Nr. m. nbonnemenlS'BedlndDWAi Abonnements> Preis dränumeranboi BierteljShrl. SM Mk, monatl. 1,lv Mk., wöchenllich 28 Psg. frei WS Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit wuflriericr SoimtagS- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- ZIbonnement: l.lll Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-gciwngS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonnemews nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz, 39. Jahrg. Die Insertion!-eebUhk e«trägt für die sechSgespalten« Kolonek- gelle oder deren Raum SV Pfg., sür politische und gewerkschaftliche Berems- tind BersammlungS-Anzeigen SV Psg. „Ulelne Mnzcigcn", das scttgedrultie Wort 20 Pfg. szuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weftere Wort lv Psg. Stellengesuche und Echlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedeS weitere Wort S Pfg. Worte über 15 Buch- itaben zählen für zwei Worte. 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Sonst aber läßt auch Herr Asquith die internationale Politik in rosaroter Be- leuchtung erstrahlen. England habe keinen Anlaß und keine Gelegenheit für einen Zwist mit irgendeinem Lande in irgend- einem Teile der Welt. Die Beziehungen zu Deutschland seien in diesem Augenblick Beziehungen vollkommener Freundschaft und vollkommenen guten Willens. Ja noch mehr. Asquith gibt seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Beziehungen wahr- scheinlich so bleiben werden. Was will man mehr? Also ist alles nicht wahr, existiert keine Kriegsgefahr und dürfen wir ruhig die auswärtige Politik den bewährten Händen der Diplomaten anvertrauen? Es fehlt leider nur eine Kleinigkeit. Asquiths Rede liest sich fast wie die Begründung eines Antrages auf Einstellung weiterer Rüstungen. Aber sie ist gehalten, nachdem das englische Parlament gegen die Opposition der Arbeiterpartei und einiger Radikaler, die immerhin noch den Mut besitzen, den die deutschen Liberalen als unstaatsmännisch abgelegt haben, dem Flottenprogramm des Mariueministers ihre uneingeschränkte Zustimmung gegeben hat. Gewiß, die Worte Asquiths und Greys sind Friedensworte. Ja, in einem Punkte sind sie so- gar anders zu beurteilen als die gewöhnlichen diplomatischen Phrasen. Sie lassen immer wieder den Willen der liberalen Regierung erkennen, ein Uebereinkommen mit Deutschland zür Einschränkung der Rüstungen zu schließen. Sicherlich braucht man deshalb die englischen Liberalen nicht sür edle Träumer oder für weniger eifrige Vertreter kapitalistischer Interessen zu halten. Die englische Bourgeoisie wohnt im Besitz und ihre Sorge gilt mehr, diesen zu bewahren, als ihn zu mehren: daher ihr Bestreben, auf der Grundlage der zetzigen Machtverhältnisse zu einem Einvernehmen mit Deutschland zu kommen, dessen imperialistische Dränger sie fürchten. Aber in der Rede Greys findet sich auch ein Passus, der deutlich zeigt, daß die deutsche Regierung von einer solchen Vereinbarung nichts wissen will, obwohl eine solche den Wünschen und Interessen der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes entsprechen würde. Grey meinte, über Beschränkung der Rüstungen zu sprechen, würde für die deutsche Oeffent- lichkcit erst dann von Bedeutung sein, wenn gesagt würde, auf welcher Basis das Abkonimen zu treffen sei, ob auf Basis der Gleichheit oder der Ueberlegenheit der englischen Flotte. Aus dem Diplomatischen ins Deutsche übersetzt, heißt das nichts anderes, als daß die deutsche Regierung jedes Uebereinkommen ablehnt, daß sie den Wettlauf mit England fortsetzen, daß sie in der Tat dem phantastischen ZZahn lebt, zu dem mächtigsten Landheer auch die größte Flotte hinzuzufügen, koste es auch die arbeitenden Massen, was es wolle. Man muß sich den ganzen Ernst der Situation klar- machen. Die Debatte im englischen Untcrhause läßt deutlich erkennen, daß das Wettrüsten eine neue höhere Stufenleiter erklommen hat. Es handelt sich nicht mehr um das Rüsten von Deutschland und England gegeneinander, es rüstet die Tripelentente England-Rußland-Frankreich gegen den Dreibund, wobei freilich auf Deutschland und England der Löwenanteil entfällt. Das bedeutet zugleich die V e r- breiterung des d e u t s ch- e rkg l i s ch e n Gegen- s a tz e s und die Gewißheit, daß es sich bei einem Zusanimen- stoß um nichts Geringeres als den W e l t krieg handelt. Zugleich sucht England Hilfe und Unterstützung bei seinen Kolonien und findet sie. England ist bereit, den Kolonien auch direkten Einfluß auf die'Leitung seiner auswärtigen Politik cinzllräumen. Das englische Weltreich, der Traum der Jniperialisten, die engere Verbindung der großen englischen Kolonialreiche mit dem Mutterlande nähert sich unter dem Druck der deutschen Flottenrüstung der Verwirklichung. Nicht mehr mit England allein, mit der gesamten finanziellen und Menschcnkraft des Riesenreiches wird das deutsche Rüsten künftighin den Wcttkampf ausnehmen müssen. Die Hoffnung der deutschen Imperialisten auf Englands Erschöpfung erweist sich als hirnrissige Utopie.� Trotzdem! Die deutsche Regierung bleibt bei ihrer bis- herigen Politik. Die Militär- und Marincinteressen sind für sie allein bestimmend. Der Kriegs- und Marineministcr allein entscheiden. Und dahinter steht die Macht des Finanzkapitals mit seinem Drang nach Expansion und kolonialer Eroberungs- sucht. Es ist aber klar, daß diese Zustände auf die Dauer un- haltbar werden. Die Fricdensreden sind Schall und Rauch, die harten Tatsachen vergrößern ständig die Kriegsgefahr. In Wahrheit war die internationale Lage nie so bedrohlich wie heute. Die Einschränkung der Rüstungen wird zu einer unausweichlichenBedingung derEr- Haltung des Friedens. Man stelle sich nur vor, wohin das Wettrüsten führen soll. In England versichert man der öffentlichen Meinung. daß die steigende Steuerlast, der Mangel an Mitteln sür � Kulturaufgaben die Folge der deutschen Rüstungen sei, in Deutschland sucht die Chauvinistenpresse dem Volke das gleiche Anzureden. So will man die Kriegsstimmung hüben und drüben anfachen und jene Stimmung dumpfer Verzweiflung wecken, die so gefährlich werden könnte, wo es dann heißt, lieber ein Ende mit Schrecken als diesen Schrecken ohne Ende. In England wie in Deutschland tut freilich die Arbeiter» klaffe ihre Pflicht und allen Bemühungen wird es nicht gelingen, das Proletariat in nationalistische Rauschzustände zu versetzen. Es bleibt der unerbittliche Gegner dieser wahnwitzigen Rüstungspolitik und es fordert als nächsten Schritt zur Abhilfe die gegenseitige Ein- fchränkung der Flottenbauten. Völlig versagt aber der Liberalismus. Gestern hat das „Berl. Tagebl." die Frage gestellt, ob man nach den Reden von Churchill und Asquith noch an Abrüstung denken dürfe, und die Frage, als wäre das ganz selbstverständlich, ver- neint. Heute spricht es zwar von dem„Willen zur Ver- ständigung", aber es setzt alle Hoffnung auf die— Aktion der Diplomaten! Daß die fortschrittlichen Parlamentarier selbst etwas dazu tun könnten, daß sie, statt die bedingungslose Abstimmungsgarde für die Regierungs- forderungen zu sein, die proletarische Opposition gegen den Rüstungswahnsinn unterstützen könnten, daß sie dem imperia- listischen Ansturm Widerstand leisten müßten, statt sich ihm zu beugen, daran scheint die fortschrittliche Prcfse gar nicht mehr zu denken. Das Proletariat freilich läßt sich dadurch nicht beirren. Es hat im Imperialismus seinen Todfeind erkannt und die wachsende Gefahr steigert nur seine Entschlossenheit, seine Abwehraktionen gegen die Kriegsgesahr mit umso größerem Eifer und umso zäherer Beharrlichkeit durchzuführen. öcklulZ der Debatte über die auswärtige Politik. Die radikale Opposition. London, 25. Juli. Unterhaus. Im Verlauf der Diskussion beantragte der Radikale P 0 n s 0 n b y eine Verringerung des Voranschlages. Er kritisierte die Politik, die zu der jetzigen Lage geführt habe, und forderte die Herbeiführung freundlicher Beziehungen zu Deutschland, wodurch das sinnlose Wettrüsten vollständig überflüssig würde. Erklärungen des Ministers des Auswärtigen. Grey erwiderte ihm, wie schwer die La st der Rüstun- gen sei. Die Demokraten hätten vielleicht noch mehr Grund als irgend jemand eine Verringerung der Ausgaben für Rüstungs- zwecke zu wünschen. Doch leider sei die Regierung machtlos. Er sei aber der Meinung, daß Kräfte am Werk seien, die mit der Zeit eine Wirkung auf die Rüstung ausüben würden. Er hoffe, daß die internationale öffentliche Meinung in Zukunft so mächtig würde, daß man in Fällen von Streitigkeiten nicht mehr an die Gewalt, sondern an andere Instanzen appellieren werde. Er meine auch, daß diewachsendefinanzielleAbhängig- keit der Nationen voneinander ihre Wirkung tun werde. Hierauf bekämpfte Grey Ponsonbys Behauptung, daß die britische auswärtige Politik verantwortlich sei für die großen Ausgaben für Rüstungszwccke. Er sei der Meinung, daß die von Ponsonbh ge- wünschte Aufgabe der in den letzten zehn Jahren verfolgten Politik die Dinge nicht besser, sondern schlimmer machen würde. Ponsonbh wünsche, daß England keine bestimmten Freunde in der auswärtigen Politik habe. Doch das würde zu der Politik der glänzenden Jso- lierung zurückführen, wie sie von 1880 bis 1900 bestanden habe. Diese Politik habe Gerüchte von bevorstehenden Kriegen mit Frank- reich, Rußland und Deutschland verursacht und zu politischen Rei- bungen mit allen diesen Ländern geführt. Wenn man zu dieser Politik zurückkehre, so werde man bald die Flotte nicht nach dem Ein- oder Zweimächte-Standard, sondern nach einem viel höheren bauen müssen. Wir haben, fuhr der Minister fort, Freund- schaftmitFrankreichundRußland geschlossen, mit denen wir so viele Reibungsflächen gehabt haben, unl� wenn wir diese Herzlichkeit schwächer werden lassen, so werden wir alle Ursachen zu Reibungen wieder erstehen sehen. Ponsonbh hat ferner das söge- nannte Gleichgewicht der Mächte beklagt. Wenn man seine Rede anhörte, so konnte man glauben, daß die britische Regierung dafür verantwortlich sei, daß getrennte diplomatische Grup- p e n in Europa bestehen. Wir haben nicht mit der Bildung dieser Gruppen begonnen, und wenn gegenwärtig die Aufrechterhaltung dieser Gruppen als wesentlich für die Erhaltung des Friedens be- trachtet werden, so sollte man nicht verlangen, daß diese Gruppen aufgegeben werden. Der Staatssekretär schloß: Wenn wir unsere auswärtige Poli- tik geändert hätten, so ist es wirklich anzunehmen, daß das eine Wirkung auf die Flottenausgaben in Europa haben würde? Ist unsere auswärtige Politik verantwortlich für die deutsche Flotte? Die Erklärustg, in der angekündigt wurde, daß Deutschland eine großzügige Flottenpolitik eröffnen werde, erfolgte in dem Flottengesetz von 1300. Wie konnte seitdem irgendeine britische Politik verantwortlich sein für die deutsche Politik? Man darf den einen sehr einleuchtenden möglichen Grund für die Erbauung der deutschen Flotte nicht übersehen, nämlich den, daß eine wachsende Nation wünscht, mächtig zu sein, ohne daß sie doch notwendigerweise Angriffsabsichten verfolgt, noch auch eine be- stimmte Gefahr vermeiden will. Ueber Beschränkung' der Rüstungen zu sprechen, ist nicht sehr interessant für die deutsche Oeffentlichkeit, wenn die Leute, die darüber sprechen, nicht genau sagen können, was sie wollen. Auf welcher Basis wünschen sie, daß Abkommen getroffen werden, der Gleich heitoderder Ucberlegenheit der britischen Flotte? Wenn sie nicht bereit sind, hierauf einzugehen, können Sie nicht erwarten, daß die deutschen öffentliche Meinung sehr cntgegenkominend ist. Alles was wir tun können, ist, zu beweisen, daß wir keine aggressiven Absichten hegen, und daß die Freundschaften, die wir mit ande, ren unterhalten, keine aggressiven Zwecke haben und nicht gegen eine andere Macht gerichtet sind. Das tun wir und werden es auch weiter tun. P 0 n s 0 n b y s A n t r a g auf Verminderung des Voranschlages wurde mit 331 gegen 39 Stimmen abgelehnt. «* • Eine offiziöse Stimme. Köln, 23. Juli. Der„Kölnischen Zeitung" wird aus Berlin zu der Rede des englischen Premierministers im Unterhause tele- graphiert: Soweit sich die Ausführungen des Ministerpräsidenten Asquith mit Deutschland beschäftigen, so haben wir wohl keinen Grund, mit ihnen unzufrieden zu sein. Im Gegenteil, der freund- liche Grundton, auf den Herr Asquith seine Worte über die gegen- wältigen deutsch-englischen Beziehungen und die frühere Sendung Lord Haldanes und auch über die Persönlichkeit unseres neuen Londoner Botschafters gestimmt hatte, darf bei uns durchaus auf ein entsprechendes Echo rechnen. Auch macht es einen freund- l i ch e n Eindruck in der Rede des Herrn Asquith, wenn er am Schlüsse in Uebereinstimmung mit dem Marineminister betont, daß England sein Uebergewicht zur See behalten müsse. Deutschland hat ja niemals Unklarheit darüber gelassen, daß es nicht daran denkt und auch gar nicht denken könnte, die Ueber- legenheit zur See für sich zu beanspruchen, und die verantwortlichen Kreise Englands geben sich auch, wie die zweite Rede des Herrn Churchill bewies, über diesen Punkt durchaus keinen Befürch- tungen hin; denn der Marineminister schloß damals die Dar» legungen seines Programms für die nächsten Jahre damit, daß. er England als den Herrn der Lage bezeichnete uktd jeden Grund zu Panik oder Alarm weit von sich wies. Somit scheint auch hüben und drüben eine gewisse Uebereinstimmung der An- sichten vorzuliegen, und, um nochmals zu wiederholen, wie wir bov kurzer Zeit bei einer ähnlichen Gelegenheit sagten, sprechen wir nur wiedereum den Wunsch aus, daß man in England die Für» sorge für die deutsche Flotte mit demselben Gleichmut und der- selben Ehrlichkeit ansehen müsse, wie wir es im Hinblick auf die englischen Flottenrüstungen tun. Diese„Uebereinstimmungen der Ansichten" besteht eben darin: Es bleibt beim Wettrüsten. Sie roten Stich Wahlzettel des Herrn Dade. Bei der letzten Stichwahl im mecklenburgischen Reichstagswahl« kreise Parchim-Ludwigölust wurden massenhaft Zettel ver- breitet, die auf rotem Papier gedruckt waren und folgenden Text enthielten: »Die Sozialdemokratie ist in unserem Wahlkreise dem Freisinn mit nur wenigen Stimmen unterlegen. Die Sozialdemokraten haben also bei der Stichwahl wieder zwischen einem landfremden freisinnigen Kandidaten und einem konservativen Manne, der selbst Mecklenburger ist, zu wühlen. Der Freisinn ist stets der größte Feind der Arbeiterschaft gewesen. Der Freisinn hat gegen die Arbeitcrvcrsicherung und den Ar- beiterschutz gestimmt. Der Freisinn ist ein unzuverlässiger Kantonist, von dem der Arbeiter nichts zu erwarten hat. Im Wahlkreise Rostock werden die Konservativen ihre Stimme den: freisinnigen Kandidaten nicht geben, so daß dort der sozial- demokratische Kandidat siege» wird. Ebenso ist es Pflicht der sozialdemokratischen Wähler, unserem Landsmann Dadc ihre Stinime zu geben. Der Freisinn»nuß erst heraus, um freie Bahn zu schasse». Bei dieser Stichwahl handelte es sich um den fortschrittlichen Kandidaten Dr. P a ch n i ck e und der wissenschaftlichen Leuchte des Bundes der Landwirte, den konservativen Generalsekretär Dr. Dabo. Diese Zettel waren vom konservativen Wahlkomitee verbreitet worden, um die Stichwahlhilfe der Sozial» demokratie mit dem Hinweis auf die der S 0 z i a l d e m 0- I r a t i e von den Konservativen zuteil werdende passive Stichwahlunterstiitzung in R 0 st 0 ck zu erlangen. Da nun bekanntlich die Junker wie der gesamte blauschwarze Block nach den Wahlen ein solches Entrüstungsgeheul über das fortschrittlich-sozialde m okratische Stich wähl- abkommen angestimmt hatten, berief sich die fortschrittliche Presse mit Recht aus dies konservative Flugblatt, in den, doch nichts Geringeres als ein konservativ-sozialdcm akratisches Stichwahlabkommen proklamiert wurde. Nur freilich mit dem Unterschied, daß dies von konservativer Seite verkündete Abkommen obendrein erlogen war, daß es sich also um einen perfiden Schwindel der Konservativen handelt I Die Konservativen hatten nun zunächst die edle Dreistigkeit, die konservative Herkunft der roten Zettel zu l e u g n e n! Die konser- vative„Mecklenb. Warte" fragte seinerzeit heuchlerisch:„Woher wissen denn die genannten(freisinnigen) Blätter, daß die roten Zettel von konservativer Seite ausgehen?" Und sogar der Vorsitzende der konservativen Parteileitung des Mahlkreises beteuerte in einer Zuschrift an die„Freis. Zeitung", daß die konservative Parteileitung jenem plumpen Täuschungsversuch vollständig ferngestanden habe. Man suchte damals also den Anschein zu erwecken, den ja die ganze Aufmachung des Lauf- zeitelS von vornherein erwecken sollte, als ob er von sozial- demokratischer Seite ausgegangen seil Die Sozialdemo- kratie freilich hatte sich beeilt, die Flugschrift als„verlogenen Wisch" und ein„schofles Unternehmen" zu bezeichnen und die Verantwortung seinen wirklichen Urhebern zu überlassen. Und nach alledem kam schließlich die Enthüllung, daß kein Geringerer alsder konservative Kandidat Dr. Dade s e l b st der Verfasser des Zetteltextes war, daß diese Leuchte des Konservatismus sich selbst dazu herbeigelassen hatte, durch doppelten Schwindel unter der Vorspiegelung eines gegenseitigen blau-roten Stichwahlabkommeus die Stichwahlhilfe deigsozialdemo- kratischen Wähler zu erbetteln I Die„Mxcklenb. Wartet suchte sich nunmehr dadurch aus der Affäre zu ziehen, daß sie mit unwilligein Stirnrunzeln Herrn Dade persönlich die Verantwortung für den Schwindel überließ, der doch nur mit Hilfe des konservativen Wahlapparatcs ausgeführt werden konnte und ausgeführt worden ist! Herr Dade selbst aber nimmt nun endlich auch nach so langem verlegenen Schweigen das Wort, um zu erklären, daß er in einem ähnlichen Falle genau wiederum so handeln würde, da solche Praktiken bei allen Parteien üblich seien! Auch die K o n s e r v a- tiven hätten doch bei jeder»Stichwahl mit den Frei- sinnigen versucht, die Sozialdemokraten durch Flug» blätter, die mit den politischen Sünden der Freisinnigen angejüllt waren, auf ihre Seite zu ziehen. Der Hinweis auf Rostock sollte doch nach der bekannten Stichwahlparole;„Ge- wehr bei Fuß l" die Konservativen nicht überraschen. Wozu also die Aufregung? Run: wenn die Konservativen ebenso erpicht auf die sozial deniokcatische Stichwahlhilfe waren und sind, wozu denn dann ihre lächerliche Entrüstung über den Freisinn?! Oder besteht die Sünde des Freisinns nur darin, ein ehrliches Abkommen mit der Sozial demokratie getroffen zu haben, während die. konservative lim schineichelung der sozialdemokratischen Wähler nur auf Schwindel beruhte? I Obendrein einen echt konservativen Schwindel, nänilich einen so dummen Schwindel, daß er nicht zog und den Durchfall der agrarischen Autorität nicht zu verhindern vermochte I fflarlyiiuin. ...... Die gegenwärtige politische Situatioil fordert gebieterisch, ias; die öffentliche Meinunß der Kulturwelt den Opfern des russischen Blutregiments ein größeres Interesse zollt� Die russische Regierung tritt immer aktiver in der internationalen Politik auf, sie mischt sich provozierend und händelsuchend in sämtliche Fragen der Weltpolitik, im Inneren jedoch tritt sie mit stets zunehmender Brutalität allen selbständigen Negun- gen des Volkslebens entgegen. Die Erobcnmgen der Revolutionsjahre sind mit wenigen Ausnahmen„liquidiert", die Gesetzgebung und die Verwaltung ruhen in den Händen der schwärzesten Reaktionäre, die neuerdings hervortretende politische und wirtschaftliche Bewegung der Arbeiterklasse wird mit eiserner Faust niedergehalten. Am schlimmsten je- joch ergeht es den unzähligen Opfern des Regierungsterrors: Hunderttausende von Gefangenen sind in den Kerkern dem langsamen Tode preisgegeben, Zehntausende fristen in der Verbannung ein trostloses Dasein. Kein Tag vergeht ohne neue Opfer, ohne neue haarsträubende Greuel, die nur zu einem geringen Teil in der russischen Presse veröffentlicht werden können. Die bürgerliche Presse Westeuropas jedoch geht schweigend über diese„alltäglichen Erscheinungen" hin- weg, denn je herausfordernder und kriegerischer die aus- wärtige Politik der Zarenregierung wird, desto größer ist die Bereitwilligkeit der konservativen und liberalen Bedienten- feelen. die Verbrechen der kaiserlich russischen Regierung mit tsm Mantel der christlichen Liebe zuzuhellen,. Um so dringen- er wird nun die Pflicht unserer Pqrteipresse/ dps öffentliche Jlcchtsbewußtsein nicht einschliisern zu lassen, die fortwähren- den Greuel der Zarenregierung aufzudecken und den flammen- den Haß der Arbeiterklasse gegen die Regierung der Knute und des Galgens wachzuhalten. Nur an die Arbeiterklasse als die einzige Repräsentantin der Kultur und der Menschlichkeit wenden sich die Märtyrer der russischen Freiheit, nur von ihr erwarten sie. wie immer, tatkräftige Sympathie und Unter- stützung. Die Art, wie die russische Regierung an ihren politischen Gegnern Rache nimmt, ist kürzlich auf die schlagendste Weise von einem bürgerlichen Dumaabgeordneten, dem liberalen Vertreter Odessas, Herrn N i k o l s k i, gekennzeichnet worden. Während der Erörterung des Gefängnisetats im Mai dieses Jahres in der Duma verlas er den Brief eines früheren Ga fangenen in Saratow, den dieser an einen russischen Fliichk ling im Auslande gerichtet hatte:„Ich habe— heißt es in dem Briefe— mit Entsetzen Ihre furchtbare Mitteilung ver- nommen, daß Sie nach Rußland zurückkehren wollen, um eine Gefängnisstrafe zu verbüßen. Auf die Gefängnisse ist jetzt eine Horde unmenschlicher Zyniker, böser und dummer Leute losgelassen, die an moralischem Wahnsinn kranken... Es gibt keine Möglichkeit, sich vor diesen Tieren zu schützen: wie sie sich auch Verhalten sollten, diese Leute werden in ihrem Zynismus, in ihrer Grausamkeit Veranlassungen genug finden, Sie zu verhöhnen... Sie werden keinen ruhigen Tag kennen und in steter Furcht vor dem Kommenden leben... Sie werden vor diesen Tieren zittern, denn Sie befinden sich in ihrer Gewalt. Wagen Sie bloß ein Wort zu sagen, und Sie befinden sich im Karzer, einein unterirdischen, feuchten, kalten Gelaß... Es gibt hier keine Hilfe, kein Gericht. Man darf keine Klage erheben, denn sonst wird man zu Tode ge? quält... Ich weiß nicht, welchen Mut man haben muß. um vor dieser eindringenden Menschenrotte standzuhalten. Man empfindet hierbei wohl dasselbe, wie die Juden, wenn die Pogronüsten in ihre Häuser eindringen. Das furchtbarste aber ist: Sie wissen, das sind Feinde, grausame und uuerbitt- liche, die Sie hassen. Nie in meinem Leben habe ich diesen blinden, tierischen Haß gegen mich so nahe gefühlt, wie im Gefängnis... Man empfindet jetzt in den Kerkern ein ganz neues Gefühl— das der fortwährenden, ununterbrochenen Furcht. Es ist dasselbe Gefühl, das die Neger bei grausamen Plantagenbesitzern, die Soldaten auf den Militärkolonien des Despoten Araktschejew empfunden haben. Glauben Sie nicht, daß derartige Zustände nur in unserem Gefängnis herrschen? Nein, von überall her kommen dieselben Nachrichten. Es herrscht buchstäblich der w e i ß e T e r r o rl..." Nach dieser leidenschaftlichen Anklage, diy den Stempel der Echtheit, der Wahrhaftigkeit an der Stirne trägt, brauchte man wohl kaum nach auf einzelne Tatsachen einzugehen. Jeder Tag bringt aber aus den zarischen Bastillen so viel des Eni- setzlichen, daß immer wieder auch aus die Einzelfälle hinge- wiesen werden mutz. Bald ist es eine Gerichtsverhandlung. bald eine kurze Notiz gus der Tageschronik, bald ein Hunger- streik der Gefangenen, der die undurchdringlichen Kerker� mauern vor uns öfnet und die unsäglichen Oualen der Ge- fangenen sehen läßt.� So stand kürzlich der frühere Direktor des P e n s a e r Gefängnisses, O.. Lubenetzki, wegen grausamer Mißhandlurng der Gefangenen vor dem Gericht. Er leugnete die Torturen an den Gesänge- neu nicht und rechtfertigte sich mit folgenden Worten:„Meine von der Notwendigkeit diktiert. Mittels dieser Maßnahmen beugte ich der Möglichkeit von Revolten und Fluchtversuchen der Gefangenen vor. Es hat allerdings w e d er Revolten noch Fluchtver- suche gegeben:aberSiewerdendochzugeben, daß sie haben eintreten können!" Das Gericht verurteilte den findigen Gefängnisdirektor zu einem— strengen Verweis! Herr Chruljow jedoch, der Chef der Hauptgefängnisverwaltung, der auf dem Internationalen Gefänguiskougreß in Washington den„musterhaften",„hu manen" Ordnungen in den russischen Kerkern ein Loblied ge� sungen hat, beeilte sich, den gerichtlich gebrandmarkten G� fängnisdirektor zum Chefgehilfen der Schlüsselburger F e st un g zu ernennen! In kurzer Zeit hat er denn auch, auf die hohe Protektion des Herrn Chruljow gestützt, die Ver- waltung des Schlüsselburger Gefängnisses an sich gerissen und an den oort internierten politischen Gefangenen feine von ihm selbst eingestandenen Grausamkeiten zur Anwendung gebracht. Aehnliche Zustände herrsche» schon lange in dem Petersburger Transportgefäitgnis. unter den Augen der„konstitutionellen" Regierung. Hier ist der Direktor I 0 n i n Alleinherrscher— ein vom Zaren begnadigter Zucht- Häusler, der früher Polizeimeister von Pabianice war und wegen der Ermordung zweier politischer Gefangener zu 13 Jahren Zuchhaus verurteilt wurde(die Strafe hat er nicht verbüßt, weil die Echtrussen sich seiner anahmen, und Nikolaus der Blutige seinen treuen Bundesbruder in Ehren aufnahm). Unter seiner Roheit und den fortwährenden Karzerstrafen haben besonders die drei Mitglieder der unschuldig verurteil ten sozialdemokratische n Fraktion der zwei ten Duma zu leiden, die m diesem Gefängnis interniert sind. Endlich sei noch auf die neulichen Vorgänge in dem Ka- torgagcgefängnis zu P s k o w hingewiesen, dessen Greuel vor einem halben Jahr den Protest der gesamten Kulturwelt her- ausforderten. Genosse K u s n e tz o w brachte noch bei der kürzlichen Etatsdebatte in der Duma die Provokationen, die Brutalitäten und die fortwährenden Durchpeitschungen der politischen Gefangenen in diesem Kerker zur Sprache. Nun hat sich dort eine neue Tragödie abgespielt. Am 2. Juli baten die Katorgagegefangenen, man möge den Gefangenen Traschtschenko, einen wiederholt durchgepeitschten, kranken Menschen aus dem dunklen, feuchten Karzer befreien, in dem er wegen eines geringfügigen Vergehens, unter Eni- ziehung der warmen Speise, auf einen Monat eingesperrt war. Als diese Bitte abgefchlagen wurde, begannen 21 Ge° fangene den H u n g e r st r e i k. Am 5. Juli erschien der Gou- verneur Baron M e d e m mit einer ganzen Eskorte im Gefängnis und erklärte den Gefangenen, Tralchtschenko sei nach dem Gutachten von vier Aerzten vollkommen gesund und könne deshalb die Karzerstrafe verbüßen. Der Medizinalinspektor und der Gefängnisarzt F r a n i o erklärten, der genannte Ge- fangene sei nicht krank, sondern„bloß" schwach, da er seit vier Tagen keine Speise zu sich nehme. Die Gefangenen versuchten zu opponieren.„Wo waren die Herren Aerzte— sprach einer von ihnen— als der geisteskranke Gefangene Michel Lau. den der Gefängnisarzt als Simulant erklärt und nur zwei Tage vor seinem Tode als Geisteskranken erkannt hatte, im April d. I. im Gefängnisspital des Hungertodes starb?" Der Gouverneur beeilte sich, sich der Beantwortung dieser Frage durch chie Flucht zu entziehen.. D.er Sprecher jedoch, der zur lebenslänglichen Katorga verurteilte Bochmann, ein vollständig kranker., schwacher Mann, wurde wegen„Beleidi- gung des Gouverneurs" an demselben Tage durchge- peitscht! Die Zahl der Teilnehmer an dem Hungerstreik stieg nach diesen Vorgängen von 21 auf 50. Am 15. Juli meldete ein kurzes Telegramm, der Hungerstreik in Pskow(der 1 0 T a g e siedauert hatte) sei beendet. Welche Qualen die Gefangenen inzwischen erduldet haben, welche Gewaltmittel gegen sie an- gewendet wurden, das wissen bloß die dicken Mauern der Kerkerhölle zu Pskow... Sei' Krieg. Die türkische Krise. Bis jetzt ist noch nichts von Maßnahmen der neuen Re- gierung gegen das provokatorische Verhalten der Militär- liga bekannt geworden. Die Zerrüttung im Offizierkorps ist offenbar sehr groß. Die dominierende Rolle, die es vor vier Jahren in, Kampfe gegen das alte Regime geführt hat. gibt den Offizieren bei der politischen Unreife der breiteren Be- Völkerungsschichten Veranlassung, auch jetzt noch auf die Re- gierungspolitik bestimmend einzuwirken. Die dem jung- türkischen Komitee ergebenen Offiziere haben ihren Einfluß verloren und die der Militärliga führen einen erbitterten Kampf gegen die jungtürkische Majorität der Kammer: sie behaupten dabei, gegen eine politische Betätigung der Ossi-! Da aber die Albaner auf der Forderung der Auflösung der Kammer bestehen, wird die Kommission die Gemüter kaum völlig beruhigen können. Der Krieg als Eldorado der Lieferanten. Rom, den 21. Juli.(Eig. Set.V Die jüngsten Militärlieferungsskandale in Neapel, die, wie wir seinerzeit berichtet haben, mit einer Einstellung des Verfahrens 1n der Voruntersuchung endeten, rufen ähnliche Skandale inS Gedächtnis, die während des Krieges mit Wessinien vorgekommen sind. Genosse Montanari, der damals als Zahlmeister beim Militär war, schreibt im„Avant i" über seine Erfahrungen in den Jahren 189S und 1896 bei dem.berühmtgewordenen Aufkauf der Maultiere für die italienischen Truppen. Der Ankauf erfolgte durch drei Kommissionen. Die, der Genosse Montanari angehörte, bereiste Apulien und die Umgegend von Neapel und kaufte im ganzen für mehr als 3 Millionen Lire Maultiere. Die Preise wurden in Rom zwischen der Regierung und dem Militärlieferanten, einem Piemon- tesen, festgesetzt und betrugen 890 bis v Lire für die großen, 699 Lire' für die kleinen Tiere. Obwohl die Kommission sich an Ort uiid'Stelle begab, unterhandelte sie nicht direkt mit den Verkäufern, und diese wurden beim Zahlmeister vorstellig, wo sie erklärten, daß sie für ihre Maultiere zwischen 159 und 259 Lire pro Stück ver- langten und sie dhrekt an die Regierung zu verkaufen wünschten. Der Zahlmeister meldete das dem Präsidenten der Kommission. dieser schrieb an die Regierung, und die Regierung antwortete, daß die Kommission nichts anderes zu tun hätte, als sich an die emp, fangenen Jm'trukttonen zu halten I Mit der Zeit fehlte es an Maultieren, und nun brachte man alte, blinde und lahme Tiere, die zu nichts mehr nutze waren, und die die Kommission nicht annehmen konnte. In der Nacht ver- tauschte man aber die zurückgewiesenen Maultiere mit den gesunden und kaufte dann die gesunden zum vollen Preis. Dazu war weiter nichts nötig, als den zurückgewiesenen nächtlicherweise die Nummer der guten einzubrennen. Der Staat wurde auch beständig beim Messen der Maultiere betrogen. Um den Lieferanten Vorteil zu bringen, wurden die kleinen Maultiere in der Weise gemessen, daß sie groß schienen. Auch bei den Fouragelieferungen wurde nach Kräften gestohlen. Als die Sache zu schamlos wurde, protestierte der republikanische Abgeordnete Jmbriani in der Kammer. In üblicher Weise wurde eine Kommssion ernannt, und damit die Kommissionäre auch etwas Bescheid wüßten, ernannte man genau dieselben Personen, die die Aufkaufskommission gebildet hatten, machte also zu Richtern die, die gerichtet werden sollten! Unser Genosse Montanari, der erst in'der Maultierkommission war, kam somit auch in die Enquetekommisston. Sobald er aber irgendeinen interessanten Bericht abgeben wollte, wollte der Zufall immer, daß er dienstlich verhindert war. Schließlich schickte man ihn mit einem Transport von Maultieren und Nahrungsmitteln nach Massaua. und inzwischen wurden zwei Trainoffiziere als angeblich Schuldige hestraft. Auf der Reise starben mehrere der kostbaren Maultiere. und unser Zahlmeister erfuhr interessante Ding« über ausgehöhlte Käse, die mit Sand aufgefüllt waren, über Hafersäcke, die keinen Hafer enthielten, und solche schönen Sachen mehr. So dringt jeder Krieg eine Hochsaison der Spekulation, und die Regierung sieht sich schön vor, mit der rauhen Hand der Gerichte in den Bannkreis dieser Kriegsfreude zu dringen. ES wäre un. klug, durch kleinliche Genauigkeit der patriotischen Begeisterung Abbruch zu tun. •* Die in Rom erscheinende„Rassegna dei Lavori Pubblici* teilt auf Grund ihr vorliegender Dokumente mit, daß der Präsident der italienischen Handelskammer in Paris, der Italiener Mario C r e st a. am 9. Dezember 1911 dem t ü r k i s ch en Heere Kriegsmaterial zum Verkauf angeboten hat, und zwar 30999 Mausergewehre, 69 999 Gewehre der Fabrik Gras, 8999 Karabiner und 7 Millionen Patronen. Weiter hat er die Lieferung von 199 Mitraillekanonen Maxim und von ö9 Kruppschen Bergartillerie. kanonen in Aussicht gestellt. Der patriotische Herr, der dies Ge» schäftchen zu machen suchte, ist unlängst vom italienischen König empfangen worden und stand auch mit dem italienischen Kriegs. minister wegen Ankaufs eines französischen Aeroplans vom Thpu» Moran« in Unterhandlung. Aus diesen Angaben erfieht man. daß es auch einen vernünftigen und klugen Internationalismus gibt: man jubelt dem Kriege de» eigenen Landes zu und vertauft dem feindlichen Lande Mordwaffen. Dabei behält man natürlich da» Recht, auf den Internationalismus des Proletariats, alK auf etwa» Kulturfeindliches und Barbarisches, herabzusehen. poUtifcbe deberkicbt. Berlin, den 26. Juli 1912. Liberale Scharfmacher. Die KoalitionSrechtsfeinde rüsten aus der ganzen Linie. Offenbar liegt in ihrem Kampf gegen das Koalitionsrecht ein bestimmter� Plan. Trotz des erst ziere zu fein. Dabei ist nicht einmal die Militärliga in sich geschlossen. Wie aus Konstantinopel berichtet wird, darf man die wirkliche M i l i t ä r l i g a, die den Sturz des Kabinetts Said Pascha herbeiführte und den Namen Muhafazaivaton, das heißt Verteidigung des Vaterlandes, trägt, nicht ver- wechseln mit d«: O f f i z i e r s g r u p p e Halaskiaran, das heißt Erretter, welche die Proklamation in den Blättern ver- öffentlicht und die Absendung des Briefes, in welchem die Auslösung der Kammer binnen 48 Stunden verlangt wird, an den Präsidenten der Kammer veranlaßt hat. Der Terrorismus, den die jungtürkische Partei bei den letzten Wahlen ausgeübt hat, rächt sich jetzt an ihr selbst. Die Versuche hervorragender Mitglieder des jungtürkischen Komitees, in Saloniki und in anderen Städten Protestver- sammlungen gegen die Forderung nach Auflösung der Kammer zu veranstalten, sind gescheitert. Inzwischen machen die Albanischen A u f st ä n d i- scheu angesichts der Verwirrung in Konstantinopel eine Gewaltaktion. Sie sind 16(XXI Mann stark in P r i st i n a einmarschiert. Der Mendarmeriekommandant schloß sich ihnen an. Die Aufständlschen ließen 461 Häftlinge frei, bewaf� neten. sie, bemächtigten sich dann der Waffendepots und teilten die Waffen unter die Bevölkerung aus. Darauf brachen sie in der Richtung gegen Verisowitsch auf in der Absicht, den Marsch nach Uesk üb fortzusetzen, wo eine Panik Herr- schen soll. Aus allen Richtungen ziehen bewaffnete Trupps nach Pristina. Das neu« Kabinett erblickt seine Hauptaufgabe in der Beruhigung der Albaner. Die von ihm ernannte albanische Kommission ist abgereist. Sie soll die Beschwerden gegen die Beamten anhören und eine Untersuchung anstellen. Sie wird diejenigen Beamten, die die Unzufriedenheit veranlaßt haben. sofort absetzen können und Beamte ernennen, die des Albani .....______________ I...... schen mächtig sini». Ferner wird sie den Eigentümern der im grausame Haltung den Gefangenen gegenüber, die Anlegung Lause deu militärischen Operationen zerstörten Häusex Ent- von eisernen Fesseln, das Einsperren in den Karzer Warentschädigungen gewähren. ............_____ �...... vom Reichstag mit 275 I qegen 63 Stimmen abgelehnten konservativen Attentats auf den§ 152 der Gewerbeordnung ruhen die Scharfmacher nicht, um den matzgebenden Stellen ihre offenen und geheimen Wünsche zu Gehör zu bringen. In Nord und Sud. überall sind die industriellen Scharfmacher mit gleicher Emsigkeit an der Arbeit, die Notwendigkeit des„Schutzes der Arbeit«- willigen" zu beweisen, wie sie die geplante Erdrosselung des Koalitionsrechts so schön zu nennen belieben. Auch die Handelskammern stellen sich bereitwilligst in den Dienst der verbohrtesten Scharfmacher, die ihre helle Freude über diese willkommenen Mithelfer haben mögen. Schon kürzlich konnten wir über di« scharfmacherischen Wünsche verschiedener Handelskammern berichten, die diese meist in den Jahresberichten zum Ausdruck brachten. Diese Wünsche auf verstärkten Schutz für die staatsretterischen Elemente Hintzescher oder klatzmarekscher Kouleur sind den in den Handelskammern sitzenden liberalen Scharfmachern offenbar zu zahm, so daß sie jetzt zum offenen Angriff gegen das Koalitionsrecht übergehen... �.. Besonders tut sich hierin die oberfrankische Handels» kammer hervor, die in ihrer letzten Sitzung mit allen gegen zwei Stimmen folgenden, den„Liberalismus" bezeichnenden Beschluß gefaßt hat:,,.. � „Die bei den Lohnkämpfen in OberfrankeN gemachten Eh fahrungen zeigen, daß die Arbeitswilligen bei Streiks Bc- schimpfungen, Bedrohungen und Verfolgungen bis in die Familie hinein über sich ergehen lassen mußten, ohne dagegen geschützt zu sein. Dieser mangelnde Schutz ist zum Teil auf die un» zureichende Anwendung der bestehenden Gesetzesvorschriften, be- sonders aber darauf zurückzuführen, daß diese Vorschriften keinen vorbeugenden Charakter haben. Auch wo die Möglichkeit besteht. grobe Ausschreitungen gegen die Arbeitswilligen auf Grund des 8 153 der Gewerbeordnung und der allgemeinen Rechtsnormen des Strafgesetzbuches zu verhüten, oder doch zur- Strafverfolgung zu bringen, kann die Einschüchterung der Arbeitswilligen durch die Streikposten, der psychologische Zwang, welchem die Arbeits- willigen aus Furcht vor den Streikenden unterliegen, nicht auf. gehoben werden, Die Verhütung dieses ZwgvgeZ. bis tsampf Ausschaltung der Furcht der Arbeitswilligen vor den Streikenben ist aber zum mindesten ebenso wichtig wie die nachträgliche Be- strafung solcher Streikenden, die sich Ausschreitungen gegen Ar- beitswillige zuschulden kommen lassen. Es muß daher das Streikpostenstehen, t>. h. die planmäßige lieber- ivachung der Arbeitswilligen, durch eine ent- sprechende Ergänzung des§1S3 de r Gewerbeordnung verboten werden. Wir wollen das Koalitionsrecht der Arbeiter in keiner Weise antasten, verlangen auch kein Sondcrgesetz, sondern nur einen Ausbau der Gewerbe- ordnung in der Richtung, daß den Arbeitswilligen hinreichende Garantien für den Schutz der persönlichen Freiheit, auf den jeder Staatsbürger Anspruch hat, gegeben werden. Außerdem ist zu fordern, daß bei Lohnkämpfen sofort der Schutz der Arbeits- willigen übernommen und nicht gewartet wird, bis Aus- schrcitungen stattgefunden haben. Die Verhandlungen wegen solcher Ausschreitungen müssen jeweils ohne Verzug durch- geführt werden, damit die erwünschte abschreckende Wirkung auf die Streikenden erzielt wird. Das Schicksal der deutschen In« dustris und das Los der Arbeiter hängen in hohem Maße davon ab, daß die Lohnkämpfe in ruhigere Bahnen zurückgeführt werden." Abgesehen von der hohlen Phrase, das Koalitionsrecht der Arbeiter nicht antasten zu wollen, zeigt die Forderung auf Be- seitigung des S t r e i kp o st e n st e h e n s mit aller Deut- lichkeit, daß diese„liberale" Handelskammer dem Koalitions- recht den Garaus machen möchte. Verbohrter und blind- wütiger kann der Zeirtralverband Deutscher Industrieller seine Koalitionsfcindschaft auch nicht zum Ausdruck bringen. Man sieht eben, daß der winkende Preis für die Kapitalisten des Schweißes der Edlen wert erscheint. Keine Enteignungsaktion. Kürzlich wußten verschiedene bürgerliche Blätter zu melden, die Regierung werde demnächst mit der ersten Enteignung polnischen Landbesitzes beginnen. Wie eine halboffiziöse hiesige Korrespondenz mitteilt, ist daS unrichtig; sie schreibt: � Wie man uns aus Kreisen der Ansiedelungskommission in Posen schreibt, ist dies unzutreffend. ES ist vorläufig für min- d e st e n s 10 M o n a l e noch nicht beabstchligt, Zwangs- ciiteignungcn polnischen Besitzes vorzunehmen, es sind keine Vor- bereiiungen für Enieignungsakiionen in Angriff genommen. Die Ausiedelungskommission besitzt noch genügend Land, um den An- forderungen auf Ansehung neuer Ansiedler bis April ISIS gerecht werden zu können, es stehen rund 1800 Hektar für diesen Zweck zur Verfügung. Für 1913 sind der Kommission soviel freihändige Kanfanträge gemacht worden, daß auch für das übrige Jahr 1S13 kaum zu Enteignungen geschritten werden muß. Es heißt, auf hohen Wunsch soll die Enteignungsaktion, die in absehbarer Zeit notwendig sein wird, mit Rttcksichl auf daS Negierungsjubilänm des Kaisers hinausgeschoben sein. Sozialdemokratische Wahlcnthaltung. Die„Miiitchener Post" veröffentlicht folgende Mitteilung an die Parteigenossen des Wahlkreises Pfarrkirchen: „Durch daS Ableben des Abgeordneten Bachmeicr ist eine Neuwahl zum Reichstag notwendig geworden. Die Wahl findet am Montag, den S. August 1Sl2 statt. Da die Partei- genossen de? Wahlkreises erst in diesem Jahre Gelegenheit hatten, ihre Stimmen zu zählen, hat der Gauvorstand beschlossen, s i ch nicht an der Nachwahl zu beteiligen, um den Organisationen Arbeit und Opfer zu ersparen. Wir ersuchen daher die Genossen im Wahlkreise, sich der Wahl zu enthalten, iiild darauf zu achten, daß dtelc Parole streng eingehalten —-ttstrd. Nach der Lage im Wahlkreise habou B a n e r n b u rrd. und. A e u t r u m den Kampf auszutragen. ES ist selbstverständlich, daß " die deminzigtorifche mid volksfeindliche Zentrumspartei unter keinen Umständen eine sozialdemokratische Stimme erhalten darf; es besteht aber auch keine Veranlassung, den Banernbund zu unterstützen." Bot den letzten Reichstagswahlen war das Stiinmen- Verhältnis im Wahlkreise Pfarrkirchen: Bayer. Bauern- bund 9882, Zentrum 7722. Sozialdemokratie 1228. Es besteht also kaum ein Zweifel, daß bei der Mehr- heit von über 2000 Stimmen der Wahltreis auch diesmal wieder dem Bauernbund zufällt. Trotzdem hoffen wir. daß dieses Beispiel keine Nach- ahmung findet. Der Wahlkampf ist für die Sozialdemokratie ja nicht bloß eine Gelegenheit, ein Mandat zu erringen, son- dern dient vor allem auch der Agitation, der Gewinnung neuer Gesinnungsgenossen. Gerade die Wahlzeit ist die beste Werbezeit. Auch die Stiinmenzahl in Pfarrkirchen ist durch- au« nicht so gering, um tvcitere agitatorische Erfolge auS- sich..!os erscheinen zu lassen. D, e Oberstleutnant a. D. als Krankenkaffenrendant. T(iS BersicherungSamt in Bochum, unter dem Vorsitz dcS Ober- öürgcrmeisterS, Hot am Mittwoch, den Lö, Juli, den vor.einigen Monaten ganz nnerwartct aus seiner Stellung als Bezirks« kommandeur ausgeschiedenen Oberstleutnant Meher als Rendanten der Ortskrankeiikasie ernannt, gegen den Protest der zentrumschristlicken Mehrheit im Kassenvorstande, die einen früheren christlichen Gewerlschaftssekcetär in die Rendantenstelle bineinschicben wollte. Das SelbstverwaltungSrecht ist Völlig aufgehoben worden. Die Rute, die der schwarzblaue Block mit der Reichsver« sichernngSordnung der Arbeiterschaft gebunden, bekommen die Christen jetzt zuerst zu fühlen; daS ist das einzige Er- frculiche bei der Sache. Was die sozialdemokra!' scheu Redner tri- Reichstage immer gesagt und die sozialdemokratische esse von vornherein geschrieben, nämlich daß das Selbst- waltungSrecht nur deshalb beseitigt worden sei, um pensionierten 1 flzieren Brotstellen zu schaffen, und nicht, wie es lueß, Vorsorge aii trcsscn, daß nur die persönliche und fachliche Tüchtigkeit bei der Anstellung der Kassenbeamten garantiert sein solle, ist beim ersten Male schon gleich eklatant in die Erscheinung getreten: Der Oberstleutnant bringt keine andere Empfehlung für seinen neuen Beruf mit, als daß er sage und schreibe sechs Wochen tagsüber einige Stunden im städtischen Bureau für Arbeiterversichernng sich umgesehen hat. Von Sach- und Fachkunde kann also keine Rede sein. Man verlangt von diesen militärischen Rendanten noch nicht einmal soviel praktische Uebung, als sie ein Schreib: rlehrling besitzt, und das beweist, daß das von der Regierung und ihren christlichen Handlangern so sehr betonte Fachintercsse nur ein billiger znid gewiß geschickter Borwand für die Durchführung der Absichten der Regierung war. Selbst die erst kürzlich publizierte Verfügung de! Ministers, daß die als Kassen- bcanüL in Frage kommenden Offiziere eine Vorbereitungszeit von mindestens zwei Jahren durchgemacht haben und nachdem eine Abschlußprüfung bestehen sollten, erweist sich nach dem Bochumer Beispiele auch wieder lediglich als ein Beruhigungspulver für den über diese Praktiken empörten Teil dcS Volles; praktisch handelt man anders._ Warnung vor übertriebenen Hoffnungen und Erwartungen! Dattelbäume wuchsen aus dem Kolonialsand im Handumdrehen. Diamanten lagen in Haufen nur so herum, man sah schon Vieh in Millionen Exemplaren prächtigster Qualität herumlaufen, Baumwolle wuchs gleich ballenweise, Tabak beinahe schon fertig gerollt zum Abschneiden eS war doch eine herrliche Zeit um die koloniale Dernburgiade. Heute sieht man die Dinge wesentlich kritischer an. Dafür bietet jetzt wieder einmal die „Vossische Zeitung", der doch sicher nicht koloniale Schwarzseherei nachgesagt werden kann, den besten Beweis. Die Tante Voß schreibt:„An hiesigen zuständigen Stellen ist man weit davon entfernt, zu glauben, daß die deutsche Volkswirtschaft einen dauernden Gewinn aus dem Absatz der deutschen Diamanten ziehen kann.... Es zeigt sich immer mehr und mehr, daß die Lebensdauer der Diamantenminen eine sehr beschränkte ist." Dann wird weiter festgestellt, daß z. B. die Deutsche Diamanten- gesellschaft, deren Anteile zu vier Fünfteln im Besitze der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika sowie zu einem Fünftel im Besitz der Metallurgischen Gesellschaft zu Frankfurt a. Main sind, und die bekanntlich im Süden den größten Felderbesitz belegt hat, die Lebensdauer ihrer Minen auf nur noch acht Jahre er- rechnet hat. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß für einen Teil der im Besitze der Deutschen Diamaniengesellschaft befindlichen Fel- der schon seit zwei Jahren das Schürfen nahezu völlig unrentabel ist. Die im südlichen Diamantengebiete beschäftigten Personen, zirka 350 Farbige und 50 Weiße, müssen direkt von Europa aus versorgt werden, weil es eine Verbindung mit den deutschsüdwcstafrikani- scheu„Städten" überhaupt nicht gibt! Auf den nördlichen Diamantenfeldern sieht es noch viel böser aus! Das ist also schon jetzt ein Jammer zum Steinerweichen. Die fetten Gewinne aus der Dernburgiade stecken schon längst in den Taschen der ganz Klugen._ „Herr, halt ein mit deinem Segen!" Die polizeiliche ReglemcntierungSwut in Preußen hat allmählich einen Umfang angenommen, der schließlich selbst bei der Regierung gewisse Bedenken auslöste. Der preußische Minister des Innern hat nämlich Veranlassung genommen, die nachgeordneten Behörden darauf hinzuweisen, daß es das Bestreben sämtlicher zum Erlaß von Polizeiverordnungen befugten Dienststellen sein müsse, die im Wege der Polizeiverordnung zu regelnden Angelegenheiten ans daS„unbedingt notwendige Maß' zu beschränken. Ferner sind die Regierungspräsidenten beauftragt, sämtliche in ihrem Beziel bestehenden Polizeiverordmmgen in bczug auf ihre Gesetzmäßig« keit, Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit nachzuprüfen und die veralteten Verordnungen auf dein im Z 115 des Landesver- waltungSgesetzes vorgesehenen Wege außer Kraft zu setzen. Um zu ver- hüten, daß lünktighin neuzuerlasiende Polizeiverordnungen als ungültig erklärt werden, sollen sämtliche Entwürfe zu Polizeiverordmmgen zunächst der Aufsichtsbehörde zur Vorprüfung ein- gereicht werden. Bei dieser Prüfung sind auch die in den nicht veröffentlichten Entscheidungen der höchsten Gerichtshöfe enthaltenen RcchtSgrundsätze zu berücksichtigen. Zu diesem Zweck sollen den Provinzialbehörden die Entscheidungen in erweitertem Umfange als bisher zugänglich gemacht werden. Infolge dieser Anordnungen darf erwartet werden, daß die verstärkte Rechtssicherheit bezüglich des Inhalts der Polizeiverordnungen Platz greifen wird. Diese Mahnimg mag ganz gut gemeint sein, aber helfen wird sie nicht viel, dazu ist die Polizei zu sehr von ihrer Gottähnlichkeit überzeugt. Auch ist eS ja gelegentlich die preußische Regierung s e l b st, die sich auf verstaubte Polizeiverordmmgen beruft, um entgegen dem Sinne gesetzlicher Bestimmungen vorgehen zu können l Selsten. Die Brüsseler Wahnsinnstat. Brüssel, 28. Juli. Die Messerstiche, die ein Arbeiter einem Priester versetzt hat, werden von der klerikalen Presse natürlich mit allen Mitteln aufgebauscht. DaS„Attentat" kommt den Wahlrechts- räubern ja auch sehr gelegen. In Wirklichkeit ist der Täter Behl geistesgestört. Er hat eine zehnjährige Zwangarbeitsstrafe auf Guyana abgebüßt. In der letzten Zeit soll er in Brüssel als Maurer gearbeitet haben. In dem Befinden des Abbe F l e u r e t ist eine Wendung zum Besseren eingetreten. Jedoch ist er noch nicht vernehmungs- Die Ministerkrise. Peking, 25, Juli. Die N a t i o n a k v e r s a m m l u ng hat die Abstimmung über die M i n i sie r l i st e auf morgen verschoben. Die Partei TangschaoyiS war gegen jeden Aufschub, augenscheinlich in der Hoffnung, daß die Liste verworfen würde. Zahlreiche Gesellschaften und Parteien haben die Nationalversammlung telegraphisch vor den ge° fährlichen Folgen einer Obstruktion gewarnt. In Versammlungen von Militär- und Polizeivereincn wurden Nesolutionen angenommen, welche � u a n s ch i ka i U n t e.r- st ü tz u n g versprechen und zur militärischen Dilta- tur auffordern, falls die Obstruktion der Versammlung fortdauert. Hus der Partei* ,'Totenliste der Partei. Einen schweren Verlust haben Unsere Parteigenossen in Köln beklagen. Am Donnerstag starb plötzlich am Herzschlage der dortige Rechtsanwalt Eduard Schrammen im Alter von erst 45 Jahren. Tags vorher noch hatte er in einem politischen Prozesse nach glänzendem Plädoyer eine Freisprechung erzielt. Schrammen bekannte sich seit seiner Studentenzeit zimi Sozialismus, war feit anderthalb Jahrzehnten eingeschriebenes Mitglied unserer Partei und stimmte auch bei öffentlichen Wahlen stets für uns. Er war einer der angesehensten, geistvollsten und ersolgrelchsten Kölner Verteidiger. Ten Kölner Genossen wird er unvergeßlich sein. Aus de« Organisationen. Ter Sozialdemokratische Verein für den Wahlkreis Eisenach- Dermbach hielt am Sonntag seine Generalversammlung in Markfuhl ab. Vertreten waren 34 Delegierte aus 25 Orten. Ans dem Bericht des Vorsitzenden ist zw entnehmen, daß die Zahl der Ortsgruppen von 19 auf 25 gestiegen ist. Die Zqhl der Mitglieder stieg von 1243 ans 1583. Darunter befinden sich 133 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Abonnenten der.Thüringer" von 1200 aus 1653. Nach der ReichZiagSwahl hatte die Zahl der Abonnenten annähernd RXW erreicht, lieber die Gründung einer LaiideSzeitimg für das gesamte Großherzogtum referierte Genosse Baudert. Dem Antrag: Vom 1. Januar 1313 eine L a n d e S z e i tu n g heraus« zugeben, wurde nach lebhafter Debatte zugestimmt, lieber den Parteitag in Chemnitz referierte Genosse Leber. Mit der Beitrags- crhöhung erklärte man sich einverstanden, jedoch soll, finanzschwachen Kreisen eine Uebergangszcit zugebilligt werden. Als Vorort wurde Eisenach, und als Kreisvorsitzender Genosse Rnnkiiagel wieder ge- wählt. Zum Parteitag in Chemnitz wurde der'Kaüdlpat des Kreises, Genosse Leber gewählt.__ Eine wohlgrlungene Tewonstiation veranstalteten am Montag» abend unsere Genoffen in dem schönen Ostseebad Kolberg. Dort wird eS den Arbeitern durch ein hohes Bürgerrechtsgeld unmöglich gemacht, den erforderlichen Einfluß auf die städtischen Angelegen- heilen auszuüben. Alle Eingaben an das Stadtverordnetenkollegium und alle Protestversammlungen der Arbeiter waren bisher ohne Erfolg. Die Besitzenden wollten an ihrem Privilegium nicht rütteln lassen und ließen durch ihren Bürgermeister erklären, daß die Stadt auf die(geringfügige) Einnahme auS dem Bürgerrechtsgeld nicht verzichten löiine. Am Montagabend wurde nun im Bade- viertel eine„italienische Nacht" veranstaltet, an der das Bürgertum zahlreich teilnahm. Plötzlich stellten sich auch unsere Genossen dazu ein und eS tauchten an tausend LamgionS auS dem Dunkel der Nacht auf, die alle die Inschrift trugen:„Nieder mit dem Bürger« rechtSgcld!" Die verblüffte Polizei ließ die Demonstranten ge« währen und duldete auch die Rufe:„Nieder mit dem Bürgerrechts- geld I" Es war das Vernünftigste, was sie tun konnte, und so verlief denn die nachdrückliche Demonstration in aller Ordnung. Aus der italienischen Partei. Rom, 24, Juli.(Eig.©et.) Der Partei« orstand und die bissidentcn Abgeordneten. Der Parteivorstand hat an die Sektionen der Wahlkreise, die von rechtsreformistischen Abgeordneten vertreten werden, ein Rund« schreiben gesandt, in dem die Sektionen aufgefordert werden, sofort eine Wahlkreisversammlung einzuberufen, um sich darüber schlüssig zu werden, ob sie ihren Abgeordneten weiter als ihren Vertreter anerkennen wollen oder nicht. Sollten sich Sektionen finden, die den Abgeordneten weiter als ihren Vertreter ansehen, so werden sie als außerhalb der Partei stehend betrachtet und der Parteivorstand wird in den betreffenden Orten sofort an die Gründung einer neuen Parteisektion gehen. Das Rundschreiben ist an die Wahlkreise der vier Ausgeschlossenen— Bisfolati, Bönomi, Cabrini und Podrecca— gesandt worden, und weiter an die Wahlkreise von Giacomo Ferri. Graziadei, Berinini, Dello Sbarba, Merlani, Trapanese, Canepa» Bado- loni, Bertesi und Nofri. ».- Die Konföderation der Arbeit bleibt neutral. Nach längerer Diskussion hat der Ausschuß der Konföderation der Arbeit beschlossen, sich gegenüber den beiden sozialistischen Parteien, die seit dem Parteitag von Reggio bestehen, neutral zu Verhalten, um die Einheit und Einheitlichkeit der gewerkschaftlichen Organi- sationen nicht zu erschüttern. Dieses Votum bedeutet, wie der Sekretär Rigola in einem Interview mitgeteilt hat, daß die Kon- föderation im Falle einer Doppelkandidatur, etwa einer gleichzeitigen Kandidatur Biffolatis und LerdaS, für keinen Kandidaten Partei nehmen würde. Trotzdem soll eS ihr nicht verwehrt sein, gelegent- lich einen Kandidaten der einen oder der anderen Partei im Wahlkampf zu unterstützen. Von Interesse ist, daß von der an- gcdrohten Aufftellung eigener ArbeitSkandidatcn nicht mehr die Rede war. . TrevcS verläßt den„Avanti", Die Nummer des„Avanti" vom 23, Juli bringt die Abschieds- Worte deS Genossen Treves, der, dem Beschluß deS Parteitages ge- maß, das Zentralorgan dem neuen Cbefredakteur, Genossen Giovanni B a c c i, übergibt. In den AbschieoSworten, die sehr herzlich ge- halten sind, schreibt TrevcS, daß sein Schmerz über das Verlassen seiner Kampsstellung durch die frohe Zuversicht gemildert würde, daß sein Nachfolger den begonnenen Kampf kräftiger sortsühren werde. Er hebt dann die begeisterte Einstimmigkeit hervor, mit der sich die ganze Partei um den„Avanti" schart und begrüßt sie als eine Ge- währ des Gedeihens. Schließlich dankt er seinen Mitarbeitern, ent- bietet Freunden und Gegnern seinen Gruß und versichert, daß er auch in anderer Stellung den Kampf für die Sache der Partei und den Sozialismus fortführen werde. V»» der Parteipresse. Die»Nied er rheinische Arbeiter- Zeitung" m Duisburg, die bisher a!S Kopfblatt unseres Essener Parteiorgans erscheint, wird vom 1. Oktober an in eigener Druckerei in Duisburg hergestellt werden. Zum politischen Redakteur wählte eine Kreiskonserenz den bisherigen politischen Redakteur dcS Essener Blattes, Genossen N i e b u h r. Der sozialdemokratische Verein in Stuttgart hielt am Dienstag seine Generalversammlung ab. Westmeher und Bullmer er» statteten die Tätigkeitsberichte. Bei der Wahl der Parteileitung erhielten Stimmen: als erster Vorsitzender We st meyer 949, P f I ü g e r 624; als zweiter Vorsitzender Bullmer 1536; als Schriftsührcr Böhme 940. Die Genossen Sattelmeier, Manz, Schumacher und Genossin Häring erhielten als Beisitzer 843 bis 933 Stimmen. Das Stimmenverhältnis für die übrigen vorge- schlagenen Genossen und Genossinnen schwankte zwischen 548 und 624 Stimmen. Abgegeben wurden 1580 Stimmzettel. Gcmrliidcwahlcrfolg. Bei der am Freitag in Jena statt- gefundenen Geineindcratsersatzwahl wurde, wie u»S tclcphonisch mitgeteilt wird, an Stelle eines verstorbenen bürgerlichen Mitgliedes Genosse H ölletn mit 1862 gegen 1713 Stimmen gewählt. Die Wahlbeteiligung war etwas schwächer als bei der Hauptwahl im November. Damit hält jetzt der 15. Sozialdemokrat seinen Einzug in das Stadtparlamcnt, in dem noch 15 Bürgerliche sitzen. polireUicbes» Seilebtttebea uftv. Höhere Strafe mit der steigenden Instanz. Daß die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren für aussichtslos hält, das Schöffengericht trotzdem zu einer Verurteilung kommt und die Strafkammer als BerusungSinstanz eine noch höhere Strafe verhängt, dürfte selbst in Prenßen-Deutschland nicht alltäglich sein. Den Anlaß gab die Beleidigung eines Dorfpvlizisteii; Polizisten sind bekanntlich meist sehr leicht in ihrer Ehre gekränkt und sie finden — was ebenso bekannt ist— auch ebenso leicht den genügenden Ehrenschutz. Als im fünften schleswig-holsteinischen ReichstagSwahl» kreise die Wahlagitation auf dem Höhepunlt stand, ließ eS auch dem Ortspolizisten Sternberg in Brunsbüttel keine Ruhe, er zog auf Taten aus. Es sollte aber ein großer Schlag sein, den er vollführen wollte. So ging er denn«iueSTageS ohne Auftrag seiner vorgesetztenBehörde in eine sozialdemokratische Wnhlerversammtung, ließ den Vorsitzenden zu sich rufen und erklärte ihm, er werde die Versammlung auslösen, denn die Versammlung sei eine politische Versammlung. Der Vorsitzende war ob dieses Drausgängertums nicht wenig verblüfft, hielt dann aber dem Vertreter deS Gesetzes einen längeren Vortrag über das Reichsvereinsgesetz, über die Folgen, die die Verwirklichimg des Vorhabens für ihn haben könnten usw. Der eindringliche Vortrag kühlte die Hitze des Polizisten wesentlich ab, und er konzentrierte sich auS dem Lokale hinaus, hörte sich aber den Vortrag des Referenten von draußen an und beobachtete aufmerksam alle ein- und auspassierende Personen. Trotzdem der Uebergriff des Polizisten klar zutage lag, wurde gegen den Vorsitzenden der Versammlung, den Genossen Happach, ein Strafverfahren wegen Uebertretung des Reichsvereinsgesetzes eingeleitet, das aber mit Freisprechung endete. Die„Schleswig- H o l st e i n s ch e V o l k s z e i t u» g" hatte das Verhalten des Polizisten glossiert, wodurch dieser sich beleidigt fühlte. Besonders war er empört, daß er in der„Volkszeitung" der„schlaue" Dorf- Polizist genannt wurde. Das Schöffengericht in Kiel verurteilte denn auch den Verantwortlichen. Genossen H. Bielenberg, zu 10 M. Geldstrafe. Das war dem Amtsanwalt aber nicht genug, er legte Berufung«in. In der Verhandlung vor der Ferienstrafkammer in Kiel, die am Mittwoch staltfand, stellte nun der Verteidiger des Angeklagten aps den Akten fest, daß nach Stellung des Strafantrages die Staatsanwaltschaft in Kiel an die Behörde in Brunsbüttel geschrieben habe, ob sie den Strafantrag nicht zurückziehen wolle, denn das Strafverfahren habe wenig Kusficht auf Erfolg. Trotzdem beantragte der Staatsanwalt die Erhöhung der Strafe auf 100 M. DaS Gericht erhöhte die Strafe auf 50 M.. weil der Angeklagte schon mehrfach vorbestraft und die Beleidigung nicht so ganz geringfligiger Natur sei. GcwcrhrcbaftUcbca. Me die ßauunternehmer rüsten. Wieder ist durch Dokumente der Beweis erbracht, welche gewaltigen Anstrengungen die Bauunternehmer machen, um zum nächstjährigen Kampfe im Baugewerbe lückenlos gerüstet zu sein. Nicht nur, daß sie ihre eigenen Reihen schließen, ihre Verbandskassen durch den Wehrschatz stärken, und Private und Behörden, die Bauten ausführen, für die Tarifbewegung im nächsten Jahre zu„interessieren" suchen, sie pressen auch in ihre Reihen, was mit dem Baugewerbe nur sehr lose oder gar nicht zusammenhängt. Besonders die Lieferanten der Bauunternehmer müssen daran glauben. Aber auch die Fuhr- Werksbesitzer, die zufällig einige Baufuhren machen, werden in den Verband der Bauunternehmer gedrängt. Für die Art und Weise, in der die Bauunternehmer dabei vorgehen, sprechen einige Schriftstücke, die der„Leipziger Volkszeitung" zugeflogen sind. Das erste lautet: „Verband der Bauarbeitgeber in Leipzig u. Umg., j. P. 12. Juni 1912. An die geehrten Mitglieder! Lieferanten. Mit dem borigen Rundschreiben hatten wir jedem Mitgliede eine Anzahl Beitrittscinladungen für Lieferan-' tcn zugesandt und gebeten, sie zu unterschreiben und den Herren Lieferanten zuzuschicken. Wir hoffen, daß die geehrten Mitglieder dies getan haben.— Soweit es noch nicht geschehen sein sollte, bitten wir, die Briefe umgehend abzusenden. Wir machen darauf aufmerksam, daß es sich empfiehlt, sich nicht nur an die Bau- Materialien-, Holz-, Trägerhändler, Ziegler usw. zu richten, son- dern auch an die Sandwerke und Fuhrwerksbesitzer, mit denen die Mitglieder in Geschäftsverbindung stehen.— Wir legen noch einige solcher Schreiben bei und senden auf Wunsch gern noch weitere zu. Um einen Ueberblick über die Werbearbeit zu ge- Winnen, bitten wir, uns die Namen der aufgeforderten Firmen mitzuteilen. Polierverträge. Die in unserer Hauptversammlung beschlösse- nen Vordrucke zu Anstellungsverträgen für Poliere sind noch- mals mit dem Polierverein besprochen und von diesem anerkannt worden.— Es sind zweierlei Verträge ausgearbeitet worden: solche für Stundenlohn und solche für Wochenlohn. Vertrags- Muster sind bei unserem Geschäftsamte zu haben. Es steht nunmehr dem Abschlüsse von Einzelverträgen nichts mehr im Wege. Wir bitten die geehrten Mitglieder, etwaigen Wünschen ihrer Poliere auf Vertragsabschluß entgegenzukommen. Der Vorstand." Das an die Lieferanten usw. zu schickende Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Ich beehre mich, Ihnen ergebenst mitzuteilen, daß der Ver- band der Bauunternehmer seine Satzungen dahin abgeändert hat, daß, wie anderwärts, auch bei uns Lieferanten Mitglieder des Verbandes werden können. Sie werden gewiß diese Ihnen willkommene Gelegenheit er- greifen, mit den Mitgliedern des Verbandes der Bauarbeitgeber dauernd in nähere Berührung zu kommen und so die guten Be- Ziehungen zu den Verbandsmitgliedern zu pflegen und zu er- weitern. Wenn Sie der Angelegenheit Interesse entgegenbringen, so bitte ich Sie, die Satzungen, die im Gefchäitsamte unseres Ver- bandes, Hohe Straße Sa l, ausliegen, einzusehen und dort Ihren Beitritt erklären zu wollen. Hochachtungsvoll!...........* Diese freundliche Aufforderung wird natürlich ihren Zweck nicht verfehlen, denn schließlich wollen doch die Liefe- ranten ihre Lieferungen nicht verlieren. Damit aber die Mitglieder des Bauunternehmerverbandes in der„Gc- winnung" neuer Mitglieder auch recht eifrig sind, hat der Vor- stand noch ein weiteres Zirkular versandt, nämlich den Ab- druck eines Artikels aus dem„Grundstein": Lohnpolitik (Nr. 24 des„Grundstein"), dem folgendes Begleitschreiben beigefügt ist: „Verband der Bauarbeitgeber Leipzig u. Umg. D r e s d e n- A., den 28. Juni 1912. - Grunaerstr. 45. Sehr geehrter Herr Kollege! Anliegend übersenden wir Ihnen einen sehr interessanten Ar- ttkel aus dem„Grundstein", der zu denken gibt. Lesen Sie ihn — lesen Sie ihn zwei- und dreimal. Merken Sie sich den Inhalt, beachten Sie das, was hierin ganz ungeschminkt zum Ausdruck kommt, damit Sie gegebenenfalls wissen, was Sie zu gewärtigen haben und wie Sie handeln müssen. Obwohl uns die Lohnpolitik der Arbeitnehmer-Organisatio- nen immer klar bekannt gewesen ist, so ist dies doch niemals so offen ausgesprochen worden als hier. Wer angesichts dieser Anschauungen nicht die Ueberzeugung gewinnt, daß nur im festen Zusammenschluß der Arbeitgeber der wirksamste Schutz der eigenen Interessen liegt, wer dies nach Lesen dieses Artikels nicht einsieht, dem ist nicht zu helfen. Sehr geehrter Herr Kollege! Sorgen Sie für Verbreitung dieses Lohnprogramms in Ihrem Kreise, machen Sie nicht allein Ihre Verbandskollegen, sondern vor allem auch diejenigen Arbeit- geber, die noch unseren Verbandsbestrebungen fernstehen, aufmerk- sam auf die Gefahren, die uns bei Befolgung dieser Lohnpolitik drohen. Namentlich richten wir unsere ernste jN�bnung an alle Kol- legen der Landbezirke. Dieser Artikel des„Grundstein" mutz ihnen die Augen öffnen und muß ihnen zeigen, wohin es führt, wenn zahlreiche Arbeitgeber noch länger abseits stehen. Sie wissen jetzt, wie Sie sich auf die Lohnpolitik der Gewerk- , schaften einzurichten haben. Mit kollegialer Hochachtung Bezirls-Arbeltgeberverband für das Baugewerbe im Königreich Sachsen. Der Vorstand: G u st a v K i r st e n, stellvertretender Vorsitzender." Dieser Appell an die Geldbeutelinteressen der Bauunter- nehnier wird natürlich seine Wirkung nicht verfehlen..Die Lieferanten werden„gern und willig" dem Verbände bei- treten und diesen so finanziell stärken und aktionsfähiger machen. Sind sie dann Mitglied, so müssen sie sich den Be- schlüssen fügen, unter denen natürlich die Materialsperre an Außenseiter obenan steht. Für die Bauarbeiter aber ist die fieberhafte Tätigkeit der Unternehmer eine erneute Mahnung, den letzten Mann heranzuholen, um die eigene Organisation zu einer unüberwindlichen Kampfkolonne zusammenzu- schweißen. Denn der Organisation der Bauarbeiter gilt der Kampf im nächsten Jahre!_ Verlin und Cinigcgcnd. Die Dachdeckeraussperrnng in Berlin. ist den Unternehmern sehr vorbeigelungen. Am Freitag, an dem die Aussperrung vorgenommen wurde, hatten 17 Firmen 82 Dach- dccker ausgesperrt. Wenn nun auch in den nächsten Tagen die Zahl der Ausgesperrten etwas steigen sollte, so wird sie doch bei weitem nicht 700 bis 800 erreichen, wie die Unternehmer verkünden ließen. Montag und Dienstag haben Verhandlungen stattgefunden, und die Unternehmer machten in bezug auf Regelung der Löhne und der Arbeitszeit bestimmte Zugeständnisse, die zur Einigung auf einen Tarifvertrag führten. An den Beratungen haben die Mörtelwerks- besitzer Tabbert, Weidner, Buggenhagen und der Direktor Pernet der Vereinigten Berliner Mörtelwcrke sowie der Vorsitzende der Ber- liner Fuhrherren-Zentale, Beck, teilgenommen. Die Bestimmungen über die Regelung der Löhne und der Ar- beitszcit lauten nach der getroffenen Uebereinkunft in dem Tarif- vertrage: Der Arbeitslohn beträgt für Kutscher, welche Zwei- Kubikmeterwagen fahren, 31 M. pro Woche netto ohne Abzug und zwar bis zum 30. Juni 1913. Vom 1. Juli 1913 bis zum 30. Juni 1915 32 M. pro Woche netto ohne Abzug bezahlt. Für Kutscher, welche Drei-Kubiimeterwagen fahren, beträgt der Lohn 34 M. pro Woche netto ohne Abzug und zwar bis zum 30. Juni 1913; vom 1. Juli 1913 bis zum 30. Juni 191S werden 36 M. bezahlt. Für Kutscher, welche Lohngespanne fahren, beträgt der Lohn 34 M. resp. 35 M. für die gleiche Zeitdauer wie eben angegeben. Stall- leute erhalten 30 M. resp. 31 M., Kalksandsteinkutscher 31 M. resp. 32 M. in gleicher Weise. Ueberstunden kosten 00 Pf. pro Stunde. Für Ueberlandtouren über 25 Kilometer Entfernung von der Be- triebsstätte erhalten die Kutscher ein Spcsengeld von 1,50 M. pro Tag. Für Nachttouren wird 1 M. Zuschlag bezahlt. Nach Möglich- keit soll jeder Kutscher jeden dritten Sonntag oder Feiertag völlig frei haben.— Die Arbeitszeit beginnt im Sommer früh um 5 Uhr und endet in allen Betrieben abends um IMt Uhr; im Winter(1. No- vember bis 31. März) dauert die Arbeitszeit von früh um 6 Uhr bis abends um 6 Uhr; für Pausen sind 2 Stunden zu bewilligen. Die im„Englischen Garten" versammelten Kutscher erklärten sich mit diesen Zugeständnissen einverstanden. Nach Erledigung der notwendigen Formalitäten werden also die Kutscher der Mörtel- werke nach den neuen Tarifbedingungen arbeiten. Der Streik der Kellner im Bbauereiausschank der Löwen- brauerei. Ecke Bad- und Hochstraße, dauert fort. Als Raus- reißer arbeitet neben dem Gastwirt Borchardt vom„Hohen- zollerneck" in Reinickendorf ein Bureauangestellter der Löwen- brauerei. Die Polizei, die zeitweise sechs Mann hoch zum Schutze der Arbeitswilligen auf der dem Verkehr dienenden Straße stand, ist äußerst nervös. Selbst Kinder, die nur einen Moment sich in der Nähe des Lokals aufhalten, werden energisch zum Weitergehen aufgefordert._ Zur Zigarrenarbeiterbeiterbewegung von Groh-Berlin. Am 25. Juli tagte in Hankes Etablissement in Niederschöne- weide eine Versammlung der Zigarreninteressenten von Nieder- schöneweide, die nach lebhafter angeregter Debatte folgende Reso- lution zur Tarifbewegung der Zigarrenarbeiter annahm: Die Versammlung beschließt, den schwer um eine Verbesserung ihrer Lage kämpfenden Tabakarbeitern bei ihrem Bestreben nach einem Lohntarif in jeder Weise Vorschub zu leisten. Sie ver- pflichtet sich des ferneren, Geschäftsbeziehungen nur mit solchen Zigarrensirmen zu unterhalten, die mit der Organisation der Zigarrenarbeiter, dem Deutschen Tabakarbeiterverband, den Lohn- tarif eingegangen sind. Der Verlauf der Versammlung gab wieder einmal Beweis da- von, daß bis weit in die Kreise der Händler und Geschäftsleute hin- ein das Gefühl herrschend ist, daß man der Konkurrenz der Hunger- löhne in Süd- und Ostdeutschland ein Halt zurufen müsse. Mögen auch die Konsumenten, in der Hauptsache die organisierte Arbeiter- schaft, dessen eingedenk sein! Arbeiter, Parteigenossen, fragt überall bei Euren Zigarreneinkäufen, bei Gastwirten, Händlern, in Kantinen usw. nach den grünen Plakaten, die nur dann echt sind, wenn sie unterschrieben sind mit Alwin Schulze. veutkcbes Reich. Gelber Terror! Das A und O der gelben Agitation und das liebe tägliche Brot der brünstig nach einem Zuchthausgesetz sttebcnden Ausbeuter ist bekanntlich der„Terrorismus" der Sozialdemokratie oder der freien Gewerkschaften. Dabei ist der sauberen scharfmacherischen Kumpanei nur zu gut bekannt, daß ihr eigenes Sündenkonto hinsichtlich Bruta- lisierung der Arbeiter schwer belastet ist, ja, daß ihr Geschrei nur dazu dienen soll, die Taten eigenen schmutzigsten Terrors zu be- mänteln. Was auf diesem Gebiete alles geleistet wird, dafür möge als Beweis ein Schriftstück des ganz und gar in Unternehmer- diensten stehenden gelben Werkvereins der chemischen Firma Th. G o l d s ch m i d t in Essen dienen, worin dieser auf seine Art Mitgliederwerbung treibt: Werter Kollege! Sie haben soeben Ihre Arbeit bei der Firma Th. Goldschmidt begonnen. Da wir schon seit langem hier tätig sind, konnten wir genügende Erfahrungen über Arbeits- und Lohnverhältnisse auf diesem Werke sammeln. Deshalb wird Ihnen unsere Ansicht von Wert sein. Es ist ein durchaus richtiges Streben der Arbeiter, sich zu organisieren, um als ein geschlossenes Ganze mit Wünschen an die Arbeitgeber heranzutreten. Die Streikgcwerkschasten, d-ie bis- her die Wünsche der Arbeiter vertreten wollten, haben sich hierzu als ganz ungeeignet erwiesen, da sie durch ihr ungeschicktes und gehässiges Vorgehen sich den Weg zur Direktion versperrt haben. Zudem nehmen die Strcikgewerkschaften hohe Beiträge, die Woche 50 Pf. bis 1 M. Schließlich versuchen sie gar noch, die Arbeiter in aussichtslose Streiks hineinzuhetzen; sie rauben ihnen dadurch die Arbeitsstelle und bringen in ihr Familienleben Unruhe und Not. Wir Unterzeichneten haben uns mit gleichdenkenden Kollegen zu einer anderen Gewerkschaft, einem Werkvcrein, zusammen- geschlossen, der die geschilderten Fehler der Streikgewerkschaften glücklich vermieden hat. In friedlichem Einvernehmen verhandeln wir mit der Firma über Arbeitcrwünsche. Wir haben noch immer einen Weg zur Leitung des Werkes gefunden. Da wir nichts unmögliches fordern, haben wir uns bisher immer über Verständnis und Entgegenkommen bei der Werksleitung freuen können. Außerdem unterstützt die Firma eine Reihe wertvoller Wohlfahrtseinrichtungen des Wcrkvereins. Wenn Sie also Wert darauf legen, längere Zeit auf dem Werke zu bleiben und sich bei Ihrer Arbeit auch wohl zu fühlen(l), dann schließen Sie sich am besten dem Werkverein an, dessen Ziele Sie aus der beiliegenden Drucksache erkennen können. Weitere Auskünfte werden Ihnen unsere Vertrauensleute geben, die sich an den nächsten Tagen an Sie wenden werden. Hochachtungsvoll Der Vorstand des Werkvereins Th. Goldschmidt.' Bayer, Balz, Görg, Baulecke, Brünning, Brodda, Schimansky. Das ist deutlich! Wenn der frisch zur Arbeit auf der Giftbude zugelassene Mann nach Empfang des Briefes seine Beschäftigung fortsetzen und sich zunächst nicht der gröblichsten Schikane und Hetze durch die Gelben aussetzen will, dann schließt er sich am besten dem gelben Werkverein an! Brutaler und unverschämter kann der gelbe Terror wohl nicht ausgeübt werden. Die Verfasser des mit Schreib- Maschine hergestellten Schriftstückes wußten wohl, daß die Auf- zählung der gelben Herrlichkeiten das Opfer nicht mürbe machen würde, deshalb suchten sie die ihnen vom Unternehmer freundlichst zur Verfügung gestellte Hungerpeitsche hervor. Wenn die Scharf- machermeute mit ihren Ausnahmegesetzen wirklich hervorkommen sollte, dann wird ihnen neben anderem auch dies Schanddokument gebührend unterbreitet werden! Ein Streik der Rohrleger und Hilfsarbeiter ist am Donnerstag in Breslau ausgebrochen. Es wird der Abschluß eines Tarif Vertrages auf folgender Grundlage gefordert: 91hstündige Arbeits zeit, Mindestlohn für Monteure 02 Pf. und vom 1. Juli 1913 ab 05 Pf., Hilfsarbeiter sollen 42 bezw. 45 Pf. Stundenlohn erhalten. Für Ueberstunden wird ein Aufschlag von 25 und 5V Proz. gc- fordert, für Arbeiten in Kloaken, Grundleitungen ein solcher von 10 Pf. pro Stunde. Die Innung will vorläufig von dem Abschluß eines Tarifvertrages nichts wissen. Bis auf vier Firmen, die den neuen Tarif bereits anerkannt haben, ruht in allen Geschäften die Arbeit. Am Ausstand sind ungefähr 350 Arbeiter beteiligt, die fast ohne Ausnahme im Mctallarbeitcrvcrband organisiert sind. Ausland. Berichtigung. Unserem Berichterstatter über den Generalstreik in Zürich ist eine unangenehme Personenverwcchselung passiert. Er führte unter den ausgewiesenen Vorstandsmitgliedern der Arbeiterunion Zürich u. a. einen Peter L o r s ch e i d t an, unter den ausgewiesenen Berufsstreikbrechern den Maler A. Wegen er. Tatsächlich ist es umgekehrt. W e g e n e r ist Vorstandsmitglied der Arbeiterunion, L o r s ch e i d t einer der Berufsstreikbrecher. Daß beide ausgewiesen wurden, stimmt.— Es ist uns natürlich peinlich, daß unserem Berichterstatter diese Verwechselung passierte. Wir konnten von Berlin aus die Sache aber in der kurzen Zeit vor der Aufnahme nicht nachkontrollieren, um etwaige Irrtümer auszu- merzen. Im übrigen ist uns der berichtcrstattende Genosse als zu- verlässig bekannt._ Allgemeiner Ausstand im Hafen von Genua. Rom, den 24. Juli 1912.(Eig. Ber.) Alle Hafenarbeiter des Hafens von Genua haben am 24. d. M. die Arbeit niedergelegt als Protest gegen das ungesetzliche Verhalten der Unternehmerschaft, die die Schauer- und Stauerarbcitcn im Warenhafen unter sich hat. Der Hafen von Genua wird bekanntlich von einem königlichen Konsortium verwaltet, das natürlich darauf hinarbeitet, die Dienste im Hafen möglichst rationell zu gestalten, und also die an der Pro- duktion nicht beteiligten Zwischcnpersonen auszuschalten. Es be- steht jetzt die Absicht, das Löschen und Befrachten der Handelsschiffe direkt den Arbeitergenossenschaften zu übergeben, wodurch alle Unternehmer auf diesem Gebiete überflüssig werden würden. In Erwartung dieser Maßnahme suchen nun die Unternehmer das Konsortium und die Arbeiterschaft in jeder Weise zu reizen und in ihren Verrichtungen zu stören. Am 23. d. M. erklärten ihre Agen- ten, sie würden die Arbeiter nicht nach dem vom Hafenreglement angegebenen Turnus anstellen, sondern sich die Schauerleute aus- suchen, die ihnen paßten. Außerdem zogen sie 150 Nichtorganisierte Arbeiter zu den Löscharbeiten auf den Schiffen zu. Als dies be- kannt wurde, berief die Arbciterkammer von Genua alle Ausschüsse der Organisationen der Hafenarbeiter und diese beschlossen ein- stimmig, den Generalstreik zu proklamieren. Heute ruht deshalb die Arbeit in dem größten italienischen Handelshafen vollkommen. Die Zahl der Streikenden beläuft sich auf mehr als 8000, eine trefflich organisierte und tampftüchtige Arbeiterschaft. letzte Nachndrtcn. Ein Kampf zwischen Eingeborenen bei Elkfar. Paris, 26. Juli. Aus Elkfar wird unter den 24.- d. M. gemeldet: Der Stamm Ali Scherif hat sich geweigert, Steuern zu bezahlen. Infolgedessen sandte Raisuli 300 Mann gegen ihn, die mit den Leuten des GebigSstammeS bei Soakhuis Vudjian zu- sammenstießen. Es entwickelte sich ein Gefecht, das seit gestern dauert. Die Leute Raisulis hatten etwa 30 Tote. Spanische Truppen unter dem Befehl des Obersten Sylvestre und die Kamel- reitettruppe sind nach dem Kampfplatz abgegangen. Ende der chinesischen Ministersuche. Peking, 26. Juli.(W. T. B.) Die Nationalversammlung beriet heute die zweite von Uuanschikai für die Bildung des Kabinetts eingereichte Liste der Ministerkandidaten und bestätigte fünf von ihnen. Einer der in Vorschlag Gebrachten, ein Mitglied der südchinesischen Tungmenhui-Partei, wurde abgelehnt. Chinesen und Ausländer betrachten das Ergeb- nis als Triumph für Duanschikais. Die eine Ablehnung wird als unwichtig angesehen. Die drohende Krisis ist dadurch vermieden. Eine Tarifbewegung der Mörtelkutscher. Die Kutscher der Mörtelwerke versammelten sich am Donnerstagabend im„Englischen Gartcn"> wo Otto S ra" k f und A. Werner vom Deutschen Traiesportarbeiterverband Bericht er- statteten über den Verlauf der eingeleiteten Tarifbewegung. Am!------„——,„_„„---------_-__--_____________■___ Verantw. Redakteur: Ulbert Wachs, Berttn. Inseratenteil veräntw.� xh.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. ul Verlagsanstast PaulSingerä:Co..BerlinSW. Hierzu i Beilagen u. Unterhaltungsbl. Die brandstiftenden Suffragetten. London, 26. Juli.(P.-E.) Bei der Konfrontierung der Zeugen mit der am letzten Dienstag verhafteten bekannten englischen Komponistin und Fllhrerin der englischen Frauenrechtlerinnen- bewcgung, Dr. Ethel Smyth, die verdächtig war, sich an dem Versuche, das Haus des Staatssekretärs der Kolonien, Harcourt, in Nunham anzuzünden, beteiligt zu haben, gelang es nicht, die Identität der Verhafteten mit der Täterin festzustellen. Dagegen wurde die Sufragettenführerin Helen Cragg unter der An» schuldigung verhaftet, an dem Anschlag beteiligt zu sein. Aus der widerrechtlichen Haft entlassen. Brüssel, 26. Juli.(W. T. B.) Die am 12. Juli in Antwerpen verhafteten Vorstandsmitglieder der Gewerk- schaft der Seeleute, die versucht hatten, Arbeitswillige von einigen Reederfirmen fernzuhalten, sind heute aus der Hast e n t» lassen._ Durch elektrischen Strom getötet. Aurich, 26. Juli.(H. N.) Ein schweres Unglück ereignete sich im Auricher Wiesmoor. Infolge Reißens des elektrischen Leitungs- drahtes wurden sechs Mann der Gesangenenabteilung, die im Hoch, moor beschäftigt waren, vom elektrischen Strome getroffen. Einer der Gefangenen, ein verheirateter Mann, war augenblicklich tot, die fünf anderen erlitten schwere Brandwunden. Während der Aufregung gelang es zwei anderen Gefangenen aus- zubrechen._ Verhaftung eines Betrügers. Wien, 26. Juli. fP.°C.) Der wegen verschiedener Betrüge. reien von der Polizei Berlins und Zürichs verfolgte Kaufmann Stephan Fasura wurde heute hier in einem Nachtquartier entdeckt und verhaftet. Großfeuer in Madrid. Madrid,- 26. Juli.(P.-C.) Eine riesige Feuersbrunst zer- störte heute morgen sieben Wohnhäuser, wodurch 13 Fami- lien obdachslos geworden sind. Das Feuer brach in einem Stall. gebäude aus und verbreitete sich mit so rasender Schnelligkeit, daß es den sofort herbeieilenden Löschmannschaften nicht gelang, den Brand auf seinen Herd zu beschränken. Durch eintretenden Wassermangel gestalteten sich die Löscharbeitcn besonders schwierig. Ein Feuerwehrmann und ein Polizist erlitten schwere Brandwunden. Der Schaden wird auf etwa 600 000 Pesetas geschätzt.__ Fischkutter mit 11 Mann untergegangen. Akureyri(Island), 26. Juli.(W. T. B.) Der in Jsafjord beheimatete Fischkutter„Silden" ist untergegangen. Die aus elf Mann bestehende Besavung ist ertrunken. Die Eholcra in Rußland. Witebsk, 26. Juli.(W. T. B.) Hier sind zwei Cholcrafälle festgestellt worden. Einer von ihnen verlief tödlich. Nr. 173. 29. Zahrga«s. t. WIM des Jotiuiirtä" Kerlmr IsIMIiitt Zoanabeud, 27. Juli 1912. 5. Nerbandstug der Taptzierer. Köln. 2S. Juli. 4. Verhandlungstag. Heute wurden zunächst die Anträge zur Verschmelzungsfrage behandelt. Diese verlangen 1. daß der Vorstand beauftragt wird, mit dem Vorstand des Holzarbeiterverbandes zwecks Verschmelzung in Verbindung zu treten; 2. daß eine Urabstimmung über den An- schlutz vorgenommen wird. Die Begründer und Befürworter dieser Anträge halten eine Verschmelzung mit den Holzarbeitern für ge- boten, sie könne nur von Vorteil für die Kollegen sein. Bei Lohn- bewegungen seien die Tapezierer von den Holzarbeitern oft ab- hängig. Die Agitation könne viel wirksamer bei einem Zusammen- schlusi betrieben werden. Die Arbeitgebervcrbände würden sich immer mehr zu großen Verbänden zusammenschließen— so müßten sich auch die Arbeiterorganisationen zu großen Jndustrieverbänden vereinigen. Die Kämpfe würden umfangreicher und heftiger, da könnten die kleinen Verbände nicht mehr gut standhalten. Die Gegner einer Verschmelzung, die in der überwiegenden Mehrheit sind, betonten, es liege keine Notwendigkeit für eine Ver- schmelzung vor. Der Verband habe gezeigt, daß er noch sehr gut aktionsfähig ist. Als Hemmnis für eine Verschmelzung wurden auch die hohen Lokalbeiträge bei den Holzarbeitern bezeichnet. Genosse Robert Schmidt- Berlin stellte einige irrige Be- hauptungen über die Einrichtungen des Holzarbeitcrverbandcs richtig. Es sei falsch, daß im Holzarbcitcrvcrband die Branchen sich ungünstiger stellten wie in ihrem früheren Verband. Die Einzel- interessen und die Berufslage würden im großen Jndustrievcrband ebenso berücksichtigt wie in der kleinen Organisation. Unrichtig sei die Behauptung eines Redners, daß die Unterstützungen bei dem Holzarbeiterverband geringer sind wie im Tapeziererverband. Es ergebe sich bei beiden Verbänden ungefähr die gleiche Unterstützungs- quote. Schmidt wies noch darauf hin. daß das Streben in den deutschen Gewerkschaften dahingehe, sich zu großen Jndustriever- bänden zusammenzuschließen. Voraussetzung für eine Ver- schmelzung müsse natürlich sein, daß die breite Masse der Mit- glieder für diese eintritt. Berbandsvorsitzender S p l i e d t erklärte, der Vorstand sei Nicht prinzipiell gegen eine Verschmelzung, sondern aus rein taktischen Erwägungen heraus. Den Verband dränge zurzeit nichts zu einem Anschluß. Die Tapezierer seien nicht so eng mit den Holzarbeitern verbunden wie die sich dem Holzarbeiterverbande angeschlossenen Branchen. Bei der Abstimmung stimmten für den Antrag, daß der Vorstand zwecks Verschmelzung in Unterhandlung mit dem Vor- stand des Holzarbeiterverbandcs trete, nur 3 Delegierte; der Antrag ist also abgelehnt. Der Antrag auf Vornahme einer Urab- stimmung wurde dadurch als erledigt erklärt. Nach dem Vorschlag einer Kommission beschloß hierauf der Ver- bandstag, die Beiträge der Beamten für die Privat- beamtenversichcrung voll zu übernehmen. Der Beitrag zur Unterstützungsvereinigung wird auch künftig zur Hälfte vom Verband getragen. Das Anfangsgehalt der Lokalbeamten wird sab t. Januar 1913) auf 2049 M. festgesetzt, jährlich um 69 M. steigend bis zu 2499 M. Der Vcrbandstag trat dann in die Statutenbcratung ein. Bei Behandlung der Anträge zur Beitragsfrage wurde in namentlicher Abstimmung mit 38 gegen 8 Stimmen beschlossen, keine Beitragserhöhung vorzunehmen. Ferner wurde beschlossen, sämtliche Anträge, die eine Erhöhung der Unterstützung verlangen, dadurch als erledigt zu erklären. Dem Hauptvorstand und Ausschuß wurde das Recht zugesprochen, falls eine zeitweilige Beitragserhöhung notwendig ist— bei Streiks usw.— eine zeit- weiliae Erhöhung des Wochenbcitrages anzuordnen. Mehrere Anträge verlangten, eine besondere Beitrags- klaffe für Lehrlinge einzurichten. Dagegen wandte sich das Vorstandsmitglied Becker. Er begründete zur Lehrlings- frage folgende Resolution, die mit großer Mehrheit angenommen wurde: Der fünfte Verbandstag der Tapezierer und verwandte Berufsgenossen Deutschlands bringt die Resolution des vierten VerbandstageL, die Lehrlingsfrage betreffend, in Erinnerung. Der Verbandstag macht es den Verbandsmitgliedern und den Filialverwaltungen erneut zur Pflicht, sich energisch der Lehrling« anzunehmen. Wir müssen die Lehrlinge als künftige Kollegen unter unseren besonderen Schuh stellen. Jedes Mitglied, wi? überhaupt jeder Kollege mutz es deshalb als seine ernste kleines feuilleton. Vom Hygienikerkongreß. Tie 12. JahreSvcrsammmlung deS englischen Instituts für öffentliche Gesundheitspflege, die gegen- wältig in Berlin tagt, beriet am Freitag in fünf Sektionen. In der Sektion für Staatsorzneikunde hielt Oberarzt Dr. Konrich einen viel beachteten Vortrag über die Verwendung des O z o n S in der Lüftung. Er wies darauf hin, daß die Ansichten weiter Kreise, wo- nach Ozon ein für die Gesundheit wertvoller Bestand- teil der Luft sei, vollkommen falsch sei. In Wirklichkeit sei eS nur deshalb unwirksam, weil die reine Luft nur sehr geringe Mengen Ozon enthält. Aber Ozonapparate zur Luftverbesscrung von Wohnräumen zu benutzen sei ganz falsch. Ozon sei ein giftiges GaS und könne, wenn es in größeren Mengen vorkomme, sogar Vergiftungen hervorrufen. Die Ozonisierung von Theatern und Konzerträumen sei daher besser zu unterlassen, weil Ozon die Lust nur parfümiere, während die Ventilation allein gute Luft schaffe. Am stärksten besucht war die Sektion für Kinderheilkunde und Schulhygiene, in der der Generalsekretär deS Deutschen Zentral» komiiees zur Bekämpfung der Tuberkulose Professor Dr. N i e t n e r- Berlin über die Tuberkulosebekämpfung unter den Schul- lindern sprach und Stadtschulrar Dr. N e u f e r t- Char- lottenburg in großen Zügen ein Bild von der Charlottenburger Waldschule cniwarf. Von den 25 999 Schulkindern CharlottenburgS finden etwas über 1 Proz. Aufnahme in die Wald- schule, während außerdem etwa 6 Proz. aller Schüler alljährlich einen Monat in Ferienkolonien geschickt werden. 1919 hat der Char- lottenburger Magistrat auch eine höhere Waldschule eingerichtet, in der jedes Kind auf Wunsch seiner Eltern Aufnahme findet, sofern pro Tag für jedes Kind inklusive Beköstigung 2 M. entrichtet werden. Der Gesamtausenthalt eines Kindes in dieser Waldschule während deS Sommersemesters kostet demnach 259 M. Für 29 Proz. der Schüler gewährt die Stadt Charlotteuburg jedoch Freischule und freie Beköstigung. Die Sektion für Städtebau. Architektur und Jngenieurwesen zog Berliner Verkehrsfragen in den Kreis ihrer Erörterungen. Regie- rungsrat a. D. K e m m a n n gab ein Bild aller Berliner Verkehrs- Verhältnisse. Im Anschluß daran führte der Präsident der Sektion Chefingenieur P. C. Cowan aus, daß er am Tage vorher eine Rund- fahrt durch die Berliner Vororte unternommen habe. Dabei sei ihm auf- gefallen, daß in der Anlage der Straßen die Häuser eng Haus an Hau« gebaut seien und daß so gut wie keine freien Plätze vorhanden wären. Die Lust, in die Vororte hinauszuziehen, würde durch eine solche Straßenanlage naturgemäß vennindert.— Mittags wurden die Verhandlungen abgebrochen und auf Sonnabend vertagt. Pflicht betrachten, den Lehrlingen in jeder Beziehung als Berater und Helfer zur Seite zu stehen. Besonderen Wert müssen die Kollegen auf die Art des Umgangs mit den Lehrlingen legen. Ihr Verhalten sei ge- setzt und wohlüberlegt. Große Aufmerksamkeit müssen die Kollegen darauf ver- wenden, daß die fachliche Ausbildung der Lehrlinge eine m ö g l i ch st gute ist. Wo die Filialen fachgewerbliche Kurse abhalten, soll den Lehrlingen die Teilnahme unentgeltlich gestattet sein. Eine dringende Aufgabe ist die Aufklärung der Lehrlinge über die Gefahren der Staubarbeit und die dadurch hervorgerufenen Berufskrankheiten. In Orten, wo eine größere Anzahl von Lehrlingen beschäftigt ist, kann nach Bedarf eine Kommission gewählt werden, welcher die Aufgabe zuzuteilen ist, den Lehrlingen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Insbesondere soll die Kommission dafür sorgen, daß die Lehrlinge an den Veranstaltungen der örtlichen Bildung?- ausschüsse und der Jugendorganisation teilnehmen. Eine besondere Lehrlingsklasse im Verband einzurichten, lehnt der Verbandstag aus praktischen Gründen ab. Bezüglich örtlicher Zuschüsse zu allgemeinen Unter- stützungen wurde bestimmt, daß diese nur insoweit gestattet sind, als die Mittel hierfür besonders aufgebracht werden und die Jahres- ausgab« 5 Pf. pro verkaufte Beitragsmarke nicht übersteigt. Bei einer Beteiligung an einer staatlichen oder kommunalen Arbeits- losenversicherung können Ausnahmen zugelassen werden.— Bei Krankheitsfällen bis zu fünf Wochen ist das unterstützungsberechtigte Mitglied vom Beitrag befreit. Gegen wenige Stimmen wurde nach einer Vorstandsvorlage die Einführung einer Umzugs- Unterstützung beschlossen. Die Unterstützung beträgt 29 bis 65 M. je nach der Dauer der Mitgliedschaft und der Entfernung. — Zur Stärkung der Hauptkasse wurde gegen 2 Stimmen ein Vorstandsantrag angenommen, nachdem die Filialen künftig anstatt 12 Pf. nur noch 19 Pf. pro verkaufte Beitragsmarke er- halten. Zur Maifeierfrage wurde beschlossen, daß Kollegen, die anläßlich der Maifeier ausgesperrt werden und keine Unterstützung durch örtliche Maifeierfonds erhalten, bis zur Dauer von 6 Wochen nach dem Streikreglement unterstützt werden, wenn in den be- treffenden Betrieben Dreiviertel der Beschäftigten organisiert sind und der Maifeierbeschluß von Zweidrittel der Mitglieder gefaßt wurde. Die bisherigen angestestellten Verbandsfunktionäre wurden ein- stimmig wiedergewählt. Der Ausschuß bleibt in Hamburg. Als Delegierte zum nächsten Gewerkschaftskongreß wurden Becker- Berlin, H a r t m a n n- München und M e y n- Hamburg gewählt. Damit waren die Arbeiten des VerbandStageS beendet. Der nächste Verbandstag findet 1915 in Leipzig statt. � Jugendbewegung. Bürgerliche, Jugendpflege". In der ultramontanen.Westdeutschen Lehrerzeitung' berichten zwei katholische Lehrer über ihre Ersahrungen in der amtlichen Jugendpflege. ES heißt da. die Hauptsache bei der ganzen Jugendpflege sei nur das Bestreben, von dem Millionen- fonds möglich st viel herauszuschlagen:„Dann ist die Jugend der Industriestadt wohlbehütet, das Vaterland aeretiet, die Sozialdemokratie mauietot." Der eine der Artikelschreioer schildert mit bemerkenswerter Offenheit d i e S ch ä d e n, die die bürgerliche Jugendpflege anrichtet:.Unsere Jugend wird totgepflegt, er- drückt vor lauter Pflege, wie es so häufig von den Eltern, besonders von den Müttern geschieht, die dem Affenweibchen nicht viel nachstehen. Betrachten wir die so gepflegte Jugend unserer Tage doch einmal in ihrer Wochenaufgabe: Der Lehr- ling, Geselle, Arbeiter muß um S bis 7 Uhr an seiner Arbeitsstätte sein. Je nachdem sein Weg dahin ist, steht er gegen 5 Uhr auf. Abends gegen S Uhr wird er frei und geht an etwa zwei bis drei Tagen in die ZwangSfortbildungSschule bis gegen 8 oder 8>/z Uhr; um 9 bis 9>/z Uhr ist er zu Hause, ißt und geht todmüde zu Bett. An zwei anderen Tagen geht er in den Turn-, Spiel- u. dergl. Verein bis gegen 19—11 Uhr, woran sich häufig noch eine Nachsitzung knüpft. Er ist vielleicht auch noch in einer Kongregation, soll bei einem Fest mitspielen und soll wochenlang öfters den Proben beiwohnen usw. So kommt eS, daß mancher dieser so sehr gepflegten Jungen keinen Abend ohne diese Pflege i st und daß er vor lauter Pflege keine Zeit findet, sich an Körper und Geist zu pflegen und Ei» Genie, daS HungerS stirbt. Unter diesem Titel wird im Pariser SensationSblatt„Matin" ein Aufruf veröffentlicht, der das bejammernswerte Schicksal des Nestor» der französischen Wissenschaft Henri Fabr« schildert. Wer hätte eS glauben sollen, daß in dem kleinen Häuschen der Provence das bitterste, furchtbarste Elend haust, in diesem Häuschen, das zum 99. Geburtstag des.HomerS der In- sektenwelt" so viele Ehrungen gesehen hatte? Die Erkundigungen eine» Mitarbeiters des„Matin" an Ort und Stelle haben die traurige Wahrheit erwiesen. Der greise Gelehrte, gleich groß als Naturforscher und Naturschilderer, der sein ganzes Leben dem Dienste der Wissenschast gewidmet und als Entomologe, als Botaniker, Physiker. Geologe Hervorragendes ge- leistet, bietet einen traurigen Anblick völligen Kräfteverfalls. Der Greis erzählt von seinem Kummer. Seine Frau, die um 49 Jahre jünger war als er, die ihn pflegte und betreute, ist vor acht Tagen gestorben. Er leidet nicht.... Er ißt nicht viel; eS genügt ihm manchmal den ganzen Tag nur ein oder zlvei Früchte und etwas Wein oder ein Stückchen Wurst innerhalb 24 Stunden. Er hat sich darin gewöhnt, nicht zu essen; er kann nur noch einen Finger ge- brauchen, um seine Pfeife zu stopfen. Unglücklicherweise sind seine Augen so schwach, er kann nicht mehr arbeiten. Und was für eine Krankheit ist es. die diesen Meister der Naturwissen- schaften so elend verlöschen läßt? Es ist der Hunger. Mistral hat es zuerst gesagt, daß er dem Grabe entgegenwankt, weil er nichts zu essen hat. Und das ist keine Uebertreibung, eS ist buchstäblich wahr. Der Steuereinnehmer hat ihm schon seit drei Jahren keinen Steuerzettel präsentiert, weil sonst zur Begleichung dieser Schuld sein kleines baufälliges Häuschen versteigert werden müßte. Und was wäre da auw viel zu holen? Die vollständige wundervolle Sammlung oller Muscheln und Gesteinsarten der Provence, eine Pflanzensammlung ohnegleichen, in der seit dreiviertel Jahrhunderten alle Blumen des Südens zusammengebracht sind. Einige Bücher,«in paar Körbe und irdene Töpse, die zum Gefängnis für Insekte» gedient haben, und mitten im Zimmer ein großer weißer Holztisch, an dem er sein arbeitsvolles Leben vollbracht. Das sind alle Schätze, die dieser geniale Mann in dem segensreichen und nutzbringenden Schaffen von sieben Jahrzehnten gesammelt hat.... Der greise Forscher hat inzwischen dagegen protestiert, daß seine Not in die Oeffenllichkeit gezerrt wird, ja sie geleugnet. Aber sein Elend scheint leider Tatsache zu sein. Dem.Matin' lag natürlich daran, Aufsehen und letzten Endes Geschäfte zu machen, sonst hätte es dem verdienten Manne leicht auf andere Art helfen können. Wahr- scheinlich hat eS nie ein wissenschaftliches Feuilleton von Fabre ge- bracht— und jammert jetzt über sein Schicksal. Aber ein Monument der Schande bleibt dieses der Wissenschaft gewidmete Leben für die kapitalistische Gesellschaft. Und dabei hat Fabre nicht etwa ent» legen« Gebiete behandelt, sondern frische und anschauliche Bilder aus dem Naturleben entworfen. Brotlose Wissenschaft! Ja hätte er die erotische Literatur vermehrt, mondäne Romane fabriziert oder Operetten komponiert..» auszuruhen. Den größten Teil seiner Familie sieht nur er gelegentlich... Was an der einen Seite mit unserer Jugendpflege etwa gewonnen wird, geht an der anderen in weit größerem Umfange verloren..,' Soziales. Niederlage des Aerzteverbandcs in der Pfalz. Die Bahnärzte zu Ludwigshafen führten gegen den Verein der Aerzte dortselbst einen heftigen Kampf, womit sich das Land- gericht zu Frankenthal am 21. Juni auch zu befassen hatte. In Wirklichkeit führte aber die Bayerische Regierung diesen Kampf, denn diese hatte an dem System der festbesoldeten Bahnärzte fest- gehalten, um ihren mittleren Beamten und deren Familien freie ärztliche Behandlung zu sichern. Die Kopftaxe beträgt 4 M. und für jede Familie wurde 12 M. Honorar mit den Bahnärzten ver- cinbart. Der Verein der Aerzte zu Ludwigshafen hatte aber dar- auf alle Bahnärzte als„standcsunwürdig" ausgeschlossen, seinen Mitgliedern sogar den beruflichen Verkehr mit den„Verbrechern"' einfach verboten und auch die Mannheimer Kollegen aufgefordert. daS Gleiche zu tun. Die Sache wirbelte natürlich viel Staub auf und führte zu einer Klage von weitgehender Bedeutung. Das Urteil des Landgerichts zu Frankenthal ging nun dahin, daß der Ausschluß der Bahnärzte aus dem Aerzteverein„für rechts- unwirksam zu erklären sei". Dem Verein wurde verboten, andere Aerzte oder Vereine aufzufordern, nicht mit den Klägern beruflich zu verkehren. Die Aerzte sind also gehalten, dieses Verbot aufzu- heben und die Kosten des Verfahrens zu tragen. In der Begrün- dung dieses Urteils wird ausgeführt, daß erstens die zum Ausschluß der Kläger notwendige Majorität gar nicht vorhanden gewesen sei. Der wirkliche Grund der gegen die Kläger erlassenen„Verrufs- erllärung" sei darin zu finden, daß der Verein der Aerzte zu Lud- wigshafen daS Bahnarztsystem überhaupt verwerfe.«Dieses System sei aber durch das öffentliche Interesse gerechtfertigt". In- dem die Kläger das ihnen vom Staate angebotene Amt als Bahn- arzt annehmen,„hätten sie keine Verpflichtung gegen den beklagten Verein verletzt und sich in keiner Weise standesunwürdig gemacht". Wenn auch Mitglieder des Vereins durch die Einführung des Bahn- arztsystemS„geschädigt sein sollten, so hätten sie ihr Interesse gegen, über dem öffentlichen Interesse zurückstellen müssen". Für die Ver« rufserklärung sei also kein gerechtfertigter Grund vorhanden ge- wesen, sie„verstoße auch gegen die guten Sitten und sei daher aus, zuHeben". Der Leipziger Verband hat also hier wieder eine schwers Niederlage erlitten und ist dies doppelt interessant, weil sich der Kampf diesmal gegen den„Vater Staat" richtete, für den doch die große Mehrzahl der Honorigen schwärmt, wenn es sich um Ent- rechtung der Arbeiterklasse handelt. Der Lehrling als Kassenbote. Daß ein Lehrling auch einmal eine Rechnung einkassiert, kommt oft vor. Ständig aber oder in der Hauptsache die Dienste eines Kassenboten zu verrichten, dazu ist ein Lehrling nicht da. Dieser Auffassung gab in ihrer letzten Sitzung die zweite Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts ge- legentlich eines dort verhandelten Rechtsstreites Ausdruck. In dem betreffenden Falle hatte die beklagte Firma den Lehrling mit dem Einkassieren von Geldern so überlastet, daß dieser immer schweiß- triefend im Geschäft ankam. Der schon- an und für sich schwächliche Mensch erkrankte infolge dieser Ueberbürdung von Wegen und war gezwungen, längere Zeit dem Geschäft fernzubleiben. Das nahm die Firma zum Anlaß, die sofortige Entlassung des Lehrlings auszu- sprechen. Das Kaufmannsgericht sah die Entlassung des Lehrlings nicht alS begründet an. Der Kläger habe sich kein Vergehen zuschulden kommen lassen, der Lehrherr dagegen sei verpflichtet, dafür zu sor- gen, daß dem jungen Menschen während der Lehrzeit Gelegenheit gegeben wird, das notwendige im Kaufmännischen zu lernen. Dieser Zweck werde aber nicht mit der Ausnutzung des Lehrlings als Ersatz eines Kasscnboten erreicht. Ist'S bei un» anders? Vor wenigen Tagen brachte der Telegraph die Nachricht, daß wiederum die Gefahren bei der Zelluloidverarbeitnng zwölf jung« Die denkenden Pferde und die Wissenschaft. Die rechnenden Pferde des Herrn Kroll in Elberfeld sind mehrfach auch von ruhigen vorurteilslosen Beobachtern untersucht worden, so weit daS bei der großen Aengstlichkeit des Besitzers möglich war. An Stelle des blinden Glaubens an die Jntelligenzleistungen der Pferde tritt in- folge dieser Berichte eine zurückhaltende Beurteilung. Statt sofort eine Erllärung der Künste abgeben zu wollen, fragt man richtiger: was leisten die Pferde überhaupt? Statt der Deutung des angeblich Gesehenen bemüht man sich um eine objektive Feststellung der wirklichen Leistungen. Mehrere Berichte, die unter diesem Gesichtswinkel die Frage ansehen, liegen uns zu fileicher Zeit vor. Professor L. Edinger-Franffurt a. M. ändert seine rühere Zustimmung in das Geständnis, daß Kralls Versuche immer wieder den Gedanken aufkommen lassen, daß irgend eine Forni der Uebertragung vorliege. Er bemängelt, daß Krall keine Versuche anstellt, deren Resultate dem Fragenden unbekannt sind und daß Edinaers eigene unwissentliche Versuche sämtlich mißlangen. Auch er kritisiert eS, daß Krall keinem dritten gestattet, mit den Tieren allein zu experimentieren. Hat eS Krall doch sogar abgelehnt, Pfungst, den Enllarver deS kluge» HanS, überhaupt nur zu den Pferden zu« zulassen. Daß auch die richtigen Antworten gar keine beabsichtigten zu sein brauchen, erläutert Privatdozent Brahn in der.Natur'. Bei einer größeren Zahl von Antworten ist auch die Wahrscheinlichkeit. zufällig die richtige zu treffen, groß. Brahn fordert daher genaue Protokolle über die Zahl der Fehler, der annährend und der voll- kommen richtigen Fälle bei allen Versuchen. Er bemängelt weiter die stete Anwesenheit KrallS und das Unterlassen von Versuchen, die jedes Beobachten deS Fragestellers durch die Pferde ausschließen. In diesen Forderungen an methodische Beobachtung begegnen sich die genannten Autoren mit dem, waS wir an dieser Stelle bereit» im April anführten. Notizen. --- Der deutsche Monistenvunb hält seine Haupt- Versammlung dieses Jahr vom S. bis 19. September in Magde- bürg ab. Es sprechen u. a.: Rudolf Goldscheid sWien) über„Monis- mus und Politik"; Professor Wilhelm Ostwald(Leipzig) über «Monismus und Kultur": Frau Grete Meisel-Heß(Berlin) über .Der Monismus und die Frauen'; Dr. Max Maurenbrecher(Mann- heim) über.Monismus und Erziehung'. — Vererbte Abnormitäten. Ueber einen interessanten Fall, bei dem die Abnormität des Vaters sich aus die Kinder ver- erbte, wird auS Rußland berichtet. Ein Bauer hatte bei seiner Ge- burt an jeder Hand 6 Finger; im Alter von 2 Jahren wurden ihm die überzähligen beiden Finger abgeschnitten. Er heiratete und der Ehe entsprossen drei Knaben. Jede» der Kinder hatte bei seiner Geburt an jedem Fuße 7 Zehen und an jeder Hand 7 Finger. Bor einigen Togen sind die dre» Kinder in Nevol operiert worden. blühende Menschenleben dahingerafft. Wenige Minuten genügten, um zwölf frohe Menschen in jugendlichem Alter zu vernichten. Im Herzen Londons war eine Postkartenfabrik, in der zwanzig junge Mädchen und Burschen Zelluloid verarbeiteten. � Alle Vorsichtsmatzregeln wurden unbeachtet gelassen. Mit offener Flamme wurde hantiert, und was kommen mutzte, geschah: ein Tropfen heißen Siegellacks genügte, um die Mengen Material in Brand zu setzen. Die Katastrophe war da. Nur ein Ausgang bot sich zur Rettung. Die von den Flammen Eingesperrten waren in wenigen Minuten Leichen. Kann denn derartiges Unglück nicht auch bei uns vorkommen? Die Frage gestellt, heißt, sie leider mit ja beantworten zu müssen. Eine Reihe ähnlicher Katastrophen hat unsere Unglückschronik aufzuweisen. Bei Stratzburg im Elsaß brannte ein Betrieb nieder, wobei 32 Menschenleben vernichtet wurden. Brände in Zelluloid- betrieben haben innerhalb 15 Jahren ingesamt schon mehr als 5li Tote gefordert. Hierzu kommt die große Zahl Schwerverletzter. Zur Errichtung und Veränderung von Anlagen zur Herstellung von Zelluloid ist behördliche Genehmigung nach Z 16 der Gewerbeordnung erforderlich. Aber allgemeine Schutzvorschriften, die hier- bei zu befolgen sind, fehlen. In Berlin hat wohl auf das Drängen der Arbeiter nach Schutz hin, das Polizeipräsidium vor zehn Jahren Bestimmungen ausgearbeitet, die aber nur als Richtlinien den Be- amten der Gewerbeinspektion dienen und sorgfältig geheim gehalten werden. Nicht einmal einem Reichstagsabgeordncten, der dieselben erbat, wurde ihr Inhalt mitgeteilt. Diese Instruktion wurde dann zwischen Vertretern der Regierung und der Unternehmerorgani- sation ohne Zuziehung von Arbeitern beraten. Die Bestimmungen sollen nur bei Neuanlagen und Umänderungen berücksichtigt werden. In den alten Betrieben bleibt alles beim alten. Im Herzen der Großstädte, so in Berlin im Zentrum, sind eine ganze Reihe Betriebe untergebracht, die bis hundert und mehr Arbeits- kräfte beschäftigen. Die Feuerlöscheinrichtungen sind in derartigen Betrieben oft in äußerst vernachlässigtem Zustand. Mutzte doch vor wenigen Wochen in einem Betriebe Süddeutschlands die Arbeiter- schaft mit einem Streik drohen, damit eine Erneuerung von Eimern usw. vom Unternehmer zugestanden wurde. Die Beseitigung der Späne und Abfälle läßt vielfach zu wünschen übrig. Mindestens tien Tag zweimal und bei Arbeiten, bei denen ausnahmsweise viel Späne entstehen, allstündlich, mühten dieselben beseitigt werden. Aber die Arbeitskraft kostet Geld. Darum unterbleibt das Weg- schaffen. Ganz besonders gefährlich ist, um Lohn zu sparen, die Beschäftigung einer übergroßen Zahl Jugendlicher, sowohl Mädchen wie Burschen. In der Berliner Kammindustrie sind mehr als 36 Prozent der Arbeitskräfte unter 18 Jahren. Die Heimarbeit steht auf dem Gebiet in üppigster Blüte. Da. durch wird die Gefahr auch in die Wohnungen getragen. Sind doch mehrere Fälle zu verzeichnen, wo bei Heimarbeitern bei der Zellu- loidverarbeitung Feuer ausbrach. In einem Falle wurde ein Ehe- paar schwer verletzt, in einem anderen die Arbeiterin mit ihren Kindern durch die Dämpfe fast erstickt. Seit Jahren drängen die Arbeiter nach gesetzlichem Schutz. Vom Holzarbeiterverband, dem Buchbinderverband und dem Fabrik- arbeiterverband ist vor mehr als zwei Jahren dem Reichstag und dem Bundesrat eine dahingehende Petition zugegangen. Der Reichstag beschloß einstimmig, der Regierung dieselbe zur Berück- sichtigung zu überweisen, aber der Bundesrat lehnte es ab und überwies die Regelung den Einzelstaate». Wenn die Unternehmer und ihre Vertreter einem gesetzlichen Schutz widerstreben, so ist das schon äußerst bedauerlich. Aber empörend ist es, wenn selbst in der Arbeiterpresse sich ein Organ findet, das mit den Unternehmern in dasselbe Horn stößt. Die„Eiche", das„Organ des Gewerkvereins der Holzarbeiter", bringt in seiner letzten Nummer vom 28. Juni einen Artikel in der Frage. Nach mehrfachen Wenn und Aber kommt der Verfasser �zur Ansicht: Es sei gar nicht so gefährlich. Wenn es einmal anfing zu sengen oder zu rauchen, so genügte«in Moment, die entstandene Gefahr zu beseitigen. Am Schluß wird der Artikelschreiber zum Schildknappen des dreimal geheiligten Profits, indem er schreibt, die Verhältnisse, unter denen wir arbeiten, sind jetzt so sicher, daß wohl Arbeiter wie Unternehmer damit zufrieden sein können. Demgegenüber sollte die Brandkatastrophe in London der Ge- sellschaft ein warnendes Menetekel sein. Aufpeitschen sollte sie die in der Zelluloidindustrie Beschäftigten, damit diese wieder und wieder den Ruf nach gesetzlichem Schutz erschallen lassen, bis sie gehört werden. Der Verbandstag des Holzarbeiterverbandes hat seinen Vorstand beauftragt, erneut die besprochene Petition, er- gänzt durch das neue Material, bei Reichstag und Bundesrat ein- zureichen. Aufgabe der Arbeiter überall im Reich muh es sein, der Petition durch das Anrufen der Ocffentlichkeit den nötigen , Nachdruck zu geben._ Gerichts-Zeitung. Ein GefängniSinspekter zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen Amtsverbrechens wurde von der Naumburgcr Ferien- ftrafkammer der Inspektor de» GerichtSgefängnisseS zu Zeitz, Wil- Helm Schlotte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der famose Kerkermeister legte seit langem eine auffallende Vorliebe für die meist mit Prostituierten belegten Frauenzcllen an den Tag. Auch an verheirateten Frauen hatte sich die Stütze preußischen Gerechtig- keitsbetriebes vergangen und nur dadurch kamen seine Paschagelüste an die Oeffenlichkeit. Hätte er nicht in jeder Inhaftierten Frei- wild erblickt, wer weiß— vielleicht könnte er noch heute sein schönes Spiel pflegen. So mutz auch einmal ein preußischer Ge- fängnisgewaltiger die„Schönheiten" unseres Strafvollzuges aus- kosten. Schuldlos Angeklagte. Ein folgenschwerer Zusammenstoß zwischen Straßenbahn und Omnibus, welcher auf das plötzliche Versagen der Luftdurckbremsc des Straßenbahnwagens zurückzuführen war. lag einer Anklage wegen Transportgefährdung zugrunde, welche gestern die 7. Ferien- ftrafkammer des Landgerichts I beschäftigte. Angeklagt waren der Straßenbahnfahrer Johann Stirnat und der Omnibuskutscher Frie- brich KrebS. Am frühen Morgen des 6. März d. I. ereignete sich kurz nach 6 Uhr an der Ecke der Veteranen- und Brunncnstraßc unterhalb des durch die zahlreichen Straßenunfälle berüchtigten „Vetcranenberges" ein schwerer Unglücksfall, durch welchen zahlreiche Personen zum Teil sehr schwer verletzt wurden. Der von dem„Vcte- ranenberg" herunterkommende Straßenbahnwagen 2413 der Linie 57 fuhr mit voller Gewalt in den von dem jetzigen Angeklagten Krebs gelenkten Pferdeomnibus der Linie 23 hinein, der in der Richtung nach dein Gesundbrunnen zu die Brunnenstraße entlang fuhr. Der Führer des Straßenbahnwagens, der jetzige Angeklagte Stirnat, bc- merkte, als er die bergige Veteranenstraße hinunterfuhr, plötzlich zu seinem Entsetzen, daß die sonst allgemein als zuverlässig angesehene Luftdruckbremse nicht funktionierte. Er gab sich alle Mühe, den schweren Wagen mit Hilfe der Handbremse und des Sandstreuers zum Stehen zu bringen, erreichte damit jedoch nur eine geringe Verminderung der Fahrgeschwindigkeit. Als in diesem Moment von links herkommend der vollbesetzte Omnibus die Kreuzung passieren wollte, gab sich der Angeklagte und die auf dem Vorderperron stehen- den Fahrgäste Mühe, den Kutscher durch Zeichen auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Krebs versuchte noch mit seinem Omnibus über die Gleise hinweg zu kommen, jedoch war es hierzu schon zu spät. Der Straßenbahnwagen fuhr mit einem lauten Krach in den Omnibus hinein. Die Wucht des Anpralles war so stark, daß der Omnibus umgeworfen wurde. Im nächsten Augenblick ertönten laute Schmerzensschreie aus dem umgestürzten Omnibus heraus. Es wurde sofort festgestellt, daß 14 Personen verletzt worden tvaren, unter diesen befanden sich der Arbeiter Reimer und der Kutscher Herrfurth, die so schwere Verletzungen erlitten hatten, daß sie sofort nach dem Lazaruskrankenhause transportiert werden mutzten. Dieser Unglücksfall hatte die Erhebung der Anklage gegen die Führer der beiden Unglücksfuhrwerke zur Folge.— Nach längerer Betoeisaufnahme kam das Gericht zu der Ueberzeugung, daß der Un- fall auf das plötzliche Versagen der Luftdruckbremse zurückzuführen sei. Es erkannte an, daß die Angeklagten alles getan hatten, was ihnen möglich war, um das Unglück zu verhüten. Das Urteil lautete demzufolge auf Freisprechung. Ein interessanter„unlauterer Wettbcwerbs-Prozeß". Vor der Ferienstraskammer stand der Likörfabrikant Dr. jur. Rasch aus Stargard i. Pom. unter Anklage des unlauteren Wett- bcwerbes. Dr. Rasch hatte unter Annahme des Namens eines An- walts in Gemeinschaft mit seinem Bureauvorsteher im vergangenen Jahre bei der Posener Likörfabrik Hartwig Kantorowicz Akt.-Ges. um die Erlaubnis ersucht, die Fabrikanlagen besichtigen zu dürfen. Die Firma kam dem Ersuchen nach. Wie der Direktor der Firma Hartwig Kantorowicz Akt.-Ges. vor Gericht erklärte, ist die Firma stets sehr gern bereit, ihre Fabrik dem Publikum zu zeigen. Auch Konkurrenten aus dem In- und Auslande, die die Fabrik zu besichti- gen wünschte», wurde sie zu verschiedenen Malen bereitwilligst ge- zeigt, selbstverständlich aber nur soweit, als cS im Interesse der Firma lag, da gewisse Einrichtungen alS Geheimnis gelten und daher der Konkurrenz nicht vorgeführt werden.— Das Gericht gewann die Ueberzeugung, es habe gerade in der Absicht des Angeklagten gelegen, auch diese Einrichtungen, die sonst der Konkurrenz nicht gezeigt wer- den, zu besichtigen. Diese Absicht wurde nur dadurch teilweise der- eitelt, daß zufällig einer der Angestellten der Firma auch aus Star- gard stammt und die beiden Herren erkannte.— Der Borsitzende des Gerichts geißelte ebenso wie der Staatsanwalt mit schärfsten Worten die Handlungsweise des Angeklagten, eines Mannes, der im öffent- lichen Leben eine Stellung einnehme, Referendar gewesen und Dr. jur. sei, als ein Verhalten, das nicht nur nach Kaufmannsmoral, sondern auch vom Standpunkte eines jeden rechtlich denkenden Men- schen aus die schärfste Rüge verdiene.— Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 600 M. Sozialdemokratie, Kriegerverein und Amtsgericht. Der Sozialdemokratie war es gelungen, in Danzweiler im Wahlkreise Köln-Land während der Reichstagswahl einen Saal zu einer öffentlichen Versammlung zu bekommen. Die Versammlung fand auch zum größten Leidwesen der bäuerlichen Zentrums- anhänger und der Dorfgewaltigen statt und verlief zu unserer voll- sten Zufriedenheit. Es war das erstemal, daß ein Sozialdemokrat in Danzweiler in öffentlicher Versammlung sprach. Aber der Wirt hatte die Rechnung ohne den Kriegerverein gemacht. Der Kriegerverein hielt nunmehr die Kaiser-Geburtstagfeier nicht in dem Lokale ab. Der Wirt nahm an, es habe eine bindende Zusage vorgelegen und klagte wegen Bruch derselben auf Schadens- ersatz. Der Klageantrag wurde abgewiesen, weil das Gericht auf Grund der Zeugenaussagen annahm,«ine feste Zusage sei nicht erfolgt, es seien vielmehr nur unverbindliche Vorbesprechungen ge- pflogen. Diesem Abwcisungsgrund fügte dann aber das Amts- gcricht lGcrichtsaffessor Röckerath) noch folgenden Abweisungs- grund hinzu: „Abgesehen hiervon mag aber einmal unterstellt werden, es habe tatsächlich ein Vertragsverhältnis zwischen den Parteien bestanden, so ist die Klage dennoch unbegründet, weil der Kläger seine Vertragspflicht verletzt hat. Die Versammlung, welcher der Kläger sein Lokal am 6. Januar 1012 zur Verfügung gestellt hat, war eine sozialdemokratische. Die Grundsätze der Sozialdcmo- kratie sind aber von den Bestrebungen der Kriegervereine so vcr- schieden, daß derjenige Wirt, in dessen Lokal der Kricgcrverein auf Grund eines mit dem Wirte geschlossenen Kontraktes seine Festlichkeiten und Versammlungen abhält und abzuhalten vcr- pflichte! ist, dieses Lokal nicht den Sozialdemokraten zur Ber- sügung stellen darf. Tut er dies doch, so begeht er eine positive Vertragsverletzung, die den Vertragstreuen Teil zum sofortigen Rücktritt und zur fristlosen Kündigung berechtigt. Also auch in diesem Falle wäre die Klage ungerechtfertigt." Die in diesen Urteilsgründen nicdergelegete Rechtsauffassung beruht auf gröblichster Verkennung der Grundsätze über Treu und Glauben und auf durchaus unzulässiger Ersetzung dieser de» Ver- trag regelnden Grundsätze durch Proklamierung einer Verpflichtung zu terroristischem schikanösen Boykott. Die Zwecke eines Krieger- Vereins und die der Sozialdemokratie haben mit der Hergäbe eines Lokals nicht das mindeste zu tun. Ter Kriegerverein hatte auch bei dem vermeintlichen VcrtragSschluß nicht verlangt, der Wirt solle sein Lokal für sozialdemokratische Versammlungen nicht hergeben. Hätte er es verlangt, so hätte er ein Verlangen gestellt, das der Wirt nicht beachten durfte und das den Kriegcrverein wegen Aus- Übung eines Boykotts gegen die Sozialdemokratie lediglich zwecks Schädigung dieser und des Wirts nach der in dieser Beziehung festen Rechtsprechung deS Reichsgerichts voll schadcnsersatzpflichtig gemacht hätte, weil es gegen die guten Sitten verstößt. Aus welchem Grunde verstoßen die angegebenen Urteilsgründe in so klarer Weise gegen die Grundsätze über Vertragstreue, über Treu und Glauben und gegen das Verbot von Abreden gegen die guten Sitten? Ein anderer Grund als der ist schwer erfindlich, daß der Richter zu seinen völlig verkehrten Auffassungen lediglich durch politische Befangenheit und wirtschaftspolitische Unkenntnis gelangt ist. Und da gibt es noch Leute, die sich über immer stärkeres Anwachsen des Mißtrauens gegen die Rechtsprechung wundern! Der Fall zeigt wieder einmal, wie nötig der Ersatz gelehrter Juristen durch aus allen Kreisen des Volkes entnommene, vom Volk gewählte Richter ist. WasserstandS-Nnckirtchte» der LandcSanstalt sür(Lewässertundc, mitgeteill vom Berliner Wctterbureau Wasserstand Memel, Tilsit B r e g e l, Jnsierburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor „ Krassen Franksurt Warthe, Schrimm Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg >)-s- bedeutet Wuchs,— Fall.— 1 llntervegel.—•) am 26. früh Wasserstand nur noch 242 cm und weiter sollend. m 0 kSelbstKostenpreis + 101. Wissentliche Täuschung!! Die Art und Weise, das Publikum durch„Ausnahme-Tage" und„billige Sonder- Angebote" oder dergl anaulocken, während die Preise genau dieselben sind wie an anderen Tagen, betrachten wir als eine wissentliche TS aschung!— Erst kürzlich ist es uns gelungen, bei einer grösseren Firma zwei derartige Fälle testzustellen.— Nach unserem System Selbstkostenpreis-t- 10"/» ist Jede unlautere Manipulation ausgeschlossen, da alle Waren, auch Gelegenheitskäufe, jederzeit zum Selbstkostenpreis abgegeben werden, und als einzigster Nutzen nur 100/oUmsatzprovi3ion erhoben wird. Herren-Kleider-Vertriebs-Ges. m. b. H. Nur Neue Schönhauser Strasse I Spezial-Haus grösst. Stils für fertige Herren- u. Knaben-BeKleidung I Todes-Anzeigen Deutseber Bauarbeiter-Verband Zweigverein Berlin. Am 22. Juli starb unser Mit» glicd, der Maurer Adolf Patting (Bezirk Oranienburger Vorstadt). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 27. Juli, nach- mitlags t Uhr, von der Halle des Sophten-Knchhoscs in der Bergstrajze aus statt. 141/2 Ter Vorstand. lentra!-Verband der Steinarbeiter. Zahlstelle Berlin. Am 23. Juli starb unser Kollege, der Steinmetz Mannes Wawrzinek im Alter von 52 Jahren an der Berusskrankbeit. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des Hedwigs- Kirchboscs in Reinickcndors, Ber- liner Straße(Ecke Humboldtstraße) au« stall. 171/19 Um rege Beteiligung ersucht Tie Ortöverwattniig. Kaa Zentral-Krata- unil Sterbe- toeyeiitseheDWapbausr Berlin Bezirk 10. film 24. Juli verstarb unser Mitglied Franz Materna. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonn- abend, den 27. Juli, nachmitlags bll, Uhr, von der Leichenhalle des Gclhicmane-Ktrchhoss au« statt. Um rege Beteiligung bittet 257/19 lllo lirtsvorvmitiing. cpStECSa I Verb Verband der Fabrikarbeiter! Deutschlands, Bezirk Adlcrdhof. ■ film Mittwoch, den 24. Juli, der- starb unser Mitglied i�dniiotd Baschinj Ehre keinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 28. d. Mts., nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhausc, Alt'Glienicke, Fricdrichstraße 25, aus statt, Rege Beteiligung erwartet vis Orlsverwaliung. Kachrut. Sonntag, den 21. Juli 1912, starb unser lieber Kollege �ax Viererbe im 19. Lebensjahre. Wir betrauern in dem Vcr- storbeoc» einen tüchtigen und wackeren Kollegen. 2ö99b Ehre seinem Andenken! Seins Jugendgenossen. Am Mittwoch, den 24. Juli, verstarb nach langem, schwerem Leiden unser lieber Kollege, der Schristsctzcr 2ö0Zb Max Voß im Alter von 49 Jahren. Sein kollegialer Sinn, sein jeder- zeitiges Eintreten für die Jnter- essen der Kollegen wie der ge- samten Arbeiterschaft sichern ihm ein dauerndes, ehrendes Andenken. Die Beerdigung findet heute nachmittag 5 Uhr von der Leichen- balle des Zentral- Fricdhoses in Friedrichoselde aus statt. vis Kollegen de«' Suodckruekeee�e/eell�SIw� Tanksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben, unvergeßlichen Sohnes und Bruder« Ber nian» Vhaniaa sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren Herzlichsten Dank. 2604b Anglist Thomas, _ Frau und Tochter. Banhsagnng. Für die großartige Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Bcerdi- gung meines lieben Mannes, des Schristgießers Baal Ehler t. sprechen irr. allen Verwandten, Be- kanntcn und Kollegen unseren herz- lichstcn Dank aus. 261 tb Wtv. Anna Ehlert, geb. Treichcl. Kichai'il Ehlert, als Cousin. Tanksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und reichen Kranzspenden bei der Bcerdi- gung meines lieben Mannes 36A Paul Pflaum sage ich hiermit allen Teilnehmern, besonders dem Wablverein und den Kollegen den herzlichsten Dank. Ww. Angastc Pflaum. Dikustag, den 80. Inli, ltbends 8� Mr, in Bartsebs Festsäle, Hemannstr. 49: General- Versammlung. Tagesordnung: 237/18 1. Stellungnahme zur Krcis-Generalversammlung. 2. Geschäfts- und Kassenbericht. 3. Anstellung eines Sekretärs. 4. Neuwahl des Vorstandes und der Funktionäre. 5. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert!— Die Versammlung wird Pünktlich eröffnet. Zahlreiche Beteiligung crivartet Der Vorstand. Für die vielen Beweise herz- lichcr Teilnahme bei dem Hin- scheiden meines inniggclicblcii, unvergeßlichen Mannes, unseres guten Bruders sagen ivir allen Freunden und Bekannten herz- lichslen Tank, 2S10b Namens der Hinterbliebene» friia Pofahl geb. Thles. Nieder, Schöneivcide, Fcnnstr. 16. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und tkranzspendcn bei der Beerdigung meines lieben, unocr- geßlichen Mannes CneorK Halme sagen wir allen Teilnehmern, ins- besondere den Kollegen der Firma Schwartzkopff, den Mitgliedenr des Wahlvereins, dem Laubcnkolonistcn- verein„Alt-Holland", dem Memll- arbcitcr-Berbandc, dem Kranken- unterstützungSverein der Schmiede Berlins und den Angestellten der 66. Verlaussstelle der Konsum- gcnosscnschast unseren tlcfgesühltcn Dank, 68e, Die trauernde Witwe Emma Bahne nebst Kindern, Für die erwiesene Teilnahme bei der Beerdigung unseres Sohnes sagen wir allen Leidtragenden, besonders der Slrbeiter-Jugend, unseren herz- lichstcn Dank, 58a Hermann Viererbe wid Frau, Rosenthaler Strahe 61. Danksagung. Für d!e zahlreiche Teilnahme und die herrlichen Kranzsvcndeii bei dem Hinscheiden unseres lieben, unvcrgcß- lichen Entschlascnen 2a .Jobann öimgowski sprechen wir allen, welche daran teil- nahmen, unseren innigsten Dank aus, Di« trauernden Hinterbliebenen. Die besten Sommer- Palclots und 4—500 getragene Anzüge sür Herren, Smoking-Anzügc, Frack« anzüge, sowie von Kavaliere» ge- tragene, sast neue Sachensa.Seide), sür jede Figur passend, in griiLter Auswahl j, unübertroffen[114/15* billigen Preisen. lTr.,dc«lsii!bbilligcr wie im Laben. 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Ohne diese kein Eintritt! 43/8*_ Die OrtBTerwaltwng. €refnBi«IeBi wurde, das) im Konzert-Cafe Roland 181 Brnnnenstr. 181* vi« Bflondschein- Nacht unübertroffen und die größte Sehenswürdigkeit Berlins ist, Mitwirkung der beliebten pgr* Kapelle William Smith"VE vis xrükts Kanone! Anfang pünktlich 9 Uhr abends.— Eintritt frei k Arbeitsnachweis: � Amt Morden, Nr. 1239. Charitcislrnste Z. Hauptduroau: Hof IH. filmt Norden, Nr. 1987 Montag, den SV. Juli ISIS, abends S1/* Uhr: ssa Versammlung � aller in Gas-, Wasser- und Dampfarmaturenbetriebeu beschäftigten Kolleginnen und Kollegen im Gewerkschaftöhaus, Engelufer 13, Saal 1. Tagesordnung: 1. Sind unsere Arbeitsbedingungen zeitgemäst?(Referent: Kollege Müller.) 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zu dieser Versammlung sind auch Nichtorganisierte Kolleginnen und Kollegen eingeladen. 121/14 Bio Ortsverwaltnng. Illpi. FMiell-StttbekO lu ßttlin. Sonntag, den 4. August 1912, vormittags 9>/z Uhr, im Lokale des Herrn Wernicke, filckerstr. 123: Mitglieder-Versammlung» Tagesordnung: 1. Jahresbericht pro 1911/12 und Bericht der Revisoren. 2. Antrag der Revisoren aus Aenderungen der SS 12 und 29. 3. Festsetzung der Entschädigung sür den Vorstand und die Revisoren. 4. Beschlußsassung, in welchen Zeikungen die Bekanntmachungen der Kaff« stattzusinden haben. 5. Neu- und Ergänzungswahlen des Vorstandes: I. Vorsitzender(Neuwahl), Nendant iErgänzungSwahl), I. Schrist« sührer(Ergänzungswahl), II. Schrislsührer(Neuwahl), 1 Beisitzer (Neuwahl), 1 Revisor(Ergänzungswahl). 6. Antrag des Vorstandes aus Erhöbung des SicrbeacldcS nach 20jährigcr Mitgliedschast aus 115 M. 7. Verschiedenes. 2581b Der Eintritt ist nur gegen Vorzeigung dcS OuittungsbucheS gestattet. Um pünktliches Erscheinen ersucht Der Aorstand. I. A.: A. A ck e, Borsitzender, Jnvaiidenstr. 35, I. Ausg. 4 Tr. 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Während aber im allgemeinen die Statistik vor 100 Jahren noch recht im argen lag, hatte Preußen infolge des Interesses, das Friedrich II. für dieses Gebiet hegte, damals schon eine gut aus- gebildete Bevölkerung»- und WirtschaftSstatistir� so dag wir sehr wohl in der Lage sind, ziemlich exakte Vergleiche zwischen dem Preußen von vor 100 Jahren und dem von heute anzustellen. Der Statistiker Prof. Dr. C. B a l l o d tut dies in einem inter- estanten, in der Zeitschrift„Verwaltung und Statistik" veröffent- lichten Artikel. Der preußische Staat von 1302/03 umfaßte 5610 Quadratmeter, war also sieben Achtel so groß wie das heutige Preußen, während die Bevölkerung mit 0,58 Millionen noch nicht den vierten Teil der gegenwärtigen erreichte. Aus seiner in» dustriellen und landwirtschaftlichen Tätigkeit bezog Preußen damals ein Reineinkommen von 33 Millionen Taler. Davon entfiel bei weitem der Löwenanteil, nämlich 70,6 Millionen, auf die Land» Wirtschaft, 1,4 Millionen auf Fischerei und Jagd, 0,3 Millionen auf den Bergbau und nur 1,7 Millionen auf Industrie und Handel. Die gesamte Getreideernte an den vier Hauptarten: Weizen, Roggen, Malz und Hafer, betrug 3,0 Millionen Tonnen, wozu noch 732 000 Tonnen Kartoffeln kamen. Es entfiel somit auf den Kopf der damaligen Bevölkerung eine Nettoernte von 317 Kilo- gramm Getreide und 75 Kilogramm Kartoffeln. Vergleichen wir damit die heutigen Verhältniste. In den Jahren 1008/10 betrug die Nettogetreideernte der vier Haupt- arten im Durchschnitt 16,2 Millionen Tonnen, also das Z�hfache der damaligen bei einer Vergrößerung der Gebietsfläche um nur ein Siebentel. Die Kartoffelernte hat sich auf 28Z-4 Millionen Tonnen oder das Vierzigfache der früheren gehoben. Es kommt jetzt auf den Kopf der Bevölkerung eine Getreideernte von 413 Kilo- gramm und eine Kartoffelernte von 725 Kilogramm. Rechnet man die Kartoffel zu V* Getxeidewert, so ergibt sich ein Betrag von 504 Kilogramm Getreide und Getreidewert, der gegenwärtig auf den Kopf entfällt, gegenüber einem solchen von 335 Kilogramm vor 100 Jahren. Zieht man ferner noch in Betracht, daß das damalige Preußen ein Getreideausfuhrland war, während das heutige 120—130 Kilogramm pro Kopf an Getreide und Futter- Mitteln einführt, so kommt man für heute auf eine Kopfquote, die doppelt so hoch ist wie die vor 100 Jahren. Damit ist aber natürlich nicht gesagt, daß der heutige preußische Einwohner doppelt so viel von diesen Nahrungsmitteln verzehrt wie der von 1802. Das Mehr wird vor allem für die Viehfütterung gebraucht, wofür dann der Fleischverbrauch der heutigen Bevölkerung ein 2Z4 bis 3mal so großer geworden ist. Ein sehr erheblicher Teil der Kartoffelernte dient ferner der Spiritusfabrikation, die wiederum zum Teil für industrielle Zwecke Verwendung findet. Eine weit intensivere EntWickelung als die landwirtschaftliche Produktion hat natürlich die industrielle genommen. An Textilwaren z B. wurden vor 100 Jahren für 26 Millionen Taler pro Jahr hergestellt, das macht auf den Kopf der Bevölkerung die Summe von 0 M. Im Jahre 1807 betrug der Wert der fertigen Textilfabrikate in Deutschland etwa 1550 Millionen Mark, wovon ein Fünftel ausgeführt wurde, so daß auf den Kopf eine Quote von 24 M. kommt, die bis heute natürlich noch weiter gewachsen ist. Da die Baumwollstoffe gleichzeitig bedeutend billiger ge- worden sind, so ist also der Verbrauch noch weit stärker gestiegen als die obigen Summen angeben. Der Wert der preußischen Produktion an Eisen betrug 1802/03 3 Millionen Taler— IM. pro Kopf der Bevölkerung, während der der Kohlen Produktion ein ganz winziger war. 1008 war der Wert der Eisenproduktion auf 152l Millionen Mark, also 24 M. auf den Kopf, gestiegen, und die Kohlenproduktion hat einen Wert von 1533 Millionen Mark, d. i. 38 M. pro Einwohner, erhalten. Was endlich da? heutige Bareinkommen der Bevölkerung anbelangt, so betrug dieses im Jahre 1910 in Preußen etwa 14 300 Millionen Mark, was auf den Kopf der Bevölkerung einen Betrag von 504 M., das 6)4 fache desjenigen von vor 100 Jahren ausmachen würde. Da der Getreidepreis inzwischen bloß auf das Anderthalbfache gestiegen ist, während Fleisch, Gemüse und Obst allerdings viel stärkere Steigerungen erfahren haben, so mutz doch ohne weiteres eine Besserung der Lebenshaltung zugegeben werden. Wir wissen freilich auch, daß diese Verbesserungen in erster Linie den besitzenden Klassen zugute gekommen sind, und daß es erst eines langwierigen gewerkschaftlichen und politischen Kampfes be- dürft hat, bis den arbeitenden Klassen auch ein bescheidener Teil der allgemeinen Reichtumsvermehrung zugesallen ist. Immer wieder aber drohen die ökonomischen Organisationen der Bourgeisie sowie die den Besitzenden freundliche Zoll- und Steuerpolitik des Reiches diesen Anteil zu kürzen und die Lebenshaltung der arbeitenden Massen auf das blanke Existenzminimum herab- zudrücken._ Versammlungen. Zentralverband der Glasarbeiter und-arbeiterinnen. Die Zahlstelle Berlin hielt am Donnerstag ihre Ouartalsversamm- lung ab. Die Abrechnung vom zweiten Quartal 1012 zeigt eine Einnahme von 4651,06 M. einschließlich des Barbestandes vom ersten Quartal, der eine Ausgabe von 4001,18 M. gegenübersteht. Es ist demnach eine Mehrausgabe von 249,22 M. zu verzeichnen. Die Mitgliederzahl betrug am Schlüsse des Quartals 715. Die Lokalkasse hat an Einnahmen aufzuweisen 12 574,24 M., an Aus- gaben 10 MS, 40 M., bleibt ein Bestand von 1024,84 M. Aus dem Geschäftsbericht ist zu entnehmen, daß die Konjunktur nicht günstig ist. Einzelne Unternehmer befolgen neuerdings auch die Methode, bei sinkender Prosperität nicht, wie es längst fast durchweg üblich ist, die Arbeitszeit entsprechend einzuschränken, sondern die über- flüssigen Arbeitskräfte einfach zu entlassen. Des weiteren ist es in einigen Betrieben zu Konflikten und zu Maßregelungen von miß- liebigen Arbeitern gekommen. Bei Auer wird immerwährend vor- sucht, den Arbeiterinnen Abzüge am Verdienst zu machen. Auch hat die Firma den Glasbläsern den Tarif, der vor zwei Jahren abge- schlössen wurde, gekündigt, was nur den Zweck haben kann, schlechtere Lohnbedingungen zu schaffen. Die Abstimmung über den Lokal- Zuschlag um 5 Pf. pro Woche ergab die Annahme desselben gegen eine Stimme. Unter Punkt Verschiedenes wurde noch mitgeteilt, daß bei der Firma Hansa ebenfalls versucht wird, Lohnrcduktionen vorzunehmen, wogegen die schärfsten Maßregeln ergriffen werden sollen. V�sgsn der grossen Vielseitigkeit der Artikel-Auswahl ist es nicht möglich, alle Arten der Restbestände hier'aufzuführen Die früheren Verkaufs- Preise sind auf jedem Paar deutlich ersichtlich, sodass sich ein Jeder von den enormen Preisvor- teüen überzeugen kann Großer Saison- Ausverkauf Der Verkauf findet nur in nachstehenden Geschäften statt! Zur Vermeidung von Verwechselungen achte man genau auf die alte Stiller-Firma! Jerusalemer Str. 35 Potsdamer Strasse 2 Tauentzienstr.19a Königstrasse 25-26 Rosenthaier Str. 5 Oranien-Strasse 161 Gr. Frankfurt. St. 123 Chaussee-Str. 114 Neukölln, Bergst. 25 Schöneberg, Hauptst.1 46 Charlottenburg: Wilmersdorf. 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AUmlrelatr. 4. ir5cKeI3e�VeKStr7TT IgElisabetbkirelisir. Ii' IBWiache, Bettfedern. Thurow.Ö., Charl hg,,(laasntr.14 L. Vierarm, Zionakirehar. 34. B. Voigt, Baiiiikaadarf, Aandulr lOt. Albert Vogt c wiid m. a«nov»| Prima Legehühnep l sowie Bettf*d«pni Geflugel-lmporthaus NenkSNa, KneaeVecka traft« IM. C. Dittmanh�SsS� P.HildebrandtÄm. Schmidt, B., Spandau, HtTelst.13 Za8trow,LaDdabar,ai-AIiMll7.FUcbe. 3 C Zehn-Atellai» E.Bade, jTscü�nhäuaaT AllealS, HoIIbru dt, Herrn., FuUll.gafi. 1 87t Heröd.H., Klusaanl 67, t. RaiaaUI.FL Jordan, Airr.,Fiustr. 61, fegt. 1886. Körber.O.,ll»ri«i4srt,Cbaiue«itr.306 H. Lindeke, Wsreohsaerstr. 80. M. Rasenke, Btrkenstr. 22. Witto IföT Muakauaratr, 16 n iUc, Mal Ml Kutstffilitr. Sommerpreise. Gegr. 1893. Gegr. 1893. Kohlen- und Brikett-Großhandlung ßauptkontor: Berlin 0. 34, Petersburger StraQe 1. Telephon; Amt Kfinigstadt, 3040 und 3096. Lagerplatz 1: O. 84, Rüdersdorler Str. 71(Küatriner Platz, alt. Ostb.). 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Stein laeiser's Schnhwarcnhans Carl Stiller jan. Gustav Steidel. [114/15» -■ H ,1 in Frankfurt a. AL Durch Urteil der Kammer für Handelssachen des Königlich Preußischen Landgerichts zu Hanau vom 29. November 1911 ist der Kaufmann Adolf Hommel jun. in Hanau verurteilt worden, zu unterlassen, sich der Firma Adolf Hommel jun. zu bedienen, soweit er unter dieser Firma Haematogen oder andere Produkte vertreibt, in deren Bezeichnung das Wort Haematogen vorkommt. Durch Urteil der Kammer für Handelssachen des Landgerichts Hanati vom 26. Juni 1912 ist auf unsere Klage gegen die Inzwischen geschaffene Firma Adolf Hommel& Co. in Hanau und gegen deren drei Teilhaber: 1. den Kaufmann Adolf Hommel 2. den Kaufmann Wilhelm Hommel. 3. den Kaufmann Max Göschen j für Recht erkannt worden: „Auf die Klage der Aktien-Gesellschaft Hommel's Haematogen in Zürich werden die Beklagten verurteilt als Gesamtschuldner a) bei Meidung einer Geldstrafe von 500 Mk. für jeden Fall der Zuwiderhandlung zu unterlassen, sich der Firma Adolf Hommel& Co. zu bedienen, soweit sie unter Haematogen oder andere Produkte vertreiben, Zeichnung das Wort Haematogen vorkommt; b) die Löschung der Firma Adolf Hommel& Co. und die Umwandlung in eine andere Firma zu beantragen, und wird ferner den Beklagten verboten, bei Meldung einer Geldstrafe von 1500 Mk. im Falle der Umwandlung in eine andere Firma in diese den Namen Hommel aufzunehmen. Beide Urteile beruhen auf der Erwägung, daß sowohl die Firma Adolf Hommel jun. als auch die Firma Adolf Hommel& Co. zu dem Zweck gebildet worden sind, Verwechslungen mit unserer Firma herbeizuführen, und daß ein solches Verhalten gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und die guten Sitten verstößt. ZÜRICH, den 18. Juli 1912. ÄktieDgesellscbaf! Hommers Haematogen. dieser Firma in deren Bc- UL B ES verantwortlicher öiedatteuri Albert Wach?. Berlin. Kür de» Lnjeratenteil verantw.: TH. Glocke, iöerlin. Druck u. Verlag i Lorlvürtz Suchdruckerei u. BerlagSanitalt Uaul Sieger 0.40* Lerlm SW» flr. 17B, 29. Zahkgang. fihOt Ks.AniAs" Sovnadtad. 27.?vü lSt2. Partei- Angelegenheiten. Dritter Wahlkreis. Morgen Sonntag, den 28. Juli, findet ein Familienausflug nach Kickemal bei Köpenick statt. Treffpunkt daselbst von 10 Uhr vormittags ab im Restaurant Heidekrug. Wilinersdors-Halensee. Montag, 29. Juli, abends pünktlich 8>/z Uhr, im Viktoriagarten, Wilhelmsaue 115: Fortsetzung der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Wahl« Vereins. Tagesordnung: i. Fortsetzung der Diskussion über den Borstandsberilbt(BildungSwesen usw.) 2. Der Parteitag zu Chemnitz. Referent Reichstagsabgeordnetcr S t ü ck l e n. 3. Bericht der Stadtverordneten. Referent: Stadtverordneter Oskar Riedel. Das Mitgliedsbuch ist am Eingange vorzuzeigen. Der Vorstand. Neukölln. Die Generalversammlung des Wahlvereins findet Dienstag, den 30. Juli, präzise SVa Uhr, im Lokal von Bartsch, Hermannstrahe 49, statt. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Kreis-Generalversammlung. 2. Geschäfts- und Kassenbericht. 3. An- stellung eines Sekretärs. 4. Neuwahl des Vorstandes und der Funktionäre. 5. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiertl Der Vorstand. Britz-Buckow. Sonntag früh 8 Uhr Handzettel- Verbreitung in Buckow. Sonntag nachmittag Va* Uhr öffentliche Versammlung unter freiem Himmel aus dem Ackerlande des Herrn Grenzow zwischen Nudower lind Johannisthaler Chaussee. 1. Vortrag des Genossen I. Klüfi-Neutölln über:»Die Entrechtung des Volkes in Prenhen". 2. Diskussion. Für die Genossen von Britz Abmarsch 3 Uhr von Gruhn, Chaussecstr. 18. Der Vorstand. Wcijjcusec. Dienstag, den 30. Juli, abends S'/a Uhr. findet im Lokale„Bergbrauerei", Berliner Allee 211, eine öffentliche Versammlung statt. Die fortgesetzten Angriffe auf die Tätigkeit unserer Vertreter im Rathause haben die Fraktion veranlagt, sich in dieier Versammlung an die Oeffenilichkeit zu wenden. Die Tagesordnung lautet: 1. Weihen see auf den: Wege zum Zukunftsstaat. 2. Freie Aussprache. Die bürgerlichen Gemeindevertreter sind zur Teilnahme schriftlich eingeladen. Um guten Besuch zu erzielen, bitten wir unsere Ge- nossen und Genossinnen, an der am S o n n t a g, den 23. d. M., staltfindenden Flugblaltverbreitung teilzunehmen. Treff- Punkt morgens 8 Uhr in den 31 Zahlabendlokalen. Der Vorstand. Kaulsdorf. Sonntag, den 23. Juli, findet in Hamanns Ge- sellschafishaus, Frankfurter Strohe, das S o m m e r f e st des Wahl- Vereins statt und werden die Genossinnen und Genossen besonders darauf aufmerksam gemacht. Köuifls-Wiistcrhausen. Sonntag, den 28. Juli, nachmittags 2 Uhr. veranstaltet der hiesige Wahlverein sein diesjähriges S o m m e r f e st, verbunden mit Konzert. AuSschiehen, Kegeln sowie sonstigen Belustigungen. Jedes Kind erhält an der Kasse zwei Bous gratis. Das Komilee. Röntgental. Heute Sonnabend, den 27. Juli, Mitglieder- Versammlung in Bernau bei Salzmann, Basdorfer Strohe. Die Parteigenossen und Genossinnen werden ersucht. Punkt 8,20 Uhr ani Bahnhof zu erscheinen. Die Bezirksleitung. Spandau. Die Dampferpartie des Bezirks Nonnendamm findet heute abend 8 Uhr von der Tampferhaltestelle Triststrahe aus statt. Der Vorstand. onn! ärpW ßerürnr JHaebnebtm Wenn die Seerosen blühen. Wie eine herrliche Gafre von Nixen und Wassergeistern an die schönheitsempsindendc Menschheit ist der Sommer- schmuck unserer heimischen Gewässer aus dunklem Grunde an das Sonnenlicht getaucht. Wo Spree, Dahme, Havel und ihre mächtigen Seeerweiterungen stille Buchten bilden, schwimmen grüne Riescnteppiche mit leuchtenden weihen und gelben Blütensternen. Nach dem Volksglauben ist es hier, wenn die Seerosen blühen, nicht geheuer, und manchen allzu Verwegenen haben geheimnisumwobene und doch so natürliche Kräfte beim Haschen der strahlenden Blütenkelche aus schwankem Kahn ins nasse Grab gezogen. Wehe auch dem Schwimmer, der dem Labyrinth von Wurzeln und Blütenstengeln im Nixenrevicr zu nahe kommt Er ist meist unrettbar verloren in der Umschlingung der Hunderte von Polypenarmen, die ihr Opfer so leicht nicht mehr lebend herausgeben. Die Seelilie, wie die Nymphaea alba vom Volksmunde auch genannt wird, gedeiht nur in nicht zu tiefem Ufergrunde und auf still- stehenden oder leicht bewegten Gewässern. Ter dicke Wurzel- stock sendet schlauchartige, singerstarke, zivci bis drei Meter lange Stengel aus dem Schlamm nach oben, läßt die ge- schlossenen Blüten wach küssen von der Julisonne. Wie alle Arten der Lotosblume zeigt auch die Seerose ihre volle Blütenpracht nur am hellen Sommertage. Mit der steigen- den Sonne öffnet sie ihre Kelche, um den schimmernden Stern noch vor Sonnenuntergang wieder zu schließen. Die vier grünen Blätter an der Außenseite der Blüte sind nicht, wie vielfach angenommen wird, der Kelch, sondern ebenfalls Blütenblätter. Bei der in unseren Gewässern viel selteneren gelben Seerose zählen wir fünf solcher grünen Blütenblätter. Der Kelch ist während der Blütezeit nicht sichtbar, wächst sich aber später zu einer birnenförmigen Frucht von Faustgröße aus. Im Charlottenburger Schloßgarten und im Botanischen Garten zu Dahlem sind jetzt rosarot blühende Wasserrosen zu bewundern, in Dahlem auch die sehr seltene Rose mit korn- blumenblauen Blütenblättern, die von den alten Aegyptern als heilig verehrt wurde. Zu den Lotosblumen gehört auch die berühmte Vietoria regia mit ihrer märchenschönen, nur wenige Stunden offenen Blüte, die im Botanischen Garten fast in jedem Jahre zur Entfaltung gelangt und einen Blüten- durchmesser bis fast zu einem halben Meter zeigt. In Süd- amerika, der Heimat der„Königin der Blumen", werden ihre Blüten noch größer. Die riesigen Blätter, die einen Durch- meffer bis zu zwei Metern erreichen, liegen breit auf der Wasserfläche, tragen einen ringsherum laufenden senkrechten Rand und sind au der Unterfläche zum Schutze gegen Schma- rotzer mit Stacheln versehen. Im Tahlemer Garten blühen noch viele andere Lotosartcn, die meist im Wunderland Indien beheimatet find. Leider wird auf unseren Gewässern nach der weißen Seerose recht unvernünftig Jagd gemacht. Man reißt die Blüten mit den langen Stengeln aus dem Wasser, zerstört ganze Blütenfelder und hat nur ein kurzes Genießen, da die vom Wurzelstock und aus ihrem nassen Element genommenen Blüten ihr strahlendes Auge sehr bald für immer schließen._ Schrecklich zugerichtet wurde in der vergangenen Nacht bei einem Fahrstuhlunglück der 38 Jahre alte Postschaffner Gustav Koppe aus der Kronprinzenstr. 45 zu Lichtenberg. Koppe hatte gestern auf dem I Postamt 17 in der Fruchtstr. 7/8 Nachtdienst. Gegen 12 Uhr wollte . ac mit dem Fahrstuhlführer Klose einen Wagen mit Postsachen vom Keller zum Erdgeschoß durch den Lastenaufzug hochbringen lassen- Der Aufzug zog aber nicht sofort an. Als der Führer und der Postschaffner nochsehen wollten, weshalb der Fahrstuhl nicht hoch- gehen wollte, schnellte dieser ganz plötzlich empor. Der Führer des Aufzuges hatte noch Gelegenheit herauszuspringen, auch der Post- schaffner versuchte dies, doch wurde ihm sein Vorhaben zum Ver- hänguis. Er wurde zwischen Aufzug und Wand geklemmt und total zerquetscht, so daß sein Tod auf der Stelle eintrat. Der Kopf war ihm völlig vom Rumpfe getrennt worden. Die herbeigerufene Feuer- wehr mußte die Wand einschlagen, um an die Leiche des Ver- unglückten zu kommen. Diese wurde dann nach dem Schauhause gebracht. Der Tote hinterläßt eine Frau und vier Kinder im Alter von 2 bis 12 Jahren. Tie neue Ordnung, den Anschluß an die Kanalisation und die Erhebung von Kanalisationsgebühren in der Stadt Berlin betreffend, wird soeben vom Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg ver- öffenilicht. Sie enthält neue Bestimmungen über den Anschluß von bebauten Grundstücken an die städtische Kanalisation, über Aenderungen dieser Anlagen, und ihre Revision durch städtische Beamte. In 29 Paragraphen enthält die neue Kanalisations- ordnung außer den vorgenannten Bestimmungen auch solche über die Vermietung oder Verpachtung von Kanalisationsanlagen und die dafür an die Stadt zu enlrichtendcn Entschädigungen. Auch sind in ihr die Gebühren für die Kanalisationsanlagen der Grundstücke mit Nutzwert genau geregelt. Diese Vestimmungen sind zunächst nur bis zum 31. März 1917 genehmigt und treten sofort in Kraft. Uebcr die Brückcnverdrciterung im Zuge der Schönhauser Allee am Ringbahnhof ist jetzt zwischen der Stoatsbahnverwaltung, Stadt und Hochbahngesellschaft eine Einigung erzielt worden. Die letztere beabsichtigt bekanntlich die Bahnstrecke Spiltelmarkt— Schönhauser Allee bis in die Nähe der Pankower Grenze zu führen. Jenseits des Ringbahneinschniltes ist der Bau der Hochbahn bereits in vollem Gange; demnächst soll nun auch die Brücke in Angriff genommen werden. Gegenüber der alten wird die neue Brücke, den gesteigerten Verkehrsverhältnissen entsprechend, eine erheblich größere Breite <42 Meter) erhallen; der Hochbahnviadukt wird über der Brücken- fahrbahn liegen, zugleich wird für einen bequemen Uebergang von der Hochbahnhaltestelie auf den Ringbabnhof Schönhauser Allee Sorge gelragen werden. Auch auf der südlichen Hochbahnstrecke sind die Arbeiten wieder flott vorwärts gebracht worden. An der Gaudy- straße und ebenso am Treffpunkt der Pappelallee und der Cantian- straße mit der Scbönbauser Allee sind einige der gewaltigen Eisen- träger auf die Viaduktfundamentc aufgebracht worden; stellenweise sind die Maler schon an der Arbeit, die der Eisenkonstruktion und dem Geländer der Rampe einen gefälligen Anstrich geben. Der Untergrundbahnbof„Senefelder Play" ist im Rohbau nahezu fertig, ebenso die Montage der großen Maschinen in der ihm angeschlossenen Umformerstation unter der Metzer Straße. Gcldschrankcinbrcchcr suchten in der Nacht zu gestern dem Bandagengcschäft von Paul Hartwig in der Johanuisstr. 22 heim, während der Geschäftsinhaber mit seiner Familie in seiner Wohnung im Erdgeschoß des Seitenflügels schlief, schlichen sich die Diebe über den Hof nach dem vorn parterre gelegenen Laden. Sie schnitten zuerst die elektrische Klingelleitung durch, kantelten dann die Flurtür aus und gelangten so in einen Arbeitsraum. Von dort verschafften sie sich gewaltsam Eingang in das Privalkontor und„knackten" den hier aufgestellten Geldschrank. AuS diesem stahlen sie 4000 M. in barem Gelde, Münzen verschiedener Art im Werte von 600 M. und ein Dutzend schwere silberne Eßlöffel, die zur Hälfte iL Pli. gezeichnet sind. Ein laiiggesnchtcr Bcttclbricfschwiiidler, der sich seit Jahresfrist aus diesen immer noch sehr einträglichen Erwerbszweig gelegt hatte und seinerzeit auch von der Berliner Kriminalpolizei gesucht wurde. ist jetzt von der Polizeibehörde in Elberfeld unschädlich gemacht worden. Es handelt sich um den 63 Jahre alten früheren Bureau- Vorsteher August Grabau, der nicht weniger als 37mal vorbestraft ist und viele Jahre seines Lebens hinter eisernen Stäben zugebracht bat. Der Gauner verschickte von verschiedenen Städten aus seine Bitlschretben an Reserveoifiziere und Rechtsanwälte. Er schilderte diesen seine durch Stellungslosigkeit hervorgerufene bittere Notlage und schwindelte ihnen unter Hinweis auf seine angebliche Teilnahme am Fcldzuge 1870/71 Beträge in verschiedener Höhe ab. Todessturz vom Dach. Gestern mittag hat sich auf dem Grund- stück der Gemeindeschule in der Waldenser Straße ein schwerer Unfall ereignet. Der etwa 60 jährige Dachdecker Anton Kurt, der mit Reparaturarbeitcu auf dem Dach des Hauses beschäftigt war, glitt aus und stürzte aus der schwindelnden Höhe in den Hof hinab. Der Mann war fast auf der Stelle tot; die Leiche wurde nach dem Schauhaus gebracht. Von einer Lokomotive überfahren. Ein schrecklicher Vorgang hat sich gestern abend auf der Stetliner Bahn zugetragen. Der 34 Jahre alte Kellner Karczewski, Hubertusstraße 19 in Hohen-Neuendorf wohnhaft, hatte einen Abendzug nach Hohen-Neuendorf benutzen wollen. Als er den Vorortbahnhof betrat, wurde gerade das Abfahrt- zeichen gegeben. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, doch wollte K. noch mit aller Gewalt einsteigen. Er rannte einfach um den Weg abzukürzen, über das Nebengleis, achtere jedoch nicht darauf, daß aus dieiem gerade ein anderer Vorortzug einlief. Wohl rief man dem Wagehalsigen zu, schnell zurückzuspringen, doch es war zu spät. Vom Vorderrad niedergerissen, kam der Unglück- liche unter die Lokomotive zu liegen, die über ihn hinwegging. Als man den Zug zum Stehen gebracht und den Verunglückten zwischen dem Rädergetriebe hervorgeholt hatte, stellte sich heraus, daß K. furchtbar zugerichtet worden war. Die Schädeldecke war ihm mitten durchgespalten, der rechte Fuß zermalmt und der rechte Arm zer- fleischt worden. JJn hoffnungslosem Zustand wurde der Schwerverletzte in die Charitö eingeliefert. Ein Nicscndachstuhlbrand, bei dem leider- ein braver Feuerwehr- mann schwer zu Schaden gekommen ist, entstand am Donnerstag abend aus unbekannter Ursache im Ouergebäude des Hauses Neue Friedrichstraße 36, neben Dräsels Festsälen, in einem alten Grund- stück der Stadt Berlin. Um 10'/2 Uhr bemerkten Fahrgäste der Stadtbahn und Hausbeivohner die Gefahr. Sofort wurde die Feuer- wehr alarniiert. Mit vier Schlauchleitungen von Dampsspritzen wurde der Angriff eröffnet. Ein Feuermann,. Ballner, der sich erst vor wenigen Monaten verheiratet hat, gab mit einem Rohr vom 4. Stock aus Waffcr. Er hatte das metallene Mundstück eines E-RohreS in der Hand und traf mit dem starken Wasterstrahl das Kabel einer elektrischen Starkstromleitung. Dadurch muß der elektrische Strom— vermutlich war das Kabel schon durch die Flammen stark beschädigt— durch den Wassersirahl und das Metallrohr in den Körper des Ballner gedrungen sein. Er stürzte, wie vom Schlage gerührt, zu Boden und konnte sich nicht wieder erheben. Kameraden, die den Unfall bemerkten, sich aber nicht erklären konnten, sprangen hinzu und brachten B. ins Freie. Da er am ganzen Körpcrge- lähmt war, wurde er schleunigst nach dem Krankenhause am Frie- drichshain geschafft und dort behandelt. Sein Zustand war heute vormittag zufriedendstellcnd. Man hofft ihn wiederherzustellen. Die Löschung des Brandes nahm viel Zeit in Anspruch. Bis gestern früh mußte Wasser gegeben werden. Die Entstehung konnte nicht er- mitielt werden. Die Ausdehnung war zu groß. Der Schaden soll mehrere Firmen erheblich treffen. Dieser Unfall mahnt zur Bor» ficht. Bei einem ähnlichen verunglückte seinerzeit ein Rixdorser Feuerwehrmann in Britz sofort tödlich. Er war in einem Drogen- keller, der brannte, einem Starkstromkabel zu nahe gekommen, fiel um und war auf der Stelle tot. Ballner wird angeblich kaum Dienst mehr tun können. Großfeuer kam in der vorletzten Nacht lurz vor 12 Uhr in der Straße Vor dem Schlesischen Tore Nr. 1 aus noch nicht ermittelter Uriache zum Ausbruch und beschäftigte die Berliner Feuerwehr bis gestern früh. Als die 2. Kompagnie an der Brandstelle, die an der Freiarche liegt, erschien, stand ein etwa oO Meter langer Schuppen, mit Heu und Stroh gefüllt, schon total in Flamme«. Haushoch schlugen sie zum Himmel. Dieser war weithin gerötet. Fast die gesamten dort lagernden großen Vorräte der Gebrüder de Roche, G. m. b. H., brannten. Die Pferde konnten mit knapper Not ge- rettet werden. Auch das Kontor stand in Flammen. Nur der eiserne Geldschrank mit den Büchern konnte gerettet werden. Ob der Motor, der mit Prüßschen Patentwänden ummantelt ist, gelitten hat, konnte noch nicht festgestellt werden. Die Feuerwehr gab mit fünf Dampfspritzen stundenlang Wasser, konnte aber nicht mehr ver- hindern, daß der Haupischuppen total niederbrannte. Gestern früh um 4 Uhr ging das Feuer mehr und mehr zurück und um 6 Uhr konnte die Wehr abrücken. Zur Aufräumung erschienen dann andere Löschzüge. Der erhebliche Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Eine Betriebsstörung soll nicht stattfinden, die Firma verfügt noch über große Vorräte an anderer Stelle. Tödliche Verletzungen zog sich gestern mittag die t0 jährige Käthe Eulenburg, Gräfestraße 40 wohnhaft, zu. Die Mutter lebt seit einigen Jahren von ihrem Mann getrennt und die vier der Ehe entsprossenen Kinder sind sich tagsüber selbst überlassen, da die Mutter den Lebensunterhalt verdienen muß. Die 10 jährige Kälhe muß die jüngeren Geschwister beaufsichtigen. Gestern mittag wollte sie für die Kleinen das Essen wärmen. Dabei gerieten ihre Kleider mit dem brennenden Spiritus in Berührung und gingen lichterloh in Flammen auf. Schreiend lief die Kleine in ihrer entsetzlichen Angst auf den Hof hinab. Ehe jedoch Hilfe kam, hatte das arme Mädchen furchtbare Brändwunden erlitten. Mit verkohlten Kleidern und über und über mit Wunden bedeckt, brachte' man die Schwer« verletzte nach dem Urbankrankcnhause, wo die Aerzte die Hoffnung. sie am Leben zu erhalten, bereits aufgegeben haben. Selbstmord einer Schauspielerin. Aus unglücklicher Liebe beging am gestrigen Abend gegen 9 Uhr die Schauspielerin Magarete Strurhoff, geborene Schlenz, Selbstmord. Die Schauspielerin, die sich vor kurzer Zeit verheiratet hatte und in kleinen Rollen im Berliner Theater auftrat, hatte eine tiefe Zuneigung zu einem Kollegen gefaßt. Da die 22jährige Frau die Aussichtslosigkeit einer Verbindung mit dem Schauspieler einsah, beschloß sie aus dem Leben zu scheiden. Am gestrigen Abend schloß sich die junge Frau in der Küche ihrer in der Bamberger Straße 28 zu Schöneberg belegenen Wohnung ein und öffnete sämtliche Gashähne. Nachbarn vernahmen nach einigen Stunden einen intensiven Gasgeruch und ließen die Wohnung durch einen Schlosser öfinen. Die Eintretenden fanden die Schauspielerin in der mit Gas aagefülllen Küche auf dem Fußboden besinnungslos liegen. Die von einem in der Nähe wohnenden Arzt und der herbeigerufenen Feuerwehr angestellten Wiederbelebungs- versuche erwiesen sich als erfolglos. Der Arzt konnte nur noch den bereits eingetretenen Tod feststellen. Die Leiche der Schauspielerin wurde polizeilich beschlagnahmt und nach der Halle deS 2. Schöneberger Fliedhofes an der„Blanken Hölle" gebracht. Oeffcntliche Vibliethek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be- Nutzung für jedermann, SO., Adalbertstr. 41. Geöffnet werk- täglich von BK— 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 9—1 Uhr. In dem Lesesaal liegen zurzeit 591 Zeitungen und Zeit- ichrislen jeder Art und Richtung auS. Ein schwerer Straßrnbahnuiifall ereignete sich am gestrigen Freitagvormillag in der Strousberger Straße. Dort wollte vor dem Hause Nr. 45 das 28 jährige Fräulein Anny Belo, Markus« straße l8 wohnhaft, den Motorwagen 1526 der Linie 63 sRichwng Weißens«) während der Fahrt verlassen, kam jedoch zu Fall und blieb neben dem Wagen liegen. Die Verunglückte wurde nach der nächsten Unfallstation gebracht, wo der anwesende Arzt eine schwere Gehirnerschütterung, sowie Hautabschürfungen im Gesicht und an den Armen feststellte. Nach Anlegung eines Notverbandes wurde Fräulein B. dem Krankenhause FriednchsHain zugeführt., Vermißt. Am 24. Juli morgen« gegen 10 Uhr entfernte sich die 19 Jahre alte Frida Fröhlke aus der elterlichen Wohnung angeblich um den Arzt Herrn Dr. Koser. W e i ß e n s e e, Berliner Allee, aufzusuchen. Sie ist aber dort nicht eingetroffen. Dieselbe leidet an epileptischen Anfällen; das Mädchen befindet sich seit mehreren Wochen in ärztlicher Behandlung. Es wird vermutet, daß Frida Fröhlke vielleicht planlos in Berlin umherirrt. Um Nachricht über den Verbleib bittet der Vater Maschinist Herm. Fröhlke, Weißensee, Sedanstr. 103 III. Bekleidet war die Vermißte mit blauem Oberrock, weißer Bluse. Automütze, blauen Schnürstieseln und hat eine kleine schwarze Handtasche bei sich. Beim Massenausflug der Arbeiterjugend nach Pichelswerder am Sonnlag, den 21. Juli 1912, wurde gefunden: Eine Weste mit Uhr, eine Uhr mit Kette und ein Südwester. Interessenten wollen sich Mittwochs und Sonnabends, abends von 6 bis 3 Uhr, an Erich Rüde, II. 58, Greifenhagener Str. 77, wenden. Vorort- r�aebriebten. Charlotte», bürg. Ein großer Dachstuhlbrand wurde gestern nachmittag aus der Sophie-Charlottestr. 47 gemeldet. Als die Löschzüge 1 und 3 an der Brandstelle ankamen, stand der Dachstuhl des Vorderhauses schon in großer Ausdehnung in Flammen. Die Treppen waren bereits total verqualmt, so daß die Hausbewohner zu ihrer Sicher» heit durch die Fenster und über die Dächer flüchten mußten. Ueber zwei mechanische Leitern und über die Treppen wurde mit vier Schlauchleitungen vorgegangen und kräftig Wasser gegeben. Die ungeheuere Hitze, sowie der undurchdringliche Qualm erschwerten die Löscharbciten ungemein. Die Feuerwehr hatte mehrere Stunden zu tun. um die Gefahr für die angrenzenden Gebäude zu beseitigen, Auch in diesem Falle liegt die Vermutung der Brandstiftung nahe. Schöneberg. Das Opfer eines Unglücksfalles wurde in vergangener Nacht der 34 Jahre alle Bäcker Gustav Klätte, Hauptstr. 34 wohnhaft. Auf seinem Zweirade war K. durch die Schulstraße gefahren und an der Kreuzung der Exerzierstraße mußte er einem in schnellem Tempo dahinsahrenden Droschkenautomobil ausweichen. Er übersah dabei ober, daß aus der anderen Richtung ein beladener Möbelwagen nahte, und in dem Moment, als er links abbog, fuhr er an das Last- fuhrwerk heran, wurde mitsamt dem Zweirade unter die Räder ge- schlendert und überfahren. Der Aermste wurde furchtbar zugerichtet. Das Gesäß wurde ihm buchstäblich abgefahren und außerdem erlitt er schwere innere Verletzungen. In recht bedenklichem Znstand fand der Verunglückte im Krankenhaus Bethanien Aufnahme. Vergiftete Wurst als Todesursache. Die 37jährige Witwe Helene H ä h n e l aus der Gothenstr« 5 hatte am Dienstag bei einem Schlächtermeister in der Roßbachsiraße Leberwurst gekauft. Nach dem Genuß der Wurst erkrankte Frau H. unter Vergiftungscrscheinungen. Der herbeigerufene Arzt ordnete die sofortige Ueberführuna«och dem Krankenhause an. Hier ist die Erkrankte gestern abend Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt und es ist eine eingebende Untersuchung angeordnet worden. Die Wurst, auf deren Genuß der Tod der H. nach dem Gutachten der Aerzte zurückzuführen ist, soll bereits mehrere Tage alt gewesen sein. Allerdings haben von der Leberwurst auch die Kinder und andere Familienmitglieder gegessen, ohne daß sich bei diesen Personen auch nur die geringsten Krankheits- erscheinungen gezeigt hätten. Steglitz-Friedenau. Das Sommcrfest der organisierten Arbeiterschaft findet am Sonntag, den 28. Juli, im Birkenwäldchen, Schützenstraße, statt. Außer einem guten Konzert werden auch turnerische Aufführungen, Verlosung, Preiskegeln, Marmorgruppen und Kinderspiele veranstaltet. Jedes Kind erhält eine Stocklaterne gratis. Der Eintrittspreis ist auf 25 Pfennig im Vorverkauf und an der Kasse auf 30 Pfennig festgesetzt.' Zu diesem Fest iverden eine größere Anzahl freiwillige Helfer gebraucht, und die Genossen, die sich hierzu bereit erklären, werden gebeten, am Sonntag früh 10 Uhr im Festlokal zu erscheinen. Martendorf. In der Generalversammlung des Wahlvereins erstattete Genosse Jeserich zunächst den Bericht über das verflossene Geschäftsjahr. Aus den Ausführungen ist zu entnehmen, daß die politische Bewegung am Ort gute Fortschrille gemocht hat. Die RcichStogSwahl brachte einen bedeutenden Stimmenzuwachs. Ebenso ist die Mitpliederzahl gestiegen und ein weiteres Wachsen zu beobachten. Rund IVO Mit- gliedcr wurden im vcrflosjenen Jahr gewonnen. Während am 1. Juli 1911 316 Mitglieder vorhanden waren, ist die Zahl bis zum 1. Juli 1312 auf 417 gestiegen. Die Frauenleseabende haben sich gut bewährt. Ein großer Fortschritt ist die endgültige Freigabe der meisten Lokale. Während wir eine Zeitlang überhaupt keinen Saal hatten, ist eS durch den hartnäckigen Lokal- kämpf gelungen, auch hier Bresche zu schlagen, was natürlich für unsere Werbelraft einen großen Vorteil bedeutet. Eine im Laufe des Jahres vorgenommene„Vorwärts'-Slgitation brachte 95 neue Abonnenten. Die Zahl der„Vorwärls''-Leser am Ort beträgt jetzt 720. Die Ausgestaltung der Zahlabende wünscht Redner für die Zukunft ganz besonders im Auge zu behalten, sie sollen mehr zu Vortragsabenden werden. Damit wäre eine gewisse Garantie ge- geben, daß neugewonnene Mitglieder nicht so leicht durch die oft langweilig werdenden langen Gcschäftsdcbatten abgestoßen werden. Der vor einem Jahre eingesetzte Bildungsansschuß hat mit seinen bisherigen Veranstaltungen allgemeine Anerkennung und guten Zu- sprach gehabt. Es ist sicher zu erwarten, daß das neue, jetzt sest- gesügie Halbjahrprogramm des Ausschusses sehr zur geistigen Hebung beitragen wird. Dem Kassenbericht, der gedruckt vorlag und vom Genossen .Spannenberg ergänzt wurde, ist zu entnehmen, daß die Einnahmen im 1. Halbjahr 411,11 M., im 2. Halbjahr 431,01 M. betragen, denen an Ausgaben 101,02 beziv. 134,80 M. gegenüberstehen. An den Kreis wurden im 1. Halbjahr 274,08 M. und im 2. Halbjahr 287,34 M. abgeliefert. Der Ortsbeftand beträgt 8,87 M. Die DiS- kuision über die gegebenen Berichte bewegte sich im engen Rahmen. Kritik an der Tätigkeit des Vorstandes wurde nicht geübt. Die Voistandswahl wurde diesmal durch geheime Abstimmung erledigt. Gewählt wurden: zum 1. Vorsitzenden Genosse Jeserich, 2. Vor- fitzenden Genosse Schwarz, Beisitzerin Genossin Goedc, Kassierer Gcnosie Spannexbcrg, Schriftsübrer Genosse Leib. Revisoren die Genossen Sänger, Life und Weiß. Hierauf behandelte Genosse Schwarz in lelageren Ausführungen die Abänderung des Partei- statuts und des Statuts für Groh-Berlin. Nach kurzer Diskussion wurde den Kommisstonsantrngen zugestimmt. öieukötln. Schweres Brandunglück. Die 21jährige Buchhalterin Franziska Ropaezewsky. Bergstr. 78 wohnhaft, halte eine Tischlampe mit Petroleum gefüllt und dabei eine größere Menge dieser Flüssig- keit über ihre Kleidung vergossen. Als das junge Mädchen die uLampe anzündete, kam sie mit dem brennenden Streichholz den mit Petroleum getränkten Kleidungsstücken zu nahe. Diese gerieten in Brand und im nu glich die R. einer lebenden Feuersäule. Auf die Hilferufe der Verunglückten eilten Nachbarn hinzu und erstickten durch Aufwerfen von Betten und Decken die Flammen. Die Buchhalterin haue jedoch bereits so schwere Brandwunden am Oberkörper und im Gesicht davongetragen, daß sie auf Anordnung eines hinzu- gerufenen ArzleS, der ihr die erste Hilfe zuteil werden ließ, nach dem städtischen Krankenhause in Buckow geschafft werden mußte. Der Arbcitcrschwimmvcrein Neukölln Mitglied des Arbeiter- schwimmci'bnndesj veranstaltet Sonntag, den 28. Juli ein großes S ch w i m m f e st in der Kortichen Badeanstalt. Canner Chaussee. Kunstreigcn, Wasserballspiel, Schauspringen, Damenschwimmen und anderes mehr werden zur Aufführung gelangen und versprechen recht iiitercssant zu werden. Das Fest beginnt nachmittags 3>/z Uhr und zur Deckung der Unkosten werden 40 Pf. erhoben. Nicdcr-Schönhauscn. Die Direktion der SicmenSbahn hat der Anregung der letzten Gemcindevcriretcrsitzung Rechnung getragen und einen Frühwagen eingestellt. Vom 1. August ak wird der erste Wagen um 5,25 Uhr morgens vom Bismarckplatz bis Mittelstraße fahren. Der erste Wagen von der Mittelstraße fährt um 6,06 Uhr nach Nieder-Schön- Hausen. Dafür fällt der Wagen 6,30 Uhr ab Elsaffer Straße nach Nieder-Schönhausen aus. Köpemck. Die Einfichtnahrne in die Wählerliste, die nur noch bis ein- schließlich 30. Juli im Rathaus, Zimmer 28, öffentlich ausliegt, ist bisher nur in geringem Matze erfolgt. Alle Wahlberechtigten werden nochmals dringend ersucht, die Liste einzusehen, da sie, falls ihre Eintragung aus irgend einem Grunde unterolieben ist, nichc wählen dürfen. Wer nicht in der Liste steht, muß sofort die Nach- t r a g u n g beantragen. Es hat sich herausgestellt, daß Söhne, die bei den Eltern wohnen, als Schlafburschen angesehen werden und daher nicht in der Liste stehen. Alle, die ein Anrecht auf Eintragung in die Liste haben und nicht darin stehen, müssen dies unverzüglich im Einwohnermcide- amt anzeigen. Auch wende man fich an den Genossen M i tz l e r, Kietzerstraße 6, der jede notwendige Auskunft erteitt. Beim Baden ertrunken. In der Spree ertrank gestern der Maurer Hermann von hier. H. hatte nach beendeter Arbeit hinter Sadowa ein Bad genommen. Obwohl er fast garnicht schwimmen konnte, wagte er sich tiefer in die Spree hinein und plötzlich konnten Spaziergänger vom Ufer aus beobachten, wie H. im Wasser die Hände hochhob und dann unterging. Wahrscheinlich hatte der Schwimmer ein Zeichen geben wollen, daß er in Gefahr sei. Man hatte das Signal jedoch nicht verstanden und erst, als der Badende längere Zeit nicht wieder zum Vorschein kam, wurden Reitlings- versuche unternommen, doch war es nun bereits zu spät. Nur noch den Leichnam des Ertrunkenen, der Frau und fünf unmündige Kinder hinterläßt, konnte geborgen werden. Neuenhageu(Ostbahn). Auf zur Stichwahl! Bei der Ersatzwahl zur Gemeinde- Vertretung am 17. Juli fehlten den Kandidaten der Sozial- demokratie nur wenige Stimmen am«iege.— Die notwendig gewordene Stichwahl findet morgen Souutag, deu 2». Juli, nachmittags von 2 bis 5 Uhr, im Saale des Herrn H e ck m a n n(im Dorf) statt. Kandidaten der Sozial- demokratie sind: Maurer Friedrich Reinhardt und Arbeiter WilhelmMöser. Arbeiter, Parteigenossen! Jetzt gilt es, die Säumigen aufzurütteln und zur Wahl heranzuholen. Was uns am 17. Juli nicht gelang, muß jetzt nachgeholt werden. Wegen der ungünstigen Wahlzeit war es manchem Arbeiter nicht möglich, sein Wahlrecht ohne große wirtschaftliche Schäden auszuüben. Am Sonntag fällt dies weg und ist es Ehren- Pflicht jedes Arbeiters, am Wahltisch zu erscheinen. Auf zum letzten Treffen! Sorge jeder nach besten Kräften dafür, daß am Sonntag die sozialdemokratischen Kandidaten als Sieger proklamiert werden. Oranienburg. Beim Fcucranmachen verbrannt. Die 13jährige Tochter des Arbeiters Rhena wollte Petroleum zum Feueranmachen verwenden. In demselben Augenblick explodierte die Petroleumkanne und ergoß ihren brennenden Inhalt über das unglückliche Mädchen. Die Kleine wurde mit schweren Brandwunden am ganzen Körper in das Krankenhaus eingeliefert, wo sie bald nach ihrer Einlieferung st a r b. Spanvau. Stadtvcrordnetenfitznng. Die Feriensitzung befaßte sich zumeist mit kleineren Vorlagen, für die die Stadtvater nur wenig Interesse hatten. Eine große Anzahl kam erst garnicht zur Sitzung, so daß diese erst a/4 Stunden nach festgesetzter Zeit im Beisein von 26 Stadt- verordneten eröffnet wurde. Auch die herrschende Hitze machte die Gemüter etwas schwerfällig und die meisten Borlagen wurden ohne wesentliche Debatte erledigt. Zum Ausbau der verlängerten Moltke- straße bis zur Seegefelder Straße lourden die erforderlichen Mittel in Höhe von 195 000 Mark bewilligt und zum Ausbau der Bayern« straße an der Streitstraße 7300 Mark. Der Zahlung eines jährlichen Betrages in Höhe von 100 M. an die Firma Siemens u. Halske für das Kinderheim Nonnendamm wurde ebenfalls zugestimmt. Etwas lebhafter wurde eS bei Beratung der Vorlage zur Beschaffung eines Gutachtens über den Einsturz einer Decke einer Reinwaffer- kammer des Wasserwerks. Vielleicht nicht, weil bei dem Einsturz ein Arbeiter tödlich verunglückte, sondern weil die Herren der Kom« Mission, wenn die Decke 24 Stunden später eingestürzt wäre, viel- l icht selbst verunglückt wären. Der Stadtverordnete Siefert legte sich deshalb warm für die Vorlage ins Zeug und verlangte eine ge- naue Untersuchung der Ursachen des Unfalles, die noch immer nicht bekannt sind. Jetzt soll. zunächst ein Gutachten über die' Festigkeit dcS verwandten Materials eingeholt werden.— Eine wunderschöne Sub« misfionSblüte zeitigte die Ausschreibung für die AufhöhungSarbeiten der Straßen im Gelände der LandhauSbebauuna.� Von 18 An« geboten war das niedrigste 7812 M.. das höchste 25 980 M. Den Zuschlag erhielt eine hiesige Firma, die die viertbilligste war. Am 1. Oli ober wird hier eine städtische Mütterberatungsstelle und Tuberkulosefürsorgestelle ins Leben gerufen, wozu die Versammlung 1500 M. bewilligte. Vorsteher der Beratungsstelle wird Geheimer Medizinalrat Dr. Jaenicke. Der Weg längs der Eisenbahn zwischen Bahnhofsvorplatz und Stresow soll eine Gasleitung erhalten, wozu 3200 M. bewilligt wurden. Nach der öffentlichen fand noch eine geheime Sitzung statt. Versammlungen. Der Berband der Hut- und Filzwarenarbeiter und-arbeite- rinnen(Ortsoerwaltung Berlin) hielt am Mittwoch in den Musiker- Festsälen eine außerordentliche General- Versammlung ab. Auf der Tagesordnung stand die Neuwahl des gesamten Vorstands, da der bisherige Vorstand, dessen Amts- zeit noch bis zum Ende des Jahres lief, sein Amt niedergelegt hat, aus Anlaß von Differenzen mit einem Teil der Mitgliedschaft.. Bevor zur Wahl geschritten wurde, wurde aus der Ver- sammlung von verschiedenen Seiten der Versuch angeregt, den bis- herigen Vorstand zur Weiterführung seines Amtes zu bewegen, Durch Enbloc-Wiederwahl sollte dem Vorstand ein Vertrauens- Votum erteilt werden. Eine Beschlußfassung über die Vorschläge erübrigte sich dadurch, daß die Mitglieder des bisherigen Vor- stands nach einer kurzen Besprechung die Erklärung abgaben, daß sie bei ihrem Entschluß verblieben. Nur das Vorstandsmitglied Wiese stellte sich zu eventueller Neuwahl bereit. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgende Zusammensetzung: Wiese, 1. Vor- sitzender; Köhler, 2. Vorsitzender; Greul, 1. Schriftführer: Karl Schmidt, 2. Schriftführer; Karls, Schmitt gen, Kottlack, Grande und Frau Kowalewsky. Beisitzer. Hierauf wurden noch eine Reihe interner Vereinsangelegenheiten erledigt. Zentral-Kranken- und Sterbekasse der deutschen Wagenbauer, Nrnköll» I. Sonntag, den 28. Juli, vormittags 10 Uhr, bei Grieger, Lessingstr. 9: Neuwahl der gesamten Ortsoerwaltung. ßmffcarten der Redaktion. Die juristische Sprechstunde findet bis auf weiteres von 7 bis N>/z Uhr abends— Sonnabends von 41/a— 6 Uhr— Lindcnstr. 69, IV. Etage(Fahrstuhl) statt. H. B. 42. Ms Adresie genügt: Königlich preußische AnüedelungS. koinmiffion in Posen.— R. M. 110. Nachteiliges ist uns nicht bekannt. — Tau,. 443. 1—3. Zu erfragen beim Verband der Gemeindearbeiter, Sektion der Krankenpfleger, Engeluser 14/15.— O. 100. Wenden Sie sich an die AuSkunst- und Füriorgestelle für Lungenkranke, Palisadenstr. 25, Dienstag 4—6 und Donnerstag 10—12.— P. R. 73. Auskunft den .Arbeiter-Schwimmverein Berlin" betretend erteilt Georg Lücke, Berlin- Reinickendorf, Residenzstr. 109.— T. M. Agenten werden bei diesem Institut nicht angestellt. Wttterungsnberstcht vom 26. Juli 1012. WeUer 2 halb bd 1 wollen! halb bd Regen 1 wölken! ä* tü 17 17 15 14 16 Wetterprognose für Sonnabend, deu 27. Juli 1012. Warm und vielfach heiter bei meist schwachen südlichen Winden und etwas Neigung zu Gewittern. Berliner Wetterbureau. VerZraiick nnr Im Fabrlkeebttade! nu bie sparen üeld!w8r| i möbel s"5 Möbelfabrik- i H. Walter Willi Maaß,as 351 ■' Tel.: A.III, 5157"5. H kaufen. Verkauf nur im Fabrikgebäude— eigene■ Tischlerei und Polstere!.— AufWunsoh Teilzahlung.■ 35■■ Permanente Musterzimmer-Ausstellung.■■ 35 Saison- Ausverkauf in den i-z-n vom 27. Inii bi- 4. August Saison- Ausverkauf flusveM v. Herren-». 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Sonntags von 8—10 Uhr �vuvuvws/wwwvwwww Die Besichtiguns unserer KleiOerwerke, der größten ihrer Art inDeotachland, wird unaerco Kunden noch vorheriger Anmeldung gestattet. JegsHcher Nachdruck verboten. Verantwortlicher Nedakteuri Klhert Wachs. Berlin, gür den JnjeratenteU verailUo.i Th. Glocke, Berit». Druck».Verlag: Vorwärt« Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer«.So, Berlin LÄ. Nr. 173. 29. Jahrg. KeilM te Amiirls-■ Amkigr» ftr Sniim Ni> PfUtn. 27. Juli 1912. Hus der frauenbewcgung. Ultramontane Konfessionshetze. In den letzten Tagen befaßte sich die bürgerliche Presse mit einer ultramontanen Hetzschrift, die im Verlage von I. P. Bachem in Köln erschienen, von dem katholischen Pfarrer von den Driesch verfaßt und von dem erzbischöflichen Generalsekretariat zu Köln genehmigt worden ist. Wir haben das Machwerk bereits Anfang Mai(Nr. 104 des„Vorwärts") einer scharfen Kritik unterzogen. Cjs sei heute nur daran erinnert, daß in dem Schriftchen, das den Titel trägt:„Der Irrweg der gemischten Ehe", den katholischen Eltern besohlen wird,„nie und unter keinen Umständen" in ge- mischte Ehen eines ihrer Kinder einzuwilligen und die Kinder „von vornherein sorgfältig vor dem Verkehr mit Andersgläubigen zu behüten". Schließlich aber heißt es, daß es für ein katholisches, „von einem Protestanten betörtes Mädchen" hesser sei,„die Folgen des Fehltritts auf sich zu nehmen, als in d?e gemischte Ehe ein- zuwilligen". In dem von katholischen Geistlichen herausgegebenen„Rheini- scheu Sonntagsblatt" in Köln erschien in der Nummer 24 ein Geschichtchen mit der Ueberschrift„Aus Gewissenspflicht", das ganz im Geiste jener Hetzbroschüre gehalten ist: Eine Mutter kommt aus der Kirche heim, wo sie eine Unterredung mit dem Geistlichen ge- habt hat. Sie veranlaßt ihre Tochter, sich in das Haus des Pfar- rers zu begeben, der eine Besprechung mit dem Mädchen gewünscht hat. Das Mädchen ist nämlich mit einem Protestanten verlobt. In der Erzählung heißt es:„Den anderen Morgen begab sich Hedwig nach dem Pfarrhause. Sie blieb lange aus, und als sie wieder kam, lag ein ungewöhnlicher Ernst auf ihrem jugendlichen Antlitze. Es kam der Mutter vor, als habe sie geweint...." Das Mädchen sagt dann, daß es das Verhältnis lösen wolle, und auf die Frage, ob ihr das schwer werde, antwortet es:„Ja, Mutter, es ist ein Opfer. Ich liebe Arnold ausrichtig, er ist ein liebenswürdiger und gcscheidtcr Mann, auch hängt er mit ganzem Herzen an mir. Es tut mir leid, ihm Schmerz zu bereiten." Tränen flössen über die Wangen des jungen Mädchens..... Das Mädchen tritt dann eine Reise zu Verwandten an. Der Bräutigam kommt erregt zu der Mutter und erfährt, daß das Mädchen fort ist. Die Mutter versichert ihm, daß gegen seine Person nichts vorliege, sondern daß lediglich der Unterschied der Religion die Tochter zu der Lösung des Verlöbnisses veranlaßt habe, was nicht ohne Schmerz geschehen sei. Das Mädchen kehrte nach einigen Wochen mit schmaleren und bleicheren Wangen nach Hause zurück.„Doch Gebet und Arbeit halfen ihr über den inneren Kummer hinweg, so daß sie bald wieder das frühere heitere Mädchen wurde. Die Entsagung, die sie Gott zuliebe und für das Heil ihrer Seele geübt, blieb nicht unbelohnt. Einige Jahre später be- warb sich ein sehr geachteter katholischer Beamter um sie, der ihr eine viel sorgenfreiere und angenehmere Lebensstellung zu bieten vermochte, wie ehemals Kaufmann Berger. Sie nahm diesen Heiratsantrag an....." Selbstverständlich läßt der fromme Märchenerzähler das Mädchen in dieser gottgefälligen Ehe„glücklich" werden. Dafür, daß er die Ehe, von deren Heiligkeit die Kleri- kalen sonst nicht genug reden können, zu einem bloßen Vor- sorgungsinstitut herabgewürdigt hat, scheint der Mann kein Emp- finden zu haben. Der„Beamte in gesicherter Lebensstellung", diese vom Heiratsmarkt der bürgerlichen Presse bekannte widerwärtige Erscheinung, wird hier zum Idol für junge Mädchen aus dem Volke. Im übrigen erkennt man ja die ganze Perfidie der kleri- kalen Konfcssionshetze an dem oben erwähnten Satze, wonach ein Mädchen lieber sich durch einen der verhaßten Protestanten zur unehelichen Mutter machen lassen, als den andersgläubigen Vater heiraten soll. Es ist nicht auszudenken, welches Unheil, gesteigert bis zu blutigen Liebestrazödien, das allen Lehren des Nazareners brutal ins Gesicht schagende hetzerische Treiben der Klerikalen schon angerichtet hat._ Versammlungen. Ter Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter(Filiale Groß Berlin) hielt ain Donnerstag im Gewerk schasts Haus eine Generalversammlung ab. H o s f m a n n erstattete den Kassenbericht für das 2. Quartal. Die Einnahmen und Ausgaben für die Hauptkassc balanziercn mit 41 902,(55 M. Zu den Ausgaben zählen dabei 20 124,02 M., die an die Zcntralkasie abgeliefert wur- den. Wenn die Einnahmen für die Hauptkasse, so bemerkte Redner, im zweiten Quartal hinter denen des ersten Quartals zurückständen� so erkläre sich dies namentlich aus zahlreicheren Entlassungen in den Gaswerken, besonders in der Gasanstalt Tegel. Abgesehen da von, seien aber die Einnahmen im zweiten Quartal stets geringer als im ersten Quartal. Aber auch die Ausgaben seien geringer ge- Wesen, da die für Untcrstützungszwcckc insgesamt ausgegebene Summe viel niedriger gewesen sei, vor allem infolge Zurückgchens der für Krankenunterstützungszwccke erforderlichen Summe.— Die L o k a l k a s s c nahm im zweiten Quartal 25 914,08 M. ein und gab aus 20(527,44 M. Am Ende des zweiten Quartals verblieb der Lokalkassc einschließlich des früheren Bestandes von 61 585,62 M. ein Bestand von 66 873.16 M.— Das zweite Quartal schloß ab mit einem Mitgliederbestände von 9538, wovon 9088 männliche, 334 weibliche und 116 jugendliche Mitglieder waren.— Es folgte die Berichterstattung vom Münchener Verbandstag.— Wutzky und Becker teilten sich darin. � Sic gaben eine Uebersichi über die Verhandlungen und sprachen die Hoffnung aus, daß in der Berliner Filiale jedes Mitglied das seine tun werde, die Beschlüsse zur Durchführung zu bringe». Es entspann sich eine sehr lebhafte Debatte, namentlich mit Bezug auf die Wahl des Verbandsvor- sitzenden, die diesmal auf dem Verbandstag mehr wie sonst in den Vordergrund trat. Da die Debatte um 111h Uhr noch fortdauerte, man sie aber nicht abbrechen wollte und andererseits noch verschiedene wichtige Punkte auf der Tagesordnung standen, so beschloß man Ver- tagung der Versammlung. Sie wird am Freitag, den 9. August, fortgesetzt werden._ Hus aller Melt. Unwetter und Blitzschläge. AuS Laiidsberg a. d. Warthe wird gemeldet: Auf freiem Feld bei Dragebruch im Kreise Friedeberg(Neumark) ist der Eigentümer Dahlkc und sein Knecht während eines starken Gewitters vom Blitz erschlage» worden. Während eines schweren Gewitters in Rudolstadt schlug der Blitz in das Haus eines Stellmachers und äscherte dasselbe vollständig ein. Ein Kind wurde durch die einstürzende Decke erschlagen. Emmerich, 26. Juli. Gestern nachmittag ist die hiesige Gegend durch ein Unwetter schwer heimgesucht worden. An der Grenze gegen B a b b e r i ch(Holland) erschlug der Blitz den Posten- führer der holländischen Grenzwache, ein neben ihm stehender Wärter wurde vom Blitz gelähmt. In Beez(Belgien) setzte der Blitz ein großes Bauernhaus in Brand, das voll- kommen eingeäschert wurde. Auf dem Felde wurden zwei Frauen vom Blitz erschlagen. Auch in Bayern und Tirol traten verheerende Gewitter auf. Im Laufe des Donnerstag Abend und der letzten Nacht gingen über München und das bayerische Oberland äußerst heftige Gewitter, begleitet von wolkenbruchartigem Regen und teilweisen Hagelschäden, nieder, die großen Schaden anrichteten. Der Blitz hat wiederholt gezündet. In München wurde die Feuerwehr hundertmal alarmiert, meistens um Wasserschäden zu beheben. In K u f st e i n und Umgebung hat am Freitag nach einem Gewitter ein fürchterlicher Sturm gewütet. Am Thierberg wurden eine Masse Bäume niedergerissen. Die Reichs- straße nach Bayern war eine Zeitlang unpassierbar. Da auch die elektrische Licht- und Kraftlcitung zerstört ist, sind die Be- wohner des Thierbergs ohne Licht und Wasser. Drei Schulknaben ertrunken. Bei Brandenburg a. d. Havel sind am SonnerStagnach- mittag drei Schulknaben beim Baden in der Havel er- trunken. Die Leichen konnten bis jetzt noch nicht geborgen werden. Zwei der Verunglückten sind Brüder, die neun und zwölf Jahre alten Söhne des Arbeiters Kroll; der dritte Tote ist der siebenjährige Sohn des Korbmachers Mayer. Alle drei waren befreundet und nahmen gestern nachmittag an einer Stelle, an der das Baden durch eine Warnungstafel verboten ist, ein Bad in einem Nebenarm der Havel hinter dem Schützenhause. Sie tummelten sich eine ganze Zeitlang im Wasser herum und gingen dann plötzlich alle drei, da sie sich an den Händen angefaßt hatten, unter. Es gelang ihnen, noch einmal an die Oberfläche zu kommen und um Hilfe zu rufen. Gleich darauf gingen sie aber wieder, fest aneinander geklammert, unter und blieben verschwunden. Zwei andere Knaben, die das Unglück mitangesehen hatten, holten Hilfe herbei. Es wurde das Wasser abgesucht, jedoch konnte bis jetzt keine von den Leichen geborgen werden. Zur Mordaffäre Rosenthal. Der Staatsanwalt Whiteman hat den bekannten Detektiv Petersen beauftragt, sich an der Verfolgung der Mörder des Spielhöllenbesitzers Hermann Rosenthal zu beteiligen. Im Verbrecherviertel von New Jork kam es gestern zwischen den Polizisten, die sich auf der Suche nach den Mördern befinden, und einer Anzahl von Verbrechern, die sich in einem Hause verschanzt hatten, zu einem lebhaften Revolverkampfe. Als es den Polizisten nach vieler Mühe gelungen war, sich Eintritt in das Haus zu verschaffen, waren die Verbrecher aber nicht mehr zu finden. Sie hatten durch einen im Hause befindlichen unterirdischen Gang das Weite gesucht. Bei dem Kampfe wurde einer der Polizisten durch einen Schuß lebensgefährlich verwundet. Auch in einem anderen Stadtteil wurde ein Kriminalbeamter von einem Apachen angegriffen. Die Kugel, die aus dem Hinterhalt abgegeben worden war, verfehlte aber ihr Ziel._ Appetitliche Käse. Als ein widerwärtiges, ekelhaftes Vergehen gegen das Nahrungsmittelgesetz und einen niederträchtigen Mißbrauch des allgemeinen Vertrauens bezeichnete das Schöffengericht in Hannover wörtlich die Handlungsweise der Käsehändlerin Henriette Häßler geb. Hengst. Es wurde der Angeklagten klipp und klar nachgewiesen, daß sie in ihrem Verkaufs- stand einen alten Marmeladeneimer zur Verrichtung ihrer Bedürfnisse benutzte, und daß sie in diesem mit Urin gefüllten Eimer sich die Hände und das große Käsemesser abgewaschen hat. Weitet, daß sie darin Lappen tränkte und diese während der heißen Zeit im Juni auf den Harzkäse legte. Als sie auf das Unrechtmäßige ihrer Handlungsweise hingewiesen wurde, hat sie obendrein noch die freche und wegwerfende Redensart gemacht: „In Hannover fretet se alles weg." Die Straftaten der Angeklagten liegen zum Teil schon mehrere Jahre zurück, so daß sie sich teilweise erfolgreich auf Verjährung berufen konnte. Das Gericht stellte aber fest, daß die Angeklagte sich des unerhörten Nahrungsmittelvergehens in zwei Fällen mindestens schuldig gemacht hat, und daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach während ihrer Tätigkeit als Käsehändlerin fortgesetzt derart schmutzig gehandelt hat. Die Angeklagte brüstcte sich in der Verhandlung noch damit, daß sie stets einen so flotten Harzkäseverkauf gehabt hätte, daß sie kaum Ware genug hätte anschaffen können! Der Vertreter der Anklage, Amtsanwalt v. Bloh, rügte auch in scharfer Weise das Verhalten der Angeklagten, das er als schamlos und ekelerregend bezeichnete. Er betonte, daß angesichts eines solch unerhörten Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz die höchstzulässige Strafe von sechs Monaten Gefängnis neben der Publikation am Platze sei. Er beantragte diese Strafe. Das Gericht führte noch weiter aus, daß das Publikum gegen solche nicht anders als Schweinerei zu bezeichnenden Straftaten energisch in Schutz genommen werden müsse. ES verurteilte die Angeklagte zu drei Monaten Gefängnis und erkannte ferner auf Publikation des Urteils in drei hannoverschen Tageszeitungen aus Kosten der Angeklagten. Ein„verkappter Mädchenhändler". In einer kleinen südhannoverschen Stadt herrschte große Auf- regung. Ein bahnamtliches Telegramm hatte gemeldet, mit dem nächsten Zuge treffe ein Mödchenhändler mit seinen Opfern ein. Auf der Fahrt war einem reisenden Erbauungsschriftenhändler auf- gefallen, daß ein elegant gekleideter Herr im Nichtraucherabteil vier junge Mädchen anscheinend unter strengster Obhut hielt. Er teilte seinen schwarzen Verdacht, daß der Begleiter der jungen Mädchen ein Mädchenhändler sei, dem Schaffner mit. Dieser fand den Verdacht nicht unbegründet und veranlaßte die telegraphische Benachrichtigung der Polizeibehörde des Ortes, wohin die Fahrkarten der kleinen Reisegesellschaft lauteten. Als man dort eintraf, war die ganze heilige Hermandad, Bürgermeister, Polizeikommissar und Schutzleute auf dem Bahnsteig versammelt, um den Mädchcnhändler in Empfang zu nehmen. Als dieser den festlichen Empfang sah, entstieg er eiligst dem Coupö begrüßte den ihm wohlbekannten Bürgermeister und den Polizeikommissar durch freundschaftlichen Händedruck und stellte ihnen seine Begleiterinnen vor. Aber echten preußischen Beamten geht natürlich der Dienst über alles, auch über schöne junge Damen, und so wandten sie sich zunächst an den mit dem Stationsvorsteher und dem Zugführer dienstbeflissen herankommenden Schaffner, um den ver- meintlichen Mädchenhändler in Empfang zu nehmen. Der blickte freilich ganz verdutzt drein und antwortete aus die Frage nach dem Verbrecher ganz kleinlaut:„Das ist ja der Herr, den Sie eben so freundschaftlich begrüßt haben I" Da schütteten sich Bürgermeister und Polizei- kommissar vor Lachen aus und schickten ihre aehelmten Begleiter nach Hause. Der„verkappte Mädchenhändler", zu dem sich inzwischen einige Kollegen gesellt hatten, und seine Begleiterinnen waren Mit- glieoer des Göttinaer Stadttheaters und auf einer Kunstrcise durch die Provinz begriffen. Zitate aus verschiedenen Theaterstücken, die freilich mit Bibelsprüchen wenig gemein gehabt haben mögen, hatten den weltfremden frommen Traktatenhändler auf den schwarzen Ver- dacht gebracht, daß der galante Reisende einer von der gemein- gefährlichen Zunft der Mädchenhändler sei. Um% billiger als bisher findet Sonnabend— Sonntag Montag— Dienstag der Verkauf in meiner Spezial-Abteilung für Knaben- Bekleidung in den Räumen der ersten Etage statt. Von den bisherigen Verkaufspreisen wird Vi an der Kasse ohne weiteres auf die Größen 1—8 in Abzug gebracht z. B. früher 24,00 21.00 18.00 M, und jetzt 18°° 14" 12" M. z B. früher 15,00 12.00 9.00 6 00 M. und jetzt 10» 8" 6" 4MM Schöneberg, Hauptstraße 161 Buchtiandlung Vorwärts Lindenstr. 69(Laden). 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Ein Sohn des Arbeiters Gensel. der ihn retten wollte, ertrank ebenfalls. Hinrichs hinterläszt eine Witwe mit acht unmündigen Kindern. Cholerasällc in Ungarn. In Mindszent im Komitat Csongrad ist ein gl) jähriger Tagelöhner an Cholera gestorben. Am Freirag wird ein neuer Fall von Choleraverdacht gemeldet. Die Chanipagnerfabrik Mercicr abgebrannt. Aus Epernay wird berichtet, dag am Donndrstag in der bekannten Champagnersabrik der Gebrüder Mercier ein Brand ausbrach, der einen großen Umfang annahm. Der Schaden wird auf eine Million Franks geschätzt. Zwei Personen haben den Tod in denFlainmen gefunden, da sie nicht mehr rechtzeitig ins SJ-reie gelangen konnten. Zahlreiche Soldaten und Polizeiagenten, die sich an den Löscharbeiten beteiligten, haben Brandverlctzungen davongetragen. Die Secschlangc! Miß Ridcr Haggard berichtet dem„Daily Telegraph", daß sie in der Nähe von Lowestoft eine See- schlänge gesehen habe. DoS Ungeheuer, sagte sie, erschien wie eine große' Reihe von riesigen Kraken und durchschnitt mit furchtbarer Geschwindigkeit die Wellen. Plötzlich versank es, und ich glaube, daß es mindestens 40 Fuß lang war und ungefähr eine Meile in der Minute zurücklegte. Eine Anzahl Personen unterstützen den Bericht von Miß Rider Haggard. Beulenpest in Trieft. Dem„Neuen Wiener Tageblatt" wird aus Trieft gemeldet, daß zwei Matrosen des Lloyddampfers „A m p h i t r i t e" am Donnerstag unter beulenpestverdächti- gen Symptomen erkrankt find. Alle Personen, welche mit den Erkrankten in Berührung gekommen sind, wurden isoliert. Ermordet und beraubt. Auf der Eisenbahnstrecke Bukare st- F a t e st i wurde die Leiche des Kaufmanns Oskar Rosenberg mit vom Rumpfe getrennten Kopfe aufgefunden. Da Rosenberg 7000 Franks einkassiert hatte und das Geld nicht bei ihm vor- gefunden wurde, so schließt man, daß er von Verbrechern ermordet und dann ausgeplündert worden ist. Der Fernflug Berlin— Petersburg. Aus M i t a u wird berichtet: Nachdem am Donnerstag früh das neue Schwungrad für den Motor eingetroffen und montiert worden war, unternahm Abramowitsch am Nachmittage einig« Schauflüge. Das herbeigeeilte Publikum brachte dem Flieger für seine Leistungen Ovationen dar.— Abends 7 Uhr 15 Minuten, russische Zeit, starteie Abramowitsch mit dem Gouver- neur der Provinz Gowno, Fürst Krapotkin, und landete nach 130 Kilo- meter langem Fluge glatt in Gegewold, zirka 80 Kilometer hinter Riga._ Jugendveraustaltungev. Tempelhof-Mariendorf. Sonntag, den 28. Juli: Badepartie nach Freibad Grünau. Treffpunkt Uhr Ringbahnhos Tempelhof. Abfahrt 1.40. Fahrgeld 30 Pf. Badezeug nicht vergessen. Bayreuth 1912. Handbuch ________________ �---------, für Fcstspielbcsucher. Von F. Wild. Selbswertag in Leipzig, Mozartstr. 11. Illustrierte Stttengcschichte vom Mittelalter bis zur Gegen» frllrtvf. WXiirtvS hmS WnttX• wart. Von Eduard Fuchs. Zeitalter. 20 Lieserungen Langen in München. Probleme der Weltwirtschaft. B. Harms. IX. Di« gleitende Skala A. Henningsen. 5,50 M.®. Fischer, Jena. Württrinbergische Gemeinbeordnung 3,60 M.„Schwäbische Tagwacht", Stuttgart. Dritter und letzter Band:.„ a 1 M., Einband 5 M. Verlag von Albert Prof. Von Dr. Dr. Herausgegeben von für Getreidezölle. Von Dr. H. Lindemann. Marktbericht von Berlin am 2ä. Jnli 1912, nach Ermittelung des königl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00— 50,00. Speis ebohncn, weiße, 30,00—60,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 10,00—16,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,60—1,80. Schweinefleisch 1,50—2,00. Kalbfleisch 1.50—2,40. Hauimelflcisch 1,70— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,40—5,20. 1 Kilogramm Karpfen 1,20-2,20. Aale 1,20—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1.40— 2,80. Barsche 0,30—2,40. Schlei- 1,20—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00-40,00. (( eine Treppe gibt Lesern dieser Zeitung 5 Proz. In bar! 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Verantwortlicher Redakteuri Ulbert Wiechs. Kerlin. Wr den Lnjeratenteil verantw.; Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer».Co., Berlin SW.