Kr. 141. flbonnementS'lteälAäOh&tD: BBonntmciilä- Preis pränumerando! Werteljährl. AZ0 Mr.. monatl. 1,10 Mk., wöchentlich LS Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. SomUags- nummcr mit Muftriertcr Sonntags. Beilage.Die Neue Well' 10 Pfw Poft- Wonncmenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-Zeitungk- Preisliste. Unter Kreuzband für Deulfchland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnemeiits .lehmen am Pclgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, iiänieii. Schweden und die Schweiz. 39. Crlditlst lilgilid SHStr Eoniaa«. Vevlinev Vollrsblcrkt. Die InfertlonS'GebQ�r betrügt für die scchsgespaltcne Kolonef. geile oder deren Raum M Pfg,, für politische und aewerrschaftliche Vereins. Und Vcrsaimnlnngs-Anzcigcn SO Pfg, „Kleine Snreigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. izuläffig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg, Elellengesuche und Schlafstellenan- «eigen das erste Wort 10 Pfg,, icdeS weitere Wort 5 Pfg, Worte über ISVuch. Itabcn zählen für zwei Worte, Inserate ur die nächste Runrmer müssen bis i Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „Sozlalit(ffl«Hrat Rcrlia" Zentralorgan der rozialdemohrati fcbcn Partei Deutfchlandd. Redahticn: 8M. 68, Liiidcnstrassc 69, Fernsprecher; Amt Moriffplaff, Nr. 1S8S. All!» ssszs Donnerstag, den 30. Jnm 1913. Expedition: 8 öd. 68, Lindcnatrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Oie Aehmsorm in Oeftcrrcid)-- llngarn. Aus Wien wird uns geschrieben: In wenigen Tagen werden die neuen Wchrgesetze in Oesterreich-Ungaru in Wirksamkeit treten. Nachchem T i s z a mit Hilfe der Polizei iin ungarischen Abgeordnetenhaus das Gesetz mitten in der ersten Lesung, ohne daß eine Ausschuß- beratung erfolgt wäre, als angenommen erklärt und das un- garische Magnatenhaus den Gesetzesbruch sanktioniert hat, kennen die Patrioten im österreichischen Abgeordnetenhaus — das sind alle bürgerlichen Parteien ohne Ausnahme, auch bie sonst so Imld scheinenden— kein Zögern mehr: sie können es gar nicht erwarten, dem Moloch die neuen Gaben darzu- dringen. Als der Schurkenstreich Tiszas geschah, hatte der Wehr- dusschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses seine Bc- ratungen begonnen. Die Debatte hatte den normalen Lauf. Als nun die Kunde aus Ungarn eintraf, daß dort Verfassung und Gesetz für den Moloch zertreten ward, sagten die Pa- triotcn, jetzt gebe es keine Aenderungen mehr, denn man könne das Gesetz in Ungarn nicht noch einmal verhandeln lassen. (Das Kriegswesen ist beiden Staaten gemeinsam, und daraus zieht man den Schluß, daß das Wehrgesetz in beiden Staaten gleichlautend sein müsse.) Man sei froh, daß die Gewalttat geschehen sei, und darum bleibe nichts übrig, als das Gesetz so zu schlucken, wie es die Regierung vorgekaut habe. Und so verzichteten die bürgerlichen Parteien im Wehrausschusse auf das Reden— nur an einem Tage haben die Rutheneil Wege» ihrer Universität Obstruktion gemacht— und die ganze Debatte wurde ausschließlich von den Sozialdemokraten bestritten, die darlegten, ivdche ungeheuren Opfer das Gesetz der Bevölkerung und insbeson- dcre dem Proletariat auferlegt. Lange haben die Militärgewaltigen des Habsburger- reiches gejammert, daß dieses nicht genug Soldaten habe, und sie haben das Wort geprägt:„Die Armee verdorrt!" Insbesondere haben sie immer gesagt, daß Ocsterreich-Ungarn nicht mehr„bündnisfähig" sei, denn Deutschland könne nur einen Alliierten brauchen, der genug Soldaten lzabe. Nun, jetzt sind die Völker Oesterreichs so glücklich, Soldaten im Uebermaß beizustellen und auch der soldatcnhungrigste Ver- bündete wird sich nicht beklagen können. Oesterreich-Ungam hat vier Armeen: das gemeinsame Heer, zu dem die Marine gehört, dann die österreichische Land- wehr, die ungarisckse Landwehr und schließlich vier bosnische Regimenter. Di» beiden Landwehren sind eine Folge des Dualismus. Als dieser im Jahre 1867 begründet wurde, wollte Ungarn nickt ganz ohne Einfluß auf die Armee sein und hat sich deshalb die Errichtung einer besonderen Land- wehr vorbehalten, in der die ungarische Staatlichkeit voll zur Geltung kommt. Da konnte Oesterreich nicht zurückbleiben und mußte ebenfalls eine Landwehr schaffen. Anfangs waren diese Landwehren aber nur ein sehr bescheidenes Stück Mili- tarismus. Tie Dienstzeit dauerte hier nur einige Monate, und dann war dieser Teil der Armee nur zur Verteidigung im Innern bestimmt. Aber die Landwehr tourde immer mehr .ausgebaut". Zur Infanterie kam überall eine Kavallerie. in Ungarn auch sogar eine Artillerie— Oesterreich bekommt sie erst jetzt und man niachte in jeder Beziehung die Land- wehr der gemeinsamen Armee„gleichwertig". Ungarn tat das aus Eitelkeit, und die Verlängerung der Dienstzeit bis zur vollen Gleichheit mit der in der gemeinsamen Armee und das sprunghafte Anlvachsen der Rckrutenzahl der Landwehr war so für die Kriegsvcrwaltungen der bequemste Weg ge- worden, immer mehr Menschen m die Uniformen zu stecken, Für die Opfer zugunst-hi des gemeinsamen Militarismus verlangten nämlich die Magyaren immer nationale Zuge- ständnisse.„Ohne Erweiterung des Geltungsgebietes der magyarischen Sprach? ohne ungarische Embleme an den Kappen und Achselspangen der Soldaten keine Vermehrung der Rekruten!" war ihre Losung. Abxr für einen Teil der Armee waren diese„Ideale" schon erreicht und für die un- garische Landivehr opfern die herrsäienden Klassen dort freudig, und so hat in den letzten Jahren die KriegsveNval- tung bei den Landwehren angesetzt und sie immer größer ge- macht. Ter Rekrutenstand des Tonaurciches setzt sich also, wenn man von Bosnien absieht, aus drei Teilen zusammen, vor allem den 103 000 Mann, die bisher jährlich für die ge- „ieinsame Armee ausgehoben wurden, den 20 000 Mann der österreichischen und ebenso viel der ungarischen Landwehr, was 153 000 Mann ergab. Nun war das nicht ganz die Zahl derer, die den Schieß- vrüael zu tragen fähig sind. Etwa 60 000 der jährlich für tauglich Befundcntn— es sind da aber schon recht schwächliche £We darunter, selbst schon von Tubertelbazillen Angenagte — blieben außerhalb dieser 153 000. die die Rckrutenkontm- gente bilden. Sie blieben aber nicht militärfrei, sondern bil- beten die Ersatzresirve. Ihre Tienstverpflichtung war: lich acht Wochen genau so wie die anderen Soldaten ausbilden zu lassen und iir den nächsten 12 Jahren drei oder vier Waffen- Übungen in der Dauer von zwei bis vier Wochen durchzu» machen. In dieser Ersatzreserve, die nur Infanterie ist und deren Angehörige sehr oft m die Reihen der drei Jg.hre die, nenden Soldaten eingeteilt wurden— sie exerzierten so prächtig und erwiesen sich in den Manövern als so tüchtige Soldaten wie die dem Moloch auf Jahre Verpflichteten— wäre ein Ansatz zu einer künftigen Milizarmee zu erblicken gewesen. Diese Ersatzreserve ist doch der beste Anschauungs- Unterricht dafür, daß eine militärtcchnische Notwendigkeit für die lange Dienstzeit nicht besteht. Den Militärgewaltigen ist das nun ein Greuel gewesen, und darum dient die Wehr- reform dem Zwecke, diese 60000 Mann für die lau- gen Dien st jahreeinzu spannen, und zwar bis auf den letzten Mann. Wer es nicht aushalten würde, Jahre lang die normale Militärmarter zu ertragen, soll während eines kürzeren oder längeren Teiles der Dienstzeit in eine Arbeits- oher eine Schreibabteilung gesteckt werden. Wie groß wird nun jetzt die Armee sein? Die Ver- mehrung betrifft natürlich nicht die Kriegsstärke. Diese ist ohnehin schon die höchste, die möglich ist, da alle, die nicht aus- gesprochene Krüppel oder zu jeder körperlichen Anstrengung Unfähige sind, schon jetzt als Ersatzreservisten auf die 5triegs- stärke zählen. Aus den 153 000 jährlichen Rekruten von heute werden 212 500 gemacht, also die Zahl der Soldaten wird um fa st 60000 Mann jährlich vermehrt. Die 60 000 Ersatzreservisten von heute werden auf etwa 8500 herabgedrückt, und diese werden zunächst Bauern und Handwerkmeisterssöhne sein. Es wird also alles, was in Ocsterreich-Ungarn mit Waffen kreuchen und fleuchen kann, zu mehrjährigem Militärdienst herangezogen. Das ist wirk- lich Aufopferung für die Bündnissähigkeit bis zum Aeußer- sten. Wenn selbst die Regierung herausrechnet, daß Deutsch- land jährlich 0,46 Proz., Oesterreich„nur" 0,42 Proz. und Ungarn 0,44 Proz. seiner Bevölkerung in das Heer einreiht, so beweisen diese Ziffern allein schon, um wie viel mehr die persönliche Leistungsfähigkeit der österrcichisch-ungarischen Männer angespannt wird als die der deutschen, denn weite Distrikte dieser beiden Staaten sind Hungergebiete mit einer körperlich minderwertigen Bevölkerung. � Wenn Deutschland mit feinen 65 Millionen Einwohnern jährlich 280 000 Rekruten stellt, und das ökonomisch und an gesunden Männern arme Oesterrcich-Uugarn mit 49 Millionen Ein- wohnern jährlich 212 500, so bezeugt das, daß wir wirklich in der Schuldigkeit gegen den Moloch alles andere denn zurück- bleiben. Die Wehrreforni gibt Oesterreich-Ungarn ein ver- hältnismäßig größeres stehendes Heer als Deutschland und Italien haben, trotzdem auch unsere dünkelhaftesten Diplomaten nicht sagen können, daß wir außereuropäische Interessen haben. Nicht nur die Geld- opfer für die Armee sind bei uns bei weitem schwerer zu er- tragen, das persönliche Opfer jedes einzelnen Soldaten ist viel größer als in Deutschland, denn die zweijährige D i e n st z e i t wird bei uns entfernt nicht in dem Maße ein- geführt, als es auch nur in Deutschland der Fall ist. Als K 0 st e n der Reform rechnet die Regierung aus, daß die einmalige Ausgabe für die gemeinsame Armee 76 Millionen betragen werden. Ueber die fortlaufenden Kosten sind klare, verständliche Ziffern von der Regierung nicht zu erlangen. Man kann aber mit einer Erhöhung um jährlich60 Millionen rechnen. Die lausenden Mehr- kosten jeder Landwehr werden jährlich bis zu 20 Millionen, die einmaligen der Landwchrreform in jedem Staate 12y2 Millionen betragen. Also in beiden armen Staaten hundert Millionen jährlich mehr für den Moloch! Und all das wird der Bevölkerung von der Regierung und den bürgerlichen Parteien als ein V 0 r t e i l geschildert! Wo- her nimmt man den Mut dazu? Man sagt es werde die zwei- jährige Dien st zeit eingeführt. Sie besteht zwar schon in allen Staaten, die als Molochsmuster dienen, in Frank- reich seit einem Jahrzehnt für alle Waffengattungen, in Teutschland seit 1893 für die Fußtruppen, in Italien seit 1907 für das ganze Landheer. Aber in Oesterreich- Ungarn toird sie auch jetzt noch nicht einmal für die Fußtruppen eingeführt! Der Zustand, der unter dem Namen zweijährige Dienstzeit geschaffen wird, wird nicht nur weit ärger sein, als der in den übrigen großen Staaten des europäischen Festlandes, sondern selbst noch schlechter als er in Oesterreich-Ungarn schon ist. Wohl wird es auch Soldaten mit zweijähriger Dienstzeit gefo,,— jxvt dient man in der Landwehr, auch in der Land- ioehr-Kavallerie, nur zwei Jahre, und nur die Unteroffiziere sind dort zu einem dritten Jahre verurteilt— aber die zwei- jährige Dienstpflicht wird nicht einmal für die Fußsoldaten ein Recht, sondern eine Gnade ihres Vorgesetzten werden, die sie sich iverden erwerben müssen. Iin neuen Wehrgesctz wird folgendes bestimmt: bei der Kavallerie und der reitenden Artillerie drei Jahre Dienstzeit, bei der Marine vier Jahre, (jährlich kommen 6000 Mann zur Marine), das alles wie bislier. bei der Landwehrkavallerie statt der bisherigen zwei Jahre aber drei Jahre: und— jetzt kommt die Reform— bei den übrigen Truppen„im allgemeinen" zwei Jahre, aber für eine große Zahl von Rekruten drei J a h r e! Wie wird das nun mit der zweijährigen Dienstzeit sein? Ganz genau läßt es sich nicht sagen, da die Regierung eingehendere Ziffern nur über die gemeinsame Armee vorgelegt hat, für die 159 000 Mann ausgehoben werden.(Die anderen 53 000 entfallen auf die Landwehr.) Aber 19 000 von den 159 000 iverden beritten gemacht, haben also drei Jahre zu dienen, 6 000 Marinesoldaten gar vier Jahre- Nimmt man das Verhältnis zwischen Fußsoldaten und Reitern in den Landwehren als das gleiche, so ergibt sich, daß für die Land- Wehrkavallerien und Artillerien auch 6000 Soldaten jährlich ausgehoben iverden. Für 31 000 Soldaten gibt es also von vornherein keine zweijährige Dienstzeit. Wie ist es nun mit den anderen 180 000, die nicht aus die Panzerschiffe und die Pferde müssen? Da sagt die Regierung:„Zweijährige Infanteristen sind keine geeigneten Unteroffiziere. In Oester- reich-Ungarn haben wir aber nicht genug(bis zu zwölf Jahre dienende) Berufsunterosfiziere. Wir haben in der gemein- samen Armee nur 16 000, werden aber 30 000 brauchen!" Die Fehlenden müssen wir dadurch ersetzen, daß wir Soldaten, die wir zu Unterosfizieren niachen, ein drittes Jahr zurück- behalten. Das wären also 14 000 in der genicinsamen Armee und etwa 6000 in den Landwehren. Nun wissen aber auch unsere Heeresleiter, daß kein Soldat, der die Möglichkeit hat, nach zwei Jahren heimzukehren, wegen der besonderen Aus- zeichnung, Korporal zu sein, freudig ein drittes Jahr dienen werde. Die Leute, die vermöge ihrer Intelligenz und An- stelligkeit Aussiclst hätten, Unteroffiziere zu werden, würden also irgend etwas anstellen, um zum Unteroffizier nicht mehr qualifiziert zu sein. Diese Möglichkeit muß man ihnen nun gründlich verrammeln. Deshalb sagt man:„Auch die Soldaten, die nicht Unteroffiziere werden, können ein drittes Jahr zurückbehalten wer- den!" Wie viel sind das nun? Darüber sagt das Gesetz nichts Deutliches. Es steht darüber nur eine verschwommene Phrase darin, die der Regierung alle mögliche Gewalt erteilt. Eine„dem budgetmäßig festgestellten Stand an Unterofsi- zieren entsprechende Mannschaftszahl" soll das dritte Jahr zurückbehalten Iverden können. Es dürften das 14 000 sein, da es aber im Motivenbcrichte heißt, daß man in der gemein- samen Armee bei den Truppenkörpern mit„im Allgemeinen" zweijährige Dicnstz'eit 45 800 Unteroffiziere haben wird, so hat also die Militärverlvaltung das Recht, für die gemeinsame Armee außer den 31000 noch 45 800 und wenn man denselben Maßstab sür die Landwehren anwendet, im Ganzen über 63 000 Mann ein drittes Jahr zurückzubehalten. 9 3 000 Mann von 212500 dienen drei und vier Jahre, und das nennt man zweijährige D i e n stz e i t! Es wird anfangs nicht so arg sein, denn zu solchen Aus- schweifungen fehlt dem österreichischen Militarismus das Geld. Aber in die Zehntausende wird die Zahl derer gehen, die drei Jahre dienen müssen. Mas man über die Armee ver- hängt, ist das G-sühl absoluter Unsicherheit. Der Soldat wird bis ans Ende der zwei Jahre nicht wissen, wann er eigentlich heimkehrt, er hat kein Recht auf die zweijährige Dienstzeit, er wird sie nur als Gnade dann empfangen können. Freilich die Bourgeoisie hat ihre Söhne vor der drei- jährigen Fron bewahrt. Ihr ist nicht nur für ihre Söhne, wenn sie nur durch sechs Mittelschulklassen gelotst sind oder eine„ähnliche Bildung" genossen haben, das Einjährig-Frci- willigcnrccht gesichert: diese Söhnlein kommen auch gar nicht mehr in die Lage, ein zweites Jahr dienen zu müssen, wenn sie auch ausgemachte Strohköpfe' sind. � Bisher mußte der, der am Schlüsse des Einjährig-Freiwilligenjahres die Prü- fung nicht bestand, ein zweites Jahr dienen: dieses zweite Jahr wird abgeschafft. Für Bourgeoissöhne gibt es nicht mehr als ein Jahr. Aber auch diejenigen, die nicht die sechs Klassen einer Mittelschule und die Prüfung, die sich daran schließt, hinter sich haben, können, wenn sie nur irgend- eine Fachschule absolviert haben, die„eine abgeschlossene Bil- dung" vermittelt, also etwa eine Handelsschule oder land- wirtschaftliche Schule, nicht zu dreijährigem Dienste heran- gezogen werden, in gar keiner Waffengattung! Sie sind also voni schwersten Dienst, dem bei den Pferden und in der Ma- rine befreit, ebenso wie sie nicht die Schand- und Strafjahre des Infanteristen treffen kann. Alle diese Lasten kennt das Gesetzmur für das Proletariat!« Das Stückchen Ersatzreserve, das übrig bleibt, wird denen reserviert, die die alleinigen Ernährer einer erwerbsunfähigen Familie sind, hauptsächlich aber Bauern- und Handwerk m e i st e r s s ö h n e n! Und damit man ersehe, daß die zweijährige Dienstzeit nur eine Fabel ist, gilt wohl ein erhöhtes Rekrutenkontingent sofort, aber nach zwei Jahren Dienstzeit werden erst Soldaten entlassen, die im Jahre 1915 eingereiht werden. Die e r st e n Entlassungen nach der zweijährigen Dien st- zeit werden er st im Jahre 1917 erfolgen. So sieht die Wehrresorm aus, die in Oesterreich die Pa- trioten preisen, und zu deren' Durchsetzung in Ungarn Polizei und Militär ausgeboten wurde. Aber unstreitig ist es. daß nun die österreichische Armee auf den Glanz hergerichtet sein wird. Es wird fast den gleichen Teil seiner Bevölkerung und einen höheren wie Italien jährlich unter die Soldaten stecken, es werden kriegs- untaugliche Schivächlinge darunter sein, und während in den beiden anderen Staaten des Dreibundes fast ausschließlich zwei Jahre Dienstzeit ist, wird in Oesterreich-Ungarn ein Viertel bis ein Drittel— je nach dem Bedürfnis der Regie- rung— drei Jahre dienen. Oesterreich-Ungarn wird also im Verhältnis zu seiner Bevölkerung den höchsten Friedensstand haben. Die Generale der anderen Staaten werden mit Neid auf Ws schauen. flusblitke auf die amerikauiicheu BerbHwaklcn. New dort, den 10. Jnni.(©ig. Ber.) Wenn diese Zeilen den Leser erreichen, wird der NominationS- konvent der repudlikamschen Partei zn/ C h i c a g o eröffnet worden sein, und in Baltimore wird man sich am Vorabend der Eröffnung des gleichen groyen Spektakels der demokratischen Partei befinden. Gröheren Spektakel im ganzen vulgären Sinn des Worts wird eS ohne Frage in der historischen Konventshalle zu Chicago geben, wo Präsident Roosevelt vor Viev Jahren so leichtes Spiel hatte, seiner Partei und damit der Nation seinen Mann, William Howavd Taft, aufzuzwingen, und wo derselbe Roosevelt jetzt seine Rauh- reiterscharen auf den alten Freund losläßt, mm' sich an seiner Stelle wieder in den Sattel zu schwingen. Die cchtamerikänische Sensa» tion des Roosevclt-Tast-DuellS hält das ganze waschechte Amerika in atemloser Spannung, siast wie eine Preisboxerei zwischen Jessries und Johnson oder wie ein„Kontest" zwischen zwei Base- ball-Teamk. Ob aber die Chicagoer Geschehnisse wirklich für die politischen Geschicke des Landes in den nächsten vier Jahren maß- gebend sein werden, ist eine andere Frage, da die Zerfahrenheit und die Reihe der unsicheren Faktoren» die diesmal mitspielen werden, größer sind als je vorher. Der demokratische Sieg bei den Kongveßwahlen im Jahre 1910 und der Sturz so mancher republi- kanischen Hochburgen bei den gleichen einzelstaatlichen Wahlen lassen eher ein„demokratisches Jahr" erwarten� zumal bei dem zer- rüttenden Familienzwist und dem Roosevelt-Krach im republika- nischen Hause. Die vorherrschende Empfindung ist aber, daß im Falle der Nomination RooseveltS durch die Republikaner auch der Sieg im Herbste dem Rauhreiteroberst gehören wird. Zum ersten Male in der politischen Geschichte Amerikas wird ein beträchtliches Element der Delegierten aus den Nominal ionS-Konventen sein Mandat direkten Volkswahlen— den sogenannten P vi marieS oder Vorwahlen— verdanken», und in fast allen» Staaten, in» denen die republikanischen Papstmacher durch Urabstimmung instruiert wur- den. zeigte sich daß die Popularität Theodore RooseveltS noch un- gebrochen ist. Sogar die politisch so wichtigen und der Taft- Administration als sicher geltenden Staaten Pennfhlvanien und Ohio fielen, trotz der bisher dort allmächtigen republikanischen ..Parteimaschine", von Taft ab und erklärten sich für Roosevelt, der den unaufgeklärten Massen als die Verkörperung jener radikalen und auf weitere Demokratisierung Amerikas gerichteten Strömung gilt, auf die auch die Ausbreitung des Vorwahlsystems zurück- zuführen ist. Und es kann den Roosevelt-Managern zugegeben werden, daß eine abevmalige Kandidatur ihres Idols, selbst wenn die Administration und das konservative Parteielement sich offen gegen sie wenden würden, auch einen mehr oder weniger großen Teil der demokratischen Wähler ins vepublikanische Lager hinüber- ziehen würde, denn un fraglich existiert die Popularität Teddys auch in dem psychologisch gleichgearteten Teile der demokratisch gesinnten Bevölkerung» worübev schon die Aufnahme RooseveltS gelegentlich seiner Agitationsreisen im altdemokratischen Süden Auskunft gab. Die demokratische Partei, in derem Schöße es zurzeit trotz eines auch nicht allzuknoppen Wettbewerbs von Möchte-gern-Kandidaten vergleichsweise ruhig hergeht, muß denn auch auf die Roosevelt- Gefahr, die einzige, die sie m fürchten hat, die größte Rücksicht nehmen und darf es keinesfalls wagen, wieder einen Reaktionär, wie Parker, aufzustellen, dessen Nominierung im Jahre 1904 die schlimmste, jemals erlebte Niederlage der Demokraten zur Folge hatte, von deren Wählern sich damalS mindchtens eine Million der Abstimmung enthielt, während die republikanischen Stimmren zu- nahmen und das sozialistische Votum sich verdreifachte. Der dritten Nominierung des populären demokratischen Führers Bvyan— dem eigentlich Roosevelt seinen politischen Donnerkeil gestohlen hat — stehen seine Niederlagen von 1806 und 1900 im Wege, und außer- dem natürlich die Konservativen seiner Partei, die schon 1904, als eine Bryan-Kandidatur aus Grund» einer fortschrittlichen„Plattform" sehr aussichtsvolll gewesen wäre, seine Nominierung hinter- tiicoen haben. Brhan scheint auch diesmal nicht gewillt, zu „laufen", wie der charakteristische amerikanische Ausdruck lautet, aber sein Einfluß hat es vermocht, wenigstens den bureaukvatifch- honetten Reaktionär Harmon, den Gouverneur von Ohio, der bis vor kurzem noch der unangefochtene demokratische Thronen» Wärter schien, vollkommen schachmatt zu setzen. Die einzigen ernst- lichen Rivalen werden aus dem Konvent zu Baltimore der politisch ziemlich farblose, aber von dem vielfachen ZeitungSbesitzer und Multimillionär Hearst. dem„gelben" Erzdemagogen, protegierte Champ Clark und Woodrow Wilson sein— der eine der Präsident des Abgeordnetenhauses in Washington, der weiteren Kreisen erst durch seine AnnexionSpauke gegen Kanada bekannt geworden ist, der andere der Gouverneur von New Jersey und vor- malige Präsident der» Princeton-Universität, der sich während seiner Eampagne von einem stockreaktionären Einwanderer-Hasser und Arbeiterfeind zu einem Mann nach dem Herzen BrhanS gewandelt hat und jetzt den Moses des Radikalismus spielt. Im Gegensatz zu dem republikanischen Konvent, wo einfache Mehrheit entscheidet, ncminieren die Demokraten in Baltimore ihren Bannerträger durch Zweidrittelmehrheit, die wahrscheinlich weder Clark noch Wilson erklimmen wird. Die Möglichkeit besteht, daß in diesem Falle Gahnor, ein politischer Freund TryanS und Wilsons und als „beattentätertev" Bürgermeister von New Dork ziemlich volkStüm- lich geworden, der Kompromißkandidat! der Konvention sein wird. Ist so die Lage schon außerordentlich kompliziert, so werden diesmal Prophezeiungen über den Ausgang der LLahien selber noch durch die„dritte Partei", die Sozialisten, erschwert. Unsere Partei- genossen haben, wie mau weiß, in JndianopoliS D e b S und Seidel, den einen für die Präsidentschaft, den anderen für das Amt des Vizepräsidenten, nominiert, und wenn auch ein sozialisti- scher Sieg leider noch �wahrscheinlich ist, so erwarten doch selbst unsere Feinde, daß die Sozialisten im Herbste eine Stärke ent- wickeln werden, die vielleicht die schönsten bürgerlichen Kalkulationen über den Hausen werfen. ».» Chicago, 18. Juni. Heute ist hiev der republikanische Nationalkonvent eröffnet worden. Gouverneur Hadley- Missouri beantragte sofort nach der Eröffnung die vom National- komitee vorbereitete Liste zu ändern, da achtzig au-f Taft ver- pflichtete Delegierte auf unehrliche Weise gewählt seien. Wenn der Konvent, so schloß Hadley, von einer Gruppe von Leuten kontrolliert werden kann, dann haben wir nicht die Herrschast einer politischen Partei, sondern eine politische Oligarchie. Der Antrag rief eine sehr heftige Debatte hervor, die von» Lärmen, Zischen und Zwischen- rufen wie Diebe, Räuber, die auf das Nationalkomitee gemünzt waren, unterbrochen wurde. Der Vorsitzende des Nationalkomitees Rosewater erklärte, der Antrag falle außerhalb der Tagesordnung, da der Konvent noch nicht organisiert» sei. und nominierte dann Elihu Root zum vorläufigen Vorsitzenden. Die Anhänger Roose- veltS nominierten dagegen den.Gouverneur McGovern. Wieder folgten große Lärmszenen. Chicago, 18. Juni. Nachdem eine große Zahl von Delegierten die Wahl R o o i s oder McGovernS unterstützt hatte, wurde Root mit SS8 Stimmen zum temporären Borsitzenden deS Nasip.ngl- ifiSfifiU* gMM. WcGobttv»Mt M StiMMv!. Sei' Krieg. Die Jtaliener-Ausweisungen. Konstantinopel» 18. Juni. Heute früh hat der Gouverneur von Pera dem deutschen Konsulat mitgeteilt, morgen würden die noch hier weilenden Italiener, soweit sie nicht von dem AuS- Weisungsbefehl ausgenommen seien, verhaftet und als Kriegsgefangene behandelt werden. Infolge bestimmter Vorstellungen wurde entschieden, die Italiener würden verhaftet und nach dem deutschen Konsulat geschafft werden. Das deutsche Konsulat will sie in das italienische Hospital schicken, wo sie bleiben werden, bis ein Schiff gefunden ist, auf dem sie abreisen können. AuS der Konftantinopeler Gegend sind fast alle italienischen Ar- bester abgereist; nur ungefähr hundert bleiben zurück. Konstantinopel» 18. Juni. Der von einen italienischen Wohl- tätigkeitsverein gemietete deutsche Dampfer„Ella" ist heute, am letzten Tage der für die Abreise der Italiener festgesetzten Frist, mit zahlreichen italienischen Familien an Bord, im ganzen unge- fähr 300 Personen, von hier abgegangen. Seit Beginn des Krieges haben 8170 Italiener Konstantinopel verlassen; mehr als 2000, die von dem Ausweisungsbefehl ausgenommen worden sind, bleiben noch hier. Das italienische Waisenhaus in Pera ist geschlossen, das italienische Hospital bleibt geöffnet. Der Aufstand in Albanien. Saloniki» 18. Juni. Trotz der anscheinend fortschreitenden Beruhigung in Nordkossowo haben mehrere Arnautenführer mit ihren Anhängern die Waffen noch nicht niedergelegt; doch dürften sie nicht in der Lage sein, neuen Widerstand zu entfachen, falls nicht weitere Stämme ihre Partei ergreifen. Uberall stehen Truppen von beträchtlicher Stärke. Fadil Pascha fährt fort. Maß- nahmen zu ergreifen, um die Konzentrierung der Arnauten zu verhindern. politische Geberficbt. Berlin, den 19. Juni 1912. Sport und Politik. ES ist kennzeichnend, daß wichtige politische Kund- gebungen„allerhöchster" Persönlichkeiten sich nicht dort er» eignen, wo Vertretungen der großen Masse des deut- schen Volkes tagen, wo e r n st e Fragen des sozialen und politischen Lebens erörtert werden: nicht auf proletarischen Kongressen, sondern dort, wo sich eine winzige Anzahl sportlich intereissierter Kapital ilsten zu- sammengefunden haben. So wird es die künftige Geschichts- schreibung mit Kopfschütteln registrieren, daß das so delikate und schwierige Problem der Rüstungs- und Kolonialpolitik in einer kaiserlichen Ansprache behandelt wurde, die gehalten wurde— bei der Segelwettfahrt des Norddeut- schen Regattavereins in Hamburg! Freilich, daß Wilhelm II. sich zu einer Flotten- und weltpolitischen Kundgebung animiert fühlte, ist letzten Endes die Schuld des Hamburger Bürgermeisters Dr. Burchard» der, als Vertreter des Handels- und Reederkapitals, in seiner Begrüßungsrede skrupellos die wichtigsten Fragen der internationalen Politik anschnitt. Der Hamburger Bürgermeister meinte, daß Deutschland(das deutsche Bankkapital, die deutschen Pfeffersäcke und die deutschen Reeder)„Freiheit des Wettbewerbs auf dem Lande, auf dem Wasser und in den Lüften" fordere. Damit war natürlich nicht der friedliche Wettbewerb auf den Gebieten des Handels und der Industrie gemeint, sondern der militaristische, m a r i n i st i s ch e und av i a t i sch e Wettbewerb zu Kriegszwecken! Und schließlich leistete sich der Vertreter der Hamburger Geldsäcke den Ausspruch:„Heute sind alle Deutsche in ge- wissem Sinne Seedeutsche: denn alle sind meeresfroh und flottenfroh und froh des deutschen Kolonialbesitzes." Das wagte der Hamburgische Bürgermeister auszu- sprechen, trotzdem alle drei Hamburger Wahl- kreise mit kolossaler Mehrheit von der Scszialdemokratte erobert worden sind, trotzdem also selbst für Hamburg feststeht, daß die übergroße Mehrheit der Bevölkerung vom modernen Imperialismus, dem tollhäuslerischen internationalen weltpolitischen Taumel nichts wissen will! Aber freilich, der Vertreter des Ham- burgischen Geldsacks erachtete die Stimmung der breiten Volksmassen für absolut nebensächlich! Wenn schon ein hanseatischer Bürgermeister einer solch totalen Ver- kennung des Volkswillens fähig ist, braucht man sich wahr- haftig nicht mehr darüber zu wundern, wenn eine Persön- lichkeit, die durch ganz andere Schranken von dem wirklichen Volksleben und Volksempfinden getrennt ist als ein Bürger- meister, nämlich der preußische König und deutsche Kaiser, erst recht zwischen den Wünschen und Interessen des Ka- p i t a l s und dem der ausgebeuteten Volksmehrheit keinen Unterschied zu machen weiß! Wilhelm II. kam wieder einmal auf die Hansa zu sprechen, deren schließlichen Zusammenbruch er(in geschicht- lich recht primitiver Auffassung) darauf zurückführte, daß „des Reiches Schutz" nicht hinter ihr gestanden habe. Aber der historische Teil der kaiserlichen Rede war minder wichtig, als der Teil, der sich auf die Gegenwart bezog. Da war es interessant, daß Wilhelm II. die weltpolitische Rede des Hamburger Bürgermeisters offenbar als eine Anreizung zu weltpolitischen Abenteuern betrachtete. Ent- gegnete er doch, daß zwar„hinter dem deutschen Kaufmann des Reiches Schutz stehen müsse", daß aber„die deutsche Flagge in Ehren wehen, d. h. nicht leichtsinnig im Winde entfaltet werden dürf e". Nicht leichtsinnig dürfe sie aufgepflanzt werden, wenn man nicht sicher sei, sie verteidigen zu können. «Sie werden es verstehen, warum» ich Zurückhaltung geübt, habe in der Ausbreitung der deutschen Flagge, wo sie vielleicht von manchem gewünscht und ersehnt war. Ich habe mich von einem alten hanseatischen Grundsatz leiten lassen, und der steht in markigen Lettern am Rathaus zu Lübeck:„Das Fähnlein ist leicht an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder herunter zu holen." Nun, meine Herren, ich glaube das wohl vindizieren zu können, daß bisher der Ehre unserer Flagge noch niemand zu nahe getreten ist, solange wie ich regiere. Dafür kann ich mich einsetzen, und dafür kann ich stehen: da, wo Sie vorangehen, da wird meine Flagge Ihnen folgem" Daß Wilhelm II. den ernstlichen und ehrlichen Wunsch hegt, den internationalen Frieden zu wahren, braucht nicht bezweifelt zu werden. Um so verhängnisvoller aber ist es. daß er sich bei unserem heutigen System in die Lage versetzt fühlt, von weltpolitischen und Flotten- treibern aller Art, den Vertretern beute» hungrig.er vnd abenteuerlustigen Kapita« listenschichten immer weiter vorwärts ge- trieben zu sehen! Ist es doch höchst eigenartig, daß Wilhelm II. der selbst vor zwanzig Jahren die Losung der Weltpolitik und des Flottenrüstens ausgegeben hat. heute genötigt ist. sich gegen weltpolitische Treibereien selbst in Festreden bei Sportveranstaltungen verwahren zu müssen! �.• e l- Damit der deutsche Kaper nicht ein Opfer ernsertr» ger Information, einseitiger Aufputschungsversuche wird, ist es um so notwendiger, daß die Masse des Volkes, das klassenbewußte Proletariat, immer wieder semni Willen zum internationalen Frieden und seiner Gegnerschaft gegen den imperialistischen Wahnsinn in der unzweideutigsten Weise bekundet!_ Ein päpstliches Schweigegebot. Die„Märkische Volkszeitung" veröffentlicht unter der fetten Ueberschrift„EinWunschdesHeiligen Vaters! Der Streit über die Gewerkschafts. fragesollaufhören!" folgende Kundgebung der päpstlichen Nuntiatur in München: „Da die verdrießliche und schädliche Polemik bezüglich der Arbeiterorganisationen in Teutschland fortdauert, ist es der leb- hafteste Wunsch des Heiligen Vaters, daß beide Teile jede Er» örterung, insbesondere in der Presse, einstellen und es dem Hei» ligen Stuhle überlassen, diese wichtige Frage im Einverständnis mit den Bischöfen zu prüfen und dann angemessene VerhaltungS- maßregeln zu geben. Der Heilige Vater setzt das vollste Ver» trauen in die Ergebenheit der Söhne der Kirche in Deutschland, daß sie diesem seinem Wunsche nachkommen»." Die„Märkische Volkszeitung" begrüßt diese Kund- gebung,„deren Befolgung seitens der katholischen Presse außer jedem Zweifel" stehe. Aber auch die JS e r- mani a". die sich lebhast gegen den Vorwurf der„Kölnischen Volkszeitung" verwahrt, das Organ der Berliner Richtung. der katholischen Fachvereine, zu sein, erklärt, daß sie„in vollem Maße mit dieser neuerlichen Kundgebung des Heiligen Vaters durchaus zufrieden sein" könne. Denn sie halte es durchaus mit der Erklärung des Präsidenten des letzten Mainzer Katholikentages:„HeiligerVater.wennDu siehst, daß wir in die Irre gehen, dann rufe uns zurück, denn wir sind treue Katholiken und b l e i- b e n es." Ob auch die Organe der Kölner Richtung sich ohne Murren dem Schweigegebot fügen werden, bleibt abzuwarten. Ist es doch in der Tat eine ungeheuerliche Zu» m u t u n g, in einer Frage, die die politischen Interessen der breitesten Zentrumswählerkreise aufs tiefste berührt, auf jede weitere Diskussion, jede fernere Geltendmachung ihres Stand- Punktes zu verzichten und dem„Heiligen Vater" nebst seinen Bischöfen es völlig überlassen zu sollen, welchen Entscheid s i e zu fällen für angemessen erachten! Es ist das nichts anderes, als die Uebertragung deS Kadavergehorsams, des beschränkten Unter, tan e n v e r st Uli de s auf das Gebiet der Partei» Politik!_ Angst vor der Erbschaftssteuer. ES wurde kürzlich berichtet, daß im ReichSschatzamt die Vor» arbeiten für die neuen direkten Reichssteuern schon ziemlich weit vorgeschritten seien, und daß aller Voraussicht nach der SwatS- ekrelär deS Schatzamtes im kommenden Herbst schon dem Reichstage »eine Vorschläge zu unterbreiten gedenke. Diese Eile ist dm Blau- schwarzen außerordentlich unangenehm. Die Wehrvorlagen sind vorerst mal gedeckt, und man hatte gehofft, sich mit der Spiegel» fechterei des Erzberger-Bassennannschen Antrages aus der Schlinge ziehen und die Besitzenden vor der Heranziehung zu den HeereSlastcn retten zu können. Nun hat aber das sächsische Regierungsorgan, die.Leipziger Zeitung", unangenehme Andeutungen gemacht, die dahin gingen, die Erbschaftssteuer sei schließlich nicht zu um- gehen, und man tue am klügsten, wenn man sich endlich mit ihr abfände.— Die„Kreuz-Zeitung" lief gleich in einem Leit- artikel Sturm gegen solche ketzerischen Ansichten und wehrt sich noch wie vor mit Händen und Füßen gegen eine Steuer, die allerdings die bedenkliche Eigenschaft hat, daß sie Steuerdrückebergereien nicht günstig ist.« Jetzt kommt nun die„Germania" dem Junkerorgan zu Hilfe und schreibt in ihrer Nummer vom 18. Juni: „Wenn der Bundesrat und der Reichskanzler nicht von allen guten Geistern verlassen sind, dann legen sie gerade die Kindes» erbschaftSsteuer nicht vor und zwar aus politischen und taktischen Gründen. Die letzteren sind sehr einfach: es ist im höchsten Grade zweifelhaft, ob eine solche Vorlage eine Mehrheil er» hält. Man kann sich kaum ein und dieselbe KindeS« erbschaftSsteuer denken, für welche Frhr. v. G a m p und L e d e- b o u r stimmen werden. Selbst wenn man damit rechnet, daß sich die Mehrheit für den Gedanken der Kindeserbschaftssteuer ergibt, so ist dies noch lange keine Mehrheit für einen bestimmten Gesetzentwurf, der solche Einzelheiten enthalten kann, daß er in der Schlutzabsiimmuiig doch keine Mehrheit hat, oder daß der Bundesrat ihn nicht annimmt. Eine Steueraktion, die von Anfang an damit rechnet, daß sie letzten Endes auf zwei oder vier Augen im Reichstage gestellt ist, hat keinen Erfolg zu erwarten. So aber dürfte die Sache derzeit liegen. Politisch würde eine solche Vorlage den schärfsten Kampf unter den bürgerlichen Parteien hervorrufen, zur Freude der Sozialdemokratie, wie der Reichs» kanzler sehr zutreffend im Reichstage bemerkt hatte. Die ganze Sammlung der bürgerlichen Parteien würde auf Jahre hinaus unterbunden und der Kampf aller gegen alle als oberste Regierungsweisheit angesehen. Ein Kanzler, der an die Zukunft des Reiches denkt, kann nicht den ersten Stein zu einem solche» Kampfe werfen, zu einem Kampfe, bei dem über 50 Proz. seiner Mitstreiter die 110 Sozialdemokraten werden müßten, wenn er auch nur eine geringe Aussicht auf Erfolg haben soll. Kein Reichskanzler aber kann so ver- messentlich handeln, daß er mit Scheidemann und Ledebour den Kampf gegen bürgerliche Parteien in einer politischen Frage zu führen entschlossen ist. Dies wäre einfach Wahnsinn und Selbstmord, wenn auch das.Verl. Tagebl." davon entzückt sein würde. Die Frage der Erbschaftssteuer ist durch den Fürsten Bülow eine politische Frage geworden; man kann diese Entwicklung bedauern, aber mit der Tatsache muß man rechnen. ES ist dies eine der schlimmsten Erbschaften deS früheren Regimes. Solche Dinge werden nicht durch Ueberwindung aus der Welt geschafft; Es gibt eben auch in der Politik heißes Eisen, das der lluge Mann liegen läßt." Herr Bethmann Hollweg wird sich vermutlich beeilen, diesem in halb bittender, halb drohender Form gegebenen Befehl �cx ultra» montanen Führer des schwarzblauen Blockes nachzukommen. Hat er in der Deckungsfrage insoweit A gesagt, daß er die Erzbergersche Rechnung über die Mehrerträgnisse der Reichseinnahmen akzeptierte und auf die Erschließung neuer Einnahmen in Verbindung mit der Wchrvorlage selbst verzichtete, so wird er jetzt auch B sagen und auf die Erbschaftssteuer ganz verzichten muffen. Die Klerikalen wissen ja auch, was sie an Bethmann haben: er ist nicht der Mann, der den Schwarzblauen Z>ctz zu bieten vermöchte. Unter dem Regime Hertling. In einem zwei Spalten langen, Leitartilrü versucht eS die ..Germania" das bayerische Vormundschpftögericht Dachau- gegen die auch vom„Vorwärts" festgestellte Ungeheuerlichkeit m verwahren, daß es sich bei einer Ncchtscntscheidung von Motiven der unglaublich st en religiösen Jntolera'nz habe leiten lassen. Es handelt sich um jenen Fall, wo einen unehelichen Mutter nach ihrer Verheiratung die Erziehung des Kindes verweigert wurde, weil Rücksicht genommen werden müsse aus die Gefühle eds für das katholische Kind bestellten katholischen Vormundes, des für das katholische Kind bestellten katholischen Vormundes. sei, für ein Konkubinat halte. Die„Germania" bemüht sich weitläufig um den Rachiveis, daß der Mutter nach dem früheren Beschlutz deS VormundÄschafts- gerichtes auf Grund des Z 1666 das Erziehungsrecht abgesprochen worden sei. Dieser Paragraph aber besage, daß Vater oder Mutter da? Erziehungsrccht abgesprochen werden könne, wenn die Betref- senden das Kind vernachlässigten oder sich eines ehr- losen und unsittlichen Verhaltens schuldig machten. Die „Germania" hätte sich die Zitierung dieses Paragraphen er- sparen können, wenn sie einfach f e st g e st e l l t hätte, daß das Vormiundfchastsgericht seinen Beschlutz damit begründet hatte, daß die Mutter des Kindes deshalb ihren Erziehungspflichten nicht werde nachkommen können, weil sie ihren Ehemann, einen Hausierer, auf seinen Gängen begleiten werde. Diese Voraussetzung war aber unzutreffend! Und als dem Vormnndschaftsgcricht dies Argument aus den Händen ge- schlagen war, da rückte es— weniger jesuitisch zwar, aber mit anzuerkennender Ehrlichkeit— wörtlich mit folgendem Argu- ment heraus: „Es besteht für das Vormundschaftsgericht zurzeit kein An- laß, von den getroffenen! Anordnungen abzugehen, schon mit Rücksicht auf die tief verletzten religiösen Gefühle des für das katholische Kind bestellten katholischen Vormundes, welcher nach eigenem Vorbringen und nach Brief der Kinds- mutter diese immer noch auffordert, ihren Ehemann zu verlassen. Die gesetzlich gültige Ehe der Kindsmutter ist nach den durch § 1588 des Bürgerlichen Gesetzbuches gedeckten kirchlichen An- schaumigen des Vormundes eine Konkubinat und ehebrecherisches Verhältnis, weshalb Vormund im Zusammenhalt mit früher geltend gemachten Beanstandungen auf Zurückfühvung des Kindes besteht." Wenn die„Germania" trotzdem behauptet, dah es unwahr sei, daß dos Vormundschaftsgericht der Mutter das Recht auf ihr Kind mit Rücksicht aus ihre„gesetzlich gültige, aber kirchlich unzulässige Ehe" vorenthalten habe, so beweist das nichts, als einen gerade- zu erstaunlichen Mut. unverrückbarste Tatsachen abzuleugnen! Hat doch das Königliche Amtsgericht Dachau in seinem oben wörtlich zitierten Bescheid ausdrücklich erklärt, daß gerade die Rücksicht auf die religiösen Gefühle des Vormundes die Veranlassung gäbe, seinen früheren Entscheid aufrechtzuerhalten. ES ist deshalb auch eine wirklich unbegreiflich unverfrorene Be- hauptung der„Germania", wenn sie-eS für„unwahr" erklärt, datz sich das Vormundfchaftsgericht die kirchlich-religiösen Anschau- ringen des Vormundes„angeeignet" habe! Allerdings begreifen wir eS durchaus, daß cS der„Germania" höchst unaugcn ehm ist, die Wirkungen des Regimes Hertling bis auf die..unparteiische» Rechtsprechung durch die liberale und sozialdemokratische Presse festgestellt zu sehen. An ur- tmdlich festgestellten Tatsachen läßt sich nun aber trotz aller cuguungs- und Lügenkünste ultramontaner Blätter nichts deuteln Wnd drehen. Auch im bayerischen Landtag wird mau die jesuitischen Klopsfcchtereien der Hertlingianer mit Leichtigkeit zu hurchfreuzen wissen! Abgeordnetenwahlen in Gotha und Kobnrg. Bei den am Dienstag vollzogenen Abgeordnetenwahlen für den G o t h a e r Landtag hat die Sozialdemokratie, wie die Wahlmänner- wählen voraussehen ließen, zwei neue Mandate erobert: Ohrdruf und Friedrichsroda. Die sozialdemokratische Fraktion hat nunmehr 9 Sitze unter 19. Es hat nicht viel gefehlt, so wäre auch ein zehnter Kreis erobert worden, so daß wir die Majorität im Landtage gehabt hätten. In allen Kreisen haben wir unseren Besitz- stand gefestigt. Die Liberalen verlieren drei Mandate, zwei an die Sozialdemokratie und eins an die Agrarier. Der Landtag setzt sich nunmehr zusammen aus 9 Sozialdemokraten, 6 Agrariern und 4 Liberalen. Bei den Abgeordnetenwahlen zum Koburger Landtage ist der eine Kreis, in dem die Sozialdeinokratie eine Wahlmänner- Mehrheit hatte, verloren gegangen. Es wurden gewählt: 4 Agrarier, 4 Nationalliberale und 3 Fortschrittler. Im Wahlkreise Oeslau hatte die Sozialdemokratie eine Wahlmännermehrheit; bei der Ab- geordnetenivahl stellte sich aber Stimmengleichheit heraus. Das LoS entschied dann zugunsten der Nationalliberalen. Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle hat. Eine Notiz der streng agrarisch gesinnten„Marienburger Zeitung" beleuchtet dieses Wort in einer Weife, wie das nur selten geschieht. Der Aufsichtsratsrat der Dirschauer Zuckerfabrik beschloß, der Generalversammlung die Verteilung einer Dividende von 36 Prozent vorzuschlagen. Die wahnsinnige Höhe dieses junkerlich« kapitalistischen EnlbehrungslohneS wird aber von der noch auf- reizenderen Tatsache übertroffen, datz diese 36 Prozent nur einen kleinen Teil deS Reingewinnes darstellen. Die Dividende nimmt von dem Reingewinn nämlich nur 162 090 M. in Anspruch. Der volle Reingewinn aber beträgt 638 595 Mark. Die Dirschauer Zuckerfabrik könnte also. falls sie dies wollte, auch 190 Proz. Dividende verteilen, ja noch fogar darüber hinausgehen. Sie begnügt sich mit 36 Proz. und verbucht, um die aufreizenden iffern ihrer Geschäftspraxis zu verschleiern, den weitaus größten eil deS ReingewiinieS zu Abschreibungen und Dotierungen der verschiedenen Reservefonds. Daß die Arbeiter der Dirschauer Zucker- fabrik elend entlohnt werden, brauche» wir wohl nicht erst betonen. Und wenn die Aktionäre dem„UnterstiitznngSfondS für Beamte und Arbeiter" von dem Riesengewinn ganze 5999 M. überweisen will, ist diese Tatsache nicht geeignet, darüber hinwegzutäuschen, daß Arbeiter die Werte schufen und reiche Nichtstuer den Profit in ihre Tafche steckten. Und in einer so verrückten Gesellschaftsordnung sollen die Proletarier nicht rot werden! Pfründen für Militäranwürter. DeS Königs Rock bringt manchem, der ihn getragen, nur ein Bcttlbrot ein. So sucht zurzeit der Magistrat von Schwei? in Wcstpreußcn einen Nachtwächter mit einem jährlichen„Gehalt" von 699 Mark. Dazu erhält der Glückliche 75 Mark Zuschuß zur Mohnungsmicte. Und alle drei Jahre steigt sein Gehalt um 25 Mark, bis ihm nach 18jähriger Tätigkeit die fürstliche Entloh- nung von 759 Mark zuteil wird. Weiter kann es der Nachtwächter von Schwetz nicht bringen. Seinen Kollegen in Rirsenburg, einem Städtchen im Herrschaftsgebiet des JanuschauerS geht es indessen noch lange nicht so gut. Dort sucht der Magistrat vier Nachtwächter und will jedem 465 Mark jährlich zahlen! Weitere Zuwendungen sind für die Nicscnburger Nachtwächter nicht vorgesehen. Wohl- gemerkt: Die Nachtwächter von Schwetz und Niescnburg sollen Militäranwärter sein. Das wird zur Bedingung gemacht. Werden sich die drum reihen I Gtigarti. Neue Gewaltstreiche. Am Mittwoch begann die zweite Session des Reichstages. Die erste Sitzung war eine formelle; es wurden die Präsidenten und die Schriftführer gewählh. An der Wahl nahmen die oppositionellen Parteien keinen Anteil. Die Opposition will dadurch den unga- rischen Reichstag zu einem Rumpfparlament machem Ein Militärkordon umgab, wie gewöhnlich, das Gebäude, und die oppo- sitionellen Abgeordneten hielten draußen ihre Reden, da sie nicht eingelassen wurden. Die Regierung beabsichtigt, den Reichstag nur eine Woche lang zusammenzuhalten und wird ihm verschiedene Gesetzesvorlagen unterbreiten. Darunter befindet sich ein Gesetz über die Errichtung von Arbeitersanatorien. Die Regierung will den Arbeiterkrankenvereinen S'A Millionen Kronen zur Errichtung von Sanatorien zur Verfügung stellen. Der Ministerpräsident hat die Abgeordneten der Rcgierungs- Partei aufgefordert, sofort nach. Schluß des Reichstages hinaus in das Land zu gehen und dort die Agitation unter dem Volke zu be- treiben. Die Regierung verfolgt damit den Zweck, die Arbeiter- massen von der Opposition loszureißen Die Arbeiter werden sich indessen ebensowenig von dem 3!� Millionen-Köder verlocken wie durch Gewalt bezwingen lassen. »» * In der Vormittagssitzung des Reichstages hatte die Regie- rung eine Ueberraschung geplant. Vor Schluß der Sitzung unter- breitete der Ministerpräsident Lukacz einen Gesetzentwurf, welcher dem Reichstagspräsidenten und dem Jmmunitätsausschuß das Recht einräumt, etwaige renitente Abgeordnete ihres Mandats verlustig zu erklären. Der Mi- nister beruft sich in seiner Begründung darauf, daß nicht nur in Ungarn, sondern auch überall im Auslande die Auswüchse des Parlamentarismus überhand nehmen, das am besten die jüngsten Ereignisse in Preußen und England zeigten. Nach dem Gesetzart-ikel hat der Reichstag das Recht, mißliebige Abgeordnete aus dem Reichstage selbst mit Polizeigewalt zu entfernen. Jedoch kann die Polizei und Gendarmerie nicht regelmäßig und bleibend im Reichstage aufgestellt bleiben. Der Ministerpräsident bean- tragte daher, das HauS möge den Gesetzentwurf annehmen, damit ein- für allemal parlamentarische Ordnung hergestellt wird. Als dieser Gesetzentwurf, der bis kurz vor Schluß der Sitzung e i n Geheimnis blieb, bekannt wurde, brach unter der Regierungs- Partei große Erregung aus. Die. gewesenen Präsidenten des Abgeordnetenhauses Werdäwidy und Naway pro- testierten aus das entschiedenste gegen diesen Gesetzentwurf. Ein großer Teil der Regierungspartei schloß sich den Protestierenden an, und nur mit großer Mühe gelang eS der Regierung, mit der eigenen Partei ein Kompromiß zu schließen. Das Kam- promiß ist folgendes: Der Ministerpräsident unterbreitete den Gesetzentwurf, sagte jedoch in seiner Rede sofort, daß er die Per- Handlung dieses Gesetzentwurfs für den Herbst lasse, da gegenwärtig die Opposition im Reichstage nicht vertreten sei und die Wichtigkeit dieses Gesetzes unbedingt die Anwesenheit der Oppo- s i t i o n erfordere. Dann wurde die Sitzung geschlossen. franhmeb. Der Kampf um die Wahlreform. Paris, 18. Juni. Deputiertenkammer. Nachdem sich verschiedene Redner zu dem Gegenentwurf Augagneur geäußert hatt, ergriff Ministerpräsident Poincare das Wort und führte u. a. auL: Der Regierungsentwurf ist ein wahrer Ausgleichsvorschlag und dazu bestimmt, eine Einigung der Repu- blikaner herbeizuführen. Wir sind bereit, olle Maßregeln zu prüfen, die das Einvernehmen bei den Republikanern erleichtern' werden, vorausgesetzt, daß das unberührt blewt, was wir als Kernpunkt der Wahlreform betrachten. Poincare verlangte sodann die Abl-eHmmg des Gegenentwurfs Augagneur und fügte hinzu: Wenn sich gegen uns eine republikanische Mehrheit findet, werden wir nicht mehr die nötige Autorität zu besitzen glauben, um die Regierungsgewalt weiter auszuüben.(Beifall im Zentrum, auf der äußersten Linken und auf der Rechten.) Augagneur beantragte sodann Verweisung seines Entwurfs an eine Kommission, um den Versuch zu machen, alle Republikaner zu einigen. P o i n c a re beantragte Ablehnung dieses Antrags und stellte die V e r- trauensfrage. Der Antrag Augagneur auf Ueberweisung an eine Kommission wurde darauf unter dem Beifall der Kammer mit 346 gegen 197 Stimmen abgelehnt. Augagneur zog seinen Gcgenentwurf zurück. Darauf wurde die Sitzung geschlossen. Paris, 19. Juni. Die Minderheit von 197 Deputierten, die sich gestern in der Kammer zugunsten des Augagneurschen Gesetzentwurfes ausgesprochen hatte, setzte sich aus 95 Mitgliedern der sozialistisch-radikalen Gruppe. 57 Mitgliedern der radikalen Linken. 26 Mitgliedern der demokratischen Linken. 17 Mitgliedern der Gruppe der sozialistischen Republikaner und 2 Wilden zusammen. 35 Deputierte enthielten sich der Abstimmung. Die Regierung hat nach genauer Prüfung deS Abstimmungsergebnisses festgestellt, daß sich in der 346 Deputierte umfassenden Mehrheit, die gegen den Entwurf Augagneur für daS Ministerium gestimmt, hat. sich 217 Linksrepublikaner befinden, daß also das Ministerium die als Be- dingung seines Fortbestandes verlangte rein republikanische Mehr- heit erhalten habe. Paris, 19. Juni. Die Depuiiertenkaiwmer setzte heute die Beratung über die Wahlreform, fort. Breton, Sozialist, früher geeinigter Sozialist, griff die Regierung heftig wegen ihrer Mehrheit von gestern an. Ministerpräsident Poincare erwiderte lebhaft, er Hobe die Ucberzeugung, eine republikanische Mehrheit gehabt zu haben.— Jaures kritisierte heftig die schwankende Politik der Radikalen». Ministerpräsident Poin- c a r e fragt« daraus» nur in wenigen Worten, die aber einen starken Eindruck hinterließen, warum- unvermutet über die allge- meine Politik interpelliert würde, und welcher Artikel seines Pro- gramms nicht erfüllt werde. Er schloß mit den, Worten,:„Die Kammer möge zwischen, Ihnen und, uns entscheiden."(Beifall bei den Anhängern des Verhältniswahlrechts.) Die 5tammer lehnte mit 345 gegen 179 Stimmen einen Antrag Breton ab, in dem die Regierung ersucht wird, die Wahlreform- mit Hilfe der rcpublikani- schen Mehrheit der beiden Kammern durchzusetzen. Der Antrag war auch von der Regierung zurückgewiesen worden. Die Kammer stimmte dann über das Vertrauensvotum ab. Der erste Teil desselben, in dem es heißt:„Die Kammer billigt die Erklä- rungen der Regierung" wurde mit 393 gegen 15 Stimmen ange- nommen. der zweite Teil:„schenkt ihr Vertrauen und geht zur Tagesordnung über" mit 346 gegen 11 Stimmen, die Tagesord- nung im ganzen wurde schließlich mit 396 gegen? StMmen angenommen._ england, Die Wahlrcform. London, 18. Juni.(Gig. Ber.) Die von dem Unter- richtsminister P e a s e eingebrachte Neformbill stimmt im großen und ganzen mit dem von Herrn Asquith im vorigen Jah're skizzierten Gesetz überem. Die Vortage bezlveckk, daZ bestehende, auf dem Besitz und anderen verwickelten Be- fähigungen beruhende Wahlrecht für die Parlamentswahlen abzuschaffen, sie läßt aber viele der hergebrachten Einrich- tungen für die Gemeindewahlen weiter bestehen. Durch das neue Gesetz, das im Juni 1914 oder auch früher in Kraft treten soll, wird etwa die Hälfte der 4 Ml) 000 über 21 Jahre alten Männer, die jetzt das Wahlrecht nicht besitzen, wähl- berechtigt werden. Folgendes sind die Hauptbestimmungen. Das Pluralwahlrccht der Besitzenden wird abgeschafft: jeder Wähler wird in Zukunft nur in einem Wahlkreise wählen können. Die Bestimmung, daß das Eigentum zum Wahl- recht befähigt, witd aus den Gesetzen ausgemerzt werden. Allein zum Wahlrecht befähigt das Wohnen oder die Beschäftigung in einem Wahlkreise während der Dauer von sechs Monaten. Gemäß diesen Grundsätzen wird in Zukunft das Universitätswahlrecht wegfallen; 9 Universitäten werden ihre parlamentarische Vertretung verlieren. Da auch die Homerulevorlage die Zahl der irischen Vertreter im Reichs- Parlament um 61 verringern will, wird die Zahl der Volks- Vertreter im Unterhaus von 670 auf M0 sinken. Ueber den Mechanismus des neuen Wahlrechts ist folgendes zu bemerken. Die jährliche Registrierung der Wähler mit all der damit verbundenen Arbeit und der davon lebeitden Bureaukratie soll abgeschafft werden und einer fortlaufenden Registrierung Platz machen. In den Städten werden die Sekretäre der„Boroughs" und in den ländlichen Wahlkreisen die Sekretäre der Grafschaftsräte die Pflichten der Registrars übernehmen. Diese inllssen wenigstens ein- mal im Jahre eine vollständige Wählerliste veröffentlichen; wie auch eine Ergänzungsliste am Ersten jedes Monats, die die Namen aller verzogenen, verstorbenen und neuen Wähler für den vergangenen Monat aufweist. Die Revisions- gerichtshöfe, wo bei dem bestehenden verworrenen Wahl- recht eine Horde Juristen ein so fettes Auskommen finden, werden abgeschafft und alle Wahlrechtsstreitigkeiten werden in den Grafschaftsgerichten erledigt werden. Bisher galt es als Recht, daß ein Wähler sein Wahlrecht verlor, wenn er von einem Hause nach einem anderen Hause in demselben Wahlkreis verzog; er mußte dann in der neuen Wohnung eine neue Befähigung erlangen. Auch diese, besonders die Arbeiterschaft bedrückende Bestimmung soll abgeschafft wer- den. Auch wird nach der Vorlage ein Wähler, der nach einem anderen Wahlkreise verzieht, sechs Monate lang sein Wahl- recht in dem alten Wahlkreise behalten, d. h. also bis zur Erlangung der Wahlbefähigung in seinem neuen Wohnsitz. Eine Person mit mehreren Wohnsitzen, die versuchen sollte, ihr Wahlrecht mehr als einmal auszuüben, wird mit schweren Strafen bedroht— Geldstrafe von 200 Pfund oder ein Jahr Gefängnis mit oder ohne Zwangsarbeit, zudem in allen Fällen Verlust des Wahlrechts auf sieben Jahre. Die Vorlage gibt ferner den Lords das Stimmrecht zum Unter- Hause, schließt sie aber, wie das bestehende Gesetz, vom Wahl- recht zum Unterhause aus. Nach dem jetzigen Stand der Bevölkerung würden nach dem Entwurf etwas über SOOOOO Pluralwähler(Stimmen) in Wegfall kommen und, wie schon erwähnt, zwischen 2 und 2y2 Millionen neuer Wähler geschaffen werden. Die Zahl der neuen Wähler würde sich natürlich gewaltig vermehren, wenn es den Arbeitervertretern gelingt, das Parlament zu bewegen, den Frauen zu denselben Bedingungen das Wahl- recht zu geben wie den Männern. Den 12 032 000 Männern über 21 Jahre stehen in Großbritannien 13 352 000 Frauen im gleichen Alter gegenüber, von denen IOV2 Millionen in die Wählerlisten eingetragen werden würden. Die schwersten Bedenken, die man gegen die Vorlage vorbringen kann, sind die, daß sie nicht das allgemeine Frauenstimmrecht bringt, daß sie nicht die Bezahlung der offiziellen Wahlkosten, deren Höhe in Großbritannien den reichen Kandidaten und Parteien einen so großen Vorsprung gibt, aus öffentlichen Mitteln vorsieht, daß sie nichts tut, um das Problem der dreiseitigen Wahlkämpfe auf dem Wege der Einführung der Stichwahl oder der Verhältniswahl zu lösen und daß sie die längst notwendig gewordene Neuein- teilung der Wahlkreise auf später verschiebt. Besonders muß darauf hingewiesen werden, daß die Vermehrung der Wähler der politischen Vertretung der Arbeiterklasse nur neue Schwierigkeiten bereitet, so lange die offiziellen Wahlkosten. die mit der Wählerzahl steigen, nicht aus öffentlichen Mitteln bestritten werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Kampf um das Frauenstimmrecht den Ministern die meisten Kopfschmerzen verursachen. Schon bei der ersten Lesung beantragte das liberale Parlainentsmitglicd M a s 0 n die Verwerfung der Vorlage, weil sie nicht das Frauenstimm- recht enthalte. Der Antrag wurde mit 274 gegen 50 Stimmen Üibgelehnt. Henderson, der neue Sekretär der Arbeiterpartei, erklärte in der Debatte, daß er für seine Person gegen die dritte Lesung stimmen werde, wenn das Frauenstimmrecht der Vorlage nicht einverleibt würde. Die konservative Partei glänzte bei der ersten Lesung wieder in ihrer ganzen geistigen Armut. Die Herren wollen sich einreden, daß die Vorlage wegen der Ueberbürdung deS Parlaments mit Geschäften doch nicht Gesetz werden wird. Die Ereignisse des letzten Jahres hätten sie lehren sollen, daß die Liberalen fest entschlossen sind, die Früchte des Parlamentsgesetzes— Homerule, Entstaatlichung der Kirche in Wales und die Wahlreform— in den nächsten zwei Jahren einzuheimsen. Da das Volk für die beiden ersten Vorlagen wenig oder kein Interesse bekundet und da sie es nicht wagen können, gegen die demokratischen Bestimmungen der Reformbill Sturm zu laufen, spielen sie eine armselige Straußenpolitik._ Wieder ein Klassenurteil. London, 19. Juni. DaS Geschworenengericht der Grafschaft Hampshire hat einen Eisenbahnheizer zu 4 Monaten Ge- fängnis verurteilt. Derselbe hat einen Artikel des von Tom Mann herausgegebenen„Syndikaliste", der die Soldaten auffordert, nicht auf die Streikenden zu schießen, neu drucken lassen und während des Kohlenstrciks unter die Truppen in dem Lager van Aldershot verteilt. Der Angeklagte weigerte sich, eine Ver- pflichtung einzugehen, das Vergehen nicht zu wiederholen. Marokko. Paris, 19. Juni.(W. T. B.) Aus Fez wird gemeldet, daß das Lager der Kolonne des Generals Gouraud in einem Tale von zahlreichen Marokkanern angegriffen worden ist. Die Angreifer wurden in die Flucht geschlagen. Die Franzosen hatten 8 Tote und etwa 12 Verwundete. Auch eine auf dem Marsche befindliche Abteilung dieser Kolonne wurde von Marok- toflwn angegriffen, wobei sie zwölf Verwundete hatte. 6ewerkrcbaftUcbe9. Selbe Praktiken. Im Autobau der Firma Siemens-Schuckert, Nonnen- dämm, hat jüngst eine Anzahl Arbeiter ihren Austritt aus dem gelben Verein erklärt, ebenso wie es in anderen Werken der Firma eine größere Anzahl Arbeiter auch getan haben. Nach den Bestimmungen des gelben Vereins muß nun jede Austrittserklärung schriftlich erfolgen. Dementsprechend sind denn auch die von den Arbeitern selbst geschriebenen Austrittserklärungen per Posteinschreiben an den gelben Werksbevollmächtigten gesandt worden. Unter den Ausge- schiedenen befand sich auch der Schmied R. Während nun alle anderen ausgeschiedenen Arbeiter bis jetzt unbehelligt blieben, versuchte man sich an dem obengenannten Schmied, der sich bereits in ältern Jahren befindet, zu rächen. Durch einen von der Firma angestellten Obergelben wurde eine Er- klärung abgefaßt, in welcher es heißt, daß die Austrittser- klärung des R. nicht aus freier Entschließung erfolgt sei. Diese Erklärung wurde dem Schmied R. zur Unterschrift vorgelegt, und stand dieser vor der Wahl, entweder zu unter- schreiben oder eventuell entlassen zu werden. R. unter- schrieb, um sich der Gefahr der Entlassung zu entziehen. Die Obergelben haben nun beschlossen, im„Bund" dieses „Dokument" zu veröffentlichen, um zu beweisen, wie Aus- trittserklärungen aus dem gelben Verein erfolgen. Wir bringen diese Notiz heute, weil wahrscheinlich die neueste Nummer des„Bund" bereits im Druck hergestellt ist und die betreffende Veröffentlichung dann nicht mehr zurückge- nommen werden kann. Die Obergelben würden sonst den Versuch, mit der Veröffentlichung obiger Erklärung den Nachweis des Terrorismns der Roten zu erbringen, unter- lassen. Das ganze ist übrigens ein weiterer Beweis dafür, wie man im Unternehmerlager, und dazu rechnen wir auch die Gelben, den Terrorismusschwindel zusammenbraut. Selbst übt man Terrorismus in krassester Form und wirft der- artige Schandtaten den Gegnern vor. Verlin und Umgegend. Maßregelungen bei der Firma Bechstein. Seit einigen Monaten sind im Bechsteinschen Betriebe öer- schiedentlich, ohne ersichtlichen Grund, Leute entlassen worden, die schon längere Jahre im Betriebe beschäftigt waren und als tüchtige Arbeiter bekannt waren. So wurde in der letzten Woche ein Arbeiter der Flügelkastenbranche entlassen, der auf eine sechsjährige Be- schäftigungsdauer im Betriebe zurückblicken konnte und sich in keiner Weise etwas zu schulden kommen ließ. Die Branchenkollcgen des Betreffenden waren erstaunt und beunruhigt über diese Entlassung, zumal ja auf diese Spezialarbeit fortlaufend neue Arbeitskräste eingestellt werden. Sie kamen zu der Ansicht, daß der Entlassene nur das Opfer einer falschen und schmutzigen Denunziation ge- worden sei. Um sich darüber Gewißheit zu verschaffen, wählten sie in einer Zusammenkunft eine Kommission von drei Kollegen aus ihrer Mitte, welche den Auftrag erhielten, in der Angelegenheit beim Betriebsleiter Hannmann vorstellig zu werden und um die Gründe nachzusuchen, die zur Entlassung des erwähnten Kollegen geführt haben. Dieser Kommission wurde nun bei Ausführung ihres Auftrages eine Behandlung im Kontor zuteil, wie man sie r,r unter anständigen Leuten wohl nicht erwartet hätte. Der Be- triebsleiter H a n n m a n n geriet auf die in ruhigen und sachlichen Worten vorgetragene Anfrage der Kommissionsmitglieder in große Erregung und bezeichnete es als eine„Frechheit" und„Unver- schämthcit", daß man von ihm die Gründe der Entlassung hören wollte. Er verwies die Kommissionsmitglieder aus dem Kontor, verfolgte sie nach ihrem Betriebsraum und erklärte sie dort unter mehrfachen Beschimpfungen als entlassen. Die schlichte Schilderung dieser Vorgänge, welche die drei ent- lasscnen Rommissionsmitglieder in einer stark besuchten Betriebs- Versammlung gaben, rief dort fortdauernd Entrüstungsstürme her- vor. In der sich daran anschließenden Diskussion wurden die Zu- stände im Betriebe der Firma B e ch st e i n als die traurigsten und rückständigsten in der ganzen Holzindustrie hingestellt. Die Ge» werbeordnung schreibt vor, daß in jedem Fabrikbetriebe ein Ar- beiterauSschuß aus der Mitte der Beschäftigten gewählt werden soll, der gehört werden muß. Die Firma Bechstein setzt sich über solche gesetzlichen Bestimmungen hinweg; bei ihr gibt es einen solchen Fabrikausschutz nicht. Nachdem noch das rigorose Vorgehen des Be- triebsleiters scharf gegeißelt war, wurde von den über 400 Ver- sammelten e i n st i m m i g eine Resolution angenommen, welche gegen die unwürdige Behandlung der gematzregelten Kommissions- Mitglieder durch den Betriebsleiter Hannmann energischen Protest erhebt und ihre Entrüstung ausdrückt über die persönlichen Belei- digungen, die derselbe den Kommissionsmitgliedern ins Gesicht schleuderte. Die Versammelten gelobten, durch weitere unermüd- liche Stärkung der Organisation die vorsintflutlichen Verhältnisse bei der Firma Bechstein zu beseitigen; Die Branchenleitung des Holzarbeiterverbandes erhielt dann durch die Versammlung den Auftrag, in Sachen der gematzregelten Kollegen die weiteren Mahnahmen zu ergreifen. Die„objektiven Behörden". Wiederholt ist im Reichstag und anderswo von Regierungs- Vertretern erklärt worden, daß die Behörden bei den Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern durchaus objektiv und u n- parteiisch vorgingen, daß sie nur bemüht seien, die Orb- nung aufrechtzuerhalten. Dabei bringt jeder Tag neue Beweise dasür, daß die Behörden bei Streiks und Lohnkämpfen durchaus im Interesse des Unternehmertums eingreifen. Im„Paradiesgarten" in Treptow wurden azn Sonnabendabend sämtliche Kellner entlassen. Der Wirt, Herr tz i l l e r, unterschob seinen Angestellten die Absicht, sie wollten doch plötzlich streiken. Das war durchaus nicht der Fall; wohl aber hatten die dort beschäftigten Kellner sich bemüht, mit Hilfe ihrer Organisation Unterhandlungen mit Herrn H i l l e r über Ver- besserung der Löhne anzubahnen.— Am Sonntag überboten sich die gewerbsmäßigen Stellenvcrmittler, Arbeitswillige zu senden. Die Organisation machte von ihrem Koalitionsrechtc Gebrauch: Streikposten suchten die über den Streik nicht unterrichteten Kol- legen über den Stand der Dinge zu unterrichten. Ein ganzes Heer von Polizisten in Uniform und Zivil war aufgeboten, um die Kellner an der Ausführung ihres gesetzlich gewährleisteten stkechtes zu hindern. Nicht weniger denn 15 Mann wurden ver- haftet. Es wurde ihnen angedroht, daß sie, ein zweitesmal „erwischt", 24 Stunden in Ha st bleiben würden. Die Arbeitswilligen wurden am Abend in einem M o t o r- b o o t, begleitet von Polizeibeamten und Polizei Hunden an das Rummclsburger Ufer gebracht. Einer der Arbeitswilligen wurde als ein Kellner erkannt, der am Sonntag zuvor im Z e n n e r scheu Lokal mit der Kasse durchgebrannt war. Es bedurfte eines ganz energischen Auftretens der Geschädigten, ehe der Gendarm sich dazu bequemte, den Durchbrenner zur Wache zu bringen. Das gehe ihm nichts an, so meinte der Gesctzcswächtcr. Er beschränkte sich denn auch darauf, den Namen des Betreffenden festzustellen; dann ließ er ihn wieder laufen. Dem Wirt, bei dem die Streikenden Lerantw. Redaktepr: Albert Wachs. Berlin. Jnjeratenteil berantw.� und die Streikposten sich aufhielten, ivurde schon nach 11 Uhr Feierabend geboten, obgleich er bis 12 Uhr nachts Konzession hat. Auch die Straßenbahn mutzte dazu beitragen, die Ar- beitswilligen zu schützen. Die Angestellten der„Großen" waren beordert, die Herren Arbeitsbeflissenen zwischen den Halte- stellen aufzunehmen, damit sie ja von jeder Berührung mit ihren streikenden Kollegen bewahrt blieben. Herr Hiller, der„lieber 10 000 Mark in die Spree schmeißen" wollte, als die bescheidenen Forderungen seiner An- gestellten, die zum Teil 10 Jahre im Betrieb waren, zu bewilligen, gibt den Arbeitswilligen jetzt mehr, als die alten Leute verlangten. Nach berühmten Mustern._ Achtung, Schneider und Schneiderinnen! Bei der am 17. Juni d. I. erfolgten Wahl der Delegierten zum Vcrbandstag zu Köln wurden insgesamt 2315 gültige Stimmen abgegeben. Hiervon er- hielten Kunze 2016, Ritter 1829, Hansmann 1820, K o t s ch 1817, Knoop 1815, Müller 1803, R e i m a n n, Frau, 1786, Gebauer 1746, Brühl 1740, Dierks 1733. König 1710, H ö p f n e r 1697, Bresemann 1671, R o l o f f 1639, B eh r e n d, Fräulein, 1603, D o r i tz, 1596, R i e g e r 1582, Malo nek 1677, Esser 1550, Reinke 1545, Aide 1531, P e e tz 1488, Brockmann 1420, Havemann 1407, Malis 1303, Gramatke 1268, Schwarze 1191. Ungültig waren 142 Stimmzettel, 9 Stimmen waren zersplittert. Gewählt sind die zwanzig zuerst Genannten. Verband der Schneider und Schneiderinnen, Filiale Berlin I. Die Ortsverwaltung. Die Barbier-, Friseur- und Perllckenmachcr-Zwangsinnung zu Schöneberg versendet im Namen des Herrn Obermeisters Friedrich Müller, Gustav-Freitag-Stratze 3, an die tariftreuen Arbeit- geber, welche im„Vorwärts" veröffentlicht werden, folgendes Schreiben: Hierdurch werden Sie nochmals auf Z 10a obigen Statuts, Nachtrag vom 22. Januar 1912, hingewiesen, nach welchen Ver- öffentlichungen über Sonderabschlüsse und Arbeitsverhältnisse verboten sind. Wir ersuchen höflichst, dafür zu sorgen, daß Ihre diesbczüg- liche Namensaufführung im„Vorwärts" nicht mehr geschieht. Andernfalls wir genötigt sind, gegen Sie eine erstmalige Strafe von zehn Mark festzusetzen. Wenn die Leitung der Zwangsinnung glaubt, mit solch ungc- setzlichen Bestimmungen die Tarifbewegung totschjagen zu können, so irrt sie. Derartige Straffestsctzungen sind wiederholt für rechtsungültig erklärt worden, weil bei der Zwangsinnung keine festgesetzten Lohntarife bestehen. Es sei bei dieser Gelegen- heit daraus hingewiesen, daß folgende Schöneberger Arbeitgeber mit dem Verband der Friseurgehilfen den Tarifvertrag abgeschlossen haben: Ebersstr. 74 Müller, Feurigstr. 45 Liebs, Goltzstr. 46 Rassel, Hohenfriedberg Straße 1 und 27 A b e l t und Härtel. Verband der Friseurgehilfen. DeutfcKes Reich- Die Verhandlunge« des Zentralschiedsgerichts für das Baugewerbe. nahmen dieses Mal fünf Tage in Anspruch. Von den 42 Ver- Handlungsgegenständen fanden nur 32 ihre Erledigung. Es ist bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen worden, daß in einer Anzahl von Ortsverbänden die Unternehmer wiederholt den Ver- such unternahmen, mit ihren Arbeitern durch besondere Verein- barungen bestimmte durch den Vertrag festgesetzte Vertragsbcdin- gungen abzudingen; wieder andere versuchen durch gewisse Mani- pulationen den Vertrag zu umgehen, um sich auf diese Weise vor Erfüllung der Vertragsoedingungen zu schützen. Das Zentral- schiedsgericht hat durch eine grundsätzliche Entscheidung die Ab- dinglichkeit des Vertrages für unzulässig erklärt. Von Bedeutung ist eine Entscheidung, wonach die Jnanspruch- nähme der ordentlichen Gerichte gegen die Entscheidungen des Jen- tralschiedsgerichts dem Tarifvertrag widerspricht und daher uuzu- lässig ist. Die nächste Sitzung wurde für den 9. Juli vereinbart. Arbeitswillige Apachen. Ein Trupp der in Görlitz im Betriebe der Waggonfabrik internierten Arbeitswilligen hat Sonntag morgen auf der zum Bahnhofe führenden Berliner Straße einen regulären Ueberfall verübt. Sie hatten sich in einem dort befindlichen Nachtcafe fest- gesetzt. Als drei vom Bahnhofe kommende Streikposten, die ab- gelöst worden waren, den Weg in die Stadt nehmen und auf der anderen Seite der Straße an dem Cafe vorübergingen, stürzten an 20 dieser Rowdys heraus, überfielen die Streikhosten und hie- ben' mit ihven starken Stöcken in fürchterlicher Weise auf sie und die ihnen in den Weg kommenden Passanten ein, so daß das Blut in Strömen floß. Von den drei am ärgsten Mißhandelten, die sich auf der nächsten Unfallstelle verbinden lassen mußten— zwei wur- den danach ins Krankenhaus übergeführt—, sind zwei Personen, die am Streik überhaupt nicht beteiligt sind. Einem von diesen Geschlagenen ist außer einer Anzahl Löcher, die ihm in den Kopf gehauen wurden, das Nasenbein zertrümmert worden. Wie wild- gewordene Bestien haben diese Apachen gehaust. Die Polizei war machtlos gegenüber diesem Gesindel. An demselben Morgen haben dann die Streikbrecher einen Ueberfall auf die in der Nähe der Fabrik friedlich stehenden Streikposten unternommen. Nur mit Hose und Hemd bekleidet stürzten sie aus einer neben dem Fabrik- tor befindlichen kleinen Tür, die bisher von den Arbeitern nicht benutzt werden durfte, und hieben mit ihren Knütteln auf die Streikposten ein, von denen einer schwer verletzt wurde. Weiter wurden am Tage und in der Nacht Passanten von herumstrolchenden Katzmareks angefallen und bedroht. Ein Werkmeister wurde an- gebrüllt:„Wat guckst Du Hornockse, ich haue Dir den Schädel ein!" Ein Spaziergänger, der gegen Mitternacht nach Hause kam, wurde von zwei Katzmarets angefallen und bedroht:„Wir suchen Streik- Posten; es sind 8 Mann draußen; wenn wir die erwischen, sind sie alle geliefert.". In einer Versammlung der Frauen der Streikenden, die am Montag abend stattfand, wurde mitgeteilt, daß die Mitglieder des gelben Arbeitervereins des Betriebes Hand anlegen mußten bei der DeSinfizicrung der Strohsäcke und Decken für die dem Staate nützlichen Elemente._ Die Kriegserklärung der mitteldeutschen Metall- industriellen hat folgenden Wortlaut: „Unser Mitglied, der Verein der Metallindustriellen der Pro- vinz Hannover und der angrenzenden Gebiete, hat am 27. Mai 60 Proz. seiner Belegschaft entlassen, nachdem der bei einem Teil seiner Mitglieder ausgebrochene Streik trotz weitgehender Zu- geständussse nicht beigelegt werden konnte. Die Verbandsgruppe Hannover, Halle(Saale), Magdeburg des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller hat beschlossen. den Verein der Metallindustriellen der Provinz Hannover und angrenzenden Gebiete in dem ibm von den Gewerkschaften aufgezwungenen Kampfe zu unterstützen. Dieser Beschluß hat die Genehmigung des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller gefunden. Die Hannoverschen Industriellen haben wiederholt den streikenden Arbeitern und der Oeffentlichkeit gegenüber erklärt, daß sie zu einer Verständigung im Wege derAuZIprache bereit seien. Nachdem die streikenden Arbeiter die dazu gebotene Gelegenheit nicht ergriffen haben, wird in Ausführung des vorstehenden Be- fchlusses am Abend des 22. Juni in sämtlichen der unterzeich netenGruppea n gehörendenBetrieben die Entlassung von 60 Proz. der Arbeiterschaft eintreten, wenn bis dahin nicht alle inner- TH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstäls' halb des Hannoverschen Vereins bestehende« Arbeiterbewegungen beigelegt worden sind. Hannover, Halle(Saale), Magdeburg, 17. Juni 1912. Verbandsgruppe Hannover, Halle(Saale), Magdeburg des Gesamt» Verbandes Deutscher Metallindustrieller." Demgegenüber ist zu erklären: 1. Es sind keine weitgehenden Zugeständnisse gemacht. Während die Arbeiter die Forderung nach 64 stündiger Arbeitszeit wöchentlich aufgegeben haben und nur noch eine 66 stündige ver- langen, wie sie die Frankfurter Industriellen unter Mitwirkung des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller erst kürzlich festgelegt haben, wollen die hannoverschen Industriellen nur 67 Stunden be- willigen, die Verkürzung auf den Sonnabend verlegen und keinen vollen Lohnausgleich eintreten lassen. 2. Die Hannoversche?! Industriellen haben allerdings erklärt, daß sie zu einer Verständigung mit den Arbeitern im Wege der Aus- spräche bereit seien. Sobald aber die VcrhandlungSkommissionen vorstellig wurden, sind sie in der empörend st en Weise behandelt und ohne Resultat fortgeschickt worden. DaS Verständigungsangebot war also eine glatte Komödie._ Sind Tarifverträge steuerpflichtig? Wie die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" berichtet, hat der Finanzminister vor einiger Zeit eine prinzipielle Entscheidung darüber getroffen, ob die Tarifverträge und Schiedssprüche der gewerbegerichtlichen Einigungsämter steuerpflichtig seien. Er hat jetzt dahin entschieden, daß der Hauptvertrag der Steuer nicht unterliege, weil sich darin die Bestimmung befindet, daß die Gel- tendmachung irgendwelcher vermögensrechtlicher Ansprüche aus dem Vertrage ausgeschlossen sei. Dagegen seien die örtlichen Ver- träge stempelsteuerpflichtig, und zwar erfordern sie einen Vertrags- stempel von 3 Mark, da sie die obige Bestimmung des Hvupiver- träges nicht enthalten. Kusland. Der Streik der französischen Seeleute dehnt sich weiter aus. In Marseille wurde eine Abstimmung über den Generalstreik vorgenommen. Die Seeleute und Dock- arbciter traten mit großer Mehrheit für den Generalstreik ein. In Bordeaux beschlossen die Arbciter, einen 24stündigen Demonstrationsstreik zu inszenieren. In T o u l o n und D ü n- kirchen steht die allgemeine Niederlegung der Arbeit in Kürze bevor. In Ronen ist der Streik der Seeleute wirkungslos ge- blieben, weil zahlreiche Arbeitswillige eingestellt worden sind, so daß der Verkehr aufrechterhalten werden kann. Dagegen ist in Saint Mala und Brest der Seemannsstreik bereits voll- kommen beendet, da hier den streikenden Seeleuten alle Forde- rungen glatt bewilligt worden sind, worauf sie die Arbeit wieder aufgenommen haben. K-ctzte N�cfmchtcw. Zugzusammenstost bei Leipzig. Leipzig, 19. Juni.(W. T. B.) Heute abend kurz nach 1/28 Uhr fuhr in der Nähe von G a s ch w i tz der um 7,25 Uhr vom hiesigen bayerischen Bahnhof abgegangene Personenzug 2406 einem Güterzug in die Flanke. Soweit bisher festgestellt ist, wurden fünf Personen getötet und zwölf bis fünfzehn ver- letzt. Der Materialschaden ist bedeutend. Wie weiter gemeldet wird, wurde das Eisenbahnunglück bei Gaschwitz dadurch veranlaßt, daß der Zug Nr. 2464 mit einem von Borna kommenden Personenzug, der das Haltesignal überfahren hatte, zusammenstieß. Unter den Toten befindet sich auch der Zugführer des Bornaer Zuges. Die Schwerverletzten sind mittels Krankenautomobile nach Leipzig gebracht worden. In das Leipziger Krankenhaus sind 2 Tote eingeliefert worden, der Zugführer des Bornaer Zuges Erler und eine unbekannte Frau, ferner 19 mehr oder weniger schwer verletzte Personen._ Schreckliche Einsturzkatastrophe. Bühl bei Gcbweiler, 19. Juni. iW. T. 58.) Ein Gebäude der Firma E. Regelet ist heute eingestürzt, wobei zwei Männer und eine Frau getötet, neun Personen, darunter zwei schwer, verletzt wurden. Zu der Einsturzkatastraphc bei der Firma E. Rogelet werden noch folgende Einzelheiten gemeldet. Sechzig Arbeiter, die in dem Webereigebäube beschäftigt wurden, sind unter den Trümmern be- graben worden. Tot sind zwei Männer und zwei Frauen, verletzt 15 Personen, darunter zwei oder drei schwer. Mit den Auf. räumungsarbeitcn ist begonnen worden; die Feuerwehren aus Bühl und Gebweiler, sowie verschiedene Sanitätskolonnen erschienen jo». fort auf der Unglücksftätie. Die Ursache des Einsturzes konnte noch nicht ermittelt werden. Vom marokkanischen Kriegsschauplatz. Paris, 19. Juni.(P.-C.) Wie aus Fez gemeldet wird, ist General D a l b i e z gestern mit einer aus 4 Bataillonen In» 'anterie, 2 Eskadronen Kavallerie und 3 Batterien Artillerie be» stehenden Kolonne von Fez aufgebrochen, um eine militärische Ex- pcdttion nach der südlichen Umgebung der Stadt zu unternehmen. Das Ziel der Kolonne ist El Hadjib. Von dort aus wird sich General Dalbicz gegen die unbotmäßigeir Beni MTir und die Geruan wenden. In den letzten Tagen ist die Umgegend von Sefru durch die französische Artillerie von mehreren kleinen feindlichen Harkas gesäubert worden. Aus der Gegend am Muluhaflusse wird gemeldet, daß eine Karawane mit Lebensmittckn. die von Beni Tafit kam, am 13. Juni bei Tazugeit von einer 60 bis 80 Mann starken Abteilung der Berber angegriffen wurde Die Karawane, die von einer Abteilung Truppen begleitet war, konnte die An- greiser erst nach lebhaftem Kampfe zurückschlagen. Auf französischer Seite wurden 6 Schützen und 3 Eingeborene gctötci. Die chinesische Frauenbewegung. Schanghai, 19. Juni.(Agcnce d'Extreme Orient.)' Die chi- nesischen Frauenrechtlerinnen betreiben die Vorbereitungen zu einem Kongreß, für den sie auf die Beteiligung zahl- reicher Frauen und junger Mädchen rechnen. Sie geben ihrer esten Zuversicht Ausdruck, daß sie für die Frauen das a k t i v e u n d passive W a h l r e d�i erringen werden. Linglaungs u. die Vorsitzende des Frauenstimmrechtsbundes von Schanghai, kündigt an, daß ihre Anhängerinnen darauf dringen werden, die Gleichstellung der beiden Geschlechter zu erreichen und daß sie ferner für die Unterdrückung der Viel- w e i b e r e i, der Sklaverei und der Prostitution eintreten werden. Ter chinesische Nationalbund der Fraucnstimmrecht- lerinnen wird in sechs Unterabteilungen zerfallen: Finanzwesen, Erziehung. Berkchrssragen usw.. deren jede von einer Vorsitzenden geleitet werden wird. Zweigverciue des Bundes sollen in allen großen Städten ins Leben gerufen werden._____ KaulSinger �Eo.,BerlinLM Hierzu 3 Beilagen u.UntrrhaltungSbl, Ur. 141. 29. Jahrgang. 1. Kilage des„ DMetstag,29. Inn! 1912. Quittung. Im Monat M a i gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Am S. 9. Württemb. Ar. 3. Du. 225,33, Kempen 3. Du. 57,29, Duisburg-Mülheim, 3. Du. 747,13, 18. hannov. Kr., 3. Du. 494,40, Köln Stadt u. Land 3. Du. 1811,08, Altlirch-Thaun 3. Du. 18,08, Darmstadt Gr. Gerau, 3. Du. 524,97, Hamburg f. Binnenschiffer 86,30, 12. hannov. Kr., 1. u. 2. Du. 382,—. 3. Küllichau-Crosscu. 3. Du. 106,34, 17. württemb. Kr. 3. Du. 42,39. 4. Freiburg i. Br., 3. Du. 124,49, Kalau-Luckan, 3. Du. 276,38, 2. bad. Kr., 3. Du. 105.71, Cöln Reg. W. 20,—, 6. Dschersleben-Halberstadt, 1. u. 2. Du. 993,59, 6. bad. Kr., 2. Du. 82,77, Falkenberg D./S. A. L. 3,—, 7. 2. sächs. Kr. o konto 1000,—, 8. Bez. Breslau f. 11 Kr., 3. Du. sGoldberg-Liegnih 851.06, Guhrau-Steinau 5,67, Militich-Trebiiitz 27,72, Wartcnberg Dels 23,31, Breslau-Land 423,44, Dhlaii-Niinptsch 80,58, Brieg- Namslau 77,—, Neustadt D.-S. 25,40, Falkenberg-Grottkau 2,64, Neisse 16,40, Glogau 28,62) Sa. 1061,84, Mühlhansen-Langensalza 3. Du. 164,47, Berlin, Uebersch. einer Kranzspende d. P. Sch. 4.05. 9. Dberbarnim 3. Du. 136,04, 8. u. 10. schlesw.-holst. Kr. 3. Du. 2385,—, Hanau-Gelnhausen 3. Du. 1525,06, Prenzlau-Angermiinde 8. Du. 57,85, Eisenach 200,—. 10. Hagenan-Weißenberg 3. Du. 14,48, 4. bad. Kr. 3. Du. 69,20, Coblenz-St. Goar 3. Du. 31,10, Eßlingen 5. württ. Kr. 3, Du. 644,45, Dllweiler- St, Wendel 2. u. 8. Du. 46,62, Berlin, Uebersch. v. d. Kranzsp. d. Koll. d. Fa. Niewe 6.30. 11. Hanau-Geluhausen Nest v. 3. Dil. 250.—, Salzwedel- Gardelegen pr. 4. Du. 1910/11 70,09, Bez. Kattowitz f. Binnen» schiffer 93,10, Bez. Kattowitz 2. u. 3. Du.(Gr. Strelitz-Cosel 15,60, Gleiwitz-Lublinitz 40,50, Benthen-Tarnowitz 203,10, Kattowitz 139,05, Pleß-Rybnik 16,44, Natibor 48,24, Creutzburg-Rosenberg 8,40, Dppeln 15,60, Leobschntz 15,30) Sa. 502,23. 13. Sorau-Forst 8. Du. 404,52, Stendal-Dsterburg 3. Du. 190,90. 14. 13. württemb. Kr. 3. Du. 32,66, Berlin IV. 50, T. 11,—, Pforzheim- Durlach 2. Du. 545,32, Blaubeuren-Lanpheim 3. Du. 4,13, Saar- burg-Salins 3. Du. 2,40, Oldenburg I 2. Du. 233,—, Potsdam- Dsthavelland 3. Du. 502,56, Berlin, v, d. Koll. d. deutsch. Telephon- werke 3,—. 13. SchlcSlvig-Eckernkörde 3. Du. 202,72, A. G. Diäten 48.—. Dessau- Zerbst 2. Du. 718.05. 17. 3. bad. skr. 3. Du. 80,83, Hannover a konto 3. Du. 3000,—, Wolmirstedt- Neu- Haldensleben 3. Du. 371,56, Dffenburg- Kehl 3. Du. 86,82, Wcstpreußcu f. 13 Kr. 3. Du. lElbiug-Marienburg 81.60, Danzig- Land 84,83, Danzig-Stadt 279.66, Neustadt-Karthaus 3,43, Bereut- Pr.-Stargard 1,84, Stuhm- Marienwerder 5,70, Rosenberg- Löbau 1.—, Graudcnz- Strasburg 18,15, Thorn« Kulm 4,60, Schwetz 3.30, Konitz-Tuchel 2,35, Schlochau 2,60, Dt.-Krone 10,15) Sa. 499,26, Rastatt 8. bad. Kr. 3. Du. 93,52, Laudsberg-Soldin 204,90. 18. Brandenburg- Westhavelland 3. Du. 807,98, Bochum- Aelsenkirchen 3. Du. 1064,65. 29. Bez. Dberlangcnbiclau f. 5 Kr. 3 Du.(Waldenburg 513,18, Hirschberg 161,31, Rcichenbach-Neurode 306,12 Striegau-Schweidnitz 450,27, LandeShut-Jauer 177,60) Sa. 1608,48, Bez. Dberlangenbielau Ag. Zuschuß zurück 225,—, Neuwieda. Rh. 3. Du. 35,86. 21. Berlin J.K. 1,—, Cannstadt3.Du. 1158,87, Karlsruhe-Bruchsal 3. Du. 483,54, Psorz- beim-Durlach 602,75, Berlin. Koll. d. Rcp.-Werkst, d. Gummiwerks Dbersprce 2,70, Gcsamm. in d. Heimst. Buch 6,25. 22. Frankfurt a. M. 3. Du. 2048,—, Altenburg S.-A. 8766,24, Chemnitz 16. sächs. Kr. a konto 3000,—, Wurzen-Dschatz 11. sächs. Kr. 400,—. 23. Husum 4. schleSw.-holst. Kr. 3. Du. 64,64, 8. württemb. Kr. 8. Du. 83,04. 24. 12. württemb. Kr. 3. Du. 16,62. 2S. Lübeck 8. Üu. 1064,50, Lübeck f. Binnensch. 3. Du. 4,40, CotlbuS-Spremherg 8. Du. 391,14. 28. Bern P. L. 50,—. Saarbrücken 3. Du. 104,60. 29. 14. sächs. Kr. 500,—, Paderborn 5,45, Uebersch. d. VorivärtS pr. 1. Du. 1912: 54 155,10, Dresden f. Binnensch. 24.—. 39. Berlin, Dr. L. A. 100,—, Gau Südbayern f. 21 Kr. 8. Du. (München I. u. II. 3394,68, Aichach 149,52, Ingolstadt 47,50, Wasserburg 27,—. Weilheim 128,22, Rosenheim 231,60, Traunstein 59,50, Laudshut 64,40, Straubing 26,70, Passau 9,48, Pfarrkirchen 12,88, Deggendorf 15,66, Kehlhcim 2,82, Augsburg 298,80, Donauwörth 12,—, Dillingen 6,08, Jllertissen 36,02, Kaufbenren 22,50, Jmmcnstadt 137,30, RegcnSbnrg 101,32), Summa 4783,98. 31, Braunschwcig 1. Kr. 3. Du. 1358,01, Calw 158,03, Berlin, Knabe 3,—, Lese- u. DiSk.-Klub Joh. Jacobh 5,—, Uebersch. d. RiärzkrauzcS von d. Kolleg, der Deutschen Waffen- lt. Munitions- fabr., Werke Willeuau 156,—, Berlin, A. B. 50,—, H. H. 50,—, Meske-Schlachtcnsee 10,—, Stendal, z. Gust. G. v. Gun. 12,—, Schlvarzbiirg-SonderShausen 3. Du. 195,72, 11. Württ. Kr. 3. Du. 92,53, Gr.-Bcrlin a konto seiner 8 Wahlkreise 15 000,—(Darunter: Ungeimnnt d. Rausch 5,—, Kassensturz b. Rausch 2,—, b. d. Beerdig. d. Frau d. Gen. Schmidt. Bez. 46, 47, 49, 70a 2,65, Kranzübersch. Konsumverein und Qualitätsware» Die Frage, ob Teutschland seine gesamte Produktion immer mehr von allem. Minderwertigen befreien, sie immer en engischer auf das Niveau des Vernünftigen, des Guten und Schönen einstellen wird, entscheidet sich nicht zum wenigsten an den Ansprüchen der konsumierenden Masse. In, solcher Erkenntnis wurzelt die unge- hcure Bedeutung der Konsumvereine für die kulturelle Entwiche- lung, eine Bedeutung, nicht geringer als die wirtschaftliche, über die heute nicht mehr gestritten werden, kann. Das Verlangen der Konsumvereine sieigert unwiderstehlich die Dualität der War«. Das gilt besonders dort, wo die Produktivaenvssenschaft erfolgreich das Privatlapital in der Herstellung dieser Ware abzulösen vermag. ES komm: nur alles darauf an, daß die organisierten Konsumenten wirklich und rüchsichtÄos. über den wirtschaftlichen Vorteil hinaus. den Gewinn einer DualitätSsteigerung verlangen. Auch das gilt wiederum doppelt für die eigene Produktion der Konsumenien. orgamsation. Wie sehr die deutschen Konsumvereine ihr Recht und ihre Pflicht zur'Dualität begriffen haben, kann mau auf der jetzigen AuSstelfunn(im Clou) sehr gut sehen. Die Gegenüber- Stellung einer allen B-rliner Kcllerbackerei und einer neuen, ge- nossenschasllichen Großbäckerei zeigt daS freudige Vevständnis für die organisierte Qualitätsarbeit. ES ist nur selbstverständlich, daß solcher Wille zur Dualität bei all den Waren, die einer Prüfung nicht so leicht zugänglich sind, wie Nahrungsmittel, miinder sicher sunktioniert. Und noch weniger erstaunlich ist es, daß bei jenen DualilätSs.ragen. die sich vcr allem auf die Fovm und den Ausdruck eines Gegenstandes be- ziehen. daS QualitälSbewußt-sein der Massen, auch der orgamsiev- ten, leicht aussetzt. Auch davon und von den Versuchen, solche, ent. wickcJüngSgeschichtlich nur gar zu bedingte Unvollkoinmenheiten zu beseingen. gibt es auf dieser Ausstellung mancherlei zu sehen. Beginnen wir mit den. Kleinigfeiteu. ES ist nicht gut. daß die Packungen der eiiizclneu Vereine, besonders aber die von dev Vor- logsanstalt hergestellten, mangelhafte Schrist und schlechtes Ornament zeigen. Die Tüte mit der Firma ist so etwas wie eine Standarte der Ware; sie muß von deren Charakter etwas deuten. Darum tut es nicht gut, die Tüten der Konsumvereine mit deka- denken Jugendstilltiiien zu bedrucken, noch ist es verständlich, warum die Ziparrenkisten der GroßeinkaurSgesellschast mit Papieren be- klebt sind von der Art jener spießbürgerlichen Reklamereißer, die durch Indianer und Romantik das Gemüt der Rouchev fangen wachten. Es dürste sich vielleicht empfehlen, für diese Dinge einmal einen öffentlichen Wettbewerb auszuschreiben: wenn man es nicht vorzieht, und da» dürste besonders füv die Verlagsanstalt richtiger sein, dem Betrieb einen gut ausgebildeten, umd geschmacklich orten- tierten Fachmann einzureihen. Das müßte ohne Schwierigkeit Möglich sein und würde sich beiiimmi rentieren. Seid klug wie die Schlangen! Macket euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Warum lassen wohl die Warenhäuser sich ihre Annoncen und v. Koll. Czarnikow, Neubau Tietz 12,50, Krüger 5,—, Märzkranz- Überschuß d. Koll. d. Firma Max Haffe 13,—, Flatauer, Müller- slraße 10,—, König Vogel 1,—, v. d. Mauthey-Säugerii 10,—, Höppuer 2,—, Ref. Dr. Herzfeld 6,—, A. B. Mister, April-Mai 2,—, Abt. 5, Uebersch. v. Vergnügen 10,—: Henry 5,40, Bravo Borchardt 3,—. Uebersch. v. Märzkr. d. Anilinfabr. Rummelsburg 13,70, Guteuberg 28,10, Extrabeitrag zum Maifonds von Weißensee 25,—, Uebersch. v. Märzkr. 1012 v. d. Arbeitern u. Arbeiterinnen d. Firma Bergiiiaiiii, Berliner Werk 250,—, 6 Monat Beiträge v. einen, roten Postbeamten aus d. Emmauuelkirchstr. 2,40, Maisouds v. Crosse d. Duappe 10,—, Tellersaminl. 10. Mai Lipps 451,38, Urania 59,65, Kliem 79,45, Kastanieuwäldcheu 249,33, Pharussäle 215,12, Stadttheater 202,16. Berlin, den 18. Juni 1912. Für den Parteivorstand: I. V.: Dtto Braun, Lindenstr. 8. Wir haben unter Nr. 7913, A. Gcrisch, F. Eberl, D. Braun, Berlin, Lindeustr. 3, beim Postscheckamt Berlin ein Postschcckkoilto und ersuchen daher dniigcnd, alle Geldsendungen mittels Zahlkarte aus unser Postscheckkonto zu bewirken. Es können darauf an jedem Postschalter Beträge bis 10 000 M. portofrei für uns eingezahlt werden. Zahlkarten mit eingedruckter Adresse senden wir auf Wunsch zu. Die Reorganisation in der Partei. bs. Der letzte Parteitag hat beschlossen, eine Kommission einzusetzen, die eine Vorberatung über die Reorganisation der Parteieinrichtungen pflegen sollte und die gehalten war, etwaige Vorschläge dem lammenden Parteitage zu unterbreiten. Die 22er Kommission hat ihre Arbeiten beendet und die von ihr als notwendig erkannten Aenderungen in einer Vorlage zu- sommengefaßt und veröffentlicht. Die Beitragsfrage, die Bildung eines Parteiausschusses und die Vertretung der Reichstagsfraktion auf dem Parteitage dürften die wichtigsten Gegenstände der Er- örterungen sein. Die Beitragsfrage ist in einer Weise zu lösen vorgeschlagen, die unseren Beifall nicht findet. Der Mindestbeitrag für Männer soll danach, wo der Bettrag monatlich erhoben wird, 40 Pf., wo er wöchentlich erhoben wird, 10 Pf. betragen. Die weiblichen Mitglieder sollen mindestens 20 Pf. bezw. 5 Pf. bezahlen. Diese vorgeschlagene generelle Beitragserhöhung halten wir nicht für ratsam. Die Durchführung der Beitragserhöhung von 20 auf 30 Pf. hat erst im Jahre 1910 die allergrößten Schwierigkeiten bereitet. Wir glauben, daß die jetzt beabsichtigte Erhöhung unseren Entwickelungsgang nicht sonder- lich fördern dürfte. Anerkannt muß ja werden, daß die Verpflich- tungen der Partei ständig wachsen, und daß, wenn so mancher Wunsch der Genossen erfüllt werden soll, auch an die notwendige materielle Grundlage gedacht werden mutz. Richtig ist auch, daß die bisher aus den Beiträgen sich ergebenden Einnahmen keineswegs ausreichten, um die notwendigen Ausgaben zu decken. Ganz ab- sehen wollen wir von den Kosten des Wahlkampfes, die eigentlich auch als wiederkehrende, und zwar sich steigernde Ausgaben bei dev Erschließung der' ständigen Einnahmequellen mit berücksichtigt werden müßten. In den regulären Einnahmen au» Beiträgen finden weder hie meisten Wahlkreise noch der Parteivorstand die notwendige Deckung! Die Zuwendungen aus der Zentralkasse an die bedürftigen Wahlkreise machten im Jahre 1910/11 einen Be- trag aus von rund 475 000 M.! Diese Tatsache beweist, daß eine ungemein große Zahl von Kreisen noch nicht imstande war, aus eigener Kraft heraus die finanziellen Auswendungen zu decken. Die Zentralkaffe vereinnahmte aus den ihr überwiesenen regulären Beiträgen die Summe von 691975 M.; sie verausgabte aber ins- gesamt 897 180 M. Es würde mithin ein Defizit von 205 205 M. entstanden sein, wenn nicht der Zentrale noch andere Einnahmen zugeflossen wären. Tie besonderen Einkünste der Hauptkasse de- ruhen auf Uebcrschüssen aus Parteigeschästen, aus freiwilligen Ucberweisungcn, Stiftungen u.dgl. Eine Finanzierung, die aus solche regellose Einkünfte angewiesen ist, bietet gerade in den Schwan- kungen kein erfreuliches Moment. Immerhin hatte die Zentrale 1910/11 schließlich eine Gesamieinnahme von 1357 761 M., der die Plakate von trefflichen Künstlern enitverfen. Nur darum, weil solche, vom Künstler disziplinierte Reklame doppelt wirksam ist. Sollten die Konsumvereine nicht ein Recht Habens ihr hohes Ideal in Zeichen zu prägen, die sich unvergeßlich einbrennen. So etwas zu leisten aber vermag nur eine künstlerische Begabung. Indessen, es gibt noch Wichtigeres. Auch die Buchbinder- arbeiten der Vcrlagsanstalt lassen zuweilen die pflegende Hand eines ausdrucksstarken, FormwillenS vermissen. Es wird wahrhaftig keine Artistik reklamiert, kein feminines Getändel. Aber gerade darum, sollte mit Schlinglinien, und allem unklaren Zierat möglichst vorsichtig umgegangen werden. Auch durch den Einband eines Buches, selbst durch den schlichtesten, kann der Charakter seines Be- sitzers dokumentiert werden. Eine so geartete Produktionsgesinnung aber wird unter keinen Umständen Ansichtskarten herstellen, die auf der Ausstellung der Koirsumvcrcine zu treffen» allerdings der- stimmt. Diese süßen und Mit dem schalem Parfüm der Entartung getränkten Animierkorten, die zwischen Haideröslein und Lohengvin pendeln, die zuweilen auch um ein Loch im Zaun kreisen, sind ge- eignet, den unfreundlichen Betrachter von dem entscheidenden Ziel der Konsumentenibewegung, von der charaktervollen Dualitätsware abzulenken. Aber noch etwa» Wichtigeres: die Bauten. Ein Bauwerk ist keine Zufälligkeit. Ter Petersdom repräsentiert die römische Kirche und Versailles die Sonnenkönige. Das Kaufhaus eines Konsumvereins, das Fabrikhaus einer Produktivgenossenschaft, das Mietshaus einer Baugenossenschaft, diese Bauwerke sollen das Wesen und den Willen des organisierten Volkes darstellen. Das läßt sich nicht erreichen, wenn ein Mauermeistev oder ein mittel- mäßiger Architekt alle Stilsormen zerrt und klebt. Für die Bauten des Volkes sind die besten Baumeister gerade gut genug. Rom be- nutzte den Michelangelo. Die' Genossenschaften sollten allein die ragenden Führer der modernen Architektur für würdig achten. Sie könnten sie bekommen, genau um den gleichen Preis, für den sie heute Mittelmäßigkeiten heranziehen. ES ist gar nicht notwendig, einzelne Fälle hier auszuzählen. Es genügt vielleicht zu sagen, daß allein die neue Bielefelder Bäckeoei des Bielefelder Konsumvereins wirklich ein Stück moderner Architektur ist. Auch in Hamburg steht einiges, was erträglich zu nennen wäre, vielleicht auch in Berlin. Aber im allgemeinen.... Man hüte sich diese Dinge zu unterschätzen. Man bedenke wohl, was das heißen könnte: daß die Ge- nossenschaften sich Häuser bauen, die zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt und der Zeit gehören. Die scheinbar toten Dinge sind oft die besten Waffen des Geistes und dev Kraft. __ Robert Breuer.' Kleines feuilleton. Der Grossschissahrtskanal zwischen Stetiin-Bcrlin geht seiner Vollendung entgegen und wird wahrscheinlich im Frühjahr 1913 der Benutzung übergeben werden. Seine Länae beträgt von Hohem fachen a. Oder bis Plötzensee 100 Kilomkter seine Breite 33 Beter genannte Ausgabe von 897 180 Mk. gegenüberstand. Das Wahl- jähr 1911/12 durfte ein anderes Resultat zeitigen. Bei den geschilderten Kassenverhältnissert ist es erklärlich und/ auch notwendig, darauf bedacht zu sein, in das Finanzwesen eine größere Stabilität zu bringen. Wir halten eS auch für völlig richtig, wenn eine Erhöhung der Beiträge angestrebt wird, meinen aber, daß gegen eine generelle Erhöhung, der Mindestbeiträge sehr viele Gründe sprechen. Unsere feste Drganlsalwn ist noch ver- hältnismäßig jungen Datums. Große Massen sozialdemokratisch. fühlender und denkender Proletarier haben die Notwendigkeit eines dauernden politischen Bundes noch nicht begriffen. Den Weg zur Organisation haben sie noch nicht finden können. Wir haben zwar 4� Millionen Stimmen auf unsere Kandidaten vereinigt; in der politischen Organisation haben wir aber nur zirka 1 Million Mit-/ glieder, darunter Frauen und jugendliche Genossen von 18 bis 25 Jahren. Wenn nun vorzeitig die Beiträge erhöht werden, so ist zu befürchten, daß wir uns gerade in. den kommenden Jahren.' die Werbearbeit erschweren. Die Hoffnung. darf wohl genährt werden, daß sowohl her Ausfall der Rcichstagswahl,. als auch die. politischen Ereignisse uns gerade in denjenigen Bezirken.einen Aus- schwung in der Mitgliederzahl bringen dürften, wo bisher nur schwache Ansätze vorhanden waren. Jeder Organisator weiß, daß die Zunahme der Mitglieder nicht im Augenblick der Ereignisse ein- tritt, sondern mmer eine geraume Zeit später.' Das kommende/ Jahr dürfte uns. erst die Ernte unserer Arbeit bringen. Was wir. tun können, um den Hagelschauer— Beitragserhöhung— zu verhindern, sollten wir tun. Im Augenblick der günstigen Nach- Wirkung unseres Wahltriumphes sollte alles vermieden werden. was den Erfolg beeinträchtigen kann.' Ter Parteitag kann in der Beitragsflage nichts Bessere? tun, als eine abwartende Stellung zu proklamieren. Damit könnte verbunden werden eine Aufforderung, daß die einzelnen Wahl», kreise mehr Bedacht nehmen müßten,, die Partei auch finanziell zu stärken. Ohne eine weitere generelle Erhöhung des Mindest- deitrages wird durch den stärkeren Zustrom neuer Mitglieder die Einnahme nicht nur gesteigert, sondern das geschieht auch durch die freiwillige Erhöhung der Beiträge in den einzelnen Wahl» kreisen. Viele Kreise haben diesen Schritt schon gemacht, manche werden ihn noch machen. Schon im vorigen Jahre waren 133 Wahlkreise vorhanden, die einen monatlichen. Beitrag von mehr als 40 Pf. erhoben! Ein Beweis dafür,, daß, nachdem wir einen Mindestbeitrag überhaupt haben, es ratsamer ist, der EntWickelung nach höheren Beiträgen vorläufig freieren Spielraum zu lassen. Im Interesse, der EntWickelung der politischen Organisation in unserem Bezirk liegt es sicher, wenn die generelle Beitragserhöhung abgelehnt wird.>; Der P a r t e i a u s s ch u ß, der neben dem Parteivorstanö zur �Teilnahme an der Leitung der Partei gesetzt werden soll, stellt eine. "Neuerung dar. Je mächtiger unsere Partei wird und damit die Vielseitigkeit der Betätigung zunimmt, um so mehr muß für eine Aussprache und Verständigung über die zu treffenden politischen Maßnahmen rechtzeitig Vorsorge getroffen tverden. Es dürfte von. niemand bezlveifclt' Werden, daß die Leitung der Partei ni.� allein mehr von einigen— wenn/auch noch jo tüchtigen Genossen— durchgeführt werden kann. Der Parteiyox stand wird m all feituft* Entscheidungen. viel.'sicherer gehen.. wenn ihm dauernd.aus dem ganzen Reiche ein Beirat gestellt wird. Ob ein regelmäßiges Zu- sammentreten, oder ein solches von Fall zu Fall, ratsamer, ist. der» mögen wir im Augenblick nicht zu beurteilen. Die Hauptsache ist,. daß eine Entscheidung der beiden Körperschaften übe» besonders wichtige, die Gesamtpartei berührende Fragen herbeigeführt wer- den kann. Das aber kann nur im vollsten Maße dqnn geschehen, wenn der Parteiausschuß aus Mitgliedern aller Landestcile qe- bildet wird. Der Vorschlag der 22cr Kommission geht, nu» dahin, den Parteiausschuß aus 32 Mitgliedern bestehen zu lassen, die aus 29 Wahlkreisen vorgeschlagen und vom Parteitag gewählt werden sollen. Damit würde, nach unserer Meinung) der gewollte Zweck■ nur sehr unvollkommen erreicht. Die natürlichste Bildung eines Parteiausschusses geschieht dadurch, daß jeder der heutigen Agi- tationsdezirke einen Vertreter zu bestellen hat. Die bestehenden Bezirke sind doch den verschiedenartigen Verhältnissen entsprechend und seine Tiefe 3 Meter. Die Bahn Berlin— Stettin überschreitet ihn nördlich von Ebcvswalde. Um die. Verbindung zwischen beiden' Ufern genügend herzustellen, mußten 40 Brücken gebaut werden.. Unter ihnen ist auch eine Brücke, die den Kanal über die Eisenbahn führt. Der Kanal wird im ganzen mit acht Schleuseminlagen ver- sehen werden,, von denen die bei Hohensathen so eingerichtet ist, daß sie einen Schlcppzug von 6 Kähnen zu je 600 Tonnen nebst Schlepp- fahrzena' auszunehmen imstande ist., Die Gesamtkosten für den Kanal betragen 43 Millionen Mark; aber der bedeutende Vorteil, den man sich durch seinen Bau für den Wasserverkehr verspricht, lohnt diese Kosten. Während aus dem jetzigen Wasserwege, der be-: kanntlich durch den Finowkanal führt, nur Kähne von 200 Tonnen verkehren können, bietet die neue, weit kürzere Wasserbahn Fahv- zeugen mit 600 Tonnen Gelegenheit zum Fortkommen. Die Erholtung der gröszten Bäume der Welt. In Australien ist gegenwärtig eine Bewegung im Gange, um die riesigen Eula« lyptusbäumc, die den Ruhm für sich in Anspruch nehmen können, die größten Bäume der Welt zu sein, unter offiziellen Naturschutz zu stellen und so vor der Vernichtung zw bewahren. Diese Bäume, deren Höhe zwischen 400 und 500 Fuß beträgt, liefern ein außer») ordentlich wertvolles Holz und sind deshalb von den Zimmerleuten so rücksichtslos zerstört worden» daß nur ein rasches Verbot des Fällens diese einzigartigen Naturschenswürdigkeiten erhalten kann. Notizen. — Max Liebermann hat sein Ehrenamt als Bürger- deputierter der städtischen Kuustdeputation niedergelegt. Er.ist der Meinung, daß besagte Kuustdeputation sich durch ihre Eröffnung: gegenwärtig außerstande zu sein, ihres Amtes walten zu können, mit- der Beurteilung der Sezession von feiten des Bürgermeisters Reicks identifiziere. — Gabriel Schillings Flucht, Gerhart Haupt- manns Drama, sollte am letzten Montag in Lauchstädt eigens für die Studentenschaft von Halle. Leipzig und Umgegend gegeben werden. Es kam aber nicht dazu, weil die Musensöhne größtenteils fern geblieben waren. UebrigenS soll ddS Werk Ende Oktober gleich- zeitig am Frankfurter Schauspielhaus und Berliner Lessing-Theater seine Erstaufführung erleben. — Frank Wedekind wurde von der Direktion des Deutschen Theaters eingeladen, den Zyklus seiner Dramen im nächsten Jahre in erweiterter Form, zu wiederholen. Ob Wedekind bloß.Mode" werden soll, bleibt abzuwarten. — Ar tut BonuS' Isländer buch, dem die gegen- � wärtig in der Unterhaltungsbeilage des.VörwäriS" laufende.Ge- schichte de? Skalden Egil" entnommen wurde, ist schon in dritter Auflage(Verlag Callwey-München) erschienen. — Wegen Erkrankung des F e u i l l e t o n r e d ak t e u r» bitten wir alle für die Redaktion des Feuilletons bestimmten � Sendungen nur an diese zu richten. en-tstanden, und wir meinen, daß danach! auch diesen der Einfluß auf die politische Leitung eingeräumt werden muß. Wenn über- Haupt die demokratische Verfassung in der Partei ausgebaut werden soll, dann muß eben jeder Bezirk berücksichtigt werden. Die Zahl der Mitglieder kann nicht entscheiden— das hat ja auch die Kom- Mission eingesehen. Denn sie hat Wahlkörper vorgesehen, die auS einzelnen Agitationsbezirken bzw. aus mehreren zusammengelegten gebildet werden sollen. Dabei kommen Wahlkörper zustvnlde, wo schon auf 5000 Mitglieder, und solche, wo erst auf 45 000 Mitglieder ein Ausschußmitglied entfällt. Damit scheint die Erkenntnis sich durchgesetzt zu haben, daß die wirtschaftlichen, sozialen und poli- tischen Verhältnisse entsprechenid zum Ausdruck kommen müßten. Aber in der Sorge, daß die leitenden Körperschaften allzu groß würden, ist die Kommission auf halbem Wege stehen geblieben. Durch das Zusammenlegen von Agitationsbezirken zu Wahlkörpern wird nicht nur der gewollte Zweck nicht erreicht, es würden sich auch leicht bedenkliche Unzuträglichkeiten zwischen den einzelnen Bezirken einstellen. Das östliche Westfalen ist beispielsweise mit dem west- Uchen Westfalen zu einem Wahlkörper zusammengelegt worden. Selbst wenn zwischen diesen beiden Bezirken eine Uebereinstimmung betreffs des Vorschlages des Ausschußmitgliedes erzielt werden sollte, so bleibt immer die Tatsache bestehen, daß in beiden Agi- tationsbezirken die verschiedenartigsten Verhältnisse herrschen. Wirtschaftlich und politisch treten hier wie dort ganz andere Fak- toren in Erscheinung, die schon jedem oberflächlichen Beobachter dieser Bezirke aufgezwungen werden. Genau so liegt es mit der Vcrschiedenartigkeit der Erwerbsverhältnisse selbst. Tatsache ist doch, daß dadurch eine andere Beurteilung der politischen Be- jätigung eintritt, die eben auch in der Parteileitung zum Aus- druck kommen muß. Im Interesse einer guten und geschlossenen Parteiphalanx liegt eS, wenn alle Gegenden des Reichs in dem Parteiausschuß eine Vertretung finden. Es ist als sicher anzunehmen, daß damit manche unnötige Auseinandersetzung in der Presse sowohl als auch auf den Parteitagen unterbleibt. Das Mindeste aber, was jedem der Agitationsbezirke, die trotz allem zu einem Wahlkörper zu- sammengelegt werden sollen, eingeräumt werden muß, ist: ein selbständiges Vorschlagsrecht. Der Parteitag, dem der Parteiaus- schuß unterstellt ist, mutz auch ein Entscheidungsrecht haben. Das hat er aber nur dann, wenn er zwischen den Kandidaten der ein- zelnen Agitationsbezirke die Auswahl treffen kann. Da, wo leine Einigung zwischen den Bezirken erzielt wird, muß dem Parteitag die Auswahl zwischen den Kandidaten ermöglicht werden. Die Vertretung der R e i chs ta g s frakt i o n auf dem Parteitage soll beschränkt werden! Offen gesagt, uns will das als nützlich nicht einleuchten. Im Gegenteil! Der Partei- tag soll doch die Kontrolle über die Tätigkeit der Fraktion üben und er muß deshalb auch grundsätzlich alle Abgeordnete zur Stelle wünschen. Das erfreuliche Anwachsen unserer Reichstagsfraktion sollte nicht gleich als Grund aufgegriffen werden, die Vertretung auf dem Parteitage zu beschränken. Gerade weil die Fraktion an- gewachsen ist, erscheint es uns um so notwendiger, alle Mitglieder auf dem Parteitage versammelt zu sehen. Die Anforderungen an die Partei bzw. an die Fraktion werden größer, und da ist eS ratsam, daß dem Parteitag für die Erörterung aller Fragen auch die Möglichkeit erhalten bleibt. Dann aber ist nicht einzusehen, daß, wenn der Fraktion nur die Auswahl einer Delegation zum Partei- tage eingeräumt werden soll, dabei völlige Parität erzielt werden kann. Alle Reibungsslächen sollten aber dann vermieden werden, wenn sie gleichzeitig die Ursachen von Verstimmungen und die Be- einträchtigung von Richtungen zur Folge haben können. Lasten wir es dahep bei dem bisherigen Zustande: die gesamte Reichstags- fraktion ist zur Teilnahme an den Parteitagen berechtigt und sie hat— abgesehen von den die Fraktion betreffenden Fragen � volles Stimmrecht,._ Hus der Partei. Parteiliteratur. Im Verlag von I. H. W. D i e tz N a ch f. in Stuttgart ist soeben erschienen: Die rote Feldpost unterm Sozialistengesetz. Von I. Belli. Preis für das gebundene Exemplar 1 M. Die jetzt zu einem Buche zusammengefaßten Feuilletons sind vor einiger Zeit in einem Teil der Parteipresse abgedruckt worden. An den Verfasser wurde von verschiedenen Seiten das Ersuchen gestellt. das Ganze als Buch herauszugeben, dem er hiermit nachkommt. Er glaubte jedSch, daß eine kurze Einleitung mit Erinnerungen aus seinen Kinder-, Lehr- und Wanderjahren dem Buche vorangestellt werden müsse, da es für die junge Generation der Arbeiter nicht ganz ohne Nutzen und Interesse sein dürfte, zu erfahren, wie sich der Werdegang des Arbeiters und Handwerkers der alten Schule im allgemeinen gestaltete. Er hofft, daß auch die vorliegende Ausgabe noch recht viele Leser finden werde. Jugendbewegung. Wir sind Deutschlands Jugend. In Naumburg a. S. wird von den Herren Ernst Heinrich Bethge, Friedrich Blüthgen und Karl Hemprich eine Zeitschrift für nationale Jugendpflege herausgegeben, die den schönen Titel führt:«Wir sind Deutschlands Jugend". Welcher Objektivität sich dieses sogenannte Jugendbildungsorgan befleißigt, geht aus einer Darstellung hervor, die es über die bekannten Vorgänge im preußischen Abgeordneten- hause bringt. I» einer Rubrik.Unsere Staatsbürger" setzt eS den jugendlichen Lesern wichtige Vorgänge des politischen Lebens in Ge- fprächsform vor. Die Ereignisse im preußischen Dreiklaffenhause werden folgendermaßen geschildert: (Wilder Gesang aus einem Nebenraum.) Wir sind Sozialdemokraten. wir sind Feinde des Lichts I Vallera I Wir essen gern Schinken und Braten, und arbeiten tun wir nichts I Vallera I Wir treten zu Boden, wer was tut und wa« hat. Unsre Hoffnung ist und bleibt auf dieser Welt der Zukunftsstaat. (Nach dem Gesänge ertönt Radau. Brüllen und Pfeifen.) Franz: Was gibts denn da? DaS ist ja fürchterlich l Friedrich: Sie spielen Landtag. Franz: Ungarischen? Friedrich: Nein, preußischen. Dw wilden.Sechs' rücken an, Franz: DaS sollten die Kameraden doch nicht tun. So ein Gebaren I Das ist ja wie in einer Tiermenagerie. Friedrich: So haben die es doch gemacht..Borchardt, Lemert und Genossen— � w. Franz: Wenn auch. Etwas Häßliches soll man me uachmacheu. Friedrich: Es hat seinen Grund. Friedrich?�Sp�one sind wieder da. JolinSky mit S.Freunden'. Als Gälte Denen wollen sie die Komödie vorführen. Hör' doch, wie Müller Franz brüllt: Gewalt I Gewalt I— Jetzt ist jedenfalls der Schutzmann bei der Arbeit. Hoffentlich versohlt er den Reklame- krakeelern das Fell gehörig, damit Jolinsky gleich unsere Meinung über den Skandal erfährt. Was sich die sechs Kerle einbilden, als ob sie die allein Berufenen wären, die Tätigkeit nneS ganzen Land- tages aufzuhalten. Staatsbürgerlicher Schwachsinn. Franz: Und diese Leute beanspruchen im Staatsleben gleiches Recht für alle! Friedrich: Ihrem Benehmen nach müßte für sie eine vierte oder gar fünfte Wählerklaffe eingerichtet werden. (Sechs Kameraden, darunter Müller Franz, betreten den Raum.) Franz: Nun, was wollt ihr? Müller Franz: Wir sind die rauSgesetzten wilden Sechs. Wir hatten die Absicht, den Landtag zu vergewaltigen. Es ist uns aber nicht gelungen. Friedrich: Seht ihr. Betragt euch wie anständige Staats- bürger, dann könnt ihr auch Anspruch machen aus Anerkennung eurer Forderungen. Mit Rüpeleien wird kein Landtag regiert, nicht mal in Ungarn. In solch unsäglich alberner Weise treibt man im.nationalen' Lager staatsbürgerliche Jugenderziehung. Aber nur weiter so, die Arbeiterjugend wird durch solche Methoden, in denen ihre Klasse und deren politische Vertretung mit Schmutz beworfen wird, gründlich über das Wesen der„nationalen" Jugendpflege unterrichtet. Hud Industrie und Kandel. Der deutsche Knochentrust. Die Industrie der Abfallprodukte ist längst aus dem Stadium der Lumpenhändlerexistenz herausgetreten. Abfall- Produkte sind heute wichtige Verwertungsmaterialien, die im internationalen Handel eine bedeutsame Stellung einnehmen. Metall- späne, zu Briketts zusammengepreßt, gehen als hochwertiges Roh- Material an die Hochöfenwerke, Eisenschlacke dient als Straßen- Pflaster der Großstädte, Knochen sind die Grundlage der kapita- listisch-großzügigen Gründungen des Scheidemantel- konzerns. des deutschen Leimtrustes! Die Scheidemantel-A.-G. hat sich von Anfang ihrer trust- artigen Ausdehnungen an darauf beschränkt, bestehende Fabriken zu verschlucken. Sie hatte planmäßig, unter Berücksichtigung von frachtlichen Gründen bei der Rohmaterialienzufuhr und der Ver- brauchsgebiete für den Warenversand, in unglaublich kurzer Zeit 18 Leimfabriken konzentriert. Erleichtert wurde ihr dies burch den Besitz einer Reihe von Patenten, die bessere Ausbeutung des Knochenmaterials gestatten, das kalte Extraktionsverfahren soll ihr einen materiellen Vorsprung vor den alten Systemen von 20 bis 30 Proz. Mehrausbeute gewährleisten. Die� nächste Arbeit, nachdem eine Zentralorganisation der Leimherstellung durch die Scheidemantelinteressenten, hinter denen die Dresdener Bank steht, geschaffen war, lief derauf hinaus, die Händler zu gemeinsamer Jntereffenwahrnehmung zu bringen. Mit 34 Knochenhandelsfirmen gründete die Schddemantel-A.-G. vor rund einem Jahre die„Rohag", Rohprodukten- H a n d e l s- G. m. b. H., Berlin. Die Knochenhändler ver- pflichteten sich, ihr gesamtes Einkaufsmaterial an die Rohag ab- zuliefern, die Scheidemantelgesellschaft übernahm die Verpflichtung, die Knochen zu dem von der Rohag bezahlten Preise zu kaufen. Für den gesamten Geschäftsverkehr wurden drei Universalpreise festgelegt, trockene Sammelknochen, frische Stadtknochen und Pferde- und Abdeckerknochen kamen so schon sortiert in die Zentral- einkaufsstelle. Die Scheidemantelgesellschaft florierte bei diesem System, die Knochenpreise sowohl wie die Leimpreise sind seit einem Jahre ständig gestiegen, sie stehen heute um mehr als 50 Proz. höher wie 1911. Die Knochenpreise sind im besonderen deshalb in die Höhe geklettert, weil einmal die Auslandszufuhr ständig nachläßt, nicht zuletzt da im Auslande die Scheidemantel- gesellschaften direkte Abnehmer sind, zum andern weil die Anti- Rohagleute, die eine freie Knochenhändlervereini- gung gegründet haben, ständig versuchen, da» Rohmaterial in erster Linie in ihre Hände zu bekommen. W i e der Scheidemantelkonzern an der Vertrustung der Leim- indusirie arbeitet, dafür nur ein Beispiel aus dem Winter 1911 bis 1912. Es wurden damals zu gleicher Zeit zwei französische Knochcnverwertungsgesellschaften, Tancred und Ce leite, er- warben und unter einer neuen Firma vereinigt. Dies Unterneh- men, die Societe franxaise d'industrie chimique in Paris erschien als Aktiengesellschaft auf dem Plan. Das gleiche passierte der Firma G ermahn u. Co., Paris. Von den Aktien der Chemischen Fabrik Wilhelmsburg bei Hamburg erwarb der Scheidemantelkonzern die Majorität, wei- ter wurde in Wien eine neue Aktiengesellschaft, die A.-G. Fat- t i-n g e r u. Co. mit 2 Millionen Kronen Aktienkapital gegründet, die Nebenbetriebe der alten Firma stillgelegt, zum Teil umgeän- dert. Nach längerer Fehde kam sodann der Zusammenschluß mit der VereinigungvonFleischernundGa st Wirten in München. G. m. b. H., die samt ihrer erst als Konkurrenz ge- bauten neiftn Knochenverwertungsanlage im Schcidemantelkonzern verschwand. An der Superphosphatfabrik Salzwevel nahm Scheidemantel ebenfalls Interesse, die dortige Leimfabrik blieb, älteren Vereinbarungen enlsprechend, auch weiterhin still- gelegt. In Aranjuez wurde eine Leimfabrik gegründet, die in Rußland führende K n och en v e r k oh lu ng s- A.- G., die sogenannte Okase A.-G., wurde ebenfalls eng mit dem deutschen Leimtrustunternehmen verknüpft. Das war die Arbeit auch nur eines Winters! Selbstverständlich ist, daß dabei nicht mit Handschuhen zugefaßt wurde. Die schlimmsten Terrorismusmärchcn gegen die Arbeiter- bewegung sind harmlose Kindergeschichten gegenüber den wirk- l i ch e n Terrorismustatsachen, die heute in der kapitalistischen Großindustrie Alltäglichkeiten sind. Wenn der Industrie- terrorismus ebenso bestraft würde, wie der eingebildete, den Ar- beitern gegenüber, sämtliche Industriekapitäne Deutschlands säßen für das nächste Jahrtausend hinter Schloß und Riegel? So schrieb eines der wichtigsten Tochterunternehmen des Scheidemantclkonzerns Briefe, in denen sie den Knochenhändlern erst „im guten" riet, sich in die Rohag zu verfügen, im anderen Fall: „wenn es nicht— theoretisch genommen— zu einer Katastrophe kommen soll", in der die Aussicht auf Bankrott bei Ihnen größer ist als bei uns... Tatsächlich ist es dem Scheidemantelkonzern. der übrigens mit der Liebig Co. interessante Verbindungen hat, und in Amerika eigene Vorteile wahrnimmt, auf diese Art ge- lungen, seine Macht fortgesetzt zu vergrößern. Jetzt ist er drauf und dran, sich eine eigenes F i n a n z i e- rungsinstitut, eine Holdingcompanie, wie sie eben erst durch das amerikanische Antitrustgesetz aufgehängt worden sind, zu schaffen. Die in Antwerpen— wegen des in Belgien ange- nehmen Aktengesellschaftsrechts!— gegründete Societe A u x i- liare de l'indusirie Chimique a A n v e r s ist mit 12 Millionen Frank Kapital ausgestattet. Sie übernimmt von der Scheidemantel A.-G. eine ganze Anzahl Beteiligungen an Leim- Unternehmungen, doz>j die Patentausnutzung für das Ausland und gewährt 3 Millionen Frank Entschädigung, Aktienbeteiligung und ewiges Dividendengeschent. Die Absicht der neuesten scheidemantel- schen Gründung ist, von dem eigentlichen Fabrikationsgeschäft die Finanzierungsarbeit zu trennen. Die, Scbeidemantel A.-G. ge- winnt so wieder Luft, ihr Geldbeutel scheint nicht mehr so be- lastet, sie kann freier atmen und rascher an der völligen Konzen- trierung der internationalen Leimindustrie weiter arbeiten. Ueber- dies sitzt in dem Aufsichtsrat des neuen Unternehmens neben In- tercssenten der Dresdener Bank auch wieder die Liebig Extrakt Co. Die freien Knochenhändler müssen dabei bemerken, wie einer nach dem anderen untreu wird, und ins dividendensichere Lager Scheidemantels abschwenkt, wo Direktorenstellen. Aufsichts- ratsmandate usw. usw. fliegen, wenn sie eine bekehrte Seele auf- fangen will. Hier sind die technische Ueberlegenheit, verbunden mit der kapitalistisch-praktischen Rücksichtslosigkeit wieder einmal die Paten zu einem Trust im lieben Vaterlande gewesen, was jeden Spießer natürlich zwingt, aus das kapitalistisch verwahrloste— Amerika zu schimpfen, und außerdem die Sozialdemokratie für den Ruin des vatcrlandstreuen Mittelstandes verantwortlich zu HölKB.~ Ei« großer Fischzug. Nach einer jetzt bekannt gewordenen Abrechnung über die Kaffee« vakorisation des Staates Sao Paulo hat die unter Mittvirkung der Deutschen Bank durchgeführte Verteucrungsinaßiiahme bis jetzt einen Ueberschuß von 112 Millionen Mark eingebracht. Bekanntlich hatte die Regierung als Interessenvertretung der Pflanzer sieben Millionen Sack Kaffee aufgekauft und eingesperrt. Zur Durchführung der Valorisation war auch eine Anleihe in der Höhe von 300 Millionen Mark aufgenommen worden. Durch allmähliche Abstoßung der eingesperrten Menge Kaffee zu den infolge des künstlich verringerten Angebots hinaufgetriebenen Preisen sollte die Valorisation finanziell günstig abschneiden. Der eigentliche Zweck der Uebung war natürlich, den Pflanzern dauernd höhere Erlöie zu sichern. Die Spekulation scheint in vollem Maße von Erfolg ge« krönt zu werden. Zwar war am 1. Januar 1912 immer noch ein Bestand von 4 401 663 Sack Kaffee vorhanden, aber die Abrechnung ergibt doch schon 112 Millionen Mark Ueberschuß. Im vergangenen Jahre erbrachte der Verkauf von 700 000 Sack rund 62 Millionen Mark. Die aufgenommene Anleihe konnte bereits bis auf 90 Millionen getilgt werden. Für die Konsumenten hatte die Valorisation sehr bittere Folgen. Die Zusammenstellungen der Preise in den Viertel» jahrsheften zur Statistik des Deutschen Reichs(Heft I. 1912) zeigt die Wirkung mit wünschenswerter Klarheit. Danach kostete Kaffee unverzollt in Hamburg ein Doppelzentner: 1908 1909 1910 1911 Mark 77,46 80,32 96,13 133,07 Und im laufenden Jahre ist der Preis noch höher als wie im Vov» jähre. Nach Hamburger Notierungen kostete unverzollt ein Doppel« zenlner im April 1911 1912 Campinas... 123,80 M. 154,— M. Rio..... 118,80, 147,—, La Guayara.. 121,—, 152,—„ Danach wird der Jahresdurchschnittspreis noch um 30 M. über den vorjährigen hinaustreiben. I» früheren Jahren hatten wir auch schon hohe Preise, aber seit 1893 waren sie über 81,79 Mark nicht hinausgekommen. Der Preishochstand in den letzten Jahren ist zweifellos in der Hauptsache nur eine Folge der künstlichen Ver» teuerung. großkapitalistisch organisierter Schachzug. Emden als Answandererhafen. Die Deutsche Reederei-Akt.-Ges., hinter der der bekannte Fürstentrust steht, hatte beim Bundesrat die Auswanderer» konzession für die Linie Emden— New Jork nachgesucht. Der Bundes» rat hat dieses Gesuch abgelehnt, in der gleichen Sitzung aber beschlossen, dem(später) gemeinsam eingereichten Konzessionsgesuch der Hamburg-Amerika-L inte und des Norddeutschen Lloyd zu entsprechen. Die beiden Großreedereien haben bei den Vorverhandlungen zugesagt, daß sie den Emdener Hafen von jetzt ab regelmäßig an« laufen werden, und zwar in erster Reihe mit Frachtdampfern. Je noch dem Bedürfnis soll dann auch Gelegenheit zur Beförderung von Suswanderern geboten werden. Die beiden großen Schiffahrts» Unternehmungen haben also über den Schützling des Fürstentrust endgültig gesiegt. Zugleich wird mit der Lösung den Wünschen der Stadt Emden und der preußischen Regierung, die große Summen in Hafenbauten zu Emden angelegt haben, entsprochen. Eine bedeutsame Fusion in der schottischen Eisenindustrie ist in diesen Tagen zustande gekommen. Eine Gesellschaft hat sich zur Uebernabme der hauptsächlichsten schottischen Schmiedeeisenwerke ge« bildet. Ihr Kapital beträgt ungefähr 20 Millionen Mark. In dio neue Gesellschaft gehen 13 Werke mit einer jährlichen Gesamt« produktton von 250 000 Tonnen über. Kein Borgehen gegen die Kaffcevalorisation in Frankreich. Kürzlich ist in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Bot«" gehen gegen den Kaffeetrust vom Gerichtshof abgewiesen worden. Jetzt lehnte auch die Zollkommission der Pariser Kammer einen An» trag des Abgeordneten Riquet ab, der darauf abzielte, die für Rech» nung des ValorisationskomiteeS in den ftanzösischen Häfen lagernden Kaffeemengen zu entfernen, um dadurch auf die Kaffeepreise zu drücken. Die Kommission war der Ansicht, daß durch diese Maß» nähme das Kaffeegeschäft zugunsten HavreS nach Hamburg und Aul« werpen geleuk: werden würde. Hu9 der frauenbeweefung» Anti-Frauenbcwegung. Vor einiger Zeit erschien im„Berliner Tageblatt' folgend� Anzeige: Anti-Frauenbewegung. J Zur Gründung einer äußerst lukrativen Zeit- � schrift werden von erfahrenem Fachmann mit besten Referenzen eine oder zwei intelligente Damen mit ganz geringem Kapital von 3— 6000 M. und. tätiger Mitarbeit gesucht. Die Betreffenden haben nicht nur die Chance, sich ein Vermögen zu verdienen, sondern werden sich auch eine geachtete, angesehene soziale Stellung schaffen. Zuschriften erbeten imt.„Anti-Frauenbewegung 100" Berlin W. 57. Auf diese Anzeige hin wandte sich eine Genossin—..weniger« um die geforderten„Kapitalien" loszuwerden, di« sie leider gan nicht hat, als um zu erfahren, auf welche Spezies von denen, di« nicht alle werden, reflektiert wird", so schreibt uns die Genossin— an den„Gründer". In dem Antwortschreiben stellt er sich als Her« Martin Salomon vor und beruft sich für seine Kenntnisse und Fähigkeiten als Zeitungsverleger aus den Seniorches der Firma Ullstein u. Co. und die Direktoren B. und M. von den Ver» einigten Verlagsanstalten Braunbeck und Gutenberg Druckerei A.-G. Die Gründung und Unterhaltung der.�Zeitschrift gegen die moderne Frauenbewegung" denkt sich Herr Salomon wirklich rührend einfach. In einem Expose entwirft er folgenden kühnen Plan: „Kurz skizziert muß die Zeitschrift einen wissenschaftlichen Leitartikel enthalten, der die Zeitung nachsinnen und außen auf. dem ihr gebührenden hohen Stand hält. Tann müssen in kurzen Auszügen Mitteilungen über die gesamte Presse kommen und die Auswüchse gegeißelt und m ö g l i ch st i n s Lächerliche g e« zogen werden. Daran hätten sich Rechtsfragen zu schließen und nun käme der Teil, der ftir die große Masse der Frauen un» entbehrlich ist, d. h. ein Roman in Abschnitten, eine kurze Novelle. Rätsel, einige Witze, Moden und Praktisches für das Haus und die Küche... Es ist mit fast absoluter Sicherheit daraus zu rechnen, daß eine solche Zeitschrift sehr schnell 50— 60000 Abonnenten und dann weiter in ebenso schnellem Tempo mehrere 100 000 Abonnenten be- kommen würde, wenn von Anfang an der Abonnemcntsprcls auf das Niedrigste, das heißt 10—15 Pf. pxg Wochennummcr, sestge» setzt wird.., In späterer Zeit wurden die 6000 M. Gründungskapital nicht ausreichen, da den Akquisiteuren die 25 Proz. Provision im vor» aus bezahlt werden müssen und bei einem Jnseratcnumsatz vom 2—300 000 M. und mehr für die Provisionen ein ungefähres Be« triebskapital von 50— 75 000 M. zur Verfügung stehen müßte. Dieses spätere Betriebskapital wird dadurch leicht zu erhalten sein, daß man von Frauen, die bereit sind, die Anti-Frauenbewegung zu unterstützen. Abonnements auf 1. 2 und 3 Jahre mit Voraus» bezahlung annimmt. Rechnet man nur, daß man im ganzen Deut» s«Kn Reich 5000 derartiger Abonnentinnen erhält und rechnet mau den Durchschnitts-Abonnementsprcis bei wöchentlichem Erscheinen auf 6,50 M.. so hätte man ein verfügbares Betriebskapital von zirka 100 000 M.. mit dem die Zeitung, auch bei größtem Umsange« gemacht werden kann. Es gibt Zehn- und Hunderttausende von Frauen, die nur auf eine solche Gelegenheit ivarten, um sich teils auispiechcii zu köüiicn, teils die Hache choüss. js Sav sowoU der ideelle Erfolg, als auch der materielle Erfola absolut tzesichert ist. DerNutzen einer solchen Zeitung ist schon nach zwei Jahren rmt 50 000.De. zu veranschlagen, der in weiteren wenigen Jahren auf einige 100 000 M. jährlich gerechnet werden kann. Zur geschäftlichen Inszenierung würde ein beratender Auf- sichisrat oder Komitee gegründet werden müssen, in dem Danien mit angesehenem Namen oder Titel fungieren müßten. Aus den allerersten Gesellschaftskreisen gibt es hundertmal mehr derartiger �amen, die st� sofort bereit erklären würden, eine derartige Ehrenstellung anzunehmen, als wie wir gebrauchen. In erster Neihe steht die g a n z e H o f g e s e l l s ch a f t auf dem Standpunkt der Antl-Frauenbewegung und könnte man mit Sicherheit darauf rechnen, von dort die größte Unterstützung zu bekommen." Cb sich Herr Solomon die Sache doch nicht einfacher vorstellt, als ge wirklich liegt? Bei dem großen Interesse, das man in allen Sreiien u. a. auch in der Hofgesellschaft senier Anti-Frauenzeit- Ichrist angeblich entgegenbringt, müßte es ihm ein leichtes sein. mehr als 6000 M. zusammen zu bringen. Vielleicht wendet er sich direkt an den� neu begründeten Antifeministen-Klub, zu Händen perrn Professor Dr. Sigismund-Weimar! Wahrscheinlich opfert der für Herrn Salomon 6000 M. bar! Gin Männerbund für Fraucnstimmrecht in Deutschland? Auf dem Internationalen Frauenstimmrcchtskongreß Stock- Holm 1911 wurde der Vertreter Teutschlands. Franz Lehnhoff be- auftragt, bis zum nächsten Kongreß in Budapest 1913 einen Deut- scheu Männerbund für Frauenstimmrecht ins Leben zu rufen. Bei den Vorarbeiten dazu— so berichtet er in Nr. 3 der Zeitschrift .. fraucnstimmrecht"— zeigte es sich ober, daß ein Bund nur auf der Grundlage der Forderung des Frauenstimmrechts schlecht- t n möglich ist. Eine solche Gründung lehnt L. über crb:„Zur Gründung einer Stimmrechtsorganisation, die nicht mindestens das Neichstugswahlrecht im Reich sowohl als auch in allen Buudesstaa- ten für die Frauen fordert, gebe ich mich nicht her, weil es mir ernster und ehrlicher Menschen unwürdig erscheint. Rechte zu for- dern, diefürdieMajoritätdermitdiesen..Rechte n" Gesegneten ohne weiteres ein Unrecht bedeutet." Als Beispiel für die Ungerechtigkeiten unserer bundesstaat- lichen Wahlrechte führt L. die Verhältnisse in Bremen an:„Zur Ausübung der Reichstagswahl waren dort 1912 etwa 75 000 Män- ner berechtigt, nach dem bremischen„Wahlrecht" gab es Ende 1911 aber nicht volle 20 000 wahlberechtigte Bürger. Ein solches Privilegienwahlrecht für die Frauen erringen wollen, heißt d i e Wirkung des bestehenden Wahlunrechts verdop- peln helfen..." Wir fürchten, daß Lehnhoff nicht viele Ge- sinnungsgenossen und-Genossinnen im bürgerlichen Frauenstimm- rechtsverband, dem er angehört, besitzt. 8o2iaks. Strafbarer Mißbrauch der Polizeigemalt gegen Landarbeiker. Wegen eines geringfügigen Wortwechsels, den die Land- drbeiterfrau U. mit dem Gutsinspektor hatte, stellte der Guts- besitzer Lehmann in Praddan, KreiS Könißberg, bei Gericht Strafantrag wegen ungebührlichen Betragens und wegen Nicht- Verlassens des Gutshofes nach erfolgter Aufforderung. Weil die Frau nicht rechtzeitig Einspruch erhob, wurde die Strafe rechts- kräftig. Sie mußte rund 10 M. inkl. Kosten von ihrem geringen Verdienst an die Gcrichtskasse zahlen. Das sind Wirkungen der gegen die Landarbeiter noch immer bestehenden Ausnahmegesetze, wie sie leider täglich passieren. Ganz alltäglich ist jedoch nicht die Ausübung der Polizeigewalt gegen Landarbeiter, wie sie der AmtSvorstcher und GutSpächher Meyer aus Waldau beliebt. Dieser Herr bestellte nämlich die vor- hin genannte Frau nach dem 3 Kilometer entfernten Amtshause zur Vernehmung. Wie säst alle Landarbeiter hatte auch diese Frau kein Vertrauen zu der ländlichen Polizeibehörde als Ver- mittler in Streitsachen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber. Des- halb, und weil sie auch zu einer Zeit bestellt war. in der sie ver. pflichtet war, auf dem Gutshofe zu melken, ging sie nicht hin. Daraus folgte ein Strafbefehl über 3 M. und eine neue Auf- sorderung zur Vernehmung auf den 6. April. An diesem Tage war die Frau aber krank und konnte nicht hingehen. Wieder erfolgte ein Strafbefehl und eine neue Bestellung zur Vernehmung am S. April. Jetzt ging die Frau hin. Kaum hatte sie die Amtsstube betreten, so fragte der Amtsvorsteher, ob sie auch die 3 M. Strafe mitgebracht habe. Als die Frau das verneinte, schloß er die Tür zu und erklärte, sie nicht früher herauszulassen, bis das Geld her- lieigefchafft sei. Dann telegraphierte er an den Gutsherrn der Frau wegen deren Auslösung. Dieser ließ sich darauf nicht ein, benachrichtigte aber den Ehemann der eingesperrten Frau. Ter machte sich sofort auf den Weg, seine Frau zu holen. Da er kein Geld mitgebracht hatte, mutzte er unvcrrichteter Sache abziehen. Der Amtsvorsteher rief nun aber seinen Kutscher herbei, mit dessen Hilfe nun trotz heftigem Widerstreben die alte kränkliche Fran in den Keller geschleppt und dort eingeschlossen wurde. Erst als gegen 1 Uhr mittags der Ehemann die 3 M. Strafe brachte, wurde die Frau, welche sich in furchtbarer Aufregung befand, in Freiheit ge- setzt. Dann erhielt aber die Frau wieder einen Strafbefehl, weil sie am 6. April, also an dem Tage, wo sie krank war, sich nicht züm Termin gestellt hatte. Jetzt erst kam die Frau nach Königsberg zum Parteisekretär. Auf dessen Rat erhob sie bei Gericht gegen den Strafbefehl Einspruch. Am 14. Juni war vor dem Schöffengericht Termin angesetzt. Auf der Terminsvorladung der Frau befand sich aber folgender schriftlicher Vermerk: ..Da voraussichtlich wegen Ungültigkeit der Strafverfügung Freisprechung ersolgt. brauchen Sie. um sich die Reisekosten zu sparen, zum Termin nicht zu erscheinen." Auf Antrag des Amtsanwalts erfolgte dann auch die Frei- ssprcchulig. Und was geschieht mit dem Amtsvorstehcr Meher? Wird er wegen versuchter und vollendeter Erpressung und Freiheits- beraubung, beides begangen unter Mißbrauch der Amtsgewalt, an- geklagt werden? Die§§ 339 bis 345 des Strafgesetzbuches ent- halten Slrasandrohungen gegen derartiges Vergehen eines Be- omten auch für den Fall, daß der Beamte der irrigen Ansicht war, zu dem. was das Gesetz als strafbare Handlung bezeichnet, sei er berechtigt gewesen. Wird die Aufsichtsbehörde einen gegen Gesetz und Recht sehlenden Amisvorsteher in seinem Amt belassen? Selbstredend wird der Amtsvorsteher und Gutspächter Meyer nicht minder wie der Gutsvorsteher Lehmann über Leutenot in der Landwirtschast klagen und Staatshilse zur Seßhaftmachung ter Landarbeiter verlangen. Ist eine Leutcslucht bei solchen zum Himmel schreienden Zuständen völliger tatsächlicher Rechtlosigkeit nicht zu begreifen? Der Frau möchten wir übrigens raten, neben der Strafanzeige im Armenrccht Klage gegen den Amtsvorsteher auf Schadenersatz wegen dessen Handlung zu erheben. Für diese Klage ist in letzter Instanz das Reichsgericht zuständig. Der Staatsfiskuö als Rentenquetscher. In welch rigoroser Weise der Staatsfiskus Rentenquetscherei betreibt, zeigen folgende zwei Fälle, die vor dem Schiedsgericht für Ärbeiterversichcrung der sächsische» Staatsbahn in Dresden zur Verhandlung gelangten.. � � � Ter ehemalige Güterbodenarbeiier L. trug bei einem im Jahre »890 erlittenen Unfall eine schwere Verletzung der rechten Hand tiaam ii?(m ÄMujgM» fefi«WM ZMefip�s zui Ftzlge hatte. Für die durch Verstümmekung der rechnen Hand herFei- geführte Minderung der Erwerbsfähigkeit erhielt der Verletzte eine 20prozentfge Rente. Auf Anordnung des Staatsfisküs wurde L. in verschiedenen Zeiträumen untersucht, aber imitier kamen die Acrzte zu dem Ergebnis, daß mit Rücksicht aus die Verstümmelung der Hand die Rente weitergewährt werden müsse. Nachdem L. aus dem Staatsdienst geschieden war, versuchte er es mit verschiedenen Arbeiten, aber mit seiner verstümmelten Hand kam er nirgends gut fort. Endlich fand er eine einigerwaßcn einträgliche Stellung, die er aber auch bald wieder ausgeben mußte. Von dem„horrenden" Einkommen von 19 M. wöchentlich erfuhr der Staatsfiskus, und sofort wurde eine ärztliche Untersuchung angeordnet. Der Sach- verständige erklärte aber, daß der Verletzte auch jetzt noch erheblich geschädigt sei, eine Gewöhnung käme nicht in Frage und die Rente müsse weitergewährt werden. Der Staatsfiskus ignorierte das Gutachten vollständig und beantragte beim Schiedsgericht die Auf- Hebung der Rente!— nach über 20 Jahren! Er war der Meinung, daß nunmehr Gewöhnung an den Verlust des Fingers eingetreten sei. In der Verhandlung stellte es sich heraus, daß der Verletzte jetzt Geschirrführer gegen einen Wochenlohn von— 13 M. ist, weil er schwere Arbeit nicht verrichten kann! Auch ein zweites Gutachten schätzte die Minderung dev Erwerbstätigkeit auf 20 Prozent. Nun wollte der Staatsfiskus„freiwillig"— 10 Prozent Rente für die Zukunft zahlen,; der Verletzte lehnte aber diesen Vorschlag ab und verlangte natürlich die ihm zustehende Rente. Aber auch das Schiedsgericht setzte sich über die Gutachten hinweg und entschied dahin, daß ab 1. Oktober 1911 l!!) die Rente auf 10 Prozent herabgesetzt wird! Außerdem werden dem Manne die überhoben«» Rentenbeträg« abgezogen! Nicht besser erging es dem ehemaligen Streckenarbeiter D., der seit dem, Jahre 1896 von der Arbeitcrpensionskasse der sächsischen Stoatsbahn auf Grund eines ärztlichen Gutachtens Invalidenrente in Höhe von nur 137,40 M. jährlich bezog. Nach Eintritt der Inda- lidität mußte D. dem Staatsdienst den Rücken kehren. Er führte mit seiner Familie ein künlinerliches Dasein, Not und Entbehrung waren tägliche Gäste in seinem Hause. Endlich erbarmte sich ein Bekannter seiner und nahm ihn in, Arbeit. Das sollte sich aber rächen! Ansang dieses Jahres ging bei der Pensiemskasse ein anonhmes Schreiben ein. in dem die Verwunderung darüber aus- gesprochen wird, daß D. Invalidenrente bezieht, da er doch erwerbs- fähig sei. Die angestellten Erörterungen ergaben, daß D. einen Vertrauensposten in einer Formerei erhalten hatte, wo er samt der Rente rund 16 M. pro Woche verdiente. Der Arbeitgeber D.'s gab an. daß er den Rentenbczieher lediglich aus Mitleid angenommen habe, obwohl D. nicht in der Lage sei, durch Handarbeit mehr als 7 M. zu verdienen, zahle er ein paar Mark mehr. Die Anzeige halte er für einen Racheakt. Trotz dieser einwandfreien Sluskunft wurde noch ein Sachverständiger gehört und dieser glaubte feststellen zu können� daß die Erwerbsfähigkeit nicht mehr ganz! so weit herab- gesetzt sei, daß Invalidität im Sinne des Gesetzes vorliegt. Die Pensionskasse hat dem bedauernswerten Manne die Rente nach 15 Jahren entzogen und das Schiedsgericht hat die dagegen ein gewendete Berufung verworfen! Der Vorfitzende des Gerichts er klärte in der Verhandlung� daß nach seiner Meinung der Mann Lbrhaupt keine Rente hätte erhalten sollen!! So sieht die„soziale" Rechtsprechung aus. Acht Tage Lehrzeit. Ueber die Notwendigkeit einer gesetzlichen, Regelung der Lehr- zeit für weibliche Angestellte sprach sich gestern der Vorsitzende der I. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts gelegentlich einer dort stattgehabten, Verhandlung aus. In dem betreffenden, Falle handelte es sich um eine Verkäuferin, die beim Beklagten eine vor her vereinbarte Lehrzeit von drei Monaten absolviert hatte und dann ein Monatsgehalt von 30 M. bezog. Zum Konflikt kam es dann, weil die Klägerin als„Awsgelernte" sich weigerte, die Boten- gänge weiter zü verrichten, mit denen, sie schon in der„Lehre" in der Hauptsache beschäftigt wurde. Die Parteien verglichen sich in Höhe von 23 M. Als sich ein Beisitzer über die Kürze der Lehrzeit wunderte, meinte der Vorsitzende, das wäre noch gar nichts; die Vereinbarung einer Lehre von einem Monat bei weiblichen Per- sonen komme öfters vor, und eS sei sogar schon eine„perfekte Ver, käuferin" vor dem Kauftnansgericht angetreten, die eine Gesamt, lehrzeit von acht Tagen zu absolvieren, hatte. Derartigen Miß- brauchen müsse mit gesetzgeberischen Maßnahmen entgegengetreten werden. Die vom Vorfitzenden des Kaufmannsgerichts, Magistratsrat Techow hier berührten Schäden, liegen in der Tat in erheblichem Maße vor. Die Vereinbarung übermäßig kurzer Lehrfristen ist ein Unfug, der den Lehrlingen, die in dieser Zeit nichts Ordentliches lernen, vielmehr nur ausgebeutet werden,, zum Schäden, gereicht. Ein großbeutscher Verbandstag für Feuerbestattung in Wien. Vom 8. bis 11. September wird in Wien der diesjährige groß- deutsche Verbandstag der Feuerbestattungsvereine stattfinden. Es stehen auf der Tagesordnung des Verbandstages Fragen, die alle den Haushalt der größeren Städte sehr nahe berühren. So soll zum Beispiel die Frage erörtert werden, wie die Beisetzung der A schcnreste solcher Personen erfolgen soll, deren Platzmiete in der Uruenhalle oder dem Urnen, Haine abgelaufen ist. ohne erneuert worden zu sein. Auch darüber, ob die heute übliche Beisetzung der Aschenrest« in Hallen oder Hainen ausschließlich beibehalten werden soll, oder ob nicht andere Beisetzungsireisen angewendet werden {ollem wird der größte utsche Verbandstay zu entscheiden haben. Außerdem, soll die Frage erörtert werdem in welcher Entfernung voneinander die einzelnen, Krematorien in Zukunfi, errichtet werden sollen. Auf dem Verbandstage werden nahezu 300 Vereine für Feuerbestattung mit ungefähr 100 000 Mitgliedern vertreten sein. Auch die deutschen Krcmaioricnvcrwaltuugen, sollen, eingeladen werden. Gerichts-Leitung. Haftpflicht des Autobus. Ein AutomobilornnibuS der Allgemeinen Berliner OmnibuS- Aktiengesellschaft fuhr eines Tages bei nassem Wetter in so schnellem Tempo, daß er unter Beeinflussung durch die glitschige Straße gegen einen Trägcrmast der elektrischen Leitung fuhr, einen La- ternenpfahl umriß, gegen einen Baum prallte und zwei Granit- platten des Bürgcrstcigcs senkrecht in die Höhe kantete. Der Kläger I., der sich auf dem Teck des Omnibusses befand, erlitt durch den Schreck und die Stöße ein Nervenleiden: traumatische Neurose. Er hat deshalb gegen die Omnibus-Aktiengesellschaft Klage auf Schadloshaltung erhoben und seine Ansprüche auf den BeförderungSvertrag gegründet, den er mit der Gesellschaft durch die Lösung der Fahrkarte geschlossen hatte. Die Beklagte hat Widerklage erhoben und ausgeführt, daß dem Kläger ein An- spruch aus dem Unfall nicht zustehe, weil sie kein Verschulden treffe. Der Omnibus sei durch die Glätte der Straße ins Rutschen ge- kommen; die Glätte aber sei durch die unterlassene Reinigungs- Pflicht der Stadtgemeinde Berlin verschuldet. Das Landgericht und Kammergericht zu Berlin Häven die Widerklage abgewiesen und die Beklagte nach dem Klageantrag ver- urteilt. In den Eutscheidungögründen führt das Kammergericht unter anderem folgendes aus: Der Führer des Wagens hatte die Pflicht, langsam und vorsichtig zu fahren. Diese Pflicht war be- sonders durch die schlüpfrige Straße geboten. Dennoch hat er diese Bcrufspflicht nicht beachtet. Er ist in übermäßig schnellem Tempo gefahren, was daraus hervorgeht, daß der Wagen mit großer Wucht an den Trägermast, an den Baum und an den Laternenpfahl angeprallt 4st. Allerdings liegt auch ein Verschulden der Zstzjt Berlin lpegen der Glätte der.Straße vsr, Hierzu lMsstt aber im jvefentkichen das Verschulde« des Chauffeurs, fiffir Mefckl Verschulden hat die Beklagte auf Grund des Verlrages einzustehen. Das Reichsgericht hat am Dienstag die Revision der Beklagte,» zurückgewiesen und damit das Urteil d.cs Kammcrgerichts bestätigt» (Aktenzeichen: VII. 194/12.)_ Der Leutnantshund.'■? Vor vielen Jahren steckte ein Rittmeister einen Soldaten itf Arrest wegen Beleidigung eines königlich preußischen Dtenstpferdes, das der Soldat mit nicht gerade liebevollen Kosenamen belegt hatte. An diesen Vorfall erinnert das Vorgehen der Polizeibehörde. baS gestern vor dem Amtsgericht Charlottenburg zur Erörterung gelangte.. � u Angeklagt war der Schlossermeister Schallcr, weil er den Hund des Leutnants Ncumann, der neben seinem Hause in der Uhland- stratze 77 wohnt, an einem Tage im Mai mlt Wasser begossen hatte. Vor Eintritt in die Verhandlung bemerkte der Vorsitzende des Gerichts, daß er Zeugen nicht geladen habe, weil der Fall ihm von vornherein klar erschienen sei. Der Angeklagte erklärte zur Sache, daß der Hund des Leutnants Neumann im Mai an jedem Tage zu bestimmter Stunde vor seinen Geschäftsladen erschien, den Eingang sprengte und zum Ueberfluß häufig auch noch seine Visitenkarte niedergelegt hat. Es sei möglich, daß er den Hund mit Wasser begossen habe, um ihn zu verscheuchen. Dieses sei, aber, wenn wirklich geschehen, sein gutes Recht gewesen. Jeden-* falls will der Bursche des Leutnants einen solchen Vorgang beob» achtet haben und hat dieses pflichtschuldigst seinem Vovgesetzton ge- meldet. Der Leutnant fühlte sich durch die erwähnte Behandlung seines Hundes offenbar schwer gekränkt und erstattete bei dem zu- ständigen Polizeirevier Anzeige. Dieses begriff sofort, daß der Hund eines königlich preußischen Leutnants vor derartigen In- sulten geschützt werden müsse und sandte dem Angeklagten ein Strafmandat über 5 Mark auf Grund des Groben-llnfug-Para- graphen. Hiergegen hatte der Angeklagte die richterliche Ent« scheidunq beantragt. Am Schluß seines Vortrages, der im Ge- richtssaal und Zuhörerraum große Heiterkeit auslöste, beantragte der Angeklagte seine Freisprechung. Diesem Antrage wurde seitens des Gerichts stattgegeben. Mit einer Extrawurst für den Hund eines königlich preu- ßischen Leutnants war es also nichts. Eine mißglückte StaatSaktion. Wegen Uebertretung der§§ 43 und 148 Ziffer 5 der Gewerbeordnung stand gestern der Zeitungsausträger Genosse Schmidt vor dem Schöffengericht in Köpenick. Ihm wurde zur Last gelegt, Druck. schriften(Zeitungen) auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen verteilt zu haben, ohne die erforderliche Erlaubnis der Ortspolizei- behörde zu besitzen. Schmidt übermittelt den in Rahnsdorf. Fichtenau, Schönciche und Klein-Schöuebeck wohnenden Abonnenten der„Vorwärts". spedition den„Vorwärts" und die bestellten Zeitschriften. Da der größte Teil der Abonnenten Arbeiter sind, die morgens nach ihrer in Berlin belegenen Arbeitsstätte fahren und begreiflicherweise ihre Lektüre schon des Morgens in Empfang nehmen wollen, übergibt Schmidt diesen die abonnierten Zeitungen usw. am Bahnhof Rahnsdorf, um dann den Rest den übrigen Abonnenten in die Woh- nung zu tragen. Einen Vepkauf beireibt er nicht. Nachdem nun Schmidt schon zwei Jahre lang in dieser Weise dem Wunsch der Abonnenten Rechnung getragen, erschien vor kurzer Zeit ein Gen. darm am Bahnhof Rahnsdorf und nahm ihm ein Exemplar der Wochenschrift„In Freien Stunden" ah. Prompt erfolgte die An»- klage. In der Verhandlung schilderte Schmidt den Sachverhalt, den. der Borsitzende(wohl in der irrigen Meinung, daß grundlose An- klagen nicht erhoben werden) für so unglaubwürdig hielt, daß er die Angaben als„faule Ausrede" bezeichnete, die der Angeklagte wohl nicht werde beweisen können. Genosse Werkmann, der in Friedrichs- Hagen die Spedition versieht, bestätigte die Angaben des Ange- klagten und auch der Gendarm Schulz, der die Anzeige erstattet hatte, konnte trotz mehrfacher Beobachtungen nicht bezeugen, daß Schmidt Zeitungen usw. verkauft oder an Nichtabonnenten abge» geben hatte. Er mußte vielmehr auf Befragen zugeben, die Ueber- zeugung zu haben, daß die Angaben des Angeklagten auf Wahrheit beruhen. Trotzdem glaubte der Amtsanwalt die Anklage ausrecht- erhalten und eine Geldstrafe von 6 M. resp. 2 Tage Hast beantragen zu müssen. Das Gericht kam zu einer kostenlosen Freisprcchun-i. Betrugsprozesse. I. In dem Betrugsprozeß gegen den früheren Direktor Michaelis von der verkrachten„Kommerz-, Diskonto- und Lombardbank" e. G. m. b. H., der seit vier Tagen die 3. Strafkammer des Land- gerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber beschäftigt hat, wurde gestern in später Nachmittagsstunde das Urteil ver- kündet. Das Gericht sah als festgestellt an, daß der Angeklagte durch sein betrügerisches Gebaren viele kleine Gewerbetreibende empfindlich geschädigt und ihnen gewissermaßen„Steine statt Brot" gegeben habe. Aus diesem Grunde erscheine eine strenge Strafe am Platze. Das Urteil lautete auf 1 Jahr und 9 Monate Gefängnis und 100 M. Geldstrafe wegen fortgesetzten Betruges und Konkurs- Vergehens.— Staatsanwalt Gallenkamp stellte den Antrag, den Angeklagten sofort in Haft zu nehmen, da er trotz der von seinem Bruder gestellten Kaution mit Rücksicht auf die Höhe der erkannten Strafe fluchtverdächtig erscheine. Das Gericht lehnte diesen Antrag jedoch ab. da die gestellte Kaution als ausreichend angesehen wurde. 2. Der Prozeß gegen den Inhaber des„Charlottenburger Auktions- und Lombardhauses", den Taxator Valentin Herpcr, wurde gleichfalls gestern in den späten Nachmittagsstunden zu Ende geführt. Herpel war beschuldigt, über wertvolle Möbel, Kunst- gegenstände und andere Sachen, die ihm zur freiwilligen Versteige. rung übergeben worden waren, in einer gegen das Interesse seiner Austraggeber verstoßenden Weise verfügt zu haben. In zahlreichen Fällen lieferte er den Erlös aus der Versteigerung überhaupt nicht an seine Auftraggeber ab.— Das Urteil lautete auf 1 Jahr und 6 Monate Gefängnis. Außerdem wurde der Angeklagte wegen Fluchtverdachts s-s-rt verhaftest_. Ein Unhold.' Der 28 Jahre alte Schlosser Bruno Rose auS Elbing wurde vom Schwurgericht in Stolp wegen versuchter Notzucht, begangen an einem 12 Jahre alten Mädchen, zu vier Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust verurteilt. Versammlungen. Die Resultate der letzten ReichstagSsession. Den zweiten seiner drei Vorträge über dieses Thema hielt Genosse Ledebour am Dienstag in einer öffentlichen Versamm- lung in den Pharussälen. Der große Saal war nach Entfernung der Tische bis auf den letzten Platz gefüllt. Der diesmalige Vor- trag handelte von den Verfassungsfragen; über die aus- � wältige Politik wird der Redner demnächst in einer weiteren Ver- sammlung sprechen, die im großen Saale der Brauerei Königstadt am Schönhauser Tor stattfinden soll. Einleitend wies der Redner darauf hin, daß die Regierung die Reichstagswahlen offenbar auch zu dem Zweck so lange hinausschob, daß möglichst wenig Kritik im Reichstage geübt werden sollte. Da die Beratung des Budgets nun die ganze Zeit in Anspruch nehmen mußte, wurde es unmöglich ge. macht, Initiativanträge der Parteien zu stellen. Die sozialdemokra. tische Fraktion hatte eine große Anzahl von Anträgen ausgearbeitet. Slber sie standen eben nur auf dem Papier; es war nicht möglich. i sie zur Verhandlung zu bringen. Wenn sonst jede Woche ein Tag 'jur JnitjgjjvgKtVge iäf Mlteien angesetzt wurde, hatte.man die». mal gar keine Zeit dazu. Es waren nun in der verflossenen Session besonders zwei Verfassungsfragen, die den Reichstag beschäftigen mußten. Einmal handelte es sich um Preußen, und dann um die elsaß. lothringische Verfassung. Im preußischen Landtag hatten die sechs Sozialdemokraten sich sehr mißliebig gemacht, bei der Regie- rung und auch bei der Mehrheit dcS Hauses. Wir können nur da- mit zufrieden sein, daß die 6 Genossen ihre Aufgabe so gut er- faßt haben, daß sie ohne Scheu davor, ob es den andern gefällt oder nicht gefällt, ihre Meinung mit aller Deutlichkeit sagen. Daß die Mehrheit deS Hauses mit einer so klobigen Grobheit, wie sie im Reichstag ganz undenkbar erscheint, gegen die ö Sozialdemokraten auftrat, ist nur dadurch erklärlich, daß eben die Zahl unserer Ge, nassen so verschwindend klein ist gegenüber der Masse der Gegner. Mir haben im Reichstag und in allen Parlamenten noch die Er- fahrung gemacht, daß die bürgerlichen Abgeordneten um so höflicher und umgänglicher und liebenswürdiger werden, je stärker wir sind. Es ist also schon aus Rücksicht auf die Verbesserung der Sitten der bürgerlichen Abgeordneten sehr zu wünschen, daß auch im preußi- schen Landtag für eine Stärkung der Sozialdemokratie gesorgt wird. Was die Vorgänge selbst betrifft, so steht es fest, daß nach der Lkeichsverfassung derjenige mit Zuchthaus bestraft werden kann, der einen Abgeordneten an der Ausübung seines Mandates hindert. Daß man einen Abgeordneten hinausweisen wollte, ist auch uns schon im Reichstage passiert, und zwar bei den Zolldebatten im Jahre 1902 gegenüber dem verstorbenen Genossen Singer. Aber als wir dann eine Fraktionssitzung abgehallen hatten und uns alle wioder auf unsere Plätze setzten, sagte der Präsident kein Wort mehr von der Sache, und man hütete sich wohl, den Genossen Singer etwa durch die Reichstagsdiener— daß Polizei ins Haus kommen sollte, war natürlich ganz ausgeschlossen— hinaus. befördern zu lassen. Ich habe nun die Vorgänge in der letzten Sitzung des Reichstags besprochen und dabei auch angedeutet, wie solche Wirren aus der Welt geschafft werden können. Es muß eben von Reichs wegen eingegriffen werden, und daS Reich hat dazu das Recht, bessere Zustände herbeizuführen, wenn die bestehenden Zu- stände in einem Bundesstaat die Reichsinteressen schädigen. JnElsaß- Lothringen handelte es sich darum, daß der dortige Landtag, unter dessen 69 Abgeordneten 11 Sozialdemokraten sitzen, aber auch die bürgerliche Mehrheit noch eine gewisse Kraft zur Opposition hat, Beschlüsse gefaßt hatte, die bei der Reichsregierung böses Blut machten. Erstens war es das, daß dem Kaiser eine Jagd genommen wurde, die er nie benutzt hat, und zweitens war es ein Konflikt zwischen der Regierung und einem Fabrikanten, dem man, weil er eine oppositionelle Gesinnung hat, die Lieferungen für das Reich entzogen hatte. Tie Opposition des elsaß-lothringischen Land- tags gab dann dem Kaiser Veranlassung zu sagen:„Wenn solche Dinge sich wiederholen, schlage ich die Verfassung in Scherben!" Daß diese Aeußerung wirklich gefallen ist, dagegen ist im Reichs- tage von keiner Seite Widerspruch erhoben worden. Aber ich habe dann weiter ausgeführt, was das englische Volk machen würde, wenn der englische König sich eine derartige Aeußerung erlaubte. Meine Ausführungen wurden zunächst ziemlich ruhig angehört, aber dann kam die Mehrheit zu der Ueberzeugung, daß sie sich über mich und den Genossen Scheidemann, der ja gleichsfalls diese Frage er- örtert hatte, aufregen müßte. Eng zusammen mit diesen Dingen hängt unsere Stellung zur Monarchie. Bei dem letzten Sessions- schlutz ist der Genosse Landsberg im Saal geblieben, hat zwar nicht in das Hoch eingestimmt, ist jedoch aufgestanden. Heute sehe ich nun zu meinem Erstaunen, daß in den„Sozialistischen Monats. heften" der Genosse Eduard B e r n st e i n eine ganz falsche Dar- stellung von den Vorgängen gibt und behauptet, daß die Fraktion nur in aller Eile vorher eine Abstimmung vorgenommen habe. Tat- sächlich hatten wir jetzt, ebensowenig wie früher, Ursache, über das zu beraten, was seit Jahren üblich ist. Es ist auch diesmal nicht darüber geredet worden, ob wir drin bleiben und aufstehen sollten, und es waren auch gerade die Genossen, die auf Bernsteins Seite standen, die für das Hinausgehen stimmten. Daß Lands- berg diesem Beschlutz nicht folgte, mußte als eine direkte Demonstration drscheinekk. Uebrigens haben wir Tn dieser Session auch eine Aenderung der Geschäftsordnung durchgesetzt, die für die fukunft von Wichtigkeit ist. und zwar die, daß bei Interpellationen nträge gestellt werden, und demnach Beschlüsse gefaßt werden können über Billigung oder Nichtbilligung der Rcgierungsmatz- nahmen. In parlamentarischen Ländern wird eine Regierung durch ein solches Mißtrauensvotum bekanntlich zur Amtsniederlegung veranlaßt. Wir in Deutschland sind noch nicht so weit, aber immer- hin ist die Verbesserung der Geschäftsordnung in diesem Sinne von Bedeutung. Eine weitere Neuerung der Geschäftsordnung ist es, daß kleine Anfragen an die Regierung zugelassen werden müssen, womit die Möglichkeit geschaffen wurde, eine Frage sofort klarzu- stellen. Verbesserungen der Verfassung des Reiches sind nur mög- lich, wenn nicht allein eine Mehrheit des Reichstags, sondern auch des Bundesrats ihre Zustimmung dazu gibt. Im Bundesrat dürfen nicht mehr als 14 Stimmen dagegen sein. Es ist klar, daß auf diese Weise an gründliche Verbesserungen der Verfassung nicht ge- dacht werden kann. Solche Verbesserungen müssen erkämpft wer- den, es handelt sich dabei um Machtfragen. Aber der Reichstag hat ein Machtmittel in der Hand, und das ist das Budgetbewilli- gungsrecht. Wenn der Reichstag eine Verfassungsänderung er- zwingen will, kann er das dadurch, daß er der Regierung das Budget verweigert. Darin liegt die ungeheure Bedeutung dieses Bewilligungsrechtes. Verfassungsrevolutionen lassen sich nun aber nicht nach einem Schema durchführen. Der Erfolg hängt immer von Umständen ab. Es gilt eben bereit zu sein, um günstige Situa- tionen mit aller Kraft auszunutzen. Darum müssen wir nach wie vor alles einsetzen, um' bereit zu sein und unsere Macht zu stärken. Im Interesse des ganzen Volkes liegt es, einen demokratischen VolkSstaat zu schaffen und, je nach dem, wie«S die Verhältnisse ergeben, Schritt für Schritt oder auch ruckweise dem Ziele zuzu- streben und endlich den sozialistischen Staat durchzuführen. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Die Versammlung schloß mit Hochrufen auf die Partei.. Todes-Anzeigen tili' den 4. Berliner Relchslags-Watilkrels.l Fraiikfurtcr Viertel. Bez. 256. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Sattler tieilirick>lo? Blumcnstr. 74, gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet Sonn- abend, den SS.Juni, nachm.'/jß Uhr, I von der Halle des Zentral-Fried- hose« in FriedrichSselde aus statt. 1 Ilm rege Beteiligung ersucht l 217/7_ Ter Vornand.| Sozialiieflioiirat IMIverein Neiiköflln. Den Parteigenossen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Gastwirt �osepli Wittkowski Jnniir. g(8. Bez.) verstorben ist Ehre seinem Andeiite»! Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Neuköllner Gemeinde- friedhofeS, Maricndorfer Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht __ Ter Vorstand. i Ttlililll I IX SozialdemoRratisctierWatilvereii! des 8. fierl. Reielistaos-Waiilkrelses. Am 17. Juni verstarb unser Genosse, der Nohrlegerhelser August Frank Husfitenstraße 41. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute DonuerStaa. nachiniltagS 5 Uhr,| von der Halle deS Philippus. 'Aposlcl-KirchhoseS aus aus dem! städtischen Friedhofe. Müllerstraße, l Ecke Sceslraße, statt. Um rege Beteiligung ersucht 223/13 Vai-atanel. Osutsclier Metallarbeitsr-Verband ArrioaltuiigSstclle Vcrltu. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Maschinen- arbeilcr August Frank Husslteiislr. 41. am 17. d. Mts. an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 20. Juni, nachmittags S'/,Uhr. von der Leichen- Halle dcS städlischen Friedhose» in der Secstraße auS stall. Rege Beleiligung erwartet 119/10 Tie OrtSvorwaltung. Verband der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Lrtsvcrwattung Neukölln. Hiermit etsüllen wir die trau- rige Pflicht, die Kollegen von dem am 17. d. M. erfolgten Hinscheide» unseres Mitgliedes �osek WitKowsK! in Kenntnis zu setzen. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag. denSI. b. M., nachmittags 3 Ubr, von der Leichenhalle dcS Neuköllner Memeinde-Friedhoses, Mariendorfer Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 73/11 Tie OrtSvcrwaltung. Zeiilral-Krankei!- imd Sterbe kWd.devtMuÄWlWi' Berlin Bezirk 17. Am 17. Juni verstarb nach längcrem Leiden unser Mitglied Kar! Schultz Neichenberger Straß« Ol. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 29. d. M.,«ach- mittaas 4 Uhr, von der Halle de« Martha-KirchhoseS in Ahrensfelde auS statt. Ilm rege Betctlignng ersucht 257/16 Die Ortsverwaltung. ISozialdemoMehJablvereiD Kreis tüederbarniin Bezirk Welßensoe. Am 17. Juni 1911 verstarb nach langem, schwerem Seiden unser Mitglied, der Genosse, Schriftsetzer Emil Jüngling im Atter von 4S Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute (Donnerstag) nachmittags 5 Uhr, von derLetckeiiballe deS Gemeinde- sriedhoses, Roelckestraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 18/9 Ter Vorstand. i i.......... Sozialdemokratischer Wahiverein des 6. ßeri. Reiehstass- Wahlkreises. Am 17. Juni verstarb unser Genosse, der Buchhalter (justav Böttcher Lycheucr Straße 29. Ehre scturm Andenken! Die Beerdigung findet hente Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhause aus aus dem Friedhol der St. Georgeiigemeinde in Wcißensec. Nuelckestraße, statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter Vo Uerbilud der Schueider und Schütidermueu. Den Mitgliedern geben wir htermlt bekannt, daß der Kollege Fan! Broßhennig nm 18. Juni im Alter von 24 Jabren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Freitag nachmittag 3 Uhr aus dem Süd- wist-Friedhos in Stahnsdorf statt. 164/8 Die Ortsverwaltung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Mit- teilung, daß meine liebe Frau, unsere gute Mutter Hartha Bochmann nach längerem, schwerem Leiden verstorben ist. Ter trauernd« Gatte nebst Sohn. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 22., nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Ge- meinde- Friedhofes Boxhagen- RumMelsburg au» statt. 3m Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters, Schwieger- und Großvaters, des Gastwirts Wilhelm Wetze! sagen wir allen Freunden und Ver- wandlen insbesondere dem Spar- verein„Schillers Glocke", dem Ber. band der freien Gast- und Schank- Wirt« sowie dem Wahlverein(21. Be,.) unseren herzlichsten Dank. 1011 Pauline Wetzel nebst Kindern. Allgemeine Orts Krankenkasse für Tempelhos. Einladung zu ber am Mittwoch, den SS. Juni ISIS, abends 8'/, Uhr, im Nestau- ran« 8tnhlniann(Genoisenschast«. baust, Berlin-Tempelhos, Dorsjlr. 51, stattfindenden �ukei-orUeatliclieii General-Versammlung, Tagesordnung: 1. Antrag deS Vorstandes aus Ver- längerung des Aerztevcrtrages. 2. ReiaiZverficherungSordnung. 3. verschiedenes. 276/12 Ter Vorstand der Allgemeinen Orts-Kranken- kass« für Tempclhof. (gez.) Albert George, 1. Vorsitzender. Oen„Vorwärts"- I-esern gewähre Rabatt. Stnil Lestvre Berlin, Oranlenstr. 158 Abgepaßte Fenzter. weiß und erdme p. 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Die Beerdigung fand bereits am Montag vom Trauerhause aus statt. 241/7 Tie Bezirksleitung. ±,t............" Deutscher Arbeiter-Sängerbund. Gau Berlin und Umgegend. Zur gefälligen Beachtung! Zn unserem Sängerfeste wird nicht, wie auf den| | Plakaten angegeben, das Philharmonische Blasorchester, 1 sondern das Berliner Blasorchester unter Leitung de#| Herrn Franz v. Blon konzertieren. Der Vorstand. eine vorzügliche cf* Neu elngeiahrt; Fehltarben-Sortimente in besonders preiswerten Mischungen Fortuna 10 St. 60 PI. Hansa 10 St. 75 PI. �xceislor 10 St. 1,00 M. J*J9emiaaisn Cigax»i»eaa.--Ffrbr»iKei* lieber 200 Hlederlagen In Deutschland!| 7KUi«n O IM lO Jahre Garantie. Teilz- wöohentL 1 M. /.all II 6 Z MI Plomben 1,60 M. Fast»ollk. schmerzloses * Zahnziehen. Umarbeitring schlecht sitzender 7ahn Sr7t W n I f Gebisse. Reparat, sofort. Sprechst. 8— 7. Lallfl'nltl V* UH, j�tzt Potadamer 8tr. 55 Hoohbahnst. An diesem Schild sind die Läden erkennbar, "B in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. naatergliltlg In Konntpoktlon and AnatUhFans, ßlelch TorzUsllch für Hansgcbraach a. Industrie. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. 3BEBUX. I-clpzlcer StrnOc l>».,- _ Läden in den verschiedenen Sladttailan. I* VorwärtsaBibliothek Eine Sammlung voUcstümlichor Romane und Erzählungen Soeben neu erschienen: Band II Der Musweg Erzählung von Ernst Preczang Preis: gebunden 1 U Band I Erweckt Homan aus dom Prolotaricrlobon von A. C®p Preis: gobundon 1 ,85 M. Buchhandlung Vorwärts XilndenatraOe 60 (Laden) 'LlrantwörtlZer Mätteurl»lbxrt Wachs. Viriin. göc den LnjergleMii oeravtw.� Td. Lililkr. Berlin. Dritdn.P6rIc-z:Vorwärtg Ljuchdruckerei u-Verlagsanstait Paul S'nger n-Eo.- Lettin SUZ. Hf.141. 39. Jahrgang. 2. WM des.lonuirts" Knlim WIKsdlM Donnerstag, 29. Inn! 1913. neunter Genoüenfcbaftstag des Zentra!-- verbandes deutscher Konsumvereine. III. S8 e t II n, 19. Juni. Redalieur Dr. Aug. Müller- Hamburg referiert über „Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kleinhandels". Er begründet die Behandlung dieses Themas u. a. damit, daß sich die Kleinhändlerkongresse ständig mit Konsumvereinsfragen befassen. Für jemand, dem der amtliche Apparat nicht zur Verfügung steht. ist es kaum möglich, wissenschaftlich genaue Feststellungen über die Verbreitung und die Lage des Detailhandels zu machen. Das Ma- terial der Gewerbezählungen des Reiches ist veraltet. Das Interesse der Wissenschast an der Frage des Detailhandels ist gewichen, das Urteil scheint dort festzustehen. Die Kleinhändlerliteratur ist aus- schließlich unbenutzbares Räsonnement. Die jetzt veranstaltete Er- Hebung des Vereins für Sozialpolitik über die Preisgestaltung wird aber hier zu weiteren Forschungen führen, da man eine Unter- suchung über die Konsumvereine anstellen will.— Im allgemeinen ist zu sagen, daß die Wissenschaft die Mittelstandsbestrebungen nach steuerlicher Schikaiiierung der Konsumvereine nicht unterstützt; da wird reine Jnteressenpolitik getrieben. Merkwürdig ist die Unterstützung der Kleinhändlerforderungen durch die konservativ-antisemitische Reaktion, die den Handel verachtet. Zweifellos ist der Handel in unserer arbeitsteilig gegliederten Gesellschaft mit ihrer Gütervermittelung volkswirtschafllich notwendig und nützlich. Er lebt allerdings von den Aufschlägen, die er auf die Produkte macht und die um so höher fein müssen, je mehr handelstätige Zwischeninstanzen vorhanden sind. Er belastet die Volkswirtschaft unzweifelhaft. 1997 hatten wir 1 038 000 Handelsbetriebe in Deutschland s-j- 76 Proz. in 15 Jahrens, mit 2 063 000 Beschäftigten(-j- 146,1 Proz.)— gegen eine Volksvermehrung von 46 Proz. l Auf den Bedarf von sieben Familien müssen so große Aufschläge gemacht werden, daß ein„Händler" davon leben kann, wobei unter Händler sämtliche im Handel tätigen Personen, die eben alle nicht Produzenten sind, verstanden sind. Der Großhandel ist nicht not- wendig Großbetrieb, der Kleinhandel, der die Waren an den Einzel- lonsumentcn bringt, nicht notwendig Kleinbetrieb, das zeigen die Warenhäuser. Der Referent geht dann auf die T e u e r u n g über, die man durch Einkommenserhöhung der Konsumenten— die nicht Schritt hält mit der Teuerung— oder durch Anpassung des Reallohns durch sparsamere, konsumgenossenschaftliche Verwendung des Einlonimens bekämpft. Man muß das eine tun und darf das andere nicht lassen. Da die hohen Preise zweifellos mindestens von längerer Dauer sein werden, ergibt sich hieraus die immer größere Bedeutung der Konsumvereine. Hat der Kleinhandel in der Teuerungszeit irgendeine bedeutende Rolle bei ihrer Abwehr gespielt? Niemand wagt eS zu beharipten. Er hat der Auf- Hebung des Oktroi nur zu seinem Gunsten Rechnung ge- tragen, während sie doch als Ausgleich gegen den Zolltarif gesetzlich verfügt wurde. Der Kleinhandel folgt Preissteigerungen des Großhandels möglichst rasch, Preisherabsetzungen zögernd und nur teilweise. Die Konkurrenz im Kleinhandel wirkt nur dann ver- billigend, wenn die Mindereinnahme durch Umsatzvergrößerung weit- gemacht wird, dem wirkt aber die notorische Ueberfüllung des Klein- Handels entgegen, die der Referent zahlenmäßig nachweist. Dem Kleinhandel gehen Schuh- und andere Fabriken, Kaffeeröstereien usw. kräftig durch direkten Absatz an die Konsumenten zu Leibe; diese Filialen machen allerdings auch den Konsumvereinen Konkurrenz. Würde die schikanöse Warenhaus- und Konsumvereinsbesteuerung, ihre Verfolgung noch soweit getrieben, so lange wir die Gewerbe- freiheit haben, wird das Grundübel der ungesunden Ueberfüllung nicht beseitigt werden können. Sie wirkt auf den Klein- Handel, wie die Heimarbeit auf die Arbeiter. Die Ver- änderung unserer Volkswirtschaft, die zunehmende Arbeits- teilung, die LoSlösung der Industrie von der Landwirtschast usw. führen eine ständige Ausdehnung des Handels herbei. Auch im Handel ist der Großbetrieb dem Kleinbetrieb unbedingt überlegen, die Statistik beweist denn auch das Wachstum der Großbetriebe im Kleinhandel, der Warenhäuser. Konsumvereine, direkter Absatz durch Fabriken. All diese Großbetriebe können auf die kleinlichen und mit- unter sogar unehrlichen Mittel deö Hökerkrams verzichten und können ihrem Personal inZ jeder Beziehung mehr gewähren und aus die Warenerzeugung selbst Einfluß nehmen. Im allgemeinen können „och Warenhäuser und Konsumvereine nebeneinander leben, aber auch hier bildet sich die Konkurrenz heraus. Warenhäuser und Filialbetriebe dienen dem privatkapitalistischen Interesse, die Konsumvereine haben die prinzipiell verschiedene Aufgabe der sozialistischen BetriebSform. der günstigen Beeinflußung der Lebensverhältnisse des Volkes durch entsprechende Verteilung und Verwendung des Einkommens der Volksschichten. Gegen- über den Kartellen ist die GenossenschaftSbewegung daS Korrelat Wird der Konsumverein dem Kapitalismus gegenüber den Sieg erringen? Mir uns kämpfen in sozialer Arbeit in notwendig uertifiiebenci Organisationen und Methoden eine ganze Reihe anderer Oraanisationen und Kräfte. Das stärkt unsere Kraft und unter stutrauen. Wer glaubt, daß das Ziel der Kulturentwickelung die Ausnutzung von 99 Proz. der Menschheit durch daS 1 Proz. der Trustherren und Kapitalinagnaten ist? Ich glaube an die zu- nefimende Einsicht des Volkes, an eine gerechtere Gestaltung d e.« irisch af t s te b e n s. darum glaube ich an die Konsum- vereine und wer mit mir daran glaubt, der wird wohl nicht ent- tanschti werden i§ U H�on beteiligen sich Störmer- Berlin, der auf die Notwendigkeit der AusklärungSarbeit über die soziale Tendenz des Konsumvereins hinweist, dann.,. Prof. Staudrnq er-Darmstadt: Der allgemeine und der Detailhandel vermehrt sich trotz der Entwickelung der Konsumvereine, weil die von den Konsumvereinen ersparten Millionen eine stark ver- mehrte Umlaufsbewegung. eine bedeutende Erhöhung der Kauf- kraft bedeuten. Da« Schelten der Kleinhändler ist so töricht, wie seinerzeit das der Fuhrleute über die Eisenbahn. Der Händler steht vor der Wahl, ganz abhängig zu werden vom Großkapital oder dereinst unter unseren Fittichen in unseren Großbetrieben frei zu leben, unter dem Prinzip der Spezialisierung, wie dem Fuhrmann die Spezial- aufgäbe geblieben ist, zur Eisenbahü zu fahren.(Beifall.) Mit einem kurzen Schlußwort MüllerS wurde diese Besprechung beendet. Nun erstattet der Sekretär derFortbildungSko mm r s s r o n. R Up P recht, seinen Bericht. Die bisher abgehaltenen Kurse haben ergeben, daß eS notwendig ist. die verschiedenen Funktionärgruppen besonders auszubilden und die Kurse von sechs auf acht Wochen zu verlängern. ES sind etwa 17 Kurse erforderlich, die vier Jahre er- fordern dürften. Die bisherigen Kurse haben 3000 bis 11000 M. gekostet, wovon die Hälfte auf«nrschädigung der Schüler entfällt. Der Redner bittet schließlich um stärkere Dotierung des Bildungs- sonds. lieber dre UnterstützuiigSkasse des ZentralverbandeS berichtet Generalsekretär Kaufmann: Sie eiitwickelt sich in er- frcuM lebhaftem Tempo und zählt jetzt 208 Bereine und 5883 Mit- glieder Immerhin gehören 1000 Vereine der Kasse noch nicht an, freilich durchweg kleinere, die durch Verschmelzung aufhören oder sonst beitreten dürsten. Die Unterstützungen werden mit dem Alter der Kasse steigen. J„ fi>„f bis sechs Jahren , verden wir die Unterstützunaen nicht mehr aus den Zinse» bestreiten können. Ohne Beitragserhöhung können die Leistungen nicht erhöht werden. Die Kaste hat zurzeit 2 187 000 M. Vermögen, das ber genügender Sicherheit den angeschlossenen Vereinen als erste Hypothek bis 50 Proz. gegeben wird und zwar durch die Bankabteilung der G.-E.-G. Unsere Stellung zum Privatbenmtenversicherungsgesetz, das sich auch auf die Gehaltsempfänger der Konsumvereine erstreckt — die Borstandsmitglieder werden vielleicht als Organe der Ge- nossenschaft(Arbeitgeber) freikommen— wurde dadurch bestimmt, daß die Bestimnuingen über Ersatzinstitute sehr ungünstig sind. Wir stellen uns also nicht unter das Angestelltengesetz, sondern sie soll eine Zuschußkasse sein, was sie ja für die in die Arbeiterversicherung fallenden Arbeiter der Genossenschaften schon ist. Auf der General- Versammlung in Magdeburg im September soll beschlossen werden, die Mitglieder der UnterstützungSkasse mit dem halben Gehalt zu versichern. Sie können dann auch zusammen bis auf eine Altersrenie von 80—90 Proz. deS Gehalts kommen. Freilich werden Angestellte und Genossenschaften je 5— 5�/z Proz. des GehaltS zu zahlen habe». Es liegt im Interesse der Bewegung, auch den über 5000 M. beziehenden Angestellten die Anwartschaft auf eine Alters- Versorgung zu verschaffen: diese Beamten sollen verpflichtet werden, sich mit dem �/.fachen Einkommen zu versichern. Wir sind ja leider noch nicht zu einer ausreichenden Bezahlung der Genossenschafts- beamten gekommen, aber die Fortschritte auf diesem Gebiet sind un- lengbar und werden noch größer werden. Der Referent formuliert dann bestimmte Vorschläge im Sinne seiner Ausführungen an die Magdeburger Generalversammlung der Unterstützungskasse. I. R i e g e r- Hamburg erstattet nun den Bericht des TarifamteS: Das Tarifamt hat im Berichtsjahre für 73 Tariforte Erhöhungen des Grundlohnes in den meisten Fällen um 2>/z Proz. vorgenommen; in einigen Fällen beträgt die Erhöhung 10—15 Proz. Am 1. Oktober 1913 wird für 20 weitere Tariforte eine solche Erhöhung eintreten Das bedeutet für die beteiligten Gewerkschaften eine dauernde Er- rungenschaft auch für alle späteren Tarifabschlüffe. Das Tarifamt hat weiter die Gewährung von Fahrgeld für die Mitfahrer beschlossen und festgestellt, daß jeder Angestellte, der fünf Jahre im Dienste einer Genossenschaft ist, Anspruch in Krankheitsfällen, die länger als drei Wochen dauern, auf die Zahlung der Differenz zwischen Lohn und Krankengeld hat. Das Tarifamt richtet die Mahnung an die Genossenschaften, unter allen Umständen die Gewerkschafts-Arbeits- nachweise zu benutzen.— Der Redner begründet nun folgenden An- trag des Vorstandes und Ausschusses: Der neunte ordentliche Genossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, vom 17. bis 19. Juni 1912 in Berlin, erklärt sich im Prinzip damit einverstanden, daß die von den einzelnen Konsumgenossenschaften, konsumgenossenschaftlichen Ver einigungen oder Revisionsverbänden des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine mit anderen Gewerkschaften als die der Bäcker, Transportarbeiter, Lagerhalter und Handlungsgehilfen ab geschlossenen Tarifverträge der Rechtsprechung des Tarifamts deS Zentralverbandes deutscher Konsumvereine unterstellt werden. Boraussetzung der Unterstellung ist die Einsendung deS Tarif- Vertrages an das Tarifamt und die vorbehaltlose Anerkennung seitens der Kontrahenten, daß sie die aus der Auslegung und Anwendung des eingereichten Tarifvertrages entstehenden Streitig- 'leiten der Entscheidung des Tarifamts des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine unterbreiten und sich den Entscheidungen des Tarifamts fügen werden. Den Gewerkschaftsvorständen ist eS überlasten, Vorschläge für die Vertretung der neu hinzutretenden Gewerkschaften in daS Tarifamt des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine zu machen. Die genostenschastlichen Mitglieder deS Tarifamts werden be auftragt, diese Vorschläge zu prüfen und eine entsprechende Aenderung der Grundsätze für die Tätigkeit des Tarifamts zu vereinbaren. Diese Vereinbarung unterllegt aus genojsenschast licher Seite der Zustimmung des Vorstandes und deS Ausschusses deS Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, die auch etwa erforderliche Ergänzungswahlei, für die Besetzung de« Tarifamts bis zum nächsten ordentlichen Genossenschaftstag vorzunehmen haben. Zum Schluß betont Redner, daß die Entwickelung der Eigen- Produktion mit abhängig sein wird von der Einsicht- und Rücksicht- nähme der Gewerkschaften.(Lebhafter Beifall.) Preisner- Leipzig-Plagwitz klagt unter Vorführung einiger Fälle darüber, daß bei bloßer Nichterfüllung von Einzelforderungen gleich die Erklärung droht, die Genostenschaft sei tarifbrüchig ge- worden, selbst wenn eS sich um über den Tarif hinausgehende Forderungen handelte. Das Tarifamt habe da tiefeinschneidende Beschlüsse gefaßt, die die eigenproduzierenden Genossenschaften schwer belasten. So z. B., daß die Dreiwochen-Krankenentschädigung bei Erkrankung an derselben Krankheit 3 Tage nach der Entlassung aus dem Krankenstand wieder gezahlt werden müsse. Wo soll daS bei 1500 Angestellten hinführen. Die betreffende Genossenschaft sollte zur Tarifamtsverhandlung zugezogen werden. Störmer- Berlin: Wozu die Arbeitsnachweise in Anspruch nehmen; arbeitslose Genossenschafter sind einfach als Söhne der Familie Genossenschaft einzustellen. Markus- Remscheid: Reichstarife haben wir erst mit den Transportarbeitern und Bäckern. Die HandlungSgehilfeir streben Bezirkstarife an, wir haben teilweise solche abgeschlossen, um eine einheitliche Rechtsprechung zu erzielen, möchte in dem Bezirkstarife das Zentraltarifamt als Schlichtungsbehörde bestimmt werden. Dreher- Berlin(Transportarbeiter) führt zu einem der von dem Redner aus Leipzig-Plagwitz angeführten Fälle an, daß das Tarifamt mit Recht die Stallwache als ganzen Arbeitstag betrachtet habe. DaS Handelsgesetz schreibt in Sachen des KrankeiizuschusseS dasselbe vor, was das Tarifamt entschieden hat. Die Benutzung des ArbeilSnachweises ist Tarifvorschrift. Auch die wünschenswerte Einstellung arbeitsloser Genossenschafter muß der Kontrolle der Ge- Werkschafte» unterstehen, sonst könnte eine Vetternwirtschaft einreißen. (Sehr richtig I) WaS Privatbetriebe tun, können auch wohl die Ge- nossenschaste» tun. Wir verlangen auch, daß die Genossenschafls- arbeiler Genossenschafter sind. Preisner-Leipzig: Wir als Verwaltung haben noch nie von dem Handelsgesetz Gebrauch geinacht, das tun wir prinzipiell nicht! Störmer- Berlin: Ich habe nicht von dem wirllichen Vater gesprochen, der den Sohn einstellt, sondern von der Familie Ge- nostenschaft. Die Anregung Riegers könnte Mißhelligkeiten ver- hindern. D ö h n e l- Leipzig(Lagerhalterverband): Einer Ausschaltung der Gewerkschastsnachweise können wir unter keinen Umständen zu- stimmen. Der Gesamtvorstand des Lagerhalterverbandes hat sich bereit erklärt, alle Tarifstreitigkeiten dem Zentraltarifamt unter der Voraussetzung anderer Zusammensetzung zu unterbreiten. F i s ch e r- Nürnberg unterstützt die Anregung, in allen Bezirks- tarisverträgen die Entscheidung deS Tarifamts vorzusehen. Mögen doch endlich Handlungsgehilfen und Lagerhalter Reichstarife schließen, sie scheinen sich doch noch etwas zu sträuben. Die Zentralverbände sollten aber auch ihre Lokalbeamten von ihren durch Dreher aus- gesprochenen Intentionen unterrichten. Da würde mancher Unfriede vermieden(Lebhafte Zustinimung), namentlich in bezug auf die Be- Vorzugimg von Genossenschaftern bei der Einstellung. W e i d le r- Hamburg(Bäcker): 3000 unserer Kollegen sind in der Eigenproduktion beschäftigt, aber darunter nur 600 Nichtgenossen- schafter. S t örme r- Berlin: Die Gefahr der Vetternwirtschaft besteht nicht und wir Genossenschaftler wissen selbst, was den Genossen- schaften nottut. Dreher- Berlin(Transportarbeiter): In dem Ton kommen wir nicht weiter.(Lebhafte Znstininiinig.— Störmer:„Vettern- lvirtschast" ist niindestens ebenso schlimui.) Ich habe nur gesagt, es gab früher Vetternwirtschaft. Selbstverständlich könne» die Ge- nossenschaftler unter den vom Arbeilsnachiveis Kommenden dem Eenosselischaftler den Vorzug geben. Aber' das soll über den zu- tändigen Gewerkschaftsnachweis geschehen. Wenn der ihn empfiehlt, kann er eingestellt werden. Verhütet muß werden, daß Faulenzer in den Betrieb kommen, die nur zum Zweck des Hineinkommen? Genossenschaftler werden.(Zustimmung.— Störmer: Also nur die Gewerkschaften bestimmen!) Nein, wir müssen Leute fern« halten, die die Arbeiterbewegung nur zu persönlichem Nutzen miß- brauchen wollen.(Beifall.) Ein Schlußantrag und dann der Vorstandsantrag werden an« genommen. Zu Mitgliedern des Tarifamts werden einstimmig gewählt: Stieger, v. Elm, Postelt. Lorenz; zu Stell« Vertretern: B e r g e r und E v e r l i n g, sämtlich in Hamburg. Ausschußbericht. Namens des Ausschusses berichtet v. Elm: Die Ergebnisse der Arheit des AuSschuffeS haben Sie in den von Ihnen angenommenen Anträgen sanktioniert. Da die Kasienverhältnisie in völliger Ordnung sind, beantragen wir, dem Vorstand Entlastung zu erteilen.(Beifall.) Die Entlastung wird einstimmig erteilt, die Verbandsrechnung genehmigt und folgende Zuwendungen aus der von der Großeinlauss« gesellschaft deutscher Konsumvereine zur Verfügung gestellten Summe für allgemeine genossenschaftliche Zwecke im Betrage von 15 000 M. an folgende Revisionsverbäirde beschlossen: Verband bayerischer Konsumvereine....... 1400 M. Verband der Konsumvereine der Provinz Brandenburg und der angrenzenden Provinzen und Staaten.. 4 100„ Verband mitteldeutscher Konsumvereine...... 1 500„ Verband nordwestdeutscher Konsumvereine..... 1 100„ Verband der Konsum- und Produktivgenoffenschast in Rheinland und Westfalen......... 2100» Verband sächsischer Konsumvereine........ 900, Verband südwestdeutscher Konsumvereine..... 1 300„ Verband Thüringer Konsumvereine....... 1300„ Verband lvürttembergischer Konsumvereine..... 1300„ Summe 15 000 M. Ferner wird beschlossen, aus den für allgemeine genossenschaft« liche Zwecke zur Verfügung gestellten 2 Pf.� Rückvergütung per Exemplar der von den Verbandsvereinen abonnierten rund 350 OOO „Konsumgenossenschaftlichen Bolksblätter"— 7000 M. jedem der beteiligten acht Ncvisionsverbände 800 M. zuzuweisen. Der Rest soll als Beihilfe zu den Kosten des GenossenschaftStagS 1912 reserviert werden. DaS ausscheidende Vorstandsmitglied Barth- München wird einstimmig wiedergewählt, ebenso die ausscheidenden Ausschuß« Mitglieder v. Elm, Prof. Staudinger und B o p p i ch. Nachdem wird der Voranschlag genehmigt und die Beiträge im bisherigen Ausmaß festgesetzt. Mit einer kurzen, herzlichen Rede schließt Barth den Genossen« schaftstag. Er dankt namentlich den Berlinern, wobei sich die Ver« saminlung erhebt, und kündigt an, daß der nächstjährige Genossen« schaftstag in Dresden tagen dürfte. Morgen Donnerstag hält die Großeinkaufsgesellschaft ihre Generalversammlung ab. ver Schaplroproseß. Darmstadt, IS. Juni.' Vor der hiesigen Strafkammer nahm heute der vom Reichs- geeicht hierher verwiesene Prozeß gegen den Herausgeber undj Redakteur des Mainzer„Neuesten Anzeigers", Heinrich Hirsch,, wegen öffentlicher Beleidigung der Polizeiassistentin Frau Dr. Schapiro Ulld des Beigeordmten Berndt, beide in Mainz, seinen Anfang., Die Vernehmung deS Angeklagten. Der Angeklagte Hirsch erklärt, zuerst wohlwollend der Tätigkeit der Frau Dr. Schapiro gegenübergestanden zu haben.(Hierzu wer« den zwei Artikel verlesen.) Sein Freund, Justizrat Horch, habe ihn auf diese Artikel hin bekehrt. Er habe darauf mehr und mehr Material speziell über die Handhabung der Sittenpolizei in Mainz bekommen, so daß er sich veranlaßt sah, in seiner Zeitung für eine Aenderung einzutreten, weil er sich sagte, so könne es nicht weiter gehen. Der Beigeordnete Berndt habe ihm darauf grobe Briefe geschrieben, so daß er sich zu weiteren Artikeln veranlaßt sah, zumal ihm weiteres Material von zuverlässiger Seite zugegangen war- Dennoch habe Herr Berndt in der StadtverordnetenversammlunA (30. Novrnber) erklärt, daß alles in schönster Ordnung sei. Er habe nicht die Empfindung gehabt. Berndt und Schapiro persönlich beleidigt zu haben. Er habe hinsichtlich der Frau Schapiro nu»i gesagt, daß ihre nächtlichen Streifziige einen Stich ins Sexuell« Pathologische haben. Bei Berndt habe er sich einfach seiner Hau# gewehrt, denn der habe ihm Mangel an Mut vorgeworfen. Herr Berndt habe in der Stadtverordnetenversammlung(jcsagt, rs fühle» sich nur die getroffen, deren Jagdgründe dnrch die Tätigkeit der Frau Sch. gestört wurden. Auf Befragen erwidert der Angeklagte, er habe diese Berndtsche Bemerkung auf sich bezogen, weil kein» andere Möglichkeit bestand. Ich war doch auch mal jung. Mit meinen Artikeln habe ich ja erreicht, was ich wollte: die Mädchen und jungen Herren flirten weiter; besser ist nur die Mainzer Sittenpolizei geworden. Was die jungen Leute tun, über das Herr Berndt den Sittenrichter spielt, ist doch nur das Spiegelbild von dessen Leben. Ich habe nicht alle Artikel geschrieben, aber die volle Verantwortung übernommen. Wenn Herr Berndt von vorn, herein sagte, mein Material werde in nichts zerrinnen, dann hatte es doch keinen Zweck, ihm dies Material vor Schreiben der Artikel! vorzulegen. Der Angeklagte läßt sich nicht darüber aus— trotzf wiederholten Ersuchens des Vorsitzenden—, ob er damit Berndt! den Vorwurf machen wollte, dieser werde absichtlich die Sache kaputmachen. Wen er unter dem Ausdruck„Cato" gemeint habe, wisse Justizrat Dr. Schmitt sehr gut, dem solle man die Frage danach vorlegen. DaS Material Horchs habe er in seinen Einzel» heilen nicht gekannt. Der erste Angriffsartikel war ihm von Dr. Horch diktiert.(Zwischendurch gelangen fortgesetzt Zeitungsartikel, Angriffe und Erwiderungen, zur Verlesung.) Ich hatte den Ein- druck, daß Herr Berndt nicht auf dem objektiven Standpunkt stehe, die Untersuchung seines Materials vorzunehmen. Vors.: Wollten Sie damit sagen, daß Herr Berndt absichtlich oder unabsichtlich „hineinverhört" habe. Absichtlich oder nicht? Angekl.: Das ist doch kein Unterschied. Vors.: Ein sehr großer sogar. Angekl.: Ich hatte die Empfindung, daß Herr Berndt besangen war und darum die Untersuchung all der Vorwürfe gegen die Sittenpolizei nicht führen durfte. Auf die wiederholte Frage des Vorsitzenden an den An« geklagten, ob er dem Beigeordneten Berndt eine absichtliche Rechts» beugnng vorwerfen wollte, gibt der Angeklagte kein� bestimmte Erklärung. Nach Verlesung weiterer Artikel bemerkt der Ange- klagte, et habe nicht behaupten wollen, daß Berndt die Untersuchung bewußt gefälscht hätte. Tie Personen der Berndt und Schapiro waren ihm durchaus gleichgültig. Vors.: Ihre Artikel machen doch nicht den Eindruck. Eine Nachtragsklage gegen Hirsch betrifft einen Artikel deS „Berliner Tageblatts" von Theodor Wölfs. Der Angellagte hat diese Artikel nachgedruckt neben zahlreichen anderen Zeitungs- stimmen. Die Anklage behauptet, H. habe diese auf falscher Be» richterstattung beruhenden Auslassungen der auswärtigen Presse wider besseres Wissen wiedergegeben, bewußt und systmatisch. um Herrn Berndt fortgesetzt herabzuwürdigen, in der Absicht, die früheren Behauptungen qnsrechtzuerhalten. als wahr und erwiesen erscheinen zu lassen und in dem Leser das falsche Bild hervorzu, rufen, daß diese Borwürfe begründet und nicht widerlegt seien. Kirsch hqbs iß kinem weiftrep AAftel jMl 26. September 1911 in hämischer Weise dem Beigeordneten Berndt borgeworfen, daß er ein Eheversprechcn mit Rücksicht auf die Anforderungen der Richterkarriere nicht eingelöst habe. Wieviel mündlich müsse Herr Berndt dem Mädchen gesagt haben, bis er sich zu einem schriftlichen Versprechen herbeiließ. In dem Artikel vom 2. Oktober 1911 ist weiter der schwere Vorwurf enthalten, daß Berndt es mit seinem Eid nicht genau genommen habe. Den Brief mit dem angeblichen Eheversprechen habe Hirsch sich von Frl. Gerhard geben lassen unter der Vorspiegelung, er brauche den Brief zur Revisionsbegründung und werde nur zu diesem Zwecke davon Gebrauch machen. Hirsch hat den Brief dann photographieren lassen. In der Beweisaufnahme sagt Oberstaatsanwalt Schwarz-Mainz aus: Er habe die Ttäigkeit der Frau Schapiro auf den verschiedensten Arbeitsgebieten zu beob- achten Gelegenheit gehabt. Nicht ein einziger Fall ist mir bekannt geworden, in dem das Verfahren und Verhalten zu beanstanden gewesen wäre. Im Gegenteil kann ich nur sagen, daß Frau Dr. Schapiro mit großem Geschick und ebenso großem Takte versahrcn ist. Das gilt ganz besonders für ihre Tätigkeit auf dem Gebiete de? Fürsorgewesens. Frau Sch. hat ein Fürsorgeheim errichtet. Sie genießt dadurch ein ganz besonderes Vertrauen in der Mainzer Bevölkerung. Eltern von solchen jungen Mädchen, die zu Besorge nissen in sittlichr Hinsicht Veranlassung gaben, haben sich selbst Hilfe suchend an Frau Schapiro gewandt. Ein Beweis für das Vev trauen ist, daß das Haus fortgesetzt überfüllt ist. Vermöge ihrer Verbindung mit Kreisen des Gewerbes und vor allem vermöge ihres Vertrauens gelang es ihr dann, solchen Mädchen wieder Unter- kunft und Erwerb zu verschaffen, um ihnen dadurch einen Rückweg in das bürgerliche Leben zu ermöglichen. Auch dem Braunshardter Heim überweist Frau Sch. Mädchen. Anerkennung ist ihr auch geworden durch die Wahl in den Ausschuß dieses Heims. Der Zeuge äußert sich weiter lobend über die durch Frau Sch. erfolgte Unterbringung. von, Insassen der Wciberstrafanstalt. In den Sitzungen der richterlichen Konferenzen in Mainz wurde immer anerkannt das große Mitgefühl und die Liebe, die Frau Sch. in ihrer Fürsorgetätigkeit entfaltet. Sie sah ihre Hauptaufgabe darin, Mädchen, die auf. eine, abschüssige Bahn geraten waren, vor voll- kommenem Verfall zu warnen und zu schützen. Ihre gesamte Tätigkeit ist. eine durchaus günstige für Mainz. Gegenüber der Behauptung des Angeklagten, daß es infolge seiner Zeitungs- kampagne jetzt besser geworden sei, erwiderte der Zeuge auf Be- fragen, daß Frau Schapiro noch so tätig sei wie vorher. Wenn ihre sittenpolizeiliche Tätigkeit jetzt mehr zurücktritt, so ist das nicht die Folge der Hirschschen Artikel, sondern des in den Dingen liegen- den Umstandes, daß sich ihre Fürsorgetätigkeit immer mehr aus- gedehnt hat. Das Anzeigematerial wegen Kuppelei ist ein erheblich minderwertiges, wenn auch in vielen Fällen Verurteilung erfolgte. Die Polizei muß aber diese Anzeigen an die Staatsanwaltschaft weitergeben. Niemals habe er die Erfahrung gemacht, daß solche Anzeigen gewissermaßen künstlich von Frau Dr. Schapiro auf die Beine gebracht wurden; ich halte das auch persönlich bei Frau Sch. für ausgeschlossen. Zeuge Amtsgerichtsrat Dr. Kolb-Mainz ist Vormundschafts- richter. Er spricht sich lobend über die Methode der Frau Schapiro aus. Er hat niemals Uebergriffe der Assistentin feststellen können. Zeuge Jüstizrat Horch beruft sich für Dinge, die ihm Beigeord- netcr Berndt anvertraut hat, auf seine Pflicht der Amtsver- schwiegenheit. Er habe zwar kein anwaltliches Mandat von Berndt, aber doch Zweifel, inwieweit ihm B. Dinge persönlicher Natur mitgeteilt hat, weil B. glauben konnte, daß oer Zeuge als Anwalt das Amtsgeheimnis obwalten lassen würde. Der Zeuge ist im Stadtverordnetenkollegium seinerzeit auf das lebhafteste gegen die Annahme der Polizeiassistentin aufgetreten. Dadurch, daß er dem Angeklagten den ersten Angriffsartikel diktierte, hatte er vermeiden wollen, daß sich eine einseitige Stimmung zugunsten der Assistentin bilde. Als dann die Erwiderung der Bürgermeisterei kam, habe jede Beteiligung an einer Preßpolemik abgelehnt, auch, Hirsch etwa weiteres Material zur Verfügung zu stellen. Wegen seine? .eigenen Materials habe er sich überzeugen müssen, daß ein großer Teil seiner Gewährsleute sich nicht als zuverlässig mit ihren Mit- teilungen erwiesen habe. Nur in den Fällen Werner und Jost habe er den Eindruck gewonnen, als ob Frau Sch. hier ihre Person zu sehr in den Vordergrund geschoben und nicht zweckmäßig vor- gegangen sei. Auf die Frage, ob der Angeklagte die Redewendung Berndts von den„Jagdgrllnden" auf sich beziehen konnte, erwiderte der Zeuge, daß er zuerst geglaubt hatte, auf ihn selbst seien sie gemünzt; von Stadtverordnetenkollegcn habe er dann gehört, daß Berndt den Hirsch gemeint habe. Von wem, wisse er nicht mehr. Von einer lobenden Acußerung des früheren Oberstaatsanwalts Dr. Buff über die journalistischen Qualitäten des Angeklagten weiß Zeuge nichts. Der Angeklagte behauptet, der Zeuge selbst habe ihm diese Bemerkung Bufss mitgeteilt. Dr. Buff habe sich sehr zurückhaltend über Frau Sch. geäußert, und zwar in nicht gün- stigem Sinne; so in bezug auf Haussuchungen.— Justizrat Cause: Es ist doch festgestellt, daß Frau Sch. keine einzige Haussuchung vorgenommen hat.— Der Zeuge Horch antwortet weiter auf Be- fragen, daß ihm Hirsch den(beleidigenden) Artikel„Lex Berndt" vorgelegt, und daß er ihm geraten habe, den Artikel nicht zu publizieren. Er halte die Verbindung der kriminellen Tätigkeit i-— mit der Fürsorge bei der Assistentin für verhängnisvoll. Darum werde er sich auch einer definitiven Anstellung der Frau Dr. Sch. im Stadtrat widersetzen. Zu seiner größten Ueberraschung habe er gehört, daß die erste Erwiderung von der Bürgermeisterei nicht von Berndt, sondern vom Oberbürgermeister ausging. Nach seiner festen Ueberzeugung hatte aber auch anfänglich Hirsch keinerlei Animosität weder gegen Berndt, noch gegen Frau Schapiro. Hirsch habe auch nicht die Absicht gehabt, eine Zeitungspolemik zu ent fachen. Zur Beurteilung des der Bürgermeisterei unterbreiteten Materials gegen Frau Dr. Schapiro habe er den Beigeordneten Berndt nicht für geeignet gehalten; wenn er auch nicht damit sagen wollte, daß Berndt voreingenommen war. Er war geradezu sprachlos, als Berndt die Bemerkung machte, die Vorwürfe würden in nichts zerrinnen, da doch die Tätigkeit der Frau Sch. noch nicht so alt war, daß man ein solches Urteil schon haben konnte. Zeuge hat den Eindruck, daß sich seit den Prozessen Frau Dr. Sch. weniger mit ihre: Tätigkeit bemerkbar macht. Zeugin Frau Dr. Naegcli hat als Vorsitzende des Frauen- Vereins"nur die besten Erfahrungen mit Frau Schapiro gemacht, die eine außerordentlich tüchtige Person sei, sich ihrer Pfleglinge in nur wohlwollender Weise annehme. Frau Dr. Sch. trete takt voll und diskret auf; sie sei eher zu wenig streng, als zu streng. Die Zeugin ist zuerst Gegnerin der Institution einer Polizei- assistentin gewesen, hat sich aber bald überzeugt, daß es einen Fortschritt bedeutet. Sie habe niemals erfahren, daß Frau Sch. zu rigoros vorgegangen sei. Die Assistentin hat auch nach dem Zeitungskriege wie früher gearbeitet. Festgestellt wird hierbei, daß sich dies Urteil nur auf die Tätigkeit von Frau Sch. als Für» sorgedame bezieht. Die polizeiliche Seite kennt die Zeugin nur indirekt. Zeuge Stadtverordneter Obmann hat seinerzeit nach Erscheinen von Hirschs Artikel in der Stadtverordnetenversammlung mit dem Stadtverordneten Adelung interpelliert. Niemand habe nach dieser Sitzung noch geglaubt, daß etwas an der Sache sei. Auf Befragen erwidert der Zeuge. Berndt habe mit der Redewendung von den gestörten Jagdgründen nicht Hirsch gemeint. Man hat damals dabei an die jungen Leute gedacht, von denen die Bordellbeschwcrden usw. ausgingen. Berndt wollte nur Schäden ausmerzen, nicht aber Moral predigen. Der Zeuge bestätigt ferner die Frage, daß hin- sichtlich des Animierkneipenschlusses Berndt für eine milde Fassung eingetreten sei, obwohl ein schärferer Beschluß des Ausschusses vor- lag. Auch in der Ausübung der Sittenpolizei habe Berndt stets geraten, nur die gröbsten Fälle zu verfolgen. Der Vorwurf Hirschs, des Zeugen Interpellation sei„bestellte Arbeit", sei„Komödie" gewesen, ist völlig aus der Luft gegriffen. Hierauf wird die Verhandlung abgebrochen und auf Mittwoch vertagt. 11. Gklleralvtrlalllmliltlg des Deutschen Teitlwbeiter- oerbandes. Stuttgart, IS Juni. Zweiter Berhandlungstag. Die Diskussion über die Vorstcrndsberichte wird heute weitergeführt. Die Ausführungen der meisten Redner bewegen sich im Rahmen der gegebenen Berichte. Ziemliche Erregung verursachen die Ausführungen des Redakteurs Krätzig; er führte zunächst aus, daß beim Kampf in Forst der Vorstand durchaus richtig handelte; denn abgesehen davon, daß die Konjunkturverhältnisse schlechte waren, war auch durchaus kein Objekt zur Aufnahme eines solch großen Kampfes vorhanden. Redner äußert sich dann zu Redaktionsangelegenheiten. Das Fachblatt müsse vor allem eine Stätte der freien Meinungsäußerung über alle den Verband be- treffenden Fragen sein, frei sowohl den Mitgliedern wie dem Vor- stand gegenüber. Die Redaktion sei aber auf dem besten Wege, vollständig unter die Diktatur des Vorstandes zu kommen.— Die dann folgenden Ausführungen, die Krätzig zum Belege dieser Be- hauptuny machte, rufen unter den Delegierten ziemliche Erregung hervor. Die Redaktion müsse die Freiheit haben, in Fragen der Taktik nicht nur die Meinung des Vorstandes, sondern auch ihre eigene zu vertreten. Ebenfalls sei daS vom Vorstand getätigte Bestreben zu bekämpfen, den Verbandsangestellten die Ausübung parlamentarischer Mandate zu beschränken. Weiter sei eS unzulässig, die Redoktion in der notwendigen Besprechung politischer Tagesfragen, und zwar in sozialdemokratischem Sinne, irgendwie zu beschränken. Redner sei nicht für eine Politik in Filzschuhen, sondern lieber für eine in Nagelschuhen.— Hübsch, der sich gegen Krätzig wandte, bestritt, daß im Vorstand die Absicht herrsche, die freie Meinungsäußerung der Redaktion zu beschränken. Aber es dürfe auch nicht der Zustand eintreten, daß der Vorstand unter die Diktatur der Redaktion komm«. Der Vorstand unterliegt in Fragen der Taktik bestimmten Gesetzen, denen er nicht entgehen kann, und die Verantwortung des Vorstandes steigt mit der Größe des Verbandes. Zur rein soziali- stischen Behandlung politischer Fragen sei vor allem die Partei- presse da, und man verfehle ja nicht, die Mitglieder bei jeder passenden Gelegenheit auf das Abonnement der Parteipresse auf- merksam zu machen. Der„Textilarbeiter" sei daS Organ des Verbandes, es hat also den gewerkschaftlichen Charakter in den Vorder- grund zu heben. Komme eS soweit, daß die Redaktion eine ganz besondere Stellung einnehme, dann könnte das zum größten Un- glück für den Verband ausschlagen- Es gehe also nicht anders, als daß Redaktion und Vorstand möglichst versuchen müssen, in Fragen der Taktik und Bestrebungen des Verbandes im Einverständnis zu handeln; dies sei bisher auch meistens geschehen, Es wurde dann innerhalb der Diskussion über den Antrag auf Schaffung eines Aktionsausschusses entschieden, indem die Generalversammlung beschloß, den Antrag zurückzustellen, ihn aber bis zur nächsten Generalversammlung eifrig zu bis- kutieren, damit diese sich dann weiter damit befasse. Dann wurde die Diskussion weitergeführt, es sprachen noch die Gauleiter D res sei und Fritsche, ferner Thomacken- st e i n- Viersen. A cke r ma nn- Gera, W e n z e l- Nowawes und U n g e r- Berlin. Ter Nachmittag wird einem gemeinsamen Aus- flug gewidmet. Vor Schluß de? Sitzung gab R s s s e I- Berli« trn Namen sämtlicher Vorstandsmitglieder eine Erklärung ab, worin sie sich scharf gegen die Ausführungen Krätzigs wendeten. Briefkasten cler Beclaktion. »I« luristtlche LVrechstunde findet Ltndenfiraßc SS, vorn vier Trrvvc» — Fatrstuhl—, wocheutSklich»»« 4Vi vis"H Uhr abends, Sonnabend«, von 4V4 biS 6 Uhr abends statt. Jeder für den»riefiaften bestimmten Anfrage ist ein Buchstade und eine Zahl alS Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wir» nicht erteilt. Anfragen, denen keine SbonnementZguittuns beigefügt ist, werden nicht beantwortet. SUIge Fragen trage man in der Svrechstunde vor. cklnsländer ZZ. Das W wird in Bülow und Teltow nicht aus- gesprochen.— P. L. 179. 1. Gewicht und Art des Stoffes ist maßgebend. 2. DaS erfahren sie bei der Zollabsertigung. am Packyos.— P.M. Ivtil. Ernst-Böhme-Stistung. Meldungen Donnerstags von 2—4 Uhr Friedrich- straße 129 bei Fräulein Tournier.— Emferftr. W. 8. SS. DaS er- reichen Sie durch eine Annonce.— R. L. 3S. Altersheim in Spremberg, jährlich 359 M. Meldungen bei Stadtrat Schur, Spreniberg, Kartenstraße. — Brehmestr. 23. Sie müssen den Ursachen aus den Grund gehen und diese beseitigen.—®. P. Abgebrannt im Jahre 1882.— Aller Partei- genösse. Die Zinsen richten sich nach der Art der Einlage,«S Tagesgeld oder Sparkonto. Fragen Sie bei einer der Kassen an.— A. Adler IS. 1. Bund für Mutterschutz, Berlin-Wilmersdorf, Rosberitzerstn 8. 2. Das Mädchen war leider nicht versicherungspflichtig.— 11. H. H. DaS Hand- buch für sozialdemokratische Wähler, erhältlich in der Buchhandlung Vor- wärts oder bei Ihrem Spediteur und einzusehen in der öffentlichen Bibliothek, Adalbertstr. 44, wird Ihnen die besten Dienste leisten. — M. H. 112. Wenden Sie sich an die Generalkommission der Gewerkschastcn, Engelufer 15.— M. SP. OOO. 1. und 2. Ja. — M. G. 33. Wenden Sie sich mit der Bitte um Vermittelung an den Rektor der Schule Ihres Sohnes.— G. Weift. Uns nicht bekannt.— M. Tomaschek. Wenden Sie sich an die Leitung des Holzarbeiter- Verbandes.— W. Brühl. 1. 1854 deutsches Pfund gleich den heutigen 500 Gramm. 2. Quart gleich 1,145 Liter.- F. ft. 88. Hest 11 der Arbeiter-Gesundheits-Bibliothek gibt darüber Auskunft.— St. K. 26. Wenden Sie sich an den Verein für Sprachpflege, Hugo Tietz, Pasteur- straße 13.— M.®. 400. Direktor Dr. Knork, Berlin, Burgstr. 25. Sprechzeit von 12'/, bis 2 Uhr.— E. K. 1912. Unzewaschen dringt man d>e Sachen überhaupt nicht aus den Körper.— S. F. 97. Die Adressen der Bankgeschäfte finden Sie im 2. Teil des Adreßbuchs.— K. S. Gcorgenstr. 34/36, Sonntags von 12 bis 4 Uhr.— M. 110. Sprachlehrer finden Sie im Adreßbuch 2. Teil verzeichnet.— A. F. 10000. Nein. Witterungsübersicht vom 19. Juni 1912. Stationen 753 762 S SSW Swinemde. Samburg erlin. Franss.a.M. 755 sW München i767iW Wien 765,® 1- «-st 2,- s 3 BS 763 SW Letter 2 Regen 3 bedeckt 1 bedeckt w« 1* Stationen taparanda eterSburg Scilly Aberdee» Paris ga ZZ 8? 2 heiter 1 wölken! 2 bedeckt. Wetterprognose für Donnerstag, be» Wärmer, zunächst vielfach heiter bei mäßigen wieder zunehmende Bewölkung, etwas Regen mit Berliner 756NO 755WSW 759WNW 737'Still 763S Letter Swolkenl bedeckt 7chedeckt bedeckt 2wolkenl N'» »II jM 12 11 13 14 27? 20. Juni 1912. südlichen Winden; später Gewitterneigung. Vetterbureau. Wassorftands-Nachrichten der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Detterbureau. Wasserstand Memel, Tilfit P r- g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen . Franksurt Warthe, Schrimm , LandSLcrg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz . Dresden . Berby . Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') . Beeskow D e s e r, Münden . Minden Rhein, Maximiliansau , Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel, Trier am 18.6. cm 68 32 -6 12» 81 131 234 594 344 305 63 120 40 seit 17.6. cm') —3 —5 —11 —20 —3 4-7 -12 —34 4-34 4-41 —17 ') 4- bedeutet Buchs,— Fall.—>) Unterpegel. �vwvvwwwwwvwwvuvwwvuvwvvwwvvwwvwvwvwwvtMwwwwvwwwwvwwvwvvvwwwwwwvvwwvwwwvwvvwvwvwvwwvwwvvwwvv Billige Pelerinen-Tage Sdilufs der Geltung der Ausnahme-Preise: Freitag, den 21. er. L o d e n- P e 1 e r i n e n grauer oder grünlicher Strichloden.„Imprägniert". Vorzuglich im Tragen. Mit abknöpfbarer Kapuze, Tragbändern, Armdurchgriffen und Taschen. 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Fritsch, Steglitz» Schützenstr. 40. Tie Tagesordnung wird in der Versammlung bekanntgegeben. Zahlreiches Erscheinen erwartet vle 0rt«versv»ltane. Eetitvalverbatid der Zimmerer == Zahlstelle Berlin und Umgegend.-------------- Heute Donnerstag, den AO. Juni, abends 8�2 Uhr, in der„Alhambra", Wallner-Theater-Straße 15: üllgememe Mtgüeäer-Versammlung. Tagesordnung: 1.„Staatshilfe und Selbsthilfe." Ref.: Genosse Dr. Rudolf Breitscheid. 2. Bekanntmachungen. 254/11* An alle im Berliner Lohngebiet beschäftigten Verbandsmitglieder richten wir hiermit das Ersuchen, in dieser Versammlung zu erscheinen. Der Vorstand. Or.SsgmiKel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄpZ* 10-2. 5—7. Sonntags 10-12. 2-' Ter Metallarbeiter. Best. Nachschlage!), f. Dreher u. Schloff. Prakt. Lehrbuch s. Fortbilduiigsschüler. Mit ca. 70 Beisp. und Slizzen. Eni« hält sämtl. Gewindebcrcchiiuiig, Kon- strukt. v. Schneckcngetc., Stirn- und Kegelrad., Bcrechn. v. Kern- u. 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Schauspielhans. Die keusche Susanne. FoliesCaprice.Parisiana-Ensemble Walhalla. Um eine Krone. Ansang 8.20 Uhr. Luise». Schwester Carmen. Alisang 8'/, Uhr. tkammerspiele. MeinFreundTeddh. Neues Volkstheater. Der Raub der Sabinerinnen. Känigstadt-Kasino. Spezialitäten. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—62. Ideater des Westens Abends 8 Uhr: Die schöne Helena. Restdenz-Theater. Direktion Richard Alexander. 8 Uhr: Alles für die Firma. Schwank w 3 Akten von M. Hennequin und G. Mitchell. Morgen u. folgende Tage: Alles für die Firma. I SchilleF-Theater O.ltt: Donnerstag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Buhe Politik. Schwank in 3 Akt. v. R. Skowronnek. Freitag, abends 8 Uhr: Bode Politik. 8eKllleF-71iealeF ChC� Donnerstag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Bas Konzert. Lustspiel tu 3 Alten von Herrn. Vahr. Freitag, abends 8 Uhr: Bas K o n z c r t. Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. fdMioile�ljiiigMei'Zti'ske Abends 5 Uhr: Die 5 Fraukfurler. Renes Theater. AbendS 8 Uhr: Der liebe Augustin. Operette von Leo Fall. ose-ittfAir Große Frankfurter Str. 132. Ansang 8 Uhr.■> Bilanzen des Lehens. Lü Aus der Gartenbühne: Juhu! ES ist erreicht. Ab 8 Uhr Bas Tagesgespräch Berlins!!! 10 große AttrMouen. llafTayettcs Wunderhunde. Paul Beckers. Alexanderplatz Unt. den Linden Moritzplatz Hasenheide Reinickendorfer Str. 14. Kur noch 2 Tage! Die vier Teufel. II. Teil. Außerdem: das übrige Programm Borgen Freitag, abends 81/, Uhr, im Gewerksoliaftshause: Oeneral- Versammlimg. Der Eintritt ist nur Mitgliedern gegen Vorzeigung der Bltglledskartc gestattet. Tagesordnung: Jahres-, Geschäfts- und Kassenbericht für das vierte Quartal, Geschäftsjahr 1911—1912. Bericht der Revisoren und Diskussion. Neuwahlen des Vorstandes, Ausschusses, der Revisoren und Obleute, der Ordner. Zahlstellenverändemngen: lÄgu*« ÄÄ stelle erhalten ihre neuen Karten bei H. Brückner, Gartonstr. 71.— NT o a c Z a h 1 s t e 1 1 e(Nr. 7) im Zigarrengesohäft van der Beeck, Bttllerstr. 60. — Nr. 39, Tempclhof, jetzt im Zigarrengeschäft bei Th. Richter. Bornsslastr. 8. Die Mitgliedskarten müssen zum Umtausch gegen die neuen Karton spütestenz am Tage nach der Generalversammlung in der alten Zahlstelle abgegeben werden. Ein Anrecht auf die bisher innegehabte Abteilung besteht nur, wenn die neuen Karton bis Anfang Aagnst nmgetansebt und der erste Beitrag für das neue Spicljahr entrichtet worden Ist. 243/3 Etwaige Umschreibungen in eine andere Zahlstelle müssen im Juni, Juli vorgenommen werden. Ber Vorstand. I.V.: G. Winkler. Sonnabend, den 22. Juni, in der Branerei Friedrichshain, 2 am KSnigstor: Sommerfest fl» veranstaltet von der Ordnerschaft der Neuen Freien Volksbübne. Konzert. Apollo-Sänger. Erstklassige Spezialitäten. Kinematograph. X Bilcherverlosung. X Belustigungen aller Art. Beginn des Konzerts nachmittags 4 Uhr. Ble Kaffcekücho Ist von 3 Uhr ab geöffnet. Sommernachts=Ball. Billetts ä 80 Pfg. sind in allen Zahlstellen und bei den Ordnern zu haben. 150/2 '2 W •itm OGISCHER GARTEN Täglich ab 4 Uhr: Großes Mililär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 M. von abends 6 Uhr ab 50 Pf.; Kinder unter 10 Jahren die Hälfte.. Jahres-Abonnement an allen Schalterkassen. drei 80 Attraktionen 80 Kongo, Zwergstadi, Die alte Mühle, Johnstowns Untergang usw. usw. Entree 50 Pf. Kinder u. Zwergstdt. b. C U. frei. Metropol-Ilieater. WM! Phantastisch musikalische Komödie in 3 Akten aus dem Englischen völlig frei bearbeitet von I. Freund. Musik vonR. Nelson. U. a. Tänze v. W.Bishop. In Szene gesetzt vom Dir. N.«chultz. Zlnsang 8 Uhr: Rauchen gestattet. NomgZlkdl'lUziiio. Ecke Holzmarkt- u. Alexanderstr. Täglich: TIikM und Variete. Ansang wochentags 8, Sonntags 5 Uhr. Vom 16. Juni bis 1. Juli: Erklass. Spezialitäten u.„Rosen a. d. Süden", gr. OperettcnburlcZke Voigt-Theater. Desnildbrunnen Badstraßc 58. 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Der große und kbeine Saal ist noch einige Sonnabende im Herbst, wie in der Maskenballsaison, zu vergeben. Hochachtend 34363 Pmii Oblglo. s Reielishallen-Theater. Stettiner Sftsigcr Zurr Schluß neu: Sannt orlnm Sonnenstich. BurleZle vonMeysel. Ansang Wochent. 8, SonlitagL 7>/, Uhr. K "'vXüSS�k. Heute: Praeht-Elite-Tag. Boppelkonzcrt, aus<;ef. von 75 Musikern. Gastspiel S. K. Hoheit des Großherzogs v. Mecklenburg- Strelitz Hoboisten-Korps vom Mecklenburgischen Grenadier-Rgt. Nr. 89.— Heues Spezialitäten-Programm, ■ Gr. Gala-Farado-Höhcn- u. Fronten-Feuerwerk. Einlr.SOPf. 1 •\'Wr ,:n.r'.t.■, i'V,• � Offener Brief an die Einwohner Groß'Berlins! Um den falschen Gerüchten, VertlHchtignngcn und Entstellungen der wahren Tatsachen, die über meine Völkerschau 08/16 Indien in Berlin im Publikum kursieren, die Spitze abzubrechen, sehe ich mich veranlaßt, allen denen, die es angeht und die sich für den Besuch meiner Ausstellung interessieren, hiermit mitzuteilen, daß dieselbe von morgens 11 Uhr bis abends 11 Uhr ununterbrochen geöffnet ist und daß wochentags täglich 6 Vorstellungen stattfinden; die erste ll'/a mittags, dann 8 Uhr nachmittags, U/a ühr, 6 Uhr, T'/a Uhr und die letzte Vorstellung OVa Uhr abends. Jede Vorstellung dauert zirka eine Stunde und bietet 15 artistische Nummern, nach deren Abiaul während der halbstündigen Pause bis zur nächsten Vorstellung auf dem 20 000 QMeter großen Marktplatz Vorführungen der berühmten indischen Fakire, Zauberer, Schlangenbeschwörer und Affcndressenre inmitten des Publikums abgehalten werden, ohne jedes Extra-Entrce, nicht, wie Frau Fama behauptet: in mit Vorhängen geschlossenen Zelten, die sich erst gegen einen Extra-Obulus öffnen sollen. Solche Zelte oder Veranstaltungen gibt es bei mir überhaupt nicht!!! Alles dieses wird dem Besucher für ein Gesamtentree von Va Mark gezeigt! Nur für den Besucher, der es gewohnt ist, wie auf der Rennbahn nicht seinen Platz auf dem Fußgängerplatz zu nehmen, sind gedeckte Tribünen mit Logensitzen ä M. 2,—, I. Tribüne M. 1,50, II. Tribüne M. 1,— errichtet. Sollte der Inhaber einer einfachen Eintrittskarte zu 50 Pf. zu einer Vorstellung zu spät kommen und infolge dos enormen Andranges, wie z. B. Pfingsten, auf der Fußgänger-Promenade jede Aussicht versperrt finden, so lade ich denselben zürn Verweilen vor den Basaren und Ständen der verschiedenen Handwerker und mannigfaltigen Künstler, die auf dem Marktplatz arbeiten, ein; die halbe Stunde Wartezeit bis zur nächsten Vorstellung ist im Fluge vergangen. Anderenfalls empfiehlt sich ein Besuch des mit den seltensten indischen Films versehenen Kinematographen, der einzigsten Veranstaltung in meiner Schau, in der gegen ein Extra Entree von nur 20 Pf. aufwärts pro Person die auserlesensten Vorführungen aus dem Wunderlande Indien stattfinden, da der Aufenthalt in der Ansstellnng ein unbeschränkter ist. Tempclhof, den 16. Juni 1913. GtlStaV HageilbeCk. SCHO QQLD Drei Preislagen - SILBER MMfia- KUPFER Alle drei Marken, gleich rein und nährkräfHg,unters anzüge, Paletots, Seide, 9—18 Mar größtenteils aus k. GelegenbeitS- küuje in Damen-Kostümen, Kleidern, Tuchmänteln, auf Seide. Herftellungs- preis bis stllark 150, jetzt bis 35 Mark. 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Stellmacher- Innung und der TJagenfabri- kanten, Kaiser-Franz-Grcnadier, Platz. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die Ortsverwaltung Berlin des Deutscben Holzarbeiterverbandes. llr. 141 29. Jahrgang. 3.|tilii(|t des.Jurmiitts" Kerlim WsM Dolmerstag, 39. Jum 1912. Partei-?Zngelegendeiten. Vierter Wahlkreis. Am Dienstag, den 25. Juni, abends 81l2 Uhr, findet in den Konkordia-Sälen, Andreasstraße, eine außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins statt. Auf der Tagesordnung steht: Beratung und Beschluß- fassung über den Entwurf der Ausführungsbestimmungen des Wahlregulativs und Anträge; Beratung und Beschlußfassung über Anstellung eines dritten Angestellten und Anträge; Vereinsangelegenheiten. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Der Vorstand. Charkotteuburg. Am Sonnabend, den 23. Juni, veranstaltet der Wahlverein in allen Nmmien des„BolkshauicS" ein Sommerfest. � Eintritt 25 Pf. Kaffeeknche von 2 Uhr ab geöffnet. Billetts an der Kasse. Der Vorstand. Lichtenberg. Heute Donnerstag, abends 8>/z Uhr, Viertelsver- faminlnngen: I. Viertel in den Prachlsälen des Ostens. Frankfurter Allee 151; II. Viertel bei Arnhold, Frankfurter Chansfee 5; III. Viertel Freitag, den 21. Juni, abends 8>/z Uhr, bei Scheuer, Frankfurter Chaussee 128. Rege Beteiligung erwartet Die Bezirksleitung. _ Trebbin. Am Sonnabend, den 22. Juni, abends 8'/, Uhr. im Schntzcnhaus(23. Fromm); Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: 1. Kasse und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Jahres» bericht d.-s Vorstandes. 3. Neuwahl des Vorstandes und der Funktionäre, t. Parteiangelegenheiten. Berliner JVaebnebtm Die Errichtung einer Fleischgroßhalle. Im Stadthaus fand gestern in der Angelegenheit be- treffend den Bau einer Fleischgroßhalle auf dem' Gelände des städtischen Vieh- und Schlachthofes auf Einladung der städtischen Markthallcndeputation eine Konferenz statt, an welcher ein Ausschuß der Markthallendeputation, der Vieh- und Schlachthof- dcputation, Vertreter der städtischen Hochbauverwaltung und außerdem 10 Vertreter von Vereinen der Engrosschlächter Berlins teilnahmen. Die grundlegende Frage, ob die EngroS- Verkaufsstelle nach dem Gelände des Vieh- und Schlachthofes gelegt werden soll, wurde eingehend erörtert. Die anwesenden Vertreter des Schlächtergewerbes sprachen sich einstimmig dafür aus. Die Vereinigung der Engrosverkaufsstclle mit dem Schlachthof wurde hauptsächlich deshalb geivünscht, weil, abgesehen von der günstigen Lage des Schlachthofes an der Bahn, jetzt das Fleisch zunächst nach der Zentralmarkthalle befördert und dann wieder, soweit es nicht verkauft ist, nach dem Schlachthof zurückgebracht werden muß; durch den mehrfachen Transport leidet naturgemäß die Qualität des Fleisches. außordcm erwachsen durch den Transport Kosten. Wird die Vcrkaufshalle auf dem Schlachthof angelegt, so ist es möglich, daß das Fleisch aus dem Schlachtraum durch geeignete Vor- richtnngen direkt in die Kühlhallett. in denen eis bis zum Verkauf verbleibt, und von hier aus unmittelbar nach den Ver- kaufsstellen gelangt. Durch die ununterbrochene Lagerung in den Kühlräumen gewinnt das Fleisch an Qualität und es fallen die jetzt entstehenden Transportkosten weg. Es wurde bei der Besprechung hervorgehoben, daß. falls die Ver- legung der Engrosfleischhalle nach dem Schlachthof stattfinden würde,>•: zum 1 Transport der Fleischmengen von dem Schlachth», nach der Zentralmarkthalle erforderliche Fuhrpark um 25 Proz. niedriger sein würde. Die Konferenz hat be- schlössen, dem Magistrat das Projekt zur Annahme zu empfehlen und die städtische Hochbaudxputation mit der AuS- arbeitung desselben zu beauftragen. Der Sportplatz am Bahnhof Schmargendorf vom Ausschuß abgelehnt. Der StadtverordnetenauSschuß über die Magistratsvorlage, die Vermietung einer rund 40 000 Quadratmeter großen Teilfläche des GaSanstaltSgrundstiickS am Bahnhof Schmargendorf für Sport- zwecke betreffend, hat seine Beratungen zu Ende geführt. Der Unternehmer beabsichtigt, dort eine Halle für eine Million Mark zu errichten, die allen Kreisen der Bevölkerung Gelegenheit zur Aus- übmig von Körper und. Geist kräftigenden Sports bieten soll, und zwar zu jeder Jahreszeit. Mit Rücksicht auf die erheblichen Kosten, zu denen noch Mieten, Steuern, Gehälter usw. komme», will der Unternehmer nur ein längeres Pachtverhältnis eingehen. Die Be- rotungen drehten sich um diesen Punkt und um die fast unglaubliche Forderung der Gemeinde Schmargendorf, die nicht lveniger als 130 000 M. verlangte als Beitrag zu den Kosten der Hohenzollern- brücke und des dortigen Bahnhofes. An Kaution sollten 100 000 M. und die erste Mielzinsrate mit 10000 M. hinterlegt werden. Der Ausschuß lehnte die Vorlage wegen der nicht genügenden Garantien ab. Der neue.Betriebsbahnhof der Hochbahugesellschaft nähert sich feiner Vollendung. Hier mündet die Erweiterungslinie nach Westend ein, nachdem sie die Lehrter Bahn unterfahren hat. Vor der Ein- mündung in den Betriebsbahnhof soll später der Bahnhof Rennbahn angelegt werden. Der Betriebsbahnhof hat eine Ausdehnung von rund 5000 Quadratmeter; in Verbindung mit ihm ist die neue Werk- statte angelegt, die in drei Schuppen zerfällt. Hier sollen alle Wage» nntersucht, repariert, auch neue Wagen inontiert werden. Die neue Werlftätle ist somit als Hauptwerkstalte anzusehen, während die bisherigen als einfache BetricbSwerlftätten bestehen bleiben. Die Bauwerke mnßten ziemlich tief fundiert werden, weil der an dieser Stelle sehr wellige Boden des Grunewalds zur Herstellung einer ebenen Fläche stark anfznhöhen lvar. Von besonderem Interesse ist die Atzlage' deS WagenuntersuchungSschuppenS. Die Gleise ruhen hier aus cinzeluen Pfeilern, so daß mau sich unter den Wagen frei bewegen kann. Der Bahnhof hat u. a. noch ein großes Dienst- gebätzde erhalten, das in dem unteren Geschoß weite Auskleide- und Waschräume und im oberen einen großen Eßsaal mit Küche enthält. Darüber liegen Wohnungen für Beamte. Die Wasserversorgung ersolgt aus eigenen Anlagen. Zwischen den geräumigen Arbeiter- wohngrbänden liegen drei Wagenhallen, in denen insgesamt 287 Wagen gleichzeitig untergebracht werden können. Der ganze Gebnndekomplcx erhält durch gärtnerische Schmuckanlagen ein freund- licheS Aussehen..; Eine psychiatrisch-publizistische Bertrauenökommission hat der ReichSverband der deutschen Presse, der dieser Tage in München tagte, eingesetzt. Die beschlossene Vertrauenskommission soll durch ihre Zusammeitsetzung die Gewähr bieten für eine objektive Prüfung aller derjenigen Fälle von Aufnahme und Behandlung in Irrenanstalten, welche zu öffentlicher Kritik Anlaß geben. Wenn sich dabei der Piefieverband ausbedungen bat. daß in keiner Weise eine Beeinflussuiig oder Bedrückung der Krüil der Presse beabsichtigt werden dürfe, so ist das eigentlich selbstverständlich. Die erwähnte Gewähr wird aber noch lange nicht dadurch geboten, daß in der VertrauenSlommission nunmehr drei Psychiater und zwei Redakteure größerer Blätter sitzen. Daß die in die Kommission beorderten beiden Redakteure besondere Er- fahrung in Jrrenrechtsfragen haben, davon ist nichts bekannt. Ueberdies ist eine.Prüfung" durch die Pressekommission nahezu illusorisch, da die meisten der in neuerer Zeit zu berichtenden Ver- gewaltiguugSfälle gewöhnlich schon die juristischen Schranken passiert haben. Demnach hat die Verträuenskommison so gut wie gar keinen praktischen Wert. Solche Sensationsfälle wie die Prozesse Meers- mann, Schönebeck, Metternich und ähnliche, die das Steckenpferd der bürgerlichen Presse bilden, haben für die JrrenrechtSreformbewegung wenig oder gar kein Interesse. An gerichtlich festgestellten Ver- gewaltigungsfällen ist aber bisher die Psychiatrie mit dem durch- fichtigen.vornehmen Schweigen" vorbeigehuscht. Ein originelles Strafmandat wurde uns gestern vorgelegt. Danach soll eine Frau W. 6 Mark Strafe zahlen, weil sie.übermäßig laut: Hilfe! Schutzmann I" ge- rufen haben soll. Frau W. fühlte sich bedroht und da sie in der Nähe einen Schutzmann nicht sah, rief sie Hilfe I Schutzmann I Auf ihren Ruf kamen dann sogar zwei Schutzleute und stellten die Nuferin selber fest. Nach dem Strafmandat sollen die Rufe„über- mäßig laut" erfolgt sein. Die Frau glaubte etwas laut rufen zu müssen, da sie annahm, wenn sie leise rufe, würde ihr Ruf nicht gehört werden. Jnteresiant dürfte sein, was unter„übermäßig laut" zu verstehen ist. Das wird natürlich vom rein subjektiven Empfinden abhängig sein. Im vorliegenden Falle sind die beiden Schutzleute als Zeugen dafür benannt, daß das Rufen„über- mäßig laut" gewesen sei. Wenn die Frau W. gegen das Straf- mandat Berufung einlegt, wird das Gericht zu prüfen haben, was unter dem Ausdruck„übermäßig laut" zu verstehen ist, insbesondere waS Schutzleute darunter verstehen. Vor Gericht müßte dann der Ruf wiederholt werden, damit auch die Richter entscheiden können, wer„übermäßig laut" bedeutet. Wo die Grenze zwischen„laut" und„übermäßig laut" liegt, dürfte nur möglich sein, festzustellen, wenn die verschiedenartigen Rufe durch eine Sprechmaschine auf- genommen würden. Für das Gericht dürfte die Aufgabe nicht leicht sein._ Die neue Brücke in Moabit, Zdie im Zuge der Putlitz- und Föhrenstraße den Spandauer Schiffahrtskanal und den Bahnkörper des Nördrings überbrückt, ist jetzt fertiggestellt und soll am Sonnabend, den 29. Juni, dem öffentlichen Verkehr übergebe» werden. Der Magistrat hat zu dem Eröffnungsakte Vertreter des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, des Polizeipräsidiums, und der kgl. Eisenbahndirektion eingeladen. Die neue Brücke, die zwei dicht bevölkerte Stadtteile verbindet, und in unmittelbarer Nähe des Ringbahnhofs„Putlitzstraße" liegt, entspricht einem dringenden Ver- kehrsbedürfnis. Nene Straßenbahnhöfe bauen gegenwärtig die Große Berliner Straßenbahn und die Westliche Berliner Vorortbahn. Der größte von diesen, für 500 Wagen bestimmt, ist der in Lichtenderg, Sieg- friedstraße. Er wird voraussichtlich im Sommer 1913 fertiggestellt sein. In Weißeusee wird ein Bahnhof für 200 Wagen, in Groß- Lichterfelde-Steglitz ein solcher für 250 Wagen errichtet, von denen der eine im Herbst 1912, der andere im Sommer 1913 fertig wird. In Zehlendorf hat die Westliche Berliner Vorortbahn«in Terrain von 16 Morgen erworben, um darauf später bei eventuell ein- tretendem Bedürfnis einen Bahnhof zu errichten. Die neuen Bahn- Hofsbauten fiogen der bevorstehenden bedeutenden Ausdehnung des Netzes Rechnung, das um eine Gleislänge von insgesamt 50 Kilo- meter vergrößert wird. Ein Schlaglicht aus die Arbeitervcrhältnisse auf dem Gräflich Wartenbcrgschen Gute in Blankenfelde wirst die Zuschrift eines in der dortigen Gegend praktizierenden Arztes an das„Berliner Tage- blast" aus Anlaß von choleraverdächtigen ErkranlungSfällen in Blankenfelde, von denen dieser Tage berichtet wurde. Der Arzt schreibt:„Es handelt sich um die Familie deS Arbeiters W u t h e auf dem gräflich Wartenbergschen Gute. Die Krankheit ist weder Cholera noch kann«S sich um einen TyphuSfall handeln, wie er vor Reihe von Jahren die kleine Tochter deS Großherzogs von Hessen befallen hat. Es ist nichts anderes, als ein etwas heftig auf- tretender Brechdurchfall wie er gegenwärtig in hiesiger Gegend mehrfach vorkommt, ohne die öffentliche Meinung so sehr wie die Blankenfelder Fälle zu erregen, allerdings auch ohne so beunruhigende Todesfälle hervorzurufen. Der schwere Verlauf der Krank- heit scheint allein in den überaus ärmlichen Ber- bältniffen der Familie ieine Urfach» zu haben. Der Wohnraum der siebenköpfigen Familie war dunkel und ungesund, die Kinder waren durch mangelhafte Ernährung wenig widerstandsfähig und da die Familie wegen des geringen Verdienstes des ManneS sich nicht entschließen konnte, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist der tragische Verlauf nicht im mindesten verwunderlich." Diese Zuschrift läßt die Lage der Arbeiterfamilien auf dem gräf- lich Wartenbergschen Gute in krasser Beleuchtung erscheinen. Bon der Fürsorge für schwachbefähigte Kinder hatten wir vor einiger Zeit eine eigenartige Probe mitgeteilt. In der 2 1 5. M S d ch e n- G e m e i n d e s ch u I e(Dunckerstraße) wurde am Schluß des Vierteljahres einem Mädchen, das im März das 14. Lebensjahr vollendet haste und konsirmicrt worden war, die Em- lassung aus der Schule verweigert. Die Schülerin haste in vollen acht Schuljahren so geringe Fortschritte gemacht, daß sie als Vierzehnjährige noch nicht über die fünfte Klaffe hinausgekommen war. � Infolgedessen mußte sie in diesem Sommerhalbjahr weiter in der für 9- bis 10-jährige Kinder be- stimmten Klaffe die Bank drücken, um zu versuchen, ob sie nicht doch noch einiges dazu lernen könnte. Nach den Vorschriften über den Zeit- Punkt der Schulentlassung solcher zurückgebliebenen Kinder war eS formell richtig, daß diesem Kinde die Entlastung verweigert wurde. Prinzipiell kann man sich auch nur damit einverstanden erklären, daß vierzehnjährige Kinder mit gar zu geringer Schul» bildung genötigt werden, einstweilen noch weiter die Schule z u b e s u ch e n. In dem von uns geschilderten Fall handelte eS sich aber um ein sehr gering befähigtes Kind, bei dem die Anwendung dieser Borschrift wenig Erfolg versprach und die Wohltat zur Plage geworden wäre. Daß man das willige, aber schwache Kind nicht beizeiten in eine Nebenklasse getan hatte, erschien um so verwunderlicher, da es sogleich in den ersten Schuljahren nicht vorwärts gekommen war und damals in der 121. M ä d ch e n- Gemein beschule(Prenzlauer Llllee) schon für die achte Klasse volle drei Jahre gebraucht hatte. Der von uns veröffentlichte Artikel, in dem auf diese Umstände hingewiesen wurde, ist in: Rathaus nicht unbeachtet ge- blieben. Wir wurden von dort aus ersucht. Name und Wohnung der Eltern deS Kindes zu nennen, und selbstverständlich erfüllten wir gern diesen Wunsch. Jetzt wird unS bekannt, daß nunmehr die Schuldeputation dem Vater des Kindes eine Mitteilung überfaudt hat, die kurz und bündig lautete:„Ihre Tochter Charlotte wird von der Teilnahme am Schulunterricht sofort befteit." Als das Kind diese Mitteilung in der Schule vorwies, wurde es noch an dem- selben Vormittag für entlassen erklärt und nach Hause ge- schickt. Die Eutlassung mitten im Schuljahr ist ungewöhnlich. aber sie war nötig, im Jnteresie dieses KindeS, das durch weiteres Verbleiben in der 6. Klosse nur noch mehr geschädigt worden wäre. DaS Kind ist von den Eltern sofort in der Fort- bildungSschule für Schwachbefähigte(Brunnenstr. ILö) angemeldet worden, in der es besser aufgehoben sein wird. Einen seltsamen Selbstmordversuch machte ein Schlosser Bruno Müller im Untersuchungsgefängnis. Er versuchte, einen Teelöffel zu verschlucken, geriet in die Gefahr, zu ersticken und mußte zur Vor« nähme einer Operatton schleunigst nach einer Klinik gebracht werden. Ei» schwerer Straßenbahnuiifall ereignete sich in der Nacht zum Mittwoch auf der Treptower Chaussee, nahe der Schlesischen Brücke. Dort wollte der Kaufmann Gustav Scbönbeck, Greifswalder Str. 207 wohnhaft, den Hinlerperron des Motorwagens 2933 der Linie 91 während der Fahrt verlassen, kam jedoch zu Fall und blieb neben dem Wagen liegen. Der Verunglückte, der schwere Verletzungen am Kopf und Kinn, sowie Hauptabschürfungen erlitten hatte, wurde nach der nächsten Unfallstation gebracht und von dort nach Anlegung von Notverbänden dem Urban-Krankenhaus zugeführt. Gefundene Kinderleiche. Auf ein Verbrechen deutet ein Fund hin, der gestern auf dem Grundstück Kreuzbergstraße 45 gemacht wurde. Dort entdeckte ein Müllkutscher beim Entleeren eines Müll« kastens die Leiche eines neugeborenen Knaben. Der kleine Körper war in Zeitungs- und Packpapier eingewickelt. Sonderbarerweise befand sich in dem Paket auch ein großer toter Hecht. Allem An- schein nach ist das Kind eines unnatürlichen Todes gestorben. Merk» male äußerer Gewalt waren jedoch einwandfrei nicht wahrzunehmen, weil der Körper des Kindes zum Teil bereits in Verwesung über« gegangen war. Die kleine Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt und zwecks Obduktion nach der Halle in der Maxstraße geschafft. Die Nachforschungen nach der unnatürlichen Mutter haben bisher noch keinen Erfolg gehabt. Genickstarre in der Nähe von Berlin. In Kalkberge-RüderSdorf ist ein Fall von Genickstarre aufgetreten, der zu übertriebenen Gerüchten Beranlaffung gab. In der genannten Ortschaft ist vor einigen Tagen der zehnjährige Paul Przibylsli, der Sohn des Arbeiters P. aus der Tasdorfer Str. 5. schwer erkrankt, ohne daß der behandelnde Arzt die Art des Leidens genau festzustellen ver» mochte. Der Knabe wurde in das Krankenhaus eingeliefert und hier wurde bei der eingehenden Untersuchung der Aerzte festgestellt, daß es sich um Genickstarre handelt. Der Zustand des Knaben ist zwar bedenklich, doch besteht augenblicklich eine Lebensgefahr nicht. Die Angehörigen des Erkrankten befinden sich zwar in der Wohnung, sind jedoch vorläufig isoliert. Die zuständigen Behörden haben sofort die üblichen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um ein Umsichgreifen der gefürchleten Krankkeit zu verhindern. Bisher sind auch weitere Erkrankungen an Genickstarre nicht vorgekommen. Ein Grund zur Beunruhigung liegt demnach nicht vor. Erschossen. Durch das unvorsichtige Umgehen mit einer Schuß» Waffe ist wiederum ein bedauerlicher Unglücksfall herbeigeführt worden, dem ein blühendes Menschenleben zum Opfer fiel. In Groß-Machnow wollte der Förster Meder dem Schmiede- ineister Hoffmann den Mechanismus seines Jagdgewehr« erklären. Dabei kam M. infolge einer unvorsichtigen Bewegung dem Hahn zu nahe und die Waffe entlud sich. Die ganze Schrotladung traf die dicht vor der Gewehrmündung stehende 29jährige Ehesrqu des SchiniedemeisterS in den Kopf. Die Getroffene brach sofort leblos zusammen und verstarb wenige Minuten darauf, ehe noch ein Arzt hinzugerufen werden konnte. Der unglückliche Schütze stellte sich selbst der Polizei. Durch einen herabfallenden Mauerstein schwer verletzt worden ist gestern vormittag der 38jährige Rohrleger Otto Arndt aus der Wolliner Str. 53. A. war an dem Neubau des Boardinghous azn Kursürstendamm beschäftigt und arbeitete gestern vormittag gegen >/z12 Uhr im Erdgeschoß.' als plötzlich aus dem zweiten Stockwerk ein schwerer Mauerstein herabstürzte und den Rohrleger mit großer Wucht am Hinterkopf traf. Arndt irug eine klaffende Wunde davon und mußte in besinnungslosem Zustande nach der Unfallstation am Olivaer Platz geschafft werden. Nach Anlegung von Notverbänden wurde der Verunglückte, der unter der sachgemäßen Behandlung des Arztes bald wieder zum Bewußtsein kam, nach seiner Wohnung gebracht. Ein entsetzlicher Unglücksfall ereignete sich gestern abend gegen 8 Uhr in der Maschinenhalle der A. E. G.-Fabriken. Brunnen- straße. Durch eine infolge Kurzschlusses entstandene Stichflamme gerieten die Kleider des in großer Höh» den Lauskran bedienenden Führers zu Hansen(einem Mann von zirka 40 Jahren) in Brand. Den im Betriebe noch in großer Llnzahl beschäftigten Arbeitern war es nicht gleich möglich, dem lichterloh Brennenden zu Hilfe zu eilen, der sich vergeblich bemühte, die brennenden Kleider vom Leibe zu reißen. Erst nach Herbeischaffen einer Ausziehleiter konnte dem Schwerverletzten die erste Hilfe geleistet und seine Ueberführung nach dem Krankenhause veranlaßt werden. Festgestellt ist daS Mädchen, das am Donnerstag voriger Woche im Freibad Grünau ertrank. ES ist eine 23 Jahre alte Näherin Margarete Richter aus der Kopernikusstr. 29. Straßensperrung. Die Münzstraße zwischen der Straße am KönigSgrabeu und der IGrenadierstrnße ist wegen Pflasterarbeiten vom 20. d. Mts. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Wer ist der Tote? Schwierigkeiten macht die Feststellung eines Mannes, der vor einigen Tagen auf Zehlendorfer Gebiet als Leiche aus dem Wasser gelandet wurde. Der Ertrunkene, der etwa 40 bis 50 Jahre alt gewesen sein mag. scheint den besser gestellieu Kreisen angehört zu haben. Er ist 1,80 Meter groß.■, hat blandes Haar und trug einen Jackettanzug mit rotbraunen Slreison, einen grauen Sommerüberzteher, gelbliche Trikot» Unterkleider und weiße Wäsche. Sein Taschentuch ist nicht gezeichnet. Sein Portemonnaie enthielt nur acht Pfennige und eine Zehnpfennig« marke. Außerdem hatte er drei Schlüssel in der Tasche.— Noch nicht erkannt ist auch der Mann, der gestern in Grünau als Leiche aufgefunden wurde, und in dem man zunächst den Gattenmörder Julius Zinke vermutete. Der Unbekannte ist etwa 30 Jahre alt, 1,62 Meter groß und schlank, hat schwarzes Haar und schwarzen Schnurrbart und auf beiden Seiten unterhalb des Kinns eine Narbe. Er trug einen braunen Jackettanzug, einen Stehumlegekragen mit grüner Krawatte, einen schwarzen steifen Hut, braune Schnürstiefel und einen schwarzen seidenen Regenschirm. Bei der Leiche, die nach der Friedhofshalle in Grünau gebracht wurde, fand man einen neuen Revolver mit scharfen Patronen und einen Fahrschein der Großen Berliner Straßenbahn. Vorort- JVadmcbten. Mariendorf. Die Ablehnung eines Beitrages für die Natioualflngspende hat bei einigen unserer Ortspatrioten arge Verstimmung hervorgerufen. In einem langen in der hiesigen Ortspresse veröffentlichten Artikel wehklagen sie über den Mangel an Verständnis der gesamten Ge- meindcvertteter für die hohe nationale Aufgabe des Flugsports. „Die Gemeindevertretung habe bewiesen, daß sie kein Verständnis für die Wichtigkeit der Fluginaschinen und ihre Zukunft habe", so schreiben die Herren. DaS ist natürlich eine leichtfertige Behauptung. Wenn die Herren in der fragwürdigen Sitzung anwesend waren, mußten sie aus den Ausführungen unserer Genossen, die dit Haupt- belämpftr der Spende waren, entnommen haben, wie sehr dieselben an sich denFarlschriltdcr Technik aiierkanuten. UnserNeducr betonte nur, daß die Unterstützung des Flugwesens die Aufgabe des Reiches und uichr die einer in ungünstigen Finanzverhältmssen sich befindenden Ge» meinde ist. Dieie Argumente erwähnt der Artikelschreiber nicht. Vielleicht, weil sonst die Mehrheit des Bürgertums daS Verhalten der Vertretung billigen würde. Urkomisch wirkt e». wenn geschrieben wird, daß das ablehnende Verhalten der Herren Sozialdemokraten zu verstehen sei, dagegen wird den Bürgerlichen ein halbes Miß- trauensvotum ausgestellt.— Nun wollen die Herren die Schmach von Mariendorf wieder gutmachen und doch noch eine nationale Flugspende am Ort zusammenbringen, damit Mariendorf nicht be- schämend hinter anderen Orten zurücksteht. Das Sonderbare ist nur, daß unsere Ortspatrioten nicht selbst ihren Beutel auftun. Um die Mittel bierfür flüssig zu machen, soll ein Sommerfest in einem geeigneten Lokal veranstaltet werden, dessen Ueberschnß dann der Nationalflugspende zur Verfügung gestellt werden soll. Köpenick. Ein tödlicher Unfall ereignete sich gestern nachmittag in der Bahnhosstraße. Dort stürzte der mit dem Anstreichen von Straßen- bahnmasten beschäftigte Arbeiter Reinhold Goers aus der Flemming- straße von der Leiter auf den gepflasterten Bllrgersteig herunter und war auf der Stelle tot. Der Verunglückte, ein junger Mann von 23 Jahren, wollte sich deinnächst verheiraten. Weißcnsee. Die lebte ausgedehnte Gcmeindevcrtretersitzung hatte zu beraten, ob die auf dem Rieselgute gewonnene Milch weiter verpachtet oder durch die Gemeinde in eigener Regie vertrieben werden soll. Am Schluß des vergangenen Jahres hatten die Molkereibesitzer des Ortes den Milchpreis um 2 Pf. pro Liter erhöht; eine Protestversammlung wandte sich entschieden gegen diese Erhöhung. Auf Antrag unserer Genossen wurde der Administrator des Nieselgutes Birkholz beauf- tragt, eine Berechnung aufzustellen. Das Ergebnis derselben wurde in der letzten Sitzung vorgelegt. Die Rieselfeldkommission stellte den Antrag, den Milchvertrieb in eigene Regie zu übernehmen, da nach den rechnerischen Darlegungen des Administrators ein Ueber- schuß von 36 2öt) M. berauszuwirtschaften sei, wenn der Vertrieb mit dem Betriebe des schon vorhandenen und dem dem Säuglings- ikrankenhause angegliederten Musterkuhstalles verbunden wird. Ans irgend eine Weise ist der Beschluß der Rieselfeldkommission in die Oeffentlichkeit gelangt, das hat die Mollereibesitzer und Milchhändler veranlaßt, Protest hiergegen zu erheben; die Herren wollen sogar� den Beschwerdeweg betreten. Molkerei- bcsitzer und Milchhändler füllten die Tribüne und waren mit ihren Beifalls- und Mißfallspenden so spendabel, daß der Vorsitzende mit Räumung der Tribüne drohte. Schöffe Mewes begründete den Antrag und empfahl denselben zur Annahme. Die Gemeinde brauche Einnahmequellen und wenn nur die Hälfte sdes auf Grund der Be- rechnung zu erhoffenden Ueberschusses �erzielt werde, so entlaste diese Summe ganz bedeutend die anderen Steuerarten. Herr Schiniedecke, als Molkereibesitzer, sprach sich, wie dies nicht anders zu erwarten war, gegen die Vorlage aus; er schilderte ganz besonders die elende Lage der Milchverkäufer, ohne rechnerische Unterlagen wollte er den Beweis erbringen, daß die Gemeinde mit einem bedeutenden Desizit arbeiten werde. Als weiterer Gegner trat noch Herr Könitz auf, der die Molkereibesitzer schon aus dem Grunde nicht im Stich lassen durfte, weil diese seinein Verein bei der letzten Wahl Hilfe leisteten; er betonte, daß die Gemeinde den hiesigen Geschäftsleuten keine Konkurrenz machen dürfe. Für die Vorlage sprachen in der Hauptsache nur unsere Genossen. Gnosse Schlemminger verwies auf die Meinung des übergroßen Teiles der Ein- Wohnerschaft, die in der auch den bürgerlichen Herren zugesandten Resolution der Protestversammlung zuni Ausdruck komme. Bei der herrschenden Teuerung habe die Gemeinde die Pflicht, die Einwohnerschaft mit billiger und guter Milch zu der- sorgen; nicht nur als Nahrungs-, sondern auch als Heilmittel finde die Milch Verwendung. An der Hand statistischen Materials wurde auf die Kindersterblichkeit hingewiesen. Genosse Fuhrmann machte die Herren darauf aufinerksam, daß sie es doch immer seien, die bei allen unseren Anträgen den Vorwurf er- heben, wo die Mittel hergenommen werden sollen; jetzt, nachdem eine Einnahmequelle empfohlen werde, sträube man sich, weil dieser oder jener Geschäftsmann vielleicht dadurch eine Einbuße am Verdienst erleide. Gegen eine solche Politik müsse man Front machen. Genosse Taubmann wandte sich gegen die Pejition der Mollereibesitzer. die nichts sei als ein Schreckschuß. Die Molkerei- besitzer und Milchhändler scheerten sich den Teufel darum, wenn die Arbeiter durch Aussperrung und durch die Verbesserungen maschineller Einrichtungen cxistenzlos werden. Des weiteren wies Redner nach, daß die Arbeiter in den westlichen Vor- orten billigere Milch haben als in den nördlichen ärmeren Vororten. Genosse Frentz lenkte die Aufmerksamkeit der Versamm- lang noch auf die Vorteile, die durch die Abnahme der Milch aus Birkholz auch für den Musterkuhstall entstehen. Schon jetzt sei der Verbrauch so groß, daß täglich bis zu 500 Liter fremde Milch zu- gekauft werden müssen. Daß von den Gegnern die Ausführungen unserer Genossen nicht unwidersprochen blieben, ist selbstverständlich. Räch dreistündiger Debatte wurde ein Antrag angenommen, daß die ganze Angelegenheit nochmals die Finanz- und Nieselfeldkommission beschästigen soll. Groft-Lichterfelde. Das Stistimgsfest des ArbeitergesangvereinS Männerchor wird in Anbetracht der schlechten Witterung auf Sonntag, den 30. d. M., verlegt. Das Fest findet im Etablissement Fr. Wahrendorf, Bäke- straße 7, statt. Anfang 2 Uhr. Eintritt 30 Pf. Die bereits gelösten Billetts behalten ihre Gültigkeitk Da der Gesangverein sich bisher der Arbeiterschaft zur Verfügung gestellt hat, werden die Partei- genossen uni recht rege Beteiligung ersucht. Reinickendorf. Morgen Freitag, den 21. Juni, finden die Wahlen der Beisitzer zum Ge Werbegericht statt und zwar für die Arbeitgeber nachmittags von 4 bis 5 Uhr und für die Arbeitnehmer von 5 bis 7 Uhr. Gewählt wird in drei Lokalen. Der 1. Bezirk, umfassend den westlichen Ortsteil, bestehend aus dem sogenannten Tegeler und Eichborn-Plan sowie der Humboldt- straße ausschließlich Nr. 1—25 und 77 bis Ende und der Veltener Straße ausschließlich Nr. 1—3, wählt im Knoblichschen Restaurant, Scharnweberstr. 14, der 2. Bezirk, umfassend das westlich der Sonntagstraße bis zum Grünen Weg und der Kühleweinsiraße einschließlich dieser beiden Straßen belegene Gebiet des östlichen Ortsteils und zwar Humboldtstr. 1— 25 und 77 bis Ende, Veltener Str. 1—3, Ziegelei- weg, Teichstraße, Graf Rödern-Allee, Hauptstraße, Siegeweg, Lindauer Straße, Kopenhagener Straße. Flottenstraßc, Schönholzer Weg 1, 2 und 60, Residenzstraße, Wilkestr. 1—10 und 60—68, Sonntngstraße. Friedrich-Wilhelm-Slraße, Raschdorffstr. 1—14 und bv bis Ende, Deutsche Straße, Thaterstraße, Amendestr. 1—15 und 05 bis Ende. Hausotterstr. 1—19 und 88 bis Ende, Grüner Weg 2 und 11, Pankower Allee 1—18 und 52 bis Ende, Kühleweinstraße. Lette- Allee, Seebad, Mark-, Holländer-, Walderseestraße, Seestr. 1—17 und 46 bis Ende, Hansastraße, Jusiusstr. 1—5 und 54 bis Ende, Brienzer. Thuner. Rütli-, Baseler. Appenzeller Straße und Schiller- Promenade, wählt im Restaurant Schützen haus. Residenz- �"�der'll! Bezirk, umfassend das östlich der Sonntagstraße bis zum Grünen Weg und der Kühleweinstraße, ausschließlich dieser beiden Straßen belegene Gebiet des östlichen Ortsteils und zwar See- straße 18—45. Justusstr. 6—53, Gesellschafts-, Aegir-, Neptun-, Benkestraße. Pankower Allee 10-51, Provinz-, Holz-, Papier-, Schioartz-, Alberi-Freitag-, Epensteinstraße, Gruner Weg ausschl. Nr 2 und 11, Granatenstraße. Hausotterstr. 20—87, Isar-, Ver- länqerte Kolonie-, Bürger-, Winter-, Hoppestraße. Hausotterplatz. Kamele- Herbst-, Sommer-, Nordbahn-. Seebeck-, Budde-, Frühling- straße. Schönholzer Weg 20-31. Wilkestr. 11-50, Raschdorfstr. 15-08 und Amendestr. 16—04. wählt im Ferchland, chen Rest au- * 0" Wa hlberechtigt�sind alle über 25 Jahre alte Arbeitgeber, die in Reinickendorf wohnen oder eine gewerbliche Niederlassung haben. und alle über 25 Jahre alte Arbeitnehmer, die in Reinickendorf wohnen oder beschäftigt sind. Mitglieder einer Zwangsmnung und -�Verantwortlicher Redalteitri Albert Wachs. Berlin. Für de» die bei ihnen beschäftigten Arbeiter sind nicht wahlberechtigt. Jeder wählt in dem Bezirk, in dem er wohnt oder in dem sein Betrieb liegt. Im 1. Bezirk sind zu wählen 2 Arbeitgeber und 2 Arbeit- nehmer, im 2. Bezirk 1 Arbeitgeber und 2 Arbeitnehmer und im 3. Bezirk nur 1 Arbeitgeber. In diesem Bezirk findet also diesmal keine Arbeit» eh ni erwähl statt. Für die Arbeitgeber- wähl hat der Wahlverein folgende Kandidaten aufgestellt: Im 1. Bezirk den Gastwirt August Bandsch und den Schlächter- meister Paul Sommer; im 2. Bezirk den Geschäftsführer Robert Engel; im 3. Bezirk den Schneidermeister Wilhelm N ö t h l i n g. Als Kandidaten für die Wahl der A r b e i tn e h m e r b e i s i tzer hat das Gewerkschaftskartell aufgestellt: Im 1. Bezirk Holzarbeiter Bernhard Monlowski und Bauarbeiter Franz Müller; im 2. Bezirk Bäcker Karl Höpsner und Transportarbeiter Bernhard Gräbing. Alle Partei- und Gewerkschaftsgenossen fordern wir auf, recht rege für starke Wahlbeteiligung zu wirken. Vergesse niemand seine Legitimation mitzubringen. Als solche dient bei den Arbeitgebern die letzte Gewerbesteuerquittung oder die Be- scheinigung über die erfolgte Anmeldung des Gewerbebetriebes; bei den Arbeitnehmern eine Bescheinigung des Arbeitgebers oder der Polizeibehörde. Formulare hierzu sind für den Ortsteil West in den Lokalen von Nagel, Eichbornstr. 43; Schulze, Scharnweberstr. 22; für den Ortsteil Ost bei Zimmermann, Markstr. 45; Anders, Haupt- straße 50. zu haben. Die Gewerkschaftskonimission. Der sozialdemokratische Wahlverein. Zldlershof. Der hiesige Arbciter-Turnverein begeht am Sonntag, den 23. Juni, in Wöllsteins Lustgarten, die Feier seines 17 jährigen Be- stehens unter Mitwirkung des Berliner Ulk-Trio. Anfang 3l/3 Uhr nachmittags. Eintritt 25 Pf. Der Verein gibt sich der Hoffnung hin, die hiesige Arbeiter- schaft bei diesem Feste recht zahlreich begrüßen zu können. Nieder- Schönhausen. Dem seit dem 1. April d. I. eingeführten orthopädische» Turn- »nterricht wird leider von einem großen Teil Eltern schulpflichtiger Kinder nicht das nötige Interesse entgegengebracht. Voni Schularzt wurden nicht nur Kinder mit RückgratSverkrllmmungen, sondern auch eine große Anzahl mit schlechter Körperhaltung überwiesen. Wer schon einmal diesem Turnunterricht beigewohnt hat, ist geradezu er- freut über die Wirkung desselben auf die Körperhaltung. Recht be- dauerlich ist es daher, daß nur eine kleine Anzahl Kinder zu den, Unterricht erscheint; im Interesse der Kinder ist es, daß die Eltern ihre vom Schularzt überwiesenen Kinder etwas mehr wie bisher zunr Besuch des Turnunterrichts anhalten. Grünau. Ein Sommerscst veranstaltet der hiesige Arbeiter-Gesangverein .Sangeslust' sM. d. D. A.-S.-B.) am Sonnabend, den 22/d. M., im Restauranl„Bellevue'. Da der Verein zur Verschönerung der Arbeiterfeste stets mitgewirkt hat, so wäre eine rege Teilnahme der Genossen wünschenswert. Tegel. Zu einer reinen Komödie wächst sich die Bllrgernieisteraffäre ans. Nachdem sich Herr Weigert am hiesigen Orte unmöglich gemacht hatte, reichte er bekanntlich sein Pensionsgesuch ein, um es dann wieder nach Genehmigung des Kreisausschusses zurückzuziehen. Die Gc- meindevertretung bestand jedoch in der Sitzung vom 6. Mai auf ihrem früheren Beschluß, nach welchem der Bürgermeister Weigert zum 1. Mai zu pensionieren ist. Anders aber der stellvertretende Gemeindevorsteher, Schöffe Rcichelt. In der letzten Gemeinde- Vertretersitzung stellte er in nichtöffentlicher Sitzung den Antrag, die Pensionierung des verflossenen Gemeindevorstehers aufzuheben. Ueber diesen Antrag konnte jedoch nicht abgestiinmt werden, da die Gegner des Antrages die Sitzung verließen und so die Versammlung be- schlußunfähig machten. Die Freunde des bisherigen Gemeinde- Vorstehers, welche mit ihm durch dick und dünn gegangen sind, ruhen aber nicht, und so wird sich die Gemeindevertretung am Freitag nochmals mit dieser Frag« befassen. Aus der letzten Sitzung ist noch zu bemerken, daß auch Herr Wistuba an der Sitzung teil« nahm, obgleich durch Urteil des Bezirksausschusses sein Mandat für ungültig erklärt worden war und ein von ihm beim Ober- Verwaltungsgericht eingelegter Einspruch zwei Tage vor dem vor zirka sechs Wochen angesetzten Termin zurückgezogen wurde. Er mußte erst von unseren Genossen hinausbugsiert werden; mit einem verlegenen„Guten Abend, meine Herren!' verschwand dann die schweigsame Bürgermeisterstütze, die durch das Verhalten des Herrn Weigert zwei Jahre ein Gemeindevertretermandat ausüben konnte. Mühlenbeck. „Reichstag und preußischer Landtag" lautete daS Thema, über das Genosse Paul John in einer am Sonntag im Bärschschen Lokal abgehaltenen gut besuchten öffentlichen Versammlung referierte. Das Referat, in dem der Redner in großen Zügen die politischen Vorgänge der letzten Zeit kritisch behandelte, wurde von den Ver- sammelten nnt reichem Beifall quittiert. In der hierauf folgenden Diskussion legten die Genossen Käsehagen und Bredel den Versammelten nahe, wie sie durch Anschluß an die Organisation so- wie durch das Abonnement ans die sozialdemokratische Presse die auf die Erreichung höherer Ziele gerichteten Bestrebungen der Sozialdemokratie fördern könnten. Genosse Bredel verwies noch besonders auf die elende Lage der Ziegeleiarbeiter und forderte die letzteren zum Eintritt in die Organisation auf. Mit begeisterten Hochrufen auf die Sozialdemokratie schloß der Vorsitzende Genosse Bruckmann die von bestem Geist beseelte Versammlung. Nolvawes. Am kommenden Sonntag, den 23. Jnni, feiern die Gewerkschaften ihr gemeinsames Sommerfest. Um 2 Uhr nachmittags erfolgt vom Singerschen Lokal, wo sich die einzelnen Gewerkschaften mit ihren Familien versammeln, der Abmarsch nach dem Festplatz an der Ber- liner Straße, uni dort bei Instrumental- und Vokalkonzert sowie turnerischen Aufführungen und sonstige» Darbietungen einige fröh- liche Stunden im geselligen Kreise zu verleben. Für die Unter- Haltung der Jugend ist besonders Sorge getragen. Um 8 Uhr abends soll der Rückmarsch zum Schmidtschen Lokal erfolgen. Die Festkarte kostet 25 Pf. Die öffentlichen Schmuckplätze werden von der Jugend mit Vor- liebe zu ihren Spielen benutzt und erleiden dadurch nicht selten er- hebliche Beschädigungen, die bei einiger Aufmerksamkeit der. An« wohner, besonders aber der Eltern, vermieden werden könnten. In einer neuerlichen Bekanntmachung rügt der Gemeindevorstand be- sonders das in letzter Zeit öfters beobachtete Fußballspiel in den Anlagen. Im Allgemeininteresse sollte eine mißbräuchliche Benutzung der Schmuckanlagen unterbleiben. £iiis aller Melt. Die Stimme deo Rundes. Man schreibt uns aus Brüssel: Ein braver belgischer Bürger besitzt, wie mancher andere brave Mann in Belgien, nur eine Stimme, denn die zweite und dritte Stimme beim Wahlrecht für die Kammer ist kein Tugendpreis, sondern sie ist Menschen mit Diplomen, steuer- zahlenden Familienvätern, Priestern, Ministern, Bauern mit Grund- besitz und noch einigen Leuten zugedacht, von denen man mit einiger Gewißheit annimmt, daß sie für die katholische Regierung stimmen... Dieser nur eine Stimme besitzende Bürger nun hat einen Bruder, der über drei Stimmen verfügt. Dies erfuhr unser Bürger erst, als er ihn vor dem Abstimmungslokal bei der diesmaligen Wahl antraf. Und er erstaunte sich sehr darob, denn sein Bruder müßte Lnjerateyteil verantw.i Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag; Vorwärts auf Grund seiner Lebenslage genau in derselben politisch inferioren Stellung sein und dürfte nur eine Stimme besitzen wie er. Woher also? Nun das hängt eben wieder etwas mit der erwähnten katho« lischen Regierung zusammen.... Der Bruder steht nämlich in den Diensten einer Frau, die eine fromnie Katholikin ist. Der Mann ist Familienvater und könnte wohl eine zweite Stimme haben, wenn er fünf Frank Steuern bezahlte. Da geht nun unsere fromme- Katholikin hin(denn die Regierung braucht notwendigst Stimmen), läßt einen Teil der Steuern, die sie entrichtet, auf den Namen des Mannes schreiben— und dieser hat nun seine zweite Stimme.— Wie unser braver Bürger, der mit der einen Stimme, erzählt, hat sein Bruder sogar noch eine dritte Stimme, aber auf Grund welcher Eigenschaften und Tatsachen er die hat, konnte er absolut nicht ermitteln. Die einzige Erklärung, die bleibt, ist, daß der Bruder eben bei der katholischen Dame bedienstet ist.— Was aber nun den Hund und seine Stimme betrifft, so ist es damit so: der brave Bürger mit der einen Stimme hatte auch einmal,. vor zwei Jahren noch, zwei Stimmen. Es war die glückliche Zeit, als sein treuer Hund noch lebte... Nämlich so: er zahlte damals für das gute Tier eine Taxe und erwarb damit in seiner Eigenschaft als Familienvater die Plural st im nie. Seit das intelligente Viech nun tot ist, zahlt er keine Taxe, ist seine zweite Stimme hin und er ist nur ein ganz gemeiner Einstiinmenbürger, wie andere auch. Was nützt es ihm nun, daß er nach wie vor ein für» sorglicher Familienvater ist, da sein Hund tot ist, mit dem er die Hälfte seiner politischen Kapazität, die Stimme seines Hundes, ein« gebüßt hat.... Aus dieser Erzählung darf man übrigens nicht den Schluß ziehen, daß in Belgien jeder Hundebesitzer eine Plural- stimme bekommt. Nein, so einfach ist das Wahlsystem dort nicht. Es ist vielmehr so kompliziert, daß zwar in dem einen Fall der Besitz eines Hundes zu einer Pluralstimme verhelfen kann, daß sich aber, wie die Gelehrten des belgischen Pluralsystems behaupten, aus diesem Vorkommnis keine Regel konstituieren läßt.— Kurz, das Wahlsystem Belgiens ist, was so oft behauptet wird und wie auch dieser Fall zeigt, ein wahres Hundewahlrecht.... Nette Früchtchen. Auf dem Hanauer Westbahnhof wurden Mittwoch vormittag zwei Schülerinnen aus Augsburg aufgegriffen, die von-. Augsburg durch einen Schüler der dortigen Oberreal» schule entführt worden sind. Das eine der beiden Mädchen unterhielt mit dem Oberrealschüler ein Liebesverhältnis, das ihre Eltern nicht billigten. Tarausihin überredete der Ober- realschüler das Mädchen, mit ihm zu entfliehen. Die Schülerin hob ihr Sparkassenguthaben in Höhe von 220 M. ab und überredete ihre Freundin, mit zu entfliehen, worauf die drei gestern früh von Augsburg nach Frankfurt fuhren. Dort nahm der Schüler d i e 220 M. des Mädchens an sich und fuhr mit! einem Automobil nach Offenbach, mit der Erklärung, die bei- den Mädchen sollten nach Hanau fahren, dort werde er eintreffen. Er ist aber nicht in Hanau eingetroffen, sondern, wie die Polizei festgestellt hat, nach Hamburg weiter gefahren. Dort will er, wie die beiden Mädchen angaben, mit dem Schiffe„Viktoria Louise", das am 30. d. M. nach China fährt, abreisen. In seinem Besitze befinden sich noch weitere 200 M., die er seineW Vater entwendet hat._ Krieg und Christentum. Eine der letzten reaktionären Großtaten des verstorbenen Herrn v. Erffa war der Ordnungsruf für den Genossen Hoffmann. weil er die Scheußlichkeiten des Krieges in treffender Weise charakterisierte. Daß der Krieg aber wirklich ein Hohn auf Gott, die Menschlichkeit und das Christentum ist, lehrt folgende Darstellung der»Tribuna", deS italienischen Regierungsblattes, über einen in Tripolis stattgefundenen Kampf: Es wird da erzählt: „Es ist unglaublich, welche Metzelei unsere Artillerie an» gerichtet hat. Beine, Arine, Köpfe, andere Glied- maßen liegen in dichten Haufen umher, untermischt mit Fetzen schmutziger Arabergewänder, zerbrochenen Waffen und Munitionspaketen. An gewissen Punkren, gerade als hätte eine entsetzliche Laune des Geschicks oder ein Wüstenorkan sie da zusammengefegt, find Hunderte und aber Hunderte von blutbeschm irrten, blassen menschlichen Körpern regellos aufeinander geschichtet und verbreiten einen fürchterlichen Gestank. Hier fielen unter dem Eisenhagel unserer Artillerie viele Hunderte von Menschen, denen nicht einmal mehr die Flucht eine Rettung bot. Es ist ein Schauspiel, von dem die Augen mit wildem Entsetzen sich abwenden. DaS ist nicht mehr der einfache„Tod', der uns hier entgegeneilt— das ist die w i l d e st e. grausigste Zerstörung, die grauenvollste Vernichtung allen Lebens, die enl» s e tz l i ch st e Massen Metzelei, von den Feuerschlünden unserer Geschütze verübt.— Wir schreiten vorwärts. Mehrere Kilometer lang immer dasselbe Bild. Die Augen können sich von dem Schrecken dieses Schauspiels nur mehr an den Himmel retten.' Diese entsetzlichen Brutalitäten sind allen Kriegen eigen. In der wahnsinnigsten Weise werden Hekatomben Menschenleben zerstört im Namen der Kultur, unter den Segenswünschen fanatisierter Pfaffen. Aber die feststehenden Tatsachen machen einen preußischen Abgeordnetenhauspräsidenten nicht irre in der Ansicht, daß das Aussprechen dessen, was ist. eine„Beleidigung der Krieger' darstelle. Kleine Notizen. Ein Mord? In einem Gebüsch an der Militärringstraße in Köln wurde gestern niittag die Leiche eines etwa 35 jährigen Mannes gefunden. Schwere Verletzungen an Kopf und Gesicht und der um den Hals gelegte Strick lassen ein Verbrechen wahrscheinlich erscheinen. Fliegcrkatasttophcn. Auf dem Flugplatz Brayelle stießen Mittwoch früh zwei Militärzweidecker zusammen. verwickelten sich und stürzten aus 25 Meter Höhe zu Boden. Der Jnsanterieleulnant P e i g n i a n erlitt einen Schädelbruch und einen Armbruch und war auf der Stelle tot, der Artilleriehauptmann Dubais trug einen Schädelbruch und Rippenbrüche davon und erlag feinen Verletzungen nach dreiviertel Stunden. Die Fliegerin Julia Clark, angeblich aus London, ist bei einem UebungSflug in Springfield tödlich ver« u n g l ü ck t. Folgenschwerer Gerüsteiiisturz. DaS Gerüst für den Umbau einer Buchdruckerei in Genua brach gestem zusammen. Fünf Arbeiter wurdendabei getötet, ebenso wurde der B e» s i tz e r des HauseS erschlagen, der gerade die Bauarbeiten kon- trolliert hatte. Untergang eineS Frachtdampfers. Der Frachtdampfer. V i l l e de C a y e n n e' ist bei der Insel Santa Lucia gekentert. Be» satzung und Passagiere sind zum Teil gerettet. Marktbericht von Berlin am 1«. Juni 191S.»ach Ermittelung des lönigl Polizeipräsidiums. MarkthaUenpreile.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00—50.00. Speisebohnen, wcijze, 30,00—66,00. Linsen 40,00—80,00. Karlosseln(Kleinhdl.) 8.00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2.40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,80—2,40. Butler 2.40-3.00. 60 Stück Eier 3,00—4,80. 1 Kilogramm Karpsen 1,20-2,20. Aale 1,60—3,20. Zander 1.60-3,60. Hechte 1.40-3,00. Barsche 0,80—2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 4,00-45.00. LlMrilckerü». Perlggsivistalt PauITiajllM u.Co.« ByliflSW.