Mr. 174. HbonnemenfS'ficdlngQftgcn: Abonnements■ Preis vrSnumerando: «ierleijährl. S�0 SM., monatl. 1,10 Mt, wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags» nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt» IV Pfg. Post» «bonnement: l.lv Wart pro Monat. Eingetragen m die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen am Belgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, kuminien, Schweden und die Schweiz, 39. Jahrg. Die TnfertionS'GebQJjr beträgt für die sechSgespaitene KolonSl- geile oder deren Raum SV Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins. und VersaminlungS-Anzcigcn M Pfg. „Klewe Hnzelgen", das settgedruclte Wort 20 Pfg.(zuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort lv Pfg. Stellengesuche und Schlafftellenan- geigen das erste Wort lv Pfg., jedes weitere Wort b Pfg. Worte über töBuch- 1 laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittags in der Elpedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet, VlchM LIM JüSer IvoottN. Nevlinev Volksblcrtk. Telegramm- Adresse» »soÄiieuisünt Kalla", Zentralorgan der rozialdcmokratifcben Partei Deutfcblands. Redahtiom SM. 68, Lindcnstraase 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. IS8S. vom Brot' und sleischMcher. Ernährung der Berliner Arbeiter. In den Schriften des„Vereins für Sozialpolitik" ist vor kurzem ein dünnes, aber inhaltrciches Bändchen erschienen: „Die Verteuerung der Lebens niittel in Berlin im Laufe der letzten 90 Jahre und ihre Bedeutung für den Berliner Arbeiter- Haushalt" von Gustav Brutzer(Verlag Duncker u. Humblot, München und Leipzig). Der„Verein für Sozial- Politik", an dessen Spitze der Berliner Professor Schmoller steht, ist weit entfernt von allen„destruktiven" und„revo- lutionären" Tendenzen; erst recht der Herausgeber der Schriftenreihe, zu der das Bündchen gehört, Professor Max S e r i n g in Berlin. Auch der Verfasser des Buches steht außer Verdacht, ein Umstürzler oder Sozialist zu sein; er ist nur bemüht gewesen, objektiv das Material, das er erreichen konnte, nachzuprüfen und für seine Arbeit zu verwerten. Um so bedeutsamer ist es, wenn das kleine, ernste Heft eine schwere, ja, eine vernichtende Anklage gegen unsere Wirtschaftspolitik und darüber hinaus gegen unser ganzes Wirtschaftssystem ist, — für jeden wenigstens, der nicht an der Oberfläche der Dinge hasten bleibt, sondern ihnen auf den Grund geht. Die Methode des Verfassers ist diese: An Hand einer großen Anzahl.Haushaltsrechnungen, besonders Berliner, er- mittelt er, welchen Anteil des Einkommens ungefähr Miete und Nahrungsmittel im Arbeiterhaushalt ausmachen. Auf Grund aller erfaßbaren zuverlässigen Statistiken ermittelt er sodann die Preise der wichtigsten Lebensmittel, die im Arbeiter- Haushalt eine Rolle spielen, in Berlin in den Jahren von 1889 bis 1919, und geht auch in knappen, sorgsamen Untersuchungen der Preis b i l d u n g bei Fleisch, Brot und Milch nach, indem er die den Produzenten gezahlten Preise mit den endgültigen Preisen des Kleinhandels vergleicht, und soweit möglich, alle Zwischenstufen im Zirkulationsprozetz der Ware kritisch untersucht. Nebenbei wird auch die Mietssteigerung gestreist. Als Resultat dieses Abschnittes betrachtet der Ver- fasser die Preisbewegung der Nahrungsmittel(und der Miete) im Ganzen.— Die Preiskurve gibt ihm — unter Berücksichtigung dessen, was vom hygienischen Standpunkt für die Ernährung einer Familie zum mindesten nötig ist,— die Möglichkeit, festzustellen, ivas ein Arbeiter mit drei Angehörigen als Minimum in jedem Zeitabschnitt verdienen muß, um in größter Bescheidenheit, aber wenigstens l„auskömmlich" leben zu können.— Mit diesen Summen ver- 'gleicht er dann die Löhne und das Einkommen der Berliner t Arbeiterschaft, soweit dafür aus den Jahren 1889— 1919 Nach i weise vorhanden waren. Er gelangt zu folgenden Resultaten: Alle Fletsch s 0 r t e n stiegen im Preise; besondere Teuerungsperioden waren die Jahre 1889— 1891, 19C5— 1997(sodann wohl wieder, was außerhalb der Beobachtungen des Verfassers liegt, die Zeit ab Winter 1911/12). Außerdem zeigte sich im ganzen letzten Jahrzehnt eine aufwärts gerichtete Tendenz. Setzt man die 1889—1889 im Durchschnitt für die ver- schiedenen Fleischsorten im Berliner Kleinhandel gezahlten Preise--- 199. so ergibt sich für die Preissteigerung folgern des Bild: Durchschnitts- Schweine- Rind» Kalb- Hammel- preise fletsch fleisch fleisch fleisch 1890-189«.... 104 107 III 107 1900-1909.... 111,4 121,6 127 127 Dabei machen die Ausgaben für Fleisch ungefähr ein Drittel aller Ausgaben für Lebensmittel im Arbeiterhaus> halt aus. Ihnen folgen die für B r 0 t, die etwa 15 Prozent be tragen. Der Verfasser nimmt an, daß eine vierköpfige Familie zum mindesten im Jahre 599 Kilogramm Roggen und 59 Kilogramm Weizenbrot gebraucht. Für dieses Quantum ergibt sich folgende Preisbewegung, bei der jede Zahl immer die Zu-, bezw. Abnahme des Preises gegenüber dem Vorjahre bezeichnet.(Die Klammern, die das Bild noch klarer machen, sind von uns dazugefügt): 1882 I 1889! 1890 I 1391! 1892 l 1893> 1894 — 1,00 I+ 17,00 i+ 16,00|+ 24,50|— 17,16|— 41,85|— 10,75 + 57,60— 69,75 1895 1 1896 1 1897 I 1898 I 1899 I 1906 1 1907 1 1908 I 1909 I 1910 + 5,001+0,751+6,001+17,501 i-6,65[+15, 1S|+20.751+6,901—7,50|— 12,50 + 29,25+ 42,80— 20,00 Die nicht aufgeführten Jahre zeigen einen ziemlich stabilen Preis. Das Ergebnis dieser Zahlenreihe ist, daß auch hier ein erhebliches Anziehen der Preise im Verlauf von 39 Jahre festgestellt werden mutz. Das Liter Milch stieg von 16 Pf.(1882)„langsam aber sicher" auf 22 Pf.(1919).— Auch die übrigen Lebensmittel. so Kartoffeln. Gemüse. Butter. Eier, Kaffee, gingen in die Höhe, oft sehr stark. Eine kleine Verbilligung erfuhr nur der Reis, eine größere der Zucker. Eine instruktive Zusammenfassung gewährt die folgende Tabelle, die wir aus einer umfangreicheren Arbeit Brutzers(S. 44—45) zusammenziehen: Art beS Nahrungsmittels Fleisch.... Brot.... Bulter.... Schmalz... Kartoffeln... Milch.... Eier..... Kaffee.... Zucker.... Mehl und Reis. Zustimmen Relativ(1881—1889---- 100) Für 4köpfige Familie nötiges Ouautum 110 l-g') 650 Irg*" 30 kg 30 kg 500 kg 400 Lt. 400 Stck. 10 kg 50 kg 20 kg Durchschnitt der Jahre 1881 bis 1389 137 133 39 47 23 75 23 22 42 10 5«? 100 1890 bis 1899 147 134 70 38 29 73 23 32 33 10 595 101,4 1900 147 141 70 35 25 72 23 27 31 10 583 99,8 1901 163 142 70 38 23 72 28 27 33 10 1902 132 142 69 43 23 72 24 27 34 10 599 102?' 306 103,3 1903 159 140 69 43 24 72 28 24 32 10 301 102,4 1904 152 189 70 41 32 .72 28 24 25 10 593 101,0 1905 169 143 74 42 30 72 28 24 24 10 613 105,0 1903 185 158 75 43 22 73 28 24 24 10 348 110,4 1907 174 179 74 45 29 88 23 24 24 10 1908 171 133 79 43 31 88 28 24 24 10 675 I 387 115,0 i 117,1 1909 176 178 78 47 28 88 32 26 25 10 688 117,2 1910 182 166 80 63 24 88 82 23 25 10 385 116,7 •) 110 kg, davon 50 kg Schweinefleisch, 30 kg Rindfleisch, 10 kg Hammelfleisch, 20 kg Speck. *•) 550 kg, davon 500 kg Roggenbrot, 50 kg Weizenbrot. Wie dürftig die Lebenshaltung bei dieser Berechnung ist, ergibt sich wohl am besten daraus, daß die vierköpfige Familie mit 10 Kilogramm Kaffee im ganzen Jahre aus- kommen muß. Für die Aufstellung der Gesamtausgaben zerlegt Brutzer den Zeitraum in drei Perioden, 1881— 1889, 1890—1903 und 1904—1910. Für die erste dieser Perioden setzt er als Minimum für Lebensmittel(vergleiche obige Tabelle) 600 M.. für Miete 216 M.. für Kleidung, Wäsche. Reinigung 100 M.. für Heizung, Beleuchtung 40 M.. für alles übrige, einschließlich einer kleinen Spareinlage 264 M. an, so daß er als geringstes Einkommen für eine„knappe, aber auskömmliche Lebensführung 1200 M. fordert. In der zweiten Periode steigen die Lebensmittelpreise wenig, dafür aber Mieten und öffentlich-rechtliche Abgaben(Steuern) stark, so daß er für sie 1300 M. als Mindestmaß des Einkommens verlangt. Für die dritte Periode setzt er an: für RahrungS- und Genutzmittel.. 750 M. „ Wohnung......... 800„ „ Bekleidung......... 100„ „ Heizung und Beleuchtung... 50„ „ Steuern, Versicherung, Sonstiges. 300 Zusammen 1600 M. Seine Untersuchung der Löhne— oder richtiger des Einkommens der Arbeiter unter Berücksichtigung der Tatsache, daß der Arbeiter gewöhnlich einige Wochen arbeitslos zu sein pflegt— ergibt, daß die Mehrzahl der Berliner Arbeiter eigentlich nie dies Minimum von Einkommen erreicht hat. Die Darstellung Brutzers führt zwar zu dem Ergebnis, daß sich das Verhältnis gegenüber den früheren Jahrzehnten ver- bessert hat, aber der Verfasser gesteht selber zu, daß auch heute„das. für ein mäßiges Auskommen einer vierköpfigen Familie erforderliche Ein- kommen von 1300 Mark von dem größten Teil der ungelernten Arbeiter durch den Lohn allein noch nicht gedeckt wird, daß auch der gelernte Arbeiter durchschnittlich nur bei günstigen Arbeitsverhältnissen einen solchen Jahresverdienst hat." Und mit Recht bemerkt Brutzer weiter: „Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, datz die Zahlen 1500, 1300 und 1200 zu ihrer Zeit immer nur ein mätziges Auskommen für eine vierköpfige Familie bedeuten. Jedes weitere Familienmitglied erhöht die Summen beträchtlich. Aus den bei- gegebenen Tabellen läßt sich ableiten, daß auf etwa gleicher Höhe der Lebenshaltung stehen: die Familien mit 4— 3(?) Mitgliedern u. 1200—1800 M. Einkommen „. S„. 1900-2000„ .»„. 2300-2400„ DaS find die Ergebnisse, die dem zu weit gehenden Optt» mismus, mit der die Lage der Arbeiterschaft so häufig betrachtet wird, zu erschüttern geeignet sind. Man kann behaupten, datz der tüchtige, verheiratete Arbeiter, der beute unter 1500 M- jährlich verdient, mit vollem Rechte die Forderung der Lohn- erhöhung stellt."(S. 84.) So selbstverständlich das ist(und es gilt wahrlich nicht bloß für die Familienväter mit weniger als 1300 M- Ver- Expedition: SM. 68» Oin den Strasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Rr. 1984. dienst), so will eS immerhin etwas heißen, wenn es von solcher Seite so klar und deutlich ausgesprochen wird. Und noch ein anderes Wort des Autors darf man sich merken, „daß viel Intelligenz und Charakter erforderlich ist, um unter solchen Umständen(d. h. bei dem geringen und obendrein schwankenden Einkommen der Arbeiter) die Jahre hindurch einen stabilen Haushalt führen zu können". Am interessantesten ist vielleicht noch, was Brutzer über die Ursachen der Preissteigerung ausführt— auch wenn das vielfach nur so nebenher geschieht. Selbstverständ- lich spielen bei manchen Schwankungen die Ernteverhältnisse mit, die nicht nur die Korn- und Gemüsepreise beeinflussen, sondern auch die Fleischpreise, insofern, als bei schlechter Ernte die Bauern ihr Vieh abstoßen und nachher nicht ge- nügend mehr auf den Markt zu bringen haben. Eben jetzt spüren wir das ja als Nachwirkung der schlechten Futter- ernte von 1911. Aber das erklärt doch nur einige Ab- normitäten. Das anhaltende Steigen der Lebensmittelpreise im letzten Jahrzehnt und gelegentlich auch schon früher hat seine Ursache vor allem in der Zollpolitik des Reiches. Brutzer gibt das auf Seite 49 und 30 offen zu, obgleich er, wie es scheint, Anhänger der Getreidezölle ist. Die Zoll- steigerung von 1887„trieb die Kurve bis 1891 mächtig an". wenn auch anderes mitwirkte.„Der Fall der Kurve bis 1896 ist zum Teil auf die Erneuerung der Handelsverträge 1891 bis 1894, die den Abschließenden eine Erniedrigung des Ge- treidezolles und der Vieh- und Fleischzölle bringt, zurückzu- führen", daneben wirken günstige Ernten und das Aufkommen der argentinischen Konkurrenz. Endlich hat der Zolltarif von 1902 im neuen Jahrhundert seine preistreibende Wirkung aus- geübt. Es ist schwer zu verstehen, wenn ein Autor das zugibt, das ganze Elend eines Arbeiterdaseins vor Augen sieht und auch zu würdigen weiß— und dann doch zu keiner Ver- urteilung dieser Brotwucherpolittk des Junkerstaates kommt. Aber der unbefangene Leser des Büchleins wird trotzdem seine Lehre daraus ziehen. Und in dem bald wieder beginnenden Kampfe um die Emeuerung des Zolltarifs können die Fest- stellungen Brutzers noch eine wertvolle Waffe werden. Nicht weniger bedeutsam sind die wenigen Skizzen, die sein Buch über die Verteuerung der wichtigsten Nahrungs- mittel auf dem Wege vom Produzenten zum Konsumenten durch den Zwischenhandel bietet.— Was das Fleisch betrifft, so lassen sich die eigentlichen, an den Landwirt ge- zahlten Viehpreise gar nicht erfassen. Aber nimmt man auch nur die bereits mit einem Händleraufschlag versehenen Preise für Lebendgewicht, die am Berliner Schlachthof gezahlt werden, so ergibt sich, daß einem Preise von 44,71 M. für das Pfund Lebendgewicht eines vollfleischigen Ochsen höchsten Schlachtwertes im Großhandel ein Kleinhandelspreis von 82,5 M. gegenübersteht(1910, Berliner Jahresdurchschnitt). Alle sachlichen Unkosten Fracht, Stallung, Schlacht- und Fleischbeschaugebühr, Marktstandgeld, Geschäftsunkosten, Ge- Wichtsverlust beim Verkäufer und Sonstiges— ergeben für das Pfund 9 Pf. Diese in Rücksicht gezogen, bleibt immer noch der enorme Zwischenhandelsgewtnn von 28,5 Pf. pro Pfundl Und beim Schweinefleisch ist eS nicht diel anders: Lebendgewicht-Pfund 53 Pf., Unkosten 7,3 Pf., Verkaufspreis 79 Pf., Zwischenhandolsprofit 18,7 Pf. pro Pfund I Diese Aufschläge werden verständlich, wenn man bedenkt, wer alles an dem Handel beteiligt ist: Der Aufkäufer des Viehes; der „Kommissionär", der diesem sehr oft das Geld gibt und seinem Abnehmer auch(natürlich nicht umsonst); der„Groß- schlächter", der die Schlachtung besorgt und die geschlachteten Stücke in der Zentralmarkthalle zum Verkauf bringt; der Fleischer, der Ladeniuhaber ist und eS von ihm aufkauft. Nur selten ist der Weg kürzer. Die Komnüssionäre. die „Geldleute am Viehmarkt", insbesondere sind eine Gefahr für die Preisgestaltung, da sich von ihnen ausgehend„ein System von Macht- und Abhängigkettsver- Hältnissen bildet", das den Handelsweg„undurch- sichtig" macht und von allen Seiten Tribut fordert.— Also auch hier wieder: das Kapital und sein Profit fressen die Unsummen. Nicht, daß etwa eine Arbeit auf diesem Handelswege zu teuer bezahlt würde; im Gegenteil: die Arbeit wird auch hier gering genug gelohnt. Aber der Unter- nchmergewinn schraubt die Preise hinauf und läßt Tausende an leeren Tischen Platz nehmen. Bei der Gestaltung der B r 0 t p r e i s e ist das Bild nicht anders. Klar springt auch hier die ungeheuerliche Differenz zwischen Produktionspreis und Verkaufspreis in die Augen. Die Spannung zwischen Korn preisen und Mehl preisen beträgt pro Kilogramm bereits etwa 5—8 Pf. und ist tn den letzten Jahren eher größer als geringer geworden. Geradezu unerhört groß ist sie aber zwischen Mehl- und Brot preisen; und, was besonders charakteristisch ist, hier ist daS Wachstum in den letzten Jahren in die Augen springend. So war die Differenz des Preises zwischen je einem Kilogramni Mehl und Brot bei 1900 1901 1902 1903 1904 1905 1903 1907 1908 1909 Roggen.. 4.7 5,3 4,6 5.8 5,9 5.2 3.1 5,4 8.0 7.9 Weizen... 20,2 18.4 18,3 19,9 18,4 19,8 20,8 21,7 25.2 23.0 Natürlich sind diese Summen noch nicht absoluter Prosit. ihnen steckt auch Entgelt für geleistete Arbeit in der Müllerei und in der Backstube. Der Anteil wird sich schwer präzisieren lassen. Einen Anhalt aber gibt folgendes: Ein In 1910 herausgekommenes, tu den Fortbildungsschulen benutztes Lehrbuch der Bäckerei stellt eine Rentabilitätsrechnung für einen Kleinbetrieb für 800 Konsumenten auf, berechnet das Mehl und alle Zutaten zuni Marktpreise, bringt schon„allgemeine Geschäftsunkosten" und einen Geschäftsgewinn von jährlich 3000 Mark in Ansatz— und kommt doch bloß auf eine Differenz zwischen Roggenmehl, und Roggenbrotpreis von 2 Pfennig, zwischen Weizenmehl- und Weizenbrotpreis von 13 Pfennig I Das sind pro Kilogramm 6, bezw. 10 Pfennig iveniger als dieKonsumentenin Berlin heute tatsächlich bezahlen! Das Ungesunde. Unhaltbare dieser Zustände erkennt auch Brutzer. Er möchte ihnen begegnen mit allerlei Palliativ- mittelchen: Beim Fleischhandel: Zusammenfchlutz der kleineren Produzenten in Genossenschaften zum Verkauf eines Teiles ihres Viehs, unter Freilassung eines anderen, und ohne Einbeziehung der Großproduzenten; ebenso Zusammenschluß der kleinen Fleischladenbesitzer eventuell Errichtung städtischer Fleischverkaufsstellen,— Beim Brothandel: Bessere Organisation der. Produktion, indem das Roggenbrot aus- schließlich in Großbäckereien, das Weizenbrot von Klein- betrieben hergestellt wird, die Einkaufsgenossenschaften gründen können. Konzession für Bäckereteröffnungen, um die Kon- kurrenz zu beschränken, Verkauf der Backware nach Gewicht usw. Ganz gut und schön! Es würde vielleicht im kleinen helfen; aber im großen ganzen würden doch die Konsumenten weiter zum Besten eines unverhältnismäßig hohen Profits der Großproduzenten und mehr oder weniger überflüssiger Institutionen deS Zwischenhandels geschröpft werden. Als erste Maßnahmen muß gefordert werden: die Auf- Hebung der heute bestehenden Wucherzölle auf notwendige Lebensmittel und ferner die Ue bernahme der Brot- und Fleischversorgung durch den Staat und die Gemeinden, zunäckist in den Groß- und Industriestädten. Die Schäden des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems schreien geradezu nach einer grundsätzlichen Ä e n d e* u n g der bestehenden Verhältnisse. Der Sozialismus wird eine immer dring- ltchere Forderung der Zeit. So lange er die Schäden des heutigen Systems nicht grundsätzlich zu beseitigen vermag, besteht das beste Mittel, diese Schäden wenigstens etwas zu beschränken, nicht in dör Durchführung der Vorschläge Brutzers, sondern in der Kon- sumentenorganisation, die einen Teil des Zwischen- Handels eo ipso, ausschaltet und wenigstens teilweise Profit- quellen dadurch verstopfen kann, daß sie mehr und mehr dazu übergeht, auch die Produktion für den eigenen Bedarf in die Hand zu nehmen._ Die englische Arbeiterpartei und das Wettrüsten. London, 26. Juli.(Eig. SS er.) Die Stellung der englischen Arbeiterpartei wurde von ihrem parlamentarischen Führer Mac- d o n a l d bei der Beratung des Nachtragsetats für die Flotte am Ende seiner Rede wie folgt präzisiert:„Was uns, die Labour Party, ''arilangi. so werden wir versücheti, dieser Politik bei jeder denkbaren Gelegenheit Einhalt zu gebieten, wie wir es bei dieser Gelegenheit tun werden. Wir arbeiten, in dieser, Hfifficht mit Kollegen iu aus- ländischen Parlamenten zusammen, die nie für die Flottenvermehrung im eigenen Lande stimmen, die die Flottengesetze nie unterstützt haben. die in Deutschland zum Beispiel die Flottenvermehrung im Jahre 1911 nicht unterstützt haben. Und der Friede Europas hängt vonjDemonstrationen wie diesen internationalen Demonstrationen ab, die von einem Teile der Volksvertreter in den Parlamenten der verschiedenen Nationen unternonunen werden. Ihre Forderungen für den Bau von Kriegsschiffen werden reduziert werden, Ihre fried- fertige Diplomatie wird ermutigt werden dadurch, daß sich die Arbeiterpartei im Unterhause ihren deutschen sozialistischen Freunden bei diesen Demonstrationen anschließt und erklärt, daß sie wenigstens den Regierungen nicht helfen wird, diese Geldforderungen durch- zusetzen, und daß sie die Regierungen nicht in den Stand setzen wird, aufs Geratewohl mit diesem Wettrüsten fortzufahren, daS immer drückend, schwer drückend ist und das schließlich die davon betroffenen Länder zum Kriege führen mutz. Wir wollen keinerlei Verantwortlichkeit dafür übernehmen, indem wir eS den Admiralitäten etwa leicht machen, unsere Flotte stetig zu vermehren. Wir glauben, daß die Diplomatie der Regierung in großem Maßstabe für daS, was sich zugetragen, verantwortlich ist, und wir nehmen unseren Platz an der Seite der Männer in Deutsch- land ein, die drüben Flottenvermehrung opponieren." Diese Erklärung ist zweifelsohne klar und deutlich genug. Es bleibt aber zu wünschen, daß die englische Arbeiterpartei im Handeln dieselbe Klarheit und Deutlichkeit beweist. Bei der Abstimmung über die Vermehrung der Mannschaft um 1500 fanden sich nur 19 Arbeiterparteiler, die dagegen stimniten. Allerdings ist es wahr, daß einige Parlamentarier in Crewe dem Genoffen Holmes halfen, den Sitz für die Arbeiterpartei zu erobern; auch hatten verschiedene vorher mit dem Genossen O'Grady protestierend daL Haus verlassen, als dieser seinen flammenden Protest gegen die Indifferenz der Regierung gegenüber der Not in pst-Loudon erhob. Wie verhält es sich aber mit den vier Arbeiter- parteilern, die mjt der Regierung stimmten? ES waren daS E r o o k S iArsenalarbeiter), D u n e a n Maschinenbauer), Wilkie (Schiffbauer), die wohl im Interesse des Kanonen- und Panzer- Plattengeschäfts ihre Stimme in die Wagschale warfen und dadurch den Mitgliedern ihrer Organisationen einen Dienst zu erweisen glaubten, und zu allem Ueberflnß noch der alte Bergarbeiter H a S l a m, von dem man wohl als Entschuldigungsgrund an- nehmen kann, daß er nicht recht wußte, waS er tat; hat er doch auch während deS Bergarbeiterstreiks seine VorstandskoNcgen durch feine täglichen Indiskretionen beständig in Erregung gehalten. Der Krieg. Die türkischen Wirre«. Das neue Ministenum ist immer noch nicht vollständig. das tvichfioe Ministerium des Innern ist»och nicht besetzt. Offiziös wird versichert. F er id P a s ch a habe an den Groß- wesir telegraphiert, er könne aus Geiundheitsrricksichten kein Portefeuille im Kabinett annehmen. Man sagt, Hussein Hilmi fei gebeten worden, das Ministerium deS Funertt anzunehmen, er soll aber nicht dazu geneigt sein. Auch über die wichtige Frage, ob die Kammer auf- gelöst wird, herrscht noch keine Klarheit. Ein oppositionelles Blatt rät der Regierung unverzüglich vor der Kammer zu er- scheinen, diese auf Grund der seinerzeit der Pforte gemeldeten Wahlexzesse als ungesetzlich konstituiert zu erklären, die be- treffenden Deputierten zur Niederlegung ihrer Man- date aufzufordern und dann die Kammer aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben.— Der Großwesir hat die Behörden ersucht, der Pforte Abschriften der Jnstrukttonen. einzusenden, die die frühere Regierung Hinsicht- lich der Wahlen erlassen hat. Man glaubt, daß es sich um eine vorbereitende Maßnahme zur Feststellung der Gültigkeit der Deputiertenwahlen handelt. Die jungtürkische Partei hat an die Regierung eine Adresse gerichtet, in der sie ersucht wird, die Kammer nicht aufzulösen, sondern sich auf eine Ver- tagung, nachdem über das Budget abgestimmt worden sei, zu beschränken. Die Sonnabendsitzung der Deputiertenkammer hatte einen ruhigen Verlauf. Das Budget des Großwesirats wurde debattelos angenommen und darauf zur Beratung des Justiz- etats geschritten. Die summarische Erledigung der Budgets wird als Anzeichen dafür angesehen, daß die Kammer im Ein- vernehmen mit der Regierung die Session in einigen Tagen zu schließen gedenkt. Die jungtürkische Presse in Saloniki fordert die Regierung auf, die meuternden Offiziere zu bestrafen, denn 82 Bataillone, die sich in Albanien befänden, könnten Wohl die Offiziere einiger Regimenter der Bestrafung zuführen. Das Kabinett müsse sich bemühen, einer Gegenrevolution, die für das Land unheilvoll sei, vorzubeugen. Um den Nachweis zu führen, daß nicht die ganze Armee die Aktion der den Liguen angehörenden Offiziere billige, ver- öffentlicht das Blatt„Hakk" ein Telegramm, welches 116 Offiziere am 13. Juli in Saloniki absandten, in dem die Handlungsweise der desertierten Offiziere von Monastir scharf getadelt wird; ferner Telegramme, welche die Dele- gierten dreier in Jpek garnisonierender Regimenter sowie die Delegierten der Garnison Sienitza an die Offiziere aller Truppenkörper Rumeliens und Albaniens richteten, in denen erklärt wird, daß sie die Vorschläge der Offiziere der ersten und 21. Division von Djakova zurückwiesen, die an sie das Ansinnen gestellt hatten, mit den aufständischen Albanern zu fraternisieren und den Sturz des Kabinetts Said Pascha sowie die Auflösung der Kammer zu fordern.. Die Absender der Telegramme fordern alle Offiziere auf, ebenso zu handeln wie sie. Der albanische Aufstand. Saloniki, 27. Juli.(Meldung des Wiener K. K. Telegr.» Korresp.-Bureaus.) Infolge einiger in den letzten Tagen verübten Bombenattentate sind die Behörden beunruhigt. Man glaubt Grund zur Annahme zu haben, daß die Attentate auf die Bahnstrecken mit der Bewegung der Albaner im Zusammen- hang stehen. Als ein Sonderzug mit Truppen von Gewgeli nach Kossovo abging, wurde die zwischen den Stationen Gewgeli und Miroftche befindliche kleine Brücke, kurz bevor sie der Zug passierte, durch Bomben in die Luft gesprengt. Der Militärzug konnte noch rechtzeitig aufgehalten Werden. Es wird vermutet, daß albanische Bahnwärter bei dem Attentat die Hand im Spiele haben. Die Leitung der ganzen Bewegung, soweit die Arnautenansammlungen in Pristina in Betracht kommen, scheint Hassan©ey übernommen zu haben. In Pristina liegen sechs Bataillone Infanterie, ein Regiment Kavallerie und zwei Batterien Artillerie, die dem Ein- marsch der Aufständischen keinen Widerstand entgegensetzten. Ein Zwischenfall an der bulgarischen Grenze. Sofia, 26. Juli. Gestern nachmittag kam es.in der Nähe des Postens von Damlidere bei Kruschewo zu einem Zusammen- stoß zwischen eines bulgarischen und einer türkischen Patrouille. Die Patrouillen beschossen einander. Ein Bul- gare wurde verwundet, drei Türken sollen getötet worden sein. Oesterreich und die türkische Krise. Wien, 27. Juli. Der Minister des Aeußern, Graf Berch- told, hat sich nach Kaltenleutgeben bei Wien und nicht, wie ur- sprünglich beabsichtigt war, nach Karlsbad begeben. Hierzu er- fahren die Blätter, daß die Ereignisse in der Türkei die Anwesenheit beS Ministers in Wien erförderlich machen. Es wäre jedoch falsch, daraus den Schluß abzuleiten, daß die politische Eni- Wickelung in der Türkei ein international bedrohliches Aussehen erhalten habe. Die inneren Verhältnisse in der Türkei geben keinen Anlaß zu der Befürchtung, daß etwa die Mächte gezwungen würden, aus ihrer Passivität herauszutreten. Auch hegt man Ver- trauen, daß es dem neuen türkischen Kabinett gelingen wird, durch die getroffenen Maßnahmen eine Beruhigung oder doch wenigstens eine Abschwächung der politischen Leidenschaftesi im ottomanischen Offizierkorps herbeizuführen. Politische OeberHebt Berlin, den 27. Juli 1912. Wie ist doch die Zeitung so interessant! Als Prinz Heinrich seine seltsame Rede auf dem Frank- furter Schützenfest gehalten hatte, in der es hieß:„Treff ist Trumpf, Trumpf ist für den Bürger aber auch der Ge- h o r s a m", da entrüstete sich natürlich auch die freisinnige Presse weidlich über eine solch vorsintfhitliche Auffassung. Dabei ist es nur die unausrottbare Vyzantinerei unseres „liberalen" Bürgertums und seiner Presse, die in gekrönten Häuptern und Prinzen erst die befremdlichsten Vorstellungen über die Rechte und Pflichten der„Untertanen" erzeugt. Wie unverwüstlich die Byznutinerei selbst in unserer linksliberalen Presse ist, beweist die Tatsache, daß in einer einzigen Nummer der„Tante V o ß", der Nr. 379. gleich zwei Notizen über die himmlische Leutseligkeit zweier Hohenzollernprinzen enthalten sind! Da wird erstens, im politischen(I) Teil, erzählt, wie zwanglos sich der Kronprinz auf dem ostpreußischcn Truppen- Übungsplatz Arys bewegt und welche Bonmots er dort zur hellen Freude der lieben Straßenjugcud zum besten gegeben hat. Aber damit nicht genug; im Lokalen findet sich dann eine nicht minder interessante Notiz üher. die göttliche Un- aeniertheit und Herablassung, mit der P r i n z A u g u st in einem Restaurant am Scddiner See zum Volke herabgestiegen ist— habe er sich doch nicht nur mit seinem Gefolge„froh und ungezwungen unter die tanzlustige Jugend gemischt", sondern sogar„auch junge Berlinerinnen zum Tänzchen engagiert". Wozu eigentlich macht die wackere Fortschrittstante dem „Lokal-Anzeiger" so erfolgreiche Konkurrenz im Hofklatsch? Glaubt sie wirklich, daß solch kleine schäkernde Prinzen- scherze die Verbürgerlichung des Hohenzollernhauses bewiesen? Dann kann sie gelegentlich dieselbe bittere Eni- täuschung erleben, wie beim Prinzen Heinrich, der ja als ebenso„leutselig" gilt und mit aller„Herablassung" die wunderlichsten politischen Schrullen vereint. Solche„Leut- seligkeit" verrät ja überhaupt häufig viel weniger schlichte Be- scheidenheit, als unbändigsten Aristokraten- und Fürstenswlz. Wohl aber verrät es traurig sie Lakaienhaftigkeit. wenn„liberale" Blätter von solchen Belanglosigkeiten! großes Aufheben machen und ihre Leser mit dem seichtesten Hof- klatsch regalieren! Die„Voss. Ztg." sollte lieber des Bürgerschen Kernspruches gedenken:„Der GrotzenHoch- mut wird sich geben, wenn Eure Kriecherei sichgibt!"_ Konservative Zitierkunst. ES wird mehr und mehr zu einer Gepflogenheit des„SN- ständigen" Blätter konservativer Richtung, ihre politischen Gegner mit gefälschten, verstümmelten oder völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Aeußerungen zu bekämpfen, die dieser oder jener an- gebliche Führer, Theoretiker oder hervorragende Parlamentarier der gegnerischen Partei irgendwo und-wann gemacht haben soll. Damit die faule Mache nicht sofort entlarvt werden kann, wird schlauerweise meist der Name des betreffenden Führers oder Parla. mentariers nicht genannt und ebenso auch verschwiegen, wann und bei welcher Gelegenheit die zitierte Aeußerung gefallen ist. So behauptete denn jüngst auch die bekanntlich„hochanständige"„Eon- serv. Corresp.", einer der Hansabundspräsidenten habe einmal selbst gesagt, des Freisinns Herz sei dort, wo die Geldsäcke der Börsen- jobber ständen. Wahrscheinlich um die feige Taktik der konservativen Zeitung?. mache an einem Beispiel deutlich nachzuweisen, wandte sich die Ge» schäftsführung des HansabundeS an die Redaktion der„Conserv. Corresp." mit folgender Anfrage: Berlin NW 7, Dorotheenstr. 36, 22. Juli 1912. An die Redaktion der„Conservativen Correspondenz". SW 11, iBernburger Str. 24/25. In Nr. 56 Ihrer Korrespondenz wird in einem Aufsatz über die„SWarenhaussteuer" wörtlich ausgeführt: „Das kann auch gar nicht anders fein, denn die Draht. zieher des HansabundeS sind in der überwiegenden Mehrheit Freisinnige und— so versicherte einmal mit vollem Rechte einer der Hansabundspräsidenten— JieS Freisinns Herz ist dort, wo die Geldsäcke der Börsenjobber stehen" Wir dürfen Sie wohl ersuchen uns mitzuteilen, welcher Präsident des Hansabundes den von Ihnen zitierten Ausspruch getan hat.., Hochachtungsvoll HansabunL für Gewerbe, Handel und Industrie. gez. H. Richthosen. gez. Streseman«. St/M. M.' d. R. Darauf erklärt die„Conserv. Corresp.", da sie diese Anfrage nicht gut ignorieren kann: „Wir müssen auf diese Anfrage hin bekennen, daß uns in dem angezogenen Artikel allerdings insofern ein Irrtum unter- laufen ist, als der Herr, der den fraglichen Ausspruch getan hat, dem Präsidium des HansabundeS nicht mehr angehört. Die Worte stammen von dem freikonservativmt Abgeordneten Rahardt, den man auch heute noch als führendes Mitglied des HansabundeS ansprechen kann. � Der ganze Streit dreht sich also nur um Worte; denn ob„Präsident" oder „führendes Mitglied", will für die Sache nichts besagen." Ein« für.die politische Änständizleit der konservativen Faiseure recht charakteristische Antwort: ob Präsident, ob sogenanntes„füh» rendeS Mitglied" ist ganz«galt In welche moralische Entrüstung würde wohl die„Conserv. Corresp." oder die fast regelmäßig ihre Artikelchen nachdruckende„Kreuzzeitung" geraten, wenn ein sozial. demokratisches Blatt dem Freiherrn v. Heydebrand, dem Grafen Kanitz, dem Grafen v. Schwerin-Löwitz oder einem anderen Führer der konservativen Partei irgendeine verfängliche Aeußerung in den Mund legen und dann, wenn die Unrichtigkeit seiner Beschuldigung festgestellt würde, seelenruhig erklären wollte:„Freiherr v. Heyde» brand hat das freilich nicht gesagt; aber das führende Mitglied X. der konservativen Partei in Posemuckel oder in Kyritz-Pyritz. Doch das ändert gar nichts an der Sache!" Wir haben keine Veranlassung, den Hansabund zu verteidigen; aber so weit wir uns zu erinnern vermögen, hat der Allerwelts- Politiker Rahardt jene Aeußerung getan, als er gar nicht„führen, des Mitglied" des HansabundeS war; sondern noch im konservativ» zünstlexischen Lager das Handwerl zu retten vermeint?. Herr Matthias Erzberger erfreut sich der besonderen Aufmerksamkeit der antwachemiiischen Presse. Insbesondere ist von der„Kölner. Korrespondenz" daS Buttenhauser Zentrumslicht wiederholt in einer Weise gekennzeichnet worden, die an die Genauigkeit einer guten Photographie erinnerte. Sie charakterisierte ihn als einen Mann, dem es„an logischem Denken und gediegenen Kenntnissen fehlt", der aber dennoch am meisten von allen Zentrumsabgeordneten schreibe und rede. OpperSdorffs Blatt nannte ihn einen„flüchtigen K o m p i l a t o r", der sich für einen Politiker halte, weil er„den Etat von der Warte eines Rechnungsrates aus prüft und be» mängelt". In' einem Artikel ihrer Nr. 640 nimmt die„Kölnische Volks» zeitung" Herrn Erzberger gegen die Angriffe der hyperkatholischen Mitbrüder in Schutz; es sei„geradezu abstoßend." meint sie, wie man Herrn Erzberger behandele. Die„Köln. VolkSzeitung" hat anscheinend ganz vergessen, daß sie stüher deS östern selbst in der schärfsten Weise gegen Herrn Erzberger Stellung genommen hat. Im Januar 1909 geschah das in nicht weniger als drei verschiedenen Nummern. Sie schüttelte ihn wegen seiner Vielschreiberei und Schwatzhaftigkeit in aller Form ab und erklärte. daß er„auf eigene Rechnung und Gefahr" schreibe. Das sei nicht nur ihre, sondern die Meinung„weiter Kreise der Zentrumspartei im Lande". Erzberger treibe die G e- s Lästigkeit zu weit und offenbare nicht genügend Selbst. ach tun g. In ihrem dritten Artikel forderte schließlich die „Kölnische VolkSzeitung". daß sich die Z e ntr u m s fr a k t i o n mit jenen Dingen„ganz ernst und ungesäumt" be» s ch ä f t i g e. Noch ärger nahm die zur gleichen Richtung wie das Bachemsche Blatt gehörende„Reißer Zeitung" Herrn Matthias beim Ohr. Das Blatt schrieb im Dezember 1919:„Erzberger bildet sich immer mehr zuinSchreckenSkinde der Zentrumspartei auS!" Und jetzt auf einmal nehmen die gleichen Blätter den damals so nachdrücklich zur Ruhe Verwiesenen und Gerüffelten in Schutz. obwohl ihm im Grunde keine anderen Vorwürfe gemacht werden, als sie früher die Richtung Bachem gegen ihn erhoben hat. Freilich: damals stand Herr Erzberger der Richtung Bachem noch feindlich gegenüber I__ Freiwillige Flieger vor! Das Kriegsministerium� hat seine Zussimmung zur Er- Achtung eines Freiwilligen-Fliegerkorps erteilt. das als eine Art von Fliegerreserve demnächst ins Leben kreten wird. Nach dem Muster des deutschen Freilvilligen- Automobilkorps, das seit seiner Gründung der Heeres- Verwaltung in den großen Manövern und auch bei anderen Gelegenheiten Dienste geleistet hat, sollen durch das Frei- willigen- Fliegerkorps Zivilflieger einerseits der Heeres- Verwaltung für den Kriegsfall und für die Manöver gegen Entschädigung zur Verfügung gestellt, andererseits mit den Einrichtungen des militärischen Flugwesens vertraut gemacht werden. Das Korps, an dessen Spitze ein Chef mit einem Stabe stehen wird, hat eine bestimmte Uniform. Der Eintritt in das Korps macht unter anderem die Staatszugehörigkeit zum Deutschen Reich und den Besitz des Flugzeugführerzeugnisses zur Bedingung._ Durch Misthandlungen in den Tod getrieben? AuS Halle meldet ein Depeschenbureau: Zu dem Selbstmord des MuSkeriers Wöbners, der sich bot venigen Tagen von einem Zuge der Strecke Arnstadl-Jlmenan über- fahren lietz, wird jetzt bekannt, datz Mißhandlungen eines Vor- gesetzten dem Soldaten zu diesem Schritt Veranlassung gaben. W. gehörte der sozialdemokratischen Partei an und hat in einem Abschiedsbriefe an einen seiner Genossen gebeten, eine Untersuchung m der Angelegenheit seines Selbstmordes zn veranlassen. Konfessioneller Friede. Eine Mahnung zum konfessionellen Frieden enthält der erste Hirtenbrief des neuen Erzbischofs von Bamberg. Dr. Hau ck. Sein Wunsch, so sagt der Erzbischof darin unter andern, sei f r i e d- liches Zusammenleben der Konfessionen in christ- licher Liebe: »Nicht Toleranz nur wollen wir üben, sondern wahre brüderliche Liebe in Christo, ivie er sie uns zur Pflicht macht. Darum freuen wir uns, wenn auch andere christliche Konfessionen den Glauben an Jesnm Christum treu festhalten und bekennen. Und wir begrüßen es aus inner st er Seele, wenn wir mit ihnen geeint eintreten können für die Erhaltung des christlichen Geistes, christlicher Zucht und Sitte unter unserem Volke. Nur einen Streit soll und darf es geben, den friedlichen Wettstreit auf dem Gebiete christlicher Liebcstätigkeit." ES liegt nahe, bei diesen Worten an den Streit zwischen den konfessionellen und interkonfessionellen Ge° werkschaften zu denken und in der Kundgebung des Bamberger Oberhirten eine Stellungnahme zugunsten der Kölner Nich- tung zu erblicken.__ Ein nächtlicher Parademarsch. In O e l s(Schlesien) haben die Offiziere deS dort garniso- nlerenden Jägerbataillons nach der Abschiedsfeier für den Batail- lonskommandeur Oberstleutnant Speck von Sternburg einen nächtlichen Umzug durch die Straßen der Stadt bis zur Wohnung des Kommandeurs unter Vorantritt der Bataillonskapelle mit darauf folgendem Parade- marsch veranstaltet. Uebcr die nächtliche Ruhestörung durch die„Edelsten der Nation" berichtet die am Orte erscheinende »Lokomotive an der Oder", ohne ein Wort des Tadels zu finden. ivie folgt: „Abschiedsfeier. Gestern abend fand im Kasino des Jäger- bataillons ein Abschiedsessen für den scheidenden bisherigen Kommandeur, Oberstleutnant Freiherrn Speck von Sternburg, statt, bei dem die Sympathien, deren sich der allgemein beliebte Offizier in allen Kreisen erfreute, so recht zum Ausdruck kamen. Den Abschluß des Festes, das in der üblichen Weife verlief, bildete eine Ovation, die dem Scheidenden dargebracht wurde. Gegen 1 Uhr nachts traten die Teilnehmer des Festes vor dem Kasino an und geleiteten unter Vor- antritt der Musik den scheidenden Komman- deur bis zu seiner Wohnung im Hotel„Zum goldenen Adler", von wo nach einem Parademarsch der Rückweg nach dem Kasino angetreten wurde. Wir hoffen, daß die beteiligten Einwohner die autzergewöhn- liche Störung ihrer Nachtruhe nicht übel vermerken und der Situation Verständnis entgegenbringen werden. Das gute und herzliche Einvernehmen, das von zeher zwischen der Garnison und der Bürgerschaft bestanden hat, bürgt uns dafür." Diese nächtliche Szene wird noch ein Nachspiel haben, denn einige aus ihrer nächtlichen Ruhe gestörten Bürger haben Anzeige erstattet. Ob das Gericht auch der Situation Ver- st ä n d n i S entgegenbringen wird, wissen wir nicht. Anzunehmen ist es schon, denn eS handelt sich nicht um»faule" Arbeiter, Wenn man an den Reichstag appelliert. AuS Halle a. S. wird uns berichtet: Bittere Wehrmannsleiden hatte der Reisende Alfred Eulen- stein von hier durchzukosten, der von dem hiesigen Kriegsgericht wegen Widersetzung in Verbindung mit Achtungsverletzung, Nötigung und Drohung unter Anklage stand. Der Angeklagte, der als Reisender heute hier und morgen dort weilte, war mit dem Bezirks- kommando wegen Kontrollentziehung in Differenzen geralen und aufgefordert worden, sich darüber zu äußern, wohin er feine Steuern zahle. Er glaubte, das Bezirkskommando habe danach nichts zu fragen und ließ zwei Schreiben unbeantwortet. Darauf wurde er zu drei Tagen Mittelarrest verurteilt. Ueber diese Strafverfügung geriet er in solche Erregung, daß er dem Bezirkskommando mitteilte, er müsse diese Strafe als himmelschreiend bezeichnen. Zugleich machte er in dem Schreiben die Bemerkung, er werde gegen die Strafversügung remonstrieren. und nehme man von seiner Mitteilung keine Notiz, dann werde er dafür sorgen, daß seine Sache im Reichstage und in der Presse zur Sprache komme. In diesem Schreiben erblickte man die dem Angeklagten zur Last gelegten»Verbrechen". Der Ankläger nahm es dem Beschul- digten sehr übel, daß er seinen Fall an die große Glocke schlagen — also einem Abgeordneten oder der Presse mitteilen wollte, und beantragte eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten. DaS Gericht nahm nicht Widersetzung an. wohl aber Achtungsverletzung, die sich als Drohung darstellt. Erkannt wurde auf drei Monate Gefängnis mit der Begründung, ein solcher Ton, wie ihn der Angeklagte angeschlagen habe, dürfe im Mililärleben«nicht geduldet" werden.__ Menschenwürde im Militärdienst. Vor dem Oberkriegsgericht in Koblenz stand der Unteroffizier Schwarze vom Jnsanterieregirnent Nr. 3g, weil er am 1ö. Juni in einer Baracke aus dem Militärübungsplatz Elscnborn einen Sol- baten gezwungen hat, abgestandenes, schmutziges Waschwasser zu trinken. Zu diesem Verlangen kam der Herr Vorgesetzte, weil der Soldat aus Versehen gegen eine auf einer Kiste stehende Wasserschüssel gestoßen hatte, so daß der Inhalt ver- schüttet wurde. Der Soldat kam dem Befehl erst dann nach, als dieser ihm zum dritten Male gegeben wurde und der Unterosfizier»hm zur Aufmunterung einen Schlag ins Genick versetzte. Der Soldat nahm den Mund voll von dem Schmutz- wafser, ekelte sich aber derart, daß er es sofort auSspie, Brechreiz bekan» und sich krank melden mußte. Das Kriegsgericht hatte den»Stellvertreter Gottes" zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Gerichtsherr verlangte mit teiner Berusmig höhere Bestrafung und Degradation. DaS Oberkriegsgericht war aber gleich der ersten Instanz der Ansicht, daß der Angeklagte sich wester zum Vorgesetzten eigne; denn es verwarf die Berufung. „Strnfexerzieren." Vor dem Kriegsgericht der 38. Division in Erfurt stand am Freitag der F e I d w e b e l Emil H ö f e r von der 6. Kom- pagnie des 71. Infanterieregiments in Erfurt unter der Anklage, eine Abteilung Soldaten, die zum Nachexerzieren kommandiert waren, IV« Stunde lang feld>n arschmäßig ohne einePause zu gewähren, exerziert zu haben und sie, entgegen dem aus- drücklichen Vataillonsbefehl, Laufschritt inachen ließ, und ferner, daß er den Musketier Reudler, einen Rekruten, so lange exerzieren ließ, bis dieser ohnmächtig zusammenbrach. Der Borfall war seinerzeit unserem Erfurter Parteiblatt mitgeteilt und von diesem veröffentlicht worden. Aus diesem Grunde erklärte auch der Verhondlungsführer auf eine Anfrage des öffent- lichen Anklägers, ob ein Antrag auf Ausschluß der Oeffentlichkeit gestellt werde, daß hierfür kein Grund vorliege, denn die Sache sei durch die„Tribüne" schon in die breite Oeffentlichkeit gedrungen. In der Verhandlung wurde festgestellt, daß Höfer bei dem Nach- exerzieren am Nachiniltag des 4. Juni, obwohl es sehr warm war, nur ab und zu einmal„Rührt Euch I" kommandierte, was er als die„vorgeschriebene Pause" betrachtet habe. Der Rekrut Bender wurde noch besonders vorgenomnien, weil er sich auch beim Nach- exerzieren schlapp gezeigt habe. Plötzlich ließ Bender den Kops nach hinten und das Gewehr in den linken Arm fallen. Der Rekrut war infolge der übermäßigen Anstrengung ohnmächtig geworden und mußte von zwei Soldaten nach Hause gebracht werden. Der Angeklagte Höfer meinte vor Gericht, er habe angenommen, Bender ver st elle sich, auch als er ihn später im Bett besuchte und er auf die Frage nach seinem Befinden die Anwort erhielt:„Ich frierel", habe er geglaubt, der Mann ver st elle sich oder übertreibe. Nach zwei Tagen konnte Bender wieder Dienst tun. Als der arme Rekrut zu seinem Vor- gesetzten sagte:„Ich kann nicht mehr!", hat der Feld- webel ihm geantwortet:„Na, dann werdeich es Ihnen zeigen!" Zur Rechtfertigung seines Verhalten? sagte der An- geklagte vor dem Kriegsgericht:„Wenn eben ein Soldat schlecht exerziert, mutz nachgeholfen werden." Die Zeugen belasten im allgemeinen den Angeklagten. Selbst der Hauptmann muß zugeben/ daß Bender, der von Beruf Kaufmann ist, wohl schwach im Dienste war, aber als ein bös» ivilliger Soldat seierihm nicht bekannt. Der Major bekundet, daß beim Nachexerzieren ein für allemal Lauf« schritt verboten sei, weil damit leicht Mißbrauch ge- trieben werde. Er habe bei den Besprechungen gesagt, er wünsche, daß die Soldaten etwas lernen, aber er wolle nicht, daß sie geschunden werden. Auf Grund der Beweisaufnahme beantragte der An- klagcvertreter 4S Tage Gefängnis. Der Verteidiger, ein Oberleutnant v. Schräder, hielt sieben Tage Mittelarrest für ausreichend. DaS Urteil lautete wegen vorschriftS- widriger Behandlung eines Untergebenen auf sieben Tage Mittelarrest. Auch diese Soldatenmißhandlung hätte nie ihre Sühne'' ge- funden und die Vorgesetzten wären mcht auf die Mißstände in der Truppe aufmerksam geworden, wenn nicht die sozialdemo« kratische Presse eingegriffen hätte. - Marokko. Mulah Hafid vor der Abdcknknngi. Paris, 26. Juli. Der Sonderberichterstatter des„TcmpS" meldet aus Rabat: Im Hinblick auf die wahrscheinlich Mitte August d. I. erfolgende Abdankung Mulay Hafids be- schäftigt man sich sehr mit der Frage der Nachfolge. Mulay Hafid möchte seinen Thron einem seiner im Knabenalter stehenden Söhne überlassen. Diese Wahl wä« für Pas französische Protektorat nicht ungünstig, da man dre Regentschaft' zum Beispiel einem Vertreter des iKachseil in Casablanca, El Mrani, einem Frankreich sehr es- g ebenen Mann, übertragen könnte. Aber vielleicht wäre-es besser, eine Persönlichkeit von größerem Ansehen zum Nachfolger Mulay Hafids zu ernennen, etwa seinen Bruder Mulay Jussus oder sogar den früheren Sultan Abdul Asis. Bezüglich der Frage des Wohn- ortes Mulay Hafids für den Fall seiner Abdankung müsse sich die französische Negierung von der Erwägung leiten lassen, daß die übelwollende Gesinnung deS Sultans gegen Frankreich nunmehr außer Zweifel stehe; er dürfe weder im eigentlichen marokkanischen Protektoratsgebiet noch auch in Tanger wohnen, denn in dieser Stadt würde er bald zum Mittelpunkt aller gegen das französische Protektorat gerichteten Ränke werden. Dies sei die Ueberzeugung aller derjenigen, die in der letzten Zeit Gelegenheit hatten, ihm näherzutreten._ Hirn Indurtrlc und RandeL Tsingtaus Handel und Industrie 1911. Die Hoffnungen auf kolonialen Aufschwung werden wieder einmal zunichte gemacht. Der Bericht der Handelskammer zu Tsing- tau berichtet nur von Enttäuschungen. Soweit sich aus den bisher bekanngegebenen Auszügen ersehen läßt, bezieht sich diese pessi« m i st i s ch e Beurteilung nicht allein auf die Zeiten der Revolution, sondern gilt im allgemeinen. Es heißt da: Die EntWickelung des Handels wurde durch die im Herbst zum Ausbruch gekommene Revolution völlig g e st ö r t. Und wenn auch bereits das vierte Quartal einen großen Rückgang gegenüber dem gleichen des Vorjahres aufweist, so wird dieser Aus- fall im ersten Quartal des Jahres 1812 noch mehr zum Ausdruck kommen. Infolge der Revolution herrscht jetzt eine wahre Anarchie im Innern des Landes. Naturgemäß wagt es jetzt kein Händler, größere Geschäftstransaktionen zu unternehmen, so daß der Handel völlig stockt. Die Aussichten fürdie nahe Zukunft sind noch recht trübe. Es ist jedoch zu erwarten, daß wir einer erhöhten Geschäftstätigkeit entgegensehen, sobald sich die politische Lage gebessert hat und Ruhe und Sicherheit zurückgekehrt sind. Die Reformen, welche seitens der Rcvolutionspartei verlangt und teil- weise auch schon durchgeführt sind, werden sicherlich dazu beitragen, China in weit größerem Maße als bisher der europäischen Kultur zugänglich zu machen und für eine ganze Reihe weiterer Handels- artikel als neuen Markt zu erschließen. Für a l l e s e i t B e st« h e n der Kolonie hier errichteten Jndu- strieunternehmungen haben sich die auf Tsingtau als Jndustrieplatz gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Einige zu besten Hosfnungen berechtigende industrielle Betriebe haben sich als nicht lebenssäbig erwiesen. So mußten die mit großen Mitteln arbeitende Deutsch-Chines. Seideir-Jndustrie-Ges., ferner die Schiffswerft Franz Oster und einige kleinere Unternehmungen wie Gerberei, Eisfabrik usw. den Betrieb einstellen. Im allgemeinen bietet Tsingiau der Begründung der Industrie gute Erleichterungen durch besondere Zollvergünstigungen, sowie durch billige Kohlen der Schantung- Bergbau-Ges. Nur einige der bereits alteren großen Privatunter- nehmen haben sich gut entwickelt. Die Treibhauskultur kolonialer Unterstützung hat also nichts geholfen. Nur die deutschen Steuerzahler siüo ebenfalls ihr Geld, zugunsten imperialistischer Wahnvorstellungen, losgeworden. Vom Banschwindel. ES ist in den weitesten Kreisen bekannt, daß gegen die Ein- führung des zweiten Teils des. Gesetzes betr. Sicherung der Bau- forderungcn, welcher in der Hauptsache von den Bauausführenden die Hinterlegung bestimmter Summen zur Sichcrstcllung von Handwerkerfordcrungen verlangt, eine wohlgenährte Protest- bewegung unterhalten wird. Weiß man, daß die Hauptarrangeure derselben an erster Stelle fast immer die gleichen Leute sind, die M T&löißs Mi WgvsMlgntey sowie ÄS Dg; leihe; vsv Wim- und Hypothekengeldern die Nutznießer des Bauschwindels sind, dann läßt sich unschwer der Zweck der Uebung erkennen. Jene Leute ver- sichern zwar/daß nur ideelle Absichten, die Sorge um die noch vor- handencn Mittelstandsexistenzen»in Baugewerbe sie veranlassen, in Oppositionsstellung zu verharren. Tatsächlich liegt es aber anders: mit der Praxis vertraute Leute, welche die Schäden auf dem Bau- markt erkannt haben, wissen, daß allein durch die Einführung des zweiten Teils des Gesetzes verhindert werden könnte, daß auch daS lebensfähige kleine und mittlere Bauunternehmertum durch ge- wissenlose Spekulanten ausgeplündert und dem Ruin überliefert Einen sehr interessanten Beitrag zu dieser Frage liefert ein Zwangsversteigerungsverfahren in Tauberbischofsheim. In dem genannten Ort hat der Unternehmer Breitenstein aus Lauda ein Poslgebäude aufgeführt, für welches ein Postmeister im Interesse der Postbehörde mehrfach Anordnungen gegeben hat. Die Bonität des Unternehmers erschien allerdings von vornherein nicht einwandssrei, aber durch das Eingreisen des Postbeamten in die Ausführung des Baues wollten die Handwerker in den Glauben versetzt worden sein, es handle sich um ein Unternehmen des Post- fi skiiis, und sie nahmen deshalb keinen Anstand, dem Unternehmer» dessen mißliche Vermögensderhältnisse bekannt waren, Kredit ein- Auräumen. Verschiedene Meister leisteten nun Arbeit, ahne Geld dafür bekommen zu haben... � Als der B an fertig Äar. zog die Post ein. Sie war aber nur Mieterin des Gebäudes. Der Wert des Baues wurde amtlich auf 65 000 M. geschätzt;' da er aber speziell für die Zwecke der Post in einer besonders dafür geeigneten Lage errichtet worden war, so war er an sich schwer ver- �U' Es' kam zur Subhostation, und in dieser erwarb der PostfisSus das Gebäude für.58 000 M., also 7000 M. unter dem Taxwerk. Sämtliche Handwerker fielen mit ihren Forde- rungen aus, sie waren nach ihren Vermögensverhältnissen auch nicht in der Lage gewesen, daS Gebäude zu erwerben. Das Ergebnis des Verfahrens ist also: der P o st f i S k u S ist billig zu einem Gebäude gekommen, aber die kleinen Handwerker müssen die Zeche bezahlen. Klagen gegen den Bauunternehmer blieben erfolglos» Die Ge- schädigten wandten sich nun mit einer Eingabe an das Reichspost- amt, von dem sie folgenden Bescheid erhielten: „Das dortige Posthaus ist von dem Bauunternehmer Breiten- stein in Lauda auf eigene Rechnung und Gefahr hergestellt worden und war vom 1. Juli 1910 bis zur Zwangsversteigerung am 30. August 1911 an die Reichs-Poft- und Telegraphenverwal- tung vermietet. Breitenstein war somit nicht Bauleiter, wie in der Eingabe irrtümlich annegeben ist, sondern Eigentümer des Hauses. Die Aufsicht des Postamtsvorstehers beschränkte sich nur auf die Ueberwackung der ordnungsmäßigen Ausführung des Baues nach den mit dem Unternehmer getroffenen vertraglichen Vereinbarungen. Beim Abschluß des Vertrages wogen Herstellung des Mietpostgebäudes wurden dem Unternehmer Breitenstein von Behörden und Privatpersonen, mit denen er in geschäftlichen Be- ziehwngen stand, die besten Zeugnisse ausgestellt. Die Reichs- Post, und Telegraphenverwaltung ist hiernach nicht in der Lage. für Forderungen, die gegen den früheren Eigentümer des Post- ha uses geltend gemacht werden können, aufzulommew." „Der Grundstein", das Organ deS Deutschen Bauarbeiter« Verbandes, bemerkt hierzu richtig, daß zwar der Fiskus entsprechend den Gepflogenheiten privater Käufer bei derartigen Anlässen -handelte, daß aber das ganze Vorkommnis die Unumgänglich- keit-eines wirksamen Schutzes zur Sicheruing der Bau- forderumgen beweise. Wenn durch daS Inkrafttreten des zweiten Teils des betrefsenven Gesetzes eine Krise auf dem Baumarkt man- chcr Großstädte eintreten würde, so könnte diese Säuberung muir nützlich wirken, um die völlig besitzlosen und unzuverlässigen„Bau- Unternehmer" fernzuhalten. Inwieweit die letzte Folgerung zutreffen wurde, mvge eine Bekanntmachung deS Amtsgerichts Charlottenburg kennzeichnen. In derselben heißt es:' „Im Wege der Zwagsversteigerung soll am 26. d. M.(Juli) in Berlin-Schmargendorf ein in der Äunostraße belegenes. 776 Quadratmeter großes unbebautes Grundstück verkauft werden, das gegenwärtig herrenlos ist, da der bisherige Eigentümer darauf verzichtet hat." Wieviel Handwerker und Arbeiter wären schließlich um ihre berechtigten Ansprüche gekommen, wenn der„bisherige Eigentümer" vielleicht das Grundstück bebaut hätte! Solche„Eigentümer",„Bau« Herren" gar„Baumeister" sind meistens vorgeschobene Personen. damit die dahinterstehenden..Geldleute" in der Zwangsversteigerung nach Ausfall von enormen Handwerkerforderungen die Häufer billig erstehen können. Als Illustration diene folgendes Beispiel: In Steglitz sind von 102 errichteten Neubauten 72 unter den Hammer gekommen. Die„Bauherren" und„Baumeister" dieser Bauten waren: 24 Schlächtergesellen, 7 Friseure. 2 Leinweber. gesellen, 9 Poliere, 11 ehemalige Restaurateure, 17 Steinhändler, Steinsetzer u. a. Fast ausnahmslos mittellose Leute. Alle Reelldenlenden, die vom Baumarkt abhängig sind, haben unter solchen Verhältnissen zu leiden. Und nicht in letzter Linie die Bauarbeiter, welche nur allzu häufig Sonnabends den verdienten Lohn nicht erhalten. Klagen werden gewöhnlich durch Ausfertigung eines vollstreckbaren Urteils erledigt; aber selten kommt es zur Voll- streckung, da der„Herr Baumeister" nichts besitzt, da alles seiner Frau gehört. DaS Baugewerbe kann gesunden, wenn der zweite Teil des Gesetzes zur Kicherung der Bauforderungen eingeführt wird,_ Soziales. 15. Generalversammlung des Kranken-UnterstütznngSbundeS der Schneider.(Eingeschr. Hilfskasse.) Die Generalversammlung tagte vom 22. bis 26. Juli im„Ge» werkschaftshauS" zu Wiesbaden. Der Krankenunterstützungsbund der Schneider ist im Jahre 1874 von organisierten Arbeitern in Brannschweig gegründet. Die Kasse gehört zu den bestfundierten und leistungsfähigsten ihrer Art. Ihr Mitgliederbestand beträgt gegenwärtig 34 523. Auf Berlin entfallen etwa 12 000. Die wichtigste Aufgabe der Generalversammlung war die Stellungnahme zu der durch die Reichsversick>erungsvrdnung für die freien Hilfskassen geschaffenen höchst unglücklichen Lage. Es logen eine Reihe Anträge vor, die Kasse in eine bloße Zuschutzkasse zu verlvandeln. Nach eingehender Besprechung erfolgte aber die einstimmige Annahme eines vom Vorstand und den Verwaltungs- stellen Hamburg und Braunschweig gestellten Antrages, die Kasse als eine vom Beitritt zu einer Zwangskaffe befreiende Ersaykasse zu erhalten, zugleich aber drei Klassen einzurichten für solche Mit- glieder. die auf ärztliche Behandlung und Arznei verzichten und die Kasse nur als Auschutzkasse benutzen. Der-Krankenunter- stützungöbund der Schneider wird also künftig sowohl als Ersatz, kasse wie auch als Zuschußkasse bestehen. Die Generalversammlung verhehlte sich nicht, daß die Existenz der Kasse als Ersatzkasse sehr schwierig sein würde. Bestimmend für ihren Beschluß war vor allem das Bestreben, einer großen An- zahl BernsSlollegen, die als Schneider in kleinen Orten den Land- krankeukassen mit ihren jammervollen Unterstützungseinrichtungen ausgeliefert wären, eine Zuflucht in einer anständigen Kranken- kasse zu erhalten. Die Generalversammlung erledigte noch die Durchberatung und Beschlußfassung neuer Satzungen und einer Krankenordnung. Zum 1. Vorsitzenden wurde wieder Peplies gewählt, zum Haupt- kassierer Steinhosf. Der Aufsichtsrat der Kasse wurde nach Berlin verlegt und Arbeitersekretär Ritter als Vorsitzender gewählt. Die nächste Generalversammlung findet in Hamburg statt. Es soll in nächster Zeit eine Agitation zur Gewinnung neuer Mitglieder geführt werden. Unter dieien Umständen ist dem Kranken-Unterstützungshuvd dex Schneider ein voller Erfolg zu iAinschtü,' ßfeUJe KUÄ 1» Belage.) Gewerkfcbaftllcbeö. 8d>warze Hrbeiterfcindc. Wenn die schwarze Presse ihrem Hätz gegen die.Roten' nicht im politischen Teil Ausdruck geben darf, tut sie'S im Unterhaltung� teil. Dort wirkt's auch noch besser auf die Frauen I So leistet sich die.Schlesische Volkszeitung" eine Skizze von Rosa Hayder.Hinaus in der über einen Streik geschrieben wird: „Viele der Arbeiter gaben den Hetzereien nach, streikten mit, eigentlich grundlos, wollten auch einmal das Augenmerk auf sich ziehen, sich als kouragierte Kerls bewundert sehen: ob aber zu Hause Frau und Kinder, ob eine alte Mutter darbte und hungerte, ihrer Illusion wegen, bedachten sie nicht. Wieder andere wollten ihre Faulheit pflegen, für kurze Arbeitszeit hohen Lohn, jeden Tag ein paar Stunden Herren spielen, und da dies sich nicht machen lietz, streikten sie. Traurig sah es da in mancher Familie aus; da hingen sich Kinderchen an den Rock der Mutter, bittend um Brot und diese hatte nichts für die Kinder, nichts für sich, Der Mann, der der- dienen sollte, der einst hoch und teuer versprach, für die Familie zu sorgen, sollten es zehn Kinder sein, ihnen zuliebe sichS am Munde abzusparen, er satz im Wirtshaus, krakeelte und lamentierte über die schlechten Zeiten und die Herren Beamten, die immer nur an sich und ihr Wohlleben, nicht aber an den armen Arbeiter denken, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen mutz.' Dieselbe Presse, die gelegentlich auch die viele Millionen be- tragenden Unterstützungen der Gewerkschaften ihren Lesern vorführt, schlägt sich so selbst ins Gesicht und beweist, datz sie sich der schliminsten Schari'nacherpresse ebenbürtig an die Seite stellen darf, SerUn und Ctingegcnd. Die Tachdeckcraussperrung in Berlin. Nach den Angaben des Dackideckerverbandes haben am zweiten Tage ZZ Firmen ausgesperrt. Insgesamt sind mit den im Ausstand befiudliSen Arbeitern von fünf Firmen und den zurzeit Arbeitslosen 2SI Dacddecker ohne Beschäftigung, In der„Dachdcckerzcitung", dem Zentralorgan der Dachdecker- mcister, wird die Aussperrung in völlig unrichtiger Weise dargestellt. Sie haben durch ein Flugblatt den Hausbesitzern eine nach ihrer Meinung wahre Darstellung der Vorgänge gegeben, und sie er- suchen darin, datz die Hausbesitzer die Sache der Unternehmer insofern unterstützen mochten, als sie ivährend des Streiks Dachdeckerarbeiten nicht ausführen lassen sollen, Tatsache ist, datz die Arbeiter nur das verlangten, was bereits zwei Jahre lang im Gewerbe durch Tarifvertrag an Arbeilslöhnen usw. gewährt wurde. Die Unternehmer aber gingen darauf nicht ein und nahmen sogar L o h n r e d u k t i o n e n"vor. Von den Arbeitern ist jeder Versuch einer gütlichen Einigung gemacht worden, Sie haben das Einigungsamt angerufen, vor dem die Unternehmer aber nicht erschienen sind. _ Das geschlossene Vorgehen der Dachdecker verbürgt ihnen den Sieg, zumal die Unternehmer die Aussperrung nicht in der von ihnen gewünschten Art durchzuführen imstande sind, Tie in der Zementzentralc tätigen Arbeiter, welche zum grotzteu Teil Mitglieder des Transporrarbe.iterverbandcs sind, haben Lohnforderungen gestellt, die sich auf Verbesserung der Lohn-, als auch Akkordsätze bezogen. Gleichzeitig hatten dieselben am Tonners- tag, den 18. Juli, die Arbeit einmütig niedergelegt. Die Direktion ...erklärte-sich zu Verhandlungen über die eingereichten Forderungen unter d?r Voraussetzung bereit, datz vorerst die Arbeit ausge- nommen w erde, was dann auch geschehen ist. Darauthin fanden bereits am Freitag, den IS. Huli, Verhandlungen mit einer Kam- Mission der Arbeiter unter Hinzuziehung von zwei Vertretern des Transportarbcitcrvcrbandes mit der Direktion statt. Die Zuge- ständnisse, welche gemacht wurden, sind am Sonnabend, den 20. Juli, einer Versammlung der Arbeiter bekanntgegeben worden, welche die allgemeinen Zugeständnisse in bezug auf Stundenlohn- und sonstige Bestimmungen als genügend anerkannte. Ter Stunden- lohn betrug bis vor kurzem noch 10 und 45 Pf., in letzterer Zeit 50 Pf. und ist jetzt auf 55 Pf. festgesetzt worden. Für Ucberstunden ist bisher ein Aufschlag nicht gewährt worden; diese werden nach Abschlutz des Vertrages mit 10 Pf. Aufschlag, d. h. mit 65 Pf. pro Stunde, bezahlt. Die Zugeständnisse bezüglich der Akkordsätze wurden als ungenügend abgelehnt, weshalb am Mittwoch, 24. Juli, noch einmal eine Verhandlung mit der Direktion stattfand. Es wurden noch einige kleine Zugeständnisse gemacht, mit der sich eine weitere Versammlung zufrieden erklärte. Tie Arbeitswilligen im Ausschank der Löwcnbrauerei, Ecke Bad- und Hochstratze, bekommen von dem Oekonom Herrn Donath, der angeblich die minimalen Forderungen seiner organisierten An- gestellten nicht bewilligen kann, täglich 5 M. und werden autzer- dem per Droschke bezw. Auto abends nach Hause gefahren. Die streikenden Kellner verlangen einschlietzlich Lohn- und Kostcntschädigung täglich nur 2 M., also bedeutend weniger. Die Behauptung des Herrn Donath, datz er finanziell nicht in der Lage sei, die Forderungen zu bewilligtn, ist also nur eine leere Redensart. Am Freitagabend kam es vor dem Lokal zu einer grotzcu Menschenansamnilung. weil Herr Donath seine Dogge auf das Publikum hetzte und dieses durch Pfuirufe seiner Entrüstung Ausdruck gab. Deudlcbes Reich. Die Lohnkämpfe des Metallarbeiterverbandes im. Jahre 1N11. Nach der soeben vom Zentralvorstand des Metallarbeiterver- bandes veröffentlichten Statistik übertrafen die vom Verband im Vorjahre geführten Lohnbewegungen die früherer Jahre in jeder Beziehung. Für die Arbeiter ergab sich nicht nur die Notwendig- keit, einen Ausgleich für die verteuerten Lebensmittel durch die Lohnkämpfe zu schaffen, sondern auch rückständige Lohnverhältnisse mutzten verbessert werden. Das Allheilmittel der Unternehmer, die Beantwortung jedes lokalen Streiks mit einer Aussperrung, das sehr häufig in Anwendung kam, verliert immer mehr an Wirkung. Während im Jahre 1910 noch 20,4 Proz. der Aussperrungen für die Unternehmer erfolgreich waren, waren es im Jahre 1911 nur noch 10,5 Proz. Wie hartnäckig die Metallindustriellen die Kämpfe gegen die Arbeiter führen, wird nicht nur dadurch bewiesen, datz die Unternehmer im Chemnitzer Bezirk in einem Jahre zwei AuS- sperrungen vornahmen, sondern auch dadurch, datz die Zahl der Abwehrstreiks der Metallarbeiter von 155 im Jahre 1910 auf 191 im Jahre 1911 stieg, während die Wwehröewegungen ohne Ar- b e i t s e i n st e l l u n g von 162 im Jahre 1910 auf 137 im Jahre 1911 zurückgingen. Die Unternehmer versuchten noch mehr als in früheren Jahren, den Arbeitern Verschlechterungen aufzuzwingen. Erschwert wurden die Kämpfe durch die„nützlichen' Elemente, die von den Streikbrecherbureaus geliefert wurden. In 419 hatte der Verband 1704 Bewegungen durchzuführen, die 9008 Betriebe mit 552 501 Beschäftigten erfaßten. Beteiligt waren daran 187 407 Mitglieder des Verbandes und rund 35 000 Mit- glieder anderer Organisationen. Von der Gesamtheit der Mitglieder des Verbandes standen 37,9 Proz. im Kampfe gegen YLch Proz. im , Jahre 1910. In 1328 Fällen hatten die Arbeiter Forderungen gestellt. 1048 Fälle wurden ohne Arbeitseinstellung erledigt, in 280 Fällen kam es zum Streik. Die Unternehmer boten den Arbeitern in 376 Fällen Verschlechterungen an, in 137 Fällen kam es zur friedlichen Bei- legung, in 239 Fällen zu Streiks und Aussperrungen. Der größte Teil aller Bewegungen wurde auch im Berichts- jähre ohne Arbeitseinstellung durchgeführt. Alt Gesamtersolg de« Lohnbewegungen ist eine Verkürzung der Arbeitszeit von beinahe 200 000 Stunden pro Woche für 92 000 Beteiligte und eine Erhöhung de? Verdienstes von 192 000 Mark pro Woche für 108 000 Beteiligre zu verzeichnen. Für 33 000 Beteiligte trat eine Regelung der Akkordarbeit ein, die in vielen Fällen ebenfalls als Lohnerhöhung bewertet werden kann. 425 Tarifverträge für 50 000 Beschäftigre konnten abgeschlossen werden. Mitzstände im Betriebe wurden in 48 Fällen für 3322 Beteiligte abgestellt.� Zuschläge für Ueberstunden erreichten 65 142 Beteiligte in 411 Fällen und Zuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit 49 793 Beteiligte in 316 Fällen. Sonstige Verbesserungen der Arbeitsver- hältniffe traten ein in 461 Fällen für 74 966 Beteiligte. Diesen direkten Erfolgen sind noch die Ergebnisse der AbwehÄewegungen und Streiks an die Seite zu stellen. Abgewehrt wurde eine Ber- längerung der Arbeitszeit für 1885 Beteiligte von zusammen 5716 Stunden pro Woche und eine Verkürzung des Verdienstes für 7046 Personen. In 18 Fällen wehrten 482 Arbeiter Tarifbruch ab. Bei 14 Streiks und Aussperrungen wiesen 496 Arbeiter Streikarbeit zurück. 191 Mahregelungen wurden zurückgewiesen und schlechte Behandlung in 23 Fällen mit 1810 Beteiligten abgewehrt. Diese Lohnbewegungen verursachten eine Gesamtausgab« von rund 5sti Millionen, wovon 1324 000 M. aus den Lokalkossen ge- zahlt wurden. Mehr als die Hälfte aller Kosten entfallen auf die Aussperrungen. Die Metallarbeiter können mit den Erfolgen des Jahres 1911, obwohl ggr viele Wünsche unerfüllt blieben, zufrieden sein. Be- tragen doch die erzielten Lohnerhöhungen pro Jahr über 8 Mil- lionen Mark._ Eine Paradelohnbewegung der Christlichen. In Nr. 170 des..Vorwärts' teilten wir eine eigenartige Lohn- bewegnug der Heimarbeiterinnen in Stolp in Pommern mit. die von dem christlichen Gewerkverein der Heimarbeiterinnen inszeniert war. Diese Bewegung hat sich nun als nichts weiter erwiesen, als eine Düpierung der Heimarbeiterinnen und als ein ganz frecher Trick zum Mitgliederfang. Hier der Beweis. Am Dienstag, den l6. Juli, wurden in einer Versammlung, die von Hunderten von Stickerinnen besucht war, darunter einem großen Teil von Nicht- organisierten, Arbeiterinnen gewählt, die einen Tarif ausarbeiten sollten. Am Mittwoch, den 17. Juli, vormittags, erklärten sich die Arbeitgeberinnen bereil, den Tarif abzuschließen. Des Abends legte man einer Versammlung, zu der ebenfalls öffentlich einge- laben war, den ausgearbeiteten Tarif vor mit der Mitteilung, datz die Arbeitgeberinnen sich bereitcrklärt hatten, den Tarif zu be- willigen und ob die Versammlung mit dem ausgearbeiteten Tarif einverstanden sei. Natürlich war über diesen Hokuspokus alles er- staunt. Daß sich eine Lohnbewegung in noch nicht 24 Stunden mit einer großen Anzabl indifferenter Heimarbeiterinnen und mit Aus- arbeiten eines Tarifes, der annähernd 200 Positionen umfaßt, er- ledigen läßt, war ein Schnelligkcitsrekord, den natürlich nur die christliche Arbeiterbewegung fertig bekommt. Doch zum endgültigen Schluß kam es am Donnerstag, den 18. Juli. Da teilte man mit. daß der Tarif am l. Oktober in Kraft treten wird; darum schnell hinein in den Gcwerkvercin. Leider fielen auf diese Vorspiegelung trotz wiederholter Warnung einige Arbeiterinnen hinein, und so verkündet man denn:„der Verein zählt jetzt rund 300 Mitglieder". Datz dieses alles nur«cchaumschlätzerei war, müssen selbst die Macher des Ganzen zugeben. Denn in ihren Berichten, den sie den bürgerlichen Blättern übersandten— die Berichterstatter durften selbst nichts bringen— erklären sie:„Fräulein Behm legte klar dar, datz dieser Tarifvertrag die Grundlage zu einer Gesundung der hiesigen Stickcrciindustrie bilden könne und auf dieser Basis würden Arbeiter und A r b e it g e b e r zu ihrem Rechte gelangen." Ter Tarifvertrag soll 25 Prozent Lohnaufbesserung bringen; aber wie das geschehen fach das verschweigt man. Zlnstakt nun den Tarif zu vervielfältigen, damit ihn jede Arbeiterin bekommt und sich danach richten kann, behält man ihn für sich. Nur soll er von den Arbeitgebern ausgehängt werden. Allerdings: man kann doch den Rentier-, Bankier, und Offiziersdamen nicht zumuten, für denselben Preis zu arbeiten wie der Plebs. Wenn dann erklärt wurde, datz die Lohnbewegung nun ein gut Teil vorwärts ge- schritten ist, so mutz man darauf hinweisen, datz die' Macher selbst in dem Bericht erklären:„Hoffentlich wird in kurzer Zeit mit den Arbeitgebern eine Einigung erzielt, denn es ist ihnen der Tarif- vertrag vorgelegt worden." Man sieht, einmal ist alles in Ordnung, dann dauert es wieder noch„etwas". Wenn man rühmend hervor- hebt, datz eine starke Organisation ein dauernder Schutz sei, so kann dem jeder zustimmen. Aber was will in einer Industrie, die nahezu 3000 Arbeiterinnen zählt und die sich täglich mehren, eine Organisation miO300 Mitgliedern besagen? Datz die freien Ge- wcrkschaften diesen Lohnbewegungen nicht allein skeptisch gegen- überstehen, beweist eine Erklärung der Hirsch-Dunckerschen Gewerk- vereine, die sich gegen diese christliche Mache ausspricht. Jedenfalls ist hundert gegen eins zu wetten, datz diese christliche Paradelohn- bewegung in einem großen Katzenjammer endigen wird. Den Schaden haben natürlich dann nur die armen Arbeiterinnen, die dadurch später noch viel schwieriger für reelle Organisations- bestrebungen zu gewinnen sind. Die Lohnbewegung der Kellner in Dortmund ist in der Haupt- fache mit sehr gutem Erfolg für die Gehilfenschaft beendet, doch mutz davor gewarnt werden, schon jetzt durch Zuzug die Er- rungenschaften zu gefährden. Die Tarifbcwegung der Weißgcrber in Frankenhausen am Khffhäuser wurde auf friedlichem Wege erledigt. Der Stunden- lohn wird sofort um 3 Pf., nach zwei Jahren um einen weiteren Pfennig erhöht. Dieselbe Erhöhung erfahren die Löhne der Hilfs- arbeiter. Die Akkordarbeiter erhalten sofort 3 Proz., nach zwei Jahren nochmals 3 Proz. Zuschlag auf die bestehenden Preise. Die Arbeitszeit wird um eine Stunde pro Woche verkürzt. Es wurde ein neuer Vertrag auf drei Jahre abgeschlossen. Die Züchtung der Gelben auf der Kais. Werft Wilhelmshaven macht nicht die Fortschritte, die vornehmlich die Werftverwaltung als Protektor der Arbeiterzerfplitterer sehnlichst wünscht. Trotz Anstellung eines sogenannten nationalen Arbeitersekretärs, der zum nicht geringen Teil wohl auch finanzielle Unterstützung von der Werft erhält, trotz Gründung eines unter gelber Flagge segelnden Vor- arbeiterklubs,'dem die Werftbehörde ihre Gunst durch klingende Münze schenkt, und trotz Stempelung jeder anderen Gesinnung, die mit jener Gesellschaft nichts zu tun hat, als sozialdemokratisch, kommt die national« Arbeiterverräterei nicht Vorwärts. Um nun wenigstens einige gelbe Paradepferde im ArbeiterauSschuß zu haben, ging die Werft dazu über, eine feinausgeklügelte WahlkreiSgeometrie durchzusetzen. Sie schuf einen sogenannten Vorarbeiterwahlkreis, weil die Borarbeiter plötzlich andere, besonder« Interessen als die Allgemeinheit haben sollte. Bei den türslich vorgenommenen Wahlen zum ArbeiterauSschuß ging dann auch der gelbe Kandidat mit einer geringen Stimmenmehrheit durchs Ziel. Dieser brachte es nun merk- würdigerweise jetzt Kum Werkmeister. Bei der deshalb notwendigen Ersatzwahl setzten die Gelben wieder ihre ganzen Kräfte ein, einem der Ihren ,um Siege zu verhelfen. Aber, o Schmerz, diesmal rasselt« ihr Kandidat glänzend durch und der Kandidat der Gewerk» schaften siegte.— Der Versuch, auf einem krummen Wege gelbe Vertreter zu schaffen, ist ein untaugliches Mittel gewesen; auch die Vorarbeiter haben eS abgelehnt, zur Gefolgschaft der Arbeiterfeinde zu gehören. Hustaid. Ter Kampf der englischen Hafenarbeiter. Nach den neueren Angaben der Hafenbehörde in London ar- beiten jetzt 19 210 Mann an 166 Schiffen. Die Streikenden denken nicht an Nachgeben. Im Gegenteil ist man jetzt bemüht, eine neue nationale Aktion vorzubereiten, die mit einer Propaganda durch alle Häfen Englands eingeleitet werden soll. Die Hauptrollen bei dieser'Aktion werden Tom Maiyi und der soeben nach einer Ab- Wesenheit von 6 Monaten aus Australien zurückgekehrte Havelock Wilson übernehmen. Jetzt sollen alle Tarifverträge in den eng lisch«» Häfen der Provinz unbeachtet bleiben, womit allerding» die immerhin beachtenswerten Erfolge de? Riesenkampfe» im vorigen Jahre verloren gehen. Durch beide, Tom Mann und Wilson, die syndikalistischen Ansichten huldigen, wird eine schärfere Tonart in den Kampf hineingetragen werden. Geht der Streik über den Londoner Hafen hinaus, so wird die Möglichkeit der Unterstützung der Familien natürlich erschwert. Der Streik in London hat den Hafen von Hull schon in Mit- leidenschaft gezogen. Schon seit einigen Wochen liegen dort einige Dampfer, von Streitbrechern in London geladen, die von den Hafen- arbeitern boykottiert sind. Der Boykott wird streng durchgeführt. Die Situation ist sehr ernst, und ein größerer Konflikt zwischen Reedern und Hafenarbeitern in Hull ist nahe bevorstehend. In Liverpool und Birkenhead, am rechten und linken Ufer des Mersch, kam es gleichfalls zu großen Streiks der Hafenarbeiter. Hier handelte es sich um einen Protest gegen die Einführung von Clearing Hauses s Zahlhäuser), die an den verschiedensten Plätzen im Hafen errichtet wurden, einmal, um die Hafenarbeiter dem un- moralischen Einflutz der Wirtshäuser zu entziehen, zum anderen, um die Auszahlung der Löhne in Verbindung mit der Einführung der Versicherungsbeiträge(bekanntlich ist das Versicherungsgesetz soeben in Kraft getreten) in neutrale Hände zu legen. Die Unter- nehmer haben also danach ihre Lohnlisten den Zahlhäusern ein- zureichen, die dort auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Diese Ein- richtung wurde neben noch anderen zwischen dem Hafenarbeiter- verband und dem Reedervercin vereinbart, auch von den Mit- gliedern anerkannt, aber einer kleinen Opposition gelang es, die leitenden Personen zu verdächtigen, datz sie die Arbeiter verraten und verkauft hätten und Mitztrauen gegen die Fuhrer ui der Or- ganisation zu verbreiten. Die Folge davon waren partiell- Streiks, ferner ein Anklageverfahren gegen die Verleumder Mitchell und Crowston, angestrengt von dem Vorsitzenden des Hafenarbeiter- Verbandes Sexwn, das vorläufig damit endete, datz Mitchell gegen eine Bürgschaft von 1000 M. und Crowston gegen eine solche von 400 M. auf fteien Futz gesetzt wurden. Nachdem die streikenden in Liverpool über alle diese Mißverständnisse, über den Zweck und Nutzen der zwischen den Unternehmern und der Organisation ge- troffenen Einrichtungen aufgeklärt waren— leider hat der Verband wie die meisten Gewerkschaften in England kein Fachorgan—, kehrten sie nach und nach zur Arbeit zurück. Nur die Arbeiter in Birkenhead beharren im Ausstand. Die Schisfsreeder haben ein Ultimatum gestellt, in dem sie die Streikenden auffordern, an einem bestimmten Tage zur Arbeit zurückzukehren, sonst würden sie durch 2000 andere Arbeiter ersetzt, die auf den Schiffen einquartiert würden. Bis jetzt haben die Streikenden die Wiederaufnahme der Arbeit verweigert, und die Reeder werden nun wohl ihre Drohung durchführen._ Das Ende des Generalstreiks im Hafen von Genua. Rom, 25. Juli.(Eig. Ber.) Ter am 24. d. M. proklamierte Generalstreik im Hafen von Genua ist nach 24stündiger musterhafler Durchführung durch Bcsckiluh der Arbeiterkammer für beendet erklärt worden, nachdem das Konsortium, das den Hasen verwaltet, be- schlössen hat, gegen die Unternehmer vorzugehen, die. im Gegensatz zum Hafenreglement, Arbeiter unter Um- gehung des vorschriftsmäßigen Turnus angestellt haben. Auch gegen die Arbeiter, die sich zu der Arbeit hergaben. wird disziplinarisch vorgegangen werden. Die Arbeiterkammer behält sich vor, den Ausstand wieder zu proklamieren, falls die Unternehmer es noch einmal versuchen, �die Errungenschaften der Arbeiterorganisation zu mißachten und sich über die vereinbarten Be« stimmungen hinwegzusetzen. Das Genueser„Lavoro" hebt herbor, datz die Unternehmer der Löscharbeitcn 3,40 Lire pro Tonne einnehmen und nur 1,20 Lire ausgeben, was pro Dampfer einen Reinertrag von 1000 biS� 3000 Lire ergibt. Die Schauerleute verdienen höchstens 8 Lire täglich, nämlich 80 Cents pro Tonne. Bei derartigen Riesenprofiten der Unternehmer ist die Tendenz ihrer Ausschaltung durch Arbeiter- gcnossenschaften unvermeidlich und unaufhaltsam. Letzt* Nachrichten. Eine Kundgebung der englischen Konservativen. London, 27. Juli.(W. T. B.) Heute abend fand in Anwesen-- heit von etwa 100 Mitgliedern der unionistischen Partei des Unterhauses tn Blenheim ein« große unionistische Kundgebung statt. Bonar Law gab einen Ueberblick über die politische Lage und sagte. die Regierung weigere sich, die besondere Behandlung von Ulster in der Homerulevorlage in Erwägung zu ziehen. Wenn(die Re- gierung versuchen würde, Truppen gegen die Leute von Ulster zu verwenden, so würde dies einen Bürgerkrieg hervorrufen und das Reich erschüttern. Die Umonisten würden für zwei große Re» sonnen eintreten, nämlich für die Wohnizngssrage der arbeitenden Klassen und die Unterstützung der Landwirtschaft durch Schaffung von bäuerlichen Kleinsiedelungen. Bonar Law versicherte, der Hauptpunkt in dem Programm der unionistischen Platform sei eine Reform des Zolltarifs. Der Londoner Hafenarbeiterstreik. London, 27. Juli.(W. T. B.) Das Streikkomitee erklärt in einem Manifest, daß es sich entschlossen habe, die sofortige Wieder. aufnähme der Arbeit zu empfehlen. Zehn Wochen hindurch hätten sie sich zähe bemüht, die Beilegung des Streik» durch eine versöhn» liche Haltung zu fördern. Die mächtigste Waffe der Kapitalisten sei die Wafte der Aushungerung und sie sei ohne Gewissensbisse angewendet worden. Das Komitee erkenn« den Mut der Arbeiter und ihre Hingebung an die Sache der Gewerkschaften an. Da je- doch alle angemessenen Mittel zu einer Lösung erschöpft seien, so habe sich das Komitee für das gegenwärtige Vorgehen entschieden. Indem es die Arbeiter auffordere, die Arbeit wieder auszunehmen, erklärt das Komitee, daß alle au? der Zeit vor dem Streik stam- Menden Abmachungen in vollem Umfang aufrechterhalten werden müßten. Die dauernde Weigerung der Arbeitgeber, den Streit beizulegen oder mit Billigkeit vorzugehen, weise daraus hin, datz ihre Absichten nicht nur gegen den Transportarbeiterverband, fon- dern gegen die verschiedenen Gewerkschaften gerichtet seiew Vom albanischen Ausstand. Rom, 27. Juli. Einer Meldung de»„Avanti" zufolge haben die Albanesen die Feindseligkeiten eingestellt, erklären aber, datz es sich nur um einen 14tSgigcn Waffenstillstand handele. Bis dahin sollen die Entschädigungen an die Stämme gezahlt und die türkischen Beamten durch albanesische ersetzt werden. Bon den Budapest«? Demonstratio»«!. Budapest, 27. Juli.(P�C.) Die Untersuchung gegen die De» monstranten, die an den Umzügen am 25. Mai teilgenommen baben, zeitigten heute ein sensationelle» Ergebnis Unter der Beschuldigung, bei den Demonstrationen einen berittenen Polizisten erschossen zu haben, hatte die Polizei einen Tischler» gesellen verhaftet. Dieser wurde nun heute aus fteien Futz gesetzt. da die Untersuchung gegen ihn nicht nur seine völlig« Unschuld ergab, sondern gleichzeitig den Beweis erbrachte, daß der Polizist von einem Detektiv erschossen worden war. Der Detektiv namens Angal mutzte sich zu der kritischen Zeit durch mehrere Revolver- schösse seiner Haut wehren, wobei eine Kugel den Polizisten so un» glücklich traf, datz dieser auf der Stelle getötet wurde. Berantw. Redakteur: Albert Wach», Berlin. Inseratenteil verantw-j HH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: vorwärts Buchdr. U Verlagsanftaft Paul Singer Sc Co., Berlin SW» Hierzu 3 Beilage», Nr. 174. 29. ZahrMz. L Ktilagc des Jorinirts" Krim DolMIntt. Ssniktas, 28. Avli 19lZ. Vittlchsstlicher Nocheiibericht. Produktion. Handel. Arbeitsmarkt. Börse. Die Zeugnisse für die auHenblicklich herrschende Konjunktur Srehren sich. Die geringen Preisrückgänge speziell am Eiscnmarkt haben in Deutschland, England, Belgien, Nordamerika deutlichen Preiserhöhungen /platz geinacht. Die früher gemeldeten, Rückgänge werden auf Baissebcstrcbungen von Händlern zurückgeführt. Auch der am Freitag veröffentltchte Bericht des Stahlwerks- Verbandes spricht von günstiger Geschäftslage:„Die Halbzeug Verbraucher sind andauernd gut beschäftigt, und es ist vielfach vicht möglich, ihren dringenden Abruf zu befriedigen. Der Verbrauch für das letzte Vierteljahr des Jahres wurde heute zu den seitherigen Preisen und Bedingungen freigegeben. Auch auf dem Auslandsmarkte bleibt die allgemeine Beschäftigung autzer- gewöhnlich gut, und der Eingang von Anfragen sowie der Abruf sind fortgesetzt flott. In schwerem Oberboubedarf(für Eisen- Hahnen) ist mit einer Reihe von deutschen Staatsbahncn eine grund- sätzlichc Einigung über neuabguschliehende zweijährige Be- darfsabschlüsse erzielt worden.... Das Formeiscngeschäft im In- lande war befriedigend und der Eingang von Speziftkationcn stär- ker als im Vorjahre. Ueber die A u s s i ch t e n des Hcrbstgeschäftes lauten die eingegangenen Berichte nicht ungünstig, wenn schon Klagen über die große Schwierigkeit bei Beschaffung von Bau- geldern geführt werde. Die Eröffnung des Verkaufs von Form- eisen nach dem Jnlande für das vierte Quartal wurde zu den seitherigen P r e i s cn und Bedingungen beschlossen. Am Auslandsmarkte hat die bereits neulich gemeldete günstige Markt- läge angehalten. Abruf sowie Eingang von neuen Aufträgen könne» als recht befriedigend bezeichnet werden, und das Auslandsgeschäft läßt auch weiterhin eine günstige EntWickelung erwarten." Daß diese Worte nicht nur Stimmungsberichte sind, sonoern die Entwickelung auch sonst ruhig beurteilt wird, geht daraus her- vor, daß der Stahlwerksverband die unter dem alten Vertrag ge- sammelten Rücklagen an die Verbandsmitglieder ausschütten wird. Nicht weniger als neun Millionen werden den Werken zu- fallen, die durch ihre Monopolstellung jahrelang erhöhten Prosit bezogen und weiter beziehen, Tie Nckordzissern des Rheinisch-Westfälischen Köhlcusyndikats vom Juni dieses Jahres haben wir schon mitgeteilt. Jetzt liegt die Statistik der Kohlenproduktion des ganzen Reiches im ersten Halbjahr 1912 vor. Die Gewinnung von Steinkohlen ist von 78,(37 Millionen Tonnen der entsprechenden Monate des Vorjahres aus 84.71 Millionen Tonnen gestiegen. Auch die Förderung von Braun- kohlen nahm um 4,23 Millionen Tonnen zu und erreichte da mit die Höhe von 39,43 Millionen Tonnen. Die Einfuhr von Steinkohle ging um 1,1 Millionen Tonnen zurück, die Ausfuhr stieg dagegen um 2,5 Millionen Tonnem Ein gleiches Bild zeigt die von der Entwickelung der Eisenindustrie abhängige Koksgewinnung. Ve- rechnet man den Verbrauch an Brenmatcrialien(Produktion plus Einfuhr weniger Ausfuhr) pro Kopf der Bevölkerung, so ergeben sich folgende Steigerungen gegenüber 1997 und 1911 in Kilogramm: 1. Halbjahr 1907 1911 1912 Steinkohle... 1 065 1 094 IIIS Braunkohle... 560 595 651 KokS..... 147 105 175 Preßkohlen... 117 143 158 Erheblich(um 1,1 Millionen Tonnen) ist die Einftchr von Kohle aus England zurückgegangen� Ter englische Bergarbeiter- streik niacht sich für die Halbjahrsziffern noch immer bemerkbar, ob- gleich die JuniauSfuhr Englands nach Deutschland die des Vor- jahrcs übertrifft. Dieser dauernden Auswärtsbewegung der Konjunktur cnt- sprechen die Verkehrseinnahmcn der deutschen Eisenbahnen im verflossenen Semester. Nach einer Statistik der„Frankfurter Leitung", die abweichend von der amtlichen auch die beiden bape- rischew Netze umfaßt, stiegen die Einnahmen aus Güter- und Per- fonrnverkcho zusammen gegen das Halbjahr 1911 um 107,72 Mill. Mark. Gegen 1998 betrug die Zunahme 399,73 Millionen Mark oder 25,2 Proz. Die, Steigerung des Außenhandels ist ebenfalls eine «norme. Die Einfuhr wuchs vom Januar bis Juni 1912 gegen 1911 von 315 auf 325 Mill. Toppclzentner, die Ausfuhr gar von 277 auf kleines feuitteton. Am Strande. In den Straßen der Großstadt herrscht die Hundstagshitze. Die Mauern fassen sich an wie ein geheizter Kachelofen. Menschen und Tiere lechzen nach Erftischung. Im dumpfen Arbeitssaal, dessen Luft mit Ocldunst und einem un- dcfinicvbarcn Stanbkonglomcrat geschwängert ist, öffnen sich alle Poren des Körpers. Ter Schweiß rinnt von der Stirnc und vcr- größcrt die Mattigkeit. Jeder Schluck Wasser veriuchrt den Durst. Das Frühstücks- und Vcjpcrbier wirkt ermüdend. Ter Arbeits- mann empfindet eine tiefe Sehnsucht nach frischer kühlender Luft. Aber nirgends findet er sie im Steinmeer der Großstadt. Selbst im Schatten ist es drückend heiß. Die Quecksilbersäule zeigt über- normale Temperatur. Frische kühlende Luft gibt es nur am Meeresstrand. Ob das nun Cuxhafen heißt oder Helgoland, Norderney oder Sylt, Dahme oder Travemünde, Hciligcndamm oder Müritz, Saßnitz oder Sellin, Heringsdorf oder Zinnowitz, überall weht die erfrischende Brise. die im Binnenlande fehlt. Ilebcrall die große Wasserfläche. Ucber- all das niemals ruhige, in den verschiedensten blauen und grünen Nuancen schillernde nasse Element. Und aus der großen bewegten Fläche überall ein- oder ausfahrende Dampfer, Segeljachten, Ruder- und Motorboote. Und am Horizont überall die tvagerechte Linie. Und wenn es im Binnenlande noch so sehr„schmort", am Strande merkt man es nicht. Welche Wohltat spendet die kühle Brise. Welches Wonnegefühl durchströmt den Körper, wenn die Wellen des©eelaades ihn warmgepeitscht haben. Leider ist dieser Hochgenuß nur wenigen beschieden. Rur an den Sonntagen er- scheint auch die werktägige Bevölkerung von der Nähe der Wasser- kante und mischt sich unter das Strandleben, um Erholung zu suchen. Und darum ist der Sonntag für die vornehmen Strand- bummler ein Greuel.„Gott sei Dank," sagt sich der Bourgeois. daß die Hotelprcise ihn vor dem ungebetenen Strandgast schützen. Tie Klassenscheidung macht sich am freien McercSstrand auch bei der Badegelegenheit bemerkbar. Man hat luxuriöse Badehäuser ge- baut, in denen der Nichtabonnent eine Mark für ein Seebad bc- zahlen muß, und man hat Badeanstalten, in denen es 29 Ps. kostet. Stellenweise kann man sogar völlig gratis in die salzhaltige Flut steigen. Und doch werden alle von dem gleichen Wasser bespült. und— was die Wirkung des Bades awbctrifft— haben alle den gleichen Genuß davon. Die See fragt nicht nach Herkunft und Steuerklasse. Sie ist bereit, allen Menschen Erholung zu spenden. Noch steht indes der Genuß des Strandes nicht jedem frei. Aber die Zeit wird konmien, wo allen schaffenden Menschen Gelegenheit gegeben sein wird, Seeluft und Seebad zu genießen. W. B. Vom Hygienckongrch. Die englischen Hygicniker führten am Sonnabend ihre Arbeiten in den Sektionen zu Ende. Die Betcili- aung war bis zum letzten Augenblick eine überaus rege. In der Sektion für StaatFarzneikunde schilderte Regierungsrat Dr. Woithe- Berlin die zur Desinfektion für Eisenbahnwagen in Potsdam auf- vestcllte Entseuchungsanlage. Der Dircitsr des Städtischen Unter- 1 397 Millionen. Seit dem Hochkonjunkturjahr 1997 ist damit die Einfuhr um 25VH, die Ausfuhr gar um 92ft! Millionen Doppelzentner gestiegen. Die erheblichste Zunahme der Einfuhr betrifft Erzeugnisse der Landwirtschaft und Nahrungsinittel. Allein an Futtermitteln sind in den verflossenen Monaten Waren im Werte von 12 Millionen Mark mehr cingesührt worden. Die Einfuhr von Tieren und tierischen Produkten nahm zwar nur wenig zu, aber die gesamte Mehreinfuhr von Futtermitteln ist ein Beweis für die starke Abhängigkeit unserer Viehwirftchaft vom Ausland, trotz der gegenteiligen Beteuerungen der Agrarier. Sonst betrifft die Mehreinsuhr wesentlich Rohstoffe für die Textilindustrie. An dem Mehr der Ausfuhr sind vornehmlich mineralische Brennstoffe und Erzeugnisse der Eisen-, Maschinen- und elektrisckien Industrie beteiligt. Das Gesamtbild zeugt von«ner in den letzten Jahren mit erhöhter Intensität vollzogener Industrialisierung Deutsch- lands und von der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Landwirt- schast, trotz aller Hemmnisse durch konsumverteuernden Zollschutz. Bei diesen. Beweisen ollgemeiner günstiger Geschäftslage sollte man glauben, daß auch der Arbeitsmarkt ein befriedigendes Bild böte. Auffälltgerweise ist das aber nicht der Fall. So berichtet der„Arbeitsmarkt" des Verbandes Deutscher Arbeitsnachweise: „Während die Beschästigtenziftev in flottem Tempo gestiegen ist. weist der Arbcitsmorkt im Vergleich zum vergangenen Jahre eine erhebliche Verschlechterung aus. Vom Mai zum Juni d. I. läßt sich zwar eine Erleichterung der Andrangsziffer um 1,6 errechnen, doch ist die Spannung gegen das Vorjahr wieder im Wachsen begriffen... In den entsprechenden Jahren der vorangehenden Konjunktur- Periode war die Andrangsziffer ebenfalls erheblich niedriger ge- wesen." Speziell bei den Frauen ist der Andrang groß. Als Gründe werden der wachsende Zuzug fremder Arbeiter(auch Ernte- arbciter) und das Hineinströmen kleinbürgerlicher und klcinbäuer- licher Elemente angegeben. Die steigende Teuerung aller Lebens- Verhältnisse zieht auch auf dem Arbeitsmarkt seine Konsequenzen, zwingt im Verein mit der Zerstörung des Kleinbauierntums und des Handwerks stetig größere Kreise zur Lohnarbeit. An der B ö r s e war in der vergangenen Wtoche das aufsehendste Ereignis ein neuer Kurssturz der Staatspapiere. Ueber die allgemeinen Gründe des Sinkens der Renten haben wir im „Vorwärts" schon mehrfach gesprochen. Heute interessiert uns nur, daß der Sturz der deutschen Papiere zeitlich mit einem solchen der englischen KonsolS zufammenfiel. Die drciprozeniige Reichsanleihe erreichte am 23. Juli den Tiefstand von 79,59. Am Anfang d. I. hatte sie noch auf 82.79 gestanden. Seit 1895 ist sie von 199,30 bis auf 79,50 gefallen, also um 20,80. Etwa ein Fünftel des Gesamt- betrages haben die Staatspapierbesitzer damit seit 1895 durch diese Kursverluste eingebüßt. Auch die englischen Konsols(3, 2% und seit 1903 234 Proz. Verzinsung) sind seit 1896 von ihrer stolzen Höhe (114) bis auf 73'/, am 23. Juli gefallen. Anfang Juli standen sie noch auf 75,6. Der Verlust der englischen Konfolbcsitzer wird für die Zeit von 1895 bis 1912 auf 224 Millionen Pfund, ein Drittel des Kapitals, berechnet. Unter den Papieren privatkapitalistischer Unternehmungen- war der Verlauf der H a n s a k u r s e von großem Interesse. Von- etwa 200 am Anfang d. I.»xtren sie am Beginn dieser Woche bis auf über 329 angelangt. Am Freitag fielen sie aber plötzlich innerhalb einer Stunde um mehr als 39. von 322 bis- auf 299. Die Partei, die große Aufkäufe der Hansaakticn unternahm, um die Majorität in der Verwaltung zu erlangen,, soll gedeckt gewesen sein und blieb der Börse fern. Die noch reichlichen Angebote drückten daher den Kurs plötzlich herunter. Einzelne Spcku-Ianten ä la Baisse sollen infolge dieses Sturzes 29—39 999 M. in wenigen Viertelstunden gewonnen haben. Vielleicht machte die Käuserpartei, hinter der man die Vanknrma Schröder und Weyhausen in Bremen vermutet, nur eine Pause in den Käufen, um das Börscnpu-blikum zu schrecken und dann später mehr Hansaakticn zu niedrigerem Kurs zu er- werben. Buchungskünste. Bei den Erörterungen über die guten, Beziehungen des Llohd zur Reichsrepicrung wurde daran erinnert, daß diese Schiffahrtsgcscllsck)aft vom Staate Subventionen erhält. Die Höhe dieser Unterstützungen ist von den Geschäftsergebnissen des Unter- nehmens abhängig. Merkwürdigerweise steht es mit der Rentabi- lität des Norddeutsche»£ lotst) immer so, daß ihm die Neichssubven- tionen in voller Höhe erhalten- bleiben. Nun fällt es durchaus nicht schwer, durch allerlei Buchungsk-üste die Jahresbilanz nach cin-igem suchungsamteS in Stettin Dr. Gchrke sprach über Milchhpgiene. Er verneinte die Frage, ob es notwendig sei, für die in den Handel kommende Milch einen Mindcstfettgehalt festzusetzen. Der Fett- gehalt sei für die Milch nicht ausschlaggebend. Viel notwendiger sei es, den Nachdruck darauf zu legen, daß die Milch frisch und sauber in den Handel komme. Nach dieser Richtung aber seien unsere Verordnungen noch viel zu milde. In Stettin z. V. besage eine Bestimmung, daß die Milch 19 Milligramm Schmutz enthalten dürfe. Bei welchem anderen Nahrungsmittel sei ein so hoher Prozentsatz an Schmutz gestattet! Eine straffe Handhabung der Bestimmungen gegen den Verlaus von Milch, die geronnen sei oder beim Kochen gerinne, sei vor allem im Interesse der Säuglingspflege durchaus geboten. Heute würden viele Haushaltungen dadurch, daß die ge- kaufte Milch sich als ungenießbar herausstelle, in der heißen Sommerszeit finanziell sehr schwer belastet. Das Hauptinteresse konzentrierte sich aus die Verhandlungen der Scltion für Schiff-, Militär- und Tropenhygicne. Die Tagung der Rassenverbesscrer. Zum erstenmal sind nun die Anhänger der«ugcnischen Theorie zu einem internationalen Kongreß zuiamniengetreten, bei dem die Gelehrten der Kultur- länder ihre Meinung austauschen wollen über die Möglichkeit einer Veredelung und Verbesserung der menschlichen Rasse ans Grund einer nach wissenschaftlichen Grundsätzen durchgeführten Zuchtwahl. Tie Lehre der EugenicS stützt sich auf die Tatsache der Ver- erbungsfähigkcit gewisser körperlicher und geistiger Anlagen; ex- lreme Theoretiker wollen Menschen, die bei der Fortpflanzung nicht auf eine Veredelung der Menschenrasse schließen lassen, davon fernhalten. In der Bcgrüßungsadrcjse. die der Präsident der britischen medizinischen Gesellschaft verlas, wird gegen die Idee Einspruch erhoben, nach der eine hohe Geburtsziffer fiir jedes Land und jede Nation ohne weiteres wertvoll sei. Nicht die Zahl der Kinder sei wichtig, sondern ihre Eigenschaften, nicht die Masse, sondern die Qualität. Dann sprach der italienische Tele- gierte Prof. Marro über den Einfluß des Heiratsalters der Eltern auf den Charakter der Nachkommenschaft und wies nach, daß krimi- nclle Veranlagung besonders häufig bei Kindern älterer Eltern beobachtet wurde.(?) Bei Eltern in höheren Lebensaltern, so behauptete Prof. Marro, finde man vielfach die egoistischen Triebe stärker entwickelt, auch seien ältere Mensche» einer gewissen Bitter- keit der Lcbcnsbetrachtung gewöhnlich zugänglicher als junge. Und zwischen diesen seelischen Voraussetzungen und der Gcfühlsarmut der Nachkommenschaft mache sich ein Zusammenhang geltend. Italienische Gelehrte haben sich auch mit der ökonomischen Seite der Frage beschäftigt. Sind die Nachkommen der Aristokratie und der reichen Gesellschaftsklassen, vom Rassenstandpunkt betrachtet, wirklich ein besseres und edleres Material als die Kinder der unteren Vollsklassen? Ter Turiner Universitätsprosessor Loria antwortet mit einem emphatischen Nein und zitiert Beispiele von amerikanischen Millionärskindcrn, die gegenüber ihren Eltern zweifellos eine moralische Verschlechterung-der Rasse bedeuten sollen. Prof. Nizeforo von der Universität Neapel dagegen ist der gegen» tciligen Ansicht. Allzuviel dürste bei diesem Kongreß kaum herauskommen. Das Gebiet ist noch sehr wenig wissenschaftlich erforscht, und alle möglichen Theorien kreuzen sich hier noch. Zudem sind die meisten Belieben, zu gestalten. Je nachdem die Verwaltung ein Interesse daran hat, den Stand des Unternehmens besser oder schlechter er- scheinen zu lassen, erscheinen oder verschwinden Summen in den Aktiv- bezw. Passivposten. Durch Abschreibungen und Duchungs- schieb-ungen. läßt sich der sogenannte„innere Wert" vollkommen ver- schleicrnr Unternehmungen, die zusammenkrachen, veröffentlichen noch kurz vor dem Ruin glänzend ausschauende Bilanzen, und andere gelten jahrelang als minder- rentierend, bis plötzlich infolge irgendeiner Aktion der wahre Status zutage tritt. AWekanni ist. daß wertvolle Terrains. Gebäude, Maschinen, Materialien usw. bei vielen Gesellschaften mit einer Mark, d. h. nur dem Namen nach, zu Buche stehen-. Umgekehrt bilden der Besitz von Terrains, Papieren usw. oft hohe Altivposten. obgleich jene durch Entwertungen des Bodens, Kursverluste u. a. gar nicht in der angegebenen Höhe rcali- sierbar sind. Mitunter haben die Verwaltungen von Aktiengesellschaften, die meist einer Clique von Aktienmajoritätsinhabern dienen, ein Interesse daran, die Bilanzen im Interesse dieser Clique vor der Oefsent- lichkeit und dem Rest der Aktionäre zu verschleiern. Häufiger ist der Betrogene der Staat. Besteht bei subventionierten Verkehrs» Unternehmungen die Tendenz, einen schlechteren Stand vorzu- täuschen, so haben umgekehrt Eisen-bahngesellschasten dann ein Interesse, ihren finanziellen Status besser erscheinen zu lassen, wenn der Staat mit der Absicht umgeht, die Eisenbahn zu erwerben. Schiebungen dieser Art werden jetzt in Oesterreich erörtert. Der österrcichifche Staat hat schon einmal um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts einen für jene Zeit nicht unerheblichen Teil des Eisenbahnnetzes in eigener Regie gehabt. Im Jahre 1854 befaß er 924 Kilometer Eisenbahnen, die er aber bald- darauf für weniger als die Hälft« des Wertes an private Gesellschaften- ver- kaufte. Obgleich ihm der Bau der Linien mehr als 336 Millionen Gulden gekostet hatte und beim Verkauf solcher Unternehmen, ge- wohnlich die zukünftigen Erträgnisse kapitalisiert mitbercchnet werden, erhielt die österreichische Verwaltung nicht einmal volle 169 Millionen Gulden zurück. 1874 besaß der Staat nur noch 13,2 Kilometer Eisenbahnen. Als er dann seit 1876 dazu über- ging, wieder Linien aufzukaufen, konnte das nur mit neuen Opfern zugunsten der Privatkopitalisten geschehen. Zu den noch unverstaatlichten, Bahnen, die wohl a-uch i-n den Besitz des Staates übergehen werden, gehört u. a. die Aussig— Tcp- litzer-Eiscnbahn. Bei der Gesellschaft, die noch die Linie Teplitz— Neichenberg betreibt, liegen die Verkehr sver-hälinisse(Schnelligkeit, Tarif) völlig im argen, sie zeichnet sich aber dafür durch ein ungc- w-öhnlichcs Buchuin-gsfystem aus. Ein Wiener Blatt bringt dafür einige Beispiele. Bei einer gesurnd finanzierten und gewissenhast geleiteten Eisenbahn werden, wie bei jedem Unternehmen, die Fonds für Neu-, anlagen-(Bauten, Vergrößerung-des Wagen- und Lokomotivparks) und für die laufenden Betriebsausgaben streng geschieden. Nur Neuanschaffungen- bedeuten eine Werterhöhung der Anlagen. Zu den Betriebsausgaben zählen Löhne, Materialergänzungen, Repa- returen-, Steuern- u. a. Die dienen, nur zur Ergänzung des Be- triebsvcrlustes. Nun. gilt es als privatwirtschaftliches Gefetz, daß Anleihen nur für BetriebSenwciterungen statthaft sind, da sie ja weiter neue Wierte erzeugen. Betriebsausgaben müssen dagegen stets aus den laufenden Einnahmen gedeckt werden. Eine falsche Buchung der beiden verschiedeneu Arten von Ausgaben führt daher zu einer Fälschung über den Wert und Stand des Unternehmens. So macht man dem preußischen EisenbahnfiskuS darau-s einen Vorwurf, daß er die Betriebseinnahmen zu- Neuanschaffungen ver- wendet. Der Direktor v. Gwinuer zum Beispiel hat dagegen ge- fordert, daß die Ucbcrschüsse in der Staatskasse zu anderen- Zwecken verbleiben könnten und daß der Geldbedarf für Ncuanlagen besser du-rch Anleihen zu decken sei. Die Aussig— Teplitzer-Eisenbahn- gcfellfchaft hat dagegen notwendig« Reparaturen einfach als Wert- crhöhungen im Jnvestitionffonds gebucht. So finden sich dort Posten für:„Anbringung von Schlössern statt Haken bei Wächter- Haustüren" oder„Anbringung auswechsel-barer Kupeetäfelchen mit der Aufschrift„Nichtraucher" statt nicht auswechselbare solcher Täfel- cken". Eine Lokomotive hat durch Verbesserungen aller Art hohe Wertvermehrungen erfahren, was sie allerdings nicht hinderte, dennoch betriebsunfähig zu bleiben. Auch in einem anderen Fall. trat durch solche Aen-derungen gerade eine Wcriverminderung ein. Der Einbau von, Aborten in Personenwagen machte sie für Ge- birgsstrecken zu schwer und verringerte außerdem die Anzahl der verfügbaren- Sitzplätze. Eugeniker sich nicht einmal des schwerwiegenden Unterschiedes bio- logischer und sozialer Gesetze bewußt. Der Siegcszug der Margsrine. Die Produktion und der Vcr- brauch von Margarine sind in den letzten Jahren bis zu einer enormen Höhe gestiegen, natürlich in den Ländern, wo keine ge- schlichen Verbote oder Beschränkungen für die Produktion und den Verkauf bestehen. Die„Revue Scientifique" vom 6. Juli bringt eine Statistik über den Jahresverbrauch von Margarine in den wichtigsten europäischen Ländern. Danach nimmt die erste Stelle Deutschland mit 299 Millionen Kilogramm Jahresproduktion ein, ihm folgen: England mit 129 Millionen, Dänemark mit 41 Mit- lioncn, Schweden- mit 15 Millionen, Norwegen und Frankreich mit je 12 Millionen. Diese der Produktionsstatistik entnommenen Zahlen können ohne weiteres als solche für den Verbrauch gelten, da keines der genannten Länder, ausgenommen Frankreich, die Margarine in nennenswerten Mengen exportiert. Das hier entworfene statistische Bild verschiebt sich indeS sehr bedeutend, sobald wir die Bevölkerungszahl der angeführten Länder in Betracht ziehen. Dann rückt an die erste Stelle das kleine Dänemark mit der enorm hohen Ziffer von 16,4 Kilo pro Jahr auf den Kopf der Bevölkerung; ihm folgt Norwegen(6,9 Kilo), Deutsch- land(3,1 Kilo), England(3,0 Kilo). Schweden(2,7 Kilo), während der Jahresverbrauch in Frankreich, das jährlich etwa Ich Millionen Kilo nach England ausführt, nur etwa Vi Kilo auf den Kopf der Bevölkerung beträgt. Diese Zurückgebliebenheit Frankreichs ist keineswegs die Folge der größeren Wohlhabenheit des französischen Volkes, das sich etwa anstatt Margarine Butter leisten kann, sondern nur durch hemmende gesetzliche Schwierigkeiten zu erklären. Sehr interessant ist es, daß es nicht gerade die butterärmsten Läyder sind, in denen der Verbrauch von Margarine am höchsten steht. Wie das kommt, zeigt-die Preispolitik der dänischen Butter- Produzenten. Sie ziehen es vor, ihre Butter auf dem cchglischcn Markte zu teuren Preisen zu verkaufen, während itztj eigenen Volksgenossen sich mit Margarine begnügen müssen, � � Humor und Satire. Idealisten. DaS Agraricrherz, das selbstlos gut«. Grenzt an Heiligkeit schon, in der Tat. Wie es für die Stadtbevölk'rung blute,, Zeigte wieder mal ein Inserat: „Frauen, Mädchen(gleich, von welchem Stande), Kinder, die nicht unter zwölfe alt, Finden in Gut Holdau auf dem Land« Köstlichen Erholungsaufenthalt. Keine Kosten sind damit verbunden! Nur— damit man lustig fleuch' und kreuch' Soll ein jedes täglich acht, zehn Stunden Erbsen pflücken I— Leute, meldet Euch I* Rur weil eS gesund für Herz und Rücken, Lassen sie uns liebevollen Blicks Acht, zehn Stunden ihre Erbsen pflücken— Gratis l Ganz umsonst! ES kostet uixl Auch foit Seit Abschreibungen soll es die Aussig— Tcpkitzex Vahn nicht so ernst nehmen,. Eine jährliche AbntchumgFguote wird nicht eingestellt, sondern nur bei tatsächlicher AuHerdienststellung die Ab- schreibung vorgenommen, aber auch dann nur unter Verrechnung des Wertes von Altmaterial. Bei solcher BilonzierungSmethode kann natürlich unter Um- ständen da noch ein Ueberschutz herausspringen, wv man nur Aus- gaben vermuten dürfte. So zeigte in einem Betriebsjahn: der Aus- gabenposten„Brückcnerhaltung" einen positiven Betrag. Ja, man hatte an Einnahmen aus diesem Kapitel mehr erzielt, als über- , Haupt für Neparaturen ausgegeben worden, waren! Um diesen Schönheitsfehler zu beseitigen, brachte man einen Teil dieser Ein- nahmen in dem Kapitel„Dämme", einen anderen Teil im Kapitel ..Schlankem Einfriedigungen und Zufahrtsstraßen" unter, Jius der Partei. Aus den Organlsationeu Der sozialdemokratische Berein Breslau<-Land)-Ncumarkt hat, wie aus seinem Jahresbericht hervorgeht, auch im verflossenen Gc- schäftsjahr einen erfreulichen Aufschwung zu verzeichnen trotz aller Verfolgungen durch die Behörden und des Geschreis der Uebcr- Patrioten. Seine Mitgliederzahl stieg von 3387 auf 4026, so daß sich die Anstellung eines besoldeten Sekretärs notwendig machte. Besonders hervorzuheben ist die Zunahme der weiblichen Mit- glieder, deren Zahl in den beiden letzten Jahren von 663 auf 763 stieg. Dw besonderen Frauenabende haben sich sehr gut bewährt. Distrikts- und Zahlabende, die monatlich stattfinden, wurden ins- gesamt 274 abgehalten. Fast in jedem Zahlabend wurde ein be- lehrender Vortrag gehalten. Die Zahl der öffentlichen Versamm- lungen, darunter sehr viele unter freiem Himmel, betrug 11g. Flugblätter wurden 323 666 Stück verbreitet. Vom„Landboten", der monatlich erscheint und immer mehr Eingang in den auch rein agrarischen Gegenden des sehr ausgedehnten Wahlkreises findet, wurden insgesamt 231 666 Exemplare verteilt, Volkskolender 18 666 Stück und außerdem noch 4666 Broschüren belehrenden Inhalts. Die„Volksmacht" hat rund 4866 Abonnenten im Kreise. Bei den Ergänzungswahlen zu den Gemeindevertretungen konnte die Zahl der sozialdcmakratischen Gemeindevertreter auf 52 erhöht werden. Dem Bildungsbedürfnis der Mitglieder wurde durch Wissenschaft- liehe Vorträge und Errichtung einer Wanderbibliothek neben der ständigen Bibliothek entsprochen. Zur Erledigung seiner Vereins- geschäfte, die in 19 Versammlungen und 5 Generalversammlungen erfolgte, hat der Verein das Vertretersystem eingeführt. Der ReickKtagswahlkampf brachte eine Stichwahl mit schönem Stimmen- zutvachs. Nur ein einziger Ort ist noch im ganzen Kreise, wo keine sozialdemokratische Stimme abgegeben wurde. Selbst in den schwärzesten Gegenden sind Anhänger der Partei vorhanden. Je größer die Fortschritte der Partei werden, um so eifriger sind die Gegner an der Arbeit, die rote Flut einzudämmen. Und bei dieser Sisyphusarbeit werden sie von den Gerichten in jeder Weis« unter- stützt. Nicht nur wegen der lächerlichsten Lappalien wird Anklage erhoben, sondern sogar auf außer- ordentlich hohe Strafen erkannt. Die Zahl der Ver- urteilungen ist sehr hoch. Der Kassenbestand schließt in Ein- nähme und Ausgabe bei einem Bestand von 636,18 M. mit 15 051,45 M. ab. »• * 1 Die Parteiorganisation des Wahlkreises Königsbcrg-Stadt hat auch im letzten Berichtsjahre erhebliche Fortschritte gemacht. Am 36. Juni 1911 waren 3639 Mitglieder, darunter 956 Frauen, vor- Händen. Am 30. Juni 1912 zählte der Sozialdemokratische Verein 4701 Mitglieder, darunter 1654 Frauen. Das ist ein Ziiwaöhs von 762 Mitgliedern. Der monatliche Beitrag für männliche Mit- glieder beträgt jetzt 46 Pf., für weibliche Mitglieder 15 Pf. Am 1. Juli 1911 war ein Kassenbestand von 8769,66 M. vorhanden. An Beiträgen von männlichen Mitgliedern kamen 11 467 M., von weiblichen Mitgliedern 1581,75 M. ein. An sonstigen Einnahmen waren 8771,89 M. zu verzeichnen. Insgesamt betrugen die Ein- nahmen 36 536,59 M. Die Ausgaben waren folgende: für Ge- meindewahlcn 1635,27 M., für die Reichs tagswahl 8030,43 M., für allgemeine Agitation 4831,52 M., für Verloaliung 4127,13 M., für Strafen und Prozeßkosten 66 M. An die Bezirkskasse wurden 547,26 M., an den Parteivorstand in Berlin 2189,12 M. abgeführt. Am 36. Juni war wieder ein Kassenbestand von 8967,92 M. vorhanden. Im letzten halben Fahre sind 278 606 Flugblätter— ohne die zur Reichstagswahl— und 8966 Flugblätter zu Sitzungen und Versammlungen sowie 5666 Broschüren verteilt. Vom Bil- dungsausschuß sind eine Reihe Veranstaltungen getroffen worden, „Heißen Dank!" Mit feurigem Gemüte Ruf ich's aus und konstatiere hier: Solche Nobligkeit, so viele Güte Unannehmbar fast erscheint sie mir. Weil auch ich für's Ideale glühe, Sag' ich:„Pflückt sie selbst,' mit Kind und Weib l Penn daß Euere Gesundheit blühe, Ist mir wicht'ger, als mein eig'ner Leib!' (Katlchm in der„Jugend".) Notizen. — Ein Heilmittel gegen die Schlafkrankheit, das im Gegensatz zu de» bisherigen wirklich wirksam wäre, hoffen Professor Brieger und Dr. Krause von der Berliner Universität ge- funden zu haben. Gewisse chemische Verbindungen aus der Gruppe der Farbstoffe Safranin, die für den Menschen ungefährlich sind, töten die Erreger der furchtbaren Krankheit(die Trzpaiiosomsn) im Tierversuch. Das neue Mittel(Trypasopol) soll alsbald auch am Menschen ausprobiert werden. — K u ii st ch r o n i k. Ende des Jahres soll eine iniisassende Ausstellung das Lebenswerk Louis C o r i n t h S in Berlin vor- führen. DaS„Perl. Tagebl." bemerkt bei der Gelegenheit, daß feine Bilder jetzt Preise von 25 066—56 666 M. erreichen. Nach bürgerlichen Begriffen ist er also ein großer Künstler. — Neuerwerbungen des MuseuniS für Völker- künde sind im K u n st gewerbemuseu m ausgestellt und zwar solche auS der amerikanischen Abteilung. Man findet da zunächst äußerst liebevoll durchgeführte Zeichnungen von Landschaften und Bevölkerungstypen aus Brasilien, die Proieffor W. Reichardt gestiftet hat. Außerdem sind eine Menge mexikanischer Altertümer, zumeist Tonsachen zu sehen, die von hoher Fertigkeit und hoher kultur- historischer Bedeutung sind. — Das Münchener Künstlertheater, daS so künstlerisch ist. daß es nur noch auf da« Dekorative abzielt, will zu guter Letzt direkt einen Maler zu Worte kommen lassen. Karl Spitzwegs stimmungsverklärte Siädtebilder und merkwürdigen Menschen sollen in einer Komödie vorgeführt werden, zu der alle möglichen Helfershelfer Text und Musik liefern. Reinhardt hat in München sehr gute Schule gemacht. — Die Orangen im Charlottenburger Schloß- park blühen diese? Jahr dank dem wannen Wetter im Freien und erfüllen den Garten mit ihrem Duft. — Der Schutzverbaud Deutscher Lichtbild- theater will im September einen Kino-Kongreß veranstalten. Es sollen dort u. a. die Fragen der Konzession und der Filmzensur be- handelt werden. Außerdem will man mit dem„äußeren Feind" «brechnen. � �„ — Die Strümpfe, dre ernst n, eine Königin trug... Auf einer Auktion, die kürzlich in Harrogate(England) stattfaiid, standen nebst anderen Reliquien.Slriimpse der Königin Viktoria zum Verkauf, die sie angeblich an ihrem Hochzeitstage trug. Ferner wurden Stücke von den Hochzeilskuchen König Eduards und König Georgs, Lord Nelsons Strumpfband und Schuhe der Pauliue Bonaparte gezeigt. Der Tisch, der alle diese„Kostbarkeiten" ent- hielt, erzielte den Preis von 1540 Mark. von desten einige, fcie der Thoatembend und der Kunstabend, äußerst stark besucht waren. Die Jugendbewegung verfügt über ein eigenes Jugendheim und eine eigene Bibliothek, die beide hin- reichend benutzt wurden. Im November vorigen Jahres wurde von Partei und Gewerkschaften eine Zentralbibliothek eröffnet, die über 1673 Werke in 2736 Bänden umfaßt. Auf dem Gebiete der Kindererziehung ist in Aussicht genommen, die Arbeiterkinder im Winter unter der Aufficht tüchtiger bewährter Genossinnen in den Bezirkslokalen zu vereinigen, wo sie mit Spielen und Märchen- erzählen unterhalten werden sollen. Der Partcivcrcin des Wahlkreises Stralsund-Franzburg-Rügen hielt seine diesjährige Kreisgeneralversammlung i» Stralsund ab und konnte dabei einen Mitgliederstand von 1362, davon 168 Genossinnen, konstatiercu. Der Zuwachs gegen das Vorjahr be- trägt 216 Mitglieder; ein bescheidenes Resiiliat in Anbetracht der immense» Agitationsarbeit, die gerade in diesem vorpommerschen Wahlkreis Misere Genossen geleistet haben. Durch laufende Bei- träge wurden 4111,56 M. und durch Extrabeilräge 594,76 M. vereinnahmt, außerdem durch Sammlungen 1795,31 M. auf- gebracht. Die Wahlkosten bezifferten sich auf 5468,76 M., die reguläre Agitation erforderte 957,58 M. Die Genossen wissen, daß zu erfolgreicher politischer Arbeit größere Mittel erforderlich find und beschlossen deshalb auf der Generalversammlung, den 16 Pfennig- Wochenbeitrag zu erheben, falls der Chemnitzer Parteitag eine allgemeine Beitragserhöhung beschließt. Zum Parteitag wurde ein Antrag angenommen, der Erneuerung des Schnaps- boykotts fordert und der Verbot des Spirituosen» Verkaufs in Volks- und Gewerkschaftshäusern fordert. Nach einem Referat des Genossen S. Katzen st ein über die preußischen Landtagswahlen nahm die Kreisgeneral- Versammlung folgende Resolution an:„Die Kreisgeneralversammlung des sozialdemokratischen Kreiswahlvereins Siralsund-Franzburg- Rügen bedauert, daß durch die von der Fortschrittlichen Volkspartei des Wahlkreises für die im nächsten Jahre bevor- stehende Landtagswahl beschlossene Wahlenthaltung die Mög- lichkeit eines aussichtsvollen Vorstoßes gegen die kon- servative Gewaltherrschaft für diese Wahl� zerstört worden ist. Die Kreisgeneralversammlung brandmarkt aufs schärfste den brutalen Tcrrorisnius der agrarisch- konservativen Partei, die eine Wahl- beteiligung im Sinne der Opposition in ländlichen Kreisen zu einer Existenzfrage für abbängige Wähler macht. Die Generalversammlung verpflichtet die Parteigenossen überall, wo die Verhältnisse es er- möglichen, in die Landtagswahlen einzutreten, um auch unter dem herrschenden nichtswürdigen Wahlsystem gegen die Junkerherrschaft zu demonstrieren." Ein Zusatzantrag des Provinzialparteisekretärs, Genossen Horn, der verlangte,„Ivo es möglich ist, mit eigenen Wahlmännern vorzugehen", wurde leider abgelehnt. Es ist deshalb schwer einzusehen, weshalb man den Fort- schrittlern aus ihrer Wahlenlhaltung einen Vorwurf macht, da unsere Genossen doch den Wahlkampf nun selbst nur zu einer propagan- distischen Kritik des Dreiklassenwahlsystems benutzen wollen. Oder hatten sie„die Möglichkeit eines aussichtsvollen Vorstoßes gegen die konservative Gewaltherrschaft" in einem Wahlbündnis mit den Fort- schrittlern zu den Urwahlen erblickt? Ein solches kann bei der zweifelhaften Stellung des Liberalismus in der preußischen Wahl- rechtsfrage doch nicht in Frage kommen, und insbesondere nicht mit den pommerschen Foctschnttlern, die trotz des Stichwahlabkommens bei der Reichstagsstichwahl im Nachbarwahlkreis Uckermünde-Usedom gegen unfern Genossen Kuntze stimmten. Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Bonn-Rhcinbach, die am Mittwochabend in Bonn abgehalten wurde, beschäftigte sich auch mit der Sonder- konferenz in Eise nach. Genosse Rechtsanwalt Kirsch- bäum referierte über die Angelegenheit. Der Referent bean- tragte eine Resolution, die einstimmig angenommen wurde. Sie lautet:„Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Ver- eins für den Wahlkreis Bonn-Rheuibach mißbilligt die Veranstaltung von Sonderkonferenzen, in denen Parteigenossen, gleich- viel welcher Richtung, zu Parteifragen Stellung nehmen. Die Parteidisziplin verlangt, daß die Parteigenossen theoretische und taktische Gegensätze iin Rahmen der Organisation austragen. Der- artige Konferenzen schwächen die Bedeutung des Parteitages und zersplittern die Kräfte der Partei, während das Klasseninteresse der Partei eine starke, einheitliche Organisation und eine ge- schlossene Aktion auf allen Gebieten erfordert," »» » Der Sozialdemokratische Verein für den �3. Sächsischen Reichs- tagswahlkreis(Leipzig-Land) hielt am Sonntag seine die»- jährige Generalversammlung ab. Aus dem Bericht des Vor- sitzenden war zu entnehmen, daß sich der Verein in erfreulicher Weise vorwärts entwickelt. Die Zahl der Mitglieder ist von 28 696 im Vorjahre gestiegen auf 32 219. Die Zunahme beträgt demnach 3529 oder 12,3 Proz. Von den Mitgliedern gehören 22 544 männ- liche und 756 weibliche gleichzeitig ihrer gewerkschaftlichen Organi- sation an. Dabei ist zu beachten, daß dem Verein 2391 selbständige Gewerbetreibende sowie weiter 3315 Ehefrauen ohne Berus ange- hören, für die eine gewerkschaftliche Organisation weniger in Be- tracht kommen kann. Es verbleiben somit 4 Proz. der gesamten Migliedschaft, die noch für die gewerkschaftliche Organisation zu gewinnen sind. Umgedreht ist das Verhältnis allerdings nicht so günstig. Dies dürste Veranlassung für die Führer und Mitglieder der Gewerkschaften sein, auch ihrerseits mehr Propaganda für die politische Organisation zu betreiben. Uebrr die agitatorische Tätigkeit gibt der Bericht Aufschluß. Es wurden abgehalten 715 Vereinsversammlungen und 185 öfsent- liche durch die Ortsvereine, außer den vom Hauptvorstand arran- gierten Protest- und Wahlversammlungen, wobei jeder Ort des Wahlkreises ein- bzw. zweimal in Berücksichtigung gezogen wurde. Daneben gelangten 1 375 466 Flugblätter, 384 966 Handzettel und 127 666 Broschüren zur Verteilung. Die Kosten der ReichstagSwahlen wurden vom Wahlfonds deS Agitationsbezirks bestritten, jedoch leistete der 13. Kreis hierzu 16 666 M. Zuschuß. Den kommunalen Verhältnissen im Kreise wurde auch im vergangenen Jahre die gebührende Aufmerksamkeit gcwidniet durch Abhaltung von Konferenzen der Gcmeindcvertreter sowie durch tatkräftige Unterstützung in allen einschlägigen Fragen. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter im Kreise ist von 167 auf 175 gestiegen. Letztere verteilen sich auf 76 Orte außer Leipzig, wo Ivir gegenwärtig LI Stadtverordnete unserer Partei aufzuweisen haben. Für Bibliothekszwecke wurde die runde Summe von 26 666 M. ausgegeben, die Bücherbestände der Ortsvereine belaufen sich auf 35 726. Entsprechend der Mitgliederzunahme-haben sich die Kassen- Verhältnisse gebessert; auf ein Mitglied entfallen 48,5 Beitrags- marken. Die Generalversammlung drückte ihre volle Zufrieden- heit mit den Erfolgen des letzten Jahres aus. Bezüglich der Re- organisaiion in der� Partei machte sie sich den Beschluß der ge- ineinschastlichen Versammlung zu eigen, wonach nach Erweiterung des Parteivorstandes und der Kontrollkommission gestrebt werden soll. Sie stimmte auch dem zu, den Genossen Geyer in Vorschlag zu bringen. Betreffs zweier vom Hauptvorstand ausgearbeiteten Vorlagen entschied sich die Majorität für Einführung von Ur- Wahlen bei Wahl von Delegierten zu Landeskonferenzen und Parteikongresseu. Totcnliste der Partei, Mitten in einer Rede in einer Versammlung des GeWerk- schaftskartells zu Leipzig wurde am Donnerstagabend der Gc- nosse Otto Zipperer von einem Herzschlage getroffen und war sofort tot. Ter auf so tragische Weise aus dem Leben ge- schieden« Genosse war schon zur Zeit des Sozialistengesetzes für die Arbeiterbewegung tätig und mußte, wie so viele andere, Verfol» LUNgeiz Ufid Gejängnjsstrasea über sich ergehen lassen. Seine spätere Tätigkeit auf Sem Gebiete der Arbeiterversicherung be- fähigte ihn zu dem Posten eines Arbcitersekretärs. Als im Jahre 1964 das Leipziger Arbeitersekretariat gegründet wurde, trat Genosse Zipperer dort ein und ist in seinem Berufe wie als Partei- genösse unermüdlich tätig gewesen. Auch gewerkschaftlich war er bis zuletzt als Ausschußvorsitzcnder des Buchbinderverbandes her- vorragend tätig. Obgleich er seit Jahren von einem Herz-� und Nervenleiden heimgesucht wurde, hat Genosse Zipperer buchstäblich bis zum letzten Atemzuge seine Kraft in den Dienst der Ar- beiterbewegung gestellt. Die Genossen werden chm ein dauerndes Andenken belvahren._ Turati über den Parteitag in Reggio. Rom, den 24. Juli.(Eig. Ber.) In? einem„Wer hat gesiegt?" überschriebencn Artikel schreibt Tiorati iii> der letzten„Critica Sociale" eine Nachbetrachhtng zum Kongreß von Reggio. Er kon- staticrt darin, daß der Parteitag einen bemerkenswerten Schritt des italienischen Sozialismus in der Richtung des Reformismus darstellt. Was in Reggio zutage getreten ist, bedeutet �nach Turati eine Annäherung an die„positive evolubive, methodisch reformie- rende Aktion", eine„Konzentration nach rechts". Der Parteitag hätte nur das wiederholt, was bereits in Modena getan wurde mit genau demselben Resultat. Hier wie dort hätte man, den Ministe- rialismus, den Nationalismus, die Zusammenarbeit der Klassen, die Bündnispolitik und den Hurrapatriotismus abgelehnt: in Modena mit Rücksicht und Anstand, in Reggio mit gröberer jakobinischer Gebärde. Daß in Modena die Linksreformisten gemeinsam mit den Rechtsreformisten stimmten, bloß, um die Mehrheit z» be- wahren, scheint in Turatis Augen nicht von Bedeutung zu sein. Er hat immer einen großen Mut der Selbstentäußerumg gehabt. der ihn die verlochen läßt, die seine Windungen und Wendungen Artikel fährt dann fort:„In der sozialistischen Partei Italiens ist der Revolutionarismus kaum je etwas anderes ge- Wesen als ein Wort. Nachdem die alten Internationalisten der Vor- geschichte unserer Partei verschwunden oder verstummt waren, die Syndikalisten sich zurückgezogen hatten, war jeder Rest von Revolu- tionQrismuS verschwund-en— seit mehreren Jahren fam) sich reine Spur mehr davon. Wenn wir der Revolution ihre berühmte sogenannte„wissenschaftliche" Bedeutung geben— die einer Aktion, die in irgendeiner Weise die tiefgehende Umgestaltung der Wirtschaft- lichen Beschaffenheit der Gesellschaft erleichtert oder beschleunigt—, so ist es klar, daß Revolutionarismus und ResormismuS gleickt- bedeutend werden. Das an einem unserer Parteitage feierlich niedergelegte Wortspiel, daß wir revolutionär sind, weil wir Refvr- misten und Reformisten, weil wir revolutionär sind, wird zur Wahrheit. Eine„Revolution", die die Gewalt und den Aufruhr als praktische Norm ausschließt und unter die abstrakten Hypo- thesen der Geschichte versetzt, die die Reformen zuläßt, will und sich rühmt, sie anzustreben, die das Gesetz der gradweisen Eroberung gelten läßt, die die Erziehungsarbeit im Proletariat preist sowie die langsamen sozialen Bildungen und Errungenschaften, die den Begriff der langsamen Durchdringung und Umgestaltung des bestehenden Regimes anerkennt— eine solche Revolution ist nur noch der Schatten ihrer selbst, ist nichts als ein leerer Name." Turati untersucht dann, wodurch in der Partei die Illusion auftauchen konnte, daß es einen revolutionären Flügel gäbe und findet, daß sie aus der Ablehnung der Wahlbündnisse entstanden sei In der Aktion würde die sich revolutionär glaubende Fraktion reformistisch sein, und gerade darin sieht der Autor die Orien- tierung nach rechts, die die italienische Partei erfährt. Etwas nur als Illusion Existierendes orientiert sich nach rechts— es ist sehr schwer, sich bei dieser Diagnose irgendetwas zu denken! Turati hat aus dem Parteitag von den Wandlungen des Genossen JaureS gesprochen und sie damit erklärt, daß der Geistesriese stehen bleiben und sich dem Verständnis der Pygmäen anpassen mußte. Hierin gab er bescheiden die Formel für sein eigenes Verhalten. Es muß in der Tat sehr viel Selbstüberwindung dazu gehören, um ein 1 Urteil! wie das angeführte zu Papier zu bringen. Personalien. Als Partei- und Arbcttersckreiär für den 5. schleswig-holsteinischen Wahlkreis ist der Genosse Kgrjj I, Alps, Hamburg, geMhlt worden.■>._• r Soziales. Eine Musterbäckerei. Soeben ist der Bericht des Gewerbeinspektors für Mecklcn- bürg- Schwerin erschienen, der einige interessante Bcmer- kungen über Bäckereibetriebe enthält. Der Bericht weist zu- nächst darauf him daß die Durchführung der am 23. August 1967, also vor 5 Jahren, erlassenen Bäckereiverordnung„noch so bald nicht als beendet anzusehen sei". Recht nachsichtig erklärt der Bericht. es hätten„manche Verbesserungen(in den Bäckereibetrieben) aus wirtschaftlichen Rücksichten zurückgestellt werden müssen". Im Be- richte des Gewerbeinspektors heißt es dann: Einen Musterbetrieb mit abwaschbaren Wänden, leicht zu reinigendem Fußboden, maschineller Bewegung des Mehles und sehr guter Badeanstalt hat ein Arbeiterlonsumverein(Rostock) ein- gerichtet. Da fühlen sich nun unsere Bäckermeister außerordentlich ge- kränkt, wenn die Konsumvereine daS sagen, was hier in einem amt- lichen Berichte zu lesen ist. Ein einziger Bäckereibetrieb im ganzen GewerbeinspcktionSbezirke läßt sich lediglich von der Rücksichtnahme auf die von der Gewerkschaft und der Sozialdemokratie so hartnäckig vertretenen Interessen der Brotkonsumenten leiten, alle anderen Betriebe haben nicht einmal die minimalen Forderungen der Bäckereiverordnung vom Jahre 1967 erfüllt. Ein einziger Betrieb, die Bäckerei eines im Bezirke vorhandenen Konsumvereins, kennt keine nackten Profitinteressen und kann deshalb die in der Nahrungs- Mittelherstellung so sehr notwendige Rücksicht auf die Bolksgesundheit nehmen._ Die Hirsch-Dunckcrsche Entschuldung landwirtschaftliche» Besitztums.,..„, Reden ist Silber, aber Schweigen ist— besser, so denkt, tvie uns scheint, jetzt der„Gewerkverein", das Zentralorgan der Hirsch- Dunckcrschen Gewerkschaften. Kürzlich forderte er offiziell die Mit- glieder der Gewerkvereine auf, sich um die„Dependance" der öffentlich-rechtlichen Lebensversicherung zu kümmern. Es geschah dies, um der„Gefahr" auszuweichen, Mitglieder an die gewerk- schaftlich-gcnossenschaftliche..Volksfürsorge" zu verlieren. Der blaue Nachtwächter vergaß aber— natürlich nur in der Eile— ganz, seine Mitglieder darauf aufmerksam zu machen, daß es sich hier bis jetzt um eine Einrichtung zur Entschuldung landwirt- schaftlichcn Besitztums handelt. Wir holten das kleine Versäum- nis nach. Darüber regte sich der„Gcwerkverein" ungercchterweise auf. Seitdem ist er aber, trotz unserer neuerlichen Feststellungen — der..Gewerkverein" gab zu. daß ein feststehender. Plan für die blaue Volksfürsorge überhaupt noch nicht existiert!--- stjll ge» blieben. ES handelt sich demnach vorläufig immer noch darum, zu prüfen, was es mit der öffentlich-rechtlichen Lebensversicherung bis jetzt auf sich hat. Wo also gewissermaßen den Hirschen ihr frisches Wasser herkommen soll. Einen gesunden und klaren, ohne Nebenabsichten geschriebenen Bericht über die Bedeutung und die Gestalt der öffentlich-rechtlichen Lebensversicherung bringt die am 28. Juli in Königsberg er- scheinende Nummer der Zeitung:„Bund der Landwirte für Ost- Preußen. Amtliches Blatt der Provinzialabteilung". Die Quali- tat der Quelle wird uns der Gcwerkverein nicht bestreiten. In der von uns zitierten Zeitung befindet sich ein kleiner Artikel:„Eine ms Akt der Entschulimkig", Kr bkhsÄÄt tos LMrMifche Landschaft üni Las öon i'hr geschaffene öffentlich-rechtliche System der Lebensversicherung zum Zwecke der landschaftlichen Entschul- dung. Die Ostpreutzische Landschaft ist bekanntlich die Mutter dieser neuen VersicherungSant. die für die Landwirte sicher eine gesunde Einrichtung ist, die wir, wie schon einmal betont, auch deswegen begrüßen, weil sie geeignet erscheint, der reaktionären Mjacht der Privaten VcrsichcrungSaktiengesellschaften in den Weg zu treten. Wir bringen in nachfolgendem einen kurzen Auszug aus dem Be- richt, der zeigt, was das Unternehmen jetzt ist, wie es arbeitet und welche Gestalt es zurzeit hat. In dem Artikel heißt es unter anderem:„Die Entschuldung bei Annahme der Lebensversicherung wird auf folgende Weise er- reicht: Ein Besitzer, der sich aus diesem oder jenem Grunde nicht der Grenze der Zwetdrittelbelastung unterwerfen will, geht mit der Landschaft eigentlich eine Hypothekenversicherung ein?«ur fällt hierbei die Tilgung des, Pfandbriefdarlehens fort, die Tilgungs- beitrüge werden vielmehr für die Lebensversicherung auf den Todes- fall oder abgekürzt verwendet. Wer eine solche Lebensversicherung abgeschlossen hat, erwirbt die Anwartschaft auf ein Kapital, dessen Anfall an ihn odev seine Erben allerdings befristet ist, aber mit Sicherheit eintreten muß, sofern er seinen Verpflichtungen zur Prämienzahlung nachkommt. Unter diesen Umständen liegt der Gedanke nahe, die Kapitalansammlung nicht nur im Wege fort- laufender Tilgung, sondern auch im Wege der Lebensversicherung in den Dienst der Entschuldung zu stellen. Die Lebensverlsicherung, die hiernach ein besonders geeignetes Mittel der Schuldentlastung sein kann, hindert zwar nicht die weitere Verschuldung des Gutes, jedoch lassen sich diese Mißstände bei einiger Aufmerksamkeit vermeiden." So sieht die öffentlich-rechtliche Lebensversicherung jetzt aus. Nun halte man demgegenüber, was der„Gewerkverein",— sicher absolut selbstständig, denn es ist nicht zu glauben, daß eine ge- werkschaftliche Zentralinstanz derlei Kapriolen macht— in seinem ersten Artikel den aufhorchenden Mitgliedern erzählte:„Da ist es... von Interesse, darauf hinzuweisen, daß eine solche gemein- nützige VerficherungSform jetzt im Verbände öffentlich-rechtlicher Lebensversicherungsanstalten geschaffen ist. Die öffentliche Lebens- Versicherung wird von den großen Sclbstverwaltungskörpern 'l Generallandtage der Landschaften, Provinziallandtage usw., also stockreaktionäre Standesparlamente I D. R.) den Provinzialver- bänden und den Landschaften gestützt, arbeitet mit geringen Ver- waltungskostcn, verwendet geschäftsplanmäßig alle Ucberschüsse zu- gunften der Versicherten und dient auch deren Interessen in der Anlage der Versicherungskapitalicn." Gefahr des täglichen Lebens? Ausnahmsweise können wir von einem Urteil des Reichsver- sicherungsamts berichten, das sich, wenn auch zögernd, der unter dem Präsidium Dr. Bödicker ständig geübten Rechtsprechung wieder angeschlossen hat. Der Möbelpolierer D. erlitt am 3. August 1310 einen Betriebs- Unfall. Er war in der Werkstatt mit dem linken Fuß gegen einen Polierblock gelaufen, der Fuß knickte um. Eine Zerrung der Sehnen und eine Verstauchung war die Folge des Unfalls. In der dritten Woche nach dem Unfall wurde D. vom behandelnden Arzt versuchsweise zur Arbeit entlassen. Infolge der noch vorhandenen Schwäche des Fußes knickte der Fuß am 26. August auf der Straße um, desgleichen am 28. August, als er sich der Beschwerden wegen zum Arzt begeben wollte. Durch dieses Ausgleiten zog sich D. einen Knöchelbruch zu. Die Norddeutsche Holz-Berufsgenossenschaft, bei der D. nun- mehr Anspruch auf Entschädigung erhob, lehnte denselben ab, weil der Unfall auf der Straße in keinem Zusammenhang mit dem ersten Unfall stehe. In dem Bescheid heißt es:„Bei Ihrer Körperbeschaffen- heit konnten Sie sehr wohl, auch ohne vorher den ersten Unfall er- litten zu haben, beim Ueberschreiten der Bordschwelle ausgleiten und sich einen Knöchelbruch zuziehen. Der zweite Unfall ist daher eine Folge der Gefahren des täglichen Lebens gewesen...." D. legte Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung Reg.-Bez. Potsdam ein. Er machte geltend, daß der zweite Unfall lediglich durch den ersten verschuldet sei, da das Bein durch den- selben äußerst geschwächt war und ihm der Halt beim Auftreten gefehlt habe. Der vernommene behandelnde Arzt erklärte, daß eine deutliche Unsicherheit beim Gehen bemerkbar gewesen sei und daß die Gefahr des Ausrutschens auf der Straße für D. sicher größer gewesen sei als für einen gesunden Menschen. Diese Un- sicherheit des Gehens führte der Arzt auf eine Zerrung resp. Ein- reitzung der Gelenkkapsel zurück. Trotzdem wies das Schiedsgericht die Berufung zurück. Das Schiedsgericht folgerte aus dem Um- stand«, daß D. einige Tage anstrengende Arbeit im Stehen ver- richten konnte, daß das linke Bein ausreichend gebrauchsfähig war. Die Unfälle vom 26. resp. 28. August seien eine Folge der Gefahren des täglichen Lebens, der Schwäche des Fußes könnte keine wesent liche mitwirkende Ursache beigemessen werden. Der gegen diese Entscheidung des Schiedsgerichts beim Reichs Versichcrungsamt eingelegte Rekurs hatte Erfolg. Das Gericht holte ein Obergutachten von einem Professor ein. Dieser sagte in seinem Gutachten aus:„Erfahrungsgemäß gehen Leute, die eine schmerzhafte Verstauchung des Fußgelenkes er- litten, und erst vor drei Tagen ein dreiwöchiges Krankenlager ver. lassen haben, äußerst vorsichtig, besonders beim Ueberschreiten einer Straße____ Nach meiner Erfahrung ist auch bisher ein derartiger Zusammenhang von Unfällen nicht beobachtet worden, und ich halte den am 28. August entstandenen Knöchelbruch des D. für eine neue «erletzung. deren ursächlicher Zusammenhang mit dem Unfall am ;fi. August ausgeschlossen ist." � � Entgegen dieser Auffassung des Obergutachters wurde der An- fpruch des Verletzten dem Grunde nach mit folgender Begründung für gerechtfertigt erklärt: ».Das Reichs-Verficherungsamt hat. zumal gegenüber den Ausführungen de» von ihm eingeholten Obergutachtdns, nicht zu verkennen vermocht, daß die Entscheidung der Sache zu erheblichen Zweifeln Anlaß bietet. Immerhin aber erbringen die tatsach- licken Umstände des Falles eine hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür, daß der doppelseitige Knöchelbruch, welchen der Kläger in den letzten Tagen des August 1910 erlitten hat, zum wesentlichen Teile auf stine am 3. August im Betriebe geschehene Ver- stauchung des linken Fußgelenkes zurückgeführt werden muh. Vor allem kommt hier�die von Dr. B. abgegebene und vom Schiedsgericht wiederholte ärztliche Aeußerung in Betracht, nach welcher der Kläger, als er versuchsweise die Ärbeit wieder auf- nahm, noch eine Verdickung des am 3. August verletzten Gelenks aufwies, den Fuß beim Gehen nachschleppt und eine deutliche, durch Zerrung oder Einreißung der Fußgelenkkapsel veranlaßte Unsicherheit des Ganges zeigte, die für ihn die Gefahr des Aus- gleitens auf der Straße größer machte als für einen Gesunden. ____ Aus diesen Erwägungen erschien dem R.-V.-A. die Annahme näheliegend, daß.--- doch die Folgen des Unfalls vom 8. August 1010 in erheblichem Mahe�fur den geschehenen Knöchel. bruch verantwortlich zu machen sind. Der Vorgang ist also als Folge des Betriebsunfalls anerkannt. Dieses Urteil dürste ohne Zweifel dem Rechtsempfinden weiter «SttSlreise entsprechen. /Ulis aller Melt. Die New-Borkcr Polizeikorrnption. Der Polizeileutnant C o st i g a n machte am Freitag vor dem Staatsanwalt eine aufsehenerregende Aussage. Er beschuldigte den Pilizeipräfekte» Waldow, sich in früherer Zeit an zahlreichen Ler- brechen beteiligt und von einer ganzen Reihe van Berbrechrn gewußt t» habe«. Ohne Waldow sei überhaupt kein Verbrechen denkbar gewesen. Leutnant Costigan erklärte sich bereit, für seine Behauptung den vollen Beweis anzutreten. Der Skandal nimmt einen immer größeren Umfang an. Wie es heißt, soll die Verhaftung mehrerer hoher Polizei- b e a m t e r, die in die Affäre verwickelt sind, unmittelbar bevorstehen. Aber die Beeinflussung der Zeugen durch die in Freiheit befindlichen Mörder wirkt immer lähmender auf den Gang der Untersuchung. In eingeweihten Kreisen hat man aber die Ueberzeugung, daß es der Polizei mit der Verfolgung der Mörder RosenthalS gar nicht ernst ist. ES ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, daß sich in den Vereinigten Staaten die Verbrechen vor den Präsidentschaftswahlen stets in erschreckender Weise mehren. Die Verbrecher wissen ganz genau, daß sie eine Verfolgung durch die Polizei schwerlich zu fürchten haben, weil sie gewöhnlich in mehreren Distrikten gleich- zeitig auf der Wählerliste stehen und durch ihre große Anzahl als Stimmaterial nicht zu unterschätzen sind. Es sei nur an die Wahlen des Jahres 1S04 erinnert. Schon monatelang vorher setzten zahlreiche Verbrechen der Kadetten von der unteren Ostseite New Docks die Bewohner in Angst und Schrecken. Das Haupt der damaligen Kadettenbande, die den Namen„Mank Eastman Gang' führte, war der berüchtigte Verbrecher Mank Eastman. Die Bande terrorisierte ganze Stadtteile, drang mit vorgehaltenem Revolver in die Läden ein und raubte sie vollständig aus. Mank Eastman stand zehnmal vor Gericht, wurde aber stets freigesprochen. Die Polizei zeigte sich ihm gegenüber vollständig machtlos. Erst später, bei einem gelegentlichen Znsammenstoß mit den Polizisten, wurde er erschossen. Die behexte Frau. Eine Frau aus einer Ortschaft des katholischen Münfterlandes betritt den Laden eines Zigarrenhändlers in Recklinghausen, der auch gleichzeitig Lotterielose verkaust, und erkundigt sich nach dem Termin des Ziehungstages. Während der Geschäftsinhaber der Frau Auskunft gab, spielte er in Gedanken mit dem auf der Theke befindlichen Zigarrenanzünder und ließ ohne Absicht die zum An- zünden der Zigarren vorgesehene Gasstichflamme erscheinen. Da— ein entsetzlicher Schrei I Die Frau stürzt Hals über Kopf auf die Straße und schreit, daß im Laden gehext würde. Natürlich hatte die Frau Zuhörer genug, die die Sache anfänglich nicht begreifen konnten, bis der Ladeninhaber erschien und die Sache aufklärte.� Der Katholizismus kann sich in der Tat auf seine BildungS- resultate etwas einbilden._ Neue Unterbrechung des Fernflugs Berlin— Petersburg. Der Flieger Abramowitsch wurde abermals durch einen neuen Motordefekt zur Unterbrechung seiner Reise Berlin— Petersburg ge- zwungen. Wie ein Telegramm aus Wenden(Rußland) meldet, mußte der Wrightflieger Abramowitsch bei Wenden wiederum einen unfreiwilligen Aufenthalt nehmen. Abramowitsch startete Sonnabend früh vor dem Gute Segewold deS Fürsten Krapotkin in der Nähe von Rodenpois mit dem Regierungsbaumeister Hackstätter als Passagier, um den Flug nach Petersburg fortzusetzen. Da die Gegend sehr sumpfig ist. schraubte sich der Flieger auf ca. 1000 Meter Höhe hinauf, um so bei einer nötigen Landung in der Lage zu sein, einen günstigen Landungsplatz zu finden. Die Maschine fuhr mit 125 Kilometer- Geschwindigkeit dahin. als der Apparat plötzlich einen Ruck erhielt und die Propeller und der Motor in der Arbeit nachließen. Abramowitsch drosselte den Motor gänzlich und ging dann aus zirka 1200 Meter Höhe im Gleitflug nieder. Der Flieger beschrieb einige Kreise, bis er einen günstigen Landungsplatz auf einem Sturzacker fand, auf dem er landete. Als die beiden Flieger den Motor untersuchten, fanden sie, daß die Kurbelwelle gebrochen war. Durch diesen Motordefekt sind die Flieger gezwungen, wieder einen Aufenthalt von wenigstens drei Tagen zu nehmen. Ein bei den N. A/ G.-Werken telegraphisch bestellter neuer Motor ist am Sonnabendabend bereits nach Rußland abgegangen, so baß die Flieger ihren Flug frühestens Dienstag früh wieder fortsetzen können. Kleine Notizen. Berschüttung zweier Bergleute. Wie erst jetzt bekannt wird. wurden am Mittwochabend zwei Bergleute auf der Zeche Neu- iserlohn bei Langendreer durch Eiufallen von hängendem Gebirge auf einer Strecke von 45 Meter verschüttet. Trotz der so« fort vorgenommenen Rettungsarbeiten war es bis heute vormittag noch nicht gelungen, sie zu bergen. Verhängnisvolle Erdrntschiingen. Bei den Brückenbauarbeiten in der Nähe der Station Sülze(Mecklenburg) fand in der letzten Nacht zwischen elf und zwölf Uhr ein Erdrutsch statt, bei dem zwei Arbeiter verunglückten. Der eine war s o f o r t t o t, während der zweite sehr schwereVerletzungen erlitt. Bei den Rettungsarbeiten erfolgte ein zweiter Erdrutsch, bei dem drei weitere Arbeiter von den herabstürzenden Erdmassen getroffen und schwer verletzt wurden. DaS Schütte-Lanz-Luftfchiff ist am Sonnabend nach glatter Fahrt, von Gotha kommend, auf dem Flugplatz Johannisthal ein- getroffen. Das.Schüt,e-Lanz".Lustschiff ist nach dem starren Prinzip von Professor Schütte konstnuert und in den Werkstätten von Heinrich Lanz in Mannheim erbaut worden. DaS torpedo- förmige Luftschiff ist 132 Meter lang, hat einen Durchmesser von 18 Meter und einen Inhalt von 20 000 Kubikmeter. Das Gerüst besteht auch leichtem, furniertem Holz. Zwei Flieger in München tödlich abgestürzt. Am Sonnabend früh stürzten auf dem Gelände zwischen Feldmoching und Moosack, der Flieger Fischer und der Monteur K u a l e r von den Ottowerken aus beträchtlicher Höhe ab? sie waren sofort tot. Fischer hat erst vor 14 Tagen seine Pilotenprüfung abgelegt. Sprengschußcxplofion. Auf der dem Eschweiler Berg- Werksverein gehörigen Grube Anna explodierte am Freitag beim Abgeben von Sprengschllssen ein Schuß vorzeitig, wodurch ein verggrbeitrr getötet und vier andere zum Teil sehr schwer verletzt wurden. Abgestürzte Touristen. Wie die ,M. N. N.' melden, find am Freitag bei einer Tour auf die Zugspitze zwei Touristen im Höllental abgestürzt und sofort tot geblieben. Ein weiterer Tourist ist in der Höllentalklamm von einem Schlage getroffen worden. Die Persönlichleiten der Abgestürzten konnten bisher nicht festgestellt werden. Ein Liverpooler Dampfer gescheitert. Der Liverpooler Dampfer „Düna" ist bei dichtem Nebel bei O l d H e a d gescheitert. Die Besatzung und die Passagiere des Schiffes, bestehend aus 22 Köpfen, unter denen sich auch zwei Frauen befanden, verließen das Schiff und suchten Zuflucht in den Rettungsbooten. EineS der Boote, in dem sich neun Personen befanden, wird ver ml ß t. Man nimmt an, daß es infolge der stürmische» See gekentertund untergegangen ist. Bon der Durchquening Grönlands zurückgekehrt. Das Kopen- Hagener Komitee für die Alabamaexpedition, die im Jahre 1909 unter Führung des Kapitäns Mikkelsen nach Grönland abging, hat heute ein Telegramm aus Aalesund erhalten, daß Kapitän Mikkelsen und der M a s ch j n i st I v e r s e n. die Mitte 1910 die übrige Expedition verließen, um Grönland zu durchqueren, und die seitdem verschollen waren, glücklich in Aalesund ein- getroffen. � Fünf Soldaten beim Bade» ertrunken. Ein schwerer UuglnckSfall, bei den, fünf Soldaten ihr Leben laüen»inßten, ereignete sich in Casablanca(Marokko). Fünf Soldaten des 3. Zuaven-Rcgiments badeten im Meere, als plötzlich einer von ihnen von einem Strudel ergriffen und in die Tiefe gerissen wurde. Seine Kameraden ver- suchten ihn zu retten, wurden aber gleichfalls von dem Strudel erfaßt und gingen unter. Alle fünf Mann konnten nur als Leichen geborgen werden. Eine mongolische Stadt eingeäschert. In Khotan ist eine Feuersbrunst ausgebrochen, die über 4000 Häuser und fast sämtliche Ware»hallen der Stadt zerstört hat. Das Feuer ist von Leuten der Volksmiliz angelegt worden, die da« bei sämtliche aus dem Feuer gleiteten Waren raubten. CKocbcn-Spielplan der Berliner Cbeater. Lessiiig-Theater. Allabendlich: Vergnügungsreise.(Ansang 8�/, Uhr.) Berliner Theater. Allabendlich: Kroße Rosinen.(Ansang 8 Uhr.) Neues Schanspielhauö. Täglich: Sylvester Schäffcr. l. Klasse. (Anfang 81/, Uhr.) Kurfursteii-cper. Allabendlich: Der Tanzanwalt.(Ansang 8 Uhr.) Neues Theater. Allabendlich: Der liebe Augustin.(Ansang 8 Uhr.) Kleines Theater. Allabendlich: Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. Der Herr mit der grünen Krawatte.(Ansang 8'/, Uhr.) Schilt er-Thcnter Charlottcnburg. Allabendlich: Da? Konzert. (Ansang 8 Uhr.) Friedrich- Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Allabendlich: Die keusche Susanne.(Ansang 8'/, Uhr.) Theater i» der Königgrätzer Strasse. BIS aus weiteres täglich abends 8 Uhr: Die süns Franksurter. Thalia-Thcatcr.'Allabendlich: Autoliebchen.(Ansang 8 Uhr.) LuftspielhauS. Allabendlich: Ein Königreich m. b. H.(Ansang S'i. Uhr.) Neues Operetten- Theater. Allabendlich: Parkeltsttz Nr. 10. (Ansang 8>/, Uhr.) Nose-Theater. Sonntag und Montag: Die Kameliendame. Dienstag: Die Tragödie einer Ehe. Mittwoch: Die Kamcliendame. Ab Donnerstag: Die Jüdin von Toledo.(Ansang Sll4 Uhr.) Luisen-Theater. Sonntag, 28. Juli, nachmittags 3 Uhr: Ich lasse Dich nicht. Abends bis Sonnabend: Die»nbckaimte Macht(Rätsel der Liebe). Sonntag und Montag: Der vcrsallene Turm. Ansang 8 Uhr 20 Win. wi�tropol- Theater. Allabendlich: Schwindelmeier«. Co.(Ansang 3 Uhr.) Berliner Pratcr-Theater. O diese Berliner.(Ansang VI, Uhr.) Panage-Theater. Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Admiralspalast. Eisballeit: Joanne.(Ansang 10 Uhr.) Urania-Theater. Sonntag: Die Insel Rügen. Montag, Mittwoch und Freitag: Der Großglockner und die Salzburger Alpen. Dienstag, Donnerstag und Sonnabend: In den Dolomiten. Sonntag: Die Insel Rügen. Montag: Der Vienvaldstädter See und der Gotthard.(Ansang 8 Uhr.) Folies Kaprice. Allabendlich: Paristana-Ensemble.(Ans. 8'/. Uhr.) Apollo- Theater. Abends täglich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Wintergarten. Täglich: Soezialiläte».(Ansang 8 Uhr.) Reichsliallen-Tbeater. Slllnbcndiich: Dresdener Billoria-Sänger. (Ansang 8 Uhr. Sonntags VI, Uhr.) Königstadt-Kasino. Täglich: Spezialitäten.(Ansang 8 Uhr.) Wtttcrungsübersicht vom L7. Juli ISIS. Gtationen Swinemde. Hamburg Berlin Franks.a.M. München Wien �2 Ii S= ä S c S 781 SO 761«still 761 S 761 761 NO (SO 762 SSO Wetter heiter Nebel wollenl Dunst Lwolkig livolkenl iSS »II n* «Si Stationen o-S Haparanda Petersburg scilly Aberdeen Paris 760 NNO 763!sSO 754S 758!still ?b8,SSW Wetterprognose für Sonntag, den 88. Juli ISIS. Ein wenig kühler, bei meist schwachen süddlichen Winden, veränderlicher Bewölkung und ctwaS Neigung zu Gewittern. Berliner W e t t e r b u r e a u. In Faskas Allktililislolial Blumcnstr. 7, werden jeden Diens- tag und Donnerstag Versteigerungen gebr. Möbel, Dameukleider, Wäsche, Kinderkleider abgebalten; für gebr. Möbel, Wirlschastsjachcn, wird Vorschuß gezahlt._' APOTH.f: 'Bestes Kosrnetikurn l.Welt.z.Pfles:e d.FfiBe. Cein Wundlaufen. .xetn Geruch mehr 1 Von irztl.Auloritätsehr (empfohl. Zu haben in all Pron.u�ooth.PreisMl.- Wonicht erh81tl.eri.Ke2. EinsdK.v.M 1.15 Franko- Versand direkt v.Pabrik Hans Fecher.oi ftankfurt a.M. Neu! Ken! ZubeiPs wr„r-" beseitigt Wanzen mit Brut unter Ga- ranttr sosort, Flasche 0,S0 M. Verlaus nur bei Gustav Zubeil u. Sohn, Berlin S«.. Lindenstr. 83.' Abendkurse Berlin, Äfcandcrstr. 3 Technikum, Bauschule. Königl. Regieiungs-Bau- meister a. D. Werner, Inhaber. 698 Prospekte kostenfrei ■ 4» Magerkeil»I schwindet durch Haufo's Kiihr- pulvor„Thilossia". Preisgekrönt Berlin 1904. In 6 Wochen 24 Pfund ärztl. kontrollierte Zunahme. Gar. unsohädl. Viele Anork. 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Von den Tagen an, wo sich den jungen Mädchen ihres Kreises die Gärten des Lebens öffnen, bis an die Schwelle des Greisenolters kennt sie nur ein Ziel: die Befreiung des arbeitenden Volkes durch den Sozialismus von jeglicher Knecht- fchaft und Ausbeutung. Wera Figner wurde am 8. Juli 1862 in einem Dorfe bei Kasan in begüterter und gebildeter Familie geboren Die Seele des be- gabten Kindes reifte rasch in einer Zeit und einer Umgebung, die durchtränkt waren mit der Ueberzeugung, daß in Rußland weit- gehende soziale und politische Umwandlungen notwendig seien. Der landläufig« Unterricht in einem Institut befriedigte schon die Elf- jährige nicht mehr. Wera Figner begann die großen sozialen, politischen Kritiker der Zeit zu lesen. Sie öffneten ihr den Blick für die tausenderlei Erscheinungen des Unrechts und des Wider- sinns, die ihr überall in der Gesellschaft entgegentraten. In heißem Mitgefühl schlug ihr Herz für die unsäglich leidenden Volksmassen, die wehrlosen Opfer der Gutsherren, der Behörden unb Wucherer. Besonders bestimmenden Einfluß gewannen die Ideen Tscherni- schewskis auf das heranwachsende Mädchen. Sie lehrten nicht nur die sozialen und staatlichen Verhältnisse prüfend betrachten, son- dern verkündeten die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Frei- heit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen auf der Grund- läge einer sozialistischen Organisation der Gesellschaft. Wera Signers geistiges Leben und Streben wurde so in den gewaltigen trom der idealen Gesinnung gelenkt, der in den sechziger und siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die fähigsten und besten Elemente der studierenden Jugend Rußlands ins Lager der Revolution trug. Mit Hunderten ihresgleichen empfand sie die Vorteile des Besitzes und der Bildung als ein Unrecht. Waren ihre Grundlagen nicht die grausigste Not und die schwarze Un- wisseuheit von Millionen? Dieses Unrecht zu sühnen durch die selbstlose Hingabe an die Sache des Volkes, an den revolutionären Befreiungskampf: daS war der Gedanke, der immer mehr ihr ganzes Sein beherrschte. Wera Figner studierte in Kasan, Bern und Zürich Medizin. DaS Recht des Weibes auf Bildung und Berufstätigkeit, auf volle Entfaltung und Betätigung aller seiner Gaben, war selbstverständ- lich ein Teil ihres Freiheitsideals. Als Aerztin hoffte sie, manches Elend bekämpfen zu können, vor allem aber die Massen über die sozialen Ursachen ihrer Leiden aufzuklären, ihre Köpfe zu revolu- ticmieren und für den Sozialismus zu gewinnen. Mit nicht ge- ringerem Eifer als in die Medizin versenkte sich Wera Figner deshalb in das Studium der sozialistischen, der revolutionären Lite- ratur. So war sie 1876 gerüstet, lehrend„unter das Volk" zu gehen, den Bauern und Arbeitern in Rußland das Evangelium des Sozialismus zu predigen und das heilige Feuer der Empörung in der studentischen Jugend zu schüren. Sie tat das zunächst unter ihrem wahren Namen, später unter falschem und in allerlei Ver- kl ei düngen. Denn es dauerte nicht lange, so heftete der Erfolg ihrer zähen Arbeit und hinreißenden Beredsamkeit die Schergen des Zaren an ihre Fersen. Die blutige Schmach, und Schreckensherrschaft des Absolutis- mus zwang die friedlichen Apostel einer kommunistischen Gesell- schastsordnung zum politischen Kampf. Und wie die Verhältnisie in Rußland lagen, mußte dieser zeitweilig seine Spitze gegen den Zaren selbst kehren. Wera Figner wurde 187g Mitglied des be- rühmten terroristischen Exekutivkomitees, das durch Attentate gegen die Person des absoluten Zaren das System des Absolutismus für immer zu vernichten wähnte. Nachdem eine Bombe im Mär» 1881 Alexander II. getötet hatte, kannte der„weiße' Schrecken" der Re- gievung und ihrer Werkzeuge keine Grenzen mehr. Auch Wera Figner fiel ihm zum Opfer. Für 10 000 Rubel gab sie ein Verräter aus den eigenen Reihen in die Hände der Feind«. Die gefürchtete Revolutionärin wurde zum Tode verurteilt, aber zu lebensläng- licher Zwangsarbert„begnadigt", an deren Stelle die Einschließung in den berüchtigten Kasematten der Schlüsselburg trat. Vergebens verwendeten sich einflußreiche Verwandte und Freunde bei dem Zaren selbst, uui das entsetzliche Los zu wenden oder wenigstens zu mildern. Jahr auf Jahr verstrich in furchtbarem Einerlei. Wera Figner hörte das Toben von Kämpfern und Kämpferinnen für das Glück, für die Freiheit des Volkes, die dem Wähnsinn ver- fielen. Sie erfuhr, daß neben ihre teure Freunde an der Schwind- sucht dahinsiechten, daß hoffnungsvolle Gesinnungsgenossinnen wie Sophie Günzburg sich unter entsetzlichen Qualen getötet hatten. Der Kerker mit seinen Schrecken war außerstande, die Kraft ihrer Seele zu brechen, den Glauben an die Wahrheit und Größe ihres sozia- listischen Ideals zu erschüttern oder zu zermürben. Erst die siegreiche Revolution holte 1305 die lebendig Be- grabene aus ihrer Hölle hervor. Als blühendes, schönes Weib war Wera Figner 1883 in die Schlüsselburg geworfen worden, als früh- zeitig Gealterte sah sie das Licht der Freiheit wieder. Aber nicht als Müde, als Gebrochene. Mit der felsenfesten Ueberzeugung ihrer Jugend brachte sie auch deren Tatendrang und Arbeitsfreudigkeit mit aus dem Kerker zurück. Heute wirkt die Seckzigsährige im Aus- land— wohin sie ihrer erschütterten Gesundheit wegen gehen mußte— mit der glühenden Begeisterung und selbstlosen Hingabe ihrer jungen Jahre für die Sache der Revolution. Durch Vor- träge, Artikel, Flugblätter wirbt sie ihr Kämpfer und Kämpserinnen, feuert sie die Gehetzten an, die kraftlos und entmutigt zusammenzu- brechen drohen. Sie sucht das Los der Gefangenen und Verschickten zu lindern, indem sie Gelder für sie sammelt und die Greuel des Absolutismus vor der breitesten Oeffentlichkeit brandmarkt. Sie setzt ihr ganzes Sein so rastlos und restlos für ihre sozialistischen Ideale ein, daß einer ihrer Freunde zutreffen? von ihr sagte: „Wera Figner ist 63 Jahre alt, aber ich glaube, wir müssen ihre 22 Gefängnisjahre davon in Abzug bringen, um auf ihr richtiges Alter zu kommen. Und dann haben wir noch nicht recht. In ihr wohnt die große Kraft der ewigen Jugend!" Der Jungbrunnen dieser Kraft ist die sozialistische Erkenntnis, ist die revolutionäre Leidenschaft, die mit dem Wiedererwachen des russischen Proleta- riats die Zeiten nahen fühlt, wo die Revolufton reisiger und sieg- reich wiederkehrt.— Wera Figner, der stolzen Dulderin, der kühnen Freiheits- kämpferin den herzlichem verehrungsvollen Schwesterngruß der deutschen Proletarierinnen, die wie sie den sehnsuchtsschweren und doch klaren Blick unverwandt auf die emporsteigende Sonne des Sozialismus richten.(„Gleichheit.") Ein Appell an die Genossinnen, mitzuarbeiten an der Organisation der HauS- angestellten, ergeht in der letzten Nummer der„Gleichheit" von der Vorsitzenden des Verbandes der Hausangestellten. Wenn es im all- gemeinen schon schwer ist, die Arbeiterinnen zu organisieren, so sind doch bei den Dienstmädchen noch besondere Schwierigkeiten zu überwinden. Die Einzel st ellung im Hause der Herrschaft macht jedes Mädchen schwer erreichbar, dazu kommt die stete Auf- ficht und der Einfluß der Herrschaft, wodurch ein Mädchen, kaum gewonnen, der Organisation wieder abwendig gemacht werden kann. Die Herrschasten empfehlen gern andere Vereinigungen, zum Bei» spiel die christlichen oder die von Hausfrauen gegründeten Vereiw- chen, nur nicht den Zentralverbaiü> der Hausangestellten, und wenn ein Mädchen von der Existenz dieses Verbandes etwas erfahren hat, so geschah es zufällig oder durch die Agitation des Veroaudes. Diese Agitation reicht aber nicht überall hin; sie kann im Gegen- teil nur sehr wenige der einzeln stehenden Mädchen erfassen. Da sollen nun die Genossinnen aller Orten helfen, und zwar mehr als bisher. Wo Ortsgruppen des Verbandes bestehe«, sollen diejenigen, die Helsen wollen, sich mit der Leiterin der Ortsgruppe in Verbindung setzen. Wo eine Organisation noch nicht besteht, sollen sich die Genossinnen an die Zentralstelle in Berlin wenden. Die Voraussetzung ist natürlich, daß die Genossinnen die Wichtig- keit der Organisation gerade der Hausangestellten einsehen. Das aber könnten sie wohl, wenn sie bedenken, daß die Hausangestellten unter größerer Rechtlosigkeit und Unfreiheit leiden als andere Arbeiterinnen, daß sie noch den Kampf gegen die Gesindeordnung zu führenhaben; daß sie, die häufig aus Landgegenden nach den Städten kommen, um zu dienen, den Wert und die Bedeutung der Organisation noch zu wenig kennen und zu würdigen wissen. Der Verband der Hausangestellten Deutschlands zählt gegen» wärtig 35 Ortsgruppen mit rund 5 Mitglieder», aber— eine Riesenschar von Mädchen und Frauen im HauSdienst steht noch außerhalb der Organisation. Sie zu gewinnen, bedarf eS einer zähausdauernden und geduldigen Agitationsarbeit von vielen Helferinnen. Möge der Appell an die Genossinnen nicht ungehört verhallen.(DaS Bureau der Berliner Ortsgruppe befindet sich Michaelkirchplatz 1.)_ Leseabende. Reinickendorf-West. Montag, den 23. d. M.. abends 8M Uhr, in dem Lokal von Halmann, Scharnweberstvaße 64: Bortrag der.Genossin Frau Kiesel. WafferftandS-Nachrtchte« der Landesanstalt für Gewässerwnde, milgeteill vom verstner Wetterburea» Wafferstimd M e m e l, Tilsit P r e g e I, Jnfterburg Weichsel, Thor» Oder, Ratibor , Krassen , Frantsurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmerttz , Dresden , Barbh , Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.— st llnterpegA. 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Juli, nachmittags S Uhr, von der Leichenhalle des SluserstehungS-KirchhoseS, Weißen. see, aus statt. 21K/1Z Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. ZlmsIliemoiii'Meiie!' WaMverelD für den 4. Berliner Reietistaijs-Vabikreis. Görlitzer Viertel. Bezirk 2021. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Arbeiter kerlüiisllll�sdlellberg Rcichenberger Str. 120 gestorben ist. Ehre seinem Andenren: Die Beerdigung findet am Mon- tag. den 29. d. Mts., nachmittags 5 Ubr, von der Leichenhalle des AnstaltssriedboseS in Buch aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 218/11 Der VorMtand. Deutscher Metallarbeiter-Verbandl Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mttglied, der Metall- arbeiter rerllMAvllKMevberg am 25. d. Mts. an Gehirn- erweichung gestorben ist. Die Beerdigung findet am Montag, den 29. d. Mts., nach- k! mittags 5 Uhr. von der Leichen. Halle deS AnstaltS-KirchhoseS in Buch auS statt. Den Kollegen ferner zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Gürtler Eduard Müller Beusselstr. 55a, am 26, d. MtZ., an Herzschlag gestorben ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 30. d, Mts., nachmittags 4'/« Uhr. von der Leichen- halle des Südwest-KirchhoseS w Stahnsdorj aus statt. Ehre ihrem Andenken: Rege Beteiligung erwartet lSl/lb Tie Ortsvcrwattung. veulseüer Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. da» unser Kollege, der Stock- arbeiter �uxust Ellrick Königstraße 30, im Alter von 58 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Montag, den 29. Juli, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Nttolai-Kirchhoscs in der Prenzlauer Allee auS statt. 87/4 liie Ortsverwaltung. Rllgem. Kranken, u. Sterbe- kafic der deutschen Drechsler und deren Berufsgenofieu E. H. 86 Hamburg. Verwaltungsstelle Berlin B. Am 25. Juli verstarb unser Mitglied 294/5 ch,nsrviMt Hirtel». Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet Mon- tag, den 29. Juli, nachmittag« 4 Uhr. von der Leichenhalle des Nikolai- KirchhoseS, Prenzlauer Allee 7, aus statt. DeutZeber Bauarbeiter-Verband äßwelje'S'crcln Berlin. Sektion d. Gips- u. Zemenlbranche Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Hilss-g arbeiter Heinried Mimann am 25, Just im Alter- von 56 Jahren an Lungenentzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Montag, den 29. Juli, vormittags 10 Uhr, rom Virchow-KrankenhauS aus aus dnn sericdhosderKrtedenS- gemeinde in Nordend statt. Um rege Beteiligung ersucht 141/3 Der Vorstand. DaniraaAcunx. Für die zahlreiche Teilnahme und hie herrlichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben unvergcß- lichcn WanncS, Vaters und Bruder« Angnat Nanjok«, sprechen tvlr allen, welche daran teilnahmen, unsern innigsten und herzlichsten £ flUÖ. Di» tnuerndsn Hinterbliebenen. Am Freitag, den 26. Juli, vcr- starb nach langem, schwerem Leiden unser lieb« Kollege, der Schriftsetzer Gustav Tillner im 36. Lebensjahre. Sein Andenken werden wir stets w Ehren halten. Die Kollegen des»Berliner Tageblatt". Ort und Zeit der Beerdigung wird w der DienStag-Nummer des.Vorwärts» bekanntgegeben. Tzfpogrspkis. Am 26. Juli entschllef nach schwerem Leiden unser braves Mitglied, Kollege Gustav Tillner im 36. Lebensjahre. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Die Mitglieder werden gebeten, unserem verstorbenen Kameraden das letzte Geleit zu geben. Näheres über die Beerdigung wird noch bekanntgegeben. Der Verstand. Am 27. Juli verstarb uns« Vater, d» Droschkenkutscher Joseph Pollak. DieS zeigen tiefbetrübt an Helene Hokkmann geb. Kellak Karl Pollak. Die Beerdigung findet Dienstag- nachmittag 4 Uhr von der Leichen- halle des St. Atichael-Kirchhoses, Mariendorser Weg, aus statt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben unvergeßlichen Mannes Bdnard Oohllsch sagen wir allen Teilnehmern, tnS- besondere dem 653. Bezirk deS 6. Wahlkreises unseren ttesgesühlten Dank. 26785 Die trauernde Ww. Martha Gohlisch nebst Kindern. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hinscheiden meine« imiiggcliebten ManneS. unseres guten Vaters sagen wir allen Ver- einen und Bekannten herzlichsten Dank. 37022 Namens der Hinterbliebenen Lim Matthes und Kinder, Boxhagener Straße 22. Für die vielen Beweise liebevoller Teilnahme beim Hinscheiden meines lieben Mannes, unseres guten VaterS, deS RestaurateurS Eduard Gohlisch sage ich allen Verwandten. Freun- den und Bekannten, meinen werten Gästen, dem Wahlverein, dem Gast- und Schankwirteverein Wedding und der nördlichen Vororte meinen herzlichsten Dank. 26636 Berlin, Schönwaldersiraße 8. Martha Gohlisch gev.«arg nebst Kindern._ An Parteigenossen gebe Land- Parzellen mit 100 Mark Anzahlung, im Vororte von Berlin gelegen. !». Bnchholz, Berlin, Friedeberger Strafte 4._ 114/7 Männer-Chor Nord-Ost, Lyrania 1849. Allen Sangesbrüdern zur Kennt- nis, daß unsere Uebuugsftunde vom Dienstag, den 30. Juli, Lands- berger Allee 152, bei Otto Sind- ftedt(Saal) stattfindet. Sttunn- begabte Herren als Mtglied« und Gäste stets willkommen. 59/7 Der Vorstand. Charlottenburg. ddiI SteiMasse. E. 11.83. Sonntag, de» 4. August im Kasten- lokal, Spreeftr. 17, vorm. 10 Uhr: A»»ner«rd«ntl1ol»o General- Versammlung. ' Tagesordnung: 1. Bericht de« Kassierer« vom ersten Halbjahr. 2. Umwandlung unser« Hilftkasse in eine Zuschußkasse? 3. Wahl einer Etatutenkommisfion. 4. Kafienangelegenheiten. Der Vorstand. I. A.: Wilh. Nendorf, Hacselerstr. 10o. 294/6 So�laldemohraMcher Nahlverein Lhartottenburg. DtenStag, de» 30. Juli 1012. abend».'/, 9 Uhr. im großen Saale des Voltshauses, Rosinenstraße 3: Fortsetzung der am 1«. Juli vertagte« General-Bers ammlung. Tagesordnung: 1. Die Acnderungen der Organisations-Statnten. Referent: Genosse B. Stnlx. 2. Diskussion. 3. Verschiedene«. 250/17 Zahlreichen Besuch erwaltet Der Vorstand. Montag, den»S. Juli, abds. 8 Uhr. im Gcwerkschafts- Hause, Engelufer 16, Saal 1;_ MV Versammlung"W Tagesordnung: Bericht über de» Stand der Darisbewegung. 51/13 Verband der Sattler u. Portefeuiller Ortsverwaltnng Berlin. Branchen-Versammlung s Eiseumöbei- nnh FtdechihlpMerer: 8'/, Uhr, Im»Graphischen VereinshauS". Alexandrinenstraße 44. aar Die Bersammlung der Geschirrbranche fällt aus. 17 157/17 Tie Branchenleitungen. Cablnef Kaffe 'Vbr � ,. Uhr. bei Boeker, Weberstraße 17. TageSorvnung: 1. vettcht vow BerdavdStag. L.Betbg»dsan?cicgenhclten. S. verschiedene». 87/3 Die OrtBTerwaUnnf. Extra- Abteil ang ) I. Gesch.: Berlin W., Mohren- Stra6e37«(2. Haus von der . ierusalemer StraBe). |ll. Gesch.: BerHa NO., QraBe Frankfurt. Str. 1 16(2. Haut von der Andreasatrala). Sehr gr.Answ. fert, Kleider, J Hüte, Handschuhe, Schleier leto. ▼. einfachsten bis zum | hochelegant.Genrez.SuJBerst ' niedrigen Preisen. Sonder-Abteilong: fflafianfertlgans in 10 bis 12 Stunden. 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Tagesordnung: Wahl der Kommisstoncn: Stellungnahme zur Kreis- resp. VeibandS-Generalversammlimg und zum Parteitag; Wahl der Delegierten und Beratung der Anträge; Bildungsausschuß; Verschiedenes.— Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Johannisthal. Die Genossen treffen sich Sonntqg, nachmittags 2 Uhr, beim Genossin Gobin. Roonstr. 2, zum Besuch der öffent- lichen Versamniluugen unter freiem Himmel in Buckow. Der Vorstand. Nicdcrschöilhansen- Nordend. Die Mitgliedervcrsainmluiig des Wahlvereius sindet Dienstag, den 30. Juli, abends 8'/, Uhr, bei Mauke statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genössen Paul B r ü h l-Lichteiidcrg über„Parteiorganisation". 2. Bericht von der Kreisgeucralversammluiig. 3. Wahlverciusaugelegeitheitcn. 4. Bericht der Gemeindevertretung. 3. Verschiedenes. Pankow. Dienstag, den 30. Juli, abends S'/a Uhr, im Kastanienwäldchen sfruher Großkurt), Berliner Str. 27, außer- ordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: Stellungnahme zum Chemnitzer Parteitag. Bericht von der Kreis- generalversammluiig. OrtSangelegcnheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. ___ Die Bezirksleitung. Berliner Haebriebten. Auf ben Müggelbcrgen. Am Südufer des Müggelsees erheben sich die Müggel- verge, ein Gebirge in kleinem Maßstabe. Dem Bewohner der Tiefebene erscheinen sie mU ihren mannigfachen Formationen als ein richtiges Gebirge. Nach einer Sage soll hier oben auch einst ein Schloß gestanden haben, in. das ein reicher König seine Tochter verbannt hatte. Ein Ausflug nach den Müggelbergen ist lohnend, schon der prächtigen Ausblicke wegen. Bon hier aus kann nian ein Stück echt märkische Landschaft mit seinen Seen und Kiefern- Wäldern überschauen. Der Weg führt uns vom Bahnhof Friedrichshagen durch die Hauptstraße des Ortes. Vau Fried- rich deni Großen gegründet, bestand der Ort aus nur 5ll Zweifamilienhäusern, von Wollwebern bewohnt. Die Straße war rechts und links mit Maulbeerbäumen bepflanzt zur Zucht von Seidenraupen. Einige dieser Bäume haben sich bis heute erhalten und die Friedrichshagener Jugend läßt sich die Beeren gut munden. Auch von den alten Weberhäuschen sind noch einige erhalten. Am Müggelsee angekommen, lassen wir uns übersetzen und wandern am Ufer entlang. Links von uns dehnt sich die imposante Wasserfläche des Sees aus, rechts haben wir Wald und vor uns ragen die Müggelberge gleich mächtigen Gigan- ten empor. Wir verlassen das Ufer und gehen auf stillen Waldwegen unserem Ziele zu. Den Müggelbergen zu Füßen liegt ein unscheinbarer Weiher, von dem man aber sehr viel erzählt: In seiner grundlosen Tiefe soll jene verbannte Prin- zessin, von bösen Teufeln bewacht, hausen; daher der Name Teufelssee. An seiner Oberfläche schwimmen friedlich neben- einander Wusserrosen und von Halm zu Halm und Blume zu Blume schwirren die Libellen. Der Aufstieg kann beginnen. Wer es vorzieht, anstatt auf den Wegen geradeaus zu gehen, kann mitunter auf allen Vieren kriechen. Stolz blicken wir dann zurück, wenn die �Höhe erklommen ist. An Aussicht bietet sich uns jetzt noch nicht 'viel. Wir müssen den Turm besteigen. Hoch über den Baum- krönen überblicken wir den Wald. Tief unten breitet sich der Müggelsee aus. Auf der anderen Seite schlängelt sich ein anmutiger Nebenfluß der Spree, die Wendische Spree oder Dahme genannt. Man kann ihren Lauf verfolgen von Königs- Wusterhausen bis Köpenick, wo sie sich mit der Spree ver- einigt. Der Name„Wendische Spree" sagt uns, daß an ihren Ufern ein Teil der alten heidnischen Wenden gehaust hat. Wir sehen von hier aus Köpenick, die einstige Residenz des Jaczv, das heißt der kleine Jakob. Etwas weiter liegt der Ort Grünau, das Wannsee der Oberspree. Weiter oben jehen wir Schmöckwitz, das eirund angelegt, einst mit Wall und Graben umgeben, eine kleine wendische Festung gewesen sein mag. Ganz in der Ferne taucht die ehemalige Jagdrxsidenz Königswusterhausen auf, wo, abseits von Berlin, mancher preußische König tolle Stunden verlebt hat. Wir erblicken noch manchen anderen Ort. Weit schweift unser Blick in die Ferne, bis bei allzu großer Entfernung sich der Ausblick verliert. Unten auf dem Wasser ziehen Schleppdampfer mit Last- kähnen ihre Bahn. Ruder- und Segelboote schwimmen— gleich Nußschalen— kreuz und quer. In den Bäumen girren wilde Tauben und am Abhang wmmeln sich wilde Kaninchen, die beim geringsten Geräusch verschwinden. Der Wind heult, indem er an den Turm anprasselt und bedenklich neigen sich schon die Bäume. Jetzt ist hier nicht mehr gut sein. Aber voll befriedigt verlassen wir unseren Platz und treten den Heimweg an._ Zur Frage des Friedhofsstrcitcs zwischen der Stadt Berlin und dem Konsistorium, bei dem es sich, wie wiederholt berichtet, um die Anlage des neuen städtischen Friedhofes in Karow-Buch handelt, weiß die„Vossische Ztg." zu melden, daß die Entscheidung in nächster Zeit fallen wird. Auf beiden Seitvn sei man' bemüht, den Streit durch gütlicbe Unterhand- lungen zu erledigen. Nachdem das Kultusministerium, wie seinerzeit gemeldet, in den Streit eingegriffen hat und bereits inehrere Konferenzen stattgefunden haben, darf man an- nehmen, daß in einer demnächst stattfindenden Beratung zwrschep der Stadt Berlin und dem Konsistorium die Ange- legcnheit zu einem für Berlin günstigen Abschluß gelangen werde. Soweit wir unterrichtet sind, ist die Hoffnung dev„Vossi- schen Ztg." auf einen für Berlin günstigen Abschluß eine trügerische. Die Unterhändler der Stadt sind bereit, wichtige Konzessionen dem Konsistorium zu machen, Kon- Zessionen, wozu gar kein Anlaß vorliegt. Die Kirche will nämlich Garantien haben, daß auf den städtiswen Friedhöfen Leichen von Personen, die bei Lebzeiten einer Kirchengemeinde angehören, nur dann Aufnahme finden, wenn die Angehört- gen den in Frage kommenden Kirchengemeinden zuvor die sogenannten Auslösungsgebühren bezahlt haben, ein Ver- langen, das entschieden zurückgewiesen werden sollte. Diese AuslösungSgebühr besteht darin, daß Gebühren verlangt werden dafür, daß eine Leiche eines Konfessionellen nicht auf dem kirchlichen Friedhofe beerdigt wird. Es wird also Gebühr erhöhen dafür, daß die Kirche nicht nur nichts leistet, sondern noch Platz gewinnt und die Geistlichen Arbeiten .sparen. Das ist eine solche Ungeheuerlichkeit, daß ein Privat- mann, der in gleicher Weise handeln würde, wohl wegen ver- suchten Wuchers unh Erpressung mit dem Strafrichter Be- kauntschaft machen würde. Was würde die Regierung einem Arbeiter antworten, der Schadenersatz verlangt, weil durch irgendwelche Umstände, z. B. Einführung einer Maschine, Bau einer Eisenbahn, ihm Arbeitsgelegenheit genommen ist? Wie wir hören, sind aber die Vertreter der Stadt ge- neigt, in dieser Beziehung den kirchlichen Forderungen ent- g e g e n z u k o in m e ii. Es ist gar nicht einzusehen, aus welchem Grunde die Stadt ihr klares Recht aufzugeben ge- neigt ist. Mit vollem Recht wurde vor einigen Monaten in der Stadtverordnetenversammlung darauf hingewiesen, daß die Stadt mit der Kirche gar nichts zu tun habe und bei Aus- rechterhaltung der an die Stadt gerichteten Forderungen ein- fach den Klageweg zu beschreiten, nicht aber Rechte auszu- geben habe. Die Stadt kann nicht Zutreiberdienste der Kirche verrichten. � Di� Stadt kommt ohnehin den staatlichen Behörden außer- ordentlich entgegen. So liefert sie seit Jahren dem anatomi- ichen Jn,niilt. das unter Aufsicht des Professors Wa.deyer steht, Armenleichen zu Studienzwecken. Zu diesem Zwecke wer- den Leichen von Personen zur Verfügung gestellt, die keinerlei Angehörige mehr besitzen. Für dieses Entgegenkommen ver- langt die Stadt vom Kultusministerrum keinerlei Kompen- sationen. Das gleiche trifft zu für das unter Leitung des Generalarztes Professor Dr. Scherning stehende Militärarzt- liche Institut. Auf Grund welcher gesetzlichen Bestimmungen! die Stadt Berlin Armenleichew zu anatomischen Zwecken her- gibt, ist uns im Augenblick unklar. Eine Verpflichtung be- steht sicher nicht. Die Stadt Berlin hat also genug Mittel in der Hand, unberechtigte Forderungen, die vom Staate ge- stützt werden, entschieden zurückzuweisen, wenn ihre VertreteL nur niit der nötigen Energie auftreten. Von den Ferienspielplätzcn. An den ersten Ferientagen war der Andrang zu den beiden Ferievspielplätzen in Blankenfelde so kolossal, daß hier an jedem Tage weit über tausend Mark Fahr- geld'gezahlt werden mußte. Auffallend schnell sank die Besuchs- ziffer noch in der ersten Woche, und heute ist sie geri»g-r als im Vorjahre. Die Erscheinung des nachlassenden Besuches ist leider nicht neu. Sie beweist immer wieder, daß arme Eltern die besten Vorsätze mit dem Geldbeutel nicht vereinbaren können. Ein paar Tage gehts, dann müssen die Eltern ihren Kindern seufzend die paar Groschen verweigern, weil sie einfach nicht da sind oder zu etwas Nötigerem gebraucht werden. Man verweist gegenüber solchen aus den sozialen Verhältnissen sich ergebenden Klagen auf die Frei- karten. Es stimmt, daß ihre Zahl vermehrt worden ist, besonders für kinderreiche Familien. Aber noch immer reicht der für Frei- fahrkarten zur Verfügung gestellte Betrag bei weitem nicht aus. An maßgebenden Stellen der Stadtverwaltung scheint man nicht einsehen zu wollen, daß die beste Kinderfürsorge die.vorbeugende ist. Eine andere Ursache des überraschenden Besuchsrückgangs in Blankenfelde muß darin gesehen werden, daß hier der Badebetrieb, der bisher so große Anziehungskraft ausübte, in diesem Sommer eingestellt ist. Zwischen den nahe aneinander grenzenden Spiel- Plätzen Blankenfelde I und II befindet sich eiiz ziemlich umfangreicher Teich, wo im Vorjahre die Kinder des vorderen Platzes am Nachmittag abteilungsweise baden durften. Beim Baden ist nie der geringste Unfall vorgekommen, ebensowenig eine hieraus zu vermutende Krankheit gemeldet worden. Aerzte aus der benach- barten städtischen Heilstätte haben erklärt, es sei zweifellos nuv der Badegelegenheit zuzuschreiben, daß in der Gluthitze des vorigen Sommers vom Fcrienspielplatz Blankenfelde kein einziger Hitzschlag zu verzeichnen war. Inzwischen ist das Wasser des Teiches untersucht worden, und man will dabei gefunden haben, daß es nicht bakterienfrei ist. Deshalb wurde das Baden im Teiche unter- sagt. In Lehrerkreisen glaubt man, daß diese Vorsicht, die ja an sich etwas für sich haben mag, übertrieben ist, zumal ja früher sich keinerlei Nachteile zeigten. Sollte denn aber für nächstes Jahr nicht auf irgendeine Art eine Aenderung möglich sein? Zwar durch- fließt das Spielgelände noch ein schmaler Klärgraben, der aber nur das„Plantschen" zuläßt. Die gefallene Frequenz in Blanken- felde hat eine starke Steigerung im Plänterwald, wo die Kinder im Kaiser-Wilhelm-Bad baden dürfen, zur Folge gehabt, ein sicherer Beweis, wie die Badegelegenheit'bewertet wird. Mit dem Trinkwasser, dessen genügende Beschaffung im vorigen. Jahre sehr zu wünschen übrig ließ, ist es jetzt besser bestellt. Man hat einen Brunnen graben lassen, der nach anfänglichem Versagen atfs- reichendes und gutes Wasser gibt. Die Klagen über mangelndes Entgegenkommen bei der Be- förderung der millionenschweren„Großen Berliner" sind die alten> geblieben. Die Große Berliner Straßenbahn verlangt und erhält für jeden Zug, bestehend aus Motor und zwei Anhängern, bei nur 33 höchstzulässigen Plätzen in jedem Wagen pro Tag 23 M., die Siemens U. Halskc-Bahn nimmt für einen ebenso großen Zug, aber bei 70 bis 80 Vlätzen, nur 16 M., die Hochbahn ist noch kulan- ter. Alle Bemühungen, die Direktion der Großen Berliner Straßen. bahn, die kein Kind im Wageninnern stehen lassen will, zur Ver» billigung zu bewegen, sind vergebens gewesen. Das Polizeipräsi» dium als Aufsichtsorgan soll eine Vermittclung zur Herbeiführung einheitlich billiger Fahrpreisnormierung abgelehnt haben. Um so mehr ist es, wie schon eingangs erwähnt, Pflicht der Stadtgemeinde Berlin, durch bedeutend tiefere Griffe in den Stadtsäckel noch Tausenden ärmster Kinder die Möglichkeit der Beteiligung an den Ferienspielen zu gewähren._ Die Liste der stimmfähigen Bürger Berlins liegt nur noch bis einschlicftlich 30. Juli d. I. an de» Wochentagen von vonnittagS 9 bjK nachmittags 3 Uhr nnd hente Sonntag von vormittags 9 bis nachmittags 1 Uhr, im Wahlbureau Poststr. 16 ll— Zimmer 57— zu Einsicht öffentlich aus. Während dieser Zeit kann jedes Mitglied der Stadt- gemeinde gegen die Richtigkeit der Liste Einwendungen schrift- lich oder zu Protokoll bei dem in der Auslegestelle anwesenden Beamten erheben; später eingehende Einwendungen werden nicht berücksichtigt. Wenn in Berlin in diesem Herbst auch keine allgemeinen Stadtverordnctcnwahlen stattfinden, so dürfte die Einsicht- nähme in die Wählerliste dennoch nützlich sein. Aus den Berliner Wasserwerke». Uns wird geschrieben: Für das Maschinenpersonak in den Jnnewbetrieben der Wasserwerke besteht immer noch die zwölf- stündlge Arbeitszeit(zwei Schichten), für die übrige» Arbeiter da- selbst die zehnstündige. Von der Verwaltung werden die letzteren Arbeiter mit zweierlei Matz gemessen. Denn für die Arbeiter des Außenbetriebes(Werkstatt und Kolonnen) besteht die neunstündige Arbeitszeit. Dadurch wird eine große Unzufriedenheit geschaffen. In keinem anderen städtischen Betriebe Berlins sind für gleichge- artete Arbeiterkategorien verschiedene Arbeitszeiten festgesetzt. Gleiches Recht für alle Arbeiter zu schaffen, muß Aufgabe der Ver- waltung sein. Infolge der Hitzeperiode hatte das Maschinenpersonal den dringlichen Antrag gestellt, während dieser Zeit eine Ver- kürzung der Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden(Dreischicht- Wechsel) und für die übrigen Werkarbeiter von zehn auf neun Stunden festzusetzen. Dieser Antrag ist hervorgerufen durch Vorgänge, welche sich bereits im Vorjahre im Werk Müggelsee ereignet hatten. In den heißen Jahreszeiten werden an die Wasserwerk? größere Anforderungen gestellt und selbstverständlich dadurch auch an die gesamten Arbeiter. Durch die enorme Hitze, die in ge- schlossenen Räumen fast unerträglich ist, und die lange Arbeitszeit war mancher Arbeiter nicht in der Lage, der geforderten Mehr- arbeitsleistung nachzukommen. So mancher war d-n Zusammenbrechen nahe und mußte später ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Dem Zwange folgend, wurde dann im Vorjahre die achtstündige Arbeitszeit nur im Werk Müggelsee während der Hitzeperiode ein- geführt. Da nun in jedem Jahre die heiße Zeit wiederkehrt und somit auch die größeren Anforderungen an die Werke. wie auch an die gestniiten Arbeiter, mithin also dieielften Gründe wie im Vor- jähre vorhanden sind, so ist es kein unbilliges Verlangen, wenn dem Antrage in vollem Umfange Rechnung getragen würde. Die De- putation lehnte die endgültige Verkürzung der Arbeitszeit ab und stellte es in das Ermessen des Direktors, eine Verkürzung derselben vorzunehmen. Bisher ist nun im Werk Müggelsee für die Heizer. Putzer und Kohlenkgrrer die achtstündige Arbeitszeit festgesetzt, aber laum bestand diese einige Tage, so kam auch schon wieder eine Verfügung, wodurch die Putzer und Kohlenkarrer von der neuen Ordnung ausgeschlossen wurden und dieselbe nur für die Heizer bestehen bleibt. Im Werk Lichtenberg hatte man für ganze zwei Tage nur für die Heizer eine solche Aenderung vorgenommen; während in den übrigen Werken in Tegel, Westend, Belforter Straße und Tempelhofer Berg gar keine diesbezüglichen An- Weisungen ergangen sind. So sieht es aus, wenn man eine so wichtige Frage, wie es die Verkürzung der Arbeitszeit ist, in das beliebige Ermessen des Herrn Direktors stellt. Im Werk Lichten- berg hatte man die Entziehung der Verkürzung damit begründet, daß die Temperatur wieder gesunken ist. Es klingt fast unglaub- -'«ch, wenn man dm gegenwärtigen Wetterberichte verfolgt. Aber der Arbeiter muh auch erst zusammenbrechen, ehe Abhilfe erfolgt. Vielleicht darf man den Wunsch aussprechen, daß sich die Herren Deputationsmitglieder einmal nach dem Werk Müggelsee bemühen wollten und sich eine derartige Arbeit ansehen. Dabei würden die Herren Temperaturen von 40 Grad und vor den Kesseln bis zu SS Gvad Wärme finden. Vielleicht kommen dann die Herren zu einer anderen Ueberzeugung._ Gefährdete Sittlichkeit. Das nackte Herumstehen an den Ufern der Havelseen und in den Ruder- und Segelbooten soll in letzter Zeit so überhand genommen haben, daß es allgemein Anstoß und Aergernis erregt haben soll. Das königliche Wasserbauaint in Potsdam sieht sich aus diesem Grunde veranlaßt, dieses zu ver- bieten und sollen Zuwiderhandelnde mit Geldstrafen bis zu 30 M. oder mit entsprechender Haft bestraft werden. Auch sind die Strom- aufsichtsbeamten angewiesen werden, auf die Uebeltäter ein wachsames Auge zu werfen. Bei der gegenwärtigen heißen Witterung zeigt es sich eben wieder, daß die erlaubten Badegelegen- heiten nicht genügen und daß man darum zur Selbsthilfe schreiten muß. Skandalöse Zustände auf der Siemensbahn Mittelstraße— Franz.- Buchholz kann man seit Monaten allabendlich beobachten. Die Wagen, die nur alle 20 Minuten fahren, sind meistens schon in der Mittelstraße besetzt. Ein wahrer Kampf um einen Platz beginnt dann aber in der Badstraße. Nun nehmen ja die Schaffner iii den meisten Fällen mit, was eben hereingeht, und jeder einzelne ist ja schließlich zufrieden, wenn er mitkommt, denn 20 Minuten später würde es ihm schließlich eben wieder so gehen. Eine Rücksichts- losigkeit dem Publikum gegenüber ist es aber, wenn dann in Pankow(Mendelstraße) der Anhängewagen zurückgelassen wird. In den letzten Tagen z. B. standen im Innern des Motorwagens bereits 14 resp. 16 Personen. Außerdem die Ueberzähligen auf dem Vorder- resp. Hinterperron. Und in diesen besetzten Wagen sollen jetzt die Fahrgäste des Anhängers noch mit hineingepfercht werden. Alles protestieren hilft nichts. Manch einer macht seinem Herzen durch mehr oder weniger heftige Redensarten Luft. Die Schaffner erklären einfach,„wer nicht gleich einsteigt, bleibt eben stehen". Warum läßt man den Anhängewagen nicht nach Franz.-Buch- holz mitgehen oder richtet eine schnellere Wagenfolge ein. Das Publikum hat doch schließlich ein Recht, als Menschen befördert zu werden und nicht wie eine Hammelherdc. Das Opfer eines gemeingefährlichen Heiratsschwindlers ist ieine Dame geworden, die sich, wie wir mitteilten, am vergangenen Mittwoch an der Ecke der Leipziger und Wilhelmstraße in einer Autodroschke erschoß. Die Tote wurde jetzt als eine jungverheiratete Frau wiedererkannt, die mit ihrem Mädchennamen Emma Hoff- rnann hieß und in der Hohenfriedbergstraße 20 zu Schönebcrg wohnte. Die Frau verheiratete sich am 16. d. M. mit einem an- geblichen Bankbeamten, dessen Name noch nicht bekannt ist. Kurz mach der standesamtlichen Trauung verschwand der Mann unter Mitnahme der gesamten Ersparnisse seiner Neuvermählten in Höhe von 8000 M. Da der treulose Gatte nicht wieder zu seiner Frau zurückkehrte und auch nichts mehr von sich hören ließ, entschloß sich die Betrogene, aus dem Leben zu scheiden. Eine Flurnachbarin, der ihr Verschwinden seit diesem Tage auffiel und die von dem Selbstmord der näher beschriebenen Dame in der Autodroschke ge- lesen hatte, ging heute zur Charitö, wo sie die Schneiderin wieder- erkannte. Ein eigenartiger Unglücksfall ereignete sich gestern früh gegen acht Uhr in der Schönhauser Allee. Beim Bau der Hochbahn auf dieser Strecke wird zur Verlegung von schweren Eisenträgern ei» großes Eisengerüst verwandt. Auf noch nicht ganz geklärte Weise stürzte dieses Gerüst plötzlich um und einzelne Teile fielen auf einen gerade vorüberfahrenden Straßenbahnwagen der Linie 4S. Das Dach des vollbesetzten Wagens wurde eingedrückt. Der Passagiere be- mächtigte sich natürlich ein gewaltiger Schrecken und sie stürzten hilferufend hinaus. Verletzt wurde glücklicherweise niemand. Der Vorfall hatte eine etwa halbstündige Betriebsstörung auf der Strecke zur Folge. Auf der Straße geboren. Auf der Straße Mutter geworden ist gestern abend gegen S Uhr ein« 31 Jahre alte, aus Herfurth ge- bärtige Frau Wilhelmine Brandenburg, geb. Hesse, die sich ohne Wohnung in Berlin aufhielt. Die Frau wurde am Schlesischen Tor von Weben befallen und genas eines Töchterchens, bevor man sie noch irgendwo unterbringen konnte. Mutter und Kind wurden dann nach dem Virchow-Krankenhaus gebracht. Einsam gestorben ist gestern der 73 Jahre alte Renten- «mpsänger Eduard Gruner aus der Simeonstraße 27. Der Mann, der früher Tischler war und sich jetzt nebenbei etwas durch Handeln mit Blumen verdiente, wohnte seit 1/4 Jahren für sich allein im Keller des Seitenflügels. In der letzten Zeit klagte er wiederholt über innere Schmerzen. Seit zwei Tagen wurde er nicht mehr ge- sehen. Als ihn gestern ein Bekannter besuchen wollte, fand dieser den alten Mann tot über dem Bette liegen. Der Greis hat wohl tn der Nacht einen Blutsturz bekommen und ist an dessen Folgen, da keine Hilfe zur Stelle war, gestorben. Das Zimmer und das Bett waren ganz mit Blut bedeckt. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Krankheit und Nahrungssorgen haben die 24 Jahre alte Fabrik- iirbeiterin Marie Goczinsky aus der Wrangelstraße 10 in den Tod getrieben. Das Mädchen, das in dem vierten Stock des Seitenflügels für sich allein eine kleine Stube bewohnte, war stark asthma- leidend. Diescrhalb wurde ihr vor einigen Tagen ihre Arbeit ge- kündigt. Jetzt hatte sie zu ihrer Krankheit noch mit Nahrungs- sorgen zu kämpfen. Das brachte sie zur Verzweiflung. Als gestern Nachbarinnen, die ihr wiederholt Essen brachten und ihr bei ahren Hustenanfällcn behilflich waren, sie wieder aufsuchten, fanden sie das Mädchen stöhnend im Bette liegen. Sie gab an, daß sie Schweinfurter Grün genommen habe. Die Frauen holten deshalb sofort einen Arzt, der die ersten Gegenmittel bei der Schwer- kranken anwandte und sie dann nach dem Krankenhaus Bethanien bringen ließ. Hier ist sie gestern an den Folgen der Vergiftung gestorben.— Unheilbare Krankheit hat auch den 66 Jahre alten Rentenempfänger Paul Weyrauch aus der Schliemannstratze 20 zum Selbstmord veranlaßt. Gestern mittag wurde der alte Mann von seinen Angehörigen tot aufgefunden. Er hatte sich während deren Abwesenheit an der Türklinke erhängt. Ein Arzt konnte nur noch seinen Tod feststellen. Die Leiche des Mannes und des Mädchens wurden nach dem Schauhause gebracht. Wieder ein Fuhrwcrksdicbstahl. Als der Kutscher der Spritfabrik von Kahlbaum(Kaiser-Wilbelmstraße 18> gestern vormittag 10 Uhr sich zur Ablieferung von Waren in ein Haus in der Schmidstraße . beaeben hatte, wurde sein mit zwei Pferden. lSchnnmel und Fuchs, be'pannter Faßwagen, auf dem sich sechs Fast er Sprit, ein Ballon Alkobol und Korb mit gefüllten Kruken befanden, gestohleii. Der Kutscher erstattete sofort bei dem nächsten Pollzetrevier Alizelge. Als der Kutscher kurze Zeit darauf auf®eunl?ei' t"e?"te' berger Straße passierte, fah er dort das gestohlene Geipamr stehen. Die Ladung Sprit im Werte Von über 1006 Mark war ver- schwunden. An Branbwiiilben gestorben ist gestern nachmittag die 10 Jahre alte Schülerin Käthe Eulenberg aus der Gräfestraße 40, die sich, wie mitgeteilt wurde, schrecklich verbrannte, als sie ihren jüngeren Geschwistern auf einem Spirituskocher das Essen wärmen wollte. Im Krankenhaus am Urban, wohin man sie brachte, ist sie jetzt von ihren entsetzlichen Schmerzen, die die furchtbaren Brandwunden ver- ursachten, durch den Tod erlöst worden. Flicgerunfall. Gestern früh stieg der Flieger Roscnstein mit zwei Passagieren auf. Bei der Landung geriet der Apparat an einen Schuppen, fuhr bis zur Hälfte in diesen hinein und wurde stark beschädigt. Ein Passagier erlitt eine schwere Verletzung em Kopf und wurde nach dem Kraukenhaus gebracht. Rosenslein trug eine senkrechte Fleischwunde an der Stirn und eine Verletzung am Auge davon, während der zweite Passagier unverletzt blieb. Seinen Berlevungen erlegen ist gestern vormittag der Kellner Arthur Zahn(nicht Karszewski) aus der Hubertusstraße 19 zu Hohen-Neuendorf, der von einem Vorortzug der Stettiner Bahn überfahren und schwer verletzt wurde. In der Charite, wohin man ihn noch Freitag abend brachte, ist er jetzt gestorben. Der Arbeiterrabfahrerverein„Gross-Berlin" hielt kürzlich' seine zweite diesjährige Generalversammlung ab. Aus dem Vorstands- bericht ist folgendes zu entnehmen: Der Kassenbesiand betrug am Schlüsse des 2. Quartals 1090, 0S M. Unterstützung an arbeitslose Mitglieder wurde gezahlt 23,40 M. Der Mitgliederbestand betrug am Schlüsse des 2. Quartals 369 gegen 335 am Schlüsse des ersten Quartals.— In allen Vereinsangelegcnheiten erteilt nach wie vor bereitwilligst Auskunft Paul Pippow, Berlin S.O. 36, Lieanitzer Straße 10 II.->. Vorort-]Macb nebten« Charlottenburg. Die Wahl des Bürgermeisters Matting zum Ersten Bürger- meister der Stadt Breslau hat die königliche Bestätigung erhalten. Wilmersdorf. Das hiesige Gcwcrvcgcricht hatte sich nach dem borliegenden Be- richt über feine Geschäftstätigkeit im Jahre 1911 mit insgesamt 659 Streitsachen zu beschäftigen. Die Zahl der im Berichtsjahr an- hängig gemachten Klagen ist gegen das Vorjahr um 80 gewachsen. Es wurden 648 Klagen von Arbeitnehmern gegen Arbeitgeber er- hoben, 6 von Arbeitgebern gegen Arbeiter und ö von Arbeitern gegen Arbeiter. Von den 659 Streitsachen wurden 11 abgewiesen, 23 durch Klagezurücknahme vor dem Termin erledigt; in 36 Fällen erfolgte die Klagezurllcknahme im Termin, in 7 Fällen wurde durch Anerkenntnis die Streitsache erledigt 245 Klagen endigten durch Vergleich. Durch rechtskräftiges Versäumnisurteil gegen Kläger wurden 7, desgleichen gegen Beklagte 83 entschieden, durch End- urteil fanden 139 Klagen ihre Erledigung. Auf andere Weise wurden 65 Klagen entschieden, während 33 Streitsachen für unerledigt auf dasAieue Jahr übernommen wurden. Der Wert des Streitgegen- standes betrug tu 268 Fällen bis zu 20 M., in 174 Fällen mehr als 20 bis einschließlich 50 M., in 129 Fällen 50— 100 M. und in 67 Fällen mehr als 100 M. Nicht festgestellt wurde der Wert bei 21 Klagen. Der höchste Streitwert war 1300 M., der niedrigste 0,78 M. Eine Erledigung fanden die Klagen im Zeitraum von weniger als einer Woche in 137, in 1—2 Wochen in 270, in zwei Woche» bis einem Monat in 157, in 1—3 Monat in 41, und in mehr als 3 Monat in 16 Fällen. Berufungsfähige Urteile wurden 22 erlassen, bei denen in 8 Fällen von dem Rechte der Berufung Gebrauch gemacht wurde. Als Eimgungsamt ist das Gewerbegerichl nicht angerufen worden. Auf Ersuchen des Magistrals wurde eine Aeußerung über die Abänderung des Ortsstatuts bezüglich Aus- dehuung der Fortbildungsschulpflicht und über Ausstellung eines Stundenplanes für die Fortbildungsschule erstattet. Einen Selbstmordversuch machte am Donnerstag ein 17jähriges, in der Hildegardstraße bedienstetes Mädchen, indem es vor den Augen der Kinder ihrer Herrschaft in einer Laube Lysol trank. Schon tags zuvor fiel sie einer Grünkramladenbesitzerin durch Lhsolgeruch auf. Ob sie Lysol als Putzmittel verwendet habe, wurde sie gefragt. Nein, aber sie hätte irrtümlicherweise statt aus einer Bierflasche aus einer Flasche mit Lysol getrunken. Das auffallend schöne Mädchen ist von Mädchen jägern aus der hiesigen.Gesellschaft" zu Fall gebracht worden; namentlich wird ein verlotterter Baron uud ein ehemaliger Bankdirektor genannt, deren gefähr- lichem Treiben die Wilmersdorfer Polizei doch mal nachgehen sollte. Sie soll sich in anderen Umständen befunden haben. Sie wurde ins Krankenhaus geschafft. Die Angelegenheit wird merkwürdig geheim gehalten. Spielt etwa noch was anderes mit? Steglitz. Die außerordentliche Sitzung der Gemeindebertretimg, die zum Freitag einberufen war, wies einen so.außerordentlich" Mangel- haften Besuch der bürgerlichen Gemeindevertreter auf, daß der Bürgermeister nach fast halbstündigem vergeblichen Warten auf die, die nicht kamen, die Sitzung zwar eröffnen konnte, sie aber sofort wegen Beschlußunfähigkeit wieder schließen mußte. Er gab dann noch bekannt, daß nächsten Dienstag eine neue Sitzung einberufen werden würde, die nach der Geschäftsordnung ohne Rücksicht auf die Zahl der anwesenden Gemeindevertreter beschlußfähig sei.— Nur die Annahme, daß die nicht erschienenen Gcmeindeverordneten ferienhalber sich außerhalb unsere« Ortes aufhalten, könnte ihr Fernbleiben entschuldigen, da einige Punkte der Tagesordnung die gesamte Bürgerschaft derartig interesstren dürften, daß sie wohl die Anwesenheit ihrer gewählten Vertreter erwarten könnten. In erster Linie steht eine Verkehrsfrage. Die der Gemeinde gehörende Straßenbahn Bahnhof Steglitz— Grunewald ist über den Bahnhof hinaus durch die Birkbuschstraße bis zur Siemensstraße verlängert worden. Aus diesem Grunde muß ein neuer Tarif beschlossen werden. Merkwürdig hierbei ist allerdings eine amt- liche Bekanntmachung in der Lokalpresse, die außer dem Fahrplan und sonstigen Angaben bereits die Tarifsätze publiziert, und zwar für die Teilstrecken Bahnhof Steglitz- Grunewald und Sieniensstraße— Kaiser-Wilhelm-Straße je 10 Pf., für die ganze Strecke 15 Pf. Da ist doch wohl zunächst die Frage zu stellen, wer ist berechtigt, den Fahrpreis festzusetzen? Ist die Gemeindevertretung dazu berechtigt, so ist. es unerhört, wie der Gemeindevorsteher ohne einen Beschluß dieser Körperschaft eine amtliche Bekanntmachung erlassen kann. Sind Gemeindevorsteher und Betriebsleitung zur Festsetzung der Fahrpreise berechtigt, was hat dann die Gemeindevertretung noch zu„beschließen"? Zu einem derartigen„Beschluß" dürfte dann allerdings auch eine beschluß- unfähige Versammlung genügen. Das Tollste ober ist der 15 Ps.- Tarif für eine Strecke von nur wenigen Kilometern Länge und knapp 20 Minuten Fohrzeit. Ganz Steglitz räsonnierl täglich und stund- lich über die Große Berliner resp. die Westliche Vorortbahn, die uns für eine Fahrt nach Schöneberg oder Berlin gleichfalls 15 Pf. abknöpft. Und nun loinmt unsere Dorfverwallimg und verlangt von den Bürgcm für das„Vergnüge»", auf der eigenen Bahn zu fahren, ebenfalls 15 Pf. Wie verlautet, soll den Fahrgästen für diese 15 Pf. allerdings auch etwas Besonderes geboten werden. Wer die sechs Dreier für eine Zwanzigminutenfahrt opfert, dem wird unterwegs Gelegenheit gegeben, sich etwas zu verschnaufen, denn sämtliche Wagen werden am Bahnhof zwei und eine halbe Minute Pause machen. Die Fahrgäste können diese freie Zeit nach Belieben zu einem kleinen Spaziergang, zur leiblichen Stärkung in dem alkoholfreien Ausschank, in dem Restaurant, Cnfö oder einer Wein- stiibe in nächster Nähe oder auch zur körperlichen Er- leichterung in der nahen Bedürfnisanstalt benutzen, uud zwar ohne Nachzahlung. Sollten einige Fahrschembesitzer dann etwa in dem wieder weiter.rasenden" Wage» keinen Platz finden, weil sich mittlerweile andere Leute, die auch über so viel freie Zeit verfügen. daß sie sich eine Fahrt mit der Steglitzer Straßenbahn erlauben können, dort häuslich eingerichtet haben, barm dürfe« sie— und zwar auch ohne Nachzahlung— hinter dem Wagen herlaufen. Wie man sieht, haben die„zuständigen Stellen" keine Kosten gescheut, um die verlängerte Straßenbahn zu einem billigen, bequemen und doch modernen Verkehrsmittel auszugestalten, so daß fetzt endlich unser großes Dorf sich würdig an die Seite von— Schilda stellen kann. Grost-Lichterfelde. Bei dem Volksfest bei Wahrendorf, am Sonntag, den 81. Juli, wurde eine goldene Brosche mit Photographie verloren; eine Emaillebrosche ist gefunden worden. Finder resp. Verlierer wollen sich bitte bei Fr. Wahrendorf, Bäkcstr. 7, melden. Zehlendorf(Wannseebahn). I» der Generalversammlung de? WahlvereinS gab Genosse H e ck i n g den Bericht des Vorstandes über das verflossene Geschäfte* jähr. Die Mitgliederzahl ist von 184 auf 214(darunter 40 Frauen) gestiegen. Vereinsversammlungen fanden elf, Volksversammlungen vier statt. Die Zahlabende waren leider nicht immer so besucht, wie es zu wünschen wäre, die Leseabende hingegen haben Fortschritte gemacht. Die Reichstagswahlen haben auch hier gute Erfolge ge- zeitigt, nur wenige Stimmen fehlten uns, um an der Spitze aller Parteien zu stehen. Die Gemeindewahlen brachten uns noch nicht den gewünschten Erfolg. Bei Flugblattverbreituugen und anderen Parteiarbeiten haben es die Genossen oft an den nötigen Eifer fehlen lassen. Den Kassenbericht gab Genosse Otto Steinborn. Ihm war zu entnehmen, daß auch die Kassenverhältnisse wesentliche Fortschritte gemacht haben und die Einnahmen zum ersten Male mehr als 1000 Mark betrugen. Die Zahl der„BorwSrtS"leser ist auf 197 gestiegen.. � Die Neuwahl des Vorstandes hatte folgendes Ergebnis: Otto Jäckel erster, Otto Steinborn zweiter Borsitzender, Reinh. Döhring Kassierer, Genossin Simon Schriftführerin, Alfred Kutta Beisitzer. Herm. Böhm, Otto Steinborn und Mennig Revisoren. Bibliothekare Heymeier und Casper. Lokalkommission Albert Hoffmann und Otto Fehlberg. Bildungsausschuß Gertrud Simon, Hugo Simon, Kreckeler, Kutta. Lankwitz. Der Arbeitsplan des BildungsausschuffeS liegt der heutigen Nummer des„Vorwärts" bei. Bei der Zusammenstellung sind die Wünsche der Besucher der früheren Veranstaltungen berücksichtigt. Die Genossen werden gebeten, den Arbeitsplan aufzuheben und die Veranstaltungen zu besuchen. Im Interesse des Gelingens der Ver- anstaltungen wie im Interesse der Bildung der Arbciterschast liegt es, daß alle Arbeiter die Veranstaltungen besuchen. Es wird etwas Gediegenes geboten und der Besuch ist so bequem. Der Bildungs- ausschuß hofft daher, im nächsten Jahre besser über den Besuch be- richten zu können. Pankow. Zu den Kinderfesten, die der Besitzer deS P a n k g r a f e n. Schloß« straße 6, an jedem Mittwoch veranstaltet, wird uns geschrieben: „Nach der Fackelpo(onäse besteigt der vom Wirt engagierte Fest- arraugeur die Bühne, um alles mögliche hochleben zu lassen. Zum Schluß kommt das ominöse K a i s e r h o ch, wonach die uniformierte Mannschaft der Militärmusikschule die Nationalhymne intoniert. Vom Publikum haben wir, und zwar mit Recht, darüber vielfach Aeuße« rungen gehört, die darin gipfelten, daß wohl solche Ovationen in einem Loknl, das der organisierten Arbeiterschaft zur Verfügung gestellt ist, vollständig verfehlt sind."— Wir meinen, wenn ein Wirt sein Lokal freigibt, muß er auch danach streben, soviel wie möglich alles Parteipolitische zu vermeiden, zumal unsere Jugend nicht zum Kinderfest geht, um einen pattiotischen Rummel zu treiben." Was hat auch der Hurrapatriotismus mit dem Kinderfest zu tun? Reinickendorf- West. Die reichhaltige Tagesordnung unserer Generalversammlung erforderte zwei Abende zu ihrer Erledigung. Nachdem 14 Neu- aufnahmen erfolgt und das Andenken der verstorbenen Genossen in üblicher Weise geehrt war, gab Genosse Bahr ein Bild von der Entwickelung unserer Organisatton im abgelaufenen Jahre, aus dem wir nur folgendes hervorheben: Bei der Reichstagswahl gaben von 3142 Wählern 2758 ihre Stimmen ab; davon stimmten 2307 für die Sozialdemokratie, d. h. 86,6 Proz. Bei der Wahl zur Gemeindevertretung stimmten in der zweiten Abteilung für Genossen Bahr 49, für Genossen Schiller 37 Wähler; ein Mandat konnten wir natürlich nicht erringen. Bei der Gewerbegerichtswahl am 21. Juni erhielten die von uns aufgestellten Arbeitnehmerbeisitzer 358, die Arbeitgeberkandidatcn nur 13 Stimmen. Da sich 10 Genossen der Abstimmung enthielten, blieben wir leider in der Minorilät; den betreffenden Genossen wurde eine scharfe Rüge erteilt. Flugblätter wurden 55 000; Kalender und andere Literatur 1300 verbreitet. Mit- glicderversammlungen fanden 11 statt. Leider war der Besuch nie zuftiedensiellend und boffen wir, daß die öffentliche Konstatierung dieser Tatsache zur Befferung führt! Oeffeutliche Versammlungen fanden 12 statt, Wählerversammlungen 3. Die Zahl der.Vorwärts"« leser hat sich von 698 auf 886 erhöht. Die Mitgliederzahl betrug am 30. Juni 1911 706(649 m., 156 w.), am 30. Juni 1912 747 (571 m., 176 w.). An Polizeistrafen wurden(wegen Tragens des Plakates.Wählt Stadthagen" 23 M. verhängt. Da die Bezirke 1, 2 und 6 mit 160, 120 und 140 Mitgliedern zu groß sind, beantragte die Bezirksleitung die Teilung derselben, die auch beschlossen wurde. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 1943,71, eine Ausgabe von 1306,51 M., mithin am 1. Juli 1912 einen Bestand von 643,20 M. auf. Ueber die Frauenbewegung berichtet die Genossin Kuschmünder, daß 7 Leseabende und 2 Fraueiiversammlungen stattfanden. Der Besuch war zuftiedenstelleud. Nach läMerer, ein- gehender Diskussion über den Lorstandsbericht folgten«e Wahlen. Zun: 1. Vorsitzenden wurde Genosse Bahr wiedergcwählr, Kassierer wurde Genosse Bendt, Schriftführer Genosse Preilipper. Hierauf folgte die Beratung der Anträge zum Parteitag. Ein Antrag, der Parteitag möge dem Genossen Landsberg- Magde- bürg seine Mißbilligung aussprechen, weil er beim Ausbringen des Kaiserhochs den Sitzungssaal des Reichstags nicht verlassen habe, fand einstimmige Annahme. Ebenso wurde ein Antrag an- genommen, wonach in Zulunft Sonderkonferenzen zu unterbleiben haben. Ein dritter Antrag,»wonach der Bezirksverein Reinickendorf- West den P a r t e i a u s f ch u tz für überflüssig hält, aber eine Vermehrung der unbesoldeten Beisitzer, eine Erweiterung der Rechte der Kontrollkommission und die Beibehaltung der imOrganisatious- stamt vorgesehenen Konferenzen wünscht, wurde mit großer Majorität angenommen. Lichtenberg. Durch heißes Wasser verbrüht. Die Frau deS in der Warten- bergstraße 1 wohnhaften Arbeiters Müller hatte in der Küche ge- waschen und ihr dreijähriger Sohn Erich spielte um sie herum. Als sich Frau M. für wenige Minuten nach dem Nebenzimmer begeben mußte, machte sich der Kleine an einem auf dem Fußboden stehenden großen, mit heißem Wosser gefüllten Kessel zu schaffen'.md frl kopfüber hinein. Obwohl die Mutter in wenigen Augenblicken zur Stelle war und das Kind aus der siedenden Flüssigkeit zog. hatte der Kleine bereits am ganzen Körper schwere Brandwunden davon- getragen. Ein hinzugerufener Arzt leistete dem schrecklich zugerichteten Kinde die erste Hilfe und sorgte für dessen Ueberfllhrung nach dem Augusie-Viktoria-Krankenhaus, wo der bedauernswerte Knabe gestern unter entsetzlichen Schmerzen gestorben ist. Hohen- Schönhanseu. Eine» Vortrag über Frauenkrankheiten läßt die hiesige Orts- kraukenkasse Montag, den 29. Juli, nachmittags 6 Uhr. durch Herrn Dr. Goldberg im Lokal von Max Kuß, Berliner Straße 92, halten. Da auch Nichtkasfenmitglieder Zutritt haben, werden speziell die Frauen auf die Versammlung hingewiesen. KttOmu Gchmde« tourbe Beim Volksfest am 21. Juli ein Armband. Ferner find auf die Nummern 221, 818, 677, 467, SOS, 576, 601, 998 Gewinne entfallen und bei Joh. Walter, Alt-Stralau 46 Hl, ab- zuholen. Strausberg. Beim Baden ertrunken. Die Undorfichtigkeit, mit vollem Magen zu baden, hat der 24 Jahre alte Schlächtergeselle Max Hanne mit dem Tode büfien müssen. Der junge Mensch hatte sich hier bei dem Schlächtermeister Raasch aufgehalten und gleich nach dem Mittag- essen im Strausberger See ein Bad genommen. Beim Schwimmen ging er plötzlich unter und kam nicht wieder an die Oberfläche. Da H. ein vorzüglicher Schwimmer war, so kann nur angenommen werden, daß er infolge der Magenüberlastung im Wasser einen Schlaganfall erlitt. Die Leiche des Ertrunkenen konnte bald ge- borgen werden._ öericbts- Zeitung Ein teurer Hundename. Einer eigenartigen Beleidigung, so berichtet man aus Halle a. S., soll sich der Hausbesitzer Otto Thieme von Löbcchün schuldig gemacht haben. Ich., der mit dem Bürgermeister auf etwas gespanntem Futze lebt, hatte seinen Hund„Beling"— so heißt nämlich der Bürgermeister— genannt. Wenn Ich. nun mit seinem Bieh durch die Straßen ging und zufällig mit dem Stadtoberhaupt zusammentraf, dann wurde her Hundename zuweilen mit recht ge- mischten Gefühlen aufgenommen. Schließlich ließ Thieme in der Zeitung auch noch eine Annonce los, in der er bekanntgab, daß er beabsichtige, seine Dabermannhündin„Bcling" zu verkaufen. Er rühmte an dem Hunde, daß er jede Spur aufsuche und es in dieser Eigenschaft mit jedem pressierten Polizeihunde aufnehme. Der Preis„Bclings" war auf 200 M. festgesetzt worden. Bürger- meister Beling fühlte sich dadurch gekränkt, stellte Strafantrag, und dgS Schöffengericht Löbechün verurteilte Th. zu drei Tagen Gefängnis. Auf eingelegte Berufung des Staatsanwalts erhöhte das Landgericht Halle die Strafe aber auf einen Monat Gefängnis. Frauenschicksale. 1. Wegen einer kleinen Unvorsichtigkeit muß die Frau Olga Schloß nach 25 jähriger Ehe aus die Anzeige des eigenen Ehe- manne? hin ins Gefängnis wandern. Unter dcrAnklage der Ab- gäbe einer wissentlich falschen eidesstattliche» Versicherung hatte sich die bisher völlig unbescholtene Frau vor der Ferienstrafkammer des Landgerichts I zu verantworten.— Die jetzt S4 jährige Angeklagte ist über 2S Jahre mit dem Buchbindermcister Sch. verheiratet, der in der Dessauer und Puttiammerstraße eine größere Buchbinderei betreibt. Trotzdem der Ehe 12 Kinder entsprossen, von denen noch sechs leben, leitete Sch. im Jahre 1909 die Ehescheidungsklage gegen seine Frau ein, die er mit Ehebruch und fortgesetzte Beleidigung Begründei«. Bei Beginn dies«? Prozesses soll die setzige Angeklagle «ine wissentlich falsche eldeSstattliche Versicherung abgegeben haben, um von jhrem Ehemann die UnterbaltungSgelder für ihre Kinder zu erlangen. In dieser eidesstattlichen Ber- sicherung hatte die Angeklagte tatsächlich ein Datum falsch angegeben, ferner hatte sie irrtümlich angegeben, daß die Villa ihres Ehemannes 12 anstatt 9 Zimmer habe, und schließlich, daß das Grundstück mit 20 000 M. belastet sei, während es tatsächlich nur mit 15 000 M. belastet war. Diese geringfügigen Unrichtigkeiten, die für die Sache selbst ohne jede Bedeutung waren, führten zur Erhebung der Anklage. Vor Gericht gab die Angeklagte an, daß sie damals über die Handlungsweise ihres Mannes zu der- zweifelt gewesen sei, daß sie auf jene nebensächlichen Dinge gar kein Gewicht gelegt habe. Das Gericht nahm an, es liege keine Wissentlichkeit, aber Fahrlässigkeit vor. DaS Urteil lautete auf die niedrigste gesetzlich zulässige Strafe von 1 Woche Gefängnis. 2. In einem zweiten Falle, der zu derselben Zeit die Moabiter Strafrichter beschäftigte, mußte sich eine Mutter, die aus Liebe zu ihren Kindern gehandelt hatte, vor Gericht verantworten. Wegen Entführung Minderjähriger unter Anwendung von List war die Frau Amalie Herzog angeklagt. Die Angeklagte war in erster Ehe mit dem jetzt in Jena an- sässigen Redakteur Sch. verheiratet gewesen. Der Ehe, welche später geschieden wurde, waren zwei jetzt 14 bezw. 11 jährige Knaben entsprossen, an denen die Angeklagte auch dann noch mit großer Liebe hing, nachdem sie sich inzwischen zum zweiten Male verheiratet hatte. Nachdem sie in Erfahrung gebracht hatte, daß ihre Kinder, die bei der Mutter ihres ersten ManneS untergebracht waren, nicht die genügende Erziehung erhielten, holte sie sie eine? TageS ab und brachte sie hier in Berlin in der Ohmstedeschen Schule unter. Ihr erster Mann strengte daraufhin sofort die Klage auf Herausgabe an und ließ die beiden Knaben eines Tages durch einen Gerichtsvollzieher abholen, trotzdem sie weinten und baten, bei ihreF Mutter bleiben zu dürfen. Als einige Zeit darauf das Muttergefühl in der Angeklagten wieder die Oberhand gewann, trachtete sie mit allen Mitteln danach, sich, und sei eS nur auf wenige Stunden, wieder in den Besitz der Kinder zu setzen. Nachdem sie in Erfahrung gebracht hatte, daß die Kinder in der Nähe von Zossen untergebracht waren, fuhr sie eines Tages mit einem Automobil dorthin. Als die beiden Knaben ihrer Mutter ansichtig wurden, liefen sie ihr mit Jubelrufen entgegen und ließen sich sehr gern„entführen". Für die Angeklagte hatte diese Tat die jetzige Anklage zur Folge.— Der Staatsanwalt beantragte 2 Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte auf 390 Mark Geldstrafe. Die am 5. Juli in Wirkung getretene Strafgesetzbuchnovelle läßt im Gegensatz zum früheren Recht Geldstrafe zu. Von der Straßenreinigungspflicht. Ucber die Frage der Rechtsgültigkeit von Polizeivcrordnungen, die die Grundbesitzer verpflichten, die Bürgersteige und Rinnsteine von Schnee und EkS zu befreien und bei Winterglätte mit ab- stumpfendem Material zu streuen, besteht eine verschiedene Auf- fassung zwischen dem Reichsgericht und dem Kammergericht. Das Reichsgericht hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß solche Polizei- Verordnungen stets gültig sind, denn es handele sich nicht um lediglich auf Reinlichkeit der Straße abzielende Borschriften, die nur gültig sind, wenn die Grundbesitzer bereits zur Straßenreinigung kraft besonderen Gesetzes, Observanz oder Ortsstatuts verpflichtet sind. Vielmehr dienen solche Polizeiverordnungen in erster Linie dem Schutze von Leben und Gesundheit und können deshalb in Preußen ohne weiteres auf Grund des§ 0k des PolizeiverwaltungsgesetzeS in Verbindung mit§ 10, Teil 2, Titel 17 des Allgemeinen Land- rechts derart erlassen werden, daß die Grundbesitzer dazu verpflichtet werden. Das Kammergericht hingegen nimmt an, es handele sich nur um einen Teil der StraßenreinigungSpflicht. Die Pflicht hierzu liege an sich der Stadt als Besitzerin der Straßen ob, den Grundbesitzern könne sie nur durch besonderes Gesetz, durch Ortsstatut oder Observanz auferlegt werden. DaS Kammergericht bat an feiner Auffassung in einer am 22. d. M. ergangenen Eni- jcheidung festgckhcmen. Die Ansicht des Reichsgerichts dürste die zutreffendere fein. Sie entspricht auch der in ständiger Rechtsprechung vom Reichsgericht betätigten Ansicht, daß ein Hausbesitzer auch da, wo Polizeiverord- nungen nicht bestehen, die Verpflichtungen zum gefahrlosen Zugang zum und im Grundstück hat und daß er für die aus Nichterfüllung dieser Pflicht entstehenden Schäden zivilrechtlich haftbar ist. von Allgemeine Familiensterbrkasse. Heute Zabl- und«ufnahmetag 3—6 Uhr im Restaurant Ackerstr. 123 und Sebasttanstr. 36. Briefkasten äer Redaktion. Die Juristische Sprechstunde findet von jetzt ab wieder an Wochen- tagen nachmittags von 4'/-— 7>/z Uhr fSonnabendS von 4�/,— k Uhr) Lindenftr. 69, IV. Etage �Fahrstuhl) statt. W. 9. Ihre Mutter braucht die Sachen nicht herauszugeben.— — St. Amtsgericht Neukölln.— 8«. G. A. 1. Sie müssen DiSpcnS beim Justizmwister nachsuchen. 2. Danach können Sie da» Mädchen heiraten. 3. und 4. Sle können die Beträge zurückfordern, müssen aber klagen, vorausgesetzt, daß es sich nicht um Schenkungen h andelt. 6. Innerhalb eines Jahres nach Scheidung. 6. Wenn einer der Eltern am Leben bleibt, 2500 M., wenn beide tot sind, 3333 M.— Sachsen 17. 1. Unter Umständen ja. 2. Anspruch aus Hei lversahren und Witwengeld. 8. Nein. — N. 1001. 1. Ja. 2. Sie müssen den Schaden feststellen und beseitigen lassen und klagen die Reparaturkostm bei dem Amtsgericht ein, w dessen Bezirk sich die Gepäckexpedition befindet. Vorher müssen Sie natürlich zur Zahlung aussordern.— A. B. 17. DaS kommt aus die Verein barung an. ir nehmen an, es handelt sich um eine Prlvatgeselllchaft.— L. S. 4. ie Kündigung ist rechtzeitig erfolgt.— A. B. 83. Da» kann Die m Unfug ausgelegt dieses Ehebruch' werben.— rechtskräftig D. 11. Erst nachdem geschieden ist.— 8». 8 als grober die Ehe wegen 1». Kein. Marktbericht von Berlin am LS. Juli 101», nach Ermittelung deS königl. Polizeipräsidiums. Marlthal lenpreisr. sKleinhandcl) IVO Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00— 60,00. Sveisebohnen weiße, 30,00— 50,00. Linsen 40.00—80,00. Kartoffeln(Klemhdl.) 10,00— 16,0o! 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rwdstcilch, Bouchfleisch 1,60—1,30. Schweinefleisch 1,60—2,00. Kalbfleisch 1,60—2,40. Hammelfleisch 1,70—2,40. Butter 2,40-3,00. 60 Stück Eier 3,40— 6.20. 1 Kilogramm Karpsen ILO— 2,20. Aale 1,20—3,20. Zander 1,60—8,60. Hechte 1,40—2 80 Barsche 0,80—2,40. Schleie 1,20—8,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 2,00—40,00.' MMsWWM(S Am Donncröfaiä, den 1. 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