Kr. 157. Nbonnementz-KecklnMW: Stbonnemcntä- Preis vränumerand»: LZierleljährl. ZLV Ml., monaU. 1,10 Ml, »röchcnliich LS Psg, frei ins HauS. Einzelne Nuiruner 5 Pfg. SonntagS- nummer nnt illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste, Unter Kreuzband sitr Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, ~ nen, Schweden und die Schweiz. Ciftclnt tSsllA aaBcr liiontast. 89. Jahrg. VI« Insertion!-eedllh? betrügt für die fcchSgespaltene Kolon el- geile oder deren Raum 00 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Bcrcins- und Persammlmigs-Anzeigen 30 Pfg. „Aleine Sn-eigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg, tiulässig S fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 1k Buch- ltaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erpeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gesnnet, Vevlinev Volkslilnkk. Zentralorgan der fozialdemokrattfcben parte! Deutfcblands. relegramm-Adress« „SoxlaliKaioknt Bulla"« Redaktion: SRI. 68« Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplati, Nr. 1S83. Expedition i SM. 68, �-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. ISST. konfessionelle Lancsarbeitervereine. Aus Ostpreußen wird uns geschrieben: Um der modernen Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen, sind so manche ihrer Einrichtungen von den Gegnern nachgeahmt worden. Den freien Gewerkschaften folgten die Gewerkvercine, später die christlichen Gewerkschaften und die gelben Werksvereine; den Arbeitersekretariaten folgten die vom Staat und von den Genieinden unterstützten Volks- auskunfteien, und als die proletarische Jugendbewegung sich. ausdehnte, gründete man„nationale" Jugendvereinc, für die Millionen ausgegeben werden. Jetzt ist unsere Landarbeiter- organisation im Aufblühen begriffen, und sofort geht man an die Gründung gegnerischer Verbände. Die liberalen Blätter verkündeten gleich nach den Wahlen, daß von liberaler Seite Landarbeitcrvercine gegründet werden sollten. Und in Pommern hat man sich auch in- zwischen nach dieser Richtung bemüht. Jetzt wird von christlicher Seite dieses Gebiet in Augriff genommen. Die Zersplitterung der Kräfte, die auf industriellem Gebiete den Arbeitern tiefe Wunden schlägt, soll aufs platte Land hinaus- getragen werden, obgleich die Arbeiterorganisationen noch schwach, die Verbände der Arbeitgeber dagegen riescnstark sind. Neben dem Bund der Landwirte bestehen der Bauernbuud und allerlei andere landwirtschaftliche Ver- eine. Hierzu hat sich in den letzten Jahren noch der landwirtschaftliche Arbeitgeber verband gesellt. Nach seinem Programm will er ein gedeihliches Ver- hältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern schaffen und die Interessen beider Teile vertreten. Er will Arbeitsnachweise errichten und st cht mit den industriellen Arbeit- geberverbänden in einem festen Kartellverhältnis, um„einen gesunden Austausch zwischen den einzelnen Arbeitskräften der verschiedenen Branchen durch- zuführen". Der landwirtschaftliche Arbeitgebcrverband will ferner den Arbeitern unentgeltliclie Rechtsauskunft erteilen und ihnen bei der Ansiedelung behilflich sein. Natürlich bekämpft er auch mit voller Energie den sogenannten Kontraktbruch der Arbeiter. Während die Arbeitgeber also doppelt und dreifach ge- rüstet sind, kommt ihnen jetzt obendrein noch die„christlich- nationale" Arbeiterbewegung zu Hilfe. Kürzlich hat in Königsberg der Kongreß der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands getagt und beschlossen,! 0 n- fessionelle Landarbeitervereine zu griindcn. Es heißt in dem ausführlichen Programm, daß es die Pflicht der Anhänger der christlichen Bewegung sei, die Landarbeiter christlich-nationalen Organisationen zuzuführen. Wer diese Pflicht nicht anerkennt oder diese Arbeit zu hindern sucht, versündige sich an seinemVolk. Von einer getverk- schaftlichcn Organisation könne bei der Eigenart und Ver- schiedenheit des Arbeitsverhältnisses nur dort die Rede sein, wo die Möglichkeit zur'Gründung konfessioneller Vereine fehle. Den Landarbeitern könne der Streik zur Zeit dcr Ackerbestellung und der Ernte nicht zugestanden werden. Die Gründung konfessioneller Landarbeitcrvereine, mit denen gegebenenfalls Dienstbotenvereine und Fraucnvereine parallel gehen könnten, sei deshalb energisch zu betreiben. Unter Mitwirkung der Gemeinden und Behörden hätten die Landarbeitervereine zu- nächst an der Lösung folgender Sonderaufgaben zu arbeiten: a) Gründung von paritätischen Arbeitsnachweisen; b) Bildung von Arbeitsausschüssen zur Ueberwachung der Arbeitsnachweise und Schlichtung aller aus dem Arbeits- Verhältnis sich ergebenden Streitfragen; 0) nachdrücklichst für die Gründung von Baugenossen- schaften einzutreten; 6) Spar- und Darlehnskassen ins Leben zu rufen; «) zur Erreichung einer höheren Bildungsstufe des ganzen Standes unermüdlich auf die allgenicine Durchführung des Fortbildungsschulunterrichts hinzuwirken; k) Reform der Gesindeordnung: g) die Durchführung der allgemeinen religiösen, natio- nalen und sozialen Aufgaben der evangelischen Arbeiter- vereine zu betreiben. Der Ernst der gegenwärtigen Zeit erfordere in jeder Be- ziehung Persönlichkeiten, die, innerlich gefestigt, dem Ansturm der Feinde Widerstand zu leisten vermöchten. Kirche, Kultur, Vaterland, alles sei in Gefahr, darum gelte es. dem noch immer christlich und national denkenden Landarbeiterstand die notwendige Freude an seinem Beruf zu wahren. Es sollen also konfeffionelle Landarbeitervereine ge- gründet werden. Zu den evangelischen Arbeitervereinen, zu den Kriegervercinen auf dem Lande sollen sich nun auch noch diese Organisationen gesellen. Natürlich steht ihnen die preußische Regierung sehr freundlich gegenüber. Der Regierungspräsident für den Regierungsbezirk Königsberg er- klärte auf dem Kongreß der evangelischen Arbeitervereine. Organisationen unter den Landarbeitern seien notwendig. aber nur dann aussichtsvoll, wenn in d i e s e n O r g a n i- {ationen Arbeitgeber und Arbeiter zu- ammcnarbeiteten. Nicht jeder Junker wird diese Auffassung teilen, so manchem wird selbst, die Gründung von solchen schwächlichen konfessionellen Vereinen zuwider sei. Die Agrarier hassen jede Vereinsbildung ihrer Arbeiter. Insbesondere wünschen sie nicht die berufliche Vereinigung, auch wenn diese noch so harmlos und zahm ist. Sie könnte ihnen vielleicht doch einst gefährlich werden. Meist wird sie zudem als Vorstufe zu einer sozialdemokratischen Organisation betrachtet. Man sehe sich nur genau an, wie das Zentrum zur Land- arbeiterfrage steht. In ihm gibt es gewiß viele Organisations- talente, und die Zentrumsleute organisieren möglichstalle ihre Anhänger, um sie fester an ihre Partei zu ketten. In den Städten und Jndustriegegenden gibt es, abgesehen von den Fachvereinen und christlichen Gewerkschaften, noch Lehrlings-, Gesellen- und Arbeitervereine. Selbst die erwerbstätigen Frauen und Mädchen werden in besonderen Vereinen organi- siert. Auf dem Lande fehlen aber die Berufsvereine für die ländlichen Arbeiter und das Gesinde nahezu vollständig. Man hat wohl nichts gegen ihre Zugehörigkeit zu einem Volks- verein; die Landarbeiter beruflich zu vereinigen, hat man aber bisher unterlassen, vor allem mit Rücksicht auf die Agrarier. Es ist den Geistlichen einer westdeutschen Diözese sogar verboten worden, Arbeitervereine in rein ländlichen Gegenden zu gründen, da sie, wie erklärt wird, die Gefahr von Zerwürfnissen mit den Besitzern in sich trügen. Nur in einer einzigen Diözese, in Ermlaud, besteht eine größere Anzahl katholischer Laudarbeitervereine, doch halten sie sich, wie ihnen die Zen- trumslcute nachrühmen, in den bescheidenen Grenzen einer Stcrbekasse. Trotzdem besteht ein Mißtrauen gegen diese Be- rufsvcreine in den Kreisen der Besitzer. Und in Zentrums- kreisen erklärt man, daß man sich der Gefahr nicht verschließen dürfe, die für diese Vereine in der fortwährenden Berührung mit anderen gewerblichen Arbeitern liege; den Bestrebungen, gewerkschaftliche Tendenzen in die Landarbcitervcreine hinein- zutragen, werde man mit Nachdruck entgegentreten müssen. Am besten lasse sich diese Gefahr vermeiden, wenn die Landarbeiterveretne sich auf die religiös- sittlichen Aufgaben beschränken und alle xberuf- lichen Fragest prinzipiell ausschieden. Die Sorge ums Jenseits, die man lediglich den Zentrums- vereinen überlassen will, kostet bekanntlich den Arbeitgebern nicht einen Pfennig. Im Gegenteil, sie, die Kirche und das Zentrum, fahren recht wohl dabei, wenn die Arbeiter sich lediglich mit religiös-sittlichen Dingen befassen. Das Programm, das die evangelischen Arbeitervereine, die in Deutschland über 120000 Mitglieder zählen, für die Landarbeiter aufgestellt haben, schlägt diese in neue Fesseln, Es sollen wohl Spar- und Darlehnskassen ins Leben gerufen werden; doch wie die Landarbeiter sich bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen erringen sollen, wird mit keinem Wort gesagt. Die Kämpfe um eine bessere Existenz sollen nach dem Wunsch der evangelischen Arbeitervereine noch mehr er- schwcrt werden. In einzelnen Staaten Deutschlands haben nämlich die Landarbeiter das Streikrecht. Das soll ihnen genommen werden. Den Agrariern freilich gehen auch diese Borschläge der evangelischeu Arbeitervereine noch zu weit. In ihren.Blättern wird erklärt, man dürfe Wohl annehmen, daß die Gründer evangelischer Arbeitervereine auch für die übrige Zeit den Landarbeitern das Streikrecht nicht zubilligen wollten, denn sie würden sich der Einsicht doch Wohl nicht verschließen, daß auch die so hochwichtige Viehhaltung im Winter durch einen Streik der Leute unermeßlichen Schaden erleiden könne und daß andererseits ein vor der Acker- bestellung oder Ernte begonnener Streik sich sehr leicht so hinziehen könne, daß weder die Aussaat zur rechten Zeit be- endet, noch die Ernte rechtzeitig eingebracht werden könne. Die Gründer konfessioneller Landarbeitervereine werden natürlich diesem dringenden Wunsche gerne nachkommen, und wenn sie auch theoretisch den Landarbeitern den Streik im Winter zugestehen, ausgeführt wird er mit ihrer Zustimmung nie werden, ganz abgesehen davon, daß er in dieser Jahreszeit zwecklos ist. Die Hauptwaffe zur Erringung höherer Löhne. kürzerer Arbeitszeit wird den Landarbeitern versagt. Man tut so, als ob diese Dinge nur unwesentlicher Natur wären; und doch sind sie die Hauptsache. Erst dann wird der Landarbeiter auf eine höhere Kulturstufe gelangen, wenn er sich einiger- maßen angemessenerLöhne und einer geregelten kürzeren Arbeits- zeit erfreut. Die Wohnungsfrage, die ebenfalls eine überaus wichtige ist, tut man damit ab, daß man den Landarbeitern empfiehlt, mit Hilfe der Gemeinden und Behörden— Baugenossenschaften zu gründen. Selbst wenn diese Hilfe gewährt wird und selbst wenn die Landarbeiter in der Lage wären, an der Gründung von Baugenossenschaften tatkräftig mit- zuwirken, so bedeutete das nichts weniger als eine Seßhaft- machung der Arbeiter, die überaus schädliche Folgen hätte. Gemeinden und Behörden müßten recht tief in den Beutel greifen, wollten sie auf diesem Gebiet etwas Nennenswertes schaffen: sie werden aber kaum Lust dazu verspüren. Und die Landarbeiter I Sie arbeiten bald hier, bald dort. Ihr Verdienst reicht kaum zumLeben aus, geschweige zurBcteiligung an Bauge- nossenschaften. Selbst den Industriearbeitern ist es ja erst in wenigen Gebieten und meist nur in Verbindung mit den Konsum- und Produktivgenossenschaften gelungen, Baugenossen- schaften zur Errichtung von kleinen Wohnhäusern zu gründen; und da sollen die viel schlechter gestellten Lgndarbciter an diese Frage herangehen! Seit Jahren bemüht man sich unter Aufwendung großer Mittel, die Landarbeiter anzusiedeln. Der Erfolg ist sehr be- scheiden. So hat die Ostpreußische Landgesellschaft bis zum Jahre 1910 in 40z Jahren 67 Landarbeiter angesiedelt. Ferner ist versucht worden, die Landarbeiter auf Domänen an- zusiedeln. Aber das praktische Ergebnis ist, wie die agrarischen Blätter eingestehen, geradezu kläglich. Ein sehr großer Teil aller überhaupt in Betracht kommenden Kreise in Preußen hat direkt ablehnend geantwortet, während andere Bedenken aller Art geltend gemacht haben und für eine praksische In- angriffnahme der Ansiedelung nicht zu haben sind. Es besteht in weiten Kreisen der Agrarier eine Abneigung gegen die Ansiedelung, da diese nicht ganz nach ihren Wünschen vorgenommen wird. Sie fordern bei der Ansiedelung die völlige Versklavung der Leute, und da die Regierung das nicht ganz mitmachen kann, so stehen viele Junker der Ansiedelung teilnahmslos gegenüber. Ferner soll eine„Reform" der Gesindeordnung erstrebt werden— nicht etwa die Abschaffung, die von allen Arbeitern, selbst von den christlichen, als notwendig erachtet wird; denn wer ihre Greuel kennen gelernt hat, kann nicht ihr Freund bleiben und auch nicht ihre„Reform" fordern, sondern muß auf ihre Beseitigung dringen. In bürgerlichen Kreisen freilich steht man dieser Frage völlig gleichgültig gegen- über. Es gibt„moderne" Frauenrechtlerinnen— von den bürger- lichen Parlamentariern ganz abgesehen—, die erklären, daß die Gesindcordnung nur auf dem Papier stände und daß man deshalb auf ihre Abschaffung Igar nicht zu dringen brauchte, Die Verfasser des Programms für die konfessionellen Land- arbeitervereine wollten jedoch wenigstens etwas bieten, daher haben sie die Reform der Gesindeordnung vorgeschlagen. Wird diese Arbeit den Einzelstaaten überlassen, so wird sicherlich i n Preußen eher eine Verschlechterung als eine Ver- bcsserung herauskommen. Die Interessen des Gesindes werden eher geschädigt als gefördert. Hier kann es nur einen Radikal- schnitt geben, und der muß im Reichstage für alle Einzelstaaten vorgenommen werden. Den heftigsten Widerstand werden die konfessionellen Vereine finden, wenn sie tatsächlich versuchen sollten, einige ihrer Programmpunkte, wie Gründung von paritätischen Arbeitsnachweisen, Bildung von Arbeitsausschüssen zur Ueber« wachung der Arbeitsnachweise und Schlichtung aller aus dem Arbeitsverhältnis sich ergebenden Streitfragen, zu verwirk- lichen. Beide Forderungen bedeuten immerhin einen gewissen Fortschritt gegenüber dem bestehenden Zustande, und deshalb werden sie von den Agrariern aufs schärfste bekämpft werden, sobald für sie auf dem Lande agitiert werden wird. Den Arbeitsnachweis haben die Landwirte schon mög- lichst organisiert, natürlich in der einseitigsten Weise. Für die Beschaffung von ausländischen Arbeitern haben sie ihre Zentralen. Die Landwirtschaftskammern haben längst Ver- mittelungsstellcn eingerichtet; sie haben aber nach Ansicht der Agrarier zu teuer gearbeitet, und daher sind diese zum Teil dazu übergegangen, sich Vereine zu schaffen, die im wesent- lichen den Mitgliedern Arbeitskräfte zu besorgen haben. Als das neue Stcllenvernüttelungsgesetz in Kraft trat, wurde diesen Vereinen von den Behörden Schwierigkeiten bereitet; man sah sie nicht gern, da sie Konkurrenzunternehmen der Arbeitsnachweise der Landwirtschaftskammern waren. Aber diese Vereine haben sich doch durchgesetzt. Nachdem nun die Arbeitsnachweise in den Händen der Agrarier sind, sollen diese den Arbeitern Konzessionen machen und mit deren Vertretern zusammen in paritätischen Nachweisen sitzen? In harten Kämpfen müßten ihnen diese Einrichtungen wieder abgerungen werden, und davon wollen die Gründer der konfessionellen Vereine doch nichts wissen. Die Agrarier be- tonen in dieser Hinsicht den Herrenstandpunkt noch Weit schärfer als die Gewerbetreibenden und Industriellen. Ebenso verhält es sich mit den Arbeiterausschüssen zur Ueberwachung der Arbeitsnachweise und der Schlichtung der aus dem Arbeitsverhältnis sich ergebenden Streitfragen. Auch hier werden die Agrarier eine schroff ablehnende Stellung ein- nehmen; und die Behörden wie die Gemeinden sind in den ländlichen Gegenden ja lediglich die Vollstrecker des Willens der Agrarier. Auf sie darf also nicht gerechnet werden. Will man den Landarbeitern hier helfen, so stelle man sie unter die G e w e r b e g e r i ch t e. Hilfe nach dieser Richtung tut dringend not. Es ist ein Jammer, wenn man sehen muß, wie heutzutage die Landarbeiter allein auf den beschwerlichen, kostspieligen und leider oft vergeblichen Weg der Klage vor den Amts- und Landgerichten angewiesen sind. In der Hauptsache werden sich die konfessionellen Land- arbeitervereine darauf beschränken, sittlich-religiöse Aufgaben zu erledigen. Man will ja auch in Wirklichkeit gv nicht den Landarbeitern helfen, sondern lediglich den Fortschritt der modernen Arbeiterbewegung auf dem Lande hemmen. Das ist der wahre Zweck der Uebung. Und deshalb sollen auch an diesen Aufgaben alle Gemeindemitglieder mitarbeiten. Daher auch die Sympathie der preußischenRegierung für derartige Vereine. Um so mehr ist es unsere Aufgabe, beizeiten einzugreifen und die Landarbeiter vor diesen neuen Fesseln zu warnen. Ein kräftiges Leben wird diesen konfessionellen Landarbcitervereinen nie beschieden sein, doch können sie hemmend auf unsere Bewegung eiwvirken und das muß im Interesse der Land- arbeitet vermieden werden. DU InUrnatUnaU Spionage. Wieder liest man von verhafteten Spionen. Ein russischer in Deutschland— ein deutscher in Rußland. Vor einigen Monaten waren die englisch-deutschen Spionageprozesse an der Tagesordnung. Zwischen Frankreich und dem Deutschen Reiche reißt dieses ange- nehme Band auch nicht ab, ebensowenig zwischen den übrigen Mili- tärmächten, mögen sie nun im bloßen Waffenstillstand, dem bei Ge. legenheit der Krieg folgen soll, verharren oder in enger Freund- schaft, wie ja Rußland und Preußen-Deutschland, oder gar durch ein Bündnis(Oesterreich-Jtalien!), eine entente cordmle, oder wie alle die diplomatisch-journalistifchen Bezeichnungen lauten, verknüpft sein. Ueberall wird spioniert, überall die Anwerbung von Spionen in Feindes- Pardon: Freundes-Land betrieben, überall auch diese Spionagetätigkeit abgeleugnet. Alles das muß so sein. Denken wir uns zwei wilde Stämme oder, ein Stück Wildheit in unserer eigenen Gesellschaft, die Angehörigen zweier Verbrecher« banden, die in Feindschaft leben und einander Vernichtung ge- schworen haben. Selbstverständlich werden sie sich belauern, um eine Gelegenheit zu erspähen, nach Möglichkeit— falls solche Korruption bei Wilden schon zu finden ist-- auch aus den Angehörigen der feindlichen Seite Verbündete zu werben suchen, die sie über deren Unternehmungen unterrichten. Tatsächlich stehen unsere Militär- staaten trotz alle? Firnisses von Christentum und Kultur einander in ganz gleicher Weise gegenüber. So ergibt es sich auch von selbst, daß sie zu dem wenig schönen aber nach Lage der Dinge unumgäng- lichcn Hilfsmittel der gegenseitigen Ausspionierung greifen. Jeder macht eS so und weiß natürlich auch von dem anderen, daß er es tut, nimmt eS ihm auch nicht weiter übel. Von diplomatischen Bor. stellungen oder gar schärferen Maßregeln aus solchem Anlaß hört man nichts. Sie liegen eben alle, wie der Schweizer sagt, im selben Spittel krank. Und leidenschastliche Spieler nehmen einander ein wenig Mogeln auch nicht übel. Die Monarchenbegegnun- gen vollziehen sich trotz aller Spionagcprozcsse mit unverminderter Höflichkeit und vorgeschriebener..Herzlichkeit". Kein Teil wird, wenn er die wohlgezählten Küsse auf die Wangen des.freundwillig geliebten Vetters und Bruders" appliziert, dabei an so etwas wie Judasküsse denken. Es ist nun einmal so, und jeder weiß da». Tatsächlich geht eS auch den ertappten Spionen nicht zu schlimm. Verständnisvoll lächelnd brummt man ihnen einige.ehrenvolle" Festungshaft auf, die oft noch durch einen Freundlichkeitsakt des Souveräns bald beendet wird. Und was ist schließlich die von allen Militärmächten gepflegte Einrichtung der Militär- und Marine- attachös, deren Aufgabe doch nur die Ermittlung der zutage liegenden Stärken und Schwächen des„FreundeSstaateS" ist, anders als ein Stück allseitig betriebener, offiziell zugelassener Spionage — nicht zu reden von der inoffiziellen, strafbaren Spionage, die sich oft genug gerade daran anschließt. Anders wird die Sache, wenn das Geschäft nicht mehr von einem Gliede der befreundeten feindlichen Ration betrieben wird, sondern von einem Angehörigen des eigenen Staates, womöglich einem mit militärischen Geheimnissen beschäftigten Beamten, der sich für schnödes Geld als �LandeSverräter verdungen hat. Dann ist die Entrüstung allgemein, schwere Zuchthausstrafe, dauernder Ehr- Verlust die Folge. Und doch ist auch diese ganze Empörung eitel Heuchelei. Wenn schon der Hehler nicht besser ist als der Stehler: welche Verachtung gebührt dann dem, der zu den Hand. langen, die er feierlich für die nichtswürdigsten erklärt und al» solche bestrafen läßt, andere tagtäglich selbst anstiftet? Man entrüstet sich über den Lumpen, der für Geld Nachrichten an die englische oder französische Regierung liefert, und arbeitet selbst daran, Franzosen und Engländer ihrem eigenen Lande gegenüber zu ebensolche� Lumpen zu machen. AIS vor einigen Monaten die englisch-deutschen Spionageprozesse spielten, konnte man in unserer „nationalen" Presse die Klage lesen: Spionage, na ja, machen wir all«. Aber die Engländer übertreiben es. Und die früher in Deutschland so sehr belacht« Spionenangst der Franzosen war doch auch nur ein Zeichen dafür, daß wie mancher andere Teil l>eS mili- tärifchen Verwaltungsdienstes auch daS Kundschafterwesen bei den Preußen besser klappte als drüben. Und gilt denn schließlich nicht dieselbe Verrätermoral im Kampfe der herrschenden Klasse um die Erhaltung ihrer Macht innerhalb der einzelnen Staaten? Als nützlichste Elemente werden die Arbeiter geschätzt, die ihre Arbeiterehre verkaufen und ihren kämpfenden Kollegen in den Rücken fallen. Der Haß, den unsere staatSerhaltenden Kreise jedem Gegner deS Systems entgegen- bringen, wandelt sich in Sympathie für jeden Lumpen, der seine ehedem laut verkündete.Ueberzeugung" drangibt, um drüben bessere Geschäft« zu machen. Der Krieg. Genosse Karvu» schreibt uns au» Konstantinopel: Die Offiziersrevolte in der Türkei. kkaßnahmen gegen die Arbeiter bildeten den Anfang der türkischen Konterrevolution, Maßnahmen gegen die Offiziere und die Armee bilden ihren Abschluß. Zwischen den Arbeitern und der Armee besteht zwar kein Zusammenhang, dennoch zeigen beide Maßnahmen eine konsequente EntWickelung, denn sie zeigen, wie die jungtürkische Regierung immer mehr von der demokratischen Basis abrückte, um sich schließlich in einen offenen Gegensatz zu dieser zu stellen, so daß nunmehr zwischen Regierung und Volk eine Kluft sich aufgetan hat, die beinahe ebenso groß ist, wie unter Abdul Hamid., Diese Revolution war ja bekanntlich von Anfang an eine Offiziers- und Beamtenbewegung. Aber so unbedeutend vor der Revolution dt« Organisation des Komitees„Union und Fortschritt" war, so hatte sie doch einigen Anschluß an die Volksmassen, be- sonderS an die Handwerkerzünfte. Die Revolution selbst hat mit einem Schlage die Volksmassen auf den politischen Schauplatz ge- bracht. Es begannen die großen Eisenbahner- und sonstige Streiks, ferner die Boykotts, die in der ersten Zeit eine große Massenbewegung unter der Leitung der Zünfte waren. Statt aber den Interessen der BolkSmassen Rechnung zu tragen und so au« ihnen eine Stütze de» Parlamentarismus zu bilden, hat das Komitee den umgelehrten Weg eingeschlagen. Man hatte ja die furchtbare Tragik der russischen Revolution vor den Augen und wollte ihre Fehler vermeiden. Man fürchtete den Zusmmnenbruch, der erfolgen würde, wenn die Massen di« Revolution auf ihre demokratisch« Spitze treiben würden. So war ja bis jetzt der ge- schichtliche Verlauf jeder Revolution. Sie wollten darum die Ge- schichte überlisten und den Abschluß der Revolution zu ihrem Anfang machen. Dies, smveit sie überhaupt imstande waren, sich £ine geschichtliche Idee zu bilden. Im allgemeinen machten sie sich überhaupt keine Gedanken und folgten blindling» dem Impuls, die Macht zu behalte» und die Opposition nicht aufkmmnen zu lassen. Sie waren also bemüht, die Massen zurücktreten zu lassen. Anderseits waren sie eifrig bestrebt, bei den Regierungen und der Hochfinanz als ftaatserhaltende Elemente sich geltend zu machen. Von dieser Seite wurden sie erst recht und zielbewußt auf den Weg der Konterrevolution getrieben. Vom ganzen Werk der Re. Volution blieb unter diesen Umständen als leitender Gedanke nur voch die Schaffung eines modernen zentpglifierten Staates mit einer wohldisziplinierten Armee, guten Verkehrsmitkeln, einer starken Beamtenschaft und einem weitverzweigten Steuersystem. Die Hervorhebung der Zentralisationstendenz unter gleich- zeitiger Einschränkung der Demokratie trieb die Opposition der nichttürkischen Nationalitäten empor, die außerdem in dem parla« mentarischen Regime eine freiere Möglichkeit ihrer Entfaltung gefunden haben. Um so schärfer betonten die Jungtürken den türkischen StaatSgedanken, was, selbstverständlich, wiederum seine Rückwirkung auf der anderen Seite nicht verfehlt hatte. Da außer- dem der Volksgedanke sich immer mehr nur noch im Opposition zum jungtürkischen Regime geltend machen konnte, so sah man bald die seltsame Erscheinung, daß die Vertreter der alten Ordnung. mehr oder weniger verkappte Reaktionäre, und die Vertreter der Demokratie und des Liberalismus, die einzige lebenskräftige Strö- mung der jungen Türkei, sich zusammen im Lager der Opposition fanden. Die dadurch entstanden« politische Verwirrung bewirkte, daß die jungtürkisch« Regierung nunmehr blindlings auf die Opposition losschlug. Meistens traf sie die Demokratie, indem sie die Reaktion zu treffen glaubte; oft gebrauchte sie den jwmpf gegen die Reaktion als Vorwand, um zielbewußt die Volksrecht- einzuschränken, und schließlich wurde das zur Regel. Indessen seufzten die Bauern unter dem furchtbaren Steuer- druck und es wuchs der Pauperismus in den Städten. Es stieg die allgemeine Unzufriedenheit, im Parlament selbst trat die Oppo- sition mit wachsendem Selbstbewußtsein, sogar Uebermut, hervor. innerhalb der Unionspartei griff ein Gefühl der Unsicherheit und des Zweifels um sich, schließlich verlor die Regierung ihre Majorität. Das Parlament wurde aufgelöst. Da aber das Parlament, und dabei auch noch verhältnismäßig schwach, die allgemeine Miß- stimmung und Verwirrung, die im Lande herrschte, widerspiegelte, so kounte die Regierung nur durch Wahlterrorismus uns Wahl- fälschungen ein gefügiges Parlament zusammenbringen. Worauf stützte sie sich dabei? Auf die Staatsgewalt. Und worauf stützte sich die Staatsgewalt? Auf die Armee! Und nun kommt die Re- gierung und verlangt vom Parlament Gefängnisstrafen für Offi- ziere, die Politik treiben, weil sie anders die Armee sich nicht mehr gefügig halten zu können glaubt! Man mochte noch so sehr darauf drängen, daß die Armee außer- halb der Politik bleiben solle, so ist das doch schon in normalen Zeiten nicht ganz möglich in einer Zeit revolutionärer llmgcftal- tungen aber absolut undurchführbar. In dem Maße, wie die jungtürkische Regierung das Vertrauen des Volkes einbüßte, mußte sie auch ihre Anhängerschaft in der Arme« verlieren. Es ist denn auch seit Jahr und Tag bekannt, daß die Gärung im Offizierkorps immer schärfer hervortritt. Ich hatte wiederholt Gelegenheit, das zu konstatieren, und verwies auch darauf, daß sich ein« Militär- revolte vorbereite. Der Albaneraufstand gab bloß den Anstoß zu dieser Revolte, die, wie unsere kurze Entwickclungöskizze zeigt, auf allgemeine Ursachen zurückzuführen ist. Ohne den Krieg wäre sie schon längst ausgebrochen. ES ist möglich daß auch jetzt noch der Krieg, der besonders den Offizieren die größte Rücksicht auferlegt, verhindert, daß die Bewegung um sich greift, sie also zum Ersticken bringt. Sie bleibt aber unter allen Umständen ein sehr wichtiges politisches Symptom. Der Kriegsminister hat zwar bersichrt, eS feien ihm auS Offi- zierskreisen zahlreiche Zuschriften zugekommen, die ihn zu einem energischen Vorgehen gegen die Offizier«, die Politik treiben, er- muntern, aber dieser Trost steht auf sehr schwachen Füßen. Es darf vor allem nicht übersehen werden, daß die parlamentarische Regierung vom alten Regime eine große Menge Offiziere hat übernehmen müssen, die alles weniger denn fortschrittlich gesinnt sind. Die Revolution wurde von der Elite gemacht, und diese bildet auch die einzige Basis für die moderne Leitung der Armee. Man kann ohne diese Elemente nicht auskommen. In ihrer Mitte sieht eS aber ganz anders auS, als der Kriegsminister darstellt. Die Umwandlung der Gesinnung vollzog sich vor meinen Augen. Gegenwärtig erhalt« ich von meinem persönlichen Verkehr wie von allem, was mir Leute, die das Milieu kennen, mitteilen, den ein- zigen, immer denselben Eindruck: den einer allgemeinen Unzu- friedenheit mit der Regierung. ES ist wohl nicht nötig,' noch besonders nachzuweisen, daß durch ein Gesetz, daS jeden Offizier, der einen politischen Artikel— gleichwohl welcher Art— veröffentlicht, mit Gefängnis bestrafen will, diese Dinge nicht aus der Welt geschaffen werden. Die Zu- stimmung auS Offizierskreisen ist nur noch ein weitere? Symptom dafür, mit welcher Leidenschaft dort der politische Kampf geführt wird. polltifche CUbcrUcbt. Berlin, den 8. Juli 1912. GtaatSminister a. D. Hobrecht. In Groß-Lichterfelde bei Berlin ist gestern der Staatsminister a. D. Artur Hobrecht gestorben, der nicht nur als Oberbürgermeister von Breslau und Berlin, sondern auch als preußischer Finanz- minister und liberaler Parlamentarier eine hervorragende Rolle im öffentlichen Leben gespielt hat. Am 14. August 1824 geboren, studierte er in Königsberg, Leipzig und Halle die Rechte, trat dann in den preußischen Gerichts- und Verwaltungsdienst ein und brachte eS bis zum RegierungSrat. 1868 wurde er zum Oberbürgermeister von Breslau und 1872 zum Oberbürgermeister von Berlin erwählt, bis er 1878 zum Finanzminister ernannt wurde, da ein anderer Bismarck genehmer Mann für den Posten nicht aufzutreiben war. Die Tätigkeit HobrechtS als Steuerbeschaffer dauerte jedoch nicht lange, schon im Juli 1870 muhte er gehen. Hobrecht widmete sich nun der parlamentarischen Tätigkeit. Er ließ sich noch im selben Jahr in das Preußische Abgeordnetenhaus wählen und erhielt 1881 ein Mandat zum Reichstag(für Marienwerder-Stuhm). trat dort aber wenig hervor, während er im Preußischen Abgeordnetenhause eine Zeitlang als Führer der nationalliberalen Fraktion eine größere Rolle spielte. Interessant ist, wie er preußischer Finanzmtnister geworden ist: eine Geschicht«, die der damalige AdlatuS Bismarck», Christoph von Tiedemann, in seinem Buch„Sechs Jahre Chef der Reichskanzlei" mit vielem Humor geschildert hat. Für die Art und Weise, wie im Kulturstaat Preußen Minister berufen werden, ist diese Erzählung höchst charakleristtsch. Herr v. Tiedemann erzählt, daß er, als Camphausen seinen Abschied verlangt hatte, in Bismarcks Austrag nach einem neuen Finanzminister suchte. Bismarck fragte am 21. März 1873 Tiede- mann, ob er keine Kandidaten wisse. Varnbüler, Günther, Ernst- hausen-- immer Kopffchütteln.„Nun war auch mein Latein zu Ende" berichtet Tiedemann in seinen Erinnerungen und fährt dann fort: Der Fürst strich seine Augenbrauen, blickte sinnend zum Fenster hinaus und sagte halb ärgerlich, halb scherzend:„Wozu habe ich denn eigentlich einen vortragenden Rat. wenn er mir nicht einmal Minister verschaffen kann? Besinnen Sie sich noch einmal gründlich. Bis heute abend verlange ich von Ihnen einen Finanzminister— tot oder lebendig." »Ich durchbläfterte nun auch meinerseits da» Staatshanke buch-- aber nichts Geeignetes Tollte sich finden lassen« So kam der Abend heran. Es war Donnerstag, wo sich unser Klub in der Potsdamer Straße versammelte. Ich ging gegen Mitternacht dorthin, verdrießlich und abgespannt. James Hobrecht(der Baurat), neben dem ich Platz nahm, begann ein Gespräch über die gegenwärtige Ministerkrisis, an dem ich nur widerwillig teilnahm, so daß er mich fragte, warum ich heute so ? erstreut sei. Ich erwiderte, daß ich jemand vergeblich gesucht abe und fragte dcrnn, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, ob sein Bruder Artur Hobrecht(der Oberbürger- meister) heute abend noch erscheinen werde. Dabei schoß mir wie ein erleuchtender Blitz der Gedanke durch den Kopf, ob Artur Hobrecht nicht etwa der Gesuchte sein könne, und seltsamerweise erschien in diesem Augenblick ein Kanzleidiener, der mich zum Fürsten berief. Während ich zum ReichSkanzlerpalais fuhr, über- legte ich mir, ob Hobrecht nicht in der Tat sich zum Finanz- minister qualifiziere. Ich war hierüber noch nicht mit mir im reinen, als ich ins Schlafzmmer des Fürsten trat, der sich bereits zu entkleiden begonnen hatte und mich mit den Worten empfing: „So, nun hat Stephan auch abgelehnt. Na Pötter, wat malt wi.nu?" Ich antwortete, daß ich einvn Finanzminister gefunden zu haben glaubte, und nannte frischweg Hobrecht. Der Fürst besann sich eine Weile und äußerte dann, daß scheine ein glück- licher Gedanke zu sein. Dann fragte er mich, ob ich mit Hobrccht so genau bekannt sei, daß ich ihn noch in dieser Nacht überfallen und fragen könne, ob er Minister werden wolle. Ich bejahte dies. Der Fürst bat mich nun, Hobrecht sofort aufzusuchen, und ihm dann Nachricht zu bringen. Er werde nicht einschlafen bis ich zurückgekehrt sei. Es war ein Uhr nachts, als ich an Hobrechts Wohnung klingelte. Der Diener, der mich kannte, teilte mir auf mein Be- fragen mit, daß der Herr Oberbürgermeister sich noch in einer Abendgesellschaft befinde, aber jeden Augenblick zurückkehren könne, und führte mich dann in Hobrechts Arbeitszimmer. Hier fand ich auf dem Sofatisch das letzte Heft der„Preußischen Jahr- bücher" aufgeschlagen, und zwar bei einem Treitschkeschen Essay über dir Entstehung des Zollvereins. Ich las die kurze, aber lebendige Schilderung der ersten Wirksamkeit des Finanzministers v. Motz. Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde erschien Hobrecht im Frack und weißer Binde, den Hut im Nacken, im leicht geröteten Gesicht einen ungewöhnlich lustigen Ausdruck. Haltung und Sprache ließen zweifellos er- kennen, daß er aus einer sehr fröhlichen Gesell- schaft kam. Er war natürlich höchst erstaunt über meine Anwesenheit zu so später Nachtstunde und sein Erstaunen wich nicht, als ich ihm möglichst unbefangen sagte, ich sei gekommen, um bei ihm noch eine Zigarre zu rauchen und eine Flasche Selter- wasser zu trinken. Beides wurde herbeigeschafft. Hobrccht ent- ledigte sich seines Gesellschaftsanzuges und setzte sich mir dann behaglich und neugierig gegenüber, mehr und mehr zu der Ueber- zeugung kommend, daß ich ihm noch etwas Besonderes mitzu- teilen habe. AlS er endlich mff einer direkten Frage herausrückte, ank- wartete ich:„Ja, ich wollte Sie auch beiläufig fragen, ob Sie nicht Lust haben, Finanzmini- ster zu werden." Hobrecht sah mich starr an. Er hielt daS Ganze für einen Scherz und wußte offenbar nicht recht, wie er ihn aufnehmen sollte. Als ich indessen meine Frage kaltblütig wiederholte und dabei hinzufügte, der Reichskanzler habe mich ausdrücklich be- auftragt, noch in dieser Nacht mit ihm zu verhandeln, sprang er erregt auf, lief im Zimmer umher und rief hochaufatmend: „Diese Sache könnte einen ja mit einem Male nüchtern machen." Ich sagte, indem ich ihm dir„Preutzi- schen Jahrbücher" zeigte, daß ich zu meiner Freude ersehen, wie er heute noch die Geschichte der preußischen Finanzpolitik studiert habe; ich müßte dies als ein gutes Omen für den Erfolg meinex Mission ansehen. Nach einer Weile fragte mich Hobrecht, wann er mich morgen , vormittag sprechen könne. Ich antwortete, daß ich bis zwöff Uhr zu Hause sein werde.„Nun." sagte Hobrecht,„ich werde mit die Sache besch lasen; wenn ich aber morgen im Kater noch so denke, wie heute in der Besoffenheit, so sage ich: Ja! Also auf Wiedersehen morgen." Als ich zum Fürsten zurückkehrte, lag dieser bereit» im Bett. Er rief mir entgegen:„Nun, wie stets, haben wir einen neuen Minister?"— Ich erwiderte, Hobrccht habe erklärt, wenn er morgen im Kater so dächte wie heut nacht in der Besoffenheit, so wollte er die Finanzen übernehmen. Der Fürst war höchlichst ergötzt und meinte, diese sympathische Antwort berechtige zu den günstigsten Erwartungen. Am nächsten Morgen stellte sich Hobrecht rechtzeitig ein und wurde zum Finanzminister ernannt. Kriegervereine zu Waffer. In Düsseldorf fand am Sonnabend ein Abgeordnelentag der Vereinigung Deutscher Marinevereine statt. Festessen, Kommers, Umzug usw. schloffen sich daran. Das nennt man dann den„Deut- schen Marinekongretz". Wie des öfteren hervorgehoben wurde, hat das Reichsmarineamt aus Anlaß dieser recht bedeutungslosen Tagung die Torpedoboote den Rhein hinauffahren lassen! Der Vorsitzende, Kontrcadmiral z. D. Thiele, dessen frisches Aussehen die Uebernahme auf den Pensionsfonds keineswegs zu rechtfertigen scheint, ließ es an der Betonung des kriegervereinlichen Antisozia- lismus nicht fehlen. Er forderte namentlich emsige Jugendwerbung durch Wassersportübungen, Schwimmunterricht usw.(worauf die Aufmerksamkeit der ffeien Jugendbewegung ja vielleicht ebenfalls gerichtet werden könnte) und erklärte, daß für die„Kameraden Arbeiter" etwas geschehen müsse in ihren wirtschaftlichen Kämpfen, da sie als treue deutsche Männer doch nicht den„sozialdemokrati- schen" Organisationen beitreten könnten. Das Referat über die Sache wurde aber abgesetzt, und man trennte sich von dem Pappe- Kriegsschiff der Tonhallen-Bühne mit dem Rul: Aus Wiedersehen in Neunkirchen 1913._ Reichstagsersatzwahl in Bayern- ?llr den verstorbenen Reichstagsabgeordneten Bachmeier haben iauernbiindler im Wahlkreis Pfarrkirchen den Landtags- abgeordneten Eisenberger als Kandidaten aufgestellt.— Das Zentrum, das den Kreis lange Jahre zu seinem sicheren Besitzstand rechnen konnte, wird verzweifelte Anstrengungen machen, das Mandat wieder zu erobern._ Verkürzung der militärischen Dienstzeit. Der mecklenburgische»Ritter' von Plessen-Renz veröffentlicht w der»Deutschen BolkSzeitung" einen Artikel, in dem er für 1'/, jährige Dienstzeit bei den Fußtruppen und L'/z jährige Dienstzeit bei den berittenen Truppen eintritt. Er preist seinen Vorschlag unter anderem damit an. daß dann ein größerer Prozentsatz aller Diensttauglichen eingestellt werden könnte, v. Plessen begründet sein« Idee wie folgt: »Wer den Jnsanteriedienst in l'/s Jahren und den Kavallerie- bezw.«rtilleriedienst in 2Vz Jahren nicht gelernt hat, lernt ihn überhaupt nicht. Die alte Mannschaft de» letzten Jahrgange» hat sich den Dienst an den Schuhsohlen abgelaufen, und die meisten Strafen der Strafbücher entfallen wohl auf die alte Mannschaft.' Neben der Vermehrung der zum Kriegsdienst klusgebildeten hat aber Herr v. Plessen noch andere Wünsche. So verlangt er, daß die Entlassung der Mannschaften stets zu Ostern stattfinden soll. AuS„vollswirlschaftlichen" Gründen. Denn, so führt v. Plessen au«:„Die hohen Sommerlohne würden die abgehende Mannschaft wieder auf« Land zurückführen; einmal wieder in den heimischen Verhältnissen warm geworden, würden die jungen Leute williger dort bleiben.. Das; die Verkürzung der Dienstzeit sehr wohl möglich ist, Wird neuerdings selbst von Militärs des öfteren versichert. Duellverordnung. Wie die„Mil.-Pol. Korr" meldet, soll die neue KabinettSordre über das Duell im Herbst zu erwarten sein. Die KabinettSordre soll im Einverständnis mit den bayrischen, sächsischen und württem- bergischen Instanzen erlassen werden. Der wichtigste Passus werde sein, daß Duelle künftighin grundsätzlich erst nach Abschluh eines förmlichen ehrengerichtlichen Verfahrens ausgetragen werden dürfen. Die Schulreaktion in Hessen. Der Ehef des hessischen Schulwesens, Geheimrat S ü f f e r t, hat sich in einer Audienz, die einige Lehrer bei ihm hatten, zu dem Verhalten der Lehrer in der Ordensfrage und zur Betätigung der Lehrer im politischen Leben ausgespochen. Es ist mehrfach vorge- kommen, dah Lehrer die ihnen verliehenen Orden zurückgewiesen haben. In dieser Zurückweisung erblickt der Geheimrat Süffcrt eine Illoyalität gegenüber der Regierung. Zu der politischen Be- tätigung der Lehrer äußerte sich Geheimrat Süffert dahin, daß er nicht wünsche, daß die Lehrer sich mit Politik befaffen. Das äußerte er zu einer Deputation, der ein Lehrer als Mitglied ange- hörte, der gleichzeitig Landtagsabgeordneter ist.— In Hessen ist man nicht immer auf dem Standpunkt gestanden, daß Lehrer sich mit Politik nicht befassen sollen. Es ist nämlich gar nicht so lange her, daß in Worms den Volksschullehrern von ihrer borgesetzten Behörde Urlaub erteilt wurde, damit sie an einem Kursus teilnehmen konnten, den der Reichsverband zur Bekämpfung Der Sozialdemokratie veranstaltet hatte. Die hessische UnterrichtSver- waltung scheint in der Tat völlig zu übersehen, daß auch den Lehrern dieselben Rechte zukommen wie den übrigen Staatsbürgern auch. Die hessischen Lehrer, die in der Weise behandelt werden, haben sich allerdings sehr zahm verhalten, denn alles, was sie unter- nommen haben, bestand darin, daß sie in Darmstadt eine Tagung abhielten, auf der sie beschlossen, an die Regierung die Bitte zu richten, ihnen gegenüber dasselbe Wohlwollen walten zu lassen, dessen andere Beamte sich erfreuen. Portugal« Die konterrevolutionäre Bewegung. Lissabon, 8. Juli. Eine amtliche Note besagt: Die verstärkte Garnison MontaleHre hielt drei- bis vierhundert Verschwörer, die unter Anführung des Kapitäns Paiva Couceiro standen, in Schach. Eine weniger zahlreiche Bande ging auf der Straße von Verin nach Chaves vor. Von Chaves aus wurde ihr eine Abteilung entgegengeschickt. Die Bevölkerung von Cabaceiras de Basto hat sich bei der Ankunft von Truppen aus Braga ergeben; viele Re- bellen entflohen, andere wurden gefangen genommen. Ein von den Rebellen eingesperrter Beamter wurde befreit. Die Landesfahne wurde wieder unter den vorschriftsmäßigen Ehrenbezeugungen ge- hißt. Das b. Infanterieregiment geht nach Oporto ab. Lissabon, 8. Juli. In Barrosellas ist der BelagerungS- zustand erklärt worden. Die Verwaltung ist in die Hände der Militärbehörden übergegangen. Zwischen Braga, Vianna de Castello und ESpozende sind die Telegraphenleitungen durch- schnitten worden. Die Eiscnbahnstrecke ist bei Barrosellas, wo Balken auf die Schienen gelegt worden sind, unterbrochen. Von Chaves sind Truppen nach Montalcgre abgegangen. Eine Abteilung �Verschwörer lagert einige Kilometer von Montalcgre entfernt. Auch nach Mairos und TravancaS, wo sich auch Rebellen befinden,.sind Truppen abgegangen. In Villaverde wurde ein Mann verhaftet, der Briefe nach Mirandella bei sich führte. In Chaves wurden acht Verhaftungen vorgenommen. Marokko. Bevorstehende Kämpfe mit einem der Gegensultane. Paris, 7. Juli. Aus Fez wird vom 5. Juli gemeldet: Der Rogi soll über 3000 Fußsoldaten verfügen, von denen 1000 Leute dem Fischtala-Stamme angehören. Er befindet sich in der Gegend von Decharli, wo General Gouraud morgen eintreffen wird. Die Delegierten von 40 Stämmen, die bei Suk-el-Arba und Mediana am Uerga versammelt sind, sollen versprochen haben, sich mit dem Rogi zu vereinigen. Gouraud beabsichtigt, die Bewegung aufzu- halten und wird wahrscheinlich seine Rückkehr nach Fez verschieben. Fez, 8. Juli. Nach hierher gelangten Meldungen ist es General Gouraud gelungen, den Rogi am Morgen des 6. Juli zu schlagen und in die Flucht zu treiben. Gouraud verließ am Abend des S. Juli mit 4 Bataillonen, Gebirgsartillerie und Kavallerie das Lager am Sebouflusie und überraschte gegen 4 Uhr morgens den Rogi 12 Kilometer südlich von Mvulavbouchta. Der Kampf dauerte bis shL Uhr mittags. Die Stärke des Feindes betrug 2000 Mann, darunter mehrere hundert Reiter. Nach kurzem Widerstande flüchtete der Rogi unter Zurücklassung zahlreicher Toter. Die Artillerie nahm die Verfolgung der Flüchtigen auf. Das ganze Zeltlager, Patronen und Gepäck fiel in die Hände der Franzosen. Der Widerstand der algerischen Eingeborenen gegen die Dienstpflicht. Oran, 7. Juli. Hier ist das Gerücht verbreitet, daß in der Gegend von Nedromah Unruhen ausgebrochen sind. An zu- ständiger Stelle wird dies jedoch bestritten. Die Aushebung der Eingeborenen, die mit Rücksicht auf die Gärung im Lande ein- gestellt wurde, soll etwa am 12. oder 13. dieses Monats wieder- aufgenommen werden. Der Sicherheit halber werden afrikanische Jäger und Zuaven morgen nach Nedromah abgehen. I�bnvegeti. Der Rüstungswahnsinn. Das Storthing hat am Sonnabend außer den bereits mitgeteilten Summen noch bewilligt: 700000 Kronen für FestungSbauten be Horten am Kristiantafjord, 400 000 Kronen für eine Flottenstation bei Bergen, 100 000 Kronen für eine Flottenstation bei Trondhjem und die gleiche Summe für eine Station bei Kristiansand. ES sind im ganzen rund 2V Millionen Kronen(bei einer Bevölkerungs- zahl von 2'/« Millionen Menschen!) außerordentliche Ausgaben, die jetzt fiiv Rllstungszwecke bewilligt worden sind. Meist waren es bei den verschiedenen Posten nur die 11 sozialdemokratischen samt drei oder vier bürgerlichen Abgeordneten, die dagegen stimmten. Nur bei zwei Posten war die Minorität etwas stärker, nämlich bei den 1ö Millionen für Panzerschiffe, die mit 82 gegen 40 Stimmen, und bei den Festungsbauten in Horten, die mit 84 gegen 36 Stimmen bewilligt wurden. Die Sozialdemokratie hat alles aufgeboten, um diese ungeheuer' lichen Rüstungen, die ja schließlich doch das arbeitende Volk in der Form erhöhter indirekter Steuern wird tragen muffen, zu verhindern. Am Freitagabend, als das Storthing feine Beratungen über Rüftungs- Vorschläge begonnen hatte, veranstaltete die Sozialdemokratie eine gewaltige Stratzendemonstration, an der über 30 000 Männer und Frauen teilnahmen. Es war die größte Arbeiterdemonstration. die bisher in Norwegen stattgefunden hat, und zum ersten Male reichte der alte Demoustrationsplatz auf Tullinlökken nicht auS, um der Masse hinreichend Platz zu bieten. ES wurde eine scharfe Resolution gegen die Flottenpläne wie gegen den Militarismus überhaupt ein- stimmig angenommen. Sie ist dem Storthingspräsidenten dann über- reicht worden._ Huö der Partei. Die Landesversammlung der württembergische» Sozialdemokratie findet am 31. August und 1. September in Heilbronn statt. Außer den Berichten der verschiedenen Instanzen und Kommissionen sind nachfolgende Referate vorgesehen: Aus dem Reichstage; Vor den württembergischen Landtagswahlen; Die Frauenftage in Württem- berg; Die Jugendfrage in Württemberg; Das Genoffenschafts- Wesen. Zum Stichwahlabkommen nahm die Kreiskonferenz des 3. sächsischen Reichstags- Wahlkreises(Pirna) nach einem Referat des Gen. Fleißner folgende Resolution an:„Die Parteigenossen des 8. sächsischen Reichstagswahlkreises bedauern das Stichwahlabkommen des Partei- Vorstandes mit der Fortschrittlichen Volkspartei, durch das unsere Genossen in 16 Kreisen, wo wir mit dem Freisinn in Stichwahl standen, verpflichtet wurden, die Wahl des fortschrittlichen Kandi- baten durch Dämpfung des Wahlkampfes zu sichern." Der Kampf gegen die sozialdemokratische Presse. Im Waldenburger Bergbaurevier, dem schlesischen Wahlkreis des Gen. Sachse, feiert das Grubenkapital wahre Orgien in der Niederdrückung der sozialistischen Bewegung. Ganz besonders verhaßt fst ihm die seit einem. Jahre erscheinende sozialdemokratische„Schlesische Bergwa'cht". Die Gruben- beamten machen in den Garderoben und in den Werkswohnungen förmliche Jagd auf das Blatt, und jetzt werden auch die Inserenten in einer schamlos terroristischen Art bearbeitet, um sie vom Jnse- rieren in der„Bergwacht" abzuhalten. Unser dortiges Parteiorgan zählt folgende Fälle auf: Fall 1: Ein in W. ansässiger Wagenbauer hatte füvden„so- Fall 1: Ein in W. ansässiger Wagenbauer hatte für den„so- in der„Bcrgwacht" inseriert. Natürlich— denn der Mann mutz Steuern zahlen und die Arbeit nehmen, wo er sie herbekommt. Aber er wurde übel bestraft. Er war Schützenkönig und durfte eines Tages nicht mehr die Ehrenschüsse für den Kronprinzen abgeben. Er ging beschwerdeführend bis zum Landrat. Dort wurde ihm folgen- der Bescheid: Sie arbeiten für den Konsum, aus diesem Grunde können wir Sie die Ehrenschüsse nicht abgeben lassen. Fall 2: Sattlermeister H. hatte ständig inseriert. Eines Tages zog er die Inserate zurück mit der Motivierung, daß ihm ein Wink gegeben sei, wonach er bei Meiterinserieren die fürstliche Arbeit verlieren würde. Fall 3: Ein Uhrmachermeister hatte auf dem Pleßschen Schloß in Waldenburg die Uhren reguliert. Weil er aber davon allein nicht leben konnte, inserierte er nach weiterer Kundschaft in der„Bergwacht". Auch ihm wurde angedeutet, daß er dadurch die fürstliche Kundschaft verlieren könnte, und das Inserieren unter- blieb. Fall 4: Der Töpfermeister, der im Konsumneubau samt- liche Oefen setzte, wurde vom fürstlichen Bauführer nach Bad Salz- brunn berufen und wegen der Konsumarbeit zur Rede gestellt. Fall S: Ein Glasermeister hat für den Konsum sämtliche Glaserarbeiten geliefert und annoncierte in der„Berglvacht". Sein Jahrcsinseratenabonnement hob er plötzlich auf und erbot sich, den ausfallenden Betrag zu deponieren, da er nicht mehr inserieren darf. Gründe: Ebenfalls der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl. Fall 6: In Rothenbach haben mehrere kleine Geschäftsleute das Inserieren aufgegeben, weis sie die Befürchtung hegen, daß ihnen die Grubenverwaltungen die Hypotheken kündigen werden. Fall 7: In Nieder-Hermsdorf muß ein Zigarrenhändler sein Geschäft zum Verkauf anbieten, weil er wegen einiger Inserate in der„Bergwacht" vom Beamten- und Steigerpersonal der benach- barten Gruben boykottiert wurde. Fall 8: Ebenfalls in Nieder-Hermsdorf wurde einem Drogisten, der sein neues Geschäft in der„Bergwacht" bekannt machen wollte, bereits am Stammt, sch der Boykott angedroht. Fall 0: Einem Buchlbindermeister in Gottesberg, der auch Bilder einrahmt, wurde wegen eines Inserats in der„Berglvacht" von einem Stadtbeamten angedroht, er werde dafür sorgen, daß ihm nicht mehr viel Bilder zum Einrahmen ins Haus gebracht würden. Mit diesen Maßregeln glaubt der freikonservative Gruben- klüngel für die nächsten Wahlen den Mittelstand zu seiner Ge- folgschaft machen zu können._ pollzcCUcbeo, Oerlchttfcffea ukw. Flugblattverbreitung und Sonntagsverordnung. Die für die Provinz Westfalen unter dem 24. Juni 1397 er- laffene Verordnung über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage verbietet in Uebereinstimmung mit den gleichartigen Ver- ordnungen in den anderen preußischen Provinzen für Sonn- und Feiertage alle öffentlich bemerkbaren Arbeiten. Unter den wenigen Ausnahmen befindet sich die, daß während der Zeit, wo die Post an Sonn- und Feiertagen bestellt, auch der durch Privatunter- nehmer vermittelte Briefveriehr zugelassen sein soll. Wegen Uebertretung der Verordnung waren die Genossen Grau und Denkert in zweiter Instanz von der Strafkammer in Münster zu Geldstrafen verurteilt worden, weil sie durch Verteilung von sozialdemokratischen Flugblättern in einem Orte des Kreises Lüdinghausen eine öffentliche bemerkbare Arbeit oerrichtet haben sollten. Als strafbar wurde ihnen diese am Sonntag verrichtete Tätigkeit nur so weit angerechnet, als sie sich auch nach Beginn der Zeit für den Hauptgottesdienst vollzog, und damit nach Beendigung des PostverkehrS. In der Beziehung führte das Landgericht Münster aus: Die Verteilung der Flugblätter vor Beendigung des Postverkehrs falle unter die Ausnahmebestimmung für den Brief- verkehr, der durch private Unternehmer vermittelt werde. Die Flugblätter glichen nach Form und Größe den Schriften, die auch die Post bestelle. Andererseits wäre anzunehmen, daß die Aus- nahmebestimmung nicht nur auf eigentliche Briefe sich habe be- schränken wollen. Sie beziehe sich auch auf die Druckschriften. Und als Privatunternehmer, der hier den Verkehr vermittelte, komme der sozialdemokratische Bezirksleiter des Kreises Lüdinghausen in Betracht, der die Flugblätter habe verteilen laffen. Daß er kein Gewerbe daraus machte, sei gleichgültig.— Da nun die Ange- klagten aber auch noch nach Beendigung der fraglichen Zeit ihre Tätigkeit fortsetzten, so seien sie zu verurteilen, denn eine Arbeit sei jede nicht lediglich der Erholung oder des Vergnügens wegen unternommene Tätigkeit. Durch das Gehen von HauS zu Haus sei ferner den Einwohnern des Ortes bekannt geworden, was die Angeklagten taten. Die„Arbeit" sei also öffentlich bemerkbar gewesen. Das K a m m e r g e r i ch t hob auf die Revision der Ange- klagten das Urteil auf und verwies die Sache zu anderweiter Ver- Handlung und Entscheiduly; an die Vorinstanz zurück. Begründend wurde ausgeführt: Das Landgericht habe den Begriff der Arbeit verkannt, wenn es sage, daß eine solche jede Tätigkeit wäre, die nicht lediglich der Erholung oder des Vergnügens wegen unternommen werde. Diese Auslegung erschöpfe nicht den Begriff. Was angeführt sei, wären nur einige Merkmale. Hinzukommen müsse noch, daß die Tätig- keit mit einer gewissen Anstrengung verbunden sei, die, wenn es sich um eine öffentlich bemerkbare Arbeit handeln solle, öffentlich in die Erscheinung treten müsse. Das Landgericht müsse nunmehr vgchprüfen, ob ein? devlxtige Anstrengung vorgelegen habe. Dabei müsse dann aber auch nochmal nachgeprüft Kerben. ob die Tätigkeit vor 10 Uhr vormittags in der Tat unter den Briefverkehr im Sinne der Ausnahmebestimmung falle, was an- scheinend unzutreffend sei, oder ob nicht auch diese Tätigkeit vor 10 Uhr, falls eine öffentlich bemerkbare Arbeit überhaupt festgestellt werde, in den strafbaren Tatbestand mit einzubeziehen s«. Sozialee* Gelbe«nb blaue Bolksvcrsicherunge«. Die auf dem Genossenschaftstag beschlossene Einrichtung einer Volksvcrsicherungs-Mtiengesellschaft..Volksfürsorge' hat es den um ihren Millionenprofit besorgten Versicherungsgesellschaften und den in ihrem Sinne schreibenden Preßorganen angetan. Die Versicherungsgesellschaften lassen ihre Stimmen warnend, drohend und klagend ertönen. Blätter vom Schlage des„Berliner Börsen-Courier" und ähnliche lassen in ihrem Versicherungsteile ganze Leitartikelkanonadcn los. Die Unternehmer kommen auf praktischere Gedanken. Die Bolksversicherung der Düsseldorfer Vereinsversichcrungsbank ist so einer. Dies Institut, dessen derzeitiges Kapital etwa 3,5 Millionen Mark beträgt, versichert unter Mitwirkung der Unternehmer die Arbeiterschaft ganzer Betriebe, knüpft also an die berüchtigten Wohlfahrtseinrichtungen der Großindustrie an. Das ist die g e l b e Volksverstcherung! Nach der Gründung der„roten" Volksversiche- rung, wie man die Volksfürsörge gern nennt, um sie zu diskredi- tiercn, haben jetzt endlich auch die Hirsch-Dunckerschen Gewerkver- einler ausgeschlafen und nröchten für sich auch noch eine„blaue" Volksverstcherung machen. Das Hirsch-Dunckersche Zentralorgan aller Gewerkvereiue schreibt in seiner soeben erschienenen jüngsten Nummer zu diesem Thema: „Es ist nicht zu leugnen, daß diese neue Volksversicherung (die Volksfürsorge. D. R.) gute Zukunftsaussichten hat. zumal sie auch in der Anlage der Kapitalien den Interessen der Volks- versicherten dienen will. An die übrigen Arbeiterorganisationen, die aus nationalem Bode» stehen, tritt daher die überaus wichtige Frage heran, wie sie die Mohlfahrtseinrichtung der Volksversicherung auch in den Dienst ihrer Richtungen stellen können, um schon nicht aus äuße- ren Gründen im Wettbewerb mit den„freien" Gewerkschaften in den Hintergrund gedrängt zu werden. Trotz der Hunderttausende ihrer Mitglieder dürften sie das Beispiel der„Volksfürsorge" kaum selbständig nachmachen können. Ein Zusammenarbeiten, mit der Düsseldorfer Vereinsversicherungsbank könnte sie in die Nachbarschaft von Organisationsbcstrebungen bringen, die ihren gewerkschaftlichen Grundsähen widersprechen. Da ist es wohl von Interesse, darauf hinzuweisen, daß eine solche gemeinnützige Versicherungsform jetzt im Verbände öffent- lich-rcchtlicher Lcbensversicherungsanstalten geschaffen ist, der sechs Provinzialanstalten in den östlichen Provinzen bereits besitzt und jetzt auch im Westen festen Fuß faßt. Dieser zukunftsreichen Institution, die mit zahlreichen Selbstverwaltungsorganen Hand in Hand arbeitet, soll nach Einführung der großen Lebensver- sicherung eine VolkSversicherungsabteilung nach rein gemein- nützigen Grundsätzen erhalten." Was ist der„Verband öffentlich-rechtlicher Lebensversicherungs- anstalten"? Der Verband öffentlich-rechtlicher LebenSversscherungSanstalten ist außerordentlich jung, er wurde erst vor wenigen Monaten ge- gründet. Die Organisation ist geschaffen worden von der Versiche- rungsanstalt der ostprensnschen Landschaft, von der schlesischen und der pommersihen Provinzial-Lebensversicherungsanstalt, von der Lebensversicherungsanstalt Westpreuhcn und der posenschcn Pro- vinziallebensversicherungsanstalt. Der Verband ist eine Körper- schaft des öffentlichen Rechts und hat die Rechte einer juristischen Person. Das Stammkapital ist einstweilen auf 1,5 Millionen Mark festgesetzt worden, das von den Mitgliedern eingezahlt ist, und die ersten fünf Jahre überhaupt nicht, dann mit 3,5 vom Hundert ver, zinst werden wird. Bis jetzt handelt es sich also— trotzdem die privaten Versiche- rungs-Aktiengesellschaften schon weidlich über die gesunde Kon, kurrenz schimpfen, um nur ländliche Versicherungsgesellschaften. Seine Ursache hat dies darin— und das scheint die Leitung der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine nicht zu wissen oder nicht sagen zu wollen—, daß diese Lebensversicherungsgesellschaften öffentlich- rechtlicher Art mit der landschaftlichen Entschuldungsaktion der öst- lichen preußischen Provinzen parallel gehen. Die Gelder der Ge- sellschaften sollen den ländlichen Kreisen in Form von Hypotheken wieder zur Verfügung gestellt werden, der Abfluß des Geldes nach den Großstädten, den Kapitalzentren, soll vermieden werden. Sicher ist ein öffentlich-rechtliches Versicherungsinstitut, da? nur 8,5 Proz. Dividende zahlt, keine Tantiemen kennt, fesMeibende Prämiensätze erhebt usw. viel besser, als die privaten Akttengesell- schaften, welche das Versicherungsgeschäft betreiben. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, ob solcherlei Einrichtungen, die vorläufig nur für die ländliche Bevölkerung geschaffen und auf diese zuge- schnitten sind, und die mit der östlich-preußischen Entschuldungs, aktion konform laufen und arbeiten, für städtische Arbeiter die richtigen Volksversicherungsgesellschasten sind. Der„Gewerkvevein" tröstet sich über diesen Mangel damit hinweg, daß er meint, die von ihm empfohlenen Gesellschaften haben bis jetzt zur Seßhastmachung von Landarbeitern auf der„eigenen Scholle" Geld hergeliehen, sie werden es— was aber noch durchaus unsicheres Kalkül der Hirsche ist— auch mit den Prämienreserven der einzuführenden Volks- Versicherung so machen und diese zur Finanzierung von Arbeiter- Wohnungsbau-Aenossenschaften hergeben. DaS ist liberale Zu- kunftsmusik! Und die ist wackeliger als alle Märchen über die Qualität der sozialdemokratischen Zukunftsgedanken. Eine Umwandlung der öffentlich-rechtlichen LebenSversiche- rungsgesellschaften, wie sie der„Gewerkverein" bezeichnet, wäre zu- gleich auch eine Abkehr von dem Prinzip, unter welchem sie ge- gründet worden sind. Oder wollen die Gewcrkvereinler nach Ost- und Westpreußen, nach Pommern� Posen nnd Schlesien aus- wandern? Nun noch einiges zll der mehr als eigentümlichen Bemerkung über„das in den Dienst stellen" für die eigene Richtung. Meinen die Gewerkvereine, wenn man schon die Dummheit für eine Schlau- heit halten will, daß die zur ländlichen Entschuldungsaktion, zur ländlichen Hypothckenbeleihung und zur ländlichen Seßhastmachung von Landarbeitern gegründeten OrganisationsaushilfSmittel der öffentlich-rechtlichen Lcbensversicherungsanstalten sich so ohne weite- reS vor den Hirsch-Dunckerschen Landsturmwagen spannen lassen werden? Und überdies: was hat die„Volksfürsovge" überhaupt mit der Richtung zu tun? Sie ist für die Arbeiter da und fragt nicht nach der politischen Anschauung desjenigen� der sich innerhalb ihrer Reihen versichern will. So ist aber der abgehalfterte Liberalismus, tveM dr fchoit bei seinem Wiedermalaufwachen merkt, daß die EntWickelung weiter ist. als er beim Einschlafen noch wahrgenommen hat, gleich will er wieder seine EntWickelung für sich haben.— Der„Gewerkverein" wird wohl seine Mitglieder noch erfolglos auffordern, an der ländlichen Entschuldungsaktion mitzuarbeiten, wenn die..Volksfürsorge" der freien Gewerkschaften und Genossen- schaften bereits bewiesen Zhabea Wird, tvaö sje fis im Arbeiter zu leiftea iMaM GewerhfchaftUcbee. Xnnungömdftcr-Ccrror. Die Berliner Fleischerinnung, zu deren Aufgaben auch die Schaffung gedeihlicher Verhältnisse im Gewerbe zählt, glaubt dieser Aufgabe am besten nachzukommen, wenn sie die berech- tigten Forderungen der Gesellen nach Kräften zuriickn>eist. Da solche Forderungen nur vom Zentralverband der Fleischer ver- treten werden, so übt die Innung gegen dessen Mitglieder den schlimmsten Terror aus. Durch Hunger will man die Gesellen zwingen, aus dem Zentralverband auszutreten. Wer auch nur verdächtig ist, Mitglied des Verbandes zu sein, dem wird durch den Sprechineister der Innung keine Arbeit nachge- wiesen. Jüngst erhielt ein Geselle folgenden Schreibebrief des Sprechmeisters: Hermann D r ä b e r t, Sprechmeister der Berliner Fleischerinnung, Mulackstrahe Nr. 3— Berlin— Mulackstraße Nr. 3. Fernsprecher Amt 3, Nr. 3656. Berlin, den 26. Juni 1912. An den Fleischergesellen Herrn...... Die Fleischerinnung zu Berlin hat durch Generalversamm- lungsbeschluß den Mitgliedern des sozialdemokratischen Zentral- Verbandes jede weitere Arbeitsvermittelung entzogen und somit auch das ferner« Betreten ihres Gesellcnhauses Mulackstraße 3 bei Vermeidung des Hausfriedensbruches untersagt. Dieser Be- schluß ist durch die Presse sowie durch Anschlag im Gesellenhause zur öffentlichen Kenntnis gebracht und Ihnen somit voll und ganz bekannt. Wie mir nun durch glaubwürdige Personen bekannt geworden ist, sind Sie nach wie vor Mitglied des Zentral- Verbandes. Sie haben daher daS Gesellenhaus widerrechtlich betreten und den Arbeitsnachweis der Innung durch Angabe einer falschen und eigenhändig unterschriebenen Erklärung in Anspruch ge- nommen. Ich fordere Sie nunmehr hierdurch auf, mir bis morgen. Donnerstag, den 27. d. M., abends, unter Vorlegung Ihrer Mit» gliedskarte den Nachweis zu führen, daß Sie bei der Arbeits- vermittelung am 24. d. M. nicht mehr Mitglied des Zentral- Verbandes waren, andernfalls unwiderruflich die Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen Sie bei der Staatsanwaltschaft erstattet wird. Ergcbenst Hermann Dräbert, Sprechmeister. Dieser Brief spricht so unzweifelhaft die Verrufserklärung des betroffenen Gesellen, verbunden mit dem Zwang zuni Rücktritt von einer Vereinigung zur Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen aus, daß der Staatsanwalt, wenn er Kenntnis von diesem Schriftstück erhält, gar nicht umhin kann, sich einmal mit Herrn Sprechmeistcr Dräbert etwas näher zu befassen. Die Jnnungsmeister, die so in ungerechtester Weise Terrorismus üben,-vermerken es aber ihren Gesellen als Unrecht, daß diese in der Abwehr gegen solchen Terroris- mus die Solidarität der übrigen Arbeiterschaft anrufen! Daß übrigens ein Arbeitsloser widerrechtlich handelt und Hausfriedensbruch verübt, wenn er einen Arbeitsnachweis be- tritt, um Arbeit zu erhalten, ist eine Logik, auf deren Nach- Prüfung durch die Gerichte die Arbeiterschaft gespannt sein darf. Ein Gericht, daß diese Logik anerkennt, liefert daniit unbewußt einen neuen Beitrag zum Kapitel Klassenjustiz! Berlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Unseren Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß der Kollege Paul S e c l i g er als Revisor gewählt worden ist. Deutscher Metallarbeiter-Vcrband. Ortsverwaltung Berlin. Die Lohnbewegung der Kutscher für die Schwerfuhrwerke Die Verhandlungen zwischen dem Deutschen Transport- arbeiterverband und der Zentralstelle der Fuhrherrenvereinigung Groß-Berlins über einen Tarifvertrag haben nicht zu dem ge- wünschten Resultat geführt, wie in einer Branchenbersammlung des Verbandes, die am Sonntagnachmittog in der„Neuen Phil- Harmonie" stattfand, berichtet wurde. Otto Franke referierte. Nach der Versammlung vom 26. Juni, in der der Lohnkommission bestimmte Aufträge erteilt wurden, fand die erste Verhandlung mit den Unternehmern am 2. Juli statt. Es gelang bis auf wenige Punkte, die Wünsche der Arbeiter zur Geltung zu bringen. Eine große Differenz blieb aber in bezug auf die berüchtigte Hatztungs- klausel bestehen, und daran scheiterten schließlich alle Vcrhand- lungen. Das Verlangen der� Unternehmer, daß der Verband mit seinem Vermögen für die Schadenersatzansprüche, die sie etiva geltend machen, haftet, konnte unter keinen Umständen zugestanden werden. Eine zweite Verhandlung, die am Sonntagmorgen statt- fand und sich nur noch um diese Frage drehte, blieb ebenfalls fruchtlos. Der Verband hatte, um alle Bedenken in bezug auf Schaden durch Verletzung des Vertrages zu zerstreuen, die folgende Abmachung anstatt der Haftungsklausel vorgeschlagene „1. Beide Parteien sind verpflichtet, ihren ganzen Einfluß zur Durchführung und Aufrechterhaltung des Vertrages cinzu- setzen und dahin zu wirken, daß keine Vertragsverletzungen statt- finden. 2. Vor Beginn und während des Verfahrens vor den Schlichtungsinstanzen sind Streiks, Aussperrungen oder ähnliche Maßnahmen seitens der Parteien unter keinen Umständen zu- lässig. Sogenannte Svmpathiestreiks, ebenso wie Sympathie- aussperrungen und das Verlangen von Streikarbeit sind nicht zulässig! sid gelten als eine Verletzung des Vertrages und sind von beiden Kontrahenten mit allem Nachdruck zu bekämpfen. 3. Sollte dennoch in einem der Tarifgemeinschaft ange- schlossenen Betrieb- eine ungerechte Arbeitsniederlegung statt- finden, so verpflichr�!« sich der Deutsche Transportarbeiterverband, feine Mitglieder wevcr direkt noch indirekt zu unterstützen und bei der Beschaffung neuer Arbeitskräfte den betreffenden Be- trieben Schwierigkeiten nicht zu machen, wenn vorangegangene Einigungsversuche als gescheitert anzusehen sind. Dieselbe Ver- pflichtung übernimmt die Zentralstelle der Fuhrherrenvereini- gungen gegenüber ihren Mitgliedern im Falle einer unberechtigten Aussperrung von Kutschern, die etlva von einem Fuhr- Herrn der Tarifgemeinschaft vorgenommen werden sollte." Diese Vorschläge zur Erledigung der noch bestehenden Differenz für den Abschluß eines Tarifvertrages lehnten die Unternehmer ab, und der Vertrag kam nicht zustande. Eine Sitzung der Vertrauensmänner der in Frage kommenden Fuhrwerksbetriebe hatte sich vor Beginn der Branchenversammlung am Sonntagnachmittag mit dem Stand der Dinge beschäftigt, um Stellung dazu zu nehmen. Die Berbandsleitung empfahl dann der Versammlung die vorläufige Vertagung der Lohnbewegung, da die Herbeiführung einer Entscheidung im gegenwärtigen Moment noch nicht tunlich erscheint. In der Diskussion fand diese Ansicht viel- seitige Unterstützung, und die Bewegung gilt vorläufig als vertagt. Achtung, Dachdecker und Berufsgrn-sse»! Zur Arbeitseinstellung ist es bei der Firma W. Wachholtz, Kastanienallee 33, gekommen. Herr Wachholtz weigert sich, seinen Arbeitern das Fahrgeld weiter zu bezahlen. Ohne ihnen eine Mitteilung gemacht jju haben, zog er am Sonnabend das Fahrgeld plötzlich ab. Auch tollen neu ein- zustellende Arbeiter nur noch 55 Pf. erhalten. Bisher hatte Herr Wachholtz stets 60 Pf. bezahlt. Eine Einigung war nicht mög- lich, weil Herr Wachholtz, im Vertrauen auf best Arbeitgeber- verband, an seinen Maßnahmen festhalten will. Diese Werkstelle ist unbedingt von jedem Kollegen und Berufsgenossen zu meiden. Zentralverband der Dachdecker. Achtung, Tapezierer nub Kleber! Wegen Nichtbezahlung des Tarifs ist die Firma Fritz Horn, Friedenau, Laubacher Str. 16, Bau Klavenbachstraße, Ecke Neues Ufer, gesperrt. Die Schlichwngskommission. Kellnerstreik im Ausschank der Kindl-Brauerei zu Neukölln. Unmittelbar nach Ausbruch des Streiks prangten am Garten eingang gedruckte Plakate folgenden Inhalts: An unsere Gäste! Ein Kellnerstrcik im Betriebe b«� hindert die ordnungsmäßige Bedienung. Unsere verehrten Gäste werden höflichst ersucht, hierauf Rücksicht zu nehmen. Nach Erscheinen dieses Plakats verließ ein großer Teil der Gäste demonstrativ den Garten. Am Sonntag, den 7. Juli, fanden sich trotz krampfhaftester Anstrengungen verschiedener Stellender mittler nur fünf Arbeitswillige, welche unter dem üblichen Massen aufgebot von Polizei- und Kriminalbeamten ihrem Gewerbe nach gingen. Ob die Leitung der Kindlbrauerei mit dem scharf- macherischen Vorgehen ihres Oekonomen einverstanden ist, läßt sich zurzeit noch nicht beurteilen.— Der Brauereiausschank in der Hermann st raße zu Neukölln ist für organisierte Gastw.irtsgehilfen natürlich gesperrt. Verband der GastwirtSgehilfen. Deutsches Reich. Gegen§ 7 des Aeichsvereinsgesetzes soll der Geschäftsführer des Bauarbeiterverbandes in Plauen i. V., Genosse Schmirch, sich vergangen haben. Die wegen der Maifeier in Plauen ausgesperrten Bauarbeiter veranstalteten am 2. Mai nachmittags einen Spazier- gang nach dem Elsterthal. Hierin sah die Polizei einen nicht ge- nehmigten Umzug. Genosse Schmirch wurde als Veranstalter dieses Umzuges am Donnerstag vom Schöffengericht zu 100 M. Geldstrafe oder 20 Tagen Haft verurteilt. Ein Streik in der Sonneberger Spielwarenindustrie. Die Einbinder, Packer, Ueberschreiber und Lageristen der Spiel- Warenexporteure in Sonneberg sind angesichts ihrer gedrückten wirtschaftlichen Lage iu eine Lohnbewegung eingetreten. Die Ver- waltung des Gaues Thüringen des Deutschen Transportarbeiterver- bandes hat am 6. Juli die Forderungen der Arbeitnehmer den Firmeninhabern auftragsgemäß eingereicht. Die Forderungen ver- langen in der Hauptsache eine Verallgemeinerung der bereits in einigen Geschäften der Branche bestehenden günstigeren Arbeitsbe- dingungen. In Betracht kommen zirka 70 Firmen mit ungefähr 400 Beschäftigten. Es steht zu erwarten, daß die Unternehmer den Forderungen der Arbeiter geneigt gegenüber stehen. Chauffeurstreik iu Kattowitz. Bei der Oberschlesischen Automobilgesellschaft, Sitz Kattowitz, Inhaber Alex Fischer u. Ko. in Berlin-Halensee, haben die Chauffeure, wie schon telegraphisch gemeldet, Sonnabendvorinittag einmütig die Arbeit wegen Nichtbewilligung einiger minimaler Forderungen nieder- gelegt. Auf Grund von Verhandlungen mit dem Filialleiter in Kattowitz und den Vertretern der Arbeiter war bereits ein Lohntarif auf- gestellt und wurde, nach Angabe des Filialleiters, der Hauptleitung zur Genehmigung übermittelt. Am Donnerstag erklärte Herr Werth in Kattowitz, daß die Hauptleitung in Berlin die Vorlage abgelehnt habe. Auf eine Anfrage der Organisationsleitung in Halensee er- klärte der Bureauchef, daß Herr Fischer zurzeit verreist sei, ihm jedoch von einer Ablehnung bezlv. Einsendung des Vertrages nichts bekannt sei. Der Filialleiter habe in derartigen Fragen vollständig freie Hand und könne nach Belieben Vereinbarungen mit den Arbeitern treffen. Damit ist offensichtlich festgestellt, daß die Firma ein eigentümliches und widerspruchsvolles Verhalten an den Tag legt, um die Sache zu verschleppen. Wir ersuchen daher, Zuzug von Chauffeuren nach Kattowitz unter allen Umstäden zu verhindern. Christlicher Terrorismus vor Gericht. Im vergangenen Jahre streikten die Goldschnittmacher der Firma Gebr. Riffarth in M.-Gladbach, Gebetbücherfabrik. Dieser von Christen geführte Atreik ging infolge der dabei beobachteten eigenartigen Taktik der schwarzen Strategen völlig verloren. Man hatte auf ausdrückliche Anweisung des christlichen Streikleiters den besten der Schnittmacher während des Streiks bei der Firma stehen lassen, betrieb also ein falsches Spiel. Dieselbe Gewerkschaft, die den Streik führte, ließ Streikbruch an den eigenen Kollegen ver- üben. Nachdem der Streik im Sande verlaufen war, suchten sich christliche Helden nicht etwa gegen ihren sie schädigenden Verband zu wenden, fondern an den bei der Firma arbeitenden frei oraani- sierten Schnittmachern für ihren Mißerfolg zu rächen. Man heckte den teuflischen Plan aus, den Freien das Material zu verderben, damit diese nichts verdienten. Das gelang den schwarzen Terra- risten vortrefflich, indem sie den Freien zwischen die zum Abreiben der Bücher benötigten Seidenspäne Seifenpulver schütteten. Da- durch wurde eine ganze Woche lang jegliche Arbeit verdorben. Die frei organisierten Schnittmacher standen vor einem Rätsel, indessen den braven Christen die Schadenfreude vom Gesicht abzulesen was. Es gelang einem der Freien zu beobachten, wie ein frommer Christ zum Verderben der Kollegen das Seifenpulver über die Späne schüttete. Auf dem Kontor des Betriebes zur Rede gestellt, mußte der schwarze Terrorist eingestehen, daß noch drei weitere seiner Ge- sinnungsfreunde an dem Attentat beteiligt waren. Dieser Tage stand die Sache vor dem Gericht in M.-Gladbach an. Durch die Beweisaufnahme wurde der Tatbestand böllig bestätigt. Der' An- stifter wurde zu der milden Strafe von 50 M., die drei Komplizen jeder zu 30 M. verurteilt. � Husland. Der französische Seemannsstreik. Paris, 7. Juli. Auch in bezug auf die Gewährung von Arbeitsgelegen» h e i t an die einheimische Bevölkerung ist die Bedeutung des Hotel- Wesens nicht zu unterschätzen. Zirka 60 000 Personen beiderlei Ge- schlechts finden im Gasthausgcwerbe direkt oder indirekt Beschäfti- gung; dazu kommen noch 18 000 Restaurants, die zirka 45 000 Per- sonen Arbeit verschaffen; deren Löhne belaufen sich auf 12 bis 14 Millionen Franken, nicht eingerechnet Wohnung und Unterhalt, die mit 16 Millionen Franken gewiß nicht zu hoch bemessen sind. Rechnen wr noch die von den Fremden jährlich bezahlten Trink- gelber in der Höhe von 3,5— 4,5 Millionen Franken hinzu, so er- gibt sich eine Totaleinnahme von 25,5— 29 Millionen Franken. Privatmonopol und Kommune. Den Städten, die den Betrieb ihrer Unternehmungen an Pri- vate verkaufen ober verpachten, reiht sich nun auch Branden- bürg an. In geheimer Sitzung stimmten die Stadtverordneten einem Vertrage zwischen der Stadtgemeinde und der AI Ige- meinen Elektr zitätsgesellschaft Berlin zu, nach welchem die A. E. G. den Betrieb des städtischen Elektrizitätswerkes nebst Leitungsnetz für die Zeit vom 1. Juli 1912 bis 30. Juni 1952 übernimmt, Ausgeschlossen von der Uebernahme bleiben nur die zur städtischen Straßenbahn gehörigen Einrichtungen. Im An- schlbß an das Brandenburger Werk will die A. E. G., wie verlautet, eine Reihe von Zentralen für benachbarte Orte gründen. Krupp arbeitet für Chile. Im chilenischen Parlament gab der Kriegsminister die Erklärung ab, daß die chilenische Regierung mit der Firma Krupp einen Vertrag über Lieferung von Geschützen für die Gebirgsartillerie abgeschlossen habe. Die A. E. G. in Japan. Die japanische Firma Okura wird in der Provinz Nordpinjang(Korea) eine elektrische Kraftzentrale für die dortigen Bergwerke errichten. Die Ausrüstung der Zen- trale, insbesondere die Lieferung der Turbinen und der Frei- leitungen sind der Mgemeinen Elektrizitätsaesellschakt Berlin über- tragen worden._ Gerichte-Zettung. Ist Flohfang verbotene Sonntagsarbeit? Wie die„Breslauer Zeitung" mitteilt, hat ein Schöffengericht sich gesunden, das diese Frage bejahte. Es ist das das Schöffen- gcricht Städtoldendorf in Braunschweig. Es verurteilte den Lehrer Enkhardt wegen Uebertretung der Sonntagsruhe zu 3 M. Geld- strafe. Der Lehrer ist ein eifriger Sammler von Mineralien und Insekten und hatte sich ein Aquarium beigelegt, in dem er junge Molche züchten wollte. Er hatte auch das Glück, daß aus dem Laich die jungen Tiere ausschlüpften Unglücklicherweise sind junge Molche in ihrem Nahrungsbedürfnis sehr anspruchsvoll; sie kaprizieren sich auf Wnsserflöhe. Der glückliche Besitzer der Molche bewaffnete sich also mit einem Käscher und begab sich eines Sonntags morgens nach einem Teiche, um für seine hungrigen Molche Wasserflöhc zu fangen. Dabei beobachtete ihn aber ein eifriger Kirchenbesucher, der an diesem Treiben Anstoß nahm und ihn anzeigte. Das Schöffengericht stellte sich auf den Standpunkt, daß das Fangen von Wasscrflöhen eine öffentlich wahrnehmbare Arbeit sei, die Tätigkeit zu halten, so daß ein Unfall, der die Schiffsmaschine zum Stehen bringt, die Funkentelegraphie nicht beeinträchtigt. Schiffe der ersten Klasse sollen ununterbrochenen Dienst haben, und brauchen daher mindestens zwei völlig ausgebildete Telegraphen- bemnten. Bei Schiffen der zweiten Klasse, die nur einen Tele- graphenbeamten haben, soll dieser die ersten 10 Minuten jeder Stunde am Apparat hören. Für die kleinsten Fahrzeuge, die Fischerboote, wird kein regelmäßiger Dienst vorgeschrieben. Alle beteiligten Staaten erkennen die Verpflichtung der Schiffe an, ungeachtet der Verschiedenheit der Systeme, funkentelegraphische Meldungen aufzunehmen. Die 5tonfercnz kam zu dem Ergebnisse, daß es noch nicht an der Zeit wäre, Bestimmungen über den Dienst zwischen Landftationcn auf große Entfernungen aufzustellen. Die Organisation eines solchen Dienstes wird allen Ländern freigegeben/- jedoch unter der Voraussetzung, daß Störungen durch verschiedene Stationen nach Möglichkeit vermieden werden müssen, und daß die Verschiedenheit der Systeme nicht zum Anlaß genommeq iP.ird, den Verkehr abzulehnen._ Notizen. — Prof. Karl Theodor G a e d e r tz ist am MoMag im Alter von 57 Jahren gestorben, Er hat sich um die Geschichte de? niederdeutschen Dramas verdient gemacht und auf mannigfachen literarischen Gebieten als Materialsammler und Herausgeber ge« wirkt. Besonders aber hat er als Neutersammler und Reuter- forscher sich betätigt. Wenn dabei auch manche Uebertreibungen und Kleinigkeitskrämerei mit unterliefen, wird man ihm doch in vielem Tank wissen. Die Reuterausstellung, die er vor einigen Jahren in Berlin veranstaltete, ist noch in guter Erinnerung. Vortrefflich ist Gaedertz' Reuterausgabe(im Verlag Reclam.) — Der Gipfel. Bekanntlich haben die deutschen und aus- ländischen Klassiker im Grunde ihre Werke nur geschrieben, damit Max Reinhardt seine Jnszenierungskünste an ihnen erproben könnte. In diesem Sinne ist denn wohl auch eine Ankündigung zu verstehen, die der staunenden Welt von Reinhardt-Klassikern IKunde giebt. Darunter sind die von Reinhardt aufgeführten Klassiker zu verstehen, die mit den Bühnenbildern und szenischen Einrichtungen des Deutschen Theaters herausgegeben werden sollen. — Norwegens W a l f i s ch f a n g. Der norwegische Wal- fischfang hat seit einiger Zeit einen„glänzenden Aufschwung" ge- nommen. An der Nordkllste Norwegens selbst wird zwar der Wal seit mehreren Jahren geschont, da die Fischer glauben, daß der Wal- fischsang auf die Fischerei ungünstig wirke. Aber nun gehen gerade deshalb die norwegischen Schiffe in alle Weltgegenden hinaus und machen an den Küsten von Südafrika, Australien und Amerika auf den Riesen des Ozeans so eifrig Jagd, daß der Walfischbestand dort bedroht ist. Welche Bedeutung die Walfischjagd besitzt, geht aus der Tatsache hervor, daß er im letzten Jahre über 22 Millionen Kronen erbrachte. Men m Nervo? Mi. Sf? SMMWMSMY SWützS, HKS«- urteilte daher den Angeklagten. Dieser legte Berufung ei», mit der sich nunmehr die zweite Strafkammer in Braunfchweig zu be. fassen hatte. In der Verhandlung erklärte der Rechtsbeistand des Angeklagten, daß er die Sache mehreren Geistlichen unterbreitet habe, die aber mit ihm der Ansicht seien, daß von einer Sonntags-- entHeiligung keine Rede sein könne. Das Gericht stellte sich auf den gleichen Standpunkt und sprach den Angeklagten frei. Ob Geistliche am Flohfang Anstoß nehmen, erscheint füt die Veurteilung der Frage höchst gleichgültig. Das eine Strafe aus- sprechende Urteil hätte nicht ergehen können, wenn nicht der Be-- griff der„Arbeit" von ihm und von der Verfrommungsverordnung verkannt wäre. Auf die eigenartige Anschauung von Staatsanwalt- schaft und Kammergericht darüber, was„Arbeit" ist, haben wir mehrfach bei Gelegenheit der Fehlsprüche hingewiesen, die die Tätigkeit des Verbreitens von Druckschriften als öffentlich erkenn- bare Arbeit im Sinne der Verfrommungsverordnung bestraften. Hat die Verordnung einen Sinn, so kann es nur der sein, Personen, die den Sonntag festlich zu begehen und an diesem Tage sich inner- lich zu sammeln suchen, in diesem Bestreben nicht stören zu lassen. Mit der Frömmigkeit einer Person mutz eS recht windig bestellt sein, die durch Beobachten von Leuten, die Flugblätter verteilen oder die Flöhe sammeln, in ihrer Frömmigkeit verletzt werden. Jede Tätigkeit kann eine„Arbeit" sein; es gibt aber keine Tätig- keit, die stets als Arbeit anzusprechen ist. Jäger, die aus Ver- gnügen Wild am Sonntag niederknallen, sind auch vom Kammer- geeicht freigesprochen, aber einen Sammler von Wasserflöhen zur Ernährung von Molchen spricht man, wenigstens in erster Instanz, schuldig. Der Widersinn des Begriffs„Arbeit", wie ihn die An- klagebehörde aus den Verfrommungsverordnungen herausliest, mit dem wirklichen Begriff„Arbeit" liegt klar zutage. Einen Sonn- kagsjäger, der einen mehrere Kilo schweren Schießprügel herum- schleppt, klagt die Staatsanwaltschaft nicht an. Sie läßt auch mit Recht die Männer und Frauen unbehelligt, die dicke Gesangbücher oder Bibeln oder Einkäufe für hauswirtschaftliche Zwecke am Sonntag tragen. Unbehelligt bleiben auch Leute, die Traktätlein oder gegen die Sozialdemokratie gerichtete Flugblätter am Sonntag verbreiten. Wer ein weit leichteres Paketchen als ein Gesang- buch wird von ihr als schwer erachtet, wenn der Inhalt aus sozial- demokratischen Flugblättern besteljt. Die Anklagebehörde setzt so die Gesetze der Schwerkraft außer KurS: sobald es sich um sozial- demokratische Flugblätter handelt, richtet sich die Schwere des Pakets nicht nach dem Gewicht seines Inhalts, sondern nach der Tendenz der Druckschrift. Diese mit Logik, Gerechtigkeit und dem Begriff„Arbeit" unvereinbare Taktik hat leider das Kammer- gericht gebilligt, nachdem es sich jahrelang unter dem auch deshalb seiner Stellung entsetzten Kammergerichtsrat Havenstein dagegen mit Entschiedenheit gewehrt hatte. Bei der Art dieser Judikatur des höchsten preußischen Gerichts wäre es Unrecht, gegen das Schöffengericht einen Vorwurf zu erheben. Kommt doch das Aerger- nis von oben. In Konsequenz der Anschauung der Anklagebehörde müßte auch schließlich Flohknacken als Sonntagsarbeit bestraft und ein Prediger wegen Verstoßes gegen die VerfrommungSver- ordnung mitex Anklage gestellt werden, alldieweil er seine öffent- lich bemerkbare Arbeit vorzugsweise am Sonntag verrichtet. Viel- leicht reizt der vors Tribunal geschleppte Wasserfloh den Justiz- minister einmal an, der ausdehnenden Auslegung der Ver- srommungsveropdnungen entgegenzutreten, Herrenmoral. In dem Bericht über den Prozeß gegen den Redakkeur der „Gewerkschaft" Genossen Emil Dittmer ist in den Gründen des ■Hflefll MWN„©fr WkiWW yikkks«W Vflt WahkhesWeMs? für geführt erachtet." ES muß heißen:„Der Gerichtshof hatte wohl den Wahrheitsbeweis für gefühtt erachtet." Der Name des Verteidigers ist nicht Dr. Herr, sondern Dr. Herz�Altona. Di« Höllenmaschine unter dem Kutschersitz. MS Absicht den unbequemen Ehemann in die Lnft za sprengen, sollen die zwei Angeklagten gehabt haben, gegen welche gestern das Schwurgericht des Landgerichts III unter Vorsitz des Landgerichts- direktors Hesse zu verhandeln hatte. Angeklagt wegen versuchten Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz vom 9. Juni ISSt waren der 3t)j ährige Tischler Georg Schemel und dessen L4jährige Ehefrau Elise Sch. geborene Hesse, geschiedene Schulz. Beide Angeklagte wurden beschuldigt, es versucht zu haben, durch Anwendung von Sprengstoffen Gefahr für das Leben und die Gesundheit eines anderen herbeigeführt zu haben. Dieser„Andere" war der frühere Ehemann der Angeklagten Schemel, von dem sie vor einiger Zeit geschieden worden war. Anfangs des Jahres 1907 wohnte der An geklagte bei dem Milchkutscher Karl Schulz, dem früheren Ehemann seiner jetzigen Frau. Zwischen ihm und der damals 20 Jahre alten Frau Schulz kam es hinter dem Rücken des Ehemanns zu einem intimen Liebesverhältnis, welches jedoch später nicht zum Gegen- stände des Scheidungsprozesses gemacht wurde. Zu jener Zeit sollen nun beide Angeklagte den Plan gefaßt haben, den unbequemen Ehemann Schulz aus der Welt zu schaffen, wobei sie sich folgenden Mittels bedienten: Der Angeklagte Schemel, welcher bei dem Pionierbataillon in Spandau gedient hatte, war von seiner Soldatenzeit her in der Anwendung von Sprengstoffen, insbesondere auch über die Herstellung einer sog.„Tretmine', genau informiert. Er besorgte sich ein größeres Quantum Sprengpulver, mit dem er eine ebenso einfache wie raffinierte Höllenmaschine herstellte. Er füllte das Pulver in eine Zigarrenkiste, deren Deckel er an vier Stellen durchbohrt hatte. Durch diese Löcher steckte er vier, lange Nägel in die Kiste hinein, die an ihrem unteren Ende mit Zünd- Hütchen versehen waren, die sich entzünden mußten, wenn die Nägel von oben gegen den Kistenboden gedrückt wurden. Diese Höllen- Maschine, welche bei der Explosion zum mindesten schwere Ver- letzungen verursacht hätte, wurde von der damaligen Frau Schulz fein säuberlich mit Stroh umwickelt und eines Morgens ihrem Ehe- mann unter dos Sitzkiffen seines Milchwagens gelegt. Ihre Hofs- nung, daß sich ihr Ehemann auf die Höllenmaschine setzen und dann eine kleine Luftreise antreten würde, erfüllte sich jevoch nicht, denn durch einen reinen Zufall bemerkte Schulz die ihm zugedachte Sprengkiste. Er entfernte die Höllenmaschine und schüttete in Gegenwart einiger Arbeitskollegen das Pulver aus, sodaß diese „sinnreiche" Erfindung unschädlich wurde. Vor Gericht waren die Angeklagten gestkindig, jene Höllen- Maschine angefertigt zu haben. Beide behaupteten jedoch, daß sie nicht die Absicht gehabt hiitten, dem Schulz irgend ein Leid zuzu- fügen, sie hätten ihm lediglich einen ordentlichen Schreck einjagen wollen. Der als Sachverständige vernommene Oberleunant Lindemann vom 7. Pionierbataillon in Deutz bekundete jedoch, daß auch die verwendete geringe Menge Pulver geeignet gewesen sei, ernst- hafte Verletzungen, zum mindesten in der Form von Brandwunden, herbeizuführen.— Die Geschworenen bejahten die Schuldfragen nach versuchtem Verbrechen gegen das Sprengstoffgesetz bezw. Anstiftung aus feiten der Ehefrau. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Ehemann Schemel 3 Jahre Zuchthaus und gegen die Ehefrau 1 Jahr Gefängnis. Das Urteil lautete gegen den Ehemann auf Wi Jahre Zuchthaus pnd gegen die Ehefrau auf K Monate Gefängnis, Betrügerischer Bankerott? Wegen betrügerischen Bankerotts hatte das Schlvurgerlchk des Landgerichts I gegen den Schneidermeister Moses Fingerhut und dessen Ehefrau Salka F. geb. Schreiber zu verhandeln. Der An- geklagt« eröffnete im Jahre 1900 in der Besselstraße ein Herren- schneidergeschäft unter der Firma„Wiener Herrenmoden", welches er später nach der Potsdamer Straße 133 verlegt«. Das Geschäft, td U-Ichem«3$ 6tl züTef! IT ÄMskessks vsschäfffgk vuMA. ying leidlich gut. Trotzdem kam F. auf keinen grünen Zweig, da er unter semen zum Teil sehr noblen Kunden viele„Pumper" hatte, die sich bei der Bezahlung ihrer Kleiderrechnungen sehr viel Zeit ließen. Die Folge war. daß F. ständig mit einer Unierbilänz arbeitete. Als er schließlich nicht mehr weiter konnte, bot er seinen Gläubigern, Tuchlieferanten usw. einen Akkord mit 33 Proz. an, der aber abgelehnt wurde. Die Anklage behauptet, daß F. in Gemein- schaft mit seiner Ehefrau, als er den drohenden Konkurs vor Augen sah, in der Absicht seine Gläubiger zu benachteiligen, einen mit Seidenstoffen, Knöpfen und Futtersachen vollgestopften Korb im! Werte von zirka 1000 M. beiseite geschafft haben soll. Vor Gericht gab der Angeklagte das zu, behauptete aber, nicht gewußt zu haben, daß er sich dadurch strafbar mache. Außerdem habe er seine Gläubiger nicht benachteiligen wollen, sondern viel- mehr an anderer Stelle ein neues Geschäft eröffnen wollen, um dann die Gläubiger bezahlen zu können. Dies wäre ihm nicht mög- lich gewesen, wenn er die erforderlichen Betriebsmittel nicht gehabt hätte. Die Geschworenen verneinten sämtliche Schuldfragen, sodaß die Freisprechung der Angeklagten erfolgen mußte, Stempel für Verlängerung der Polizeistukid«. Das Preußische Stempelsteuergesetz vom 30. Juni 1909 be- stimmt in Tarifstelle 31, daß die Genehmigung der Berlängerung der Polizeistunde für Wirtshäuser und öffentliche Vergnügung-- orte einer Stempelabgabe von 23 M. unterliegt; Genehmigungen auf die Dauer von weniger als einer Woche sind aber nur mit 1,80 M. zu versteuern. Es fragt sich, ob unter der letzteren Be- stimmung eine Kalenderwoche zu verstehen ist oder eine Reihe von 7 Tagen, auch wenn siie auf verschiedene Wochen verteilt sind, Dem Streifall lag folgender Sachverhalt zugrunde: Der Kläger betreibt bei Berlin eine Gastwirtschaft. Er hat für drei Tage, und zwar für den 25. und 20. Dezember 1910 und oen 1. Januar 1911, in einem Gesuch die Verlängerung der Polizei- stunde nachgesucht und genehmigt erhalten. Für die Genehmigung ist ein Stempel von 1,59 M. erhoben. Der Steuerfiskus hat aber einen Betrag von 23,59 M. nachgefordert. Der Kläger hat deshalb gegen den preußischen Steuerfiskus Klage auf Feststellung erhoben, daß die Nachforderung ungerechtfertigt ist. Er meint: der höhere Stempel von 25 M. könne nur erhoben werden, wenn es sich um eine gewisse andauernde Zeit handele, die länger als eine Woche betrage, nicht aber, wenn nur drei Tage in Frage stehen, auch wenn diese sich auf mehrere Wochen verteilen. Dagegen ist der beklagte Steuerfiskus der Ansicht: unter einer Woche sei eine Kalenderwoche zu verstehen, nicht die einzelnen Tage, auch wenn diese keine Woche ausmachen. Das Landgericht und Kammcrgericht Berlin sind der Ansicht des Klägers beigetreten und haben der Klage stattgegeben. Das Kammergericht führt begründend aus: Maßgebend für die ver- schiedene Besteuerung der Genehmigungskosten war die Erwägung. daß durch die Verlängerung der Polizeistunde ein Vermögensvorteiv entstehe. Der Vorteil ist um so größer, je länger die Zahl der Tage ist, auf welche sich die Erlaubnis erstreckt. Daraus folgt, daß der Stempel von 25 M. nur dann erhoben werden kann, wenn die Verlängerung der Polizeistunde für mindestens sieben aufein- anderfolgende Tage gegeben ist. Die von dem beklagten Steuerfiskus eingelegte Revision hatte nur einen teilweise» Erfolg: das Reichsgericht hat am 5. d. M. das Urteil des Kammergcrichts ausgehoben und die Stempelnach- forderung in Höhe von 22 Äll. für unbegründet erklärt; im übrigen« also bezüglich 1,59 M., ist die Klage abgewiesen worden. Da? Reichsgericht nimmt hiernach an: daß der ermäßigte Stempel von 1,59 M. in der Tat nur dann zu berechnen ist. wenn es sich um sieben aufeinanderfolgende Tage handelt. Da im vorliegenden Falle die Genehmigten drei Tage auf zwei verschiedene Kalender- wachen fallen, so ist für jede Woche ein Stempel von 1,59 M., itn ganzen also 3 R. anzusetzen.(Aktenzeichen: VII. 124/12.) Todes-Anzeigen Sozialdemofrat. Wahlverein f.d. S. Berl.Reichstagswahlk. (Bezirk 121 und 122). Am Freitag, den S.Jull, verstarb j unser Mitglied, der Maurer Neintlcd Thiem Eneisenaustr. 61. Ehre seinem Slndeuke»! Die Beerdigung findet am> Mittwoch, den 10. Juli, nach- mittags 6 Uhr, von der Leichen- balle deS Heillg-Kreuz-KirchhoseS in Mariendors, Eiscnacher Straße, ans statt. Um rege Beteiligung ersucht 210/11 Der vorntaad, i 3. 8erl. Relchslugs- Wahlkreis. Todes•Anselge. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Parteigenosse, der Zapfer �uxust Bahls (Bezirk 244) gestorben ist Ehre feinem Andenken k Die Beerdigung findet DienS tag, den 9. Juli, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des;Siechen- uuses, Prenzlauer Allee, aus nach em Zenttai-Fttedhos mFrtedrichZ selde statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet Itei- Vorstand. Allen Freunden und Bekannten I die schmerzliche Nachricht, daß am> Sonntag, oen 7. Juli, meine liebe trau, unsere gute Mutter, j chwefter, Schwägerin und Tante| Martha Bagowski geb. Wende, nach langem schweren Leiden sanft i entschlasen ist. Dies zeigen tiefbetrübt-m HelnrlcZ, Bagowski nebst Kindern. Die Beerdigung findet ani i Mittwoch, den 10. Juli, noch- mittag» 4 Uhr. von der Halle des l zweiten städtiichen Friedho,es inj Schöneberg(BlanteHölle)auS ftntt.|| Danksagung� Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung inestieS lieben Manne» Kobert Bcbuls sage ich allen Beteiligten meinen herzlichen Dank. vis trauernde Niwe nebet Sebn. Heute abend verschied sanst im 63. Lebensjahre mein lieber Mann, unser guter Vater, Schwieger-, Grohvater und Bruder, der Kassenbeamte Karl Pottgießer. Berlin-NIeder-Schönhausen, Barcelona, den 6. Juli 1912. Im Namen der Hinterbliebenen Wllhelmlne PottgieBer geb. Mette Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 10. Juli, nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- halle deS EmmauS- Kirchhofes, Neukölln, Hermannstr. 129, aus statt. 2400b Allgemeine Ortskrankenkasse zu Berlin. Am Sonnabend, den 6. Juli, ! abend»«>/, Uhr, verschied nach s längerem Leiden Herr Karl Pottgießer im 63. Lebensjahre. Der Verstorbene, welcher vom 1. September 1890 blS 31. März 1911 in Diensten oben bezeichneter Kasse stand, wurde am 1. April 1911 in Anbetracht seiner Pflicht- treue wie auch krankheitshalber pensioniert. Sein Andenken werden wir in Ehren halten. 277/5 Der Vorstand. Wilhelm Riehl, Vorfitzender. Di» Beerdigung findet am Mittwoch, den 10. Juli, nachmittags 5'/f Uhr, von der Leichenballe des EmmauS- Kirchhofes, Neukölln, Hermannstr. 129-137, auS statt. Ortsgrupps Groß-Berlin. Den Mitgltederu zur aesülltgen j Kenntnis, dah unser Kollege Karl Pottgießer Kassenangestcllter, (Allgemeine O.-K.-K. Berlw) lim Alter von 63 Jahren ver- s starben ist. Ehre seinem Andenken.' Die Beerdigung findet am ! Mittwoch, den 10. Juli, nachm. fL/z Uhr, von der Leichenhalle des ilmmaus- Kirchhofes. Hermann- j itrasje, aus statt, 1 47/11 Die Ortsverwaltung. Am Sonnabend, den 6. Juli, f | oerstarb unser Kollege Karl pottxtelter im Aller von 63 Jahren. Er war uns wegen seines I ofsenen.liebenSwürdigenTharakterSs ein werter Kollege. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet morgen I Mittwoch, den 10. Juli, nachmittags| 5'/, Uhr, auf dem Einmaus- Kirchhos tn Neukölln, Hermann- strab« 129/137, statt.. 277/6 vis Angestellten der Allgemeinen Ortskrankenkasse zn Berlin. „Brennabor MS" Den Mitgliedern und Freunden des Vereins hierdurch die traurige Nachricht, daß unser verehrter sangesbruder, Chorsührer und Ehrenpräsident Karl Pottgleßer sen. am 6. Juli nach kurzem Kranken« lager gestorben ist Während setner 44jährigen Mit- glicdschast war er uns stets ein väterlicher Berater und ein leuch- tendes Vorbild hingebender und gewissenhaster Pslichtersüllung. Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 10. Juli, nachmittags pünktlich Ü'L Uhr, von der Leichen. Halle des EmmauS-Kirchhofes in Neukölln, Hermannfttatze.129/137, aus statt. SS/4 I. A.: Walter Gommert, Vorsitzender, Romintener Stt. 22. ßöutsclm Metallarbeiter-Verband Berwaltnngsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unier Mitglied, der Schrauben- dreher Paul PoKmaim Liebenwalder Stt. 44. am 6. d. Mts. an Herzschlag gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 9. Juli, nachmtltags 41/z Uhr, von der Leichenhalle des Ngzareih-Kirchhoses in Reinscken- dors-West aus statt. Rege Beteiligung erwartet 118/11 Die Ortsverwaltung. Todes-Anzeige. Unerwartet verschied am Sonn, I abend, den 6. d. M., unser Mit- | arbeiter, der Schraubendreher Herr Paul Roßmann. Wtt achteten tn dem Ver- 1 storbenen einen fleißigen und ge- wissenhasten Arbeiter, dessen An- denken wtt stets w Ehren halten f werden. 21» Zeidler dfc Remak, Metallwarenfabrik. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Aloys Winkler sage ich allen Vereinen und Kollegm nebst Verwandten meinen herzlichsten Dank. ig Witwe Winkler geb. Eckelt. vsulcssxunx. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes und Bruders Nermann Skala sagen wtt allen unserm herzlichsten Dank. gg, Im Namen der Hinterbliebenen Franz Skala. 8pezlalarzli für Bant- und Harnleiden, nervöse Schwäche,„Ehrlich 606" usw. i. Dr. Bomeyer&4Ä Blui Untersuchungen. Fäden im Harn f rlediiclislr, 81,«fS, Spr. 10—2, 6— 8, SonntagS 11— 2. Honorar mäßig, auch Teikzahiung. Os; Pollmanns snüagen 6 e schält, nebft Hrtifeel zur Gesundheits- u. Krankenpflege, /erbandstolle, Oummlwaren etc. Berlin IV., Lothringer Str. 60. Lieferant dir Krankenkassen Eig tue Werlstatt. Die besten Suppen erhalten Sie au» NIAGGIS Nudel-Suppe(Fadnmudelnj Erbs mit Schinken' Rumford- Grünkern- Königin- TaPioka- Sternchen-Suppe usw.(Mehr als Zb Sorten). IlTfe Pia- der Würfel JAP für 2-3 Teller Allein echt tntt dem Namen WBAGGI und der Schutzmarke Kreuzsteru. Stoffe fflr elegante MaBanzOge, Paletots, Ulster etc., Mir. 4.—, 5.—. 6.— M. 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Ber> schiedene«. 120,1» Zahlreichen Besuch erwartet vie Ortsverwultnin Die Dampferpartie findet am Montag, den»2. Jnli statt. vtllett» können In der Versammlung und beim Kollegen Metzk«, Friedenau, ver Zps�ier�cln� Continental wird ent richtiger Venne, dureh Con- tinent&l Gummi Absitie. Angenehm weicher, elaetieoher Gang. Erechütte- rangen vermindert. Dauerhafter«Je Leder. Verlangen Sie daher«Uta Continental Gummi-Absätze Enorm haltbap Sehwalmer eummlwaren-lndustHe G.m.b.H., Sehwelm I.W. Dienstag, den 9. Juli 191», abends 8'/, Uhr, in den„Germania.Prachtsälen". Chausseestr. 119: AußerordentlicheGeneralversammlnng Tagesordnung: Fortsehllug der Keratung und Ktslhlußfaffuug öber de« Euwurf der Aussthruugsbestimmungtu sowie der nicht eriedigteu Antrage. .. Mitgliedsbuch legitimiert.......... 880/6« Der varftaud. ■ MiiiiiiiiiiiiiiiiiMiikiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiini Dr.Simmell Speiial-Arzt für Heut- und tisrnleiden. 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WM i>cs JoraiirtD" Knlim SoMlolt Diettstllg, 9. luü 1912. parte!- Hngelegcnbeiten* Neukölln. Die Generalversammlung des WahlvereinS findet am Dienstag, den 23. Juli, statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Stellungnahme zum Parteitag. 2. Anträge zu demselben. 3. Ver- schiedcnes. Mitgliedsbuch legitimiertl Anträge, die in obiger Versammlung zur Verhandlung kommen sollen, müssen bis zum IS. Juli dem Borstand eingereicht werden. Der Vorstand. Charlottcnburg. Die Genossen der 7. Gruppe werden ersucht, sich zum Zahlabend am morgigen Mittwoch diesmal nur bei Thunak, Wielandstr. einzufinden. Steglitz. Der Zahlabend für den dritten Bezirk findet im Lokal von Liebske, Mommsenstr. 7, statt. Adlershof. Die Generalversammlung deS sozialdemokratischen Wahlvereins findet Mittwoch, den 10. Juli, abends 8l/a Uhr, im Lokale des Genossen Kaul, Bismarckstr. IS, statt. Der Zahlmorgen fällt im Juli und August aus. Der Vorstand. Johannisthal. Der Zahlabend am Mittwoch findet bei Otto Senftleben, Friedrichstr. 48, gemeinsam flir den ganzen Ort statt. Der Vorstand. Ober-Schöneweide. Morgen Mittwoch, den 10. Juli, abends 8V2 Uhr, Bezirksgeneralversammlung im Blumen- garten. Tagesordnung: Bericht und Neuwahl der Bezirksleitung, Kassenbericht und Verschiedenes. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Die Bezirksleitung. Grünau. Mittwoch, den 10. Juli, abends 8V9 Uhr, im Lokale „Zur grünen Ecke", Köpenicker Str. 88: Generalversamm- I u n g des Wahlvercins. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Neuwahlen. 8. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Der Vorstand. Zeuthcn-Mirsdorf. Mittwoch, den 10. Juli: Außerordentliche Generalversammlung. Wahl des Vorstandes und der Funktionäre, Verschiedenes._ Berliner JVacbricbten. Die Gemeiudewählerliste in Berlin ist für das Jahr 19 l 2 vom Wahlbureau des Magistrats jetzt aufgestellt Morden. Damit sie geprüft und nötigenfalls berichtigt werden kann, wird sie, wie alljährlich, vom 15. Juli bis einschl. 30. Juli an den Wochentagen von 9—3 Uhr und an den Sonntagen von 9— 1 Uhr öffentlich ausliegen, diesmal aber nur in den Räumen des Wahlbureaus(Poslstr. 16, 2 Tr.). Während dieser Zeit kann jedes Mitglied der Stadtgemeinde etwaige Einwendungen gegen die Liste sowie Anträge auf deren Berichtigung entweder schriftlich an den Magistrat richten oder sogleich bei den an der Auslegcstelle anwesenden Beamten zu Protokoll geben. Einwendungen, die nach dem 30. Juli eingehen, werden nicht mehr berücksichtigt. Bei der Abgrenzung der drei Wählerklassen, die für die Aufstellung der Liste vorgenommen werden mußte, hat in diesem Jahr sich eine Verschiebung nach unten gezeigt. Die Summe aller für die Klassen- abgrcnzung zusammengetragenen Steuern ist diesnial 71»44 248,83 M.. um ziemlich 2 Millionen Mark weniger als im vorigen Jahr, wo sie 73785709,06 M. ivar. Als durchschnittlicher Stcuerbetrag ergibt sich diesmal 190,01 M., (genauer: 190 M. 0'°/,«, Pf.), während im vorigen Jahr der Durchschnitt auf 193,97 M.(genauer: 193 M. 96�/, Pf.) ermittelt wurde. Nach dem in Berlin geltenden Verfahren der Klassenabgrenzung wird jeder Wahlberechtigte, dessen Steuerlcistung unter dem Durchschnitts- betrag liegt, der drittenWählerklasse zugeteilt. Diese reicht also diesmal bis zu einem Steuerbetrag unter 190,01 Mark, das ist um 3,96 M. weniger als im vorher- gehenden Jahre. Alle Wahlberechtigten mit höheren Steuerleistungen von 190,01 M. an teilen unter sich die zweite und die erste Wählcrklasse. Die Grenze wird so gezogen, daß beide Klassen in ihren gesamten Steuerleistungen einander gleich- kommen. Auch hier hat diesmal sich eine Verschieben nach unten ergeben, durch die man jetzt schon mit einer geringeren Steuerleistung als im vorigen Jahr zum Wähler erster Klasse wird. Im vorigen Jahr begann die Klasse dieser Auserlesenen mit 7334 M. Steuerleistung, diesmal aber gehört man zu den Erstklassigen mit einer Stenerleistung von 6601,40 M. an. 6601,40 M. als unterste Grenze der Steucrleistung ist noch immer mehr als genug, um die erste Klasse einer winzigen Gruppe von Besitzern allerschwerster Geldsäcke als ihre Domäne zu sichern. Und auch in der 2. Klasse kann bei einer Steuerleistung von mindestens 190,01 M. es nur in einzelnen Fällen vorkommen, daß hier mal unter den Wählern ein Sozialdemokrat auftaucht. Das Dreiklassensystem des Gemeinde- Wahlrechts verweist mehr als neun Zehntel aller Berliner Gemeindewähler in die dritte Klasse, in die Klasse der Wähler des arbeitenden Volkes, die in überwältigender Mehrheit für die Sozialdemokratie stimmen. Es ist zu wünschen, daß alle Gemeindewähler dritter Klasse sich vergewissern, ob sie in der Wählerliste verzeichnet sind. Das sollten sie auch in denjenigen Jahren nicht unterlassen, wo keine allgemeinen Stadtverorduetenwahlen vollzogen werden und höchstens mal eine unerwartete Ersatzwahl nötig werden kann. Der heiße Sonntag, der mit seiner Temperatur lebhaft an seine Vorgänger im verflossenen Jahr erinnerte, brachte den in der Um- gebung von Berlin gelegenen Freibädern einen Massenbesuch. Schon frühmorgens mit den ersten Zügen pilgerten Hunderte badclustiger Berliner, die nicht an die See reisen konnten, an den Wannsee hinaus, an dessen geschützten Ufern sich bald reges Leben und Treiben entwickelte. Immer neue Scharen kamen hinzu und am Nachmittag gegen 3 Uhr wurde bereits der Sv 000. Besucher regi- striert. Auch an der Krummen Lanke konnte man zahlreiche Bade- gaste sehen und am Müggelsee, an dessen Ufern sich eine kleine Zelt- stadt aufgebaut hatte, tummelten sich viele Tausende. Die große Hitze forderte allerdings auch Opfer, da zusammen 6 Personen vom Hitzschlag getroffen wurden, doch handelte es sich um leichtere Fälle, die mit Hilfe der in den Freibädern stationierten„fliegenden Un- sallstationen" schnell behoben werden konnten. Dagegen geriet am Müggelsee die 18jährige Verkäuferin Charlotte M. aus Berlin in ernste Lebensgefahr. Das junge Mädchen stand bis zur Brust nahe dem User im Wasser und beobachtete das Fußballspiel einiger junger Leute. Durch einen ungeschickten Spieler wurde der schwere Ball nach dem Wasser zu gestoßen und traf die M. an der Brust. DaS junge Mädchen sank ohnmächtig zusammen und stürzte hintenüber in ein tiefes Wasserloch. Mehrere Herren eisten der Verunglückten, die bereits untergesunken war, zur Hilfe und schafften sie ans Land, wo sie sich unter den Bemühungen eines Arztes erst nach längerer Zeit wieder erholte. Was im Rathause verschrieben wird. Riesenmengen von Schreibmaterialien werden jährlich im Berliner Rathause ver- braucht. Im letzten Rechnungsjahre wurden allein rund 1/4 Mil- lionen Kuverts, 3000 Bogen Kuvertpapier, 814 Millionen Bogen gewöhnliches Konzeptpapier, 4,3 Millionen Bogen gewöhnliches Schreibpapier, 3,7 Millionen Bogen großes Konzeptpapier, 866 000 Bogen großes Schreibpapier, 94 000 Bogen Briefpapier, 266 000 Bogen Aktendeckel den Beamten geliefert, zusammen rund 17% Millionen Bogen. Dazu kommen 4000 Liter Tinte, 9000 Gros Stahlfedern, 2 Bund Federposen, 17 400 Stück Stahlfederhalter, 40 750 Stück Bleistifte. 15 600 Stück farbige Stifte. 1250 Flaschen Stempelfarbe, 4600 Stück Radiergummi. 500 Stück Federmesser, 580 Stück Lineale. 4400 Heftnadeln usw. Das Jnselspcichcrgruiidstück ist, wie schon berichtet, bor kurzem von der Stadt Berlin übernommen worden. Der Abbruch der darauf befindlichen Gebäude ist sofort öffentlich ausgeboten worden. Der Zuschlag wurde an die Firma Louis Sandler in Berlin erteilt, welche die günstigsten Bedingungen stellte. Mit den Abbrucharbeiten wird heute begonnen werden. Die völlige Niederlegung soll in drei Monaten beendet sein. Vom Zwcckvcrdand. Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Reicks trat am Montag der Ausschuß des Verbandes Groß-Berlin im Berliner Rathause zusammen. Dem Antrage der Hochbahn« gesellschaft auf Zustimmung zum Bau einer etwa 70 Meter langen Hochbahn-Zwischenstrecke auf Schöneberger Gebiet zum Anschluß an die geplante Hochbahn durch die Kurfürstenstraße wurde entsprochen, doch soll diese Zustimmung kein Präjudiz für die schon bestehenden Verträge bedeuten. Die Friedenauer Bauordnung wurde genehmigt in der Voraussetzung, daß Friedenau geeignete Maßnahmen trifft für die Schaffung genügender Freiflächen für die ortseingesessenen Kinder. Einen breiten Raum nahmen die Erörterungen ein über die Frage der vom Verband zu erwerbenden Waldflächen, soweit sie sich im Besitz des FiSkliS befinden. Diesem soll nun mitgeteilt werden, welche Flächen der Verband eventuell zu erwerbe» gedenkt, falls eine Einigung über den Preis zwischen Verband und FiskuS erzielt wird. Die zwiichen der Stadt Schöneberg und der Berlinischen Boden- gesellschaft abgeschlossenen neuen Verträge über den Aufschluß des am Stadipark nahe dem„Bayerifchen Viertel' liegenden Terrains wurden ohne Widerspruch zur Kenntnis genommen. Sämtliche Beschlüsse bedürfen natürlich der Zustimmung der Plenarversamm- luiig des Verbandes Groß-Berlin. Schon wieder ein Familiendrama�? Am Sonntag abend wurde die Berliner Feuerwehr nach der Großen Frankfurter Sraße 129 alarmiert. Hausbewohner hatten dort durch einen intensiven GaS- geruch beunruhigt die Feuerwehr und Aerzte benachrichtigt. In der Wohnung der Friselinu Emma Dräbel fanden sie die Ehefrau tot auf. Sie hatte sich mit Leuchtgas vergiftet. Der Ehemann wurde durch Einflößen von Sauerstoff gerettet und dann nach der Charits gefahren. Ein Knabe von sechs Jahren lebte noch und wurde zu einer Tante in der Zorndorfer Straße gebracht. Angeblich sollen die Eheleute im beiderseitigen Einverständnis gehandelt haben; von anderer Seite wird dies bestritten und behauptet, die Frau habe Selbstmord verübt und sei schon tot gewesen, als der Mann in die Küche kam. 1200 M. Belohnung hat die Aktiengesellschaft Schering aus der Müllerstr. 170/71 auf die Wiederherbeilchaffung eines Platinkesiels gesetzt, der in der Nacht zum Sonntag von Einbrechern gestohlen worden ist. Der Kessel ist 24 000 M. wert, da er ein Gewicht von 4 Kilogramm hat. Bon den Tätern, die nach dem Befunde zu ur- teilen, mit den örtlichen Verhältnissen genau bekannt und mit passenden Schlüsseln zu dem Laboratorium versehen gewesen sein müssen, fehl: bis jetzl noch jede Spur. Die einschlägigen Geschäfte, wie Metallschmelzen usw. sind von der Kriminalpolizei vor dem Ankauf des werlvollen Platinkessels gewarnt worden. Einen gemeingefährlichen Kindcrfreund hat die Polizei in der Person des 23jährigcn Hausdieners Fritz Brinkmann auS der GrcifSwaloer Straße 8 unschädlich gemacht. Seit etwa acht Tagen machte sich auf dem Weißenseer Pferdemarkt ein junger Mensch in recht verdächtiger Weise an Schulmädchen zu schaffen. Er näherte sich den Kleinen in der aufdringlichsten Art und lockte sie dann unter allerhand Versprechungen in leerstehende Schuppen. Der dreiste Bursche trieb sein Unwesen so unvorsichtig, daß es bald allgemein auffiel. Am Sonnabend taten sich mehrere Markt- besucher zu einem förmlichen Beobachtungsdienst zusammen. Sie überraschten denn auch den Unhold in dem Augenblick, als er sich an einem seiner Opfer in einem Schuppen in der schwersten Weise verging. Man riß den Unmenschen von der Kleinen fort, übte zunächst ein Lynchgericht an ihm aus und übergab ihn dann der Polizei. Die Ermittelungen der Behörde ergaben, daß sich der Kinderfrennd, in dem der Hausdiener Brinkmann ermittelt wurde, in zahlreichen Fällen an Schulmäochen vergangen hat. Die meisten Opfer � haben den gefährlichen Burschen sofort wiedererkannt. B. wurde dem hiesigen Kgl. Polizeipräsidium zugeführt. Das Opfer des Unwetters vom vergangenen Mittwoch, der 34 Jahre alte Arbeiter Ernst Barteleit aus der Kösliner Str. 6, wurde am Sonnabend gelandet. Barteleit versuchte, wie wir mit- teilten, bei dem heftigen Gewitterregen ein Stück Holz auS der zu einer reißenden Flut angeschwollenen Panke zu fischen. Er wurde jedoch von der Strömung fortgerissen und kam nicht mehr zum Vorschein. Das Absuchen der Panke, das sofort nach seinem Verschnnnden von der Feuerwehr vorgenommen wurde, blieb ohne Erfolg. Bei der Arbeit verunglückt ist gestern vormittag die 18 jährige Arbeiterin Frida Göricke in der Blcchwarenindustrie Waldemar- straße 29. Die Arbeiterin war an der Stanzmaschine be- schäfligt und geriet mit einer Hand unter das Stanzeisen, wobei sie sich drei Finger schwer verletzte. Die Arbeit soll für die Mädchen äußerst schwer sein und große körperliche Anstrengungen erfordern. Da auch die Löhne sehr niedrig sein sollen, müssen sich die Mädchen tüchtig abhetzen, um nur einigermaßen etwas zu verdienen. Des Mordes bezichtigte sich gestern auf dem Berliner Polizei. Präsidium der 18 Jahre alte„Dramaturg' Paul Winter aus der Suarezstraße. Er behauptete, er habe seine Geliebt«, die Artistin Emmy Kaufmann, aus Wien hierher kommen lassen und sie während einer Kahnpartie auf dem Schlachtensee veranlaßt, ins Wasser zu springen; dabei sei sie ertrunken. Die verworrenen Reden des Winter machten einen recht unglaubwürdigen Eindruck. Nachforschungen haben ergeben, daß nach einer Nachricht der Wiener Polizei die angeblich ertrunkene Emmy Kaufmann sich wohl und munter in Wien befindet, das sie in letzter Zeit auch nie verlassen habe. Wie es s-beint, ist Winter nicht ganz zurechnungsfähig. Er wurde nach seiner Vernehmung dem Kreisarzt zur Untersuchung seines Geisteszustandes zugeführt. Möglicherweise handelt es sich auch um eine geschickte Reklame des Winter, der einige kleine Stücke verfaßt hat, die aber überall abgewiesen worden waren, Achtet auf die Taschendiebe. Bei dem starken Reiieverkehr, der jetzt nach Beginn der Schul- ferien begonnen hat, sind auch die Taschendiebe wieder eifrig av der„Arbeit". Kriminalpatrouillen halten aber die Bahnhöfe de- setzt und sehen diesen Spitzbuben auf ihre langen Finger. Gestern fielen Beamten auf dem Stettiner Bahnhof zwei Männer auf, die während eines großen Gedränges an den Bahnsteigsperren bald vorwärts, bald rückwärts gingen und so noch mehr Verwirrung hervorriefen. Nach längerer Beobachtung nahmen sie die beiden fest und brachten sie zunächst nach der Wache. Hier gaben sie an, kein Wort Deutsch zu verstehen. Auf dem Polizeipräsidium, wohin sie darauf geschafft wurden, erkannte man sie als zwei englische Seeleute, einen 23 Jahre alten Henry Penlh und einen 22 Jahre alten Jakob Schinbaum, die beide aus London gebürtig sind. Sie sind erst vor sechs Tagen aus der Untersuchungshaft in Leipzig entlassen worden, wo sie in dem dringenden Verdacht standen, bei einem dort ausgeführten Bankdiebstahl, bei dem den Spitzbuben 8699 M. in die Hände gefallen sind, beteiligt gewesen zu sein. Da der Beweis hierfür jedoch nicht erbracht werden konnte, mußten sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Die beiden Verhafteten waren schon vor einigen Jahren einmal in Berlin„tätig". Sie führten auf einer hiesigen Bank in der Behrenstraße einen Dieb- stahl aus, wurden aber dabei abgefaßt und zu einer längeren Strafe verurteilt. Als Taschendiebe sind sie sowohl in ihrem Heimatlande England, wie in Frankreich und Deutschland den Behörden bekannt. Bei ihrer jetzigen Festnahme fand man bei einem 150, bei dem anderen 180 M. sowie einige gestohlene Porte- monnaies. Beide wurden dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Das Polizeipräsidium teilt mit: Zeuge gesucht! Am 29. Juni 1912, nachmittags, wurde ein älteöer Herr, welcher in der König- straße junge Mädchen gegen die flegelhaften Belästigungen eines Strolches rn Schutz nahm, von dem rohen Patron derartig miß- handelt, daß er die Hilfe eines ArzteS in Anspruch nehmen mußte. Erst nach Ueberwindung erheblichen Widerstandes gelang es zwei Schutzmännern, den Herrn zu defreien und den Attentäter tzur Wache zu bringen. Aus dem begreiflichen Bestreben heraus, nccht weiter mit dem Wüstling zu tun zu bekommen, hat sich der Ueber- fallene bisher nicht als Zeuge gemeldet. Da es aber im allgemeinen Interesse liegt, daß derartige Flegel exemplarisch bestraft werden, wird der verletzte Herr gebeten, seine Adresse möglichst bald dem Polizeibezirksamt Berlin-Mitte, Am Molkenmarkt 1, zum Akten- zeichen 1505. II. B. 12, mitzuteilen. Wer sind die Toten? Am 25. Juni 1912 wurde aus der Spree eine etwa 25 Jahre alte Leiche weiblichen Geschlechts gelandet, deren Persönlichkeit sich bisher nicht feststellen ließ. Sie ist 1,60 Meter groß, von schmächtiger Gestalt, hat dunkles volles Haar, ovales Ge- ficht und war bekleidet mit schwarzem Rock, daran vorne 6 schwarze eckige Knöpfe, schwarzem Gürtel mit viereckigem Schloß, weißer durchbrochener Bluse, Unterrock, Beinkleidern, schwarzen Strümpfen, schwarzen Halbknöpfschuhen und schwarzen durchbrochenen Hand- schuhen. Am linken Mittelfinger trug sie einen anscheinend goldenen Reif und in den Ohren Ringe mit je 2 Similisteinen.— Nachrichten über die Persönlichkeit der Verstorbenen werden zu 2514. IV. 56. 12 erbeten. Am 5. Juli 1912 nachmittags gegen 4 Uhr wurde die Leiche einer dem Mittelstande angehörenden etwa 30 Jahre alten Frauens- Person an der Monbijoubrücke gelandet. Die Leiche kann etwa zwei Wochen im Wasser gelegen haben. Beschreibung: Größe 1,60 Meter, Gestalt schlank. Nase klein und Platt, Haar dunkel, Händ« und Füße klein. Bekleidung: schwarzer enger Rock, weiße Bluse, blau-weiß- gestreifter Unterrock, weiße Hose, schwarz durchbrochene Strümpie, schwarze Schnürschuhe. Di« Leiche befindet sich im Schauhause. Nachricht erbittet die Kriminalpolizei, Zimmer 349, zu den Akten 2632. IV. 65, 12, auch nimmt jedes Polizeirevier Mitteilungen ent- gegen. Radrennen im Olympiapark. Sonntag, 7. Juli. Der Robk. Preis, ein 100 Kilometer-Rennen in drei Läufen über 20, 30 und 50 Kilometer, sah jedesmal den Berliner G. Janke als sicheren Sieger. Demte belegte zweimal den zweiten Platz und war seinem Landsmann heute vollkommen ebenbürtig. Der Fran- zose Darragon wurde Dritter vor dem Engländer Hall und dem Holländer Dickentman. Im ersten Lauf sichert sich Janke die Führung vor Demke und Darragon. Letzterer kommt bei einem Angriff auf Demke vom Motor ab und wird Letzter, holt aber später gut auf, da Hall und Dickentman nur Statisten sind. Im zweiten Lauf ist Janke wiederum unangefochten bis zum Schluß an der Spitze. Demke holt zusehends Terrain auf und liegt nur etwa 60 Meter hinter ihm, als er sechs Runden vor Schluß Defekt er- leidet und Dritter hinter Darragon wird. Alle Fahrer lassen ihre Motoren vorzeitig los und ist dieser Lauf etwas irregulär. Auch im dritten Lauf liegt Janke an der Spitze und überrundet alle Gegner, bis er in der 30. Runde sein Rad wechseln muß und nun- mehr dem Franzosen den Vortritt lassen muß. Demke kommt durch Radwechsel und Motordefekt ganz ins Hintertreffen und wird Letzter. In der 51. Runde hat Darragon einen Kampf mit Demke und kommt hierbei einen Augenblick von der Führung ab; dies benutzt Janke, der wieder sehr schnell fährt, zu einem Vorstoß und erringt die Spitze. Sluch Demke holt auf und erobert sich nach und nach den zweiten Platz. Beide Berliner fahren die Ehrenrunde.— Den Olympia-Wander preis, ein Vorgabefahren über 25 Kilometer, gewinnt K. R i e S n e r bor Jenske, Lautert und Raabe. Laskowitz kam in der 24. Runde zu Fall und gab auf.— Die Fliegerrennen wurden heute von kleinen Fahrern be- stritten und sahen im Hauptfahren Freiwald vor Abraham und Krupkat, im Malfahren Conrad vor Gutzmann, Behrend und Mitschker, in den Vorgabefahren P f a f f und GotteSleben. und im Tandemfahren Abraham-Freiwald vor Rehrs- Lin jener und Kruptat-Börgemann siegreich. Der Besuch war mäßig. Ein Harmonikaspieler hat am 25. Juli in Schöneberg in einem Lokal einen Holzkasten zurückgelassen, in dem sich eine Harmonika befindet. Der Besitzer des Instruments kann infolge Gedächtnis. schwäche das Lokal nicht wieder ermitteln und er bittet den Lokal- inhaber auf diesem Wege um Benachrichigung an Fr. Heidemann, Wörtherstr. 49, Hof parterre. Gestohlen wurde am Sonnabendnachmittag zwischen 4— 4'/z Uhr in der städtischen Badeanstalt Gerichtstraße ein Fahrrad mit gelben Felgen und mit dem Firmenzeichen W. K. C. Zweckdienliche AuS- kunft wolle man geben an John, Putbuser Str. 87, II. Vorort- Nacbrlcbten. Neukölln. Aus der Magistratssitzung. An Stelle de« infolge seiner Er» nennung znm Kreisschulmspektor ausgeschiedenen Rektors Schönborn wurde der Lehrer Emil Herrmann hierselbst zum Rektor der 19. Gcnieindeschule zum 1. Juli er. gewählt. Dem Vorschlage der Eisenbahiidireklion, am Bahnhof Köllnische Heide eine Verstärkung der Futlermauern zwecks späterer Aufnahme eines Anschlußgleises vorzusehen, wurde zugestimmt.— Die allgemeinen Grundsätze über die Führung von Lagerbestandsbüchern bei der städtischen Verwaltung in Neukölln wurden genehmigt.— Der vom städtischen Vermessungsbureau unterm 6. Juni 1912 auf- gestellte Plan zur Abänderung der Baufluchtlinien der Neuen Donau» straße zwischen Roseggerstraße und Straße 15 wurde ebenfalls ge- nehmigt.— Der vom städtischen Vermessungsbureau unterm 5. Juni 1912 aufgestellte Bebauungsplan für den von der Bergstraße, Rosen- straße. Richardstraße, dem Richardplatz und Hohenzollernvlatz be- grenzten Grundstiicksblock wurde genehmigt.— Der Entwurf für das Pumpwerk Südost wurde genehmigt und die Ausführung be- schlössen.— Die Ausführung deS Schiffahrtskanals in dem erweiterten Querschnitt wurde bejchlojsen. AdlerShoi. Die letzte Gemeindevlrtretersitznkg stand VeteitS im Zeichen der Ferien. Der Bürgermeister,«in Schöffe und vier Vertreter fehlten, so dah die Beschlußfähigkeit nur knapp vorhanden war. Der erste Punkt der Tagesordnung:„Aenderung der Grundfteuerordnnng" wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Auf Antrag deS Verkehrsverbandes an der Görlitzer Bahn wurden zum.Führer durch die südöstlichen Vororte" 20 M, neben den Kosten für das Inserat be- willigt. Eine lebhafte Debatte entspann sich beim Punkt„Feuer- Wehrangelegenheiten". Der Oberführer der freiwilligen Feuerwehr hatte, als er nicht gleich die von ihm beantragte und bc- gutachtete Feuerleiter bewilligt bekam, sondern ein Obergutachten eingeholt wurde, sein Amt niedergelegt. In einer Korpsversammlung haben dann die Mitglieder der Wehr Stellung zu der Angelegenheit genommen und in einer Resolution znin Ausdruck gebracht, daß sie mit ihrem Oberführer eins sind und sich der„korrekten" Handlungs- weise voll und ganz anschließen. In der Diskussion wurde � von Herrn K., Vertreter der zweiten Abteilung, die Sache so dargestellt, daß der Oberführer sein Amt nur nieder- gelegt hat, weil ihm von einem Mitglied« der Gemeindevertretung(!) die ganze Angelegenheit entstellt iviedercrzählt worden sei. Die Gemeindevertretung müsse dieser Situation Rechnung tragen und dem Oberführer ein Vertrauensvotum ausstellen, selbst die Emvseh- lung zur Wiederwahl sollte innerhalb des Beschlusses zum Ausdruck kommen. Von unserer Seite wies Genosse Zabel ein solches An- sinnen, das nicht einmal bei den Parteifreunden des Herrn K. Anklang fand, zurück. Von einem Vertrauensvotum kann hier keine Rede sein. Fühlte sich der Oberführer der Wehr zurückgesetzt, hätte er offiziell an die Gemeindevertretung eine Anfrage richten und nicht aus Einflüsterungen von gewisser Seite hören sollen. Die der Ver« tretung zugegangene Resolution müsse zurückgewiesen werden. In diesem Sinne wurde auch beschlossen; ferner'soll die so viel an- geseindete Leiter beschafft werdim. Ohne eine größere Debatte wurde einAntragunsererGenossen, B i lo u n g eines Feuerwehr- und Straße nreinigungsausschusses einstiimnig angenommen. In der Zusanuneiffetzung dieses AuSschuffcs ist eine Verständigung dahin erzielt, daß auch drei Bürgerdcputierte hineingewählt wurden. Die erste Abteilung wählte den jeweiligen Führer der Feuerwehr, von unserer Seite wurde Genoffe Zabel und als Bürgerdcpntierter Genosse P. Weichert gewählt. Unter Verschiedenem kamen nochmals die der Ortskanalisation nicht angeschlossenen Klosetts auf dem Grundstück der Firma Kahlbaum zur Sprache. Nach einem von der Polizeiverwaltung eingeholten Gutachten sollen die technischen Schwierigkeiten so groß sein, daß der Anschluß unmöglich wird.(?) Es stehen der Gemeindeverwaltung allein keine Zwangsmaßnahmen zur Verfügung, die Firma zu zwingen, unter diesen Umständen den Anschluß vorzunehmen, so daß hiermit die Angelegenheit so gut wie erledigt zu betrachten ist. Stralau. Zu de« bevorstehenden UntcrlunnelungZarbeitcn der Straße Alt- Stralau wird uns zur Ergänzung unseres Berichts über die letzte Sitzung der Gemeindevertretung noch mitgeteilt, daß die Arbeiten auf der Südseite beginnen. Während dieser Zeit wird der südliche Bürgersteig sowie der gesamte Fahrdamm gesperrt, so daß der ganze Fuhrwerks- und Straßenbahnvcrkehr über den nördlichen Bürgersteig geleitet wird. Friedrichsfelde. In der Gencralversammlang deS BczirksivahlvereinS erflaikcte Genosse Schwenk den Bericht vom verflossenen Geschäftsjahr und gedachte eingangs seiner Ausführungen des verstorbenen Genossen Schröder, der als Mitglied der Bezirksleitung lange tätig war. An besonderen Arbeiten hat es in diesem Jahre nicht gefehlt; fielen doch die ReichStagswahlen und Gemeindewahlcn in diese Zeit und wurden ganz erhebliche Anforderungen an die Partei- genoffen gestellt, aber die aufgewendete Mühe war nicht vergebens; besonders in den Landorten haben wir gute Fortschritte zu ver- zeichnen. Anläßlich der Maifeier fand eine von 250 Personen besuchte VormittagSvcrsanrnilung statt. Die Versammlungen und Zahl- abende waren in zufriedenstellender Weise besucht. Aber alle diese Erfolge dürfen die Parteigenossen nicht ruhen und rasten lassen, sondern sie müssen in noch stärkerem Maße ihre Kräfte der Partei zur Verfügung stellen, um dem Gegner Schritt für Schritt an Terrain abzugewinnen. Gerade gegenwärtig sind die„Herren" wieder dabei, die Sozialdemokratie zu„vermchteu". Zeigen wir ihnen die Zähne und cS wird ihnen alle Lust zu Gcivaltmaßrcgeln Vergehen. Genosse Münnich gab den Kassenbericht deS Geschäftsjahres. Einer Einnahme von 1808,87 M. stehen an Ausgaben 1872,85 M. gegenüber. An den Kreis wurden 860,19 M. abgeführt. Der Mit- gliederftand ist auf 324 gestiegen(270 männliche und 54 weibliche Mitglieder). Zur Leitung des Bezirks wurden gewählt: Schwenk, Bezirks- leiter, C. Münnich, Kassierer, Hutter, Schriftführer. Die Bezirks- leitung hat eine Neueinteilung der Bezirke vorgenommen und der Versammlung einen Plan, nach dem der Ort in sechs Gruppen (Bezirke) eingeteilt ist, zur Beschlußfassung vorgelegt. Die Ver- sammlung stimmte der Neueinteilung zu. Die Gruppenführer werden auf den Zahlabcnden gewählt.— Der Kreisgeneralver- sammlung soll Genosse Lehmann als Mciter Kreisvorsitzender vor- geschlagen werden. Die Bibliothek des BczirkswahkvereinS befindet sich beim Ge- nassen Hutter, Prinzcn-Allee 471, und ist wochentags von 6'A bis 814 Uhr abends, Sonntags von 10 bis 12 Uhr vormittags geöffnet. Friedrichshagen. Aus der Gemeindevertretung. Zunächst wurden in geheimer Sitzung die ErgänzungSwahlcn zur Schuldeputalion vorgenommen. Gcivählt wurden die bürgerlichen Vertreter Görling und Gude, wäh- rend unser Genosse Barth 7 Stimmen auf sich vereinigte. Die KassenrevisionSprotokolle vom 30. Mai und 27. Juni und die JahreS- abrcchnung wurden ohne Debatte genehmigt. Von der Schuldeputation tag ein Antrag vor, täglich einige Schulklasscn an den Nachmittagen offen zu halten, damit die Kinder dortsunter Aufsicht von Lehrern ihre Schul- arbeiten machen können. Diese Einrichtung soll am 1. Oktober be- ginnen und betragen die Kosten für das Winterhalbjahr 750 M., die nach kurzer Debatte einstimmig bewilligt wurden. Der Bebanungs- plan für das Gelände des Beamtenheimstätten- Vereins, der den Vau von 45 Einfamilienhäusern vorsieht, wurde genehmigt. Unter Mitteilungen gab der Bürgermeister belanni, daß ans Vorschlag der Schnldeputation der Reltor Liebau aus Khritz für die Knabenschule zum Rektor gewählt worden ist und seine Stellung am 1. Oktober antritt. Im ivcitcren teilte er mit, daß die Stadt Berlin einen Anteil von 5000 M. von der Freibad-Müggclsec-Gesell- schaft erworben hat. Ein Antrag de« Herrn Zahm, der auf seinem unbebauten Grundstück Scharnweberstr. 34 öffentliche Schaustellungen veran- stalten will, wurde abgelehnt, da die Anwohner in dieser Gegend sich wiederholt beschwert haben. Zum Schluß kam eS zwischen unseren Genossen und dem Bürger- meister zu einer lebhasten Auseinandersetzung anläßlich folgender An- fragen, die Genosse Miele an diesen stellte:„Welche Gründe haben die Schulaufsichtsbehörde veranlaßt, dem Arbeiterturnvcrcin„Bor- Wärts" die Genehmigung zur Benutzung der Tunihalle zu versagen und weshalb hat der Gemeindevorstand der Anfforderung der Re- cfterung unverzüglich Folge geleistet und die wettere Benutzung der Turnhalle dem Turnverein verboten und was gedenkt nun der Ge- mcindcvorstand zu tun, um dem Turnverein Vorwärts in irgend einer Weise cntgegenzukonnnen. Der Bürgermeister erklarte hierauf. daß er jetzt die Anfragen mit Rücksicht aus die reichhaltige Tages- »rdnung nicht beantworten ivlirde, und ersuchte, derartige Anfragen ihm vorher schriftlich mitzuteilen, damit der Gememdevorstand noch Stellung dazu nehmen könne l-nd im Übrigen d»e Verhandlungen durch Anfragen nicht gestört werben. Unsere Genossen wiesen Verantwortlicher Redakteur: flitztet Wach?, Berlin. die 'Für de» Angriffe entschieden zurück und verwahrten sich dagegen, daß sie durch solche Anfragen die Verhandlungen störten. Sie wollten nur Auskunft hierüber haben, um dann später Anträge in dieser An- gelegenheit zu stellen. Lichtenrade. Auf znr Stichwahl. Die infolge Ungültigkeitserklärung von zwei Mandaten zur Gemeindevertretung notwendig gewordene Neu- wähl hat am 29. Juni zu keinem endgültigen Resultat geführt und findet die Stichwahl Mittwoch, den 10. Juli, nach- mittags von 5 bis 9 Uhr, i m Wirtshaus Lichten- r a d e am Bahnhof statt. An die Parteigenossen ergeht die dringende Mahnung, die Lässigen aufzurütteln, daß sie an diesem Tage auch ihre Pflicht erfülleir und ihre Stimme für die Kandidaten der Sozialdemokratie, die Genossen Friedrich L i e r und Karl N o w i g k abgeben. Ebenso werden die Genossen ersucht, sich recht- zeitig vor der Wahl im Wahllokale einzufinden und auch nachher zur Wahlarbeit sich bereitzuhalten. Französisch- Buchh olz. Gcmeindcvcrtretcrsitzuiig. Als erster Puiikt wurde die Wahl von zwei Mitgliedern der Voreiilschätziingskonimission und zwei Stellver- iretern vorgenominen. Auf Antrag der Wegelommission wurde gegen die Stimmen unserer Genossen die Abnahme der Margareten- aue beschlossen. Schon während des Baues krilisierten die sozial- demokratischen Gemeindevertretcr, daß zum Unterbau der Straße fast ausschließlich Bauschutt und anderer Unrat verwandt wurde. Ein Antrag auf Erwerbung der Mitgliedschaft des Brandenburgischen Provinzialvereins zur Bekämpfung der Tuberkulose mit einem Jahres- beitrag von 29 M. wurde ebenfalls gegen die Stimmen unserer Genossen angenommen.— Ein auf Abänderung des Ortsnamens ge- richtcter Antrag wurde zurückgestellt, da man sieh nicht einigen konnte den Ort in Berlin-Bnchholz oder Berlin-Franz.-Buchholz umzutaufen. In geheimer Sitzung wurde mitgeteilt, daß die Gemeinde Pankow die Spülleitung an der Panke auf gütlichem Wege nicht entfernen will; es soll daher der Klageweg beschritten werden.— Die Kirchcngenieinde hat die Eiusührung deS einjährigen Konfir- mandenunterrichtS abgelehnt. Tegel. Ein tödlicher Straßenvahiiiinfall ereignete sich am gestrigen nachmittag gegen S1/« Uhr in der Berliner Straße. Dort wollte der 59jäbrige Straßenfeger Karl Hirsch, Schöneberger Straße 23 wohnhast, kurz vor einem Motorwagen der Linie 31 die Gleise über- schreiten, ohne auf die Warnungssignale des herannahenden Straßen- bahnwagens zu achte». H. wurde vom Vorderperron erfaßt und kam so unglücklich zu Fall, daß er sich eine» schweren Schädelbruch zuzog. Man schaffte den Verunglückten zu einem in der Nähe wohnenden Arzt, wo er jedoch bereits nach wenigen Minuten ver- starb. Die Leiche wurde nach dein Tegeler Spritzenhaus über- geführt. Weisieusee. Vandalen treiben gegenwärtig auf dem Gemcindefriedhofe ihr Unwesen. Die Täter hoben es auf Beraubungcn der Gräber ab- gesehen und mit Vorliebe lösen sie von Erbbegräbnissen wcrlvolle Bronzeketten sowie Mctallteile los. Auch in der gestrigen Nacht wurde wieder ein derartiger Diebstahl ausgeführt. Einer der ge- fährlichen Räuber konnte mit Hilfe eines Altwarenhändlers unschäd- lich gemacht werde». Er bot dem Händler Bronzeketten für wenig Geld zum Kauf an, und da dem letzteren die Sache verdächtig vor- kam. benachrichtigte er die Polizei. Der Verkäufer wurde fest- genommen und entpuppte sich auch als einer der nächtlichen Fried- Hofsdiebe. Potsdam. Die Aushebung der Michaclisaiifnahmen in den hiesigen Gemeinde- schulen, in der Charlottenschule und in der Vorschule der Oberreal- schule ist nunmehr seitens der Regierung genehmigt worden. Es werden mithin neue MichacliSklassen nicht mehr gebildet. Die Kinder, die nach dem 1. Juli das 6. Lebensjahr erreichen, werden zu Oster» nächsten Jahres eingcsckiult. In der Oberrcalschule wird die Auf- Hebung vom Jahre 1915 ab beginnen und am Lyzeum auch bereits von diesen, Jabre ab. Die Geiiehmigung für diese beiden Lehr- aiistallen war schon vorher erteilt worden. In der städtischen Vor- schule in der Hohenzollenistraße bleiben die Michaelisaufnahme» be- stehen. Leichciifiind. In der Nähe der Glienicker Brücke wurde dieser Tage die Leiche eines unbekannten Mannes gelandet. Der Tote, der etwa acht Tage im Wnffer gelegen haben mag, ist etwa 35 bis 49 Jahre alt, 1,75 Meter groß, kräftig, hat dunkelblondes Haar, rvtlichblonden vollen Schnurrbart, volles Gesicht, rötlichblonde Aiigenbraiien und vollständige Zähne. Die Bclleidung bestand aus einem blauen Jackettmizug, blauem Oberhemd, iveißem Stehumlege- kragen, weißen Manschette», weißem Vorhemd, schwarzen Strümpfen imd schwarzen Schnürschuhen. Das Taschentuch ist W. F. gezeichnet. Bei der Leiche befanden sich eine silberne Taschenuhr mit gelber Kette, ein Portemonnaie mit 12 M. in Silber und Nickel, zwei Manschettenknöpfe und ein Taschenfahrplan. Zweckdienliche Mit- teilungen über die Person des Toten werden von jedem Polizei- rcvier sowie von der Kriminalpolizei in Potsdam entgegen- genommen. Hus aller Melt. Der moderne Doktor Eisenbart. Der englische Schriftsteller Wells schrieb vor etlichen Jahren einen fesselnden Roman, eine Art Epopöe der modernen Reklame, die de» Titel trug„Tono-Bungay". Das war auch der Titel der wunderbaren Medizin, die der Held erfunden hatte und die ihn zum steinreichen Mann machle. In seiner Sturm- und Drangperiode hatte der Held einen genialen Einfall. Er wollte ein Monopol in Kinderpulvcr herstellen, um dann die Früchte seiner Weitsichtigkeit einzuheimsen, wenn die verzweifelren Väter und Mütter der heulenden Babies händeringend zu ihm kämen. An diesen Roman erinnern lebhaft die Zeugenaussagen vor dem Komitee des englischen Unterhauses, das eingesetzt worden ist, um die Notwendig- kcit einer strengeren Gesetzgebung in bezug auf den Vertrieb sogenannter patentierter Arzneien zu untersuchen. Wenn man die Vereinigten Staaten ausnimmt, gibt es wohl kein Land auf der Welt, in dem solche Unmengen Patentniedizin verschluckt werden wie in England. An dieser Industrie hat natürlich die kapitalistische Presse, die scdem Schwindel bereitwilligst die Spalten öffnet und von den Millionen zcbrt, die von den Besitzern der patentierten Arzneimittel jährlich für Reklame ausgegeben werden, ein großes Interesse, und eS ist daher leicht verständlich, wenn diese Presse die Zeugenaussagen vor der parlamentarischen Untersuchungskommission totschweigt, obwohl diese Aussagen nicht nur sehr lehrreich, sondern auch äußerst unterhaltend sind. So sagte Dr. Harris on, ein angesehener Chemiker, der im Auftrage des AerzteverbandeS eine Reihe patentierter Arzneimittel analysiert bat, vorige Woche vor der Kommission aus, daß nach dem heutigen Stand der englischen Gesetzgebung jeder Ignorant sich das schädlichste Gift zusammenbrauen. cS für irgend' eine Krankheit empfehlen und cS zu irgend einem Preise dem Publikum verkaufen könne.„Viele der Ansprüche, die diese Mittel erheben", sagte Dr. H a r r i s o n,„sind höchst irreführend, wenn sie nicht absolut falsch sind. Von einigen dieser Mittel wird behauptet:„heilt grauen Star ohne Operation";„woran Sie auch leiden mögen, diese Medizin wird sie kurieren";„heilt Zahnweh und Kopfschmerz in Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts zwei Minuten"; ferner»diese Medizin heilt alles mit einer Dosis", Auf einer Etikette liest man, daß die Medizin unter anderen Dmgen „Wahnsinn und Schielen" heilt." Ueber die Herstellungskosten und den Verkaufspreis der Wundermittel machte der Chemiker folgende Angaben. Eine kostbare Medizin gegen eine schwere Krank- heit, die für 42.40 M. verlauft wird, kostet nach Dr. Harriso n an Herstellungskosten ganze 20 Pf.! Die Herstellungskosten einer mit 4,50 M. verkauften Medizin betragen IV» Pf., eme Medizin zu 13 M. kostet 25 Pf. und eine solche zu 11 M. ebenfalls 25 Pf. her- 3' Wie können sich nun die vielen Hunderttausend Menschen, die doch nicht alle Narren sein können, derart betrügen lassen? Sie müssen das Gefühl haben, daß ihnen die patentierte Medizin wirk- lich gut bekommt; zum Zustandekommen dieses Gefühls mutz übrigens der Alkohol oder das sonstige Betäubungsmittel, das dem Gebräu gewöhnlich beigemischt ist, wesentlich beitragen. Ei» neuer Höhenrekord Helmut Hirths. Der Sieger des Fernfluges Verlin— Wien. HelmutHirth, war am Sonnabend früh von Berlin aus auf seiner Rumpler- Taube nach Leipzig geflogen, um dort an der Flugwoche teilzunehmen. Am Abend desselben Tages vollbrachte er. wie wir schon telegraphisch berichteten, bei einem Höhenfluge eine glänzende Leistung, indem er es auf 4100 Meter Höhe brachte, wo- durch er einen neuen Welt-Höhenrekord für einen Flug ohne Paffagier aufstellte. Damit ist der Welt-Höhenrekord im Flug ohne Passagier von Frankreich, wo er von G a r r o S mit 3900 Metern gehalten wurde, auf Deutschland übergegangen. Den Höhenrekord mit einem Passagier hat bekanntlich erst vor wenigen Tagen der österreichische Oberleutnant Blaschke errungen, der dabei mit seinem Pfeil-Lohner-Doppeldecker die größte bis jetzt von einem Flugzeug überhaupt bewältigte Höhe von 4260 Metern erreichte. Erfolgreiche Zeppeliufahrt. Das Zeppelin-Luftschiff„Viktoria Luise" unternahm am Sonntag von Hamburg aus eine Fahrt nach Hannover. Nach einstündigem Aufenthalt stieg es wieder zur Rückfahrt nach Hamburg auf. wo es glatt landete._ Kleine Notize». Ein Militärflugzeug abgestürzt. Am Sonnabendabend stürzte in der Nähe von Parchim ein Milit-rrfluaapparat ab. Der Apparat wurde total zertrümmert, die beiden Offiziere trugen glücklicherweise nur leichtere Verletzungen davon. Vootsunglück. Auf der E m S schlug am Sonnabend ein Boot mit mehreren Frauen und Kindern um. Zwei Frauen und ein Knabe ertranken. Die Leiche des Knaben konnte noch nicht geborgen werden. Im Freibad ertrunken. Im Freibad Wittenbergen bei Blankensee ertranken drei junge Leute. Bisher wurde nur eine Leiche aufgefunden. Katastrophe beim Scharfschießen. Auf dem Schießplätze O e r k e n y in Ungarn platzte infolge vorzeitigen Explodierens einer Granate das Rohr eines Versuchsgeschützes. Hierbei wurden vier Kanoniere getötet und vier lebensgefährlich verletzt. Von einer Tänzerin erstochen. Ein junger Deutscher namens Karl Weinberg ist in London von einer spanischen Tänzerin, mit der er ein Verhältnis unterhielt, aus Eifersucht erstochen worden. Die Täterin wurde festgenommen. Grausige Ballonfahrt. Eine grausige Ballonfahrt machten fünf in Venedig aufgestiegene Luftschiffer mit einem Freiballon. Bei Verona wurde der Ballon durch aussteigende Luftströme von 2000 Meter auf 7000 Meter Höhe gerissen. Die Luftschiffer verloren sämtlich das Bewußtsein. Als sie aufwachten, befanden sie sich bereits wieder in 2000 Meter Höhe. Sie landeten endlich bei Budapest. söv Arbeiter verbrannt. Aus Tfa m b o w(Rußland) wird ge- meldet, daß in einer großen bei Lipezk gelegenen Zuckerfabrik Sonnabend nacht eine große Feuersbrun st auSgebrocheu ist. 60 Arbeiter, die in einem leeren Rübenschuppen übernachtete», sind im Schlafe von dem Brand überrascht worden und in den Flammen umgekommen. Pcstfiille in Havanna. In Havanna find mehrere Pestfälle fest- gestellt worden. Auch aus Porto Rico wird das Austreten der Seuche gemeldet. Man ist bemüht, namentlich durch Vertilgung der pest- infizierten Natten der Ausbreitung der unheimlichen Krankheit ent- gegenzutreten._ Hu9 der frauenbewefliung» Versammlungen— Veranstaltungen. Groß-Lichterfclde. Heute Dienstag beim Frauen-Kaffeekochen im Lokal Erpel. Berliner Straße 129, spricht Genossin Lola Haase über:„Wie sollen wir unsere Kinder kleiden!" nebst Vorführungen.___ Marktbericht von Berlin am S. Juli ISIS» nach Ermittelung des königl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34.00— 50,00. Speisebohncn, weiße, 30,00—50,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(KIcinhdI.) 9,00—15,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schlvciuefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1.50—2,40. Hammelfleisch 1 ,70— 2,40. Butter 2,40-3,00. 60 Stück Eier 3,20-4,80. f Kilogramm Karpfen 1,40-2,20. Aale 1,20—3,20. Zander 1,60—3,60. Hechte 1.00—2,80. Barsche 0,80-2,40. Schleie 1,20—3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,00—40,00.__ Wasserstandö-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gcwässcrlunde, mitgeteilt vom Berllner Wetterbureau. Wasserstand M e m e I, Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel. Thor» Oder, Ratibor , Krassen , Franksurt Warthe, Schrimm , Landsberg Nebe, Vordamm Elbe, Leitmeritz, , Dresden , Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus . Rathenows Spree, Spremberg') m. Beeskow Weser, Münden . Minden Rhein, MaximilianSau » Kaub Köln Neckar. HeilbrotM Main, Hanau Mosel, Trier ') ss- bedeutet — Fall.—•) Unterpegel. WtttcrungSübcrsicht vom 8. Juli ISIS. Stallonen Swincmde. Hamburg Berlin Fr�iks.a.M. München Wien ig i| 762 Still 763WSW 762; 3 764SW 765]® SB 762 WNW Wetter wölken! 2Dmist 1 balb bd. IDlMst 4bcdcckt 5'wolleiil t»K t* HÜ Stationen Sl 2 5 1=2 taparanda ctersburg Scillh Aberdcen Paris ig« 45 761 SW 760 D 76�NNW 755,3 766NNW Wetter 2 wolkig 1 woikcnl 4, Regen 3wolkig 2bedeckt wj 14 14 13 14 15 Wetterprognose für Dienstag, den S. Juli ISIS. Darm und zunächst ziemlich heiter bei mäßigen südlichen Winden spater zunehmende Bewölkung und Gewitterneigung. ___ Berliner Wetterbureau. Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW»