Nr. SS. Jahrg. BbonncmcntS'BcdlnsUngc«: VMs W>Ä� Die Tnfertlons-GebQDr Iää'SIS I M«ar UKmfmm»1« MWW� pme? m�lluwS- fonntZt MW D W■■ 1■ B D H � Bl S« »eil-g-.Die Neue Welt- 1° Psz� P°st. MM sM MW W WWW WW W�W W ÄL SBortao Pfg1zülässig2 eaedruck Slbonncment; 1,10 Marl pro Monat. V �Sai UW WW WW KB WW WW WW WW SBorte) icbc-1 weitere«ort m Ni!, einoerragen in die Post-ZeiwnzS. W W W SßX Ml ü W W MWU»? Slellenitesuche und E�ilaistellenan� Preisiiite. Unter Kreuzband für SBS JK�\ HjH seioen das erste Wort Ii! Itia TeuMland und Oeslerreich. Ungarn W>»M � MW weitere Wort 5 Pia Worte ii�ri'-lR,,» 2 Marl, sür das übrige Aussand BBL BMLV �7 V // W ff-ben MIenM 3 Mark pro Monat Postabmrnements—«>�r,-/ I�L für die nächsie Kummer münen bis nehmen an: Belgien. Danemark, �5� /�v 5 Uht nachmittaas in der Ervedition ara&"ÄSÄk",n'1' -.i»»;»» Devliner ÄÄSr Zentralorgan der rozialdcmokrati fcben parte» Deutfcblands. Reaahtlon: 8 AI. 68, Lindenstrasse 09. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Rr. IS8S. Sie politilche Lage in Zchmclen. i. Unser schwedischer Mitarbeiter schreibt uns: Ter schwedische Reichstag ist Ende Mai bis zum Januar 1913, dem verfassungsmäßigen Termin, vertagt worden. Es liegt eine halbjährige Parlamentarische Arbeit der neuen, auf Grund eines erweiterten Wahlrechtes gewählten gesetz- gebenden Versammlung zur Beurteilung vor, und wenn es allein auf die Quantität ankäme, müßte man ihm das Zeug- nis rastloser Arbeit zubilligen. Leider mangelt einiges an der Qualität. Teils waren die Mehrheitsverhältnisse zu neu und zu unsicher, teils aber hatte auch die Regierung nur wenige Monate zur Vorbereitung für die Gesetzgebungs- kampagne gehabt. Sie hatte ihr Amt übernommen, als durch die Neuwahlen letzten Herbst die Konservativen eine schwere Niederlage erlitten hatten und ihr Führer Lind man mit seinen Getreuen die Ministersessel räumen mußte. Der liberale Herr Staaff und seine Ministerkollegen sind zweifellos mit Ernst an ihre Aufgaben herangegangen. Zunächst bewogen sie den König, die E r ste K a m m e r auf- z u l ö s e n, damit das neue Kommunalwahlrecht seinen Ein- fluß auf die Zusammensetzung der ersten Reichstagskammer ausüben konnte. Das Resultat war eine weitere Schwächung der Konservativen, die nunmehr die Majorität in den ge- meinsamen Abstimmungen beider Kammern(Budgetfragen) verloren. Aber sie behielten eine sichere Mehrheit in der Ersten Kammer, wo sie über 80 von 180 Mandaten innehaben. Dadurch wird die Stellung der liberalen Regierung außer- ordentlich erschwert, weil alle Gesetzesvorlagen außer den Budgetfragen die Mehrheit in beiden Kammern haben müssen. In der Zweiten Kammer sowie bei den gemeinsamen Abstimmungen in Budgetfragen ist die liberal-sozialdemo- kratische Mehrheit gegeben, aber andere als Finanzgesetze kann sie den Konservativen nicht aufoktroyieren, solange diese die Erste Kammer beherrschen. Die zweite Tat der liberalen Regierung war die Besei- tigung der m a r i n i st i s ch e n Bestellungen ihrer Vor- gängerin. Herr L i n d m a n hatte den vorigen Reichstag mißbraucht, um noch einnial dem Lande eine Erhöhung der Marineausgaben aufzuhalsen, und der in letzter Stunde her- beigeführte Beschluß wurde drei Tage vor der Abdankung der Konservativen zur Ausführung gebracht, indem das Mi- nisterium Lindman die Kanonen zu dem neuen Schifsstyp in Auftrag gab. Alle weiteren von dem konservativen Mi- litärkomitee in Aussicht genommenen Rüstungen wurden dem Nachfolger überlassen. Dieser entledigte sich dieser Aufträge dadurch, daß er den widerstrebenden König zur Einsetzung einer großen Z i v i l k 0 m m i s s i 0 n zwang, die das gesamte Landesverteidigungswesen untersuchen und bestimmte Vor- schlüge ausarbeiten soll, die die finanzielle Leistungsfähigkeit der Nation berücksichtigen sollen. Gleichzeitig wurde die Kanonenbestellung rückgängig gemacht. Ter König unter- schrieb zwar die Dekrete, jedoch unter formellem Protest. Der konservatwe Einfluß am Hofe ist also ungeschwächt. Als der Reichstag am 15. Januar zusammentrat, waren die Konservativen ob dieser Dinge sehr geladen. Die Re- gicrung wurde heftig angegriffen, weil sie auf legalem Wege gefaßte Beschlüsse des Reichstages und dqs Königs admini- strativ außer Kraft gesetzt hatte. Tie konservativen Ver- fassungswächter konnten aber nichts erreichen, weil die Re- gierung den Ausweg hatte, die Kanonenfrage zu einer Budgetfrage zu machen, in welchem Falle die Majorität der Linken ausreichte. Man begnügte sich schließlich mit der Re- gierungserklärung, daß die Frage noch nicht erledigt sei, daß vielmehr erst die eingesetzte Kommission zur Prüfung der Landesverteidigung ihre Vorschläge machen mußte. Ent- halten diese den neuen Schissstyp, so wird der Reichstag noch- mals seine Stellung präzisieren könnew Als Antwort setzten oie Konservativen im ganzen Lande eine frei- w i l l i g e E i n s a m m l u n g ins Werk, die im Laufe eines Vierteljahres 16 Millionen Kronen einbrachte. Zi/g Millionen mehr, als das Schiff kosten soll. Regierung und Reichstag nahmen die Spende an unter der Bedingung, daß nur die zuständigen Instanzen, nicht der Flottenverein über die Baudetails bestimmen. Ursprunglich hatten die Flottenschwärmer gefordert, daß der Bau auf der von der konservativen Regierung hinterlassenen Grundlage sofort in Angriff genommen werde. Die Ls.ndesvcrteidigungsfrage spielte überhaupt eine große Rolle in der diesjährigen Reichstagsarbeit. Einesteils sind durch Streichung früherer Posten einige Ersparnisse im- Heeresbudget gemacht worden. Aber andererseits stimmte der Reichstag einer Forderung der Regierung zu, zur Unterstützung der Arbeiten der erwähnten Kommission eine V e r s u ch s m 0 b i l i s i e r u n g vorzunehmen. Tie letzte Heercsordnung wurde 1901 durchgeführt, aber eine Feststellung ihrer Wirkungen ist seit- dem nicht erfolgt. Die Forderung der Regierung hatte daher gewiß manches für sich, und die sozialdemokratische Fraktion stand ihr nicht prinzipiell ablehnend gegenüber. Aber sie sor- derte eine bestimmte Begrenzung der Mobilisierung, und als diese abgelehnt wurde, stimmten unsere Genossen gegen die Vorlage, die aber mit Hilfe der Konservativen Annahme fand, Donnerstag, den 13. Juni ISIS. Eine weitere Aktion leitete die Regierung ein zur Ein- führung des Frauenwahlrechts. Die Vorlage wollte die Frauen den Männern gleichstellen. Die Vorlage scheiterte an dem Widerstand der Ersten Kammer. Dagegen gelang die Durchführung einer Revision des Arbeiter schutzgesetzes, das sowohl im Gel- tungsbereich als in seinen Bestimmungen erweitert wurde. Schweden bleibt zwar auch mit diesem Gesetz auf diesem Ge- biete rückständig, aber bedeutsame Verbesserungen enthält das Gesetz zweifellos. Von besonderem Wert ist die eingeleitete Reorganisation und Erweiterung der Ge- Werbeinspektion. Ein weiterer sozialpolitischer Fort- schritt wurde erreicht durch die Uebertragung der so- zialpolitischen Verwaltungsaufgaben auf ein besonderes Amt. Bisher unterstanden diese Fragen dem Handelskollegium, das jedoch ganz andere Auf- gaben hat. Ein sozialpolitisches Amt wird naturgemäß die soziale Gesetzgebung und ihre Durchführung fördern. Auf die übrige sehr reichhaltige Arbeit des Reichstages können wir hier nicht eingehen. Die drei großen Hauptgebiete sind oben gekennzeichnet: 1. die Frage der Landesverteidi- gung, die zurzeit eine ungemein große Frage in der schwe- dischen Politik bildet; 2. die weitere Demokratisierung der Verfassung durch Einführung des Frauenwahlrechts und 3. die Sozialpolitik. Die erstere Frage befindet sich in Vor- bereitung, die zweite scheiterte an der konservativen Erste- kammermajorität und die dritte wurde durch die Revision des Arbeiterschutzes und Ausgestaltung der Gewerbeinspektion einen Schritt vorwärts gebracht. Wenn nicht mehr auf diesem Gebiete erreicht wurde, so liegt das ganz wesentlich an der Ersten Kammer. U. a. lehnte diese die Abschwächung des bestehenden Zuchthausgesetzes ab, das die Arbeitswilligenbeleidigung in hanebüchener Weise rächt. Entgegen dem sonstigen schwedischen Recht ist auf diesem Gebiete der Versuch schon strafbar. Die Re- gierung verurteilte in ihrer Vorlage dieses Ausnahmerecht, das beseitigt werden müßte: sie wollte sich� für diesmal mit einer Abschwächung begnügen, um auch in der Ersten Kammer eine Mehrheit zu finden. Aber die Konservativen ließen sich auch darauf nicht ein. Alles m allem kann der Regierung die Anerkennung nicht versagt werden, daß sie auf Grundlage ihres Pro- gramms einen politischen Linkskurs gesteuert hat. Sozial- demokratische Politik kann man von einer liberalen Re- gierung nicht verlangen, man muß schon froh sein, wenn sie liberale Politik macht. In dieser Hinsicht hat das zweite Ministerium Staaff mehr gehalten als das erste, das eine vollständige Enttäuschung war. Die parlamentarische Lage ist freilich eine andere, aber noch keineswegs befriedigend. Solange die Konservativen die erste Reichstagskammer be- herrschen, haben sie die Macht, alle Gesetze, außer dem Budget, zu Fall zu bringen. Das erschwert einerseits eine fortschritt- liche Gesetzgebung, um so mehr, als der rechte Flügel der Liberalen in manchen Fragen mit den Konservativen sym- pathisiert. Auf der anderen Seite ist diese parlamen- tarische Lage der politischen Orientierung der Arbeiter- klasse sehr hinderlich, sie legt der sozialdemokratischen Par- lamentsvertretung eine ungleich größere Verantwortung auf als die frühere, reaktionäre Gesetzgebungsperiode. Diese Verhältnisse haben zu schweren Zerwürfnissen in der Sozialdemokratie geführt, die wir in einem zweiten Artikel behandeln werden. Sie wiegen, obgleich sie augenblicklich noch keine direkt praktische Konsequenzen haben dürften, um so schwerer, weil sie auf einen anarchistischen Unterton ge- stimmt sind._ Harmonie der Tnterelfen. Der jähe Tod des Herrn v. Erffa hat die Vorgänge im Ab- geordnetenhause. bei denen er die Hauptrolle spielte, wieder in den Vordergrund der Erörterung gerückt, und wie zu erwarten war, fehlt es nicht an Stimmen, die mit mehr oder minder Deutlichkeit die Schuld an seinem Tode den sozialdemokratischen Abgeordneten, speziell den Genossen Leinert und Borchardt, zuschieben möchten. Der„Vorwärts" hat auf diesen plumpen Verdrehungsversuch bereits dos nötige erwidert: wenn es überhaupt wahr ist, daß Krankheit und Tod des Präsidenten auf seine heftigen Erregungen zurückzuführen sind— was ja nur die Aerzte entscheiden können—, dann mögen sich die an die Brust schlagen, die den alten Herrn be- ständig von einer Aufregung in die andere hineingehetzt haben. Das waren ober nicht die Sozialdemokraten, sondern das waren seine eigenen Parteifreunde. War es doch nach- gerade ein unwürdiges Schauspiel geworden, wie fort und fort der Herr v. Arnim oder der Herr v. Pappenheim oder sonst ein konservativer Führer neben dem Präsidentenstuhl stand und auf Herrn v. Erffa einredete. Noch einmal sei es in aller Oeffentlich- keit bezeugt: in den ersten Wochen seiner Amtsführung hat Herr v. Erffa sich Mühe gegeben, auch die Sozialdemokraten unparteiisch zu behandeln. Aber damit fand er nicht den Beifall des Herrn v. Pappcnheim. Und nun stelle man sich die Situation vor: auf der einen Seite die Furcht, durch falsche Behandlung der Sozial- demokraten gleich am Anfang seiner Präsidcntcnwürde Schiff- bruch zu leiden; auf der anderen Seite das ewige Trängen und Hetzen der eigenen Parteigenossen— da muß ja der Mensch nervös werden, selbst wenn er jung und kerngesund ist, was Herr v. Erffa offenbar nicht war. Aber diese persönliche Seite der Sache ist ja schließlich gleich- ' gültig. Sie wjrd vpp der bürgerlichen Presse mt deswegen so in CxpedMon: 8M. 68» Oindenslrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1S84. den Vordergrund geschoben, damit man dahinter um so besser die Dinge verstecken kann, auf die es in Wirklichkeit ankommt. Richtig ist ja, daß in der soeben beendeten Session das preußische Abgeordnetenhaus außergewöhnlich viel von sich reden gemacht hat, nicht etwa durch seine Leistungen, sondern durch die fortwährenden heftigen Zusammenstöße. Und für oberflächliche Beobachter liegt es nahe, die Schuld daran beim Herrn v. Erffa zu suchen, der soeben frisch das Amt des Präsidenten übernommen hatte. Das wäre aber ganz falsch und würde dem verstorbenen Präsidenten unrecht tun. Ter Grund liegt tiefer, und man findet ihn, wenn man das Gebaren der bürgerlichen Presse, nicht nur jetzt, sondern' wärend der ganzen vier Monate aufmerksam be- trachtet. Unsere Leser wissen, daß die gesamte bürgerliche Presse— auch die freisinnige nicht ausgenommen— die häufige Erregung in den Sitzungen des Abgeordnetenhauses als einen Beweis dafür hinzustellen sich bemühte, daß die sechs Sozialdemokraten es auf Lärmmachen und Störungen abgesehen hätten. Und es ist sehr bezeichnend, daß jetzt die nationalliberale Presse in dieser Beschimpfung unserer Genossen noch viel mehr leistet als dje konservative. So schreibt z. B. die„Magdeburgische Zeitung": „Wer jene Tage und Wochen hindurch das unerhörte Treiben der sechs Genossen mit erleben mußte, dem stand der Ekel so hoch in den Hals hinein, daß er vollauf dafür Verständnis empfand, wenn Herr v. Erffa nicht länger mit ansehen wollte, wie das ihm anvertraute Ansehen des Hauses mit Füßen ge, treten wurde." Die„Kölnische Zeitung" schreibt,„daß ihr(der Sozialdemo» kraten) hartnäckiger und böswilliger Widerstand es war, der dem Fveiherrn v Erffa die glatte Durchführung seines Amtes er« schwert hat". Endlich der„Hannoversche Courier": „Seine Amtsführung war von Anfang an erschwert durch das unparlamentarische Gebaren der kleinen, aber lärmsüchtigen sozialdemokratischen Gruppe." Diese Darstellung ist von vorn bis hinten eine bewußte Lüge. Wer an den Sitzungen des Abgeordnetenhauses teil- genommen hat, der weiß, daß die sechs Sozialdemokraten fort und fort von den Vertretern der Mehrheit provoziert worden sind— wir erinnern nur an die unaufhörlichen Ausfälle des Herrn v. Zedlitz, des Herrn Hammer usw.. auch Herr Minister v. Dallwitz sei nicht vergessen—, daß sie sich darauf natürlich sehr kräftig ihrer Haut gewehrt haben, was freilich nicht ganz ruhig ab- gegangen ist, daß sie dabei aber keineswegs mehr Lärm gemacht haben, als irgendwelche sechs tem- peramentvollen Vertreter irgendeiner anderen Partei! Nur ein Beispiel für viele: Sozusagen als selbst- verständlich stellen unsere Gegner es hin, daß am 9. Mai— dem Tage, wo Borchardt ausgeschlossen wurde— besonderer Tumult geherrscht habe, so daß schließlich nichts anderes übrig blieb, als zum äußersten Mittel zu greifen. Das ist aber einfach nicht wahr! Es ging am Morgen des 9. Mai genau so zu wie an jedem Morgen im Abgeordnetenhause: reichlicher Lärm, aber nicht mehr als die bürgerlichen Herren st e t s verursachen, wenn sie sich begrüßen und miteinander plaudern, anstatt auf den Redner zu hören; und keine Spur einer besonderen Erregung. Wie es in einer Radausitzung aus- sieht, das zeigte der 23. Mai, wo— nach konservativen und liberalen Berichten— der Minister v. Schorlemer die Faust gegen das Zentrum ballte, wo Zentrum und Polen durch Lärm und Pfuirufe versuchten, ihn niederzubrüllen, wo gegen Herrn v. Kardorff schwere Beschimpfungen ausgestoßen wurden, die„durch das allgemeine Hallo gellten", und wo es sogar so aussah, als sollte die Tribüne gestürmt werden! Bei diesem kolossalen Radau wurde kein Abgeordneter ausgeschlossen, kein Polizeileutnant geholt. Denn hier war ja kein Sozialdemokrat beteiligt! Wenn man so sieht, daß das Gerede der bürgerlichen Parteien über die angeblich unanständigen Formen der sozialdemokratischen Abgeordneten nichts als elende Heuchelei ist, dann ergibt sich der Schluß von selbst: nicht wegen der Form ihres Auftretens sind sie in diesen vier Monaten so besonders heftig bekämpft worden, sondern wegen des Inhalts ihrer Ausführungen, ja wegen ihrer Anwesenheit überhaupt. Offenbar ist es der reaktionären Mehr- heit jetzt besonders unbequem, daß unsere sechs Genossen überhaupt Mitglieder des Hauses sind. Und warum gerade jetzt besonders, mehr noch als in den voraufgegangenen vier Jahren? Nun, die Antwort liegt wahrlich nahe genug: im Januar hat die Reichstagswahl stattgefunden, deren Ergebnis den Junkern auf absehbare Zeit alle Hoffnung genommen hat, im Reiche mit der- jenigen Willkür und Rücksichtslosigkeit zu wirtschaften, wie sie das gern möchten. Da haben sie denn entschlossen, vom preußi- schen Landtag aus um so mehr auf die Re- gierung und Gesetzgebung des Reichs ein- z u w i r k e n! Der konservative Redner Herr v. HennigS hat das ja am 1. Februar ganz offen gesagt. Und es ist Zevenfalls sehr bemerkenswert, daß in dieser kurzen Spanne Zeit schon zwei Gesetze vom preußischen Landtag angenommen worden sind, die in die Kompetenz des Reiches eingreifen! Es war also keine leere Drohung, die Herr v. Hennigs aussprach, sondern die Junker sind schon drauf und dran, ihre Herrschast über das Reich von Preußen her einzurichten. Dabei nun sind ihnen die sechs sozialdemokratischen Ab- geordneten im Wege, die freilich nicht die Annahme solcher rechts- widrigen Gesetze verhindern, aber doch deren Rechtswidrigkeit vor aller Welt feststellen können. Hierin, in diesem politischen Streben der Junker, ist der wahre Grund der fortwährenden Zusammenstöße zu suchen, aber nicht in den persönlichen Eigenschaften unserer Sechs oder des Herrn v. Erffa. Die Junker wollten diese Zusammenstöße, um die öffentliche Aufmerksamkeit von ihren eigentlichen Zielen ab- zulenken. Daraus folgt nun aber noch eins: wer die falsche Darstellung der Junker, wer die Verleumdungen unserer Abgeordneten weiter- trägt, der hilft den Junkern bei ihrem rechts- und verfassungswidrigen Treiben! Und wenn, wie wir gezeigt haben, gerade die nationalliberale Presse den größten Eifer bei dieser Verwirrung der öffentlichen Meinung an den Tag legt, so zeigt sich hierin eine wunderbare Harmonie der Interessen zwischen ihr und den Junkern. Offenbar wollen die National- liberalen das ihrige dazu beitragen, um den Junkern bei der Aus- schaltung des Reichstags und der Errichtung der preußischen Drei- klassendiktatur zu helfen! ver Hblolutizimi! in Kroatien. Man schreibt uns aus A g r a m: Als im Jahre 18tS die russische» Truppen die ungarische Re- Volution niedermetzelten, da telegraphierte ein Kosakengeneral an den jungen Kaiser Franz Josef in Wien:„Ungarn liegt untertänig zu Füßen Ihrer Majestät I" Und es ist wahrhastig ein Kosaken» kurs, der damals in der Politik eingeführt wurde und der heute noch immer andauert. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß der heute in den ungarischen Kronlände rn geführte Kamps eine große Aehulichkeit mit dem Kampf aufweist, der in dem Kosakcnreiche der Moskowiter geführt wird. Die terroristischen Akte, die in B u d a- p e st gegen Tisza und in A g r a m gegen Vanus Zuwai verübt wurden, geben Kunde von einer tiefen, bis zur Verzweislnng führenden Unzufriedenheit. Ein Lakai niedrigster Art ist dieser Zuwai. Er hat seine Na- tionalgenossen verraten und in langer bureaukratischcr Karriere für jeden Pandurendienst sich fähig erwiesen, nur um die Gunst der ungarischen Bojaren zu erwerben. Und als die Machthaber von Budapest, nachdem sie viernial das Parlament auseinandergejagt hatten, doch keine Sklavcnmehrhcit bekommen konnten, da war Slavko Zuwai der einzige Mensch, der den traurigen Mut hatte, in seinem eigenen Lande die Verfassung aufzuheben, die poli» tischen Organisationen gewaltsam zu zertrümmern, alle angesehenen Politiker einzukerkern, die Presse zu unterdrücken, alle lebendigen Kräfte des Landes lahmzulegen und es in einen Friedhof zu vcr- wandeln. Unter der Gewaltherrschaft dieses Gewaltmenschen haben auch unsere kroatischen Genossen mit unglaublichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Da sie die hohe Kaution von 500V Kr. nicht zahlen konnten, mußten die Partei- und Gewerkschaftsblätter„Ladnicka Borba' in Agram.„Pravo Naroda" in Sid und„Volksrecht* in Ossel ihr weiteres Erscheinen einstellen. Leben blieb noch die in Agram erscheinende Tageszeitung„Slobodna Rijetsch". Nun hat Zuwai die Zensur der Manuskripte eingeführt. Die Zeitungen werden dadurch jetzt von der Polizei selbst redigiert. Der Zensor streicht jedes ihm nicht gefallende Wort und verbietet, über irgendeinen Gegenstand zu schreiben. An Stelle der gestrichenen Stellen und Wörter muß die Redaktion neue hineinschreiben, die wieder zum Zensor kommen; und erst die polizeilich frisierten Artikel können in die Druckerei geschickt werden. So kann die ganze kroatische Presse gar nicht über die heutige Lage im Lande schreiben. Sie ist unter- drückt oder zur Wertlosigkeit verdammt. Um diesem Uebcl abzuhelfen, drucken unsere Genossen ein illegales Blatt«Die rote Freiheit" in Budapest und schmuggeln eS mit großen Schwierigkeiten nach Kroatien. Voll von Wut, daß er dieses einzige freie kroatische Blatt nicht unterdrücken kann, hat der Diktator Zuwai einen verbrecherischen Schritt unternommen. Die einzige Art der Organisationen, die noch in Kroation bc- stehen, sind die Gewerkschaften, die der Diktator in der ersten Zeit nicht unterdrücken durfte, wollte er nicht einen scharfen Zu- sammenstoß mit den Arbeitern befürchten. Nun hat er der Gcwerk- schaftskommission mitgeteilt: Wenn„Die rote Freiheit" nicht ihr Erscheinen einstellt, wird er alle gewerkschaftlichen Organisationen gewaltsam schließen lassen. Das Blatt ist aber gar nicht ein Organ der Gewerkschaften, sondern der Partei, die eine selbständige Orgauisatioir besitzt. Der Druck auf die Gewerkschaften, um ein Parteiblatt zu ersticken, ist eine heimtückische Niederträchtigkeit. Diese Androhung hat eine ungeheure Aufregung unter der Arbeiterschaft hervorgerufen. Die Gewerkschaftszentrale hielt eine gemeinsame Sitzung ab, in der folgende Resolution beschlossen wurde: „Die Gewerkschaften als Organisationen nehmen an den Aktionen der sozialdemokratischen Partei nicht teil und haben kein Recht und keine Möglichkeit, die Taktik dieser Partei zu beein- flussen. Ebenso betrachten sie sich nicht sür verpflichtet, irgend- welchen Einfluß auf die politische Tätigkeit ihrer Mitglieder aus- znüben. Deswegen erheben die Gewerkschaften einen scharfen Protest gegen die Drohung, daß sie geschlossen werden, wenn die sozialdemokratische Partei irgend welche Aktionen unternimmt. In der Neberzeugung, daß die geiverksch»ftlichen Organisationen eine unbedingte Nottvendigkeit der Arbeiterklasse sind, erklärt die Kon- serenz, daß die Arbeiterklasse alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel gebranchcit wird, um ihre Organisationen zu verteidigen. Wenn die Regierung die Gewerkschaften geivallsam unterdrückt, so wird die Arbeiterschaft gezivungen werden, dein Staate und der Gesellschaft, die ihr die Lebensverleidigung unmöglich ninchen, ihre Unzufriedenheit und seinen Protest mit den äußersten Maßnahmen zu bekunden, und weist jede Verantwortung sür die Folgen der Gewalttat von sich ab." Das ist eine kräftige Antwort der Arbeiterschaft auf die nieder- trächtige Drohung des Diktators. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Kampf entwickeln wird. Jedenfalls haben wir die vollste Zu- verficht in die Lebenskrast der Arbeiterschaft. Zu den Vorgängen in Ungarn. Das offiziöse Depeschcnbureau meldete in letzter Zeit über die Vorgänge in Ungarn sehr wenig, und seit Mittwoch versagt es gänzlich. Offenbar sind höhere Mächte im Spiel, denen die Demonstrationen in Ungarn höchst unangenehm sind und die daher ein Interesse an der Unterdrückung der Meldungen haben. Uns wird berichtet: Dienstagabend wurden in vielen Städten DcmonstrationSversammlungen abgehalten, die scharfe Stellung gegen die Regierung nahmen. An die starkbesuchten Versamm- lungen schlössen sich Demonstrationszüge durch die Straßen. In den angenommenen Resolutionen wird das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gefordert und gegen das schändliche Vorgehen in Budapest Protest erhoben. Gleichzeitig wurde in Budapest erklärt, .daß die Streikbewegung größere Ausdehnung annehmen werde, wenn die Regierung die Wahlrechtsfrage nicht in kürzester Frist im Reichstage aus die Tagesordnung setzt. In Debreczin sind die Geschäfte noch immer geschlossen und der Straßenbahnverkehr stockt. Hier nehmen am Mittwoch die Streikenden die Arbeit wieder auf.— In Szabadka kam es Dienstagabend zu Zusammenstößen mit der Polizei. Revolver- schösse sielen auf beiden Seiten. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen.— In A r a w e s demolierte die empörte Menge das Haus des Präsidenten der Regierungspartei. Etwa 20 Personen wurden verhaftet.— In anderen Orten verliefen die Versamm- lungen ohne wesevtlick�e Borkommnisse. In einer Konferenz der oppositionellen Parteien wurde de- schloffen, den schärfsten Kamps weiterzuführen, bis der vor dem 4. Juni vorhandene Stand der Dinge wieder hergestellt sei. Friedensverhandlungen seien unter dem gegenwärtigen Präsidium ausgeschlossen. Nach Beendigung der Versammlung wurde die Internationale und das Kossuthlicd gesungen. Die Krone für den Staatsstreich. Budapest, 12. Juni. sMeldung des Ungarischen Tclcgr.- Korresp.-Bureaus.) Der König empfing heute in Schönbrnnn die Mitglied er des Präsidiums des Abgeord- netenhtuses. Seine Majestät drückte dem Präsidium seine Hochachtung sür die Ausopferung und den mora- tischen Mut(?) aus, den es bewiesen habe, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Mitglieder des Präsidiums ihre Belohnung in der gesicherten Arbeitsfähigkeit des Abgeordneten- Hauses und darin finden würden, daß das Ansehen des Abgeord- netenhauses erhöht werde. Nach dem Empfang des Präsidiums wurde Graf Tisza in besonderer Privataudicnz empfangen. Der Krieg. Italienische Rnhinredigkeit. Rom, 12. Juni. Zu den Meldungen auswärtiger Blätter über eine bevorstehende Besetzung weiterer Inseln im Acgäischen Meere erklärt„P o p o l o R o m a n o", daß die Regierung im gegen- wältigen Augenblicke nicht daran denke, obwohl sie dazu freie Hand habe. Die letzte Schlacht bei S a n s u r sei wohl so viel wert, wie die Besetzung von zwei Chios, drei Mytilencs und vier Lcmnos. Vom tripolitanischen Kriegsschauplätze. Rom, 12. Juni. Der„Agenzia Stefani" wird aus Tripolis gemeldet: Die Oase Zanzur wurde gestern von den Feinden verlassen borgefunden. Späher berichteten, daß außer den be- kannten Stämmen auch die Mahallas weiterer Stämme an dem Kampf am 8. Juni teilgenommen haben. Es wird versichert, daß die Verluste des Feindes über 1000 Tote und zahlreiche Ver- wundete betragen, die nach Chcdua gebracht worden sind. Die Mahalla Gharian allein hatte 140 Tote, unter denen sich der Scheich Taragiuri befindet. Unter den Verwundeten befinden sich Führer der Mahalla Gharian und Soff. Politische(leb er licht. Berlin, den 12. Juni 1912. Wie das Zentrum gegen den Papst arbeitet. In der„Rhein.-Westf. Ztg.", dem Organ der Scharf- macher und der— christlichen Gewerkschaften, ist zu lesen: „Ein bekannter Zentrums-ReichstagSabgeordneter sendet uns auf Grund von Erkundigungen in Rom die folgenden anstehen- erregenden Mitteilungen: Allmählich sickern ganz interessante Einzelheiten über Entstehung der beiden Draht ungen an die Berliner und Kölner Richtung durch, wenn sie auch in Einzelheiten noch nicht genau kontrollierbar sind. Danach kommt als Verfasser beider Drahtungen nach Berlin und Frankfurt der Dominikaner-Pater Esser. Vorsitzender der Jndex-Kongregation, in Betracht. Er vermittelte auch für die beiden Vertreter der Berliner Richtung, Pfarrer Beyer und Assessor a. D. von Savigny, die Audienz beim P a p st. Da nun in bestimmten Fällen dem Papst vorher mitgeteilt wird, was er Vertretern einzelner Korporationen sagen soll, ist nicht ausgeschlossen, daß die beiden Herren das selbst auf- gesetzt haben, was sie über Pater Esser durch den Papst gerne hören wollten. Dem Pap st ist nichts von den beiden Drahtungen bekannt geworden. Merrh del Val soll die Drahtungen im Drange der Staatsgcschäfte im guten Glauben unterzeichnet haben, und es herrscht jetzt wieder einmal„g r e n- zenlose Bestürzung" im Vatikan über ihre Wirkung in Deutschland. Es wird angenommen, daß die Vertreter der Berliner Richtung an der Abfassung der Drahtun- gen mitgewirkt haben. Dafür sprechen auch die scharf pointierten Wendungen, die nur von einem direkt an dem Kampf Beteiligten so scharf hervorgehoben werden konnten. Der Weg zu Pater Esser führt über das Dominikanerklo st er Ber- l i n- M o a b i t, von dem auch die ersten Anregungen zur Grün- dung katholischer Arbeitervereine ausgegangen sind." Das ist so recht Zentrumsart! Der Herr Reichstags- abgeordnete, der sich just die„Rheim-Westf. Ztg." für seine Enthüllungen aussucht, hat natürlich nicht den Mut, seinen Namen zu nennen, wenn er die Zustände im Vatikan als völlig verfahren schildert. Sollte vielleicht Herr Giesberts selbst, der Vertreter Essens im Reichstag, der Informator des Scharfmacherblattes sein? Fraglich bleibt allerdings, ob die Kölner von dem Bärendienst sehr erbaut sein werden. Denn wo bleibt schließlich die not- wendige katholisch-christliche Autorität, wenn der unfehlbare Papst ein solcher, von verschiedenen Cliquen hin- und hcrgewor- f e n e r S t r o h m a n n ist! Es ist aber begreiflich, daß die Zentrumspresse von dieser Art„Enthüllung" bis jetzt keine Notiz genommen hat. Neugierig sind wir aber, ob das Jen- trnm den Namen dieses Abgeordneten ebenso eifrig aufzu- spüren suchen wird, wie die Namen derer, die bei der Ab- stimmung über die Feuerbestattung gefehlt haben, Ein neuer Beschwichtigungsversuch. Die ultramontane„Augsburger Postzeitung" erhielt von dem apostolischen Nunzius in München, Früh- w i r t h, folgende Mitteilung: „Die Erklärung des Monsignore Heiner entspricht den Ans- fnssungen des heiligen Vaters. Der heilige Vater ist immer von dem Wunsche beseelt, die unzeitigen Meinungsverschiedenheiten in Deutschland ein Ende nebmeu zu sehen. Seine Heiligkeit, die Treue und Liebe der deutschen Katholiken kennend, segnen sie von Herzen und ermuntern alle, insbesondere die Arbeiter, fortfahren zu wollen, in Eintracht zu arbeiten für das Wohl der Kirche und des Vaterlandes, treu sich haltend an die päpstlichen Weisungen unter Führung und Leitung der zuständige» Biichöfe." Noch nicht zufrieden sind nach einer Meldung der„Tägl. Rundschau" aus Köln die christlichen Gewerkschaften, die die Auffassung haben, daß man sich nicht mit der letzten Erklärung des Auditors Heiner begnügen könne, es sei denn, daß eine autoritative Mitteilung hierher gelange, daß die Heinerschen Ausführungen als authentisch anzusehen seien. Man stehe in diesen Kreisen auf dem Standpunkte, daß man sich unbedingt gegen weitere Zweideutigkeiten schützen müsse, damit man endlich einmal Ruhe bekomme. So lange aber eine offizielle Erklärung über die Depeschen des Papstes nicht vorliege, müsse man ständig damit rechnen, daß die Berliner Richtung von ihrem Verleumdungsfeldzuge nicht ablasse. Sollten die nächsten Tage keine Klarheit bringen, so müßte ein Gewerkschaftskongreß zusammentreten, der nach dieser Richtung hin bestimmte Forderungen formulieren würde. Klerikale Polemik. Das von dem Pfarrer Dr. Nieborowski heransgegebene „Katholische Deutschland" meint:„Wenn jene katholischen Arbeitervereine, welche in Arbeiterfragen auf ihr katholisches Wort zugunsten der interkonfessionellen Organisation bisher ber- zichten, ans die Stimme des Heiligen Vaters hören wollen, dann sind sie christliche Gewerkschaften— gewesen". Weiter schreibt das Blatt, die katholikeuseindliche Presse dürfe heut- jubeln: „Ihr Ziel, die Kölner Richtung zum Aufruhr gegen den P a p st zu bringen, ist ganz, ganz nahe gerückt. Wir sagen ganz offen: Die„Kölner" proklamieren den Aufruhr gegen de» Papst, die noch leisen Signale dazu gehen von Truppe zu Truppe, die„Kölnisch- Volkszeitung" hat. nachdem der Heilige Vater der lange, lange geübten Geduld mit den Umtrieben der „Christlichen" ein Ziel gesetzt, die Parole zum Ungehor- s a m ausgegeben. Die kleineren Blätter werden vorgeschickt.... Die„Schlcsische Bolkszeitruig" lügt und hetzt heimlich u n d o f f e n g e g e n d i e A b s i ch t d e s H e i l i g e n V a t e r s. wie immer in dieser Frage.... Die„Kölnische Volkszeitung" hat die Parole des Widerstandes gegen den Papst ausgegeben, sie versucht bereits, die deutschen Bisch ose gegen den Pap st aufzureizen und aus. zuspiele n." Der Artikel schließt:„Die G e i st e r s ch et d c n s ich— und wenn der Heilige Vater bald energisch und öffentlich die„Christ- lichkeit" in der Gewerkschaftsfrage und die..Kölnerei" verbietet, so wird er h e u t das katholische Volk noch demütig und freudig ge- horchen sehen.— Gott stärke Pius X.!" In einem anderen Artikel greift das„Katholische Deutschland* wieder den Professor Martin Spahn an. Es schreibt unter anderem: „Im September 1910 wurde durch besondere Nachhilfe der Partei in Warburg ein Mann ins Zentrum gewählt, welcher das katholische Bewußtsein wiederholt in der gröbsten Weise verletzt hatte, ein Mann, der sich dem Grafen Hoensbroech zum Mitkämpfer angeboten, der Luther den größten Deutschen genannt, der den Katholizismus für gleich, ja sogar als minderwertigdemProtestan- gröblich st enWeiseverletzt hatte, ein Mann, der sich dem Zentrum die Schuld am Kulturkamps zuschrieb, der L e o XIII. i n sehr hätzlicher Weise darstellte. Prpfessor Maxtin Spabn." Zentrumslogik. Die„Germania" beschäftigt sich in einem Leitartikel mit den gestern von uns veröffentlichten Vorschlägen zur Aenderung deS Organisationsstatuts unserer Partei. Wie es bei dem christlichen Blatte nicht anders zu erwarten war, paaren sich Dummheit und Bosheit, um die von der Kommission gemachten Vorschläge zu kriti- sieren. So behauptet das Blatt, die von den verschiedensten Wahl- kreisorganisationen verlangte und im Vorschlage vorgesehene Be- schränkung der Vertretung der Reichstagsfraktion auf dem Parteitage sei vorgenommen worden, um der Parteileitung die Möglich. keit zu geben,„ihre Leute" aus den Parteitag zu bringen. Gerade als ob ein sozialdemokratischer Parteitag mit einer Zentrumsparade gleichzustellen sei. Am meisten hat es dem frommen Blatte aber die in dem Entwurf vorgesehene Regelung der Beitragszahlung angetan. Logische Purzelbäume aller Art müssen den Beweis er- bringen, was für einen Raubzug die Partei auf die Taschen ihrer Mitglieder unternehmen will. ES ist dem Schreiber wahrschein. lich nicht unbekannt, daß die große Mehrzahl der sozialdemokrati- scheu Wahlkreisorgansiationen, in der richtigen Erkenntnis� daß zum Kriegführen vor allem Geld gehört, heute schon den vor- gesehenen Mindestbeitrag von 40 resp. 20 Pf. pro Monat einge- führt hat. Unbekannt dürfte diese Tatsache dem ZentrnmÄblatt also nicht sein, es muß sich aber unwissend stellen, um seinen Lesern folgende Sätze servieren zu können: So kann die sozialdemokratische Steuer» schraube immer weiter angedreht werden, wie es jetzt auch bezüglich der Mindestbeiträge geschieht. Dt- sozialdemokratische Partei nimmt dabei keine Rücksicht aus die„armen, hungernden Proletarier", denen die staatliche Steuergesetzgebung die Z a h- lung von Steuern erläßt; sie nimmt auch keine Rücksicht aus die von ihr so viel bcklagie Verteuerung der Lebensmittel, die durch die Reichsfinanzreform hervor- gerufen sein soll, auch nicht auf die Verteuerung der Wohnungsmieten durch die fortschrittlichen HauSagrarier usw. Sie muß also wohl anerkennen, daß diese Klagen unbc- gründet sind, oder sie muß sich selbst der von ihr so oft und hart geschmähten„Ausbeutung der ärmeren VolkMassen" lediglich im sozialdemokratischen Parteiinteresse anklagen. Das alberne Geschwafel brauchen wir nicht zu finderlegen, da die„Germania" es in demselben Artikel bereits selbst tut. Kommt sie doch am Schluß zu einer ausdrücklichen Anerkennung der Disziplin und Opferwilligkeit unserer Partei- genossen. Mit recht verständlichem Neid meint daS Matt: In dieser Beziehung hat die sozialdemokratische Partei einen großen Vorsprung vor allen bürger- lichen Parteien. Diese können von der Sozialdemokratie lernen, wie Disziplin und Opferwilligkeit in einer straffen Organisation nötig sind und waS damit geleistet werden kann. Die bekannte Fabel von den Füchsen, denen die Traube« sauer sind, weil sie zu hoch hängen. Flotten- und Riistungskoller im christliche» Gcwcrkschaftslager. Den christlichen Gewerkschaftsmitgliedern in Saaravten ist großes Heil widerfahren, sie werden schon wieder vor neue Aufgaben ge» stellt, ehe sie alte gelöst haben. Den Hunger vermochten sie saarabischen Arbeitern, besonders denen in Schacht und Hütte, nicht zu stillen. Trotz deS Tamtams, mit dem die christlichen Gewerkschafts» sekretäre Lohnbewegungen einleiteten und in den Sumpf führten. Der SaarfisluS wie die Hütten wissen die christlichen Gewerkschaften im Saarrcvier genügend einzuschätzen, sie wissen, daß alles Geschrei christlicher Gewerkschaftsführer eitel Schaumschlägerei ist. da diese ja gar nicht daran denken, Srbeitersorderungen den nötigen und rechten Nachdruck zu verleihen. Und so hungern die saarabischen Arbeiter weiter. Doch jetzt soll das anders werden. Haben sie für sich und ihre Kinder auch kaum Brot zu brechen, sind die Häuschen der Bergarbeiter auch überschuldet, stehen sie auch bei den Geschäftsleuten riesig in der Kreide, so sollen ihnen an Stelle der alten doch neue Ideale im Gewerkschaftsleben blühen. Statt für Nahrung und Kleidung sich zu begeistern, sollen die christlichen Arbeiter SaarabienS sich kräftig ins Zeug legen für Wehrvorlagen und neue Rüstungen! Bon G e w e r k» schafts wegen! Man sollte eS nicht glauben und doch ist es so. Die M.-Gladbacher Heerführer reden in christlichen Gewerk» schaftsversammlungen, als hätten sie nichts anderes mehr zu tun. über Deutsckffands Wehrmacht, über die Notwendigkeit neuer Land» truppen und neuer Kriegsschiffe. So hat am vergangenen Sonn- abend im Tivoli-Saarbrücken«ine christliche Versammlung statt» gefunden, in der der christliche Sekretär Baltrusch tiBer das Interesse der deutschen Arbeiterschaft an DcntsckilandS Wehr- macht sprach. Ueber den Vortrag wissen Saarbrücker Zeitungen zu schreiben: „Es sollte dies(der Vortrag) einer der für das Sommer- Programm anberaumten aufklärenden Vorträge sein, durch die die Gewerkschaft positiv den niederreißenden Bestrebungen der Sozial- demokratie entgegenarbeiten wolle. Gerade bei der letzten Heeres- Vermehrung seien wieder von sozialdemokratischer Seite besonders zahlreiche und heftige Angriffe gegen den Militarismus gerichtet worden. Demgegenüber erläuterte der Redner folgende Leitsätze: 1. Der Krieg ist oft unvermeidlich. 2. Es ist richtiger, daß, wer den Frieden will, sich znm Kriege bereiten mnß. 3. Der Arbeiter, der am schwersten durch einen verlorenen Krieg be- troffen wird, bat ein Lebenßinteresse an einer ausreichenden Aus- gcstaltung der Wehrmacht. Redner wies hierauf den Widerspruch, der obwalte in der Stellungnahme der Sozialdenivkraten zum Aus- bau der Wehrmacht in Teutschland, wo sie jede Wchrvorlage ab- lehne, und in England und Frankreich, wo sie sogar selbst solche Borlagen einbringe, nach. Als lveitere Leitsätze stellte Redner au und begründete sie. 4. Deutschland braucht unbedingt eine starke Flotre, um seinen überseeischen Handel zu schützen, mit dem das Wohl und Wehe seiner Arbeiter aufs engste verknüpft ist. 5. Die Ausgaben für Heer und Marine blieben zum allergrößten Teile und fließen vielfach in die Taschen der deutschen Arbeiter. 6. Die R ü st u n g e n sind nicht nur nicht kulturhemmend, sondern in gewissem Sinne Vor- Bedingung kulturellen und ivirtschaftlichen Aufschwunges. Aus allen diesen Erwägungen heraus trete die positive, staatöerhaltende. christlichnationale Arbeiterbewegung im Interesse der deutschen Arbeilerwclt für eine starke deutsche Wehrmacht zu Wasser und zu Lande und schließlich auch in der Luft nachdrücklich ein." Wir haben keine Lust, mit Valtrnsch über Militarismus, Krieg- und Flottenrüstungen zu diskutieren. Wir konstatieren lediglich, daß die Flottenvereine, die vaterländischen Vereine, die Alldeutschen usw. zünftige Konkurrenten in den christlichen Gewerkschaften erhalten. Für die um ein besseres LoS kämpfenden Arbeiter den Strcikbruch, für den Staat die Rüstungen und für die Kapitalisten der Verdienst. Und ein bißchen Krieg mit hunderttausend Menschenopfern bringt auch Abwechselung. O ja, die christlichen Gewerkschaftsführer wissen, was den hungernden, geradezu rechtlosen saarabischen Berg- und Hüttenarbeitern nottut I Vorn Luftflottenrummel. In Luftflottenrummel macht man besonders stark oben an der Waterkant. Indes Begeisterung ist bekannllich keine HeringSwarc, und so hat bereits der in der Residenzstadt Oldenburg unlängst begründete Verein für Luftschiffahrt sich—„wegen zu geringer Anteilnahme der Bevölkerung" ausgelöst und sein bereits gesammeltes »Vermögen" dem Fliegerdank in Berlin übcrivicsen. Mit den freiwilligen Beiträgen scheint es überhaupt zu hapern, und so wird die angeblich so hochpalriolische Spende auf allerlei Art und Weise zusammengebracht. In der letzten Liste der Wilhelms- havener Spender rangiert auch der L e h r l i n g s v e r e i n der kaiserlichen Werft mit einem Beitrage. Wie man auch unter den doch gewiß nicht im Geldüberfluß schwimmende» M a r i n c s o l d a t c n für den nationalen Flugspenden- ruunnel Stimmung macht, zeigt ein Vorfall, der sich dieser Tage i» Wilhelmshaven zutrug. Dort forderte gelegentlich einer LöhnungS- ausznhlung der Kapitänleutnanr Wcrnicke von der 3. Kompagnie der 2. Matroscnartillcrie die Mannschaften auf. von ihrer Löhnung etwas zur nationalen Flngspcnde zu opfern. Mit demselben Opfermut, wie man solches auch in Frankreich tue, müsse eS auch bei uns geschehen. Während eine Reihe von Soldaten ihr Schcrslein für den patriotischen Wahn opferte, lehnte ein anderer Teil, unter dem sich auch eine Reihe gerade zur Nebung ein- gezogener Reservisten befand, eine Hergabe von Geldmitteln zu diesem Zwecke ab. Ohne Ztveifel taten sie recht, denn unsere Herrschenden sollten die Mittel für ihren kostspieligen LuftmilitariSmuS lieber von anderer Seite fordern, als von mittellosen Soldaten. Der Hanfabnnd. Ter Gesamtausschuß des Hansabundes trat Mittwochvor- mittag im Langcnbeckhause zu Berlin zu seiner dritten Tagung zusammen. 150 Vorstands- und Ausschußmitglieder aus allen Teilen des Reiches waren versammelt. Gchcimrat Prof. Dr. R i e ß c r eröffnete die Versamnilung und gab einen Be- richt über die Ncichstagswahlcn. Der Agrardeinagogie des Bundes der Landwirte habe der Hansabund eine geradezu vernichtende Quittung für ihren Uebermut gegeben. 56 Mit- glieder des Reichstages seien Mitglieder des Hansabundcs und 33 stehen auf seinem Boden. Der Bund verfüge also über 89 Abgeordnete, die seine Ziele zu den ihrigen machen. Weiter betonte Rießer. daß im Reichstage die Mehrheit für cxtrem-agrarische Forderungen beseitigt worden sei. Der Hansabund halte unverbrüchlich an seinen früheren Beschlüssen fest: er unterstütze nicht Parteien, sondern einzelne Kandi- daten, die sich zur Parität der Berechtigung aller Erwerbs- stände bekennen. Darum zähle er im Reichstage neben Na- tionalliberalen und Fortschrittlern auch Freikonservative zu seinen Anhängern. Es sei unwahr— so glaubte Rießer be- sonders hervorheben zu müssen—, daß der Bund aus So- zialistenfreunden bestehe. Gerade die, die diese Beschuldigung erhoben, hätten durch Stimmenthaltung indirekt die Sozial- demokratie gefördert. Hätte der Hausabund dieselbe Taktik befolgt, so säßen statt 119 sicherlich 169 Sozialdenivkraten im Reichstage.— Nach der Eröffnungsrede Rießers erstattete Assessor Dr. Kleefeld den Geschäftsbericht, nach welchem der Bund im Juni 1912 aus 67 Landesprovinzial- und Be- zirksgruppen. 643 Ortsgruppen, 1699 Vertrauensmännern, 823 angeschlossenen Vereinen und Verbänden bestand. Das Direktorium des Hansabundes besteht zurzeit aus 64 Mitglie- dern, der Gesamtausschuß aus 429 Mitgliedern. Nach der Berichterstattung wurden die Richtlinien des H a n s a b u n d e s, die in neuer Fassung vorlagen, be- sprachen. In diesen Richtlinien wird wiederum betont, daß der moderne Staat nur gedeihen kann, wenn der Grundsatz der Gleichberechtigung aller Erwcrbsstände. insbesondere Ge- werbe, Handel, Industrie und Landwirtschaft, den leitenden Gedanken und die unverrückbare Grundlage auch seiner Wirt- schaftspolitik bildet. Einzelne Redner sprachen dann zu den Richtlinien vom Staudpunkt der Industrie, der Erportinter- essen, des Detailhandels, des Handwerks und der Angestellten. — Frhr. v. Richthofen wies insbesondere auf den Passus der neuen Richtlinien hin, der sich mit dem Schutz der Arbeits- willigen beschäftigt. In diesen Bestimmungen werde man vielleicht eine bestinimte Stellungnahme vermissen, in welcher Weise dieser Schutz betätigt werden soll. Von einer solchen Stellungnahme habe das Direktorium des Hansabundcs bei Festsetzung der neuen Leitsätze noch Abstand genommen, und zwar aus dem Grunde, weil gegenwärtig noch den Orts- gruppen eine Beschlußfassung darüber überlassen ist, ob sie vielleicht eine andere Stellung einnehmen wollen. Es sei des- halb beschlossen worden, in einer späteren Sitzung des Dirck- toriums einen endgültigen Beschluß zu fassen.— Nach einem Schlußwort des Präsidenten Dr. Rießer wurden die vom Prä- sidium und Direktorium festgelegten Richtlinien ohne Wider- spruch angenommen. Weiter teilte der Präsident mit, daß das Direktorium beschlossen habe, nicht nur einen Hansatag, son- dern eine Hansawoche zu veranstalten, d. h. eine Zusammen- kunft aller dem Hansabund angegliederten Organisationen des Mittelstandes, anschließend an den Hansatag, der Ende Oktober oder Anfang November stattfinden soll. Nach den üblichen Dankes- und Schlußworten hatte die Versamnilung ihr Ende erreicht._ Zur Spaltung im nationalliberalen Lager. Der alwationalliberale Reichsvcrband ist unterm 11. Juni d. I. mit einem eigenen Organ, der„Altnationallibernlen Reichs- korrespondenz" an die Oeffentlichkeit getreten. In dieser Kor- respondenz heißt es:„Gibt es denn für die Linksentwickelung der Partei gar keine Beweise? War denn zumindest die Befürchtung eines solchen so ungerechtigt? Wir wollen absichtlich keine weiteren Beweise erheben. Spricht aber nicht die Unterwerfung von manchen Reichstagskandidaten unter die sozialdemokratischen Stichwahl- Bedingungen, sprechen die Vorgänge bei der Präsidentenwahl hier nicht eine deutliche, eine zu deutliche Sprache?"— In einem be- sonderen Artikel wird den Jungliberalen der Text gelesen. Ueber eine neue nationalliberale Sonderorganisation berichtet die„Nationalzcitung" aus Mainz. Im Anschluß an die letzte Sitzung des Landesausschusses der nationalliberalen Landespartei, die damit endete, daß die Delegierten der Kreise Alsfeld-Lauterbach. Mainz-Oppenheim und des OdenwaldeS unter Protest den Saal ver- ließen, habe zwischen Vertretern verschiedener hessischer Wahlkreise und nationalliberalen hessischen Vereinen eine Reihe von Be- sprechungen stattgefunden. Man kam zu dem Entschluß, eine freie Vereinigung hessischer Nationalliberaler zu gründen, die durch Anstellung eines Geschäftsführers und Herausgabe einer Korrespondenz als Finanz- und Arbeitsgemeinschaft organisiert werden soll. Die Begründer wollen der Politik der Reichstags- fraktion und ihres Führers Bassermann in Hessen eine festere Grund- läge schaffen._ Zwei Urteile der Militärjustiz! Wegen Mißhandlung und Beleidigung eines Unter- gebenen hatte sich der ehemalige Schutzmann, jetzige Unter- offizier Lehmann vom Husaren-Regiment Nr. 18 vor dem Dresdener Kriegsgericht zu verantworten. Ein Trompeter« fcholar hatte im Januar bis früh 4 Uhr Ballmusik gespielt und war dann in einen festen Schlaf verfallen, wodurch er den Stalldienst verpaßte. Der Angeklagte ging nach dem Schlafsaal und fand dort den Soldaten auf einem Stuhl schlafend vor. Der Soldatenerzieher schüttelte den Untergebenen ab, versetzte ihn mehrere Fußtritte gegen die Schienbeine und einen Schlag aus den Kopf und nannte ihn dann noch:„Versoffenes Schwein!" Aus Furcht vor noch schlechterer Behandlung hat der Mißhandelte nichts gemeldet! Urteil: Vier Tag» mittleren Arrest! I Der Husar Süß von demselben Regiment war eines Tages zugegen, als ein Kamerad zu unrecht zum Stalldienst befehligt wurde, er äußerte deshalb:„Wenn ich's wär', ich würde nicht gehen!" Diese Worte wurden dem Unteroffizier mit- geteilt, und als dieser Süß zur Rede stellte und erklärte, die Aeutze- rung sei eine Aufreizung zum Ungehorsam, lachte der Angeklagte und nahm keine militärische Haltung an. Wegen Aufreizung und Achtungsvcrletzung erhielt der Soldat— drei Wochen strengen Arrest!!_ Ver nationale �ransportarbeiterftreik in Snglancl. Londou, 11. Juni.(Eig. Ber.) Wie vorauszusehen war, haben die Londoner Unternehmer die Vorschläge der Regierung nicht angenommen. Dieses Vorgehen erklärt sich aus ihrer Absicht, den Verband der Arbeiter zu zertrümmern. Es blieb daher dem Transportarbciterverbandc nichts anderes übrig, als den angedrohten nationalen Streik zu proklamieren. Die Zahl der Arbeiter, die direkt oder indirekt durch diesen Riesen- streik in Mitleidenschaft gezogen werden, wird zwischen 7 u n d 899 999 betragen. In dem Transportarbeiterverbande sind organisiert 314 999 Mann. Die numerisch wichtigsten Organisationen, die dem Verbände angeschlossen sind, sind die Gewerkschaft der Matrosen und Heizer ("99 909), die Gewerkschaft der Dockarbeiter(75 999), Gasarbeiter und Taglöhncr(77 999), Londoner Fuhrleute (39999): von großer Wichtigkeit für die Wirksamkeit des Ans- standcs sind jedoch auch die kleineren Organisationen wie die der Fährmänner und Lichterschiffer(8999) und die der Stauer s8999). Die Matrosen und Heizer werden laut ihren Statuten eine Abstimmung aller in den Häfen befindlichen Mitglieder vorzunehmen haben, ehe sie sich dem Streik anschließen können. Aus diesem und ähnliche» Gründen wird es wohl einige Tage dauern, ehe man die Wirksamkeit der von dem Transport- arbeiterverband ausgegebenen Parole übersehen kann. Das von dem Exckutivausschnß des Transportarbeiter- Verbandes gestern veröffentlichte Manifest hat folgenden sortlaut: Kameraden l Nach langen Bemühungen, einen Kampf zu ver- hindern, und langen Bemühungen, den gegenwärtigen Kampf bei- zulegen, sind die Verhandlungen zum Stillstand gekommen. a) Die Arbeitgeber haben sich geweigert, das Recht der Trans- Portarbeiter als Gewerkschaftler anzuerkennen. b) Sie haben sich geweigert, als verantwortliche Körperschaft der Arbeitgeber die Verträge einzuhalten. v) Sie haben sich geweigert, die gesetzliche Verpflichtung deS Vertrages und des UebereinkommenS anzuerkennen und das An- gebot der Regierung, eine Behörde z» schaffen, die das Einhalten der Vertragsbedingungen erzwingen soll, anzunehmen. ä) Um unS zu schlagen, verlassen sie sich auf daS brutale Kampfmittel des AuShungerns und der Einschüchterung, auf Re- Pressalien durch Polizei und Militär. e) Man hat umere Verträge, Schiedssprüche und richterliche Entscheide beiseite geschoben. f) Man hat uns unsere Löhne gestohlen, und zwar eine sehr große Summe seit dem letzten Vertragsschluß. Wir bitten jetzt unsere Kollegen der Transportindustrie, d i e Arbeit einzustellen, um mit unS in einer nationalen Kraftanstrengung zu versuchen, unsere Löhne zu schützen und unsere Rechte als Organisation zu wahren. Wir appellieren an unsere Mitgewerkschafter und an die Freunde der Arbeiterklasse und der Gerechtigkeit, wir appellieren an die freiheitlichen Traditionen der Nation, uns zur Hilfe zu kommen. Wir bitten um sofortige Hilfe in Geld und Natura, wie auch um Hilfe zum Unterbringen und zur Ernährung der Kinder. Wir bitten in» sofortige Hilfe. Alle Mitteilungen von angeschlossenen Organisationen und Freunde» sind zu adressieren an H. GoSling, Vorsitzender, R. William?, Generalsekretär. Nationaler Transportarbeiterverband, Maritime Hall, West-Jndia-Docks, London, 13. Der Hilferuf für die 399999 Kinder der Londoner Streikenden ist nicht ohne Erfolg geblieben. Schon haben sich die Genossen der Kleinen tatkräftig angenommen. Die Londoner Sozialisten treffen Vorkehrungen zur Behausung und Er- nährung der Kinder. Die Genossin Gräfin Warwrck hat sich bereit erklärt, 1999 Kinder der Streikenden zu be- hausen und zu ernähren. Jetzt bietet sich für unsere englischen Genossen eine treffliche Gelegenheit, die Solidarität der polt- tischen und wirtschaftlichen Betvegung des Proletariats praktisch zu beweisen. Am Tower Hill, wo während des Streiks tagstch rlestge Versanimlungen abgehalten worden sind, machte Ben Tillet gestern eine bemerkenswerte Bekanntmachung. Wie hier zur- zeit berichtet wurde, gründeten die Unternehmer nach dem Eisenbahnerstrcik des letzten Sommers eine Pinkerton- garde, die in diesem Streik Verwendung gefunden hat. Die Transportarbeiter haben jetzt mit einer eigenen Schutz- truppe geantwortet. In dem Meeting am Tower Hill forderte Ben Tillet alle Streikenden, die im Heere, in der Flotte oder in der Territorialarmee gedient hätten, auf, die Hand zu heben. Taufende Hände streckten sich empor. Darauf fragte der Redner, wie viele von den gedienten Soldaten oder Matrosen bereit seien, der Zivil Polizei der Trans- Portarbeiter beizutreten. Wiederum wurden Tausende Hände erhoben. Der Redner riet dann den Freiwilligen, sich mit starken Knüppeln zu bewaffnen. Die Regierung sei schon benachrichtigt worden, daß die Transportarbeiter wie die Arbeitgeber ihre eigene Polizei schaffen Ivürden. Er(Tillet) sei der Vorsitzende' des Streikkomitees, der verantwortlichste Beamte, und er würde die Aufforderung nicht erlassen haben. wenn er nicht den Auftrag dazu bekommen hätte. Was wird nun die Regierung angesichts dieser Sachlage tun? Sie hat zugegeben, daß sich die Arbeitgeber eine Schutztruppe von Desperados zulegten, und sie wird nichts dagegen einwenden können, wenn friedliche Bürger ihre gedienten Freunde er- suchen, sie gegen die Pinkertons zu beschützen. Der Transportarbeiterstrcik vom letzten Sommer gab den direkten Anstoß zu dem Streik der Eisenbahner. Wird sich ein neuer Eisenbahnerstrcik vermeiden lassen? Die Beamten der Eisenbahnerorganisationen bremsen zwar mit aller Macht, aber unter den Mitgliedern herrscht eine große Unruhe, die sehr leicht zu einem Streik führen kann, sobald die unvermeidliche Frage der Streikbrechergütcr auftaucht. Die ersten Wirkungen des Streiks. Southampto«, 12. Juni. Infolge des Streiks hat die White Star-Line ihren Dampfer„Majestic", der heute nach New Jork abgehen sollte, nicht expedieren können. Die Post und ein Teil der Passagiere ist auf den Dampfer des Norddeutschen Lloyd„Kaiser Wilhelm II." übergegangen, der auch die Post von dem französischen Danipfer„La France" mitnimmt. Die Arbeit in den Docks ist völlig lahmgelegt._ frankreick. Die Grenzregulierung von Neu-Kamerun. Paris, 12. Juni. Die Deputiertenkammer ha? Bkö Gesetzesvorlagc betreffend die Bewilligung eines Kredits von SN 000 Frank für die Entsendung einer Kommission zur Feststellung der Grenzen zwischen der A e q u a tp ri a l pro p i n z und Kamerun einstimmig angenommen.{ Marohho. General Lyantcys Machtbefugnisse und die Abfindung des Sultans. Paris, 11. Juni. Die Regierung hat ein Dekret erlassen, in dem die Amtsbefugnisse LyautehS als Kommissar unli Generalresidcnt Frankreichs i.n Marokko festgestellt werden. Darirl wird bestimmt, daß Lhautey der Träger aller Befugnisse der Repu-, blik im scherifischcn Reiche und der einzige Vermittler des SuItanS bei den Vertretern der fremden Mächte sein soll, daß er die Dekrete des Sultans billigen und im Namen der Republik verkünden, den gesamten Verwaltungsdienst leiten, die Landtruppen befehligen und über die Seestreitkräfte verfügen soll. Aus dem dem Kammerausschutz für auswärtige Angelegen» hellen vorgelegten Bericht über den marokkanischen Protektorais» vertrag ist folgendes zu entnehmen: Dem Sultan wurde eine Zivilliste von 2 800 000 Hassanpeseten gewährt, deren Verwendung keinerlei Kontrolle durch die französische Regierung �unterliegt, eine Million Frank wurden für den Sultan teils in der marokka, nischcn Staatsbank hinterlegt, teils ihm direkt ausbezahlt, außer» dem wurde ein Kredit im Gesamtbetrage von 1 Mllion Hassan, Peseten für die scherisische Familie, für Instandhaltung der Paläste des Sultans und der Amtsgebäude des Mächsen sowie für un- vorhergesehene Ausgaben bewilligt. Mehrer Besitzungen bei FeS und Marrakcsch wurden als Privateigentum des SultanS aner» kannt. Schließlich wurde dem Sultan für den Fall serner Abdankung eine entsprechende Pension zugesichert und vereinbart, daß er im Einvernehmen mit der französischen Regierung einen seiner Söhne zum Thronfolger ernennen könne. Verschiedene andere Forde- rungen des Sultans, so ein zwciprozentiger Anteil cm den für die öffentlichen Arbeiten in Marokko verausgabten Summen, an dem Elektrizitätsmonopol in Fes und das Recht der Ernennung aller Beamten in den Städten und der Kaids aflcr Stämme tpurpen abgelehnt''......'---» China. Die Anleihe. Peking. 9. Juni. Trotz des vorbehaltenen Beitrittes Japans zu der Mächtegruppe, welche die internationale Anleihe finanziert. hat sich Rußland noch nicht entschließen können, diesem Beispiel zu folgen. Diese Zurückhaltung Rußlands ist darauf zurückzu- führen, daß die europäischen und amerikanischen Bankiers sich geweigert haben, die Sonderintercssen Rußlands in der Mongolei und im östlichen China anzuerkennen, da die Anerkennung dieser Sonderintercssen zu Sondervorrechten Rußlands führen würde. Außerdem ist es zu Unstimmigkeiten über die Emission gekommen, da die Bankiers wünschten, daß Rußland den auf ihn entfallenden Anteil auf seinem eigenen Markt unterbrächte, während Rußland hierzu wenig Lust zu hgbcn scheint. Die Bankiers haben die Sonderrechte Rußlands nicht anerkennen können, da diese Frage, auf das Gebiet der Politik hinüberspielt und leicht zu einer Ab- trcnnung der Mongolei von China führen könnte. Die Gesetz- gebende Versammlung hat beschlossen, daß der Vertrag über die Anleihe ihr unterbreitet werden soll, bevor der Minister des Acußcren unterzeichnet. Man glaubt, daß der Gesamtbetrag der Anleihe statt der ursprünglichen 30 Millionen nur 40 Millionen Pfund— 800 Millionen Mark— erreichen wird. Ausländischer Finanzbeirat wird Karl Rump sein, während von chinesischer Seite hierzu wahrscheinlich Chenchintac, gewesener Finanzminister dep pcrjloffcnen Millinger Regierung,«ßflXtni teCfpiP teiii, GewerkfchaftUcbea. »Cbriftlicbe" Zucbtfcbule für 8treihbi'ed>cr und Denunzianten. Vom 10. bis 17. März streikten die Bergarbeiter der Grube Saar und Mosel zu Karlingen(Lothringen): davon die Belegschaft von Schacht Merlenbach fast vollständig. Von etwa 2700 Mann Belegschaft gingen einschließlich der Ueber- tagarbeiter nur 70— 90 zur Arbeit, während auf den Schächten zu Spittel die Zahl der Streikbrecher erheblich größer war. Der christlklis Führer C a r i u s, vor allem der Forbacher Zentruinsabgeordnete C o l l e t, gaben sich die erdenklichste Mühe, die„christlich-nationalen" und unorganisierten Berg- arbeiter zum Streikbruch zu überreden, was Collet in Spittel denn auch in größerem Umfange gelang, während die Belegschaft in Merlenbach geschlossen im Ausstände verharrte. Um die Leute zum Streikbruch zu verleiten, erzählte Collet ihnen, er sei vom Berghauptmann von Straßburg zwecks Beilegung des Streiks entsandt, habe mit dem Direktor F lacke drei Stunden verhandelt und von diesem die be- stimmte Zusage erhalten, daß eine Lohnaufbesserung von 10 Proz. gewährt toerde. Die Spitteier fielen ihren Merlen- bacher Kameraden als Streikbrecher in den Rücken und er- hielten anstatt der von Collet versprochenen 10 prozentigen Lohnaufbesserung durchweg Lohnabzüge, tveshalb allent- halben Empörung herrscht. Während Collet unter dem persönlichen Schuh der Gendarmen von Versammlung zu Versammlung reist und die Grubenverwaltung verteidigt, die nicht mehr verpflichtet gewesen sei, das von ihm abgegebene Versprechen zu halten, weil die Belegschaften nicht sofort auf sein Verlangen angefahren seien, erzählen die„christlich-natio- nalen" Bergarbeiter, der Gewerkverein„christlicher" Streik- brecher habe seinen Mitgliedern, die sich am Streik beteiligten, Streikunterstützung gezahlt, der Verband aber nicht. Wie es rinn mit der„Bewilligung" der„christlichen" Streikunter- stutzung aussieht, erhellt aus folgendem Brief: .„Zentralstelle des(Lewerkvereins christlicher Bergarbeiter _. Deutschlands. Fernsprecher Nr. 14. Essen-Ruhr, Schützenbahn 62, 26. April 1912. Herrn Peter Frank, Bettingen, Bez. Trier. Werter Kollege! Du teilst uns mit. daß das Mitglied Peter B.... aus der Zahlstelle Bettingen auf der Grube Merlenbach in Lothringen beschäftigt sei und zur Zeit des Streiks an sieben Tagen gezwungenermaßen habe mitstreiken müssen. Werter Kollege, dafür muß uns zuerst der Beweis erbracht werden. Unseres Wissens haben auf der Grube Merlenbach von 4000 Mann Belegschaft 2000 gestreikt. Wir sind der Ansicht, daß, wenn die Hälfte der Belegschaft arbeiten ging, unsere Mitglieder ebenfalls keine Ursache zum Streiken hatten. Laut Statut muß ja zu allen Streiks vorher die Genehmigung des Hauptvorstandes eingeholt werden. Das ist aber in diesem Falle nicht geschehen und scheidet daher schon auf Grund unserer Satzung die Zahlung der Streik- Unterstützung aus. Sollte der Kamerad aber infolge Bedrohung und Belästigung seitens der Sozialdemokraten nicht haben arbeiten können, so bifte ich dieses der Hauptgeschäftsstelle, allerdings unter Angabe der Beweisgründe, mitzuteilen. Wir werden beschließen, ob unter diesen Umständen dem Kameraden für die Zeit Unter- stutzung gewährt werden kann. Mit kameradschaftlichem Glückauf! Der Hauptvorstand des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter Deutschlands. Stcger." . Der Brief trägt ferner noch folgende Randbemerkung: „Peter, Du mußt 2— 3 Mann Zeugen angeben, daß Du wegen Aufruhr auf dem Grubenweg nicht konntest zur Schicht gehen, Gruß! Steffen." � Veter braucht sich also nur durch einige Lumpaziusse be- scheinigen zu lassen, daß er von Sozialdemokraten— die nach der Zentrumspresse in Merlenbach längst ausgestorben waren — bedroht und belästigt worden sei, dann konnte Unterstützung bewilligt werden. Die„Christen" durften sich gegenseitig nur bescheinigen, von„Sozialdemokraten" bedroht und belästigt zu jein und es gab Unterstützung. Um aber die Moral dieser„Christen" zu würdigen, muß man beachten, daß C o l l e t am 16. Mai in Merlenbach unter dem Beifall seiner„Mitchristen" ausführte, daß die Mitglieder des„christlichen" Gewerkvereins vom ersten bis zum letzten Tag mitgestreikt hätten, sie sich den Vorwurf„Streikbrecher" entschieden verbäten. Wenn der Streik auch nicht nach den gewerkschaftlichen Regeln ausgebrochen sei, so habe sich der Vorstand des Gewerkvereins dennoch gefreut, daß auch ihre Mitglieder mitstreikten, schon um den Sozialdemokraten nicht das billige Agitationsmittel zu geben, gegen die„christlichen" Streikbrecher zu Felde zu ziehen. Nach Collet und den anderen dort anwesenden„Christen" haben sie freiwillig mit- gestreikt, freuen und rühmen sich dessen noch, wissen von keiner Bedrohung noch Belästigung etwas und ihrem Hauptvorstand bescheinigen sie, daß sie gezwungenermaßen haben feiern müssen, daß sie von den Sozialdemokraten bedroht und belästigt worden sind!< Mit Schaudern denkt man: Wohin soll das führen? � Berlin und Umgegend. Zur Tnrifbewegung im Dachdeckergewerbe. Die Einigung mit den Arbeitgebern gescheitert! Das ist das Ergebnis der Verhandlung vom lt. Juni. Nach einer Sitzungsdauer von kaum 10 Minuten wurde die Verhandlung von den Arbeitgebern abgebrochen. Gleich»ach Erössnuna der Sitzung richtete der Vor- sitzende des Arbeitgebervcrbandcs, Herr Jungk, an die Arbeit- nehmer die Frage, welche Stellung iie nun zu den Vorschlägen der Arbeitgeber einnehmen. Von dem Obmann der Arbeiter wurde ihm erwidert, daß dieselben an den eingereichten Forderungen festhalten müßten und daß sie Verschlechterungen niemals zustimmen würden und könnten. Hierauf erklärte Herr Jungk, daß auch die Unter- nehmer an ihren Forderungen festhalten werden. Damit hatte die Verhandlung ihr Ende erreicht. Die Aussicht auf eine friedliche Erledigung der Angelegenheit ist somit geschwunden. Die Unternehmer scheinen es sich in den Kopf gesetzt zu haben, unter allen Umständen dem jetzt bestehenden Tarifvertrag gegenüber Verschlechterungen einführen zu wollen. Forderungen sind von den Arbeitern nicht gestellt worden. Es sollten nur die augenblicklich bestehenden Verträge für die Dach- decker und Dachdeckerhilfsarbciter als allgemeiner Tarif auf eine weitere Reihe von Jahren abgeschlossen werben. Die Unternehmer scheinen aber den Kamps zu wollen. Ihnen ist offenbar an einer friedlichen Erledigung der Dinge nicht das geringste gelegen. Können die Arbeiter diesem Kampf nicht aus dem Wege gehen, ist er un- vermeidlick», dann iverden sie ihn auch zu führen wissen. Daß die Arbeiter keinen Verschlechterungen zustimmen würden, darüber mußten die Unternehmer sich klar sein. Wie verlautet, hielten die Unternehmer am 7. Juni eine Ver- kammluna ab, welche möglichst geheim gehalten werden sollte, und 'der sie sich über die einzusiblagende Taktik auf das eingehendste unterhielten. Es sind dort sehr wichtige Beschlüsse gefaßt worden. Welcher Art diese Beschlüsse sind, wird ja die Oeffentlichkeit bald erfahren.-------- vxrgntw.Redgktenr: Nlbcrt Wachs, Berlin. Jnsergteotxil vergntw.: Der Streik der Sattler im Deutschen Offizierverein geht nun bereits in die achte Woche, ohne daß an eine Beilegung desselben zu denken ist. Die Firma bemüht sich nach Kräften, die notwendige Anzahl von Arbeitswilligen heranzuziehen. Da ihr dieses aber nicht gelingt, bekommt der Arbeitswillige Josef H o m o l a, Kaiser- Franz-Grenadierplatz 6 wohnhast, so viel Arbeit mit nach Hause. daß er noch des Abends ein paar andere Sattler nebenbei beschästigt. Während in anderen Betrieben die Arbeitswilligen immer außer- gewöhnlilh gut entlohnt werden, ist es im Deutschen Offizierverein anders. Wir konnten feststellen, daß dort jetzl Sattler beschäftigt sind, die mir 24 M. Lohn bekommen, während sogar die Innung mit dem Gesellenausschuß einen Mindcstlohn von 27 M. pro Woche vereinbart hat. Wir nehmen selbstverständlich an, daß diese Eni- lohnung durchaus der Leistung dieser Arbeitskräfte entspricht, können daraus aber auch den Schluß ziehen, daß die Leitung des Deutschen Offiziervcreins auf die Dauer in dieser Weise nicht weiter wirt- schaftcn kann. Wir ersuchen deshalb nach wie vor, jeden Zuzug von Sattlern nach dem Deutschen Offizierverein fernzuhalten. Die Ortsverwaltung Berlin de? Verbandes der Sattler und Portefeuiller. Achtung! Wäsche-, Neglige-, Blusen-, Krawatten- und Korsett- znschneider Berlins! Bei der Firma Ullstein u. Co.,»Berliner Morgcnpost", haben sämtliche 6 Maschinenzuschneider der Schnitt- musterabtcilung ihre Kündigung zum 15. Juni eingereicht, weil sie in der Entlassung eines Zuschneiders, die angeblich wegen Arbeits- mangel erfolgt ist, eine Maßregelung erblicken. Auf Veranlassung der Firma fanden am Dienstag Verhandlungen mit dem Vertreter der Arbeiterorganisation statt, in welcher gegenseitig vereinbart wurde, die Angelegenheit dem Berliner Gewerbegericht zur Ent- scheidung zu unterbreiten. Die Kündigungen bleiben somit bis zur Urteilsfällung durch die Schiedsgerichtsinstanz unwirksam. Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschcarbeiter Deutschlands. Filiale Berlin III, Neue Königstratze 6. Zum Fleischerboykott in Neukölln sei mitgeteilt, daß in der Notiz in Nr. 133 des„Vorwärts" ein Irrtum unterlaufen ist. Nicht in der Gastwirtschaft Kottbuser Damm 23, sondern in der Gast- Wirtschaft Kottbuser Damm 32 werden Wursttvaren aus einem boykottierten Geschäft in Neukölln bezogen. Zentralverband der Fleischer. veutfehes Reich. Achtung! Erdarbeiter, Maschinen- und Werkstatt- personal! Die Firma Held u. F r a n k e, bei der die am Bau des MitteUand- knnalS beschäftigten Arbeiter streiken, macht alle möglichen An- strengungen, um Ersatz für die Ausständigen zu beschaffen. Bisher ist ihr das nicht gelungen. Nach Veröffentlichungen der bürgerlichen Presse wollte die Direktion am Montag mit 400 Mann den Betrieb voll aufnehmen, erhalten haben sie jedoch bisher nicht einen Arbeitswilligen. Die Erdarbeiter fordern nur einen Stundenlohn von 42 Pf., wie er anderweitig schon lange gezahlt wird: auch das Maschinen- und Weristattpersonal hat nur den Lohn gefordert, der im Tiefbau- betrieb allgemein üblich ist. Bisher hat die Firma jegliches Ent- gegenkommen abgelehnt, lange genug haben die Arbeiter Geduld geübt und erst die Erklärung der Bauleitung: die Arbeiter mögen nur streiken, wenn sie Lust dazu haben, hat zur Arbeits- einftellung geführt. Kein Tiefbauarbeiter lasse sich durch in die Presse lanzierte falsche Berichte irreleiten. Der Betrieb ruht heute noch so wie am Tage der Arbeitseinstellung. Haltet jeglichen Zuzug fern, damit den Kämpfenden der Sieg wird l_ Dachdeckerstreik in Münster(Westfalen). Am Montag beschlossen die Dachdecker in einer Versammlung den Streik. Von 45 in Münster beschäftigten Gehilfen stellten darauf 40 die Arbeit ein. Von diesen sind 38 im Zentralverband der Dachdecker und 2 im christlichen Bauarbeiterverband organisiert. Schon im März gingen den Unternehmern die Forderungen der Gehilfen zu; doch trotz drei- maliger Aufforderung hielten sie es nicht für nötig zu antworten, so daß die Gehilfen gezwungen waren, eine deutliche Sprache zu reden. Bezeichnend für das Verhalten der Unternehmer ist, daß sie den Gehilfen für ihre gefährliche Arbeit nicht die Löhne der Maurer und Zimmerer in Münster zugestehen wollen. Die Dachdecker werden ersucht, auf strenge Fernhaltung des Zuzuges zu achten. Der Gerüstbauerstreik in Esten erfolgreich beendet. Nach beinahe vierwöchentlichcm Kampfe gelang es den Leiter- gerüstbauern in Essen, die ausnahmslos dem Transportarbeiter. verbände angehören, einen dreijährigen Tarif abzuschließen. In der Hauptsache wurde eine Neuregelung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Stundenlohnes für Gerüstarbeiter von 55 auf 60 Pf., für Vorarbeiter von 60 auf 65 Pf. und für Kutscher eine Erhöhung deS Wochenlohnes von 30 auf 32,50 M. Die Zulagen erfolgen staffelweise. Trotz der zahlreichen„Hintzeleute" und dem rücksichtslosen Vorgehen der Polizei, die das Streikpostcnstehen unmöglich machte und sogar den Leiter der Geschäftsstelle des Verbandes, den Ge- nossen Kimmritz, wegen..zwecklose»" Aufenthalts in den Straßen, in denen die bestreikten Betriebe lagen, verhaftete, haben die Strei- kenden. die wie ein Mann im Kampf standen, den Sieg errungen. Die Arbeit wurde am 11. id. M. in vollem Umfange wieder auf» genommen._ Dachdeckerstrcit in Nordhaust». Am Montag morgen legten in Nordhausen die Dachdecker die Arbeit nieder. Die Unternehmer weigern sich, den tariflichen Lohn zu zahlen.— Zuzug ist sern- zuhalten. Textilarbeiterstreik in Blaichach. In Blaichach bei Jmmenstadt in Schwaben haben in der dortigen Weberei 130 Textilarbeiter die Arbeit eingestellt, nachdem die Forderung auf Gewährung einer geringfügigen Lohnerhöhung und Abstellung von drückenden Miß- ständen abgelehnt worden war. Huslftnd. Ter Ausstand der französischen Seeleute gewinnt immer mehr an Boden und hat sich bereits auf Bordeaux und Brest ausgedehnt, wo zahlreiche Seeleute den Streik be- schloffen. In Brest versuchte eine Anzahl Ausständiger die See- leute, welche mit der Einschiffung der Verproviantierung für die Soldaten der umliegenden Forts beschäftigt waren, zu veranlassen, sich ihnen anzuschließen. Ihr Vorhaben wurde jedoch von der Polizei verhindert. In Havre find auch die Seeleute der Normannischen Gesell- schaft, welcher der Küstendienst obliegt, an Land gegangen und der Dienst ist eingestellt worden. Zahlreiche Mannschaften von Privat- sachten haben sich der Bewegung angeschlossen. Die Zahl der Streikenden beträgt gegenwärtig 1150, von denen 600 der Comgagnie TranS- atlantique angehören. Auch die Mannschaften der Boote, die den Flußdienst versehen, sind an Land gegangen und die Schiffahrt ist so gut wie lahmgelegt._ Hue der Frauenbewegung. Die Schwären des Kapitalismus. London, 10. Juni.(Eig. Bcr.)' Der Handel mit weißen Sklaven, wie der Mädchenhandel in England euphemistisch genannt wird, gehört bekanntlich zu den lukrativsten Geschäften und wird von Syndikaten internationaler Lumpen regelrecht betrieben. Namentlich England liefert eine ge. schätzte Ausbeute, denn von hier beziehen diese Mcnschenräuber ihre frischeste und jüngste Ware. Mit glänzenden Versprechungen locken sie die unerfahrenen Mädchen an. um sie nach dem Kontinent oder R,. Glocke, Berlin. Druck». Bxrlag: Vorwärts Buchdr. u LerlagSanstgls' nach Amerika zu schicken, ti» die akMen Dinger gewöhnlich nach 5 bis 7 Jahren in den Bordellen eines entsetzlichen Todes sterben. Seit vielen Jahren versuchen englische Frauen, den Verbrechern das Handwerk zu legen und die Strafen für den Mädchenhandel zu ver- schärfen. Ihre Bemühungen sind jedoch bis jetzt erfolglos geblieben. Eine Vorlage über diese Angelegenheit ist vielleicht schon hundertmal im Parlament eingebracht worden, ist aber stets an der Interesse- losigkeit des Parlaments gescheitert. Endlich hat die Regierung die Mädchenhandelvorlage zu der ihrigen gemacht und die Vorlage wird nunmehr wohl angenommen werden. Das Verdienst, die Regierung zu diesem Vorgehen veranlaßt zu haben, gebührt dem Verband der liberalen Frauen. Der Verband hatte nämlich Resolutionen an- genommen, nach denen in Zukunft keine Gesellschaften afftliiert werden sollen, die die Forderung des Frauenstimmrcchts nicht in ihrem Programm führen, und in denen gedroht wurde, der Regie. rung die Freundschaft zu kündigen, falls die kommende Wahlrechts- Vorlage nicht das Frauenstimmrecht bringen sollte. Die Regierung bekam Angst und fürchtete, die liberalen Frauen könnten zur Ar- beiterpartei abschwenken. Sie versprach deshalb, noch in dieser Session eine Programmforderung der liberalen Frauen zu verwirk- lichen, und nahm sich darauf der Mädchenhandelhill an. Das wegen seiner sozialpolitischen Tätigkeit bekannte Parka- mentsmitglied Booth wird heute bei der zweiten Lesung der Vor- läge beantragen, eine gründliche öffentliche Untersuchung über diesen Gegenstand vorzunehmen, um im nächsten Jahre wirksame ge- setzgeberische Maßregeln treffen zu können. Zweifelsohne ist eine solche Untersuchung angebracht. Aber wer sich mit der Materie be- schäftigt hat. weiß, wie wenig die schärfste Strafgesetzgebung gegen die Mädchenhändler vermag. Ganz andere, und zwar mächtigere Verbrecher müßten zur Rechenschaft gezogen werden. Eine Aerztin schreibt heute über den Mädchenhandel in einer Zuschrift an die „Times": „Die Patientin war Kellnerin in einem der blühendsten Ge- schäfte des Westends. Sie war einer Art Blutvergiftung unter- legen, die sie sich wahrscheinlich durch die gesundheitsschädlichen Bedingungen, unter denen sie gelebt, zugezogen hatte. Sie sagte, ihr Lohn betrüge 6 Schilling die Woche, daß sie eine gute Mahl- zeit zur Mittags- und Teezeit erhalte, daß keine Trinkgelder angenommen werden dürften und daß sie aus den 6 Schilling folgendes zu zahlen habe: jeden Tag Frühstück und Abendessen und Sonntags alle Mahlzeiten, Wohnung, Kleider, Wäsche usw. nebst Fahrgeld von und nach den Stadtteilen, wo die Wohnungen billig sind. Ein paar Tage später sprach ich vor. um mich zu er- kundigen, ob man Schwierigkeiten gehabt habe, sie zu ersetzen. Die Geschäftsführerin erwiderte, daß eine Annonce fast 200 Ant- Worten gebracht habe. Die meisten der Mädchen verdienten nur 5 Schilling und einige nur 4 Schilling die Woche. Sie habe mit mehr als einem Dutzend Mädchen gesprochen, und die Geschichten, die einige erzählten, seien herzzerbrechend gewesen. Dann nannte sie Firmen, darunter königl. Hoflieferanten, von denen eS heiße, daß ein jedes Mädchen des Abends auf der Straße zu finden sei, und sie erklärte mir. wie leicht es sei, daß diese Mädchen, wenn iie einmal das Leben begonnen, spurlos verschwänden, ohne daß jemand Verdacht schöpfe." AnS diesen Angaben geht zur Genüge hervor, daß die Gesetz- geber, wenn sie dem Mädchenhandel ernstlich zu Leibe gehen wollen, ihr Netz sehr weit werfen müssen, damit sie auch die Hoflieferanten fangen._ Leseabende. Mariendorf. Heute Donnerstag, abends 8% Uhr. bei Nestaurateur Paul, Königstr. 14._ Versammlungen— Veranstaltungen. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, den 17. Juni. 8% Uhr, in der„Neuen Philharmonie". Köpenicker Str. 96/97: Generalversaminlung. Tagesordnung: Vorstands- und Kassenbericht. Bericht der Revisoren. Verschiedenes. Mit» gliedsbuch legitimiert. Letzte Nachrichten. Der Transportarbeiterstrcik vor dem englischen Unterhaus. London, 12. Juni.(W. T. B.) Der Konservative Austin Chamberkain. beantragte ein Mißtrauensvotum ge ge n die Regierung. Er erklärte, die Haltung McKennas in der Frage des Schutzes der fteien Arbeit wäre ungesetzlich und nicht konstitutionell. McKenna sagte in seiner Antwort, er hätte jeder freien Arbeit, für die eS Beschäftigung gab. gleichen Schuh gewährt, er lehne es aber ab, die Polizei von ihrer gegen» wältigen Pflicht, für den Schutz der LebensmittcltranSporte zu sorgen, abzuhalten und sie zum Schutze der freien Arbeiter zu ver�- wenden, für die es in den Docks wegen Mangel an Transporte mittel» leine Arbeit gäbe. Mc. Kenna führte als Rechtfertigung für seine Haltung die Tatsache an. daß mitten in dem großen Streik London ruhig blieb und die Lebensmittelpreise nicht stiegen. Er bat das Haus, der Politik des Home offtce zuzustimmen. Zur amerikanischen Präsidentschaftswahl. Oysterbay, 12. Juni.(W. T. B.) Roosevelt ließ durch den Richter Lindsay von Denver erklären, daß er Anhänger de» Frauen. stimmrechts für die Vereinigten Staaten sei und daß sein Pro- gramm, das er dem republikanischen Konvent in Ehirago unter- breiten werde, in dieser Hinsicht eine ganz unzweideutig Erstchrung enthalten werde. Bei der Arbeit ertrunken. Basel, 12. Juni.(P. C.) Ein folgenschwerer Gerüftrinsturz ereignete sich gestern an der Aarbrücke bei Kob'enz. Als fünf An. streiche! ihre Arbeiten an der Brücke ausführten, stürzte das Ge- ruft, auf dem sie sich befanden, ein und sie fielen in dir reißenden Fluten. Einem gelang eS. sich selbst in Sicherheit zu bringen, während zwei von einem hinzugeeilten Polizisten gerettet Warden. Die anderen zwei find ertrunken. Deutsche Matrosen als Lebensretter. New Noek, 12. Juni.(P. C.) In einem Hause war ein Brand ausgebrochen, durch den dessen Bewohner schwer bedroht waren. Ohne Zögern stürzten sich zufällig vorbeikommende deutsche Matrosen in die Flammen und retteten unter Gefährdung des eigenen Lebens daraus eine Mutter mit ihrem Säugling. Als sie sich überzeugt hatten, daß niemand mehr in Gefahr sei. entzogen sie sich unerkannt dem Beifall der Menge. Man konnte bisher nur feststellen, daß sie zur Besatzung des Kreuzers„Stettin" gehörten und daß der eine von ihnen Richter heißt. Streik amerikanischer Hafenarbeiter. New Jork. 12. Juni.<38. T. 58.) 400 Hafenarbeiter der Holland—Amerikalinie in Hoboken sind in den ZlnSstgnd getreten, weil die Gesellschaft auch Nichtorganisierte beschäftigt. E'senbahnkatastrophe in Amerika. Atlanta(Georgia). 12. Juni.(W. T. B.) Bei Dalt on hat sich ein Eisenbahnunglück ereignet, bei dem 150 Personen umge, kommen sei» sollen. MaglSinger ä Co., Bxrsig LW. Hierzu 2 Beilagen«.UaterhaltungSbl. Nr. 135. 29. Jahrgang. cilqe des JhmiIs" Serliuet NsilisdlÄ psmiftsfa!!, 13.1«« 1912. Der amertkanlfclie Parteitag. II.#J New Dork, 28. Mai.(Eig. Ber.) Wie in anderen Ländern öst auch in den Vereinigten Staaten die Formulierung der A g r a r- forderungen ganz besondere Schwierigkeiten. Seit einem Jahrzehnt bemühten sich die besten Köpfe der amerikanischen Partei, ein agitatorisch wertvolles und doch konsequent sozialistisches Pro- gramm zu schaffen. Auf dem auherordentlichcn Parteitag in Chicago gelang diese Aufgabe vor zwei Jahren nicht. In Indiana- polis wurde endlich ein Agrarprogramm angenommen, nachdem die Parteien verschiedener Einzelstaaten, wie Oklahoma, North Dakota, South Dakota und Texas mit dem guten Beispiel vor- angegangen waren. Der prinzipielle erste Teil des neuen Programms ist unan- sechtbar; er spricht sich, wie wir es ja auch hinsichtlich aller anderen Produktionsmittel tun, für die Vergesellschaftlichung der Land- Wirtschaft aus, indem er sagt: „Die sozialistische Partei fordert, daß die Transportmittel, die Lagerhäuser, die Anlagen zur Gewinnung und Verarbeitung land- wirtschaftlicher Produkte und die landwirtschaftlichen Maschinen, soweit diese der Ausbeutung dienen, in den Gemeinbesitz überge- führt und demokratisch verwaltet werden." Der Satz,.soweit diese der Ausbeutung dienen", war in der vom Agrarkomitee vorgeschla- genen Resolution nicht enthalten, sondern wurde aus Antrag des Genossen Edwards eingefügt. Vielfach bemängelt wird der zweite, die Gegenwartsforderungen enthaltende Teil des Agrarprogramms. Das Pachtverhältnis ab- zuschaffen und zu verhindern, daß kulturfähiges Land brach liegt, will er die Farmen, welche nicht von ihren Eigentümern bebaut werden, mit dem vollen Pachtwertc zur Besteuerung heranziehen. Auch will er nur die Befitztitcl derjenigen anerkennen, welche den .Grund und Boden tatsächlich bebauen. Bund, Staat und Gemeinde sollen keinen Grundbesitz mehr veräußern oder verschenken und, wenn immer möglich, Land an sich bringen, Musterfarmen errichten und dadurch die Landwirtschaft durch Beispiel und Anregung heben. Auch die Bildung landwirt- schastlicher Genossenschaften soll gefördert werden. Wie man sieht, werden in dem Programm die vier Millionen landwirtschaftlicher Arbeiter gar nicht erwähnt und zwar, weil, wie auf dem Parteitag geltend gemacht wurde,„die Farmarbeiter unter derselben Ausbeutring zu leiden haben wie die Lohnsklaven der Industrie" und daher kein besonderes Farmarbeitrrprogramm not- wendig sei. Mit demselben Rechte konnte man auch von der Formulierung der Gegenwarts-Agrarsorderungen abschen. Denn in der Landwirt- schast zeigen sich die gleichen Erscheinungen wie auf anderen Pro- duktionSgebieten. Der Klein- und Mittelbetrieb ist dem Untergange geweiht. Der Wandel trat im Landbau später in die Erscheinung, vollzieht sich dafür aber um so rascher. Wie das Industriekapital wird auch das Agrarkapital von dem Finanzkapital abgelöst. Noch leichter als die Mittel- und Kleinbetriebe der Industrie werden die Farmer von den Syndikaten und den Trusts ruiniert. Der Absatz ihrer Produkte ist viel zu umständlich, zeitraubend und kostspielig. Ganz rapid steigen die Preise für Grund und Boden. Auch in rein ländlichen Distrikten werden aus der Bodenspekulation viel höhere Gewinne erzielt als aus der mühseligen Bewirtschaftung. Die leistungsfähigsten landwirtschaftlichen Maschinen sind für die kleinen und mittleren Farmer unerschwinglich. Daher ist. die Landwirtschaft auf großen Flüchen viel intensiver und daher, auch rentabler als auf kleinen und mittleren Farmen. Am vorteil- hgflesten wäre natürlich die Vergesellschaftlichung der ganzen Laich- Wirtschaft. Unaufhaltsam und mit Riesenschritten vollzieht sich der Ab- stieg der Farmer ins Proletariat. Vorbei find die Zeiten, da der vermögenslose Mann hierzulande hoffen konnte, es durch Fleiß und Sparsamkeit zu einer Farm zu bringen. Wurde ja doch im letzten und vorigen Jahre bei den Unterfuchungen über die Landdiebcreien im Westen wiederholt nachgewiesen, daß auch die von dem Bunde verschenkten Heimstätten nur nominell in den Besitz der Heimstätten- iuhaber übergehen, welche nur die Strohmänner des Großkapitals find, an das der Grundbesitz trotz der entgegenstehenden gesetzlichen Bestimmungen der Verabredung gemäß fällt. Was sollte der kleine Mann auch mit einer Heimstätte, die sich unter den herrschenden landwirtschaftlichen Produktionsverhältnissen nicht rentiert? Vorgeschlagen wurde dem Parteitag das Agrarprogramm von dem Agrarkomitee, dessen Vorfitzendcr A. M.<Änwns-Kansas den Entwurf vertrat. Gleich zu Beginn der Debatte regte Cafsidh- New Aork an, es sollten sich ausschließlich Farmer an der Diskussion beteiligen, ganz als ob ein Programm der Farmer und nicht ein •) Siehe Nr. 129, 1. Beilage. Kleines feuilleton. Aesthelik und Industriebau. Auf der Sg. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure sprach Prof. Peter Bebrens- Berlin über das Thema„Aesthelik und Industriebau". Da Prof. Behrens als künstlerischer Beroter der Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft die praktische Möglichkeit seiner Theorie» in einigen schönen Industriebauten bereu? erwiesen hat, find seine Ausführungen von besonderem Interesse. Prof. Behren« schilderte, wie die impo- santesten Aeußerungen unseres heutige» Köiinciis in den Ergebinssen der modernen Technik liegen. Diese Technik hat zwar eine erstaunliche Höhe de? materiellen Lebens geschaffen. Das ist aber noch nicht mit Kultur zu verwechseln, da eine Einheit von materiellen und geistigen Werten„och keinen Formausdruck gefunden hat. Trotz aller Begeisterung für die Technik besteht natürlich nach wie vor in nnS die Sehnsucht nach dem absolut Schönen und wir vermögen nicht die Zlveckmäßiqkeit an Stelle der Werte zu setzen, die uns früher beglückt und erhoben haben. Kunst ist die Erfüllung psychischer das heißt ins Geistige übersetzter Zwecke. Sie entsteht nicht au« Zweckmäßigkeit. Gewiß ist tt falsch. kühne' Eisenkonstruktionen, wie zum Beispiel Brücken durch Steinanbauten zu romantischen Ritterburgen zu machen: falsch aber ist es auch, die notwendige Unterordnung der Konstruktion unter die künstlerische Zweckmäßigkeit zu leugnen. Die Aufgabe von heute bestehr darin, der entwickelten Technik selbst zu einer künstlerischen Qualität zu verhelfen. Die Geschichte zeigt, wie daS Zusammenwirken von großem technischen Können und tief- empfundener Kunst den Stil für eine Periode schafft. Behrens streift die Frage, welche Bedingungen mit einem Kunstwollen umercr eiaenen Zeit übereinstimmen. Das läßt sich heute nicht beaiitwortcn. »a ein Stil nur im Rückblick auf eine längst vergangene Zeit zu er- �.nnen ist Wir vermögen deSh«lb die Bedingungen nur intuitiv zu «nvimdea. So können wir z. B. hervorheben, daß unsere Zeit schneller dahineilt als die unserer Väter. Wir haben keine Muße mehr, Emzel- beiten in unS aufzunehmen. Die Silhouette großer Boukomplexe wird für uns wichtiger als dre ieinzeliicr Gebäude. Wir verlangen desKalb eine Arckilelmr, die möglichst geschlossene ruhige Flachen -eiat' Für alle solche Bedingungen lasten sich keine Theorie» am- {tellen Wohl aber vermochte der Redner a» Hand der Bilder der von ihm aufgeführten Bauten zu zeigen, wie diesen von ihm ge- fühlte» Bedürfnissen der Zelt enlsprochen werden kann. Er betonte schließlich, wie in unserer heutigen Zeit besonders auch die Fabnkbauten Bedeutung gewinnen und erläuterte seine künstlerischen Kon- struklionsgedanlen an Hand der für die A. E.-G. von ihm auSge- Agrarprogramm Gegenstand der Verhandlungen gewesen wäre. Allerdings hatte dem Agrarkomitee überhaupt kein Landwirt an- gehört. Es wurde daher ein Spezialausschuß von 9 Farmern be- stellt, der gemeinsam mit dem Agrarkomitee die von diesem aus- gearbeitete Resolution einer kritischen Prüfung unterzog. Auch bei diesen Beratungen blieb die Mahnung Slobodins-New Fork, in erster Linie der Farmarbeiter zu gedenken, unberücksichtigt. In der Plenarsitzung des Parteitags mochte Alexander-Texas geltend, die Farmarbeiter seien besser daran als die Farmer. Rück- haltlos wurde das später zur Annahme gelangte Agrarprogramm außer von Simons vor allem von Nagle-Oklahoma gebilligt, wel- cher ineinte:„Das Programm ist befriedigend und ermöglicht eine wirkungsvolle Agitation. Der Farmer des Südens muß sich ab- rackern und Frau und Kinder ausbeuten, um sich über Wasser zu halten. Mehrfachen Aenderungen wurden die Parteistatuten unterworfen. Die diesbezüglichen Beschlüsse des Parteitags werden noch der Urabstimmung der Parteimitglieder unterworfen. Daher sei heute nur darauf hingewiesen, daß der weitere Parteivorstand �National Committee) aus über einem halben hundert Mitglieder (mindestens ein Mitglied für jeden Staat und jedes Territorium) bestehen und nur einmal im Jahre ordentliche Sitzungen abhalten soll. Parteitage sollen nur alle 4 Jahre abgehalten werden. Vor- gesehen ist auch, daß mnerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten nur eine Urabstimmung über dieselbe Materie vorgenommen wer- den darf. EZ wäre ein wahres Glück, wenn dicfe Bestimmung durchginge. ' So oft auch schon über die Länge der Platform geklagt wurde, sie ist Heuer nicht kürzer geraten als früher. Das kommt daher, daß wir es den bürgerlichen Parteien nachmachen und uns nicht auf einen Wahlaufruf beschränken, sondern gleich unser Programm formulieren und kurz begründen. Wer da weiß, wie verhaßt dem Amerikaner alles langatmige ist. gibt sich nicht der Illusion hin, daß die Platform in der Agitation vorteilhaft als Flugschrift ver- breitet werden konnte. Inhaltlich wird die Platform in Partei- kreisen wohl nur hinsichtlich des Agrarprogramms kritisiert werden. Aber auch die Meinungsverschiedenheiten darüber beginnen schon aus der Diskussion zu verschwinden. Vorläufig gilt es, die Wahl- schlacht zu schlagen und glänzend zu schlagen. ÜrdeitsIongM und flrbeitsvensittelBng Im Berliner Pjolzgewcrbe. Zu Beginn des Jahres 1997 haben die Berliner Tischlermeister und Holzindustriellen ihre Arbeiter in großem Umfang ausgesperrt, um sie zur Annahme est'.cs ungünstigen Vertrages zu zwingen. Die Aussperrung währte bis Mitte Mai jenes Jahres und endete mit einem völligen Mißerfolg der Unternehmer. Nicht nur, daß sie bcini Vertragsab'chluß die Wünsche der Arbeiter in weil- gehendem Maße berücksichtigen mußten, sie haben auch ihrem Gewerbe einen so schweren Schlag versetzt, daß eS sich bis jetzt noch nicht davon erholt hat. Als im Jahre 19t0 der Vertrag zur Erneuerung stand, haben deshalb auch die Unternehmer, eingedenk des drei Jahre zuvor erlittenen Schadens, den Lockungen einiger Schars- machet leine Folge geleistet, sonder» sich in Frieden mit ihren Arbeitern oerfläudigt... Der Schlag, den. das Berliner. Holzgewerbe und vornehmlich dessen wichtigster Zweig,' die Tischlerei, im Jahre 1997 erlitten, ist aber bis heute noch nicht überwunden. Und wenn auch infolge der in den letzten Jahren veranstalteten Möbelausstellungen eine vorübergehende Besserung eingetreten ist, so hat doch die Berliner Holzindustrie die Bedeutung, die sie früher besessen, nicht wieder zu erlangen vermocht. Die auswärtige Konkurrenz hat die günstige Gelegenheit, die ihr dank der Kurzsichiigkeit der Berliner Holz- industriellen im Jahre 1997 geboten war, gründlich ausgenutzt. Wenn es auch mangels einer ProduIlionSstatistik nicht möglich ist, den Rückgang des Berliner Holzgewerbes zahlenmäßig zu belegen, so ist er doch unbestreitbar. Selbst wenn der frühere Stand, absolut genommen, wieder erreicht sein sollte, so wäre damit der eingctrewne Rückgang nicht widerlegt, denn von dem Auffchwung, den das Gewerbe in den letzten Jahren genommen, hat Berlin, wenn überhaupt, so nur in sehr bescheidenem Umfang profitiert. Diese Tbatsache ist in den Kreisen der Arbeiter bei weitem nicht in dem Maße bekannt, wie es wünschenswert wäre. Fort« während strömen Tischler aus allen Teilen des Reiches und auch d e ö Auslandes nach Berlin und vermehren hier- die ohnehin schon große Zahl der Arbeitslosen. Reben den Gründen allgemeiner Natur, die den Zuzug nach der Neichshauptstadt fördern, sind es die verhältnismäßig günstigen Arbeitsbedingungen, welche sich die Berliner Holzarbeiter in hartnäckigen Kämpfen er- rungen haben, die eine große Anziehungskraft ausüben. Die Arbeits- zeit für die große Mehrzahl der Berliner Holzarbeiter ist vertraglich auf öl Stunden festgelegt. Verschiedene Branchen, wie z. V. die Stockinacher und Vergalder arbeiten vielfach nur öll Stunden und weniger, dabei sind die Löhne, die in einzelnen Brauchen erzielt werden, verhältnismäßig hoch. So betrug nach einer im Jahre 1999 ausgenommenen Statistik der wöchentliche Durchschnittsverdienst der Bautischler 3S.99 M., auf Möbel nach Zeichnung wurde durchschnittlich 38,41 M.. auf Innenausbau sygar 37,85 M. verdient, und diese Durchschnittssätze werden in Einzelfällen noch sehr wesentlich über- troffen. Das ist die eine Seite der Medaille. Diese hat aber noch eine sehr ernste Kehrseite und daS ist die riesige A r b e i t s l o s i g- keit, die schon seit Jahren in Berlin herrscht und die durch den fortwährenden Zuzug immer mehr verschärst wird. Heber de» Umfang der Arbeitslosigkeit liegen geimue Daten vor. Abgesehen von einigen kleineren Branchen, für welche ein besonderer Ärbeilsnach- weis unterhalten wird, erfolgt die gesamte Arbeitsvermittelung in der Berliner Holzindustrie durch den paritätischen Arbeits- Nachweis in der Gonnannstraße, dessen Benutzung für Unter- nehmer und Arbeiter obligatorisch ist. Die Zahl derjenigen Arbeitslosen, denen keine Arbeit nachgeloicsen werden konnte, ist w'äh- rend des ganzen Jahres 1911 an keinem Tage unter 1200 herunter» gegangen. Der günstigste Stand wurde am 19. September mit 1267 Arbeitslosen erreicht, am 3. Januar 1911 wurden aber 3913 Arbeitslose gezählt. Düs ist allerdings der Höchst- stand, der an einem Tage erreicht wurde, Wenn man die je mir letzten Tage eines Monats dorhandencn Arbeitslosen in Betracht zieht, dann ergibt sich, daß man im Jahre 1911 mit einem ständigen ArbeitSlosenstaud von durchschnittlich 2251 rechncu mußte. Die Arbeitslosigkeit verteilt sich auf die einzelnen Branchen natürlich recht ungleichmäßig. Die w eitgehende Spezialisierung ist übrigens eine Eigenart des Berliner Tischlergewerbcs. Sie ermöglicht dem eingearbeiteten Spezialisten die Erzielung eines verhältnismäßig hohen Lohnes, während der Neuling bei dem Lohn, den er verdient, unmöglich bcstcben kann. Einen Einblick in die in Berlin übliche Gliederung des Tischlerberufs gestattet die uachstehende Liste, die zu- gleich erkennen läßt, wie ungeheuer grotz auch gegenwärtig die Zahl der Holzarbeiter in Berlin ist, die gleichzeitig arbeitslos sind, weil ihnen auf dem Arbeitsnachweis keine Stelle nachgewiesen werden kann. An den angegebenen Stichtagen wurden am paritätischen Arbeitsnachweis für das Berliner Holzgewerbe Arbeitslose gezählt: r n r,** 1. 15. 23. 6. ® r 0 n � c Mai Mai Mai Juni Bau.............. 595 644 510 516 Laden-, Weiß- und Kundenarbeit.... 491 479 496 333 Schlafzimmer- und Kastenmöbel.... 299 226 294 172 Herren-, Speisezimmer, Büfetts, Schreibtische 119 159 110 64 Möbel nach Zeichnung und Salons... 389 379 339 433 Sitzmöbel............ 29 27 82 82 Galanterie, Luxus, Photographie, Telephon 2 15 8 8 Tische.............. 17 12 23 23 Einsetzer......,...... 262 221 196 151 Drechsler............ 52 60 59 55 Modelltischler........... 21 37 9 32 Polierer............. 342 340 321 390 Maschinenarbciter.•........ 217 239 218 197 .StellMacher� ,»?•«..--U 136 225- 1U2>134- Stockarbeiter........... 48 42 51 5f Kistenmacher............27 33 24 81 ';' Summa 2933 3129 2723 2835 Es gibt keine Stadt in Deutschland, in welcher die Arbeits- losigkest unter den Holzarbeitern einen so riesigen Umfang an- genommen hätte, als in Berlin. Der Deuts che Holzarbeiter- verband stellt regelmäßig die Zahl der Arbeitslosen im Gesamt- gebiet des Verbandes jeweils am letzten Tage eines Monats fest. Hiernach waren Ende März 2,61 Proz., Ende April 2.99 Proz., Ende Mai 2,86 Proz. der Verbandsmitglieder in Deutsch- land arbeitslos. In Berlin waren jedoch an den gleichen Ter- minen 7,34 Proz., bezw. 9,12 Proz., bczw. 8,88 Proz. der Mitglieder arbeitslos. Die riesige Aibeitslosigkeit nimmt natürlich, da die Arbeitslosen Unterstützungen bezichen, die Kassen des Verbandes sehr stark in Anspruch. Dieser Rachteil wäre aber noch verhältnismäßig leicht zu ertragen. Biel schlimmer ist es, daß der einzelne Arbeitslose oft lange Wochen warten muß, bis ihm Arbeit nachgewiesen wird. Die Verinittelung erfolgt aus dem parttätlschen Arbeitsnachweis in der Hauptsache in der Reihenfolge der Meldung. Die Ausnahmen, welche das Reglement zuläßl, sind praktisch von geringer Bedeutung. Der Tischler, der jetzt arbeitslos wird, muß mit einer durchschnitt- lichen Arbeitslosigkeit von mindestens sechs führten Fabrikbauten. Auch hier wird wieder betont, daß natürlich die Berechnung des Ingenieurs nicht anzuzweifeln sei, aber daß für die künstlerische Ausführung doch die Aufgabe bestehen bleibe, der Konstrukiionöcinzelheit auch für das Auge einen dynamischen AuS- druck zu geben. Di« Frage, wer mm berufen sei, industrielle Ge- bäude zu entwerfen, sei natürlich dahin zu beantworten, daß ein enges Nebeneinanderarbeiten von Architekt nnd Ingenieur unbedingt nölig sei. ES handle sich auch hier nich: nur um gewissenhafte BeruiSergcbnisse, sondern um die Tatkraft großer und starker Persönlichkeiten.' Eine Ricsrnanfzabe des modernen Städtebaues. Die kühne Ab- ficht der australischen Bundesregierung, in einer bisher völlig un- bebauten Gegend nach einem einheulichen Plane eine neue moderne Riesenstadt erstehen zu lassen, die künftig die Hauptstadt deS austra» lii'chen SraalciibundeS sein soll, ist nun um einen entscheidenden Schritt vorwärts gerückt. Die australische Regierung hatte, wie bcreils früher berichlet wurde, die Architcklcn aller Länder zu einem große» iniernalionalen WeNbewerb aufgefordert. Die Entscheidung über die eingereichlen Entwürfe ist nun gefallen, die SiegeSpalme ist einem amcrikaniscben Architekten erteilt worden, die Pläne deS Baumeisters Walter Burley Griffin aus Cbikago sind nunmehr g e- n e h m i g t. Wohl selten ist dem modernen Städtebau eine so gewaltige und einzigartige Aufgabe gestellt worden; hier war dem Bau- künsUer die Möglichkeit gegeben, die Anlage einer ganzen, vollkommen neuen Siadt auf einem Flächenraume von mehr als 25 englischen Ouadram, eilen mit allen Einzelheiten zu entwerfen. Der preis- gekrönte Entwurf gibt die Pläne und Zeichnungen für eine Stadt, die einstweilen 75 999 Einwohnern Raum gewährt; die Möglichkeit eines Wachstum« der Stadt ist von vornherein berücksichtigt. GriffinS Plan führt alle Honptstraßen der lünftigen Bundeshauptstadt strahlen- förmig auf ein stentriun, an dem die wichtigsten RegierungSgcbäude erstehen sollen. �Die Vororte bilden wiederum ähnliche Zentren, von denen die Straßen strahlenförmig ausgehen. Die künstigen An- lagen von Straßenbahnen und Dampfbahnen sind sehr geschickt in das Projekt vcrwoben. Der Entwurf umfaßt ferner die Pläne für die Regierungsgebäude, das Parlament, die Ministerien, die Gerichts« gebäude, Kirchen. Uinverfilälen, für das Stadthaus, die Bahnhöfe. die Markthallen, kurz für alle notwendigen Bauten. Die LcbeuSdaucr der KrirgsfchiffSzeschütze. Daß im Fall eines See- krreges ein großer Teil der ungeheuren Aufwendungen, die für den Bau und die Ausrüstung moderner Kriegsschiffe gemacht werden, in ganz kurzer Zeit zugrunde gehen können, hat der Verlauf des russisch-japanischen Krieges" in erschreckendster Weise gezeigt. Eine der erstaunlichsten und unerfteulichsten Einzelheiten dieses Kapitels ist die geringe Lebensdauer der Riefengefchütze, mit denen die „Fürchtenichts" der heutigen Flotten ausgestattet werden. Man sollte meinen, daß diese wenigstens ihre furchtbaren Dienste recht lange leisten können, da sie doch mit allem Raffinement der hochentwickelten Stahlfabriken verfertigt werden. Und doch' soll die Zahl der Schlisse, die aus ihnen mit hin- reichender Treffsicherheit abgegeben werden können, nur sehr gering sein. Danach würde» also die Kosten jede? Schusses dieser Schiffs- kanoncn ins Fabelhafte wachsen. Der italienische Kommandant Ertore Bravetla hat jetzt in der Zeitschrift„Dacht" eine Uebersicht der Lebensdauer für Schiffsgeschütze verschiedeuen Kalibers veröffentlicht und dabei nachgewiesen, wie sich bei der Steigerung deS Kalibers die' Zahl der möglichen Schüffe verringert und ihre Zeitfolge verlangsamt. Aus einem Geschütz von M5 Millimeter MündungSweite könnest, wenn die Länge deS Rohres das Vierzigfache des Kalibers be- trägt, 199 Schüsse in Mindestabständen von je einer Minute ab- gegeben werden. Ist das Rohr um ein Fünftel länger, so der- mindert sich die Zahl der Schüffe auf 86. Bei»i»em Kaliber von 356 Millimeter beträgt sie nur noch 75, und je zwei Schüsse müssen wenigstens 1ft„ Minute Zeitabstand haben. Bei den neuesten Schiffs- kanonen von 496 Millimeter beläufl sich die Höchstzahl der Schüsse auf 65, ihr Zeitabstand aus zwei Minuten. Diese Angaben dürsten aber kaum auf alle Kriegsflotten gleichmäßig zutreffen, zeigen aber hinlänglich, wie unwirtschaftlich diese Vernichnutgsmaschinen arbeiten. Die ältesten Banken der Welt. Als die ältesten regelrechten Banken galten lange Zeit die im 12. Jahrhundert in Italien ent- siandencil. Heute wissen wir, dank der Ausgrabungen Professor Hilprechts, daß es Banken schon im alten Babylonien gab. Im Baltempel zu Nippur fand man die Archive der beiden großen Bank- firmen Egibi und Söhne und Maraschu und Söhne. Diese Banken machten glänzende Geschäfte, wie aus den zahlreichen Tontafel- dokumcnten hervorgeht. Gegen Hinterlegung von Wertpapieren und -Objekten liehen sie Geld zu dem Zinsfuß von 29 Prozent aus und befaßten sich namentlich auch mit dem Austausch von Metall- geld. Denn obwohl Gold und Silber in dem großen Babylon rar waren, mußten doch die Steuern in Edelmetall ent- richtet werden; und darum wurden die Banken von allen Kreisen der Bevölkerung in Anspruch genommen. Die Buchführnng in diesen blühenden Instituten war überaus gewissenhaft. Unter jede auf tönerner Tafel verzeichnete Ausleihe, unter jede? vermerkte Depot, unter jeden Vertrag wurden die Siegel aller Beteiligten gesetzt. Je nach der Wichtigkeit des betreffenden Geschäftes steht man 2—89 Siegel benutzt. Nicht immer verwendete man aber wirkliche Siegel. Oft genug findet man als Unterzeichnimg auch Wochen rechnen. In manchen Branchen ist jedoch die unter den herrschenden Umständen übliche Wartezeit bedeutend länger. So muß sich der arbeitslose Bautischler glücklich schätzen, wenn ihm nach zwölfWochen Arbeitslosigkeit eine Stelle vermittelt wird und für die Einsetzer ist die Wartezeit noch beträchtlich länger. Diese Verhältnisse werden noch verschärft durch den Um� stand, dast ein mehrjähriges Verweilen eines Tischlers an der gleichen Arbeitsstätte in Berlin zu den Ausnahmen gehört. Läßt die Arbeit nach, dann werden die Arbeiter entlassen. Selbst große Be. triebe vermindern beim Nachlassen des Geschäftsganges ihre Arbeiten zahl auf ein Minimum. Sie können das unbesorgt, denn bei Bedarf stehen ihnen ja sofort wieder Arbeiter in hinreichender Menge zur Verfügung. Anders wirkt diese Ortssitte auf die Arbeiter. Wer das Unglück bat, mehrmals rm Jahre arbeitslos zu werden, kann dadurch völlig herunterkommen. Zieht man diese Momente in Betracht, dann erscheinen die günstigen Arbeits bedingungen der Berliner Holzarbeiter, ihre anscheinend so hohen Löhne in einem völlig anderen Licht. Kurzsichlige Menschen erblicken die Wurzel deS UebelS, besten Vorhandensein kein Kenner der Verhältnisse zu leugnen wagt, in dem Obligatorium des paritätischen Arbeitsnachweises. Die Unter- nehmer sind Gegner des Obligatoriums; sie würden eS begreiflicher weife lieber sehen, wenn sich die Arbeitslosen vor den Toren ihrer Betriebe drängen würden. Die Versuche, die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, würden dann viel mehr Erfolg versprechen. Diese Unternehmerwünsche finden volles Verständnis bei den kleinen Konkurrenzorganisatiouen des Deutschen Holzarbeiterverbandes, dem Hirsch-Dunckerschen Gcwerkverein und dem Christ- lichen Holzarbeiterverband. Gegenüber den reichlich 29 000 Mitgliedern, welche der Deutsche Holzarbeiterverband in Berlin besitzt, kommen die wenigen Hundert Angehörige der ge- nannten Verbändchen praktisch nicht in Betracht. Trotzdem ist ihnen je ein Arbeitsvermittler auf dem paritätischen Arbeitsnachweis zugestanden worden. Damit ist wohl dem Gerede, als verfolge der Deutsche Holzarbeiterverband mit dem Obligatorium des paritätischen Nachweises den Zweck, Nicht- Mitglieder des Verbandes von der Vermittelung auszuschließen, oder sie auch nur zu benachteiligen, völlig der Boden entzogen. Mit um so größerer Wucht wird gegen den paritätisch- obliga- torischen Arbeitsnachweis der Vorwurf erhoben, daß er dazu bei- trage, die Dauer der Arbeitslosigkeit zu verlängern. Der Widersinn dieser Behauptung liegt auf der Hand. Wer den Barometer zer- bricht, der hartnäckig schlechtes Wetter anzeigt, hat damit das Wetter selbst in keiner Weise beeinflußt. Und ebenso ist eS mit dem Arbeitsnachweis, der lediglich den Stand des Arbeitsmarktes widerspiegelt. Würde das Obli- gatorium des Arbeitsnachweises beseitigt, es dem Einzelnen ge- stattet, mit seiner Arbeitskraft hausieren zu gehen, dann würde wohl der U e b e r b l i ck über den Stand des Arbeitsmarktes erschwert werden, aber die Zahl der Arbeitslosen wäre damit nicht im geri ng st en vermindert. Ein- zelne vom Glück Begünstigte dürften auf dem Wege des Umschauens oder der privaten Vermittelung vielleicht schneller Arbeit finden, aber nur auf Kosten der anderen, die dann um so l ä n g e r a r b e i t S» los bleiben würden. Weil dem so ist, hält der Deutsche Holz- arbeiter-Verband mit aller Entschiedenheit an dem Obligatorium des Arbeitsnachweises fest und geht mit rücksichtsloser Energie gegen die vor, die den Arbeitsnachweis zu umgehen versuchen. Das ist ein grober Verstoß gegen die Solidarität und wird dementsprechend gewertet. Eine Aendermig in der Organisation der Arbeitsvermittelung kann also die Kalamität der Arbeitslosigkeit nicht beseitigen. Wenn eine Acnderung eintreten soll, dann muß die Axt an die Wurzel ge- legt werden, und zwar je schneller, desto besser. Wir befinden uns zurzeit in der günstigen Konjunktur und trotzdem die riesige Arbeits- losigkeit. Den Umfang des Elends, das die über kurz oder lang herein- brechende Krise bringen wird, kann man sich hiernach ungefähr aus- malen. Der Grund des Uebels liegt darin, daß wir viel zu viel Holzarbeiter. viel zu viel Tischler in Berlin haben. Das Berliner Holzgewerbe kann den Masten, die sich heran- Drängen, unmöglich Beschäftigung bieten. Diese Tatsache muß in den Kreisen der Interessenten' verbreitet werden, damit der Zu- drang vermindert wird. Eine Erleichterung wird aber erst eintreten, wenn sich Berliner Tischler in größerer Zahl entschließen können, die Stadt zu verlassen, um auswärts ein Unterkommen zu finden. In einem beachtenswerten Artikel in der letzten Nummer der „Holzarbeiter-Zeitung" wird dem Abzug der überflüssigen Bernfsgenossen aus Berlin eindringlichst das Wort geredet. Es wird dort auf den Zug zur Dezentralisation im Holzgewerbe hin- gewiesen, auf die Tatsache, daß in den Provinzorten große Betriebe errichtet werden, mit deren Waren, insbesondere einfachen Genres, die großstädtische Industrie nicht mehr konkurrieren kann. Diesem Zuge der Zeit müssen auch die Arbeiter folgen. Durch die Weg« Verlegung ihres Domizils von Berlin wird die wirtschaftliche Lage der Abgereisten kaum verschlechtert, denn die scheinbare Lohneinbuße wird durch das stabilere Arbeitsverhältnis reichlich wettgemacht. Für nur den Eindruck des Daumennagels in den Ton. Diese Geschäfts- Papiere oder vielmehr„Geschäftsziegelsteine'' haben daS ehrwürdige Alter von mindestens 2800 Jahren. Humor und Satire. Nachruf und Aufruf. Der Hauptmann von Köpenick ist tot. Er starb zu London, in einem Spital. Was ist Ruhm...? Sein Tod sei uns eine Mahnung: wo sind die anderen Ge- werbe? Warum gibt es noch keinen Schneider von Hanau, keinen Obristen von Ludwigshafen, seines Zeichens Eisenhändler, keinen Polizeipräsidenten von Berlin, der eigentlich Friseur ist—? Wir Deutschen sind ein gar ernsthaftes Volk. Viele von unS fühlen sich zwar sehr überlegen über uniformierte Schneider— aber es gab nur einen Hauptmann, der wirklich ein Schuster war. Warum werden bei uns die„maßgebenden Stellen" nicht mehr gehänselt? Warum sieht man nicht täglich Schutzleute durch die Straßen laufen, schwitzend, wichtig, mit durchweichtem Kragen, weil sich ein Trödler eine alte Maskenuniform anzog und ihnen befahl, de» Anarchisten Mordini zu fangen, lebend oder tot? Warum erleben wir es nicht, daß das Voll in Waffen und mit klingendem Spiel hinauszieht in den Ruhmeskampf. Reden werden geredet, zündende Reden, die Begeisterung kocht bis zum Siede- Punkt, ein„Hoch I" mit Extrablättern und Photographiertwerden-- aber nachher stellt sich heraus, es war eine Mystifikation, es war nur der Münchener Schauspieler Herr v. Possart, der sich als— leitende Persönlichkeit verkleidet hatte....(Allein Herr V. Veth- mann ist nicht zu verulken: unsere Komiker sind zu kurz und zu intelligent.) Wo sind die andem?— Der Hauptmann von Köpenick ist --- Vivat sequons I—_ Kurt. Notizen. — Das Schachmeisterturnier in Pistyan ging am Dienstag zu Ende. Rnbinstein gewann mit 2'/» Points Vorsprung den ersten Preis von 3000 Kronen. Der Schlußstand des Turniers war: Rnbinstein ff- 14, Spielnrann ff- ll'/g, Marshall-s- lO'/z, DuraS Schlechter. Teichmann je ff- 10. Balla, Breyer je ff- 9>/z. Alapin, Salve. Sterk je ff- 9, Lowtzky ff- 8, Baraiz, Dates je ff- 6, Cohn, Hromadka, Leonhardt je ff- 6'/», Johner ff- 4�/2-. — Leon Dierx.der Senior der französischen Lyriker, ist in Paris gestorben. Er war 1838 auf der Insel Röunion geboren und bis vor einigen Jahren ein kleiner Ministerialbeamter. Der fran- zösische Dichterfürst— dazu ernannten ihn seine Mitdichter— lebte m den bescheidensten Verhältnisten und lehnte stolz jede Sub- »ention ab. daS Gesamtgewerbe aber ist eS ein Vorteil, wenn die durch die ge- werkschaftliche Schule der Großstadt gegangenen Berufsgenossen sich draußen im Reiche ansiedeln und auch dort für eine Besserung der Arbeitsbedingungen wirken. Der Plan, den überfüllten Arbcitsmarkt im Berliner Holz geaierbe durch eine systematisch betriebene Abwände- r u n g zu erleichtern, ist gewiß beachtenswert, und er verdient alle Förderung. Es wäre zu wünschen, daß die in Betracht kommenden Arbeiter der Sache das nötige Verständnis und das erforderliche Jntereste entgegenbringen. Die Arbkitslosenvkrßcherllng m ZMern. Die Frage der Arbeitslosenversicherung steht in Bayern seit zwei Jahren auf dem toten Gleise. Die bayerische Staats- regierung hat wiederholt den Gemeinden nahegelegt, Einrichtungen dieser Art zu schaffen, und auch ein Musterstatut Mr eine gemeindliche Arbeitslosenversicherung aufgestellt. Nur ganz wenige Ge meinden sind indessen der Anregung nachgekommen und haben einige Einrichtungen geschaffen, die sich trotz ihrer Unzulänglichkeit trefflich bewährt haben. Tie größeren Gemeinden und Industrie- zentren, auf die es doch in erster Linie ankommt, haben sich bis heute vollkommen ablehnend verhalten, hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil das scharfmacherische Unternehmertum, das die Kom- munew beherrscht, von keiner Arbeitslosenfürsorge etwas wissen will, während der Oeffentlichkeit gegenüber die Ausrede herhalten mutz, daß in dieser Frage das Reich oder wenigstens der Bundes- rat voranzugehen habe. Die Stellungnahme der Gemeinden zur Frage der Arbeits- losenversicherung sollte nun auf dem eben zusammengetretenen Bayerischen Städtetag gleichheitlich festgelegt werden. Die Arbeits- losenfürsorge bildete eine besonderen Punkt der Tagesordnung, für den zwei Berichterstatter aufgestellt sind. Der erste, Rechtsrat Weiß- Nürnberg, hält es im ethischen und wirtschaftlichen Interesse des einzelnen wie der Gesamtheit gelegen, daß Fürsorgenmtznahmen für„unverschuldet" arbeitslos Gewordene getroffen werden. Als Vorbeugungsmatzregeln kommen für ihn vor allem die Gewährung und Vermittelung von Arbeitsgelegenheit in Betracht, wobei ein Zusammenwirken von Stadt, Staat, Arbeitgeber und Arbeitnehmer notwendig sei. Die Gewährung von Arbeitsgelegenheit soll ins- besondere durch Bereitstellung von WinterffNotswndS-l-Arbeiten erfolgen. Städtische und staatliche Bauten und Lieferungen usw. 'eien daher möglichst in die schlimmen, Zeiten größerer Arbeits- losigkeit zu Verlegern Vom Staate sollen Mittel gefordert werden. die zur Deckung der Mehrkosten verwendet werden können, die da- durch entstehen, daß einzelne Arbeiten statt im Sommer während des Winters vorgenommen werden; weiter sollen in die staatlichen Vergebungsbödingungen Bestimmungen aufgenommen werden, wo- nach die Privatunternchrner bei staatlichen Arbeiten gelungen werden können, wenigstens in gewissem Umfange die Arbeitslosen zu beschäftigen, die ihnen zu diesem Zwecke durch unparteiische amtliche Arbeitsämter zugewiesen werden- Da diese Mittel nicht für alle Fälle ausreichend sind, hält es der Berichterstatter für nötig, auch die Errichtung einer Versicherung ins Auge zu fassen. Doch betont er nachdrücklich, daß eine solche nur für ein einheit- liches Wirtschaftsgebiet errichtet werden könne. Die Städte seien nicht geeignete Träger der Arbeitslosenversicherung, die nur dann Erfolg verspreche, wenn sie für das ganze Reichsgebiet geschaffen wird. Als Voraussetzung jeder Arbeitslosenversicherung sei ein zentralisierter amtlicher unparteiischer Arbeitsnachweis zu be- trachten, dessen Benützung zur Zwangspslicht zu machen sei. Träger der Arbeitslosenversicherung soll eine neu zu errichtende öffentlich rechtliche Versicherungsanstalt sein; die Annahme eines der der- schiedenen Systeme, wie sie in einzelnen Städten versuchsweise ein- geführt sind, verwirft der Berichterstatter. Die Versicherung mutz nach ihm auf dem Beitrittszwang der davon betroffenen Arbeit- nehmer beruhen, die�Gerneinde Hab dt« Kost«« der Verwaltung und etwa einen Barzuschutz zu leisten, im übrigen werden die Kosten der Versicherung durch Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber ge- deckt, die Arbeitnehmer haben einen höheren Beitrag zu leisten wie die Arbeitgeber; Zuschüsse des Reichs und der Einzelstaatcn werden nicht entbehrt werden können. Beiden Teilen(Arbeitern und Unter- nchmern) sei ein gebührendes Maß der Einwirkung auf die Ver- waltung einzuräumen. Falls der„Sprung ins Dunkle" mit einer Arbeitslosen- Versicherung für alle Beruse nicht gewagt werden, will, hält es der Berichterstatter für nötig, daß mindestens der Anfang gemacht wird mit einer Versicherung derjenigen Personen, für die durch gewerk- schaftliche oder sonstige Maßnahmen noch nicht gesorgt ist: die Bau-, Erd- und Gelegenheitsarbeiter. Die Versicherung dieser Personen solle den Anfang einer neuen Phase der sozialen Versicherungs- gesetzgebung bilden, wobei die Ausdehnung aus andere Zweige und Berufe, auch über den Kreis der gewerblichen Arbeiter hinaus, zu einer Art Volksversicherung als Ziel im Auge zu behalten sei. Der zweite Berichterstatter Rechtsrat Frhr. v. Fceyberg- München erklärt, daß die Gemeinden nur dann in der Lage sind, die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen wirksam zu bekämpfen, wenn auch von den übrigen öffentlichen Verbänden, namentlich vom Staate, ausreichende Mitwirkung, vor allem durch finanzielle Bei- Hilfe, gewährt wird. Er empfiehlt im einzelnen eine tunlichst gleichmäßige Verteilung der Arbeitsgelegenheit auf das ganze Jahr und auch auf größere Zeitabschnitte anzubahnen. Städte, Kreis- und Distriktsgemeinden sowie der Staat sollen ihre ausguführcn- den Arbeiten tunlichst auf jene Zeiträume verlegen, in denen ein Abflauen des ArbeitsmarkteS zu erwarten ist; auch an die private Industrie soll das Ersuchen gerichtet werden, ihre Arbeiten so ein- zurichten, daß Arbeiterentlassungen so viel als möglich vermieden werden. Zur öffentlich-rechtlichen Regelung der Arbeitslosen» Versicherung hält dieser Berichterstatter in erster Linie die Reichs- gesetzgebung für berufen, da jedoch von dieser Seite in Bälde nichts zu erwarten ist. so erscheint ihm ein Vorgehen der Stadtgemeinden tunlich unter folgenden Voraussetzungen: 1. Eine Regelung der Arbeitslosenunterstützung durch die Ge- meinden soll nur erfolgen, wenn ihnen mindestens die Hälfte der erwachsenen Kosten vom Staate ersetzt wird. 2. Für die Einrichtung von Arbeitslosenunterstützungskassen kommen jene Gemeinden in Betracht, die einen gut eingerichteten öffentlichen Arbeitsnachweis besitzen. 3. Diese Gemeinden sollen ihre Einrichtungen nach gleichheit- lichen Grundsätzen schaffen und tunlichst gleichzeitig in Kraft treten lassen. 4. Die Arbeitslosenversicherung ist in unmittelbarem Zu- sammenhang mit dem Arbcitsmarkt einzurichten, der die Kassen- und Rechnungsführung, die Kontrolle der Arbeitslosen und die Aus- Zahlung der Unterstützungen obliegt; die Leitung der Versicherung kann einem aus Vertretern der Gemeinden, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gebildeten Ausschutz übertragen werden. 5. Die Versicherung soll auf'der BeitragKleistung aufgebaut sein und grundsätzlich alle Berufsgweige, auch die Arbeitslosigkeit im Winter, umfassen. 6. Die Beiträge sind nach den Verhältnissen in den einzelnen Berufen abzustufen, die durch die Beiträge nicht gedeckten Auf- Wendungen, die Kosten der Verwaltung sowie die Ansammlung einer Rücklage für Geschäftskrisen sind aus Gcmrinde-, und Staatsmittel zu übernehmen. 7. Die Arbeitervereinigungen können ihre Mitglieder ge- schlössen zur Versicherung anmelden und haben in diesem Falle die nach der Kassensatzung treffenden Beiträge an die Kasse abzuführen; sie können mit der Kassenverwaltung Vereinbarungen über die Aus- zahlung der Unterstützungen treffen; der Anschluß an die Kasse hat jedoch zur Voraussetzung, daß der Arbeitsnachweis für das ein- schlägige Gewerbe beim gemeindlichen Arbeitsnachweis zentra- lisiert ist. Der Berichterstatter stellt schließlich eine Reihe Von Anträgen, in denen er verlangt, daß der Städtetag an die Regierung eine Ein- gäbe im Sinne seiner erstangeMrten Forderungen bezüglich Be- schaffuikg Eoff ArbeitSgelegenhesk richike? kvei?er soll die Geschäfts« stelle des Städtetages beauftragt werden, nach oben dargelegten Grundsätzen eine Mustersatzung für eine Arbeitslosenversicherung auszuarbeiten; den Gemeinden sei zu empfehlen, schon jetzt an die Bildung einer Rücklage zur Hilfeleistung bei Arbeitslosigkeit in Krisengeiten heranzutreten. Endlich sei die Regierung zu ersuchen, entsprechende Mittel zur Unterstützung der Gemeinden, die für Arbeitslosenfürsorge Aufwendungen machen, im Staatsbudget vor- zusehen. Auf dem Bayerischen Städtetag in Ansbach ist es zu keinem sozialpolitisch irgendwie befriedigenden Ergebnis gekommen. AuS den langen Verhandlungen klang die Furcht vor den„sozialdemo- kratischen" Gewerkschaften stark wieder. Die Debatte kam erst auf die Höhe, als die wenigen anwesende« sozialdemokratischen Vertreter eingriffen und vor allem Genosse Rollwagen-Augsburg die auf eine abermalige Hinausschiebung der Angelegenheit abzielenden Vorschläge der Referenten und der Vor- standschaft energisch bekämpfte und die Ausarbeitung eines Statuts für die Gemeinden verlangte, das von der Vorstandschast auf Grund des bereits vor zwei Jahren von- der Staatsregierung versendeten Musterstatuts auszuarbeiten und auf der Grundlage einer Verfiche- rung für Nichtorganisierte und Zuschußleistung an diejenigen Ge- werkschaften, die Arbeitslosenunterstützung eingeführt haben, auf- gebaut sei. Der Städtetag entschied sich schließlich für die Vorschläge der Vorstandschaft, in denen zunächst ein Schutz derjenigen Berufs- gruppen, die gegen Krankheit, Unfall und Invalidität reichsgesetzlich versichert sind, auch gegen die Folgen„unverschuldeter" Arbeits- losigkeit für notwendig erklärt wird, aber genügende Gründe dafür, daß die deutschen Städte allein diesen Schutz zu bieten haben, nicht anerkannt werden; dies sei vielmehr Sache der Reichsgesetzgebung. Der Bayerische Städtetag stellt sich im allgemeinen auf den Boden des Deutschen Städtctages 1911 in Posen. Die Bayerische Regie- rung soll ersucht werden, im Sine dieser Erklärungen Anträge im Bundesrat �u stellen, und wenn diese keinen Erfolg haben, auf den Erlaß eines Reichs- oder Landesgesetzes hinzuwirken, durch das es den Gemeinden ermöglicht wird, freiwillig und unter staatlicher Zuschußleistung Fürsorgeeinrichtungen für Arbeitslose zu schaffen auf der Grundlage, daß Arbeiter und Unternehmer zwangsweise und mit Pflichtbeiträgen dieser Einrichtung beizutreten haben. Achter Derbaudstag des Deutschen Transportarbeiter- Derbaudes. Breslau, 11. Juni 1912. Zweiter Berhandlungstag. Die Diskussion über die am Montag erstatteten Geschäfts- berichte nahm nur fünf Stunden in Anspruch und bewegte sich, wie angesichts der in fast jeder Beziehung günstigen EntWickelung deS Verbandes zu erwarten war, in sehr wenig oppositionellen Bahnen. Es nahmen 28 Redner das Wart und ihre Einwendungen und Monitas erstreckten sich auf die zu späte Herausgabe deS Geschäfts- berichts für 1911, sowie auf die Grundzüge eines Tarifentwurfs, der vom Vorstand zur Regelung der Arbeitsverhältnisse der Kolpor- teure geschaffen ist. Gegen letztere wendet sich Frau Paust i an- Hamburg; sie kritisierte vor allem einen PassuS des Tarifvor- schlages, daß bei Störung des Betriebes infolge höherer Gewalt die Kolporteure keine Entschädigung verlangen könnten. Sie befürchtet, daß der Begriff„höhere Gewalt" gar zu dehnbar ist. Weiter sei zu beanstanden, daß die Verlage nur„tunlichst" die Beiträge für die Krankenversicherung der Kolporteure bezahlen sollen, und weiter, daß keine Ferien und keine Zeit zur Begehung der Mai- fei er für die Kolporteure vorgesehen sind.— Vorsitzender Döring erklärt, daß dieser Tarifvorschlag für alle jene Verlags nicht in Betracht komme, für die bereits Tarife mit günstigeren Bedingungen in Kraft bestehen. Es sollen nur Grundzüge sein für den Abschluß von Verträgen in tariflosen Verlagen, und hier gebe diese Vertrac�grundlage tatsächlich die Richtung zur Verbesse- rung an. Von einem Berliner Delegierten wird der Besuch der Brüsseler Weltausstellung durch Schumann und Dreher be- mangelt und angefragt, welcher Nutzen daraus dein Verband ent- standen sei. Für die Jugendsekttonen wird gewünscht, daß vor allen Dingen fähige, möglichst pädagogisch gebildete Leiter für solche Sektionen gewonnen werden. Ein großer Teil der Redner brachte erheblich« Klagen über Grenzstreitigkeiten vor, die die Transportarbeiter vor allem mit den Brauern und den Gemeindearbeitern auszufechten haben. In der letzten Zeit kamen aber auch noch die Verbände der Holzarbeiter und der Zimmerer hinzu, die dem Trans- portarbeiterverbande die Holzladearbeiter und die Arbeiter in Schneidemühlen streitig machen. Ebenfalls kommt der Fabrik- arbciterverband teilweise als Konkurrent in Frage. Einige Redner regten denn auch als Allheilmittel gegen die Differenzen die Ver- schmelzung der Transport-, Fabrik- und Gemeindearbeiter unter. einander, ja die Verschmelzung der gesamten Gewerkschaften zu einer einzigen deutschen Arbeiter-Union an. Der gestern gestellte Antrag der MgndatSprüfungskommission, daß jedes Mitglied, daS bis zum nächsten Ver- bandstag Mitglied ist oder wird, den einmaligen Baufondsbeitrag in Höhe von 2 M. in Raten von 80. 28 und 10 Pf. zu bezahlen hat, wobei jugend- liche und weibliche Mitglieder die Hälfte zahlen, wurde gegen eine Stimme angenommen. Dieser Beschluß hat Gültigkeit bis zum nächsten Verbandstage, der dann entscheiden soll, ob der Beitrag weiter erhoben werden soll oder nicht. Redakteur Dreher- Berlin gab den Redaktionsbericht und Reichstagsabgeordnetcr Gauleiter B e n d e r- Elberfeld den Bericht der Statutenberatungskommission über die zum Punkt„Presse" ge- stellten Anträge. In der darauf einsetzenden Diskussion war auch die Kritik am Verbandsorgan eine sehr milde. Es wurde nur gewünscht, daß den Hafenarbeitern etwas mehr Beachtung geschenkt werde, doch wurde gleichzeitig anerkannt, daß auch diese Kollegen mit der Schreib- weise des„Courier" in der letzten Zeit voll einverstanden sind. In der Abstimmung über die vorliegenden Anträge wurden diejenigen angenommen, die der Redaktion aufgeben, in jeder Nummer des„Courier" bekannt zu geben, die wievielte Woche im Beitragzahlen fällig ist. Ferner wurde der Name des Organs„Der Seemann" in„Die Schiffahrt" um- geändert. Etliche andere Anträge wurden dem Vorstand zur Be- rücksichtigung überwiesen. Den Bericht vom Internationalen Transport- arbeiterkonareß gab Döring(Vorstandsmitglied), über den letzten Gewerkschaftskongreß berichtete Bender- Elber- feld. Beide Berichte wurden ohne Debatte entgegengenommen. Einige Anträge, die Delegierten zu Kongressen durch aus den Mit- gliedern gebildete Wahlabteilungen, anstatt wie bisher durch den Verbandstag zu wählen, wurden abgelehnt. Die Verhandlungen wurden auf Mittwoch vertagt. 18. Derbandstag der Drauerei- und Möhlenarbeiter. Mannheim, den II. Juni. Der Verbandstag wurde von 68 Delegierten, 4 Vorstandsmit- gliedern, 18 Gauleitern und je einem Vertreter des Ausschusses und der Redaktion besucht. Die Generalkommission ist durch Sassen- bach-Berlin vertreten. Als Gäste sind anwesend: Vertreter der Brudervcrbände von Amerika, Oesterreich, Schweiz und Nieder- lande. Die vorgesehene Tagesordnung wurde bestätigt. In der heutigen Sitzung gab Verbandsvorsitzendcr Etzel- Berlin den Geschäftsbericht. Er verwies auj den gedruckten Bericht, von dem wir bereits einen Auszug brachten, und ergänzte diesen in einigen Punkten. Die erste Aufgabe des Vorstandes nach dein letzfen VerbandSkag fei ge- Wesen, die Verschmelzung möglichst rasch und gut durchzuführen. Diese sei restlos vollzogen worden. Die Stoßkraft der Mühlen» arbeiter habe sich durch die Verschmelzung vergrößert. Die Mühlen- arbeiter hätten in der Berichtszeit scharf im Kampfe gestanden. Es müsse aber anerkannt werden, daß die Mühlenarbeiter ihre Kämpfe und Unterstützungen selbst bezahlt haben. Durch die Verschmel- zung sei die Agitation außerordentlich befruchtet worden. Er (Redner) könne mit Freude konstatieren, daß der Verband heute 60000 Mitglieder zähle.(Bravo!) Etzel besprach dann die Grenz st reitigkeiten. Man hörte auch hier die alten Klagen, die fast auf jedem Verbandstag vorgebracht werden— nur in umgekehrter Form. Die Brauer stehen wie die Gemeinde�- arbeiter auf dem Standpunkt der Betriebsorganisation, während die übrigen Gewerkschaften an der Berufsoraanisation festhalten. Etzel betonte nun, der Verbarrd müsse der Auslegung der Ham- burger Resolution des Gewerkschaftskongresses durch die Vorstände- konferenz Rechnung tragen. Sie hätten sich dem Zwang gefügt, aber ohne ihre Ucberzeugung aufzugeben. Der EntWickelung lassen sich keine Grenzen setzen, die Betriebsorganisationen würden kommen. Kartellverträge habe der Verband mit mehreren Organi- sationen abgeschlossen. Unmöglich sei es gewesen, mit den TranS- Portarbeitern eine Verständigung zu erzielen. Diese verlangten die Bierfahrer, für den Brauerverband sei es aber eine Lebens- frage, daß die Bierfahrer seiner Organisation angehören. Hier sei die Selbsthilfe am besten. Der Redner ging dann auf die Lohnbewegungen ein, die wir schon im Vorbericht Ziffern- mätzig besprochen haben. Der Boykott als Kampfmittel dürfe möglichst wenig benutzt werden. Besonders die Mühlenarbeiter möchte er warnen, in dieser Hinsicht zu optimistisch zu sein. Bei dem großen Kampf des schweizerischen Verbandes der Lebens- und Genußmittelarbeiter im Jahre 1910 habe der deutsche(wie auch der österreichische und amerikanische) Verband die Schweizer Kollegen wirksam unterstützt. Der Verband habe den Schweizern über bOOOO M. zur Verfügung gestellt. Die internationale Solidarität habe es ermöglicht, daß der schweizerische Verband sich nicht nur wieder aufgericbtet habe, sondern heute gefestigter wie je dastehe. Den Kassenbericht erstattete Ka g e r l- Berlin. Am Schlüsse der Geschäftsperiode hatte der Verband ein Vermögen von 1 168 690 M. Die Mehrein- nähme gegenüber der borletzten Periode betrug 547 589 M., die Mehrausgabe 546 201 M.(Die wichtigsten übrigen Zahlen haben wir bereits gebracht.) Der Kassierer hofft, daß der Verbandstag Beschlüsse faßt, die eine Stärkung der Finanzen nach sich ziehen. Krieg- Berlin berichtete für die Redaktion. Das Verbands- organ hatte 1911 eine durchschnittliche Auflage von 51257 Eyem- plaren pro Nummer. Es wurde in der Berichtszeit vergrößert. Der Redakteur klagte über mangelhafte Berichterstattung über Lohnbewegungen. Für den Verbandsausschutz gab W i t t i ch- Frankfurt a. M. den Bericht. In der Berichtszeit kam es zu Differenzen mit dem Vorstand über die Kompetenzen des Ausschusses. Der Ausschutz ist der Ansicht, daß er bei der Anstellung aller Beamten — die von der Hauptkasse bezahlt werden— mitzuwirken habe. Der Haupworstand hingegen vertritt den Standpunkt, daß über die Anstellung von Lokalbeamten nur er und die Zahlstellen zu befinden haben. Der Hauptvorstand suche, erklärte Wittich, wenn ihm der Ausschutz nicht zustimme, auf irgendeinem Wege zum Ziele zu kommen. Die Entscheidungen des Ausschusses mutzten aber bis zur Entscheidung der höchsten Instanz, des VerbandstageS, beachtet werden. Der Verband habe zu viel Beamte, da müsse stark gebremst werden. Verbandsvorsitzender Etzel vertrat den Standpunkt des Vor- standeS in dieser Frage. Der Ausschuß sei lediglich Ueber- w a ch u ng S»(B e s chw e r d e-)instvnz, nicht aber ausführendes Organ. Bei der Anstellung von Lokalbeamten könnten doch die Zahlstellen, der' Gauleiter und der Vorstand besser die Entscheidung über die Notwendigkeit einer Anstellung fällen wie der Ausschuß, der die Verhältnisse nicht so genau kennt. In der nun folgenden Debatte traten die meisten Redner in dieser Frage auf die Seite des Vorstandes. Dessen allgemeiner Tätigkeit wurde Anerkennung gezollt. Die Verschmelzung mit den Mühlenarbcitern habe nur Vorteile gebracht. Den breitesten Raum nahm die Behandlung der Grenz st reitigkeitsfrage ein, die in allen Variationen erörtert wurde. Die Klagen richteten sich gegen die Transportarbeiter, Maschinisten und Heizer und Fabrikarbeiter. Auch gegen die Kartellverträge mit anderen Ver- bänden machte sich Unzufriedenheit bemerkbar. Der einzige Kartellvertrag, der einen praktischen Wert habe, sei der mit den Bauarbeitern. Den Fabrikarbeitern habe man Sonderrechte ein- geräumt. Durch Schlutzantrag wurde die Debatte beendigt. Dann folgten die Schlußworte. Die Verhandlungen wurden hierauf auf Mittwoch vertagt._ Hus der Partei. Zum Chemnitzer Parteitag beabsichtigt die Chemnitzer Parteileitung eine Skizze über die Ent« Wickelung der Chemnitzer Arbeiterbewegung schreiben zu lassen. Zu diesem Zwecke richtet sie an alle Genossen die Bitte, Flugblätter, Nummern der.Chemnitzer Freien Presse", des.Beobachters" oder ocr.Presse" sowie anderes geschichilich wertvolles Material aus der Zeit bis zum Erlöschen dcS Ausnahmegesetzes der Redaktion der „Volksstimme" zugänglich zu machen. Der Zentralvorstand. Max Müller, Vorsitzender, Chemnitz, Dresdener Str. 38. Freisinniger TerroriSmuS. Aus Nieder-Schlesien wird unS berichtet: Am Sonntag, den 9. Juni, fand in Greiffenberg eine Partei- konferenz für den Wahlkreis Löwenberg statt, die sich u. a. auch mit der im Kreise immer brennender werdenden Frage der Be- schaffung von Versammlungslokalen befaßte. Von allen Delegierten wurde berichtet, daß es FortschrittSlcure sind, die es der Sozial- dcinokratie unmöglich mache». Lokale zu BersammlungSzweckcn zu erhalten. Ist eS doch selbst im größten Ort des Kreises, in der Stadt Löwcnbera, nicht möglich, ein Lokal zu bekommen. Die Stadt Löwenberg ist ober die Hochburg des Kopsch-Freisinns. Die Genossen haben sich bemüht, die geheimen Fäden der Lokalabtreiberei auszu- decke», und cS stellte sich heraus, daß Besitzer von Großbrauercien, die als stramme Forischrilller geile», hinler den Kulissen ihre lvirt- schaftliche Machl gellend machen und der Sozialdemokralie keine Versammlungslokale zur Verfügung stellen lassen. Auf eine An- rcgung dcS BezirkSsekrelärs. Genossen Ebcrle. beschloß deshalb die Konferenz, da kein anderes Mittel mehr übrig bleibe, einen Boykott über die Produkte der in Bctra.h» kommenden Unter- nehmcr and zwar für den ganzen Bezirk zu verhängen. Die dieS- bezüglichen Vorbereitungen sollen getroffen werden. demokratischem Besitz.— In den Gemeindevertretungen find 177 Genossen tätig gegen 154 im Vorjahre. Die Jugendbewegung machte so erfreuliche Fortschritte, daß die Regierung und der Landtag zu ihrer Bekämpfung 10 000 M. aus Staatsmitteln unter dem Titel„Für Jugendfürsorge" aus- warf.— Mit Rücksicht auf die Wahlbewegung trat die Förderung der Bildungsbestrebungen etwas zurück. Es wurden 5 Unter- richtskurse abgehalten. Für Bildungszwecke wurden 731 M. aus- gegeben. Bibliotheken bestehen in 14 Orten. Die„Altenburger Volkszeitung" hat im Berichtsjahre ihren Abonnentenstand von 7345 auf rund 9000 erhöht. Die Einnahmen der„Volkszeitung" betrugen 55 167 M. an Abonnenten- und 36 023 M. an Jnseratcngeldern; gegen das Vorjahr 10 589 M. mehr. Die Ausgaben stiegen in entsprechender Weise von 78 469 M. auf 88 809 M. Bis jetzt wird die..Volkszeitung" in der Druckerei der „Leipziger Volkszeitung" hergestellt. Geplant ist, ein selbständiges Blatt zu schaffen, wenn außer dem eigenen Vermögen 50000 M. auf Anteilscheinen gezeichnet worden sind. Die Einnahmen der Landeskasse betrugen rund 22 000 M Dazu kommt ein Wahlfonds aus den Vorjahren von 7554 M. Die Gesamtausgaben betrugen 23 837 M.— Die Reichstagswahl kostete 16 047 M._ Mit Recht zur Ordnung gerufen. Eine Parteiversammlung in E tz l i n g e n bei Stuttgart nahm folgende Resolution an: „Die heutige sehr stark besuchte außerordentliche Parteiver- sammlung nimmt Stellung zu den Vorkommnissen bei der Einweihung der hiesigen Stratzenbahn. Sie erblickt an der Teilnahme seitens der sozialdemokratischen Rathausfraktion bei dem Königshoch einen Verstotz gegen unser Parteiprogramm und spricht den dabei Beteiligten, ebenso den mitbeteiligtendreisozialdemokratischen Gemeinderäten von Stuttgart ihre schärffte Mitzbilli- gung aus. Ferner fordert die Versammlung, daß unsere Rathaus- fraktion bei zukünftigen öffentlichen Festlichkeiten sich nur dann beteiligt, wenn eine sichere Garantie gegeben wird, daß patriotische Reden und Königshoch unterbleiben." Zum GSppiuger Parteistreit gingen uns folgende Erklärungen zu: „Zu der in Nr. 132 der„Freien VolkSzeitung" gebrachten Er- klärung der Göppinger Parteiinstanzen und des Vorstandes und Aufsichtsrats der Vereinsdruckerei habe ich zu erklären: Ich gab, wie fast alle anderen in Betracht kommenden Genossen, meine Unterschrift, nachdem Genosse Kinkel mitgeteilt hatte, daß der Partei- und Landesvorstand die Sanierung nur dann durchführe, wenn die Erklärung von den Göppinger Instanzen unterzeichnet werde. Im anderen Falle würden schließlich die zur Rettung des Unternehmens notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt, die Zei- tung würde aber ihre Selbständigkeit verlieren, indem eventuell die Matern von der„Schwöb. Tagwacht" bezogen werden müßten. Bevor ich unterschriftlich zeichnete, erklärte ich in Gegenwart aller Anwesenden, daß ich mit dem Inhalt der Erklärung wicht voll einverstanden wäre, indem ich nach wie vor behaupte, daß der Rücktritt des Genossen Thalheimer ein erzwun- gener war. Genosse Kopp schloß sich dem an. Weiter stelle ich fest, daß in der Sitzung betont wurde, die Er klärung werde nicht sofort veröffentlicht, sondern lediglich dem Parteivorstand zur späteren Verwendung zur Verfügung gestellt. Als ich heute morgen telephonisch erfuhr, daß in Abwesenheit des Genossen Radek die Erklärung auf Veranlassung des Genossen Kinkel in der Zeitung erscheinen soll, legte ich als Vorsitzender der Preßkommission Protest ein. Als mir geantwortet wurde, die Erklärund werde trotzdem erscheinen, forderte ich die Unterbringung einer Erklärung, die meinen Standpunkt darlegte. Auch dies wurde abgelehnt. Das nötigt mich zu diesem öffentlichen Protest gegen die Irre- führung der Partei, gegen die gewaltsame Beiseiteschiebung der Redaktion, gegen die Aneignung von Rechten, die weder dem Ge- Nossen Kinkel noch der Geschäftsleitung der Druckerei zustehen. Göppingen, den 10. Juni 1912. Chr. Schepperle, Vorsitzender des 10. Württembergischen Wahlkreises und der Preßkommisstow." »* • Da die letzte Erklärung des Parteivorstandes uns noch nicht im Wortlaut vorliegt, warten wir mit einer ausführlichen Antwort bis zur Ankunft der betreffenden.VorwärtS".Nummer. Aber schon auf Grund der telegraphischen Inhaltsangabe der Parteivorstands- Erklärung erklären wir: Wir halten an allen Behauptungen fest, die in der„Vorwärts"» Korrespondenz vom 2. Juni, in den Leitartikeln der„Leipziger Volkszeitung" vom 4. und vom 8. Juni und der Erklärung Thal- heimer vom 4. Juni niedergelegt sind. Stuttgart, den 11. Juni 1912. A. Thalheimer. Fr. Westmeyer. S. Radek. •• • Aus Stuttgart ging uns noch unterm 11. Juni folgende» Tele- gramm zu: Eine von 2000 Genossen besuchte Parteibersammlung befaßte sich trotz des Einspruches des Parteivorstandes mit der Göppinger Affäre. Nach dem Referat Rädels wurde mit großer Mehrheit eine Resolution angenommen, die dem Beschlüsse des Parteivor- standes zustimmt, von der Sanierung auf Grund der Ulmer Be- dingungen abzusehen und die Erwartung ausspricht, daß entgegen den Versuchen des Landesvorstandes die Unabhängigkeit des Göp- pinger Blattes gewahrt wird. Die Versammlung fordert die Ge- nassen im Reiche auf, sich dem anzuschließen. Der Landesvorstand erklärte angesichts des Einspruches des Parteivorstandes, an der Diskussion nicht teilnehmen zu wollen. Tie Parteibewegung in Sachsen-Altenburg. Ter Landespartcilag für das Herzogtum Sachsen-Altenburg ivird am 22. und 23. Juni d. I. in Schmölln stattfinden. Aus dem Jahresbericht des Landesvorstandes entnehmen wir folgendes: Die Zahl der Parteimitglieder stieg in der Zeit vom 1. April 1911 bis 1. April 1912 von 5793 auf 6719. Weibliche Mitglieder sind 803 vorhanden(69 mehr als im Vorjahre). Die Zahl der Partcivereine stieg von 36 auf 40.— Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter gibt es im Herzogtum 20 359, von denen aber leider nur 5643 politisch organisiert sind. Im Landtage sitzen 7 Sozialdemokraten unter 32 Vertretern der Gesamtheit. Bis auf ein rein ländliches Mandat, das vor- läufig nicht zu erobern ist, ist die ganze dritte Abteilung in sozial» Jugendbewegung. Vom Polizeikawpf gegen die proletarische Jagend. Ueber das Thema:„Was will die bürgerliche, was will die proletarische Jugendbewegung?" sollte der Gewerkschaftssekretär Kurt M a i am 12. März 1911 in einer öffentlichen Jugendversamm- tung in Hannover referieren. AlS der Referent die Bestrebungen der religiösen Jugendvereine erläuterte, führte er auS: Der Zweck dieser Vereine sei aber nicht nur darin zu suchen, die Religion im Volke zu verbreiten und zu vertiefen, sondern bei der Gründung und Erhaltung solcher Vereine spielten auch Wirt- schaftliche Interessen der Unternehmer mit hinein, denn in Demut und gegen Arbeiterinteressen erzogene Arbeiter seien willige und billige AuSbeutungSobjckte. Ein anwesender Polizei- beamter forderte darauf den Genossen Rolle, den Veranstalter der Versammlung, auf, die Jugendlichen unter 18 Jahren auS der Ber- sammlung zu entfernen. Roll« erklärt« darauf, daß die Versamm- lung nach Entfernung der Jugendlichen keinen Zweck mehr haben würde und schloß die Versammlung. Zugleich bemerkte er aber, daß die Anwesenden gesellig beisammen bleiben möchten. Nu> erklärte der Polizeibeamie die Versammlung für aufgelöst, mit der Maß- gäbe, daß sich alle» zu entfernen habe. Beschwerden beim Regierungspräsidenten und beim Ober- Präsidenten hatten keinen Erfolg. Die Behörden gingen davon auS, daß eS sich um eine politische Versammlung handle, au» der Jugend- liche nach dem Vereinsgesetz entfernt werden müßten. Die formelle Erklärung der Auflösung sei allerdings nicht gerecht- fertigt gewesen. Da aber die dem Vereinsgesetz ent- sprechende, nötigenfall» durch Anwendung unmittelbaren Zwanges durchzuführende Entfernung der Jugendlichen einer Räumung de» Saale» gleichgekommen sei. so liege ein«„Ver- Hinderung der Veranstaltung ohne gesetzlichen Grund tatsächlich nicht vor.— Aehnlich äuherte sich auch der Oberpräsident, indem er noch hinzufügte, der politische Charakter der Versammlung ergäbe sich aus der Bekanntmachung im„Volkswillen", worin eö heiße: �Jngendgenossen, agitiert tüchtig für die Versammlung. Dringt die uns noch Fernstehenden mit in die Versammlung, wo sie aufgeklart werden über unsere Bestrebungen". Rolle klagte beim Oberverwaltungsgericht, vor dessen ersten Senat ihn am Dienstag Rechtsanwalt Wolfgang Heine vertrat. Der Anwalt machte unter anderem folgende» geltend: Er sechte zweierlei an. Erstens die polizeiliche Ausforderung, daß die Jugend- lichen die Versammlung verlassen sollten. Dann die ausgesprochene Auflösung. Es frage sich zunächst, ov die Versammumg mit dem Vortrage eine solche geivesen sei, wo politische Gegenstände erörtert werden sollten. Die Erörterung solcher Angelegenheiten müsse von Anfang an Zweckbestimmung der Versammlung gewesen sein, mindestens aber sei für die Annahme einer politischen Versammlung im Sinne des Gesetzes erforderlich, daß, wen» sie anfangs unpolitisch war, mit Bewußtsein und Absicht des Veranstalter« zur Erörterung eines politischen Themas übergegangen werde. Beides sei zu verneinen. Wenn die Bestrebungen der proletarischen Jugendbewegung im Gegensatz zu denen der christlichen erörtert werden sollten, so könne durchaus nicht, wie es der Regierungspräsident tue, daraus geschlossen werden, daß die Versammlung zur Verbreitung der Grundsätze der Sozialdemokratie unter der Jugend habe dienen sollen. Das Ziel der Bestrebungen der prole- tarischen Jugendbewegung sei unpolitisch und bestehe lediglich in der geistigen und körperlichen Fortbildung der Teilnehmer dieser Bewegung. Aber auch durch die Aussührungen des Referenten sei die Versammlung keine politische geworden. Von Erörterungen politischer Angelegenheiten im Sinne der Judikatur könne in den zitierten Worten absolut nichts entdeckt werden. Nun sei aber die Versammlung mit dem Vortrag vom Vorsitzenden geschlossen worden. Nur gesellig habe man jetzt Zusammensein wollen. Weder ein Auf- lösungßgrund habe vorgelegen, noch habe der Beanüe dies gesellige Zusammensein verhindern dürfen. Das Verlangen auf Entfernung der Jugendlichen sei jetzt ebenso ungerechtfertigt gewesen wie vor der Schließung der Vortragsversammlung. Da» Oberverwaltungsgericht setzte die Entscheidung au». Sie wird schriftlich zugestellt._ Soziales. Weitere BmtSdauer von Vertretern bei den Berufsgenossenschaften. Der gestern abend erschienene„ReichSanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Reichskanzlers über die weitere Amtsdauer von Vertretern der Unternehmer und der Versicherten bei den Berufs- genossenschaften der Unfallversicherung. Danach wird 1. die Amts- dauer der letztgewählten Delegierten bi» zum 31. Dezember 1912, 2. die Amtsdauer der am 1. Juli 1912 im Amt befindlichen Inhaber anderer berufsgenossenschaftlicher Ehrenämter bis zum 30. Scp- tember 1913 verlängert, falls nicht die Genossenschaftsversammlung beschließt, daß die auf Grund der Reichsversicherungsordnung neu- gewählten Inhaber von Ehrenämtern ihr Amt anzutreten haben, 3. wird die Amtsdauer der Vertreter der Versicher- ten für die Unfallverhütung bis zum 31. De- zember 1914 verlängert. Dieselbe Verlängerung gilt in Fällen, in denen staatliche Behörden oder Organe der Selbstvcr- waltung landwirtschaftliche Berufsgenossenschaften verwalten(§ 122 Abs. 2 des UnfallversicherungsgesctzeS für Land- und Forstwirtschaft, K 1031 der Rcichsversicherungsordnung), auch für die Vertreter der Arbeitgeber._ Hus Industrie und Kandel. Eisenvcrbrauch in Deutschland. Nach den neuesten Berechnungen de« Verbandes der deutschen Stahl- und Eisenindustriellen hat der Eisenverbrauch in Deutschland im Laufe des letzten Jahrzehnt» keinen wesentlichen Fortschritt„r- macht, wogegen die Eisenproduktion gewaltig gestiegen ist. Nach- stehende Ueberstcht gewährt ein instruktives Bild über die Entwicke- lung der Erzeugung und de» inländischen Verbrauchs. Roheisen- Roheisen- Pro Kopf d. Bevölkerung erzeugung verbrauch wurde Eisen(kg) in Tonnen in Tonnen erzeugt verbraucht 1880... 2 729 038 1 752 534 61,2 39,3 1890... 4 658 451 3 920 951 97,1 81,7 1900... 8 520 541 7 377 339 152,1 131,7 1910... 14 793 325 8 791 699 223,3 135,40 1911... 15 652 004 8 987130 237,3 136,87 Danach überstieg die Erzeugung den inländischen Verbrauch nach 1900 in so erheblichem Maße trotz des bis dabin stark erhöhten In« landsverbrauchS, daß beim Anhalten diese» Verhältnisses»ach Ab- lauf eine» weiteren Jahrzehnt« in Deutschland wahrscheinlich mehr als doppelt so viel Eisen erzeugt wie verbraucht wird. Je mehr Gewicht unser Auslandsgeschäft in Eisen und Stahl erhält, um so widersinniger wird die Aufrechterhaltung unserer sogenannten Eisen- , Schutzzölle". Eine Industrie, die in so steigendem Maße wie unsere Eisen- und Stahlindustrie den Export betreibt, braucht längst keine.Schutzzölle' mehr._ Die Wirkungen des Einfuhrscheinsystems. Die Getreide- und auch die Brotpreise sind in der letzten Zeit wieder ganz erheblich gestiegen. Es herrscht starker Getreidemangel. und das ist im wesentlichen eine Folge des Einfuhrscheinsystems, das den Getreideexport künstlich steigert. In der.Allgemeinen Deutschen Mühlen-Zeitung" erörtert ein ostdeutscher Müller die Wirkungen des EinfuhrscheinsystemS! was dieser beteiligte Fach- mann über die Schäden dieser agrarischen Liebesgabe sagt, ist zwar allgemein bekannt, aber nicht oft genug kann gezeigt werden, in welch gewissenloser Weise die Interessen ber Allgemein- heit einer kleinen Gruppe von Agrariern und Getreideexporteuren aufgeopfert werden. Der Umstand, daß den Getreideexporteuren 50 Mk. pro Tonne ausgeführten Getreide» aus der Staatskasse oder vielmehr aus den Taschen derselben Steuerzahler vergütet werden, denen durch das Einfuhrscheinsystem die notwendigsten Nahrungsmittel verteuert werden, hat zur Folge, daß beispielsweise in Ruß- land oder Dänemark deutscher Roggen billiger gekauft werden kann, als in Deutschland die geringste unverzollte Futtergerste. An der russisch-polnisch-deutschen Grenze kostet der Roggen verzollt 190 M. pro Tonne. Die an der Grenze auf russischer Seite gegründete Mühlenindustrie bezieht diesen Roggen mit 140 M. pro Tonne und sendet die gewonnene Kleie, die unverzollt nach Deutschland ein- geht, zurück. Sie löst dafür pro Tonne 135— 140 M., so daß sie in der Lage ist, daS feinste Mehl in Rußland zu dem Preise zu ver» kaufen, den man in Deutschland für Futter bezahlen muß. Von einigen Seiten wird behauptet, eS bestehe ein ausgleichender Ge- treideauStausch Wie verhält es sich damit? Wir exportierten z. B. Roggen aus Ostpreußen, dafür vergütet der Staat 50 M. pro Tonne. Dagegen importieren wir Gerste, die 13 M. Zoll kostet. Feinster Roggen kostet nun unverzollt 140 M. an der Grenze und geringe Futtergerste 165— 175 M. pro Tonne. Es ist die höchste Zeit, daß einem Zustand ein Ende gemacht wird, der zugunsten«tuer kleinen Gruppe den Aermsten ix�r Armen daS Brot verteuert, Industrie und den Arbeitern Arbeit entzieht. Und das alles mit Hilfe des Geldes, da» die Arbeiter durch ihre Steuern aufbringen. Es hat mit der Schädigung der Konsumenten nicht sein Be- wenden. Da» Einfuhrscheinsystem treibt auch die Mühlenindustrie ins Ausland und nimmt den deutschen Arbeitern die Arbeit. In den Ländern, die Getreide importieren müssen, wie Schweden, Finn- land. Norwegen und zeitweise auch Rußland, entwickelt und ver- größert sich dauernd eine bedeutende Mühlenindustrie, die, unter- stützt durch deutsches Geld, das deutsche Getreide billig bezieht, sich aber gegen die Einfuhr von Mehl durch hohe Echutzsölle zu schützen weiß. Dadurch wird der deutschen Mühlenindustrie die Arbeit ent> zogen und auberdem geht ein hoher Prozentsatz Futter(Kleie) dem Jnlande verloren. Ein weiterer gröherer Verlust deutschen Ver mögens liegt darin, daß der grötzte Export bald nach der Ernte statt findet, wenn die Preise am niedrigsten sind. Tritt, wie meisten», infolge zu starken Exports im Frühjahr ein Mangel ein, so erfolgt der nötige Import zu einem dann wesentlich höheren Preise. Deutschland verliert nicht nur doppelte Fracht und Spesen, sondern auch die Differenz zwischen billigen Verkaufs- und teuren Ein- kaufspreisen._ Versammlungen. Die Resultate der letzten ReichstagSsession. In einer öffentlichen Versammlung, die am DienSkag ben !|roßen Saal der Brauerei Patzenhofer in der Turmstrahe füllte, prach der NeichstagSabgeordnete Ledebour über:„Die r«i n e r e P o l i t i k." Es war der erste von drei Vorträgen über die Resultate der letzten Reichstagssession; der zweite wird die Stellung des Reichstags zu den VerfafsungSfragen, der dritte bis äußere Politik behandeln.— Der Redner führte nun in den Hauptpunkten folgendes aus: Als die Regierung die Neuwahl deS Reichstags bis in den Januar hinausschob, geschah das offenbar in der Hoffnung, daß inzwischen eine für sie günstigere Situation eintreten werde und einem allzu starken Anwachsen der sozialdemo- kratischen Fraktion vorgebeugt werden könnte. Die Tatsachen haben bewiesen, wie kurzsichtig diese Auffassung war. Der Zweck wurde verfehlt, aber etwas anderes hat die Regierung doch erreicht, und das ist, dah die Reichstagsarbeit durch die viel zu späte Vorlegung des Budgets desorganisiert, dem Reichstag die ArbcitSmöglichkeit auf anderen Gebieten geraubt wurde. So konnte der Reichstag die bescheidenen Rechte, die ihm zustehen, in dieser Session nicht einmal ausnutzen. Die Reichsregierung würde solche Anschläge nicht durch. führen können, wenn das Parlament sich das nicht bieten liehe Aber alle unsere Versuche, den Reichstag in diesem Sinne zu einer wirklich modernen Volksvertretung zu gestalten, sind gescheitert Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, dah wir nun 110 Mann stark sind. Wir sind eben immer nur eine Minderheit, und da wäre es Torheit, einen grundstürzenden Einfluß von dem an sich ja gewaltigen Anwachsen der sozialdemokratischen Fraktion zu erwarten.� ES kommt darauf an. nach wie vor die Zahl der sozial» demokratischen Stimmen und Abgeordneten immer mehr zu steigern, um endlich zum Ziele zu kommen. Zwei Tatsachen traten in der verflossenen Session besonders hervor, nämlich die, dah es uns ge- lungen ist, bei Einzelfragcn in unserem Sinne bessere Beschluß fassungen herbeizuführen als je zuvor, dah aber trotzdem die bürger lichen Parteien sich fester noch als zuvor gegen die Sozialdemokratie zu einer imperialistischen und chauvinistischen Politik zusammen. geschlossen haben. Durch einen demonstrativen Beschluh, der mit allen gegen 07 Stimmen gefaht wurde, hat der Reichstag kundgetan, dah er sich nicht zu irgendwelchen neuen Zwangsgcsetzen gegen die organisierte Arbeiterschaft gebrauchen lassen will.— Das größte Aufsehen hatte diesmal bekanntlich die Wahl deS Reichstags Präsidiums hervorgerufen. Uns kann es aber ganz kalt lassen, dah man unseren Präsidenten wieder zu Fall gebracht hat. DaS ist nichts anderes als eine Blamage für die Liberalen, zeigt aber auch wieder einmal, wie sehr diejenigen in unseren Reihen, die von einem liberalen Grohblock träumen, sich auf dem Holzwege be- finden. Das Hauptereignis der Session war drnn die Wrhrvorlnge und die Deckungsfrage. Mit den dürftigsten Gründen verteidigte der Kriegsminister in der Budgetkommission seine Vorlage. E ist eigentlich ganz unschuldig daran, dah sie angenommen wurde. Hätte man statt seiner einen hölzernen Nußknacker hingestellt, mit einem Phonographen darin, und das schöne Lied„Heil dir im Siegerkranz" abdrehen lassen, die Wehrvorlage wäre auch ange- nommen worden. In der Deckungsfrage wurde auf die im Prinzip angenommene Reichscrbschaftssteuer verzichtet, und ebenso wurde unser Antrag abgelehnt, die Steuer zu quotieren, sie alljäbrlich bei entsprechend zu be- der Budgetberatung dem jeweiligen Bedürfnis messen. Die abgelehnte Reichserbschastssteuer kostete dem Finanz- minister Mermuth bekanntlich sein Amt, aber es ist wiederum charakteristisch für den Liberalismus, daß die Berliner Stadtfrei- sinnigen diesen doch konservativen Mann zum Bürgermeister wähl- ten, statt einen Mann aus ihren eigenen Reihen zu nehmen. Der Umstand, daß ein katholischer RegimentSarzt aus dem Dienst ent» lassen wurde, weil er sich nickt duellieren wollte, gab dem Zentrum Veranlassung, einmal gewaltig Lärm zu schlagen im Reichstag. Aber ebenso schnell ließ das Zentrum sich wieder beruhigen, wollte sich mit der bekannten Kabinettsorder zufrieden geben, die zwar eine Einschränkung der Duelle, aber damit doch auch eine An- erkennung ihrer Berechtigung enthält, und stimmte schließlich in seiner Mehrheit gegen den sozialdemokratischen Antrag, wonach unter keinen Umständen ein Offizier wegen Ablehnung deS Duells entlassen werden soll. Der Antrag wurde aber doch angenommen, und man darf nun gespannt sein, welche Kapricen die Regierung inachen wird, um sich damit abzufinden. Denn nach ihrer bisherigen Haltung ist kaum zu glauben, dah die Regierung soviel Rechts- bcwußtsein und Menschlichkeitsgefühl besitzt, um im Sinne des Antrags zu handeln.— Im Zusammenhang mit der Ostmarkcn- Politik und dem KorruptionSfonds erwähnte der Redner unter anderem den Gewaltakt im preußischen Abgeordnetenhaus und sprach die Erwartung aus. dah auch diese? Ereignis dazu beitragen Wird, dem bestehenden ungeheuerlichen Regierungssystem einmal ein Ende zu machen. Im übrigen, so bemerkte der Redner zum Schluß, haben wir bei allen möglichen Gelegenheiten gegen die Drangsalierungen von Arbeitern und Beamten anzukämpfen ge- habt und gegen den Unfug Sturm gelaufen, der verübt wird, in- dem man den im Reichs- oder Staatsdienst tätigen Personen das Koalitionsrccht und das Recht der freien Meinungsäußerung raubt. Aber es wird in Deutschland noch ungeheurer Arbeit bedürfen, um diesen Terrorismus zu beseitigen. Wir müssen unablässig bestrebt sein, eS dahin zu bringen, daß das ganze Proletariat eine große geschlossene Phalanx bildet, um endlich mit diesem unglücklichen RcgierungSsystem aufzuräumen und die politische und Wirtschaft. liche Befreiung des Volkes durchzufübren. Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Zur Diskussion wurde daS Wort nicht verlangt. Die Versammlung schloß mit Hochrufen auf die Sozialdemokratie._ Die Angestellten der Friedrich-Wilhelm-Berficherung A.-G. hatte die Sektion der VersicherungSangestcllten des Zentralver- bandeS der Handlungsgehilfen zu einer Betriebsversammlung zu- samniengerufen. Es stellte sich bald heraus, daß der ziemlich große Saal deS Marine-Hauses die Masse der Erschienenen nicht fassen könne und es verließen deshalb die Angestellten anderer Gesell- schaften, die ebenfalls zahlreich erschienen waren, zum größten Teil Ben Saal, der durch nachrückende Friedrich-Wilhelm-Angeslellte bald wieder bis auf den letzten Platz gefüllt wurde. Der Referent deS Abends. Ucko, geißelte in seinem Vortrage die Arbeitsverhältnisse bei der Friedrich-Wilhelm. Er zeigte zunächst an der Hand de» umfangreichen, von der Sektion zusammengestellten Materials, wie jämmerlich in bezug auf Gehalt und andere Arbeitsverhältnisse die Lage der Friedrich-Wilhelm-Angestcllten sei. Von stürmischen Zu- stimmungLkundgebungen unterbrochen, stellte er fest, daß ein bei der Kriedrich-Wllhelm eintretender Angestellter ohne Rücksicht auf Alter. Vorbildung und Familienverhältnisse ein Anfangsgchalt von 70 M. erhalte, in der Sterbekassenabteilung erhalten die Ange- stellten, die jünger als 18 Jahre seien und al« Lehrlinge bezeichnet würden, sogar nur 80 M. Mit diesem AnfangSgehalt von 70 M. feien aber die Angestellten beileibe keine Beamten, sondern nur — Beamtenanwärter!(Große Heiterkeit der Versammelten.) Der „Beamtenanwärter" erhält die Qualität des„Beamten" meist erst nach vollendeter fünfjähriger Dienstzeit, und erst dann hat er be- findete Aussicht auf langsames Steigen seines minimalen Ge- llts. Die Urlaubsregulicrung ist eine derartige, daß sie die An- >estellten bis zu 1000 M. gar nicht und die zwiidhen 1000 und 1200 SR. erst nach 4 Jahren mit 3(!) Tagen Urlaub bedenkt. Ganz all- mählich wächst dann in dieser Gruppe die Zahl der Urlaubstage, bi» sie nach etwa 20jähriger Dienstzeit endlich auf etwa 14 Tage verantwortlicher Redakteur:«lbert Wach». Berlin. Für tx» Urlaub ansteigt. Der Referent ging dann deS weiteren auf die ungesunden Raumverhältnisse in der Friedrich-Wilhelm ein sowie auf die teilweife auch das Schamgefühl wirklich mit Recht verletzen- den Toiletteneinrichtungen für die sehr zahlreichen weiblichen An- gestellten. Wie sehr die Friedrich-Wilhelm die Organisation fürchtet, zeigt der Fall Sohr. Dieser ist wegen seiner Agitation für den Verband gekündigt worden. Als er bei dem Chef der Lebensabtei- lung, Herrn von Lager st römer, nach den Gründen forschte, wies dieser ihn an seinen Vorsteher, einen Herrn Franz, offenbar, weil er selbst die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Herr Franz gab wörtlich folgenden Bescheid:„Also wir haben die Wahr- nehmung gemacht, daß sich Ihre Anschauungen mit den unserigcn, die wir haben, in keinerlei Weise vereinbaren lassen, und ferner ist es uns mitgeteilt worden, daß Sie Ihre Kollegen zu verhetzen suchen und sie auffordern, Urem Verbände als Mitglied beizu- treten. Für un» war das Grund genug, Sie zu kündigen, denn einen Hetzer können wir hier nicht gebrauchen." Sohr wurde auf Wunsch dann noch ausdrücklich bestätigt, daß sonst nichts gegen ihn vorliege. Also eine Matzregelung in bester Form. Meine Herren, fuhr der Referent fort, im Fall Sohr war es dem Zentralverband der Handlungsgehilfen ein leichtes, dem gemaßregelten Kollegen sofort eine bessere Stellung zu verschaffen. Die Matzregelung be- deutet also einen Schlag ins Wasser. Aber man wird das Matz- regeln bald aufgeben, wie man es gegenüber der ständig lvachsenden zahlreichen Masse der Viktoria-Angcstellten schju als nutzlos aufgegeben hat, wenn die Angestellten sich einmütig der modernen Ge- werkschaftSbewegung anschließen und dem Zentralverband der Handlungsgehilfen beitreten. Lauter Beifall und eine nur in zu- timmendem Sinne verlaufene Aussprache bewiesen, wie sehr der Referent den Versammelten aus der«eele gesprochen hatte. Selbst ein Bureauvorsteher der Friedrich Wilhelm mußte zugeben, daß. abgesehen von ziemlich belanglosen Mißverständnissen, der Referent eher noch zu milde als zu scharf gesprochn habe. Zum Schluß fand eine Resolution gegen eine Stimmenthaltung Annahme, die den örtlichen Vorstand deS Verbandes zu Verhandlungen mit der Direktion der Friedrich-Wilhelm zwecks Besserung der Arbeitsver- Hältnisse und insbesondere zu eindringlichen Vorstellungen bezüglich des Falles Sohr auffordert. Eine große Zahl von Beitritts- erklärungen war der Erfolg des Abends. Huq aller Sielt* Und so etwas kann sich nicht genug über Terror beklagen. Wenn es nach dem Willen dieser Fanatisierten ginge, dann wurden die Scheiterhaufen bald wieder emporflammen. Kleine Notizen. Schweres Grudenunglück. Auf der Grube.Knappschaftsglück' bei Neunkirchen riß bei der Personenbeförderung d a« Seil. Drei Hauer und ein Monteur stürzten in den Schacht und waren sofort tot. Durch einen Bienenschwarm getötet. Ein Landwirt in der fran- zösiscken Ortschaft C h e z e r y war mit der Fütterung der Bienen beschäftigt, als er plötzlich von einem Schwärm überfallen und furchtbar zugerichtet wurde. Er starb nach wenigen Stunden unter gräß- lichen Schmerzen. T-dessturz bei einem Passagierflugr. Im College Park in N e w N o r k ist gestern der englische Flieger, Leutnant H a z« l h u r st mit teinem Passagier Welch bei einem Fluge mrt feinein Wright- apparat aus bisher unbekannter Ursache abgestürzt. Beide Flieger waren sofort tot. Blutiger Kampf. AIS Polizeibeamte der franzöfischen Stadt Argentenil am Dienstagabend in einen Streit eingriffen, wurde einer der Beamten von Revolverschüssen getötet, ein anderer schwer verletzt. Am Orte des Streites wurde die Leiche eines bereits vor der Ankunft der Beamten getöteten Arbeiters aufgefunden. Der Urheber der Mordtaten, ein Erdarbeiter, namens B r o s s a r d, wurde gestern früh verhaftet. Allen, die mein Jubiläum als Freireligiölen Gemeinde mit gütiger Anteilnabme begleiteten, danke ich aus treuem Herzen.[20596 9. gunt. Maldeck Manasse. Der Kampf gegen den Modernismus. Die Mittel, die Rom zur Ueberfiihrung von modernistenver- dächtigen Klerikern anwendet, erfahren eine interessante Beleuchtung durch die„Revue moderniste internationale" in Genf, welche in ihrer Nr. 4 erzählt: »Gegen Ende des Jahres 1908 erhielt der Herausgeber der „Revue", der frühere süditalienische Priester Dr. Antonie de Stefano, jetzt Privatdozent für ReligionSgeschichte an der Uni- versität Genf, den Besuch eines Sludicnkameraden von der päpst- lichen Universität, deS römische» Priesters Dr. P. P. Der Gast blieb einige Tage bei dem Studienfreund in Genf, gab sich durchaus als Modernist, und man lauschte fröhlich römische Erinnc« rungen, auch von mehreren Gesinnungsgenossen, die einst auf den Bänken der päpstlichen Universität inilgesesieuj halten, war die Rede. Einige Zeit nach ser Abreise deö röinischen Gastes erfuhr Stefano, daß einigen römischen Priestern, früheren Studienlollegcn vom Hl. Offizium der Prozeß gemach« werde auf Grund von Dokumenten, die in Stefanos Besitz waren. Dabei stellte Stefano fest, daß ihm kein einziges Dokument fehle und das Hl. Offizium demnach kein Original in Händen haben konule. Erst vor kurzem kam nun die Sache an den Tag. Vor dem römischen Diözesangericht wurde ein Prozeß anhängig gemacht gegen denselben Dr. P. P. und zwar war der Anlläger auch ein Priester, der den Herrn vor dem bischöflichen Gericht der Unterschlagung von 16 000 Lire und der Urkunden« fälsch ung beschuldigte. Bei diesem Prozeß wurdp auch von der Entwendung der Stefanofchen Dokumente gesprochen. ES stellte sich heraus, daß Dr. P. P.~'die Dokumente heimlich photographiert hatte. Für diesen Spionagedienst er- hielt der saubere Herr 300 Lire. Seim Auftraggeber war ein römischer Prälat. Bei den Verhandlungen vor dem geistlichen Gericht behauptete der Spion, seine Sendung gehe durch Ver- mittelung des betreffenden Prälaten auf den Papst selbst zurück." Die Stärkung des katholischen Dogmas wird ja nach diesem Bericht mit recht sonderbaren Mitteln betrieben. Der Jesuitenstifter Loyola kannte seine Pappenheimer, als er den Grundsatz ausstellte: Der Zweck heiligt die Mittel I_ Das Endergebnis des Fernfluges Berlin— Wien. Außer Hirth hat keiner der Flieger da» Zielband überfloaen. Krieger, der am Dienstag nicht mehr zum Start kam, yat am Mittwochmorgen endgültig auf die Zurücklegung der zweiten Etappe Breslau— Wien verzichtet. Der österreichische Flieger Miller hat zwar am Mittwochabend in vierstündigem Flug daS Ziel zu erreichen gesucht, sich aber im Regen und Nebel verirrt, so daß er nach seiner Irrfahrt schließlich bei Troppau, wo er ohne Unfall landet-, aufgeben mußte. Die beiden Oesterreicher Blaschke und Miller haben also unverdientes Pech gehabt, denn an sich standen ihre Leistungen hinter der deS Siegers Hirth nicht zurück. l Todes-Anzeigen |8M»Ii!emoIsMctiei' WahiverelB Alt-Glienicke. Den Mitgliedern zur Nachricht, ! daß unser Parteigenosse, der I Gastwirt Gustav Joch 1 om Dienstag, den 11. d. Mts., | gestorben ist Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am > Freitag, den 14. Juni,»ach mittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Köpenicker Straße. auS statt. Um rege Beteiligung ersucht I>02/6 Ter vorstand. Deutseber Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Robert Pelzer Boxhagener Straße 17 lim Alter von 63 Jahren ge- | storbcn ist Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet b e u t e I Donnervta»; den IS. Juni, nach. I iriittagZ s Uhr, von der Halle des ZciitralsriedhofeS tN Friedrichs- selde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht j8S/L 01« Ortmnratttiiig. Männerchor„Neukölln". Hiermit die traurige Nachricht,| I daß unser Sangesbruder Vilbelm Scbirmer am 10. b. MtS. verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am I DonnerStaa, den 1Z. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- 1 halle des Neuköllner Gemeinde- Friedhofes, Mariendorfer Wci au8 statt. Um rege Beteiligung ersucht SOöOd Ter Vorstand. Ein Boot mit fünfzig Insassen gekentert. Ein schweres VootSunglück, dem fünf Personen zum >?pfer fielen, hat sich Mittwoch nachmittag an der Nordsee- k ü st e zugetragen. Eine 50 Personen starke Gesellschaft auS Scherrebek wollte mit einem Motorboot eine Lcrgnügungs- ahrt nach B a l l u n unternehmen. Unterwegs kenterte das Boot und die Insassen fielen tns Wasser. Fünf Mit- glieder der Gesellschaft, zwei Damen und drei Herren, üid dabei ertrunken._ Bon Löwen zerfleischt. Ein schrecklicher Unfall ereignete sich Dienstag abend in einem Wanderzirkus, der gegenwärtig in Versailles seine Vorstellungen gibt. Ein deutscher Tierbändiger namens Karl F e l d m a n n hatte dort gerade eine Dressurnummer mit acht Löwen vorgeführt und war im Begriff, die Tiere in ihre Käfige zurückzubringen, als sich plötzlich zwei der Löwen auf ihn stürzten, ihn zu Boden warfen und schwer verletzten. Es war nur der Geistesgegenwart der Wärter, die sofort mit Heugabeln und Peitschen herbeieilten, zu danken, daß Zeldmann nicht vollends zerfleischt wurde. Der Tierbändiger wurde edoch so schwer verletzt ins Hospital eingeliefert, daß an einem Aufkommen gezweifelt wird. Christliche Toleranz. In den Städten und Dörfern im Westen Deutschlands ist«z üblich, daß an den Fronleichnamstagen oder am Sonntag nach Fronleichnam die Katholiken mit großem Pomp Prozessionen durch >ie Straßen veranstalten. Als i» Bochum die Prozession durch «ine der belebtesten Siraßen der Stadt zog, stand auf dem Trottoir ein junger Mann und rauchte eine Zigarette. DaS verdroß einen rommen Wallfahrer. Er trat auf ihn zu und verbot ihm daS Rauchen. Al» sich nun hierüber eine laute Auseinandersetzung entwickelte, trat aus der Reihe der frommen Wallfahrer ein schon älterer Mann und schlug dem Angeredeten ohne weiteres mit dem Regenschirm über den Kopf. Der sich nun ent- pinnende Streit konnte er st geschlichtet werden, als ein Priester feine Schäfchen an den Kleidern wieder in die Reihe noa, bannt fit nun den Rosenkran, weiler beten konnten Verdsni! der Gemeinde- u. Staatsarbeiter. Filiale GroB-Berlln. Durch den Tod ist unS einer unserer Miltämpser, der Kollege Gustav Kruger von der Gasanstalt Danziger Straße entrissen worden. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung findet beute Donnerstag, den 13. Juni, nach. mitlags 4 Uhr, vom Krankenhaus ! Fricdrichsbain nach dem Gethse- mane.Frledhos in Nordend statt. 34/12 Die Ortsverwaltung. glnnmi' und kraliltniidkm vou Robert Heyer,* nur UnrilUlNkn-Straßt 2. De« Vorwärts-Lesern gewähre Rabatt Wundervoll gestickte i*" jPöTtiercn für Fenstcrj nnd Türen] in Qualität H.pro Fenster: FÜZtUCh... J.35 bis 10.60 Meinen 3.88 bis 20.OO 3.88 bis 75,00 6.78 bis 36.00 _ 6.75 bis 66.00 Fi reim. Tueb 16.50 bis 156.00 Yelvetplliseh.. Perslseb�t Nach auswärts per Nachnahme. Teppich-Spezial-Haus Emil efhre Berlins. Seil 1882 nur Oranienstr. 158 ünterbalte nirgenils Daten! Spezial-Katalog 658 Abbildiingefl gratis i. franko. „Freier Bund'4 Einkaufs- and ProdaktiTgenossensehan freier Gast- and Schankwirts Berlins and Umgegend. Eingetragene Genossenschaft mit besohrinkter Haftpflicht la Berlin. In der LUan, veröffentlich ung vom 4. April d. I. muß e» Heißen: MltgliedcrjaHI am 31. Dezember 1911: 115 Die Grsamthasssumme aller Mitglieder beträgt am Jahresschluß 2360 TO., und nicht wie auaeaebcn: Mitgltederzahl 102 und die Geiamthaltsuunn« 2040 TO. Berlin, den 5. Juni 1912. 105/2 F. Matthew. Oreth. VorwärtSfiBlbliothek. Eine Sammlcng�rollcsttolleher�RomBae�TOid Eraai.i.tf.cen. Soeben neu erschienen: Band Ü! 0er Ausweg-- ErtShlong von Emst Preozang. ___ Preis: gebnnie® 1 M. Band I: Erweckt. Kornau aus dorn Proletarierleben von A. flBP. Preis: gebunden 1,85 M. Buchhandlung Vorwärts, Linden atraBe 60 (Laden). Lnseratenteil perantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Bgchdruckere, u. Veclagsaßstalt Saai�wget a. tp, Beri-g SW. Nr. 135. 29. Iahrgavg. 2. Sfiliije des Jotniörts" Sftlintt ilolliülilatt. Donverstag, 13. Juni 1912. Partei- Angelegenheiten. Zur Lokalliste! Im dritten Kreise steht uns da? Lokal von Neumann, fügung neu 37a. zu den bekannten Bedingungen zur Ver- In Rauchfangswerdcr hat das Lokal„Zur Linde' den Besitzer gewechselt. Der jetzige Inhaber. Herr Otto Dahlke, stellt es uns zu den allbekannten Bedingungen zur Verfügung. Das Bahnhofsrestaurant in Elchwalde hat ebenfalls den Besitzer gewechselt. Der neue Inhaber. Herr Friedrich, weigert sich, sein Lokal der orgamsierten Arbeiterschaft herzugeben: dasselbe ist von der Lokallisie zu streichen. Dasselbe trifft für Lychen i. M. zu. Der Gastwirt Robert Daltow. Templiner Straße 131. verweigert den dortigen organisierten Arbeitern sein Lokal. _ Die Lokalkommission. Lichtenberg. Die Genossen zur Landagitation treffen sich am Sonnabend, den 16. d. Mts., abends 8 Uhr, bei Wilh. Schulz. Krouprinzenstrabe. Die Freitags zusammenkuuft fällt aus. Dabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 16. d. M.. abends 9 Uhr, bei Wiese: Generalversammlung. Tagesordnung: Bericht von der Gemeindevertretersitzung. Bericht des Vorstandes, Neuwahl des Vorstandes und der Revisoren. Stiftungsfest und Verschiedenes. Der Vorstand. Zerpcnschleuse— Groß-Schönebeck(Bez. Lichtenberg). Am Sonntag, 16. Juni, nachmittags 3 Uhr. findet auf dem Oskar Steinschen Grundstück, an der Chaussee zwischen Zerpenschleuse und Groß- Schonebeck gelegen, eine öffentliche politische Versammlung unter freiem Himmel statt, in welcher Arbeitersekretär Ge- nasse Julius Hildebrand-Berlin über»Die preußische Wahlrechts- frage' sprechen wird. Genossen! Sorgt für Massenbesuch. Röntgental. Heute Donnerstag, abends 8 Uhr: Zahlabcnd bei Marx. Die Parteigenossen werden ersucht, ihre Gewerkschaftsbücher mitzubringen. Die Bezirksleiiung. VerUner Nachrichten. Im Seebade. Dem Proletariat ist der Genuß von Seebädern noch so gut wie verschlossen. Durch Vermittelung der Einrichtung der Ferienkolonien werden alljährlich einige hundert besonders schtvächliche Groß-Verliner Kinder der ärmeren Bevölkerung an die See geschickt. Millionen erwachsener Proletarier, die dringend der Erholung bedürfen, bekommen die heilkrästige Seeluft niemals zu atmen, müssen schon zufrieden sein, wenn sie in ein paar freien Sonntagsstunden eine Fahrt nach den Gewässern der Berliner Umgebung unternehmen können. Es ist ein Jammer, daß die wirklich schaffende, eingemauerte Menschheit von den schönsten Naturgenllssen verbannt ist, während jene Parasiten, die das leicht erworbene Geld mit vollen Händen ausstreuen, ohne daß die unteren Stände davon etwas haben, in ihrer Ueberreizung und Blasiertheit innerlich kaum sähig sind, die edelsten Naturschönheiten richtig zu lverten. Was man in den modischen Seebädern sieht, sind- mit wenigen Ausnahmen nur Angehörige der bemittelteren und bemitteltsten Klassen. Schon lange vor Beginn der eigent- lichen Saison wird auf den Strandpromenaden, in den Hotels und besonders bei den„Reunions", zu denen überharwt nur Auscrwählte unter bestimmten Bedingungen zugelassen werden, ein unerhörter Toilettenluxus entfaltet.� Zur Hoch- saison wimmelt es hier wie in den belebtesten Straßen des inneren Berlin. Man erhält den Eindruck, daß viele, vielleicht die meisten Badegäste nur hierherkommen, um sich zu amü- sieren, weniger zur Reparatur der durch ausschweifendes Leben angegriffenen Gesundheit. Und für Amüsement ist reichlich gesorgt in den mit„erstklassigem" Komfort ausgestatteten Strandhotels— man muß nur das nötige Kleingeld dazu haben. Wenn man die Preise hört, die hier verlangt und ohne Wimperzucken bezahlt werden, fällt der Prolet, der für eine halbe Mark eine ganze Stunde schuften muß, platt auf den Rücken. In Ost- und Nordseebädern, die noch lange nicht als vornehmste gelten, gibt es genug Hotels, die für Person und Zimmer pro Tag die Kleinigkeit von 25 M., ungerechnet die Nebenausgaben, beanspruchen. Es kostet also hier schon die Miete für einen Monat 500 M. und mehr. Wer sich noch so sehr einschränkt, kommt bei längerem Aufenthalt in der billigsten Pension mit 7 M. pro Tag knapp aus. Angenehm ist es freilich, daß auch an der Ost- und Nordsee schon immer zahlreicher Pensionate. die auf den„kleinen Mann" zuge- schnitten sind, erstehen. Noch billiger sind die sogenannten Touristen- und Passantenlogis. Man schläft hier in guten Zimmern und Betten schon für 2 Mk.. bei mehreren Personen. die sich ungeniert in ein Zimmer teilen, noch billiger. Dem Touristen kommt es ja auch gar nicht darauf an. wochenlang auf Strandpromenaden zu flanieren oder in Strandkörben zu flirten. Er packt sich den Nucksack mit Nahrungsmitteln. die nicht so leicht verderben, ergänzt unterwegs die Vorräte und wandert durch herrliche Wälder oder am Strande entlang von einem Seebade zum andern, gelegentlich eine Verbin- dungsbahn oder ein Schiff benutzend. Die Atzung zum Teil mitzubringen, ist sogar dringend anzuraten, denn in den Restaurants sind überall die Preise besonders in der Hoch- saison außerordentlich gepfeffert. Man kann das den Lokal- Inhabern kaum verdenken, weil sie auf die Einnahinen der paar Sommermonate angewiesen sind und hohe Pacht zahlen müssen. Daneben würden einfachere Lokale, die dem weniger bemittelten Publikum genügen, sicher auch auf ihre Kosten kommen. Die init den Gemeindebehörden Hand in Hand arbeitenden Badeverwaltungen wehren sich aber dagegen, weil sie glauben, durch Zuzug von minderbemittelten Reisenden die Zahlungskräftigere Kundschaft zu verscheuchen. Am~st- und Nordseestrande gibt es indes neben den„fasbionablen" Luxus- bädern mit internationalem Verkehr auch eine große Anzahl kleiner wenig bekannter Badeorte, die von Naturfreunden und wirklich Kranken wegen ihrer köstlichen Ruhe bevorzugt �"�Alles das kann sich aber nur leisten, wer über genügend Zeit'und Geld verfügt. Tie Arbeitsbienen, die heute alle Ge- iriiffe schaffen, müssen zufrieden sein, die Mittel für den Lcb-'nKbedarf zu erarbeiten, an eine Kräftigung ihrer ab- gearbeiteten Glieder können sie, die es am notwendigsten brauchen, nicht denken. Im günstigsten Falle öffnet sich schien vorübergehend eine Helmstatte oder Heilstätte, deren Ein- Dichtung der Arbeiter aber erst durch seine Beiträge ermöglicht hghen muß.•■ l Für die Blinden der Klingelbeutel! Die Blindenau st alt in Steglitz nennt sich„königlich", 'd.h. sie ist ein Institut des Staates. In sehr enger Verbindung zu ihr steht der«Verein zur Beförderung der wirt- schaftlichen Selbständigkeit der Blinden", so daß man auch das, was er tut oder anstrebt, fast als ein staatliches Unternehmen zur Fürsorge sür die Blinden bezeichnen möchte. Daß dieser Verein, um seine Aufgaben einigermaßen erfüllen zu können, zur Mehrung seiner Mittel um milde Spenden bitten muß, wird mancher kaum sür möglich halten. Folgender Brief, der an eine Reihe mehr oder minder zahlungs- fähiger Personen versandt worden ist, gibt zu denken: Steglitz, Datum des Poststempels. Rothenburgstr. 14. Den verehrten Gönnern und Freunden unserer Blinden teilen wir ganz ergebenst mit, daß unser in engster Verbindung mit der Königl. Blindenanstalt loirlender Verein angesichts der hohen Unkosten in diesem Jahre keine Hauskollelle abhalten wird. Deshalb bilten wir inständigst um freundliche Beachtung des Umstehenden und um gütige Zuwendung eines Jahresbeitrages oder einer ein- maligen Spende. Auch die kleinste Gabe ist willkommen. Die Zusendung kann durch Einzahlung auf das Postschecklonto Nr. 3628 der Königl. Blindenanstalt Steglitz oder in Briefmarken erfolgen. Doppelt gibt, wer gern und schnell gibt! In schuldiger Hoch- achlung und Dankbarkeit, im Auftrage: Matthies, Direktor der Königl. Blindenanstalt." An der Spitze dieses Briefes liest man nebeneinander„Verein zur Beförderung der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Blinden" und„Königliche Blindenanstalt". Er ist also kein privates Schreiben des Herrn Matthies, sondern ein offizielles Zirkular d er Anstalt und des ihr angegliederten Vereins. Die Verbindung zwischen Anstalt und Verein ist so eng. daß für die Versendung dieser Bitte um milde Spenden sogar das der Anstalt von Alters her zustehende Vorrecht der P o r t o f r e i h e i t in An- spruch genommen worden ist. Die Briefkuverts tragen den Stempel- aufdruck„Königliche Blindenanstalt" und dazu den Vermerk«Frei laut Ablösung Nr. 21, Kgl. Preuß. Blindenanstalt". Der Verein hat in Steglitz zwei Arbeitsheime für erwerbsfähige Blinde und in Rehbrücke für die alt und erwerbsunfähig gewordenen Blinden ein Feierabendhans. Die milden Gaben sollen hauptsächlich dazu verwendet werden, die auf dem VcreinSgrundstück in Steglitz lastenden Schulden zu decken. Findet Vater Staat es nicht ein bißchen beschämend, daß für ein Unternehmen, das„in engster Verbindung" mit seiner Blindenanstalt wirlt, der Klingelbeutel umhergereicht werden muß Z_ Prämien für Ermittelung von FrühstnckSmardcrn hat die Bäcker' inmmg einer großen Vorortgemeinde ausgesetzt. Wer einen Früh- stücksbeulcldicb ergreift oder so zur Anzeige bringt, daß er bestraft werden kann, verdient sich ein Fünfmaristück. Das wird eine nette Hätz geben auf arme Teufel, die bisher aus dräuender Not eine Tugend machien und mit den erbeuleten Schrippen den Hunger stilllen. Zu billigen ist ja auch solches Vergreifen an fremdem Eigentum gewiß nicht, aber es ist oftmals auch doppelt verzeihlich durch das soziale Massenelend der Großstadt und durch die Leichtigkeit, mit der bicr jemand zum Diebstahl verführr werden kann. Wart braucht ja nur den Mut zum Zugreifen auf der menschenleeren Treppe zu haben. Genau genommen darf nicht mal eine erhebliche Bestrafung einlretcn, denn in den meisten Fällen wird sogenannter Mundraub vorliegen, den das Strafgesetz sehr milde beurteilt. Erfahrungsgemäß werden trotzdem die dabei ertappten Kinder und besonders Obdachlose, wenn sie vorbestraft sind, ziemlich hart mitgenommen und wie gemeine Diebe bestrast. Durchaus nicht immer sind es verzweifelnde Existenzen. Es wird vielleicht mancherlei Ueberraschmigeii geben, wenn sich die Bewohner unseres Nachbarortes, verlockt durch die Fünfmarkprämie, früh- morgeuS hinter der Korridortür auf die.Lauer legen. Für Aeiidcriingcn im Straßciibahnvcrkchr im Grunewald und auf dem Kurfürstendamm haben die Westliche Berliner Borortbahn, die Große Berliner Straßenbahn und die Berlin- Charlottenburger Straßenbahn beim Zweckvcrband die Zilstiiimmng beantragt. Die Linie L, die in der Richtung Halensee— Kurfürstendainm—Tanentzien- praße bisher beim Nollendorfplatz endigte, wird vom Nollendorf- platz über Kurfürsten-, FloUwell- und Linkstraße bis zum Pols- damer Platz verlängert und verkehrt von dort in Schleifenform abwechselnd über Nollendorsplatz. Halensee, Grunewald, Schmargen dorf, Schönebcrg nach dem Potsdamer Platz zurück und um- gekehrt, in Abständen von 16 Minuten in beiden Richtungen. Bei der Linie A wird ebenfalls ein 16 Minulenverkebr eingerichtet. Gleichzeitig soll die Linie B, die jetzt die Kolonie Grunewald nur im Zuge der Hagcnstraße und Königsallce durchfährt, abwechselnd über Köuigöallee und HuberluSallee geleitet werden. Die Linie 7ö wird von, BiSmarckplatz durch die HuberluSallee bis zur Hubertus- baderstraße verlängert. Eine neue Linie<3 wird vom Bahnhof Halensee über Kursürstendamm— Tauentzinstraße— Kleiststraße— Nollendorsplatz— Bülowstraße—Vorckstraße zum Blücherplatz durch die Blücherstraße— Hasenheide—Herinannstraße bis zum Ringbahnhof Neukölln eingerichtet. Familicntragödie in Charlottenvurg. Die Verzweiflungstat einer Mutter rief am Dienstagabend gegen 16 Uhr in Charlottenburg große Aufregung hervor. An der Schloßbrücke sprang vor den Augen zahlreicher Passanten eine Frau mit ihren zwei Kindern in die Spree. Alle drei Personen verschwanden sofort in den Fluten. Ein Augenzeuge des Vorfalls sprang fast unmittelbar da. nach den Untergegangenen nach und es gelang ihm auch, den Knaben, als er wieder an die Oberfläche kam, zu erfassen und zu retten. Inzwischen hatten mehrere Männer von einer Zille ein Rettungsboot losgemacht und bemühten sich, die Körper der Frau und des Mädchens, die nicht wieder aufgetaucht waren, aufzusuchen. Nach längeren Bemühungen konnte auch die Kleine aufgefischt werden, während die Mutter nicht gefunden werden konnte. Der gerettete Knabe, der etwa 6 Jahre alt ist und der bald wieder ins Leben zurückgerufen werden konnte, fand im Krankenhause Westend Aufnahme. DaS neunjährige Mädchen wurde zwar von einem herbei- gerufenen Arzte wieder zum Bewußtsein gebracht, verstarb aber auf dem Transport nach dem Kranlenhause. Die kleine Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Die Leiche der Mutter konnte trotz eifrigster Nachforschungen bis zum heutigen Vormittag nicht geborgen werden. Aus diesem Grunde konnte bisher noch nichts über die Personalien der drei Personen ermittelt werden. Der gerettete Knabe befindet sich zwar außer Lebensgefahr, konnte jedoch bisher noch keinerlei Angaben machen. Drei Menschen ertrunken. Ein schweres Unglück, dem drei junge Menschenleben zum Opfer fielen, hat sich am Montagabend in der zehnten Sninde auf der„Tiefer See" genannten Havelausbuchtung zwischen Potsdam und Park Babelsberg ereignet. Die Füsiliere August Schmidt I, Philipp Dröge und Gustav Herrmann, sämtlich von der 12. Kompagnie des 1. Garderegiments, unternahmen mit der 18jährigen Berta Rausch und der 17jährigen Martha Rudau aus Noivawes eine Kahnparlie. In der Höhe der Husarenkaserne wollten die Soldaten die Mädchen, die gerudert hatten, ablösen. Beim Plätzewechseln benahmen sich die Insassen so unvorsichtig, daß das Boot kenterte und alle ins Wasser stürzten. Das Nachtdunkel ver- hinderte die erfolgreiche Rettungsaktion. Dem Füsilier Herrinann gelang es, schwimmend das User zu erreichen, er sah auch eine Strecke weit neben sich seinen Kameraden Schmidt schwimmen, den dann aber etwa 26 Meter vom Ufer entfernt die Kräfte verließen; er versank lautlos in den Wellen. Dröge und die Martha Rudau gingen sofort an der Unfallstelle unter, während die andere Insassin Berta Rausch durch zwei Gardejäger, die in einem Boot heranruderten, unter eigener Gefahr gerettet wurde. Ueber die Angelegenheit ist sowohl von der Polizei als auch von der Militärbehörde eine Unter- suchung eingeleitet worden. Die Leichen der drei ertrunkenen Per- sonen konnten infolge der an der Unfallstelle herrschenden starken Strömung bisher nicht gefunden werden. Verhaftung zweier gefährlicher Autodiebe. Der Schönebcrger Kriminalpolizei ist gestern ein guter Fang gelungen; sie»ahm zwei ehemalige Chauffeure, den 22jährigen Karl Tott und den 30jährigen Franz Lehmann fest, die beide seit Monaten zahlreiche Automobile gestohlen haben und der Schrecken aller Automobilbesitzer waren. Die beiden Autoräuber sind bereits mehrfach vorbestraft. Sie haben eine ganze Anzahl Diebstähle von zum Teil fast ganz neuen Kraft- wagen eingeräumt. Ihnen konnte auch ein Einbruch in Boxhagen, ein Kollidiebstahl in der Potsdamer Straße und Diebstähle in Breslau und Leipzig nachgewiesen werden. Die beiden Verbrecker wurden noch im Laufe des gestrigen Tages in das Moabiter Unter- suchungsgefängnis eingeliefert. Für solche, die Stellung auf Passagierschiffen suchen. Vom„Internationalen Schiffahrts-Jnforma- tions- und Reisebureau in der Kochstraße erhalten wir eine Zuschrift, die mit Hubert Hermsen unterzeichnet ist. Sie wendet sich gegen unseren am Sonnabend veröffentlichten Artikel über dieses Bureau und versichert, daß es für die den Stellung- suchenden abgeforderte» 2 Mark mehr als die paar Blatt schriftlicher Informationen leiste. Beispielsweise fertige das Bureau auch Stellengesuche an, die bei Schiffahrtslinien eingereicht werden sollen, und besorge die Korrespondenz zur Beschaffung der nötigen Papiere, so daß„durchschnittlich 3—7 Akienseiten zu schreiben" seien. Die Erwiderung des Herrn Hubert Hermjen fügt hier hinzu:.— und iverden Sie selber zugeben müssen, daß die Gebühr von 2 M. nicht zu hoch ist." Bei diesem Satz fiel uns eine Stelle aus den Informationen ein, die das Bureau noch vor wenigen Tagen gegen Zahlung der Gebühr von 2 M. abgegeben hat. Darin steht zu lesen:„Ordnen Sie Ihre Papiere, machen Sie sich Zeugnisabschriften,(solche liefere ich schnell und billig, ebenso fertige ich für 2 M. Gesuche an), fügen das Attest des Arztes bei", usw. Wichtiger als alles das ist für die Stellungsuchenden die Frage, ob das Bureau, das ihnen durch Annonce seine Dienste anbietet, Stellen vermitttelt oder nicht. Die Zuschrift sagt nicht, daß das Bureau auch mit Stellenvermittelung dienen könne. Zwei Wüstlinge wurden von der Kriminalpolizei festgenommen. Ein Angestellter eines hiesigen Abzahlungsgeschäfts wurde gestern beaustragt, in Halensee Nachforschungen nach einer Dame anzustellen, die mit der Zahlung ihrer Raten im Rückstand geblieben war. Als der Mann ihre Wohnung aufsuchte, erfuhr er, daß sie verzogen war. Er ging jetzt zur Vcrwallerin. um dort ihre neue Adresse zu erfahren, Während die Frau im Meldebuch nachsah, packte der Mann sie Plötz- lich und vergewaltigte sie in der rohesten Weise. Dann lief er weg und entkam. Die Frau mußte sich in ärztliche Behandlung begeben. Die Ermittelungen der Kriminalpolizei ergaben, daß der Mann unter falschem Nanien bei dem Abzahlungsgeschäft tätig war. Er wurde als ein Kittscher Max Schimmelpfeiuiig' aus Schöneberg festgestellt und verhastet.— Ein Arbeiter Wilhelm Keil wurde dabei betrossen, wie er in Weißensee widernatürliche Unzucht trieb. Auch er wurde festgenommen und dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Selbstmord eines TirolerS. In einer Gastwirtschast in der Spree- straße erschoß sich Dienstag abend vor den Augen zahlreicher Gäste ein etwa 4Sjähriger Mann in Tiroler Tracht. Der Unbekannte hatte sich längere Zeit in dem Lokale aufgehalten und eine größere Zeche gemacht. Plötzlich jagte er sich zum Entsetzen der übrigen Anwesenden aus einem Revolver eine Kugel in die linke Brustseite und brach blutüberströmt und besinnungslos zusammen. Der Lebensmüde wurde nach der Unfallstation am Spittelmarkt gebracht, wo er unter den Händen des Arztes verstarb. Bei dem Toten wurden keinerlei LegitimationSpopiere und Wertsachen vorgefunden. Er hatte ledig- lich einen Zettel hinterlassen, worin er den Gastwirt bat, als Ve- zahlung für die Zeche den Revolver anzunehmen. Automobilzusammenstoß am Charlottenburger RathauS. Gegen- über dem Charlottenburger Ralhaus in der Berliner Straße erfolgte gestern vormittag gegen 10 Uhr ein heftiger Zusammenstoß zwischen zwei Automobilen. Im Hause Berliner Straße 123 befindet sich eine Autogarage, aus der ein Automobil in schneller Fahrt heraus- kam. Im gleichen Augenblick fuhr an dem Hause eine mit fünf Personen besetzte andere Automobildroschle vorüber, die vom Knie kam. Die Chanffeure konnten nicht mehr rechtzeitig bremsen und so stießen die Wagen mit großer Gewalt zusammen. Die Insassen wurden zum Teil herausgeschleudert und verletzt. Der Chauffeur Gustav Hatzmann mußte die Hilfe der Unfallstation in der Berliner Straße i» Anspruch nehmen. Die Fahrgäste ließen sich zum Teil in der Hofapotheke von Dr. Schwendler, zun» Teil von dem Arzt Dr. Erdmann verbinden. Ins Krankenhaus brauchte nur ein Herr gebracht zu werden. Die Verunglückten hatten Quetschungen und Verletzungen durch Glassplitter erlitten. Eine nächtliche Neberraschiing. Der Rittergutsbesitzer Herr v. H. stieg vor einige» Tagen in einem der vornehmsten Berliner Hotels ab. Als er nachts gegen 3 Uhr auS einer Gesellschaft heimgelehrt war und eben im Halbschlummer lag. ließ ihn ein verdächtiges Ge- rausch in seinem Zimmer eniporschrecken. Er öffnete die Augen und sah, wie dicht neben seinem Bett ein Mann sich, auf allen Bieren kriechend, mit abgewendetem Gesicht vorwärtsbewegte. Nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, rief er laut:„Wer ist hier? WaS soll das heißen?" Wie von einer Tarantel gestochen, sprang der unheimliche Geselle auf, rannte durch den neben dem Schlaf- zimmer befindlichen Baderaum und entkam, obgleich der aus seiner Nachtruhe aufgeschreckte Hotelgast ihm bis zum Korridor nacheilte und mehrfach nach dem Wächter rief. Wie sich herausstellte, hatte der Eindringling Herrn v. H. ein schwarzledernes Portemonnaie mit Schlaufe, in dein sich 160 M. befanden, gestohlen. Die Von der benachrichtigten Kriminalpolizei angestellten Nachforschungen haben ergeben, daß der Täter identisch ist mit einem Manne, der auf dem Korridor mehreren Personen begegnet ist. Nach deren Aussagen ist der Täter etwa 1,70 Meter groß, schlank, hat ein abgelebtes Gesicht von gelblicher Färbung, dunkles Haar und einen Anflug von Schnurr- bart. Bekleidet war er mit einem graumelierten Jackettanzug und schwarzem steifen Hut. Im Lunapark empfindlich bcstohlen wurde vorgestern der Konsul W., der aus einer süddeutschen Residenzstadt vor einigen Tagen in Berlin zum Besuche von Verwandten eingetroffen war. Herr W. hatte sich vorgestern abend mit einigen Bekannten nach dem Lunapark begeben und geriet dort bald in ein starkes Gedränge. Diese günstige Ge- legenheit benutzte ein Dieb, um dem Konsul die goldene Uhr nebst der Kette im Gesamtwerte von niehr als 600 M. zu stehlen. Der Spitzbube ging so geschickt zu Werke, daß der Bestohlene seinen Verlust erst viel später bemerkte. Ucbcrfallcn und beraubt wurde in der vergangenen Rächt der 1l> Jahre alte Russe Georg Hartwig. Der junge Mann wurde in der Nähe eines StadlbahnhofeS, den er nicht genauer bezeichnen kann, weil er hier unbekannt ist, von einem ungesähr 25 Jahre allen Burschen überfallen und durch Messerstiche in den Kopf erheblich verletzt. Nachdem ihm der Räuber seiner Barschaft von 40 Rubeln beraubt hatte, entfloh er und entlam auch, da das Hilfegeschrei des Russen nicht gehört wurde. Der Ueberfallene schleppte sich zur nächsten Unsaklstajjyn. wo man ihm die Wunden verband. Auf seine Angaben hin erstattete diese dann Anzeige bei dem 14. Polizeirevier. Den Nanber konnte man bisher noch nicht ermitteln. Es ist nach der Beschreibung des Russen ein mittelgroßer Mensch, der einen blauen Anzug, einen schwarzen steifen Hut und schwarze Schnür- schuhe trug. Gegen den LadenknssenrSubcr Paul Tischer, der, wie wir mit- teilten, Mitte April die Seifenhcmdlerin Körper in der Tilliter Straße 63 überfiel, ist die Verhandlung auf nächsten Montag an- gesetzt. Außer wegen dieses Raubüberfalls wird sich Tischer auch wegen zahlreicher Kautionsschwindeleien zu verantworten haben, die er, wie die Kriminalpolizei bei ihren Nachforschungen feststellte, unter dem Namen„Dr. Steiger" in Berlin und anderen Orten des Deutichen Reiches begangen hc.!. Arbeiter- Bilduiigsschulc Berlin. Ain Sonntag, den 16. Juni: Aus fing nach Bernau-Uetzdorf. Abfahrt des Zuges nach Bernau Steltiner Vorortbahnhof 7.3l. Gesundbrunnen 7.37. Treffpunkt für Nachzügler bis O'/z Uhr, welche den Fernzug nach Biesentbal, Abfahrt Steltiner Bahnhof 8.36, Gesundbrunnen 8.43, Fahrpreis bis Bernau 4. Klasse 56 bezw. 4ö Pf., benutzen müssen,„Restaurant Bellevue" iJnh. Franz Salzinannj, Basdorfer Straße in Bernau. Von 12>/z bis b Uhr nachmittags:„Restaurant zum Jägerheim"(Jlih. Weigell)! am Liepnitzsee in Uetzdorf gelegen. Vorort- FfodmcKten. Lichtenberg. Gegen das Grundbcsitzcrprivileg demonstrierte eine am Dienstag bei Arnold abgehaltene Versammlung, die von dem Bürgervercin Boxhagen- Ruuimelsburg einberufen worden war. Der Haupt- referent. Oberlehrer Aigte, bezeichnete als Hauptaufgabe des Vereins die Wahrnehmung der Interessen des Mittelstandes. Bisher habe dieser im allgemeinen in den Kommunen Groß- Berlins keine ge- nügende Vertretung gefunden. Das gelte auch von Lichtenberg.— Die Behauptung kollidiert objektiv mit den Tatsachen. Die sozial- demokratische Fraktion hat stctS die Extrabcstcuerung des geiverb- lichcn Mittelstandes bekämpft; sie hat stets befürwortet, daß den Gewerbetreibenden elektrische Energie sehr billig geliefert werden solle. Bei diesen und anderen Forderungen stießen unsere Genossen immer auf den Widerstand der von der Schachtel-Gruppe dirigierten bürger- lichcn Majorität. Nachdem die Ermäßigung der elektrischen Energie kürzlich in der Werks deputation und im Magistrat beschlossene Sache war, hat dann die erwähnte Gruppe— aus wahltaltischen Er- wägungen dieselben Verbilligungen gefordert.— Der reelle Haus- besttzer gehöre zum Mittelstande; das Recht auf Privilegien müsse ihm abgesprochen werden. Der Versuch, eine Mitlelpartei zwischen die Rechte und Linke einzuschieben, sei schon einmal, aber vergeblich unternommen worden.— Ein Slirnrunzeln der Schachtel und Genossen genügte, um die sogenannten Mittelparteiler — bis auf eine ragende Säule— wieder zu einem Einschwenken nach rechts zu veranlassen.— Der Bürgerverein wolle die Lücke im Stadtparlament ausfüllen. Für sein fortschrittliches und soziales Kommunalprogramm habe er bei den Lichtenberger Herren bisher noch keine Gegenliebe gefunden.— In demselben Sinne sprach sich Herr Klauke au§, der ausdrücklich die Beseitigung des Hausbesitzer« Privilegs forderte. Herr Kalischer fand es als unerträglich, daß die Hausbesitzer, obwohl sie nur ein Prozent der Bevölkerung aus- machen, ein Anrecht auf die Hälfte der Stadtverordnetensitze haben. In Wirklichkeit verfügen sie über drei Viertel.aller Sitze und die unbesoldeten Magistratsmitglieder sind alle HauS- befiver. Ein anderer Redner forderte die Demokratifierung des Ge« meindewahlrechtS. Gegen alle diese Forderungen wurde aus der Versammlung kein Widerspruch laut; alle Redner fanden die Zu- stimmung der Anwesenden. Man wird ja sehen, ob die verheißungs- vollen Ankündigungen in dem Verhalten der neuen Mittelpartei bei den vor Tür stehenden allgemeinen Neuwahlen und— nachher eine Stütze finden.' Vorläufig begnügen wir uns damit, ihre Ver- fprechungen zu registrieren. Steglitz. Ein grimmer Feind ist der Sozialdemokratie in unserem Orte erstanden. Ein leibhaftiger Schuhmachermeister und Hausverwalter hat sich auf die Sohlen gemacht und zur Bekämpfung der bösen Sozis einen Evangelischen„Arbeiter"- Verein ge- gründet. Diese rettende Tat wird dem p. t. Publikum durch eine Notiz im„Steglitzer Anzeiger", die der Schriftführer des neuge- gründeten Vereins fabriziert hat, verkündet. Schon dieser Bericht charakterisiert diesen„Arbeiter"°Verein so vortrefflich, daß wir ihn tn der Hauptsache wiedergeben wollen: „Der Einberufer der Versammlung, Herr Nuglisch, be- grüstte die Anwesenden. Er sprach eingehend über die Gründung des Vereins. Die Leitung der Versammlung lag in Händen des Herrn Henning(Friedenau). Herr H. sprach über Zweck und Ziele des Vereins, ferner über die Schäden, die dem deutschen Volke von den Sozialdemokraten zugefügt würden. Der Redner betonte, daß nur dann eine Beseitigung erfolgen kann, wenn sich Leute zusammentun, die gemeinsam gegen die Sozialdemokratie vorgehen. Es wurde eine Resolution angenommen, die Bestre- Hungen der Sozialdemokratie zu bekämpfen. Es meldeten sich sodann mehrere Herren zur Aufnahme. Den Vorstand bilden: Herr Nuglisch, Steglitz, Hohenzollernstraße 6; Herr Schmidt, Steglitz, Mittelstr. 32; Herr Ziegler, Friedenau, Wiesbadener Straße 79." Es fällt in diesem Elaborat sofort auf, wie sorglich Stand und Beruf der agierenden Personen verschwiegen werden, um den„Ar- beiterverein" nicht gleich als Gimpelfalle erkennen zu lassen. Schließ- lich würde doch selbst der Dümmste unter den Arbeitern sich die Frage vorlegen, was wohl den Schuhmachermeister und Hausverwalter Nuglisch und den Hausmeister des Evangelischen Gemeindehauses Schmidt veranlassen könnte, einen„Arbeiterverein" zu gründen. Ueber die beiden Friedenauer Herren Henning und Ziegler gibt das Adretz- buch leider keine Auskunft, so daß deren Beruf nicht angegeben werden kann. Der geplanten„Beseitigung" der Sozialdemokraten sehn wir mit heilerer Ruhe entgegen. Wir fürchten fast, daß diese Aufgabe selbst für Herrn Schuhmachermeister Nuglisch zu groß ist und geben ihm den wohlgemeinten Rat: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Trebbin(Kreis Teltow). Längere Arbeitslosigkeit hat am Montag den 63 Jahre alten Arbeiter August Kaplick in den Tod getrieben. K. war fast ein Wenschenalter bei einer hiesigen Dachdeckungsfirma beschäftigt. Bor einigen Jahren zog er sich durch Absturz von einem Bau erhebliche Verletzungen zu. Schritte, durch die der damals Verletzte eine Un- fallrente erlangt hätte, wurden leider nicht unternommen. Als K. in diesem Jahre abermals eine längere Krankheit überstanden hatte. wurde er aus seinem bisherigen Arbeitsverhältnis entlassen. Seine Bemühungen, anderwärts Arbeit zu erhalten, scheiterten, und so mochte denn der Verzweifelte seinem Leben ein gewaltsames Ende. Reinickendorf. Die Badeanstalt des Reinickendorfer Schäfer-Sees ist auf An- ordnung der hiesigen Polizeibehörde geschlossen worden. Das Bade- verbot ist weuen der schlechten Wasserverhällmsse an der jetzigen Stelle des Seebades erfolgt. Besitzerin des Sees und des dazu aeböriaen großen Gartenrestaurants„Seebad" ist die Stadt Berlin. Diese hat sofort mit der Polizeibehörde Verhandtungen wegen Ver- leauna der Badeanstalt nach einer günstiger gelegenen Stelle einge- leitet doch erscheint es sehr zweifelhast, ob in diesem Sommer noch im See gebadet werden kann; wie verlautet, erstrecken sich die Ver- Wandlungen auch darauf, daß der See sowohl als auch das dazu ge- hörige Grundstück in den Besitz der Gemeinde Reinickendorf über- geben soll. Hoffentlich gehen die Verhandlungen schnell und rüstig vonstatten und finden einen befriedigenden Ab, chluß. damit die Badeanstalt nicht allzu lange gesperrt bleibt, denn ste entspricht, wie sich jeder in den Vorjahren leicht überzeugen konnte, einem drin- gcnden Bedürfnis. Leider besitzt der Norden Berlins an keiner anderen Stelle eine öffentliche Fluß- oder Seebadeanstalt, und in Reinickendorf hat die Gemeinde bisher alles unterlassen, um den Einwohnern das hygienisch notwendige regelmäßige Baden zu ermöglichen. Kalkberge- Rüdersdorf. Aus der Gcmcindcvcrtretersibung. Zunächst wurde zum Abschluß eines Vertrages mit dem Sleueifiskus wegen Gewährung einer Eni- schädigung für die Zustellung der Steilerveranlagungsschreiben die Genehmigung erteilt.— In der Gaswerksangelegenheit ist jetzt ein endgültiaer Beschluß zustande gekommen Das GaSivei" wird seit seiner Erbauung, die für Rechnung der Gemeinde Rüdersdorf er- folgre, von der Firma M. Hempel verwaltet. Nunmehr wurde be- schlössen, den Pachtvertrag mit der genannten Firma zu lösen und das Werk vom 1. Juli ab in eigene Regie zu übernehmen, da die Nentabililät des Gaswerkes feststeht. Der GaSmeister Franke, dem bisher die Leitung des Werkes oblag, soll auch fernerhin die Administration übernehmen.— Die Errichtung eine« BrunnenS auf dem Gemeiudefriedhofe wurde dem Brunnenbaumeister Löwicke zum Preise von 389 M. übertragen.— Unter anderem verfiel dann noch ein Antrag der Gemeinde Werlsee um Reduzierung der für die Um- gemeindung einiger Enklaven geforderten Änerkennungsgebühr von 2ö00 M. der Ablehnung. Spandau. Die Spionageasfäre ist noch immer nicht geklärt. Wie ver- lautet, ist am Sonnabend eine Person unter dem Verdacht, der Besitzer des am Tatort vorgefundenen Taschenmessers zu sein, ver- haftet worden. Der Verhaftete bestreitet ganz entschieden, daß ihm das Messer gehöre. Er konnte auch noch nicht überführt werden. Weitere Verhaftungen sollen bevorstehen. RowaweS. Die Anlieger der Lindenstraße hatten vor etwa drei Jahren gegen die Heranziehung zu den Pflasterungskosten Beschwerde er- hoben. Nach Mitteilung des Bürgermeisters in der letzten Ge- meindevertretersitzung ist die Angelegenheit jetzt zuungunsten der Gemeinde entschieden. Der Bezirksausschuß ist zu der Ucber- zeugung gekommen, daß die Lindenstraße nicht als einheitliche Straße zu behandeln, sondern entsprechend dem verschiedenen Aus- bau und den verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnissen der am Thalschen Grundstück zusammenstoßenden Teilstrecken zwecks Heran- Ziehung zu den Pflasterungskosten in zwei Teile zu zerlegen ist, und zwar in die Oststrccke zwischen dem Thalschen Hause bis zur Plan- tagenstratze, und in die Weststrecke zwischen dem Thalschen Hause und der Wilhelmstraße. Daß den Anliegern an der ganzen Straße besondere wirtschaftliche Vorteile durch den Ausbau ent- standen sind, ist dem Bezirksausschuß nicht zweifelhast; er ist aber der Ansicht, daß die Vorteile der Anlieger an dem östlichen Teil der Lindenstraße, die nur einen Fahrdamm und eine Häuserfront besitzt, geringer zu bewerten sind, als die der Anlieger des west- lichen, zwei Fahrdämme aufweisenden Straßenteils. Sache der Gemeinde sei es daher, diesen Unterschied bei der erneuten Be- schlutzfassung und der neuen Kostenverteilung zu berücksichtigen. Die Gemeinde muß soviel an Kosten übernehmen, daß die Anlieger des minderwertigen Straßenteils weniger zu leisten haben als die An- lieger des anderen Teils. Ob die Gemeinde verpflichtet ist, die der Eisenbahnfront entsprechenden Kosten zu übernehmen oder nicht, und ob es ihr lediglich freisteht, die vom Kreise gezahlten 28 060 M. in Anrechnung zu bringen, sei unerheblich.— Die Gemeindevertretung beschloß, dem Verlangen des Kreisausschusses stattzugeben. jedoch bei der Neuverteilung der Pflasterungskosten die vom Kreise Teltow erhaltene Abfindungssumme von 28 000 M. den Anliegern nicht wieder zugute zu rechnen, sondern sie lediglich zu Zwecken der Unterhaltung der Straße zu verwenden. Die Eröffnung de? neuen Bahnhofs soll nach Versicherung der Eisenbahnbaubehörde bestimmt am 1. November d. I. erfolgen. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubt man nämlich mit den Höherlegungs- arbeiten auf dem ganzen westlichen Teil der Bahnstrecke fertig zu werden. Die elektrische Straßenbahn wird voraussichtlich vom 1. Oktober ab ihren Vollbetrieb bis zur Plantagenstraße wieder aufnehmen können. Zu dem vor einigen Wochen gemeldeten„Gattenmorbversuch" des im Hause Kaiser-Wilhelmstr. 22 wohnhaften Lederarbeiters Her- mann Kolarchnski wird nunmehr berichtet, daß die auch nach der EntHaftung des K. fortgesetzte Untersuchung zu dem Resultat ge- führt hat, daß Frau K. selbst das Ehedrama inszeniert hat. Das Verfahren gegen den Ehemann K. soll nunmehr eingestellt werden. Pankow. Einer Zusammenstellung über die Klassenfreguenz an den hiesigen Gemeindeschulen im M o na t Mai d. I. ist zu ent- nehmen, daß in den zurzeit vorhandenen 6 Gemeindeschulen ins- gesamt 6207 Kinder(2953 Knaben und 3254 Mädchen) in 133 Klassen unterrichtet wurden. Das entspricht einer Durch- schnittsfrequenz von 46,67 Schülern pro Klasse. Die höchste Frequenz(67) wies eine Knabenklasse, die niedrigste (14) eine gemischte(allerdings Hilfs-) Klasse der dritten Gemeinde- schule auf. Von den regulären Klassen hatten die niedrigste Schülerzahl eine Knabenllasse der zweiten sowie eine Mädchen- klaffe der fünften Gemeindeschule, beide je mit 30 Schülern, aufzuweisen. Die 133 Klassen fetzten sich aus 58 Knaben-, 62 Mädchen- und 13 gemischten Klassen zusammen. Von letzteren waren sechs Hilfs- klaffen, von denen 3 in der zweiten und 3 in der dritten Gemeinde- schule untergebracht sind. Für die einzelnen Schulen ergaben sich nachfolgende Verhältnisse. Die e r st e Gemeindeschule ist eine reine Mädchenschule. Sie beherbergt in 21 Klassen 1110 Schülerinnen, was einer Durch- schnittsklassenfrequenz von 52,86 entspricht: der höchsten Durch- schnittszahl an den hiesigen Gemeindeschulen überhaupt. Die höchste Klassenfrequenzziffer betrug in dieser Schule 6, die niedrigste 35. In der zweiten Gemeindeschule sind 26 Knaben- und 3 ge- mischte Klassen untergebracht. Die Knabentlassen wurden von 1225 Kindern frequentiert, was einen Durchschnitt von 47,11 pro Klasse ergibt. Die höchste Klassenfrequenz betrug hier 64, die niedrigste 30 Schüler. Die drei gemischten Klassen sinp Hilfsklassen. In ihnen wurden 72 Kinder(38 Knaben und 34 Mädchen) unterrichtet, so daß ihre Durchschnittsbesetzung 24 betrug. Die dritte Gemeindeschule besteht aus 11 Knaben-, 11 Mäd- chen- und 6 gemischten Klassen. In den 22 reinen Knaben- und Mädchcnklassen waren insgesamt 1079 Kinder(531 Knaben und 548 Mädchen) untergebracht, was einer Durchschnittsklassenfrequenz von 49,04 entspricht. Die Höchstzahl einer Klasse betrug hier 67 (die höchste der hiesigen Schulen überhaupt), die niedrigste 41. Von den 6 gemischten Klassen waren 3 Hilfsklassen, welch letztere 58 Kindern(26 Knaben und 32 Mädchen) mit einer Durchschnitts- frequcnz von 19,33 Unterkunft boten. Die übrigen 3 gemischten Klassen beherbergten 128 Kinder(53 Knaben und 75 Mädchen) mit einer durchschnittlichen Klassenfrequenz von 42,67. Bei der vierten Gemeindeschule handelt es sich ebenfalls um eine reine Mädchenschule. Hier wurden in 20 Klassen 920 Schule- rinnen mit einer Durchschnittsklassenfrequenz von 46 Kindern unterrichtet. Die höchste Äelegzahl einer Klasse betrug hier 55. die niedrigste 38. In der fünften Gemeindescbule waren in 18 Knaben- und 7 Mädcheiiklasscn insgesamt 1194 Kinder(884 Knaben und 310 Mädchen) untergebracht. Die Durchschnittsklassenfrequenz betrug hier 47,76. die höchste Schülerzahl einer Klasse 59, die niedrigste 30. Die sechste Gemeindeschule endlich setzt sich aus 3 Knaben-, 3 Mädchen- und 4 gemischten Klassen zusammen. Die 6 Knaben- und Mädchenklasscn weisen die günstigsten Frequenzverhältnisse der hiesigen Gemeindeschulen überhaupt auf. Hier wurden 222 Kinder (102 Knaben und 120 Mädchen) mit einer Durchschnittsklassen. frequenz von 37 unterrichtet, Die 4 gewischten Klassen dagegen weisen die zweithöchste Frequenzziffer auf. In ihnen waren 199 Kinder(94 Knaben und 105 Mädchen) untergebracht, tvas einer Durchschnittsklassenfrequenz von 43,75 entspricht. Potsdam. Eine männliche Leiche wurde gestern vormittag auf der Ober- stäche des Teuselssees treibend gesehen. Der zuständige Amts- Vorsteher, der Hegemeister vom PlantagenhauS, veraulaßte die Bergung der Leiche. Der Tote muß längere Zeit im Wasser gelegen haben. Cr trug am Rücken einen Rucksack und war einfach gekleidet. Ob eS sich um ein Verbrechen oder um einen Selbstmord handelt, soll die Untersuchung ergeben. SericKts- Deining. Gegen Nentcnquetschereien von Versicherungsanstalten. Im erfreulichen Gegensatz zu dem durch die Praxis des Reichs- versichcrungsamts leider anerkannten Recht der Berufsgenossen- schaften, den Verletzten durch Aerzte ihres Vertrauens immer wieder untersuchen, ja beinahe schrankenlos die Aufnahme in berufs- genossenschaftlichen Rentenquetschen verlangen zu dürfen, steht ein am Dienstag vom Reichsgericht gefälltes Urteil in einem Prozeß gegen eine private Versicherungsgesellschaft. Die Klägerin, eine Frau L. in Lichtenberg, war bei der Ver- sicherungsgesellschaft Albingia in Hamburg gegen Unfall versichert. Sie erlitt im Juli 1907 einen Unfall, der unter die Police fällt; die Albingia gewährte ihr in der Annahme, daß es sich um eine dauernde Erwerbsunfähigkeit handele, die policenmäßige Rente. Seit dem 31. März 1910 hat sie aber die Rentenzahlung eingestellt. weil die Klägerin sich geweigert habe, sich anfangs des Jahres 1910 von dem Vertrauensarzt der Gesellschaft daraufhin untersuchen zu lassen, ob die Erwerbsunfähigkeit noch die alte sei. Die Klägerin verlangte nun im Prozeßwege Weiterzahlung der Rente; die Be- klagte erhob Widerklage auf Feststellung, daß sie aus dem Unfall nichts mehr zu zahlen habe. Die Klägerin meint, sie müsse sich wohl auch nach der ursprünglichen Rentenfestsetzung untersuchen lassen, brauche dies aber nicht durch den Vertrauensarzt zu dulden, zur Untersuchung durch einen anderen Arzt sei sie bereit. Die Be- klagte beruft sich demgegenüber auf§ 7 ihrer Bedingungen, der besagt:„Ist der Verletzte in den Genuß einer Rente getreten, so ist er verpflichtet, auch später sich ärztlich untersuchen zu lassen." Durch den Zusammenhang dieser Bestimmung mit der unmittelbar vorhergehenden, in der von dem Vertrauensarzt die Rede ist, er- gebe sich, daß auch für später die Pflicht bestehe, die Untersuchung durch den Vertrauensarzt zu dulden. Das Landgericht und Oberlandesgericht Hamburg haben zu- gunsten der Klägerin erkannt und die Pflicht der Beklagten zur Weiterzahlung der Rente festgestellt. Zur Begründung führt das Oberlandesgericht aus: Bei der Schärfe der Strafdrohung in den Versicherungsbedingungen(Verlust jedes Entschädigungsanspruchs bei Zuwiderhandlungen) hat die Auslegung der hier fraglichen Der- sicherungsbedingung nicht extensiv zu erfolgen, zumal eS sich um eine Bedingung handelt, die von der Beklagten abgefaßt worden ist. Unklarheiten gehen deshalb zu Lasten der Beklagten. Das Oberlandesgericht folgert auf Grund eingehender Würdigung der Versicherungsbcdingungen, daß keine Pflicht der Klägerin bestand, sich gerade von dem Vertrauensarzt untersuchen zu lassen. Wdllte man aber auch die gegenteilige Ansicht der Beklagten für richtig halten, so würde doch die Weigerung der Klägerin nicht schuldhaft sein. Der Versicherte wird leicht geneigt sein, anzunehmen, nach Feststellung der Rente brauche er sich nicht jederzeit durch den Ver- trauenSarzt untersuchen zu lassen. Ein schuldhaftes Verhalten der Klägerin liegt nicht vor, da sie sich nicht geweigert hat, sich von einem anderen Arzt untersuchen zu lassen. Das Reichsgericht hat jetzt daS Urteil deS Oberlandesgerichts bestätigt und die Revision der Beklagten zurückgewiesen. Streikjustiz i« Stollberger Kohlenbezirt. Vom Schöffengericht Stollberg war am 12. April der Bergarbeiter Oskar Bochmann wegen angeblicher Nötigung zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. Was hatte denn der Mann getan, daß das Gericht auf einen Monat Gefängnis als gerechte Sühne seiner Tat erkennen konnte? Am ersten Tage deS Streiks sah er den 17jährigen Bergarbeiter Benedix, der sich nach Niederwürschnitz zur Arbeit begeben wollte, und sagte zu diesem: „Geh nicht hinüber, dort wirst Du verhauen!" Das war der Tatbestand. Darin erblickte das Gericht eine Nötigung nach§ 240 des Reichsstrafgesetzbuchs und gelangte zu diesem un- geheuerlichen Urteil. Mit dem Rechtsmittel der Berufung hat sich B. dagegen an das Landgericht Chemnitz gewendet. DaS B e« rufungsgericht konnte nach erneuter Beweisaufnahme die harmlose Warnung des Beschuldigten an den jungen Kollegen nicht als Nötigung ansehen; eS erkannte dem Antrage der Verteidigung entsprechend auf Freisprechung und legte der Staatskasse die Kosten auf._ Nichtigkeit eines Vertrages wegen wirtschaftlicher Knebelung. Von großem Interesse für den Kaufmann und für die AuS« legung des§ 138 B. G.-B.. der Abreden, die gegen die guten Sitten verstoßen, für nichtig erklärt, ist ein Urteil des Reichsgericht», das einen Vertrag wegen Verstoßes gegen die guten Sitten für nichtig erklärt hat. der dem Vertragskontrahenten so harte Verpflichtungen aufbürdete, daß er in der wirtschaftlichen Freiheit absolut geknebelt und jeden Augenblick völlig in die Hand des anderen gegeben war. Es handelte sich um folgende prozeßgeschichtlichen Vorgänge: Die Kausleute W. und I. gründeten am 1. Januar 1908 eine offene Handelsgesellschaft unter der Firma Thüringer Metall- stimmenwerke I. u. W. in Gera. W. brachte das bisher unter einer änderen Firma betriebene Fabrikgeschäft ein, I. dagegen eine Bar- einlage von 30 000 M. Später legte I. noch 3000 M. ein und übernahm auch eine Forderung des Halleschen Bankvereins in Höhe von 10 000 M. Schon am 10. Marz 1909 trat I. wieder aus, weil die Gesellschaft mit Verlust arbeitete. An den Verlusten nahm er nicht teil; sein Guthaben wurde vielmehr auf 43 000 M. festge- setzt. Dieses Geschäftsguthabca wurde durch Vertrag i» eine Dar- lefinSfordernng umgewandelt, die vierteljährlich in Raten von 1000 Mark rückzahlbar war; zuerst sollten jedoch drei Raten in Höhe von je 1500 M. getilgt werden. Im Falle eines Rückstandes von mehr als 4 Wochen sollte dir ganze Forderung fällig sein. Die Fälligkeit der ganzen Summe hatte auch dann einzutreten, wenn W. mit Unter- bilanz arbeite oder das Geschäft durch sein Verschulden zurückgehe, oder wenn er sonst gegen irgendeine Bestimmung deS Vertrages verstoße. Ob das Geschäft des W. zurückgegangen ist. darüber hatte ein von I. ernannter Sachverständiger zu entscheiden. I. war dann berechtigt, aber nicht verpflichtet, dos Geschäft mit � bisherigen Firma weiterzuführen. W. hatte auszuscheiden.©. unterwarf sick auch für das Kapital von 43 000 M. der sofortigen ZwangSvoll- streckung. Außerdem übertrug er dem I. zur Sicherheit daS Eigen- tum an den Maschinen und Jnventarstücken und auch an den Sachen. die er künftig noch erwerben würde. Ebenso zedierte W. dem I. alle Außenstände und die künstig noch entstehenden Außenstände. Am 5. Oktober 1910 erwirlte I. eine vollstreckbare Ausfertigung der Vertragsurkunde für eine Forderung von 41 500 M. Einige Tage später ließ er bei W. pfänden. W. wandte ein. daß der Ver- trag nichtig sei. Nach der Erösfnunq des Konkursverfahrens trat der Konkursverwalter in den Streit ein und klagte auf Nichtigkeit de» Bertkagcs gemäß dy»§ 138 de» B. G.'B. Das Landgericht Gera ünd OberlandeSgericht Jena erkannlen nach dem Antrage des Konkursverwalters und erklärten den Ber- trag für nichtig. Ebenso hat das Reichsgericht entschieden und die Revision des Beklagten zurückgewiesen. In seinen Entscheidung»- gründen führt das Reichsgericht unter anderem folgendes aus: Die Vertragsbestimmungen enthalten eine derartige wirtschaftliche 5!nebelung des W., eine so vollständige Abhängigkeit seiner wirt- schaftlichen Eti.'ienz von der Entschließung des Beklagten, wie sie mit den Anschauungen anständiger, billig und gerecht denkender Kaufleute unvereinbar ist. Es sei nur darauf hingewiesen, daß im Falle des Nückstandcs der Nückzahlungstermine, die für das erste Jahr für drei Raten von je 1500 M.. für die folgenden Jahre für vier Raten von je 1000 M. vorgesehen waren, die Fälligkeit des ganzen Geschäftsguthabens des Beklagten eintrat. Die Einhaltung der Rückzahlungstermin« war bei dem schlechten Geschäftsgang aus dem Geschäftsgewinn nicht zu erwarten. Sie war höchstens dann zu ermöglichen, wenn W. mit Unterbilanz arbeitete. Für diesen Fall war aber gleichzeitig die sofortige Fälligkeit der ganzen Forde- rung vorgesehen. Dazu unterwarf sich W. der sofortigen Zwangsvollstreckung. Er mutzte sich zugleich dem Urteil eines vom Beklagten ernannten Sachverständigen darüber unterwerfen, ob das Geschäft durch sein Verschulden zurückgegangen sei. Damit hatte er seine ganze, auf dem Geschäft beruhende wirtschaftliche Existenz der Ent- fchließung des Beklagten anheimgegeben. Naive Freude oder Sittenlosigkeit? Der schlimmste Feind der Sittlichkeit ist der Sittlichkeits- schnüsfler. Leider fällt die Sittlichkeitssuche bei den alten Herren des Reichsgerichts recht oft auf fruchtbaren Boden. Das zeigte wieder eine Verhandlung, die am Dienstag vor dem Reichsgericht stattfand. Aschenschalen, die in einer Porzellanfabrik in Ilmenau hergestellt sind, hat der Kaufmann Karl Hickmanu vertrieben. Die Schalen trugen die Aufschriften: Wo ist die Maus? und Wo ist der Floh? Wenn man sie umdrehte, so erblickte man das nackte Gesäß einer Frauensperson und das betreffende Tier. Das Landgericht III in Berlin hat H. von der Anklage aus Z 184, 1 freigesprochen, da die Schalen zwar unanständig seien, aber doch nicht auf den Ge- fchlechtsverkehr hindeuteten. Auf die Revision des Staatsanwalts hob das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Ein Hinweis auf den Geschlechtsverkehr ist nicht erforderlich, es genügt, wenn das Scham- und Sittlichkeits- gefühl in geschlechtlicher Beziehung verletzt wird. Wird nun das Landgericht annehmen, das Scham- und Sitt- lichkeitsgefühl werde durch die naive, vielleicht unanständige Dar- stellung der Floh- und Maussuche verletzt? Nackte Tanzkunst. Unter der Anklage eines fortgcsetiten Verbrechens wider die Sittlichkeit begann am Dienstag vor dem Landgericht München I die Verhandlung gegen den 35 Jahre alten Albert Hieber aus Stuttgart. Hicbcr, der sich Schriftsteller, Journalist und Schau- fpieler nennt, begründete schon in Berlin und Wien eine„Reform- tanzschule". Er ließ dort junge Mädchen unbekleidet tanzen. So- wohl die Berliner als die Wiener Polizeibehörde fanden aber seine „Tanzakadcmie" anstößig und setzten Hieber in Untersuchungs- hast. Zu einer Anklage wegen eines Sittlichkeitsverbrechens kam es aber nicht, Hieber wurde auf freiem Fuß gesetzt. Er tauchte dann Mitte des vergangenen Jahres in München auf, wo er eine Schule für„Theater, Ballett, Kabarett und Reformtanz" errichtete. Er bezeichnete sich Redakteur der Kunstzcitschrift„Universum", als Regisseur und Leiter der„Neuen freien Volksbühne" und als Di- rektor der Tanzakademie. An seinen Kursen beteiligten sich 10 bis 12 Mädchen im Alter von 7)4 bis 16 Jahren. Er versprach den Mädchen nach ihrer Ausbildung geeignete Stellungen zu verschaffen, deshalb hatte er auch großen Zulauf. Meist waren es Kinder «ftriter Elterti. Bei der Aufnahme mußten sich die Kinder entkleiden, wenn sie sich weigerten, hielt ihnen Hieber vor, daß beim Hofballett die gleiche Bedingung gestellt werde. Die Mädchen mußten dann vollständig unbekleidet tanzen. Der Herr Akademiedirektor tanzte ebenfalls nackt oder nur mit einer Badehose bekleidet mit. Das Honorar betrug bei Mädchen unter 14 Jahren 20 M., bei Schüle- rinnen über 14 Jahren 30 bis 50 M. In„berückfichtigungswerten" Fällen ermäßigte er auch das Honorar. Als Klavierspielerin hatte Hieber ein Fräulein, solange diese anwesend war, tanzten die Mädchen in duftigen wallenden Schleiern, wenn das Fräulein fort war, dann fiel der Schleier und der Herr„Akademie-Direktor" tanzte mit seinen Schülerinnen ohne Badehose. Dem Hieber wurde zur Last gelegt, daß er unter Mißbrauch seiner Lehrtätigkeit an seinen Schülerinnen, auch solchen unter 14 Jahren, schwere sittliche Verfehlungen begangen haben soll. Mit einigen Schülerinnen pflog er intimen Verkehr, auch an den kleinen sechs- und siebenjährigen Schülerinnen soll sich Hieber in der schwersten Weise vergangen haben. Die Verhandlung findet unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Ueber den Ausgang werden wir berichten. Ein Adoptionsbureau. Die, wie unsere Leser sich entsinnen, am Montag wegen Adoptionsschwindel verurteilten Herren Radeck, Josef und Alops Zwiener richten an uns eine Zuschrift, der wir entnehmen, daß gegen das Urteil von den Verurteilten Revision eingelegt ist. Die Herren betrachten sich als„Opfer der öffentlichen Meinung". Wie weit das Rechts- und Anstandsgefühl der Verurteilten von dem allgemeinen abweicht, zeigt u. a. folgender Satz ihrer Einsendung: „Die Tatsache, daß das Gericht die Strafe des Radeck von„sechs" Monaten mit sechs Monaten Untersuchungshaft als glatt verbüßt erachtet hat, beweist, daß die Sympathien des Gerichtes auf unserer Seite waren." Wir möchten bezweifeln, daß das Gericht durch eine Bestrafung zu 6 Monaten Gefängnis seine Sympathie hat ausdrücken wollen._ Arbeiter-Wanderbuud„Die Naturfreunde�. Wandeftahrten am Sonntag, dcn 16. Juni 1912. I. Spreewnldsahrt(Ober-Spreewald) Vetlchau— Stradow— Burg— Swauvitzer Buschmühle, Kahnfahrt über Forst« Haus Eiche, Kannolomühle, schützenhaus, Lehde— Lübbenau. Abfahrt: a) Görlitzer Bahnhof Sonnabend nachts 12.40 Uhr. b) Sonntag vormittag 6.35 Uhr. II. Fürstenwalde— Dahmsce— Dubrowberge— Scharmützclsee. Ab- fahrt: Schlcsischer Bahnhof Sonnabend 11.33 nachm. III. Oderin— Forst- Haus Semmelei— Tornower See— Groh-Köris. Abfahrt: Görlitzer Bahnhof 6.55 Uhr vorm. IV. Strausberg-Stadt— Lattseen— Forjthaus Blumcn- thal— Leucnberg. Abfahrt: Schlesifcher Bahnhos 5.31 Uhr vorm. V. Motiv- tour der Photogr. Abteilung Erkner— Rüdersdorf— Strausberg. Abfahrt: Schlesifcher Bahnhos Sonnabend nachts 1.23 Uhr. VI. Rahnsdorf— Wollersdorfs Erkner. Abfahrt: Schlesifcher Bahnhos 1.23 nachm. VII.(Kinder- Wanderung.) Finkenkrug— Brieselang— Papcnberge— Tegel. Treffpunkt: I. Bahnhof Wedding(Eingang Nettelbeckplatz) 8 Uhr vorm. II. Schlesifcher Bahnhof(Ecke Frucht- und Madaistrajje)'/,8 Uhr vorm. Gäste will- kommen._ bncfkaFtcn der Redahtion. Die t-rtfttfche Sprechstunde stndc« Ltndrnftrase 69, vor» vier Treppe» — F a h r s» u d l—, wochentäglich von 4V4 618 IVt Npr abendS, Sonnabends, von 4>ä> dls 6 Uhr adends statt. Jeder sstr den Brie, tasten bestimmten«nsrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mertjetchen detjusügcn. Brieflich« Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine Abonuementsoutttuns beigefügt ist, Verden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man tu ber Sprechstunde bor. A. P. 700. Die Gcfellfchast ist selbständig. Ueber die Bedingungen und Aussichten bei einer eventuellen Anstellung befragen Sie bitte den Verband der Gastwirts gchilsen. Grotze Hamburger Straße 13.— R. 155. DaS vci mögen wir nicht festzustellen. Fragen Sie bei einem größeren Annonccnbureau, vielleicht Haafenflein u. Vogler oder Mofle, an. — L. 13. Sic müssen ein Jnkassobureau mit der Einziehung beauftragen, deren Adressen Sie iin Adreßbuch, II. Teil, finden.— H. M. 83. Alle Vakanzen werden durch die der Berliner Gewerkschaftskommifsion an- gefchlofsenen Berufsorganisationen besetzt.— F. R. 1000. Auf eine Tasse Reisstärke fünf Tassen Wasser und eine Messerspitze Borax. Streichen Sie nach dem Plätten mit. gereinigtem Stearin und danach mu emem feuchten Lappen darüber.— Glück Johanna. Die Einberusung zum Kursus läßt immer jahrelang auf sich warten, da der Andrang groß ift: aber auch in jeder anderen Universitätsstadt mußten Sie sich in Geduld fassen.— K. 100. 1. Wir können Ihnen die Ossenbacher Krankenkasse sür Frauen und Mädchen empsehlen. Meldungen nimmt Wilhelm Hmz, Prinzenstraße 66, entgegen. Voruntersuchung ist Bedingung. 2. Ber- suchen Sie es mit verdünntem Salmiakgeist.— P. B. 00. Nein. I. H. 1801. Die Beschlagnahme ist rechtswirksam.— A. K. 100. Sie find nicht hastbar. Verjährung tritt erst nach 30 Jahren em. — T. 1000. Bestimmte Rechtsanwälte empsehlen wir grundsatzlich mcht. Adressen derselben finden Sie im Adreßbuch. 2. Teil. Siehe auch Berliner Arbeitersekrctariat, Engeluser 15.- W. M. 1887. Wenden Sie sich bitte an das Reichstelcgraplienbureau, Mauer-, Ecke Leipziger Straße, oder an eine Funkenstation.— Feiner Heinrich. 1. Strecke Berlin-Potsdam im Jahre 1838. 2. Niederschlesisch-märkische Eisenbahn 1846,— I. S. ev, Pirmasens. Ihre Zuschrift haben wir seinerzeit, weil nicht verwendbar, sosort an die damals angegebene Adresse zurückgehen lassen, kam aber alS unbestellbar zurück. Nunmehr haben wir die Sache an die jetzt angegebene Adresse abgeschickt._ nach Ermittelung (Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00—50.00. Spelsebohnen, weiße, 30,00—56,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 8,00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70-2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,40-2,00. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch 1 80—2 40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,00—4,80. 1 Kilogramm Karpsen 1,20—2,20. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,60—3,00. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1.40—3,20. Bleie 0.80-1,60. 60 Stück Krebse 4,00-45.00._ WttterungSüberstcht vom 13. Juni ISIS._ Marktbericht von Berlin am 11. Juni ISIS- des lönigl. Polizeipräsidiums. Markthallen preise. etatwnen Swtnemde. tamburg erlin FranIs.a.M München Wien Z- £5 Ii 756 NNO 75S;N 757N 754RO 753ND 754fONO Vetter t»s t* wS> 3 bedeckt 2 bedeckt Shedeckt 2 heiter 2 wolkig iNcbel Stationen toparanda Siersburg Scillh Aberdeen Paris Ln �2 759 756 Ii ef 1 s N SO 760 NW 762NNO 754NNO Vetter 2 wölken! 1 bedeckt 3 wolkig 1 bedeckt 2 wolkig p" tü «S 11 16 16 11 17 Wetterprognose für Donnerstag- den 13. Juni ISIS. Etwas wärmer, zeitweise heiter bei mäßigen nordöstlichen Winde»! keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WasserstandS-Nachrichte« der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wafferstand Memel. Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thor» Oder, Rattbor , Kroffen , Frankfurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Berbh . Magdeburg am 11. 6. cm 120 —32 122 196 120 129 10 —8 6 —30 —181 66 72 s-it 10. 6. cm') —5 +3 —8 +75 —5 —5 0 —1 +12 +31 —10 +2 +7 Wasserstand Saale- Grochlltz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , BeeSkow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximllianSau „ Kaub . Köln Neckar, HeiwrokM Main, Hanau Mosel, Trier am 11. 6. cm 69 80 8 68 80 135 200 496 253 233 60 116 26 seit 10.6. cm1) +5 +2 0 0. 0 +6 0 +4 0 —3 —10 +2 +3 ')+ bedeutet WuchS,— Fall.—•) Unterpegel, □ □□ 000 □□□ Theaker und Vergnügungen ODO □DD □OD Donnerstag, den 13. Juni. Anfang 7'/, Uhr. Kgl. OpernhauS. La Traviata. Kg>. Schauspielhaus. Der große König. Prater. O diese Berliner. Ansang 8 Ubr. Urania. In den Dolomiten. Deutsches. Oaba. Kainiiicrspicle. Frühlings Erwachen. Leffing. Die Fledermaus. Koulifche Over. Heiligenwald. Weste». Die schöne Helena. Königgrätzer Straffe. Die süns Flauksurter. «»rsürftriiopcr. Der Tanzanwalt. Neues. Der liebe Augusttn. Residenz. Alles für die Firma. Berliner. Gioße Rosinen. Schiller O. Der scharfe Junker. Sch>tt-r- Ekarlottcnvurg. Die Haubenlerche. Neues Operetten. Der Kongreß von Sevilla. Tchitlia. Autolicbchcn. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. Der Herr mit der grünen Krawatte. Merro„ol. Schwindclmeier u. Co. Wintergarten. Spezialitäten. Apollo. Svezialilalen. Passage. Spezialitäten. Reichshallrn. Stetliner Sanger. Sanalorwm Sonnenstich. Anfang 8';, Uhr. Neues Schauspielhaus. Parkett- sitz Nr. lO. Lnsisptelhauö. So'n Windhund. Rose. Bilanzen des Lebens. Sriedr.. Wilh.� Schauspielhaus. Tie keusche Susanne. FolicsEapr.ce.Parisiana.Ensemble Walhalla. Um eine Krone. Ansang 8.20 Uhr. Luisen. Schwester Carmen. Ansang 81/, Uhr. Nene? Bolkstheater. Der Raub der Sabiiierindcn. Kouigstadt-Kasino. Spezialitäten. Sternwarte, Jnvalidenstr. 67—02. 8edi!!ei'"7!iesler0.H� Donnerstag, abends 8 Uhr: vor scUarlv Janker. Freitag, abends 8 Uhr: lVachrabnt. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die Hanbcnlcrchc. Schiller-Theater Donnerstag, abends 8 Uhr: Die Haubenlerche. Freitag, abends 8 Uhr: Die Lokalbahn. Hieraus:»le Hetlallle. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die Lokalbahn. Hieraus: Die Medaille. Residenz-Theater. Direktion Richard Alexander. 8 Uhr: Alles für die Firma. Schwank in 3 Akten von M.Hennequin und G. Mitchell. Morgen u. folgende Tage: Alles für die Firma. Idester des Westens Abends 8 Uhr: Die schöne Helena. erliner Theater. Abends 8 Uhr: Aroffe Rosine». WiicklMWWtoite AbendS o Uhr: lie 5 Frankidrler. lienes Theater. Abends 8 Uhr: Der liebe Auguftitt« Operette von Leo Fall. Große Frantiurkcr Str. 132. Zum ersten Male: Bilanzen des Lebens. Ansang 8'/. Uhr. Aus der Kartenbühne: Die große JahrcSrevue: Juhu: Es ist erreicht. Königstalll'lLaLml). Herrliches Sommer-Theater. Täglich abends'1,8 Uhr, Sonn. lagS'1,5 Uhr: Vorstellung (Theater nnd Parietb). Vom 1. bis IS. Juni 8 Spezialglanz. »ummcr» u. Paulas Beichte. (St. Opereltcnburl. v. W. Gcricke. RelehZhallen-Theater. Stettiner Sttnger Zum Schluß neu: Sanatorlnm Sonnenstich. Burleske von Meysel. Anfang Wochent. 8, Sonntags Uhr. Sonnahenel, den 15. Jnni, 8'l4 Uhr(pünktlich), im Gewerksohaftshause: Ordnersitzung. Das Erscheinen aller Ordner ist Pflicht. Freitag, den 21. Jnni, abends S'/i Uhr, im Gewerksohaftshause: General- Tersammlnng. Der Eintritt ist nur Mitgliodom gegen Vorzeigung der ültglledskarte gestattet. Tagesordnung: Jahres-, Geschäfts- und Kassenbericht für das vierte Quartal, Geschäftsjahr 1911— 1912. Bericht der Revisoren und Diskussion. Neuwahlen des Vorstandes, Ausschusses, der Revisoren und Obleute, der Ordner. Die Mitgliedskarten müssen zum Umtausch gegen die neuen Karten sp&teatcna am Tage nach der GeneralTereainmlnng in der alten Zahlatelle abgegeben worden. Ein Anrecht auf die bisher innegehabte Abteilung besteht nur, wenn die neuen Karton bis Anfang Angnat umgetauscht und der crate Beitrag(Ur da» neue Spicljahr entrichtet worden Ist. 243/3» Etwaige Umschreibungen in eine andere Zahlstelle müssen im Juni, Juli vorgenommen werden. Der Toratand. I. V.; G. Winkler. Boigt-Theater. Gesundbrunnen Badstraße 58. Heute sowie täglich: Die Tochter der here Gr. rom. Ausstattungsstück m. Tanz und Gesang in 5 Bildern. Neue BclcuchtungSestckte usw. usw. u. d. große Spezialitäten-Programm. Kasseneröffnung 2 Uhr. Ans. 4 Uhr.> $e©ee@®eeee Metropol-Theater. ' tiodsloieier! Phantastisch musikalische Komödie in 3 Sitten auS dem Englischen völlig frei bearbeitet von I. Freund. Musik von R. Nelson. U. a. Tänze v. W. Bishop. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Ansang 8 Uhr: Rauchen gestattet. Täglich: Große Vorstellungen von 11 Uhr vormittags bis 1v Uhr abendS geöffnet Entree 50 Pf. Res. Sitzplätze: Loge 2 M., 1. Tribüne 1,50 M. »». Tribüne 1 M. UKIZCMER GARTEN Täglich ab 4 Uhr: Großes Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 M. von abends 6 Uhr ab 50 Pf.; Kinder unter 10 Jahren die Hälfte.. Johres-Abonnemont au allen drei Schalterkassen. lÜNA "lARK 80 NoTiläten 80 Entree 60 Pt Kinder bis 6 Uhr frei: Zwergstadt nachmittags frei! Admiralspalast am Bahnhof Friedriohstraße, x. Z. einziger Eispalast. Angenehm kühl. Aufenthalt A1lioh?d'»»Yvonne." Eis-Ballett in drei Bildern. Bis 6 Uhr und von 10'/. Uhr abends halbe Kaesenpreleo. Restaurant 1. Ranges Wein- und Bier- Abteilung. Ab 8 Uhr Bollständig neues Programm! 10 große Attraktionen. Raffayettcs Wunderhunde. Paul Beckers. o.& w. Intern. KongreB Lebender Abnorm Haien. Die graste Ausstellung lebender Naturwunder von 10 ble 10 Uhr hi den Gesamtraumen des jPassasj-Paiiopiiiffil Eintritt, alles Inkl. cn Of Kinder, Sold. 25 Pf. VU rli r«f m, Berliner ÜLES unior-nuortett HiSLÜL Berti atn 6g. Treuer WC .KuUnlniUeeiO Heute: Elitetag mit großem Gala-, Parade-, Htthen-, and Fronten- Feuer werk. 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