Ur. 187. Ndonnemenk-KeMMM: Wonnements. Preis vränumerandoi Vierteljährl. Z,Z0 Mk., tu mm II. 1,10 2Rt, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- tiummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcitunfls- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal. nänien, Schweden und die Schweiz, 89. Jahrg. Die Insertion;-6ebghe beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Psg„ für politische und gewerlschaftliche Vereins- lind VersammlungS-Anzeigcn 30 Pfg. „Kletne Anreisen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellcnan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort ä Pfg. Worte über IS Buch laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächfte Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. f'- I eWwnt lSglich außer montags. Verltnev Volksbl�K. Telegramm> Adresse: „Sozialdemokrat Rerlio" Zcntralorgan der foziatdemokrati fchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8 Cd. 68» Lindenatrasse 69. Fernsprecher: Amt Morihplatz, Nr. 198». Dienstag, den 13. Augnst 1912, Expedition: 8Rl. 68» Lindcnstraeec 69. Fernsprecher: Amt Morihplatz. Nr. 1981, Zur Grubenkataftropbe auf Lothringen. Das Jahr 1912 ist für die Bergarbeiter des Ruhrrediers ein Schreckensjahr. Im Jahresanfang nahmen sie einen hoff nnngsvollen Kampf auf. Jäh mußte er aber infolge des christlich-zentrümlichen Arbeiterverrats abgebrochen werden. Durch eine lvüste verlogene Hetze der Zentrums- und Kapita listenpresse hatte man die gesamte Oeffentlichkeit, hatte man die Polizei- und Staatsgewalt gegen die Bergarbeiter mobil gemacht. Maschinengewehre wurden den um mehr Brot und Lebensschutz kämpfenden Bergarbeitern als Zeichen der staatlichen Macht gegenübergestellt. Wenn jemals den Bergarbeitern des Ruhrgebiets klar gemacht wurde, daß die Regierungsgewalt das Exekutivorgan der herrschenden Klassen ist, dann in diesem Frühjahr. Behelmte und schwarze Gendarmerie,„christliche" Arbeitersekretäre und Grubenkapitalisten wirkten gemeinsam, um den Kampf der Bergarbeiter niederzuringen. Bon Mob und Gesindel redete man(Effert) den Streikposten gegenüber. Durch dieses ver einte Wüten gelang es, Wankelmut in die Reihen der Streikenden zu bringen. Der Kampf wurde abgebrochen. Erfolglos I Die Grubenverwaltungen, von fanatischen„Christen" auf- gepeitscht, zogen den Bergarbeitern wegen Kontraktbruchs den Lohn für sechs Schichten ab. Den Bergarbeiterkindern wurde das Brot aus den Händen geschlagen. Und. das zur gnaden- bringenden Osternzeit! Schon während der letzten Tage des Streiks setzte die Mühle der Streikjustiz ein. Sie klappert heute noch. Weit über 100 Jahre Gefängnis, Sausende und Abertausende von Mark an Geldstrafen tvurden verhängt. Mütter mit Säuglingen an den Brüsten tv änderten ins GefängnisI Das alles nannte der vornehm st e Ber- treter der Zentrumspartei, Herr Peter Spahn, einen Sieg der christlichen Berg- arbeiter, wie er herrlicher u n d s ch ö n e r n i ch t erfochten werden könnte! Und nun? Jetzt sind es die„armen, beklagenswerten" Bergleute. Schon nach dem Grubenunglück auf der Zeche Osterfeld setzte das Beweinen und Bedauern ein. Ueber diese Opfer hat sich die Erde gewölbt, sie sind vergessen. Es waren„nur" 16 Tote. Schon wieder aber kommt aus dem Bereich der Schächte eine weit größere Schreckenskunde. 110 Bergleute sind als Tote geborgen, einige werden noch vermißt. Auch von den im Krankenhause untergebrachten werden noch einige unter {Qualen ihren Geist aushauchen, so daß mit 120 Tote ge- rechnet werden kann. Wie kam die Katastrophe? Bei der Untersuchung dieser Frage macht es sich die Zentrums- und Unternchmerpresse leicht. Die„Westfälische B 0 l k S z e i t u n g"(Bochum. Zenirumsblatt) schreibt, daß durch diese Katastrophe Gott mit starker Stimme verkündet: „Du elender Erdenwurm, ich bin auch noch da. Ich bin mächtiger als Du." Die„B erg w e r ks-Z ei tu n g", ein Unternehmer- b l a t t, schreibt: „Diese Katastrophe zeigt von neuem, daß Mens che nin acht wohl denken und vorsehen kann, daß aber die Lenkung des Geschickes in höherer Hand liegt." Das Unglück ist also entstanden durch Gottes Fügung. das ist die Erklärung, die diese Sorte Zeitungen zu geben bat I Kaiser Wilhelm II. ist am Freitag, von Essen kommend, in Begleitung des Reichskanzlers, Krupp v. Bohleu-Halbachs, des Prinzen Heinrich, des Handelsministers, des Ober- und Regierungspräsidenten aus der Unglückszeche gewesen. Im Verwaltungsgebäude hat der Bergrevierbeamte für Bochum- Nord. Bergrat Dobbelstein, über die Ursache der Katastrophe dem Kaiser' Vortrag gehalten. Ueber den Vortrag wurde der Presse mitgeteilt: „Der Explosionsherd sei unterhalb der dritten Sohle in einem Ouerichlag der vierten Äbteilung zu suchen. Es seien an der Unglücks st elle Schlagwetter fest- g e st e l l t. die von einem in einiger Entfernung befindlichen Bläser genährt worden Es sei deshalb angeordnet worden, daß die Welter beseitigt werden müßten, bevor wieder geschossen werde. Diese Anordnung sei zwar von der Belegschaft befolgt worden, aber es sei doch geschossen worden, bevor die Wetter völlig weg gewesen und trotzdem ein Beamter zugegen ge- Wesen sei. Der Hergang werde noch dadurch geklärt, daß nach der Ex- plofion die Maschine mit den Zünddrähten 60 Meter vom Ort entfernt neben zwei Toten gefunden worden sei." Wir wollen zunächst festhalten, daß zugegeben wird, daß Schlagwetter vorhanden waren, und daß man von dem Vorhandensein der Schlagwetter wußte. Ob es nun ganz bestimmt ist, daß der Explosions- Herd nur an der vom Bergrevierbeamtcn bezeichneten Stelle zu suchen ist. ist noch keineswegs sicher. Man nimmt das an, weil man eine elektrische Zündmaschine, noch an den Schieß- ' drähten befestigt, neben zwei Toten gefunden hat. Der eine dieser Toten war der Steiger Fährmann. Aber angenommen, das wäre der Explosionsherd. Wenn dann nur an dieser Stelle Schlagwetter gestanden hätten und im übrigen die Grube wetterfrei war, dann konnte die Katastrophe nicht einen solchen Umfang annehmen, wie sie ihn angenommen hat. Die Explosion hat sich über drei Steigerreviere erstreckt. Die Steigerreviere liegen immerhin etwas räumlich getrennt auseinander. In zwei Steigerrevieren hat die Katastrophe fürchterlich gewütet und alles vernichtet. Aus dieser Tatsache schließt jeder Praktiker, daß nicht nur in dem angenommenen Explosionsherd Wetter gestanden, sondern daß Wetter in dem ganzen Explosionsgebiet in großen Mengen vorhanden waren! Das ist die einzige Erklärung für die große Ausdehnung der Katastrophe. Eine andere Erklärung gibt es nicht! Es ist ja auch schon früher von dem zuständigen Sicher- heitsmann an den ver schieden st enStellen seiner Fahrabteilung, die das ganze Explosionsgebiet umfaßt, Feuer festgestellt worden. Diese Fest- stellungen sind auch in das Fahr buch ein- getragen worden. Dafür hat man denSicherheits- mann gerüffelt und innerhalb seiner knapp zweijährigen Tätigkeit 21mal in schlechtere, weniger lohnende Arbeiten verlegt. Das Schikanieren der Sicherheitsmänner, deren Tätigkeit der Verhütung von Grubenkatastrophen gewidmet sein soll, ist auf der Zeche Lothringen auf der Tagesordnung. In einem Prozeß, der gegen den verantivortlichen Leiter des unterirdischen Betriebes, gegen den Betrtebsführer Lins, an» gestrengt war, weil er einen Sicherheitsmann an der Aus- Übung seiner Kontrolle verhindert hatte, sagte der Vertreter der Anklage, Herr Amtsanwalt Gierig-Bochum: Ich betveiie, daß E.(der Sicherheitsmann war) deshalb gekündigt wurde, weil man wußte, daß er als Sicherbeitsmann gewählt werden würde. Der Reviersteiger hatte davon gehört und es dem Betriebsführer ge- meldet und darauf ist E. gekündigt worden. Ich stelle ferner unter Beweis, daß vier weitere Sicherheits- mäniier auf Lothringen schikaniert worden sind. Die Verhandlung gegen den Betriebsführer Lins fand am 6. April 1911 statt. Lins wurde in dieser zu 15 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er einen Sicherheitsmann an der Ausübung seines Amtes behinderte. Der Herr Betriebsführer gab sich mit diesem Urteil zufrieden. Er wußte wohl, warum. Der Kaiser hat bei seinem Dasein auf der Zeche auch mit einigen Bergarbeitern, ja sogar mit Sicherheitsmännern, natürlich hat man ihm nur Gelbe vorgestellt, gesprochen. Den zuständigen Sicherheitsmann, der sofort nach der Katastrophe eingefahren und sich hervorragend an den Rettungs- arbeiten beteiligt hat, hat man dem Kaiser nicht vorgestellt. Ja, man hat ihn gewissermaßen während dieser Zeit auf der Zeche ausgesperrt. Hat man befürchtet, daß er über die Behandlung, die man ihm als Sicherheits- mann hat zuteil werden lassen, einiges erzählen könnte? I Oder befürchtete man, daß er über die Wetter- Verhältnisse in seiner Abteilung, in welcher das Unglück passierte, einiges sagen würde? Vielleicht hätte er auch dem Kaiser gesagt, daß, wenn nur Schlagwetter an dem bczeich- neten Explosionsherd gewesen wären, die Katastrophe nicht diesen Umfang annehmen konnte l Die Sicherheitsmänne: von heute mit ihren gesetzlichen Machtbefugnissen sind— Iveiße Salbei Nicht im ge- ringsten sind sie in der Lage, eine Verminderung der Unfälle zu erzielen. Sicherheitsmänner, die ihr Amt gewissenhaft nehmen, werden, wie Figura zeigt, schikaniert und gedrückt. Man kann darum die Toten von Lothringen als Blutzeugen eines mangelndc» Bergarbeiterschutzes.und einer maugelhaften Grnbcnkontrolle ansehe«! Wenn keine Aenderung erfolgt, wenn die Arbeiterkon- trolleure nicht mit größeren Machtbefugnissen ausgestattet und gegen die Schikanen der Zecheuverwaltungen gesichert werden, dann werden wir im Ruhrgebiet noch manches Radbod und Lothringen erleben. Mer trägt die Schuld? Aus Steigerkreisen wird über die Ursache der Kata- strophe geschrieben: Das Unglück auf Zeche„Lothringen" ist in der Hauptsache durch eine Kohlenstaubexplosion verschuldet worden. Die Zeche baut in der oberen Fettkohlenpartie, in den Flözen, die unter Flöz Katha- rina liegen. Es ist dies die schlagwetterreichste Gruppe der ge- samten Steinkohlenformation des Ruhrgebiets. Die Flöze liegen engancinandcr, sind außerordentlich gasreich und die Kohle zerfällt sehr leicht. Hier findet man den sogenannten fetten, sammetwcichen Kohlenstaub, über den das Wasser beim Berieseln hinwegläuft, ohne sich mit dem Staub zu verbinden, wenn nicht der nötige Wasserdruck vorhanden ist, um die Kohle aufzuwirbeln. Denn nur so nimmt sie Feuchtigkeit an. Es ist dieselbe Flözgruppe, in der auf Osterfeld die Wetter schlugen und in der sich fast alle größeren Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen des Ruhrberg- baues abspielten. Die Flöze liegen wie gesagt ziemlich nahe beieinander und ihr Abbau erfolgt deshalb von einer gemeinsamen Strecke(Richtstrecke genannt) aus, von der man durch blinde Schächte, d. h. senkrechte Betriebe, und durch Querschläge, d. h. horizontale, rechtwinklig zum Flöz stehende Strecken, die Verbindung mit den Kohlenablagerungen herstellt. In einem solchen Ouerschlag haben sich die Schlagwetter an einem Sprengschuß entzündet—, genau so wie auf Osterfeld. Der Kohlenstaub ist dadurch aufgewirbelt worden, explodierte, und da genügend Kohlenstaub zur weiteren Ausbreitung vorhanden war, schlug die Flamme in die im Abbau stehenden Flöze hinein und vernichtete alles Lebende. Das Unglück hat sich auf Zeche„Lothringen" genau nach der Schablone abgespielt, die an den B e r g s ch u l e n bei der Be- schreibung einer Explosion angewandt wird. Dort wird von den Bläsern nur als von anormalen Fällen gesprochen, ganz im Gegensatz zu den Grubenbesitzern» die alle Unglücke auf die ominösen Bläser schieben. Die Ursache der Explosion ist dieses Mal einwandsfrei fest- gestellt. In dem Ouerschlag haben Schlagwetter gestanden und trotzdem ist, trotz gegenteiliger Bestimmungen der Bergpolizei, geschossen worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist außerdem der Schuß zu stark geladen gewesen. Und dies ist unter der Aufsicht eines Steigers geschehen. Also unter der Obhut dessen, der laut Gesetz dazu da ist, die Befolgung der Bergpolizei zu überwachen. Für den Laien scheint dies ein ungeheures Verbrechen zu sein, der Kenner der Verhältnisie wundert sich darüber nicht. Steiger Patzmann ist Vater von 8 Kindern und hängt an seiner Existenz. Ein Stellenwechsel ist für ihn aber aus- geschlossen. Einmal ist er in dem Alter, in dem die Steiger schon „zu alt" sind, außerdem ist er ohne Bergschulbildung. Er ist von Zeche„Lothringen" aus dem Arbciterstande herausgenommen wor- den. Und„ungeschulte" Beamte können nicht wechseln. Sie sind Steiger von„Zechen Gnaden". Von dem Steiger P. verlangte die Betriebsleitung nun, mit der allergrößten Schnelligkeit die Ouerschläge und Aufbrüche— er hatte die Aufsicht in den Gesteins- betrieben— herzustellen. Und wieviel da geleistet werden kann, ist durch die Erfahrung ganz genau festgestellt. So ist es gar nichts Seltenes, daß jeden Tag ganz genau rapportiert werden muß, was getan worden ist. Und dreimal wehe, wenn es dem Vorgesetzten zu wenig erscheint. Nicht nur, daß dem Steiger, der infolge des P r ä m i e n s y st e m s an der Höhe der Auffahrung interessiert ist, die Prämie sinft, sondern sie wird ihm zum Teil noch entzogen. Man schnauzt ihn an— und der Umgangston gegen Steiger ist viel rüder als gegen die Arbeiter, da der Beamte sich viel mehr gefallen lassen mutz— und droht ihm mit auf die Straße setzen oder bietet ihm Schläge an. So erteilte z. B. der Inspektor von Zeche„Adolf von Hansemann"(Stinnes) vor wenigen Wochen dem Betriebsführer den Rat, die'Steiger ins Gesicht zu schlagen. Oder man jagt die Steiger wieder in die Grube und läßt sie statt 8 Stunden, 16 Stunden arbeiten! Und auf Zeche „Lothringen" wurden die Beamten aufs schärf st e und rücksichtslose st e angetrieben. Nun standen in dem Ouerschlag Schlagwetter. Die Lutten(Blechröhren von 3l)— öl) Zentimeter Durchmesser) waren durch das Schietzen durcheinander- geschüttelt und an den Verbindungsstellen undicht. Frische Luft kam zu wenig bis tjor die Arbeitsstelle, um die Wetter zu ent- fernen. Alle Bemühungen, durch Schwenken von Lappen, Spritzen mit Wasser oder Blasenlassen der Luftleitung die Wetter zu ver- treiben, waren mißlungen. Was nun? Die Lutten zu dichten, jetzt noch das einzige Hilfsmittel, erforderte eine längere Spanne Zeit und Arbeit. Oben am Tage aber gibts Krach, wenn nichts ge- leistet wurde.„Wenn Sie es nicht können, so kann es ein anderer," (diese Worte sind in einem ähnlichen Falle vom Betriebsführer von Zeche Prosper ins Fahrbuch geschrieben worden und das betreffende Blatt hat dem Handelsminister vorgelegen!) heißt es da. lind bei diesem Gedanken entschließt sich der Steiger zum Schießen. Es ist so manchesmal gut gegangen, es wird auch wieder gut gehen. Zum Schein läßt er nochmals die Wetter verjagen, schickt dann den oder die Arbeiter— es kommen höchstens zwei bis drei Mann in Frage— schnell weg, irgendetwas auszuführen und revidiert dann mit der Lampe. Kommen die Arbeiter zurück, so ruft er:„Jetzt schnell geschossen, es ist alles rein!" Der Schein ist gewahrt und die Schüsse fallen. So gehts in der Praxis zu und so wird es auch in dem Querschlag auf Zeche„Lothringen" der Fall ge- wesen sein! Der Steiger P. trägt die Schuld an dem Un- glück,— formell— die wirkliche Ursache ist aber die Hetzjagd nach Leistung, die den Steiger zwingt, jeden Tag viele Male fünf gerade sein zu lassen. Wäre alles andere nun in Ordnung gewesen, so blieb die Explosion auf ihren Herd beschränkt und niemand oder nur die Arbeiter im Querschlagsbetrieb wären verletzt worden. Aber das war nicht der Fall. Der äußerst explosible Staub der Fett- kohle war in genügender Menge vorhanden und ver. breitete die Flamme. In dieser Tatsache liegt die Hanptursache des Unglücks. Wer trägt aber daran formal die Schuld? Vor den Betrieben die Arbeiter, in den Strecken und Schächten in erster Linie der Steiger, in zweiter Linie die oberen Beamten. Ihnen hätte dieser Zustand längst auffallen müssen. Mar doch im Augen- blick der Explosion der Betriebsführer auch in jenem Feldesteil und hat er seine Rettung nur blindem Glück zu danken. Von den Ar-- beitern abgesehen, die zum Berieseln nur durch stetige, gewissen- hafte Kontrolle und Aufklärung erzogen werden können, kommen die Steiger wieder zuerst in Frage. Sie sind die Verantwortlichen für alles und jedes. Ihre Tätigkeit ist es auch, die den Sicher- heitszustand des Reviers am allermeisten beeinflußt. Der Druck von feiten der Betriebsleitungaufgroße Förde- rung bringt es nun mit sich, daß d ie S t e i g er i h r ganzes Sinnen und Trachten auf die Kohlen- gewinnung konzentrieren. Die Berieselung des Kohlen- staubes hat aber nichts mit Kohlengewinnung zu tun. Die Beriefe, Tutig kommt daher zu kurz. Manchmal fehlen Rohre und Schläuche. Entweder ist der Materialienverbrauch schon zu groß und es muß gespart werden, oder man hat zu spät neue be st eilt. In der Erde bleibt aber der Einbau der Wasserleitung zurück oder man benutzt je nach Bedarf eine Leitung für Wasser oder Preßluft. Dies wurde auch aus dem Ung�ücksrevier berichtet. Das Schlimmste ist aber der Mangel an Arbeitern. Die Verwaltung bezw. der Be- triebsführer schreiben ganz genau vor, wieviel Mann der Steiger am Einbau der Rohre und zum Berieseln verwenden darf. Und dabei wird sehr genau gerechnet. Fehlt nun ein Arbeiter in der Kohlengewinnung oder Förderung, so muß dieser unbedingt ersetzt werden, denn die Kohlengewinnung geht vor. Bei dem chronischen Mangel an unproduktiven Ar- beitern wird nun in sehr vielen Fällen das Berieselung»- personal hierzu verwendet, Der Staub aber bleibt liegen. t! i Gegenwärtig ist Hochkonjunktur. Die durch den Streik geleerten Läger müssen gefüllt werden. Die Zechen können liefern, soviel sie wollen. Die Hetzjagd nach Kohlen, die zu normaler Zeit schon schlimm genug ist, hat Formen angenommen, die den Steigern jegliche Besinnung raubt. Was sind Vorschriften, was ist Arbeiter- schütz?„Kohlen, Kohlen" heißt die Parole. Hierin ist die Ursache dieses Massenunglücks auf Zeche„Lothringen" zu suchen, und auf Zeche„Osterfeld" war es genau so. Die Bergbehörde aber erklärt, dieser und jener Paragraph ist übertreten. Wir waschen unsere Hände in Unschuld. Uns geht die Hetzjagd tictck Kohlen nur insoweit an, als wir Dividenden beziehen! � •• Die Beftattung der Opfer der Gruben- bataftrophe auf Zeche Lothringen. (Telegramm d eS„Vorwärts".) Bochum, 12. August. Das Ruhrrevier wird durch die einander jagenden Er- eignisse in Spanung gehalten: Bergarbeiterstreik, Militär- und Polizeimassaker, organisierter Monsterstreikbruch der Christlichen, Streikjustiz, Frauen und Säuglinge im Gefäng- nis, Wetterschlag auf Osterfeld— 20 Knappenleichen und wieder ein Schlag, eine Hekatombe! Auf„Lothringen" wölbt sich ein neuer Leichenhügel I Ueber die Stoppelfelder der welligen Ebene im Norden Bochums nach dem Emschertal zu streicht mit kaltem Schauer der frühe Herbstwind. Von den Schachttürmen, auf denen sich die Seilscheiben wie Riesenspinnräder drehen, weht die Flagge auf Halbmast. Heute nachmittag findet die Bestattung von 9 9 Opfern der Schlagwetterkatastrophen in Gerthe statt. Schon von Mittag an ergießt sich ein Strom von Leidtragen- den und Neugierigen. Meilenweit sind sie herbeigeeilt. Auf allen Straßen dasselbe Bild. Nervöse Unruhe. Die Menge flutet wie Heuschreckenschwärme über Gärten und Aecker, alles in Grund und Boden stampfend. Reporter schätzen über 100 0 0 0 und mehr... Der Zug fetzt sich vom Zechenplatz in Bewegung. Hun- derte Vereine mit Standarten, Musikkorps und Kranzträger; von schweren Grubenpferden gezogen die breiten Planwagen mit je 6 Särgen. Vor jedem Wagen ein Knabe mit einem Namensschild der Töten. Die fremden Namen zeigen das Zusammenströmen der Nationen im Ruhrrevier. Rechts vom Kirchhofsweg werden die Protestanten, links die Katholiken begraben in 15 bis 20 Meter langen, je 5 Meter breiten Gräbern. Da die Särge gehoben werden, tiefe Stille. Nur die Tannenzweige knistern— verhaltenes Weinen und Schluchzen. Eine Frau ruft mit polnischem Akzent:„Laßt mich doch meinen Mann sehen, es ist doch das einzige, was ich ihm noch geben kann� daß ich ihm nachblicke!"... Hohe kirchliche Würdenträger im Ornat halten Reden. Totenpomp, Schaugepränge! Ein markerschütternder Schrei einer Frau. Trauer- melodien. Dumpfes Fallen der Schollen. Allmählich lichten sich die Massen...__ Der KatHoliftentag in flachen. In Anwesenheit zahlreicher kirchlicher Würdenträger wurde am Sonntagvormittag 11 Uhr im Aachener Kurhause die „5 9. GeneralversammlungderKatholikenDeutsch- lands" eröffnet. Als Präsident des Katholikentages wurde Justizrat Schmidt aus Mainz gewählt. ZWi Ehrenpräsidenten wurde gewählt: Geheimer Oberjustizrat Oberlandesgerichtspräsident Dr. Spahn. Ferner wurden gewählt Fabrikbesitzer Brandt. M.«Gladbach sowie Reichstagsabgeordneter Engelen-Osnabrück. Zum ersten Vizepräsidenten wurde gewählt Graf Edwin Henckel von Donnersmarck, zum Stellvertreter Jakob Weber-Cray bei Essen. Dann wurden an den Papst und den Kaiser die üblichen Depeschen gesandt.*, Der Festzu«. Schon in den frühen Nachmittagsstunden entwickelte sich in der Stadt ein reges Leben. Mehr als 109 Extrazüge hatten die�Fest- zugsteilnehmer aus allen Teilen des Rheinlandes nach der Stadt gebracht. Bereits um 1 Uhr erfolgte bei heftigem Regen die Aufstellung des Festzuges, der in zwei Kolonnen ausmarschierte, welche sich vor der am Elisenbrunnen aufgestellten Ehrentribüne vereinten. An dem Zuge beteiligten sich 559 Korporationen mit etwa S9 999 Teilnehmern. 29 Musikkapellen befanden sich in dem Festzuge, an dem sich auch holländische und belgische Fahnendeputationen be- teiligten. Auf der Ehrentribüne hatten die anwesenden Mitglieder des Episkopats, de? Vorstandes und de? Zentralkomitees Platz ge- nommen. Vor derselben hielt der Vorsitzende der Festzugskom- Mission, Oberstleutnant a. D. Hasse, eine kurze Ansprache. 12 Versammlungen. Nach dem Vorbeimarsch trennten sich die zwei Kolonnen, um in die 12 Versammlungslokale, abzuziehen. Die Haupwersamm- lung sand in der Festhalle statt, wo der Präsident des Zentral- tomitees. Graf Droste.Vischertng, den Vorsitz führte und Diözesan- Präses Dr. Müller-Gladbach eine Gedächtnisrede auf Kardinal Fischer hielt. In den übrigen Versammlungen sprachen Arbeiter- sekrctär Kloft-Essen, Arbeitersckretär Gronoivski-Dortmund und Pevbandssekretär Weher-Gladbach. Der Diözesanpräses Müller kam in seiner Gedächtnisrede puf den Kardinal Fischer auch auf dessen Haltung zur christlichen Gewerkschaftsbewegung zu sprechen. Cr sagte: „Allen zum Wohle, niemand zuleide, das war der Wahlspruch unseres Kardinals Fischer, an dessen Grabe die tiefe Trauer seiner Diözesanrn Kunde gab von der Liebe, mit der alle an ihm hingen. In jenen Tagen, alS die schweren Kämpfe um die christliche Ar- beiterbewegung tobten, haben die katholischen Arbeiter und auch die mit ihnen in den christlichen Gewerkschaften zusammen- geschlossenen gläubigen evangelischen Arbeiter alle bangen Sorgen Niedergeschlagen im Pertpauen auf den Schutzherrn ihrer Sache, Kardinal Fischer. Was wir ihm schulden, das heute auszusprechen, ist uns Herzenssache.(Lebhafter Beifall.) Weil in dem rheinisch- westfälischen Industriegebiet der größte Teil der ansässigen Be- bölkerung katholisch ist und auch im öffentlichen Leben sich Einfluß zu erhalten gewußt hat, liegt der Schwerpunkt der katholischen Arbeiterbewegung und der von! ihm angeregten und heute noch überwiegend gestützten christlichen Gewerkschaftsbewegung in der Kölner Erzdiözese. Der Kardinal forderte von seinen Priestern, daß sie überall Arbeitervereine gründeten. Er setzte seine ganze Autorität für die sozialen Bestrebungen ein, und manches Vor- urteil, manche falsche Auffassung über die katholische soziale Arbeit hat er dadurch beseitigt, daß er sich persönlich an die Männer tvandte, die an verantwortungsvoller Stelle standen. Es war nicht immer leicht für den Kardinal, feinde Reformarbeit fortzuführen. Es kam eine Zeit, wo die grundsätzlichen Erörterungen kein Ende nehmen wollten und viele schwerwiegende Streitfragen aufgeworfen wurden. Manche Frage ist inzwischen geregelt worden, über andere tobt der Streit weiter. Der Kardinal war sich bewußt, was vom Ausgang dieser Kämpfe für die ganze EntWickelung der sozialen Bewegung abhing, und er zögerte keinen Augenblick, sich schützend vor die zu stellen, die unter seinen Augen und mit seiner Billigung für die Organi- sationen tätig waren. In Ansprachen und Hirtenbriefen trat er den Angriffen entgegen, und zweimal machte er eigens die be- schwerliche Reise nach Rom, 1998 und 1919, um Mißverständnisse zu zerstreuen und falsche Anklagen zu entkräften. Während in dieser Nachmittagsversammlung Kardinal Fischer als großer Avbeiterfreund gefeiert wurde, hielt in der am Sonntag-� abend abgehaltenen BegrüßungSversammlung der Vorsitzende des Lokalkomitees. Dr. Winands, der Prophet von Lourdes, eine fulminante Rede gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Wir Katholiken wünschen, erklärte er, Klerus und Laien mögen die Hände noch fester ineinanderlegen.(Stür- Mischer Beifall.) Das katholische Volk steht auf der Wacht vor seinem Klerus, wohl wissend, daß der Strudel, wenn er Priester und Altar bedroht, auch Zepter, Krone und Thron Gefahr bringt. Große Aufgaben hat uns unsere Zeit gestellt. Viel gesunde Kraft wird vergeudet im Kampf gegen den alten Glauben, gegen Sitte, Thron und Altar. Nie war der Ansturm so allgemein, so brutal und gehässig. Sind wir uns alle dessen bewußt, daß dem- gegenüber kein wahrer Katholik untätig beiseite stehen darf! Stolz dürfen wir für die katholische Kirche kämpfen, die ein mächtiges Bollwerk gegen den Umsturz ist. Charakteristisch für diese Versammlung wie für den ganzen Katholikentag ist der internationale Einschlag. Es sind Vertreter von Belgien, Holland, Oesterreich, der Schweiz usw. anwesend, die den deutschen Katholiken die Grüße ihrer ausländischen Glaubens- genossen brachten. Namentlich machte sich auch die Gegenwart aus- ländischer Kirchenfürsten bemerkbar. Ein weiteres Kennzeichen dieses Katholikentages ist die auffallende Betonung, die die Redner auf die immer wiederkehrende Erklärung legten, daß die deutschen Katholiken der kirchlichen Autorität, also dem Papst und den Bischöfen stets gehorsam sein und bleiben werden. Auf dem Essener Katholikentag 1999 hielt man es noch für angebracht, die Rede des Kardinals Vanutelli, die die deutschen Katholiken wegen ihres Gehorsams gegen den Papst rühmte, dahin zu korrigieren, daß es hieß:„Soweit es die Religion betrifft"! Von dieser Einschränkung ist in Aachen nicht mehr die Rede und stolz verkün- dete in der gestrigen Begrüßungsversammlung der Borsitzende des Lokalkomitees:„Wir Katholiken erneuern heute im Angesicht unserer Bischöfe das Gelöbnis, unserer von Gott eingesetzten kirchlichen Autorität stets Gehorsam zu erweisen." Also, unbeschränkter und unbedingter Gehorsam dem Papst gegenüber! Aachen, den 12. August(Telegr. Eigenber.) Die zweite geschlossene Versammlung, die heute morgen stattfand, beschäftigte sich zunächst mit einer f o r- malen Sache, der aber große innere Bedeutung innewohnt. Man weiß, daß es im Klerikalismus kracht, daß da» Treiben der Uebergläubigen die katholische Einigkeit stark erschüttert hat. Um vor den Zeugen des Katholikentages die Einigkeit im ultramon- tanen Lager nicht zu gefährden, soll in Zukunft der Vorsitzende das Recht haben, die Beratung von Gegenständen, über die in weiten Kreisen der Katholiken Meinungsverschiedenheiten be. stehen oder wo sich solche bei der Beratung ergeben, auszusetzen, um vorerst dem Vorstand Bericht erstatten zu lassen. Ferner soll der Vorsitzende Anträge, die bei der Abstimmung nach seiner Meinung ein zweifelhaftes Ergebnis haben, als a b g e- lehnt erklären dürfen! Den Beratern der Katholiken- tage kann nach diesen Aenderungen der Satzung ein ungestörter Verlauf de» Schauspiels und die ungetrübte«Einigkeit" garantiert werden! . In der Versammlung stand außerdem, wie üblich, der Antrag übe?'- ,ie römische Frag« an der Spitze. Er enthält die Forderung, daß dem Papst die volle und weltliche Freiheit in der Ausübung seines höchsten kirchlichen Amtes bleibe. Die Kcr- tholiken werden airfgefordert, fleißig zu beten, daß der allmächtige Gott die Tage der Prüfung abkürze. Da der Papst nicht vom Ge- bet der Gläubigen allein leben kann, wird erwartet, daß die katho- lische Christenheit nicht erlahme in der Spendung des Peters- Pfennigs. Der Antrag wird mit donnerndem Beifall einstimmig angenommen. Desgleichen der Antrag auf Aufhebung dcS Jcsuitengesetzes. Das Präsidium wird beauftragt, eine diesem Beschluß entsprechende Eingabe an den Reichskanzler zu richten. Weiter wird angenommen ein Antrag auf Förderung der Heidenmission als vornehmste Pflicht der Kirche, den wahren Glauben über die ganze Erde zu verbretten. Auch die gesteigerte koloniale Arbeit des Reiches wird angeführt als Ansporn zu außer- ordentlichen Leistungen ans diesem Gebiet. Es folgt dann die Annahme von Anträgen zugunsten der För- derung des Bonifaziusvereins, der die Erhaltung des Glaubens der Katholiken in der Diaspora bezweckt, des Raffaelvereins, der seine Wirksamkeit auf die Fürsorge für katholische Auswanderer erstreckt, endlich des Vereins vom heiligen Lande, der die Aufgabe hat, Pa- lästina zur Zivilisation und zum wahren Glauben zurückzuführen. » Der Kampf um die Schule. Nach Beendigung des Kulturkampfes in den achtziger Jahren verkündete Windthorst, daß nunmehr der wahre Kulturkampf beginne: der Kampf der gläubigen Christen um die Schule. Diesen Kampf, den man in der Folge nie aus den Augen gelassen hat, haben die Ultramontanen auf dem vorletzten Mainzer Katholikentag von 1911 durch Gründung der„Organisation der Katholiken Deutschlands zur Verteidigung der christlichen Schule und Erziehung" nunmehr mit aller Macht aufge- nommen und es zeugt für die Wichtigkeit, die der Klerikalismus dieser Frage beilegt, daß der neuen Organisation die ersten Stun- den des heutigen Tages zu einer öffentlichen Versammlung einge- räumt waren. Die Versammlung in der großen Festhalle war sehr gut besucht. Auf die Mitwirkung der Frauen an diesem Werk der völligen Klerikalisierung der Volksschule wird besonderer Wert ge- legt, wie die Teilnahme zahlreicher Frauen bewies. Zentrumsabgeordneter M a r x- Düsseldorf führte den Vorsitz'. Er gab einen kurzen Bericht über die Tätigkeit dieser Organisation. Landesausschüsse bestehen in Bayern, Hessen, Württemberg, Preußen wird nächstens nachfolgen, Elsaß-Lothringen nicht lange auf sich warten lassen. In manchen Diözesen und zahlreichen Städten bestehen Diözesan- und Pfarrei-Ausschüffe. Es erhebe sich die Frage, weshalb man auf diesem Gebiet erst jetzt und nicht schon vor 15— 29 Jahren vorgehe, aber für die gute Sache sei es nie zu spät. Die Verteidigung der christlichen Schule werde zum Ziele führen.! Für die Versammlungen waren vier Redner borgesehen: ein geistlicher Religionslehrer aus Paderborn, ein Schulrektor aus Trier, ein Volksschullehrer aus München und eine Lehrerin aus Aachen. Kennt man eine Rede, dann kennt man sie alle. Lehrer Weidel-München erblickt die Haupterziehungsaufgabe in der religiös-sittlichen Bildung der Jugend; diese könne nicht mit den paar Religionsstunden erledigt werden, sondern müsse die ganze Schulzeit durch berücksichtigt werden und weil nach dem Grundsatz aller Christgläubigen das religiöse Leben in einer konfessionellen Form zu suchen sei, müsse man die religiös-sittliche Bildung, die konfessionelle Schule fordern. Die Durchdringung der ganzen Schularbeit mit christlich-katholischem Löben— darin besteht nach des Redners Ansicht die wahre Schulpolitik. Die Schule müsse die Kinder tagtäglich auf die erste kirchliche Kommunion! vorbereiten, sie müsse praktische Gebeterziehung und Heiligenverehrung treiben. Das nennt der Redner Hin, leitung zu werktätigem Christentum! Er schließt mit der Versiche, rung:„Nur die konfessionelle Schule kann eine wirkliche Erziehungsschule sein, die jeden Stand und Beruf, seien es In- dustrielle oder Arbeiter, Bauer oder Handwerker zu dem hinführen« war wir brauchen, zu praktischem werktätigem Christentum." Was sich im klerikalen Lager als„Erziehung" aufspielt, sei nur an einigen Beispielen des Paderborner Religionslehrers Professor Rosenberg illustriert. Der Mann wagte es, zu sagen:„Reli- giöse Völker sind große Völker, religionslose Völker sind, wie die Geschichte beweist, stets untergegangen." Die Versammlung klatschte lebhaften Beifall. Oder:„Sagen Sie dem Kinde, daß es nach dem Kaatschen kategorischen Imperativ stets so handeln müsse, daß sein Tun den Maximen der allgemeinen Moral entsprechen müsse, so versteht das Kind das nicht. Sagen Sie ihm aber, daß es nicht lügen, nicht stehlen dürfe, weil Gott eS verbiete, dann versteht es das und handelt danach." Und der Mann nennt sich Professor und hält Reden über die Erziehung der Jugend! Selbstverständlich fehlte auch da nicht der Beifall der Ver- sammlung,' Line Fehlgeburt. Eine Gruppe liberaler Arbeiterführer und Angestellter— zumeist auS Delegierten der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine be« stehend— tagte Sonntag in Leipzig und beschloß nach einem Referat des bekannten fortschrittlichen Arbeitersekretärs Erkelenz„die Schaffung einer liberalen Arbeiter- und An- gestelltenbewegung" im„Rahmen der Fortschrittlichen Volkspartei", oder, wie schließlich für besser befunden wurde,„ i m Anschluß an die Fortschrittliche Volks Partei". Folgende Resolution wurde angenommen: „Die erste Reichslonferenz liberaler Arbeiter und Angestellten in Leipzig hält die Schaffung einer liberalen Arbeiter- und An- gestelltenbewegung für eine dringende Notwendigkeit. Sie fordert ihre Freunde in Stadt und Land auf, mehr als bisher für die politische Aufklärung der liberalen Arbeiter im Sinne der Be- schlüsse dieser Konserenz zu wirken. Die liberale Arbeiterbewegung erblickt ihre vornehmlichste Aufgabe in einem unausgesetzten Werben für ein Hand-in-Handarbeiten der freiheit» lich-nationalenArbeiterbewegung mit dem frei- heitlichen Bürgertum auf politischem und kulturellem Gebiete. Um die Arbeiter und Angestellten für diese Aufgabe zu erziehen, ist eine selbständige liberale Arbeiterbewegung rni Anschluß an die Fortschrittliche VollSpartei unentbehrlich. Die liberale Arbeiterbewegung erkennt das Programm der Fortschrittlichen VollSpartei als»hr Mindestprogramm an. Sie wird innerhalb dieser Partei mit besonderer Anstrengung arbeiten. 1. Für den freiheitlichen Ausbau aller� öffentlichen Einrichtungen in Reich, Staat und Gemeinde, wie für die politische Gleichberechtigung aller Erlvachsenen. Im Anbeginn seiner Lauf- bahn soll jeder Mensch die gleiche Möglichkeit der EntWickelung haben. 2. Für die Schaffung eine« sozialen Arbeitsrechts durch Um« Wandlung des Arbeitsverhältnisses aus einem Gewaltsverhältnis in ein Rechtsverhältnis. Die wichtigste Pflicht jedes Gewerbes ist die Erhaltung und Kräftigung einer leistungsfähigen Arbeit- nehmerschaft. 8. Für die Erkenntnis des engen Zusammenhanges der sozialen Frage in den städtischen Gewerben, mit der auf dem Lande. Dem- entsprechend: Kampf gegen den Großgrundbesitz, für eine groß- zügige Landkolonisation. 4. Für einen lebenskräftigen JdeallsmuS. der alle Klassen der Nation verbindet, gegen einen geistlosen Materialismus, der im Menschen nur eine Maschine sieht." Eine erhebliche Anzthl der Teilnehmer wollte nichts von dieser engen Verbindung niit dem Freisinn wissen, sondern plädierte für eine Organisation auf allgemein liberaler Basis. Es war viel- leicht im Interesse der neuen Bewegung— das dümmste nicht, daß der dahingehende Antrag abgelehnt wurde; die Nationalliberalen haben sich, wie auch auf der Konferenz betont wurde, durch ihre enge Freundschaft mit den„Gelben" und ihre innige Verbindung mit dem ärgsten Scharfmachertum so um allen Kredit in Arbeiter- kreisen gebracht, daß eine liberale Arbeiterorganisation, die mit ihnen im Bunde steht/ sich von vornherein den Ast abgesägt haben würde, aus den sie doch noch erst hinaufzuklettern hat. Die Frage ist nur, ob der enge Anschluß an die Fortschrittliche VollSpartei die Bewegung aus den ersehnten grünen Zweig wird kommen lassen und ob sie wirklich dem Wunsch und Willen ihrer Macher gemäß imstande sein wird, der„Gefahr, daß der riefige Apparat der Sozialdemokratie alle Arbeiter an sich reiße," zu be- gegnen. Sehr zuversichtlich klangen die Reden und Beschlüsse der Kon- greßteilnehmer gerade nicht, da sie ihre Hoffnungen überall mit Bedingungen umrahmten, erst müsse die Fortschrittliche Volkspartei noch dies und jenes tun,— dann würde oder dürfte sich die Sache machen. Das Mißtrauen gegen den Freisinn ist ja nur allzu sehr berechtigt. Wenn die Leipziger Konferenz in ihrer Resolution z. B. noch besonders an die Notwendigkeit eines freiheitlichen Ausbaues aller öffentlichen Einrichtungen und die volle politische Gleich- berechtigung-aller Erwachsenen mahnt, so tauchen einem sofort vor dem geistigen Auge all' die Großen und Kleinen in der Partei auf, die mehr oder weniger deutlich, ihrem Abscheu gegen das gleiche/ Wahlrecht, zum mindesten in den Kommunen. Ausdruck verliehen haben. Und wenn von dem Wunsch nach einem soziai«n Srbest«r.echt die Rede ist, so hört man die vedenklichcn Mahnungen der Kaimpf und Muxidan und wie sie alle heisje» mögen: Nur ja keine lieber st ürzungl— Die Leiter der Bewegung durften gar bald zu der Erkenntnis kommen, dost die Fortschrittliche Volkspartei sich w ihrem Sinne nicht so leicht.erziehen" läßt. Ihre Aufgabe ist letzten Endes wohl nicht nur eine schwere, sondern sogar eine unmögliche. Ein Blinder mutzte es, wenn nicht sehen, so doch wenigstens fiihlen— heute mehr denn je—, datz das politische Streben und Wollen im grotzen Ganzen bestimmt wird durch die wirtschaftlichen Vcdmgungcn. in denen die Menschen leben und arbeiten. Nicht als ob krasser Eigennutz, engherziger Egoismus jedes altruistische Gefühl, jedes idealistische Wollen gewaltsam und dem Einzelnen bewutzt, erstickte,— aber das soziale Streben erhält seine spezifische Färbung durch die Klassenzugehörig- keit.— Run ist der Freisinn seiner Vergangenheit und auch seiner heutigen Struktur nach doch die Vertretung einer Schicht von.Be- sitzenden'; nicht so sehr grotzindustrieller Kreise, als vielmehr ge- wisser Teile des Kleinbürgertums und seiner»Intelligenz" und ferner gewisser Teile de?.FinanzlapitalS". Al» solche tritt er in nicht so unmittelbaren Gegensatz zu den Arbeitnehmern und ihren Interessen, wie etwa die nationalliberale Partei, die viel enger mit dem Industriekapital verschwägert ist. Es ist sehr wohl möglich, gewissen sozialen Tendenzen innerhalb des Linksliberalismus Raum zu schaffen. Aber doch nur bi« zu einer ziemlich engen Grenze. An dieser fühlt sich auch der KreiS von Leuten, der dein Fortschritt Stärke und Rückgrat verleiht, in seinen Lebensinteressen bedroht, fürchtet für sein Einkommen, seine Selbständigkeit und Ueberlegenheit anderen Schichten gegenüber; und hier wird er s i ch weigern, auch nur noch einen Schritt weiter zu gehen. Fraglich ist aber, ob diese Grenze auch den Interessen der Arbeitnehmer genügt. Die Leipziger Konferenzler haben ihre Wünj-je dahin formuliert, datz es nötig sei, das Arbeits- Verhältnis»aus einem Gewaltsverhältnis in ein Rechtsverhältnis umzuwandeln". Das ist reichlich dehnbar und nicht gerade sehr klar. Wer die Theorien deS Frank- Kurier Stadtrats Flesch, auf den wohl diese Formulierung zurück- geht, näher kennt, weitz, datz er darunter die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine,«ine Verallgemeinerung deS Tarifvertragswesens, bessere Sicherung der Arbeiter vor ungerechtfertigten Kündigungen und Entlassungen und dergleichen mehr versteht. Sicherlich sehr er- strebenSwerte Forderungen, für die auch zum Teil unter den heutigen Fortschrittlern Verständnis zu finden sein wird. Aber würde ihre Verwirklichung denn wirklich schon da».GewaltSvcrhältnis". das im heutigen Arbeitsvertrag zum Ausdruck kommt, beseitigen?— Nein, denn dies beruht doch schlietzlich darauf, datz der Besitz der Produktionsmittel, der Maschinen, der Fabriken, des Grund und BodenS, deS Anlagekapitals einer kleinen Schicht von Wohlhabenden die Macht gibt, sich einen Teil dessen, was die Masse in ihren Diensten erarbeitet, für sich in Anspruch zu nehmen, in ihrem Interesse zu verwerten. Und dieser Anteil kann und wird nicht geringer werden, so lange einer den anderen drängt, durch immer neue Betriebsanlagen, immer kompliziertere, neue Maschinen, immer weiteren Ausbau des Unter« nehmen» die Produkte auf dem allgemeinen Markt konkurrenzfähig zu erhalten und nicht von anderen verdrängen zu lassen; datz heitzt, so lange der Privatbesitz an den Produktionsmitteln besteht. Erst wenn die private durch die gesellschaftliche Produktion abgelöst ist, wenn dadurch den Besitzenden die Möglichkeit genommen ist. andere, die sich in ihrer Besitzlosigkeit fügen müssen, um einen. Teil ihres Arbeitsertrages zu bringen,— erst dann wird man sagen können, datz da« GcwaltSverhältniS völlig beseitigt ist. So weit aber wird der durch die Konkurrenz gestachelt« Selbst- erhaltungstrieb jener bürgerlich-selbständigen Kreise, die in der Fort- schritilichen Volkspartei bestimmend wirken, niemals gehen, während dem denkenden Arbeiter und Angestellten sich dieses Ziel immer mehr al« einzige Lösung des Problems aufdrängt. Nicht der»grotze Apparat" der Sozialdemokratie, wie Herr Erkelenz zu glauben scheint, hat ihr die Massen der Arbeiterschaft gewonnen, sondern ihre klare Erkenntnis der wirtschaftlichen Gegen- sätze und ihre entschlossene, bedingungslose Stellungnahme aus der Seite jener, die als Arbeitnehmer durch daS Kapital ausgebeutet werden. Und diese Tatsache wird auch weiter für die Sozialdemo- kratie wirken und werben und ihre Macht wachsen lassen; daran wird auch der neue Reichsverein.liberaler" Arbeiter und Angestellter nichts ändern können. Ihre Bewegung im.Rahmen der Fortschritt- lichen Volkspartei' trägt von vornherein den TodeSkeim in sich. Die Ereignisse In der türlte). Der Zwiespalt in der Komiteepartct scheint anzudauern und die aemätztgte Richtung vorläufig die Oberhand zu be- halten. Allerdings ist die Komiteepartct fast völlig aus der Oeffentlichkeit verschwunden und ihre Entschlüsse umgibt tiefstes Geheimnis. Aber auch im Ministerium herrscht Uneinigkeit und eine M i n i st e r k r i s e ist im Anzüge. Der greise Kiamil Pascha soll Grohwesir, Ferid Pascha Minister des Innern werden. Hilmi Pascha Wird, Wie es heifit, aus dem Kabinett ausscheiden. Die Regierung behauptet, des überwiegenden Teils des Offizierkorps sicher zu sein. Vierhundert Offiziere haben beim Abgang von der Militärakademie in Gegenwart des SultanS und der Mitglieder de? Ministeriums den Treueid geleistet, inDden zum ersten Male das Gelöbnis aufgenommen ist, datz sie sich weder mit Politik beschäftigen noch irgend einer politischer Partei beitreten werden. Auch alle Armeekorps werden zur Ablegung des Treueids für die Regierung aufgefordert werden. Die Verhandlungen mit den Albaniern dauern fort. Ibrahim Pascha hat den Führern der Arnauten erklärt, die Regierung könne nicht die Mitglieder der früheren Kabinette Hakri und Said verfolgen. Eine all- gemeine Wiederbewaffnung der Arnauten sei eben- falls unmöglich. Sobald die Kammer zusammengetreten sei. stehe eS ihr frei, jenen Arnauten, die an der Grenze liegende Ortschaften bewohnen, sowie im allgemeinen allen Hirten und Pächtern oder in den Wäldern beschäftigten Arnauten die Waffen zurückzuerstatten. Ein Teil der Ar- nautenführer ist mit dieser Lösung zufrieden, andere behalten sich Bedenkzeit vor. Die übrigen Modifikationen der Forderungen der Arnauten fanden Genehmigung. Die Ar- nauten lassen dem Kabinett nochmals ihren Dank und ihreErgebenheit ausdrücken und haben sich inzwischen. mit Ausnahme der Führer, die zur Unterfertigung des Ab- kommens mit Ibrahim Pascha in Prischtina verbleiben, zu- rückgezogen. Diese dringen alif einen Beschlufi seitens der Regierung über ihre in zwölf Artikeln zusaminengefafitcn Forderungen. Jsmael Kenial erklärte, die S ü d a l b a- n e s e n würden mit der Bewilligung jener Forderungen zu- frieden sein, welche den Nordalbanesen zugestanden wurden. Weit b e d e n k l i ch e r als die Nachrichten aus der Türkei selbst sind die Meldungen über die wachsende Erre. g u n g in den B a l k a n st a a i e n. An der monte- negrischen Grenze wird weitergekämpft, und das Re° gierungsblatt führt eine recht drohende Sprache. In Bul- g a r i e n wird eine recht lebhafteKriegsagitation entfaltet. In einer von den mazedonischen Wohltä- tigkeitsgesellschaften einberufenen Versammlung, an der Vertreter aller politischen Parteien teilnahmen, wurde nach lebhasten Erörterungen, in denen das Vorgehen der Tür- kci gegenüber der bulgarischen Bevölkerung in Mazedonien schärfstens kritisiert und die Bevölkerung aufgefordert wurde, gegenüber der Türkei eine feste Haltung einzunehmen und eventuell mit Krieg vorzugehen, ein Komitee gewählt und mit der Aufgabe betraut, nach Sofia und anderen Städten für Dienstag Volksversammlungen einzuberufen und eine entsprechende Resolution zu verfassen. In dem Aufruf fordert das Komitee zu einem Zusammenschlufi der Regie- rungspartei und der Oppositionspartei auf. Die Bevölkerung müsse einmütig den Krieg gegen die Türkei ver- langen. Für die morgen stattfindenden Versammlungen sind grofie Trauerkundgebungen und Strafienumzüge geplant. Zar Ferdinand hat seinen Aufenthalt in Ungarn unterbrochen und ist nach Sofia zurückgekehrt. Diese Agitation ist bei der starken Erregung, die in Bulgarien gegen die Türkei herrscht, eine nicht zu unterschätzende Gefahr. poUtifcKe dcberHcbt» Berlin, den 12. August 1912. folgen der preußischen Anfiedelungspolitik. Immer blamabler werden die Zustände in den Ansiedelung«- gebieten in den Ostmarken. DaS fortgesetzte Stetgen der Grundstücks- preise und der enorme Handel mit Gütern, der seit einigen Jahren zum Eutsetzen aller.bodenständige»" Elemente eingesetzt hat, treibt auch die Ansiedler in de» Ostmarken dazu, an dieser Jagd nach Ge- Winnen teilzunehmen, Darüber jammern selbst die hakatistischen Organe deS Ostens. So schreibt die.Königsberger Allgemeine Zeitung": .Die durch wilde Spekulation hervorgerufene Steigerung der Güterpreise, die, wie die ostpreutzische Landgesellschaft in ihrem letzten Jahresbericht hervorhebt, zu besorgniserregenden Zu- ständen geführt hat, verleitet auch die Ansiedler in den Ost marken zum Teil, ihre Stellen zu verkaufen, um am landwirtschaftlichen Grundstücks- gefchäkt vorteilhaft zu verdienen. Da das aber nicht der Zweck der vom Staat mit Hunderten von Millionen unternommenen Anfredelungstättg- keit fein kann, so hat die Ansiedelungskommission rechtzeitig Vor- kehrungen getroffen, um dem GeschäftSeifer verdienstlustiger Kolo« nisten entgegenzuwirken. Sie entzieht Ansiedlern, die ihre Stellen um Gewinns willen verschleitzen. den Vorteil des ihnen beim Zuzug ge- währten Freijahres und fordert von ihnen die Rente für diese» Frei- jähr ein. Antzerdem aber prüft sie die neuen Käufer auf ihre deutsche Zuverlässigkeit, und wenn sich heraus- stellt, datz diese Leute zuvor schon Grundstücke besessen, ober nicht deren Erhaltung in deutscher Hand gesichert, oder ihren Landbesitz gar an Polen verkauft haben, dann versagt sie glatt die Verkaufs- genehmigung. DaS ist mit Genugtuung anzuerkennen. Denn eS fehlte gar noch, datz auf den Landbesitz, der mit grotzen Opfern des Staate« in den gefährdeten Gegenden für da? Deutschtum er- worden wird, unzuverlässige Leute gesetzt worden. Treue deutsche Landleute brauchen wir in den Ostmarken und auf den Ansiedlerslellen. DaS Deutschtum soll gefestigt, nicht aber wilde Grundstücksspekulation im AnsiedlungSgebiet betrieben werden. Vielleicht ergibt sich in naher Zeit die Notwendigkeit.den An- siedleru überhaupt das WeiterverraufSrecht zu beschneiden und nur noch solche Deutsche an- z u se tz en, d i e fi ch v e rp flich t e n, auch wirklich auf der Scholle zu bleiben." Nimmt man in dieser Weise den Ansiedlern die Freizügigkeit, so dürfte auch daß Ende der vielgerühmten Ansiedelungspolitik gekommen fein. Die jetzigen Zustände beweisen schon, wie groß ihr. Fiasko ist. Und diese verfehlte Politik haben die Steuerzahler mit Hunderten Millionen Mark bezahlen müssen. Die Tauglichkeit der Militärpflichtigen. In der neuesten Ausgabe von„LöbellS Jahresbericht über das Heer- und Kriegswesen" ivird� wieder konstatiert, datz die Zahl der unbedingt tauglichen Militärpflichtigen von Jahr zu Jahr abnimmt. Von je 100 endgültig Abgefertigten waren tanglich: im Jahre 1S07: 54,9. 1908: 54,5, 1909: 53, ö, 1910: 58. Diese Verschlechterung wird auf die Zunahme der städtischen industriellen Bevölkerung zurück- geführt. So waren z.B. von je 100 endgültig Abgefertigten im Be- reich des 15. Armeekorps(Elsatz) tauglich 66,7, in Ostpreutzen 63, in Westpreutzsn 61; dagegen in Schlesien nur 47,8, in Braudenburg mit Berlin gar nur 42,1._ Austauschspione. Vor einigen Tagen wurde bekanntlich gemeldet, dafi diplomatische Verhandlungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung im Gange seien, die den Zweck hätten, den wegen Spionage verhafteten russischen Hauptmann Koste- witsch wieder in Freiheit zu setzen. Die Meldung klang im Hinblick auf das so ausgeprägte deutsche Rechtsbewutztsetn wie ein schlechter Scherz, und die offiziöse Dementierspritze war sofort bei der Hand. Am Sonnabend kam aber die Meldtma aus Leipzig, datz am Sonnabendnachmittag um 5 Uhr 10 Minuten die vorläufige Haftentlassung des russischen Arttlleriehauptmanns Kostewitsch gegen Stellung einer Kaution von dreifiigtausend Mark erfolgt sei. Gleichzeitig wurde nun nach einer Meldung aus Warschau dort ebenfalls am Sonn- abcndnachniittag gegen Hinterlegung deS gleichen Betrages der vor einigen Wochen verhaftete preutzische Leutnant D a h m, der beim niedcrsächsischen Feldartillerie- Regiment Nr. 46 steht und zwecks Vervollkommnung in der russischen Sprache nach Nutzland beurlaubt war, auf freien Futz gesetzt. Die genannten Geldbeträge wurden bereits vor einigen Tagen in Berlin und Petersburg eingezahlt. Beiden Offizieren soll eS gestattet worden sein, sich in ihre Heimat zu bogeben, jedoch haben sie sich verpflichten müssen, zum Verhandlungstermin wieder vor Gericht zu erscheinen. Die Haftentlassung der beiden Spione scheint also fest- zustehen. Wann die Verhandlung sein wird, ob sie überhaupt noch stattfindet, und ob die beiden Freigelassenen noch zu erscheinen haben werden, ist wohl mehr als r a g l i ch._ j Das ans dem Dispositionsfonds bezahlte Ballkleid. Während der elsässisch-lothringischen Landtagswahlen im Wahl- kreis Schlettstedt hatte der jetzige ReichstngSkandidat für den- 'elBen KreiS. Abbö H a e g y, wiederholt von einem Ballkleid gesprochen, das einer Dame ans dem Dispositionsfonds gezahlt ivocdcn sei. Im Landtag harte der Uuterstantssckretär Mandel die Geschichte ins Reich der Märchen verwiesen. Jetzt aber bringt der»Elsässer Kurier' folgende Darstellung der Sache: .Am Donnerstag, 22. Februar 1906, wurden in der 3. Kom- Mission des Landesausschusses die Rechnungen über die Ver- Wendung des Dispositionsfonds des Kaisers und des Statthalters besprochen. Die Einsicht in die Rechnungen hatte bei den Mit- gliedern der mit der Prüfung beauftragten Unterkommission leb- hafteS Befremden hervorgerufen. Der Referent berichtete hierüber unter Hervorhebung einzelner besonders auffälliger Posten. U. a. stellte er fest: .Eine Dame, welche mit ihrer Tochter die B ä l l e d e S Statthalters regelmätzig besucht(Freifrau von... geborene von...), erhall 1506 M. jährlich, gerade was not- wendig ist, um ihre Toiletten zu bezahlen. Das war es, was Herr Dr. Haegy in jener Versammlung sagte. Nicht, daß eine Dame einmal 1500 M. erhielt, damit sie ein neues Kleid für den Ball kaufen konnte, sondern datz die be- treffende Dame aus hohen Kreisen, die so siturert ist, datz sie regelmätzig die S t a t t h a lt e r- B ä l I e besuchl, jährlich 1500 Mark aus dein Gnadenfonds erhielt, was etwa gerade genügte, um ihre Toilette entsprechend instand zu halten! Datz der Minister im Landtage daS in etwas vagen Ausdrücken.abzustreiten" suchte, ändert an den Tatsachen nichts I Heute, wo man es Herrn Dr. Haegh persönlich gegenüber ab- zustreiten wagt, sei der Sachverhalt hiermit festgestellt mit dem Bemerken, datz Herr Dr. Haegy über daS vollständige Detail der Verhandlungen der 3. Kommission des Landesausschusses vom 22. Februar und 1. März 1906 verfügt und mit allen erwünschten Einzelheiten mit Namen und Zahlen aufwarten kann." Die„gute, regelmäßige" Kost der Soldaten und die „Spannkraft" im bürgerlichen Beruf. Der Sekretär der Handelskammer Dortmund ist schon oft wegen seiner verschrobenen Anschauungen aufgesallon. Höchst kurioS ist denn auch wieder, was der Bericht der Dortmunder Handelskammer für daS Jahr 1911 aus unbedachter.Begeisterung" für den Mili- tarismuS vermeldet. Ein Blick in die Wirllichleit, so heitzt es im Bericht, lehre jedem unbefangenen Urteilsfähigen, datz der Militaris- muS alles andere als volksmordend sei; denn:„Die Wehrpflicht mordet nicht unsere Jugend, sondern kräftigt sie gesundheitlich. Wer die Verhältnisse auch nur flüchtig kennt, weih, wie anders die jungen Leute von der Truppe wieder ins bürgerliche Leben zurücktreten, al« sie dorther kamen. Die körperliche Bewegung in frischer Lust, verbunden mit regeln, ätziger, guter Kost, gibt den Soldaten ein« physische Spannkraft, von der sie auch im bürger- lichen Berus noch lange zehren und die vorteilhaft von den Nichtgedienten absticht." Alle Wetterl Dem Herrn Handelskammersekretär scheint gar nicht zum Bewutztsein gekommen zu sein, was er da geschrieben hat? Hat er doch dem Kapitalismus den schweren Vorwurf ge- macht, die Arbeitskraft der Arbeiter im„bürgerlichen Beruf" derart auszubeuten, fie so schlecht zu bezahlen, datz sie schwächlich und ausgemergelt zum Militär kommen und erst durch die„rcgelmätzige gute Kost' der Kasernen herausgefüttert werden müssen. Ein nettes Lob für die Grotzindustriellen Rheinlaud-Westfalens 1 Wo bleibt die Seligkeit der Arumt? Der Generalvikar des Bistums Regensburg, Dr. ScheylmanN, hat, wie aus dem Parteitag der bayerischen, Sozialdemokratie kon- statiert wurde, die Geistlichen zu der Führung des Kampfes gegen die Sozialdemokratie durch Predigt und Christenlehre ansgefordcrt und ihnen dabei auch die Hervorhebung der Seligkeit der Armut anempfohlen. Wenn d i e A r m u t wirklich so selig macht, so mutz man sich wirklich wundern, datz so viele katholische Geist- liche nach einträglichen Pfarreien trachten und die Erzbisckchfe und Bischöfe nicht auf den größten Teil ihrer Einkünfte verzichten. Am besten bezahlt ist von der bayerischen Klerisei der Erzbischos von München-Preising. Er bezieht 36 000 M. Gehalt im Jahre und außerdem stellt ihm der Staat ein Palais umsonst zur Verfügung. Der Erzbischos von Bamberg, die Bischöfe von Augsburg, von Regensburg, von Passau, von Eichstätt, von Würzbnrg beziehen ein jährliches Gehalt, das zwischen, 16 060 bis 20 000 M. beträgt, und jedem von ihnen iiverlätzt der Staat ebenfalls unentgeltlich ein Palatz zum Wohnen. Nach Armut schmeckt daS sehr wenig. Wenn ein solcher Herr auf dem Lande in einem Ort zur Erteilung der Firmung eintrifft, so erweckt seine Ankunft eben- falls recht wenig den Schein an Armut. Er kommt vielmehr in einer eleganten Equipage, aus dem Bock neben dem Kutscher ein Lakai in Livree, angefahren. Wenn aber die Herren Erzbischöfe, Bischöfe und Pfarrer selbst die Seligkeit der Armut nicht erstreben, warum soll dann gerade „der, grotze Hausen" sich für diese Seligkeit begeistern?, Oefterrdcb-Clitgarn. Der kroatische Attentatsprozest. Agram, 12. August. Heute vormittag ist das Urteil in dem Prozefi wegen des Anschlages auf den Statthalter und wegen Ermordung des Banalrats Hervoic verkündet worden. Der Hauptangeklagte I u k i c wurde hum Tode, Horvath zu 6 Jahren, die Mitangeklagten Cvljic, Cesarcc, Bnblic, Neidhardt und Horvatin zu 5 Jahren, und Saranic zu 6 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Fünf Angeklagte wurden freigesprochen. Auflösung einer Liebknechtversammlung. Am Sonnabend sprach Reichs- und Landtagsabgeordneter Dr. Karl Liebknecht auf Einladung unserer nordböhmischen Ge- nosscn in G a b l o n z an der Neiße über„Kapitalistische Welt. Politik". Ueber Oesterreich durfte er nicht reden, und er wurde auch zweimal unterbrochen, weil er nur das heilige Wort„Oester- reich" aussprach. Nachher sprach Genosse D r e ib i ch° Reichen- Berg über„Jugend und Militarismus". Als er das Wort Kaiser Wilhelm» über die Pflicht der Soldaten, auf Befehl auch auf Vater und Mutter schießen zu müssen, zitierte, wurde die Versammlung aufgelöstl Also wegen eines KaiserworjeSl Marokko. Abdankung Mulay HafidS. Paris, 11. August. Generalresident Lyauthey hat dSm Mi- nisterium des Aeufieren telegraphiert, dafi er sich mit Mulay Gafid über dessen Abdankung verständigt.habe. Die Abdankung wird erst erfolgen, nachdem der Sultan vor seiner Abreise aus Marokko an den Gcneralresideirten ein Schreiben gerichtet haben wird, in dem er den Wunsch, abzu- danken, zum Ausdruck bringt. Diese Formalität wird vor- aussichtlich schon morgen erledigt werden. Nach Nachrichten aus M o g a d o r hat das Neglerungs- schiff C o s m a o am Mittwoch und Donnerstag A g a d i r bombardiert._ Der Nachfolger. Paris, 12. August. Die Abdankung des Sultans Mulah Hafid kann als vollendete Tatsckche betrachtet werden. Die französische Regierung � hat dem Sultan gewisse Be» diygungen für diese Abdankung auferlegt, welche er erfüllt hat. Der Sultan hat dem General Lyauteh ein Schreiben überreicht, in welchem er erklärt, datz er nur einer Krankheit wegen dem Thron entsage. Er empfiehlt darin, einen seiner Brüder zu seinem NachfoVger zu ernennen. Die französische Regierung hat beschlossen, die Nachfolgerschaft dem Prinzen Mulay Jussuf, welcher gegenwärtig Kalif in Fez ist, zu übertragen. Mulay Jussuf stammt von demselben Vater und derselben Mutter wie Mulay Hafid. Der abgedankte Sultan wird bereits heute seine Reise nach Vichy antreten. Wahrscheinlich wird ihm später gestattet werden, leinen Aufenthalt in Tanger gg nehmen. ßewerhrcbaftlicbea. Ojitemhitiergeldcr zur Züchtung von Streikbrechern. Als sich der Verband der Lithographen und Steindrucker im- Jahre 1A>5 mit dem Senefeldcr-Bund verschmolzen hatte, erwuchsen der einheitlichen Organisation Gegner aus den Reihen der Vor- standsmitglieder des Senefelder Bundes. Es war zwar nur ein kleiner Teil des Vorstandes, aber diese Herren taten, was sie konn- ten, um die Verschmelzung zu hintertreiben, und als ihnen das nicht gelungen war, suchten sie die Einheitsorganisation nach Kräf- ten zu schadigen. Gelegenheit dazu sollte ihnen die Aussperrung der organisierten Lithographen und Steindrucker bieten, welche die Unternehmer im Jahre 1906 vorgenommen hatten. Während die Verussgenosscn Deutschlands in einem harten Kampf mit dem Un- ternehmertum standen, erwirkten die Verbandsgegner aus dem Vorstande des früheren Senefelder-Bundes einen Gerichtsbeschlutz, durch den die Kassen des Verbandes der Lithographen und Stein- drucker gesperrt, also für den gewerkschaftlichen Kampf lahmgelegt wurden. Diese Handlungsweise erregte seinerzeit gerechte Eni- rüstung unter allen organisierten Arbeitern. Man sah, wes Geistes Kinder jene Leute waren. Hatten sie doch durch ihr Verhalten ge- zeigt, datz sie mit der Organisation der Unternehmer, dem Schutz- verband deutscher Steindruckereibesitzer, in engster Verbindung stan- den. Bald wurde denn auch von denselben Leute eine Gegenorga- nisation gegen den Verband, der Unterstützungsverein Senefelder, ins Leben gerufen.» Die Unternehmer begrützten diesen Verein als ein ihren Interessen dienendes Werkzeug und traten zu ihm in ein freundschaftliches Verhältnis. In der richtigen Erkenntnis, datz ihnen der Unterstützungsverein Senefelder allezeit getreue Ar- bcitswillige liefern werde, führten die dem Schutzverbande ange- hörenden Unternehmer zuin grotzen Teil ihre Lehrlinge dem Verein zu und zahlten auch die Beiträge für dieselben. Der Verein zählt 1600 Mitglieder, nämlich 800 Gehilfen und 500 Lehrlinge. Aber zum Leidwesen der Unternehmer schätz die gelbe Saat, welche sie eifrig pflegten, nicht ins Kraut. Die jungen Leute traten nach be- eudeter Lehrzeit meistens aus dem Unterstützungsverein aus und schlössen sich dem Verband der Lithographen und Steindrucker an. Das war natürlich für die Unternchmerorganisalion sehr schmerz- lich, um so mehr, da sie dem gelben Verein jährlich etwa 6000 M. in Gestalt von Lehrlingsbeiträgen geopfert hatte. Was nun tun? Die Lehrlinge erfüllen die Unternehmerhoffnungen auf gelbe Ar- beitswilligkeit nicht, sie werden deshalb gar nicht mehr dem Verein zugeführt. Da gilt es also, sich die sonstigen Mitglieder des gelben Vereins für zukünftige Arbeitswilligendicnste warm zu halten. Es fanden zwischen der Unterstützungsvereinigung der Gehilfen und dem Vorstand der Unternehmervereinigung vertrauliche Besprcchun- gen in Frankfurt a. M. statt, an der die Leiter der Gehilfen-Unter- siützungsvereimgung mit dem Sekretär des Schutzverbandes teil- nahmen. Die Ergebnisse dieser Beratung sind aus folgendem An- schreiben zu ersehen, das der Unternehmerverband vor Jahresfrist an den Vorstand des Unterstützungsvercins Senefelder sandte: „Wir benachrichtigen Sie hiermit, datz der Schutzverband deutscher Steindruckereibesitzer im Interesse einer Stärkung Ihrer Jnvalidcnkasse beschlossen hat, für jeden in seinen Betrieben be- schäftigten Gehilfen, der Ihr Mitglied ist, den gleichen Betrag (z. Zt. wöchentlich 40 Pf.) als Zuschutz zu leisten, der nach der jeweilig gültigen Bestimmung Ihrer Satzung an die Invaliden- lasse abgeführt wird. Die sich hieraus ergebende Summe darf nur für die Zwecke der Jnvalidenkasse aufgespart und verwendet werden. Für den Fall, datz der Unterstützungsverein Senefelder seinen satzungsgcmätzcn Zweck in grundsätzlicher Beziehung(vgl. Z§ 76 und 78) ändert oder mit einer anderen Organisation' ein Ver- trags- oder Gcmeinschafteverhältnis eingeht, wird diese Zusage hinfällig. Der Schutzverband behält sich die alleinige Eni- schcidung darüber vor. ob ein solcher Fall vorliegt. Diese Zusage wird zunächst auf drei Jahre gegeben. Tie Lchrlingsversicherung soll nicht mehr erneuert werden, die laufende Lehrlingsversicherung soll bis zur Beendigung der betreffenden Lehrzeit beibehalten bleiben. Hochachtungsvoll Schutzverband deutscher Steindruckereibesitzer. gez.: Dr. Wagner." Diese Beschlüsse wurden dann den Vorständen der Unter- stützungsvereinigung zur weiteren Entscheidung durch nachstehendes geheimes Schriftstück unterbreitet: „Streng vertraulich! Nur an die Herren Mitgliedschafts- Vorstände! Der Schutzverband deutscher Steindruckereibesitzer bcabsich- tigt, die in seinen Betrieben beschäftigten Lehrlinge in Zukunft nicht mehr in unserem Verein anzumelden. Als Ersatz für die ausfallenden Beiträge würde sich genannter Verein bereiterklären, einen Beitrag in Höhe von zirka 6000 Mark pro Jahr an unsere Kasse zu überweisen mit der Bedingung, datz dieser Betrag nur an die Jnvalidenkasse überführt werden darf und wir uns verpflichten, die 8§ 76 und 77 unserer Satzungen in ihrer Fassung zu belassen. Im Vertrauen darauf, datz Sie die Ansichten der Mitglieder in der dortigen Mitgliedschaft zur Genüge kennen, und damit wir ersehen, ob sich die Mitglieder mit einer solchen Abmachung eventuell einverstanden erklären, ersuchen wir Sie, uns möglichst rasch Ihre Stellungnahme hierzu mitzuteilen. Wir werden entsprechend dem Resultat der Eingänge die An- gelegenheit weiter behandeln. Wir ersuchen Sie um rascheste Erledigung. Ter Hauptvorstand des Unterstützungsvereins Senefelder. gez.: H. Amler. Dies Schrift st ück ist nach Kenntnis- nähme zu vernichte n." Aus diesem Schriftstück' des gelben Vereins geht also hervor, daß der Untcrnehmcrverband die 6000 M. jährlich nur hergibt, wenn der Unterstützungsverein der Gehilfen sich dem Willen der Unternehmer beugt, wenn er seine Mitglieder dazu anhält, im Falle eines Kampfes der organisierten Gehilfen Rausreitzerdienste für die bedrängten Unternehmer zu leisten. Das Angebot der Unternehmer wurde vor einem Jahre ge- macht. Der Verband der Lithographen und Steindrucker kam da- mals hinter den lauberen Plan und so blieb er einstweilen unaus- geführt. Jetzt, am 12. bis 14. August, sollen die Mitglieder des Unterstützungsvereins darüber entscheiden, ob sie sich für die Judas- geldcr mit Haut und Haaren verkaufen wollen.— Jedenfalls ein neuer Beweis dafür, wie die„wirtschaftsfriedlichen Vereine" von den Unternehmern ausaehalten werden und welche korrupte Brut- statte für ArbeiterverrAereien sie sind. Kerlin und Qmgegend. Die Aussperrung im Dachdeckergewerbe. Der Arbeitgeberverband arbeitet fortgesetzt noch darauf hin, auch die Unternehmer, die bis jetzt noch nicht ausgesperrt haben, ebenfalls zur Aussperrung zu veranlassen. Eine Firma hat in der letzten Woche diesem Drängen auch nachgegeben und hat sechs Mann ausgesperrt. Am Mittwoch, den 7. August, hielten die Freie Innung und auch der Arbeitgebervcrband ivieder Versammlungen ab. Da wüteten die Unternehmer gegen die Arbeitgeber, welche die Lohn- und Arbeits- Berantw Redakteur: Albert Wachs. Berlin. Inseratenteil verantv.: bedingungen unterschriftlich anerkannt und bis jetzt noch nicht auS- gesperrt haben. In der Jnnungsversammlung wurde beschlossen einen Arbeitgeber aus der Innung auszuschlietzen, weil er den Tarif unterschrieben hat. Gegen einen anderen wurde eine Geldstrafe ver- hängt, weil er bis jetzt noch nicht ausgesperrt hat. Dieses Benehmen der Arbeitgeber deutet darauf hin, datz es mit ihrer Macht sehr schlecht bestellt sein mutz. Denn wenn sie trotz des grotzen Druckes, den sie auf die Arbeitgeber ausgeübt haben, es bis heute nicht weiter gebracht haben als nach ihren eigenen An- gaben nur 829 Mann auszusperren, so müssen sich die Unternehmer doch selbst sagen, datz ihnen die Aussperrung vollständig vorbeigelungen ist. Die Ursachen liegen eben darin, datz sehr viele Unternehmer mit der Politik des Arbeitgeberverbandes nicht einverstanden sind und absolut nicht begreifen können, weshalb sie aussperren sollen, da die Arbeiter doch keine Forderungen gestellt haben. Um die Arbeitgeber noch zusammenhalten zu können, müsien allerhand Täuschungskunststücke angewendet werden. So wurde von den Arbeitgebern auch in dieser Versammlung berichtet, datz nach einer vom Arbeitgeberverband in den letzten Tagen vorgenommenen Feststellung über den Umfang der Aussperrung 329 Gesellen und Hilfsarbeiter ausgesperrt sind, während 444 Unorganisierte bei diesen Firmen arbeiten. Die hier angegebenen Zahlen stimmen in keiner Weise. Es be- finden sich im Ausstand 42 Firmen. Die Gesamtzahl der Ausstän- digen beträgt mit den Arbeitslosen 460. Nach der Streikliste des Dachdeckerverbandes haben nur 23 Firmen insgesamt 160 Arbeiter ausgesperrt. Die Arbeitgeber werden ihrem Verband auch alle noch in Arbeit Stehenden als unorganisiert angegeben haben, damit sie nicht in die Lage kommen, ebenfalls mit aussperren zu müssen. Wenn die Arbeitgeber die richtige Zahl der Unorganisierten haben wollen, so mögen sie nur von der Zahl 444 eine 4 von links oder von rechts fortstreichen. Dann werden sie ungefähr die richtige Zahl haben. Aus die Arbeiter werden diese Entstellungen und Ver- drehungen nicht den geringsten Einflutz ausüben können. Sie wissen ganz genau, datz die Dinge äutzerst günstig für sie stehen. Eine tüchtige Arbeitskrast hat gegenwärtig auch Herr Barenthie n in seinem Sohn erhalten. Der junge Mann genügt gegenwärtig seiner Militärpflicht. Zurzeit können wir ihn aber auf dem Neubau in der Brunnenstratze arbeiten sehen. Jeden Tag betritt und verlätzt er diesen Vau in Uniform. Also ein Soldat, der Urlaub erhalten hat, damit er als Streikbrecher tätig sein kann. Es sei bei dieser Gelegenheit ausdrücklich darauf hingewiesen, datz der Ausstand kein allgemeiner ist. In allen Be- trieben, wo die Unternehmer nicht ausgesperrt haben oder wo die Arbeiter nicht vorgehen mutzten, wird gegenwärtig noch weiter gearbeitet. Arbeilsberechtigungskarten sind nur für die Gesellen und Hilfsarbeiter ausgegeben worden, die in den Be- trieben arbeiten, wo die Arbeitgeber den Tarif unterschrieben haben. In zweifelhaften Fällen werden die Bauarbeiter gebeten, sich an den Verband der Dachdecker, Sophienstr. 6, zu wenden. Telephon: Amt Norden, Nr. 2583. Ebenfalls werden alle Dachdecker und Berufsgenosseu ersucht, bevor sie irgendwo in Arbeit treten, erst Erkundigungen beim Vor- stand einzuholen. Zentralverband der Dachdecker. Achtung, Kraftdroschkenführcr. Die Differenzen im Betrieb K a r n a p p, Friedenau, Büsingstratze 3, sind beigelegt. Die Sperre ist hiermit aufgehoben. Sektion IV. Deutscher Trnsportarbciterverband. Oeurkcbes keicl,. Ein geistlicher Gewerkschaftsfeind. Der Verband der Brauerei- und Mühlenarbeiter hatte mit der Klosterbraucrei in Hadmcrslcben einen für das Personal gün- stigen Tarif abgeschlossen. Im Betriebe herrschen infolgedessen ge- ordnete Verhältnisse, es war Frieden. Aber dem katholischen Pfarrer des Ortes behagtc der Frieden gar nicht, denn es war ja eine freie Gewerkschaft, der die Grundlage des Friedens zu danken war. Vor der Berührung mit dem Brauereiarbeiterverband mutzten die ka- tholischen Arbeiter geschützt werden. Der Pfarrer verstand es, diese zum Austritt aus der freien und zum Eintritt in die christliche Gewerkschaft zu bewegen. Der Frieden im Betriebe war seitdem gestört. Die Differenzen hörten gar nicht auf, weil die Mitglieder der freien Gewerkschaft anders behandelt wurden wie die Mitglie- der der christlichen Gewerkschaft.— Als die im Flaschenkeller be- 'chäftigten Frauen und Mädchen dem Brauereiarbeiterverbande bei- traten, fühlte sich der Pfarrer wieder veranlagt, störend cinzu- greifen. Von der Kanzel wetterte der„Diener Gottes" gegen- den „sozialdemokratischen Verband" iind seiner Autorität gelang es auch, die Frauen und Mädchen wieder zum Austritt zu bewegen. So hat also der Geistliche in seinem Eifer für das vermeintliche Seelenheil der Brauereiarbeitcr den Frieden im Betriebe gestört, er hat die Arbeiter gehindert, ihre Jnterefien so zu vertreten, wie sie es für notwendig halten und hat damit nur dem Unternehmer gedient. Eine eigenartige„Seclsorge". Beim GcwcrkschaftSfeste in Hannover hat die Arbeiterschaft er- reicht, was sie jahrelang vergeblich erstrebte. Die Polizei ist von ihrer bisherigen Praxis abgewichen und hat auf eine an sie ge- richtete Eingabe in letzter Stunde wider alles Erwarten die Ge- nehmigung zum Festzuge erteilt.— So verblieben nur wenige Tage, uni die allernotwendigsten Vorbereitungen für den Fest- marsch zu treffen. Zwar war es nicht mehr möglich, den Festzug durch Festwagen eine äuhcre Aufmachung zu verleihen, wohl aber, durch wuchtige Massenbeteiligung eine eindrucksvolle Demonstration zu veranstalten. Eine erfreulich hohe Zahl stellten auch die Frauen. Der im Vorbeimarsch eine Stunde währende Zug wurde eröffnet durch einen Reigen von ungefähr 250 Radfahrern. Diese imposante Kundgebung, die, vom Schützenplatz aus- gehend, am Polizeipräsidium und Rathaus vorbeiführte, war bei einer Beteiligung von 11 000 Organisierten ein angemessenes Spiegelbild der hiesigen Gewerkschaftsbewegung. Unternehmersolidarität gegen Textilarbeiter. Eine Generalversammlung elsässischer Textilindustrieller hat, wie die Verbandsstellc dieser Unternehmerorganisation in Mülhau- scn i. Elf. durch ein Schreiben an die Zeitungen in ganz Oberelsatz bekanntgibt, mit Bezug auf die zurzeit in Mülhausen� und Umgebung schwebenden Lohnkämpfe um Freigabe des Sonnabend- Nachmittags, Einrichtung von Arbciterausschüssen, Anerkennung des Deutschen Textilarbeitervcrbandcs, einen langatmigen Beschlutz ge- saht, dessen kurzer Sinn der ist: Die Forderungen der Arbeiter werden abgelehnt. Mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, wie es die Solidarität gebietet, sind die an der Bewegung beteiligten Be- triebe zu unterstützen, indem ihnen nicht nur Entschädigungen für die erwachsenen Verluste gewährt, sondern auch ihre Aufträge un- verzüglich von den nichtbetroffenen Firmen in Arbeit genommen werden. Im Anschluh an die Bekanntgabe dieses Beschlusses hebt die elsässische Fabrikantenvereinigung ausdrücklich hervor, die elsässischc Industrie habe sich vor der Beschlußfassung„des Einverständnisses und der Unterstützung der übrigen in der Hauptstelle Deutscher Arbeitgeberverbände angeschlossenen Industrien versichert." Hustand. Keine Aussperrung in Brünn. Am Sonnabend haben unter Teilnahme des Statthalters (Oberpräsidenten) von Mähren nochmals Verhandlungen stattge- funden, die damit endeten, datz die Separatisten ihre neuen For- derungen zurückzogen und sich verpflichteten, dafür zu sorgen, datz auch in den bestreikten drei Fabriken am Montag die Arbeit auf- genommen werde. Danach sollen die durch das Vorgehen der Sc- paratisten unterbrochenen Verhandlungen über die seinerzeit ge- stellten Forderungen fortgesetzt werden. Unter den Textilarbeitern Nordostböhmens ist eine lebhafte Protestbewegung gegen die Unternehmerpraktiken der Schwarzen Td-Glvlte. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlag-anstaft Listen im Gange. Eine Protestverfammlnng, die«n Freitag in NachÄ» stattfand, wurde vom Regierungsvertreter aufgelöst und die Teilnehmer von Gendarmen aus dem Saal gejagt. Dadurch wird die Erregung der zumeist tschechischnationalen, teilweise auch verwirrt anarchistisch gesinnten Arbeiter natürlich nur erhöht. Bauarbeiterausstand in Saragossa(Spanien). Die Hand- werker der verschiedenen Zweige des Baugewerbes haben sich mit den ausständigen Maurern solidarisch erklärt und den Generalstreik beschlossen. Die Kellner schließen sich der Bewegung an. Hus Induftric und HandeU Rentabilität der Brauereien. Die Finanzresvrm vom Juli 1909 belastet nicht nur den Kon- sum des Volkes mit Steuersummen, die in die Reichskasse fließen. Sie hat diesen Druck noch durch Bestimmungen vermehrt, die den Produzenten einzelner Gewerbe besondere Privatproftte verschaffen. Neben den Schnapsbrennern gehören zu diesen Bevorzugten auch die Bierbrauer. Die Kontingentierung des Brauereigewerbes durch Staffelung der Braumalzsteuer zugunsten der kleinen Brauereien und die. erhöhte Belastung neu zu gründender Brauereien ge- statteten es, datz die Steuer restlos auf die Konsumenten abgewälzt werden kann. Die Erhöhung der Steuersätze für nach dem 1. August 1909 in Betrieb zu nehmende Brauereien verhindert Neugründungen und damit eine ausgleichende Konkurrenz. Die auch sonst schon gute Lage der Bierbrauereien ist dadurch noch weiter gehoben worden. Das bezeugt eine Veröffentlichung über die deutschen Aktienbrauereien und Malzfabriken im Jahre 1910/11. Der in- folge des heißen Sommers im Jahre 1911 vermehrte Konsum hat die günstige Situation der Brauereien noch verstärkt. Der Absatz der 514 Aktienbrauereien nahm um 2,17 auf 33,76 Millionen Hekto- liter zu. Der Rohgewtnn pro Hektoliter stieg von 3,18 M. auf 3,44 M. Der Reingewinn betrug 10,7 Proz. des Kapitals; er ist gegen das Vorjahr um 2,18 Proz. gewachsen. 406 Brauereien erzielten einen höheren Reingewinn als im Vorjahre. Die gezahlten Dividenden wurden von 6,39 Proz. auf 7,14 Proz. erhöht. Bei 220 Brauerei- gesellschaften wurde diese Erhöhung vorgenommen; nur 26 setzten ihre Dividende herunter. Keine Dividende zahlten 97 Brauereien (gegen 117 im Jahre 1909/10). Sie vertraten aber nur ein Aktien- kapital von nicht ganz 63 Millionen Mark, während das Kapital aller Gesellschaften zusammen mehr als 615 Millionen beträgt. Gegen 1909/10 hat sich die Zahl der Unternehmungen um eine verringert. Das Aktienkapital ist fast gar nicht gestiegen(von 614,9 auf 615,1 Millionen Mark). Der Kapitalbedarf ist bei den bestehenden Gesellschaften durch Schuldenvermehrung geoeckt wor- den; etwa 18 Millionen Mark sind auf diesem Wege den Brauereien zugeflossen. Die Reserven konnten nicht unerheblich vermehrt werden(um 9,6 Millionen Mark). Die Abschreibungen auf An- lagen wuchsen von 42,8 auf 45,2 Millionen Mdrk. Eua der frauenbewegung. Arbeiterinnenschutz in Kentucky. Ein neues Gesetz, das die Beschäftigung der Arbeiterinnen regelt, ist im Staate Kentucky in Nordamerika in Kraft getreten. Dieses Gesetz verbietet allen Arbeiterinnen unter 21 Jahren mehr als 10 Stunden täglich oder mehr als 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, mit Ausnahme der in häuslichen Diensten beschäftig- ten. Das Gesetz schreibt auch Sitzgelegenheit für Verkäuferinnen vor und führt eine Reihe neuer Matznahmen für Gesundheit und Sittlichkeit ein._ Letzte Nachrfcbteii« Demission des norwegischen Arbeitsministcrs. Ehristiania, 12 August.(W. T. Ä:) Der Minister für öffent- liche Arbeiten, B r a e n n e, hat sein Entlassungsgesuch ein- gereicht. Tie Revolution in Nicaragua. Managua, 12. August.(W. T. B.) Die Aufrührer haben mit der Beschießung der Hauptstadt begonnen. Eine Anzahl von Ein- wohnern, darunter Frauen und Kinder, wurden verwundet. Die Ausländer haben ihre Landcsflaggen gehitzt. Ttrahenbahnkatastrophe in Bochum. Bochum, 12. August.(P.°C.) Ein schlveres Straßen- bahnunglück ereignete sich heute abend gegen 10 Uhr auf der Castroper Straße am Schwanenmarkt. Ein mit Fahrgästen, meist von der Beerdigung der auf der Zeche„Lothringen" ge- töteten Bergleute zurückkehrender, dicht besetzter Straßen- bahnwagen c n t g l e i st e, da der anscheinend überladene An- Hänger auf der abschüssigen Straße in einer geringen Kurve aus den Schienen sprang. Ter Anhänger rannte, den ersten Wagen mit kräftigem Anprall�von sich stoßend, gegen das Ge- schäftslokal der Färberei von Galluschke. Ter Vorderwagen wurde in entgegengesetzter Richtung gegen ein Zigarrengeschaft geschleudert. Beide Wagen wurden totalzertrümmert. Aus den Trümmern wurden bis jetzt 25 Verletzte, die meist blutige Schnittwunden oder Knochenbrüche erlitten haben, ge- borgen. Fünf Personen sind lebensgefährlich verletzt. Wie es heißt, sind auch zwei Personen bei der Katastrophe ge- tötet worden. Russische Polizeischergen überfallen. Warschau, 12. August.(H. B.) In Czenstochau wurde der Polizeimeister Pekura sowie ein ihn begleitender Polizeiagent von sechs unbekannten Männern überfallen und durch Revolver- z» schüsse schwer verletzt. Die Attentäter sind entkommen. Dynamitbomben auf türkischen Bahnen. Saloniki, 12. August.(W. T. B.) Auf der Bahnstrecke Kilindir- Karasueli wurden vor dem Passieren eines Zuges zwei mit elektrischen Batterien verbundene Dhnamitbomben entdeckt, die am Gleise befestigt waren. Auf allen Bahnstrecken sind die U e b e r- wachungsmatznahmen verstärkt worden. Schweres Unglück in der österreichischen Kriegsmarine. Wien, 12. August.(P. C.) Ein schweres Unglück ereignete sich auf dem Begleitschiff für Torpedoboote„Gaea". Infolge E xp l o- s i o n eines Ventils wurden drei Bootsleute durch kochendes Wasser verbrüht. Trotzdem ihnen sofort ärztliche Hilfe zuteil wurde, sind sie ihren Verletzungen erlegen. Die„Gaea" ist erst seit kurzer Zeit in die österreichische Flotte eingestellt. Sie war früher als „Fürst Bismarck" eins der beliebtesten Passagierschiffe der Ham- burg-Amerika-Linie. Krieg im Frieden. Budapest, 12. August.(H. B.) Beim gestrigen Hindernis- r e n n e n des 8. Husarenregiments in KecSkemet stürzte ein Wacht- meister so unglücklich, datz er sofort seinen erlittenen Ver» letzungen erlag. Auch mehrere Hufaren sind schwer ver- letzt worden._ Absturz eines Aviatikers. Mako(Ungarn), 12. August.(H. B.) Der Aviatiker Teth ist gestern mit einem Apparat aus einer Höhe-Von 20 Metern ab- gestürzt und hat schwere Verletzungen erlitten. Sein Zustand gibt zu Bedenken Anlaß. Paul Singer& Co., Berlin SW< Hierzu 2 B eilagen u. Unterhaltungsbl. ilf.187. 29. Iahrglws. t KeilW des Jotmürts" Sttlinet VcksdlÄ. Ditnsiltg, 13. AugB19lZ. Nllrtkigknojse«; Auf Grund deS Organisationsstatuts beruft der Parteivorstand den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den IS. September, abends 7 Uhr, nach Chemnitz ein. Die Eröffnung soll am IS. September in der Sporthalle statt- finden: Konstituierung des Parteitages, Festsetzung derGeschäftS-undTageSordnung und Wahl der Mandatsprüfungskommission. Die Verhandlungen der folgenden Tage finden im Winter- garten, Schö na»-Chemnitz, statt. Als vorläufige Tagesordnung ist festgesetzt: t. Geschäftsberichte des Parteivorstandes?) a) Allgenieines. Referent: Genosse E b e r t; d) Kassenbericht. Referent: Geuoffe Braun. 2. Bericht der Kontrollkommission. Referent: Genosse Kaden. S. Bericht der Reorganisationskommission. Referent: Genosse H. Müller. 4. Die Reichstagswahlen. Referent: Genoffe S ch ei d e« mann. ö. Bericht der ReichZtagsfraktion. Referent: Ge- nosse Stadthogen. S. Der Imperialismus. Referent: Genosse H a a s e. 7. D i e M a i f e i e r. Referent: Genosse P f a n n k u ch. L. Der Internationale Kongreß in Wien. Re- ferent: Genosse Molkenbuhr. v. Anträge. 10. Wahl des Parteivorstandes, des ParteiauS- fchusseS, der Kontrollkommission und des Ortes, an dem der Parteitag 1913 stattfinden soll. Parteigenossen I Bewirkt die Vorarbeiten für den Parteitag die Wahl von Delegierten und die Stellung von Anträgen— rechtzeitig. Wo mehrere Delegierte zu wählen sind, soll nach ß 7 des Organisationsstatuts unter den Delegierten möglichst eine Ge- nosfin sein. Die Anträge müssen spätestens am 14. August im Besitze des Parteivorstandes, Adresse: W. Pfannkuch, Berlin 8�V. 63, L i n d e n st r. 8 sein, weipr sie entsprechend den Bestimmungen des§ 10, Absatz 2 des Organisationsstatuts im„Vorwärts' veröffentlicht werden und in der gedruckten Vorlage Aufnahme finden sollen. Anträge einzelner Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelange» sollen. Den Anträgen etwa beigegebene Be- gründungen werden weder im.Vorwärts' noch in der den Delegierten zugehenden Vorlage abgedruckt. Die Vorstände der Wahlkreisorganisationen werden dringend ersucht, dem Parteivorstande die Namen der gewählten Delegierten unter genauer Adresscnangabe alsbald mitzuteilen, damit ihnen die Vorlagen und sonstigen Mitteilungen zugehen können. Außerdem müssen sich die Delegierten beim Lokalkomitee melden. Die Adresse des Lokalkoinitees lautet: Parteisekretär B. Kuhnt, Chemnitz, Dresdener Str. 38. Die Mandatsformulare werden vom IS. August ab durch das Parteibureau: W. Pfannkuch, Berlin 68, L i n d e n st r. 8 versandt. Mit sozialdemokratischen Grüßen Der Partcivorstand. (Quittung. Im Monat Juli gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: R. Berlin A. P. Hansaviertel 3.—. Köln Reg. W. 20.—. «. Berlin IV. 50 H. T. 21.—.»1. Berlin. Skattisch. Char- kleines feuilleton. Die„vernagelte Literatur". Die Berufung des bisherigen Reichsanwalts Paul Artur Nagel zum sächsischen Justizminister ruit eine Erinnerung an das„jüngste Deutschland' wach. Nagel bekleckerte sich mit zweifelhaftem Ruhm durch seine Rolle als An- klüger einiger jener Sturm- und Drang-Posten, die seit Mitte der achtziger Jahre das deutsche Philistertum nicht mehr schlafen ließen. Da trat der sächsische Staatsanwalt Dr. Nagel für die bedrohte teutsche Sittlichkeit und Gottgläubigkeit in die Schranken. Vor- nchmlich hatte er es auf das Schriftsteller-Trisolium Conrad A l b e r t i (Sitteufeld), Wilhelm Walloth und Hermann C o n r a d i ab- gesehen, zumal auf Couradi, dessen Roman„Adam Mensch' am 1. April 1889 bei Wilhelm Friedrich iu Leipzig erschienen war und alsogleich viel Staub aufwirbelte. ES wird wohl unaufgeklärt bleiben, wer unter ConradiS Leipziger„Freunden" das deuunzia- torische Bubenstück besorgt hat. Genug:„Schon am 14. April'— so berichtet Paul S s y m a n k, der Herausgeber von Conradis„Gesammelten Werken'(München, Georg Miller Verlag), in seiner verdienstlichen Lebensbeschreibung des Dichters—„haue Friedrich eine anonyme Postkarte aus Borna erhalten, welche auf das ominöse Wort„verrecken" im„Adam Mensch" hinwies. Am 20. Juni bekam Friedrich de» ersten Besuch der Staatsanwalts, bei welchem der„Adam Mensch" und Wilhelm Walloths„Dämon des Neides" wegen Unsittlichkeit und erster« noch wegen Gotteslästerung denunziert worden war. Am 29. Juni wurde dann Friedrichs gesamter Brief- Wechsel mit Conradi, und am 19. Juli die gesamten Vor- räte beider Romane vom Staatsanwalt Nagels per- sönlich beschlagnahmt. Da das Gericht die Erklärung Friedrichs, er habe die Romane vor der Drucklegung nicht gelesen. für unwahr hielt, fand am 24. Juli sowohl bei Walloth wie bei Conradi eine Haussuchung nach belastendem Material statt. Durch das Eingreifen deS Staatsanwalts in sein Leben ward Conradi sehr überrascht und von seinen großen schriftstellerischen Plänen ferner gehalten, als ihm lieb sein konnte. Aber gebrochen fühlte er sich durch die Aussicht auf den bevorstehenden Prozeß nicht.„Die ganze Geschichte— meinte et— kommt mir nur verdammt läppisch und kindisch vor. Jedenfalls ist es für mich vorläufig das notwendigste. wieder gesund zu werden, um von neuem arbeiten zu können— den Kerlen werde ich nachher schon den Stand- Punkt klar machen, aber ordentlich"(17. Juli 1839), ja. er rühmte den„Adam Mensch",„der soeben im Begriff ist, die aller- höchste Staatsanwaltschaft samt sich selber an die„Unsterblichkeit" aus- zuliefern— die Staatsanwaltschaft war ja oft schon die Hebamme deS Ruhmes, der Berühmtheit— zum mindesten der Berüchtigtheit— in- deffen, eS scheint in der Tat ein„Gesetz" zu sein, daß der Weg in die europäische Immanenz über die historischen Strafstationen führt'... lottenburg-Rietz 2,7S. IE. Berlin für Märzkranz von Maffei, Wildau 37,55. 18. Eisenach- Dermbach 326,80. IS. Berlin Dr. L. A. 100.—. Reutlingen 3. u. 4. Qu. 3ö4,S4. 4. bad. Kr. 4. Qu. 91,34. Ober-Barnim 4. Qu. 144,60. Mayen-Ahrweiler 3. u. 4. Qu. 30,—. Reuß j. L. 3. u. 4. Qu. ISOO,—. 20. PotSdam- Ofthavelland 4. Qu. 587,76. Prenzlau-Angermünde 4. Qu. 58,20. Köln für Binnenschiffer 21.—. Obere Rheinprovinz 3. u. 4. Qu. 28,24. 1. bad. Kr. 4. Qu. 130,09. Wiesbaden V.. 2.. 3. u. 4. Qu. 43.20. Brandenburg-Westhavelland 4. Qu. 821,14. IS.. 16. u. 17. württbg. Kr. 4. Qu, 72,26. Oberkassel 50.—. Elberfeld-Barmen Rest 4. Qu. 250—. 22. Wittenberg- Schweinitz 100,—. 8. bad. Kr. 4. Qu. 116,24. Allkirch-Thann 4. Qu. 14,22. Bez. Mecklenburg f. 2 Kr.(Schwerin 4. Qu. 318,72, Güstrow 3. u. 4. Qu. 293.13), Sa. 611,85. Hildes- heim 10. Hann. Kr. 3. u. 4. Qu. 711,45. 7. schlesw.-holst. Kr. 3. Qu. 3471,20. Bez. Ostpreußen f. 17 Kr. 3. u. 4. Qu.(Memel 53,50, Labiau-Wehlau 172,89, Königsberg-Stadt 1424,90, Königs- berg-Laud 376,—, Heiligenbeil 8,79, Braunsberg 8,10, Pr.- Holland 5,70, Osterode 11,40, Allenstein 6,24, Rastenburg 33,22, Tilsit 133,41, Rognit 82,08, Gumbinnen 70,68, Stallupönen 4,39, Angerburg 1,08, Lyck 18,96, Sensburg 1,14), Sa. 2414,48. 23. 15. Hann. Kr. 3. u. 4. Qu. 106,—. 5. Hann. Kr. 3. u. 4. Qu. 59,42. 1. braunschw. Kr. Rest 4. Qu. 621,71. 2. braunschw. Kr. Rest 2. Qu. 177,19. 24. Falkenberg O./S. A. L. 3,-. Sorau-Forst 432,26. Bez. Westpr. f. 3 Kr.(Elbing 90,68, Neustadt 4,48, Graudenz 24,68) Sa. 119,84. Tecklenburg-Steinfurt 4. Qu. 19,82. 1. old. Kr. 2. Qu. 315,65. 23. Ruppin-Templin 30,—. Altena-Iserlohn 4. Qu. 177,12. Rappoltsweiler 3. u. 4. Qu. 114,63. Ulm 4. Du. 321,75. Glasarbeiter Toluco, Mexiko 144,20. 26. Hanau-Gelnhausen 4. Qu. 1769,75. Münster-Coesfeld 3. u. 4. Qu. 58,80. 4. schleSw.-holst. Kr. 4. Qu. 120,43. Goslar 13. Hann. Kr. 3. u. 4. Qu, 203,17. Hamm-Soest 4. Qu. 270,15. Calw 7. württbg. Kr. 4. Qu. 134,37. Hamburg, aus dem„Echo"« Vertrieb 15 000,—. Einbeck 11. Hann. Kr. 1. u. 2. Qu. 395,52. 27. Malchin-Waren 4. Qu. 82,56. Arnswalde-Friedeberg 23,96. Stuttgart, 1. württcmb. Kr. 4. Du. 2464,68. Hennig, Argentinien 5,—. 29. Gau Südbayern, f. 18 Kr. 4. Qu.(Aichach 158,36, Jngol- stadt 46,60, Wasserburg 23,46, Weilheim 153,18, Rosenheim 169,56, Traunstein 52,40, Landshut 70,30, Straubing 23,40, Passau 6,18, Pfarrkirchen 13,90, Deggendorf 10,98, Kelheim 3,66, Donau- Wörth 16,80, Dillingen 11,36, Jllertisscn 52,74, Kaufbeuren 33,60, Jmmenstadl 105,48, Regensburg 151,98) Sa. 1103,94. Stuttgart, 1. württ. Kr., Rest 4. Qu. 3S,87. 30. Beckum-Lüdinghausen 4. Qu. 61,70. 31. Lennep-Mettmann 3. u. 4. Qu. 1515,27. Göppingen- Gmünd 4. Qu. 448,55. Berlin,„K. Gewonnen" 3,—. 7. hannov. Kr. 3. u. 4. Qu. 175,44. Parchim 4. Qu. 95,—. Guben-Lnbben 4. Qu. 342,22. 13. württbg. Kr. 4. Qu. 34,78. Berlin A. B. 50,—. H. H. 50,—. Gr-Berlin a Konto seiner 8 Kr. 15 000,—. Darunter: Bussach 1,—, Sodikates 9,05, Bezirk 434 3,—, Schönnberg 2,—, Kranzüberschuß der Arbeiter der Firma Melann 12,60, Ueberichuß der Frauenpartie der 17. und 20. Abt. 1.35, Spar- und Pumpkasse Immer leer 15.—, Höppner 2,—. Ueberschuß von der Kranzsammlung für die Märzgefallenen, Schultheiß-Brauerei, Abteilung I 16,—, Gutenberg 26.60. Berlin, den 10. August 1912. Für den Parteivorstand: I. V.: Otto Braun, Lindenstr. 3. Wir haben unter Nr. 7918, A. Gerisch, F.'Ebert, O. Braun, Berlin, Lindenstr. 3, beim Postscheckamt Berlin ein Postscheckkonto und ersuchen daher dringend, alle Geldsendungen mittels Zahlkarte auf unser Postscheckkonto zu bewirken. Es können darauf an jedem Postschalter Beträge bis 10 000 M. portofrei für uns eingezahlt werden. Zählkarten mit eingedruckter Adresse senden wir auf Wunsch zu. Lsfolgseiche Parteiarbeit. Der Bericht des Parteivorstandes an den Parteitag in Chemnitz, den wir in unserer Donnerstagnummer veröffent- liehen werden zeigt auf allen Gebieten der Partei erfreuliche Fortschritte. Ist es auch nicht gelungen, den vier Millionen sozialdemokratischer Reichstagswählern die erste Million organi- sterter Mitglieder der Partei zuzugesellen, so ist es der regen Werbetätigkeit der Parteigenossen doch gelungen, die Mit- gliederzahl erheblich zu erhöhen. Die Kreisorgani- sationen zählten am 30. Juni d. I. 970112 Mitglieder, darunter 130 371 weibliche. Da das Vorjahr mit einer Mit- glicderzahl von 836 562, darunter 107693 weibliche, abschloß, ist eine Steigerung von 13,9 Pro z. zu verzeichnen, gegen 16,1 Proz. im Vorjahre. Die männlichen Mitglieder der- niehrten sich um 15,2 Proz., die weiblichen um 21,0 Proz. Natürlich wurde Conradi durch die Anklage innerlich tief be- rührt und wünschte, den„Dreck von Prozeß' bald los zu sein. „In seinem literarischen Arbeiten wolle er sich jedenfalls durch den „Ulk" nicht stören lassen, und er höhnte, der Staatsanwalt habe mit der ganzen Literatur Schmollis getrunken. Auch wolle er bei der Verhandlung sein und den Herren ein paar heftige Bemerkungen zu kosten geben:„Der deutsche Staatsanwalt und die Kunst— ein famoieö Ehepaar!" Schließlich schrieb er am 16. Dezember 1839 ein kurzes stachliges, künstlerisch belangloses Gelegenheitsgedicht, in dem er mit Beziehung auf die ihm vorgeworfene Gotteslästerung meinte, der Staatsanwalt sei das gelungenste Geschöpf Gottes: Nur schade, daß der Schöpfer der Knecht Seiner Geschöpfe inzwiichcn geworden I So rasch, wie Conradi gehofft hatte, sollte es jedoch zum Prozeß nicht kommen, ja. der Dichter erlebte ihn nicht mehr, denn schon am 8. März 1890 erlöste ihn der Tod von qualvollen Leiden.... Erst am 23., 26. und 27. Juni 1890 fand die Hauptverhandlung über die drei inkriminierten Romane(„Der Dämon de? Neides" von Walloth,„Adam Mensch" von Conradi und„Die Alien und die Jungen" von Alberti) statt mit dem Endergebnis ihrer Verurteilung zur Einziehung und Vernichtung. Freilich nicht ohne ein pikantes Zwischenspiel. Denn als Conrad Alberti sich in seiner Selbst- Verteidigung auf Friedrich Hebbel berufen zu sollen glaubte, der sich ja verschiedentlich in seinen Werken eines ähnlichen Reats schuldig gemacht hätte, da wünschte Staatsanwalt Nagel dessen Adresse zu erfahren, um auch ihn wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften vor die GerichtSschrankcn zu bringen, was Alberti zu der bissigen Be- merkung von der„vernagelten Literatur' veranlaßte und ihm eine Ungebührstrafe von hundert Mark eintrug. Staatsanwalt Nagel hätte, so erzählte man damals, die edle Absicht verfolgt,„das jungdeutsche Wespennest auszuräuchern". Das ist ihm nicht gelungen, ja. es gelang ihm nicht einmal, den ersten Nagel zum Sarge der jllngstdeutschen Dichtung zu stellen— ob- gleich er an sotanen Sargnagel wohl selbst geglaubt haben mochte. Musik. Deutsches Opernhaus. Volkskonzerte. Der kommende Winter verspricht für das musikalische Drama, auch weitesten Sinnes, in Mrlin wenig. Nach den vielen Pleiten ist's kein Wunder, daß vorläufig am ehesten auf die Operette zu rechnen sein wird. Mit gesicherteren Schritten, von Stadt und Kapitalismus geschützt, scheint das'Deutsche Opernhaus Charlotten- bürg ins Leben treten zu können. Das Projekt hatten wir seiner- zeit charakterisiert; seine guten Seiten waren auch seither nicht au- zuzweifeln. Nun liegen uns nähere Mitteilungen vor. Auffallend ist dabei, daß noch immer nichts verlautet, wohin der Lauf gehen soll: schöpferisches Bahnbrechen sür Unbekanntes, sei's alt oder neu. oder aber Ausnutzung eines gesicherten NepertoirS, oder vielleicht be- Unter Hinzurechnung der„Gleichheit" verfügte die Partei- presse am 30. Juni 1912 über 1 478 042 Abonnenten. Gegenüber dem Vorjahre ist das eine Zunahme an Abonnenten von 171577, Die Einnahmen aus Abonnements sind von 7 840 718 M. auf 8 888 834 M. und die Einnahmen aus Inseraten von 5853 302 M. aus 6 830496 M. gestiegen. Die Zahl der sozialdemokratischen Land- tagsabgeordneten ist im Laufe des Berichtsjahres um 36 auf 224 gestiegen. Keine Vertreter haben wir außer in den beiden Mecklenburg, wo es keine gewählten Landtage gibt, nur in Braunschweig, Schwarzburg- Sondershausen, Waldeck und Reuß ä. L. Seit die Partei die Gemeindepolitik in den Be- reich ihrer Wirksamkeit gezogen hat, schreitet sie auch hier er- folgreich vorwärts. Die Partei hat jetzt in 470 Städten 2531 und in 2680 Landgemeinden 7593 Vertreter; außerdem in 50 Städten 104 Magistratsmitglieder und in 157 Land- genieindcn 204 Gemeindevorstandsmitglieder. Aus den Kapiteln„Agitation" und„Reichstagswahlen" ergibt sich, daß der Parteivorstand umfangreiches Agi- tationsmaterial zu allen wichtigen poli- tischen Vorgängen herausgegeben hat. Außer dem Handbuch und einer Anzahl von Broschüren sind zur Reichstags- wähl allein 68 verschiedene Flugblätter zur Verbreitung geboten worden. Die Tätigkeit des Bildung sausschusses ist duru, die Wahlbewegung erheblich beeinflußt worden. Nichtsdesto- weniger ist auch im letzten Jahre eine umfangreiche und Plan- mäßige Bildungsarbeit geleistet worden. Auch die I u g e n d b e w e g u n g hat gute Fortschritte aufzuweisen. Die Zahl der Abonnenten der„Arbeiter- Jugend" ist von 65 000 auf 80100 gestiegen. Trotz der großen finanziellen Aufwendungen für die Reichstagswahlen kann der K a s s e n a b s ch l u ß nicht als ungünstig bezeichnet werden. Für die Wahlen sind 910 000 M. von der Zentralkasse verausgabt. Das ist fast doppelt so viel, als im Jahre 1907 die Reichstagswahlen erforderten. Den Reserven sind 233 000 M. entnommen worden. So kann die Partei mit Stolz aus das hinter ihr liegende Kampfjahr zurückblicken. Sie Heimatlosen in Schleswig and die flrbeiteroeriiclierung. Einen interessanten Beitrag zur Beleuchtung der sozialen Seite der Heimatlosenfragc in Schleswig bietet ein Briefwechsel zwischen der Landesversicherungsanstalt für Schleswig-Holstein und dem dänischen Arbcitersckretariat, den jetzt ein dänisches Blatt veröffent- licht hat. Angaben in der„Kieler Zeitung" über die Beeinträchtigung von heimatlosen Invaliden im Genüsse der ihnen zustehenden Rente, die auf Mitteilungen im Jahresbericht des dänischen Ar- beitcrsckretariats zurückgingen, hatten die Landesversicherungs- anstalt veranlaßt, den dänischen Arbeitersckrctär um die Anführung von Einzelfällen zu ersuchen.( In dem Antwortschreiben werden nun folgende überaus be- zeichnende Fälle mitgeteilt: Am 8. April 1904 verheiratete sich die Näherin Petrins Villabsen aus Stepping mit dem Arbeiter Peter Christian Petersen. Sie zogen nach Broacker, und die Invalidenrente von 123 M., die sie bisher erhalten hatte, wurde dahin überwiesen, so daß iher Heirat vorläufig keine schädlichen Folgen hatte, davon abgesehen, daß sie ihr preußisches Staatsbürgerrecht verlor.> Hierin trat indessen infolge des Vorgehens der Verwaltungs- behörden gegen ihren Ehemann im Jahre 1910 eine Aenderung ein. Im Februar 1910 erhielt er auf ein Gesuch um die Niederlassungs- erlaubnis abschlägigen Bescheid, wurde ausgewiesen, mußte das preußische Staatsgebiet verlassen und nach Dänemark übersiedeln, wohin ihm seine Ehefrau nach kurzem Aufenthalte'' in Stepping folgte. Wie es scheint, hat sie nun, obwohl im Auslande ansässig, sondere Bemühungen nach eigenartiger Darstellungsweise? Einiger- maßen groß scheint die Sache immerhin angelegt zu sein. Das Orchester soll 79 Mitglieder haben und auf 100 zu verstärken sein; Chor 82. mit Chorschule 100; Ballett ungefähr 20, dazu noch eine Ballett- schule. Von den 19 Sängerinnen und 22 Sängern sind einige aus älteren Bühnen herübergeholt, die meisten anscheinend ganz neu; unter den Bekannten der einzigartige Jubelküustler der„Königlichen", JuliuSLieban. Dazu dann zahlreiche künstlerische und technische Vorstände: 2 Regisseure, 3 Dirigenten, 5 Konzertmeister, 5 Musik- Helfer usw. Ueber ollen die musikalisch-dramatische Oberleitung, d. i. Direkior Georg Hartmann, der immerhin eine feste Hand zu haben scheint und wohl auch als Oberregisseur die Seele des Ganzen sein will. Die Kasscnpreise laufen zwischen 80 Pfennig und 5 Mark, einschließlich Garderobe und Zettel. Abonnement für die Wochentage in mehrfacher Abstufung. — Losgehen solls am Montag, den 4. November, falls es die Steine gestatten. Unterdeffen geht unsere sommerliche Idylle, d. i. die Volks- k o n z e r t e des Philharmonischen Orchesters, in bekannter Weise weiter. Es ist auch schon erfreulich, die Programme vor sich zu sehen. Wir erwähnen kurz einige Besonderheiten: Mitt- woch, den 14. August(„Bock") Violoncellkonzert von H a y d n; Sonnabend, den 17.(„Königstadt') Schottische Sinfonie von Mendelssohn und Septett von Beethoven; Mittwoch. den 21.(„Konkordia")„Im Walde" von Raff. Bis 27. September dauert's. sz. Humor und Satire. Polizeiskandale hüben und drüben, In Amerika wurde, es war ein Skandal» Ermordet der Spieler Rosenthal. Ob dieser Schandtat der Polizei Erhob sich bei uns ein großes Geschrei! Schlagt, Kinder, nicht solchen Lärm an: Wir haben doch B i e w a l d t und Herrmann... Greif. DerKetzer. ,A rechter Strizi is er jo freili scho allwek g'wen, der Herr Dokter, und in d' Kirch'n is er nöt viill nei genga, aba daß er si amol no tat verbrenna laff'n, dös hätt i vo eahm do nöt glaabt l'_(„Simplicissimus".) Notizen. — Schriftsteller Peter Larsen telegraphiert uns aus München, daß er durch englische Touristen gerettet wurde und„einst- weilen noch lebendig' sei. — Der Zentralverband Deutscher Tonkünstler und Tonkünstlervereine(E. V.) hält seinen 9. Delegierten- ,ag am 14. und 15. September d. I. in E r f u r t ab. elfte ZeitsaiH bte Rekke in Sfepftffg ffieHet Fegte�H löitfte'H. LänZe dauerte eS jedoch nicht. Die Landesversicherungsanstalt kam da- hinter, daß sie nicht in Stepping wohnte, und stellte durch Bescheid vom 2. März 1911 die Auszahlung der Rente ein,„solange die Berechtigte im Auslande bleibe," unter Hinweis auf den Z 48 des damals geltenden Jnvalidenversicherungsgesetzes, wo es heißt, daß die Rente ruht, solange der Berechtigte nicht seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Jnlande habe. Es wird allerdings in demselben Paragraphen hinzugefügt, daß diese Bestimmung für bestimmte Grenzgebiete außer Kraft gesetzt werden könne, und das ist für Bamdrup geschehen. Aber wie in so vielen anderen Fällen zeigte es sich auch hier, daß es mit unüberwindlichen Schwierigkeiten der- bunden war, in Bamdrup eine der Ausbildung des Mannes ent- sprechende Beschäftigung zu finden. Der Frau blieb also nur die Wahl, entweder auf die Rente zu verzichten, oder— praktisch gesprochen— sich von ihrem Manne scheiden zu lassen. Sie wählte das erste, wqs schon in Anbetracht ihrer Invalidität nicht wunder- nehmen kann, und die Folge des Vorgehens der Behörden ist also die, daß eine durch Krankheit geschwächte Frau ohne die geringste eigene Schuld eines Rechts auf Unterstützung beraubt worden ist, daS sie sich durch jahrelange Einzahlungen erworben hat. Aehnlich» Fälle sind indessen auch nach dem Inkrafttreten der neuen Reichsversicherungsordnung denkbar. Es muß hierbei in Be- tracht gezogen werden, daß die Heimatlosen durchweg der Klasse der Landarbeiter angehören und mit Frauen verheiratet sind, die vor ihrer Heirat in der Regel in dienenden Stellungen gewesen sinh. Mann und Frau werden also in den meisten Fällen das Recht er- warben haben, eintreffendenfalls Invaliden-, Alters-, Witwen- und Kinderrenten zu erhalten. Aber was ist die Folge, wenn ihnen die Niederlassungscrlaubnis verweigert wird und sie freiwillig über die Grenze ziehen? Nach der Reichsversicherungsordnung({j 1313) ruht die Rente, solange der Berechtigte, sich freiwillig im Auslande aufhält. Also: der Heimatlose, der nur darum über die Grenze zieht, weil ihm die Niederlassungserlaubnis verweigert oder er auf- gefordert worden ist, seinen Wohnsitz außerhalb Nordschleswigs zu verlegen, geht der Unterstützung verlustig, auf die er durch seine und seiner Arbeitgeber Einzahlungen ein Recht erworben hat. Und in derselben Weise geht es seiner Frau.„Trotzt" er dagegen den Verfügungen der Behörden, so daß er„lästig" und infolgedessen rechtslräftig ausgewiesen wird, bewahrt er sich unter allen Um- ständen sein Recht auf Invalidenrente usw., da es dann nicht von ihm heißen kann, daß er sich freiwillig im Auslande aufhalte. Daß dieses nicht nur ein Gelmnkenexpcriment ist, sondern für die be- treffenden Kreise große praktische Bedeutung hat, dürften folgende Fälle beweisen: Der Arbeiter Hans Chr. Hansen in Apenrade erhielt seinerzeit auf ein Gesuch um die Erlaubnis zur Niederlassung abschlägigen Bescheid, obwohl seine früheren deutschgesinnten Arbeitgeber(u. a. der Gemeindevorsteher A MooS in Stolligg, bei dem er ununter- brachen 5 Jahre gedient hatte) ihm das Zeugnis gaben, daß er sich sehr gut geführt und an keinen antideutschen Versammlungen teil- genommen oder in irgendeiner Weise sich deutschfeindlich geäußert habe, so daß in politischer Hinsicht seiner Naturalisation nichts im Wege stehe. Wäre HanS Chr. Hansen nun über die Grenze gezogen, so wäre er seiner Rechte als Mitglied der deutschen Jnvalidenver- sicherung verlustig gegangen. Er blieb darum, wo er war, fand später eine Zeitlang Aufnahme in dem Sanatorium der Invaliden- Versicherung und empfängt jetzt eine jährliche Invalidenrente von etwa löst M. Genau ebenso lag anfangs die Sache seines Freundes und Ar- beitSgenossen Niels Peter Burkal. Auch er erhielt trotz der besten Empfehlungen auf ein Gesuch um die Niederlassungserlaubnis ab- schlägigen Bescheid. Er setzte sich zur Mehr, wurde indessen krank, war vom 29. Juli bis 26. Oktober auf Rechnung der Invaliden- Versicherung im Krankenhause bczw. Sanatorium in Apenrade und kam unter dem Beistande des betreffenden Kreiskrankenhausarztes um Invalidenrente ein, als sich sein Zustand verschlimmerte. Das von dem Arzt unterstützte Gesuch wäre ohne Zweifel bewilligt war- den, wenn er nicht während eines zufälligen Aufenthaltes bei Ver- wandten in Dänemark einen schweren Rückfall erlitten hätte, so daß er sofort»n ein dortiges Sanatorium gebracht werden mutzte. Eine Zeitlang hörte er von der Versicherung nichts, brachte das aber mit einer Aeußerung des Arztes in Apenrade in Verbindung, daß man nicht gleichzeitig aus zwei Kassen bekommen könne; er empfing nämlich auch Krankengeld. Aber als Ende d. I. die Ver- pflichtungen der Krankenkasse aufhörten, schrieb er an die Direktion der Versicherungsanstalt, teilte seine augenblickliche Adresse mit und erhielt folgende Antwort? i- �.. i „In Erwiderung Ihres Schreibens vom 27. v. M. bemerken f wir ergebenst, daß ein Antrag auf Invalidenrente an die zu- � ständige Polizeibehörde Ihres letzten inländischen Beschäftigungs- ortes eingereicht werden muß. Bisher liegt ein solcher Antrag nicht vor; es kann folglich von der Bewilligung einer Invaliden- rente auch keine Rede sein. Solange Sie sich übrigens im Auslande aufhalten, kann die r Rente nicht ausgezahlt werden; sie ruht vielmehr." Es ist sehr richtig, daß ein Antrag auf Invalidenrente nicht an die Direktion eingereicht werden soll, und der eigentliche Zweck des Schreibens Burkals war denn auch, die Sache zu beschleunigen, da er Geld brauchte. Nach der Auskunft, mit der das Schreiben der Landesversicherungsanstalt schließt, wird man jedoch verstehen, daß er eS aufgab, von der Seite Hilfe zu erwarten, um so mehr, als er darauf aufmerksam gemacht wurde, daß er im Auslande die Rente nur dann erhalten könne, wenn er rechtskräftig ausgewiesen sei— und das war er eben nicht. Die angeführten Fälle dürften mit genügender Deutlichkeit beweisen, daß infolge des Vorgehens der Behörden gegen die Heimatlosen beträchtliche wirtschaftliche und soziale Interessen auf dem Spiele stehen. Nicht durch das Verhal- ten der Jnvalidenversicherungsanstalt. Diese hat, soweit mir be- kannt ist, sich stets an die gesetzlichen Vorschriften gehalten, und es ist vom rechtlichen Gesichtspunkte weder im Falle Petrine Villadsen, noch im Falle N. P. Burkal gegen den Standpunkt der Anstalt etwas einzuwenden. Sehr ernste Bedenken müssen dagegen gegen die Praxis der Verwaltungsbehörden erhoben werden, die derartige unhaltbare Zustände hervorrufen und eS würde mich sehr freuen, wenn die Jnvalidenversicherungsanstalt zur Abhilfe die Hand reichen würde, um so mehr, als die Träger der anderen Versicherungen, in Sonderheit der Unfallversicherung, sich dann vielleicht zur Befolgung des von ihnen gegebenen Beispiels bewiegen ließen." Soweit die Antwort auf die Anfrage der LandeSversicherungs- anstalt. Wahrhaftig ein köstliches Bild von der Verworrenheit der Zustände, die ein schikanöses preußisches Polizeiregiment herauf- beschworen hat. Wenn eS erst soweit gekommen ist, daß nicht die Befolgung behördlicher Verfügungen, sondern vielmehr die Auf- lehnung gegen diese den Genutz eines gesetzlich garantierten Rechtes bedingt, dann können diese Behörden getrost ihr Testament machen. ' Die behauptete„Widerhaarigkeit" der heimatlosen Arbeiter erscheint aber von hier aus in etwas anderem Lichte; sie müssen, wenn sie nicht des eigenen sauer verdienten Geldes verlustig gehen wollen. den Regierenden„trotzen". Nun, das Rückgrat der Heimatlosen wird wohl darunter weniger leiden als das Ansehen der Behörden, wenn djxses übk.rhqup.t npch Schaden nchmeg kSLL» Netballdsillg der Falilikarbeiter. Dresden, 19. August. 5. Verhandlungstag. Als Delegierte zum Internationalen Arbeiterkongreß wurden gewählt Brey und Schn e i d e r- Hannover(Vorstandsvertreter), H eg e m a n n- Hamburg, R i ch t e r- Dresden, Staimmer- München und Bruns- Berlin. Den Bericht der Kommission für die Regelung der Gehälter der Angestellten gab Martens- Harburg. Die Kommission macht folgende Vorschläge: Mitglieder des Vorstandes Anfangsgehalt 2499 Mark, steigend jährlich um 159 M. bis zu 3399 M. Gauleiter: An- fangsgehalt 2299 M., steigend um 129 M. jährlich bis zu 3999 M. Bureauangestellte beim Vorstand: Anfangsgehalt 2999 M., steigend jährlich um 199 M. bis zu 2799 M. Die Zahlstellen sollen in zwei Gruppen �eingeteilt werden. In der Gruppe I sind die Gehälter der Agitationsleiter und Gcschäitsführer gleich denen der Gau- leiter, und die Gehälter der Hilfskassierer und Bureauangestellten sollen den Sätzen der Bureauangestellten im Hauptbureau ent- sprechen. In der Gruppe II(kleinere Zahlstellen) sollen die Ge- hälter betragen: für Agitationsleiter und Geschäftsleiter Anfangs- geholt 1899 M., steigend jährlich um 199 M. bis zu 2499 M. Für Hilfskassierer Anfangsgehalt 1899 M., steigend um 59 M. jährlich bis zu 2299 M. Die Steigerungssätze sollen bereits ab 1. Oktober 1911 in Kraft trete». Die Ferien sollen für sämtliche Angestell- ten nach einjähriger Dienstzeit zwei Wochen, nach fünf Jahren 3 Wochen betragen. Die Beiträge für die Privatbeamten- Versicherung sollen voll vom Verband getragen'werden. Diese Vorschläge riefen eine starke Opposition hervor, der nicht nur die Gehaltssätze zu hoch, sondern auch die Ferien zu lang waren. Die Kommissionsvorschläge fanden jedoch auch warme Be- fürworter. Ein Antrag, die Vorlage an die Kommission zurückzu- weisen, wurde abgelehnt. Ebenso verfielen sämtliche Abänderungs- anträge der Ablehnung. Die Abstimmung über die Vorlage der Kommission war namentlich. Für die Vorschläge stimmten 119, dagegen 59, und 18 Delegierten enthielten sich der Abstimmung. Tie Kommissionsvorlage ist also angenommen. Das neue Statut tritt am 1. Oktober 1912 in Kraft. Die bisherigen angestellten Vorstandsmitglieder und der Re- dakteur wurden einstimmig wiedergewählt. Vorsitzender des Ausschusses bleibt Bruns- Hamburg. Damit waren die Arbeiten des Verbandstages beendet. Der nächste Verbandstag findet 1914 in Stuttgart statt. Kllndkstlig des Arbtiterradfthrer-Zuildrs Dresden, 11. August. Im(�schmückten Saale des Volkshauses traten gestern abend 6 Uhr die Vertreter des ArbeiterradfahrerbundeS„Solidarität" zum neunten Bundestag zusammen. Die Tagung ist stark beschickt. Es nehmen an ihr teil 117 Delegierte, eine Anzahl Vorstands- Mitglieder und Funktionäre. Als Gäste sind Vertreter des Arbeiter-Turnerbundes und des Arbeiter-Sainariterbundes anwesend. Der Arbeiter-Athleten- und der Arbeiter-Schwimmerbrnrd haben ebenfalls Vertretungen zugesagt. Zunächst hieß namens der Dresdener Mitgliedschaft Funke- Dresden die Delegierten herzlich willkommem Er betonte, trotz aller behördlichen Bekämpfungen, habe der Bund in Sachsen, Erfolge zu verzeichnen, wie sonst nirgends. Der Dresdener Verein habe in den letzten vier Monaten allein 599 neue Mitglieder gewonnen; er zähle jetzt 2269 Mitglieder. Verbandsvorsitzender Fischer- Opfenbach wies in seiner Er- öffnungsrede darauf hin, daß der Bund zunr ersten Male in Sachsen tagt. Die Gaue 14 und 15, die Sachsen umfassen, seien heute die größten, Gaue des Bundes. Das beweise, daß, je schärfer der Druck von oben, um so tiefer und gewaltiger die Bewegung von unten sei. Das könne sie mit Stolz erfüllen. Es zeige aber auch, daß die Arbeiterschaft einig zusammenhalten müssen um Erfolge zu erzielen. Redner hofft, daß auch die Beratungen des Bundestages von dem Gedanken der Einigkeit getragen sind. Der Vorsitzende des Arbeiter-Turnerbundes, H a n n i s ch- Leipzig, überbrachte die Grüße der Turner. Er betonte, der Arbeiter-Turnerbund würde von den BeHürden noch schärfer be- kämpft als die Radfahrer. Ihre Vereine würden nicht nu-r als politisch erklärt, sondern gleich aufgelöst, wenn sie sich eines Ver- gehens schuldig gemacht haben sollen. Als Vorsitzende des Bundestages wurden M e lz e r-Dresden und Traue- Leipzig gewählt, denxn vier Schriftführer zur Seite stehen. Nach Einsetzung verschiedener Kommissionen, war die Er- öffnungssitzung beendet. Die heutige Sitzung tvar eine geschlossene. ES wurden in ihr nur rein interne Angelegenheiten behandelt. Nachmittags beteiligten sich die Delegierten an dem neunten Bundesfest.._ Nerbavdstag der Schmder. Der Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschearbei- ter Deutschlands hält in dieser Woche im„V o l k s ha u s" zu Köln seinen 12. Verbands tag ab. Aus dem an den Verbandstag gerichteten Geschäftsbericht des Vorstandes geht hervor, daß die letzten zwei Jahre sowohl hinsichtlich des Fortschrittes als auch in bezug auf Lohnkämpfe für den Verband von großer Bedeutung waren. Die Mitgliederzahl ist in dieser Zeitperiode ui5 6000 männliche und 3617 weibliche gestiegen und betrug bei Ab- schluß des 1. Quartals dieses Jahres insgesamt 59 399. Auch die Finanzen haben sich in der verflossenen Geschäftsperiode we- sentlich gebessert, trotzdem die Lohnbewegungen und Streiks in den letzten beiden Jahren der Hauptkasse eine Aus- gäbe von 767 736 M. verursacht haben. Der Kassenbestand ist trotz dieser hohen Ausgabe von 425 999 M. auf 526 343 M. an- gewachsen. Die Gesamteinnahmen der Hauptkasse betrugen in der Berichtszeit 2 259 899,28 M., denen an Ausgaben 1 724 537,93 M. gegenüberstehen. Neben der erwähnten hohen Aus- gäbe für Lohnbewegungen und Streiks ist besonders viel Geld für Kran kenunter st ützung verbraucht, nämlich 232 572,19 M. An R e i s e u n t e r st ü tz u n g wurden 55 673 M. gezahlt, an G e- maßregeltenunterstützung 18 944 M.. für Agitation wurden 35 517,36 M., sowie 54 192,93 M. an die Gauverwaltungen gegeben. Die Ausgaben für Rechtsschutz belaufen sich auf 5758,61 M. und die Unterstützungen an Streikende oder Äusge- sperrte anderer Verbände auf 13 999 M. Die Beiträge an die G e n e r a l k o m m i s s i o n der Gewerkschaften belaufen sich auf 8998 M. Ein Vergleich des vorliegenden Kassenberichts mit dem der vorhergehenden Geschäftsperiode zeigt eine Mehr ein- nähme von 777 994,15 M. auf. Aus der Zusammenstellung der Lohnbewegungen in den letzten zwei Jahren geht hervor, daß in 171 Orten mit insgesamt 35 999 Beteiligten 185 Lohnbewegun- gen ohne Arbeitseinstellung stattfanden und daß diese Lohnbewegungen. in 183 Fällen für 34 349 Personen erfolgreich waren. Es wurde für 4348 Personen eine Arbeitszeitverkürzung und für 33271 Personen eine Lohnerhöhung von insgesamt 69 286 Mark pro Woche erzielt. Angriffs st reikö fanden 79 mit insgesamt 29 795 Beteiligten in 135 Orten statt. Davon waren 73 Streiks für 19 955 Beteiligte erfolgreich, und zwar.erzielten 893 Personen eine Arbeitszeitverkürzung und 13 928 Personen eine Lohnerhöhung von 34 997 M. pro Woche. Abwehr st reiks wur- den 24 unternommen, die sich auf 17 Orte verteilen und 712 Per- sonen betrafen. Erfolgreich waren die Abwehrstreiks in 13 Fällen für 444 Beteiligte. An Aussperrungen waren 195 zu ver- zeichnen, die sich auf 95 Orte und 1495 Betriebe mit 8596 Beteilig- ten erstrecken. Die Aussperrungen brachten noch für 295 Personen eine ArbeitszeitverkÜAUng und für 391 Personen eine Lohn- erhöhung von 499,69 M. pro Woche. An den insgesamt 393 Bcwe- gungen, die der Verband in den letzten zwei Jahren zu verzeichnen hatte, war er mit 33 999 Personen:= 84,1 Proz. des Mitgliederbestandes beteiligt. Tarifverträge wurden insgesamt in 274 Fällen für 45 713.Personen geschlossen. Hua der Partei, Aus den Organisationen. � Ter sozialdemokratische Verein Stuttgart nahm in seiner Ver- sammlimg am 9. AuMst Stellung zum Chemnitzer Partei- t a g. Zur Reorganisation der Partei wurde» folgende Anträge mit starker Mehrheit angenommen: „Die Versammlung des sozialdemokratischen Vereins Stutt- gart spricht sich gegen die Einführung des von der Reorgani- sationslommission vorgeschlagenen Parteiausschusses aus. Sie hält eine Reorganisation des Parteivorstandesi insofern für not- wendig, daß die Zahl der besoldeten Sekretäre vermehrt und eine Ressortcinteiluny im Sinne des Vorschlags des Genossen Titt- mann vorgenommen wird. Gleichzeitig ist die Zahl der unbe- soldeten Mitglieder des Parteivorstandes derart zu erhöhen, daß sie die Mehrheit des Parteivorstandes bildet. Die Organisa- tionem denen die unbesoldeten Mitglieder zu entnehmen sind, bestimmt der Parteitag. Neben dem Parteivorstand bleibt die Kontrollkommission bestehen, deren politische Befugnisse zu er- weitern sind." „Die Parteiversammlung erachtet es als wünsche n>Zwert, daß eine aus Vertretern der Großstädte und der großindustriellen Bezirke bestebcnde Körperschaft mit nur beratender und informie- render Funktion eingesetzt wird, die die Parteileitung in steter Verbindung mit der Stimmung der Massen hält, auf deren Schultern die Durchfühnkstg eventueller Massenaktionen, ruht."_ „Die Abstimmungen auf dem Parteitag finden nach Organs- sationen statt; jeder Organisation wird für jedes volle und an- gefangene Tausend Mitglieder je eine Stimme zuerkannt. Zur Gültigkeit der Beschlüsse ist die absolute Mehrheit der auf- gebrachten Stimmen erforderlich." Die Versammlung beschloß ferner, das Delegationsrecht zum Parteitag voll auszunützen. Die Organisation kann vier Delc- gierte entsenden. Davon haben die ländlichen Organisationen einen zu entsenden. Die Wahl der Delegierten� erfolgt durch Ur- wähl. Vom Stuttgarter Verein werden folgende Genossen vor- geschlagen und zur Wahl gestellt: Westmeyer 428 Stimmen, Genossin Häring 323, Kreisvorsitzender Oster 3ll, Brenner 243, Heidinger 212. Weitere Stimmen erhielten.Genosse Hildenhrand 119, Redakteur Pflüger 77, Heymann 68. Ter Errichtung eines Kreissekretariats stimmte die Pexsanun- lung gleichfalls mit starker Mehrheit zu. � �. Der Bericht für die Parteiorganisation! des 11. Ladischetk Reichstagswahlkreises Mannheim-Weinheim legt von einer rüstigen Vorwärtscntwickelung Zeugnis ab. Die Mitgliederzahl beläuft sich auf 8229(einschließlich 866 weibliche) Mitglieder, das ist eine Zu- nähme von 1925. Die Einnahmen der Kreiskdsse beliefen sich auf 26 898 M.. die der Mitgliedschaft Mannheim auf 27 599 M. Die Parteibuchhandlumg steigerte ihren Umsatz auf 24 999 Mk. Ueber einen günstigen Geschäftsftand weiß auch die„Volksstimme" zu berichten. Ihre Gesamtauflage be läuft sich annähernd auf 20999. Die Partei stellt neben dem Mandat für den Reichstag fünf Land'- tagsabgeordnete und 495 Gemeindevertrcter. Unter letzteren be- finden sich 31 Gemeinde- bezw. Stadträte(im Vorjahre 18). Von den Bürgerausschußmitglicdern, deren Zahl von 366 auf 374 stieg, sint? 399 in der 3. Klasse gewählt, 63 in der 2. und 2 in der 1. Klasse. Die Wahlkreiskonferenz am 11. August nahm uc a. auchl Stellung zum deutschen Parteitag. Sie billigte die Einsetzung eines Parteiausschusses nach den Vorschlägen der Kommission. Auch hin- sichtlich der Delegation der Reichstagsabgeorvneten auf den Partei» tagen stimmte sie den Vorschlägen der Kommission zu. Ein Antrag auf Zustimmung zu dem Vorschlag Ledebours, betr. die Wahl ehrenamtlicher Mitglieder zum Parteivorstand, fand keine Gegen- liebe. Als Mitglied zum Parteiausschuß soll für Baden der l&e- nosse Dr. Frank in Borschlag gebracht werden. .'< Die Jahreskonfercnz des zweiten braunschweigischen Reichs, tagSwahlkreifcs(Wolfenbüttcl-Helmstedt), die am iL August in Schöppenstedt abgehalten wurde, erklärte sich nach einem ReferatI des Genossen A n t r i ck über den Chemnitzer Parteitag mit folgen, den Vorschlägen einverstanden: 1 Die Beiträge sind von 39 auf 49 Pf. zu erhöhen. Die Frauen- beitrage sollen in bisheriger Höhe belassen werden.— Die Kontroll- kommission ist beizubehalten mit weitgehendem politischem Kontroll- recht des Vorstandes. Die gesamte Reichstagssiaktion ist zur Teil- nähme an dem Parteitag berechtigt. Der Parteivorstand ist durch die Wahl von 5—7 unbesoldeten Beisitzern zu verstärken, die samt- lich aus dem Parteitage zu wählen sind. Der§ 19, Abs. 3, des Organisationsstatuts bleibt bestehen. Ter vorgeschlagene Partei- ausschuß ist abzulehnen,. Als Vorsitzender wurde wieder Genosse S ch e l z gewählt. � � � � Die Kreiskonferenz des Wahlkreises Mainz-Oppenheim erklärte sich mit der Schaffung eines Parteiausschusses nach dem Vorschlags der Organisationskommission einverstanden� Sie erwartet von der Heranziehung der Vertrauensmänner aus den verschiedenen Reichsteilen ,n wichtigen Angelegenheiten eine Förderung der inneren Einheit der Partei. Dagegen lehnte die KreiÄenferenz die vorgeschlagene Erhöhung des Mindestbeitrags ab, da sie die Aus- brcitung der Organisation auf dem Lande erhöhte Schwierigkeiten bereiten würde. Auch hinsichtlich der Vertretung der Reichstags- 'raktion aus dem Parteitage hält die Kreiskonserenz die Beibehält tung des seitherigen Zustandcs für das beste.. Separatismus im Deutschen Reich. Zu dem Artikel vom 25. Juli schreibt uns die HerauAgeberschaft der Zeitschrist„Ceslcz? Vystehovalec"(Der tschechische Auswanderer):„Den tschechischen Landsleute-Vereinen in Deutschland würde man Unrecht antun, wenn man ihnen ihre Namen„Hus",„KomenSky" usw., und ihr völlig unpolitisches Wirken zur Last legen würde. Die Namen haben sie von den Gründern übernommen, die vor Jahrzehnten keine bessere gewußt haben, als eines Humanisten und eines Vor- kämpfers für Gewissensfreiheit, und sie zu ändern, war kein Anlaß da. Politisch neutral müssen sie sein, sonst würden sie polizeilich aufgelöst und die Mitglieder als„lästige Ausländer" ausgewiesen. Es genügt schon eine ganz verlogene anonyme Anzeige in dieser Richtung, um den Vereinen(stoße Scherereien z» verursachen. Paris oder London passen- da nicht zum Vergleich, dort liegen die Verhältnisse eben anders, und auch die Tschechen haben dort neben den bürgerlichen ihre sozialdemokratischen Vereine. Bei allem un- politischen Charakter teilen sich auch die tschechischen Landsleutc- Vereine in Teutschland in mehr bürgerlich-nationale und mehr Arbeiterfortschrittliche, die miteinander in keiner Verbindung sind. Die fortschrittlichen betrachten die Gewerkschastsmitgliederschaft als die erste Pflicht jedes inständigen Arbeiters, die durch keine andere aufgehoben werden kann. Sie bringen dem tschechischen Arbeiter im Ausland, was ihm die Gewerkschaft nicht geben kaum nämlich eine gute Bibliothek in der Muttersprache, verschiedene RevueS und Zeitschriften der Heimat, Bildungskurse und Vorträge auch zum Erlernen der deutschen Sprache, Geselligkeit in guten Formen und Unterstützung im Stcrbefall, auf der Reise usw. Ihre Tätigkeit kann sie also mit niemandem, am wenigsten mit den reichsdeutschen Gewerkschaften in Konflikt bringen, und sie würde eher die Unter» tützung verdienen. Daß ihr letzter Kongreß in Prag 1911 den Be- chluß gefaßt hat, daß die mit der Schreibweise der tschechischen Kachblätter Wiener Richtung nicht zufriedenen reichsdeutschen Gewerkschaftsmitglieder keine anderen Konsequenzen ziehen sollen als anstatt des tschechischen einfach das reichsdeutsche Gwerkschafts- organ zu verlangen, dürfte schwerlich als Nationalismus erklärt werden können. Die tschechischen Arbeiter in Deutschland be» trachten den Streit über das in Oesterreich mögliche Maß des Jen- tralismuS als eine interne Sache der österreichischen Arbeiter und sind und wollen eifrige Mitglieder der reichsdeutschen Gewerkschaften bleiben, wenn sie auch überzeugt sind, daß man den Intentionen der tschechischen Arbeiterschaft in Oesterreich bitteres Unrecht durch die von Wien- aus geführte Aeiichterstattung in rcichs�cutjchen Natten gnjue.«' Soziales. 1 Die SctüTSgcftbficnfcfjflftett gegen Acrzte cirfdtr SssÄiichek Anstalt. Ter Bauarbeiter Gustav W. erlitt zwei Unfälle. Der erste Unfall ereignete sich am 10. September 1900 dadurch, daß W. auf einem Ausbau mit dem Kopf gegen einen Kappenträger lief. W. war benommen, Brechreiz stellte sich ein. Kurze Zeit danach, am 1. November 1999, zog sich W. den zweiten Unfall zu, indem ihm beim Transport eines eisernen Trägers, derselbe auf den linken Futz fiel. W. schlug zu Boden und war bewußtlos. Ein schweres Nervenleiden stellte sich ein, auf Grund dessen er zunächst in der Königl. Charite behandelt, dann in der Irrenanstalt Dalldorf auf- genommen Wedcn mußte. Der Anspruch, W. aus beiden Unfällen zu entschädigen, wurde von der Nordöstlichen Bangewerks-Berufsgenossenschaft 8. I abge- lehnt, weil das Nervenleiden nicht Unfallfolge sei. Gegen beide ablehnenden Bescheide der Berufsgenossenschaft wurde Berufung beim Schiedsgericht für Arbcitcr-Bersichcrung, Stadtkreis Berlin, eingelegt. Es wurde ein Gutachten von den Acrzte» der Anstalt Dalldorf eingeholt. Dasselbe war für den Anspruch des W. günstig. Der begutachtende Arzt kam zu dem Ergebnis, daß der Un- fall am 19. September 1999 eine latente Schädigung hervorgerufen haben könnte, die durch den Unfall vom 1. November 1999 zur vollen Wirkung kam. Da W. anscheinend in der Zeit zwischen bei- den Unfällen gearbeitet habe, so neigt die Wahrscheinlichkeit mehr dahin, im zweiten Unfall die Ursache der jetzigen Erkrankung zu sehen. Tie Geisteskrankheit sei mit großer Wahrscheinlichkeit auf die gemeldeten Unfälle, vermutlich auf den zweiten, zurückzuführen. Das Schiedsgericht verurteilte daraufhin die Genossenschaft zur Zahlung der Bollrcnte aus den Folgen des zweiten Unfalls, wies jedoch die Berufung gegen den ablehnenden Bescheid wegen des ersten Unfalls zurück. Die Ehefrau des W. legte als seine Pflegerin gegen die letzte Entscheidung, die Genossenschaft gegen die erste Entscheidung Rekurs beim Reichs-Versicherungsamt ein. Die Berufsgenossenschaft meinte in ihrem Rekurse, die vier Aerzte, die den W. vor seiner Aufnahme in die Anstalt behandelt hatten, hätten ohne Kenntnis des wirklichen Tatbestandes ihre Gut- achten abgegeben und die später von dritter 0) Seite gemachte Darstellung des Falles benutzt. Wörtlich sagt dann die Genossen- schuft: „Es liegt hier einer der öfteren Fälle bor, in welchem wir die Gutachten der Irrenärzte bekämpfen müssen. Wir können auch das Lbcrgutachtcn der Irrenanstalt Dalldorf nicht als ausschlag- gebend erachten, weil wir, da es sich in letzter Linie darum handelt, ob wir oder die Stadt Berlin für den Unterhalt des Verletzten ein- zustehen haben, dir Aerzte der städtischen Anstalt nicht als Obergut- achter anerkennen." Das Rcichs-Bersicherungsamt holte von dem Geh. Med.-Rat Dr. L. ein weiteres Gutachten ein. Dieser kam zu demselben Er- gebnis wie die Anstaltsärzte in Dalldorf. Ter Rekurs der Genossenschaft wurde daraufhin zurückge- wiesen. In den Entscheidungsgründen sagt das Reichs-Versicherungsamt:„Die Frage, ob das Gehirnleiden des Klägers mit dem Unfall vom 1. November 1999 im ursächlichen Zusammenhang steht, ist im wesentlichen eine medizinische. Nachdem nun auch der vom R. V. A. gehörte Gutachter, der ein auf dem Gebiete der Gehirn- erkrankungen besonders erfahrener Arzt ist, erklärt hat, daß die überwiegende Wahrscheinlichkeit für einen derartigen Zusammen- hang spricht, mußte der Rekurs als unbegründet zurückgewiesen werden." Die Bernfsgenossenschaft erhob in diesem Falle den schweren Borwurf der Befangenheit gegen die Aerzte der Stadt Berlin, die- selbe Genossenschaft, die selbst eine Anzahl Vertrauensärzte ange- stellt hat und nun von den Verletzten erwartet, daß dieselben diese Aerzte als unparteiisch ansehen sollen. Wenn Aerzte wegen Be- fangenheit abzulehnen sind, dann könnten es doch nur die Aerzte der Genossenschaft sein. Denn diese Aerzte erhalten ihre Be- zahlung von der Genossenschaft, die Partei im Prozeß und an mög- lichst niedrigem Rentenstand interessiert ist. Das trifft aber auf keinen Fall auf die Aerzte einer öffentlichen Anstalt zu, die ohne Interesse am Ausgang der Sache, lediglich auf Grund der Wissen- schaft ihr Gutachten abgeben. Die von der Genossenschaft beliebte Ablehnung kommt der Behauptung gleich: Recht darf nur sein, was die Genossenschaft oder von ihr bezahlte Aerzte als Recht zu befinden für gut halten. Warum läuft gegen diese Anmaßung der Leipziger Aerzteverband nicht Sturmi Die gefüllte Kompottschüssel eines StaatsarbciterS. Im..Sprechsaal" eines KönigZberger bürgerlichen Organs wird darauf hingewiesen, daß auch unter den Königsberger Veteranen viel Elend herrscht. Es wird dann folgendes mitgeteilt: „Es gilt dieses in erster Linie von dem Kricgsvetcranen Rn- dolf Behrend, Vordere Vorstadt 68, Hof. Dieser hat den Krieg von 1870/71 mitgemacht und darauf 37 Jahr: in der Königlichen Eisen- bahnwerkstätte als Maschinenschlosser gearbeitet. Die„Lorbeeren", die er geerntet hat, sind folgende. Behrend war Mitglied der Werk- stattpensionskasse. Hieraus bezieht er 36 Mark, dann 10 Mark Ehrensold, zusammen 46 Mark monatlich. Davon soll er mit seiner Frau leben, obwohl er schon seit drei Jahren ganz hilflos zu Bett liegt und seine Frau auch krank ist, so daß jeder Verdienst ganz ausgeschlossen ist. Wohlhabende Verwandte sind auch nicht da, der einzige Sohn ist ein Krüppel und befindet sich im Armenhause.. So sieht die„gefüllte Kompottschüssel" und die„gesicherte Exi- stenz" dieses StaatsarbciterS bis ins hohe Alter aus. Wie oft rühmt man„die umfassende Fürsorge" des Staates für„seine" Arbeiter. Hier sieht man so recht, wie weit die geht. 36 Vtark mo- natlich gibt man dem alten Manne aus der Pensionskasse, in die er viele Jahre hindurch seine Beiträge gezahlt hat. Da versucht man die Arbeiter und Handwerker in den Eisenbahnbetrieben um ihr Koalitionsrecht zu bringen, man verfolgt sie. entläßt sie, wenn sie sich mit ihren Klassengenossen zusammenschließen, um sich bessere Lebensbedingungen zu erkämpfen. Und die Führer der„gedulde- tcn"„staatstreuen" Verbände haben dagegen nichts einzuwenden. Sie finden dieses Maßrcgclungs- und Unterdrückungssystem in der Ordnung. Ja, sie begehen sogar das Verbrechen an den Eisen- bahnern, ihnen einzureden, sie wären für ihre alte» Tage„versorgt". Genau so steht es mit dem Elend der Veteranen. Da Wim- mern jetzt die Organe der bürgerlichen Parteien darüber, daß von Woche zu Woche Fälle von Verelendung von Veteranen registriert werden müssen. Wer hat denn die sozialdemokratischen Anträge auf hinreichende Fürsorge für Veteranen abgelehnt? Von 1896 bis in die lef.te Session hinein— die bürgerlichen Parteien. Horben sie es doch jüngst fertig gebracht, den Großbrennern eine neue Liebesgabe in Höhe von 16 Millionen zuzuwenden und es abzu- lehnen, diese 16 Millionen für die Veteranen des Krieges und der Arbeit zu verwenden. § 63 H.-G.-B. Herr Alfred Baum. Inhaber der Firma A. F. Herm. Baum Sohn, ersucht uns unter Bezugnahme auf die Notiz vom 1.& M. um Aufnahme folgender Zeilen:, � .1. Das Urteil ist entgegen Ihrer Behauptung nicht vollstreck- dar, sondern die Zwangsvollstreckung ist gegen Hmtexlegung von 199 M.(90 M. Obejkt üWb 10 M. Kostest) abgetSestdek Des: Bekkäg ist durch meine Rechtsanwälte Dr. Freundlich und Feiertag bei der in Betracht kommenden Kasse hinterlegt worden. 2. Ich verwahre mich mit aller Entschiedenheit gegen die von Ihnen aufgestellte Behauptung, daß ich die Wiederklage aus dem Grunde angestrengt habe, um das Urteil berufungsfähig zu machen. Es wird mir niemand verdenken können, daß ich einen Schadens- ersatz beanspruche, wenn jemand böswillig, ohne krank zu sein, nur weil ihm gekündigt wurde, aus dem Geschäft wegbleibt. Die Anzeigen, daß in diesem Falle das Fehlen ohne Krankheit stattfand, waren vorhanden, und wenn sich im Laufe des Prozesses das Gegenteil herausstellen sollte, so fällt naturgemäß mein An- spruch. 3. Bezüglich Ihrer Bemerkung, Sie Kütten diesen ganzen Ar- tikel nur gebracht um zu zeigen, daß in meinen Verträgen die Rechte aus Z 63 H.-1G.-B. ausgeschlossen werden, bemerke ich, daß ich von diesem Recht nur in den Fällen Gebrauch mache, wo der Verdacht der Simulation dringend vorliegt. In den weitaus meisten Fällen zahle ich bei unverschuldetem Unglück das Gehalt trotz der gegen- teiligen Abmachung aus; wo es nötig ist nicht nur aus die Dauer von 6 Wochen, sondern wie es bereits geschehen ist, auf die Dauer von drei Monaten." Herrn Baum ist immer noch nicht klar, weshalb der Ausschluß des§ 63 H.-G.-B. durch Vertrag unsozial ist, und doch bestätigt gerade seine Darlegung, daß die übrigens unseres Erachtens un- gültige Vertragsabrede unbillig ist. Er selbst gibt das durch seine Behauptung zu, er wende sie nur ist Fällen an, wo der Verdacht einer Simulation vorliegt. Aber in den Fällen, wo Krankheit vorgetäuscht wird, findet ja die Vorschrift des Z 63 gar keine Anwendung. Freilich müßte der Geschäftsinhaber die Simulation beweisen. Den 8 63 ausschließen heißt— abgesehen von der Frage der Zulässigkeit des Ausschlusses— die Annahme aussprechen, daß der Arbeiter in der Regel simuliere und die Gefahr, die sich aus der Schwierigkeit des" Nachweises der Simulation in einem Einzelfall ergibt, auf die nicht simulierenden Arbeiter abwälzen. Das ist äußerst unsozial._ 20 Pf. täglich reicht für eine Arbeiterin ans. So ist auf Grund der famosen Reichsversicherungsordnung vom Schiedsgericht für Arbeiterversicherung für den Negierungs- bezirk Oppeln wiederum entschieden. Das Gericht hat den Anspruch einer 66 Jahre alten Arbeiterin auf Invalidenrente abgewiesen, weil sie nach dem Gesetz keinen Anspruch auf Invalidenrente hat, wenn sie noch 1/a dessen verdienen kann, was in jener Gegend ähnliche Arbeiterinnen durchschnittlich verdienen, aber noch 100 Mark jährlich verdiente. Ein Gutachten der unteren Verwaltungs- b e h ö r d e hatte die Klägerin, eine 66 Jahre alte Arbeiterin Z., als fast völlig erwerbsunfähig bezeichnet. Die alte, an Altcrserscheinungen und einem Leistenbruche leidende Frau konnte fast gar keine Arbeiten mehr verrichten oder doch nur ganz leichte, und diese auch nur mit Unterbrechungen. Der Vorstand der Landesversicherungsanstalt Schlesien lehnte jedoch die Bewilligung einer Invalidenrente ab, da Frau Z. noch im- stände sei, 100 M ark jährlich zu verdienen. Das angerufene Schiedsgericht, zusammengesetzt aus einem Regicrungsrat, zwei Grundbesitzern, einem Oberheger und einem Pferdeknecht, bestätigte die Entscheidung. Die Tatsache, daß die Alterserscheinungen der Antragstellerin sehr hartnäckig sind und daß sie außer an dem Leistenbruche auch an Reißen in der linken Körperseite und an Zittern am ganzen Körper leidet, wurde dahin gewürdigt, daß die Frau Z. nach dem Gutachten des königlichen Kreisarztes„trotz dieser Leiden noch nicht erwerbsunfähig sei im Sinne des Gesetzes". Das Schiedsgericht habe sich diesem einwandfreien Gutachten angeschlossen und damit entgegen der Ansicht der unteren Verwaltungsbehörde für festgestellt erachtet, daß die „Klägerin trotz ihres vorgerückten Alters und ihres mehrfachen Leidens immer noch imstande ist, durch Verrichtung allerhand leichter und mittelschwerer Arbeit ihre nur 100 M. betragende Mindestgrenze zu erreichen". Invalidität im Sinne des Ge- setzes liege daher nicht vor. Der Anspruch auf Gewährung einer Invalidenrente sei danach für heute noch unbegründet. Der ortsübliche Tagelohn in den ländlichen Kreisen des Regierungsbezirkes Oppeln beträgt 1 M. für erwachsene wirk- liche Arbeiter. In vielen Kreisen beträgt der durchschnittliche Jahresverdienst noch unter 300 M., in Bärwalde gar nur 200, in Löbau i. Westpr. nur 180 M. Kann dort eine Arbeiterin noch 60 M. jährlich verdienen, wenn sie Arbeit hätte, so gilt sie nicht als invalide im Sinne des Gesetzes. Und solch' Hohn auf das Recht des Arbeiters, dem man Woche für Woche eine direkte Reichseinkommensteuer abgeknöpft hat, wagt man als„soziale" Gesetzgebung ausznschreien. Hud aller Melt. Die Sräbebenkataftropke in der CUrhei 1000 Tote— 3000»verwundete. Die verschiedenen Erdbeben, die in den letzten Tagen die Türkei, am schwersten das Dardancllengebiet heimgesucht haben, lassen sich erst jetzt in ihrer zerstörenden Wirkung einigermaßen überblicken. Die Katastrophe hat nach neueren Informationen gegen 1000 Tote gefordert, während die Zahl der durch Hauscinstürze Verletzten auf 3000 b e- rechnet wird. Viele Tausende sind ohne Obdach und müssen unter den dürftigsten Verhältnissen im Freien kampieren. Durch große Feuersbrünste wurde in verschiedenen Ortschaften das Werk der Zerstörung vollendet. Wie ein Telegramm aus Konstantinopel ineldet, bestätigt der Minister des Innern, daß die Stadt M y r i o p h i t o und mehrere Ortschaften, darunter G a n o s, C h o r a und Platanos, vollständigdurchFeuers- brunst und Erdbebenzerstört wurden. Zahlreiche Verluste an Menschenleben sind zu beklagen. JnAdrianopel wurden 20 Moscheen sowie mehrere Häuser und Türme be- schädigt, doch sind keine Menschen ums Leben gekommen. In Lule Bourgas wurden zwei Personen getötet. Die Thermalquellen bei Dedeagatsch sind versiegt. Der durch den Brand in Tschorlu angerichtete Schaden wird auf Vs Million Frank geschätzt. In dem am Marmarameer gelegenen Städtchen Peristeri wurden 200 Häuser durch Feuer zerstört, wobei 70Personen getötet und 150 verivundet wurden. Die übrigen Häuser sind eingestürzt. Die Erdbewegung er- streckte sich bis Jsmid und Balikesri in Anatolien. Die Nachrichten, die durch die Erdbebenkatastrophe ver- ursacht worden sind, laufen in Konstantinopel spärlich ein. Sämtliche Drahtverbindungen sind abgeschnitten, und man ist vorläufig lediglich auf die Berichte der aus dem Marmara- mecr hier eintreffenden Schiffskapitäne angewiesen, deren Schilderungen den ungeheuren Umfang der Katastrophe, von der eine große Reihe von Ortschaften betroffen worden sind, aber bereits erkennen lassen. Die Dampfer bringen immer noch eine große Anzahl von Verwundeten. Wie Augenzeugen bestätigen, hat das Erdbeben das Därdanellengebiet schwer heimgesucht. Viele Häuser sind ein- gestürzt, darunter das Hans des persischen Konsuls, sowie zwei angrenzende Gebäude, in deren einem das österreichisch- ungarische Konsulat seinen Sitz hat. Die Moschee, die griechische Kirche sowie das englische Konsulat wurden be- schädigt. Die Mauern und Fassaden der am Meere gelegenen Häuser wurden weggerissen. Längs des Kais, zwischen dem österreichischen und dem englischen Konsulat, wies der Boden große Risse auf. Der Kai ist an mehreren Stellen vom kochenden Wasser überflutet, welches auch die Spalten füllt. Sämtliche Straßen sind mit Trümmern bedeckt. Viele Personen wurden getötet. Auch die Landhäuser wurden stark in Mitleidenschast gezogen. Die Stadt Gallipoli wurde noch mehr heimgesucht. Die Bevölkerung kampiert im Freien. Ganos und mehrere andere Orte an der Küste des Marmarameeres wurden durch Erdstürze in Trümmer gelegt. Eine Hilssexpedition ist dorthin abgegangen. Ueber das Schicksal Rodostos fehlen nähere Nachrichten. Verletzte, die in Konstantinopel eingetroffen sind, erzählen erschütternde Einzel- heilen über die Erdbebenkatastrophe in Myriophito, Ganos, Chora und Peristeri._ Ein schrecklicher Unfall. Auf furchtbare Weise ist ein junger Landarbeiter in D o m a s o in Oberitalien schwer verunglückt. Bei dem Versuch, das von dem reißenden Gebirgsbach Livo heruntergeschlvemmte Holz zu bergen, setzte er einen Fuß auf einen Felsblock, der durch den Anprall des Wassers umgerissen wurde. Auf diese Weise wurde der Unglückliche zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt, wobei der Anprall des Wassers die beiden Blöcke immer näher rückte, so daß der Mann ans mehreren Wunden blutete. Er rief verzweifelt um Hilfe, wobei er beständig Anstrengungen«lachen mußte, um den Kopf über Wasser zu halten. Als Hilfe zur Stelle war, stellte sich heraus, daß man ohne eine Hebclvorrichtung den Mann nicht be- freien konnte. Da er inzwischen ganz von Kräften war, mußten zwei Männer seinen Kopf über Wasser halten. Neun Stunden »ach dem Unfall gelang es endlich, den einen Felsblock zu entfernen. Der Verwundete ist ins Krankenhaus gebracht worden, wo ihm das Bein amputiert wurde. Die Aerzte erklärten seinen Zustand für hoffnungslos._ Explosion im Eisenbahnzuge. Infolge einer Gasexplosion in einem Eisenbahnwagen find sechs Arbeiter, die damit beschäftigt waren, die Gasapparate in den Wagen der London und Nordwestern Eisenbahngesellschaft auf der Station M a n ch e st e r zu prüfen, schwer verletzt worden. Ein weiterer junger Arbeiter, der in der Nähe stand, wurde durch herum- fliegende Eisenteile getroffen und ebenfalls schwer verletzt. Durch den bei der Explosion erzeugten Luftdruck wurden sämtliche Fenster und Türen des Zuges zertrümmert. Der Materialschaden ist be- deutend.____ Verhaftete Vanknotenfälscher. In Paris wurde am Sonntag ein gewisser Robert Dewen- t h a l und seine Geliebte unter der Beschuldigung verhaftet, falsche Hundert-Ru bei noten angefertigt zu haben. Die Zahl de»: in den Verkehr gebrachten falschen Scheine ist so beträchtlich, daß nicht weniger als siebzig Personen wegen ihrer Ausgabe in Rußland verhaftet worden sind. Die russische Regierung hat der Fälschung wegen sogar die Zeichnung der Banknoten ändern müssen._ Bombenanschlag aus ein Postamt. Im österreichischen Postamt in Saloniki explodierte am Sonnabendabend eine Höllenmaschine, die von unbekannten Tätern eingeschmuggelt war. Das Lokal wurde stark beschädigt und die Einrichtung zerstört, die Postsachen sind aber gerettet. Zwei Beamte wurden leicht verletzt. Der österreichische Generalkonsul er- schien sofort und veranlaßte, daß der Betrieb des Postamts weiter- gehe. Von den Behörden sind Schutzmaßregeln ergriffen; die Straßen sind militärisch besetzt und eine Untersuchung ist eingeleitet worden.�- Eine zweite Bombe platzte in einem Straßenbahn- wagen der leer in die Remise einfuhr. Ein Boxkampf mit tödlichem Ausgang. Wie aus O st e n d e gemeldet wird, hatte ein am Sonnabendabend im dortigen Skala-Theater stattgefundener Boxkampf zwischen dem Belgier T o l l y und dem Franzosen Jules Rudel für den letzteren einen tödlichen Ausgang. Der Kampf war äußerst heftig. Der Franzose erhielt einen starken Schlag gegen die Brust und dann gegen das linke Auge, so daß er zu Boden fiel. Der Kampfrichter erklärte ihn für kampfunfähig. Rudel konnte sich zwar noch selbst erheben, die Aerzte bezeichneten seinen Zustand aber als besorgnis- erregend und ordneten seine Ucberführung in ein Hospital an. Auf dem' Wege dorthin verlor er das Bewußtsein. Noch an dem gleichen Abend ist er gestorben. Die Behörden haben eine strenge Unter- suchung eingeleitet._ Kleine Notizen. Schweres BootSnnglllck auf dem Schweriner See. Am Montag- abend kenterte bei böigem Winde auf dem Schweriner See in der Nähe von Rautödamin ein mit sechs Personen besetztes Segelboot, das von dem Chorsänger Bütiuger geführt wurde. Cr- trunken sind f ii n f P e r s o n e n.— Eine zweite Bootskatastrophe hat sich am Sonntagabend auf der Flensburger Föhrde zugetragen. Infolge einer heftigen Böe kenterte ein mit vier Personen besetztes Segelboot. Drei Männer sind ertrunken, ein zwölfjähriger Knabe wurde gerettet. Einsturz eines Hauses in Kiew. Durch einen außergewöhnlich heftigen Gewitterregen ist in Kiew ein Wohnhaus, dessen Grund- mauern unterwaschen wurden, eingestürzt. Dabei wurden fünf Personen getötet, sieben schwer verletzt. Nur ein Jude! Das Kriegsgericht in Kiew verurteilte den Obersten Lilameder, der in einein Varictü in betrunkenem Zustande einen jüdischen Musiker erschlagen hatte, zu vier Monaten Festungshaft. Hätte der Musiker den Obersten er- schlagen, wäre er natürlich gehenkt worden. Brückeneinsturz aus der Wolga. Ein Sturmwind warf den letzten Brückenbogen der Brücke, die bei I a r o S l a w über die Wolga gebaut wird, um. Zwei Mann wurden getötet und zwei verwundet. ZMItalM.«mm Neukölln. Kachmt. Den Parteigenossen zur Nach- "cht, daß unser Mitglied, der Gastwirt Uillielm 8e!ileu8euer R-uterstr. 71 verstorben ist und bereits zur letzten Nuhe bestattet wurde. Ehre seinem Andenken: Der Vorstand. Oskar Wollburg Trauer- Magazin Berlin N., BrunnenstraBe SB. Große Auswahl in schwarzer Konfektion; auch eine. Röcke, Blusen, Hüte etc. Anfertigung nach MaB in 12 Stunden. Aenderungen sofort.* Gehrockanzüge verleiht, auch Monatsgarderobe LandSbergerstr. Sta. eine Treppe. L7SSb' ....... wmmmmm—mmm—mmm f Todes-Anzeigen SozialteokratischJahlyEreiii Kreis Bieiler-Barniin. Bezirk Weißensee. Am Sonntag, den 1t, August, verstarb unser Mitglied, dieGenossin �lisabetk Ksrbstein im 47, Lebensjahre. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 14, August, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeindefricdboses in der Rölckestrafie aus statt, Um rege Beteiligung ersucht 18/11 IZie SsrirKvieitung. Sozialdemoio'atisciierWaMvereta Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag der Genosse Ott« am 8. d. M. infolge eines Unglücks- salles verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Dienstag, nachmittags ll,6 Uhr, vom Trauerhause Müggelheimcr Strafie 18 aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 202117 Der Vorstand. Zentralverband der Töpfer u. Berufs genossen Deutschi. Filiale GroB-Berlin. Am Freitag, den 9, August, ver- starb unser Mitglied, der Kollege Ulbert Brimmx (Bezirk Herzseide) im Alter von 31 Jahren an Darmtuberkulose. Ehre feinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute, Dienstag, nachmittags 3 Uhr, aus dem Gemeinde-Fricdhose in Herz- selbe statt. 193/1 Der Borstand. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirk GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeits- kuischer ?riellrick Frenzel am 10. d. Mts, im Atter von 52 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 13. d. Mts., nach- mittags 2 Uhr, von der Leichen- balle des Neuköllner Gemeinde- Friedhoscs, Maricndorser Weg, aus statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Auto- sahrer Fritz Lüdtke am 10. d. Mts. im Alter von 36 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 14. d. Mts., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Friedhoses in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 66/1 Die Bezirksverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes und Bruders Kenng Ewert sagen wir allen Teilnehmern unseren herzlichsten Dank. K»rl Ewert nebst Frau und Rindern. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser Mttglied, der Gürtler Max Einführ Rummelsburg, Fischerstr. 1 am 10. August an Nierenleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 13. August, nach- mittags 4 Uhr, vom Rummels- burger Krankenhause aus nach dem Gemeinde- Friedhof in Rummelsburg statt. Ferner starb unser Mttglied, der Schlosser Wilhelm ffederxott Hermsdorscr Str. 8 am 10. August an Magenleiden. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 13. August, nach- mtttags 51/, Uhr. von der Leichen- halle des Elisabeth-Kirchhoses in der Prinzenallcc aus statt. Ehre ihrem Andenke«: Rege Beteiligung erwartet 122/8 Bie Ortsverwaltung. Iferein Berliner BuehM-Maseliinenineister Den geebrten Kollegen zur Nachricht, daß am 8. August unser langjähriges Mitglied NmH Fischer nach längerem Leiden gestorben ist. Sein Andenken werden wir in Ehren halten! 28/6 Der Vorstand. Die Beerdigung hat bereits in Sommerfeld stattgefunden. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes 9a Emil Wuttig sage ich allen Freunden und Bekannten meinen herzlichsten Dank. Witwe F, zu in» Wnttlg. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Lohnes, Bruders und Neffen FtUz Qartzke sagen wir allen Verwandten und Be- kannten, insbesondere seinen Kollegen der N. A. G. unseren herzlichsten Danl. 2811b Die trauernden Hinterbliebenen: Die tiefbetrbbten Eltern, Geschwister und Verwandten. Banksasong. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die schönen.Kranz- spenden bei der Beerdigung meines geliebten Mannes und unseres unver- geglichen, guten Vaters sagen wir allen Verwandten, Freunden und Be- kannten sowie sämtlichen Kollegen der WirtschastS- Genossenschaft, besonders vom Depot 4, Greisswalber Straße, unteren tiesgesühllesten Dank. Viwe. Elisabeth Oudek geb. Mattke 28106 nebst Kindern. Von der Reise zurück 3793L Dr. Silberstein Neukölln, Berliner Str. 93. Klnmen- und Krauthiuderei von Kader! Meyer,' Jnh.: P. C-ollctz nur Mariauuen-Straße 2. Telephon: Morinpla« 310. M i f Königin von M mt 5ABA Garantiert Handarbeit iiaaDp�niirR�Dr�n Theater und Vergnügungen| MMMADM Dienstag, 13. August 1912. Ansang 4'/, Uhr. Voigt. Die Ballettschule. Aniang 7'/, Uhr. Vrater. O diese Berliner. Ansang 8 Ubr. Urania. In den Dolomtten. Aöniggräher Strafte. Die fünf Frankfurter. Zkurfürstenoper. Der Tanzanwalt. Neues. Der liebe Augustin. Berliner. Große Rosinen. Schiller- Eharlottenbnrg. Das Konzert. Thalia. Autoliebchen. Herrnfeld. Wie man Männer bessert. Die Original-Klabrias- Partie. Wietrovol. Schwindelmeier u. Co. ApoUo. Spezialitäten. Vassage. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Anfang 8'/. Uhr. Lessing. Vergnügungsreise. Nene« Schauivielbaus. Sylvester Schäffer. Der erkaufte Gatte. Ein wenig Musik. Lustspielhaus. Ein Königreich m. b. H. Friedr.> Wilh. Schauspielhaus. Die keusche Sltfanne. Rose. Die Jüdin von Toledo. FolieS Caprice. Parisiana- Ensemble. Walhalla. Nur nicht drängeln Anfang 8.20 Uhr. Luisen. Der vcrslossene Reffdorf. Ansang 3'/, Uhr. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. Der Herr mit der grünen Krawatte. Königstadt-Kasino. Spezialitäten. Ansang 10 Uhr. Adwiralspalast. Eisballett: Dvonne. Sternwarte, Jnvalidenstr. 67— 62. Sdflller-tbeater 0. Wallner-Theater. Dienstag u, Mittwoch geschlossen. Donnerstag, abends 8 Uhr: Das Konzert. Freitag, abends 8 Uhr: Ba« Konzert. Sehiller-TheateF Dienstag, abends 8 Uhr: Das Konzert. Ansang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Mittwoch, abends 8 Uhr: Ba« Konzert. Donnerstag, abends 8 Uhr: Hohe Politik. Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Grotze Rosinen. MlerirnlerliöiijggMrBtr-lBe Abends 8 Uhr: Die S Frankfurter. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Der liebe Augustin. Operette von Leo Fall. Boigt-Theater. Gesundbrunnen Badstratze 68. Heute sowie täglich: Die Ballettschule. Gr. Gesangskomödie mit Tanz. Kaffeneröffn. 2 Uhr. Auf. 41/., Ubr. Voranzeige! Sonnabend, n.Auguft: Benefiz für den Ober- Regisseur Kelnrlel» Bach: Ködert und Kertram. i*�n®CT$CHiR GARTEN Täglich: Großes Militär- Doppel-Konzert. 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Saal täglich: Grolles Ho nigmann-Konzert, r ganger. '4 Verantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: TH.GloiIr,Berltn. Druck«.Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Paul Singer».Co., Berlin LW. |r.l87. 39. IahrMS. 2. KeilU Ks Jormürts" Iftlintt WsdIM Aieilstag. 13. Aagust l9l3 Partei- Angelegenheiten. Das Ergebnis der Urwahl im 4. Wahlkreis. An der Wahl beteiligten sich 4640 Mitglieder. In den Vorstand wurden gewählt: P. Hoffmann(4245 Stimmen) 1. Vorsitzender: E. Brückner(4423) 2. Vorsitzender; Barenthin(2738) 1. Kassierer: Jöchel(2301) 2. Kassierer: Poetzsch(2419) 1. Schriftführer: Else Bongartz(2663) 2. Schriftführerin: Agnes Fahrenwald(3374) Beisitzerin. Zu Revisoren wurden gewählt: Beier(2993). Fischer(3185), Gerndt(3062), Jacob- söhn(3340). Siegle(3039). Teschke(2822). In den Zentral- vorstand wurden gewählt: Davidsohn(2015), Beiersdorf (2558), Burghardt(4292), Fahrenwald(4253), Barenthin (3749), G. Müller(4022), C. Walter(4054). Erster Wahlkreis. Am Donnerstag, den 15. August, Fortsetzung der Generalversammlung in den Coronasälen. Näheres am Donners- tag im Inserat. Der Vorstand. Dritter Wahlkreis. Fünfte Abteilung. Für die Bezirke 226— 228a findet ein gemeinschaftlicher Zahlabend mit einem Vor- trag des Genofien Fritz Zubeil bei Persicke, Ritterstr. 123, statt. Zweite Abteilung. Für die Bezirke 141a, 142, 143, 144 und 234 findet der gemeinschaftliche Zahlabend im GewerkschaftshauS, Saal I, statt. Dritte Abteilung. Der Bezirk 220 hält seinen Zahlabend bei Bartsch, Alte Jakobstr. 13, ab. Johannisthal. Mittwoch, den 14. August, abends 8 Uhr: Mit- gliederversammlung des Wahlvereins im Restaurant Lindenhof („Jugendheim), Friedrichstr. 61. Tagesordnung: 1. Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Vortrag:„Die Organisation der sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Referent: Parteisekretär Max Grog er. 8. Diskussion. 4. Wahl der Delegierten zur Verbandsgeneralver- sammlung. einer Beisitzerin und Leseabendleiterin. 5. Vereins- angelegenheiten und Verschiedenes. Alt-Glicnickc. Mittwoch, den 14. August, findet Zahlabend für den ersten Bezirk beim Genossen Henschel. Grünauer Stratze, für den 2. Bezirk bei Genossin Joch, Köpenicker Straste, statt. Für den 3. Be- zirk(Ortsteil Falkenberg) findet der Zahlabend Sonnabend, den 17. August beim Genossen Schäfer statt. Der Vorstand. Erkner. Die Mitgliedervertammlung findet Mittwoch. den 14. August, im Lokal Degebrodt statt. Die Bezirksleitung. Rosenthal.(Wilhelmsruh.) Wegen Erledigung wichtiger Partei- angelegenheiten wird diesmal der Zahlabend für alle Bezirke ge- meinschaftlich bei Milbrodt, Kronprinzenstr. 15, abgehalten. Die Bezirksleitung. Nowawcs. Mittwoch, den 14. August, abends 8'/z Uhr. findet im Sckmidtschen Lokal, Wilhelmstr. 41—43, die Versammlung des Wahlvereins mit folgender Tagesordnung statt: 1. Vor- trag über„Der Parteitag in Chemnitz". 2. Geschäftliches. 8. Wahl von Delegierten zur Kreis- und Verbandsversammlung. _ Der Vorstand. Berliner JVacbricbten. Schulpremiere. Heute morgen steht Berlin nach langer Pause wieder im Zeichen des Schultornisters. Von allen Seiten drängt das neue Geschlecht den Schulpalästen zu. Vor den Portalen und auf den Schulhösen herrscht ein sonst zur Schulzeit unge- wohntes Getriebe. An den Kindern zeigt es sich, was fünf gut ausgenutzte Ferienwochen bewirkt haben. Was im Hause und auf der Straße, in Feld und Wald sich verkrümelte und nicht so sehr auffiel— hier wie in einem Bienenschwarm sieht man es gehäuft: braungebrannte Gesichter. Nacken und Arme, hellere Augen, fröhlichere Mienen, straffere, elastischere Haltung. Wohl klingt ini volkszugehörigen Jungdeutschland noch überall so eine leise Saite des Unbehagens an, daß nun die schönen Tage von Aranjuez vorüber sind, aber allen, denen es ver- gönnt war. wirkliche Ferien zu genießen, leuchtet doch die lachende Freude aus dem Antlitz. Und des„Schwabbelns", ehe des Schuldienstes gleichgestellte Uhr schlägt, ist kein Ende. Nach allen Windrichtungen hin war ja die jugendliche Schar wochenlang auseinandergesprengt. Die Glücklichen entführte der Ferienzauber nach der rauschenden, brausenden Nord- und Ostsee, nach den himmelstrebenden deutschen Mittelgebirgen oder in köstliches. Wald- und seenreiches Flachland. Zehn- tausende erzählen begeistert von den Herrlichkeiten indianer- artigen Lagerlebens auf den Ferienspielplätzen.— und abseits, stumm und still,, mit tapfer niedergekämpftem Weh im kleinen Herzen, stehen andere Tausende, denen selbst die Freude des ungebundenen täglichen Naturgenusses in der Umgebung des Steinkolosses an der Spree durch die Ungunst sozialer Elends- Verhältnisse versagt blieb. Greift nur hinein mit forschender, sortierender Hand in dieses volle junge Menschenleben, und ihr könnt mit Leichtigkeit herausfinden, wie unendlich viel noch zu tun bleibt auf dem dankbaren Felde der Kindes- Wohlfahrt während der Sommerferien! Hastig, wie aus dem Sommernachtstraum erwacht, schrillt zum ersten Male wieder die Schulglocke. Eilends stieben die plaudernden Gruppen aus- einander, trippeln und springen die Stufen zum modernen „Nürnberger Trichter" hinauf. Der Herr Lehrer und das Fräulein, selbst noch schwärmend von der Sommerreise, drücken heute alle beide Augen zu. Der Ferienspuk wirkt nach. Die kleinen Brauseköpfe wollen sich erst langsam wieder gewöhnen an die Zucht der Schulstube, an das große und kleine Ein- maleins, an den gefürchteken„gelben Onkel", der immer noch das Hilssreguisit von PseudoPädagogen ist. Wieder ein Rechtsanwalt verschwunden. Seit einigen Tagen ist der Rechtsanwalt Paul Bredereck, der sein Bureau und seine Wohnung im Hause Friedrichstr. lSS hatte, aus Berlin verschwunden. Es wird hierüber berichtet: Bredereck war wiederholt Verteidiger in interessanten Kriminalprozessen. Seit vorigen Donnerstag ist Bredereck verschwunden, ohne daß über sein Verbleiben etwaS be- kannt geworden wäre. Er erklärte, daß er verreisen müsse, aber spätestens am Sonnabend wieder zurück sein werde. Ueber den Grund der Reise schwieg er sich aus. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit seinen Kollegen, insbesondere seinem Sozius Rechts- anwalt Dr. Lips gegenüber, gegen seine sonstige Gewöhn« heit verchlossen. Gestern vormittag erschien im Bureau Brederecks ein Gerichtsvollzieher und pfändete die vorhandenen Möbel im Anftrage eines der zahlreichen Gläubiger, der einen Wechsel Brederecks in Höhe von S000 M. vergeblich einzutreiben versucht hatte. Wie sein älterer Kollege, der verstorbene Justizrat Paul Michaelis, hatte auch Bredereck eine verhängnisvolle Spiel- idenschaft, der er insbesondere auf Rennplätzen huldigte. Oft setzte Bredereck auf ein einzelnes Pferd mehr als 16(XXI M. Zu seinen zahlreichen Gläubigern gehören neben vielen Buchmachern Inhaber von Weinstuben und Bars. Aufsehen erregte eS kürzlich, daß Bredereck I sich die Belohnung von 4666 M., die von der American Expreß Company auf die Ergreifung ihres Kassenboten Haase und die Wiederherbeischaffung der von ihm unterschlagenen Gelder ausgesetzt waren, auszahlen ließ und von dieser Summe 2666 M. der Mutier Haases zur Verfügung stellte, während er die anderen 2666 M. als Honorar für seine Anwaltstätigkeit beanspruchte. Vor der Auszahlung an die Mutter spielte sich ein Vorgang ab, der erst jetzt bekannt wird. Der Anwalt sandte nämlich einen Vertrauensmann zur American Expreß Company mit der Erklärung, es seien ihm Bedenken darüber aufgestiegen, ob es angebracht sei, der Mutter des Defraudanten die Belohnung auszuzahlen: die Bank möchte ihm doch einen Brief schreiben, worin sie sich dahin aus- spreche, daß sie die Zahlung an Frau Haase beanstande und für un- moralisch erkläre. Die Bank antwortete jedoch, sie könne diesen Standpunkt nicht einnehmen, empfehle aber Herrn Bredereck in Rück- ficht auf seine moralischen Bedenken entiveder ihr, der Bank, das Geld wiederzugeben oder es einstweilig zu deponieren. Auf diese Antwort war der Anwalt nicht gefaßt gewesen. Wie hoch sich die Schuldenlast Brederecks beläuft, ist noch nicht festgestellt; man spricht Von fast einer halben Million. Im übrigen soll noch geprüft werden, ob die Bredereck übergebenen Depots noch intakt sind. Neben den zahlreichen Gläubigern des verschwundenen Rechts- anwalts trauern auch die Berliner Antisemiten um ihren politischen Führer. Nachdem Bredereck bei den ReichStagswahlen im Jahre 1967 als konservativ-antisemitischer Kandidat ini dritten Berliner Kreise debütiert hatte, wollte er bei den letzten Wahlen als konservativer Kandidat den Kreis Ober-Barnim für seine Gesinnungsgenossen erobern. In den antisemitischen Versammlungen war Vredereck eine Leuchte der rüpelhaften Agitationsweise.f Durch Verleumdung und per- sönliche Beschimpfung der politischen Gegner, vor allem der Sozial- demokraten, errang er sich den Beifall seiner gleichgestimmten Zu- Hörer. Ein deutscher Prinz ist zu verlaufen. In der„Vossischen Ztg." lesen wir folgende Annonce:„Für deutschen Prinzen, Ende zwanzig, suche ich Dame sofortiger Heirat. Damen, auch bürgerlich, event. Jüdin, wollen sich unter genauer Angabe der Vermögensverhältnisse melden. Photographie erwünscht." Das wird mal ein nettes bürger- liches Wettrennen um die Gunst Durchläuchtings werden. Ueber die Dauer der Ferngespräche sind neue Bestimmungen in die Anweisung für die Fernsprechämter aufgenommen worden. Die „Urzeitung" teilt daraus das Wichtigste mit. Die Einheitsdauer einer Verbindung im Fernverkehr sowie einer Verbindung gegen Gesprächsgebühr im Bezirks- und Vorortverkehr beträgt bekanntlich 3 Minuten. Die Ausdehnung auf 6 Minuten ist stets zulässig, aber nicht aus Zeiträume, die durch Nacht-Abonnementsgespräche besetzt sind. Ueber 6 Minuten darf ein Gespräch dann ausgedehnt werden, wenn keine andere Gesprächsanmeldung vorliegt. Wenn gewöhn- liche, nicht dringende Jnlandsgespräche bei den Anstalten der Orte, zwischen denen ein Gespräch im Gang ist, oder bei Durchgangs- anstalten angemeldet find, so darf das im Gange befindliche Gespräch über 6 Minuten an Werktagen in den Stunden von 9 Uhr vor- mittags bis 7 Uhr nachmittags gegen die Gebühr für dringende Ge- spräche ausgedehnt werden. Die Zwischen- und die Durchgangs- anstalten dürfen aber die Benutzung der Leitung ihrerseits be- anspruchen, wenn ihre Gespräche eine halbe Stunde früher angemeldet sind. An Werktagen vor 9 Uhr vormittags und nach 7 Uhr nach- mittags sowie an Sonn- und Feiertagen außer von 11 Uhr vor- mittags bis 1 Uhr nachmittags können sie bis zu 36 Minuten aus- gedehnt werden. Sonn- und Feiertags von 11 bis 1 Uhr kann kein Gespräch über S Minuten ausgedehnt werden, auch nicht gegen die Gebühr für dringende Gespräche. Bon einem aufregenden Borgang, der sich am Donnerstag bori- ger Woche im Krankenhause der jüdischen Gemeinde, Auguststr. 14/16, zugetragen haben soll, wird uns folgendes mit- geteilt. Der Kaufmann Jovel Margolis aus Bialostok in Rußland war vor etwa drei Monaten nach Berlin gekommen und hatte sich zur Heilung einer schon bösartig gewordenen Zuckerkrank- heit in das Jüdische Krankenhaus begeben. Die eine Zehe des linken Fußes war vom Brand befallen, die Aerzte glaubten aber, ohne operativen Eingriff die Heilung herbeiführen zu können. Diese dem Kranken gemachte Hoffnung wurde nach achtwöchiger Kur jäh vernichtet. Es genügte jetzt nicht mehr, daß die Zehe entfernt wurde, sondern es mußte der ganze Fuß amputiert werden, sollte der Patient am Leben bleiben. Der Unglückliche unterwarf sich der Operation. Fünf Wochen verblieb er dann noch zur Heilung der Wunde im Krankenhaus und sollte nun am vergangenen Donners- tag entlasten werden. Am Vormittag desselben Tages bemerkte aber der stellvertretende Chefarzt. Professor Karewsky, daß das dem Patienten verordnete künstliche Bein nicht paßte und ihm Schmerzen verursachte. Er ordnete deshalb an, daß ein anderes Bein angefertigt werden solle. Nachmittags um 4 Uhr erschien jedoch an dem Bett des Kranken der Inspektor Meyer und verkün- dete jenem, daß er entlassen sei. Der Kranke verwies darauf, daß er sich doch ohne das künstliche Bein nicht fortbewegen könne, und da er auch annahm, daß ihm ein weiteres Verbleiben nicht mehr ge- stattet werde, weil er für die letzten zehn Tage noch die Kurkosten schuldete, bat er, ihn doch wenigstens noch bis zum Sonnabend dort zu lassen, da er bis dahin Geld erhalten würde. Der Inspektor ließ sich aber auf nichts ein, sondern sagte:„Wenn Sie bis Mß Uhr nicht angezogen sind, werden Sie durch die Polizei hinausgebracht." Nach einiger Zeit kehrte er mit zwei Pflegern zurück und wollte den Kranken gewaltsam ankleiden lassen. Dieser setzte sich aber zur Wehr und fing an zu schreien. Die übrigen Patienten, worun- ter sich auch zwei Kinder befanden, liefen schreiend aus dem Zim- mer und stießen empörte Rufe aus. Einer von ihnen erbot sich, die Kosten bis zum Sonnabend auszulegen, doch erwiderte ihm In- spektor Meyer, die Sache gehe ihn nichts an. Da die drei Mann mit dem Krüppel nichts anzufangen wußten, gingen sie weg. Nach einer Viertelstunde kamen sie zurück in Begleitung des Assistenz- arztes Dr. Cobliner und des Inspektors Lindermann. Diese pack- ten nun den Patienten je an einen Arm, während Inspektor Meyer ihn am Hals ergriff. So wurde der Wehrlose aufs Bett geworfen und dann von den Pflegern angekleidet. Mittels Krankenstuhls wurde er nun auf den Hof hinaus befördert und von dort in eine herbeigeholte Droschke. Diese brachte ihn nach dem Pensionat, wo die Frau des Unglücklichen wohnt; letztere war über die plötzliche Ankunft ihres Gatten sehr erschrocken. Durch die ausgestandene Aufregung des Kranken hat sich die Wunde wieder verschlimmert. Welcher Grund die in Frage kommenden Personen leitete, mit dem Patienten so zu verfahren, darüber wird die Verwaltung des Jüdischen Krankenhauses Aufklärung geben müssen. Sollte aber, wie aus einer Aeußerung des Inspektors Meyer zu entnehmen ist, die Tatsache ausschlaggebend gewesen sein, daß für die letzte Zeit nicht die Kurkostcn eingezahlt worden sind, so mutz man die un- humane Stellungnahme der Krankenhausverwaltung um so mehr bedauern, als diese gar keinen Anlaß hatte, eine Gcldeinbuße zu erleiden. Der Kranke ist zwar infolge geschäftlicher Verluste zur- zeit fast gänzlich mittellos, er besitzt aber in Berlin mehrere Ge- jchäftsfreunde, die im Notfall wohl für ihn eingesprungen wären. Bon dem Ehemann seiner Geliebten erstochen wurde am Sonn- tag vormittag der 37 Jahre alte Arbeiter Dieckmann aus der Elde- naer Straße 1. D. stand in Beziehungen zu der Schlächtcrfrau Dreßler, die. von ihrem Manne getrennt, seit zwei Monaten mit zwei Kindern im Alter von 4 und 5 Jahren in der Tanziger Straße 37 im vierten Stock des Seitenflügels wohnt. Dreßler, ein Mann von 37 Jahren» der in der Stargacher Str. 6 in Schlafstelle wohnt, kam um 16 Uhr nach der Behausung feiner Frau und fand Dieckmann bei ihr. Bor Wut zog er sofort sein Messer und stach auf den Nebenbuhler ein. Dieser floh, nur mit dem Hemd be- kleidet, die Treppe hinunter nach der Prenzlauer Allee zu. Dort aber brach er bewußtlos zusammen. Man brachte ihn nach dem Krankenhaus am Friedrichshain, wo der Arzt eine Verletzung der Schlagader konstatierte. Bald nach der Einlicferimg starb D. Dreßler ergriff nach der Tat die Flucht, er wurde jedoch bald fest- genommen... Nach einer anderen Meldung lebte Frau D. feit z!wm Monaten von ihrem Manne getrennt. Dreßler, der die Scheidungsklage ein- reichen wollte, begab sich nun nach ihrer Wohnung, um sich Papiere, die sie au sich genommen hatte, zu holen. Auf sein Klingeln öffnete ihm seine Frau selbst. Kaum hatte er die Wohnung betreten, da sprang ihm Dieckmann, der eben erst das Bett verlassen hatte, im Hemde mit gezücktem Messer entgegen. Dreßler erwehrte sich des Angriffs, und versuchte ihm das Messer zu entreißen. In dem Handgemenge traf nun Dreßler mit dem Messer, das er ihm ent- wunden hatte, seinen Gegner so unglücklich am Halse, daß die Pulsader durchgeschlagen wurde. Der Verhaftete bestreitet, ein Messer bei sich gehabt zu haben, weil er lediglich die Absicht gehabt habe, seine Papiere zu holen. Die Verletzung, die den Tod Dieck- manns zur Folge hatte, sei lediglich auf einen unglücklichen Zufall bei dem Ringkampf zurückzuführen. Dieckmann tonnte nicht mehr vernommen werden. Drejster wurde in Haft behalten. Ein Mann, der sich zu helfen weiß, scheint der Eigentümer des Hauses Nr. 12 in der Höchste Straße zu sein. Der betreffende Herr hat in seinem Hause auch Kellerwohnungen, die er für gutes Geld au arme Leute vermietet, dieweil reiche es vorziehen, in besseren Wohnungen zu leben. Ein solches„Heim" im„kühlen Grunde", das seiner Verfassung nach eher einer Tropfsteinhöhle, denn einer mensch- lichen Behausung gleicht und in der deshalb nachträglich von der Polizei das Wohnen untersagt worden ist, hatte vom 1. April dieses Jahres ab der Schneider P. besessen. P. hat eine Frau und acht Kinder, von denen das letzte fünf Wochen alt ist. Die Frau trägt ebenfalls durch Nähen zum Brot- erwerb mit bei. Durch das Wochenbett der Frau waren die Leute nun in ihrem Verdienst etwas zurückgekommen, außerdem hat das Familienereignis auch Geld gekostet, und da die Frau keinerlei Unterstützung und Pflege erhalten hatte, mußte sie am dritten Tage schon wieder an ihre Arbeit. Am 1. August konnten sie nun die Miete für einen Monat nicht zahlen, sie erboten sich aber, das Geld bis zum 15. August zu beschaffen. Wie die Frau ver- sichert, habe der Wirt auf das Anerbieten hin geäußert, daß er nicht warten wolle, und überhaupt möchte er sie raushabeu, es wären ihm schon zu viel Kinder. Außerdem soll der Herr noch geäußert haben, daß die Stadt für die Kinder der Armen nur immer berappen müsse. Hunde seien viel besser wie Kinder, die brächten wenig st ens Steuern ein,(!) Die Frau habe hierauf erklärt, daß sie für ihre Kinder noch nie Unterstützung, weder von der Stadt, noch von sonst jemandem er- halten habe. Die Hauptsache kommt nun aber erst. Um die Faniilie mit den acht Kindern, die nach der angeblichen Aeußerung dem t auswirt weniger wert zu sein scheinten als acht Hunde, aus der cllerwohnung zu bringen, ließ der Hauswirt in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch Fenster und Türen aushängen, so daß die ganze Nacht über die kühle Luft überall Zutritt hatte. Die Leute suchten sich durch Decken und Tücher, die sie vor die Oeffnung hingen, gegen die schädliche Zugluft zu schützen, konnten aber doch nicht verhindern, daß unausgesetzt der Wind durch die Räume jagte. Die Kinder weinten vor Kälte, und der Säugling hat eine starke Erkältung davongetragen. Anderen Tags ging die Frau zur Polizei, die den Hauswirt veranlaßle, die Wohnung wieder ordnungsgemäß herzurichten. Mit dem Aushängen der Fenster und Türen hatte sich der Eigentümer aber noch i'.icht begnügt, sondern hatte obendrein auch noch das Wasser abgestellt. Die Leute sind denn auch ausgezogen und haben eine neue Wohmmg gefunden. Aehnliche Fälle sind ja schon öfter vorgekommen, der geschilderte aber ist in seiner Härte und Kraßheit wie geschaffen, die Wohnungs- misere der armen Leute in der Reichshauptstadt blitzhell zu be- leuchten. Der Fall ist des weiteren auch besonders den bürgerlichen Zeitungen. Sozialpolitikern und Vaterlandsfreunden zur besonderen Beachtung zu empfehlen, die gerade in den letzten Tagen ein ge- wattiges Lamento angestimmt haben, über den Geburtenrückgang in Deutschland und seine Ursachen und die schärfsten Strafen fordern für diejenigen, die der Konzeption vorbeugen. Beim Rangieren eines Zuges wurde am Sonntag vormittag gegen 8 Uhr auf dem Potsdamer Bahnhof der Lokomotivführer Paul Ringk aus der Geßlerstr. 3 zu Schöneberg von einer Lokomo- tive erfaßt und überfahren. Der Bedauernswerte kam so unglücklich zu liegen, daß ihm ein Bein vollständig zermalmt wurde. In be- wutztlosem Zustande wurde er mit einem Kraukenwagen nach dem Elisabethkrankcnhaus geschafft, wo das zerschmetterte Bein ampu- tiert werden mußte. Ringk ist verheiratet und Familienvater. Ein schweres Brandunglück ereignete sich in der Nacht zum Sonntag am Lausitzer Platz 11. Im Erdgeschoß des Hinterhauses wohnt dort der 45 Jahre alte Arbeiter Paul Hell wich, der in der Mitternachtsstunde etwas angeheitert heimkehrte. Als er mit einer brennenden Tischlampe hantierte, kam er der Flamme zu nahe, so daß seine Kleider in Brand gerieten. Im nächsten Augen- blick-brannte er schon lichterloh, und laut um Hilfe schreiend lief er auf den Hof hinaus. Hausbewohner eilten sofort hinzu und erstickten das Feuer an dem Körper des Mannes. Der Unglückliche hatte aber schon sehr gefährliche Brandwunden davongetragen. Er wurde von Samaritern der inzwischen alarmierten Feuerwehr not- dürftig verbunden und dann mit einem Tender der Feuerwehr nach dem Krankenhaus Bethanien gebracht. Der Storch auf dem Bahnsteig. Eine Ueberraschung eigener Art gab es am Somitagnachmittag auf dem Bahnhof Gesuiidvruimen. Die in Waidmannslust wohnhafte Ehefrau Anna S. wollte soeben einen Porortzug besteige», als sich plötzlich der Storch bei ihr ein- stellte. Auf dem Bahnsteig erblickte ein kräftiger Knabe das Licht der Welt. Andere Frauen nahmen sich der jungen Mutter und ihres Kindes an und sorgten dafür, daß beide nach einem Krankenhause gebracht wurden. Ein großer Dachstuhlbrand kam gestern früh in dem Eckhause Greife»Hagener Str. 5 2— Kugle r st r. 3 4 im Norden Berlins zum Ausbruch. Die Gefahr wurde erst bemerkt, als kurz »ach 5'/? Uhr schon aus mehreren Stellen des Daches Flammen hervorichtngen. Bei Ankunft der Feuerwehr brannte dann der Eck- dachstuhl des Vorderhauses schon lichterloh. Erst nach zweistündiger Tätigkeit gelang es der Wehr, die Gewalt des Brandes zu brechen. Der Eckdachst,, hl ist vollständig ein Raub der Flammen geworden und an einer Stelle ist auch die Decke nach dem vierten Stock durch- gebrannt, so daß in dieser Wohnung großer Schade», entstanden ist. Die vollständige Ablöschung der Brandstelle und die AufräumungS» arbeiten hielten die Feuerwehr noch bis gegen Mittag fest. Eine falsche Sclbstbezichtiguug. Ein fremdes Kind sollte, wie berichtet, die 23jäbrige Frau Berlct aus der Löwestr. 12 ertränkt haben. Statt des eigenen habe die geisteskranke Frau ein ihr völlig fremdes Kind in Ober-Schöneweide aufgegriffen und sei mit diesem bei Hirschgnrten ins Wasser gegangen. Auf Grund der Selvst- bezichtigung wurde die Frau als Gefangene einem Krankenhause zu- geführt. Wie nunmehr gemeldet wird, ist die Frau wieder auf freien Fuß gesetzt worden, nachdem die behördliche» Nachforschungen ergeben haben, daß sich Frau B. zu Unrecht eines Kindesinordes be- schuldigt hatte. Ihr eigenes Kind, das sie ertränkt haben wollte, befindet sich noch ivohlauf bei einer Familie in Neukölln in Pflege. Auch die Nachricht von einer KindeSderwechselung entspricht nicht den Tatsachen. Die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend begann mit dem 1. Juli ihr 14. Geschäftsjahr. Der Monat Juli bringt all jährlich einen geringeren Umsatz wie der Juni. Es hat dies seine Ursache darin, daß in diesen Monat die großen Ferien fallen, wo- durch viele Berliner verreisen und dadurch vom Wareneinkaus in der Genossenschaft abgehalten sind. Die seit Jahren anhaltende steigende Tendenz der Genossenschaftsbewegung in Berlin hat sich jedoch auch in diesem Monat im Vergleich mit dem des Vorjahres wieder ge� zeigt. Im Jahre ISII betrug der Juliumsatz 586 632,71 M., in diesem Jahre 899 600,45 M., das ist eine Steigerung von SIS 907,74 M. oder 53,78 Proz. In der Bäckerei stieg die Produktion gegenüber dein gleichen Monat des Borjahres um 108 Proz. Der Wert des umgesetzten Brotes betrug 164 795,35 M. gegen 78 890 M. im Juli vorigen Jahres. Enorm gestiegen ist der Umsatz in der Seltersfabrikation, wurden doch 129 330 Flaschen SelterS und Brauselimonaden hergestellt gegen 57 100 im Monat Juni d. I. Ein Vergleich mit dem Vorjahre ist hierbei nicht möglich, weil die Selter fabrikation erst seit August 1911 im Betrieb ist. Nun ist diese Steigerung gewiß mit auf die heiße Jahreszeit zurückzuführen, immerhin ist aber darin auch eine besondere Anerkennung für die Güte der Ware �u ersehen. Der Kaffeeverbrauch betrug 49 000 Pfd. Im Vergleich mit dem gleichen Monat des Vorjahres ist also der erste Monat des neuen Geschäftsjahres recht zufriedenstellend und eröffnet für die Genossenschast die besten Aussichten. Für ihre Freunde und Anhänger wird dies erneut zur Ausbreitung lonsumgenossen schaftlicher Ideen �beitragen. Bom Starkstrom getötet. Ein schwerer Unglücksfall hat sich gestern vormittag In der Zentrale der Berliner Elektrizttätswerke ereignet. Dort war der Arbeiter Friedrich Bärwaldt mit dem Reinigen der Treppen beschäftigt; infolge eines Fehltritts stürzte er ab und fiel auf eine Starkstromleitung, wodurch er sofort getötet wurde. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich in der Nacht zum gestrigen.Montag an der Ecke der Schönhauser Allee und Wörther Straße. Dort wollte gegen 12 Uhr nachts die 52 jährige Witwe Marie Kullack aus der Schönhauser Allee 158 den Fahrdamm über- schreiten, achtete aber nicht auf däs Herannahen einer Automobil- droschke. Frau K. lief gegen den Kraftwagen, wurde umgestoßen und überfahren. Die Verunglückte erlitt eine schwere Verletzung des Rückgrates, eine Gehirnerschütterung und eine klaffende Kopf- wunde. Sie erbielt auf der nahen Unfallstation in der Gaudystraße Notverbände unv wurde von dort in sehr bedenklichem Zustande dem Rudölf-Virchow-Krankenhause zugeführt. Radrennen im Olympiapark. Der.Große Preis von Berlin", der seit langen Jahren eines der bedeutendsten Rennen der Reichshauptstadt, sah auch an diesem Sonntag ein erlesenes Feld der besten internationalen Dauerfahrer und Flieger am Start. Die Flieger waren durch Ellegaard sDänemark), Hourlier(Frankreich), Moretti(Italien) und die Deutschen Lorenz. Meyer und Rütt ver- treten. Die Vorläufe wurden von je zwei Fahrern bestritten, deren Sieger und Zweite je einen Lauf machten und zum Schluß traten alle sechs Fahrer an. Die einzelnen Läufe boten spannende Kämpfe; die zunächst üblichen Stillstqndskunststücke, dann ein rasche« Ueber- gehen zun, Spurt und der Eydkämps mit fast durchweg knappem Sieg. Da Punktiertung entschied, kam es zwischen Hourlier, Lorenz und Moretti, die die gleiche. Zahl hatten, zu einem Match, da« Hourlier, nachdem endlos gebummelt wurde, durch schnellen Antritt vor seinen Gegnem sicher gewann. Das Resultat war: Großer Preis vonBerlinfürFlieger 1200, 500, 400, 300, 200 mid 1Ö0 M. t. W. Rütt, 12 Punkte; 2. Th. Ellegaard. 14 P.; 8. Hourlier; 4. Moretti; 5. Lorenz, je 16 P.; 6. O. Meyer, 19 P. Im Tandem- rennen gewannen Ellegard-Moretti, knapp vor Meyer- Rütt, Hourlier-Lorenz und Arend-Peter. Der große Preis von Berlin für Dauerfahrer. 2500. 1000, 800, 700, 500 M.. vereinigte P. Günther, G. Jaule, Lavalade(Frankreich), A. Stellbrink und A. Vanderstuyft(Belgien) am Start. Drei Läufe über je>/g Stunde waren vorgesehen. Im ersten Lauf nahm Stellbrink die Spitze und fuhr bis zur 16. Minute allen Gegnern weit voraus, als der Berliner Radschaden erleidet und der Franzose die Spitze erlangt. Gegen den Schluß kann Stellbriuk jedoch noch einmal passieren und belegt den zweiten Platz vor den mätzig fahrenden Janke, Günther und Vanderstuyft.— Der zweite Lauf sah wiederum Stellbrink in Front und hier spielte er irn.t allen seinen Gegnern. Auch der Franzose kam nicht auf und büßte 5 Runden ein, während die anderen mit noch größeren Abständen folgten. Gerade nach Passieren des Ziels kommt Stellbrink in der steilen Kurve zu Fall und stürzt diese her- ab, so daß er von der Bahn getragen wurde. Eine schmerzhafte Schulterverletzung mit erheblichen Hautabschürfungen bedingen sein Fernbleiben vom dritten Lauf, der erheblich an Spannung ein- gebüßt hat. Janke war jetzt der beste Mann, doch konnte er im Gesamtergebnis dem Franzosen den Sieg nicht entreißen. Resultat: 1. Lavalade, 117,710 Kilometer; 2. Janke, 111,970 Kilometer; S. Günther, 106,800 Kilometer; 4. Vanderstuyft, 105,870 Kilometer; 6. Stellbrink. 77.140 Kilometer. Im Wissenschaftlichen Theater der Urania gelangt am Dienstag noch einmal der Vortrag„In den Dolomiten" zur Darstellung. Am Mittwoch wird der Vortrag„Ueber den Brenner noch Venedig" ge- halten, der den Beschauer an der Hand farbenprächtiger plastischer Bilder und Wandelpanoramen auf der allerersten und schönsten Ge- birgsstraße von den Wundern de« Rosengartens nach Bozen über Trient und Verona nach Venedig führt; der Vortrag wird am Freitag noch einmal wiederholt werden, während am Donnerstag und Sonnabend der Bortrag»An den Seen OberitalienS" wieder- holt wird._ Vorort- JVacbricbten. Neukölln. Abschlußfeier. Vom schönsten Wetter begünstigt fanden am Sonnabend die Ferienspiele, die die sozialdemokratischen Frauen Neuköllns für die Arbeiterkinder veranstaltet hatten, ihren Abschluß durch ein Fest im„Karlsgarten", das durch die materielle Beihilfe des Wahlvereins ermöglicht wurde. Weit über tausend Kinder halten sich eingefunden und ließen es sich bei dem Gebotenen wohl sein. Soweit die Eltern es ermöglichen konnten, waren auch sie zu- gegen. Konzert, Gesang der Arbeiterjugend, Vorträge einzelner Kinder. Reigentänze, turnerische Aufführungen usw. wechselten in bunter Folge ab und hielten Alt und Jung in fröhlichster Stimmung. ES war eine Lust, die große Schar der Kinder, denen die Freude aus den Augen strahtte, sich tummeln zu sehen. Jedenfalls fühlten die Genossinnen, die sich während der Dauer der Ferien die schöne Aufgabe gestellt hatten, die Kinder von der Straße weg nach den Spielplätzen zu führen, um ihnen dort die Ferien so angenehm wie möglich zu machen, hoch belohnt, wenn sie bei dieser Schlutzfeier sagen konnten:„es ist uns gelungen".— Sie haben in der Tat ihre Aufgabe voll erfüllt, gewiß auch viel Verdruß gehabt und Opfer gebracht, denn viele, die auf Mitarbeit im Hause angewiesen sind, verzichteten auf den Verdienst halber Tage und wurden aus Liebe zu den Kindern Ivieder zu Kindern. Die Arbeiterschaft Neuköllns wird den Frauen für die geleistete Arbeit dankbar sein.— Frau Schuch fand in ihrer kurzen Ansprache herzliche Worte an Eltern und Kinder über die Bedeutung dieser Ferienspiele, die zunächst die Kinder zum Spiel vereinige, sie aber einander näher bringe und schließlich auch solidarisch zusammenhalten werde. Sie schloß mit dem Wunsche, daß das nächste Jahr nicht nur eine Wiederholung, sondern auch weitere Erfolge hierin bringen möge. Ein Wunsch, dem wir uns durchaus anschließen. Ein kleine? Kind wurde vorgestern abend kurz vor 10 Uhr auf der Kellertreppe des Hauses Reuterstr. 22 aufgefunden. Das Wesen, ein Mädchen von ungefähr acht Tagen, war in eine weiße Schürze, einen blauen Unterrock und einen grauen Kleiderrock gewickelt. Da die Nachforschungen nach der Mutter ohne Erfolg waren, wurde daS Kind von der Revierwache nach dem Waisenhause gebracht. Vermißt. Seit 3. August wird die 16jährige Johanna Holland, die bei ihren Eltern in der Leinestr. 11 wohnte, vermißt. Sie hatte kurz zuvor zu ihrer Mutter gesagt, daß sie nach Amerika wolle, was letztere aber als Scherz auffaßte. Das Mädchen soll einen Bräutigam besessen haben, und dürfte hiermit vielleicht ihr Verschwinden zu- sammenhängen. Die Vermißte ist 1,68 bis 1,70 Meter groß, von kräftiger Gestalt, hat braune Augen, schwarzes Haar; sie trug, als sie zuletzt gesehen wurde, blaues Kostüm, weiße Bluse, schwarzen Hut mit weißen Rosen und großer schwarzer Schleife. Etwaige Mitteilungen über den Verbleib der Vermißten wolle man an die Polizeibehörde, Kaiser-Friedrich-Straße, richten. Mariendorf. Eine Berfüguxg eigener Art hat die neue Amtsverwaltung herausgegeben. Die Nachtwächter haben sich abends vor Dienst- antritt und morgens um 4 Uhr beim Abtritt vom Dienst in der ganz aus dem Ort gelegenen Polizeiwache in der Tempel- hoser Straße zu melden. Die Zurücklegung dieses Weges ver« langt für mehrere Reviere bis zu einer halben Stunde Zeit. Warum kann die Kontrolle nicht im Rathaus stattfinden, das beinahe den Mittelpunkt bildet und von allen Seiten in zehn Minuten zu er- reichen ist? Nicht nur, daß de» Wächtern, die am Tage noch Dienst verrichten muffen, ein unnützer Weg erspart wird, sondern auch im Interesse der allgemeinen Sicherheit � sollen die Wächter möglichst lange in ihrem Revier bleiben. Die neue Amtsverwaltung sollte endlich dahin kommen, den Nachtdienst der Wächter wenigstens bis 5 Uhr auszudehnen, dafür die Leute am Tage natürlich weniger oder gar nicht beschäftige», damit sie sich genügend ausruhen können. Lichtenberg. Ein größerer Brand, durch den ein Erotefest eine unliebsame Störung erlitten hat, kam am Sonntagabend um 8'/, Uhr in der Laubenkolonie an der Röderstr. 23/26 aus noch nicht aufgeklärter Ursache zum Ausbruch. Es bräunte plötzlich eine der größten Lauben, die außer einem Wohnzimmer Küche und Stallungen umfaßt, in solcher Ausdehnung, daß einige 20 Kaninchen und 15 Hühner nicht mehr gerettet werden konnten. Sie und die Laube verbrannten. Der Lichtenberger Feuerwehr gelang es, die übrigen Lauben zu schützen. Nach fast zweistündiger Tätigkeit konnte die Feuerwehr wieder abrücken. Die Entstehung wird auf das Abbrennen von Feuerwerkskörpern zurückgeführt. Mit der Festesfreude war es vorbei. Schöneberg. Festnahme einer sechsköpfigen E'mbrecherbande. Die Ausräumung eines großen Hehlernestes, in dem sich noch viele Waschkörbe voll gestohlener Ware, von deren Inhalt die Polizei noch keine Anzeige und die Bestohlenen noch keine Kenntnis hatten, sowie die Verhaf- tung der Einbrecher ist der Kriminalpolizei gelungen. Am Sonn- abend vor acht Tagen wurde ein Kutscher von drei im Alter von etwa 20 Jahren stehenden Burschen, gebeten, sie mit einer großen Kiste auf seinem Gefährt aufzunehmen und nach der Brunnenstraße zu fahren. Die jungen Leute luden dort vor einem Hause die Kiste ab und schenkten dem Kutscher 1 M. Trinkgeld. Mehrere Tage darauf wurden verschiedene Einbrüche bekannt, die im Bayerischen Viertel ausgeführt worden waren, und da der Kutscher die jungen Leute in der Ansbacherstraße getroffen hatte, so vermutete er, daß seine Passagiere sich in unrechtmäßiger Weise in den Besitz der Kiste gesetzt hatten. Er meldete die Angelegenheit der Kriminalpolizei und eS gelang einigen Beamten mit Hilfe des Kutschers, das Haus in der Brnnnenslraße ausfindig zu machen, in dem fich das Hehlernest befand. Mehrere Tage und Nächte hindurch beobachteten Kriminalbeamte das Haus und griffen erst zu, als sämtliche sechs Einbrecher samt den Hehlern beisammen waren. DaS Verhör auf dem Polizeipräsidium ergab, daß alle Verhafteten Söhne achtbarer Familien ind, aber sämtlich bereits mehrfach vorbestraft waren und unter der Zeitung eines alten gewerbsmäßigen Einbrechers namens„Harry" arbeiteten. Die jungen Verbrecher haben gemeinschaftlich die Ein- bräche bei dem im Hause Ansbacher Str. 34 wohnenden Rentier Abraham, dem sie gegen 10 000 M. an Silbersachen und Garderoben ftahlen, ausgeführt. Außerdem haben fie eine Reihe weiterer größerer Diebstähle eingestanden. Ober-Schönetveide. Ja hilflosem Zustande ist gestern früh im Ortsteile Ostende eine unbekannte geisteskranke Frau aufgefunden worden. Die etwa 75 jährige� Frau lag völlig erschöpft am Ufer der Spree. Passanten machten einen Polizeibeamten auf die Bedauernswerte aufmerksam, die dann mittels Krankenwage» in das Elisabethhospital geschafft wurde. Die alte Frau, die zweifellos die ganze Nacht im Freien zugebracht hatte, liegt besinnungslos danieder und war bisher nicht vernehmungsfähig. Ueber die Personalien der Greifin, die geisteS- krank zu sein scheint, konnte bisher noch nichts festgestellt werden. Weihensee« Ein schwerer Unglücksfall ereignete fich Sonnabendmittag auf einem Rieselfeld im benachbarten Wartenberg. Der achtjährige Erwin O u a n d t, Sohn eines Molkereibesitzers aus Berlin, Mattern- ftraße 2, wurde von seinem 17jährigen Bruder mit einer Sense ver- ehentlich so schwer verletzt, daß er in hoffnungslosem Zu» tan de ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Ouandtschen Ehe- eute waren mit ihren Kindern am Sonnabend nach Wartenberg ge- ähreNj um Gras für die Milchkühe zu holen. Während die beiden kleinen Kinder, der 8jöhrige Erwin und sein 6jähriges Schwesterchen in der Nähe spielten, belud der ältere Bruder den Molkereiwagen. Er bemerkte dabei nicht, daß sein kleiner Bruder imbemerkl in die Gras- ladung hineingeklettert war; der Knabe hatte sich so tief eingebuddelt, daß er von unten aus nicht gesehen werden konnte. Als der junge Man» die Leinen festgeschnallt hatte, ergriff er die Sense, um ie in der üblichen Weise in dem Fuder zu befestigen. Das geschieht derartig, daß die haarscharfe Schneide mit aller Gewalt in das Gras hineingehauen wird. Kaum hatte der junge Ouandt den furchtbaren Hieb getan, als auch schon ein markerschütternder Schrei ertönte. Er kletterte nun auf den Wagen und mußte zu seinem größten Entsetzen wahrnehmen, daß er seinen kleinen Bruder mit der Sense den Brust- kästen vollkommen durchbohrt hatte. Die Spitze war auf der linken Brustseite dicht am Herzen eingedrungen weit zum Rücken heraus- getreten; es bedurste einer bedeutenden Kraftanstrengung, um das gefährliche Instrument aus dem Körper herauszuziehe». Reinickendorf. Aus der Gemeindevertretung. In der letzten Sitzung wurde Genosse G u r s ch als neu gewählter Gemeindeverordneter eingeführt. Unangenehm berührte eS. als der Bürgermeister dem neuen Ver- treter der dritten Abteilung seine„väterlichen Ermahnungen" gab, er möge sich als Gemeindevertreter von„außen" nicht beeinfluffen lassen usw. Die Herren der ersten und zweiten Abteilung werden mit diesen Ermahnungen verschont, vielleicht in der Erkenntnis, daß ie doch zu allem, was der Bürgernleisler fordert, ihre Zustimmung geben.— Zur Errichtung eines Straßenreinigungsdepots soll ein Grundstück m der Augusta-Viktoria-Allee gemietet werden.— Am 1. April 1013 wird endlich die hiesige Pflicht-Fortbildungsschule er- öffnet werden. Schon am 1. Oktober 1910 sollte das geschehen, aber eS war nie Geld da. Jetzt drängt die Regierung und da gibt es eben lein Ausweichen; wenn das nicht wäre, könnten wir wohl noch lange auf die Eröffnung warten. Mi einem 1911 bei der Kanalisationsverwaltung erzielten Ueberschutz von etwa 20 000 M. 'oll ein AusgleichSsondS geschaffen werden.— Für die National- l u g i p e n d e wurden.800 M. verlangt. Genosse O h l beantragte Uebergang zur Tagesordnung. Nach längerem verlegenen Schweigen der Majorität beantragte Herr Schröder, 100 M. zu bewilligen, da man sich nicht ganz ausschließen könne. Genosse Ohl bekämpfte auch diesen Antrag mit dem Hinweis, daß eine Gemeinde, die für ihre Gemeindearbeiter und für hungernde Schulkinder keinen Pfennig übrig habe, nicht für Zwecke, die doch schließlich nur dem MilitariS- muS zugute kommen, Geld geben könne. Die bürgerlichen Herren möchten' doch selbst- in ihre Taschen greifen. Darauf trat Herr Kühnemann begeistert für die Bewilligung ein. natürlich aus dem Gemeindesäckel, rncht aus seinem eigenen. Die Annahme der Be- willigung wurde verhindert, indem unsere Genossen die Sitzung der- ließen, denn die Zurückbleibenden waren nicht mehr beschlußfähig. Königs-Wnsterhausen. Zur Gemeindewahl! Morgen, Mittwoch, den 14. August, findet die Gemeindevertreterwahl der 3. Klasse statt. Das Wahllokal befindet sich im Hotel Pfuhls(Inhaber Grabow). Wahl- zeit von vormittags 9 Uhr bis mittags 1 Uhr und von 3bis6Uhrnachmittags. Die Arbeiterschaft wird in letzter Stunde nochmals auf- gefordert, eine rege Propaganda für die Wahl zu entfalten. Es ist die unbedingte Pflicht eines jeden wahlberechtigten Einwohners, der das Allgemeinwohl im Auge hat, am Mitt- woch sein Wahlrecht auszuüben, und seine Stimme dem Kan- didaten der Sozialdemokratie, Lagerhalter Wilhelm Pleikies, zu geben. Um den Sieg des sozialdemokratischen Kandidaten herbeizufühen, ist es notwendig, daß alle Arbeiter am Wahl- tisch erscheinen; daher werden auch alle Parteigenossen, die mit Königs-wusterhausener Arbeiter zusammenkommen, ersucht, diese auf die Wahl aufmerksam zu machen. Die Parteigenossen werden noch ersucht, an der heute Dienstagabend 7 Uhr vom Lokal Heiderich aus stattfindenden Flugblatwerbreitung recht rege teilzunehmen. Potsdam. Die letzte Wahlvereinsversammlung hatte fich mit der nächsten Kreisgeneralversammlung zu befassen. Gegen den bekannten An- trag, bei der Beschickung der Kreisgeneralversammlung das Pro» portionalwahlshstem anzuwenden, wandten fich all« Ge- nosien. Die Versammlung beauftragte ihre Delegierten, dagegen zu stimmen, weil das Proportionalwahlsystem bei der Zusammen- setzung einer Körperschaft, wie der Kreisgeneralversammlung, nicht notwendig sei. Bei den Beschlüssen dar Kreisgeneralversammlung handele es sich nicht um Interessen einzelner Gruppen. Da in der voraufgegangenen Wahlvereinsversammlung ein Antrag zur Kreis- generalversammlung gestellt worden war, nach dem die Beisitzer zum Kreisvorstand aus anderen Orten als dem, wo der Borstand semen Sitz hat, zu wählen sind, erhob Potsdam Anspruch auf einen Sitz im Kreisvorstand und schlug einen Genossen vor. Der Bildungs- ausschuß wies auf einen am 4,, 7., 11. und 14. November statt- findenden B o r t r a g S kur su s über VerfaffungSwesen hin, und ersuchte, schon jetzt für diesen Kursus Propaganda zu machen. Eine längere Debatte entspann fich über daS Restantenunwesen, dem jetzt mit alle» Mitteln zu Leibe gegangen werden soll. Es wurde erwogen, ob nicht mehr AahlungSgelegenheiten. als jetzt vorhanden find, geschaffen werden können. Die Sache wurde schließlich zu einer spättren Versammlung verschoben. Cfcrichtö- Zeitung* Drei gegen einen. Die Vorliebe des zarten Geschlechts für das„Exotische" war dje Ursache zu einem„Rassenkampf" eigener Art gewesen, welcher gestern vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte ein gerichtliches Nach- spiel hatte. Angeklagt wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperver- letzung waren der Koch Delval und die Arbeiter Wieck und Schröder. Die drei Angeklagten befanden sich eines Abends in einem Lokal in der Dennewitzsttaße, in welchen seit einiger Zeit auch ein Neger namens Ben Maffo verkehrte. Dieser schien eine be- sondere Anziehungskraft auf die beiden Töchter des WirtS auszu- üben; denn drese beschäftigten sich ausnahmslos mit dem„inter- effanten" Herrn aus fremden Landen. Hierdurch fühlten sich die anderen Gäste, insbesondere der Angeklagte Delval, in ihrer männ- lichen Eitelkeit sehr gekränkt. Die Folge war, daß bei den„weißen" Gästen eine Art Rassenhaß entstand, der schließlich zu einer kleinen Radauszene führte. Als Ben Masso mit einem gewissen Stolz er- klärte, daß er französischer Staatsuntertan sei und auch perfekt französisch spreche, ging dies dem Angeklagten Delval. der selbst Franzose ist. wider den Strich. Er sprach den Neger auf französisch an, wobei sich herausstellte, daß Ben Masso kein Wort französisch verstand. Delval sagte nun dem„schwarzen Landsmann" auf englisch seine Meinung und als dieser-aggressiv wurde, bewies er ihm in schlagendster Weise, daß er sich für einen derartigen Landsmann bestens bedanke. Bei der zwischen beiden entstandenen Prügelei betätigten sich auch die beiden Mitangeklagten. Das Gerücht sah die Sache milde an und erkannte auf je 20 M. Geldstrafe mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholienheit der An- geklagten._ Automobilschirber. Automobildiebe und ihre Helfershelfer mußten sich gestern unter der Anklage des schweren Diebstahls, der Beihilfe hierzu und des Rücksallbetruges vor der Ferienstraskammer verantworten. Angeklagt waren der Konditor Bruno Duffke, der Reisende Albert Fisch, der Agent Eugen Klatt, der Schlossermeister Karl Rabe, der Händler Friese und der Zigarrenhändler Fritz John. Der Angeklagte Fisch hatte schon mehrfach an den in Hamburg ansässigen Automobilhändler Knabe Automobile verkauft, die durch Konfuston der Begriffe„mein" und„dein" erworben waren. Als Fisch wieder ein Automobil liefern sollte, setzte er sich mit den Ar- geilagten Duffke und Klatt in Verbindung, die der Polizei längst als„Automobilschieber" bekannt sind. Duffke hatte in Erfahrung gebracht, daß in einer Garage in der Linienstratze ein der Witwe Mertig gehöriger Stoewerwagen stand, der verkauft werden sollte. Die drei beschlossen nun. sich in den Besitz dieses Wagen? zu setzen und brachten dies auch auf eine sehr einfache Weise fertig. Duffke wandte sich an den Mitangeklagten Rabe und gab diesem den Auftrag, die Garage mit seinen Dietrichen zu öffnen. Rabe tat dies auch, ohne sich weiter darum zu kümmern, ob die Angabe des D., er sei Eigentümer des Wagens, richtig war oder nicht. Die drei Kumpane setzten sich dann vergnügt in den Wagen und fuhren nach Hamburg. Um die Erkennung des Wagen« zu erschweren, machten sie unterwegs mit Hilfe von mitgenommenen schwarzen Papierstreifen aus dem Erkennungszeichen ,l A" an der Schlußlaterne die Bezeichnung„H H", so daß eS den Anschein hatte, als stamme der Wagen aus Hamburg. In Hamburg selbst trat Klatt, der von Duffke, um der ganzen Sache einen besseren Anstrich zu geben, als Oberleutnant vorgestellt worden war, als Verkäufer auf. Knabe kaufte den Wagen auch sofort für 2600 M. Dieses Geld wurde dann sofort unter den drei Dieben verteilt. Den Angeklagten Dustie und Friese wurde von der Anklage außerdem noch ein Diebstahl in einem Kinematographenthedter zur Last gelegt, bei welchem sie wertvolle Apparatteile entwendet hatten. Ter Angeklagte John wurde beschuldigt, die beiden Täter auf die günstige Gelegenheit zum Diebstahl aufmerksam gemacht zu haben. DaS Gericht erkannte gegen Duffke auf IM Jahre, gegen Fisch auf Wi Jahr, gegen Klatt auf 2 Jahre, gegen Rabe auf 2 Wachen, gegen Friese auf 6 Monate und gegen Jahn auf 2 Wochen Ge- fänznis.__ Bnefhaftcn der Redaktion. Sie turisttsche«prechstmide findet Ltnden st raste SS, dar» die» Tredven — g a h r st II h l—, Wochen»! glich von 4 Vi dlt 7 Vi Uhr abend», Sannadendö, von 4Vi bis 6 Uhr abends statt. Jeder für drn Briefkasten bestimmte» Ansraac ist ei» Buchstabe und eine Zahl als Mertzetchea beizufügen. Briefliche Antwort wirb nicht rrtetl». Anfragen, denen keine Abonnementsgafttnng beigefügt ist. werde» nicht dcautworlet. EUIge Fragen trage man t»»er Sprechstunde dar. Ruhland SS. Darüber tnsormieren Lte sich am besten bei Ihrer gewertschastlichen Organtsatton.— Friedenau SS. Ja. Offenbachcr Krankenkasse, Adresse Wilh. Hinz, Prwzenstt. SS.— H. K. S. Uns nicht belmmt.— C. K. Potsdam 1890. Amnelbungin zum staaMchen KursuZ find zu richten an daS Polizeipräsidium zu Berlin,'Abteilung II d, MeS Nähere erfahren Sie dort.— Hnnde? Hierfür steht uns leider lein Quellenmaterial zur Verfügimg.— A.«. B75. Wenden Sic sich an die Gesellschaft sür private Fürsorge, Berlin W. 35, Flottwcllstrasie 4.— L. 100. Der Ort der Herstellung allein bedingt den Prozentgehalt nicht. Auch bei den von Ihnen angejührten Sorten ist derselbe jeweilig jchwanlend zwischen 3,5—8,17 Proz. Marktbericht von Berlin am 10. August 1913, nach Ermittelung de« lönigl. Polizeipräsidiums. Marlthalienpreise.(Kleinhandel) IM Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 34, M— 50,00. Speis ebohnen, weitze, 30,00—60,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 7,00—13,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchflcisch 1,60—1,90. Schweinefleisch 1,60—2,20. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1 70—2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,60—5,50. 1 Kilogramm Karpsen 1,60—2,40. Aale 1,60-3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1,60—2,00. Barsche 1,00—2,40. Schleie 1,40—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,00— 40,00. Witterungsübersicht vom 18. August 1918. Wetterprognose für Dienstag, den 13. August 1918. Ziemlich lühl, vielsach wollig mit leichten Regensällen und zeitweise starken westlichen Winden. Berliner W e tt e r b u r e au. Wafserstands-Nachrichte« -)-f bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpegel. Beachten Sie ILines! Die Firma Heinr. FrancK Söhne in Ludwigsburg# deren Quaiitätsfabrikate sich seit Generationen bewährt haben, hat mit ihrem„KornfrancK'* (RoggenmalzKaffee) das Vollkommenste geschaffen* was auf dem Gebiete des Getreidekaffees überhaupt geleistet werden kann. Die Fabrikation der Franck-Spezialitäten(„Aecht Franck" und neuerdings„ Rornfranck") gilt in der ganzen Welt wegen ihrer Appetitlichkeit als vorbildlich. Das qualitativ Beste ist seit, jeher das wahrhaft Billigste gewesen! Arbeitsnachweis: KM Amt Norden, Nr. 1239. Chariesftraftc 3. Zimt Norden, Nr. 1937 Dienstag, den 13. August: ßetfrks- Versammlungen für die geismte Verwaltungsstelle Berlin in solgenden Lokalen: HOPlleN I PharnuKUlc, Müllerstr. 118, abends 81/, Uhr. Norden* �bl!�l0a Fe"tt'liIe' ��lucbtcr Strafte 83, abends NOrdeNI Frankes Festsklc, Badstr. 19, abends 8>/z Uhr. NlOÄlnl''troQen'®raacrc�' Alt-Moabit 17—19, abends Paeial» �»»Kirstints Feststtle, Reinickeudorf, Eichbornstr. 18. icgvl. abends« Uhr. Vesten und Ledöneberg: Hauptftr. 39/31, abends 8'/, Uhr. 0St6n! Comenlassttlc, Memeler Strafte 67, abends 8»/, Uhr. Liehtenberg: SfÄfÄ J* Ertelt' 7i' Stralau und Rummelsburg; S»! gÄSv. V' SOdenbeilrke: 5ÄÄe"s,"e'""""""%'mm"■ Weißeusee: Prülatcn, Lehderstr. 188,«achm. 5'/, Uhr. Bericht der Bezirksleitung und Neuwahl derfolben. Neukölln: Hoppes Festsüle, Hermaunftr. 19, abends 8'/, Uhr. Volkskans, Rosinenstr. 3, abends 8'/, Uhr. horustrafte 13, Zum Gold. Hirsch1 Cbarlottenburg: CfonlitT* Schcllh CfonlitT* Scheilhases Festsüle, Ahorustrafte 15, aieyillk. abends 81/, Uhr. Köpenick u. Friedrichshagen: ir Hagener Str. 1, abends 8 Uhr. nhoP-CahKllDuroiHo* Frochowskl,„Sereinshauä". Schiller. UUvl dClIUIlvnClUC. peamenabe 13, abends 8 Uhr. SpaDdaU* 8'/Cll"''>Crt'!l Kurstrafte 81, abends Tagesordnung in allen Versammlungen: Stellungnahme zur Generalverlammlung. SW Mitgliedsbuch legitimiert."VQ Die Versammlungen werden pünktlich eröffnet. Zahlreicher Besuch wird erwartet. 122/7__ Die Ortsverwaltnng. Bereinen, Gewerkschaften und Schuleu empfiehlt sich das Zestsursnt Schmöckwitz 1. d. Hark. Ausschank von Schultheift-Bieren.— Anerkannt gute Küche. * Jnh.: Erust Noack. Telephon: Zeuthen 81. Gesundbrunnen. Gegend Belle rmannftrafte. Per sofort evrnt. 13. September d. I. gesucht. Langsristiger MietSkontratt Bedingung. Gcfl. Offerten unter R. 203 Gerftmaun'S Annonecnbureau, Alexander- Pia» 1. erbeten. 227/19b' Kurprini. 3 Pfg Fürsten.,;.4'.>, Welt-Macht 5 Auto Klub...6" Adro-Ktub 10-- «.....„..........................."................-••••...... "'"im„i"""l|"ttiuiin""liwi,"i-........,....... vn„.h,i",.9i„�,�„ länkm der Biliaeer Dentsehlands. Verwaltung llerlln. Achtung! Hollbildhauer. Achtung! Dienstag, den 13. August, abends K Uhr, in den Andreas-Festsälen, Andreasstraße 21: Anßkrirdentlilhe Mlukmtfaittiliing = der Holzbranche.--------- Tagesordnung: 1. Geschästliches.— 2. Fragen aus der gewerkjchaitlichcn EntWickelung. 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