Ur. 146. nbonnementS'Bedlnäflngjfl: Abonnements■ Preis btflnumetanba: «ierteljährl. 3,30 MI,, monatl. 1,10 Mb. Ivöchenltich 28 Pfg, frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags« nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post« Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Matt, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnementz nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, ' i und die Schweiz. 39. Jahrg. CrttWnt lsgiich auBcr filoaUat. Verlinev Volksblnkk. Die TnfertlonS'GebflBr Betrügt für die sechsgespaltene Kolonel. zelle oder deren Raum 00 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Bereins. und VersammlungS.Anzeigen 30 Pfg, „Kleine Snreigen", das fettgedruckte , Ptg.(zulässig 2 fetigcdNlckte Worte), sedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstcllenan- zeigen dag erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte übet 15 Buch- staben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gedffnet. Telegramm- Adresse: „Sozialdemolirat Berlin". Zentralorgan der rozialdcmokratifcbcn Partei Deutfcblanda. Redaktion: 8M. 68, Lindenetrasse 69* Fernsprecher: Amt Morttzplatz, Nr. 198Z. Der I'apst uns die christlichen Lesverklchasten. il. Dennoch, trotzdem der„aufrührerische Geist" in den christ lichen Gewerkschaften um sich griff und sie nicht nur zur Stellung höherer Lohnforderungen, sondern auch verschiedentlich zu kleinen Arbeitseinstellungen trieb, ließ der Klerus zunächst die christlichen Gewerkschaften gewähren und beschränkte sich auf stille Ermahnungen. Das änderte sich, als in den Jahren der industriellen Hochkonjunktur, 1899 und 1900, auch die christlichen Arbeiter von dem niederrieselnden reichen Goldsegen etwas zu erlangen trachteten, und in diesem Bestreben bei den protestantischen wie bei den katholischen Unternehmern gleichmäßig auf zähen Widerstand stießen. Wollten die christlichen Gewerkschaften nicht auf die Verbesserung der wirtslyaftlichen Lage ihrer Mit- glieder verzichten und den freien Gewerkschaften das Feld überlassen, mußten sie den Kampf gegen die Unternehmer- schaft aufnehmen. Und tatsächlich sahen sie sich denn auch alsbald in verschiedenen Lohnkämpfen verwickelt. Das paßte der katholischen Unternehmerschaft durchaus nicht. Die christlichen Gewerkschaften waren zu dem Zweck gegründet, die sogenannten sozialdemokratischen Gewerk- schaften zu bekäinpfen, nicht aber Lohnkämpfe gegen ihre katholischen„Arbeitgeber" zu führen. Aus den verschiedensten industriellen Kreisen des Rheinlandes liefen Proteste gegen das Verhalten der christlichen Gewerkschaften ein, darunter auch aus dem schwärzesten aller schwarzen Bezirke: aus München-Gladbach, der Zentrale des katholischen Volksvereins und der christlichen Arbeiterbewegung, dem Kreis, in welchem der große Sozialpolitiker des Zentrums, Herr Hitze, jahrelang gewirkt und geredet hatte. Als im No- vember 1899 in München-Gladbach eine Ortsgruppe des christlichen Metallarbeiterverbandes gegründet werden sollte, da erhoben die vereinigten Eisen- und Stahlindustriellen des Gladbacher Kreises energischen Protest und warnten ihre Arbeiter, sich an dem christlichen Verbände zu beteiligen, „weil er das bisherige gute Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer unbedingt zerstören wird". Und doch verhielten sich im ganzen die christlichen Ge- lverkschaften recht maßvoll; nur wenn die Unternehmer sich allzu halsstarrig verhielten und jede Forderung, auch die bescheidenste, ablehnken, griffen sie zum Streik. Auf ihrem ersten Kongreß. 1899 zu Mainz, hatten sie sich nicht nur wieder zum soundsovielsten Male zum Christentum bekannt, sondern auch in ihren Leitsätzen ausgesprochen,„daß Ar- beiter und Unternehmer gemeinsame Jnter» essen hätten.„Darum solle", heißt es weiter,„d i e ganze Wirksamkeit der Gewerkschaften von versöhnlichem Geiste durchweht und getragen sein; die Forderungen müssen maßvoll sein, aber fest und entschieden vertreten werden. Der Ausstand aber darf nur als letztes Mittel und wenn Erfolg verheißend an- gewandt werden." Solches Bekenntnis zum Christentum war der katholischen Unternehmerschaft jedoch herzlich gleichgültig. Nach ihrer An- ficht war die ganze christliche Gewerkschaftsbewegung ein Krebsschaden, wenn sie. statt die Sozialdemokratie zu be- kämpfen, selbst Lohnkämpfe einleitete. Gegen solche Verletzung der sittlichen Weltordnung müsse unbedingt die Kirche mit ihrer hohen Autorität einschreiten. Die Klagen der katholi- schen Industriellen über die christlichen Gewerkschaften mehrten sich und fanden, unterstützt von den wohlhabenden Handwerks- meistern und dem halbfeudalen Adel, bei dem in Mittelalter- lichen Wirtschafts- und Standesanschauungen befangenen höheren Klerus offene Ohren. Als auf dem zweiten christlichen Getverkschaftskongreß in Frankfurt am 3. und 4. Juli 1900 die Mehrheit der Ansicht zustimmte, daß die unter der Arbeiter- schaft bestehende Verschiedenheit der Weltanschauung sie nicht zu hindern brauche, ihre wirtschaftlichen Interessen gemeinsam zu vertreten, also unter Umstünden die christlichen Gewerk- schaften bei Lohnkämpfen mit den freien Gewerkschaften zu- sammengehen könnten— da platzte die Bombe. Der Episkopat ergriff sofort die Gelegenheit, gegen die christlichen Gewerkschaften vorzugehen. Am 22. August 1900 erging ein Beschluß des preußischen Episkopats, das sogenannte Fuldaer Pastorale, worin erklärt wurde, daß„es keiner religiös-neutralen Neu- schöpfimgcn bedürfe, um die materiellen Interessen der christ- lichen Aibeiterschaft zu verteidigen und zu fördern, sondern daß die katholischen Arbeitervereine befähigt und stark genug seien, neben der geistigen Wohlfahrt auch die materiellen Standcsinteressen ihrer Mitglieder zu vertreten". Damit waren die„christlichen" Gewerk- schaften prinzipiell verworfen. Und noch schärfer griff Erzbischof Noerber in Freiburg ein. indem er in einem Hirtenbriefe vom lt. Oktober 1900 erklärte, die christlichen Gewerkschaften hätten bewiesen, daß das Wort„christlich" e i n leerer Schall und ein bloßes Aushängeschild sei. während sie tatsächlich die Vereinigung mit der Sozial- demokratie anstrebten. Und dieser Parteinahme der preußischen Bischöfe folgte awbald die offene Parteinahme des»Heiligen Stuhls". In I einer gegen die Bestrebungen der christlichen Demokratie ge richteten Encyklika vom 18. Januar 1901 erklärte der Papst „Darum darf der christlichen Demokratie nichts heiliger sein, als die Gerechtigkeit; das Gewerbe- und Besitzrecht muß sie für un- antastiar erklären; sie achte den Unterschied der Hände, die da für ein geordnetes Staatslebcn wahrlich not wendig sind.... Demnach ist klar, daß die Sozialdemokratie und die christliche Demokratie nichts miteinander gemein haben... Dem Gesagten entsprechend darf der Katholik, der sich zugunsten der Besitzlosen bemüht, weder praktisch noch theoretisch darauf aus' gehen, eine Staatsform auf Kosten der anderen vorzuziehen und sie zur Einführung zu bringen. Auch ein anderer Mißgriff muß von der christlichen Demokratie vermieden werden. Sie dar nichts tun, um den Vorwurf zu verdienen, sie wende dem Volke der niederen Stände dermaßen ihreSorgezu, daß die höheren Stände von ihr vernachlässigt werden. Die Leistungen der letzteren sind doch sicherlich für die Erhaltung und Vervollkommnung des Staatswesens von nicht geringerer Bedeutung." Solche Wahrung der Interessen der„höheren Stände" des katholischen Volkes durch den„Arbeiter- papst" gefiel natürlich der katholischen Bourgeoisie wie dem adeligen Großgrundbesitz und stärkte deren Verlangen, der deutsche Episkopat möchte der christlichen Gewerkschaftsbewegung entschieden entgegentreten. Und diese wohlhabenden Schichten spielen heute im deutschen Katholizismus und im Zentrum eine ganz andere, bedeutendere Rolle als zur Kulturkampf zeit. Das Zentrum begann seine Existenz im wesent lichen als konfessionelle Mittclstandspartei und wurde groß als Oppositionspartei. Die Mittelschichten, in manchen Gegenden sogar die kleinbürgerlichen Schichten, hatten das Uebergewicht, und dieser Zusammensetzung entsprechend über- wogen im Zentrum die anttkapitalisttschen und antiplutokra- tischen Tendenzen. Die Konservierung der alten rückständigen, handwerksmäßigen Betriebsweisen erschien seinen Leitern als eine der Hauptaufgaben. Doch mit der Beendigung des Kulturkampfes und dem Vordringen des Kapitalismus in den katholischen Gegenden änderte sich auch die Konstitution des Zentrums. Kirche und Zentrum machten den Wandel der Zeiten mit und paßten sich den Anforderungen des Kapitalismus an, den sie nicht zurück- zuhalten vermochten. Die Mittelschichten verloren ihre ausschlag gebende Bedeutung. Die kapitalistische katholische Bourgeoisie nahm ihre Stellung ein— und neben dieser errang der klerikale Adel und Großgrundbesitz, der sich während der Kulturkampfzeit dem Zentrum angxschlossen hatte, eine wichttge Positton. Um diese agrarisch-feudalen Schichten nicht zu ver lieren, mußte das Zentrum, als die Bewegung für die Ein- führung der Agrarzölle einsetzte, den Zollwünschcn dieser Kreise Rechnung tragen. Dadurch hielt es zwar den adligen und großbäuerlichen Grundbesitz bei seiner Fahne, geriet dafür aber in solchem Maße unter die Botmäßigkeit der agrarischen Elemente, daß es sich bekanntlich bei den letzten Zollkämpfen gezwungen sah, mit den Agrarkonservattven in Reih und Glied zu marschieren. Diesen heute in der katholischen Kirche wie im Zentrum höchst einflußreichen Kreisen ist aber die christliche Gewerkschafts- bewegung aufs äußerste zuwider, zumal die christlichen Gewerk- schaften sich nicht einfach dem Diktum der Bischöfe fügten, sondern gegen das Fuldaer Pastorale protestierten, während der Zollkämpfe der Jahre 1901/02 verschiedentlich gegen die hohen Zollforderungen des katholischen Großgrundbesitzes Ver- Wahrung einlegten und selbst davor nicht zurückschreckten, bei einigen Lohnkämpfen, so z. B. beim großen Bergarbeiterstreik im Jahre 1905, mit den freien Gewerkschaften Hand w Hand zu gehen. Seit Jahr und Tag benutzen deshalb diese Elemente ihren Einfluß, um nicht nur den deutschen Episkopat, sondern Rom selbst zu einem vernichtenden Schlage gegen die christlichen Gewerkschaften zu bestimmen. Nichts ist verkehrter, als wenn behauptet wird, die jüngsten abfälligen Aeußerungen des Papstes Pius X. entsprängen lediglich einer Laune. Seit Jahren wird vielmehr systematisch in Rom gegen die christ- lichen Gewerkschaften gehetzt, von feudal-adeliger wie geistlicher Seite. An der Spitze dieser Machenschaften steht der Kardinal Kopp von Breslau, der Verächter des„faulen Westens", dem nicht nur als streng konservattven Vertreter des kirchlichen Äutoritäts- Prinzips, sondern zugleich als Großkapitalisten die christlichen Ge- werkschaften ein Greuel sind, denn Se. Eminenz dürften so un- gefähr 15 bis 20 Millionen Mark besitzen, die zum Teil recht Profitabel angelegt sein sollen. Und sein erster Assistent ist der Prälat Franz, ebenfalls ein guter Kapitalist, der an allerlei großen kapitalistischen Unternehmungen beteiligt ist und auch 1900 im Auftrage des Kardinals Kopp das oben- erwähnte Fuldaer Pastorale verfaßt hat. ES sind also große politische und wirtschaftliche Gegen- sähe, die hinter dem päpstlichen Vorgehen gegen die christ- lichen Gewerkschaften stecken, und deshalb ist es auch völlig verkehrt, wenn einige liberale Blätter meinen, der Streit werde ungefähr auslaufen»vie das Hornberger Schießen. Mögen die christlichen Gewerkschaften, wie sie das bereits in letzter Zeit getan haben, sich noch so reakttonär und„gut katholisch" geberden, mögen sie, um den drohenden Schlag Expedition: 8Al. 68, Lindenstrasae 69, Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981. abzuwehren, katholische Bekenntnisversammlungen abhalten, die Wahlrechtsmogeleien der Zentrumsfraktion des Preußischen Abgeordnetenhauses für große Freiheitskämpfe erklären und gegen die Sozialdemokratie nach allen Regeln klerikaler Kunst schimpfen: alle diese Kraftanstrengungen werden sie nicht davor bewahren, von der Kirche kastriert zu werden. Uns kann es recht sein. Nimmt der deutsche Episkopat die christlichen Gewerkschaften unter die Kirchenfuchtel und drückt ihre Bedeutung auf das Niveau der Berliner Fach- abteilungen oder der katholischen Gesellenvereine herab, so werden gerade die intelligenteren und energischeren ihrer heutigen Mitglieder die Vertretung ihrer Interessen gegen den übermächtigen Kapitalismus in anderen Vereinen suchen. Wenn nicht gleich, so werden sie um so sicherer später in den freien Gewerkschaften landen. Ein durchaus akzeptabler Er- folg der kapitalistischen Kardinals- und Prälatenpolitik. vie riiffikchen flottemMlingen und der imperislistiiche Kurs. 1. Neue Tendenzen in der russischen Rüstungspolitik. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß die neuen Att» zeichen einer revolutionären Massenbewegung im Zarenreiche zeit- lich zusammenfallen mit verstärkten Rüstungen und einer größeren Aktivität der russischen Regierung auf dem Gebiete der auswärtigen Politik. Hier wie dort treten dieselben Tendenzen in Erscheinung, die einerseits den japanischen Krieg, andererseits die Revolution heraufbeschworen: auf dem einen Pole— gewaltige Eroberungs- Pläne, Heeres- und Marinerüstungen, Forderungen einer kräftigen imperialistischen Politik, Anzettelung, Anzettelung internationaler Schwierigkeiten und Konflikte; auf dem anderen Pole— Samm» lung der revolutionären Kräfte, Politisierung der breiten Volks- Massen, Verschärfung der Klassenkämpfe und Zuspitzung der ge, samten inneren Lage. Nach dem Zusammenbruch der russischen Militärmacht und der Vernichtung der Flotte im japanischen Kriege galt die„Regenera- tion" der Armee und der Flotte als die wichtigste Aufgabe der konterrevolutionären Regierung. Die geschlagene Armee hatte zwar noch zur Not ausgereicht, die revolutionäre Erhebung der Arbeiter und der Bauern niederzuwerfen, und die vor dem Feinde geflüchteten Generäle(Orlow. Rennenkamps u. a.) verübten„Wunder der Tapferkeit" gegenüber dem wehrlosen Volke— aber als Großmacht war das besiegte, innerlich zerrüttete Rußland aus der Weltpolitik ausgeschaltet. ES galt zu dieser Zeit als oberster Grundsatz der Negierung und der herrschenden Parteien» dllen äußeren Konflikten aus dem Wege zu gehen, die vorhandenen Kräfte nach innen zu konzentrieren und auszubauen, und durch Anschluß an die neu gebildeten Mächtegruppierungen Eingang in die internationale Politik zu erlangen. Die liebreiche Unterstützung des westeuropäischen Börsenkapitals lieferte dem Zarismus die Möglichkeit, diesen Aufgaben mit großer Energie nachzugehen, während der deutsch- englische Gegensatz ihm sehr bald zu einer einflußreichen Rolle in der internationalen Politik Nerhalf. Parallel damit ging eine ähnliche EntWickelung im Innern bor sich. DaS Großbürgertum. das neben dem Junkertum starken politischen Einfluß erlangt hatte, sah in der Stärkung der Militärmacht ihre erhabenste politische Aufgabe, einmal, um ihren Einfluß in der Armee zu verankern und ihre Vormachtstellung dem„inneren Feinde" gegenüber zu bewahren, andererseits, um sich an den Rüstungen zu bereichern und gestützt auf die Armee auf neuen kolonialen Raub im nahen und fernen Osten auszugehen. Auch das oppositionelle Kleinbürgertum geriet sehr bald in das Fahrwasser des Militarismus und Imperialismus, und. seine politische Vertretung, die Kadetten- Partei, bewilligte nicht nur den Militäretat und das Heeres- kontingent, sondern machte auch als„Sr. Majestät Opposition" fast die gesamte Auslandspolitik des Zarismus mit. Vorderhand wurde die Hauptaufmerksamkeit auf die„Refor, mierung" der HecreSorganisation, auf den Bau neuer strategischer Bahnen, auf die Verstärkung der Schlagkraft der Armee gerichtet. In den letzten 6 Jahren wurden für die Armee 3262 Millionen Rubel verausgabt, und die strategischen Bahnen, voran die berüch- tigte Amurbahn, verschlangen Hunderte von Millionen. Zwar ist die russische Militärmacht auch heute den Weststaaten nicht ge- wachsen, zwar steht ein guter Teil der grandiosen„Regenerations- Pläne" der Armee auf dem Papier und viele Millionen, die der Militarismus vom Volke erpreßt, sind in den weiten Taschen diebischer Generäle verschwunden, aber an den Verhältnissen nach dem Kriege gemessen ist dennoch ein Fortschritt eingetreten. Mit einer Friedcnspräsensstärke von 1,4 Millionen und seinem Heeres- etat von 643 Millionen Rubel(für 1311) steht Rußland an der Spitze aller Militärstaaten. Im Vergleich mit dem Heercsressort hat das russische Marineressort in dieser Zeit schlecht ab- geschnitten. Die Schmach von Tsuschima brannte heftiger im Ge- dächtnis, und die Unfähigkeit und Schlamperei des MarineressortS traten greller zutage als die Korruption des Kriegsministeriums mit seinen LieferungSflandalen und Jntendanturprozeffen. DaS Wesentlichste aber war, daß die Konterrevolution eS mit neuen Zlottenrüstungcn nicht so eilig hatte als mit ihren Heercsrüstungen. Allerdings wurden alljährlich neue Kredite für Schiffsbauten ge- ordert und mit oder ohne Zustimmung der Duma erlangt, es wurde aber der führenden Partei der dritten Duma, den Oktobristen, nicht allzu schwer gemacht, den„Kampf" gegen daS Marineressort zum Prunkstück ihres„KonstitutionaliSmuS" zu machen.. Ungeachtet öer sktobriftijZen FloftenoppojjtilUi stieg der Kjst des Marine- refsorls mit feSetn Jahre: 1907 betrug er 74 Millionen, 1909: 94, 1911: 120, 1912: 160 Millionen Rubel, um nun mit einem Schlage einen gewaltigen Umfang anzunehmen. 2. Die neue Flottenvorlage und die Parteien. Einige Tage vor der Schließung der dritten Duma hat die Regierung das sogenannte„kleine Flottenprogramm" unter Dach und Fach gebracht, welches für 1912— 1917 Flottenbauten für über eine Milliarde Mark(602 Millionen Rubel) vorsieht. Die Regierung war offenbar der Ansicht, daß die Sündenlast der Duma zu klein war, und so. bürdete sie ihr kurz vor Toresschluß noch eine" Tat auf, die nicht nur dem Volke, sondern auch den Herr- schenden Gewalten schwere Erschütterungen verspricht. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß der Etat des Marineressorts schon im nächsten Jahre 330 Millionen Rubel, d. h. mehr als der Marine- etat irgendeiner Seemacht, mit alleiniger Ausnahme Englands, betragen wird, und daß ferner das angenommene Flottenprogramm nur die Einleitung zu dem„großen" Programm(für 1918— 30] bildet, das nach den sehr mäßigen Berechnungen des Oktobristen- führers Gutschkow einen Gesamtaufwand von zweieinhalb Milliarden, nach anderen Berechnungen gar einen Aufwand von dreieinhalb Milliarden Rubel oder 400 Millionen im Jahr erfordert, um allein die finanzielle Tragweite dieses Beschlusses zu kennzeichnen. Der Annahme der Flottenvorlage in der Duma ging eine ziem- lich heftige Diskussion in der Presse voraus, in welcher das Aben- teuerliche und Ungeheuerliche dieses Schrittes schlagend nachgewiesen wurde. Als Gegner der Vorlage trat u. a. auch der reaktionäre Schriftsteller M e n s ch i k o w in der„Nowoje Wremja" auf, der die bisherige Rüstungstaktik verteidigte.„Natürlich"— schrieb er •—„seien Milliarden für die Flotte notwendig, aber vorher müsse man die Gewißheit haben, daß der Bau einer solchen Flotte durch- führbar sein." Unter den heutigen Verhältnissen könne die Ver- wirklichung des Flottenbauplanes nur dazu führen, einen Krieg zu provozieren. Mit äußerster Heftigkeit wurde die Vorlage auch von dem bekannten Marineschriftsteller„B r u t u s"(Pseu- donhm des Admirals a. D. Alexejew) bekämpft. Unmittelbar vor den Dumaverhandlungen trat er mit dem Nachweis in der Presse hervor, daß das Marineministerium bis zum gegenwärtigen Augen- blick nicht weiß, von welcher Größe die Schiffe sein sollen, die es bauen will, wieviel Geschütze diese tragen sollen usw. Könne da, schrieb er, ein Zweifel darüber bestehen, daß die halbe Milliarde von der Reichsduma einfach aufs Geratewohl verlangt werde, um so mehr, als von den fünf Werften, die mit Bestellungen bedacht werden sollen, zwei zunächst nur auf dem Papier existieren und eine im Schiffsbau vollständig unersahren ist! Alle diese Ein- Wendungen und Enthüllungen fielen jedoch ins Wasser, denn das Schicksal der Vorlage war bereits vom Zaren und der am Ruder befindlichen Kriegspartei borausbestimmt, gleichviel ob die Duma ihre Zustimmung gab oder nicht. Um die„verfassungsmäßige" Form zu wahren, traten die Minister und ihre Räte in der Kommission und im Plenum der Duma in Aktion. Zu einer eingehenden Erörterung kam es aber gar nicht. Ministerpräsident Kokowzew drohte in der Kom- Mission, daß die Hinausziehung der Entscheidung bis zur Moskauer Zarenfeier als Ablehnung aufgefaßt werden würde. Und in der Duma selbst wurde die Vorlage, die für das Reich von einschneidend- ster Bedeutung ist, in geheimer Sitzung an einem Tage durchgepeitscht. In dem veröffentlichten Sitzungsbericht sind nur Bruchstücke aus den Verhandlungen enthalten. Und die Rede des ftßialdemokratischen Fraktionsredners, Genossen P o k r o w S k i, ist — da ihr Inhalt offenbar als„gemeingefährlich" angesehen wird— von der Regierung vollkommen unterschlagen worden. Mutzte das Häuflein der sozialdemokratischen Abgeordneten schon zur Verhandlung zugelassen werden, so war eben das schmählichste Mittel gut genug, um die sozialdemokratische Kritik dieses Atten- tates gegen das Reich dem Volke vorzuenthalten. Die Abstimmung über die Flottenvorlage ergab 223 Stimmen für und 71 gegen das Gesetz. In der Minderheit stimmten die Sozialdemokraten, die„Arbeitsgruppe", die Kadettenfraktion und 6 Oktobristen. Alle anderen Abgeordneten stimmten für die Vor- läge. Die Kadetten, die es sich natürlich nicht nehmen ließen, sich„grundsätzlich" als Anhänger des Militarismus und Marinis- mus zu erklären, formulierten ihre Kritik dahin, daß der politische Teil der Vorlage ihnen verdächtig, der technische Teil— zweifelhaft, und der finanzielle Teil— irrig erscheine. Von den Oktobristen sprach nur ihr Führer Gutschkow gegen die Vorlage— den Fraktionsangehörigen selbst war die Art der Abstimmung f r e i g e st e l l t worden. Weshalb— geht aus folgen- der Meldung der gut unterrichteten„Wetfcherneje Wremja" hervor: „Die Banken haben sich vereinigt und gehen in geschlossenen Reihen zum Angriff gegen die halbe Milliarde des Volksgeldes vor. Ihr Plan besteht in fMendem: die künftigen Flotten- bestellungen müssen in ihre Mnde gelangen; zu diesem Zweck soll von den Werften Besitz ergriffen werden; geht das nicht, so mutz eine neue Aktiengesellschaft zur Gründung neuer Werfte gebildet werden, denen die Flottenbestellungen zugeschanzt werden sollen.... Wie aus sicherer Quelle verlautet, sollen die be- treffenden Börsenleute die Gewißheit haben, daß die„kompetenten Kreise" ihnen keine Hindernisse in den Weg legen werden, denn diese Kreise sind an der lebhaften Tätigkeit der Petersburger Banken weit mehr inter- essiert als an der richtigen und ernstenOrga- nisation des Schiffsbau s." Das Bachanal der Panzerplattenpatrioten und Spekulanten begann also bereits, bevor die Vorlage unter Dach und Fach ge- bracht war; das erklärt zu einem großen Teil die plötzliche Flotten- begeisterung der„führenden" Dumapartei, die den Bank- und Börsenkreisen ebenso nahe steht wie der Bureaukratie. Die jetzt inaugurierte Prestigepolitik ist ebenso nach ihrem Geschmack wie die verstärkte Aktivität der zarischen Diplomatie in Persien und in der Mongolei, und die jetzt begonnenen gewaltigen Rüstungen werden von ihr ausschließlich von diesem Standpunkt und der Möglichkeit fetter Profite bewertet. Ob das Reich hierbei dem finanziellen Ruin entgegengetrieben und das Volk noch mehr der Verelendung preisgegeben wird, ist diesen Hyänen des Schlachtfeldes ebenso gleichgültig, wie die drohenden Perspektiven, die durch das Mettrüsten heraufbeschworen werden. ver Krieg. Türkische Soldatm, die zu den aufständischen Albanesen übergehen. Konstantinopel, 26. Juni. Nach näheren Nachrichten aus M o n a st i r soll die Zahl der bisher mit sieben Offizieren desertierten Soldaten hundert übersteigen. Es wird behauptet, die Bewegung sei gegen das jungtürkische Komitee gerichtet, was aber noch nicht erwiesen ist. Die desertierten Offiziere sind sämt- lich Albanesen. Die Verfolgung der Deserteure ist eingeleitet, doch soll sich die Regierung bemühen, auf sie durch Ratschläge eiuzu- wirken. Ein Communique des Ministeriums des Innern sagt, die desertierten albanesischen Offiziere und Soldaten seien längst als Bekeumr der von den Rebellen verfochtenen Ideen erkannt worden. Ihr Vorgehen Mefie den Zwecken jener, Me gegKt die Interessen der Türkei arbeiten und bilde einen Verrat, der die Interessen Italiens fördere. Die Regierung tue ernstlich ihre Pflicht. Die Verräter würden bestraft werden. Weiter besagt tms Communique bezüglich der Desertationen in Monastir, daß ein Hauptmann, neun Leutnants und etwa 60 Soldaten aus den Garnisonen Monastir, Perlepe und Dibra desertiert seien. Den zur Verfolgung aus- gesandten Detachements gelang es, zwei Offiziere und zwei Sol- daten festzunehmen. Sechzehn Unteroffiziere und Soldaten sind reuig zurückgekehrt. Ueber den Vorfall ist eine Untersuchung ein- geleitet worden, Politilcde dcberRcbt Berlin, den 25. Juni 1912. Am 8. Juli Termin gegen Borchardt«nd Leinert! Frau Justitia hat es erstaunlich eilig, die Genossen Borchardt und Leinert auf die Anklagebank zu bringen. Nach- dem den beiden Genossen in den letzten Tagen der Beschluß der Strafkammer auf Eröffnung des Hauptverfahrens gegen sie zugegangen war. ist am Dienstag, dem 25. Juni, bereits die Ladung zum Termin zur Hauptverhandlung erfolgt! Und zwar ist die Verhandlung bereits auf den 8. Juli, vor- mittags 9% Uhr, vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I Berlin anberaumt. Der Staatsanwalt hat dazu den Abge- ordneten Dr. Schifferer als Zeugen geladen. Genosse Borchardt wird beschuldigt,„auS einem abgeschlossenen, zum öffentlichen Dienst bestimmten Raum, in dem er ohne Befugnis verweilte, auf die Aufforderung des Berechtigten sich nicht entfernt zu haben und in diesen Raum widerrechtlich eingedrungen zu sein". Außerdem wer- den beide Genossen beschuldigt, den Schutzleuten,„welche zur Vollstreckung von Befehlen und Anordnungen der Verwal- tungsbehörden berufen sind, in der rechtmäßigen Ausübung ihres Amtes durch Gewalt Widerstand geleistet zu haben". — Der Antrag der beiden Angeschuldigten auf Eröffnung der Voruntersuchung wird abgelehnt. Die Strafkammer ist der Meinung, daß keine erheblichen Gründe vorliegen, aus denen eine Voruntersuchung zur Vorbereitung ihrer Verteidigung er- forderlich erscheint! Die Justizbehörden haben offenbar die Absicht, das Strafverfahren gegen Borchardt und Leinert so zu b e- schleunigen, daß es vor der Entscheidung des preußischen Kammergerichts über die Rechts- gültigkeit der Geschäftsordnung des preu- ßischen Landtags zu Ende kommt! Gegen den Polizeileutnant Kolb und seine Schutzleute ist Strafantrag wegen Vergehen gegen das Strafgesetz erstattet, und zwar wegen Verletzung der Immunität unserer Genossen Borchardt und Leinert. Gibt das Kammergericht dieser Strafanzeige Folge, dann liegt auf der Hand, daß Borchardt und Leinert nicht widerrechtlich handelten, als sie sich gegen die Ver- letzung der Abgeordnetenimmunität zur Wehr setzten. In diesem Falle kann natürlich auch eine Verurteilung nicht er- folgen, und dieser Eventualität möchte man offenbar zuvor- kommen. Der blinde Eifer der Frau Justitia kann uns auS politi- schen Gründen natürlich nur hochwillkommen sein! Ein schönes Ende. Zum Krach in der nationalliberalen Partei des Wahlkreises Bochum, über den wir gestern bereits kurz berichteten, wird uns ausführlicher geschrieben: „Die Jndustriekonsevvativen und Oberscharfmacher im Wahl- kreise Bochum, die Baare, Kirdorf und Konsorten, haben eS sich be- kanntlich Hunderttausende von Mark kosten lassen, um den Wahl- kreis Bochum der Sozialdemokratie wieder zu entreißen. Sie stellten schon vor der Wahl 1907 einen Generalsekretär und sieben Unter- sekretäre an, die auf die Hauptzentren des Wahlkreises verteilt waren. Mit Hochdruck wurde jahrelang gearbeitet. Die organi- satorischen und besonders die finanziellen Erfolge, die man sich versprochen, blieben aber aus. So vorzüglich man sich auch auf das Schnorren verstand: den Löwenanteil der gewaltigen Unkosten mußten nach wie vor die Zechen- und Hüttenbesitzer selber zahlen. Schließlich wurde man mit dem Generalissimus Hans Schack unzufrieden; man schob ihm den größten Teil der Schuld an den Mißerfolgen zu. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Aber das inter- essiert hier weiter nicht. Tatsache ist, daß die hochmögenden Macher der nationalliberalen Partei im Wahlkreise immer unzufriedener mit ihrem Schack und seinen Knappen wurden, und daß nur die herannahende Reichstagswahl hemmend auf den Lauf der Dinge einwirkte. Der Generalsekretär HanS Schack wußte, daß sein Schicksal hü- siegelt war, wenn es nicht gelang, der Sozialdemokratie den Wahl- kreis zu entreißen. So erklärt sich, daß dieser Mann, dessen ganzes Auftreten in nichts an seinen früheren Beruf als Pastor erinnerte, während des letzten Wahlkampfes zu den skrupellosesten Mitteln griff; so flrupellos, daß sich sogar der damalige Vorsitzende der nationalli'beralen Partei im Kreise, Rechtsanwalt Hchdeman, seiner 'chämte. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Diesen christlich-jesuiti- 'chen Grundsatz hatte Schack sich zu eigen gemacht. Nicht nur hatte er es verstanden, mit den Bochumern Zentrumsführern, die er noch vor nicht langer Zeit in öffentlicher Versammlung mit den Worten: „Da sitzt die Schweinebandel" apostrophierte, ein schmachvolles Stichwahlabkommen zu entrieren, er scheute nicht davor zurück, mit dem Zentrum den schamlosesten Schwindel zu betreiben, der bei der letzten Reichstagswahl verübt worden ist. Schack war es, der am Stichwahltage den Wahlkreis Bochum mit der elenden, von den Bochumer Zentrumsleuten ausgeheckten Verleumdung über- 'chüttete, daß Sozialdemokraten die polnische Kirche in Bochum mit Kothaufen beschmutzt hätten. Was nach der von den Christenführern entfachten beispiellosen Hetze gegen Genossen Hue noch an der E«» weckung infernalischen Hasses möglich war, das wurde mit diesem Kothaufenschwindel erreicht. So wurde der Renommier-Arbeiterkandidat Heckmann gewählt. Ein Mann, auf den die Ausführungen des Politikers vorzüglich passen, der jüngst im„Deutschen Reichsarchiv" jammerte, daß für alles Mögliche ein Befähigungsnachweis verlangt werde, nur nicht die Gesetzgeber. Und doch soll nun die Herrlichkeit ein Ende haben. Die Geld- leute der vorgenannten nationalliberalen Partei im Kreise können rechnen, und die kalkulieren offenbar so: Der Zweck, den wir mit dem kostspieligen Organisationsapparat verfolgt haben, ist erreicht: Hue ist hinaus. Und zwar mit geschlossener Hilfe des Zentrums und der Zentrumsgewerkschaften. Was sollen wir da noch mit einem so großen und kostspieligen Hauspersonal während der stillen Zeit? Und im übrigen: Der Schack und seine sieben Schwaben tuns ja doch auch nicht, hätten den Kreis auch nicht erobern können, wenn die Schwarzen nicht bis aus den letzte» Wann mit angetreten Und diese hassen sich tkuktmeyr«ich für bke Zukunft fest« gelegt. i Diese und vielleicht auch noch andere Erwägungen und lim- stände sind offenbar für den Entschluß entscheidend gewesen, dem! Hauspersonal zu kündigen. Die„Rheinisch-Westfälische Zeitung* berichtete in anerkennenswerter Offenheit über die Kündigung in folgender Form: „Die innere Krisis der nationalliberalen Gesambpartci kommt auch darin zum Ausdruck, daß die nationalliberale Wahl- kreiSorganisation Bochunr-Gelsenkirchen-Hattingen-Herne-Witten wegen künftigen Wegfalls der bisherigen Unterstützung aus In. dustriekreiisen ihre Parteibureaus in Herne, Hattingen, Witten, Wattenscheid und Wanne mit dem 1. Juli eingehen läßt. Den sechs Parteisekretären, von welchen fünf aus dem Arbeiterstands hervorgegangen sind, war am 1. April die vertragliche viertel- jährliche Kündigung zugestellt worden. Dem Generalsekretär des Wahlkreises, Schack in Bochum, ist auf 1. April 1913 gekündägt." Das Talglicht von Buttenhansen. Eine recht interessante Charakteristik des Herrn Mathias Erz» berger gibt die neueste Nummer der antibachemitischen.Kölner Korrespondenz". Sie schreibt u. a.: „AuS der„Kölner" Presse erhält man den Eindruck, daß Bachem. Erzberger und Kaufmann die drei berühmtesten Männer des katholischen Deutschland sind. Dr. Jul. Bachem und Dr. Kaufmann stehen sich als die feindlichen Feldherren gegenüber. Mathias Erz» berger, der alles weiß und alles kann, balanciert zwischen beiden und bekommt daher bald auf der einen, bald auf der anderen Seite seine Gegenstöße. Es ist noch nicht lange her, da er» klärte Herr Erzberger, es w i d e r st r e b e ihm, der„Kölnische» Vollszeitung" eine Berichtigung zu schicken; vqn der„Schlesischen Volkszeitung"(Kölner Richtung) wurde er scharf zurechtgewiesen, und den Protest gegen die Zentrumskandidatur Spahn hat er mit unterschrieben. Momentan befindet er sich wieder auf der.Kölner' Seite. Seine Opportunisten-Natur und seine persönliche Kampfesweise drängen ihn zu den Kölnern hin, bei denen er nun hoffentlich für eimge Zeit hängen bleiben wird." Liberales Wahlabkommen für die wiirttembergische« Landtagswahlen. Für die Neuwahlen zum Württembergischeu Landtag haben Nationalliberale und Fortschrittler ein Wahlbündnis geschlossen. Ueber die Einzelheiten sollen erst dann Mitteilungen gemacht werden, wenn die Landesausschüsse der beiden Parteien dem Bündnis ihr» Zustimmung gegeben haben. In vier Landtagswahlbezirken ist eine Einigung nicht erzielt worden; diese Bezirke scheiden bei dem all» gemeinen Wahlabkommen aus. Das Wahlbündnis geht dahin, daß in den einbezogenen Kreisen nur je ein liberaler Kandidat auf» gestellt wird. Die Kreise werden zwischen beiden Parteien auf» geteilt, Fortschrittler und NationaUiberale stimmen für den gemeinsamen Kandidaten. Die Liberalen setzen große Hoffnungen aus das WaWüodoiS. Bismarck über die Kolonialpolitik. In einem soeben erschienenen Buche„Gerhard RohlfS" von Konrad Günther werden Briefe des bekannten Afrikareisenden veröffentlicht, die seine Erlebnisse mit dem Fürsten Bismarck schiU dern. RohlfS war in den achtziger Jahren ein häufiger Gast deS Reichskanzlers. Im Jahre 1884 äußerte sich Bismarck in bezug auf das belgische Kongounternehmen nach den Aufzeichnungen des ver» storbenen Afrikaforschers folgendermaßen: „Ich wäre gar nicht abgeneigt, in irgendeiner Weise ein Abkommen zu treffen. Entweder wir übernehmen das ganze Unternehmen, kauften es dem König der Belgier ab und setzten uns an die Stelle der Internationalen Gesellschaft, oder wir entschädigten den König der Bel- gier, übernehmen eine Art Protektorat, und setzen an die Stelle der International Association eine Art deutsch er Han- delskompagnie, ähnlich wie die frühere Englisch-Oesterreichische Kompagnie, die sich selbst regierte, worüber wir nur staatlich die Oberaufsicht hätten, oder aber drittens, wenn Sie finden, daß schon koits accornplis vorliegen, dann muß man sehen» für die Deutschen dieselben Vergünstigungen zu be- kommen, die den anderen Nationen gewährt sind. Das wäre die Hauptsache. Eigentlich kolonisieren können und wollen wir nicht. Wir werden nie eine Flotte haben wie Frankreich. Und unsere Handwerker, R e f e- rendare, ausgediente Soldaten usw. taugen auch nicht zum Kolonisiere n." Auch hier zeigt sich wieder, daß Bismarck weit davon entfernt war, kolonial- und weltpolitischen Projekten zuzuneigen.»Wir werden nie eine Flotte haben wie'Frankreich," prophezeite er da-■ malS. Ein Vierteljahrhundert später hat Deutschland die franzö- fische Flotte bereits überflügelt, um nunmehr mit der englischen Flotte zu wetteifern! Der Heros des Jahrhunderts war also in dieser Beziehung ein schlechter Prophet. Darin allerdings hat er sich als scharfsichtiger Realpolitiker erwiesen, daß er die Meinung vertrat, unsere Referendare und ausge- dienten Soldaten taugten nicht zum Kolonisie- renl Unsere ganze kolonialpolitische Geschichte hat dies Faktum bestätigt. Und alle Zukunft wird dem Fürsten Bismarck von neuem recht geben. Interessant ist aus den Briefen Rohlfs auch eine Aeußerung Bismarcks über den italienischen Bismarck, Herrn C r i s p i. Bis- marck erklärte bei derselben Unterredung mit dem Afrikaforschcr, Crispi sei„ein so indiskreter Mensch" und so„lügenhaft dazu", daß er, Bismarck,„schon hundertmal bereut habe, ihn einst in Gastein empfangen zu haben". Drei Jahre später war Crispi mehrere Tage lang der Gast Bismarcks in Friedrichsruh! Der„nationale" Luftflottenverein. Der Luftflottenverein hat seine Schwenkung ins natio- nale Fahrwasser so gut wie vollzogen. Am Sonnabend, den 22. Juni, fand in Berlin unter dem Vorsitz des Reichstags- abgeordneten Bassermann eine Ausschutzsitzung des Deutschen Luftflottenvereins statt. Der schon auf der letzten Mitglieder- Versammlung angeregte Gedanke, den Verein zu einem natio- nalen Verein auszugestalten, wurde im Ausschuß aufgenom- men und soll nun einer außerordentlichen Mitgliederversamm- lung, die Ende Oktober in Mitteldeutschland, wahrscheinlich in Kassel, stattfindet, vorgelegt werden. Der Verein wird nun in dem Ruf nach„Stärkung unserer Wehrmacht" mit dem Wehrverein und dem Flottenverein in Wettbemerb treten nach der Parole: Uli» se r e Zukunft liegt in der Luft! Entschlüpfte Bekenntnisse. Die„Post" fuhr in ihrem Leitartikel von gestern. Dienstag, den 26. Juni, aus Versehen den richtigen Weg, denn sie schrieb in der mexikanischen Mordsache: ..... es geht in Mexiko, wie es ist Deutschland ist: wer da wagt, wider Yen amtlichen Stachel zu löcken, der steht mit einem Fuße schon jenseits aller bürgerlichen Ehrenrechte." Gerade die„Post" gehört zu den gewissenlosesten und schmutzigsten Hetzern gegen die� Arbeiterbewegung, weil diese nicht so ist. wie es ite Regierung gern haken möchte. W i r locken immer gegen den amtlichen Stachel. Die„Post" ist stets die erste, die uns dann gleich alle bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt sehen möchte. Einem verwandten Geschwister der, P o st �. der »Deutschen R e i ch s p o st" ist es einmal eben so ergangen, auch sie hat sich Wahrheiten entschlüpfen lassen. Die„Deutsche Reichspost" schrieb nämlich: Die Hunderttausende der politischen Wähler und wirtschaftlich Schwachen haben eben das Vertrauen zu dem guten Willen und der Kraft der Regierung und der bürger» lichen Parteien verloren, sie sind der Meinung:„Gäbe eS keine Sozialdemokratie, man würde mit uns kegeln und aufsetzen I"— Womit der Beweis erbracht ist, daß auch reaktionäre Blätter einmal etwas Vernünftiges drucken können I Heizerleben auf Kriegsschiffen. Sind schon an und für sich die Heizräume der Kriegsschiffe keine angenehmen Aufenthaltsorte, so werden sie zu reinen Marterhöhlen, wenn rohe Vorgesetzte dort walten. Ein solcher Leuteschinder war der Obermaschinistenmaat Jahn vom Drcadnought„Oldenburg". Am 18. April befahl er einem Heizer, einem etwas schwächlichen Mann, vier Feuer zu reinigen, eine Arbeit, die, wie vor Gericht be- kündet wurde, für einen kräftigen Mann zu viel ist. Der Heizer wurde denn auch schlapp, als er mit dem Aufbrechen des dritten Feuers zu Ende war. Während der Arbeit durfte auf Ge- bot des„menschenfreundlichen" Vorgesetzten die Wasserspritze nicht in Tätigkeit gesetzt werden, damit die Glut nicht ge- dämpft werden konnte. Zum Anfassen der heißen Eisenteile durften die Handlappen nicht benutzt werden, so daß sich der Heizer am Oberschenkel und der rechten Hand verbrannte. Ein anderer Heizer, der in die Asche uriniert hatte, weil der Obermaschinistenmaat die Bitte um Erlaubnis zum Austreten fast stets abschlage, wie der Heizer vor Gericht aussagte, sollte er sich aus Befehl des Ober- maschinistenmaaten in die nasse Asche setzen. Als da? nicht gleich tat, packte der Vorgesetzte ihn, drückte ihn nieder, ließ ihn dann mit Wasser bespritzen und darauf die Luftklappe öffnen, so daß der durchnäßte Mann sich der kalten Zugluft ausgesetzt sah. In der Gerichtsverhandlung kam auch zur Sprache, daß der Maat mehrfach den Heizern verboten hatte, von dem im Heizraum vorhandenen Trinkwasser zu trinken. Sie sollten Seewasser oder das Wasser aus der Speisepumpe trinken. Einem Heizer hat er einmal den vollen Trinkbecher aus der Hand geschlagen. Der Ver- treter der Anklage nannte die Behandlung der Heizer durch den Obermaschinistenmaat systematische Quälerei, die schwer gesühnt werden müffe. Er beantragte acht Monate Gefängnis und De- gradation. Das Kriegsgericht des ersten Geschwaders, das in Kiel über den Obermaschinistenmaat aburteilte, nannte die Fälle minderschwer, erkannte auf drei Monate Gefängnis und sah von der Degradation ab. In derselben Sitzung verhängte dasselbe Gericht über einen Matrosen strengen Arrest, weil er nach erfolgter Bestrafung durch den stellvertretenden ersten Offizier das„schwere Verbrechen" begangen hatte, sich unrechtmäßig zu beschweren. Soldatcnfreuden. Wegen Ungehorsams und Achtungsverletzung wurde vom Königs- berger Kriegsgericht ein Kanonier vom Feldartillerie-Regiment Nr. 16 zu drei Monaten und einer Woche Gefängnis ver- urteilt. Als in der Mannschaftsstube ein Unteroffizier die Vor- schriften über die Verpackung der Spinde bekanntgegeben hatte, soll der Angeklagte trotz wiederholten Befehls nicht aufgestanden sein, um in militärischer Haltung die Bekanntgabe der Stubenordnung anzuhören. Und dafür drei Monate und eine Woche Gefängnis I Ein Grenadier vom 1. ostpreußischen Grenadier-Regimeut hatte dem Befehl eines Gefreiten, der zu der fraglichen Stunde gerade Beamtenqualität besaß, nicht Folge geleistet. Urteil des Kriegs- gerichts: zwei Monate Gefängnis I Der Mann legte Berufung beim Oberkriegsgericht ein und bat um eine mildere Strafe. Er hätte nicht gewußt, daß der Gefreite, mit dem er sich duze, Beamtenqualität bei Erteilung des Befehls besessen hätte. Er habe sich früher nie etwas zuschulden kommen lassen; leider habe er das Unglück gehabt, in einem Strafverfahren gegen einen Unteroffizier als Zeuge fungieren zu müssen. Seit der Zeit habe er trotz größter Mühe und besten Willen? in den Augen der Unteroffiziere nichts mehr leisten können und sei fortgesetzt schikaniert und zur Bestrafung gemeldet worden. Das Obelkriegsgericht kam jedoch zu einer Verwerfung der Be« rufung.___ Oertcmicb-drigani. Die Annahme der Wehrvorlage. Wien, 25. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm heute die ersten 40 Paragraphen der Wehrvorlage, darunter in namentlicher Abstinimung mit 322 gegen 113 Stimmen, also mit der verfassungsgemäst erforderlichen Zweidrittelmehr- heit, die Bestimmung an. durch die für die nächsten 12 Jahre das erhöhte Rekrutenkontingent festgesetzt wird. Das Haus nahm weiter in namentlicher Abstiinmung mit 303 gegen 135 Stimmen die Bestimmung an, durch die die zweijährige Dienstzeit für die Infanterie, die dreijährige für die berittenen Truppen, die vierjährige für die Kriegsmarine festgesetzt wird. Die Minderheitsanträge der Sozialdemokraten bezw. der küstenländischen Abgeordneten, durchweg die zweijährige Dienst- zeit einzuführen bezw. bei der Kriegsmarine die dreijährige zu stagnieren, wurdckü abgelehnt. Die Bestimmung der Wehr- Vorlage, daß ein Teil der Mannschaften bei der Infanterie zur Ergänzung des Unterosfizierstandes ein drittes Jahr zu dienen habe, wurde gleichfalls angenommen. CtiglancL Die Antwort auf die deutsche Flottenrüstung. London, 25. Juni. Die Erklärung des Schatzkanzlers über die Verwendung des Budgetübcrschusses findet in der Presse eine günstige Aufnahme. Ueber die Verwendung von 1 Million Pfund Sterling für die Flotte schreibt„Daily C h r o n i c l e": Es ist der Gegenstoß gegen die Ausgaben, die Deutschland nach dem neuen Flotten- gcsetz auf sich genommen hat. Diese Ausgaben geben keinen Anlaß zu unangebrachten Besorgnissen, aber insofern die Lage dadurch geändert Ivird, muß inan Gegenmaßregeln ergreifen. -„Daily News" beklagt die neuen Ausgaben und er- klqrt sie als eine Folge der falschen auswärtigen Politik Englands, die in zwölf Jahren das englische Flottenbudget von dreizehn auf fast fünfzig Millionen Pfund"Sterling ge- bracht habe. Diese Enüvickelung könne nur durch eine Aenderung der Politik aufgehalten werden. „Daily Telegraph" führt aus, daß die Zuwendung Von 1 Million Pfund Sterling für die Admiralität zunächst keine Vermehrung des Flottenetats bedeute, da die Admira- lität im vorigen Etatsjahr 1,6 Millionen Pfund Sterling von der vom Parlament bewilligten Summe nicht ausgegeben habe. Das Blatt ist besorgt, daß die Regierung nicht mit der nötigen Energie in der Flottenfrage vorgehe. „Times" sagen, wenn von dem Ueberschuß des letzten Budgets nur 1 Million Pfund Sterling auf die Flotte ent- fielen, so würde Mr. Churchill berechtigt sein, bei der Ein- führung des Nachtragsetats weitere Summen aus dem laufenden Budget zu fordern. Man müsse erwarten, daß er dies tun oder überzeugende Gegengründe vorbringen werde. Ein Zwischenfall im Unterhause. London, 25. Juni.(2B. T. B.) Heute nachmittag kam es im Unter- hause im Zusammenhang mit der Frage der Behandlung der Stimmrechtlerinnen im Gefängnis und ihrem Hunger st reik zu einem erregten Zwischenfall. Der Abgeordnete Timothy Healy forderte Asquith auf, die Frauenrecht- lerinnen, die wegen Einwerfens von Fenstern zu Zwangsarbeit von verschiedener Dauer verurteilt worden waren, sreizulaffen. Asquith erwiderte, McKenna habe bereits die Erklärung ab- gegeben, baß die Gefangenen unverzüglich freigelassen werden würden, wenn sie versprechen, ihre Gewalttätigkeiten nicht zu wiederholen. Diese Antwort erregte die Entrüstung des Sozia- listen Lansburh, der ein Verteidiger des Frauenstimmrechts ist. Er stand auf und ging von seinem Sitz auf die Ministerbank zu, vor der er stehen blieb, seine Faust gegen Asquith schüttelnd und ausrufend:„Sie sollten aus dem öffentlichen Leben heraus- getrieben werden. Sie sind ein verächtlicher Mensch. Sie werden der Geschichte angehören als der Mann, der unschuldige Frauen marterte." Lansburh klagte stehend abwechselnd die Minister an und die Unionisten. Er rief unter anderem:„Sie wissen, daß die Frauen das Versprechen nicht geben können. Es ist nicht ehren- Haft, es von ihnen zu fordern." Schließlich kehrte Lansburh zu seinem Platz zurück. Der Sprecher befahl ihm darauf, das Haus für den Rest der Sitzung zu verlassen. Lansburh weigerte sich, indem er erklärte:„Ich gehe nicht, während diese unwürdigen Dinge geschehen." Der Sprecher wiederholte darauf seinen Be- fehl mit Nachdruck. CrookS, Mitglied der Arbeiterpartei, for- derte Lansburh auf, dem Befehl zu gehorchen, und dieser Rat wurde ihm auch von anderen Mitgliedern der Arbeiterpartei ge- geben. Der Sprecher wiederholte den Befehl zum dritten Male und verband damit die Warnung, daß, wenn dem Befehl nicht Folge geleistet würde, Gewalt angewendet werden würde. Lansburh gab schließlich dem Drängen seiner Kollegen nach und verließ das Haus. Damit war der Zwischenfall erledigt. Amerika. Die Rauferei um die demokratische Kandidatur. Baltimore, 24. Juni. Das demokratische Nationalkomitee hat Parker zum zeitweiligen Vorsitzenden des.demokratischen Konvents gewählt. Brhan kündigte seine Kandidatur als zeitweiliger Präsident der demokratischen Konvention gegenüber Parker an. Wie verlautet, soll Parkers Annahmeerklärung Brhan zur Genehmigung vorgelegt werden. Wenn dieser sich ablehnend verhält, wird Parker zurück- treten. Lbina. Folge« des Geldmangels. Schanghai, 24. Juni. Mit Rücksicht auf die Erschöpfung deS Staatsschatzes wird der Versuch gemacht, die Gehälter aller chinesischen Beamten auf ein einheitliches Monats- gehakt von sechzig Dollar herabzusetzen. Die hiesigen Beamten, von denen einige ein Gehalt von tausend Dollar oder mehr beziehen, beschweren sich über diese Maßnahme. Hiis der parteü Und noch einmal Bremen. Die„Bremer Bürgerzeitung" bringt in ihrer letzten Nummer eine Autwort auf unsere notgedrungene Abwehr. Genau so, wie wir es erwartet hatten, fiel die Antwort aus. Ein verknöcherter Schul- meister kann nicht zensurwütiger sein, als man es in Bremen ist. Da ist die Haltung der„Leipziger Volkszeitung" in der Göppinger Angelegenheit„befremdlich", die des„Hamburger Echo"„zurück- haltend wie immer", die de?„Vorwärts" aber— man höre jund schaudere—„ganz im Sinne des Revisionismus!" Habsut sibi; mit Leuten, die Radikalismus mit KrakeelismuS verwechseln, ist eine Verständigung ausgeschlossen. Wir konstatieren, daß wir im „Vorwärts" gegen etwaige Erpressungsabsichten in der Göppinger Affäre Stellung genommen haben, ehe die Bremer Kapitolwächter Gefahr witterten, und daß wir unsere weitere Haltung in dieser An- gelegenheit nach genauen Informationen geregelt haben. An den radikalen Höhenmcnschen in Bremen wird freilich auch diese Kon- statierung wirkungslos abprallen, denn sie scheinen sich das edle Ziel gesetzt zu haben, jede radikale Verständigung und allen radikalen Zusammenhang in Grund und Boden zu polemisieren. Genosse Kinkel vom Göppinger Gemeiudcrat seines Amtes als Krankcnkontrolleur entsetzt. Der Göppinger Gemeinderat als Aufsichtsbehörde für die Göppinger Orlskrankenkasse nahm in nichtöffentlicher Sitzung zu den Vorwürfen Stellung, die gegen den Genossen Kinkel in seiner Eigenschaft als Krankenkontrolleur erhoben wurden. Ein Korrespondenz- bureau meldet über die Angelegenheit: Mit allen gegen 4 Stimmen der Sozialdemokratie bei 1 Stimm- enthaltung hat der Gemeindcrat in nichtöffentlicher Sitzung als Auf- sichtsbchörde der Ortskrankenkasscn beschlossen, den Landtagsabgeord- nclen und Krankenkassenkontrollenr Kinkel wegen der ihm zum Vorwurf geniachtcn Verfehlungen bei der Ausübung seines Amtes ohne Kündigung zu entlassen. Ein sozialdemokratischer Antrag auf RückVerweisung des Falles an den Kassenvorstand wurde gegen 5 Stimmen abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft, die sich schon mit dem Fall beschäftigt bntte, stellte seinerzeit das Verfahren ein, weil sie Kinkel nicht als Beamten im Sinne des Gesetzes ansah, gab aber die Akten an die zuständige Verwaltungsbehörde weiter, weil sie die Handlungsweise Kinkels als grobes Disziplinarvergehen be- urteilte.» Bei der Frage der Entlassung enthielt sich ein bürgerlicher Ge- meinderat der Abstimmung, der dann auch für den Antrag auf Rück- Verweisung der Sache an die Krankenkasse stimmte. Gegen die Ent- scheidung des Göppinger Gemeinderates ist Beschwerde bei der Kreisregierung eingelegt worden. Haziales. Besserung der Brauindustrie? „Unter dem schweren Druck der neuen Brausteuererhöhung und der dadurch verursachten großen wirtsckaftlichcn Schädigung ging die Zahl der versicherten Arbeiter 1309 ans III 193, also um über 8099 und im Jahre 1319 auf 119 218, also iveiter um über 990 Zurück," meldet uns der soeben erschienene Bericht der Brauerei- und Mälzerei- bernlsgenossenschaft. Dagegeir sei es erfreulich, daß jetzt seit drei Jahren zum ersten Male wieder eine Zunahme der Zahl der versicherten Personen zu verzeichnen sei. Im Berichtsjahre 1911 betrug diese Zahl wieder 113 463, also immer noch fast 6699 Srveiter weniger als der höchste Stand bom Jahre 1998 mit 119 219 Versicherten. Die Unternehmer bemerken hierzu:„Es zeigt dieS deutlich, daß die schweren Wunden, die unserm Gewerbe durch die Steuererhöhung verursacht wurden, noch lange nicht geheilt sind— dies um so mehr als der Zugang an versicherten Arbeitern zum erheblichen Teil auf die Zunahme der Bierniedcrlagen entfällt, welche in immer größerer Zahl errichtet werden, um an anderen Orten Absatz zu erzielen." Die Brau« industrie beschreitet auch weitere neue Wege. Sie verlegt sich jetzt mit aller Macht auch auf den Flascheubierhandel und schaltet dadurch das Kleingewerbe fast ganz aus. Die Besserung im Braugewerbe ist also vorhanden, jedoch nicht so übermäßig groß, als die Agrarier „feststellten", die mit Schmerzen auf eine neue Erhöhung der Brausteuer warten. Der ständige Zusammenschluß des Großkapitals hat neben der unheilvollen Besteuerung des Gewerbes auch die Zahl der vor« handenen Brauereien wesentlich wieder vermindert. Der Bericht mutz auch melden, daß die Zahl der Brauereien„wie in den letzten Jahren ständig zu beobachten, weiter zurückgegangen ist". Die Zahl der Betriebe ist von 6478 auf 6271 gesuulen. Auch die Aktien« gesellschaften sind von 493 auf 486 zurückgegangen—„in der Mehr« zahl der Fälle durch Fusionierung". Ebenso zeigen die Gesellschaften mit beschränkter Haftung einen Rückgang von 821 auf 391 auf � „eS handelt sich dabeifwohl meistensZum kleinere Betriebe, die infolge ungenügender Existenzfähigkeit eingehen mußten". Die neue Brau« stcuer hat ihnen den Rest gegeben und dabei faselt man von der „Erhaltung der Kleinbetriebe".— Wie sich auch dieser die Groß« industrie, die doch im Braugewerbe vorherrschend ist, annimmt, zeigt uns der weitere Vorschlag, daß jetzt, nach Einführung der vor» geschriebenen VerhälMiswahl, laut Bericht es„einer Forderung der Billigkeit entspricht, daß das Stimmrecht der Unternehmer nach der Zahl der beschäftigten Arbeiter bemessen wird". So hilft man den Zwergbetrieben. Trotzdem die Zahl der beschäftigten Arbeiter nur um 3999 zugenommen hat, ist die Un« fall ziffer wieder gewaltig gestiegen und zwar von 12622 auf 14 911, ein Mehr von 1329 Unfällen. Auf 1999 Versicherte ent» fallen somit durchschnittlich 116 Verletzte. Eine sehr hohe Zahl, die sich in einzelnen Seltionen, zum Beispiel in Berlin, auf 162 stellt, den höchsten Stand erreicht hat. Dagegen hat man in Sektion II, Karlsruhe, nur 197 und in Sektion V Nürnberg nur 64 Unfälle auf 1999 Versicherte gezählt. Berlin an der Spitze, ein trauriges Zeichen. Dafür hat aber wieder diese Seition den Borzug, daß sie in gewohnter Weise die meisten Fälle in Vorbehandlung übernommen und damit wieder einen Boniben« erfolg erzielte. Von 2341 im Berichtsjahre von der Genossenschaft in den ersten 13 Wochen des Unfalls übernommenen Unfällen, hat allein Sektion Berlin 1384 Fälle übernommen und in den ersten 13 Wochen schon 1947 Erfolge erzielt, so daß nur 37 Fälle über die 13. Woche verblieben. Die Nettoausgaben der Berussgenossenschaft für die Vorbehandlung betrugen 74 712 M. und hat sich diese Aus- gäbe sehr gut rentiert. Das sieht man deutlich«uS der weiteren Tabelle des Berichts über die Zahl der entschädigte» Fälle. Von 14911 gemeldeten Fällen wurden«ur sage und schreibe 1112 entschädigt. Berlin hatte z. B. 2462 gemeldete Fälle und ent« schädigte nur 136. Das macht ihr so leicht keine andere Berufsgenossenschast nach. Und daß es sich nicht etwa um nur leichte Fälle gehandelt haben kann, beweist uns die Todesziffer. Während im Borjahre 86 Todes- fälle entschädigt wurden, mußte man im Jahre 1911— 199 TodeS« fälle registrieren. Wer sich einen Begriff von den Zuständen im Braugewerbe machen will, der muß den Sonderbericht der technischen Auf« sichtsbeamten der Berussgenossenschaft lesen. Die Beamten nehmen sehr oft kein Blatt vor den Mund und schildern ihre Tätigkeit sehr anschaulich. Fast kein revidierter Betrieb war da in Ordnung und auch bei der Nachkontrolle zeigte sich die Nach» lässigkeit der Unternehmer. Der Fuhrwerksbetrieb der Brauereien fordert auch die meisten Opfer und verursachte die schwersten Un« fülle. In einzelnen Sektionen mußten über 1999 Wagen allein mit Sitzgelegenheiten für die Kutscher versehen werden. Und dann das moderne Fahrzeug, das Automobil. Der Bericht bemerkt hierzu: „Die stetige Zunahme in der Verwendung von Automobilen hat im Berichtsjahre eine bedeutende Steigerung der entschädigungs« Pflichtigen Unfälle herbeigeführt. Sollte die Steigerung anhalten, so würde eine Aenderung des Gesahrentarifes für die mit Automobilfuhrwerk versehenen Betriebe in Erwägung zu ziehen sein." Daß das Auto in einigen Jahren das Braupferd verdrängt hat,'ist sicher und die Großbrauereien werden schon gestützt aus ihre Uebermacht der Stimmen für einen„gangbaren" Tarif sorgen. Von eigentlichen Musterbetrieben im Braugewerbe kann man im Bericht der Aufsichtsbeamlen wenig lesen. Sogar in den Großbetrieben fehlt eSIz. B. noch an dem nötigen Verbands« zeug. Ein Beamter meldet:„Walte, Binden usw. war in einer Anzahl von Betrieben so schmutzig, daß die sofortige Entfernung dieser Gegenstände verlangt werden mußte." � Ein Glück, daß der Beamte kam, denn sonst wäre mit dieser schmutzigen Watte die„erste Hilse" geleistet worden. Große Arbeit macht den Beamten auch der Aufzug in den Brauereien, der bekanntlich viele Opfer fordert. Nur ein Fall sei erwähnt:„Eine Aufzugsanlage, die neu schlecht eingerichtet wurde, mußte vom kgl. Bezirksamt auf Grund des§ 147 der Gewerbeordiumg gesperrt werden. Eine spätere unvermutete Nachschau der Aufsichtsbehörde fand, daß die Auszugs- anlage dennoch weiter benutzt wurde; die Folge war, daß Straf- antrag gegen den Unternehmer gestellt und dieser wegen Zuwider- Handlung gegen die G.-O. zu ganzen 2 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Der Sektionsvorstand erhielt Kemitnis von der Sachlage und dabei stellte sich durch Erhebung seitens der Gendarmerie her« aus, daß der Aufzug immer noch weiter benutzt wurde." Das ist die Achtung der Unternehmer vor dem Gesetz, so lange noch mit--- 5 M. Geldstrafe in solche» Fällen vorgegangen wird. „Gcitiöhnnng an Unfallfolgen". Seit das ReichsversicherungSamt den unsozialen Grundsatz auf« gestellt hat, daß eine wesentliche, zur Kürzung der Rente ausreichende Besserung auch durch„Gewöhnung an Unfallfolgen" eintreten könne, machen die Berufsgenossenschaften ausgedehnten Gebrauch von diesem bequemen Rentekürzungsntitiel. Dabei haben sie ja nicht nötig, den Nachweis einer wirklichen Besserujtg tatiachlicher Art zu führen. Das Schiedsgericht für Arbeite, Versicherung in Chemnitz be- schäftigte jetzt eine Sache, in der die l a n d- und s o r st w i r t» schastliche Berufsgenossenschast den Antrag auf Auf- Hebung einer Unfallrente mit der Behauptung begründete, daß durch weitere Gewöhmlug die Unfallfolgen völlig ausgeglichen seien, nachdem schon im Jahre 1999 die Herabsetzung der damals 2V proz. Reute auf 19 Proz. mit voller Gewöhnimg begründet und vom Schiedsgericht ausgesprochen worden war. Es handelte sich um die Folgen eines Bruches des linken Oberschenkels, den am 12. Oktober 1992 der Hausdiener Jahn in Annaberg beim Obstpflücken durch einen Sturz aus fünf Meter Höhe erlitten hatte..Zunächst war dem Unfallverletzten eine 69 proz. Reute gewährt, diese aber später auf 49 und 29 Proz. und im Jahre 1999 auf 19 Proz. herabgesetzt worden. Bei der letzten Herabsetzung hatte Sanitätsrar Dr. Horn in seinem Gutachten gesagt, daß eine weitere Besserung kaum zu erwarten sei, es sei volle Gewöhuuug eilige- treten. Diesem Gutachten hatte sich auch Dr.� Braem angeschlossen. Dieser Arzt sprach sich jetzt ans Grund einer von ihm vorgenommenen Nachuntersuchung dahin ans, daß eine weseutliche Veränderung nach dem objektiven Befund nicht eingetreten, auch nicht mehr zu erwarten sei. Das linke Bein sei und bleibe verkürzt. Dagegen sei eine weitere Gelvöhnnng ciiigetreleii. Der Vor- sitzen de des Schiedsgerichts wies den Vertreter der Be- rufsgenossenschaft darauf hin. daß nur mit„Gewöhnung" gcwirt- schaftet werde, eine vbjeltive Besscriuig abe, nicht nachzuweisen sei. Nach einer Entscheidung des R e i ch s v e r s i ch e r u>r g s- a m t e s könne aber Gewöhuung nicht z lv e i ni a l a l S wesentliche Besserung zum Zwecke d c r Li e n t e n- k ü r z u n g angewendet werden. Hierauf zog der Vertreter der Be« rusSgeiwssenschaft den Antrag zurück. Der Verletzte behält die Rente. GewcrhrcbaftUcbcö. Lobnftatiftik als Schutzmittel gegen Streiks, Auch die Scharfmacher müssen der Zeitströmung Kon- Zessionen machen. Bisher gewöhnt, in brutalster Weise ihren auf die Kapitalsmacht gestützten Willen durchzusetzen, wollen sie jetzt auf die Oeffentlichkeit Rücksicht nehmen Nicht dadurch, daß sie den berechtigten Forderungen der Ar bester entgegenkommen, sondern durch— systematische Täuschung der Oeffentlichkeit. Durch die Unternehmerpresse geht eine Notiz über den Wert der Lohnstatistik.' „Auf die Wichtigkeit einer sorgfältigen Pflege der Lohn- statistik wurde auch in der letzten Ausschutzsitzung Deutscher Eisen- gietzereien hingewiesen. Zur Begründung der Forderung, datz es für die Industrie von größter Wichtigkeit sei, jederzeit einwandfreie statistische Angaben und Tatsachen zur Hand zu haben, wurde in der Hauptsache angeführt, datz der letzte große Streik der Kohlenarbeiter die Notwendigkeit, Mate- rial über die Löhne stets zur Perfügung zu haben, aufs beste nachgewiesen hat. Dadurch, datz die Bergwerke unmittelbar nach Ausbruch des Streiks hatten nachweisen können, wie die Löhne augenblicklich stehen und datz sie im Steigen begriffen seien, sei die öffentliche Meinung, auf die es bekanntlich bei diesen Dingen sehr viel ankommt, aufs gün- stigste beeinflußt und der wichtigste Streikgrund der Arbeiter als nichtig nachgewiesen worden!" Gegen eine einwandfreie Lohnstatistik wäre gewiß nichts einzuwenden, nur darf sie dann nicht einseitig von den Unternehmern und nicht von vornherein zu dem ausge sprochenen Zweck zurechtgeniacht werden, als Abwehrmittel gegen Lohnforderungen der Arbeiter zu dienen. Und um das zu verhindern, ist vor allem nötig, mit einer objektiven Lohn- statistik auch eine Lebensmittelpreisstatistik zu verbinden; erst aus dem Vergleich dieser Statistiken kann die öffentliche Meinung ein gerechtes Urteil schöpfen. Verlin uncl llmzegenck. Die Lohnbewegung der Stukkateure vollständig beendet Das Einigungsamt hatte am 31. Mai die Beratung des Akkord- tarifes in eine Kommission verwiesen, in der eine Einigung nicht erzielt wurde. Am 22. Juni tagte unter Leitung des Magistratsrats Wölbling die Schlichtungskommission, die nach mehrstündiger Verhandlung eine Einigung erzielte. Der alte Akkordtarif bleibt unverändert bestehen. Neu ist ein> zufügen: Kamen an Schwunglatten auSzualätten bis 7 Millimeter Stärke und wenn genügend Leerbogen geliefert werden, bis zur ein- fachen Teilung das laufende Meter 35 Pf. Zur komplizierten Teilung nach Vereinbarung. Angesetzte Leisten auf einer Seite auszugleichen, bis 7 Millimeter Stärke, pro Meter 15 Pf. Jeder Va Zentimeter mehr, das Meter Zuschlag 8 Pf. Aufgeputzte Leisten, bis 7 Milli- meter Stärke und 20 Zentimeter Breite, pro laufenden Meter 37 Vz Pf. Jeder Zentimeter Breite mehr 1,5 Pf. Ueber 7 Millimeter Stärke jeder 0,5 Zentimeter ein Zuschlag von 8 Pf. Aufzuputzende Platten bis 1 Zentimeter Stärke für 100 Quadratzentimeter 2,5 Pf. Jedoch das Stück nicht unter 30 Pf. Zur Teilung und auf Untersichten nach Vereinbarung. Diese Neuerung tritt am 1. Juli in Kraft. Die Arbeitszeit ist vom 1. Oktober 1012 8V« Stunden mit'/« Stunde Frühstück und 1 Stunde Mittag, vom 1. Oktober 1313 8 Stunden mit 1 Stunde Mittag. Bis 1. Juli ist der Tarifvertrag redaktionell fertig zu stellen und ist die Geschäftsordnung des Arbeitsnachweises und der Schlich- tvngskommission mit aufzunehmen. Damit ist der neunwöchentliche Kampf beendet und werden die Stukkateure am 27. Juni dazu Stellung nehmen._ Zu dem Fleischerioykott in Neukölln ist zu berichten, daß die Fleischermeister Franz Müller, Böhmische Str. 10, und P. Buße, Bendastr. 20, den Tarifvertrag anerkannt haben. Der Gastwirt R. S t e l t e r, LiebertS Nachf., teilt uns mit, daß er feine Fleisch- und Wurstwaren nur in Schlächtereien kaufe, wo die Forderungen bewilligt sind. Zentralverband der Fleischer. oeutkcbe» Keick,. Der Verband der Fabrikarbeiter im Jahre 1911. Erfreuliche Fortschritte in der Organisierung der ungelernten Arbeiter zeigte der Geschäftsbericht dieses Verbandes. Die Mit- gliederzahl stieg im Berichtsjahre von 137 097 auf 189407 i darunter befinden sich 23173 weibliche Mitglieder. Im laufenden Jahre hält die erfreuliche Steigerung der Mitgliederzahl, soweit sich bisher übersehen läßt, an; schon vor einigen Wochen verkündete eine Fest- nummer des Verbandsorgans, daß die Mitgliederzahl mehr als 200 009 beträgt. Die Finanzen des Verbandes haben sich gleichfalls erfreulich gestaltet. Di« Einnahme der Hauptkasse betrug 3 924 112 M. gegen 3 117 487 M. im Jahre 1910. Die Ausgaben für Unterstützungen aller Act betrugen 2 151 951 M. Für Streikunterstützung wurden 875 388 M., für Gemaßregeltenunterstützung 53 155 M., für Erwerbs- loseuunterstiitzung 1 100 200 M., für Sterbegeld 39 593 M. veraus- gabt. Das Vermögen des Verbandes betrug insgesamt 2 983 388 M.. davon 2150 023 M. in der Hauptkasse und 833 335 M. in den Lokalkassen. Die Erfolge der Streiks und der friedlich verlaufenen Lohn- bewegungen ivaren im Jahre 1911 größer als in irgend einem früheren Jahre. Es wurden 418 Lohnbewegungen ohne Streit zu einem günstigen Ende geführt. Diese Bewegungen erstreckten sich auf 550 Betriebe mir 47 938 beschäftigten Personen. An den Erfolgen partizipierten 43 068 Personen, von denen 17 900 eine Verkürzung der Arbeitszeit um insgesamt 40 358 Stunden die Woche und 33 434 Per- sonen eine Erhöhung der Löhne um insgesamt 50148 M. pro Woche er- reichten. DerHauptteil der Erfolge entfällt auf die chemische Industrie, in der für zirka 13 000 Personen eine Lohnerhöhung und für mehr als 9000 Personen eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht wurde. Von Streiks oder Aussperrungen wurden 18 198 Mitglieder in 309 Be- trieben betroffen. Die Kosten dieser Kämpfe betrugen einschließlich der Ausgaben der Lokalkafsen 1 024 123 M. Von den an Streiks oder Aussperrungen Beteiligten waren bei Beginn des Kampfes 93 Prozent, sechs Monate vor Ausbruch des Kampfes 70 Prozent organisiert. Erhebliche Fortichritte machte auch im abgelaufenen Jahre die Sicherung der erreickile» Erfolge durch Abschluß von Tarifverträgen. Die Zahl der abgeschlossenen Verträge stieg von 175 zu Beginn auf 293 am Ende des Jahres. Die Zahl der unter Vertrag stehenden verbandsmitglieder nieg von 20903 auf 31 397. Bon den abgeschlossenen Bertiägen entfallen l03 mit 883t Personen ans die chemische In- dustrie; 37 mit 6773 auf Ziegeleien, Tvnwarenfabriken usw.; 20 mit 4410 ans Papierfabrik»; 37 mit 7333 auf die LebenSinittelmdustrie lZtickerfabrike», Margariuefabriken usw.) und der Rest auf sonstige Betriebe._ Eine christliche Verleumdung aufgedeckt. Im bayerischen Wald, also einer völlig katholischen Gegend, hat der Zentralverband deutscher Steinarbeiter(Sitz Leipzig) viele An- Hänger. Der schwarze Keramarbeitcrverband ist dort nur spärlich vertreten. Gegen den„roten" Verband wird nun in der bekannten christlichen Weise gewütet. Am 29. April brachte ein Zentrumsorgan, das„Chainer Tageblatt", eine schauerliche Terrorismusgeschichte, die von einigen frei organisierten Steinarbeitcrn aus Blanberg gegen« über einem Unorganisierten verübt sein sollte. Das Blatt schrieb, der Unorganisierte sei nachts von drei Genossen überfallen und gehörig durchgeprügelt worden. Zum Schluß hätten ihn die„Roten" mit dem Messer bearbeiten wollen, aber der gute Christ konnte sich zum Glück noch in den Wald flüchten. Gegen drei unserer Genoffen wurde Anklage erhoben. Das Amtsgericht Cham, vor dem die Sache dieser Tage verhandelt wurde, sprach sämtliche Angeklagte frei. Das„Chamer Tageblatt", das jene Verleumdung in die Welt geschleudert hatte, muß nun Abbitte leisten. Es bringt eine Nichtig- stellung, in der es unter anderem wörtlich heißt: „Weiter wurde seinerzeit) berichtet, daß der betreffende Ar- bester an einem Sonnabend überfallen und wabrscheinlidh auf Verabredung zu Boden geworfen wurde, und daß sich dabei zwei Vorstandsmitglieder der freien Gewerlschast rühmlichst hervorgetan hätten usw.— Der Verlauf der heute im kgl. Amtsgericht Cham staltgefundenen Verhandlung war aber derart, daß unser Bericht über den Vorgang der Rauferei(vordem war es ein nächt- sicher lleberfall! D. B.) nicht aufrecht erhalten werden kann. Im Gegenteil zeigte sich, daß eigentlich— der Kläger auf die Anklagebank gehört hatte; es wurden dann auch zwei Angeklagte freigesprochen, während der Dritte, wohl schuldig eines Vergehens der Körperverletzung, aber auch straffrei erklärt wurde. Von einer Ausübung eines Terrorismus war aus dem Verlauf der VerHand lulig nichts zu entnehmen, was hiermit konstatiert sei." Es hat sich somit herausgestellt, daß das frumbe Zentrumsblatt die organisierten Steinarbeiter in gewissenloser Weise verleumdet hatte. Leicht wird es dem„Chamer Tageblatt" nicht geworden sein, eine solche Richtigstellung, auf Grund der Amtsgerichtsverhandlung bringen zu müssen.'_ Die„unpolitischen" Gelben. Auf dem Stnmmschen Hüttenwerk in Neunkirchen wurde ein „nationaler Hüttenverein" gegründet. Bon jedem sich anmeldenden Mitglied wird die ehrenwörtliche Erklärung verlangt, daß es„nicht Mitglied irgend einer Gewerlichaft oder eines Vereins mit geWerk« schaftlichen Tendenzen" ist. Einzig in seiner Art aber sind die Satzungen dieses Vereins, die u. a. bestimmen: „Der Vorstand beschließt durch außerordentliche Mitglieder- Versammlung, welcher Partei die Stimmen seiner Mitglieder bei politischen oder kommunalen Wahlen übertragen werden,«amtliche Mitglieder haben sich dem in der Versammlung gefaßten Beschlüsse strikt zu unterwerfen. Bei Zuwiderhandlung tritt Artikel 4 K 9 der Statuten in Kraft." Die Strafbestimmung betrifft den Ausschluß aus dem Verein.— Der gelbe Werkverein konstituiert sich also einfach als Wahlverein und beschließt die politische Entrechtung der Arbeiter. Diese Gelben haben ihre Aufgabe richtig erfaßt. Arbeitseinstellung auf den Kölner Festungswerken. Köln, 25. Juni.(P.°C.) Zwischen den Unternehmern und Ar- beitern bei den hiesigen F e st u n g s b a u t e n ist es zu Lohndifferenzen gekommen. Die Vertreter der Arbeiter- organisationen wandten sich zwecks Beilegung der Differenzen schriftlich an die Unternehmer mit dem Ergebnis, daß ihnen vom Verband Deutscher Tiefbauunternehmer mitgeteilt wurde, die bauausführenden Firincn hätten einstimmig beschlossen, jede Verhandlung mit den Arbeiterorganisationen abzulehnen. Infolge dieser schroff ablehnenden Haltung kam es in mehreren Festungs- werken zu Arbeitseinstellungen. Der Streik der Kohlennrbeiter in Straßburg dauert fort. Die Firma Rapp-M oeder hat mit ihren Arbeitern Frieden gemacht. Montag früh wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Der Lohr: beträgt jetzt 4 M. pro Tag, gegen 3,40 M. seither. Ueber- tunden werden mit 50 Pf., Nachtarbeit mit 70 Pf. und Sonntags- arbeit mit 80 Pf. pro Stunde bezahlt. Bei der Firma Harpener Bergbaugesellschaft sind nach eintägigem Streik die Differenzen ebenfalls beigelegt, und die sämtlichen Arbeiter sind wieder eingestellt. Die ilirma hatte nämlich den Arbeitern das Verrichten von Streikarbeit an- geboten und sie, nachdem die Arbeiter dies verweigert hatten, ent« lassen. Nunmehr wird Streikarbeit von den Arbeitern nicht mehr verlangt. Dagegen hat der Ausstand auf die städtischen Hafen- arbeitcr übergegriffen. Die bei der Stadt beschäftigten unstän- digen Arbeiter verweigern das Löschen der Kohle, soweit diese als Streikgut anzusehen ist. Da angeblich keine andere Arbeit vor- Händen war, wurden diese Arbeiter sofort entlasten. Die bestreikten Firmen sind auf der Suche nach Streikbrechern. Zu diesem Zweck sucht ein Arbeiter Lofsing, beschäftigt beim Gaswerk, die Herbergen ab und verspricht den Arbeitsuchenden 3 M. pro Täg und freie Kost. Die Kohlenhändler scheinen viel übriges Geld zu haben, denn solche Angebote kannte man früher nicht. Die Polizei ist teilweise immer noch sehr besorgt um das Wohl der Streikbrecher. In der bürgerlichen Presse wird versucht, zum Teil unter wahrheitswidrigen Darstellungen, die Forderungen der Arbeiter als unbegründet hinzustellen und das baldige resultat- lose Ende des Streiks zu prophezeien. Der Wunsch ist natürlich der Vater des Gedankens. Der Stand der Bewegung ist ohne Frage sehr günstig. Die Einigkeit der Arbeiter hat die Unter- nehmcr überrascht, so ellvas ist im Straßburger Hafen noch nicht dagewesen. 7Iusl»tick. Erntearbeiterstreik in Ungarn. Im Komitate Zsolmar steht ein Streik der Erntearbeiter bevor. Die besser situierlen Grundbesitzer haben bereits Erntemaschinen bestellt, um dem Ausstande wirksam entgegentteten zu können. Die Arbeiter verlangen einen Mindesttagelohn von 7 Kronen, den die Grundbesitzer angeblich zu zahlen nicht in der Lage sind. Im französischen Seemannsstreik ist die Lage noch immer unverändert. Die Gesellschaften erklärten gegenüber dem neuen Vorschlage des Ministers des Innern Steeg, daß sie keineswegs in ihren Anschauungen eine Aenderung eintreten lassen könnien. Die Seeleute haben sowohl in Paris wie in der Provinz zahlreiche Versammlungen abgehalten und sich energisch geweigert. ein Schiedsgericht anzuerkennen, in dem die Arbeiter nicht vertreten sind. Der Ueberseedienst wird weiter mit Matrosen der Kriegsmarine aufrecht erhalten. In Port Vendres boten die Pastagiere des Dampfers „Marsa" der Besatzung 800 Fr., wenn sie ihre Tätigkeit fortsetzen und die Abfahrt deS Dampfers ermöglichen würden. Die Streikenden erklärten sich hierzu auch dann bereit, wenn die Organi- sationSleittmg in Marseille sich gleichfalls einverstanden zeigen würde. Auf ihre telegraphische Anfrage in Marseille wurde ihnen jedoch die Genehmigung zur Auinahine ihrer Tätigkeit versagt. Um 10 Uhr abends konnte das S-biff dann mit einer neuen Besatzung aus Matrosen der Kriegsmarine die Fahrt nach Algier an- treten. In Bordeaux kam es gestern zwischen streikenden und arbeitswilligen Seeleuten zu Zusamtnenstößen. Die Streikenden' die bemerkt hatten, daß auf dem Dampfer„Chile" die Lichter an- gezündet worden waren, begaben sich in großer Zahl nach dem Hasen. Als nun die Arbeitswilligen an Bord wollten, um den Dienst zu versehen, wurden sie hieran gehindert. Es kam zu einem Zusammenstoß und erst einem großen Polizeiaufgebot war es mög- licb, die Ruhe wieder herzustellen. Abends fanden in Bordeaux zahlreiche Versammlungen statt, nach deren Schluß es abermals verschiedentlich zu Zusammenstößen kam, bei denen die Polizei einschritt. Eine Person wurde verletzt._ Zuchthansstrafen für Vohkott in Nordamerika. Bürgerlichen Blättern wird aus New Dork gemeldet: Die Gewerkschaftsführer Gompers, Morrison und Mitchell sind vom Obersten Gerichtshof in Washington wegen Mißachtung des Gerichts zu je einem Jahre Zuchthaus verurteilt worden. Die Anklage resultierte aus einer Privatklage einer Firma, die in der von den Gewerkschaften veröffentlichten Bohkottliste aufgeführt worden war. Die Verurteilten haben Berufung eingelegt und wurden nach Hinterlegung einer Bürgschaft von je 80000 M. auf freien Fuß gesetzt._ Hus Induftric und Handel. Stinnes über die Konjunktur. Nachdem sich Leiter von verschiedenen großindustriellen Unket- nehmungen über die Konjunktur geäußert haben, hat sich auch der Zechengewaltige Hugo Stinnes in der außerordentlichen General- Versammlung der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hüttengesellschaft am Montag über die gegenwärtige industrielle Lage ausgesprochen. Er führte dabei(nach dem„Berk. Tagebl.") aus: Was die Eisenindustrie angehe, so könne er aber sagen, dag die Beschäftigung zu lohnenden Preisen sehr gut sei. Man dürfe annehmen, daß die jetzigen zufriedenstellenden Verhält- nisse noch weiter bestehen bleiben würden. Der Kohlenmarkt liege ebenfalls sehr gut, wenn auch'infolge der Verhällniste auf dem Seefrachtenmarkt der Absatz nicht mehr so stürmisch sei. wie er mehrere Monate hindurch gewesen sei. Man könne aber annehmen, daß, wenn in den Seehäfen wieder mehr Tonnage frei werde, der Versand allmählich, namentlich zum Herbst hin wieder eine außer- ordentliche Höhe erreichen werde, vorausgesetzt, daß der Wagen» mangel nicht wieder einen Strich durch die Rechnung mache. Er, Stinnes, hege nach dieser Richtung hin ernste Besorgnisse. Im Mai hätten schon Tausende von Tonnen Stabeisen in Differdingen nicht zum Versand kommen können, weil die nötigen Eisenbahn- wagen fehlten. Der Koksmarkt liege ja aus den bekannten Gründen weniger gut als der Kohlenmarkt, wovon zwar„Deutsch-Luxem- bürg" direkt wegen seiner großen Roheisenproduktion nicht so sehr betroffen werde, immerhin könne es aber der Gesellschaft„Deutsch- Luxemburg" als einem Unternehmen, das auch zu einem erheb- sichgn Teile an dem Absatz des Kohlensyndikatcs beteiligt sei, nicht gleichgültig sein, ob die Einschränkung der Koksproduktion höher oder niedriger sei. Alles in allem glaube er, daß die industrielle Konjunktur heute noch eine recht gute fei.. � Ueber die Lage der Gesellschaft gab Stinnes bekannt, daß Früh. jähr 1914 der Umbau nebst den großen Neuanlagen ganz fertig sein werde. Dann werde sich„Deutscch-Luxemburg" mit den besten der großen Montangesellschaften messen können. Diese allgemein bestätigten Angaben auf die erhöhte Renta- bilität der Werke werfen nachträglich ein bezeichnendes Licht auf die Grubengewaltigen, die durch ihre Weigerungen besserer Löh- nung der Arbeiter den großen Streik im Ruhrrevier hervorriefen, Kartell in der Baumwollindustrie. Der„Verband der Deutschen Veredelungsanstalten für bäum- wollene Gewebe", E. B., in Leipzig hatte in einem Rundschreiben seinen Kunden mitgeteilt, daß fortan all« Verbandsartikel einen Schutzaufschlag von 33� Proz. erfahren würden, wenn der Kunde nicht seinen„gesamten Umsatz in Verbands- artikelnauSschlietzlichden Mitgliedern desVer- bandes Deutscher Veredelungsanstalten über. weist". Die Abnehmer schlössen sich zur Abwehr dieses geplanten Druckes zum„Zentralverband Deutscher BaumwollenwarenauS- rüster" zusammen. In dem Kampfe gegen den Veredelungsverband sind sie aber unterlegen. Zwar wird in dem offiziellen Bericht über die„Einigung" beider Verbände gesagt, daß der Zentral- verband seine Einwendungen gegen den Schutzaufschlag habe fallen lassen, da auch ihm vom Veredelungsverband Entgegenkommen ge- zeigt wurde. Dieses Entgegenkommen kann nur in LieferungS- bedingungen bestehen, die zurzeit eine Erleichterung für die Aus- rüster bedeuten mögen, die aber nichts an der Tatsache ändern, daß die Vcredeler den Preismarkt einseitig beherrschen werden. Die Konsumenten werden schließlich die Leidtragenden sein." Hetzte Waehriehten. Die französische Wahlreform. Paris, 25. Juni.(W. T. lB.) Die Deputicrtenkammer setzte heute die Beratung über die Wahlreform fort und zwar über den Zusatzantrag des Abgeordneten Javal, der beabsichtigt, die Departe. ments als BasiS der WahlkreiSeinteilung zu verwenden. Ministerpräsident Poincare erklärte, alle Bemühungen der Regierung zielten darauf ab, soviel als möglich, unter den Republikanern die Einig- keit wieder herzustellen.(Beifall.) Er appellierte dann an diese Einigkeit und fügte hinzu, daß Abänderungen und Zusätze unter der Bedingung, daß sie nicht daS allgemeine Prinzip des Gesetzes berührten, ihm hinzugefügt werden könnten. Weiterhin wies der Ministerpräsident auf die Unzuträglich- ketten hin, die aus der zu große» Abhängigkeit des Gewählten von seinen Wählern sich ergeben. Mehrere Gegenredner wollten ihn hier unterbrechen, wurden aber am Reden durch das Zentrum, die Rechte und die äußerste Linke gehindert. Der Ministerpräsident wies dann darauf hin, daß die Wahlreform eine Verwaltungsreform im Gefolge haben müsse und schloß mit der Bitte, den Text, der Kommission anzunehmen.(Lebhafter Beifall.) Darauf wurde der erste Teil deS Zusatzantrages Javal, der besagt, datz jedes Departement einen Wahlkreis bilden solle, mit 298 gegen 251 Stimmen angenommen. Den zweiten Teil seines AnttageS zog Javal zurück. Der Dieb der Kaiserkette. Köln, 25. Juni.as ist natürlich ein großer Irrtum des Herrn Kommissioiisrats Schumann, der um so bedauerlicher ist, als in dieser Auffassung eine Herabwürdigung Kr Presse liegt. Die Passepartouts der Presse sind keine Freibilletts, sondern sie sind für jedes Theaterunternehmen und für jeden Zirkus ein billiges Acquivalent für eine Leistung der Presse." Es zeigt nun aber doch schon von einer Art Gesundung der bürgerlichen Presse, daß auch in ihrem Lager die Empfindung von einer ihr angetanen Herabwürdi- gung sich offenbarte. Mehrere Frankfurter Zeitungen fanden es für gerate», Herrn Schumann auch ihrerseits die Passepartouts zurückzuschicken, woraus erhellt, daß das, was in Berlin Herrn Schumann erlaubt sein mag. wo anders als unziemliche Zumutung an den Pranger gestellt wird. Der Tiefstand deö musikalischen Geschmacks. Mit dem Ge- schmacksniveau auf musitalischcin Gebiete ist es zurzeit in Deutsch- land nicht gerade zum besten bestellt. Das geht besonders aus einer Stajistik hervor, die der Vorstand des Deutschen Musikalienver- legervereins aufgestellt hat. In dem Bericht, der sich über die letzten zwei Jahre erstreckt, heißt es, daß zwar der Musikalienhandel an sich einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen hat, daß aber die „leichte Kost" den meisten Absatz findet. Ernste Musik und gute Hausmusik bleiben nach wie vor schwer einzuführen, wogegen die Verbreitung der Operetten und sogenannten„populären" Musik in immer weitere Kreise dringt und eine zunehmende Anspruchslosig- keit und Verschlechterung des musikalischen Geschmacks herbeiführt. Da» Ende eines deutschen SilberbrrgwerkeS. Freiberg, die alte Berghauptstadt Sachsens, atmet Romantik. Man geht durch enge, genaue Kenntnis der psychopathologischen Borgänge dieser Zeit er- leichtert das Werk der Fürsorgeerziehung. Redner legte dann der Versammlung im Sinne seiner Ausführungen gehaltene Leit- sätze vor. In der Diskusston spricht Geheimrat Ganser» Dresden dem Vortragenden warme Anerkennung aus. Wenn er aber meine, man solle sich nicht scheuen, die Zöglinge etwas scharf anzufassen, so braucht die Fürsorgeerziehung solche Mahnung nicht, denn sie handelt bereits danach. Die Affektschwankungen sind in den ein- zelnen Teilen des Deutschen Reichs sehr verschieden, so ist z. B. in Sachsen die Steigung zum Selbstmord am höchsten. Darauf muß durch differenzierende Behandlung Rücksicht genommen werden, denn wir dürfen nicht riskieren, daß die Fürsorgeerziehung etwa durch zu große Strenge zur Erhöhung der Sclbstmordzahl führt.— Pastor Roth- Groß-Rosen(Schl.): Je elastischer und willens- kräftiger der Erzieher ist, destoweniger wird er gezwungen sein, Strafen anzuwenden. Die Fürsorgeerziehung wird leider in manche Beziehung diskreditiert, aber trotzdem können wir diese Strafen nicht gan� entbehren. Darum möchte ich die Behörden u m mehr Freiheit für unS Erzieher bitten auch in bezug auf die Anwendung der Strafen. Wir freuen uns, daß die Psychiater mit uns zusammen arbeiten wollen und daß frühere Mißverständnisse auf diesem Gebiet gehoben worden sind. Vi»les gleicht sich in der natürlichen EntWickelung aus. Wir wissen ja selbst, wie die Zöglinge unter unserer Hand manchmal ohne unser Zutun das zu verlieren scheinen,, was die Erziehung gefährdet. Bei Mädchen bedeutet häufig daS 19. Jahr eine solche Wende, und manchem unserer Zöglinge habe ich mit Erfolg gesagt:„Wenn Ihr erst dieses Alter erreicht, wird mancher Druck von Euch genommen werden." Wir wollen unsere Zöglinge mit stählerner Energie an- fassen, aber auf die Dauer können wir nur dann wirksam er- ziehen, wenn es unS gelingt, das Vertrauen unserer Zöglinge zu gewinnen. Goethe hat gesagt:„Erziehen kann man nur, wen man liebt!" Gehen wir also unseren Zöglinge bei aller Strenge doch auch bis in die innersten Empfindungen nach. Dirigierender Arzt Dr. Schnitzer- Stettin ergänzt die Aus- führungen des Referenten durch Erwähnung einiger Fälle auS der Praxis, namentlich über das jugendliche Irresein, die sogenannte dementia praecox, die sich in einem Falle in täuschend vollkom- mener Nachahmung epileptischer Anfälle durch den Zögling äußerte. Gerade bei dem jugendlichen Irresein ist eine pädagogische Ein» Wirkung von größter Bedeutung.— Direktor Dr. Kluge- Potsdam bespricht die frühere Isolierung von Geisteskranken. Gerade solche Zöglinge, die manchmal als brutal erscheinen, sind mitunter die Empfindsamsten, und wenn man ihnen die Schwierigkeiten aus dem Wege räumt, kann man sie zu tüchtigen Menschen machen.— Sani. tätSrat Dr. N e i ß e r- Bunzlau betont die Schwierigkeiten, Irre und Gesunde auseinanderzukennen, wenn nicht die elementare Forderung verwirklicht ist, daß von jedem Zögling eine genaue Beschreibung seines ganzen Vorlebens von seiner Kindheit an ge- geben ist. Im Gegensatz zu den Gefängnissen wird in den Für- sorgeanstalten eine Trennung von Mutter und Kind vorgenommen. Wir müssen doch bedenken, daß 89 bis 199 Mädchen im Jahre in schwangerem Zustand oder sofort nach der Entbindung in Fürsorge- erziehung gebracht werden. Die Damen der Gesellschaft sollten hierjür Abhilfe sorgen. Nach einem Schlußwort des Referenten wurde die Besprechung geschlossen. Am Nachmittag unternahmen die Teilnehmer des Fürsorge- erziehungstages einen Ausflug nach Moritzburg, wo das Schloß, das Bruderhaus und die Erziehungsanstalt besichtigt wurden. Abends sprach dort Pastor. K n a u t, der Direktor der Berliner Städtischen Fürsorgeerziehung, über: »Die Selbstverwaltung der ältere» Färsorgezöglinge". Redner faßte seine Darlegungen dahin zusammen, daß die psycho- logischen Voraussetzungen für die Selbstverwaltung der Zöglinge im Alter von 15 bis 21 Fahren in dem diesem Alter besonders eigenen Freiheitsdrang und dem Streben nach Selbstbetätigung liegen. Wird dieser Trieb gewaltsam unterdrückt, so erzieht man unselbständige Menschen oder unzufriedene revoltierende Elemente. Leitet man ihn in die rechten Bahnen, so dient er zur Erziehung froher, freier und selbständiger Persönlichkeiten. Die Voraus- setzungen liegen aber auch in dem in diesem Alter hervortretenden Streben nach sozialer, kollektiver Betätigung. Wenn man dieses Streben unterdrückt, so befördert man geheimes Komplottieren und ungesundes Kliquenwesen. Leitet man es aber in rechte Bahnen, so graue Gassen, an denen Häuser stehen mit schönen alten Toren, köstlich feinen Giebeln und dicken Mauern. Um den Stadtkern zieht sich die schöne neu« Promenade im geschlossenen Ring auf dem alten Wallaelände, auf dem noch alte Mauern- und Grabenreste und drei wehrhafte Türme von der Zeit zeugen, in denen sich die reiche Bergstadt vor Kriegsüberfällen zu sichern hatte. Hier in der altxn Mark Meißen war ja immer etwas los, und von den Schrecken, die während des dreißigjährigen Krieges über die Stadt hereinbrachen, raunt noch jetzt eine dreihundertjährige Linde, unter der nach seinem siegreichen Einzug in Freiberg der Schwedengeneral Torstenson Rast gemacht hat. Ein Stück weiterhin schaut das trotzige Mauerwerk des Schlosses Freudenstein übers Land. Und nun endlich der Dom! Der gedrungene Bau steht kantig und in seiner Turmlosigkeit finster und verschlossen da. Dem Antlitz dieser Stadt wittert die Geschichte aus allen Zügen, Geschichte, die bald nur noch Erinnerung sein wird. Denn schon wendet sich das letzte Blatt des jüngsten Ab- schnitte?. Weit im Lande, ja in der Welt löst der Name der Stadt Frei- berg die Vorstellung einer betriebsamen Gegend aus, die durch das von einer bis auf unsere Tage lebenden Romantik umgebene Wirken des Bergmannes ihr Gepräge erhalten hat. Schürfelust und Finderfreude, Mühsal und Tod des heiterernsten Bergknappen klingen und klagen durch die deutsche Dichtung, und das deutsche Märchen, dem aus dem dunklen Reich unserer Tage eine ganze Anzahl seiner uns und unseren Kindern vertrautesten Gestalten geboren wurden. Der sächsische Bergmann, und zumal der Knappe aus dem Freiberger Silbererzgebiet steht in dem Bilde nicht an letzter Stelle. Wie sollte er auch. Seit mehr als 89V Jahren nennt ihn deutsche Geschichte. Von der Ausdehnung des erzgcbirgischen Bergbaues und seiner stolzen Vergangenheit freilich hat wohl nie- mand da draußen eine rechte Vorstellung. Man staune: schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts haben mehr denn 799 Frei- berger Gruben in Erzlieferung gestanden, und seitdem war eS, von kurzen Unterbrechungen durch Kriegsnöte abgesehen, ein unaufhör- liches Weiterblühen. Immer neue Gänge wurden gefunden und angebrochen, immer neue Schichten senkten sich in die Tiefe, immer ergiebiger wurde der Betrieb der einzelnen Gruben und immer großartiger unter der Wirkung des Aufblühens der bergtechnischen Wissenschaften, für die seit Mite des 18. Jahrhunderts die alte, in der ganzen Welt berühmte und heute namentlich aus dem europä- ischen Osten stark besuchte Freiberger Bergakademie den Mittelpunkt bildete, die neuen Anlagen, die großartigste unter ihnen der längste Stollen der Welt, der zur Wasserhaltung dienende, über 14 Kilo- meter ausgedehnte Rotschönberger Stollen, dessen erste Planung vom Oberhauptmann von Herder, dem Sohne des Dichter», herrührt. Diese fortwährende Steigerung der EntWickelung und des Förder- gutes hielt bis zum Jahre 1884 an, in dem für nicht weniger als 5JA Millionen Mark Silber zu Tage gebracht wurden. Der Erreichung des Höhepunktes aber folgte ein jäher Sturz: das Ucbcr- handnehinen der Goldwährung und die Nebenbuhlerschaft der über- seeischen Silbergruben haben zu einem ständigen Preisrückgang des EdelmetalleS geführt, und heute kostet das Sicher etwa nur noch ein Drittel so viel wie vor 49 Jahren. Seit 1886 ist der Ertrag mit rasender Schnelligkeit zurückgegangen. Endlich gab es doch kein Halten mehr. Sachsen mußte sich entschließen, den Bergbau Frei- schafft man ein wichtiges Erziehungsmittel zu staatsbürgerlichen Tugenden und man leitet den staatsbürgerlichen Unterricht zu staatsbürgerlicher Praxis über. Nach diesen Gedanken kann die Selbswerwaltung gestaltet werden, und zwar im Gesamtleben der Anstalt, wobei die Hausordnung und alle Veranstaltungen auS dem Lebensinteresse der Zöglinge erwachsen und so freiwillig über- nommen werden, die einzelnen Familien und Arbeitsgruppen ein selbständiges Gepräge erhalten und einzelne Zöglinge zur Aufrecht- erhaltung der Zucht und Ordnung heranziehen müssen. Dagegen wäre ein aus Jugendlichen zusammengesetzter Jugendgerichtshof eine verfehlte Einrichtung, weil es den Jugendlichen an Lebens- erfahrung, psychologischer und intellektueller Reife und an Jnter- esse für die Einrichtung fehlt. Wenn aber die Selbswerwaltung in einzelnen Vereinen organisiert wird, so sind dabei folgende Gesichts- punkte zu beachten: Es sind nur solche Vereine zu bilden, die der körperlichen, geistigen und sittlichen Ertüchtigung dienen(Turn- vereine, Gesangvereine, Jugendwebr, dramatische Vereinet. Jedem Verein ist ein Erzieher, als Berater beizugeben, der nicht regiert, sondern leitet. Die Mitglieder wählen ihren Vorstand und die Beamten(Vorsitzender, Kassenwart, Gerätewart usw.) und zahlen Beiträge aus dem ihnen zu gewährenden Arbeitsverdienst. Für Ordnung und Zucht sollen die Vereine selbst sorgen. Morgen(Mittwoch) gehen die Verhandlungen zu Ende. Der Derbandstag der Holzarbeiter. In'der gestrigen Vormittagssitzung wurde die Diskussion über den Vorstands- und Kassenbericht fortgesetzt. Storch- Char- lottenburg geht nochmals auf die Angelegenheit seiner Zahlstelle ein und wünscht, daß ihn für den Anschluß an Verlin nochmals eine Bedenkzeit, und zwar bis zum 1. Oktober gewährt werde. Von anderer Seite ist hierzu übrigens schon ein Antrag eingegangen, über die Angelegenheit zur Tagesordnung überzugehen. Ein Antrag der Zahlstelle Charlottenburg, bei der Einverleibung von Vorort- Zahlstellen in eine größere Zahlstelle keinen Zwang auszuüben, hat keine Unterstützung gefunden und ist somit von vornherein erledigt. Schneegas(VerbandSvorstand) ist der Ansicht, daß den Charlottenburgern Zeit genug zur Ueberlegurig gewährt worden ist, und daß sie sich bis zum 1. Juli zum Anschluß entschließen müßten.— Schmidt- Braunschweig spricht über die geplante Einführung des Umlageverfahrens bei großen Lohnkämpfen anderer Gewerkschaften und billigt durchaus den Standpunkt des Verbands- Vorstandes. Im übrigen wird in der Diskussion weiter über chie Tätigkeit der Zentralkommissionen der Branchen und ihr Verhält- niS zu den Gauvorstehern und dem Hauptvorstand gesprochen und ein Antrag eingebracht, der Vorstand solle eine Konferenz der Vor» sitzenden der Zentralkommissionen einberufen, um die Richtlinien für die weitere Tätigkeit dieser Kommissionen festzulegen. Außen- dem wurde noch hervorgehoben, daß in der Agitation und bei Ab- schluß von Tarifverträgen mehr Wert auf die hygienischen Ver- Hältnisse in den Werkstätten gelegt werde. Neben den Unfallgefahren durch den Maschinenbetrieb seien eS die Verunreinigung der Luft, die Staubcntwickelung, der Mangel an ausreichender Ventilation und Reinlichkeit in den Betrieben, was die meisten Opfer an Leben und Gesundheit erfordert.— Die Diskussion, in der noch ver- schiedene, mehr innere Angelegenheiten berührt wurden, erreichte gegen 11 Uhr ihr Ende. Der Verbandsvorsitzende Lei pari ant- wortet in seinem Schlußwort auf verschiedene Anfragen und Ein- Wendungen. Eine Anfrage richtete sich auf die Stellung des Ver- bandSvorstandes zu der Privatversicherung mit Rücksicht aus die Verbandsangestellten. Diese Frage ist der Revisionskommission überwiesen worden und wird später noch zur Erledigung, komnsen. Eine andere Anfrag«, den Bau des Verbandshauses betreffend, vv- antwortet der Redner dahin, daß der Vorstand wohl an die hundert Offerten eingehend geprüft habe, ehe er sich zum Erwerb des Grundstücks im Zentrum Berlins entschloß. Es sei als selbstver- ständlich anzusehen, daß außer der Hauptverwaltung auch die Zahl. stelle Berlin ihre Bureaus nach dem Verbandshause verlegen werde, wenn das Haus fertig ist. Die berechtigten Wünsche und An- regungen, die die Zentralkommissionen haben, sollten sowohl von dem Verbandsborstand wie bei den Gauvorständen beachtet und befolgt werden. Bei- Einführung des llmlageverfahrens zu gegen- seitiger Streikunterstützung dürften nicht alle Gewerkschaften über einen Kamm geschoren werden, sondern eS müßte den Gewerkschaften, bei denen es sich um große Summen und Mitgliederzahlen bergS langsam abzurüsten, und so sind seitdem in fortschreitendem Maße die alten Knappen auf Ruhelohn gesetzt, die jüngeren, die noch anderwärts ihr Auskommen finden werden, mit Kündigung abgelohnt worden. Im nächsten Jahre wird der letzte FreibergSr Häuer seine letzte Schicht verfahren haben.... Nuditätenschniiffelei. In der gegenwärtigen Ausstellung im Miünchener Glaspalaste war auch ein Gemälde von Hoffmann von Veltenhof ausgestellt mit dem Titel:„Im Schöße der Götter". Dieses Bild hat der Maler auf Verlangen der Aus- stellungsleiter entfernen müssen, angeblich weil es durch seine Rudi- täten die Beschauer verletzt.... Ueber das Sujet des Bildes ist folgendes zu sagen: ES ist ein Triptychon mit einer tempelartigen Umrahmung, die sich in allen drei Teilen des Tripthchons über eine Hügelgruppe zieht. Links auf dem Bilde sieht man die Mädchen nach emem Tempel schreiten. D i e Mädchen sind bekleidet. In der Mitte sitzt auf einem Sockel ein roter Götze, der vom Altar- feuer rot beleuchtet wird. Auf seinen Knien kauert ein nackte? Mädchen. Dieses Mädchen hat der Künstler auf Ersuchen der Ausstellungsleitung bereits früher einmal um gemalt. Andere Mädchen schüren das Altarfeuer und blicken auf das kauernde Mäd- chen. Auf denrchritten Bilde des Triptychons kommen die Mädchen auS dem Tempel zurück. Eines der Mädchen hält eine goldene Kette hoch, ein anderes windet sich in Verzweiflung und daS dritte Mädchen hockt auf der Treppe, blickt dem Beschauer entgegen und zählt Goldmünzen auf der flachen Hand. Auch diese Mädchen sind mit Ausnahme jenes, das auf der Treppe sitzt, bekleidet! Er- kläret mir. Graf Jaromir... Notizen. — Im Lessing. Museum findet morgen, abends S Uhr. eine Roufseau-Feier statt. Dr. P. A. Merbach hält den Festvortrag und Theodor Mantow rezitiert das Monodrama„Pyg- molion", das bei dieser Gelegenheit zum ersten Male in Berlin mit der von Rousseau selbst dazu komponierten Musik zur Auf- führung kommt. Vorher singt Vira v. Dombrowska vom Londoner Convent Garden einige Rousscausche Arien und Lieder. —„L i l i en c r o n", ein sinfonischer Nekrolog für großes Or- chester und Tenorsolo aus der Feder unseres Münchener Musik- referenten Wilhelm Mauke soll im nächsten Winter dort zur- ersten Aufführung in Deutschland kommen. — Heinrich Heine wird in Halle a. S. ein Denkmal er- halten. Die Enthüllung der pon Paul Schönemann geschaffenen Kolossalbüste soll im August geschehen. — Eine Gedenktafel für Hermann Conrads, den jung verftorbenen Führer der Jüngstdcutschen Sturm- und Dvangliteratur, soll an seinem Geburtshause in Jeßnitz(Anhalt) enthüllt werden. — Zensur. Die vom Münchener Schauspielhause geplante Aufführung der Komödie„Die heilige Sache" von Felix Dörmann und Hans Fuchs wurde verboten. — Alma Tadema, der einst viel gerühmte Maler grie- chischer und römischer Figurcnbilder ist zu Wiesbaden, wo er zur Kur weilte, im Alter von 76 Jahren gestorben. handett,'mich entsprechendes Stimmrecht gewährt werden, und es müßten ferner Vorschriften für die Verwendung der Unterstützung zur Geltung gebracht werden, wie sie bei uns maßgebend sind.— Im übrigen Kinn der Redner konstatieren, daß die Tätigkeit des Vorstandes im allgemeinen vom Verbandstage als zufriedenstellend anerkannt wurde. Es folgt die Wstimmung über die vorliegenden Anträge. Zur Charlottenburger Angelegenheit wird folgender Antrag mit allen gegen eine Stimme angenommen: „Der Verbandstag beschließt, daß durch die Beschlüsse der Verbandstage von Köln, Stettin und München die Voraus- setzungen für den Anschluß Charlottenburgs an Berlin gegeben sind. Der Verbandstag erklärt damit diese Angelegenheit für er- ledigt und beschließt, daß die Zahlstelle Charlottenburg sich mit dem 1. Juli 1912 Berlin anschließt." Der Antrag auf Veranstaltung einer Konferenz der Zentral- kommissionen wurde mit 82 gegen 75 Stimmen abgelehnt. Zum folgenden Punkt der Tagesordnung: Bericht der Redaktion und der Prcßkommission führt der Redakteur Kayser in den Hauptpunkten aus: Die Re- daktion hat in den letzten beiden Jahren darauf verzichtet, im Jahresbericht schriftlichen Bericht zu geben. Wenn sich nichts Außergewöhnliches ereignet, würde der jährliche Bericht Wieder- holungen bieten. Im übrigen liegt ja das Resultat der Redaktions- tätigkeit den Mtgliedern allwöchentlich vor, und die Preßkom- Mission, die ja als Aufsichts- und Beschwerdestelle fungiert, hat in den zwei Jahren nicht ein einziges Mal Veranlassung gehabt, in unsere Tätigkeit einzugreifen. Daraus ist natürlich nicht zu schließen, daß die Redaktion sich etwa die volle Zufriedenheit der Kollegcnschaft erworben hätte. Es konnten selbswerständlich nicht alle Wünsck>e befriedigt werden. Korrespondenzen aus den der- schicdcnen Orten mußten oft gekürzt werden, und in der Hochsaison ist die Zahl der Bewegungen in der Regel so groß, daß die Redaktion sich schon aus Rücksicht auf den Raum Beschränkungen auferlegen muß.— Der Redner geht näher auf die Grundsätze ein, die bei der Berichterstattung über Lohnbewegungen und Tarifverhandlun- gen maßgebend sind, und fährt dann fort: Die„Holzarbeiter- zeitimg" will und soll ein Organ zur Belehrung und Erziehung der Verbandsmitgliedcr fem. Wir wollen in den Mitgliedern das Klassenbewußtsein wecken und sie zu Klassenkämpfern erziehen. Unsere Zeitung ist ein Organ des kämpfenden Proletariats und darf demnach auch an den politischen Kämpfen der Arbeiterschaft nicht achtlos vorübergehen, und als Gewerkschaftsorgan hat sie auch alle die Fragen zu berücksichtigen, die die Gewerkschaftsbewegung gemeinsam berühren, wenn sie auch vor allem die Interessen der Holzarbeiter und des Holzarbeiterverbandes wahrzunehmen hat. Wir nehmen für uns auch gegenüber anderen Verbänden das Recht selbständiger Stellungnahme in Anspruch, und dadurch kann es vorkommen, daß unsere Ausfassung mit der anderer Organe inner- halb der Arbeiterschaft auch einmal nicht übereinstimmt, wie dies bei dem Konflikt im Berliner Zeitungsgewerbc zutage trat. In politischer Hinsicht vertreten wir die Auffassung, daß die GeWerk- schaftsmitglicder die Wahl sozialdemokratischer Kandidaten unter- stützen und fördern sollen, daß aber die Gewerkschaften aus ihren Kassen keine Beiträge zu den Wahlfonds leisten. Soweit die „Holzarbciter�eitung" zu den politischen Vorgängen Stellung nimmt, tut sie es im Sinne der Sozialdemokratie, der einzigen Partei, die wirklich die Interessen der Arbeiterschaft vertritt. Daß ein Gewerkschaftsblatt sich mit Politik beschäftigt, ist notwendig und bei dem engen Zusammenhange der politischen Zustände mit der Sozialpolitik und den wirtschaftlichen Verhältnissen unvermeidlich. Dadurch wird selbstverständlich die Organisation, die das Blatt vcr- tritt, nicht zu einer politischen gemacht.—- Der Redner spricht dann noch über die Ausführung einiger Aufträge des Münchener Ben- bandstages. Es war dort gewünscht worden, in der Sterbetafel deS Organs die Todesursachen mit anzuführen, um auf diese Weise eine Statistik hierüber zustandezubringen. Diesep.Zwßch kqnnte, jfboch nicht erreicht werden, da die Angäben allzu ünzüreichcnd ausfielen. Es wäre bei der Größe der Organisation zu empfehlen, bu Sterbetafel überhaupt abzuschaffen.— Der Redner fordert schließlich zur Kritik an der Tätigkeit der Redaktion auf und spricht die Erwartung aus, daß das, was in der Berichtszelt geleistet wurde, gerechte Würdigung finden werde. Der Bericht der Preßkommission ist bereits erledigt durch die gedruckt vorliegende Mitteilung, daß aus den Mitgliederkreisen Be- schwerden über die Holzarbeiterzcitung während der ganzen Be- richtspcriode nicht eingegangen sind. In der Diskussion nimmt zunächst Leopold- Berlin das Wort und begründet folgenden Antrag der StatutenberatungS- kommifsion: „Der Verbandstag hält eine ausgiebige Behandlung der Lehr- lingsfrgge in der Holzarbeitcrzeitung für sehr wünschenswert und empfiehl der Redaktion, diesem Gegenstand auch künftighin die erforderliche Beachtung zu schenken." L e i p a r t(Verbandsvorsitzender) erklärt, er sähe sich veranlaßt, hinsichtlich der Haltung der„Holzarbeiterzeitung" beim Konflikt im Berliner Zeitungsgewerbe seine abweichende Meinung kundzu- tun. Wie man im eigenen Verband auf dem Standpunkt stehe, daß während' der Dauer eines Kampfes über die taktischen Mass- nahmen nicht gestritten werden dürfe im Verbandsorgan, so habe die Redaktion auch in diesem Fall gegenüber einer befreundeten Organisation handeln müssen. Es habe mit Recht Unwillen erregt, daß Mitglieder des Buchdruckerverbandes sich gegen ihren Verbands. vorstand auf die„Holzarbeiterzeitung" berufen konnten.'Jeden- falls wäre es besser, in Zukunft derartige Auslassungen über das Vorgehen befreundeter Organisationen zurückzustellen bis zur Be- endigung eines Konflikts. Riethmüller- Freiburg wendet sich gegen einen Artikel der„Holzarbeiterzeitung" über den Magdeburger Parteitag, worin der Redakteur sich im Interesse der Disziplin mit dem Parteitags- beschlutz einverstanden erklärte, durch den das Verhalten der Badi- schen Budgetbewilliger verurteilt wurde. Dergleichen Parteikritik, meint der Redner, gehöre nicht in das Fachblatt. Die Badischen Landtagsabgeordneten seien schon im„Vorwärts" vermöbelt wor- den.— I tz i n- Hannover wünscht mehr Artikel über das Genossen. schaftswesen und über die Alkoholfrage, sowie mehr Berücksichtigung der einzelnen Branchen im Verbandsorgan. Schneppenhorst- Nürnberg glaubt gerne, daß der Artikel über den Magdeburger Parteitag nicht überall gefallen hat. Er, Redner, aber wolle den Redakteur gegen die Aeußerungen Rieth- müllers in Schutz nehmen. Der Redakteur dürfe sehr wohl eine kritische� Betrachtung über die Beschlüsse eines Parteitages geben. Mörsberger- Fürth wünscht, daß in der„Holzarbeiter- zeitung" über die Verschmelzungsfrage das gesagt werde, was not. wendig sei. Man brauche dabei nicht allzu rücksichtsvoll zu sein, wenn es gelte, kleinen Organisationen klar zu machen, daß sie nicht imstande sind, die Interessen ihrer Mitglieder ausreichend zu ver- treten. Kayser antwortet in seinem Schlußwort auf die verschie- denen Einwendungen. Dem Genossenschaftswesen werde tatsächlich im Verbandsorgan große Berücksichtigung zuteil, jedoch könne man nicht in jeder Nummer Artikel darüber bringen. Ebenso sei die Nkoholfrage schon lange wiederholt bhandelt worden, und das werde auch in Zukunft geschehen. Den Tadel über die Stellung- nähme des Verbandsorgans zum Konflikt im Zeitungsgewerbe halte er, Redner, nicht für berechtigt. Da große Zeitungen nicht er- scheinen konnten, habe die Sache solche Bedeutung, für die Oeffent- lichkeit gewonnen, daß Stellung dazu genommen werden mutzte. In der Verschmelzungsfrage müsse das Verbandsorgan dieselbe Hal- tung wie der Verbandsvorstand beobachten, nämlich die, daß man es den betreffenden Organisationen selbst überlasse, zu entscheiden und sich darüber klar zu machen, ob der Anschluß an den Holz- arbeiterverband für sie zweckmäßig ist. Was den Artikel über den Magdeburger Parteitag betreffe, so sei er, Redner, der Meinung, daß die.„Holzarbciterzeitung" sich nicht in innere Streitigkeiten der Partei einzumischen habe, wohl aber über die Parteitage kritisch herichten und zu den Beschlüssen Stellung nehmen dürfe. L e i p a r t erklärt nochmals, persönlich, daß er mit der Haltung des Verbandsorgans zum Konflikt im Zeitungsgewerbe nicht ein- verstanden sei, toas jedoch dem freundschaftlichen Zusammenarheiten mit dem Redakteur in keiner Weise Abhruch getan habe. Der Antrag Kayser, daß in Zukunft die Sterbetafel nicht mehr erscheinen soll, wird angenommen; ebenso der Antrag der Statutenberatungskommission zur Behandlung der Lehrlingsfrage. Am Nachmittag kommt in geschlossener Sitzung der Punkt Unsere Lohnbewegung zur Verhandlung. Das Referat hält N e u m a n n(Verbands- vorstand). Die Sitzung wird um 5 Uhr geschlossen, um den Dele- gierten den Besuch der Arbeiterwohlfahrtsausstellung in Char- lottenburg möglich zu machen. 6. CemalversWmKttg des Zentralverbandes der Lildhaner Deutschlands. München, 24. Juni. Die Verhandlungen begannen am Sonntag im„Spatenkeller" in München. Anwesend sind 19 Delegierte: Vom Vorstand sind Dupont-, Welker- und Stahl- Berlin, vom Ausschuß L ü t t i ch- Leipzig, von der Generalkommission Genosse Um- breit- Berlin anwesend. Eingelaufen sind Begrüßungstele- gramme aus Hamburg, Nürnberg und von den Gipsern und Stukka- teuren Oesterreichs. Der Geschäftsbericht liegt den Delegierten gedruckt vor und wurde von Dupont in einigen Punkten ergänzt. Infolge der Häufung der Arbeit sei im Zentralbureau die Anstellung einer Hilfskraft nötig geworden. Zu beklagen sei die geradezu auffällig schwache Beteiligung bei der Wahl zur Generalversammlung. So haben sich beispielsweise in Hamburg, wo die Kollegen immer auf dem Posten waren, nicht ein- mal ein Drittel derselben an der Wahl beteiligt. Der Redner rügt, daß bezüglich der Zentralarbeitsvermittelung die Statistik so mangelhaft geführt wird und ersucht die Verwaltungsstellen, übe? die Arbeitsvermittelung und Arbeitslosigkeit genau Buch zu führen. Das gleiche treffe auch auf die reichsstatistischen Karten zu. Auch diese Karten müßten korrekt ausgefüllt und regelmäßig an den Zentralvorstand eingeschickt werden. In bezug auf Rechtsschutz er- wähnte Dupont einen Fall, der seinerzeit in der Partei, und Gewerkschaftspresse des In- und Auslandes Aufsehen erregte. Ein Kollege wurde wegen Meineids, den er in einer Straflammerver- Handlung wegen Beleidigung eines Arbeitswilligen geleistet haben soll, vom Schwurgericht Detmold zu zwei Jahren Zucht- Haus verurteilt. Die Organisation gewährte dem Kollegen Rechts- schütz. Rechtsanwalt Genosse Heinemann- Berlin legte Re- Vision beim Reichsgericht ein, das dieses unerhörte Urteil auch aufhob und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an das Schwur- gcricht Detmold zurückverwies, das dann in der zweiten Ver- Handlung auf Freisprechung des Kollegen erkannte. Dadurch sind der Organisation 1237 M. Kosten erstanden. Selbst wenn die Kosten noch höher geworden wären, würde niemand unter den Kollegen sein, der dies bedauern würde. Aber der Zentralvorstand habe sich oie Frage vorgelegt, ob nicht auch die in Frage kommende Organisation, der� Schneiderverband, zu den Kosten herangezogen werden könnte. Eine Aussprache zwischen den beiderseitigen Zen- tralvorständen führte dazu, daß der Schneiderverband in der ent- gegenkommendsten Weise sich zur Tragung der Hälfte der Kosten bereit erklärte. Der Kassenbericht wurde vom 2. Vorsitzenden Welker in einigen Punkten ergänzt. Die Zunahme des Verbandsvermögens sei nicht allein auf die auf der Magdeburger Generalversammlung beschlossene Sanierung, sondern hauptsächlich auf den Rückgang der Ausgaben zurückzuführen. Seit der Magdeburger Generalversammlung habe das Verbandsvermögen stetig zugenommen. Ausgaben für größere Streiks sind seit dem Kampf in Berlin im Jahre 1997 nicht zu verzeichnen. Es mußten nur kleinere Streiks geführt werden. Die Frage, ob das Vermögen der Organisation bei der Genossenschaftsbank der Großeinkaufs- genossenschaft anzulegen sei, habe den Vorstand in einigen Sitzungen beschäftigt. Zu einem Beschluß sei es aber nicht gekommen und überlasse der Hauptvorstand die Entscheidung der Genevalversamm- lung. Der Bericht des Hauptverwalters Stahl- Berlin bietet kein allgemeines Interesse. Im Anschluß an den Geschäftsbericht wurde eine schriftlich ein- gegangene Beschwerde der Ortsverwaltung Meißen gegen den Zentralvorstand behandelt. Die Meitzener Kollegen haben infolge eines Vergnügens ein größeres Defizit. Sie verlangten vom Zen- tralvorstand zur Deckung der Schulden den Betrag von 399 M. Der Vorstand lehnte dies ab, weil aus Mitteln der Organisation Gelder zu solchen Zwecken nicht bewilligt werden dürfen. In der Diskussion wurde die Haltung des Zentralvorstandes von allen Rednern gebilligt, worauf die Beschwerde einmütig zurück» gewiesen wurde. Die Diskussion über den Geschäftsbericht setzte mit einer Kritik über die Haltung der„Bildhauern Zeitung* ein. Es wurden die alten Klagen über Kürzungen. Aenderungen von Berichten laut. In seiner Kritik über die Tätig- keit des Redakteurs begründete Bönig- Berlin einen Antrag auf Schaffung einer Preßkommisfion am Orte. Die Berliner Kollegen glauben, daß sie damit einen größeren Einfluß auf die Jeitung erhalten und daß eventuell Beschwerden durch eine persönliche Aussprache mit der Redaktion schneller erledigt werden könnten.— Die folgenden Redner halten die Schaffung einer Preßkommisfion für überflüssig und ebenso halten sie eS nicht für opportun, daß der Sitz der Preßkommission gerade in Berlin sein müßte. Schröter- Leipzig ist mit der im Verbandsorgan betätigten Propaganda für den 1. Nkai nicht einverstanden. Nach den bestehenden Beschlüssen der Gewerkschaftskongresse und Partei- tage ist die Arbeitsruhe am 1. Mai die würdigste Feier. Die gc- linde Propaganda im Verbandsorgan genüge nicht und es müßte vom Redakteur verlangt werden, daß in Zukunft mehr Propaganda für die Arbeitsruhe am 1. Mai gemacht werde. L ü t t i ch- Leipzig (Porsitzendcr des Ausschusses) hätte in der Begründung des Ver»- liner Antrages großzügige Gesichtspunkte erwartet und konstatiert, daß von allen vorgehrachten Beschwerden und Wünschen nicht ein einziger Fall dem Ausschutz unterbreitet wurde. Beschwerden, wie sie von Bönig zur Sprache gebracht wurden, können auch nicht durch eine Preßkommission beseitigt werden. Der Antrag sei un- zweckmäßig und unpraktisch, daher sollte es bei dem jetzigen Zustand belassen werden. Verbandsvorsitzender Dupont, in dessen Händen die Redaktion liegt, rechtfertigte seine Haltung gegenüber den ver- schiedenen in der Diskussion aufgerollten Fragen und wie? die gegen ihn gerichteten Angriffe zurück. Eine bessere Propaganda für den 1. TOai im Verbandsorgan zu machen, könne er nicht versprechen. Diese Beschränkung sei gegeben in dem Umstand, daß Redakteur und Vorsitzender in einer Person vereinigt sei. Der Antrag Berlin auf Schaffung einer Preßkommission wurde gegen eine Stimme abgelehnt. Bei der weiteren Diskussion über den Geschäftsbericht nahm die Arbeitsvermittelung einen breiten Raum ein. Wir berichten darüber morgen. Erfrigchencyi Getrinke bereitet man sich am besten selbst mit Reichels Limonadesirup-Extrakten. Ein halber Teelöffel voll aus ein Glas Zuckerwasser genügt zur augcnblick- lichen Bereitung einer ganz köstlich schmeckenden Limonade von edlem Aroma und reinem Fruchtgeschmack in Himbeer, Erdbeer, Kirsch, Zitrone, Ercnadine, Orange etc. Unglaublich vorteilhast und einsach. 1 Original- stasche 75 Pfg. Zur Prob««AFI. 40Pfg. In den bekannten Drogerien er- hältlich. Alleiniger Fabrikant Otto Reichel, Berlin 80., Eisenbahn- stratze 4. Vor Nachahmungen schützt die Echtheitsmarke Lichtherz. Älus- sührlicheS illustriert.RezcPtbuch:„Die Destillierung im Haushalte" gratis. i Amnnh Berliner"t gaB1 ümor-flanrfttt i Gg. Treuer ICKuUmeullMM Von der Reise zurück' Vr. Heil Neukölln, Berg-, Ecke Rosenstraße. Dr.Simmel für Spezial-Arzt Haut- und Harnleiden. 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Da zu dieser Versammlung die Vertreter der Berufsgenossenschaften und Gewerbe- inspektionen eingeladen sind, erwarten wir von den Kollegen, daß Mann für Manu erscheint. 8S/18_ Die Kommission. Die Wander-Ausstellung im Gewerkschaftshaus, Saal 3, ist täglich geöffnet von 9—1 und 4—9 Uhr. Sonntag von 9—1 Uhr. Arbeitsnachweis: H°s I. Ojnt Korben, Kr. 1239. CharitSstraße 3. Hauptbureau: Hos III. Amt Korben, Kr. 1987 Donnerstag, den 37. Juni 1913, abends 8 Uhr: Sranchen-Uerj'ammlnng der Elclitroinoilteme«. Helfer Groß-Kerlins in den Musiker-Festsälen, Kaiser Wilhelmstr. 18in(großer Saal). TngeSorbnuna: 1. Bortrag beä ReichStagZabgeorbneten Genossen Ebuarb Bern- stein:»Nngliiche GewcrkschnftSkämPfc". 2. Diskussion. S. Branchen- cmgelegenheiten unb VerschiebeneS. Zahlreicher Besuch wirb erwartet. Donnerstag, den 37. Juni 1913, abends 8'/, Uhr: Dranchen-Urrjammlnng der Zriihtlirbkltcr uitb-Arbeitcriniitil im Lokal von Merkowski, Andreasstr. 26. TageSorbnung: t. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Branchenangelegenheiten und Ver- schiebeneS. Zahlreicher Besuch wirb erwartet. Donnerstag, den 37. Juni 1913, abends 8 Uhr: — Uersammlnng■ der Mechaniker, Uhrmacher, Optiker sowie samtlicher in den mechanischen Betrieben beschäftigten Kollegen u. Kolleginnen in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58/59(gr. Saal). TageSorbnung: 1. Vortrag beS SchriststellerS Genossen Dr. Rub. Breitscheib über:„Ter ShnbikaliSmiis*. 2. Diskussion. 3. Branchen- unb Ver- banbSangelegenheiten. Kolleginnen unb Kollegen I Wir ersuchen, für einen gute» Besuch dieser Vei jammlung zu agitieren l 3HteIlv(l»I»acIl legitimiert. Tonnerstag, de« 37. Juni 1913, abends 8'/,, Uhr: Jtintgltcclcr-Vcrfatiiiiilutig der Klempner in den Andreas-Festsälen, Andreasstr. 21. Tagesordnung: 1. Vortrag:„Die preußische Gewaltpolitik gegen die Ar. bcitcrklassc«. Referent: LandtagSabgeordneter Genosse H. Ströbel. 2. Diskussion. 3. Branchenangelegenheiten. Die Kollegen ber Firma Bank sowie ans den Tempelhofer Bau- betriebe», serner aus den Weißblech- und Emballagebetrieben werden ersucht, vollzählig zu erscheinen. Mitgliedsbuch ist zwecks Legitimation mitzubringen. Fn Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung erwarten wir einen zahlreichen Besuch._ Donnerstag, den 37. Juni, abends 7'/� Uhr: Mitgiieder-Versammlung m Ober-Schöneweide im Wilhelminenhof, Ober-Schöneweide. Tagesordnung: 1. Bericht der Kommission zur Wahl der Beitragsammler. 2. Wahl der Beiiragsammler. — mtglledsbnch legitimiert.----- Zahlreiches Erscheinen wird erwartet. Achtung! Erwerbslose(Kranke). Wegen Quartalsschluß bleibt das Bureau am Montag, den 1. Juli, den ganzen Tag geschlossen nnb erhalten die Kollegen schon am Tounabend, den SS. Juni, für diesen Tag ihre Uuterstüßung. Da sämtliche Bücher eingezogen werden, bitten wir, die Untersiühung biS zum Sonnabend, de» ÄS. Juni abzuheben. Ausgeschlossen davon sind nur biejenigen Kollegen, welche sich in Krankenhäusern oder Heilstätten besinben und ihre Unterstützung erst nach Beendigung der Krankheit abheben. 119/19 IM« Ortnvcrwaitimg. Heideschloß Holienbinde m?"* ,.2um Gutenberg".__ Stadlbabnslati on Erkner. Fernruf 293. Idyllisch an Wald und Spree gelegen. Mbbl. Sommerwohnungen n. Zimmer. Für Vereine ic. der schönste Ausflugs- ort. Prachtsaal und Halle. Kegel- bahnen te. II. Lehman». Buchhandlung Vorwärts Lindenstr. 69(Laden). Si cncr schclnnngen: AbiiaiüUongen und Vorträge zur sozialistischen Bildung. Herausgegeben von Max Grnnwald". lieft»: Partei und Gewerkschaft in vergleichender Statistik von A n g ns t M al. Heft 8: Goethe und die Arbeiter von Max Granwald. Preis Jedes Heftes<0 Pf, Zigarren- M Herbst Fabriken"* «fi-r. 1862. Tel.: Moritzplatz 3873. BERI.IN SW., Ritterstr. 83 Erstklassige Ware. Zigarren- i-änäiern bestens empfolilen. �•»»Xarlfnrbelt. 1 1 Comenius-Säle am Comcninsplats Inhaber: W. 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Mark Bebaute Grundstücke.. 9 095 809,91 Teilweise bebaute Grund« stücke....... 641 165,99 Unbebaute Grundstücke. 234 180,— Bau-Kantine..... 1500,— Mörtelwerk..... 1,— Inventar....... 1,— Anlage-Kto. d. Siegsried Levy-Schenkuna... 50 000,— Kirchengemeinde Tempel- hos....... 17 725,- Rückständige Mieten.. 56,50 Wertpapiere..,., 62 326,85 Bank-Guthaben... 404 125,50 Kassen-Bestand.... 24 925,56 Sa. 10 431817,34 Bannlva. Rückstellung sür die An- siedelung Tempelhos. 18 371,62 Rückstellung s. d. Ansiede- luug Charlottenburg. 148 694,14 Rüdstellung sür d. Wohl- sahrtShaus Charlotten- bürg....... 34 421,20 Koch zu zahlende Schuld- verschreibungSzinsen. 10 560,— Einbehaltene Barkanttonen..... 13 924,68 Feste Darlehen.... 18 663,75 Hypotheken..... 6 392 221,20 Schuldverschreibungen. 493 000,— Spareinlagen d. Genossen 2 496 392,30 Geschästs-Gut- haben.. 534 865,90 Vermehrung i. I. 1911 57 826,85 Siegsr. Levy Schenkung clicie Bernstein-Schenk. ReservesondS.... Reingewinn..... 592 692,75 58 171,75 96 430,60 41 799,85 21 473,50 Sa. 10 431 817,34 Gewinnverteilung. 3'/, Proj. Dividende aus Geschastsgulhaben am 31. Dezember ISlO. 17 961,30 M. Dem ReservesondS gut- geschrieben.... 3 512,20, Sa. 21 473,50 M. MttgNedcrzahl. Am 1. Januar 1911.... 5479 Eingetreten im Jahre 1911. 592 6071 575 5496 Am 31. Dezember 1911 schi aus insolge Ausschluß, und Auskiindigung.. Bestand an Mitgliedern 1. Januar 1912... DieHastsnmmesämtlicher Mitglieder betrug am Schlüsse des Geschästs- jahceS 1910.... 1 663 500M. sie hat sich vermehrt um 4 600„ Gesamt- Hastsumme am Schlüsse des Geschäfts- jahres 1911... 1 668 OOOM. 105/6 Ter Borstund. L. Sohmidt Ernst Roscher. Für die Bielen Beweise Herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters �uxust Wölk sage ich hiermit allen meinen herz- lichen Dank. 31A _ Minna Woll und Sohn. Danksagung. r die herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes, Bruders, Bräutigams und Schwagers �ickarä �eiscliaer sagen wir allen seinen Kollegen, Freunden, Bekannten und Verwandten, insbesondere den Sängern, den in- nigsten Dank. 10 Ä Familie Leischner und Braut. WestansTrauermagaziiil | Bxtra- Abteilung 1 1. Gesch.: Berlin W., Mohren- Stra8e37a(2 Haus von der , Jerusalemer StraBe). III. Gesch.; Berlin NO., GroBe Frankfurt. Str. 1 1 6(2. Haus , von der AndreasstraBe), j Sehrgr.Ausw. fert. Kleider, I j Hüte, Handschuhe, Schleier ■etc. v. einfachsten bis zum 1 hocholeganl. Genre z. äußerst, niedrigen Preisen. Sonder-Abteilung: Maßanrcrtlgnng in 10 bis 12 Stunden. Allen Partei- und GewertschaftS- genossen zur Nachricht, daß ich die Kran;- u. Klumendindem von ködert«kser."ÄT übernommen habe. ♦ Paul Oolletz. Haben Sie Stoff? davon Anzug od. Pültiot »SM, schick, mausrfu Zutaten M»rk mti. Moritz Labs Promenads 8, Ii.(Stadtb. 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Grotze Rosinen. Schiller O. Hohe Politik. Schiller. Eharlottendurg. DaS Konzert. Siencs Cveretten. Der Kongreß von Sevilla. Thalia. Auloliebchen. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. Der Herr mit der grünen Krawatte. Metronoi. Schwindelmeier u. Eo. Rose. Der Psarrer von Kirchseld. Apollo. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. RetchShallen. Stettiner Sänger. Sanatorium Sonnenstich. Wintergarte». Spezialitäten. Ansang 81;. Uhr. Lessing. Vergnügungsreise. Neues SchauipletbauS. Parkett- sitz Nr. 10. Lustspielhaus. So'n Windhund. Friebr.> Wilh. Schauspielhaus. Die keusche«usanne. Fo l i es E apri ce. Parisiana-Tnsemble Walhalla. Um eine Krone. Ansang 8.20 Uhr. Luise». Schwester Carmen. Ansang Sll, Uhr. Kammerspielc. Mein Freund Teddy Neues Botlstheater. Der Raub der Sabinerinnen.» Köntgstadt-Kaftno. Spezialitäten. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57—62. Refidenz-Theater. 8 Uhr- Alles für dicAma. Schwank in 3 Akten von M.Hennequin und K. Mitchell. Morgen u. folgende Tage! Alles für die Jirma. Schiller- Cdester 0. Wallner-Theater. Hohe Politik. Schwank in 3 Akt. v. R. Skowronnck. Ansang 8 Uhr. Ende 101;. Uhr. Morgen und folgende Tage: II«kl« roUtlle. Schiller- ehester Charlottenburg. Das Konzert. Lustspiel in 3 Akten von Herm. Bahr. Ansang 8 Uhr. Ende 10>/. Uhr. Morgen und folgende Tage: a» Konzert. Metropol-Theater. ielMler! Phantastisch musikalische Komödie in 3 Akten auS dem Englischen völlig srel bearbeitet von I. Freund. Musik von R. Nelson. U. a. Tänze v. W.Bishop. In Szene gesetzt vom Dir. R. Si Ansang 8 � Hr. Rauchen gestatte! ultz. »et. berliner Ehester. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. Neues Theater Abends 8 Uhr: Der liebe Augustin. Operette von Leo Fall. Abends 8 Uhr: vis 5 Frankfurier. «10k iocischer-�1 GARTEN Täslioh ab 4 Dbr: Großes Milltär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 M. von abends 6 Ubr ab 50 Pf.; Kinder unter 10 Jahren die Httlite. Jahres-Abonnomcnt an allen drei Schalterkassen. OSE=THEATE Große Frankfurter Str. 132. Ansang 8 Uhr. Oer kMtarrer von Kirchleid. Aus der Kartenbühne:"VU uhu! Es ist erreicht! Gr. Revue. Voigt-Theater. Gesundbrunnen Badstraße 58. Heute: NlAte-TaK. Die Tochter der here laui bei groß. Meater Kasscneröffnung 2 Uhr. Ans. 4 Uhr. 'Aussfallund deutscher Konsum? Vereine 16.-30. Juni 1913, CLOU Berlin Mnuersir.Sa GeOffnef voa lOVhrUnt 1 Uhr» w»' Mittwoch, den 26. Juni 1912: Großes Konzert ausgeführt durch das Neue Tonkünstler»Orchester Dirigent Fran» Hollfclder. Hakenbecks Indien Täglich geöffnet von 11 Uhr vormittags bis 11 Uhr abends. Haupt-Vorstellungen: 11'/, Vm., Nrn. 3, i% 6, 7'/, u. 9'/, Uhr. uhr- Doppfllkonzert£&!!". Kgl. Obermusikmeisters a. D. Onatav OflTcney. Fußgänger-Promenade 50 Pfg. Reserv. Sitzplätze: Loge 2.—, I. Trib. 1,50, II. 1,—. Kinder u. Militär die Hälfte. Unbeschränkter Aufenthalt. Reiehsliallen-Theaier. Stettiner Sttnger Zum Schluß neu: anatorlum Sonnenstich. Burleske venMeysel. Ansang Wochent. 8, Sonntag» ?'/. Uhr. Eetite laxe! Ab 8 Uhr. 19 große Attraktioueil. Itari Edler mit seinem Kollegen. Nicki". Paul Beckers»sw. Adiwnlspnlnst am Bahnhof FriedrichstraQe, z. Z. einziger Eispalast. Angenehm kühl. Aufenthalt O Hente:•> & Vorstellungen!& Nachmittags und abends: „Yvonne", Eis- Ballett. Bis 6 Uhr und von 10*/� Uhr abends halbe Kassenpreise. Restaurant 1. Ranges Wein- und Bier- Abteilung. Königstadt-Sasino. Ecke Holzmarkt- u. Alexandersir. Täglich- iMf und Variete. Ansang Wochentag» 8, Sonntags 5 Uhr. Vom 16. Juni bis i. Jusi: Erklass. Spezialitäten u.„Rosen a. d. Süden", gr. Operettenburleske (INA Das seiiöiiste Vergflüpgs-Etabliniit des KoDtineots! Entree 50 Pf. Bis 6 Uhr Kinder und Zwergstadt frei! itzur den Inhalt der Juierarc »dernliiimt Sie Redaktion dem Pudlitum gegenüber keinerlei Brranrniorru»,,. Berantwortlicher Nkdalteur: Albert Wach», Berlin. Für den~ Inieratenteil vercmtw.: Th. Glocke, Berlin. Drucku-Verlag: Vorwärts Buchdruckerei v. Verlagsanstalt Paul Singer u-Gth, Berlin LVit. ».146. 20, 2. Seilllge des„Momarts" Kerlilter Mldsdllitt. 26 1912 Der Scbapiroprozeß. Da rm fta d t, 25. Juni.(Privattelegr. des„Vorw/.) Am heutigen siebenten Verhandlungstage spricht sich als erster Zeuge der Zentrumsstadtverordnete Profesior Nebel gegen die Tätig- keit der Frau Schapiro aus. Der Zeuge beschäftigt sich selbst viel auf dem Gebiete der Jugendfürsorge und hat dabei aus den Akten Kenntnis von einigen Fpllen bekommen, in denen nach seiner Mei- nung das Verfahren der Frau Schapiro zu beanstanden sei. Im ersten Fall handelt es sich um ein etwa 14 jähriges Mädchen, das von den Eltern nicht erzogen werden konnte. Es ging abends nicht nach Hause und blieb sogar eine Nacht von Hause weg. Es wurde dann aufgegriffen, ärztlich untersucht und dem Mädchenheim über- wiesen. Dort habe man es so streng gehalten, daß es nicht ein- mal seinen religiösen Pflichten nachgehen konnte. Diese Behand- lung sei ihm zu weitgehend erschienen. Man habe dann das Kind nach Groß-Gerau als Dienstmädchen in ein Metzgerhaus gegeben, ohne sich vorher um die Stelle zu vergewissern. Dort wurde es nach vier Tagen auf die Straße gesetzt, weil es sich mehrerer Dieb- stähle, u. a. bei einem Metzgerburschen, schuldig gemacht haben sollte. Das Mädchen, das nun wieder nach Mainz kam, scheute sich aber, nach Hause zurückzugehen und trieb sich in recht schlechter Gesellschaft herum. Die Assistentin wollte das Mädchen halten, es sei indessen direkt in das Kloster zum guten Hirten gelaufen. Zeuge hat die Auffassung, daß das Kind im Elternhausc überflüssig war. ES hatte nämlich im siebenten Jahre den Vergewaltigungsversuch eines Mannes, der dort wohnte, zu ertragen und behauptete dazu, seine eigene Mutter sei damit einverstanden gewesen. Er bean- standet einmal die von Frau Schapiro veranlaßte ärztliche Unter- suchung, sodann, daß sich die Assistentin nicht vorher vergewissert habe wegen der Stelle. Frau Schapiro erklärt hierzu, daß das Kind aus Antrag der Mutter in dem Mädchenheim untergebracht wurde. Das Mädchenheim sei interkonfessionell. Dort hat sich das Mäd- chen ganz gut geführt. Die Vorsteherin des Mädchenheims habe dann eine Stelle für das Mädchen gefunden. Selbstverständlich habe sich die Assistentin darauf verlassen müssen, daß die vom Mädchenschutzverein besorgte Stelle gut wäre. Der zweite Fall be- trifft ein junges Mädchen, das aufgegriffen, untersucht und als geschlechtÄrank befunden wurde. Der Zeuge Uebel beanstandet hier, daß man ein krankes Mädchen als Dienstmädchen vermietete; weiter, daß dem Mädchen im Cäcilienheim des Fräulein von Barner in Wiesbaden teuere Kleider angeschafft wurden. Das Heim sei für gefährdete Mädchen nichts, weil die Mädchen dort noch abends spazieren gehen könnten. Frau Schapiro hätte das Zwangs- erzichungsverfahren abwarten sollen. Frau Schapiro: Alle drei Töchter dieser Familie waren sitt- lich verwahrlost. Die beiden ältesten Töchter befanden sich in anderen Umständen, die jüngste, hier in Frage stehende, war ge- schlechtskrank. Auf Wunsch des Saters habe ich sie untersuchen lassen. Da ich damals noch in Mainz fremd war, erbot sich Fräu- lein von Barner, Mädchen von uns aufzunehmen. Ich habe das dann mit dem Beigeordneten und dem Beirat besprochen. DaS Institut des Fräulein von Barner wird aus privaten Mitteln er- halten. Als das Mädchen als geheilt entlassen lvar, habe ich es vorsorglich nochmals vom Polizeiarzt untersuchen lassen, der fest- stellte, daß eine Ansteckungegefahr nicht mehr bestehe. Darauf ist das Mädchen nach Wiesbaden gekommen. In einem von dem Zeugen Uebel vorgetragenen dritten Falle hatte die Assistentin ein der sittlichen Verwahrlosung an- heim gefallenes Mädchen zeitweise in ihrem Heim aufgenommen, weil sie Bedenken gegen die Anstaltserziehung hatte. Zeuge Uebel: Er sei für Anstaltserziehung gewesen. DaS Kind gehört« nicht in die Gesellschaft von Prostituierten, die im Fürsorgeheim seien. Er begreife nicht den Idealismus und Optimismus der Assistentin, daß sie selbst ihre eigenen Kinder mit Personen in ihrem Hause zu- sammenkommen ließe, die sie auf der Straße aufgelesen hat. Frau Schapiro erklärt zu diesem Fall: Die Mutter war Pro- stituierte. Ich beanstandete, daß das Kind in diesen Verhältnissen weiter bei der Mutter bleibe, die auch nachts mit dem Kinde herum- zog und darauf mit einem Witwer im Konkubinat lebte. Ich sprach darüber mit dem Polizeirat und brachte dann das Kind in mein Haus. Ueberwacht wurden allerdings die Kinder von einer Pro- stituierten, die durch unglückliche Verhältnisse in dieses Elend ge- raten, dann längere Zeit bei mir war und jetzt Erzieherin in einem guten Berliner Hause ist. Durch den Aufenthalt in meinem Haus wollte ich auch den gefährlichen Einfluß des Vaters vcr- hindern. Das damals 12jährige Mädchen hatte natürlich auch Un- arten, aber ich konnte nicht einsehen, daß darum nicht der Weg der Familienerziehung gewählt werden konnte. Die Mutter bat mich fast kniefällig zu verhindern, daß ihr Kind in Anstalts- erziehung käme. Nach Rücksprache mit ihrem Vorgesetzten hat Frau Schapiro über den Wunsch der Mutter ein Protokoll aufge- nommen und an das KreiSamt weitergegeben. Es wurde dort dann die vorläufige Unterbringung in der Anstalt verfügt. Es war stän- dig eine mir Vertrauen einflößende Person in meiner Abwesen- heit als Aufficht im Haufe, außer der Haushälterin jene nachmalige Erzieherin und zuletzt ganz kurze Zeit die Pavel. Aus der weiteren Beweisaufnahme fei folgendes hervorgehoben: Ein netter Polizeiaspirant. Die Zeugin Näherin F. vermutet, daß sie deshalb zu Frau Schapiro geladen wurde, weil sie sich mit den: damaligen Polizei- aspirantcn Bruder nicht einließ, wie er es wollte. Der Bruder hat sie eines Abends, nachdem er sie und ein anderes Mädchen in eine spanische Weinstube eingeladen hatte, auf der Mombacher Straße stehen lassen, als sie sich seine Frechheiten verbeten hatte. Das war in der Faftnachtszeit löll). Als sie zum erstenmal zu Frau Schapiro geladen wurde, sei sie unschuldig geladen worden. Bei der zweiten Vernehmung vor der Assistentin habe sie ver- schieoene unangenehme Sachen zugeben müssen. Bei der ersten Ladung sei sie alteriert gewesen. Auf die Frage des Borsipenden, gegen wen sich ihr damaliger Zorn richtete, antwortet die Zeugin, gegen den, der die Ladung veranlaßt hat. Vorsitzender: Sind Sie mütterlich ermahnt worden oder wurden sie bedroht. Zeugin: Es ist mir auch gedroht worden. Auf weiteres Fragen des Staatsanwalts sagt oie Zeugin, der Bruder habe sie doch zu dem erwähnten Zweck angesprochen. Zu ihrer Vermutung sei sie ge- kdmmen, weil der Bruder im Ruf stand, daß er cS so mache. Der Zeugin ist aber nicht bekannt, daß Bruder an die Sittenpolizei Namen von Mädchen weiter gebe, die die Offiziere los sein möchten. Verteidiger: Hatten Sie ein Verhältnis mit einem Hotelier? Zeugin: Erst nachher(vorwurfsvoll) überhaupt Verhältnis! Justizrat Pause: Diese Bemerkung ist undankbar von Ihnen, ich könnte Sie noch ganz anders fragen. Zrugiu: Dann nehme ich das zurück. Eine weitere Frage der Frau Schapiro� ob die Zeugin weiß, daß deren Mutter bei der Assistentin war und Schritte ge- tan hat wegen der jüngeren Schwester, damit diese vor sittlicher Verwahrlosung bewahrt werde, bejaht die Zeugin. Frau Schapiro hat damals den Bruder in dem Verdacht gehabt, daß er sich ver- halten konnte, wie hier von dem Mädchen behauptet. Bruder be- streitet auf Vorhalt, daß er Mädchen, die sich ihm nicht gefügig zeigten, der Sittenpolizei angezeigt habe. Durch ihn sei Frau Schapiro gar nicht auf die Zeugin aufmerksam gemacht worden. Des Vorfalls in der Fastnachtszeit könne er sich beim besten Willen nicht mehr entsinnen, auch nicht, daß er auf der Messe Einjährige auf die Mädchen aufmerksam gemacht habe. Er führt dann aus, im Prozeß in Mainz sehr erregt und in einer müden Stimmung gewesen zu sein. So sei es gekommen, daß man-aus seiner damaligen Aeußcrung den Schluß zog, er habe Offizieren, die ihre Liebchen los werden wollten, dazu ver- halfen dadurch, daß er die Namen der Mädchen an die Sittenpolizei weitergegeben habe. Das sei nicht vorgekommen, er widerrufe darum jene Aussage. Er hatte starken Verkehr mit Offizieren. Dabei sind ihm viele Fälle bekannt geworden, in denen es aus sittenpolizeilichen Gründen dringend geboten gewesen sei, einzu- schreiten, da es sich um geschlechtskranke Personen handelte. Er sei dabei aber niemals einem Ersuchen nachgekommen und bitte, ihm seine Erregung zugute zu halten, wenn er sich damals anders ausgedrückt habe. Am Mittwoch geht die Verhandlung weiter. 14. Ordkntlichtr Dertmdstag der Schuhmachn. Dresden, 24. Juni. Im hiesigen Volkshause begannen heute die Verhandlungen der vierzehnten Generalversammlung. Es sind insgesamt 75 Dele- gierte erschienen, vom Hauptvorstand sind anwesend: der Vor- sitzende, Genosse Reichstagsabgeordneter Simon- Nürnberg, der erste Kassierer, R e u ß- Nürnberg, sowie W e i ck e r s und König- Nürnberg. Die Redaktion des Schuhmacher-Fachblattes vertritt Reichstagsabgeordneter Bock- Gotha, den Ausschuß Haupt- Mag- deburg. Die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands ist durch Sa bath- Berlin vertreten, ferner sind als Gäste an- wesend Vertreter der englischen, schwedischen und dänischen Kol- legen. Eine Reihe ausländischer Organisattonen hat herzliche Be- grüßungSschreiben gesandt; Oesterreich und Ungarn haben sich ent- schuldigen lassen. Genosse S i m. o n- Nürnberg erstattet den Geschäftsbericht den wir bereits eingehend besprochen haben. Simon erinnert noch einmal an die wirtschaftlichen Zustände der letzten Fahr«, die, be- einflußt durch die unglückselige Reichsfinanzrcform, der Schuh- industrie schwere Wunden schlugen. Diese Tatsache muh bei der Entwicklung des Verbandes scharf unterstrichen werden. Die Mit- gliederzahl ist um 26,02 Proz. gestiegen auf über 46 006. Das Ver- hältnis könnte noch günstiger sein, wenn der Erhaltuna neuge- wonnener Mitglieder mehr Beachtung geschenkt würde. Genau so wichtig als die Gewinnung neuer muß die Erhaltung der aufge- nommenen Mitglieder sein. Redner bedauert, daß keine Vertre- terin der 8000 weiblichen Mitglieder anwesend ist; in Zukunft müsse in den großen Filialen auch darauf Wert gelegt werden. Die Stattstik hat nicht die Beachtung gefunden, die sie verdient, und das nicht nur seitens der einzelnen Kollegen, sondern auch seitens der Zahlstellen. Ueber die Haltung des Unternehmerverbandes zu der Organisation macht Genosse Simon sehr beachtenswerte Aus- führungcn. Die Fabrikanten machen aus allen Forderungen„prin- zipiellc Fragen", wobei sie freilich immer sehr ungünstig abschneiden. Besonders gilt dies von der Forderung von Ferien. Zu den 27 Be- trieben mit 1800 Arbeitern, die bisher schon Ferien gewährten, sind jetzt in den letzten Tagen drei neue Firmen mit über 3 Tausend Arbeitern gekommen, die sich verpflichtet haben, ihren Arbeitern acht Tage Ferien zuzubilligen. Dieses System ist besser als die Wechsel- ferien, da es dann möglich ist, die Fabriken einmal gehörig zu des- infizieren. Der Unternehmcrverband ist jetzt, wie die Arbeiter- Organisationen, zu der Bezirksorganisation mit angestellten Sekre- tären übergegangen zu dem Zweck, die Bewegung mehr zu über- wachen. Wir stehen jetzt sowieso im Konflikt mit dem Fabrikanten- verband, der in Pirmasens entstanden ist. Man will uns vor- schreiben, wer die Verhandlungen führen soll. Das lassen wir uns auf keinen Fall vorschreiben, wir werden dagegen mit allen Mitteln aufzutreten haben. Aus der ganzen gegenwärtigen Situation müssen wir uns veranlaßt sehen, den Stand unserer Organisation auf seine Schlagfertigkeit in jeder Hinsicht zu prüfen.(Beifall.) Ueber den Stand der Kasse oricnitcrt R c u ß- Nürnberg. Das Verbandsvermögcn beträgt zur- zeit rund 505 000 M. Für den Ausschuß gibt Haupt- Magde- bürg einen längeren Bericht. Größere Differenzen und Beschwerden lagen nicht vor, es handelte sich meist nur um Unterstützungs- ansprückze und Aufrechterhaltung der Mitgliedschaft. Die Diskussion über die Berichte setzte in der Nachmittagssitzung ein, nachdem vorher die Mandats- Prüfungskommission Bericht erstattet hatte, daß insgesamt 97 Teil- nehmer an dem Vcrbandstag teilnehmen; 75 Delegierte, 10 Gau- lciter und die übrigen sind ausländische Gäste und Verbands- funktionäre. An den Bericht schloß sich eine längere Debatte über die WahlkreiSeinteilung und die Pflichten der Delegierten. Hm der frauenbe�vegung. „Wir und die Arbeiterin". Unter diesem Titel veröffentlichte eine Frau v. Schmcling in der Frauenabteilung der hochkonscrvativen.Krcuzzeitung" einen für jene Kreise leidlich verständigen Aufsatz, der die Fragen behandelt: „Weshalb brauchen ivir(d. h. die bürgerliche Frauenwelt) die Arbeiierin, und weshalb braucht sie uns?" Sie schilderte darin, daß von den etwa 8 Millionen im Erwerbsleben stehenden Frauen(tatsächlich sind es S>/� Millionen) etwas über 2 Millionen in der Industrie beschäftigt sind, die für„unS" notwendige Gebrauchsgegenstände und verfeinerte Mode- und Luxusartikel herstellen. Und zwar sind es„überall un- gelernte llrbeilcrinncn, die zur Beftiedigung unserer Bedürfnisse arbeite», um sich ihr tägliches Brot zu verdienen". Aber die un- gelernle Arbeiterin„tut nur immer geistlölcnde, unbefriedigende, nervenanspannende Teilarbeit, ein ewiges Einerlei durch Tage und Wochen, durch Jabre und Jahrzehnte". So wird die Arbeit in einer modernen Wäschefabrik der vergangenen Spinnstubenversammlung gegenübergestellt.„Die ungelernte Arbeiterin arbeitet nicht mir der Maschine als mit ihrem Werkzeug, nein, sie muß mit an- gespanntester Aufmerksamkeit, mit Geschick und Fingerfertigkeit die rastlos schaffende Maschine bedienen, die oft sogar automatisch ein- gestellt ist; so heißt es für die Arbeiterin: nur schnell und immer schneller,— damit für unseren Gebrauch, für den Weltmarkt recht viel Ware herauskommt." Neben der industriellen Arbeit, die als„kostbares Volksgut" zu schätzen ist, hat die Frau aber auch Aufgaben als Mutter und Erzieherin. Die Familie wird durch die Fabrikarbeit zerrüttet und zerstört.„Die Frauenarbeit verschlechtert die Ernährungsbedingungen, die ungenügende Ernährung schafft dem SchnapSgenuß zahlreiche Anhänger, Unterernährung und Alkoholismus untergraben die I Leistungsfähigkeit. Die ungelernte unorganisierte Arbeiterin wird zurLohndrückerin und zur Schmutzkonkurrentin ihrer eigenen Geschlechts« genossinnen, dies führt zur weiteren Verminderung des Lohn» einkommens— und somit zur Verschlechterung der Lebensweise." 'Die schlechten Wohnungen, das Sckilafstellenwesen zwingen oft � die Arbeiterin, auf die Straße, auf den Bummel zu gehen. Un« rationelle Ernährung und Bekleidung und sittliche Gesahren sind die Begleitumstände des Fabrikarbeiterinnenelends. Damit die Arbeire« rinnen diesen Gefahren entzogen werden, müssen fix— aufgeklärt werden. In erster Linie soll ihnen die Religion nahegebracht werden, durch Bibelstunden, Vorträge über christliche Persönlichkeiten usw. Für das Berufsleben soll Aufklärung über Berufsrechte und-pflichten, über Berufsorganisationen, über volkswirtschaftliche Grundbegriffe, über die Arbeilerschutzgesetzgebung, über die wohltätige Einrichtung der Gewerbeinspckiiou, über Gesundheit und Körperpflege vermittelt werden. Der Vorbereitung für den Hausfrauenberuf sollen schließlich Vorträge über Säuglingspflege, Kochstunden und Ermahnungen zum Sparen dienen. Der Aufsatz klingt aus in eine Anpreisung der evangelischen Arheiterinnenvereine, deren Standpunkt diese Aus- klärungSabsichten entsprechen. Sollte man es für möglich halten, daß diese so äußerst milden Schilderungen der Wirklichkeit und schwachen Forderungen, die sich mit dem Tatsächlichen ganz abfinden, im eigenen Lager der Bour- geoisie noch Anfechtung erfahren? Frau Erika Herzlieb„belehrt" die Verfasserin folgendermaßen: „Die Verfasserin bedauert die Arbeiterin, daß sie sich in geist« tötender Teilarbeit f ü r u n S ihr tägliches Brot mühevoll erwerbe. Daran ist die Arbeiterin ganz allein schuld, des« halb i st es falsche Humanität, s i e z u b e d a u e r n. Es ist not- wendig, dieses auszusprechen, weil in dieser Richtung zu viel ge« sündigt wird heutzutage. Die Arbeiterin flieht das weit friedlichere, sorglosere Heim der Stadt- und Landfrau, wo ihr als Dienstmädchen ein gutes Aus- kommen, die besten Sparmöglichkeiten— wie stalistisch feststeht— sicher sind, angetrieben durch den Durst nach Freiheit, den Wunsch, sich auszuleben, und weil sie sich keinerlei Autorität unterwerfen will. Sie weiß, daß sie schlechteren Lebensbedingungen entgegengeht, sie ist also voll und ganz verantwortlich für die Folgen, die im An- schwellen der unehelichen Geburtenziffern und_ der Strafarten zutage treten. Aber der Durst nach Freiheit ist zu groß, die abendliche Freiheit zu verlockend, so strömen die jungen Mädchen in Scharen dem Fabrikbetrieb zu und verlassen die einträgliche Stellung bei der Stadt- oder Landfrau oder versuchen es überhaupt erst gar nicht, ihren Unterhalt als Dienstmädchen zu erwerben. So entsteht die Dienstbotennot und Millionen Verluste durch Leutemangel in Stadt und Land, weil den Fabriken zu viel Arbeitskräfte zuströmen, zum Schaden des Vaterlandes." Von der bitteren Not, welche die Kinder ohne Unterschied des Geschlechts sofort nach Beendigung der Schulzeit in die Fabriken zwingt, weiß E. Herzlieb nichts. Glaubt sie im Ernst, daß alle neun Millionen berufstätiger Frauen als— Dienstmädchen Unterschlupf finden können? Auch die 3�2 Millionen berufstätiger Ehefrauen? Ist es doch statistisch festgestellt, daß gerade verheiratete Frauen durch den Hunger ihrer Kinder Erwerbsarbeit suchen müssen, weil der Verdienst des Mannes auch bei größter Sparsamkeit nickit zur Lebenserhaltung ausreicht. Es ist eine Verleumdung gewissenlosester Gattung, den Proletariern nachzusagen, daß Frauen- und Kinderarbeit nur deshalb notwendig find,„weil bei ihnen die richtige Einteilung an Zeit und Geld fehlt". Untersuchungen des Kaiserlich Statistischen Amtes, der Aemter von München und Halle über Haushaltrechnungen von Arbeiterfamilien haben längst die Unwahrheit jener Behauptung in objektiv wissen- schaftlicher Weise festgestellt, wenn man den Erfahrungen von Prole- tarier» nicht Glauben schenken will. Ebenso beleidigend für die Arbeiterinnen ist folgender Passus: „Die Teilarbeit, ohne die ein Fabrikbetrieb gar nicht denkbar ist, ist ohne Zweifel eintönig, ja geisttötend. Man muß aber hier bedenken: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. S i e wird von der Arbeiterin nicht sw stark empfunden, wie von Personen höherer Bildung. Dieselbe G e- d a n I e n l o s i g k e i t, die sie hindert, von den neuerdings an- gebrachten Schutzvorrichtungen zu ihrer eigenen Sicherheit Gebrauch zu machen, läßt ein volles Bewußtsein dieses ewigen Einerleis nicht aufkommen. Sie macht die Arbeit, weil sie dafür bezahlt lvird, und macht sich dabei meist keine Ge- danken über deren Art und Beschaffenheit, wenn es nur schnell und immer schneller geht, damit ihr Lohn sleigt. Nicht jede Arbeiterin begreift leicht, die Teilarbeit aber wird bald von ihr verstanden, sie bringt es darin zu einer gewissen Fertigkeit und Vollkoinmenheit, sie leistet also einen ganz befriedigenden Teil, und diese Befriedigung teilt sich ihr mit in Gestalt steigenden Lohnes." Das ist der Herren- oder besser Damenstandpunkt, der nur von der arbeitenden Klasse als dem„Pack" spricht, der kein besseres Los verdient. Dabei hat die edle Dame nicht einmal den kritisierten Aufsatz aufmerksam gelesen � daß ihre Entgegnung von Unkenntnis der bestehenden Literatur strotzt, wollen wir weiter gar nicht be- rühren—; sonst hätte sie sehen müssen, daß die Maschine zu schnellerer Arbeit antreibt und nicht die Arbeiterin beschleunigt. Wieviel müde Hände und Augen würden nicht häufig genug inne- halten, wenn die Maschine es nur erlaubte! Und wie denkt sich E. Herzlieb die Lösung? Man höre: „Aus dieser Gegenüberstellung(von Fabrikarbeiterinnen- und Dienstmädchenleben) ergibt sich das Heilmittel für diese soziale Krankheit ganz von selbst. Man schicke uns Stadt- und Landfrauen„die ungelehrte, unorganisierte Arbeiterin, die zur Lohndrückerin und Schmutzkonkurrentin ihrer eigenen Geschlechts« genossinnen wird und damii eine weiiere Verminderung des Lohn- einkommens und somit Verschlechterung der Lebensweise herbeiführt" einfach sofort zurück, damit die Dienslbotennot ein Ende hat in der Stadt und nicht ungezählte Millionen dem Vaterlande auf dem Lande verloren gehen aus Mangel an Arbeitskräften während der Ernte! Auch organisiere man nicht zu viel, sondern prüfe sorgfältig von Fall zu Fall. Ich muß offen sagen, wenn ich die vielenS chlagworte lese— folgt dieAufzählung der Schmelingschen Forderungen— dann schwirrt mir der Kopf! Sollte alles dieses nicht auch für die einfache Arbeiterin allzuviel und ver- wirrend sein?" E. Herzlieb kommt mit wenigerem aus:„Ehre Vater und Mutter, liebe deinen Nächsten, sei ehrerbietig deinemDienst- und Lehrherrn, mache deine Arbeir gut, gehe Sonntags in die Kirche, lebe keusch". Verfolgen Standesorganisationen mehr, so„verfolgen sie Sondcrinteressen und wachsen sich aus zu einer Gefahr für das Vaterland". Daß solche Anschauungen in der angesehensten konservativen Zeitung Deutschlands ohne ein Worr der Kritik Ausnahme finden, ist ein Zeugnis für den brutalen Sinn unserer Junker und Junkerinnen, für die reaktionären Anschauungen und Forderungen jener Kreise. Die Proletarierinnen guiltieren für diese Beleidigungen durch engeren Anschluß an ihre Klassengenossen, die in der Organi- sation gegen jenes politische System kämpfen. Auch die bekannte konservative„Deutsche Tageszeitung" schlägt ständig auf die Rechte fordernden Frauen los.' In einem Artikel „Gegen das Frauenstimmrecht" entsetzt sich Elisabeth Hancke über die„füribterlichen" Dienstbotenverhältnisse in— Australien.(Ein anderes Thema kennen unsere gebildeten Damen kaum noch!)„Ein Dicnslbote erhält 15 bis 30 M. Wochenlohn. Die hochgestelltesten Beamtenfrauen müssen wegen Leutemangel oft jede grobe Hans- arbeit selbst verrichten." Arbeitet schändet doch nicht! Die Vcr- ireterinnen des Frauenstimmrechts werden also mit Schmutz be- worse»: .Ihre Gefühle haben etwas Krankhaftes und sind mit dem Berbrecherkultus verwandt, dem sicheren Zeichen einer Berfallzeit. Nietzsches mißverstandenes Uebermenschentum erzeugt in ihren Hirnen eine ArtSN von Rausch und Größenwahn: Verflachung an Stelle von Eigenart, Pflege alles Unnatürlichen, Aneignung unweiblicher Berufe, Hervordrängen um jeden Preis, Bekämpfung des Gegners mit persönlickien Ausfällen, unnützer Opfermut für eine verlorene Sache/' Die Lehrerinnen, die für Frauenrechte kämpfen, arbeiten an der Staatszersetzung. Aber.der Staat ist diesen verirrten Kindern ein langmütiger und geduldiger Vater, denn er gibt ihnen Aemter und Altersversorgungen, trotz ihres Undanks für seine Wohltaten." Auf die Kernfrage, weshalb Frauenarbeit und Frauenbewegung im engsten Zusammenhang stehen und stehen müssen, wird auch hier nicht eingegangen. Der Sinn der modernen Entwickelung, ihre treibenden Kräfte, ihrer notwendigen Folgerungen bleibt diesen Frauen verschlosien. Das Proletariat, auch das weibliche, ist ihnen weit überlegen durch die wirtschaftliche Macht und durch daS Ver> ständnis für die Quellen dieser Kraft. Leseabende. AdlrrShof. Der Franenabend findet nicht heute, sondern Frei tag, den 28. Juni, abends 8 Uhr, BiSmarckstr. 11 statt. Tagesordnung: Die Frau im Wirtschaftsleben. Referent: Genossin M a r g i e S- Berlin. SericKts- Leitung. 2 Millionen unterschlagen. Tie Riesenunterschlagungen des Tuchagenten Georg Kaim ge-> langten gestern zur Verhandlung vor der 4. Strafkammer unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Gayer. Der Angeklagte ist einige Monate in Untersuchungshaft gewesen und schließlich gegen eine Sicherheitsleistung von 10 000 M. aus der Haft entlassen wor. den. Ihm werden zahlreiche Fälle des Betruges, der Unterschlagung, der Urkundenfälschung, bei denen es sich um die exorbitante Ge- samtsumme von zirka 2 Millionen Mark handelt, außerdem Kon- kursvergehen zur Last gelegt. Die beiden wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und Wuchers Mitangeklagten Kaufleute Heinrich und Mar- tin Solomon, die nach der Behauptung des Angeklagten seine bösen Geister gewesen sein sollen, sind seinerzeit gleichfalls in Haft ge- nommen worden, wurden dann gegen eine Kaution von je IbO 000 Mark auf freien Fuß gesetzt und haben diese Riesensumme in Stich gelassen und in England Aufenthalt genommen. _ Die strafbaren Handlungen des Angeklagten, durch die Vorzugs- weise die Firmen Franz Heyer in Greiz und Thomas u. Rost in Forst um kolossale Beträge geschädigt worden sind, fallen in die Jahre 1907 bis 1911. Der Angeklagte ist im Jahre 1869 geboren. Er hat seinerzeit das Andreas- Realgymnasium besucht und diese Schule mit dem Zeugnis für Untersekunda verlassen. Er ist dann in die kaufmännische Lehre gekommen und war 14 Jahre bei einer Firma beschäftigt. Dann wurde er Agent und schließlich Vertreter großer Fabriken der Textilbranche. Von seiner ersten Frau ist er geschieden und hat im September 1910 zum zweiten Male ge>. heiratet; er ist Vater eines vierzehnjährigen Sohnes. Wie der Vorsitzende zur Sprache bringt, bewohnt der Angeklagte noch jetzt eine Wohnung von 7 Zimmern am Kurfürstendamm zu einem Mietpreis von 3000 M. Wie der Vorsitzende betont, wird behauptet, daß er auch sonst recht luxuriös gelebt, inSbefondere ein Mädchen. mit dem er in Verbindung stand, reichlich unterstützt habe usw. usw. Der Angeklagte bestreitet dies aber. Zur Anklage erklärt der Angeklagte, er habe nur leichtfertig gehandelt, aber Gelder nicht unterschlagen, sondern in gutem Glau- Ken gehandelt. Er ist seinerzeit Vertreter der Luxemburgischen Tuchfabriken gewesen und soll sich, wie die Anklage zur Illustration chxxporhebt, auch in dieser Stellung schon untreuer Handlungen schuldig gemacht haben, indem er, um recht großen Umsatz zu er- zielen, Abnehmern Waren unter Zubilligung von Extravcrgüti- gungen abgelassen und die Luxemburgischen Tuchfabriken dadurch um 15 000 M. geschädiA hat. Er war verpflichtet, diese Summe seinerseits abzutragen, nachdem er aus dieser Geschäftsverbindung geschieden war. Ende 1906 wurde er Vertreter der Firma Franz teyer in Greiz, die Kleiderstoffe produziert. Nach dem mit der irma abgeschlosienen Vertrage hatte er die von ihm bestellten Waren gegen bestimmte Provisionssätze zu verkaufen; er bezog aber auch Waren auf eigene Rechnung. Er erhielt von der Firma eine Preisliste, nach der er zu verkaufen hatte. Ueber die vom Berliner Lager gemachten Verkäufe sandte er Verkaufsaufgaben ein, nach denen die Firma Heyer die Fakturen ausstellte, die der Angeklagte dann an die betreffenden Kunden abzugeben hatte. Die Zahlung der Kunden erfolgte zumeist an Kaim, und dieser mußte das Geld dann an die Firma Heyer abführen. Er hat nun, wie festgestellt worden ist, zahlreiche unerlaubte Manipulationen, Verkauf der Waren unter Preis, Bezug von Waren durch fingierte Aufträge, Abänderung von Fakturen usw. vorgenommen, und die Firma Heyer, als auch die Firma Thomas u. Rost, die er gleichfalls be- diente, in große finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Seine Haupt- abnchmer von Waren zu wahren Schleuderpreisen waren Heinrich und Martin Solomon. Er hatte diese in einer Weinhandlung in der Münzstraße kennen gelernt, gerade als er die Vertretung der Firm« Franz Heyer bekommen hatte. Es entstand aus dicfer ober- slächlichcn Bekanntschaft dann eine Geschäftsverbindung. Er ver- taufte zunächst an sie die von Heyer erhaltenen Probestücke unter Preis, bald kam aber ein dauernder Geschäftsverkehr zustande, der von 1907 bis 1910 ununterbrochen bestand und ungeheure Dimen- sionen annahm. Er hat fast sämtliche Waren, die er von Heyer und der Firma Thomas u. Rost erhielt, mit geringen Ausnahmen an die Salomons verkauft. Nach seiner Behauptung haben die Salo- mons die Waren 50 Proz. unter Listenpreis erhalten, außerdem hätten sie noch 8 Proz. Skonto abgezogen und schließlich auch noch Ilmsatzprovision beansprucht. Die Gebrüder Solomon hätten über 2 Millionen Faktura-Waren erhalten und dafür nur zirka 1 Million bezahlt. Durch alle diese Manipulationen sei er natürlich in immer größere Schwierigkeiten geraten. Bei der Firma Heyer gingen auf eine große Zahl fingierter Konten die Zahlungen nicht pünktlich ein, und da er, der Angeklagte, diese Konten begleichen mußte, von seinen Abnehmern Solomon aber bedeutend weniger als den Fakturavreis erhielt, so sei er in eine große Klemme geraten. Er mußte dazu seine Zuflucht nehmen, sich von den Salomons Vor- schüsic zahlen zu lassest, die schließlich bis zu einer Gesamtsumme von 30 000 M. anschwollen. Dafür habe er Sicherheit durch Ver- Pfändung seiner Lcbensversicherungspolice gegeben und eine mate- Helle Schuldverschreibung über 20 000 M. ausgestellt, in der er sich der sofortigen Zwangsvollstreckung unterwarf, und schließlich habe er noch eine Anzahl Wechsel, die nicht weiter gegeben werden durften, hingegeben. Der Angeklagte stellt es so dar. daß er voll- ständig in die Hände der Gchrüder Solomon gegeben worden sei, die sich die Situation zunutze gemacht hätten und in der Lage ge- Wesen seien, die Preise ihm einfach zu diktieren, denn durch das Vorschußverfahren sei er in eine Lage gekommen, in welcher er den Salomons gegenüber machtlos gewesen. Der Angeklagte sucht die Sache so darzustellen, als ob die Firma Heyer aus den verfchiedensten begleitenden Umständen habe an- nehmen müssen, daß er unter Preis verkaufe; auch habe sie nicht im unklaren über seine Transaktionen sein können. Der gerichtliche Bücherrevisor Zielke gab ein kurzes Gutachten ab, wobei er hervorhob, daß die Unterlagen, die ihm zur Verfügung standen, lückenhaft waren, da einerseits der Angeklagte behauptete, keine Bücher geführt zu haben und andererseits die Bücher von den Salomons fehlen und das Kassenbuch von ihnen vernichtet worden ist. Soweit sich hat feststellen lassen, sind von der Firma Heyer an den Angeklagten für 1 638 800 M. Maren geliefert worden, worauf der Angeklagte 874 600 M. gezahlt hat. Dazu kommen 48 200 M. als Provision für drei Jahre, so daß eine Summe von 922 800 M. herauskommt und ein Fehlbetrag von zirka 716 000 M. sich ergib!. Hierzu ist aber noch ein Lagerbestand von 60 000 M., der bei dem Angeklagten hätte vorhanden sein müssen, hinzuzurechnen, so daß der Fehlbetrag bei Heyer ungefähr auf 776 000 M. anzunehmen ist. Nach den noch möglichen Feststellungen hat Kaim an Gebrüder Salomon für 686 331 M. Waren geliefert.— Von der Firma Thomas u. Rost in Forst sind an Äaim im ganzen für 146 896 M. Waren geliefert worden. Darauf ist der Angeklagte 35 000 M. schuldig geblieben; er schuldet der Firma diese Summe in Wechseln und der Angeklagte machte hiergegen wiederholt geltend und suchte zahlenmäßig nachzuweisen, daß bei den Transaktionen für ihn kein Vorteil herausgeschaut habe, er vielmehr alles Geld, welches er er- halten, auch an die Firmen abgeliefert habe. Für die Verhandlung sind 5 Tage in Aussicht genommen. Wir werden über den Ausfall berichten. Die an versuchten Totschlag grenzende Tat eines Revolverhelden lag einer Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung zugrunde, welche gestern unter Vorsitz des Landgcrichtsrats Oertel die 8. Strafkammer des Landgerichts II beschäftigte. Angeklagt war der KaufmannSgehilfe Hugo Schlemminger.— Der Angeklagte hatte einige Zeit lang in dem Lokal des Gastwirts Paul Schröder in Karolinenhof als Gast verkehrt. Als er eines Tages mit Schröder in einen Wortwechsel geriet, kam es zu einem Handgemenge, wel- che? damit endet«, daß der Angeklagte etwas gewaltsam an die frische Luft befördert wurde. Bald dara� wurde Schröder hinter- bracht, daß Schlemminger ihm alle möglichen ehrenrührigen Dinge nachsagte und ihn beschimpfte. Als der Angeklagte eines TageS wiederholt vor dem Schröderschen Lokal auf- und abging, offenbar in der Absicht, den Gastwirt zu provozieren, kam es wieder zu einem Wortwechsel, der schließlich in eine Prügelei ausartete. Der Angeklagte war schon mehrere Schritte von Schröder entfernt, als er plötzlich einen Revolver hervorzog und auf Sch. fünf Schüsse abgab. Schröder wurde von zwei Kugeln in den Oberschenkel und in daS Bein getroffen, während der Revolverheld schleunigst die Flucht ergriff.— Vor Gericht behauptete der Angeklagte, in Not- wehr gehandelt zu haben. Das Urteil lautete dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf 1 Jahr Gefängnis bei sofortiger Ber- hastung._ Brutale Mißhandlungen eines uuehelichea Kindes bildeten wieder einmal den Gegenstand einer Anklage wegen ge- fährlicher Körperverletzung, welche gestern unter Vorsitz des Amts- richters Dr. Klemann das Schöffengericht Berlin-Schöneberg be- schäftigte. Angeklagt waren der Arbeiter August Graetz und dessen Ehefrau.— Die Beweisaufnahme entrollte daS sich leider oft wieder. holende Bild von den entsetzlichen Leiden eines unehelichen Kindes, welches später, nachdem die Mutter eine Ehe eingegangen war, in der scheußlichsten Weise gequält und mißhandelt worden war. Die jetzt 9 jährige Gertrud wurde, wie die Beweisaufnahme ergab, von beiden Angeklagten mit dem Besenstiel, einem Gummischlauch, dem Feuerhaken und dem unteren Stück eines Ausklopfers täglich in der rohesten Weise geschlagen und zwar wechselten sie sich bei den Mifeijandlungen gewöhnlich ab. Wenn der Mann nicht mehr weiter schlagen konnte, da ihm der Arm lahm wurde, sprang die Frau für ihn ein und schlug so lange, bis sich der Mann wieder erholt hatte.— Als der Schutzmann Krüger, nachdem Hausbewohner end- lich Anzeige erstattet hatten, in der Wohnung der Angesagten in der Erdmannstr. 5 in Schöneberg erschien, fand er das Mädchen in einem bejammernswerten Zustand vor. Der ganze Körper des Mädchens war von blutigen Striemen derartig durchzogen, daß die Haut das Aussehen von Baumrinde angenommen hatte. DaS Mäd- chen selbst befindet sich jetzt in dem katholischen Waisenhaus in Schöneberg.— Das Gericht erkannte auf je 2 Monate Gefängnis. SchulverfSnmnis«ineS Adventiste«. Wegen EchulversäumniS seine» SohneS war der Adventist Schwarz auf Grund der Strafverordnung der Regierung zu Potsdam vom 25. Mai 1910 zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Der Angeklagte hatte an einer Reihe von Sonnabenden den Sohn von der Schule ferngehalten, weil er als überzeugter Adventist glaubt, den Sonnabend heilig halten zu müssen und so berechtigt zu sein, sein Kind des Sonnabends von der Schule fernzuhalten. Das Land» gericht zu Berlin führte zur Begründung seine» Urteil» an, daß man der Auffassung des Angeklagten nicht zustimmen könne. Im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht habe jedes schulpflichtig« Kind an sämt- lichen Wochentagen die Schule zu besuchen. Solle eS mal aus besonderen Gründen fernbleiben, dann bedürfe es dazu der ausdrücklichen Dispensation der SchulaufsichtSbchörde. Solche sei weder nachgesucht, noch erteilt worden. Das Kammergericht ver- lvarf dieser Tage die gegen das Urteil eingelegte Revision, weil die Vorentscheidung keinen Rechtsirrtum er- kennen lasse. Versammlungen. Die Verwaltungsstelle Berlin des Deutschen Metallarbeiterverbandes hielt am Montag im großen Saal der Brauerei Friedrichs- Hain eine Generalversammlung ab. In der letzten Generalversammlung war über den Formerstreik eine heftige Tis- kussion entbrannt, in deren Verlauf es zu persönlichen Angriffen zwischen Bahn und Leue kam. Auf Antrag des letzteren hat sich ein Schiedsgericht mit der Angelegenheit befaßt. Dieses kam zu dem Entscheid, daß Bahn die Grenzen der Kritik nicht über- schritten, da seine Ausführungen auf Wahrheit beruhten. Das Schiedsgericht ersuchte nunmehr aber die Versammlung, die An- gelegenheit als erledigt zu betrachten. Damit erklärte sich dieselbe einverstanden.— Der Kassierer Henning erläuterte dann die gedruckt vorliegende Abrechnung vom ersten Quartal 1912. Die Hauptkasse schloß in Einnahme und Ausgabe ab mit der Summe von 672 875,93 M. Die hauptsächlichsten Ausgaben betrafen die Erwerbslosenunterstützung. An Krankenunterstützung wurden ausgezahlt 141 435,50 M., an Arbeitslose 188 884,05 M., ftir Streiks 90 617,65 M., für Maßregelungen 14 103,60 M., an die Lokalkasse wurden 100 000 M. überwiesen. Der Kassenbestand der'Lokalkasse, welcher am 1. Januar 783 350,96 M. betrug, war am 1. April auf 995 162,52 M. angewachsen. Für Streiks zahlte die Lokalkasse im ersten Quartal 36 933,90 M. aus, für Maß- regelungen 4261.80 M. In der Diskussion über den Kassenbericht wurde die hohe Ausgabe für Aushilfen in der Verwaltung kritisiert, welche rund 2600 M. mehr betrage als im ersten Quartal 1911. Diese Erscheinung wurde vom Vorstand damit erklärt, daß in diesem Jahre wieder die alle zwei Jahre vorzunehmende Statistik aufgestellt wurde.— i Für den Posten eines Revisors wurden dann Mainz und Seliger als Kandidaten nominiert, welche sich der Urwahl zu unterstellen haben.— Von den an die Verwaltung gelangten Anträgen wurde zunächst ein An- trag der Bezirksleitung der Siemenswerke zur Debatte gestellt, das seit Jahren für die Siemenswerke bestehende Provisorium auf- zuHeben und einen Beamten omzustellen, welcher seine Arbeitskraft voll und ganz der Agitation in den Siemenswerken zu widmen hat. Die Befürworter diese? Antrages führten aus, daß sich die Tätigkeit des bisher provisorisch tätigen Beamten sehr gut bewährt habe und daß es daher eine lohnende Aufgabe sei, einen fest an- gestellten Beamten damit zu betrauen, der gelben Bewegung in den Siemenswerken energisch zu Leibe zu gehen. Der Antrag wurde nach längerer Debatte angenommen und darauf eine zwölfgliedrige Kommission gewählt, welche die auf die Ausschreibung d�s Postens eingehenden Bewerbungen prüfen soll.— Dann wurde' folgender Antrag zur Beratung gestellt: „Beantrage hiermit, den§Z 5, 6 und 11 des Ortsstatuts folgende Fassung zu geben: 8 5. Die in§ 33 Abs. 4 des Verbandsstatuts den Mitgliedern zugewiesenen Funktionen werden für die Verwaltungsstelle Berlin den kombinierten Delegiertenversammlungen übertragen, ff 6. Diese Dekegierkenbersammftmg gikt aks Generakver» sammlung, zusammengesetzt aus: a) den Delegierten; d) den Mitgliedern der mittleren Ortsverwaltung, jedoch haben nur solche Kollegen Stimmrecht, welche vorher in Bezirks- Versammlungen als Delegierte gewählt worden find; nicht al» Delegierte gewählte Mitglieder der mittleren Verwaltung haben nur beratende Stimme. § 11. Die Bezirksleitungen sind verpflichtet, mindestens acht Tage vor der Generalversammlung in den Bezirken Mitglieder- Versammlungen einzuberufen, welche zu der Generalversammlung Stellung nehmen und für je 100 Mitglieder ihres Bezirks zwei Delegierte zur Generalversammlung wählen. Diese gewählten Delegierten haben Sitz und Stimme in der Generalversammlung, jedoch erlischt das Mandat mit Beendigung derselben. Wieder- wähl ist zulässig. Spätestens binnen zwei Wochen nach Statt- finden der Generalversammlung muß in den Bezirken Bericht erstattet werden." Der Antragsteller Lenzner begründete seineu Antrag damit, daß bei der jetzigen Zusammensetzung der Generalversammlung durch die Funktionäre sich gegen diese ein ständiges Mißtrauen bei den Mtgliedern breitmache. Letzter«, welche bis zum Iah« 1907 das Recht zur Teilnahme an den Generalversammlungen gehabt hätten, fühlten sich jetzt gänzlich ausgeschaltet von der Mitbestim- mung in wichtigen Organisationsfragen. In ähnlichem Sinne äußerte sich auch Ostrowski, während sich R a d t k« und Hanke gegen den Antrag aussprachen, mit der Motivierung, daß das gegenwärtige System sich sehr gut bewährt habe. Den Vertrauens. leuten, welche im Interesse der Organisation große Opfer brächten, müsse auch in erster Linie das Recht zugestanden werden, die be. schließende Körperschaft in der örtlichen Verwaltung zu bilden. In der Abstimmung wurde der Antrag gegen wenige Stimmen ab» gelehnt.— Ein Antrag Rauprich, der besagt, daß alle Anträge der Verwaltung, sowie alle Anträge der Mitglieder, die gestellt und aufrechterhalten werden, zu drucken und jedem Besucher der vor der Generalversammlung stattfindenden Bezirksversammlungen in einem Exemplar auszuhändigen sind, wurde angenommen.— Es gelangte dann folgender Antrag Müller zur Beratung: „Die Generalversammlung wolle beschließen, im 8 Absatz 2c des Ortsstatuts die Worte:„und sämtlichen Beamten unserer Verwaltung" zu streichen und dafür zu setzen:„und den Obleuten der 40 größten Betriebe"; ferner im j 14 Abs. 3 fol» g enden Absatz e einzuschalten:.den sämtlichen Beamten unserer Verwaltung". Der Antragsteller begründete seinen Antrag damit, daß mit der ständig anwachsenden Zahl der Beamten in der Ortsverwaltung diese schon von vornherin die überwiegende Mehrheit gegenüber den ehrenamtlichen Mitgliedern der mittleren Ortsverwaltung haben würden und somit die Beschlüsse derselben ganz in ihrem Sinne zur Durchführung bringen könnten. Dadurch werde in den Mit- gliederkreisen großes Mißtrauen erweckt. Die Beamten sollten nur mit beratender Stimme an den Sitzungen teilnehmen dürfen. In der Diskussion, an welcher sich Cohen, CzhchowSki und Seliger beteiligten, wurde der Kern des Antrag» al» ein be- rechtigter anerkannt. Wie aber besonder» Cohen betonte, bedürfe eS noch der reiflichen Ueberlegung, ob der Antrag in der vorliegen» den Form zur Durchführung gelangen könne. Im übrigen entbehre da» Mißtrauen gegen die Beamten jeder Grundlage, denn diese stimmen in keiner Frage geschlossen. Redner empfahl, den Antrag der OrtSverwalwng zu überweisen. Dem stimmte die Versammlung auch zu.— Ein Antrag Barth wurde wegen der vorgerückten Zeit bis zur nächsten Generalversammlung vertagt. Lese- und Diskutierklub»Südost-'. Heute Mittwoch, abend» S'l, Uhr, bei Neidhardt, Görlitz« Str. 58: Sitzung. Vortrag. Gäste will- kommen._ BrUfttaftcn der Rcdahtion. Sie wristische«»rechftuude finde»»»»»«nftraSe 69, vorn die» Ttewen — GavrSnhl—, wocheniaalliv von 4M bis 7M Uhr abend», koimadevdS, von 4M bis 6 Uhr abend» statt. Jeder fit den Vrtcflaften destimmten anfrage ist ein Bnchstabc und eine Zahl all Merijeichen beizufügen, briefliche Antwort wirb nicht ertcflt. Anfragen, denen keine AdonnemeniSgniftnng deigefügi ist, werden nicht beantwortet. Eilige Kragen trage man in ber Kpeechftunde vor. Dm. 1. Sie persönlich find nicht hastbar, können demnach Um- echreibung de» Steuerzettels beanspruchen. D« Satz beträgt für die evangelische Kirchengemewde 5,20 M., sür dl« katholisch« Ktrchengemeinde 5,50 M 2. Sie find allein zur Abgabe d« Erklärung befugt.— H. 99. Nein: Angestellte deS TierfchutzvereinZ mit durch Polizeioerordnung ge- regelten Befugnissen.— B. F. 87. Ja, sallS deswegen aus Antrag des Ehemannes die Ehe geschieden wird und der geschiedene Mann innerhalb drei Monaten nach Rechtskraft de« SchetdungSurteil» Strasantrag stellt— I. St. Falls nicht geschützt, ja. Anmeldung oeS Gewerbes genügt— M. D. 29. I. Jnnerbaib eines Monats nach Zustellung. II. und III. Existiert nicht. Nach dieser Aussassung wird aber zum Teil entschieden. — A. K« Pankow. Nicht versicherungSpflichftg. D« Unternehmer ist zur Zahlung eines BeitragSanteilS nicht verpflichtet— ivt. B. 909. 1. und 2. Ja.— G. Neukölln. 1. und 2. Nein. Bon der Borschrist de» Alter» von 50 Jahren kann aber durch da» Ministerium Befreiung bewilligt werden, fall» durch ärztliche» Gutachten glaubhast gemacht werden kann, daß Kinder au» der Ehe nicht zn erwarten sind.— H. A. 77. Da» ist zu- lässig. Fall» Eltern noch leben, haben diese den Pflichtleü zu oerlange». Marktbericht von Berlin am 24. Juni 1912, nach Ermittelung de» königt Polizeipräfidium». Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00— 50,00. Speisebohnen, weihe, 30,00—60,00. Linsen 40,00-80.00. Kartoffeln(Kleinhdt) 9,00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40-1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,80— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,20— 4,80. 1 Kilogramm Karpsen 1.20—2,20. Aale 1,00—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1.40—2,80. Barsche 1.00-2,00. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 4,00-30,00._ WitterungSüberficht vom 25. Juni 1912. Stattonen Swinemde. ambnrg erlin Franks.a.M München Wien 762 764 762 764 764 N N NW SW 759.W «etter 1 heiter 2hcdcckt Äedeck! pbciter öNegen 2 bedeckt ai« ti$ WS; 18 16 18 17 12 16 Stationen g| II aparanda 761@ etersburgH65 Still ttrilll)!756kSS Aberdeen 755. SSO Pari» 765SSW Weller 2 bedeckt lNebel 4wolkig �wolkig Lwolkenl 16 > s-« 5» 19 18 14 13 Wetterprognose für Mittwoch, den 2«. Juni 1912. Zunächst vielfach heiter, am Tage etwas wärmer bei lebhaften südliche» Winden, später wieder zunehmende Bewölkung und Gewitterneigung. Berliner W e t t e rb u r« a». WasserftandS-Nachrichten der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbnreau. -st bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Unterpegel. Berliner Credit-Haus WM- Kommandantenstr. 67, I'Vjiiix Abraham Bamb. MeasinÄ-a-Römertrank-Kell. N j. Ealelatr. 8a, Fernap. Kg6t.l3708 r.n'rfh Selber- u. Limonad.-Fabrik ÜlllitD, Thaeratr. U. T.A.7. 8176, SdiQtze, E., Webentr. Iba, T. 7, 1 1 1?5. kV A Bt«e» alkobol- %\B%\ lrele» SettZnIl. Berlin O.Sriialft.* ( ArbeHer-Beklalduno] FlL�«»fllL*'fZoi8Wer,lr-32 • Sr Bergmannatse Hamburger Laden, Charl.,Wallrt.69 J.KastnepSd�Lli RotcrLadenySchöneh.jftiiptstTJOS ( BScker«len, Konditor. Blottner's Großbäckerei Geschäfte in Berlin, Charlottenbiipfl, SchOneberg, Wllmeredorf. j Adlerabofer Bäckerei, K. Zagwuat. Max Backer, RamJerstr. 3S. Emil Beyer, Thomerstr. 6. BohndorTa Bäck.,K"niggbflrgar«tr,80 örot-Fabrik„Vorwärts" Hermann Ullrich, Köpenick. 25 Bei- ,.BrotlaöriR'ibarisT;. Brotfabrik Buehl& Sohn, Ä? Willy Delor, Prenrlauer Allee 42. Paul Delly, Markusstr. 15. Herrn. Carl, HMkölla, Bermannatr. 231 Herrn. Eder, Schonenscbestr. 1 E. Frey er, Blnmenstr. 72, E. MarkiiH»tr Engel'« Landbrot S�I Heineredorfer Mühle Verkfsste!!.: Koloniest.S.Rodenbwgat 2, hüüerit?st.55,8e!iirelbemerst.44,8v!»e- miiaderatr. 43, Pankow, Floraatr. 80, Wi!li.EBgelw.ÄÄ.4. Verkauf in Milchgeschäften Berlins. Bttannl gsactiea. d. Pl.t.t», 'ischsr, üörhtzerstr. 65. Falkemlciastr. 20, Köpeniekentr. 171. W. Gerlach, SeköBcbg. Scdiastt. 1/7. Alfred Graf, Beusselstr. 24. Kari Giesmann, Wittstoekstr. 7. H. Giüdt.Wilhelmshavenerstr.»1. HUnpea Dunkerstr. 78 . nSSSE frculu» Alle. 102. August Hübner, Schwedters tr.SJ. A ujz�iHauA��penick. jSlnks'i Srolatkerei J TB Geschäfte. | in allen Stadtteilen Berlins| und in Rixdorf. Oegrllndet Kille.-Großbäckerei. Boßoatr. 8. Carl Laudahn, Weberstr. SO. Landbrot-aädi.,5ebiiU,Fi..Bitbkali. Landbrot- eroBbSoksp«! O. Senf, Ndif. Krug, Wald.tr. 4 Alfred Lier, Wielefstr. I Liüitooliergsr BrotM Emil Lieske, Grüner W« Hermann Lebelt, Huaeitten»tr.88 Alfred Lier, Wielefstr.»8. ---~ Weser- «tr. 24. ___ Weg 122. Mattke, Gipsstr. 9. E. Mertins, Rcichonbergerst. 168. E. Martin, Gleimstr. Bö- Gustav Mütilstcph. Rhinowerstr. 2. Th.Neumann.Oldenburgerstr.Jl. Friedrich Oste, Madaistr. 10, Herrn. Proeil, Nonnendamm. "Bäckerei„Nordstern" Inh.: Gast. Müller Filialen 1. verschied. Stadtteilen Albert Ffcuzig, Urätzstr. 10. Richard Reiuke Aitln.h.s• Paul Rißmann, Turinerstr. 38. Max Sander, Dunkerstr. 28. J OttO SZÜlat fs�BackwaVe® Schüt�O.Ä'aNÖ, SlkorskI,Wfli5*Mee,HeiDersdorferstr.U Staehr's Bäckerei, N. Trlftstr. 68. Paul Stenzol, Baumschulenvreg. Rieh. Schenk MsÄ88. A. Schreier, ürbanstr. Gl. H. Splllmann, Grüner Weg IIB. GnitaT Tauplti, Prinzen- Allee 61. Tboma'a bew. Bäckerei Ackerstr. 111. Gerichtatr, 84. C. Vogt, Welßensea 3Filial.Haiiptge5ch.Sedan8t.10G Volksbrot�. Ii. m.b.H. Fehmarn str. 10 Mirbachstr. 13 Häselerstr. 11 E Häselerst. IGE Veersebcihstr.S. König inßlisabetbit.fb Jos. Wagenknecht, Gloganerit. 17, Albert Wiese, Koloniestr. 34. E. Wolff, Grüner Weg 78. Heinpich Wittler rnrnpemckel-, Schwarzbrot- n. SiBtia- brot-Fabrik. T. II, 3213. Maiatr. 7. Verknnfsatell. i. all.Gc jend. Grol-Berlln« Badeanstalten D Arkona-Bad, Anklamer-Str. 34. Augusta-Bad, Köpenick.-Str. 80/61 llCfe«ra jHI landsbergentr. 107 Gollnowstr. 41. C'anii'T Bad, Münzstraße 2. V-fd-HIlA" Kassenlieferant. 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Lkrlag: Borwärt» BuÄdruckeiei u. Be ctagsanjtalt Kant Singer u. So, Berk« i»l«a Sir. 146. 29. ZahrMg. 3. KkilU kä„Boriüirlü" Knlim öollistilott. MMoch. 36. Intti 1912. Partei- Hngelcgcnbeiten. Zur Lokalliste! Im i. Kreis hat der Besitzer des Lokals Memeler Straße 67 gewechselt. Der jetzige Inhaber Herr Grunwald stellt das Lokal uns zu den üblichen Bedingungen zur Ver- fügung. D.-IB. Der Inhaber des Restaurants„Neu-Heringsdorf" neben dem Elektrizitätswerk an der Spree weigert sich ent- schieden, sein Lokal der organisierten Arbeiterschaft frei zu geben, weil er nur aus das sogenannte bessere Publikum re- flektiert. Wir bitten die organisierten Arbeiter, das Lokal streng zu meiden._ Die Lokalkoinmission. Groß-Lichterfelde. Freitag, den 28. d. M., abends 8M Uhr, Volksversammlung im Lokal von E. Richter. Chausseestr. 104. Tagesordnung: ,,Die Demokratie im Vormarsch." Referent: Reichs- tagsabgeordneter Dr. Karl Liebknecht. Donnerstag abend 7 Uhr in allen Bezirken tzandzettelverteilung zu dieser Versammlung. Der Vorstand. NowaweS. Freitag, den 28. Juni, abends 8)4 Uhr. im Lokal ..Karlsgarten". Kaiser-Wilhelm-Str. 27, öffentliche Versammlung. Genosse Emil Unger referiert über das Thema:„Wie steht die Sozialdemokratie zur Religion und Kirche?" Au dieser Bersamm- lung sind die Geistlichen des Ortes brieflich eingeladen. Partei- genossen, sorgt für Massenbesuch der Versammlung. _ Der Vorstand. BerUncr IVacbncbten. Sommer im Grunewald. Die längsten Tage sind vorüber, aber die langen Tage dauern an. Sie haben uns manchen schwülen Tag und man- chen Regentag gebracht, und vielleicht ist das die Signawr der Wochen, die noch folgen. Bis jetzt hat der Boden den Regen aufgenommen, wie ein Schwamm, denn noch immer ist das Defizit zu groß, das die vorjährigen Hundstage uns hinterlassen haben. Geht man vom Bahnhos Grunewald zum Hundekehlensee hinab und an diesem entlang, so findet man den Promenadenweg, der vor einigen Jahren hier angelegt wurde, jetzt mehrere Meter vom Ufer entfernt. Parallel zum Wege, nur eine Treppenstufe tiefer, hat sich ein neuer Ufer- weg gebildet, auf altem Seeboden, den das Wasser verlassen hat. Ursachen, die nur zum Teil natürliche sind, zum Teil oon Menschen erst herbeigeführt wurden, senken Jahr um Jahr den Spiegel der Gewässer des Grunewaldes, die immer kleiner werden. Wo das Wasser zurückweicht, verdorrt auch der Pflanzenwuchs, soweit er an einen beträchtlichen Grad von Feuchtigkeit im Boden gebunden ist. Aber er stirbt trotzdem nicht ab, sondern zieht dem Uferrande nach. Das tun beson- ders die hohen Gräser und in erster Linie das Schilf, das mit seinen im Schlamme kriechenden weitausgreifenden Wurzel- stocken dem weichenden Wasser mit Leichtigkeit nachzieht und die nassesten Uferzonen immer von neuem wieder erobert. An vielen Stellen liegt ein grüner, zarter Schleier auf dem Wasser. Auf dem Stock oder Finger, mit dem man den färbenden Stoff prüfen will, bleiben nur kleine, grüne Pjmktchen kleben. Es sind verschiedene Arten winziger Algen. oie in riesiger Zahl diese sogenannte„Wasserblüte" in Szene setzen, die zu Zeiten ganze Havelseen überzieht. An günstigen Stellen der Grunewaldseen hat der Strand sich srej von Schilf erhalten. Hier haben sich an heißen Tagen Miniaturfreibäder für die liebe Jugend herausge- bildet. Ein munteres Treiben entwickelt sich dabei unter der Obhut der Eltern. An solchen Stellen pflegen auch die Be- sitzer von Hunden für die Erheiterung zu sorgen, indem sie ihren Vierfüßlern Freibäder angedeihen lassen. Dabei zeigen sich alle erdenklichen Verschiedenheiten. Während manche Hunde vor Freude bellend ins Wasser springen, müssen andere mit gehörigem Schwung hineingeworfen werden. Im all- geineinen verfehlt der ins Wasser geworfene Ast selten seine Wirkung, und er pflegt mit größerer oder geringerer Eleganz herausapportiert zu werden. Darauf folgt regelmäßiges Schütteln des Pelzes, was, ins menschliche übersetzt, etwa unserem„Brrr" entsprechen würde, denn im allgemeinen sind unsere Hunde keine übermäßigen Wasserfreunde. � Weiter draußen auf dem Wassersp'egel schauen Wasser- Hühner dem Spiel der Kinder und Hunde zu und sie glucksen unverständliche Laute über die Schiffchen, die das kleine Volk an langen Leinen treiben läßt. Voll und kräftig ist das Laub: der Hollerbusch blüht in tellergroßen weißen Sträußen, die Rosen und die Linden duften. Ter Somnier ist dal Bom Bibliothekswesen der Stadt Berlin. Uever die Büchersammlungen. die für die Bevölkerung Berlins von der Stadtgemeinde bereit gehalten werden, bringt das Bibliothekskuratorium in dem soeben vom Magistrat veröffentlichten VerlvaltungSbericht für das Etatsjahr 1911 einige Zahlenangaben. Die S t a d t b i b l i o t h e k hat im Laufe des Jahres ihren Bücherbestand von 112 203 Bänden weiter auf IIS 012 Bände erhöht, während in ihrem Lesesaal die Nachschlagewerke von 3917 Bänden auf 4012 Bände vermehrt wurden. Sie gab diesmal 2KSS neue Leihkarten aus(im Vorjahr: 2568), so daß von dem Zeitpunkt der Eröffnung dieser Bibliothek bis zum Schluß des Etatsjahres 1911 im ganzen 14 369 Leihkarren ausgegeben worden sind. Wie viele dieser 14 369 Leihberechtigten die Bibliothek im letzten Jahre noch benutzten, ist aus dem Bericht nicht zu ersehen. Ausgeliehen wurden 176 624 Bände(im Vorjahre: 170 859), die mit nach Hause genommen werden durften. Den Lesesaal besuchten diesmal nur 94 894 Personen, tveniger als im Vorjahr, wo 97 545 Besucher deS Lese- saales gezählt wurden. Der Bericht sagt hierzu:.Der geringe Rückgang ist nicht nur durch den heißen Sommer von 1911, sondern auch und wohl in erster Reihe durch die sich immer fühlbarer machende Enge und Unbehaglichkeit des Leseraumes zu erklärer?". Benutzt wurden im Lesesaal 56 986 Bände der Handbibliothek und 19 559 Bände des Büchermagazins, gegen- über 55 239 und 17 513 im Vorjahr. Hier ist also, trotz Minderung des Lcsesaalbesuches, doch wieder noch ein Mehr gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Die Klagen über die Unzulänglichkeit des Lesesaales und überhaupt der Räume der Stadlbibliothek sind alt. Abgeholfen kann diesen Mißständen erst werden, wenn einmal das geplante neue Heim der Stadtbibliothek, daß auf dem Jnselspeichergrundstück errichtet werden soll, fertig sein wird. Die 23 Volksbibliotheken vermehrten im letzten Jahr ihren Bücherbestand von 216 890 Bänden auf 224 829 Bände. Wie viele Leihkarten neu ausgegeben wurden und wie viele Leihberechtigte diese Bibliotheken benutzten, sagt der Bericht nicht. Man darf hier allerdings annehmen, daß hinter den meisten Leihkarteninhabern mehrere Benutzer stehen. In der Regel wird ja auf eine Leihkarre der Lesebedarf einer ganzen Familie ge- liehen. Die Gesamtbenutzungsziffer der Volksbibliolheken war im letzten Jahr geringer als im vorletzten; sie liehen diesmal 1 518 734 Bände aus, gegenüber 1 544 581 im Vorjahr. Den Rückgang erklärt der Bericht daraus, daß einige Volksbibliotheken infolge baulicher Arbeilen auf mehrere Wochen(eine sogar aus Lstz Monate) geschlossen werden mußten. Mitder höchsten Benutzungsziffer stand, wie seit langem, die 20. Bibliothek(Ravenöstraße) an der Spitze. Sie lieh diesmal 150 652 Bände aus, wieder beträchtlich mehr als im Vorjahre, wo sie 128 139 Bände ausgeliehen hatte. Die schwächst benutzte Bibliothek war(wenn man von der 25. absieht, die S1/� Monate geschlossen blieb) mit nur 10 400 ausgeliehenen Bänden die 23. Bibliothek(Olivaer Straße). Da sie einen Bücherbestand von 4733 Bänden hatte, so kamen auf jeden Band durchschnittlich rund 2 Entleihungen im ganzen Jahre. Das Gegenstück bildet die schon erwähnte 20. Bibliothek, die bei einem Bücherbestand von 10 173 Bänden mit 150 652 Entleihungen durchschnittlich pro Band 15 Entleihungen hatte. Der Bericht bezeichnet es als eine außergewöhnliche Leistung, daß eine solche Volksbibliothek über 150 000 Bände in einem Jahre ausleiht. In den 14 Lesehallen stieg im letzten Jahr der Bücher- bestand von 11148 Bänden auf 11428 Bände. Die Zahl der Be- fucher aller Lesehallen wurde auf zusammen 136 989 Personen er- mittelt. Auch hier ist gegenüber dem Vorjahr, wo 141 107 Besucher gezählt worden waren, ein Rückgang eingetreten. Der Bericht er- klärt ihn daraus, daß zwei Lesehallen wegen Bauarbeiten zeitweise geschlossen blieben. Die Benutzungsziffern der einzelnen Lesehallen fehlen in dem Bericht. Der Zuschuß aus Gemeindemitteln stellte sich für Stadtbibliothek und Volksbibliotheken nebst Lesehallen auf zusammen 225 410 M._ Jnvalidcnkarten in Ordnung bringen! Die Karten der In- validenversicherung werden bekanntlich nicht immer rechtzeitig mit Marken beklebt. Besonders in Familien wird dies« gesetzliche Versicherung oft lange verzögert und dann auf einmal bewirkt. Wer etwa noch mit der Verwendung, von alten Marken im Rück- stand ist, muß sich jetzt damit sputen. Seit Neujahr sind bekannt- lich neue Marken eingeführt. Der Vertrieb der alten Versicherungs- marken durch die Postanstalten hört aber mit dem 30. Juni auf. An allen Schaltern, Markenverkaussstellen usw. werden au jenem Abend nach Dienstschluß die nicht abgesetzten alten Marken zurück- gezogen. Alte Versicherungsmarken, die sich in den Händen des Publikums befinden, werden dagegen noch bis zum 31. Dezember 1913 umgetauscht._ Die Gemeindeschulen Berlins haben in diesem Sommerhalbjahr sich eine weitere Minderung der Kinderzahl zu buchen gehabt. Bei der Freguenzermittelung vom 1. Mai, deren Ergebnis der Magistrat jetzt den Stadtverord- neten vorlegt, wurden 223 450 Gemeindeschulkinder gewählt, während im Winterhalbjahr am 1. November die Zählung"noch 224 424 Kinder ergeben hatte. Dieser Rückgang, der zum Teil aus der Abwanderung v i e l e r A r be i te r s a m i li e n nach den Vororten, zu einem vielleicht noch größeren Teil aus der Minderung der Geburtenziffer zu erklären ist, dauert schon seit einer Reihe von Jahren an. Seit dem Mai 1908, wo mit 228 907 Gemeindcschulkindern der Höchststand erreicht wurde, hat ihre Zahl sich in nun vier Jahren im ganzen um 5457(auf jetzt 223 450) ermäßigt. Das sind die Zahlen für ganz Berlin, für die einzelnen Stadt» teile aber hat die Entwickelung begreiflicherweise sich sehr ver- schieden gestaltet. Verringert hat die Zahl der Schulkinder sich hauptsächlich in den älteren Stadtteilen, wo die Bevölkerungs- mehrung längst aufgehört hat und durch eine Bevölkerungs- Minderung abgelöst worden ist. Die noch nicht voll bebauten Außenbezirke dagegen, deren Einwohnerzahl noch zunimmt, haben meist eine Zunahme der Schulkinderzahl. Im Innern der Stadt zieht die Schulverwaltung eine Schule nach der anderen ein, weil dort die Klassen nicht mehr so„voll" werden, wie sie das bei den Gemeindeschulen als„normal" ansieht. Daß sie dafür um so rascher die immer mehr sich bevölkernden Außen- bezirke mit einer ausreichenden Zahl von Schulen versorgt, kann man leider noch immer nicht sagen. In diesem Sommerhalbjahr bestehen 306 Gemeinde- s ch u l e n, zu denen 20Hilfsschnlcn kommen. Gegenüber dem Winterhalbjahr haben nur die'Hilfsschulen sich um 4 vermehrt, während die Zahl der regelrechten Gemeindeschulen unverändert geblieben ist. Die Gesamtzahl der Klassen ist jetzt 6265, nur 26 mehr als im Winter. In den 5265 Klaffen sind mit enthalten die 133 Klassen der 20 Hilfsschulen, ferner 36 Nebenklassen, die an 11 Gemeindeschulen noch bestehen, und schließlich 31 Vorklaffcn, die an 30 Gemeindeschulen eingerichtet worden sind. Groß äst immer noch die Zahl der gemieteten Räume, die bis auf weiteres benutzt werden müssen, weil die eigenen Schulhänser der Stadt nicht rasch genug vermehrt worden sind. In Äiets- Häusern sind jetzt noch 466 Klassen untergebracht. Für die Bekämpfung von Waldbränden werden amtlich folgende Verhaltungsmaßregeln empfohlen: Das Feuer ist stets von der Seite einzuengen oder von der abgebrannten Seite aus zu bekämpfen. Der Versuch, der Feuerrichtung entgegen- zutreten, ist gefährlich und führt durch Rauch und Hitze zur Er- schlafsung der Kräfte. Ist die eigene Kraft zur Bekämpfung eines Waldfeuers nicht ausreidScnd, so benachrichtige man den nächsten Forstbcamtcn und die nächste Ortspolizeibehörde. Bei dieser Ge- legenheit sei daraus hingewiesen, daß nach§» 44 des Feld- und Forstpolizeigesetzes jeder, der von einem Forstbeamten oder Wald- besitzcr bei einem Waldbrande zur Hilfe aufgefordert wird, dieser Aufforderung unverzüglich folgen muß, sofern er dieses ohne erheb- liche eigene Nachteile vermag. Vielfach sind von zusammenhängenden Ortschaften Wald- brandkolonnen gebildet worden. Diese werden im Fenerschutzdienst ausgebildet: damit sie im gegebenen Falle durch wirksamen Feuer. schütz eingreifen und die Feuerwehren in der Bekämpfung von Waldbränden unterstützen können. Durch gelegentliche Alar- mierungen soll die Bereitschaft dieser Waldbrandkolonnen erprobt werden._ Ein zweites„Werder" am Scharmützelsee. In«vilbcrberg, romantisch gelegen am Scharmützelsee und eingebettet in die Höhen- züge von Rauen und Picskow, wird jetzt eine großzügige, nach den Grundsätzen moderner Plantagenkulwr angelegte Ovstbanfläche crfchlofsen werden. Das 1500 Morgen große Rittergut Silberberg. �das der Rittmeister v. Mörner erworben hat, wird zu diesem Zweck in seinem Kerngebict aufgeteilt und zirka 500 Morgen werden in Obstbauparzellen zerschnitten. Der Direktor der Werdersthen Obstbauschule, Herr DRkkopp, hat die fachkundige Leitung bei der An- läge in die Hand genommen und nach seinen Erfolgen in der märkischen Obstkammer in Werder, wo seine Methoden von den Obstzüchtern praktisch angewendet werden, darf man erwarten, daß er auch in Silberberg eine wertvolle Anlage, ein zweites Werder im Südosten Berlins, schafft. Lage, Klima, Boden- und Wassev- Verhältnisse sind außerordentlich günstig für den Obstbau. Ge- schützt durch die Raueuer und Pieskower Berge, herrschen der Obst- Produktion besonders zuträgliche klimatische Verhältnisse, und das ganze Terrain gilt dank dem natürlichen Schutz als absolut ftosb- frei. Die guten Resultate der jetzigen Kirschenernte liefern den Beweis, wie geeignet das Gelände für Obstbauzwecke ist. Die heut« mit mannshohem Roggen» Weizen und fettem Hafer bestandenen 500 Morgen, die in Obstland umgewandelt werden, umschließen diö schönsten Höhepunkte des Rittergutes und der kräftige Boden fördert das Wachstum der Kulturen. Alle Bodenarten, wie sie in der Mark vorhanden sind, findet man auch in Silberberg vertreten. Vom leichten Sandboden, auf dem die Kirsche gut gedeiht, bis zum schweren Lehmboden können sich die Pächter für ihre Bedürfnisse beliebige Parzellen auswählen. Das Unternehmen genießt auch die Förderung der Landwirtschaftskammer der Provinz Brandenburg, die sich das Erstehen eines wichtigen Faktors in der heimischen Obstprodultion verspricht. Die Pläne werden von den Beiräten der Kammer ausgearbeitet. Eine wesentliche Begünstigung erfährt die Obstkultur durch den Wasserreichtum des Besitztums, der den Obstbauinteressen sehr zustatten kommt. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil, der auch das Projekt zur Verwirklichung kommen ließ, ist die bevorstehende Vollendung der neuen Bahn- strecke, die mit zwei Haltepunkten in Silberberg endigt. Die neue Bahn ermöglicht den Obstproduzenten einen raschen Absatz ihrer Früchte, für die als aufnahmefähiges Absatzgebiet die Millionenstadt Berlin in Betracht kommt, deren Nähe dem Silberberger Obstbau die besten Aussichten eröffnet. Beseitigung von Tierkadavern. Nach den neuerdings ergan- genen AusführungSvorschr iften zu dem Reichsgesetz, betreffend die Beseitigung von Tierkadavern, vom 17. Juni 1911 hat von jeder nicht z u Schlachtzwecken bewirkten Tötung und von jedem Fallen von Pferden, Eseln, Maultieren, Mauleseln» Tieren deS Rindergeschlechts, Schweinen, Schafen und Ziegen— ausgenommen Sangferkel, Schaf, und Ziegenlämmer unter sechs, Wochen, sowie Einhuferfohlen und Kälber unter drei Wochen— der Besitzer Anzeige zu erstatten. Die gleiche Pflicht hat, wer in Vertretung des Besitzers der Wirtschaft vorsteht, wer mit der Aufficht über Vieh an Stelle des Besitzers beauftragt ist, ferner für die auf dem Transport befind- lichen Tiere deren Begleiter, und für die in fremdem Gewahrsam befindlichen Tiere der Besitzer der betreffenden Gehöfte, Stallungen usw. In Berlin sind die Anzeigen zu erstatten an das nächste Polizeircvierbureau oder an die Sammelstelle der städtischen Fleisch- vernichwngs- und Verwertnngsanstalt in der Paul-Heyse-Straße (Telephon: Amt Magistrat Nr. 81). Die Außerachtlassung der Anzeigepslicht ist nach einer Polizeiverordnung strafbar. Die GrundeigentumS-Dcputation hat in ihrer gestrigen Sitzung u. a. beschlossen, das Grundstück in Treptow, auf welchem sich eine Radrennbahn befindet, nach Ablauf des gegenwärtigen Mietsvertrages am 30. September 1913 nicht mehr zu vermieten Die Bahn muß bis dahin abgebrochen sein. Die Grundeigentums-Deputation kommt übrigens damit einem Wunsche der Gemeinde Treptow entgegen, welche schon längst die Entfernung der Rennbahn im Interesse der Anlieger wünscht. Ueber die spätere Verwendung des Grundstücks ist noch kein Be» schluß gefaßt. Betriebe zur Herstellung von Zelluloidwarcn, Zelluloidlager, Filmslager und dergl. sind seit dem 21. Mai d. I. anzeigepflichtig. Durch landespolizeiliche Verordnung des Polizeipräsidenten in DAftiVrisriiTchen Stadtkreisen Berlin, Charlottenburg, Schcnebdtjf, Wilmersdorf,' Neukölln und Lichtenberg mit Stralau jedermann verpflichtet worden, künftig seine Anlage zur Herstellung oder Lagerung von Zelluloid und Zelluloidwaren vor Betriebseröffnung dem zuständigen Polizeirevier anzumelden, damit die zur Verhütung von Bränden nötigen Vorschriften rechtzeitig angeordnet und durchgeführt werden können. Die Lagerung von weniger als 50 Kilogramm Zelluloid oder Zelluloidwaren ist von dieser Bor- schrift befreit. In erster Reihe werden damit diejenigen Lager und Arbeitsstätten getroffen, in denen Films aufbewahrt, zcr- schnitten und wieder zusammengeklebt werden. Jedoch bezieht sich die Verordnung auch auf andere Zelluloidartikel. Die Veranlassung dazu gibt das häufige Vorkommen von Bränden, die durch Un- achtsamkeit beim Hantieren mit dem feuergefährlichen Stoffe ver- anlaßt wurden. Die Polizeiverordnung ist bereits in Kraft ge- treten. Zum Dampferunglück auf der Havel wird uns mitgeteilt, daß die Leiche der Frau Kümmel gestern vormittag 10 Uhr in der Nähe des Freibades Wannsee gelandet worden ist. Die Leiche des Lehrers Wilhelm Lepenies aus Halensee ist noch nicht gefunden worden. Das Wrack des gesunkenen Motorboots„Hans" wurde gehoben und an das Ufer geschleppt, um die Schiffahrt nicht zu behindern. Die Untersuchung wegen der Schuldfrage wird von der Potsdamer Staatsanwaltschaft geführt. Ein Liebespaar hat gestern nacht im Tegeler See bei Tegelort Selbstmord verübt» Die Leichen wurden aus dem Wasser treibend vorgefunden und ans Ufer gebracht. Aus einer Radfahrerkarte ließ sich feststellen, daß es sich um den Hausdiener Karl Hildbicher aus jder Kommandantenstraße handelt;J die Persönlichkeit des Mädchens war noch nicht zu ermitteln.— Auf dem Bahnhof Grüne- wald erschoß sich gestern nacht ein gut gekleideter Herr in dem Augenblick, da er ein Abteil 2. Klasse verließ. Man fand bei dem unbekannten Toten eine Monatskarte auf den Namen Otto Bondiek. Auf einen verhängnisvollen Unglücksfall deutet ein Fund hin. der in der letzten Nacht in Oberschöneweide gemacht wurde. Dort fanden Passanten gegen 12 Uhr am User der Spree in der Nähe des KaiserstegS einen schwarzen steifen Hut und eine Frühstücks- tafche."Die Gegenstände wurden als Eigentum des Drehers Paul Presser aus der Wrangelstrahe 76 erkannt, der in Oberschöneweide beschäftigt war. P. hatte mit mehreren Arbeitskollegen in einem Lokal am Kaisersteg gezecht und war dann gegen%12 Uhr in stark angetrunkenem Zustande fortgegangen. Offenbar ist der Arbeiter in der herrschenden Dunkelheit fehlgegangen und in die Spree ge- stürzt. Zu der erwähnten Zeit wollen auch Personen in der Nähe des Kaiserftcges einen Körper im Wasser haben treiben sehen. Sie benachrichtigten sofort die Polizei; als diese Nachforschungen an- stellte, konnte man an der bezeichneten Stelle jedoch nichts entdecken. Die Leiche des Ertrunkenen konnte auch bisher noch nicht gelandet werden. In hilflosem Zustande wurde am Montagnachmittag aus dem Askanischen Platz von einem Schutzmann eine unbekannte, gutge- kleidete Frau ausgefunden. Der Beamte brachte die bereits Be- finnnngslose in einer Droschke nach der Unfallstation am Tempel- hoser User, wo die Erkrankte einen schweren Blutst.urz erlitt. Offen- bar handelt es sich um eine Vergiftung, doch konnte die genaue Ur- fache der Erkrankung nicht festgestellt werden. Nachdem der Frau die erste ärztliche Hilfe zuteil geworden war, wurde sie in das Urban-Kran-enhaus eingeliefert. Dw Unbekannte ist etwa 50 Jahre alt und ziemlich korpulent; sie trug eine Visitenkarte mit dem Namen Szhmanski bei sich. Bon- Brettern erschlagen wurde gestern nachmittag auf dem Güterbahnhof der Nordbahn in der Bernauer Straße der Arbeiter Otto Schulz aus der Wolliner Straße 46. Der Mann half beim Entladen eines Eisenbahnwagens. Hierbei geriet plötzlich ein Teil der Bretterladung ins Rutschen, fiel herunter und stürzte auf Schulz, der unten stand. Der Unglückliche erlitt außer einem Bruch beider Unterschenkel eine so schwere Kopfquetschung, daß er auf der Stelle verschied. Ein Arzt von dex Rettungswache in der Gaudystratze konnte nur noch den Tod feststellen. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Auf dem Flugplatz Johannisthal stürzte gestern nachmittag der bekannte Flieger Thelen mit einem Albatros-Doppeldecker beim Nehmen einer Kurve aus geringer Höhe ab. Die Maschine wurde total zertrümmert. Thelen erlitt einige leich� Hautabschürfungen. Ein Opfer des Straßenverkehrs wurde gestern abend ein un- bekanntes Kind. In der Greifswalder Strohe in der Nähe der Ringbahn geriet ein kleines Ntädchen von etwa vier Jahren unter einen Arbeitswagen und erlitt schwere innere Verletzungen und Quetschungen an beiden Beinen. Die Hilfswache in der Gaudy- strahe brachte die Verunglückte, die besinnungslos liegen blieb, nach dem Krankenhaus. Die genossenschaftliche Ausstellung erfreut sich fortgesetzt eines zahlreichen Besuches.— Allein am letzten Sonntag wird die Zahl der Besucher auf 5000 geschätzt.— Die Ausstellung ist noch bis ein jchliehlich Sonntag, den 30. d. M., geöffnet.— Wir empfehlen unseren Genolsen, die wenigen Tage noch zum Besuch der Aus- stellung zu benutzen.— Billetts a 10 Pf. sind in allen Verkaufs- stellen der Konsumgenossenschaft sowie bei den genossenschaftlichen und gelverkschastlichen Funktionären zu haben.— An der Kasse selbst kostet der Eintritt bO Pf. Es ist also zu empfehlen, sich voll her cm obenbezeichneten Stellen mit Billetts zu versehen.— Am Mitttooch dieser Woche findet in der Ausstellung Konzert statt. Auherdem wird den Besuchern täglich eine Probe von der in der Seifenfabrik der G.E.G. hergestellten Seife gegeben, sowie auch Tee-, Kakao- und Kaffeeproben. Verloren bei einer Partie nach Erkner und Umgegend ging leine Brieftasche mit Wahlvereinsbuch(4. Kreis) und Verbands� buch(Zentralverband der Steinarbciter), beide auf den Namen Felix Sobinski ausgestellt.— Der Finder wird gebeten, die Bücher im Bureau der Steinarbeiter, � Engelufer 15 I, Zimmer 7s, abzugeben Die Ortsverwaltung. Verloren. Am Sonntag, den 23. Juni, ist in der.Neuen Welt' Lei der Eröffnungsfeier des VerbandstageS der Holzarbeiter ein schwarzer spanischer Schal verloren worden. Der ehrliche Finder wird gebeten, denselben im Gewerlschaftshause, Saal 5, abzugeben. Vorort- l�admcdten. Charlottenburg. Ein Straßenbohnunfall, bei dem zwei Personen verletzt wurden, ereignete sich am Montagabend gegen Uhr in der Berliner Strahe. Dort scheute vor der Technischen Hochschule das Pferd eines Wagens des Eierhändlers Karpf aus der Fritschestr. 45 und rannte unmittelbar vor einem aus entgegengesetzter Richtung kommenden StrahenbahlUvagcn der Linie dl auf das Gleis. Bei dem Zusammenstoh wurden der Mitfahrer Herbert Wessel, Englische Strahe 31 wohnhaft, und die 11jährige Tochter Frieda des Besitzers auf die Strahe geschleudert. B. trug Hautabschürfungen an den Beinen, das Mädchen eine Quetschung an der Stirn davon. Das Pferd des Geschäftswagens kam bei dem Anprall zu Fall und brach die Vorderbeine. Durch den Unfall wurde eine Störung von zehn Minuten Dauer herbeigeführt. Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Der Stadtverord- netenvorsteher-Stellvertreter Genosse Molkenbuhr gab den Antrag einiger Liberalen bekannt, der verlangte, dah die Haus. ruinen auf dem ehemaligen Willmannschen Gelände endlich be- seitigt werden möchten.— Oberbürgermeister D o m i n i c us teilte mit, dah die Terraingesellschaft sich bereit erklärt hat, dies umgehend zu tun.— Hierauf erstattete der Ausschuh zum Be« bauungsplan für das Südgelände seinen Bericht. Demnach sollen Verkehrsstrahen im Zuge der Jiinsbruckcr-, Gothen-, Hedwig- und Peter-Vischer-Strahe durchgeführt werden. Die Untergrundbahn verlegt ihre Trace nach Steglitz und Maricp- dorf; am Wannseebahnhof wird ein Umsteigebahnhof errichtet. Der jetzige Bahnhof Friedenau wird nach der Saarstrahe verlegt und an der Jnnsbrucker Strahe wird eine neue Station der Wannseebahn gebaut. Auch der Rangierbahnhof soll wesentlich erweitert werden. Die Stadt stellt das erforderliche Gelände bereit. Die nördliche Spielwiese am Priesterweg wird vergröhert, während die Grünfläche am Matthäikirchhof verkleinert wird. Der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion auf Errichtung eines Kleinwohnungsviertels soll bis nach den Ferien zurückgestellt werden. I a tz o w(Lib. Vergg.) bestreitet, dah die finanzielle Seite der Sache� durch die Greuzumlegung gelöst wäre. Unrichtig sei, dah inr Südgelände ein steuerkräftiges Publikum sich ansiedeln würde. Die vom Magistrat aufgestellte Berechnung träfe nicht zu. Die Einsetzung eines Ausschusses sei erforderlich, um die finan- zielle Seite der Bebauung zu prüfen.— Genosse Bernstein meinte, dah damit die Bebauung hintangehalten werde. Multi. Millionäre gehörten zu den Ausnahmen und würden nicht über- wiegend im Südgelände wohnen, so daß die verschiedensten Bc- Völkerungskreise sich dort niederlassen würden. Notwendig sei jedoch, dah endlich einmal die Konkurrenz unter den Gemeinden aufhöre. Dabei machten die Städte gewaltige Aufwendungen, die in gar keinem Einklang zu den Einnahmen zu bringen seien. Der Antrag Jatzoiv sei abzulehnen, da die unsicheren Grundlagen nur zur Verteuerung des Grund und Bodens führten.— Bürgermeister Blanken st«in erklärte, die gewünschten Berechnungen seien aufgestellt Worden. Es habe sich herausgestellt, dah sie zu keinem Ergebnis führen. Es könne nicht verlangt werden, jetzt schon anzugeben, wieviel nach 20 Jahren die Umsatz- und Wert- zuwachssteuer einbringen würde. Die Stadtverwaltung als Ganzes sei kein wirtschaftlicher Betrieb, sondern nur einzelne Teile könnten wirtschaftlich betrieben werden. Die Bauordnung sei eine schwierige und mit der Umlegung allein sei es auch nicht getan. Herren, die nur in Terrains arbeiten, sähen die Vorteile ihrer Arbeiten in den Büchern, daS dürfe hier nicht mahgebend sein, sondern die gesundheitliche Seite wie Spielplätze, gesunde Woh- nungen sei für eine Kommune ausschlaggebend.— Zobel (Lib. Frakt.): Die Bauordnung ändern zu wollen heiht die Stadt schädigen, dann würde eine grosse Verteuerung des Grund und Bodens eintreten und daran habe weder die Stadt noch ein Architekt das geringste Interesse. Es müsse verhindert werden, daß eine fünfgeschössige Bebauung eintritt.— I a tz o w (Lib. Vergg.): Im allgemeinen herrsche unter den bürgerlichen Parteien der Grundsatz, möglichst viel steuerkräftiges Publikum heranzuziehen und die Arbeiter fernzuhalten, daher werde der sozialdemokratische Antrag den Liberalen eine harte Ruh zu knacken geben.— Weise(Lib. Frakt.) meint, im Aufmarsch- gclände seien gerade genug Arbeiter vorhanden.— Zobel meint, mit dem Antrag der Sozialdemokraten müsse gewartet werden; ob derselbe durchführbar sei, müsse die Berechnung ergeben.— Dann gelangte der Antrag I a tz o w.„eine Berechnung darüber aufzustellen, welche Wirkung die Erschließung des Südgeländes nach dem vorliegenden Plan auf die Finanzen der Stadt aus- üben werde", zur Abstimmung; er wird mit grosser Mehrheit ab- gelehnt. Angenommen wird: Für den Fall, daß die Projekte der Kgl. Eisenbahndirektion Berlin an der Wannseebahn sowie am projektierten Vorort- bahnhof nach Berlin-Lichterfelde-Ost sich, wie von der Eisenbahn- Verwaltung mündlich angegeben, gestalten sollten, soll der Be- bauungsplan nach der vorgelegten Variante geändert werden. Zwecks Erhaltung des nördlichen Teiles des Priesterwegcs wurde einer Variante zugestimmt, welche die nördliche Spiel- wiese bis zum Priesterweg annimmt. Durch diese Variante tritt eine Vergrößerung der Spielwiese ein. Der Mehraufwand an Grünfläche am Matthäi-Kirchhof soll wieder eingebracht werden. Der Antrag auf Einrichtung eine» KkinwohnungenviertelS jvird, da vor den Ferien die Zelt zu kurz, bis nach den Ferien vertagt. Für Asphaltierung der Strassen am Rathaus, am Stadtpark werden 89 000 M. bewilligt. Ferner wurde beschlossen, dem Neu- bau einer höheren Mädchenschule am Stadtpark nach einigen kleinen Abänderungen zuzustimmen.— Die Erweiterung der Stadtgärtnerei wurde gutgeheißen und der Wunsch ausgesprochen, die Stadtteile, die weniger oder gar keine Schmuckanlagen auf- weisen, mit solchen zu versehen. Dies wurde zugesagt. Infolge der beschleunigten Fertigstellung des Neubaues des Rathauses hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, dah Aus- führungen, die für später vorgesehen, jetzt bereits erforderlich sind. Die Kasten botragen 88 000 M. und wurde demgemäß beschlossen. Der Bericht der Deputation zur Prüfung der Ventilationsanlage wurde zur Kenntnis genommen. Nach der neuesten Rechtsprechung des Qberverwaltungsgerichts hielt es der Magistrat für richtig, die Steuerordnung mit der Rechtsprechung in Einklang zu bringen und beantragt, dem an- stößigen Paragraphen folgende Fassung zu geben: „Die als Gemeindegrundsteuer zu erhebenden Prozentsätze des gemeinen Wertes sind für jedes Steucrjahr durch Gemeinde- beschlutz festzusetzen und. in ortsüblicher Weise bekanntzumachen. Die Grundsteuer für unbebaute Grundstücke wird dabei mit dem doppelten Satze, wie solcher nach den geltenden Vorschriften für bebaute Grundstücke festgesetzt ist, erhoben." Engel(Lib. Frakt.) betont, der Magistrat ist juristisch der- artig zusammengesetzt, daß das Oberverwaltungsgericht gar keinen Anlaß haben dürfte, um irgend eingreifen zu können. Die Schuld trifft einzig und allein nur den Magistrat. Es kann von einem Referenten nicht verlangt werden, innerhalb zweier Tage sich in die Materie einzuarbeiten. Der Magistrat sollte einen Ausschuh aus seinen Reihen bilden, der sämtliche Steuerord- nungen auf ihre Richtigkeit prüft, damit derartige Schäden end- lich vermieden werden.— Genosse Bernstein bemerkt, der Referent hat eine ziemlich schwere Anklage gegen den Magistrat erhoben. Bevor man gegen die eine Körperschaft vorgeht, soll man auch die Instanz des Oberverwaltungsgerichts prüfen. Ge- richte sind nicht unfehlbar und die Richter auch Menschen. Es wird sehr häufig von den Richtern ein Geist in die Gesetze hin- eingelegt, den die Gesetzesmacher gewiß nicht hinein haben wollen. Die Gemeinden sollten gegen eine solche Rechtsprechung ganz energisch Front machen.— Oberbüichermeister Dominikus ersucht, bei Beurteilung der Entscheidung nicht zu hart zu ur- teilen und das übliche Maß nicht zu übcrschreiteu. Die Aus- führungen des Stadtv. Engel seien übertrieben. In der Materie liege eben die Unsicherheit, und es wäre zu prüfen, ob das Ober- Verwaltungsgericht als zuständige Instanz beizubehalten wäre.— L i n i o n S(Unpol.) weist den Vorwurf zurück, dah der Haus- und Grundbesitzerverein die Klage erhoben und die Stadt um über 100 000 M. geschädigt hätte. Personen, die dem Verein nicht an- gehören, könnten tun, was ihnen beliebt.— � Die Steuerordnung wird in der neuen Fassung angenommen. Mit dem Genossen Bernstein ist es das vierte Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion, das von der Regierung als Mit- glied der Stadtschuloeputation nicht bestätigt wurde. Nunmehr wurde dieser Sitz der Liberalen Fraktion über- lassen mit dem Hinweis, daß die Sozialdemokratie ihren Anspruch auf die Mitgliedschaft deshalb nicht aufgibt, sondern stets wieder- holen wird. In die Wohlfahrisdeputation wurde Genosse Dr. Roeder als Bürgerdeputierter hineingewählt. Hierauf folgt ge- Heime Sitzung. Friedenau. Gegen die von der Gemeindevertretung beschlossene Ausdehnung der Sonntagsruhe protestierte am Sonntagvormittag in einem Vereinszimmer des Restaurants„Kaisereiche" der Verein für Handel und Gewerbe. An den Befürwortern der Vorlage wurde natürlich kein ganzes Haar gelassen. Ganz besonders schlecht erging es dem Gemeindeverordneten Berger. der als Gewerbetreibender für die Vorlage eingetreten war. Ihm wurden gleich zwei Miß- trauensvoien erteilt, weil er vernünftigerweise für das eingetreten war, Ivas andere Gemeinden, die auf sozialpolitischem Gebiete nicht ganz so reaktionär wie die Friedcnauer Gemeindevertreter sind, schon lange eingeführt haben. Betonen wollen wir, dah die Haupt- machcr der Komödie zu den Geschäftsleuten gehörten, die zum sehr großen Teil auf Arbeiterkundschaft angewiesen sind. Lichtenrade. Der Termin der durch die Ungültigkeitserklärung notwendigen Neuivahlen ist auf Sonnabend, den 29. Juni, nachmittags 4— 8 Uhr. im Restaurant Stieler, Dorfstrahe, anberaumt. An die Genossen ergeht die dringende Mahnung, die kurze Zeit bis zur Wahl zur Agitation für unsere Kandidaten L i e r und N o w i g k auszunutzen. Vorher, am Donnerstag, den 27. Juni, abends 8 Uhr, findet noch eine öffentliche Versammlung der Gemcindewähler im„Wirtshaus Lichtenrade" am Bahnhof statt. Die Genossen wollen für guten Besuch dieser Versammlung sorgen. Spandau. Zur Spionageaffäre. 500 M. Belohnung setzt das Kommandantur- gcricht in Spandau für diejenigen Personen aus, die den Eigentümer des Tasckienmessers nachweisen, daS nach dem Einbruch und Diebstahl von Zeichnungen im Ariilleriedepot am Tatort vorgefunden worden ist und zweifellos einem der Diebe gehört. Dah die Zeichnungen zu Spionagezwecken gestohlen worden sind, unterliegt keinem Zweifel, doch fehlt von den Tätern noch jede Spur. Das Messer hat Perl- mutterschalen, eine größere und eine kleinere Schneide, eine Nagel- 'eile und eine Schere. Pankow-Niederschönhansen. Der Jiigcndfang wird, wie überall, so auch hier mit Hochdruck betrieben. Während Niederschönhansen neuerdings mit einem Pfad- inderbund beglückt worden ist, der mit dem örtlichen Kriegerverei» in engster Verbindung sieht, besitzt Pankow ein aus Gcmeindemitieln ernchteles in Schulräumen untergebrachtes Jugendheim. Das Heim wird zumeist von den Mitgliedern des an der ForlbildungSschnle bestehenden Turnvereins benutzt, dessen Leiter mit einem Lehrer zu- gleich auch das Jugendheim leiten. Diejenigen Vereine, die im Geruch stehen, nicht von oben protegiert zu sein, werden von der Polizei eifrig bewacht. In ihrem Eifer. Erfolge zu buchen, ist der Niederschönhauser Polizei jetzt folgender Neinfall passiert. Der Vater eines jungen Menschen erhielt kürzlich von dem Bürgermeister Abraham ein Schreiben folgenden Inhalts: „Nach unseren Ermittelungen sind Sie Vorsitzender der„Freien Jugendorganisation Pankow-Niederschönhausen, Sitz Berlin". Da der Verein durch ReichSgerichtsurleil vom 10. 10. 11(? d. Verf.) nach Z 17 des Reichsvereinsgesetzes für politisch erklärt wurde, fordern wir Sie auf, binnen 3 Tagen Statuten und Vorstandslisie einzureichen." Da der Adressat bereits das 50. Lebensjahr überschritten hat, muhte er dem Herrn Gemeindevorsteher Mtteilen, dah'er mit der Jugendbewegung nichts mehr zu tun hat. Die von den Bürgerlichen und der Regierung protegierte Jugendpflege wird allerdings von den alten Herren Papas geleitet; letzteres trifft auf die Arbeiterjugend nicht zu. DaS hätte auch der Gemeindevorsteher von Niederschönhausen als Chef der dortigen Polizei wissen müssen. NowaweS. Geht Polizei- vor Gemeinderecht? Vor einiger Zeit hatte der Gardeverein an die Gemeinde das Ersuchen gestellt, ihm den Friedrichkirchplatz, auf dem auch das Kriegerdenkmal steht, zur Ab- Haltung eines Fahnenwcihfestes zu überlassen. Die Gemeindever- tretung lehnte in ihrer Sitzung vom 5. Juni das Gesuch mit der Begründung ab. dah eine Genehmigung insoUrn zu unliebsamen Kvnsequenzen führen mühte, als dann vielleicht auch andere Ver- -ine bei passender Gelegenheit dasselbe Recht beanspruchen würden. Ein« solche Benutzung aber würde nicht nur der Zweckbestimmung des Platzes widersprechen, sondern es sei auch zu befürchten, dah die auf Kosten der Allgemeinheit geschaffenen und unterhaltenen Schmuckanlagen bei dem zu erwartenden Menschenandrang erheblich beschädigt werden könnten. Dieser Beschluh löste nun bei den Gardemännern die größte Entrüstung aus, und sie beschlossen, be- schwerdeführend bis zur höchsten Instanz zu gehen. Ihre Beschwerde war, wie vorausgesehen werden konnte, von Erfolg gekrönt. In der am 12. Juni abgehaltenen Sitzung, die sich nochmals mit der Ange- legenheit zu beschäftigen hatte, teilte der an Stelle des in Ferien gegangenen Bürgermeisters und Amtsvorstehers die Polizeigewall ausübende Schöffe Steiner den erstaunten Gemeindevertretern mit, dah eine Beschluhfassung ihrerseits unnötig sei; der Landrat habe ihm gelegentlich einer Aussprache in dieser Angelegenheit dringend nahegelegt, dem Gesuch des Gardevereins stattzugeben, da nicht die Gemeindevertretung, sondern die Polizeibehörde die Genehmigung zu erteilen habe.— Inzwischen hat nun die Fahnen- weihe auf dem genannten Platz stattgefunden. Damit dürfte jedoch die Angelegenheit noch nicht ihre endgültige Erledigung gefunden haben; wird doch mit Recht die Frage aufgeworfen, ob sich die Ge- meinde das Verfügungsrecht über ihr gehörige Anlagen so ohne weiteres nehmen lassen darf, noch dazu, wo sie gezwungen ist. die durch die Absperrungsmatznahmen bedingten Kosten zu tragen. Die nächste Gemeindevertretersitzung wird sich jedenfalls mit der Angelegenheit nochmals zu befassen haben. Eue aller Alelt. Götterdämmerung im Mansfeldsche». Weil die ehrbaren Jungfern und Junggesellen MansfeldS nicht immer„ihre heiligsten Güter" gewahrt haben sollen und der Liebes- gott Amor auS Sucht nach Reinheit häufig das kirchliche Personen- standSregister in Unordnung gebracht hat, haben mehrere Gemeinde« kirchenräte, so auch der in Ge.rbstädt beschlossen: Die Ehren- Prädikate„Jungfrau und Junggeselle" kommen künftig bei Aufgebot und Trauung in Wegfall. Der Beschlutz wurde sogar auf Antrag der Geistlichen ge- faßt, die darüber klagen, dah„gute Sitten" im Schwinden begriffen sind und die Ehrenprädilate Jungfrau und Junggesell von vielen Paaren zu Unrecht in Anspruch genommen worden sind. Das Geburtsregister habe in jedem Jahre bei einer Anzahl von Fällen nachgewiesen, dah Geistliche bei amtlicher Verkündigung veranlaßt worden sind, die Unwahrheit auszusprechen. Die Folge der falschen Angaben war, dah die.Ehrenprädikate" im Trauregister gestrichen wurden und die Geburt des ersten Kindes mit Datum daneben vermerkt wurde. Ander „Sitte" bezüglich Trauung mit Kranz und Schleier soll auch ferner festgehalten werden. Die Ehrenprädikate fallen stillschweigend fort. Auf ausdrücklichen Wunsch der Brautpaare werden aber die Ehrenprädikate dennoch verliehen. Dies soll aber dann„auf eigene Rechnung und Gefahr" geschehen. Was wird unser lieber Arendt zu dem„Sodom und Gomorrha" in seinem Kreise sagen. Mühte nicht er, der mindestens mit solcher Reinheit aus der WahllakeSbüchse als Abgeordneter hervorgegangen ist, wie manche Jungfrau aus der kirchlichen Trauung, aus edler Reinheit sofort das Mandat niederlegen?— Immerhin ist der Be- schluh des KirchenrateS anzuerkennen. Er versucht die Heuchelei der„Gläubigen" im Kreise etwas einzuschränken.-» Es dämmert etwaS."_ Eine Mördergrube anfgedeckt. Bei AuSschachtungSarbeiten im Wohnhause des Weichenstellers August Möhle in Weende i. Hann, hat man einen grausigen Fund gemacht. DaS Grundstück, an der Ecke der Chaussee und der Strahe nach dem Klostergut belegen, hatte nur einen sehr kleinen Keller, den der Besitzer erweitern lassen wollte. Zu diesem Zwecke wurde der Fußboden des Wohnzimmers aufgerisicn und nun fand man in einer Tiefe von nur 60 Zentimeter nicht weniger als sechs mensch- liche Skelette. Die Gerippe sind noch sehr gut erhalten. Da das Haus schon länger als 150 Jahre steht, erscheint es wohl aus- geschlossen, dah die Skelette von einer früheren Begräbnisstätte her« rühren, da sie dann wohl schon längst hätten vermodert sein müssen. Man entsinnt sich nun, dah vor recht langer Zeit in jenem Hause eine Ausspannwirtsckiaft für Fuhrleute, genannt „Zum Bären", betrieben wurde, und man nimmt daher an, dah die sechs Gerippe von Personen herrühren, die in d er Wirtschaft ermordet worden sind. Ob sich diese Annahme bestätigt, bleibt noch abzuwarten. Der königlichen Staatsanwaltschaft in Göttingen ist bereits Anzeige erstattet; die Untersuchung ist ein- geleitet._ Das Massenunglück am Niagara. Der Zusammenbruch des Dampfersteges bei Grand Island am Niagara hat nach neueren Meldungen noch mehr Opfer ge- fordert, als zuerst angenommen wurde. Bisher sind aus den Fluten 30 Leichen geborgen worden. 17 Frauen und Kinder werden noch vermiht; es ist auher Zweifel, dah sie durch die hochgehenden Wogen deS Niagara stromabwärts getrieben worden sind._ Meine Notizen. Vier Arbeiter ertrunken. Auf der Bremerhavener Reede ist ein mit sieben Arbeitern besetztes Nuderboot gekentert. Bier von ihnen sind ertrunken, während vie übrigen drei von dem Fahrraddampfer„Oldenburg" und einem Lotsenschooner gerettet werden konnten. Absturz rineS Berliner Touristen. Wie auS Innsbruck ge- meldet wird, ist bei einer Hochtour auf dem Habicht der Berliner Lithograph Paul Willi mehrere hundert Meter abgestürzt. Seine Leiche konnte noch nicht gefunden werde». Arbcitcrrijiko. Im Betriebe der Firma Ulrich u. Müller m Weihwasser wurde gestern früh der 47jährige Platzmeister Posch durch a u s st r ö m e n d e Dämpfe aus eineni geplatzten Dampfrohr derart verbrüht, dah er im Laufe des Vormittags ver- st a r b. Ein weiterer Maschinist wurde schwer verletzt. Böser Ausgang einer Spazierfahrt. Infolge Durchgehe»? eines Pferdes ist auf einer Spazierfahrt Frau Dr. W e i h e n st e i n aus Petersburg, die sich in einem Blankenburger Sanatorium befand, vom Wagen geschleudert und auf der Stelle getötet worden. Zwei andere russische Damen, die sich in ihrer Begleitung befanden, wurden ebenfalls schwer verletzt. Der Kutscher brach einen F u h und muhte in das Rudolstädter Krankenhaus gebracht werden. Die Antornscrei. Bei einem Aittomobilrennen in Dieppe über- schlug sich das Automobil des Fahrtteilnehmcrs C o l i n e t. Der Chauffeur des Wagens wurde getötet, Colinet schwer verletzt. Krieg in Frieden. In der Artillerieschule in Calais wurde beim Laden eines Geschützes da? Verschluhstück nicht vollständig fest- gemacht. Infolgedessen ging der Schuh hinten heraus und verletzte drei Artilleristen und einen Unterleutnant schwer. -liinclsn. naiirung Krankenkost. Hsrvorragend bewährSa Nahrung. Die Kindergedeihea vorzüglich das« U. leiden nicht an Verdauungsstörung. Kerantr-aitlichcr Redakteur; Albert Wach?. Berlin. Für Inseratenteil oerantw: TH.Gi»ck,.Berl«i. Druck u. Verla»: Borwärt» Buchdrucker« u. VerlagSanstalt Paul Singer u-Co� Berlin LW.