jtn 193. 39. Jahrg. NdonnementZ-KecklWftsen: W M, Bgl Die TnfertionS'GebUbr mm MM W?mL. Ml I �Wf f$n�A%vrS ?ÄnSADef�y'Ä H J � � Hl fiÄm�lmfÄ�anfe 3 Marl pro Mo>»I. P-ltÄmm«m� ÄiimLsE�"�-�==sw-=C ZS �jr> /l- Ml[üt«ie nächfe Lmmet mAn bis |Ä3&,|ÄU®|S»ÄÄfÄÄSw Kumamen, Schweden und die Schweiz. �__ J?)_ bis 7 Uhr abends geöffnet Vevlut�v. ÄÄS&. Zcntralorgan der fozialdemokratifcben parte! Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Ferusprecher, Amt Moritzplatz, Nr. 1983. kionlervative Hochverräter. London, 15. August.(Eig. Ber.) Eine pikante Situation, die nur die Feder eines Jonathan Swift gebührend würdigen könnte, ist in Großbritannien ent- standen. Die Kämpfet für„Wahrheit und Recht", die Stützen des Thrones, des Altars und der Konstitution predigen offen den bewaffneten Widerstand gegen die Staatsgewalt, weil es nicht nach ihrem Willen zugeht. Schon fragen sich einige der ängstlichen, mit den guten Gaben dieser Welt reichlich be- dachten Leute, die das Rückgrat der konservativen Partei bilden, ob sie sich nicht am Ende in die falsche Partei verirrt haben, und mancher alte Tory zittert bei dem Ge- danken, daß sich das arbeitende Volk die Grundsätze Herrn BonarLaws und Sir Edward C a r s 0 n s zu eigen machen könnte. Ein kleiner Teil des irischen Volkes, etwa ein Achtel, die protestantischen Bewohner der Provinz Ulster, sträuben sich mit Händen und Füßen gegen die Selbstverwaltung Irlands, die ihnen die Homerulevorlage bringen wird, und wollen von keinerlei Kompromiß wissen, obwohl die Regierung gewillt ist, ihnen den größtmöglichsten Schutz gegen irgend einen Unter- drückungsversuch seitens der katholischen Mehrheit der irischen Bevölkerung angedeihen zu lassen. Mit fanatischer Blindheit weisen sie alle Vermittelungsversuche zurück und sind fest ent- schlössen, eine provisorische Regierung für Ulster zu errichten, sollte die Homerulevorlage Gesetz werden. Schon haben sie Anstalten getroffen, um ihren Entschluß in die Tat umzusetzen. Schießwaffcn sind in den letzten Monaten in großer Zahl nach den konservativen Grafschaften Ulsters versandt worden; überall gründet man dort Schützenvereine, in denen fleißig in der Handhabung des Schießprügels geübt wird und militärische Uebungen abgehalten werden; und die Organisation aus der die provisorische Regierung hervorgehen soll, ist schon vorhanden. Und das alles geht im hellen Tageslicht vor sich. Sir Edward C a r s 0 n. der Führer der irischen Unionisten, hält öffentlich Reden von leidenschaftlicher Heftigkeit, in denen er zum bewaffneten Widerstand gegen die Staatsgewalt auffordert und mit der P r 0 k l a m i e r u n g einer provisorischen Regierung für Ulster droht. Dieser Herr war in der letzten konservativen Administration der höchste juristische Beamte Englands. Klingt das nicht wie eine Episode aus einer Sullivanischen Operette? Leider hat die Sache auch ihre tragische Seite. Die protestantischen Arbeiter des industriellen Ulster, die alle Ursache hätten, sich um wichtigere eigene Angelegenheiten zu kümmern— in keinem anderen industriellen Teile des Ver- einigten Königsreichs findet man solch jämmerliche soziale Zustände wie gerade in Nordirland— lassen sich von den konser- vativen Drahtziehern mißbrauchen. Man hat sie derart fanatisiert, daß man sie nicht mehr halten kann. In Belfast boy- kottieren und vergewaltigen sie ihre katholischen und sozia- listischen Kollegen, die für die Selbstverwaltung Irlands ein- treten, und so heftig traten sie vor kurzem auf, daß sich die Regierung gezwungen sah, Militär nach Belfast zu schickcken, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Jetzt planen die Unionisten einen Streik der Postbeamten Ulsters. An einem festgesetzten Tage sollen sich die Beamten weigern, die Befehle der Postdirektion auszuführen. Man will offen- bar die armen Kerle brotlos machen. Diese Propaganda der Gewalt hätte vielleicht nie den bestehenden Umfang erreicht, wenn sie nicht von dem Führer der konservativen Partei Großbritanniens und einigen seiner Kollegen auf jede Art gefördert worden wäre. Noch vor kurzem sagte Herr Bonar Law in einer großen Rede, daß er sich keine Handlungsweise Ulsters denken könne, die er nicht unterstützen würde. Dies hat ihm eine klatschende Ohrfeige von dem Minister Churchill eingetragen. Law antwortete darauf mit der lahmen Ausrede, daß sich die Wählerschaft bei den letzten Wahlen nicht zugunsten der Selbstverwaltung Irlands ausgesprochen, daß die Regierung nicht mehr die Mehrheit des Volkes vertrete, daß dies die Rebellion der Orangemänner rechtfertigen würde. Das Entschuldigungsgestammel des konservativen Führers gab Churchill Gelegenheit zu einer Erwiderung, die einige beachtenswerte Stellen enthält. So schreibt er: „Die Zügellosigkeit und Unbesonnenheit seiner Rede und Auf- führung, deren Mißverhältnis zu den gegebenen Umständen, ihre Uebereiltheit sind den Instinkten der Partei, die er führt, fremd. Hätten sich britische Staatsmänner und Führer großer Parteien in der Vergangenheit so leichten Herzens mit dem Gedanken des Blutvergießens im Innern des Landes befaßt, so würden wir die Torheiten und das Schicksal Polens geteilt haben. Lord Salisburys eindrückliche Beschreibung dieser Katastrophe bätte doch sicherlich das Gewissen seines Nach- folgers wecken sollen.... Die Frauenrechtlerinnen sagen schon:„Wir wollen den von den Männern gemachten Gesetzen nicht gehorchen." Haben sie recht? Nehmen wir an, Arbeiter würden verzweifelt in einem wirtschaftlichen Kampf sagen: „Wir wollen die Gesetze eines Parlaments nicht anerkennen, in dem der kapitalistische Einfluß vorherrscht. Wäre es von den Stimmen aller Großjährigen gewählt, so wäre das etwas anderes." Würden sie recht haben? Oder setzen wir voraus, daß die irischen Nationalisten sagten:„Wir wollen die Ver- einigung der Königreiche nicht anerkennen, weil sie durch Be- Dienstag, den Ä9. Augnft 1S1Ä. stechung und Betrug zustande gekommen ist." Nehmen wir an, es gibt Leute in Aegypten, die da sagen:„Ihr ver- sprächet, ihr würdet gehen." Würde nicht Herr Bonar Law flugs zur Stelle sein, um Strafen auszuteilen?" Ein zynischer konservativer Jurist hat in der Debatte über diesen Gegenstand den Ausspruch getan, daß der gewaltsame Widerstand gegen die Staatsgewalt überall dort gerechtfersigt ist, wo er Erfolg hat. An dieser Moral gemessen wäre das Unternehmen der englischen Konservativen ein frevlerisches Spiel mit der Existenz und dem Leben der protestantischen irischen Arbeiter, die sich zugunsten der irischen Oligarchie und der englischen konservativen Partei den Kopf einrennen. Keinem Demokraten wird es einfallen, das Recht auf Widerstand gegen ungerechte Gesetze aufzugeben. Wenn sich aber eine kleine, hartnäckige, jedem Kompromiß abgeneigte Minderheit darauf versteift, der großen Mehrheit eines Volkes die Gesetze zu diktieren, wird der Appell an die Waffen zu einer Lächerlichkeit. Herr Bonar Law fühlt selbst die Un- gereimtheit seiner Position; daher auch seine Berufung auf die Mehrheit des Volkes des Vereinigten Königsreichs, die angeblich die Homerule nicht billigt. Die konservative Partei machte ein schlechtes Geschäft, als sie Bonar Law gegen Bal- four eintauschte. Ihr neuer Führer hat eins der Grund- Prinzipien der Torypartet, die„non-resistonos", umgeworfen; er hat, wie Churchill in seinem Briefe sagt,„einen offenen Wechsel mit unbestimmter Umlaufszeit auf alle Hilfsquellen der unionistischen Partei ausgestellt, der, von Verbrecherhand ausgefüllt, an irgendeinem schönen Morgen von irgendeinem Rohling oder Verrückten zur Zahlung präsentiert werden kann". Zweifelsohne möchten die Torys ihren Law jetzt gern wieder los werden. Aber sie scheuen die Blamage eines so schnellen Führerwechsels. >» Fortdauernde Agitation. London, IS. August. Blättermeldungen zufolge hat die Regie- rung umfassende Vorkehrungen getroffen, um der Drohung der Unionisten, im Ulstergebiete einen Aufruhr in Szene zu setzen, wirksam entgegenzutreten. Auch von der Kriegs- Verwaltung ist alles in Bereitschaft gehalten, damit die Truppen im Ulstergebiet ohne Zeitverlust mobil gemacht werden können. Die „Jrish Times" will aus sicherer Quelle erfahren haben, daß in Dublin täglich Konferenzen zwischen den Militärbehörden und der Polizeiverwaltung stattfinden. Der Ausbruch des Aufruhrs wird für den 28. September erlvartet, dem sogenannten„Ulstertage". In Belfast und in anderen orangistischen Zentren sind in der letzten Zeit bedeutende Waffentransporte eingetroffen. Fast in jeder Nacht finden militärische Uebungen unter dem Befehl von Offizieren statt. Wer trägt die Schuld? Die Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerks Lothringen beehrt uns abermals mit einer„Berichtigung", die sie uns diesmal unter Berufung auf den§ 11 des Preßgesetzes einsandte. Ganz über- flüssigerweise, denn der„Vorwärts" hat ja auch ihre erste Ein- sendung seinen Lesern nicht unterschlagen, obwohl sie weder als Berichtigung im Sinne des Pretzgesetzes gekennzeichnet war, noch tatsächliche Angaben enthielt, die unsere Darstellung hätten er- schüttern können. Umgekehrt aber hat sich die Unternehmcrpresse ängstlich gehütet, ihren Lesern nähere Kenntnis von der aus Berg- arbeiterkreisen stammenden Darstellung zu geben! Die Berichtigung sieht diesmal so aus: In einem„Wer trägt die Schuld?" überschriebenen Artikel des„Vorwärts" Nr. 187 vom 13. August b. wird behauptet, daß das Unglück aus Zeche Lothringen in der Hauptsache durch eine Kohlenstaubexplosion verschuldet worden sei, und an anderer Stelle des Artikels wird angegeben, der äußerst explosible Staub der Fettkohle sei in genügender Menge vorhanden gewesen und habe die Flamme verbreitet. In dieser Tatsache liege die Haupt- Ursache des Unglücks. Das entspricht nicht den Tatsachen, die amtliche Feststellung hat ergeben, daß das Unglück durch eine Schlagwetterexplosion im vierten Abteilungsquerschlag der dritten Sohle entstände� ist. Die Gewalt der Explosion und die starken Verbrennungen der Verunglückten lassen erkennen, daß die Aus- dehnung der Explosion ebenfalls auf Schlagwetter zurückzuführen ist. Ebenso haben die Rettungsmannschaften erklärt, daß sie nur wenig Koksperlen gefunden hätten und daß die Arbeiten in dem Unglücksrevier gut angefeuchtet waren. Zweitens ist die Behauptung unrichtig, daß der Steiger Paß- mann infolge des Prämiensystems an der Höhe der Auffahrung interessiert war und daß auf Zeche Lothringen die Beamten aufs schärfste und rücksichtsloseste angetrieben wurden. Die Prämie des Steigers Paßmann war nicht von der Größe der Leistung in den seiner Aufsicht unterstellten Betrieben abhängig und ist ihm niemals wegen geringer Leistung gekürzt oder gar gestrichen worden. Ebenso wird grundsätzlich allen übrigen Beamten auf Zeche Lothringen'die Prämie niemals wegen zu geringer Förde- rung verkürzt. Drittens ist es unrichtig, daß die Lutten in dem Querschlag, in dem die Explosion entstand, undicht waren und frische Luft zu wenig vor die Arbeitsstelle kam und daß es daher eine längere Spanne Zeit und Arbeit erfordert hätte, die Lutten zu dichten. Vielmehr ist festgestellt worden, daß die Lutten zirka 10 bis 15 Meter weit von der Arbeitsstelle endeten und daß sich des- wegen vor Ort Schlagwcter gebildet hatten. Aus diesem Grunde hatte der Betriebsführer angeordnet, die Lutten weiter vorzu- bauen. Ferner ist es unwahr, daß der Einbau der Wasserleitung in dem Unglücksrevier zurückgeblieben war oder daß man je nach Be- darf eine Leitung für Wasser oder Preßluft benutzte. Richtig ist togegyi. dgß iL heg"beidey vLlll Mfqll bxtossctisß ReviexsL Expedition: 803. 68» Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981. überall Wasserleitung vorhanden und bis an die Avbeitsstellen durchgeführt war. Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerks Lothringen., (Name unleserlich.) Zu dieser Berichtigung schreibt uns der Verfasser de? Artikels: Die Schuld frage, Herr G. Werner: Pünktlich stellt sich die Berichtigung ein. Es darf ja kein Ar- tikel mit den Grubenbesitzern unliebsamen Tatsachen unberichtigt bleiben. Denn es gibt immer noch eine Menge Zeitungsleser, die die im berichtigten Artikel enthaltenen Angaben für unwahr halten, wenn sie später eine Berichtigung lesen. Der erste Artikel liegt nicht mehr vor. Sein Inhalt ist zum größten Teil vergessen! Der Berichtigung wird daher Glauben geschenkt. Dies trifft zwar nicht immer zu, aber etwas� bleibt doch bei den allermeisten Menschen hängen. Diese Tatsache ist den Grubenbesitzern bekannt. Aus diesem Grunde haben sie in Essen, am Sitz des Bergbaulichen Vereins, eine Pressezentrale eingerichtet, die alle Zei- tungen hält und die Berichtigung unliebsamer Artikel in die Wege leitet. Sie führt daher den Namen Berichtigungszentral e. Die Grubenbeamten kennen den Betrieb sehr genau. Denn sobald der Name eines von ihnen in der Zeitung gestanden hat, liegt drei, vier Tage später die ausgeschnittene Notiz, fein säuberlich aufge- klebt, vor ihm und ein Brief aus Essen dabei mit der Aufforde- rung, eine Berichtigung zu schreiben. Eine Berichti- gung muß geschrieben werden, ganz gleich, ob die Angaben zu- treffend oder unzutreffend sind. Früher gab die Zentrale alle Berichtigungen heraus und die BergarbeiteMätter wissen ein Lied davon zu singen. Heute hält man manche zurück,«her hier bei diesem Massenunglück auf Zeche Lothringen muß natürlich unbe- dingt berichtigt werden. I Nicht nur für die Zeche Lothringen, sondern für alle Zechen ist es eine Frage von größter Wichtigkeit, ob die Ursache des Unglücks eine reine Schlagwetter- oder eine kombinierte Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion gewesen ist. Im ersteren Falle ist mit dem regelmäßig wiederkehrenden Bläser, d. h. mit höherer Gewalt, das Unglück zu erklären und als'frei von Schuld und Fehle können sich die Grubenbesitzer hinstellen. Sie haben daher das allergrößte Interesse daran, das Unglück auf Lothringen als eine Schlagwetterexplosion zu schildern. Dabei richten sie sich nicht im geringsten nach dem berichtigten Artikel.!> In der Berichtigung wird der erste Satz, in dem vom Unglück (Tötung vieler Menschen, aber nicht von der Explosion) gesprochen wird und der der Kohlenstaubexplosion die Schuld an der Größe des Unglücks zuschiebt, an die Spitze gestellt und dann fortgefahren: „Das entspricht nicht den Tatsachen, die amtliche Feststellung hat ergeben, daß das Unglück durch eine Schlagwetterexplosion im vierten Abteilungsquerschlag der dritten Sohle entstanden ist." Dieser letzte Satz enthält aber genau dasselbe, was auch in dem Artikel an anderer Stelle über die Entstehung der Explosion gesagt ist. Dort heißt es: „Die Ursache der Explosion ist diesmal'einwandfrei fest- gestellt. In dem Oucrschlag haben Schlagwettcrgc standen und dennoch ist, trotz gegenteiliger Bestimmung der Bergpolizei, ge- schössen worden." Damit bestätigen sie zwar die Richtigkeit meiner Darstellung über die Entstehung der Explosion, aber durch die Gegenüberstellung mit einem ganz anderen Satze mit anderem Sinn erwecken sie beim Leser der Berichtigung den Glauben, als ob ich etwas anderes be- hauptet hätte. Diese Methode kennzeichnet so recht die Gewissen- haftigkeit und Ehrlichkeit bei der Abfassung dieser Berichtigung. � In der Berichtigung wird weiter gesagt, die Ausdehnung der Explosion sei den Schlagwettern zuzuschreiben. Unter der Vor- aussetzung, daß die Zeche nicht behauptet, die Schlagwetter ent- stammten einem Bläser, wäre das ja eine Selbstbeschuldi- gung sondergleichen. Denn dann mühten ja riesige Men- gen Schlagwetter in dem Bau gestanden haben. Die Toten sind doch zum allergrößten Teil verbrannt. Da wäre die Lotterwirtschaft noch viel schlimmer, denn die Wetter machen sich doch viel bemerkbarer als der Kohlenstaub. Der Beweis, daß Schlagwetter die Ausdehnung der Explosion veranlaßten, ist also äußerst interessant. Die Worte der Berichtigung:„Die Gewalt der Explosion und die starken Verbrennungen der Verunglückten lassen erkennen, daß die Ausdehnung der Explosion ebenfalls auf Schlagwetter zurück- zuführen ist", sind lächerlich. Bsi jetzt gibt es noch keine Manometer in der Grube, um die Gewalt einer Explosion zu messen, noch viel weniger ist durch die Unterschiede in der Größe der Gewalt festzu- stellen, oh es Kohlenstaub- oder Schlagwetter-Explosionen sind. Ein Schlagwcttergemisch mit 6 Proz. C H» wirkt viel schwächer als eins mit 9)4 Proz. und auch schwächer als die für die Explosion gün- stigste Kohlcnstaubentwickelung. Wenn der Schreiber der Berichti- gung bergtechnisch geschult ist, so lasse er sich das Schulgeld wiedergeben; das müßte er doch wenigstens wissen. An den Verbrennungen soll es ebenfalls zu erkennen sein, daß es Schlagwetter waren. Anläßlich der Radb-w«. Katastrophe ist dasselbe Thema besprochen worden. Soweit mir bekannt, ist solche Feststellung unmöglich. Ich will aber meine Meinung ändern, wenn mir der Verfasser der Berichtigung den Namen einer wissen- schaftlichen Autorität vorlegt, der an den Toten von Lothringen feststellen kann, wer durch Schlagwetter- und wer durch Kohlen- staubcxplosion umgekommen ist. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß diese Feststellungen auch wirklich gemacht worden sind. Die Rettungsmannschaften geben ebenso wie der Bergrebier, beamte, der den Bläser auch ablehnte, das Vorhanden, seill voll Stlik«£i«Q su. ÄMeostM ttäE sljo Mu. Wer Sber die Frage: Was sin5 viel und was sind Sekt Ig Koksperlekt? läßt sich streiten. Die Zechen haben ja, wie bereits gesagt, das allergrößte Interesse daran, eine Kohlenstaubexplosion abzu- leugnen. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, gewinnen die Koksperlen ein ganz anderes Gesicht. Was nach ihrer Ansicht wenig ist. muß schon eine ganze Menge sein. Denn was für andere Leute wenig ist, bezeichnen sie doch als„Spuren von Koks". Die Rettungsmannschaften haben noch etwas anderes, sehr Wichtiges konstatiert. Sie haben gefunden, daß die Arbeiten g u t angefeuchtet waren. In meinem Artikel ist gesagt, wer formal die Verantwortung für die Berieselung trägt. Und es heißt da: „Vor den Betrieben(bergmännisch genau dasselbe wie Arbeiten) die Arbeiter, in den Strecken und Schächten in erster Linie der Steiger, in zweiter Linie die oberen Beamten." Nach den Aussagen der Rettungsmannschaften haben also die Arbeiter gut berieselt. Ueber die Strecken und Schächte schweigt man sich aus.... lieber das Antreibersystem, welches auf Lothringen für die Steiger nicht vorhanden sein soll, gehen die Ansichten von Steigern und Betriebsleitung weit auseinander. Gerade über den Unglücks- schacht wurde sehr geklagt, während auf dem anderen Schacht weniger gedrillt wurde. Das Beste leistet sich die Berichtigung in den Angaben über die Lutten. Sie sollen dicht gewesen sein. Konnte man dies nach der Explosion konstatieren? Oder hat nicht die Gewalt der Explosion die Luttentour zerstört? Wahrscheinlich ist eS nur eine Annahme der Direktion. Die Erfahrung spricht anders, wenn man hört, daß Wetter standen und nicht wegzubekommen waren. Ferner wird gesagt, es sei unrichtig, daß keine Luft vor die Arbeitsstelle gekommen sei. Im selben Atemzug wird aber zugegeben, daß die Lutten 10 bis 15 Meter zurück waren. Mithin ist viel zu wenig Luft vor die Arbeitsstelle gekommen. Hier liegt eine schwere bergpolizeiliche Ver- fehlung vor. Gleichzeitig ist aber die Frage angebracht: Warum waren die Lutten zurück? Die Antwort möchte man fast mit positiver Sicherheit geben: Es fehlten Lutten. Der Steiger konnte keine bekommen. Wenn der Betriebsführer zehnmal den Befehl gibt, Lutten vorzubauen, so ist es in der Praxis oft nicht möglich, weil keine da sind. Der Betriebsführer sagt natürlich: „Holen Sie sich welche." Aber während der Förderung von weit entfernten Plätzen Lutten zu holen, aus anderen Revieren, anderen Sohlen, das erfordert Leute. Leute und nochmals Leute. Und die Arbeit bleibt zurück. Mitunter ist es während der Förderschicht vollständig unmöglich, denn dann müßte man die Kohlenförderung stillsetzen. Tie Ursachen des Zurückbleibens der Lutten zu erforschen, die schärf st e Untersuchung einzuleiten, ist die Pflicht der Bergbehörde. Hier findet sie aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ge- legenheit, zu erfahren, wie schwer die Steiger unter dem Spar- s y st e m der Zechen leiden. Nur keine Vergrößerung des Mate- rialienbestandes, heißt eS da. Hier sind die Schuldigen zu finden. Denn es ist vollständig ausgeschlossen, daß eine Luttentv'ir 15 Meter zurückbleibt, wenn Lutten vorhanden sind. De Schuldigen sind hier nicht die Arbeiter und auch nicht der Steiger. Auf Radbod fehlte Wasser, auf Lothringen Lutten.— Wer trägt da die Schuld? De Berieselungsanlage ist nach der Besichtigung in Ordnung. In dem Artikel war ja nur ausgeführt, unter welchen S ch w i e- ri gleiten sich der Einbau der Berieselung vollzieht. Mit dem Einbau ist eS aber allein nicht getan. Das Notwendigste ist die Benutzung der Wasserleitung zum Berieseln. Und diese leidet eben an dem Mangel an Leuten, da alle verfügbaren skräfte Kohlen fördern müssen. Nach Ansicht der Betriebs- leitung war ja alles, immer und jederzeit in bester Ordnung. Das also brachten die Steiger fertig, trotzdem ihnen alle Tage gesagt wird:„Wenn Sie nicht mehr fördern, dann—-s—' «« « Die Ruhrbergarbeiter$«m Massennnglück auf Lothringen. In zehn Versammlungen, die am Sonntag in Bochum. Gclsenkirchen. Dortmund, Essen. Lünen, Hörde, Kastrop, Ober- marxloh, Recklinghausen und Buschhausen stattfanden, nahmen die Bergarbeiter des Ruhrgebiets Stellung zu dem neuesten Massenunglück. Die Versammlungen waren insgesamt von loOOO Bergarbeitern besucht. Das Verhalten der Gruben- Verwaltung wurde einer strengen Kritik unterzogen. Gegen- über der Berichtigung der Grubenverwaltung, die im„Vor- wärts" und außerdem in allen kapitalfrommcn Blättern des Ruhrgebiets erschienen ist. wurde in der Bochumer Ver- sammlung von L ö f f l e r ausgeführt: In der Berichtigung der Grubenverwaltung wird bestritten, daß der Einfahrer Brinks dem Sicherheitsmann gegenüber über seine Einwägungen Vor- Haltungen gemacht hat. Festgestellt aber ist worden, daß der Ein- fahrerBrinks dem Sicherheitsmann gegenüber geäußert hat:„Na. Sie haben aber wieder viel eingetragen, Sie schreiben ja eher drei Fahrbücher voll wie alle anderen zusammen eins." Die Behauptung der Grubenverwaltung, daß der Sicherheitsmann sich nie über Verlegungen beschwert habe, kann nicht stimmen. Der Sicherheitsniann hat sich im Januar 1911 ivegen seiner öfteren Verlegung beschwerdeführend an den Bettiebsführer LinS gewandt. Dieser äußerte sich:„Es liegt in meiner Be- fugnis, Leute zu verlegen, so oft und viel ich will." Nach dieser Antwort hat sich allerdings der Sicherheitsmann nicht beschwert, weil ja solche Beschwerde doch zivecklos gewesen wäre. Weiter sei festgestellt, daß der Sicherheitsmann vor- gefundene Wetter als aine dringende Gefahr in» Fahrbuch be- zeichnet hat. Zu dieser Eintragung hat der Betriebsführer Lins dann bemerkt, eine dringende Gefahr sei-ganz aus- geschlossen.. In der zweiten Berichtigung der Zechenverwaltung wird erklärt, daß die amtliche Feststellung ergeben habe, daß das Unglück durch eine Schlagwetterexplosion im vierten Abteilungs- auerschlag der dritten Sohle entstanden ist. Auf daö be- stimmteste erklärte Löffler in der Bochumer Versammlung, paß der Explosionsherd nicht an dieser, sondern an einer an- t�ren Stelle zu suchen sei. Wenn die Grubenvcrwaltung dann weiter in ihrer zweiten Berichtigung erklätt. daß die Gewalt der Ervlosion und die starken Verbrennungen der Ver- unalückten erkennen ließen, daß die Ausdehnung der Explosion ebenfalls auf Schlagwetter zurückzufuhren sei und nicht auf vorhandenen Kohlenstaub, so sei damit die Schuldfraae gelöst Vamit sei durch die Grubenverwaltung selbst zugegeben, daß w dem ganzen Explosionsgebiet Schlagwetter m Menge vor- banden gewesen sein müssen. Die in der Bochumer Ver- sammlung gemachten Ausführungen nefen unter den Berg- arbeitern große Entrüstung wach.~. In allen Versammlungen wurden dre Forderungen nach °-"N ISÄÄmrtsIüe auf z-ch--o-i-wzL bcw wieder weit über 199 Bergarbeiter zum Opfer gefallen sind, hat aufs neue die Unzulänglichkeit des Bergardeiter- schutzes bewiesen. Es hat gezeigt, daß die Sicherheitsmänner außerstande sind, einen wirklichen Bergarbeiterschutz herbeizu- führen. Die Behandlung, welche die Verwaltung der Zeche Lothringen den auf dieser Zeche beschäfttgten oder beschäfttgt gewesenen organisierten Sicherheitsmännern hat anaedeihen lassen, die fortgesetzten Schikanen und Bedrückungen, die diese haben erdulden müssen, sowie die Beseittgung mehrerer Sicher- heitsmänner beweisen, daß das Sicherheitsmännersystem nur „Weiße Salbe" ist. Und so, wie es auf Lothringen ist und war, ist es auf den meisten Zechen. Ueberall werden aufrechte Sicherheits- männer schikaniert und bedrückt, um die den Gruben- Verwaltungen unbequemen Mahner los zu werden. Das Blutmeer im Bergbau wird so lange weiter steigen, bis von den Unternehmern unabhängige Arbeitergrubenkontrolleure eingesetzt sind. Die heuttge Bergarbeiterversammlung fordert daher die Staatsregierung auf, schleunigst einen Gesetzentwurf dem Parlament vorzulegen, durch welchen die seit langer Zeit von den meisten Bergarbeitern erhobene Forderung nach Ein- führung von Grubenkontrolleuren, die von den Arbeitern mittelst geheimer und direkter Wahl aus ihrer Mitte gewählt und vom Staate besoldet werden, erfüllt wird. Sollte sich auch jetzt die Staatsregierung weigern, diese Forderung zu erfüllen, so muß ihr die Schuld an etwa folgenden Massenunglücken und massenhaften Einzelunglücken im Bergbau beigemessen werden." Die tiiiMcheii Airren. Während an der montenegrinischen Grenze ununterbrochen gekämpft wird und die Regierung dem Arnautenaufstand voll- ständig hilflos gegenübersteht, ist in Konstanttnopel eine neue M i n i st e r k r i s e ausgebrochen. Der erst vor kurzem nach langem Suchen gefundene Minister des Innern D a m a d S ch e r i f ist zurückgetreten. Der Rückttttt ist ein neuer Be- weis für die Meinungsverschiedenheiten im Schöße des Kabinetts. Scherif war im Gegensatz zu anderen Ministern für ein schärferes Vorgehen gegen die Jungtürken und für die Absetzung der komiteefreundltchen Beamten. Dieselbe Forderung wird jetzt aber von der Militärliga gestellt. Sie hat der Regierung mitgeteilt, die jungen Offiziere beständen trotz des Eides, den sie abgelegt haben, auf der Bewilligung der weiteren Forderungen der Liga, und die Liga sei nicht in der Lage, sie daran zu hindern. Die Offiziere verlangten beson- ders die Demission der Minister der Justiz, des Kultus und der Marine. Ligisten und Liberale beschuldigen namentlich den Justizminister, er schone und unterstütze die Jung- türken. So gewinnt der innere Parteikamps neue Schärfe, und de? zur selben Zeit, wo die Albanesen sich anschicken, einen entscheidenden Stoß gegen die türkische Herrschaft zu führen. Die Regierung hat es bis jetzt mit der Polittk der Nach- giebigkeit versucht. Sie hat wesentliche Forderungen der Albaner zu erfüllen versprochen. Auch wurde den wegen politischer Vergehen verurteilten Albanesen Amnestie gewährt, ein Entgegenkommen, das freilich nicht viel bedeutet, seitdem die Albaner die Macht' haben, die Gefängnisse selbst zu öffnen, und von dieser Macht den ausgiebigsten Gebraucy machen. Aber alle Nachgiebigkeit nützt der Regierung jetzt nicht mehr. Die Albaner stellen immer neue, für die Regierung un- erfüllbare Forderungen: neben der Versitzung der früheren Minister und jungtürkischen Führer in Anklagezustand bestehen sie auf der sofortigen Anerkennung der Autonomie in den von ihnen bestimmten Grenzen. Und sie sind im Begriffe, ihre Forderungen mit Gewalt durchzusetzen. In U e s k ü b er- wartet man jeden Augenblick, daß die Albanesen die Waffendepots plündern. Diese sind von starken Truppenabteilungen bewacht. Die Banken und die Handels- Häuser haben den Geschäftsverkehr eingeslellt. Truppen be- wachen alle bedeutenden Puntte der Stadt. Albanesentrupps haben auch K ö p r ü l ü besetzt und drohen auf Saloniki vorzurücken. Diese Gefahr hat nun die Regierung zu einem energischen Vorgehen bestimmt. Sie hat den Albanesen in Köprülü ein Ultimatum gestellt und ihnen 24 Stunden Bedenkzeit gegeben, um sich zu zerstteuen. Falls sie nicht aus- einandcrgehen, wird auf sie ein Angriff von fünf Bataillonen in Verbindung mit Artillerie gemacht werden. Ob die Albaner vor dieser Drohung zurückschrecken werden, ist nach dem bisherigen Verlauf deS Aufstandcs wohl mehr als zweifelhaft. Damit rückt aber auch die Gefahr gewalt- sanier Entscheidungen und auswärttger Jnterventtonen immer näher. Montenegro mobilisiert. Konstantinopel, IS. August. Die Pforte erfuhr, daß Monte» negrodie Reservisten der Artillerie mobilisiere und hat militärische Maßnahmen angeordnet, um einem plötzlichen Angriff vorzubeugen. Bombenfnnde. Saloniki, Ig. August, jjn Köprillü wurde der vulgare Z a h i r d s ch i verhaftet, weil in seinem Hanse Bomben hergestellt ivurden. Die Polizei fand vier fertige Bomben und Matena! zur Anfertigung von Bomben. Bahnwachsoldaten entdeckten zwischen Kilindir und Sarigol zwei an den Schienen befestigte Bomben. Einen heran- nahenden Personenzug konnten sie rechtzeitig aufhalten. DaS Zug- personal entfernte darauf die Bomben. ver sächsische czvSKpstteitsg. I Im Dresdener Volkshause traten am Sonntag die Vertreter der sächsischen Sozialdemokratie zu ihrer diesjährigen LandeSversammlung zusammen. Die Tagung ist sehr starl besucht. Die Reichstags- und Landtagsabgeordneten eingeschlossen, sind cttva 130 Vertreter, darunter einige Frauen, anwesend. Für dm Parteivorstand ist Genosse Molke nbuhr erschienen. Den Vorsitz führen Fleihner. Dresden und Liptnski-Leipzig. Molkenbuhr begrüßt den Parteitag mit emer eindrucksvollen Rede, in der er besonders auf das Treiben, der Reaktion hin- wies, die ein neues Zuchthausgesetz erstrebt. Den Bericht des Landesvorstandes, den wir im Auszug wieder- gegeben haben, ergänzt der Vorsitzende der Landesorganisation, Genosse Sindermann. Er belämpst die Angriffe, die in Ehern- nitz und in Leipzig gegen die Tätigkeit des Landckvorftandes er- hoben wurden. Daß die politischen Gegensätze in Sachsen immer mehr sich verschärfen, das beweisen die letzten Reichstagswahlen. die heftigere Kämpfe als je entfesselten und die enorme Kosten er» fordert haben. Trotzdem war die Partei in der Lage, dem Partei- vorstalch npch exjMjchc Summen zu überweisen, lieber die KW« her Arbeiterschaft in Sachsen ist gewerkschaftlich organisiert. Diese Macht erscheint den Unternehmern so gefahrdrohend, daß sie laut nach einem Zuchthausgesetz schreien. An der Spitze dieser Be- strebungen steht in Sachsen der H a n s a b u n d. Die Arbeiterschaft mutz auf der ganzen Linie mobil gemacht werden, wenn die sich auftürmenden Gefahren überwunden werden sollen. Wie weit in Sachsen der Terrorismus der Gegner bereits getrieben wird, das haben letzthin die bürgerlichen Saalbesitzer Sachsens gezeigt, die die Flucht in die Oeffentlichkeit ergreifen mußten. Die nationale Arbeiterbewegung in Sachsen ist lediglich eine Mache der Unter- nehmer; mit den Unsummen, die dafür ausgegeben wurden, hätte manche Lohnbewegung vermieden werden können. Mit allen Mitteln versucht man in Sachsen die freie Jugendbewegung zu unterdrücken. Die Verwaltung der Stadt Glauchau läßt die arbeitende Jugend einfach im patriotischen Turnverein einschreiben und bezahlt die Beiträge aus städtischen Mitteln. Die sächsische Ardeiterschaft wird auch mit diesen Bestrebungen fertig werden. Der Landeskassierer Braune bespricht sodann den glänzenden Kassenabschluß der Partei und verknüpft damit die Mahnung, in der Opferwilligkeit nicht zu erlahmen» denn die bevorstehenden Kämpfe werden bedeutende finanzielle Anforderungen stellen. Der einzige Antrag, der der Landesdersammlung vorliegt, in den Agitatignskalender keine Inserate mehr aufzunehmen, wird vom Redner aus finanziellen Rücksichten bekämpft. In der am Montag eröffneten Diskussion bemängelt Genosse NoSke, daß die sächsische Parteipresse zwar dem Landesvorstand unterstellt ist, aber keinerlei Vertretungsrecht auf der Landes- konferenz hat. Redner ist mit dem generellen Boykott der gegnerischen Versammlungen nicht einverstanden.— Seeger- Leipzig bestreitet, daß ein genereller Boykott besteht. In Sach- sen liegen aber die Dinge so, daß die Gegner nur dann noch volle Versammlungen bekommen, wenn unsere Parteigenossen sie besuchen. Den Gegnern volle Versammlungen zu schaffen, kann nicht unsere Aufgabe sein. Die sächsischen Fortschrittler hätten in das Stich- wahlabkommen des Parteivorstandes einbezogen werden sollen', denn durch ihre Schuld ist der ReichSverbändelr L i e b e r t gewählt wor- den.— Wendel-Frankfurt bekämpft unter teilweise leb- haftem Widerspruch deS Parteitages, den Nichtbesuch gegnerischer Versammlungen.— L i p i n s k i-L e i p z i g rechtfertigt den Ver- sammlungSboykott mit dem Hinweis darauf, daß es ganz im Be- lieben des Vorsitzenden einer gegnerischen Versammlung liegt, ob er das Wort erteilen will oder nicht. Di« Entscheidung über Besuch oder Nichtbesuch gegnerischer Versammlungen ist überdies völlig in die Hand der Leitung einzelner Kreise gestellt.— Geyer-Leip» z i g warnt davor, sich etwa der Illusion hinzugeben, daß die Partei in Sachsen nun ohne weiteres sich so sprunghaft weiter entwickeln werde. Der Ausfall der Stichwahlen in Sachsen hat bewiesen, daß die Liberalen aller Schattierungen völlig unsichere Kantonisten sind, weshalb sie unausgesetzt in der schärfsten Weise zu bekämpfen sind. — Sindermann-Dresden polemisiert scharf gegen Noske und Wendel, denn mit dem VersammlungSboykvtt hat die Partei die besten Erfahrungen gemacht.— Nach einem kurzen Schlußwort Sindermanns wurde der Antrag, dem Kalender keine Inserate mehr anzufügen, abgelehnt. Den Bericht über die Tätigkeit der LandtagSfraktion, der auch gedruckt vorliegt, erstattete Uhlig- Zittau. Die Tatsache, daß die sozialdemokratische Fraktion zwei Sitze im Präsidium hat, be- ruht nicht auf einer Abslauung der Klassengegensätze, sondern lediM lich auf den unter den bürgerlichen Parteien vorhandenen Un- ftimmigkeiten. Der Referent gibt dann ein anschauliches Bild vor der umfassenden Arbeit der sozialdemokratischen Fraktion, au» der nur folgendes hervorgehoben sei: Die bürgerlichen Fraktionen sind im Bunde mit der reaktionären Regierung eifrig bestrebt, die Arbeiterklasse niederzuhalten. Der sächsische Schulgesetz» entwurs und die ins Auge gefaßte Jugendpflege sind klassische Beispiele dafür. Die Volksschule in Sachsen soll auch fernerhin den Charakter der Armenschule tragen. Wenn der Landtag so wenig brauchbare Arbeit geliefert hat. so liegt da« nicht zum wenigsten an der Obstruktion der Konservativen. Wenn e» sich um wirkliche Volksinteressen handelt, dann versagen regelmäßig auch die Nationalliberalen. Das Gcmeindesteuergesetz ist direkt auf den Schutz der besitzenden Klassen zugeschnitten. Wenn einzelne Ver- besserungen erzielt worden sind, dann kann die sozialdemokratische Fraktion sich das als Erfolg buchen. Einen Hemmschuh bildet die Erste Kammer. Wir dürfen nicht eine Reform dieser Kammer an» streben, sondern müssen ihre Beseitigung verlangen. Al» erste unter den deutschen Regierungen war es die sächsische, die sich verpflichtete, für ein neues Zuchthausgesetz einzutreten. Der kommende Winter bringt neue Kämpfe, die die sozialdemokratische Fraktion aus dem Posten finden werden. . Die Perhantzsungen werden Dienstag zu Ende geführt. polittfcbc Ocbcrlicbt. Berlin, den 17. August 1912. Klerikale Geistesknechtung. Die Zentrumspresse liebt es, sich über den Terrorismus der Sozialdemokratie zu ereifern. Sobald irgendein Mit- glied der Sozialdemokratie in schwerer Weise gegen das sozial» demokratische Programm verstößt und deswegen aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wird, erhebt die katholische Presse ein Zetergeschrei über den angeblichen Terrorismus und die sogenannte Unfreiheit im sozialdemokratischen Lager. Dabei ist niemand unfreier als ein gläubiger Zentrunismann. Er hat nach der katholischen Kirchenlehre überhaupt nicht das Recht, in moralischen, politischen, künstlerischen und literarischen Dingen seine eigene Meinung zu haben. sondern hat unbedingt dem Gebot und der Auffassung zu folgen, die ihm von Rom als die allein richtige verkündet wird. Er muß sich sogar vorschreiben lassen, was er lesen und denken darf. Und der Klerus wacht dort, wo er die Macht hat. streng darüber, daß der einzelne seinen Anweisungen folgt und inner- halb des ihm gesteckten Rahmens denkt und handelt Mit welchen Mitteln die katholische Getstlichkeit ihre Herde beherrscht und sie im Gewissenszwang hält, zeigt folgende Karte, die der Vorstand des Duisburger katholischen Arbeitervereins an ein Mitglied dieses Vereins gerichtet hat. und die dem Duisburger„Gene- ral-Anzeiger" auf den Redaktionstisch geflogen ist: P. P- Laut Beschluß de« letzten Delegiertentages ist es den Mit- gliedern der kath. Knappen- und Arbeitervereine bei Strafe des Ausschlusses aus dem Verein verboten, andere als kath. Zeitungen und Zeitschriften zu halten. Da Sie nun trotz mehrmaliger Ver- Warnung eine nicht-katholische Zeitung halten, ist der Vorstand gezwungen, Sie aus dem Verein auszuschließen. Beschwerde hiergegen können Sie beim Präses erheben. Ksbg. i. W., 24, I. 12. Der Vorstand 3- T,:.(Name unleserlich.)) Das betreffende Mitglied des katholischen Arbeiterver- eins wijd also nicht deswegen ausgestoßen, weil es gegen Pro- gramm und Organisation gefrevelt hat, sondern nur, weil eS eine nicht vom Klerus offiziell anerkannte, sonst aber sehr gemäßigte Zeitung liest— näinlich den Duisburger„General- Anzeiger". Es soll nicht nur eine katholische Zeitung lesen, es darf daneben auch kein Blatt einer anderen Konfession und Parteirichtung halten, damit es das, was vorgeht in der Welt, nur in dem vom Klerus für passend erachteten und genehmig- ten Lichte sieht und nicht zu eigenem Denken angeregt wird. Sicherlich die gemein st e Geistesknechtung— und doch schreit die Presse dieser selben Partei über sozialisti- schen und liberalen.Terrorismus! 13V Millionen Mehrausgaben für den Militarismus im Jahre 1V13. Eine aus dem Reichsschatzamt stammende Korrespondenz macht Mitteilungen darüber, wie der Ueberschuß der Reichs- einnahmen aus dem Etatsjahre 1911/12 Verwendung finden soll. Es handelt sich um die ansehnliche Summem von 259 Millionen Mark. Aber der Militarismus wird spielend mit dieser Viertelmilliarde fertig. Im nächsten Jahre schon werden 139 Millionen Mark von ihm verschlungen. Zu den früheren fortlaufenden Ausgaben treten zunächst die Mehr- ausgaben, welche für das Heer nach dem Friedenspräsenzgesetz von 1911 und für die Flotte nach dem Flottengesetz von 1996 im ordentlichen Etat schon zu gewärtigen waren. Sie be- laufen sich für das Heer auf 18, 8, für die Flotte auf 29,7 Millionen Mark. Dazu treten weiterhin an fortdauernden Mehrausgaben aus Anlaß der Wehrvorlagen für das Heer 49 Millionen, für die Marine 7 Millionen Mark. Und end- lich kommen dazu die durch die Gesetze zur Abänderung des Reichsmilitärgesetzes und zur Ergänzung des Gesetzes über die Friedenspräscnzstärke des deutschen Heeres vom Jahre 1911 sowie durch die Novelle zum Flottengesetz vom Jahre 1996 entstehenden einmaligen Mehrausgaben. Diese einmaligen Ausgaben stellen sich im nächsten Jahr für das Heer auf 52. für die Marine auf 22 Millionen Mark, zu- sammen auf 74 Millionen Mark. Zusammen ergibt sich also eine Mehrbelastung des Heeres- und Marineetats aus Anlaß der Wehrvorlagen im nächsten Jahre von 139 Millionen. Der dann noch von dem Riesenüberschuß verbleibende Rest von 129 Millionen wird schon sehr bald den gleichen Weg wandern. Der Militarismus war im Fordern nie verlegen. Blöde Hetze. In den letzten Tagen haben zwei französische Flieger die deutsche Grenze überflogen und eine Strecke über elsässischem Ge- biet zurückgelegt. Um die Sache aufzubauschen, war auch gleich die Sensationsmeldung ausgestreut worden, daß die Flieger Auf- rufe an die elsässrsche Bevölkerung, den französischen Fliegerfonds durch Sammlungen zu stärken, heruntergeworfen hätten. Diese Meldung hat sich inzwischen als barer Schwindel heraus- gestellt. Trotzdem wünscht die„Tägl. Rundschau" eine .nähere Feststellung", ob die Flieger unserer Grenzmark Festungs- werke überflogen und photographiert" hätten. Im Anschluß daran fordert sie. daß bekanntgemacht werde, daß Flieger, die trotz des WcDbotcs Festungen überflögen, einfach herunter- geschossen würden! Denn sonst mache sich eines schönen Tages eiiti Dutzend französischer Flieger auf und am selben Abend seien die Franzosen bereits im Besitz sämtlicher Festungspläne, soweit sie aus der Vogelschau aufgenommen werden könnten. Den Unsinn, daß so ohne weiteres wichtige FestungSgeheimnisse durch photographische Aufnahmen vom Flugapparat aus enthüllt werden könnten, haben wir schon früher unter Berufung auf die Ansicht unverdächtiger Fachleute zurückgewiesen. Es bleibt also von dem Notschrei der„Tägl. Rundschau" nichts als eine unverschämteDrohung gegen Frankreich übrig. Dabei haben auch bereits deutsche Offiziersflieger mehrfach die französische Grenze überflogen I Einer von ihnen landete sogar in Frankreich, ohne daß sich deshalb die französische Presse aufgeregt hätte. Das Blatt der deutschen„Gebildeten" ist also chauvinistischer als der„Matin" und die französische Hctzpresfel Das Pluralwahlrecht in Hessen. Im Großherzogtum Hessen hat die bündlerisch-nationalliberal- ultramvntune LandtagSmehrheit vor einem Jahre das gleiche Wahl- recht beseitigt und an dessen Stelle ein Pluralwahlrecht gesetzt, das jedem über SV Jahre alten Wähler zwei Stimmen gibt. Als der Genosse Adelung bei der diesjährigen Budgetberatung den Nachweis führte, daß daö Pluralwahlrecht eine Benachteiligung der Minderbemittelten zugunsten der Reichen bedeute, weil die SterblichkeitSziffer in der Arbeiterbevölkerung eine größere sei und verhältnismäßig viel weniger Arbeiter über daS 50. Lebensjahr hinauskommen wie Angehörige der besitzenden Stände, da rief der Abg. Dr. W e b e r. der Führer der Bauernbündler:„Deshalb haben wir es ja gemacht!" Dieses brutale Zugeständnis wurde natürlich von unseren Genossen sofort unterstrichen. Nun hat aber ein junger Mainzer Jurist, Dr. A. Lion. Be- rechnungen über die Wi.kung de« hessischen Pluralwahlrechts an- gestellt, deren Ergebnis er in einem Aufsatz im.Archiv des öffent- liche» Rechts" niederlegte. Er hat seine Berechnungen auf Grund der anitlichen Wahlakten mit Unterstützung der„Zentralstelle für Statistik" gemacht und ist zn dem Resultat gekommen, daß sich die Loppelstimmen solgendermassen auf die Parteien verteilen: Bauernbund... 58.25 Proz. Pluralstimmen Zentrum.... 5ö,S7.. Nationatliberale. 55.10. Fortschrittler... 51.57,# Sozialdemokraten. 89,10, Die Entrechtung der minderbemittelten Volksschichten— aus denen sich doch fast ausschließlich die Wählerschaft der Sozialdemo- kratie rekrutiert— beträgt also allein infolge des Pluralwablrechts 12—20 Proz Dazu kommen noch die ftautelen über Ausässlgkeits- dauer. Steuerleistung und«rmenuuterstützung. Der Verfasser gibt denn auch zu. daß die Benachteiligung der Sozialdemokratie durch das Altersstimmrecht zum Teil auf die größere Sterblichkeit in Ar- beiterkreisen zurückzuführen sei:-r meint aber, daß auch ein großer Teil der Sozialdemokraten in reiferem Alter sein Programm mit einem.gut bürgerlichen" vertauscht. Wie irrig diese letzte Annahme ist. lehrt ein Blick auf die von einzelne» Parte, organisationen auf- genommene Statistik. Die Zahl der Personen, die in späterem Alter sich von der Partei abwenden, ist sehr gering. Es bleibt also die Tatsache bestehen, daß da« Altersplurallvahlrecht eine Entrechtung der Minderbemittetten in sich schließt. Kein Groftstadt-Konservntismns. Die.Kreuz-Zeitung" weist in ihrer Wochenrundschau vom IS. August die Zumutung energisch zurück, die konservative Partei solle ihr Programm abändern und die großstädtischen Bedürfnisse mehr berücksichtigen: „Zugegeben, daß für die konservative Partei die Notwendig- keit vorliegt, in den Städten vorzudringen und sich dort eine möglichst starke Position zu schaffen, so sind die Ratschläge, die man ihr zn diesem Zwecke erteilt, völlig verfehlt... Das Feststehen aus ihren Grundsätzen ist eS, was den Konservatismus schließlich zum Siege führen wird. Deshalb sollte man auch mit Forderungen einer Programmrevision recht vorsichtig sein. Wir brauchen wahrlich unser Programm zugunsten des Großstadt- Konservatismus nicht abzuändern. Und wenn wir auch nicht be- streiten, daß in dem Tivoliprogramm, das in manchen Punkten zu sehr auf die Betonung von Einzelforderungen sich eingelassen hat, manches veraltet und daher entbehrlich geworden ist. so können wir die Notwendigkeit einer gründlichen oder gar grundsätzlichen Programmabänderung nimmermehr zugeben. In dieser Sache fühlen wir uns einig sowohl mit unserer Parteileitung als auch mit den letzten Partei- und Delegiertentagen, die eine Pro- grammrevision nach der von uns angedeuteten Richtung als er- forderlich erachtet und bereits in die Wege geleitet haben. Völlig verfehlt ist das Verlangen, das unseren Liberalen immer ganz besondere Freude macht— die Partei st ellung in den Agrarfragen abzuändern..." Es muß zugestanden werden, daß diese Erklärung wenigstens ehrlich ist. Die konservative Partei ist agrarisch oder sie ist über- Haupt nicht. Ein Großstadt-KonservatismnS, der vorgibt, die Jnter- essen der städtischen und industriellen Bevölkerung wahrzunehmen, wird immer Heuchelei bleiben._ Die Handhabung des Berichtigungsparagraphen. Die„Bergarbeiterzeitung" hatte seit geraumer Zeit den viel- fachen Berichtigungen, die sie von den verschiedensten Zechenver- waltungen bei jeder Kleinigkeit bekommt, und die fast ausschließlich auf Veranlassung oder auch gar unter Mitwirkung des Zechenver- bandes zustande kommen, die Anmerkung vorausgeschickt oder an- gefügt, daß nach oberlandesgerichtlichen Entscheidungen Berichti- gungen auch aufgenommen werden müssen, wenn sie nicht wahr sind. Durch solche Anmerkungen hatten sich die Direktoren Rande- brock und Kleine von der Zeche Zollern und in einem anderen Falle der Betriebsführer Hemmer von der Zeche Constaniin beleidigt gefühlt und der Staatsanwalt erhob im öffentlichen Interesse Offizialklage. Die Anklage deduzierte: durch solch« Anmerkung werde den Berichtigenden der Vorwurf gemacht, daß sie bewußt etwas Falsches behaupten. Das Sckzösfengericht Bochum, das sich in erster Instanz mit der Sache zu befassen gehabt hatte, war in die Prüfung der Richtig- keit der behaupteten Tatsachen selbst eingetreten, obschon es eigent- lich nur aus die rein juristische Frag« ankommt, ob durch die in Rede stehende Anmerkung rein tatsächlicher Natur eine Beleidigung begangen werden kann. Der verantwortliche Redakteur der„Bergarbeitey-Zeitung", Wagner, hatte geltend gemacht, daß ihm selbstverständlich die Absicht der. Beleidigung ferngelegen habe, um so mehr, als er als Bergmann ja wisse, daß nach Lage der Dinge die Direktoren gar nicht alles das, was sie in den von ihnen gezeichneten Berichtigun- gen behaupten, aus eigener Wahrnehmung wissen können. Das Schöffengericht kam trotzdem zu einer Verurteilung wegen Beleidi- gung, indem es sich aus das Ergebnis der gepflogenen Beweisauf- nähme stützt«. Diese hatte im ersten Falle ergeben, daß der Ange- klagte tatsächlich im wesentlichen falsch unterrichtet worden war, während im zweiten Falle die Richtigkeit der Darstellung der „Bergarbeiterzeitung" im wesentlicben erwiesen wurde. Das Urteil lautete in Hinsicht auf die Vorstrafen auf 300 bczw. 100 M. �Geldstrafe. In der Berufungsverhandlung machten der Angeklagte wie der Verteidiger geltend, daß die verantwortlichen Redakteure in- folge jener oberlandesgerichllichen Entscheidungen in eine ganz prekäre Lage kommen. Danach seien sie selbst dann zur Aufnahme der Berichtigung in die nächste Nummer ihres Blattes verpflichtet, wenn sie wissen, daß die Berichtigung nicht wahr sei. Es müsse dem Redakteur deshalb unbedingt das Recht zuerkannt werden, auf diese Rechtslage aufmerksam zu machen, denn er habe sein Blatt und seine Gewährsmänner den Lesern gegenüber zu decken. Jedenfalls könne nicht verlangt werden, daß er seine Mitarbeiter desavouiere, bevor er ihnen auch nur Gelegenheit habe geben können, sich zu der Berichtigung zu äußern, die ihm doch im allge- meinen kaum glaubhafter erscheinen werde, wie die Angaben seines Gewährsmannes. Die Beweisaufnahme über die behaupteten bezw. bestrittenen Tatsachen selbst war im wesentlichen dieselbe wie in der Vor- instanz. Von erheblichem Interesse war jedoch eine Aussage des Direktors Kleine. Dieser muhte auf Befragen unter seinem Eide zugeben, daß er die in den von ihm unterzeichneten Berichtigungen behaupteten Tatsachen nicht aus eigener Wahrnehmung kennt, sonder daß er sich auf die Berichte seiner Beamten verläßt. Merkwürdigerweise war auch daS Berufungsgericht der An- stöbt, daß durch die einfach informatorische Anmerkung:„Berichti- gungen brauchen nicht wahr zu sein" eine Beleidigung verübt sei. ES verwarf daher die Berufungen. Polizeiliche Nadelstiche. Die Politik der Nadelstiche ist bei der BreSlauer Polizei äußerst beliebt. In der diesjährigen Maifeierversammlung der Breslauer Arbeiterschaft im Gciverkichaftshause wollte der über- wachende Polizeikommissar Gottlieb Sinmiok wahr- genommen haben, daß einige Ausgangstüren deS� großen Saales verschlossen waren und vor einer Tür sogar ein Tisch mit Stühlen stand. Ein Schutzmann mußte sich davon überzeugen, ob die Türen geöffnet werden können. Dieser rüttelte an der einen Tür, vergaß aber den dort angebrachten Hebel herunterzudrücken, weshalb dte Tür nicht aufging. AlS darauf der Kommissar den Versammlungsleiter, Genossen Rasch, von der „berschlossenen Tür" Mitteilung machte, erbot sich dieser, ihm zu beweisen. daß die Tür unverschlossen und leicht zu öffnen sei. Davon wollte sich anscheinend der Kommissar nicht überzeugen, weshalb Genosse Rasch einige in der Nähe der Tür sitzende Genossen bat. die Tür zu öffnen, was auch ohne Schwierigkeit geschah. Trotz- dem folgte ein Strafmandat wegen Uebertretung der polizet- lichen Vorschriften. Dagegen wurde Widerspruch erhoben. In der Verhandlung wurde der Sachverhalt so. wie hier geschildert worden ist. festgestellt. Der Herr Kommissar behauptete trotzdem frank und frei, daß der angeklagte Genosse lliasch eine V e r ä n d er u ng an der Tür vorgenommen haben müsse, bevor er seine Ge- nassen mit deren Oeffnung beauftragte. Auf die Frage des Ver- teidigers. warum er nicht das Wegräumen der Stuhle vor der Tür vo-r Beginn der Versammlung gefordert habe, weil doch die Polizei nicht dazu da sei. Uebcrtretungen anzuzeigen, sondern auch vorzubeugen, erwiderte� der Kommissar:„Sie prüfen mich ja hier wie einen Rekruten!" t.. Dem Amtsanwalt, der in der Verhandlung gar zu offensicht- lich die Partei des Kommtssars wahrnehmen wollte und deshalb vom Vorsitzenden ganz energisch zu recht- gewiesen wurde, genügte es, daß Stuhle vor der Saaltür standen, uni eine Strafe von 10 M. zu beantragen. DaS Gericht erkannte auf 5 M>._ BcdrobUcbe Lage in JVIarokbo. Die Situation in Marokko gestaltet sich für die Franzosen immer kritischer. Im Süden macht der Prätendent El H i b a rasche Fortschritte. Tie Kolonne M a n g i n, die am 16. August in Duk el Arba bei Rehamma lagerte, mußte Angriffe umherstreifender Banden zurückschlagen. Ein grötzererKampf spielte sich in der Nähe des Lagers ah. wo eine Kompagnie Senegalschlltzen, die von einigen hundert Reitern angegriffen worden war, in ein mehrstündiges Gefecht verwickelt wurde, bis die Ankunft von Verstärkun- gen den Kampf zugunsten der Franzosen beendete. Auf französischer Seite gab es zwei Tote und 25 Verwundete. Die Verluste des Feindes waren beträchtlich. Die Lage im Dukkala- gebiet soll infolge der von den Abgesandten El Hibas bei den Stäminen betriebenen Agitation wieder einen ernsten Cha- rakter anzunehmen beginnen. Jedenfalls sehen sich die Fran- zosen gezwungen, Marrakesch aufzugeben. Der französische Konsul hat Anweisung erhalten, die Stadt zu ver- lassen. Die Streitmacht E l H i b a s befindet sich in der Nähe der Stadt. Dieser können etwa 1999 Mann, die sich aus regu- lären Truppen sowie Mannschaften El Glauis und Mtugis zusammensetzen, gegenübergestellt werden. Kritisch sieht es aber auch im Norden von Fez aus, wo der R h o g i die Franzosen immer aufs Neue beschäftigt. In Paris beginnt man unruhig zu werden, da man damit rechnet, die Okkupationsarmee beträchtlichverltärken zu müssen. LKlna. Die Hinrichtung der revolutionären Generäle. Shanghai. 19. August. Dr. Sunvatsen ist nach Peking abgereist. General H u a n g t s i n Sing, der ihn bogleiten wollte, weigerte sich im letzten Augenblick mitzufahren, um gegen die Hinrichtung der Hankauer Generäle durch Uuanschikai zu protestieren. Sunyatsen selbst wurde dringend aufgefordert, die Reise aufzugeben Amerika. Die Panamakanalfrage. Washington, 19. August. Präsident Taft hatte eine längere Besprechung mit dem Kabinett über die Panamakanalbill. Obgleich von einer Entscheidung noch nichts berichtet wird, ist Taft, wie es heißt, geneigt, der Bill zuzustimmen, ist aber be- strebt, daß eine Verfügung getroffen werde bezüglich einer g e- setzlichen Prüfung der Klausel, die amerikanischen Schiffen Gebührenfreiheit gewährt. Das Kabinett soll, wie verlautet, mit Taft eines Sinnes sein, daß die Bill mit dieser Klausel mit dem Hay-Pauncefote-Vertrage nicht überein st imme. Man sagt, daß es für Taft voraussichtlich schon zu spät sei, die Bill abzu- ändern. Deshalb müsse ein Eingreifen seinerseits die Form eines Veto annehmen, sofern nicht die Führer der beiden Parteien sich auf einen später zu fassenden Beschluß einigten und dadurch zeigten, daß die Vereinigten Staaten mit der Annahme der Panamakanal- bill nicht die Absicht verbänden, den bestehenden Bertrag mit Groß- britannien aufzuheben. Ein derartiger Beschluß würde fremden Dampfschiffahrtsgesellschaften erlauben, bezüglich der Gültigkeit der Akte dw Gerichte der Bereinigten Ktasten anzu- rufen. Soziales. Fünfzig Jahre Wanderung«»». Die Wanderungen sind ein außerordentlich wichtiger Vorgang in der Bevölkerungsbewegung. Sie wirken nicht nur auf Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung erheblich ein, sie hinterlassen auch �merkbare wirtschaftliche Spuren. Deshalb ist eine Untersuchung, die das bayerische Statistische Laudesomt über den Einfluß Wanderungen auf Bayern und seine Gemeinden angestellt hat, dankbar zu begrüßen. Die Untersuchung erstreckt sich auf einen Zeitraum von 50 Jahren und liefert deshalb Resultate von all- gemeinem Werte. Wie in der Abhandlung ausgeführt wird, wird die von Natur günstige Bevölkerungsentwickelunig Bayerns durch zwei Erscheinungen wesentlich beeinträchtigt: einerseits durch die stellenweise hohe Säuglingssterblichkeit, die einen großen Teil der Geborenen vorzeitig hinweggerafft, andererseits durch die dauernden VolkSeinbuhen, die einzelne Gegenden des Lande» im WUnderungÄ» verkehr mit den übrigen Landesteilen und das Königreich im ganzen beim Bevölkerungsaustausch mit anderen Ländern erleidet. Die Binnenwanderungen entführen seit langen Jahrzehnten vielen Landbezirken einen Teil ihrer Stammbevölkertm� um ihn.den Städten(insbesondere den Großstädten) oder andern, Wirtschaft- lich rascher fortschreitenden Landgegenden zuzuführen. Die erhöhte Abwanderung aus zahlreichen Landgemeinden hat namentlich in den nördlich von der Donau gelegenen Gebieten dazu geführt, daß die Bevölkerung vielfach nur langsam sich entwickelt, stellenweise sogar abnimmt. Diese ungünstige EntWickelung beschränkt sich nicht auf einzelne Gemeinden. Eine Reihe ganzer Landbezirke(Bezirks- ömter) hat heute weniger Einwohner als vor 50 Jahren. In anderen Gegenden ist zwar während dieser Periode eine Bevölkc- rungszu nähme zu verzeichnen, doch ist sie so gering, daß sie nur als Zeichen des beginnenden Rückgangs betrachtet werden kann. Im Gegensatz dazu weisen die Städte(vor allem München, Nürnberg, Augsburg, LudwigShafen) sowie einige in industriellen Zentren oder am Fuße der Alpen gelegene Gebiete ein starkes Wachstum auf. Vom Gesamtumfang der inneren Wanderung bekommt man eine Vorstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, daß von der im Jahre 1900 in Bayern gezählten und hier auch gebürtigen Bevölkerung. die 5 870 000 Seelen umfaßte, rund 2580 000(also mehr als 40 Proz.) außerhalb ihrer Geburtsgemeinde ermittelt Wurden. Während die inneren Wanderungen zunächst nur eine Verschiebung der Siedelungsverhältnisse im Lande selbst hervoreafen, wodurch allerdings die Entvölkerung einzelner Gegen/den bedingt wird, ver- Ursachen die äußeren Wanderungen wegen der stärkeren Ab» als Zu. Wanderung dem Königreich als Ganzem erhebliche Bevölkerung?» Verluste. In frühcven Jahrzehnten hatte die Uebersee-Auöwand«.> rung, besonders nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Wanderungseinbußen für das Königreich im Gefolge. Seit den 70er Jahren des 19. JuhrhunderiS richtet sich die Auswanderung vornehmlich nach anderen Teilen des Reichsgebiets. Wären nicht vereinzelte Wanderungsgcwinne zu verzeichnen, so namentlich im BevülkerungSverkehr Bayerns mit Oesterrcich-Angarn und mit Württemberg, fo würde der gesamte Verlust de? Königreichs noch weit größer sein. Aber auch so weist die bayerische Wanderuugs- bilanz von 1837 bis 1910 eine Volkseinbuße von rund 800000 Per- fönen auf. die durch mehr Ab- als Zuwanderung dem Lande ver- loren gingen. Die Wanderbewegung bedeutet einen wirtschaftlichen Umwandelungsprozeß. Wie das amtliche Werk auf Grund der Er- gcbnisse der Berufszählung von 1907 ziffernmäßig für die inneren und äußeren Wanderungen nachweist, vollzieht sich Hand in Hand mit dem Zug in die Städte ein Abfluten aus der Landwirtschaft in gewerbliche Berufe. Sowohl im Lande selbst wie außerhalb des- selben strömt die Hauptinasse der bayerischen Wanderbevölkerung gewerblichen und kaufmännischen Berufen zu. Natürlich bleibt die geschilderte Bcvölkerungsentwickelung nicht ohne entsprechende Rück- w.rkuna auf die Steuerkraft. Auch darüber bietet d� Arbeit stati- stisthe Belege. Sie zeigt, wie in Gegenden mit nur langsam zu- nehmender oder stagnierender Einwohnerschaft die Steuererträg- nisse während der letzten Jahrzehnte sich nur unwesentlich verändert haben, während in den kräftig fortschreitenden Gegenden die steuerliche Leistungsfähigkeit sich unverhältnismäßig rascher ver- mehrt hat als die Bevölkerung. Insofern sind die WanderungS- erscheinungen beachtenswerte Gradmesser für die wirtschaftliche Er- starkung oder Entkräftung gewisser Landesteile.— Von großem Interesse wäre eine Ausdehnung dieser Untersuchung auf das ganze Reich. Wauderuugsuntersuchungen werden zwar schon von Zeit zu Zeit vom Reichsstatistischen Amte angestellt, sie können aber natür- lich bei weitem nicht zu so wertvollen Resultaten kommen wie eine Uistersuchung, tzje sich Ml«l&n Mrüstw Ml SL Muv«lU'Ctft. Gewerhfcbaftlicbes. Der JMimmallohn im bntifcben Bergbau. London, 17. August.(Eig. Ber.) Am 15. und 16. August wurde in Blackpool eine Konferenz der Bergarbeiterföderation Großbritanniens abgehalten, die sich mit den Resultaten des Minimallohngesetzes befaßte. Die Berichte, die die Delegierten der verschiedenen Distrikte der Konferenz unterbreiteten, lauteten fast allgemein, daß die Handhabung des Gesetzes seitens der Arbeit- gebcr und der Schiedsrichter höchst unbefriedigend sei. Nur in wenigen Revieren arbeitet das Gesetz ohne außergewöhnliche Reibung. In Nordengland(Durham und Northumberland) be- klagen sich die Arbeiter über die von dem Schiedsrichter festgesetzten Statuten, nach denen ein Arbeiter, der nicht 100 Proz. aller Schichten verfährt und keine vernünftige Entschuldigung für sein Fern- bleiben angibt, des Rechtes auf den Minimallohn verlustig geht. In fast allen anderen Revieren wird nur 80 Proz. verlangt. Weiter wird darüber geklagt, daß die Schiedsrichter in den weitaus meisten Fällen den unterirdisch beschäftigten Taglöhnern den Minimallohn von 5 Schilling nicht gewährt haben, und daß sie bei der Festsetzung der Hauerlöhne die herrschenden Durchschnittslöhne nicht gebührend berücksichtigt haben, wie es das Gesetz verlange. In vielen Fällen haben es die Unternehmer auch unterlassen, den Arbeitern die Lohn- rückstände zu bezahlen, die aus der Zeit zwischen der Annahme des Gesetze? und der Festsetzung des Minimallohnes stammen. Manche Arbeitgeber stellen sich aus den Standpunkt, daß jeder Arbeiter diese Rückstände einzeln einfordern müsse. Wiederum gibt es Arbeitgeber, die dem Akkordarbeiter nicht den gesetzlichen Minimallohn, sondern nur den verdienten Lohn ausbezahlen; sie erklären, jeder Arbeiter, der nicht auf den Minimallohn komme, müsse beweisen, daß er zu dem Mimmallohn laut dem Gesetz berechtigt sei. Die Bergarbeiter hingegen behaupten, daß es die Pflicht des Arbeitgebers sei, falls er den Minimallohn nicht zahlen wolle, den Fall vor das lokale Komitee zu bringen. In Pacashire hat man Arbeitern den Minimal- lohn bezahlt und sie dann entlassen. Auch sind viele Fälle vorge- kommen, m denen die Arbeitgeber Arbeiter durch Bestechung oder Drohung bewegen, sich als untüchtige Arbeiter bezeichnen zu lassen, um so das Gesetz zu umgehen(eontraet out). Was weiter zu der Unzufriedenheit der Bergarbeiter beiträgt, ist die. neue Praxis einiger Arbeitgeber, von dem Arbeitsuchenden Zeugnisse zu ver- langen. In Südwales hat das Minimallohngesetz die Arbeitgeber veranlaßt, die monatliche Kündigungsfrist abzuschaffen. Bis vor dem großen Streik konnte dem südwalisischen Bergarbeiter die Arbeit nur am ersten deS Monats gekündigt werden und dann wurde er erst am Ende des Monats entlassen. Jetzt besteht dort überhaupt keine Kündigungsfrist mehr und die Unsicherheit der Existenz hat zugenommen. Nach dem unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit vorgenomme- nen Beratungen nahm die Konferenz folgenden Beschluß an: „Nach Beratung der Berichte von den Distrikten über die Wirkung des Minimallohngesetzes und über die damit verbünde- nen Lohnsätze und Statuten drückt diese Konferenz ihre große Unzufriedenheit mit denselben aus, und zwar insbesondere mit folgenden Punkten: a) mit dem Umstände, daß die Schiedssprüche mit wenigen Ausnahmen den niedrig bezahlten erwachsenen Arbeitern den Tagelohn von 5 Schilling nicht zuerkannt haben, und daß die Schiedsrichter in vielen Fällen bei der Festsetzung des Minimal- lohns die Durchschnittslöhne der Akkordarbeiter nicht in billiger Weise berücksichtigt haben; b) mit den Schiedssprüchen, die die Berechtigung zum Minimallohn davon abhängig machen, daß der Arbeiter 100 Proz. der Schichten verfährt; c) mit der ernstlichen Verzögerung, die viele Werksbefitzer bei der Bezahlung der gemäß den Schiedssprüchen geschuldeten Lohn- rückstände haben eintreten lassen. Und weiter verurteilt die Konferenz scharf die Handlungs- weise der Werksbesitzer, die Arbeiter durch Zwang oder Be- stechung bewegen, die Bestimmungen des Gesetzes zu umgehen, indem sie sie entweder entlassen oder ihnen Arbeit verweigern oder ihnen ein höheres Gedinge oder Prozentzuschläge anbieten. Die Distrikte werden daher beauftragt, dem Generalsekretär über die weitere Wirkung des Gesetzes in ihrem Revier ausführ- lich Bericht zu erstatten; alle Distrikte müssen ihm derartige Be- richte zustellen, und danach soll der Exekutivausschutz ermächtigt sein, eine weitere Konferenz anzuberaumen, die sich mit irgend- welchen Schwierigkeiten, die dann bestehen mögen, zu befassen ' hat. Inzwischen soll der Exekutivausschuß jedem Distrikt, der sich den Bestrebungen der Arbeitgeber, die Bestimmungen des Gesetzes zu brechen oder zu umgehen, widersetzt, alle mögliche Hilfe an gedeihen lassen." Diese einstimmig angenommene Resolution war ein Kompro miß zwischen denen, die eine unmittelbare Aktion zur Abstellung der Beschwerden forderten, und denen, die die weitere Wirkung des Gesetzes noch abwarten wollen. Es dürfte in der nahen Zukunft zu größeren lokalen Kämpfen kommen, in denen, wie aus der Resolution ersichtlich, das Gewicht der ganzen Föderation zugunsten ihrer einzelnen Teile in die Wagschale geworfen werden wird. 1 Arbeitgebern ein Entwurf eingegangen. Räch diesem wollen sie für Schlosser statt der verlangten 70 Pf. pro Stunde 55 Pf., für Dreher statt ebenfalls 70 Pf. 60 Pf., für Monteure statt 75 Pf. 70 Pf., für Hilfsarbeiter statt 55 Pf. 45 Pf. gewähren. Für jung ausgelernte Schlosser bezw. Dreher statt 60 Pf. 40 bis 55 Pf. je nach Leistung.— Diese Vorschläge kann man jedoch nicht mehr als zeitgemäß bettachten, da selbst Bauschlosser heute schon einen Stundenlohn von 60 Pf. beziehen und man doch in der Buch druckmaschinenbranche nur die allerintelligentesten Arbeiter gebrauchen könne. Er könne darum die Vorschläge nicht empfehlen, tß müsse diesmal etwas zustande kommen, was man als annehmbar bezeichnen könne. In der folgenden Diskussion wurden sämtliche Vorschläge der Arbeitgeber ein st immig abgelehnt, mit Aus- nähme des Paragraphen, der die Bezahlung der Ueberstunden be- handelt. Die Kommission unterbreitete sodann der Versammlung einen neuen Entwurf, der von den ursprünglichen Forderungen etwas nachläßt. Für Schlosser und Dreher werden 65 Pf., für Monteure und Schttrmeister 70 Pf., für Stockgesellen und Maschinen- arbeiter 55 Pf., für Hilfsarbeiter 50 Pf., für jung ausgelernte Schlosser und Dreher 55—60 Pf. pro Stunde verlangt. Diese Vor- schlüge, werden von der Versammlung einstimmig angenommen. Diese Forderungen sollen den einzelnen Firmen am Dienstag zugestellt und bis Freitag unterschrieben zurückverlangt werden. Nächsten Sonntag findet abermals eine Versammlung statt, in welcher endgültig Beschluß gefaßt werden soll. Die Versammelten ließen keinen Zweifel darüber, daß von den jetzt aufgestellten Forde- rungen unter keinen Umständen abgegangen werden darf. Der Wille zur Einigung ist vorhanden. Jetzt liegt es an den Arbeitgebern, ob Krieg oder Frieden im Buchdruckmaschinengewerbe herrschen soll. Es ist endlich an der Zeit, daß auch dieser Branche das zukommt, was ihr zusteht._ Achtung, Braurreiarbeiter! Die Differenzen mit der Berg- brauerei Nacher u. Co. in Weitzensee sind zur Befriedigung der Beteiligten behoben. Die Arbeit wurde heute früh von sämtlichen Streikenden wieder aufgenommen. Die Sperre über die Bergbrauerei in Weitzensee ist hiermit ausgehoben. Verband der Brauerei- und Mühlenarbeiter, Ortsverwaltung Berlin. Deutfcbes Reick). Die gelbe Tcuche im Schwerfuhrwerksgewerbe. Die Fuhrherren-Zentrale geht nunmehr, durch die erfolgreiche Tätigkeit des Deutschen Transportarbeiterverbandes aufgeschreckt, zu der Gründung einer gelben Organisation ihrer Arbeiter über, nach- dem in letzter Zeit Vertragsbrüche seitens der Unternehmer an der Tagesordnung waren. Dieselben werden auch von Herrn Beck. dem Vorsitzenden der Zentrale und Protektor des kommenden gelben Vereins in einem Aufruf, den er versandt hat, offen zugegeben und verteidigt. Was der Herr in dem Schreiben von dem„leidigen Ueberstundenunwesen" sagt, zeigt, daß vor allem die tariflich zu- gestandene Bezahlung der Ueberstunden es den Unternehmern an- getan hat. Angeblich sollen eine Anzahl Arbeittr an die Herren mit der Bitte herangetreten sein, doch einen, von den Unternehmern ausgehaltenen Unterstützungsverein zu gründen. Dieser„Bitte" wollen die Unternehmer allergnädigst willfahren. Beiträge brauchen die Arbeiter in diesem Verein nicht zu zahlen. In einer kürzlich abgehaltenen und fast nur von Fuhrherren und deren Buchhaltern besuchten Versammlung wurde das Projekt verkündet und debattiert. Einige Arbeiter, die den Referenten ge hörig heimleuchteten, suchten dieser mit der billigen Bemerkung ab zutun, daß es Mitglieder des Deutschen TränÄpörtärbeiterverbandeS seien. Es liegt an den Arbeitern des Fuhrgewerbes, diesen heim- tückischen Schlag abzuwehren und Mann für Mann sich dem Deut- schen Transportärbeiterverband— soweit sie noch'tzicht Mitglieder desselben sind— anzuschließen. Berlin und Umgegend. Die Aussperrung im Dachdeckergewerbe. Eine am Sonntag abgehaltene Versammlung der Dachdecker Grotz-Berlins nahm den Situationsbericht des Vorsitzenden Gör- n i tz entgegen. Seit der letzten Versammlung hat der Kampf sich auf vier weitere Betriebe erstteckt, wo die schriftliche Anerkennung c des Tarifs abgelehnt wurde, so daß jetzt bei 46 Firmen die Arbeit ruht. 23 Firmen, die 160 Arbeiter beschäftigen, haben ausgesperrt. Es sind zurzeit ausgesperrt und ausständig 274 Arbeiter, wozu noch 157 Arbeitslose kommen. Es sind demnach zusammen 431 zu unter- stützende Mitglieder vorhanden. Die Arbeitgeber haben sich nun. ob- gleich ein Paritättscher Arbeitsnachweis besteht, eine eigene Stellen- vevmittelung eingerichtet, um sich gegenseitig unorganisierte Arbeiter zuzuschieben. An den Bericht schloß sich eine längere Diskussion, in der in entschiedenster Weise zum Ausdruck kam, daß die Dachdecker Groß- Berlins so lange den Kampf fortsetzen werden, bis ihre ebenso be- scheidenen wie berechtigten Forderungen auf der ganzen Linie be- willigt sind._ Tarifbewegung in den Buchdruckmaschinenfabrike». Die in den Buchdruckmaschinenfabriken beschäftigten Arbeiter nahmen in einer am Sonntag abgehaltenen vollzählig besuchton Versammlung den Bericht über die Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern entgegen. Handle berichtete, daß, nachdem vor vier Wochen eine Kommission beaufttagt sei, in Tarifverhaudlungen mit den Arbeit- 'gebern einzutreten, am 2. August eine Sitzung mit den Beauftragten der Arbeitgeber stattgefunden habe. Diese haben jedoch zu dem ihnen vorgelegten Entwurf einen hartnäckig ablehnenden Standpunkt ein- genommen. Ja, sie vertraten sogar die Ansicht, wenn Sonnabends 1 Stunde und vor den hohen Festen 2 Stunden ftüher aufgehört werden solle— unter Fortzahlung des Lohnes— dann mancher Arbeitgeber seine Existenz in Frage stelle. Dabei, führte Handle weiter aus. habe z. B. die Firma Rockstroh u. Schneider ,m letzten Jahre S Proz. Dividende, gegen 7 Proz. im Vorjahre zur Verteilung gebracht, bei einem Reinüberschuß von 450 000 M. Denselben ab- iebnenden Standpunkt haben die Unternehmer auch bei den vor- geschlagenen Stundenlöhnen eingenommen. Nachdem ber den Ver- Handlungen keine Einigung erzielt werden konnte, ist jetzt von den ÖSTsTTTITTTZT aric.___ cm_ Jf. 3 CO__ Hr»r/»-rtfrn• Streik in der Kartonnaaenindustric in Annaberg- Buchholz-Sehma. Am Sonnabend, den 17. August legten in der Mehrzahl der Betriebe die Kartonnagenarbeiter genannter Orte die Arbeit nieder, weil die Fabrikanten trotz mehrmaliger Verhandlungen den Akkord- arbeitern keine zufriedenstellenden Zugeständnisse machten. Die Fabrikanten wollen, wie im Jahre 1907, auf die schlechtbezahlten Muster eine entsprechende Erhöhung eintreten lassen. Die Akkord- arbeiter haben aber 1907 mit diesem Versprechen so schlechte Er- fahrungen gemacht, daß sie diesmal darauf nicht eingehen wollen, sie verlangen eine prozentuale Erhöhung der Löhne oder Garantie- löhne. Bemerkt sei, daß die Ausarbeitung eines Akkordtarifs bei den Tausenden von Meistern auf sehr große Schwierigkeiten stößt. Die Löhne der Movdarbeiter sind weit schlechter als die der im Lohn Beschäftigten, sie betragen zumeist unter 20 M. pro Woche. Daß die Löhne zu niedrig sind, sehen schließlich auch die Fabrikanten ein. Um sie höher erscheinen zu lassen, verfielen die Unternehmer auf einen sonderbaren Berechnungsmodus: sie berechnen die jähr- liehen Arbeitstage, dividieren sie durch 6, bekommen dann 48 Wochen heraus und schließlich Löhne von 22 M. und mehr, wobei noch die zirka 100 Ueberstunden eingerechnet sind, während das Jahr zu 52 Wochen gerechnet nur 20,03 M. herauskommen. Einige Betriebe haben Filialen in Oberwiesenthal, auf die sich der Streik ausdehnen wird, weil dort den Arbeitern zugemutete Streikarbeit von diesen abgelehnt werden wird. Zuzug von Kar- tonnagenarbeitern ist fernzuhalten. Lohnbewegung der Mainflöster. Die im Transportarbeiterverband organisierten Mainflößer fordern eine Erhöhung der Löhne um durchschnittlich 4 M. pro Woche, Regelung der Arbeitszeit auf den Stapelplätzen und auf der Fahrt, Herabminderung der festgesetzten Fahrtdauer um einen Tag, sowie die Jnnehaltung der strompolizeilichen Vorschriften während der Fahrt. Die jetzt geforderten Löhne und Arbeitsbedingungen waren den Flößern bereits im Jahre 1907 in einem zwischen den Floßherren und dem Hafenarbeiterverband abgeschlossenen Tarifvertrag zuge- sichert. Durch die von den Christlichen und den Unternehmern ge- meinsam betriebene Zersplitterungsarbeit wurden die Flößer zum größten Teil der Organisation wieder untreu, so daß der im Jahre 1908 von den Unternehmern gekündigte Tarifvertrag nicht mehr erneuert werden konnte. Lohnabzüge bis zu 6 M. pro Woche und Verlängerung'der seinerzeit durch tattfliche Bestimmungen 12% Stunden pro Tag ohne Pausen betragenden Arbeitszeit waren die Folgen. Auch die Dauer der Floßreisen, die tariflich auf 9 Tage bemessen war, erfuhr vielfach eine Verlängerung um einen Tag, so daß die Unternehmer bei früherer Beendigung der Reise die Arbeits- kraft der Flößer bis zum neunten Tage ohne besondere Vergütung auf den Depotplätzen in Mainz, Kostheim, Mombach und Schlier- stein in Anspruch nahmen. Auch die Beköstigung erfuhr durchgehend eine Verschlechterung. Die Flößer sind aber mit der Zeit zur besseren Einsicht ge- kommen. Sic haben in den Jahren 1910 und 1911 den Anschluß an den Deutschen Transportarbeiterverband vollzogen und nun- mehr, nachdem der Organisation etwa 90 Proz. der Flößer wieder- um als Mitglieder angehören, haben sie den Unternehmern ihre Forderungen eingereicht. Auch die Konjunktur ist eine sehr gute zu nennen, ist doch von dem in Mainz, Blombach und Schlierstein lagernden Floßholz auch nicht mehr ein Stück vorhanden, das nicht bereits verkauft wäre, und ist doch wegen der mangelhaften über- seeischen Zufuhr auf dem Holzmarkt in Bayern und Baden starke Nachftage. Frist zur Antwort auf die eingereichten Forderungen ist den Unternehmern bis zum 24. August er. gesetzt worden. Von den Frachtflößereien ist zu erwarten, daß sie zu Ver- Handlungen geneigt sind. Inwieweit die Regieflößereien denselben guten Willen haben werden, bleibt abzuwarten. Die Flößer haben die Zeit ihrer Organisattonszugehörigkeit sehr tüchttg ausgenutzt und gute Vorkehrungen für einen eventuellen Kampf getroffen, Streik beim städtischen Festhallenbau in Breslau. Die schlefische Betongesellschaft, die einen Teil der großen Festhalle für die nächst» jährige Jahrhundertfeier ausführt, hat am Freitag zwölf Arbeiter ohne Grund plötzlich entlassen und an ihre Stelle andere Arbeiter eingestellt. Versuche um Wiedereinstellung der Entlassenen scheiter- ten an dem mangelnden Entgegenkommen der Firma. Infolgedessen haben 70 Betonarbeiter und 33 Zimmerer die Arbeit niedergelegt. ZZuslanck. Generalstreik in Rom. Einer Meldung der„Pretz-Centrale" zufolge ist am 19., nach- mittags 3 Uhr, der Generalstreik in Rom ausgebrochen als Protest gegen die Reorganisation des Hospitaldienstes durch einen könig- lichen Kommissar. Die Abendblätter erschienen bereits gegen 4 Uhr nachmittags, um den Setzern die Teilnahme an dem allgemeinen Demonstrationszug durch die Stadt zu gestatten. Der französische Gewerkschaftskongreß, der vom 16.— 22. September in Havre stattfindet, soll sich mit folgenden durch Absttm- mung unter den Organisationen beschlossenen vier Punkten be- schäftigen: Die Verkürzung der Arbeitszeit und die englische Ar- beitswoche; die antimilitaristische Agitation; das Altersrentengesetz; die Lebensmittel- und Wohnungsteuerung. Tie Seeleute an der Westküste Frankreichs haben nach 55 Tagen harten Widerstandes die Arbeitsaufnahme beschließen müssen, nach- dem auch die Entsendung einer großen Delegation zu den Mi- nistern nichts gefruchtet. Nur in Marseille geht der Kampf Wetter. Beendet ist der Ausstand der Dockarbeiter in Santoi(Süd- amerika)._ Eue Induftnc und Kandel. Hohe Dividende der Zuckerfabriken. Die Geschäftsergebnisse der Zuckerfabrikation im verflossenen Jahre waren trotz des Ausfalls in der Zuckerrübenernte durchaus bestiedigend. Schon in den Jahren 1909 und 1910 ließ sich eine aufwärts gerichtete EntWickelung des Dividendenertrags beobachten. Die durchschnittliche Dividende von 103 Aktiengesellschaften der Zuckerfabrikation mit 120,34 Millionen Mark Aktienkapital er- rechnete sich im Jahre 1909 auf 10,3 Proz., gegen daS Vorjahr eine Besserung um 1,5 Proz. Für das Geschäftsjahr 1910 sind 98 vergleichbare Bilanzen von Zuckerfabriken bekannt geworden. Auf ein dividendenbercchtigtes Aktienkapital von 128,16 Millionen Mark wurde eine Dividende von 13,18 Mill. M., d. h. 40,9 Proz., ausgeschüttet. Die nämlichen Betriebe hatten das Jahr zuvor durch- schnittlich 10,5 Proz. zur Verteilung gebracht. Da die meisttn Unter» nehmungen der Zuckerfabrikation ihre Bilanz erst mitten im Kalender- jähr abschließen, so liegen bisher nur 31 Geschäftsberichte von Zuckerfabriken für das letztvcrflosiene Betriebsjahr vor. Diese Unternehmungen basierten in den beiden letzten GeschäftSperioden auf einem gesamten Nominalkapital von 31,79 Millionen Mark. Beim Abschluß der vorletzten Bilanz flössen den Aktionären 2,56 Millionen Mark zu. Die Dividcndensumme am Ende des Rechnungsjahres 1911/1912 belief sich auf 8,16 Millionen Marl. Somit ist die durchschnittliche Quote der Gewinnbeteiligung bei diesen Betrieben von 8,1 Proz. auf 10,0 Proz. gestiegen. Die An- teile der größten Unternehmungen, soweit sie an der Börse notiert werden, weisen seit Beginn dieses JahreS zum überwiegenden Teil eine steigende Kursentwickelung auf. Hetzte Nachrichten. Zur türkischen Ministerkrise. Konstantinopel, 19. August.(W. T. B.) Wie eS heißt, soll Reschid Bcy, ein Mitglied der Entente liberale, der jetzige Wali von Smhrna, zum Minister des Innern ernannt werden. Türken und Montenegriner im Gefecht. Cettinje, 19. August.(P. C.) Im Bezirk Berane ist seit gestern ein heftiger Kampf zwischen türkischen Truppen und monte» negrinischcm Militär im Gange. Längs des ganzen Grenzdistrikts ist starker Kanonendonner vernehmbar. Einzelheiten fehlen noch. Der Donner der Geschütze dauerte den ganzen Tag an. Konstantinopel, 19. August.(W. T. B.) Hier geht daS Ge» rücht, daß die Montenegriner Barane eingeschlossen hätten. Korruption in einem amerikanischen Ministerium. Washington, 19. August.(W. T. B.) Der Bericht der Majorität der Ackerbaukommission des Repräsentantenhauses greift nachdrück- lich das Ackerbaudepartement an für seine Beteiligung am E n t w ä s s e r u n g s p r o j c k t des E v e r g la d e Ssu mp f e S in Florida. Der Bericht erklärt, das Departement arbeite zugunsten von Güterhändlern anstatt für das öffentliche Wohl. Der Bericht kritisiert insbesondere den Hilfssekretär des Departements H a h S, von dem behauptet wird, er dulde Transaktionen, die mtt Ehre und Rechtlichkeit in Widerspruch ständen. Der Bericht der Minorität stellt diese Behauptungen in Abrede und sucht Hays zu entlasten. Tie chinesische Nationalversammlung gegen Nuanschikai. London, 19. August. Das Reuterschc Bureau meldet aus Peking: Nach einer stürmischen Sitzung hat die Nattonalversamm- lung mit 52 gegen 11 Stimmen beschlossen, an den Präfidenten Nuanschikai eine Petition zu richten, er solle nähere Aufklärung über den Tatbestand geben, auf Grund dessen zwei Offiziere unter der Beschuldigung, sie hätten zu einer neuen Revolutton anfzu» reizen versucht, verhaftet und ohne Urteil erschossen wurden. Die Petition verlangt in drei Tagen Antwort. Wenn die Antwort unbefriedigend ausfällt, will die Nationalversammlung Nuanschikai auffordern, persönlich Erklärungen abzugeben. Wenn sie auch dann noch unbeftiedigend bleibt, will das Haus Duanschikai oder der ge- samten Regierung ein Tadelsvotum aussprechen. Die Hinrichtung der Offiziere hat in der ganzen Provinz Hupe große Erregung hervorgerufen._ Durchgegangener Bankdirektor.~~■ Lemberg, 19. August.(P. E.) Ter Großindustrielle und Bank- direktor Spindel aus Kalusz ist unter Hinterlassung von Pas. siven in Höhe von 1 260 000 Kronen flüchtig geworden. Ueber das Vermögen Spindels ist der Konkurs verhängt worden. Spindel hat sich Spareinlagen im Betrage von 400 000 Kronen angeeignet. So- ivohl der Vater wie der Schwiegervater des Flüchttgen, die gleich- ffalls in Kalusz ansässig sind, gehören zu den reichsten Leuten der Stadt.__ Die Autoraserei, Bernburg, 19. August. Musik. Was vom Berliner musikalischen Bühnenwesen den Krallen des Pleitegeiers entgangen ist, scheint jetzt in eine besonders heiße Konkurrenz hineinzugeraten. Das Theater des Westens kann allerdings noch von der R e i n h a r d t schen Inszenierung der „Schonen Helena" Offen bachs zehren. Am Sonntag gab's zum Saisonbcginn eine Auffrischung— oder auch nicht: Die charakteristische Konsequenz der Durcharbeitung war höchstens gleich- geblieben, die Zurücksetzung des Musikalischen hinter das Schau- spielerische noch merkbarer; und der neue Kapellmeister Fritz Redl erreichte eS nur eben, den Operettenton überhaupt gut zu treffen. Ritter: In weiten Kreisen ist man der Ansicht, daß das bureaukratische Element im Parteivorstand überwiegt. Deshalb verlange man Reorganisation desselben. Redner wünscht, daß fünf unbesoldete Mitglieder dem Parteivorstond zugefügt werden. In Sonderkonferenzen sieht Redner keine Gefahr. Man solle die Ab- geordneten nicht beschränken und ihnen Bewegungsfrekheit lassen, was wir aber verlangen könnten, daß sei vollste Auskunft über die gepflogene Verhandlung. Brühl: Vom Parteiausschuß sage man, er würde nur als Dekoranon dienen. Man könne sich aber ja ansehen, wer hinein- kommt, e9 dürsten nur solche Mitglieder gewählt werden, die vom Vertrauen ihres Kreises getragen sind. Vorkommnisse, wie die an- läßlich der Marokko-Afäre erfolgt sind, würden allerdings auch nicht durch einen Parteiausfchuß verhindert werden können» K ü t e r wendet sich ebenfalls gegen den Parteiausschuß. Zum Antrag bezüglich der Konferenzen erklärt er, wogegen die Genossen sich wenden ist der Umstand, daß Konferenzen einbruftn werden zu einem besonderen Zweck. Bei zufälligen Besprechungen wäre es ja etwas anderes, bei den Konferenzen aber bestehe von vornherein eine bestimmte Absicht. Durch Annahme eines Schlußantrages wurde die Debatte be- endet.— In der Abstimmung wurden folgende Anträge an- genommen: Resolution zur Jugendagitation. „Mit Rücksicht darauf, daß die Verfolgungen der Arbeiter- jugend durch die Polizeiorgab« bei Zusammenkünften. Spazier- gängen und Ausflügen immer mehr um sich greifen und die Jugendlichen unserer politischen Organisation bis zum 18. Jahre gesetzlich entzogen sind, beauftragt der Parteitag den Partei- vorstand Maßnahmen zu treffen» daß die Jugendlichen in der Zeit von 18 bis 20 Jahren um so gründlicher aufgeklärt und für unsere Bestrebungen gewonnen werden." Resolution zum Branntwcinbohkott. „Der Chemnitzer Parteitag erneuert und bekräftigt den> von dem Leipziger und Magdeburger Parteitag beschlossenen Brannt- weinbvykott. Der Parteitag stellt fest, daß die bisherige Durch- führuug des Boykotts an vielen Orten eine erhebliche Verminde- rung des Branntweinverbrauchs zur Folge gehabt hat. die im Interesse der körperlichen und geistigen Volksgesundheit, der ge- steigerten Kampffähigkeit des Proletariats und der Schwächung seiner bösartigsten Feinde freudig zu begrüßen ist. Er erkennt zcdoch für viele andere Orte eine viel schärfere Durchführung des Parteitagsbeschlusses als notwendig und verpflichtet insbesondere die Vertrauenspersonen zu deren energischster Unterstützung. Der Parteitag erklärt, daß der Beschluß sich auf Spirituosen jeder Art bezieht, da er nicht allein der Bekämpfung des osdelbischen Junkertums, sondern auch als praktische Protestaktion gegen das herrschende Steuersystem dient. Diese Protestaktion ist durch die neueste, unter dem Namen:„Abschaffung der Liebesgaben" er- folgte weitere Belastung der ärmsten Schichten zugunsten des Militarismus und der Schnapsproduzenten besonders dringlich geworden, zugleich aber bezweckt sie auch die Förderung der durch den Alkohol gefährdeten Volksgesundheit. Er erkennt jedoch eine viel schärfere Durchführung des Partei- befchkusscs als notwendig an und verpflichtet die Parte igenoLj«» zu deren energischster Unterstützung." Anträge. 1. Im§ 5 sechste Zeile hinter„6 Pfennig" ist einzufügen: „in Kreisen, wo sehr niedrige Löhne gezahlt werden» sind zunächst Ausnahmen zulässig. Doch dürfen die Beiträge nicht geringer sein, als im bisherigen Organisationsstatut angegeben." 2. Der vorgeschlagene Parteiausfchuß ist abzulehnen. Vermehrung des Parteivorstandes durch unbesoldete Beisitzer, deren Zahl auf sieben zu erhöhen ist. Ausdehnung der Rechte der Kontrollkommission und Beibehaltung der im Z 19 des Organisationsstatuts vorgesehenen Konferenzen. 3. Der Parteitag möge beschließen: „Der Parteitag mißbilligt die Abhaltung von Sonderkonfe» renzen jeder Art.— Die Abgeordneten sind in erster Linie Mitglieder der sozialdemokratischen Parteiorganisation ihres Kreises und haben als solche daher die Pflicht, diesen ihre Anschauungen und Meinungen über alle daS Parteileben berührende Fragen zu unterbreiten." 4. ß 23 Absatz 2 deS Organisationsstatuts ist wie folgt zu ergänzen:„Ueber die Zugehörigkeit zur Partei entscheidet der Vorstand der zuständigen Bezirks--' oder LandeSorgamsation „oder eine von diesen eingesetzte SchiedS- g e r i ch t S k 0 m m i f f i 0 n". Die vorstehenden Anträge wurden, wie bemerkt, angenommen. Die Hauptrollen waren neu besetzt. Der Nachfolger PallenberaS in der Darstellung des MenelauS, Hermann Feiner, hatte einen besonders schweren Stand: in der nun einmal gegebenen Gesamtanlage sollte er doch mal bleiben— da kam nicht viel anderes als eine Variante feines Vorgängers heraus. Der neue Vertreter des Paris, KarlBaum als Gast, verfügt über eine gute Stimme, behandelt sie jedoch namentlich in der Hohe etwas un- gefüge. Die Titelrolle gibt jetzt Martha Kriwitz. Auch ihre schöne Stimme könnte noch besser behandelt sein. Aber in der Ausdruckgebung, in der Dialogsprache und namentlich im Spiel ist sie hervorragend; die Gegensätze zwischen Pathos und Spaß, zwischen Zurückhaltung und Entgegenkommen, zwischen Hochdeutsch und Wienerisch kamen sehr bündig heraus; und zu der— sagen wir: anatomischen Konsequenz, die in der vorhandenen Inszenierung liegt, fügte sie so viel wirkliche Natürlichkeit, so viel frauenhafte Zartheit und Schalkhaftigkeit hinzu, daß weiteren Leistungen von Ihr mit Interesse entgegengesehen werden kann. a». Notizen. — Der verein Berliner Presse besteht mit dem 20. August fünfzig Jahre. Nicht das ist daS Merkwürdige, sondern ein anderes. In Reklameartikeln, die dieser Tage durch alle bürger- lichen Zeitungen gingen, marschierten schon eine Anzahl berühmter Journalisten und Schriftsteller mit Nennung ihrer Namen auf. Nur von Robert Schweichel, dem eigentlichen Gründer und sieben- maligen Vorsitzenden und nachherigen Ehrenpräsidenten wurde nicht gesprochen. Doch keineswegs, weil Schweichel tot ist, sondern weil er Sozialdemokrat war I Er hatte doch nur zu sehr recht, wenn er unter dem vergeblichen Bemühen, die„Helden der Feder" zur Selbstachtung zu erziehen, oft verzweifelte. Und heute können ihre Brotgeber mit Genugwnng sagen: Seht, das find die Kreaturen, die wir machten I — Der 8. Internationale Esperantokongreß tagte diesmal vom 11.— 18. August in Krakau. Er hatte insofern eine besondere Bedeutung, als mit ihm die Feier des 2öjährigen Bestehens der internationalen Hilfssprache Esperanto verbunden war. Im Mittelpunkte deS Interesses standen die Esperantoaufführunaen des polnischen Dramas„Mazepa" und der polnischen Oper„Halka". Beide waren meisterhaft von einem der hervorragendsten Kenner deS Esperanto Antoni von Grabowski übertragen worden und gelangten durch erste polnische Künstler in vollendeter Weise zur Darstellung. — Was der neueCampanile kostet. Dieser Tage sind in Venedig die Baukosten für den neuen Campanile bezahlt worden. Der Wiederaufbau hat 2 288 819,61 Lire gekostet! Hi«von kommen 1812 063 Lire auf den eigentlichen Turm, der Rest auf die Loggietta. Der Voranschlag für die Baukosten, in dem 1 800 000 Lire angesetzt worden waren, ist also ganz erheblich überschritten worden. Die ükngen MIragZ bsk Vorsage MMN WrückASzsM bejichung?« weise abgelehnt. Brühl ersucht die Versammlung, für die Kontrollkommission den Genossen Ernst wieder in Vorschlag zu bringen. Die Ver- sammlung stimmte dem zu. Desgleichen� beschloß die Versammlung. Brühl und Wengels wieder für den Parteivorstand vorzuschlagen. ES wird daraus verzichtet, zum eventuellem Parteiausschutz einen eigenen Kandidaten auszustellen. Als Delegierte zum Parteitag wurden gewählt: Paul Barthel. Küter. Lorenz. Olga Zepernick. Turm.— Kür den KreisbildungSausschutz wurden ge- wählt: Jarobsen, Klause, Zimmermann. Gabel und Gründler. Die Wahl als Schiedsgerichtsbeisitzer siel aus Witzle. Hiermit war die Tagung zu Ende. ZentralwaMverein für Cdtew-Bccsltow. Die Generalversammlung fand am Sonntag im..Volkshause" in Charlottenburg statt. Anwesend waren 140'Delegierte aus 48 Orten, außerdem Vertreter des Zentralvorstandcs und der Aunktionäre. Nach dem Vortrag zweier BegrützungSgesänge durch die„Chat lottenburger Liedertafel" erhielt Genosse G r o g e r das Wort zum Geschäftsbericht. Der Redner verwies auf den gedruckt vorliegenden Jahres Bericht und kam dann auf die letzten Reichstagswahlen zu sprechen, welche dank der äußerst intensiven Tätigkeit der Parteigenossen auch für den Kreis Teltow-BeeSkow einen erfreulichen Abschluß ge- funden haben. Der Kandidat Genosse Zubeil hat 163 73S Stimmen auf sich vereinigt, das ist gegen 1367 ein Zuwachs von 83 661 Stimmen. Aber auch die Freisinnigen haben einen Zuwachs von 31 623 Stimmon, wenn auch nicht außer Betracht gezogen werden darf, dah hierin die Stimmen der Nationalliberalen, die diesmal keinen eigenen Kandidaten aufgestellt hatten, enthalten sind. Die Konservativen verloren hingegen 23 282 Stimmen. Zu der Reichs tagswahl wurde in über 286 Versammlungen Stellung genommen, sowie 1 888 386 Flugblätter und Broschüren verteilt. So erfreulich das Resultat der Reichstagswahl sei, müsse aber doch betont werden, daß die Mitgliederzunahme in keinem Verhältnis zu den abge- gebenen Stimmen stehe. Der Zuwachs im letzten Jahre betrug nur 3231 Mitglieder. Nur 16,28 Proz. der Wähler, die sozialdemokra- tisch stimmten, gehören der Organisation an. Nach der Reichstags- Wahl 1367 vereinigte der Wahlvercin aber schon 26 Proz. der sozial- demokratischen Wähler. Es müsse danach gestrebt werden, anderen Parteiorganisationen, die in dieser Beziehung weit voraus sind, nachzueifern. Auch der Fluktuation, die ganz außerordentlich groß ist, müsse vorgebeugt werden. Den einzelnen Wahlvereinen werden dahingehende Vorschläge unterbreitet werden, die Funktionäre könnten aber jetzt schon Abhilfe dadurch schaffen, indem sie die .säumigen Beitragszahler rechtzeitig besuchen und an ihre Pflicht erinnern. Damit Hand in Hand gehe die Aufgabe, die neu- gewonnenen Mitglieder mit unseren Bestrebungen mehr vertraut zu machen. Der Kreiswahlverein zählt jetzt 82 örtliche Wahlver- eine; neu hinzugekommen sind Motzen, Sputendorf und Zeuthen. Die Abonnentenzahl der Parteipresse ist ebenfalls gestiegen, beim „Vorwärts" von 36 663 auf 37 742. Auch dieses Resultat befriedige aber nicht im Hinblick auf die Steigerung der bei der Reichstags- Wahl abgegebenen Stimmen. An den Gemeindewahlen waren unsere Genossen im letzten Jahre in 41 Orten des Kreises beteiligt. 24 neue Sitze wurden dabei erobert und zählt die Partei jetzt ins- gesamt 228 Vertreter in den Kommunalverwaltungen. In vier Gemeinden haben sie die Mehrheit. Einer Anregung, für diese Gemeindevertreter einen Leitfaden herauszugeben, der Winke für die Praxi? enthält, konnte der Zentralvorstand noch nicht Folge leisten, da die Nachfrage noch zu gering war. Der Redner weist dann auf die kommenden Landtagswahlen hin. Bei gründlicher Vorarbeit und Anspannung aller Kräfte müsse eS gelingen, wenigstens den Kreis Schöneberg-Neukölln zu erobern. Aber auch der Landtagswahlkreis Teltow-Beeskow könne den Konservativen «ntrissen werden, wenn es dem Freisinn ernst damit sei, vie beiden setzigen stockreaktionären Vertreter aus dem Landtag zu ver- drängen.— Im Anschluß an seinen Bericht begründete Genosse Kroger dann noch folgenden Antrag des Zentralvorstandes: Anträge zur Kreis-Generalversammlung sind den Dele- gierten zur Kenntnisnahme vor Stattfinden derselben zuzustellen. Die Wahlvereine sind jedoch verpflichtet, dem Zentralvorstand dieselben mindestens 14 Tage vor der KreiS-Gencralversammlung einzusenden. Außer den so eingesandten Anträgen sind nur Ab- änderungsanträge zu diesen zur Verhandlung zuzulassen. Mit diesem Antrag solle verhütet werden, daß Beschlüsse ae- faßt werden, deren Tragweite nicht zu übersehen ist und die daher vom Vorstand nicht zur Ausführung gebracht werden können, Hierauf gab Genosse Pagets den Kassenbericht. Die gedruckt vorliegende Abrechnung weist eine Einnahme von !l46 382,47 M. und eine AuSgabe von 122 184,68 M. auf, so daß ein Bestand von 18 767,82 M. verbleibt. ES wurden insgesamt 366 623 Beitragsmarken verkauft, und zwar 224 632 Männermarken und 66 836 Frauenmarken. Der Verkauf an Männermarken ist im letzten Halbjahr um über 9666 gegen das erste Halbjahr zurück- gegangen, während die Frauenmarken in dieser Zeit eine Steige- rung um 2286 erfuhren. Diese Erscheinung verdiene Berücksichti- «ung. Die Abrechnung zeige auch, daß einzelne Orte noch Zu- fchüsse erforderten, es müsse daher den Vorständen Sparsamkeit anempfohlen werden. Die Abrechnung von der ReichstagSwahl zeige, daß manche Einnahmequelle, die früher viel Geld eingebracht habe, jetzt versiege. So sind auf Sammellisten diesmal 2666 M. weniger eingekommen als 1367. Die Ausgaben erforderten aber «iesige Summen, so daß die Zentralkasse einen Zuschuß von 23 888,34 M. leisten mußte. Es sei aber ein schöner Sieg damit errungen worden und der vorhandene Kassenoestand gestatte es, auch bei den LandtagSwahlen den Gegnern ein Tänzchen aufzu- spielen. Genosse P a g e l s beklagt dann die späte Abrechnung ein- zclner Wahlvereine und empfiehlt als wirksames Mittel gegen «lesen Mißstand den nachstehenden Antrag des Zentralvorstandes: Gemäß ß 4 Abs. 3 des Organisationsplanes des KreiseS hat die Abrechnung an den Zentralvorstand bis zum letzten Tag des dritten Monats im Quartal zu erfolgen. Erfolgt die Abrechnung eines Wahlver-, nS so spät, daß sie im Jahresbericht keine Auf- nähme mehr finden kann, sind denjenigen Wahlvereinen soviel Delegierte in Abzug zu bringen, als durch deren Säumiakeit die Delegiertenzahl des Kreises zur Verbandsgeneralversammlung in Groß-Berlin dadurch gekürzt w,rd. SS folgte dann der Bericht der Prehkommisstoi� dtt vom Genossen Heinrichs gegeben wurde. Dieser wie» u. a. auch auf die ueberschreitung des Raumverbrauchs durch die Re- daktion deS. Vorwärts' hin, gab aber seine Ansicht dahin kund daß der festgelegte Raum erweitert werden müsse, da die neuen Auf- gaben, welche die Partei sich gestellt hat. auch größere Ansprüche an die Redaktion stellen, die im nvrigen immer ihre Pflicht getan und auf der Höhe gewesen sei. Die neue Einrichtung, der Vertrieb literarischer und wissenschaftlicher Werke, hat sich gut bewährt; 3006 derartige Bücher konnten im letzten Jahre umgesetzt werden. Die Beschwerden über die juristische Sprechstunde, die früher sehr oft geführt wurden, seien jetzt völlig geschwunden. Die Einrichtung. daß dort auch Schriftstücke ausaeferngt werden, ist sehr begrüßt worden. Der Redner sprach noch den Wunsch aus, die Abonnements. auittungen immer pünktlich einzulösen, um dadurch auch den Zeitungsfrauen die Arbeit zu erleichtern. Den Antrag, die Gratis- lieferung des„Vorwärts" zu erweitern, bekämpft Redner, da da- durch eine Rehrausgabe von mindestens 44 666 M. entstehen würde. Der Bericht der Lokalkommission tBUh tcffl Gvivsseg Kehr Mattet- Dieser wie» fcölflöi(ist« ssass auf einer Konferenz Klage darüber gsführk sei, daß die Ver� liner Genossen so wenig die Lokalliste beachten. Aber auch viele Genossen an den einzelnen Orten machen sich diese? Verstoßes schuldig. Diese? Verhalten müsse sehr gerügt werden, da infolge- dessen die Wirte nicht daran denken, ihre Säle zu Versammlungen herzugeben. In ihrem Bericht der Frauen-Agitationskommission ermahnte die Genossin Juchacz besonders die organisierten Parteigenossen, ihre Frauen mehr der Organisation zuzuführen. Die frühere Animosität unter den Genossen gegen die Organisation der Frauen sei ja zwar schon geringer geworden. Die Zukunft werde es aber auch beweisen, daß die Frauen ebenfalls ihren Platz auszufüllen verstehen. Die Berichterstattung schloß mit dem vom Genossen P i e ck ge- gebenen Bericht des KreisbildlurgSausschusses. Dieser habe ein schönes Stück Arbeit geleistet. Leider hätte eine ganze Reihe von Orten noch nicht daran gedacht, Bildungsausschüsse zu errichten. Die Feste der Arbeiter müßten veredelt werden; die Erziehung der Arbeiter zum Genuß guter Kunst muß angestrebt werden. Der Bildungsausschuß wird einen Lichtbilderapparat an- schaffen, der zur Unterstützung guter Vorträge dienen soll. Der Vertrieb guter Jugendschriften und künstlerischen Wandschmucks wird durch eine Wanderausstellung gefördert werden. Redner be- dauert, daß der Frage der Bezirksbildungsausschüsse noch nicht nahegetreten worden sei und spricht die Hoffnung aus, daß dies in kurzer Zeit geschehe. Die Diskussion. Kronberg teilt u. a. mit. daß in Nowawes mit der Hans- kassierung gute Erfahrungen gemacht worden seien. Die Befürch- tnng, daß darunter der Versammlungsbesnch leiden würde, sei nicht eingetroffen, es seien aber seitdem stabilere Verhältnisse einge- treten. Die Art der Agitation unter den Frauen müsse jedem Ort selbst überlassen bleiben, dann könne mehr Rücksicht auf die Ver- hältnisse genommen und eine Fluktuation vermieden werden. Küker unterbreitet einen Wunsch der Schönebcrger Genossen, daß die Maimarken seitens der Partei und Gewerkschaften einheit- lich nur bis zu einem bestimmten Termin ausgegeben werden sollen. Jetzt geben die Gewerkschaften noch im August Marken aus; dadurch komme es, daß sie mehr umsetzen und der Partei dann den Vorwurf machen, sie vertreibe nicht genug Mäimarken. Huhn nimmt Bezug aus folgenden Antrag Mariendorf: „Es sind alljährlich vor dem Stattfinden der Gemeinde- Wahlen die Leiter der örtlichen Organisationen zu einer Konfe- renz zusammenzurufen, in der eine sachgemäße Aufklärung über die Technik und die notwendigen Arbeiten zu den Gemeinde- Wahlen gegeben wird. Hierzu beantragt der Zentralvorstand: Hinter die Worte ...„die Leiter der Organisationen" zu setzen:„bezirksweise auf Antrag". Der Redner wünscht, daß aus dem Zusatzantrag des Zentral- Vorstandes die Worte„auf Antrag" gestrichen werden. Hagen wünscht, daß alljährlich vor den Etatsberatungen die Stadtverordneten und Gcmeindevcrtreter zu einer Konferenz zu- sammentreten, um über diese Fragen gemeinsam zu beraten. D i e d o w begründet einen Antrag, die Maimarken in den Orten herabzumindern, in welchen die Löhne mehr der Provinz gleich stehen snämlich in Fassung der Provinz 28 Pf.) und ein Kartellverhältnis mit der Provinz einzurichten. Die Ortsvereine können wenig oder aar keine Dlarken umsetzen, weil die Genossen, die der Gewerkschaft angehören, der Billigkeit halber die Mai- marken von der Gewerkschaft entnehmen. Boeske entgegnet, der Antrag lasse sich nicht so ausführen, wie der Vorredner es wünsche. Das KKrtellverhältniS mit der Provinz sei gelöst, und Groß-Berlin allein könne dies nicht be- schließen. Es werde aber seitens des Vorstandes versucht werden, mit der Berliner GewerkschaslSkommission gemeinsam die Frage zu beraten, wie die Sache abgeändert werden könne. Riedel- Wilmersdorf führt Beschwerde darüber, daß die Be- richte über Stadtverordnetenversammlungen nicht ebenso wie in den bürgerlichen Blättern auch im„Vorwärts" schon am nächsten Tage erscheinen. Mermuth wendet sich gegen diese Auffassung. Der„Vor- wärtS" könne nicht mit der bürgerlichen Presse verglichen werden; was letztere über die Stadtverordnctcnsitzungen bringe, sei wenig oder gar nichts; sie beschränke sich nur auf die gefaßten Beschlüsse. Damit würden aber die Leser des„Vorwärts" nicht zufrieden ein; der„Vorwärts" müsse auch die sozialen Gesichtspunkte der jefaßten Beschlüsse erörtern. Darauf wollen ja auch die Milmers- wrfer Genossen nicht verzichten. Die Raumfrage lasse aber eine doppelte Berichterstattung nicht zu. Die bürgerliche Presse berichte nur über die Vorgänge in den größeren 5wmmunen. der„Vor- wärts" müsse aber auch das kommunale Leben der kleinen Ge- meinden berücksichtigen. Das bringe einen Stoffandrang mit sich, so daß die Berichte oft nicht so schnell untergebracht werden können. wie die Genossen und die Redaktion selbst es wünschen. Im weiteren Verlauf dsr Diskussion besprachen mehrere Redner Angelegenheiten lokaler Natur, auf welche auch die Ge- nossen G r o g e r und P a q e l S im Schlußwort eingingen.— Dann wurde dem Kassierer Decharge erteilt und über die Anträge ab- gestimmt. Der Antrag Charlottenburg wird mit großer Mehrheit abgelehnt. Treptow zieht seinen Antrag zurück. Der Antrag Ketschendorf wird dem Zentralvorstand überwiesen. Der Antrag Mariendorf wird mit der Einschaltung des Zentralvorstandes angenommen. Das gleiche geschieht mit den beiden Anträgen des Zentralvorstandes. Der Antrag betr. Einreichung der Anträge zur Kreisgeneralversammlung er- hält dabei noch ein Amendement Scholz-Rcukölln: „Neue Anträge können nur zur Verhandlung zugelassen und zur Abstimmung gebracht werden, wenn% der Delegierten sich dafür entscheiden." Darauf wurde zu? Wahl des Vorstandes«vd der Funktionäre geschritten. Die Zusammensetzung ist danach jetzt die folgende: 1. Vorsitzender Paul Hirsch, 2. Vorsitzender Emil VoeSke, Schriftführer Max Groger. Kassierer Alex Pagels, Bei- sitzer: A. Stieffenhofer, O. Schenk, Marie Juchacz. Revisoren: Thurow, Wenzel, Riedel, Weinmann und Ligner, Aktionsausschuß: G r o g e r und Pagels, Preß- kommission: Heinrichs und S t u l z. Lokalkommission: Rohr. Vertreterin der Frauen: Frau Juchacz. Kreisbildungsausschuß: S ch u l z- Neukölln.— Für den gcschäftSführendcn Ausschuß für Groß-Berlin werden wieder vorgeschlagen: Ernst. Fischer und Boeske.— Als Beisitzer für den Verbandsvorstand resp. als Mit- glieder der Schiedsgerichtskommission werden in Vorschlag ge- bracht: Küter und Scholz. Die Versammwng schritt nun zur Beratung der Borlage dr» OrganisationSstatutS. Der Refeernt. Genosse Boeske, wies darauf hin, daß seit dem Dresdener Parteitag auch auf jedem folgenden Parteitag ein innerer Kampf getobt habe. Es fänden sich immer wieder neue Genossen, die aus der Partei einen Jungbrunnen machen wollen. Dem Parteivorstand werde nachgesagt, er sei zu alt und besitze keine Initiative mehr; bei großen.politischen Fragen sei er nicht auf dem Posten gewesen. Nun sei neues Blut durch die Wahl jüngerer Genossen in den Parteivorstand gebracht worden, trotzdem erklären sich manche Genossen noch nicht zufrieden. In Jena wurde eine Reorganisation des Vorstandes verlangt. Die zu diesem Zweck eingesetzte Kommission hat zunächst eingesehen, daß mehr Geld- mittel aufgebracht werden müssen, um den Gegnern gegenüber ge- wappnet zu sein. Ter Redner besprach nun den Entwurf der Kom- Mission. Wenn nur% der ReicbStagsfraktion auf dem Parteitage Sitz und Stimme haben solle, dann würden die Parteigenossen, welche die Kleinarbeit verrichten, überhaupt nicht mehr auf den Parteitag kommen, die ReichStagKabaeordneten würden sich ein Wandat Ms»hrM Kreise holen. Es sei«ich nicht gm Platze, den Reichstagsabgeordneten das Stimmrecht zu entziehet. Der vor- geschlagene 32er-Ausschuß würde eher zur Erschwerung, als zur Erleichterung der politischen Aktionen beitragen. Dasselbe gelte von dem politischen Beirat, der durch die Eisenacher Konferenz IN, Empfehlung gebracht worden sei. Der Redner gibt in längeren Ausführungen dem Gedanken Ausdruck, daß manche Parteigenossen eine wahre Sucht hätten, die Partei und deren Einrichtungen zu kritisieren. Besonders nennt er den Genossen Radcck, der in diqer Hinsicht mehrere Artikel geschrieben habe, obgleich er noch nicht lange Mitglied der Partei sei. Die Artikel solcher Schriftsteller würden den Genossen, welche im Lande agitieren, um die Ohren geschlagen. Es sei schwer, wieder gutzumachen, was iene Genossen durch ihre Artikel verdorben haben.— Es sei am besten, die Zu- sammcnsetzung des Parteivorstandes bleibt wie sie ist, denn viele Köche verderben den Brei. Der alte Streit um Radikale und Re- visionisten bestehe mir unter etwa einem Zehntel der Genossen, der übrige Teil sei und bleibe das, was das Richtige ist: Gute Parteigenossen!„ � � Zubeil erwidert zunächst dem Genossen Boeske. daß der politische Beirat nicht von der Eisenacher Konferenz.ersonnen sei. sondern auch von einem Teil der Reichstagsfraktion in Erwägung gezogen wurde. Auch dieser Redner teilt die Ansicht, daß� der 32er-Ausschutz eine Erlahmung der Aktionen herbeiführen wurde. Es wäre das beste, wenn der Parteivorstcnrd die Konferenzen der Sekretäre und Redakteure zu einer ständigen Einrichtung machen würde. Der politische Beirat soll aus der Reichstagsfraktion ge- nommen werden. Es geschieht aber heute schon, daß der Partei-- vorstand mit der Fraktion zu politischen Fragen Stellung nimmt. Etwas müsse zwar geschehen, und das sei die Wahl einer Reihe unbesoldeter Beisitzer. Wenn man dabei die Provinz mit heran- ziehen wolle, sei dagegen nichts einzuwenden, aber auch Berlin verfüge über genügend jüngere Parteigenossen, welche politisch reife Erfahrungen besitzen. Der Vorstand müsse bei vielen Fragen schnell handeln, da sei es besser, die Beisitzer aus Berlin zu nehmen. Der Rcichstagsfraktion das Reckt zur Teilnahme am Parteitag zu. beschneiden, hält Redner für falsch. Manchem Mgeordneten durfte vielleicht damit gedient sein, er braucht sich dann nicht zur Rechen- schaft ziehen zu lassen. Aber es sei doch zu bedenken, daß die Reichstagsabgeordneten die Wünsche der Genossen im Parlamenb vertreten müssen, da könne man ihnen doch die Gelegenheit nicht verwehren, auf dem Parteitag schon dazu Stellung zu nehmen. Ebenso könne man ihnen das Stimmrecht vorenthalten außer in Fragen, welche die Fraktion angehen. Der Redner spricht sich dann ebenfalls gegen eine Aenderung der Delegiertenvertretung aus. Wenn man den kleineren Kreisen größere Rechte einräamen wolle, dürfe man doch nicht vergessen, daß die großen Kreise ganz andere Mittel aufbringen.„,. Ewald begründet kurz die Anträge Tempelhof. Die finan- zielle Frage dürfe bei dem Vertretungsrecht keine Rolle spielen, sondern nur das Parteiinteresse. Wenn ein Mitglied angeschuldigt wird, müsse es abwarten, bis die Instanzen geurteilt haben. Pieck stimmt in der Frage gcs Parteioorstandes dem Ge- nassen Zubeil zu. Weiter nimmt der Redner den Genossen Radeck gegen die Angriffe des eGnossen Boeske in Schutz. Rettig begründet einen Antrag Treptow. Auf idem Parteitag solle nur derjenige Stimmrecht haben, der ein Mandat besitzt. Feiler tritt dafür ein, daß die Reichstagsfraktion nur ein Drittel ihrer Mitglieder delegieren darf. Stulz begründet einen Antrag Charlottenbnrg, den Partei- vorstand um 12 Beisitzer zu verstärken. Dadurch würden die be- amteten Vorstandsmitglieder ganz bedeutend entlastet werden und man brauche keinen Parteiausschuß, der die Aktionsfähigkeit nur erschweren würde. Zubeil begründet hierauf noch einen Antrag,„d i e Steuerfrage auf die Tagesordnung des Parteitages zu setzen". In der Fraktion herrsche jetzt eine geteilte Meinung, wie sie sich zu der Erbschaftssteuervorlage der Regie- rung verhalten solle, die im Herbst zu erwarten sei. Ein Teil stehe auf dem Standpunkt, daß Steuern, welche die Neichen treffen und zur Ablösung solcher Steuern dienen, die das Volk bedrücken, auch dann bewilligt werden sollen, wenn sie zu militärischen Rüstungen Verwendung finden sollen. Der andere Teil will Steuern, die diesen Zwecken dienen sollen, überhaupt nicht bewilligen, der Parteitag müsse daher eine Klärung schassen. Die Diskussion wird nun geschlossen. Der Antrag Zubeil wird in Verbindung mit einem Antrag MphS,„die Lebens- mittelteuerung auf die Tagesordnung des Parteitages zu setzen", angenommen. Der Antrag Tempel Hof wird dann in folgender Fassung angenommen: Dem§ 23 soll als 4. Absatz hinzugefügt werden: Entzieht sich ein Angeschuldigter einem gegen ihu einzuleitenden Schieds- gerichtSverfahren durch seinen Austritt aus der Parteiorgani- sation, so kann das Nichtwiederaufnahmeverfahren gegen ihn eingeleitet werden." Alle übrigen Anträge wurden abgelehnt. Einer Resolution. der Parteitag möge den Brcmntweinboykott erneuern und be- kräftigen, wurde einstimmig zugestimmt. Dann wurden die Resultate der Wahlen der Delegierten zum Parteitag und zum Preußentag verkündet. Zum Parteitag wurden gewählt: die Genossen Paul Feller, AI bin Mohs, Wilhelm Pieck. Frau Röhl und Frau Böhm. Als Ersatzmann fungiert Riedel. Der Zentralvor- stand delegiert T h u r o t».— Zum Preußentag gewählt wurden: die Genossen A. Scholz, R. Küter, O. Ewald und Frau Juchagz. Als Ersatzmann fungiert H. Bade, Der Zentralvorstand delegiert Grog er. Die Beratung über das Statut für Groß-Berlin mußte von der Tagesordnung abgesetzt werden, da das Versammlungslokal infolge des Volksfestes nicht mehr länger zur Verfügung stand. Die Delegierten des Kreises zur Verbandsgeneralvcrsammlung wurden beauftragt, vor Beginn der letzteren am nächsten Sonntag noch dazu Stellung zu nehmen. SozialdeiDOferaliscIjcr Aahlvereln für Potsdam-Spandau-Otthavelland. Die Kreisgeneralversammlung für den Wahlverein Potsdam- Spandan-Osthavelland tagte Sonntag den 18. August, im Etablisic- meni der Brauerei Pichelsdorf- Spandau. Anwesend waren 37 Vertreter, darunter 27 gewählte delegierte, der Kreisvorstand. Genosse Tr. Liebknecht als Abgeördnfter de- KreiseS und Ge- nosse W e l S als Vertreter des ProvinzialsekretariatS. Nach dem stimmungsvollen Vortrag einiger Kampflieder durch den Arbeiter- gesangverein Spandau eröffnete der Kreisvorsitzende Genosse Schubert um 10% Uhr die Versammlung. Zu dem gedruckt vorliegenden Jahresbericht gab er einige kurze Erläuterungen, dabei besonders betonend, daß die Berichte der einzelnen Orte pünktlicher als bish silluzflraße 7, gestorben ist. Ehre keinem Andenken! Die Beerdigung findet am| Mittwoch, den 21. d. M., nachmittags 4 Uhr, von der Halle! de» St. MarkuStirchhole» in| Wilhelmsberg aus statt. 219/5 Ikvi» Vorsttand. erelDB des 8. Berl. Reiclistags- Wahlkreises. Am 3. d. M. verstarb unser Genosse, der Hausdiener Knbel Strelitzer Str. 72(Bezirk 607). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute DIcnSlag, nachmittags 4 Uhr, von der Halle de» Elisabeth-Kirch- | Hofe», Prinzen- Allee, aus statt. , Um rege Beteiligung ersucht 1231/15 I»©r Vorntanc). SoiialfienikraL Hvereia für den i. Berl. Eeiehsiapalireis. Görlitzer«lerlcl. Bezirk igg. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Genosse, der Gastwirt keiorick UebM, Wiener Str. 13, gestorben ist. ßchrc seinem Andenken' Die Beerdigung findet am Milkwoch, den 81. August nach. mittag» 4 Uhr. v°" der L-.chen- Halle de» Smmaus-KirchhoseS in Neukölln, Hentuinwüntje au» statt Ter Vorstand. Arn 18. Ang-ust verschied nach langem schweren Leiden unser lieber Kollege, der Scluriftsetzer Bernhard Hünecke im Alter von 51 Jahren. Sein offenes Wesen und biederer Charakter sichern ihm ein dauerndes Gedenken bei den« 2909b Kollegen der„Vossischen Zeltnng". Die Beerdigung findet statt am Älittwoch. den 21. d. M., nachmittags 4'/« Uhr, von der Leichenhalle dos III. Friedhofes der Gemeinde Pankow, Schönholzer Heide, ans. Sozialdemokraliselier W aöJvereiii des < Bert. Relchstags-Watilkreises. Stralauer Viertel Bezirk 329- k Den Mitgliedern zur Nachricht, gehist«®CIIOl!e, der Handlung»- Richard Kostmann Uibmiet Str. le, gestorben Ist, «Öte seinem Andenken! W Vie man Männer bessert! Die Original- Klabrias-Partie Beide Stücke mit Anton nnd Donat Herrnfeld im den Hauptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf 11— 2(Theaterkasse.) Reiehshallen-Theater Stettiner Sänger. Heu! Die Madit der Töne. Burleske » Meysel. Ansang 8 Uhr, Sonntags 71, Uhr. WWMW Adr.:XQuIi«IIn An I,ahnstr.74I. Flur den Inhalt der Juierate «ideruimmt die Redaktto» dem Bublikum gegenüber keinerlei Berautwortuug. Kuchdrucker« u. BerlagSanstalt Paul Singer». So, Kerltp SW. 9.. 193 29. zchm, 2. KeilM des„Potiiiiils" Kelliiler üollislilßll. � 20« i9a 19. Deutfcljer Ortshranhcnhallcntag. KssiA, den 18. August. Der Hauptverband deutscher OrtSlranlenkassen hat heute sSonntag) abend mit einer kurzen Borversammlung die Arbeiten seiner 19. Generalversammlung begonnen, zu der etwa 1000 Delegierte aus ganz Deutschland erschienen sind. lieber vier Millionen Kassenmitglieder werden durch sie vertreten. Der Vorsitzende des Haupiverbandes, Abg. Frasdorf- Dresden. eröffnete die Verhandlungen mit einem Dank an die Stadt Köln, die den schönen Gürzenich-Saal für die Tagung zur Verfügung gestellt hat. Mit allseitigem Beifall wurde die Mitteilung des Vor- sitzenden entgegengenommen, daß es dem Vorstande des Haupt- Verbandes gelungen ist, ein gutes Vertragsverhältnis mit den Kassen- beamten zu finden, so daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten ge- sichert erscheint. Zu Vorsitzenden wurden gewählt Z o l l e r- Köln für die Arbeitgeber und Witti- München für die Arbeitnehmer. Köln, 19. August. Zur heutigen ersten Versammlung waren mehrere Vertreter der Versicherungsbehörden erschienen. Auch die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und der Deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke hatten Vertreter entsandt. Der Ortskrankenkaslentag wurde zunächst von dem Sprecher der Ortskrankenkasse Köln Pruetz begrüßt. Der Hauptverband deutscher Ortskrankenkaffen hat sich niemals mit den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestleistungen der Krankenversicherung begnügt, seinen An- regungen ist es zu danken, daß die deutschen Krankenkassen Hervorragendes in der Ausdehnung der Krankenfürsorge, in der Krankheitsvorbeugung, in der Bekämpfung der Volksseuchen, in der Fürsorge für Genesende und in der Wohnungsreform geleistet. Diese Leistungen widerlegen den aus Unwissenheit oder Böswilligkeit immer wieder gemachten Vorwurf, daß die deutschen Ortskrankenkassen zu- gunsten einer bestimmten politischen Richtung mißbraucht werden. Ist es doch der Hauptverband der deutschen Ortskrankenkassen ge- wesen, der lange vor der gesetzlichen Einführung der Verhältniswahl bei den Krankenkasienwahlen für dieses Wahlsystem eingetreten ist. Im Namen des Vorstandes antwortet hierauf der Vorsitzende des Hauptverbandes Abgeordneter Fräßdorf-Dresden: ES gibt keine Organisation in Deutschland, deren Mitgliederzahl sich messen könnte mit den fünf Millionen Versicherten, die hinter unS stehen. Dem- nächst tritt das neue Recht in Kraft. Wir wissen heute noch nicht, ob und wie weit sich die einzelnen Kassen nun endlich zusammen- schließen werden, wir wissen auch nicht, ob die heutige Fornr der Ortskrankenkaffen auch unter der Reichsversicherungsordnung weiter bestehen wird. Aber werde es, wie es will, in den Krankenkassen werden Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Beamte immer nur im Jntereffe der Krankenversicherung selbst wirken.(Lebhafter Beifall.) Abg. F r ä ß d o r f wendet sich nun zur Besprechung des Aerztekonflikts. Die Kassen erwarten von uns Richtlinien, an die sie sich halten können, um die Kassen vor unberechtigten Angriffen zu schützen. Der Aerzteverband ist sogar dazu übergegangen, seinen Mitgliedern zu sagen, daß sie gegebenenfalls die kaffenärztliche Hilfe verweigern sollen. Wir müssen Waffen suchen, um die Kassen zu schützen vor dem, was ihnen die Aerzte androhen. Wir wollen aber auch prüfen, ob und inwieweit die Forderungen der Aerzte berechtigt find. Wir kündigen den Aerzten nicht den Krieg an, wir haben uns immer '"mur in Verteidigungsstellung befunden, aber in dieser Verteidigungs stellung wollen wir stark und einig sein.(Lebhafter Beifall.) Nichts ist falscher als der Vorwurf, daß wir uns im Verband der Ortskrankenkaffen mit politischen Angelegenheiten beschäftigen. In letzter Zeit ist ja sogar empfohlen worden, einen besonderen Verband der auf nationalem Boden stehenden Ortskrankenkaffen zu gründen. (Lachen.) Auf diese Weise will man Politik in die Kassen und Kassenverbände erst hineintragen.(Sehr richtig I) Wir aber wissen. daß wir uns, wenn unser Verband segensreich wirken soll, aller Politik fernzuhalten haben. Wir haben uns denn auch nie mit Parteipolitik beschäftigt, sondern nur mit Sozial- Politik.(Lebhafter Beifall.) Wir freuen uns des harmonischen Zusammenarbeitens von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Beamten und werden nicht dulden, daß mit dem Inkrafttreten der Reichs Versicherungsordnung Gegensätze in unsere Reihen hineingetragen werden, die nicht hineingehören.(Lebhafter Beifall.) Wir werden nach wie vor im Interesse der Versicherten zusammenarbeiten l (Stürmischer Beifall.) Nun sprachen die Regierungsvertreter, von denen Obev regicrungsrat Dr. Marenhold wünschte, daß die Verhandlungen zur Verliefung des in der Reichsgesetzgebung über die Kranken« Versicherung niedergelegten sozialen Gedankens beitragen mögen, im Interesse der deutsche» Arbeiterschaft und des Reiches selbst!(Es wird sich ja zeigen, wie sozial die brutale Entrechtung der Ver� sicherten durch die Reichsversicherungsordnung wirken wird I) Regierungsrat Dr. Hoppe meinte, daß das Reichsversicherungsamt auch in Zukunft nicht vom grünen Tisch aus, sondern in gemein- sanier Arbeit mit den Vertretern der Ortskcankenkasse entscheiden werde, und Bürgermeister Dr. Fuchs-Köln bedauerte zwar die Schärfe, mit der gerade in Köln auf dem Gebiet der Krankenkassen gekämpft worden sei. zollte aber den Krankenkassen aufrichtige An- crkennung für ihre anregende und erfolgreiche soziale Arbeit, die z. B. erst die Frage der Arbeitslosenversicherung in Fluß gebracht habe.(Beifall.) Nun wurde der umfangreiche Geschäftsbericht der geschäftssührenden Kaffe Dresden erstattet. richt stellt ein Buch von 244 Seiten dar.) des Berichts, beschäftigt sich begreiflicherweise k o n f l i k t. Es wird hervorgehoben, daß wünschen schiedlich und friedlich mit den Aerzten zu verkehren und daß die Kaffenverbände die Aerzte vor Kassenwillkür ge- schützt und standesgemäß honoriert sehen wollen. Uebrigens sei die Furcht der Aerzte vor der Willkür der Kaisen- vorstände ganz unbegründet, da schon das eigene Interesse den letzteren die Pflicht auferlegt, den Wünschen der Aerzte nach Möglichkeit gerecht zu werden, ans keinen Fall aber deren StandeSwllrde zu verletzen. An einer Anzahl ehrengerichtlicher Urteile von Aerztekammern und an zahlreichen Dokumenten aus der Aerzte- bewegung wird aber der Nachweis geführt, daß-S für die Kasten in der Tat unmöglich ist, allen Ansprüchen der Aerzte gerecht zu werden. Namentlich wird zahlmäßig die gewaltige Belastung nach- gewiesen, die den Kasten enlsteht, wenn sie die freie Arztwahl Anführen. Dann wird erwähnt, daß aus die Aerzte mit Nach- druck hiugel�.ck- worden sei. daniit sie eine Verpflichtung unterzeichnen, bei der Ein- und Durchführung der Reichs- Versicherungsordnung ihre Mitwirkung zu versagen und wenn nottg, jede Tätigkeit bei den Krankenkassen einzustellen, so daß die Mog- lichkeit eines ärztlichen Generalstreiks von den Kassen als durchaus nicht für unmöglich gehalten wird. Andererseits gibt es auch lm Lager der Aerzte Stimmen, die zur Verständigung raten. Der Be- richt schildert dann das überanS wichtige Zusammenwirken mit der Deutsche» Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts- krankheiten. mit den Organisationen. d,e für staatliche M u t t e r s ch a s l s v e r s i ch e r ii n g und Kinderrente eintreten, so- wie mit den Einrichtungen, die von immer mehr Gemeinden zur Einschränkung der S ä u g l i n g S st e r b l i ch k e i t. zum Schutz der Kinder gegen die Tuberkulose, zur Berbefferung der WohnungS- Verhältnisse der arbeitenden Bevölkerung zur Bekämpfung des Alkoholismus usw. getroffen worden sind. Ein Anhang des Be- richt* ist tabellarischen Darstellungen der Leistungen der Kranken- (Der gedruckt« Be- Ein sehr großer Teil mit dem Aerzte- die Kasten durchaus lassen und der Bezüge und Urlaubsverhältnisse der Kassenangc- stellten gewidmet. Hierauf wurde in die Tagesordnung eingetreten. Als erster Redner sprach Dr. Hanauer- Frankfurt a. M. über: „Gewerbekrankheiten und Rcichsversicherungsordnung". Er führte aus, daß man dem Begriff Gewerbekrankheiten eine möglichst weite Fassung geben müsse. Auch die Tuberkulose muß z. B. dazu gerechnet werden, denn wenn sie auch durch schlechte Wohnungsverhältnisse entstehen könne, so sei das Gewerbe doch von hohem Einfluß auf das Entstehen dieser Volkskrankheit. Der Redner trat weiter dafür ein, daß zur richtigen Erkenntnis des Umfanges der Gewerbekrankheiten eine gründlichere Form der Krankenstatistik der Berufserkrankungen notwendig sei. Im übrigen betonte er, daß die Gewerbekrankheiten nicht unvermeid- bar sind, wenn nur die richtigen Mittel ergriffen werden. Die Krankenkassen sollten sich nicht darauf beschränken, während der Krankheitsdauer Krankengeld zu geben, ihre vornehmste Aufgabe ist, Krankheiten durch sanitäre Mahnahmen zu verhüten. Diese Ausgaben sind außerordentlich produktiv, denn die Kassen sparen dadurch an Krankengeld und anderen Ausgaben.(Lebhafter Beifall.) Nun kam „Das Verhältnis der Krankenkassen zu den Aerzten" zur Sprache. Der Referent Karl Brache!-Köln wandte sich gegen die einseitigen und überspannten Forderungen der Aerzte- organisationen, die mit gutem Recht vom Reichstag mit großer Mehrheit abgelehnt worden sind. Der Berliner Führer des Leip- ziger Aerzteverbandes, Professor Dr. Lennhoff, hat auf der Jnter- nationalen Konferenz für Sozialversicherung im Haag die Er- klärung abgegeben, der Leipziger Verband werde aus der deutschen Krankenversicherung eine Farce machen, wenn seine Wünsche nicht durchgeführt würden. Diese Erklärung Professor LcnnhoffS hat auf der Internationalen Konferenz mit Recht die Entrüstung der Vertreter aller Kulturstaaten hervorgerufen.(Sehr richtig!) Das sächsische Ministerium hat bereits gegen die Vertragszentrale des Leipziger Verbandes Front gemacht und der sächsische Minister des Innern hat ausdrücklich erklärt, daß er sich irgendeine Ein- Mischung unbefugter Dritter in die Verhältnisse zwischen Aerzten und Krankenkassen nicht gefallen lassen werde. Das müssen wir von den Regierungen aller Bundesstaaten verlangen.(Beifall.) Insbesondere von Preußen, wo die Aerztekammern sich in diese Verhältnisse einmischen.(Sehr richtig.) Wir wollen zugeben, daß die Ausdehnung der Krankenversicherung für die Aerzte nicht ohne Bedeutung ist, aber wir müssen auch in Betracht ziehen, daß durch die Ausdehnung der Krankenversicherungen eine große Zahl von wirtschaftlich Schwachen in ärztliche Behandlung kommt, die sonst niemals einen Arzt in Anspruch nehmen würden.(Sehr richtig!) Wenn wir wirklich für die besser bezahlten Mitglieder den Aerzten eine höhere Bezahlung gewähren wollten, könnten wir dies nur dadurch, daß wir, weil wir keine höheren Beiträge be- kommen, die Gelder aus den Summen nehmen, die für die Aermsten zur Verfügung stehen.(Sehr richtig!) Die Aerzte drohen mit General st reik und suchen durch unwahre Behauptungen in der Oeffentlichkeit Stimmung für diesen Streik zu machen. Es wird gesagt, die Krankenkassen planten eine Aussperrung der Aerzte, eine Machtprobe.(Lautes Gelächter.) Wir haben nie- mals daran gedacht, angreifend gegen den Leipziger Verband vor- zugehen, und ich erkläre im Namen aller deutschen Ortskranken- kassen: In Wahrung der uns anvertrauten öffentlich-rechtlichen Interessen sind wir lediglich bemüht, Mittel und Wege zu suchen, wodurch wir uns der Bedrohung Und Bedrückung durch die Aerzte- organisation erwehren.können. Bei all unseren Maßnahmen und Beschlüssen leiten uns weder Angriffsgelüste, noch das unS so oft fälschlich nachgesagte Gefühl der Aerztefeindlichkeit, sondern lediglich das Interesse der Krankenversicherung.(Stürmischer Beifall.) In der Aerzteftage sind wir alle einig, Arbeitgeber und Arbeitnehmer aller politischen Richtungen. Es handelt sich nicht nur um die Frage des Aerztesystems, sondern für uns darum, ob wir den Aerzten gegenüber die Selbswerwaltung der Krankenkassen auftecht erhalten oder tatsächlich dem Leipziger Verband das Ver- fügungsrecht über die deutsche Krankenversicherung einräumen wollen. Leute, die mit dem Leipziger Verband nicht durch Dick und Dünn gehen, werden von ihm als moralisch minderwertig und als Lumpen bezeichnet. Auch das Rzichsgericht hat in einem Urteil dieses Vorgehen der Aerzte als gegen die guten Sitten verstoßend bezeichnet. Wir wenden uns gegen die Verquickung einer wirtschaftlichen Organisation mit einer gesetzlichen Standes- Vertretung. Uns macht man Schwierigkeiten, wenn wir die ge- meinsamen Interessen der Krankenkassen wahrnehmen, aber auf der Seite der Aerzte herrscht in dieser Beziehung völlige Freiheit. Diese ungleiche Verteilung der Machtverhältnisse soll die Reichs- Versicherungsordnung wenigstens zum Teil beseitigen. Wir alle hoffen, daß die Mittel, die uns die Reichsversicherungsordnung an die Hand-gibt, von uns nicht angewendet zu werden brauchen. Aber wenn wir zur Anwendung dieier Mittel übergehen müssen, werden wir alle einig sein.(Stürmischer Beifall.) Im preu- ßischen Abgeordnetenhause hat der Minister des Innern v. Dallwitz angeregt, ein allgemeines Tarifabkommen zwischen Aerzten und Krankenkassen abzuschließen. Wir sind bereit, mit den Aerzten auf einer solchen Grundlage zu verhandeln. Wir wollen die Hand zum Frieden reichen, aber wir können nicht einen Tarifvertrag ab- schließen, in dem einzig und allein, generell für ganz Deutschland, die freie Arztwahl im Sinn des Leipziger Verbandes enthalten ist. Es wird dem Leipziger Verband nicht gelingen, zwischen die Vor- stände und die dem Leipziger Verband nicht angehörenden Aerzte einen Keil zu treiben. Die Aerzte müssen zugeben, daß ihre Bezüge aus der deutschen Krankenversicherung nicht nur absolut, sondern auch relativ gestiegen sind: Von 4 Millionen Mark oder 2,13 M. pro Kassenmitglied im Jahre 1885 auf etwa 76,5 Millionen oder 5,85 M. vro Kassenmitglied im Jahre 1910.(Hört, hört!) Die Krankenkassen sind geschassen zur Erhaltung der Erwerbsfähigkeit der arbeitenden Klasse. In diesem Rahmen müssen auch die Aerzte mit uns zusammenarbeiten. Wir sind zum weitesten Entgegen- kommen bereit, aber es fehlt auf der anderen Seite an solchen friedlichen Elementen. Wir müssen daher heute von Regierung und Reichstag verlangen, daß den Kassen Gelegenheit gegeben wird, der Selbsthilfe des Leipziger Verbandes den Selbstschutz der Kassen entgegenzustellen. Die öffentlich-rechtlichen Interessen der Volks- woblfahrt und Volksgesundheitspflege sind höher zu bewerten als einige überspannte Forderungen einzelner Berufsstände.(Stür- Mischer Beifall.) In der Debatte sprach Rendant Müller- Magdeburg für die freie Arztwahl und warnte davor, den Aerzten das Koaliclonsrecht einzuschränken.— Landtagsabgeordneter Fräßdorf- Dresden: Ein Kassenrendant, der jahrelang mit uns gekämpft hat— eben Müller-Magdeburg—, hat eine Broschüre geschrieben, die der Leip- ziger Verband heute hier an der Tür verteilen ließ. Wenn einer unserer Mitkämpfer nach langen Jahren zu unseren Gegnern über- geht, fo richtet sich das von selbst.(Sehr wahr!) Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß wir auf dem richtigen Weg waren, als wir die Verwirklichung der Forderungen des Leipziger Verbandes verhinderten. Es gibt niemanden, der uns das Weiter- bestehen der Krankenkassen bei Erfüllung jener Forderungen garan- tieren könnte. Das kann kein Reichskanzler und kein Staatssekre- tär. Wir sind gern bereit, mit der freien Arztwahl einen Versuch zu machen, aber nicht, sie generell einzuführen, denn sonst würden wir die Kassen dem Leipziger Verband willenlos preisgeben. Die Aerzte, die jetzt für die Kassen nötig sind, müssen wir schützen und tchirmeo. jje dürfen wir unter keinen Umständen veMsen.(Tlür- Mischer Beifall.) Fräßdorf teilt dann noch mit, daß der Vorsitzende des Leipziger Verbandes gegen ihn wegen einer Zeugenaussage in einem aus Anlaß der Kassenstreitigkeiten geführten Prozeß eine Meineidsanzeige erstattet habe.(Andauernde EntrUiiungsknnd- gebungen.) Ein solches Vorgehen, fetzt Fräßdorf hinzu, richtet sich von selbst.(Stürmischer Beifall.) Trotz alledem wollen wir mit den Aerzten zusammenarbeiten, soweit es die Interessen der Kranken- kassen zulassen. Die Reichsversicherungsordnung gibt unS neue Mittel in die Hand. Wir wollen hoffen, daß wir sie gegen die Aerzte nicht anzuwenden brauchen. Wenn wir sie anwenden müssen, wollen wir mit der Aufsichtsbehörde konform gehen, und darum empfehle ich allen Kassen, mit den Versicherungsämtern Fühlung zu halten. Diese müssen überzeugt sein, daß wir nur das tun, wa» im Interesse der Krankenversicherung liegt.(Lebhafter Beifall.). Es kann sein, daß sich einzelne Kassen dem Leipziger Verband fügen müssen und dann Aerzte oktroyiert bekommen, die sie nicht brauchen können. Durch die Organisation der Versicherten mutz dann dafür gesorgt werden, daß die Zahl der in Anspruch ge- nommenen Aerzte auf das richtige Maß beschränkt werde.(Beifall X Ich brauche wohl nicht deutlicher zu werden.(Heiterkeit.)� Wir haben uns schon viel zu sehr daran gewöhnt, ärztliche Hilfe in An- spruch zu nehmen. Von der versicherungspflichtigen Bevölkerung wird ärztliche Hilfe viel zu sehr und zu oft in Anspruch genommen. G r ä f- Frankfurt a. M.: Wenn es nach der Regierung ge- gangen wäre, dann hätten dem Leipziger Verband alle Konzessionen gemacht werden müssen.(Sehr richtig!) Wenn auch der Tarifver- trag noch in weiter Ferne liegt, kann eine vernünftige Aussprache zwischen den Vertretern beider Gruppen nichts schaden. Die Aerzte sollen sich bei den Kassen bodanken. daß Schundhonorare nicht mehr bestehen. Die Ortskrankenkassen zahlen bessere Honorare als die Betriebs- und Gemeindekrankenkassen. Die Dämpfung der ärztlichen Versorgung— das Wort dämpfen ist ja modern ge- worden!(Heiterkeit)— mutz mit Vorsicht geschehen. Lieber sollten wir den Arzneihunger eindämmen, als den Arzthunger. Heute schon wird der Arzt oftviel zu spät gerufen. Justizrat Dr. Mayer- Frankenthal wendet sich in einer Erklärung gegen die Rede Müllers.— Wir haben niemals den Aerzten das Koalitionsrecht verkümmern wollen, wogegen wir uns wenden, ist nur der Koalitionszwang, den der Leipziger Verband aus die Gesamtheit der deutschen Aerzte übertragen will; diesen Koalitionszwang, den man bei den' Arbeitern Terrorismus nennt, bekämpfen wir.> Damit schließt die Debatte. Beschlüsse werden nicht gefaßt. Apotheker S k a l l e r- Charlottenburg spricht über das Ver« h ä l t n i s der Krankenkassen zu den Apotheken und führt aus, daß die Krankenkassen gegen den wirtschaftlichen Zusammen- schluß der Apotheker nichts einzuwenden haben. Aber wenn gesetz- liche Standesorganisationen dazu übergehen, ihre wirtschaftliche Macht zuungunsten der Massen der Bevölkerung auszunützen, so müssen wir das unter allen Umständen bekämpfen.(Zustimmung.) Derbandstag der Schnkider. Köln, den 17. August. In dör gestrigen Mbendsitzung Kurden die Punkte 7 und 10 der Tagesordnung erledigt. Zu dem elfteren:„Das Rrichsgesetz über die Privatbeamtenversicherung" hatte der Ausschußvorsitzende St r ü bi g- Hamburg t>as Referat übernommen. In einem sehr instruktiv gehaltenen Vortrage erörtert der Referent das Gesetz, das am 1. Januar 1�13 in Kraft tritt und so ziemlich alle Privat- angestellten mit einmn Einkommen bis zu 5000 M. von 16 bis 60 Jahren umfaßt. Zum Schluß führt er aus, die erheblichen Beiträge könne der Verband den einzelnen Angestellten nicht zu- muten, deshalb unterbreitet Redner dem Verbandstage folgende Resolution: „Für alle Angestellten des Verbandes, welche nach Jnkraft- treten des Vcrsichorungsgesetzes für Angestellte der Versiche- rungspflicht unterliegen, übernimmt der Verband die Zahlung der vollen Versicherungsprämie unter der Bedingung, daß die Angestellten der Unterstützungsvereinigung angehören und die zu dieser UntorstützungSeinrichtung zu zahlenden Beiträge aus eigenen Mitteln bestreiten. Angestellte des Verbandes, welche nicht der Versicherungs- Pflicht unterliegen, sind verpflichtet, der UnterstützungSvereini- gung anzugehören bzw. ihr beizutreten. Die Versicherungs» beitrüge werden in voller Höhe vom Verbände gezahlt." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Zu Punkt 10 der Tagesordnung:„Stellungnahme zum internationalen Ar- beiterkongreß und zur internationalen Schnciderkonserenz 1913 referiert Stühmer. Er berichtet, daß für die letztere bereits Zusagen aus Holland und England, Schweden, der Schweiz und Amerika vorliegen, so daß eine wirklich internationale Vertretung der Kollegenschast gesichert ist. Der Beirat schlägt die Entsendung von vier Delegierten bor und empfiehlt als Vertreter des Vor- ftandes Stühmer und S a b a t h und aus den Reihen der Dele- gierten Kunze- Berlin und F u h l s- Köln. Sämtliche vier Per- sonen werden gewählt. Für den gleichzeitig in Wien tagenden internationalen Arbeiterkongrcß werden Stühmer und S a ba th bestimmt. Die heutige Sitzung wird eingeleitet mit einem Referat bcS Verbandsvorsitzenden Stühmer über: Gewerkschaften und Genossenschaften. Der Referent beginnt mit einer kurzen Besprechung der Ver- schiedenariigkeit der genossenschaftlichen Systeme, ihrer Entstehung und Ausbreitung und wendet sich dann speziell den Konsum» genossenschaften zu, deren EntWickelung und Organisation, um dann das große Interesse der Arbeiterschaft an den Konsum- genossenschaften näher nachzuweisen. Des weiteren beschäftigte er sich mit der mit 1 Million Mark Kapital am 1. Januar 1913 ins Leben tretenden Volksversicherung, die mit dem Gelde der Genossenschaften und Gewerkschaften begründet wird und unter- breitet dem Verbandstage folgende Resolution, die ein» stimmig zur Annahme gelangt:. „In Erinnerung an die Beschlüsse der Gewerkschaftskon» gresse in Köln und Dresden fordert der Verbandstag die Mit» glieder auf— so weit dies noch nicht geschehen sein sollte—. den Konsumvereinen beizutrettn und Mite gli ed er für s i e zu w e rb en.'. So wie sich die Arbeiter in Gewerkschaften organisieren, damit ihre wirtschaftliche Lage als Produzenten gebessert wird, ebenso ist die Organisation der Arbeiter als Konsumenten not- wendig, um ihre wirstchaftliche Macht zu stärken und sich vor der Ausbeutung durch den Zwischenhandel zu schützen.. Das gemeinsame Vorgehen der Gewerkschaften und Ge- nossenschaften gegen die Heimarbeit und die Erzeugnisse der Strafanstalten ist als der Anfang gemeinschaftlicher Arbeit nur zu Hegrühen, desgleichen die selbstverständliche Anerkennung der Gewerkschaften, deren Tarife und gewerkschaftsüblichen Ar- beitsbedingungen bei Lieferungsaufträgen und Vergebung von Arbeiten, wie dies in der Resolution des Dresdener GeWerk- schaftskongresses festgelegt ist. An Stelle der Gründung dort Produktivgenossenschaften ist die Erweiterung der Konsum- vereine und deren Grotzeinkaufs-Gcsellschaft zu empfehlen, weil eine solche Produktion auf gesichertem Absatz beruht. Der gewerkschaftlich- genossenschaftlichen Volksversicherung bringt der Verbandstag die größte Sympathie entgegen und fordert die Mitglieder auf, sich derselben nach Möglichkeit zu bedienen." Im Namen der Redaktionskommission erstattet Kunze- Be». lin Bericht ü&x das cesomk zu des Vusttes Lohnbewegung, Untcrstiihungswesen, TarisvertrSgr und Schiedsgerichtsverfahren vorliegende Material und die Vorschläge der Kommission. Die Beratung nimmt den weitaus grötzten Teil der heutigen Sitzung in Anspruch. Ein sehr wichtiger Beschluß für die fernere Taktik deL Verbandes ist der von der Kommission zur Annahme«npfohlene Antrag, welcher die lückenlose Annahme der Vorschläge der Unparteiischen zum Reichstarifvertrag emipfiehlt. Ter Verbands-tag stimmte dem ohne jede Debatte gegen eine Stimme zu und erkannte damit an, daß er Lohn- und Arbeitsverhältnisse mehr einheitlich als bisher durch Reichstarif geregelt wissen will. Ein weiterer Antrag, der einstiminig zur Annahme gelangt, wünscht, daß an einem Orte nur eine Filiale bestehen darf.— Ein» stimmig angenommen wurden ferner der Antrag, welcher die Ein- führung der Arbeitslosenunterstützung auf die Tagesordnung des nächsten Verbandstages gesetzt wissen will, sowie ein Antrag der Filiale Stuttgart, welcher die Verbandsmitglieder ermahnt, die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen mehr der proletarischen Jugendbewegung zuzuführen. Sämtliche auf dqs Unterstützungswesen sich beziehende Anträge werden auf Antrag der Kommission durch Uebergang zur TageS- ordnuim als erledigt erklärt, mit alleiniger Ausnahme der Sterbeunterstützung, deren Einführung nach einem An- trage der Filiale Görlitz beschlossen wird. Als Sterbeunter- stützung sollen demnach in Zukunft nach den vier Lohnklassen ge- währt werden 30 bis 50 M., bzw. 25 bis 45 M., bzw. 20 bis 40 M., bzw. 16 bis 35 M. Ferner wurden alle Anträge, die sich auf die Tarife und die Verhandlungen mit den Unternehmern, sowie auf das Schiedsgerichtsverfahren bezichen, auf Antrag der Kommission mit dem Hinweise auf die Annahme der Vorschläge der UnPartei- ischen für erledigt erklärt. Ein Antrag wird angenommen auf Antrag der Filiale B e r» lin I, wonach für die Generalversammlungen derienigen Orte, deren räumliche Ausdehnung eine angemessene Beteiligung an den Generalversammlungen erschwort, das Delegiertensystem zugelassen werden soll. Die Errichtung des in der Generaldiskussion über den Ge- schäftsbericht vielfach kritisierten Beirates wird auf Antrag der Kommission beschloffen. Ter Beirat besteht aus den Mitgliedern des Vorstandes, den Gauleitern, einem Vertreter des Ausschusses und je einem Vertreter der Filialen Berlin, Hamburg. München, Dresden und Stettin. Die Tätigkeit des Beirats in Gemeinschaft mit dem Vorstande erstreckt sich auf die Beratung und Beschluß- fassung über MF Vorbereitungen zu großen Lohnbewegungen sowie über die etwa erforderlichen Maßnahmen bei großen Streiks oder Aussperrungen im Sinne des' Streikreglements. Dem Vorstand steht es frei, den Beirat auch zu Sitzungen, in welchen die Agitation und dergleichen Fragen beraten werden sollen, zu berufen. Ein Antrag Verlin I fordert die Gleichstellung von Verheirate- ten und unverheirateten Mitgliedern in bezug auf Zahlung der Streikunterstützung, jedoch mit der Maßgabe, daß das verheiratete Mitglied für jedes Kind 1 M. mehr erhält, bis zum Höchstbetrage von 4 M. Die Kommission empfiehlt ihn; er wird angenommen, nachdem auch der Kassierer erklärt hatte, daß gegen die Tendenz des Antrages keine Bedenken vorliegen. Di? Erklä- rung des Vorstandes wurde vom Verbandstage akzeptiert. Ein lebhaft umstrittener Antrag war folgender, von der Filiale Königsberg gestellter:„Solidaritätsstreiks und Aus- sperrungen gelten als Verträgsbruch und heben den Tarifvertrag auf." Nachdem man längere Zeit hier- über debattiert hat, wird' der Antrag mit 42 gegen 30 Stimmen angenommen. Doch enthält sich etwa% der Delegierten der Ab- stimmung.— Angenommen wird ferner noch ein Antrag Kunze und Genossen, die Ortsschiedsgerichte zu beseitigen und die Zuständigkeit der Gau» und des Zentralschiedsgerichts un Vertrage klarzulegen. Köln, den IS. August. Die heutige Sitzung wird vorwiegend ausgefüllt über nach, stehende Vorlage, welche die GebaltSfrage der Angestellten neu ge- regelt wissen will und in der gestrigen Sitzung nicht mehr zur Er- Icdigung kam, obwohl man. sich bereits zwei Stunden lang damit beschäftigt hatte: «In Anbetracht der im �jahre 1011 eingetretenen wirtschaftlichen Teuerung, welche bei der Gehaltsregulierung der An- gestellten des Verbandes auf dem Hamburger VcrbandStage im Jähre 1010 nicht vorauszusehen war, beschließt der VerbandStag: Allen Angestellten des Verbandes sind als diesbezüglichen Ausgleich zwei Dienstjahre in Anrechnung zu bringen. Di« sich hierdurch ergebende Gehaltserhöhung tritt am 1. Januar 1012 in Kraft und ist der sich ergebende Differenzbetrag zwischen den Gehältern nachzuzahlen. Bei denjenigen Angestellten, welche durch diese Entschädigung die Höchstgrenze des zu beziehenden Gehaltes nach der auf dem Hamburger Verbandstage beschlossenen Ge- haltsskala erreicht haben, bleibt die in der genannten Skala vor- gesehene Steigerung bis auf weiteres in Kraft. Für diejenigen Kollegen, welche eventuell durch VerbandstagSbeschlutz berufen werden, das Amt deS zweiten Vorsitzenden öder das des zweiten Redakteurs und des Sekretärs zu übernehmen, wird in Anbetracht der wirtschaftlichen TeuerungSverhältniffe in Berlin dasselbe Ge» halt wie das des Kassierers gewährt." Nach lebhafter Debatte wurde die Vorlage schließlich mit 40 gegen 40 Stimmen bei 21 Stimmenthaltungen angenommen. Borstandswahl. Als Sitz des Verbandes wurde wiederum Berlin bestimmt und als Vorsitzender Stühmer einstimmig wiedergewählt. DeS- gleichen wurden S a b a t h als Redakteur d«S Fachorgans und Heitmann als Kckssierer einstimmig wiedergewählt. An Stelle des aus seiner Stellung als zweiter Vorsitzender ausgeschiedenen Kollegen Minis wurde S ch a ei: t l- Leipzig mit allen gegen eine Stimme gewählt und für den neugeschaffenen Posten eines Sekre- tärs der diesen Posten bereits provisorisch versehende Kollege W eicker bestellt. Die gleichfalls neugeschaffene Stellung eines zweiten Redakteurs wurde ebenfalls einstimmig dem bisherigen Gauleiter I o feph- Frankfurt a. M. übertragen. Für den Aus- s ch u ß wurde wiederum Hamburg als Sitz bestimmt und die zurzeit dem Ausschuß angehörenden Mitglieder� gleichfalls einstimmig wiedergewählt. Als Tagungsort des nächsten Verbands- tages wird Nürnberg bestimmt. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden Richter wird als- dann der Verbandstag geschlossen. Mus der Partei. Ans den Organisationen. Der gothaische Landespartritag wurde am letzten Sonntag in Gotha abgehallen. Vertreten waren 40 On»vere»ne mit 113 Dele» gierten Genosse Wilhelm Bock referierte zunächst über die«Re- organisation der Partei". Der LandeSparteitag faßte nach ein» aebender Diskussion folgende Resolution: Der LandeSparteitag ist der Anstckit. daß die Schaffung eines Varteiausscbusses in der vorgesehenen Form die bestehenden Miiimel zu beseitigen nicht in der Lage ist. er hält eS vielmehr 1,'ir-weckmäßig. den Parteivotstand um neun unbesiMdele Mitglieder zu verstärken oder eventuell die Rechte der Kontroll- Außerdem� wurM'eine Resolution angenommen, die die Beitrags- «böbuna für die nächste Zeit ablehnt.......„ hierauf erstattete der Vorsitzende der LandeSorgamfation. Ge- «alle eiuaoq ei, t g r a f den von uns bereits Mttgetetlten Bericht über Me Tätigkeit der Landesorganisation. Nach emer lebhaften Diskussion m der auch«ine Anzahl Anträge der Ortsv.re.ue ihre Erledigung fanden, und nachdem � Wiedergewählt worden, wurde der Parteitag geschlossen. Mit dem Parteitage b-schäftWe sich der SozialdemokraMch- Berein für die Wahlkreise Kolu-Stadt und Kölu-Land m zwei Generalversammlungen. In den Diskussionen, die außerordentlich angeregt und lebhaft waren, spielte besonders die beabsichtigte Ein- richtung des Parteiausschusses eine Rolle. Es fehlte nicht an gewichtigen Bedenken gegen die Einrichtung dieser Institution. Auf der anderen Seite wurde der Gedanke, de» Parteivorstand durch den Ausschuß zu erweitern, lebhaft verteidigt. In der Abstimmung wurde der Absatz einer Resolution, der besagte. „die Generalversammlung sei von der Notwendigkeit der Einsetzung eines Ausschusses überzeugt", abgelehnt. Die übrigen beiden Ab- schnitte der gleichen Resolution, von denen der eine für die Teil- nähme der Reichstagsabgeordneten an den Verhandlungen des Partei- tages mit beratender Stimme sich aussprach, und der andere eine Erweiterung des Parteivorstandes im Sinne der Dilrmannschen Borschläge für notwendig erklärte, wurden angenommen. Ei» Antrag Meerfeld, der die Einsetzung einer Studienkommission, die die Unterlagen für die Schaffung eines A g r a r p r o- gramms vorbereiten soll, verlangt, wurde zurückgezogen. Dagegen fand mit großer Mehrheit ein Antrag Annahme, der die Sonder- Konferenzen scharf verurteilt. Zwei Anträge, die die Partei zum Kampfe gegen den Religionsunterricht in der Volksschule auf- rufe» wollten, wurden abgelehnt. Beschlossen wurde, einen Antrag dem Parteitag zu unterbreiten,„er möge den Beschluß, daß die Porteigenossen, die ohne Lohnausfall am 1. Mai die Arbeit ruhen lasten, den Tagelohn abzuführen haben, ausheben". Schließlich fand»och ein Antrag Annahme, der den Parteivorstand ersucht.«>» höherem Maße Material für die Agitation unier den Privatangestelllen sHandluiigsgehilsen, Technikern. Bureauangestellten) den Parteifunktionären zur Verfügung zu stellen und die Privat- angestelltensrage auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen". Bei der Delegiertenwahl akzeptierte die Versammlung einen Borschlag, MeSmal vier Delegiert« zu entsenden, darunter eine Ge- nossin. Gewählt wurden die Genosien Meerfeld, Runge, S ch u b a r t h und die Genossin R ö s e l e r. ** « Die Parteigenossen in Frankfurt a. M. nahmen in der letzten Woche in einer Reihe DistriltSversammlungen Stellung zum Partei tag in Chemnitz. Ueber die in diesen Versammlungen angenommenen Anträge wurde dann m einer allgenieinen Versammlung Beschlutz gefaßt. In einem Antrage wird vom Parteitag die Schaffung eines monatlich erscheinenden Organs für alle Zweige des BildungSwesenS gefordert. Ein anderer Antrag verlangt, daß vom ZentralbildungS- Ausschuß den örtlichen Bildungsausschüssen Material für Lichtbilder� Vorführungen überlassen wird. Ein Antrag verlangt, daß zur Durch arbeitung größerer Gesetzentwürfe geeignete Parteigenossen aus dem Reiche hinzuzuziehen sind, auch wenn sie der Fraktion nicht an- gehören. Annahme fand auch ein Antrag, der den Parteivorstand beauftragt, die sozialdemokratische Agitation in den Kreisen der kaufinännischen und technischen Angestellten nach Möglichkeit zu fördern. Für die Delegation zum Parteitag verlangt ein An trag, daß Wahlkreise bis zu 2000 Mitglieder einen Delegierten, bis 4000 zwei, bis 8000 drei, bis 15 000 vier, bis 25 000 fünf und über 25 000 sechs Delegierte senden sollen. Ein anderer Antrag verlangt, daß der Schnapsboykott in eindringliche Erinnerung gebracht werden soll. Eine Resolution spricht die Erwartung au», daß Sonder- zufammenkünfte im Interesse der Geschlossenheit und Einheit der Partei in Zukunft vermieden werden sollen. Schließlich fand noch ein Antrag Annahme, wonach Doppelkandidaturen in Zukunft nicht mehr gestattet find._ Dir zweite österreichische Parteischule ist in Klagenfurt, Kärnten, eröffnet worden. Sie dauert wie die erste, die vor zwei Jahren in Bodenbach stattfand, vier Wochen und ist aus allen Teilen Deutschösterreichs von Partei- und Gewerk- schastSorganisationen beschickt. Diesmal nehmen 30 deutichöster reichische Genossen und drei Genosstnilen teil, ferner ein tschechischer, ein slowenischer und ein Schweizer Genosse:, zusammen 42. Der Unterricht umfäßl: Geschichte(Renner), Volkswirtschäft(Bauer). GenossenschafiSweien, Arbeiterschutz. Glatistil(Ad. Braun), Arbeiter- Versicherung(Eldersch), österreichtsche« Arbeiterrccht(Fritz Winter), Zeitungswesen(Max Winter). Der Unterricht findet täglich von vor» mittags 7—11, nachmittags 5—7 Uhr statt. �lus aller Welt. Oer fernflug parls Berlin gelungen! Der Versuch deS französischen Fliegers Brindejonc, die Strecke Paris— Berlin im Aeroplan zurückzulegen, ist von dem ftanzöstichen Flieger Audemar» mit glücklichem Erfolge wiederholt worden. Allerdings ist«S ihm nicht gelungen, die in der Luftlinie etwa 850 Kilometer lange Strecke an einem Tage zurückzulegen, wie er sich das gleich seinem Vorgänger vorgenommen hatte. Immer» hin ist die Leistung«ademarS auch so ein- höchst respektable ge» wesen. AudemarS war am Sonntag früh gestartet und erreichte nach zweimaliger Zwischenlandung gegen Mittag den Flugplatz Wanne bei Bochum. Bon dort wollte er noch am Nochmittag den Weiter« flug nach Berlin-JohanniSlhal antreten, wurde daran jedoch durch das schlechte Wetter, strömenden Regen und starken Wind, ge» hindert. Trotz starkem Nebel stieg er am Montag früh kurz vor 8 Uhr wieder auf,, um gegen S'/, Uhr in Hannover einzutreffen. Nachdem er dort seinen Benzin» und Oelvorrat erneuert hatte, startete er gegen l/,2 Uhr von neuem. Um 6 Uhr 25 Minuten nahm er in Döderitz eine Zwischenlandung vor, um dann die letzte Etappe seines Fluge» anzutreten. Um 0 Uhr 50 Minuteu landete er glatt auf dem Flugplatz Johannisthal. Audemar hat damit an jedem der beiden Tage eine Strecke von 425 Kilometer in der Luftlinie zurückgelegt. Da er sich auf seiner ersten Etappe verschiedentlich verflogen hatte, dürfte jedoch die von ihm zurückgelegte Strecke an den beiden Tagen wohl nicht unter 1000 Kilometer betragen haben. Die treffliche Leistung wird auch dadurch nicht vermindert, sondern eher erhöht. daß AudemarS bei der Zurücklegung dieser Strecke sechs oder sieben Zwischenlandungen vornehmen mußte, die ohne den geringsten Zwischenfall verliefen. Auch diese Leistung beweist wiederum die ganze hervorragende Qualität der französischen Flieger. AudemarS, der srüher Radrennfahrer war, ist Chefpilot der Bleriotwerle und benutzte bei seinem Fluge einen Blerioteindecker. Folgenschwere Pilzvergiftung. Durch den Genuß giftiger Pilze ist über eine ganze Familie in D o b e r g a st bei Weißenfels furchtbare? Unheil hereingebrochen. Der Molkereiverwalter D r e w e S aus Dobergast hatte sich am Sonntag im nahen Walde ein Gericht Pilze gesucht, nach deren Genuß die ganze Familie erkrantte. Drewes und drei seiner Kinder sind ge- storben, während die Ehefrau und das vierte Kind hoffnungslos daniederliegen. Nicht genug kann geraten werden, beim Pilzesuchen nur solche Pilze zu sammeln, deren Genießbarkeit dem Sammler genau bekannt ist._ Attentat ans einen Wiener Weihbischof, Von einem Geisteskranken wurde am Sonntag vormittag der Weihbischof Pfluger, als er sich in Begleitung eine« Dieners zum Hochamt in die Wiener Stephanskirche begeben wohte. angefallen und durch einen Messer st ich schwer verletzt. Weih» bischos Pfluger erhielt bei dem Attentat an der rechten Schulter eine vier Zentimeter tiefe scharfkantige Wunde, die bis an das Schultergelenk geht. Die Verletzung ist schwer, aber nicht lebensgefährlich. Das Befinden deS Bischofs ist zufrieden- stellend. Der Täter gestand im Verlauf des VerhörS. daß er ur- sprünglich einen Angl iff auf Fürsterzbischof N a g l beab- stchtigt habe. Der Urheber des Attentats, ein gewisser Prinz, hat sein Leben abwechselnd im Kerker und im Irren- Haus verbracht. Seit 7 Jahren stand er mit geringen Unter- brechungen in irrenärztlicher Behandlung. Am 13. August war er aus der Heilanstalt am Steinhof. in die er wegen Schwachsinns ein- geliefert war. als geheilt aber moralisch defekt entlassen worden. Er kam dann nach Wien, wo er mittellos im Asyl lebte und leine Arbeit finden konnte. Hochwürdige Steuerdefraudanten. Nicht nur die Heiligen drei Könige essen— nach Goethe— gern, trinken gern und bezahlen nicht gern. Auch das O l m ü tz e r Domkapitel scheint zwar einnehmen zu wollen, wa§ GotteS ist, nicht aber dem Staate zu geben, was des Staates ist. Eine Privat- klage des ehemaligen Domkapitelsekrelärs Cigna enthält die Be- hauptung, daß das schwerreiche Kapitel den Staat um die Steuer für Millionen an Einkommen und Fonds bemogelt habe und den Sekretär zu allen möglichen Schwindeleien veranlaßt habe, um das zu verdecken._ Familientragödie im Seebade. Ein furchtbares Drama, dessen geheimnisvolles Dunkel noch der Aufklärung bedarf, hat sich am Montag in frühester Morgenstunde in Eastbourne. dem vornehmsten Ausflugs- orte und Seebade der englischen Südküste,' zugetragen. Ein früherer englischer Jnfanterieoffizier, Hauptmann M u r r a y, der mit seinen beiden Kindern und zwei Dienstboten in einem entzückend gelegenen kleinen Häuschen am Strande wohnte, erschoß gestern morgen seine noch schlafenden Kinder; dann setzte er das Haus in Brand und jagte sich selber eine Kugel aus einem Winchesterkarabiner durch den Kopf. Die hellen Flammen schlugen bereits aus dem Hause, als die Nachbarn die Feuersbrunst bemerkten. Jede Hilfe war zu spät, das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. In den Trümmern wurden fünf Leichen gefunden, die Hauptmann Murrays, seiner beiden Kinder und zweier anderer Personen, die noch nicht identifiziert werden konnten. Man glaubt, daß es sich um die Leichen der Dienstboten handelt. Neues vom New Uorker Polizeisumpf. Der New Dorker Polizeiskandal zieht immer weitere Kreise. Polizeipräfekt W a l d o w hat den Polizennspektor H a y e S abgesetzt und aller Funktionen enthoben. Wie eS heißt, hat Hohes Enthüllungen gemacht, die dem Präfekten unangenehm zu sein scheinen. HayeS soll erklärt haben, daß er auf An» o r d n u n g deS Präfekten Waidow die Übel berüchtigten Freuden- Häuser mit jeder Kontrolle verschont habe. Die«New» Dork-World' bemerkt hierzu, daß die Freudenhäuser an die New Yorker Polizei jährlich die Summe von fünf Millionen Frank Schweigegelder abgeliefert hätten. Das Ende des Spielers. Angestellte des Bahnhofs von Enghien-leS-BainS in der Nähe von Paris fanden am Montag früh auf den Schienen, etwa 500 Meter vom Bahnhof entfernt zwischen den Stationen Enghien und Ermout den Leichnam eines elegant gekleideten jungen ManneS, desie« Kopf vom Rumpf getrennt war. DaS rechte Bem war voM kommen zerschmettert. Die Leiche wurde nach dein Schauhause ge- bracht. Die sofort eingeleitete Untersuchimg ergab, daß der Totsein junger Deutscher namen» Ernst Seiffert ist. Näheres über seine Person und Beruf konnte jedoch noch nicht festgestellt werden, auch ist sein Wohnott in Deutsch- land gänzlich unbekannt. Fest steht nur, daß er den besten Gesellschaftskreisen angehören muß. Man fand bei dem Toten ein Billett erster Klasse von Paris nach Enghien, eine Hotelrechnung des Pariser Hotels Bristol, sowie einen Brief an einen Berliner Notar, in dem Seiffett seinen Entschluß, aus dem Leben zu scheiden, mitteilt und der Notar gebeten wird, die Angelegenheiten des Toten mit dessen Familie zu regeln. Zweifellos ist, daß e» sich um einen Selbstmord handelt. Der Lebensmüde hatte, wie festgestellt worden ist, den ganzen Tag bis zum Morgengrauen sich in den Spielsälen von Enghien aufgehalten und ist heute früh über das Geländer des Eisen- bahndammes geklettert, um sich vor einem heranbrausenden Zuge aus die Schienen zu werfen. In den Taschen des Toten fanden sich keinerlei Geldmittel mehr vor. Ein streitbarer Pfarrer. In der Nacht zum Sonntag drangen, wie uns ein Tele« g r a m m aus Pari« meldet, zwei Diebe in die Kirche der kleinen, 000 Einwohner zählenden Gemeinde La Loubidre im Depatteinem Avoyon, um die Opferstöcke auszuplündern und die goldenen Altargesäße zu rauben. Sie setzten dabei aber eine versteckt angebrachte elektrische Alarmglocke in Bewegung, die zu der Wohnung deS Abbü B r ö m o n d führte. Dieser begab sich, mit einem geladenen Revolver bewaffnet, durch eine Hintertür in die Kirche, wo er sich hinter dem Altar verbarg. Plötzlich gab er auf die abnungSlosen Diebe mehrere Schüsse ab. worauf diese die Flucht ergriffen. Trotzdem einer von ihnen von einer Kugel getroffen wurde, find sie beide entkommen. Ein Kohn— grest. Ein sonderbarer Zufall wird in Wien Ende d. MtS. vor dem Schwurgericht einen kleinen Kongreß von Namensvettern zustande bringen. ES soll vor dem Gericht gegen acht Angeklagte verhandelt werden, die gemeinsame Diebstähle Verübten. Diesen Angeklagten wurden Osfiz'älverteidiger beigestellt. Da die Advokaten nach dem Alphabet zu diesen Verteidigungen bestinimt werden, traf es sich, daß jeder der acht Angeklagten einen Verteidiger namens K o h n bekam, und zwar die Herren Dr. Alexander Kohn, Dr. Artur Kohn, Dr. Berthold Kohn. Dr. Emil Kohn. Dr. Gustav Kohn. Dr. Joseph Kohn, Dr. Karl Tbeodor Kohn und Dr. Leopold Kohn. ES gibt in Wien noch drei Advokaten namens Kohn. Die Diebesbande war aber nicht so groß, daß auch sie darangekommen wären. Kleine Notizen. Ei» Ehedrama. In LandShut(Pialz) hat am Sonntag- abend der 25jährige Kaufmann Adolf Müll er-Eisenberg seine 21 Jahre alte Frau, mit der er in Ehescheidung lebte, erschossen und hierauf sich s e l b st g e t ö t e t. Opfer der Berge. Aus Tirol werden fast gleichzeitig zwei tödliche Unfälle von Touristen gemeldet. Bon einer steilen Wand de« L a b e r j o ch s ist der Maler K u ß m a u l auS München ab- gestürzt. Im A ch e n s e e g e b i e t ist ein Tischlergeselle, der eine Bergtour unternommen hatte, abgestürzt. Seine Leiche wurde ge- borgen. Schwerer Unfall bei Flugvorführungen. Aus La Rochelle wird ein schrecklicher Unglücksfall gemeldet: Bei den am Sonntag dort veranstalteten Flugvorführungen wollte der Mechaniker des Fliegers Deneau die Propeller feines� Aeroplans in Bewegung setzen, als plötzlich infolge des dichten Gedränges zwei Personen aus der Zuschauermenge in die Reichweite der Schrauben gerieten, die sich bereits in Bewegung gesetzt hatten. Dem einen wurde sofort der S chädel gespalten, der andere wurde schwer ver» letzt. An seinem Auskommen wird gezweifelt. Ein Fortschritt! Ganz allgemein wird das RaffeegetränK aus„RornfrancK" mit Beimischung von „Aecht FrancK-Raffeezusatz" als das beste in jeder Beziehung bezeichnet. E.s ist intensiv dunkel, im Geschmack sehr fein und kräftig, im Gebrauch sehr billig,«i Sozialdemokratikber Aahivemn für den 4. Berliner Keichstagsivahlkreis. Dienstag, den 20. August, abends 8 Uhr: S Viertels- Versammlungen 1. QSrlitzer Viertel bei Graumann, Naunynstratze 27. Referent: Genosse Wlelocta. 2. Köpenicker Viertel in„Sud-Ost", Waldemarstraße 76. Referent: Genosse s. Frankfurter Viertel bei Boeker, Weberstraße 17. Referent: Genosse Oavldaolm. in folgenden Lokalen: 4, Stralauer Viertel in den Comenius-Sälen, Memeler Str. 67. Referent: Genosse Bruckner. 5. Petersburger Viertel in der Löwenbrauerei, Frankfurter Allee 53. Reserent: Genosse Siegle. 6. Landsberger Viertel im Elysium» Landsberger Allee 40. "'"----*imc Referent: Genosse BUcnner. Tagesordnung: 1. Anträge und Vorschläge der Delegierten zum Parteitag. 2. Vorschläge für eine eventuell zu wählende Schiedsgerichtskommission. 3. Bestätigung der Delegierten zur Verbands-Generalversammlung. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Zur Einsegnung Schwarze Anzüge Satin- Kammgarn. Diagonal. Cheviot, Corkscrew und Tuch-Geweba m 45.— 40.— 36.— 30.— 27.— m. 24- 21- 18.- 15- 12.- Blaue Anzüge Choriot, Kammgarn• Cheviota, Foule.. Melton ta g lallen und achrigen Geweben, schwarzen und vielen blauen Farben u 45.- 36- 30.- 27- 24.- « 21- 18.- 15.- 12- 10- Prüf ungs- Anzüge Moderne Stoffs In grofier Farben- und Mustat* Auswahl Schöne Fassons m 36- 30.- 25.- 20- 15- 9- C �L.„ Oberhemden, Kragen, Manschetten, oehr preiswert Serviteun, bi ii t e, Krawatten, — Hosenträger, Handschuhe usw. Jeder Käufer eines Einsegnungs- Anzuges erhält reizende Beigaben umsonst. Baer�Sohn Chausseestraße 29-30 Gr.Frankfurter Str.20 11 Brückenstraße 11 Schöneberg, Hauptstr.10 /ttlithtr Uachiruek ytrbotm. Der Haupt-Katalog Nr.*4(Neueste Moden) kostenfrei.' lar ilar Verwaltung Berlin. JUitgUederversammlnngen: Korbmacher Mittwoch, den iit. August, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschaftshanse, Engelufer 15, Saal 4(Arbeits- losensaal). Tagesordnung: 1. Das Snbmisfiousweseu nnd die Innung. 2. Anträge zur General- Versammlung. 3..Ersatzwahl zur Kommission. 4, Branchenangelegenheit. Modell-«. Fabriktischler Tonnerstag, den Ali. August, abends pünktlich 8 Uhr, im Roseuthaler Hof, Rosenthaler Straße 11/12. Tagesordnung: 1. Bericht vom Berbandstag. 2. Anträge zur Generalversammlung. 3. Branchenangelegenheiten. ZM- Die arbeitslosen Kollegen werden gebeten, tn der Ber- sammlung z« erscheinen."IM_ Donnerstag, den ÄJi. „Rosenthaler Host Stellmacher. August, abends 8»/, Uhr» Rosenthaler Straße 11—12: im W&T Versammlung"MC der in den Illuullgsbttrieben beschästigtell Stekmachrr. Tagesordnung: .Welche Lehre ziehen die Kollegen aus der Lohnbewegung in de» Wagenfabrike»?*____ 87/17 l» Arbeitsnachweis: Hos 1 oroe», Amt Norden. Nr. 1289. VervaltDipteile CharitHstrns/e Hauptbureau; Hos in. Amt Norden, Nr. 1987 Mittwoch, den£t. August, abends 6 Uhr: Versammlung aller in Alfkaidebttriebkn beschiistigten Kollegen und Kolleginnen in den Rittersäle«(Jnh. Bercht), Ritterstraße 75. Tagesordnung: t. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den Msenidedetriebe». 2. Di«. kusfion. 8. verschiedene». 192/18 Kollegen und Kolleginnen 1 In Anbetracht der wlchtiaen Tagesordnung ist da« Eilchewen jedes einzelnen notwendig. Kewer darf fehlen. 8 teppdecken Sonderofferte! Nur diesen Monat!! Purpur 2"' 8'85 Cretoöiie-Sti!ppileekeü2Mi 3i85 Trikot dÄ- 4" s'w Simiiiseiile bX: a95- Ä'00 ormal- aa/% f aar-rv Selilalilcellen l10 250 350 Kamelliaafileellen 10,-24, 90 Emil Lefevre OranleBslr. 168. Spezial-Katalofl Abbildung� M'S«. kMll0. geladen: Kirchner. � Bär u. Stein, I. und H. Tube. Neukölln. vi« Qrt»vei-sH'»Iti»na. ir»» (Pillale Berlin). Donnerstag, den SL. August 1S1L, abendS 8'/, Uhr» Mitglieder-Berfammlung m den„Arminhnllen», Kommandantenstrasse 68/59. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 2. Ounrial 1912. 2. Berichterstattung von der IS. Gr« nerawersammlung w Wiesbaden. 3. Diskussion. 4. Kassenangelegenheiten. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist zahlreiche» Erscheinen notwendig. 164IH vi« Ijokalverwaltnng;. Stoffe für elegante Maßanzflge, Paletots, Ulster etc., Mtr. M. Damen- Kostamsloffs, Damentuohe Neukeitea" Mtr. Zt.—, S.—, 4.— M.,. Loden f. Pelerinen Mtr. 1.60, 2.50 M. SohneidermeiBtor, welche unsere Stoffe tadellos verarbeiten, weisen wir nach. Arbeitslohn nebst Za- taten ca. 20 bis 30 M. Tuehlager Koch& Seeland G. m. b. H. Gertramltmtr. 211/21 VÄÄ Ht ETI pollmanns Bandagen »fr, neblt Hrtihel tur Oel'ätätt, nron /amnei zur ßesandheits- u. Krankenpflege, Verbandstoffe, Oammlw sren etc. Berlin W., Lothringen Str. 60. Lielerant tür �fenkenknsseii Eigene Werkstatt. Reyaratnre». S»e,.i Un- erlasiltch saubere Mensur für Schckler. Touderbesse- rung. aus Wunsch auch solche die dem alt-itaiienIschenTon« täuschend ähnlich Ist. Wesent. «che BorteUe und eventuelle Ratenzahlung sür vorwärts. Abonnenten. Ungewöhnlich lehrende Bnerfennungen. 6mtt 7ouss»inf. 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Lirtsg i Lörwärtz'«itSdruckerei«.Lerlogscnstalt Soui&insu u. fiA« iLertm itm A>.zchM, 3t gejifljjc Jormürtö" Kerliller JolbMutt. Partei- Hngelegenbeiten« Zweiter Wahlkreis. Bei der am 18. August stattgefunde- neu Urwahl wurden folgende Genossen gewählt: 1. Vorsitzen- der: S ch r ö d e r mit 1630 Stimmen; 2. Vorsitzender: I a c u- bowski(1194). 1 Kassierer: Schmidt, Gustav,(1942): 2 Kassierer: L o h s e(1919). 1. Schriftführer: R a u t m a n n (1602): 2. Schriftführer: Beil(901). Beisitzer: Genossin Baader(1686): Appel(910). Revisoren: Schäfer (1634): Balkow(1545): Henning(1209). Preß- kommlssion: Ewald(1114): H äußer(1207). Lokal- kommission: R e i n h a r d t(1484). Schiedsgerichts-Beisitzer: Schwemke(905). Partei-Ausschuß: Ewald(652). Re- visor für Groß-Berlin: Schmidt, Gustav(1932). Tele- gierte zum Parteitag: S ch w a h n(1298): P e e tz k e(1195)- Balkow(1369). Charlittenburg. Heute. Dienstag, abends'/zg Uhr. im großen Saale des Volkshauses, Generalversammlung.' Tagesordnung: 1. Bericht von der Kreis-Generalversammlung. 2. Diskussion. 8. Wahl der Delegierten zur VerbandS-Generalversammlung. 4. Ver« schiedeneS. Der Vorstand. Tcmpelhof. Heute abend S'/z Uhr bei Becher. Berliner Str. 41/42: Mitgliederversammlung. Neben anderen wichtigen BeratungS- gegenständen steht ein Vortrag des Genosten Mermuth über: .Der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" auf der Tages- ordnung. Bezirk Stralau. Donnerstag, den 22. August, abends 8 Uhr, findet im Lokal Steinicke, Alt-Stralau b, eine Mitglieder« Versammlung statt. Die Genosten werden ersucht, ihr Mit- aliedsbuch mitzubringen, da das neue Statut eingeklebt werden Wfl'_ Die Bezirksleitung. Berliner INtecbrichteno Ein Tag der Arbeiter-Turner. ,Dem Volke ein gesunder Körper und ein gesunder Geist... Turnen ist Arbeit im Gewände jugendfrischer Freude!" Mit diesen Kraft- und Mahnworten lud der Ar- beiterturnverein„Fichte" zum Sportfest seiner Lehrlings- abteilungen am vorigen Sonntag auf der großen Spielwiese im Treptower Park ein. Kaum einen idealeren Festplatz im Freien gibt es in Groß-Berlin. Mit seinem smaragdgrünen weiten Oval, abseits des ragenden Großstadtriesen, ist er ein Stadion, wie geschaffen für solchen Zweck von der Natur und von liebevoll pflegender Mensckienhand. Das Wetterhoroskop war am frühen Morgen nicht glücklich gestellt. Ter scheidende Sommer zog ein herbstliches Griesgramgesicht, aber in den Herzen der Tausende, die sich gefreut hatten aus Vorschuß, pochte und keimte es wie im Frühling. Und als zur allge- meinen Ueberraschung fast plötzlich das Gewölk sich siegreich teilte und Frau Sonne strahlend auf die regennasse Erde lachte, ging es mit witziger Pointe durch die Massen: Arbeiter- Wetter! Nur langsam wird es auf dem mächtigen Festplatz lebendig. Was ist denn besonderes los? Man sieht keine großquatschigen Vorbereitungen nach nationaler Fasson mit Girlanden und schwarz-weiß-roten Wimpeln, keine be- schärpten Ehrenjungfrauen, keine besternten Uniformen und keinen— Feldaltar. Die deutsche Arbeiter-Turnerschaft be- dankt sich ergebenst für solche Garnierung. Dreitausend... fünftausend... bald wohl zehntausend frohbewegte Zuschauer rings im Kreise— das ist das schönste Festrelief. Mit be- kannter Routine walten die Ordner, die„Reserveoffiziere" der Arbciter-Jugendpflege, ihres Amtes. Man hört aufs Wort, nirgends wird ein Mißton laut. An einem stillen Plätzchen haben die Arbeiter-Saniariter, hilfsbereit wie immer, sich etabliert. Musik aus der Ferne, leise anschwellend, rauschend. Trommel- und Paukenschlag... sie kommenl Packend, begeisternd ist der Einmarsch. Das ist das echte, wahre Jungdeutschland, Volk vom Volke. Links und rechts schwenken die Kolonnen ein, fast alle gleich gekleidet, hell und luftig, die gebräunten, gestählten jungen Glieder halb ent- hüllt,— ein Anblick, der dem Volksfreunde das Herz im Leibe lachen läßt. Mit dem Fichte-Marsch, von der Neukölln-Britzer Turnerkapelle brillant vorgetragen, beginnt der Reigen der Freiübungen. Und die Arbeiterjugend zeigt mit Verve, was sie gelernt hat. Von tausend Jugendturnern sind nur wenige abgehalten. Fast Tausend folgen wie aus einem Guß dem Kommando der roten Flagge auf der improvisierten Tribüne. Das Hauptinteresse nehmen aber doch die spannenden Stafettenläufe über 800 Meter in Anspruch. Nach zahlreichen Vorläufen siegt im Endlauf die 4. Abteilung in 1,45ich Mi- nuten und die 2. Abteilung in 1,45% Minuten. Wieder kurze, knappe Kommandos, Pistolenschüsse... das vielhundertfache Rudel schwärmt zu den Vorführungen der Musterriegen und zu den Turnspielen aus. Man weiß nicht, worüber man sich zuerst freuen soll. Es quirlt nur so durcheinander. Geräte- turnen und Fußballern ist auf dep Wiese nicht gestattet, aber in dem sonst Gezeigten wird ebenso Treffliches als Amüsantes geleistet. Beim Kugelstoßen siegt Karlewitz(4. Abt.) mit 8,80 Meter, beim Hochsprung Tietze(10. Abt.) mit 1,50 Meter, beim Weitsprung Dühlsen(Neukölln) mit 5 Meter, beim Speerwurf Hcmmerling(Schöneberg) mit 32,60 Meter, beim Faustballspiel bringt es die 4. Abteilung auf die stattliche Zahl von 101 Punkten. Damit der Humor nicht zu kurz kommt, löst ein originelles Hindernisrennen helle Lachsalven aus. Trompetensignal! Die Absperrleinen fallen, alles strömt nach der Tribüne. Man will hören, was die deutsche Arbeiterschaft gern hört. Und wuchtig prasselt es aus dem Munde des Fest- redners herab auf die. die— nicht da sind. Eine flammende Anklage ist es gegen die Gescheitelten und Geschorenen, gegen die neid- und haßerfüllten Friedensstörer am proletarischen Jugendwerk, aber auch eine Mahnung und das Gelöbnis, den lebendigen, frifch-frei-fröhlichen Geist, der die deutsche Ar- beiter-Turnerschaft durchweht, trotz aller Drangsalierungen und Schikanen nimmermehr sterben zu lassen.„Frei Heil" braust es dreimal jubelnd über den grünen Rasen.„Lieder stimmt an..." schallt es zum Abschied begeistert, zündend aus tausend jungen, kämpf- und siegfrohen Kehlen in die Abend- dämmerung. Das prächtig gelungene Arbeiterfest hat fein Ende erreicht, der Turnverein„Fichte" darf ein neues frisches Eichcnblatt in seinen grünenden Siegerkranz flechten. Gegen die Belästigung der Reisenden durch Vorführung von Schoustellungen und Feilbieten von Waren in den Eisenbahnzugcn richtet sich ein Erlaß des Ministers v. Brertenbach vom 14. d. M.. in welchem für die vierte Klaffe gewiss« Züge der Aushang nach- folgender Bestimmung vorgeschrieben wird:„Die Vorführung von Schaustellungen, das gewerbsmäßige Feilbieten oder Verkaufen von Gegenständen aller Art, das Musizieren und Einsammeln von Geld innerhalb des Bahngebietes, namentlich auch in den Zügen, wird auf Grund des§ 77 der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung verboten. Zuwiderhandlungen werden als Bahnpolizeiüber- tretungen bestraft." Aushänge gleichen Inhaltes sind bereits auf verschiedenen Bahnhöfen in den Wartesälen 3. und 4. Klasse vor- Händen. Das Stations- und Zugbegleitpersonal usw. soll ange- wiesen werden, streng darüber zu wachen, daß das Verbot befolgt wird. Die Schaffner haben zum Zwecke dieser Ueberwachung häufiger durch die Wagen zu gehen und bei Zuwiderhandlungen so- fort einzuschreiten. Die Betriebsämter werden beauftragt, gegen Personen, die das Verbot übertreten, mit empfindlichen Geld- strafen vorzugehen oder eventuell dem Amtsanwalt Strafanzeige zu erstatten. Die Arbeiterbildnngsschule hielt vor einigen Tagen ihre ordentliche Generalversammlung ab. Aus dem Vorstandsbcricht, den der Vorsitzende Genoste Lamme gab, ist folgendes hervorzu- heben. Die Schule hatte im verflossenen Quartal einen Mitglieder- bestand von 1026, darunter 96 weibliche. Hiervon waren organi- siert: nur politisch 39, nur gewerkschaftlich 221, beiden Organi. sationen gehörten 618 Mitglieder an. Die abgehaltenen Kurse zeigten einen sehr guten Durchschnittsbesuch, ein erneuter Beweis für die Notwendigkeit der Schule. Der Kassenbericht schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 2132,68 M. ab. Die Bibliothek war an S8 Tagen geöffnet, an denen 767 Bände ausgeliehen wurden. Genosse Grunwald berichtete sodann über den vom Lehrerkollegium im Verein mit dem Vorstand aufgestellten Lehr- plan für das folgende Quartal, der den Schülern Besonderes bieten wird. Es werden behandeln: Käthe Duncker: Naturwissen- schaft, Hänisch: Geschichte(19. Jahrhundert), Däumig: Literaturgeschichte, Borchardt: Wissenschaftlichen Sozialismus, Georg Schmidt: Geschichte der Sozialpolitik, D i t t m e r: Gewerkschaftswescn. speziell Arbeiterschutz, Eichhorn: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Grunwald: Praktische Nationalökonomie und Redeübung. Inhalt und Anzahl der Unterrichtskurse lassen einen starken Andrang erwarten, um so mehr, als die meisten Kurse sich über mehrere Quartale erstrecken und den Hörern ein abschließenderes Bild geben werden. Der Lehrplan fand allgemeine Anerkennung. Als Unterrichtsvertretcr wurden gewählt Frl. Keil, Frl. Zastrow scwie die Genossen Fischer, Gutekunst, Krüger. Graf, Lüdecke, Büttner. Stephan._ Zum Ueberfall im Borortzuge. Die Persönlichkeit des Messerstechers soll, wie gestern ver- schiedentlich berichtet wurde, in dem 1387 zu Swinemünde geborenen Geisteskranken Gustav H a r n a u, einem früheren Bauarbeiter, fest- gestellt sein. Er ist mehrfach wegen Diebstahls und Raubes vor- bestraft, zuletzt mit einem Jahr Gefängnis in Stettin, und hat längere Zeit in der Irrenanstalt Herzberge zugebracht. Seit dem Bekanntwerden der Bluttat meldeten sich bei der Berliner Kriminal- Polizei eine größere Anzahl von Personen, die sämtlich mit ein und demselben offenbar geisteskranken Menschen zusammengetroffen waren und von diesem übereinstimmend eine genauere Beschreibung gaben. Nach dieser Beschreibung konnte man auf die Identität mit dem gesuchten Messerstecher schließen. Allerdings soll dieser nur etwa 1,69 Meter groß sein, während der Geisteskranke, der sich hier in Berlin herumtreibt, 1,79 Meter groß angegeben wird. Der junge Mann hat den mit ihm zusammengetroffenen Personen übereinstimmende Bekundungen über sein Vorleben, seinen Aufenthalt in Herzberge, die Ursache zu seiner Geisteserkrankung und über seine augenblickliche Gemütsverfassung gemacht. Stets trug er auch, wie die 17 Zeugen erklärten, ein offenes Taschenmesser, angeblich zu seinem eigenen Schutz, bei sich. Auf Grund der Angaben und der Personalbeschreibung wurden nicht nur in Herzberge, sondern auch in Bauarbeiterlreisen und bei Bauunter- nehmern Ermittelungen angestellt. Gestern führten diese zur Fest- stellung der Persönlichkeit des gemeingefährlichen Geisteskranken. Gleichzeitig konnte auch festgestellt werden, daß Hornau am b. August im Polizeirevier 45 unter dem Verdacht, einen Diebstahl begangen zu haben, eingeliefert worden war. Er bat die Schutzleute, denen er auch seine Leidensgeschichte erzählt hatte, ihn doch lotzuschlagen. Das wäre das Beste für ihn. Da die Beamten aber von seinem Aufenthalt in Herzberge gehört hatten, so legten sie den Aeußerungen kein Gewicht bei. Hornau hat auch in Berlin einen Bruder, doch hat er sich bei diesem seit etwa 14 Tagen nicht mehr sehen lassen. Weitere von den bi« jetzt verdächtigten Personen kommen für die Tat nicht in Frage, so auch nicht ein in daS VirchowkrankenhauS mit einer Schußwunde eingelieferter Friseurgehilse. Wie noch mitgeteilt wird, hat die Vernehmung der beteiligten Eisenbahnbeamten noch einige interessante Einzelheiten ergeben. Der Zugführer, der sich vorschriftsmäßig in dem hinter der Lokomotive laufenden Packwagen befand, fragte zunächst den Lokomotivführer nach der Ursache des Bremsen?, da er annahm, es wäre ein BremS- schlauch geplatzt. Nachdem er gehört hatte, daß die Notbremse gc- zogen sei, schritt er den Zug ab, um das fragliche Abteil zu er- Mitteln. Aus einem Wagen zweiter Klasse wurde ihm zugerufen, ein Passagier habe seinen Hut verloren und als der Zugführer nach der bezeichneten Richtung blickte, sah er tatsächlich einen jungen Menschen langsam zwischen den Schienen gehen, der anscheinend etwas suchte. An mehreren Wagenfenstern zeigten sich Fahrgäste. von denen aber keiner das Abteil anzugeben vermochte, von dem aus die Notbremse betätigt worden war. Erst am viertletzten Wagen erfuhr dann der Zugführer von dem blutigen Vorfall, der sich im letzten Abteil abgespielt hatte. Seine nächste Aufgabe war nun die Fürsorge für die drei Verletzten, von denen die eine noch bei Bewußtsein befindliche Frau fortgesetzt schrie:.Ich bin ge- stochen, ich verblute!" Nach Aussage des Zugführers fuhren die drei Damen übrigens nicht allein mit dem Mordbuben, vielmehr saßen noch ein älterer und ein jüngerer Herr in demselben Wagen, allerding« in entfernteren Abteilen desselben. Beide haben jedoch von dem schrecklichen Vorgange nichts wahrgenommen. Nach alle- dem sind die Borwürfe, die ein Fahrgast gegen die Eisenbahn- beamten erhoben hat, gegenstandslos. Ein Raubüberfall in einem Borortzuge wurde am Sonntag nachmittag auf der Bahnstrecke Berlin-Zossew verübt. In Lichten- rade stieg in den nach Berlin fahrenden, Borortzug Nr. 927 in ein Abteil 2. Klasse, in dem sich eine Herr und eine Dame, zwei Ge- schwister, befanden, ein junger Mann ein. Als dieser sah, daß beide Fahrgäste ein wenig eingenickt waren, griff er nach der Handtasche der Dame, um sie dieser zu entreißen. ES gelang ihm aber nicht, weil die Beraubte sofort aufwachte. Jetzt floh der Räuber in ein Nebenabteil, in dem sich drei Damen befanden. Der Bruder der Uebcrfallcnen versuchte, den Räuber zu greifen. Dieser öffnete aber schnell die Tür des Abteils und sprang aus dem fahrenden Zuge hinaus. Eine der drei Damen zog darauf gleich die Notbremse. Der Zug wurde auch gleich zum Stehen gebracht. Es gelang dem Räuber nicht, die Flucht weiter fortzusetzen, da er mit dem Kopf auf die Schienen aufgeschlagen war und sich eine schwere Schädel- Verletzung zugezogen hatte. Der Zugführer nahm den Verletzten mit nach der nächsten Station Marienfelde. Hier wurde er ver- Kunden und einem Verhör unterzogen. Es stellte sich heraus, daß der Räuber der erst 18 Jahre alte Fahrstuhlführer Fritz Siegmundt aus der Kronprinzenstraße zu Lichteniberg bei Berlin ist. Er war nur im Besitz einer Fahrkurte 3. Klaffe und hat das Abteil 2. Klaffe wohl nur deshalb bestiegen, weil er sah, daß die beiden Fahrgaste eingenickt waren. Nach Aufnahme des Protokolls wurde er als Polizeigefangener nach der Charite gebracht. Ein Unfall beim Rollschul, laufen ereignete sich am Sonntag in der Föhrerstraße. Die 12jährige Schülerin Mary Boeger, 9'ohver- straße 4 wohnhaft, lief mit zwei Freundinnen auf dem Asphalt der Straße Rollschuh, als ein Droschkenautomobil herannahte Die Kleine, die das Signal des Kraftwagens hörte, wollte dem Gefährt ausbieaen, kum jedoch zu Fall und geriet unter die Droschke, rechtes Vorderrad über die Beine des Kindes hinweggingen. In bewußtlosem Zustande wurde das Mädchen nach der Unfallstation in der Badstraße gebracht, wo der Arzt Brüche an beiden Oberschenkeln feststellte und die Ueberführung der kleinen SB. in die elterliche Wohnung veranlaßte.•- J Stallmann in Berlin. Der lange gesuchte Falschspieler und Hochstapler Stall mann konnte von der Kriminal- Polizei in das hiesige Untersuchungsgefängnis eingeliefert werden. Er kam gestern abend mit dem fahrplanmäßigen Zuge um 7,97 Uhr auf dem Lehrter Bahnhof in Begleiwng zweier Kriminalbeamten an. Stallmann ist ein ziemlich großer, stattlicher, schlanker Mann mit einem blonden, englisch gestutzten Schnurrbart und geht etwas noch vorn übergcneigt. Die Beamten bestiegen gleich mit»hm eine Autodroschke und fuhren direkt nach Moabit. „Baron v. Korff-König". wie sich das Haupt der internationalen Falschspielerbande selbst nannte, ist unter diesem Namen bekannter. als unter seinem richtigen. Der„Baron" ist in Wirklichkeit ein am 14. April 1871 in Berlin geborener Rudolf Stallmann. Im An- fange der neunziger Jahre begann er seine Hochstaplerlaufbahn mit allerlei„Schwindeleien und Schiebungen". Als die Behörden auf ihn aufmerksam wurden, entfloh er nach Frankreich und England. In ganz kurzer Zeit entwickelte er sich nun zum Haupt einer»nter« nationalen Falschspielerbande, die in der ganzen Welt überall dort austrat, wo sich die Lebewelt zusammenfindet. Im Anfange vorigen Jahres wurde er mit seiner Frau und seinem Kammerdiener in Kalkutta verhaftet. Hierbei versuchte er einen Selbstmordversuch. der ihm jedoch mißlang. Später wurde Stallmann dort wieder auf freien Fuß gesetzt. Er wird sich jetzt wegen verschiedener Schwinde- leien zu verantworten haben. Insbesondere werden zwei Betrugs- fälle gegen ihn geltend gemacht. Er wird in diesen beschuldigt, einen Gutsbesitzer im Herbst 1999 um 22 999 M. und einen Leutnant um 88 999 M. beim Baccaratspiel betrogen zu haben. Ein dreister Neberfall ist am Sonntagnachmittag allf eine Lehrerin im Humboldthain verübt worden. Als die 26jährige Lehrerin Hedwig Bunte aus Werder im Humboldthain spazieren ging, stürzte aus dem Gebüsch plötzlich ein etwa 29jähriger Bursche und entriß der Ueberraschten die Handtasche, in der sich etwa 19 M. in barem Gelde befanden. Auf die Hilferufe der Bestohlcnen eilten Spaziergänger hinzu, die die Verfolgung des Räubers auf- nahmen, ohne seiner jedoch habhaft werden zu können. Beim Radfahren verunglückt. Am Sonntag abend gegen 11 Uhr fuhr der 39jährige Glaser Richard Sch.. Chausseestraße wohnhaft, mit seinem Kveirad hinter einem AuwmobilomnibuS her, der vom Reichskanzlerplatz kam und in der Richtung nach der Charlottenburger Chaussee zufuhr. An einer Querstraße mußte der Autobus plötzlich bremsen und Sch., der sein Rad nicht in der Gewalt hatte, fuhr mit voller Wucht gegen den Kraftwagen an. Der Glaser kam zu Fall und zog sich einen Schlüsselbeinbruch. eine Wunde an der Stirn und eine schwere Gehirnerschütterung zu. Er wurde auf die nächste Unfallstation und von dort in das Krankenhaus Moabit geschafft. Ein eigenartiger Unfall ereignete sich am Sonntagnachmittag gegen 6 Uhr vor dem Hause Frankfurter Allee 87. Der Turmwagen Nr. 3 der Oberleitungsstation 1 geriet beim Umwenden in eine Vertiefting des Straßenpflasters und stürzte um. Der Schlosser Hermann H., der auf der Plattform stand, erlitt Hautabschürfungen am Oberarm, an der Hüfte sowie eine Verstauchung der beiden Daumen, der zweite Handwerker, der Schlosser H., erlitt eine Hüft- gelenkvcrstauchung und mußte nach dem Krankenhaus am Frie- drichshain übergeführt werden. Durch den Rettungswagen sowie einen Auto-Turmwagen wurde der umgestürzte ArbeitSwagen wieder aufgerichtet. Durch einen Sprung ins Wasser hat wieder ein junges Mäd- chen seinem Leben ein Ende gemacht. Am Sonntagabend kurz vor 12 Uhr, sahen Vorübergehende, wie an der Fischerbrücke ein Mädchen in großer Aufregung am Wasser entlang lief. Vor dem Hause FriedriihSgracht 19 kletterte es auf das Gitter und sprang, ehe man eS daran hindern konnte, in den Stadtschleusekanal und ging sofort unter. Mit einem Rettungskahn suchten einige Männer das Wasser ab. ES gelang ihnen auch, die Lebensmüde zu fassen, doch war sie bereits ertrunken. Die Leiche wurde darauf- hin dem Schauhause zugeführt. Die Persönlichkeit der Toten ließ sich noch nicht feststellen. Es ist ein Mädchen von ungefähr 29 Jahren, das seinem Aeußeren nach dem Mittelstande angehört zu haben scheint. ES hat blondes Haar und blaue Augen und trug eine weiße Spitzenbluse, einen weißen Unterrock, durchbrochene Strümpfe und halbe Lackschuhe. Wie man uns mitteilt, hatten einige Passanten an der Lebens- müden Wiederbelebungsversuche angestellt, wonach dieselbe schwache Lebenszeichen von sich gab. Während ein dabei stehender Polizei. beamtcr die Hilfsbereiten ersuchte, ihre Versuche fortzusetzen, habe plötzlich ein zweiter hinzukommender Beamter ihnen untersagt, die Ertrunkene weiter zu behandeln. Ein solches Verbot hat natüv- lich die hilfsbereiten Personen sonderbar berührt, um so mehr, als die am Wasserlauf angebrachten Tafeln das Publikum direkt in Wiederbelebungsversuchen Ertrunkener unterweisen. Will die Polizei den Zweck solcher Tafeln nicht illusorisch machen, so darf sie unter keinen Umständen hilfsbereiten Per- sonen bei solchen Wiederbelebungsversuchen Hindernisse in den Weg legen. In diesem Fall ist die Ertrunkene ohne jeden Versuch, sie wieder ins Leben zurückzurufen, liegen geblieben. In einem Stodtiahnzug tot aufgefunden wurde auf dem Bahn- Hof Westend am 16. d. Mts. in einem Abteil II. Klasse ein Mann, dessen Persönlichkeit sich bisher nicht feststellen ließ. Der Tote ist ungefähr 49 bis 45 Jahre alt, 1,79 Meter groß und kräftig, hat hellblondes Haar, einen ebensolchen Schnurrbart, blaue Augen und im Oberkiefer eine große Zahnlücke und trug einen braunen mit grünen Streifen durchzogenen, zweireihigen Jackettanzug, braune Strümpfe, einen schwarzen, steifen Hut mit den Buchstaben R. II., ein weißes Oberhemd, Stehkragen, Selbstbinder und braune Schnür- schuhe. Im Hemd und Manschetten ist der Name„TeSner" mit Blei eingeschrieben. Die Leiche befindet sich im Charlottenburger Schauhause. Die Leiche eines Sechszehnjährige» wurde gestern vor dem Hause Helgoländer Ufer 4 au» der Spree gelandet. ES handelt sich um den KaufmannSlehrjing Adolf Schwarz au» der Barnimftr. 18. Der junge Mann war feit vergangenem Dienstag aus der elter- lichen Wohnung verschwunden. Jetzt wurde er als Leiche wieder- gefunden. Ob ein Unglücksfall vorliegt oder der junge Mann selbst ins LLasser gegangen ist, weiß man noch nicht.— Die Leichen des Ehepaares Hippel, das, wie wir mitteilten, Selbstmord durch Ertränken in der Havel verübt hatte, sind am Sonnabend in der Nähe des Restaurants Konradshöhe gefunden worden. Selbstmord einer Geisteskranken. In einem Anfalle geistiger Umnachtung hat in der Sonntagnacht die Eheftau des Kaufmanns Schiegert ihrem Leben«m Ende gemacht. Frau Sch. war feit längerer Zeit schwer nervenleidend und befand sich fest einigen Wochen in der„dlaison Ag in Schoneverg. Nachdem sich der Zustand der Kranken in den letzten Tagen gebessert hatte, wurde die Patientin in der verflossenen Nacht wieder von einem heftigen Anfall ihres Leidens heimgesucht, unter dessen Einflus; sie Selbst» mord verübte. Frau Sch. erhängte sich am Beitpfosten. Als die Tat entdeckt wurde, war es leider zu spät; ein binzugerufener Arzt konnte nur noch den bereits eingetretenen Tod feststellen. Eine mysteriöse Angelegenheit beschäftigt augenblicklich die Ber- liner Polizei. Zsn der vergangenen Nacht gegen 11'/z Uhr wurde das 106. Polizeirevier telcphonisch benachrichtigt, daß in der Lauben kolonie Bellinshöhe ein unbekannter Mann sich die Pulsadern durch schnitten habe. Als mehrere Beamte des Nevier in der Laubenkolonie erschienen, war der Lebensmüde bereits von einem Un- bekannten mittels Krankenwagens nach dein Krankenhause am Friedrichshain geschafft worden. Hier konnte man, da der Lebens- müde noch nicht vernehmungsfähig ist. weder über seine Person, noch über das Motiv zu der Tat etwas ermitteln. Ein schwerer BootSunfall hat sich gestern nachmittag auf dem Müggelsee ereignet. Bier Beamte der Deutschen Bank unternahmen eine Segelfahrt. Plötzlich setzte eine Bö ein und brachte das Boot zum Kentern. Die Insassen fielen ins Wasser und kamen unter die Segel zu liegen. Drei ertranken, den vierten gelang es, sich an die Oberfläche hinaufzuarbeiten. Von einem herbeieilenden Bootsbesitzer, der die Hilferufe vernommen hatte, wurde der mit dem Tode ringende gerettet. Bon BerficherungSschwinblcrn heimgesucht. Zu unserer in der Nummer vom Sonntag erschienenen Notiz erhalten wir eine von dem in der Notiz bereits genannten Herrn Klaurock, Neukölln, Wissmannstrahe 9, wohnhaft, folgende Zuschrift: „Der Agent Eugen Strcsemann, Neukölln, Mareschsdraße 7, bot mir seine Dienste als Unteragent zum Abschluß von Feuer- Versicherungen an; nachdem ich ihni Antragsformulare usw. auHge- händigt hatte, begann er seine Tätigkeit und schloß 26 Feuer- vcrsichmlngKanträge bei Laubenbesitzern in den Kolonien in Trep- tow und Baumschulenweg ab. Der von der mir vorgesetzten Haupt- ogentur Paul Cohn, Berlin 8W., Iriedrichstrotze 32, für Prämien und Nebenkosten vorgeschriebene Preis von 7,56 Pj. wurde von Etresemann mit den Versichevungsnehmern ordnungsgemäß vcr- cinbart. Die Anträge wurden von mir der benannten Haupt- ogentur eingereicht und die Policen von der Direktion ausgefertigt. Als ich nun die Policen kassieren wollte, stellte eS sich heraus, daß Etresemann unberechtigt und ohne mein Wissen gegen seine eigene rechtsungültige Quittung sich Beträge a b M. und darüber von den Versicherungsnehmern hat zahlen lassen. Strcsemann hat den Per- isicherungSnehmevn vorgeredet, daß er, wenn sie ihm daS Geld gleich geben würden, über den ganzen Betrag(7,50 M.) quittieren würde, während sie dann nur S M. zu zahlen brauchten. Ich berichtete nun der bereits vorbenanntew Hauptagentuv von dem Vorgefallenrw und wurde mir nun der Auftrag erteilt, den Versicherungsnehmern, welche anscheinend Etresemann im gutem Glauben die Beträge im voraus gezahlt haben, die Policen gegen Zahlung des tatsächlich «och nicht an Etresemann gezahltem Restbetrages von 2,50 M. auS- zuhändigen, damit die Versicherungsnehmer keinem Schaden er- leiden. Mehrere von den durch Etresemann Geschädigten haben Sonntag, am 18. d. M., dem noch zu zahlendem Restbetrag gegen Aushändigung der Policen bezahlt. Ebenso wird jeder der anderen Versicherungsnehmer die bereits ausgefertigte Police erhalten, so- kern er dem noch schuldendem Restbetrag bezahlt. Unrichtig ist also, daß die Policen überhaupt nicht ausgestellt worden seiem und den Versicherungsnehmern nicht hattem verabfolgt werden sollen. Strcse- mann ist nach diesen Vorgängen sofort von mir entlassem worden." Zu dem Schreibe»» möchten wir noch bemerken, daß die von Etresemann geprelltem Laubenbesitzer am Donnerstag, den 46, August, noch nicht im Besitz dev Policen waren. Die Kinderschuhkommtssion hält am Freitag, den 23. August, abends 3 Uhr, in den AndreasfestsSIen, AndreaSstr. 21, eine Versammlung ab, in der über ihre Tätigkeit Bericht erstattet wird. Mittellose Kranke(Rheumatismus, Epilepsie, Sprachstörungen, Kopfschmerzen) behandelt unentgeltlich Dr. Ratlodow in seiner Klinik. NovaliSstr. 12, III links. aittags bis 12 Uhr mittags in der Geschäftsstelle IV, Lütz o wer • a ß e 8a, Portal I, vorn III links, Zimmer 89/40 öffentlich auS- zt. Während dieser Zeit kann jedes Mitglied der Stadtgemeinde Vorort- JNfacbncbtei»* Gharlottenburg. Die Liste der stimmfähigen Bürger für die Gemeindewahlen ist aufgestellt und bis zum 30. August wochentags von 8 Uhr vormittags bis 8 Uhr nachmittags, außerdem am Sonnabend, den 24. August noch von 6—3 Uhr nachmittags. Sonntags von 10 Uhr vormittags.~- Straße! gelegt. Während dieser Zeit kann jedes Mitglied der Stadtgemeinde gegen die Richtigkeit der Liste Eimvendungen erheben. Im Interesse der Richtigkeit und Vollständigkeit der Liste ist es erwünscht, daß von dem Rechte der Einsichtnahme möglichst viel Gebrauch gemacht wird, da spätere Einsprüche unberücksichtigt bleiben müssen. Die erste Abteilung der Wähler schließt ab mit einem Steuer» betrage von Slv&.vo M.. ole zweite Äbteilnng beginnt mit einem Stenerbetrage von 8150,60 Mi. und endigt mit 204,50 5IJI., die dritte Abteilung beginnt mit dem Steuerbetrage von 204 M. Der durch- schnittliche Steuerbetrag tst 204,20 M Neukölln. Ein ungsücklicheS Mutterherz. Auf der Kellertreppe de? Hauses Walterstr. 22 wurde von einem Hansbewohner ein 8 Tage altes Mädchen aufgefunden, auf das er durch das Wimmern des kleinen Kindes aufmerksam wurde. Die Ermittelungen der Polizei nach der es .>h' .en Worten bittet diese, daS Kind einstweilen in Pflege zu nehmen und gut dafür zu sorgen. Sobald sie könne, werde sie das Kind abholen und zu sich nehmen. Sie gibt an, ihr Kind aus Furcht vor ihrem Bräutigam ausgesetzt zu haben. Dem Kind möge der Name Frida DrenSke beigelegt werden. Das Schreiben schltcßt mit den Worten:„Mit Küssen von mir an mein heißgeliebtes Kind. Ein unglückliches Mutterherz". Ober-Schönetveide. Ei» dreister Nebcrfall. Da» ISjShrige Dienstmädchen Pauline Fritz befand sich gestern vormittag auf dem Wege zum Bäcker. In Mutter des Kinde? waren ergebnislos und wurde dieses dm hiesige» Waisenhause übergeben. Bei der Verwaltung des Waisenhauses ist jetzt ein Brief von der unbekannten Mutter cingelaiifen. In rühren- der Rathenaustraße wurde es don einem etwa 35jährigen Mann verfolgt und in der Nähe der Gemeindeschule in der Slabystraße von diesem gepackt und zu Boden gerissen. Dann würgte er das Mädchen so, daß es aus Mund und Nase blutete. Auf die Hilferufe des Mädchens eilten Polizeibeamte herbei, worauf der Mann von dem Mädchen abließ und flüchtete. Trotzdem von verschiedenen Seiten die Verfolgung aufgenommen wurde, entkam der Täter in der nahen Wuhlheide. Das Mädchen liegt schwerlranl danieder. Johannisthal. Die Versammlung des Wahlvcreins tagte zum ersten Male im eigenen Heim in der Friedrichstratze 61. lieber die Organisation der sozialdemokratischen Partei referierte Genosse G r o g e r- Neukölln. Redner gab einen gcsckichtlichen Rückblick über die Entstehung und Entwickelung der Partei; dabei erwähnte er im besonderen die Gewaltmittel, mit denen man die Bewegung niederzuhalten der- suchte. Uebergehend zur Reorganisation des ParteivorstondeS war Redner der Ansicht, daß der Parteivorstand um 12 unbesoldete Bei- sttzer vermehrt werde» müsse. In der DiSklission erklärte Genosse Ganschur, daß eine Verstärkung um 7 Beisitzer, die nur aus den Reihen der beruflich tätigen Genossen in Groß-Berlin gewählt werden dürften, genügen würde. Genosse Steuer war der Ansicht, daß die Genosse» im Reiche sich dies nicht gefallen lassen und bei der eventuellen Wahl neuer Beisitzer berücksichtigt werden müßten.— Hierauf wurde noch bekanntgegeben, daß die Bibliothek vom Sonntag ab wieder regelmäßig geöffnet ist. Köpenick. Nach beendeter Inventur der hiesigen Bibliothek beginnt mit dem heutigen Tage wieder die Ausgabe don Büchern an die Leser. Die Biblioibek ist durch Anschaffung vom Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt weiter ausgestaltet worden. Indem wir die Bibliothek den Genossen zur fleißigen Benutzung empfehlen, der- weisen wir auf einen Beschluß der Parteiorganisation, wonach die Bibliotheksordnung strikte einzuhalten ist. Weihensee. Aus der Gemeindevertretung. An den Verband märkischer Arbeitsnachweise wurde«in laufender Beitrag von LS M. pro Jahr bewilligt. In das Kuratorium der gewerbliche» Fortbildungsschule lvurden u. a. die Genossen Taubmann als Geineindeverordnetcr, Spediteur Fuhrmann und Metallarbeiter Schmödicke als Arbeit- nehmer wiedergewählt. Der hiesigen Ortskraiikenkasie, die am 1. Oktober 1913 zwei Etagen des zu erbauenden Ledigen- heims für ihre Zwecke gemietet hat. wird nunmehr auch die dritte Etage für den Mietspreis von 2000 M. pro Jahr vermietet, um in diesen Räumen eine Bade- und Massagegelegenheit einzurichten. Als Vertreter der Gemeinde auf dem Brandenburgischen Städtetage in Fürstenwalde wurde der Bürgermeister gewählt. Dann erhielt die Vertretung Kenntnis von einem Beschlüsse des Kreisausschusses, wonach die im Frühjahr stattgefundene Wahl des Herrn Schwartz für ungültig erklärt wurde. Diesem Urteil schloß sich die Gemeindevertretung gegen vier Stimmen der alten Fraktion an. ~err Schwartz behält jedoch Sitz und Stimme, bis der Beschluß echtskraft erlangt hat. Hohen-Neuendorf. Lebensgefährlich verwundet wurde der 27jährige Arbeiter Paul Schreiber. In der hiesigen Lanbenkolonie wollte einer der Kolonisten seinen kranken Hund erschießen. Die Kugel ging aber fehl und traf den zufällig vorübergehenden Sch. in die Brust. Der Getroffene brach anf der Sielle zusammen und blieb bewußtlos liegen. Die Kolonisten bemühten sich sofort um den Schwerverletzten und veranlassten seine Ueberführung nach der Charitü in Berlin, wo er in hoffnungslosem Zustande eingeliefert wurde. Wannsee. Mißhandlungen seiner Frau. Unter der Beschuldigung, durch eine Körperverletzung den Tod seiner Frau verschuldet zu haben, wurde der Bahnsteigschaffner Wohlgemuth von hier auf Antrag der Potsdamer Staatsanwaltschaft verhaftet. DaS eheliche Ver- hältnis erfuhr manche Trübung. Einmal packte W. seine Frau bei den Schultern und stieß sie so lange gegen ein Bett, bis sie ohn- mächtig wurde. Die Frau erkrankte unmittelbar darauf. Der Arzt attestierte Limgenentzündung. Da auf die Anzeigen dritter Personen die Behörde eine Untersuchung einleitete, wurde die nach dem Kraukenhause Hermannswerder übergeführte Frau W. nach ihrem Tode obduziert. Man stellte eine innere Zerreißung, die auf Gewaltanwendung zurückzuführen war, fest. Infolgedessen wurde W. verhaftet. Spandau. Die Liste der stimmberechtigten Bürger zur Stadtverordneten- Wahl liegt bis zum 30. A u g u st im Stadtsekretariat, Zimmer 13/14 des Rathauses, während der Dienststunden von 8 bis 1 Uhr vor- mittags und 3 bis 6 Uhr nachmittags zu jedermanns Einsicht auS. Finden auch in diesem Jahre die ordentlichen Wahlen nicht statt, so hat doch jeder Wahlberechtigte die Pflicht, sich davon zu über- zeugen, ob sein Name richtig in die Wählerlist« eingetragen ist. Ist dies nicht der Fall, so ist sofort bei dem Sekretär Einspruch gegen die Dollständigleit der Liste zu erheben»nd die Nachtragung zu ver- anlassen, denn voraussichtlich finden in diesem Jahre Ersatzwahlen statt. Darum versäum« niemand, die List« einzusehen. Sembts Reitling. Wenn man vergeßlich ist. Eine Anklage wegen Unterschlagung, welche durch die irrtüm- liche DoMlzahlung eines Betrages entstanden ist, führte den mehr- fach wegen Betruges vorbestraften Pferdehändler Max Feldmann vor den Strafrichier.— Im Mai vorigen Jahres kam der Pferde- Händler Nikolaus Strubl aus München nach Berlin, um hier Pferde einzukaufen. Er kaufte dann hier von dem Angeklagten Feldmann drei Pferde zum Gcsamtpreise von 1250 M. Unter diesen Pferden befand sich ein Goldfuchs, den Feldmann von dem Pferdehändler Frentzcl zum kommissionswcisen Verkauf erhalten hatte. Strubl händigte ihm deshalb den für dieses Pferd angesetzten Verkaufs- preis von 450 Mi sofort aus. Das Geld wurde auch gleich darauf von dem Angeklagten an Frentzcl weitergegeben. Als die Pferde dann am Abend auf dem Anhalter Bahnhofe verladen werden sollten, kam es zwischen Strubl und dem Angeklagten zu einer heftigen Auseinandersetzung, da St. behauptete, eins der Pferde sei„dämpfig". Um dem Streit ein Ende zu bereiten, zahlte St. schließlich den Kaufpreis an den Angeklagten. In der Hitze des Gefechts vergaß er jedoch, daß er schon die 450 M. für ein Pferd bezahlt hatte und zahlte nochmals den vollen Kaufpreis von 1250 Mark. Auf der Fahvt nach München bemerkte er jedoch seinen Irr- tum. Er richtete sofort ein dringendes Telegramm an den An- geklagten und ersuchte ihn um Rückgabe des irrtümlich gezahlten Betrages. Als dieses Telegramm und auch ein eingeschriebener Brief ohne Erfolg blieb, strengte Strubl die Klage an. Feldman» wurde auch zur Rückzahlung verurteilt, zahlte aber nicht, sondern leistete den Osfenbarungscid, so daß Strubl seinen Irrtum nicht nur mit dem Verlust der 450 M. büßen mußte, sondern auch noch die recht beträchtlichen Kosten zuzabien mußte. Aut die von ihm erstattete Strafanzeige hin wurde Feldmann vom Scköffengericht mit Rücksicht auf seine vielfachen Vorstrafen zu 6 Monaten Gesang- ni-Z verurteilt. Die von ihm hiergegen eingelegte Berufung ivurde von der 5. Ferienftrafkammer des Landgerichts I verworfen, Kinbermißhandlung vor Gericht. Die sechsjährig« Tochter Gertrud der Frau des Gutsarbciters Stephan in Plessow bei Werder war nach den Bek-imdungew der Nachbarn wiederholten Mißhandlungen seitens ihrer Mutter und des Stiefvaters ausgescht. Das Mädchen wurde von der Mutter in einem Fall, der gestern die Potsdamer Strafkammer beschäftigte. mit einem Pantoffel ins Gesicht geschlagen umd vom Stiefvater mit einer Peitsche geprügelt. Die Spuren der rohen Züchtigung äußer- tcn sich in Striemen am Kops unö einer Schwellung des Armes. Am Ellenbogen war eine Stoßspur bemerkbar. Ein Arzt vermochte bei der ersten Untersuchung keine Ueberschreitung des Züchtigung�- rechte? festzustellen,. als er aber auf Veranlassung des Vormundes, des GutSinspektorS Horstmann, das Mädchen nochmals später unter- suchte, ermittelte er den erwähnten Befund. Der Staatsanwalt be- antragte je 1 Monat Gefängnis und die beantragte Strafe wurde auch gegen das Ehepaar Stephan verhängt« /Zus der frauenbewegunef. Der diesjährige(3.) Deutsche Kongreß für Söiiglingsfürsorgr, veranstaltet von der Deutschen Vereinigung für Säugliugsschutz, findet am 20.— 22. September in Darmstadt statt. Für die Tages- ordnung sind folgende Referate vorgesehen: 1. Einheitliche Organi- sation der Ausbildung von Säuglingspflegerinnen, 2. Säuglings- pflege als Lehrgegenstand tu den � Unterrichtsanstalten für die weibliche Jugend, 3. Berufsvormundschaft, Pflegelinderaufsicht und Mutterberatungsstelle, 4. Gesetzliche Regelung des Krippenwesens in Deutschland._ Leseabende. AdlerShof. Heute Dienstag, abends«>/, Uhr, im Jugendheim, Bismarckstraße 11. Tagesordnung: Vortrag der Genossin Juchacz-Neukölln über: Kindererziehuna. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, haben Zutritt. weisse, 30.00— 60,00. Linien 40,00�80,00. Kartoffeln(KleinhdI.) 7,00-12,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisi 1,50—1,90. Echweinesichch 1.00—2,30. Kalbfleisch 1.50-2.40. Hammclfleih. 1.70—2,40. Butter 2,40-3,00. 60 Stück Eier 3,60—5,50. 1 Kilogramm Karpfen 1,60-2,40.«nie 1,60—3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1,60-3,00. Barsche 1.00—8,40. Schlei« 1,60—3,20. Blei« 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,00—40,00. «vttterMNgSaberstch» vom 10.«ngvft 19118. Elutionen 5 i t*- Ii i« Swtuemde. 760 SSO Hamburg IlbOSSW Berlin 1760® ;>iimff.a.SW.i761£J8 München|763:S-S Wien! 763 ONO Wetter 2 wolkig 4 wolkig 2 bedeckt 2 bedeckt vi»! k!» ei» S? hS> «tattonen Wetter Petersburg Scilly Aberdeen Paris 7K4|D 4 wolkenl 763 still lhalb 6b. 17483®*9 4 wolkig 751WNW s t Regen 757,SSW i L b.deckl Wetterprognose fflr TIenStag. den SO. Angnst 1912. tttn wenig wärmer, bei mässlgen südlichen Wwden und veränderlicher Bewölkung; nur unerhebliche Niederschläge. Berliner Vetterbureau. WnsscrstandS-Nachrichten Beiväifcrkun'��MWWM��M der LandeSanstalt für Gewäsferkunde, milgetcilt vom Berliner Wettervurea» Wasserstand Memel, Tilsit P r e g« l, Jnlterdnrg Weichsel. 1 fiorn Oder, Ratlbor , Rroflen , Frankfurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leilmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, fSrochtttz Havel. Spandau») , Rattirnow») Spree, Spreinberg') „ Bceskow Weser, Münden . Minden Rhein, MaximllianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbroim Main, Hanau Mosel, Trier am 18. 8. k'" 14 —5 10 70 105 178 602 387 369 125 124 81 (eft 17.8. cra1) —8 O +3 +1 +4 —28 +6 +17 —22 -2 —-5 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Nntcrpegel. H.Pfau, unisi HireksenslraDe 20 zwischen Bnbllbos Alexanderplatz und PolizeiprSsidium.— Ami Kst. 8208. Für Damen FpauDn-ßedfenung. ♦ Lleseranl für alle Krankenkassen. Spezlalarzt B f. Haut- und Harnleiden, 1 nerv Schwäche,„Ehrlieh 806" usw. .«Dr.HORtBP»;?: Untersuchung.. Fäden i. Harn usw. Fileltlolislr. öl, ÄSt!., spl, 10—2, 5—8, Sönitz. 11—2. Honorar mähig, auch Teilzahl. >+.--IS-"V-V. l+.'f � r- 7 W;* p Atvijf'jiCi; �...'' 1.v'-: v''''V't'\ Qualität gibt MAGOI8 Suppen sind aus den besten Rohmaterialien hergestellt; sie enthalten die naturlichen Bestandteile hausgemachter Suppen nnd schmec ken ebensogut wie diese. Deshalb verlange man ausdrücklich MAÖGI8 Suppen und achte auf die Schutzmarke„Kreuzstern"<+►