Nr. 147. n bonnemen tS'Bcdlngungfns Abonnements- Preis tnSnumeranb«! «iertcliährl. ZL0 Mb. Mona«. l.lv Mb. wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pig. EonntagS- nummer mit illustrierter Sonntags» Beilage»Die Neue Welt" 10 Psw Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung». Preisliste. Unter Kreuzband lilr Deutschland und Oesterreich. Ungarn L Marl, für da» iibrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, M illand. Italien. Luxemburg, Portugal. änicn, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. v?e Inlertlonz-eedilh? betrügt für die sechsgespaltene Kolonel. z% Worte), Stellengesl n da „Aletne Snretgen", das «ort 20 Pfa. lzuläsfig 2seUg-druckte jede««eitere Wort 10 Psg. ' he und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes wettere Wort S Pfg. Worte über 1« Buch- fibcn zählen für zwei Worte. Inserate r die nächste Nummer müssen bis Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Erpedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet. eiütlBt Kg»» auBtr»loDttgs. Vevltnev Vollislrlcrkk. Zleligramm< Adresse: ,L»ÄaItlem»ll»t kekl!i»". �entralorgan Ohne die Schutztruppe, die Polizei und die Pcgmten» von denen in den südwestafrikanischen Kolonialhauptplätzen d i e ganze Bevölkerung lebt, wäre Südwestafrika, die herrlichste deutsche Eroberung, einfach tot! Dazu kommt noch, dah sich immer mehr herausstellt, daß man die Resultate der Diamantenfunde überschätzt hat. Wenn es erst einmal zu einer völligen Säuberung auf dem Gebiete der Diamantengesellschaften ge- kommen ist, wird es in Südwestafrika noch trauriger werden. Eisenbahnen besaß Südwestafrika Ende 1911 2126 Kilo- meter, davon 711 Kilometer im Bau. Die Weißen, die im Eisen- bahnbetrieb ultd am Eisenbahnbau beschäftigt sind, gehören natür- lich auch zur weißen„Bevölkerung" Südwestafrikas! Auf den vollspurigen Eisenbahnkilometer kommen in Deutschland zwölf Eisenbahnpersonen, diese Verhältnisziffer läßt sich nicht auf Süd- westafrika übertragen, nimmt man dort auch nur für jeden Kilo- meter eine Person an, und wird die im Bau begriffene Strecke ebenso mitgerechnet, so sind das wieder 2126 Personen, die mit der eigentlichen Produktion gar nichts zu tun haben resp. nur insoweit zu tun haben, als die Kolonie wirtschaftlich lebenskräftig ist. Abgesehen von der Versorgung der mntlich tätigen weißen Bevölkerung, die im besonderen für das Militär ziemlich um- fangreich ist, kommt in Südwestafrika in erster Linie die Diamantenausfuhr in Betracht; sie erbrachte 1911 ins- gesamt 11,4 Millionen Mark mehr als 1919. Nur 1,2 Millionen Mark der Steigerung in der Gesamtwarenausfuhr kommen auf andere Waren, darunter in erster Linie auf die Kupfer- ausfuhr, die um eine Million Mark zugenommen hat. Die Blei ausfuhr hat sich vermindert. Die W o l l ausfuhr ist um ganze 56 666 M. gestiegen. Die K l e i n v i eh ausfuhr wieder ist um 46 289 M. zurückgegangen, im Vorjahr war sie um gerade ungefähr soviel gestiegen! An Farmbetrieben, die, wie wir weiter oben schon ausführten, gerade einen Farmer mehr bekommen haben, exi- stierten 1141 in Privatbesitz. Sie wurden am 1. April 1911 ge- zählt. Davon sind 1911 116 verkauft und 56 verpachtet worden. U n b e w i r t scha ftet waren 146 Farmen! Noch nicht bewirtschaftet 18. Die Viehziffern zeigen eine kleine Steigerung. So sieht es in der bedeutendsten deutschen Kolonie Südwestafrika aus. Interessant ist auch, nachzuprüfen, aus welcherlei Einnahmen sich die Steuerkassen dieser Kolonie füllen. Da haben wir eine Spirituosen-, Scheck- und Handelssteuer, eine B rannt» weinsteuer, eine Biersteuer und eine— Hundesteuer, die zusammen 435 666 M. einbringen sollen— Etatentwurf 1911—, alle anderen Steuereinnahmen— Grundsteuer, Umsatzsteuer— bringen 346 666 M. Alles in allem, die Regierung und ihre bürgerlichen Parteien mögen sichs das nächste Mal, ehe sie Südwestafrika wieder er- wähnen, genauer überlegen, es wird ihnen manche Wahrheit zu sagen sein. Der(Krieg. Tie Masscndesertion türkischer Soldaten in Manien. Konstantinopel, 26. Juni. Nach den letzten Meldungen aus Monastir soll die Zahl der fahnenflüchtigen albanischen Soldaten zweihundert überschreiten. Der Rangälteste der desertierten Offiziere ist der albanische Hauptmann Tajar Bey. Die Deser- teure, die angeblich einige Maschinengewehre in ihrem Besitz haben, sollen sich im Gebirgsgcbiete bei Demirhissar, etwa dreißig Kilo- meter nördlich von Resna, befinden. Hauptmann Tajar Bey hat ein Schreiben an den Kommandanten von Monastir hinterlassen, in welchem er erklärt, die Bewegung sei nicht gegen das Vater- land, sondern gegen die Herrschaft des jungtürkischen Komitees gerichtet. Zwei Bataillone sind zur Beobachtung der Deserteure, mit denen die Alttürken sympathisieren sollen, abgesandt. Südlich von Skutari haben am 23. Juni zwischen Regierungstruppen und Malissoren Zusammenstöße stattgefundeni, wobei es auf beiden Seiten einige Tote und Verwundete gab. Schwierige Lage der Türkei in Arabien. Rom, 22. Juni. Die„Agenzia Stefani" meldet aus Massaua Von gestern: Die türkische Garnison der Farsaninseln, die aus über 866 Mann bestand, ist von den Truppen Said Jdris(des rebellischen und jedenfalls mit italienischem Gelde unterstützten Araberscheiks. D. R.), die auf 11 kriegsmäßig ausgerüsteten arabischen Segel- schiffen dorthin geschickt waren, gefangen genommen worden. Die Garnison leistete nur geringen Widerstand. Auf dem Festlande haben während der letzten Wochen mehrere Zusammenstöße stattge- funden, die sämtlich günstig für Said Jdris waren. Soliman Pascha, der sich eingeschlossen in Ebha befindet, versucht« auSzu- brechen, wurde aber nach kurzem Kampfe, in dem er über zwei- hundert Mann verlor, gezwungen, sich von neuem in der kleinen Festung einzuschließen, wo er, nur mit dem Notwendigsten an Lebensmitteln versehen, belagert wird. Auch Kunfuda ist von den Truppen Said Jdris belagert. Loheia und Hodeida droht die Be- lagerung. Die Zahl der Anhänger des Schecks wächst mit jedem Tage. Auch einer der stärksten Stämme Jman Jahias, der Stamm Hasced, der mehrere tausend Gewehre zählt, ist von Jman Jahia zu Said Jdris übergegangen und befindet sich gegenwärtig in Haroda. Diese Tatsache ist sehr wichtig, weil der Abfall der Leute von Jman Jahia auch die Lage in Sana, der Hauptstadt des Jemen, schwierig macht. Ueber türkische Bewegungen gegen den Scheik liegen keine Nachrichten vor, im Gegenteil, die Nachrichten über An- käufe von Kamelen, die die Türken vornehmen sollten, werden aus guter Quelle in Abrede gestellt. politische(lebersicbt. Berlin, den 26. Juni 1912. Strafe dem» der sein Recht für das Volk gebraucht! Die„Deutsche Tageszeitung" tritt mit lebhafter Befriedigung über das Eiltempo der Anklagebehörde in der eigenartigen Anklage gegen die Genossen Borchardt und Leinert ein. Sie hält die mit der Verfassung und dem Gesetz unvereinbare Anklage für völlig begründet. Weshalb? Die Gründe muß man zwischen den Zeilen lesen. Wie liegt denn der Sachverhalt? Die Angeklagten sind zu Mitglie- dern des preußischen Abgeordnetenhauses gewählt. Als solche haben sie das Recht und die Pflicht, an den Sitzungen des Abgeodnetenhauses teilzunehmen. Das taten sie. Ein Polizeileutnant tund eine Anzahl Schutzleute hat den auf Grund der Verfassung im Sitzungs- saal weilenden Abgeordneten Borchardt gewaltsam aus dem Saal entfernt, also einen Hausfriedensbruch und das im Z 165 St.G.B. gekennzeichnete Verbrechen gewaltsamer Entfernung eines Abge- ordneten aus dem Sitzungssaal begangen. Darauf wird Borchardt, dessen verfassungsmäßig feststehendes Recht zum Aufenthalt im Sitzungssaal aufs gröblichste verletzt ist, wegen— Hausfriedensbruchs angeklagt. Genosse Leinert, der von der Polizei zum Regierungstisch getragen wurde, erhielt, wie überdies Borchardt, die Anklage wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Die «DkUtsche Tageszeitung" findet das ganz in der Ordnung, weif der Präsident des Abgeordnetenhauses die Polizei zu ihrer Hand- lung veranlaßt hatte. Wäre die Auffassung der agrarischen Zeitung richtig, so würde ein Bauer, der sich einer gewaltsamen Fortnahme seiner Kuh widersetzte, oder der Redakteur Dr. Oertel, der dem gewaltsamen Fortnehmen seiner Uhr Widerstand leistete, strafbar, wenn der Präsident die Fortnahme„angeordnet" hatte. Einer auf diesem unsinnigen Schluß aufgebauten Anklage würde Dr. Oertel mit Recht entgegenhalten:„Ich bin nicht strafbar, weil ich von meinem Recht Gebrauch gemacht habe! Uebrigens ist es ja eine tolle I u st i z, daß die Anklage gegen mich erhoben ist, bevor über meine Beschwerde wegen Nichtanklage gegen den Dieb und Anstifter zum Dieb st ahl ent- schieden ist!" Im Fall Borchardt und Leinert aber solls mit einem Male anders liegen! Weshalb? Weil die beiden angeblichen Missetäter Sozialdemokraten sind und weil der Satz„Strafe dem, der das Recht eines anderen verletzt" umgedreht wird in den Satz:„Strafe dem, der sein Recht für das Volk ge- braucht". Uns ist es recht, daß so recht unverhüllt durch diesen Prozeß vor aller Welt gezeigt wird, daß nach dem Wunsch der Agrarier Recht und Gerechtigkeit für Arbeiter und Arbeitervertreter in das Gegenteil zu wandeln ist. Die„Deutsche Tageszeitung" nimmt noch Bezug auf einen uns nicht bekannten Aufsatz des Staatsrechtsprofessors von Bor. In diesem Aufsatz lege von Bor dar, daß die oberstaatsanwaltliche Ablehnungsbegründung der Anzeige gegen den Polizeileutnant und die Schutzleute hinfällig sei, denn die Oberstaatsanwaltschaft, die das Recht zum Eingriff des Präsidenten und der Polizeitruppe aus der Geschäftsordnung deduziere, verwechsele die Begriffe autonomund souverän. Diese Anficht stimmt mit der von uns wiederholt dargelegten und im Jahre 1879 im Reichstag auch von konservativer Seite geäußerten Ansicht durchaus überein. Das Abgeordnetenhaus ist autonom, das heißt von Regierung, Herren- haus und anderen Faktoren unabhängig bei Schaffung seiner Ge- schäftsordnung. Der Inhalt dieser Geschäftsordnung darf aber gegen kein Gesetz, insbesondere nicht gegen die Verfassung oder ein Reichsgesetz verstoßen. Das tut aber eine Aufforderung, einen Ab- gordneten aus dem Saal zu entfernen oder dem Dr. Oertel seine Uhr fortzunehmen. Sie ist rechtswidrig, verletzt die Verfassung und enthält im Falle Borchardt den Tatbestand der in K§ 165, 166 StGB. mit Zuchthaus bedrohten Verbrechen, im Fall Dr. Oertel den Tat- bestand des Z 242 StGB.(Diebstahl). Das Recht des Präsidenten wie das eines anderen Abgeordneten, im Sitzungssaal anwesend zu sein, beruhe auf derselben Quelle, der Verfassung und der Wahl. Beide haben«in Recht auf Anwesenheit im Sitzungssaal und keiner von beiden habe ein größeres Recht, dem, der von diesem Recht Ge- brauch macht, des Hausfriedensbruchs zu zeihen, ist der Gipfel der Verwilderung des Rechtsgefühls. Professor v. Bor soll weiter darlegen, eventuell könne vielleicht ein Notwehrrecht des Präsidenten in Frage kommen. Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärti- gen rechtswidrigen Angriff von sich abzuwehren. Auf feiten Borchardts und Leinerts kann von einem rechtswidrigen Angriff ihrerseits gegen den Präfidenten ganz und gar keine Rede sein. Würde Beweisaufnahme über den Vorfall angeordnet werden— solche in einer Voruntersuchung vorzunehmen wäre am Platze ge- wesen—, so würde nochmals in aller Oesfentlichkeit klar gelegt wer- den, daß für die Entfernung des Genossen Borchardt nicht die ge- ringst« Veranlassung vorlag. Hätten die Abgeordneten Borchardt oder Leinert die Truppe, die unter Verletzung der Verfassung und des Strafgesetzbuchs den rechtswidrigen Angriff vornahm, nieder- geschossen, so hätten sie in berechtigter Notwehr gehandelt. Eine stürmische Sitzung im bayerischen Landtage. Am Schluß der Mittwvchsitzung, in der der Etat des Innern beraten wurde, kam es in der Kammer der Abgeordneten zu einem eit zwei Jahrzehnten im bayerischen, Landtage nicht erlebten Zu» sammenstvß der Linken mit dem Präsidium. Genosse Segitz sprach über die Nichtbeftätigwng sozialdemokratischer Beigeordneter und Bürgermeister. Das frühere Ministerium hat von Fall zu Fall entschieden, je nach Lage der Verhältnisse. In großen, Ge- meinden hat eS die Wahl von Sozialdemokraten bestätigt, in kleineren Gemeinden aber die Bestätigung versagt. Von einem grundsätzlichen Ausschluß der Sozialdemokraten als Bürgermeister und Beigeordnete war jedoch keine Rede. Die früheren Minister hatten also, so schloß Segitz, jedenfalls vor der Verfassung mehr Achtung und Respekt als die jetzigen.(Sehr richtig! links.), Vizepräsident Frank erwiderte, es sei nicht zulässig, wenn auch auf indirektem Wege, einem Minister die absichtliche Mißachtung der Verfassung vorzuwerfen.(Großer Widerspruch links.) Segitz: Es kann gar kein Zweifel darüber sein, daß die Nichtbestätigung sozialdemokratischer Bürgermeister ein glatter Verfassungsbruch ist.(Stürmische Zustimmung bei den Sozial- dcmokraten.) Vizepräsident Frank, der sich kaum Gehör verschaffen kann, erklärh ev rufe den Redner abermals zur Ordnung, denn sein Verhalten verstoße gegen die Ordnung des Haufes.(Ent- rüstungsfturm links. Rufe: Schmarrn! Feuerwehr! Andauernder Lärm.) Segitzi verlas nunmehr die entsprechenden Verfassumgs- bestimmungen. Er wiederholte, daß die Nichtbestätigung sozial- demokratischer Bürgermeister ein glatter Verfaffungs-bruch fei.(An- haltender Beifall bei den Sozialdemokraten; große Bewegung.) Vizepräsident Frank: Ich muh nunmehr dem Redner das Wort entziehen.(Entrüstete Rufe bei den Sozialdemokraten!: Unerhört! Schutzmann!) So kann man die Verhandlungen nicht weiterführen.(Rufe links: Wo ist der Leutnant?!) Abg. v. Volkmar(Soz.)(zur Geschäftsordnung): Ich will in alle»' Ruhe dem Präsidenten beweisem daß er im Unrecht ist. Wir sind hier als Volksvertreter und haben das Recht, Beschwerden gegen die Regierung vorzubringen, und wenn wir sinden, daß die Regierung sich mit Gesetz und Verfassung in, Widerspruch gesetzt hat, so müssen wir das auch sagen dürfen.(Lebhafte Zustimmung links.) Ich würde den Präsidenten bitten, sich die ganze Sache nochmal zu überlegem und er wird einsehen, wie unrecht er hat. Vizepräsident Frank machte geltend, daß das Wort „Verfassungsbruch" in diesem Zusammenhange sicherlich nicht etwa bloß die objektive Tatsache einer Verfassungsverletzung enthalte, sondern die subjektive Absicht der Verletzung und Mißachtung der Verfassung ausdrücken solle.(Stürmische Zwischenrufe links: Zu solcher Unterscheidung fehlt Ihnen ja die Intelligenz!) Im übrigen, schloß Frank, könne an das HauS appelliert werden. Abg. Sützheim(Soz.): Es ist eine unberechtigte Zu- mutung des Präsidenten, vom Kollegen Segitz zu verlangen, daß er erklärt, wie er seinen Ausspruch gemeint hat. Wenn wir der Ueberzeugung sind, daß eine Maßnahme der Regierung eine Vcr- lctzung der Verfassung darstellt, so ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Volksvertreter, das auch zum Ausdruck zu bringen. Die Nichtbestätigung von Sozialdemokraten als Bürger- me.istex}{| eine Maßnahme, die im glgjleo Widerspruch steht mit dcft Bestimmungen und dem Geist« der VerfassuNA Wfr hallfll die Verpflichtung und das gute Recht, dies zum Ausdruck zu bringen und werden uns in diesem Recht nicht irre machen lassen, sobald ein Minister die Verfassung bricht. Ich nehme den Ausdruck des Kollegen Segitz auf und wiederhole ihn unter der vollen Zu- stimm ung meiner ganzen Fraktion.(Stürmisches Bravo! links.) Vizepräsident Frank rief nunmehr auch Süßheim zu* Ordnung.(Lärm links.) Segitz verlangte nun Abstimmung über die Berechtigung des Ordnungsrufts und der Wortentziehung. Vizepräsident Frank: Das ist der vrdiumgSmäßige Weg, den auch ich für das allerbeste Halle. Es folgte die Abstimmung, deren Resullak vom Präsidenten für zweifelhaft erklärt wurde; aber es schien unzweifelhaft, daß bei der schwachen Besetzung der rechten Seite des Hauses die Linke die Mehrheit hatte. Vizepräsident Frank proklamierte nun namentliche Abstimmung, um Zeit zu, gewinnen, und schwarze Hilfstruppen aus den umliegenden Kneipen herbeiholen lassen zu können. Das Resultat war schließlich, daß das Haus mit 54 Stimmeck der Rechten gegen 42 Stimmen der Sozialdemokraten und Liberaleck das Vorgehen des Präsidenten billigte, so daß dem sozialdemokrati- scheu Redner das Wort entzogen blieb. Die Sitzung wurde nach einigen weiteres Reden unker große? Bewegung geschlossen._" � T Streikjustiz. Ei» Bubenstück gemeinster Art. Der Bergmann Joh. Bö wer aus Oespel bei DorMun? wurde lange nach dem Bergarbeiterstreik, am 16. Aprik. abends, in angetrunkenem Zustande vor der Wirtschaft Mügge körperlich mißhandelt. Wie Böwer angab, mit einem durch einen scharfen Gegenstand verstärkten Gummischlauch. Böwer herhielt mehrere Schläge ins Gesicht und war 21 Tage arbeitsunfähig. Der Ge» schlagene wußte nicht, wer der Täter war. Sehr interessiert zeigte sich ein Bekannter Böwers. Dieser, mit Namen Otto Hake, teilte Böwer mit, daß der Bergmann Friedr. Heine aus Oespel den Ueberfall verübt habe. Hake soll auch die Anzeige gemacht haben, Bei der Polizei hat er mehrfach erklärt und unterschriftlich be« kräftigt, daß er gesehen habe, wie Heine aus der Wirtschaft Mügge kam und den gleich danach kommenden Böwer überfallen habe. Böwer und Hake haben während des Streiks gearbeitet, Heine hat gestreikt. Die Beschuldigung brachte ihm als Angeklagter vor die Streik kammer. In der Verhandlung wollte Hake sein« polizeilichen Angaben nicht wahr haben. Er erklärte, nicht de» stimmt Heine als den Täter bezeichnet zu haben, er habe eS nur angenommen. Den Vorfall wollte Hake beobachtet haben, als er vor der Wirtschaft in einem Graben saß. Eine Erklärung dafür, warum er da seinem Kameraden nicht geholfen habe, wußte Hake nicht zu geben. Der Wirt Mügge stellte bestimmt in Abrede� daß Heine an dem Tage überhaupt in seiner Wirtschaft gewesen sei. Heine vermochte auch leicht und rasch nachzuweisen, daß er zu der Zeit wo anders gewesen ist. Die Entlastungszeugen wurden gar nicht alle vernommen. Hake hingegen machte sich sehr der« dächttg; er bestritt zwar unter Eid, selbst der Täter zu sein, eis Wirt Uhland bekundete jedoch, daß Böwer und Hake vor den» Ueberfall in seiner Wirtschaft gewesen seien, dort gezecht hätten� in einen Wortstreit geraten seien und daß Hake dem Böwer ge« droht habe, dieser verds noch seine Schlag« be« kommen!, n Der Staatsanwalt beantragte selbst die Freisprechung, Der Verteidiger hielt den Verdacht dringend naheliegend, vag durch eine wissentlich falsche Anzeige ein Buben« stück schlimm st er und gemeinster Sorte berübl worden ist, wie ja die Streckjustiz häufiger benutzt worden sei, um einer schmutzigen persönlichen Racho genügen zu können. Kein einziger Fall sei bebannt, daß Streckende nach Beendigung des Streiks schwere Körperverletzungen begangen hätten. Im vorliegenden Fall sei eS um so unwahrscheinlicher, weil Böwer Tagcsarbeiter sei. Hake habe unwahre Angaben gemacht. Der Gedanke liege recht nahe, baß Hake, der dem Böwer Prügel angedrochi yabe, den Mann selbst mißhandelt und dann, um seih zu schützen, wissentlich falsch Heine beschuldigt habe. Der Staatsanwalt werde wohl jetzt untersuchen, ob Hake einen Meineid geleistet habe. T| Das Gericht kam zur Freisprechung. Auch fciS notwendigen persönlichen Auslagen des Angeklagten, einschließlich der Kosten des Verteidigers, wurden der Staatskasse zur Last gelegt, In der Begründung wurde ausdrücklich erklärt, daß die Unschuld Heines erwiesen sei. Das Gericht ließ.dahingestellt"� oh Hake oder ein anderer der Täter sei. Hagenow- Grevesmühlen. Der Landesvorstand der sozialdemokratischen Partei Mecklenburgs und der Vorstand des sozialdemokratischen Wahlvereins für den Kreis Hagenow- Grevesmühlen haben be- schlössen, die sozialdemokratischen Wähler dieses Kreises auf- zufordern, ihre Stimme bei der am 28. d. Mts. stattfindenden Stichwahl zwischen dem freisinnigen Kandidaten Oberlehrer Sivkovich und dem konservativen Kandidaten Pauli für Herrn Sivkovich abzugeben. Sie haben deshalb bereits äm 24. d. Mts. folgenden Aufruf erlassen: An die sozialdemokratischen Wähler des ersten mecklenburgische« Wahlkreises Parteigenossen! Nachdem der sozialdemokratische Kandidat in der Hauptwahl ausgefallen, hat nunmehr Stichwahl zwischen den bürgerlichen Kandidaten stattzufinden. Wir fordern unsere Wähler auf, ihre Stimme dem liberalen Oberlehrer Sivkovich zu geben. Herr Sivkovich hat unsere Januar- Stichwahlbedingungen unterschriftlich anerkannt. Der Landesvorstand. I. A.: W. Kröger. Der Kreisvorstand. _ I. A.: O. Turban. Oekteireldi-clugan». Die Polizei gegen de« Bolksproteft. Eine Massenversammlung, die am Sonntag in Mährisch-Ostrau gegen die Annahme der Wehrvorlage protestierte, wurde vom Polizeikommissar aufgelöst und von den Gendarmen auseinander» getrieben. Gegen den Redner, den tschcchoslawischen Sozialisten Abgeordneten Prokesch wurde wegen seiner Kritik des Eingreifens des Kaisers in die Beratungen des Parlaments von der Polizei eine Anzeige wegen Majestätsbeleidigung erstattet. Ein Protest der ungarischen Opposition. Tisza hatse jüngst behauptet, daß die von dAst Sitzungen nicht ausgeschlossenen oppositionellen Abgeordneten von niemandem ge» hindert würden, ihr Mandat auszuüben, weshalb man„erklären" müsse, daß fix den Beratungen des Abgeordnetenhauses.freiwillig" felhMetörtt. fTIS AnWöri Sit leiken?e Ser 6er«!ntgTen oppositionellcn Parteien folgende Kundgebung beschlossen: „Nachdem sich der Präsident des Abgeordnetenhauses und der Ministerpräsident trotz unserer wiederholten Erklärungen darauf berufen wollen, dost die um das Abgeordnetenhaus aufgestellte be- waffnete Gewalt nur die ordnungsgemäß ausgeschlossenen Abge- ordneten verhindert, das Abgeordnetenhaus zu betreten, während die übrigen oppositionellen Abgeordneten ungehindert eintreten könnten und sich daher nur aus freiem Willen der Ausübung ihrer Abgordnetenmandate enthalten, erklären wir: 1. Wir erkennen die seit 4. Juni erfolgten Ausschließungen von Abgeordneten nicht als hausordnungsgemäß an, denn seit dem ge- nannten Tage hat im Parlament die Gültigkeit der Hausordnung aufgehört und an ihre Stelle wurde die Laune der Willkür gesetzt; 2. ist nicht der Umstand entscheidend, ob einzelne Abgeordnete in das Parlamentsgebäude eingelassen werden, sondern die Tat- sache, daß das Parlament umringt von der bewaff- neten Gewalt tagt, welche allen Mitgliedern deS Reichstages nur einen schmalen Weg läßt und auf allen anderen Zugängen die Abgeordneten ausnahmslos zurückweist, daß ferner Polizeibeamte die Auswahl unter den Abgeordneten treffen und sie in Einzu- lassende und Nichteinzulassende klassifizieren. Unter solchen Umständen ist das Abgeordnetenhaus überhaupt nicht imstande, zu verhandeln und jeder Abgeordnete, der das Haus auf Grund einer polizeilichen Erlaubnis betritt, erkennt mit diesem Schritt schon die Berechtigung der Herrschaft der Brachialgewalt an und ist ein Teilnehmer der Verletzung des freien Weges der Ab- geordneten und jenes Systems der Willkür, das seit dem 4. Juni die Herrschaft der Rechtsordnung im Abgeordnetenhause abgelöst Hat.* Der ungarische Justizminister rüffelt die Advokatenkammern. Die Advokatenkammer in Fünfkirchen war die erste, die in einer außerordentlichen Generalversammlung gegen die parlamentarischen Gewalttaten protestierte und ihre Schwesterkammern zur gleichen Stellungnahme aufgefordert hat. Dieser Aufforderung ist, wie be- reits gemeldet, die Budapester Advokatenkammer schon nachgekommen und andere folgen. Jetzt erhielt die Advokatenkammer in Fünf- kirchen«ine Verordnung des Justizministers, wodurch ihr Beschluß mit der Begründung annulliert wird, daß sich die Kammer nicht mit Politik beschäftigen dürfe und daher zur Ejllbringung eines politischen Beschlusses nicht berechtigt sei! Ungarn. Das Wüteu der Reaktion. Aus Budapest wird uns berichtet: Unser Budapester Partei» blatt, die„NöpSzava", wurde am Mittwoch wieder konfisziert, angeblich wegen Majestätsbeleidigung und Mißachtung der Verfassung. Der Bürgermeister der Hauptstadt hat der Zeitung das Kolportagerecht entzogen. Die Partei ließ sofort riesige Plakate machen und. da in Budapest das alleinige Recht zum Plakatankleben die Stadt- Verwaltung befitzt, die � Plakate den Beamten der betteffenden Abteilung zur Plakatterung übergeben. Diese Behörde schickte aber die Plakate zurück, angeblich, weil auf den Plakat- faulen kein Platz dazu sei. Unsere Genossen gaben sich damit nicht zufrieden und verlangten, daß die Plakate am Donners- tag oder Freitag angeklebt würden; jedoch die Herren der- weigerten das Ankleben der Plakate. Laut einer Verordnung des Handelsininisters als Chef der ungarischen Staatsbahnen wurde unser Parteiorgan auch von sämtlichen Bahnhöfen des Landes aus- geschlossen, d. h. das Blatt darf auf den Bahnhöfen nicht mehr an Reisende verkauft werden. Laut Erlaß des Landesverteidigungsministers werden vorläufig ZtKX) Soldaten dem Polizeidienst im Lande zugeteilt. Ein weiteres Regiment Infanterie soll nach Budapest dirigiert werden, angeblich, um die Urlauber zu ersetzen, in Wirklichkeit aber, um das Volk im Zaum zu halten. Marokko. Die Beruhigungsarbeit in der Regio« von Fez. Paris, 26. Juni. Aus Fez wird von gestern gemeldet: Gene- ral Dalbiez hatte am 23. d. M. ein sehr lebhaftes Gefecht bei Riba mit den Beni Mtir und den Sidiraho, die zurückgeworfen wurden. Auf feiten der Franzosen wurden drei eingeborene Soldaten getötet und 13 Mann verwundet. Wahr- scheinlich wird General Gouraud in den ersten Julitagen in Fez eintreffen. Einige feindliche Abteilungen haben ihre Unterwerfung angeboten. Hrncriha. Tie Rauferei um die demokratische Kandidatur. Baltimore, 25. Juni. Vryan hat im Kampfe um die Kon- trolle des demokratischen Nationalkonvcnts seine erste Niederlage erlitten. Der Konvent wählte den früheren Richter Parker mit 57g Stimmen zum zeitweiligen Vorsitzenden, während Bryan, der selbst für das Amt des Vorsitzenden kandidierte, 566 Stimmen erhielt. Vor der Abstimmung herrschte die wildeste Unruhe. Bryan erklärte, dieselben räuberischen Interessen, die den Chicagoer Kon- vent zu einer Farce gestaltet hätten, seien jetzt auch hier tätig. Der Delegierte von Texas, Johnson, sagte, es handle sich um einen Kampf zwischen Bryan auf der einen, Wallstreet auf der anderen Seite. Infolge der großen Unruhe und der Ermüdung der Dele- gierten sowie der Zuschauev wurde der Konvent bis zum Abend vertagt. Baltimore, 26. Juni. lW. T. B.) Bryan hat den Vorsitz im Resolutionskomiwe, der ihm auf Anregung P a r k e r s angeboten wurde, abgelehnt. Ckitia. Tic Soldatcnincutcrei in Mnkden. Mnkdcn, 25. Juni. In der Stadt ist Ruhe noch nicht wieder hergestellt. In der nördlichen Vorstadt sind die Handelsgeschäfte geschlossen. Das an den Unruhen beteiligte 3. Regiment ist ent- wasfnet worden. Die Verhaftungen werden fortgesetzt und die Meuterer hingerichtet. Die Konsulate der fremden Regierungen werden durch Truppen bewacht. Aus Hsin-min-tun sind 1566 Mann Verstärkung angekommen. Hu9 der Partei. Sonderbare Sozialdemokraten. Unter dieser Spitzmarke schreibt die Chemnitzer„Volks- stimme" folgendes: Mehr Charakterstärke könnte einigen Stadtverordneten in Stollberg, die auch Sozialdemokraten sein wollen, nichts schaden. Der Bürgermeister veranstaltete am Dienstag ein Fest- essen, zu dem alle Stadtverordneten, auch die Sozialdemokraten, mit Ausnahme von dreien, erschienen waren. Wie es diese Leute mit ihrer Parteiehre vereinb-aren können, dem Manne ihre Auf- Wartung zu machen und sich von ihm abfüttern zu lassen, der ihre eigene Partei und deren Zeitung beschimpft, werden die Parteigenossen schwer begreifen. Oder glaubten diese Genossen, sich ein Anrecht dadurch erworben zu haben, daß sie dem Bürger- meister zur Silberhochzeit ein Geschenk machten? Ist es überhaupt angebracht, für den Bürgermeister Geld zu sam- mein zu Geschenken? ltnd ausgerechnet ein Sozialdemo- k r a t besorgt das. Wir sind wahrhaftig die letzten, die einen HöflichkeitSakt ablehnen oder seine Erfüllung den Parteigenossen verwehren oder die glauben, daß der Verkehr mit Andersgesinnten abfärbt. Aber was hier geschehen ist, ist eine Verhöhnung der ge- samten Partei. Die bürgerlichen Mächte sind hier seit Jahren bemüht, das Gemeindewahlrecht zu ändern und sonstige Verschlechterungen durchzuführen, und ein Teil unserer Genossen techtelmechtelt mit ihnen. Das ist wohl das Stärkste, was der Partei geboten werden kann. Was dem Bürgertum auf geradem Wege bisher nicht gelungen ist, Un- einigkeit in unsere Reihen zu tragen, versucht es jetzt hinter- rücks, und ein Teil unserer Genossen läßt sich dazu benützen. Sehr treffend antwortet darauf unser Z w i ck a n e r Partei- organ: Ein tief beschämender Vorgang allerdings. Aber gesagt muß werden, daß man in Stollberg nur die praktische Nutz- anwendung jener Politik gezogen hat, die in der Teilnahme an Königsmählern, Präsidentensch mäusen mit byzantinischen Beigaben und sonstigen monarchisch an- gehauchten Eruptionen nur„einen unumgänglichen Höf- lichkeitsakt erblickt, der in zivilisierten Ländern angeblich unumgänglich ist und die monarchischen Seelenregungen unzugäng- licher Sozialdemokraten durchaus nicht beeinflußt". Die Anerkennung der tschechischen Sozialdemokratie. Bekanntlich ist aus den wegen ihrer Treue zur Internationale von der„tschechoslawischen" Separatistenpartei Ausgeschlossenen die tschechische Sozialdemokratie ensitanden, die von den Partei- tagen der deutschen, polnischen, südslawischen und ukrainischen (ruthenischen) Sozialdemokratie in Oesterreich anerkannt wurde. Nun ist diese Anerkennung auch durch die Aufnahme der neuen Partei in die aus allen Nationen zusammengesetzte Gesamt- exekutive der Sozialdemokratie Oesterreichs zur Tat geworden. Da die Eingliederung der tschechischen Sozial- demokratie auf der Tagesordnung der Sitzung der Gesamtexekutive stand, lehnte die tschechoslawische Sozialdemokratie die Beteiligung an der Sitzung ab, die sich im übrigen mit der Vorbereitung des 1913 in Wien stattfindenden Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkongresses beschäftigte. Zur Aenderung des Organisationsstatutes. In ihrer Dienstagnummer nimmt die„Mülhauser Volksztg.", unser ober-elsässischeS Parteiblatt, Stellung zum Entwurf des neuen Organisationsstatutes der Gesamtpartei. Der Artikel stimmt der Erhöhung des Parteibeitrages und der Schaffung des Partei- ausschusses zu, wendet sich aber gegen die Delegation nur eines Teiles der Reichstagssrattion zu den Parteitagen. Es heißt darüber: „Es ist nicht zu leugnen, daß in manchen Kreisen Fälle zu verzeichnen sind, wo die Auffassungen der parteigenössischen Abge- ordneten in sehr wichtigen Fragen nicht übereinstimmen mit dem Standpunkte der Genossen des Kreises. Das ist sicher kein idealer Zustand. Auch wir sind der Meinung, daß.in allen wichtigen und grundsätzlichen Parteifragen in der Mfcinung des zum Abgeordneten gewählten Genossen sich der Standpunkt der Mehrheit der Genossen des Kreises widerspiegeln soll, die ihn zu ihrem Vertreter be- stimmt haben. Es ist aber zu beachten, daß solche Standpunkts- differenzen vielfach mit dem Einflüsse der parlamentarischen Tätig- keit nichts zu wn haben. Es handelt sich hier aber auch um Ausnahmen. Als Regel darf wohl gelten, daß— sieht man von einzelnen taktischen Fragen von weniger großer Bedeutung ab— die Mitglieder der Fraktion mit den grundsätzlichen und taktischen Anschauungen der Genossen ihres Kreises übereinstimmen. Demgemäß bleiben auch die Gegen- sätze in den Anschauungen, die sich manchmal auf den Parteitagen zwischen den Delegierten eines Kreises und seinem parlamen- tarischen Vertreter herausbilden, Einzelerscheinungen. Der gesunde Masseninstinkt, der stets den Gradmesser für die ökonomische Ent- Wicklung und die wirtschaftlichen und politischen Kämpfe bildet, schützt die Partei auch nach dieser Richtung vor einer Ueber- Wucherung dieser oder jener Extravaganzen einzelner Genossen, die ihr nicht dienlich sind. Wir sind daher der Meinung, daß keine Gründe stichhaltiger Natur für eine Beschränkung der gegenwärtigen Rechte der Mit- glieder der Fraktion auf den Parteitagen sprechen. Dagegen be» sitzt der Vorschlag der Kommission, da Gegensätze in den Anschau- ungen innerhalb der Fraktion nicht zu leugnen sind, u. E. sehr wohl weitere Reibungsflächen, die zu vergrößern wir keinen Grund haben. Andererseits halten wir es nicht für richtig, daß die Mit- glieder der Fraktion, über deren Tätigkeit der Parteitag befindet, nicht das Recht haben sollen, ohne Beschränkung auf dem Partei- tage vertreten zu sein. Der Parteitag hat das Recht und die Pflicht, jede? Mitglied der Fraktion wegen seiner Tätigkeit zur Verantwortung zu ziehen, wenn dies notwendig ist. Daraus muß aber auch das Recht und die Notwendigkeit einer unbeschränkten Vertretung der Mitglieder der Fraktion hergeleitet werden. Man lasse es daher bei dem gegenwärtigen Zustande, der für die Mit- glieder der Fraktion das Stimmrecht auf den Parteitagen in parla- mentarischen Fragen ausschließt. Zum Schluß wird in dem Arttkel betont, daß auch nach Schaf- fung des Parteiausschusses die Bezirkssekretär» und R e- dakteurkonferenzen beibehalten werden, ja, es sei zu wünschen, daß speziell den Redakteurkonferenzen vom Partei- vorstände künftig noch mehr Beachtung geschenkt werde. polireilicbeo, Scricbtlicbes ulw. Was die Polizei nicht ficht. Ein Beispiel dafiir, was die Polizei sieht und waS sie nicht sieht, wurde vor der Strafkammer in Bochum in einem gegen zwei Parteigenossen wegen Uebcrtretung des Preßgesetzes anhängig ge- machten Verfahren geliefert. Die beiden sollten am Tage der Reichstagswahl ein Plalat mit der Aufschrift: Nieder mit dem Zcchciikandidaten! Hoch! Otto Hue! zur Schau gestellt haben. Das Schöffengericht und die Strafkammer hielten eine Uebcrtretung für erwiesen und erkannten auf 5 M. Geldstrafe. In der Verhandlung wurde festgestellt, daß am AmtSHause ein riesengroßes Plakat der Zechenpartei ausgestellt war. Bestrafung ist aber nicht erfolgt. Jugendbewegung. Der Tag der schwäbischen Arbeiterjugend. Der JugendauSschuß der freien Jugendorganisationen Württembergs hatte die verlchiedenen Orts- gruppen auf den vergangenen Sonnlag zu einer Zusammenkunft auf dem Hohenstaufen bei Göppingen eingeladen. Durch das schöne Wetter günstig beeinflußt gestaltete sich die Veranstaltung zu einer herrlichen Kundgebung der würitembergischen Proletarierjugend. Von allen Seiten kamen um die Mittagsstunde die einzelnen OrtS- vereine zu dem sagenberühmten Schwabenberg herausmarschiert, der einst das Stammschloß der Hohenstaufenkaiser trug und auf dem 1525 freiheitsdurstige Bauern den stolzen Bau erstürmten und den Flammen übergaben. Die Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an' der Zusammenkmift betrug nahezu 1666. Oben auf dem grüuen Rasen des weiten Gipfels hatte sich bald ein lebhaftes Treiben entwickelt. Tee und alkoholfreie Getränke wurden abgegeben und die Wanderlöche und Waiiderköchiiincn der einzelnen Ortsgruppen versorgten die ihrigen mit schmackhasten Speisen. Genosse Stadtrat Schwab- Stuttgart begrüßte die Erschienenen im Rainen des würtleinbergischen freien Jugendausschusscs»nd Genosse Otto K r i l l e, der erst seit einigen Tagen wieder im Lande weilte, hielt eine feurige Festrede. Sein Appell an die württembcrgische Arbeiterjugend fand in den Herzen der Jugendgenossen und Jugendgenossinnen begeisterten Widerhall. Den Beschluß dieser so schön verlausenen Kundgebung des schwäbischen Jngendproletariats machte ein glänzender Demonstrationszug der Teilnehmer ulid Teilnehmerinneit. Ueber 8 6 6 ordneten sich auf den Ruf in die Reihen, wobei die zahlreichen Jugendgenossinnen eine be- sondere Gruppe iin Zug bildeten. Vor jeder Ortsgruppe marschierte ein Bannerträger mit einer roten Fahne und eine Anzahl jugendlicher Pfeifer und Trommler, Es war ein freudiger und erhebender An- blick, wie dieser Demonstrationszug der schwäbischen Arbeiterjugend die anderthalb Stunden lange Straße durch den Wald vom Dorf Hohenstaufen bis nach Göppingen marschierte. Die letzt« genaimte Stadt prangte anläßlich des württembergischen Eisenbahner- tages, der an diesem Tage in ihren Mauern stattfand, in buntem Flaggen- und Girlandenschmuck. Um so mehr Aufsehen erregte die große Demonstration der württembergischen Jugendorganisationen. �wecliverbsn«! See hafienärztlicften Gruppen ßcrlins. Am Dienstagabend tagte eine ärztliche Versammlung von Ver- tretern aller kassenärztlichen Gruppen im Langenbeckhause. Wie der Referent in seinem einleitenden Referate ausführte, sei der Zweck der Tagung die Gründung eines ZweckverbandeS aller kassenärztlichen Gruppen Berlins. Dieser Verband resp. dessen Ausschuß solle mit der Zentralkommission oder» einer anderen von den Kassen zu bestellenden Zentralvertrags-- instanz in Verbindung treten, um einen Normalvcrtrag für Berlin auszuarbeiten und ihn den verschiedenen Arztsystemen anzupassen suchen. Diese Kommission solle ein Ersatz für den A 441 des ersten Entwurfes zur Reichsversicherungsordnung bieten, der bestimmte, daß„zur näheren Regelung des Verhältnisses zwischen den Kassen und den Aerzten, insbesondere zur Einigung über die zukünftige Arztordnung die Beteiligten Einigungskommisfionen bilden können". Dieser Paragraph sei, wie der Referent ausführte, weder von den Kassen, noch von den ärztlichen Organisationen bekämpft worden, und, führte der Referent weiter aus, wenn jetzt die Aerzte seinen Inhalt, auch ohne daß er Gesetzeskraft erlangt hat, in die Tat umzusetzen bestrebt sind, so dokumentieren sie mit dieser Ab- ficht sicherlich alles andere eher, als den Wunsch zu einem rückfichts- losen Kampf gegen die Krankenkassen. Ter Referent spricht die Hoffnung aus, daß die Krankenkassen sich dem einmütigen Ver- langen der Berliner Aerzteschaft, in gemeinschaftlichen Verhand- lungen zu einem für beide Teile ehrenvollen friedlichen Ueberein- kommen zu gelangen, nicht widersetzen würden. Der Referent schloß mit den Worten: Mit meinen Vorschlägen will ich, wie ich noch- mals betonen möchte, Sie nicht etwa zum Kampf gegen die Krankenkassen auffordern, wohl aber fordere ich, daß die Berliner Aerzteschaft auf dem Boden absoluter Parität der Arztsysteme den Krankenkassen, insbesondere der Zentralkommission, eine gleich- wertige Organisation gegenüberstellt. Nach einer Diskussion, in der sich sämtliche Redner für die Gründung des Zweckverbandes aussprechen, wurden folgende Be- schlüsse gefaßt: 1. Die Versammlung erklärt sich mit der Bildung des Ksssenärzte-AusschusseS einverstanden. 2. Grundlage der Bildung ist die Parität der Kassenarzt» shstemc. Es wird hier folgende Definition angenommen:„Der Ausschuß des zu gründenden Zweckverbandes hat die Aufgabe. die Verträge jeder Arztgruppe ohne Rücksicht auf das von ihr vertretene kassenärziliche Prinzip nach Möglichkeit zu fördern. Demnach soll der Ausschuß nicht das Recht haben, über daS kassenärztliche System zu befinden." 3. Der Ausschuß soll einen Berliner Normalvertrag aus- arbeiten. Der Ausschuß soll auch die Aufgabe haben, eine Ver- einbarung mit der Zentralkommission oder einer eventuell neu gebildeten Kassenorganisation über den Normalvertrag anzu- streben. Den Abschluß der Verträge sollen aber die einzelnen kassenärztlichen Organisationen übernehmen. Die Vertrags- kommission der Aerztekanuner prüft, ob die Einzelverträge dem Normalvertrag in den Grundlagen entsprechen.< 4. Ter Ausschuß soll zunächst- aus 15 Mitgliedern bestehen; je drei entsendet der Verein der sreigewählten Kassenärzte, der Verein Berliner Kassenärzte und der Verein der Berliner Ge- werksärzte. Die übrigen sechs werden von den anderen lassen- ärztlichen Vereinigungen delegiert, und zwar je zwei von Gruppen mit dem Softem der freien Arztwahl, der beschränkten freien Arztwahl und des fixierten Kassenarztsystems. 5. Die bei den Tarifkassen des Leipziger Verbandes tätige Gruppe gehört, da jeder dem Leipziger Verband beitreten kantt, zum Siistem der freien Arztwahl. Die Versammlung nahm sofort die Nominierung von 15 Aus- schußmitgliedern vor. Der Wortlaut der Beschlüsse und die Ausführungen de? Refe- renten könnten eine Basis zur Beseitigung deS den Aerzten, de» Kassen und den Kassenmitgliedern gleich schädlichen fortdauernde» Kompfes bilden. Freilich darf bei den Verhandlungen auch nicht außer acht gelassen werden, daß das Selbstverwaltungsrecht der Kassen ungeschmälert bleiben muß, und daß de« Kassen durch den Zwang zu ärztlicher Hilfeleistung aus Kassenmittekn statt aus Staats- oder Gcmeindcmitteln eine außerordentlich schwere Last auferlegt ist, die sie oft hindert, statutarische Erweiterungen der Rechte der Kasscnmitglieder und der Pflichten der Kasse durchzu- führen. An diesem Zustand ist der Gesetzgeber schuld, der die soziale Pflicht, für erkrankte Arbeiter zu sorgen, von den Schultern des Staats, der Gemeinden und der Wohlhabenderen auf die breite» rcn Schultern der Arbeiter abgewälzt hat. Der Leipziger Aerzte- verband hat, auf dem Behandlungsprivileg der Aerzte pochend, die ans der Zwangslage der Kassen erwachsenen Nachteile in einseitig- ster Weise zuungunsten den Arbeiterklasse auszubeuten gesucht. Statt Hand in Hand mit den Kassen für eine organische Aende- rung des Kassenarztwesens, durch Einführung eines BehandlungS- zwangs als Korrelat der Behandlungsverpflichtung einzutreten. hat er die Behörden und gesetzgebenden Faktoren gegen die Lkassen- Verwaltungen und gegen die Arbeiterklasse gehetzt. Die Ausnutzung der Zwangslage der Kassen, die ihnen das Gefetz schafft, und deS Hasses der Kulturfcinde gegen die Arbeiterklasse durch den Aerzte- verband, Dr. Mugdan und Genossen, ist um so verurteilenswerter. als die Leipziger Bewegung sich hütet, ihre Forderung freier Arzt- Wahl den reichen Berufsgenosscnschaften gegenüber aufzustellen. All das hat allen Schritten ärztlicher Organisationen gegenüber daS lebhafteste Mißtrauen der Arbeiter wachgerufen. Es läßt sich aber anerkennen, daß der Wortlaut der am Dienstag gefaßten Beschlüsse, wenngleich auch sie vor einer Rege- lung mit den mächtigen Bcrufsgcnossenschaften zurückschrecken, die einseitig vom Leipziger Verband beschrittenen Bahnen nicht wan- delt. Nach dem Wortlaut der Beschlüsse niiid den Ausführungen in der Versammlung liegt den Bcrlinev Aerzten jede aggressive Ten- denz der Gründung durchaus fern, zumal die Streitpunkte über das A r z t s y st e m völlig ausgeschaltet sind. Da der Verband absolute Parität aller Arztsvsteme(freie Arztwahl, fixiertes System, beschränkte Arztwahl usw.) beschlossen hat, so kann wenig- stens in Berlin von einer Oktroyierung der freien Arztwahl durch die Aerzte keine Rode mehr sein; auch scheint bei dieser Gründung der Leipziger Verband nicht einseitig berücksichtigt zu sein: Ver- bändler ebenso wie Nichtverbändler sind in ihm gleichmäßig ver- treten. Demnach bieten die Beschlüsse eine Grund- läge kür eine Verhandlung mit den Kassen. GcwerhrcbaftUchce. Keine Sxiftenzberecbtigung. Aus Anlaß des Gewerkschaftskonfliktes im Christenlager yaben die M.-Gladbacher in der Hitze des Gefechtes selbst die Existenzberechtigung der christlichen Gewerkschaften verneint. Das ist jedenfalls das Erbaulichste unter den vielen Erbaulich- leiten, mit denen die unchristliche Auseinandersetzung bei den Christen die Welt bereicherte. Bei der Suche nach Gründen für das Sclbstbestimmungsrecht der Arbeiter in bezug auf ihre wirtschaftliche Organisation stießen die M.-Gladbacher auf die einheitlichen Vereinbarungen der Bauern, Aerzte, Rechtsan- wälte usw., und vor allem die der Unternehmer. Pathetisch riefen sie aus: Will man den Arbeitern verwehren, was allen anderen Berufsständen erlaubt ist? In der bachemitischen Zentrumspresse, in den christlichen Gcwerkschaftsblättern, auch in der„Westdeutschen Arbeiter- Zeitung" des Herrn Giesberts, ist dieses Argument gegen katholische Gewerkschaften vielfach variiert worden. Selbst der Vorstand des Gesamtverbandes christlicher Gewerkschaften sah in der 5ionstatierung der Einheitlichkeit der Unternehmer- organisation die stärkste Waffe gegen die Forderung der Kon- fessionalität. In seiner Proklamation zum Gewerkschafts- streit heißt es: „In den Arbeitgeberverbänden jeder Industrie und in jedem Teile Deutschlands wirken evangelische, katholische und anders- gläubige Arbeitgeber einheitlich zusammen. Mit diesen nichts weniger als konfessionellen Arbeitgeberverbänden müssen die Ge- werkschaften ihre Arbeitstarifverträge abschließen. Bei solcher Sachlage ist ein einheitliches gewerkschaftliches Zusammenarbeiten aller...... Arbeiter unvermeidlich." Die Logik ist zwingend. Dagegen läßt sich gar nichts ein- wenden. Allerdings, die M.-Gladbacher vergewaltigten die Logik, indem sie in die auspunktierte Stelle des Zitats das Epitheton„christlich-national" einschmuggelten. Wo steht das bei den Unternehmern? Nirgends! Warum müssen die Ar- beiter in christliche und nichtchristliche Organisationen gespalten und dadurch geschwächt werden, wenn, wie die Christen selbst konstatieren, für die Unternehmer solche Trennung nicht existiert und nicht verlangt wird? Bestehen etwa grundsätz- liche Verschiedenheiten in den wirtschaftlichen und sozialen Forderungen oder in der Wahl der zu ihrer Durchsetzung er- wählten Mittel? Nein! Solche Gegensätze sind nicht vor- banden! Die freien Gewerkschaften fordern Arbeiterschutz, ver- nunftgemäße Arbeitszeit mit dem Ziel des Achtstundentages, möglichste Abschaffung der Ueberzeitarbeit, Sonntagsruhe, aus- kömmliche Löhne, Ausbau der sozialen Versicherung! Diese Forderungen sind ziemlich identisch mit denen von Bischof Ketteler erhobenen, die das soziale Programm der christlichen Gewerkschaften bilden. Die gleichen Ziele haben auch die gleichen Kampfmittel und-Methoden zur Voraussetzung. Beeinflussung der Gesetz- gebung, Kritik von Mißständen, Verhandlungen mit den Unternehmern, Abschluß von Tarifen usw., das sind die Mittel, mit denen die freien Gewerkschaften auf eine Gesundung der Arbeitsverhältnisse einzuwirken versuchen. Nur wenn alle friedlichen Mittel versagen, ein direkter Kampf unvermeidlich geworden ist, greifen sie zur Waffe des Streiks. Und diese Taktik reklamieren auch die christlichen Gewerkschaften als die einzig richtige und mögliche für sich. Damit gerade stellen sie sich ja in einen Gegensatz zu den Fachabteilern. Unterschiede zwischen den christlichen und freien GeWerk- schaften in der Kampfmethode find jedoch höchstens solche der Taktik, des Grades, nicht aber grundsätzlicher Natur. Für die Zersplitterung der Arbeiter gibt es demnach gar keine stichhaltige Begründung. Das um so weniger, als die einheitlich organisierten Unternehmer den Forderungen der christlichen Gewerkschaften genau denselben Widerstand ent- gegensetzen, als wie denen der freien Gewerkschaften. Weil man keinen sachlichen Grund für die Spaltung und Schwächung der Arbeiter angeben kann, man auf diese aber nicht verzichten will, muß der Einwand einer verschiedenen Weltanschauung als Argument herhalten. Wieso rechtfertigt aber eine unterschiedliche Weltanschauung die Zersplitterung der Arbeiter bei Wahrnehmung ihrer Interessen, wenn die gleiche Forderung erhoben, nach der gleichen Methode gekämpft wird? Wenn trotz der gleichen Interessen, Forderungen und Kampfmethoden die Weltanschauung eine Trennung in christ- liche und unchristliche Lager bedingt, warum nur bei den Ar- beitcrn, nicht auch bei den Unternehmern? Sind unter diesen etwa keine Nichtchristen, keine Atheisten? Hier versagt die Rabulistik der christlichen Gewerkschafts- demagogen. Hier wird ihre Zwiespältigkeit offenbar, hier enthüllt sich als Vorwand, was man als Grund der Zer- splitterung der Arbeiter ausspielt. Man befürchtet, eine ein- hcitliche freie Gewerkschaftsbewegung könnte die bisher irre- geführten Arbeiter von der Knechtschaft des arbeiterfeind- lichen, die Religion für reaktionäre Parteizwecke und kapita- listische Interessen mißbrauchenden Zentrums befreien. Um das zu verhindern, darum der Lug und Trug gegen die Ar- bester. Daß man sie absichtlich beschwindelt, sich der Zwie- spältigkeit bewußt ist, die darin liegt, daß Arbeitern verboten wird, was als unbeschränktes Recht der Unternehnier kein Glaubensritter anzutasten wagt, dafür liefert die letzte Num- mer der„Westdeutschen Arbeiterzeitung"— Nr. 25— einen netten Beleg. Das Blatt kommt wieder auf die Einheitlichkeit der Organisation anderer Berufsstände zu sprechen— aber es unterschlägt dabei die Unternehmerverbände, die eigentlichen Gegner der Gewerkschaften! Das ist sehr bezeichnend. Doch hören wir die„Westdeutsche". Sie schreibt: „Daß die für unsere Verhältnisse notwendigen interkonfessio- nellen Arbeitergeiverkschaften nicht anders behandelt werden können als die Bauernvereine und Handwerterorganisationen, versteht sich unseres Erachtcns nachgerade von selbst." Jetzt sollen auf einmal nur Bauernvereine und Hand- Werkerorganisationen zum Vergleich herangezogen werden, die wirtschaftlichen Verbände der Unternehmer nicht! Operiert man init den Unternehmerverbänden, dann ist den Argumenten der Christen jede Grundlage entzogen, dann müssen sie selbst ihre Existenzberechtigung verneinen! Daher der plumpe Versuch, die Unternchmerverbände aus der Debatte auszuschalten. Man merkt die Absicht.— Sie muß auch die bisher gutgläubigen Arbeiter stutzig machen und auf den Weg�zur freien,.einheitlichen Organisation verweisen. Wohl oder übel: der Konflikt im Christenlager wird manchem Arbeiter die Augen öffnen._ Berlin und Clmgegcnd. Zum Flcischcrboykott in Neukölln ist mitzuteilen, daß der Fleischermeister W. Pasewaldt, Bergstr. 60. den Tarifvertrag anerkannt hat. Der Fleischernleister W. Witte, Kaiser Friedrich- straße 83, loeigert sich noch immer den Tarif anzuerkennen. Daß der Verbandsleitung und einer Anzahl Kunden gegebene Versprechen, Verantw. Redakteur: Albert Wachs» Berlin. Inseratenteil verantw-j den Tarif bis Dienstag zu unterschreiben, hat Herr Witte bis jetzt noch nicht eingelöst. Bezugnehmend auf die Notiz in Nr. 143 des.Vorwärts' teilen wir mit. daß nicht in der Gastwirtschaft L i e b e r t s Nachf., Kott- buser Damm 22, Fleischwaren aus Geschäften verkauft sind, deren Inhaber nicht bewilligt haben, sondern in der im selben Hause befindlichen Gastwirtschaft von S ch a r st e i n. In der Gastwirtschaft von L i e b e r t s Nachf. werden überhaupt keine Fleisch- und Wurst- waren verkauft. Es sei jedoch noch bemerkt, daß Herr Schar- st e i n seine Fleischwaren jetzt ebenfalls nicht mehr aus unter Tarif- bedingungen arbeitenden Geschäften kauft. Zentralverband der Fleischer. DeutWies Reich. Erfolgreich beendete Malerbewegung. Nach 26tägiger Dauer ist auf der Schiffswerft I. C. Tecklen- bürg u. Co. A.-G. in Geestemünde der Streik der Maler mit vollem Erfolg beendet worden. Die guten Organisationsverhälrnisse haben nicht zum wenigsten dazu beigetragen, daß trotz der Rausreißer- arbeit der Vorleute und Meister der Streik mit dem Sieg der Arbeiter endete. Während des Streiks fand auch ein Siapellaus statt. Während nun sonst an solchen Tagen Schiff und Werst im Festkleide prangten, wurde diesmal der neue Dampfer ohne jeden Anstrich zu Wasser gelassen,� daß er aussah wie ein Wrack und nicht wie ein bollständig neues Schiff. In den bestreikten Steinzeugwerken Friedrichsfeld in Baden gibt sich die Direktion alle Mühe, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und Arbeitswillige heranzuziehen. In allen Lokalblättern der dortigen Gegend werden die.guten" Löhne der Arbeiter sowie die Einrichtungen der Betriebe vorgeritten, was sich allerdings mit der Tatsache, daß allein im Jahre 1368 677 Arbeiter aus dem Betriebe ausgeschieden sind, sehr schlecht vereinbaren läßt. In einem umfangreichen Flugblatt führen denn auch die streikenden Arbeiter die literarischen Aeußerungen der Direktion der Stein- zeugwerke auf ihren wahren Unwert zurück. Am 24. Juni ist der erste größere StreikbrechertranSpori in Stärke von zirka 60 Mann von Hamburg aus in Friedrichsfcld eingetroffen. Jedenfalls sind die Rausreißer Hintzegardisten. Von fünf Gendarmen und zwei Agenten wurden diese nützlichen Elemente in die Betriebe geleitet. Mehr als 100 Streikende und Frauen gaben ihnen dabei das Ehren« geleit. Aus Heidelberg zugereiste Arbeiter verließen zum größten Teil Fricdrichsfeld wieder, nachdem sie in Erfahrung gebraSt hatten, zu welchen Zwecken sie mißbraucht- werden sollten. Die Direktion verspricht jedem Arbeitswilligen, der einen Monat aushält, 20 M. Extragratifikation. Die bisher importierten Arbeitswilligen können in der Praxis der Firma nicht viel helfen. Das Schwergewicht in diesem Kampfe liegt vor allem bei den gelernten Arbeitern, den Töpfern, und für diese dürfte schwerlich auch nur einigermaßen vollwertiger Ersatz zu beschaffen sein. Wir ersuchen, die streikenden Arbeiter der Friedrichs- feldor Steinzeugwerle in ihrem schweren Kampfe tatkräftig zu unterstützen durch Fernhalten des Zuzuges von Töpfern, Steinzeug-, Röhren- und Hilfsarbeitern von den Friedrichsselder Steinzeug- werken I Husland. Böhmens Eisenbahner und der Separatismus. Durch besondere Vereinbarungen war die Eisenbahnerorgani- sation Oesterreichs, der.Allgemeine Rechtsschutz- und Gewerkschafts- verein", von der separatistischen Zersplitterungsaktion der tschecho- slawischen Sozialdemokratie unter deren Zustimmung ausgenommen worden, wofür sich der Eisenbahnerverband zur Neutralität im Kampf zwischen Internationalismus und Separatismus verpflichtete. Diese Abmachung wurde treulos gebrochen und der Zersplittererverband natürlich von der Prager separatistischen Gewerkschaftskommission als Mitglied aufgenommen worden, was die offizielle Anerkennung und Förderung der Zerreißung bedeutet. Nach langem Zusehen haben nun die böhmischen Mitgliedschaften des Elsenbahnerverbands die notwendigen Konsequenzen gezogen. Es wurde beschlossen, die Mitgliedschaft bei der Prager Scparatistenkommission von dem Tag der Anerkennung der Separatisten an für erloschen zu erklären, die seitdem zurückgehaltenen Beiträge nicht abzuführen, sondern zunächst zur Deckung der Kosten der durch die Zer- Iplitterung notwendig gewordenen Gegenaktion zu verwenden und weiter der zentralistischen Kommission zuzuführen. Getreu dem Grundsatz, daß die beste Parade der Hieb ist, gehen aber die Eisen- bahner zum Angriff über. Sie beschlossen, daß alle Anteile an sämtlichen Unternehmungen der tschecho-slawischen natio- nalistischen Zersplittererpartei gekündigt, das Geld aber in den ent- sprechenden internationalen Anstalten anzulegen sei, daß aus der Separatistenpartei auszutreten und der internationalen t s ch e ch i- s ch e n Sozialdemokratie beizutreten, ihre Presse zu fördern und ihr die Gründung des eigenen Tageblattes nach Kräften zu er- leichtern sei.._ Beendigung des Streiks in den böhmischen Glasfabriken. Die Besitzer der Glasfabriken im Teplitzer sowie im Duxer Bezirk haben den Streikenden eine Reihe von Zugeständ- nissen gemacht, so daß die Arbeit bereits heute in den meisten Fabriken wieder aufgenommen wurde. Auch in den übrigen Fabriken steht eine Einigung bevor. Der Streik der französischen Seeleute gewinnt fortgesetzt an Umfang. Am Dienstag ist es den Streikenden gelungen, die Besatzung von drei Handelsdampfern, die aus den Kolonien zurücklehrten, zu bewegen, sich dem Streik anzu- schließen. Der Streik nimmt einen immer größeren Umfang an, so daß den Schiffahrtsgesellschaften bei einem längeren Andauern erheblicher Schaden erwächst. Dennoch verharren die Reeder in ihrer ablehnenden Haltung und es ist fraglich, ob eine Einigung beider Parteien für die nächste Zeit zu erwarten ist. Es hat jetzt den Anschein, daß die Dockarbeiter sich den streikenden Seeleuten anschließen werden. Am Dienstagabend hat nämlich das Zentralkomitee der französischen Dockarbeiter in Paris eine Sitzung abgehalten, um die Lage zu besprechen. Die Versammelten bc- schlössen, am nächsten Donnerstag eine große allgemeine Versammlung der Dockarbeiter in Paris abzuhalten. Alle Häfen haben die An- Weisung erhalten, sür diese Versammlung je einen Abgeordneten nach Paris zu entsenden. Wenn der Streik der Seeleute bis Donnerstag nicht beendet sein sollte, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Dockarbeiter auf dem Pariser Delegiertentage den Sympathiestreik beschließen werden._■ Huq Induftm und FjandeL Einen Boykott gegen den Lebensmittelverein Zürich haben die organisierten Bäckermeister verlangt. Da die Verwaltung der Konsumgenossenschaft die Beteiligung an der Erhöhung der Brolpreise abgetehnt hat, wurde über sie die M e h l s p e r r e verhängt. Die Müller wurden bei hoher Vertragsstrafe verpflichtet, die Lieferungen einzustellen. Boykottposten patrouillieren bei der Bäckerei des Vereins, um die eingehenden Mehlsendungen zu kontrollieren. Da dieser Kamps nicht der Hebung der Lebenshaltung der Arbeiter, sondern der hehren Aufgabe der Brotverteuerung dient, entrüsten sich die Gutgesinnten natürlich nicht über„Terrorismus" und.Posten- unwesen". Uebrigens verfehlt die Maßregel ihren Zweck, da dem Verein genügend Lieferanten zur Verfügung stehen. Sollte er wirk- lich einmal lästig werden, so würde er nur den Verein oder den Ver- band der Bereine veranlassen, früher zu schaffen, was ohnehin kommen niuß: die eigene Mühle. Auch hier, wie im Falle der Schuhfabrik, wird sich die reaktionäre Eigennutzpolitik der Klein- gewerbetreibenden wider Willen als Mittel des genossenschaftlichen Fortschritts erweisen.__ Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Bcriagsanstal| Em der frauenbewecfuncf. Fraucnkonferenz in Bade». Am Sonntag, den 23. Juni, tagte in Karlsruhe eine Frauen- konferenz sür Baden, einberufen vom badischen Landesvorstand. Beschickt war sie von 28 Delegiertinnen aus allen Teilen des Landes. Genossin Luise Zietz war als Vertreterin des Parteivorstandes an- wesend, Genosse Strobel-Mannheim als Vertreter des Landesvor- standes und Genosse Dietrich als Vertreter der Karlsruher Partei- organisation. Genossin Zietz hatte das einleitende Referat über- nommen über das Thema:„Wie schulen wir die Frauen für die politische Betätigung?" Die Rednerin besprach zunächst kurz und präzis die Notwendig- keit der politischen Betätigung der Frauen, die tief und fest in den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen unserer Zeit wurzelt. Sie ging dann über zu einer eingehenden Besprechung der ver« schiedenen Methoden, die sich als praktisch erwiesen haben bei dem Bemühen, die indifferenten Frauen zum politischen Leben zu er« wecken und sie zu organisieren. Den Schluß des Referates bildete eine eindringliche Darlegung der Notwendigkeit die politisch organi» sierten Frauen theoretisch und praktisch zu schulen und eine Le- sprechung der Methoden und der Mittel, die dabei am besten Anwen- dung finden. Eine sehr lebhafte Diskussion, die erfreulicherweise auf' einem bemerkenswert hohem Niveau sich bewegte, folgte dem Referat. Mit ruhiger Sachlichkeit äußerten diese, mit leidenschaftlichem Eifer ihre Ansichten zu dem Vorgetragenen, jene ergänzten eS aus ihren, durch die örtlichen Verhältnisse bedingten Erfahrungen. Aus allen Reden leuchtete der lebhafte Wunsch, die junge, aufstrebende Bewegung unter dem weiblichen Proletariat Badens schnellstens und stetig vorwärts zu treiben. Ein kraftvolles Wollen sprach auS den schlichten aber lebhaften Worten der Vertreterin des industriereichen Wiesentales, Freude am bereits Erreichten und der lebhafte Wunsch, recht bald nene Erfolge den alten zuzugesellen, leuchteten aus den Reden der Delegierten der Schwarzwälder Universitätsstadt Freiburg. Von tüchtiger planvoller Arbeit und prächtigen Erfolgen erfuhr man aus den Reden der Mann- heimer Vertreterinnen, die auch eine Anzahl von Anträgen begründeten, die von dem lebhaften Verlangen Kunde geben, in Zukunft noch BeffereS zu leisten. Von guten Fortschritten, aber auch von schweren Hemm- nissen, die sich der Arbeit unserer Genossen entgegenstellen, erfuhren wir aus den Darlegungen unserer tüchtigen, rührigen Genossinnen der Bijouteriestadt Pforzheim, dem Städtchen Durlach, der Residenz Karlsruhe und dem Tabakarbeiterort Hockenheim. Von den eingegangenen Mannheimer Anträgen wurden an- genommen: 1. Die weiblichen Kreisvorstandsmitglieder bilden gemeinsam mit einer Vertretung des Landesvorstandes eine Ägitationskommission, die nach Bedarf, mindestens aber einmal im Jahre zu einer Besprechung über die Agitation im Lande zusammen- tritt. 2. Die tätigen Genossinnen der verschiedenen Orte in den einzelnen Kreisen kommen mit der Kreisleitung nach Bedarf zu« sammen, um über die Agitattons- und Organisationsarbeit im Kreise sich zu beraten. 3. In den Landesvorstand ist eine Vertreterin der Genossinnen zu wählen. Ein anderer Antrag auf Anstellung eine? weiblichen Partei» sekretärs für Baden wurde als verfrüht zurückgezogen. Versammlungen— Veranstaltungen. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, de« 1. Juli: Ausflug mit Kindern nach Treptow in Ludwig? Park« restaurant, Am Treptower Park 26/26. Gäste willkommen. K-ctztc rfoebriebten. Der türkische Kricgsministcr über die Lage. Wien, 26. Juni. In einer Unterredung mit dem Korrespon» denken der„Neuen Freien Presse" in Konstantinopel äußerte sich Kriegsminister Mahmud Schefket Pascha über die M e u- terei in Albanien und über die Friedensfrage. Der Minister sagte u. a.: Im ganzen haben in Albanien zwölf Offi- ziere und 71 Mann gemeutert. Die Offiziere haben offenbar unter dem Einfluß der nordalbanischen Propaganda die Soldaten durch die Behauptung verführt, daß die Regierung die europäische Türkei an eine fremde Macht verkauft habe. Der Gedanke des „Tanin", die von den Italienern besetzten Küstenorte von Tripolis und der Cyrenaika den Italienern zu überlassen, sei eine Privatmeinung dieses Blattes. Die türkische Regierung könne die Souveränität von Tripolis niemals preisgeben, weil dies eine Revolution hervorrufen würde, die für den Frieden Europas noch schrecklichere Folgen hätte als der bisherige Krieg. �- Die beiden Abgehalfterten.- Baltimore, 26. Juni.(P. C.) Die schon verschiedentlich auf. getauchte Vermutung, daß sich die Partei Ro o s e v e l t s und die Bryans zusammenschließen würden, um gemeinsam gegen ihre Gegner vorzugehen, ist nunmehr zur Tatsache geworden. Wie jetzt bekannt wird, haben zwischen den Parteigängern RooseveltS, die sich auf der Suche nach Anhängern für die neue Fortschrittspartei befinden, und zwischen den Parteigängern BryanS bereits ge» Heime Verhandlungen stattgefunden. Hochwasser in Schlesien. Hirschberg, 26. Juni.(W. T. B.) In vielen Ortschaften wurde infolge Hochwassers großer Schaden angerichtet. Einige Orte, wie BoberrörSdorf und L ä h n berichten, daß die durch die Wolkcnbrüche angerichteten Verheerungen bedeutender sind, als bei dem Hochwasser im Jahre 1307. Sehr schlimm lauten die Nachrichten aus S ch w c r t a bei Marklissa, und besonder? aus Prob st Hain und Pilgramsdorf. Hier stand das Wasser teilweise bis zu den Wipfeln der Bäume. Viel Vieh ist er» trunken, Bäume und Gärten sind weggeschwemmt, die Fcldfrüchtc größtenteils vernichtet. Die meisten Brücken wurden weggerissen, so auch die Brücke bei Pilgramsdorf über die schnelle Deichsa, auf der der 14jährige Sohn eines Stellen- bcsitzers stand, der von den Fluten fortgerissen wurdeund e r t r a n I. � Die Typhusepidemie im Ruhrevier. Witten(Ruhr), 26. Juni.(P.°C.) Die Typhusepidemie ge- winnt in erschreckendem Maße an Ausdehnung.. Im hiesigen Diakonissenhause befinden sich ungefähr 60 Erkrankte. In Bom- mcrn hat die Epidemie bereits vier Todesfälle gefordert. Auf polizeiliche Anordnung wurde gestern die Ruhrbadeanstalt ge- schlössen. Die Zahl der bisher festgestellten Typhusfälle wird auf insgesamt 120 angegeben. Die Schließung der Schulen steht bevor. Schwer bestrafter kindlicher Leichtsinn. Geilenkirchen, 26. Juni.(H. B.) Im benachbarten Uebach setzten sich zwei Knaben auf die Verbiudungsstange zwischen einem Lastautomobil und einem Anhängewagen. An einer abschüssigen Stelle der Straße brach die Verbindungsstange und beide Knaben wurden überfahren. Der eine starb bald darauf, während der andere mit schweren Verletzungen daniederliegt. 2000 Arbeiter auf die Strasse geworfen. Krakau, 26. Juni.(P.-C.) Die Sodafabrik in Falccki Bork wird infolge der Verteuerung der zur Herstel- luug der Fabrikate erforderlichen Salze ge» schlössen. Durch diese Maßnahme werden 2000 Arbeiter brotlos. Die Fabrik ist Eigentum des österreichischen Sodakartells. ßaul Singers Co., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen u-UnterhaltungSbl. Nr. 147. 29. Iahrgaag. 1 Lkilqk des.Awiirls" Kili»» PslKsM g-xikrstas, 27. Zml lSI2. Sie üe�erkichssten SroK-Kerllnz im Zahre I?«. WaS schon die Geschäftsberichte der einzelnen Gewerkschaften gezeigt haben, das wird durch den soeben erschienenen ausführlichen Jahresbericht der Berliner Gewerkschaftskommission jn vollem Umfange bestätigt: Die Gesamtheit der gewerkschaftlichen Organisationen Berlins hat auch im Jahre löll wieder erfreuliche Fortschritte gemacht. Das drückt sich in erster Linie in dem Wachs- turn der Mitgliederzahl aus. Während das Jahr ISIO mit einem Mitgliederbestand« von 265 08g abschloß, verfügten die Berliner Gewerkschaften am Schluß des Jahres 1311 über eine Mitglieder- zahl von 296 735. Inzwischen dürfte die Zahl von ZOOlXM) gewerk- ichaftlich organisierten Arbeitern erreicht, vielleicht schon über- schritten sein. Will man die Mitgliederzunahme der Gewerkschaften zutreffend würdigen, so mutz man sie vergleichen mit der Zahl der in Berlin (gemeint ist immer Groß-Berhn) überhaupt beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Zu einem solchen Vergleich gibt der Bericht die nötigen Anhaltspunkte. Er verweist darauf, daß die Zahl der Krankenkassenmitglieder, die sich ja mit der Zahl der Beschäftigten decken muß, im Berichtsjahre von S74 9bg auf 1026 222, also um � Psoz. gestiegen ist. Etwa der vierte Teil der gegen Krankheit Versicherten ist, wie der Bericht annimmt, nicht organisationsfähig. Es sind dies die Gelegenheitsarbeiter und die vorübergehend in der Heimindustrie Beschäftigten. Rechnet man diese von der Gesamt- zahl der �Beschäftigten ab, so bleiben rund 760 666 organisations- sahige gewerbliche Arbeiter und Arbeiterinnen übrig. Die Gewerk- schaften haben also insgesamt noch nicht die Hälfte der organisa» tionssähigen Arbeiter und Arbeiterinnen in ihren Reihen. Auf der anderen Seit« aber zeigt diese Gegenüberstellung, daß die Mit- gliederzahl der Gewerkschaften in weit stärkereni Verhältnis g«. wachsen ist als die Zahl der überhaupt Beschäftigten. Während diese um 4,9 Proz. stieg, nahm die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder um 31 766 oder 11,9 Proz. zu. Dank der Agitationsarbeit der Ge- werkschaften dringt die Organisation, wie wir aus diesen Zahlen sehen, mehr und mehr in den Reihen der Indifferenten vor. An der Zunahme um 31 706 Mitglieder sind die männlichen mit 27 472, die weiblichen mit 3691, die jugendlichen mit 1143 beteiligt. Prozentual hat sich die Zahl der männlichen Mitglieder um 11,1, der weiblichen um 13,1, der jugendlichen um 33,3 Proz. vermehrt. Die weiblichen Mitglieder, deren absolute Zahl von 23 526 auf 26 617 Kriegen ist, verteilen sich auf 37 Gewerkschaften. Die jugend- lichen Mitglieder, deren Zahl sich von 3766 auf 4963 gemehrt hat, gehören 14 Gewerkschaften an. Der Metallarbeiterverband hat 1963, der Transportarbciterverband 1916 jugendliche Mitglieder. In diesen beiden Verbänden sind also 77,4 Proz. aller jugendlichen Gc- Werkschaftsmitglieder. An der Mitgliederzunahme sind fast alle Gewerkschaften be- teiligt. Nur einige kleine Berufsgruppen verzeichnen geringe Mit- gliederverluste. Di« am Schluß des JahreS 1911 festgestellten M i t- gliederzahlen der einzelnen Gewerkschaften (denen wir in Klammern die Zahlen von 1916 beifügen) sind nach der Reihe ihrer Größe folgende: Metallarbeiter 88 272(78 218), Transportarbeiter 46 965 (39 466), Holzarbeiter 29 289(26 064), Bauarbeiter 12 663(nicht angegeben). Buchdrucker 11 862(11225), Schneider 9556(8914), Gemeindearbeiter 9214( 7465), Fabrikarbeiter 8125(7255), Buch- bindet 8061(6904), Maler 5510(5508), Bäcker 5418( 3746), Buch- und Steindruckereihilfsarbeiter 5664( 5678), Brauereiarbeittr 4682 (4601), Gastwirtsgehilfen 4223(2994), Lithographen und Stein- drucket 3953(3789), Sattler und Portefeuiller 3546( 3343). Tertil- arbeitet 3558(3237), Schuhmacher 2840( 2686), Schmiede 2760 (2554), Zimmerer 2589( 2634). Handlungsgehilfen 2555(1796), Steinsetzer und Rammer 2463(2659), Töpfer 2136(2168), Tape zierer 1976(1976). Maschinisten und Heizer 1821(1721), Burean angestellte 1811(1473), Gärtner 1469(1352), Fleischer 1354( 823) Kürschner 1286(1563), Hutmacher 1113(1180), Tabakarbeiter 1165 (868), Steinarbeiter 1628( 855), Glasarbeiter 1613(1669), Dach. decket 925( 876), Bildhauer 966(916), Lederarbeiter 857( 921), Hausangestellte 814(575), Stukkateure 769(716), Kupferschmiede 764(632), Glaser 761(631), Böttcher 617(597), Friseure 572(576), Asphalteure 338(326), Porzellanarbeiter 346(334), Musiker 326 (367), Theater- und Kinoangestellte 145(156), Lagerhalter 128 (166), Blumen- und Blätterarbeiter 93(166), Schifsszimmerer 62 (53), Zigarrensortierer 59(76). kleines feuilleton. i)tt Städtebauer von Groß-Berlin. Man kann die Wahl des bisherigen Neuköllner Stadtbaumeisters Reinhold K i e h l zum Städtebauer von Groß-Berlin nur beglückwünschen. Wir wissen sehr gut, daß Kiehl ein vortrefflicher Architekt ist und über ein gutes Maß jener Politik verfügt, die man braucht, um mit der Spekulation, mit dem Widerstand verbissener Eigentümer und kurzsichtiger Stadtväter fertig zu werden. Kiehl hat aus Neulölln das gemacht, was sich uuter den heutigen Umständen überhaupt machen ließ. Der arg vernachlässigte, der dichtesten Bebauung ausgelieferte, mit den erbärmlichsten Mietskasernen voll- gesteckte Ort zeigt beute immerhin einige Oasen und, was noch wichtiger ist: Neukölln hat heute einige Aussicht, bei seinem weiteren Ausbau etwas von den Ergebnisien des modernen Städtebaus zu profitieren. Kiehl hat über die Erweiterung der Stadt gegen Treptow und nach der Hasenhaide hin sehr klug disponiert; zu einem Teil ist eS ihm gelungen, die bereit» vorhandenen Bebauungspläne minderwertiger Qualität wieder aufzuheben, um dafür Besseres festzusetzen. I» guter Erinnerung ist noch der Wettbewerb, den Kiehl ohne Engherzigkeit für die Herrichtung «ineS größeren TerrainS inmitten der Stadt ausschrieb; mit großer Erwartung sieht man auf die Verwirklichung deS Körnerparks, der nach KieHlS Plänen gepflanzt und umbaut werden soll. Man er« itinert sich dann weiter der ganz ausgezeichneten Beratungsstelle, die Kiehl für Neukölln einrichtete: sie hat erheblich dazu bei- getragen, den Neubau störender Fassaden, das Geprotz mit blöden Türmen und lächerlichem Stuckzeug zu vermeiden. Durch diese Beratungsstelle müssen alle Neuköllner Neubauten passieren: da läßt sich schon mancherlei sorloperieren und vieles bessern. Von den eigentlichen Hockbauten KtehlS bat das Rathaus, dieser schlanke und kräftige Bau. noch immer Anerkennung gefunden. Und von seinen vielen Schulen, von dem Elektrizitätswerk und von der Badeanstalt läßt sick nur das Beste sagen. Es sind dies alles Arbeiten im Geiste Messels: zugleich laiin mau von einem Fortsetzen der berlinischen Tradition seit Schinkel reden. Kiehls beste Arbeil aber bleibt das Britzcr Krankenhaus, bei dem es ihm gelang, dieser viel- fältigen hygienlichen und sozialen Aufgabe eine restlos nutzbare und im Ausdruck charaktervolle Form zu finde». Nach alledem ist zu hoffen, daß Kiehl als Slädlebayer von Groß-Berlin umsichtig, energisch und mit dem Maßstab von Qualität und Schönheit arbeiten wird.| Eines freilich muß ihm klar fein, daß die neue Aufgabe unendlich � schwierig ist und einen unbeugsamen Charakter, oft ein rücksichts- loses Durchgreifen erfordern wird. Kiehl kann für Groß- Berlin etlvaS wirklich Großes und Bleibendes nur leisten, wenn er sich � wappnet und panzert, der Bodenspekulation- und den Hausbesitzer- Majoritäten, vor allem aber dem Fiskus, einen produktiven Willen zun, Ideal der neuen Stadt aufzuzwingen. L. Lr. Die Leidtragenden beim neuen Opernhaus-Wettbewerb. Der „Frankfurter Zeitung' wird anS Berlin geschrieben: Der neu ausgeschriebene Wettbewerb für das Königliche Opernhaus, der in ge- j Wir haben fchon auf das Verhältnis der Zahl der Beschäftigten und der Zahl der Organisierten hingewiesen. Nach den Ermitte- lungen der Gewerkschaftskommission sind im allgemeinen Durch- schnitt 39,7 Proz. von den in Berlin beschäftigten organisations- fähigen Arbeitern und Arbeiterinnen gewerkschaftlich organifiert. Jedoch ist das Organisationsverhältnis bei den Arbeiterinnen wesentlich ungünstiger wie bei den männlichen Arbeitern, von denen 53 Proz. organisiert sind. 22 Gewerkschaften überschreiten diesen Durchschnitt, einige sogar so erheblich, daß man sagen kann, sie haben fast alle Berufsangehörigen erfaßt. Die Gewerkschaften, bei denen das Organisationsverhältnis ungünstig ist, haben in der Regel am meisten unter der Fluktuation zu leiden. Ungemein groß ist die Zahl derer, die sich in die Gewerk- schaft aufnehmen ließen, ihr aber nach kurzer Zeit wieder den Rücken kehrten. Im Berichtsjahre nahmen die Berliner Gewerk- schaften 124 415 neue Mitglieder auf. Der Zuwachs betrug aiber nur 31 766. Es haben also 92 769 Personen die Gewerkschaft nach kurzer Zeit wieder verlassen. Wenn es den betreffenden Gewerk- schaften gelungen wäre, die Mitglieder, die sie gewonnen hatten, dauernd der Organisation zu erhalten, dann hätten wir im ver- gangenen Jahre statt eines Zuwachses von 31 666, einen solchen von mindestens 166 666 Mitgliedern gehabt und die gewerkschaftliche Kampftruppe könnte aus weit größere Erfolge zurückblicken als es jetzt schon der Fall. Der Bericht hebt deshalb mit Recht hervor, daß die Gewerkschaften, deren Mitglieder so stark fluktuieren, durch ent- sprechende Einrichtungen versuchen müßten, dieses Uebel tzu hemmen. Der Bericht konstatiert, daß im allgemeinen Durchschmlt von 166 Gewerkschaftsmitgliedern 42 ein- und austraten. Die weib- lichen und jugendlichen Mitglieder überschreiten diesen Durchschnitt sehr erheblich. Von 166 weiblichen Mitgliedern traten 86, von 166 jugendlichen 86 im Laufe des Jahres ein und aus.— So unangenehm diese Erscheinung ist, sie braucht uns die Freude an dem trotz allem erfolgten Wachstum der Gewerkschaften nicht vereiteln. Wir sehen, es geht vorwärts von Iaht zu Jahr und die gewerkschaftliche Arbeit schafft Erfolge. Auch die Kassenverhältniffe der Berliner Gewerkschaften zeigen im allgemeinen ein Bild er» sreulicher Aufwärtsbewegung. Die Gesamteinnahmen betrugen 13 562 976 M., gegen das Vorjahr ein Mehr von 1 669 269 Mk. Am Schluß deS Jahres 1911 war ein Kassenbestand von 3 264 868 M. vorhanden, ein« Vermehrung gegen das Vorjahr von 543 716 M. Rund 76 Proz. von den 9 184 653 M. betragenden Einnahmen an Beiträgen wurden den Mitgliedern wieder zurückgezahlt in Gestalt von Streik-, Maßregelungs-, Reise-, Arbeitslosen-, Kranken-, Sterbe-, Invaliden-, Rechtsschutz- und besonderen Unterstützungen. Eine Summe von 6578 673 M. ist es, welche auf diesem Wege den Mitgliedern der Gewerkschaften direkt zugute kam. Davon dienten 4 155 219 M. der Linderung wirtschaftlicher Not der Mitglieder. Die Arbeitslosenunterstützung allein erforderte eine Summ« von 1 963 954 M. und für Krankenunterstützung wurden. 1 636 165 M. ausgegeben. Für gewerkschaftliche Kämpfe wurden als Streikunterstützung 2 173 937 M. und als Maßrege- lungsunterstützung 249 517 M. ausgewandt. Diese Ausgaben haben sich gegen das Vorjahr, welches nur 476 475 M. Streikunterstützung erforderte, sehr erheblich gesteigert. Hauptsächlich sind an den Aus- gaben für Kampfzwecke beteiligt die Buchbinder, Bpchdruckereibilfs- arbeiter, Fabrikarbeiker, Transportarbeiter," Holzarbeiter, Ätho. graphen und Steindrucker, Metallarbeiter, Tapezierer. 27 Gewerk schaften führten 165 A n g r» f f str« iks in 4488 Betrieben mit 29 413 männlichen und 33 825 weiblichen Beteiligten. Die hohe Zahl der letzteren kommt fast ganz auf den Streiv in der Damen- tonfektion. Die Forderungen der Angriffstreiks waren in 96 Fällen Lohnerhöhungen, in 79 Fällen Einführung eines Tarifs, in 46 Fällen Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit, in 26 Fällen Verkürzung der Arbeitszeit allein, in 3b Fällen andere Forderun- gen und in 6 Fällen Erfüllung tariflicher Vereinbarungen. 164 Streiks endeten mit vollem, 27 mit teilweisem und 31 ohne Erfolg. 161 Abwehr streiks wurden von 21 Gewerkschaften in 237 Be- trieben mit 6679 männlichen und 1921 weiblichen Beteiligten ge- führt. Di« Ursachen der Abwehrstreits waren in 43 Fällen Lohn Herabsetzungen, in 33 Fällen Verstöße der Unternehmer gegen geltende Arbeitsbedingungen, in 8 Fällen Verlängerung der Ar- beitszeit, in 46 Fällen andere Ursachen und in 5 Fällen mußten die rechterer Weise als bisher eine Heranziehung weiterer Kreise der deutschen Künstlerschaft ermöglicht, hat die schwerlich beabsichtigte, aber sehr bedauerliche Nebenwirkung, eine Reihe der hervorragendsten und auf dem Gebiete des Theaterbaues erfahrensten Architekten empfindlich zu schädigen. Es find die Teilnehmer an den ersten beiden beschränkten Konkurrenzen. Die waren Programm- gemäß eng an die außerordentlich ausführlichen und künst- lerisch ganz insipiden Entwurfsskizzen gebunden, die dem Programm zur Auseinandersetzung über die geforderten Räum- lickkeiten beigegeben waren und die bekanntlich auch dos Tempel- faffadenmotiv aufwiesen, das, wie seit Sempers Dresdener Opernhaus bekannt sein müßte, für solche Zwecke mit bestem aesthetiichen Nutzen vermieden werden kann. Waren diesen Künstlern dermaßen in den ersten Wettbewerben die Hände gebunden, so sind sie natürlich gegen die jetzigen Wettbewerber im Nachteil, denen keine derartige Programmilizze ihre Marschroute anweist. Daß sie sich, ohne ein- geladen zu sein, noch einmal a»f gut Glück beteiligen, wird wohl schwerlich jemand annehmen. Oder ist man bei der Ausschreibung dieses dritten OpernhauSwettbewerbeS überhaupt der Ansicht ge- wesen, es werde ja nichts Brauchbares mehr herauskommen, aber der öffentlichen Meinung müsse man nun einmal nachgeben und könne ja später in der beliebten Weise mit Herübernahme etwa auf- tauchender beachtenswerter Ideen auf das Ergebnis der ersten Wett- bewerbe zurückgreifen? WaS Paris für Amüsement anSgitt. Paris hat vier Theater (Comedie francaise, Odeon, Opera und Opera Comique), die vom Staate mit Geld unterstützt werden, und vier gewöhnliche Theater. zu denen der Cbaielet, Gymnase, Gaite und Palais Royal zählen, die leine Unterstützung erhalten. Außerdem gibt es zwölf große kineinatographische Tbeater. 38 Konzertcofö«, 8 Musikhallen, zehn Scating-rinks. Velodrome und Zirkusse, einschließlich der riesigen amerikanischen Vergnügungspatks: Magic City und Luna Park: sechs fortdauernde Bälle oder Tanzsäle einschließlich des Bal Tabarin. Bullier und Mouiin Rouge: und endlich drei klassische Konzerte, nämlich das Konzert Lamoureaux, Colonne und Conserva- toire— alles zusammen 121 BergnügungSorte.. Nach den, Bericht der städtischen Verwaltung für 1911 stellen sich die gesamten Einnahmen dieser verschiedenen Gruppen von Theatern uiw. so dar: Die vier subventionierten Tbeater verdienten 7 557 782 M.: 46 Theater der Gaite-Klasie 18 154 636 M.: KintippS 2164 388 M.; Mnieen und Ausstellungen 493 444 M.: Cafö-Konzerte 5 323 668 M.; Musikhallen 5 465 628 M.: Scating-rink«, Zirkuffe usw. 3 361 148 M.; Tanzsäle 758 856 M.; Konzerte 457 492 M.: verschiedene andere Konzerte 1 823 884 M. Das sind zusammen 45 564 666 M. Für die Unterstützung der Armen verlangt der Magistrat eine gleichmäßige Taxe von 16 Proz. der Bruttoeinnahme der gewöhn- lichen Theater und täglichen Konzerle.und 25 Proz. der Elimahme der Bälle. Pferderennen und einiger anderer Amüsements: dagegen nimmt er n»r 5 Proz. für die von Künstlern oder musikalischen Vereinen veranstalteten Konzerte. Arbeiter um die Anerkennung ihrer Organisation kämpfen. Mit vollem Erfolg endeten 98, mit teilweisem Erfolg 23 und ohne Erfolg 35 Streiks. Aussperrungen nahmen die Unternehmer in 27 Fällen vor. Sie erstreckten sich auf 781 Betriebe und 33 332 männliche und 6140 weibliche Beteiligte. Die Ursache der Aussperrungen war in 13 Fällen die Stellung von Forderungen der Arbeiter, in 13 Fällen Streiks, in 2 Fällen die Verweigerung verschlechterter Arbeitsbedin- gungen und in 5 Fällen die Maiseier. Bei den Aussperrungen hatten die Unternehmer nur in 4 Fällen Erfolg, während 13 Fälle mit einem vollen und 6 Fälle mit einem teilweisen Siege der Ar- deiter endeten. Für die wachsende Macht und den steigenden Einfluß der Ge- werkschaften spricht die große Zahl derjenigen Lohnbewegungen, wo es gelang, ohne Kampf Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Die Zahl der kampflosen Lohnbewegungen ist be- deutend größer als die Zahl der Streiks und Aussperrungen zu- sammen. An solchen Lohnbewegungen ohne Kampf waren 36 Ge- werkschaften beteiligt in 376 Fällen, die sich in 3995 Betrieben ab- spielten und auf 48 867 Arbeiter und 13 892 Arbeiterinnen er- streckten. Diese Bewegungen brachten mit wenigen Ausnahmen die gewünschten Erfolge in Gestalt von Lohnerhöhungen und Vev- kürzung der Arbeitszeit. Insgesamt waren an den Lohnbewegungen mit und ohne Streik 174 615 Personen beteiligt. Rechnet man den in dieser Zahl ent- haltenen geringen Teil von Unorganisierten ab, so ergibt sich, daß etwa die Hälfte aller Berliner Gewerkschaftsmitglieder an Lohnbewegungen, und zwar größtenteils mit Erfolg beteiligt waren,. Die Gewerkschaften sind also in der Erfüllung ihrer Hauptaufgabe: Ver- besserung der Lohne und Arbeitsbedingungen, nicht lässig gewesen. Sie haben außerdem durch die Pflege des UnterstützungswesenS manche Not gelindert, die durch das kapitalistische System unauS- gesetzt über Me Arbeiter gebracht wird. So haben sich die Gewerk- schaften als ein stacker Hort der Arbeiter bewährt. Sie werden ihre Aufgaben um so besser erfüllen, je mehr der Gedanke der Solida» rität in den Reihen der leider noch so großen Zahl von Jndiffe- renten Platz greist. � � Eine Einrichtung der Berliner Gewerkschaften: DaS Arbeitersckretariat. gibt in der vorliegenden Broschüre gleichfalls den Jahresbericht über seine Tätigkeit, die sich in der Hauptsache auf Rat und Rechtshilfe in Sachen der Ardeiterversicherung erstreckt. DaS Sekretariat wurde im Jahre 1911 von 25 694 Ratsuchenden in Anspruch genommen, denen in 26 733 Fällen Auskunft erteilt wurde. Von den Ratsuchen. den(22 661 männliche und 2869 weibliche Personen) gehörten 23 944 den gewerkschaftlichen Verbänden an. DaS Sekretariat fertigte im Interesse der Ratsuchenden 5347 Schriftsätze an. Davon betrafen die Ardeiterverficherung 3816, den Arbeits- und Dienst- vertrag 121, das bürgerliche Recht 299. das Strafrecht, Steuersachen und anderes 1126. Von den erteilten Auskünsten betrafen die meisten, nämlich 13 939 die Unfallversicherung. Dann folgen mit erheblich geringeren Zahlen die Invaliden- und Krankenversiche- rung. Insgesamt wurden für da? Gebiet der Arbeiterversicherung 19 838 Auskünste erteilt. Persönliche Vertretung in Terminen übernahm das Sekretariat in 490 Fällen und zwar in den Schieds- gerichten für Arbeiterversicherung in 166, beim ReichSversicherungs- amt in 364, bei Gewerbe- und Kaufmannsgerichten in 16, bei Amts- gerichten in 61, bei den unteren Verwaltungsbehörden der Arbeiter- Versicherung in 9 Fällen. Von 739 Rechtsstreitfällen, deren Aus- gang dem Sekretariat bekannt.wurde, waren 565 erfolgreich für. die klagende» Arbeiter, wahrend 174 Fälle keinen Erfolg brachten. > ms flllgemeiner Deutscher Fürsorge- €rz)el)ungstag. Dresden, 26. Juni 1912.(Telegraphischer Bericht.� Zweiter Tag. In der heustgen Sitzung sprach der neue Geschäftsführer Bafkor Friedrich-Strausberg über: Presse und Fllrforg«!erziehung. Die Information der Presse über Fürsorgefragen und die Be- richtigung von unrichtigen Nachrichten und Kritiken befindet sich erst in den Anfängen. In den Vorbesprechungen hierzu wurde be- Das Gesamteinkommen der Stadt aus diesen Steuern beläuft sich auf 4 906 652 M. Die hier bezifferten Riesenbeträge ragen weit über die Ein- nahmen in den WeltauSstellungSjahren von 1873, 1889 und 1966 hinaus. Humor und Satire. Heiliger Baedeker!»Junge, wo ist denn hier euer be- rühmtet schöner Blick mit dem Wassersall?" ..Den gibt's nich mehr, den hat ein Photograph für seinen Kientopp mitgenommen." � „Wie weit ist'S wohl noch nach Krötendorf ..Wird wohl so a zwölf Kilometer sein." .Ach Gott, ach Gott 1" ..Nacha, wanns Ihnen zu weit iS, fragenS den HiaSl-Sepp dort um die Eck, der laßt'S Ihnen um vier Kilometer billiger." („Lustige Blätter'.) Gymnasialprofessor(im Hessischen) zu einem Schüler, der sich bei der Revision eines Lehrbuchs mit einer anderen Aus- gäbe entschuldigt: .Sie habbe nit zu habbe, was Sie habve. Sie habve zu habbe, was Sie zu habbe habbe.'_ Stottzen. — Das Märkische Wandertheater wird im kommenden Winter in einer Anzahl hannoverscher Städte Gastspiele veranstalten. — Der Klub Berliner Karikaturisten gibt diesen Sonnabend im Spreezelt 3 ein Sommerfest, das in einer Verulkung der sogenannten„Futuristen" oder Zukunftsmaler gipfeln wird. Ein von den Klubisten begonnenes Kolossalgemälde soll durch die Fest- besuchet fertiggepinselt und hernach in einer„seriösen Ausstellung' hierorts gezeigt werden— zum warnenden Exempel hoffentlich für alle Klexer und Klexerinnen. — Gegen die Freigabe des„Parsifal', dessen 36jährige Schutzfrist mit dem Jahre 1913 abläuft, bereiten die „Jntimen' des Hause« Waauer eiueu„Protest des ganzen deutschen Volkes" vor. Im Interesse eben diese? Volkes— nicht plutokra- tischet Genüßliiige I— wünschen und erwarten wir, daß weder für den„Parsifal" noch irgend ein anderes Kunstwerk Sondergesetze zu- stände kommen I — Als„Schlüssel stück' aus dem Bayreuther Wagnerkreis entpuppte sich eine Komödie.Die heilige Sache' von Felix Dörmann und Hans Fuchs, weshalb deren Auffuhrung in München polizeilich verboten wurde. Man ist ja in Villa Wahnfried immer überempfindlich. Indes— Pamphlete sind keine Kunst» erzeugniffe. — Die Epidemie d e r„ H e i m a t sp i e I e' hat es schon zu einer„Monatsschrift für Naturtheater und BolkSspiele" gebracht. Sie will„alle ideellen und wirtschaftlichen Bestrebungen der Natur- bllhne. der Heimatwerke und Bolksspiele vereinigen und fördern'. Na also i schlösse!», Süch Kä üeTtß ITfiS Sie sSzwIVeRokü'atische Presse 5Rif solchen Informationen zu versorgen. In der Presse, die sonst von Humanität geradezu triest, wird vielfach ein unerträglicher Miß. brauch damit getrieben, den Namen der Fürsvrgezöglinge mit den Eigennamen der Betreffenden in Verbindung zu bringen. Sollte da nicht zum Schutz der in hämischer Msicht Angegriffenen mit dem Beleidigungsparagraphen etwas zu machen sein? Auch unser Vor- sitzender Pastor Seiffert wird oft angegriffen, er wirkt auf gewisse Zeitungen wie das rote Tuch. Ich werde mir überlegen, ob sich nicht dagegen etwas tun läßt. Dagegen werden die wohltätigen Einrichtungen der Fürsorgeanstalten in der Presse fast gar nicht bekannt gegeben. Gegen solche Leute, die die Grundsätze der Für- forgeerziehung leugnen, kann nicht gestritten werden. Wir haben sämtliche Kultusministerien ersucht, die öffentliche Meinung zu- gunsten der Fürsorgeerziehung zu belehren, und wir versenden auch selbst entsprechende Artikel. Es fehlt vielfach aber noch an Ver- ständnis. So ist es vorgekommen, daß kleinere Blätter unseren Aufruf zu diesem Kongreß hier in Dresden zwar gebracht, aber dabei den Wunsch ausgesprochen haben, wir möchten sie doch auch an dem Ertrag unserer Veranstaltungen durch Inserate beteiligen. Vorsitzender Pastor S e i f f e r t- Strausberg betont die Not- wendigkeit, auch mit der Presse stets im freundlichen Verhältnis zu bleiben, was vielleicht dadurch zu erreichen sein wird, daß in den Orten, wo Fürsorgeanstalten bestehen, die Presse zu ihrer Besichti- gung aufgefordert und mit den Einrichtungen bekannt gemacht wird. Hierauf sprach Dr. Petersen. Direktor der öffentlichen Jugendfürsorge in Hamburg über: ..DaS Recht des Kindes auf Erziehung und dessen Verwirklichung." Redner ging von der Darlegung aus, daß, obgleich eine ganze Anzahl gesetzlicher Bestimmungen über die Erziehung des Kindes bestehen, dennoch eine lückenlose Fürsorge für alle Jugendliche, denen die erforderliche Erziehung seitens der berufenen Erzieher nicht zu- teil wird, auch durch die öffentlichen Organe noch nicht überall stattfindet. DaS Kind hat zwar privatrechtlich einen Anspruch auf Erziehung gegenüber seinen Eltern oder Vormündern— es gibt Vorschriften, die diesen Anspruch verwirklichen sollen— doch sind sie nicht ausreichend. Dies liegt teils an den Mängeln der Gesetz- gebung. Die öffentlich rechtliche Erziehung, sowohl die seitens/ der Ärmenverwaltungen im Falle der armenrechtlichen Hilfsbedürftig- keit gebotene als die im Fall der Verwahrlosung oder drohenden Verwahrlosung eintretende Zwangs- oder Fürsorgeerziehung, ist landesrechtlich geregelt. Die Gesetze der einzelnen Bundesstaaten sind untereinander erheblich verschieden. Nicht in allen Ländern sind die Gesetze so beschaffen, daß immer, wenn an stelle der elter- tichen Erziehung eine Ersatzerziehung eintreten sollte, eine solche wirklich einträte, in dem entweder die Formulierung der Gesetze zu wünschen übrig läßt oder die Ausführung der Ersatzerziehung in den Händen von Körperschaften liegt, die dieser Aufgabe nicht ge- wachsen sind. Namentlich die Unzulänglichkeit ländlicher Armen- Verwaltungen in der Kinderfürsorge legt Redner eingehend dar, ebenso die Lücken in der FürsorgeerziehungS-Gesetzgebung. Sodann zeigte Dr. Petersen den Umschwung der Auffassungen, der im letzten Jahrzehnt auf diesem Gebiete eingetreten ist. Ursprünglich war die Kinderpflege vorwiegend aus religiösen und Humanitären Motiven heraus Hetrieben. Das Mitleid mit dem einzelnen Kinde war der Beweggrund der Fürsorge. Allmählich ist erkannt worden, daß die Ersatzerzichung auch eine sozialpolitische Aufgabe ersten Ranges ist, die von höchster Bedeutung für die Zukunft des ganzen Volkes ist. Seitdem ist sie mehr und mehr zu einer öffentlichen Aufgabe ge- worden, die nur mit öffentlichen Mitteln uno durch Körperschaften öffentlichen Rechts erfolgreich gelöst werden kann. Es muß aber angestrebt werden, allen Kindern, die der Ersatzerziehung bedürfen, sie zu verschaffen. DaS ist nur möglich, wenn diese Frage reichs- gesetzlich geregelt wird. Ein zu schaffendes Reichsgesetz sollte ausgehen von einem öffentlich rechtlichen Anspruch deS Kindes auf Erziehung. ES müßt« die materiellen Voraus- setzungen in der Armenpflsge und in der Zwangserziehung einheit- liH] festsetzen, ferner, das System der Zwangserziehung exgänzew durch Aufnahme der staatlich überwachten Erziehung, die auch der Vorentwurf zum Strafgesetzbuch fordert. Notwendig ist ferner eine einheitliche Regelung der örtlichen Zuständigkeit und anderer for- maler Voraussetzungen, insbesondere Ausdehnung des Beschwerde- rechts über die Landesgrenzen hinaus. Die Ausführung der Ersatz- erziehung soll nur wirklich leistungsfähigen Verbänden übertragen werden. Es sind Erziehungsämter zu bilden, die sich eine die Er- ziehung überwachende Organisation zu schaffen haben. Den Er- ziehungSämtern bezw. ihren Organen sind Befugnisse zu geben, die ihre Tätigkeit wirklich wirksam machen, Beschwerderecht gegen Armenverbände und Vormundschaftsgerichte, aber auch ZwangS- mittel gegen renitente Eltern und Vormünder. Diese Erzichungs- behörden sollten vor allem systematisch vorgehen und dahinstreben, rechtzeitig alle Fälle drohender Verwahrlosung und überhaupt man- gelhafter Erziehung zu erfassen. Wenn ein Reichsgesetz diese all- gemeinen Vorschriften enthielte, könnten die Einzelheiten der Aus- führung der Landesgesetzgebung überlassen bleiben. Redner legt dem Kongreß folgende Resolution vor: «Der Allgemeine Fürsorgeerziehungstag beschließt unter Bezugnahme auf die Verhandlungen über den Anspruch des Kindes auf Erziehung und dessen Verwirklichung, den Herrn Reichskanzler zu bitten, eine Kommission zu berufen, der die Aufgabe gestellt wird, den Vorentwurf zu einem Reichsgesetz über die Ersatzerziehung zu beraten und diesen dem Herr» Reichskanzler vorzulegen. Der Allgemeine Fürsorgeerziehungs- tag hält es für notwendig, daß in diese Kommission außer Ver- waltungSbeamten und� Richtern auch einige in der Fürsorge- erziehung erfahrene Pädagogen und Mediziner berufen werden." In der Diskussion führte Stadtrat K ö h l e r» Leipzig aus: Die vom Referenten begründete Forderung eines Rcichsgcsetzes für Ersatzerziehung und Erzichungsaufsicht dürfte auf große Schwierigkeiten stoßen, weil die Bundesstaaten ihre Fürsorgegcsctz- gebung so gut wie abgeschlossen haben. Privatrechtlich hat das Kind gewiß ein Recht auf Erziehung, aber ein solcher Anspruch gegenüber dem Staat ist mindestens sehr zweifelhaft. Er findet seine Grenzen an der Zweckmäßigkeit, die bei unverbesserlichen Kindern nicht besteht. Mehr als bisher müssen wir daL erziehe- rifche Moment betonen. AmtSgerichtSrat Köhne» Berlin wendet sich gegen die vom Referenten befürwortete Ausschließung der VormnndschaftSgerichte von der Fürsorgetätigkeit. Wir haben jetzt schon manche gceig- neten Richter, und die Aufgabe bildet ihre Männer. Wo die Er- ziehungsvflicht der Behörde auferlegt wird, steht ihr allerdings kein Recht auf Erziehung gegenüber, wohl aber dort, wo diese Pflicht im Bürgerlichen Gesetzbuch dem Vater auferlegt ist. Die soziale Fürsorgeerziehung ist schon im 15. Jahrhundert in der Nürnberger Dettelordnung und im Augsburger Reichstag sabschied von 15NN ausgesprochen. Dort wird schon gesagt, daß ungechg- neten Eltern die der Verwahrlosung ausgesetzten Kinder fort- genommen.werden können. ES ist nicht in jedem Falle der Ver- Wahrlosung gleich mit der Fürsorgeerziehung drcinzuschlagen. Auch die Erhutzaufsicht kann bedeutende Erfolge erzielen, wenn, wie ich es mache, den Eltern gesagt wird, daß sie die Anweisungen dessen, der die Schutzaufsicht führt, nicht unbedingt befolgen müssen, wenn sie sie für unrichtig halten, sondern daß sie sich an den Vormund- schaftsrichter wenden können.- Gleichzeitig muß aber den Eltern gesagt werden, daß, wenn sie die' Ratschläge aus Torheit miß- achten und absichtlich nicht befolgen, man ihnen wegen Pflichtver- säumnis die Kindererziehung wegnehmen werde. Wer mit Per- sonen und Dingen Besrfrid weiß, für den ist es in Berlin stets mralich, solche Kinder unterzubringen. Denn wir haben eine reich gegliederte Charitas und viele reiche Leute, die bereit sind, für eine solche Schutzaufsicht Geld herzugeben. Auch auf dem Lande soll das Fürsorgegcsetz die private Charitas nicht erschlagen, son- dern auch dort müssen Familien gesucht werden, die solche Kinder um Gottcswillen aufnehmen. Uno das wird gelingen, wenn nur Pfarrer und Lehrer fleißig dahinter sind. Bei mir gibt es keinen Fürsorgebeschluß ohne vorherige vorläufige Unterbringung. Aber wenn eine Fürsorgeerziehung nötig erscheint, darf der Beschlutz nicht erst nach Monatest gefaßt Eerdest, söstTtzkst e? tstüß fhögsich sein, ihn schon binnen zwei bis drei Tagen zu fassen. Wenn in Preußen die vorläufige Unterbringung nicht zur Fürsorge führt, bleiben die Kosten dem Fiskus, und der kann diese geringen Kosten schon bestreiten. Allerdings ist dies nicht in allen deutschen Bundesstaaten der Fall. Die Zuftänöigkeitsfragen sind bei allen behördlichen Fragen am unangenehmsten deshalb, weil sie nur überflüssige Schreibereien schaffen. Wenn bei mir jemand seine Zuständigkeit verneint, dann bejahe ich deshalb doch meine Zu- ständigkeit. Von der Resolution kann ich einen praktischen Erfolg nicht erwarten, dagegen wächst die Stimmung für ein deutsches Jugendgerichtsgesetz immer mehr, und daher wird es vielleicht möglich sein, die Grundgesetze eines Reichsfürsorgegesetzes mit hineinzuarbeiten. Die Fürsorgedame im Berliner Polizeipräsidium, Fräulein D i t t m a n n, erklärte, daß ihr sämtliche Fälle von gefährdeten Jugendlichen vorgelegt werden, die zunächst in Schutzaufsicht ge- nommen werden sollen. Zu diesem Zwecke stehe sie mit sämtlichen Berliner Fürsorgevereinen und solchen Familien, die Kinder in Schutzaufsicht nehmen, in ständiger Verbindung. Sie empfehle solche Einrichtung überall zur Nachahmung und sei zur Erteilung von Ratschlägen gern bereit.— Direktor Sellschop- Rostock stimmt dem Referenten in der Forderung eines Neichsgesetzes völlig zu.— Domkapitular Bartels- Paderborn: Wenn die Forderung eines Reichsgesetzes angenommen wird, könnte der preußische Landtag die von uns gewünschten Ergänzungsfürsorge- gesetze hinausschieben. Es läßt sich nicht leugnen, daß unser heutiges preußisches Fürsovgegesetz gute Erfolge gehabt hat. Aus der Forderung eines Reichsgesetzes könnte man aber das Gegen- teil herauslesen. Ich schlage vor, die Resolution unserer juristi- schen Kommission zur weiteren Beratung sowie zur Äskussion in den angeschlossenen Organisationen zu überweisen. Amtsrichter Dr. R e i n- Lübeck beklagt, daß in der Probinz die Armenverwaltungen für erziehliche Aufgaben keine Aufwen- düngen machen. Es können aber nicht alle den Armenvcrwal- tungen unterstehenden Kinder, selbst wenn es erforderlich wäre, in Fürsorgeerziehung gebracht werden. Hier wäre die Fürsorge- erziehung auch ein viel zu scharfer Eingriff. Eine nützliche Tätigkeit könnten die Gemeindewaiscnräte entfalten. Es müßten ihnen aber gut besoldete Beamte und die nötigen Rechte beigegeben werden. Geh. Landesrat Schmidt- Düsseldorf betont gegenüber Amtsgerichtsrat Köhne, daß die Kosten für die Fürsorgeerziehung überall da, wo die Polizei nicht staatlich ist, der Gemeinde zur Last fallen, weshalb sich die Gemeinden es oft sehr überlegen, Anträge auf Fürsorgeerziehung zu stellen. Wir müssen alles vermeiden, was die zahlreichen und starken Gegner jeder Erweiterung des preußi- schen Fürsorgegesetzes noch stärker machen könnte. Deshalb bin ich gegen die Resolution. In bezug auf die Unterbringung derjenigen, die unter Schutzaufsicht gestellt werden sollen, scheint Herr Köhne allein in so glücklicher Lage zu sein. Aus seinen Ausführungen klang so etwas wie eine nicht allzu große Freundschaft für das preußische Fürsorgegesetz.(Amtsgerichtsrat Köhne verneint ent- schieden.) Dieses Gesetz hat sich aber durchaus bewährt. Wenn jedes Vormundschaftsgericht eine eigene Fürsorge stellen wird, dann ersticken wir schließlich vor lauter Behörden. Nur die Provinzial- leitung ist geeignet zu erfolgreicher Leitung der Fürsorgeerziehung, denn ,hr stehen alle Mittel und Anstalten zur Verfügung. Direktor Pastor Ro t h- Groß-Rosen polemisiert gleichfalls gegen Amtsgerichtsrat Köhne. Die Forderung eines öffentlichen Rechtsanspruchs auf Erziehung kann zu unerfreulichen Konfeguen- zen führen; sie kann das Pflichtbewußtsein und das Verantwortlich- keitsgesühl der Jugendlichen vermindern, wie das jetzt schon die soziale Gesetzgebung im Volke tut. Wie soll es dann werden, wenn im Strafprozeß künftig der Angeklagte erklärt, er babe die not- wendige Erziehung, auf die er Anspruch habe, nicht erhalten? Soll da der Staat inkonsequent werden und den Anspruch darauf be- streiten, oder soll er eine solche Behauptung anerkennen durch Strafmilderung oder Straferlaß? In seinem Schlußwort erklärt Direktor P e t e r s e n- Ham- hurg: Es ist eine merkwürdige Anomalie, daß der Staat den An- spruch, den er an Eltern und Vormünder hat. nicht auch an die Gemeinden stellen soll. Eine Unfreundlichkeit gegen die Bormund- schaftsrichter lag mir durchaus fern. Aber nicht die Vormund- schaftsrichter, sondern die Landeshauptleute usw. sind die geeigneten Instanzen, um als Juristen gegenüber de» Technikern der Er. ziehung die Verantwortung für die Erziehung zu tragen. Wenn der Vormundschaftsrichter selbst die Zweckmäßigkeitsfrage ent- scheidet, so verliert das Kind dadurch eine Bcschwerdeinstanz. Un- abhängige Richter sind deshalb doch noch nicht unfehlbar. Die Zu- tändigkeitsschwierigkeiten können durch eine Neuformulierung des Gesetzes zwar nicht beseitigt, aber stark eingeschränkt werden. Das Jugcndgerichtsgesetz kann sich nur mit Personen beschäftigen, die schon einmal kriminell geworden sind. Vom Jugendgesetz wollen wir dock vorbeugende Maßregeln gegen das Kriminellwerden. Des- balb versprechen wir uns nicht viel von dem vom Amtsgerichtsrat Köhne gewiesenen Weg. Die Resolution wurde dem Rechtsausschuh de» Allgemeinen FllrsorgeerziehungStaqeS im Sinne de? Antrages Bartels zur weiteren Beratung zugewiesen. Zum Tagungsort des nächsten Für- sorgetageS im Jahre 1914 wurde Halle bestimmt. Der Widerspruch gegen eine reichsgesetzliche Regelung des Für- sorgewescns zeigt, wie viel notwendiger einer Reihe von Teil- nehmcrn vom Fürsorgeerziehungstag Aufklärung nottut, als der Presse, der die Tagung gütigst solche verschaffen will. Das Resultat des FürsorgcerzichungstagcS ist ein recht dürftiges. Wie ein roter Faden durshzog insbesondere am Sckluhtage die Ausführungen der Redner die bewcislos aufgestellte Behauptung: Seht, wie viel Gutes die preußische Fürsorgeerziehung geleistet hatl Diese phari- säische Selbstbcräucherung steht mit der Wirklichkeit in schroffstem Widerspruch. Wer sich auch nur der erschütternden Fälle aus Cokanders Blohmescher Wildnis ober aus Pastor Breithaupts Mielt- schin erinnert, muß zugestehen, daß leider unser Fürsorge- erzichungssystem in unendlich viel Fällen sich als völlig ungeeignet erwiesen hat, körperliche, geistige und sittliche Mängel zu heben, vielmehr geradezu verrohend und verwildernd gewirkt und das Menschliche im Menschen erstickt hat. Und dennoch auf dem Er- ziehungstag dies schleimige, süßliche, widerliche Selbstlobl Der Fürsorgetag hätte reichliche, überreichliche Schäden unseres Für- sorgesystems aufzudecken gehabt. Dadurch hätte er sich ein Verdienst erworben, nicht durch die Vertuschungssalbadereien. Die unab- hängige Presse wird, unbeirrt um vertuschende Informationen, die zum Himmel schreienden Mängel unseres Fürsorgewesens niedriger hängen: im Interesse der Allgemeinheit und vor allem im Interesse der armen schuldlosen Kinder. Der Nerbandstag der fiolwlieittr. Die gestrige Vormittagssitzung sicschäftigte sich forlgesetzt mit dem Punkt Unsere Lohnbewegung. Zunächst beendete N e u m a n n- Berlin sein bereits am Dienstagnachmittag begonnenes Referat, dem im allgemeinen folgendes zu entnehmen ist: Der Verbandsvorstand ist nicht der Ansicht, daß in der Tarif- bcwrgung des HolzarbciterverbandeS Erscheinungen sich gezeigt haben sollten, die zu irgendwelchen grundlegenden Aenderungen der seitherigen Taktik Veranlassung geben könnten, sondern ist vielmehr davon überzeugt, daß die auf früheren Verbandstagen festgelegten Grundsätze sich im allgemeinen bewährt haben. Davon zeugt auch der Erfolg der Tärifbcwegungen der letzten Jahre. Was den gegenwärtigen Stand der Tarifverträge des Holzarbeiterver- bandes anbetrifft, ist zu sagen, daß im ganzen S6s Verträge in 819 Orsen ifti! 115 594 BeschaftiglSA kiesteheff. Dtt großke Teil dieser Verträge ist nicht mit dem Arbeitgeberschutzverband, sondern mit anderen Arbeitgeberkorporationen oder einzelnen Firmen ab- geschlossen, jedoch umfassen die mit dem Arbeitgeberverband ab- geschlossenen 163 Verträge die größere Zahl der unter Tarif be- schäftigten Personen, nämlich 79 254.. Außerdem bestehen noch 139 Verträge für 19 200 Beschäftigte ohne festen Ablaufstermin, 60 Verträge, die stillschweigend weiterlaufen und für 2100 Be- schäftigte gelten, sowie 108 Verträge, mit dem Ablaufstermin von 1912, die noch nicht erneuert sind und sich auf 4996 Beschäftigte erstrecken, so daß die(Gesamtzahl der Tarifverträge des Holzarbeiter- Verbandes 960 ist, und die der unter Tarifverträgen beschäftigten Personen 132 800. Ueber die Beteiligung der verschiedenen Bran- chen an den Lohnbewegungen ergibt sich, daß in den beiden Berichtsjahren 1910 und 1911 zusammengerechnet die Tischler in 1470 Fällen beteiligt waren, die Drechsler in 420, die Bürsten- macher in 43, die Stellmacher in 174, die Korbmacher in 63 Fällen, die Korkschneider in einem Fall, die Vergolder in 51, die Maschinen- arbeiter in 715, Hilfsarbeiter in 248, verschiedene Arbeiter in 194, und Arbeiterinnen in 142 Fällen.— Der Redner äußert sich dann weiter über die Art und den Verlauf der Lohnbewegungen und Kämpfe der letzten Jahre und erklärt dabei unter anderem, es könne heute schon ausgesprochen werden, daß alle Verträge mit dem Arbeitgeberschutzverband, die bor deni Ablauf stehen, zum Jahre 1913 gekündigt werden. Zur Verständigung über die Lohn- bewegungen finden bekanntlich im Holzarbeiterverbande Städte- konferenzen statt, auf denen die Vertragsorte durch die am meisten erfahrenen und tüchtigsten Kollegen vertreten sind. Diese Konfe- renzen haben aber, wie der Redner hervorhebt, nicht nur den Zweck, das Verhalten der Mitglieder an den verschiedenen Orten zu regeln, sondern sie sollen auch über die grundlegende Taktik beraten. Es hat sich bisher, wenn auch natürlich Meinungsver- schiedenheiten hervortraten, immer wieder gezeigt, daß Einmütigkeit unter den Vertretern zustande kam, was ein Beweis für die starke Aktionsfähigkeit des Holzarbeiterverbandes ist. Die Verbandsmit» glieder haben gelernt, zusammenzuhalten, und dadurch sind unsere Errungenschaften möglich geworden. Der Redner weist im einzelnen nach, wie schwankend die Haltung der Unternehmerorganisation hinsichtlich der Verhandlungsgrundlagen ist und wie wenig Einfluß ihre Zentrale auf die einzelnen Bezirksverbände auszuüben ver- mag. Nachdem auf Wunsch des Schutzverbandes seinerzeit die Zentralkommission mit den Verhandlungen betraut wurde, erklärt man jetzt: So wie bisher können die Verhandlungen nicht geführt werden. Man verlangt jetzt auf jener Seite wieder einen un- parteiischen Verhandlungsleiter. Erst verlangte man ein Vertrags- muster als Grundlage für die Regelung der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse im ganzen Reiche, jetzt wirb unter den Arbeitgebern gegen den Mustervertrag gehetzt. In Liegnitz vermochte der Schutz- verband es nicht zu verhindern, daß seine Mitglieder während der Verhandlungen eine Aussperrung veranstalteten und sich nicht bewegen ließen, sie aufzuheben. Herr Rahardt legte damals den Vertretern des Holzarbcitcrverbandes einen Brief vor. als Beweis dafür, daß die Liegnitzer aus dem Schutzverband ausgeschlossen waren, aber als dann in Licgnitz örtliche Verhandlungen ange- knüpft wurden, zeigte es sich, daß dieser Ausschluß tatsächlich nicht erfolgt war. Auch bei der letzten � Tarifbewegung haben wir ge- sehen, daß verschiedene Bezirksverbände sich dem gefällten Schied?» spruch nicht fügten, und daß der Arbeitgeberschutzvcrband seinen Einfluß nicht so weit geltend machte, oder geltend machen konnte, den Schiedsspruch bei seinen Mitgliedern überall zur Anerkennung zu bringen. Erst durch den Einfluß des Holzarbeiterverbandes ist das dann gelungen. Allerdings ist es auch vorgekommen, daß in einzelnen Orten unsere Zahlstellen, während die zentralen Ver- Handlungen stattfanden, die Arbeit einstellten. Materieller Schaden ist daraus für unseren Verband nicht entstanden, aber eS muß mit aller Kraft dahin gewirkt werden, daß solche Disziplin- Widrigkeiten in Zukunft vermieden werden. Hinsichtlich des Ab- laustermins streben die Arbeitgeber bekanntlich nach einer Einheit- lichkeit für alle Verträge, wir aber müssen danach trachten, daß die bestehenden vier Gruppen beibehalten werden, und es hat sich auch. deutlich gezeigt, daß unsere Mitglieder� volles Verständnis für diese Auffassung haben. Die Verhältnisse liegen jetzt bei den Lohnbewegungen vielfach so, daß wir kaum noch um die Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu kämpfen haben. Was in dieser Hinsicht durchgesetzt werden muß und nach Lage der Verhältnisse im Gewerbe erreicht werden kann, das holen wir uns. Aber es ist durch die bisherigen Lohnbewegungen eine Situation geschaffen, bei der die Gegensätze auf prinzipiellem Gebiete liegen. ES handelt sich für die Arbeitgeber darum, ihre bevorrechtigte Stellung zu erhalten, in der sie sich durch die wachsenden Erfolge des Holz- arbeiterverbandes bedroht fühlen. In einem Kampf, bei dem es sich um diese Frage handelt, sind Kompromisse nicht mehr möglich, da mutz die eine oder die andere Partei unterliegen, und da gilt es für uns, tüchtige Kämpfer zu haben, die Organisation zu stärken durch weitere Aufklärung der Mitglieder. Die Ergeb- nisse der seitherigen Lohnbewegungen haben bei den Arbeitgebern viel Unzufriedenheit hervorgerufen, aber auch unter unseren Mit- gliedern tritt in dieser Hinsicht immer wieder Unzufriedenheit zu» tage. Sie wünschen immer wieder, daß mehr herausgeholt werden ollte. Manche Mitglieder erschöpfen ihre Kraft im Kritisieren, tatt die errungenen Vorteile zur Agitation für den Verband aus- zunutzen. Es gilt nun, unsere Taktik auf die große Vertrags- bewcgung einzurichten, vor der wir jetzt stehen und von der mehr abhängt, als manche Mitglieder denken. Dann erwarten wir noch mehr Disziplin von den Mitgliedern als bisher. Wir werden uns hier dafür aussprechen, daß die vor dem Ablauf stehenden Ver- träge gekündigt werden. Wir haben dann dafür zu sorgen, die Verträge weiter auszubauen, damit wir nicht nur zu Verträgen, sondern auch zu guten Verträgen kommen.— Nachdem der Redner noch weiter auf die Grundsätze eingegangen war, die für die be- vorstehende Tarifbewcgung maßgebend sein sollen, schloß er seinen vierstündigen Vortrag mit den Worten: Wenn, wie eS ganz den Anschein hat, wieder Stürme über uns hereinbrechen, das Unter- nehmertum sich in neuen Machtkämpfen auf uns stürzt, dann ist es notwendig, daß die gesamte Kollegenschaft wie ein Mann hinter der Verbandsleitung steht und unsere Organisation sich wiederum als das feste unerschütterliche Bollwerk erweist.--- Der Vortrag fand lebhafte Zustimmung. Hierauf berichtete Leopold- Berlin über die Stellungnahme der Statutenberatungskommission zu den Anträgen, die sich auf die Lohnbewegung beziehen. Es folgt eine sehr rege Diskussion, in der die Vertreter aus den verschiedenen Orten ihrer Meinung über die Lohnbewegung Ausdruck geben, Anträge begründen und besondere Wünsche vortragen. Im allgemeinen zeigt eS sich, daß man mit den Ausführungen deS Referenten durchaus einverstanden ist und auck, über die Vcrtragspolitik des Vorstandes keine Meinungsverschiedenheit herrscht. Wiederholt wurde in der Diskussion betont, daß Kenn auf feiten der Arbeiter hier und da in der Tarifbewrgung Disziplin- brüche vorgekommen sind, diese meist von den Arbeitgebern provo- ziert wurden. An die Tarifverhandlungen knüpften die Dis- kussionsrcdncr verschiedene Forderungen. Wvnn man auch allgemein von der Notwendigkeit zentraler Verhandlungen überzeugt war, protestierten doch mehere Delegierte gegen die Versuche der Arbeitgeber, die örtlichen Vertreter bei den Tarifverhandlungen mehr und mehr auszuschalten.— Es kommt bekanntlich nicht selten vor, daß Mitglieder des Holzarbeiterverbandes an Lohnbewegungen beteiligt sind, die vom Metallarbeiterverband geführt werden, und in dieser Hinsicht klagten mehrere Delegierte darüber, daß dieser Verband die Organisation der Holzarbeiter nicht früh genug in Kenntnis setze, wodurch eine erfolgreiche Durchführung solcher Be- wegung erschwert werde. Im allgemeinen zeugte der Verlauf der Diskussion dafür, daß man allerorts bereit und entschlossen ist, die bevorstehende Lohnbewegung einmütig und in vollem Einver- ständnis und nach reiflicher Ueberlegung mit dem Hauptvorstand und den übrigen maßgebenden Körperschaften des Verbandes euer» gisch durchzuführen.— Von den zu diesem Punkt der Tagesordnung torliegenden Anirägen wird ein Anlrag Breslau, tei Lo�tt- bewegungen der großen Städte die Vororte nach Möglichkeit ein- zubeziehen, dem Vorstand zur Berücksichtigung überwiesen; ebenso zwei Anträge Leipzig und Hannover, eine Zusammenstellung der wichtigsten Entscheidungen der beiderseitigen Hauptvorstände sowie der zentralen Schlichtungskommission über Auslegung der Verträge als Broschüre herauszugeben und allen Verbands- funktionärcn zuzustellen oder, wie Hannover beantragt hatte, diese Entscheidungen im Jahrbuch zu veröffentlichen oder sie auf andere Weise den Ortsverwaltungen zugänglich zu machen. Angenommen wurden mit kleinen Abänderungen ein An- trag Bremen, der besagt, daß bei künftigen Tarifabschlüssen be- sonoerer Wert auf die Entlohnung der ungelernten Arbeiter in den Betrieben zu legen ist, um damit zu erreichen, daß diese Löhne den Wert der gelernten Arbeitskraft nicht verringern, und ein Antrag Stuttgart, bei künftigen Vertragsabschlüssen die Forderung zu erheben: Etwaige Akkordtarife bilden einen Teil des Arbeitsvertrages und sind deshalb in den Werkstätten sichtbar auszuhängen. Außerdem wurde im Sinne.eines Berliner Antrages beschlossen: „Beim Abschluß von Tarifverträgen für solche Orte oder Firmen, die in größerem Maße in anderen Orten Arbeit aus- führen lassen, ist darauf hinzuwirken, daß der Bedarf an Arbeits- kräften am Montageort durcb den von unseren Kollegen an- erkannten Arbeitsnachweis gedeckt wird." Es kommt sodann die Frage zur Beratung, ob und in welcher Form die leistungsfähigeren Zahlstellen des Verbandes zu einem höheren Beitrag an die Hauptkasse als SV Pf. herangezogen werden sollen. Die höhere Beitragsleistung ist den betreffenden Zahl- stellen als moralische Verpflichtung schon durch den Münchener Vcrbandstag auferlegt worden. Es liegen nun drei Anträge, vom Gautag Dresden, von München und Leipzig vor, wonach in der einen oder anderen Form die Pflicht zu höherer Beitragsleistung an die Hauptkasse grundsätzlich oder statutarisch festgelegt werden soll.— Mit den Anträgen hat sich bereits die Statutenberatungs- kommission beschäftigt, und über das Ergebnis berichtet Leopold- Berlin. Es folgt eine rege Diskussion. Sie soll in der heutigen Sitzung fortgesetzt werden. 6. Etukralversümmlung des Ittitralverbaudes der Kildhauer Deutschlands. München, 25. Juni 1912. Die sehr ausgedehnte Debatte über den Geschäftsbericht wurde auch noch am Dienstag fortgesetzt. Sie drehte sich in der Hauptsache um die Arbeitsnachweisfrage. Mi e s bach- Berlin wünscht einen prompteren Verkehr zwischen den einzelnen Ortsvcrwaltungen und der Zentralarbcits- nachwcisstelle in Berlin. Daß manche Stellen nicht besetzt werden können, sei auf das Konto einiger Verwalter zu setzen, die das Angebot oft 8 Tage liegen lassen. Wenn die verlangten Kräfte am Orte nicht vorhanden sind, soll sofort die Zentralstelle telcgraphisch verständigt werden. Wenn es gilt, arbeitslosen Kollegen Arbeit zu verschaffen, dürfen solche Kosten nicht gescheut werden. H e tz e l- Stuttgart meint, daß gerade durch die städtischen Arbeitsnachivcise die miserabelsten Stellen vermittelt werden. Aus diesem Grunde sei es bedauerlich, daß einige Verwaltungsstellen die eigenen Arbeitsnachtvcise zugunsten der städtischen paritätischen Arbeitsnachweise aufgegeben und dadurch jede Kontrolle aus der Hand gegeben haben. Das bedeute für die Bildhauer eine Gefahr. Man sollte keine so großen Hoffnungen auf die ange- strebten kommunalen Arbeitslosenversicherungen richten. Die Voraussetzung zum Bezug der Unterstützung sei an einen einjährigen Aufenthalt im Stadtgebiet gebunden, dadurch werde es den Kollegen schwer gemacht, auswärts Arbeit anzu- nehnien. In Straßburg, Mülhausen i. E., Freiburg i. Br. und Schöneherg ist die kommunale Arbeitslosenunterstützung nach dem Genter System bereits eingeführt, in Stuttgart und anderen Städten beschäftige man sich zurzeit mit dieser Frage. In ein- zelncn dieser Ortsvcrwaltungen sei alles darauf zugeschnitten, um die Paar Pfennige Arbeitslosenunterstützung zu erhalten. Für ein derartiges Linsengericht sollen wir unsere selbständige Stellender- mittlung nicht preisgeben. Da weitere Stadwerwaltungen viel- leicht in den nächsten Jahren ebenfalls die kommunale Arbeits- loscnuntcrstiitzung einführen dürften, sei es notwendig, diese Neu- erscheinung im Auge zu behalten und allen Wert auf die selb- ständige Stcllcnvermitlung der Organisation zu legen. D u p o n t stellt fest, daß das Gcnter System in der kommu- nalcn Arbeitsloscnfürsorge die Mitwirkung der Gewerkschaften nicht ausschließt. Ohne einen paritätischen gemeindlichen Arbeits- Nachweis sei das Gcnter System nicht durchzuführen. Ob es rich- tiger ist, die eigentliche Arbeitsvermittlung dem städtischen Arbeits- Nachweis anziigliedern und dadurch den Mitgliedern die kommu- nale Arbeitslosenfürsorge zu sichern oder ob die Arbeitsnachweise selbständig weiterzuführen seien, sei eine Frage, die von Fall zu Fall entschieden werden müsse. M i e s ba ch- Berlin ineint, es könne keine Rede sein, daß wir uns in der Frage der kommunalen Arbeitslosenversicherung ab- lehnend verhalten können. Wenn allerdings die kommunalen pari- tätischcn Arbeitsnachweise zu Streikbrechervermittlungsbureaus ausarten, so haben wir dies nicht mitzumachen. Die Gewerk- schaften müssen ihre wirtschaftliche Macht auch bei der Regelung der Arbeitsvermittlung geltend machen. In Schöneberg sei die kom- munale Arbeitslosenunterstützung nach dem Genter System eben- falls eingeführt. Das Verlangen, die eigene Stellenvermittlung zu- gunsten des paritätischen Arbeitsnachweises aufzulösen, wurde von den Bildhauern und noch einigen Gewerkschaftern abgelehnt. Die hierfür vorgebrachten Gründe hat man hier gewürdigt. Die Ar- bcitsvcrmittlung fei besonders für jene Orte sehr wichtig, wo die Ueberstundenwirtschaft an der Tagesordnung ist. U m b r e i t Zu der Schaffung eines Beirats bemerkt Simon, daß es am besten sei, die VerbandStagSdelegierten immer auf zwei Jahne als gewählt zu betrachten, um sie schnell zusammenzubcrufen. im übrigen habe man ja die Gau- und Orts- bcamten. Sekretär W e i ck e r s- Nürnberg macht den Vorschlag, die Frage der Anstellungsverträge und der politischen Betätigung dem nächsten Verbandstag zur Regelung zu übertragen. Die Debatte dreht sich auch im Verlauf der Nachmittagssttzung noch um den Geschäftsbericht und eine ganze Anzahl Redner ver- breiten sich über die schwebenden Fragen, ohne jedoch neuere Ge- sichtspunkte zu bringen. Der im vorigen Jahre fällig gewordene 53. Wochenbeitrag ruft ebenfalls eine Anzahl Redner auf den Plan, die über die Berechtigung dieser Maßregel verschiedener Meinung sind. Die Debatte über den Geschäftsbericht ist noch nicht beendet. Soziales. Ein Arbeiteruntcrnehme». Mit unheimlicher Wucht ließ die berühmte Wirtschaftspolitik der Ritter und Heiligen die Geißel der Not und Entbehrung auf die Tabakarbciter niedersaufen. Jede Finanzreform brachte das widerwärtige Schauspiel einer trutziglichen Weigerung der Be- sitzenden, aus der eigenen Tasche auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern. Sie zogen es vor, in den Beutel der Konsumenten und Arbeiter zu greifen. Doppelt traf solche nationale Wirtschafts- Politik jedesmal die Tabakarbeiter. Die allgemeine Verteuerung, als Folge der indirekten Steuern, traf sie als Konsumenten, die fortgesetzten neuen Lasten, die man dem Tabak aufbürdete, miß- handelten sie als Arbeiter, indem die Arbeitslosigkeit vergrößert wurde, der Lohndruck immer schärfere, immer schmerzendere Formen aimahm. Nach den Rechnungsrrgebnissen der Tabakberufs- gcnossenschaft betrug zum Beispiel das Durchschnittseinkommen eines Vollarbeitcrs in der Tabakindustrie im Jahre 1919 sage und schreibe(512 M. Die skandalös« Finanzreform im Jahre 1999, mit der Sonderbesteuerung der Zigaretten, brachte für die Arbeiter eine weitere Verschärfung der unleidlichen Verhältnisse. Die Unter- nchmer wollten die neuen Lasten nicht tragen, die Konsumenten setzen den Versuchen, die Fabrikate direkt oder indirekt zu verteuern, Widerstand entgegen; die meisten Prügel bekamen die gequälten Arbeiter. Durch Einführung neuer Maschinen und Flucht in die Heimarbeit suchte man die Produktionskosten zu ermäßigen. Der Effekt dieser„Reformen" war, daß viele Zigarettenarbeiter die Peitsche der Beschäftigungslosigkeit kosten mußten. So auch bei der„Waldorf-Astoria", Zigarettenfabrik in Stuttgart. Ein Teil der Entlassenen, ohne Aussicht auf anderweitige Beschäftigung, suchte durch Gründung einer eigenen Fabrik Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Sie gründeten die Tabakarbeiter-Genossenschaft, E. G. m. b. H., T.AC!— O�dl-Zigarettenfabrik, Stuttgart. Am 16. März 1919 wurde die Produktion mit zwei Arbeitern und einem Betriebskapital von 369 M. aufgenommen. Der bald einsetzende Verkauf schaffte schnell für sechs Personen Arbeits- gclegcnheit. Das ursprünglich als Konsortium gegründete Unternehmen wurde Ende Oktober 1919 in eine eingetragene Gcnossenschaft m. b. H. umgewandelt. Bei ihrer Gründung zählte die Genossenschaft 17 Mitglieder, die 599 M. eingezahlt hatten; Mitte Mai 1912 waren 45 Mitglieder mit rund 2299 M. eingezahltem Betriebs- kapital vorhanden. Das Stuttgarter Gewerkschastskartell ist mit zwei Mitgliedern an der Genossenschaft beteiligt. Im April 1912 trat der Konsum- und Sparvcrcin Eßlingen a. N. und anfangs Mai 1912 der Spar- und Konsumverein Cannftatt-'Feuerbach der Genossenschaft bei, ersterer mit 5, letzterer mit 19 Anteilen. Satzungsgemäß werden voll eingezahlte Geschäftsanteile bis hoch- stens 4 Proz. verzinst. Ter Rest des Reingewinns ist immer dem Reservefonds zuzuführen. Die Genossenschaft unterhält mit der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine GcschäftSverbin- düng, ist Mitglied des Verbandes württembergischer Konfuurbcr- eine und des ZentralvcrbandeS der deutschen Konsumvereine. Die Genossenschaft nahm die Produktion am 7. November 1919 mit 16 Arbeitern auf. Am Schluß des ersten Geschäftsjahres (81. Dezember 1919) waren 18 Arbeiter, seit Mitte Mai 1912 in der Fabrikation und Packerei 55 Arbeiter beschäftigt; als Angestellte sind tätig je ein Geschäftsführer, Kassierer, Expedient und Meister. Die Entlohnung geschieht nach einem zwischen dem Deutschen Tabak- arbeiterverband und der Gcnossenschaft abgeschlossenen, Tarisvcr- trag, welcher die wöchentliche Arbeitszeit auf 45'/i Stunden festsetzt, Heimarbeit unter allen Umständen ausschließt. Das erste Geschäftsjahr(1. Noveurbcr bis 31. Dezember 1919) brachte bei einem Absatz von 868 859 Stück Zigaretten und einem Umsatz von 12 234,61 M. einen Reingewinn, von 279,99 M. Im zveiten Geschäftsjahr(1. Jamar bis si. Dezember 1911) würben 7 759655 Stück ZiMeNikt Mfct'M? iffij 7 908 700 Stück RrMfl' Der Umsatz betrug 126 684,79 Mk.. der Reingewinn 6128,21 M* welcher, wie der des ersten Geschäftsjahres� vollständig dem Re- servefonds überwiesen wurde. Im zweiten Geschäftsjahre wurden 25 990,71 M. an Löhnen bezahlt. Der durchschnittliche Verdienst pro Stunde und Arbeiter betrug im zweiten Geschäftsjahre 60,5 Pf. Heute beziehen 174 Konfumvereine Zigaretten von der Genossenschaft. Ihre langsame, aber stetige Enttvickefting ist eine Bürgschaft für einen ferneren guten Fortschritt. Wie die Angaben deutlich erkennen lassen, sind die Arbeits- bedingungen bei der Genossenschaft unvergleichlich besser als wie in der Privatindustrie. Hier schluckt kein Aktionär Riesendividenden. Der etwa erzielte Reingewinn fließt immer wieder der Genossen» schaft und der Gesamtheit zu. Im Interesse der Arbeiter liegt cS, dort ws.es geht, sich der kapitalistischen AusbgÄWg zu, entziehen, 6edcbte- Zeitung. Die Rrvolverschlacht auf dem Wedding, bildete gestern den Gegenstand eines Prozesses, der unter Vorsitz des Landgerichtsrats Kroner das Schwurgericht des Landgerichts I beschäftigte. Wegen versuchten schweren Diebstahls im strafschärfenden Rückfalle, Widerstands gegen die Staatsgewalt und versuchten Ver- brechens gegen den§ 214(versuchte Tötung bei Begehung einer Straftat, um sich der Festnahme zu entziehen) war der Schneider Max Binder angeklagt.— Wie schon mehrfach mitgeteilt, fand in der Nacht zum 2. September v. I. auf dem Grundstück Müller- straße 172a zwischen mehreren Einbrechern und den Beamten des Kriminalkommissars Weiland ein heftiger Revolverkampf statt, bei welchem drei Einbrecher über den Haufen geschossen werden mußten nnd schwere Verletzungen davontrugen. Es handelte sich um die Mitglieder der sog. Wcddingkolonne, zumeist schwer vorbestrafte Verbrecher, die mit Ausnahme des jetzigen Angeklagten schon wieder sämtlich im Zuchthause sitzen.— Der Kriminalpolizei war mit- geteilt worden, daß der als Geldschrankknacker bekannte Händler Karl Gerlach in Gemeinschaft mit sechs anderen„schweren Jungen" in der Nacht zum 2. Mai dem Müllerstraße 172a gelegenen Ban- geschäft von Kuhn einen Besuch abstatten wollten, um hier den Geldschrank auszuräubern. Unterstützt wurde dieses Vorhaben durch den Vertrauensbruch des Nachtwächters Schubrig von der „Wirtschaftsgenossenschaft der Grundbesitzer", der mit den Ein- brcchern unter einer Decke steckte und ihnen an jenem Abend sogar die Eingangstüren öffnete. Das ganze Grundstück war inzwischen von Kriminalbeamten besetzt worden, die dann im gegebenen Augenblick aus ihren Verstecken hervorsprangen. Als sich die Ein- brccher überrascht sahen, sollen sie ein Schnellfeuer auf die Beamten eröffnet haben, die aus den bereit gehaltenen Browningpistolen das Feuer erwiderten. Einer der Einbrecher, ein gewisser Hup- feld erhielt Schüsse in den Rücken und den Oberschenkel, die die Nieren und Eingeweide durchbohrten, ein anderer Verbrecher er- hielt einen Schuß in den Arm. Die Einbrecher wurden sämtlich, mit Ausnahme des jetzigen Angeklagten Max Binder, festgenommen und später von der Straftammer zu Zuchthausstrafen von 3 bis 5 Jahren verurteilt. Die jetzige Anklage behauptet, daß der Angeklagte Binider mik dem seinerzeit entkommenen Einbrecher identisch ist, der auf der Flucht über ein Nebengrundstück mehrere Schüsse auf den Nacht- Wächter Ernst Bernhardt von der Scheringschen Fabrik abgegeben hatte.— Vor Gericht bestritt der Angeklagte, überhaupt an dem Diebstahl beteiligt gewesen zu sein. Von Rechtsanwalt Dr. Karl Locwenthal ist deshalb nach dieser Richtung hin ein umfangreicher Entlastungsbcweis angetreten worden, der mehrere Stunden in Anstzrüch nckhM'Die' Mschworcneü verneinten sämtliche Schuld� fragen, woraus der Angeklagte freigesprochen wurde* I- r'-»■<■(<-i-'' nsVhlTr' LI-■toi'rifni') Zurechnungsfähig? Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit hatte, das Schwurgericht de? Landgerichts Ij eine Anklagesache zu verhandeln, welcher ent- setzliche Verirrungen eines Vaters zugrunde lagen. Angeklagt war ocr aus der Untersuchungshaft vorgeführte Schuhmachcrmcister Hermann Grono«. Wie die mehrstündige unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ge- führte Beweisaufnahme ergab, hatte der Angeklagte seit 10 Jahren zu seiner jetzt 30jährigen Tochter in sträflichen Beziehungen ge- standen. Diesen waren zwei Kinder entsprossen, von denen das eine verstorben ist, während das zweite jetzt 8 Jahre alt ist. Als die Ehefrau des Angeklagten Anzeige erstatten wollte, wurde sie unter Todesdrohungen gezwungen zu schweigen. Der Angeklagte warf ihr hierbei seine Hosenträger um den Hals und versuchte die Frau zu erdrosseln.— Ddm Wahrspruche der Geschworenen gemäß, wurde der Angeklagte unter Versagung mildernder Umstände zu 4 Jahren und 3 Monaten Zuchthans und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Gibt es Klassenjustiz? Vor der Strafkammer in Schweidnitz hatten sich am Freitag zl�i junge Leute wegen Diebstahls zu verantworten. Jeder von ihnen hatte ein Paar Schuhe gestohlen— aus Not. Doch war die Notlage verschieden. Der eine stahl, weil seine eigenen Schuhe abgerissen waren, der andere, um sein knappes— Taschengeld auf- zubcssern. Der erstere der bcidem der Arbeiter Hermann Schmidt, der aus der Untersuchungshaft vorgeführt wurde, war geständig. Ohne weiteres gab er zu, dem Handelsmann Bothe aus Polsnitz, bei dem er beschäftigt war, aus der Scheune ein Paar Schuhe gestohlen zu haben. Seine eigenen Schuhe waren defekt, und um nicht barfuß herumlaufen zu müssen, habe er sich die Schuhe, die anscheinend nicht gebraucht wurden, genommen. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust. Schmidt war daS drittemal rückfällig, seine letzte Strafe betrug fünf Monate Ge- fängnis. Nicht viel fehlte, und Schmidt wanderte ins Zuchthaus. Der andere der beiden, der frühere Obcmalschlller Erich Pohl aus Freiburg, der gegenwärtig bei seinen Eltern ist, war nicht ge- ständig; vielmehr versuchte er mit Hilfe enies Advokaten dem Ge- richtshof seine Unschuld nachzuweisen, was ihm aber trotz allerlei Winkelzüge nicht gelang. Es ist eine kleine Pensionsgeschichte. Im Vorjahre wohnten im Fechnerschen Pensionat in Frciburg die Qberrealschüler Hans v. Schtveinichen, tzeinze und Wilde. Ersterer war Zengivart eines Fußballklubs, dem nur Schüler der Oberrcal- schule in Freiburg angehörten. Als dieser im März des Vorjahres sein Amt niederlegte, trat der Angeklagte Pohl an dessen Stelle. Als letzterer die Vereinsutensilien bei v. Schtveinichen abholte, passierte ihm das etwas eigentümliche Malheur, ein Paar seinem Vorgänger gehörige Schuhe mitzunehmen. Die Schuhe verkaufte er später für 50 Pfennige. Ein gleiches„Malheur" passierte ihm am 25. Januar d, I. Pohl begab sich besuchsweise»n seinem in der Fechnerschen Pension wohnenden Mitschüler Wilde. Auf dem Tische sah er eine Nickeluhrkette liegen, die sein Interesse erregte. Spielend ließ er sie durch die Finger gleiten, und als er nach Hause kam, befand sie sich in seiner— Hosentasche. Die Kette mußte er zwar dem Eigentümer wieder zustellen, aber wie sie in seinen Besitz gelangte, wollte er sich gar nicht erklären können. Das Urteil? Wegen Diebstahls in zwei Fällen vier Tage Ge- fängnis« Märe die am 5. Juli in Kraft tretende Strafgesetzbuchnovelle schon in Kraft, so hätte die drakonische Strafe von einem Jahre nicht ausgeworfen werden können, denn nach ihr dürfen Ent- Wendungen oder Unterschlagungen, die aus Not begangen sind, auch im Rückfall nur mit Geldstrafe bis zu 309 M. oder mit Gefängnis von einem Tage bis zu 3 Monaten bestraft werden. Gut, daß das Gesetz solch ungeheuerlichen Urteilen«inen Riegel vorgeschoben hat. Versammlungen. Dir Nesuitate der letzten Reichstagssession. Den letzten Vortrag über dieses Thema hielt Reichstagsabge- ordneter Genosse Ledcbour am Dienstag in einer öffentlichen Versammlung in der„Brauerei Königstadt", und zwar behandelte er hier die auswärtige und die Kolonial Politik. Ebenso wie in den Fragen der Militär- und Steuerpolitik stehe auch in dieser Frage die Sozialdemokratie in ausgesprochener Opposition zu der Regierung und den bürgerlichen Parteien, schon aus dem Grunde, weil ja alle diese Fragen in einem inneren Zusammen- hang stehen. Unsere herrschenden Klassen sind der Ansicht, daß Deutschland sein Ansehen im Auslände nicht nur durch seinen Ein» flust auf fremde Staaten, sondern auch durch Erwerbung grösserer eigener Rlachtgebiete erhöhen müsse. Dieser Gebietserweiterung mittels der bewaffneten Macht tritt die Sozialdemokratie ent- schieden entgegen. Die herrschenden Klassen führen zwar für diese Politik Gründe an, die an und für sich nicht abzutoeisen sind. Sic behaupten, die Erweiterung der Macht sei deshalb notwendig, weil wir eine Ausdehnung unseres Handels brauchen. Deutschland sei ein Industriestaat, der nicht genug Nahrungsmittel produziere, es müsse deshalb Jndustrieartikel aus- und Nahrungsmittel einführen. Darum sei es notwendig, fremde Länder unter die Botmäßigkeit deS Deutschen Reichs zu bringen. Zweifellos brauchen wir einen größeren Absatz, als wir heute haben; es ist aber nicht nötig, uns fremde Völker und Länder durch Waffengewalt zu unterwerfen. Das dies nicht nötig ist, geht daraus hervor, daß wir den meisten Handel mit Ländern treiben, wo nicht der Reichsadler weht. Der ganze Handel Deutschlands mit seinen Kolonien beläuft sich auf etwa 1lX> Millionen Mark, während der Handel mit dem übrigen Ausland? das Zweihundertfache beträgt. Dieser Vergleich zeigt, daß der Handel mit fortgeschrittenen, aber nicht mit rückständigen Ländern getrieben werden muß. Es wird ferner angeführt, daß wir uns darauf gefaßt machen müssen, daß fremde Völker über Deutschland herfallen, um es zu unterjochen. Das ist ein absoluter Unsinn. Deutschland ist stark genug, um sich selbst gegen mehrere Mächte zur Wehr zu setzen; es braucht dazu aber nicht diese gewal- tiaen Rüstungen, sondern ein System der Volksbewaffnung, wie wtr es fordern, würde vollständig genügen. Die Politik, die vom deutschen Volk gewünscht und nur von der Sozialdemokratie euer- aisch verfochten wird, geht darauf hinaus, Frieden mit der ganzen Welt zu halten und die Völker von den ungeheuren Militär- und Marinelasten zu befreien. Als 191l1 das Gerücht verbreitet wurde, daß England an die deutsche Reichsregierung mit der Absicht der RüstungSeinschränkungen herangetreten sei, fragten die Sozialdemokraten in der Budgetkommisfion an, was daran wahr sei. Die Reichsregierung bestritt es damals, daß England derartige Schritte unternommen habe. Von dem englischen Minister Asquith wurde daraufhin aber die Erklärung abgegeben, daß dieses doch der Fall gewesen sei, die deutsche Regierung habe es jedoch schon in den Vorverhandlungen abgelehnt, auf diesen Vorschlag einzugehen. Singer und Ledebour haben dann damals den Antrag eingebracht, daß Verhandlungen zwischen Deutschland und England zwecks Einschränkung der Rüstungen angebahnt werden sollen. Dieser Antrag wurde auch noch dahin erweitert, daß die Abschaffung des Seebeuterechts verlangt werden solle. Es ist anzuerkennen, daß Deutschland auf der Haager Kon- ferenz die Abschaffung des Seebeuterechts anregte. England sah in der Beseitigung des Seebeuterechts nur eine Schwächung der eigenen Position, aber nicht auch eine Schwächung der übrigen Staaten. Wir Sozialdemokraten sagten uns, daß hier ein aus- gezeichnetes Kompensatronsobjekt vorliege, und verlangten, daß die gegenfeitige Abrüstung und die Beseitigung des Seebeuterechts zu- gleich durchgeführt werden sollen. Aber auch mit dieser Forderung sind die Sozialdemokraten im Reichstag fast vollständig allein ge- blieben: nur wenige bürgerliche Abgeordnete stimmten dafür. Die englische Regierung hat sich später auch schon bereit erklärt, das Seebeuterecht aufzugeben, die deutsche Regierung ist aber immer bockbeiniger geworden. Das erklärt sich aus der imperialistischen Politik, die im deutschen Bürgertum immer mehr Anklang ge- funden hat, was die Vorgänge während der Marokkowirren be- wiesen haben. Genosse Ledebour schildert nun noch die Vorgänge, wie er im Reichstag dem Minister des Aeußern, Herrn v. Kiderlen- Waechter zu dem Eingeständnis gezwungen hat, die Alldeutschen zu einer Hetze gegen Frankreich aufgeputscht zu haben. Das sei eine verbrecherische Politik gewesen, welche das deutsche Volk nahe an den Abgrund eines Krieges gebracht habe. Bekämpft nun die Sozialdemokratie auch die Eroberungspolitik und die gewaltigen Rüstungen, so unterstützt sie aber doch alle Bestrebungen, um den Handel und Verkehr auszubreiten. Sie unterstützt die Politik der offenen Tür, d. h. daß ein Staat diejenigen Handelsmöglichkeiten, die es einem bestimmten Staat gewährt, auch jedem anderen Staat gewähren muß. Als Vertreter des unterdrückten Proletariats sucht die Sozialdemokratie auch darauf hinzuwirken, daß die Eingebore- nen der Kolonien, die wir nun einmal besitzen, möglichste Gleich- bcrechtigung erhalten. Eine andere Frage ist die Mischlingsfrage. In den Tropen- kolonien sind die Weißen nur durch eine Handvoll Männer ver- heim, svelche fast all« unberheiratet stni, denn K eiste Frauen gehen sehr selten dorthin. Die Folge ist, daß die weißen Männer sich mit den farbigen Frauen einlassen und die Mischlinge austreten. Verhältnismäßig zahlreich kommen diese Mischlinge vor, wo die Bevölkerung auf einer relativ hohen Kulturstufe steht, in Südwest- afrika und in Samoa. Ein Teil der Eingeborenen in Südwest- afrika ist schon seit hundert Jahren von den Holländern christiani- siert. Diese sogenannten Bastards stehen auf einer höheren Kultur- stufe und sind auch in ihrer äußeren Erscheinung, abgesehen von der dunkleren Hautfarbe, sehr wenig von den Weißen zu unter- scheiden. Infolgedessen verheiraten sich sehr viele Weiße mit diesen Bastardmädchen. Auch die Samoancr sind ein schöner Volksstamm, wie überhaupt die Bewohner der Südseeinseln in der Bildung mit am höchsten stehen. Von den dort lebenden Weißen sind 81 Männer mit Samoanerinnen verheiratet, während nur IS Männer mit deutschen Frauen verheiratet sind. Jetzt hat nun die deutsche Reichsregierung ein Verbot erlassen, durch das Ehen mit farbigen Frauen unmöglich sind. In Südwestafrika hat man sogar das außereheliche Zusammenleben mit ihnen verboten. Begründet wird dieses Verbot damit, daß man keine Mischlingsbcvölkerung heranwachsen lassen will. Dadurch werden die eingeborenen Frauen geradezu in die Prostitution hineingetrieben. Damit vergleiche man die Phrase von der Kulturmission, die man immer in den Vorder- grund stellt. Mischlingskinder werden doch nach wie vor geboren werden, nur daß dies nicht in der Ehe geschieht. Diejenigen, welche in solcher Weise die Moral mit Füßen treten, spielen sich in Deutsch- land als Vertreter des Christentums aus. Die Sozialdemokratie hat den Antrag gestellt, daß dieses Verbot wieder aufgehoben wird, und die Reichsregierung hat eine glänzende Niederlage erlitten, indem dieser Antrag mit großer Mehrheit angenommen wurde. Schließlich spielte noch die Frage der Zurückgabe des Hafens in Kiautschau an China eine Rolle während der letzten Reichstags- session. Die Besetzung dieses Hafens kostet dem deutschen Volk jährlich 19 Millionen Mark, während Deutschland nur für zwei Millionen Waren dorthin ausführt, für 3M Millionen Mark aber einführt. Mit der Zurückgabe würden wir uns aber die Chinesen zu Freunden machen, und das würde ein großer Vorteil für uns sein, wenn China einst das Joch der stemden Mächte abschüttelt. Diese Politik der Sozialdemokratie, so schloß Genosse Lege- b o u r seine Ausführungen, ist auch positive Politik, die unendlich besser ist als die prahlerische Politik, die bisher getrieben worden ist. Mit lebhaftem Beifall dankte die Versammlung dem Referenten für seinen vorzüglichen Vortrag, der leider nicht den Besuch ge- bracht hatte, wie man es im ö. Wahlkreis voraussetzen kann. Deutscher Sauarbeiter-Verband. Sektion Stukkateure! Donnerstag, den 27* Juni 1913, abends 8 Uhr: Versammlung: bei Wilke, Sebastianstr. 39. Tagesordnung: l Der Abschlns; unserer Lohnbewegung. L. Gewerkschaftliches. NW- Es ist notwendig, daß jeder Kollege erscheint.- __ Die Sektlonulcitnng. verantwortlicher Redakteur; Albert Wachs, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th, Glocke,! Von der Keise zurück[103/1* Dr. Badt, Nene Könlg.tr. 38. Bon der Rette z«rii-k' Dr. Kell Neukölln, Berg-, Ecke Rosenstratze. diesem Schild sind die Läden erkennbar, in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. lliiatercttltig in Konstruktion und Ausführnngr, gleich vorzüglich für Hansgebrauch n. Industrie. EL Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. BKKI.IX, Leipziger Straße 08. LUden in den verschiedenen Stadtteilen. . ohne Lagerkcller g. 1. 10. Technikum Hoppe, Mathieuftratze 13. Prospekte gratis. 204/15* Harn' spez.cliron. Haut- u. Frauenleiden �EhrlieyMren�i Schnelle, gründl. spezialärztl. Behandl. mögl. o. Berafsstörg. Or.loMWu&kCtlc untersuch. Fäden im Harn etc. FriedrichsUI, Sprechst. 10-2, 5-8, Sonnt. 11-2. Honorar maß. Teilzahl, gestatt. LAd6l) 2®'u�c-n' �bengel., w!t Hr. 147.?9. Iahrgllvg. 2. Keilte Ks Jotiiiiitfs" ßftliiier Donnerstüg, 27. Juni 1912. Partei- Angelegenheiten. Tempelhof. Diejenigen Genossen, welche am Freitag Sei der GewerbegerichtSwahl behilflich sein wollen, werden ersucht, sich an genanntem Tage von ö Uhr ab im WilhelinZgarten, Berliner Str. 9, einzufinden. Eichwalde. Zeuthen, MierSdorf. Die ordentliche General- Versammlung des Wahlvercins findet heute, Donnerstag, den 27. Juni, abends S'/a Uhr, in Zeuthen im Lokale des Herrn Trill, Seestr. 35 �Waldschlößchen) statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Beratung des Trennungsantrages. 3. Ver- schiedenes. Der Wahlvereinsvorstand. PctcrShagen-FrederSdorf. Am Sonntag, den SO. d. M., nach- mittags 4 Uhr, im Lokal deS Herrn Kunsch, PeterShagen, Hennicken- dorfer Straße: Generalversammlung des Bezirks Petershagen. Tagesordnung: 1. Bericht der Funktionäre. 2. Neuwahl der Be- zirksleitung. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch ist vorzuzeigen, des- gleichen auch auf Beschlutz des letzten Zahlabends die Verbands- bücher._ Berliner IVacbricbten. Im Brieselang. Die herrlichsten Eichen der Mark,„um einen Schuh höher als die anderen im Lande", recken sich im Brieselang. Viele Berliner haben so den wundervollen Kiefernhochmald der Königlichen Forst bei Birkenwerder getauft, der von deni schmalen Flützchen Briese durchlaufen wird. Schön ist es auch hier im lieblichen Briefetal, aber der eigentliche, viel schönere Brieselang liegt bei Nauen. Trotz seiner meilcnweite» Aus- dchnung ist er nur ein Teil grotzer Waldgebiete, die sich hier bis nach Vehlefanz und Hennigsdorf erstrecken und leider von Berliner Ausflüglern noch viel zu wenig aufgesucht werden. Freilich gehören gute Füße dazu. Man schafft es, um alles in satten Zügen und nicht im Fluge mit Hilfe von Kleinbahn- Verbindungen zu genießen, kauni an einem Tage. Die längere Tour führt zunächst vom Lehrter Vorort- bahnhof in einer kleinen Stunde nach Nauen. Man gehe dicht bei der Stadt sofort auf die Luchberge oder etwas ent- sernter auf den Berger Tamm. Das ganze weite Gelände zwischen Nauen und dem Walde bis fast nach Friesack und Fehrbellin hinauf ist zur Sicherung gegen Ueberschwemmung von zahlreichen Dämmen durchquert. Diese gewähren eine prächtige Aussicht auf das Havclländische Luch, eine stark an Holland erinnernde Landschqft, die im Frühjahr, wie vor der im letzten Jahrhundert zielbewußt eingesetzten Aufforstung auch der Brieselang, weit ringsum Sumpf und See ist. Vom Berger Damm über Dreibrückenkrug und Börnicke, immer am Luch entlang, oder von Nauen nordöstlich durch die Nauener Stadtheide ist eine Wanderung nach dem„Krämer", einem brillanten Laubwald, mit dem„Gliener Berg" überaus lohnend. Zu Füßen des Berges liegt idyllisch Forsthaus Krämerpfuhl, von wo es nach Bahnhof Perwenitz, der wieder nach Nauen verbindet, nicht ivcit ist. Eine zweite Tagestour be- ginnt ebenfalls bei Nauen. Wir gehen über die Chaussee- kreuzung hinweg in die Nauener Stadtheide, wenden uns süd- lich zur Rüsternheide und erreichen in einer Stunde Forsthaus Brieselang, wo die ersten rauschenden Brieselangeichen das hohe Lied der Natur singen. Der Umweg über Nauen sollte nicht gescheut werden. Der Bequemlichkeit wegen wird aber meist die Fahrt direkt in den Brieselang hinein bis nach Bahn- station Finkenkrug(vom Lehrter Bahnhof 40 Minuten) bevor- zugt. Eine breite, schöne Waldchaussee bringt uns in einer Viertelstunde nach der Villenkolonie Falkenhain, die Fortsetzung der Chaussee nach dem Gartenlokal Finkenkrug am Rande des Waldes. Mit' den OrtSverhältnissen vertrautere Ausflügler benutzen aber gewöhnlich den viel schöneren Weg durch den urwaldartigen Laubwald und durch die „große faule Laake", doch ist Vorsicht geboten und dieser Weg nach Einbruch der Dunkelheit zu meiden, um nicht abzuirren und in Sumpf zu geraten. Ein besonderer Reiz des Brieselangs ist auch der ihn von Norden nach Süden durchziehende breite Graben, der einst- mals zu Entwässerungszwecken angelegt wurde, und heute zum Holzflöken dient. Jni Frühjahr, wenn auch der Briese- lang teilweise unter Wasser steht, kann man sich hier beinahe in den Spreeivald versetzt glauben. Weitere Touren führen von Bahnhof Finkenkrug westlich nach der aus lauter Buchen bestehenden Moosbruchheide und Försterei Bredow oder über Falkenhain hinaus durch die Bauernheide nach Forsthaus Damsrück. So haben wir wieder ein Waldjuwel in der ver- lästerten Mark unweit des„großen Wasserkopfes" an der Spree kennen gelernt, einen köstlichen Naturzauber, von dem der Dichter singt: Wo Sumpf und Lache jüngst gebrodelt, Ist alles in Teppich umgemodelt, Ein Riesenteppich, blumengeziert, Viele Meilen im Geviert... Eine Wälderfahrt des Zweckverbaudes. Die Wälder um Berlin als Stätten der Erholung für die Be- völkerung Berlins und der Vororte zu erhalten, ist eine der Auf- gaben, die dem Grotz-Berliner Zweckverband gestellt sind. Eigent- lich müßte das dem Fiskus Aufgabe und Pflicht sein, doch leider hat der bisher hierzu eine Haltung eingenommen, wie wenn er nur das als seine Pflicht ansähe, möglichst viel bei dem Wälderkauf herauszuschlagen, den er dem Zweckverband anbietet. Der Fiskus wird nicht so viel kriegen, wie er fordert, aber kaufen wird der Zweckverband müssen, wenn er die fiskalischen Waldungen um Berlin vor dem Schicksal bewahren will, gerade in ihren schönsten Teilen zu Bauland ausgeschlachtet und au Privateigentümer verschachert zu werden. Der Zweckverband hat bisher noch keine Entscheidung darüber getroffen, welche Waldflächen er für die Grotz-Berliner Be- völkerung retten will. Um Klarheit darüber zu gewinnen, wird er Besichtigungen von Wäldern vornehmen, deren Erhaltung besonders wünschenswert scheint. Die erste dieser Wälderfahrten, die den Waldungen an den Ufern der Havel galt, wurde am Mittwoch ausgeführt. Von den Mitgliedern der Zweckverbands-Ber- sammlung und ihren Ersatzmännern waren etwa die Hälfte der Ein- ladung des BerbandsdirektorS gefolgt und hatten sich vormittags um 19 Uhr auf der Strandpromenade des Tegeler SeeS ein- gefunden, um einen bereit liegenden Dampfer der Stern- Gc- sellschasl zu besteigen, auf dem die geplante Besichtigungsfahrt von Tegel bis in die Umgebung Potsdam» gemacht werden sollte. Graue Wolken bedeckten den Himmel und schütteten von Zeit zu Zeit un- freundliche Regenschauer herab, aber noch am Vormittag lichtete sich das Gewölk, und auS dem Nebeldunst heraustretend entschleierte die märkische Wald- und Wasserlandschaft sich in all ihrer Schönheit. Die Fahrt richtete sich zunächst nach dem Nordende des Tegeler Sees, wo an Land gegangen und ein Spaziergang durch die an- grenzende Waldung gemacht wurde, die der Fiskus in ihren schönsten Teilen nur zu Baulandpreisen abgeben will, während er die minder schönen Teile dem Zweckverband zu niedrigerem Preise anbietet. Die Vertreter der Negierung, die an der Wälderfahrt teil nahmen und den Mitgliedern der Zweckverbandsversammlung über die Verkaufspläne der Regierung einige Informationen gaben, konnten hier manches scharfe Wort über die Plusmacherei des FiSkuS hören. Gerade in der Umgebung von Tegel ist die un- geschnrälerte Erhaltung der gesamten Waldungen dringend notwendig, weil hier die Bevölkerung der dichtbewohnten nörd- lichen Stadtteile Berlins ihre Erholung suchen mutz. Einzelne Gebiete will der Fiskus überhaupt nicht hergeben. wohl deshalb nicht, weil er ihren Wert noch steigern möchte, um sie später mit um so höherem Gewinn als Bauland verkaufen zu können. Bezüglich eines besonders schönen Waldstückes am Wege nach Herms- dorf, das zu diesen als unverkäuflich vorbehaltenen Gebieten gehört, erkannte auch der Landrat von Niederbarnim die Notwendigkeit an, es dem Zweckverband zu sichern. Nachdem der Dainpfer wieder bestiegen worden war, ging die Fahrt durch den ganzen Tegeler See an seinen Inseln vorbei in die Havel hinein und nordwärts bis in die Nähe von Konradshöhe. Gegenüber präsentierten sich Spandaus vielumstritlene R u st w i e s e n samt dem angrenzenden Teil des SladtwaldeS, durch deren Ver- schachcrung die Stadl Spandau wohl hat zeigen wollen, datz auch emeindeir sich auf PluSmacherei verstehen. Der Dampfer wendete dann und brachte die Teilnehmer der Fahrt rasch bis in die Mitte Spandaus, wo an der Schleuse auf zwei kleine Dampfer der Teltower Kreisschiffahrt umgestiegen wurde. Nach der unteren Havel ging jetzt die Fahrt. Hinter Pichelswerder öffneten sich die weiten Wasserflächen des Wald- umsäumten Flusses, von dessen linkem Ufer der Grunewald her- übergrützte. Der Fiskus weiß ihn zu schätzen als einen fetten Bissen. den der Zweckverband ihm bezahlen soll. Von der Höhe des„großen Tiefhorns", der einem Vorgebirge ähnliche» Landspitze westlich der Einmündung des W a n n s e e S in die Havel, schweifte der Blick zu- rück über den Fluß und seine prangenden Ufer. Die Teilnehmer der Fahrt waren hier an Land gegangen, um die Schönheit dieses märkischen LandschaftSbildeS auf sich wirken zu lassen. Datz die Aussicht vom„großen Tiefhorn", die in der Umgebung Berlins ihresgleichen nicht hat, nicht zum Privilegium eines reichen Villen- besitzers wird, sondern der Allgemeinheit erhalten bleibt, ist aufs dringendste zu wünschen. Leider gehört auch dieses Gelände zu den Gebieten, die der Fiskus nur zu Baustellen- preisen hergeben will. Vorbei an der Pfaueninsel und an Sakrow führten dann die Dampfer die Teilnehmer der Fahrt zum Griebnitzsee und durch den Kleinen Wannsee zur Eisenbahnstation Wannsee, wo diese Wälder- fahrt des Zweckverbaudes endete. Sie wird bei den Mitgliedern des ZiveckverbandS-ParlamentS die Ueberzeugung befestigt haben, daß die Wälder um Berlin vor der Verschacherung an Privatbesitzer bewahrt und als Allgemeingut der Groß- Berliner Bevölkerung erhalten bleiben müssen. Wird der FiSkus dabei beharren, das dem Zweckverband durch Forderung maßlos übertriebener Kaufpreise zu erschweren? Für Karuffellbcsitzer. Eine Berliner Polizeiverordnung vom 12. Juni 1911 schreibt vor, datz zur Aufstellung von Karussells auf und a n öffentliche» Stratzen und Plätzen, die zum Verkehr bestimmt sind, eine polizeiliche Erlaubnis erforderlich ist. Ohne diese ist eS verboten. In den beteiligten Kreisen wird nun vielfach angenommen, datz die Vorschrift zu Ivcit gehe und insoweit ungültig sei, als sie Karussells auf Privatplätzen, die an öffentlichen Straßen liegen, mit betreffe. Diese Auffassung ist irrig. ES sei darauf hingewiesen, datz das Kammergericht wiederholt der- artige Verordnungen für gültig erklärt hat, darunter auch die er- wähnte Berliner Verordnung, weil sie aus verkchrSpolizeilichen Gründen erlassen sei. Es nimmt an, datz ein Karussell auch dann verkehrSstörend wirken könne, wenn es zivar auf unifriedeten Privat« platz, aber doch so a n der Stratze aufgestellt sei, datz man seine Be- wegung und den Lärm auf der Stratze wahrnehme. Die HauSPcrsonalabtrilung des Zentral- Arbeitsnachweises, Berlin W., Linkjtr. 11, hat am 1. April den Versuch gemacht. Aus- bilduugskurse für Hausangestellte einzurichten. Je einmal in der Woche, abends'/vS—'/aiO Uhr, fand der Unterricht im Plätten(Roll- Wäsche und Feinwäsche), im Schneidern und im Ausbessern statt. Um Hausfraueir und Hausangestellten ein genaueres Bild davon zu geben, waS in den Kursen gelehrt und erreicht wird, stellt der Arbeitsnachweis vom Freitag, den 28. bis Sonntag, den 39. Juni, einige der dort gefertigten Gegenstände aus. Interessenten werden in den Bureaustunden vormittags von 9—12 Uhr und nachmittags von 4—7 Uhr und am Sonntag, den 39. Juni, vormittags von 19— 2 Uhr, zur Befichligung freundlichst eingeladen. Die Teilnahme an jedem Kursus kostet monatlich 2 M., vierteljährlich 4 M. Anmeldungen werden schriftlich und in den Bureau- stunden mündlich entgegengenommen. Nach Hinterlassung einer Schuldenlast von 290 099 Marl ist am letzten Sonnabend abend der 48jährige Ingenieur und Maschinen- fabrikaut N. Entsbergcr, Elisabethuser 44 wohnhaft, mit seiner Frau und seinem Sohne geflüchtet. Gegen E., dein Betrügereien in grotzem Stil, Bücher- und Bilanzfälschung zur Last gelegt werden, ist bereits seitens der Gläubiger Strafantraa gestellt worden. lieber die Affäre, die in Branchekreisen viel Aussehen erregt, wird gemeldet: Der Ingenieur 81. Entsberger gründete vor etwa 19 Jahren eine Klischcesabrik mit einem Stammkapital von 59 999 Mark. Die Geschäfte gingen anfangs gut, doch vernachlässigte Entsberger, der sehr noble Passionen besaß und viel auf die Jagd ging, daS Unternehmen so sehr, datz die Fabrik vor vier Jahren in eine schwere Krise geriet und der Ingenieur sich genötigt sah, die finanzielle Hilfe seiner Familie in Anspruch zu nehmen. Er verlegte damals die Fabrik nach dem Elisabethufer 44, wo sich auch seine Privarwohnung befand. Da er zudem einen sehr großen Auf« wand betrieb, versuchte er sich die nötigen Mittel auf unredliche Weise zu verschaffen. Enlsberger fälschte zu diesem Zwecke seine Bilanzen und rechnete Geldlcnten, die sich auf seine geschickt ab- gefaßten Inserate in den Zeitungen meldeten, große Gewinste vor, die er angeblich in den letzte» Jahren erzielt haben wollte. So gelang eS ihm, mehrere Geldgeber und Licscranlen um Summen von insgesamt 299 999 Mark zu schädigen. Durch fortgesetzte, sehr geschickte Fälschungen verstand er eS, seine Gläubiger hinzuziehen, und durch fortwährende Aufnahme neuer Ka- pitalien befriedigte er die Ansprüche seiner alten Gläubiger ivenigstens einigermaßen. Trotz aller sonstigen Versprechungen wollten sich die Glänbigec. denen berechtigte Zweifel an der Wahr- heit der Angaben E/s ausstiegen, sich nicht mehr hinhalten lassen und drängten auf gahlmig. Entsberger sah keinen Ausweg mehr und entschloß sich deshalb, Berlin zu verlassen. Schon seit einiger Zeit konnte E. de» Arbeitern den Lohn nicht mehr vollständig aus- zahlen; sogar um die Ouittungsmarken für die Invalidenversicherung prellte er sie. Als die Arbeiter am Sonnabend keine» Lohn er- hielten, stellte sich heraus, datz ihr Arbeitgeber daS Weite gesucht hatte. Bald kamen auch die Gläubiger, die unr erhebliche Summen betrogen worden sind. Gegen den Flüchtigen ist Strafantrag gestellt worden. Tödlicher Absturz voa Neubau. Ein Opfer seines Berufes wurde gestern nachmittag der 46 Jahre alte Klempner Hermann Fouquet, Gleimstr. 24. Auf einem Neubau in der Darmstädter Stratze hatte F. mit mehreren anderen Klempnern die Dacharbeiten vorzunehmen. Als er gestern am Rande des Daches die Regen-- kanäle regulierte, bog er sich etwas zu weit über de» Dachfirst hinweg, verlor dadurch das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in die Tiefe. Mit gebrochenem Schädel und schweren inneren Berletznngen wurde der Verunglückte vom Platz getragen. Sterbend lieferte man den Aermsten in die Charitä ein. Ein durch das Hantieren mit einer Browningpistole verursachter Borfall ereignete sick gestern vormittag in dem M�abiter Kri« m i n a l g e r i ch t. In einem Prozeß vor dem Schwurgericht deS Landgerichts I kam es darauf an, festzustellen, ob der Angeklagte auch in der Lage ist, mit der linken Hand schießen zu können. Der als Zeuge geladene Kriminalschutzmann Unger wurde hineingerufen und mutzte dem Angeklagten seine Browningpistole, nachdem er sie, wie er annahm, entladen hatte, aushändigen, damit mit der Waffe das fragliche Experiment gemacht werden konnte. Als der Kriminal- beamte dann ans dem Korridor vor der Eingangstür zum«chwur- gerichtssaal den sogen. Patronenrahmen in den Pistolenschaft hinein- schieben wollte, krachte plötzlich ein Schutz. Die Kugel ging nur wenige Zentimeter au dem in der Nähe stehenden Gerichtsdiener Lange vorbei und schlug in die schwere eichene Saaltür, in der sie zum Glück stecken blieb.— Die laute Detonation des Schusses rief natürlich in dem Gebäude große Aufregung hervor. Ei» Opfer seines Leichtsinns ist am Montag der Kellner Erich Ohm geworden, der in dem Restaurant„Strandhalle" am Lehnitzsee beschäftigt war. O. hatte am Montag frei und unternahm mit mehreren guten Freunden einen kleinen Bummel. Die jungen Leute besuchten mehrere Restaurants und begaben sich dann in angehei- lerteni Zustande nach dem Lehnitzsee, um dort ein Bad zu nehmen. Ohm hängte sich an das vor der Badeanstalt liegende Motorboot „Jduna" und ließ sich, als dieses abfuhr, ins Schlepptau nehmen. Nach einer Streck- von etwa 299 Metern verließen dem Kellner aber plötzlich die Kräfte und er sank mit einem gelleuden Hilferufe in die Tiefe. Der Führer des Motorbootes, der von seinem blinden Passa« gier gar keine Ahnung hatte, halte auch von dem Vorfall nichts be- inerkt und fuhr Iveiter. Der Hilferuf war jedoch von der Besatzung des Siegierungsdampfers„Lehnitz" gehört worden, die sofort mit dem Dampfer zur llnfallstellc fuhr, wo inzwischen auch mehrere Boote angelangt waren. Nach längerem Suchen konnte aber nur die Leiche des Ertruukeiieu gelandet werden. Auf der Flucht vor ihrem Vater, dem Schuldiener Zinke, ver- suchte in der vergangenen Nacht dessen 13 Jahre alte Tochter Else auf dem Schulgrundstück Hohenlohestr. 19 aus dem Fenster einer Dachkammer in dem einstöckigen Wohnhäuschen des lltcktorS auf den Hof hinabzuspringen. In ihrer Erregung bekani sie Schreikrämpfe und blieb dann ohnmächtig auf dem schrägen Ziegeldache liegen. Da das Mädchen jeden Augenblick in die Tiefe zu stürzen drohte. alarmierte das III. Polizeirevier die Feuerwehr, die die Besiimungs- lose vom Dache herunterholte und nach der elterlichen Wohnung brachte. Der Vater des Mädchens gibt an, er habe seine Tochter wegen nächtlichen Umhertreibens züchtigen wollen. Mit 290 000 Mark flüchtig geworden ist gestern morgen der 33jährige Kassenbote Gustav Brüning. Ueber die Angelegenheit wird folgendes gemeldet: Die Dresdner Bank lätzt jeden Morgen von der Reichsbank die für den Tagesumlauf erforderlichen Gelder holen. Gestern früh wurden 12 Kassenboten nach der ReichSbank geschickt, die etwa 2 Millionen in Gold, Papier und Silber abholen und gemeinsam nach der Dresdner Bank bringen sollten. Einer der Boten, der die Aufsicht führte und das Geld in der ReichSbank gezählt hatte, stellte fest, datz die Summe richtig in Empfang genominen war. Nunmehr wurde, wie üblich, auch im Boteuzimmer der Bank, das an das Kassenzimmer stößt, das Geld nochmals nachgezählt. Als die End- summe addiert wurde, bemerkte der Kassierer, datz ihm 2 99 090 Mark fehlten. Die Kassenboten, die bei dem Ergebnis zugegen waren, be- stritten heftig, datz Mankos vorhanden sein könnten, da sie die richtige Summe in Empfang genommen hätten. Eine nochmalige Nkach» Zählung ergab dasselbe Resultat. Zunächst wurde darauf erniittelt, daß ein Kassenbote fehlte, von dem man annahm, datz er nochmals zur ReichSbank gehen mutzte und aus Verseheu daS Geld mitgeuominen habe. Während man sich sofort mit der ReichSbank in Ver- bindung setzte und feststellte, daß der Mann dort nicht an- gekommen sei, bemerkte der Hauptkassierer, datz der 38jährige Kassen» böte Gustav Brüning offenbar verschwunden war. Wie die weiteren Nachforschungen ergaben, hatte er sich, entgegen den Hausgesetzen, durch das Portal der Direktion entfernt. Die am Portal befindlichen beiden Portiers bekundeten, datz sie Brüning zurückhalten wollten, dieser aber sich mit Gewalt den Durchgang erzwang, wobei er den Leuten zurief: er müsse eilig zur ßleichSbank. Nun wurde sofort die Kriminalpolizei benachrichtigt. Nach den bisherigen Ermittelungen mutz Brüning die Tat lange vorbereitet haben. Er hat in seiner Wohnung am BmideSratsufer 11 alles vernichtet, was auf seine Spur führen könnte. Zchntausciid Mark Belohnung hat die Dresdener Bank auf die Ergreifung des flüchtigen Lkassenboten Brüning und die Wieder» herbeischaffung des ihm gestohlenen Geldes ausgesetzt. Die Er- Mittelungen der Kriminalpolizei haben noch keine Spur des Durch- brenners zutage gefördert. Ob er Berlin schon verlassen hat, lätzt sich natürlich nicht sagen. Auf den Bahnhöfen, deren Beamte alle mit einer Beschreibung des Diebes versehen worden sind, hat man keine Spur von ihm gefunden. Man rechnet aber immer noch damit, daß er zunächst mit einem Automobil davongefahren sein kann. Für alle Fälle sind auch die auswärtigen Behörden tele, graphisch benachrigtigt worden. Die beiden anderen Durchbrenner, deren Streiche in der letzten Zeit Aufsehen erregten, die Kajsenboten Haase und Zebell, machten gestern wieder von sich reden. Haase wollte man gestern abend im Schultheiß Unter den Linden mit einem Großindustriellen aus München zusammen gesehen haben. Nach einer grötzeren Zeche hieß es, seien beide mit dem Autoniobil nach München abgefahren. Wie die Ermittelungen ergeben, war allerdings unter anderen Gästen auch ein Großindustrieller ans München im Schultheiß ge- Wesen, wie das öfter vorkommt. Er hatte auch noch einen Be» kannten bei sich gehabt und war auch mit einem Automobil ab- gefahren, aber nicht nach München, sondern nach einem Vorort. Mit Haase hatte die ganze Geschichte nichts zu tun. Zebell sollte in Eharlottenburg hausen. Im vierten Revier dort war am Tage der Flucht ein Mann zugezogen, in dem man den Durchbrenner ver- mutete. Verdächtig war an ihni erschienen, datz er nachts ausging und i.i den Tag hinein schlief.� Die Kriminalbeamten, die der Spur nachgingen, trasen aber nicht den gesuchten Zebell, sondern einen Mann aus Bentschen. der hierhergekommen ist, um sich Berlin, auch bei nacht, einmal etwas näher anzusehen. Mit Zebell hat et nu� eine gewisse Achnlichkeit. Mit Zyankali vergiftet. Ein Ehedrama hat sich gestern in der Kopenhagener Stratze abgespielt. Di» Löjährige Ehefrau Gertrud Oesterreich aus Eichwalde hatte infolge ehelicher Zerwürfniffe ihren Mann verlassen und bei ihrer in der Kopenhagener Straße wohn- haften Schwester, die mit einem Kaufmann F. verheiratet ist, Zu- flucht gesucht. Der Ehemann folgte ihr jedoch auch dorthin und es kam nun in der Wohnung der Verwandten wiederum zu einem er- regten Auftritt. Hierbei geriet die junge Frau in eine derartige Aufregung, daß sie plötzlich Zyankali, das sie sich heimlich verschafft halte, nahm. Bewußtlos stürzte die Lebensmüde zu Boden. Man holte sofort einen Arzt herbei, der die Ueberführung der O. nachdem städtischen Krankenhans veranlaßte. Dort liegt sie völlig hoffnungs- los danieder. Zu einem Zusammenstoß zwischen einem Straßenbahnwagen und einem Wagen der Berliner Feuerwehr kam es am Dienstag- nachmittag an der Ecke der Seydel- und Grünstraße. Dort fuhr ein Zug der Linie 87 Chaussee, statt. 24/15! Zahlreiche Beteiligung erwartet j Die Ortöverwaltung. Am Montag, den 24. Juni, verschied nach langem Leiden unser lieber Bruder und Schwager, der Buchbinder Friti Jendrny. Die Beerdigung findet am i Freitag, den 28, Juni, nach- I mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Friedhoses in j Friedrichsselhe aus statt. 55a Im Namen der Hinterbliebenen Ii. Jendrny. Lichtenberg, den 26. Juni Deutscher j Bauarbeiter-Verbandj (Zweigverein Berlin.) Am 23. Juni starb unser Mit- | glied, der Maurer kferi SchuSz (Bezirk Moabit). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Donnerstag, den 27, Juni, nach- mittags 4 Uhr, von dem Kranken- 1 hause Moabit, Eingang Birken- strage, aus statt, 140/12 Der Vorstand. res Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin, Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Arbeiter Beinhold Brendel am 23. d, Mts, im Alter von 29 Jahren verstorben iit. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 27, d, M,, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Hedwigs- Kirchhoses, Liesenstratze, aus statt. 64/19 Die Bezirksverwaltung. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung meines liebea Mannes, des Putzers 4A Otto Schüneman spreche ich den Kollegen sowie den Mitgliedern des Gesangvereins der Putzer hierdurch meinen herzlichsten Dank aus, Witwe Helene Schiinemann, Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters tZSinrich Hoppe sagen wir allen Beteiligten, inS- besondere den Genossen des sechsten Kreises sowie den Gastwirten, den Gaslwirtsgehilsen und dem Gesang- verein der Gaslwirtsgehilsen unseren herzlichsten Dank. 20A. Anna Hoppe geb. Slasslack nebst Kindern. Zentral-VerM der und ßerufspossen öeutsi. Filiale ViroL Berlin. Den Milgliedern zur Nachricht. datz am Montag, den 24. Juni 1912, unser Kollege Xuxust gerstei I im Alter von 66 Jahren ver- | starben ist. Ehre seinem Andenken! , Die Beerdigung findet heute Donnerstag! vormittags 10 Uhr, ausdemstädt, Friedhof in Buch statt, - Um rege Beteiligung ersucht 192/16 Ber Vorstand. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Be- erdigung meines lieben Mannes und guten Vaters 61A Friedrich Drunvald sagen wir allen Teilnehmer» unseren herzlichen Dank. Witwe Bmma Grunwald nebst Kindern. Deutscher Metallarbeiter-Verband Bertoaltnngsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher Johsno Lau am 24. d, M, gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 28, Juni, nachmittags 5 Uhr. von der Leichenhalle des Hedwigs-Kirchhoses in Nelnicken- dors, Berliner Straße, aus statt, Rege Beteiligung erwartet 119/20 Die Crtöumtmltunp Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und die zahlreichen Blumenipenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter JUbertine Hoffmeister sagen wir allen Verwandten, Freun« den und Bekannten, den Genossen des 627, Bezirks sowie den Rauch- klubs.Florida" und„Humboldt" und dem Lotterieverein„Glückstern" unseren herzlichsten Dank, 20A Friedrich Hossmeister nebst Kindern. Dr.SimmeB Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden- Prinzenstr. 41, Äpwu I 10—2. 6— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Jedes Wort 10 Pfennig. R,as_,e.ttÄedruckte Wort 20 p'«-(zulässig 2 fettgedruckte Worte). 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