Nr. 148. HbonnemcntS'Bcdtnsnnstn: StBonnemcnM< Preis totänumetonkaj Vicrteljährl. 330 Ml, monatl. 1,10 Mt, wöchentlich 28 Pfg. frei tnS HauZ. Einzelne Nummer B Pfg, Sonntogä» nummer mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Well» 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- ZcitungS- Preisliste. Unter Kreuzband sitr Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonncmentl nehmen am Belgien, Dönemarh Holland, h,.______,____ , Schweden und die Schweiz, 29. Jahrg. Die TnferttoiK'Geftfltr betrögt für die sechsgefpallene«oionU» geile oder deren Raum«0 Pfg, für politische und aewerlschaslliche Vereins« und BersammIungS-Anzeigen L0 Pfg. „Klein« anzeigen", das settgedruckk Wort 20 Psg.(zulässtg 2 fettgedruckte Wort«), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstellenan- gen das erste Wort 10 Pfg, jede? w> e Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch. zählen für zwei Worte. Inserat« lr die nächste Nummer müssen bis . Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends ger""� Olädnt ligllch außer montagj. Vevlinev Volksblcrkt. relegrarmn-ildresse: „Ssalallltwsllral KerUo-. Zcntvzlovg&n der fozialdcmokratiTchcn Parte» Dcutfcblanda. Redaktion: 8m. 68. Llndcnstrasac 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1S83. Expedition: EM. 68» tdndcnstraaae 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Der lüiickgang cker Sebutte» Sl! vonvznä für grdeiterfellxlllche lilsKnshmen. ed. In der„Norddeutschen Allgemeinen Zeiwng" ist im Anschluß an die Mitteilung, daß Erhebungen über die Ur» fachen des Geburtenrückgangs angeordnet sind, auf die Leute» not und die Abwanderung in die Stadt als eine jener Ur» fachen hingewiesen worden. Die Junkerpresse, die in der Regel über den wahren Zweck derartiger„Fühler" sehr gut linterrichtet ist, hat gerade dieser Stelle des Aufsatzes in dem Regierungsblatte eine größere Bedeutung beigelegt und nützt sie aus. um Stimmung dafür zu machen, daß es den Ar- beitern durch Gesetz oder Maßnahmen der Verwaltung e r» s ch w e r t werde, vom Lande in die Stadt zu ziehen. Daß die Junker über diesen Plan entzückt sind und darin wieder einmal eine„patriotische Tat" erblicken, ist begreiflich. Die Herren hoffen, daß ihnen dadurch billige Arbeitskräfte gesichert werden. Kann aber eine solche Vergewaltigung der Arbeiter wirklich die weitere Abnahme in der Zahl der Geburten verhindern? Die Zahlen über die Abnahme der Geburten, so lauten die Ausführungen in dem Regierungsblatt, legen die Ver» mutung nahe, daß an dem Sinken der Geburtenzahlen in erster Linie die städtische Bevölkerung die Schuld trägt. So tritt hier die Leutenot und die Abwanderung vom Lande in die Stadt in anderer Form als eine der Fragen über die Zunahme und Abnahme der Bevölkerung wieder auf und die Zweckmäßigkeit, ja Notwendigkeit der Ansiedlung auf dem Lande tritt auch hier in den Vordergrund. So das Regie- rungsblatt. Unseren Junkern ist sofort aufgefallen, daß die Ansiede. lung auf dem Lande nicht genügt. Notwendig sei, wie sie nachdrücklichst betonen, daß die vielleicht mit großen Kosten angesiedelten Leute auch auf dem Lande bleibenmüssen-. ihnen müßte daher der Wegzug in die Stadt ver- boten werdenl In der Tat ist dies die unvermeidliche Ergänzung der Ausführungen in dem Regierungsblatt, wenn wir uns der Weisheit des Regierungsschreibers unterwerfen und die Abnahme der Geburten auf das Leben in der Stadt zurückführen würden. Diese Annahme ist aber falsch. Vielmehr hat die Flucht der Arbeiter vom Lande in die Stadt dieselbe Ursache, wie die Abnahme der Geburten, so daß, falls wirklich die Arbeiter, die vom Lande in die Stadt ziehen wollen, gewaltsam auf dem Lande festgehalten werden sollten, die Geburten in diesen Familien so selten werden müßten, wie es jetzt in der Stadt der Fall ist. Mit Recht ist bereits darauf hingewiesen worden, daß sich ein Rückgang in der Zahl der Geburten schon bei vielen Völkern gezeigt hat, und daß er dann auch nicht durch Zwangs» gesetze aufgehalten werden konnte. Die Bemühungen, die Zahl der Geburten wieder zu steigern, sind gescheitert, weil die Ursache der Geburtenabnahme nicht zu beseitigen war. Denn die Ursache liegt nicht etwa— wie auch jetzt wieder angedeutet wird— in dem Unverstand oder bösen Willen der Eltern, sondern in ihrer Unfähigkeit, eine größere Zahl von Kindern heranzuziehen. Hiermit scheint die Tatsache im Widerspruch zu stehen, daß bei einem Volke mit größeren Geburtszahlen nicht die reichsten, sondern die ärmeren Leute die meisten Kinder haben. Aber diese ärmeren Leute sind trotz ihrer ärmlichen Verhält» nisse in der Lage, eine größere Zahl von Kindern zu er- ziehen. Ja, für sie gilt bis zu einem gewissen Grade der Grundsatz: je mehr Kinder, desto mehr verbessern sich auch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern. So war es bei uns bis in die letzte Zeit hinein hier und da noch auf dem Lande. Tie notwendigsten Nahrungsmittel konnten sich auch die är- meren Familien bei angestrengter Arbeit sämtlicher Familien- Mitglieder verschaffen, also auch für eine größere Zahl Kinder. Ein genügend großes Stück Land für Kartoffeln, Korn und Gemüse stand ihnen zur Verfügung. Ziegen lieferten ihnen Milch, vielleicht hatten sie sogar eine Kuh im Stall. Ihre � sehr bescheidenen Ansprüche an Wohnung und Klci-� dung konnten sie meistens mit selbst gewonnenen Stoffen| ebenfalls befriedigen. Sobald ihre Kinder die ersten Jahre, hinter sich hatten, halfen sie bei der Arbeit mit und wurden j dadurch immer wertvoller für die Familie. Das erwachsene Kind endlich konnte verhältnismäßig früh heiraten, da in diesen Verhältnissen auch das junge Ehepaar seinen Lebens» unterhalt finden konnte. Und dann stellten sich die Kinder in regelmäßiger Folge ein. Dies hat sich aber auch auf dem Lande immer mehr ge- ändert. Für die ärmeren Leute wird es immer schtwrer, die notwendigen Gebrauchsgegenstände zu beschaffen. Das Land ist teurer geworden und steht nicht mehr in dem Umfange wie früher den ärmeren Leuten zur Verfügung. Das bare Geld hat aber auch im Haushalte des ärmeren Mannes auf dem Lande eine immer größere Bedeutung gewonnen. Heut- zutage müssen auch die Leiste auf dem Lande vieles für bares Geld einkaufen und brauchen überdies verhältnismäßig viel Geld für Steuern und Abgaben. Dazu kommen die immer schlechteren Aussichten für die Zukunft, die jeden zwingen, möglichst viel als Rückhalt zu erübrigen. Daher müssen auch die Leute auf dem Lande— und nicht nur allein die aller ärmsten— sehr sparsam selbst mit den Nahrungsmitteln sein und. so viel es irgend geht, zu Geld machen. Für die ärmeren Leute ist es eine immer schwerere Last geworden, ihre Kinder großzuziehen. Auf der andern Seite ist auch der Nutzen, den sie früher von den Kindern gehabt haben, mehr und mehr geschwunden. In der eigenen Wirtschaft können sie die Kinder nicht mehr beschäftigen, da sie nicht mehr genügend Land haben. Die Lohnarbeit der Kinder aber bringt nur zu oft nicht mehr ein, als was die Kinder selbst brauchen. Um etwas mehr zu verdienen, gehen die Kinder zur Arbeit in die Stadt, ziehen bald dorthin, und dann haben die Eltern oft gar keinen Nutzen mehr von ihren Kindern. Unter diesen Umständen geht naturgemäß die Zahl der Geburten zurück. Und dies auch dann, wenn die Leute auf dem Lande bleiben. Die schwierigen Verhältnisse auf dem Lande werden nicht im geringsten erleichtert dadurch, daß die Arbeiter, die sich nach besseren Verhältnissen sehnen und diese in der Stadt zu finden hoffen, gewaltsam auf dem Lande gehalten werden. Im Gegenteil wird dadurch nur die Unzufriedenheit und die Erbitterung gesteigert, der Kampf gegen die unerträglichen Zustände wird um so schär- f e r, und so werden die Mißstände immer schlimmer. Der Rückgang in der Zahl der Geburten ist ein weiteres Zeichen dafür, daß die jetzige Ausbeutungswirtschaft sich selbst die Grundlage untergräbt, auf der sie ruht. Sie schließt die für den Kapitalismus unentbehrliche Zunahme in der Zahl der Geburten aus. Der einzige Ausweg aus diesen Schwierigkeiten ist der, daß es den Arbeitern wieder ermöglicht wird, eine größere Zahl von Kindern zu ernähren und sich ungestört des Glückes zu erfreuen, das ihnen ihre Kinder bieten. Dies ist aber nur durch die sozialistische Regelung der ge- me infamen Arbeit zu erreichen, durch die B e s e i t i° gung der kapitalistischen Ausbeutung, durch die Versorgung des arbeitenden Volkes mit allem, was es für sich und die heranwachsende Jugend braucht. Suffrsgette; und sirbeltervertreter. London, 26. Juni.(Eig. Ber.) Eine aufregende Szene, die man nur bedauern kann und in der Genosse LanSbury die Haupt- Person war. spielte sich gestern im Parlament ab. ES handelte sich um die gefangenen Frauenrechtlerinnen» die einen Hunger st r e i k inszeniert haben, um die Regierung zu zwingen, sie als politische Gefangene zu behandeln. Manche von ihnen müssen auf gewaltsamem Wege kiinstlich ernährt werden. Ein« der Gefangenen hat sich als Protest gegen diese Gewalttätigkeit über daS Treppen- gcländer des Gefängnisses in ein& Fuss tiefer gelegenes Drahtnetz und von dort auf die S Fuss tiefer liegende eiserne Treppe ge- warfen. Dieser Fall war im Unterhaus zur Sprache gekommen und der angebliche Selbstmordversuch, bei dem die Täterin nicht viel Schaden erlitt, hatte in einem Teil des Hauses etwas Heiterkeit ausgelöst. Dann bat daS irische Parlamentsmitglied Healy den Premierminister, die Gefangenen sofort auf freien Fuss zu setzen, da eine Anzahl von ihnen ja sowieso am Sonnabend entlassen werden müßte. Herr Asquith erwidert«, daß diese Frauen nur das Versprechen abzugeben hätten, ihre gewalttätige Form der Propaganda nicht weiter zu befolgen, um aus dem Gefängnis hinausspazieren zu können. Kaum hatte er geendet, als Genosse LanSburh erregt aufstand und ausrief:.Sie wissen, daß sie das nicht können; es ist ein Skandal." Sofort erschollen laute Rufe: Ruhe! Ruhe! während LanSbury auf die Ministerbank zuschritt und fortfuhr:„ES ist ein wahrer Skandal, daß der Premier- minister diese Erklärung abgibt. Sie wissen, daß sie es nicht können. Haben Sie von William O'Bricn verlangt, dass er ein Versprechen abgeben sollte? Man sollte Sie mit Verachtung strafen. Sie nennen sich Gentlemen? Sie, die Sie Fvauen auf gewalt- tätigem Wege füttern? Man sollte Sie aus dem öffentlichen Leben jagen." Der Präsident erhob sich und gebot Ruhe; laute Rufe nach Ruhe. LanSbury:„Man redet von' Protesten! ES ist daS schänd- lichste Ereignis in der Geschichte. Von Ihnen sollte die Geschichte berichten, dass Sie imschuldige Frauen folterten. Ich sage, Herr Präsident, es ist schändlich, daß der Premierminister dieses Landes diesen Frauen sagt» daß sie au? dem Gefängnis spazieren können� wenn er gut genug weiss, dass sie eS nicht können Hat man dem ehrenwerten Mitglied für Cork gesagt, er könne hinausgehen, wenn er ein Versprechen gebe? Hier ist eine Partei, die. um Stimmen zu ergattern, William O'Brien verteidigte, als dieser sich weigerte. GcfängniSkleider zu tragen." Lansburh ging dann auf seinen Platz zurück und der Präsident forderte ihn auf, das Haus zu verlassen. Er antwortete darauf:„Ich gehe nicht hinaus, während diese verächtlichen Dinge geschehen, während man Frauen peinigt, mordet oder zum Wahn- sinn treibt. Sie(zu den Konservativen gewendet) sollten sich schämen; Sie reden von Grundsätzen, den Protesten Ulsters! Die Frauen zeigen ihnen, was Grundsatz bedeutet, und Sie sollten sie' ehren und nicht über ihre Leiden lachen. Sie sollten sie für ihre Weiblichkeit ehren. Dass der Premierminister den Gemeinen, Englands sagt, dass die Frauen aus dem Gefängnis spazieren können, ist der Verachtung nicht einmal würdig." Der Präsident drohte darauf mit der Anwendung schärferer Mittel, wenn Lansburh das Haus nicht verlasse. Nachdem ihm sein Kollege C r 0 0 k s eine Weile zugeredet hatte, befolgte er auj einen Wink Macdonalds die Weisung des Präsidenten. Der Vorfall wird das Ansehen der parlamentarischen Arbeiter« Vertretung, von der der temperamentvolle LanSbury eines der tätigsten und beliebtesten Mitglieder ist, sicherlich nicht heben. Zu einer Zeit, in der Hunderttausende im Londoner Hafen hungern und um ihr Recht kämpfen, in der die Polizei, wie die Zeugen- aussagen vor der Untersuchungskommission bekunden, die Frauen und Kinder der Streikenden in Rothcrhithe brutal misshandelte, in der dutzende Arbeiter wegen geringfügiger Streikvergehen im Gefängnis schmachten, gibt es doch wahrlich andere, wichtigere Dinge, über die man sich aufregen kann, als die Not der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen» die übrigens von der Regierung viel, viel zarter behandelt worden sind, als zum Beispiel Arbeiterführer wie Tom Mann und Bowman. Die Führer der Suffragettes hat man als politische Gefangene behandelt, und zwei von ihnen sind schon wieder auf freiem Fuße, obwohl sie noch sieben oder acht Monate abzusitzen hätten. Man vergleiche die Behandlung und das Gebaren der Suffragettes mit der Behandlung und deni Gebaren der Arbeiterführer und Streikenden, die man eingesperrt hat. Alle Agitation hat nicht vermocht, die Regierung zu bewegen, Tom Mann als politischen Gefangenen zu behandeln. DaS machte ihn aber kuneswegs hysterisch; er brummte seine Zeit ab und bemühte sich, durch eine exemplarische Führung und sleissiges Strumpf- stricken die Strafzeit soviel wie möglich abzukürzen. Und wie be- hondelt man erst die Opfer der Streikjustiz! Während des Berg- arbciterstreiks wurde in Schottland eine Bretterbude in Brand ge- steckt; das war der berühmte Brand der Zcchengebäude, von dem die kapitalistische Presse spaltenlange Berichte brachte. Wegen dieses VeigehenS sind etwa zehn Arbeiter zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Einige von ihnen waren Litauer und Polen, die nach der Verbüssung ihrer Strafe ausgewiesen werden sollen. Einige sind schon ausgewiesen, da alle Versuche des schottischen Bergarbciterverbandes, den Minister des Innern zu bestimmen, die Ausweisung nicht vorzunehmen, fruchtlos geblieben sind. Anstatt sich über die Behandlung der Suffragettes aufzuregen, sollte man dafür agitieren, dass die Regierung Mitglieder der Arbeiterklasse ebenso zart behandelt als jene. Wohin soll das führen, wenn sich Arbeitervcrtreter mit den Albernheiten der Frauen identifizieren, die durch ihre Aufführung den Gegnern des Frauenstimmrechts nur Material zur Bcweisurig der Behauptung liefern, dass das weibliche Geschlecht keine Ahnung von der Tragweite seiner Handlungen hat und deshalb für die Ausübung des Stimmrechts nicht reif ist? Gestern schlugen einige Suffragettes in einem Eisenbahnwagen die Fenster ein und zer- schnitten die Polster. Welche Gedanken kann dieser neueste Streich der Damen in dem Kopfe des Diorchschnittswählers Wohl erwecken?, ES war schlimm genug, daß sich Arbeitervertreter fanden, die die undemotratischen Forderungen der Frauenrechtlerinnen unter» stützten: dass sie aber jetzt die burleske Propaganda dieser bürger- lichen Frauen hitzig verteidigen, das schlägt dem Fass den Boden aus� ver Krieg. Die Masseudesertion in Albanien. Konstantiiwpel, 27. Juni. Die Gerüchte, wonach vier Bataillone in der Gegend von Monastir desertiert seien, werden nicht bestätigt. Bisher sind desertiert: In M 0 n a st i r 4 Offiziere und 180 Sol- baten, in P e r l e p e 2 Offiziere und SS Soldaten, in O ch r i d a 2 Offiziere und 25 Soldaten. Das Gerücht von der Abberufung des Kommandanten des Armeekorps von Monastir entspricht nicht den Tat» fachen. Die Deserteure verlangen einen Wechsel der Minister bis auf den Minister deS Innern sowie die Auflösung bezw, Reinigung deS jungtürkischen Komitees. Gerüchten zufolge ist das Komitee geneigt, daS Kabinett teilweise zu opfern. In den Kreisen der Regierung herrschen zwei Strömungen. Einige Minister, darunter der Minister des Innern, befürworten Beruhigungsmittel, andere treten für strenge Massregeln ein._ Politische(lebersicbt. Berlin, den 27. Juni 1912. Die bayerische Regierung auf dem Kriegspfado. In der Abgeordnetenkammer des bayerischen Landtags Pro- klamierte am Donnerstag der Minister des Innern den Grund- satz, dass ausgesprochen ziclbewusste Sozialdemokraten zu Bürger- meistern nicht bestätigt werden dürfen. Herr v. Soden spielte den starken Mann und meinte herausfordernd, man solle gegen ihn doch die Miiiistkranllage erheben. Mit schneidender Schärfe wies Genosse S e g i tz die Auffassung des Ministers zurück, die eine vollständige Abkehr von der früheren Praxis bedeute und verspottete die Beschränkung der Nichtbestätignng auf ausgesprochen zielbewusste Sozialdemokraten. Segitz wiederholte auch heute dreimal die Anklage auf glatten Verfassungsbruch, ohne dass der Präsident einzuschreiten wagte. Erst nach Schluß der Rede er, hielt Segitz einen Ordnungsruf. Der Zentrumöbaron v. Franken st ein zollte der Erklärung des Ministers Beifall, wollte aber von einer Unterscheidung zwischen zielbewussien und nicht zielbewusste» Sozialdemokraten nichts wissen. Alle Sozialdemokraten seien gleich gefährlich. Stürmische Zjvischenrufe erinnerten den Redner an die frühere Haltung deS Zentrums und an den Kulturkampf. Nachdrücklich bekämpfte auch der liberale Professor Günther diese ausnahmerechtliche Behandlung der Sozialdemokraten und wandte sich auch gegen die Ordnungsrufe des Präsidenten. Di« Verfassung selbst erfordere eZ, daß ein Abgeordneter den Vorwurf des Verfassungsbruches ausspricht, wenn er hierzu Anlaß zu haben glaubt. Es sei unzulässig, dieses Recht des Abgeordneten durch die Geschäftsordnung aufzuheben. Genosse S ü tz h e i m erinnerte daran, daß der vom Kultus- minister verbotene Guttemplerorden vom' Kaiser empfohlen worden sei; man solle doch„Onkel Hertling" veranlassen, nun den Kaiser deshalb abzusetzen. Der geistige Tiefstand des Zentrums offenbarte sich am Schluß der Sitzung. Man ließ einen Zentrumsbürgermeister reden, der solchen Unsinn schwatzte, daß die Linke% Stunden lang hinter jeden Satz des Redners eine Reihe fröhlicher Bemerkungen ein» flocht; das Haus wurde unablässig von Explosionen des Gelächters erschüttert. Wie Streikprozesfe zustande kommen. Vor der zweiten Strafkammer in Duisburg hatte sich der Bohrhauer I. zu verantworten. Die Anklage warf ihm vor, die arbeitswilligen Bergleute Johann und Fritz Stuhlsatz und Nikolaus Michels durch Aeußerungen wie„Halunken",„Spitzbuben" belei- digt zu haben. Der Angeklagte gab zu, die ihm zur Last gelegten Aeußerungen getan zu haben. Die Zeugenvernehmung führte zu dem überraschenden Ergebnis, daß die drei Beleidigten ihr g r o- ßes Erstaunen zum Ausdruck brachten, als ihnen vom Gerichtsvorsitzenden schwarz aus weiß klar gemacht wurde, sie hätten gegen den Angeklagten Strafantrag gestellt. Der Zeuge Nikolaus Michels sagte aus, daß der vernehmende Beamte auf der Polizei- stube zu ihm gesagt hatte, als er ihn aufforderte, seinen Namen unter das vorgelegte Schriftstück zu setzen:„Der Erste Staats- anwalt verlangt, daß unterschrieben wird". Dabei wurde festgestellt, daß das dem Zeugen zur Unterschrift vorgelegte Schriftstück ihm nicht einmal vorgelesen worden war. Das T o l l st e ergab sich aber erst bei der Vernehmung deS Zeugen Fritz Stuhlsatz. Er konnte sich zuerst auch nicht erklaren, wie er denn zu einem solchen Strafantrag gekommen sein konnte. Des weiteren ergab sich in diesem Falle, daß der Zeuge erst 15 Jahre alt und deshalb zur Stellung eines solchen Straf- antrages gar nicht fähig war. Mit dem Antrage deS dritten Zeugen verhielt es sich ebenso, wie mit der des ersten Zeugen. Das G e- richt erklärte sämtliche drei Strafanträge für un- gültig. Die Anklageschrift des Staatsanwalts wurde gleich- zeitig vom Gericht als unrichtig bezeichnet, da es eine Ideal. konkurrenz des Z 153 der Reichsaewerbcordnung und deS§ 185 des Strafgesetzbuches nicht gebe. Das Verfahren gegen den Streik- sünder wurde eingestellt. Dieser Prozeßkrampf, der nicht verein- zeit dasteht, beleuchtet blitzartig das heiße Bemühen der Polizei, dem Unternehmertum unter allen Umständen zu Diensten zu sein. Unsere Zukunft liegt in der Luft! Unsere Prophezeiung, daß die derzeitige Losung, unsere Zu- kunft liege auf dem Wasser, gar bald in die neue Losung,„unsere Zukunft liegt in der Luft", verwandelt werden würde, beginnt sich rasch zu bestätigen. Bekanntlich hat ja auch Wilhelm II., der an- gcblich eine Zeit lang der Flugmaschine recht skeptisch gegenüber- stand, jüngst dem Flieger Hirth gegenüber versichert, daß auch ihm die Eutwickclung der Militäraviatik sehr am Herzen liege. Wie die militaristischen Treiber sich den Ausbau der Militärfliegerci vorstellen, beweist ein Artikel in der neuesten Nummer der „Berliner Neuesten Nachrichten", in dem gefordert wird, daß, wie jede Division, der kleinste selbständige Truppen- verband, seine Divis ionskavallerie habe, sie in Zukunft auch ihre F l i e g era b t e i l un g haben müsse. Freilich:„dazu gehört Geld, viel Geld". Und dann wird das Kaiserwort ipr Sinne des LnflmilitariSmuS variiert: „Ohne allzu großen Optimismus kann man getrost d a S a i s e r w o r t von der Flotte auf die A r m e e übertragen � und sagen, daß der Luft die Zukunft gehört, denn'die Lufterrungenschaften der letzten Jahre haben bereits erhebliche Veränderungen der Ansichten bervorgerufen und werden eS in Zu- kunft noch viel mehr tun." So ivird uns also allen Ernstes versichert, daß Deutschlands militärische Zukunft in der Luft liegt! Und sicherlich wird es auch nicht allzu lange dauern, bis die Forderungen für die Luftflotte sich neben denen für die Marine sehen lassen können! Der Zwist im«ationalliberalen Lager. Die Fuhrmänner und Friedberger deS bunten Parteiragouts. das man nationalliberale Partei nennt, fühlen sich durch den öffentlichen Protest einer Anzahl hervorragender national» liveraler Politiker gegen die Gründung deS Altnationalliberalen Reichsverbar.des sehr verschnupft und fertigen deshalb die Pro- n._________. I. f. Rousseau. Von Dr. I. Axelrod. Jean JacqueS Rousseau gehört zu jenen Persönlichkeiten, deren iiefeindringende Wirkung in der menschlichen Geschichte eher auS den Widersprüchen als aus der Harmonie ihrer Seele entspringt. Die zwei Seelen in der Brust, die nicht immer ein Merkmal aus- erlesener Naturen sind, kennzeichnen nicht nur seinen Lebenslauf. sondern ebenso seine Weltanschauung, sein Denken und Trachten. Große Sensibilität und ein scharfer, alles durchdringender Ver- stand, eine außergewöhnliche Phantasie, die an Schwärmerei grenzt und ein tiefer Blick für das praktische Leben, Mißtrauen gegenüber der kulturellen EntWickelung und den Menschen selbst und ein unbegrenzter Glaube an Menschengröße und Edelmut waren seiner Seele eigen. Die trübe, freudlose Kindheit, die von ungewöhnlichen Schicksalen durchdrungene Jugend hat in Rousseau jene besondere Empfindlichkeit hervorgerufen, die ihm den seelischen Verkehr mit den Menschen erschwerte. Er hatte in seinem persönlichen Leben die Einsamkeit erfahren, die grausame Gleichgültigkeit der mensch- lichen Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen. Sein trauriges per- sönliches Schicksal lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Unglück- lichen und Enterbten. Unerschrocken zerstörte er die schöne Hülle, mit welcher der nackte Egoismus der Herrschenden verschleiert ist. Er suchte den Stolz der Menschheit an den Errungenschaften der 5lultur zunichte zu machen, indem er den WildhcitSzustand der Menschen für vollkommener erklärte. Rousseau stellte die Behaup- tung auf, daß die bürgerliche Gesellschaft mehr Laster als Tugenden aufweise, daß ihre Laster nachteiliger als ihre Tugenden vorteil- Haft seien, ihre Fortschritte in Kenntnissen und Kunst nicht auS- reichen, um für die Leiden, die der Einzelne erduldet, einen Ersatz zu schaffen; die Gesellschaft setzt das Individuum mehr dem Un- recht aus, als sie es schützt; sie gibt leine Entschädigung für den Verlust der Freiheit, die der Mensch erleidet. Es war eine Anklage auf die Gebrechen der Kulturgesellschast, die durch ihre Aufrichtigkeit und Uncrschrockcnheit ihre Wirkung nicht verfehlen konnte. In den„Bekenntnissen" stellt Rousseau die geheimen Wünsche und die wirklichen Fehltritte der Krilturmcnschen bloß. Dieses unsterbliche Werk erreicht sein Ziel vor allem dadurch, daß der Autor durch die Schilderung seiner eigenen Person die Verdorbenheit der Welt und des Menschen anklagt. Wie Dante die Oualen der Sünder, so veranschaulicht Rousseau die inneren seeli- sehen Leiden, die aus den Vergehen gegen die Stimme der Natur, gegen daS Gewissen entspringen. Nicht nur die künstlerische Kraft allein hat diesem Werke einen unvergänglichen Wert verliehen, sondern noch mehr die große Aufrichtigkeit, mit der Rousseau vor die Oeffentlichkeit trat. Es war ein großartiger Kunstgriff— er hatte es mit der Schilderung der LoSlösung von dem Sittlichen in jener Epoche getroffen. testler in der„Altnaiionalliberalen Reichskorrespondenz" von oben herab verächtlich ab. Da, wie sie behaupten, der Protest von der pommerschen nationalliberalen Organisation und deren Sekretär ausgeht, richten sie auch an diese die Abfertigung. In der langen Entgegnung heißt es: „Wenn diesen pommerschen Herren, die noch jüngst ganzen Landesteilen mit ihren ältesten und treuesten Besitzständen der Partei ziemlich unverblümt das Recht der Zugehörigkeit zur nationalliberalen Partei absprachen, nicht bald aus der Partei heraus ein Halt geboten wird, dann scheinen uns Kämpfe un- ausbleiblich, die schließlich zur schwersten Erschütterung des Parteigefüges führen müßten.. Denn darüber mögen sich jene Herren klar sein: Von dem von uns nicht ohne größte Not be- schrittenen Wege werden wir uns durch die Klagelieder des linken Partciflügels nicht mehr abbringen lassen, in der Ueber- zeugung, die Partei werde es uns in Zukunft dan- ken, daß es in einer kritischen Stunde Männer gab, die selb st Beschimpfungen aus den Reihen der eigenen Partei auf sich nahmen in ihrem Kampfe um die Erhaltung solcher Partei» grundsätze, die ihnen für die Partei und das Vaterland unentbehrlich schienen. Das Verfahren, einen Aufruf von so weittragender Bedeutung durch einzelne Landesvorsitzcndc als solche unterzeichnen zu lassen, scheint uns nicht unbedenklich zu sein. Abgesehen davon, daß ein solcher Entschluß eigentlich der vorherigen Zustimmung der betreffenden Organisationen bedurft hätte, können durch diese scheinbar offiziellen Kundgebungen, gegen die auS den einzelnen Landestcilcn bereits bei uns Pro- teste eingelaufen find, die Kämpfe sehr leicht in diese Landes- organisationen selbst hineingetragen werden. Zu welchen Wider- sprächen dieses Hervortreten von üandesvorsitzenden führt, sieht man z. B. an der Rheinprovinz, dessen Vorsitzender seinen Namen für den Aufruf zur Verfügung gestellt hat, obwohl in seiner eigenen offiziellen Partetkorrespondenz die von uns in voriger Nummer wiedcrgegebenen freundlichen Worte der Begrüßung deS altnationalliberalen Reichsverbandes standen. Wir k ö n n- ten mit demselben Rechte und mit gleicher oder größerer Leichtigkeit einen Gegenaufruf, von ebenso vielen La nd es v or s i tz e n d en unterzeich. net, veranlassen. Wir verzichten aber darauf, dieses schlechte Beispiel nachzumachen. Wir haben unS prinzipiell ent- schlössen, in die bestehenden Parteiorganisationen nicht störend einzugreifen. Wir haben durch den Verzicht auf eigene Ver- einsgründungen, auf die Schaffung oder Einbeziehung land- schastlicher Verbände zeigen wollen, daß es uns ernst ist um die Erhaltung und Befestigung der organisatorischen Einheit der Partei. Wir wollen nur durch die Zusammenfassung gleich- gesinnter einzelner von uns zu sammelnder Parteifreunde auf die Partei zu wirken suchen, und werden uns ohne Not auch durch Provokationen von diesem Entschlüsse nicht abbringen lassen."_ Oetavios wirkliche Meinung. Octavio von Zedlitz, der Hauptmitarbeiter der„Post", der Mann, der nach den eigenen Bekenntnissen dieses Organs den größten Einfluß auf dessen Redaktion ausübt, hat be- kanntlich im Abgeordnetenhause wiederholt mit großer Emphase die Verantwortung für jenen Kriegshetzartikel der „Post" abgelehnt, in dem von Wilhelm II. als„Guillaume le tirnide, le yaleureux poltron", zu deutsch:„Wilhelm dem Furchtsamen, dem wichtigtuenden Großsprecher", die Rede war. Der politische Drahtzieher der„Post" begeht jetzt die Unvorsichtigkeit, seine ohnehin höchst unglaubwürdigen Ausreden dadurch selbst vollends zu entkräften, daß er über die skandalöse Kriegshetze der„Post" und verwandter Organe während des Marokkokonfliktes im„Tag" folgendes Urteil Mt: „„Die starke nationale Strömung, welche die Wchrvorlage ko glatt durch den Reichstag getragen hat. ist nicht das Ver. dienst der Regierung, diese hat vielmehr, soweit es ihr möglich tvar, abgewiegelt. Wohl aber können sich sie zu einem guten Teil die Alldeutschen, der Flotten- und der Wehrverein sowie die im gleichen Sinne arbeitende nationale Presse anrechnen. Bei der auch von Bismarck so tief beklagten Schwäch« de« nationalen Bewußtseins bei einem großen Teil unsere? Volkes sind Agitationsorganisationen der bezeichneten Art bei uns ein unab. weisbares Bedürfnis. Ohne den Ostmarkcnverein hätte das Deutschtum in den polnisch gemischten Landcsteilen niemals die zum Ausharren in dem schweren wirtschaftlichen Kampfe nötige Widerstandskraft erlangt. Mit Zuckerioasser weckt man daS vaterländische Gewissen aber nicht, dazu bedarf eS der flammen- den Sprache patriotischer Leidenschaft. Daß dabei mancher Uerberschwang, ja mancher Mißgriff mit unterläuft. ist richtig, fällt aber gegenüber dem im ganzen In dem Zerfall des StaatSgcbildeS deS damaligen Frankreichs entfaltet« sich der Mißbrauch der Privilegien durch die herrschenden Klassen am stärksten. Auf Kosten der schwersten Arbeit der Mehr- heit existierend, verfielen diese Herrschenden dem Müssiggang, dem übertriebenen Luxus und gingen geistig und moralisch zugrunde. Die hervorragenden Geister jener Zeit, die Aufklärer, haben die Negation de? Feubalstaates durch die Proklamierung seiner Un- vernünftigkeit geäußert, Rousseau dagegen betonte die Grausamkeit und Gefühllosigkeit jener Ordnung. Wenn die ersteren der Ver- nunft huldigten, durch die sie das Glück auf Erden zu erreichen träumten, so setzt dieser die Wirkung der Vernunft für die Be- freiunq deS menschlichen Geistes in Zweifel und beruft stch ank das Gefühl und daS Mitleid. In der Natur erblickten die Aufllärer wie der zu ihnen in Opposition stehende Rousseau das Heil. Der Unterschied liegt nur darin, daß jene die Natur als Quelle der Vernunft anffaßten, während dieser in ihr den Ursprung dcS moralischen Elementes erblickt. Rousseau glaubt in der Geschichte die Belege für seine Anschauung von der Bedeutungslosigkeit der Kultur für daS menschliche Glück zu finden. Ter Mensch ist nur dann wahrhaft glücklich zu nennen, wenn er die ihm von der Natur verliehenen höheren Triebe befriedigen kann— die Triebe der Freiheit und des Mitleids. Dieses Maß an das kulturelle Leben anlegend, glaubte Rousseau keinen Fortschritt in der menschlichen Geschichte konstatieren zu können. Die Errungcnscharten deS menschlichen Geistes haben nur die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen geschaffen. Der entwickelte menschliche Ver- stand verhüllt stets die Grausamkeit, indem er viele Scb'iche und Wege eröffnet zur Unterdrückung de» Schwächeren. Er hat auch die unzähligen Mittel hervorgebracht, mit denen man seinen Nächsten am besten zu unterjochen vermag. Die natürliche Un- gleickheit der Menschen erklärt keineswegs jene Ungleichheit, die im Gegensatz zwischen Tyrann und Sklaven zum Ausdruck kommt. Tyrannei und Sklaverei sind Produkte der Gesellschaft, sie entstehen in dem Augenblicke, da die Ungleichheit durch das Gesetz sanktioniert, wo die natürliche Stärke zum Vorrecht erhoben worden ist! Im Naturzustände hat der Starke über den Schwachen keine Macht auszuüben vermocht, weil die Lebensart ihm dazu keine Mittel bot. Sind die Menschen durch die Lebensbedingungen nicht vereinigt, leben sie voneinander getrennt, so ist auch die Herrschaft deS einen über den anderen ausgeschlossen. Nur in der Gesellschaft, im gemeinsamen Leben konnte das Abhängigkeitsverhältnis ent- stehen, und die natürliche Ungleichheit, die die freie Existenz der Individuen nicht beeinträchtigte, nimmt in der Gesellschaft andere, viel grausamere Formen an. In ihr sind jene großen Ucbel, wie Krieg und Haß entstanden: der Naturzustand mit seiner Ungleich- heit kannte diese Leiden nicht. RousseauS Individualismus entstand als Protest gegen die Privilegien, gegen die erbarmungslose Ausbeutung der unteren Schichten der Gesellschaft. Es war«in Protest gegen die herzlose I Welt, gegen die Wirklichkeit, die, anstatt die Rechte vcS Schwächeren verdienstlichen Wirken nicht allzu schwer ins G e m i ch t." Zweifellos hat Herr von Zedlitz bei dem Mißgriff an jenen rabiaten Ausfall der„Post" gegen Wilhelm� II. ge» dacht, der erstaunlicherweise keinen Staatsanwalt zu einer An- klage wegen Majestätsbeleidigung veranlaßte. Solche„Miß- griffe" aber, so erklärt Herr von Zedlitz ausdrücklich,„fallen gegenüber dem im ganzen verdienstlichen Wirken" der scharf- macherischen Hetzpresse„nicht allzu schwer ins Gewicht". Wir wollen uns dies Eingeständnis einer schwachen Stunde merken!_ Zur Sicherheit der Seeschiffahrt wird— so meldet man der bürgerlichen Presse— der Bundesrat voraussichtlich noch vor den Soinmerferien die Wahl eiues Reichs- Prüfungsinspektors für die Schiffsingenieur- und Maschinistenprüfung vornehmen. Wenn das alles ist, was die Reichsregierung zur Sicherheit auf See und im Hinblick auf die letzte Seekatastrophe tun will, so ist das so gut wie nichts._ Tie Ausschreitung auf dem Döberitzer Truppen- Übungsplatz, die dem Grenadier Block vom Königin-Elisabeth-Garde-Grenadier- Regiment fünf Jahre Gefängnis eingetragen hat, beschäftigte gestern das LberkricgSgericht des Garde-Korps. Der Grenadier Block ist bekanntlich wegen militärischer Aufwiegelung vom Kriegs- tericht der 2. Garde-Division zu fünf Jahren und einem !age Gefängnis verurteilt worden. Der Unteroffi- zier Sugge, an dem die Ausschreitung begangen war, erhielt wegen vorschriftswidriger Behandlung Untergebener vier Monate und zwei Wochen Gefängnis. Gegen dieses Urteil hatten beide Angeklagte Berufung einge- legt. Der Vorgang, der der Anklage zugrunde liegt, ist kurz fol- gender: Gelegentlich einer Uebung der 6. Kompagnie vom Regt- uient Elisabeth hatte ein Rekrut eine Schaufel verloren. Am folgenden Tage(es war dies ein Sonntag) befahl der Kompagnie- chef dem Unteroffizier Sugge, mit einigen Mannschaften auf die Suche zu gehen, um die Schaufel zurückzubringen. Den Leuten war dies nicht gerade angenehm; am meisten ärgerte sich aber der Grenadier Block darüber, daß er am Sonntagmorgen das Gelände absuchen mußte. Zudem ließ Sugge die Leute ausschwärmen, be- legte sie mit beleidigenden Ausdrücken und ließ sich auch in anderer Weise eine vorschriftswidrige, gemeine Behandlung zuschulden kom- men. Block wurde durch die Schikanierungen schließlich in eine derartige Aufregung versetzt, daß der Jähzorn bei ihm zum AuS- bruch kam. Er stürzte sich plötzlich mit dem Rufe, die Kameraden sollten ihm beistehen, auf den Unteroffizier, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn derbe hin und her. Die Kameraden folgten aber dem Rufe nicht. Sie rissen Block vielmehr vom Vorgesetzten zurück. Das Kriegsgericht erkannte gegen B. wie oben erwähnt. Die gestrige Verhandlung vor dem Oberkriegsgericht endete damit, daß die Sache gegen Block vertagt wurde. Er soll ärztlich auf seinen Geisteszustand hin untersucht werden. Gegen Sugge wurde zu Ende verhandelt. Seine Berufung wurde verworfen. Militärisches Schreckensurteil. Vor dem OberkriegSgericht in Wilhelmshaven hatten sich die Torpedoheizer Backhus und Thomas wegen Meuterei zu verant- Worten. Worin diese bestand, ergibt sich auS folgendem: Die beiden Angeklagten hatten an einem Abend im März in einer Straße im benachbarten Rüftringen einen Wortwechsel mit einem Obermat. Dieser nahm dabei dem einen Angeklagten die Mütze meg, um dessen Namen feststellen zu können. Die beiden Angellagten versuchten nun dem Unteroffizier die Mütze zu entreißen. diesem verhältnismäßig harmlosen«orfall wurde die— Meuterei erblickt. Die Verteidiger suchten nachznweisen. daß ein tarlicher A n» griff in Frage kommen könnte, welcher Ansicht da? Gericht indes nicht beitrat. Es verurteilte dielmehr die beiden Hetzer zu je fünf Jahren Gefängnis für die Unbedachtsamkeit eine» Augenblicks, bei der ihnen sicher ebenso die Absicht wie das Bewußtsein, ein mili- tärischeS Verbrechen zu begehen, gefehlt hat. Erschossen aufgefundener»ationalliberalerParteisekretär. Erschossen hat sich, wie auS Rostock gemeldet wird, der national- liberale Parteisekretär Hauplmann a. D. Erich Gentz. Die Leiche wurde in der oberen Warnow aufgefunden. Als Ursache deS Selbst- mordes wird eine große Schuldenlast genannt. Oelterrdcb-Ungani. Für die Rechte Bosniens. Im bosnischen Ausschuß des österreichischen Abgeordneten» Hauses stellte Genosse Dr. Renner den Antrag, die Regie- zu schützen, diesen Schutz preisgibt, dagegen Kraft und Recht identi» siziert. Dieser Individualismus kann mit dem eine? Nietzsche nicht verglichen werden. Der Individualismus Rousseaus richtete sich gegen die Machthaber, für die Unterdrückten und Leidenden, während der heutige Individualismus das Recht der Stärkeren über den Schwächeren proklamiert. Rousseau äußerte die Negation der abgelebten sozialen Formen seiner Epoche, der Jndividualis» muS der heutigen Zeit sucht dagegen die Zustände der gegen- wärtigen Gesellschaft zu konservieren. Aus dem negativen Verhältnis RousseauS zum damaligen Staate, zur Grundlage der Kulturgesellschaft, folgt seine Ansicht über den Ursprung der Ethik. Der Kulturgesellschast fehlt das ethische Element, denn in einer Rechtsgemeinschaft, die nicht nur die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zuläßt, sondern sie ausdrücklich durch das Gesetz sanktioniert, mangelt wohl jede ethische Grundlage. Diese Gesellschaft ist selbstverständlich� ein schlechtes Institut für die Erziehung des Menschen� zu einem ethischen Wesen, in ihr lernt er nur, grausam zu sein, seine Nächsten zu hassen, nicht aber zu lieben. Wenn in der menschlichen Seele die Nächstenliebe nicht vollständig erloschen ist, so ist dies der Natur zu danken, die das Mitleid zu jeder lebendigen Kreatur und vor allem zum Menschen schuf. Alle seine anderen Fähigkeiten hat der Mensch im Kamps ums Dasein erworben, das Bewunde» rungSwürdigste aber, die Liebe und das Mitleid, schenkte ihm seine Göttin, die Natur. Diese höheren Eigenschaften sind ihm ebenso ursprünglich und stark wie der Selbsterhaltungstrieb. � Darum konnten die durch Jahrtausende sich hinziehenden zerfleischenden Kämp-e daS Gefühl des Mitleids nicht ersticken. Hier ist die Quelle des Deismus RousseauS. Der Genfer Philosoph projiziert eine milde Kraft, die er als Gott bezeichnet, von der der Mensch sein besseres Ich und seine Nächstenliebe er- hielt. DaS Eingeborensein des moralischen Gefühls ist der Punkt, wo Rousseau auf Kants Ethik einwirkte. Daß Kants Lehre vom kategorischen Jmverativ einen ganz anderen Inhalt hat als die GeftihlSlehre RousseauS, ist selbstverständlich. Es erregt eher Ver» nmnderung, daß eine so geartete Natur wie die Rousseaus auf Kant einen Einfluß ausüben konnte. Viel begreiflicher ist die Einwirkung Rousseaus auf die Vertreter der Sturm, und Drgng- Periode, auf Herder, Goethe und Schiller, wie auf die Gefühls- Philosophen Deutschlands.„Werther",„Kabale und Liebe" sind von Rousseanschen Lcbenöanschauungen und Ideen durchdrungen. In ihrem Geiste ist die Identifizierung der Begriffe Gott und Liebe, wie die Behauptung, das Gefühl sei alles, in dem bekannten Monolog im„Faust" gehalten. Durch seine Bttnertung der Vernunft als Moment in der EntWickelung der menschlichen Geschichte wie durch seine Religiosität geriet Rousseau in schroffen Widerspruch mit den Aufilärern und metaphysischen Materialisten. Aber Rousseau erweist sich in der Auffassung mancher erkenntnistheoretischer wie geschichtlicher Probleme als ein echter Materialist. Eine Fülle von glänzenden rung zur gesetzlichen Festlegung der allgemeinen Staats- bürgerrechte, der Trennung von Justiz und Verwaltung, der Erwerbung und Ersitzung der bosnischen Landeszugehörigkeit, zur Einführung des allgemeinen, gleichen, d i r e k- ten und geheimen Landtagswahlrechts, zur Einführung eines verantwortlichen Ministeriums, zur Aufhebung des Kmeten(Zinsbauern.)verhältnisses aufzufordern. Endlich soll dem bosnisch-herzegowimichen Landtag die Entsendung von je drei Mitgliedern in die gemeinsamen 6V gliedrigen Dele- gationen beider Häuser des österreichischen und ungarischen Parlaments zustehen, welche Körperschaften bekanntlich über die Oesterreich und Ungarn gemeinsamen Angelegenheiten, also auch über das Reichsland, zu beraten haben. Endgültige Annahme der Wehrvorlageu. Wien, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus hat die Wehrreform betreffend die Landwehr in allen Lesungen angenommen. Somit sind sämtlicbe Wehrreformvorlagen vom Abgeordneten- Hause erledigt. Wien, 27. Juni. Das Herrenhaus nahm heute die zweite Lesung des Wehrgesetzcs für die gemeinsame Armee an. DaS Gesetz wurde nach selbstverständlich zustimmenden Aeutzerun- gen einiger HerrenhäuSler einstimmig angenommen. Vertagung des ungarischen Abgeordnetenhauses. Budapest, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus ist durch ein königliches Reskript bis zum 17. September vertagt worden. Auch während der letzten SitzungStage haben die Mitglieder der oppositionellen Parteien täglich vor dem da§ Ab- geordnetenhauS umgebenden Militärkordon ihren Protest er- n e u e r t. Belgien. Soldaten und Bürger. Ter König der Belgier hat bei Gelegenheit einer Re- gimcntsfeier eine Rede gehalten, in der er forderte, daß der Soldat keine anderen Interessen, als nur„die Aufgabe, für die seine Leiter die Verantwortung übernehmen", kennen dürfe. Der„Peuple" legt die Bedeutung dieser etwas dunklen Worte dar. Er erzählt, daß nach dem schimpflichen, durch Betrug und Bestechung herbeigeführten Wahlergebnis des 2. Juni die Empörung, die sich aller ehrlichen Leute bemäch- tigt hatte, auch vor den Kasernen nicht Halt machte.„Es ist kein Geheimnis, daß nach dem 2. Juni in allen Käser- nen Unruhen ausgebrochen sind. Kein Regiment ent- ging der Ansteckung der Entrüstung. In den meisten Zimmern sangen die empörten Soldaten die„Internationale" und „Nieder mit der Kutte!". In manchen Truppenkörpern kam es sogar zu Tätlichkeiten." Da man. um die Oeffentlichkeit nicht aufmerksam zu machen, Bestrafungen unterließ, schwieg unsere Presse von den Vorfällen. Nun aber suche man sich durch Bestrafung einiger Unteroffiziere, die nicht energisch genug aufgetreten sein sollen, schadlos zu halten. Solle die Rede des Königs eine Ermutigung zu solcher Unterdrückung, eine Drohung sür bevorstehende Möglichkeiten sein? Unsex Parteiblatt warnt den König. Es sei ein Irrtum, zu denken, daß der Soldat nicht auch Bürger sei. Die Prole- tarier in Uniform seien die Brüder der kämpfenden Prole- tarier.„Möge der König uns glauben: Außer den Gen- darmen gibt es in Belgien kein Prätorianerheer mehr." Cnglatiä. ' Die Millionen des Schatzkanzlers. London, 25. �uni.(Eig. Bcr.) Wenn etwas noch nötig war, um das gänzliche Schwinden des linksliberalen Ein- flusseS im Kabinett darzutun, so war dies die Erklärung des Schatzkanzlers über die Verwendung des großen Ucberschusscs dcS letzten Jahres. 6'/« Millionen Pfund hat der Schatz- kanzlcr einige Monate lang in der Hand behalten, ohne darüber zu verfügen. Allerhand Gerüchte waren im Umlauf darüber, wie er diese gewaltige Summe ausgeben würde. Daß der heiß- hungrige Marinismus etwas abbekommen werde, war von vornherein klar, da er mit der Flottenvermehrung Deutschlands auftrumpfen konnte. In Finanzkrcisen rechnet man damit, daß der Schatzkanzler drei Millionen Entdeckungen birgt in dieser Hinsicht die Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit der Menschen. Die Entimckelung des menschlichen Geschlechtes bis zur kulturellen gesellsckMftlichen Ein- richtung faßt er als einen notwendigen Prozeß auf, der durch geo- graphische und andere natürliche Lebensverhältnisse bedingt war. Rousseau hebt bereits die Bedeutung der Entdeckung und des Ge- braucks von Werkzeugen sür die Ungleichheit innerhalb der Ge- scllschaft hervor. Sein Glaube an die menschliche Freiheit deckt sich mit dem Begriffe von der Freiheit der Wahl dessen, was notwendig ist, und widerspricht der Ausfassung von der Geschichte als einem notirendigen Prozeß nicht.„Wenn die Freiheit in dem Vollbringen dessen besteht, was man will, nicht ein einziger Mensch frei sei, daß alle Menschen schwach sind, abhängig von Dingen, von der un- erbittlichen Notwendigkeit, daß derjenige der Freieste ist, der am besten zu wollen versteht, was diese verfügt, weil er alsdann nie- nials gezwungen ist, zu tun, was er nicht will." Die Freiheit be- steht folglich in der Erkenntnis des Notwendigen und der Anpassung des Wollens an die Notwendigkeit. Geradeso definiert auch der Vertreter des historischen Materialismus seinen deterministischen Standpunkt. Ter große Dialektiker Rousseau hat hier nicht anders gedacht. Seine Erkenntnistheorie kennzeichnet die folgende Stella: „Die Moralisten mögen sich dagegen sträuben wie sie wollen, der Verstand des Menschen bat dessen Leidenschaften viel zu verdanken. die aber, wie jeder gestehen wird, auch diesem wieder viel schuldig sind. Ihre Tätigkeit ist die Veranlassung, daß unsere Vernunft sich vervollkommnet. Wir suchen nur Kenntnisse, weil wir Genutz suchen, und man würde durchaus nicht begreifen könucn, warum jemand, der weder etwas wünschte noch fürchtete, sich die Mühe geben sollte, Schlüsse zu machen." In diesen Ucberlcgungen geht Rousseau in seinen utilitaristischen und materialistischen Anschau- ungcn so weit, daß er sogar die Entstehung der Vernunftschlüsse lind der Erkenntnis im weiteren Sinne als Produkt der menschlichen Bedürfnisse betrachtet. Allein sein Glaube an die Eingeborcnheit der Moral steht zum utilitaristischen wie zum materialistischen Standvunkte in gleicher Weise im Widerspruch. Auch deckt sich die Auffassung von der Moral als einem mächtigen Naturtrieb nicht mit der Rolle, die er ihr in der menschlichen Geschichte zuschreibt. Wäre die Stimme dcS Gewissens ebenso stark und eindringlich wie der Selbsterhaltungstrieb, so wäre es unmöglich, die Entstehung der gesellschaftlichen Mißstände zu erklären. Wenn dem ethischen Faktor eine Selbständigkeit zufällt, wie könnte dann jener geschichtliche Prozeß, der zu einer Weltordnung ohne jegliche moralische Basis führte, sich vollziehen? Diese Fragen sind vom Standpunkte deS Eingcborenscins der Moral aus nicht zu beantworten. Rousseau war andererseits nicht nur von keinem Deismus zur Idee des EingeborenseinS des moralischen Triebes gelangt, sondern auch deswegen, weil er in der gesellschaftlichen Einrichtung, in dem gemeinsamen Leben das ethische Element nicht fand. Woher sollte der Einzelne, in dessen Seele das Gewissen wohnt, das hohe Streben zum Guten geschöpft haben? Erworben können diese Eigenschaften nicht sein, in der Kulturgcsellschaft ist das Verhältnis der Menschen zueinander nicht aus daö Prinzip der Moral und des Mitleids begründet, im geregelten Staat tritt der Egoismus in viel grau- Pfund zur Abtragung der Staatsschuld benutzen werde. Ader nach Abzug dieser Posten blieb doch noch ein erkleckliches Sümmchen übrig, mit dem Herr Lloyd George seinen sozialpolitischen Plänen nachgehen konnte. Man glaubte, er werde der Sozialversicherung finanziell auf die Beine helfen, und hatte der Schatzkanzler nicht in seiner berühmten Rede zu seinem vielumstrittenen Budget erklärt, er werde alle unverhofften Ueberschüsse dem Entwickelungsfonds überweisen, der der wirtschaftlichen Ent- Wickelung des Landes und der Milderung der Arbeitslosig- keit dienen soll? Alle Spekulationen haben sich als falsch herausgestellt. Die Verwendung des Ueberschusses ist so whiggistisch wie sie nur sein kann. Eine Million Pfund bekommt der Marinemoloch, worob die Reaktionäre beider Parteien nicht wenig erfreut sind. Fünf Millionen Pfund werden in unanfechtbar orthodoxer Weise für die Abtragung der Staatsschuld verwendet werden, was in der City einen guten Eindruck macht, da man sich davon eine Animierung des Geschäfts verspricht. Und die letzte halbe Million erhält— die Kronkolonie Uganda, damit dort der Anbau der Baumwolle gefördert werde. Dies ist ein Bcschwichtigungsmittel für die sreihändlerischen Fabrikanten Lancashires, die unruhig geworden sind, weil die Regierung nicht auf die Gewerkschaften losschlägt. Die Arbeiterschaft, die den größten Teil des Ueberschusses durch die Finanzzölle aufgebracht hat, bekommt nichts. Gerade jetzt zur Zeit der Hochkonjunktur, so führte Genosse Snowden im Parlament aus, hätte man den Ueberschuß gut dazu verwenden können, um mit der inneren Kolonisatton, von der die Liberalen, zur Zeit der Budgetkämpfe den Mund so voll nahmen, emen ernsthaften Anfang zu machen; denn der wirtschaftliche Niedergang mit seiner großen Arbeitslosigkett werde der Hochkonjunktur so sicher folgen wie der Winter dem Sommer. Vielleicht plante der Schatzkanzler in den letzten Monaten neue soziale Reformen; seine Aeußerungen über die Hebung der Lage der Landarbetter und eine Arbeiterwohnunaspolittk lassen darauf schließen. Er scheint jedoch bei seinen Kollegen im Kabinett keinen Resonanzboden gefunden zu haben. Nach einem kurzen sozialpolitischen Exkurs ist der englische Liberalismus wieder in sein altes Fahrwasser zurückgekehrt. Italien. Kammerferien. Rom, 25. Juni.(Eig. Ber.) Ehe die italienische Kam mer am 24. d. M. ihre bis in den Spätherbst währenden Sommerferien antrat, hat sie mit üblicher Ueberstürzung noch eine Unzahl von Gesetzen angenommen. An einem einzigen Tage gelangten 15 Entwürfe zur Annahme. Von Wichtigkeit waren unter diesen Gesetzen der zwölften Stunde das über die Dienstverhältnisse des Personals der Sekundärbahnen, ein Gesetz über sogenannte Postreformen, ein anderes über die Examen der Elementar- und Mittelschulen und die Ratifi- zierung der Konvention über den Rückkauf der Gotthardbahn durch die Schweiz. Das Gesetz über das Personal der Sekun- därbahnen wurde von den Sozialisten, als deren Redner Genosse Turati auftrat, lebhaft bekämpft, weil es wohl den Unternehmern, nicht aber dem Personal zum Vorteil gereicht. Die Mißstimmung über- den Entwurf ist so groß, daß in vielen Orten das Personal schon telegraphisch beim Ministe- rium vorstellig geworden ist, Das Personal der Sekundär- bahnen von Sardinien steht bereits seit drei Tagen im Aus- stand, in der Hoffnung, dadurch die Annahme des Gesetzes zu verhindern. Trotzdem bestand aber das Ministerium auf der Annahme, die dann natürlich glatt erfolgte. Was die sogenannten Po st reformen betrifft, so laufen sie fast ausschließlich auf Portoerhöhungen hinaus. Das Gesetzüberdie Examen stellt eine erfreuliche Neuerung dar. Einmal wird die Zahl der Examen vermin- dert. Dann wird es in den Mittelschulen verboten, länger als 2 Jahre in ein und derselben Klaffe zu bleiben. Eine Er- leichterung für die Mittelschüler stellt die Einführung einer Art bedingter Versetzung dar. Auf recht heftige Opposition stieß die Ratifizierung samcre- Weise als im Naturzustände hervor. Dieser Staat, der die Freiheit der Individuen mißbraucht, der die Unterdrückung der einen durch die anderen zuläßt, vermag es nicht, den Menschen zur Moral zu erziehen. Das Individuum wird eher zur Grausam- keit als zur Moral und zum Mitleid erzogen. Demgemäß muß das Mitleid seinen Ursprung im Menschen selbst haben, die Liebe zum Guten, der Haß gegen alles Böse ist auf die Natur zurückzu» ftlhren. Das moralische Empfinden ist jedem Menschen ebenso ein- verleibt wie alle anderen Empfindungen. Wie kommt es aber, daß den Herrschenden dieses natürliche Gefühl abgeht? Wie ist es zu erklären, daß daS moralische Geftibl sie nicht hindert, von der Aus- beutung anderer zu leben? DaS Mitleid ist doch wohl der Gattung und nicht einigen Auserwählten eingeboren. Trotzdem Rousseau mit allen seinen Ideen in der Wirklichkeit wurzelte, trotzdem er vor allem mit der sündigen Welt, mit den menschlichen Bediirftnssen rechnete, blieb ihm etwa? von jener Welt- anschauung, die den Menschen als einen gefallenen Engel betrachtet. zurück. Solche gefallenen Engel waren für Rousseau die Macht- haber, die Besitzenden: sie sind ihrer menschlichen Natur untreu geworden. In seiner Auffassung der Ethik wurzelt ein guter Teil in der christlichen Lehre, die in der Verminftreligion der Bekennt- nisse des savoyisck'en Vikars ebenfalls zum Ausdruck kommt. Er glaubt an die Erlösung der Mcnschbcit durch den ihr angeborenen göttlichen Teil. Aber seiner Weltanschauung ist die Passivität und die Aussöhnung mit dieser Welt fremd. Dem Bösen nicht mit aller Kraft zu widerstehen, erscheint ihm als ein Verbrechen.. In diesem Sinne erließ er auch seinen Ruf: Zurück zur Natur I Und darin liegt die Mahnung an die Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt, sich die ursprüngliche Freiheit wieder zurückzuerobern.„So- lange ein Volk gezwungen ist zu gehorchen, und eS gehorcht, so tut es wohl; sobald es aber das Joch abwerfen kann, und es abwirft, so tut eS besser. Denn es ergreift seine Freiheit mit demselben Rechte wieder, mit welchem sie ihm genommen worden ist, und eS ist daher entweder erlaubt, sie wieder zu ergreifen, oder es war unerlaubt, ihm dieselbe zu nehmen", schrieb Rousseau im„Gesell- lchaftsvertrag". Man begreift die Regierung, die dieses Werk durch den Scharfrichter den Flammen überliefern ließ, denn in ihm war das Recht des Volkes auf Beseitigung des HerrschaftSverhältnisscS mit aller Schärfe ausgesprochen. Im„Gcsellschaftsvertrag" konstruiert Rousseau eine demo- kratische Republik. Der von Natur aus freigcbvrene Mensch rettet seine Freiheit dadurch, daß er seinen persönlichen Willen dem Willen der Gesamtheit unterordnet. Da der Gesamtwille die Souveränität der Summe der Einzclwillen ausmacht, so gehorcht der Einzelne bis dahin nur sich selbst, daS heißt bis der Staat wirklich nur die Interessen der Gesamtheit vertritt. Tie phbsische Ilnglcilhhcit der Menschen kann durch eine derartige Staatsform, in der jeder Wille gleichberecküigt wäre, aufgehoben werden. Der Zustand eines solcken.Kulturstaates wäre höher als der Natur- zustand, in ihm ließe sick eine gesetzmäßige, moralische Gleichheit, anstatt der natürlichen Gleichheit verwirklichen. Die bürgerliche Gc- sellschaft ist aber weit von einer solchen Einrichtung entfernt. Die Regierungen schließen die Besitzlosen zuerst von der Teilnahme der Konvention über den Rückkauf der Toit� hardb ahn durch die Schweiz. Da aber das Mi- nisterium behauptete, daß internationale Verpflichtungen die Ratifizierung erheischten, wurde auch dieses mit Recht beanstandete Gesetz glatt heruntergeschluckt. Die Kammer hat in ihren kurzen Tagungen vom 22. Fe- bruar bis 30. März und vom 30. April bis zum 23. Juni eine Unmenge von Gesetzen angenommen, so die neuen Mili- tärausgaben, die Reform der Strafprozeßordnung, das Gefetz für die Gründung eines Kolonialministeriums und viele andere mehr, von der Annahme des Annektionsdekrets und der Wahlrefotm gar nicht zu sprechen. Man hat mit Voll- dampf gearbeitet. Die offiziöse Höflichkeit schweigt zwar darüber, daß diese Arbeit sehr oft vor leeren Bänken statt- fand. Trotzdem hat ja die Kammer all das geleistet, was Giolitti von ihr verlangte. Die Wahlreform im Senat. Rom, 27. Juni. Ministerpräsident Giolitti verteidigte die Vorlage gegen verschiedene Redner. Er hob die Notwendigkeit hervor, den Stab der Landarbeiter durch das Wahlrecht an der Regierung des Landes teilnehmen zu lassen und ließ sich über die Grundsätze aus, die zur Erweiterung des Wahlrechts geführt hätten. Giolitti rechtfertigte sodann die Einführung einer Ent« schSdigung für die Abgeordneten. Den Arbeitern müsse die Mög» lichkeit gegeben werden, Vertreter aus ihrem Stande selbst zu wählen. Er wünsche, daß unmittelbare Vertreter der Volksklassen in da» Parlament einzögen statt ihrer Advokaten.(Sehr lebhafter Beifall.— Abgeordneter Decefare unterbrechend: Und wenn sie die Mehrheit würden?) Giolitti(fortfahrend): Wir hatten und haben Arbeiterdeputierte, die ebenso gebildet und intelligent waren wie Personen aus den höchsten Gesellschaftsklassen(Beifall), er glaube, eS werde gut für das Land sein, wenn eine große Zahl von Arbeitervertretern in daS Parlament einziehe.(Beifall.) Di« Gewährung de» Frauen st immrechts sei augenblicklich nicht angebracht. Zuerst müßte daS Zivilrecht abgeändert werden, um der Frau innerhalb der Familie die ihr gebührende Stellung zu geben. Darauf könne man ihr die Vertretung in der Verwal- tung und auch da? politische Wahlrecht geben.(Beifall.) Giolittt schloß, eS fei die Pflicht der begüterten Klassen, für das Wohl und die Hebung deS Proletariats zu sorgen. Die Zukunft des Landes hänge von der Art ab, wie Italien die Lage feine? Proletariats zu heben und zu bessern verstehen werde.(Allge- meiner, sehr lebhafter Beifall.) Der Senat nahm sodann mit 135 gegen IL Stimmen«ine Tagesordnung an, in der er die Grund- fötze des Wahlgesetzcntwurfes billigt. Marokko. Unruhe» i« Marrakesch. Mazagan, 27. Juni. Ein auS Marrakesch eingetroffener Brief vom 23. d.M. berichtet von ernsten Gefechten, die am Freitag an den Toren der Stadt zwischen Anhängern El Glauis und Mtugis stattgefunden habe». Die europäischen Kolonien sind in ihre Konsulate geflüchtet. Eine Abteilung Soldaten bewacht die Tore des Ghetto. Die Gegend von Mazagan ist ruhig. ekina. Eine offiziöse Kundgebung über de« Stand der Anleihe- Verhandlungen. Peking, 27. Juni.(Meldung dcS Reuterschen BurecmS.) Gegenüber den Meldungen aus Washuigton, daß die chinesische Regierung den Anleihevorschlag der Sechsmächtegruppe abgelehnt hätte, wird sestgestellt, daß die Verhandlungen weder abgeschlossen noch ab- gebrochen worden find. Die chinesische Regierung bemüht sich an- scheinend weiter, günstigere Bedingungen zu erhallen. Der chinesische Finonzminister schlug kurzlich, augenscheinlich versuchsweise, den Ab« schluß einer weit größeren Anleihe vor, als ursprünglich geplant war, und erkundigte sich nach den Bedingungen. Diese entsprachen den ursprünglichen Abmachungen mit Tangschaoyi, wonach die Salzsteuer unter eine ausländische Kontrolle fallen und die Bankgruppc Finanz- agenten inThina anstellen sollte. Der Finanzminifter erhob Vorstellungen gegen die Bedingungen und erklärte, er wolle nur eine Anleihe von zehn Millionen Pfuiid Sterling. Die Vankengruppe erwiderte, daß sie nicht den Wunsch hätte, China eine größere Anleihe aufzudrängen, und ihr hiesiger Vertreter hat seinen Vorschlag von fünfmonatlichen Vorschüssen von je sechs Millionen Taels, die von der großen Anleihe gedeckt werden sollen, nach Europa übermittelt. DaS ist der äugen« blickliche Stand der Dinge. an der Regierung und nachher selbst aus der Gesetzgebung aus. Die staatliche Gewalt wächst mit der Vergrößerung der Ungleichheit unter den Bürgern, bis sie sich über die Gesetze erhebt. Dadurch kehrt die Gesellschaft zur Willkür zurück, denn diese tritt in dem Momente ein, da die Gleichberechtigung vernichtet wurde. Nach der Ansicht Friedrich Engels trat der Gcsellschaftsvertrag von Rousseau ins Leben und konnte nur ins Leben treten als eine bürgerliche Republik. Rousseau selbst ahnte, daß sür die Verwirk- lichuna seines Staatsideals der Zeitpunkt noch nicht gekommen sei. Dies bezeugt die Tatsache, daß er, der sür die öffentliche Erziehung der Kinder für und durch den Staat kämpft, seinen„Emil" privat erziehen läßt. Der Staat schien ihm unfähig, ein Individuum gemäß den Gesetzen der menschlichen Natur zu bilden. Außerdem ist hier die Aufgabe dargestellt, wie der Einzelne zu einem idealen Menschen erzogen wurde, sich aber in einem unvollkommenen Staate nicht zu behaupten vermochte. Man hat Rousseau mit der Behauptung, er habe die Kultur absolut negiert, unrecht getan. Es war ihm nur die Kehrseite der Kultur verhaßt. Seine zart angelegte Seele ertrug die harte, grau. same Wirklichkeit nicht; die Leiden seiner Mitmenschen waren ihm verhaßt. Er fehntc sich in eine bessere Welt, und da er die nötigen Bedingungen sür eine glücklichere Zukunft in der damaligen Wirk- lichkeit nicht zu finden vermochte, verlegte er sein Ideal in die Ver, gangciihcit. Er träumte sich in den Naturzustand hinein, in dem ihm der Mensch naiv, aber ehrlich, reich an impulsivem Leben, mit dem moralischen Instinkt von der Natur begnadet, seine einfachen Bedürfnisse, ohne seinen Nächsten zu schaden, befriedigend, erschien. Es ist daS große Streben nach einer seelischen Ruhe und Harmonie, nach einem freien, instinktiven Handeln, nach einem Leben ohne die Last der Verantwortlichkeit für alle Leiden der Unglücklichen in, Herzen zu tragen, die Rousseau zur Idealisierung des Natur- zustandes führte. Von allen persönlichen Mißerfolgen und von dem daraus erwachsenen Schmerz suchte Rousseau an der Brust der Natur auszuruhen. Aber Rousseau war nicht zum Ruhen geboren, er war ein Streiter für die Wahrheit und Gerechtigkeit, und von der inneren Glut seiner Seele und von seinen Verfolgern von Ort zu Ort getrieben. An seinem eigenen Scksicksal erfubr er die Be- sckränkung des Individuums im Kulturstaat, lernte er in Wirklich. keit seine Intoleranz kennen. Allein sein mächtiger Intellekt, sein Genie führte Rousseau allmählich von seinem subjektiven Standpunkt, der sich in seinem Verhalten zur Kultur äußerte, zum ob- zektiven Gesichtspunkt über. Im„GcsollschaftSdertrag" wie im „Emil" ist das Verhältnis des Genfer Philosophen zur Vergangen- heit ein ganz anderes als in seinen ersten Schriften, DaS Ideal repräsentiert jetzt nicht der Naturzustand, in dem die Menschen in den Wäldern frei dahinleben, sondern ein auf Gerechtigkeit und Freiheit begründeter Staat, in dem der Mensch frei durch die Ausübung seines Willens und bewußter Tätigkeit lebt. Damit ist der Individualismus, den Rousseau zuerst vertreten hat, überwun- den. Das eigentliche Ideal des großen Denkers und Dichters, des Kämpfers für die Freiheit liegt noch in der Zukunft, die dem Prole- tariat gehört. Gewcrkfcbaftlicbea. Die neue HuaPperrung der Metallarbeiter. Die streikenden und ausgesperrten Metallarbeiter in Han nover-Linden nahmen am Mittwoch, den 2K. Juni in vier Versammlungen das Resultat' der Verhandlungen vom 22. Juni entgegen und beschlossen in geheimer Absrim- mung mit 5411 gegen 152 Stimmen, den Vor- schlag der U n t e r n e h m e r abzulehnen, weil er die Arbeiter nicht bei'riedigte. Tie Metallarbeiter beharren auf der Forderung: Verkürzung der täglichen Arbeitszeit aus mmdestens Stunden. .Das Abstiminungsrcsultat ist den Unternehmern mit- geteilt worden. Tabci wurde zu erkennen gegeben, daß die Arbeiter zu weiteren Verhandlungen bereit sind. Es muß die Antwort der Metallindustriellcn abgewartet werden, ob sie weitere Verhandlungen und den Frieden wollen.— Gegen- tvartig ist keine Aussicht aus eine baldige Beendigung des Kampfes vorhanden. Am Mittwoch hielten auch die Ausgesperrten in Mag- d e b u r g sieben Versammlungen ab, in welchen das Vor- gehen der Unternehmer schars kritisiert und die Hoffnung ausgesprochen wurde, daß die Arbeiter in Hannover an ihren Forderungen festhalten möchten— lvas denn auch geschehen ist. »» Die genaue Zahl der Ausgesperrten hat sich noch immer nicht feststellen lassen, da sich fortwäbrend noch Nachzügler melden. Aus- gesperrt sind nicht nur Miigliedcr der freien Gewerkschaften (Metallarbeiter, Holzarbeiter, Fabrikarbeiter, Schmiede, Tansport- arbeiter und andere), sondern auch Hirsch.Dunckersche, Christliche und Unorganisierte(zumeist Gelbe). Bei der Entlassung sind die Metallindustriellen rücksichtslos vorgegangen. Sie haben Arbeiter entlassen, die 30.und 40 Jahre ununterbrochen in den betreffenden Betrieben beschäftigt waren. Kranken wurden die Entlassungs- Papiere mittels eingeschriebenen Briefes ins Haus geschickt. Natürlich versuchen die Unternehmer auch, nach Kräften durch die ihnen gefügige bürgerliche Presse die Oeffentlichkeit in ihrem Sinne AU beeinflussen. So veröffentlichten sie in der lokalen Presse eine Darstellung, worin sie wiederum versuchen, die Arbeiter als den allein schuldigen Teil hinzustellen. Es wird vor allem behauptet, daß die Arbeiter in Hannover trotz Entgegenkommens der Unternehmer ohne weiteres die Arbeit niedergelgt hätten, als ihre Forderungen nicht in vollem Umfange erfüllt worden feien. an Wirklichkeit haben die Hannoverschen Unternehmer erst dann ntgegenkommcn in der Herabsetzung der Arbeitszeit auf 57 Stun- den gezeigt, als die Arbeit eingestellt worden war. Vorher sind die Organisationen der Arbeiter sowohl als auch die Betriebs- kommisstonen in der verletzendsten Weise abgewiesen worden. Die Unternehmer versuchen, die ihnen drohenden finanziellen Schädigungen nach Möglichkeit abzuwehren. Sie haben an ihre Kunden ein Zirkular gerichtet, in welchem sie von der Aussperrung Mitteilung machen und erklären, zu ihrem Bedauern genötigt zu sein, hinsichtlich der„in Ausführung habenden Aufträge" von den rn ihren Annahmebestätigungen ausgesprochenen Vorhalte Gebrauch machen zu müssen, wonach sie für die Dauer und den Umfang der durch die Aussperrung notwendig werdenden Verzögerung von der Lieferung entbunden sind, ohne oaß den Kunden deshalb ein An- spruch auf Schadenersatz zusteht. In dem Zirkular wird gesagt, daß es sich um einen Fall gemeinschaftlicher Abwehr handle, um „den immer weiter gehenden, unangemessenen Forderungen der Arbeiter eine Grenze zu ziehen". BcrUn und Umgegend. Unternehmermoral. Der sogenannte„Jnteressenverband der Gast- Wirte" in Berlin hatie, wie wir seinerzeit mitteilten, durch ein in den Betrieben seiner Mitglieder ausgehängtes Plakat den dort beschäftigten Angestellten kund und zu wissen getan, daß„die unter- zeichneten Firmen sich verpflichtet haben, keinen Angestellten, der sich in einem der unterzeichneten Betriebe an einem Streik beteiligt hat, zu engagieren". Tarunter befanden sich auch eine Anzahl Saalbesitzer, deren Lokale ausschließlich oder fast ausschließlich auf den Verkehr von Arbeitern angewiesen sind. Denen war klar- gemacht worden, daß die organisierte Arbeiterschaft eine solche brutale Niederknüppelung des Koalitionsrechts wohl nicht so ohne weiteres hinnehmen werde. Auf deren Veranlassung fand darauf eine Sitzung des Vorstandes des Jnteressenverbandes statt, zu der neben dem Verband der Ga st Wirtsgehilfen auch die Ge- Nossen Eugen Ernst und K ö r st e n hinzugezogen worden waren. Herr E l k a n, Generaldirektor der„Berliner Hotelgesell- schaft"(Zentralhotel) und Vorsitzender des Jnteressenverbandes, erklärte, daß das ominöse Plakat zurückgezogen werde, nachdem es seine Schuldigkeit getan, nämlich den„geplanten Pfingststreik" der Kellner vereitelt habe. Damit schien die Sache erledigt; im weite- ren Verlaufe der Unterhandlungen stellte sich jedoch heraus, daß die Schlauberger vom Jnteressenverband wohl das Plakat zurückziehen, nicht aber den Maßregelungsbeschluß aufheben wollten. Die Vertreter der Berliner Arbeiterschaft ließen in begreiflicher Entrüstung den Herren keinen Zweifel darüber, daß sie derartige Spiegelfechterei nicht gewohnt seien. Das sei Wider allen Treu und Glauben, und Eugen Ernst betonte, daß sie unter diesen Umständen sich alle weiteren Schritte vorbehalten müßten. Genosse Körsten bedauerte die Zeit, die unnützerweisc mit den Unterhandlungen vergeudet worden sei. Das half, die Herren erklärten, daß sie in einer Vollversammlung des Verbandes nochmals darüber verhandeln würden. Vor einigen Tagen lief bei der Berliner GeWerk- schaftskommission ein Schreiben ein, in dem mitgeteilt wurde, der oben bezeichnete Beschluß sei aufgehoben, dafür werde die folgende Bekanntmachung an das Personal erlassen werden: Bekanntmachung. Der Jnteressenverband des Gastwirtsgewerbes und ver- wandter Betriebe verfolgt laut Etatut unter anderem den Zweck, dauernd friedliche Verhältnisse zwischen den Ar- beitgebern und Arbeitnehmern durch Berücksichtigung berechtigter Ansprüche und Abwehr unberechtigter Forderungen und unbe- berechtigter Uebergriffe der Augestellten herbeizuführen. Die in diesem Verbände zusammengeschlossenen Firmen sehen sich demgemäß veranlaßt, ihrem Personal bekanntzugeben. daß sie sich verpflichtet haben, gegenüber Angestellten, die sich einen Kontraktbruch zuschulden kommen lassen, einmütig die ihnen geeignet erscheinenden Maßnahmen zu treffen. Jnteressenverband des Gast Wirtsgewerbes und verwandter Betriebe. Damit fällt für die Berliner Arbeiterschaft der Grund eines Eingreifens zunächst fort. Es wird sich nun zeigen, ob es die Herren vom Jnteressenverband mit ihren Beschlüssen halbwegs ehr- lich meinen, ob sie nicht etwa durch das System der Sckzwarzen Listen auch in Zukunft weiter maßregeln und das Koalitionsrccht ihrer Angestellten zunichte zu machen suchen. Mischt sich auch sonst die organisierte Arbeiterschaft Berlins in die Jnteresscnkämpfe der einzelnen Berufe nicht ein, so würde sie einer solchen Strangu- lierung des gesetzlich gewährleisteten Rechtes wohl niemals ruhig zusehen._ BeranUvi kvÄakteur: Albert Wachs. Berlin. Inseratenteil verantv.z Achtung, Kleber(Tapezierer)! Wegen Tarifbruch ist die Firma Bagge, Jnnsbruckcr Straße 19, gesperrt. Die Bauten be- finden sich: Jnnsbruckcr Str. 25, Am Park, Ecke Nymphenburger Straße. Die Schlichtungskommission. Die Bauarbeiter aller Berufe werden darauf aufmerksam ge- macht, daß jeder zu tarifmäßigen Preisen arbeitende Kleber im Besitz einer grauen Kontrollkarte mit Angabe der betressenden Ar- beitsstelle sein muß._ Die Sektionsleitung. Der Tarif der Jaloufiearbeiter stößt bei den Kleinmeistern fast überall auf Widerstand. Die ge- hegten Erwartungen, daß die Kleinmeister den Tarif anerkennen und einführen werden, sind nicht befriedigt worden. Die meisten Firmen verhalten sich ablehnend. Die Firma A. Boeck u. Co. erklärte, daß für sie der Tarif nicht in Frage kommen könne, auch verdienten ihre Arbeiter ganz gute Löhne. Dabei beträgt dort der Lohn nur 20 M. wöchentlich bei 50stündiger Arbeitszeit. Die„guten Löhne" müssen durch Ueberftundcn verdient werden. Die Firma P. Schneider hat schriftlich erklärt, den Tarif nicht anerkennen zu wollen. Die Firmen F. Krüger. W. Kriegenburg und Paul Otto haben überhaupt nicht geantwortet. Letztere Firma hat die organisierten Arbeiter entlassen; auch werden dort die meisten Leute angelernt, die wieder entlassen werden, wenn sie irgendwelche Forderungen stellen. Die Firma Samson und S t r o d t h o f f ist der Meinung, sie mache Bankerott, wenn sie den Tarif anerkenne. Das Umgekehrte dürfte eher der Fall sein. Wenn die Firma bessere Löhne zahlen würde, dann würde sie auch eine bessere Arbeit geliefert bekommen, die nicht, wie es aus dem Bau am Nonnendamm geschehen ist, zu Beanstandungen durch die Bau- firma führt. In origineller Weise beweist die Firma, daß sie schon von den Arbeitern etwas gelernt hat. Sie stellte dem Ar- bciter, den sie auf den erwähnten Bau Müller am Nonnendamm schickte, folgende Kontrollkarte aus:„Vorzeiger dieses ist bercch- tigt, Jalousien einzusetzen. Samson u. Strodthoff." Es wollen sich aber keine Arbeitswilligen mehr finden, welche die Bauten mit diesem Steckbrief betreten. Zur Lohnbewegung der Friseurgehilfen ist zu berichten, daß die tariftreuen Meister eine Vereinigung zur Aufrechterhaltung des Tarifes, zur Errichtung eines paritätischen Arbeitsnachweises usw. gegründet haben. Der Vereinigung sind nach der ersten Zu- sammenkunft zirka 50 Mitglieder beigetreten. Unverständlich ist das Verhalten der freien Vereinigung selbständiger Barbiere und riseure, die schon im Jahre 1900 unter Leitung deS Herrn u b e r t, Lychcner Str. 132, den gegenseitig abgeschlossenen Tarifvertrag gekündigt und nicht erneuert hat. In der letzten Nummer der Zeitung genannter Vereinigung wird die Tarifbewe- gung der Gehilfen in recht unschöner Weise beurteilt. Zwei Sätze mögen genügen, um den Artikel genügend zu kennzeichnen: „Kann doch ein großer Teil der Arbeiter zeigen, ohne Opfer — ja im Gegenteil, zu seinem Nutzen, wie er solidarisch handelt und seine Bedeutung als Konsument und Klassendiktator zu demonstrieren." Weiter heißt eS: „In anderen Berufen organisieren sich die Arbeitnehmer, um in eine Lohnbewegung einzutreten, bei den Barbiergehilfen wird„bewegt", wenn die Mitglieder wieder bald alle geworden sind." Dabei war die Organisation der Gehilfen diesmal geschlossener und an Mitgliederzahl stärker als je zuvor. Wenn auch noch nicht alle Betriebe bewilligt haben, so können wir dennoch mit dem Er- folg ganz zufrieden sein, haben doch bereits 700 Arbeitgeber den Tarif unterschriftlich anerkannt. Arbeitgeber, welche der pari- tätischen Tarifvereinigung beitreten wollen, können dies bei folgen» den Herren bewerkstelligen: Graf, Soldiner Str. 00, Stier. Fürstenbergstr. 12, Mehl, Seclower Str. 12, Böhm. Cuvry- straße 8, Schneider, Rüdersdorfer Str. 28. Verband der Friseurgehilfen. Fleischerdoykott Neukölln. Die Fleischermeister Ernst Kronbügel. Thüringerstr. 88, Friedrich Bauer. Walterstr. 55, Karl Pfund. Bergstr. 74, Emil Friedrich, Walterstr. 18 und W. Witte, Kaiser- Friedrich-Str. LS, haben den Tarifvertrag anerkannt. Zentralverband der Fleischer. Deutfehes Reich. Der Verband der Töpfer und Berufsgenossen Deutschlands blickt am 1. Juli d. I. auf sei» 20 jähriges Bestehen zurück.„Der Töpfer", das Organ des Verbandes, weist im Leitartikel seiner neuesten Nummer auf dieses Jubiläum hin und streift dabei kurz den Entwickelungsgang der Organisation innerhalb dieser beiden Jahrzehnte. Als der Verband am 1. Juli 1892 i»S Leben trat, ver- fügte er nur über knapp 4000 Mitglieder in 130 Zwcigvcreinen. Dsr damalige Bruderkrieg über zentrale oder lokalistifche Organi« sationsform und der minimale Wochenbcitrag von 10 Pf. führten dazu, daß der Verband anfänglich mit den größten Schwierig- keilen zu kämpfen hatte. Nach und nach jedoch verschwand der Kampf um die Organisationsform, die Beiträge wurden erhöht, und der Verband entwickelte sich dann zu seiner heutigen im Töpfergewerbe Achtung gebietenden Position. Schwere Kämpfe sind ihm dabei nicht erspart geblieben, neben vielen und oft auch großen Streiks mußte die Organisation in den Jahren 1903 und 1900 eine Aussperrung der gesamten Ofenformer über sich ergehen lassen. Heute verfügt der Topferverband über stabile Ver- bandsfinanze» und in fast allen Orten, wo die Organisation Fuß gefaßt hat, über mit den Unternehmern vereinbarte feste Tarif- vertrüge. In 239 Zahlstellen des Verbandes finden sich zurzeit über 12 000 Mitglieder, mit welcher Zahl die große Mehrheit der organi- sationssähigen Töpfer organisiert ist. Der Töpserverband kann mit diesen guten Fortschrrtten innerhalb zweier Jahrzehnte zu- frieden sein._ Erfolgreich beendete Lohnbewegung bei der Schwedt- Stettiner Dampfergesellschast. Der Deutsche Transporwrbeiterverband und der Zentral- verband der Maschinisten und Heizer haben für das gesamte Schiffspersonal der Schwedt-Stettiner Dampfergesellschast eine erfolgreiche Bewegung durchgeführt. Die Löhne sind um 10 bis 11 M pro Monat erhöht. Eine Bezahlung der Uebcrstunden ist ebenfalls durchgesetzt worden; von Bedeutung ist ferner, daß auch die Fahrzeit vor 5 Uhr morgeüs und nach 3 Uhr abends mit 50 Pf. vergütet werden muß. Endlich ist eine Bezahlung für Sonntags- fahrten in Höhe von 2 bis 3,50 M. festgesetzt. Die neuen Be- stimmungen treten am 1. Juli in Kraft und gelten bis Schiff- fahrtsschluß 1913._ Wozu die Reichsversicherungsordnung herhalten mnst! Eine besondere Auffassung von einigen Bestimmungen der Reichsversicherungsordnung hat die bekannte Firma Loeser und Wolff, Zigarrenfabriken in Elbing und Braunsberg, die in ihren Betrieben ein strammes Regiment führt und, da sie sehr geringe Löhne zahlt, nur zu gern die Ausbreitung der Organisation zu verhindern sucht. Trotzdem ist es gelungen, unter den 4000 Ar- beitern und Arbeiterinnen der Elbinger Fabrik Mitglieder für den Tabakarbeiterverband zu gewinnen. Eines Tages wurden nun einige Verbandsmitglieder gefragt, ob sie außer der Betriebs- krankcnkasse noch einer anderen Krankenkasse angehören. Als das verneint wurde, fragte man, ob sie nicht im Tabakarbcitcrvcrband wären und dort Krankengeld erhielten. Dem Gauleiter des Tabak- arbcitcrverbandes, der wegen dieser Inquisition vorstellig wurde, erklärte der Firmeninhaber. daß er sich auf die Reichsvcrsicherungs- ordnung stütze; der Tabakarbeiterverband sei eine Versicherung im SljÄölvcke. Berlin. Druck u. Verlag: BorwärtsBuchdr. a Vertagsanjtait Sinne des 8 M der Reichsversicherungsordnung. Das ist natürlich nicht der Fall, denn ein klagbares Recht auf Krankenunterstützung steht keinem Mitglied zu. Die Firma Loeser u. Wolff scheint den ersten Vorstoß machen zu wollen auf dem Wege, die Gewerkschaften als Versicherungsunternehmungen zu stempeln.� Aber selbst wenn diese Auffassung der Firma richtig wäre, hätte sie so wenig wie irgendeiner ihrer Angestellten oder die Ver- waltung ihrer Betriebskrankenkasse das Recht, von einem Arbeiter die Angabe zu verlangen, ob er in einer anderen Vereinigung, sei es Krankenkasse oder Verband, ist oder nicht. Nach Z 190 R.-V.-O. kann die Satzung der Betriebskrankenkasse die Mitglieder nur verpflichten, wenn sie Krankengeld oder die Ersatzleistungen dafür beanspruchen, die Höhe der Bezüge mitzuteilen, die sie gleichzeitig aus einer anderen Krankenversicherung erhalten. Ausdrücklich heißt es im Gesetz:„Die Frage, aus welcher Krankenversicherung die Bezüge herrühren, ist nicht gestattet." Es geschieht also gegen das Gesetz, wenn irgendein Unternehmer oder seine Angestellten von hinten herum die Organisationszugehörigkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen, die man auf andere Weise nicht herausbringen kann, festzustellen beabsichtigt. Das schönste bei dieser Sache ist allerdings, daß die Firma sich auf Bestimmungen beruft, die noch gar nicht einmal in Kraft getreten sind, denn der in Frage kom- mend« Teil der Reichsversicherungsordnung ist noch nicht rechts- wirksam. Schließlich begründet der Firmeninhaber seine Maßnahmen damit, daß er der Simulation vorbeugen will. Der ortsübliche Tagelohn für erwachsene weibliche Arbeiter ist in Elbing 1,30 M.; die Fabrikkrankenkasse zahlt die Hälfte des durcblcknittlichen Tage- lohnes. Wenn die Arbeiterinnen bei solcher Krankenunterstützung zuzüglich der 2.10 M., die sie in Krankheitsfällen pro Woche vom Verband erhalten, zum Kassenbetrug neigen sollten, so müßten die Löhne bei Loeser u. Wolff sehr gering sein. Und darum ist auch zu verstehen, weshalb man glaubt, die Reichsversicherungsordnung als Instrument gegen die Gewerkschaften benutzen zu können. Husland. Zum Streik der Seeleute in Frankreich. Im Ministerrat teilte Handelsminister David mit, daß die Reeder das angebotene Schiedsgericht abgelehnt hätten mit Aus- nähme der Messageries Maritimes. Die Ablehnung der Gesell- schaften beruhe unter anderem auf der Unmöglichkeit, weitere Lohnerhöhungen zu gewähren. Der Minister des Innern Steeg wird die eingeschriebenen Seeleute fragen, ob sie das Schieds- gericht mit der einen Gesellschaft�allein annehmen. Paris, 27. Juni.(W. T. B.) In der Deputiertenkammer trat der sozialistische Abgeordnete B o u i s s o n- Marseille für eine Resolution ein, die dahin geht, das Flaggenmonopol auszu- heben. Handelsministcr David gab einen Uebcrblick über den Streik der eingeschriebenen Seeleute und erklärte, trotz der Weige- rung der Reedereien hoffe die Regierung doch noch, daß die übrigen Gesellschaften dem Beispiel der Messagcries maritimes folgen würben und ein Schiedsgericht zustande kommen werde. Wenn es durchaus notwendig sein sollte, werde er das Flaggen- Monopol aufheben oder aber erforderlichenfalls Schiffe requirieren. Darauf wurde mit den Stimmen sämtlicher 555 anwesen- den Deputierten eine Tagesordnung angenommen, in der der Re- gierung das Vertrauen und die Erwartung ausgesprochen wird, daß die Regierung in kürzester Frist schiedsgerichtliche Besprechungen herbeiführen, anoernfalls aber die be- stehenden Gesetze zur Anwendung bringen werde. Versammlungen. Die Stellung der polnischen Fraktion im preußische» Abgeordnetenhaus« lautete daS Thema einer vom sechsten Berliner Wahlkreise einberufenen politischen Versammlung, über das Landtagsabgcord« ncter Julian Borchardt referierte. Der Saal im„Stadt. thcater Moabit" war bis auf den letzten Platz in der Hauptsache von polnischen Arbeitern und deren Frauen besetzt. Eingangs der Ver- samnilung bedauerte der Vorsitzende, daß infolge unseres famosen Rcichsvereinsaesetzes nicht polnisch gesprochen werden könne. So- dann nahm Genosse Borchardt das Wort zu seinem Vortrage, um mit wuchtigen Strichen und beißendem Sarkasmus die Polen» Politik unserer Regierung sowie das Verhalten der polnischen Frak- tionen im Landtag« zu kennzeichnen. Der Vortrag erntete stürmi- schen, sich oft wiederholenden Beifall. In der Diskussion sprachen mehrere Polen. Einer bedauert«, daß von den 138 000 polnischen Arbeitern in Berlin nicht mehr in die Versammlung gekommen seien. Jeder polnische Arbeiter müsse der Sozialdemokratie beitreten. Wie könne ein polnischer Junker Arbeiterfragen vertreten? Polnische Sozialdemolraten müssen in den Landtag. Ein junger Pole nahm das Wort und erklärte, daß er zum ersten Male im Leben das Wort Parteigenossen ausspreche, und zwar sei er seit dem 9. Mai dieses Jahres zur Ucbcrzeugung gekommen, daß jeder vernünftige Mensch Sozialdemokrat sein müsse. Die polnische Fraktion habe nicht ihre Pflicht gätan, das habe er bei seiner Anwesenheit im preußischen Abgeordneienhause mit eigenen Augen gesehen. In seinem Schlußwort stellt« R«ferent Borchardt noch einige irrtümlich« Auffassungen richtig und schloß mit einem zündenden Mahnruf an die polnischen Arbeiter, der mit jubelndem Beifall aufgenommen wurde. Nach einem brausen- den Hoch aus die internationale Sozialdemokratie war die ein- drucksvolle Kundgebung zu Ende. HctzU Sozialdemokratischer Wahlsieg in Köslin. Köslin, 27. Juni.(Eig. Telegr. des„Vorwärts".) Vei der heutigen Stadtverordnetenersatzwahl wurde Genosse B a u m a n n mit 568 gegen 531 bürgerliche Stimmen als sechster Sozialdemokrat gewählt. Um die demokratische PrnstdcntschaftSkandidatur. Baltimore, 27. Juni.(W. T. B.) Der Nationalkonvent hat in der Angelegenheit der angefochtenen Mandate von Südda- kota zugunsten Wilson gegen Clark entschieden. Dies ist ein b e- deutsamer Sieg für Bryan und Wilson. James, ein Anhänger Bryans, ist zum beständigen Vorsitzenden des Konvents gewählt worden. Das Urteil im Prozeß Patcrno. Rom, 27. Juni.(W. T. B.) Um 10 Uhr abends fällten die Geschworenen das Urteil gegen den ehemaligen Kavallcrieleutnant Patcrno, der am 2. März 1911 die Hofdame der Königin, Trigona, getötet hat. Auf Grund des Spruches der Geschworenen verurteilte der Gerichtshof Paterno zu lebenslänglicher Zwangs- arbeit, der schwersten Strafe des italienischen Strafgesetzbuches. Klosteridhlle. RenneS, 27. Juni.(P. C.) Die hiesige Polizei ist dah'nter gekommen, daß in dem früheren Ursulincrinncnklostcr in Montfort, das nach der Einziehung der Kirchengütcr dein Staate gehört, allnächtlich wüste Orgien gefeiert werden, an denen Per- sonen beiderlei Geschlechts teilnehmen. Die Behörden haben eine strenge Untersuchung eingeleitet. Mehrere Personen wurden be- reits verhaste». ßaplSinger�Co.,BerlinLVV. Hierzu 3 Beilagen«.Unterhaltungsbl Nr. 148. 29. Jahrgang. 1. Keilm ks Jonnörtf Iniinn lolliülilatl. Freitag, 28. Juni(912. Sie Reorganiiation des Parteivorltandes. Von G. Ledebour. Auf dem vorjährigen Parteitag in Jena wurde am 12. Sep- tember ein Antrag einstimniig angenommen: Zwecks der Beratung einer Reorganisation des Parteivor- Standes und der Kontrollkommission unter Zuziehung des Partei. Vorstandes eine 21gliederige Kommission zu wählen, die dem näch- sten Parteitag Bericht zu erstatten hat. Nach Annahme dieses Antrages erklärte der Vorsitzende Ge- noss« D i e tz: Ich bin ersucht worden, hier festzustellen, daß die Be- ratungen dieser LIgliederigcn Kommission sich auch darauf zu er. strecken haben, daß sie, falls sich dies als notlvendig erweist, auch das Organisationsstatut zu prüfen hat. Gegen die„Feststellung" erhob sich kein Widerspruch, da eine Reorganisation des Parteivorstandes an sich schon eine Aenderung des Organisationsstatuts der Partei bedingt und auch niemaizp etwas dagegen haben konnte, daß nebenbei, wenn sich das not- wendig erweisen sollte, auch noch andere Bcstimmuirgcn des Statuts einer Revision unterzogen würden. Als im Mai dieses Jahres die Kommission, die bei der Wahl auf 22 Mitglieder verstärkt worden war, zusammentrat, machte der Vorstand den Anspruch geltend, in der Zahl von zehn Vor« standsmitgliedern an den Beratungen nicht nur, sondern an der Beschlußfassung beteiligt zu sein. Dieser Anspruch wurde ihm zugestanden. Der nunmehr 32 Köpfe zählenden Körperschaft, die dem Partcitagsbcschluß zufolge sich an die Reorganisation des Parteivorstandes heranmachen sollte, unterbreitete dann der Partei. «vorstand selbst einen Entwurf, der an der Zusammensetzung und den Befugnissen des Parteivorstandes tatsächlich gar nichts ändern wollte, denn die vorgeschlagenen Aenderungen waren nur formeller Natur. Die Kontrollkommission sollte dagegen zu einer bloßen Oberrechnungstammcr der Partei verkümmert werden, während außerden» als dritte Körperschaft ein Parteiausschuß von 32 Personen ins Leben gerufen werden sollte, der in 23 Bezirken zu wählen wäre. Dem Parteitag sollte nur die formale Bestäti- gung der Gewählten vorbehalten bleiben. Als wesentliche Aende- rung ist ferner noch hervorzuheben, daß die Reichstagsfraktion, deren Mitglieder bisher die Teilimhme am Parteitag zusteht und die in bczug auf das Stimmrecht nur insoweit beschränkt sind, daß sie es in Fraktioiisangelegenheiten nicht ausüben können, überhaupt auf eine Vertretung durch drei Delegierte auf den Parteitagen beschränkt werden sollte. Diesen Entwurf des Parteivorstandes haben dann Reorgani- fationSkommission und Parteivorstand in gemeinschaftlicher Sitzung durch Mehrheitsbeschluß nur unwesentlich modifiziert. Der Kontrollkommission sind die Befugnisse als Beschwerdeinstanz gegen- über dem Parteivorstand belassen worden. Ferner kam es betreffs «der Reichstagsfraktion zu einem Kompromiß dahingehend, daß die Fraktion künftig durch ein Drittel ihrer Mitglieder auf dem Parteitag vertreten sein dürfe. Es ist notwendig, diesen Werdeprozeß des nunmehr vorgeleg- ten Entwurfs zu erwähnen, weil er ein Licht darauf wirft, wes- halb das Resultat so wenig dem Sinn des Parteitagsbeschlusscs entspricht. Die voraufgegangene Diskussion hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß so ziemlich allgemein die Ucberzeugung be- stand, es sei notwendig, die Parteileitung für schnelle politische Aktionen besser befähigt zu machen und zu dem Zweck das politische Element des Parteivorstandes zu stärken gegenüber.dem burcau- kratischon. Was wir aber nunmehr als Vorlage für den Partei. tag in Chemnitz bckmnmea haben, ist ein durch die Kommission nur unwesentlich modifizierter Entwurf des reformbedürftigen Parteivorstandes selbst, der die Zusammensetzung des Vorstandes völlig beim alten läßt, aber sonst darauf hinarbeitet, das burcau- kratische Element in der Parteileitung und auf dem Parteitage zu stärken und das politische zu sckpvächcn. Obendrein wird dann noch durch den Wahlmodus des geplanten Parteiausschusses, dessen Wahl tatsächlich den Landsmannschaften überlassen bleibt, dem föderativen Prinzip eine höchst bedenkliche Konzession gemacht. Es erschien deshalb ratsam, für alle diejenigen Parteigenossen, die im Sinne des Partcitagsbcschlusses von Jena eine Reform der Parteileitung im Sinne einer besseren Eignung für schleunige politische Aktionen für erforderlich halten, baldmöglichst eine öffent- kleines feuiUeton Mehr Photographien!— Im Berliner Gewerkschaftshaus hängen an den Wänden Photographien verstümmelter Hände. Betriebs- Unfälle der Holzarbeiter. Sie wirken: da? rüttelt die Gleichgültigsten auf. bis weit nach rechts setzt es schmierige Feuilletons. So etwas verdient Rachahmuiig. So ein Blatt mit den halbierten Fingern redet fagitatoriich) mehr als Statistik, Berichte. als die aufreizendsten Reden. Mehr Photographien!— ES gibt schon welche. In der Wohnnngscnqnete der Orts- krankcnkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute sind einige Wohnungsaufnahmen, die den Unkundigen erblassen machen— sie sind noch zu mild, zu abgetönt, in Wirklichkeit ist es schlimmer. Aber sie wirken. Da ist eins— 131 l—: ich überlege mir immer, wenn ich es sehe, waruin man es nicht längst verwertet hat: In einer Küche 4,00 M. 2.75 M. 2,60 M.— arbeiten vier Personen, darunter zwei schulpflichtige Kinder— an der Herstellung von Knallbonbons... Dreck. Unordnung, schlechte Luft... Warum nimmt man die» Bild nicht, photographirt eine bürgerliche Hochzeits gesellschaft, einen Tanz'— und setzt beide nebeneinander?— Ganz ohne Text, oder vielleicht nur: Hier mutz jeder nach seiner Fasson selig werden!— Wir brauchen viel mehr Photographien. Eine Agitation kann gar nicht schlagfertiger geführt werden. Da gibt es keine Ans- reden— so war es. und damit bafta. Wie wäre es mit einer Aufnahme von Sistierungen in Berlin? — Oder: Streikposten und Polizei. Oder: Der Feldivcbcl Kor- nischke bei der Rekrutenausbildung. Oder eine Hinrichtung..? Nichts beweist mehr, nichts peitscht mehr auf als diese Bilder. Es gibt so wenige, zerstreut, durch Zufall entstanden. Das ist nichts. Systematisch mutz gezeigt werden: so ivird geprügelt, und so wird erzogen, so iverdet ihr behandelt, und so werdet ihr bestraft. Mit Gegensätzen und Gegenüberstellungen. Und mit wenig Text. Etwa eine Serie: Illustrierte Kaiserworte.... Ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich: Bethmann, das Deutsche Reich regierend. Oder: Wilhelm II., ein Todesurteil unterschreibend. Oder noch höher: Jagow, einen vernünftigen Erlaß diktierend. Aber freilich: Das Unmögliche kann nian nicht photographieren.... tu. Bernard Shaw über Jagow. Der nach mehreren seiner Ge- sellschaftssatiren auch den Mitgliedern der Freien Volksbühne sehr bekannte englische Dramatiker schrieb an unseren Genossen Konrad Schmidt nachfolgenden, nunmehr im Propagandaheft der Freien Volksbühne veröffentlichten Brief: Sehr geehrter Herr! Eine Tbeaterzensur, ausgeübt vom Polizei. Präsidenten, wäre verhängnisvoll für daS englische Drama, denn unsere Polizeibeamten verstehen nichts von Literatur, sie sind ge- geneigt, jede Kunst als unsittlich und alle Künstler als verdächtige Subjekte zu betrachten. Da man uns aber hier in England glauben läßt, daß olle deutschen Beamten die höchste Kultur ihres Zeitalters verkörpern und viel weitblickender sind als Goethe, Wagner. Richard Strauß, nicht zu reden von Hoffmanns- thal Hauptmann, Wedekind und dergleichen ausländischen Schilf:- stellern, wie Shakespeare, Tolstoi. Ibsen und Slrindberg, dürfen Sie. liche Aussprache über den Entwurf herbeizuführen, damit die Parteigenossen im Lande sich auf Grund von Rede und Gegenrede ein Urteil bilden und eventuell Perbesserungsvorschläge vorbereiten können. Zu dem Zweck sind denn auch in Eisenach am 16. Juni eine Anzahl von Mitgliedern der Fraktion und der Reorgani- sationskommission, die den Entwur f für höchst verbesserungs- bedürftig halten, zu einer Besprechung zusammengetreten, die sicher zur Klärung der Anschauungen bei allen Teilnehmern bei- getragen hat. Es muß aber gegenüber Bemängelungen dieser Zusammenkunft auch an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, daß alle Teilnehmer einmütig darin waren, bindende Beschlüsse nicht zu fassen. Es ist jedem Teilnehmer überlassen geblieben, die Ansichten, die er sich auf Grund der Aussprache gebildet hat, öffentlich zu vertreten. Bindende Beschlüsse zu fassen ist zwcifcl- los nur der Parteitag berechtigt. Sie dürften überhaupt in keiner vorbereitenden Instanz, auch selbswcrständlich nicht in freien Aus- sprachen, wie es die in Eisenach gewesen ist, gefaßt werden. Der Perfasser dieser Ausführungen kann deshalb auch nur für seine Person die Ansichten wiedergeben, die er sich auf Grund jener Aus- spräche gebildet bat. Es wäre aber dringend zu wünschen, daß solche unverbindliche Aussprachen sowie schriftliche Erörterungen in der Presse überall im Lande stattfinden, weil nur so die Partei zu einer ersprießlichen Beschlußfassung über diese wichtige Frage kommen kann. In den folgenden Erörterungen werde ich solche Fragen beiseite lassen, die sich nicht auf die Parteileitung oder Parteitagsvertretung beziehen. So ist in dem Entivurf eine Vereinheitlichung der Parteibeiträge angebahnt. Ob in dem einen oder anderen Punkte diese an sich durchaus wünschenswerte Bestimmung noch besser auszubauen ist, kann hier uncrörtert bleiben, da eS sich dabei um eine bloße Zlvcckmäßigkeitsfrage handelt. Durchaus unbefriedigend ist eS dagegen, daß in dem Entwurf die Konstituierung des Parteivorstandcs völlig beim alte:: gelassen ist. Denn die neue und durchaus zu billigende Bestimmung, daß die bisherige besoldete„Beisitzerin" künftig eine besoldete „Sekretärin" sein soll, ist an sich völlig belanglos für die Zu- sammensctzung und Beschlußfassung des Vorstandes. Ebenso würde es für die Zusammensetzung des Vorstandes völlig gleich gültig sein, ob die Bestätigung der beiden männlichen Beisitzer wie bisher durch die Kontrollkommission oder wie jetzt geplant durch den neuen Parteiansschuß vorzunehmen ist, denn die Voraus sctzung für die Bestätigung ist die Präsentalion der beiden Bei sitzcr durch die Organisation Groß-Berlins. Es soll also auch in der Beziehung tatsächlich nichts geändert werden. Nach dem Entwurf würde also der Parteivorstand auch künftig bestehen: aus einer jedes Jahr zu fixierenden Anzahl besoldeter Beamten, tatsächlich also 8 Beamten fl Kassierer, 7 Sekretäre), denen gegenüber nur 4 Nichtbeamte, 2 Vorsitzevive und 2 Beisitzer, stehen. In diesem Ueberwicgen des bureankratischen Elements liegt aber gerade eine Gefahr, die durch die Reorganisation über- wunden werden mußte. Als im Jahre 1830 nach dem Zusammenbruch des Sozialistengesetzes der Parteivorstand unter Berücksichtigung der veränderten Rechtsverhältnisse neu konstituiert wurde, bestand er aus zwei Vor. sitzenden und drei angestellten Beamten(einen: Kassierer und zwei Sekretären). Eine Gefahr der Bureaukratisicrung der Partei. lcitung bestand damals schon deshalb nicht, weil auch die angestell ten Beamten in langjährigen Kämpfen politisch geschulte Partei. genossen waren, und weil auch die Aufgaben des Parteivorstandes noch auf Jahre hinaus wesentlich politischer Natur blieben. Mit dem Wachstum der Partei nahmen aber auch die reinen Vcrwal tungsbefngnisse des Vorstandes beständig zu; dabei hatte er in stetig höherem Maße wirtschaftliche Unternehmungen selbst zu leiten oder doch zu kontrollieren. Alles das erforderte ein wachsen. des Maß von Zeit, Arbeitskraft und technischen Spezialkenntnissen zur Bewältigung dieser Aufgaben. Die Partei half sich, indem sie immer mehr Sekretäre anstellte, die wie die älteren im Vorstand strmmbcrechtigt waren. Durch die Einfügung von zwei Beisitzern wurde gegen das viel stärker zunehmende burcankratische Element nur ein höchst ungenügendes Gege»gewicht geschaffen. Daß der so schließlich auf zwölf Personen, darunter acht an- gestellte Beamte, angeschwollene Vorstand seine VerwaltungSbefug. nisse aller Art gewissenhast und erfolgreich erfüllt hat. soll nicht bezweifelt werden. Aber auf politischem Gebiet, wie in der badi. schen Budgetfrage, in der Marokkokrise, bei dem diesjährigen Stich glaube ich, die Bilanz deutschen Geistes getrost in ihre Hände legen mit der festen Zuversicht, daß alles,. was von ihnen nicht beliebt oder auch nicht verstanden wird, entweder nichts taugt oder das menschliche Begriffsvermögen übersteigt. Und daraus schließe ich: Wenn die Werke RosenowS den hohen kritischen Ansprüchen des Herrn Polizeipräsidenten v. Jagow nicht genügen, dann sind sie ge« richtet in den Augen Europas und gänzlich ungeeignet zur Auf. führung in einem zivilisierte» Lande. Besteht denn kein« Aussicht, daß der Herr Polizeipräsident Eng. land besucht?(Hat er ja schoy getan, aber---) Ein sicheres Gefühl sagt mir, daß die Universitäten von Oxford und Cambridge sich die günstige Geleacnheit nicht entgehen lassen würden, ihn mit dem Titel eines Ehrendoltors der Rechte zu schmücken! London, Ende Mai.* G. Bernard Shaw. DaS größte Schwimmdock der Welt ist für Liverpool im Bau. Wegen der ungewöhnlichen Größe ist es aber fraglich, ob die Ar- beiien noch in diesem Jahre vollendet werden können. Nach einer Beschreibung in der Wochenschrift„Engineer" wird die Länge des Docks rund 300 Meter betragen. Die Breite ist aus 36 Meter be- messen. Die ganze Bauart ist ebenso wie die Abmessung darauf berechnet, daß die größten Dampfer einschließlich derer, deren Herstellung in der nächsten Zukunft noch zu erwarten sind, dort eine Stelle für Reparaturen finden können. Der Zugang zu dem Dock wird mit einem gleitenden Caisson der- sehen sein, das auf jeder Seite eine Klappfläche besitzt, um entweder das Wasser im Dock festzuhalten oder von diesem abzusperren, je nachdem es die Verhältnisse erfordern. Der Caisson ist eiwaS über 40 Meter breit, die Wände des Docks erreichen eine Höhe von 18 Meter und sind bereits fertiggestellt. Zur Entleerung diene» fünf Gruppen von Zentrifugalpuinpe», die von Dieselmoloren an- getrieben werden und das ganze Dock, das etwa 7 Millionen Kubik- fuß Wasser saßt, in 2>/, Stunden trocken zu legen imstande sind. Eigenartige Schulen. Die rnssische Polizei unterhält in PeterS- bürg eine Verbrecherschule, in der junge Leute ausgebildet werden, die in ihren Dienst treten wollen. Damit die künftigen Schutzleute den Uebertrelern deS Gesetzes auf allen ihren Schlichen nachkommen können, werden sie in den sämtlichen Tricks der verschiedenen Verbrechcrklassen unterwiesen. Besonderes Gewicht legt man auf die Abteilung. in der die Zöglinge in die Geheiinniffe des UrkimdcnfälfchenS eingeweiht werden. Der Unterricht beschäftigt sich vor allem mit der Fälschung von Pässen, eine Handfertigkeit, die für den russischen Poli- zisten natürlich von ganz speziellem Interesse ist. Ueber die Spitzel- Schule wird natürlich geheimnisvolles Schweigen ge- breitet. I» Monte Carlo besteht eine Schule für Croupiers, die während der Sommermonate im Kasino abge- halten wird. Sie ist für die Aipiranten bestimmt, die sich um solche Stellen beworben haben. Jeder Schüler muß abwechselnd den Bank- balter vorstellen, während die übrigen bei ihm spielen. Auf diese Weise lernt er es, das Spiel zu leiten, die Gewinne zu be- rechnen und auszuzahlen. Die Schule wird durchschnittlich von 60 bis 70 Hörern besucht, die im Laufe von sechs Monaten zu vollendeleir Croupiers ausgebildet werden.— Die merkwürdigste dieser.Sonderschule»' für.hervorragend' Befähigte be» wahlabkommen und selbst da, lvo seine Verwaltungsbefugnisse auf politisches Gebiet hinübergriffen. wie im Göppinger Streit, hat er sich der politischen Situation nicht völlig gewachsen gezeigt. Das ist auch ganz begreiflich. Es liegt das nicht an einer mangelhaften Veranlagung der an sich persönlich sicher tüchtigen Genossen, sondern an den Fallstricken der Stellung, in die si: hin- cingekommen sind. Wenn eine Anzahl von Personen, die in erster Reihe berussgemäß mit Verwaltungsgcsäzäften sich zu befassen haben, Jahr für Jahr unabhängig zusammemvirken, so bildet sich unter ihnen, unbeschadet mancher Meinnngsverschicdenhcitcn in Einzclsragcn, doch allmählich eine Interessen- und Ansichts- solidarität heraus, das, was man eben den bureankratischen Geist nennt. Auch er hat an sich seine Berechtigung; er wird nur zu einer Gefahr, wenn in einer testenden Körperschaft das burcau- kratische Element so sehr überwiegt, wie es gegenwärtig im Vor- stand der Sozialdemokratie Deutschlands der Fall ist. Diese numerische Uebermacht des bureankratischen Elements in der Parteileitung wird noch dadurch verstärkt, daß die Sekretäre tat- sächlich, wenn auch nicht rechtlich, als Angestellte auf Lebenszeit gelten, und daß in den letzten Jahren mehr und mehr die Auswahl danach getroffen wurde, daß der Kandidat bei keiner Richtung der Partei Anstoß wegen einer klaren und bestimmten Anschauung über strittige Partcifragcn erregen dürfe. Solche Personen mögen ein sehr brauchbares Beamtenmaterial abgeben; sie eignen sich aber nicht gerade zu Vorkämpfern und Leitern der revolutionären Klassenkampfpartei des Proletariats. Würde etwa die deutsche Sozialdemokratie heute an die Auf» gäbe herantreten, sich ohne Anknüpfung an geschichtlich gewordene Einrichtungen eine Parteileitung zu schaffen und gleichzeitig Vor- kehrungen zu treffen, um allerhand Verwaltnngssunktionen aus- zuüben, so würde sie sicher nicht einer überwiegenden Mehrheit von Verwaltungsfunktionären die Lcitung übertragen, sondern würde einen überwiegend aus politischen Personen zusammen- gesetzten Parteivorsti»d schaffen, unter dessen Kontrolle dann einige Verwaltungsfunktionäre besondere Aufgaben zu bearbeiten hätten. Wir haben indes an geschichtlich Gewordenes anzuknüpfen und müssen deshalb suchen, den Vorstand so zu gestalten, daß das nicht« bureaukratische Element darin eine sichere Mehrheit hat. Ich hatte voriges Jahr den Vorschlag gemacht, den bestehenden Partcivorstano durch einen politischen Beirat von sieben bis neun Personen zu ergänzen, der für gewisse politische Fragen mitbeschließend in Funktion treten sollte. Durch die Aussprache in Eiscnach bin ich davon überzeugt worden, daß es zur Erreichung der Politisierung des Vorsiandcs zweckmäßiger ist. die Zahl der Beisitzer einfach zu vermehren, und zwar von zwei auf mindestens sieben, die dann mit den beiden Vorsitzenden zusaminca: dem bureankratischen Ele- ment gegenüber in der Mehrheit sind. Diese Beisitzer wären zu wählen aus den politisch in verschiedenen Stellungen tätigen Partei- genossen. Es ließe sich nicht umgehen, daß sie in der Mehrzahl ihren Wohnsitz in Groß-Bcrlin haben müßten; doch wären auch außerhalb Wohnende keineswegs ausgeschlossen. Reichstagsabge« ordnete anderer Orte müssen ja sowieso einen Teil des Jahres in Berlin verbringen, und in der Zeit der Schnellzüge und Tele- graphen bietet selbst die Anberaumung einer plötzlichen Sitzung keine unüberwindliche Schwierigkeiten. Es kämen als Beisitzer in Betracht Abgeordnete, Redakteure,- Organisatoren; auch daß ein hervorragend gewerkschaftlich tätiger Genosse unter den Beisitzern sich befindet, wäre empfehlenswert. Unzweckmäßig wäre es aber, die einzelnen Kategorien von Beisitzern zahlenmäßig abzugrenzen. Die Wahl der Beisitzer müßte unter allen Umständen dem freien Ermessen des Parteitages überlassen bleiben, genau so wie die der übrigen Borstandsmitglieder. Damit ist schon gesagt, daß der jetzt für zwei Beisitzer bestehende Wahlmodus durch Sonder- organisationcn beseitigt werden müßte. Es paßt weder in den Nahmen unserer Einrichtungen hinein, daß der geplante Ausschuß, noch daß, wie jetzt geschieht, die Kontrollkommission die durch die Organisation von Berlin vorgeschlagenen zwei Beisitzer bestätigt. Sämtliche Parteivorstandsmitglieder müssen auf Grund eines ein- heitlichcn Wahlverfahrens gewählt werden. Den Berlinern wurde das Privileg der Präsentation von zwei Beisitzern nur als Not- behelf gegeben. Kein Grund zwingt unS zur Verewigung dieses Privilegs, wenn überhaupt au die Neugestaltung des Parteivor- standcs die Hand gelegt wird. Eine Zurücksetzung der Berliner aber kann um so weniger in der Aufhebung dieses Vorrechtes ge- steht jedoch in B r ü s s e l. Es ist die Schule der— Totengräber! Dieses erbauliche Institut hat die Direktion des Fried- Hofes Evöre eingerichtet. Jedermann, der in ganz Belgien irgendwo auf eine Stellung als Totengräber reflektiert, muß erst einen Kursus. an dieser Schule durchmachen und das an ihr vorgeschriebene Examen bestehen. Dann besitzt er, nach Ansicht der belgischen Be- Hörden, die nötigen Fähigkeiten, um seinen Beruf in der Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit auszuüben. Ph-tographische Schnellpresse. Nach der Ansicht deS amerikanischen Ingenieurs Hoö dürfte die Zeit nicht mehr allzufern sein, da die Druck« Rotationspresie durch eine Erfindung höchst origineller Art ersetzt werden wird'— mtd zwar durch die„Photo- graphische' Schnellpresse". Ihre Arbeit wird zu gleicher Zeit billiger und schneller sein, als die der gegenwärtig gebrauchten Maschinen, also eine neue Rekordleistung. Es würde sich zunächst darum handeln.. eine geeignete„negative Kopie' des DruckfatzcS zu erhalten, die ans ein leichtempfindliches Papier ver- mittelst elektrischen Lichte« projiziert wird, um dort„positiv' zu erscheinen. DaS Papier selbst, nach Art de§ jetzt im Gebrauch be- findlichen auf großen Maschinenrollen aufgewickelt, soll sich mit un- geheurer Geschwindigkeit an dem Projektionsapparat vorbeibewegcn; nach den Berechnungen HoSS würde man 100.Abzüge' pro Sekunde. also eine Stundenleistung von 36 000 Seiten, erkalten. Zunächst muß aber ein lichteinpffndliches Papier zu sehr billigem Preise ge- funden werden, eine Schwierigkeit, die größer erscheint, als sie in Wirklichkeit ist. Notizen.# — Von Gerhart Hauptmann ist ein neues Drama: Der Bogenspanner Odysseus' zu erwarten. — DerProte st beweg ung gegen die Freigabe deS„Parfifal' soll die Familie WagncrS angeblich ganz fern- stehen. Wie erklärt eS sich nun aber, daß Künstler und Schriftsteller. wie Engelbert Humperdinck, Max Klinger, M. G. Conrad. Prüfer und andere Geister, die mit der Villa Wahnfried doch gerade per» sönliche Frcundschaftsbeziehungen unterhalten, den: AgitationSauS- schuß beigetreten sind? Oder geschieht das alles„ohne Zutun' der Familie Richard Wagners? —„Maja' benennt Max Dauthendey eine Bohdmekomödic. in der. außer Strindberg, Ellen Key, Stanislaw Przybyszewsly. Sigbjörn Obstfelder, StrindbergS erste Frau und andere Mitglieder aus der weiland Berliner Gesellschaft im„Schwarzen Ferkel' figurieren. — G u st a v M a h l e fs„Nennte Sinfonie' erlebte in der nun beendigten Wiener Musikwoche ihre Uraufführung. Ferdinand Gregori, der Leiter des Mannheimer Hof- theaterS, hat seine Stellung gekündigt. — Hans Neuert, der auch den Berlinern bekannte Schau- spieler und Verfasser erfolgreicher oberbayrischer Dialektstücke ist, 74 Jahre alt, in München, seiner Vaterstadt, gestorben. — Jean Jacques Rousseau hat in Ermenoubille bei Paris, wo er starb, ein Monument erhalten. — Jon L u c a C a r a g i a l i, einer der bedeutendsten jung- rumänischen Dichter, ist in Berlin, wo er seit sechs Jahren wohnte, im 51. Lebensjahre gestorben. .funken werden, da ja bei der Wahl der Beisitzer der Parteitag sowieso in erster Reihe auf die in Berlin ansässigen Genossen an- gewiesen ist. In der Regel sollten die Beisitzer an allen Vorstandssitzungen teilnehmen; sie sollten mindestens das Recht dazu haben. Inwieweit gewisse verwaltungstechnische Funktionen der ausschließlichen Er- lcdigung durch die Vorsitzenden und die Sekretäre zu überweisen sind, wäre der Disposition des Gesamtvorstandes zu überlassen. Als Richtschnur bei dieser Teilung käme hier nur in Betracht, daß olle Fragen politischen Charakters durch den Gesamtvorstano erledigt werden müssen. So weit, was die Konstituierung deS Parteivorstandes anbetrifft; die anderen organisatorischen Vorschläge inüsien einer besonderen Besprechung vorbehalten bleiben. l-Neue Zeit".) Der Verbandstllg der golzarbeittr. In der gestrigen Vormittagssitzung wurde die Debatte über die Beitragspflicht der leistungssähigeren Zahlstellen fortgesetzt. Es liegen zu dieser Angelegenheit folgende Anträge vor: Gautag Dresden. Leistungsfähige Zahlstellen sind ver- pflichtet, einen höheren Beitrag als 50 Pf. an die Hauptkasse zu verrechnen. Ueber die Leistungsfähigkeit entscheidet der Vorstand im Einverständnis mit dem Gauvorstand nach Prüfung der Ge- samtverhältnisfe in der Zahlstelle. München. Der Verbandsvorstand hat die leistungsfähigen Zahlstellen festzusetzen und sind dieselben verpflichtet, ab 1. Juli 1312 einen höhern Grundbeitrag an die Hauptkasse zu leisten. Leipzig. Vom Verbandstag sind diejenigen Zahlstellen zu benennen, welche gemäß dem Beschlüsse des Münchener Ver- bandstages 1310 einen erhöhten Beitrag an die Verbandskasse zu leisten haben. Im Ablehnungsfalle gilt der Beschluß des Miünchcner Verbandstages betreffend die höhere Belastung ein- zelner Zahlstellen für aufgehoben. Ferner ist in der Statutenberatungskommission auch der Vor- schlag erwogen worden, daß die Besoldung der Lokalbeamten auf die Hauptkasse übernommen wird und die Zahlstellen, die einen oder mehrere Lokalbeamte haben, dafür pro Woche und Mitglied 10 Pf. mehr, also statt SO Pf. 60 Pf. an die Hauptkasse abführen sollen. Im übrigen ist aus den Kommissionsberatungen ein Vor- schlag hervorgegangen, wonach Zahlstellen mit 75 Pf. Gesamt- wochenbcitrag 3 Pf., mit 80 Pf. 4, mit 8S Pf. S, mit 90 Pf. 6, und mit 1 M. Gesamtbeitrag 8 Pf. mehr an die Hauptkasse abführen sollen, die Zahlstellen mit 60 bis 70 Pf. Gesamtbeitrag von der Erhöhung freibleiben. Nach einem anderen Vorschlag soll der Betrag, der mehr abzuführen ist, bei 7S Pf. 3. bei 80 Pf. S, bei 8S bis 30 Pf. 8, bei über 90 Pf. Beitrag 10 Pf. ausmachen. Die Kommission hat auch diesen Vorschlag erwogen, sich jedoch noch auf keinen der verschiedenen Vorschläge endgültig geeinigt; sie wünscht vielmehr, zunächst die Meinung des Verbandstages zu hören und eine prinzipielle Abstimmung herbeizuführen, um auf Grund dessen eine Vorlage auszuarbeiten, die der Zustimmung deS Verbands- tages sicher ist. Es hatten sich, als man am Mittwochnachmittag in die Debatte eingetreten war, bereits 36 Redner einzeichnen lassen, und es wird demgemäß auch sehr eingehend und lebhaft diskutiert. Im allge- meinen ergibt sich, daß alle in Betracht kommenden Zahlstellen gerne bereit wären, der Hauptkasse höhere Beiträge zuzuführen. daß jedoch einige dieser Zahlstellen sich nicht für besonders leistungsfähig halten, weil trotz hoher Lokalbeiträge die Mittel knapp aus- reichen, die örtlichen Ausgaben zu decken. Auch die Zahlstelle Berlin ist in dieser Hinsicht nicht besonders gut gestellt, waS vor allem eine Folge der großen Arbeitslosigkeit unter den Mitgliedern ist. Der Verbandskassierer König bemerkte jedoch dazu, daß in Berlin zu hohe Lokalzuschläge zu den Unterstützungen gezahlt würden und eine Herabsetzung empfehlenswert sei, um die Zahl- stelle in den Stand zu setzen, der Hauptkasse mehr Mittel zufließen zu lassen.— Nachdem 24 Redner sich zu der Sache geäußert hatten, trat Schluß der Debatte ein und es wurde beschlossen, daß die Kommission, zwecks praktischer Durchführung des Münchener Beschlusses über die Verpflichtung der leistungsfähigeren Zahl- stellen zu höherer Beitragsleistung an die Hauptkasse, eine Vor- läge ausarbeiten soll, in der diese höheren Hauptkassenbeiträge entsprechend der verschiedenen Höhe der Lokalbeiträge der in Be- tracht kommenden Zahlstellen bemessen werden sollen. Ueber diese Vorlage wird der Verbandstag dann später zu entscheiden haben. Der nächste Punkt der Tagesordnung ist: Die Siegelung der Arbeitszeit im deutsche» Holzgewerbe. Hierzu liegt folgende Resolution vor: Die fortschreitende Vervollkommnung der Maschinentechnik in der Holzbearbeitung, die Spezialisierung der Arbeitsmethoden, das zunehmende Umsichgreifen der Teilarbeit und des Akkord- fystems führen zu immer größerer Intensität der Arbeit und bedingen dadurch eine höhere Ausbeutung der Arbeitskraft ver- bunden mit einer Beschränkung der Arbcitsmöglichkeit. Neben den Gründen hygienischer Art, die zur Hebung und Erhaltung der Gesundheit des Arbeiters eine möglichste De- schränkung der Arbeitsdauer in allererster Linie erfordern, gilt es für die in der Holzindustrie tätigen Arbeiter und Arbeite- rinnen als ein Gebot der Selbsterhaltung, eine der modernen Produktionseutwickelung entsprechende systematische Verkürzung der Arbeitszeit auch fernerhin zu erstreben. Der Verbandstag erklärt nach wie vor die Verkürzung der Arbeitszeit als die wichtigst» Aufgabe des Verbandes und betont insbesondere, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die neunstündige Arbeitszeit als die höchstzulässige Arbeitszeit im deutschen Holzgewerbe bezeichnet werden muß, während in den größeren Städten entsprechend ihrer räumlichen Ausdehnung die Arbeitszeit in dem gleichen Verhältnis wie bisher eine beträchtlich kürzere sein muß. Zu dem neuerlich wieder von den beiderseitigen Zentral- vorständen erwogenen Plan, eine Klasseneinteilung der Städte vorzunehmen und danach die Arbeitszeit generell für die nächsten Jahre festzulegen, erklärt der Verbandstag wiederholt seine Zu- stimmuna und ermächtigt den Verbandsvorstand, eventuell die nötigen Mahnahmen zu treffen. Der VerbandStag erklärt ferner, daß das Bestreben des Deutschen HoIz«rbeiterverbandeS bei der Verkürzung der Ar- beitszeft dahin gerichtet ist, nicht nur die wöchentliche, sondern die tägliche Dauer der Arbeitszeit einzuschränken. So lange die tägliche Arbeitszeit noch mehr als acht Stunden beträgt, kann eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit durch Einführung des freien Nachmittags am Sonn- abend nicht als den Bestrebungen deS Verbandes und den Interessen der Arbeiterschaft entsprechend anerkannt werden. Der VerbandStag verpflichtet vielmehr die Mitglieder, die bei den Lohnbewegungen durchgeftihrte Verkürzung der Arbeitszeit je- weilS auf die sechs Arbeitstage der Woche zu verteilen, um da- durch der praktischen Durchführung des Achtstunden- tageS immer näher zu kommen. Der Referent. Verbandssekretär N e u m a n n, erörterte zu- nächst die hohe kulturelle Bedeutung der Arbeitszeitverkürzung im allgemeinen und gab dann eine geschichtliche Uebersicht über die Bestrebungen der Tischler und Holzarbeiter Deutschlands zur Ver- kürzung der Arbeitszeit. Schon auf ihrem Kongreß in Nürnberg im Jahre 1873 erklärte der alte Veteran Theodor Fork den Normalarbeitstag für eines der wichtigsten Ziele der Arbeiter- bcstrebungen und nannte ihn den Schlüssel, der den Arbeitern die Türe zur vollständigen Befreiung aus der Lohnsklaverei und dem Joch der Unternehmer öffnen werde. Damals schon wurde die Forderung gestellt, die tätliche Arbeitszeit auf höchstens zehn Stunden zu beschränken, die Sonntagsarbeit, die Uebcrzeitarbeit und Nachtarbeit möglichst zu beseitigen. Als zu Mainz 1883 der Verband der Tischler, der Vorgänger des Deutschen Holzarbeiter- Verbandes gegründet wurde, kam auch gleich die Bestimmung ins Statut:„Regelung der Arbeitszeit." Drei Jahre später verlangte der Kongreß in Gotha Einführung dxr zehnstündigen Arbeitszeit, wo sie noch 12 und 13 Stunden betrug, und in den größevtn Städten die neunstündige Arbeitszeit, Auf den folgenden Kon- gressen kehrt die Forderung auf Arbeitszeitverkürzung immer wieder, und die Kämpfe, die über diese Forderung entbrennen, sind die allerhartnäckigstcn. Fast in allen Orten, wo der Holzarbeiter- verband Zahlstellen hat, mußten solche Kämpfe geführt werden. Und in manchen Orten holte man zwei- und dreimal zum Schlage aus, um die Forderung durchzusetzen. In Berlin beschloß bereits im Jahre 1871 eine Versammlung, die O�stündige Arbeitszeit zu fordern; aber man zweifelte offenbar an der Durchführbarkeit, und ein Redner stieß die Drohung aus, daß alle Tischler nach Amerika auswandern und ihre Kinder der Stadt Berlin über- lassen würden, wenn die Forderung nicht bewilligt werde. Im März 1873 kam es in Berlin zum Streik und Mitte Juni desselben Jahres erklärte die Streikleitung den Kampf für siegreich beendet, da„die Arbeitszeit von 8 bis 8� Stunden überall durchgefochten" sei. Offenbar handelte es sich hierbei aber weit mehr um Ver- sprechungen, als um tatsächliche Erfolge, denn vier Jahre später wurde durch eine Statistik bewiesen, daß die Arbeitszeit geradezu ins Grenzenlose ging. 1830 forderte man in Berlin eine Arbeits- zeit von höchstens 10 Stunden; aber 1883 mußte noch festgestellt werden, daß geregelte Arbeitszeit nur in den wenigen besseren Werkstätten bestand, während es im übrigen„ganz traurig" aus- sah. Es war festgestellt worden, daß damals in der Reichshaupt- stadt die wöchentliche Arbeitszeit bis zu 90 Stunden ausmachte, und in manchen Fällen war es sogar üblich, daß die Gesellen den Werkstattschlüssel in Händen hatten, um auch die Nacht zur Arbeit benutzen zu können. Zlber im Jahre 1884 wurde die OMstündige Arbeitszeit in Berlin allgemein durchgeführt, und im Laufe der folgenden Jahre ist es ja dann nach und nach so weit gekommen, daß man im Jahre 1907 die blstündige Arbeitswoche einführte. Im ganzen Reiche ist es durch die Kämpfe des Holzarbeiterverbandes um die Arbeitszeitverkürzung jetzt so weit gekommen, daß die in 933 Tarifverträgen für 131 415 Beschäftigte festgelegten Arbeits- zeiten im Durchschnitt 53,7 Stunden die Woche ausmachen.— Im weiteren Verlauf seines Vortrages teilte der Referent mit, daß dem Vorstand des tzolzarbeiterverbandes in der vorigen Woche vom Schutzverband der Arbeitgeber offiziell mitgeteilt wurde, daß man beschlossen hat, an der Regelung der Arbeitszeit auf zentraler Grundlage festzuhalten und noch in diesem Sommer eine Konfe- renz der Hauptvorstände beider Parteien wie der Zentralkom- Mission abzuhalten wünscht, um diese generelle Regelung vorzu- nehmen. Auf die Frag«, ob man dabei auch an eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit denke, wünschte Herr R a h a r d t keine Auskunft zu geben. Die Konferenz soll im August stattfinden. Der Redner bemerkt hierzu, daß man der Konferenz nicht optimistisch gegenüberstehen könne und erst sehen müsse, ob man dort den Jnter- essen der Mitglieder gerecht werden könne. Seitens des Holz- arbeiterverbandeS hat man sich bereit erklärt, an der Konferenz teilzunehmen. Ueber die Regelung der Arbeitszeit an sich hebt der Redner noch besonders hervor, daß die Einführung des freien Sonnabendnachmittags, wie es teils der Metallarbeiterverband ver- langt, nicht im Interesse der Holzarbeiter liegt, weil dadurch ein Hindernis auf dem Wege zum Achtstundentag geschaffen werde. Wo der freie Sonnabendnachmittag bestehe, habe«s sich gezeigt, daß dadurch einer weiteren Verkürzung der täglichen Arbeitszeit ent- gcgengewirkt werde.— Der Redner, der des weiteren die vorgelegte Resolution begründete, schloß seinen inhaltreichen Vortrag mit den Worten: Seid eingevcnk, daß eine Verbesserung Eurer Lage, ein Aufstieg in materieller und geistiger Hinsicht, nur möglich ist. wenn Ihr den Kampf um die Arbeitszeitverkürzung mit aller Kraft führt, und prägt den Kollegen uberall ein, daß der Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit nicht ruhen darf! Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Am Nachmittag wurde ein Ausflug nach den Müggelbergen gemacht. 6. Gtntralversmnmlung des Zevtralverbandes der Kildhauer Dentschlatids. München, 26. Juni 1912. In der nichtöffentlichen Sitzung beschäftigte sich die Generalversammlung mit einigen Fällen von Unterschlagungen, die leider in der abgelaufenen Geschäftsperiode wieder vorgekommen sind. Der Zentralvorstand wurde beauftragt, Maßnahmen zu treffen, um die unterschlagenen Gelder der Verbandskasse wieder zuzuführen. Um /ähnlichen Fällen vorzubeugen, sollen weitere Kontrollvorschriften für die Revisoren geschaffen werden. In bezug auf die immer weiter um sich greifenden Tarifbewegungen befreundeter Organisationen ist die Taktik dieser Organisationen zu beachten.— Die Generalversammlung faßte hierauf ein- stimmig folgende Resolution: „Angesichts der immer wiederkehrenden Fälle von wilden Streiks, die im Widerspruch zum Statut, ohne vorherige Mit- teilung an den Zentralvorstand und ohne Genehmigung desselben ausbrechen, erklärt die Generalversammlung mit allem Nach- druck, daß ein derartiges Vorgehen unvereinbar ist mit der ge- sunden EntWickelung der Organisation und den Interessen der gesamten Kollegenschaft. Die immer kompliziertere Gestaltung der Tarifvertrags- Verhältnisse erheischt von feiten aller Mitglieder die Wahrung unbedingter Disziplin innerhalb der vom gemeinsamen Ver- bandsstatut gezogenen Schranken und die Vertragstreue, die wir von den Arbeitgebern erwarten müssen. Die Generalversammlung beaustragt den Zentralvorstand, in allen Fällen von Lohn- oder Tarifbewegungen und Streiks auf die strengste Jnnehaltung der im Streikreglement gegebenen Vorschriften zu achten und unter keinen Umstanden noch weiter- hin Ausnahmen von diesen allgemeinen Verpflichtungen zuzu- lassen." Damit ist die Debatte zum Geschäftsbericht erledigt. Dem Zentralvorstand wurde ein st immig Entlastung erteilt.— Hierauf behandelte die Generalversammlung die Anschlußfrage. Verbandsvorsitzender D u p o n t hielt hierüber ein einleitendes Referat. Der Redner erinnerte daran, daß schon die Generalvcr- sammlung in Magdeburg sich mit der Anschlußfrage be- schäftigte, und daß schon dort verlangt wurde, daß der Zentral- vorstand aus seiner Reserve heraustreten möge. Man war ge- spannt, wie die Anschlußfrage vor der jetzigen Generalversammlung in den Mitgliederkreisen behandelt werden wird. Die Diskussion setzte sofort ein, als der Termin zur Generalversammlung be- kannt wurde. Auf der vorigen Generalversammlung vor 3 Jahren waren es 7 bezw. 10 Anträge, diesmal sind es, trotz der günstigen Finanzlage, trotz der erfolgreichen Sanierung der Kassenverhältmsse, 13 bezw. 24 Anträge, die den Anschluß an den Holzarbeiter- verband fordern und 4 Anträge, die auf Auflösung hinzielen und verlangen, daß die betreffenden Branchen den in Betracht kommenden Jndustrieverbänden überwiesen werden sollen. Es müsse untersucht werden, aus welchen Gründen diesmal die An- träge trotz der günstigen Finanzlage gestellt wurden. Zr prüfen sei aber, wie die Anträge entstanden sind, die auf Auflösung hinzielen. Nichts sei schlimmer, als auf einem einseitigen Stand- Punkt zu beharren. Der Zentralvorstand habe cS sich reiflich überlegt, was das richtigste in dieser Frage ist. Ein Antrag Nürnberg- Fürth habe verlangt, über die Anschlußfrage vor der General- Versammlung eine Urabstimmung vorzunehmen, um die Meinung der Mitglieder zu erfahren. Der Zentralvorstand empfahl die Urabstimmung nicht, sondern meinte den Delegierten auf der Generalversammlung freie Hand zu lassen. Habe doch schon vor 3 Jahren die Urabstimmung gezeigt, wie weit in den Mitglieder- kreisen die Meinung vertreten ist, daß die Organisation in ihrer Form geändert werden muß. Unter allen Umständen muß aber eine Aufteilung der drei Gruppen verhütet und der korporative Anschluß propagiert werden. Die Steinbild- Hauer und Modelleure stehen gegenüber dem korporativen Anschluß aus dem absolut EetkieinenKen Standpunkt, ivahrenv die Holz« bildhauer, die die große Mehrheit in dev Organisation bilden, in ihrer großen Mehrzahl für den korporativen Anschluß sind. Wenn die Steinbildhauer und Modelleure auf ihrem ablehnenden Stand- Punkt verharren, läge nichts näher als die reinliche Scheidung vor- zunehmen und die Ehe aufzulösen. Aber sie wollen das nicht, sondern wollen die Organisation in ihrev jetzigen Form beibe- halten. Vielleicht gelingt es, die Steinbildhauer im Laufe der Zeit zu überzeugen, daß durch«inen korporativen Uebertritt ihre Jnter« essen in keiner Weise gefährdet werden. Wir möchten die Stein» bildhauer nicht missen und wünschen, daß sie dev Organisation erhalten bleiben. Die Stellung der Modelleure ist nicht so be- deutungsvoll, wie das mitunter hingestellt wird. Unter diesen ist noch ein großer Jndifferentismus vorhanden, ein großer Teil von ihnen hat vom Klassenkampf keine Spur.— Die Zugeständnisse. die vom Deutschen Holzarbeiterverband gemacht werden, müssen sehr ernst genommen werden. Die ganze Tarifbewegung, die Tarifverhandlungen und die augenblickliche Tätigkeit deS Deutschen Holzarbeiterverband muß den Kollegen zum Bewußtsein bringen, daß in einer solchen Organisation ihre Interessen am besten ver- treten werden. Es gab eine Zeit, wo der Zentralverein der Bild- Hauer mit an der ersten Stelle der Gewerkschaftsbewegung stand. H«ute wird man lächeln. Unsere Schwächen sind kenntlich, sie dürfen von der Zentralleitung nicht übersehen werden. Ueber die akademische Frage sind wir hinaus, jetzt sind wir daran, praktisch zu prüfen, in welcher Form unsere Interessen am besten gewahrt werden, ohne den anderen Gruppen durch die Aenderung einen Schaden zuzufügen. Der Zentralvorstand ist in seiner Mehrheit der Meinung, daß jetzt die Zeit gegeben ist, etwas zu tun. was später in einer unangenehmen Situation vielleicht doch getan werden muß. Die Holzbildhauer geraten mehr und mehr in eine Abhängigkeit mit der übrigen Holzbranche, dazu komme, daß daS Kleinmeiftertum nicht al», isondern zunimmt. Weiter sind die Bildhauer in der Frage der Verkürzung der Arbeitszeit usw. von befreundeten Branchen immer mehr abhängig. Redner rekapi- tulierte hierauf den Verlauf einer Sitzung mit dem Hauptvorstand des Deutschen Holzarbcilerverbandes und appelliert an die Dele- gierten, die Frage ernstlich zu prüfen und sich von der Erkenntnis leiten zu lassen, daß etwas geschehen muß. Man könne die Ent- Wickelung nicht ignorieren. Wenn eine Aenderung der Organi- sationsform eintreten soll, so muß jede Zersplitterung vermreden werden, und kann nur der geschlossene Uebertritt in den Deutschen Holzarbeiterverband in Frage kommen. Die Ausführungen DupontS zeitigten eine lebhafte DiS- kussion. Nicht weniger als 20 Redner haben sich zum Wdrt gemeldet. iL Ordentlicher Nerlmdstng der Schuhmacher. Dresden, 26. Juni. Dritter Verhandlungstag. Die Debatte über den Geschäftsbericht wird fortgesetzt. Neu- b a u e r- München hält die Anstellung eines zweiten Redakteurs mit Rücksicht auf das Alter des Kollegen Bock und seine übrige Tätigkeit für unbedingt notwendig. Dieser Redner beschwert sich bitter über daS Vorgehen verschiedener Konsumvereine, die ihre Waren von Firmen beziehen, die in Gefängnissen und Zuchthäusern arbeiten lassen. Während auf anderen VcrbandStagen gewöhnlich Klagen laut werden über zuviel Streichungen seitens der Redaktion, wird hier das Gegenteil beklagt; die Redaktion sei zu weitherzig gegenüber den Einsendungen, sie müsse mehr streichen. In sehr erregter Rede verteidigt B u r g e r- Berlin die seinerzeit von dort eingeleitete Protestbewegung gegen die Beamtengehältcr und beschwert sich über die ihnen zuteil gewordene Behandlung im Fachorgan. Man habe dabei das demokratische Gefühl sehr vermissen lassen. Redakteur Bock- Gotha geht auf die vorgebrachten Beschwerden bezüglich der Presse ein und verteidigt seine Haltung in Sachen der Berliner Protestbewegung. Er streift ausführlich die Haltung des Blattes in den wichtigsten Fragen. Zu dem Vorwurf, daß er in dem Streit zwischen Radikalismus und Revisionismus keine Partei ergriffen, erklärt er, man solle ein Gewerkschaftsblatt davor schützen, in diesen Streit einzugreifen. Die Anstellung eines zweiten Redakteurs sei nicht notwendig, er fühle sich trotz seiner 66 Jahre noch fähig, die Redaktion einige Jahre allein zu führen, er halte die zweite Kraft direkt für überflüssig. Vorsitzender Simon- Nürnberg stellt fest, daß niemand in der Organisation daran denlt, ihn auch nur eine Stunde früher zu ersetzen, als er es selbst will. Aber die Frage sei doch so, ob es nicht gut ist, daß unwr der bewährten Leitung Bocks eine neue Kraft herangebildet wird. Es geht nicht, daß man auf ein- mal jemand auf die Redaktion eines Blattes mit 50000 Lesern setzt. Die Lieferung der Gleichheit könne man am besten regeln, wenn man die weiblichen Mitglieder der politischen Organisation zuführt. Die Berliner Klagen, daß VerbandstagSbrjschlüsse oft der Demokratie zuwiderlaufen, kommen daher, daß man die Demo- kratie mit Anarchie verwechselt. Jeder will wohl die Demokratie, aber selbst kein Demokrat fein. Demokratie heißt, sich den Be- schlüssen, die die Mehrheit gefaßt hat, unterzuordnen, und wenn sie uns nicht passen, in geordneter Form eine Abänderung herbei- zuführen. Wir müssen uns daran gewöhnen, zu den Führern mehr Vertrauen zu haben, wenn das nicht mehr vorhanden ist, dann wird der Führer seine Organisation schädigen. Gegenüber der Filiale Stuttgart, die sich weigerte, den 53. Wochenbeitrag zu leisten, muß der Vcvbandstag einen klipp und klaren Entscheid fassen. Dringend ersucht Simon ferner, in den Zahlstellen die vom Verband herausgegebenen Haushaltungslisten recht fleißig auszufüllen, er habe nichts dagegen, wenn die Filialen für diesen Zweck Prämien aussetzen. Redner wendet sich energisch gegen die Anstellung eines weiteren Zentralvorstandsmitgliedes: was der Ver- band braucht, ist eine Kraft, die rein sür die Statistik in Betracht kommt. Nachdem sich noch Haupt- Magdeburg gegen die Vorwürfe verteidigt hatte, die an die Adresse des Ausschusses gerichtet waren, wurde zunächst abgestimmt über die Frage der Anstellung eines Statistikers. Mit allen gegen 12 Stimmen wurde dieser Antrag angenommen. Damit fallen die Anträge, welche anstatt deS Statistikers einen zweiten Zentralvorsitzcnden wünschen. Einen Beirat zu schaffen wird abgelehnt. Angenommen wird die Vornahme einer Umfrage über die Gefängnisarbeit und über die Verhältnisse der Holzschuhmacher; im Zusammenhang damit Verständigung mit dem Holzarbeiterverband über ihre Organisationszugehörigkeit. Weiter wird beschlossen, der LchrlingSfrage größere Aufmerksamkeit zu schenken und die Parteischule periodenweise zu beschicken. Der Antrag auf Lieferung der„Gleichheit" wird abgelehnt. Zugestimmt wird den Anträgen, die das Jnseratenwesen deS FachblatteS orga. nisiert wissen wollen; die Kommission soll noch darüber berichten. Dieser Kommission wird auch die Frage deS zweiten Redakteurs überwiesen. Der zweite Punkt der Tagesordnung: Die Unternehmerorganisation und ihre Taktik bei Lohnbewegungen und Streiks wird in einer geschlossenen Sitzung behandelt. Der Referent be- spricht zunächst ausführlich die Beschlüsse deS Fabrikantenverbandstages in Pirmasens, seine neue Bezirkscinicilung und im Anschluß daran die voraussichtlich zu treffenden Maßnahmen dieser Organi- sation. Mehr und mehr schließen sich die Schuhfabrikanten den sogenannten Strcikversichcrungsgcsellschaften an. Da erwachsen nun für unseren Verband die Pflichten, seine Einrichtungen und seine Kampsstellung entsprechend zu reformieren. Eingehend be- handelt dann der Referent die sogenannten„prinzipiellen" Fragen des Fabrikantenvereins, wie die Arbeitszeitverkürzung unter neun Stunden, die Ferien und andere, die Allerdings durch unsere Stoßkraft auch schon viel von ihrem„Prinzip" verloren haben. Auch über die Akkordarbeit verbreitet sich Genosse Simon sehr ausführlich, er betont, daß sie mit allen Mitteln bekämpft werden müsse. Bei der Arbeitszeitverkürzung habe man untev allen Umständen daM su sielen, eine tägliche Ver- kürzung herbeizuführen, nichi wöchentlich, Sie eS kur'ch Freb gäbe des Sonnabendnachmittags geschieht. Dadurch wird nur die tägliche Arbeitszeitverkürzung hintangehalten. Im Anschluß hieran gibt Genosse Simon praktische An- Weisungen für Einleitung und Führung der Lohnkämpfe. Aus der ganzen wirtschaftlichen Situation ergibt sich, so be- tonte Simon am Schluß seines zweistündigen Referats, von selbst, daß wir neben der moralischen und praktischen Stärkung auch eine finanzielle Sanierung vornehmen müssen, um auch nach dieser Richtung gesichert zu sein. Die Nachmittagssitzung wird ganz ftpfl der Diskussion über Viesen Punkt ausgefüllt. Huö der parte!. poltzeiUches, Oerscbtllchea ufw« Der irrende Amtsvorsteher. Für den zweiten Pfingstfeiertag hatte Genosse Scholich auS Breslau Versammlungen unter freiem Himmel in P e i st e r w i tz und Sieindorf, iin Ohlauer Kreise, angemeldet. Er erhielt von dein Amtsvorsteher ein Schriftstück, auf dem ihm mitgeteilt wurde, daß beide Versammlungen polizeilich angemeldet seien. Die Versammlung in Peisterwitz konnte unbebindert abgehalten werden; in Steindorf dagegen untersagte der überwachende Gendarm die Tagung, weil man ihm nicht die �Genehmigung" der Ver- saniinlung vorweisen konnte. Alle Einwendungen, daß doch der Irr- tum durch den Amtsvorsteher veranlaßt sei, nutzten bei dem Beamten nichts. er berief sich auf den Wortlaut des Gesetzes. Genosse Scholich beschritt den Beschwerdeweg und erhielt nun von dem Landrat des Kreises Ohlau die folgende Antwort: »Auf Ihre Beschwerde vom 31. v. Mts. zur Nachricht, daß seitens des Herrn AnusvorsteherS in Peisterwitz die Erteilung der Genehmigung zur Abhaltung von Versammlungen unter freiem Himmel in Peisterwitz und Steindorf nur versehentlich unterlassen worden ist." Dieser Irrtum des AmtsvorsteherS hat nicht unbeträchtliche Un- kosten bereiter und eine Versammlung illusorisch gemacht. Leider gibt eS eine Haftung der Beamten für ihre Handlungen in Deutsch. land nicht. Wie wäre eS dem Einberufer oder dem Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung ergangen, wenn sie etwas versehentlich unterlassen hätten?_ Soziales. Zur Ausführung der RcichSversichcrungSordnung. Das Bündel AuSführungSbestimmungen zur Ueberleitung in die NeichSverstcherungsordnuntz ist wieder um ein Reisig vermehrt. Der gestern abend erschienene.Reichsanzeiger" gibt einen Erlaß des Bundesrats über die Zuständigkeit der Versicherungsämter auf den, Gebiet der Krankenversicherung und über die Besetzung der Oberversicherungsämter mit Beisitzern bekannt. Der Erlaß ver- ordnet: l. Für die Zeit, bis die Vorschriften deS Zweiten Buches der Reichsvcrsicherungsordnung in Kraft treten, kann die oberste Ver« waltungSbehörde die Aufgaben, die auf dem Gebiete der Kranken» Versicherung den unteren Verwaltungsbehörden und den Aufsichts- behörden der Krankenkassen obliegen, den Vorsitzenden der VersicherungS» ämier übertragen. Die bei den unteren Verwaltungsbehörden und Aussichtsbehörden schwebenden Angelegenheiten gehen dann in der Lage, in der sie sich befinden, auf die Vorsitzenden der VersicherungS» ämter über und sind von diesen zu erledigen. Die oberste Verwaltungsbehörde kann hierüber Nähere» be» stimmen. II Die Beisitzer der bisher bestehenden Schiedsgerichte lZ 3 des Gesetzes, betreffend die Abänderung der Unfallversicherungsgeseye, vom 30. Juni 1900. Reichsgesetzbl S. b73) sind als Beisitzer m den Oberversicherungsämtern so lange zuzuziehen, bis die auf Grund der§§ 71 ff. der Reichsversicherungsordnung gewählten Beisitzer ihr Amt antreten. Die oberste Verwaltungsbehörde kann hierüber Nähere» be» stimmen. Diese tropfenweise Gestaltung der AuSführungSvorschriften zeigt, wie kompliziert und unübersichtlich das für bureaukratische Experimente zugeschnittene Krankenversicherungsgesetz ist. Tritt es am 1. Januar 1913 in Kraft, so wird in dem Wirrwar der behörd- lichen Organe sich der Arbeiter zunächst schwerlich zurecht finden. Und für ihn soll doch wohl das Krankenversicherungsgesetz wirken? Oder etwa für Unterbringung von verabschiedeten Offizieren, Unter- osfizieren, von Militäranwärtern und von gelben Lieblingen? Verstöße gegen die Gewerbeordnung in den Elektrizitätswerken„Luisenstadt", Mariannenstr. 31/32, wurden gestern vor dem Gewerbegericht festgestellt. Der Lehr- ling L. klagte wegen unberechtigter Auflösung des Lchrverhält- nisscs. Nach verschiedenen Zeugenaussagen haben dort die Lehr- linge allerhand Arbeiten machen müssen, die mit der Lehre nichts zu tun haben. Außerdem ist aber die Arbeitszeit oftmals bis in die späten Nachtstunden ausgedehnt worden. Die Mittagspause war nach den eigenen Angaben der Beklagten unregelmäßig, mich müssen die Lehrlinge an Sonntagen arbeiten. Der Beklagte will die Genehmigung der Polizei besitzen, an Sonntagen ohne be- sondere Erlaubnis arbeiten zu lassen. Ten Grund zur Entlassung bildete ein Begehren des Werkmeisters an den Kläger, die Ge- werbcordnuim zu übertreten. Der Kläger war am 30. März nach Ansicht des Werkmeisters zu spät vom Mittagessen wiedergekommen und sollte zur Strafe statt bis b Uhr noch bis 7 Uhr abends ar- beiten. Dessen weigerte er sich und ging nach Hause. Darauf wurde er entlassen. Di- Kammer 5 des Gewerbezgerichts unter Vorsitz deS Magi- stratSrats Wölbling, erkannte dahin, daß die Entlassung ungerecht- fertigt war. Nur wegen eines erheblichen Verstoßes könne ein Lehrverhällnis gelöst werden, also wenn dieses die Durchführung des LchrverhältnisseS unmöglich macht. Das Verlangen, daß der Kläger an dem fraglichen Sonnabend bis 7 Uhr arbeiten sollte, war unberechtigt, da nach dem Gesetz jugendliche Arbeiter an Sonnabenden nur 8 Stunden beschäftigt werden dürfen. Der An- spruch deS Klägers auf eine angemessene Entschädigung sei daher anzuerkennen. Im Vcrgleick?Swcge verpflichtete sich der Beklagte, an den Vater des Klägers bv M. zu zahlen. Eine wertlose Quittung. Ter Schleifer N. forderte gestern vor dem Gewerbegericht von dcr Firma Bergmann Elektrizitätswerke eine Entschädigung von 2,40 M., weil ihm bei seinem Aufhören die Papiere nicht gleich ausgehändigt waren. Der Kläger war in der Nachtschicht beschaf- tigt und hatte mitten in der Tchlcht aufgeihörk, Keil ihm der äff- gebotene Lohn für eine Akkordarbeit zu gering schien und ihm der Stundenlohn auch nicht garantiert wurde. Die Beklagte erhob den Einwand, der Preis sei nicht zu niedrig gewesen, Kläger habe daher keinen Grund zum plötzlichen Aufhören gehabt. Ein Zeuge, der dies bekunden sollte, sagte das gerade Gegenteil aus. Er hat die- selbe Arbeit gemacht und ist auch nicht auf seinen gewohnten Lohn» satz gekommen. Durch eine falsch« Eintragung auf den Akkord- zettel hat der Zeuge allerdings diese Tatsache verschleiert, so daß die Beklagte annehmen konnte, der Akkordpreis sei ein genügender. Nach dem Versagen dieses Zeugen stützte sich jetzt die Beklagte auf eine Quittung des Klägers, in der dieser bescheinigt hat, daß er keine Ansprüche mehr habe. Es wurde festgestellt, daß erst nach der Ausstellung dieser Quittung dem Kläger die Papiere ausgehändigt worden waren, und zwar bedeutend später. Tag Gewerbegericht sprach dem Kläger den Anspruch zu. Be- gründend führte der Vorsitzende dcr Kammer 5, Magistratsrat Wölbling, aus, der Kläger sei berechtigt gewesen, die Arbeit sofort niederzulegen und seine Papiere zu verlangen. Wenn er eine Quittung ausgestellt habe, daß er nichts mehr zu fordern habe, so sei diese Quittung falsch. Denn tatsächlich hatte er noch etwas zu fordern, und zwar seine Papiere. Solch« Quittungen seien wertlos, wenn dcr Nachweis erbracht werden könne, daß sie falsch sind; dieser Nachweis sei im vorliegenden Falle gelungen. Hus der frauenbewegung. Zur Frage des Arbeiterinnenschutzes. Am 23. Dezember 1903 gelangte im Reichstage die Novelle zur Gewerbeordnung zur Annahme, die vom 1. Januar 1910 ab den Arbeiterinnen den zehnstündigen Maximavarbeitstag an Wochen- tagen und an Sonnabenden und Vorabenden von Festtagen den Achtstnndentag bringen sollte. Wir schreiben absichtlich„bringen sollte" und nicht„gebracht hat", weil noch heute in vielen Fällen eine Längerbcschäftigung von Arbeiterinnen stattfindet. Allerdings ist diese nicht immer ungesetzlich. Die neuen Vor- schriften gelten in der Siegel nur für Betriebe mit mindestens 10 Personen. Nur die Werfitötten der Taballbranche unterstehen ihnen ohne Rücksicht auf die Zahl der Beschäftigten, und Ziegeleien, Brüche, Gruben auch dann, wenn mindestens 5 Personen regel- mäßig in ihnen tätig sind. Mit wenigen Ausnahmen genießen also alle die Arbeiterinnen in kleineren Betrieben die Vorteile der neuen Vorschriften nicht. Und häufig genug werden auch die Arbei- terinnen größerer Betriebe ihrer nicht teilhastig. Wie oft dies der Fall ist, läßt sich nun allerdings nicht nach- weisen, da ja die Institution der Gewerbeaufiicht nicht in der Lage ist, umfassende Kontrolle auszuüben urnd ausführlich über die ge« trachten Erfahrungen zu Berichten. Das Mißverhältnis zwischen der Zahl der vorhandenen Betriebe und der der kontrollierten ist bereits in Nr. 102 des„Vorwärts" vom 3. Mai d. I. eingehend behandelt worden. Bei der heute üblichen Behandlung der Ver- gehen gegen den Arbeiterinnenschutz aber würde auch die Mehr- einstellung von Beamten kaum in der Lage sein, die Durchführung der Bestimmungen wesentlich zu fordern, da die milde Aburteilung der Unternehmer, für die ein Arbeiterinnenschutz nicht existiert, keine erzieherische Wirkung ausüben wird. Einige Beispiele mögen dies« Behauptung unterstützen und zugleich beweisen, daß es in Preußen auch noch milde Richter gibt. Allerdings scheint es, als ob in dieser Weise nur dann vorgegangen wird, wenn Verstöße von Unternehmern gegen den Arbeiterschutz oder Uebergriffe von Arbeitswilligen gegen streikende Arbeiter in Frage kommen. Sind letztere die Angeklagten, wie die Streik- justiz im Moabiter Prozeß und vor allen Dingen im Ruhrrevier gezeigt hat, dann ist von milder Beurteilamg der Fälle nichts zu Leider geben die Berichte über die Höhe der insgesamt ver- hängten Strafen keine Auskunft. Nur in einzelnen Berichten sind diese besonders hervorgehoben und auch dort handelt es sich immer nur um Einzelfälle. So berichtet zum Beispiel der Beamte des Breslauer Aufsichtsbezirks, daß in einer Ziegelei 17 Frauen täglich 109* Stunden und an den Sonnabenden 9% Stunden, bis 6% Uhr abends, beschäftigt worden sind. In diesem Falle konnte nun auch beim besten Willen keine Unkenntnis der gesetzlichen Vorschriften vorgeschützt werden, weil der Besitzer über diese eingehend informiert worden war, in einem Schreiben an den Gewerbeinspektor die Kenntnis der Vorschriften auch zum Ausdruck kam. 93l4 Stunden Arbeitszeit in jeder-Woche profitierte der Unter» nehmer durch die Gesetzesumgehung; bestraft wurden er und der Meister mit je 5 M. Kein Wunder ist eS deshalb, daß einige Monate später in demselben Betriebe eine neue bewußte Ver- fehlung gegen den Arbciterinnenschutz festgestellt werden konnte. Diesmal handelte es sich um die Verwendung von Arbeiterinnen bei der Eeivinnung und beim Transport von Lehm, zu dem nach der Bundesratsbemnntmachung vom IS. November 1903 Frauen nicht mehr herangezogen werden dürfen. Wie dieser Fall abge- urteilt werden wird, steht noch nicht fest, da er am Schluß des Berichtsjahres noch schwebte. Auch im BreSlauer Bezirk konnte natürlich nur der kleinste Teil aller vorhandenen revisionspflichtigen Betriebe mehr als ein- mal kontrolliert werden. Von 7748 erfuhren nur 796 zweimalige und 3SS öftere Kontrolle. 3S7S Betriebe blieben überhaupt trnkon- trolliert. Das Verhältnis ist also auch in den Eiuzelbezirken um- gefähr das gleiche, wie insgesamt für Preußen angegeben werden mußte. Ob in der in Frage kommenden Ziegelei mit der Feststellung der Verfchlumgen diese auch wirklich aufhörten? Allzustarle Ver- mutung, daß dies der Fall war, liegt wohl nicht vor. Auch die Strafe, die der Besitzer einer Schokoladenfabrik des Bezirks Minden wegen wiederholter Beschäftigung von Arbeite- rinnen während der Nachtstunden erhalten hat, wird diesen und auch andere Unternehmer nicht veranlassen, die Bestimmungen der Gewerbeordnung für die Zukunft zu beachten. Hier wurden ganze 3 M. festgesetzt eine Summe, die in keinem Verhältnis steht zu dem Vorteil, den die ungesetzlich« Beschäftigung der Arbeiterinnen dem Unternehmer und dem Schaden, den er den Arbeiterinnen ge- bracht hat. Lange Beschäftigungsdauer und niedrige Verdienste hängen immer unmittelbar zusamnchn. Deshalb müssen auch in dem letzten Bericht der preußischen Gewerbeaussichtsbeamten Verstöße gegen den gesetzlich festgelegten MaximalarveitStag fast ausschließ- lich aus solchen Berufszweigen festgestellt werden, in denen niedrige Verdienste an der Tagesordnung sind. Von 1873 insgesamt fest- gestellten Verfehlungen gegen die Dauer der Beschäftigung� die vor- geschriebene Mittagspause, die Beschäftigung an Sonnabenden und Vorabendm von Festtagen und von Beschäftigung, von Arbeite- rinnen während der Nachtzeit entfielen allein auf die KonfektionS- Werkstätten und die Ziegeleien 848 oder etwa» über 4S Fälle auf je 100. - Dekarfig« FeststelluMK verssen asser so kckffg»«««cht vttsse» müssen, bis die Mehrzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen aller Berufe sich zusammengefunden hat zu einheitlichem Handeln in den wirtschaftlichen und politischen Organisationen der Ar.beiserklassc. Hus aller Melt. Sxplononskatartropbc auf einem franzöfifchen Kncgarchiffc. Die französische Kriegsmarine hatte am Mittwoch wieder einmal einen schwarzen Tag. Während der Schießübungen an Bord des Panzerkreuzers„Jules Michelet" bei Salins d'Hyeres sind kurz hintereinander js w e i Explosionen erfolgt, durch die zwanzig Matrosen und drei Schiffsoffiziere schwere Ver- letzungen erlitten. Von den Verunglückten ist einer bereits bei der Einlieferung in das Marine-Krankenhaus gestorben, der Zustand von fünf anderen läßt den baldigen Tod erwarten. Das furchtbare Unglück soll, ebenso ivie die Katastrophe an Bord des Kreuzers„Glotre" im September v. I.. in der Verwendung schlechten Pulvers seine Ursache haben. Ueber die Katastrophe meldet der Telegraph noch folgende Einzel« Helten: Toulo», 27. Juni. Die Schießübungen auf dem.JuleS Michelet' waren ausgezeichnet verlaufen; der Panzerkreuzer war 16 Meilen von Toulon entfernt, als ein Geschütz an Backbord deS Achterschiffes zersprang. Dreizehn Personen wurden verletzt und nach St. Mandriü gebracht. Als darauf die Schießübung, der Admiral Sourrieu beiwohnte, wieder aufgenommen worden war, ereignete sich ein neues Unglück, indem die Flamme zurückschlug, ähu- lich wie auf der„Gloire" im September v. I. Hierdurch wurden noch zehn Personen verletzt, darunter ein Schiffsleutnant und zwei andere Marineoffiziere. Sie erlitten schreckliche Brand« wunden an den Händen und im Gesicht; einem wurde ein Arm weggerissen. Das Befinden des Schiffsleutnants ist sehr ernst. Paris, 27. Juni. In Toulon war die Erregung gestern den ganzen Abend über sehr groß, weil Nachrichten über eine Explosion des ganzen Schiffes in der Stadt verbreitet wurden. Man sprach von Hunderten von Verwundeten, bis endlich der Marinepräfekt um 9 Uhr abends Einzelheiten über die Katastrophe veröffentlichte. Paris, 27. Juni. Der„Figaro" schreibt heute: Wir haben die traurige Pflicht, von neuem ein entsetzliches Unglück in unserer Kriegs- marine zu verzeichnen. Es ist in der letzten Zeit sehr häufig vorgekommen, daß wir einen Artikel mit diesen einleitenden Worten überschreiben mußten. Wir wollen jedoch nicht annehmen, daß auf dem„JuleS Michelet" die Vorsichtsmaßnahmen außer Acht gelassen worden sind, aber so viel steht fest, daß unser System fehler« hast und, was noch schlimmer ist, daß eS furchtbar gefähr- lich ist._ Ter Zentrnmöpfarrer als Erzieher. In einem Orte bei Monheim vorm RieS traf am Sonntag der katholische Pfarrer, abends um 9 Uhr, auf der Straße einen 2üjährigen Burschen plaudernd mit einem Mädchen bei- sammen stehen. Entrüstet fragte er da? Paar, was es um diese Zeit noch auf der Straße zu tun habe. Der Bursche war über diesen unvermuteten Angriff des hochwllrdtgen Herrn ganz baff und stotterte einige Entschuldigungsworte, die aber bei dem Seelenhirten keinen Anklang fanden, denn er verabreichte i dem Burschen eine solch kräftige Ohrfeige, daß er auf den Erdboden flog. Der Gezüchtigte erhob sich und wollte. fragen, was das zu bedeuten habe, aber er kam nicht dazu, denn' der geistliche Herr schmetterte ihn noch ein paar Male zu Boden und begab sich dann ins WirtShauS, wo er aber nicht allzulange verweilte, denn mittlerweile hatten die Kameraden des mißhandelten Burschen von der Sache gehört und sich ebenfalls im Wirtshause versammelt, wo sie eine Haltung einnahmen, daß der Herr Pfarrer eS für geraten hielt, sich wieder zu empfehlen. Kleine Notizen. Explofion in einer Sprengstofffabrik. Am DonnerStagnachmittag ereignete sich in der Sprengstoff- und Munitionsfabrik A. u. W. Allendorff in Schönebeck a. E. eine Explosion, durch die da» Wasch- und das Trockenhaus zerstört, ein Meister und drei Arbeiter getötet und drei Arbeiter verletzt wurden. Im Streit erschlagen. Im Dorfe Bedlin, Kreis Stolp in Pommern, geriet der Knecht Born mit dem Knecht Stumm in einen Streit, in dessen Verlauf Born eiuen Tannenbaum ergriff und auf Stumm einschlug. Dieser stürzte nieder und starb infolge eines Schädelbruches. Der Tote wurde dann von Born und seinem Vater in einer Scheune unter Stroh versteckt, wo er nach stundenlangem Suchen aufgefunden wurde. Der Täter ist verhaftet worden. Tod in der Narkose. Ein Todesfall in der Narkose ereignet» sich in der Klinik eines Dresdener Zahnarztes. Eine 38jährige Frau Petermann verlangte die Entfernung ihres ge» samten schadhaften Gebisses in einer Sitzung, um es so schnell wie möglich durch ein neues ersetzt zu erhalten; sie mußte indessen ihr Verlangen mit dem Tode büßen; denn nachdem man ihr 26 Zähne gezogen hatte, trat beim Ziehen de» 27. der Tod in der Narkose ein. Die Leiche wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Keffelexplosion. In der Dachpappenfabrik von Carstanjen in Duisburg wurden bei einer Kesselexploston drei Arbeiter schwer verletzt. Ein Hauptmann vom Wachtposten erschossen. Der Kommandant einer rumänischen Grenzhauswache, Hauptmann G l o d i n d u wurde, als er den Wachtposten visitieren wollte, erschossen. Der Offizier weigerte sich, die Losung zu nennen und versuchte dem Soldaten das Gewehr zu entreißen. Daraus gab der Posten Feuer und der Haupimann sank mitten durch die Brust ge» schössen tot zusammen. Arvelter-BSandrrveret«»Berlin». Veranstaltungen am Sonntag. den 30. Juni. Badetour. Fredersdorf— PeterSbagen. Sitenttzlee(Rast bis zum Abend), PeterShagen— Fredersdorf. Badezeug und Proviant mit- nehmen. Tresspunkt für Nachzüaler am Sttenttzsee. Abfahrt S.30 Uhr Echlefischer Bahnhof.— Gäste willkommen. Neue Tourenprogramme ver- sendet Kruse, Mattannenstr. 11. ganz, ohne Soda!! eine neuartige F>au9baltreife von fabelhafter Walchkraft. Stück SV Pf. G. M. B.». Versand- Abteilung Berlin W.66, Leipzigerstr. 132/37 Die Firma A. WertHeitn hat zu ähnlich lautenden Firmen Keinerlei Beziehung Ceipziaerstr. UH Könlgstr. 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Iahkgaag. eilM des.AwW- Kcrlim MsM K-ü-g. 28. Z-Ili 1912. Der Scdapiroprozcß. D a r m st a d t, 27. Juni.(Privattelegr. des.VerwärtS'.) Den breitesten Raum nimmt heute die Verhandlung über die Fälle Kindel und Pavel-Wagner ein, in denen Frau Schapiro vor» geworfen wird, sich zu Lockspitzeldiensten hergegeben zu haben. Frau Schapiro gibt vom Fall Kindel folgende Darstellung: Seitens der Kriminalpolizei hatte sie den Auftrag, die Mainzer Zeitungen nach den darin befindlichen Annoncen wegen„Frauen» tropfen",„Blutstockungen" durchzusehen. Auf Veranlassung des Kriminalkommissars Kindhäuser, dem Stellvertreter des Polizei» rats, schrieb die Assistentin auf eine solche Annonce hin eine Karte des Inhalts:„Bitte teilen Sie mir gütigst mit, ob die Tropfen helfen und woraus sie bestehen. Antwort unter R. v. S. Dis- kretion erbeten." Diese Karte war aber bei der Beförderung durch das Polizeibureau irrtümlich in einen weihen Polizeibriefumschlag gesteckt und durch einen Polizisten zugestellt worden, so dah Kindel merkte, woher die Anfrage kam. Er beantragte bei der Polizei Ermittelungen nach dem Briefschreiber, um diesen wegen Ver- leitung zu einem Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Nun war auf dem Polizeiamt Holland in Not. Die Assistentin muhte dann zu dem Kindel gehen und ihm sagen, die Karte wäre in einer Zelle ihre? FürsorgeheimS gefunden und irrtümlich an ihn weiter gegeben worden. Auf den Vorhalt des Borsitzenden, dah diesseitig ein Vorgehen wie hier, andere hereinfallen zu lassen, doch nicht gutgeheihen werde, erwiderte die Assistentin� solche Hebung bestehe bei der Polizei in vielen Städten. Die Polizeiafsistentin Henriette Arndt habe auch schon solche Briefe geschrieben. Diese Kollegin habe die Kompetenz, die Zeitungen nach solchen Anzeigen durchzusehen. Denn viele Frauen und Mädchen würden damit ausgebeutet und dann späte: unter Umständen noch bestraft. Auf Anordnung des B-ige»rbn«ten Berndt hat sich die Polizeiafsistentin nicht mehr an solchen Polizcisachen zu beteilige». lieber den Fall Pavcl-Wazner berichtet die Assistentin: Von einem Tarmstadter Arzt kam die Anregung, die Spur nach einer Hebamme zu verfolgen, die sich in Briefen nach Darmstadt zu Abtreibungen empfohlen hatte. Die Spur führte zur Wagner. Es habe sich darum gehandelt, festzustellen, waS die W. vornehme, ob sie Mittel gibt oder einen Eingriff vornimmt. Der Kommissar Kiudhäufer riet, eine fremde Person hinzuschicken; so sei es ge- kommen, dah die Pavel verwandt wurde, die sich damals im Heim der Assistentin befand. DaS Dienstmädchen, das auch sofort bereit gewesen sei, wurde instruiert, worauf eS ankomme und dah es die Frau nicht an sich herankommen lassen sollte. Die weise Frau antwortete auch dem Mädchen, sie gebe nichts ein, aber eS müsse einige Tags aus dem Dienst bleiben. Bei der dann vor- genommenen Haussuchung wurden Instrumente und Mittelchcn aufgefunden. Die Assistentin betont, es habe sich auch in dieser Sache nicht darum gehandelt, eine Person in Versuchung zu führen, sondern Feststellungen in einer kriminellen Angelegenheit zu treffen. Ihr Anwalt, Rechtsanwalt Löwenberg, konstatiert, dah dieser Fall nicht im Material Hirsch und Horch war, sondern erst von der Assistentin dem Beigeordneten bei dessen Untersuchung mitgeteilt wurde. Der Angeklagte Hirsch will indessen in seinen Unterredung mit dem Oberbürgermeister über die beiden Fälle gesprochen haben. Auf die Frage des Borsttzenden bemerkt die Assistentin noch, dah sie damals Neuling im Amte war und darum annehmen muhte, ihre Vorgesetzten wußten, wa» sie anordnen durften. Berteldigcr Justizrat Bernstein: Ist Ihnen bekannt, dah das Reichsgericht Ihr Verfahren in diese Sache in der allerschärfsten Weise mthbilligte und als sittlich verwerflich bezeichnet hat? Frau Sck?apiro: Das ändert doch nichts an der Tatsache, dah auch auf anderen Polizei- ämtcrn solche Uebung besteht. Festgestellt wird noch, dah daS Dienstmädchen Pavel bei der W. einen falschen Namen angeben muhte. Der als Zeuge vernommene Kaufmann Kindel hatte zuerst die Anfrage nach den Frauentropfen für ein Konkurrenzmanövcr angesehen. Er habe stets auf ähnliche Anfragen geantwortet, dah die Tropfen den Zweck hätten, einen schmerzlosen Verlauf drr Menstruation herbeizuführen. Zeuge Kriminalkommissar Kindhäuser bekundet, stets so in allen ähnlichen früheren Fällen borgegangen zu sein. Ein Verbrechen sollte ja nicht provoziert, sondern nur ein Tatbestand festgestellt werden. Den begangenen Weg halte er für zulässig, er würde es in Zukunft genau wieder so machen. Auf Befragen der Ver- tridigung erklärt der Zeuge, das Urteil des Reichsgerichts in diesem Punkte für auffällig bezeichnen zu müssen. AI» Borsteher der EtesundhrttSpolizei könne er nur sagen, er werde diese Praxis weiter so handhaben, bis seine Vorgesetzten daS verbieten. Erst kürzlich sei von einer hohen Behörde eine Instruktion ergangen, die der Kriminalpolizei zur Pflicht macht, sich weibliche Vertrauens- Personen zu sichern. Für die beiden Fälle trage er die Berant- wortung. Dem Kindel seien auch von auswärtigen Polizeibehörden ähnliche Anfragen ganz unabhängig voneinander zugegangen. Die Firma habe darauf Antwort gegeben, die als entgegenkommend gelten durfte. AIS der Zeuge sich über die Person dcS Kindel auslassen will, wird er von dem Vorsitzenden unterbrochen, er sagt aber dennoch, dah Kindel IL Jahre Zuchthaus gehabt habe und als ein gemeingefährlicher Mensch zu betrachten sei. Bei aisständigen Geschäftsleuten pflege die Polizei nicht so vorzugehen. Speziell zum Fall Pavel-Wagner hebt der Zeuge noch herbor, es habe sich bestätigt, dah die W. eine gefährliche Abtreiberin sei, sie stehe morgen wiederum wegen dieses Verbrechens in zwei schweren Fällen vor dem Mainzer Schwurgericht. In einem weiteren Fall hatte die Assistcntin zwei Mädchen vergcladen, gegen die von einer für einwandfrei geltenden Quelle cine Anzeige des dringenden Verdachts der GewerbSunzucht ge- kommen war. Die Mädchen hatten die Behauphing entrüstet in Abrede gestellt. Die Mutter der Mädchen versprach der Assistentin, zehn Mark für ihr Fürsorgeheim zu stiften, wann eS ihr möglich sei, die Verleumder zur Anzeige zu bringen! Frau Schapiro hat fljr erklärt, dah sie ebenso, wie sie gegen Schlechtigkeiten vorgehe, auch gern mithelfe, einen falschen Verdacht zu beseitigen. Die Sache stellte sich als eine böswillige Bcrleumdung heraus. Die Verleumder wurden bestraft. Auf Zureden ihres Vorgesetzten hat die Assistentin die dersprcchencn zehn Mark angenommen. Zu diesem Fall wurden auf Antrag des Justizrat» Bernstein die Protokolle verlesen, in denen die Personen die Anzeige erstatteten. Justizrat Bernstein beabsichtigt nämlich, im Plädoyer darzulegen. dah die Art der Amtsführung der Polizeiassistcntin nicht richtig und tatsächlich für alle, die mit ihr zu tun hatten, sehr gefährlich gewesen sei. und daß die Aktenführung unzuverlässig war. Der Fall, in dem die Assistentin versuchte, die Mieten von Vsrdellhäusern zu drticke», wird allseitig als geklärt betrachtet und auf Zeugenvernehmung verzichtet. Sodann kam ein wetterer Fall vor. in welchem sich die Assistentin al» Bnimierkrllnerin angeboten haben sollte. Nach der Bekundung der WirtSfrau aus Kastel, bei der sich daS ereignet haben soll, war die angebliche Kellnerin Mt der Assistentin nicht identisch. Die Zeugin hatte daS Gerede ver- ursacht, als man sich in ihrer Wirtschast über die Angriffsartikel gegen die Assistentin unterhielt. Aehnlich ist der folgende Fall. Zu der Wirtin Sch. kam ein Mädchen, das sich als Theaterdame ausgab, um eine Wohnung zu mieten. Ein Gast habe dabei ge- sagt, das scheine die Assistentin gewesen zu sein, um zu spionieren. So sei das Gerede weiter verbreitet worden. Endlich wird noch ein Fall geklärt, in welchem die Assisientin angeblich widerrechtlich eine Festnahme vorgenommen haben soll. Die Mutter des Mäd- chcnS bezeugte aber heute, daß sie selbst die Assistentin ersucht hat, die Tochter a«S erster Ehe in Schutzhaft zu uehmen» bis ein Unter- kommen für sie gefunden worden fei. Die Fortsetzung der Verhandlung findet Montag statt. An diesem oder dem folgenden Tage hofft man endlich zum Schluß der Beweisaufnahme zu kommen. StaStverorMev-verlammluiig. 22. Sitzung vom Donnerstag, den 27. Juni 1S12, nachmittags B Uhr. Vorsteher Michelet eröffnet die Verhandlungen nach Uhr. Während der Ferien(Juli und August) werden die Geschäfte der Versammlung bis zum 20. Juli vom Vorsteher Michelet wahr- genommen werden; für den Rest der Ferien werden ihn die anderen Vorstandsmitglieder vertreten. Der Festsetzung eines Bebauungsplanes für das Stadt- gebiet zwischen der Weichbildgrenze gegen Ret- nickendorf und Königliche Forst Tegel, der Otavi-, Müller, und Londoner Strohe nach dem Magistrats- entwurf vom Dezember Ivll hat der eingesetzte Sonderausschuh zugestimmt; ein Antrag, die für die Nebenstrahen vorgesehene Breite von 22 Meter auf 20 Meter zu verringern, um mehr Frei- fläche zu gewinnen und den Höfen mehr Licht und Luft zuzu- führen, hat keine Mehrheit gefunden, nachdem festgestellt war, dah ein gesetzlicher Zwang zur Freilassung dieser zwei Meter von der Bebauung nicht ausgeübt werden tönne. Auch die Entwürfe von Verträgen über Fluchtlinienfeftfetzungen mit der Terrain-A.-G. „Müllerstrahe" und der Boden-A.-G.„Berlin Nord" hat der Aus- schuh gulgehcihen. Referent ist Stadtv. Körte(Fr. Fr.) Stadtrat Düring sucht in längerer Ausführung darzulegen, daß und warum eS für dieses Gelände nicht möglich gewesen sei, den neuzeitlichen Bestrebungen auf dem Gebiete des Städtebau- Wesens Rechnung zu tragen. Weiter berührt er eine der Ver- sammlung heute seitens eines der interessierten Anlieger zuge- gangene Beschwerde, die die Behauptung aufstellt, dah mit ihm über den neuen Bebauungsplan überhaupt nicht verhandelt worden sei. Das fei irrig; es fei früher mit ihm verhandelt worden, ober eine gütliche Einigung habe schon damals sich als aus- sichtslos erwiesen. Stadtv. Ladewig(N. L.) erklärt demgegenüber die Behauptung des Beschwerdeführers Justizrat Elsbach nach seiner Kenntnis der Akten für begründet und beantragt Zurückverweisung der Vorlage an den Ausschuß. Stadtrat Düring gibt Kenntnis von dem ihm zur Verfügung stehenden Aktenmaterial und erklärt die Herbeiführung einer vor- herigen Einigung mit allen Interessenten für unmöglich. Stadtv. Dr. Nathan(Fr. Fr.) wird zwar mit seinen Freunden der Vorlage zustimmen, hält aber die grundsätzlichen Bodenken gegen die Festsetzung von Bebauungsplänen ohne jede Rücksicht auf die neueren Anschauungen durckmus für begründet und ist erfreut, daß nach den Erklärungen im Ausschusse wenigstens für die Zu- kunft Abhilfe geschaffen werden soll. Nach weiterer Diskusston, an der die Stadwv. Stapf(A. L.), Kyllmann(Fr. Fr.), Stadtbaurat Krause und Stadtrat Düring teilnehmen, erklärt Stadtv. Ewald(Soz.): Wir stimmen für die Vorkaye, da die Stadt sich hier in einer Zwangslage befindet. Die heutige Diskussion ergibt auch, dah mit dem betreffenden Interessenten Verhandlungen geführt worden sind, den Magistrat also kein Vor- Wurf trifft. Die Vorlage gelangt zur Annahme. Hierauf unterbricht der Vorsteher die Verhand- lungcn, um an den Oberbürgermeister cine Ansprache zu rich- ten, in der er unter lebhaften» Beifall der Versammlung in worinen Worten die Verdienste des Oberbürgermeisters K i r f ch n e r wür- digte und dem allseitigen Bedauern über sein Scheiden Ausdruck verlieh. Oberbürgermeister Kirschner: Ob ich den Gelöbnissen, die ich ablegte, als ich am 16. Februar 1893 an dieser Stelle für die Stadt Berlin durch den Oberbürgermeister Zelle in Pflicht genommen wurde, durch die Tat entsprochen habe, das hat die Bürgerschaft, daS haben bor allem Sie. jetzt und in Zukunft, zu beurteilen. Nach strenger Sclbstprüfung kann ich die Versicherung abgeben, dah ich zu jeder Zeit darum benrüht gewesen bin. Dnrch die Zeit meiner Amtsführung hat mir die Versammlmeg wiederholt Beweise ihres Wohlwollens und ihres Zutrauens gegeben, insbesondere im vergangenen Jahre bei meiner Wiederwahl zum Oberbürgermeister, und in der letzten Zeit durch die Beschlüsse anläßlich meines Heber- Iritis»n den Ruhestand. Der Vorstcher-Stellvertreter hat schon am 15. Mai ehrende Worte bezüglich meiner Person ausgesprochen; daS gleiche ist heute von dem Herrn Vorsteher geschehen in einer Weise, die mich beschämt. Seien Sie versichert, ich empfinde auf daS Allerwärmfte für diese Anerkennung, dieses Wohlwollen und diese Ehrungen das Gefühl des Dankes, und das wird nicht er- löschen in meinem Herzen bi« anS Ende meiner Tage. Heute aber ist es mir ein inniges und lebhaftes Bedürfnis des Herzens, Ihnen den innigsten und lebhaftesten Dank auszusprechen. Lassen Sie mich meine Amtsführung schlichen mit dem Wunsche, dah echter Bürgersinn in Bürgerschaft und Versammlung nicht aufhören möge, dann wird die von uns allen so geliebte Stadt Berlin, mit der ich ja als Ehrenbürger in Aerbindung bleibe, auch in ernsten Tagen ihre weitere glückliche EntWickelung nehmen. l(Lebhaster Beifall.) Hierauf fährt die Versammlung in ihrer Tagesordnung fort. Die Vorlage wegen teilweifer Erneuerung und Erweiterung drr KanalisationS-Pumpstation IV(Scharnhorfsstrahe), Kosten- anfchlag 939 000 M., hat der niedergesetzte SonderauSschuh nach zweimaliger Beratung mit 8 gegen 6 Stimmen abgelehnt und schlägt von, den Magistrat um eine anderweite Vorlage zu er» suchen, bei welcher der Antrieb der Pumpen anstatt durch Diesel- motoren durch Elektromotoren erfolgt. Das Referat erstattet Stadtv. Dr. Paul(N. L.). Stadtbaurat Krause bedauert noch nachträglich, dessz en den Ausschuhverhandlungen nicht hat beiwohnen können. Er betont, daß nach neueren Anschläge» infolge Erlöschens von Patenten usw. die Anlagekosten sich um 179 000 M. für die Dieselmotoren ver- mindern, während andererseits auch der elektrische Strom etwas billiger geworden fei. Mes in allem verdiene der Magistrats- anlrag hier unbedingt den Vorzug. Auch tue Eile not; eS sei die höchste Zeit, die zum Teil schon seit 1873 arbeitenden Maschinen zu erneueren. Dah der B e t r i e b mit Dieselmotoren billiger sei, könne nicht bestritten werden. Stadtv. Dr. Levy(A. 2,)' empfiehlt den AuLschuhantrag, der cine Ersparnis von immer noch einer Vicrtelmillion ermögliche. Man solle doch auch da? Ergebnis der Verhandlungen mit den B. E. W. abwarten, das sicher auch eine weitere Vcrbilligung der Elektrizität mit sich bringen werde. Die vorhandene„Notlage" könne eine überstürzte Annahme der Vorlage nicht motivkren. Stadtv. Hcimann(Soz.): Nach reiflicher Ueberlcgung sind wir s» dem Eatschlub gekommen, uns der Auffassung cmzu- fchliehen, die unsere Fachverwaltung und der Magistrat vertritt. Wir werden daher fürdieVorlagestimmen. Mit knapper Mehrheit wird der AuSschußantrag abgelehnt und die Vorlage angenommen. Stadw. Direktor Glatzel(Fr. Fr.) berichtet darauf über die Vorlage, durch welche Nachbewilligungen von Mehrkosten für vier stäbtische Bauten beantragt werden. Der Ausschuh hat die Nach- bcwilligung empfohlen, aber zugleich eine Resolution vorgeschlagen, wonach in Zukunft Mehrbewilligungen durch besondere Vorlagen in jedem Einzelfalle nachgesucht werden sollen, wenn sie erhebliche Beträge erreichen. Ohne Debatte Wird demgemäß beschlossen. Der Petition SauSichuh beantragt Ueberweisung an den Magistrat zur Berücksichtigung hinsichtlich der Petitionen 1. der Anwohner der Putlitzstrahe um Freigabe des Bogens 4 des Brücken-RampenbaueS, Referent: Stadt- verordneter Grunwald(Soz.); 2. der Witwe Marie Fiedler, Kreuzstr. 1B, um Erlaß von 296 M. Grundsteuer und Kosten für das Haus Wiener Str. B4s; 3. des Lehrerkollegiums der 36. Gemeindeschule betr. ge- räuschloses Pflaster in der Gartenstrahe. Gegen den Ausschuhantrag zu 1 wendet sich Stadtbaurat Krause, der das Bedürfnis der Freigabe bestreitet. Stadw. Lentz(A. L.) hält es dagegen für äußerst bedauerlich, daß von den dort aufgeführten 8 Bogen nicht weniger als 7 gesperrt seien, während ursprünglich versprochen wäre, dem Bauwerk einen viaduktartigen Charakter zu geben. Der Ausschuh habe einstimmig Berückjichtigung empfoylen. Auch Stadtv. Göroldt(Fr. Fr.) beklagt, dah der Verkehr von einer Straßenseite zur andern derart unterbunden ist. Er be- antragt Vertagung, da man am nächsten Sonnabend Gelegenheit zur Besichtigung habe. Stadw. Grunwolb(Soz.) hält letzteren Vorschlag für un- zweckmäßig, man solle heute Beschluß fassen, damit werde die Frei- gäbe des Verkehrs eventuell eher erreicht werden. Mit großer Mehrheit wird der A us sch u tz an tra g an» genommen. Die anderen Vorschläge des PetitionSauSschusseS finden ohne Diskussion Annahme. Der Magistrat legt die halbjährliche Uebersicht über die Klassenfrequenz der Gemeindeschulen nach dem Stande vom 1. M«i 1912 zur Kenntnisnahme vok/ Stadtv. Leid(Soz.): Auch die Zahl BS als Höchstbefetzuiig der untersten Klassen halten wir noch für viel zu hoch; wir haben unseren gegenteiligen Standpunkt immer zum Ausdruck gebracht und müssen auch heute wieder darauf drängen, dah diese so unvor- teilhaft hohe Frequenz-maximalziffer weiter herabgcdrückt wird, zumal diese Ziffer in einer Reihe von Klassen noch über- schritten wird und bis auf 60 hinaufgeht. Trotz einiger kleiner Er- leichtcrungen, die eingetreten sind, bleibt immer noch recht viel zu tun. Wenn man uns immer wieder entgegenhält dah man ja im Endziel mit uns einig sei, dah aber nur langsam vorgegangen werden könne, dah nach der Statistik auch tatsächlich ein erheblicher Rückgang der Frequenz erfolgt ist, so müssen wir entgegnen, daß gerade diese»Statistik keine starke Beweiskraft hat. Jin Zentrum sind die Schulen sehr viel schwächer besetzt al6\ die große Mehrzahl der Klassen in den Schulen cm der Peripherie. Auch aus den Miß- stand der immer noch recht zahlreichen Mietschwlen müssen wir erneut hinweisen; noch heute befinden sich 466 Klassen in Mietschule«. Die Berliner Lehrerschaft hat vollkommen recht mit ihrer Bc-.g hauptung, dah gerade dieses Mietschulwesen schwere Schäden für die Erziehung und Unterweisung der Berliner Voltsschulkinder im Gefolge hat. Es muh rascher mit Reformen vorgegangen werden, Finanzielle Rücksichten dürfen dabei nicht ausschlaggebend sein; die Stadt Berlin darf die Kulturaufgaben nicht leiden lassen. CS darf auch nicht dahin kommen, dah sich die Stadt Berlin von der Regierung ein Armutszeugnis ausstellen lassen muh, indem diese sie zur Beseitigung des Mietschulwesens an half. Wir haben Mietschulen, in denen bei großer Kälte der Unter» richt ausfallen mühte! An unsere Bauvevwaltung richte ich das dringende Ersuchen, an den nötigen Schulbauten mit aller- größter Beschleunigung zu arbeiten. In der heutigen Vorlage finden wir die auffällige Erscheinung, daß eine ganze Reihe von Schulen in Moabit zwei oberste Klassen haben und daß diese obersten Klassen außerordentlich gut besetzt sind. Welche Gründe bestehen für diese an sich natürlich sehr erfreuliche Erscheinung? Diese sämtlichen Schulen liegen in Moabit und in demselben 13. Schulinspektirmsbezirk. Für cine Aufklärung dieser Erscheinung wären wir dankbar. Eine«eitere Auskunft wäre uns er- wünscht über daS Stadium, in welchem sich jetzt die Frage de» AchtilassensystemS befindet.(Beifall.) Stadtschulrat Dr. Fischer: Dah unsere Kkassenfrequenzver- Hältnisse ungünstig sind, kann ick, nicht zugeben. Die Durch- schnittSbesetzung ist abermals zurückgegangen, auf 42, 40. Die untersten Klassen sind seit 1900 von 70 auf BS Frequenz heruntergebracht worden. Nur 171 von den 5265 Klassen haben eine höhere Besetzung aufzuweisen. Das ist der Fall insbesondere bei den katholischen Schulen, deren Schülerzahl neuerdings sehr zugenom- wen hat. Sobald die nötigen Räume vorhanden sind, werden die Klassen geteilt. Andernfalls halten wir eö für zweckmäßiger, bis etwa 66 hinaufzugehen, als fliegende Klassen einzurichten. Die Mietschulen halten wir auch für einen nicht ausreichenden Ersatz. Die Schulverwaltung tut, was sie kann, um neue Schulhäuser zu bekommen. Richtig ist, dah in der Anwn- Und Gothenburger Strohe wir in sehr ungünstige Verhältnisse kommen werden, wenn sich die Bauvcrwaltung nicht sehr beeilt.(Härtl hört!) Die be- sondere Erscheinung im 13. SchulkreiS ist leicht zu erklären. In Moabit besuchen auch Kinder au» besserfituierten Familien die Gemeindcschulen. Wenn der neue Lehrplan genehmigt sein wird, dürfte der Uebelstand Meier Klassen nebeneinander beseitigt wer- den können; wir werden dann von der dritten Klasse an dl- und O-Klassen einrichten. Stadv. Cassel unterstreicht die DeschKerde de» Stiadiv. Leid über die nicht rechtzeitige Fertigstellung von Schulbauten; der Magistrat solle bei der Bauverwaltung nachdrücklich einwirken.(Beifall!), Die Uebersicht wird zur Zkenntni» genomwen. Von dem Vermächtnis von 2066 M., welches der Majore Ge- heimrat und Verwaltungsgerichtsdirektor a. D. ElSler von Ä r o n o w. der Stadt Berlin unter der Bedingung ausgesetzt hak, dah die Zinsen so lange zum Kapital z-u schlagen sind, bis diese» den Betrag der städtischen Schulden erreicht, ist schon Mit- teiluny gemacht worden. Von dem gedachten Zeitpunkte an dürfen die jährlichen Zinsen bis zur Hälfte verbraucht werden. Der Magi- strat hat die Annahme des Vermächtnisses beschlossen. Stadt». Solmiy(Fr. Fr.) meint, e» sei dem Testator nur darauf angekommen» sich aus billige Weise einen ewigen Namen zu machen; weiter habe eS ja doch keinen Zweck. Man soll« da» Legat ah- lehnen. Stadtb. Ladewig schließt sich dem Vorredner durchweg an. Stadtv. Bruns(Soz,): Auch bei uns sind Stimmen, laut ge- Wörden, welche daS Legat für zweifelhaft erklärten; aber Kollege Arc-nS hat ausgerechnet, dah man in 360 Jahren bei 4 Proz. doch 256 Millionen herausbekommen könne(Heiterkeit). Wir vergeben uns durchaus nicht», wenn wir ein solches Vermächtnis annehmen. An diesem Beispiel hat der Geschenkgeber vielleicht zeigen wollen. welche kolossale Wirkung Geld haben kann, wenn es aus ZinseSzinS angelegt wird. Wir wollen jedenfalls unseren Ur-Urenkeln die Freude, die ihnen der Stifter machen, wiU nicht verderben. Unter großer Heiterkeit wird der MogiftratSanftag mit erheb- licher Mehrheit angenommen. Auf Grund dc3 GeseheS hofft 7. August 1911 Ijof fcet Ma- Sistrat„Bestimmungen für die Beschulung blinder und taubstummer Kinder in Berlin" ausgearbeitet. Als Entgelt für auswärtige EJchuler der Berliner Blinden- und Taubstummenschule sollen wie bisher L00 M. jährlich erhoben werden., Die Bestimmungen finden ohne Debatte Annahme. Zu den Kosten einer 8— Ivtägigen Studienreise der Berliner Typographischen Gesellschaft und des Berliner Faktoren- Vereins nach Wien und Budapest wird städtischerseitS ein Beitrag von SO» M. bewilligt. Die über die Ringbahn im Zuge der Schönhauser Allee führende Brücke will der Magistrat bei dem bevorstehenden Umbau um weitere 2.6 Meter, d. h. von 27,3 auf 39,6 Meter verbreitern lassen, so daß die Stratze sich in der zwischen den Vorgartenfluchten liegenden Breite über die Brücke fortsetzen würde. Die Kotten der Verbreiterung über 37 Meter hinaus hat die Stadt zu tragen; da die Eisenbahnverwaltung den Bau ausführt, sollen dieser die erforderlichen 13 606 M. aus dem Vorschußkonto zur Verfügung gestellt werden. Stadtv. Neimann(A. L.) beantragt Ausschußberatung. Man müsse doch versuchen, ob nicht ganze Arbeit gemacht, d. h. die Brücke in der vollständigen Breite der Schönhauser Allee angelegt werden könnte. Stadtv. Baumann(Fr. Fr.) will dasselbe Ziel erreichen und empfiehlt in erster Linie Ablehnung der Vorlage. Stadtbaurat Krause führt aus, daß auch hier tvieder«in Haupihindernis beim Eisenbahnfiskus liegt. Allenfalls würde eine Verbreiterung auf 42 Meter zu erreichen fein. Stadtv. MarS(Soz.): Um endlich mit der Sache vorwärts fiU kommen und nicht dem Eisenbahnfiskus Gelegenheit zu geben, ie von neuem zu verschleppen, sollten wir, um wenigstens etwas zu bekommen, die heutigen Vorschläge deS Baurats aheptieren. Stadtv. Max Schulz(N. L.): Auch heute kommt man uns hier wieder mit einer„Zwangslage", weil die Sache eilig sei. Die Nähe der Ferien darf uns nicht abhalten, klar in die Zukunft zu blicken. Für die Verbreiterung der Brücke auf die volle Straßenbreite sind heute 66 666 M. erforderlich; in wenigen Jahren möchten daraus mehr als 166 666 M. geworden sein. Die Frequenz über diese Brücke ist heute schon derart, daß man von einer Notlage sprechen kann. Der Antrag auf Ausschußberatung bleibt in der Minder- heit, ebensö der Antrag auf Verbreiterung der Brücke von Bau- flucht zu Bauflucht. Angenommen wird schließlich nach einem An- trage Jacobi(A. L.) das Ersuchen nm eine Vorlage zwecks Verbreiterung auf 42 Meter. Die Gemcindcschule 21, Hinter der Garnisonkirche, soll ebenso wie die Gcmeindeschule 88, Bergstraße» allmählich eingezogen werden. Stadtö. Leid: Gegen die Beseitigung dieser beiden Schulen er- hebe ich namens meiner Freunde Einspruch. Sie weisen beide eine Frequenz auf, die wir nur möglichst verallgemeinert wünschen können, und sie ist jedenfalls so, daß die Schulen ausrecht erhalten werden sollten.(Große Unruhe, die das Verständnis der Aus- führuugen des Redners sehr erschwert.) Die Begründung meint, der Abbau der Schulen werde sich ohne Schwierigkeiten vollziehen. Ich kann das nicht nachprüfen, zumal für diese Nachprüfungen weitere Unterlagen nicht gegeben sind. Es hätte ersichtlich gemacht werden sollen, zu welchen Kommissionsbezirken die betreffenden Schulen gehören. Mit der Einziehung solcher Schulen ist ein« Reihe Unbequenilichkeiten für zahlreiche Kinder verknüpft. Die Versammlung ninimt die Vorlage zur Kenntnis. Für die Beschaffung weiterer 16 elektrisch betriebener Straßen» Waschmaschinen, die der Magistrat schon jetzt in Auftrag geben will, werden 264 866 M. in den Etat für 1913 eingestellt werden. Auf dem städtischen Gelände an der Fröbelstrvße gegenüber der Siechenanstalt und dem Obdach beabsichtigt der Magistrat eine zweite Stechenanstalt zu erbauen. Da auch das Obdach in absehbarer Zeit tiner Er- Weiterung bedarf und eine Gemeindedoppelschule ebenfalls auf diesem Gelände wird errichtet werden müssen, sollen der Dan- ziger Platz und die Fluchtlinien der Gedikestraße und eines Teiles der Diesterwegstraße aufgehoben werden. Stadtv. Brunzlow(A. L.) kann den Plan des Magistrats nicht billigen. Er verweist auf die zahlreichen Gegeneingaben nament- lich von Hausbesitzervereinen und beantragt Ausschuß- beratung. Stadtv. Metzke(Soz.): Gegen die Niedersetzung eines Aus- schusses müssen wir uns diesmal ablehnend verhalten. Es handelt sich nicht um Aufhebung eines bestehenden Platzes, es sind dort nur Kohlenlager vorhanden. Unglücklich war auch der frühere Beschluß der Anlage der Gedikestraße. einer Wien Straße, die jetzt bloß ein Schlupfwinkel für unliebsame Elemente ist. Wir sollten heute der Vorlage zustimmen, damit endlich etwas Er- sprietzliches aus dem dortigen Terrain geschaffen werden kann. Ausschußberatung würde die Sache bloß wiederum ein halbes Jahr verschleppen. Stadtv. Max Schulz: Hier sind wir glücklicherweise souverän in unserem Beschluß. Wollen wir da kurzerhand vor den Fexien eine Vorlage erledigen, deren Tragweite viel größer ist, als der Vorredner zugeben will? Durch die Schaffung eines riesigen de- bauten Blocks würden wir hier, statt Verkehrshindernisse zu be- seitigen. welche schaffen, und zwar womöglich auf ein Jahrhundert binans. Stadtrat Dr. Franz: Auf dem Platz befindet sich schon eine Baracken schule. Für die weiteren Bauten, die die Verwaltung plant, bedarf sie des ganzen Platzes. Die Kassierung deS Platzes und der Straßen benachteiligt das Verkehrsinteresse keineswegs. Die Einzelvorlagen kommen ja später doch vor Sic; heute soll nur die Grundlage dafür geschaffen werden. Stadtv. Hoffmann(Soz.): Jede Stadtgegend wird gegen daS Obdach protestieren: das wird immer so fem und bleiben. Irgendwo müssen die Obdachsuchenden doch untergebracht werden; wir wollen sie doch nicht mit Methylalkohol beseitigen.(Heiter- ff it.— Zurufe.) Ich wäre gar nicht dagegen, sie im Schlosse Bellevue unterzubringen; dann würde Berlin W. auch einmal eine Vorstellung vom„Weh" des Volkes bekommen. Die Annahme der Vorlage verpflichtet zu gar nichts.(Wider- spruch.) Heber die künftigen Bauten und Anlagen wird dadurch nicht entschieden. Wir brauchen Platz zur Erweiterung des Ob- dachs. Der Erweiterungsbau kommt, und Dezentralisation wird kaum möglich sein. Geben Sie die Möglichkeit einer neuen Flucht- linie, dann haben wir bis zum Herbst vielleicht schon die Genehmi- gung; sonst wird d» Sache lediglich weiter verschleppt. Sie können es ja später ablehnen, auf dem Platz das Obdach oder das Siechen- Haus zu erweitern. Stadtv. Landsberg(A. L.) spricht für Ausschußberatung. Er plädiert„gerade im Interesse der Asyltsten, dieser armen Leute", für Dezentralisation des Obdachs; man könne ihnen doch nicht zu- muten, von der Potsdamer Straße und von anderen weit ent- legcnen Stadtteilen(Heiterkeit) bis zur Fröbelstraße zu gehen. Stadtv. Hoffmann: Das Haupthindernis der Gegend ist nicht das Obdach, sondern die Gasanstalt. Dem„sozialeren" Empfinden des Kollegen Landsberg würde man doch mehr gerecht werden, wenn man in jedem Bezirk ein Obdach errichtete; vielleicht interessieren sich die einzelnen Bezirksvereine dafür.(Große Heiterkeit.) Der Antrag auf Ausschußberatung wird abgelehnt, der Magistratsvorschlag angenommen. Erhöhung der Pflegegeldsätze für die in Familien untergebrachten Waisenkinder wird vom Ma- gistrat beantragt; sie soll am 1. Juli 1912 in Kraft treten. Von diesem Termin an würde'der tägliche Verpflegungssatz betragen: für rckonvaleSzente Säuglinge 1 M., für Kinder bis zu 154 Jahren 70 Pf., für Kinder von 154 bis 2 Jahren 60 Pf., für Kinder von 2 bis 3 Jahren 60 Pf., für Knaben von 3 bis 14 Jahren 46 Pf., für Mädchen von 3 bis ß Jahren 46 Pf. in Berlin mit Bororlen und Köpenick. Für Mädchen von 6 bis 16 Jahren in Berlin 36 Pf.» für Mädchen von 3 bis 14 Jahren auswärts 35 Pf. Der Magistratsantraa gelangt ohne Debatte zur Annahme. Zum Zwecke der Durchlegung der Lindenstraße bis zum Spittelmarkt sollen die Grundstücke Leipziger Stratze 68 und 69, Beuthstraße 14, 15 und 16 enteignet werden, da die Forderungen der zeitigen Besitzer viel zu hoch sind, Die Versammlung gibt ihre Zustimmung. Nachträglich hat der Magistrat der Versammlung noch elne Vorlage unterbreitet, worin die Zustimmung zu der in dem Bau- vertrag mit dem EisenbahnfiSkuS über Herstellung eines Anschlußgleises von der Berliner Ringbahn nach dem städtischen Osthafen anzunehmenden Schiedsgerichtsklausel nachge- sucht wird. In der Klausel(Z 8 des Vertrages) wird bestimmt, daß alle Streitigkeiten aus dem Vertragsverhältnis durch ein Schieds- gericht unter Ausschluß des Rechtsweges zu entscheiden sind. Jede Partei bestellt einen Schiedsrichter und diese beiden wählen den dritten Schiedsrichter als Obmann; kommt diese Wahl nicht zu- stände, so wird der Obmann von dem jeweiligen Präsidenten der Eisenbahndirektion Stettin gestellt. Stadtv. Cassel erklärt diese Klausel für ein« unerhörte Zu» mutung an die Stadt Berlin. Das Schiedsgericht werde dadurch zu einer reinen Farce. Da die Eisenbahnverwaltung unbedingt auf der Annahme der Klausel bestehe, werde man sich ihr fügen müssen. aber nur mit höchstem Unwillen, Verdruß und Bitterkeit. Es komme ein vitales Interesse der Stadt in Frage; aber nur deshalb. nur angesichts der wirklichen Notlage müsse man sich zur Annahme bequemen. Var dem ganzen Lande fei zu konstatieren, daß die Anerkennung, die die Selbstverwaltung oft an hoher Stelle finde, mit den Taten der Regierung nicht in Einklang stehe, daß hier viel- mehr die Stadt Berlin anter ein kaudinisches Joch gezwungen werde. Stadtö. Leib: Auch wir legen entschieden Protest gegen diese ungeheuerliche Zumutung der Eisenbahnver- waltung ein. Letztere hätte es doch sehr viel einfacher gehabt, einfach zu sagen:„Kommen die beiden Kontrahenten in Streit, so entscheidet die Eisenbahnverwaltung."(Sehr richtig! Große Heiterkeit.) Die Verwaltung fußt darauß daß das der Vertrag sei, den sie mit allen Gemeinden schließe. Um so schlimmer; wir könnten uns darauf berufen» daß bei Abschluß deS Vertrages wegen der Putlitzbrücke Berlin seitens der Eisenbahnverwaltung einige Konzessionen gemacht worden find. Wenn wir heute in der Eni- scheidung frei wären, würden wir die Vorlage glatt ablehnen; leider sind wir aber nicht frei, und das benutzt die Eisenbahnverwaltung, uns ihre Bedingungen zu diktieren. Wir müssen also auch die Zwangslage anerkennen, die Vorlage schlucken. Stadtrat Dr. Franz: Alle Versuche des Magistrats, die Klausel herauszubringen, find gescheiterte Durch die Ablehnung der Vor- läge würde der Bau weit hinausgeschoben. Ein schwacher Trost ist der. daß diese Klausel überhaupt wicht praktisch werden wird. Stadtö. Rosenow: Auf die Drücke trete ich nicht gern; noch bei jeder Streitsache mit dem FiSkuS sind wir die Leidtragenden gewesen. Eine solche Ausnutzung der Notlage wie hier bezeichnet man im bürgerlichen Leben sonst mit einem sehr drastischen Worte; die Behandlung, die die Stadt hier erfährt, ist geradezu schimpflich. Stadtv. Körte ersucht den Magistrat, dahin zu wirken, daß der preußische Städtetag gegen diese unbegreifliche Verfügung Sturm laufen möge. Die Vorlage wird angenommen. Mit Worten des Dankes an den Stenographen der Ver- fammlung, Prof. Dr. Eduard Engel, der nach 38 jähriger Tätig» keit heute aus diesem Amte scheidet, schließt der Vorsteher Wiche- let gegen.5416 Uhr die öffentliche Sitzung. Bus Induftrie and bandet Die Preissteigerung de» letzten Jahrzehnts. Bei der Besprechung der Teuerung des vergangenen Jahres ist von feiten der Regierung und der Konservativen verschiedentlich geltend gemacht worden, die Teuerung sei nur eine vorübergehende Erscheinung, eine Schickung Gottes. Nun beeinflußt unzweifelhaft der Ernteausfall die Preisbildung der Lebensmittel. Aber mit diesen zufälligen Preisbeivcgungen würde man sich leichter ab- finden, wenn sie wirklich nur vorübergehend das Volk belasten würden. Tatsächlich aber ist die Preissteigerung aller Waren- gattungen feit mehreren Jahrzehnten in alle» Zdulturstaaten zu beobachten. Die Kurve der Warenpreise zeigt bei jährlichen Schwankungen eine unzweifelhaft aufsteigende Linie seit Mitte der achtziger Jahr» des vergangenen Jahrhunderts. Die Teuerung ist ebensowenig wie eine vorübergehende, so auch keine nationale Er- scheinung. Nicht nur die europäischen Industrieländer zeigen dauernde Preissteigerungen, auch die Vereinigten Staaten leiden unter derselben Erscheinung. Und zwar verläuft die Linie des GesamtpreismveauS in allen Staaten im ganzen in gleicher Weise. An Preishebungen und geringen, vorübergehenden Preissenkungen sind alle Staaten beteiligt. Dennoch sind natürlich die absoluten Preise für die einzelnen Waren in den verschiedenen Ländern ver- schieden hoch. So zahlte man für Weizen 1961—1966 in London 131 M., in Deutschland 171 M. Im Jahrfünft 1966/16 stand der Weizenpreis in London auf 166 M.. in Deutschland auf 211 M. Gestiegen sind die Preise in beiden Ländern, aber in Deutschland wird die Steigerung viel drückender empfunden werden, da die absoluten Preise recht hoch, viel höher als in England stehen. Vergleicht man das Ansteigen der Warenpreise in den einzel- nen Ländern genauer, so ergeben sich noch weitere charakteristische Unterschiede. Neben den allgemeinen, dauernden, internationalen TeuerungSursachen, die in der modern-kapitalistischen Produktion begründet sind, wirken noch Faktoren, die in den einzelnen Staaten von verschiedener Stärk« sind. Die Steuer, und Zollpolitik der herrschenden Klassen gehört zu den wesentlichsten dieser Faktoren. Hochs chutzzollander, wie Deutschland und Amerika zeigen ein schnelleres Steigen der Preise, als Länder ohne Einfuhrzölle wie etwa England. Bildet man Warengruppen und setzt ihren Preis für die Jahre 1L96 bis 1899 gleich 166, so waren die Preise ge- stiegen'): Die animalischen Nahrungsmittel z. B. sind in Deutschland von 166 auf 122 im Jahre 1911, in England dagegen in der gleichen Periode nur von 160 auf 113 gestiegen. Das gilt auch für die Mehrzahl der anderen Warengattungen. Nur Getreide und Textil- rohstoffe machen 1911 eine Ausnahme, aber xm Jahre 1910 stand die Preissteigerung auch dieser Waren in England hinter der in Deutschland zurück. Scheidet man die verschiedenen statistisch erfaßten Preise nach den beiden Gruppen Nahrungsmittel und Roh. stoffe, so beträgt 1911 in Deutschland die Steigerung(1896— 99— 160) für Nahrungsmittel 26, für Rohstoffe 36; in England dagegen nur 4 bezw. 29. •) Diese Ziffern sind entnommen all»: D i e P r e i S st e i g e- rung des letzten Jahrzehnts. Von Professor Dr. Franz Eulenburg in Leipzig. Geh. 2,46 Mk. 96 Seiten. Vorlag von N. Li. TeÄn». So richfig e» auch ist, daß die Teuerung eine internationale Erscheinung ist, so lassen sich dennoch durch die Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder bedingte Unterschiede feststellen. Mit allge- meinen Hinweisen auf die Preissteigerungen aller Kulturländer werden die Regierung und unsere Mehrheitsparteien noch nicht von ihrer besonderen Schuld entlastet. Gerade im vergangenen Jahr — und wir leiden noch heute darunter— ist die durch ungünstige Witterungsvcrhältnisse hervorgerufene Preissteigerung durch den deutschen Zollabschluß verstärkt und auch auf Waren ausgedehnt worden, die von einer Mißernte gar nicht betroffen waren. ©eriebts- Zeitung. Hausagrariertum vor Gericht. Dcv Hauseigentümer Ernst Linke in Berlin, GreifStvaköer Straße 167, hat gegen seinen Mieter, den Genossen Wels und dessen Frau eine Exmissionsklage angestrengt, deren Begründung und Ausgang in erster Instanz die Maßlosigkeit der Ansprüche des Hausagrariertums und kurzatmigen, schematischen Juristen- formalismuS zu kennzeichnen geeignet ist.> Beklagter hat eine Wohnung im Hause des Kläger» gemietet. Der Vertrag läuft bis zum 1. April 1913. Der Kläger verlangt aber sofortige Aufhebung deS Vertrages, weil Beklagter seine ver- mögenslose Mutter zu sich genommen hat, ohne vom Klager eine Erlaubnis hierzu einzuholen. Seinen Anspruch leitet er aus dem dahingehenden Wortlaut des tz 6 des Mietvcr- träges her:, „Mieter ist ohne schriftliche Erlaubnis des Vermieters nicht berechtigt, den Gebrauch der Mlieträume ganz oder teilweise ent- geltlich oder unentgeltlich einem Dritten zu überlassen, ins- besondere die Räume weiter zu vermieten.' An der Einhaltung dieses Paragraphen, vreint Kläger, habe er ein erhebliches Interesse. Denn durch das Mitwohnen der Mutter würden die Räume zu sehr abgenutzt. ES liege ein vertragswidriger Gebrauch der WohnungSräume vor. Auch sei Beklagter sozialdemokratischer Abgeordneter. Gerade von feiner politischen Partei werde jetzt eine statistische Erhebung über die WohnungSvcrhältnisse in Berlin veranstaltet, und diese Statistik» soweit sie gediehen sei. bereits jetzt zu hetzerischer Propaganda, insbesondere gegen die HauSbesitz«, benutzt. Diesen werde die Schuld an dem von den Sozialdemokraten gerügten Wohaungs- elend zugeschoben. Er wolle eS nach Kräften vermeiden, daß diese Propaganda— so wenig auch ein einzelner Fall ins Gewicht fall« — durch Verschlechterung der Statistik Nahrung erhalte. Der Be- klagte bestritt diese Ausführungen und wendete ein.§ 6 sei über- Haupt nicht verletzt, da keine Gebrauchsüberlassung, sondern nur eine Gestattung der Mitbenutzung vorliege. Hierzu sei er aber moralisch und rechtlich seiner alten Mutter gegenüber verpflichtet. Der§ 6 verstoße auch gegen die guten Sitte», die vom Kläger beliebte Auslegung des§ 5 gegen Treu und Glauben. Da» AmtS- gericht gab der Räumungsklage statt. In den denkwürdigen Grün- den heißt es:, »Als gegen die guten Sitten verstoßend und damit wichtig kann die Bestimmung nicht aufgefaßt wmben, obgleich sie wie die meisten Berliner Mietverträge große Härten für den Mieter enthält. Die Bestimmungen geben zweifellos häufig dem Ver« mieter derartig weitgehende Rechte, daß ihre rigorose Aus- Nutzung auf Grund des 8 133 des Bürgerlichen Gesetzbuches hin nichtig machen kann. Dies trifft hier jedoch nicht zu. ES kann von einem Mißbrauch der durch 8 6 des Vertrages gegebenen Rechte seitens des Vermieters hier nicht die Rede sein. ES ist gerichtsnotorisch, daß in Berlin seit einiger Zelt eine heftige Bewegung eingesetzt hat, die sich dagegen wendet, daß eine größere Ansohl von Personen in einem Zimmer schlafen oder wohnen, und daß Nebei, räume, wie ins besondere die Küche, zum Schlafen benutzt werden. In dieser Bewegung wird die Schuld an diesen zweifellos vorhandenen Zuständen in erster Linie den Wdhnungsvermietern beigemessen. Es kann dabei gänzlich dahingestellt bleiben, ob diese Bewegung von der sozial- demokratischen oder einer anderen Partei ausgeht, ob Beklagter deo Sozialdemokratie angehört und ob die gegen den Wohnungs- Vermieter erhobenen Vorwürfe berechtigt oder unberechtigt sind. Man wird aber dem Wäger das Recht zustehen müssen, daß er eS nach seinen Kräften vermeidet, dieser Bcw'cgung, die sich mit gegen ihn richtet, Material zu liefern, und dies könnte im vor- liegenden Falle wohl sein. Wenn eine FamAie von 6 Köpft» 2 Zimmer mietet, so ist eine Einteilung der Räume in der Weise denkbar, daß die Eheleute in einem Zimmer und die Kinder in dem anderen Zimmer schlafen. Die Unterbringung einer dritten erwachsenen Person bringt dann jedoch bedeutend« Schwierigkeiten mit sich und kann der genannten Bewegung für ihre Publikation in den Zeitungen, Aufrufen und dergleichen wvhl Material geben. Es ist dem Kläger nicht zu verdenken, wenn er sich dagegen wehrt. Da Beklagte trotz Abmahnung des Vermieters somit einen vertragswidrigen Gebrauch der Wohnung- fortsetzen, die die Rechte des Vermieters in erheblichem Maße verletzt, kann Kläger gemäß 8 666 des Bürgerlichen Gesetzbuches und§ 16 des Ver- träges Räumung ohne Einhaltung einer KündigungSftist der- langen." Das Landgericht hat als Berufungsinstanz jetzt die» Urteil aufgehoben und die Klage abgewiesen, nachdem eS sich durch Beweisaufnahme davon überzeugt hatte, daß Beklagter seine Mutter in Erfüllung seiner Unterhaltspflicht in seinen Haushalt auf- genommen hat. Der schematische Formalismus des Amtsgerichts geht über daS Puchen Shylocks auf seinen Schein hinaus. Denn für Shylocks „Recht" auf ein Pfund Menschenflcifch sprach wenigstens unzwei- dcutig der Wortlaut seines Scheins. Dieses Formaljuristcntum müßte folgerichtig auch dazu führen, einen Ehemann zu ex- mittieren, der sich beikommen läßt,„ohne schriftliche Erlaubnis des Vermieters" die Geburt und das Verbleiben seines Kindes in der elterlichen Wohnung zuzulassen. Straßenraub? Dreiste Diebstähle im Tiergarten und auf offener Straße beschäftigten gestern das Schwurgericht des Landgerichts I. Aus der Untersuchungshast wurde der früher im Virchowkrankenhause angestellt gewesene Krankenpfleger Albert Timpe vorvsührt, um sich wegen Straßenraubes in zwei Fällen zu veranworren.— Der Angeklagte hatte, als er anfangs Mai d. I. stiellungS- und wvh- nungslos war, im Tiergarten und am Bundesratsuftr zwei Damen die Handtaschen entrissen und war damit geflüchtet. In dem zweiten Falle wurde er auf die Hilferufe der Uebcrfallenen von Passanten verfolgt und nachdem man ihn einer kleinen„Lynch- justiz" unterzogen hatte, der Polizei übergeben.— Bor Gericht machte Justizrat Leonh. Friedman» geltend, daß nicht Raub, sondern nur einfacher Diebstahl vorliege, da zu den TatbcstaichSmerkmalen des Raubes immer die Ucberwindung eines gewissen Widerstands gehöre, der aber bei den völlig überraschten BestohKnen nicht vorhanden gewesen sei. Die Geschworenen schlössen sich diesen Rechts« ausfiihrungcn an, so daß der Angeklagte nur wegen Diebstahls zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Beschwindeluug kleiner Geschäftsleute. Ein gefährlicher Schwindler, der zirka 66 kleine Geschäftsleute in Berlin, Charlottenburg. Spandau und Köpenick empfindlich ge- schädigt hat, mußte sich gestern vor der 1. Strafkammer des Land- gericht» I verantworten. Wegen Betruges in zirka 66 Fällen war der„Maurer" Otto Damm angeklagt. Wegen Beihilfe hierzu hatte sich sernir die Ehefrau Auguste D. und wegen geiserhSlnäßiger Hehkrei Set»Sas«ch?adler PevmrtS Hwffe vor lern. Tkrafrichter zu verantworten. Der Angeklagte Tamm arbeitete mit einem neuen Trick, auf welchen zahlreiche kleine Geschäftsleute, Kohlenhändler, Gemüse- Händler usw. hereingefallen sind. Er erschien bei diesen und gab an, er wohne in der Nähe und sei Kunde. Er erzählte dann, dag er irgend ein Möbelstück, welches er gekauft habe, abholen wolle. Dazu brauche er einen Handwagen. Viele begnügten sich schon mit der Versicherung, daß er den Wagen am Abend wiederbringen werde. Andere verlangten eine genügende Legitimation. Zu diesem Zwecke hatte der Angeklagte Mietsvertragsformulare ausgefüllt, nachdem er sich die Namen des Mieters und des Vermieters aus dem Adreßbuch abgeschrieben hatte. Auf Grund dieser„Legi- timation" ließen sich viele Geschäftsleute verleiten, ihre mit Hilfe ihrer Ersparnisse mühsam erworbenen Wagen, die sie täglich brauchten, dem Angeklagten auszuhändigen. Die auf diese Weise erschwindelten Wagen verkaufte der Angeklagte sofort an den Mit- angeklagten Hintze, der erst in der Quitzowstratze und dann in der Scharnweberstratze in Reinickendorf eine Wagenhandlung betrieb. Dieser kaufte die Wagen für einen Schleuderpreis, und zwar mit- unter bis zu 5 Stück pro Woche.— Dieses Treiben dauerte mehrere Monate, bis infolge der Warnungen in den Zeitungen ein Händler, bei dem der Angeklagte erschien, dessen Verhaftung veranlaßte. Das Gericht erkannte gegen Hintze auf ein Jahr Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat der erlittenen Untersuchungshaft, gegen Damm auf 1% Jahre und gegen die Ehefrau D. auf einen Monat Gefängnis._ Um eine Bahnsteigkarte vor das Schwurgericht. Aus Halle a. S. berichtet man: Die„formvollendete Schönheit" unserer Justizpflege wurde wieder einmal beleuchtet durch einen Schwurgerichtsprozeß gegen den Techniker Pröschold von hier. Pr. war mit einem Ö-Zuge von Nürnberg nach Halle gefahren und hatte bei Durchsicht seiner Drucksachen seine Fahrkarte versehentlich zum Fenster hinausgeworfen. Um durch die Bahnsteigsperre zu kommen, benutzte er eine Bahnsteigkarte im Werte von 10 Pf., die er vorher durchlochte. Bei Abnahme der Karte wurde sein Verbrechen entdeckt. Man stellte ihn zunächst wegen einfacher Ur- kundenfälschung vor der Strafkammer. Diese erklärte sich aber für unzuständig, da schtvere Urkundenfälschung vorzuliegen scheine; ein Verbrechen, das mit Zuchthaus und bei Zubilligung mildernder Umstände mindestens mit drei Monaten Gefängnis bestraft wird. Nachdem dann noch mal drei Richter, ein Staatsanwalt, ein Rechts- anwalt und zwölf Geschworene sich um die„verflixte" Karte die Köpfe angestrengt hatten, kam man zur Freisprechung. Und was mag bei der Voruntersuchung für Gehirnschmalz verbraucht worden sein? Ist das nicht ein Zeichen einer gründlichen, gesunden und zeitgemäßen Rechtspflege? Versammlungen. Der sozialdemokratische Wahlverein für deu vierten Berliner Reichstagswahlkreis hatte am Dienstag in den Konkordia-Festfälen eme zahl- reich besuchte außerordentliche Generalversamm- I u n g, die sich mit wichtigen Organisationsfragen bc- schäftigte. Es handelte sich zunächst um die Schaffung von Aus- tührungsbestimmungen zum Statut in Verbin- düng mit der geplanten Einführung des Delegationsshstems für die Zusammensetzung der Kreisgeneralversammlung. Es lag der von einer Kommission vorbereitete und von der Kreiskonferenz in zwei Sitzungen festgestellte Entwurf vor, außerdem eine Reihe von An- trägen dazu, die aus den Reihen der Mitglieder gestellt wurden. Die Verhandlungen führten zu lebhaften Diskusstonen, die von dem großen Interesse der Mitglieder an der Angelegenheit zeugten. Der§ 1, der ohne Aenderung in der Fassung des Entwurfs angenommen wurde, besagt: .sft„Der Wohloerein im 4. ReichStagswahlkrei» besteht au« den Stadtteilen Ost und Südost und umfaßt da? Frankfurter, Stra- lauer, Petersburger, Landsberger, Koepenicker und Görlitzer Viertel.— Jedes Viertel teilt sich in Abteilungen, die bis acht ReichStagSwahlbezirke umfassen." Zu Z 2 des Entwurfs würden verschiedene Anträge aus der Versammlung angenommen und er dann mit den entsprechenden Aenderungen zum Beschluß erhoben. Danach regelt§ 2 die Auf- gaben der VierkekSleiknngen, die akksährkich in einer Bkerkksver- sammlung zu wählen sind, und die Aufgaben der Viertelsversamm- lungen, von denen alle zwei Monate mindestens eine-stattfinden soll. Aus den Bestimmungen des Paragraphen ist hervorzuheben, daß die Viertelsdersammlungen das Recht haben sollen, sich mit Vereinsangelegenheiten zu beschäftigen und hierzu Beschlüsse zu fassen. Diese Beschlüsse bedürfen der Zustimmung des Vorstandes beziehungsweise der Generalversammlung. Diese Maßgabe vor- ausgesetzt, sollen die Viertelsversammlungen auch das Recht haben, Anträge zu den nationalen Kongressen zu beraten und zu be- schließen, sowie die Berichte von diesen Kongressen entgegenzu- nehmen. Des weiteren sollen die Versammlungen dazu dienen, Aufklärung, Bildung und Geselligkeit zu fördern. Die letzteren Veranstaltungen sind tunlichst einheitlich zu gestalten. Dann wurde erst die Beratung über§ 10 des Entwurfs, dem Kardinalpunkt des Ganzen, vorweggenommen. Es handelt sich um die Fe st legung des Delegationssystems für die Zu- sammensetzung der Kreisgeneralversammlung. Nach sehr lebhaftem Für und Wider wurde Z 10 mit einem Zusatz mit 627 gegen 414 Stimmen angenommen. Er lautet. „Die Besetzung der Kreisgeneralversammlung erfolgt durch Delegierte. Berechtigt und verpflichtet zur Teilnahme sind: a) Delegierte, die in den Bezirken zu wählen sind(auf je 20 Mitglieder entfällt ein Delegierter): b) der engere Vorstand, die Abteilungsführer, der erste Bezirksführer, die Leiterinnen der Frauenlcseabende, die Abge- ordneten des Kreises und die Mitglieder der vom Kreise ein- gesetzten Kommissionen. Anträge, welche zur Kreisgeneralver- sammlung gestellt werden, müssen dem Vorstand vier Wochen vor Stattfinden derselben zugestellt werden. Der Vorstand hat die eingegangenen Anträge rechtzeitig der Kreiskonferenz zu unterbreiten. Der Vorstand hat die Generalversammlung sechs Wochen vorher bekanntzugeben." Wegen vorgerückter Zeit wurde nunmehr die weitere Per- Handlung vertagt. Die Generalversammlung soll zu dem Zwecke am nächsten Dienstag fortgesetzt werden, und zwar soll die Ein- berufung auf 8 Uhr erfolgen. Die Lebensverhältnisse als Schicksale der proletarischen Jugend lautet« das Thema einer von der Kinderfchutzkommisfion am Mitt. woch einberufenen öffentlichen Versammlung, die sehr gut besucht war. Das Referat hatte Genosse H. Barenthin übernommen, der als Vorsitzender der Kinderschutzkommssion, auf ein reichhal- tigeS Material gestützt, ein großzügiges, erschütterndes Bild von der Lage der arbeitenden Klasse und im Anschluß hieran von den Nöten der proletarischen Jugend entwarf, die, licht, und freudlos, schlecht genährt, gekleidet, gepflegt, in grauer, trostloser Oede ihre Kindheit verlebt. Die Folgen dieser Verhältnisse zeichnete der Redner, oft von Znftimmungs- und Entrüstungsäußerungen unterbrochen, m be- redten Worten und verlangte einen durchgreifenden und euer- gischen Schutz für die armen Proletarierkinder. Mit kurzen Strichen legte er die Forderungen dar, die die Sozialdemokratie hierzu aufstellt und ließ sein Referat in einem zündenden Appell ausklingen, mit aller Kraft für die Sozialdemokratie und deren Ziele zu wirken. Dann werde mit der Not des Proletariats auch die Not der Proletarierjugend endgültig beseitigt.(Großer Beifall.) Genossin D e m m n i n g ergänzte die Ausführungen des Referenten sehr wirkungsvoll und unterbreitete der Versammlung nachstehende Resolution: „Die öffentliche, von der Kinderschutzkommisfiou einberufene Versammlung erklärt: Durch die heutige WirtschaftS- und Gesellschaftsordnung wird die Jugend des Proletariats körperlich und geistig auf das empfindlichste geschädigt. Die Versammelten erheben laute» Protest gegen die Per- nachlässigung der Kinder und Jugend durch Staat und Gc. mein den. Das Kinderschntzgesetz vom Januar 1904 erfüllt nicht im entferntesten die Ansprüche, an gesetzlichen Schutz der Kinder, die zur Verhütung vorzeitiger Verwüstung ihrer körperlichen, geistigen und sittlichen lträste gestellt werden müssen. Die Ver- sammelten fordern deshalb: 1. Verbot jeglicher Erwerbsarbeit schul- und vorschulpflich- tiger Kinder in Gewerbe, Land, und Forstwirtschaft, bei häuslicher Arbeit, bei Boten- und Gesindediensten. AuS. dehnung der Schulpflicht auf das vollendete 14. Lebensjahr. Herabsetzung der Maximalarbeitszeit für jugendliche Ar- IeS« üm W—TB 3e$n-*«f füUPtU•' und Einführung des obligatorischen FortbildungSs chufamtet» richts für beide Geschlechter. 2. Schaffung einer Aufsichtsbehörde unter Beteiligung der Arbeiter zur wirksamen Kontrolle des KinderschutzgefetzeS. Vermehrung der Gewerbeaufsichtsbeamten und Heran- ziehung von Aufsichtspersonen aus den Kreise» der Arbeiter und Arbeiterinnen, um einen erhöhten Schutz für hie jugendlichen Arbeiter zu ermöglichen. 3. Unentgeltliche Speisung und Kleidung der Schulkinder. Unentgeltliche Lieferung von Lehrmitteln und regelmäßige schulärztliche Untersuchung. Förderung der Zahlpslege. Unentgeltliche Behandlung in Krankheitsfälle» und Liefe» rung von Medikamenten und Heilmitteln. Errichtung von Ferien-Erholungsheimen, Ferien-Kolouien. Sool- und See» bädern, Waldschulen und Milchkuren. Ausreichende ftaat» liche Fürsorge für Ziehkinder, Einführung obligatorischer Spiel-, Schwimm-, Turn- und Wanderstunden, Förderung von Schulausflügen und Reisen. 4. Fordern insbesondere die Versammette» taA der Sdadt Berlin für die Uebergangszeit bis zur reichsgesetzliche» Eiu- führung von Kinderschutzbehörden, sofortige Schaffung eine« Kinderschutzamtes und die Errichtung von Kinderhort und Kinderbewahranstalten. Die Versammelten geloben, daß sie mit alle» Kräfte» Um See Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise,«SM der eigeut» lichen Ursache des Kinderelends und für Einfuhrung der sozio. listischen Ges ellschaftsordnnng tätig sein wollen, da nur hierdurch Not, Elend und Ausbeutung, auch der Kinder, ein sicheres Ende bereitet werden kann. Genosse Christian teilte seine Erfahrungen mit, die«e«V Kontrolleur der Kinderschntzkouunisfio»«macht hat. So«einte ein Schutzmann, dem er sagte, daß e» doch für die Polizei et» Leichtes wäre, die schulpflichtigen Kinder� die des Morgen» auf der Straße bei der Arbeit gesehen werden, vor der AuSbentnng M schützen: za, dazu seien Sie, die Kinderschutzkontrolleure dal Genosse Detlon nahm ebenfalls das Wort und hob be- sonders die schädlichen Wirkungen der KinoS auf die Jugend hervor. Genosse Saß ist der Meinung, daß wir vorerst de» Hebel nicht bei den Kindern, sonder» bei den Eltern ansetzen und chueu die Verwerflichkeit der Kinderarbeit klarlegen müssen. Mit Temperament und Wärme ging«nch Genossin Fahre»- wald auf die Frage der KinderanSbeutung ein. Jene Eltern, die ihre Kinder dieser Ausbeutung unterwerfe«, ohne eS unbedingt nötig zu haben, müßten ohne weitere» zur Bestrafung gebracht werden. Aus ihren reiche» Erfahrungen teilte sie packende und ergreifende Bilder aus dem Elend der Arbeiterkinder mit. Be- sonders schlimm grassiert die KinderanSbildung in den Gegenden, wo der Krabbenfaug betrieben wird, desgleichen in den Gefilden Thüringens, deren Bewohner ihre Kinderchens schon im zartesten Alter in die Fron der Heimarbeit zu pressen, durch die Not ge- zwungen sind. Das alles aber kann uns nicht hindern, energisch mit der Kinderarbeit anfzurännren. ES gilt, die Aufklärung und Agitation in der entschiedensten Weise zu betreiben, um die ge-. samten Zustände zu bessern. Genosfiu L o h s e berichtete von de» treffliche» Erfolgen, die die tätigen Genossen und Genossinnen bei ihrer Arbelt zu ver. zeichnen haben. Nicht die Hoffnung auf die Polizei, sondern auf die eigene Kraft setzen, das sei nötig. Hätten die Eltern der betreffenden Kinder erst gesehen, daß wir es gut mit ihnen meinen und das Beste wollen, so gewönnen wir auch ihr Vertrauen, daS habe die Erfahrung gelehrt und bestätigt. Genossin Heide wünscht, daß zur Agitation und Anfllärung das Referat des Genossen Barenthin in Druck erscheinen möge. Für daS Eingreifen der Polizei sei sie nicht, besser sei es, ohne diese auszukommen und mit Güte und Ermahnung einzuwirken, um so mehr, als ja doch fast ausschließlich bittere Not die Eltern zur Ausbeutung ihrer Kinder treibe. Genosse Seiler unterstützt den Antrag der Genossin Heide, die Rede Barenthins als Flugschrift herauszugeben. Eine völlige Beseitigung der Kinderarbeit werde es allerdings nicht geben, so. lange eS eine kapitalistische Gesellschaftsordnung gibt. Pflicht aller Proletariereltern sei es auch, ihre Kinder der bürgerlichen Jugendbewegung fernzuhalten und sie der proletarischen zuzu«. fuhren. Nach einem kurzen Schlußwort BarenthinS, der erklärte, daß man nicht zu schroff vorgehen, sondern durch Ermahnungen und Vernunftgründe einwirken möge, wurde die Resolution ein» stimmig angenommen, desgleichen der Antrag Heide. ISfo lÄasiipls dte*_ deutschen Schuhindustfac S&iser Taacr\{z{cn5fr:20 Oranicnafr; 5�. Koruööfroaac:� Mdllcrötrdö5c:3a LdpziöcrMr: 65 NcukoUnßcnfcfr: r/8 OrcLnicn�n�a FrictoauJ&dbjfcK Leincnsdiuhe/ Strands a. Sportschuhe u. Stiefel Berg� undT ourenstiefel Vorschriftsmäss. 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Juni, nach» mittags i'l, Uhr, von der Halle de» alten Thoinaz-Kirchbose» in der Hermannstraße aus statt. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Paul Kflnix kBoeShstr. 47) im Aller von 37 Jahren gestorben ist. Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 29. Juni, nach Ehre ihrem Andenke«! Um rege Betelllzung ersucht 86/20 Di« Ortsverwaltung. Sozialileffißkrat. WablvereiD Neukeün. Den Parteigenossen zur Nach- richt, dah unser langjährige» Mit- glied, der Maurer Xuxust �ietscder Emser Str. 79(14. Bez.) verstorben ist und am Mittwoch zur letzten Ruhe bestaltet wurde. Ehre seinem Andenken 1 237/16 Der Vorstand. ZeDtral-Krankeii- uni! Stertie- iasseyeutsetienffapliaiiei' Berlin Bezirk 18. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah unser?Nitglied, der Heizer und Maschinist Huxo Prillwitz Lübecker Str. 8, am 24. Juni. vormittags 8 Uhr. gestorben und am 27. Juni beerdigt worden ist. Ehre seinem Andenken! 22666 Die Ortsverwaltung. Heute srüh 4*/, Uhr verschied plötzlich meine treue und edle Datlin, unsere herzenSguteMutter, Frau 61 A Marie Klotz geb. Psal im 56. Lebensjahre. Die» zeigen um stille Test- nähme bittend tiesbetrübt an Wilhelm Klotz nebst Kindern. Lllbbener Straße 28. Die Beerdigung findet am Sonnabendnachmittag 2 Uhr von der Leichenhalle des EmmauS- Kirchhose» in Neukölln, Her- mannstraße, au» statt. ZgmIiiMßkl'at. Mm iiir den 4. Herl Reieiistäiswaiilkrgis. K6penlcker Viertel. Bezirk 185 II. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß miser isenosse, der Bohrer Pressei* Wrangelstr. 76 gestorben ist Ehre seinem Andenke»! Die Beerdiaimg findet morgen Sonnabend, den 29. Juni, nach- mittag»'Li Uhr, von der Halle desZentralsriedhose» in Friedrich», selbe au» statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand Sozialdeniokfaliscter Verein für den 2. Berliner ReietisiagswatilkreisJ Bezirk 181». Den Mitgliedern zur Nachricht, I daß unser G-nosie, der Tischler Panl König* lBoeckhstr. 47/48) durch Unfall verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am I Sonnabend, 29. d. M, nachmlltags 4 Uhr, von der Leichenhalle de»! ThomaS-Kirchhofe», Neukölln. Her- mannstraße aus statt. 208/3 1 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Deutscher I Holzarbeiter- Verband Zahlstelle Charlottenburg. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied,.Per Tischler öeorg Trautwetfer »ach langem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Audeuke«: Die Beerdigung findet am Freitag, den LS. Juni, nach- mittags 21/, Uhr, von der Halle der L. I. A., Teupitz i. M., aus statt. Um Beteiligung ersucht 86/1 Die Ortsverwatlung. SBmestBassfm�Biinm Deutsclier Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Groll-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Biersahrer »Artur Zastrow am 25. d. Ml», im Alter von 25 Jahren verstorben ist. Elire setnem Andenkea! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 29. d. M., nach- mittags 8 Uhr, von der Leichen, balle des Friedenstirchhose» in Nordend aus statt. 64/20 0!« Bezlrhsverwaltung. m .Arbelter-Badlalirer-I Eiui Solidäfitat Verein vicinickcudorf. Den Mitgliedern zur Nachricht,. daß unser Bundesgenosse Peter Potarczzxki am Dienstag verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freiing, den 28. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle de» Kemeinhe-FriedhoseS, Hum- boidistraße aus statt. 2257 b Der Borstand. VeM der Boeh- und Steindruckerei-Hilfsartelter«. Ärbeiteriiinea Deutsetilaads. ----- OriSoerwaliung Berlin.----- Am 26. d. M. verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit unser Mitglied Anna Koberstein im Alter von 53 Jahren. Ehre ihrem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 30. Juni, nach- mittag»'Iß Uhr, vom Urban« Krantenhause nach dem Kirchhofe der Simon- Gemeinde, Tempel- böser Weg statt. 27/19_ Dia Ortsverwaltung. Am Mittwoch, den 26. d. Mt»., starb nach kurzem Krankenlager unsere langjährige Mitarbeiten» Anna Koberstein geb. Jmler im Atter von 63 Jahren. Ehre ihrem Andenke»! Di« Beerdigung findet am Sonntag, den 30. Juni, nach- mittag» Vi3 Uhr, vom Kranken-! Hause aus nach dem Simon-Lukas- s Kirchhof amTemPelhoser Weg statt.; 2263b DaS Personal der B»6)drulkerei W.Moeser.| WlllliHWUW Hill■■llll—i— Allen Verwandten, Freunden und Bekannien die traurige Roch- richt, daß unser Sohn und Bruder, dir Schlosser Max Wolda nach langen schweren Leiden sanft entschlasen ist. 26» Die Beerdigung finde! am Freitag, den 28. Juni, nachmittag» 6 Uhr, von der Leichenhalle der Sebastian- Gemeinde, Reinicken- dors-West au» statt. Die« zeigen tiesbetrübt an Tdeodor Wolda nebst Frau und Tochter. Verband der Gemolnde- u. Staatsarbeiter. Filiale GroB-Berllii. /Vach rat. Am 22. d. Mts. verstarb unser langjähriges Mitglied, der Kollege Äugust Zimmermann (GaZwerl Gitschiner Straße). Ferner starb am 23. d. Mt». unser Mitglied, Kollege 34/15 Hermann Lorenz (Gaswerk Müllerstraße). Ehre ihrem Andenken! Danks aguna. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme sowie für di« zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Aodeiet Gaiinowslcl sagen wir allen Beteiligten unseren herzlichsten Dank. 22d8b Aiizxiiisto<2alInow«kl. Danksagung. di« herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Manne» August Metscher und einzigen Tochter EErna Metscher sagen wir allen Freunden und Le- kannten, den Kollegen der Kunststein- werke Bosdorg<1 Co., dem Gesang- verein.Männerchor Neukölln-, dem Sozialdemokratischen Wahlderein, dem Bauarbelleroerband und der Firma liosdarg unseren herzlichsten Dank. Wwe. Martka Metscher ivA nebst Kindern, Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und Kranzspenden bei der Beerdigung unsere» Nebe», unvergeßlichen Bru- der», Schwager» und Neffen Wilhelm Raddatz sogen wir allen Verwandten, Freun- ven und Bekannten sowie dem Per« sonal der Firma Arnim Tenner unseren herzlichsten Dank. LOA Geschwister und Berwaudte und Famtli« Maast. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meine« lieben Manne», unseres Vater», Schwiegervater» und Großvater» (Zustav Richter tagen wir allen Verwandten, Freun- den und Bekannten, den Kollegen sowie dem Metallarbeiterverband unseren herzlichsten Dank. Luise Richter 3151 nebst Kindern. Für Wanderer! Silva- Karten Ci&rliig Mit Orts- Register und Wege- boschrei- bung Prel« pro Kart« 75 Pf. 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Alfred ftorkcrt, zu den üblichen Bedingungen zur Verfügung. Im Lindenpark in Achlendorf T. B., Berliner Str. 8, findet am Sonnabend, den 29. Juni, ein Nationalflugspendenfest statt. Es wird bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, dafi aufier dem oben genannten Lokal der Fürstenhos mit Stehbierhalle, der Kaiserbof, Potsdamer Slrafie, und in Nikolassee das Lokal von Heinroth. ebenfalls mit Stehbierhalle, der organisierten Arbeiterschaft nicht zur Versügung stehen und deshalb streng zu meiden sind. _ Die Lokalkommission. Vierter Wahlkreis. Am Dienstag, den 2. Juli, abends 8'/, Uhr, in den Konkotdiasälen, Andreasstrahe: Fortsetzung der außerordentlichen Generalversammlung. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Der Vorstand. Neucnhagen lOstbahn). Sonnabend, den 29. d. Mts., abends S'/a Uhr, im Lokal von O. Wortmann, Bahnhosstr. 27: General- Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht der Funktionäre und Neu- wähl derselben. 2. Stellungnahme zur Kreisgeneralversammlung und zum Parteitag. 3. Verschiedenes. Tegel. In den Monaten Juli und August ist die Bibliothek des Wahlvereins nur Montag abends geöffnet. Die Bezirksleitung. Schönerlinde- Schönwalde(Bezirk Pankow). Sonntag, den 39. Juni, nachmittags 4 Uhr, findet unter steiem Himmel am Gorin- see eine öffentliche Versammlung statt. Tagesordnung: Bortrag des Genossen Georg Udo.Der Preußische Landtag und seine Junker'. Die Genossen von Pankow wollen mit für guten Besuch der Ver- sammlung Sorge tragen, l'/z Uhr: Abfahrt vom Stadthaus mit der Straßenbahn bis Franzöflsch-Buchholz. Die Agitationskommission. Bernau. Sonnabend, den 29. d. M., abends pünktlich 8V2 Uhr. bei Herrn Franz Salzmann. Basdorfer Straße: Generalversanimlung des Wahlvereins. Tagesordnung: 1. Jahresbericht. 2. Neuwahl der Bezirksleitung. 3. Stellungnahme zum Parteistatut. 4. Antrag Röntgenial: Errichtung eines eigenen Bezirks, b. Vereinsangelegew heilen._ Die Bezirksleitung. Berliner INtaebriebten. Die Stadtverordneten hatten gestern die letzte Sitzung vor den Sommer- f e r i e n. Zu erledigen war noch ein sehr reichliches Arbeits- Pensum, das aus allerlei im letzten Augenblick vorgelegten Resten sich zusammengeläppert hatte. Bei zwei Punkten der Tagesordnung kam es zur Er> örterung von schiedsrede, die Herr Kirschner mit einer nüchternen Erwiderung vergalt._ Die Genehmigung der 262 Millionen-Anleihe. Dem Magistrat ist die von den Ministern des Innern und der Finanzen unter dem 19. d. M. ausgefertigte Genehmigungsurkunde wegen Ausgabe von Schuldverschreibungen auf den Inhaber bis zum Betrage von 262 099 900 M. zugegangen. Die Genehmigung� Urkunde hat folgenden Wortlaut: „Mit Königlicher Ermächtigung erteilen wir hierdurch au Grund des§ 795'des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Artikels 8 der Königlichen Verordnung zur Ausführung des Bürgerlichen Ge- setzbuchs vom 16. November 1899 der Stadt Berlin die Genehmigung zur Ausgabe von Schuldverschreibungen auf den Inhaber bis zum Betrage von 262 999 990 M., in Buchstaben:„Zweihundertzweiund' sechzig Millionen Mark", behufs Beschaffung der Mittel zu Neu- und Erweiterungsbauten der Gas-, Wasser- und Kanalisations werke, des Schlachthofs und der Markthallen, zum Bau des Ost und Westhafens, zur Errichtung von Kranen und Anlegung von Ladestrahen, zum Bau der Untergrundbahn Nord-Süd, zum Bau von Straßenbahnen, Brücken und von zwei Straßentunnels, zu Durchlegungen und Verbreiterungen von Straßen, zu Krankenhaus- bauten, zum Bau höherer Lehranstalten sowie zu Parkanlagen. Die Schuldverschreibungen sind nach dem festgesetzten Muster auszufertigen, mit 3zh Proz. oder mehr, jedoch nicht mehr als 4 Proz. jährlich zu verzinsen und nach den Bedürfnissen des be- treffenden Jahres als Anleihe dieses Jahres zu begeben. Sie sind wenigstens mit 2 Proz. des Anleihekapitals unter Zu- wachs der Zinsen von den getilgten Schuloverschreibungcn zu tilgen. Die Tilgung soll dergestalt erfolgen, daß alljährlich Schuld- verschreibungen vom Beginn des auf die Begebung folgenden Rechnungsjahres ab, in Höhe der jährlichen Tilgungsquote ange- kauft oder zur Rückzahlung ausgelost werden, jedoch mit der Maß gäbe, daß während der ersten 19 Jahre nach Begebung der Anleihe oder einzelner Anleiheteile die jährlichen Tilgungsquoten zu einem besonderen Fonds angesammelt werden dürfen, der auf Zins und ZinseszinS angelegt und nach Ablauf der 19 Jahre auf einmal zum Ankauf oder zur Auslosung von Schuldverschreibungen verwandt werden muß. Außerdem sollen alle bei der Durchführung der An lcihezwecke entstehenden Rückeinnahmen zur außerordentlichen Tib gung spätestens innerhalb deS auf den Eintritt der Rückcinnahme folgenden Rechnungsjahres herangezogen werden, sofern nicht ihre Verwendung zu gleichartigen Anleihezwecken von der Kommunal' aussichtsbehörde vorher genehmigt worden ist. Die für die Gas-, Wasser- und Kanalisationswerke bestimmten Ausgabeposten sind untereinander übertragbar, ebenso die Aus- gaben für die Schlachthof- und Markthallenverwaltung. Bei den Verkehrsunternehmungen wird die Uebertragbarkeit wegen der Be träge für den Bau des Ost- und Westhascns zugelassen. Jede weitere Uebertragung der einzelnen Anleiheteile untereinander oder ihre Verwendung für andere(neue) Zwecke darf nur mit unserer Genehmigung geschehen. Die nähere Bestimmung über die Ver Wendung der in der Anleihe vorgesehenen 2 Millionen Mark für Krankenhauszwecke bleibt der Genehmigung des Oberpräsidenten vorbehalten."_ Der Klingelbeutel für de» nationalen Jugendpflegerummel. Die edlen Patrioten, welche die Jugend gewaltsam mit nationalen Draht' schlingen einfangen wollen, brauchen Gold. Nach einer wohl zu- treffenden Meldung deS MosseblatteS ist dem Jungdeutfchlandbund „zur Förderung seiner Zwecke" die behördliche Genehmigung zu einer in drei Jahresperioden mit jedesmal 1 59 999 M. Reinertrag zu ver- anstaltenden Geldlotterie erteilt worden. DaS Los kostet einen Taler. die erste Ziehung ist schon für September festgesetzt. Zu ge« Winnen gibt'S nicht viel, da die unersättlichen nationalen Taschen das Geld besser brauchen können. Nach dieser Kraftanstrengung sieht eS so auS, als ob die Be' geisteriWg für die nationale Jugendpflege doch recht sehr zu wünschen übrig laßt. Sonst hätte man ja diese neue Anreißerei nicht nötig. Es ist selbstverständlich, daß kein Sozialdemokrat den Jung- deutschlandbund durch Kauf eines Loses zu obiger Lotterie unter- stützen darf. Von sozialistischen Geschäftsinhabern ist auch der Aus- hang entsprechender Plakate zurückzuweisen. Bon der Hcidekrautbahn. Der Vertrag mit der Betriebs- gesellschaft der„Hcidekrautbahn" Reinickendorf— Liebenwalde läuft a/n 1. April 1913 ab. Diese Bahn ist bekanntlich eine sogenannte „Klingclbahn", besitzt weder einen Anschluß in nördlicher Richtung an eine Eisenbahn noch 4. Klasse-Wagen, entschädigt aber die Fahr- gäste für viele Mängel in der Zugfolge, schneller und pünktlicher Beförderung durch besonders hohe Preise. Diese sind an Wochen- tagen doppelt so hoch wie auf den Vorortbahnen und auch Sonntags noch höher als auf der Nordbahn. Die.Heidekrautbahn" erschließt den Kreis Niederbarnim. Dieser Kreis besitzt Aktien der Gesellschaft, die den Betrieb verpachtet hat. Zu den Aktionären gehören auch die Gemeinden Groß-Schönebeck, Liebenwalde. Wandlitz usw. In den Kreisen der Aktionäre ist man der Ansicht, daß die jetzigen Ver- Hältnisse auf die Dauer unhaltbar sind. Man wünscht nicht nur billigere Fohrpreise, schnellere und bessere Zugfolge, einen Aufbau der Bahnhöfe, sondern auch die Weiterführung der Bahn nach Norden im Anschluß an den Großschiffahrtskanal Berlin— Stettin und vor allem die Einführung der Personenzüge nach dem Bahnhos Gesundbrunnen. Ja der Sommerfrische ertrunken ist der Kaufmann Karl Grafke aus der JablonSkistr. 27. G. weilte mit seiner nervenkranken Frau und seinem dreijährigen Sohne seit zwei Wockien in Mönchsmühle auf Urlaub. Vorgestern badete er mit seinem Schwager, der ihn be- sucht hatte, in der Spree an einer Stelle, wo der Fluß infolge einer scharfen Biegung eine ziemlich starke Strömung hat. Obwohl die beiden Männer nicht schwimmen konnten, wagten sie sich weit in das Gewässer hinein. Sie gerieten an eine tiefe Stelle, verloren den Boden uiitcr den Füßen und gingen unter. Die Ehefrau des Försters Buchholz, die Zeugin des Unfalles gewesen war, bestieg so- fort mit ihrer Tochter einen bereitliegenden Kahn und eS gelang der mutigen Frau auch, den Schwager des Kaufmanns in dem Augen« blick zu retten, als er wieder an die Oberfläche des Wassers kam. Angestellte Wiederbelebungsversuche waren glücklicherweise von Er- folg gekrönt. Graste aber fand in den Wellen den Tod; seine Leiche konnte später von Fischern geborgen werden. Unfall cineS Professors. Beim Besteigen eines fahrenden Straßenbahnwagens ist gestern nachmittag der am Kgl. Friedrich- Wilhelms-Gymnasium tätige Professor Dr. Max Pfeffer, Kaiser- platz 12a in Wilmersdorf wohnhaft, verunglückt. Dr. Pf ivollte am Potsdamer Platz auf einen Straßenbahnwagen der Linie 77 während der Fahrt aufspringen, glitt jedoch vom Trittbrett ab und kam zu Fall. Er schlug so heftig mit dem Kopfe auf das Straßenpflaster auf. daß er besinnungslos liegen blieb. Der Verunglückte wurde nach der nächsten Unfallstation gebracht, wo festgestellt wurde, daß der Professor eine Gehirnerschütterung davongetragen hatte. Nach« dem der Verunglückte wieder zum Bewußtsein gebracht worden war, wurde er nach seiner Wohnung geschafft. WS Leiche gelandet wurde der Dreher Paul Preffer aus Berlin. Wie gemeldet, war Prester vor wenigen Tagen auf dem Heimwege von einem Lokal vom Wege abgekommen und später fand man seinen Hut. Die Befürchtung, daß Presser in der Dunkelheit an die Ufer- böschung der Spree geraten und ins Wasser gestürzt sein könnte, hat sich leider bestätigt. Gestern abend wurde die Leiche deS auf so bedauerliche Weise ums Leben gekommenen Familienvaters ans Ufer geschwemmt und geborgen. Wie uns mitgeteilt wird, ist Presser an dem UnglückSabend nicht angetrunken, wohl aber stark aufgeregt gewesen. Uederfahre» und getötet wurde gestern nachmittag der 21/a Jahre alte Sohn Arnold des Stallmanns Tack aus der Wallstr. 43. Der Kleine spielte mit anderen Knaben an dem Sandkasten, der aus dem Mittelwege vor dem Hause Nr. 59 steht. Als er dann achtlos über den Damm ging, lief er. ohne daß der Kutscher etwas sehen konnte, vor das Hinterrad eines Mörtelwagens, wurde überfahren und blieb bewußtlos liegen. Ein Arzt, den die Eltern gleich holten, konnte nur noch seinen Tod feststellen. Unfall in Johannisthal. Bei den Flügen am heutigen Morgen ereignete sich in Johann, sthal ein ziemlich schwerer Unfall. Fokker war mit seinem Schüler, dem Oberleutnant zur See Rütscher zu einem Uebungsflug aufgestiegen und hatte mehrere Runden in 29 bis 39 Meter» Höhe zurückgelegt. Als der Offizier, der die Steuerung bediente, landen wollte, ging er so steil hernieder, daß beim Aus- setzen auf dem Boden die Maschine sich zu überschlagen drohte, Oberleutnant Rütscher riß deshalb den Eindecker nochmals in die Höhe, doch kam der Motor, den der Führer vorher abgestellt hatte, in den wenigen Augenblicken nickt schnell genug auf Touren, so daß der Apparat nach hinten abrutschte und sich dann rüclwärts über- schlug. Fokker und sein Schüler gerieten unter die Maschine, doch konnte sich der Holländer schon nach wenigen Augenblicken wieder unverletzt erheben. Oberleutnant Rütscher hatte dagegen Ver» letzungen am Kopf, Rücken sowie anscheinend eine leichte Gehirn« ertchütterung erlitten und mußte mit dem kürzlich in Dienst gestellten Kranlcnautomobil des Flugplatzes nach dem Briher Kreiskrankcn- Haus übergeführt werde». Lebensgefahr liegt allem Anscheine nach bei dem verunglückten Offizier nicht vor. Eine höchst mysteriöse Mordassäre beschäftigt augenblicklich die Polizeibehörde und Staatsanwaltschaft. Am 6. Dezember 1919 gegen 6 Uhr früh fand ein Dienstmädchen den Gastwirt Albert Menzel in seiner in der Galvanistr. 9 zu Charlottenburg ge« legenen Schankwirtschaft tot auf. Die Leiche, die in einer großen Blutlache lag. wies eine Schußwunde an der linken Sckläfe auf. Da die Sache damals nicht genügend aufgeklärt werden konnte, wurde der Erschossene beerdigt. Das Ermittelungsverfahrcn ruhte bis zum Anfange diese» Jahres. Um diese Zeit erstaltele ein Gastwirt Thomas eine Anzeige, in der er behauptet, daß ein Arbeiter Nickel ihm ein» gestanden habe, den Menzel auf Anstifter von dessen Ehefrau er» schössen zu haben. Ein gleiches ZngeltändniS soll Nickel auch einem anderen Manne gegenüber gemacht haben. Aus Grund dieser Anzeige wurden Nickel und die Frau Menzel wegen Mordverdachts verhaftet. Die beiden Verhafteten bestreiten entschieden jede Schuld, Nickel will die fraglichen Aeußerungen in der Trunken- heit getan haben. Die Frau Menzel behauptet, Nickel habe wiederholt Drohungen gegen sie ausgestoßen und ihr angedroht, er werde sie unglücklich machen, wenn sie ihn nicht heirate. Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft fand vor einigen Tagen die Exhumierung der Leiche des Erschossenen statt. Frau Menzel hat nunmehr durch Rechtsanwalt Bahn eine Kaution von 29 999 M. für die Haftentlassung angeboten. Wie verlautet, sollen sich inzwischen neue Verdachtsmomente erhoben haben, über die aber vorläufig Stillschweigen gewahrt wird. Ein gefährlicher Räuber, der seit einiger Zeit die Gegend der Oranienstraße unsicher machte, wurde gestern endlich auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Als die Zimmervermicterin Witwe A. aus der Prinzessinnenstraße 19 vormittags vom Ein« holen nach ihrer im dritten Stock gelegenen Wohnung zurückkehrte, folgte ihr ein junger Mensch die Treppe hinauf. Wenige Stufen vor ihrer Wohnung fragte er sie. ob sie nicht wisse, wo der Eisendrehcr Schmidt ini Hause wohne. Frau A. wandte sich um und erwiderte, soviel sie wisse, wohne im Hinterhause ein Mann namens Schmidt. Kaum hatte sich die Frau dann wieder nach ihrer Tür gewandt, da packte sie der Kerl hinterrücks und entriß ihr das Portemonnaie, das sie in der linken Hand trug und das über 29 M. enthielt. Auf die Hilferufe der Frau eilten Arbeiter vom Hofe herbei. Als sie nach vorn kamen, eilte der Räuber gerade zum Hause hinaus. Er entfloh, von immer mehr Menschen verfolgt, die Prinzessinnenstraße und das Luisenufer entlang, bis er vor dem Kaufhaus Maaßen von einem Schutzmann, der durch die Rufe der Verfolger aufmerksam geworden war, er- griffen wurde. Der Verhaftete entpuppte sich auf der Wache als ein 21 Jahre alter entsprungener Fürsorgezögling namens Rudolf Schwab, der sich ohne Wohnung in Berlin umhertrieb und vom Raub lebte. Erst am vergangenen Sonnabend hatte der Räuber eine Frau in ähnlicher Weise in der Oranienstraße überfallen und im Kampf mit ihr seinen Hut eingebüßt. Die Frau hatte mitgeteilt, daß der Entkommene zu seinem abgetragenen Anzug keinen Schlips getragen habe. Der Hut, der der Polizei übergeben worden war, paßte nun dem Schwab ganz genau, und es ergab sich weiter noch, daß er sich gleich nach dem Ueberfall in der Oranienstraße in der Gegend einen neuen Hut und außerdem noch einen Kragen und Schlips gekauft hatte. Als ihn nun die Ueberfallene auch noch bestimmt wiedererkannte, gab er auch diesen Raub und endlich auch die ganzen Räubereien in dem Viertel zu. Brand in der Humboldtdampfmühle in Tegel. Die bekannte Humboldtdampfmühle ist gestern nachmittag von einem großen Feuer betroffen worden. Das Feuer ist in der Neumühle an der Schloßstraße im Erdgeschoß angeblich durch Selbstentzündung einer Entstäubungsanlage um 1 Uhr mittags ausgebrochen. In kurzer Zeit nahm das Feuer eine solche Ausdehnung an, daß die gesamte Front nach der Schloßstraße zu vollständig in Flammen stand. Ob- gleich sofort von der Fabrikfeuerwehr mit vier Schlauchleitungen vorgegangen wurde, griff das Feuer mit unheimlicher Schnelligkeit weiter um sich. Auf die Meldung von dem Feuer rückten die Wehren der Maschinenfabrik von Borsig, die Ortsfeuerwehrcn von Tegel, Heiligensce, Frohnau, Wittenau, Reinickendorf Ost und West, Wilhelmsruh, Hermsdorf und Waidmannslust zur Brandstelle auS. Ihnen schloß sich um 2 Uhr der 23. Automobillöschzug an. AuS IS Schlauchleitungen wurde sofort Wasser gegeben. Um 3 Uhr türzten die an der Schloßstratze stehenden vierstöckigen Gebäude mit allen Maschinenanlagen zusammen. Zum Glück konnten sich noch kurz vor dem Einsturz sämtliche Feuerwehrleute in Sicherheit bringen. Auch alle Pferde und Wagen konnten gerettet werden. Von der Hitze, die während des Brandes sich ringsherum be» merkbar machte, kann nian sich kaum einen Begriff machen. Die schönen Allccbäume an der Schloßstraße und die Früchte in den angrenzenden Gärten i-it der Umwehrung sind total verbrannt. Uebcrall, wo man hi.rMickt, sah man nichts als verkohlte Gegen» stände. Leider sind be» dem Brande zahlreiche Verletzungen vor- gekommen, die aber nach Angabe der Samariter fast sämtlich leichter Natur sein sollen. Gegen 6 Uhr war die Gefahr für die angrenzen» arbeiten nahmen natürlich noch viel Zeit in Anspruchs Die Mitglieder der Kinderschutzkommission, die sich zur Be> sichtigung der Erziehungsanstalt Urban in Zehlendorf gemeldet haben, treffen sich am Sonntagnachmittag 2 Uhr im Lokal von Mieck in Zehlendorf, Karlstr. 12. Punkt 3>/� Uhr beginnt die Be� sichtigung. Die Züge fahren in Zwischenräumen von 10 Minuten vom Potsdamer Vorortbahnhof und Grob-Görscheiistraffe. Zu fahren ist bis gehlendorf-Mnte._ Torort- Nacbricbtem Charlottenburg. Die Stadtverordnetenversammlung erledigte in ihrer letzten Sitzung am Mittwoch eine große Reihe von Vorlagen ohne erheb liche Debatte. Die Forderung von bvv M. als Garantieverpflich tung für die auf dem Pichelswerdcr stattfindenden Festspiele zur HM-Jahresfeier des Einzuges der Hohenzollcrn in die Mark Brandenburg wurde abgelehnt, da auch dem größten Teil der Libe ralen in dieser Richtung nachgerade des Guten zuviel geschieht. Erwähnenswert sind die beiden Vorlagen behufs Errichtung neuer Zweigstellen der Vollsbibliothek, eine auf dem Savignyplatz und eine in der Kaiserin-Augusta-Allce. Mit der elfteren wird auch eine Musikalienausleihestelle verbunden, wodurch einem starken Bedürfnis entgegengekommen und einem lebhaften ZlZunsch der Stadtverordneienversammlunss entsprochen wird. Diese Musikalicw ausleihestelle richtet die Stadt nicht selbständig ein, sondern sie zahlt dem Berliner Tonkünstlcrverein jährlich 2600 M., wofür dieser die neue Musikalienausleihestelle mit einem Grundstock von 2000 Nummern(Noten und musikwissenschaftliche Werke) ausstattet, außerdem den Bewohnern Charlottenburgs die unentgeltliche Mit- bcnutzung seiner 14 000 Bäirde umfassenden Bibliothek in der Zietenstraße 27 zu Berlin gestattet und die Ausgabe der Musikalien durch zwei seiner Beamten an drei Wochentagen während je dreier Nachmittaasstunden bewirkt. Die neue AuSleihestelle in der Kaisertn-Augusta-Allee bietet auch genügenden Raum für die Ein richtung einer ZeitungSlesehalle, womit zur Erfüllung eines alten Wunsches der Stadwerordnetenversammlung nunmehr wenigstens der erste Schritt geschieht. Ebenfall Zustimmung fand nach dem Bericht de» Ausschusses die Vorlage über die Beteiligung an der Errichtung eines deutschen Stadions. Die Gcsamtkosten des Stadions werden sich auf zwei Millionen Mark b?laufcn. Der Unionklub, der das Stadion nach seiner Fertigstellung dem deutschen ReichSausschuß für olympische Spiele E. V. zur ausschließlichen Benutzung überlassen will, ver- langt von der Stadtgcmeinde die Uebernahme einer Zinsgarantie in einer Höhe von jährlich 15 000 M. Hierfür soll der Stadt- gemeinde das Stadion mit seinen sämtlichen Einrichtungen, ins- besondere auch das Schwimmbassin, an allen Tagen, an denen keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden, zur freien Be- Nutzung überlassen werden. Außerdem wird es in den Monaten April bis Oktober an mindestens 120 Tagen, worunter sich sechs Sonntage befinden müssen, der Stadt zur Verfügung sieben. Die Stadt kann auch öffentliche Vorführungen auf dem Staoion ber- anstaltcn oder durch Schulen und Vereine veranstalten lassen. In die fiir die Verwaltung des Stadions eingesetzte Finanzkommission tritt je ein Mitglied des Magistrats und der Stadtverordneten- Versammlung ein. Im Ausschuß wurde vom Magistrat die bündige Evklär�ung abgegeben, daß für die Vergebung bei Stadions an Ver- eine keine anderen Grundsätze in Frage kommen sollen, als sie jetzt für die städtischen Spielplätze gelten. Dadurch ist die Behandlung ver Arbeitersport- und Arbeiterturnvereine nach dem Grundsatze gleichen Rechtes gewährleistet. Bei dem notorischen Mangel an Spielplätzen und Schwimmgelegenheiten in unserer Stadt ist die Errichtung und Freigabe des Stadions nur zu begrüßen. Deshalb stimmten auch unsere Genossen der Borlage zu. Eine besondere Diskusston entfesselte dann noch die Vorlage, die zur Herstellung einer Akkumulatorenbatterie und einer Moore- Lichtbeleuchtung für den StadtverordnetensitzunaSsaal 21 000 M. verlangte. Die Akkumulatorenbatterie, die 6000 M. kostet, soll dazu dienen, falls durch eine Störung im Elektrizitätswerk der Strom ausbleibt, die Beleuchtung aufrecht zu erhalten und da» durch die Weiterführung der Verhandlungen zu ermöglichen; die Moore-Lichtbeleuchtung, deren Einrichtung 15 000 M. kostet, soll über der Glasdccke angebracht werden, wodurch man eine gleich- mäßige Helligkeit von sehr angenehmer Lichtwirlung zu erreichen hofft. Die sonst sehr tadelsüchtigen bürgerlichen Herren Stadt- verordneten erklärten sich aber mit der vorhandenen Beleuchtung zufrieden und äußerten auch ein unbegrenztes Vertrauen zur Sicherheit des Betriebes des städtischen Elektrizitätswerkes, so daß die Einbauung der Akkumulatorenbatterie eine übertriebene Sicher- heitsmatzregel sei. Dieselben Herren, die bei anderen Gelegen- heilen sehr leichtherzig nicht nur Hunderttausende, sondern sogar Millionen ausgeben, glaubten hier einmal sparen zu lönnen und ergingen sich in Lobeserhebungen über die gegenwärtige Beleuch- tung. Hebet 40 Millionen beträgt bereits der Charlottenburger Etat; kommen noch diese 20 000 M. hinzu, so läge Gefahr vor, nicht mehr mit 100 Proz. Einkommenstcuerzuschlag auskommen zu können. Die Vorlage wurde fchließlich einem Ausschuß überwiesen. dem von unseren Genossen die Stadtverordneten Z i e t s ch und Vogel angehören. Wilmcrsdorf-Halenfee. Die Stadtverordnetenversammlung hielt am Mittwoch ihre letzte Sitzung vor den Ferien ab. Bevor man in die eigentliche TageS« ordnung eintrat, kam der Borsitzende Dr. Kock auf eincii Zivischcn« fall in der vorigen Sitzung zurück. Stadtv. Dr. Wolfs hatle in der Erörterung über die Verwendung des JoachimSthalschen Grundstückes gesagt, daß er in seinem Ehrenamte nie Privat- tnteressen wahrgenommen habe, jedoch von anderen Stadtverordncien das Gegenteil beweisen könne. Der Vorsitzende erklärt«, daß ihm diese Aeußerung in der Unruhe entgangen sei, sonst würde er sie gerügt haben. Hiermit ist allerdings immer noch nicht festgestellt, ob Herr Dr. Wolff gesonnen ist, seine Drohung wahr zu machen und eine Anschuldigung zu bekräftigen, die am wenigste» doch ein Jurist in die Welt schleudern wird, wenn er sie nicht beweisen kann. Die Versammlung nahm hierauf eine MogistratSvorlage an, wonach die Stadtgemeinde am 1. April IVtS aus der Branden- burgischen Witwen- und Watsenversorgungsanstalt auszuscheiden»nd bis dahin einen eigenen Fonds für die Versorgung ihrer Beamten- Witwe» und Waisen zu gründen hat. Sodann befaßte man sich in zweiter Beratung mit der Magiftrarsvorlage betreffend den Erwerb des neuerbauten Elektrizitätswerkes, und hieran schloß sich die zweite Beratung einer anderen MagistratSyorlag« betreffend den Abschluß cineS Vertrages mit der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen über die Lieferung der elektrischen Energie für die Verlin-WilmerS- dorfer Untergrundbahn. Der Magistrat hatte in seiner Borlage den Ankauf deS Werkes enipsohlcn, wohingegen die Mehrheit der Stadtverordnetenvcrsamm- luug von diesem Schritt nichts wissen wollte. Als die Angelegen- hcit nach der ersten Lesung an den Finanzausschuß ver- wiesen wurde, hatte der Magistrat sich bereits eines anderen besonnen und auf die Uebernahme verzichtet. Es kam nun ein Nachtragsvertrag zu dem am 22. Juni 1910 mit der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen abgeschlossenen Bertrag zustande, wonach diese Gesellschaft das neuerbaute Werk der Elektrizitätswerk Südwest-Wkliengesellschaft zu übereignen hat; diese Gesellschaft bleibt bis zum Jahre 1928 im Besitze des Werkes. Als Gcaenleistung für den Verzicht aus den Erwerb verpflichtet sich die Geicllschast für elektrische Unternehmungen, der Stadt Wilmersdorf »ach deren bis zum 80. Juni 1913 zu treffenden Wahl ent- weder 400 000 Mark Aktien des 7 500 000 Mark betragenden Atticnkapital« zum Kurse von 150 Proz. z» überlassen oder der Siadt eine Barentschädigung in Höhe von 400 000 M. auszuzahlen. ür alle etwa entstehenden Streitigkeiten zwischen der Gesellschaft r elektrische Unternehmungen oder der Elektrizitätswerk Südwest- soll ein Schiedsgericht zuständig fem. jedoch steht beiden Vertrag schließenden gegen die vorläufige Entscheidung der ordentliche Rechts weg zu. Der Berichterstatter Stadtv. Härtung suchte eingehend dar zulegen, daß dieser neue Vertrag da» vorteilhafteste sei, wenn man berücksichtige, daß die Gesellschaft Südwest bis 1923 vertraglich noch dpS Recht habe, die Kabelanlagcn in den Straßen Wilmersdorfs zu benutzen; eine Uebernahme de« Elektrizitätswerks hätte sich nur dann empfohlen, wenn es möglich gewesen wäre, sich wegen eines gemein sanieu Betriebes mit der Stadt Schöneberg zu einigen. Wenn Wilmersdorf nun auf die zum Kurse von 150 Proz. erworbenen Aktien, was zu erwarten sei, 13 bis 14 Proz. Dividende jährlich er- halle, so mache eS jedenfalls ein vorteilhaftes Geschäft. Stadtv. S ch r ö d e r(Soz.) erklärte, daß nach seiner Meinung die Wirkung des neuen Vertrages namentlich in späteren Jahren nicht so günstig sein werde, wie es jetzt den Anschein habe. Aber hiervon obgeiehen, vertrete er die Auffassung, daß eine Stadtgemeinde grund- sätzlich öffentliche Werke in Besitz zu nehmen und auf eigene Rechnung zu betreiben habe. Die beiden zur Beratung stehenden Borlagen wurden nach einer Entgegnung der Stadtvv. Leidig und Härtung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Demokraten angenommen. Weiter beschloh die Versammlung die Einsetzung einer gemischten Deputation für die Durchführung deS Seeparkprojekts. In geheimer Sitzung wählte die Versammlung eine gemischte Deputation für die Verwertung des JoachimSthalschen Ghm- >i a s i a l g r u n d st ü ck S. Dieser Deputation gehört u. a. Genosse Schröder an. I» der Generalverslitnmlung des Wahlvercins erstattete der Vor- stand sowie die verschiedenen Ausschüsse über ihre Tätigkeit im letzten Geschäftsjahre Bericht. Zu einer lebhaften Erörterung kam es über den Bericht deS BilduiigsausschusseS, doch wurde diese An- gelegenheit sowie die Berichterstattung der Stadtverordneten der vorgerückten Stunde wegen vertagt. Bei der Neuwahl des Vor- standes wurden gewählt zum 1. Vorsitzenden W. Schröder, zum 2. Vorsitzenden O. Riedel, zum Kassierer R. GoddäuS, zum 1. Schnftführer K. Tuckermann, zum 2. Schriftführer A. Riedel, zu Beisitzern Gladigow und Frau Markewitz. Neukölln. Bom Tode des Ertrinken? gerettet. Vorgestern abend gegen >/z9 Uhr fiel die 9 Jahre alte Tochter des Portiers Lindner, Stein- metzstr. 4, beim Spielen in den Stichkanal an der Tenpitzer Brücke. Der vorübergehende Elektrotechniker Artur Erpff sprang sofort nach, und rettete das Kind, welches das Bewußtsein verloren hatte, vor dem sicheren Tode. Wiederbelebungsversuche, die sofort angestellt wurden, waren von Erfolg gekrönt. Steglitz. In der Generalversammlung deS Wahlvereins erstattete Genosse Pieck den Jahresbericht deS Vorstandes. Die Vorbereitungen zur ReichStagSwahl und zur Gemeindewahl nahmen einen großen Teil der Jahresarbeit in Anspruch. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Ausbau de» Vortragswesens gewidmet. In den 12 Mitglieder- Versammlungen wurden neun Vorträge gehalten. In den 11 Zahl- abenden wurden ebenfalls regelmäßig kurze Vorträge über leicht faßliche, zur Diskusfion anregende Themata gehalten, und zwar in ollen 11 Bezirken gleichzeitig über da» gleiche Thema. Für die Referat« wurden rednerisch befähigte Genossen deS Wahl- Vereins herangezogen, denen mehrere Wochen vor dem Vortrage von einem erfahrenen Genossen über den Aufbau, über die leitenden Gedanken und über die vorhandene Literatur ein instruktives Referat gehalten wurde. Diese Einrichtung hat sich sehr gut bewährt, die Zahlabende sind dadurch nutzbringend gestaltet morden. Auch in den 10 Frauenleseabenden wurden regelmäßig Vorträge gehalten. Der Versammlungsbesuch war nicht immer be- friedigend. Die Bibliothek umfaßt 284 Bücher und 149 Broschüren, sie wurde 281 mal benutzt. ES fanden 14 öffentliche Versammlungen und 17 Flugblatlverbreitungen statt. Zur Gewinnung von Partei- Mitgliedern, Vorwärtslcsern und Mitgliedern für einen Verein Ar- beitcrjugendheim wurden drei HauSagitalionen vorgenommen, die aber leider nicht den erhofften Erfolg brachten. Trotzdem 253 Auf- nahmen für den Wahlverein gemacht wurden, stieg die Zahl der Mitglieder nur um 45. die Zahl ber BorwärtSleser um 145. Die Neuwahlen ergaben folgende Zusammensetzung des Vorstandes; 1. Vorsitzender: SS. Alferniann, 2. Borsitzender: LS. Pieck, I.Kassierer: H. Spließgardt, 2. Kassierr: H. Bernsee, 1. Schriftführer: M. Peter«, 2. Schrififuhrcr: G. Zechert, Beisitzer: K. Zachow, Beisitzerin: Frau Geiseler. Bibliothekar: F. Krug. Nachdem der Bildung«- und JugendauSschutz seinen JahrcS- bericht gegeben hatte und die Genossin Schulz sowie die Genossen Haenisch und Pieck in den Ausschuß wiedergewählt waren, gab uoch eine von Genossinnen gebildete Kommission für Kinderferien- spiele bekannt, daß während der großen Schulferien jede Woche DienSiagS, Donnerstag« und Freitags Spiele und AnSflüß» unter« iiommen werden, wozu sich die Kinder nachmittags um Vz2 Uhr am Bahnhof(ErfrischungShalle) treffen. Ober-Schönctveide. Die Gcmeindc-Flussbadeanstalt ist nunmehr in Betrieb genommen worden; die Badezeiten sind wie folgt festgesetzt worden: für Herren 6—10 Uhr vorniiltogS und 12—3 und 5—8 Uhr nachmittags; für Damen 10—12 Uhr vormittags und 3—5 Uhr nachmittags. Gebühren werden erhoben für Erwachsene 10 Pf., mit Zellenbenutzung 20 Pf., 'ür Kinder 5 bezw. 10 Pf. Dir Wahl deS besoldeten und der beiden unbesoldeten Schöffen (oll am 2. Juli durch die Gcnieüidedertretuiig vorgeiiomiiien werden. In derselben Sitzung wird auch über die Gültigkeit der sechs Ge- meiiidevcrtrcterwahlcn Beschluß gefaßt werden.' Die Einsührung derselben in der gleichen Sitzung wird jedoch nichl stattfinden, da gegen diesen bislang geübten Brauch in der letzten Sitzung Ein- ivendungen gemacht wurden, sie dürfte sonach erst nach den Ferien 'tatlfinden. Petershagen bei Fredersdorf. In der Gcmcindcvcrtretersitzung wurden die Bauzeichnungen für die zu errichtende Leichenhalle sowie für eine Abortniilage auf dem Schulgrimdstück vorgelegt und beschlosien, zur Einseiiduug von Kosleiianschlngen öffentlich aufzufordern. Für die Pflasterung des EggerSdorser Weges vom Fließ bis zum vorhandenen Pflaster waren zwei Offerten eingegangen. Bei dieser Gelegenheit produzierte sich >er Schöffe Herr Bresek« wieder einmal als Kapitoiwächler, indem er wünschte, daß die doch bereits beschlossene Pflasterung bis zum Frühjahr verschoben werden sollte, da einmal die Gemeinde schon genügend belastet sei, andererseits aber von Freders- dorf neu« Projekte bezüglich deS ChauffeebaueS von Vollensdorf nach Eggersdorf gemacht worden seien. Demgegenüber betonten unsere Genossen, daß die Gemeinde nachgerade seit 13 Jahren genug gefoppt worden sei und ihre Angelegenheiten schließlich selbst durch- zubringen versuchen müsse. Lediglich au« dem Grunde, um Gewiß- heit zu schaffen, waS der Kreis und die Provinz eventuell für Bei- Hilfe leisten, erklärten sich unsere Genossen einverstanden, daß die Angelegenheit auf kurze Zeit zurückgestellt wird. Betreffend Zuführung von elektrischem Strom durch die Stadt Lichtenberg wurde beschlossen, innerhalb einer bestimmten Frist von dieser eine Erklärung zu ber- langen, wann resp. ob sie die Sache in Angriff zu nehmen gedenkt. Von einem Grundbesitzerverein in PeierShagen war ein Antrag ein- egangen, beim Postamt in Neuenhagen vorstellig zu werden, daß e« Zustellung und Abholung von Postsache» das Dorf und die Kolonie» gleichmäßig behandelt werden sollen. Von unseren Genossen Ivurde der Antrag dahin erweitert und von der Vertretung auch an« genommen, daß an die zuständige Postbehvrde das Ersuchen ge- richtet wird, einen NachbarorlSverkehr zwischen Fredersdorf, PeicrS- Hagen mit seinen Kolonien sowie Neu-VogelSdorf einzurichten. Bekannt gegeben wurde noch, daß der von den Gemeinden PelerS- Hagen und Eggersdorf gestellte Antrag auf Ablreimung vom Amt den Gebäude beseitigt. Die Ablöschung»- und AufräumungS-> Aktiengesellschaft einerseits und der Stadt Wilmersdorf andererseits I Fredersdorf und Errfchtung eines eigenen Amtsbezirkes vom Laub- ..r..lt.>—«•—---— J.-i.T-- c.n.i-...ni-vi« t.:_------- m„.---- I lQj abgelehnt worden ist. Pankow. Dir Hiebe, die in der letzten Gemeindevertretersitzung gelegenk- lich der Beschlußfassung über die Gültigkeit der Nachwahlen im Mai von unserem Redner den bürgerlichen Wahlmachern vcrab- folgt wurden, haben gesessen. Die Empfänger quittieren hierüber im hiesigen Ortsblättchen. Herr Herbert Schmidt, Vor- sitzender der Ortsgruppe Pankow vom Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, und ein Herr Wehle stellen sich in einem„Ein- gesandt" der„Neuen Borortzeitung" als die Leiter des„Arbeits- ausschusses des Wahlkomitees der bürgerlichen Vereine" vor. In dieser Eigenschaft fühlen sie sich verpflichtet,„sachliche Unrichtig- ketten" zurückzuweisen. Sie tun dies denn auch in der diesen Herrschaften eigenen Art, wobei es auf ein paar Verdrehungen und unwahre Behauptungen nicht ankommt. So wenden sie sich unter anderem gegen die Feststellung unseres Redners, daß bei der Nachwahl von bürgerlicher Seite TcrroriSmuS schlimmster Art gegen die Beamten in Anwendung gebracht wurde. Die fortgesetzte Mahnung an letztere, daß..NichtWähler die Sozialdemokratie unterstützen", sei lediglich erfolgt, um eine Schwächung der Bürger- lichen durch Fernbleiben von der Mahl zu verhüten.„Irgend, welcher Terrorismus sei dadurch wahrlich nicht ausgeübt werden." Dann folgen einige Schaunischläge- rcien über sozialdemokratischen Terrorismus und Unierdrückuna der Meinungsfreiheit in der sozialdemokratischen Partei, waS durch mehrere unrichtige und verdrehte Zitate aus Parteitagsprotokollen zu belegen versucht wird. Hierauf wird dann weiter die unwahre Behauptung aufgestellt, unser Redner habe den Bürgerlichen zum Vorwurf gemacht, daß sie bei der Wahl geschleppt hätten. Tat- sächlich ist aber nicht gegen das Schleppen an sich— was völlig widersinnig gewesen wäre— sondern gegen die t e r r o r i- st i s ck e A r t und Weise, in der dies geschehen ist, mit vollem Recht Einspruch erhoben worden. Am Schluß ihres Elaborats versichern dann die Herren Einsender überilüssigcimzeise, daß sie auch bei zukünftigen Wahlen in derselben Weise wirksam zu sein gedenken. Ein anderes„Eingesandt" in derselben Nummer, aus dessen blöde? Geschwafel ein Eingehen sich nicht verlohnt, stammt von den sogenannten„Drei Getreuen", die schon in der Wahl. bewegung durch ihren damals im Ortsblättchen verzapften Unsinn zu Heiterkeit anregten. Noch einige Worte an die„Neue Vor- o r t z e i t u n g". In ihrem Bericht über die letzte Gemeindever- tretcrsitzung nahm sie sich sehr warm ihrer von unserem Redner hart mitgenommenen freiwilligen Mitarbeiter an. DaS kann ihr nicht verübelt werden. Wenn sie aber sagt, daß cS von unserem Redner nicht am Platze war, mit ironischer Betonung vom„unparteiischen" OrtSblatt zu sprechen, da sie Zur Genüge ihre Unparteilichkeit be, wiesen, so muß doch darauf verwiesen werden, daß die„Neue Vor- ortzeitung" allerdings seit etwa einem Jahre unserer Partei gegenüber gegen früher etwas zurückhaltender war. daß aber in letzter Zeit viese Besserung im Schwinden begriffen zu sein scheint. Denn dadurch, daß jetzt in der Rubrik„Eingesandt" unter Aus- schluß der redaktionellen Verantwortlichkeit auf unsere Partei lustig losgedroschen wird, ist an der Sache selbst wenig geändert. Und unser Redner war schon im Recht, wenn er diese Art«Unparteilich- keit" ironisch behandeln zu müssen glaubte. Nowawes. Beim Gcwcrkschastsseft am Sonntag ist auf dem Festplatze eine Taschenuhr verloren worden. Der ehrliche Finder wird gebeten, die- selbe beim Genossen Biete, Pricsterstr. 40b abzugeben. Eine neue Kirche will die evangelische Friedrichkirchgemeinde auf dem an den alten Friedhof grenzenden Teil des Plantagen» Platzes, den sie vor Jahren von der politischen Gemeinde gegen den Protest der sozialdemokratischen Gemeindevertrcter als Geschenk erhalten hatte, erbauen. Mit dem Bau soll spätestens im nächsten Frühjahr begonnen werden. Da damit jedenfalls ein noch schärferes Anziehen der Kirchensteuerschraube verbunden sein wird, so steht mit Sicherheit eine Zunahme der AuStrittSbewegung zu erwarten. Französisch- Buchholz. Dir Gemeindevertretung genehmigte in ihrer letzten Sitzung zu» nächst den Abschluß eines Vertrages nnt der Firma Simon u. Co. betr. Pflasterung der Pasewalker Straße. Die Arbeiten sind bereilS seit vier Wochen in Angriff genommen und müssen am 1. September diese» Jahres fertiggestellt sein. Ueber einen bereits am 9. April verhandelten und einstimmig abgelehnten Antrag auf Bewilligung eines Beitrages zur Nationalfliigspende hatte die Vertretung aber- malS zu beraten. Unser Genosse beantragte wiederum Ablehnung deS Antrages. Diesmal hatten jedoch sieben bürgerliche Herren ihr patriotisches Herz entdeckt; mit sieben gegen füni Stimmen wurde beschlossen, 200 M. aus Gemeindemittcln zu bewilligen. Bor einiger Sleit wurde die Straßenbahn ersucht, deS Abends vor dem Buch- olzer Wagen den Pankower Einsetzwagen fahren zu lassen; das wurde von der Gesellschaft abgelehnt mit der Begründung, daß da- durch der Nieder-Schönhauser Verkehr gehemmt würde. DeS weiteren lehnte die Gesellschaft ab, abends nach 9 Uhr den 20 Minuten- Verkehr einzurichten. In geheimer Sitzung wurde der mit dem Ingenieur Dietz wegen Ausarbeitung de» KanalisationSprojekleS abzuschließende Vertrag beraten und festgelegt, daß die Ausarbeitung in süuf Monaten fertiggestellt sein soll. Mitgeteilt sei, daß Franz.-Buchholz seit einigen Wochen zum Po st bezirk Groß-Berlin gehört; eS besteht dadurch mit den dazu gehörigen Orten der 6 Pf.-Tarif. Zernsdorf. Am Sountag, den 30. Juni, feiert der Gesangverein.Freie Sänger" sein neuntes Stiftungsfest in dem uns einzig zur Ver- fügung stehenden freien Lokal von I. Knorr, Da für reichliche Unterhaltung bestens gesorgt ist und der Verein auch jederzeit der Partei und den Gewerkschaften zur Verfügung steht, werden die Parteigenossen und Sangesfreunde ersucht, rech» zahlreich zu erscheineu._ Jugendveranstalttmae». Dempelhos-Mariendorf. Am Sonntag. 30. Juni: vadeparti« nach dem Wannsee. Treffpunkt sür Tempclhos: 1 Ul>r Friedrich. Karl-Dw., Ea« Bcillner Straße, für Marien dorf!'1,2 Uhr Bahnhol Maricudorf. Abmarsch »on hier'1,2 Uhr nach Bahnhos Steglitz. Badezeug mitbringe». Fahrgeld hin und zurück l>0 Pf. Bmfkarten der Redaktton. F. N. 100. Die Anzahl der Maimschaften und Unleroifiziere sind im Etat festgesetzt. Die Zahl der Ecsreltcn richtet sich nach der Stärk« der Batterie.— Lorenz 22. Im Dezember 1912?— JJ. B 88. Der Dienstag und zweite Mittwoch Im Monat Ist der Partei, der Donnerstag den Gcwertichaitcn zu Beranstaltungen und verfammbuiaen reserviert; alle übrigen Tage unterliegen der freien Bercinbarung.— Willi R. Für die Unterbeaiiilcnlauckahn genügt Gcmiwdkschulbildnng. Zur Karriere in der niitllercn Beamtenlansbalm gebort mindestens da» Reisezeugnis zur ersten Klasse einer sechSstnfig.'ii öffenllichen höheren Lehranstalt.— j. El,. 118. Aluminium ersordcrt beim Lblen eine besondere Sorgsali. Ein Fachinaim wird Ihnen darüber AuSlunst geben köniien.— E. I. 1. U»Z ist Nach- teiiigcS nicht bekannt. Im übrigen lehnen wir AuStünste über geschäitliche Unternchnumgen ab.— 9t. G. 100. Im Adreßbuch II. Teit finden Sie die gewünschten Beretne verzeichnet.— M. M. 1900. Nein. — W. F. 100. und N. 14. Wenden Sie sich an die Zentrale sür Nu»- «anderer, Karlsbad 9/t0.— H. 1. Sie müssen die Liste bei Ihrem Kol» Ickicur einsehen.— O. Z. 48. Wenden Sie sich an da» Waisenhaus in der Alten Liakobstraße.— B. 100. Dt« Buchhandlung Vorwärts wiid Ihnen aus Ersuchen einschlägige Werke nennen.— E. 100. 20.— 22. Juli. — O. K. 57. Nein. Sie und Ihre anderen benachteiligten Acschwister können nach dem Tode der Mutter den Pflichtteil verlangen.— 85 8. 1. Ja. sallS grobe Undankbarkeit nachgewiesen werden kann. L. Der(Sc- lichtSlostenvorschiitz würde t,b0 M. betragen.— H. L. 210. 1. Der Ebc. scheidimgs grund wegen Geisteskrankheit entsteht erst, fall« diese drei Jahre andauernd und unheilbar ist. 2. Ja, falls das Geld ans Ihren Mitteln bingegebcn ist und die Gegenlelte Rückzahlinia nicht beweisen kann.— D. 1. 1. Ja. 14 Tag«. 2. Ja.— 80. S. 80. 1. Ja. 9. Zur Vermeidung unrichtiger, vielleicht höherer at» nach dem tatiächiichen Verdienst zulässiger MnschätziiNg ja.— F. K. Sie haben u. E. Anspruch auf Itlägige Kündigung— F. g. Wut für rin Jahr, müssen aber vor MIaus diese» JahreS der Direktion Mitteilung machen�— R. SS. ES kann Befreiung erfolgen. Antrag ist bei dem Magistrat bezw. Kemeindevorstand cinzu- reichen.— W., Hrrmsdarf. Für die Witwe t0 Monate. Für den Mann bestebt eine Wartezeit nicht.—<9. C. 37. Ja.- A. M. 100. Für den Abdruck der ganzen Gesetzesbestimmung reicht der Raum des Bries- kastenS nicht aus. Ihre Angaben sind auch unvollständig. Kommen Sie in die Sprechstunde.— G. K. 8. 1. Der Reisende hat die Provision nur sür die von ihm vermittelten Geschäfte zu beanspruchen. 2. Ja. 3. Die Karte mutz jedesmal innerhalb zwei Jahren umgetauscht sein, autzeroem müssen mwdrsten» 20 Mark entwertet sein: andernsalls verlieren Sie Ihre Anrechte.__ Marktbericht von Berlin am'ZG, Juni 1912, nach Ermittelung des köntgl. Polizeipräsidiums. Marklhalicnpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,— 50,00. Spcisebohnen, iveitze, 30,00—60,00. Linsen 40,00-80,00. Kartosiein(Kleinhdl.) 9,00—15,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rtndsleisch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,60— 2,40. Buiter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,20— 4,60. 1 Kilogramm Karpsen 1,20-2,20. Aale 1,00—3,20. Zander 1,20-3,60. Hechte 1,20—2,80. Barsche 0,70—2,00. 4,00-30,00. Schleie 1,40-3,20. Bleie 0,80—1,00. 60 Stück Krebse WitteruugSüberflcht vom 27. Juni 1918 g«etter Swinemde. Hamburg Berlin Franks.a.M. München Wien NW 766WSW 766 NW 767SW 768 NÄ 7S4WR« Iwolkig 2cheiter Z.beiter liDunst Ähalb bd. 5!bedeckt äm t- mS> Ctottonen |S 1 � I- Haparanda Petersburg Scilly Aberdeen Paris 765 764 763 762 768 cl 8? SSW NNW SSO Still Vetter wolkenl bedeckt bedeckt wölken! wölken! t"- ß? w« 17 20 14 14 14 Wetterprognose für Freitag, den 28. Juni 1912. Warm und zunächst vorwiegend heiter bei mätzigen südlichen Winden; später wieder zunehmende Bewölkung und etwas Neigung zu Gewittern. Berliner Wetterbureau. WaflerftandS-Rachrichte« der LandeSanflalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wctterburcau. ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—') Unterpegel. unseeShnlicb billig Preise, äußerst günstige Knnlgelegenhett. morgen.— Blusen-Anzüge f?,ircatet. w"aä,'oa: 70 pt. Blusen-Wasch- Anzüge � m. 1 30 gestreift, Kragen mit schöner Garnierunfc O Ot� .... Einheitspreis M.£0 in vielen Formen und Mustern,*5 tür 3—8 Jahre, Einheitspreis M. � Prinz-Heinrich-W asch- Anzüge«s. n WasChStoffe, mit GoltikeÖpfcn für 3— 8 Jahre, Einheitspreis � Einzelne Waschblusen 45 Pf. Einzelne Waschhosen 3aubl8 fär« K mÄ so' 45 Pf. Satin-Sporthosen.Wr. 3.1?f.r!. 1 60 für 9—12 Jahre Einheitspreis................. M. 1 95 Matrosen-Wasch- Anzüge für 3—8 Jahre............ 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Schiller- Ehester Eharlottcnbnrg. Das Konzert. Lustspiel in 3 Slktcn von Herm. Bahr. 'Ansang 8 Uhr. Ende 10',. Uhr. Morgen und folgende Tage: Dan Honaisrt.. Neues Theater. Abend» 8 Uhr: Ter liebe Augustin. Operette von Leo Fall. berliner Theater. Abend» 8 Uhr: Grotze Rosine«. fgMivijei'WiiMiZi'Mö Abend» 8 Uhr: Die 5 Frankfurter. Reictishailen-Thealer. Stettiner SJiiiKor Zum Schlich neu: Sanatorlom Honneuatlch. . BurleSle von Meysel. € Ansang Wochent. 8, Sonntag» 7'/, Uhr. Residenz-Theater. 8 Uhr: IKLA Intern. KongreO Lebender AbnormilSten. Die grölte Ausstellung lebender Naturwunder von 10 bis 10 Uhr{ in den Gesamtrftumen des Eintritt,(lies inkl. cn Pf j Kinder, Sold. 25 Pf. 3"'| « s Alles für die Lima. Schwank in 3 Akten von M. Henliequin und K. Mitchell. Morgen it.(olgenbe Tage: Alles für die Firma. GARTEN Tätlich nb 4 Uhr: Großes Mililär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 M. von abends 6 Uhr ab BO Pf.; Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Johres-Ahonnement an allen drei Schal terkassen. IOSE=THEATEI Grotze Franfinrler Str. 132. Ansang 8 Ubr. unä Morgen. Ans der Gartenbühne:-HSA In hu! Es ist erreicht! Gr. Revue. Metropol-Tliegter, iaielKier! Phantastisch musikalische Komödie in 3 eilten au» dem Engltschen völlig srei bearbeitet von I. Freund. Musif vonR. Nelson. U. a. Tänze v. W. Bishop. In Szene gesetzt vom Dir. Zl. Schultz. Ansang 3 Uhr. Rauchen gestattet. |UNA 1ARK Morgen Sonnabend Elitetag mit Pracht-Feuefwerk. (Deichmann& Gallwitz.) 3ohnstOMs Untergang ohne Extra-Entree. noch 3 Tage! Ab 8 Uhr. 10 große Attraktionen. Karl Edler mit seinem Kollegen.Nicki". Paul Beckers usw. Hadenbeck's Indien Täglich geöffnet von 11 Uhr vormittags bin 11 Uhr abends. Haupt-Vorstellunaan: 11'/, Vm., Nrn. 3, 4'/„ 6, VI, u. 9'/, Uhr. Doppelkonzert Kgl. Obermnsikmeisters a. D. tinstav OflTeney. Fußgänger-Promenade SO Pfg. Keserv. Sitzplätze: Loge 2.—, I. Trib. 1,50, II. 1,—. Kinder u, Militär die Hälfte. Uobeacbräukter Aofenttaalt. Voigt-Theater. Gesundbriinucit Badstratze 58. Heute sowie täglich: Die Tochter der%tit Gr. rom. Ausstattungsstück m. Tanz tind Gesang in 5 Bildern. Neue BeleuchtuiigSessekie usw. usw. u. d. grotze Spezialitälen-Prograniin. Kassenerössnung 2 Uhr. Ans. 4 Uhr. Aämirnlspslsst am Hahnhof Friedriohstraße, x. Z. einziger GiapalaHt. Angenehm kühl Aufenthalt *> Hente: O � Vorstellungen! Nachmittags und abends; „Yvonne", Eis-Ballett Bis 6 Uhr und von 10*/. Uhr abends halbe Kassenprelso. ItcMtanrant 1. Ranges Wein- und Bier-Abteilung. Köuigstadt-Kasiuo. Ecke Holzmarlt- u. Zllexanderstr. Täglich: Ikester und Variete. Ansang Wochentag» 8, Sonntag» 5 Uhr. Vom 16. Juni bi« 1. Juli: llrklass. Svezialitäten u.„linsen a. d. Süden", gr.Opcrcttenbui lcSkc Flur den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktio» dem Publikum gegenüber keinerlei Berautüiortnng. 8 ======= Verwaltung Berlin.===== Maschinenarbeiter. Montag, den 1. Juli er., abends 8 Uhr: staßviMwckvnilicKo Branchcn-Vcrfamnitung in den„Andreas- Fest slilen", Andrcasstr. 21: _ Tagesordnung: SV„Die Unfallgefahrc» in der Holzindustrie"."WA Referent: Kollege A. Ralth-OTündjen. Verbands- und Branch enangclegenheiten. •älSF' Da zu dieser Versammlung die Vertreter der BerufS- genoisenschaften und Gewerbeiuspcktione» eingeladen find, erwarten wir von den Kollegen, daß Mann für Manu erscheint. Sb/19*___ Die Kommission. NW" Die Wander- Ansstellnn�-:»Die Unfallgefahren in der Holzindustrie� im„Gcwcrkschaftshaus"(Saal 3) ist täglich geöffnet von 9—1 und 4—9 Uhr. Sonntags von 9—1 Uhr."Mgl Modell- und Fabriktischler. Montag, den 1. Juli er., abends pünktlich 8 Uhr, im„Koscnthalcr Hof", Roscnthaler Str. 11/12: Branchen- Vcrfcimtiilungo Tagesordnung: 1. V o r t r a g des Kollegen DiitI» über: „Die Krankenkassen in der Rcichsbersicherungsordnung". 2. Verbands- und Branchenangclegenhcitcn. Die Modclldrechslcr sind zu dieser Versammlung hierdurch besonders eingeladen. Die Ortsvemvaitnnx. Verband der Brauerei- u. liiüblcnarbeitci und verwandter Berufsgenoiien.-KIK Geschäftsstelle: C. 54, Mulackstr. 10.— Fcrnspr.: Amt Norden 4518. Sonntag, den 30. Jnni 1912, nachmittags VI, Uhr. im Gcwerk° schaftshaus, Engelufcr 13, großer Saal: �nitKlieÄef-VersÄmmlunx. � Tagesordnung: i Kericht vom NerblUldstage. 2.Veliialidsangr!rgt!lhtlttU. Es ist Pflicht aller Kollegen, in dieser Versammlung zahlreich und pünktlich zu erscheinen. 43/0 Die DrtsverwaUnnß:. Zciilrlillittbaiid der Mnschiliistkli fsriict faiuic ÖctiifDüniofcii Dkiltslhiliiids === Verwaltungsstelle Berlin.===== Sonnabend, den 29. d. M., abends S1!, Uhr, in den Arminftallen, KommandlNiienstr. Sdi/39: Jortselzung der hkelMllelillililieli Deneral-Versammiung vom 8. Juni. Tagesordnung: Bericht der Fünfcrkommission, Wahl der Kuratoriums- Mitglieder sür den Arbeitsnachweis.— Die Mitglieder werden dringend ersucht, zahlreich zu erscheinen. —— mtgllcdsimch legitimiert.———• 145/19 Die Verwaltung. Zentraberband der Dachdecker Verwaltungsstelle Berlin. Sonntag, den 30. Juni, vormittags 10 Uhr, im Gewcrkschafts- Hause, Engcliifer 15, Saal 1:_ mr Versammiusig"MZ der Dachdecker und Hilfsarbeiter. Tagesordnung: Welche Stellung nehmen wir jetzt zu dem Verhalten unserer Arbeit- gcbcr ein.— Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. 51/15 Der Vorstand. m Äröeiter- RaiMrer- Ortsgruppe Berlin. Touren zum Sonntag, den 30. Juni. 1. Abt.: 5 Uhr: Prieros(Bruder), 1 Uhr: Schmöckwitz(Noack). Start: Bülowstr. 58. 2. Abt.: 5 Uhr: Teupitz(Tornows Idyll), 12Uhr: Schenkendors(Pätsch). Start: Schönleinstr. 0. 3. Abt.: 0 Uhr: Bcrgluch(Dampf- schiff), 1 Uhr: Rahnsdorf(Neuer Krug). Start: üausitzer Platz 11. 4. Abt.: 6 Uhr: Lanke(Wetzkcr), 1 Uhr: Gorinsee. Start: Küstriner Platz. 5. Abt.: 0 Uhr: Oranientour, 10 Uhr: Vellen. Start: Elystum. 0. Zlbt.: 0 und 12>/z Uhr: Wandlitz (Seekrug, Badc(our). Start: Oder- berger«tr. 28. 7. Abt.: 5 Uhr: Fürstenwalde— Rauener Berge, 1 Uhr: Friedrichs- Hagen(Ravcnsteiner Mühle). Start: Schulstr. 29. 8. Abt.: NachtZ 1 Uhr: Rheinsberg (Böker), 8 Uhr: Gorinsee. Start: Levetzowstr. 21. Jugendliche Bundesgenossen I Die Tour nach Neudabendorj sällt aus, dasür 3 Uhr: Ziegenhals(Badetour). Start:.Stralauer Brücke 3. Reinickendorf. 1. Abt.: 8 Uhr: Wannsee. Start: Scharnwcberstr. 37. 11/19 Achtung!! s Wegen Räumung meiner großen Vorräte fertiger Garderobe verkaufe icn vom 29. Juni bis 1, August a. c. Anzüge Serie 1. 18- Anzüge stm n. 20- Anzüge z-n-»>. 25- Paletots zu gleichen Preisen. Julius Fabian, Schneidermeister, Gp.FrankIupterStr.3ITürinstr.lll. Kenner sagen: Die wohlschmeckendsten und besten Suppen sind die von Knorr! 3 Teller Suppe für 10 Pfg. 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