 25 M. für jeden verheirateten und bis 10 M. für jeden unver- heirateten Arbeitnehmer von den Rabattmarken zu bezahlen DaS, meint die.Rostocker Zeitung", sei geschehen, um die selbständigen Gewerbetreibenden, Handwerker und Kaufleute im Konkurrenzkampf gegen die Warenhäuser und sozialdemokvttischen Konsumvereine zu unterstützen. Wie uneigennützig I Glaubt die.Rostocker Zeitung" wirklich, daß es noch Leute gibt, die nicht sofort ersehen, daß eS sich hier um eine ganz infame Heuchelet handelt?«« liegt hier die AnWindung eines verwerflichen Truckshstems vor, um die Arbeitnehmer an die Stelle zu fesseln. Die Bereinigung ist in Wahrheit keine Vereinigung zur Erhaltung und Hebung des Mittelstandes, wie die»Nostocker Zeitung" meint, bei der die Arbeitgeber erhebliche Opfer bringen, sondern eine Bereinigung, die den Versuch macht, durch Trucksystem und Jnausstchtstellen von Prämien den Arbeitslohn noch mehr zu senken, einer Erhöhung deS Arbeitslohnes, insbesondere der ländlichen Arbeiter, entgegenzutreten und die Arbeiter möglichst an eine Stelle zu binden. Die Arbeiter ersehen aus dem.freiwilligen' Angebot bis zu 10 oder 25 M. jährlich dem Arbeitslohn zulegen zu wollen, falls die Arbeiter Rabattsparmarken in diesem Be- trage aufweisen können, datz die Arbeitgeber zugeben, daß sie um mindestens in dieser Höhe zu geringe Löhne zahlen. Die Zahlung des Lohnaufschlags von der Vorzeigung von Rabattsparmarken abhängig zu machen, ist eine dreiste Verhöhnung der guten Sitten. Der Arbeiter soll durch diese Abmachung an die Arbeitsstelle und an bestimmte Verkaufsstellen gebunden werden. Er wird diese Zumutung als das bewerten, was sie ist. Sie sollte die Arbeiter noch mehr als bisher veranlassen, den den Mecklenburgischen Junkern so erhaßten„sozialdemokratischen Konsumvereinen" beizu- treten. Durch den Beitritt ersparen sie für ihren Haushalt weit mehr als der für den Schluß des Dienstjahres ihnen in Aussicht gestellte Teil der Kontroll- pardon der Rabatt-— Marken beträgt. Hungcrlöhne für Landarbeiter gerichtlich festgestellt. Im Reichstagswahlkreise Rothenburg-Hoyerswerda hatte während der Wahl der später gewählte freikonservative Landrat Dr. Hcgenscheid-Hoyerswerda im Wahlkampf oft erklärt:„Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert". Der Leiter der freisinnigen Agitation, Redakteur Gustav Richter, bezeichnete diesen Ausspruch, soweit er als Wahlparole der Konservativen gelten solle, als eitel Heüchelei, da gerade die Herren Ritter- gutsbesitzer, von denen der Herr Landrat auf den Schild er- hoben war, die schlechtesten, ja menschenunwürdige Löhne zahlten. Stundenlöhne von 20 bis zu 18 Pfennig seien bei ihnen Regel. Ueber einen Rittergutsbesitzer sei ihm von glaubwürdiger Seite versichert worden, daß er, aus Furcht, die Industrie der Umgebung könne ihm seine Arbeitskräfte entziehen, versucht habe, seine Arbeiter zum Abschluß eines langfristigen Vertrages zu sogar 15 Pfennig Stundenlohn zu bewegen. Auf stürmische konservative Zwischenrufe wie „Schwindel",„Lüge".„Namen nennen!" und durch einen reaktionären Diskussionsredner veranlaßt, hatte er den Namen des betreffenden Rittergutsbesitzers, Generalleutnant z. D. von Altrock auf Zinpel preisgegeben. Die Folge war eine� Privatklage gegen den Redakteur, die der Staatsanwalt im öffentlichen Interesse übernahm! Das Amtsgericht Weis-wasser verurteilte am 24. April unter zufälllger Mitwirkung zweier Amtsvorsteher als Schöffen wegen öffentlicher Beleidigung zu Illv Mark Geld- strafe. Und das, wiewohl in der Beweisaufnahme von Altrock zwar darlegte, langfristige Verträge habe er nicht geschlossen, aber eidlich erklärte, die Stundenlöhne der Arbeiter betragen 16, bei weiblichen Arbeitern sogar nur 1l) Pf. In der Berufungsinstanz am Sonnabend vor dem Land- gericht in Görlitz erklärte der Angeklagte, die nebensächliche Bemerkung wegen der Langfristigkeit der Verträge halte er »licht aufrecht, müsse aber seine Freisprechung beantragen. Das Gericht hob das Urteil des Schöffengerichts Weiß- wasser vom 24. April auf und sprach den Angeklagten frei. Formell habe sich der Angeklagte in keiner Weise vergangen. Ihm sei es auf die Sache, nicht auf die Person angekommen. Erst auf Drängen der Gegner habe or den Namen v. Altrock genannt. Er mußte dies, um dem Vorwurf, er lüge, zu be- gegnen. Dies habe er aber auch getan in seiner Eigenschaft als Zugehöriger eines Wahlkomitees. Deshalb stehe ihm der ß 133 zwiefach zur Seite. Inhaltlich sei im wesentlichen der Wahrheitsbeweis erbracht, denn der Angeklagte habe Haupt- sächlich feststellen wollen, daß mit den Stundenlöhnen, wie sie Rittergutsbesitzer seines Wahlkreises zahlen, die Arbeiter hungern müßten._ Verschleppungstaktik. In Nr. tl)1 deS..Vorwärts" hatten wird das eigenartige Ge- baren der Firma„Thanatesia" Max Kupfer, Fabrik für Sterbe- wasche und Trauerfuhrrequisiten, Michaelkirchstr. 24, dargestellt, welche einer Klage der Stickerin H. durch eine eigenartige Ver- fchleppungstaktik zu entgehen suchte. Zuerst hatte der Vertreter der Beklagten eingewandt, daß nicht Herr Max Kupfer, gegen den sich die Klage richtete, der Inhaber des Geschäfts sei, sondern dessen Ehefrau Gertrud Kupfer. Taraufhin klagte die Klägerin gegen die letztere. Nunmehr behauptete der Prozeßgegner, daß zur Zeit des in Frage stehenden Arbeitsverhältnisses Frau Gertrud Kupfer noch nicht Inhaberin des Geschäfts gewesen sei, sondern damals noch Herr Max Kupfer. Die Klägerin wurde deshalb mit ihrer Klage gegen Gertrud Kupfer abgewiesen, nahm aber die noch nicht zurückgenommene Klage gegen Max Kupfer wieder auf. Die Sache verfiel dann zweimaliger Vertagung, weil der Vertreter deS Beklagten mit Mangelhaftigkeit der von der Klägerin gelieferten Arbeit ins Feld rückte. Darüber sollten im gestrigen Termin noch Zeugen vernommen werden. Dazu kam es aber nicht mehr, da eine vom Beklagten angegebene Zeugin zu spät zum Termin erschien, während Frau Kupfer, welche von der Klägerin als Zeugin benannt worden war, ihre Aussage verweigerte. Das Gewerbegericht verurteilte die Beklagte, an die Klägerin den geforderten Restlohn von 27 M. zu zahlen. Um eine verhältnismäßig einfache Klage zu Ende zu bringen, mußte also infolge der Verschleppungstaktik das Gericht nicht weniger als 7 Termine anberaumen. Gemcindesteuerzuschläge in Preußen. Die Zeitschrift deS preußischen statistischen Landesamts enthält «ine von Dr. Oskar Tetzlaff bearbeitete Aufstellung über die Steuern und Schulden der preußischen Städte und größeren(über lOOOV Einwohner zählenden) Landgemeinden im RechnungSjahSd 1910, sowie über die von ihnen im Rechnungsjahre 1911 erhobenen Zuschläge zu den staatlich veranlagten direkten Steuern. Der sehr interessanten umfangreichen Arbeit entnehmen wir folgende Daten über die Zuschläge zur Staatscinkommensteuer. Ohne Zuschläge zur Staatseinkommensteuer kamen im Jahre 1911 nur aus: Usedom. Sulmirschütz. Mixstadt. Naumburg i. Hessen und Niedenstein. 25 Kleinstädte und eine größere Landgemeinde kamen mit Zu- schlagen unter 100 Proz. aus. Diese Gemeinden verteilen sich auf folgende Provinzen(die Zahlen in den Klammern geben die Höhe der Zuschläge in Prozentsätzen zur Staatssteuer an): Brandenburg: Bärwalde i. Neum.(50). Reetz(90): Post»: Sutroschin lS5). Betsche(75), Sarne(95); Schlesien: Sprottau(85), abelschwerdt f50), Wünfchclburg(75); Sachsen: Wanzleben(90), Remberg(75), Gebesee(70), Schildau(90)- Thamsbrück(75); West- falen: Winterbcrg(50); Hessen-Naffau: Königstein a. Taunus(95), Wolfhagen lOO). Steinau a. Kinzig(80), Gudensberg(00). Nastätten (95). Neukirchen. Kr. Ziegenhain(90). Salmünster(38). Zierenberg (80), Felsberg(75), Schwarzenborn(75); Rheinprovinz: Linnich (96) und Godesberg(90 Proz.). Bei den posenschen Gemeinden ist taitilfmfi au beachten, daß neben der kommunalen Einkommen- steuer auch noch von best Schulsozietäten Zuschläge zur Staatsein- kommensteuer erhoben wurden. In 51 Städten und 7 größeren Landgemeinden betrugen die Gemeindezuschläge zur Staatseinkommensteuer 100 Proz. Zu dieser Gruppe gehörten die Reichshauptftadt mit ihren Nachbarorten Char- lottenburg, Rixdorf, Schöneberg. Deutsch-WilmerSdorf, Lichtenberg, Steglitz, Friedenau. Treptow, Tempelhof. Zehlendorf und Marien- dorf, ferner die brandenburgischen Städte Templin, Woldenberg, Müncheberg sowie Biesenthal. Die Provinz Pommern war durch die Städte Pollnow, Ratzebuhr, Neuwarp, desgleichen Posen durch Görchen und Ostrowo vertreten. Weiter gehörten zu der Gruppe die schlesischen Städte Bunzlau, Patschkau, Reinerz, Pitschen, Lieben- thal, desgleichen aus der Provinz Sachsen Egeln, Gräfenhainichen, Schmiedeberg» Schweinitz, Hadinersleben, aus Westfalen Brilon, Schmallenberg, Nieheim, Hallenberg und Obermarsberg. Nächst Brandenburg lieferte die Provinz Hessen-Nassau die größte Anzahl von Gemeinden zu dieser Gruppe, nämlich Wiesbaden, Eltville, Hos. heim, Hochheim, Treysa, Fritzlar, Kronberg, Hünfeld, Hessisch- Lichtenau, Westerburg, Wetter, Soden, Borken, Frankenau, Rosen- thal und Liebenau a. Diemel. Schließlich war auch die Rhcinpro- vinz vertreten und zwar durch die Städte Uerdringen, Brühl. Jülich Münstereifel, Sankt Goar sowie durch die Landgemeinde Vilich. 89 Gemeinden hatten mithin Zuschläge von nicht mehr als 100 Prozent. Bei 209 Gemeinden schwankten die Zuschläge zwischen 100 und 150 Proz. Ueber 150 bis einschließlich 200 Proz. der Staatseinkommensteuer erhoben nicht weniger als 545 Städte und 30 größere Landgemeinden. Ueber den Prozentsatz von 200 Proz. gingen noch 402 Städte und 40 Landgemeinden hinaus. Bei 104 Städten und 5 größeren Landgemeinden gingen die Zuschläge über 250 Proz. hinaus. Heilsberg. Angerburg, Preutzisch-Holland, Niko- laiken, Liebstadt, Marienburg i. Westpr., Preutzisch-Stargard, Neuenburg i. Westpr., Neuteich und Nehden erhoben 300, Bischofs- bürg und Schwetz 305, Rössel, Briefen, Zempelbur�, Gra 310 Proz. In Tierschau und Schönebeck betrugen die Zuschläge 320, in Pill- kallen, Strasburg i. Westpr. und Lautenburg 325 Proz. Die höchsten Zuschläge zeigten mit 330, 330, 340, 355, 305, 370, 390. 450 Proz. die Städte Märkisch-Friedland und Mewe(330), Bereut, Christ- bürg, Tolkemit, Pillau, S-tuhm und Gorzno. TaS westpreußische Städtchen Gorzno hat den zweifelhaften Ruhm, die chöchsten Ein- kommensteuerzuschläge in Preußen zu erheben. Ueber 250 Proz. erhoben in der Provinz Brandenburg zivei Städte: Rathenow(272) und Strasburg i. Uckerm.(300). Arbeiterinnenausbeutung. Nette Praktiken in der Art der Ausbeutung von weiblichen Ar- beiterinncn kamen in einer Schöffengerichtssitzung in Stolp i. P. zum Vorschein. Der Inhaber des Konfektionsgeschäfts Eisen- städt u. Co. hatte sich wegen Vergehen gegen die Gewerbeordnung zu verantworten. Es wurde festgestellt, daß Eiseustädt in der Zeit vom Mai bis September seine Putzmacherinnen über die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit beschäftigt hat, und zwar bis 11 Uhr nachts. Er hatte einen fensterlosen Raum zur Arbeitsstube ein- gerichtet, die elektrische Beleuchtung erhielt. Damit kein Un- berufener hinzukam, schloß er selbst die Arbeiterinnen in diesen Raum ein. Als die Direktrice ihn auf das Ungesetzliche aufmerksam machte, erklärte er, für alles aufzukommen. Die Ueberfwnden be- zahlte er nicht. Und das Urteil für die„gewinnbringende" Aus- beutungsweise? Rund 30 M: Geldstrafe! Das Geschäft bringt doch waS ein! Gerichts-Leitung. Kinn ein Streikposten durch schnelles Laufen groben Unfug begehen? Eine sonderbare Frage, deren Verneinung sich eigentlich von selbst versteht. Und doch bedurfte es der Verhandlung durch drei Instanzen, um die Freisprechung des Delinquenten zu erzielen. In der Fabrik von Schwerdtfeger in Berlin wurde im vergangenen Jahre gestreikt. Da sich öfter kleine Gruppen vor der Fabrik bildeten, die nach Annahme der Be- Hörde auf Zusammenstöße Streikender mit Arbeitswilligen warteten, so hatten die Beamten der Polizei Auftrag, dies zu verhindern. Eines Tages hatten sich zur Zeit des Fabrik- schlusses wieder eine Anzahl Leute dort eingefunden. Als die ersten Arbeitswilligen die Fabrik verließen, rannte Koppcr- mann, der ebenfalls vor dem einen Ausgange stand, schnell nach dem anderen Ausgange. Ein Polizeibeamter und viele Leute folgten ihm schnell. Es sammelten sich etwa 300 Personen an, die die Polizei dann zerstreute. Koppermann er- hielt eine Anklage und wurde in zweiter Instanz wegen groben Unfugs verurteilt. Begründend führte das Ge- richt aus: Dem Angeklagten fei es nicht entgangen gewesen, daß sich Gruppen ansammelten, um auf Zusammenstöße zu warten. Er habe sich sagen müssen, daß eine auffällige Handlung seinerseits, die zu dem Schluß führen könnte, er werbe andere belästigen, zu einem Zusaminenlauf führen könnte und ge- eignet wäre, den äußern Bestand der öffentlichen Ordnung zu gefährden. Trotzdem habe er die nötige Vorsicht außer acht gelassen und sei sehr schnell nach dem hinteren Ausgange gelaufen, als die ersten Arbeiter aus der Fabrik gekommen seien. Der Erfolg sei gewesen, daß eine große Menschenmenge sich in Trab setzte und hinterher lief. Zugegeben werden möge, daß ein Polizeibeamter durch fein Nachlaufen den Auf- laus noch vergrößerte. DaS Kammergericht hob dies absonderliche Urteil am Freitag auf und sprach den Angeklagten mit folgender Be- gründung frei: Das Landgericht stelle in der Sache nur fest, daß Angeklagter von einem Ausgange der Fabrik nach dem anderen Ausgange hingeeilt sei und daß dem Voraneilenden außer dem Polizeibeamten andere Leute sich angeschlossen hätten. Das Landgericht nehme nun groben Unfug an. weil Angeklagter einen derartigen Auflauf hätte voraussehen müssen. Das Landgericht habe aber übersehen, daß zur An- nähme des groben Unfugs vor allen Dingen gehöre, daß ob- jektiv eine Handlung begangen werde, die sich als Ungebühr- lichkeit darstelle. Eine derartige Handlung sei aber nicht fest- gestellt. Da? Laufen, das den Auflauf herbeigeführt habe, könne als ungebührliche Handlung an sich, die gegen den äußeren Bestand der öffentlichen Ordnung gerichtet sei, nicht angesehen werden. Somit sei auf Freisprechung zu erkennen. Ein AdoptionSbureau. In die GeschäftSvraktiken der sogenannten„AdoptionSbureau»" gestattete eine Verhandlung sehr interessante und lehrreiche Ein- blicke, welche gestern vor der 7. Strafkammer des Landgerichts I begann. Angeklagt wegen Betruges in zahlreichen Fällen sind: der Kaufmann Joseph Zwiener, der 24jährige Zeitungsverlcger Rudolf Nadeck und der Kaufmann Alois Zwiener. Mitangeklagt wegen Beihilfe sind ferner der Kaufmann Emil Hermenau und der Kauf- mann Werner Riiterbusch. Den Vorsitz im Gerichtshof führt Land- gerichtsdirektor Splcttstößer. Der Angeklagte Radeck, der- als gpiriuiz rector des ganzen Unternehmens angesehen wird, betrieb als 20jZhriger junger Mensch in Breslau ein kleines Zigarren- geschäft, welches ihm von.feiner Mutter eingerichtet worden war. Wie R. behauptet, habe er von einer Hebamme erfahren, daß sich durch die Vermittelung von Pflegestellen für Kinder„diskreter" Ge- burt sehr viel Geld verdienen lasse.„Ein Arzt" in Stallupönen habe sich auf diese Weise«in Vermögen verdient. Radeck gründete im Jahre ISOL ig Breslgp einen.Adoption», und Pflegestellen- nachiveis". den er dann schon nach kurzer Zeit nach Berlin ver- legte und hier ein„AdoptionS- und Pflegeftellennachweisbureau Berlin-Breslau" in der Potsdamer Straße 44 eröffnete. In dieses trat noch später der Angeklagte Joseph Zwiener als Angestellter ein. Letzterer machte sich Ende 1910 selbständig und eröffnete Prenzlauer Allee 2 ein AdoptionSbureau, in welches sein Bruder Alois Z. dann als helfende Kraft eintrat. Mitte des Jahres 1911 gründete Radeck, der sich deshalb Zeitungsverleger nennt, in Gemeinschaft mit dem Angeklagten Alois Zwiener eine für Zimmervermieterinnen be- stimmte Zeitschrift mit dem Titel:„Der Zimmervermieter". Dieses Unternehmen reüssierte jedoch nicht, so daß beide Geld zusetzen mutzten. Wie die Anklage behauptet, sollen die Angeklagten Zwiener und Radeck, um ihre Verluste wieder aufzubringen, in ihrem Adop- tionsbureau folgende betrügerische Methode angewandt haben, um in den Besitz von Geld zu kommen: Sie erließen Inserate, in denen sie ein Kind„vornehmer, diskreter Geburt" gegen eine einmalige Abfindung von 4000 M. anboten. Auf dieses Inserat hin meldeten sich zahlreiche Personen, wie Radeck angibt, über 000. Den Per- sonen, die sich gemeldet hatten, wurde dann von den Angeklagten ein Zirkular zugesandt, in welchem mitgeteilt wurde, daß die Zu- eignung des fraglichen Kindes von dem Ausfall der einzuziehenden Auskunft abhängig gemacht werden müsse. Die Auskunftsgebühren, die im voraus einzusenden seien, betrügen 0 M. Wie später fest- gestellt wurde, gingen mitunter an einem Tage bei den Angeklagten 50 Postanweisungen und mehr ein, so daß diese damit ein ganz gutes Geschäft machten. Die Anklage behauptet nun, daß eS den Angeklagten lediglich auf die Erlangung dieser Auskunftsgebühren angekommen sei. Vielfach sollen die auSgebotenen Kinder auch überhaupt nicht existiert haben. Dieses Geschäftsgebaren der Angeklagten wurde endlich im September v. I., nachdem der„Vorwärts" auf dasselbe häufig hin- gewiesen hatte, infolge der Veröffentlichungen der früheren Stutt- gartcr Polizeiassistentin Henriette Arndt strafrechtlich geprüft. Vor Gericht hielt der Angeklagte Radeck einen Vortrag über die Ziele, die er sich bei Gründung des Adoptionsbureaus gesteckt habe. Er betonte, daß er von hohen sittlichen Motiven geleitet worden sei, um dem eigentlichen Kinderschacher ein Ende zu bereiten. Er habe die Kinder, die zum Teil von Dienstmädchen, Kammerzofen und vielfach auch von sehr hohen Persönlichkeiten stammten, vor dem Schicksal bewahren wollen, in die Hände von gewissenlosen Zieh- müttern zu fallen, denen es nur auf die Abfiiiduug ankomme, wäh- rend die Kinder sebbst dann langsam verkommen.— Vom Land- gerichtbdirektor Splettstöster wurde darauf hingewiesen, daß dieses Ziel ja sehr schöner und idealer Natur sei, wenn es in reeller Weise verfolgt werde. Die Anklage behaupte doch aber nun, daß dies ge- rade nicht der Fall gewesen sei.— Bei der Vernehmung der An- geklagten kam u. a. zur Sprache, daß Radeck und Zwiener längere Zeit mit einem einzigen Kinde operiert haben sollen. Dieses Kind, welches einem Fräulein R. gehörte, ist insofern zu einem„Kind der Firma" Zwiener u. Radeck gemacht worden, daß die Angeklagten sich durch die hierbei erlassenen Inserate eine glänzende Einnahme- quelle verschafften.— Aus welchen Motiven heraus mitunter Leute ein Kind„mit Abfindung" annehmen wollen, bewies ein an die Angeklagten gerichteter Mahnbrief, in welchem ein Ehepaar in einer Provinzstadt um„Uebersendung" des Kindes und des Geldes baten, „damit sie endlich bauen könnten".— Da die Angeklagten jede be- trügerische Handlung bestreiten, ist von der Verteidigung auf das Zeugnis zahlreicher Zeugen zum Beweise dafür Bezug genommen, daß die beiden Zwiener und Radcck zahlreiche Kinder bei an- ständigen und ehrenwerten Leuten untergebracht haben. Das Urteil lautete gegen Joseph Zwiener auf 5 Monate Ge- fängnis, gegen Rudolf Radeck auf sechs Monate Gefängnis, gegen Alois Zwiener auf drei Monate Gefängnis. Diesen drei Ange- klagten wurde die ganze Strafe auf die erlittene Untersuchungshast angerechnet. Die Angeklagten Hermenau und Werner Rüterbufch wurden freigesprochen. Zum EntmündigungSprazeß Ehrenfried. Der Entmündigungsbeschluß gegen Rechtsanwalt Dr. Ehren, fried ist durch Urteil aufgehoben. Die 22. Zivilkammer des Land- gerichtS I hatte bekanntlich den gegen Rechtsanwalt Dr. Ehrenfried vom Amtsgericht Berlin-Mitte erlassenen Entmündigungsbeschluß bereits drei Tage nach dessen Zustellung Ende Februar d. I. durch einstweilige Verfügung zur Abwendung wesentlicher Nachteile außer Kraft gesetzt, nachdem Rechtsanwalt Dr. Ehrenfried auch glaub- Haft gemacht hatte, daß die tatsächlichen und rechtlichen Voraus- setzungen einer Entmündigung fehlen. Auf die von Dr. Ehrenfried erhobene Anfechtungsklage hat die 22. Zivilkammer des Land- gerichtS I am gestrigen Tage den Entmündigungsbeschluß auch durch Endurteil aufgehoben. DaS Gericht ordnete gleichzeitig an, daß die einstweilige Verfügung des Prozeßgerichts bis zur Rechtskraft des Urteils in Kraft bleibt. Abgelehnter Anspruch auf Nachzahlung einer LehrergehaltSzulage. Durch das Preußische Gesetz vom 20. Mai 1909 ist eine Neu, regelung der Gehälter der Lehrer an den höheren staatlichen Schulen angeordnet, und zwar legt der§ 50 des Gesetzes den Gehalts- erhöhungen rückwirkende Kraft ab 1. April 1908 bei. Im Anschluß an dieses Gesetz haben die meisten Städte eine Erhöhung der G-v- hälter ihrer Lehrer an den städtischen höheren Schulen beschlossen, indessen ohne rückwirkende Kraft, so daß die Gehaltserhöhung erst ab 1. April 1909 gezahlt wird. Die Lehrer glauben nun einen Rechtsanspruch darauf zu haben, mit den staatlichen Lehrern gleich- gestellt zu werden. Es sind, wie bekannt, aus diesem Anlaß schon verschiedene Prozesse angestrengt worden; zwei derartige RechtS, streitigkeiten haben vor einiger Zeit auch das Reichsgericht be, fchäftigt und sind von diesem zugunsten der Lehrer entschieden worden. Das Reichsgericht hat ausgesprochen, daß auS den Nm, ständen des Falle« eine stillschweigende Verpflichtung der Stadt« gemeinden zur Gleichstellung ihrer Lehrer mit den staatlichen Lehrern auch dann gefolgert werden kann, wenn die AnstellungS» Urkunden darüber nichts ergeben. Eine solche stillschweigende Verpflichtung ist in dem Falle der Stettiner Gymnasiallehrer und in dem Falle der Erfurter Mittelschullehrer aus den Willen»» erklärungen der städtischen Behörden festgestellt worden. Kürzlich lag dem Reichsgericht wiederum ein ähnlicher Rechtsstreit zur Eni, scheidung vor, der jedoch zuungunsten der beteiligten Lehrer endete. Der an einer städtischen höheren Schule angestellte Oberlehrer G. klagt für sich und aus abgetretenen Rechten von vier Kollegen gegen die Stadtgcmcinde Hannover auf Nachzahlung der GehaltS- erhöhung für das Jahr vom 1. April 1908 bis 1. April 1909. Das Landgericht Hannover und Oberlandesgericht Celle haben die Klage abgewiesen. Das Oberlandesgericht führt aus, daß sich auS den AnstellungSoedingungen der beteiligten fünf Oberlehrer nichts für den Klageanspruch ergebe. Aber auch aus den sonstigen Umständen des Falles folgt nicht, daß den Lehrern ein Rechtsanspruch auf die Gehaltsnachzahlung zusteht. Die erfolgte Ausschreibung der Stellen, allgemeine Erwägungen kommunaltechnischcr Natur und die historische Entwickclung der fraglichen Verhältnisse in Hannover lassen keine Schlüsse zugunsten des Klägers zu. Die gelegentlichen Aeußerungen des Stadtdirektors und des StadtsyndikuS hält das Oberlandesgericht für unverbindliche Bemerkungen, die«inen Rechts- anspruch nicht begründen können. Das vom Kläger angerufene Reichsgericht hat die Revision am Freitag zurückgewiesen. �_ Mus aller Alelt. Zum fernf lug Berlin- Wien fand am Sonntag früh in Johannisthal der Statt statt. Wiederum hatten sich Hunderttausende eingefunden, trotzdem der Start zu Fenrflügen viel uninteressanter ist als ein Durchschnittstag einer Flugwoche. Obendrein verschuldete schon der dichte Nebel, der in den ersten Tagesstunden die Erdoberfläche verhüllte, einen sich träge über mehrere Stunden hinschleppenden Statt der wenigen Flieger, die wirklich ernstlich in den Wettbewerb«intraten. Die 10 Teilnehmer waren bis zum Starttag bereit» auf 11 herabgesunken. Davon starteten aber im Laufe des Sonntags wiederum nur S, 4 Oesterreicher und 4 Reichsdeutsche. Bon den vier deutschen Fliegern kam nur einer, der Favorit Hirth, nach Breslau, von wo er am Montagmorgen als einziger nach Wien weiterflog, wo er glatt landete und damit den Sieg davontrug. Ein zweiter deutscher Flieger. Leutnant T h ü n a. be- schädigte bereits beim Start seinen Apparat schwer; ein dritter. Thelen, kam nur bis Grünau, von wo er zurückkehrte, um eventuell später erneut zu starten; und der vierte, Krieger, mußte nach etwa löv Kilometer niedergehen, um gleichfalls später einen erneuten Startversuch zu machen. Die vier Oe st erreicher schnitten besser ab, denn ihrer zwei. Oberleutnant B l a s ch k e und Oberleutnant Miller, gelangten glatt nach Breslau(309 Kilometer); ein dritter. Stanger, vom Gewittersturm verschlagen, erlitt nach Zurücklegung von immer- hin 300 Kilometern bei Hirschberg Havarie; und nur der vierte, der eigentliche österreichische Favorit, Bier, versagte offenbar, weil er «inen ihm noch nicht vertrauten Apparat neuen Systems flog. Die Situation ist danach die: die Oesterreicher B l a s ch k e und Miller wollen noch von Breslau aus und die Deutschen Krieger und Thelen von Guben resp. Berlin aus die Fahrt vollführen. Die Chancen der Oesterreicher sind dabei die weitaus günstigeren. Der unbefriedigende Ausgang des Wettbewerbes lehrt zweierlei: erstens, daß die deutschen Flieger hinter denen des Auslandes tatsächlich zurückstehen. Nur der sieggewohnte Hirth läßt sich mit den.Kanonen' des Auslandes vergleichen— die ihm ebenbürtigen Schendel, Pietschker und Witte sind leider ein Opfer ihres Wagemutes geworden. Und von den anderen immerhin guten deutschen Fliegern war eine Anzahl— z. B. Lindpaintner, Büchner und König— zu dieser Hauptprobe aviatischen Könnens überhaupt nicht gemeldet, oder aber sie mußten wie Boll- möller, Suvelak und Hoffmann, auf den Start verzichten, weil ihre Apparate noch nicht eingeflogen waren. Dann war es aber zum mindesten ein grober Unfug, unerprobte Systeme und Apparate reklamesüchtig zu solchen Flügen überhaupt anzumelden resp. zu- zulassenl Charakteristisch ist dafür, daß die gemeldet en drei Eindecker der L. B. G. aus dem Gefecht ausscheiden mußten, weil sie noch nicht genügend auSgeprobt waren. Dabei waren fie von dem ehe- maligen Chefkonstrukteur der Nieuport-Werke dem Nieuport-Typ nach- gebildet, dem erfolgreichsten System also, daß Frankreich zurzeit besitzt. Wenn jetzt die franzöfischen Lustchauvinisten triumphieren:.Ihr Deutschen könnt unS zwar unsere Modelle stehlen, aber nicht unsere Flieger nachmachen,' so haben sie dafür immerhin einen V o r w a n d. In Wahrheit liegt Deutschlands Rückständigkeit lediglich auf dem Gebiete einer allzu fieberhasten kapitalistischen Rivalitätssucht, die sich keine Zeit zum ruhigen Ausproben ihrer Produkte gönnt und die Flieger zu den frivolsten Experimenten anspornt, die dann schließlich doch fehlschlagen. Darum weniger blinde kapitalistische Raffgier, weniger Luftchauvinismus und mehr solidetech- nische Ent Wickelung! Und vor allem auch kritischere Auslese bei künftigen Flugveranstaltungen I Ein braver Arbeiter. Der.Wiener Reichspost', die sich in der Beschimpfung des auf einer Skitour verunglückien Genossen Silberer ganz besonders hervorgetan hat, ist von einem Arbeiter eine eindringliche Lehre ge- geben worden. Das leichenschänderische Blatt hatte neben anderen die Behauptung ausgesprengt, Silberer sei entflohen. In höhnischer Weise hatte das edle Organ einen Preis von 300 Kronen für den Auffinder der Leiche des Toten ausgesetzt. Jetzt nach der Bergung des Abgestürzten empfand das schmutzige Verleumder blatt so etwas wie Scham und sandte die 300 Kronen an den Genossen Tischler Bernhardt, der die Leiche SilbererS fand. Dieser hingegen hat daS Judasgeld der.Reichspost' mit folgendem Begleit- schreiben zurückgesandt: „An die Redektion der.Reichspost'. Ich habe gestern um 8 Uhr abends das Geld, welches Sie für die Auffindung des Reichstagabgeordneten Silberer ausgesetzt hatten, vom Gcmeindeaml Alm erhalten, und zwar 300 Kronen. Seitdem ich jedoch im Besitz dieses Geldes bin, an das fich alle die monatelangen Beschimpfungen des toten Freundes, welcher der Arbeiterschaft teuer war, knüpfen, habe ich keine Ruhe mehr. Es brennt mich, una mein Herz verbietet mir, von solchem Gelde auch nur einen Kreuzer zu verwenden, trotzdem ich nur ein armer Arbeiter bin. Des- halb schicke ich Ihnen die dreihundert Kronen wieder zurück und danke Gott, daß es wieder aus meinen Händen gekommen ist. Machen Sie damit, was Sie wollen. Ich will mit solchem Gelde nichts zu tun haben, nachdem mir mein ruhiges Gewissen lieber ist. Johann Bernhardt, Tischlergehilfe in Saalfelden.' Der Brief Bernhardts spricht für sich. Für uns bleibt nichts weiter, als auszurufen: Hut ab, bor diesem braven Menschen I Die Wiener Explofionskatastrophe. In der„Wiener Arbeiterzeitung' hat Genosse Max Winter eingehende Untersuchungen über die gräßliche Explosionskatastrophe des militärischen Pulvermagazins bei Wiener-Neustadt veröffentlicht, die 14 Menscheuleben sofort vernichtete und viele andere schwer ge- fährdet hat. Es ist danach sicher, daß die mit dem Abholen von Pulver beauftragten Arbeiter und die dabei beschäftigten Soldaten das Pulvermagazin statt nur mit den bereitstehenden Gummischuhen mit den genagelten schweren Straßenschuhen betraten, wodurch natürlich mit größter Leichtigkeit kleine lokale Pulverstaub- zündungen erfolgen können. Aber die Hauptschuld an dem Unglück trägt die Sorglosigkeit, mit der man das dem PulvertranSport dienende Benzinautomobil in die Einfahrt des Magazins dirigierte. wo jede fehlerhafte Zündung oder Entflammung die furchtbarsten Folgen haben mußte und in der Tat ja auch gehabt hat... Beim Militär heißt's eben blind gehorchen. Und wie ein entsetzlicher Hohn übermenschlicher Gewalt ist eS, daß man von dem die Verladung leitenden Militärbeamten nichts mehr als die Kragenaufschläge mit den Rangabzeichen gefunden hat. .» Sonnabendnacht ist auf dem Artilleriezeugdepot in Wöllersdorf abermals eine Pulverexplosion entstanden. Es explo- vierten tausend Kilogramm aus unbekannter Ursache. Verletzt wurde niemand.__ Zu dem Untergang des Unterseebootes„Vendemiaire" wird noch gemeldet: Die Reltungsarbeiten sind nun« mehr aufgegeben worden, da ihre Zwecklosigkeit sich klar er- geben hat. Admiral MarolleS beorderte sämtliche Schaluppen und Taucher nach dem Hafen zurück. Das Panzerschiff„St. LouiS' wurde sofort nach seiner Rückkehr in den Hafen von Cherbourg von Tauchern über etwaige Schäden im Rumpfe abgesucht. Man ent- deckte jedoch keinerlei Beschädigungen. Ein Offizier erklärte, man habe das Boot nicht bemerkt, als man plötzlich von den Wachposten die Meldung bekam, daß ein Unterseeboot in der KurSlinie liege. Es wurde sofort der Befehl gegeben, nach rechts abzubiegen, doch war eS bereits zu spät._ Die Boje ist schuld. Rom, 8. Juni.(Eig. Ber.) Am 12. August vor. IS. lief bei Hellem lichten Tage und ruhigem Meer der ganz neue Panzerkreuzer „San Giorgio' im Golf von Pozznoli auf eine Klippe und sank in wenigen Minuten unter. In der Folge kamen der Kommandant A l b e n g a und der erste Offizier B o r d i g i o n i auf die Anklage« bank. Am 8. d. Mts. sind nun beide von dem Kriegsgericht in Neapel freigesprochen worden. Der Freispruch wird damit begründet, daß an dem betreffenden Tage die Boje, die die Tiefe anzeigen soll, um 300 Meter«ordostwärts verschoben war. Trotzdem ging aus dem Prozeß hervor, daß die Offiziere den Eindruck hauen, sich zu nahe am Lande zu befinden, und daß sie sich dennoch auf die Boje verließen und nicht daran dachten, den genauen Kurs des Schiffes nach festen Punkten der Küste aufzunehmen. Sogar die offizielle.Tribuna' ist von diesem Urteil wenig erbaut.„Wir sind sicher froh darüber', schreibt das Blatt Giolinis,„daß das Urteil einen Offizier, über dessen Charakter und Fähigkeiten seine Vorgesetzten und Kameraden sosgünstig ausgesagt haben, von jedem Verdacht befreit, aber gleichzeitig müssen wir doch erklären, daß wir mit dieser Lösung einer peinlichen Angelegenheit nicht zufrieden sein können. Und wir können das nicht, weil das Freude darüber bedeuten würde, daß eines unserer Schiffe im Golf von Neapel auflaufen kann, mit der Gefahr, ganz verloren zu gehen, ohne dckß eine lange Enquete und ein nackfolgender Prozeß irgend eine Veraniwortlichkeit festzustellen vermöchte.' Jedenfalls bringt uns das Urteil zum Bewußtsein, daß die großen Panzerkreuzer, die dazu da sind, Tod und Verderben zu speien, im Grunde recht ge- brechlich sind und sich schon in heimischen Wässern bei Hellem Tage nur mit Lebensgefahr bewegen können. Kleine Notizen. Fünf Arbeiter schwer verletzt. Auf dem Werke Keuscha bei Spremberg wurden gestern fünf Arbeiter, die mit Gerüstarbeiten beschäftigt waren, durch herabfallende glühende Aschenmengcn schwer verbrannt, drei von ihnen lebensgefährlich. Alle fünf wurden in das Spremberger Krankenhaus gebracht. Familicntragödien. Der 38jährige Arbeiter Kast in Lauffen am Neckar geriet vorgestern mit seiner Tochter in Streit. Das Mädchen flüchlete zu ihrem Onkel, dem Wirt Kast. Als dieser zwischen Vater und Tochter vermitteln wollte, tötete der erster« den Bruder durch einen Schuß. Nach der Tat schlug der Mörder in seiner Wohnung alle« kurz und klein und erschoß sich dann selbst. �— Der Goldarbeiter Prinnel aus Idar bei Pforzheim, Vater von vier Kindern, hat Sonntag nachmittag seine 3Sjährige Ehefrau erschossen. Das Ehepaar war in Streit geraten, wobei die an- getrunkene Frau nach ihrem Manne stach. Dieser griff zum Re- volver, erschoß sie und stellte sich dann selbst der Polizei. Fliegerabstürze. Der Flieger Dubreuil stürzte am Sonn- abend mir einem Passagier namens V i s s e u r auf dem Flugplatz von Bethöny bei Reims auS einer Höhe svon etwa 60 Meter zur Erde nieder. Das Flugzeug zerschellte am Boden. Visseur ist tot. Dubreuil schwer verletzt.— Der Flieger Kimmerling, der auf einem Eindecker mir einem Passagier am Sonntag in Mourmelon-le-Grand einen Flug ausführte, stürzte hundert Meter Höhe ab. Beide Personen wurden getötet. Vulkanausbruch. Der Dampfer„Dora' kam am Sonntag in Seward ganz mit Asche bedeckt an. Die Besatzung und die Passagiere haben den Ausbruch des Vulkans Katmai auf den A l e u t i f ch e n Inseln beobachtet; sie glauben, daß mehrere Fischerdörfer in der Meerenge von Schelikow zerstört worden sind. Nach der furchtbaren Expedition fielen beständig Felsstücke und Asche auf das Land und verdunkelte die Sonne. Obwohl der Dampfer 70 Meilen von dem Orte der Eruption entfernt war, herrichte um 2 Uhr nachmittags vollständige Finsternis; ein Aschen- regen ging nieder und die Asche bedeckte in dichlen Mengen das Deck des Schiffes. Die Passagiere sind infolge der erstickenden Atmosphäre erkrankt. Kraft-Rotvein l.so. 2.00 Nacbahmnneon bitte zarttckzawclsen. Käuflich in Apothken, Drogerien und Delikatessen• Geschäften. üm sich vor Infektionskrankheiten zu schützen, trinken die Völker des Südens Wasser nicht ohne Zusatz von Wein. Daß das Volksbewußtsein richtig ist, haben unsere Gelehrten durch Versuche bestätigt. Durch Vermischen gleicher Teile gewöhnlichen Trinkwassers mit Wein wurde die Zahl der Infektionskeime zu'I, vernichtet, nach kurzer Zeit sogar vollständig, so daß nach dem Bericht ■ des Dr. Mfg. Wasser durch Weinzusatz absolut keimfrei wurde.=================== tfntaM. JKaaenoerstimimmg | Todes-Anzeigen| Sozialdemokratischer Wahlverein für den 4. Berliner Reiehstags-Waltreis. Köpenicker Aterrel. Bez. 185 1. Den Milgliedern zur Nachricht. daß unser Genosse, der Schlosser frsni Binkowski Wrangelstr. 64, gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet Dienstag- nachmittag 5 Uhr von der Halle des MichaellS-KirchboseS. Marien. dorser Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 217/3 Zorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungtetelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Franz Binkowski am 6. d. MtS. an Herzleiden ge. storben ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 11. Juni, nach. mittags 5 Uhr. von der Leiche». halle des St. Michael-Kirchhose«, Mariendorf, Mariendorser Weg. aus statt._ Uunier Mitglied, die Arbeiterin Selma Roß chicb am 7. Juni freiwillig auS iem Leben. Ehre ihrem Zlndenke«! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 11. Mai, vormittags 0 Uhr. von der Leichenhalle de» zeilands.KirchhoseS in Plötzcnsee 'us statt. Rege Beteiligung erwartet IS/3 Die Ortoverwaltung. Deutscher Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler .Joseph Woelke Pakisadenstr. 28, im Alter von 52 Jahren gestorben ist. Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 11. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des ZenlralsricdhoseS in Friedrichs- selbe aus statt. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Korbmacher �uxust I�oIIe Mleimstr. 37, im Alter von 38 Jahren gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 13. Juni, nach» mittags 41/, Uhr, von der Halle des Gethsemane- KirchhoseS in Niederschönhausen auS statt. Ehre ihrem Andenke»! Um rege Beteiligung ersucht 84/20 Die Ortsverwaltung. Ilrrbunb der Maler, Fackitrer, Anstreicher usui. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Wih. Schreckbas am 8. Juni verstorben ist. Ehre seinem Nudcnken! Die Beerdigung findet am DienStag, den 11. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Eegens-Kirchhoses in Weißensee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 129/9 Die Ortsvcrwaltunj.| Allen Freunde» und Belanntcn zur Nachricht, daß mein letzter Sohn, der Mechaniker frite Schroeder gestorben ist. Die Beerdigung findet Mittwoch, nachmittag» 2'/« Uhr. von der Leichcnhall» ne» städttschen Fti-d- hoscS, Müllcrstr aßc aus statt. Die trauernde Mutter Hedwig Schroeder und Töchter, Userstr. 14. 2049b Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS und Vaters sage ich allen Beteiligten meinen herzlichsten Dank. 20A Witwe Auguste Nieswandt und Sohn. Zentral-Kranken- lind Sterbe- kasseldeutsehen Wagenbauer Filiale Berlin lt. Am 7. b. M. verstarb unser Mit» glied, Frau Elisabeth Strangmann im Aller von 39 Jahren an Lungentuberkulose. Ebre ihrem Andenken! Die Beerdigung sindel beute Dienstagnachmiliag 3>/, Uhr, von der Halle des Gelhiemaiic-Fried. böses in Nordend auS statt 257/14 Die Drisverwaitung Nachruf. In weiter Ferne, zu Duisburg am Rhein, wurde am Sonnabend unser inniggelicbter, herzensguter Vater. Schwicger. und Großvater, der Arbcitersekrctär(ehem. Buch- drucker) Ködert Kunkel im schönsten Mannesalter(58 Jahre) zur ewigen Ruhe bestattet. Viel zu früh wurde uns dieser tiese Schmerz bereitet, und blieb dadurch auch der sehnlichste Wunsch unseres unvergeßlichen Vaters, mit seinen gesunden Weltanschau. ungen noch als Urgroßvater evtl. das goldene Morgenrot der er- hofften besseren Zukunft schauen zu lönnen, unerfüllt. Der Dahin- geschiedene wollte viel länger noch ein Sohn dcS Volkes bleiben. Leider war c» uns nicht vergönnt, ihn auf seinem letzten Wege zu begleftcn, und so geloben wir an dieser Stelle, daß wir sein An- denken ewig in.Ehren halten werden und unsere Liebe zu ihm nimmer aufhören wird. .Schlas nun selig und süß, Schau im Traum's ParadieS!' »odoi-t und Ott« Kunkel und Familie». Nieder-Schönhausen-Berlin. Wui'Tbiu'Ker Hühneraugenmittel von l»r. H. l'ngcr.— Gegen 30 Pfennig aus 10 Ps. Anweisung frei. Ohne Zweifel die bequemste u wtrksamsteHilfe. Der Schmerz ist in SMtn. fort. Das Hühnerauge selbst in 3 Tagen.(Enthält Salicylsäure u. indischen Hansextrakt.) jj� Unger jp WÜrzbUFg. Berlin(20 Ps.): Salomon■ Apotheke, Charlottenstraße 54.— Lreik- Apotheke, Barnimslr. 33.— Wo nicht, zu haben: Hosen-Apotheke, WOrzdurg. Erben gesucht! In einer Nachlaßangelegcnhcit find die Brüder �ritz und Robert Schmidt (Kinder der Porticr-Drechsler« Schmidt. scheu Eheleute) auS Berlin mit einem Legat bedacht worden. Da ihre Adresse nicht angegeben ist, wollen sich die Betreffenden bei dem Unter- zeichneten melden. i/'unke, Rechtsanwalt, Berlin-Pankow, Berliner Str. 13. rf-fc pollmanna i�Sandagen- eefchäft, nebft Hrtihel zur Gesundheits- u. Krankenpflege, /erbandstoffe, Gummiwaren etc. Berlin»f., Lothringer Str. 60. lielerant für Krankenkassen Eigene Werkstatt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Bruder» ,iti Schwagers Franz Alwin sagen wir allen Bekannten sowie dem Buchdruckerverband und den Kollegen und dem Gesangverein.Solidaritätunseren herzlichsten Dank. 60A Johann k.apawczyk _ und Frau geb. Alwin. Ligsi-errvfV Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Tcilnabme und Kranzspenden bei der Beerdigung meine» lieben Mannes, unseres guten VaterS, des Böttchers HVIIhelin Reinhardt sagen imr allen Verwandt-n und Be« kannten sowie dem Che) und den Kollegen der Firma E. Dieter! und dem Zentralverband der Böttcher und dem Wahlverein des 4. Reichs- tagswahlkreises, den Sängern und dem Redner unseren herzlichen Dank. Johanna Reinhardt 2043b ncbjt Kinder». ih Clegaiste fertig u nach Maee von 1 Mark wöchentliche Tellzahtong�* S.Boltuch Frankfurter flllee 75 fHaut-uilarn-f leiden, Ehrlleh-Hata, Queoksilber- schäd. Spezialärztliche Leitung. Blutuntersuch., Fäden im Harn, etc. Honorar maß.. Teilzahlung gestatt. stn|lnmounw&Co.(konz.Spez.Lab.) Iii.nülUCJfbr Friedrichatr. 81, geg. Panopt. Spr. 10-2,6-9, Sonnt, i l-2 Kurprinz 3 Pfg Fürsten. 4« Welt-Macht 5» Auto-Klub 6 Aero-Klub.lO-- Stück 2 FL s teppdecken Sonderofferte! Nur diesen Monat!! Purpur"seitiff" 23S' 3'35 Cretoflne-Steppdeeken 285' 3i85 Trikot Ä1- 4�°'°° Sitniliseiile bX: B95-°'°° Normal-...______ Sehlaldeckep l10 250 350 KafflElhaardecken to,-24l00 Emil Lefevre Be|.lln Oranienstr. 158. Spezial- Katalog Abbildungen MlS 0, fsM0. LcrantwortUcHer Revaktcur; Slbert Wachs, Kerlin. Kür dt» Lnjerateriteit verßiitip.: Ttz.GIpcke.löerllll. jvtuckli.«trtag: Vorwärt» Buchdrucker«, u. VerlagSanstglt Paut Sing«« u. Co., PetimSUL Nr.M. 29. Zahrsltvß. 2. Keiltze des.FmSrls" Kkrlim MKsdlall. Dienstag. U. Juni 1912. parte!- Angelegenheiten. Charlottenburg. Die Parteigenossen werden gebeten, am mar- gigen Zahlab-nd ihre Partei- und GewerlschattZbücher mitzubrinaen. Der Vorstanv. KaulSdorf. Mittwoch, den 12. Juni, abends 8'/, Uhr pünktlich, bei Bobey, am Bahnhof: Außerordentliche Mitgliederversammlung des Wahlverclüs. Die Bezirksleitung. Biesdorf. Den Mitgliedern deS Wahlvereins Bezirk Biesdorf zur Nachricht, daß unser Zahlabend von jetzt ab mit dem Groß- Berliner auf einen Tag fällt. Der nächste Zahlabend findet am Mittwoch, den 12. Juni, bei Friedrich Haack, Marzahner Str. 31/32, abends 8l/g Uhr statt. Die Bezirksleitung. Nonnendamm. Mittwoch, den 12. Juni er., abend» BVz Uhr, im Lokal von Müller, Siemensstr. 28. große öffentliche Wlksversamm» lung. Referent: Reichstagsabgeordneter Dr. Karl Liemnecht. Mahlsdorf(Ostbahn). Der nächste Zahlabend finddt am Mitt- woch, den 12. Juni, im Lokale des Herrn Anders, Bahnhofstraße, statt. Die Bezirksleitung. Berliner JVacbncbten. Juniflor. Kastanien und Flieder sürd verblüht, doch für den der fchwundenen Flor bietet sich zehnfacher Ersatz, denn im jungen Sommer treten zahllose neue Blumenscharen in die Breschen, und rasch steigt die Vegetation auf den Höhepunkt, den sie um die Zeit der längsten Tage bei uns zu erreichen pflegt. Der Flor der Bäume zwar ist vorüber, mit der Ausnahme der Robinien, die wir Akazien nennen, mit ihrem ruppig borkigen Stamm und den stacheligen Zweigen, die aber ein zart ge fiedertes Laub und hübsche Sträuche aus Weißen Schmettev lingsblüten verschönen. In den Sträuchern ist noch viel Blumenleben, voran bei den Schneebällen, vor allem aber bei den Rosen. Unter den Büschen brechen die breiten Farben flecke der Schwertlilienbeete durch, und ihre blauen, gelben und bunten Fackeln zieren„ohne Unterschied des Standes den Park wie die Laubenkolonien mit gleicher Liebe. Die Zahl der blühenden Kräuter in Wald und Feld aber ist Legion geworden. Es lohnt sich, dem neuen Botanischen Garten in Dahlem, der Sonntags, Dienstags, Mittwochs und Freitags von 2 bis 7 Uhr nachmittags dem freien Eintritt geöffnet ist, einen Besuch abzustatten, um den heimischen Flor mit fremdem zu vergleichen. Gleich beim Eingang leuchtet aus Zierbeeten flammend roter Mohn, der sogar die benachbarten Schwert- lilien durch seinen herausfordernd schönen Anblick unterdrückt Mannshoher Garten-Rittersporn und Königskerzen stehen dazwischen. Links der Teich ist kaum als Wasserfläche zu ev kennen, denn er ist fast ganz von üppig wuchernden Laich kräutern und auch von Seerosen-Blättern überwuchert. Und während wir die weißen großen Nixenblumen auf diesen Blättern betrachten, gehen uns die Frösche, die sich hier wohl- Mühten/ wie die Ferkel im Schlamm, ein Freikonzert. Von der poesieumwobenen Seerose zum Schlammfrosch ist hier wie San anderwärts nur ein Sprung. Große Büsche mit blühenden Rhododendren umrahmen den Teich. Wir wenden uns weiter, durch die Nadelhölzer- Anlagen, die durch die neuen, hellen Jahressprosse wie ge- scheckt aussehen, zum sogenannten Alpinum, jener kunstvollen Anlage, die aus Gesteinen verschiedener Art die Gebirge der Erde in Miniaturen nachzuahmen sucht und jedem Teil die für ihn charakteristischsten Pflanzen zuweist. Hier ist in erster Linie in dem Teil, der die griechischen und sonstigen mittel- ländischen Gebirge und den Kaukasus enthält, ein auffälliger Flor entwickelt. Wieder erfreut uns die Riesenart eines roten Mohnes mit über faustgroßen Blumen. Ginsterbüsche, über und über mit tiefgelben Blüten besetzt, erscheinen in Dichteraugen wie„brennende Büsche". Mannshohe Kräuter und Stauden entwickeln eine Unzahl von Blüten, die teils in Dolden teils in Pyramiden weithin sichtbar sind. Und überall dazwischen auf den Berghängen bald hier bald dort Tcppiche aus Alpenblumen, die jedes farbenfrohe Auge begeistern, auch wenn nian den Namen nicht kennt, den Wißbegierige ja von den Etiketten ablesen können. Auch die Alpenrosen blühen hier längst, während sie sich im Hochgebirge erst den Schlaf aus den Augen reiben. Neben den: vielen Fremden finden wir auch viele ein- heimische Gewächse in Blüte, deren Schönheit manchem hier noch mehr als im Freien auffallen wird, trotz der exotischen Konkurrenz. Das liegt zum Teil an dem gut gepflegten Boden und an der reichlichen Bewässerung, die dem Garten regelmäßig zu Teil wird, wenn die Schleusen des Himmels versagen. Im hinteren Teile des Gartens, gegen Westen dehnen sich grüne Flächen mit dem Flor unserer Wiesen, und überall führt uns der Weg zwischen blühenden Rosen- sträuchern hindurch, deren Wohlgeruch nicht bloß uns anlockt, fondern auch zahlreiche Bienen zum eifrigen Botanisieren begeistert._ Lange Tage. Das Jahr hat seine Höhe erstiegen. Lang dehnen sich die Tage, und die Dämmerung des Abends spinnt ihre graue Fäden fast in die Morgendämmerung hinüber. Der reife Frühling will sich mählich zum Sommer wandeln. Und rinnt in den Straßen der Großstadt auch das Leben sommers und winters gleichmäßig fort, darußen vor der Peripherie des Hiiusermeeres zeigen sich die Unterschiede der Jahres- zeiten schon deutlicher. Da bringen die langen Tage auch die lange Arbeitszeit. Mit steigendem Frührot wird es auf den Aeckcrn und Feldern lebendig. Mit geschulterten Hacken und Spaten trotten diejenigen, die ein Aeckerlcin besitzen, sonst aber in der Großstadt noch einem Berufe nachgehen müssen, auf„ihr Land" hinaus. Die Kartoffeln, die im letzten Winter so überaus hoch im Preise standen, wollen sorgsam gewartet sein, daß nicht eine neue Mißernte der alten folge. Und der Früharbeit folgt die Abendarbeit als Extrazugabe für einen langen, schweren Arbeitstag. Dann geht es in die sinkende Nacht(»nein. Wohl sind nun die Bewegungen lässiger und matter, als am Morgen. Aber das Beispiel des einen muntert den anderen auf. Auch die Frauen helfen jetzt mit. Sie jäten das Unkraut und hänseln die Erde an. Eine stille, stumme Arbeit ist es. Nur feiten fliegt ein Wort über die Aecker. Mit krummem Rücken stehen sie da und handhaben den Hacken- stiel. Oder sie knien in dem hellen, noch von der Tagsshitze j heißen Sande und rühren emsig die harten, arbcitgewohnten Finger. Wenn dann die Sonne unter den Horizont gestiegen ist, und die gedämpften Lichter der Dämmerung am Himmel zu spielen beginnen, stehen und liegen sie noch immer auf den Feldern: ihre dunkelen Körper heben sich wie Schatten aus dem Weiß des Sandes und dem Grün des in regelmäßigen Reihen gepflanzten Kartoffelkrautes. Ganz hinten zieht irgendwo ein Wald seine blaugrüne Wand als Abschlußlinie. Und auf der anderen Seite des Horizonts zeichnen sich aus den Dunstnebeln des zur Ruhe gegangenen Sommertages matt die Konturen der Riesenstadt. Sie aber stehen und schauen nichts von der Schönheit der Natur, ganz hingegeben der Arbeit, die sie nützen wollen und müssen in den langen Tagen...._ Polizeipräsident und Presse. Der Polizeipräsident von Jagow hat an die Beamten der 4. Abteilung, also an die Kriminalpolizei, eine Verfügung erlassen, nach der die Weitergabe„vorschriftswidriger" Nach- richten an die Vertreter der Presse in Zukunft disziplinarisch geahndet wird. ' Diese Verfügung des Herrn von Jagow läßt sich erst dann vollständig begreifen, wenn bekannt ist, in welchem Um fange und in welcher Weise von Beamten der Kriminalpolizei der Presse Nachrichten übermittelt worden sind. In der Kriminalabteilung besteht die Gewohnheit, bestimmte Nach richten durch das Wolffsche Telegraphcnbureau der Presse zu- gehen zu lassen, zum anderen wird eine in Pxivathänden be- findliche Korrespondenz von Beamten der Kriminalpolizei mit Nachrichten versorgt. Diese Nachrichten miissen von der Presse bezahlt werden, ein Zustand, wie er eigentlich ganz un- möglich sein sollte. Denn schließlich braucht die Kriminal- Polizei die Presse und nicht umgekehrt die Presse die Kriminal- Polizei. In der gesamten Presse ist diese Monopolstellung eines privaten Bureaus schon immer als ein geradezu un möglicher Zustand empfunden und es ist Abhilfe gefordert worden, zumal jeder mit den Dingen Vertraute weiß, wie gerade in diesen polizei-offiziösen Mitteilungen der in einer besonderen Sache regierende und zugleich informierende Kriminalkommissar besonders herausgelobt wird. Aus der Verfügung des Polizeipräsidenten ist nicht klar ersichtlich, ob der jetzt bestehende Mißstand beseitigt werden und eine anders geartete Berichterstattung stattfinden soll. Daß einzelne Beamte ihre dienstlichen Kenntnisse nicht gegen Geld an Zeitungen verhökern, halten auch wir für voll- kommen richtig. Und wenn die Verfügung des Herrn von Jagow diesen Mißstand treffen will, so ist das ganz in der Ordnung. Es frägt sich nur, ob der Jagowsche Erlaß auf alle Beamte zutrifft oder ob die Kommissare davon ausgenommen sind. Es ist bekannt und schon öfter gerügt worden, daß viel- fach ganz spezielle Mitteilungen über Verhöre von Verdächtig- ten und Verhafteten in die Presse gekommen sind, die nach den gesetzlichen Bestimmungen gar nicht bekannt gegeben werden dürfen und strafbar sind. Es wäre erwünscht, wenn der Polizeipräsident endlich einmal reinen Tisch machen und mit der bisherigen Praxis der Presseinformation gründlich brechen wollte, natürlich unter Einfiihrung einer objektiven Berichterstattung, soweit man eine solche von der Polizei er- warten kann._ Lauft feinem Pastor nach! Ueber eine Störung bei einem Begräbnis, die auf dem Friedhofe der Stadt Berlin an der Seestratze vorgekommen sei, glaubt das«Evangelische Sonntagsblatt der S t. E l i s a b et h- gemeinde' berichten zu sollen. Das Blättchen, das von zwei Geistlichen der Elisabethgemeinde, dem Pfarrer Horst zusammen mit dem Pfarrer Köhler, herausgegeben wird, bringt in Nr. 22 vom 2. Juni eine durch die Ueberschrift«Heimgegangen sind»ach Gottes unerforschlichem Rat' eingeleitete Aufzählung verstorbener Ge- meindemitglieder. Im Anschluß an die Nennung eines'Schrift- setzers Hoppe wird geklagt:«Bei des letzteren Begrub- nis in der Seestratze verursachten, wie uns berichtet wird, gottlose Elemente eine peinliche Störung, indem sie ins Grab nachriefen: Aus Nimmerwiedersehen!' Und dann folgt der vor- wurfsvolle Zusatz:«Wem der Glaube nicht mehr heilig ist, dem ist amh die Pietät nicht mehr heilig". Diese Klage wird nicht verfehlen, auf die gläubigen Leser des Sonntagsblättchens denjenigen Eindruck zu machen, den die Heraus- geber wünschen. Wer aber an der Beerdigung teilgenommen hat, wird stagen, ob der Pfarrer Köhler, der am Grabe des Herrn Hoppe sprach, nicht auch bekannt geben will, wie bei der «peinlichen Störung' durch«gottlose Elemente' er selber sich verhalten hat. Da das unter seiner Mitwirkung heraus- gegebene Blättchen hierüber nichts sagt, so wollen wir die nötigen Ergänzungen hinzufügen und in aller Ruhe den vollständigen Sachverhalt feststellen. Pfarrer Köhler war von Frau Hoppe gebeten worden, ihrem verstorbenen Gatten die Grabrede zu halten. Zwar hatte Hoppe bei Lebzeiten sich nicht um die Kirche gekümmert, und Pfarrer Köhler kannte ihn gar nicht, aber eine Lcichenpredigt ist ja nicht für die Toten, sondern für die Lebenden bestimmt. Was ein Pastor zu der für solche Fälle üblichen Predigt noch von persönlichen Erlebnissen deS Verstorbenen beigeben soll, das kann er sich von der Witwe auf dem Wege zum Friedhof erzählen laffen. Auch dem Pfarrer Köhler lieferte Frau Hoppe während der gemein- samen Fahrt zum Begräbnis die nötigen Zutaten; doch wunderte sie sich nachher, datz er in seiner Rede einiges, was er wohl nicht recht behalten hatte, falsch wiedergab. Sehr viel näher als der Pastor standen selbst der Witwe die Kollegen ihres Gatten, von denen mehrere seit zehn, seit zwanzig, seit ziemlich 25 Jahren neben ihm in derselben Setzerei tätig gewesen waren und gewitz mancher sehr viel treffendere Worte zur Ehre des lang- jährigen Arbeitsgefährten und zum Trost der tiefgebeugten Wilwo ihm ins Grab hätte nachrufen können, als ein ihn: fremder Pastor eS konnte. Es verstand sich von selber, daß die Kollegen den Ber- storbenen zu Grabe geleiten wollten, aber fast wäre eS ihnen un- möglich gemacht worden, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Der Herr Pastor hatte nämlich an jenem Tage wenig Zeit, so datz die Beerdigung, die von der Witwe nach einem Wunsch der Kollegen mit Rücksicht auf den ArveN'Sschlntz zu Vzö Uhr abends angemeldet worden war, ihm unbequem lag. Pfarrer Köhler bestellte die Witwe mit ihrem Wagen so zeitig zu -ich, datz beide schon vor Va6 auf dem Friedhofe eintrafen, und er drängte dann, die Beerdigung baldigst vorzunehmen. Als Frau Hoppe unter Hinweis auf die noch zu erwartenden Kollegen das ab- tehnte, geduldete er sich, dock Uetz er nachher so pünktlich beginnen, datz manche Teilnehmer knapp noch znrecht kamen. Von dem ein- leitenden Licdervorirage eines Gesangvereins wurde eine Strophe ab- geschnitten durch die unerwartet einsetzenden Worte des Pastors, der in seinem Eifer nicht bemerkte, tvie sehr das die Sänger überraschte. Das, was in dem Sonntagsblüttchen als„peinliche Stö- r u n g' hingestellt wird, ereignete sich erst nach Schluß der «Men Feierlichkeit. Rackchem der Pastor seine Rede beendet und eon und Segen gesprochen hatte, Warden einige Kränze nieder- gelegt, und hier sagte einer der Kollegen des Verstorbenen etwat «Fahr' wohl, lieber Freund, auf Nimmerwieder- sehen!" Für die Teilnehmer der Beerdigung wäre daraus keiner- lei Störung entstanden, wenn nicht der P a st o r, zu der Witwe gewendet, diese Worte als eine Taktlosigkeit, als eine Roh« heil bezeichnet hätte. Er hatte sogar den Einfall, eine Fest« st eilung der Personalien des betreffenden Kollegen zu der- suchen, wozu übrigens dieser ohne weiteres bereit war. Nur ans Bitten der Witwe, die sich ins Mittel legte, wollte der Pastor sich zufrieden geben. Als aber seine Frage, ob die Worte aus Unüber- legtheit oder aus Bosheit gesagt worden seien, von dem Kollegen dahin beantwortet wurde, datz sie seiner Ueberzeugung entsprächen, forderte der Pastor aufs neue eine Feststellung der Personalien. Erneute Bitten der Witwe beruhigten ihn, doch konnte er sich nicht enthalten, mit einer Bemerkung zu schlietzen, die von Ohrenzeugen, auch von sder Witwe, so verstanden wurde:«Die riechen ja nach Schnaps!' Das rief bei den Kollegen große Entrüstung hervor, aber sie hatten Besonnenheit genug, die Ruhe zu bewahren, und begnügten sich, dem Herrn Pastor zu fagen, daß sie sich.von ihm beleidigt fühlten. Zur rechten Würdigung dieser Friedhofsszene sind die hier von uns gegebenen Ergänzungen nnembehrlich. Wir wollen es uns ersparen, einen Kommentar hinzuzufügen; jeder wird selber sich seinen Vers darauf machen können. Wie die Kollegen des Ver« storbenen über das Vorgehen des Pfarrers Köhler denken, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Von Interesse ist aber, auch zu wissen, wie darüber die Witwe denkt. Als loir Frau Hoppe um eine Darstellung des Sachverhalts baten, sagte sie uns ohne weiteres, datz sie nicht die Worte jenes Kollegen, sondern das Verhalten des P a st o r s als eine„peinliche Störung" empfunden habe. Erstaunt fragte sie, worin denn der Mangel an Pietät bestehen solle, der den, Kollegen ihres verstorbenen Gatten in dem Sonntagsblättchen vorgeworfen wird. Sie, die von der Beerdigung einen ganz anderen Eindruck mit nach Hause genommen hat, dankt den Kollegen für die ihrem Gatten erwiesene Ehrung und sieht in ihr ein Zeichen wohl- tuender Pietät. Wie sie über die„Störung" denkt, das hätte Pfarrer Köhler schon aus der Danksagungsanzeige ersehen können, die sie nack der Beerdigung im„Vorwärts"(Nr. 122) veröffentlichte. Dem Pastor wurde darin— nicht gedankt. Die Nutzanwendung aus solchen Vorkommnissen ist immer wieder: „Lauft keinem Pastor nach! Frau Hoppe hat uns entrüstet erklärt, datz sie niemals wieder zu einer Beerdigung einen Pastor holen werde. Die der Kirche dienende Presse zetert zuweilen darüber, daß die Witwen verstorbener Arbeiter gelegentlich von den Arbeits- kollegen vor die Wahl gestellt worden seien, entweder auf die Grabrede des Pastors oder auf das Geleit der Arbeitskollegen zu verzichten. Angesichts der Zwischen- fälle, die bei Begräbnissen sich ans der Mitwirkung von Pastoren ergeben können, bleibt in der Tat nur übrig, auch da den Pastoren aus dem Wege zu gehen._, Die Baugenossenschaft„Ideal" hat am Sonntag den ersten Komplex ihrer Kleinhausbauten in Britz, der 80 Wohnungen enthält, vermietet. Die Zahl der Bewerber war reichlich doppelt so groß wie die Zahl der zu vermietenden Wohnungen. ES mutzte deshalb das Los über den Zuschlag der Wohnungen an die Mieter ent- scheiden. Außer den Mietslustigen fanden sich viele Genosscnschafts» Mitglieder und sonstige Interessenten auf dem Bauplatz ein, um die Wohnungen in Augenschein zu nehmen, die allerdings erst im Roh- bau bollendet sind, aber doch eine Uebersicht über Größe, Lage und Anordnung der Räume gewähren. Die Vermietung erfolgte schon jetzt, damit diejenigen, denen bei der Verlosung eine Wohnung zugefallen ist, ihre alte Wohnung rechtzeitig kündigen und am 1. Ottober die Siedclung in Britz beziehen können. Der nach den Herstellungskosten kalkulierte Mietspreis beträgt für die in den Einsamilienhäuscrii liegenden Wohnungen von 2 bezw. 3 Zimmern, Küche, Boden, Keller und Zubehör sowie 50—65 Quadratmeter Garten 89—00 M. monatlich. In den Etagenhäusern, die im Erd- geschotz Läden, im ersten und zweiten Stock Wohnungen enthalten, zahlt man für ein Zimmer nebst Küche, Klosett und Bad, aber ohne Garnen 27,50—31 M. Bei den Wohnungen, denen ein Garten zu- geteilt ist, erhöht sich der Mietspreis um ein geringes. Bei der jetzige» Reisezeit sei darauf aufmerksam gemacht, datz auch in diesem Jahre von den erwachsenen Zöglingen der städtischen Blindenanstalt eine grotze Anzahl Hängematten in allen Grötzen und im Preise von 2,75 M. ab aus bestem Rohstoff angefertigt worden ist. Der Verkauf findet in der Anstalt Oranicnstr. 26 werktäglich von 8— 1 Uhr statt. Auch an die Stuhlflechterei, welche die Anstalt betreibt, sei bei dieser Gelegenheit erinnert. Die zu flechtenden Stühle werden ans Anzeige(schriftlich oder durch Fernsprecher) aus der Wohnung abgeholt und wieder zugestellt. Durch Funkspruch haben die auf der Heimreise öegriffenen schwedischen Städtevertreter den städtischen Behörden Berlins ihren Dank übermittelt. Zwei erwachsene Flegel trieben am Sonntag, den 0. Juni, gegen 7 Uhr abends am Badestrand vor Spindlersfeld ihr Unwesen. Sie waren gekommen, nicht etwa um zu baden, sondern um ihre Hunde austoben zu lassen. Nicht angeleint und ohne Maulkorb belästigten die grotzen Tiere im Umkreise ihrer„Herren" alle Badegäste, ohne von den menschenfeindlichen Himdefrennden daran gehindert zu werden. Der Schreiber dieser Zeilen wurde, als er im Laufschritt ans dem Wasser kam. von einer Bulldogge und einem grotzen rauh- haarigen Hunde angefallen und ins Wasser zurückgetrieben. Da die Türe sich anschicklen ihm nachzuschwimmen, kam er als Nicht- schwimmer in eine verzweifelte Situation. Zurufe, die Tiere an sich zu rufen, wurden mit Spott beantwortet. Dieses Spiel wieder- holte sich. Das Publikum brach in Schmährufe gegen diese Un- Verschämtheiten aus. Einer der Flegel war grotz und schlank, mittleren Alters und Besitzer der Bulldogge, der andere ei» etwa 19 jähriges Bürschchen mit verbundenem Kopf, war Führer des Rauhaarigen. Beide festzustellen war unmöglich, denn kein Gendarm war zu finden. Der gefährliche Kampf mit Berliner Einirechern, den der Kriminalkommissar Weiland und mehrere Kriminalbeamte in der Nacht zum 2. September v. I. zu bestehen hatten, hatte gestern noch ein Nachspiel vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I. Fünf Mitglieder dieser Kolonne hatte» in jener Nacht einen von langer Hand vorbereiteten Einbruch in die Kontorräume der Bankfirma Kuhn in der Müllerstrahe ausgeführt, sie waren aber mitten in der Ausführung der Tat von der Kriminalpolizei überrascht worden. Kriminalkommissar Weiland, der von dem geplanten Verbrechen Kenntnis erhalten hatte, hatte sich mit mehreren Beamten an den Tatort begeben und hielt sich dort verborgen. Als drei Beamte in die Kontorräume eindrangen,- konnten zwei der überraschten Ein- brccher festgenommen werden, wobei unwillkürlich ein Schutz aus der Browningpistole des einen Be- am ten losging. Drei Personen waren nach dem hinteren Zimmer zu gelaufen und durch die Scheiben auf den Hof gesprungen. Sie blieben auf Anruf nicht stehen, sondern liefern nach der Ecke deS Hofes. Die Kriminalbeamten, die beim Fallen des ersten Schusses in den Kontorräumen der Ansicht waren, die aus den Fenstern springenden Verbrecher hätten auf sie geschoffen, gaben nun mehrere Schüsse in der Dunkelheit ab. Dann wurde hin und her geschossen; die Schutzleute gaben im ganzen 14 Schüsse ab, sie behaupten, datz von der Gegenseite ebenso viel Schüsse abgegeben worden seien, doch konnte bei der herrschenden Dunkelheit nicht sestgeftelll.werden, von wem geschoffen wurde. Zwei der auf den Hof gesprungenen Verbrecher konnten dingfest gemacht werden; es waren dies der Händler Willi Hupfeld und der Händler Karl G e r l a ch. Hnpfeld war bei der Affäre durch zwei Schüsse nicht unerheblich verletzt worden. Gerlach hatte zwei Schüsse in den linken Arm erhalten. Auch der letzte deZ siinfblättrigen Verbrecherkleeblattes konnte festgenommen werde». Alle fünf standen am 27. November v. I. vor der 1. Strafkammer und wurden zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt, darunter erhielt Ger lach b Jahre, Hupfeld 3 Jahre und T i e tz m a n n S'/z Jahre Zuchthaus. Die drei Letztgenannten wollte der Staatsanwalt auherdem noch wegen Wider st ande» gegen die Staatsgewalt verurteilt wissen, da« Gericht lehnte aber eine Bestrafung wegen dieses Ber- ge h e n s ab, da bei der am Tatort in jener Nacht herrschenden Dunkelheit nach dieser Richtung hin die Tatfrage, wer geschossen hat, nicht aufzuklären schien. Auf die von der Staatsanwaltschaft hiergegen eingelegte Revision hob das Reichsgericht da» erste Urteil in diesem Punkte auf und ordnete weitere Beweisaufnahme an. die nun gestern erfolgte. Der Staatsanwalt nahm auf Grund derselben für erwiesen an, daß G e r l a ch Widerstand geleistet habe und beantragte gegen ihn eine gusatzstrafe von sechs Monaten Zucht- hauS. Das Gericht hielt aber auch nach der gestrigen Verhandlung eine Widerstaadstätigkeit der lämilichen drei Angeklagten nicht für zweifelsfrei erwiesen und erkannte abermals in diesem Punkte auf Freisprechung. Aus LicbeSknmmcr erschossen hat sich am Sonntag der 18jährige Bnreaugehilfe Max Philipp aus der Gonnenburger Str. 27. Der junge Mann, der bei der Versicherungsgesellschaft„Viktoria" be- fchäftigt war, hatte zu einer Verkäuferin eine tiefe Zuneigung gefaßt, die zunächst auch erwidert wurde. In letzter Zeit aber glaubte P. die Beobachtung gemacht zu haben, daß seine Braut sich mehr einem anderen zuneigte und geriet deshalb in hochgradige Aufregung. Nachdem er Sonntag nachmittag das junge Mädchen nicht zu Haufe antraf, holte er sich aus seiner Wohnung einen Revolver und begab sich nach dem Exzerzierplatz in der Schönhauser Allee. Hier schoß er sich vor den Augen zahlreicher Passanten eine flugel in die rechte Schläfe. Philipp wurde in schwerverletztem Zustande nach der nahen Unfallstalion in der Gaudhstraße gebracht, wo er jedoch unter den Händen des Arztes verstarb. Seine Leiche wurde nach dem Schau« Hanfe geschafft, Zusammenstoß elneS Automobils mit einem GeschäftSwagcn. Gestern gegen«>/- Uhr nachmittags kam eine«utodroschke von der Marichallbriicke am Reichstagsufer entlang. Am ReichStagsplatz kam ihr ein Geschästswagen entgegen. Da an dieser Stelle die Straße sehr eng ist, so war eS dem Kutscher trotz energischen TutenS des Chauffeurs nicht mehr möglich auszuweichen, da an der Biegung noch drei andere Fuhrwerke standen. Die Pferde, welche durch da» plötzliche Hupensignal erschreckt waren, rissen die Deichsel herum, so daß der Kutscher vom Bock stürzte und von dem linken Vorderrad seines Wagens erfaßt wurde. AuS Ohren und Mund heftig blutend, blieb er besinnungslos liegen und wurde nach der nächsten Unfall station gebracht. Im Lunapark verunglückt ist am Sonnabend abend die Ber< käufenn Konstanza ScepanSki aus der Waitzstr. S in Tharlottew bnrg. Das junge Mädchen hatte mit einer Freundin die Rodelbahn im Lunapark benutzt und stürzte während der Fahrt aus dem Schlitten. Fräulein S. wurde von einem nachfolgenden Schlitten angefahren und erlitt einen komplizierten Bruch des linken Unter fchenkels und Hautabschürfungen im Gesicht und an den Händen. Die Verunglückte fand im Krankenhause Westend Aufnahme. Zu dem SittlichkeitSverbreche» auf den Britzer Wiesen am Teltowkanal bittet uns der Vater des in Frage kommenden Kindes um Veröffentlichung der Mitteilung, daß eS bei dem Attentat auf feine Tochter bei dem Versuch geblieben sei. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich am Sonntag an ber Ecke der Dorotheen- und Neuen Wilhelmstraße. Dort geriet der Kanzleidiener Emil Kleist, der bei der Französischen Botschaft beschäftigt ist, unter die Räder eine? Postwagens. Er erlitt innere und äußere Verletzungen und mußte in der Charitö Aufnahme finden — Ein tödlicher Straßenunfall ereignete sich Sonntag abend gegen 10'/� Uhr vor dem Hause Kottbuser Str. 6. Als die drei Jahre alte Marie Likmann aus der Simon-Dach-Straße mit ihren Eltern den Fnhrdamm überschritt, riß sie sich plötzlich loS und geriet unter einen Wagen der Pferdeomnibuslinie 22. Sie wurde überfahren und mit schweren Verletzungen nach der Hilfswache in der Adalbertstraße gebracht. Hier starb die Kleine jedoch schon bald nach der Auf« nähme. Zu dem Selbstmord deS Bäckerlehrlings Lenz in der Adolf- straße 12b werben wir gebeten mitzuleiten, daß ein Streit zwischen dem Werkführer und dem Lehrling nicht vorgekommen sei. Der junge Mann habe in den letzten Tagen ein sehr niedergeschlagenes Wesen gezeigt, dessen Grund niemand bekannt gewesen sei. Am Svnnabendnachmittag war er plötzlich verschwunden. Nachforschungen nach ihm blieben ohne Erfolg. Als abends das Mädchen vom Boden Wäsche holen wollte, fand es den Lehrling tot dahängen. Wo steht der Feind! Mit diesem Thema wird sich eine öffent- siche Handlungsgehllfen-Versammlung befassen, die heute DienStag« abend in Kellers Neue Philharmonie, Köpenicker Str. SS/9S, stattfindet. Zu der Versammlung, die vom Zentralverband der Handlungsgehilfen einberufen rst, hat der Land« tagsabgeordnete Julian Borchardt das Referat über« klommen. Feuer auf dem Ostbahnhof. Gestern früh gegen(5 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem O st b a h n h o f in der Fruchtstraße gerufen, wo sich auf einem Waggon Preßkohlen entzündet hatten. ES Mußte längere Zeit mit einer Tchlanchleitung Wasser gegeben iverden, um den Brand zu löschen.— In der S ch e r e r st r. 1 1 hatte Terpentin Feuer gefangen, wobei eine Frau Martha Bolkmann schwere Brandwunden an den Händen erlitt, so daß sie sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Vorort- pteckridnen. Rahnsdorf. Dir Gcmcindcvcrtretung beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit dein Straßenbahnprojekl, nach welchem eine Verbindung zwischen Freibnd Müggelsee und den, Bahnhof Rahnsdorf geschaffen weiden soll. Die geplante Straßenbahn soll auf der einen Seite Anschluß au die Friedrichshagener Straßenbahn finden und auf der anderen Seite durch die Gemeinde Klew'Schönebeck bi» Grätzwalde und später evenlilell bi» Rüdersdorf fortgeführt werden. Daneben wird eine Abzweigung der Straßenbahn durch die RahnSdorser Ortsteile bis Erkner beabsichtigt. Die bisherigen Verhandlungen zwischen den Gemeinden Köpenick, FriedrichShagen, K eiit-Schönebeck und RahnS- dorf lassen einen baldigen günstigen Abschluß erwarte». Ebeuiaüs steht die Gründung eines Zweckverbandes der beleiligten Gcinrinden zur Drirchführnng des Straßendahnprojekis in Aussicht. Beschlossen wurde u. a. noch die Elrichliing eines ReklameiorS am Bahnhos Rahnsdorf, dessen Kosten sich aus 3�-4 Schneiderei 1. Kurzbers auf Wumsch Wochen rat», Rosenihaler Strasse Hackcsehoi Markt. Frankf nrter Allee 104 Boke Frledenstrasae. ReIniekendorterStr.4 Weddingplatz. □ □□ □ □□ Theater und Vergnügungen DHU Dienstag, den Ii. Juni. Anfang 7'/a Uhr. Kgf. Dpernfians. Hansel und Grete! Versiegelt. Kgl. Schauspielhaus. Die Jung- frau von Orleans. Prater. O diese Berliner. Anlang 8 Ubr. Urania. Im Lande der Mitter- nachiSsonne. TeuticheS. Erdaeist. Kaiuiiierspiele. Mein Freund Teddy. 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