Ur. 178. Nbonnemtnts-keAlWiM: Abonnements> Preis vrSnumerando: «ieitcljihrl. S>M Mk, monatl. l.io Mli, wöchentlich 2S Pfo frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. SonniagZ. Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well' lo Pkr Post. Abonnemenu 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Breislisie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn L Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luiemburg, Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Crfötlnt tlfliiA»uß?r Eonts«. TS S Verlinev VolksblAkt. Die TnfcrtienS' Gebühr kcträgt für die scchsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Baum 00 Psg„ für politische und gewcrkschasMchc Vereins- und Lersaminlungs-Auzeigen SO Pfg. „Kleine Hnreigen", das feltgedruckie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig, Stellengesuche und Schlafftellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg„ jedes weitere Wort 6 Pfg, Worte über 16 Buch- stabcn zählen für zwei Worte, Inserale für die nächste Nummer niüssen bis 6 Uhr nachmittags in der Erpcdition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abend- geöffnet. Telegramm-Adresse! „SoziairtcinoHrat Berlin". Zentralorgan der roztaldemokratifcben Partei Deutfchlanda Redaktton: 8M. 68, Lindenstraaae 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Freitag, den 3. August 1913. Expedition: SM. 68, �-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morttzplatz, Nr. 1981. Li» neuer liberaler Köder. Loudou, 30. Juli.(Etg. Ber.) Vor einigen Tagen ließen die„Times" einen Versuchs ballon steigen. Sie berichteten, daß der Schatzkanzlcr bcab sichtige, zu demissionieren, um im Lande eine große Propa- ganda zugunsten der liberalen Landpolitik zu entfalten, ähn- lich wie Joseph Chamberlain im Jahre 1903 seinen Minister- Posten aufgab, um die„raKmg;. tearing"- Propaganda für Tarifreform zu inszenieren. Wenn das Blatt hoffte, durch diese Meldung Lloyd George zu bewegen, seine Stellung zu der Frage der Landbewegung zu präsizieren, so muß es enttäuscht worden sein. Die liberale Landpolitik bleibt nach wie vor in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. Sie ist wie das Mädchen aus der Fremde; niemand weiß, woher sie kam oder wer sie ist. Aber wie dieses teilt sie auch Gaben aus, die nicht auf liberalen Fluren gewachsen sind. Den Arbeitern verspricht sie höhere Löhne, dem Bürger- tum Befreiung von den Gemeindelasten, den Einwohnern von Hanley den langersehnten neuen Kanal, den Landarbeitern einen'Minimallohn, den Pächtern niedrige Pachten. Nur die Grundbesitzer bekommen nichts ab, weil sie doch niemals für die liberale Partei stimmen werden und deshalb auch nichts verdienen. Sie hat eine hohe Mission in der Welt. Sie soll den stark gesunkenen liberalen Kredit bei den Wähler- massen rehabilitieren und dem Sozialismus das Wasser abgraben. Diese neue Landpolitik dcS englischen Liberalismus ist ein fein ausgeklügelter Plan. Wie ein unschuldiges Baby erblickte sie vor einiger �eit das Licht der Welt, als der Schatzkanzler eine Kommission zur Untersuchung der ganzen Frage einsetzte, und zwar mit Genehmigung Herrn Asquiths. Natürlich erteilte der Premicnninistcr die Genehmigung zu diesem Schritt. Wie hätte er auch seinem Zauberkünstler etwas abschlagen können, der schon so oft die Massen, auf deren Buckel sich die reichen liberalen Pfeffersäcke an der Re- gierung halten, durch seine Worte und Gesten irregeführt hat? Das nächste Kapitel war die Nachwahl in Nordwest-Norfalk, wo ein ausgesprochener„singlotaxer", ein Anhänger von Henry George, als liberaler Kandidat auftrat und gewählt wurde. Nach diesem Erfolg schwoll der Gruppe der Land- bestcuerer in der liberalen Partei der Kamm. Sie griffen kurz entschlossen die Arbeiterpartei in H a n l e y an und gewannen einen glänzenden Sieg. Doch zwischen dem ersten und dem-zweiten Siege besteht ein merklicher Unterschied. Der Sieger von Hanley ist nämlich kein ganz stubenreiner„siuglot.ixer"; er predigte nicht die Abschaffung aller bestehenden Steuern und ihre Ersetzung durch eine einzige Steuer auf den Grund und Boden; er befürwortete nur die Besteuerung der Bodcnwcrte. Der Sieg in Hanley hat auch seine Nachteile gehabt. Er machte verschiedene reiche ängstliche Liberale auf die Gefährlichkeit der neuen Lehren aufmerksam. Sie protestierten gegen die Aufnahme der Lehren Henry Georges in das Programm der liberalen Partei und die Ncgierungsvcrtretcr sahen sich genötigt, die Ideen der„einglstaxers" öffentlich zu mißbilligen. Diese Besorgnis der reichen Parteimitglieder wird auch den liberalen Kandidaten in Crcwe veranlaßt haben, sich die Land- besteuercr vom Leibe zu halten, und wenn er sich kurz vor der Wahl zu einer milden Form der Theorie bekannte und die Hilfe der Draufgänger annahm, geschah dieS wohl nur als ein Verzweiflungsakt. Die Landbestcuercr werden jetzt sagen: Seht ihr, wenn ihr uns von Anfang an das Landlied hättet anstimmen lassen, wäre uns Crcwe nicht verloren ge- gangen. EL muß hier noch angeführt werden, daß die Tätig- keit dieser liberalen Gruppe die Konservativen erschreckt und veranlaßt hat, ihre Landpolitik zu erklären. Die Erfolge der liberalen Landbestcuercr haben Lord LanSdowne zu der Land- Politik BalfourS bekehrt, der schon vor niehrcren Jahren die Schaffung eines Kleinbauernstandcs nach irischem Muster als Abwehr gegen den Sozialismus forderte. Was die liberale Landpolitik nun eigentlich ist oder noch werden wird, läßt sich schwer angeben. Jk der Gruppe der Landbesteucrcr scheinen die konsequenten„singletaxers" nur eine kleine Minderheit zu bilden. Die meisten von ihnen wollen nur eine mehr oder minder schwere Steuer auf den Wert des Landes legen. Wie einer der bekanntesten von ihnen angegeben hat, stehen sie alle zu dem Lehrsatz des Henry George:„Nehmt für die Allgemeinheit die von der Allgemein- heit geschaffenen Werte und überlasset dem Individuum den vollen Wert seiner Arbeit". Das kann nun viel oder gar nichts bedeuten. Auf die Bedeutung dieses Grundsatzes kommt es den liberalen Stimmfängcrn auch gar nicht an. Hat doch einer von ihnen erklärt, daß sie an der„singlo tax" nur in der Theorie festhielten und sie als ein Ideal ansähen, das man � den Idealen des Sozialismus entgegensetzen müsse. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Die Landfrage wird als Köder bei der schon jetzt einsetzenden Kampagne für die nächsten Parlamcntswahlcn dienen. Um einen Teil der Steuern von den Schultern der liberalen Kapitalisten auf die der Junker zu wälzen, wird man einen neuen Krcuzzug predigen, Himmel und Hölle in Bewegung setzen und ein Heer von Agitatoren loslassen, die auf Grund des erwähnten Prinzips Berge und Wunder versprechen. Wir werden tvieder einmal das aus- regende Schauspiel erleben, wie die liberale Partei einen um unter den rasenden Wirbel- über ein schmales Bächlein zu ungeheuren Anlauf nimmt, schlügen der Trommel— springen. Die Kosten soll natürlich die Arbeiterpartei tragen— und sie wird sie tragen, wenn sie sich nicht zu einem ent- schlossenen und systematischen Widerstand aufrafft. Bis jetzt haben sich ihre Führer in der Hoffnung gewiegt, daß keine Partei im Parlament so bösartig sein könnte, der Arbeiter- schaft ihre Vertretung zu mißgönnen. Ist es doch noch gar nicht lange her, daß Macdonald in einem liberalen Blatte um Almosen für die Arbetterpartei bat und versicherte, daß es kein Mitglied des Parlaments gebe, das nicht das Verschwin- den der Arbeiterpartei bedauern würde. Die Enttäuschung ist gar zu plötzlich gekommen. Und wird die Arbeiterpartei im- stände sein, sich zu wehren? Ihre Organisation kann sich mit der der liberalen Partei nicht im entferntesten messen und ihre finanziellen Mittel sind äußerst gering. Auf ihrem letzten Parteitag beschloß sie, die Mitglied Sbeittäge auf die Hälfte herabzusetzen; man budgetierte für ein Einkommen, das dem Parteivorstand ganze 500 Pfund(!) im Jahre zur Unterstützung der lokalen Propaganda läßt. Das hoffnungs- vollste Moment ist noch die Haltung einzelner Arbeiter- partciler im Parlament. Kürzlich erklärte zum Beispiel Barnes bei der Beratung der Tcestcuer, daß er, der die Ncgierung sechs Jahre lang unterstützt habe, für seine Person diese Politik aufgeben werde und diesmal wie immer fortan nach dem prinzipiellen Werte der zur Beratung stehenden Fragen stimmen werde. Sechs Jahre hat es gedauert, bis dieser bedächtige Schotte schließlich dahinter gekommen ist. Hoffentlich wird eS der Parteileitung als solcher keine weiteren sechs Jahre kosten, ehe sie die politische Wirklichkeit erkennt. Soziale Verschiebungen und politische Vandiungen in Württemberg. Das gesellschaftliche Sein, die soziale Lage zwingt daö Denken in bestimmte Bahnen. Tiefgreifende Acndcrungen in der sozialen Bcrufsschichtung eines Volkes müssen auch das politische Denken und Handeln dieser Bcvölkerungsteile ändern. Die Loslösung großer Volksschichten von Boden und Werk- zeug, ihre Prolctarisierung macht die Köpfe für den Sozialismus empfänglich. Der moderne Arbeiter nennt keinen Fußbreit Boden sein eigen. Er arbeitet mit fremden! Werkzeug, er schläft unter einem Dach, von dem ihm kein Ziegel gehört. Er hat kein Vaterland. Die in der Fabrik erworbene Kenntnis der Maschincnkraft, die Ueberlegcnheit der organisierten Zusammenarbeit läßt ihm keinen Zweifel, daß die Zeit des Zunftmeistertums vorbei ist. Im gemeinsamen Besitz der Produktionsmittel, in der organisierten Arbeit aller, in der planmäßigen Produktion aller für alle erkennt er ohne große Schwierigkeit das Mittel, die Lohnknechtschaft zu brechen, Freiheit und Brot dem arbeitenden Volke zu schaffen. Die herrschenden Gcscllschaftsschichtcn suchen der Nevolu- tionierung der Köpfe entgegenzuwirken. Kirche und Schule bemühen sich redlich, dem Sozialismus den Weg zu den Köpfen der Arbeiter zu verrammeln. Kriegervercine, Jugend- wehr, Jungdcutschland, Jünglingsvereine und sonstige Vereine und Korporationen bemühen sich im gleichen Sinne. Mit welchem Erfolg, mag einmal statistisch nachgeprüft werden. In Württemberg hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Prolctarisierung.des Volkes große Fortschritte gemacht. Die Frau ist auch in Württemberg rechtlos, über die Wandlung in ihrem Denken sagen die Ziffern der Reichstagslvnhlen nichts. Sie muß also, um ein bestimmteres Bild der Ein- Wirkung der sozialen Verschiebung auf die Partcigruppicrung zu gewinnen, aus der Berechnung ausscheiden. Die Hauptmasse der mä n n l i ch e n hauptberuflich Er- wcrbStätigcn in Württemberg findet ihr Brot in der Industrie, in Handel und Verkehr. Ihre Zahl stieg von 295 250 im Jahre 1895(46.4 Prozent der Gesamtzahl) auf 384 403 (o2,7 Proz.) im Jahre 1907..Diese Zunahme er- streckt sich aber nur auf die Unselbständigen! Ihre Zahl stieg in der angegebenen Zeit von 202583 aus 293 339, während gleichzeitig die Zahl der S e l b st ä n d i g e n von 92 667 auf 91 064 zurückging! Wie wirkte diese soziale Verschiebung auf die Parteiver- Hältnisse in Württemberg? Natioualliberale und Volkspartei gehaben sich als die Vertreter der politischen Interessen der selbständigen Unternehmer. Die Nationalliberalcn repräsen- tieren„Bildung und Besitz", die Volkspartei will Vorzugs- weise Vertreterin des Kleinbürgertums sein. Eine glatte Scheidung der Stimmcnzahl dieser beiden Parteien ist nicht gut durchführbar. Das eine Mal haben sie aufs bitterste um die Mandate gerauft, das andere Mal die Wahlkreise friedlich unter sich verteilt und ihre Stimmen in einen Topf gcivorsen. Es müssen also beide Parteien in Rechnung gestellt werden. Seit 1893 zeigt die Stimmcnzahl dieser Parteien folgende Entwickelung: Nationalliberale: 1893: 74029(23.9 Proz. der Gesamtzahl der gültig abgegebenen Stimmen); 1898: 62 281 (20.3 Proz.); 1903: 61403(16.9 Proz.); 1907: 64 440 (15,5 Proz./; 1912: 72.94(15,4 Proz.). B 0 l k s p a r t e i: 1893: 105 617(34,2 Proz.); 1898: 75105(24,5 Proz.); 1903: 62609(17,2 Proz.); 1907; 83 802 (21.4 Proz.); 1912: 82 427(17,4 Proz.). Absoluter und relativer Rückgang! Das ist das Schicksal' dieser beiden bürgerlichen Parteien. Wie hat nun die Proletarisierung großer Massen auf das politische Denken und Handeln dieser Tausende ein- geivirkt? Die sozialdemokratischen Stimmenzahlen geben die Antwort: Sozialdemokratie: 1893: 42 301(13,9"/«): 1898: 62 452(20.3°/«); 1903: 99 743(27,4%); 1907: 115 724 (27,9 0/0); 1912: 153 335(32,5 o/«). Nicht einmal die tolle chauvinistische Hetze des Jahres 1907 hat die absolute und relative Zunahme der sozialdemokratischen Stimmenzahl hindern können; nur ein langsameres Tempo wurde für den Augenblick erzwungen, weiter nichts. Das Jahr 1912 machte die künstliche Hemmung wieder weit. Interessant ist, daß sogar das Zentrum Württembergs trotz des zähen Kitts der religiösen Beeinflussung, trotz„christ- licher" Gewerkschaften usw. nicht einmal den natürlichen Zu- wachs dauernd an sich fesseln kann. Wohl steigerte es seine Stimmenzahl von 61 601 im Jahre 189.3 ans 30 372 im Jahre 1912, prozentual aber ging sein Anteil an der Gesamt- zahl der gültig abgegebenen Stimmen von 19,9 auf 17,0 Proz. zurück. Dabei ist wohl zu beachten, daß das Zentrum den größten Teil seiner Anhänger aus landwirtschaftlichen Distrikten rekrutiert, die Anteilnahme der bäuerlichen Bevölkerung am politischen Leben in neuerer Zeit stark gestiegen ist. Eine Ausnahme von dem Gesetz des Einflusses der so- zialen Lage auf die politische Betätigung scheint die k o nser- vativ-bauernbündlerische Partei zu machen. Die Landwirtschaft Württembergs zeigt nämlich gleichfalls eine Abnahme der männlichen selbständigen Erwerbstätigen. 1895: 155 357; 1907: 148 421. Die Zahl der Unselbständigen ging gleichfalls zurück von 127717 auf 118 747. Zugleich schnellt aber die Zahl der konservativen Stimmen von 23 862 (7.7 Proz.) im Jahre 1893 auf 83 120(17,6 Proz.) im Jahre 1912 empor. Sieht man aber genauer zu, so erklärt sich diese anscheinende Kräftezunahme einfach durch die schärfere Scheidung der Parteien sowie insbesondere durch die schnell fort- schreitende Politisierung der landwirtschaftlichen Wahlkreise. Die Agitation des Baucrnbundcs ist erfolgreich gewesen. Die beiden konservativ vertretenen Wahlkreise Württembergs, Backnang- Hall und Crailsheim, seien zum Beweise dessen heraus- gegriffen. Im erstgenannten Wahlkreis stieg die Wahl- beteiligung von 67,5 Proz. im Jahre 1893 auf 82,7 Proz. im Jahre 1912, im zweiten Wahlkreis von 66,5 Proz. auf 79,4 Proz. Das gleiche Bild zeigen die anderen ländlichen Wahlkreise, während in den Wahlkreisen mit industrieller Bc- völkerung schon früher die Wahlbeteiligung weit stärker war. Der Rückgang der männlichen Selbständigen in der Landwirt- schaft wird der Steigerung der konservativen Stimmcnzahl sehr bald ein Ende machen. Das Reservoir, aus dem der Bauernbund schöpft, ist undicht, während sich gleichzeitig in das Reservoir, aus dem die Sozialdemokratie ihre Kraft schöpft, ein stets wachsender Mcnschcnstrom ergießt. Es ist den sozialdemokratischen Organisationen kaum möglich, die Aufklärungs- und Orgnnisatiönsarbeit zu leisten, die die rasch fortschreitende Prolctarisierung des württembergischen Volkes erfordert. Harter, zäher Arbeit bedarf es, um die Tanscnde. die das Kapital jährlich in das Proletariat hinabschlcudcrt, um die rote Fahne zu sammeln. Aber diese mühevolle Arbeit ist nicht vergeblich, sie trägt tausendfältige Frucht, während unsere Gegner vergeblich versuchen, unseren Marsch zu hemmen. Wir unterschätzen die Machtmittel des Klasscnstaates gewiß nicht. Aber eines ist gewiß: Keine Macht kann den endlichen Sieg des Sozialismus verhindern. 's ist der Geschichte eh'rnes Muß, es ist kein Rühmen, ist kein Droh'n...._ Der Krieg. Die türkische Krise. Konstantinopcl, 1. August. Eine Note des GroßwesirS an die Kammer wegen Abänderung dcS Artikels 7 der Verfassung erklärt, daß die Negicrung die Artikel 35 und 43 gemäß den letzten Zusätzen der Kammer annehme, und verlangt lediglich die Abänderung dcS Artikels 7. Die Negierung stellt auf diese Weise die Befragung dcS Senats für die A u s l ö s u» g der Kammer wieder her. die die gegenwärtige Kammer auf Antrag des frühere« Kabinetts Said abgeschafft hatte. Kampf zwischen Kamiiicr und Regierung. Koiistantiiiopcl, 1. August. D e p u t i c r t c n k a m m e r. Die Kammer setzte die Beratung über die Anträge der Negicrung de- treffend die Acnderung der Verfassung fort. C a r 0- l i d e S(Grieche) fand es unerhört, daß die Negicrung, die unter cincm Drucke stehe, ein solches Mittel, einen solchen Staatsstreich anwende, um die Auslösimg der Kammer herbeizuführen. Wie können Sie, wandte sich der Redner an den Großtvcsir, ein ruhmreicher Soldat, der die Russen besiegt hat und in russisches Gebiet eingedrungen ist, den Druck der Empörer noch länger er- tragen?(Lärm und Widerspruch.) Die Majorität protestiert: stürmisch gegen einige Deputierte der Opposition, die den Groß- wesir verteidigen wollten: Dieser aniwortctc nicht. Der Präsident Halil erklärte: Selbst wenn die Negicrung die Kammer auslösen will, wird sie in voller Uebercinstimmruig mit der Verfassung SuiK1#,«Minister Noradunghian begntr.agte Schluß der Bc.tzaltc, Pen die Kammer aber ablehnte.— Hu-ssein Hilmi erklärke im Namen der Regierung, der Antrag der Regierung stelle keine Drohung dar. ..Wir sind bereit, unser Leben für die Konstitution zu opfern. Wir stehen unter keinem Druck. Unser Vorschlag bezweckt nun das Wohl des Landes und verfolgt keinen Hintergedanken." EmauuelideS er- klärte, er sei von den guten Absichten der Regierung überzeugt. Wenn die Kammer überzeugt werde, daß die Auflösung für das Wohl des Landes notweudig sei, so sei sie bereit, sie anzunehmen. Vaban Jade stellte den Antrag, die Vorfrage, ab die Regierung das Recht habe, ihren Vorschlag vor Ablauf von zwei Monaten einzu- bringen, an die Kommission zurückzuverweisen. Ueber die Vorfrage entspann sich eine lange Erörterung. Nach Bekanntgabe des ersten Beschlusses auf Verweisung an die Kominissicm erhob sich der Großwesir und erklärte, er werde eine Beratung mit den Mitgliedern des Kabinetts pflegen und sodann der Kammer antworten.— Nach Wiederausnahme der Sihung verlas der Großwesir eine Regierungserklärung, wie folgt: Da die Kammer, anstatt über den Antrag der Regierung abzustimmen, ein Votum über die präjudizielle Frage vorausschickte, das eine Ein- schränkung des Rechtes der Regierung, Gesetze vorzuschlagen� be- deutet, betrachten wir die Abstimmung der Kammer als eine Ab- lehnung unseres Vorschlages. Um diesen Zwischenfall zu beseitigen!, müssen Sie auf die präjudizielle Frage verzichten und zu einer zweiten Abstimmung über unseren Antrag schreiten. Hierauf beschloß die Kammer, auf der Beratung der präjudi- ziellen Frage nicht zu bestehen, wodurch der Zwischenfall be- f e i t i g Hfti Die albanischen Forderungen. Saloniki, 1. August. Die Vertreter von vier albanesischen SandschakS und 24 NahiscS, insgesamt 250 Delegierte, darunter 4 Offiziere, haben unter Führung Mehmed PaschaS aus Kalkaudelen offiziell der Kommission in Pristina die Forderungen der Arnauten des Wilajcts Kossowo vorgetragen und dem Kabinett eine Frist von 43 Stunden für die Auflösung der Kammer gestellt. Mehmed Pascha � erklärte, falls die Kammer innerhalb dieser Frist nicht aufgelöst ivcrde, würden die Delegierten die nötigen Schritte einleiten, um ihren Forderungen Nachdruck zu geben. Bezüglich der übrigen Forderungen drückten die Delegierten die Ueberzeugung aus, daß ein Einvernehmen nicht schwer zu erzielen sei. Die Kommission erwartet Instruktionen aus Konstantinopel und die Ankunft Ibrahim Paschas mit weiteren Voll- machten. Der Mali von UeSküb hat um Instruktionen ersucht, da im Falle der Nichterfüllung der Forderung ein Bormarsch der Arnauten auf UeSküb zu erwarten sei. Ein russisch-türkischer Zwischenfall. Choi, 1. August. Ein russischer Offizier, der sich in Begleitung von sieben Kosaken mit Auftrögen auf dem Wege nach Kotur befand, wurde auf persischem Gebiet von einem türkischen Posten beschossen. Die Kosaken erwiderten daS Feuer. LlS der russische Offizier Hilfe erhielt, stellte der türkische Posten das Feuer ein. Der russische Konsul hat einen energischen Protest an den türkischen Konsul gerichtet._ politifche Qcbcrlicbt. Berlin, den 1. August 1912. Polemische Gelüste scheint die Redaktion der„Chemnitzer V o l k S st i m m e" zu verspüren. Freilich im üblen Sinne, in jener Provokation gegen- seitiger Liebenswürdigkeiten, die ja für die parteigenössische Dis- lussion so förderlich sind. Dabei hätte eS gerade für die„Chem- nitzer Volksstimme" nahe gelegen, da sie doch Eisners Vonschläge zuerst veröffentlichte, wenigstens selbst etwas Sachliches gegen jene Darlegungen des Genossen Hirsch vorzubringen, über die Eisner in seinen beiden letzten Artikeln so leicht hinweggleitet. Und da sich die Redaktion der„Chemnitzer Volksstimme" rühmt, schon zu einer Zeit für die Landtagswahlbeteiligung mündlich und schriftlich eingetreten zu sein, als„die gegenwärtigen Vorwärts- redaktcure noch davon träumten, daß die Preußenduma von selbst verfaulen müßte"(der in Frage kommende Vorwärtsredakteur hat freilich schon auf dem Hamburger Parteitag 1897 für die Wahlbeteiligung gestimmt), so hätte sie doch lieber etwas Sachliches zur Debatte beisteuern sollen, statt sich höchst überflüssigerweise per- sönlich an der Vorwärtsredaktion zu reiben«. Aber folgende Stelle des„Vorwärts" hat eS dem Chemnitzer Parteiorgan angetan: „Wenn wir diesmal sofort auf EiSnerS Artikel antworten, so geschieht es nicht der Bedeutung der Eisner scheu Ausführungen wegen, sondern um gewisse(nichtpreutzische) Parteiblätter daraus aufmerksam zu machen, daß doch immerhin eine gewisse Kenntnis des preußischen Wahlrechts und der preußischen Par- teien dazu gehört, um grundstürzende wahltaktische Neuerungen für den preußischen Wahlkampf und Wahlrechtskampf zu empfehlen I" Was wir damit sagen wollten, können wir leider nicht zurück- nehmen, nämlich: daß der Vorschlag Eisners und seine Begründung eine so verblüffende Unkenntnis des preußischen Wahlsystems und der preußischen Politik verraten, daß eS wumder nehmen muß, wie ihn ein Parteiblatt ohne redaktionellen Vorbehalt veröffent- lichen konnte., Natürlich ist eS uns nicht im Traum eingefallen, etwa aus- sprechen zu wollen, daß die Redaktion eines nichtpreußischen Blattes von vornherein nichts von den preußischen Dingen ver- stehen könne. Die-Einschaltung„nichtpreußische" sollte vielmehr ausdrücken, daß bezeichnenderweise preußische Parteiblätter bisher den Eisnerschen Artikel unseres Wissens überhaupt nicht abgedruckt haben«! Mit wie wenig Sachkenntnis EiSner an die Erörterung der preußischen Wahlrechtsfrage herantritt, beweist auch folgende Stelle seines letzten Artikels: „Oder besteht der Ansturm der Massen von außen darin (was am Schluß des Artikels angedeutet scheint, als Knalleffelt der vorhergehenden Betrachtungen), daß die NichtPreußen in Preußen die Staatsangehörigkeit erwerben sollen. also die staatliche Anerkennung ihrer preußischen Rechtlosigkeit, die auf alle Fälle eine Minderung ihrer bis- herigen staatsbürgerlichen Rechte bedeutet, sofern die nicht etwa aus Mecklenburg oder Braun- schweig sein sollten?" Diese Darstellung ist unrichtig. Nach dem geltenden Gesetz geht der Angehörige eines Bundesstaates seines Staatsbürgerrechts keineswegs dadurch verlustig, daß er die Staatszugehörigkeit in einem anderen Bundesstaate erwirbt. Vielmehr bezweckte gerade der dem Reichstag in der letzten Session vorgelegte Entwurf eines Reichs- und Staatszugehörigkeitsgesetzes eine Beseitigung der jetzt 'bestehenden Möglichkeit, mehreren Bundesstaaten gleichzeitig als Staatsbürger anzugehören. Ob diese Absicht der Regierung aber Verwirklichung findet, steht noch sehr dahin. Bom chinesischen Knchenstttck. Man schreibt uns:-«• r-i Ter Tod des Kaisers von. Japan lenkt die Aufmerkiamleit »vreder nach dem fernen Osten. Wir ergreifen diese Gelegenheit zum� Aufwerfen einiger Fragen wegen KiautschouS, die für die deutschen Sieuerzaltfer sehr wichtig sind. Kiautschou wurde bekanntlich vom Deutschen Reich nicht er» o b e r t, sondern nur gepachtet, und zwar aus 99 Jahre. Unter einer Pacht versteht man, wie jedermann weiß einen Zu- stand, bei dem die Nutznießung eines immobilen Eigentums nelsst Zubehör gegen einen gewissen Preis an eine von dem Eigentümer verschiedene Person aus eine bestimmte Zeit übergeht, der Eigentümer aber trotzdem Besitzer bleibt. Wir sehen ganz davon ab, daß der Vertrag, mit dem Kiau- tschou gepachtet wurde, vor einem ordentlichen Gericht überhaupt nicht gültig wäre, weil dabei von deutscher Seite mit dem Schieß- eisen gewunken wurde. Der Vertrag wurde China abgezwun- gen, ist also nach gewöhnlichen Begriffen rechtsungültig. Doch zerbrechen wir uns darüber nicht weiter den Kopf, sondern halten wir daran fest, daß der Pachtvertrag auf 99 Jahre abgeschlossen wurde. Dieser Pachtvertrag läuft jetzt schon 14 Jahre. N a ch 85 Jahren ist er also aöge laufen. Was ist es nun, wenn China nach Ablauf dieser Zeit den Pachtvertrag nicht erneuern wird? Die Ausrede, daß der Vertrag nur ein Scheinvertrag und mit der Pacht die Annexion gemeint war, wäre natürlich nicht angängig, nachdem die Regierung Wilhelms II. hölhstselbst nicht eine Annexion, sondern nur eine Pacht Urkunde unterschrieben hat. Es bliebe also dem Deiitsa)en Reiche nichts anderes übrig, als das zu tun, was jeder Pächter, dem die Pacht gekündigt wurde, nach Ablauf der Pachtzeit tun muß, nämlich abzuziehen. Oder soll es wegen Kiautschou einen eklatanten Rechtsbruch begehen und mit China einen Krieg beginnen? Wir glauben, daß in 85 Jahren China durch den Einfluß Japans so aussehen wird, daß die Herren Kaukasier, inklusive der Deutschen, es sich vielmals überlegen wer- den, che sie damit anbinden. Wie kann die Reichslcitung aber in eine Pachtung Millionen über Millionen hineinstecken, obwohl die größte Wahrscheinlich keit dafür spricht, daß sie diese Pachtung nach einer Zeitspanne, die im Leben eines Volkes nicht groß ist, wieder abgeben muß? Wie kann der Reichstag für eine solche mehr als zweifel- hafte Errungenschaft Millionen über Millionen bewilligen? Die Optiniisten, die meinen, China müsse dann dem Reiche die Hunderte von Millionen ersetzen, die es für Kiautschou verwendet hat, mögen daran denken, daß China nach Ablauf der Pachtzeit mit Fug und Recht sagen kann: Wir haben Euch nicht gerufen, wir haben uns nur der Gewalt gebeugt. Jetzt sind wir die Stär- keren, also Wurst wider Wurst, nun müßt Ihr Euch vor unserer Gewalt beugen. Macht, daß Ihr zum Teufel kommt! Wohlpräparierte Eintracht und Begeisterung. Der bevorstehende Katholikentag in Aachen soll nach dem Willen des Klerus und der Zentninisleitung alle früheren Demonstrationen des»katholischen Volkes" Deutschlands an Gewaltigkeit, Begeisterung und Eindringlichkeit überbieten. Deshalb muß verhindert werden, daß der gehässige Kampf zwischen Vachemitcn und den„Berlinern" irgendwo zum Vorschein kommt und die schöne Festesfreude trübt. War eS schon bisher edler Brauch, daß jeder Redner seine aus der „Begeisterung des erhabenen Augenblicks" emporsteigende Rede vor. her einem Prüfungsausschuß zur Begutachtung vorlegen mußte, so soll diesmal jede Reoe ganz besonders strenge geprüft werden, damit nicht einer der Redner sich in seiner christlichen Liebe scharfe Ausfälle gegen die andere katholische Richtung gestattet. Dem „Verl. Tageblatt" wird darüber von katholischer Seite aus dem Rheinland gemeldet: „Bekanntlich bezwecken die Katholikentage, die„völlige Einig- keit der Katholiken nach außen hin glänzend zu dokumentieren. In den pompösen öffentlichen Versammlungen hört man nie einen Mißklang, dort herrschen immer„nicht enden wollender, tosender Beifall" und„stürmische Zustimmung". Man weiß übrigens in den leitenden Kreisen der Katholikentage prophetische genau, bei welchen Abschnitten der Reden der Beifall und Zustimmung ein- setzen werden. Man geniert sich darum auch nicht, schon in den Druckabzügen der Reden, die fertiggestellt werden, noch bevor sie gehalten worden sind, den üblichen Beifall und die übliche Zustim- mung zu vermerken....- Die bestellten Redner müssen lange vorherihre Reden bei dem Komitee der Katholikentage einreichen, damit sie einer peinlich genauen Untersuchung unterzogen werden können. Zweck dieser Uebung ist, daß in diesen Reden nichts vor- kommen darf, was nur einigermaßen gegen den offiziellen Jen- trumsgedanken verstoßen könnte. Auf diese Weise war es möglich, der erstaunten Welt volle Harmonie vorzugaukeln. So war es möglich, daß man auf dein Katholikentag in Würzburg 1909 kein Sterbenswörtchen über Schell zu hören bekam, obwohl der Kampf gegen und für Schell und Connner gerade feinen Höhepunkt erreicht hatte. Freilich hinter den Kulissen ging es hart zu. Auch in diesem Jahre wird man auf dem Katholikentag nichts über Gewerkschaftsfreiheit, Ber- liner Richtung, Bachemiten und Pieperiten zu hören bekommen. Sorgsam scheiden die Macher vorher alles Bedenkliche aus. Eine der Reden ist selbst auf den Ton gestimmt: Li guis dixerit, daß wir nicht völlig einig sind und es nicht immer gewesen sind und es nicht immer sein werden, damnatus sit." Diese Rede soll, wie verlautet, von allen Graden der Begeiste- rung und Zustimmung unterbrochen werden. In Aachen wird der Kölner TerroriSmuS Orgien« feiern und auf der ganzen« Linie triumphieren. Die Berliner sind zum Schweigen gezwungen. Die Parole lautet:„Bcrolinum taceat in Ecclesia." Damit die Berliner vollständig als Schafe ohne Hirten in Aachen herumgehen werden, ist es dem Grafen Oppersdorfs verboten worden, in Aachen zu er- scheinen. Dieses Verbot ist dem Grafen in einem Briefe des Grafen Droste zu Vischering, Präsiden«ten der Katholikentage, zuge- stellt worden."_ Er mustte zur Beichte. Ein kaum glaublicher Vorfall wird aus der Schongauer Gegend berichtet. Am Sonnabend abend fuhr der Dienstknecht Martin Schaller mit einem leeren Leiterwagen von Schivabbruck nach Oster- zell. Kurz vor Schwabsoyen kam der Wagen auf der schlüpfrigen Straße ins Rutschen und kippte um, wobei Schallcr in den mit Wasser gefüllten Straßengraben fiel. Er lag vollständig einge- zwängt unter dem Wagen und war nicht imstande, sich aus seiner lebensgefährlichen Lage zu befrszen. Dabei mußte er seine Pferde fest an den Zügeln halten, denn wenn diese nur einen leichten Ruck getan hätten, wäre es um sein Leben geschehen gewesen. So mußte der Verunglückte die ganze Nacht verbringen. Endlich, morgens gegen 6 Uhr, kam der Oekonom und Kirchenpfleger Andreas B e i e r l e aus Schwabbruck des Weges daher. Flehentlich rief ihn Schaller um Hilfe an. Aber Beierle erklärte, er müsse zur Beichte noch Osterzell und dürfe sich deshalb seine Kleider nicht beschmutzen! In Osterzell angelangt, telephonierte Beierle dann freilich an die Gemeindeverwaltung der nur einige Minuten von der Unfall- stelle entfernten Ortsck�aft Schwabsoyen. So konnte der Knecht um 7 Uhr morgens endlich gerettet werden. Zweifellos ist dieser Kirchenpfleger Beierle ein ehrsamer Jen- trumsmann._ Ein Opfer des Militarismus. Zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte vor einigen Mo- naten das Magdeburger Kriegsgericht ven Arbeitssoldaten Karl Arendt wegen eines tällichen Angriffs auf einen Vorgesetzten. Am Mittwoch bestätigte das Oberkriegsgericht des 4. Armeekorps in Magdeburg das Urteil.— Arendt ist einer jener Menschen, die trotz besten Willens sich nicht in den militärischen Drill einzupassen ver- mögen und sich infolgedessen Strafe über Strafe zuzuziehen. Während er vor der Militärzeit nur eine einzige kleine Geldstrafe davon- getragen hatte, hat er nach seinem Dienstantritt bereits nicht weniger als über 60 Bestrafungen erlitten, alle wegen Ungehorsams und Widersetzlichkeit. Die fünf Jahre Gefängnis hat er er» halten, weil er eines Tages, als er wieder einmal in Arrest abgeführt werden sollte, beim Vorzeigen seiner Sachen einen Befehl eines Sergeanten, die vorgelegte Unterhose höher zu halten, nicht befolgte, sondern statt dessen die Hose nahm und sie mit der aus Goethes„Götz von Berlichingen" bekannten liebenS- würdigen Einladung dem Sergeanten ins Gesicht warf. Die ewigen Konflille mit den Vorgesetzten gaben aber schließlich doch Veranlassung, Arndt auf seinen Geisteszustand beobachten zu lassen. DaS Ergebnis war, daß er zwar ein minder- w e r t i g e r Mensch, aber für seine Handlungen ver- a n t w o r t l i ch(?) sei. Als er vom Lazarett wieder in die Arrest- zelle übergeführt werden sollte, unternahm er einen Flucht- versuch. Dabei warf er einem ihm entgegenkommenden Feld- webel eine Putzkiste ins Gesicht, stellte sich einem Sergeanten, in jeder Hand einen Mauerstein haltend, in drohender Haltung gegen- über und forderte ihn schließlich auf, ihn, Arendt, nieder- zustechen. Diese„Untaten" sichern ihm auch noch eine lange Reihe von Jahren Gefängnis. Sollte der Mann wirklich für feine Handlungen verantwortlich sein? Kinematographen-Erdrosselungssteuern wurden von den bürgerlichen Stadtratsmehrheiten in Elberfeld und Barmen beschlossen. Beide Stadtverwaltungen legten den Stadtverordneten Nachträge zur lommunalen Lustbarleitssteuer zur Beschlußfassung vor. Die bisherige LustbarkeitSsteuer betrug 10 Proz. des Eintrittspreises mit der Maßgabe, daß für Billette bis zu 50 Pf. 6 Pf. Steuern zu entrichten waren und für je begonnene weiter» 50 Pf. gleichfalls 5 Pf. In beiden Städten sind im vorigen Jahr rund IV, Millionen Kinematographen-VillettS versteuert worden. Beeinflußt durch die Klagelieder der Theaterdirektoren über die Kino- konkurrenz, unterbreiteten beide Stadtverwaltungen den Gemeinde- Parlamenten den Antrag, die Lustbarleitssteuer für Kinematographen zu verdoppeln. Daß durch solche Stcnererhöhung der Kientoppschund nicht bekämpft werde, das sprach in Barmen Oberbürgermeister Voigt, der dem- nächst nach Fronlfurt geht, offen aus. In Düsseldorf hätte die Verdoppelung der Steuer die Besucherzahl nicht vermindert. Die Sache kommt also lediglich auf eine ganz gewöhnliche Schröpfung der Massen heraus. Im übrigen werden dadurch einige kleinere Kinobesitzer bankrott gemacht, während die Großen weniger getroffen werden. Dennoch stimmten die gesamten bürgerlichen Stadtverordneten aller Parteien für die Erdrosselungs- steuer kleiner Unternehmungen und Belastung der Massen, was für die angebliche Mittelstands- und Volksfreundlichkeit besagter Paeteien sehr bezeichnend ist. Unsere Genossen wandten sich scharf gegen Uesen Raubzug, weil man dadurch nicht den Schund bekämpft, stndern nur kleine Existenzen vernichtet und die mittellose große Masse neu be« lastet. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten wurde die Ver» Koppelung der Steuer dann in beiden Stadtparlamenten beschlossen. Nach den Handelskammern die Innungen. Von dem sächsischen JnnungStage in Chemnitz wurde folgende Entschließung einstimmig angenommen: Der 25. sächsische JnnungS- tag richtet daS ergebene Ersuchen an die Reichs- bezw. Landes- regierung, sie wolle im Interesse des ganzen GewerbestandeS, sowohl der Industrie als auch vor allen Dingen der Arbeiter und des Handwerls, für ein Verbot des Streikpostenstehens eintreten, sowie einen Schutz der Arbeiter auf den Arbeitsstätten einführen." Außer« dem forderte der JnnungStag die Verschärfung des§ 153 der Ge- werbeordnung und verlangte, daß die Anstiftung zuin Boykott unter Strafe gestellt werde. Bis zum Wiederzusammentritt des Reichstages werden ja wohl olle Trabanten der Scharfmacher aufmarschiert sein und den ge- wünschten Ruf nach dem Zuchlhausgesetz ausgestoßen haben. Graf und Student auf der Straste. Aus Halle a. S. berichtet man: Am Mittwoch stand der Leut- nant der Landwehr ersten Aufgebots, Graf Nikolaus von Luckner von hier, vor dem hiesigen Kriegsgericht wegen Zweikampfs auf Säbel unter Anklage. Der Herr Graf war in einer April- nacht mit dem Studenten der Mathematik Apel auf der Großen Steinstrahe in Wortwechsel geraten. Apel hatte v. Luckncr ange- pöbelt und ihm den Weg versperrt. Man handelte nicht nach Knigges Umgang mit Menschen, sondern man betitelte sich mit Worten wie:„Lumpiger Kerl, Schafskopf und Kneifer". Dann ?ing man zu Tätlichkeiten über, bei denen der Student eine Oh» eige erhalten haben soll. Als der Student auch dem Grafen einen Backcnstreich verabreichen wollte, fing dieser den ihm zugedachten Schlag mit dem Arm ab. Bald daraus erhielt der Leutnant die Forderung. Der Zweikampf wurde am 6. Juli, wie ein Regie- rungsbaumeister bekundete, auf dem Dorfe Diemitz bei Halle nach den„hergebrachten Regeln" ausgefochten. Ueber den Verlauf wurde nicht geredet. Der Student, der wegen der Forderung näch» stens vor die Strafkammer kommen wird, machte von seinem Recht der Zeugnisverwcigerung Gebrauch. Der Graf wurde vom Kriegs- geeicht zu drei Monaten. Feswngshaft verurteilt. Die„Gebildeten", die sich auf der Straße anpöbeln und dann zum Säbel greifen, kommen auf Festung. Der Streiker kommt in sollchen Fällen ins Gefängnis. Recht so— im Klassen staat. Spionenschnüffelei. Sonderbare Blüten treibt die Spionagefurcht in dem berühmten Hinterpommern. Ist da unter den polnischen Arbeitern bei dem Bahnbau Dominke-Stolpmünde in dem Dorfe Wobesde ein Arbeiter, der etwas besser aussieht und sich an den groben Belustigungen seiner Landsleute nicht beteiligt, sondern sich von allem zurückzieht und sich in einem Büchlein etwas aufzeichnet, unter anderem auch die jammervollen Arbciterwohnungen und sonstige entsetzliche Zustände auf dem Lande. Kein Wunder, daß die Gutsbesitzer in Schrecken geraten und einen Spion wittern. FlugS wird der Staatsanwalt zitiert. Der zum.Offizier a.-D." gestempelte Arbeiter wird verhaftet und in das Gefängnis zu Stolp eingeliefert. Hochnotpeinliche Verhöre erfolgen mit dem Resultat, daß der Arbeiter srengelasscn wird, da der Verdacht u n b e» gründet ist. Was halbzerfallene Arbeiterhäuser, eingestürzte Back- öfen und weidende Kühe mit Spionage zu tun haben. daS begreift allerdings der dumme Menschenverstand nicht, das weiß nur der Diplomat._ ftonhrcfcb. Eine russisch-französische Marine-Konvention. Paris, 1. August. Nach einer Meldung des„Temps" haben in den letzten Wochen Verhandlungen ztoischen der russischen und der französischen Negierung über den Abschluß ein er Mariuekonvention zur Ergänzung des Zwcibwndvertrages stattge- funden. Die Verhandlungen wurden durch den Fürsten Lieben. Chef des russischen Marinestabs, bei seiner Anwesen- heit in Paris geführt. Die Abmachungen werden Voraussicht- lich bei der Anwesenheit des Ministerpräsidenten Poincar6 in Petersburg ratifiziert werden. Lelgien. Die Generalstreikvorbereitungen. Man meldet uns aus Brüssel: In Ergänzung unserer Mit- teilungen über die Organisierung des Generalstreiks ist noch hinzu- zufügen, dah die Propagandalommission deS nationalen General- streikkomitees außer dem Manifest, das in einer Million Exemplare verteilt werden wird, eine Serie von Broschüren in Umlauf setzen wird. Diese populären Schriftchen werden folgende Lebensfragen behandeln: Das allgemeine Stimmrecht, den Generalstreik, allge- meines Wahlrecht und gläubige Arbeiter, Streik und Genossenschaften. allgemeines Wahlrecht und GeiverkschaftSbewegung. Streik und Armee, Wahlrecht und Arbciterpensionen, Streik und Alkohol. Die Broschüren werden je in einer Million Exemplare verlegt. Große Meetings mit der Tagesordnung des Generalstreiks werden stattfinden: Am 4. August in Gent, am 11. August in B r ü s s e l. weitere in Brügge, Roulers, Courtrai, Antwerpen, Löwen, Berviers. Lüttich. MonS u. a. Städten. Für Oktober, vor Kammerbeginn, ist eine Propaganda-Tournee in Aus» ficht genommen, die den Generalstreik und das Wahlrechtsthema zum Gegenstand haben soll. Auch ein Budget ist bereits vorgelegt worden. Marokko. Die Ermordung des Deutschen Opitz bei Marrakesch. Casablanca, 1. August.(Meldung der Agence Havas.) Das Bureau der Firma Mannesmann erklärt, die Leiche des Herrn Opitz sei noch nicht gefunden, aber sein Maultier sei in Marrakesch aufgefunden worden. Man wisse nicht, ob Opitz gefangen gehalten werde oder ermordert worden sei. Paris, 1. August. Aus Marrakesch wird berichtet, daß das Maultier des vermißten Opitz bei einem Neger gefunden wurde Dieser gab an, es sei ihm von Leuten des Stammes Rhamna an- vertraut worden. Einer der Rhamnaleute wurde verhaftet und erhielt die Bastonade, legte aber kein Geständnis ab. Die Lokal. behörden von Marrakesch glauben jedoch, auf der Spur des Mörders zu sein. CMtia Das künftige Parlament. Peking» I'. August. Der Präsindent Duanchikai hat am 5. Juli folgende Proklamation erlassen: .Den 10. Juli d. I. wird die Regierung die Bestimmungen über die Organisation der Nationalversammlung und über die Wahl der Abgeordneten veröffentlichen. Den 20. desselben Monats wird man in Peking ein Bureau errichten, das sich mit den Vorbereitungen der Geschäfte der Nationalversammlung und für die Abgeordnetenwahlen beschäftigt. Den 30. Septem- b e r müssen die Abgeordneten für die Nationalversammlung e n d- gültig gewählt sein. Am 1. November werden die A b g e o r d- n e t e n zur Tagung nach Peking berufen werden. Der 10. Januar wird die Eröffnung der Kammer mit großer Feierlichkeit bringen. Tie Zahl der Deputierten wird über 500 betragen." Amerika. Eine kurze Revolution. Washington, 1. August. Die gestern gemeldete Revolu- tion in Nicaragua war von kurzer Dauer. Präsident E st r a d a forderte am 29. Juli den Kriegsminister Mena auf, zurückzutreten. Dieser weigerte sich, bemächtigte sich der Forts von Managua und nahm von Granada Besitz. Darauf lieferte General Chanorra dem General Mena eine Schlacht, der ein Waffenstillstand folgte, auf Grund dessen Mena der Ernennung Barberossas zum Kricgsminister zustimmte._ Die Kämpfe in Biiexiko. Douglas(Arizona), 1. August, lieber die Schlacht bei M e x i! o tverden folgende Einzelheiten bekannt: Die Aufständischen verloren bei ihrem Angriff, der von den Regierungstruppen zurück- geschlagen wurde, über 00 Mann; zwei Geschütze und viel Muni- tion wurden ihnen abgenommen. Die Regierungstruppen be- haupien, nur einen Toten gehabt zu haben. Bei Cananea im Staate Sonora wurden zwei Ameri- kaner gehenkt aufgefunden. Der Gouverneur befahl eine Untersuchung. Man glaubt, daß das Verbrechen ein Werk der Aufständischen ist, um schnell eine Intervention der Vereinigten Staaten herbeizuführen. �lus cler Partei. Ans' den Organisationen. Der sozinldemolratische Verein für den Wahlkreis Königsberg lsen lOstprcuhen) hielt am Sonntag in Königs- derg seine Jahresgcneralvcrsainmlung ab. Anwesend waren Vorstandsmitglieder und Bczirksführer und 82 Delegierte. Ter Vorsitzende, Arbcitcrsekretär Genosse Krüger, erstattete den Jahresbericht. Ter Kreis gehört zu denen, die bei den letzten Wahlen von den Freisinnigen den Konservativen mit Hilfe unge- heurer Hansabundsgeldcr abgenommen worden sind. Die Stim- menzahl der Konservativen sank bei der Wsahl am 12. Januar gegen 1907 von 14 000 aus 9309. Dagegen stiegen die freisinnigen Stimmen von 1209 auf 7999, und die sozialdemokratischen Stimmen von 0309 auf 9200. In der Stichwahl siegte der Freisinnige mit sozialdemokratischer Hilfe. Die Parteiorganisation hat sich im letzten Jahre sehr gut entwickelt. Die Mtgliederzahl stieg von 1074 auf 1SS0, also um 476 oder rund 45 Proz. Darunter sind 222 weibliche Mitglieder gegen 109 im Vorjahre. Auf das platte Land entfallen 803 Mitglieder, darunter 81 weibliche. Während der Wahlbewcgung konnten auf dem Lande viele neue Beziehungen angeknüpft und die Organisation kräftig gefördert werden, was besonders wichtig ist, da der Kreis zu etwa% ländlich ist. Es fanden statt 107 Mitglieder- und 8 öffentliche Versammlungen. Im ganzen Kreise stand uns nicht ein einziges Lokal zur Verfügung, so daß alle Versammlungen in Privatwohnungcn, in gemieteten Räumen oder im Freien abgehalten werden mußten. Verbreirel wurden rund 230 900 Flugblätter, Kalender und Broschüren. Die Wahlbewcgung zur Reichstagswahl kostete rund 5200 Mi Die Vereinskasse hatte außerdem im letzten Jahre eine Einnahme von 5696,41 M. Darunter sind Mitgliederbciträgc 3451,70 M. Die Ausgaben betrugen 5463,49 M. Darunter sind für Versammlungs- lokale über 509 M., für Lieferung des„Landboten" an die länv- lichcn Mitglieder 635,96 M., an den Parteivorstand 679,35 M., an den Provinzvorstand 169,83 M., für Agitation 1094,66 M. Uever den deutschen Parteitag referierte Genosse Krüger. Die Versamm- lung beschloß folgenden Antrag an den Parteitag:. „Die Kreisgeneralversammlung ersucht den Parteitag, den Monatsbcitrag bestehen zu lassen und für die Einführung der Beitragserhöhung eine Frist von mindestens 2 Jahren zu be- stimmen." Als Delegierter zum Parteitag wurde Genosse Krüger gc» »vählt. Sodann wurde der bisherige Reichstagskandidat des Kreises, Geschäftsführer Genosse Borowski, einstimmig wieder als Kandidat aufgestellt. An der bevorstehenden Landtagswahl soll möglichst auch auf dem Lande eine Beteiligung stattfinden, ebenso soll versucht werden, in einzelnen Orten bei den Gcmcindevertretrrwahlcn Kandidaten aufzustellen. ** # Der Wahverein Greifswald-Grimmen hielt am Sonntag seine Kreisgeneralversammlung in Greifswald ab. Die Organisation hat im Laufe des letzten Geschäftsjahres nur einen sehr mäßigen Fort- schritt erzielt. Die Mitglicderzahl stieg nur von 750 auf 774. Und auch darunter sind noch einige Papiersoldaten, die abgerechnet wer- den müßten, wäre die Feststellung der Mitglicderziffer nach den ge- leisteten Beiträgen erfolgt. Dabei hat es für die kleine Schar täti- ger Genossen an Arbeit nicht gesehlt. 7 össentlichc und 61 Vereins- Versammlungen wurden abgehalten, 14 000 Agitationskalender. 28 150 Flugblätter und Broschüren km Kreise berteilt. Dazu kont- men 19 Wählerversammlungen, von denen 9 unter freiem Himmel tagten, und die Verbreitung von 144 090 Wahlflugblättern. Diese Arbeit bewirkte zwar eine Steigerung unserer Stimmenzahl von 3450 auf 4427, doch für die Organisation blieb das Resultat mager. Das ist in der Hauptsache zurückzuführen auf den chronischen Mangel an Versammlungslokalen. Etwa zwei Fünftel der ge- werkschaftlich organisierten Mitglieder des Wahlkreises sind po- litisch organisiert und von den letzteren ist zurzeit leider nur die Hälfte Leser der Parteipresse. Es ist so innerhalb der Organisa- tion wie durch diese noch ein tüchtiges Stück AgitationS- und Auf- klärungsarbeit zu leisten. Die Abrechnung schloß in Einnahme und Ausgabe mit 4913,47 M. ab, bei einem Kassenbestand von 316,58 M. Die Reichstagswahl erforderte 2262,74 M. Beschlossen wurde, künftig 5 Proz. der Einnahmen für Bildungszwecke bereitzustellen. Der. sozialdemokratische Verein für den 8. und 19. schleswig- holsteinischen Reichstagswahlkreis(Bltona-Stormarn und Herzog- tum Lauenburg) hat sich im Geschäftsjahr 1911/12 recht gut ent- wickelt. Die Mitgliederzahl stieg im 8. Wahlkreise von 12 745 auf 14 232, im 19. Wahlkreise von 779 auf 882. Die gesamte Mitglieder- zahl beträgt jetzt 15 114, darunter sind 2504 Genossinnen. Da de! der Reichstagswahl 31 281 Stimmen für unsere Kandidaten abge- geben wurden, kommen auf 100 sozialdemokratische Wähler 39,4 organisierte männliche Parteigenossen. Die einzelnen Mitglied- schaften hatten eine Einnahme von 79 684,87 M. Die Zentralkasse nahm 62 771.64 M. ein und gab 51 251,63 M. aus. An den Partei- vorstand wurden davon 12 003,56 M. und an die Kasse der Agitations- kommission für Schleswig-Holstcin 7909,64 M. abgeführt. Die Reichstagswahl hat 14 781,99 M. gekostet. Die Parteipresse ist in den beiden Kreisen in 10 793 Exemplaren verbreitet. Außerdem lesen 4200 Abonncnnten die unengeltlich verbreitete„Landpost" regelmäßig. Zur Agitation wurden die„Landpost" in 79 503 Exem- plaren, 984 500 Flugblätter und 4080 Broschüren verbreitet. Die ganze EntWickelung der Organisation im letzten Jahre ist außer- ordentlich befriedigend. * Im Wählkreis Rothenburg-Hoyerswerda fand am Sonntag dte Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins statt. Als wichtigster Beschluß ist hervorzuheben, daß der 10 Pf.-Wochenbeitrag eingeführt wurde, anstatt bisher 30 Pf. pro Monat. Als Reichs- tagslandidat wurde wiederum der Konsumvereinsgeschäftsführcr Genosse Otto N e u m a n- Groß-Räschen aufgestellt, der bei der diesjährigen Wahl in der Stichwahl dem Rcichsparteiler Hegenschcidt unterlag. Die Organisation hat im Kreise erfreuliche Fortschritte gemacht. Die Mitgliederzahl betrug jetzt 1100, die„Görlitzer Volks- zeitung" wird in 2500 Exemplaren im Kreise gelesen. Gemeinde- Vertreter sind an 11 Orten 39 für unsere Partei gewählt. Die Genossen mußten eine Reihe Geld- und Gefängnisstrafen über stch ergehen lassen.— Einnahmen und Ausgaben betrugen 7156,63 M. Die Reichtstagswahl kostete für beide Wahlgänge 5284 M. In 89 Versammlungen waren meistens Genossen aus dem Kreise als Redner tätig. In den freien Gewerkschaften werden im Kreise 3349 Mitglieder gemustert. Aus allen Orten wird ein reges Par teileben berichtet. *** Der sozialdemokratische Kreiswahlvercin Weimar III(Jena- Wrida-Neustadt) hielt am Sonnabend, den 27., und Sonntag, den 23. Juli, in Neustadt a. d. Orla seine ordentliche Jahresgcneral- Versammlung ab, die von 55 Delegierten aus 23 Ortschaften be- sucht war. Der Verein zählte am 30. Mini 23 Ortsgruppen, gegen 23 im Vorjahre, mit insgesamt 3694 Mitgliedern(3243 männliche und 451 weibliche) gegen 3231 Mitglieder(2910 männliche und 371 weibliche) im Vorjahre. Die Auslage des Parteiorgans „W cimarische Volkszeitung" hat gegen das Vorjahr um 1400 zugenommen. Unsere Stimmcnzahl bei der letzten ReichtagS- wähl betrug 12 697 gegen 9429 im Jahre 1907, was eine Zunahme von 3263 Stimmen bedeutet. Unfern Stimmen standen insgesamt 16 554 bürgerliche gegenüber. In der Stichwahl siegte Genosse Leutert mit 15 468 Stimmen tzegen 13 695, die der konservativ- bündlerisch-antisemitische Amtsrichter Schauer erhielt. Versamm- lungen fanden im Berichtsjahre im Kreise 503 statt, und zwar 201 Volksversammlungen, 2l Frauenversammlungen und 281 Mit- glicderversaminlungen. Verbreitet wurden 302 999 Flugblätter und 19 000 Broschüren. Oertliche Bildungsausschüsse bestehen an 6 Orten, Jugendausschüsse in 4 Städten. Sozialdemokratische Ge- meinderäte haben wir im Kreise zurzeit 37, davon 15 in Jena. Vereinnahmt wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr, einschließlich eines Kassenbestandes von 4142,52 M., insgesamt 24 458,13 M., verausgabt dagegen 21 749,90 M., wovon 11 081,58 M. auf die Reichstagswahl entfallen, so daß am Jahresschluß noch ein Kassen- saldo von 2717.23 M. in der Hauptkassc vorhanden war. Der Lokal- kasscnbestand sämtlicher Ortsgruppen beziffert sich auf 3989,73 M. An den Parteivorstand wurden 2114,46 M. Pflichtbeiträge abgeführt. In längerer Debatte nahm die Generalversammlung Stellung zum Chemnitzer Parteitag und lehnte einmütig die Vor- schlüge der Reorganisationsrommission betref- send den Parteiausschutz und die Vertretung der Reichstagsfraktion ab. Dvr Parteivorstand sop durch einen mindestens 7 gliederigen unbesoldeten Beirat verstärkt werden und die Reichstagsfraktion nach wie vor vollzählig auf dem Par- teitag vertreten sein, nur soll sie keine beschließende Simme haben. Der Erhöhung der Parteibciträge wurde dagegen einhellig zugc- stimmt. In bezug auf das Stichwahlabkommcn mit den Fortschritt- lichen gelangte nachstehende, von Genossen Höllein-Jena einge- brachte Resolution gegen 2 Stimmen zur Annahme: „Die Generalversammlung bedauert, daß der Parteivor- stand sich in seinen Verhandlungen mit der Fortschrittlichen Volks- Partei dazu herbeigelassen hat, in 16 Wiahlkreisen, in denen die Partei mit den Fortschrittlern in Stichwahl stand, den Wahl- kampfzu„dämpfen", weil dadurch nicht nur unsere p r i n- z i p i e l l e Auffassung des Wahlkampfcs verletzt, sondern auch eine große Verwirrung und Erbitterung in der Par- teigenossenschaft angerichtet worden ist." In die Kontrollkommission für das am 1. Januar 1913 ins Leben tretende gemeinsame Landesorgan für Sachsen-Wcimar wurden die Genossen Hörschel mann, Höllein und Reu- s ch e l aus Jena delegiert, die auch einstimmig als Funktionäre des Kreises wiedergewählt wurden. ' Die sozialdemokratische Partei im Herzogtum Koburg hielt am Sonntag ihre Landeskonferenz ab. In einer Resolution bedauert die Konferenz das Stichwahlabkommen des Parteivorstandes. Als Rcichstagskandidat wurde der frühere Vertreter des Kreises, Ge- noffe Z i e t sch- Charlottenburg,, wieder aufgestellt. Weiter sprach sich die Konferenz gegen den geplanten Parteiausschuß und gegen die Beschneidung des Rechtes der Reichstagssraktion auf Teilnahme am Parteitag aus. Zur Durchführung der erhöhten Partcibeiträge soll eine längere Uebergangsfrist gewährt werden. Als Delegierter zum Parteitag wurde Genosse Zietsch gewählt. *** Der Rechenschaftsbericht des LandeSvorstandeS der Sozialdemokratie Bayerns gibt ein anschauliches Bild von der Entwicke- lung unserer Partei und unserer Presse im bayrischen Lande. Trotz aller erdenklichen Ucbcrgriffe und Schikanen der Be- Hörden war es unseren Genossen möglich, in Wort und Schrift bis in die entlegensten Schlupfwinkeln des Zentrums vorzudringen. Genossen und Genossinnen haben allerorts gut zusammengearbeitet. So zählte der Gau Nordbayern im Juni 1910 33 801 männ- liche und 1831 weibliche Mitglieder, im Juni 1912 4 1 335 männ- liche und 3 32 7 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Vereine stieg von 131 ans 3 01. Der Gau Südbayern zählte im Juni 1910 19 977 männliche und 1547 weibliche Mitglieder, im Juni 1912 2 8 3 8 8 männliche und 2 2 0 6 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Vereine ist von 131 auf 17 3 gestiegen. Der Gau Pfalz zählte im Juni 1910 9194 männliche und 444 weibliche Mitglieder, im Juni 1912 10 63 1 männliche und 1225 weibliche. Mitglieder. Die Zahl der Perew? ist von 103 gus 1 s ö gestiegen. Die Einnahmen des LandeSborstandeS betrugen 1910 bis 30. Juni 1912 249 511,82 M. Die Ausgaben 243 929 39 M. In gleich erfreulicher Weise hat sich innerhalb der Berichtszelk unsere Parteipresse entwickelt. 2sse" �..<5 Post" hat gegenüber 1910 ihren AbonNrntenstand um 6300 erhöht. Die Druckerei ist sehr gut beschäftigt, so daß das im Jahre 1908 erbaute eigene Heim räumlich sehr beschränkt ist und die Ge- schäftslcitung sich veranlaßt sah, ein angebautes Haus zum Prmse von 81 000 M. anzukaufen. Das Haus wird niedergelegt und ein Neubau dem jetzigen Betriebsgebäude angepaßt. Um auch für die weitere Betriebsentwickelung Sorge zu tragen, hat die Geschäfts- leitung noch in den letzten Tagen ein angrenzendes Grundstuck, zirka 3000 Quadratschuh, für 60 000 M. angekauft. Das Re- genSburger Parteiblatt, die„Neue Donaupost, hat gute Fortschritte gemacht. Bis jetzt wurde daS Blatt in unserer Münchener Parteidruckerei hergestellt, die Negensburger Partei- genossen haben sich aber entschlossen, so bald wie möglich eine eigene Druckerei zu gründen. Zu diesem Zwecke wurde ein Sparverein gegründet, auch sonst wurden Gelder von Genossen und Organi- sationen aufgenommen, so daß in nicht allzu langer Zeit genügende» Kapital aufgebracht sein wird. Sehr gut abgeschnitten hat im abgelaufenen Jahre die„Fränkische T a g e s p o st" in Nürnberg. Die Abonnenten finde auf 34 500 gestiegen, auch das Jnse- ratengeschäft hat sich glänzend entwickelt. Die Druckerei war eben- falls vollauf beschäftigt. Eine günstige EntWickelung hat auch die Vfäl,er Vo st" zu verzeichnen. Die Abonnenten haben sich gegenüber 1910 um 2500 erhöht. Die Druckerei ist ebenfalls flott beschäftigt. Die„O b e r f rä n k i sch e V o l ks z e i t u n g in Hof kann über die gleich günstigen Verhältnisse berichten. Der«F ran- k i s ch e V o l k s f r e u n d" in Würzburg hat, obwohl der Parte,- betrieb unter recht kleinlichen Verhältnissen am 1. Oktober 1903 eröffnet wurde, eine relativ günstige Entwickelung genommen, �m vorigen Jahre wurde das jetzige Betriebsgebäude um den Preis von 125 000 M. angekauft und der Betrieb dort eröffnet. Seit 1910 hat sich der Abonnentenstand um 1300 erhöht. Die„F r a n» kische Volkstribüne" in Bayreuth hat in der BerichtSzeil nm 3000 Abonnenten zugenommen. In diesem Jahre wurde ein eigenes Betriebsgebäude erbaut. Der neue Betrieb befriedigt die Ansprüche der heutigen Verhältnisse nach jeder Richtung. Die „Schwäbische Volkszeitung" in Augsburg wurde im Februar 1911 in eine Gesellschaft m.b.H..„Augsburger Buch- druckerei und Vcrlagsanstalt", mit einem Stammkapital von 29 300 M. umgewandelt. Die bis dorthin von Frau Emilie Roll- wagen betriebene Druckerei wurde von der Gesellschaft übernommen. Der Betrieb ist heute mustergültig, die Druckerei gut beschäftigt. Das„Bayerische Wochenblatt", unser züngsteS. vom Zentrum am meisten gehaßtes. Parteiorgan für die ländliche Be- völkerung, hat sich trotz aller Anfeindungen und Bekämpfung von der Kanzel und im Beichtstuhl sehr gut entwickelt. Das Blatt hat sich den Weg gebahnt nach allen Teilen des Landes und ist in allen Volkskreisen eingedrungen. Im Verlauf der paar Jahre seines Bestehens hat sich gezeigt, daß das Wochenblatt der beste Pionier zur Einführung unserer Tagespresse ist. In Kaiser»- lautern ist beabsichtigt, ein Parteiblatt für die Hinterpfalz zu gründen. Ein Kapital von 20 000 M. ist zu diesem Zwecke bereits angesammelt. Im Wahlkreise Rosenheim hat sich in diesem Jahre ein Sparverein gegrünoet, um einen Fonds zu, sammelin zuw Gründung eines Parteiblattes. Bis jetzt wurden überraschend an- sehnliche Beträge aufgebracht. Der Sozialdemokratische Verein Hof-Münchberg konnte auch im verflossenen Geschäftsjahre auf eine Vermehrung seiner Mitglieder zurückblicken. War der Mitglicderstand im Vorjahre 2496, so ist er in diesem Jahre 2972, also 476 mehr. Frauen sind 505 gegen 356 im Vorjahr politisch organisiert. Gemcindevertreter zählt die Partei 67 gegen 11 bisher. Durch die Wahlcrfolge bei den Gemeinde. wählen bekamen wir auch drei Vertreter in die JRagistratskollegien; so einen in Hof, einen in Selb und einen in Schwarzenbach a. S. In der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Ver- eins wurde zum Parteitag in Chemnitz der Genosse Blumtritt ge- wählt. Gleichzeitig wurde beschlossen, dem Parteitag folgenden Antrag zu unterbreiten: 1. Die Beitragserhöhung für männliche Mitglieder auf 40 Pf. pro Monat oder 10 Pf. pro Woche, und für weibliche Mit- glieder auf 20 Pf. pro Monat oder 5 Pf. pro Woche abzu- lehnen. 2. In der Frage des Vertretungsrechtes.der Reichstagsfrak- tion auf den Parteitagen ist der bisherige 31i$j&diis beizubehalten; jedoch ist den Fraktionsmitglicdcrn nur«ts Sitzrccht zu ge- währen. 3. Den Parteiausschuß abzulehnen und einen politischen Bei- rat zu wählen, um die Aktionsfähigkeft der Partei»u erhöhen. Der sozialdemokratische Verein Würzburg-HeidingSfeld konnte auf seiner Generalversammlung am letzten Sonntag wieder einen erfreulichen Mitglicderzuwachs verzeichnen. Die Zahl der Mit- glieder im Kreise stieg von 2226 auf 2402, die der Ortsvcrcine von 17 auf 20. Die Wahlbewcgung war äußerst lebhaft, über 200 000 Flugblätter wurden verteilt. Bei allen Wahlen hatten wir sehr erfreuliche Erfolge zu verzeichnen; bei der Gcmeindcwahl brachten wir außer in Würzburg noch in 8 weiteren Orten des KreiseS Vertreter ins Gcmcindeparlamcnt. Für den Landtag konnten wir dem Zentrum einen Sitz abnehmen und unseren Genossen Endres in die Landtagsstube schicken. Die Krone in den Wahlsiegen bildet das errungene ReichstagLmandat. Dem erbitterten Wahlkampf entspricht die Bedeutung des Sieges in der frommen Bischofsstadt. — Zum deutschen Parteitag wurde Landtagsabgcordiietcr Genosse Endres delegiert. Angenommen wurde ein Antrag an den Parteitag, von der obligatorischen Einführung'des 40 Pf.-Bcitragcs für das ganze Reich Abstand zu nehmen, und es bei dem bisherigen 30 Pf.-Mindcstbeitrag. mit Rücksicht auf die ländliche Bevölkerung,- zu hclassen. Mit dem Wahlabkonimen des bayrischen Landesvor» standcs bei der Landtagswahl erklärte sich die Versammlung ein- verstanden. »» 4p Der sozialdemokratische Kreisverein Mülhausen i. Elf., der am letzten Sonntag seine Vicrteljahrsgeneralversammlung abhielt. steigerte seine Mitgliederzahl in der Zeit vom 1. Juli 1911 bis zum 1. Juli 1912 von 1435(darunter 103 weibliche) auf 1645 /darunter 138 weibliche). Der Verein ist auch in diesem Jahre die stärkste der Kreisorganisationen, die auf der am 1. September in Straßburg zusammentretenden Landesversammlung ver- trete» sein wird.— Der Verein beschloß, bei den bevorstehenden Bezirkstagswahlen im Kanton Miilhauscn-Nord in den Wahlkampf einzutreten, wo man das Mandat den Gegnern abzu- nehmen hofft. Zum Delegierten für den Parteitag in Che m» n i tz wurde Genosse Redakteur Geiler gewählt. Aus der fraucnbewe�iing» Die altchrwurdigcn Gcsiiidcordnnngen. In der Session des Reichstages von 1910/11 wurde in der Dud» gctkommission bei Beratung des NcchtsvcrhältnisscL der Dienstboten festgestellt, daß von den heute noch geltenden Gcsindcordnungen drei aus der Zeit vor dem Jahre 1800 stammen, dreizehn wurden erlassen in der Zeit von 1801 bis 1830, einnndzivanzig von 1831 bis 1850, der Rest ist späteren Datums. Die älteste Gesindcord!- nung ist wohl die für das Herzogtum Lauenburg, sie wurde er- lasftn im Jahre 1732, besteht heute noch und enthält u. a. folgend� zwei Paragraphen:. § 14. Sollten Dienstboten einander zu Widersetzlichkeiten verleiten, ja sogar unter sich gegen die Herrschaft verbinden, sollen dieselben nach Befinden mit Gefängnisstrafe zu Wasser und Brot oder dem Karrenschieben nach Größe des Verbrechens auf kurze oder längere Zeit bestraft werden. § 18. Dienstboten, welche sich vollsaufcn, in ihrer Herr- schaft Wohnung sich schelten oder schlagen, sollen mit Gcsängnis- strafe belegt wexdeu. Gewerkfcbaftlicbea. Segen Streikposten. Es ist besannt, dah die' Polizei bei jedem Streil mit den Kein- lichsten und nicht immer rechtmäßigen Mitteln gegen die Streik- Posten vorzugehen Pflegt, um ihnen die Erfüllung ihrer Aufgabe un- möglich zu machen. Einen besonders krassen Fall dieser Art. der den Reiz der Neuheit nicht entbehrt, teilt der„Courier", das Organ des Transportarbeitervcrbandes. mit.— Es war bei dem vor kurzem beendeten Streik der Rheinschiffer, wo sich dieser eigenartige Fall rechtswidrigen Eingreifens in einen Lohnkanrpf seitens einer Be- börde ereignete. Bei einem Schifferstreik kann das Streikposten- stehen im gewöhnlichen Sinne seinen Zweck nicht erfüllen. Die Streikenden hatten sich deshalb kleine Fahrzeuge gemietet, auf denen ihre Posten an die den Strom passierenden, Schisse heranzn- kommen suchten, um die Besatzung über den Streik aufzuklären. Die Polizei in Boppard scheint nun geglaubt zu haben, im Streik herrsche KriegSrccht und sie könne deshalb„dem Feinde" das in seinem Besitz befindliche„Kriegsmaterial" einfach konfiszieren. Anders läßt es sich nicht erklären, daß, dke Polizei einen von Streiken- den geführten Nachen einfach in Beschlag nahm. Auf diese Weise war die durchaus berechtigte Tätigkeit der Streikposten natürlich lahmgelegt. Ter Besitzer des Nachens, ein Mann, der mit dem Streik selbst igar nichts zu tun hat, wandte sich an den Landrat, damit ihm sein -in Händen, der Polizei befindliches Fahrzeug herausgegeben werde. Darauf erteilte ihm der Bürgermeister von Boppard folgende Antwort: Auf Ihren bei dem Kömgl. Landratsamte St. Goar zu Proto- koll gegebenen Antrag auf Freigabe eines beschlagnahmten Nachens. teil« ich Ihnen in dessen Namen mit. dah Sie den beschlagnahmten Nachen zurückerhalten können, ivenn Sie sich mir gegenüber ver- pflichten, den Nachen nicht wieder an den Dcntschen Transport- arbeiterverband oder eine an dem Streik der Rftcinschiffer be- teiligte dritte Person vermieten und mittels des Rachens in keiner Weise der Förderung des Streiks zu dienen, insbesondere nicht zu dulden, daß dritte Personen sich des Nachens bemächtigen. Sie können diese Verpflichtungserklärung entweder hier an Amisstclle, was das einfachste wäre, oder unter diesem Schreiben � beim dortigen Bürgermeisteramt, genau im Wortlaut dieses Schreibens, zu Protokoll geben und mir einsenden lassen. Bevor ich die Erklärung in Händen habe, gebe ich den Nachen nicht frei.' Also ganz wie im Kriege. Da gibt man Gefangene frei, wenn sie sich verpflichten, nicht mehr am Kampfe teilzunehmen. Hier will der Bürgermeister das den Streikenden abgenommene Eigentum eines Dritten auch nur unter der Bedingung wieder freigeben,, daß eS„dem Feinde"— d. h. den, Gegnern des Unternehmertums die von der Polizei wie Feinde des Staats behandelt werden— nicht zur Verfügung gestellt wird. Abgesehen davon, daß sich die Polizei in Lohnkämpfe überhaupt nicht einzumischen hat, ist sie hier sogar mit einer vollkommen, ge- fetzwidrigen Maßnahme vorgegangen und hat die Interessen, des am Streik unbeteiligten Nachenbesitzers verletzt. Dieser ist dem Ver- langen der Polizei allerdings nachgekommen und hat die geforderte Erklärung abgegeben, um sein Eigentum wiederzuerhalten. Würde er die Gerichte gegen den polizeilichen Uebcrgriff angerufen haben, bann wäre zugunsten der betreffenden Beaniten sicher angenommen worden, sie hätten in gutem Glauben gehandelt. Was würde aber streikenden Arbeitern geschehen sein, wenn sie Arbeitswilligen gegen- über einen auch nur annähernd so schweren, Gewaltakt verübt hätten? Lange Gefängnisstrafen wären ihnen sicher gewesene Uebrigens eröffnet die Beschlagnahme des Streikpostenmachens für strebsame Polizeibeamte ganz neue Perspektiven. Vielleicht hört man bald, daß Streikposten zu Lande die Stiefeln, vielleicht auch die Kleider ausgezogen und während des Streiks polizeilich ver- wahrt werden, damit sich die verhaßten Streikposten nicht auf der Straße sehen lassen können. Das wäre ja nur ein- Stück weiter auf dem Wege, der mit der Beschlagnahme des.Streikpostenkahns eingeschlagen worden ist>_ , Berlin und Clingcgend. Der Kcllnerstreik im Löwenbrauerei-AuSschank beendet. Die Differenzen im Löwenbrauerci-Ausfchank, Höchste. 21, sind zur Zufriedenheit der Streikenden beigelegt. Wir können bei dieser Gelegenheit feststellen, daß die Löwenbrauerei bemüht ge- wesen ist, die Anerkennung der Forderungen der Arbeitnehmer durchzusetzen. Insbesondere hat sie ihren Einfluß zugun- sten der Streikenden geltend gemacht, indem sie den Ab- schluß des Vertrages vermittelte. Achtung, Chemische Arbeiter! Seit Sonnabend, den 27. IM. stehen die Arbeiter der Chemischen Fabrik van Bacrle u. Sponnagel in Spandau im Streik, da Anregungen von feiten der Arbeiter, die mehr als bescheidenen Stundenlöhne von 36— 41 Pf. aufzubessern, von der Betriebsleitung in allen wesentlichen Punkten ab- gelehnt wurden. Der Betrieb ist streng zu meiden. Fabrikarbeiterverband, Verwaltung Groß-Berlin, Bezirk Spandau. Ocutkcbes Beicb. Die Staatsgewalt am Grabe des Erschofsenen. Die Beerdigung des erschossenen Arbeiters Girolath in Ragnit gestaltete sich durch die Maßnahmen der Behörden zu einem eigen- artign Aufzuge. Mittwoch nachmittag 3 Uhr sollte die Beerdigung des von den Gendarmen erschossenen Holzarbeiters Girolath er- folgen. Die Behörde hatte eine größere Beteiligung von Arbeitern aus Tilsit erwartet und deshalb die umfangreichsten Sicherheits- maßnahmen getroffen. Die zum Friedhof in der Neustadt führenden Straßen waren stark belebt. Jede Ansammlung von Menschen aber wurde durch Militärpatrouillen verhindert. Obschon Girolath Mitglied des Holgarbeiterverbandes war, so war die Be- teiligung an der Beerdigung keine allzu große, weil zu der ange- fetzten Zeit wenige Kollegen des Verstorbenen von der Arbeit ab- kommen konnten; auch von Tilsit kamen daher nur wenig Kameraden. Die kleine Kapelle auf dem Friedhofe, in der die Leiche aufgebahrt lag, war vom Traucrgesolgc gefüllt; eine kurze Ge- denkrode hielt der Angestellte des HolzarbeiterverbandeS.— Während die Töne eines Chorals aus der Halle drangen, erschien ein Haupt- mann mit einem Einjährigen-Unteroffizier und acht Mann vor der Kapelle. Die Soldaten hatten auf das scharf ge- ladene Gewehr sämtlich das Seitengewehr auf- gepflanzt. Der ganze Friedhof war gruppenweise von Sol- baten besetzt, die ebenfalls das Seitengewehr aufgepflanzt hatten. Diese völlig unverständliche militärische Bewachung der Be- erdigung müßte auf die Leidtragenden den denkbar deprimierendsten Eindruck niachen, der dadurch noch verschärft wurde, daß der Ver- ftorbene, der weder am Streik noch an den Krawallen- bettziligt jftgr, völlig unschuldig erschossen worden ist. Mctallarbeiterstreik in Thale a. H. Aus» dem Eisenhüttenwerk in Thale a. H. dauert der Streik der Former immer noch an, weil sich die Betriebsleitung nicht dazu ver- stehen will, von der Maßregelung einer größeren Anzahl Streiken- der Abstand zu nehmen. Trotzdem sähe die Betriebsleitung gerne, wenn der Streik bald beendigt würde, denn die Aufträge beginnen vkrantw. Nedakteurp Albert WächS, Belli«. Lnjergtenteil pelsniS-j. sich zu häufelt. Man Hai schon zu den unmöglichsten Mitteln g?» griffen, um die Streikenden kirre zu machen. So versuchte man u. a. die verwandtschaftlichen Beziehungen der Streikenden zugun- sten der Wiederaufnahme der Arbeit auszunutzen, indem Verwandte aller nur denkbaren Grade— mit Vorliebe die Schwiegermütter— angegangen wurden, auf die Streikenden einzuwirken, daß sie wie- der in den Betrieb zurückkehren. Bisher war alles vergeblich; ver- einzelte Abtrünnige kommen nicht in Betracht. Die Justizmaschi- nerie ist auch bereits gegen Streikende in Bewegung gesetzt worden; zwei wurden zu je vierzehn Tagen Gefängnis und einer zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Vergehen gegen Z 153 der Gewerbeordnung war in allen Fällen das Delikt der Anklage. Das ist bei den„unerhörten Streikkrawallen" herausgekommen, von denen die bürgerliche Presie unglaubliche Dinge zu erzählen wußte. Zwei weitere Streikende sind freigesprochen worden und gegen noch zwei wurde gar nicht erst Anklage erhoben, obwohl man sie sogar eine Zeitlang inhaftiert hatte. So brechen die bürgerlichen Terra- rismusschwindeleien zusammen!— Den Angestellten bis zu den Meistern herunter hat die Betriebsleitung jetzt freiwillig bis zu vierzehn Tagen Ferien gewährt; den Arbeitern will sie nicht cnt- gegenkommen. Uusland. Der Maurerstreik in Trautenau(Deutsch-Böhmen) ist trotz aller Bemühungen der„unparteiischen" Behörden mit einem Erfolg der Arbeiter beendet worden. Für die Verhältnisse in Ostböhmen ist es bezeichnend, daß der Stundenlohn von 44 Heller schon durch Wochen- langen Kampf errungen werden muß. Allgemeiner Streik in der finnischen Papierindustrie. Unser finnischer Mitarbeiter schreibt uns: In den größten Papierfabriken Finnlands sind die Arbeiter in den Streik getreten; infolgedessen veröffentlichten die Gewerkschaftsvorstände der Papierindustrie, der Holzarbeiter, der Metallarbeiter, der Stein- arbeiter, der Maurer und die Zentralstelle der finnischen Gcwerk- schaften am 23. Juli eine Erklärung, die nach der Schilderung der Aussperrung von 1303 die Ursachen der jetzigen Arbeitsnieder- legung in d�r Papierindustrie klarlegt.„Im Laufe dieses Sommers", heißt es in der Erklärung,„wurden neue Vorschläge zu einem Arbeitsvertrage gemacht, mit dem Antrage, in der Schicht- arbeit die achtstündige Schicht wieder einzuführen sowie den Tag- arbeitern den SamStag um 1 bis 2 Stunden zu verkürzen und den Mindestlohn der Arbeiterinnen auf 28 und den der Arbeiter auf 32 Penny(13 Penny— 8 Pf.) pro Stunde zu erhöhen. Diese ge- rechten Forderungen der Arbeiter wurden von der Leitung der Ge- sellichaft„Kymi"(der Besitzerin der größten Papierfabriken Finn- lands) brüsk abgewiesen. Die Arbeiterorganisationen hätten kein Recht, Forderungen zu stellen! Da hierdurch jede gütliche Ver- ständigung unmöglich gemacht worden war; blieb deck Arbeitern nichts übrig, als zu dem äußersten Mittel, dem Streik, zu greifen. Am 5. Jul« reichten von den 3330 Arbeitern 1833 ihre Kündigung ein, während andere ihre Kündigung einzeln vorbrachten und die Kündigungslosen ihre Plätze gleich verlassen konnten. Nachdem alle Einigungsversuche mißglückt waren, weil die Arbeitgeber nur auf einer für sie günstigen, für die Arbeiter aber sehr ungünstigen Basis von einer Einigung wissen wollten, stellten die Arbeiter in den Fabriken in Kym», Kunsankoski und Wwika am 13. Juli die Arbeit ein. Die Arbeitseinstellung war so allgemein, daß die Fabrikleitckngen die wenigen erschienenen Arbeiter selbst fortschicken mußten. Die Einigkeit unter den Arbeitern ist selten stark, und die Siegesmöglichkcit daher groß. Dieser Kampf hat für die gesamte ffnnische Arbeiterschaft eine große Bedeutung; nicht nur die Arbeiter der genannten Fabriken sehen darin ihren Aufstieg oder ihre Niederlage, der Ausgang dieses Kampfes wird der ganzen Arbeiterbewegung in Finnland in der nächsten Zeit seinen Stempel aufdrücken. Die gesamte Arbeiterklasse Finnlands ist deshalb bei diesem Kampf engagiert. Es ist notwendig, daß alle Arbeiter sich von diesen Fabriken fernhalten, bis die Leitung der Gesellschaft sich mit den Arbeitern geeinigt hat. Es liegt im eigensten Interesse der finnischen Arbeiter, diesen Kampf aus allen Kräften zu ptiierstützen!"_ Jugendbewegung. Bon der bürgerlichen Jugrnd„pflege". Unser Bielefelder Parteiblatt ist in der Lage, folgendes Rundschreiben abdrucken zu können: „Offizicr-Korps Schötmar, Datum des Poststempels. der jungen Schützen. P. P. Zur Hebung der Interessen für die„Junge-Schützen-Kom- pagnie" haben wir beschlossen, am Sonntag, den 4. August dieses Jahres, im„Tivoli" ein Preisschießen mit nachfolgendem Kommerse und Freibier zu veranstalten. Wir erlauben uns hierdurch. Sie zum Beitritt zu unserer Kompagnie sowie zur Teilnahme an dem Preisschießen und Kommerse mit Ihren werten Damen ergebenst einzu- laden. � Ein jeder patriotisch gesinnte i u n g e Mann ohne Standes- unterschied sollte sich unserer Kompagnie anschließen, damit wir zeigen können, daß die„Jungc-Schützen-Kompagnie" einig und stark und jederzeit bereit ist. für das teure Vaterland einzu- treten. Anmeldungen nehmen sämtliche Offiziere und der Feld- webel, Herr Ferdinand Hansmeier, entgegen. Mit kameradschaftlichem Gruß! Das Offizier-Korps der jungen Schützen. dlk. Antreten der Kompagnie am Sonntag, den 4. August. nachmittags 2% Uhr, im Garten des„Tivoli"." Die Beteiligung an diesem patriotischen Saufgelage soll den Teilnehmer 53 Pf. kosten. Dafür gibt es zum Preisschießen 3 Schuß und beim nachfolgenden Kommers Freibier! Wieviel Tonnen aufgelegt werden sollen, ist leider nicht angegeben. Aber jedenfalls wird dabei nicht gespart werden. Denn je mehr Suff, um so fester die Einigkeit und um so größer die Stärke,„für das teure Vaterland einzutreten". Es sei festgestellt, daß hier sechzehn» und siebzehnjährige junge Arbeiter„mit ihren werten Damen" zu einer solennen Sauferei eingeladen werden. Das nennt man heutzutage Jugendpflege. Es wäre interessant, zu erfahren, ob auch dieses Saufgelage sich der finanziellen Unterstützung aus staatlichen oder städtischen Mitteln zu erfreuen hat. Eine bejahende Antwort dürfte bei der unterschiedslosen Unterstützung aller unter der Flagge„Jugend- pflege" segelnden Veranstaltungen, sofern sie sich nur gegen die proletarische Jugendbewegung wenden, kaum noch Verwunderung erregen._ Hus Industrie und Handel. Rücktritt Englands von der Zuckerkonvention. Ein Telegramm aus London meldet: Im Unterhause gab Hau- delsminister Buxton bekannt, daß die Bedingungen des Protokolls der Brüsseler Zuckerkonvention in bezug auf Rußland nicht befrie- digend seien. Die britische Regierung habe sich daher entschlossen. von der Brüsseler Zuckerkonvention zurückzutreten. Die Regierung Iverde vor dem 1. September diesen Rücktritt bekanntgeben und nach dem 1. September 1313 nicht mehr der Konvention angehören. Die Zugehörigkeit Englands war schon seit dem zweiten Brüsseler Vertrag(1307) nur eine lose. Eine besondere Bedeutung kommt daher dieser Erklärung Buxtons nicht zu, da England schon seit 1337 russischen durch Ausfuhrprämien unterstützten Zucker ohne Zollaufschlag zuließ. Auch der in diesem Frühjahr abgeschlossenen dritten Konvention hatte England nur durch eine nachträgliche Pro- tokollerklärung zugestimmt. Teuerung und Arbelte?. Unter Mitwirkung des Museo commerciale in Trieft hat Mario Alberti eine Enquete über die Lebensverhältnisse der Arbeiter in den wichtigsten Kulturstaaten vollendet. Die Ergebnisse dieser Erhebungen werden in einem Bande(Bewegung der Preise und Löhne. Trieft) besprochen. Der Verfasser prüft die allgemeine Grundtendenz der Preisbewegung in den letzten Jahrzehnten, welche in allen Staaten eine Steigerung offenbart, die aus den folgenden Indexziffern ent- nommen werden kann. 1887 1031 1905 1909 1910 1911 Oesterreich.. 37 37 108 118 118 133 Belgien... 84 93 06 106 103— Kanara... 92 107 114 121—— Frankreich.. 92 105 109 116 116— Deutschland. 02 108 107 120 120 131 England.. 94 106 109 112 118 121 Italien... 70 80 80 85 87— Vereinigt. Staat. von Amerika 90 103 116 126 132 Die Teuerung ist mithin allgemein und weist bedeutende Steige- rungen, insbesondere in den letzten Jahren auf. Nur wirkt sie nicht überall gleich stark. Dort, wo die Löhne hoch sind, ist die Teuerung zwar lästig, aber erträglich, hingegen dort, wo die Arbeitsbedingungen nicht günstig sind, schaffen auch geringfügige Steigerungen der Preise unerträgliche Lebensbedingungen. Es ist daher nicht ohne Jntereffe, die Bedingungen des Lebens und der Arbeit der Arbeiter in den verschiedenen Staaten zu er- örtern. Die Verhältnisse Englands werden dabei als Grundlage ge« nommen und die Zahlen für englische Löhne. Mietsrenten. Lebens« mittel gleich 100 gesetzt. In Deutschland muß dann der Arbeiter mehr zur Befriedigung seiner Lebensbedürfniffe aufwenden; für Miete 123 statt 100, für Lebensmittel 118, für den Lebensunterhalt überhaupt 119 statt 100. An Löhnen bezieht er dagegen weniger als der englische Arbeiter(nur 83 statt 100). Die Zahlen für alle berücksichtigten Staaten stellen sich folgendermaßen:_ Staaten Amerika.. England. Belgien.. Deutschland Frankreich. Oesterreich. Italien der Miet- zwse 207 100 74 123 98 160 105 der Lebens- mittel 138 100 08 118 118 154 159 des Aufwandes für den Lebens- unterhalt 152 100 34 MS 114 155 148 der Löhne 230 100 63 83 75 76 68 Unterschied zwischen dem Auf« wände für denLebcns- unterhalt und den Löhnen + 78 — 81 — 36 — 39 — 79 — 80 erhellt aus dieser Tabelle, daß die günstigsten Leben?» bedingungen(im Verhältnisse zum Preise der Lebensmittel zum Be« trage der Mietszinse und der Löhne) die Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika finden können, obwohl daselbst die Mietszinse und die Ausgaben sür den Lebensunterhalt sehr hoch sind. Nach den Vereinigten Staaten kommen mit Rücksicht aus die bessere Lebenshaltung des Arbeiter« England, dann der Reihe nach Belgien, Deutschland, Frankreich, Oesterreich und Jtalieir. Faßt man gleichzeitig die Höhe der Löhne und die Auslagen für den Lebensunterhalt ins Auge, so sieht man, daß die Lebens« bedingungen des Arbeiters in Oesterreich und Italien schlechter sind, als jene seiner Kollegen in den Vereinigten Staaten von Amerika, England, Belgien, in Deutschland und schlechter als in Frank« reich. In Deutschland finden die Arbeiter weit ungünstigere Lebensbedingungen als in Amerika, England und Belgien. Frank- reich bietet nur um weniges schlechtere Existenzverhältnisse. Aus den sonstigen statistischen Vergleichen folgt ferner, daß in jenen Staaten, in welchen die Löhne höher sind, die Arbeitsdauer kürzer ist und umgekehrt._ Die Industrie im Staate New Jork.> New Fork, das nicht 2 Proz. der Fläche der Union bedeckt, hat den zehnten Teil der Einwohner(9!� Millionen) und ein Sechstel der nationalen Industrie. Während die erste Fabrikzählung von 1849 eine Produktion von 237 Millionen Dollar(knapp 1 Milliarde Mark) ergab, waren es nach der letzten von 1909 über 14mal soviel: 3369 Millionen Dollar. Die Bevölkerung hat sich in dieser Zeit verdreifacht. Die Zahl der Fabrikarbeiter stiieg von nicht 200 000 auf über 1 Million. 1009 gab es 44 035.(1904; 37 200) Fabriken mit 1 004 000(857 000) Arbeitern und 151 700(98 000) Angestellten. Die Zahl der Arbeiter stieg in 5 Jahren um 17,2 Proz.. ihre Zahl pro Betrieb von 23 auf ettvas über 23. Dagegen stieg die Zahl der Angestellten um 54,8 Proz., auf den Betrieb von 2,7 auf 3,4. Der Wert des erzeugten Produkts stieg um 35,4, der dem Rohmaterial zugesetzte Wert um 32,7 Proz. letzte Naebridrten. Um die amerikanische Präsidentschaft. Mashington, 1. August.(W. T. B.) In seinen Antiöori auf die Mitteilemg seiner Nominicrung betont Taft, seine Parove im kommenden Wahlkampf werde sein: Notwendigkeit der Wahrung der Verfassung und der Aufrcchtcrhaltung der bestehenden staatlichen Einrichtungen. Taft erklärt sich ferner für eine Regulierung der Trusts, greift die Haltung der Demokratischen Parter in der Tariffrage cm, tadelt ihre Weigerung, das Flott cnprogrmnm. nach dem jährlich zwei Schlachtschiffe zu bauen sind, weiter fortzusetzen, und kritisiert schließlich scharf die Roofevcttscheir Programmpunkte betreffend Absetzung der Richter und Bollsabstimmung über Gesetzentwürfe. Die Internationale Frciballonwettfahrt. Essen, 1. August.(W. T. B.) Beim Mcldungsschluß für die Internationale Freiballonwettfahrt, die am 11. August stattfindet, liegen scchsundvierzig Anmeldungen vor. Von den zweiundzwanzig Vereinen des Deutschen Luftfahrcrvcrband-s sind allein e i n u n d d r e i ß i g Ballons zu je 1600 Kubikmetcr gemeldet. Zur Füllung werden cttva 68 000 Kubikmeter Gas nötig fern. Ferner starten sechs Ballons zur Alleinfahrt. Die Verom- staltung geht vom Niederrheinischcn Verein für Luftschisfahrt aus. Dep Start findet teils vom GaSplatz der Zeche»Rheinelbe", teils von der Gasanstalt Essen aus statt. Zngzusammenstoß. Budapest, 1. August.(P. C.) Bei der Station Krivany stieß ein gemischter Personenzug mit einem Güterzug zusammen,. Die Passagiere des Pcrsonengugcs, die die Gefahr rechtzeitig bemerkt hatten, sprangen aus dem Zuge, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Der Weichensteller, der den Unfall ver- schuldet hatte, wuade verhaftet. Ein Künder christlicher Lehren. Budapest, 1. August.(P. C.) Ein Pfarrer namens LuÄwlg Jacob gab gestern auf ofscncr Straße aus seinem Revolver sechs Schüsse auf den Landwirt Sliposch ab. doch wmrde! dieser nur leicht verletzt. Als Grund zur Tat ist ein verlorner Prozeß anzusehen, sür den sich der Pfarrer an Sliposch rächen wollte. Als Jacob zwei Schüsse abgegeben hatte, wurde et von seiner neben ihn gehenden Gattin mit den Worten:„Schieß doch diesen Gauner nieder" zumi Wcitcrfchicßen ousgefordcrt. Td.L>Ipckk,V�ill. DruS tt. Pxrlag: LLWörtS Btzgdr, u, Vkrlag�gnjtglt Uqgl Zinge r Siy, Hierzu 8 Briliigrn u.Untkrhaltungsbl. Nr. 178. 29. Jahrgang. t Krilm i>ks JoraSris" ßerliiift PikslilÄ. Frettag. 2. Avgvst19t2. Soziales* Reverse gegen die Koalitionsfreiheit sind ungültig. Bei der Beratung deS Bürgerlichen Gesetzbuchs wurde in der Reichstagskommission � seitens der Kommissionsmitglieder und der Regierungsvertreter ausdrücklich anerkannt, dasi Ver- träge, welche die Koalitionsfreiheit beschränken, gegen die guten Sitten verstoßen. Der Kommissionsbericht bezeichnet das als„zweifellos". Dieselbe Ansicht kam im Reichstags- Plenum zum Ausdruck. Es sind demnach mundliche oder schriftliche Abreden, bestimmten politischen oder gewerkschaft lichen Vereinigungen nicht anzugehören oder aus denselben auszutreten oder sich für den Uebcrtretungsfall einer Kon- ventionalstrafe zu unterwerfen, unzulässig. Trotzdem sind dieser klaren Rechtslage gegenüber oft von Gerichten Reverse zu Unrecht für gültig erachtet worden, die die Koalitionsfreiheit aufheben. Um so erfreulicher ist es, daß sich gestern wieder das Gewerbegericht auf den dem Gesetz entsprechenden Stand Punkt gestellt und einen derartigen Revers für ungültig er klärt hat. ' Am 20. Juni waren die Kutscher und Mitfahrer der Berliner Paketfahrtgesellschaft in den Streik getreten, weil die Direktion fünf Vertrauensleute wegen ihrer Zugehörigkeit zum Deutschen Transport- arbeiter-Verband gemaßregelt hatte. Durch das Eingreifen der Leitung des Transportarbciter-Verbandes wurde der Kampf an demselben Tage wieder abgebrochen, nachdem die Direktion erklärt hatte, daß die Entlassenen wieder eingestellt werden sollten. Dieses Versprechen wurde aber von der Direktion nicht gehalten. Es wurden im Gegen- teil noch andere Angestellte entlassen, sofern sie sich weigerten, aus der Organisation wieder auszutreten. Nach der Dar- stellung der Direktion sollen verschiedene Angestellte tränenden Auges zu ihr gekommen sein, die ihre Verbandsbücher mit der Bitte um Weiterbeschäftigung abgaben. Infolge dieser Bemerkung riefen sich die Angestellten öfter das Scherzwort zu:„Na, Du weinst wohl schon wieder 1" Dieses Scherzwort hatte auch der Kutscher L. einem Unorganisierten gegenüber angewandt, welcher nichts Eiligeres zu tun hatte, als dies der Direktion mitzuteilen. L. wurde daraufhin ohne Einhaltung der dreitägigen Kündigungsfrist entlassen und klagte des- halb gestern vor dem Gewerbegericht den Lohn für die drei Tage ein. Die Beklagte, vertreten durch den Direktor Wolf- söhn, erklärte, der Kläger sei gar nicht wegen des Scherz- Wortes, fondern wegen seiner Zugehörigkeit zur Organisation entlassen worden. Durch Unterschrift eines Reverses habe her Kläger sich verpflichtet, dem Deutschen Transportarbeiterverband nicht anzugehören. Gegen diesen Revers hübe der Kläger verstoßen. Keineswegs habe er bei der Wiedereinstellung nach der Maßregelung der Trans- portarbciter ein Versprechen abgegeben. Er habe gemeint, wenn jeder zu den Vertragsbedingungen zurückkehre, solle alles verziehen sein. Damit habe er.sagen wollen, daß die Direktion die Zugehörigkeit zur Orgnnifation -auch ferner nicht dulde n werde. Der Kläger ses zinu lWu stritt cru s dem Verband nicht zu'bewegen gewesen und konnte deshalb auf Grund des Re- verses ohne Kündigung entlassen werden. Auch habe der Kläger eine Quittung unterschrieben, wonach er kei- nerlei Ansprüche mehr gegen die Beklagte habe. Der Kläger gab das letztere zu, behauptete aber, in feiner Verwirrung nicht darauf geachtet zu haben, was er beim Abgang unterschrieb. Die Kammer 7 unter Vorsitz des M a gi st r a t s- assessors Dreher fällte folgendes Urteil: Ein derartiger Revers; wie ihn die Direktion der Paketfahrtgesellschaft ihren Angestellten zur Unterschrift vorlegt und damit die Koalitions- srciheit einschränkt, entspricht nicht den heute herrschenden Verkehrsanschauungcn und verstößt daher gegen die guten Sitten. Nach Lage der Sache könne das Gericht der Klage aber nicht stattgaben, da der Kläger durch die Ausgleichs- quittung auf seine Ansprüche gegen die Beklagte verzichtet habe. Der Einwand des Klägers, nicht gewußt zu haben, kleines fculllcton Hochsaison dcS Luxus und der Diebe. Jetzt sind alle Seebäder mit Erholungsbedürsligen angefüllt. Das Salzwasser verrichtet da feine Wunder. Manch einer, der abgerackert hinkam, kehrt gestärkt und gestählt zurück. Natürlich mutzte er.Moos" geiuig für solche Nervenkräftigung übrig haben. Proletarier können sich diele notwendige Auffrischung ihres physischen Menschen nicht leisten. Reisen in so- genannte LuxnSbädcr müssen sich aber auch selbst bester Situierte vcrkneisen. Ostende z. B. bleibt.gewöhnlichen" Sterblichen ver- schlössen. Das ist n»r ein Eldorado für schwerreiche Mütziggänger, Abenteurer und Hoteldiebe. Man geht dorthin nicht, um zu bade», bewahre; nian ist nur da, um gesehen zu werden im Prunk fabel« haste» Luxus, den man sich eben gestatten kann. Augenblicklich hält sich in Ostende eine Prinzessin von Thurn und Taxis auf. Sie bewohnt in Ostende nicht weniger als e i n u n d v i e r z i g H o t e l z i m m e r I Abgesehen von unzähligen weiblichen Tomestiken, bemühen sich 17, sage und schreibe siebzehn stämmige Tiener um sie. Das ist aber noch nicht alles. Die Prinzessin hat auch für siebe» MillionenFrancsJuwelen mitgeschleppt. darunter ein Perlenkollier im. Werte von zwei Millionen Francs! Andere Damen bringen ja weniger mit; doch immerbin, soviel wie sie vermögen. Und das wissen die Spitzbuben. Ihre Hochsaison fallt naturgemätz mit den Badereisen solcher Luxusweiblcin zu« samnien. Und sy fand sich die Thurn und Taxisserin eine« TageS um Schmuckgegenstände im Werte von.nur" 100 00V Fr. bestohlen. Eigentlich hatten eS die Langsinger auf den ganzen Juwelenschatz abgesehen. Und öS geschähe dieser Protzerei und Eitelkeit der Püitolratie nur recht, wenn sie empfindlich dafür gestraft würde. Beruf unh Kinderzahl. Der Generaldirektor des französischen statistischen Amtes L. March hat in diesen Tagen beim eugeni- fchen Kongreß wertvolles Material zur Ergründung eines Problems beigc-tragen, dessen Klärung von großer Bedeutung ist. Das ist die Frage, in welchem Verhältnis der Kindericgcn sich auf dse ein» zelncn Berufe verteilt. Der Laie begnügt sich gewöhnlich mrt der etwas vagen Vorstellung, datz die Kinderzahl auf den untersten Sproüen der sozialen Stufenleiter am höchsten ist und schematisch nach oben hin abnimmt. Aber diese Annahme trifft in dieser groben Verallgemeinerung keineswegs zu, und eine genauere Be- trachtnng der wirklichen Verhältnisse zeigt, daß bei der Kindcrzahl eine Fülle von verschiedenartigen.wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Wirkungen durcheinander laufen, die in den ein- zelneu Berufen verschieden sind und jedenfalls nicht unbedingt von der materiellen Lebensstellung der Eltern abhängen. Im all- gemeinen ist der Kinderreichtum der Arbeiterfamilien größer als was er unterschrieb, verdiene in vorliegendem Falle keine Beachtung. Vor der Verhandlung hatte Direktor Wolfsohn den Ar- beitnehmerbeisitzer Werner, als Führer des interessierten Transportarbeiterverbandes, abgelehnt. Das Gericht erkannte diesen Ablehnungsantrag als gerechtfertigt an und verhandelte infolgedessen nur in der Besetzung mit je einem Arbeitgeber und Arbeitnehmerbeisitzer. Internationale Zentralstelle für Jugendfürsorge. Die Errichtung einer„Internationalen Zentralstelle für In gendfürsorge, Kinder- und Mutterschutz" hat— wie das Zentralblatt für Vormundschaftswesen berichtet—, der Schweizerische Nationalrat beschlossen. Die Aufgaben dieser Einrichtung sollen in folgendem bestehen: 1. Sammlung der gesetzgeberischen Erlasse und Verordnungen der verschiedenen Staaten. 2. Herausgabe eines Jahrbuches, in dem alle bedeutsamen Reformen der Gesetzgebung, des Anstaltswesens usw. zusammengestellt werden, 3. Rechtsschutz, 4. Auskunfts- erteilung, 5. Verbindung zwischen den einzelnen Organisationen, 6. Sammlung der einschlägigen Litiratur, 7. Zusammenstellung der wichtigsten der Jugendfürsorge dienenden Vereine, Anstalten und Behörden, 8. Besichtigung der mannigfachen Anstalten und Bericht darüber, 9. Begutachtung und Borbereitung völkerrechtlicher Ver- träge, betreffend Vormundschaftsachen, Jugendfürsorge und Kin- derschutz, 10. Verwaltung der der Zentrale zugewandten Stiftungen, 11. Statistik. Man will alle Staaten, die sich dieser Zentrale anschließen, bei der Leitung mitbeteiligen, vielleicht so, daß jeder Staat für einen ständigen Ausschuß einen oder mehrere Vertreter bestimmt, die gewählt sind aus den führenden Persönlichkeiten der Jugend- fürsorgeorganisationen. Dieser Ausschuß müßte in einem stän- digen internationalen Zentralbureau arbeiten.— Der Plan kann bei zweckmäßiger Verwirklichung dem Jugendschutz gute Dienste leisten. Gerichts> Leitung«. Der„unsittliche" Pfefferkuchen beschäftigte gestern nvchmals den Strafrichter. ES handelte sich um einige seinerzeit in dem großen Prozeß abgetrennte Fälle, die nunmehr vor der'6, Ferienstrafkammer des Landgerichts I unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Goebel zur Verhand- lung gelangten. Angeklagt waren sieben Personen wegen Ver- gehens gegen die Sittlichkeit. Die Angeklagten hatten während der Weihnachtszeit Pfeffer- kuchen, Marzipanrüben und andere aus Marzipan hergestellte Scherzfiguren verkauft, deren Aufschriften, nach Ansicht der Staats» anwaltschaft, unzüchtigen Charakters sein sollen. In der Haupt- fache handelte es sich um Psesseriuchenherzen, welche die Aufschrift trugen:„Lieber Mann, pust' ans das Licht und vergiß Dein Frauchen nicht!"— Das Gericht kam nach längerer Verhandlung nur zu der Berurteilung von- drei Angeklagten, währcd die übrigen freigesprochen wurden. Verurteilt wurden der Milchhändler Gaersig, der Bäckermeister Rost und die Händlerin Fürstenberg zu je 10 M. Geldstrafe. Ein gefährlicher Denunziant. Ein- Kaufmann stvnd am Mittwoch vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte unter der Anklage des Betruges. Bei der Beweis- aufnähme anußte der Rentier und Eigentümer August Ladcwig auS. Oberschöneweide unter Eid zugeben, daß dw in der Anzeige enthaltenden Angaben unwahr und von ihm, dem Anzeigenden, erfun- den waren. Das Gericht sprach deshalb, dem Antrage des Verteidi- gers Dr. Miethke entsprechend, den Angeklagten frei und legte dem Zeugen Ladewig, durch dessen falsche Beschuldigung das Strafver- fahren entstanden war, die gesamten Koste« des Versahrens auf. Ein Privatdetektiv. In der Rolle eines Privatdetektivs hat der Gerüstbauer Hans Pohl verschiedene recht raffinierte Schwindeleien begangen, die ihn gestern unter der Anklage des Betruges im strafverschärfenden Rückfalle vor die 10. Ferienstrafkammer des Landgerichts I führten. Als vor einiger Zeit die ersten Mitteilungen über die von mehreren Obertreibern begangenen Futtermitteldiebstähle auf dem städtischen Zrntrnlviehhof in den Zeitungen erschienen, kam der Angeklagte, der schon vielfach wegen Betruges vorbestraft ist, auf den Gedanken, hieraus Kapital zu schlagen. Er erschien eines Tages auf dem Zentralviehhof und ließ sich hier die Adressen der Angehörigen derjenigen Personen geben, gegen welche ein Strafver- der Kinderreichtum der Arbeitgeber; aber bereits hier drängt sich dem Beobachter eine Tatfache auf, die eine nur wirtschaftliche Be- trachtung unmöglich macht: es zeigt sich, datz die Fabrik- und Kon- torbeamten in diesen Industrien, die wirtschaftlich zwischen den Arbeitern und den Arbeitgebern stehen, im Durchschnitt weniger Kinder haben als die wirtschaftlich viel.besser gestellten Arbeitgeber. Tann wiederum gibt es eine Reihe von Industrien, wo bei den Arbeitgebern die Rinderzahl größer ist alz bei den Arbeitern an- dcrer Industrien: ein Beweis dafür, daß Beruf und Stand als solche eine wichtige Rolle spielen. Innerhalb eines bestimmten Be- rufes zeigt sies oder der Verzweiflung zuriefen. Notizen. — Eine Kunststifiung ist anläßlich de? vierzigjährigen Dienstjubiläunis des Leiters der Berliner Museen, Wilhelm Bodes, ins Leben gerufen worden. Herr Bode soll diesen Fonds für An- schaffungeu frei zur Verfügung haben. — Eine Volksmusikbibliothek soll zum 1. Oktober im Heim der städtischen BolkSbibliothck in Charlottenburg(am Snvignyplatz) eröffnet werden. Der Berliner Tonkiinstlerverein hat 2000 Musikalien und inusikwissenschaftlickie Werke dazu gestiftet und seine eigene Bibliothek von 14 000 Bänden zur Verfügung gestellk. — Die große Bedeutung Ronsseaus für alle wichtigen Gebiete des Lebens und der. Wissenschaft spiegelt sich be- deutsam wider in einem SpezialHeft, das die„Rovus äs Ickota- physique et de Morale"(Verlag der Bnchbmidlmig Armand Colin in Paiis, Preis 4 Mark) dem Genfer Philosophen widmet. Die philosophischen und religiösen nicht minder wie die politischen, sozialen und pädagogischen Ideen NonfseauS. werden von hervor- ragenden Forschern dargestellt und untersucht. I. Jauros ist mit einer Abhandlung vertreten und auch der Deutsche R. Stammler. Auch die Beziehungen und Einflüsse auf Kant, Goethe, Schiller und Tolstoi werden in dem umfangreichen Heft klargelegt. Herr trügt in ein« Kaffeedecke etwas dorstchtig, eS macht den Ein- druck eines Kindes. Grenzenlose Trauer in jeder Bewegung, bitten sie um ein Zimmer. Eine Schar Kellner, inmitten ein Herr, anscheinend der GeschäflSsührer. ist ihnen durch den Garten schon entgegengekommen und w e i st sie ab. Eine grenzenlose En,pörung bemächtigt sich meiner. Ich springe auf und schleudere ihnen entgegen, ob sie sich nicht schämen... Die Acrmsten wurden nun wenigstens auf- genommen. Als dann das Gewitter kam und ich im Kurhaus drinnen den Borfall erzählte, wollte mir das kaum einer glauben... Noch ein«olles Stück will ich berichten. Ein Herr kommt eilig auf die Brücke: er sei Arzt und will sich an den Rettungsarbeiten bf- teiligen. Aber der Brückenwärter schickt ihn zum Automaten zurück. eine Brückenkarte zu lösen I Das erzählte ein Herr, der es mit angesehen hatte! Alle diese Sachen würde ich selbst nicht glauben, wenn ich selbst nicht eben das Geschilderte erlebt hätte." » Beschwerderesolutiou an den Minister. Auf Einladung der bei der Binzer Katastrophe Geretteten fand in Greifswald eine öffentliche Bürgerversammlung statt, in der das Binzer Unglück sowie die Brückenverhältnisse in den Rügcnschcn Badeorten eingehend besprochen wurden. Nach einer mehrstündigen Debatte, an der sich Verunglückte, Augenzeugen der Katastrophe und Greifswalder Fachleute be- tciligten, wurde nachfolgende Resolution beschlossen, die als Telegramm an den Minister des Innern abgesandt wurde: „Sr. Exzellenz dem Herrn Staatsminister des Innern, Berlin. Die heutige, von mehreren hundert Personen besuchte Ber- sammlung Greifswalder Bürger ist nach sachlichen Ausführungen der bei dem Binzer Unglück Beteiligten zu der Ucberzeugung gekommen, daß die B i n z e r Brücke nicht den An- sorderungen genügte, die billigerweise an sie gestellt werden mußten, und daß sür eine Regulierung de« Ueberwachungs- dienstes in keiner Weise gesorgt war. Die Badeverwaltung hat in geradezu leichtsinniger Weise die Kontrolle auf der Brücke ver- nachlässigt; die frivolen E n t st e l l u n g e n, in denen sie die Schuld am Unglück dem Publikum zuschreibt, sind aufs schärf st e zurückzuweisen. Sachverständige in der Ber- sammlung bekunden, daß in den anderen Ostseebädern ganz ähn- liche Mißstände bestehen. Euer Exzellenz bittet die Versammlung, unverzüglich dafür Sorge tragen zu wollen, daß sofort eine gründliche Revisron sämtlicher Brücken der Ostseebäder vorgenommen werde." Die amerikanische Polizeikorruption. Bei der Untersuchung in Sachen des Roseuthalsche« Mordes, wo Jack Rose aussagte, daß der Polizeileutnant Becker ihn als Vermittler für polizeiliche Erpressungen gebrauchte, erklärte der Spieler weiter, daß über hundert kleine Monte Carlos in New Jork bestehen, die an die Polizei bis zu 500 Dollar monatlich zahlen. Der Staats- anwalt versucht, für diese staunenerregende Aussage Beweis- Material zu erbringen. General Bingham, der vor Jahren den Posten als Polizeipräsidenten bekleidete, erklärte, daß Millionenbeträge jährlich von unredlichen Ge- schäften an die New Aorker Polizei bezahlt werden, sei es durch Bestechung wie auch durch Erpressung. Er versicherte ferner, daß er ein Vermögen von einer Million Dollar hätte eriverben können, wenn er alle Quellen, die ihm zur Ver- fügung standen, ausgebeutet hätte. Während seiner Wirksam- keit als Polizeipräsident waren ihm einst 200(XX) Dollar als Pestechungssumme und ein monatliches Gehalt von 500 Dollar angeboten worden, wenn er sich dazu verstehen würde, einem bekannten Bauernfänger vor der Oeffentlichkeit die Hand zu drücken. General Bingham hält es für unmöglich, genügendes Bewcismaterial für die Bestechungen zu finden. Aber der Staatsanwalt erhofft dennoch Belastungsstoff zu erbrisigen, und zwar rechnet er auf die Hilfe Jack Roses und der anderen Gefangenen.__ Ein neuer Unfall des Wrightfliegers Abramowitch. Wie ein Telegramm aus Pskow meldet, ist der Wrightpilot Abramowitch Donnerstag früh, als er in Pskow von neuem starten tvollte, von einem Unfall betroffen worden. Am Mittwochabend hatte Abramowitch, nachdem der neueingetroffene N. A. G.-Motor in die Maschine eingebaut worden war, seinen Zwischenlandungsplatz bei Wenden verlassen, um den Flug nach Petersburg fortzusetzen. Der Start ging auch glatt von statten und der Russe legte niit seinem Passagier, Regierungsbaumeister Hackstätter, die zirka 220 Kilometer lange Strecke bis Pskow in tadellosem Fluge zurück. Gestern früh starteten die beiden Flieger zu der letzten Etappe auf einem sehr kleinen Gelände und mußten dabei emen Kurvenstart bornehmen. Der Motor ließ plötzlich etwas nach und die Maschine rutschte, als sie etwa zwei Meter über dem Boden war, seitlich ab. Bei dem Aufprall auf dem Boden wurde die rechte untere Trag- fläche stark beschädigt, so daß sie durch eine neue ersetzt werden muß. Die Flieger kamen ohne Verletzungen davon. Die sofort telegraphisch bestellte Tragfläche ging noch am gestrigen Donnerstag ab, so daß sie im Lause des heutigen Tages an der Unfallstelle eintreffen kann, wo die Reparatur sofort vorgenommen werden wird. Am Sonnabend früh würden dann die beiden Piloten zu der letzten Etappe nach Petersburg starten. Kleine Notizen. Raubmord in Hamburg. Am Donnerstag siüh 7 Uhr wurde in den Geschäftsräumen der Firma Behneke u. MeweS, Oberelbische Dampfschiffsreederei, in der Klosterstraße der Kassierer Menzel gefesselt und erdrosselt aufgefunden. Der Geldschrank war ausgeraubt. Der Mord scheint bereits gestern abend geschehen zu sein. Die Polizei hat auf die Ergreifung des Täters eine Be- ohnung von 1000 M. ausgesetzt. l BcrgmanusloS. Am Donnerstag früh waren auf der Zeche Oberhausen auf der sechsten Sohle Arbeiter damit beschäftigt, einen Ouerschlag auszuführen. Sie haben dabei einen wahrscheinlich von der Mittagsschicht herrührenden Schuß entzündet. Durch die Explosion wurden zwei Arbeiter getötet, zwei schwer und einer leichter verletzt. Verhaftung eines Raubmörders. Mährisch-Ostrau, 1. Aug. Die hiesige Polizei verhaftete den berüchtigten russischen Banditen Wenzel Turski, der schon längere Zeit wegen vieler Mordtaten von den Behörden gesucht wurde und der erst vor kurzem in Russisch- Polen in dem Orte TomaSzow im Verein mit zwei Komplizen den Fabrikdirektor Berger ermordete und dabei 93 000 Rubel erbeutete. Er war mit dem Gelde nach hier geflüchtet, wo die Polizei, die von seiner Anwesenheit Kenntnis erhalten hatte, zu seiner Verhaftung schritt. Ein 84jährigir ermordet. AuS P a s s a u wird gemeldet: Im neuen Mühlviertel in der Ortschaft Hölting wurde der 84 Jahre alte Höller ermordet und beraubt in seiner Wohnung aufgefunden. Dem Täter sollen nur 60 Kronen in die Hände gefallen sein. Dir Wwe. Emile Zola von einem Diebstahl betroffen. Bestohlen wurde, wie auS Clcrmond Ferrand gemeldet wird, die Wwe. Eurile ZolnS, die sich gegenwärtig in Royat lcS Bains aufhält. Den Dieben gelang es. sich Eintritt in das Hotel, in dem Wwe. Zola wohnt, zu verschaffen. Dann drangen sie in deren Zimmer ein. er- brachen einen Schrank und öffneten verschiedene Behälter, worauf sie mit einer Beute von 3 500 Francs in barem Gelte und verschiedenen Schmucksachen das Weite suchten. Furchtbare Eisenbahnkatastrophe in Brasilien. Ein Eisenbahn- zusanimcnstoß erfolgte aus der Strecke der Zentralbrasilia- nischen Bahn in der Nähe der Stadt Rio de Janeiro. Gegen hundert Personen sollen getötet oder verwundet sein. Flaschenpost verschollener„Titamc"-Opfcr. Ein drahtloses Telegramm bekiihkdteffsäch Aew Dork vori'der A üfklv du n g einer Flasche in d e r B l a ck I s la n d- B a i. Die Flasche enthielt einen Zettel mit der Aufschrist: 16. April. Wir sind mitten im Meer auf einem Floß und haben weder Lebensmittel, noch Wasser. Major Butt. Major Butt war einer der Passagiere der.Titanic". Rrbeltertouristenverein„Die Naturfreund«-. Ortsgruppe B-rlim Sonntag, den 4. August: Wanderung von Tietensee, Gamengrwrd nach Strausberg. Abfahrt nach Tiefensee früh 5.23 vom Wriezcncr Bahnhof, Fruchtstraße. Gäste willkommen._..,.. ,. Arbeiter-Wanderverein.Berlin". Sonntag, den 4. August. Wanderfahrt nach Chorinchen— Kloster Chorin— AorsthauS NePe—0d«berg Pimpincllenberg— Dorj Liepe— Niedcrsinow. Abfahrt 5.59 Stettuur Hauptb. Eingegangene Druckfebriften. Von der.Neuen Zeit" ist soeben daS 44. Hest des 30. Jahrgangs erschienen. AuS dem Inhalt des HesteS beben wir hervor: Der General- streik in Zürich. Von Robert Grimm.— Die neue Taktik. Von K. KautSky. — Nach dem 2. Juni. Von Hendrik de Man(Brüssel).— Aus der Praxi» der Agitation. Von Heinrich Knaus(Gera).— Literarische Rundschau: Otto Rühle, DaS proletarische Kind. Von Luise Z Die Neue Zeil" erscheint wöchentlich einmal bandlunacn, Poslanstalten und Kolporteure zum W-i-----------, Quartal zu beziehen? jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das emzelne Hest kostet 2o Pf» Wie erbält man Kredit und Darlehen. Ratgeber von lv. Serst- mann. 3 M.— Verlag sür praktische Rechts künde, Berlm W. 8. Die-nslanze» und der Mensch. Herausgegeben von Professor H. Brüqgemann S. Fcrcnczi Prof. Dr. L. Frankel, Pros Dr C. Fruwirth, Dr Viktor Grase Pros. Dr. C. HauSrath. kgl. Gartenbaudirektor W. Lange. ,. Schuld H�Welten. List. 7, 8, S, je 1 M.— Kosmos. Gstellschajt iaturjrennde, Stuttgart. Marktbericht von Berlin am 31. Juli ISIL. nach Ermittelung des tönigl Polizeipräsidiums. M a r k t h a l l e n p r e i s e.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00—�,00. Sveöebohnen, weiße, 30,00—50,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 10,00—14,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80— 2,40. Rindfleisch, S3auchfkisch 1,50-1,90. Schweinefleisch 1,50-2,20. Kalbfleisch 1,50-2,40. Hammelfleisch 1 70—2,40. Butler 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,40—5,20. 1 Kilogramm Karpien 1,40—2,20. Aale 1,40—3,20. Zander 1,60-3,60. H�el40—-2,80. Barsch- 0,80-2,40. Schleie 1,40-3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebs« 2,40—40,00._ WitterungSüberstcht vom 1. August 19X2._ Elutionen Swlnemde. tambnrg crlin Franks.aM. München Wien Vetter wolkij. bihalb bd. 2.woltig 3>NcbeI 2!hettir 1 wolkenl rtS- 6» £* wS> Etattonen£.0 II ef Haparanda! 7 56 SW Petersburg 761533 Zcilly l 753 NW Aberdeen 746 PartS 754 SW Wetter 4ch-deckt t bedeckt biwolkig bedeckt bedeckt >«« c» Ii Sk 16 18 13 10 17 Wetterprognose für Freitag, den 2. Angnft 1912 uS lühler bei verändellii'" westlichen Winden: leichte Regens Etwas lühler bei verändellicher Bewölkung und ziemlich frischen jüd- _ Berliner SetterSureou. WaflerstandS-Nachrichtcn der LandeSanstalt für Gcwäflcrlunde, mitgeteilt vom Brrllner Wetterbureau Wasserstand M e m e I. Tilfit Pregel, Jnsterburg W e i ch f e I, Thor» Oder, Ratibor , Krassen , Fraiiksurt Warthe. Schrimm , LandSberg Netz«, Vordamm Elbe, Lcitmeritz -, Dresden r , Barbh , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') . BeeStow Weser, Münden , Mwden Rhein, MaximUianSau , Kaub . Köln Neckar, Hcilbron» Main, Hanau M o s p l, Trier ') 4- bedeutet WulbS,— Fall.—•) UnterPegel.—') Am 1. früh Wasserstand nur noch 373 am, weiter fallend. Todes-Anzeigen Sozialdemokrat. Watilverein Neukölln., Den Parteigenossen zur Nachricht, daß unfer Mitglied, der Mafchintst WilKelm Strehlow Berliner Straße 85(Bezirk 5) an den Folgen einer Operation ver- storben ist. «hre feinem Andenken k Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 3. August, nachmitNgS 1>/, Uhr, von der Leichenhalle des Neuköllner Gemrinde-FriedhoseS, Mariendorscr Weg, auS statt. Ferner verstarb unser Genosse, der Kellner Gustav Brötzmann Richardstraße 66(Bezirk 10). Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Neu- köllner Gemeinde-FriedhoseS, Ma- ricndorser Weg, auS statt/ Rege Beteiligung erwartet Der Borstand. Am Mittwoohnachmittag entschlief nach kurrem, schwerem Loiäen unser lieber Socius, Bruder und Freund, Mitinhaber der Brauerei Carlsberg 2697b Fraii|Z Otto im 43. Lebensjahre. Wir werden sein Andenken in Ehren halten, er war uns stets ein treuer Freund und Borater. Berlin so., i. Aug. 1912, Heinrich Otto. Wrangelstr. 52. Paul Pippow. findet am Sonnabend, den 3. d. M., _ Leichenhalle d~~ Kirchhofes, Landsberger Allee, aus statt. Die Beerdigung nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des St. Georgen- Zentralverband der MasehiDisten und Heizer sowie Berufsgenossen Oeutscbl. Verwaltungsstelle GroB-Berlin. Am 30. Juli verstarb unser Mitglied, Kollege Wilkelm Ltfeklo�v. Ehre setnem Andenken Z Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 3. August, nachmittag« >>/, Uhr, von der Leichenhalle des Neulöllner Gemeinde-Friedhoses, Mariendorser Weg, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 145/11 Die Ortsverwaltung Danitfiaicnng. Für die reichen Kranzspenden und rege Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unsere« guten Batei«, Schwiegervaters nnd Groß- valcrs, sagen wir allen Verwandten, Belannten, Arbeitskollegen und der Krankenkasse der deutschen Wagen- baucr, Berlin 10, unseren herzlichsten Dank. 31A Albertlne IQaterna nebst K>ndern. Verband der Steinsetzer, |Pnastereru.Beru[sg.Deutscldands Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, | daß unser Kollege Pau! Weinrauch verstorben ist. 175/4 Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am Frellag, den 2. d. M., nachmittag« 3 Uhr, von der Halle de« Beth- semane-Kirchhoses, Nordend, aus statt. Rege Bctelllgung erwartet Der Borstand. veulzever ösusrdettel'-Vei'bsnü Sv>it4«a der Pnt.er. Am 81. Juli früh starb der Kollege Eirnsl; Dölling (Bezirk Moabit) im 60. Lebensjahre an Lungentuberkulose. Die Beerdigung findet am Freitag, den 2. August er., nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Jagowstraße 22, ans nach dem HcilandSttrchhos In Plötzensee statt. 141/6 Der Borstand. Für die vielen Beweise herzlichster Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Bcerdigmig meines lieben ManneS und Pflegevaters Gaatav Ulrich sagen wir allen Verwandten, Bekannten und Genossen unseren herzlichsten Dank.„ 21A Witw« Oertrad Ulrich und Pslegesohn. Tode.-Aazoiixc. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser lieber Vater und Großvater, der Tischler am Dienstag, den 30. Juli, im 80. Lebensjahre verstorben ist. Im Namen der Hinterbliebenen I*»«! OottmannshanKcn Die Beerdigung findet am Sonnabend, 3. August, nachm. 51/, Uhr, aus dem Nazareth- Kirch hos ln Reinickendorf, Kögel- straße, statt. 6A Am 28. Juli verstarb unser lieber Sohn und Bruder Heinnch Schultz Ouitzowstr. 108 durch Ertrinken. Die trauernden Eltern 41A und Geschwister. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. August, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Tegeler Gemeinde- Kirchhoss aus statt. - Am DicnStag oerstarb an den Folgen eilieS UnglückssallcS beim Baden unser lieber Sohn, Bruder und Schwager 2698b Walter Gorn Soldat im 49. Jnsant.-Rcgt., im 23. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt an Die trauernden Eltern und Geschwister. Arbeiter- yiahrer- Hund Solidarität. Ortsgruppe Berlin. Touren zum Sonntag, den 4. August: t. Abt.: 6 Uhr: Teupltz. 1 Uhr: Eichwalde. Start: Bülowstraße 58. 2. Abt.:. 6 und 9 Uhr: Werlsce (Dampsschiff).(Badetour.) Start: Schönlewstraße 6. 3. Abt.r Am 3. August, abends tO Uhr: Gosencr Berge.(Lnmpion- tour.X Am 4. August. 6 und l2 Uhr: Zwlebusch. Start: Lausitzer Platz lt. 4. Slbt.: 5 Uhr: Dubrow. 1 Uhr: Schmöckwitz(Noack). Start: Küstriner Platz. 5. Abt.: 3 Uhr: Freienwalde. 10 Uhr: Werneuchen. Start: Elysinm. 6. Slbt.: 6 und 12 Uhr: Wand- lltz(Seekrug).(Badetour.) Start: Oderbcrger Str. 28. 7. Abt.: 1 Uhr: WaidmannSIust. Start: Schulstr. 29. 8. Abt.: 6 Uhr: Lank-(Witwe Wezker).(Badetour.) 1 Uhr: Nieder- Schönhausen(Lindenltr. 11). Start: Levetzowstraße 21. 9. Abt: 8 und 12'/, llbr: RüderS- dorser Kalkberge. Start: Schilling- straße 22. Jugendlich« Bundesgenossen: 6 Uhr: Teupitz(Tornows Idyll). 12 Uhr: Mittenwalde. Start: Stralauer Br. 3. Reinickendorf. Vereinstour: Am 3. August, abends 7'/, Ahr: Spreewald. Sammelstart: Ecke Bad- und Exerzierstraße. 12/8 Kraudeu- und Strrdtkasse aller gewerblilhen Arbeiter für Zdiöneberg und Kerliu Eingeschriebene HUsSkasse Sir. 1l5. Tonntag, den 11. August, vor- mittags 9 Uhr. in den neuen»Rat- haussiilen", Meininger Straße 8, Tunnel: 294/3« lZeuersl-Verssmmlullg Tagesordnung: 1. Halbjährlicher Kassenbericht. 2. Be- schlußsassung über Auslösung resp. Ber- schmclzung mit einer anderen Kasse. 3. Verschiedene Kasscnaiigcleaerihcilen. DieBersammlung wirdpunktl. eröffnet. Offne Mitgliedsbuch kein Zutritt! Der Borstand. I.A.: B. Jaenicke. 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Sonntag, de« 11. August, vorm. 10 Uhr, bei Wille. Sebastiaustr. 59» MtcmtolL Gkiinal-Nnsommlilog. Tagesordnung: 36/3» 1. Abrechnung vom ersten Halbjahr 1312 sowie RevisionSbcricht. 2. Wahl sämtlicher tzilsskassiercr. 3. Wichtige Kassenaiigelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert.— Die Versammlung wird Punkt 10 Uhr erössnet. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Vorstand. Vereine«. Gewerkschaften und Schule« empsiehlt sich das Stestanrant Wald'«Idyll ——— Schmöckwitz 1. d. Mark.——— Ausschank von Schultheih-Biere».— Auerkaunt gute Küche. » Jnh.: Ernst Roack. Telephon: Zeuthen 31. d* 4H M O A im Ganzen und ausgeschlachtet M UallSC ver Verkauf hat besonnen!? Rümpfe von 2,75 an, Lfescn, Hautfett, Gänseklein, Leber, Stfickenfleiscb. Frisches Gänseschmalz., IM Max Schönwald, Luekauer Straße 1. O Barbarossaplatz 2. Botzstraße 53, Flensburtjer Straße 19. M H.& P. Uder, e„Ä s; Tabak-Großhandlnng und Tobakfabrik. Sep"'!; F. J. Burrus St. Kreuz!. L. 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August: Ausflug nach Nieder-Schönhausen. Treffpunkt: Nachmittags 2 Uhr bei Scttekorn, Nieder-Schönhausen, Lindenstr. 1. Pankow. Morgen Sonnabend, den 3. August, findet im„Pank- grasen", Schloßstr. 6, das S o m m e r f e st des Wahlvereins(Bezirk Pankow) unter Mitwirkung des Gesangvereins.Liederfreund" (M. d. A.-S.-B.), des Arbeiter-Tnrnvereins(M. d. A.-T.-B.), des Arbeiter-Radfahrer-Vereins(M. d. A.-R.-B.„Solidarität") sowie des Berliner Humor-Ouartetts statt. Anfang des Konzerts: nachmittags 4 Uhr. Wittenau. Sonnabend, den 3. August, abends 8l/3 Uhr, findet bei Wittchow, Oranienburger Straße, ein kombinierter Extrazahl- abend statt. Petershagen, Fredersdorf, BogclSdorf. Sonntag, den 4. August, nachmittags 5 Uhr, findet im Lokal„Zum alten Dessauer', PeterS- Hägen, Hennickendorfer Straße, eine öffentliche Versammlung statt, in der Landtagsabgeordnetcr A. Hofsmann über„Deutschland über alles" spricht. Zu obiger Versammlung findet am Sonntagvorniittag eine Handzettel-, außerdem eine Fluablattverbreitung für den Schnaps- bohkott statt. Material ist abzuholen in Fredersdorf bei Karl Müller, Hauptstraße, in Petcrshagen bei Genossen Claas, Bruch- mühlenftraße. Schenkendorf bei Königs-Wusterhausen. Sonnabend, den 3. August, abends 8 Uhr, bei Otto Paetsch: Mitgliederversammlung. TageS- Ordnung: 1. Kassieren der Beiträge und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Wahl der Delegierten zur Kreis- und Berbandsgcneralversammlung. 3. Unser diesjähriges Sommerfest. 4. VereinSangclegenheiten und Verschiedenes._ Der Vorstand. Berliner Nachrichten* Im Freibad. Jetzt, wo eine drückende Sommerschwüle wieder über dem Großstadthäusermeere brütet, erfreuen sich die Freibäder draußen an unseren märkischen Gewässern des regsten Be- suches. Taufende schwitzender, abgehetzter Stadtmenschen pilgern hinaus, um in den Fluten unserer prächtigen Seen Erfrischung und Kräftigung zu suchen. Besuchen wir z. B. an cinein dieser heißen Sommertage das Freibad am Wann- see, so möchten wir unS bald in das lustige Leben und Treiben eines unserer Nord- oder Ostseebäder versetzt wähnen. Vom Bahnhofe Nikolassee brauchen wir nur dem Menschen- ströme zu folgen, der sich mit jedem der ankommenden Züge dorthin ergießt. Durch prächtigen Kiefernhochwald führt der sandige, ausgetretene Weg. Stumm und starr stehen die riesigen Föhren im grellen Sonnenmittagsbrand; nicht der .Ii? leiseste Windhauch spielt im düstergrüncn Nadeldach. Bald schimniert durch die Stämme die blinkende weite Wasserfläche und kurz darauf stehen wir an einer steil abfallenden Ufer- böschung, an der sich unten ein hübscher, sandiger Strand hinzieht. Weit vor uns dehnt sich der glitzernde Spiegel des Sees, stimmungsvoll von dustblauen Wäldern umsäumt. Ein Stückchen am Ufer hin und wir schauen unter uns ein buntes, vielbcwegtes Leben. Wie in einem Ameisenhaufen, ein Kribbeln und Krabbeln von Tausenden von nackten Menschcnleibcrn, die sich am Seeufer spielend und badend umhertollen oder langgestreckt der Ruhe pflegen. Wie aus einem Bienenschwarm schallt ein Ivirres Gesumme zu uns herauf.— Schon stehen wir am Eingangspförtchcn zun: ab- gezäunten Badctcrrain, wo wir einen Nickel blechen müssen und dann befinden wir unS gleich an der Ausgabe für Badcutensilien. Wir steigen primitive Stufen hinab zum Strande. Hier tollt ein ausgelassener Mädchcnschwarm in an- mutigem Neigenspiel.— Dort haben Männer eine Sprung- konkurrenz improvisiert, eine Schar Zuschauer umschließt sie in langen Reihen. Daneben liegen einige Phlegmatiker lang im Sande hingestreckt und lassen sich in der brennenden Sonnenglut braun rösten.— Recht verlockende Düste steigen aus einer höchst originell ausgeführten Sandringwall- festung auf, in der eine heitere Gesellschaft beim Mittags- schmause sitzt. Und welch ein fröhliches Jauchzen und Plätschern schallt vom Wasser her I... Vor unS führt eine Mutter ihre beiden Jüngsten in die sanft anlaufenden Wellen; erst sträuben sich die Kleinen, aber allmählich machts ihnen scheinbar Spaß und lustig planschen sie zuletzt darin herum. Tort macht ein Bübchen unter Anleitung seines Vaters die ersten Schwimmversuche. Recht possierlich nimmt es sich aus, wie der Kleine strampelt und sich abmüht, ohne daß es ihm gelingt, den richtigen Takt zu halten. Weiter draußen da tollen und springen sie, daß die Wogen hoch aufspritzen, Männer und Knaben, Frauen und Mädchen. Ueber all dem frohen Treiben strahlt unerbittlich heiß die grelle Hochsommersonne. Stunden rinnen hier im Fluge.... Wenn der Tag scheidet und das letzte Abend« sonnengold über der weiten Seefläche zittert, dann rüstet auch der Freibadbesucher wieder zur Heimkehr... und bald schwitzt er wieder in der drückenden Schwüle der Stadt. Unstimmigkeiten in Hagenbecks Indien. Die große Völkerschau auf dem Tempelhofer Felde,„Indien in Berlin", deren finanzielle Verhältnisse reckt unklar sind, wurde gestern vom Gerichtsvollzieher besucht. Der frühere Generalpächter Höpfner, der gegen Gustav Hagenbeck, den Besitzer des Unternehmens, eine Forderung geltend macht, wollte das Inventar der Schau unter Siegel legen lassen. ES war aber dem Gerichtsvollzieher nicht möglich, seinen Auftrag auszuführen, da bereits vor einigen Tagen das Unternehmen in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt ist. Die Ein- tragung ist im Amtsgericht Schöneberg am 29. Juli erfolgt. Da- nach beträgt das Stammlapital der Gesellschaft m. b. H. 199 000 M. Zum Geschäftsführer ist der Unternehmer Gustav Hagenbeck bestellt worden. Die Firma lautet Gustav Hagenbeck G. m. b. H.-WilmerS- d.'rf. Als dem Gerichtsvollzieher die Belege für die Umwandlung vorgelegt wurden, wollte er die große Raubtiergruppe pfänden, die gegenwärtig den Clou der Vorführungen bildet. Aber auch hier ergaben sich wieder ganz erhebliche Schwierigkeilen. Denn erstens ist das Pfänden von Raubtieren an sich keine direkt an- genehme Beschäftigung, und zweitens war es gar nicht möglich, weil auch diese Tiere nicht Hagenbeck gehören, sondern dem Dompteur Marti Folioti. der sich einer Pfändung für Rechnung Hagenbecks widersetzte. Schließlich stellte sich dann sogar heraus, daß bereits ein anderer Sendbote des Gerichts den Mut gehabt hatte, den Löwen ein Siegel aufzudrücken, da Herr Folioti wegen einer ziemlich hohen Forderung bereits vor einigen Tagen dulden mußte, daß auf fein Dutzend Löwen von einem seiner Gläubiger Beschlag gelegt wurde. Wie mitgeteilt, soll die Völkerschau nach wie vor bestehen bleiben. Der Geschäftsführer steht in Unterhandlungen mit einem neuen Pächter, der die Restauration des Unternehmens in allernächster Zeit übernehmen soll; es sollen auch Schritte unternommen worden sein, um den gegen Hagenbeck und seinem Geschäftsführer erhobenen An- schuldigungen auf gerichtlichem Wege zu begegnen. Polizcifallen am Scddiner See. Unter dieser Ueberschrift gaben wir am 18. Juli einer Zuschrift Raum, in der geschildert wurde, wie drei Beelitzer Stadtpolizisten a>n Sonntag, den 14. Juli am kleinen Scddiner See bei Michendorf auf harmlose Badende Jagd machten- Die Jagd endete mit der Feststellung von 4 Personen. Wie uns nun mitgeteilt wird, haben die Sistierten jetzt ein Strafmandat von je 6 M. erhalten, weil sie die Fortpfanzung der Fische gestört und gefährdet haben sollen. Dieses Verbrechens war sich natürlich keiner der an dem Sonntag dort Badenden be- wüßt. Für weitere Kreise bemerkenswert ist der Wortlaut der Strafverfügung, die den 4 Personen zugestellt worden ist. Sie lautet: „Sie haben am 14. Juli 1912 zwischen 4 und 3 Uhr nach- mittags im Laichschonrevier des Seddiner Sees gebadet, wodurch die Fortpflanzung der Fische gestört und gefährdet wurde, Die Uebertretung wird bewiesen usw. Es wird deshalb auf Grund der ZZ 1 und 6 des Regulativs des Bezirksausschusses betreffend den Schutz der Laichschonreviere vom 24. März 1898, Amtsblatt Seite 133, eine bei der Amtskaffe zu Beelitz zu erlegende Geldstrafe von 6 Mark, an deren Stelle, wenn sie nicht beizutreiben ist, eine Haft von 2 Tagen tritt, gegen sie festgesetzt.' Unterzeichnet: Der Amts- Vorsteher des Bezirks Stücken. Dr. Ramin. Alle Besucher des kleinen Seddiner SeeS ersehen hieraus, daß derselbe ein Laichschonrevier ist und daß cS ein„Laich- schonrcvier-Regulativ' gibt, gegen daS man sehr leicht sündigen kann. Am kleinen Seddiner See ist jedoch nichts angebracht, wodurch seine Eigenschaft als.Laichschonrevier' zu erkennen ist. Die zur Bestrafung Herangezogenen wollten daher wenigstens das Regulativ kennen lernen, um zu sehen, ob nicht darin Bestimmungen enthalten sind, die die Bcfitzer von Laichschonrevieren verpflichten, dieselben als solche zu bezeichnen, um event. auS diesem Grunde Einspruch gegen die Verfügung zu erheben. Nach vielen Bemühungen haben sie eine Abschrift deS Regulativs erhalten. DaS, was sie im Regulativ suchten, Bestimmungen über daS Kenntlichmachen der Laichschonreviere, fanden sie zwar nicht, dafür aber besagt der 8 3, daß die Bestimmungen nur bis 1. Juli jeden Jahres Gültig- k e i t haben. Dem SmtSvorsteher von Stücken scheint dieser Paragraph in dem Regulativ jedoch nicht bekannt zu sein, denn sonst hätten doch am 14. Juli nicht drei Beelitzer Stadtpolizistcn, ein Krimstechcrträger und zwei Kutscher mit verhängten Wagen auf die Suche nach Menschen ausgeschickt werden können, weil dieselben die Fortpflanzung der Fische durch Baden stören und gefährden. Und obendrein wäre es unmöglich, daß noch am 18. Juli Straf- Verfügungen auf Grund des seit 1. Juli außer Kraft gesetzten Para- graphen ausgestellt und versendet werden. Aerger und Scherereien werden harmlosen AuSflüglern, die keine Ahnung von dem Bestehen eines„Regulativs zum Schutze der Laichschonreviere' haben, von einer Behörde bereitet, die wohl die Paragraphen zum Schutze der Fortpflanzung der Fische kennt, aber nicht den Paragraphen beachtet, der auch den Ausflüglern die Mög- lichkeit zur Kräftigung und Erholung ihres Körpers gewährleistet. Ein verhängnisvoller Betriebsunfall hat sich gestern morgen in der Werkzeugmaschinenfabrik von Ludwig Löwe, Huttenstraße 17, er- eignet. Auf dem ausgedehnten Fabrikterrain befinden sich eine Reihe von Kränen und an einem dieser Aufzugsvorrichtungen mußten Reparalurarbeiten vorgenommen werden. Gestern morgen waren die Fabrikarbeiter Paul Nitzsch, Rostocker Straße 41, und der 83 jährige Karl Hauk dabei, an den oberen Teil deS Kraus Winkel anzubringen. Der Kranführer hatte, wohl nicht genügend Obacht gegeben, und ob- wohl die Leute in einer Höhe von sechs Meter arbeiteten, den Kran plötzlich in rasche Bewegung gesetzt. Infolgedessen stürzten die beiden Arbeiter von dem Kran herunter. Hauk fiel auf«ine untenstehende Drehbank; der Kopf des Unglücklichen bohrte sich in einen spitzen Vörsprung hinein, so daß bei dem Manne der Tod auf der Stelle eintrat. Nitzsch schlug auf den Erdboden auf und zog sich schwere innere Verletzungen, Kopfwunden und Schenkelbrüche zu. Er wurde in bedenklichem Zustand nach dem Krankenhaus Moabit gebracht. Ueber die Schuldfrage ist eine Untersuchung eingeleitet worden. BrrsicherungSbehörden. Die Bezeichnung der Versicherungsbehörden in Berlin ist infolge der ReichsversichcrungSordnung eine andere geworden. Mit dem 1. Juli 1912 ist an Stelle der Magistratsabteilung für Invaliden- Versicherung hierfelbst das„VerficherungSamt Berlin'— Köllnischer Park 8— in Wirksamkeit getreten. Mit demselben Tage ist an Stelle des Schiedsgerichts für Arbeiterversicherung, Stadlkreis Berlin, das„Königliche Oberv«rsicherungsamt Groß-Berlin' mit dem Sitz in Berlin-Charlottcnburg errichtet worden. Das Königliche Oberversicherungsamt ist für die Bezirke der VersicherungSäinter Berlin, Charlottenburg, Berlin-Wilmersdorf, Cöpenick, Berlin-Lichtenberg, Neukölln, Niederbarnim(Landkreis), Berlin-Pankow, Berlin-Schöneberg. Spandau. Berlin-Steglitz, Teltow(Landkreis) und Berlin-Weißenfee zuständig. Vorsitzender ist der Oberpräsident in Potsdam; fein ständiger Stellvertreter ist der OberregierungSrat v. GostkowSki. Die Benzinexplofio» im Hause Dresdener Str. 13 hat. wie jetzt amtlich bestätigt wird, eine außerordentlich verheerende Wirkung ge- habt. Es sind nicht nur die vom zweiten Hofe bis zur Straße reichenden Kcllerräume demoliert, sondern auch die in ihnen lagernden Vorräte der Firmen A. Pohl, Putzfedcrnfabrik, H. Grimpe, Farben engroS. und Krüger u. Lietzmann, Eisenwaarenhandlung, durch Feuer oder Wasser zerstört bezw. stark beschädigt worden. Die im Keller befindlichen GaSrohre waren teilweise geplatzt und mußten abgedichtet werden. Feuerwehr war etwa fünf Stunden tätig und rückte erst um 6 Uhr abends ab. Nachts um 12 Uhr 45 Minuten brach nochmals ein Brand auf dem Hose aus. da das Feuer in Ascheresten weiter- geglimmt hatte. Die Wehr konnte aber nach wenigen Augenblicken bereits wieder abrücken.— Nach den bisherigen Ermittelungen dürfte die Katastrophe folgendermaßen entstanden sein: Der 18 Jahre alte Lagerist Otto Hanisch, der in Neukölln. Glasow- straße 51 bei den Eltern wohnte, und der 15 Jahre alte Laufbursche Fritz Winzler, Grüntbaler Straße 38, ebenfalls bei den Eltern wohnhaft, sind in der Mittagspause gegen 1 Uhr vermutlich mit offenem Licht in den Keller eingedrungen. Benzingase, die sich in dem Keller entwickelt hatten, haben sich an den offenen Flammen entzündet und die Explosion herbeigeführt. Die Detonation war so stark, daß man sie weithin hörte, und die Erschütterung des Erdbodens verspürte man z. B. noch im Hause Nr. 19 in erheblichem Maße. Der Schmied Paul Kanczack auS Neukölln, der vor einem Schaufenster des Hauses stand, wurde durch den Lustdruck auf den Straßendamm geschleadert. Er erlitt einen Nervenchok und verfiel dann in Krämpfe. Ein Schutz« mann und ein Passant schafften ihn nach der Unfallstation in der Adalbertstraße, wo man ihm die erste Hilfe leistete. Hanisch und Winzler lagen als Leichen am Kellereingang. Sie waren verkohlt und hatten schwere Kopfverletzungen. Ob ein Verstoß gegen bau- oder feuerpolizeiliche Vorschriften vorliegt, ist noch nicht festgestellt. Ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich am Donnerstagnach« mittag auf dem Neubau Gerichtstraße 13. Dort spielte der Lindower Straße 17 wohnhafte 11jährige Paul Ockert unter dem zum Hinauftransportieren der Mauersteine dienenden Lastenfahrstuhl. Plötzlich ging dieser zur Erde hernieder. Der Knabe wurde von dem Fahrstuhl gegen die Erde gequetscht, so daß sein sofortiger Tod herbeigeführt wurde. Schwere Schnittwunden erlitt gestern vormittag der 28 Jahre alte Tischlergeselle Paul Müller aus der Waldemarstratze 38, der in der Tischlerei von Maul in der Stallschreiberstraße 18 beschäftigt ist. Als M. in der Werkstatt das untere Fenster hochschieben wollte, übersah er, daß das Oberlicht aufstand. Dieses wurde dadurch aus den Angeln gehoben und fiel dem Unglücklichen auf den Kopf. Durch die Glassplitter erlitt er so schwere Schnittwunden, daß er mit einem Krankenautomobil nach dem Krankenhause am Urban ge- bracht werden mußte, nachdem ihm auf der nächsten Hilfswache ein Notverband angelegt worden war. Ein langgesuchtcr Heiratsschwindler ist in der Person des 37 Jahre alten Arbeiters Adolf Marten, der sich seit längerer Zeit ohne Wohnung in Berlm aufhielt, verhaftet worden. Marten machte sich unter allerhand Vorspiegelungen an heiratslustige Mädchen heran und wußte sie bald durch das Ehevcrsprechen so an sich zu fesseln, daß sie ihn gleich in ihre Wohnung aufnahmen und ihn nicht nur beköstigten, sondern ihm auch noch bares Geld dazu gaben. Aber auch damit begnügte sich der Gauner nicht. Sobald er sah, daß er seinen Opfern alle Ersparnisse abgelockt hatte und deshaib nicht mehr zu erwarten hatte, stahl er ihnen bei guter Gelegenheit auch noch die Wert- und Schmucksachen, verschwand dann heimlich aus der Wohnung und ließ sich nicht mehr sehen. Auf diese Weise brachte er in der letzten Zeit vier Mädchen zugleich um ihre ganze Habe. Der Verhaftete ist verheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt. Zusammenstoß zweier Straßenbahnwagen. Gestern nachmittag gegen'/z4 Uhr ereignete sich in der Straße Neue Promenade ein schwerer Straßenbahnunfall. Dort fuhr ein Straßenbahnwagen der Linie 33(Richtung Pappelallee) in die falsche Weiche und stieß dabei gegen die Seitenwand des nach Neukölln fahrenden Motorwagen 3933 der Linie 53. Nach dem Anprall, bei dein die beiden Bahnwagen nur ganz leicht beschädigt wurden, meldeten sich nachstehende fünf Personen als verletzt: Frau S t e ch o w, Schildhornstr. 17 in Steglitz (Schulterschmerzen), Frau E i ch b a u m aus der Wielandstr. 47 (Schmerzen im Unterleib). Herr Henker aus der Rittcrstr. 1 und Frau Jakobowöki, Chnstburger Str. 13 wohnhaft(beide Nervenchok), sowie ein Herr W e h l e r aus der Linienftr. 37(Schmerzen am rechten Knie). Sämtliche Verunglückte konnten ihren Weg fort» setzen, ohne ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Durch den Zu- sammenstoß wurde eine Betriebsstörung von etwa einer dreiviertel Stunde herbeigeführt. Ein Bauunfall hat sich gestern vormittag auf dem Neubau des Boardinghouse-Palastes am Kurfürstendamm zugetragen. Als der 35jährige Maurer Karl Hidde aus der Huffitenftr. 38 in Berlin, der in der Höhe der zweiten Etage beschäftigt war, sich auf den Zuruf eines Kollegen umwandte, trat er fehl und stürzte kopfüber in die Tiefe, wo er blutüberströmt und besinnungslos liegen blieb. Der Verunglückte wurde nach der Unfallstation am Olivaer Platz gebracht, wo ihm die Verletzungen, ein zweifacher Bruch des rechten ArmeS, eine klaffende Stirnwunde, Ouetschungen an den Beinen und Haut« abschürfungen, verbunden wurden. Dann wurde H. mittels Kranken- automobils nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhaufe geschafft. Unbekannte Leichen. Am Wege nach dem Restaurant„Wald- kater' im Tegeler Forst wurde gestern früh von Passanten die Leiche eines unbekannten, bessergekleidetcn Mannes gefunden, der sich erschossen hatte. Der Lebensmüde ist etwa 49 Jahre alt, hat röt- liehen Schnurrbart, etwas kahlen Kopf, und trug einen dunklen Jackettanzug, in dem sich ein Portemonnaie mit 29 M. Inhalt, aber keinerlei Ausweispapiere befanden.— Ferner wurde in der Nähe von Tegel eine weibliche Leiche aus der Oberhavel gezogen, die ebenfalls noch nicht rekognosziert werden konnte. Die Tote ist un» gefähr 39 Jahre alt, etwa 1,33 Meter groß, hat dunkelblondes Haar, braune Augen, vollständige große Zähne und kleine Hände und Füße. Sie trug ein weißes Kostüm mit Spachtelbluse, weißleinene Unterröcke und Beinkleider, weiße Schuhe mit Messingschnallen und einen großen weißen Strohhut mit schwarzem Band. Das Hemde war mit„H" gezeichnet.— Unbekannt geblieben ist ferner die Persön- lichkeit eines etwa 39jährigen Mannes, der am 11. Juli im Tegeler See aufgefischt wurde. Mitteilungen, die zur Rekognoszierung der drei unbekannten Toten führen können, sind an die Tegeler Polizei zu richten. Ein Opfer seines Berufes ist der Heizer August Rasch auS der Grünthaler Straße geworden. Als R. abends auf dem Gelände des Neuköllner Güterbahnhofs auf der von ihm bedienten Rangier- lokomotive ein Ventil öffnete, wurde er durch ausströmenden heißen Dampf im Gesicht und am Oberkörper schwer verbrüht. Der Ver- unglückte erhielt auf der nahen Unfallstation Notverbände und wurde dann in bedenklichem Zustande in das Rudolf-Virchow-Krankcnhaus eingeliefert. Aus der Brandchronik. Gestern nachmittag wurde die Feuer- wehr zum vierten Male innerhalb einer Woche nach der Reinickendorfer Straße 33, Ecke der Oudenarder Straße, alarmiert. Als die Automobilzüge 21 und 23 dort ankamen, stand abermals der �Dachstuhl diese? Eckhauses in Flammen. Die Feuer- wehr mußte kraftig löschen, um eine weitere Ausdehnung der Flammen zu verhüten. Zweifellos liegt vorsätzliche Brandstiftung vor. Die Aufregung der vielen Mieter über die unbeschreibliche Keckheit des oder der Brandstifter ist natürlich groß. Zu der Notiz„Die Urheber zahlreicher Ucbcrfällc' teilt uns der Arbeiter Fritz T e i ch e r t mit, daß er das junge Mädchen nicht über- fallen habe. Er sei zlvar verhaftet worden, mußte jedoch bald wieder entlasten werden, da man ihm nichts Strafbares nachweisen konnte. T. hat ein festes Arbeitsverhältnis und ist nach Arbeits- fchluß di'-rch die Wnhlhside gegangen. Vorort- Nachrichten. Elchöneberg. Generalversammlung deS WaHlvereinS. Die Versammlung ehrte zunächst das Andenken der verstorbeneir Mitglieder Neuendorf und Frau Rendel in üblicher Weise. AuS dem Vorstandsbericht geht her« vor, daß die Mitgliedorzahl von 2599 ini Vorjahre auf 2799 ge« stiegen ist. VorwärtSleier find 3499 vorhanden. Zur Belebung der Zahlabende haben sich etwa 29 Genossen bereit erklärt, kleine Rese- rate zu übernehmen, um so die Diskussion anzuregen und wichtige TageSfrageu zu besprechen. Bei der NeichStags>vahl find die Elim- men bedeutend gestiegen und hat Genosse Zubeil die Mehrzahl der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt. Die Stadtverordneten- wählen fanden in diesem Jahr zuerst an einem Sonntag statt. Wir haben 39 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, X Im 11. Bezirk sogeir 60 Proz.— Die Wahl der Funktionäre zeitigte folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender: Kii tc r; 2.: Mo HS; 1. Kassierer: Eichelhardt; 2.: H e r t e r; 1. Schriftführer: Krau Lazar; 2.: Heinrich; Beisitzerin: Frau Böhm; Revisoren: Doms, Ciechanowski, Nitschke; Lokal- konimissioil: Knoblauch, Peterson, Jürgens. Als Parteitagsdelcgicrte sollen der Krcisvcrsammlung Genosse M o h S und Genossin Böhm vorgeschlagen werden. Die übrigen Tages- ordnungspunkte wurden der vorgeschrittenen Zeit wegen vertagt. Neukölln. Eine Mietsschwindlerin in Traucrklcidnng. Vorgestern abend «richien bei einer Frau Lenz in der Wissmannstr. 24 eine junge, vollsländig in�chwarz gekleidete Dame mit einem langen, wallenden Schleier und einer grünen Gießkanne in der Hand. Unter einem großen Tränenerguß erklärle sie der Frau ganz niedergeschlagen, daß. ihre Schwester gestorben und auf eine», Neuköllner Friedhofe beerdigt worden sei. Um Gelegenheit zu haben, das Grab ihrer Schwester, an die sie mit großer Liebe gehangen habe, öfter zu be- suchen, wolle sie sich hier ein Zimmer mieten. Die von Mitleid gerührte Frau stellte ihr Zimmer der jungen Dame sofort zur Berfügung. Gestern nachmittag schickte diese ihre Wirtin nach einem Arzt in der Gneisenaustraßc, wo sie früher gewohnt haben wollte, um dort ihre ' Sache» abzuholen. Während ihrer Abwesenheit benutzte die .Trauernde" die Gelegenheit, nicht nur alle Schränke und Kästen der Frau Lenz, sondern auch einer anderen Mieterin zu öffnen und daraus alle Kleidungs- und Wäschestücke, sowie Werlsachen zu stehlen. Sie zog gleich in ihrem Zimnier die gestohlene Unterwäsche an und . ließ ihre eigene, schmutzige Wäsche zurück. Außerdem ließ sie die grüne Gießkanne stehen. Als die Wirtin nach vergeblichem Suchen zurückkehrte, war die Schwindlerin verschwunden. Sie beschreibt diese als eine- junge, fcingekleidete Dame, im Alter von ungefähr 20 Jahren, mit einem hübschen, blassen Gesicht. Schmargendorf. Die Generalversammlung beS Wahlvereins nahm zunächst die Berichte der Funktionäre entgegen. Die» Mitgliederzahl betrag! gegenwärtig 86(79 männliche und 7 weibliche). Vorwärtsleser sind 140 am Orte. Bei den Wahlen zur Gemeindevertretung unter- lagen wir mit 107 gegen 202 Stimmen. Nach der Iieichstagswahl wurde zum inneren Ausbau der Organisation geschritten, ein Bildungsausschuß eingesetzt und die Bibliothek erweitert. Die Ncuwahlon'der Funktionäre hatten folgendes Ergebnis: Cullmann erster, Neck zweiter Vorsitzender, Hill Kassierer, Frau Schuschenk Beisitzerin, Klemm und Prasky Revisoren, Nitschke Bibliothekar, Gerhardt und Schuschenk Lokalkommission, Leidner, Göbel und � Schrcckling Bildungsausschuß, Reck Agitationsleiter. Die Wahl des � Schriftführers wurde vertagt. Friedenau. In der Verwaltling der Fricdcnaucr evangelischen Kirchen- gemeinde scheint man auf eine geordnete Buchführung wenig Wert zu legen. Sonst könnte es wohl nicht vorkommen, daß eine ganze Anzahl von Personen, die schon seit Jahren aus der Kirchengemein- schaft ausgeschieden und von der Kirchensteuer befreit sind, in diesem Jabre wieder zur Steuerzahlung herangezogen wurden. Verschiedene Genossen mußten noch einmal die schon vor Jahren vorgelegte amt- liche Austritisbescheinigung beibringen, um ihre Neklamaiion von Eriolg gekrönt zu sehen. Auch von Fronen, die über kein steuer- - pflichtigcs Einkommen verfügen, wird dieser Ausweis verlangt, um eventuell die Hälfte der Steuer der Kirche zu retten. Da diese Zu- stände für die davon Betroffenen eine Belästigung ohne deren Ver- schulden darstellen, wäre dringend zu wünschen, daß die Verwaltung der Kirchcngemcinde etwas mehr auf geordnete Verhältnisse sieht und den aus der Kirche Ausgeschiedenen zeitraubende Scherereien erspart bleiben. Steglitz. Ein tödlicher Straßenbnhnunfall ereignete sich am Mittwoch- abend gegen 8 Uhr vor dem Hause Schloßstraße 127. Dort lief der S jährige Knabe Fritz Matschke, der Sohn des in der Rheinstraße 67 wohnenden Schlächtermeisters M., beim Spielen unmittelbar vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie V auf das Gleis. Obwohl der Führer des Wagens sofort die ihm zur Ver- fügung stehenden Brcmsmittel anwandte, wurde der Knabe umge- stoßen und geriet unter den Schutzrahmen. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Bahnwagen angehoben, doch konnte das Kind nur noch als Leiche hervorgezogen werden. Der Tod des Knaben war, wie ein hinzugerufencr Arzt feststellte,.durch einen Schädelbruch uno schwere innere Verletzungen Herbeigeführt worden. Die Leiche wurde nach der Halle des Steglitzer Friedhofes gebracht. Treptow-Banmschulcnlveg. AuS der Parteiorganisation. In der letzten Generalversammlung erstattete naiv Ehrung der im Berichtsjahre verstorbenen Mitglieder Genoffe Freigang den Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr. Außer den regelmäßigen Veranstaltungen und Zufammenkünsten fanden zivei ordentliche, eine außerordentliche Generalversammlung, fünfzehn öffentliche und zwei Fraucnversammlungen statt. Flug- blälter wurden insgesamt 120 800, Handzettel 26 100 verteilt; Agitationstouren in das Landgebiet wurden vier unternommen. Die Zahl der Mitglieder ist in der Berichtszeit von 1105 auf 1285 gestiegen. Leseabende wurden 17 abgehalten und war der Besuch zufriedenstellend. Die Abonnentcnzahl des„Vorwärts" hat sich in Treptow um 319, in Banmschulenweg um 37 erhöht. Am 0. Mai fand eine Kontrolle der gewerblichen Kinderarbeit statt, bei der in Treptow vierzehn, in Banmschulenweg zehn Verstöße gegen das Gesetz ermittelt wurden. Den größtön Aufwand an Arbeit beanspruchte wie überall die Reichstagswahl. Mit voller Befriedigung kann auf das Resultat zurückgeblickt werden, denn 4542 Wähler C71 Proz. aller abgegebenen Stimmen) stimmten für die Sozialdemokratie. Die Gemeindewahlen fanden zum ersten Male an einem Sonntag statt und waren auch hier die Erfolge recht erfreuliche. Genosse Kitzner wurde mit 235 gegen 40 Stimmen, Genosse Gerisch mit 411 gegen 117 Stimmen gewählt. Den Kassenbericht erstattete Genosse Michelis. Die Ein- nahmen betrugen 4065,44 M., die Ausgaben 4707,59 M. Als Erlös vom Broschürenverkauf, von der Maifeier und Tellersammlungen wurden 406,60 M. an den Kreis abgeführt. In der Diskussion über die Vorstandsberichte wurde ein Antrag des 11. Bezirks angenommen, der besagt, Genossen nur dann eine Funktion innerhalb der Partei zu übertragen, wenn sie mindestens 2 Jahre organisiert sind. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: 1. Vorsitzender: L e m m, 2.: Sichert, Kassierer: Lange, Schriftführer: Weiß, Revisoren: Schiefke, Hannemann und M i ck l e y. Der Kreisgeneralvcrsammlung soll folgender An- trag unterbreitet werden: Im Organisalionsstatut der Partei ist im Z 7 der letzte Absatz„die Mitglieder der Reichstagsfraktion ha- ben..." durch folgende Fassung zu ersetzen:„Das Stimmrecht auf dem Parteitag haben jedoch nur die nach Absatz 1 gewählten De- legierten. Alle anderen Teilnehmer haben nur beratende Stimme." Als Delegierter zum Parteitag soll Genosse Freigang vorgeschlagen ivcrdcn. Zum Schluß wies der Vorsitzende auf die kommenden LandtagSwahlen hin und machte alle Nichtpreußen auf die Erwerbung der Staatsangehörigkeit aufmerksam. Karlshorst. In der Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Wahl- Vereins referierte Genosse Georg Schmidt über das neue Organi- sationSstatut. Die Wahl des Ausschusses sei nach Ansicht des Referenten nicht fo vorzunehmen wie die Kommission vorschlägt, sondern müsse auf den einzelnen Landesgeneralvcrsammlimgen erfolgen. Der Ausschuß würde nicht lähmend� wirken, denn die Mitglieder könnten in 24 bis 43 Stunden versammelt sein und schnellere Entscheidungen wären kaum nötig. Die Ansichten und Meinungen der Genossen im Reiche müßten berücksichtigt und nicht alles durch die„Berliner Brille" betrachtet werden. Undemokratisch sei es, der ReichStagSfraktion das Stimmrecht in allen Fragen zu nehmen. Sie müßte mindestens durch ein Drittel ihrer Mitglieder auf dem Parteitag vertreten sein und Stimmrecht haben. Genosse ? simmermann forderte in der Diskussion, daß bei der Wahl des Aus- chusses die Mitgliederzahlen der einzelnen Landesorganisationen be- rücksichtigt werden müßten. Den Mitgliedern der Reichstagsfraktion sei das Stimmrecht zu nehmen. Die Abgeordneten könnten sich von ihrem Kreise als Delegierte zum Parteitag wählen lassen. Genosse Küter ist der Ansicht, daß die Fraktion sich durch eine Delegation auf dem Parteitag vertreten lassen könnte. Unter Verschiedenem gab Genosse Küter bekannt, daß seitens der bürgerlichen Vereine eine Protestaktion gegen die Errichtung einer Gasanstalt auf Karlshorster Gebiet geplant sei. Hierzu sollen bei allen Einwohnern Unterschriften gesammelt werden. Die geplante Aktion der bürgerlichen Gesellschaft gilt es mit allen Mitteln zu ver- eiteln. Nächsten Donnerstag wird eine Besichtigung des in Aussicht genommenen Geländes erfolgen und treffen sich alle Interessenten abends Vgö Uhr am Blockdamm. Pankow. Ein„Krüppclhcim für Kinder der ärmere» Bevölkerung" soll hier ins Leben gerufen werden. Ehrgeizige Pankower haben in letzter Zeit eine ganze Menge ähnlicher Heime gegründet. Daneben steht hier die Jugendpflege schwarz- weiß- roter Färbung hoch im Kurs. Nun auch noch dieser Schmerz I Man ist ja schon gewöhnt an der- artige kleine und kleinste WohltätigkeitSaktionen, die alle auf das eine große Ziel hinauslaufen, einigen wenigen Personen RubmeS- gciniise zu pflanzen. Aber in Pankow feiert die Sucht nach Wohl- tätigkeilsgründungen, gegen die eine Art Notwehr berechtigt ist. wahre Orgien. Für das Krüppelheim suchte man die Taschen an- fangs mit Gratiskuchen zu öffnen. Als das nicht zog, ist die Frau Bürgermeister ins Schlepptau genommen worden, und nun schließt sich alles Bürgerliche an, was vorher mit Hellem Mißtrauen erfüllt ausge» wurden In die Bäcker- Acker« war. Die GrundungS- und sonstigen Kosten sind natürlich, wie immer, so hoch, daß der übrigbleibende Rest für Wohltätigkeit nicht der Rede wert ist. Die Hauptsache ist das Vergnügen, das jetzt schon üppig ins Kraut schießt. Einen sozialen Wert hat auch dte neueste Pankower Gründung nicht. Nieder- Schönhausen. Ueber Parteiorganisation referierte Genosse Brühl- Lichten« berg in der Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Redner schilderte in treffender Weise das Entstehen unserer Parteiorganisation von den kleinen, losen Orts- und Bildungsvcrcinen bis zu der jetzigen festen Organisation und machte im Anschluß daran auf dre Abänderungen des Parteistatuts aufmerksam.— In der Drskuinon sprach sich ein Teil der Genossen für den Parteiausschuß, ein Teil für die Verstärkung der Beisitzer im Parteivorstand aus.— Emen ausführlichen Bericht über die Kreisgcneralversammlung gab Genosie Effing. Weiter wurde bekanntgegeben, daß am 4. August em ge- meinfamer Ausflug mit Kindern nach der Schönholzer Heide stait- findet. Im August soll ein Flugblatt für den Schnapsboykott verbreitet werden. Neu aufgenommen wurden sechs Genossen. Unser Gemeindevertrcter Genosse Hellrich erstattete einen kurzen Bericht von der letzten Gcmeindevcrtretersitzung. Kalkberge-Rüdersdorf. Ei» tödlicher Unglücksfall hat sich im Betriebe der Rüdersdorfer Portlandzementwerke von C. O. Wcgener zugetragen. Der Zimmer« mann Joseph Solomon aus der Gartcnstraße zu Herzfclde war dort im Auftrage der Firma Wilhelm Sende! aus Herzfelde, wo« selbst er in Stellung war, beschäftigt. Dabei kam er der Stark« stromleitung des Werkes zunahe und wurde auf der Stelle getötet, Trebbin(Kreis Teltow). Oeffcntliche Stadtverordnetenversammlung. Für die schiedenen Magistratsmitglieder Stondsuß und Rathenow Stadtv. Haase und Stadtv.-Vorsteher Fritz Köppen gewählt. Voreinfchätzungskommission wurden Maurermeister Buchner, meister Hille, Tischler Paul Ritter, Schneidermeister Blisse, bürger Otto Muderich und Zigarrenfabrikant Paul gewählt. Das Wasserwerk erzielte 1911 einen Uebcrschutz von 8123,44 M., der Reservefonds beträgt 2174,55 M. Infolge dieses günstigen Ab« fchlufses wurde einstimmig beschlossen, eine neue Punipe nebst Motor zum Preise von 2411,50 M. anzuschaffen. Zum Städtetag in Fiirstenwalde soll das Magistratsmitglied Wiechcrt entsandt iverden. Da der Vertrag mit der deutschen Continental-Gas-Gesellschaft zu Dessau über Lieferung vön Gas zu Koch- und Hcizzwecken über die Köpfe der Kommissionömitglieder zustande gekommen ist, wurde Zu- rückVerweisung an die Kommission beschlossen. Weiter lag ein An» trag vor, nach dem 2 100 Mark für den Ankauf von 3 Morgen Land zur Errichtung eines neuen Forsthauses gefordert wurden. Allge« meine Verwunderung erregte eS, als Genosse S ch ö n s e e, Mit« glied der Forstkommission, mitteilte, auch dieser Antrag sei dem Plenum vorgelegt, ohne vorher in der Kommission vorberaten zu sein. Die Forstkommission wird sich nun vorerit mit dem Antrage zu beschäftigen haben.— Der öffentlichen Sitzung schloß sich noch eine geheime an. Spandan. Auf der Straße gestorben. Der 52jnhrige Invalide Karl Gramm auS der Birkenstratze fiel auf der Straße plötzlich nieder und konnte, da er von einem Herzschlag befallen wurde, sich nicht wieder erheben. Ein hinzugezogener Arzt stellte den bereits ein« getretenen Tod fest._ Bnefkaften der Rcdahtion. Sie iutiflifdje Sprechstunde findet Linden st raste 69, vorn vier Treppe» — N a h r st u st l—, wachentägllch von iy, tis Ustr abends, Sonnabends, von iY, bis 0 Uhr abends statt. Jeder für den Brieflasten bestimmten Anirtifie ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen deiznfügen. Briefliche Zwtwort wird nicht rrteilf. Ansragen, denen keine Abonnementsauitiu»!, beigesiigt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage mau in der Sprechstunde vor. Lehrer, Neukölln. 1. Ja. 2. Nein. Haben Sie denn für Ihren Sohn den Austritt aus der Kirche mit erklärt?— Neukölln V. Gegen die Kündigung ist nichts zu machen, wenn Sic nicht ausdrücklich einen Verlraz aus bestimmte Zeit geschlossen haben.— 19. 20. 1. Die Eltern ev. Ge. schwister erben gesetzlich die Halste. 2. Wenn es eigenhändig pc« und unlcr« schrieben ist, nicht.— 3t. D. 6. Ja, aber mir sür vier Jahre.— (B. 3. 6. X. Sie lönncn Rückgabe der Pholggraphie und Vernichtung de» Bildes verlangen, sobald damit Unfug getrieben wird. 2. Sie können beim kaiscrl. Paieninmt Patent anmelden. Anmcldegebübr 20 M., Gebühr für Erteilung 30 M., außerdem jedes Jahr 50 M. Wenden Sic sich an einen Patentanwalt.— Nr. 1989. Arbeiter und Arbeiterinnen, welche mit mechanischen oder' Haiidarbeilen beschösiigt werden. Die Behörde lann einen Ausweis vom Arbeilgeber verlangen.— F. ffl. 25. An Ihren Armenvoriieher ev. an die Armendirektion.— G. K. 9. Sie rönnen die Vormundichast übernehmen. Darüber bestimmt das VormundschasiSgcricht Jedes Wort 10 Pfennig. Das kettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. 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