Nr. 169. 89. Jahrg. Nbonnementz.NecklnMM: Hj Die TnfertlonS'Gebfl�r UkonnementS> Preis vrSnumerando: WD WD l l�ws»W WW H9 wKa WH r i � Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- Lierteljührl. S,zo Ml., monatl. 1,10 Ml.,«BZ W> 1 �W W> W> f/ IM Beel VW BW WB Hjg Tü1�- I � WtTK�f. Zeile oder deren Raum 60 Pfg., für wöchentlich 2S Pfg. frei ins Haus. VSs i �-MDI» VW WM BW H BW WW BW H r/ BB MSß�Py/ politische und gewerlschafwche PerelnS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags-.jggfiS» I I MM«M BSS w) MI VW BH HS BW I X. WM HQ f— y/ und VersammlungS- Anzeigen 80 Pfg. Nummer mit illustrierter Sonntags- hBBB| I IW MW Bgfl BW VW HB VW WW W} Hl BR) I //„Kleine anzeigen", das fettgedruckte Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post. WBfBff BB mM Ml D> B B| DUl BB WD 7 HD Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte ilbonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat, MM! BW �W �W MM. IBB BW WW BW MZ DW JBSgU�SM/ Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Eingetragen in die Post. ZeitungS. ESB I Mj H[ KHk\ �gASM�jSSH\ JELSjt�X MB MF Stellengesuche mid Schlafstellenan- Preisliste. Unter Kreuzband für KSS I RsS I IBB k HH\ �HKSf�WBM 1. �äwv BW �T/ WW zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes Deutschland und Oesterreich- Ungarn BaS I H9WI>8Ho' tPs �iS3r svKr/ BH // IM wettere Wort 5 Psg. Warte über 15 Buch. 2 Marl, für bat übrige Ausland EwLk«W� ▼/-/ ▼/' /e WW paben zählen für zwet Worte. Inserate L Mark pro Monat. PostabonnemeMS JSSitX&' v/ � //- HB V für die nächste Nummer müsten bis nehmen an: Belgien, Dänemark ✓ w ITIi�\ s Uhr nachmtttagS in der Erpedition Holland, Italien, Luxemburg. Portugal. CIXl O'V N\\>0 � Zs�WS�~ abgegeben werden. Die Expedition ist Rumänien, Schweden und die Schweig,-S J/» ✓ bis 7 Uhr abends geöffnet, Verlinev ätä. Zcntualorgan der rozialdcmokratSfchcn Partei Deutfcblanda. Rcdahtion: 8 Cd. 68, Lüidcnstraaee 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Koloniale Greuel. Wer in der bürgerlichen Presse die schauerlichen Untaten laS, die von den Angestellten einer englischen Gesellschaft im Hinterlande von Peru verübt worden sind, mochte sich wenigstens damit trösten, daß auch nur ähnliche Bestialitäten in der Kolonialgeschichte höchst selten seien und vor allen Dingen„bei uns" ganz ausgeschlossen wären. Nun: die Aufdeckung der nicht minder ungeheuerlichen Kongogreuel liegt ja noch gar nicht lange hinter uns, zum mindesten ein Beweis dafür, daß wir es in Peru keineswegs mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun hatten, daß vielmehr die kapitalistische Ausbeutungsgier überall dort, wo sie sich einer wehrlosen Bevölkerung gegen- über und genügend abseits der öffentlichen Kontrolle weiß, die gleichen, bis zum Verwechseln gleichen, aller Beschreibung spottenden Scheußlichkeiten erzeugt! Immerhin sei so viel zugegeben, daß ein System der Bestialität, wie es im Kongo- Becken und Peru etabliert worden ist; nicht überall möglich ist. da es nicht überall der- artig an Beobachtern fehlt. Nichtsdestoweniger aber ist auch das, was die normale koloniale Ausbeutung und Kriegs- führung mit sich brachte und mit sich bringt, so ungeheuerlich. daß es keinen ärgeren Schandfleck in der Menschheitsgeschichte gibt, als die Kolonialpolitik aller Zeiten und Völker. Wir wollen dabei nicht bis ins Altertum zurückgehen, sondern uns lediglich an die Geschichte der kapitalistischen Kolonialpolitik halten. Da ist es denn bekannt, welche Seg- nungen die Entdeckung Amerikas den eingeborenen Stämmen gebracht hat. Wobei wir nicht nur an die Ausrottung der harmlosen, friedlichen Indianer auf den Antillen und die scheußlichen Massenmetzeleien unter den bereits hoch- zivilisierten Eingeborenen Mexikos und Perus denken, sondern auch an den mörderischen Vernichtungskrieg, der von den Nachkommen der frommen Puritaner in den Vereinigten Staaten gegen die ehemaligen Besitzer des Landes geführt worden ist. Ist es doch bekannt, daß die frommen Ansiedler zeitweilig für jede indianische Kopfhaut— einerlei, ob sie von Männern, Frauen oder Kindern stammte— einen Preis . zahlten. ganz als ob es sich um einen Wolfsskalp gehandelt hätte! Auch das sei nicht vergessen, daß sich bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in den Vereinigten Staaten die Negersklaverei erhalten konnte. Und wenn auch bei dem Jubiläum der Verfasserin von„Onkel Toms Hütte" weidlich über die„altjüngferliche Sentimentalität" dieser altmodischen Dame gespottet worden ist— auch Deutschland ist ja längst unter die Kolonialmächte gegangen und seine Literaten sind seitdem stolz auf einen Schuß Brutalität— die Tatsache, daß bis ins 7. Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts in einem auf seine Zivilisation stolzen großen Staate die Institution der Sklaverei mit all ihren unvermeidlichen Unmenschlichkeiten existieren konnte, beweist, welche Verwilderung moralischer und sozialer Anschauungen die Kolonialpolitik nun einmal mit sich bringt. Und es würde ein Buch füllen, wollte man auch nur in großen Zügen die Barbareien schildern, die von den Engländern und Holländern in Indien und Süd- afrika verübt worden sind. Zu berücksichtigen ist auch die rücksichtslose Ausrottung, die sich die englischen Kolonisten in Australien den Eingeborenen gegenüber zuschulden kommen ließen, die man gleich Raubzeug niederschoß, gleich dem Wildhund, dem Dingo, ausrottete, ja in besonders raffinierter Weise durch die sogenannte„schwarze Polizei", ein den Eingeborenen selbst entnommenes mordlustiges Ge- sindel, niederhetzen ließ. Aber wir haben es ja gar nicht nöttg, uns zum Beweis für die alle moralischen Anschauungen zerrüttenden Wirkungen der Kolonialpolitik auf das Ausland zu berufen, finden wir doch innerhalb der deutschen kolonialen Betätigung genug der schwerwiegendsten Musterbeispiele. Denn wenn sich Ethiker und Soziologen darüber entrüstet haben, daß man in Australien eingeborene„Polizisten" ohne Ueberwachung von Weißen auf die australische Urbevölkerung losgelassen hat, um diese ihres Landes und ihrer Existenz beraubten Horden so rasch als möglich gleich Ungeziefer zu vertilgen, so sei dem- gegenüber doch auch daran erinnert, daß auch in deutschen Kolonien eingeborene Polizeimannschaften schon ohne ihre weißen Offiziere gegen„Nebellen" losgelassen worden sind. Kein anderer als der ehemalige Reichskommissar R 0 h r b a ch erzählt das ja auf Grund seiner eigenen Forschungsreisen aus Kamerun. Wenn dort bei einer„Strafexpedition" die Ein- geborenen in allzu schwieriges Gelände geflüchtet seien, so hätten, erzählt er, die Offiziere ihre schwarzen Manu- schaften oftmals allein zur Vollstreckung der Rache aus- geschickt. Unsere kolonialen Herrenmenschen bringen dem Schwarzen doch sonst ein solches Maß von Verachtung entgegen. daß sie ihn nicht als gleichberechtigten Mitmenschen, sondern gleich einem ehemaligen Sklavenhalter als eine Art Halbtier be- trachten. Aber zur Ausführung von Sttafexpeditionen halten unsere Kolonialpolitiker diese auf ihre Raffcngcnossen künstlich dressierten schwarzen„Polizisten" oder„Soldaten" für durchaus geeignet! Und wenn in unseren Kolonien auch nicht Tausenden von Eingeborenen wegen ungenügender Arbeitsleistung Arme und Beine abgehauen worden sind, so sind dafür infolge des kolonialen Dienstag, den A3. Juli 191A. Ausbeutungssystems Zehntausende in der grauenhaftesten ''Weise dem Tode des Verschmachtens preisgegeben worden I Gedenken wir doch nur des südwestafrikanischen Krieges. Nachdem dort durch Schreckenstaten, wie die des Prinzen Arenberg, der den Billy Kain, einen schwarzen Schutztruppenunteroffizier und nahen Verwandten des Samuel Maharero, des Oberhäuptlings der Herero, in der viehischsten Weise im Delirium hingemordet hatte, und durch den ungeheuerlichsten Vieh- und Laudraub die Eingeborenen zum Verzweiflungskrieg getrieben worden waren— baute man ihnen nach ihrer Unterwerfung etwa goldene Brücken zum Frieden? Im Gegenteil: nachdem die am Waterberg konzentrierten Herero ihre schwere Niederlage er- litten hatten und zur Unterwerfung bereit gewesen wären, hielt der deutsche Generalissimus die Ausrottungs- st r a t e g i e für geboten. Nicht genug damit, daß für die 150 Weißen, die beim Aufstand erschlagen worden waren, Tausende von Eingeborenen gefallen waren, zwang General Trotha die geschlagenen Herero durch die Drohung, Bewaffnete wie Unbewaffnete, Männer wie Frauen ohne Pardon nieder- schießen lassen zu wollen, zu jenem grauenhasten Rückzug in die wasserlose Wüste der Omaheke, wo die Herero zu Zehntausenden verschmachteten! Und wie war es bei dem letzten Aufstand in Deutsch- O st a f r i k a? Hat da die Schutztruppe, da sie sonst mit den flüchtenden Eingeborenen nicht fertig werden zu können glaubte, nicht zu dem Mittel gegriffen, einfach alle Lebensmittel- Vorräte der Aufständischen zu vernichten, obwohl sie sich über die Folgen dieses Vorgehens nicht im Unklaren sein konnte? Und was waren die Folgen? Zirka 89(XX) Ein- geborene wurden durch dies vorgehen dem Hungertod preisgegeben. Viele der gänzlich entkräfteten Eingeborenen sollen durch Löwen und andere Raubtiere vor dem noch schlimmeren Ende deS langsamen Verschmachtens bewahrt geblieben sein! Wie der künftige Kulturhistoriker solche Fälle im Ver- gleich zu den Kongo- und Peru-Greueln werten wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls beweisen diese Vorkommnisse auS der jüngsten Periode der deutschen Kolonialpolittk, die sich doch wahrlich nicht durch Rücksichtslosigkeit vor der anderer Nationen auszeichnet, daß die imperialisfische Ausbeutungs- Politik für die annektterten Rassen in der Regel eine Quelle unsäglicher Leiden ist. Deshalb ist irgendwelche Heuchelei angesichts der peruanischen Enthüllungen absolut deplaziert, wenn auch ein internationales Eingreifen in diesem Falle Ehrenpflicht aller Staaten ist, die sich Kultur st aaten nennen! Sie njungcrltadl. London, 20. Juli 1912. Mg.©er.) Unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung hat Städte ge- schaffen, bei deren Anblick einen ein kalter Schauer erfaßt, deren Atmosphäre einen zu ersticken droht, die bei dem Besucher den Ein- druck hervorrufen, als wandere er in eine lange trostlose Gefangen- schaft, aus der eS kein Entrinnen gibt. Eine solche Stadt ist die Hungerstadt, das Londoner Hafengebiet, das sich von der City aus die beiden Ufer der Themse entlang zieht. Ueberwältigend ist der Eindruck, den der Besucher empfängt, der von den lachenden Ufern der westlichen Themse, aus der glänzenden, prunkenden Geschäfts- Welt des Westens kommend, plötzlich auf diese Stadt der hungernden Arbeit stößt. Kein Baumeister hat sie errichtet, diese kilometer- langen Reihen niedriger Kaninchenställe, die in ihrem häßlichen schmutziggelben Gewände auch nicht die Spur eines Versuches ver» raten, die Menschen, die sie bewohnen müssen, durch etliche be- scheidene gefällige Linien einigermaßen mit ihrer Umgebung zu versöhnen. Die blinde Profitgier schuf sie nach demselben Prinzip, nach dem sie die Hühnerzucht oder die Schweinezucht im großen anlegt. Arbeit, Schlafen und Kindergebären, das sind die Haupt- beschäftigungen der Einwohner. Das Esten scheint nur eine Neben- fache zu sein. Denn wenn man bedenkt, daß 60 Prozent der Lon- doner Hafcnbevölkerung weniger als 20 Schilling die Woche ver- dienen, wovon der Hauswirt in erster Linie«inen großen Happen abbekommt, so darf man wohl bezweifeln, ob Essen und Trinken hier wirtlich ein« große Rolle spielen. Aber die 60 Prozent ge- hören noch zu den Glücklichen der Hungerstadt. Es gibt Tausend« unter ihnen, die froh sind, wenn sie in der Woche einen oder zwei Tage Arbeit finden. Wie leben diese Menschen? Sie leben wie die zwerghaften schwindsüchtigen Pflanzen, die in den Blumen- topfen in ihren Fenstern verzweifelt nach Luft und Sonnenschein ringen. Aber letzten Sommer ermannte sich die geknechtete und ge- treten« Bevölkerung des Ostens. Der Sturm der proletarischen Begeisterung, der durchs Land zog, ergriff auch sie und nach kurzem Ringen geiang eS ihr, dem Kapitalismus einige Zugestänonisse ab- zutrotzen, die ihr Leben etwas erträglicher machte. Sie lernte den Wert der Organisation kennen. Uebcrraschend leicht und schnell hatte der Verband gesiegt und neue Hoffnung leuchtete in ihren Augen auf. Der Verband der Transportarbeiter ward ihr ein neuer Sankt Georg, der sie gegen die Wut des Drachens Kapitalis- mus verteidigte. Aber dieser neue Geist" der Zuversicht und des Selbstvertrauens paßte den Scharfmachern, die ihre Willkürherr- schaft eingeschränkt sahen, durchaus nicht in dem Kram. Der Transportarbeiterverband mußte vernichtet werden, den Arbeitern mußte eine Lektion erteilt werden. Gegen die einzelnen kleinen Gewerkschaften hatten sie nichts einzuwenden, aber der Transport- Sxpedilion: 8 Cd. 68, Lfadcnatrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981. arbeiterverband— also der Verband, der die Kräfte der einzelnen Organisationen koordiniert und wirksam macht— so erklärten sie, ist eine Tyrannei, die wir uns nicht gefallen lasten können. Es hilft alle? Leugnen nichts: die Arbeitgeber des Londoner Hafens haben die Arbeiter methodisch in den Kampf getrieben, um ihre Organisation zu vernichten. Sie haben Verträge gebrochen, was von dem RegierungÄommissär Sir Edward Clark«, ein konservativer Politiker, einwandsfrei festgestellt worden ist, sie haben die Arbeiter um große Summen ihres Lohnes betrogen und sie in manch anderer Weise schikaniert, bis die Arbeiterschaft schließlich den Krieg erklären mußte, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, später ohne Schwertstreich gänzlich zu unterliegen. Acht Wochen dauert mm der Kampf schon. 79 090 Streikende, 409 009 Mäner, Frauen und Kinder halten im heroischen Kampfe aus. Unbedingte Unterwerfung lautet die Forderung der Scharf- macher. Aber obwohl die Kassen der Gewerkschaften längst ge- leert find, obwohl Männer, Frauen und Kinder auf der Straße vor Hunger umfallen, zeigen sich die Arbeiter nicht im geringsten geneigt, die schimpflichen Bedingungen Lord DevonportS anzu- nehmen. Di« Kapitalistenblätter behaupten, es seien die Führer, denen an Einfluß und Stellung gelegen, die die Fortsetzung des Kampfes wünschten. Das ist eine kalt erwogene Lüge, eine Wieder- holung derselben Lüge, die man während de? Bergarbeiterstreiks hörte und die durch die letzte Abstimmung der Bergarbeiter so gründlich widerlegt wurde.„Wir kämpfen um das Prinzip", das sind die Worte, die man allgemein aus dem Munde der Hafen- arbeiter hört. Und in diesen Worten spiegelt sich die Entschlossen- heit wider, nicht in die alte Hörigkeit zurückzukehren und fest an dem errungenen Mitbestimmungsrecht ihrer Organisation zu halten. Recht träge fließt der Strom der Gaden der Wohltätigkeit. An Aufforderungen fehlt eS wahrlich nicht. Letzte Woche veröffentlichte der„Punch" eine ergreifende Einladung in Gestalt einer Zeich« nung. Sie zeigt Punchinello, der die Frau Charity zu den darben- den Frauen und Kindern der Streikenden führt.„Komm, liebe Frau Charity," sagt Punchinello,„wir beiden fragen nicht danach. wen die Schuld an dem Streit trifft." Aber das honette Bürger- tum scheint anders zu denken. Ihm liegt noch der Schreck der letzten Massenkämpfe in den Knochen. Mehr als einmal hat man die Bemerkung gehört:„Was? Die Frauen und Kinder der Dockers füttern?— Das würde den Widerstand der Arbeiter nur verlängern." Gewiß gibt es gute Seelen, die Spenden geben und sich in den Hilfsstationen aufopfern. Viele der freiwilligen Orga- nisativnen, die Nahrungsmittel verteilen, find jedoch schon am Ende ihres Können? angelangt; das Geld reicht nicht für die vielen Münder. Am besten sind noch die schulpflichtigen Kinder daran. Sie werden auf Kosten der Gemeinde ernährt— Brot und Butter oder Marmelade und eine Tasse Kakao. Viele Kleinen bringen es fertig, einen Teil der Nahrung für die Mütter oder die kleineren Geschwister zu Hause aufzubewahren. Manchmal schmug- gel» zwei größere Kinder auch einen kleinen Wurm, der kein Billett hat, mit durch. Aber woher die Milch für das Babiy nehmen? Und was soll die Mutter essen? Alle versetzbaren Habseligkeiten der Familie sind schon längst inS Pfandhaus gewandert. Und dann, heute ist SamStag und morgen ist Sonntag; an beiden Tagen ist keine Schule und da gibt es mich nichts zu essen. Hilfe muß kommen, sofortige Hilf«. Die Streikleitung hat sich telegraphisch an den amerikanischen Bund der Arbeit und an den internationalen Transportarbeiterverband gewandt. Die deutsche Gewerkschaftskommission hat schon 15 000 M. geschickt, die österreichische 20 000 Kronen, deren Empfang als ein Zeichen der Solidarität der Arbeiterklasse der ganzen Welt doppelt willkommen war. Möge diese gute Tat anspornend wirken, damit da» Prole- tariat der Welt beweisen kann, daß eS der unwillig gespendeten Gaben der Bourgeoisie nicht bedarf. Der Krieg. Die türkischen Wirren. Genosse Parvus schreibt uns aus Konstantinopel: Die Angaben über die Zahl der geflüchteten Offizkere und Mannschaften sind sehr unsicher. Während die Regierung die Be- wegging als ganz geringfügig hinzustellen sucht, schwirren Gerüchte herum, die jeden Tag neue Kompagnien in die Berge ziehen lassen. WaS mit aller Sicherheit feststeht, ist, daß die geflüchteten Offiziere zu den besten Elementen der Armee gehören.„Das sind ja unsere eigenen Leute"— sagte mir ein Mann, der dem Komitee sehr nahe steht. Es sind Männer darunter, die sich während der FreiheitS- kämpfe hervorgetan hatten und die selbst noch während der Be- wegung deS Obersten Sadik Bey auf Seiten des Komitees waren. Die Forderungen, die die geflüchteten Offiziere aufgestellt hatten, fanden allgemeine Zustimmung. Das gilt besonders für die Forderung deS Kabinettwechsels und der Neuwahlen. Allein, was gegen die Revolte angeführt wird, das ist d e r K r t e g. So- lange da» Land sich im Kriege befindet— heißt es— sollte man keinen Aufstand unternehmen, vor allem keinen militärischen Auf- stand. In den Reihen der Komiteeorganisationen selbst hat sich vor einiger Zeit eine oppositionelle Linke gebildet, die mit aller Energie vorzugehen gedenkt und auch vor einer Spaltung nicht zurückschreckt, diese vielmehr für unvermeidlich hält.„Die Offiziere haben zu früh losgeschlagen"— sagte man mir auS den Reihen dieser dcmo- kratischen Linken—.„Mährend des Krieges dürfte man keine Revolte unternehmen. Deshalb muß diese Bewegung unterdrückt werden. Ohne den Krieg dürften sie auf allgemeine Zustimmung rechnen, und wir wären die ersten, sie zu unterstützen." Auch die Albanerbewegung führt jetzt in ihrer Mitte fortjchrittliche Elemente und begegnet ganz anderen Sympathien, öT8 im bongen Jahr. Dadurch, daß sie Forderungen allgemeiner Natur, wie die parlamentarischen Neuwahlen, erhoben hat, ist sie erst recht gefährlich geworden. Trotzdem die Negierung— nach bekannten Mustern— erklärt, das Ganze sei nur Machwerk ge- wissenloser Agitatoren, gewinnt man doch immer mehr den Ein- druck, daß der Aufstand von der Bevölkerung moralisch unterstützt wird. Beides, sowohl die Offiziersrebolte wie der Albaneraufstand, wären sicher zu vermeiden gewesen, hätte die Regierung nicht mit Gewalt die parlamentarische Opposition unterdrückt. Da das Kabi- nett, als es seine Majorität verloren hatte, statt zurückzutreten, vorgezogen hatte, dem Parlament das Rückgrat zu brechen, so hat es dadurch die Kabinettsfrage in eine politische Krise verwandelt. Die Demission des Kricgsministers Mahmud Schefket war weniger ein Zugeständnis an die revoltierenden Offiziere, als an jene, die nicht revoltiert haben. Zwischen beiden besteht ja kein Gegensatz, vielmehr ein moralischer Zusammenhang. Um nun die gemäßigte Opposition unter den Offizieren zu versöhnen und so ihren Uebertritt zu den radikalen Elementen zu verhindern, des- halb ließ man Mahmud Schefket gehen. Dieser Mann ist nicht etwa gestürzt, er ist einfach hinweg- geräumt worden, wie man einen verbrauchten Gegenstand weg- räumt. Sein Abgang zeigte erst recht seine Bedeutungslosigkeit. Er ist spurlos verschwunden, wie eine geplatzte Seifenblase. Darum hat diese Demission politisch nichts geändert. Und weil politisch nichts geändert wurde, darum gab es Schwierigkeiten bei der Neu- besetzung des Postens des Kriegsministers. Die wichtigste Per- sönlichkeit, die in Betracht kam. war Nazi m Pascha. Er ist bekannt als ein Mann von großer Energie. Das Komitee wollte eine„eiserne Faust" haben. Aber Nazim Pascha hatte kein Vcr- trauen mehr zu der Macht des Komitees und stellte Bedingungen, die auf eine Beseitigung der Herrschaft des Komitees hinausliefen. So scheint man denn schließlich sich einen Mann auscrwählt zu haben, der bis jetzt weder militärisch noch politisch als Größe sich hervorgetan hat. aber als treuer Anhänger des Komitees gilt. Das ist Mahmud Muktar Pascha. Unter diesen Verhältnissen trat das Kabinett an das Parlament heran, und der Großwesir Said Pascha hielt seine große Rede. Aber dieses Parlament ist ja in dem gegebenen Augenblick auf Leben und Tod mit dem Kabinett verbunden. Stürzt das Kabinett, dem Druck von außen folgend, so müssen Neuwahlen ausgeschrieben werden. Kein Wunder deshalb, daß das Parlament ohne Debatte, fast einstimmig, der Regierung das Vertrauen votierte. Eine politische Bedeutung hat dieses Votum nicht. In der Rede des Großwesiers wie des Ministers des Aeußern ist nur die wiederholte, nachdrückliche Betonung der guten B e- ziehungen zu England bemerkenswert. Auf diesen Ton ist hier jetzt alles gestimmt. England ist zum einzigen und letzten Hoffnungshort geworden, von ihm allein erwartet man die Rettung des Reichs. Einige Tage vor dem Vertrauensvotum hat das Parlament ebenso einstimmig die neuen Steuern votiert. Sie heißen provi- sorisch, bedingt durch den Kriegsbedarf, und sollen nur höchstens drei Jahre in Kraft bleiben. So werden besonders die Salzsteuer, die den Salzpreis um 50 Proz. steigert, das Elend der Massen steigern und infolgedessen auch die politische Gärung. Da zu- gleich der Plan besteht, diese neuen Steuern zu verpfänden, um eine Anleihe zu erlangen, so wird damit auch noch die Schuld- knechtschaft der Türkei gesteigert werden. Der Aufruhr in Albanien wächst. Konstantinopel, 22. Juli.„Deni Gazetta" erfährt, nach einer Depesche des Malis von I a n i n a breite sich die A u f st a n d s- bewegung auf Südalbanien aus. Der Aufstand sei auf Unordnung im Justizwesen und sonstige Beschwerden gegen das zurückgetretene Kabinett zurückzuführen.— Die albanischen Dcpu- tierten Sureja und Schahin haben auf das Telegramm eines Nota- beln, in dem die Einstellung der blutigen Kämpfe verlangt wird, geantwortet, daß eine Untersuchungskommission entsandt werde. Die Truppen würden, solange sie nicht angegriffen werden, nicht vorgehen. Das neue Kabinett werde sein Möglichstes für die Wieder- Herstellung der Ordnung tun. Saloniki» 22. Juli. Obwohl die Proklamation des Sultans. in welcher die Neubildung eines aus unabhängigen erprobten Männern zusammengesetzten Kabinetts versprochen wurde, in allen Städten Mbaniens bekannt gemacht worden ist, hat sich bisher in keiner Weise die Lage geändert. Von allen Seiten, namentlich aus P r i st i n a, werden bedenkliche Ansammlungen gemeldet. Die Straßen sind von Arnauten besetzt und die Märkte geschlossen. Die Arnautenführer bestehen auf ihrer Forderung nach Auflösung der Kammer. Es verlautet, daß, falls dieser Forderung nicht entsprochen werde, am Jahrestage der Verfassung e r n st e Ereignisse zu erwarten seien. In T i k v e s ch ist eine Bombe explodiert, wodurch mehrere Häuser, daruntev das Rathaus, beschädigt worden sind. Konstantinopel, 22. Juli.(Meldung des Wiener K. K. Tclegr.- Korresp.-Bureaus.) Hier eingetroffenen Nachrichten zufolge Herr- schen in Novdalbanien anarchische Zustände. Im ganzen Sandschak Prizren sowie in den Kaza Djakowa fraterni- sieren die Truppen mit den Aufständischen. Einem Gerücht zufolge demissionierte der Muiessarif von Jpek. An der Grenze der Wila- jets Kossowo und Skutari wurden drei Bataillone durch die aufständischen Stämme Gwschi und Garnici unter Führung von Jakob Jeronick umzingelt. Die Truppen mußten sich mit 400 Mausergewchrcn, drei Kanonen und vier Maschinengewehren ergeben. Ein Major wurde von den Aufständischen aufgehängt. Die Militärrevolte. Konstantinopel, 22. Juli. Die Deserteure von Mo- n a st i r unter dem Hauptmann Tahiar Bey sollen sich Nordwest- lich vost Frascheri befinden. Ihre Zahl soll durch den Zuzug von Räuberbanden und oppositionelle Albaner auf 3S0 gestiegen sein. Mit ihrer Verfolgung wurde Oberst Kiazin vom 2. Armeekorps betraut, der bereits in Goritza eingetroffen ist. Konstantinopel, 22. Juli. Die Offiziere der M i l i t ä r l i g a beginnen bereits, auch die P r e s s e zu beeinflussen. Gestern früh erschienen acht Offiziere unter Führung des Obersten Avni Bey in den Redaktionen der türkischen Blätter und verlangten, daß die von der Regierung mitgeteilten Informationen über die Verlesung der Proklamation an die Armee, wonach die Offiziere die Hand- lungsweise der in der Proklamation erwähnten zwei Offiziere tadelten, nicht veröffentlicht würden. Alle Redaktionen bis auf die des„Tanin" kamen dieser Aufforderung nach. Die Offiziere er- klärten auf den Redaktionen, daß sie. unbekümmert um das Kriegs- Gericht, alles frei schreiben könnten. Das neue Ministerium. - Konstantinopel. 22. Juli. Heute wird hier die Liste des neuen türkischen Kabinetts veröffentlicht werden. Danach wird N a s i m Pascha Kriegsministev. K,am,l Pascha Mtntster »es Aeußern. Ferid Pascha Minister des Innern. Eine italienische Note über den Dardanellenkampf. Rom, 21. Juli. In einer Note, die die türkischen Meldungen Tber die Operation in den Dardanellen NnedeVvt. erklärt die„Ageüzia Stefan!", daß diese Meldungen vollkommen falsch seien. Erstens hätten die Italiener keinen Verluist an Torpedobooten gehabt. Ferner hätten die Torpedoboote nicht bei der ersten Sperrlinie Halt gemacht, sondern seien noch über die zweite bis Tschanak vorgedrungen, während die längs den Ufern der Meerenge aufgestellten schnellen Torpedobootszerstörer der Tür» ken unbeweglich geblieben seien. Endlich sei es falsch, daß die Schiffe des italienischen Geschwaders die Torpedoboote unterstützt oder an der Operation teilgenommen hätten. Unrichtig sei auch die Nachricht, daß ein italienisches Geschwader gegenwärtig zwischen Mytilene, Jmbros und Tenedos kreuze. Eine weitere Note der „Agenzia Stefani" stellt fest, daß der Widerspruch zwischen den ein- zelnen Meldungen der Dardanellcnforts über Anzahl und Verluste der Torpedoboote ihre beste Widerlegung sei. Teilweise Minensperre in den Dardanellen. Konstantinopel, 22. Juli. Es bestätigt sich, daß die Pforte durch neue Auslegung von Minen die Fahrtrinne der Darda- nellen um die Hälfte verkleinert Hätz Trotzdem können die Handelsschiffe nach wie vor ohne jede Gefahr verkehren. Vom tripolitanischen Kriegsschauplatze. Rom, 21. Juli. Die„Agenzia Stefani" meldet aus Miesu- rata vom 20. Juli: Die Meldungen den letzten Tage bestätigten, daß feindliche Gruppen aus der Gegend von Gheran sieben Kilo- meter westlich von Mesurata bis in die Oase von Mesurata vor- gedrungen waren, Vieh weggetrieben und Gewalttaten jeder Art gegen die Einwohner verübt hatten. Das italienische Kommando beschloß daraufhin eine energische Aktion, die heute früh unter dem Befehl des Generals Fara ausgeführt wurde. Die Truppen ver- ließen Mesurata um 4 Uhr ftüh. Nach halbstündigem Marsche auf der Straße von Sitten stießen die Truppen auf die ersten feind- lichen Gruppen. Weitere Gruppen zeigten sich bald darauf in einer gedeckten Zone nördlich der Straße. Der Feind wurde aus der Oase hinausgeworfen und flüchtete Hals über Kopf nach Gheran, wobei er zahlreiche Tote zurückließ. Zwischen der Oase von Mesu- rata und der Oase von Gheran befindet sich eine öde, fast drei Kilometer breite Zone. Die italienischen Truppen durchliefen trotz der Hitze den Weg und griffen den fast 1500 Mann starken Feind in seiner Hauptstellung an. wobei sie ihm sehr nahe kamen. Nach vierstündigem erbitterten Kampfe wurde der Feind mit starken Verlusten geschlagen und genötigt, seine Stellungen zu verlassen. Die italienischen Truppen kehrten in vollkommener Ord- nung nach Mesurata zurück. Eine Kavallerieschwadron kehrte nach einem Erkundungszug an dem äußeren Rande der südlichen Oase nach Kap Zarug zurück. Die feindlichen Verluste waren sehr groß, die Italiener hatten 19 Tote, darunter neun Askaris, und 87 Verwundete, darunter 12 Askaris. Die„Agenzia Stefani" meldet unter dem 21. Juki: General Briccola telegraphiert aus Bengasi von gestern: Zwei Feld- batterien und eine Batterie des 149. Regiments verließen die Ver- schanzungen und bombardierten ein feindliches Lager von SO Zelten, das seit einigen Tagen 15 Kilometer von der Stadt entstanden war. Das Lager wurde überrascht und schwer beschädigt. Die italieni- schen Geschütze trafen zahlreiche Gruppen von Beduinen, die sich zerstreuten und ins Gebirge flüchteten. polirifcke'deberfickr. Berlin, den 22. Juli 1912. Der Segen des Schnapsboykotts. Die Kulturtat des Leipziger sozialdemokratischen Parteitages trägt Monat um Monat ihre Früchte. Daran hat, und dies verdient besonders betont zu werden, auch die kluge offizielle Abschaffung der Schnaps- liebesgabe nichts geändert! Mit dem Juni 1912 sind 31 Monate Schuapsboykott verflossen, der monat- licheRückgang im Schnapsverbrauch hat sich jetzt für ganz Deutschland auf rund 149099 Hektoliter st a b i l i s i e r t! Notwendig ist bei allen Vergleichen mit früheren Jahren und ihrer Alkoholproduktion, den Rückgang nicht zum statt- stischen Branntweinjahre 1998/99 in Berechnung zu stellen. Damals war wegen des baldigen Inkrafttretens der neuen Steuer die Vorproduktion und Vorversorgung so stark, daß abnorme Jahresziffern in der Produktions- und Verbrauchs- statistik entstanden. Die beste Prüfung des wirklichen Rück- ganges im Branntweinverbrauche ergibt ein Vergleich der jüngsten Jahre mit 1907/08. Das Jahr 1907/98 kann als normales Branntweinproduktionsjahr angesprochen werden, 1999/10 und 1910/11 in Vergleich mit diesem Jahre gesetzt. zeigen uns deutlich den normalen Rückgang. Wenn auch dabei noch beachtet werden muß. daß 1909/19 der tatsächliche Schnapskleinverkauf größer gewesen ist— wegen der Vorversorgung von 1908/99 her—, als die statistische Ziffer an der Hand der Abgänge aus dem Steuerverschluß in den öffentlichen Verkehx. ausgewiesen hat. In der nachfolgenden Zusammenstellung"haben wir natürlich die Zahlen für Branntweinproduktion und-verbrauch, die nur neun Monate des Jahres 1911/12 umfassen, das erst mit dem letzten Sep- tember abläuft, auch nur den gleichen Ziffefrn des Jahres 1998/99 gegenübergestellt. Sehen wir uns vorerst einmal die EntWickelung der Alkoholproduktion und des Trinkbranntweinverbrauches von 1907/98 bis 1911/12(neun Monate) etwas genauer an: 1011/12 1910/11 1000/10 1908/09 1007/08 SpirituSerzenaung in 1000 hl: 3178,4 3467,0 3665,9 4130.7 3981,9 Trinkbranntweinvcrbr. in 1000 hl: 1510,9 1949,0 1783,0 2650,6 2389,6 Der Rückgang sowohl in der Produktion als im beson- deren auch im Schnapsverbrauch ist durchaus gleichmäßig. Das Jahr 1998/99 zeigt die rasch nach oben gespnmgene Ziffer der Vorproduktion und der Vorversorgung, 1909/19 und die jüngeren Ziffern führen langsam, aber sicher nach unten! An der Jahresproduktion von 1907/98 gemessen, ist für die Zeit vom 1. Oktober 1909— im September tagte in Leipzig der Parteitag— bis Ende Juni 1912 ein gesamter Produktionsrückgang von 1 39k 499 Hektolitern Alkohol festzustellen I Der Absatz an Trinkbranntwein fiel in der- selben Zeit um insgesamt 1410 900 Hektoliter. Aus dem Hektoliter reinem Trinkbranntwein werden im Durchschnitt drei Hektoliter Schnaps gemacht. Der eigentliche Trinkschnaps- verbrauch ist also in den 31 Monaten— immer mit 1997/98 verglichen— um 4,23 Millionen Hektoliter zurückgegangen, das sind pro Monat rund 136 000 Hektoliter, pro Tag für ganz Deutschland 439990 Liter Schnaps! Die sozialdemokratische Arbeiterschaft Deutschlands hat also auch hier bewiesen, daß sie, wenn sie will, auch in die letzten Bastionen der preußischen Junker, ihr Fuseldorado vorzu- dringen vermag. Die Macht der Arbeiterbewegung liegt darin, daß jeder einzelne seine MW M D'dfflfrt muß jetzt noch mehr und immer mehr die Parole lauten: Arbeiter, weide den Schnaps! Die Pharisäer von Köln. Die„Köln. Volksztg.", die sich nie wohler fühlt, als wenn sie sich mit der schmutzigen Wäsche anderer Parteien beschäftigen kann. fühlt sich zur Abwechselung berufen, wieder einmal die ehrsame journalistische Sittenwächterin zu spielen und über„verwerfliche Preßpolemiken" zu zetern. Besonders viel hat sie natürlich an dem To» der„hyperkatholischen" Presse auszusetzen. «In den letzten Jahren haben in einem Teile jener Presse, die einen„unbedingten",„integralen",� ja„päpstlichen" Katholizismus zu vertreten beansprucht, die gehässigen Insinuationen und Ver- dächtigungen in einem Maße zugenommen, daß allmählich ein währer Skandal daraus geworden ist, der zum Himmel schreit. In den letzten Wochen ist das besonders hervorgetreten. Seitdem der Apostolische Nuntius den Wunsch des Heiljgen Vaters kundgab, daß man die Polemik in der Gewerkschaftsfrage ruhen lassen möge, ist dies von der großen Mehrheit der katholischen Presse Deutsch- lands unter Hinweis auf die von dem deutschen Episkopat beim Heiligen Stuhl getane» Schritte geschehen. Wie jeder Zeitungs- leser weiß, hat insbesondere die„Kölnische Volkszeitung" und haben mit'ihr fast alle größeren katholischen Blätter seitdem nicht bloß in der Gewerkschaftsfrage, sondern auch in den anderen von unseren„Hypcrkatholiken" aufgeworfenen Streit- fragen eine so weit gehende Zurückhaltung beobachtet, daß die gegnerische Presse uns und unseren Gesinnungsgenossen Kleinmut, Ängstmeierei oder doch wenigstens Verlegenheit vorzuwerfen nicht müde wurde. In einem Teile der Quertreiberorgane hat aber neuerdings erst recht die w ü st e st e Hetze begonnen, eine Hetze von so widerwärtigem Charakter, daß man eine ähnliche Erschei- nung in der Vergangenheit vergeblich suchen wird." Die„Köln. VollSztg." in der Rolle der moralisierenden An- standsdame nimmt sich höchst komisch aus. Die Rolle der keifenden Alten oder der verschämten Kokotte liegen ihr weit besser, denn dazu bedarf es bei ihr nicht jenes Aufgebots von Verstellung. Maßregelung eines Slnstaltsarztes wegen sozial- demokratischer Agitation. Ueber eine Aufsehen erregende Maßregelung eineS in einem Breslauer Krankenhaus beschäftigten Arztes wegen angeblich sozial-- demokratischer Agitation unter seinen Kollegen berichtet unser BreS- lauer Parteiblatt, die„Volksmacht". Der Vorgang liegt schon un- gefähr ein halbes Jahr zurück. Er fällt in die Zeit der erregten Wahlagitation für die Reichstagswahl 1912. Einige Wochen vor der Wahl erhielt der bei der Landesversicherungsanstalt Schlesien be- schäftigte Medizinalpraltikant Martin Hagelberg folgendes Schreiben zugestellt: Breslau, den 21. Dezember 1911. Nachdem festgestellt worden ist, daß Sie im Verkehr mit den Assistenzärzten sich zur sozialdemokratischen Partei bekannt haben. werden Sie mit dem heutigen Tage aus Ihrer Beschäftigung als Medizinalpraktikant am Krankenhause entlassen. Frhr. v. Richthofen. Herrn Med.-Prakt. Martin Hagelberg, Hier. Außerdem händigte man ihm folgendes Zeugnis ein: Dem Kandidaten der Medizin, Herrn Martin Hagelberg aus Meimngen, wird hiermit bescheinigt, daß er nach vollständrg be- standener ärztlicher Prüfung vom 1. November 1911 bis zum 21. Dezember 1911 an dem unterzeichneten Krankenhause unter meiner Aufsicht und Anleitung als Praktikant beschäftigt gewesen ist. Er tat auch in der inneren Station Dienst und widmete sich feiner Aufgabe mit Eifer und fichtlichem Interesse. Auf Ver- fügung des Herrn Vorsitzenden des Vorstandes der Landes- Versicherungsanstalt Schlesien mußte er ohne Jnnehaltung der Kündigungsfrist entlassen werden. Breslau, 21. Dezember 1911. Krankenhaus der LandesversicherungS-Anstalt Schlesien. Aerztlicher Leiter: Sanitätsrat Dr. E. L e g a l.• Herr Hagelberg klagte darauf gegen den Vorstand der Ver- sicherungsanstalt auf Ausstellung eines anderen Zeugnisses, Gehalt und Kostenentschädigung für die Dauer seines Vertrages. Vor dem kgl. Amtsgericht Breslau, das sich mit der Klage zu beschäftigen hatte, machte die beflagte Landesversicherungsanstalt folgende Gründe geltend: 1. Herr Hagelberg soll im Dezember 1911 gegenüber dem Assistenzarzt der Anstalt, Herrn Dr. Siewczynsli die Anficht ver- teidigt haben, daß im Kriegsfalle die Mobilmachung durch Generalstreik verhindert werden müsse. Gegenüber dem Einwände des Dr. S., daß dies Hochverrat fei, soll Hagelberg bei seiner Ansicht geblieben sein. 2. Herr Hagelberg soll erklärt haben, bei der Reichstags- Wahl würde er gern als Schlepper für die rote Partei wirken. 3. Herr Hagelberg habe sich abfällig darüber geäußert, daß das Lesen der„Volkswacht"(das sozialdemokratische Organ Breslaus) den Pfleglingen des Krankenhauses der Invaliden- versicherungs-Anstalt verboten ist. 4. Herr Hagelberg habe behauptet, daß ein im Dezember aus Anlaß der ReichstagSwahl herausgegebenes sozialdemokratisches Flugblatt auf den Stationen an die Kranken verteilt werden müsse. 5. Herr Hagelberg habe sogar erzählt, daß er eine sozial- demokratische Versammlung besucht, den sozialdemokratischen Ab- geordneten Bernstein kennen gelernt und von ihm an einen anderen sozialdemokratischen Abgeordneten empfohlen worden sei. Alle diese«cußerungen soll Herr Hagelberg Herm Dr. Siewczynsli gegenüber getan haben. Dieser teilte sie dem stell- vertretenden Chefarzt, Dr. med. Hahn, mit, der alsbald dem Dr. Legal davon Kenntnis gab. Als dieser die Vorfälle dem Vorstande mitteilte, wurde Hagelberg sofort entlassen. Herr Hagelberg bestritt vor Gericht entschieden, Sozialdemokrat ju sei»; er habe diese Partei nur gegen allzu ungerechtfertigte Angriffe in Schutz genommen, und anläßlich einer Versammlung den Abgeordneten Bernstein gesprochen, der ihm aus seiner Jenaer Studentenzeit bekannt war. Demgegenüber behauptet die Landes- Versicherungsanstalt, daß Hagelberg durch feine Aeußerungen nicht nur den anderen Aerzten das Zusammenarbeiten und gemeinsame Essen mit ihm unmöglich gemacht habe, sondern daß auch die Gefahr bestand, er würde'unter den Pfleglingen(Frauen) sozialdemokratische Propaganda treiben. Das kgl. Amtsgericht Breslau hat auf die Klage des Arztes am 13. April folgendes entschieden: „Die vom Vorstand der LandeSverstcherungSanstalt aufgestellten Behauptungen enthalten keinen ausreichenden Grund zur sofortigen Entlassung. Wenn es aucki richtig wäre, daß der Kläger im Privat- gespräche mit einem anderen Arzte, der nicht zu seinen Vorgesetzten gehörte, die behaupteten Aeußerungen getan hätte, so kann der daraus gezogenen Folgerung, daß er dadurch das weitere gedeihliche Zu- fammenarbeiten mit den anderen Aerzten des Krankenhauses un- möglich gemacht habe, nicht zugestimmt werden. Der Umstand, daß jemand in sachlicher Weise, ohne die Grenzen des SnstandeS oder die gesellschaftlichen Formen zu verletzen, ab- weichende politische Ansichten äußert, bildet keinen notwendigen Grund, den persönlichen Verkehr mit ihm abzubrechen. FLr die Annahme, daß der Beklagte seine Ansichten in irgend «iner den Zwecken des Krankenhauses zuwiderlaufenden'Weise de- tätigen, insbesondere unter den Pfleglingen sozialdemokratische Propa- ganda treiben würde, lag ein tatsächlicher Anhalt nicht vor. Auch der Umstand, dasj eine öffentliche Behörde einen sozialdemokratischen Be- amten nicht dulden kann, ist als wichtiger Grund zur sofortigen Entlassung nicht anzusehen. Die Stellung des Klägers, der nur zu dem Zwecke seiner vorgeschriebenen Ausbildung gegen monatliche Kündigung bei der Landesversicherungsanstalt angestellt war, kann nicht verglichen werden mit der eines dauernd angestellten könig- lichen Beamten, von dem allerdings königstrcue Gesinnung verlangt werden kann. Der Vorstand der Versicherungsanstalt hätte seine Interessen ausreichend gewahrt, wenn er den Kläger unter Ein- Haltung der vereinbarten Kündigungsfrist entlassen hätte." Gegen dieses Urteil hat der Vorstand der LandeSversicherungS- anstalt Berufung eingelegt, deren Entscheidung noch aussteht. Revolutionsparade. Die unter ihrer neuen politischen Leitung auf das Niveau eines antisemitischen Nadaublättchens herabgekommene„itreuz-Ztg." darf bei einer Hetze gegen die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft niemals fehlen. So sieht sich das Junkerblatt auch veranlaßt, in die Klage darüber einzustimmen, daß der Demonstrationszug der Breslauer Arbeiterschaft so vollkommen unblutig verlief. Schließlich führt das Blatt aus: «Solche sozialdemokratischen Demonstrationen indessen, die der Propaganda gewidmet find, pflegen fast immer ruhigen Ver- lauf zu nehmen. Dessenungeachtet sind sie als Massenparade der proletarischen Revolulionsarmce jedenfalls nicht geeignet, die öffentliche Ordnung zu sörder». Sie sollten aber der nationalen Bevölkerung als Anschauungsunterricht dienen. Denn die Masse», die diesmal sich friedlich auf den Straßen bewegten, sind zum Klassenkampfe organisiert. Und wenn die sozialdemokratische Partei- leitung sie einmal zum„Entscheidungskampfe" unter die roten Fahnen einberufen sollte, dann würden sie der Bürgerschaft zeige», daß sie«auch anders" können. Aber die Möglichkeit,.friedliche" Straßendemonstrationen unter der Obhut sozialdemokratischer Polizisten fOrdner genannt) vorzunehmen, verdanken die Sozial- dcmokraten— wie so manche sür sie erfreuliche Errungenschaft— der Bülowschen Blockpolitik, der manche Liberale noch immer bittere Tränen nachweinen." • Man wird bei einem Organ des verbohrtesten Junkertums natürlich keinen Sinn sür Recht und Gesetzlichkeit allen Staats- bürgen» gegenüber voraussetzen dürfen. Wenn die Brcslauer Be- Hörden eine Handhabe gehabt hätten, den Festzug zu unterdrücken, dann würden sie es wahrscheinlich getan haben. Was aber allen anderen Vereinen gegenüber recht ist, das mutz auch den Gewerk- schaften gegenüber billig sein. Noch ist das langersehnte Ausnahme- gesetz nicht dal_ Oppersdorfs kontra Erzberger. In der neuesten Nummer des Organs des Grafen Oppersdorff,«Wahrheit und Klarheit", wird der Zentrums- abgeordnete Erzberger förnilich gestäubt.„Julius", dessen Pseudonym Erzberger gelüftet hat, attestiert ihm, datz er g e- logen und verleumdet habe. Schließlich wiederholt »Julius" die Fragen, die er bereits vor 14 Tagen stellte: „Was niüßte der Brave erst sagen, wenn ich von ihm das Urteil über einen Abgeordneten erbäte, der im Herbst 1S11, als der Hitzigsten einer, über die Engländer schimpft, nachher, als er englische Aktionäre für ein Unternehmen haben möchte und sein Name als Hintergrund genannt wird, erklären läßt, daß er der größte Englandsreund sei und, nachdem das Geschäft sich trotz- dem zerschlagen, wieder schimpft(post boo, mm propter hoc)? Was von einem, der Mitglieder, angesehene Mitglieder der Fraktion, in der er sitzt, als„charakterlos"(und sehr viel schärfer noch), Herrn Julius Bachem als„falsch und doppelzüngig", Herrn Eisele als«persönlicher Rachsucht" zugänglichen Mann, Herrn Professor Spahn als Lügner hinstellt und sich auch über Herrn Porsch recht viel schärfer aussprach, als ich, der letzte der Sterb- lichen, der für seine Offenheit in den Orkus soll? Der über Minister und Geheimräte, mit denen er nachher friedlich paktiert, nicht günstiger denkt? Und der, ehe noch der Mond sein Antlitz einmal zu erneuern vermochte, zweimal über eine der vitalsten Fragen der Reichspolitik genau entgegengesetzte Meinungen vor- trug. Einen solchen Abgeordneten kann ich ihm nennen." „Julius" gibt schließlich deutlich zu erkennen, daß dieser vielseitige Politiker der Abgeordnete Erzberger selber i st! Herr Erzberger, der wissen niußte, daß diese Andeutungen auf ihn gemünzt waren, ging niit keinem Wort darauf ein, sondern begnügte sich damit,„Julius" als einen neuen Schwindler Leo Taxil zu kennzeichnen. Graf Oppers- dorff springt seinem Mitarbeiter tapfer bei und sagt zum Schluß: «Hier gilt die Alternative: Dem simplen Ignoranten das wohlverdiente Gelächter, dein Fälscher aber der Pranger. Ich frage die Anständigen und Besonnenen aller Parteien: Kann man frivoler polemisieren und chrabi'chneiden, als es hier geschehen?" Herr Erzberger wird einer Beantwortung der an ihn gestellten kitzlichen Fragen natürlich auch weiterhin aus dem Wege gehen, und da die Gegenseite sich nicht unterkriegen lassen wird, wird noch weit eklerer Gestank dem schwarzen Sumpf entsteigen._ Portugal. Das Scheitern der Gcgenrevoolution. Lissabon, 22. Juli. Nachrichten aus allen Teilen des Landes melden v o l l st ä n d i g e Nu h e. Truppen und Freiwillige aus der Bürgerschaft durchstreifen die Gegenden, in denen sich die roha- listischen Umtriebe ereigneten. Die Landbevölkerung steht auf Seiten der republikanischen Beamten. Cnglauck. Churchill über den Ergänzungsflottenetat. London, 27. Juli. Unterhaus. Marincminister Chur- chill hielt heute seine Rede zur Begründung des Er- gänzungsflottenetats und sagte einleitend, der un- mittelbare Anlaß zu den Nachforderungen wäre in dem neuen deutschen Flottcngcsetz zu finden, dessen Hauptmerkmal die Vermehrung der Streitmacht der sofort verfügbaren Schiff« aller Klassen sei. Ungefähr Vierfünftel der gesamten deutschen Seemacht würden ständig im Dien st, und zwar in voller Kriegsbereitschaft gehalten. Eine solche Vorbereitung wäre bemerkenswert und, soweit er fest- stellen könne, gäbe es kein ähnliches Beispiel in dem bisherigen Ver- halten moderner Seemächte. Churchill fuhr fort, eine kühl überlegene, stetige, methodische Vorbereitung, die sich aus eine Reihe von aufein- anderfolgenden Jahren erstrecke, könne allein den Sicherheitsübcr- fchuß einer Seemacht an Streitkräften heben. Die Anspannung, die Großbritannien zu tragen haben würde, würde eine lange und lang- ifcme sein, und keine Hilfe könne von einer impulsiven, ziellosen Handlungsweise gewonnen werden. Großbritannien müsse von seinen deutschen Nachbarn lernen, bei denen die Alottenpolitik unerschütterlich auf ihr Ziel losgehe. Wir müssen, fuhr der Minister fort, einen großen Ueberschuß an Stärke haben, der sofort bereit steht. Der FlotteimaKtragSetat sehe keine über» mäßig« große Zahl von Neubauten bor. aber die Anzahl der Schiffe, welche in den nächsten Jahren zu bauen seien, müsse die Ziffern übersteigen, auf denen die Admiralität sie zu halten gehofft hatte. Es sei vorgesehen, weitere Unter. seeboote zu bauen, und der Bau von leichten Kreuzern sei beschleunigt worden. Die Vermehrung der Streitkräfte der deutschen Flotte, wie sie durch das deutsche Flottengesetz festgesetzt sei, ziehe eine Reorgani- sierung der britischen Streitkräfte nach sich, um den notwendigen Sicherheitsüberschuß zu erhalten. Er schlage vor, die Anzahl der voll in Dienst gestellten Schlachtschiffe von achtund- zwanzig auf dreiunddreißig zu erhöhen. Eine zweite Flotte würde aus acht Schiffen bestehen. Vom Jahre 1914 an würde Groß- britannien fünf Schlachtschiffgeschwader haben von im ganzen 41 Schlachtschiffen. Bier von den fünf Geschwadern würden voll in Dienst stehen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden nach Ansicht der Admiralität den Bedürfnissen von 1914 bis 1915 an- gemessen sein. Die Regierung habe beschlossen, sechs ältere Schlacht- schiffe aus dem Mittelmecr zurückzuziehen und sie durch vier Schlachtschisfkreuzer vozn Jnvincible-Typ zu ersetzen. Marokko. Zur Lage in Marrakesch. Mazaga», 21. Juli. Aus Marrakesch hier eingetroffene Franzosen berichten, daß alle Europäer mit Ausnahme der Konsuln nach der Küste a b g e r e i st seien. Ein verlustreicher Kampf. Rabat, 21. Juli. In der Gegend von Maaziz hat am 19. d. M. ein Kampf stattgefunden, bei dem die Franzosen einige Verluste erlitten haben. Fez. 22. Juli. Die Kolonne Mazillier hatte in dem Kampfe nordwestlich vom Sefru am 29. Juli drei Tote, darunter zwei Offiziere, und sieben Verwundet«. Die Aufständischen hatten etwa zweihundert Tote._ Mehr Soldaten für Marokko. Der bekannte Forscher Marquis de Ssgonzar, der kürzlich von einer im Auftrag des Marokko-Komitees unternommenen Reise von Fez nach Paris zurückgekehrt ist, setzt einem Mitarbeiter des, T e m p S" seine Ansicht über eine wirkungsvolle Besetzung Marokkos auseinander. Nach ihm müssen die einzelnen Stämme voneinander abgeschlossen werden, indem man zwischen ihnen feste Stellungen einnimmt, von denen aus sie in Zucht gehalten werden können. Dafür seien aber die Streitkräfte nicht stark genug. Nur in Fez sei die Garnison genügend, unter der Bedingung, daß man Taza besetze. Wenn man das Opfer von 25 000 Mann mehr aufbringen wolle, so wäre die Lage vom Muluja bis zum Tensift bald völlig verändert. Alles übrige, besonders das Susgebiet, könne man später in Angriff nehmen. Für jetzt sei die Hauptsache, daß man sich bewegen könne. Mit den Beständen aber, über die man jetzt verfüge, seien nur Faustschläge ohne dauernde Wirkung möglich._ Eine Marokkohetze der„Kölnischen Zeitung". Köln, 22. Juli. Der„Kölnischen Zeitung" wird aus Tanger telegraphiert: Die Ammenmärchen der fran- zösischen Presse über die dortigen Zustände sind darauf be- rechnet, die deutschen Kolonien aus Marakesch auszumerzen, und dies würde keine Beachtung verdienen, wenn nicht die Generalresidentur und die französischen Konsuln im Süden sich bemühten, dem von der französischen Presse geschilderten Zustand der Gefahr für das Leben der Europäer Vorschub zu leisten. Es wäre lächerlich, anzunehmen, die Franzosen vermochten keine Einigung zwischen den beiden Kaids Glaui und Mtuggi herbeizuführen. Sie fchüren jedoch den Gegen- satz, und da sie Mulei Hafid gestatten, völlig passiv den Er- eignissen gegenüberzustehen, setzt sich im Süden der Glauben fest, der Sultan habe abgedankt. Die Anerkennung Haibas im Süden dürfte also erfolgen. Zu dieser Politik kommt die militärische Unfähigkeit Frankreichs, welche die Marokkaner glauben macht, Frankreich werde init dem Süden nicht fertig. Die„Alliance Jsraelite" kann sich in Paris bedanken, wenn in dem Marakescher Ghetto sich die Judenschlacht von Fez wiederholt. Das Blatt„Al moghrel al aksa" geißelt mit scharfen Worten Frankreichs Unfähigkeit und sagt, die Sul- tane hätten zurzeit die Europäer und den Handel besser ge- schützt. Wenn Frankreich die Europäer nicht zu schützen ver- mag, so sollen sie sie wenigstens nicht gefährden. Es gibt in Deutschland Leute, die auch in diesem Sommer gern einen Marokkorummel haben möchten. Die„Köln. Ztg." und alle anderen Marokkohetzer und Chauvinisten mögen sich aber gesagt sein lassen, daß die Arbeiterschaft auf ihrer Hut ist. Lkina. Die Ministerkrise. London» 21. Juli. Wie das Neutersche Bureau aus Peking meldet, hat N u a n s ch i k a i eine Deputation der verschiedenen Parteien davon in Kenntnis gesetzt, daß er n i ch t gewillt sei, einen weiteren Wechfel im Amt des Premierministers während der Dauer der provisorischen Re- gierung zuzulassen. Lutschenghsiang habe ver- sprachen, das Amt des Preniierministers zu behalten und eine neue Liste von Mitgliedern für das Kabinett vorzulegen. Auanschikai hob hervor, wie wichtig es sei, daß während der Errichtung des Parlaments die O b st r u k t i o n und der politische Kampf eingestellt würden. Die Depu- tation versprach, ihren Einfluß bei den betreffenden Parteien für die Erfüllung der Wünsche Zjuanschikais zu verwenden. Das künftige Parlament. Peking, 22. Juli. In der N a t i o n a l v e r s a m m l u n g sind in der Beratung über die Zusammensetzung des künf- tigen chinesischen Parlaments biÄher folgende Bestem- mungen angenommen worden: Das Parlament soll aus zwei Häusern bestehen. In dem Senat soll jede der 22 Provinzen durch zwei Mitglieder vertreten sein, Tibet durch 10, die Mongolei durch 30. Die im Auslud lebenden Chinesen werden sechs Ver- tretcr haben und die Erziehungsgesellschaft acht. Ein Drittel der Senatoren wird alle zwei Jahre neu gewählt werden, lieber die Vertretung der Mongolei und Tibets im Repräsentantenhause kam es zu heftigen Debatten. Es wurde betont, datz die Mongolei und Tibet durch die Fürsten, den Adel und die Geistlichkeit regiert wer- den, und daß, wenn das mongolische und tibetanische Voll keine be- sondere Vertretung erhalten, dieses zu ernsten Folgen führen könne. Die Debatte über diese Frage wurde vertagt, ohne daß eine Eni- scheidung gefallen wäre. ähtierika. Die Noosevelt-Partei. Jackson(Michigan), 22. Juli. Ter erste Staatskonvent der neuen fortschrittliche» Parte: bat hier statt» gefunden'. Cr befürwortele die Kandidatur R 00 seh eil§ und nahm ein Programm an, das sich für dm Aufrecht- erhaltungderSchutzzölleim Interesse der Industrie und der Arbeiterklasse ausspricht, außer in den Fallen, wo Monopole die Konkurrenz erdrücken und der Tarif die Kosten der Lebenshaltung ungebührlich vermehre. Eue der Partei. Aus den Organisationen. Der sozialdemokratische Verein für den Wahlkreis Werse- burg-Querfurt hielt am Sonntag in Altranstädt seinen Kreistag ab. Der Vorstand berichtete über ein arbeitsreiches Jahr. Die Wahl erforderte die Anspannung aller Kräfte. In 93 meist sehr stark besuchten Versammlungen und mit 385 000 Flugblättern wurde für die Ausbreitung unserer Ideen im Wahllampf gear- beitet. Das Resultat war. daß unsere Stimmenzahl von 8517 be» der Haupt- und 9381 bei der Stichwahl 1907 auf 11 128 bei der Haupt- und 12 433 bei der Stichwahl dieses Jahres stieg. Die Mitgliederzahl erhöhte sich von 2056 männlichen auf 2342 und von 287 weiblichen auf 372, zusammen also von 2345 auf 2714. Es konnten zu den 10 bestehenden noch in 4 Orten neue Distrikte gc- gründet werden. 200 Distriktsmitgliederversammlungen haben stattgefunden. In 7 Orten bestehen Bildungsausschüsse, in fünf sitzen Genossinnen in der Distriktsleitung. Sozialdemokratitche Stadtverordnete wurden 8, Gemeindevertreter 61 gezählt. Die Zahl der Abonnenten des..Halleschen Voltsblattes" im Kreise stieg von 2101 auf 2696, die der«Leipziger Volkszeitung" von 871 auf 981. Ein solcher Zuwachs— 681 Abonnenten— war bisher noch in keinem Jahre zu verzeichnen.— An Geldstrafen mußten aus politischen Prozessen 118,95 Mk. bezahlt werden. Gewerkschaft- liche Kämpfe brachten den Beteiligten 10 Monate und 3 Wochen Gefängnis und 145 M. Kosten. Die seit 4 Jahren in Schkeuditz Sonntags von 16— 12 Uhr geöffnete unentgeltliche RechtsauskunftS- stelle erfreut sich großen Anklangs; sie wurde im letzten Jahre von 392 Personen besucht.— Außer den 385 Reichstagsflugblättern wurden noch 25 000 Vollskalender und 20 000 Landboten ver- breitet.— Die Kassenverhältnisse haben sich nach Einführung des lo-Pf.-Wochenbeitrages vor zwei Jahren sehr erfreulich gestaltet. In einem Referat über Agitation und Organisation wandte sich der Reichstagskandidat des Kreises. Genosse P o l I e n d e r- Leipzig. gegen das Stichwahlabkommen des Parteivorstandes, worauf ein- stimmig folgende Resolution angenommen wurde: „Die Kreisversammlung von Merseburg-Querfurt erblickt in dem Stichwahlabkommen mit den Freisinnigen eine arge Eni- gleisung aus der Bahn selbständiger proletarischer Klassenpolitik. Die mit dem Abkommen oktroyierte„Dämpfung" der sozialdemo- kratischen Wahl- und Werbetätigkeit mußte nicht nur große Ver- wirrung in den eigenen Reihen hervorrufen, sondern war auch ge- eignet, die Parteientwickelung in den betroffenen Kreisen dauernd zu schädigen. Insbesondere muß aber auch die autokratische Me- thode verurteilt werden, mit der dem Stichwahlabkommen im Wahlkreise Merseburg-Querfurt über den Kopf des Wahlkreis- Vorstandes und gegen dessen Willen Geltung zu verschaffen ver- sucht wurde." Schließlich wurde ein Antrag zum Parteitag gestellt, dahin- gehend, daß Mitglieder eines gelben Werkvereins oder einer gelben Gewerkschaft aus der Partei auszuschließen seien. » Die Danziger Parteigenossen nahmen am 18. Juli in der Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins Danzig- Stadt zu den Vorschlägen der 22er-Kommission für die Reorgani- sation des Orgamsationsstatuts Stellung. Genosse Bartel hielt das einleitende Referat. Nach unwesentlicher Debatte, in der be- sonders die Aufhebung des Stimmrechts der Abgeordneten aus dem Parteitage empfohlen wurde, beschloß die Versammlung gegen eine Stimme folgende Resolution: Die Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins Danzig-Stadt erklärt zu den Abänderungsvorschlägen der 22er-Kom- Mission für das Organisationsstatut: 1. Sie lehnt die Erhöhung der Beiträge und 2. die Beschränkung der Vertretung der Reichstagsfraktion auf dem Parteitage ab. 3. Ebenso lehnt sie den vorgeschlagenen Parteiausschuß ab. An seiner Stelle empfiehlt sie: 1. Die Vermehrung der unbesoldeten Beisitzer im Vorstande, 2. die Ausdehnung der Rechte der Kontrollkommission zur politischen Kontrolle des Parteivorstandes und 3. die Beibehaltung der im Absatz 3 des§ 19 deS Organisationsstatuts vorgesehenen Konferenzen. Die Trauerfeier für den Genossen Fritz Stegmann-Erfnrt fand am gestrigen Sonntag im Gothaer Krematorium statt. Parteigenossen aus allen Thüringer Wahlkreisen und vielen Orten nahmen daran teil. Der Erfurter Arbeiter-Sängerchor sang einige Trauerlieder und kurze Ansprachen hielten die Genossen und Rcichstagsabgeordneten Bock- Gotha namens der Thüringer Partei» genossen, R e i ß h a u s- Erfurt namens der Erfurter Partei- Organisation und als Vertreter des Erfurter Parteigeschäftes, und Schutz- Berlin als Vertreter des Parteivorsdandes und des Erfurter Kreises. Außerdem sprachen noch einige Vertreter aus thüringischen Orten kurze Abschicdsworte. Kränge und Blumen waren in großer Zahl eingegangen aus allen thüringischen Orten. Die sozialdemokratische Mehrheit in der Stadtverordneten»»- sammlung von Chaux-dc-Fonds(Schweiz) hat nun die Krise gelöst. die die aufgelöste Versammlung nicht zu lösen vermocht hatte, da sich je 20 Sozialdemokraten und Bürgerliche gegenüberstanden. Die sozialdemokratische Mehrheit hat nun das Bureau aus vier So, zialdemokraten, zwei Radikalen und einem Liberalen bestellt und unser» Genossen Dubois, Friedensrichter, zum Präsidenten ge» wählt; ferner in gleicher Weise auch den Kleinen Stadtrat bestellt, wobei alle vier Sitze für unsere Partei neu sind. Chaux-de-Fonds ist die erste größere Stadt in der Schweiz— sie zählt zirka 40 000 Einwohner—, welche eine in ihrer Mehrheit sozialdeinokratische Verwaltung besitzt. Die bürgerlichen Gegner freuen sich bereits auf die„sozialdemokratische Abwirtschaftung", aber hoffeallich umsonst.« polizeiliches, Gerichtliches ufw, Streiknachwehen. Wegen öffentlicher übler Nachrede, angeblich begangen durch zwei Notizen, die während des Streiks der Bergarbeiter im Oels- 'nitz-Zwickauer Bezirk in der„Volksstimme" erschienen waren, hatte das Stollbergcr Schöffengericht den in jener Zeit" Verantwort- lichen der„Chemnitzer Volksstimme", Genossen Max Müller, zu der unverhältnisniäßig hohen Strafe von 4 Wochen Ge» fängnis verurteilt. Das Urteil hatte Genosse Müller mit der Berufung angefochten, die am Sonnabend vor der dritten Straf- kammer des Chemnitzer Landgerichts verhandelt wurde. 13 Zeugen waren geladen. In den der Anklage zugrunde liegenden Notizen Ear ein Neinfall der von der Wcrksvcrwaltung aus Furcht vor den Streikenden eingerichteten Wachtposten, die mit Gummischläuchen und anderen Waffen ausgerüstet waren, in humoristischer Weise berichtet worden. Bei den Aussagen widersprachen sich die Zeugen mehr oder weniger; insbesondere waren die von den Pri- datklägern benannten Zeugen ungemein zurückhaltend. Der Vertreter der Privatkläger verwies auf das Urteil erster Instanz und sprach dafür, daß dem Angeklagten der Schutz des § 193 nicht zugebilligt werde. Er sprach sich für eine hohe Strafe aus. Genosse Müller begründete die näheren Beziehungen, die der Redakteur eines Arbeiterblattes mit der organisierten Arbeiter- schaft hat, deren Schöpfung dcS Blatt eben ist, und beanspruchte deshalb den Schutz des§ 193. Nach kurzer Beratung wurde hie &e£ufuB0 verwartet� GewcrkfcbaftUcbea. ötmhportcnrtehcn ilt„zwcchlofes Huf» und Hbbewcgen". Beim Streik der Fensterputzer in Essen ging die Polizei mit großer Rücksichtslosigkeit gegen die Streikenden, insbesondere gegen die Streikposten vor. Am allerschneidigsten betätigte sich dabei der Hilfsschutzmann Kagelmacher. Am 28. Mai morgens trieb er zwei ruhig auf- und abgehende Fensterputzer von der Straße weg, in der eine beschauliche Morgenruhe herrschte. Nur wenige Passanten waren auf der Straße zu sehen. Die Arbeitswilligen aber waren längst aus dem Betriebe heraus in die einzelner. Stadtteile an ihre Arbeit gegangen. Es bestand also durchaus kein Verkehrshindernis. Als der Angestellte des Transportarbeiterverbandes, der Genosse Kimmritz, hinzukam und von den Streikposten hörte, daß sie fort- getrieben worden seien, übernahm er selbst das Streikpostenstehen. Er ging in der menschenleeren Straße aber kaum fünf Minuten auf und ab, als er schon von dem genannten Schutzmann in barschem Tone aufgefordert wurde,„weiter' zu gehen. Als Kimmritz hierauf nicht im geringsten reagierte, wurde er von dem Schutzmann ver. haftet und zur Wache geführt. Von dort entlassen, nahm Mmmritz sofort wieder das Streikpostenstehen auf. Die Folge war ein Straf- Mandat von 6 M. wegen„zwecklosen Auf- und Abbewegens'. Er sollte gegen die Zs 1 und 2 der Oberpräsidialverordnung vom 18. Februar 1911 verstoßen haben. DaS Essener Schöffengericht, bei dem gegen den Strafbefehl Berufung eingelegt worden war, bestätigte am 20. d. M. das Strafmandat mit der Begründung: der Hilfsschutzmann sei der Auf- fassung gewesen, daß durch das Auf. und Abgehen de? Verbands- angestellten die öffentliche Ruhe. Sicherheit und Ordnung gestört werden konnte. Auch eine Gefahr für die Arbeitswilligen(die, wie gesagt, längst fort waren) erblickt der Beamte in dem Verhalten. Umsonst kritisierte der Verteidiger diese Art der Anwendung der Oberpräsidialverordnung. Der Vorsitzende stützte sich im Urteil auf die Aussage des Schutzmanns, der der Auffassung war. daß durch das Auf- und Abgehen de« Kimmritz die öffentliche Ruhe, Sicherheit. Ordnung oder da? Eigentum von Personen gefährdet sein konnte. Also eine neue gerichtliche Deduktion! Kann das Streikposten- stehen nicht als Verkehrshindernis angesehen werden, so ist es den- noch strafbar, wenn Seine Majestät der Schutzmann das Auf» und Abbewegen für zwecklos hält. veriin und Umgegend. Die Bewegung der Kutscher und Arbeiter in deu Schwerfuhrwerksbetrieben ist so gut wie beendet und hat der Organisation einen schönen Erfolg gebracht. Am Montag, den 15. Juli, begann der Streik. wurde mit Ruhe und Besonnenheit durchgeführt, und es gelang, trotz vieler Schwierigkeiten, einen Tarifvertrag zur Anerkennung zu bringen, der den Arbeitern die gewünschten Verbesserungen im Arbeitsverhältnis bringt. Daß der Streik in musterhafter Ord- nung durchgeführt wurde, ist um so mehr hervorzuheben, als die Fuhrleute häufig als„krakeelsüchtige Leute' angesehen werden. Am Montag nachmittag standen nur etwa 70 Mann noch im Streik, die bei einem Dutzend kleinerer Firmen angestellt waren. Mit einigen von diesen Firmen fanden am Montag nachmittag noch Verhand- lunge statt. Im ganzen hatten bis dahin 101 Firmen den Tarif unterzeichnet. Zu den im Laufe der letzten Woche veröffentlichten Firmen, die den Tarif anerkannten, kommen noch die folgenden hinzu: G. Schatt, Berlin. Borgwardt. Neukölln, W. Voigt, Berlin. Petzold.Geserick, Specht. Neukölln. E. W i l d e n- hain.O. JenSke. Berlin,«aienberg. Wittenau. F. Krü- ger. Pankow. L. Post, Neukölln. G. Gerulli». Pankow. K. Kresse. W. MierS, Berlin. Die organisierten Kuffcher, die zu de« Tarifbedingungen arbeiten, erhalten eine bläuliche Legitimation Skarte, die laufend alle Monate abgestempelt wird. Die Chauffeure des Kraftdroschkenbetriebe« von Heiter» hoff, Memeler Straße 27, haben am Sonntagmorgen wegen Differenzen die Arbeit niedergelegt. Wiederholte Verhand- lungen durch den Verbandsvertreter zweck» friedlicher Beilegung der Differenzen hatten keinen Erfolg, da Herr Helterhoff den be- kannten �Herrn-im-Hause'-Standpunkt einnahm. Die Chauffeure werden ersucht, in diesem Betriebe keine Arbeit anzunehmen. Die Sektion IV im Deutschen Transportarbeiterverbande. Veutlcbea Reich, Die Urabstimmung im Schmiedeverband ergab 8788 für und 8124 gegen die Verschmelzung mit dem Metallarbeiterverband. 152 Stimmen waren ungültig. Die Verschmelzung ist somit ange- nommen. Der Streik der Fabrikarbeiter in den Zichorienfabriken der Firma Gottl. HauSwaldt in Magdeburg ist beendet. Die Arbeiter beschlossen am Sonnabend, die Arbeit am Montag wieder aufzu- nehmen. Die Betriebsleitung erklärte sich zum Abschluß eines Tarifvertrages bereit und bewilligte befriedigende Lohnerhöhungen. Die Streikenden werden sämtlich wieder eingestellt und treten in ihre vollen Rechte hinsichtlich der PensionSkasse usw. wieder ein. Lohnbewegung im Brauereigewerbe in Neubrandenburg i. M. Wegen völliger Ablehnung ihrer Forderungen haben die Arbeiter der Brauerei Janssen u. Bechly zu Neubrandenburg i. M. am Montag, den 22. Juli, die Arbeit niedergelegt. Die Arbeitszeit beträgt noch Ivff Stunden. Ueberstunden werden tagtäglich ge» macht, aber nicht vergütet. Sonntags müssen noch vier Stunden ohne besondere Vergütung gearbeitet werden. Für rund 68 Stun- den Arbeitsleistung wird ein Wochenlohn von 21,50 Mk. gezahlt. Aber trotzdem lehnte die Brauereileitung jede Verbesserung kurz ab. Die organisierten Holzarbeiter der Firma Aug. K o p p e r- mann zu Wilkau in Sachsen haben am 20. cr. wegen Nichtein- Haltung des mit dem Holzarbeiterverband abgeschlossenen Vertrages die Arbeit eingestellt. Am 15. Juni mußte laut Vertrag neben einer Stunde Arbeitszeitverkürzung pro Woche ein Lohnaufschlag von 2 Pf. erfolgen. Von einigen Fällen abgesehen, hat die Firma diese Bedingungen erfüllt, jedoch am ersten Lohntag, den 21. Juni, einer Anzahl Arbeiter mit der Begründung gekündigt, daß diese die vertragliche Lohnzulage nicht verdienten. Bei den Verhand. lungen, die mit der Firma im Beisein der beiderseitigen Organi- sationSvertreter geffihrt wurden, erklärte sie. daß nach ihrer Auf- fassung der Vertrag durch die einmalige Auszahlung der vertrag- liehen Lohnzulagen erfüllt und sie berechtigt sei, alle diejenigen zu entlassen, die nach ihrer Meinung die Zulage nicht verdienten. Es bedarf wohl keiner näheren Beweisführung, daß gegen eine der- artige Auslegung bczw. Umgehung von Tarifverträgen mit aller Entschiedenheit angekämpft werden muß. Sonderbarerweise Hut der Vertreter deS Jndustric-Schutzverbandes die Auffassung der Firma oeoilligt. Der Kampf scheint demnach ein harter zu werden und wird daher ersucht, den Zuzug von Holzarbeitern aller Branchen streng fernzuhalten. Der Streik in den Steinzeugwerken Friedrichsfeld in Baden ist abgebrochen worden. Der Erfolg ist ein geringer. Verschiedene Borkommnisse jedoch rieten dazu, nach stebenwochiger Dauer den Kampf abzubrechen. Der Direktion war es unter großen An- strengungen gelungen, aus Hamburg 60 Hintzegardrsten und außer- dem aus dem Odenwald 90 und aus Luxemburg 20 Arbeitswrlltge heranzuschleppen. Ueber die Odenwalder Arbeitswilligen wird be- Berantw. Siedakteur: Albert Wach», Berlin. Inseratenteil veranttmi richtet, daß diese Leute einen völlig unwissenden Eindruck machten; diese Elemente stammen aus stockkatholischer Gegend und haben kein« Ahnung von den Kämpfen der Arbeiter. Diese gesamten Arbeitswilligen dienten dem Betrieb wohl eigentlich mehr als Staffage, um den Mut der Ausständigen zu brechen. Die Streik- brecher waren sämtlich im Betriebe interniert; es war ihnen streng verboten, dir. Werke zu verlassen. Trotzdem verließ eine Gruppe der in Gefangenschaft gehaltenen Arbeitswilligen am Abend des 13. Juli heimlich über die Um- zäunung hinweg den Betrieb, um einige Wirtschaften aufzusuchen. Die Wirte lehnten jedoch die Bewirtung der wenig Zutrauen er- weckenden Gäste ab, und schließlich kam es auf noch nicht aufge- klärte Weise zu einer turbulenten Szene, wobei die Arbeitswilligen in bekannter Weise ihre Revolver knallen ließen. Schließlich er- hielt einer der ihrigen einen lebensgefährnajen Stich in oen Leib, so daß er in schwerverletztem Zustande inS Krankenhaus nach Heidelberg eingeliefert werden mußte. Diese Vorkommnisse waren selbstverständlich Wasser auf die Scharfmachermühlen. Die nationalliberale„Badische Landes- zeitung' schob sofort die Schuld an dem noch gar nicht ausgeklärten Vorfall den Ausständigen in die Schuhe. Sechs Streikende wurden im Laufe der nächsten Tage in Haft genommen, jedoch verlautet über die Untersuchungen nichts Bestimmtes. Bezeichnend ober ist, daß am 17. Juli zwei Hintzegardisten in Ketten geschlossen nach Mannheim eingeliefert wurden, so daß die schon anfänglich ge- hegte Vermutung Raum gewinnt, daß die schwere Verletzung des nach Heidelberg transportierten Arbeitswilligen bei einer Rauferei mit seinen Gesinnungsgenossen entstanden ist. Alle diese Vorkommnisse veranlassten die Streikenden, wieder- holt zu dem Streik Stellung zu nehmen und dann zu dem Be- schluss zu kommen, den Kampf abzubrechen. Der pekuniäre Er- folg der Bewegung ist nicht gross, jedoch auch die Steinzeugwerke haben bei diesem Kampf keine Lorbeeren geerntet. Jedenfalls hat auch ihnen dieser Streik große Geldkosten verursacht, und sie dürften daraus die Lehre ziehen, zukünftig den Arbeitern doch ein grösseres Entgegenkommen zu zeigen. Die Wiedereinstellung der Ausständigen dürfte ziemlich glatt vonstatten gehen. Die meisten Rausreißer werden als nunmehr unbrauchbar entlassen, und die Hintzegardisten sollen zum Teil schon wieder anderweitig in gleicher Weise.engagiert' sein. Außer- dem bieten die in der Nähe befindlichen Bahnbauten Arbeitsgelegenheit. In den Werken selbst ist die Arbeit am 22. Juli wieder aufgenommen worden._ Hustend. Die Racheausweisungen aus Zürich. Aus Zürich wird uns geschrieben: Von den Massenverhaftungen haben� die meisten wieder aufgehoben werden müssen, die Tragödie wird zur Komödie und der blinde Eifer der an der Macht befindlichen Staat». und GesellschaftSretter heimst das verdiente Fiasko ein. Aber die terroristische Bürgerverbandsregierung hat noch ein ebenso bequemes wie einfache» Gewaltmittel gegen die Ausländer zur Verfügung, die an dem Geburtsfehler leiden, daß ihre Wiege nicht auf einem Fleckchen in der Schweiz, sondern im Ausland gestanden hat. Und so wie» sie die ausländischen Sekre. täre und Vorstandsmitglieder der Arbeiter- union aus, die Genossen Bock und Pelizzoni, die Sekretäre waren, sowie die Genossen Bertram, Lorscheidt, Mitzel nnd Schubert, zusammen sechs. Sie sind nur aus dem Kanton Zürich ausgewiesen, so daß ihnen die übrige Schweiz noch offen steht, und wünschen und hoffen wir, daß eS ihnen gelingt, in einem anderen Kanton wieder eine Existenz zu finden. Wohl um die aufreizende und verbitternde terroristische Aus- weifungsmassregel etwas zu mildern, hat die Regierung auch drei Streikbrecher ausgewiesen, die berufsmäßigen gemein- nützlichen Elemente Paul Steinbrink, Schlosser, geboren 1889, von Barmen, Arnold W e g e n e r, Maler, geboren 1857, von Stetfin und Max W e i d n e r, Schlosser, geboren 1837, von Berlin. Der letztere ist der Revolverheld, der vor kurzem einen ganz unbe- teiligten Arbeiter durch einen Revolverschuß in den Oberschenkel schwer verwundete. Dafür hätte ihm wegen schwerer Kürperver- letzung eine empfindliche Gefängnisstrafe gebührt. Nun soll daS Verbrechen durch die bloße Ausweisung gesühnt sein. UebrigenS ist die Ausweisung nicht einmal deswegen erfolgt, sondern nur wegen Schriftenlosigknt. Und das übrige gemeingefährliche Streikbrecher- gesinde! darf fernerhin die öffentliche Sicherheit in der Stadt Zürich gefährden. Unsere Genossen find ausgewiesen wegen Beteiligung am Generalstreik, eine direkt ungesetzliche Begründung, denn eS gibt im Kanton Zürich kein Gesetz, das den einfachen oder Generalstreik verbietet, er ist also erlaubt und wegen einer erlaub- ten Handlung kann doch nicht ausgewiesen werden. Aber was fragt danach die terroristische Bürgerverbandsregierung l Sie hat die Macht und mißbraucht sie. Schade, daß nicht die Arbeiterschaft die Macht hat, sie zum Teufel zu jagen, wie sie e» verdiente. Der zweite Streik der Arbeiter im Hauensteintnnnel(Schweiz) ist erfolgreich beendet worden. Unter der Leitung deS�Regierungs- rates Kaufmann von Solothurn wurden nach fast 12stündigen Ver- Handlungen folgende Vereinbarungen getroffen: Maschinisten »m äußeren Betrieb erhalten bei ILstündiger Präsenzzeit und llstündiger Arbeitszeit 7 Frank Tagelohn; im inneren Betrieb (Tunnel) für die achtstündige Schicht 7 Frank; im gemischten Be- trieb bei zwölfftündiger Präsenzzeit(innerhalb welcher zwei halb- stündige Ruhepausen) 8 Frank Tagelohn. Heizer auf allen Positionen einen Frank weniger als die Maschinisten. Schmiede bei zehnstündiger Arbeitszeit 60 Cts. Stundenlohn. Zu schlag er 50 Cts., Schlosser im äußeren Betrieb bei zehnstündiger Arbeit». zeit 60 Cts. Stundenlohn, im Tunnel für acht Stunden 6,80 Frank, für autogenisch Schweißen erhalten die Schlosser 10 Cts. Zuschlag auf die Stunde. M i n e u r e für die Achtstundenschicht 6,10 Frank, Schlepper 6,10 Frank, jüngere unter 18 Jahren 4,60 Frank. Maurer im äußeren Betrieb bei zehnstündiger Arbeitszeit 70 Cts. Stundenlohn, jüngere Maurer unter 19K Jahren 65 Cts., im Tunnel für die Achtstundenschicht 6,50 Frank resp. 6 Frank. Handlanger außen bei zehn Stunden 47 Cts. per Stunde, im Tunnel für acht Stunden 5 Frank. Pflasterer außen bei zehn Stunden 33 Cts. per Stunde, im Tunnel für acht Stunden 3,80 Frank. Der erster Säger erhält bei zehnstündiger Arbeitszeit 68 Cts. Stundenlohn, die weiteren 60. Die Zimmerleute 70 Cts. U e b e r z e i t wird mit 25 Proz. Zuschlag bezahlt. Damit keine Irrtümer in der Löhnung mehr vorkommen können, muß der Arbeiter bei seiner A n st e l l u n g in eine b e- stimmte Kategorie eingereiht werden, was er unter- schriftlich bezeugt und was auf die Zahltagstäschchen vermerkt wird. Eine Reihe untergeordneter Bestimmungen wurden in den Ver- trag aufgenommen, um ein klares Verhältnis zwischen Unter- nehmung und Arbeiterschaft zu schaffen. Der Vertrag soll zwei Jahre Gültigkeit haben. Er bedeutet eine Reihe von Zugestand- nissen an die Arbeiterschaft, welche eben nur dadurch errungen werden konnten, daß sich letztere gut» organisierte. Hoffentlich hält sich die Tunnelbaufirma Berger u. Cie. an die neuen Verein. barungen in loyaler Weise, anderenfalls kann sie den dritten Streik erleben. Denn die Ueberzeu�ung wird sie nun gewonnen haben, daß sie mit dieser Arbeiterschaft nicht willkürlich umspringen kann, wie sie und ihre Angestellten gerne möchten. Von den bosnischen Gewerkschaften. Auf dem 6. bosnischen Gewerkschaftskongreß waren 17 Verbände mit 5539 Mitgliedern durch 110 Delegierte vertreten. Die durchschnittliche Beitrags- zahlung des Mitgliedes betrug 14 Kronen pro Jahr, auf jedes Mitglied entfielen 6 Kronen 57 Heller— 48 Proz. des Beitrags an Unterstützungen. Der Mitgliederstand ist infolge schlechter Kon- junktur und von Verfolgungen um 539 gefallen. Von den etwa 60 000 Arbeitern des Reichslandes sind 10 Proz. organisiert, in Sarajewo ist dieser Prozentsatz aber 43 v. H. In der Provinz ist da» Kulturniveau noch zu tief. Bei Streiks gehen gerade die Staatsbetriebe— Eisenbahnen, Tabakfabriken und Kohlengruben am brutalsten yor. Namentlich wird mit Ausweisungen von— Oester- reichern(I) gearbeitet!_ Verlammlungen. Zentralverband der Dachdecker. Die Ortsverwaltung Berlin hielt am Sonntag ihre Quartalsversammlung ab. Der Kassen. hericht ergibt folgendes Bild: Einnahmen mit Bestand 11 520.13 M. Ausgaben 3219,53 Mk., verbleibt demnach zum 3. Quartal 1912 ein Bestand von 3300,60 M. Was den Stand der Tarifbewegung anbelangt, so kommen zu den bisher gesperrten Firmen noch die Firmen C h r i st o p h, sowie Kopp u. Cie., bei denen am 21. Juli die Arbeit niedergelegt wurde. In den anderen Beleben sollen erst noch Besprechungen mit den dort beschäftigten Arbeitern ge- pflogen werden, von deren Ergebnis die weiteren Schritte ab- hängen. Verband der Fabrikarbeiter. Die Generalversammlung der Zahlstelle Berlin fand am Sonntagvormittag im„Eng- tischen Garten" statt. C. Bruns legte den Geschäftsbericht der Verwaltung für das 2. Quartal 1912 vor. Er besprach zunächst eine Reihe von Differenzen mit den Unternehmern; in den meisten Fällen gelang es, Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse zu er- reichen oder beabsichtigte Verschlechterungen abzuwehren. Bei Borchmann u. Ko. wurde nach einem Streik von einem Tage ein Vertrag auf zwei Jahre abgeschlossen, der Lohnerhöhungen von 3 bis 5 Pf. pro Stunde brachte. Bei Czarnikow u. Ko. kam es nach einem Streik von drei Wochen zu einem Vertrag auf 3 Jahre mit Lohnerhöhungen von 1, 2 und 3 Pfg. pro Stunde. In den Mag- nesia-Werken, Pankow, wurden die Arbeitsverhältnisse geregelt in einem Vertrage auf ein Jahr, in dem� die Arbeitszeit täglich um % Stunde verkürzt wurde. Bei Frankel u. Runge, Spandau, brachte die Tarifbewegung eine sofortige Lohnerhöhung von 3 Pf. pro Stunde, da weitere Erhöhungen von 2 Pf. nach einem Viertel- jähr, und nach einem weiteren halben Jahr wiederum 2 Pf. folgen werden; außerdem werden Festtage innerhalb einer Woche be- zahlt.— Diese und andere annehmbare Vorteile erstritt der Ver- band für seine Mitglieder. Bruns betonte noch, daß der Ver- band sich entschieden gegen die in chemischen Fabriken üblichen Prämien oder Gratifikationen wendet, weil die Arbeiter damit geschädigt und getäuscht werden. Der Verband fordert dielmehr die Festsetzung angemessener guter Löhne..— Die Agitation des Verbandes wurde-gefördert durch die Uebernahme von Erkner als Zahlstelle; in den Zementfabriken von Rüdersdorf und Um- gegend, wo man vor Jahren schon versucht hatte, Boden zu ge- Winnen, setzte die Agitation neuerdings wieder ein. Der Verband nahm im letzten Quartal um 230 Mitglieder zu und verfügt über einen Bestand von 8750 Mitgliedern. Die Abrechnung für die Hauptkaffe vom 2. Quartal 1912 zeigt in Einnahmen und Ausgaben eine Bilanz von 45 187,70 M. Unter den Ausgaben stehen verzeichnet: An Erwerbslosen- Unterstützung: auf der Reise 419,60 M., an Arbeitslose 4337 M., an Kranke 8675,65 M., an Gemassregeltenunterstützung 592,05 M., an Umzugsgeld 1029,20 M., an Sterbegeld 770 M, an Streikunterstützung 4048,80 M. Die Lokalkasse zeigt die Bilanz von 52 995,14 Mark. Aus der Lokalkasse wurden gezahlt: an Streikunterstützung 938,10 M., an Extraunterstützungen 519,76 M. Eine Diskussion über den Geschäftsbericht fand nicht statt. Die Versammlung diskutierte dann eingehend einen Antrag der Mitglieder von Ober-Schöneweide, die zur Erledigung der Agitationsarbeiten am Orte für bestimmte Tagesstunden einen Verbandsangestellten wünschten. Der Antrag wurde von der Ver- waltung bekämpft, von den Delegierten aber mit 121 gegen 85 Stimmen angenommen.— Einige Ausschlußanträge fanden ihre Erledigung gemäss der Empfehlung der Verwaltung.— AlS Beisitzer zur Ortsverwaltung wurde August Priebe gewälstt. Die Versammlung besprach zum Schluß die Arbeiten des bevorstehenden VerbandStage» in Dresden. K-ctztc ffochrichtcn. Die Flott enverstärkung im englischen UuterhanS. London, 22. Juli.(W. T. B.) Noch Churchill ergriff B a l- four das Wort und führte aus: Wie er die Sachlage verstehe, wolle die Regierung durch die Reorganisation der britischen Streitkräfte im Mittelmeer diese um vieles mehr verstärken, als die» unter den alten Festsetzunge« der Fall gewesen sei, und die Schiffe, die auf Malta basiert sein würden, würden eine um viele» stärbwe Streitkraft sein, al» sie Großbritannien seit vielen Jahre« gehabt habe. Es befinde sich im Mittrlmeer eine Macht, welche al» See. macht erst seit den allerletzten Jahren bestehe. Mit nur etwa drei- hundert Meilen Küste und keiner überseeischen Besitzung sei Oester. reich jetzt im Begriffe, eine der starken Seemächte der Welt zu werden, er wisse nicht genau, auf welche Eingebung hin. Da» sei ein« Taffache von größter Bedeutung. Unruhen in Barcelona. Cerbere, 22. Juli. In der letzten Nacht find in Barcelona Unruhe« ausgebrochen. Ein Trupp von Radikalen zog durch die Straßen und rief:„Es lebe die Republik Portugal!' Die Polizei zog die Säbel und die Radikalen' feuerten mit Revolvern auf die Polizeimannschaften. Zwanzig Ziviliste« wnrde« durch Säbelhiebe verwundet, auch ein Polizeibeamter ist verletzt worden. 26 Per- sonen wurden verhaftet. Eine vernünftige Maßregel. Haag, 22. Juli.(W. T. B.) Die Regierung hat wegen der kleinen Vorräte nnd des hohen Preises des Reises im Ausland« seine Ausfuhr aus Niederländffch-Jndien vorübergehend untersagt. Damit soll gleichzeitig einem etwaigen AnSfall bei der nächsten Reisernte in Indien begegnet werden. Ausstand Augsburger Textilarbeiter. Augsburg, 22. Juli.(P.-C.) Heute vormittag haben in der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei ungefähr die Hälfte der Weber wegen Lohnstreitigkeiten die Arbeit niedergelegt. Verhandlungen wegen Beilegung de» Streiks wurden bisher noch nicht eingeleitet. Fliegerab stürz. Brüssel, 22. Juli.(W. T. B.) In der Nähe de» Flugfeldes von B e r ch e m verunglückte der Flieger H a n c i a» mit seinem Passagier. Hanciau wurde schwer verletzt, während sein Passagier unverletzt blieb. Als Hanciau am Boden lag. stahl ih m ein Taschendieb sei« Portefeuille. Schwere Kesselexplosion auf einem Dampfer. Warschau, 22. Juli.(P.-C.) Auf dem Weichsel-Perfonen- dampfer„PloSz Czanien' ereignete sich gestern unweit Warschaus ein« starke Kesselexplosion, durch welche da» Deck des Dampfer» vollständig zerstört wurde. Ein Passagier wurde durch umherflie- gende Eisenteile getötet, während 26 andere Passagiere mchr oder minder schwere Verletzungen erlitten. Zwei Arbeiter erstickt. Bukarest, 22. Jnli.(P.-C.) In der Ziegelei und Zemenffabrik von Jten in Dudesfi Cioplea ereignete sich gestern mittag ein schweres Unglück. Es wurde gerade ein Kessel gereinigt, als plötzlich eine furchtbare Detonation erfolgte. Der Kessel war ex- plädiert. Durch die ausströmenden Dämpfe wurden zwei beim Reinigen des Kessels beschäftigte Arbeiter erstickt, während ein dritter schwer und zwei andere leichter verletzt wurden. Die Ur- fache der Explosion konnte noch nicht festgestellt werden. Th. Glscke, Berlin. Druck u. Verlag: vorwärts Buchdr.» Verlagsanftali Paul Singer ä So- Berlin SW. Hierzu 2 Beilage« u. vnterhaltnngSbt. Nr. 169. 29. Jahrgang. L fieilijt des„öotirätts" Kerlim KslksM SMiig, 23. Infi 1913. Der KrelswaMverdn für lilederbarnlm hielt am Sonntag im Cafe Belledue zu Rummelsbura seine Generalversammlung ab. Der Vorstand hat ut Bro- ;churenform einen Jahresbericht vorgelegt, der ein anschauliches Bild von dem Organisations- und Parteilcben im Kreise gibt. Ueber die Mitgliederbewegung sagt der Bericht, sie zeige insofern ein unerfreuliches Bild, als der grohen Zahl von Neuaufnahmen auch ein großer Prozentsatz von Abgängen gegenübersteht. Der Verein hatte am 1. Juli 1911 12 996 mann- liche und 2S34 weibliche, zusammen IS 530 Mitglieder. Aufgenom- men und zugezogen sind S437 männliche. 1146 weibliche, zusammen 6683, gestrichen, verzogen usw. 341S männliche, 681 weibliche, zu- sammen 3996 Mitglieder. Der Bestand am 30. Juni 1912 belief sich auf 16018 männliche. 3099 weibliche, zusammen 18117 Mitglieder. Die Zunahme beträgt demnach 2687, darunter 665 weibliche Mit- glieder. Die große Zahl von Abgängen ist hauptsächlich zurück- zuführen auf Streichungen wegen rückständiger Beiträge. Diese Tatsache muß die Bezirksleitungen immer mehr veranlassen, die Ha.skassierung bei den rückständigen Zahlern anzuwenden. Ein erfreuliches Zeichen ist, daß die Mitgliederzahl in den rein länd- lichen Orten weiter wächst. Die Reichstagswahlbewegung brachte uns mit der Landbevölkerung in immer engere Fühlung und das grötzera Vertrauen des Landmannes zur Sozialdemokratie drückt sich besonders in der für die Sozialdemokratie abgegebenen Stim- menzahl aus. Neben der starken Zunahme von Stimmen ist auch eine Zunahme von 406 Mitgliedern auf dem platten Lande zu kon- statieren.— Wenn auch die nominelle Mitgliederzahl im Kreise wieder erheblich gestiegen ist, so läßt die Zahl der vollzahlenden Mitglieder viel zu wünschen übrig. Insgesamt haben im Berichts» jähre nur 13 349 Mitglieder volle 12 Monatsbeiträge bezahlt. Während der Reichstagswahlbewegung wurden 11 allgenieine Landagitationstouren unternommen. Gute Aufnahme fanden diesmal auch die illustrierten Flugblätter, sowie die speziell für einzelne Berufe herausgegebenen Broschüren. Sehr wirksam war die Broschüre:„Die Landbevölkerung und die Sozialdemokra- . tie". Es wurden 141 Reichstagswählerversammlungen abgehalten und 1 174 750 Flugblätter verbreitet. In unmittelbarem Anschluß an die ReichstagSwahl setzte die Agitation für die im März stattfindenden Gemeindewahlen ein. Am 14. Januar wurden in etwa 50 Gemeinden rund 90 000 -Flugblätter verteilt, die zur Einsicht der Wählerliste auffordern. Wir beteiligten uns in 66 Gemeinden an der Wahl und erzielten 15 192 Stimmen gegen 7940 bürgerliche. Wir gewannen 24 neue iMandate, so daß wir jetzt 133 Gemeindevertreter im Kreise haben. Dazu kommen noch 8 Stadtverordnet« in Bernau und Oranien» bürg und 16 in Lichtenberg. Die Gesamtzahl der sozialdemokra. tischen Stadtverordneten und Gemeindovertreter im Ltreise beläuft sich auf 166 gegen 137 im Vorjahre. Wenn auch der Schwerpunkt der Agitation im Berichtsjahre auf die Gemeinde- und Reichstagswahl gelegt werden mußte, so ist doch auch in der sogenannten stillen Zeit eifrig weitergearbeitet worden. Es wurden insgesamt 365 öffentliche Versammlungen abgehalten. Die schriftliche Agitation steht der mündlichen ebenbürtig zur Seite. Vor allem ist in den ländlichen Orten intensiv gearbeitet worden. Auf 352 Agitationstouren wurden verbreitet: 20 000 Kalender, 157 500 Exemplare der„Fackel", 21000 Broschüren und anderes mehr. Allmonatlich sind 140 bis>160 Ge- nassen an den mühsamen und beschwerlichen Arbeiten der Land- agitatipn beteiligt.— Die Zahl der Abonnenten der Parteipresse ist auf 22 406 gestiegen, darunter sind 22116 ,.Vorwärts"-Abon- nenten und 291 Abonnenten der„Brandenburger Zeitung". Die Gesamtzahl der verbreiteten Flugschriften und Broschüren beträgt 2 250 300. Ueber die Frauenbewegung sagt der Bericht unter an» derem: In 23 Bezirksleitungen sind 3« Genossinnen tätig. In 6 Frauenkonfercnzen haben die Funktionärinnen gemeinsam mit dem Kreisvorstand über die Art der Agitation beraten. 171 Lese- abende fanden statt, die eine durchschnittliche Besucherzahl von 607 pro Monat aufwiesen. In 154 Leseabenden wurden Borträge ge- halten. Bei einer Hausagitation zur Gewinnung weiblicher Mit- glieder wurden 10 000 Eremplare der Broschüre:„Bist Du eine der Unseligen?" verbreitet. Die Kinders chutzkommission hat 67 Fälle unerlaubter Kinderarbeit sowie Mißhandlung und Vernachlässigung festgestellt. Schließlich verweist der Bericht auf die große Zahl polizeilicher Plackereien, Strafanzeigen usw., denen die in der Agitation tätigen Genossen ausgesetzt sind. Infolgedessen hatte die Kreiskasse 1975 M. an Prozeß- und Gerichtskosten zu zahlen. Doch brachten gerade diese Vorgänge einen ansehnlichen Gewinn von Mitgliedern. Nach Eröffnung und Konstituierung der Versammlung erhielt der Vorsitzende Brühl das Wort zum kleines feuilleton. Majestät Mütze. Sie blinzelte aus dem Schaufenster eines Hut- ladens. allwo sich ollabendlich Schlag 6 Uhr der„Korso" modischer Gigerl und gclüstiaer Evatöchter vom unauSgekrochenen Backfisch bis zur ältesten Semestergarde mit stramm berausgesteckter Hinterfront und noch begehrlicher präsentierter Bolle-Büste zu tummeln, nein in drangvoll fürchterlicher Enge aneinander zu reiben pflegt... das Ding« von Ziethenbuiarenmütze. Knalligrot lag sie in Raumes Mitte aus einem Miniaturruhepolster von schwarz-weiß ge- streifter Seide förmlich hingegossen wie eine Odaliske, die sehnsüchtig deS Freiers harrt. Rings herum in respeklvoller Distanz nur lauter Kopsbcdeckungen fürs Zivilpack. Zunächst allerdings ein Kranz schwarzseidiger Zylinder, wie solche nur wieder von geburtsadeligcn und plutokratischen Herrenmenschen, zweifelhaften Glücksrittern, horizontalen.Damen"-Kavalieren, blaublütigen Hochstaplern 'W-IV-Berlins getragen werden. In untadeliger„Korrektheit" vom Kopf bis zur Zehe, Pardon, vom Angströhrendeckel bis zur elegant geschwungenen Krempe, verneigten sich sämtliche Zylinder vor Majestät Mütze. Ein verwandtschaftliches vertrauliches Zwinkern und Blinkern ging zwischen ihnen:„Na, wir kennen unS doch? Wissen sie nicht? Neulich auf dem Fünfuhrtee bei Kommerzienrats, da scherwenzelten wir doch alle: wir Seidenhüte und sie, Gardehusarenmütze, um die Frau Kommerzienrätin, von wegen der braunen Lappe», wissen sie — äh— mit denen Venuschen Fräulein Tochter gepolstert ist. Aeh— äh, sie schäkerten ja pyramidal, Rotmützchen. Glauben wohl siegeS- gewiß bei der Allen ein Monetenschropfen vornehmen zu können und das goldne junge Gänschen dabei mitgehen zu heißen? Fehlgeschossen! Auch unsere Wappenschilder sind, na tja, verbeult und rostfleckig, mitbin höchsteilig der Vergoldung bedürftig. Und wenn's auf Ahnen ankommt, du lieber Gott, auch wir haben deren eine schwere Menge. Wer unter ihnen, verehrte« Mützchen. und unter uns Wichstöppen nimmt'S denn so genau. Noch halten wir uns nicht für abgeblitzt I Auch wir haben Zähigkeit wie altes Bocksleder und werden mit ihnen— selbstverständlich auf Kavaliertaille— die Klingen kreuzen oder gegenseitig Löcher in di? Luft schießen. Alles für unsere Dame Fräulein Kommerzienrat I" Wieder verbeugten sie sich korrekt, die«inen vom Deckel bis zur Krempe— der Knallrote vom obersten Kokarden- stern bis zum untersten Schwarzlederschirmrand. Die Zeremonie war beendigt. Hinter den Zvlindern lagen ie anderen Filze: devot abwartend die einen, protz, g jene, wurst, g- höhnisch diese:„Wir sind'« schließlich, die euch flott machen, eure L'g«un«rkarr»n au» dem Dreck ziehen l" Und sie lachten au» vollem Borstanbsbericht. Er bezog sich im allgemeinen auf den gedruckten Bericht und sagte unter anderem: Das Kreisbureau, dessen Errichtung ein Teil der Parteigenossen nicht für notwendig hielt, habe sich sehv gut bewährt, insbesondere bei der Wahlagitation, die durch die Tätigkeit des Bureaus in den Bezirken wesentlich erleichtert und einheitlich ge- staltet worden sei. Die Mitgliederzahl des Vereins entspreche nicht unseren Wahlerfolgen. Es müsse sogar für manchen Industrie- bezirk ein ungünstiges Verhältnis konstatiert werden. Hinsichtlich der Gemeindewahl müsse verlangt werden, daß, wenn die Wahlen unserem Verlangen gemäß an einem Sonntag stattfinden, die Be- teiligung unserer Genossen eine allgemeine fem müsse. Das könne man von den Pankower Genossen nicht sagen. Sie hätten sich bei der drei Tage währenden Wahl am ersten Tage, einem Sonntag, wenig beteiligt und dadurch unserer Partei einen Mißerfolg be- reitet. Wo eine Sonntagswahl stattfinde, da müßten Win mit imposanten Wählermassen anrücken. Den Kassenbericht erstattete Genosse Bühl er. Die Kreiskasse hatte eine Einnahme von 60375,87 M. Dazu kommt der Bestand am 1. Juli 1911 in Höhe von 14 903,77 M», so daß sich die Gesamteinnahme auf 75 249,64 M. beläuft. Ausgegeben wurden 65 134,47 M. Es bleibt also ein Bestand von 19 095,17 M.— Der Redner verwies auf das ungünstige Verhältnis zwischen der nominellen Mitgliederzahl und der Zahl derjenigen, die den vollen Jahresbeitrag beAihlten. ES müßten unbedingt Matznahmen getroffen werden, die geeignet seien, die gewonnenen Mitglieder dem Verein zu erhalten. Die Bezirke müßten sich die Hauskassierung der Restanten angelegen sein lassen. — Die Zuschüsse, welche die Kreiskasse den Bezirken leistete, sei zum Teil recht erheblich. Die Bezirke müßten bestrebt sein, sich finanziell aus die eigene Kraft zu stellen und sich nicht zu sehr auf die Zuschüsse der Kreiskasse verlassen. Elias gab einen kurzen Bericht der Lokalkommission und betonte, daß eS notwendig ist, ihre Arbeiten zu unterstützen und ihre Anordnungen zu beachten. Die Diskussion: erstreckte sich auf Einzelheiten des Vorstandsberichts, besonders auf örtliche Angelegenheiten. Unter anderem vertraten die Delegierten von Pankow den Standpunkt, daß der Mißerfolg bei der dortigen Gemeindewahl nicht dem Verhalten unserer Genoffen zuzuschreiben sei. Der Umstand, daß für die Wahl drei Tage festgesetzt wur- den, habe den bürgerlichen Parteien einen wesentlichen Vorteil zu- gewandt, den sie auch rücksichtslos und mit den raffiniertesten Mit- teln ausnutzten. Einem solchen System gegenüber hätten wir unterliegen müssen. Dem Bericht der Mandatprüfu.ngSkommission zufolge sind anwesend: 27 Bezirksleiter, 122 Delegierte, 13 Kreis- Vorstandsmitglieder. 1 Vertreter von Groß-Berlin. Es fehlen: 1 Bezirksleiter, 12 Delegierte, 3 Vorstandsmitglieder mit, 2 Vorstandsmitglieder ohne Entschuldigung. Die erfolgte Wahl der Kreisfunktionäre hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender: Brühl- Lichtenberg; 2. Vorsitzender: Lehman n-Friedrichsfelde; Kassierer: Bühlc r- Lichtenberg; Schriftführer: L o r e n z- Reinickendorf-Ost; Bei- sitzerin: Mar i a B u-ch manu- Kaulsdorf; Revisoren: A n d r e e-- Weißeiisee. Äerg er-Lichtenberg, F e ng l er- Pankow. AktionS-? auSschuß: Brühl und-Bühle v.-Preßkommjssisn: L e s s e r». Pankow;« Aspirant: Gründler. Weitzensee,...Lotzalkommission:' Elias- Lichtenberg. Revisionskommission: Taubmann- Weitzcnsce. Vertreterin der Frauen im Vorstand von Groß-Berlin: Maifta A r e n d s e e- Tegel.— Gemeindevertreterausschuß: G ru n ow- Oberschöneweide, D ü w e l l- Lichtenberg, Taub- m a n n- Weitzensee.— Die Wahl der Schiedsgerichtskommission wurde bis zur nächsten Generalversammlung zurückgestellt.— Für die Wahl in den Vorstand von Groß-Berlin wurden wieder die Genossen Ernst, Böske und Th. Fischer aufgestellt, Die Versammlung schritt hierauf zur Statutenberatung. Eine von der Kreiskonferenz beratene Vorlage des Kreisstatuts bildete die Grundlage der Beratung und wurde schließlich mit einigen unwesentlichen Aenderungen angenommen. Die Haupt- sächlichste Abweichung des neuen Statuts vom alten besteht in ejner Aenderung der Kreisleitung. Die Generalversammlung hat einen auS fünf Personen, darunter mindestens ein weibliches Mitglied, bestehenden Vorstand zu wählen. Gleichzeitig sind die Vertreter des Kreises im Zentralvorstand von Groß-Berlin und drei Revi- soren zu wählen, welche den Beirat des Kreisvorstandes bilden. Die vom Vorstande nach Bedarf einzuberufenden Kreiskonferenzen be- stehen aus dem Vorstande, dem Beirat und je zwei Mitgliedern Bauche. Parademlltzchen hörte aber nicht den saftigen Refrain. Parademützchen schwamm, wie in Ehrenschulden, so in holden Zu- kunftsträumen. Eines Tages wird ein hochfeudaler Jemand mit Dolman, Schleppsäbel und versilberten Sporen an den lanß- schäftigen Lackledertriitlingen zur Ladentür hineinspazieren, dabei m höchst gedehntem Schnarrton seine Visitenkarte hinwerfen und das Mützchen engagieren. Zwei Stündchen drauf fährt der Träger des Parademützchens auf Pump zu Kommerzienrats. Geheimnisvolle Unterredung. Andern Tags Verlobungsanzeige in der Tante Boß: Herr und Frau Kommerzienrat Goldenmund geben sich die hohe Ehre und so weiter. Majestät Mützchen glänzte in pyramidaler Verklärung. Einer, der die Sprache wiedergewann. Der merkwürdige Fall, daß ein Mann, der vor 2'/z Jahren seine Sprache verlor, diese jetzt plötzlich wiedergewann, hat sich nach den„Münch. N. Nachr." m Saarbrücken ereignet. Ein Beamter der Stadtschulinspektion verlor durch Schreck vor ungefähr 21/a Jahren seine Sprache. Das Gehör wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die Tochter sang nun vor einigen Abenden ihrem stummen Vater ein Lied vor. Das Lied er« griff ihn so, daß er unwillkürlich seine Lippen wie zum Sprechen formte und bewegte. Und plötzlich, ohne daß irgend eine andere äußere Einwirkung vorlag, gab der Mund, der 27, Jahre geschwiegen hatte, wieder sprachliche Laute von sich. Der Mann sang, wenn auch noch schwerfällig, halblaut mit und unterhielt sich dann in lang- gezogenen Silben mrt seiner Familie, die zunächst gar nicht fassen konnte, daß dem Vater die Sprache wiedergegeben sei. Ueber Nacht hielt die Besserung an, so daß der Mann am anderen Morgen zur nicht geringen Freude und Ueberraschung seiner Kollegen diese auf dem Bureau mit einem lauten und deutlichen„Guten Morgen, meine Herren" begrüßen konnte. Schadenersatzansprüche gegen die Erben eines Selbstmörder». Im Hotel Toledo zu Neapel erschoß vor einiger Zeit der Kaufmann Carlo Ausaldo aus Bologna zuerst seine Geliebte und dann sich selbst. Der Besitzer des Hotels behauptete, daß die Liebestragödie ihm und seinem Hotel großen Schaden zugefügt habe, und verklagte die Erben deS Selbstmörders aus Entschädigung. Das Gericht hat jetzt, wie der„Mattino" berichtet, der Klage in vollem Umfange stattgegeben und den verursachten Schaden auf 10006 Lire festgesetzt. In der Urteilsbegründung heißt es:„Die Hotelzimmer haben nicht den Zweck, als Schauplatz für Liebestragödien und andere Leiden- schaftSdramen zu dienen. Wer in den Hotelzimmern einen Mord oder Selbstmord verübt, treibt Mißbrauch mit der gemieteten Sache. Der Mißbrauch fügt offenbar und unbestreitbar oem Befitzer der Hotelzimmer Schaden zu, und der Urheber de« Mißbrauch» oder der einzelnen Bezirksleitungen sowie je einem ViertelSvertrieter der einzelnen Bezirke und dem Gemeindevertreterausschuß. Wie bisher gliedert sich der Wahlverein in Bezirke, zurzeit 28, die wieder in Viertel eingeteilt, welche sich aus Abteilungen zusammen- setzen. Die Abteilungen bestehen auS Gruppen.(Die letzteren sind gleichbedeutend mit den Bezirken sZahlabendenj der Berliner Wahlvereine.)> Die Ausführungsbestimmungen zum Kreisstatut wurden ohne Debatte angenommen. Dann beschäftigte sich die Versammlung mit dem vom Zentral- Vorstande aufgestellten Entwurf de» Verbandsstatuts. Derselbe bringt im wesentlichen einige Aenderungen, die durch die Trennung des Verhältnisses zwischen den Bezirksverbänden Groß- Berlin und Brandenburg notwendig geworden sind. Zu dem Eni- Wurf wurde ein Antrag angenommen, welcher besagt, daß nicht auf 100, sondern auf 200 Mitglieder ein Delegierter zur Verbands- generalversammlung kommen soll, und daß den Delegierten kein gebundenes Mandat von den Kreisen erteilt werden darf. Ferner wurde ein vom Genossen Stadthagen befürworteter, vom Ge- nossen Ernst aber als nicht zweckmäßig bezeichneter Antrgg an- genommen, welcher verlangt, daß die Verbandsgeneralversammlung auch Vorschläge für die Kontrollkommission, die Beisitzer im Partei- vorstände und der drei Mitglieder des eventuellen Parteiausschusses zu machen hat. Nach dem bisherigen Modus erfüllte der Zentral- vorstand diese Aufgabe.— Abgesehen von diesen Aendcrungs- antrügen stimmte die Versammlung dem Entwurf zu. Schließlich kam noch ein Antrag zur Verhandlung, welcher vcr- langt, daß der für Groß-Berlin geltende Beschluß, wonach die Referenten auch bei Demonstrationsversammlungen honoriert wer- den, aufgehoben werden soll.— Nachdem mehrere Redner für und gegen gesprochen hatten, wurde der Antrag mit 68 gegen 58 Stim- men angenommen. Damit war die Tagesordnung der Generalversammlung er- ledigt,_ 5. Nerbandstag der Tapezierer. Köln, 20. Juli. Heute kamen im hiesigen Gewetkschaftshaus die Vertreter des Verbandes der Tapezierer und verwandter Berufsgenossen Deutich- landS zu ihrem fünften ordentlichen Verbandstag zusammen. Der Verbandsvorstand kann den Delegierten einen wesentlich besseren Geschäftsbericht unterbreiten als wie zum letzten- Verbandstag vor drei Jahren, wo wir mitten in der Krise waren. Es gelang, den Rückgang der Mitgliederzahl nicht nur auszugleichen, sondern dar- über hinaus die Durchschnittsmitgliederzahl um mehr als 1000 über den je vorher erreichten Stand zu steigern. Die Geschäftslage hat sich wesentlich verbessert, wenn sie auch als gut nicht bezeichnet werden kann. Die Agitation wurde in der Berichtszeit sehr intensiv betrieben. Man bemühte sich, sie planmäßiger als bisher zu gestalten. Die Gauleitungen haben das Bezirksleitershstcm weiter ausgebaut, um eine bessere Bearbeitung der kleinen Orte zu erreichen und die Kollegen dieser Orte in den KreiS der Organi- sation zu ziehen. Es gelang auch, in einer Reihe kleinerer Orte festen Fuß zu fassen und die Mitglieder den benachbarten Filialen anzugliedern. Auch in den alten Zahlstellen ging es vorwärts. Zur Belebung der Agitation wurden den Filialen wieder einige Flugschriften zur Verfügung gesteyt,....>,. Die M i t gl ied e rve we g Um g zeigt den Erfolg der Agita- Aon. Die Zahl der Filialen stieg in der Geschäftsperiode vor 123 auf 138tund die Mitgliederzahl, von 7844 auf 9711, also-um-Kl 8 6"?. Da mit rund 16 990 erwachsene männliche Berufsangehörigc zu rechnen ist,, sind 60 Proz. derselben organisiert. Leider machtz die Organisierung der Näherinnen keine Fortschritte. Ende 1911 zählte der Verband nur 122 weibliche Mitglieder, das sind noch nicht 10 Proz. der im Beruf Tätigen. Die Mitgliederfluktuation ist eine ganz gewaltige. In der Berichtszeit standen 11 562 Aufnahmen 9579 Ausschlüsse und Austritte gegenüber. Die KleinbetricbSform und der ausgeprägte Saisoncharakter des Gewerbes sind nach An- ficht des Vorstandes die Hauptursachen dieses Nebels. An Lohnbewegungen waren besonders die Jahre 1910 und 1911 sehr zahlreich. Insgesamt fanden in den drei Berichts- jähren 183 Bewegungen statt, die 3865 Betriebe mit 12 739 Kalle- gen umfaßten. Das Jahr 1999 zählte nur 22 Bewegungen mit 1243 Beteiligten. 1910 aber 66 mit 4206 und 1911 gar 95 Bewegungen mit 7340 Beteiligten. Die Streikenden hatten einen Arbeits- Verdienstverlust von 243 869 M. Von den 183 Kämpfen endeten 134 mit 12 088 Beteiligten erfolgreich, 9 mit 375 Kollegen mit teilweisem und 23 mit 289 Beteiligten ohne Erfolg. Unbekannt blieb der Ausgang bei 17 Bewegungen mit 35 Beteiligten. Durch diese Kämpfe wurde erreicht: für 6510 Kollegen eine Arbeitszeit- Verkürzung um 11 344 Stunden pro Woche uns eine Lohnerhöhung Fl I 1 I, 1 I■ seine Erben haben die Pflicht, den durch den Mißbrauch verursachten Schaden zu ersetzen." Musik. Die Volkskonzerte des Philharmonischen Orchesters, deren erstes wir seinerzeit ausführlich besprochen haben, nehmen einen Fortgang, über den man sich wahrlich freuen kann. Eine Stichprobe führte uns am Sonnabend in das Konzert, das gerade in den„Germania-Prachtsälen" stattfand. Auch hier wieder die vielen Borzüge von damals und eine„ruhige" Behand- lung des Orchesters durch den Dirigenten, über die sich streiten läßt. Das Programm zeigte zwar keine Absicht einer einheitlichen Zu- sammenfassung, war aber ganz einfach entzückend: Mozarts „Kleine Nachtmusik", nicht etwa klein, sondern in ihrer„Größe" an allem meßbar; d'Alberts Bioloncell-Konzert. vor etwa einem Jahrzehnt zuerst und unter freudiger Ueberraschung der Kenner vekanntgemacht, ein im besten Sinn des Wortes„durchgearbeitetes" Werk; und noch anderes. Wir konnten unter der Hand auch Einblick nehmen in die ? Urogramme der 20 Konzerte, die noch bis zum 27. September, also is zum Schluß der ganzen Sommerreihe, bevorstehen. Welch seih- ständige und geschmackvolle Auswahl aus der Zeit seit den „Klassikern" I Fast jedes Konzert bringt irgendeine sonst selten zu hörende Köstlichleit. Allerdings gibt es dabei keine„Novitäten". Um so interessanter der Umstand, daß sich die Köstlichketl der Pro- gramme wohl hauptsächlich aus der Unabhängigkeit„tlärt, mit der die Künstler hier anscheinend walten können I Da gibt'S keine Rück- ficht auf Effekt, auf Sonderwünsche usw. Es würde uns freuen, wenn Gelegenheit geschafft würde, jeweils die Programme der bevor- stehenden Konzerte allgemein kennen zu lernen. sz. Notizen. — Ein Museum der Werke MaröeS, de» großen An- regerS zur monumentalen Kunst, bringt fein Apostel Julius Meier- Gräfe in Vorschlag. Er möchte etwa in München die jetzt in Neapel bedrohten und sonst in München und Berlin zerstreuten Gemälde vereinigen. — Ein Rheinmuseum wurde in Koblenz gegründet.— Schade um den Rhein, aber er ist ja leider schon längst museumsreif. — Hermann HeijermanS, der unseren Lesern wohl- bekannte holländische Dichter, siedelt von Berlin wieder nach Amsterdam über, um die Direktion der einzigen modernen Bühne Hollands, der„Tooneel-Vereenigina" zu übernehmen, die von jeher HeijermanS Stücke gespielt hat. Um 22 000 M. wöchentlich für 11330 Kollegeft. Die Kosten der Bewegungen betrugen insgesamt 140 17S M. Der Tarifvertrag gewinnt im Tapezierergewerbe immer Wehr an Ausdehnung: bereits zwei Drittel aller Gehilfen arbeiten Unter tariflichen Verhältnissen. Am Jahresschluß 1911 unterlagen an 66 Orten mit über 11 000 Beschäftigten die Lohn- und Arbeits- bedingungen der Regelung durch Korporativverträge mit Innungen oder Arbciigeberschutzverbänden. Hierzu kommen noch eine Reihe Verträge mit einzelnen Firmen. Insgesamt zählte der Verband am 31. Dezember 1911 87 Tarife für 11 600 Beschäftigte. Nach dem Kassenbericht betrugen die Einnahmen 734 076 Mark und die Ausgaben 660 011 M. An regulären Beiträgen wurden 692 034 M. und an Extrabciträgen 23 209 M. vereinnahmt. Für Unterstützungen wurden sehr hohe Summen ausgegeben. So für die Arbeitslosen- 203 632 M.. Kranken- 32 370 M., Streik- 107 346 M. und Maßregelungsunterstützung 4428 M. Das Ge- samtvermögen des Verbandes stieg von 121 837 M. am Schlüsse des Jahres 1908 auf 231 922 M. am Schlüsse der Berichtszeit. Auf der Tagesordnung des Verbandstages stehen neben den üblichen Berichten die Punkte: Lohnbewegung und Tarifverträge, Gauorganisaiion und Agitation, Ursachen und Verhütung der Berufskrankheiten im Tapezierergewerbe und die Statuten- beratung. Die Zahlstellen Heidelberg und Köln beantragen, die Frage der Verschmelzung mit den Holzarbeitern als besonderen Punkt auf die Tagesordnung zu setzen, während die Filiale Darm- stadt und die Nordgaukonferenz lediglich eine Urabstimmung über die Verschmelzungsfrage verlangen. Insbesondere liegen 167 An- träge zu den einzelnen Tagesordnungspunkten vor. »tM ' Huq Induftrlc und Handel. Eine Woche Hochkonjunktur. Allgemeine Preiserhöhungen industrieller Halb- und Fertig Produkte, Neugründungen, Vergrößerungen und im besonderen Kartell-, Syndikats- und sonstige Vereinigungsmöglichkciten gibt es zu Zeiten der guten Konjunktur in Hülle und Fülle. Der stchersto Maßstab der Wirtschaftslage sind die Nachrichten über die Preis- gestaltung der industriellen Produkte. Den niemals verstummenden Klagen von der prekären Lage der deutschen Industrie, und im be- sonderen gegenüber ihrem Jammer, daß es gar nicht zu einer richtigen Hochkonjunktur kommen wolle, stellen wir im nachfolgen- den acht Tage Tatsachen gegenüber. Wir haben einfach registriert, was die deutsche und benachbarte Industrie innerhalb der letztvergangenen acht Tage, also innerhalb einer Woche, an Mitteilungen für die Oeffentlichkeit vorzubringen hatte. Lassen wir die Tatsachen selbst roden. Die vereinigten Verbände der deutschen Feuerzeugfabrikanten und Grossisten beschließen einmütig, auf ihre Wvren einen anstän- dign Preisaufschlag zu legen. Der Verein der deutschen Emaillier- werke entscheidet sich dahin, auf seine sämtlichen Primawaren einen zehnprozentigen Aufschlag zu nehmen. Die durch den Verein mit allen Händlern festgelegten Nettopreise erhöhen sich somit auto- matisch um 10 Proz. Der Verein deutscher Eisengießereien erhöht seine Gußpreise um 1 M. pro 100 Kilogramm. Die Preissteigerung wird mit Wirkung vom vierten Quartal 1912 beschlossen. Zwanzig Werke der Kleineisenindustrie gründen einen Rohrschellen- verband, der die besondere Ausgabe zugewiesen bekommt, sofort eine allgemeine Preiserhöhung mit aller Energie durchzusetzen. Die belgischen Zündholzfabriken gründen einen Trust, der eine Jahres- Produktion von 700 Millionen Schachteln umfaßt. Davon gehen zwei Drittel nach dem Ausland. Erste Arbeit der neuen Vereinigung ist—< Preiserhöhung. Auf dem internationalen Eisenmarkt steigen die Preise für Eisenwinkel, Bandeisen, Schweißeisenblech, Band- stahl, galvanisierten Zaundraht usw. Dreißig der deutschen Fabri- ken für Patentmatratzen schaffen sich eine neue Organisation. Im besonderen deswegen, weil sich das Großverkaufsgeschäft nicht mehr genügend rentiert. Der Kleinverschleiß hat dauernd hohe Ge- Winne abgeworfenl Dasfelde soll für die Zukunft auch beim Groß- verkauf geschehen. Die oberfchlestschen Eisenwalzwerke erhöhten ,re Preise für Haftdelsstabeifen und Bandeisen. Die neuen «Forderungen treten mit dem Beginn des vierten Quartals in Kraft. Die Vereinigung der französischen Koksproduzenten er- höht die Preise für Hüttenkoks pro viertes Quartal um ein ganz erhebliches. Der deutsche Stahlwerksverband befaßt sich mit der Verringerung der Exportbonifikation und der Verringerung der Ausfuhr von Halbzeug. Der Jnlandsabsatz steigt zu fortwährend besseren Preisen. Die österreichischen Schäftefabrikanten organi- sieren sich in einem festen Kartell. Zweck: allgemeine Preiserhö- hung, Bekämpfuftß der billigen Produktion und der Schleuder- Warenlieferung. Das ist die Arbeit der internationalen Industrie von auch nur einer Woche! Sie zeigt uns, daß die Großproduktion sich wieder einmal in günstigsten Verhältnissen sonnt. Sosiales. Geburtenrückgang. DaS Gespenst der Bevölkerungsabnahme spukt im Blätter- svalde. Zwar konstatiert die Statistik immer noch einen Geburten- Überschuß, aber er ist das Resultat verminderter Sterblichkeit. Mutter Germania zittert vor der Stunde, die mit dem ersten Minus den Abstieg beginnen läßt. Nun hat sie wenigstens den Trost des Angebotes einer Menge Rezepte, die ihre Fruchtbarkeit erhöhen, sie vor der Schande offenkundiger Impotenz bewahren sollen. Die Frommen empfehlen Missionen. Sie wirken angeblich besser als wie Marienbad. Gewiß, die Zölibatäre predigen die Pflicht ehelichen Fleißes, aber das reicht doch schon nicht mehr aus, um die eventuellen erforderlichen Missionen auf die Beine zu bringen. Zudem lehren uns die Erfahrungen im katholischen Frankreich, im ordenreichen Oesterreich, daß fromme Ermahnungen die Mehrinanspruchnahme der Hebamme nicht bewirken. Auch die hochweisen Maßnahmen einer bethmännischen erleuchteten Regie- rung, von der andere Zeitgenossen befruchtende Wirkungen er- warten, versprechen nicht viel. Und schließlich ist auch ein sinnloses Produzieren und Wiedervernichten nicht die Aufgabe Vernunft- begabter. Mit moralisierenden Predigten ist gegen die-aus dem Boden sozialer Kräfte und Ursachen erwachsende Erscheinung nichts zu machen. In den besitzenden Schichten fördert krasser Egoismus, der von der Erschaftssteuer eine Vernichtung des Familiensinnes befürchtet, die Kultur des ZweikindershstemS. Man möchte den Kindern gern als erstes Geburtstagsgeschenk einen für das ganze Leben ausreichenden Rentenbrief in die Wiege legen. Und in den werktätigen Volksschichten, bis weit in die Landbevölkerung hinein, läßt die rücksichtslose Profitsucht den Gedanken an eine beschränkte Kinderzahl mehr und mehr Herrschaft gewinnen. Die Verteuerung der Lebenshaltung als Resultat der Herr- lichen Wirtschaftspolitik der Junker und Pfaffen macht sich in dieser Beziehung doppelt bemerkbar. Es liegt nahe, daß die um des Lebens Notdurft hart Ringenden durch Kleinhaltung der Kinder- zahl sich die wirtschaftliche Existenz zu erleichtern suchen. Die fort- 'gesetzte Erschwerung der Existenz treibt weiter immer mehr ver- heiratete Frauen zur Erwcrbsarbeit. Eine deutliche Spache reden hier die Berufszählungen, welche ergaben: 1895 1907 Erwerbstätige im Hauptberuf 19 349 914 Arbeiterinnen: ledige... 3146 674 verheiratete. 1 023 733 verwitwete u. geschiedene 917 433 26 083832 4 199 107 2 777 263 Steigerung i"% 29 33 171 978 827 6,9 der Arbeiterinnen verheiratet, während bei der Zählung 12 Jahre vorher auf jede verheiratete Arbeiterin fast 3 ledige kamen. Die riesenhafte Zunahme der erwerstätigen verheirateten Frauen springt hier klar in die Augen. Daß die Proletarierinnen nicht aus Uebermut sich in die dumpfen heißen, mit verpesteter Luft ge- schwängerten Werkstätten einpferchen, daß sie nicht zum Vergnügen ihr enge? Heim zu einer Heimarbeiterhöhle machen, braucht kaum versichert zu werden. Höchstens Leute aus den schmarotzenden Schichten, die Lohnarbeit nur aus Hörensagen kennen, könnten glauben, proletarische Frauen und Mädchen gingen ohne von Not gezwungen zu werden, in die engen Tretmühlen der Lohnsklaverei. Die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen wirkt aber nun in vielfacher Hinsicht großem Kindersegen entgegen. In starkem Maße reizt zur Vorbeugung das Motiv, das überhaupt die Erwerbsarbeit notwendig macht: die Sorge um die Existenz! Dann kommt in Betracht, daß die Schwangerschaft für erwerbstätige Frauen be- sondere Beschwerden im Gefolge hat. Sie stört und hindert bei mancher Arbeit und sie erfordert ein längeres Aussetzen. Das liebt der Unternehmer meistens nicht. Die Schwangere wird daher leicht arbeitslos. Diese Gefahr sucht man zu vermeiden; dies um so mehr, weil ein Zuwachs nicht nur vermehrte Ausgaben ver- ursacht, sondern die Mutter auch vielfach an der Fortsetzung der Arbeit, das heißt, des Erwerbes verhindert. Das wirtschaftliche Moment der Schwangerschaft und Geburt spielt bei der verheira- teten Proletarierin eine viel größere Rolle, als wie bei der Nur- Hausfrau. Wo die harte, die unerbittliche Not die Mutter bald wieder in die Fabrik treibt, wo die jungen Menschenpflanzen der Pflege und Aufwartung entbehren müssen, da welken sie in Scharen dahin: welken und verderben! Als anderer Hauptschuldiger sowohl an der Geburtenabnahme wie auch an der vermehrten Säuglingssterblichkeit ist das Ber sagen der Sozialpolitik, der Mangel eines ausreichenden Mutter, und Säuglingsschutzes anzusprechen. Wer hier gesündigt. der kann auch die Verantwortlichkeit für Geburtenrückgang und massenhaftes Menschenvernichten nicht ablehnen! Die Sozialdemokratie allein ist in dieser Hinsicht von Schuld und Fehler freit Sie verlangt eine den hygienischen Anforderungen entsprechende Arbeitszeit für Arbeiterinnen. Die Frommen und sogenannten Nationalen waren nicht dafür zu haben! Die Sozial- demokratie fordert ausreichende Schonzeit für Schwangere und junge Mütter und fordert die Sicherung der wirtschaftlichen Existenz durch eine dem Lohn gleiche Unterstützung. Zentrümler, Konser- vative, Nationalliberale usw. lehnten alle dergleichen Anträge ab. Der Hauptwortmacher des Zentrums, Herr Mathias Erz- b e r g e r, erklärte in einer Versammlung, auS Sittlichkeitsgründen hätte das Zentrum eine achtwöchentliche Schwangerenunterstützung für die in Landkrankenkassen versicherten Arbeiterinnen abgelehnt. Andernfalls bestände die Gefahr, daß Dienstmädchen und Ledige jedes Jahr ein uneheliches Kind zur Welt brächten, nur um sich etliche Wochen auf Kosten der Krankenkassen ins Bett legen zu können. Und nun sollen die Missionen helfen! Die Einrichtung von Stillstuben, Säuglings- und Kinderheimen usw., das alles sind sozialdemokratische Forderungen und geeignet, der Kinderbeschrän- kung und Kindervernichhmg entgegen zu wirken. Dergleichen so- zialen Matznahmen stehen aber gerade jene Elemente gegenüber, die nun nach Hilfe gegen Entvölkerung schreien und am liebsten gar die Sozialdemokratie für den Geburtenrückgang verantwortlich machen möchten. Wer diesem ernstlich entgegenarbeiten will, mutz Mutter- und Säuglingsschutz und Abkehr von der die Lebensmittel verteuernden Wirtschaftspolitik fordern und---> wollen!' ßericbtö- Zeitung. Grobe Ausschreitung gegen Gemeindevertreter. Die Gemeindevertretung von WaidmannS- lust hatte eine Kommission eingesetzt, welche ein Gesuch des Dr. Leonhardt um Erweiterung seiner Privatirrenanstalt zu prüfen hatte. Der Kommission gehörten der bürgerliche Gemeindeverordnete Michaelis sowie unsere Genossen Lusche und K e st i n an. In der Gemeindevertretersitzung am 11. Januar d. I. befürwortete die Kommission einmütig das Gesuch Dr. Leonhardts, die Mehrheit der Versammlung lehnte es jedoch ab. Schlossermeister Siegmund, der ein Grundstück in der Nachbarschaft der Irrenanstalt be- sitzt, war ein scharfer Gegner der Erweiterung der Anstalt. Als dieser Gegenstand in der Gemeindevertretersitzung be- handelt wurde, war Siegmund als Zuhörer anwesend. Er ärgerte sich über die von den Kommissionsmitgliedern ver- tretenen Ansichten. In dieser Stimmung besuchte er die Ver- sammlung des Grundbesitzervereins. Nach Schluß derselben traf er im Schankraum des Vereinslokals den Gemeinde- verordneten Michaelis, dem er die heftigsten Vor- würfe wegen der Befürwortung des Gesuchs Dr. Leonhardts machte. Bei dieser Gelegenheit beschuldigte Siegmund den Herrn Michaelis. daß er in der Ge- meindevertretung bewußt die Unwahrheit gesagt habe. Als Michaelis dagegen fragte:„Wollen Siebe- haupten, daß ich gelogen habe?" rief ihm Sieg- mund zu:„Jawohl. Wir wissen, wie es ge- macht wird. Sie und die beiden Sozialdemo- kraten— D r. Leonhardt, hier." Dabei machte Siegmund vor den Augen des Herrn Michaelis mit Daumen und Zeigefinger die Gebärde des G e l d z ä h l e n s. Er hat also sagen wollen, die drei Kommissionsmitglieder hätten sich von Dr. Leonhardt bestechen lassen. Die drei so gröblich beleidigten Gemeindevertreter stellten Strafantrag, aber das Schöffengericht sprach den Angeklagten Siegmund frei, weil es annahm, er habe die beleidigenden Aeußerungen in Wahrnehmung berechtigter Interessen getan. Die Beleidigten, die als Nebenkläger auftraten, legten Berufung ein. Vor dem Landgericht III, wo gestern die Angelegenheit verhandelt Ivurde, erklärten die Nebenkläger auf einen Vergleichsversuch des Vorsitzenden, an einer Be- strafung des Angeklagten liege ihnen nichts, sie wollten nur festgestellt sehen, daß sie sich keiner pflichtwidrigen Handlung schuldig gemacht haben. Wenn der Angeklagte eine dahin- gehende Erklärung abgebe, würden sie den Strafantrag zurück- nehmen. Darauf ging aber der Angeklagte nicht ein, obgleich er erklärte, er habe den Nebenklägern nicht vorgeworfen, daß sie sich hätten bestechen lassen und er könne ihnen einen der- artigen Vorwurf gar nicht machen.— Durch die Zeugen- Vernehmung wurde festgestellt, daß Siegmund die betreffenden Aeußerungen tatsächlich gemacht hat. Die Vertreter der Nebenkläger— Rechtsanwalt L e v y II für Michaelis, Dr. Siegfried Weinberg für Lusche und Kestin— fochten das freisprechende Urteil erster Instanz an, weil es dem Angeklagten zu Unrecht den Schutz des§ 193 zugebilligt habe, denn nach Lage des Sach- Verhalts könne gar keine Rede davon sein, daß der Angeklagte Nach der Berufszählung von IM war Uon fast die Hälfte\ berechtigte Interessen zu vertreten hatte. Auf diesen Standpunkt stellte sich auch das Gericht. Es p e r u r t e i l t e den Angeklagten wegen Beleidigung und übler Nachrede zu IVO Mark Geldstrafe. In der Be- gründung wurde u. a. gesagt: Wenn der Angeklagte auch ein berechtigtes Interesse hatte, gegen die Erweiterung der Irren- anstalt aufzutreten, so sei doch der Bierttsch nicht der Ott, an dem er seine berechttgten Interessen vertteten konnte. Der Angeklagte habe den Nebenklägern in ihrer Eigenschaft als Gemeindeverordnete den denkbar schwersten Vorwurf gemacht, indem er die unwahre Behauptung aufstellte, sie hätten sich bestechen lassen. Er würde zu einer wesentlich höheren Strafe verurteilt worden sein, wenn nicht die Nebenkläger gesagt hätten, ihnen liege nichts an einer hohen Strafe. Der Angeklagte hat außer der Strafe und den Gerichtskosten auch die notwendigen Auslagen der Nebenkläger zu bezahlen. Tendenzprozeh. Gegen den Redakteur der anarchistische« Zeitschrift„Der freie Arbeiter" hatte gestern die 1. Ferienstrafkammer des Landgerichts 1 eine Anklage wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Ge- setze und Aufreizung zum Klassenhasse zu verantworten. Angeklagt war der Redakteur Berthold Cahn, welcher die Nummer vom 27. April d. I. des„Freien Arbeiters" verantwortlich gezeichnet hatte. In dieser waren zwei Arttkel„Die Maifeier" und„Die Revolution lebt" von Herwegh enthalten, deren Inhalt nach An- ficht der Anklage Vergehen gegen die K8 110 und 130 St.G.B. ent- halten. Nach längerer, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ge- führter Verhandlung beantragte der Staatsanwalt 6 Monate Gefängnis, da es sich um„recht gefährliche Hetzartikel" handele. Das Urteil lautet auf 2 Monate Gefängnis. Derartige Prozesse sind ihrer Natur nach gegen die politische Gesinnung des Angeklagten gerichtet. Es sind politische Tendenz- Prozesse, deren Verschwinden dem öffentlichen Frieden dienlicher wäre, als ihre eifrige Propagierung. Solche Prozesse stellen dem Richter, der ein Gegner der politischen Ansicht des Angeklagten ist, vor die kaum lösliche Aufgabe, gerecht zu sein. Je entfernter die politische Auffassung der Richter der des Angeklagten ist, desto leichter wird zum Gegenstand der Urteilsfällung nicht die Tat, sondern die Gesinnung des Angeklagten gemacht. Dies Resultat widerspricht vernünftigem Rechtsempfinden, entspricht aber einer Klassenjustiz. Und nur von dem Standpunkt aus, daß eine Klassenjustiz sich weniger nach der Tat, die allein den Gegenstand einer Anklage bilden sollte, als nach der Person des Täters und seiner politischen oder sozialen Stellung richtet, ist das überaus hohe Strafmaß erklärlich, wenn- schon das Gericht die Schuldfrage bejahen zu müssen glaubte. Ist aus den Artikeln„Maifeier" usw. eine Aufforderung zum Unge- horsam gegen die Gesetze und Aufreizung zum Klaffenhaß zu kon« struieren— weshalb baut dann die Staatsanwaltschaft kein« Anklage gegen die Aufforderer, Begünstiger und Anstifter zu Duellen? Liegt da kein Ungehorsam gegen die Gesetze, nicht sogar ein bandenmäßiges Zusammenschließen gegen die Gesetze und eine Teilnahme an einer Verbindung vor, zu deren Zwecken es gehört, Maßregeln der Ver- waltung durch ungesetzliche Mittel zu hindern und jederzeit sich zur Begehung des Duellverbrechens bereit zu erklären? Weshalb geht die Staatsanwaltschaft gegen die Liga der Duellfexe mitsamt deren Ehrengerichten nicht vor, während sie sich so eifrig bemüht, aus poli- tische Artikel eines politischen Gegners„recht gefährliche Hetz- artikel" zu konstruieren? Die Duellfexe sind Anarchisten dunkelster Tat, bilden«in jederzeit zu frechster Gesetzesverletzung bereites Komplott— weshalb klagt man diese Stützen der bestehenden Gesellschaftsunordnung nicht an, und klagt Artikel an, die doch nur bei gewundener Deutung schlimmstenfalls zu Gesetzesverletzung auffordern? Liegt die Verschiedenartigkeit der Anwendung und Auslegung des Gesetzes in der Verschiedenartigkeit d.er politische» Tendenz der Täter?_ Ei» Grheimmittelschwindel vor Gericht. Die Firma WaSmuth u. Etc., Hamburg. deren Spezialität „Hühneraugenringe in der Uhr" find, ersucht un« um Mitteilung. daß sie mit Vollrath WaSmuth, der kürzlich wegen Beleidigung de» Leibarztes der Königin von Holland verurteilt wurde, nicht« zu tun hat. Inhaber der Firma WaSmuth u. Cie. ist August WaSmuth. der mit dem Inhaber der Amol-Destillerie. des Nord-Zo und des Laktor- Versands Vollrath WaSmuth nicht identisch ist und mit seinem Namensvetter nicht verwechselt werden möchte. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plag«. Der Hausverwalter Zabel in Stettin hatte mit einer Frau Beckert einen Mietsvertrag geschlossen, in dem ausdrücklich die Be- dingung aufgenommen worden war, daß die Mieten« ihren Ehemann nicht in die Wohnung aufnehmen dürfe. Trotzdem hielt sich der Mann dort einige Zeit auf, bis der Verwalter seine Entfernung durch in Anspruchnahme des Gerichts erzielte. Da der Verwalter davon ausging, daß es sich um einen rechtswidrigen Aufenthalt des Mannes handelte, so hatte er ihn nicht der Polizei gemeldet. Trotz- dem wurde er angeklagt auf Grund der Stettiner Melde-Polizei- Verordnung, weil er den Aufenthalt des Mannes in der Wohnung nicht innerhalb der Meldefrist bei der Polizei angemeldet habe. DaS Landgettcht in Stetttn als Berufungsinstanz ver- urteilte ihn auch zu einer Geldstrafe. Maßgebend sei der Aufenthalt des Mannes in der Wohnung. Auf die Rechtswidrigkeit des Aufenthalts komme es nicht an. Z. legte Revision ein. DaS Kammergericht ver- warf aber dieser Tage dieRevision mit folgender Begründung: Der Senat könne dem Angeklagten nicht helfen. Die Polizeiverordnung verlange eben die Anmeldung solcher Personen, welche länger als 24 Stunden im Hause wohnten beziehungsweise sich aushielten. Solche Personen müßten eben inner- halb der vorgeschriebenen Frist angemeldet werden. Gewiß habe Angeklagter das Recht gehabt, den Mann auf gerichtlichem Wege zu entfernen, wovon er ja auch Gebrauch gemacht habe. So lange der Mann aber in der Wohnung war, war er anzumelden. WasserstandS-Rachrichte» der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mttgeteM vom Berlwer Setterdurcau. Wasserstand M e m e I. Tilsit Pregel, Jnsterburg Weichsel, Thor» Oder, Ratibor , Krossen , Frantsurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Verdamm Elb«, Lcitmerttz , Dresden , Barbh Magdeburg Wasserstand Saale. Grochlitz Havel, Spandau , Rathenows Spree, Sprembergfl Beeskow Weser» Münden , Mnde» Rhein, MaximilianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbron» Mai«, Hanau Mosel, Trier am 21.7. cm 46 20 -14 60 76 100 185 485 233 204 52 99 -2 seit 20.7. cm') +10 —6 -16 +4 —1 0 +1 +7 0 0 +10 +4 4-6 .»)+ bedeutet Wuchs,- Fall.-*) Unterpegel. BrUfhafteti der Redaktion. Die juristische Sprechstunde findet vi? auf weitere? von 7 bis S'/a Uhr abends— Sonnabends von 41/j-6 Uhr— Lindenstr. 69, lV. Etage(Fahrstuhl) statt. Ka. 1. Wenn Ihre Frau ein Testament nicht macht und«S sind beim «de Kinder nicht vorhanden, erden die Eltern Ihrer Frau die Hälfte. i- Ihr« Frau kann die Hypothek auf Ihren Namen umschreiben laflen.— ®. 13. Ihr Nesse mutz sür das Kind zahlen, selbst wenn die Mutter einen anderen heiratet. Die Höhe richtet sich nach dem Stande der Mutter, bei Arbeiterinnen usw. beträgt der oionalliche Unterhaltsbeitrag 25—30 M. — H. H. IS. 1. Nein. 2. Die Frage ist unverständlich.— O. 100. 1. und 2. Ja.— M. St. Vorausgesetzt, daß Ihre Schwester aus das Geld angewiesen ist, Beschwerde an das Landgericht.— A. S. Neukölln. Sie müssen die Desinsizierung vornehmen lassen und unter Umständen be« zahlen.— R. W. Wir warnen, daß Sie sich event. strasbar machen.— /z9 Uhr. bei Wehckta, Bürgerstraße 4, Vortrag der Genossin M. Demning über:„Die sozialistische Erziehung des Kindes im Hause". Nieder-Schöncwcide. Heute Dienstag, den 23. d. Mts., abends S'/a Uhr, beim Genossen Bengsch, Britzer Straße 17. Hus aller Melt. Zur Mordaffäre Rosenthal. AuS New Dork wird gemeldet: Der Chauffeur Shapiro, der Lenker des Mordautomobils, wurde noch einmal eingehend verhört, wobei er vor dem Untersuchungs- richter genaue Angaben über das Verbrechen machte. Die Ans- sage» des Chauffeurs beweisen, daß der Mord von lauger Hand vorbereitet war. Der mit der Leitung der Untersuchung beauftragte Staatsanwalt W h i t.e m a n sowie der Detektiv Burns sind jetzt im Besitz sämtlicher Namen der an dem Verbrechen beteiligten Personen. Die Kriminalpolizei arbeitet Tag und Nacht, um der Mörder habhaft zu werden. Unter den Gesuchten befinden sich Whitley Lewe», der„blinde Jack", Jack Zeeling, ferner Lövy, der„Linkshänder", und Harry Horwitz, alles Personen, die in der Spielerwelt gut bekannt und zum Teil auch gefürchtet sind. Shapiro erklärte gestern, daß die Mörder den Mord mit der größten Ruhe ausgeführt hätten, da sie wußten, daß dir Polizei sie entkommen lassen wollte. In der Zelle des Untersuchungsgefängnisses, in der Shapiro und der verhaftete Spieler Rose gemeinsam untergebracht sind, ist, den Gefangenen un- sichtbar, ein Phonograph aufgestellt worden, der ihre Unter- Haltung aufnimmt und vor dem Staatsanwalt wiedergibt. Auf diese Weise sollen für den weiteren Gang der Untersuchung schon wichtige Tatjache» verraten worden sein. Eine weitere Meldung lautet: Den Bemühungen der Privat- detektivs, die im Auftrage Withmans die Spur der Mörder Rosen- thals verfolgen, ist es gelungen, mehrere wichtige Verhaftungen vorzunehmen. Sie haben zwei gewerbsmäßige Spieler namens Weber und Paul verhaftet, gegen die der Staatsanwalt sofortige Anklage wegen Mordes erhoben hat, da sie Insassen des Automobils waren, aus dem auf Rosenthal geschosicn wurde. Ferner wurde der bekannte irische Tammanhpolitiker Sullivan wegen Beihilfe an dem Morde in Haft genommen._ Lebt Kapitän Smith von der„Titanic"? Aus New Vork kommt folgende Sensationsnachricht: Kapitän Peter Bryal, einer der ältesten amerikanischen Seeleute au» Baltimore, der sich in Seemannskreisen eines sehr guten Rufes erfreut und mit dem Kapitän Smith von der unter- gegangenen„Titanic" zusammen auf der„Majestic" Dienst getan hat, machte gestern den Polizeibehörden die gewiß aufsehenerregende Mitteilung, daß er am letzten Freitag den Kapitän Smith in Baltimore in der St. Pauls Street gesehen und gesprochen habe. Der totgeglaubte Kapitän soll es sehr eilig gehabt und ein Billett nach Washington gelöst haben. Immerhin bleibt abzuwarten, ob es sich hier nicht um einen Scherz des Kapitäns Bryal handelt oder ob der brave Seemann nicht vielleicht etwas zu tief ins Glas gesehen hat. Durch Explosion eines„Blindgängers" verunglückte in Königsbrück der von Zittau nach Königsbrück abkommandierte Infanterist Heinrichs aus Neukölln. Er er- litt so schwere Verletzungen am Kopfe, daß er sofort die Befinnung verlor und nach mehreren Stunden verstarb. Auf der schwäbischen Eisenbahn. Vor einigen Monaten wurde die neu erbaute Nebenbahn Göppingen-Gmünd in Württemberg dem Verkehr übergeben. Das Bähnchen durchquert eine idyllische Gegend, deren Bewohner von der modernen Großstadtkultur noch wenig angekränkelt sind. Das neue Beförderungsmittel gefällt ihnen aber gar sehr. Der Statious- Vorsteher, Fahrkarlenverkäufer und Inhaber sonstiger Bahnwürder- auf der Station Birenbach ist eine Respektsperson, die gleich nach dem Herrn Pfarrer und noch vor dem Herren Schuttes(Bürgermeister) kommt. Kürzlich probierten ein paar Bauern mit ihren„besseren", zum Teil auch gewichtigeren Hälften das neue Verkehrsmittel. Mit geheimem Grausen vertrauten sie ihren Leib dem Zügle und ihre Seele Gott an. In„rasender" Fahrt ging es der Station Birenbach zu. Hinter Birenbach hat das Bähnle eine starke Steigung zu überwinden. Mit vielem Gezisch und Ge- stöhn suchte das Lokomotivle die gewichtige Last über den Berg zu bringen. Das war ein schweres Stück Arbeit! Langsam und immer angsamer ging es, bis daß es fast gar nicht mehr ging. Den �Bauern und ihren weichherzigen Gesponsinnen tat das keuchende und stöhnende Lokomotivchen bitter leid. Nach etlichen aufmunternden Rippenstößen seitens der Weiber kletterten die Männer aus dem Wagen und setzten die breiten Schultern an die Rückwand und Puffer des letzten Wagens. Wer keinen Platz mehr fand, schob den Vorder- mann dort, wo der Rücken seineu ehrlichen Namen verliert. Und siehe da, nun ging eS 1 Als die Höhe glücklich erreicht war, kletterten alle frohgemut und schweißtriefend wieder in den Wagen, die Loko« motive setzte sich in Galopp und holterdipolter ging es der nächsten Stasion zu. Dort wartete aber der gutmütigen Zugschieber eine unangenehme Ueberrafchuug. Mann für Mann wurden sie auf- geschrieben und später mit einem Strafmandat von je sechs Mark bedacht. Undank ist der Welt Lohn! Auch ans der schwäbischen Eisenbahn l_ Kleine Notizen. Zugentgleisung. Am Sonntagmorgen ist infolge zu früh- zeitiger Freigabe der Strecke der Personenzug 816 auf den infolge eines Bremsleitungsbruches in Kilometer 113,3 der Strecke Erfurt-Neudietendorf haltenden Eilgüterzug 6092 bei stärkerem Nebel aufgefahren und mit der Lokomotive, dem Pack- wagen und einem Wagen vierter Klasse entgleist. Der Heizer des Personenzuges wurde leicht, der Schlußbremser des Ellgüterzuges an Kopf, Arm und B e i n s ch w e r, Reisende nicht verletzt. Der Materialschaden ist nicht sehr erheblich. Schwerer Bootsuufall. Auf dem Linksee bei Schwetzkau (Provinz Posen) kenterte ein Kahn mit drei jungen Landwirts- söhnen. Zwei der jungen Leute ertranken vor den Augen ihrer Eltern; der dritte konnte mit vieler Mühe gerettet werden. Zwei Personen beim Kentern eines MarineSooteS ertrunken. Marinezahl n, ei st er von Thune» und Intendantur- sekretär Vielke sind gestern abend 11 Nhr beim Kentern einer Jolle des Linienschiffes„Thüringen" beiDanzig ertrunken. Schneefälle in der Schweiz. Infolge eines für diese Jahreszeit unerhörten Wettersturzes sind die Appenzeller Berge mit vielem Neuschnee bedeckt. Die Flüsse sind angeschwollen. Auch aus St. Moritz wird vom 22. Juli gemeldet: Bergangene Nacht fiel reichlich Schnee, so daß die Gegend als Winter- l a n d s ch a f t erscheint. Ei» blutiges Drama spielte sich in der Gemeinde Rajano in den A b r u z z e n ab. Ein Einwohner dieses Dorfes war plötzlich irrsinnig geworden und erschoß, nachdem er seine Familie furchtbar mißhandelt hatte, mit einem Revolver seinen Bruder und seine Schwiegermutter. Dann raste der Wahnsinnige nach dem Nachbardorfe, wo er seinen Vater mit einer Nevolverkugel nieder- streckte. Die von den Einwohnern Rajanos sofort alarmierte Polizei verfolgte den Mörder, der auf die Polizisten noch mehrere Schüsse abgab. Schließlich gelang eS der Polizei, ihn zu umzingeln, doch verwundete er noch mit seiner letzten Kugel einen Polizisten, welcher ihn'darauf mit seinem Dienstrevolver niederschoß._ Eingegangene Dnichlchnften. Geschichte einer Bombe. Von Andreas Strug. 380 Seitm. Verlag von Georg Müller, München. Der Rene Welt-Kolender für daS Jahr 4913. Verlag der Ham- burgcr Duchdruckerei und Verlagsanstalt Auer u. Co. Zu bezichen durch I. H. W. Dich, Stuttgart. 40 Pf. Das Bereinigungsrecht und die Gewerkschaften. Von Rechts- anwatt Dr. S. Weinberg. 20 Ps. HandlungSgchilsen-Verlag, Berlin. Der Arbeitsvertrag des gewerblichen Arbeiters und der Be- triebsbcnmten. Von H. Mattutat. 89 Seiten.„Schwäbische Tagwacht", Stuttgart. Albert Bonniers 39 Pfcnnig-Bücheret. Bd. 7. Dolphis Ge- spiclin. Von K. Anzengrubcr.— Bd. 8. Familiensinn. Von Marie Bernhard. A. Bonnicr, Leipzig. Maua ;r Cigareiies Jpecialmarken Abbas Dandy Gibson Gii'I e für elegante MaüanzDge, Paletots, Ulster etc., Mtr. 4.—, 5,—. 6.— M. Damen- Kostümstoffe, Damentuche „Neuheiten" Mtr. 2.—, 3.—, 4.— M., Loden f. Pelerinen Mtr. 1.50, 2.50 M. Schneidermeister, welche unsere Stoffe tadellos verarbeiten, weisen wir nach. Arbeitslohn nobst Zutaten ca. 20 bis 30 M. Tuchlager Koch& Seeland G. in. b. H. Gertrauiitenstr. 2ß/21 Täglich ft. Voigts Krampenburg vis-u-vls SchmUckwltz. , Extra-Dampferfahrten: vormittag« O und nachmittag«% Uhr, von der Jannowltz- * und Walsenbrttcke. 37922* Land u. Wald am gr. Storkower See mit eigenen Dootsstcllea OR von 7 M« an. Terralngesellsch. am Storkow» und Scharmützelsee m. b. H., Berlin C.3, Burg- Strasse 30. erliner Stück 2 Pf. verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin, gür de» Lnseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt» vuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SW,