Redaktion: SM. 68, Ltndcnotraaae 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. 1983. Dienstag, den ÄS. Juni 191Ä. Expedition: SM. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. 1984. W. 143. Üdonnemenk-kecklüsanM: ilbonnemeMS- Preis vränmncrllndot PierteljShrl. 330 SJit., tnonafl. 1,10 Mt, »röchcntiich 28 Pfg, frei WS HauS. Einzewe Nummer b Big. EonntagS. nummer mit illustrierter SomitagS- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pia. PostAbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Ewaekagen in die Poft.ZcitunaS. PreiSiiste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen ain Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Kumünien, Schweden und die Schweis. CridKlpt täglich iliiött tnontag?. Zcntratotgan 39. Jahrg. Vevltnev VolksblKtt. der foslaldemokratlfdien Dartei Deutfcklandr,. Mt InkttNoni-LebUh? b�rllgt für die fechSgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum so Pig für politische und gewerrschaftliche Vereins- und VersammIungS-Anzeigen 30 P/g. „Kleine Hnretgen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Bort 10 Pia Stellengesuche und Cchlasstellcnan. zeigen das erste Wort 10 Psg., jedeS weitere Wort ö Pfg. Worte über IS Buch. Naben zahlen für zwei Worte. Jnserrit- für die nächste Nummer müssen bis a Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geäffnet Telegramm-Adresse! „Sozlaldtmokrat ßerli»". Der IPapIt und die christlichen Gewerkschaften. l- Der Streit in der Zentrumspresse über die Berechtigung der christlichen Gewerkschastsorganisation ist durch ein Macht- wort des Vatikans plötzlich verstummt. Der Papst befiehlt— und dieselbe Presse, die eben noch verkündet hat, daß sich die päpstliche Autorität nur auf kirchlich-religiöse Fragen erstreckt, gehorcht demütig und preist in Ehrfurcht ersterbend die große Weisheit des„Heiligen Vaters", der die Gewerkschaftsfrage „im Einverständnis mit den Bischöfen zu prüfen" verspricht. Keines der Blätter, die noch eben in langen sophistischen Auseinandersetzungen zu beweisen suchten, daß das Zentrum eine nichtkonfessionelle, politische Partei ist. die es ablehnt. Verhaltungsbefehle aus Rom zu befolgen, wagt auch nur den geringsten Einspruch gegen die Anmaßung des Papstes, der eigenmächtig eine politische Frage vor sein Forum zieht, die nach der Versicherung dieser Blätter gar nicht zu seinen Kompetenzen gehört. Am schönsten blamiert hat sich bei dieser Gelegenheit wieder die Heerruferin im Kampf für die sogen. Jnterkonfessionalität des Zentrums: die modernistische„Köln. Volksztg.". Jahre- lang hat sie verkündet, daß das Zentrum in allen politischen und wirtschaftlichen Fragen unabhängig von Rom sei und über die Frage seiner inneren Organisation selbst befindet. Noch am letzten Mittwoch ließ sie ihren Lesern in einem mehr- spaltigen, ellenlangen Artikel durch den Obcrmanager der badischen Zentrumspartei, den Geistlichen Rat Th. Wacker be- weisen, daß sich das Zentrum in keinem Fall der kirchlichen Autorität unterstellen dürfe. Sobald es sich darauf einlasse, von den Trägern der kirch- lichen Gewalt Winke und Weisungen zu empfangen, wäre das Zentrum einem unaufhaltsamen Zerfall überantwortet. So stand es noch am M i t t w o ch in der„Köln. Volkszeitung", bevor der Papst sein Schweigegebot erlassen— und a m Tage darauf, am Donnerstag, fand dieses selbe Blatt bereits in der Ankündigung der Münchener päpst- lichen Nuntiatur, der„Heilige Vater" wolle selbst die Frage der christlichen Gewerkschaftsorganisation im Einverständnis mit den Bischöfen prüfen, die beste Lösung des Zivistcs. Ein Meinungswechsel innerhalb 24 Stunden, der der Ueberzeugungs- treue des Bachcmschen Blattes das schönste Zeugnis ausstellt. Mit einem Schlage sind alle die schönen Redensarten von der politischen Unabhängigkeit des Zentrums und der Beschränkung der Autorität des Heiligen Stuhles auf kirchlich-religiöse Dinge, die seit Jahren die Zentrumsblätter kölnischer Richtung den Einfältigen im Geiste auftischten, gründlich abgetan— gerade noch zur rechten Zeit, denn bereits fingen tat- sächlich einige liberale Blätter an anzunehmen, hinter diesen Redensarten stecke doch etwas anderes als ganz ordinäre ver- logene Sophisterei.— Jetzt haben nun PiuS X. sd. h. die römische Kurie) und die deutschen Bischöfe über die Frage zu befinden, inwieweit die christliche Gewerkschaftsbewegung geduldet werden kann und welche Verhaltungsmaßregeln geeignet sind den angeb- lichen Gefahren des sogenannten„Jnterkonfessio- n a l i s m u s" und des„Akonfessionalismus" vorzubeugen. Und zwar entscheidet darüber die kirchliche Hierarchie alleinl Den Leitern der christlichen Gewerkschaften wie des Verbandes der katholischen Arbeitervereine(Sitz Berlin) kann zwar gestattet werden, durch schriftliche Eingaben ihre Ansicht darzulegen, sie können auch vorgeladen und verhört werden, und ebenso kann den Führern der Zcntrumspartei erlaubt werden, schriftlich und mündlich ihre Meinung über die be- handelte Frage zu äußern— aber bei der Entschei- dung, der Urteilsfindung. haben sie nicht mitzuwirken. Die Entscheidung ist ausschließlich Sache der katholischen Kirche, die ebenso wie über das öffentliche Leben ihrer Mitglieder auch über die von diesen gebildeten Organisationen und Vereinigungen zu befinden hat; wie es denn auch ganz richtig in der Antwort des Papstes auf die jüngste Huldigungsadress? des Berliner Verbandes der katho- lischen Arbeitervereine heißt:„Die Kirche hat auch den Organi- sationcn zu gebieten!" Was bei den Verhandlungen über die Berechttgung der christlichen Gewerkschaftsbewegung herauskommen wird, läßt sich schon jetzt mit einiger Bestimmtheit voraussagen. Wäre für die Entscheidung nur die auf Thomas von Aquino zurück- gehende katholisch- kirchliche Staats- und Morallehre maß- gebend, so müßten die christlichen Gewerkschaften sofort verboten werden, denn so wie sie sich seit ihrer Gründung gestaltet haben, widersprechen sie in ihren Hauptzügen dieser Lehre. Aber so intolerant Rom sein kann, wenn seiner Machtstellung oder seinen pekuniären Vorteilen Gefahr droht, so tolerant, so mütterlich nachsichtig kann es andererseits sein, wenn das Tolerieren in seinem Nutzen liegt. Und der deutsche Episkopat wie die römische Kurie weiß gar ivohl, daß die völlige Ver- nichtung der christlichen Gewerkschaften die Stellung des Zentrums in Rheinland-Westfalcn ganz beträchtlich schwächen und einen Keil in die katholisch-politische Bewegung Deutsch- lands treiben würde. Eine solche Schwächung paßt der römischen Kurie aber um so weniger in ihre Politik, als gerade in manchen katholischen Ländern die klerikale Hierarchie ihren früheren Einfluß auf die dorttgen Regierungen fast völlig eingebüßt hat und deshalb nun nicht auch noch durch Ver- Minderung der parlamentarischen Machtstellung des Zentrums im Deutschen Reichstag und in den Landtagen der süd- deutschen Bundesstaaten ihren Einfluß auf die Regierungs- maschinene in Deutschland verlieren möchte. Mit einem Verbot der Teilnahme der Katholiken an den christlichen Gewerkschaften ist also nicht zu rechnen, wohl aber wird der hohe Klerus öffentlich wie im geheimen allerlei Verfügungen tteffen, durch welche die pro- testantischen Mitgliedschaften nach und nach hinaus- gedrängelt, den katholischen Mitgliedern zur Pflicht gemacht wird, außer ihrem Gewerkverein noch einem streng konfessio- nellen katholischen Verein anzugehören, und ferner die Leitung aller dieser Gewerkschaften unter strenger kirchlicher Aufsicht gestellt wird, so daß die Beteiligung an Streiks oder irgend- welchen, den Interessen oder Ansichten des hohen Klerus widerstreitenden politischen Attionen künfttg ausgeschlossen ist. Eine recht schöne Vorarbeit für solche„Klärung" und „Regelung" der christlichen Gewerkschaftsbewegung haben be- reits die verschiedenen Bischofskonferenzen geliefert, die seit 1900 stattgefunden haben. Obgleich nämlich die Blätter der kölni- scheu Nichtung seit Jahren mit Emphase versichern, die christ- lichen Gewerkschaften wären völlig selbständige wirtschaftliche Vereinigungen, die weder der Aufsicht noch tzem Befehl der Kirche, das heißt des Klerus, unterständen, haben sich die deutschen Bischöfe in richtiger Würdigung dieses albernen Ge- schwätzes verschiedentlich auf ihren Zusammenkünften mit der christlichen Gewerkschaftspolittk beschäfttgt und allerlei Verhal- tungSmaßregeln aufgestellt. Vornehmlich kommen die Be- schlüsse der Fuldaer Bischofskonferenz vom 14. Dezember 1910 in Betracht. Die wichtigsten dieser Beschlüsse lauten: „An gewerkschaftliche Organisationen, die für Katholiken sich eignen sollen, ist die Forderung zu stellen, daß die katholischen Mit- glieder in allen daS religiöse und sittliche Gebiet berührenden Angelegenheiten deS privaten, öffentlichen und w irtf cha ftli ch en Leb en S nicht zu einer Stellungnahme o d er H andlung s w ei s e ver- anlaßt werden, die mit den religiösen und sittlichen Pflichten deS katholischen Christen nach dem Urteil des kirchlichen Hirtrnamts unvereinbar ist. ES wird als notwendig erkannt, daß die katholischen Mitglieder solcher Gewerkschaften, die neben Arbeitervereinen bestehen, zu- gleich Mitglieder der kirchlich organisierten und geleiteten katholischen Arbeitervereine sind. Von den katholischen Mitgliedern gewerkschaftlicher Organi- sationen wird erwartet, daß sie etwaigen Versuchen, den Ein- sluß der katholischen Kirche auf daS gesamte religiös- sittliche Gebiet im Leben der Katholiken zu schwächen, mit ruhiger Entschiedenheit und offener Kundgebung kirchlich treuer Ge stnnung entgegentreten. DaS Urteil darüber, ob Gestaltung oder Wirksamkeit einer ge- werkschastlichen Organisation den kirchlichen Grundsätzen entspreche, bleibt dem kirchlichen Hirtcnamt überlassen." In dieser Richtung wird sich voraussichtlich auch die päpst- liche Entscheidung bewegen, schweben doch, wie Mitte April die„Rhein.-Westf. Ztg." auf Grund eines geheimen Berichts eines hervorragenden Mitgliedes deS Augustinervereins(des Vereins der katholischen Presse) mitzuteilen vermochte, schon seit mehreren Monaten zwischen Rom und Breslau(Fürst- bischof Kopp) geheime Verhandlungen über eine endgültige Regelung der Gewerkschaftsfrage auf der Grund- läge dieser Fuldaer Bischofsbeschlüsse. Man wird also höchstwahrscheinlich diese Beschlüsse noch etwas erweitern, einige fromme Ermahnungen und Hinweise auf kirchliche Leeren hinzufügen und sie dann, versehen mit dem Stempel der päpst- lichen Autorität, im stillen durchzuführen suchen. Und die christlichen Gewerkschaften werden sich nach einigen Vcrwah- rungen fügen, zumal wenn der Episkopat die jetzigen Führer xro forma auf ihren Posten bezw. in ihren Gehaltsstellungen beläßt und sich mit der tatsächlichen Beaufsichtigung und Leitung begnügt. Daß die katholische Kirche nach ihrer Lehre ein Aufsichts- recht über die politischen und wirffchaftlichen Vereinigungen ihrer Mitglieder besitzt, läßt sich ebensowenig bestreiten wie die Tatsache, daß die Organisatton und Polittk der kirchlichen Staats- und Morallehre widerspricht, mag auch die Zentrums- presse, um die strengkatholischen Arbeiter nicht abzuschrecken, diese Tatsache mit allerlei Spitzfindigkeiten bestreiten. Tat- sächlich machte sich denn auch schon bei der Gründung der ersten christlichen Gewerkvereine im Jahre 1894/95 das Bestteben geltend, sie völlig unter geistlicher Leitung zu stellen. Da man aber fürchtete, daß in diesem Fall der Gründungszweck, nämlich die Bekämpfung und Zurück- drängung der sogenannten sozialdemokratischen Gewerkschaften, nicht erreicht würde, fand man es für besser, auch evangelischen Arbeitern den Eintritt zu gestatten. Denn nicht Besorgnis um die Lebenshaltung der katholischen Arbeiter bestimmte die Gründer zu ihrem Vorgehen, sondern die Furcht, diese Arbeiter könnten dem Einfluß des Klerus und Zentrums entzogen werden und in die freien Gewerkschaften eintreten. Das ge- standen die Gründer selbst ein. So erklärte in der Essener Gründungsversammlung des GewerkvereinS christlicher Berg- arbeiter am 21. Oktober 1894 der Kölner Weihbifchof Schmitz, „daß der neue Verein in der Sozialdemo- kratie den einzigen Feind zu erblicken habe". Und noch besser enthüllt folgender Ausspruch des Herrn Julius Bachem auf der Generalversammlung des Augustiner- Vereins zur Pflege der katholischen Presse— im August 1899 — den Grund, weshalb plötzlich sich die Zentrumsführer für die Gründung katholischer Gewerkschaften interessierten. Herr Bachem sagte:„Für die Zentrumspartei ist meines ErachtenS die höchste Zeit, es in der Förderung der berufsgenossenschaft- lichen Organisation der Sozialdemokratie gleich zu tun. Die Bewegung ist unaufhaltsam; sie wird sich vollziehen mit uns — oder ohne uns und gegen uns. Ueber diejenigen, die bei- seite stehen zu können glauben, geht die EntWickelung hinweg. Wir iv ollen und müssen dabei seinl" Aus diesem Grunde sah denn auch der Klerus zunächst absichtlich darüber hinweg, daß die Organisatton wie der als- bald hervortretende Geist der neuen Vereine der katholischen Morallehre und der erst kurz vorher von Leo XIII. erlassenen Enzyklika vom 17. Mai 1891 über die Arbeiterfrage dirett widersprach. Nach der den Wirtschafts- Verhältnissen der gewerbereichen italienischen Städte des dreizehnten Jahrhunderts entlehnten, noch heute für die katholische Kirche maßgebenden Staatstheoretik des Thomas von Aquino ist die Arbeit und das einträchtige Zu- sammenwirken aller Arbeitenden zur Befriedigung des öffentlichen Bedarfs eine hohe sittliche Pflicht, und dahckr jede Arbeitsverweigerung, jede Auflehnung, jede Forderungsstellung der Arbeiter, die dieses Zu- sammenwirken und die Bedarfsdeckung stören, eine Verletzung der sittlichen Ordnung, die nicht ge- duldet werden darf. Im Anschluß an diese Lehre heißt es denn auch in der schon erwähnten Enzyklika Leos XIII. vom 17. Mai 1391: „Ein Grundfehler in der Behandlung der sozialen Frage ist so- dann auch der. daß man das gegenseitige Verhältnis zwischen der besitzenden und der unvermögenden, arbeitenden Klasse so darstellt, als ob zwischen ihnen von Natur ein unversöhnlicher Gegensatz Platz griffe, der sie zum Kampf ausrufe. Ganz das Gegenteil ist wahr. Die Natur hat vielmehr alles zur Eintracht, zu gegenseitiger Harmonie hingeordnet; und so wie im menschlichen Leibe bei aller Verschiedenheit der Glieder im wechselseitigen Verhältnis Einklangsund Gleichmaß vorhanden ist, so hat auch die Natur gewollt, daß im Körper der Gesellschaft jene beiden Klassen in ein« trächtiger Beziehung zueinander stehen und ein ge- wisses Gleichgewicht hervorrufen. Die eine hat die andere durchaus notwendig. Das Kapital ist auf die Arbeit angewiesen, und die Arbeit auf das Kapital. Eintracht ist überall die unerläßliche Vor- bedingung von Schönheit und Ordnung; ein fortgesetzter Kamps dagegen erzeugt Verwilderung und Verwirrung." Deshalb ist denn auch jeder Stteik ein Verstoß gegen die Sittlichkeit, und als solcher nicht nur verboten, sondern es haben auch Staat wie Kirche das Recht, ihn mit Gewalt zu unterdrücken: „Nicht selten greifen die Arbeiter zu gemeinsamer Arbeits« einstellung, um gegen die Lohnherren einen Zwang auszuüben, wenn ihnen die Anforderungen zu schwer, die Arbeitsdauer zu lang, der Lohnsatz zu gering scheint. Dieses Vorgehen, das in der Gegen- wart immer häufiger und immer weiteren Umfang annimmt, fordert die öffentliche Gewalt auf, Gegenwehr zu ergreifen; denn die Ausstände gereichen nicht bloß den Arbeitgebern mitsamt den Arbeitern insgemein zum Schaden, s i e benachteiligen auch empfindlich Handel Zund Industrie, überhaupt den ganzen öffentlichen W o h l st a n d. Außerdem geben sie erfahrungsgemäß Anlaß zu Gewalttätigkeiten und Unruhen und stören so den Frieden im Staate." Darum dürfen auch nach der katholischen Kirchenlehre die katholischen Arbeitervereine keine Kampfvereine sein, die sich die Erhöhung der Löhne und die Besserung der Arbeits- Verhältnisse ihrer Mitglieder als Ziel stecken und zur Er- reichung dieses Zweckes auch die Arbeitseinstellung nicht ver- schmähen; nur alsHilfs-, Unter st ützungs-. Bei- und Vergnügungs vereine können katholische Arbeiter- Vereinigungen geduldet werden. Die meisten der christlichen Gewerkschaften haben sich aber alsbald nach der Gründung, getrieben durch die Umstände, zu Kampfvereinen gegen die Unternehmer entwickelt und mehrfach, um Lohnforderungen durchzudrücken, zum Streik gegriffen. nie inäuitrielle tlnnihe in england. London, 23. Juni.(Gig. Ter.) Gestern empfing der Premier- minister eine Deputation der vereinigten Handelskammern, die der Regierung die Vorschläge des Unternehmertums des Landes in be- zug auf eine Heilung der wirtschaftlichen Unruhe unterbreitete, die Großbritannien nun schon seit mehr als einem Jahre beherrscht und noch keine Zeichen der Abflauung gibt. Herr Asquith hörte teilnahmsvoll zu, zerlegte dann in knappen Worten in seiner meisterhasten Weise die Vorschläge der Leute, die wohl etwas wollen, aber sich nicht einig werden können, und spendete ihnen dann im SSwim tzis hä W? vMfiMn. ZuMp HoMWjM giBeJeft, fn Wirklichkeit aber Benig aber ttichts zw bebewken haben. Immerhin sind aber die Reden von allgemeinem Interesse, da sie nicht allein die Gedanken und Anschauungen des britischen. Unter- nehme rtwms kennzeichnen, sondern auch den Eiertanz veranschau- lichen, den der sich nach links und rechts stützende Liberalismus in dieser Zeit intensiver Klassenkämpfe auszuführen hat. Der liberale Lord Furnetz nahm als erster das Wort. Er verlangte die Einführung eines besonderen Arbeitsministeriums und forderte ein Gesetz, daß es den Arbeitern in einem Industrie- zweige verbiete, aus einmal zu streiken, dasselbe Verbot sollte auch für Aussperrungen gelten. Partielle Streiks wolle er noch gelten lassen; aber sollte man einen allgemeinen Streik in einer Industrie erklären, so müßten alle Führer ins Gefängnis gesteckt werden. Ferner verlangt Lord Furneß die Einführung obligatorischer Schiedsgerichte. Herr Machin, das Haupt der Londoner Han- dclskammer, wetterte gegen das Gewerkschaftsgesetz des Jahres 1906, das das Streikpostenstehen wieder gesetzlich machte.„Wollen Sie das Streikpostenstehen gänzlich abschassen und es ungesetzlich machen?" unterbrach ihn der Premierminister. Viele Mitglieder der Deputation riefen:„Absolut!" und einige sagten Nein. Der Redner fuhr fort, daß er, wenn möglich, die Abschaffung des Rechts des Streikpostenstehens, sonst aber eine Einschränkung des be- stehenden Rechts wünsche. Die Unternehmer blicken mit Besorgnis auf die Praxis der Regierung, in wirtschaftlichen Kämpfen einzu- greifen. Es müßten Einigungsämter eingeführt werden mit Schiedsrichtern, die von dem obersten Gerichtshofe zw ernennen wären. Aehnliche Ansichten sprach Herr B a i r d, das Haupt der schottischen Montanindustrie, aus. Er machte das Gesetz des » Jahres 1906 für ein gut Teil der herrschenden Unruhe verant- wortlich. Diesen Redner unterbrach Herr Asquith mit folgen- den Worten:„Ich muß sagen— und ich spreche hier mit ziemlich viel Erfahrung, da ich Minister des Innern gewesen bin—, daß in den letzten Jahren sehr viel weniger Gewalttätigkeiten und Ruhestörungen bei wirtschaftlichen Streitigkeiten vorgekommen sind, als vor zwanzig Jahren vorzukommen pflegten. Wenn Sie das wieder durchmachen müßten, was ich im Jahre 1893 durch- machen mußte, würden Sie die Wahrheit meiner Worte aner- kennen." Diese Unterbrechung hinderte Herrn Baird jedoch nicht, in demselben Tone fortzufahren. Er pries dann ferner noch das kanadische Gesetz vom Jahre 1907 an, dasselbe Gesetz, dessen Befür- Wartung den Arbeiterparteiler Crooks im letzten Jahre in eine so unangenehme Lage brachte. Nach diesem Gesetz müssen beide Teile vor der Erklärung eines Streiks oder einer Aussperrung einen Monat Kündigung geben. Herr Douglas, der Vertreter der Färbereibesitzer von Bradford, schob einen Teil der Schuld an der Unruhe auf die stets fortschreitende Arbeitsteilung, die das Leben der Arbeiter immer eintöniger gestalte. Dieser Eintönigkeit sei durch die Einführung der Akkordarbeit abzuhelfen, die dem Arbeiter ein Interesse an seiner Arbeit gebe. Auf die Frage des Premierministers, ob er noch ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Eintönigkeit wisse, erwiderte Herr Douglas, daß er nur noch eins kenne: die Verkürzung der Arbeitszeit. Auch sei die Ge» winnbeteiligung zu empfehlen, solange die Geschäfte gut gingen. Der Redner sprach dann gegen das Streikpostenstehen und erklärte schließlich die Einrichtungen des Lohnamts in Bradford, zu denen die Hinterlegung einer Kution seitens beider Teile gehört. Er führte aus, daß sich das System der Konventionalstrafen sehr gut bewährt habe; die Buße(gewöhnlich 20 Schilling pro Kopfs werde dem einzelnen Mitglieds auferlegt, und wenn dieses nicht zahle. sei die Organisation verantwortlich. Das konservative Parka- mcntsmitglied Parkes, der Besitzer großer Eisenwerke, empfahl die Nachahmung einer Einrichtung des EinigungsvmtS der mittel- englischen Eisenindustrie. Eine Bestimmung der Statuten dieses Amts macht dte Untersuchung des Streitfalles vor Ausbruch eines Streiks obligatorisch. Der Redner meinte, daß die Einführung obligatorischer Schiedsgerichte weder möglich noch wünschenswert sei. Zu guter Letzt nahm noch der Oberbürgermeister von Sheffield das Wort, der der Regierung den Vorwurf machte, daß sie bei Schlichtung von Streitigkeiten zu erfolgreich gewesen sei. Der Regienrngskoimnissar trachte immer danach, einen Kompromiß herbeizuführen; dabei gewännen die Arbeiter stets etwas und das sporne sie zu neuer Unzufriedenheit an. In seiner Erwiderung versprach Herr Asquith, dem Komitee des Kabinetts, das sich zur Untersuchung der Frage der industriellen Unruhe gebildet hat, die Anregungen der Deputation zu unterbreiten. Er stimmte der Deputation darin bei, daß es keine Funktion der Regierung sei, bei wirtschaftlichen Streitig- leiten einzugreifen; wo die Regierung eingegriffen habe, habe es sich um die bedrohten Interessen der Allgemeinheit gehandelt. Das System der Kautionsleistung würde einen großen Fortschritt be- deuten; obligatorische Schiedsgerichte müsse er jedoch verwerfen. Der Premierminister sprach sich vorsichtig über Gewinnbeteiligung aus und machte bekannt, daß die Regierung im September einen Bericht über die verschiedenen bestehenden Systeme der Gewinn- bcteiligung veröffentlichen werde. Besondere Beachtung verdienen die Ausführungen Herrn Asquiths in Bezug auf das Steigen der Lebensmittelpreise, das nach seiner Ansicht für die allgemeine Un- zufriedenheit mitverantwortlich sei und als Begleiterscheinung die Verteuerung der Wohnungen in den Großstädten habe. Er meinte, man dürfe die Wichtigkeit dieser Ursache nicht übertreiben. Wenn man das Jahr 1900 als Vergleichsjahr nehme, so stelle sich heraus, daß bis zum Jahre 1911 die Lebensmittelpreise um 11,6 Proz., die Löhne jedoch nur um 0P Proz. gestiegen seien. Man müsse jedoch weiter blicken. Wenn man das Jahr 1881 nehme, so werde man sehen, daß die Löhne seit dem Jahre beträchtlich gestiegen, während die Lebensmittelpreise bedeutend gesunken seien. Im Ver- gleich zum Jahre 1900(— 100) standen die Lebensmittelpreise aus 139 im Jahre 1881, im Jahre 1911 aber nur auf 111,6, und die Löhne im Jahre 1881 auf 84,7, aber im Jahre 1911 auf 100,3.— Herr Asquith vergißt hier, daß das Gros der Arbeiterschaft vom Jahre 1881 nicht die Arbeiterschaft von heute ist, welch letztere zur Zeit der verhältnismäßig billigen Lebensmittel und Mieten eine Lebenshaltung errang, die ihr die veränderten Verhältnisse wieder streitig gemacht haben. Der Krieg. Meuterei bei der türkischen Marine. Konstantinopcl, 23. Juni. Die seit einigen Tagen verbreiteten Gerüchte, daß wegen Meuterei von Offizieren und Mannschaften der Flotte, welche ohne Befehl gegen die italienische Flotte ausfahren wollten, zehn Offiziere zum Tode verurteilt worden seien, sind an- scheinend richtig. Es herrscht der Eindruck vor, daß die Pforte vor der Ausführung des Urteils zurückschreckt, da es bisher noch nicht zur Sanktion unterbreitet worden ist. Eine folgenschwere Explosion in Tripolis. Paris, 24. Juni. Wie aus Fez gemeldet wird, hat General Gouraud vorgestern den Wadi-Jnaun überschritten, um die dort befindlichen Ansammlungen der Hazanas zu zerstreuen. Nach hestigeM Widerstand wurden diese auseinandergetrieben. Die Frmzosen Fakten zwei Tote und 13 Verivundeke, dar- unter zwei Offiziere. Tripolis, 23. Juni. Einige Artilleristen und Matrosen des Panzerkreuzers„Carlo Alberto", unter dem Kom- mando des Leutnants zur See Luigi de Giorgio, entfernten gestern einige nicht explodierte Granaten, die im Sande aufgefunden waren und eine ständige Gefahr bildeten, und machten sie unbrauchbar. Einige der Geschosse wurden auf einen Leichter gebracht. Hierbei explodierte eine Granate und tötete den Leut- nant und sieben Soldaten; zwei Mann wurden leicht verletzt. Eine Kommission hat die Untersuchung eingeleitet. politilcbe CUbcrficbt. Berlin, den 24. Juni 1912. Freisinn und allgemeines gleiches Wahlrecht. Die liberale Mehrheit des Bremer Stadtparlaments hat jüngst, wie wir berichteten, den sozialdemokratischen Antrag auf Ein- führung des gleichen Wahlrechts kurzweg abgelehnt, da sie um jeden Preis das„liberale" Regiment in dem kleinen Republikchen auf- recht erhalten möchte. Die mattfreisinnige„Weser-Zeitung" ver- teidigt diese Haltung in höchst kurioser Weise. Sie entschuldigt die Ablehnung mit den besonderen Verhältnissen des bremischen Stadt- staates. Bremen, meint sie, sei ein Kleinstaatz und auf einen solchen könne man nicht dieselben Rezepte anwenden, wie auf das Reich oder Preußen. Kleinstaaten wie Bremen trügen die Kennzeichen einer gewissen Einseitigkeit: die Hansastädte hätten durch ihre Wirt- schaftliche EntWickelung zu einem Ueberwiegen des Arbeiterstandes geführt, das die Gefahr einer sozialdemokratischen Mehrheit im Gefolge habe; deshalb müßten sie ein Wahlrecht haben, das eine feste Sicherung gegen diese Gefahr bilde. Das Wahlrecht sei nicht Selb st zweck, sondern habe der Wohlfahrt des Gemeinwesens zu dienen; danach müsse man sich bei seiner Gestaltung richten. Diese Argumentation, die nur wiederholt, was so oft schon konservative Blätter geschrieben haben, hat natürlich der„Deutschen Tagesztg.", dem Leiborgan des Bundes der Landwirte, sehr gefallen. Sie schreibt vor innerem Behagen: Das sind durchaus verständige und zutreffende Ausführungen. Völlig fehl geht die„Weser-Zeitung" nur in der Annahme, daß ein Wahlrecht, welches den radikalen Massen einen entscheidenden Einfluß geben müßte, für einen Großstaat zuträglicher sei als für kleine Staaten wie Bremen. Man kann zugeben, daß in einem Staate wie Preußen ein besserer Ausgleich der verschiedenen Bevölkerungsklasscn herrscht als in einem kleinen Stadtstaate, und daß dort insoweit ein radikaleres Wahlrecht eine weniger bedenkliche Zusammensetzung des Parlaments zur Folge zu haben brauchte. Nun wird aber auch der„Wieser-Zeitung" nicht un- bekannt sein, daß gerade in Preußen die Industrie eine rapide EntWickelung genommen hat und weiterhin zu nehmen verspricht; daß also auch hier die Struktur der Bevölkerung sich in raschem Tempo zugunsten des städtisch-induftriellen Teiles, namentlich aber dabei zugunsten der industriellen Arbeiterschaft verändert. Ferner durfte die„Weser-Zeitung" nicht übersehen, daß gerade ihre eigenen Parteifteunde in Preußen auch eine Aenderung der Wahlkreiseinteilung betreiben, durch welche die Verteilung der parlamentarischen Mandate auf Grund der reinen Zahl geregelt werden soll. Würde eine solche Wahlkreiseinteilung in Preußen durchgesetztz dann würde oie Gefahr, die die„Weser-Zeitung" für Bremen so klar erkennt, auch für Preußen in recht greifbare Nähe rücken. Das Blatt des bremischen Freisinns mißt also mit zweierlei Mast, wenn es für das liberale Bremen eine ent- fchlofscne Jlliberalität in der WaylrechtSfrage als begründetes Vorrecht gegenüber Staaten wie Preußen in Anspruch nimmt. Tatsächlich läßt sich mit dem Ausspruch, das Wahlrecht sei nicht Selbstzweck, sondern habe der Wohlfahrt des Gemeinwesens zu dienen, jede Wahlrechtsbeschränkung verteidigen. Es kommt nur dckrauf an, was man unter solcher„Wohlfahrt" versteht. Je nachdem man darunter die Herrschaft der Pfeffersäcke, Kaffee- und Reisimporteure, der Hausagrarier, der Kirche usw. versteht, kommt man naturgemäß zu ganz verschiedenen Wahli-echtSforde- rungen und-Beschränkungen. Ebensogut wie die„Weser-Zeitung" damit die Ablehnung des sozialdemokratischen Antrages begründet, können damit in einem Agrarstaatz z. V. in Mecklenburg, die Groß- grundbesitzer ein Wahlrecht verteidigen, das den ländlichen Ritter- gutsbesitzern die Herrschast sichcrtz Hagenow-Grevesmühlen. Nach dem endgültigen amtlichen Wahlergebnis wurden bei der Reichstagsersatzwahl in Hagenow-Grevesmühlen abgegeben für Sivkovich(Fortschritt!. 33p.)' 7034, Pauli(f.) 6794, Kober(Soz.) 4291 Stimmen. Danach ist Stichwahl zwischen Sivkovich und Pauli erforderlich. Zur Nachwahl in Hagenow-Grevesmühlen wird uns noch nachträglich geschrieben: Nach dem nunmehr Sor- liegenden endgültigen Resultat hat unsere Partei einen Stimmen- Verlust von 1863 zu verzeichnen, während die Konservativen nur 248 verloren und die Liberalen 878 gewonnen haben. Es sind schon sowohl von Freundes- als auch von Feindesseite zahlreiche Erklärungen und Vermutungen über das Ergebnis ausgesprochen worden. Auf die dummdreiste Behauptung der Konservativen, daß von unserer Seite Abkommandierungen vorgenommen worden sind, brauchen wir nicht einzugehen. Daß über 1000 Arbeiterwähler in Hamburg und Lübeck und anderwärts beschäftigt werden die nur zum kleinsten Teile ihr Wahlrecht ausgeübt haben, ist schon erwähnt worden. Auch die Fluktuation der Arbeiterbevölkerung, die zahlreiche Wegzüge veranlaßte, trägt einen Teil des Verlustes. Aber während die beiden Gegner mit einem ganzen Schwärm von Rednern arbeiteten und am Wahltage jedes Wahllokal doppelt be- setzt hatten, waren uns in dieser Beziehung die Flügel gebunden. Versammlungen sind allerdings soviel abgehalten worden, wie uns Lokale und Plätze unter fteiem Himmel zur Verfügung standen. Außer dem Genossen Molkenbuhr— der in zwei Versammlungen gesprochen— waren Hamburger, Lübecker und Rostocker Genossen als Referenten tätig, die den Gegnern nichts geschenkt haben. Be- fremdend aber mußte auf die bürgerlichen Kreise wirken, daß unser Kandidat Kober nur in einer einzigen Versammlung— am Abend vor der Wahl in Hagenow— gesprochen hat. Während der ersten Zeit des Wahlkampfes ist er in seiner Eigenschaft als Ganleiter des Bauarbeiterverbandes durch eine Lohnbewegung in Kiel dem Wahlkampfe ferngehalten worden. Sein« beiden Gegenkandidaten bereisten unterdessen sämtliche nennenswerten Orte des �Wahlkreises. Außerdem konnte— aus Mangel an Kräften — die Kleinarbeit nicht so durchgeführt werden, wie von gegnerischer Seite. Vor allem haperte es mit der Besetzung der Wahllokale, von denen viele überhaupt nicht und die anderen nur durch einen Genossen besetzt wurden. Uno so mancher konservative Wahl- Vorsteher in den Gutsbezirken kehrte sich durchaus nicht an Wahl- gesetz und Regierungsverordnungen. 3Vieder sind eine ganze Anzahl Verstöße vorgekommen. Man leistete sich mehrfach Suppenterrinen, Pappschachteln, irdene Töpfe usw. als Wahlurne. Man ließ unsere Wahlhelfer nicht zu. Von zwei Lübecker Genossen wurde zum Bei- spiel ein ärztliches Attest gefördert, daß sie mik keiner ansteckende» Krankheit behaftet seien, ferner ein behördliches Unbcscholtenheits-- zeugnis. Der Bürgerbrief genügte dem Wahlvorsteher nicht— und so flogen sie hinaus.„Die Gesetze machen war uns selbst", rief man ihnen nach. Und dann fehlt alles politische Leben im Kreise. Selbst iii den Städten saßen am Vorabend der Wahl nicht nur Spießbürger, sondern auch Arbeiter vor ihren Haustüren und überließen die Versammlungen den wenigen aufgeklärten organisierten Genossen. Kein Plakat sprach vom politischen Kampf. Die politische Gleich« gültigkeit ist die Hauptursache des Stimmenverlustes, wie der traurigen politischen Zustände in Mecklenburg überhaupt. Der ZRangel einer straffen Parteiorganisation machte sich empfindlich bemerkbar. Unserer Genossen harrt dort noch ein großes Stück Arbeit. Aber sie muß geleistet werden. Durch umfassende Auf« klärungs-, Werbe- und Organisattonsarbeit kann der Kreis jfl absehbarer Zeit für die Sozialdemokratie gewonnen werden- Die Dynamit-Attentate in Asseln. In der Nacht zum 19. März d. I. wurden in Asseln bor den Häusern einiger Bergleute Dynamitpatronen zur Explosion ge- bracht, die besonders an einer Stelle erheblichen Materialschaden anrichteten. Da zu der damaligen Zeit noch der Bergarbeiterstreik bestand und drei der Attentate sich gegen solche Bergleute richteten« die nach ursprünglicher Beteiligung am Streik arbeitswillig gewor- den waren, so verfehlte die bürgerliche Presse nicht, die verwerf« liche Tat den Streikenden zuzuschieben. Die„Arbeiterzeitung" hak damals sofort eingehende Untersuchungen angestellt, die die merk« würdige Tatsache ergaben, daß nicht(wie die bürgerliche Presse be- hauptete) drei, sondern vier Attentate versucht worden sind. Das eine, das geflissentlich verschwiegen wurde, richtete sich gegen den Strcikleiter und Vorsitzenden der Zahlstelle Asseln des Deutschen Bergarbeiterverbandes. Es lag der Schluß nahe, daß die Verbrechen von anderer Seite begangen waren, um die Streikenden zu schädigen. Zu dieser Ansicht mußte man um so eher kommen, als zu derselben; Zeit auf Zeche Maßen ein christlicher Arbeitswilliger ein Revolver�, attentat auf eine Militärpatrouille verübt. Der Mann ist inzwischen auch verurteilt worden. Jedenfalls hatte die bürgerliche Presse auch nicht den geringsten Anhalt dafür, daß Streikende als Täter tzn Frage kamen. Nun ist nach drei Monaten Licht über jene dunkle Affäre ge« breitet worden. Am letzten Freitag ist es gelungen, die Attentäter zu verhaften. Es sind die Bergleute Fritz Schaper, Friedrich Acker». mann, Heinrich Sawatzki, Ewald Blank, Gustav Huckschlag, Gustav Jungemann, August Dahlhoff und Wilhelm Meier. Wie die bürger- liche Presse meldet, haben alle Verhafteten bis auf Schaper und Huckschlag ihre Beteiligung an dem Verbrechen eingestanden. Da- nach soll Schaper die Seele des Komplotts gewesen sein. In seine« Wohnung ist nach den Angaben der übrigen Verhafteten der Plan ausgeheckt worden. Schaper, der Schietzhauer auf Zeche Holstein war, soll auch die Dhnamitpatronen hergegeben haben. Nach ihrexn Eingeständnis sind die Attentate zu dem Zweck verübt, die Streik« brecher einzuschüchtern. Es ist richtig, daß alle acht Mann am Streik teilgenommen haben. Irgendeine Nolle haben die Verhafteten aber weder in der Partei noch im Verbände gespielt. Von Schaper abgesehen, ist keiner der Verhafteten Mitglied der Partei gewesen. Schaper selbst ist im März vorigen Jahres in dte Partei eingetreten, aber im De- zember bereits wieder ausgeschieden. Es ist eine direkte Unwahr« heit, wenn behauptet wird, Schaper wäre sozialdemokratischer Agi« tator gewesen. Auch dem Verbände hat nur ein einziger der Ver- hafteten angehört. Die bürgerliche Presse handelt also geradezu gewissenlos, wenn sie die Attentate gegen die Gewerkschaftsbewegung und gegen die Sozialdemokratie ausschlachtet. Die Dortmunder „Arbeiterzeitung" hat jederzeit vor solchen Gewalitätigkeiten ge» warnt und insbesondere während des Streiks zur Ruhe gemahnt, wie das auch in allen Versammln«! geni geschehen ist. Die Schuld an jenen Verbrechen tragen jene Leute, die die Bergleute durch die ungerechtfertigte Entsendung von Militär aufs äußerste erbittert haben. Im übrigen haben wir, so schreibt dazu die Dortmunder „Arbeiterzeitung" bei unseren Nachforschungen den Eindruck ge- Wonnen, als ob bei dieser traurigen Affäre der Alkohol wieder eine verhängnisvolle Rolle spielt. Nach den Geständnissen der Sechs haben sie sich erst in einer Wirtschaft getroffen, und dann in einer anderen Kneipe ein Liter Schnaps geholt, der während der Be- ratung des Verbrechens ausgetrunken wurde. Wir haben eS oft genug gesagt und wiederholen es aufs neue, daß der Alkohol beson- ders zu Streikzeiten ein schlechter Berater ist. Den ZentrumSchristeu wird es wegen der Streikjnstiz schwindelig! Die zentrllmliche M.-Gladbacher„Westdeutsche Arbeiter-Zeitung' wendet sich gegen die„Rheinisch-Westfälische Zeitung", die geschrieben hatte, die christlichen Gewerkschaften ständen„samt und sonders" auf dem Boden der Forderung, daß ein verstärkter Schutz der Arbeits- willigen.unerläßlich' sei. Die„Westdeutsche Arbeiter-Zeitung' meint mit dem„Herrn aus industriellen Kreisen":„Die wegen Streik- vergehen verfügten Strafen reden eine überaus ernste Sprache"; aber, sagt das ZentrumSblattz„nicht für ein Arbeitswilligenschutz- gesetz, sondern dagegen, indem sie beweisen, daß auf Grund der bestehenden Gesetze so harte Strafen wegen Streikvergehen ver- hängt werden können, daß e S einem schwindelig werden möchte". Diese Erkenntnis kommt den Christen reichlich spät! Und sie können auch nicht vergessen machen, daß all' die drakonischen Strafen nur verhängt werden konnten, weil die Zentrumschristen den gegen die Streikenden inszenierten DenunziattonSfeldzug„getreulich" und eifrigst unterstützt haben. Mitte Juli soll am Dortmunder Landgericht auch die zweite Sonderstrafkammer für Streiksachen aufgehoben werden. Erledigt sind die„Fälle" damit immer noch nicht, indes sollen die dann noch weiter vorkommenden Sachen von den gewöhnlichen Straf- kammern abgeurteilt werden. Eigenartig erging es dem angeklagten Bergmann Friedrich Tewes, der einen Arbeitswilligen und dessen Sohn mißhandelt haben sollte. Belastungszeuge war nur der jüngere der Willigen. Dagegen traten eine Anzahl Zeugen auf und erklärten, daß TeweS nicht geschlagen habe. Der Staatsanwalt tat sie kurzer Hand ab und beantragte vier Monate Gefängnis. Der Angellagte hatte schon wiederholt gefragt, warum ein Zeuge von ihm, sein Kostwirt, nicht geladen sei. Der Kostwirt wisse ganz genau, daß er an dem Morgen zu Hause gewesen sei. Schließlich wurde beschlossen, den Zeugen zum andern Tag noch zu laden. Als man ihn gehört hatte. zog der Staatsanwalt seinen Antrag zurück und be- antragte selbst die Freisprechung! Der Angeklagte wurde auch freigesprochen. Hätte unter solchen Umständen der Staatsanwalt nicht selbst die Ladung des Kostwirts beantragen müssen? Der Angeklagte war ohne Verteidiger. Wäre er weniger energisch gewesen, so hätte er vielleicht seine vier Monate weg- gehabt I Auf sehr schwachen Füßen stand wieder mal folgende Anklage: Ein Gendarm, der Arbeitswillige transportierte, hörte, wie aus einem Busck„Pfui" gerufen wurde. Als der Gendarm zwei Leute in der Nähe stehen sah, ritt er auf diese zu. Die Leute rissen aus. wurden aber verfolgt cknd eingeholt. Vor der Streilkammer konnte der Vorsitzende Landgerichtsdirektor gar nicht verstehen, daß die Leute Fersengeld gegeben hatten, obschon sie unschuldig waren; denn daß sie Rufer gewesen seien, konnte auch der Gendarm nicht de- haupten I Mit weichein Rechte denn da Wohl die ganze Hätz geschah? Der Vorsitzende, der ja wohl noch wenig.einschlägige" Erfahrungen bei der.Arbeit" der Beamten gemacht haben mochte, machte denn auch große Augen, alz er in derselben Sache gleich einen recht plausiblen Grund für die Flucht der beiden Streikenden erfuhr. Ein Zeuge beknndcie nämlich, daß der eine der beiden Angeklagten, nach- dem er vom Cmdai m eingeholt worden, ohne jeden Grund geschlagen worden war. Beide Angeklagte wurden freigesprochen. Vielleicht begibt sich der StaatSanwail einmal als moderner Harun al Raschid unters Volk, wenn er eiujprechende Erfahrungen machen will, aber weder in der Amtscode noch im Gesellschaftsanzug, sondern in der Arbeiterkluft I Einen sonderbaren Grund für die Trennung der Zeugen in Schafe und Böcke lernte man in einer anderen Sache kennen. An- geklagt war eine Frau wegen Bedrohung von Arbeitswilligen. Die Zeugen standen sich entgegen und hielten sich die Wage. Es gab drei Wochen Gefängnis. In der Urteilsbegründung hieß es, das Gericht habe die Ucoerzcugung. daß verschiedene Entlastungs« zeugen nicht die Wahrheit gesagt hätten. Das wurde darum angenommen, weil das Gericht sonst hätte an» nehmen müssen, daß die Belastungszeugen die Unwahrheit gesagt. Das hat das Gericht aber„nicht glauben önnen". Warum nicht, blieb verborgen. Vereinsrechtliches. Auf dem sehr geräumigen Hofe des Geschäftshauses unseres Duisburger Parteiorgans, der„Niederrheinischen Arbeiterzeitung", sollte am 1. Oktober 1S11, einem Sonntag, eine Versammlung mit dem Thema:„Die Lebensmittelteuerung", stattfinden. Die Anmeldung der Versammlung lautete auf 10H Uhr vormittags. Die Polizeiverwaltung verweigerte die für öffentliche Versamm- lungcn unter freiem Himmel erforderliche Genehmigung. Begrün- dend wurde unter anderem ausgeführt: Die ungewöhnliche Art dieses, für Versammlungszwecke eigentlich ungeeigneten Platzes würde naturgemäß mit sich bringen, daß sich aus der Marienstratze (wo das Grundstück liegt) und den angrenzenden Straßen eine Menge Neugieriger einfinden werde. Das in Aussicht genommene Thema sei besonders geeignet, mehr oder weniger Erregung unter den Versammlungsteilnehmern hervorzurufen. Unter diesen Um- ständen sei nach den bisherigen Erfahrungen zu befürchten, daß es beim Abfluß der Massen nach der Versammlung zu Verlehrsstörun- gen und Zusammenstößen der Versammlungsteilnehmer und des übrigen Publikums kommen könnte. Parteisekretär Kunkel als Einberufer erhob vergeblich Be- schwerde. Der Regierungspräsident nahm in seinem Beschwerde- bescheide namentlich noch auf den Streik der Arbeiter bei der Rheinisch-Westfälischen Speditionsgesellschaft Bezug, aus dessen Anlaß es zu einer Reihe Strafuntersuchungen wegen Tätlichkeiten gegen Arbeitswillige gekommen sei. Auch wäre es im Jahre vor- her bei Wahlrechtsdemonstrationcn zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen.— Der Oberpräsident bestätigte das Verbot der Versammlung ebenfalls. Kunkel klagte nun beim Obevverwaltungsgericht, vor dem ihn in der Verhandlung vom 21. Juni Rechtsanwalt Wolfgang Heine vertrat. Der Anwalt äußerte sich zunächst zu der noch vom Gericht getroffenen Feststellung, daß die Anmeldung der Versammlung auf vormittags lOl� Uhr lautete, während für Duisburg die Zeit des vormittäglichen HauptgotteLdienstcS die Stunden zwischen S und 11 Uhr find, vor deren Beendigung nach der Verordnung über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage öffentliche Ver- sammlungen an Sonn- und Feiertagen nicht beginnen dürfen. Da- zu machte der Anwalt geltend, daß eS in Duisburg erweislich üblich sei, daß die öffentliche Sonntagsversammlungen zwar auf eine halbe Stunde vor der zulässigen Zeit angemeldet würden, stets aber erst beim Eintritt der zulässigen Zeit begännen. Im übrigen legte der Anwalt in eingehenden Ausführungen dar, daß die von den Behörden geltend gemachten Gründe durchaus nicht stichhaltig feien. Da? Oberverwaltugsgericht wies die Klage mit folgender Be- gründung ab: Zwei Gründe feien maßgebend. Erstens die An- nieldung der öffentlichen Versammlung auf 10/4 Uhr vormittags, während solche Versammlungen in Duisburg erst um 11 Uhr vor- mittags an Sonntagen beginnen dürften. U n e rh eb l i ch wäre, daß ein s p ä t e r e r A n f a n g üblich sei. Es komme allein darauf an, aus welche Zeit die Versammlung angemeldet sei, denn um diese Zeit würde sie der Einberufer beginnen �assen dürfen, was der Sonntagsverordnung widersprechen würde.— Das Verbot der Versammlung rechtfertige sich aber auch wegen der Befürchtung einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Ein damals noch andauernder Streik, der bei der Speditionsgesellschaft, habe eine sehr wesentliche Verbitterung in die Arbeiterschaft hineingetragen ge- habt. DaS gehe daraus hervor, daß in 14 Fällen Untersuchungen wegen Mißhandlungen und Belästigungen Arbeitswilliger einge- leitet worden seien. Auch sei aus Anlaß des Streiks ein Totschlag vorgekommen.(Ein Arbeitswilliger hatte im Streit einen anderen erschossen, angeblich in Notwehr.) Dieser Fall biete immerhin, wenn er auch nicht zeitlich mit der Versammlung zu- sammcnfalle, einen Beweis für die große Spannung. Wenn man dann noch die Ausschreitungen bei den Wahlrechtsdemonstrationen im Jahre vorher berücksichtige, sowie daß die Lebensmittelteuerung die Erregung verstärke, dann sei der Polizei kein Vorwurf daraus zu machen, wenn sie glaubte, eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit befürchten zu müssen. Gcrmanisation in der Nordmark. Die Ausweisungen von Dänen aus Nordschlcsivig werden immer häufiger. Es handelt sich in den meisten Fällen um Dänen, die ans Besuch nach Nordschleswig gekommen sind, oder uni Dienstboten, durch deren Ausweisung man vielfach die Herrschast treffen will. Aus dem Kreise Tondern wurde kürzlich ein in Dänemark geborener Tischlergeselle, der sich in Nordschleswig mit der Tochter eines Deutschen verheiratet hat. ausgewiesen; auf die Frage nach dem Grunde teilte der Landrat niit, daß der Ausgewiesene sich bei den dänischen Agitatoren bedanken kirnne. Ein Zusammenbruch. AuS Bochum wird uns geschrieben: Die mit dem Gclde der nationalliberalen Berg- und Zcchenherren aufgebaute national- liberale Organisation, die mit einem Generalsekretär und vielen Untersekretären ausgestattet war, wird in den Orkus verschwinden. Die Sekretäre sind gekündigt. Einer derselben ist schon vorher aus- gerückt und hat die Bureaumöbel verklopft. Dem Generalsekretär Hans Schach einem früheren Pastor, ging folgendes Schreiben« zu: Geschäftsstelle Bochum, den 3l). März 1912. Sehr geehrter Herr! Da wir nicht mehr in der Lage sind, die Mittel für die große Organisation aufzubringen, sehen wir uns leider genötigt, Ihnen die Stellung zum 89. Junk 1812 zu kündigen, Wir sprechen Ihnen für die uns namentlich auch bei der letzten Wahl ge- leisteten Dienste unseren besten Dank aus und hoffen, daß Sie bald eine andere Stellung finden werden. Bei Erlangung einer neuen Stellung werden wir Ihnen gern behilflich sein. In der Hoffnung, daß Sie der Partei auch fernerhin Ihr Interesse be- weisen werden, verbleiben wir mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Wehrmann, 2. Vorsitzender. Ein agrarischer Boykott. Einen agrarischen Boykott setzt der B u n d d e r L a n d- Wirte in Bayern in Szene. Der Landesvorstand des Bundes richtet an alle seine Mitglieder in Oberfranken, insbesondere aber an deren Frauen, die dringende Aufforderung, daß sie bei ihren Einkäufen in erster Linie jene Geschäftsleute berücksichtigen, deren Inhaber bewiesen haben, daß sie auch ein Herz für die Land- Wirtschaft besitzen und den Bestrebungen des Bundes der Landwirte freundlich gegenüberstehen. Dieser Boykott soll die Antwort sein auf die angebliche Boykottierung agrarischer oder agrarfreundlicher Geschäftsleute, besonders in Bayreuth und Kulm- bach, durch die Liberalen. Eine geborstene Ordnungssänle. Die Ortskrankenkasse der Schneider, Schneiderinnen, Fleischer und Töpfer zu Stolp in Pommern, die sich ganz und gar in den Händen der bürgerlichen Macher befindet, ist durch ihren Rendanten auf das empfindlichste geschädigt worden. Dieser Herr, Schneider« meistcr Polle, Obermeister der Schneiderinnung, Beisitzer deS Gewerbegerichts und der unteren Verwaltungsbehörde, Leiter der Jugendwehrloge„Pommernivacht", des Guttemplerordens und Nota- bene eine Stütze des Liberalismus, hat, wie durch eine Revision festgestellt wurde, 3209 M. unterschlagev. Durch jahrelanges Ein- tragen von Ausgaben, die gar nicht existierten, war es möglich, der Revision ein Schnippchen zu schlagen. Dem Fehlbetrage steht eine Kaution von 299 M. gegenüber. Polle wurde verhaftet, aber, da er Hausbesitzer ist, sofort wieder auf freien Fuß gesetzt. oekterreicb-augarn. Das Wüten des Absolutismus in Kroatien. Ein südslawischen Genosse schreibt uns: Wilder und schamloser denn je hat die Gewaltherrschast des BanuS Z u w a i wach dem Attentat eingesetzt. Er und feine Schergen sind bemüht, diesen VerzweislunigAakt gründlich aus- zunützen. Zuwai selbst rief dem flüchtenden Attentäter, dem Studenten Jncits, nach:„Nehmen Sie den Dieb fest!" Und die Schutzleute, die ihm nachliefen, schrien auch unaufhörlich: „Halten Sie den Dieb!" Jucits Wierde von dem Publikum fest- genommen, das tatsächlich glaubte, es handele sich um einen ge- meinen Verbrecher. Auf dem Wege nach der Wache rief er mehr- malS auS:„Abzug Zuwai, hoch Kroatien!" Die Zuschauer blieben stumm und unbeweglich. Vor der Behörde erklärte der Attentäter, es sei seine Absicht gewesen, den Zuwai zu töten, da er nicht mehr ruhig zusehen könne, wie das Volk Kroatiens vergewaltigt wird. Es handele sich um eine rein persönliche Tat. Die Polizei verhaftete aber gleich an demselben Abend über 99 Studenten. Sie konstruiert eine Verschwörung großen« Stils, die wahrscheinlich eine Wiederholung des bekannten Fridjungischen Hochverratsprozesses darstellen wird. Vor einem Monate machten nämlich einige kroatische Studenten einen Ausflug nach Belgrad, wobei gegen den Absolutismus in Kroatien demonstriert wurde. DaS erste Wort der Zuwaischen Journalisbenlakaien nach dem Attentat war: das fei die großscrbischc Verschwörung, die den Zweck hätte, Kroatien der habsburgischen Monarchie zu entreißen! Und da Zuwai die festeste Stütze der Monarchie sei, so sollte er als erster fallen! DaS Netz der Spionage ist wieder einmal über das ganze Land verbreitet, und mit allen Mitteln bemüht man sich, festzu- stellen, daß das Attentat in Belgrad von der nationalistischen Ver- einigung„Narodna Oddrany" beschlossen worden sei, die oppo- sitionelle kroatische Studentenschaft sei nur ein Agent der groß- serbischen Nationalisten. Damit nicht genug. Da der Attentäter in Bosnien geboren ist, so verhaftete man in Agram beinahe alle bosnischen Studenten, und energisch wird daran gearbeitet, den Beweis zu erbringen, daß das Attentat das Werk einer geheimen Organisation sei, die über den gangen Süden der Monarchie verbreitet ist. Ueber Bosnien geht man weiter nach Dalmatien. An dem Tage, an dem das Attentat gegen Zuwai bekannt wurde, organisierte sich in Dubrownik, der Hauptstadt Talmatiens, eine gewaltige Demonstration gegen den kroatischen Bonus und zur Vevherr- lichung der Tat des Jucits. Sofort wurde von den Behörden in den Wohnungen mehrerer Studenten gehaussucht. Es wurden einige Briefe über die Gründung einer studentischen Organisation gefunden, die nach der Ansicht der Polizei revolutionär sein sollte. Zuwaiische Polizisten aus Agram sind noch Dubrownik geschickt, um die„südslawische revolutionäre Organisation" zu entdecken. Die hohen und die höchsten Herren und Herrschaften, aus der ganzen Monarchie beglückwünschen Zuwai und unterstützen ihn in seiner Hcnkerarbeit. Die Polizei spielt gewissenlos mit Freiheit und persönlicher Sicherheit der Bürger. Die Galgen« wenden für die besten Söhne des Volkes aufgerichtet, die von« der Regierungs» presse als die Typen Lombrosos, als die moralisch Irrsinnigem verunglimpft werden, weil sie sich nicht versklaven lassen, u-nd weil sie den Mut zeigen, ihr Volk zu verteidigen. Und während die Regierungspresse zetert und die ganze Opposition verleumdet, ist der oppositionellen Presse verboten, überhaupt etwas von dem Attentat und von den polizeilichen Untersuchungen zuschreiben und die Angegriffe- neu in Schutz zu nehmen. So schrankenlos wütet der wahnwitzige Absolutismus im armen Kroatien. Die Budapcster Advokatenkammer über Tiszas Verfassungsbruch. Zur allgemeinen Ueberraschung hat die am Sonnabend tagende außerordentliche Generalversammlung der Vudapester Advokatenkammer den vor drei Tagen gefaßten Beschluß seines Ausschusses verworfen und mit ungeheurer Majorität den Autrag angenommen, der das Vorgehen der Regierung im Parlament entschieden verurteilt. Dieser Beschluß ist des- halb von großer Bedeutung, weil nunmehr auch die Advokaten- kammsrn der Provinz zumeist in demselben Sinne zu den Vor- gängen Stellung nehmen dürften, was die Stellung der Opposition selbstverständlich stärken wird. Amerika. Noosevelt, der Gründer einer neuen Partei. Der Match Rooscvelt-Taft mit seinem echt amerikanischen Drum und Drau im Konvent der republikanischen Partei zu Chicago hat mit der Proklaniation des jetzigen Präsidenten Taft zum Kandidaten geendet. Aber Noosevelt ist nicht der Manu, das Spiel aufzugeben. Er gründet kurzerhand eine neue Partei, die sich Progressisten- oder Fortschrittliche Partei nennt und verpflichtet seine Angehörigen, der republikanischen Partei den Rücken zu kehren und für die Neugründung zu< werben. Bei dieser Parteigründung geht es natürlich nicht ohne hochtrabende Phrasen und moralische Tiraden ab, nuv ist dabei nicht zu vergessen, daß auch die neuen Progressistei? nichts weiter sind als eine Spielart der bürgerlich-kapita» listischen Parteien, wie sie bis jetzt in der republikanischen uns demokratischen Partei vorhanden waren. In dem jetzigen all» gemeinen Wirrwarr ist nur soviel klar, daß bei der eigentlichere Präsidentenwahl im Herbst 4 Kandidaten um den SiegespreiS ringen werden, und zwar Taft als siegreicher Favorit deck republikanischen Partei, Noosevelt für die neue Progressisten- Partei, der Demokrat, den dieser Tage der demokrahschs Konvent in Baltimore bestimmen, wird, und schließlich der Sozialist Debs. Ueber den Sieg Tafts und den neuen Feld� zugsplan Roosevelts liegen folgende Nachrichten vor: Chicago, 23. Juni. Die Nominierung TaftS zurm republikanischen Präsidentschaftskandidaten erfolgte mit 261 Stim» men. Noosevelt erhielt 197, Lafollette 41, Cummins 17 und Hughes 2 Stimmen. 344 Anhänger Roosevelts enthielten sich der Ab- stimmung. Zum Vizepräsidentschaftskandidaten würbe der Vize- Präsident des Konvents Sherman nominiert. AuS den Vei£ Handlungen des Nationalkonvents vor der Entscheidung sind noch folgende Einzelheiten bemerkenswert: Harding(Ohio) erklärte in einer Rede, die Fundamente der Nation seien vorher nur einmal so angegriffen worden, wie jetzt, nämlich zur Zeit des Bürger» krieges. Die Republikaner seien die reinen Fortschrittler und Taft sei der fortschrittlichste Staatsmann seiner Zeit. Diese Bemerkung rief eine Schlägerei zwischen den feindlichen Delegierten her- vor, der erst nach mehreren Minuten durch Schutzleute Einhalt g£- boten werden konnte.— Der Nationalkonvent nahm ein längeres Parteiprogramm an. Das Programm hält am Schutzzoll- tarif fest, empfiehlt jedoch die Herabsetzung einiger bestehender Ein» fuhrzölle und eine gelegentliche Tariftevision, wenn die Verhält- nisse sich ändern, jedoch ohne Schädigung der amerikanischen In- dustrie. Es tritt ferner für eine von den Vereinigten Staaten im Auslande über die Ursachen der hohen Lebensmittelpreise zu ver. anstaltende Enquete ein, regt den Abschluß eines neuen Vertrages mit Rußland zum Schutze der amerikanischen Staatsbürger an, ist für einen angemessenen Ausbau der amerikanischen Kriegs- und Handelsflotte und für die Fortsetzung der Antitrustgesetzgebung. Das Programm wurde mit 663 gegen 23 Stimmen angenommen. 343 Anhänger Roosevelts enthielten sich der Abstimmung.— Chicago, 23. Juni. Die Anhänger Roosevelts unter dert republikanischen Delegierten haben noch in der vergangenen Nacht Noosevelt zum selbständigen Präsidentschafts- kandidaten niminiert. Noosevelt hat diese unabhängige kandidaten nominiert. Roosevelt hat diese unabhängige die grundlegenden Maximen der öffentlichen und privaten Moral glaubten, sei die Zeit gekommen, sich einer neuen Bewegung an- zuschließen. Die Delegierten sollten in ihre Heimat zurückkehren und die Stimmung ihrer Landsloute erforschen, später zu einem Konvent zusammentreten und eine förmliche fortschrittliche No- mination vornehmen. Roosevelt versprach, jeden dann nominierte» Kandidaten zu unterstützen und erklärte weiter: Der regelmäßige republikanische Konvent dient den unheilvollen Zwecken der polt- tischen Bosse(Berufspolitiker), die keine Spur mehr von Sympathie für den Geist und die Ideale der Republikaner vor 29 Jahren haben. Ihr, meine Freunde, seid die Geisteserben Abraham Lin- colns, der nicht länger durch die Fesseln der Vergangenheit ge. bunden sein wollte, sondern neue EntWickelungen mit dem neuen Geist, den die Zeiten erforderten, ins Auge faßte. Das Motto der neuen Bewegung soll sein: Du sollst nicht stehlen. Von gut unterrichteter Seite wird erklärt, daß RooseveltS Parteiprogramm von Grund aus fortschrittlich sein wird. Es wird in ihm verlangt werden, daß die Regierung wieder in die Hände des Volkes übergehen solle, statt in den Händen einiger weniger bevorzugter Personen zu bleiben. Es tvict» sich für da» Stimmrecht der Frauen aussprechen, für Primärwahlen für wie Präsidentcnschaft, direkte Wahl der Senatoren, eine Tarifrevision unter Leitung des Tarifamts, eine Kontrolle der Trusts durch eine nationale Kommission und eine Revision und straffere Hand» habüng des Geldumlaufsgcsetzes ohne Zentralisierung des Kredit?» welch letzteres als ungünstig für den Aldrichschen Entwurf eineS Geldumlau fsgesetzes angesehen wird. Marokko. Die Arbeit der„Beruhigungs"-Kolonnen. Paris, 24. Juni. Wie aus Fez unter dem 23. d. M. gemeldet wird, wurde General Dalbiez in der Nacht vom 21. zum 22. Juni im Lager von Jfran Sidi Abdcssalam von aufständischen Beni Mtir, Aitiussi und Tsegruschen angegriffen. General Dalbiez machte einen glänzenden Ausfall und warf die Feinde zurück. Die Franzosen hatten vier Tote und sechs Verwundete, /Zus Induftne und ftandel. Teueriingszeiten. Obwohl die Preise für vegetabilische Nahrung»« mittel sowie Butter und Milch neuerdings zurückgegangen sind, ergibt sich im Vergleich zu den Vorjahren noch eine ganz erhebliche Verteuerung. Im Kleinhandel kostete nach den für 29 preußische Städte berechneten Durchschnittspreisen 1 Kilogramm der nach« stehenden Lebensmittel in Pfennigen: Der Preis für ein Schock Eier ist im Berichtsmonat von 399,1 ans 49t, 4 Pf. gestiegen. Im vorjährigen Parallelmonat stellte er sich auf 371,9. Von besonderer Bedeutu«ig für die Entwickelung der Haushaltskostcn ist die Festigkeit der Preise am F l e i s ch m a r k t. Es untdrlicgt keincni Zweifel mehr, daß die starke Zunahme deS Auftriebs am Schlachtviehmarkte im vergangenen Winter eine er- hebliche Verminderung der einheimischen Viehbestände und eine ge« wisse Knappheit am Viehmarkte in den Sommermonaten zur Folge gehabt hat. Der Durchschnittspreis für 1 Kilogramm Schweine- fleisch ist von 129,9 Pf. in der ersten Hälfte des Monats Mai 1912 auf 169,9 Pf. in der zweiten Monatshälfte gestiegen. Für Schweine» speck ergab sich eine Erhöhung des Preisniveaus von 179,8 auf 182,1 Pf. Hammelfleisch verteuerte sich von 182,9 auf 182,4 Pf. Der Preis für 1 Kilogramm Kalbfleisch stieg von 196,6 auf 193,9 Pf, Eine Ermäßigung des Durchschnittspreises von 177,2 auf 176,2 Pf. war lediglich bei Rindfleisch zu verzeichnen. Im Vergleich zu den Vorjahren ergaben sich folgende Durchschnittspreise per Kilogramm in Pfennigen: Mai Rindfl. Kalbfl. Hammelfl. Schweinefl. Schweinespeck 1999 124,8 172,7 163,2 128,9 176.8 1919 122,9 177,9 179,2 169,0 187.9 1911 165.2 183.3 177,3 147,2 173.2 1912 176,8 196.3 182,1 129,9 181.9 Der Preis für 1 Kilogramm Roßfleisch stellt sich Wie im Bor- monat aus 79 Pf. gegen<7,4 Pf. im Mai 1911. Gewerkrcbaftlicbcs. Gelbe Sumpferelen. Am 25. Mai 1912 brachten wir eine Notiz über Mißwirtschaft der Gelben im Konsumverein Siemens u. Schuckert, Dynamowcrk. Heute sind wir wieder in der Lage, Aehnliches zu berichten. Der Konsumverein Kleinbau Siemens u. Schuckert, Nonnendamm, wird seit 1997 von Obergelben geleitet. Sobald die freien Gewerkschaften zu den Wahlen Kandidatenlisten aufstellten, wurden Maßrcgelun- gen vorgenommen oder mit Hilfe verschiedener Manipulationen die Listen für ungültig erklärt. Bei der letzten Wahl konnten in- folge der Aussperrung die freien Gewerkschaften keine Vertreter in >den Konsumverein entsenden. Die Obergelben hatten also dort die .Alleinherrschaft" und konnten nach„gelben Prinzipien" Wirt- schaften.„Der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht," so auch hier. Am Donnerstag, den 13. Juni sah sich die Direktion des Kleinbauwerkes veranlaßt, den gesamten gelben Vorstand zum Teufel zu jagen. Im gelben Lager sucht man mit allen Finessen geheimnisvolles Dunkel über die Angelegenheit zu breiten. Aber vergeblich! Der gelbe Vorstand machte eine Weinreise mit Liefe- ranten durch die Lokale der Lebewelt Berlins und hatte eine Zeche von rund 499 M. zu begleichen. Die Deckung verlangte man nun von den Lieferanten. Bei der Weigerung, die Kosten der Sumpferei zu tragen, wurde de« Lieferanten mit Entziehung der Austräge für den Konsumverein gedroht. Davon erhielt die Direktion Kenntnis und war nun gezwungen, das Nest der Korruption aus- zuheben. Am schwarzen Brett des Betriebes gab man der Arbeiter- schuft die Namen der von der Direktion provisorisch ernannten Vor- standsmitglieder bekannt. Die Arbeiter und Arbeiterinnen werden bollständig im Unklaren gelassen über die wahren Begebenheiten. Bei der Gelegenheit soll einer der abgesetzten gelben Vorstandsmit- glieder die Aeußerung getan haben:„Wenn alles an die Oeffent- lichkeit käme, was in den anderen Konsumvereinen der Firma Siemens bereits passiert ist, müßte die Direktion ganz ander» da- zwischen fahren." Was mag da an Korruption geleistet sein? Häufig wurden die Konsumlieferanten von den Obcrgelben veranlaßt, Inserate für den„Bund" auszugeben und Billett» für gelb« Vergnügungen in größerer Zahl zu entnehmen. Nach unseren Begriffen sind das Erpressungen. Im gelben Sprachgebrauch nennt man das„Wahrnehmung gemeinsamer Interessen". Diese Vorgänge gewinnen noch dadurch eine gewisse Bedeu- tung, daß die Direktionen der Siemenswerke unter Einfluß Dr. Fellingers Ende 1911 für sämtliche Konsumvereine des SiemenskonzernS eine Aenderung der Statuten durchsetzten, um mit Hilfe der neuen Bestimmungen die freien Gewerkschaften mög- lichst der Leitung der Geschäfte fernzuhalten. Die Vorstände der Konsumvereine werden jetzt nur alle 2 Jahre gewählt und damit ist der Arbeiterschaft um so weniger Gelegenheit gegeben, durch Abstimmung korrupte gelbe Elemente zu entfernen. Die Firma Siemens ist also demnach für die Zustände mitverantwortlich und je mehr sie Ausnahmebestimmungen gegen freiorganisierte Arbeiter verfügt,.um so größer wird der Herd der Korruption. Und diese Leute sind die Lieblinge unserer modernen Unters nehmer und Grotzfirmen, sie werden als Materialsammler für Ausnahmebestimmungen gegen die freiorganisierte Arbeiterschaft gebraucht. Die Unternehmer und deren Anhang preisen diese gelben Bkatadore als Pioniere der nationalen, vaterländischen Ar- beiterbewegung. Lieb Vaterland magst ruhig sein!!! Berlin imcl Umgegend. Die Tarifbewegung der Arbeiter aus den Eisen- konstruktionsbetrieben beendigt. Am Sonntag erstattete Maus in einer äußerst stark besuchten Versammlung in der„Brauerei Friedrichshain" Bericht von den Ber- Handlungen mit den Arbeitgebern. Das Resultat dieser Verein- barungen lag den Versammelten in einem gedruckten Formular vor, dessen wesentlichste Bestimmungen lauten: Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt vom Oktober 1912 ab 54 Stunden(außerdem ist Ve Stunde für Aufräumungsarbeiten zu- gestanden). Ueberstunden, die über die festgelegte tägliche Arbeitszeit Hinausgehen— ebenso Feiertagsarbeit— werden mit 20 Proz. Zuschlag bezahlt; den Zuschlag erhalten auch die Akkordarbeiter. Am Sonn- abend ist die letzte halbe Stunde für Aufräumungsarbeiten ohne Lohnabzug zur Verfügung zu stellen. Die Lohnzahlungen sollen init Schluß der Arbeitszeit beendet sein. Die bisherigen Stundenlöhne werden um so viel erhöht, daß bei der verkürzten Arbeitszeit pro Woche derselbe Verdienst erreicht wird wie bei der bisherigen Arbeits« zeit. Bruchteile von Pfennigen des Stundenlohnes werden nach oben auf halbe hezw. ganze Pfennige abgerundet. Werkstattarbeiter, die in Groß-Berlin außerhalb der Werkstatt beschäftigt werden, erhalten für Fahr- und Arbeitszeit eine Zulage von 6 Pf. pro Stunde. Die Fahrzeit und das Fahrgeld werden ab Werkstatt berechnet. Die Fahrzeit liegt außerhalb der täglichen Arbeitszeit und wird nicht als Ueberstunde bewertet. Bei Arbeiten außerhalb Groß-Berlins, die ein Uebernachten erfordern, wird für jeden Arbeits-, Sonn- und testtag eine Zulage von 3 M. pro Tag vergütet. Dagegen wird ohn für Sonn- und Festtage nicht gezahlt. Für eine zurück- zulegende Fahrt ist dem Arbeitnehmer der volle Betrag einer Eisen- bahnfahrkarte 3. Klasse zu zahlen. Bei längeren Fahrten wird für Fahrzeit nicht mehr als dieübliche tägliche Arbeitszeitbezahlt; außerdem eine tägliche Zulage von 3 M. Monteure und Helfer, ivelche sonst dauernd auf Montage außerhalb Groß-Berlins beschäftigt sind, er- halten, sofern dieselben in Groß-Berlin Montagen ausführen, die nach K 5 geltenden Vergütungen. Alle Akkordarbeiten sollen vom 1. Januar 1913 ab für jede Gruppe getrennt festgelegt werden. Die Akkordsätze sind in der Vorkalkulation so zu bemessen, daß ein Ueberschuß gegen die Stundenlöhne von etwa 19 Proz. erreicht wird. Ist eine Einigung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer über einen Akkordpreis nicht zu erzielen, so ist die strittige Arbeit im Lohn an- zufertigen, sofern der Arbeitgeber die Arbeit nicht anderweitig unter- bringt. Nötigenfalls ist der in Frage kommenden Gruppe eine an- gemessene Frist zur Prüfung die Arbeit zu gewähren. Des weiteren ist eine Erklärung von Wichtigkeit, die Aufnahme im Protokoll gefunden hat und folgendes besagt: Im Lause der Verhandlungen wird festgestellt, daß bei Differenzen eine Kommiision seitens des Verbandes Berliner Metallindustrieller zusammengetreten ist, die die Streitigkeiten in Gemeinschaft mit Vertretern der Arbeiterorganisation schlichtet. Diese Vermittelung, die sich durchaus bewährt hat, soll auch in Zukunft, speziell bei Differenzen, die sich etwa aus dem heute ge- troffenen Abkommen ergeben, eintreten, und zwar sobald wie möglich, längstens innerhalb 19 Tagen. Mit Rücksicht auf die Verkürzung der Arbeitszeit wird vom 1. Okiober ab als Norm für volljährige ungelernte Arbeiter ein Anfangslohn von 43 Pf. pro Stunde und eine Erhöhung nach dreimonatiger Beschäftigungszeit auf 45 Pf. pro Stunde verab- redet, für gelernt« Arbeiter von 48 Pf. bezw. 59 Pf. Maßregelungen aus Anlaß der Durchführung dieser Verein- barung dürfen nicht stattfinden. Die Bestimmnngen der Vereinbarung treten, soweit fich nicht aus ihnen ein späterer Zeitpunkt ergibt, mit dem 1. Juli 1912 in Kraft. Die Vereinbarungen wurden nach kurzer sachlicher Debatte gegen eine schwache Minorität angenommen. Zur Tarifbcwegung im Dachdeckergewerbe schreibt die„Arbeit- geberzeitung" in der Nr, 25 vom 23. Juni:_ Lerantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin, Inseratenteil verantw�z „In Berlin bereiten die Dachdecker und Hilfsarbeiter einen Ausstand vor. Die Verhandlungen wegen eines neuen Tarif- Vertrages sind an den unerfüllbaren Forderun- gen der Dachdecker, die höhere Löhne und kür- zere Arbeitszeit usw. verlangen, gescheitert. Der alte Tarifvertrag läuft Ende dieses Monats ab. Zur Schlichtung der Differenzen ist zwar das Einigungsamt des Berliner Gewerbegerichts angerufen worden, man glaubt aber auf beiden Seiten nicht recht an einen Erfolg." Diese Zeilen sind jedenfalls nur zu dem Zweck in die„Arbeit- geberzeitung" gebracht, um die Oeffentlichkeit irre zu führen und die Allgemeinheit gegen die Arbeiter einzunehmen. In diesem Jahre haben die Dachdecker und auch die Hilfsarbeiter Forderungen wegen Erhöhung der Stundenlöhne und wegen Verkürzung der Arbeitszeit überhaupt nicht gestellt. Sie haben nur an die Arbeit- geber das Ersuchen gerichtet, die gegenwärtig bestehen- den Verträge auf eine weitere Reihe von Jahren f e st z u- legen! Von den Arbeitern wurde also nur eine Verlänge» rung der Verträge gefordert. Die Unternehmer wollen aber unter allen Umständen Verschlechterungen einführen. Vor allen Dingen wollen sie eine Herabsetzung der Hilfsarbeiterlöhne und den Abschluß des Vertrages nur bis zum 31. März 1913. Dieses Verlangen der Unternehmer mußte zurückgewiesen werden. Das Einigungsamt ist bereits am 13. Juni angerufen worden; bis heute ist Nachricht von dort aber noch nicht eingetroffen. Die Unternehmer scheinen sich auch über diese Bestimmung des Tarif- Vertrages hinwegzusetzen, um den Arbeitern ihren Willen auf- zwingen zu können. Achtung, Schuhmacher! Bei der Firma BochhnSki, Kom- mandantenstr. 62, sind wegen Lohndifferenzen Arbeiter entlassen. Die Firma ist bis auf weiteres für unsere Kollegen gesperrt. Zentralverband der Schuhmacher, Ortsvcrwalwng Berlin. Achtung, Friseurgehilfen! Für Verbandsmitglieder gesperrt: Look, Utrechter Str. 27, und A p p e I t, Reinickendorf, Turmstr. 25. Aufgehoben ist die Sperre bei W y s o k i, Kaiser-Friedrich- straße 244, Oehmchen, Kaiser-Friedrichstr. 73. Alpen, Ziethen- straße 31, in Neukölln. Verband der Friseurgehilfen. Zur Zigarrenarbriterbcwegung in Groß-Berlin. Dem Zigarrengeschäftsinhaber C r a tz, SO., Waldemarstr. 29, ist das grüne Plakat wieder entzogen worden, da er von untari- fterten Firmen bezogen hat. Arbeiter, Parteigenossen! Fragt überall bei Euren Zigarren- einkaufen in Geschäften, Kantinen, Gastwirtschaften nach dem grünen Plakat, unterschrieben: Alwin Schulze. Der Vertrauensmann der Tabakarbeiter. Die Lohnbewegung der Zigarettenarbeiter von Josetti ist zu Ende. Die Firma bewilligte den Arbeitern eine Lohnzulage. Die- selbe beträgt für Zigarettenarbeiter 19 Proz. per Mille. Die ältesten Sohnarbeiterinnen erhielten eine sofortige Zulage von 1 M., die jüngeren eine solche von 59 Pf. Weiter erhielten die Lohnarbeite- rinnen zugestanden eine Yt jährliche Zulage von 59 Pf. Auch die Packcnnncn und Tabakaufmacherinnen erhielten entsprechende Zu- lagen.— Hoffentlich werden die übrigen Zigarettenfirmen diesem guten Beispiel bald folgen. Die Gau- und Ortsverwaltung der Tabakarbeiter. Wie die Paketfahrtgesellfchaft„verhandelt". Die Kutscher und Begleiter der Berliner Paketfahrtgesellschaft brachen bekanntlich ihren Donnerstag früh begonnenen Streik kurz nach Mittag ab, nachdem die Direktion sich auf Grund der Ver- Mittelung des Transportarbeiterverbandes bereit erklärt hatte, mit einer von ihnen und aus ihrer Mitte gewählten Kommission zu verhandeln und ihre Wünsche zu berücksichtigen. Daß sie gleich darauf durch Plakate an den Anschlagsäulen neue und unorgani- sierte Leute suchte, ließ natürlich sofort Zweifel daran aufkommen, ob die Verhandlungen ehrlich gemeint waren. Die Plakate er. regten solche Entrüstung unter den Angestellten, daß sie die Arbeit am Sonnabend von neuem niederlegen wollten, aber in einer am Abend vorher abgehaltenen Versammlung ließen sie sich doch von den Organisationsvertretern überzeugen, daß eS wohl unter den obwaltenden Umständen zweckmäßiger sei, erst einmal das Ergebnis der Verhandlungen abzuwarten. Die Direktion hatte allerdings auch sonst noch manches getan, was geeignet gewesen wäre, einen neuen- Streik zu provozieren. Sie hatte Oberschaffner, Kon- trolleure und dergleichen Leute als Spitzel und obendrein in Be- gleitung von Kriminalschutzleutcn nach der Versammlung und, so- weit wie wöglich, auch in die Versammlung geschickt, und dasselbe Schauspiel wiederholte sich, als die Kutscher und Begleiter am Sonntagabend abermals sich in den Andreas-Festsälen versam- melten. Das Spiel ging sogar so weit, daß in der Versammlung ein Bestellungsbote den Vorschlag machte, alle die, die für den Streik seien, sollten aufstehen— ganz offenbar zu dem Zweck, damit der Herr Spitzel die räudigsten unter den räudigen Schafen recht bequem herauskennen könnte. Aber um allem die Krone aufzusetzen, sorgte die Direktion auch dafür, daß der Hof ihres Gebäudes in der Ritterstratze von einer nicht geringen Anzahl uniformierter und nichtuniformierter Polizeileute bewacht wurde, und zwar von innen, als ob da überall Verbrecher lauerten, vor denen man jederzeit in schlotternder Angst auf der Hut sein müßte. Die Verhandlungen selbst haben dann am Sonnabend vor- mittag und nachmittag stattgefunden— vorausgesetzt, daß man es „Verhandlungen" nennen kann. Die Direktion erklärte von vorn. herein, daß sie es gar nicht für ratsam halte, mit dieser Kom- Mission zu verhandeln; lieber wollte sie es mit einer Kommissiion von Leuten, zu denen sie mehr Vertrauen hätte. Aber man ließ sich denn doch herbei, mit der gewählten Kommission zu reden. In der Hauptsache bemühte die Direktion sich, den Kommissions- Mitgliedern klarzumachen, daß es doch eigentlich unrecht und ganz verkehrt von ihnen wäre, sich mit dem Transportarbeiterverband einzulassen. Sie sollten doch erst einmal mit ihren Frauen darüber sprechen und deren Rat hören. Die Kommissionsmitgliedcr er- klärten demgegenüber, daß sie selbst wüßten, welcher Organisation sie angehören sollten, und es sich verbitten müßten, ihre Familien. Verhältnisse in die Verhandlungen hineinzuziehen. Aber die Direktion wollte den Transportarbeiterverband nicht aner- kennen und auch den bekannten Dienstrevers mit dem Or- ganisationsverbot nicht zurückziehen. Wenn die Leute sich organisieren wollten, dann könnten sie ja unter sich einen Verein gründen— so eine gelbe Organisation natürlich. Dem Wunsche nach Umwandlung des Monatslohnes in Wochen- lohn wollte die Direktion so weit entgegenkommen, daß zwei Drittel des Mo�atslohnes in wöchentlichen Raten, das letzte Drittel am Monatsschluß ausgezahlt werden sollte, und zwar, damit die Leute immer pünktlich ihre Miete zahlen könnten. Die Frage der Aufbesserung der Anfangslöhne sollte bi» zum September vertagt werden. Die fünf entlassenen Vertrauensleute sollten weiter beschäftigt werden, wenn sie den Dienstrcvers anerkennen und sich getreulich danach richteten. Die Aufgabe der Kommission wurde von der Direktion, als äe diese„Zugeständnisse" gemacht hatte, für erledigt betrachtet. Es müßte aus den Reihen der Angestellten nun eine neue Kom- Mission gewählt werden, die der Direktion die Lohnwünsche zu unterbreiten hätte.— In der Versammlung, wo über das Ergebnis der Verhandlungen berichtet wuroe, war man natürlich in keiner Weise mit den Redensarten der Direktion einverstanden, aber man nahm doch vorläufig Abstand von weiteren Schritten. Dessen kann die Direktion jedoch sicher sein, daß dauernde Ruhe nicht in ihren Betrieb einkehren wird, wenn sie es weiter so treibt, wie bisher. Erwähnt sei noch, daß am Sonnabend zwei Metallarbeiter, die an der Freitagversammlung teilgenommen und dort das Wort ge- nvmmen hatten, aus dem Betriebe entlassen wurden; sie waren offenbar von einem Spitzel denunziert worden. kh. Glocke. Bertm. Druck u. Perlag: Vorwärts Buchdr. u, verlagsanstals� Deutkehes Reich. Die Aussperrung der Metallarbeiter in Hannover. Auf Vorschlag des Deutschen Metallarbeiterverbandes, dem der Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller zugestimmt hatte, bil- deten beide Parteien eine allgemeine Verhandlungskommission, zu der je ein Vertreter des Gesamtverbandes Deutscher Metallindu- strieller und des Deutschen Metallarbeitervcrbandes als Berater hin- zugezogen wurde. Die Arbeiter verständigten sich, daß die Hirsch- Dunckerschcn Gewerkvereine ein Mitglied zu der siebengliedrigen Arbeiterkoinmission stellen sollten, das auch die christlichen Gewerk» schaften zu vertreten hat. Am Sonnabend, den 22. d. Mts., vormittags, begannen die Verhandlungen und dehnten sich bis VA Uhr nachmittags aus, er- gaben aber keine Zugeständnisse der Unternehmer in der Frage der Arbeitszeit. Die Arbeitervertreter mußten deshalb erklären, daß die Unternehmervorschläge kaum von den Arbeitern angenommen werden würden. Sie machten Gegenvorschläge, wo- nach die Arbeitszeit pro Woche noch eine halbe Stunde verkürzt wird. Die Unternehmer blieben auf 57 Stunden pro Woche.be- stehen. In der Lohnsrage scheint eine Verständigung möglich zu sein. Nach Beendigung der Verhandlungen ordnete der Gesamt- verband Deutscher Metallindustrieller am Sonnabend, nachmittag 4 Uhr, die Aussperrung in den Bezirksvcrbände,! Magdeburg und Halle a. S. an, die in den meisten Betrieben erfolgte,»schätzungs- weise sind in Magdeburg rund 7999 bis 3999 und in Halle a. S. rund 3999 bis 4999 Personen ausgesperrt. Dazu kommen in Hau- qover rund 7999 Personen. Es sind also rund 13 999 Personen auf das Stratzenpflaster geworfen. Die streikenden und ausgesperrten Arbeiter in Hannover nehmen im Laufe der Woche zu dem Verhandlungsresultat Stellung. Die gewaltsame Störung des Wirtschaftslebens in der Provinz Hannover und Sachsen durch Schuld der Metallindustriellen wird längere Zeit dauern. Aus Elsterwerda wird gemeldet, daß dort die Aussperrung bisher nicht den vollen angedrohten Umfang angenommen hat. Eine Firma sperrte statt 59 Personen 28 aus, eine andere unterließ die Aussperrung ganz, wie sie angab, weil keine organisierten Arbeiter bei ihr beschäftigt seien. Man sieht aus diesem Vorgang, daß bei dem Unternehmertum eine große Sympathie für die Aussperrung nicht besteht. Der Zentralverband ber Zivilberufsmusiker in Breslau hat mit dem dortigen Verein der Saal- und KonzerthauSbesitzer einen zweijährigen Vertrag auf folgender Grundlage abge- schlössen: Für Sonn- und Feiertage wird bei achtstündiger Arbeit ein Lohn von 9 bis 19 M. garantiert, Ueberstunden werden mit 1,59 M. entschädigt. Der Mnsikleiter erhält 6 M. extva. Die Gesamteinnahme bei öffentlichen Tanzvergnügen wird nach Abzug aller Unkosten derart geteilt, daß die Musiker und Tanzordner je einen Teil erhalten. Wird hierbei der garantierte Lohn nicht er- reicht, so muß der Wirt das Fehlende zulegen. Ein Schiedsgericht, dessen Obmann das Breslauer Äewerkschaftskartell stellt, soll Streitigkeiten regeln. ZZuslancl. Neue Streikbewegung im ntährisch-schlesischen Bergrevier. Am 28. d. M. lauft die von den Arbeitern unter stets wachsender Oppo- sition mehrmals verlängerte Frist ab, die den Unternehmern für die zusagende Beantwortung der Eingaben gestellt wurde, in denen Maßregeln gefordert werden, die den Arbeitern die Möglichkeit geben, bei normaler Arbeitsleistung den vertraglich festge- setzten Durchschnittslohn per Schicht auch wirklich zu er- zielen. Die Bergherren scheinen es auf den Streik ankommen lassen zu wollen. Dies Resultat können sie erzielen. letzte ffochiichtcin Das Flotten-Wettrüsten. London, 24. Juni.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des Unterhauses kündete Schatzkanzler Lloyd George an, daß er aus dem Ueberschuß von VA Millionen Pfund Sterling eine Million herausnehmen werde, um den Ergänzungsflottenetat zu decken, den Churchill dem Hause demnächst vorzulegen gedenke. Zur Begrün- dung erklärte Lloyd Georg«, bei der Einbringung der Flottenvvrlage habe Churchill ganz klar gesagt, daß sich diese Vorlage gründe auf die Annahme, daß das deutsche Flottengesetz unge- ändert bleibe. Damals war dem Reichstag eine Vorlage zu- gegangen, welche gegenüber dem alten deutschen Flottengesetz eine erhebliche Vermehrung enthielt. Seither sei dann die Vorlage Ge- setz geworden und es sei nicht mehr eine Möglichkeit, sondern eine Tatsache, der man sich gegenüber befinde. Dies neue Gesetz sehe eine über sechs Jahre verteilte Vermehrung für das deutsche Flottenprogvamm vor, die sich im ganzen auf zehn Millionen Pfund Sterling beziffere. In diesem Jahre wird die Summe, die Chur- chill nachträglich fordern wird, eine Million Pfund Sterling nicht überschreiten, aber in den folgenden Jahren werden hohe Summen erforderlich sein als Folge der Programms, dessen Ausarbeitung Churchill für notwendig halten wird. Streik auf dem Eisenhüttenwerk Thale. Braunschweig, 24. Juni.(P.-C.) Wegen Ablehnung einer zehnprozentigen Lohnerhöhung find heute auf dem Eisenhüttenwerk Thale 590 Arbeiter in den Ausstand getreten._ Generalstreik im Borinage. Brüssel, 24. Juni.(P.-C.) Die Bergarbeiter im Borinage beschlossen in einer heute stattgesundenen Versammlung, den Ge- neralstreik zu erklären. Blutiger Zusammenstoß mit der Polizei. Dortmund, 24. Juni.(P.-C.) Zu wüsten Auftritten ist es gestern abend in dem benachbarten Marten gekommen. Dort versuchten zwei Polizciscrgeanten namens Schulte und Lammers» kötter mehrere Ruhestörer festzustellen� Diese leisteten tätlichen Widerstand und im Augenblick hatte sich eine größere lärmende Menge angesammelt. Man entriß dem Sergeanten Lammers- kötter den Säbel und der bisher unermittelte Täter schlug damit Schulte über den Kopf, so daß er blutüberströmt zusammenbrach. Auch Lammersköttcr wuroe bedrängt und zog seinen Dienstrevolver und gab aus den Bergmann Rotalski einen Schuß ab. Dieser brach, in den Unterleib getroffen, bewußtloszusammen. Ehe ärztliche Hilfe zur Stelle war, war der Unglückliche an innerer Verblutung gestorben. Es ist bisher noch nicht gelungen, die anderen Täter zu ermitteln. Mord und Selbstmord. Hamburg, 24, Juni.(W. T. B.) In einem Hause der Gothen. straße wurden heute abend die Leichen des Arbeiters Mickcls und einer Frau Pagel mit schweren Schußwunden aufgefunden. Es liegt Mord und Selbstmord vor. Das Motiv der Tat ist unbekannt, Ein galizisches Dorf abgebrannt. Krakau, 24. Juni.(P.-C.) Gestern entstand in dem Dorfe Czulow ein verheerender Brand, der durch Wassermangel bald furchtbare Dimensionen annahm. F-sit das ganze Dorf wurde ein Raub der Flammen. Der Schaden ist sehr groß. Mit der Regimentskasse durchgebrannt. Lodz, 24. Juni.(P.-C.) Der Feldwebel Czub vom 61. In- fanterieregiment in Wladimer ist mit der 15 999 Rubel enthaltenden Regimentskasse, die ihm zur Obhut anvertraut war, geflüchtet. ßaul Singer st Co., Berlin LVts, Hierzu 3 Beilagen u.Ünterhaltungsbl, Dr. 145. 29. Jahrgang. 1. SeilU des Jotni W Serlim ösllistlntt. DiMaz, 25. Zmi 1912. Line wichtige flusiteilung. Fn keiner Industrie fand die Arbeitsmaschine umfang- reichere und vielgestaltigere Anwendung, als wie in ver Holzindustrie. Der Siegeszug der Technik war für die Arbeiter aber auch mit einer unheimlichen Steigerung der Unfall gefahren verbunden. Das Augenmerk der Kon- strukteure richtet sich mehr auf die Hervorbringung Arbeit ersparender, als wie Unglück verhütender Maschinen. Und so mehrten sich dann mit den Fortschritten der Technik, in dem Ersatz der menschlichen durch mechanische Arbeitskraft, in beängstigender Weise die schweren Verletzungen. Die ge- fräßigen, mit großer Rotation bewegten Schneidewerkzeuge erfordern Opfer auf Opfer. Diese Schattenseite im Dasein des Holzarbeiters tritt schon im Bilde der U n f a l l st a t i st i k scharf heraus. Von 1895 bis 1999 entfielen auf je 1999 bei sämtlichen Berufsgenossen versicherte Personen durchschnitt� lich im Jahre 7,79 entschädigungspflichtige Unfälle: fiir die vier Holzberufsgenossenschaften beträgt der Durchschnitt jedoch 11,44 Schwerverletzte. Hier war die Unfallhäufigkeit demnach um fast 59 Proz. größer als ini Gesamtdurchschnitt. Aber die Statistik hat eine wächserne Nase. Die im Bergbau Beschäftigten z. B. sind von den beson- deren Berufsgefahren ziemlich gleichmäßig bedroht. Die Durchschnittsberechnung ergibt demnach für ihren Beruf ein ziemlich objektives Bild der Verhältnisse. Das gilt im großen und ganzen auch von den meisten anderen Berufen. Ganz anders liegen die Verhältnisse in der Holzindustrie! Von den durch die berufsgenossenschaftliche Statistik erfaßten Per- sonen ist nur ein Bruchteil an den nach Menschenblut und menschlichen Gliedern gierigen Bearbeitungsmaschinen be- schäftigt. Für den übergroßen Teil der Beschäftigten ist die Unfallgefahr sogar geringer als im Gesamtdurchschnitt für alle gewerblich Tätigen. Aber die Unfälle der Maschinen- arbeiter werden auf die Gesamtheit der Holzarbeiter ver- rechnet. Wenn dabei eine den Gesamtdurchschnitt weit über- ragende Ziffer herauskommt, dann prägt sich darin eben eine ganz ungewöhnlich hohe Unfallguate für die an Maschinen Beschäftigten aus. Ihre erschreckende Größe zeichnet eine im Jahre 1994/95 aufgenommene Statistik der Berliner Ma- schinenarbeiter. Sie ergab, daß von den Beschäftigten jährlich 57,24 Proz.— also überdieHälfte— verunglückt waren. Bei den Unfällen handelt es sich nur bis zu einem ge- wissen Minimum um unabwendbare Gefahren. Die meisten entspringen aus dem Wesen der kapitalistischen Produktions- weise. Zunächst kommt in Betracht der schon angedeutete Mangel an geeigneten Schutzvorrichtungen. Sie fehlen oft. weil sie Geld kosten! Eine weitere Quelle zahlreicher Ver- stümmelungen ist ungenügende Unterweisung der Arbeiter und Nachlässigkeit in der Beachtung unfallverhütender Maß- nahmen. Und hierbei spielt wieder das rücksichtslose An- treiben durch die mörderische, automatisch wirkende Peitsche der Akkordarbeit eine große Rolle. Diesen, Gesundheit und Leben der Arbeiter bedrohen- den Umständen widmet der Holzarbeiterverband besondere Aufmerksamkeit. Nicht nur das! Durch Einrichtung einer besonderen Kommission, Unterwei- sungskurse, systematische Aufklärungsar- beit und Verständigung mit Gewerbeinspek- toren leistete er nach dieser Richtung schon ein gut Stück praktischer Sozialpolitik. In den letzten Jahren hat sich die Unfallziffer ein wenig zu- gunsten der Holzarbeiter verschoben. Während z. B. auf 1999 Versicherte der Gesamtdurchschnitt für das Jahr 1911 7,39 schwere Unfälle verzeichnet, ist die Quote bei den vier kleines feuiUeron Balzac. Goethe und Strindberg. Aus StrindbergS noch un- veröffentlichter Selbstbiographie„Einsam", die demnächst bei Georg Müller erscheinen soll, bringt die Berliner Wochenschrift„Die Aktion" einen fesselnden Abschnitt, in dem Strindberg zu den großen Erscheinungen Balzacs und Goethes Stellung nimmt. „Mein Umgang beschränkt sich," schreibt da Strindberg,„auf den unpersönlichen durch die Bücher. Balzac ist mir ein persönlicher Freund geworden, dessen ich niemals müde werde. Er hat aller- dings nie etwa» geschaffen, was man Kunstwerk nennt, jetzt be- sonders, wo man Kunst mit Literatur verwechselt. Alles bei ihm ist kunstlos; man sieht nie die Komposition und ich habe nie seinen Stil bemerkt. Er spielt nicht mit Worten, figuriert niemals mit unnötigen Bildern, die übrigens der Poesie angehören, aber er hat dagegen ein so sicheres Formgefühl, daß der Inhalt immer den klaren Ausdruck bekommt, der genau vom Worte gedeckt wird.... und alles ist für ihn Geschichte, seine Gegenwart»- geschichte; jede kleine Person zeigt sich in der Beleuchtung ihrer Zeit und hat daneben ihre Entstehungsgeschichte und macht ihre Eutwickelung unter der und der Rcgierungsform durch, was den Gesichtskreis erweitert und einen Hintergrund hinter jede Figur stellt. Paradox ist es doch, daß der Physiologe Zola Balzac als seinen großen Lehrer und Meister begrüßte." „Mein anderer literarischer Freund Goethe," so schreibt Strindberg dann weiter,„ist in letzter Zeit zu allen möglichen Zwecken benutzt worden, am meisten zu der albernen Ausgrabung des Heidentums. Goethe hat ja viele Stadien des Lebens durch- laufen... er hat alle Fragen gelöst; alle? ist so einfach und klar, daß ein Kino es begreifen könnte. Dann aber kommt ein Zeit- Punkt, wo die pantheistischen Erklärungen des Unerklärlichen ver- sagen. Alles erscheint dem Siebzigjährigen so eigentümlich merk- würdig unbegreiflich. Da ist eS, wo die Mystik hervortritt und selbst Swedenborg in Angriff genommen wird. Aber nichts hilft; sondern der Faust ocS zweiten Teils beugt sich vor der Allmacht, versöhnt sich mit dem Leben, wird Philanthrop(und Mooranbauer), halber Sozialist und wird mit allem Apparat der katholischen Kirche von de- Lehre der lebten Dinge apotheosiert. Der Faust des ersten TeitS, der aus dem Ringen mit Gott als ein siegender Saulus hervorgegangen ist, wird im zweiten Teil ein geschlagener Paulus. Das ist mein Goethe! Aber obwohl jeder seinen Goethe hat, kann ich nicht verstehen, wo man den Heiden findet... Nein, es ist das ganze Leben und die darauf gegründete Dichtung Goethes, die mich anspricht. ES war ein älterer Freund des Dichter?, der ihm in seiner Jugend den Schlüssel zu seiner Schriftstellerei gab: „Dein Bestreben, Deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirk- jichen eine poetische Gestalt zu geben; die anderen suchen das so- genannte Poetische, das Imaginative, zu verwirklicben, aber das gibt nichts wie dummes Zeug"... Der Reiz, Goethe zu lesen, liegt für mich in der leichten Hand, womit er alles anfaßt. ES ist, als könne er das Leben nicht ganz ernst nehmen; ob cs nun leine feste Wirklichkeit hat, oder unseren Gram und unsere Tränen «cht verdient. Ferner seine Unerschrockenheit, mit der er sich den Holzberufsgenossenschaften auf 19,12 gesunken. Sie ragt über die erste Ziffer„nur" noch um 37 Proz. hinaus! Dieser Fort- schritt ist sicherlich vorwiegend auf die energische Arbeit des Holzarbeiterverbandes zurückzuführen. Und es kann auch konstatierr werden, daß verschiedene Gsverbeinspektoren diese Tätigkeit ausdrücklich anerkennen und nicht verschweigen, daß ohne die Mitwirkung der Arbeiter die Gewerbeinspek- toren vielfach ziemlich machtlos sein würden. Gehässige poli- tische, gegensätzlich wirksame Motive verschulden es, daß die Forderungen und Einrichtungen des Holzarbeiterverbandes nicht schon längst durch die Gesetzgebung einen entsprechenden Niederschlag fanden. Die Organisation hat, anstatt Aner kennung zu finden, bei all ihren segensreichen Bestrebungen noch niit kleinlichen Schikanen zu kämpfen; am liebsten möchte man sie gar nach dem Kommando des Herrn Bueck zer schmettern. Unbekümmert um persönliche Ranküne, offene und ver steckte Widerstände, arbeitet der Holzarbeiterverband auf dem von der Gesetzgebung bisher arg vernachlässigten Gebiete des Arbeiterschutzes rüstig weiter. Sein Verbandstag im Jahre 1919 in München beauftragte den Vorstand, der Tagung im folgenden Jahre auf Grund des einschlägigen Materials über Unfälle und Art dieser Unfälle Leitsätze vorzulegen, die den gesetzgebenden Körperschaften, Behörden und Berufsge nossenschaften zwecks Herbeiführung eines besseren Schutzes der an Holzbearbeitungsmaschinen beschäftigten Arbeiter unterbreitet werden sollten. Eine im Verfolg dieses Be- schlusses vom 12. bis 14. November 1911 in München abge- haltene Konferenz der Maschinenarbeiter, Schneidemüller und Säger formulierte nach eingehenden Beratungen folgende Forderungen: A. An die Berufsgenossenschaften: Vermehrung der AuffichtS- und Kontrollorgane in der Weife, daß wiederholte und gründliche Revisionen sämtlicher der BerufSgenossenschaft unterstellten Betriebe alljährlich möglich sind. Anstellung von Betriebskontrolleuren aus den Kreisen der Maschinenarbeiter. Erweiterung der Vorschriften über Anbrin- gung von Schutzvorrichtungen an Holzbearbeitungsmaschinen und strengere Maßnahmen zur Durchführung dieser Vorschriften. Anwendung hoher und wiederholter Geldstrafen gegen Unter- nehmer, die den erlassenen Vorschriften zuwiderhandeln. B. An die G ew e rbe i n sp ek t i o n: Veranstaltung von Vorträgen über Arbeiterschutz und wirksame Anwendung von praktischen Schutzvorrichtungen in Arbeiterkreisen. Zuziehung von Maschinenarbeitern bei Revision der Betriebe. C. A n die Gesetzgebung: Vermehrung der Aussichts» organe bei den Gewerbeinspektionen, um eine gründliche und wiederholte Revision aller denselben unterstellten Betriebe zu er- uro glichen. Anstellung von Gewerbebeamten aus den Kreisen der Arbeiter. Festsetzung eines MaximalarbeitStageS von 1l> Stunden für alle Betriebe der Holzindustrie und Herabsetzung desselben inner- halb gesetzlich zu bestimmender Frist auf täglich 8 Stunden. Gänzliches Verbot der Frauenarbeüt an HolzbearbeitungS- Maschinen, in Sägewerken und Holzlagerplätzen. Verbot der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter-und Lehrlinge unter 17 Jahren an den Maschinen. Gewährung polizeilicher Strafbefugnis an die zur Beauf- sichtigung der Betriebe angestellten Gewerbe, und Aussichts- beamten. Einführung von Pflichtunterrichtskursen für alle Arbeiter an Holzbearbeitungsmaschinen über Unfallverhütung an den Maschinen und Anwendung der vorgeschriebenen Schutzvorrich- tungen." Der Propaganda größeren Unfallschutzes an Holzbearbei- tungsmaschinen sollte eine gleichzeitig beschlossene W a n d e r- ausstellung dienen. Diesem Entscheid gemäß ist für die Zeit vom 23. Juni bis zum 21. Juli im Berliner Ge- werkschaftshause eine Ausstellung„Unfall- göttlichen Mächten nähert, denen er sich verwandt fühlt; seine Ver» achtung von Formen und Kcnwentionen, sein Mangel an fertigen Ansichten; sein stetes Wachsen und Sichverjüngen, wodurch er immer der Jüngste ist, immer an der Spitze, seiner Zeit voraus." Rückgang des Schundliteraturverkaufs. Im„ZeitungSverlag" lesen wir: Der Umsatz, der im Jahre 1910/11 in Deutschland mit Schundliteratur erzielt wurde, ist beträchtlich zurückgegangen. Während 1998/09 ein Gesamtumsatz von 69 Millionen Mark er- zielt wurde, ging der Verkauf im Jahre 1909/19 auf rund 55 Mil- lionen Mark zurück. Ueberall, wo durch Organisationen und be- hördliche Maßnahmen(I?!) der Verbreitung der Schundliteratur entgegengewirkt wurde, hat sich ein deutliches Nachlassen des Um- satzes gezeigt. Eine große Zahl von Buchhändlern hat sich ge- weigert, Schundliteratur zu führen und zu verkaufen. Dafür werden gute Volksschriften zu billigen Preisen verkaust. Nach oberflächlichen Berechnungen, die sich bereits jetzt für das letzte Jahr anstellen lassen, kann man einen weiteren Rückgang von rund zehn Millionen Mark als sicher annehmen. Bezeichnend dafür, in welchem Maße der Umsatz nachgelassen hat, ist der Umstand, daß die Schundromane bei weitem nicht mehr ihre märchenhaften Auf- lagen erreichen. Die durchschnittlichen Auflagen der im letzten Jahre erschienenen Schundromane sind auf 10 000 Exemplare zurückgegangen. Nur ei» Roman, der eine Fliegertragödie be. handelt, hat eine stärkere Auflage erlebt, was sich aus dem zeit- gemäßen Thema erklären läßt. DaS Wesentliche. Ein struppiger, abgemagerter Köter strich mißmutig am Zaun deS Herrenhauses entlang. Da gewahrte er in der Gartenlaube einen zierlich gedeckten Tisch, nut Früchten und Süßigkeiten beladen. Der Park träumte in Mittagsruh.— DaS seidige Schoß- Hündchen der Herrin lag im Sessel auf weichen Kissen, sonnte sich und hielt mit halbgeschlosscnen Augen ein wohliges Vcrdauungs- stündchen. Neben ihm stand in einer zierlichen Porzellanschüsscl etwas Milch. Auf dem Kies lag ein Stückchen Braten, das es nicht mehr mochte. Von seinem Dufte angelockt, blieb der struppige Köter stehen, zwängte dann seinen abgemagerten Körper durch den Zaun, sprang auf den Leckerbissen zu und verschlang ihn gierig und skrupellos. Erstaunt, entrüstet sah das fette Schoßhündchen dem uner- hörten Eirignis zu. „Hast Du denn gar keine Moral?" flötete eS— „Hung'r hob i"— knurrte der struppige Köter und trottete von dannen. B. M. Humor und Satire. (SimplickssimuS.) E i n K o n f l i k t. Der Pariser Präfekt Löpine ist Eigentümer eines Hauses in der Richelieustraße, in dem sich die Redaktion und die Druckerei des JaureSschen SozialistenblatteS„HumanitH" be- finden. Lepine gestattete als Hauseigentümer seiner Mieterin, das Ergebnis der letzten Gemeinderatswahlen durch ein Transparent bekannt zu machen. Nachträglich bekam der Direktor der „Humanite" ein Strafmandat, weil er das Transparent ohne poli- zoiliche Genehmigung angebracht habe. Lepine erklärte auf Rekla- mationcn, er habe die Genehmigung nur als Hausbesitzer, nicht als gefahren in der Holzindustrie" eingerichtet worden. Der Eröffnung der Ausstellung am Sonntag ging einö vom Holzarbeiterverbande einberufene Versammlung voraus, in der Pappe vom Hauptvorstand den Zweck und vre Bedeu- tung der Ausstellung darlegte. Der starke Besuch war ein Ausdruck des Interesses, das man in den beteiligten Kreisen der Materie entgegenbringt. Und wer in der Ausstellung etwas aufhorchte, konnte aus den Bemerkungen der Fach- männer manchen bemerkenswerten Auffchluß über die Unfall- Ursachen vernehmen. Immer und immer hörte man: das schlimmste ist die Treiberei, die Akkordarbeit! Schutzvorrich- tungen müssen gesetzlich vorgeschrieben werden! Doch was bot die Ausstellung selbst? Die Wände in< Ausstellungsraum sind behangen mit Abbildungen von Ar- beitsräumen und verkrüppelten Händen; letztere so vielge- staltig, daß man glauben könnte, es sollten hier alle theoretisch denkbaren Möglichkeiten der Mitleid und Empörung er- weckenden Verkrüppelungen gezeigt werden. Aber was man schaudernd erblickt, sind keine Konstruktionen, sondern der scheußlichen Wirklichkeit entstammende Photographien. Da sieht man durch häßliche Narben abgeschlossene Armstumpfe, dort Handreste in allen möglichen Kombinationen vorhan- dener und fehlender Finger. Manchmal gehört sehr viel Phantasie dazu, um in der formlosen Masse eine ehemalige Hand zu erkennen. Und die Abbildungen einer Reihe Be- triebe lassen schon eine der Unfallursachen in die Augen springen. Da sieht man Maschinen fast ganz zwischen Hölzer verbaut, in dunklen Räumen belegen, wo erst künstliches Licht das Arbeiten gestattet. Andere Abbildungen zeigen, wie mußergültige Betriebe eingerichtet sein sollen. Anerkennung finden die Betriebe von Zelder und Plothen in Lichtenberg. Die zahlreichen Photographien geben ein anschauliches Bild von der Zerstörungswut der Schneidewerkzeuge. Aber sie kann gebändigt werden. Die Technik macht auch hier nicht Halt, es fehlt ihr meist nur der Ansporn zur Betätigung. Die Anbringung der Schutzeinrichtungen gegen die Blutgier und Zerfleischungswut der Fräser. Messer und Sägen ist mit Unkosten verbunden. Das veranlaßt die Unternehmer zu einer oft schwer zu überwindenden Abneigung gegen Neuerun» gen. und somit ermangeln Konstrukteure des Anreizes sicherer Entschädigung für ihr Mühen. Hier müßte der Staat, der Milliarden für Mordkultur ausgibt, fördernd eingreifen. Eiw paar Beispiele mögen zeigen, wie die größten Gefahren-. quellen verstopft werden können.' Zahlreiche und meist sehr schwere Unfälle ereignen siÜj an der Tischfräse, indem die weit vorstehenden Messer das zu bearbeitende Holz zurückschlagen. Die Messer erschnappen die Hand und zerstückeln sie. Je größer die Ausladung der Profile, um so wirkungsvoller natürlich die Angriffskraft der Messer. Durch eine ziemlich einfache Einrichtung läßt sich die Unfallgcfahr ganz gewaltig vermindern. Der' Profil» form folgend, werden um die Spindel Ringe gelegt, in der Weise, daß die Messer nirgends mehr als einige Milliryeter mehr herausragen. Auf diese Angrifssbasis sind die Messer nun beschränkt. Ein eventueller Unfall kann mindestens nicht mehr die schrecklichen Folgen haben, die bei einem unge- schützten Messer fast stets zu beklagen sind. Eine andere einfache Einrichtung verhindert das Heraus- stiegen der Messer, indem diese mit einer Nute in eine ent- sprechend bewegliche Nase auf einem Stellring eingelassen werden. An Fräsmaschinen läßt sich durch Anbringung eines den Fräser deckenden beweglichen Ringes, der dem durchziehen- den Arbeitsstück kein Hindernis bereitet, aber die vorstoßende Polizeiprafekt gegeben; die„Humanite" möge um die nachträgliche Genehmigung des Transparents und um Niederschlagung der Strafe einkommen. Wie wir erfahren, waren die Schritte der„Humanite" leider vergeblich; die Fürsprache des Hausbesitzers Lepine beim Polizei- prafekten Lepine' nutzte nichts. Der Direktor der„Humanite" ging selbst zum Polizeipräfetten, der ihm wutschnaubend erklärte: „Ihr Gesuch wäre vielleicht genehmigt worden, wenn Sie sich nicht der Vermittelung Ihres Hauswirts bedient hätten. Das ist ein flanz unverschämter Patron, der mit mir verkehren wollte, als wäre ich seinesgleichen. Ich habe den Kerl hinausgeworfen." Als nun der Direktor entfetzt zu seinem Hauswirt eilte,«mp. fing ihn dieser mit den wütenden Worten:„Keine Macht der Welt wird mich jemals wieder dahin bringen, diesen unverschämten Ober- konstabler aufzusuchen. Er ist ein hochmütiger Patron, der auf uns Bürger herabsieht. Wenn der sich einmal in meinem Hause sehen läßt, werfe ich den Kerl hinaus!"(Jugend.) Väter und Söhne.„Mir war eS nur beschieden, den Sang an Aegir zu komponieren, Dir hat Gott verliehen, ein ganzes Buch zu schreibenl" In der Zeit der Kongresse.„Sie, entschuldigen S', warum wird denn da jetzt alleweil vom Krebs g'redt? Es gibt do no was anders aa auf der Speisenkarten?"—„Ja, Sie haben wahrscheinlich in die Gastwirteversammlung gehen wollen. Hier ist der medizinische Kongreß." Vom Feld der Ehre.„IS bei der Pistolenkiste nischt herausgekommen?"—„Nee, un wir hatten uns alle schon fo auf'ne Renommierleiche gefreut." Eidesbelehrung.„Wenn Sie auch protestantisch stnv, deswegen dürfen S' doch keinen Meineid schwören." Münchner Fronleichnamsprozession.„Herr Kollega, ich glaube, ich kriege einen Sonnenstich!"«„DöS macht nix, ultramontan san ma so schon." Notizen. — Max Liebermann klopft in eitzem geharnischten Artikel deS„B. T." Herrn Bürgermeister Reicke wegen Bekundung seiner die Sezession betreffenden krähwinkeligen Kunswnschauung unsanft auf die F— inger. Auch der Stadt-Cber Herr Kirschncr und die städtische Kuwftdeputation kriegen ihr Teil. — R i cha'r d Strauß'„Ariadne auf NaxoS" wurde, außer vom Stuttgarter Hoftheater, vom Kölner und Dresdener kgl. Opernhaus zur Aufführung angenommen. — Derö st erreichische Bühnenverein, der Kartell» verband der Genossenschaft deutscher Gühnenangehöriger, wird in Wien ein eigene» Heim errichten, das Anfang des nächsten Jahres vollendet sein soll. DaS HauS wird außer Bureauräumen einen Saal für 1500 Personen enthalten. —„Die Spürhunde" heißt ein Sophokles s che» Satirspiel, daS kürzlich auf einem PapyruS von Oxyrhndhus ent- deckt wurde. Es behandelt, wie aus den 400 erhalten gebliebenen Versen hervorgeht, die Jugendtaten des Hermes, den Diebstahl der Kühe Apollos und die Erfindung der Leyer. Neben diesen beiden Wttery treten die Nymphe Kylene und ein Chor von Satyrn auf. ®änS äuTfartö?, t�fS Wru�jMg fttit FOTi gesa�rlic�M Werkzeug verhindern. Das Zurückschlagen des Zolzes ari Kreissägen Macht vine leicht anzubringende Vorrichtung, die nur ein Vorwärts- schieben des Arbeitsstückes erlaubt, vollständig unmöglich. Dem Prinzip, die Angriffsfläche der Schneidewerkzeuge auf ein Minimum zu beschränken, entsprechen noch verschiedene andere in der Ausstellung vorhandene Modelle. Auch wird gezeigt, wie Verbandkästen ausgestattet sein sollen. Von den tückischen Gefahren, denen der Atmungsorganismus der Holzarbeiter ausgesetzt ist, gibt eine reichhaltige Sammlung von Holzstaub ein anschauliches Bild. Obwohl die junge Einrichtung wohl noch nicht auf Voll- ständigkeit Anspruch erhebt, dürfte sie doch eine starke An- ziehungskraft besonders auch bei Fachleuten ausüben. Wir empfehlen die im Saal 3 des Gewerkschaftshauses unterge- brachte Ausstellung auch den Behörden und Organen der Berufsgenossenschaften sowie der Gewerbeinspektion ein- gehender Beachtung. Man wird von dort nicht fortgehen, ohne die Gewißheit von der Berechtigung und zwingenden Notwendigkeit aller von den Arbeitern erhobenen Forderun- gen mitzunehmen._ Der Derbandstag der Holillrbeiter. Die Eröffnungsfeier deS Verbandstages der Holzarbeiket, am Sonntagabend in der„Neuen Welt", bildete in ihrem Programm und Verlauf ein Zeugnis für die hohe Kultur, die immer mehr die organisierte.Arbeiterschaft durchdringt. Die Zeiten, wo die Arbeiter sich an faden Witzeleien und zweideutigen Couplets er- götzten, sind offenbar vorüber. Nichts dergleichen gab es auf der Feier der Holzarbeiter. Statt dessen waren es Musikaufführungen aus Werken von Mendelsohn, Beethoven, Wagner und Weber, vor- getragen vom Berliner Volkschor, unter Mitwirkung von Fräulein Meinel, den Herren Paul Bauer und Kinkeldeh, und dem Berliner Sinfonieorchester, womit man sich auf die ernste Arbeit des Verbandstages vorbereitete. Inzwischen begrüßte Glocke- Berlin die Delegierten in einer kurzen Ansprache, erwähnte die wichtigsten Ereignisse aus der Ge- schichte der Tischler- und der Holzarbeitcrorganisation in Berlin, gedachte des großen Kampfes von 1907 und sprach den Wunsch aus, daß der Verbandstag zu weiterer Stärkung der gesamten Organi- sation beitragen möge.— Hierauf folgte die Eröffnung des Ver- bandstages durch den Verbandsvorsitzenden L e i p a r t. In seinen Begrüßungsworten an die Delegierten und Gäste gedachte er be- sonders des Umstandcs, daß diesmal auch eine weibliche Delegierte anwesend ist, was dafür zeugt, daß die Organisation auch unter den Arbeiterinnen der Holzindustrie immer mehr Eingang und Anerkennung findet. In seinen weiteren Ausführungen erinnerte der Redner an die grossen Kämpfe der letzten Zeiten und erwähnte ferner, wie die Arbeitgeber, die offenbar immer zu neuen Kämpfen rüsten, vor 14 Tagen in Köln mit grossen Worten erklärten, nun gebe es keine Arbeitszeitverkürzung mehr im Holzgewerbe. Wir, bemerkte der Redner demgegenüber, werden gleichwohl auch in Zu- kunft nicht auf Verkürzung der Arbeitszeit verzichten, und wir werden kämpfen dafür, wo es notwendig wird.(Beifall.) Unsere Organisation ist stark und wächst immer mehr. Auf unserem vorigen Vcrbandstag wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß wir innerhalb der nächsten zwei Jahre die Zahl von löv 000 Mitgliedern erreichen würden. Es hat sich gezeigt, daß dieser bescheidene Wunsch über- troffen worden ist, indem wir jetzt schon 190 000 Mitglieder zählen, und wir können nun darauf rechnen, daß wir im laufenden Jahre das zweite Hunderttausend vollenden. Hierauf wurde die Konstituierung des VerbandStageS bollzogen. Es wurde zunächst provisorisch das Bureau des VerbandStageS ge- wählt, und zwar als Verhandlungsleiter L e i p a r t und Glocke- Berlin, als Schriftführer M a i e r- Berlin, Schönenberger- Schwenningen,� S e i d c w i tz- Leipzig, K l c e S» Magdeburg, M ü l le r- München-Gladbach und Haid- München, Am Montagvormittag'AlO Uhr begann der erste Berhandlungstag im großen, mit frischem Grün, roter Draperis und den Büsten von Marx und Lassalle geschmückten Saale des Gcwerkschaftshauses. An dem Verbandstage nehmen teil: 175 Delegierte, 6 Vertreter des Verbandsvorstandes, 23 Gauleiter, je ein Vertreter des Aus- schusses, der Redaktion des Verbandsorgans und der Presskommission sowie 7 Vertreter ausländischer Brudcrorganisationen, nämlich I o h. Gross vom Ocsterreichischen Holzarbcitcrvcrband, W e l t n e r vom Ungarischen, Linde vom Schwedischen, H. P e t t e r s e n vom Norwegischen Holzarbcitcrverband, A a r o e vom Norwegischen Möbeltischlerverband, M. Petersen vom Dänischen Tischler- verband und Pauli vom Schweizer Holzarbciterverband. In der Vormittagssitzung wird zunächst das gestern gewählte Bureau bestätigt und die vorgeschlagene Geschäftsordnung gut- geheißen. Hieran schließt sich die Wahl verschiedener Kommissionen, und sodann erhalten die ausländischen Vertreter das Wort, be- grüßen im Namen der Bruderorganisationen den Vcrbandstag, wünschen den Verhandlungen den besten Verlauf und geben in großen Zügen einen Ucbcrblick über den Stand ihrer eigenen Organisationen. Groß- Wien spricht noch besonders dem Deut- schen Verbände den Dank der österreichischen Brudcrorganisation aus für da? Darlehen und die Unterstützung, die ihr bei ihrem grossen und langwierigen Kampf im Jahre 1909 gewährt wurde. Petersen- Kopenhagen spricht im Namen der dänischen sowohl wie der norwegischen und schwedischen Brudcrorganisation und hebt hervor, daß die Gcwcrkschaftsorganisation in Dänemark soweit vorgeschritten ist, daß in Industrie und Handwerk ein un- organisierter Arbeiter zu den Seltenheiten gehört, daß' sie in Nor- wegen in immer stärkerer EntWickelung begriffen ist und daß in Schweden die Gewerkschaften wohl unter dem gewaltigen Kampf von 1909 gelitten haben, aber nun bald wieder ihre alte Stärke erreicht haben werden. W e l t n e r- Budapest berichtet ebenfalls über einen Aufschwung der Organisation in seinem Lande und besonders auch in der Hauptstadt. Nach dem dort abgeschlossenen Tarifvertrag wird innerhalb breier Jahre die L'/hstündige Arbeits- zeit durchgesührt. In der Schweiz ist, wie P a u l i- Genf mit- teilt, die Organisation noch lange nicht so stark entwickelt wie es der Fall sein solle. Es sind jedoch durch schwere und langwierige Kämpfe Verbesserungen ber Lohn- und Arbeitsverhältnisse erzielt, und in der Verkürzung der Arbeitszeit hat man es so weit gebracht, daß etwa ein Viertel der Beschäftigten die üstündige, die Hälfte die 9}4stiindige und ein Viertel die lOstündige Arbeitszeit hat. Für ein Drittel ist im übrigen der freie Sonnabendnachmittag ein- geführt. Von der holländischen und von der französischen Bruderorganisatiim sind Begrüßungsschreiben eingegangen, worin mitgeteilt wird, oass man leider verhindert sei, einen Vertreter zu entsenden. Der Möbelarbcitcrverband von Großbritannien teilt mit, daß in Manchester, Liverpool und Nottingham 2500 seiner Mitglieder ausgesperrt sind, und hat sich bereits an das Jnter- nationale Sekretariat um Unterstützung gewandt.'— Auf Vorschlag des Vorstandes beschließt der Verbandstag einstimmig, den englischen Kollegen 5000 M. zu überweisen. Zur Beratung steht dann der Borstands» und Kassenbericht. Der Verbandsvorsitzende L e i p a r t verweist in seinem Referat auf den gedruckten Bericht sowie auf die Jahrbücher, von denen das für 1910 578 Druckseiten, das für 1911 384 Druckseiten umfaßt. De? Redner spricht sodann über verschiedene besondere Fragen des Verbandslcbens und hebt im allgemeinen hervor, daß die Beschlüsse des vorigen Verbandstages sich gut bewährt haben, sowohl hin- sichtlich der Streikunterstützung, wie der Lohnbewegungen und der Beitragserhöhung. Der Beschluß über die vierjährige Vertrags- dauer der Tarife ist allgemein befolgt worden. Zm übrigen hat h'e gesvaltiA Sntivickelull'g Rt Tarissserlragtz ift?er Holzinssusirle bewiesen, daß die Befürchtung, die Tarifverträge würden lähmend auf die Bewegung einwirken, unbegründet ist. Trotz der Ver- träge haben die Lohnbewegungen von Jahr zu Jahr zugenommen. Man ist sich jetzt auch einig darüber, daß die Tarifverträge keine absolute Garantie des Friedens im Gewerbe bilden. Die Praxis hat immer wieder gezeigt, daß die Arbeitgeber es uns schwer machen, abgeschlossene Verträge durchzuführen. Die in München beschlossene Beitragserhöhung hat sich ohne jede Schwierigkeit durch- führen lassen und die Entwickclung des Verbandes nicht auf- gehalten. Erleichtert wurde die Durchführung dadurch, daß Aus- nahmen zugelassen werden. Wir haben im Verbandsvorstand von dieser Ausnahmebestimmung über die Höhe des Beitrags nicht nur nach unten, sondern auch nach oben Gebrauch gemacht. Auf die Ermäßigung ist nur in einer geringen Anzahl kleiner Land- und Gebirgsorte Anspruch erhoben worden, und es waren Ende 1911 nur 2)4 Proz. der Mitglieder, für die diese Ausnahme gilt. Von den im letzten Jahre hinzugekommenen 48 neuen Zahlstellen haben nur 11 Anspruch auf geringere Beitragsleistung geltend gemacht. Der Redner gibt ferner eine Ucbersicht über die Bemühungen des Verbandsvorstandes, gemäß dem Münchener Beschluß die Ver- schmelzung der Charlottenburger Zahlstelle mit der Zahlstelle Berlin zustande zu bringen. Die Charlottenburger haben sich nun zwar den Bestimmungen des Tarifvertrages unterworfen und den obligatorischen und paritätischen Arbeitsnachweis anerkannt; aber über den Anschluß an Berlin wünschen sie die Entscheidung des Verbandstages. Hinsichtlich der Agitation in den verschiedenen Branchen hat der Vorstand unter anderem beschlossen, daß dem- nächst eine Konferenz der Musikinstrumentenarbeiter, sowie eine andere der Korbmacher stattfinden soll. Was die Verschmelzung anderer Berufsvcrbände mit dem Holz- arbeitervcrband betrifft, so haben die Schiffszimmerer uns, aber auch dem Metallarbeiterverband gegenüber die Absicht der Ver- schmelzung kundgegeben. Es liegt in diesem Berufe so, daß die Anwendung des Eisens im Schiffsbau dazu geführt bat, daß eine größere Anzahl von Schiffszimmcrern mit Eisenarbeit zu tun hat, woraus es sich erklärt, daß man noch nicht weiss, welchem Verbände man sich anschließen soll. Die Bildhauer halten gegen- wärtig in München ihren Vcrbandstag ab und werden dort über die Verschmelzung, über die schon Beratungen mit dem Holzarbeiter- verband gepflogen wurden, beschließen. Der Vorstand des Holz- arbeiterverbandeS hat rs immer abgelehnt, in der Verschmelzungs- frage irgend welchen Einfluß auf andere Verbände auszuüben, sondern überläßt es jeder Organisation, so zu handeln, wie sie es im Interesse ihrer Mitglieder für notwendig erachtet. Der Redner hebt zum Schluß hervor, daß der Vorstand, wie die einzelnen Vor- standSmitglieder, sich bemüht haben, in jeder Hinsicht ihre Pflicht zu tun, wenn auch nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Zum Kassenbericht tveist der Verbandskassierer König auf die starke EntWickelung des Verbandes hin, auf die Zunahme um 30 925 Mitglieder in den letzten zwei Jahren, die ja auch in einer entsprechenden Steige- rung der Einnahmen und Ausgaben des Verbandes zur Geltung kommt.(Die wichtigsten Zahlen au? dem Kassenbericht sind ja bereits in der Sonntagnummer des„Vorwärts" wiedergegeben.) Der Vertreter des Ausschusses K ö p p e- Stuttgart konnte sich sehr kurz fassen, da Angelegenheiten von allgemeiner Wichtigkeit nicht vorlagen oder bereits im Vorstandsbcricht erledigt waren. Der Ausschuß hat sich nach besten Kräften bemüht, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Hierauf beginnt die Diskussion über die Bericht« und wird fortgesetzt in ber N a ch m i t t a g S s i tz u n g. Von einigen Diskussionsrednern, und zwar namentlich von W a l l a u e r- Nürn- bcra(Bürstenmacher) und von M. K ö n i g- Berlin.(Stockarbcitcr) wird die Ansicht geäußert, daß nicht genügend für die kleinen Bran- chen getan werde. Die Gauvorstehcr sollten sich der kleinen Branchen mehr annehmen und die Arbeit der Zentralkommissionen mehr unterstützen. König spricht sich im übrigen für die Abhaltung einer Konferenz der Zentralkommissionen aus. Demgegenüber be» tont N e u m a n n(Verbandsvorstand), daß man sich bemühe, die Zentralkommissionen nach besten Kräften zu unterstützen.— Im übrigen wird die Sitzung zu einem großen Teil von einer Debatte über die Charlottenburger Zahlstelle und ihren Anschluß an Berlin ausgefüllt. S torch- Charlottenburg vertritt den Standpunkt drr Zahlstelle, schildert in diesem Sinne, was sich in der Angelegenheit bisher zugetragen hat und stellt schliesslich den Antrag, daß die Frage c,ner siebengliedrigen Kommission, oder, unter Hinzuziehung von Vertretern der Zahlstellen Charlottenburg und Berlin, der Bcschwerdekommission überwiesen werde. Schneegaß(Verbands- vorstand) weist darauf hin, daß bereits drei Vcrbandstage, ber zu Stettin, zu Köln und München, sich mit der Sache besaht haben. Der Verbandsborstand will aber trotz aller vorhergegangenen Be- mühungen, auch noch dem zustimmen, daß die Sache hier durch die Kommission entschieden werde. Glocke- Berlin äußert sich dahin- gehend, daß man der Zahlstelle Charlottenburg alles nur mögliche Entgegenkommen erwiesen habe, um sie von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Anschlusses zu überzeugen.— Der Antrag, die Angelegenheit der Kommission zu überweisen, wird mit starker Mehrheit abgelehnt. IL Gellkralversmullung des Deutschev Teztilarbeiter- verblindts. S t u t t g a r t, 22. Juni 1912. Sechster Berhandlungstag. Am heutigen letzten Verhandlungsiage wurden drei Referate gehalten. Jäckel-Berlin hielt einen grosszügigen Vortrag über Die Wirkung der Zollgesetzgebung in der Textilindustrie. Der Referent zeigte in einem weitausholenden geschichtlichen Rückblick die Entstehung und Entwicklung der deutschen Schutzzoll- Politik; er wies dann nach, wie die deutschen Textilarbeiter durch diese Politik geschädigt werden, wie ihr Interesse mit Füssen ge- treten wind und wie daher die Forderung der Arbeiter lauten muß: Oeffnung der Grenzen; Freiheit in Handel und Verkehr! Das mit stürmischem Beifall belohnte Referat wurde ohne Dis- kusfion entgegengenommen. Eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution wurde einstimmig angenommen. R ö s s e l- Berlin erläuterte in seinem Referat über Der internationale Textilarbciterkongretz eingehend die Arbeiten des vorjährigen internationalen Textil- arbeiterkongresses in Amsterdam und den Zweck und Wert dieser internationalen Kongresse überhaupt. Das internationale Koinitee hat am gestrigen Tage einen lang- gehegten Wunsch der deutschen Textilarbeiter der Erfüllung näher gebracht; nämlich, es hat sich auf die grundlegenden Formen zur Herausgabe eines einheitlichen Mitgliedsbuches ge- einigt und bereits im nächsten Monat wird von Berlin aus den einzelnen Landesorganisationen ckin einheitliches Schema zur Be- gutachtung zugehen. Zwei Anträge wurden dem Vorstande überwiesen; davon ber- langt der eine, die Auszahlung von Reiseunterstützung an vom Auslande kommende und nach dem Auslande gehende bczugsberech- tigte Organisationszugehörige(mit Ausnahme der Separatisten) so zu regeln, daß auch am Ende der zurückgelegten Reise die Unter- stützung, soweit, solche noch zu beanspruchen ist, ausgezahlt wird.— Der zweite weist darauf hin, daß durch den starken ununter- brochenen Zuzug böhmischer Arbeiter nach Deutschland hier der Kampf um bessere Verhältnisse sehr erschwert wird. Es ist daher nötig, hierin Abhilfe zu schaffen, und der Antrag gibt durch be- stimmte Leitsätze dem PorstanHe die Wege«n, auf denen dies ge- schehen soll. ®t« beN>«n Ulttrmmln CfttftfUfflllflile tal 5! ö sf e l wurden einstimmig wiedergewählt. � Nach einem Referat des Redakteur Krätzig ÄeL' n Ter Gewerkschaftskongreß wurde folgende Resolution des Referenten«instimwig öflgö nommen: „Die Generalversammlung des Deutschen Textilarbeiteckbeck« bandes in Stuttgart erklärt sich mit den Beschlüssen des achten Kongresses der Gewerkschaften Deutschlands einverstanden. Be- sonders begrüßt sie den Beschluß über die Gründung einer Für- sorgeversicherung, damit der Ausbeutung der Aermsten durch die pvwaten Versicherungsgesellschaften Einhalt geboten werde. Die Generalversammlung erachtet es für notwendig, daß itk dem Regulativ die Bestimmung über die Mindestzahl der Mit- glieder, die ein Delegierter zum Gewerkschaftskongreß zu ver- treten hat, geändert werde. Ebenso ist die Generalversammlung der Ansicht, daß für die Konferenz der Vertreter der Zentralvor- stände auch hinsichtlich deren Kompetenz eine verfassungsmäßige Grundlage geschaffen werden mutz. Die Generalversammlung beauftragt den Vorstand, zum nächsten Gewerkschaftskongreß An- träge, die die Ausarbeitung einer Vorlage für die Regelung dieser Materie verlangen, zu stellen.- Weiter beschließt die Generalversammlung?„ „Die Schüler unserer Organisation an der Getverkschask?« schule haben sofort nach Beendigung des Unterrichtskurses ein«» schriftlichen Bericht über die gewonnenen Eindrücke auf der Ge« Werkschaftsschule an den Zentralvorstand zu senden." Damit waren die Arbeiten der Generalversammlung erledigk» Nach Schlußworten von Hanusch-Wien und Jäckel(Vor« stand) wurde die Tagung mit einem begeisterten Hoch auf die Ar- beiterbewcgung und den Deutschen Textilarbeiterverband ge« schlössen. (Der Redakteur, Genosse Krätzig, legt Wert darauf, fest« zustellen, daß er bei seinen Ausführungen über die Aufgaben desl Fachorgans mehrfach zum Ausdruck gebracht hat, eS sei selbstver« ständlich, daß die Redaktion bei der Durchführung von Lohn« bewegungen mit den Anordnungen des Vorstandes konform gehe« müsse. Nur bei taktischen Problemen müsse sie ihre eigene Meinung vertreten können. D. B.)_*—' Hua der parteu Landesparteitag für Sachsen-Altenbur?.___■ Am 22. und 23. Juni wurde in S ch m ö I l n der Lanöc�siatke?« tag der sozialdemokratischen Partei Sachsen-AltenburgS abgehal« tcn. Beschlossen wurde die Errichtung eine? Partei« se k r e t a r i a t s für Sachsen-Altenburg. Zur Aufbringung der Mittel für das Sekretariat soll der Monatsbeitrag für männliche Mitglieder von 39 auf 40 und für weibliche Mitglieder von 15 aus 20 Pf. erhöht werden. Eine längere Aussprache rief der unbefriedigende Verlauf de< diesjährigen Maifeier hervor. Folgende Resolution wurde aiw genommen:„Der Landesparteitag ist der Ansicht, daß die Mai« feier als eine demonstrative Massenaktion deS Proletariats zu be« trachten und aufrecht zu erhalten ist. Bei Veranstaltung der Mai« feier haben sich die Parteiinstanzen mit den GewerkschaftSinstanzea alljährlich in Verbindung zu setzen und dahin zu wirken, daß in Zukunft der Charakter der Maifeier nach jeder Richtung hin u> würdiger Form gewahrt wird." So unbefriedigend wie der Verlauf der Maifeier wurde auch der Verlauf des Frauentages dargestellt. Eine Refo« lution erklärt es als Pflicht aller Partcivereine, unter den Frauen mehr als bisher geschehen ist, agitatorisch zu wirken und dafür Sorge zu tragen, daß die alljährlich stattfindenden Frauentage zu wuchtigen Demonstrationen gestaltet werden.� Zum Vorsitzenden der Landesorganisation wurde wiederum Genosse Schuhmacher- Altenburg gewählt. Als Delegierte zum deutschen Parteitage wurden die Genossen S ch u h ma ch e r- Alten« bürg und Böhme- Eisenberg bestimmt. Bebel im österreichischen Parlament. August Bebel, der zur Feier des 00. GeburtSkageR feine# Freundes Viktor Adler in Wien weilt, besuchte am Sonnabend das österreichische Parlament. Als er die Abgeordnetenloge, begleitet von einigen Genossen, betrat, wurde er sofort im ganzen Hause erkannt. Präsident Sylvester ließ Bebel durch Genossen Perner st orfer in seinen Salon bitten und Bebel weilte dort etwa eine Viertelstunde in angeregter Unterhaltung über die parla- mcntarischen Verhältnisse Oesterreichs und Deutschlands. Später erschien auch Genosse D i e tz, der gleichfalls von den Kenosien aufs herzlichste begrüßt wurde. f>oli2eiltchea, Serlcdtlicdes ukw. Bom Polizeikampf in Breslau.�, Der Kampf der Polizei gegen die Breslau«? Ardeiker« bewegung zeitigt immer neue Schönheiten. Oft genug ist der Polizei schon vom Gericht attestiert worden, daß sie ungesetzlich vorgegangen ist, aber trotzdem wird die Politik der Nadelstiche munter fortgesetzt. Jetzt sollen sich wieder einmal sämtliche Vorstandsmitglieder des sozialdemokratischen Vereins der Uebertretung des R e i ch s v e r e i n s- gesetzes schuldig gemacht haben, weil sie eine am 0. Mai dieses Jahres beschlossene Statutenänderung der Polizei noch nicht angezeigt haben. In Wirklichkeit tritt aber das neue Statut erst am 1. I u l i d. I. in Kraft und im Reichsvereinsgesetz steht, daß jede Aenderung der Satzungen binnen zwei Wochen nach dem Eintritt der Aenderung anzuzeigen ist. Trotz dieser durchaus klaren Fassung und trotzdem in der„Volks- wacht" ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, daß das neue Statut erst am 1. Juli in Kraft tritt, unternahm die Polizei ihre neueste Aktion. Diesmal waren aber die Bemühungen der Polizei ebenso fruchtlos, wie im nachstehend geschilderten Fall: Der Leiter der Ortsgruppe des Zentralverbandes der Hausangestellten sollte auf Wunsch der Polizei die Vereins- statutcn und ein Verzeichnis der Vorstandsmitglieder einreichen, weil der Verein eine Einw rkung auf politische Ange- legenheiten bezweckt. Vor dem Schöffengericht hatte die Polizei einen Erfolg zu verzeichnen. Der Leiter der Ortsgruppe, Genosse Mitwg, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und die Dienstbotenorganisation für eine politische erklärt. Die Straf« kammer hob das Urteil auf und erkannte auf Frei« s p r e ch u n g, obwohl sich der Vertreter der„objektivsten Be« Hörde" verzweifelte Mühe gab. die Dienstmädchen für politisch zu erklären. Als„hochpolitisch" bezeichnete er es, wenn in einem Flugblatt die Aufhebung der alten Gesindeordnung gefordert wird. Polizei und Staatsanwaltschaft aber werden sich trotz der wiederholten Reinfälle nicht abhalten lassen, immer wieder von neuem die preußisch-dcutsche Freiheit praktisch zu demonstrieren. Sozialem Generalversammlung der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine. Die Leitung der Generalversammlung deutscher Konsum- vereine teilt uns mit, daß sie keineswegs unseren Bericht- erstatter zurückgewiesen hat. Sie hätte ihn auch nicht zurück- gewiesen, wenn er sich direkt an sie gewendet hätte. Ihre Generalversammlungen fänden unter Zulassung der Arbeiter- presse statt, also bei Prcßöffcntlichkeit statt. So sei es auch diesmal gewesen. Es habe auch keinerlei Anlaß zur Beseiti» gung der Preßösfentlichkeit vorgelegen. Es sei über die Tätigkeit des Vorstandes Bericht erstattet und Decharge erteilt. Diese Darlegungen der Leitung der Generalversammlung der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine sind zu- treffend. Die gegenteilige Auffassung unseres Berichterstatters, der wir in Nr. 143 Raum gaben, beruht auf einer irre- führenden Mitteilung, die ein hervorragendes Mitglied der Konsumvereinsbewegung unserem Berichterstatter machte. Es ist erfreulich, daß die Leitung der Generalversammlung die Presse keineswegs ausschließen oder brüskieren wollte, dielmehr, die Vertreter, die sich an sie wendeten. auch diesmal wie stets zugelassen hat. Bedauerlich bleibt die tatsächlich stattgehabte, wie wir annehmen wollen, unbeabsich- tigte Irreführung durch das der Leitung der Einkaufs- gesellschaft nicht zugehörende Mitglied der Konsumvereins- bewegung. Er hätte unserem Berichtersiatter nicht verschweigen dürfen, daß er mit der Leitung der Generalversammlung nichts zu tun hatte. Dann hätte die Ansicht sich nicht bilden können, daß unser Berichterstatter nicht zugelassen sei oder daß ein Bevormundungsversuch der Preffe durch eineArbeitervereinignng bestehe._ Zum GenossenschastStag. Die Konsumgenossenschaft„Berlin und Umgegend" schreibt UNS: „Zum Genossenschaftstag!" Unter dieser Stich- marke brachte der„Vorwärts" in Nr. 142 eine Besprechung des Gcnossenschaftstages, in der einige Unrichtigkeiten enthalten sind, die im Interesse der„Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend" der Aufklärung bedürfen. Es wurde in der Notiz bemerkt, daß die Propagandakommission für das Genossenschaftswesen nicht zum Genoffenschaftstag eingeladen worden ist, Wohl aber der„konscrva- tive Reichstagskandidat des 3. Mecklenburger Wahlkreises Pro- fessor Tade". Richtig ist hierbei, daß Professor Dade auf dem Ge- nossenschaftstag anwesend war, er war jedoch nicht als Person ge- laden, sondern die landwirtschaftliche Genossenschaft hat ihn auf die erfolgte Einladung als Vertreter zum Genossenschaftstag dele- giert, und es wird jedem Leser klar sein, daß ein von irgendeiner geladenen Korporation delegierter Herr nicht zurückgewiesen wer- den kann.— Die Einladung der landwirtschaftlichen Genossen- schast ist bis jetzt immer erfolgt und wird, wenn nicht ganz be- sondere Umstände dies unmöglich machen, auch künftig erfolgen, weil eS nur im Interesse der Konsumenten liegt, wenn eine An- Näherung zwischen landwirtschaftlichen Genossenschaften und Konsumgenossenschaften stattfindet.— Die Stellungnahme einzelner Personen in den landwirtschaftlichen Genossenschaften gegenüber den Konsumgenossenschaften kann und darf dabei durchaus nicht ausschlaggebend sein.— Ebenso wie ja auch die Stellungnahme einzelner Personen nicht ausschlaggebend war bei den Beziehungen, die zwischen der Sozialdemokratischen Partei und den Gewerk- schaften bestehen. Es hat also die Anwesenheit des Herrn Professor Dade mit der„Ueberneutralität" der Konsumvereine gar nichts zu tun. An die Propagandakommission erging keine besondere Ein- ladung, weil man glaubte, daß dieselbe durch die in der Propa- gandakommission vertretenen Genossenschafter auf dem Genossen- schaftstag genügend vertreten sei. Die Stellungnahme der Konsumvereine gegenüber der Teue- rung muß eine sehr vorsichtige sein, weil das Genossenschafts- gcsctz nicht gestattet, daß sich die Konsumvereine mit öffentlichen bzw. politischen Angelegenheiten beschäftigen. Die Teucrungsfrage ist von den Gewerkschaften und politischen Organisationen be- handelt worden, und wenn es zutrifft, wie in dieser Notiz weiter geschrieben wird, daß der größte Teil der Konsumgenossenschafts- Mitglieder gewerkschaftlich und politisch organisiert ist, dann hätten ja die Konsumenten Gelegenheit, in diesen Versammlungen gegen die Teuerung Stellung zu nehmen, während andererseits die Konsumvereine versuchten, soweit irgend möglich, die Teuerung zu lindern; wie weit dies möglich ist, bzw. war, soll hier ebenfalls nicht erörtert werden. In Nr. 143 stand dann unter„Soziales" eine Notiz, die sich mit der Generalversammlung der Großeinkaufs-Gesellschaft be- fchäftigte. In derselben wird mitgeteilt, daß ein Berichterstatter des„Vorwärts" nicht zugelassen wurde und die Redaktion es ab- lehne, einen ihr nunmehr zugesandten Bericht aufzunehmen.— Die G. E. G. hat in ihren Generalversammlungen der Presse noch nie Zutritt gewährt, sie hat immer selbst einen offiziellen Bericht herausgegeben und ihn durch ihr Korrespondenzbureau versandt; genau so wurde auch in diesem Jahre verfahren. Es ist dies weder„eine Brüskicrung der Presse", noch hat es etwas mit „bureaukratischcr Geheimniskrämerei" zu tun, das erfordert ein- fach das Interesse der G. E. G., sowie der gesamten genossenschaft- lichcn Bewegung. Die Generalversammlungen der G. E. G. be- schäftigcn sich mit der Erwerbung von Grundstücken, Errichtung weiterer Fabrikbetriebe, kurz mit rein geschäftlichen Fragen, die sofort oder doch in absehbarer Zeit verwirklicht werden sollen. Würden die Projekte in der breiteren Oeffentlichkeit bekannt, so bestünde die Gefahr, daß manche gar nicht ausgeführt werden könnten oder durch Grundstücksspekulanten so verteuert werden dürften, daß die Ausführung in Frage gestellt wäre. Es wird das nicht nur in der G. E. G. so gehandhabt, sondern auch in den anderen Teilen der Arbeiterbewegung verfährt man nach denselben Grundsätzen. So haben wir z. B. weder in Wahlvereinsversamm- lungen, noch im„Vorwärts" oder in anderen Parteizeitungen etwas davon gelesen, daß die„Aktiengesellschaft Lindenhaus" ein Grundstück erwirbt, auf dem die Vorwärtsbuchdruckerei errichtet werden soll, ebenso werden die übrigen geschäftlichen Angelegen- heiten der sozialdemokratischen Buchdruckcreicn oder anderer Unternehmungen weder in der Presse behandelt, noch in den Mit- gliederversammlungen der Parteiorganisation zur Beratung gestellt und Beschluß gefaßt. Kein Anhänger oder Freund der Sozialdemo- kratischen Partei wird sich darüber aufregen, es ist aber sonderbar, daß man sich im„Vorwärts" auf der einen Seite als Freund der Genossenschaft zeigt, ihr aber auf der anderen Seite die Aus- führung der Geschäfte durch Notizen wie die oben bezeichnete er- schwcrt. In de? Nr. 142 wird nun weiter bemerkt, daß die Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei in die Genossenschaft eintreten und dort im Sinne der Kopenhagener und Magdeburger Partei- tagsbeschlüsse wirken sollen. Die Konsumgenossenschast kann dies nur mit Freuden begrüßen, und wenn dieser Aufforderung des „Vorwärts" in Groß-Berlin im weitgehendsten Maße Rechnung getragen und dadurch erreicht würde, daß endlicy einmal der Propa- ganda für die genossenschaftlichen Ideen in keinem Bezirke mehr Hindernisse in den Weg geSrgt würden, so wäre dies ein bedeutender Fortschritt. Die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend hat ihre Agitation allerdings hauptsächlich in den Kreisen der gewerk- schaftlich und politisch organisierten Arbeiter betrieben, dies ist bei dem Stand der Arbeiterbewegung in Berlin ganz selbstver- ständlich; neben denen hat aber die Konsumgenossenschaft auch in den Kreisen der unorganisierten Arbeiter und bei denen der bürger- NSen Elemente, soweit sie zur werktätigen Bevölkerung gezählt «srroen können, agitiert. Wie in den Gewerkschaften, so sollen auch tn den Konsumgenossenschaften die politische oder religiöse Anschau- ung dieser Mitglieder nicht verletzt werden. Was die Aufforderung anbetrifft, daß die Parteigenossen in den Konsumvereinen dafür sorgen sollen, die Loh», und Arbeitsbedingungen zu regeln, so kann die Konsumgenossenschas« für sich und stftr viele andere behaupten, daß dies längst geschehen ist, ja daß die Lohn- und Arbeitsbedin- gungen ganz ruhig als mustergültige gegenüber den Privatbetrieben bezeichnet werden können. Jedenfalls ein Grund mehr, daß dem- nächst die Parteigenossen sich samt und sonders der Konsumgenossen- schaft anschließen. Wie viele heute noch abseits stehen, ist daraus zu ersehen, daß unsere Konsumgenossenschaft nur 55 000 Mitglieder zählt, während die Zahl der sozialdemokratisch Organisierten be- deutend höher ist. A. MiiruS. Soweit die Zuschrift der Genossenschaft, die wir vollinhaltlich zum Abdruck gebracht haben. Vergeblich wird der Leser fragen. welches denn die„Unrichtigkeiten" des„Vorwärts"artikcls sind, die die Genossenschaft aufklären wollte. Sie bestätigt voll- inhaltlich unsere Ausführungen. Tie Anwesenheit des Pro- fessor Dade und die Nichteinladung der Propagandakommission habe mit der Ueberneutralität, meint die Zuschrift, gar nichts zu tun. Unsere Leser werden anderer Ansicht sein: die landwirtschaft- l:che Genossenschaft, deren Vertreter aus Feinden der Arbeiter- klaffe besteht und die als ihren Vertreter den Professor Dade schickt, i st eingeladen, die Propagandakommiffion, die aus Anhängern der Arbeiterbewegung besteht und die nicht in letzter Linie tatkräftig den Aufschwung der Berliner Konsumvereinsbewegung gefördert hat, ist nicht eingeladen. Darüber hilft kein Wenden und Deuteln in der Zuschrift, auch nicht ihr Glaube, daß die Prvpa- gandakommission„durch die in ihr vertretenen Genossenschafter" „auf dem Genossenschaftstag genügend vertreten sei". Ein wunder- lichcr Glaube! Die Propagandakommission besteht aus Vertretern der gewerkschaftlichen, politischen und der genossenschaftlichen Be- wegung. Anzunehmen, daß die Genossenschafter die beiden anderen Richtungen„vertreten", zeugt von tollerem, als nur von Ucber- Neutralität. Unerfindlich, wie dieser Glaube zumal angesichts der Tatsache sich bilden konnte, daß die gewerkschaftlichen und politi- schen Vertreter in der Propagandakommission von ihren genossen- schaftlichen Freunden vor nicht gar zu langer Zeit gebeten wurden, mit einem Propagandamittel zurückzuhalten, weil dank der Tätig- keit der Propagandakommission die Mitgliederzahl so schnell steigen könnte, daß die Verwaltung der Konsumvereine angesichts der durch die Neuerungen bedingten Arbeit mit den entsprechenden Einrich- tungen nicht Schritt halten könnte. Treffender als durch ihre Einsendung hätte die Konsum- Vereinsverwaltung unsere Kritik nicht rechtfertigen können. Das gilt auch hinsichtlich der Teuerungsfrage. Die Zuschrift schießt bei ihren Versuchen der Reinwascherei den Vogel mit der Rechtfertigungeines Ausschlusses der Presse aus der Generalversammlung der G. E. G. ab. Pech für die Konsumvereinsleitung, daß wir im vorstehenden Artikel dargelegt haben, daß der Ausschluß der Presse tatsächlich seitens der Leitung der Generalversammlung nicht stattgefunden hat. Die Konsumvercinsverwaltung recht- fertigt aber eine bureaukratische Geheimniskrämerei und Brüskie- rung der Presse, die die G. E. G. mit Recht verwirft. Ja in ihrem Reinigungscifcr behauptet die Ueberpäpstin, die G. E. G. habe in ihren Generalversammlungen der Presse noch nie Zutritt gewährt, vielmehr nur einen offiziösen Waschzettel an die Presse versandt. Diese Behauptung der KonsumoereinSvevwaltung trifft nicht zu. Auf allen Generalversammlungen hat die G. E. G. der Presse Zu- tritt gestattet; die Berichte, die wir und der größte'Teil der sozial-" demokratischen Presse über die G. E. G. in früheren Jahren brachten, waren nicht offizielle, sondern völlig unbeeinflußte Be- richte. Dasselbe trifft auf die in diesem Jahre von der sozial- demokratischen Presse gebrachten Berichte zu. Die G. E. G. darf über die Konsumvereinsverwaltung mit Recht ausrufen: Wer schützt mich vor meinen Freunden? Der Sachverhalt zeigt, wie gerechtfertigt unsere Mahnung ist, die Mitglieder der Konsumvereine mögen sich mehr in ihren Gene- ralversammlungcn betätigen, damit sozialistischer Geist die Kon- sumvereinsbewegung befruchte. Die Tätigkeit der Kaufmannsgcrichte in Preußen ISII. Aus Grund de« ReichsgesetzcS vom 6. Juli 1904 bestanden, wie die„Statistische Korrespondenz" mitteilt, am Ende des Jahres 1011 in Preußen 177 KanfmannSgerichte, von denen 149 bereits bestehenden Gcwerbegerichtcn angegliedert waren. Für einzelne Ge- meinden waren insgesamt 155 KanfmannSgerichte zuständig �darunter wiederum für Gemeinden mit mehr als 20 000 Einwohnern, die ein Kansmannsgericht zu unterhalten gesetzlich verpflichtet sind, 149>, für die Bezirke mehrerer Gemeinden 9 und für die Bezirke weiterer Kommunalverbände oder Teile von solchen 13. Von der Gesamizahl der Kanfmonnsgerichte entfielen Ende 1911 provinzweise 5 auf Ostpreußen, 4 auf Wesipreußen, 1 aus den Stadtkreis Berlin, 28 svon denen 2 jedoch noch nicht in Tätigkeit getreten sind) aus Brandenburg, 7 aus Pommern, 5 auf Posen, 20 auf Schlesien, 16 auf Sachsen, 7 auf SchleSivig-Holstein, lö auf Hannover, 30 sdavon 1 noch nicht in Tätigkeit getreten), auf Westfalen, 6 auf Hessen-Nassau und 33 auf die Nheinprovinz, während in den Hohen- zollernschen Landen KaufmannSgerichte fehlen. Im Berichtsjahre waren bei den preußischen KaufmannSgerichten insgesamt 17 593 Klagen anhängig sdavon 6042 oder mehr als ein Drittel allein in Berlin), und zwar auf Klage der Kaufleute 1051, auf Klage der Gehilfen oder Lehrlinge 16 542; in einem Gerichts« bezirk schwebten demnach während des Berichtsjahres durchschnittlich 99, ohne Berlin 66 Klagen. Von den Streitigkeiten betrafen 1948 oder 11,1 Proz. den Antritt. die Fortsetzung oder die Auflösung des Dienst- oder Lehr- Verhältnisses sowie die Aushändigung oder den Inhalt des Zeugnisses <§ ö Ziffer 1 K.G.G.), 12 380 oder 70,4 Proz. die Leistungen aus dem Dienst- oder Lehrverhälmisse(Z 5 Ziffer 2 a. a. O.>, 389 oder 2,2 Proz. die Rückgabe von Sicherheiten, Zeugnissen, LegitimationS- papieren oder anderen Gegenständen, die aus Anlaß des Dienst- oder LehrverhältnisseS übergeben worden sind(Z 5 Ziff. 3), 2685 oder 15.3 Proz. Ansprüche auf Schadenersatz oder Zahlung einer Vertrags- strafe wegen Nichterfüllung oder nicht gehöriger Erfüllung bestimmter Verpflichtungen sowie wegen gesetzwidriger oder unrichtiger Ein- tragungen in Zeugnisse, Krankcnkassenbücher oder Ouittungskarten der Invalidenversicherung<§ 5 Ziffer 4). 10 oder 0,1 Proz. die Be- rcchnung und Anrechnung der von den Gehilfen oder Lehrlingen zu leistenden Krankenversicherungsbeiträge und Eintrittsgelder<85 Ziffer 5) und endlich 181 oder 4,0 Proz. Ansprüche aus einer Vereinbarung, durch die der Gehilse oder Lehrling für die Zeit nach Beendigung des Dienst- oder LehrverhältnisseS in seiner gewetblichen Tätigkeit beschränkt wird<8 5 Ziffer 6). Bei 361 der 3217 Streitigkeiten, die nach gegenseitiger münd- sicher Verhandlung der Parteien durch Endnrteil entschieden wurden, dauerte, bis zur Verkündigung des letzteren das Verfahren weniger als 1 MMe. bei 772 oder fast einem Viertel aller Fälle 1 bis lauSschließlich) 2 Wochen, bei 1090, d. i. bei mehr als einem Drittel, 2 Wochen bis(ausschließlich) 1 Monat, bei 845, das ist über einem Viertel, 1 Monat bis 3 Monate und bei 149 Fällen 3 Monate und mehr. Bei 362 durch Endurteil entschiedenen Streit- fällen wurde Berufung an das Landgericht eingelegt. Als E i n i g u n g s a m t<§ 17 d. Ges.) wurden im Berichtsjahre nur zwei Kaufmannsgerichte je einmal angerufeu; in dem einen Fall, in dem sich beide Teile an da» Kaufmannsgericht gewandt hatten, kam eine Vereinbarung zustande. Von zusammen 18 Kaufmanns- gerichten wurden auf Ersuchen von Staats- oder Gemeindebehörden 17 Gutachten über Fragen, die das kaufmännische Dienst- oder Lehr- Verhältnis beireffen<8 18 Zlbs. I d. Ges.). abgegeben und von sieben Gerichten 14 Anträge im Sinne des 8 18 Abs. 2 gestellt. Sericbts- Leitung. Milchplantscher vor Gericht! Vor dem Amtsgericht Charlottenburg hatten sich gestern der Milchgroßhändler O. Stimming, das Milchhändler Sembersche Ehepaar. Wallstr. 18, und der Milchhändler Schröder, Wilmersdorf, Kaiser-Allee 9l, wegen Nahrungsmittel- fSIschimg zu verantworten. Im Falle Stimming- Sember lieferte die Verhandlung folgendes Bild: Der Milchgroßhändler Stimmina lieferte den Milchhändler Semberschen Eheleuten seit längerer Zeit täglich 60 bis 80 Liter Vollmilch und 20 Liter Magermilch. Als eS ini Dezember vorigen Jahres zwischen den Parteien zu Differenzen kam, in deren Verlans Sember dem Stimming die Milchlieferung kündigte, wurde der ehemalige Lieferant zum Denunzianten und zeigte das Sembersche Ehepaar der Polizei- behörde an. Die Anzeige behauptete, daß Sember und Frau die Vollmilch mit Mogermilch verdünnen und diese Mischung als Voll« milch an das Publikum verkaufen. Die Polizeibehörde ließ nun in unauffälliger Weise aus dem Semberschen Geschäft in zehn ver- schiedenen Fällen Milchproben holen, deren Untersuchung durch den zuständigen Gerichrschemiker ergab, daß die als Voll- milch verabreichten Proben zu 2/B Voll-, zu V» Magermilch waren. Sember und Frau wurden zu je 50 Mark ver« urteilt. Stimming hatte auf der Anklagebank Platz zu nehmen, weil er in der Voruntersuchung von den Semberschen Eheleuten be« schuldigt war, die Fälschung der Milch schon vor der Lieferung vor« genommen zu haben. Er mußte jedoch freigesprochen werden, da diese Beschuldigung nicht nachweisbar war. Im Falle Schröder, dem ebenfalls mehrere Fälschungen von Sahne und Schlagsahne nachgewiesen wurden, mußte die Freisprechung des an- geklagten Ehemannes erfolgen, weil dieser nachwies, daß seine Frau Besitzerin des Geschäfts ist und den Verkauf persönlich besorgt. Eine Sicherheitswurstkiste. Ein origineller Trick eines Schlächtermeisters siegt einem Straf» verfahren wegen Betruges zugrunde, welches kürzlich das Kammer« g e r i ch t beschäftigte. Der Hauseigenliimer B. konnte für einen in seinem Hause be» findlichen Schlächterladen keinen Mieter finden. Um sich vor dem recht beträchtlichen Mietsverlust zu schützen, kam er auf folgenden Gedanken. Er gab einem Schlächtermeister Thiemann, der sich als Mietsluftiger gemeldet hatte, ein Darlebn von zirka 1000 Mark, mit welchem Th. verschiedene ältere Berpflichtungen ablösen sollte, während der Rest als Betriebskapital verwandt werden sollte. Bezüglich der Sicherheit des von B. gegebenen Darlehns wurde zwischen beiden ein sehr verklausulierter Vertrag geschlossen, in welchem B. das Recht zugesprochen wurde, stets über einen Teil der von Th. fertiggestellten Wnrstwaren selbst verfügen zu können. Diese Wnrstwaren sollten in einem Fasse unter ge- schmolzenem Talg aufbewahrt werden; das Faß selbst wurde von B. plombiert. Wenn Thiemann dann als Ersatz für die von ihm ver« kaufte Wurst ein neues Quantum benötigte, erhielt er'dieses von seinem Hauswirt gegen Bezahlung ausgehändigt. Diese.Sicherheits« wurstkiste" wurde nun eines Tages für den erfinderischen HauS» wirt zum Gegenstand einer eigentümlichen Ueberraschung. Als er eines Tages an einer aus dem Talg hervor« ragenden sogenannten„Wurststrippe" zufällig zog, gab diese nach. An Stelle der Wurst, die dock eigentlich an dieser Wurststrippe hängen mußte, zog B. nur einige Meter Bindfaden her» aus. Dasselbe Experiment an den übrigen Wurststrippen versucht, ergab das gleiche Resultat.— Wie sich herausstellte, war Tb. noch erfinderischer wie der Hauswirt gewesen und hatte nur mehrere der- ärlige Bindfaden in den Talg hineingeschmÄlzen, die Würste selbst aber verkauft.— Das Schöffengericht verurteilte den schlauen Schlächtermeister zu 300 M. Geldstrafe. Die Strafkammer ermäßigte die Strafe aus 1 50 M. und das Kammerger'icht vcrV wies die Sache auf die Revision des Angeklagten wegen eines »Formfehlers" an die Vorinstanz zurück. Benutzung von Erfindungen für das Heer und die Flotte. Eine viel umstrittene, äußerst intereffante Rechtsfrage ist am Sonnabend vom Reichsgericht entschieden worden. Nach§ 5 Absatz 2 des Patentgesetzes tritt die gesetzliche Wirkung des Patentes (ausschließliche Befugiiis des Patentinhabers zur Verwertung der Erfindung) insoweit nicht ein, als die Erfindimg nach Be» stimmung de? Reichskanzlers für das Heer oder für die Flotte oder sonst im Interesse der öffentlichen Wohl« fahrt benutzt werden soll. Doch hat der Patentinhaber gegenüber dem Reich Anspruch auf angemessene Vergütung. DaS Sieich hat nach dieser Bestimmung also das Recht einer sogen. Zwangs» l i z e n z: es kann zu militärischen Zwecken ohne weiteres eine fremde Erfindung benutzen, ohne daß dem Erfinder ein Recht auf Untersagung der Benutzung zusteht. In einer üblen Lage befanden sich bisher die Erfinder dann, wenn der Reichskanzler die erwähnte Verfügung nicht erlassen, die Militärbehörden vielmehr ohne solche Verfügung einfach die Erfindung benutzten. Die Rechtsprechung der Gerichte hatte gegenüber einer Klage des Erfinders auf Entschädigung den Rechtsweg bisher für verschlossen erklärt, so lange nicht der Reichskanzler die im ß 5 des Patentgesetzcs erwähnte Verfügung erlassen hat. Diese Entschließung des Reichskanzlers ist aber im Prozeßwege nicht erzlvingbar. Die Patentinhaber waren also völlig rechtlos gegen die Benutzung ihrer Erfindungen zu militärischen Zwecken. Das Reichsgericht hat nun ausgesprochen, daß auch ohne Vorliegen der Entschließung des Reichskanzlers eine Klage auf Schaden» ersah wegen Benutzung oder Verletzung eines fremden Patentes durch die Militärbehörden gegeben ist. Es handelte sich in dem einen Falle um die Benutzung einer besonderen Kesselkonstniktion für Schiffsmaschmen, welche die Marine« Verwaltung bei Kriegsschiffen verwendete. In dem anderen Falle war durch allerhöchste Kabinettsorder für die Armee das vom Kläger erfundene Karabincrfntteral für Armeesättcl eingeführt worden. Die Klagen der beiden Erfinder gegen den Reichsfiskus auf Schadens- ersah sind vom Kammergericht zu Berlin wegen Unzu- lässigkeit desRcchlswegs abgewiesen worden. Das Reichsgericht hat aber den R e ch t S w e g für zulässig erklärt und beide Urteile des KamrncrgerichtS aufgehoben. Hierzu hat das Reichs- gericht folgende E n t s ch e i d» n g S g r ü n de gegeben: ES ist durchaus richtig, daß gegenüber einem Akte der Staatsgewalt eine Nachprüfung der Gerichte nicht stattfinden kann. Durch die Preußische Kabinettsorder vom 4. Dezember 1831 ist aber keines« Wegs jeder Rechtsanspruch ausgeschlossen, der sich äuS einem Alt der Staatshoheit ergibt. Selbstverständlich müssen die Kläger einen ganz speziellen Nechtsgrund nachweisen können. Das ist aber hier der Fall, indem sie sich auf 8 5 des Patentgesetzes berufen. Mit dieser gesetzlichen Bestimmung ist für das Gebiet des Preußischen Rechts zum Ausdruck gebracht, daß der große Grundsatz des EnteignungsrechtS zur Anwendung gelangen soll. Eine Klage gegen den Reichskanzler, er solle bis im Patentgesetz vorgesehene Verfügung treffen, ist nicht zulässig. Es kommt aber darauf nicht an. Die Tatsache, daß die Patente von der Staatsverwaltung in Benutzung genommen sind, genügen, um den Fiskus entschädigungspflichtig zu machen. Der Grundsatz: daß niemand ein Recht auszugeben braucht, ohne dafür entschädigt zu werden, ist für das Preußische Recht in§ 75 der Einleitung zum Allgemeinen Landrecht anerkannt. Dieser Grundsatz kommt hier zur Anwendung. Dies wird im vorliegenden Falle ebenfalls zuni Ziele führen. Sind die Patente vom Staate in Benutzung genommen, so muß Entschädigung geleistet werden. Es fragt sich nur, ob wirklich die von der Marinevcrwaltung und von der Armee benutzten Er- sindungen identisch sind mit den Patenten der Kläger. Das wird das Kammergericht, an welches die Sachen deshalb zurückverwiesen sind, noch zu entscheiden haben haben.(Aktenzeichen: ll. 74/18.— Bnefhaftcn der Redahtton. ®le(utlftlfrtie Spktchstundc findet Ltndenftrake 69, dorn vier Treppen — S-hrftudl—. wochentiiglich von vis 7�, Uhr abend», eonnadrad», von 4� dt»« Uhr abend» statt. Jeder für den Briefkasten dcfttmmien Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl-l» Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine Adonncmeniögutttung beigefügt ist, werden nicht dcaniworte«. Eilige Aragcn trage man in der Sprechstunde vor. Sl. R. IVO. Der Käufer ist nur dann zur Herausgabe der Sacher. verpflichlci, wenn er vor oder beim Kauf von der Vereinbarung Kenntnis gehabt hat. Ihr Freund ist schadensertatzpflichtig.— Sch. 6. t.. Ja. 2. Ja, Namen unb Wohnort des Verlegers. 3. Ja. Das liegt im Er» messen des Richters. Der Zeuge kann zum Termin gestellt werden.— Emma»«10. Ihnen muß it.(5. die Konzession erteilt werden.— M. H. 1000. Sie sind noch bastdar, soweit von der Gegenseite Schaden nachgewiesen werden kann.— K. Dch. 41. 1. Ja. 2. Hängt davon ab. wann Ihre Mutter geheiratet hat und wo der erste Ehewohnsitz gewesen ist. 3. u. 4. Nein.— K. 18. Ein Anfechtungsgrund. Die Ansechtungsklage muß binnen sechs Monaten, nachdem Sie von dem Ansechtungsgrund Kenntnis erlangt haben, erhoben sein.— Ausländer 00. Es kann Beurlaubung erfolgen. Der Antrag ist bei dem Zivilvorsitzenden der Ersatz- tommission anzubringen.— A. 2. 13. 1. Ja. 2. Ja, fall? dazu im- stände.— A. B. 04. Ja, falls nicht Befreiung bewilligt ist.— M. R. 14. Falls Sie nicht bestellt haben, brauchen Sie die Sachen nicht abzunehmen. — 81. M. 100. 1. Sie können, unter Setzung einer Frist die Einlösung fordern und für den Fall der Ersolglosigkeit die Versteigerung androhen, nach Ablauf der Frist auch den Gerichtsvollzieher mit der Versteigerung be- austragen. Vom Versteigcrungstcrmin mutz Schuldnerin Kenntnis erhalten. 2. Nein.— W. M. 28. ES mutz Erwerbsunsähigkcit vorliegen, da sür die Altersrente die Wartezeit nicht erfüllt ist.— W. Z. 1. Landgericht I. 2. Ja, durch einen Anwalt. 3. Ja, beini Vormundschaftsgericht, Amts- aericht Berlin Mitte.— M. K. 08. Nein.— F. K. 100. Für Mai Huben Sie Anipruch auf Befreiung von der Staalseinkommensteuer.— — M. P. 100. 1. Bis zur Vollendung des 4. Lebensjahres. 2. Bis zur Vollendung des 10. Lebensjahres.— Walther 00. Das liegt im Ermessen des PsarrerS.— Schlosser 100. ES handelt sich anscheinend um Vollstreckungskosten. — M. R. 23. Nein. Die Kündigung mutz 6 Wochen vor Beendigung eines Kalender Vierteljahrs erfolgen.— H. Z. 1885. 1,20 M.— W. P. 85. Beantragen Sie richterliche Entscheidung.— Dt. M. 1000. Nein. — ff. H. 45. 1. u. 4. Die Klage erscheint ausfichtsvoll. 2. u. 3. Die Fortschaffung der Sachen gegen das Verbot ist unzulässig.— E. M. 23. Ein Recht aus vorzeitige Lösung des Vertrages haben Sie nicht.— L. T. 100. 1. Di« Mutter die Hälfte, die Kinder die andere Hälfte. 2. Die Zinsen rechnen zum Einkommen, autzerdem Vermögenssteuer. 3. Bis zu 6000 M. allgemein, bis zu 20 000 M., falls ein Einkommen von mehr als 2000 M. nicht versteuert wird.— L. F. 120. 1. Der Verwalter kann die entbehrlichen Sachen einbehalten. 2. Die Abmachung beim Anwalt genügt. — 21. Z. 15. An den Zwangsverwalter.— 2. F. 53. Nein.— F. W. 24. 1. Durch Erklärung zu notariellem oder gerichtlichem Protokoll. 2. ES ist von Bedeutung, auS welchen Rechtsverhältnissen die Einnahmen stießen.— M. B. 1. Leider ja, falls das Statut nichts anderes besagt. 2. Nein.— Galizien. Die vierzehntägige Kündigungsfrist ist matzgebend. — E. T. 100. Nein.— F. P. 15. Beleidigungsklage beim Schöffen- aericht, der das Sühneversahren vor dem Schiedsmann �vorangehen mutz. Enthält Ihr Schreiben ebenfalls Beleidigungen, so haben Sie Widerklage zu erwarten.— F. G. 42. 1. Den Namen des geschiedenen Mannes. 2. Der geschiedene Mann. Dieser hat jedoch das Recht, innerhalb Jahresfrist, nach- dem er Kenntnis von der Geburt des Kindes erhalten hat, dessen Ehelich- keit durch Klage anzufechten. 3, Falls aus diese Klage hin das Kind sür unehelich erklärt wird und der Erzeuger die Mutter ehelicht. Die Wartezeit zwischen Rechtskrast des Scheidungsurtcils und Wiederverheiratung der Mutter beträgt� zehn Monate.— H. Tch. 170. 1. Unbestimmt. 2. Ja. — M. W. Sie sind sür das ganze Jahr an den Vertrag gebunden.— I. P. 1863. 1. Antrag an die Jnvalidenabteilung des Magistrats. 2. Nein.— G. Heidecke 100. Sie können aus Herausgabe eines Schlüssels klagen.— G. K. 10. Das Einkommen der Frau mutz angegeben werden. — O. M. Der 23,85 M. wöchentlich übersteigende Teil des Einkommens ist beschlagnahmesähig.— L. M. 25. Ja, da wahrscheinlich im Mietsvcr- trag eine solche Verpflichtung sür Sie festgelegt ist.— ivt. H. 65. Die Geschwister Häven Anspruch aus die Hälste.— P. P. 50. 1. Ja, sosern die Voraussetzungen des§ 129 der Gewerbeordnung zutreffen. 2. Wenden Sie sich an den Dirigenten der Malersachschule, Malermeister Prietz, Lange- stratze 30.— H. K. 515. Die Fragen lassen sich nur nach Kenntnis der Gesamtoerhältniffe beantworten.— 21. W. 00. 1. Nein. Die Vorlegung zum Zwecke der Einsichtnahme reicht aus. Sie können sich beim Oberpräsi- Kenten in Potsdam beschweren.— 2. Unbekannt. Jedenfalls befreit die Zugehörigkeit zum Verein nicht von der Verpflichtung, das Kind impfen zu lassen.— M. F. 8100. 1. Es kann die Sicherheitsleistung in Höhe eines Zehntels des BargebotS verlangt werden. Die Zahlung crsolgt im Vcr- tellungStermin. 2. Höhe beZ Mehrgebots gleichgültig. 3. und 4. Ja, soser» sie großjährig sind. 3. Die Mutter erhält im Vertcilungstermin des die Hypothek und die Kosten übersteigenden Betrages.— B. 100. Ja.— Ö. L. 3641. 1. Ja. 2. In solchen Fällen darf die häufig in den Ver« tragssormularen befindliche entgegenstehende Versicherung nicht abgegeben werden. Marttbericht von Berlin am 22. Juni 1012, nach Ermittelung des königl Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00— 50,00. Speisebohnen, weitze, 30,00—56,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 8,00— 13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40— 1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,80— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,20— 4,80. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,20. Aale 1,20—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,40—2,80. Barsche 1,00-2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 4,00—30,00._ Wafserftands-Nachrichten der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburcau. Wasserstand M e m e I, Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrimm LandSbcrg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden Berby , Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) llnterpegel. So geht es mancher Fraus gestern noch für nichts Andres zu haben — heute schon überzeugte Fürsprecherin des„RornfrancK". 29 MAGGI Bouillon-Wflrfel der beste! 5 Würfel 20 Pfg., einzelne Würfel 5 Pfg. -■V<.»v i*.■ �vr-". H .,»>»661» gut«,»paeeamo XSoks'' nun Oöö □□□ Theater und Vergnügungen HI LI LZ 000 □□□ Dienstag, 24. Juni 1912. Aniang 7>/, Uhr. Prater. O diese Berliner. Aniang 8 Ubr. Urania. In den Dolomiten. Komische Oper. Heiligenwald. «öniggrächcr Straffe. Die süns Frankfurter. Knrsürstcnoper. Der Tanzanwalt. Reue». Der liebe Augustin. Residenz. Alles für die Firma. Berliner. Große Rosinen. Schiller O. Hohe Politik. Seti>>>- ikharlottendurg. DaS Konzert, Reues Operette». Der Kongreß von Sevilla. Dhatia. Autoltebchen. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. Der Herr mit der grünen Krawatte. Merro>-v Schwindelmeier u. Eo. Rase. Nacht und Morgen. Apollo. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. Reichshallen. Stetliner Sänger. Sanatorium Sonnenstich. Wintergarten. Spezialitäten. Ansang 8'/, Uhr. Lesstng. Vergnügungsreise. 2te»es Schanipielbaus. Parkett- fitz Nr. 10. Lnstspielhaus. So'n Windhund. Frtedr.> Witt,. Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Kotiestkapriee. Parisiana-Ensemblc Walhalla. Um eine Krone. Ansang 8.20 Uhr. Luisen. Die Waise aus Lowood. Ansang 8'/, Uhr. Kammerspielr. Mein Freund Teddy. Reue» Bolkstheater. Literawr. Liebelei. Königstadt-Kafino. Spezialitäten. »» * Sternwarte, Invaliden ftr. 57—62. Scl)iUer-tl)eatcr 0. Walluer-Dheater. Hohe Politik. Schwant in 3 Alt. v. R. Skowronnek. Ansang 8 Uhr. Ende 10'/. Uhr. Morgen und folgende Tage: Hob« Politik. Schiller'theater Charlottenburg. Das Konzert. Lustspiel in 3 Akten von Herm. Bahr. Ansang 8 Uhr. Ende lO1/, Uhr. Morgen und folgende Tage: D»» Konzert. Residenz-Theater. 8 Uhr: Alles für die Fimn. Schwank in 3 Akten von M. Hennequin und K. Mitchell. Morgen u. folgende Tag«: vllrö für die Firma. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Der liebe Augustin. Operette von Leo Fall. EJerlinef Theater. Abends 8 Uhr: Grotze Rosinen. Abends 8 Uhr: vle 3 Frankfurler. Reichs hallen-Tlieater. Stettiner SNnger Zum Schluß neu: Sanatorium Sonnenstich. Burleske vonMeysel. Ansang Wochent. 8, Sonntags ?'/. Uhr. Große Frantsurtei Str. 132. Ansang 8 Uhr. Ztacdt und Korgen. Drama in 5 Akt. v. Eh. Birch-Pseiff er SV Aus der Gartenbühne:~SH! Juhu! GS ist erreicht! Gr. Revue. Metropol-Theater. linäH Phantastisch musilalische Komödie in 3 eilten auS dem Englischen völlig frei bearbeitet von I. Freund. Musik von R. Nelson. U. a. Tänze v. W. Bishop. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. St. Voigts Krampenburg vis-a-vis Schmöckwitz. TP;» Tßxtra-Dampferfahrten; vorm. 9 and ■ agBIlr« nachmittags 8 Uhr, von der Jannon-ltz- und tValaenbrttcke. 3792L* Ansang 8 Rauchen gestattet. LOGISCHER GARTEN TSglich ab 4 Uhr: Großes Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 M. von abends 6 Uhi ab 50 Pf.; Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Jahres-Abonnement an allen drei Schalterkassen. Täglich geöffnet von 11 Uhr vormittags bis 11 Uhr abends. Haupt-Vorstellungen; U1/, Vm., Nrn. 3. 4-/» 6, VI, u. 9'/, Uhr. � Doppelkonzert reitgpd"s Kgl. Obermusikmeisters a. D. Ciustav Oifeney. Fußgänger-Promenade SO Pfg. Reserv. Sitzplätze: Loge 2.—, I. Trib. 1,60, II. 1,—. Kinder u. Militär die Hälfte. Uobescbränkter Aufenthalt. UNA lARK Das schöDste js-EtatilissemeDt des KodUs! Entree 50 Pf, Bis 6 Uhr Kinder und Zwergstadt frei! Voigt-Theater. Gesundbrunnen Badstratze 58. Heute sowie täglich: Die Tochter der heze Gr. rom. Ausstattungsstück m. Tanz und Gesang in 5 Bilder». Letzte Tagel Ab 8 Uhr. 10 große Attraktionen. Karl Edler mit seinem Kollegen.Nickte Paul Beekers us«. Königstadt-Kasino. Ecke Hotzmartt- u. Alexanderstr. Tsgnch: ikeztks iind Variete. Ansang wochentags 8, Sonntags 5 Uhr. Vom 16. Juni bis 1. Juli: Erklass. Spezialitäten u.„Rosen a. d. Süden", gr. OperettenbuiieSfe Landsberger Allee 46. Etysium Heute sowie täglich:* Großes Radrennen Spezialitäten mit Franz Sobanakl. Konzert— Ball. Ansang 31/, Uhr. Entree 10 Ps. Für den Inhalt der Inserate «berntinm« die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantmortuna. verantwortlicher Redakteurl Albert Wach», Berlin. Für den Lnseratenteilverantw.:Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».Verlagsanstalt Paul Singer u. To., Berlin SW. ilf.145. 39- Jahrgang. filnjt ilkS„ildtmäils" Kttlim WlKsdlM WeaM, W.ImilM il» die Voritände der freien eingeschriebenen WzKniken! Die auf dem Kongreß der eingeschriebenen Hilfskassen gewählte »Kommission zur Wahrung der Interessen der Kassen' hat nunmehr den Auftrag erfüllt, einen Satzungsentwurf' dem neuen Recht ent- sprechend, sowohl für die zentralisierten wie für die lokalen Hilfs- lassen herauszugeben, und zwar soweit es sich um diejenigen Hilfs- lassen handelt, welche entweder Zuschußkasse werden müssen, weil sie am 1. April 1909 keine 1000 Mitglieder hatten oder welche ohnehin aus freier Entschließung sich in Zuschußkassen umwandeln. Es ist in dem SatzungSentwurf vorgesehen, daß diejenigen Kassen, welche ihren nichtversicherungspflichtigen Mitgliedern auch fernerhin ärztliche Hilfe und Arznei gewähren wollen, solches können, wenn sie solches durch die Satzung beschließen. Für diejenigen Kassen, welche sich in Ersatzkassen umwandeln wollen, ist ein Entwurf noch nicht fertiggestellt, da diesbezüglich noch weitere Verhandlungen mit dem Kaiserlichen Aufsichtsamt für Privat- Versicherung notwendig find, bezw. auf eine Vorbescheidung über einen eingereichten Entwurf gewartet wird. Diese Kassen, welche Ersatzkassen werden wollen, haben noch Zeit mit der Uinwandlung bis dahin, daß durch kaiserliche Verordnung der Tag bestimmt wird, an welchem Tage die Bescheinigung nach 8 75 des Hilfskassengesetzes ungültig wird. Sechs Monate vor Ab- lauf dieses Tages muß der Antrag aus Zulassung als Ersatzkasse bei der zuständigen Stelle gestellt sein. Die Satzungsentwürfe für Zuschußkafien find gegen Einsendung von 1 Mark pro Stück bei Herrn C. Deisinger, Hamburg 1, Besenbinderhof 70, erhältlich. Die Kommission. I. A.: G. Blume. ver SchapiroprozeB. Darmstadt, 24. Juni.(Privattelegramm des„Vorw.'.) Am heutigen sechsten Verhandlungstag kamen angebliche Uebergriffe der Polizeiasslstentin zur Sprache, zunächst der F a l l K i r s ch. Es wird hier der Frau Schapiro nachgesagt, daß sie in die Wirtschaft Kirsch gekommen sei, daß sie nach einem Fräulein Veronika gefragt und dabei schroff aufgetreten sei. Verbandsdirektor Volk hatte dieses Gerede gelcgent- lich der Frau Schapiro mitgeteilt, wodurch sie veranlaßt war, nun behufs Aufklärung der Sache die Wirtschaft Kirsch aufzusuchen. Es stellte sich heraus, daß Frau Schapiro nicht mit jener Fragerin identisch war. Das bestätigte auch die als Zeugin heute vernommene Frau Kirsch. Durch die Gäste sei die Geschichte in die Ocffentlichkeit gekommen. Hirsch habe sie dann aufgegriffen. Es lag hier also entweder eine Mystifikation oder ein Scherz vor. Zeuge Volk er- widerte noch auf Befragen, daß solche und ähnliche Scherze noch mehrere in Mainz herumerzählt würden: Junge Leute leuchteten nachts anderen mit Knipslampen ins Gesicht, dann behaupte maw Frau Schapiro sei es gewesen. In Mainz gäbe cS viele, die ei1 darauf anlegen, anderen etwas anzuhängen. Ein weiterer Fall, in welchem sich Frau Schapiro einen lieber- griff habe zuschulden kommen lassen, klärt sich ebenfalls zuungunsten des Angeklagten auf: Die Zeugin Fräulein Marta W. hatte als Vierzehnjährige abends gegen 10 Uhr im März in den Anlagen vor dem Stadttheater in Umarmung mit einem übel beleumundeten 10 jährigen Zwangszögling auf einer Bank gesessen. Frau Schapiro hat beide getroffen und das Mädchen vor dem weiteren Umgang gewarnt. Auf Befragen erwiderte die Zeugin, daß sie das als eine mütterliche Warnung, nicht aber als eine Dvohung aufgefaßt habe. Sie sei der Assistentin dafür dankbar gewesen. Festgestellt wird noch, daß die Zeugin mit diesem Zögling sich schon vorher mehrere Male in den Anlagen getroffen hat. Der Vater der Zeugin ist zur Assistentin in dieser Sache gegangen und hat ihr gesagt, er wolle ihr einmal seine Tochter schicken, um sie bessern zu können. Er war auch damit einverstanden, seine Tochter nötigenfalls untersuchen zu lassen. Er sei der Frau Schapiro dankbar für Ihr Eingreifen. Schutzmann Meyer, der an dem nächtlichen Rundgang! folgende Erklärung. mit der Assistentin teilgenommen hat, bezeugt, daß Frau Schapiro*-'■ r-JC- in diesem Falle nur vermittelnd eingegriffen hat, damit die beiden ihre Namen nannten. Die Assistentin hat den Zeugen nie animiert, mit den Mädchen zu kokettieren. In einem anderen Fall, der der Assisientin zur Last gelegt wird, soll eine Kellnerin, die wegen Gcwerbsunzucht sistiert wurde, behauptet haben, sie habe sich durch die Behandlung der Assistentin derartig aufgeregt daß sie Blut verlor und acht Wochen im Spital krank gelegen hatte. Der als Zeuge auftretende Schutz mann Müller hatte die Kellnerin, die der Gewerbsunzucht der- dächtig ivar, in zwei Fällen erwischt und sie der Assistentin zuge führt. Das Mädchen wurde dann als schwer geschlechtskrank im RochuS-Spital eingeliefert. Auch dieser Fall ist in nichts zu- sammengestürzt, so daß selbst die Verteidigung auf die Vernehmung der Zeugin verzichtete. Zeuge Bezirkökommissar Horn hat die Mutter eines Offiziers in Schuldensachen ihr es Sohnes an Frau Schapiro verwiesen. Auf Befragen erklärt der Zeuge, es völlig in der Ordnung gehalten zu haben, daß sich die Assistentin der Offi° ziersmutter zur Verfügung stellte, denn das„Verhältnis" hätte als dessen angebliche Frau die kostspieligsten Bestellungen erlassen. Als Beamter und Mensch habe er sich für verpflichtet gehalten, zu ver- anlassen, daß sich Frau Schapiro der Offiziersmutter annahm. Des weiteren bekundet der Zeuge noch, daß vor dem Eintritt der Assi- stentin die Mainzer Polizei noch viel strenger vorgegangen sei. Bei der Strafkammerverhandlung in Mainz hätten sich die als Zeugen geladenen Mädchen recht auffällig und frei benommen. Sodann wurden noch einige Zeugen zu dem Fall der Meta G. vernommen. Dem Zeuge,: Polizeiwachtmeister Lösch hatte die Mutter, die er seit Kindsiagen kennt, gefragt, was los sei, da sie eine Ladung zur Assistentin erhalten hätte. Große Erregtheit hatte der Zeuge bei dem Mädchen nicht bemerkt, er glaube sogar, daß sie dabei gelächelt habe. Schutzmann Burgardt hat seinerzeit der Meta G. die Ladung offen zugestellt. Das Mädchen deutete gleich an, daß es die Ladung erwartet hätte, da es be- freundes sei mit einer Berufsgcnossin, die Verkehr mit einem Leut- nant gehabt haben solle. Der Stiefvater der Meta, ein Maschinen- meister Köper, hat die Sache dem Angeklagten, der sein Dienstherr ist, erzählt. Dip Vorladung hat er als unberechtigt empfunden. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er nicht seiner Stieftochter Vor- Haltungen gemacht haben würde,!'enn er damals gewußt hätte, daß sie bei einem Offizier w der Kaserne wg?. ervidxite der Zeuge, er habe dabei nichts gefunden. Es wäre ihm nichts dabei eingefallen, daß der Ruf seiner Stieftochter gefährdet werden könne durch den Kasernenbesuch. Beim Beigeordneten Berndt, beim Oberbürger- meister und beim Angeklagten habe er stets gleicherweise ausgesagt; der erstere habe es aber nicht so aufgenommen. Rechtsanwalt Pagenstecher stellt hierzu fest, daß die drei Aussagen sich im Wesent- lichen gleichen, daß nur bei Hirsch die Sache etwas anders gedruckt wurde. Nach jenem Protokoll hat der Zeuge damals gesagt, seine Famile sei durch die Ladung in Schrecken versetzt worden. Hierzu wird festgestellt, daß der Zeuge überhaupt erst 14 Tage nach der Vernehmung seiner Stieftochter Meta von der Sache gehört hat. Welches Menschenmaterial manchmal in der Polizei Verwen- dung findet, dafür lieferte der 20 jährige Polizeikommissär- aspirant Bruder einen lebenden Beweis. Er hat die Namen von der Unzucht nachgehenden Mädchen vielfach von Offizieren ge- hört und diese Kenntnis dann amtlich verwertet. Vom Angeklagten wurde das so dargestellt, als ob die Offiziere dem Bruder die Namen der Mädchen nannten, wenn sie ihre Liebchen loS werden wollten. Zeuge Bruder bestreitet aber entschieden, Lockspitzeldienste und ähnliches betrieben zu haben. An zwei nächtlichen Kontroll- gängcn mit der Assistenten war er beteiligt. Einmal traf er die damals 14jährige Marta W. mit einem übel beleumundeten Sechzehnjährigen in engster Umarmung auf der Bank an. Bei der zweiten Patrouille wurde ein ebenfalls blutjunges Mädchen angehalten, das seinen Eltern vorgemacht hatte, sie ginge in die Lernstunde, während sie sich mst jungen Burschen herumtrieb. Er habe die Assistentin mit dem jungen Mädchen, die schon mit der Sittenpolizei zu tun gehabt hatten, bekanntgemacht, ebenso mit den örtlichen Verhältnissen, niederen Kneipen usw. Auf der Gasse habe er zwei der Sittenpolizei bekannte Mädchen, darunter ein Mädchen S., die sich in auffälliger Weise mit jungen Herren herumtrieb amtlich angesprochen und sie dann zu der in der Nähe stehenden Polizeiassistcntin geführt. Diese hat sie später entlassen. Zum Fall S. bemerkt der Zeuge noch, daß die Sittenpolizei auf sie auf- merksam wurde durch ihr auffälliges Benehmen und ihre auf- fällige Kleidung, ferner durch ein Verhältnis mit einem Franzosen Einer seiner Freunde will die S. schon bei sich zu Hause gehabt haben. Auch der Fall St. sei in dem zur Anklage gebrachten Artikel unrichtig dargestellt worden. Die Mutter dieses Mädchens sei zuerst zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, ihre Tochter zu laden, um dieser Vorhaltungen zu machen wegen eines Verkehrs mit einem Vizefeldwebel. Erst dann ist der Fall der Assistentin überwiesen worden. Auf Befragen bestätigt der Zeuge, daß er mit der Sittenpolizei nicht mehr befaßt sei. Justizrat Bernstein: War nicht ein Verfahren gegen Sie an- hängig? Ein Mädchen, das ini einem Mainzer Hotel sistiert wurde behauptet, daß diese Sistierung ein Racheakt Ihrerseits sei, ferner daß Sie das Mädchen im Gcmsenheimer Wald geschlechtlich ge braucht hätten und daß Sie von Ihnen schwanger sei. Sie sollen versucht haben, das Mädchen nach der Schweiz abzuschieben? Zeuge Bruder: An der Sache ist absolut nichts. Allerdings habe ich mit dem Mädchen intimen Verkehr gehabt, aber es ist erfunden, daß sie von mir schwanger sei. Ich kenne noch mehrere, die ebenfalls damals das Mädchen gehabt haben. Es ist unrichtig, daß ich in diesem Fall aus den dienstlichen Gang der Untersuchung eingewirkt habe oder wollte. Auf weiteres Befragen bestätigt der Zeuge, daß nach Bekanntwerden dieser Geschichte seine sofortige Suspendierung veranlaßt wurde; er kam ins elektrische Wert Frau Schapiro bekundet: Es kommt häufig vor, daß den mit Geldstrafen belegten Mädchen das Geld meinerseits gegeben umrde, um die Mädchen vor dem Odium der Haft zu bewahren. Ob auch das in dem vorliegenden Falle geschah, weiß die Zeugin nicht be- stimmt, sie glaubt eS nicht. ES wurde bei jedem Mädchen so ver- fahren, das darum ersuchte. Auf keinen Fall geschah eS, daß Bruder mit jenen Mädchen zu Um hatte. Die Mittel stehen der Assistentin aus fremden Zuwendungen zur Verfügung, teilweise hat sie auch aus ihrer eigenen Tasche solche Geldstrafen bezahlt. Beigeordneter Berndt bekundet, daß er den Bruder sofork, als er die Geschichte hörte, in das Elektrizitätswerk versetzte. Ein Mann, der ein Verhältnis mit einem Mädchen hat, das in dieser Weise die Oeffentlichkcit beschäftigt, hielt der Zeuge nicht mehr für ge eignet, in der Polizei tätig zu sein. Schuiimann Schenk sagt aus, daß das Mädchen die Strafe wegen Ucbertrctung selbst bezahlt hat. Daß man Frau Schapiro I de ivn och mit der Sache in Verbindung brachte, dafür gibt der Zeuge Nach seiner Feststellung hatte das Mädchen soviel Geld bei sich. Das Mädchen sagte, cS habe nur 1,80 Mk. bei sich, wenn die Strafe höher als eine Mark wäre, so würde Frau Schapiro gewiß einspringen. Er hätte darauf bei der Assistentin telcphonisch angefragt, die bestätigte, daß sie eventuell dazu be- reit sei. Im weiteren Verlauf der Nachmittagssitzung wird unter AuS- schluß der Oeffentlichkeit übev den Fall der jetzt 19jährigen Antonie Sattger verhandelt. Die Sattger, die angeblich nach Luxemburg gegangen war, um sich der Zeugenschaft zu entziehen, war heute erschienen. Sie hat in einem Brief an da» Gericht neuerlich un- gcheuerliche Beschuldigungen gegen Frau Schapiro erhoben. In diesem Falle soll es sich um eine Verletzung der Geschlechtsehre deS Mädchens durch Frau Schapiro handeln. Die Verhandlung geht morgen weiter. Einfuhrzölle!. Ausfuhrzölle.. Küstenhandelszölle Opium-Likin.. 1907 1908 1909 1910 14 879 247 13134 609 14 084 730 14 087 232 9 464 048 10 983 486 12 336 076 13 128 036 1 708 982 1 860 008 2 010 600 2123 793 4 370 877 3 870 422 3 906 906 2 839 023 Die beträchtliche Vermehrung der aus dem Ausfuhrhandel ge- zogenen Zolleinnahmen deutet auf die fortwährende Steigerung des chinesischen Exports. Der Wert der Ausfuhr erhöhte sich in den Jahren 1906 bis 1910 von 227,89 Millionen Taels auf 380,33 Mill. Taels. Vom Gesamtexport gingen im Jahre 1910 nach dem euro- päischen Kontinent Waren im Werte von etwa 90 Millionen Taels, nach Japan im Wert von 01,00 Millionen Taels und nach der nord- amerikanischen Union für 32,29 Millionen Taels. Die Ausfuhr der beiden wichtigsten Exportwaren, Tee und Seide, entwickelte sich in den Jahren 1907 bis 1910 in Pikuls, gleich 00,46 Kilogramm, wie folgt: 1907 1903 1909 1910 Teeausfuhr.. 1010 126 1 670 130 1 493 443 1 800 800 Seidenausfuhr. 200439 264 080 260 053 806 383 Was insbesondere den d e u t s ch e n H a n d e l mit China be« trifft, so hatte die deutsche Einfuhr nach China im Jahre 1910 einen Wert von 21,37 Millionen Taels, während sich der Export chtiienscher Waren nach Deutschland auf 13,34 Millionen Taels be- lief. Der Gesamthandel der beiden genannten Länder hatte somit im vorletzten Jahre einen Gesamtwert von 34,71 Millionen Taels, in deutscher Währung von etwa 96 Millionen Mark. Für die Ent- Wickelung des chinesischen Seeverkehrs stehen die Verkehrsziffern aus den 47 Häfen zur Verfügung, die vor Ausbruch der Revolution dem Verkehr mit dem Auslande geöffnet waren. Soweit der Schiffs» verkehr Chinas über die geöffneten Häfen geschieht, gestaltete er sich in den letzten vier Jahren folgendermaßen: 1907 1908 1909 1910 Zahl der Schiffe. 217 932 207 605 208 610 219 810 Register-Tons.. 80 109 424 33 991 289 80 771 809 83 770 089 Die deutsche Flagge war an dem Schiffsverkehr in den ge« öffneten Häfen im Jahre 1910 mit 6301 Schiffen oder 7,00 Millionen Register-Tons beteiligt. Alle genannten Ziffern zeigen, daß China in den jüngsten Jahren eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs er- lebt hat._ Hua der fraucnbcwecfung* StaatSzugehSrigkeit der Ehefrau. Der Bund deutscher Frauen« vereine hat dem Reichstage eine Petition zum Gesetz betreffend die Staatszugehörigkeit eingereicht. Es wird darin der Wunsch aus« gesprochen, daß die Ehefrau zwar die jeweilige Staatsangehörigkeit des Mannes teile, ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit aber trotz» dem beibehalte oder, als zweite Eventualität, daß die Ehefrau allein und frei darüber zu verfügen habe, ob sie ihre alte Staatsangehörig« keit bezw. die Slaatslosigkeit des Mannes annehmen wolle. Leseabende. Niederschöneweide. Dienstag, den 26. d. MtS., abends 8'/, Uhr, beim Genossen Bcngsch. Britzer Str. 17: Vortrag deS Reichs« tagsabgeordneten Davidsohn. Britz- Buckow. Mittwoch, den 20. Juni, abends'/a9 Uhr, bei Wcychta, Bürgerstr. 4: Frauen-Leseabend. Vortrag der Genossin Frau E. Röhl über„Schundliteratur'. Diskusston. Ver- schiedeneS. Tempelhof. Der Frauen-Leseabend findet diese Woche nicht statt. Bug Industrie und Hände!. Finanzen und Handel Chinas. Bei den Verhandlungen des SechsmächiekonsortiumS mit China über die große Anleihe von 00 Millionen Pfund Sterling hat der chinesische Finaiizininister stolz erklärt, er� werde eine Anleihe im eigenen Lande aufnehmen, falls die auswärtige Bankengruppe das Darlehn nicht zu annehmbaren Bedingungen gewähre. Eine Würdi- gung der chinesischen Finanzen zeigt aber leicht, daß die Durch- sührung dieser Ankündigung nicht möglich wäre. Durch das Etats- gesey' vom Okiober 1910 wurden die Staatseinnahmen für das Jahr 1911 auf 297 Millionen Taels und die Ausgaben auf 351 Millionen Taels veranschlagt. In deutsche Währung umgerechnet sollten sich damit die Einnahmen aus etwa 820 Millionen Mark und die Ausgaben auf etwa 970 Millionen Mark belaufen. Selbst nach dem Voranschlag ergibt sich somit eine Unterbilanz von 160 Millionen Mark. Nun gibt es aber für die chinesische Finanzverwaltung nur eine einzige sichere Einnahmequelle, die See- zollverwaltung. deren verhältnismäßig noch geringen Beträge sich seit dem Tiefstand des Jahres 1908 recht günstig entwickelt und trotz der Wirren des vergangenen Jahres auf relativ beträchtlicher Höhe gehalten haben. Die Z o l l ei n n a h m e n, die aber schon zum größten Teil für frühere Schulden verpfändet sind, bezifferten sich in, Jahre 1908 auf 32,90 Millionen TaelS, 1909 auf 36,64 Millionen, 1910 auf 36,57 Millionen und 1911 auf 30,13 Millionen TaelS. In den Jahre» 1907 bis 1910 gestalteten sich die wesentlichsten Positionen der Seezolleinnahmen Chinas in Haikuan-Taels, das ist 2,70 SU-, wie folgt: Hus aller Gleit« Unter Kavalieren. Zwischen dem Berliner Unionklub und dem Hamburger Renn« klub ist eine Fehde ausgebrochen. Die Ursache dieses erschröcklichen Ereignisses liegt in der Ausweisung des früheren Berliner Herren- reiterS Grafen Walter v. König smarck von der Hamburger Rennbahn. Königsmarck hatte am Sonntag auf der Rennbahn den Anordnungen eines Beamten des Rennklubs nicht Folge geleistet. Der widerspenstige Graf wurde deshalb auf Anordnung des Vor- standeS des Nennklubs durch einen uniformierten Schutzmann von der Tribüne gewiesen. Der in seinem Standes. bewußtsein schwer gekränkte Graf v. KönigSmarck ließ durch Ver« Mittelung des M a j o r S v o n G o ß l e r den Vorstand des Renn- klubs um Rücknahme der gegen ihn getroffenen Maßnahmen er-- suchen, was jedoch abgelehnt wurde. Daraufhin ließ v. Königs« marck durch den Major v. Goßler alle Herren deS Vorstandes zum Duell fordern. Der Berliner Um'onklub hat sich auf die Seite seines Mitgliedes v. Königsmarck gestellt und das Vorgehen des Vorstandes des Hamburger RennklubS scharf verurteilt. Das kann ja eine schöne Schießerei werden. Um die Sache schneller abzuwickeln, dürfte sich die Zuhilfenahme eines Maschinen« gewehrs empfehlen!_ Unglücksfahrt des Ballons„Danzig". Der Ballon„Danzig", der am Sonntag auf dem Gelände der Danziger Gasanstalt zu einer Fahrt aufgestiegen war. wurde infolge eines plötzlichen Windstoßes gegen ein Haus getrieben. Hierbei wurde der Führer deS Ballons, Arzt Dr. Schucht, der Schriftführer des westpreußischen Vereins für Luftschiffahrt, aug dem Korbe geschlendert und war sofort tot. Der Ballon wurde dann weiter getrieben der Mottlau zu. Der Student H a s s e l b a ch, der die Führung übernommen hatte, riß nunmehr die Reißleine, der Ballon ging herunter und Hassel» bach sowie Professor Foettinger sprangen, ohne verletzt zu werden. ins Wasser. Eine mitfahrende Dame erlitt geringe Ver« letzungen._ Typhnsepidemie im Ruhrrevier. In den Ruhrortschaften Witten und Bommern grassiert seit einigen Togen eine TyphnSepidemie, die trotz strenger behörd« licherseits getroffenen Maßnahmen in der Ausdehnung be« griffen ist. In Bommern wurden bisher ungefähr 50 Er- kranlungen festgestellt. In Witten liegen zirka 30 Personen uiitcr schweren typhösen Erscheinungen danieder. Nach den Symptomen der beobachteten Krankheitsfälle scheint eS sich um Paratyphus zu handeln. Die Epidemie soll durch infizierte Milch hervorgerufen worden sein._ Die Hitze in Spanien. Seit einigen Tagen herrscht in Spanien eine außerordentliche Hitze, die schon mehrere Opfer gefordert hat. In Sevilla erreichte das Thermometer gestern 63 Grad in der Sonne. Die umliegenden Waldungen sind in Brand geraten, wodurch ungeheuerer Schaden angerichtet worden ist. In Bilbao sind infolge der großen Hitze 20 Personen gestorben. In Barcelona fürchtet man den Ausbruch der Cholera. Die Behörden haben alle Wohiumgen desinfizieren lassen, um ein Ausbreiten der Seuche m verhindern. In den Niagara gestürzt. Ein schweres Unglück hat sich am Sonntag hei Grand I s land am Niagara zugetragen. Eine Gesellschaft von Ausflüglern wartete auf der Landungsbrücke auf die Ankunft eines Dampfers, der sie nach Buffalo bringen sollte. Die Brücke hielt der Belastung nicht stand und brach zusammen. Dabei find etwa ISO Personen ins Wasser gestürzt, wovon IS bis 20 ertranken. Raubanfall im Eisenbahnzuge. Wie aus C a e n gemeldet wird, wurde der Leiter einer Pariser Beerdigungsanstalt. H. de Borniol, in der Nähe von Mözi d o n auf dem Bahndamm mit lebensgefährlichen Per letzungen aufgefunden. Man glaubte anfänglich, dasi ein Unfall vorliege, doch ergaben die Nachforschungen, dag Borniol in dem Schnellzuge Paris— Caen wahrscheinlich von zwei Eisenbahnräubern überfallen, seiner Börse und seiner Uhr beraubt und aus den Bahndamm geworfen wurde. Rebellische Bäckermeister. Die Bäcker von Toulouse richteten an die Bevölkerung einen Aufruf, in welchem sie anlündigten, daß sie, falls ihre infolge der Getreide- und Mehlteucrung unternomnienen Schritte erfolglos bleiben sollten, von Montag ab ihre Backöfen den Behörden zur Verfügung stellen, damit diese selbst für die 150 000 Bewohner von Toulouse das erforderliche Brot liefern. Kleine Notizen. Explosion in einem Kalischacht. Auf der Kalischachtanlage in Nippa bei Hersfeld wurde durch einen zu spät losgegangenen Kprcngschusi ein Arbeiter getötet und vier schwer verletzt. Das leidige Schaukeln. Während einer Kahnfahrt auf dem Freienwalder Kanal kenterte durch Schaukeln ein mit drei Personen besetztes Boot. Ein 17jähriger Schlosserlehrling Mehlmann aus Freienwalde und sein 12jähriger Bruder Flößholz und ertranken. Der dritte Insasse, gerieten unter I.?.«n neun- jähriger Knabe, konnte gerettet werden. Selbstmord eines Generalmajors. In Stettin hat sich in der Nacht zum Sonntag der Generalmajor z. D. Magnus B i r n- bäum erschoflen. Birnbaum soll den Selbstmord in einem A n- fall von Geistesstörung verübt haben. Der Vikar als Kinderfreund. In der luxemburgischen Ortschaft E s ch ist dieser Tage der Vikar Braun von der Gendarmerie festgenommen worden. Der Seelenhirt soll sich an s ch u l p f l i ch- tigen Mädchen vergangen haben. Explosion einer Lokomotive. Wie aus Angers gemeldet wird, explodierte bei F o r g e s am Sonnabendabend die Lokomotive eines Güterzuges. Der Lokomotivführer und der Heizer haben dabei den Tod gefunden. Verlamznlungen. Der Zentralverband der Maschinisten und Heizer hielt am Sonntag im großen Saale des Gewerkschaftshauses eine kom- dinierte Mitgliederversammlung der Zahlstellen Berlin, Char- lottenburg, Friedrichshagen, Herzfelde, Kalkberge, Köpenick, Königs- Wusterhausen, Körbiskrug, Nowawes, Oberschöneweide, Spandau und Velten ab, in der als wichtigster Punkt: Zusammen- schluß der Zahl st eilen zu einer Geschäfts st elle Groß-Berlin auf der Tagesordnung stand. Der Wunsch, der gegenwärtig noch im einheitlichen Wirtschaftsgebiet von Groß- Berlin bestehenden Zersplitterung in verschiedene Zahlstellen ein Ende zu machen und eine gemeinsame Zahlstelle oder Geschäfts- telle zu schaffen, ist namentlich in Berlin schon seit einer Reihe von Jahren immer stärker hervorgetreten. Nun hat der Münchener Verbandstag bekanntlich im Jnterefle einer Weitercntwickelung des Verbandes einen Beschluß gefaßt, wonach benachbarte Zahl- bellen sich zusammenschließen sollen und dort, wo es notwendig ist, eine Geschäftsstelle mit einem besoldeten Angestellten geschaffen werden soll. Es liegt also setzt um so mehr Grund vor, den Jim sammenschluß auch für Berlin und die umliegenden Orte durch- zuführen. Der Vorsitzende Scheffel legte im einzelnen dar, wie die gemeinsame Geschäftsstelle Groß-Berlin sich gestalten wird, mit einer zentralen Verwaltung, mit einer Bezirkseinteilung, ent- sprechend den verschiedenen Orten, und Bezirksführern, die zugleich Mitglieder des Vorstandes der Geschäftsstelle sein sollen. Der Verbandstag in München hat zwar dem Verbandsvorstand das Recht gegeben, den notwendigen Zusammenschluß unter Umständen auch gegen den Willen der einen oder anderen Zahlstelle durchzw- führen, zedoch wird man, wie der Redner betonte, vor allem danach trachten, durch die Macht der Gründe die betreffenden Zahlstellen zu überzeugen und irgendwelchen Zwang zu vermeiden. Der Redner führte zum Schluß aus, daß der Zusammenschluß sehr viel zur Kräftigung der Organisation im wirtschaftlichen Kampf beitragen werde.— In der sehr regen Debatte sprachen sich Mit- glieder aus allen vertretenen Zahlstellen für den Zusammenschluß aus, mit Ausnahme der Charlottenburger, die in ihrer Mehrheit noch nicht dafür zu haben sind. Es wurde sodann beschloffen, eine Kommission von 15 Vertretern der verschiedenen Zahlstellen wählen zu lassen, die über den Zusammenschluß beraten und Vorschläge dazu ausarbeiten soll. Die Wahl der Vertreter soll in den ein- zelnen Zahlstellen vorgenommen werden.— Im übrigen wurden in der Versammlung die Ergänzungswahlen zum Verbandsvorstand und zur Preßkommission vollzogen. Gewählt wurden in den Ver- bandsvorstand: Eichmann, Zaspel, Noak, Tiede und, als Ersatzmann, Krön; in die Preßkommisfion: Ramm, Hesse, Mühle, Timm und, als Ersatzmann, Jakob. Zentral-zkranken- und Begräbniskaffc fürFraue« und Mädchen in Deutschland iE. H. 26), Offenbaih a. M. Verwaltungsstelle Berlin I. Dienstag. 25. Juni, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschastshause, Engeluser 15, Saal 3: Außerordentliche Haupwersammlung. Beiträge werden in der Ver» sammlung entgegengenommen. Die Ottsverwattnng. Wetterprognose für DienStag, den 25. Juni 1912. StwaS lühler, zeitweise heiter, aber veränderlich mit leichten Regen- fällen und mäßigen, südwestlichen Winden. Todes-Anzeigen SozialdeniokratischerWalilrerein Wilmersdorf. Am 22. Juni ist unser Mitglied, der Maurer Hsu>8 Horas im Alter von 21 Jahren verstorben. Wir werden dem Dahin- geschiedenen ein ehrendes An- denken bewahren. Die Beerdigung findet heute DienStag, den 25. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des Grunewald-ZdirchhofeS (Halensce, Bornstädter Straße) aus statt. 202/8 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Deutseder Bauarbeiter-Verband. Zweigverein Berlin. Am Sonnabend, den 22. Juni. verstarb im Alter von 21 Jahren unser Mitglied, der Maurer ßfsns Horas (Bezirk Charlottenburg). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 25. Juni, nach mittags 4 Uhr, von der Halle des Grunewald- Kirchhofes in Halens«, Bornstädter Straße, aus statt. l40/S Der Borstand. Deutseher Bauarbeiter-Verband Zwcievcreln Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß am 22. Juni unser Mt- glied, der Maurer �uxust �etscder Bezirk Neukölln an Herzschlag verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 26. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des GcmcindesricdhoscS Neu- kölln, Mariendorscr Weg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 140/1 l Der Vorstand. Deutseher Holzarbeiter-Verband| Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht,| daß unser Kollege, der Tischler friedrick Aegerter| Weißensee, Scdanstr. 96 im Alter von 44 Jahren ge- storben ist. Ehre seinem Aiidcnkrn! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 25. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des Weißcnsecr Gemcindcsriedhofes in der Nöllkcstraßc aus statt. Um rege Beteiligung ersucht �>5/17 Dio Orlsverwaltung. Am Sonntag, den 23. Jum, verschied nach langem, schwerem Leiden mein lieber Mann und guter Vater, der Maurerpolier Auxust Krüger im Alter von 62 Jahren. llle trauernden Hinterbliebenen. 00_, Marie Krüger 2-306 unij Tochter Charlotte. Die Beerdigung findet Mittwoch- nachm. 5 Uhr von der Halle der Fricdbosskapclle der Gethsemane- gemeinde in Nordend aus statt. Oeulsclies Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen»uc Nachricht, daß unser Mitglied, der Klempner Robert Galinovski Sklalitzer Str. 142 am 28. d. M. an SpciseröhrenkrebS gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 26. Juni, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle deS Zeiilral-FriedhoseS in Friedrichs- selde aus statt. Rege Beteiligung erwartet 119/18 Die OrtSverwaltnng. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und meines guten VaterS, des SterothpeurS Theodor Weyland sagen wir allen Verwandten, Be- kannten und Freunden, insbesondere dem Gesangverein.Gesundbrunner Harmonie- sür den erhebenden Gesang am Grabe deS Entschlafenen sowie dem Verein der Slercotypcure und Galvanoplastiker Berlins und Um gegcnd, dem Sozialdemokratischen Wablverein s. d. 6. Berl. Reichstags- wahllreis, den Genossinnen u. Genossen vom 827. Bezirk vorgenannten Wahl Vereins, dem ZeilungSpersonal deS .Vorwärts-, dem Verein d. Kolonisten von Klein-Wcrder, dem Deutschen Zigarrenhändlerbund u. der Bezirks gruvpe Gesundbrunnen des Deutschen ZigarrenhändlerbundeS unseren herz- Uchsten Dank. 22296 Witwe Helene Weyland nebst Sohn. pollmantid t�Sandagen OeltbSft, nebft Hrtihcl zur Gesundheits- u. Krankenpflege Verbandstoffe, Gummiwaren etc. Berlin Bt., Lothringer Str. 60. Lielerant für Krankenkassen Eigene Werlstatt. �»tempelfabrik Robert Hecht, lnh.:AlIr. Schneller Berlin S. 42, Ritterstr. 114. liefert schnell und billig alle Arten Stempel in bester Aussührung. Ziehung schon 3.-5. lull.»--- L Große otierie des Deutechon Lyceum-Clubs 8420 Gewinno W. Bark SßOOOß I 30000 I 10000 ! nco i 1 M 11 Lose 10 m- LUuC a 1 III. Porto u. Liste 25 Pf. 0» Bräuer i Co. Ul. AndrcaftstraBe 40 a. Sozialdemokratischer Wahlverein des 4. Berliner Beiohstags- Wahlkreises. Dienstag, den 25. Inni, abends pünktlich 8'/- Uhr, in den„Kankardia-Sälen", Avdreasstr. 64: Außerordentliche General- Uersammlung. Tagesordnung: 1. Beratung und Beschlußfassung über den Entwurf der Aussührungsbestimmungen deS Wahlregulativs und Anträge. 2. Beratung unO Beschlußfassung über Anstellung eines dritten Angestellten und Anträge. 3. Vereinsangelegcnheiten. � 217/11*___ ear Mitgliedsbuch legitimiert-»g____ Per Tomtand. �«•höneberg. SozialdemokratiklKr NaWerein. Dienstag, de« 25. J««i 1912. abeudS 8 Uhr, i» de« IVenen Rathaaas&len, Meininger Straste Nr. 0t Mitglitder-VerslimmlllW. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Buhl über:»Die deutsche Arbeiter» bcwcgung-. DiSlusfion. 2. DaS Stistungssest. 3. Parteisragen. Verschiedenes. 15/16 Am Sonntag, de« 7. Juli, findet in den Neuen RathauSsälen. Meininger Straße 8, da« 23. StiftnngSkeft de« Wahwerem« statt. Konzert— Gesang— Berliner Ulk-Trio— Reigensahren— Fackelzug. Die Mitglieder des Wahlverein» wollen zu allen Veranstaltungen zahl- reich und pünktlich erscheinen. Die vorhergehende schwachen BesucheS wegen aussallen. mußte deS orstaod. Zentralverband der Schmiede. tKahliitclle Berlin. Bureau und Arbeitsnachweis: Linienstr. 73. Telephon: Amt Norden 9714. Donnerstag, de» 27. Ju«i 1912, abends 8'/, Uhr, im Lokal von Boeker, Weberstraße 17: Aiißnori>e>>tliiht Gkiiniil-Ntchwmlmig. Tagesordnung: 1. Berichterstattung vom VerbandStag. 2. Anträge und Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne MitgliedSbnch keine» Zntrttt. Kollegen! Der VerbandStag in Düsseldorf hat sür unsere Organisation außerordentlich wichtige Beschlüsse gefaßt und ist eS deshalb notwendig, daß sämtliche Mitglieder zu dieser Versammlung erscheinen. 176/18 Tie Ortsverwaltung. EILE wird der grösste Teil der Wege wiröck- gelegt. Gerade deshalb empfiehlt«ch der Gebrauch der Continental Gummi- Absätze. Angenehm weicher, elastischer Gang. Erschütterungen vormindert. 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Bürsten- und Pinselmacher Berlins abends S1!, Uhr, im Lokal Prcuft, Holzmarttstr. KS. Tagesordnung: l. Vortrag über:»Die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Bürftenfabrikation«. Rcjerent: Kollege Erhard Wallauer auS Nürnberg. 2. Branchenangelcgenheiten. Bodenleger abends 8 Uhr bei Boeker. Weberstr. 17. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen A n t o n R a-i t h, München. 2. Branchen- angelcgenheiten._ Stellmacher abends 8';, Uhr im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Str. 11/1S. Geffentliek politische Versammlungen. Tagesordnung: 1. Vortrag(ein auswärtiger Kollege wird reserieren). angelegenheiten._ Branchcn- Sitzmöbel-Srauche Kerlius und der Vororte abends 8 Ubr im Märkische« Hof, Admiralftrast« 18o. Tagesordnung: 1. Unsere Branchenverhältnisse in den verschiedenen Gauen Deutschlands. (BerbandStagsdelegierte werden referieren.) 2. Branchenangelegenheiten. Tklephonbroacht und photographischen Apparate usv. Berlins und Bororte abends 8-,', Uhr im Englische« Garte», Alexanderstr. S7r. II. 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Juli 1912 au den Genossen W. KcUcrmann, Jüchoe, Holzkamp 33, einzureichen. Ter Vorstand. I. A.: Karl Lementzow. Nr. 145. 29. Jahrgang. 3, Ifiliijt ks Jonrörtf Kerlim WksIilM. Dienstag, 25. Inn! tSt2. Partei-?Znge!egenkeiten. Fünfter Wahlkreis, Abteilung In. Heute abend S'/z Uhr: Ver» sammlung in den.UnionS-Fe�älen". Greifswalder Str. 222. Der Abteilungsführer._ 6. Wahlkreis. Das Ergebnis der am Sonntag stattgefundenen Wahl eines dritten Angestellten ist folgendes: Es wurden 4927 Stimmzettel abgegeben. Davon erhielten Genosse Frank 2851, Genosse Joseph 2996 Stimmen. 79 Stimmen waren ungültig. Damit ist Genosse Frank zum dritten Ange- stellten gewählt._ Karlshorst. Heute abend 8'/, Uhr, im Restaurant„Fürstenbad', Inhaber Bartels: Generalversammlung. 1. Bericht und Neuwahl der Bezirksleitung. 2. Stellungnahme zur Kreisgeneralversammlung und zum Parteitag. Die Bezirksleitung. Hohen-Schönhausrn. Heute, Dienstagabend 8'/, Uhr. findet die Generalversammlung des Bezirks statt im Lokale vom Genossen Reyher, Berliner Str. SS. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Potsdam. Am Mittwoch findet auf dem Versammlungsplatz der sozialdemokratischen Partei in der Behlertstr. 16 eine große öffentliche Versammlung für Männer und Frauen statt, in der Reichstags- abgeordneter Scheidemann über die Staatslunst des Herrn v. Bethmann Hollweg sprechen wird. berliner Nacbnchtcn. Groß-Berliner Zweckverbands-Bersammlung. Die Mitglieder der Groß-Berliner Zweckverbands-Ver- sammlung waren gestern zu einer Sitzung zusammen- berufen worden. Auf der Tagesordnung standen unter anderem die Wahlen der oberen Beamten des Verbandes, eines juristischen Beistandes, eines Verkehrstechnikers und vor allem eines Städtebauers, dessen Unentbehrlichkeit inzwischen auch der Verbandsausschufi erkannt hat. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab der Vorsitzende, Oberbürgermeister Kirschner-Berlin, dem Verbands- direktor Steiniger das Wort zu einer Mitteilung über seine Audienzen beim Kaiser. Herr Steiniger zeigte sich sehr dadurch beglückt, datz„Seine Majestät die Gnade gehabt habe", ihn in einer Privataudienz zu emp- fangen. Er hob hervor, wie sehr dabei„das ganz besondere Interesse Seiner Majestät an den Arbeiten des Zweckver- bandes" zum Ausdruck gekommen sei. In einer zweiten Audienz,-r>n der außer Herrn Steiniger der Oberpräsidialrat Graf Roedern und Vertreter des Landwirtschaftsministeriums teilnahmen, sei hauptsächlich die Frage des Wald- und Wiesengürtels erörtert worden. Jeden Groß-Berliner habe es mit besonderer Freude erfüllen müssen, zu vernehmen, mit welcher„wirklich landesväterlichen Für- sorge" der Kaiser für die Erhaltung der Wälder eingetreten sei. Zu irgendwelchen abschließenden Ergebnissen habe man aber selbstverständlich noch nicht konimen können. Da weder über die zu erhaltenden Flächen noch über die zu zahlenden Preise eine maßgebende Beschlußfassung des Zweckverbandes vorlag, so habe auch die Staatsregierung noch nichts Endgültiges über die Preise sagen können. Der Verbandsausschuß habe dann schleunigst ver- sucht, Ermittelungen darüber anzustellen, was an Freiflächen erhalten werden müßte. Vorschläge könne er aber der Ver- bandsversanimlung noch nicht machen. Um aber nicht wieder zu den„M ä n n e r n der verpaßten Gelegenheit" gezählt zu werden, habe der Ausschuß die Mitglieder der Ver- bandsversammlung zu Waldbesichtigungen eingeladen. Be- züglich des Preises sei nur das sicher, daß von der Hergabe von 178 Millionen Mark, wie ursprünglich ange- deutet wurde, gar nicht die Rede sein könne. Es wurde dann in die Tagesordnung eingetreten. Die Wahlprüfungskommission, über deren Beschlüsse Stadtrat Na m s l a u- Berlin berichtete, empfahl, sämtliche Wahlen für gültig zu erklären. Ohne Debatte beschloß die Versammlung so. Der Verbandsausschuß beantragte Beschlußfassung über die WabrnehmungvonNechtenund Erfüllung von Pflichten des Verbandes nach 8 4 Abs. 3 des Verbandsgesetzes. Tarin wird bestimmt, daß mit Jnkraft- treten des Gesetzes die Rechte und Pflichten, die den Ge- meinden und Kreisen des Verbandsgebietes bezüglich pri- vater Verkehrsunternehmungen— z. B. der Straßenbahnen— zustehen, auf den Verband über- geben, der dann die Gemeinden und Kreise dafür zu ent- schädigen hat. Der Verbandsausschuß schlug vor, es solle vor- behaltlich der endgültigen Beschlußfassung über das gesamte Rechtsverhältnis bis auf weiteres noch Zahlung andieGe mein den erfolgen und die Erfüllung der dem Verbände obliegenden Pflichten durch die Gemeinden stattfinden. Verbaudsdirektor Steiniger empfahl, dem vom Ver- ' bandsausschuß geschaffenen Provisorium zuzustimmen. Bis- her sei die Prüfung der gesamten Verträge bis in alle Einzel- Helten noch nicht möglich gewesen, dazu fehle noch die juristische Hilfskraft. Die Versammlung beschloß ohne Debatte die G e- n e h m i g u n g. Zur Wahl von drei oberen Verbands- beamten führte Verbaudsdirektor Steiniger aus, daß für den Juristen das Gehalt der Berliner Stadträte, für den Städtebauer und für den Verkehrstechniker ein Anfangs- gehalt von 15 999 M. und nach drei Jahren das Endgehalt von 18 999 M. festgesetzt sei. Zahlreiche Meldungen seien eingegangen. 198 für den Posten des Juristen, 35 für den Posten des Eitädtebauers, über 59 für xm Posten des Vcr- kchrstechnikers. Die Listen habe man geHeini halten müssen(Zuruf: Aber nickl vor uns!), de7 Ausschuß habe auch seine eigenen Vorschläge der Versammlung nicht im voraus bekanntgeben zu dürfen gemeint. Am dringlichsten sei die Wahl des Städtebauers und des Juristen. Aus den Städte- b a u e r warte schon manche Gemeinde, die neue Bebauungs- Pläne aufzustellen habe. Durch den Juristen hoffe er selber, der Verbandsdirektor, entlastet zu werden. Weniger dringlich sei im Augenblick der Verkehrsingcnieur. Bevor die Versammlung die Vorschläge des Ausschusses entgegennahm und in eine Debatte über die von ihm emp- fohlenen Kandidaten eintrat, beschloß sie auf Antrag des Vorsitzenden, Oberbürgermeister Kirschner, die Oeffent- lichkeit auszuschließen. Auch die Debatte über die Notwendigkeit dieses Beschlusses mußte unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt werden. Nach Erörterungen von reichlich anderthalbstündiger Dauer enrschied die Verlammlung, daß nurdieWayldes Städtebauerssofort zu vollziehen sei. Auch während des Wahlaktes blieb noch die Oeff-:ntlichkeit ausgeschlossen. Nachdem dann die Oeffentlichkeit wiederhergestellt worden war, verkündete der Vorsitzende das Wahlergebnis. Von 92 abgegebenen Stimmen waren 89 gültig, und hiervon fielen 74 auf den S t a d t b a u r a t K i e h l- Neukölln, der somit gewählt war. Von den übrigen Stimmen fielen 5 auf den Beigeordneten Rehorst-Köln, 4 auf den Architekten Jansen, 1 auf den Regierungsbaumeister Kritzner und— 5 auf Kom- merzienrat Haberland. Die Wahlen des Verkehrstechnikers und des I u r i st e n sollen durch einen besonderen Ausschuß vorbereitet werden, der sofort eingesetzt wurde und mit seiner Arbeit rasch fertig zu werden hofft. Auf der Tagesordnung stand noch die Beschlußfassung über die Geschäftsordnung, die von der Geschäfts- ordnungskommission vorgeschlagen wurde. Wegen vorge- rückter Zeit wurde die Entgegennahme ihres Berichtes und die Beschlußfassung auf die nächste Sitzung vertagt. erlitten. Nur mit Mühes gelang es, den Bahnhofsvorsteher zu be- freien, da er direkt unter die Räder geraten war. Dem bedauerns- werten Beamten war der Kopf und die Brust zerquetscht und der linke Arm glatt vom Körper getrennt worden. Trotz dieser furcht- baren Verletzungen gab der Verunglückte noch Lebenszeichen von sich. Er wurde nach dem Krankenhause Westend geschafft, verstarb jedoch bereis auf dem TrajSport dorthin. Der erste richtige Sommersonntag nach Pfingsten hatte halb Berlin entvölkert. Er übertraf fast die Feiertagszeiten und brachte alles was laufen konnte, auf die Beine. Jeder wollte das durch die Ungunst der Witterung stark vergällte Maienfest gründlich nachholen. Aber so schnell traute der Berliner dem Frieden nicht. Hatte die anhaltende Regen- und Kälteperiode nun wirklich ein Ende? Der Umschwung kam zu überraschend, und noch am Sonntag früh zwitscherten die tieffliegenden Schwalben so verdächtig, ein Beweis, daß man diesen alten Wetterpropheten auch nicht mehr recht glauben kann. Die sorgfältig das Barometer studiert und sein auf- fallendes Steigen beobachtet hatten, waren bester Hoffnung, zogen schon am Sonnabend abend oder am Sonn- tag mit kaum aufgegangener Sonne zu den Stadt- toren hinaus. Aber gegen Mittag, als es wirklich schön zu bleiben und auch nicht zu gewittern schien, entwickelte sich ein Riescnverkchr, wie man ihn eben nur in der Millionenstadt an solchen Tagen sieht. Küche und Keller schienen überall gut versorgt. Nicht so klappte es stellenweise im Verkehr. Es sah so aus, als ob Freund Fiskus nicht damit gerechnet hatte, daß es auch mal nicht am Sonntag regnen könne. Was draußen gewesen war in Feld und Wald, überschaute man erst auf der Rückfahrt. Der Ansturm zu den Bahnsteigen der besuchtesten Ausflugs- punkte war beängstigend. So blieben auf der Strecke nach Erkner Tausende lange Zeit liegen, ehe an ein Mitkommen zu denken war. Auch das nütternächtige Berlin zeigte ein ungewohntes Bild. Noch bis in die ersten Morgenstunden der prächtigen Sommernacht hinein wurden die» Straßen nicht leer, es wimmelte von Ausflüglern, die zum Abschluß noch ein bissel nachtschwärmten, wie am Tage. Und was das Beste ist: das gute Wetter hält offenbar. Zeit wird's auch. Bestätigung der Wahl des Oberbürgermeisters. Der König hat durch Erlaß vom IS. Juni die Wihl des Staatssekretärs a. D. Mermuth, zum Ersten Bürgermeister von Berlin bestätigt unter gleichzeitiger Verleihung des Titels Oberbürgermeister. Die Zahl der neuen Strahenwaschmaschinen ist seit ihrer Ein- führung ständig vermehrt worden. Gegenwärtig sind 24 im Be- trieb. Die Zahl der zur Verwendung gelangenden pferdebespanntcn Mtaschmaschinen beträgt nur noch 10. Die Straßenreinigungsdcputation beabsichtigt die Neubeschaf- fung von IL weiteren Stratzenwaschmaschinen mit elektrischem An- trieb und hat die Bewilligung der erforderlichen Mittel von rund 2L4 000 Mk. beantragt. Die Zustimmung der Stadtverordneten- Versammlung dürfte ohne weiteres erfolgen. Ein Eutschuldigungsschreiben hat der Oberbürgermeister nach Wien an den dortigen Volksbildungsverein gerichtet. Es hat fol- gendcn Wortlaut:„Gelegentlich der Anwesenheit der Berliner Gemeindevertreter in der Stadt Wien ist ein Besuch des Wiener Volksbildungsvereins angeregt worden, aber wegen Mangels an Zeit nicht ausgeführt worden. Ich unterlasse nicht, im Nanien der Beteiligten dem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, datz der Besuch unterbleiben mutzte. Es wäre uns eine große Freude ge- Wesen, einen Blick in die Organisation, die Veranstaltungen und die Ziele des Vereins tun zu können, aber die Zeit unseres Wiener Aufenthaltes gestattete uns leider nicht, eine Besichtigung alles dessen, was einer Besichtigung wert gewesen wäre, vorzunehmen. Kirschner." Bekanntlich hatten die christlich-sozialen Macher in der Wiener Gemeindevertretung es zu verhindern gewußt, datz die Berliner Stadtvertreter den von den Christlich-Sozialen so sehr verhaßten Bildungsverein einen Besuch abstatteten. Und die Berliner Ver- trctcr setzten tatsächlich die zum Empfange bereiten Leiter der Volksbildungsvcreine auf den Pfropfen. Ein eigenartiges Vermächtnis ist der Stadt Berlin gemacht werden. Der Major a. D., Vcrnxiltungsgcrichtsdirektor a. D. und Geh. Reqierungsrat Julian Elsner von Gronow hat in seinem Testament vom 12. November 1999, eröffnet am 17. September ISKX der Stadt Berlin 20 M. vernmcht mit folgender Bestim- mung: Das Kapital ist zinsbar anzulegen und geson- dert zu verwalten; die Zinsen aber sind so lange zum Kapital zu schlagen, bis dieses den Betrag der städtischen Schulden erreicht. Von diesem Zeitpunkte an dürfen die jährlichen Zinsen bis zur Hälfte verbraucht werden, während der Rest weiter zum Liapital zu schlagen ist. Die Zeit der Erfüllung hat Erblasser dem freien Belieben seiner als Erbin eingesetzten Ehefrau überlassen: das Vermächtnis soll aber späte- stens zwei Jahre nach deren Tode fällig sein. Der Magistrat hat beschlossen, die Zuwendung anzunehmen. Die Hoffnung des Erblassers, daß die Stadt Berlin durch die Zu- Wendung schuldenfrei werden wird, dürfte sich aber nicht erfüllen. Tödlicher Nnglücksf�Ä auf dem Bauhof Fiirstriibr»»«. Von einem Eisenbahnznge überfahren und getötet wurde am Sonntag der 4öjSb-ige Bahnhofsvorsteher Gustav«orenz von der Station Fürsienbrunn bei Spandau. Als wenige Minuten nach 6 Uhr abends der von Berlin kommende Vorortzug, der um EIS Uhr in Spandau eintrifft, von der Station Fürstenbrunn abgelassen worden war, be- merkte der diensttuende Bahnhofsvorsteher Lorenz, datz die Tür eines Abteils offen staad. Der Beamte sprang auf den in lang- samer Fahrt befindlichen Zug auf, um die Tür zu schließen. Dies gelang ihn, auch, beim Abspringen kam L. jedoch zu Fall und stürzte aus den Bahnkörper. Obwohl Vahnbeamte, die den Vorfall be- obachtet halten/ dem Lokomotivführer sofort Gesahrsignal gaben und der Zug auch in wenigen Sekunden zum» Stehen gebracht werden konnte, hatte der Verunglückte doch bereits furchtbare Verletzungen Zusammenstoß zwischen einem Dampfer und einem Motorisot. Ein schweres Unglück hat sich in der Nacht zum Sonntag aus dem W a n n s e e, unweit der Pfaueninsel, zugetragen. Wenige Minuten nach 11 Uhr stieß dort der Sierndampfer„Wannsee', der dicht besetzt war, mit dem Motorboot„Hans' aus Potsdam zu« samnien. Der Anprall war so heftig, datz das Motorboot sofort gespalten wurde. Die Insassen, 35 Personen, stürzten sämtlich inS Wasser. Auf dem Dampfer entstand«ine panikartig« Aufregung. die durch die Hilferufe der Verunglückten hervorgerufen wurde. Die Mannschaften des Dampfers und mehrere Fahrgäste stellten so- fort Rettungsversuche an. Stöcke. Schirme und Stangen wurden den Verunglückten entgegengestreckt, so datz sie sich daran festhalten konnten. Nach und nach konnten sie dann in den Dampfer gezogen werden. Nur ein Herr und eine Dame wurden nach Beendigung des Rettungswerks vermitzt. Ein inzwischen hinzugekommenes Motor- boot suchte die Unfallstelle nochmals genau ab, doch konnte niemand mehr gefunden werden. Die Ertrunkenen sind der Lehrer Wilhelm LepenieS aus der Joachim-Friedrich-Str. 7 in Halensee und die Apothekerswitwe Marie Kümmel, die in der Nürnberger Straße 4L wohnte. Die geretteten Personen wurden mit dem Stern« dampfer nach Potsdam befördert, wo sie in Hotels Unterkunft fanden. Einige Damen haben Nervenchoks erlitten. Auf dem Stern- dampfer, der von Gatow kam, befanden sich Schüler des Potsdamer Realgymnasiums mit ihren Eltern und Lehrern, die in Gatow an einem Sommerfest teilgenommen hatten. Auf dem Motorboot waren Mitglieder und Gäste der Wilmersdorfer Esperanto« g r u p p e. Die Schuld an dem Unglück ist noch nicht geklärt. Der Kapitän des Sterndampfers hat zweimal Notsignale gegeben, trotzdem wechselte das Motorboot plötzlich den Kurs, so daß ein Zu- sammenstotz unvermeidlich wurde. Obgleich der Kapitän sofort die Maschinen stoppen ließ, war der Zusammenprall doch noch recht ge- waltig. Das Boot war in wenigen Augenblicken voll Wasser und sank sofort. Der Führer des Motorbootes konnte von seinem Steuer- stand den See gar nicht übersehen» da das Boot vorn und hinten mit brennenden Lampions geschmückt war. Um eine lieber- ficht zu gewinnen, war er schon vorher mehrfach auf das Dach des BooteS geklettert. Es ist bisher nicht gelungen, die Leiche deS ertrunkenen Lehrers LepenieS und der Apothekerswitwe Marie Kümmel zu landen. Der Lehrer LepenieS war Schriftführer der Wilmersdorfer Esperanto- gruppe und gehörte ihr seit der Gründung an. Er hinterläßt eine Witwe mit zwei Kindern im Alter von>/z bis v Jahren� Die Apothekerswilwe betrieb in der Nürnberger Straße 46 eine Pension. Gestern vormittag wurde die Unfallstelle von einer UntersuchungS« kommiffion besichtigt. Der Führer des Motorbootes. Wegener, gibt an, datz er vorschriftsmäßig gefahren fei. Der Führer des Stern- dampfers„Wannsee' habe kurz hintereinander zwei Signa?« gegeben, was Linksausbiegen bedeute. Das Motorboot habe diese Signale befolgt und sei links gefahren, während der SterndcmPftr etwas nach rechts, anstatt nach links, gesteuert habe. Hierdurch sei der Zusammenstotz erfolgt. Diese Angaben deS BootSführerS stehen im Widerspruch zu den Angaben des Führers vom Dampfer„Wann- see", so datz erst durch eingehende Zeugenvernehmungen der wirkliche Tatbestand festgestellt werden kann. Der Gattenmörder JuliuS Zinke, der in der Nacht zum Sonntag vor acht Tagen in der Teltower Straße feine Ehefrau erdrosselte, wurde nach feiner Ueberführung von Leipzig nach Berlin gestern von der hiesigen Kriminalpolizei noch einmal eingehend vernommen. Die Salzsäure, mit der er sich vergiften wollte, ist ihm nicht gcfädr- lich geworden. Die ätzende Flüssigleit hat aber doch einige Ver« letzungen hinterlassen, die noch der ärztlichen Behandlung bedürfen. Zinke wird deshalb zunächst nach der Krankenabteilung des Unter- snchungsgefängnisses gebracht werden. Seine Mitteilungen über seinen Verbleib nach der Tat zeigen wieder einmal, w,e leicht Beobachtungen und Rekognitionen täuschen können. Eine Frau halte gesagt, daß Zinke nach dem Schöneberger Ufer zu gegangen sei, und ein Barbier in der g)orckstraße, daß er sich bei ihm Kratzwunden am Halse wiit Heftpflaster habe belegen lassen. Beide haben sich getäuscht. Zinke ging nicht nach dem Schönederger Ufer und war gar nicht bei dem Barbier. Er hat sich auch gar keine Kratzwunden zugezogen. Gleich nach der Tat ging er leise die Treppe hinunter und nach der Bülowstraße zu. Bis S Uhr trieb er sich in Berlin umher. An der Bendlerstraße wollte er in den Landwehrkanal springen. Eine geheimnisvolle Macht aber hielt ihn, wie er sagt, davon zurück. Nachdem er eine Zeitlang auf einer Ruhebank gesessen halte, fuhr er mit dem S Uhr- Zuge nach Halle. Weshalb er seinen Weg gerade dorthin nahm, weiß er selbst nicht. Er fuhr eben irgendwo hin von Berlin weg. Daun fuhr er nach Leipzig, wo er die Briefe aufgab und sich«i'it Salzsäure zu vergiften suchte._ Eine Riesenunterschlagung ist bei einer hiestgen Genossenschaftsbank am Sonnabend vccübt worden. Ihr ist der am 28. September 1883 zu Linau im Kreise Dirschau geborene Kassenbote Leon Zebell, der bei der Mutter seiner Braut in der Kottbuser Straße 24 wohnte, mit 120 090 M. durch- gebrannt. Zebell, der von Hause aus Klempner und dann Kranken- .Pfleger war, hatte zuletzt bei einer Genossenschaftsbank in der Dorotheenstraße eine Stelle als Kassenbote, die er auch zur Zu- friedenhcit ausführte. Am Sonnabend sollte er für seine Bank 120 000 M., die er in Tausendmarkscheinen erhielt, nach der Reichsbank bringen. Das tat er aber nicht, er behielt das Geld vielmehr für sich und suchte damit daS Weite. Die Reichs- bank quittiert den Empfang von Einzahlungen in einem Gegenbuch, das sie des großen Andranges wegen immer erst am nächsten Tage aushändigt. Zebell konnte also des zwischengelegenen Sonn- tags wegen damit rechnen, daß seine Veruntreuung erst am Montag ans Licht komme. Gegen seine Berechnung wurde sie aber bereits gestern entdeckt. Seine Braut war uänuich in Sorge, weil er»iäit nach Hause gekomme* war. Sie ertnndigte sich d-a�alb bei der Genossenschaftsbank, blese fragte darauf bei der Reichsvank an und so erfuhr man, daß Zebell das Geld nicht eingezahlt hat. Hierauf wurden sofort Maßregeln zu seiner Verfolgung eingeleitet. Er trug zuletzt eine Livreehose mit grüner Biese. Es ist anzunehmen. daß er diese Kleidung sehr bald mit anderer vertauscht hat, wahr- scheiiilich gleich in Berlin oder einem Vorort, also am Sonntag- nachmittag nach 3 Uhr. Viel eigenes Geld wird er nicht gehabt haben. Er ist deshalb vielleicht gleich beim Einkauf eines neuen Anzuges ge- zwungcn gelvescn, einen der erbeutete» Tauscndinarkschcine wechseln zu lassen. Der Geschäftsmann, bei dem dieses geschehen ist. wird fich ohne Zweifel des Kunden erinnern, und es wäre erwünscht, daß er sich bei der Krumnalpottzei unverzüglich meldete. Das Äezicks- ami Berlin-Mitte hat sich noch in der Nacht ein Bild deS Flüchtigen verschafft, um eS zu vervielfältigen. Auf die Ergreifung des Durch- brenuers ist eine Belohnung von 2000 M. ausgesetzt worden, außer» dem wird die Wiederbeschaffung deS unterschlagenen Geldes mit b Proz. der wiederbeschafften Summe belohnt. Erwähnt sei noch, daß Zebell nach neueren Ermittelungen nicht nur deutsch, soudern auch polnisch spricht._ Eine Kindesaussetzung beschäftigt die hiesige Kriminalpolizei. Ms der Tischler Schabow aus der Rosenthaler Str. 68, der mit seiner Familie im dritten Stock des Borderhauses wohnt, am Sonn- abend kurz nach 7 Uhr zum Barbier ging, fand er im ersten Stock auf dem Trcppenflur vor der Tue eines Privatspeischauses ein Paket liegen. Er dachte erst, daß ein Speisegast es dort einstweilen hingelegt haben könnte, sah aber dann doch näher nach und fand jetzl darin einen etwa 8 bis 14 Tage alten Knaben, dem ein weißes Tuch über das Gesicht gelegt ivar, so daß man zunächst den Kopf nicht hatte sehen können. Er erkundigte sich zunächst in, ganzen Hause, übergab dann den Kleinen, der ganz ruhig war, einstweilen einer Hausgenossin, die sich seiner annahm, und benach- richtigte die Polizei. Diese brachte das Kind nach dem Waiscnhause und leitete die Nachforschungen nach der Mutter ein. Der Knabe war mit einem Wickelband versehen, mit etnem weißen Hemdchen und einem weißen Jäckchen bekleidet und in Stücke von einem weißen Trikothemd und einem weißen Barchendunterrock eingewickelt. Als Leiche wiedergefunden wurde der 15 Jahre alte Schreiber- lehrling Alfred Jahn, der am 13. d. Mts. aus der elterlichen Wohnung verschwand und nicht wieder zurückkehrte. Die Nach- Forschungen nach dem Vermißten ergaben, daß er an demselben Tage bei dem Verleiher Schulz in Niedcrschöneweide ein Boot ge- mietet hatte. Dieses wurde später führerlos auf der Spree treibend gefunden. Seinen Rock und seine Papiere hatte Jahn dem Bootsverleiher zum Pfand gelassen. Dann war er stromaufwärts gefahren. Jetzt ist nun seine Leiche in Oberschöneweide aus dem Wasser gelandet worden. Den Tod im Wasser suchte Sonntagnachmittag ein 54 Jahre Slter, aus Waldenburg gebürtigter Arbeiter Paul Wolff, der sich ohne Wohnung hier aufhielt. Der Lebensmüde sprang in den Spandauer Schiffahrtskanal, wurde aber gerettet und besinnungslos nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus gebracht. Was ihn zu dem Selbstmord getrieben hat, weiß man nicht. Seine Verhältnisse sind auch noch nicht weiter bekannt. Ein verhängnisvoller Zusammenstoß zwischen einem Möbelwagen der Paketfahrtgesellschaft und einem Straßenbahnwagen trug sich am gestrigen Montag niittog in Steglitz zu. Am Luiseuplatz bog das Lastfuhrwerk, das bisher neben dem Bahuwagen in gleicher Richtung gefahren war, plötzlich unmittelbar vor dem Straßenbahnwagen auf das Gleis und wurde angefahren. Der Zusammenprall erfolgte, obwohl der Führer des BahnwagenS sofort Gefahrbremse anwandte, mit solcher Wucht, daß der Kutscher Ernst Blunicnthal aus der Wassertorstr. 63 vom Bock geschleudert wurde. Er stürzte so»n- glücklich, daß er unter seinen eigenen Wagen geriet, dessen Vorder- räder über ihn hinweggingen. B. erlitt eine klaffende Kopf- wunde, einen komplizierten Bruch des rechten Unterschenkels und er- hebliche Quetschungen. Der Verunglückte wurde dem Kraukenhause Westend zugeführt. In den Tcltowkanal gesprungen und ertrunken ist gestern in der Mittagsstunde von der Luisenbrücke in Steglitz ein zirka 28- bis Lvjähriger gut gekleideter Herr. Die Kanalmeisterei Steglitz, Viktoriastr. 17, entsandte sofort ihr Motorboot und den Rettungskahn an die Unfallstelle. Leider konnte aber der junge Mann nur noch als Leiche geborgen werden. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Tote war elegant gekleidet, trug eine größere Summe Geldes sowie eine goldene Uhr bei sich. Es soll sich um einen gewissen Jacques Cohn aus der Miinchenerstrahe in Berlin handeln. Die Leiche wurde bis zu ihrer Identifizierung beschlagnahmt und nach der Leichenhalle des Steglitzer Friedhofes gebracht. Die Kinderschutzkommission hat zu Mittwoch, den 26. Juni, abends b'/z Uhr, in den AndreaS-Festsäleu, Andreasstr. 21, eine öffentliche Versammlung einberufen. Die Tagesordnung lautet:»Die Lebensverhältnisse als Schicksale der P ro I etarier« j u g e n d Die Freie Volksbühne hielt am Freitag, den 21. Juni, im großen Saale des Gcwcrkschaftshauses ihre vierteljährliche General- Versammlung ab. Der Vorsitzende Dr. Konrad Schmidt verwies in seinem mündlichen Bericht auf den gedruckt vorliegenden Jahres- bericht. Der Verein hat im letzten Spieljahr seinen früheren Mit- gliederbestand von etwa 18 606 behauptet. Das Vorgehen gegen den Utas des Polizeipräsidenten v. Jagow, durch welchen die Freie Volksbühne unter Zensur gestellt wurde, hat leider keinen Erfolg gehabt, da das Obervcrwaltungsgericht den Erlaß des Polizeipräsidenten bestätigte. Inzwischen hat die Polizei von ihrem Bevormundungsrecht Gebrauch gemacht, indem sie die Auf- führung des Noscnowscheu Dramas„Die im Schatten leben" ver- boten hat. Diesem schließt sich würdig das Vorgehen des Neu- köllner Polizeipräsidenten an, der die Aufführung von Tineis Oratorium„Der heilige Franziskus" und von Franz Liszts Legende„Die heilige Elisabeth" durch den mit der Freien Volks- bühne jetzt eng verbundenen Volkschor für den Karfreitag des nächsten Jahres verbot. Die Verträge mit den bisherigen Theatern sind unter den alten Bedingungen erneuert worden. Neu hinzukommt die Char- lottenburger Volksoper; dadurch steigt die Zahl der Jahresvor- siellungen von 16 auf 11. Von Dramen sind für die kommende Spielsaison vorläufig in sichere Aussicht genommen: Schönhcrr: „Glaube und Heimat"; Strindberg:„Der Vater", Dreher:„Des Pfarrers Tochter von Streladorf"; Pailleron:„Die Welt, in der man sich langweilt"; Dumas:„Francillon".— Konzerte und gesellige Veranstaltungen sind i» der Neuen Welt und im Marine- haus geplant. Dem Bericht des Kassierers Winkler ist zu entnehmen, daß einer Jahreseinnahme van 182 016,62 M. 180 987,83 M. Ausgaben gegenüberstehen. Einschließlich des übernommenen Kasscnbestandes aus dem vorigen Geschäftsjahre mit 7043,74 M. beträgt der Kassen- bestand zurzeit 8075,53 M. ES besteht die Absicht, noch verschiedene neue Zahlstellen zu errichten, um den Mitgliedern die Bezahlung der Beiträge so bequem wie möglich zu machen. Zur Propaganda sind 25 000 Eiemplare einer 32 Seiten starken Druckschrift mit B«i- trägen von Konrad Schmidt, Map Osborn, Alfred Guttmann, Alfred Kerr, Bernhard Shaw, E. Pernerstorfer und Kurt©isner herausgegeben worden. Diese Druckschrift ist sehr geeignet, noch fernstehende Kreise für die Freie Volksbühne zu gewinnen und kann durch die Geschäftsstelle(Michaelkirchplatz 2) bezogen werden. Dem Vorstand und besonders dem Kassierer wurde einstimmig Ent- lastung erteilt. Die Neuwahl des Vorstandes und Ausschusses ergab die Wiederwahl der bisherigen Verwaltung. Demnach gehören dem Vorstände an Dr. Konrad Schmidt als erster und Kurt Vaake als zweiter Vorsitzender, Gustav Winkler als Kassierer und Sassenbach und Kaliski als Schriftführer. Der Ausschuß setzt sich zusammen aus den Herren Josef Bloch, Lindhcimer, John Schikowski, Robert ©cktmidt, Friedrich Stampfer, Willy Wach und Frau Zadel. Als Beiräte für musikalische Veranstaltungen sind Dr. Guttmann und Kestenberger hinzugezogen worden. In seinem Schlußworte sprach der Versammlungsleiter Vaake den Wunsch aus, durch rege Agitation dafür zu sorgen, daß neue Mitglieder gewonnen werden, um so der Freien Volksbühne immer mehr Bedeutung zu vorschaffen und ihr zu ermöglichen, ihre höh' Aufgabe noch besser als bisher zu erfüllen. Radrennen im Olhmpiapark. Sonntag, 2 3. Juni. Das „Goldene R a d", seit langen Jahren das beliebteste Rennen. welches die bestm Fahrer der Welt am Start sah, verfehlte auch diesmal nicht feine Anziehungskrost auf die Freunde deS Rad- rennfports. Bei dem schönen Wetter hatte sich ein Riesenbesuch eingefunden. Das Programm war recht geschickt zusammengestellt; außer zwei Dauerrennen über eine Stunde und 100 Kilometer waren es auch die Fliegerrennen, die durch erstklassige Besetzung von sechs internationalen Fahvcrni interessante Kämpfe boten. Im Preis VerHeyen trafen sich W. Rütt, Th. Ellegaard, Perchicot, Peter, Arend und Carapezzi, die in drei Läufen ihre Kräfte maßen; W. Rütt belegte jedesmal den ersten Platz und fuhr unter stürmischem Beifall seine Ehrenrunde.— Das Kleine Goldene Rad(1000, 600, 400, 300 M.) fach den Engländer Hall als Sieger vor Gnilka, Lange und Rudel. Gnilka ging mit der Führung ab und legte ein Tempo vor, dem seine Gegner nicht gewachsen waren. Jedoch in der 71. Runde kam er von seinem Motor ab und Hall übernahm die Spitze, die er unange- fochten bis zum Schluß behielt. Gnilka hielt sich gut und endete nicht ganz zwei Runden hinter Hall, während Lange nnd Rudel keine Rolle spielten. Die Ehrenrunde fuhren Hall und Gnilka, der Sieger überließ seinem Gegner den Kranz und begnügte sich mit der Schleife.— Im Großen Goldenen Rad(2000, 1500, 1200, 1000, 800 M.) standen sich I a n k e, Miquel, Seres, Stell- brink und Walihour gegenüber. Den Neigen eröffneten die beiden Berliner Janke und Stellbrink, während die beiden Franzosen den Schluß machten. Janke konnte in diesem Rennen einen leichten Sieg feiern, denn seine Gegner hatten zum Teil unter Motor- schaden zu leiden, doch auch Janke blieb gegen den Schluß nicht davon verschont, doch hatte er vor dem Franzosen Seres genügend Vorsprung, so daß er ohne Gefahr die Spitze behielt. Stellbrink versagte nach dem 30. Kilometer und Seres nahm den zweiten Platz ein, mußte aber Janke mehrere Male passieren lassen. Miquel enttäuschte ganz und Walthour hielt den Mittelweg. Unter tosendem Beifall konnte Janke seine Ehrenrunde fahren. Das Ergebnis war: 1. Janke, 1 Stunde 15 Minnken 0 Sekunden; 2. Seres, 2005 Meter; 3. Walthour, 5420 Meter; 4. Stellbrink, 8170 Meter; 5. Miquel, 8740 Meter.— Den Heimann-Mulack-Preis gewannen nach hartem Kampf Ellegaard-Arend vor Rütt- Peter und Carapezzi-Perchicot. Alle Rennen verliefen ohne Unfall. Vorort- l�acbrickten. Chnrlottenvurg. Eine Musikalien- nnb Bücherauslcihstclle wird am 1. Oktober als Zweigstelle der Charlottenburger städtischen Volksbibliothek, Savignyplatz 1, neu errichtet werden. Die Ausgabe der Musikalien wird der Berliner Tonkünstlerverein übernehmen, der den Be- wohnern Charloticnburgs gleichzeitig auch die unentgeltliche Be- Nutzung seiner 14 000 Bände umfassenden Bibliothek in der Zieten- straße gestatten wird. Die Auslcihstekle wird an je drei Wochen- tagen nachmittags dem Publikum zugänglich sein, als Grundstock 2000 Nummern erhalten und zwei Beamten bedient werden, so daß auch jederzeit die sachverständige Beratung des Publikums erfolgen kann. Die Bücherausleihstelle(ohne Lesesaal) wird täglich von 2— 9 Uhr nachmittags geöffnet sein. Schöneberg. In dem städtischen Scefischvcrkauf, Feurigste. 4, hat die städtische Verwaltung ein gemeinnütziges Unieruehineu geschaffen, welches nicht nur den Zweck verfolgt, der minderbemittelten Bevölkerung eine» billigen Seefisch zu liefern, sondern auch den Fischkonsum zu heben und den Seefisch dadurch zu einem billigen Volksnahrungsmittel zu machen. Uni nun das Interesse der Hausfrauen anzuregen und sie mit den verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten des Seefisches bekannt zu machen, werden zusammen mit dem Deutschen See- fischerei-Vercin von Zeit zu Zeit unentgeltliche Seefischkochkurse ab- gehalten. Die nächsten unentgeltlichen Fischkochkurse finden statt Freitag, den 28. Jiiui d. Js., nachmittags 6 Uhr, in der Kochküche der XV. Gemeindeschule, Temvelhofer Weg, und Donnerstag, den 4. Juli d. Js., zu gleicher Zeit, in der Kochküche der VII. Gemeinde- schule, Apostel-Paulus-Str. 10/11, Eingang Gothaer Straße. An- Meldungen hierzu in der städtischen Seestschhalle Feurigstr. 4 oder beim Magistrat Berlin-Schöneberg. Friedenau. Aus der Gemeindevertretung. Mit einer Stimme Majorität wurde auf Antrag unserer Genossen die Einführung der erweiterten Sonntagsruhe ab 1. Juli d. I. beschlossen. Bekanntlich hatte die Versammlung zu Anfang des Jahres bereits das Ortsstatut ge- nehmigt, jedoch mit der Bedingung, daß es erst in Kraft treten solle, wenn Steglitz die Ausdehnung der Sonntagsruhe beschloffen habe. Man hoffte auf diese Art die Sache auf die lange Bank zu schieben. Diesem Spiel hat die ehrlich reaktionäre Mehrheit des Steglitzer Dorfparlaments nun ein Ende bereitet, indem sie auf eine Anfrage des Regierungspräsidenten erklärte, daß die Ge- mcinde Steglitz nicht beabsichtige, durch Ortsstatut die Sonntags- ruhe zu erweitern, solange nicht diese Frage gesetzlich geregelt werde. Dies veranlaßt« unsere Genossen, einen neuen Vorstoß zu unternehmen. Die Herren Kalkbrenner und Bcrger, insbesondere der letztere, der selbst Gewerbetreibender ist, traten entschieden für unseren Antrag ein; während andere Vertreter, der dritten Klasse, wie die Herren Haustein und Schulz, mit den kleinlichsten Argu- menten dagegen ankämpften. Ueber die Jahresabrechnung für die höheren Schulen für 1910 -berichtete Gemeindeverordneter Ott. An Zuschuß erforderten das Gymnasium 76 276 M., das Realgymnasium 23 246 M., die Königin- Luisen-Schule(höhere Töchterschule) 12 600 M., insgesamt 112 212 Mark. Die Gartenvcrwaltung erforderte 15 120,20 M. Zuschuß. Eine neue Polizeiverordnung bestimmt die Festsetzung der Höchst- höhe des Fußbodens des Untergeschosses bei Neubauten. Dieselbe soll in Zukunft nicht über 1,80 Meter betragen. Man will damit das Errichten von weiteren Automobilgarggen verhindern, die nach Ansicht des Herrn Altmann geeignet seien, den Charakter des Ortes als Gartenstadt zu beeinträchtigen. Diese Vorlage, gegen die sich auch unsere Genossen wandten, verfiel der Ablehnung. Den breite- sten Raum der Verhandlung nahm die Beratung des neuen Fried- Hofsprojektes in Anspruch. In dieser Angelegenheit steht die Ge- meindevertretung fast vollzählig mit ihrer Ansicht gegen die Majo- rität des Gcmcindevorstandcs. Die Sachlage ist die folgende: Der jetzige Gemeindefricdhof wird bis April nächsten Jahres voll belegt sein. Aus diesem Grunde sollte jetzt ein an den Friedhof an- grenzendes, vor einigen Jahren zu diesem Zweck erworbenes Grund- stück eingerichtet werden. Trotzdem die Gemeinde in Gütergotz Gelände erworben hat, war beabsichtigt, in Anbetracht der Mangel- haften Verkehrswege nach dorthin erst das in Friedenau in Frage kommende Grundstück zu belegen. Ein Vorhaben, dem auch unsere Genossen zustimmten, da die Becerdigungskosten nach Gütergotz für den Unbemittelten fast unerschwinglich sind. Die Mehrheit inner- halb des Gemeindevorstandcs ist anderer Meinung. Sie hat wie eS scheint nach anderer Richtung hin schon wieder Pläne ausgeheckt und Versprechungen gemacht, die sich wohl schlecht rückgängig machen lassen. Wie verlautet, will man auf diesem Grundstück, das am äußersten Ende des Ortes liegt, die notwendige Volksschule er- richten, indessen augenscheinlich das jetzt zu diesem Zweck vor- gesehene Grundstück am Wilmersdorfer Platz zu Bauzwecken ver- äußert werden soll. Wöfinmd nun in Wilmersdorf und Steglitz die Erweiterung �der Friedhöfe ohne weiteres vorgenommen werden konnte, wurde in Friedenau vom Gemeindevorsteher als Amtsvor- steher auf Veranlassung des Regierungspräsidenten die Gcnehmi- gung versagt. Begründet wurde das Verbot durch ein Gutachten des Kreisarztes, wonach das Grundstück aus gesundheitlichen und ästhetischen Gründen für die Anlage eines Friedhofes ungeeignet sei und dasselbe auch nur für fünf Jahre ausreiche. Genosse Richter beantragte, gegen die Verfügung des Amtsvorstchers. die sich auf ein solches Gutachten stütze, den Beschwerdeweg zu be� schreiten. Ein Urteil über die Zweckmäßigkeit und Wt ästhetisch« Seite deS Projektes stehe nur der Gemeindevertretung zu. De« Antrag wurde nahezu einstimmig angenommen. Außerdem wurde beschlossen, das Gutachten einer anderen medizinischen Autorität einzufordern, auf Grund dessen eine Kommission aus dier Herren der Gemeindevertretung um Zurücknahme der Verfügung beiV Regierungspräsidenten vorstellig fcwrden soll, Tempelhof. Ein ekelerregender, penitranter Geruch sierbttikek sich fei! einiger Zeit durch das Zuschütten des den Frankeschen Erben ge» hörenden großen Teiches. Für die Ausfüllung des Teiches wird aller mögliche Unrat verwendet. Die von dem Teiche ausströmenden Dünste haben bereits die Anwohner der angrenzenden Bose-, Schön« bürg- und Richnowstraße veranlaßt, einen Arzt zu Rate zu ziehen, der in Gemeinschaft des Kreisarztes feststellte, daß dieser Gestank geeignet sei, eine Typhusepidemie hervorzurufen. Ts wird die Aufgabe des Gemeindevorstandes sein müssen, für schleunige Abhup« dieses Zustandes Sorge zu tragen. Auch das Wasser des Park- teiches verbreitet Dünste, die dem erholungsuchenden Publikum ntS? gerade zuträglich sind. Bei dieser Gelegenheit sei die Park« kommission auf das Fehlen genügender Sitzgelegenheit aufmerksam gemacht. Wenigstens an den oberen Wegen des ParkeS sollten für erholungsbedürftige Personen etwas mehr Bänke aufgestellt werden. Die Pflege der Volksgesundheit scheint bei unserem Gemeindevor» stände überhaupt wenig im Ansehen zu stehen. Wandten sich doch vor erst kurzer Zeit Anwohner der Albrechtstraße, die fast ganz mit besseren Wohnhäusern und Villen bebaut ist, an den Gemeinde» vorstand, weil das Pflaster der Straße für den Wagenverkehr direkt hinderlich ist. Die Straße wird infolge der Neubauten sowie durch das oben bezeichnete Zuschütten des großen Teiches sehr viel be» fahren; es entwickelt sich daher fortwährend sehr viel Staub. Ein Lüften der Wohnungen sowie das Benutzen des Balkons ist un« möglich. Bei Regenwetter ist dort auf den zerfahrenen Reitwegen soviel Schlamm und Schmutz, daß an ein Ueberschreiten der Straße nicht zu denken ist. Und dabei handelt es sie in bezug auf Breite und Baumbestand um eine der schönsten Straßen Tempelhofs, Durch solche unleidlichen Verhältnisse werden nicht nur die besser, soudern auch die mittleren und geringen Steuerzahler vom Ork weggetrieben und dadurch die Eemeindekasse in Mitleidenschaft gezogen. Nieder-Schönhausen. Gegen die Wahl des Genossen H i e g e wird bon den Bürger« lichen wiederum Protest eingelegt, weil er nur zum Zwecke der Wählbarkeit als Hausbesitzer mit einem Besitzanteil eingetragen sei. Die Wahl müsse daher für ungültig erklärt und an Stelle Hieges der bürgerliche Kandidat, der die Qualität eines Haus- besitzers habe, als gewählt treten. Man darf gespannt sein, wie sich die Gemeindevertretung dazu stellen wird. Die Wahl selbst hat auf die Bürgerlichen einen geradezu niederschmetternden Eindruck gemacht. In den beiden Ortsblättchen, die sich mit der Gemeinde- wähl beschäftigen, werden die Gründe der Niederlage klargelegt. Zunächst wird betont, daß die nationale Wählerschaft nicht das- selbe Verständnis für kommunale Angelegenheiten habe, wie die sozialdemokratische. Die Schuld daran hätten die bürgerlichen Par- teien, die nur zur Wahlzeit an die Wähler herantreten; man könne von einem Menschen nicht gut verlangen, daß er sich zwei Tage vor der Wahl durch ein Schreiben kommandieren lasse, seine Stimme einem ihm gänzlich unbekannten Kandidaten zu geben. Sehr tref- send wird dann noch betont, daß eine, aufgeklärte Wählerschaft sich das nicht gefallen lasse. Ein weiterer Grund sei, daß ein großer Teil der Wähler mit der Haltung der bürgerlichen Ver- t r e t e r unzufrieden gewesen ist. Diesen Vertretern wird dann noch der gute Rat gegeben, aus dem Ausfall dieser Wahl ihre Schlüsse zu ziehen und von jetzt ab sich als wirkliche„Vertreter der Gemeinde" zu fühlen und zu zeigen. Endlich wird das gefordert, was in den sozialdemokratischen Flugblättern öfters betont wurde, nämlich daß in die Gemeindevertretung Personen gehören, die auch das nötige Rückgrat besitzen, keine„Sitz"-Vcrtreter und wortlose Kopfnicker. Um nun die erlittene Schlappe bei der nächsten Ge- meindewahl wieder auszuwetzen, empfiehlt der Vorsitzende des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, Herr Carl Cramer, die Gründung eines bürgerlichen Wahl- Vereins. Herr Cramer scheint sich wohl auch schon zu der Auf- fassung durchgerungen zu haben, daß der Reichsverband denn doch nicht das richtige Mittel ist. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft nimmt von diesem Vorschlag Kenntnis; sie weiß jedoch, daß der neue Verein ebenso klang» und sanglos begraben werden wird, wie alle früheren Vereine, die sich dasselbe Ziel gesteckt hatten. Potsdam. Auö der Stadtverordnetensitzung. Die Abrechnung des Etats- jahreS 1011 ergibt Ueberschüsse im Betrage von 300 200 M., welche in der von uns bereits in Nr. 132 mitgeteilten Weise verwendet werden sollen. Bezüglich der Nationalflugspende hat Potsdam schon Großes geleistet, ein Konzert zum Besten für diese Sache ist dem anderen gefolgt und dabei haben selbst hochgestellte Frauen ihre Seidenrobe mit dem Kleide einer Äüfettmamsell vertauscht. Auch der Steuersäckel mutz jetzt herhalten, denn ihm sollen 1000 M. hier- für entnommen werden. Ebenfalls 1000 M. dürfen die Steuer- zahler für die Flugkonkurrenz„Rund um Verlin" zahlen. Bei letzterer Summe ist allerdings Aussicht vorhanden, sie zum Teil wieder zurückerhalten, weil der Potsdamer Luftschiffhafen bei dieser Flugkonkurrcnz ein Geschäft machen wird, und der Stadt von dem Ertrage ein Teil zufällt. Der Empfang der englischen Aerzte, wofür der Magistrat in der letzten Sitzung 000 M. forderte, die von den Stadtverordneten jedoch abgelehnt wurden, soll nunmehr doch vor sich gehen, allerdings soll dies nicht, wie der Magistrat mitteilt, auf Kosten der Stadt, sondern auf die eines deutschen Diplomaten geschehen, der, nachdem er die Ablehnung der Stadt- verordneten vernommen, sofort die nötige Summe zur Verfügung gestellt habe. Einen Schritt weiter ist Min endlich mit dem Rathausneubau gekommen. Man hat jetzt das Raumprogramm, das einen Ueberblick über die Größe des neuen Rathauses bieten soll, festgelegt. Der vorläufig festgelegte Raumbedarf beträgt 4353 Quadratmeter. Eine Lohnaufbesserung erhalten die Maschinisten und Arbeiter der Klärstationcn. Während die Mochenlöhne von 27 M. auf 28,50 M. erhöht werden, erfahren die Schichtlöhne bei Schichten von 12 Stunden eine Aufbesserung von 4,40 auf 4,60 M. Diese Erhöhung steht mit der Erhöhung der Preise für die Lebens- Haltung in den letzten fünf Jahren bei weitem nicht in Einklan» Die städtische Berufsfeuerwehr feiert nächstens ihr 50jährigcÄ Jubiläum, wozu zur Verteilung von Geldgeschenken, zu eim-m Jen- essen, zu einer Festschrift usw. 2000 M. bewilligt nmrU, 28 000 Mark wurden bewilligt zur Erbauung einer Schmutzwa�leitung von der Villa Jngenheim bis zum Luftschiffhafen. Eine Anleihe von 121 000 M. wird aufgenommen zur Deckung der Kosten der Straßcnanlage auf dem Mendelsohnschen Grundstück in der Bertini- straße u,nd zum Ausbau der 6. Gemeindeschule. Während die Schul- baukosten mit I Proz. amortisiert werden, soll dies bei der Straße mit 3 Proz. geschehen. Staaken. In der Generalversammlung des Wlahlvereins wurde Genosse Karl Schäfer als erster, Alfred Mühl als zweiter Vorsitzender, als Schriftführer Otto Decker, als Kassierer Wilhelm Rehder wieder, als Revisoren die Genossen Metz und P. Schmidt nmqewählt. Als Hauskassierer fungieren die Genossen Albert Bendt und Albert Wegner. Im verflossenen Geschäftsjahr wurden 12 Mitglieder- Versammlungen, 4 Generalversammlungen und 8 öffentliche Ver- sammlungen abgehalten. In den Wahlverein neu aufgenommen resp. übergetreten sind 26 Genossen, verzogen und ausgetreten 7, so daß eine Zunahme von 10 Mitgliedern zu verzeichnen ist.„Vor- wärts"-Lescr befinden sich 47 am Orte. Genosse Schäfer gibt so- dann den Bericht von der Vorsitzendenkonferenz, während Genosse Decker zu reger Agitation für die Parteipresse aufforderte. yerantwsrtlichtt iksdaittur: Alhrrt Vachs. Berlin. Für des Jnsergtenkeit verantw.i Th. Glocke, Berlin. Druck u. PerlkiK! Borwärui Buchdruckerei u, BerlagSanstalt Paul Singer Aita. Berlin sw.