N-. 194. nbcnncmcnts-ßedingüns�: Nbonnements■ Preis vränumerandoi Sierteljährl. 3J0 3121.,»nonalL 1,10 Mk, wöchenUich 28 Psg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg, Sonntags« »Ummer mit illustrierter Sonntags- Scilagc.Die Neue Well" 10 Psg, Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. PostabonnemeiUs nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, PorNigal, Mmänien. Schweden und die Schweiz, 39. IahrL Vlchilvt KzllS ättßsr fflontast. Vevlinev Volksblnkk. Die TnferflonS'Gebflüif keirägt für die sechSgcspaltene Kolonef- zeile oder deren Raum 60 Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und BersammlungS-Anzeigcn SO Psg. „Uleine Unreigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg. fzulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort lO Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wortö Psg. Worte über 15 Buch- i laben zählen für zwei Worte. Inserate ur die nächste Nummer inüssen b» i Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adreff ei „Sozlaldmokrat Htrlia".- Zcntralorgan der rozialdemokrati feben parte! Deutfchtands. Redahtion: SRI. 68, Ltndcnstraaac 69, Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Sxpedirlon: SM. 68, tindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Konservative Frechheit. Die Konservativen haben aus den Wahlergebnissen nichts gelernt. Die Prügel, die sie bezogen haben, sind offenbar nicht ausreichend gewesen. Herr v. Heydebrand hatte mit der ihm eigenen Offenheit die konservative Politik auf einen kurzen und klaren Ausdruck gebracht. Jeder Wähler wußte, was die Konservativen wollen: Festhalten an der Aus Hungerungspolitik, Steuerfreiheit für Großgrundbesitz und Großkapital, Knebelung der ländlichen und industriellen Ar beiter. Bei den Wahlen haben die Konservativen die Quittung bekommen. Aber diese störrigen Gesellen sind unbelehrbar, und wenn man ihre Zeitungen liest, könnte man glauben, es habe nie so etwas wie den 12. Januar gegeben. Seit einiger Zeit fordern die Herren mit verstärktem Nach druck ein neues Zuchthausgesetz. Der Reichstag hat am 22. Mai diesen„Schutz der Arbeitswilligen", wie die Kow servativen das neue Ausnahmegesetz betiteln wollen, in nament licher Abstimmung mit 273 gegen 63 Stimmen abgelehnt. Mit den Konservativen und ihren Anhängseln stimmten nur drei Klerikale und 9 Nationalliberale für diesen Anschlag gegen die Gewerkschaften. Man sollte also meinen, daß die Konser dativen sich von der Aussichtslosigkeit ihrer Forderung ge uügend überzeugt hätten. Aber die Junker geben die Hoff nung nicht auf, und sie rechnen dabei vor allem auf einen Teil der Nationalliberalen. Es ist charakteristisch, daß in diesem Sommer eine ganze Anzahl von Handelskammern plötzlich das Bedürfnis gefühlt haben, Klagen über den angeblichen Terrorismus d�r GeWerk schasten anzustimmen, und den Schutz der Arbeitswilligen zu fordern. Die ganze Aktion macht den Eindruck, als ob sie von einer Stelle aus künstlich arrangiert worden sei, und man wird kaum fehlgehen in der Annahme, daß die Macher nicht weit vom Zentralverband der deutschen Industriellen zu suchen sind. Das würde auch zugleich den Eifer der Konservativen erklären. Sie möchten gar zu gern die Nationalliberalen zwingen, bei dem neuen Ausnahmegesetz mitzutun, das ja auch die Großindustriellen Rheinland- Westfalens, die einflußreichen Geldgeber der national- liberalen Partei, so dringend verlangen. Am Tage seines Stichwahlsieges, den sozialdemokratische Stimmen entschieden hatten, hat Herr Bassermann erklärt, es müsse liberale und soziale Politik getrieben werden. Die Konservativen denken, daß der Einfluß des Großkapitals auf die nationalliberale Partei bedeutend stärker ist, als die guten Vorsätze des Parteiführers. Neun Nationalliberale haben sich ja bereits für das Ausnahmegesetz zu stimmen bereit gefunden. Eine kräftige Agitation könnte die Partei noch mehr spalten oder vielleicht sie völlig wieder ins Lager der Scharfmacherei zurückführen. Die Nationalliberalen, die die Versprechungen bei der Wahl schmählich gebrochen und sich aufs neue als schlimmste Arbeiterseinde entlarvt hätten, müßten dann end- gültig jede Verbindung nach links aufgeben und waren auf Gnade und Ungnade den Schwarzblauen ausgeliefert. Die konservative Herrschaft wäre aufs neue befestigt. Soweit die konservative Spekulation, und wer wollte sagen, daß sie die n a ti 0 n a l l i b e r a l e Psycho- logie verkenne? Sind doch die Nationalliberalen auch in der Besitzsteuerfrage schon mehr als halb umgefallen und auf den Zentrumsleim gekrochen. Fraglich bleibt also nur noch die Haltung des Zentrums. Daß das Zentrum zu jeder Schandtat gegen das orga- nisierte Proletariat heute zu haben ist, unterliegt wohl keinem Ziveifel. Man braucht sich ja nur feiner Haltung in der preußischen Wahlrechtsfrage zu erinnern oder der Hetze, die das bayerische Zentrum gegen die Organisationen der Staats- arbciter und die politische Gleichberechtigung der Sozial- deniokratie entfacht hat oder des Wutausbruches, mit dem ein Hetzpfaffe auf dem Katholikentag den Kampf gegen den Um- stürz als die heiligste Aufgabe proklamiert hat, um zu wissen, wessen man sich von dieser Seite zu versehen hat. Das Zentrum ist zudem auf konservative Hilfe an- gewiesen, wenn es einen Erfolg in der Jesuiten- frage erzielen will. Und diesen braucht es dringend— nicht der Jesuiten wegen, denn oiese sind ohnehin in Deutsch- land in größerer Zahl als es dem katholischen Klerus lieb ist. Aber das Zentrum muß Rom seine Macht beweisen, um den gegen die christlichen Gewerkschaften erzürnten Vatikan zu versöhnen. Und auch Herr v. Bethmann- Hollweg wird in der Jesuitenfrage leichter mit sich reden lassen, wenn Rom dafür den christlichen Gewerkschaften, seinem geliebten„Bollwerk gegen die Sozial- demokratie", dafür noch länger Duldung gewährt. So können die Konservativen hoffen, daß auch das Zentrmn sich, wenns zum Klappen kommen sollte, nicht allzu sehr sperren würde, die Arbeiterinteressen verraten und einem Ausnahme- gesetz gegen die Gewerkschaften schließlich zustimmen könnte. zu der gleichen Zeit, wo es die Forderung auf Aufhebung des Jesuitengesetzes mit seiner prinzipiellen Gegnerschaft gegen Ausnahmegesetze begründet. An: wenigsten Sorge macht den Konservativen natürlich die Haltung der Regierung. Zwar hat unser braver Reichskanzler sich ja gegen Ausnahmegesetze erklärt. Aber selbst wenn solche Erklärungen irgend eine Bedeutung hätten, I ist der Unterschied zwischen der Regierungsaussassung und der! der Scharfmacher wirklich mehr als minimal. Herr v. B e t h mann Hollweg hält es für praktischer, die Einschränkung der Koalitionsfreiheit in das allgemeine Strafgesetzbuch hinein zuarbeiten, statt ein besonderes Gesetz daraus zu machen. Und die Konservativen denken mit Recht, daß an diesem Unter schied ihr Vorhaben nicht scheitern würde. Doch selbst wenn alle diese konservativen Erwägungen und Erwartungen vergebens wären, leistet den Junkern diese neueste Scharfmacherhetze einen nicht zu unterschätzenden Dienst. Sie wissen, im deutschen Volke ist eine jeden Tag stärker werdende Unzufriedenheit angesammelt. Die Teue rung ist ein Agitator, den man nicht einsperren und dessen aufreizende Sprache man nicht verbieten kann. Die Be sitzenden in Deutschland halten reiche Ernte. Die Konjunktur ist glänzend. Riesig sind die Profite, riesig ist die Grundrente gestiegen. Aber noch nie wohl hat es eine Hoch konjunktur gegeben, von deren Früchten die Arbeiterklasse so völlig ausge schloffen war wie dieses Mal. Denn stärker als das Steigen des Lohnes ist das unausgesetzte Steigen aller Lebensbedürfnisse und weit siber die Kreise der Arbeiter hin aus in allen Schichten der Beamten und An- gestellten empfindet man den Druck der Teuerung, der durch die Wucherzölle, die Verhinderung der Fleischzufuhr, durch das indirekte Steuersystem bis zur Unerträglichkeit ge- steigert wird. Und überall hört man Stimmen der Erbitte- rung über eine Regierung, die der Hunger des Volkes völlig gleichgültig läßt, die nur auf die Interessen der Profitmacher und Grundrentner bedacht ist. Und die Frage wird immer lauter, was soll erst werden, wenn die Kon junktur nachläßt, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt und d ie P reis e der L eb ensmitt el s 0 hoch bleiben wie bisher, vielleicht sogar noch weiter steigen? Da denken die Junker, der Hieb ist die beste Parade. So haben die Gesellen es ja auch 1878 gemacht. Da kam auch zuerst das Sozialistengesetz, die Knebelung der Arbeiter- klaffe und dann ging man ungestört an die Fabrikation der Schutzzölle. So möchten die Junker auch jetzt der Offensive, zu der sich das deutsche Volk rüstet, um seine Lebenshaltung gegen die Raubritterschaft zu verteidigen, damit begegnen, daß sie es in die Defensive drängen, daß sie seine Wirtschafts- kämpfe noch mehr erschweren und mit dem Geschrei über den angeblichen Terrorismus der Arbeiter den Ruf zur Sa mm- lung gegen die wirkliche S ch r e ck e n s h e r r- s ch a f t übertönen, die das deutsche Volk immer mehr mit Hungersnot bedroht. Aber 1912 ist nicht 1878. Und wenn heute die Herren ein Tänzlein wagen wollen, dann wird ihnen anders aufgespielt werden als damals. Vorläufig wird die konser- vative Agitation nur dazu führen, daß die Arbeiter mit ver- doppelter Intensität an die Stärkung ihrer Organi- s a t i 0 n gehen. Bis der Reichstag zusammentritt, muß die erste Million in der politischen Organisation überschritten, mutz ein neues Hundert- tausend unseren Gewerkschaften eingereiht sein._ Der IPanamakanal. Im Jahre 1827 äußerte Goethe zu Eckermann, daß er„drei große Dinge zu erleben wünschte und es wohl der Mühe wert hielte, ihnen zuliebe es noch einige fünfzig Jahre auszuhalten": die Durch- stechung der Landenge von Panama, die Verbindung der Donau mit dem Rhein, und die Engländer im Besitz eines Suezkanals. Goethes Interesse war durch die Lektüre von Humboldts Ansichten über das Projekl des Panamadurchstiches angeregt worden: „Gelänge die Fertigstellung eines Kanals zwischen dem Stillen Ozean und dem Mexikanischen Golf, der Schiffen aller Größe die Durchfahrt erlaubt, so würde er eine unberechenbare Wirkung auf alle zivilisierten Länder haben. Wundern sollte mich aber, wenn die Amerikaner fremden Händen die Arbeit überlassen würden. Es ist vorauszusehen, daß in dreißig bis vierzig Jahren das junge ameri« konische Staatenwesen sich nach Westen zu ausdehnen wird. Es werden große Städte an der Küste des Stillen Ozeans entstehen, wo die Natur weite Häfen ausgebuchtet hat, die als Zwischenhändler zwischen den Vereinigten Staaten, China und Indien dienen werden. Es ist deshalb nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, daß Kriegs- und Handelsschiffe schnell von der Ost- an die Westküste gehen könne» unter Vermeidung des lang- wierigen und kostspieligen Umweges um das Kap Horn. Ich wieder- hole, daß die Vereinigten Staaten diese schnelle Verbindung notwendig haben und daß sie sie sicher herstellen werden.. Als in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die kaliforni- schen Goldgruben entdeckt wurden, die eben erst durch die Erwerbung von Kalifornien nebst Neu-Mexiko und Texas in den Besitz der Vereinigten Staaten gekommen waren, äußerten sich Marx und Engels in ähnlicher Weise über die Bedeutung des Panama- durchstichs. Sie erwarteten, daß sich in Panama der Handel des Stillen Ozeans konzentrieren werde und zum zweiten Male der Welthandel eine neue Richtung bekommen werde. Aber erst wieder 30 Jahre später wurden die ersten Schritte zur Verwirklichung des Planes getan. Im Jahre 1880 gründete der Erbauer des SuezknnalS L e s s e p s eine französische Panamakanalgesellschaft. Das ursprüngliche Aktienkapital von 600 Millionen Francs wurde nach und nach bis auf 2000 Millionen erhöht. Es ging bei dem Zusammenbruch der Gesellschaft, die im Jahre 1893 mit der gerichtlichen Verurteilung von Lesseps endete, völlig verloren. Die „kleinen Leute", die im Taumel der Begeisterung für das große � Werk und im Vertrauen auf ihren Landsmann ihre Ersparnisse geopfert hatten, waren schmählich enttäuscht. In unglaub- licher Weise war mit dem Kapital gcwirtschaftet worden. Die Sterblichkeit unter den Arbeitern hatte 80 Proz. betragen! Bald darauf nahmen die Amerikaner den Plan auf. 1899 entstand eine neue Gesellschaft in Jersey-City, die alle Rechte der alten über- nahm. Damit trat der Plan des Kanalbaus vollkommen in den Dienst der Interessen der Vereinigten Staaten. Die Erfüllung der Monroe-Doktrin, die jede Einmischung europäischer Staaten in amerikanische Verhältnisse verbietet, wurde auch für den Kanal er- strebt. Im Clayton-Bulwer-Vertrag vom April 1850 hatten sich die Vereinigten Staaten noch gebunden, nicht ohne Zustimmung Eng- lands einen Kanal durch Panama zu graben oder zu verwalten. Während des Burenkrieges gelang es den Amerikanern im Hay-Pauncefote-Vertrag(November 1901) die Engländer zu bewegen, auf jede Mitwirkung beim Kanalbau zu verzichten. Nur die gleiche Behandlung und Neutralität, auch in der Passierfreiheit von Kriegs- schiffen, gegenüber allen Nationen wurde den Engländern zu- gesichert:„Der Kanal soll frei und offen sein für Handels- und Kriegs- schiffe aller Nationen, und zwar auf vollkommen gleicher Grundlage. so daß bezüglich der Vcrkehrsabgaben oder sonstwie kein Unterschied gemacht wird zugunsten irgendeiner dieser Nationen oder ihrer Bürger oder Untertanen." Die Vereinigten Staaten haben in Verfolgung ihrer ExpansionS- Politik eS von vornherein darauf angelegt, auch diesen Vertrag zu umgehen und sich uneingeschränkt in den Besitz deS Kanals zu setzen. Schon während des Krieges mit Spanien 1893 hatten sie sich die Mittelamerika vorgelagerten westindischen Inseln gesichert: Puertorico wurde annektiert, die spanische Kolonie Kuba in eine Republik um- gewandelt, die ebenso wie die Republiken des mittelamerikanischen Fest- und Jnsellandes völlig unter nordamerikanischem Einfluß steht. Die Erwerbung der Hinterindien vorgelagerten(ostindischen) Philippinen brachte den Amerikanern im gleichen Kriege»och den äußerst wertvollen Stützpunkt für die Kanaldurchfahrt nach Westen. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts sorgte dann amerikanisches Geld für die Loslösung des Departements Panama von Columbia. Die Vereinigten Staaten erwarben eine IS Kilometer breite Zone von der neuen Republik Panama. Das Ziel war erreicht. Der Kanalbau wurde flott gefördert. Im Herbst 1913 erwartet man die Eröffnung des Kanals, dessen Kosten auf öOO Millionen Dollar— 2000 Millionen Mark berechnet werden. In 10 bis 12 Stunden Fahrt wird man unter Ueberwindung von 80 Meter Höhenunterschied durch mehrere Schleusen, vom Atlantischen Ozean bis zum Stillen Ozean gelangen. Die weltwirtschaftliche Bedeutung dieses Wunder- Werks der Technik läßt sich noch gar nicht absehen. Die Wandlungen im Welthandel werden wesentlich von der Höhe der Kanalzölle abhängen. Zwar hat man berechnet, daß Nordamerikas vermehrte Einnahmen infolge des durch den Kanal belebten Handels in wenigen Jahren Zinsen und Kapitalsamortisation ohne jegliche Kanalzölle aufbringen würden. Aber daran ist natürlich in der Welt des Privateigentums nicht zu denken. Senat und Repräsen- tantenhaus haben am 14. August die Einführung von Zöllen end- gültig beschlossen. Für die Verbindung Europas mit den übrigen Weltteilen wird die Fertigstellung des KmmlS unmittelbar nicht von so großer Bedeutung sein. Indien, China, Japan, Australien sind durch den Suezkanal schneller zu erreichen als durch den Panamakanal. Für Deutschland würden höchstens Neuseeland und Samoa auf dem Wege über Panama etwas näher gerückt werden. Inzwischen hat der Suezkanal aber bereits mehrfach seine Kanalgebühren ermäßigt und es ist zu erwarten, daß er das bei und nach der Eröffnung des Panamakanals weiter tun wird. Die Fahrt von Europa nach der Westküste von Nord- und Südamerika wird dagegen erheblich ver- kürzt; man wird weniger als die Hälfte Zeit brauchen, um von Hamburg nach San Franziska per Schiff zu gelangen(Abkürzung etwa 10 000 Seemeilen). Ganz erheblich wird dadurch der Suezkanal betroffen werden. Er verliert die Schiffe, die aus Rücksicht auf die Gefähr- lichkeit deS Kap HornS an der Spitze Südamerikas den längeren Weg über Suez vorzogen. Er wird weiter völlig gemieden werden von den Schiffen, die von der Ostküste Nord- und Südamerikas nach Ostasien gelangen wollen. In erster Linie werden dabei die bei den früheren Routen berührten Häfen und Staaten betroffen. Amerika selbst dagegen tritt in den Mittelpunkt des Welt- Handels. Sein Osten und Westen, Norden und Süden treten unter- einander in viel engere Beziehungen. DaS Uebergewicht der Ver- einigten Staaten über die übrigen Staaten wird noch wachsen, so weit ihm nicht ein in Südamerika auf dem wirtschaftlichen Aufschwung zu größerer politischer Bedeutung gelangender Staat oder Staatenkomplex ein Gegengewicht bieten wird. Die Krisen inner- halb Südamerikas werden durch die Eröffnung des Kanals in eine neue Phase treten, bei denen der nordamerikanische Dollar eine erhöhte Nolle spielen wird. Auch Kanadas EntWickelung wird weiter beschleunigt werden, seine Selbständigkeit gegenüber England wachsen und die Gemeinsamkeit seiner Interessen mit den Vereinigte» Staaten stärker als bisher hervortreten. Die großen P a c i f i c b a h n e n, die den Osten Amerikas mit dem Westen verbinden, werden nicht etwa lahmgelegt werden. Ein neuer wirtschaftlicher Weg muß ja nicht die anderen notgedrungen totmachen. Die Eisenbahngesellschaften werden nur gezwungen, ihre Tarife zu ermäßigen. In„weiser" Voraussicht hatten die amerika- nischen Gesellschaften zwar selbst Dampferlinien eröffnet, damit beide Transportmittel sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen brauchten. Um dem in etwas zu steuern, hat der amerikanische Kongreß be» schlössen« daß Schiffs der amerikanischen Eisenbahngesellschaften den Kanal nicht passieren dürfen. Durch Tochterinstituie kann man indessen EiIentumSbeziehungen verschleiern und so wird diese Gesetzes- bestimmung sicher umfangen werden. Damu die Bereinigten Staaten auch allein den Vorteil des Kanals voll geniesien, hat der Kongreg weiter beschlossen, daß der amerikanischen Küstenschiffahrt freie Benutzung des Kanals gewährt wird. Da dieser Paragraph dem oben angegebenen Wort- laut der Klausel im Hay-Pauncefote-Vertrag von 190 L widerspricht. beruft man sich darauf, dag seit 1903 der Kanal durch die Erwerbung des 16 Kilometer breiten LandstreifenS überhaupt ausschlieglich amerikanisches Eigentum geworden sei. Sluch der Protest Englands. dem gegenüber allein daS Versprechen der gleichen Behandlung aller Nationen gegeben wurde, hat den Kongreß nicht vom Beschluß zurück- gehalten. Die Neutralität deS Kanals ist übrigens auch sonst nicht gewahrt worden, da Amerika dort Befestigungerr angelegt hat. Die Bedeutung deS Kanals sür Amerika ist aber nicht mit der Verbindung der anrerikanischen Gebiete untereinander erschöpft. Amerika tritt durch den Kanal in viel nähere Beziehungen zu Ostasien, dem Zukuufts lande für den Absatz modern kapitalistischer Produkte. Indien rückt New Aork über Panama um 3090, und China und Japan um 2000 bis 4000 Seemeilen näher als über Suez. Europa liegt dann später für China und Japan 2000 bis 2500 Seemeilen weiter als New Dort. Der gefährlichste wirtschaftliche und politische Gegner Japan? wird dann nicht niehr Rußland, sondern Nordamerika sein. Die politischen Ver- Wickelungen zwischen den astatischen Staaten und Amerika und europäischen Staaten einerseits, und zwischen den europäischen Staaten untereinander um den Absatz in Ostasien andererseits werden wachsen. So wird das Meisterwerk des Kanals Baues im Zeitalter kapitalistischer Expansionspolitik nicht Frieden und Kultur für die Völker bringen, sondern neue Konflikte. Wenn auch die Bedeutung Amerikas für den Welthandel und die Wellindustrie durch seine zentrale Lage und unerschöpflichen ProduktionSgebiete an vegetabilischen, tierischen und mineralischen Rohprodukten durch den Kaualbau in erster Linie wachse», die euro« päischen Staaten werden von dem allgemeinen Aufschwung ebenfalls profitieren. Noch sind die wichtigsten Dampferlinien an den Küsten Amerikas in den Händen europäischer Gesellschaften. Allerdings be- mühen sich die Vereinigten Staaten, deren Einfluß znrückzndäminen� So hat man beschlossen, die Einfuhr von fremdem Schiffsbaumaterial zollfrei zu gestatten, um den amerikanischen Schiffspark noch ver- größern zu können. So suchte man dem englisch-deutschen Schiff- fahrtspool den Prozeß zu machen, weil er gegen das Antitrust- gesetz verstoße. Man hat weite«' daran erinnert, daß die Dampfer nie mit gleicher Ladung bis zum letzten Bestimmungsorte fahren. Während einer Reise werde die Ladung in den angelaufenen Häfen mehrfach gewechselt. Diesen Vorteil behielten die Seewege über Afrika, Klein« asten und Indien weiter, während auf dem Wege über Panama un« geheuere Strecken ohne jegliche Zwischenstationen zurückgelegt werden müßten. Die Notwendigkeit, Häfen zur Kohlenaufnahme anzulaufen, loücde allerdings nicht mehr vorliegen, da man inimer mehr Oel zum Autrieb für Schiffsmaschinen zu benutzen beginnt. Schließlich wird der Kanal neue Erdgebiete dem Absatz er- schließen, die bisher von kapitalistischer Kultur noch wenig oder gar nicht berührt waren. Die gesteigerte Nachfrage nach Waren wird zum Teil den europäischen Staaten zugute kommen, wenn auch von der allgemeinen Belebung Amerika in erster Linie profitieren muß. »* * Eine Votschaft Tafts. Washington, 20. August. In einer Sonderbotschaft an den Kongreß gibt Präsident Taft seinem Wunsche Ausdruck, die Panamakanalbill zu unterzeichnen, erklärt aber, es sei von größter Wichtigkeit, daß der gute Glaube der Vereinigten Staaten von den fremden Regierungen anerkannt werde. Die Bot- schaft deS Präsidenten wurde gestern im Kongreß verlesen und kommt heute vor die Kommission beider Häuser, die sich bemühen werden, eine Entscheidung im Sinne TaftS herbeizuführen. Die Resolution, die der Präsident vorschlägt, beginnt mit der Er« klärung, daß nichts in der Kanalbill so aufgefaßt werden dürfe, alS ob sie eine Bestimmung des Hay-Pauncefote-Vertrages aufhebe oder die juristische Auslegung deS Vertrages berühre oder Rechte und Privilegien beeinträchtige, die fremde Nationen durch Verträge mit den Vereinigten Staaten mit Bezug auf die Gebühren oder andere Abgaben für die Durchfahrt durch den Panamakanal erwArben hatten oder erwerben würden. vie tiiiMchen Wirre». In einem außerordentlichen Minist�errat wurde beschlossen, den ehemaligen Kriegsminister S a l i h Pascha zum Minister sür öffentliche Arbeiten zu ernennen. Der Plan. R e s ch i d B e y zum Minister des Innern zu er- nennen, ist aufgegeben worden. Nunmehr gilt die Ernennung des ehemaligen Mali von Janina, des A l b a n e s e n Aly Riza Vey, zum Minister des Innern als sicher. Ferner be- schloß der Ministerrat, in Cetinje energische Schritte zu unternehmen und die Aufmerksamkeit der Mächte auf das Vorgehen Montenegros zu lenken, das eine kriegerische Haltung eingenommen, Uebergriffe auf türkisches Gebiet begangen und unter den Christen von Berane Waffen verteilt habe. Der Ministerrat beschloß ferner, dem Wall von Skutari und den Grenzkommandanten Weisungen zu erteilen, sich jeder Invasion mit aller Kraft hu widersetzen. Die Meldungen der Zeitungen üb�xr die Lage in Berane lauten übrigens vollständig widersprechend. Während„Jeni Gazetta" meldet, die Angelegenheit werde binnen kurzem geregelt werden und die Nachricht dementiert, nach der die Montenegriner Berane eingeschlossen haben sollen, berichten andere Blätter, daß die Montenegriner be- reitsinBeraneein�ezogen feien.— Der Ministerrat beriet außerdem über die Frage des Waffentragens der Albanesen.„Jeni Gazetta" schreibt, daß die Albanesen die Gerüchte, nach denen sie die Wiedereinsetzung Abdul Hamids verlangen, zurückweisen. Halbamtlich wird gemeldet, daß zwischen Ibrahim Pascha und den Albanesenchefs ein Einvernehmen erzielt worden sei und die Albanesen sich zerstreuten. Bezüglich der Neubesetzung des Ministeriums des Innern ist noch keine end- gültige Entscheidung getroffen. Unterdessen scheinen die Friedensverhand- lungen mit Italien mit größerem Eifer betrieben zu werden. Aus Rom ist der Wali von Rhodos, S u b h i B e y, der in italienischer Kriegsgefangenschaft war, in Konstanti- nöpel eingetroffen. Er soll demnächst, mit offiziellen Weisungen versehen, nach Rom zurückkehren. Die Haltung der Albaner. Saloniki, 20. August. Im Laufe des gestrigen TageS sind weitere Truppentransporte von hier nach K ö p r ü l ü ab- gegangen, wo Vorbereitungen gegen etwaige UmgehungS- Manöver der A r o g» t e n getroffen Norden sind. Kail» Pascha, der Kommandant des Salonikier Korps, ist mit der Leitung der bei Köprülü konzentrierten Truppen betraut worden. Der Markt von Köprülü ist infolge der dort herrschenden Auf- regung gesperrt. Wien, 20. August. Die„Neue Freie Presse" meldet aus S k u» tari: Albancsifche Aufständische drangen in Durazzo und in mehrere andere kleine Orte an der Küste ein. Den dort befindlichen türkischen Truppen gelang es jedoch, unterstützt von der Bevölke- rung, die Albanesen zurückzuwerfen. Tie Kämpfe um Berane. Saloniki, 20. August. Die Montenegriner setzen die Feindseligkeiten gegen Berane fort, das wiederholt drin- gend Verstärkungen verlangt hat. Ibrahim Pascha ver- anlaßte von Uesküb aus die Einberufung der Rebifs in Jpek und Djakova. Falls diese dem Rufe Folge leisten, sollen sie nach Berane geschickt werden. Die Führer des jungtürkischen Komitees haben 27 Provinzkomitees zu dem am 15. Ramafan in Konstantinopcl stattfindenden jungtürkischen Kongreß einberufen. Enver Bey und die Friedensverhandlungen. Rom, 20. August. Meldungen aus.Konstantinopel berichten, daß man dort nicht ohne Sorge ist über die Haltung Enver B e y S, der die türkischen Streitkräfte in Tripolis befehligt. Enver Bey soll die türkische Regierung benachrichtigt haben, daß er auf keinen Fall die Besprechungen über den Abschluß eine? Friedens mit Italien in Betracht ziehen werde, sondern daß er an der Spitze seiner arabischen Truppen fortfahre, die Italiener zu be- kämpfen. Ferner verlautet, daß Enver Bey die Absicht habe, einen Vorschlag der arabischen Führer anzunehmen, die ihn zum Fürsten eines autonomen Gebietes proklamieren wollen. Her sächsische Candesparteitag. Am Dienstag referierte Landtagsabgeordneker Genosse Schulze- Kossebaude über die vom letzten Landtage beschlossene Landgemeindeordnung. Redner kennzeichnet nach einem historischen Rückblick die Dürftigkeit und Rückständigkeit derselben. Er schildert die gewaltige industrielle EntWickelung Sachsens, die von dem Ge- setz gar nicht berücksichtigt worden sei. Das Schuldenwesen und die Wohnungsnot würden auch unter ihm weiterbestehen. Gerade auf den Gebieten des Bauwesens nnd der Finanzverwaltung ver- sage die Landgemeindeordnung vollständig. Im weiteren kritisiert er das rückständige Wahlsystem, das von den reaktionären Parteien gegen die Sozialdemokratie aufrechterhalten worden fei. Der Refe- rent gab der Meinung Ausdruck, daß dieses Gesetz die Kämpfe um die Gemeindeverwaltung verschärfen und die Klassengegensätze ver- größern.werde. ES fei die Aufgabe der Partei, trotz alledem dafür zu sorgen, daß durch erhöhte Tätigkeit und den schärfsten Kampf gegen die Gegner die Absicht der GeseheSmacher zuschanden würde. Ueber den weiteren Punkt der Tagesordnung: Jugendfürsorge in Sachsen, referierte Landtagsabgeordneter Genosse Keimling. Leipzig. Er kennzeichnete die Bestrebungen der Gegner der Ar- beiterklasse um die Gewinnung der Arbeiterjugend. Die sächsische bürgerliche Jugendbewegung sei nur ein Abklatsch der preußischen, wenn auch die sächsische Regierung die Wünsche der konservativen Politiker im Landtage, die Jugendorganisationen' in Sachsen auf. zulösen, noch nicht berücksichtigt habe. Redner betonte auch ins- besondere die Pflicht der Eltern, die Kinder in unserer Anschauung zu erziehen. Wenn das geschähe, dann würden alle Bestrebungen der Gegner vergeblich sein. In der Debatte sprach Genosse L i p i n S k i- Leipzig im Sinne des Referenten. Es wurde dann schließlich eine Resolution ange- nommen, die, unter Anerkennung der Wichtigkeit der Jugend- Bewegung, eS der organisierten Arbeiterschaft zur Ehrenpflicht macht, mit aller Energie für die Förderung dieser Bewegung und für die Verbreitung der„Arbeiter-Jugend" einzutreten. Die Re- solution macht eS weiter den proletarischen Vätern und Müttern zur Pflicht, ihre Kinder im Geiste der sozialistischen Wcltan- schauung zu erziehen. Die bisherigen Mitglieder deS LandeSvorstandeS, die Genossen Sindermann, Schulze und Braune, wurden einstimmig wieder- gewählt. Die nächste Landesversammlung soll in Plauen i. V. stattfinden._ pollttrcbe Clebcrficbt Berlin, den 20. August 1912. Die Ignorierung des Aachener Katholikentages durch die deutschen Bischöfe. Auf dem marianischen Kongreß in Trier führten die „Berliner" das große Wort, auf dem Katholikentag in Aachen die„Kölner". Zwar verkündete der Vorsitzende Schmitt in Aachen, daß bei Meinungsverschiedenheiten in den Reihen der Katholiken die Entscheidung des Papstes ausschlaggebend sei, aber die ganzen Verhandlungen ließen keinen Ztreifel darüber, daß„Berlin" in Aachen„nichts zu sagen" hatte. Vor den katholischen Arbeitern durfte am Festsonntag Dr. Müller in der schärfsten Weise den Standpunkt der christlichen GeWerk- schaften vertreten, der bekanntlich nicht die Billigung des Papstes findet. Aus der Zahl der Ablehnungen, die das Aachener Lokal- komitee des Katholikentages auf seine an deutsche und fremde Bischöfe gerichtete Einladungen erhalten hat, ist eine Antwort des schweizerischen Bischofs von Chur bekannt geworden, in der er für die Einladung dankt und bedauert, ihr wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht folgen zu können, aber verspricht, er wolle zum lieben Gott beten für einen guten Verlauf der Verhandlungen,„damit sie in den Herzen der Katholiken Deutschlands klar und wahr die Ueberzeugung festigen mögen, daß es für einen wahren Katho- liken kein ethisches Wirken gibt, weder in der Politik, noch in der Sozialpolitik, noch in der Kunst und Literatur, welches nicht dem von Gott gesetzten kirchlichen Lehramte unterworfen wäre. Diese Ueberzeugung ist unsers Erachtens. was den Katholiken Deutschlands zurzeit am meisten not tut." Und wie dieser schweizerische Bischof scheinen auch manche deutschen Bischöfe zu denken; denn es ist eine höchst auf- fällige Tatsache, daß mit Ausnahme des Bischofs Keppler alle d e utsch en Erz b isch ö fe und Bischöfe auf dem Aachener Katholikentag fehlten, während der belgische Episkopat überreichlich vertreten war. Das „Neue Jahrhundert" liefert zu dieser Ignorierung des Katholikentages durch die deutschen Bischöfe folgenden zu- treffende Kommentar: .Jedes Jahr ist die gewohnte Komödie: triefende Frömmig- keit und Salbung, pompöse Aufmachung. daS Zurfchantragen von eitel Einigkeit und Brüderlichkeit, trotz aller offen- kundigen Uneinigkeit. Nach dem, was man bis jetzt vom gegenwäcrigen Katholikentag in Aachen sagen kann, sind an ihm zwei charakteristische Erscheinungen zu konstatieren: die vollständige Zurückhaltung der Leute von der Richtung Berlin-Breslau und das auffallende Fernbleiben des deutschen Episkopates, während eine ausnehmend große Schar von ausländischen Bischöfen in Aachen paradiert.... Dagegen ist eS eine Feststellung von höchster kirchenpolitischer Bedeutung, daß außer dem schlechterdings unabkömmlichen Weihbischof von Köln, Dr. Müller, und dem merkwürdigerweise Heuer zum ersten Male an einem deutschen Katholikentage teilnehmendenBischof von Rottenburg, kein einziger deutscher Bischof sich bereit finden ließ, nach Aachen zu gehen. An» ausfallendsten ist das ohne Zweifel vom Bischof der nächstgelegenen Diözese, dem Bischof Korum von Tner. Diese Tatsache ist ebenso durchsichtig, als die andere, die nicht übersehen werden darf, nämlich das Nicht» erscheinen deS Bischofs von Trier bei der Beisetzung seines Metro- politen, des Erzbischofs von Köln, und daS, obwohl er nicht weiter nach Köln hatte, als der kaum von schwerer Krankheit genesene Kardinal Kopp von Breslau. Bischof Korum, der seine Gegnerschaft nicht einmal am Grabe des so rasch dahingeschiedenen Erzbischofs von Köln ver- g essen konnte, war natürlich noch viel weniger gewillt, im nahen Aachen einer Tagung beizuwohnen, die von Anhängern der Kölner Richtung vorbereitet, organisiert nnd geleitet ist.... Aber die übrigen Bischöfe? Aachen liegt nicht so anS der Welt, daß eS einer Anzahl von Bischöfen unmöglich gewesen wäre, bei einigermaßen gutem Willen dorthin zu kommen. Auch ist der Sommer nicht so heiß, daß die erholungsbedürftigen Herren Bischöfe ihre Sommeraufenthalte unmöglich hätten unter- brechen können. Wie ist nun die merkwürdige Erscheinung zu deuten? Sehr einfach. Korum mochte nicht, und die anderen— trauten sichnicht! Manweiß nicht, wie das Wetter wird bezüglich der Kölner Richtung, und deshalb ist es geratener, zu Hause zu bleiben, wenn die Kölner tagen. Daß Bischof Keppler in Aachen jetzt zum ersten Male auf einem Katholikentage auftritt, ist sehr verwundetlich. Wem, nicht anzu- nehmen wäre, daß er sich schon vor mehreren Wochen in die Rednerliste hätte aufnehmen lassen müssen, so läge die Vermutung nicht ferne, daß er eine Kandidatenrede für den erledigten Stuhl von Köln hallen wollte l"_ Die Jesuiteneingabe der bayerischen Bischöfe. Die Eingabe, welche der bayerische Episkopat in Sachen des Jesuitengesetzes an den Bundesrat gerichtet hat, wird im.Bayer. Kur." wörtlich mitgeteilt. Datiert ist sie vom 16. Juli und trägt die acht Unterschriften der Erzbischöfe und Bischöfe Bayerns. Eine direkte Bitte um Aushebung des Jesuitengesetzes enthält die Eingabe nicht; es wird nur darauf hingewiesen, daß eS daS einzige im Deutschen Reiche zurzeit noch bestehende AuS- nahmegesetz sei, daS von den deutschen Katholiken von jeher als Ungerechtigkeit und unverdiente Bedrückung empfunden werde. Es bestehe wohl kein Zweifel— heißt es weiter—, daß der Deutsche Reichstag bei erneuter Antragstellung auch neuerdings fich mit großer Mehrheit für die Aufhebung dieses Ausnahmegesetzes Beschluß- mäßig aussprechen werde. „Sorten nichtsdestoweniger die Verbündeten Regierungen dieses Gesetz aufrechterhalten und den Jesuiten jede Ordensheimat auf deutschem Boden versagen wolle», so bietet der Appell Bayerns an den Bundesrat geeigneten Anlaß, nach einigen Richtungen wenigstens die Schranken zu be- seitigen, in die der Bestand deS JesuiteugesetzcS die freie Entfaltung unseres katholischen innerkirchlichen Lebens einengt. Die Verbündeten Regierungen sind nunmehr in der Lage, auf dem Wege der von ihnen zu erlassenden authentischen Interpretation des Begriffs der Ordenstätigkeit für de» künftigen Vollzug alle? auszuscheiden, was kalholischerseits als kleinlich, gehässig und ungerecht empfunden werden müßte." Die Bischöfe erklären serner. daß die von der bayerischen Sia.-tS- regierung im Erlaß vom 11. März gegebene Interpretation deS Begriffes.Ordenstätigkeit"»der Hauptsache nach der kirch- lichen Auffassung nahe kommt". Ein Abgehen von der talsänrnch seit vielen Jahren geübten milderen Praxis würde.von dem katho- lischen Volke al» eine neue Kulturkampfaktion anzesctien werden und somit neue aufregende Kämpfe zur Folge haben". Außer der.authentischen Interpretation" verlangen die Bischöfe, daß die in der ersten BundeSratSbekanntmachung eigens verbotene Abhaltung von Missionen seitens der Mitglieder der Ge- sellschast Jesu künftighin gestattet werde. Die Abhaltung von Missionen sei eine rein seelsorgerische und könne daher nicht als Ordenstätig- keit bezeichnet werden._ Tie sächsischen Saalinhaber und der„sogenannt� Landesherr. Der sächsische König hat ein BegrüßungSIelegramm deS vet- sammelten Landesverbandes sächsischer Saalinhaber nicht beant- wartet, weil er sich über einen Artikel des Verbandsorgans der königSIreuen Saalbcfitzer geärgert hat. Dieser Artikel, der fich gegen die behördliche Schikanierung derjenigen Wirte richtet, die allen Parteien, auch den Sozialdemokraten, ihre Säle zur Verfügung stellten, enthält folgende durchaus zutreffende Stellen: .Das deutsche Volk mag politisch im höchsten Grade rück- ständig sein, einen so hohen Grad der politische« Ver- s i m p e I u n g und Verttoddclung hat eS denn doch noch nicht erreicht. um solchen Kin dermärchen, wie sie bezüglich deS angeblichen TerroriSmuS der Sozialdemokraten verbreitet werden, Glauben zu schenken. Im Gegenteil. eS kommt ihm immer mehr zum Bewußtsein und zwar in recht fühlbarer Weise, daß es vielmehr von den h e r r s cki e n d e n Klassen, die sich auf seine Kosten bereichern und die Taschen füllen, terrorisiert wird. Gibt eS jemand im Volke, der nicht zn den Bevorrechtigten gehört, der nicht schon eigene Erfahrungen in Bezug auf die Willkür von Einzel- Beamten und Behörden gemacht hat? Mit Recht kann man hier von einer SchreckenSherrschast sprechen. Die deutschen— besonders aber die preußischen Beamten— sind in ihrer Mehrzahl noch felsenfest davon überzeugt, daß daS Volk in einer Art U n t e r t a n e n v e r h ä l t n i s zu ihnen stehe, während sie doch in Wirklichkeit nichts weiter sind als Diener der Allgemeinheit und nicht etwa Diener des Oberhauptes— des so- genannten Landesherrn— als die sie sich betrachten. Diese SlaatSdiener, die auch von dem Volke bezahlt werden, also von diesem leben müssen, schikanieren und drangsalieren aber sehr häufig ihre eigenen Dienstherren—„das Volk"— auf unverschämte Art und schauen hochmütig und geringschätzend auf das- selbe herab, während man sonst von dem Untergebenen seinem Dienstherren gegenüber.Bescheidenheit" und„Höflichkeit" er- wartet. Der Dienstherr„Volk" ist aber selbst daran schuld, daß sich sein Untergebener soviel herausnimmt, weil er ein wenig„be- schränkt" und— es mag uns dieser harte Ausdruck von ihm verziehen werden— auch etwas„feige" ist...." Die konservative Presse meint, sofern die Saalbesitzer mir diesen Ausführungen einverstanden gewesen, sei es unverfroren, dem König ein Huldigungstelegramm zu senden. Wir Nygen ußä Ms Grobheit der kopjexvgtiven Redalteure nicht zu gen maPen, aver zuzugeben ssi. kaß die Haltung der Gaalbesitzer nicht konsequent ist. Der König, der sogenannte Landesherr, steht zum Volke in einem ähnlichen Verhältnis, wie andere Staats. beamte, und Beamten hätten die Saalbesitzer doch sicherlich nicht telegraphisch gehuldigt. Eine seltsame Begnadigung. Dem„Berk. Börsen-Courier' wird aus Marien Burg gemeldet: Dem O B er leutn a n t Runkel vom Deutschordens- Regiment, der in einem nächtlichen Zusammen st oh mit Zivilpersonen den Zigarre„Händler Wiens mit 20 Siwel- hieben an Kopf, Schulter und Armen schwer verlci/te, dafür vom Kriegsgericht zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt ist, welche Strafe vom OberkriegSgericht auf 43 Tage Gefängnis erniähigt wurde, ist jetzt im Gnadenwege auch diese Strafe noch in vierzehn Tage Stuienarrrst umgewandelt worden. Das Blatt meint, da die Strafe des Offiziers ohnehin eine so Befremdlich niedrige gewesen sei, erscheine die jetzig« Be« gnadigung doppelt unbegreiflich. Wa« würde wohl ein Zivilist Be- kommen haben, der einen Offizier so zugerichtet hätte I lind, fügen wir hinzu, zu welcher Strafe würde wohl ein streikender Arbeiter verdonnert worden sein, der nicht einmal einen Offizier, sondern nur eines jener nützlichen Elemente, die man nicht mehr beim rechten Namen nennen darf, mit einem gefährlichen Werkzeug der- artig traktiert hätte. Die Strestjustiz im Ruhrrevier gibt uns ja einige Mahstäbe I Kein Wunder, bah dos Blatt von diesem Be- gnadigungSakt die Erregung gröhter Erbitterung Befürchtet. Zur Erhebung der Kirchensteuern in Mischehe». Visher wurden die Kirchensteuern bei Mischehen so erhoben, dah das steuerpflichtig« Einkommen des Ehemannes halbiert und jede Hälfte von den beiden Kirchen nach ihren Prozentsätzen besteuert wurde. Nachdem das ObcrverwaltungSgericht diesen Modus für rcchlSwidrig erklärt hat, wird vom nächsten Steuerjahre eine andere Regelung erfolgen. Die Erhebung der Kirckiensteuern erfolgt nur vom Ehemann im vollen Betrage von der Kirche, zu der er sich bekennt. Die Ehefrau zahlt keine Kirchensteuer. Frauen, die ein selbständiges Einkommen haben, werden auch zur Kirchensteuer veranlagt.' Der bisherige Modus wurde seit Jahren schon bekämpft, der Ehemann zahlt Stenern für seine Person kraft seines Ein- konnnens, der Zwang, für seine unselbständige Frau noch Kirchen- steuern zu zahlen, war deshalb unberechtigt. Tie Werbekraft des konservativen Gedankens. Kürzlich hielt in Köslin die Provinzialabteilung Pommern de« BnndeS ter Landwirte ihre Jahresversammlung statt. DaS Herren- fmnsmitglied v. Blankenburg-Schötzow erstattete den Jahresbericht. Danach fanden b22 Wähler- und 322 Werbeversammlungen statt. In diesen 344 Versammlungen wurden 1103 Mitglieder ausgenommen. Also noch nicht zwei Mitglieder auf jede Versammlung. Und das in der Hochburg Pommern. Trotzdem redet man von der unüber- trefflichen Werbekrast des konfervaliven GedanlenS l Neber die Unzulänglichkeit der südtvestafrikanischen Schutztruppe klagt eins Zcitungörorrefpondcnz. Durch die Herabsetzung der Schntztmppe auf„nur" 2000 Mann drohe der Kolonie Gefahr durch die Aufstandsgclüste der Herero und Hottentotten. Zu den 2000 Mann der Schutztruppen kämen nur noch 450 Mann Lieferve anS den Reihen des Beurlaubtenstandes, die ins- gesamt 880 Mann zählen, aber zum Dienst in der Front nur vr Hälfte tauglich sein sollen. Es seien also für den Kriegs- ' Nlft nur 2400 Mann disponibel. 1000 Mann davon seien Jim Stations- und Etappendienst erforderlich, indes für den 'lddienst nur 1400 Mann verfügbar seien. DaS alles ist einfach aus der Denkschrift zum üdwestafrikainschen Kolonialetat zusammengeschrieben. Die Korrespondenz vergißt übrigens auch ganz, daß doch noch eine 600 Mann starke Polizeitruppe existiert. Das niacht schon 3000 Mann, wozu dann noch(nach der erwähnten Denkschrift) die 400 Mann deS Bcurlaubtenstandes, die als nicht felddienstfähig betrachtet werden, kommen, sowie 300 Farmer. Nimmt man noch andere Waffenfähige(Beamte, Kaufleute usw.) hinzu, so sind das immerhin reichlich 1000 Mann, so daß die Zahl der waffenfähigen und bclvaffneten Weißen zirka 4500 Köpfe beträgt. Und dcmgegc'über sollten die arg dezimierteen, völlig zer st reuten und c' mdrein unbewaffneten Herero und Hottentotten an alten Aufstand denken können? Lächerlich I Und das ist richtig und fiir unsere koloniale Eingeborenen- alückung charakteristisch, daß die anitliche Denkschrift zugibt, daß die Herero und Hottentotten, die ehemals freien Vieh- ichter und Jäger, die jetzt zu recht- und besitzlosen Arbeiter- ch a r e n degradiert und jedes Freizügigkeittsrechtes beraubt find, sich mit ihrem Lose hoch st unglücklich fühlen I Der wirkliche Grund über die Klage ist vielmehr der, daß man auch den O v a m b o s das Schicksal der Herero und Hottentotten bereiten möchte und sich dazu einstweilen nicht stark genug fühlt. Gerade deshalb wäre es aber höchst wünschenswert, daß die Schutztruppe noch weiterhin der- r i n g e r t würde I_ Kameruner Sittlichkeit vor dem Kriegsgericht. Vor dem Kriegsgericht der 2. Gorde-Division in Berlin fand Benie eine Verhandlung gegen den Oberarzt Colli» ans Kamerun statt. Der Oberarzt steht bei der Schntztruppe. AIS Zeugen waren eine ganze Reihe von Osfizieren und Aerzlen der afrikanischen Srliutziruppe geladen. Noch bevor die Anklag« zur Verlesung kam, stellte der Vertreter der Anklage, KriegSgerichtSrat Dr Bernhold, den Antrag, die Ocffentlichkeit wegen Gefährdung der Militärdienst- liwcn Interessen und wegen Gefährdung der Sittlichkeit aus- zus-bliesten. Da« Kriegsgericht gab diesem Antrage auch statt. Es müssen also recht böse Dinge sein, die da au« der Kameruner Welt zur Sprache kommen I Die Verhandlung wurde nach kurzer Zeit vertagt, um weitere Beweiserhebungen vorzunehmen. Ztervöser Militarismus. 14 Tage strengen Arrest wegen einer Gesichtsverzerrung. Der Kadavergehorsam deS Militarismus und die absonderlichen Begriffe inancher Vorgesetzten von dem Wesen der Disziplin erfuhren eine grelle Beleuchtung durch einen Prozeß vor dem Dresdener Kriegsgericht. Wegen Beharrens im Ungehorsam und AchtunLS Verletzung vor versammelter Mannschaft hatte sich der Soldat Beck vom 102. Jnfanterie-Regiment zu verantworten. Bei einem Nachexerzieren soll sich der Angeklagte auffallend vernachlässigt haben. Nach Ansicht des Osstziers soll er die Handbewegungen schlapp, nachlüisig und unmUilärisch gemacht, das Gesicht verzogen und daS Gewehr in ostentativer Weise heruntergerissen haben. Da trotz mehrfacher Aufforderungen die liebungen nicht anders ausfielen, wurde der Soldat von, Platze weg arretiert! Vor dem Standgericht wendete Beck ein, er habe die Uebungen so gut wie möglich gemacht: am fraglichen Tage habe er schweren Durchfall gehabt und dieser- halb sowie wegen der vorangegangenen Anstrengungen sei er völlig erschöpft und schwach gewesen. DaS Gesicht habe er nur vcr- zogen, weil ihm vor Hitze und Schwäche der Schweiß im Gesichtgestanden habe. Bestätigt wurde, daß Beck am staglichetk Tage hart an Diarrhoe litt, daß der Dienst sehr aufregend war und dem Angeklagten der Schweiß im Gesicht gestanden habe. Zeugen be- kündeten, daß Beck einen kranken Eindruck gemacht habe, wie zum Umfallen schwach. DaS Standgericht kam zu einer Frei- s p r e ch u n g, weil et der Meinung war, daß der Angeklagte die Uebungen nicht absichtlich schlecht ausgeführt habe, es liege vielmehr eine durch körperliche Schwäche her- vorgerufene Nachlässigkeit vor. Gegen das Urteil legte der GerichtSherr Berufung ein. Der Angeliagte versicherte auch hier, daß er sich damals in einem schauderhaften Zu st an de befunden und ihm ferngelegen habe, ungehorsam oder achtungSverletzend zu sein. Der ärztliche Sach- verständige gab zu, daß Diarrhoe und Anstrengung einen Zustand wie angeführt herbeiführen können. Das Berufungsgericht verurteilte den Soldaten wegen Achtungsverletzung vor versammelter Mannschaft zu— 14 Tagen strcngcu Arrest. Bezüglich der Hand- bewegungen hat da« Gericht den Einwendungen deS Angellagten Glauben aeswenkt und deshalb dw Beharrung im Ungehorsam auS- schaltet.' aber in dem Verziehen deS Gesichtes sah es einen Ausdruck des Unwillens. Dafür die erwähnte Strafe l_ Militärgerichtsnrteile. Zwei Militärmusiker vom Ulanenregiment Nr. 8, ein Unter- offizier und ein Gemeiner, hatten eine« Tages in einem Gasthof im angetrunkenen Zustande einen Zusammenstoß, bei dem der Unteroffizier den, Untergebenen zuerst einen Hieb mit dem Säbel, dann eine Ohrfeige ver« a b r e i ch t e. Nun faßte der Untergebene seinen Vorgesetzten an die Brust und suchte ihn niederzuwerfen. Bei diesem Ringen fielen beide zu Boden. Bald darauf erteilte der Unterosfizier dem Miß- handelten einen Befehl, dem der Mann nicht nachkam. Beide hatten sich dieser Tage bor dem JnsterBurger Kriegsgericht zu verantworten, da« den Untergebenen„wegen tat« lichen Vergreifen« an einem Vorgesetzten und Beharrens im Un- gehorsam" zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte, während der Unteroffizier wegen Mißhandlung eines Untergebenen in zwei Fällen, davon in einem Falle unter Mißbrauch der Waffe, zu drei Wochen Mittelarre st verurteilt wurde. Der Herr Unterosfizier, der der Angreifer war und sogar mit seinem Säbel auf den Untergebenen einschlug, ist demnach viel billiger weg- gekommen, als der Gemeine, der sich nur wehrte und dann allerdings dem nicht gehorchte, der ihn vorher mit dem Säbel bearbeitet hatte._ GngfondL Mindestlöhne für Landarbeiter. In der demokratischen„Contemporarh Review' erörtert C. R. B u x t o n die Einbeziehung der Landwirtschaft in daS bis jetzt nur auf einige Schwitzindustrien und feit kurzem auf den Berg- bau ausgedehnte System öffentlicher Lohnfestfetzunq. Er weist nach, daß auch die Landwirtschaft den Charakter des Schwitzsystems trägt, da die gezahlten Löhne nicht zum Leben ausreichen. Nach den Be- rechnungen von Seebohm Rowntree ist für den nackten physische» Unterhalt in England ein Betrag von mindesten» 18 Schilling 4 Pence(18,75 M.) in der Woche erforderlich. Dagegen beträgt nach den amtlichen Erhebungen von ISIV der Durlbschntttslohn de« Land- arbeiterS. einschließlich aller Naturalleistungen, wie Wohnung, Kost, Fuhrwerk, nur 17 Schilling 6 Pence(17,80 M,). Dabei sind im Norden infolge der Konkurrenz von Industrie und Hafen etwas über 20 M. Sie sinken im Süden bis auf 14 Schilling 11 Pence(15,20 M.), in Oxfordshire 3,50 M. unter jenem Mindesterfordernis, Seit 1805 waren die Löhne um nur 12,4 Proz. gestiegen gegenüber einer Ber- teuerung der Lebensmittel um 19,4 Proz., die noch ständig weiter- geht. Also eine erhebliche Bermindening des Reallohne». So sinkt bald nach seiner Verheiratung ein Mann zum Armenpflegling herab, und die Entvölkerung des Landes geht weiter. Buxton betont, daß nicht etwa eine besondere Not der Landwirt- schaft solche elenden Löhne begründe. Vielmehr haben sich die Er- träge deS Bodens und mit der Steigerung der Preise auch die Renten Beträchtlich erhöht. Der wirkliche Arund ist die A b h ä n g i g- keit des Landarbeiter«, namentlich da« Eigentum des Arbeitgebers an den vorhandenen Arbeiterwohnungen. Daher sind die Sätze dort höher, wo andere Arbeitsgelegenheit, im Steinbruch oder Verkehr, vorhanden ist. Vuxton schlägt daher vor. den Mindest« lohn durch Lohnämter, bestehend aus Vertretern der Arbeiter, der Arbeitgeber und einem Unparteiischen, festsetzen zu lassen: am besten für jede Grafschaft, unter Zugrundelegung des Rowntreeschen Satze? für ein Ehepaar mit drei Kindern und mit Berücksichtigung der verschiedenen Lebensmittelpreise. Auf die Naturallöhne soll der Schutz de» TruckgesetzeS ausgedehnt«erden. In der linkSltberalen Presse wird der Gedanke begrüßt. Man weist darauf hin, daß heute allen BerbefferungSvorschlägen, nament- lich der von Lloyd George geforderten WohnungSreform auf dem Lande entgegengehalten wird, der Landarbeiter fei zu arm. eine anständige Wohnung zu bezahlen. Neben den sachlichen Erwägungen mag hierbei der Gedanke mitspielen, ein neues AgitationS- m.itel gegen die Konservativen zu gewinnen, namentlich auch die Macht der Grundbesitzer durch ein Aufgebot der Land- arbeiter zu Brechen. Zusammen mit der Ausdehnung deS Wahlrechts und der Abschaffung de« Pluralvotum« möchte daS dann ein genügendes Gegengewicht gegen die zunehmende AB» fchwenkung bürgerlicher Kreise zur Rechten bilden. Jedenfalls zeigt der Vorschlag, daß nian in radikalen Kreisen nicht vor einer weiteren Einschränkung der.Heiligkeit de» Eigentums" und der Ausbeutung zurückschreckt. Man versteht so die Anhänglichkeit weiter Arbeiter- kreise an diese bürgerliche Partei. Und der vergleich zeigt auch dit. Schwäche und Aussichtslosigkeit einer liberalen Arbeiterpartei in Deutschland, des Anhängsel» einer geradezu ängstlich kapita- listischen Partei, da« daher schon im Entstehen ernsthafte sozial- politische Forderungen durch schwankende und schwebende Redensarten ersetzen mutz. Marokko. Die Proklamierung des GegensultanS. Paris, 20. August. Aus Fez wird unter dem 17. August ge- meldet: Nachrichten auS Marrakesch zufolge soll bei H i b a am 15. August in Marrakesch zum Sultan proklamiert worden sein._ Ein Dementi der Spanier. Madrid, 20. August. Der Kriegsminister hat au« Tanger Nachrichten über die Gerüchte von einer Besetzung ArzilaS durch die Spanier erhalten. Es habe sich demnach einzig darum gehandelt, einen benachbarten spanischen Posten mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Berproviantierung, die in Uebereinstimmung mit R a i s u l i vorgenommen worden wäre. sei dieseSmal mit einer stärkeren BedeckungSmannschast durchgeführt worden, die nacht« nach Arzila marschiert sei. Oberst S i l v e st r e habe, da er der Sache keine Wichtigkeit Beilegte, nichts darüber gemeldet. China. Der Konflikt mit der Regierung. Peking, 20. August. Die Nationalversammlung erörterte die weiteren Erklärungen der Regierung über das Beweismaterial, auf Grund dessen die Generale Tschang- tschenwu und Fangwei summarisch hingerichtet worden sind, sah diese Erklärungen als ungenügend an und der- langte in einer dringenden Depesche für morgen dw An- Wesenheit des Premierministers und des Kriegs- Ministers. Die Regierung zeigt angesichts der heftigen Feindseligkeit gegen sie eine bemerkenswerte Gleichgültig. keit; sie hat für strenge Maßregeln Vorsorge ge- troffen, falls sie ihr aufgezwungen werden sollten..Die An- hängcr der Regierung behaupten, die Regierung besitze Be- weise von der Schuld der Hingerichteten Generale und von ihrer und mehrerer hohen Beamten Teilnahme an einer ge- Heimen Gesellschaft, deren Ziel es gewesen sei, die Regierung zu stürzen._ Ermordung SunjatsenS? AuS San Franziska kommen Nachrichten, denen zufolge Dr. Sunjatsen,„Vater der chinesischen Revolution" in Peking von Soldaten ermordet worden sein soll. Die Nachricht ist bis jetzt unbestätigt und durchaus nicht wahrscheinlich. Räubereien. Hongkong, 20. August. Bierzig bewaffnete Räuber Bemächtigten sich einer Dampfbarkasse und fuhren nach der Insel Tschmigtschu Bei Hongkong. Dort griffen sie eine Polizei- st a t i o n an, töteten einen indischen Unterosfizier und zwei Polizei- Beamte, erbrachen einen Geldschrank und erbeuteten 1000 Dollar und eine Anzahl Gewehre und Bajonette. Ein chinesischer Bankier wird vermißt; es wird angenommen, daß er von den Räubern tot- geschlagen worden ist. Die Räuber kehrten an Bord der Barlasse zmiick und entkamen. Himriha. Eine Kennzeichnung der demokratischen Partei. ?n einer glänzenden Rede hat Genosse B e r g e r im sentantenhause die großen Parteien und die Stellung der Sozialdemokratie gekennzeichnet. Von besonderem Interesse ist dabei seine Charakterisierung der Demokraten, die mitunter im Vergleich mit der republikanischen Partei den unverdienten Ruf einer Volkspartei genießen, namentlich auch die Be- leuchtung der Illusionen, die man sich vielfach auch bei uns über eine Zollreformpolitik dieser Partei macht. Die Kapitalistenklasse, führte er aus, ist ebenso bereit, sich niit den Demokraten abzufinden, als mit den Republikanern. Während die letzteren konservativ sind, ist die demokratische Partei sogar völlig reaktionär. Die Republikaner sind die bevorzugte Partei des Großkapitals. Sie vertrat die Geschäftsinteressen während des Bürgerkriegs. Durch ihren Hochschutzzoll und ihre Bailkgesetze gab sie den Profiten der Fabrikanten und Bankiers einen gelvaltigen Anstoß. Für ein Menschcnalter galten sie als die konservative Partei der Ge- schästsleute. Die Demokraten vertraten in ihrer großen Mehrheit die Interessen der S k l a v e n b e s i tz e r vor dem Bürgerkrieg(1861—64). Nach dem Kriege blieben sie die herrslyende Partei deS Südens, wo der frühere Sklavenherr allmählich ein Industrie- oder Bankkapitalist wird. Da die Partei im Norden keine wirtschaftlichen Interessen zu ver- treten hat, fiel sie bald in die Hände korrupter„Maschinen", wenigstens in den Großstädten. Natürlich wurde sie auch die bevorzugte Organisation der Alkoholinterefscn in den Nord- staaten. Da sie in den meisten Dingen hinter der Zeit zurück ist, ist sie besonders unwissend und brutal in der Arbeiter- f r ä a e, wie die Gesetze vieler Südstaaten beweisen. Aber die Arbeiter haben Stimmrecht. Darum haben die Demokraten in den letzten Jahren ihre warme Liebe für den Arbeitsmann entdeckt. Darum haben wir ein paar Arbeiter- gesetze in diesem Hause angenommen. Natürlich haben sie weder den Senat noch die Prüfung des Höchstgerichts passiert— aber als Agitationsmatertal vor einer Präsidentenwahl tun sie ihre Schuldigkeit. Natürlich wird auch keines davon dem Unterhalt des Arbeiters nur ein Butterbrot zufügen. Keines sorgt für die Invaliden der Industrie. Jedes zivilisierte Land hat in dieser Hinsicht viel getan. Wir nicht. Man kann nicht erwarten, daß ein Haus, dqS von der Demokratie des Südens und Tammany(der korrupten Partei- Maschine von New flott) beherrscht wird, irgend etwas von wahrhaft sozialem Charakter tun werde. Solange man mit sogenannten Arbeiterführern billige Wahlgeschäfte machen kann. indem man absolat nichts gibt und für nächstes Jahr doppelt so viel verspricht, hält sich die Partei für sicher. Die einzige Schwierigkeit ist jetzt, die Arbeiter glauben zu machen, daß die Demokraten im Wesen von den Republikanern verschieden seien. Aber die beiden alten Parteien sind so gleich» daß sich da schwer eine Wahlparole finden läßt. Gott sei Dank ist da noch die alte Z o l l f r a g e. Und Woodrow Wilson(der deniokratische Kandidat) erklärte daher den Zolltarif als den Gegenstand des Wahlkampfcs. Wenn das irgend etwas bedeutet, heißt es, daß die Demo- kraten nicht daran denken. irgendwelche Industriellen zu beeinträchtigen. Denn der Süden sängt an, industriell zu er- wachen. Er hat zahllose werdende Industrien, die schütz- bedürftig' sind. Die demokratische Partei muß diese Kinder warten. Während heute Carnegie unv andere Trust- Magnaten des Nordens bereit sind, den Schutzzoll aufzugeben. weil ihre Kinder in PittLburg und Chicago groß geworden sind und sie wohl imstande sind, ihre Interessen auch in Eng- land und Deutschland wahrzunehmen, beginnen die südlichen Fabrikanten, Schutzzoll, zunächst natürlich auf Baumwoll- waren, zu fordern. Ganz natürlich— der Süden ist gerade 50 Jahre hinter dem übrigen Lande zurück. So konnte bei dem Versuch, den Tarif zur Wahlfrage zu machen, nichts herauskommen als nichtssagende Wendungen. Vertauschte man die Namen tu den Wahlprogrammen beider Parteien, niemand würde es merken. Nichts ist geblieben von dem antikapitalistischen Schlachtruf des Bryan von 1896. Der Bryan von hellte ist selbst Kapitalist. Noch bemerkenswerter für ein„fortschrittliches" Pro- gramm: Wir finden kein Wort von direkter Volksgesetz- g e b u n g. Jnittative, Referendum und Jmperattvmandat wurden als.iEinzelstaatSfragen" beiseite geschoben. Sogar das Recht der Rtchterabberufung ist vergessen, für das die Demokraten wie Helden stritten, als es galt, bei Aufnahme der Staaten Arizona und Neumexiko Taft tnS Unrecht zu setzen. Berger zeigte dann, wie alle drei bürgerlichen Kandidaten die Unterstützung von„Parteibofsen", den ChefS der Wahl- korruptton, haben: wohl am meisten aber Wilson.„Seine Wahl wird nicht nur die Macht der Bosse und ihrer„Ma- schinen" erhalten, sondern eine neue Aera der„Prosperität", wie wir sie unter Cleveland hatten, für dt« Großkapitalisten herdetführen.". Gewerferchaftlicbea. Zentrale Regelung der Hrbeitszeit in der Rolzinduftrie. Unternehmer- und Arbeiterorganisation im Holzgewerbe hatten schon im Jahre 1907' den Plan erwogen, die wichtigste trage des gegenseitigen Tarifvertragsverhältnisses, nämlich die rbeitszeit, auf zentraler Grundlage zu regeln, d. h. diese Frage den örtlichen Tarifkämpfen zu entziehen und vom Standpunkt der Allgemeinintcressen aus zu behandeln. Bei dem bis- herigen Zustande kommt es vor, daß innerhalb desselben Wirtschaftsgebietes ganz verschiedene Arbeitszeiten für dieselben Branchen festgesetzt oder mindestens doch des öfteren von der einen oder anderen Partei angestrebt werden, je nachdem die Situation dazu angetan war. Dieser Zustand hat mancherlei Mißstände gezeitigt. Be- sonders die Unternehmer waren es, die aus Konkurrenz- rücksichten eine Beseitigung dieser Zersplitterung wünschten und einheitlich geregelte Verhältnisse forderten. Auch die Ar- beiter haben letzten Endes kein Interesse daran, an dem bis- herigen ungleichen und regellosen Zustande festzuhalten, ob- wohl für sie in erster Linie der Gesichtspunkt der weiteren Verkürzung der Arbeitszeit maßgebend sein muß. Das ist auch der Standpunkt des Holzarbeiterverbandes, der an der generellen Regelung der Arbeitszeit den hauptsächlichsten Anteil nehmen muß, Bei den erstmaligen Beratungen dieser Frage im Jahre 1907 einigten sich die beiden Zentralen zunächst auf folgende Grundsätze: „Von den Fragen, welche durch allgemeine Vereinbarungen in erster Linie lösbar sind, bietet die Regelung der Arbeitszeit im deutschen Holzgewerbe im Verhältnis zur Lohnfrage und anderen die geringeren Schwierigkeiten. Nachdem in den meisten größten Jndustrieorten bereits der Neunstundentag eingeführt ist, in den Großstädten eine noch kürzere als die ö-tstündjge wöckent- liche Arbeitszeit, und in den namhaften mittleren Orten fast allgemein eine Maximalarbeitszeit von öS und weniger Stunden pro Woche schon besteht, kann als nächstes Ziel der geplanten Städteeinteilung aufgestellt werden, die Höchst- dauer der Arbeitszeit im deutschen Holzgewerbe baldigst auf 9>/z Stunden pro Tag zu beschränken und eine Klassifizierung in dem Sinne in Aussicht zu nehmen, daß die normale vertrag- liche Arbeitszeit im deutschen Holzgewerbe in absehbarer Zeit auf neun Stunden pro Tag festgesetzt wird, wie dieselbe zum Beispiel im Buchdruckgewerbe bereits seit Jahren vertraglich vereinbart ist. Daß in den Großstädten mit ihrer großen räumlichen Aus- dehnung und den weiten Entfernungen von den Arbeiter- Wohnungen zur Arbeitsstätte auch in Zukunft eine kürzere, als die normale Arbeitszeit besteht, mutz nach wie vor als berechtigt anerkannt werden. So lange eine völlige Gleichmäßigkeit in der Dauer der Arbeitszeit allgemein nicht möglich ist, mutz bei der Klasfifizierung der Städte von der Rücksichlnahme auf folgende Bedingungen ausgegangen werden: as die Größe ver Stadt; d) die Nähe einer Größstadt; o) die Bedeutung der Industrie am Orte; d) die Betriebsart; e) Rücksichten auf Nachbarstädte und verwandte Be- triebe; f) die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter. Die von den Arbeitern in einzelnen Städten vermöge ihrer Organisation errungenen günstigeren Positionen werden neben der allgemeinen Vereinbarung uneingeschränkt anerkannt. Ebenso dürfen selbstverständlich etwaige in einzelnen Betrieben bereits eingeführte bessere Bedingungen nicht zugunsten einer Egalisierung wieder verschlechtert werden." Trotzdem also schon vor Jahren diese Uebereinstimmung - erzielt war, ist doch inzwischen aus der Realisierung des ganzen Planes nichts geworden, weil die Unternehmer der einzelnen Orte entgegen dieser von ihrem Zentralvorstand anerkannten Grundsätze sich gegen jede Verkürzung' der Arbeitszeit wehrten. In jedem Jahre wiederholten sich die Kämpfe um die Arbeitszeit, Stunde um Stunde Verkürzung mußten sich die Arbeiter erstreiten. Aus diesen Kämpfen heraus erwuchs der Unternehmer- organisation immer wieder die zwingende Notwendigkeit, schließlich doch der generellen Regelung der Arbeitszeit nicht länger mehr auszuweichen. Es kam zu einer Vereinbarung, nach der im Laufe dieses Sommer abermals an die praktische Lösung der Frage herangetreten werden sollte. Demzufolge fand in der Zeit vom 11. bis 18. August d. I. eine Konferenz der Zentralvorstände unter Hinzuziehung der zentralen Schiedskommission statt. Die Aussprache über diese Materie, deren Lösung auch jetzt wieder auf gewaltige Schwierigkeiten stößt, beschränkte sich wiederum auf die Erledigung der zu- nächst zu überwindenden Vorfragen. Ueber die Grundzüge und die Art der weiteren Verhandlungen wurde zwischen den Parteien ein Einverständnis erzielt, jedoch konnten positive Beschlüsse noch nicht gefaßt werden. Die Zentralvorstände wurden beauftragt, das von den einzelnen Organisationen vor- gelegte statistische Material einer eingehenden Durchsicht zu unterziehen und es zu vergleichen. Die Weiterberatung wurde bis nach Erledigung dieser Vorarbeiten vertagt._ Berlin und Qmgegend. Achtung, Tapezierer sK eber)! Die Firma K n a u e r, JaSmunder Straße 12, ist wegen. Tarifbruch gesperrt. Die Bauten befinden sich: Schöneberg, Hochkirchstr. 8 und Hochkirchstr. 14; Charlotten- bürg, Danckelmannstr. 4 und Berlin, Neue Hochstr. 3. Desgleichen die Firma Ho top, Bau Neukölln, Richardstraße Ecke Richardplatz. Die Schlichtungskommission. veutfebes Reich. Streik der Klempner und Installateure in Bochum. Am 20. August stellten die Klempner und Installateure die Arbeit ein. Die ZwangSinnung hatte den Gehilfen in diesem Frühjahr den Tarif gekündigt. Die Jnnungsmeister lehnten es ab, jetzt wieder in ein neues Vertragsverhnlinis mit den Arbeitern ein- zutreten, sie wollen erst am 1. April 1913 wieder über einen Tarif verhandeln. Darin offenbart sich die Absicht, die Tarifbewegung der Klempner in die Zeil der Bauarbeiterbewegung hineinzudrängen. Die Klempner und Installateure waren aber mit diesem Vorschlage der Zwangsinnung nicht einverstanden, zumal die Unternehmer in der kurzen tariflosen Zeit schon Verschlechterungen der Arbeits- Verhältnisse vorgenommen habe». Zuzug von Klempnern und In- stallateuren nach Bochum ist fernzuhalten. Zur Lohnbewegung der Metallarbeiter des Kölner Jndnstrie- gebietes. Die eine Verkürzung der Arbeitszeit fordernde Bewegung wird voraussichtlich zur friedlichen Austragung kommen, da von" den in Betracht kommenden Firmen etwa SO, darunter viele Großbetriebe, sich zu Verhandlungen bereit erklärten. Nächste Woche dürften die Verhandlungen staltfinden. Streit in der Maschinenfabrik Flesch in Herford i. W. Die Former, Dreher und Schlosser dieser Firma haben am 19. August die Arbeil niedergelegt. Die Arbeiter fordern höhere Löhne, da der Verdien>l ein sehr niedriger war. Die Firma hat die Forderungen der Arbeiter nicht berücksichtigt. Zuzug von Metall- arbeitern ist fernzuhalten. verantw. Redalteur: Albert Wachs» Berlin. Inseratenteil verantv.: Lohnbewegung«» in der Brauindustrie. Mehrere größere Lohnbewegungen der Brauereiarbeiter sind mit Erfolg beendet. Mit dem Verein der Brauereien von Chemnitz und Umgegend wurde ein neuer Tarif auf vier Jahre ab- geschlossen. Die wichtigsten Erfolge find: Verkürzung der Arbeits- zeit auf neun Stunden, in den Kleinbetrieben im Sommerhalbjahre auf 9stz Stunden, Regelung der Arbeitszeit des Fahrpersonals. Lohnzulagen von 1 M. bis 2,50 M. pro Woche; teilweise sind noch weitere Lohnsteigerungen vorgesehen. Weiter wurde die Lohnbewegung in Halle und Umgegend beendet. Durch den abgeschlossenen Tarifvertrag wurde eine Ar- beitszeitverkürzung um eine halbe Stunde pro Tag erreicht, Lohn- erhöhungen von 1— 3 M. pro Woche, bessere Bezahlung der Ueber- stunden und der Sonntagsarbeit, volle Bezahlung für Bieransfahren an Sonntagen, Verbesserung des Urlaubs usw. In F r e i b e r g i. S. war die Organisation der Brauerei- arbeiter nach einem erfolglos verlaufenen Kampfe mehrere Jahre zur Untätigkeit verurteilt. In diesem Frühjahr war die Organi- sation wieder so weit vorgeschritten, daß ein Vorstoß gewagt werden konnte. Die eingeleitete Lohnbewegung endete mit einem Tarif- abschluß mit den beiden Brauereien. Erreicht wurden Lohnerhöhungen von 1,75 bis 4 M. pro Woche, Arbeitszeitverkürzung von einer Viertel-, einer halben und einer ganzen Stunde pro Tag, Urlaub bis zu sechs Arbeitstagen ohne Lohnabzug, Entschädigung des nicht getrunkenen Freibieres und noch mehrere Verbesserungen. Einen erfolgreichen Streik hatten nach dreitägiger Dauer die Mühlenarbeiter bei der Grotzfirma Bremme in Unna ge- führt. Der auf drei Jahre abgeschlossene Vertrag bringt u. a. Lohn- erhöhungen von 1,20 bis 3 M. pro Woche. Sämtliche Streikenden wurden sofort wieder eingestellt. Ein großes Gewerkschaftsfest mit Umzug fand am Sonntag in Königsberg i. Pr. statt. An dem öffentlichen Umzüge durch die Stadt nahmen nach einer genauen Zählung gut 7000 Personen teil. Es waren alle Verbände vertreten. Ein uniformiertes Arbeiter« Trommler- und Pfeiferkorps(!) sowie fünf Musikkapellen spielten im Zuge. Außer den Gewerkschaften marschierten im Zuge die Arbetter-Gesangverdine. die Freie Turnerschaft, die Radfahrer und die Arbeiterjugend. Eine Reihe Fahnen, sowie viele mit Kränzen und Blumen geschmückte Transparente wurden mitgeführt. Das war gewiß eine stattliche Demonstration. Aber warum denn mit uniformierten Trommlern und Pfeifern? Auf solchen militärischen Klimbim sollte man doch bei Arbeiterfesten nicht zurück- greifen. HusUtnd. Der gewerkschaftlichen Landeszentrale Englands(G. F. o. T. U.) gehörten am 1. Juli 150 Gewerkschaften mit 884 291 Mitgliedern gegen 135 Gewerkschaften und 711 994 Mitglieder vor einem Jahre an. Der Reservefonds, der Ende 1904 fast 3'/z Millionen Mark betrug(er dient als Streik-Rückversicherungssonds), war Anfang 1911 auf Ist� Million und Anfang 1912 auf 700 000 Mark gesunken, trotzdem für 1911 der doppelte Beitrag erhoben wurde. Im letzten Jahre waren 21 Proz. aller Mitglieder an Streiks und Aus- sperrungen beteiligt. Diese Zahl stieg Anfang 1912 noch weiter, so daß in diesem Frühjahr die Kasse leer war und die Zentrale ge- zwungen war, Darlehen aufzunehmen. Der Transportarbeiterstreik zwang sie schließlich, die Hilfe der Internationale anzurufen. Bei dieser Gelegenheit erhielt sie von den europäischen Gewerkschaften über 100 000 M.— Der letzte Gewerkschaftskongreß ernannte ein Komitee, das die Zusammenfassung der Kräfte im Baugewerbe vor- bereiten sollte. Nach dem Bericht des Komitees haben zwanzig der größeren Gewerkschaften mit über 200 000 Mitgliedern dem Vor- Ichlage auf Verschmelzung zu einem„Vereinigten Verbände der Bauarbeiter" zugestimmt.— Im Juni waren 135 929 Personen an Streiks und Aussperrungen beteiligt gegen 99 156 im Vormonat. Der Streik der Straßenbahner in Lausanne war— wie uns von dort geschrieben wird— nur von kurzer Dauer. Am Sonn- abendvormittag brach er aus und schon am Rachmittag wurde die Arbeit wieder aufgenommen, nachdem sich die Direktion bereit er- klärt hatte, die Forderungen der Angestellten zu„berücksichtigen". Die Maßregelung der Vertrauensmänner, welche den unmittelbaren Anlaß zur Arbeitsniederlegung bildete, blieb für drei Tage aufrecht- erhalten. Die Straßenbahner in Lausanne standen bisher unter dem Einfluß der Syndikalisten, die in der romanischen Schweiz auch ihr Wesen treiben. Jetzt, nach dem Streik, haben sich die Straßen- bahner ihrem Zentralverband angeschlossen. Dockarbeiterstreik. London, 20. August. sP. T.) Zweitausend Arbeiter find gestern abend in den Dock? in den Ausstand getreten, da die verlangte Lohn- erhöhung nicht bewilligt wurde. Die Streiks in Spanien. Madrid, 20. August. sP. T.) Der Streik in Saragossa ist da- durch beendet worden, daß die Arbeilgeber den Bertrag unterzeichnet haben, wonach sie den Neunstundenarbeitstag zugestehen. In Malaga dagegen dauert der Streik noch immer fort. Trotzdem haben die Arbeiter beschlossen, die Arbeit wieder aufzunehmen, bi§ alle Korpo- rationcn in einen Generalstreik eintreten. Die Aussperrung der Diamantschleifer beendet. Amsterdam, 20. August. sW. T. B.) Zwischen dem Verband der Diamantenschleifer und der Firma Ascher ist ein Abkommen getroffen worden, auf Grund dessen die Aussperrung am Donnerstag früh aufgehoben werden wird. 8o2ia!es. Die Aerztekonflikte. Die Kämpfe, welche die Aerzte gegen die Krankenkassen führen, haben in der letzten Zeit eine Abnahme erfahren. Das vom Ver- band der Aerzte Deutschlands herausgegebene Verzeichnis„Cavete collegae", das die Namen der Orte enthält, gegen die der„Zuzug" vermieden werden soll, führt nur noch 96 Orte auf. Vor einigen Jahren waren es 300 bis 400. Es finden sich zwar noch eine Reihe großer Städte verzeichnet, wie Aachen, Bremen, Breslau, Düffel- dorf, Frankfurt a. M., Halle a. S., Köln a. Rh., Wiesbaden, in der übergroßen Mehrzahl aber sind kleine Orte und Dörfer angegeben. Bei diesen handelt es sich meist darum, dem oder den eingesessenen Aerzten unangenehme Konkurrenz fernzuhalten. Es scheint sich auch nicht mehr vorwiegend um Ortskrankenkassen zu handeln, gegen die sich der Kampf richtet. Zum großen Teil sind, soweit zu ersehen, Gemeindekrankenversicherungen und Betriebskrankenkassen ange- geben. Ist doch der ganze Verband zur Wahrung der Interessen der deutschen Betriebskrankenkassen mit dem Sitz in Essen a. d. Rh. gesperrt. Man darf aus den angeführten ziffernmäßigen Angaben aber noch nicht auf verminderte Kampfeslust der Aerzte schließen. Der gegenwärtige Zustand dürfte die Ruhe vor dem Sturm sein, der losbrechen soll, wenn der Teil der Reichsversicherungsordnung, welcher die Krankenversicherung betrifft, in Kraft tritt. Im ganzen deutschen Reiche ist man jetzt eifrigst dabei, entsprechend den Direk- tiven des Geschäftsausschusses des deutschen Aerztevereinsbundes die Gründung rechtsfähiger kassenärztlicher Vereine zu betreiben. Dieser Zusammenschluß aller an der Krankenkassenpraxis beteilig- ten Aerzte ohne Rücksicht auf die gerade jetzt geltenden kassenärzt- lichcn Systeme soll zwar, wie versichert wird, keine Feindseligkeit gegenüber den Krankenkassen bedeuten, vielmehr den Frieden zwischen den Aerzten und den Kassen fördern, aber nur unter der Voraussetzung,„daß den Aerzten eine würdige Stellung gewähr- leistet wird".______ ZhsGloiie, Berl'n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt ES sei daran erinnerst daß die Aerzle mit dem Generalstreik gedroht haben, um die allgemeine freie Arztwahl einzuführen, die ihnen das Gesetz nicht brachte. Toppelte Moral. In den letzten Wochen waren in der Reichshauptstadt einige besonders auffallende Zusammenbrüche von Spielerexistenzen zu verzeichnen. Das hat vielfach die Vermutung aufkommen lassen, daß im„Sündenpfuhl Berlin" das Spiel mehr Opfer fordere und größeren Schaden anrichte als anderwärts. Es mag sein, daß die Spielsucht in Berlin neuerdings in einer Weise wuchert, daß man wohl von einer Spielseuche sprechen kann. Man glaube aber nicht etwa, daß es anderwärts in deutschen Landen besser sei. Es wird allenthalben fleißig gejeut und im Hvnoratioreuftübcheu manches Kleinstadthotels sind die Umsätze am Spieltisch nicht ge- ringer als in den vornehmen Klubs des Westens. Wenn infolge des Spiels Leute ins Unglück geraten, so ist das ihre eigene Schuld und auch ihr persönliches Pech. Die Oeffentlichkeit wird darüber bald beruhigt sein, denn schließlich sind es ja immer Brüder mit gleichen Kappen und Leute aus bestimmten Gesellschaftsschichtcn, die sich gegenseitig das Geld abnehmen. Von allgemeiner Be- deutung wird der Unfug aber dann, wenn durch die Zusammen- brüche von Spielern weitere, am Spiel völlig unbeteiligte Kreise in Mitleidenschaft gezogen werden'. Es zeigt sich hierbei vielfach, daß die Herren Kavaliere wohl ihre Spielschulden fast restlos beglichen haben, denn das sind Ehrenschulden. Andere Gläubiger aber, Lieferanten, Handwerker, ja sogar Angestellte, gehen mit ihren Forderungen leer aus. Zur Illustration sei auf einen Fall ver- wiesen, der sich kürzlich in Ostelbien ereignete. Ein junger Majoratsherr, ehemaliger Kavallerieoffizier, hat nach und nach Hunderttausende im Spiel verloren. Die sogenannten Ehren- scheine sind eingelöst worden. Als aber die Lieferanten von Saat- getreide. Dünge- und Futtermitteln, die Handwerker und viele andere kleine und mittlere Geschäftsleute zu ihrem Gelde kommen wollten, ergab sich, daß nichts mehr vorhanden war. Das Majorat, das überdies schon unter Zwangsverwaltung steht, bietet kein An- griffsobjekt für die' Gläubiger. Der Schuldner bezieht— um standesgemäß leben zu können— eine Rente aus dem Majorat, von der natürlich auch nichts übrig bleiben wird. Einem Ver- wandten des Spielers, einem pensionierten sehr hohen Offizier, der sich verbürgt hatte, wurde ein Teil der Pension gepfändet. Der größte Teil der Gläubiger hat vorläufig aber keine Aussicht, sein Geld zu erhalten. Die Folge hiervon ist der finanzielle Zusammen- bruch mehrerer Geschäftsleute in der nahen Stadt, die teilweise mit sehr hohen Beträgen hereingefallen waren. Solche Vorgänge sind durchaus keine vereinzelten Erscheinungen. Immer wieder zeigt sich, daß die Spielschulden gewissermaßen als bevorrechtigte Forderungen behandelt und bezahlt worden sind, während die Ge- schäftsleute leer ausgehen. Wohin soll das führen! Wer die Ver- Hältnisse auf dem platten Lande kennt, weiß, daß die Großgrund- besitzer bei ihren Lieferanten oft recht hohe und langfristige Kredite in Anspruch nehmen. Die Geschäftsleute hingegen müssen Kredit gewähren, wenn sie überhaupt Geschäfte machen wollen. Solange oie Bewirtschaftung der Güter rationell betrieben wird, ist es ja heutzutage der Landwirtschaft auch leicht möglich, ihren Verpflich- tungen nachzukommen. Sie ist also normalerweise immer kredit- würdig. Wenn jedoch im einzelnen Falle besonders noble und ver- schwenderische Passionen des Schuldners, von denen die Gläubiger natürlich nicht immer Kenntnis haben können, eine Verschlechterung der Vermögensverhältnisse binnen kurzer Zeit herbeiführen, so muß ganz von selbst der Glaube an die vielgepriesene Solidität der Landwirtschaft erschüttert ckerden. Der oben erwähnte Fall ist auch insofern von Interesse, als er ein Licht auf die Spielsucht in bestimmten Berufskreisen wirft. Es ist kein Wunder, wenn die Lebenshaltung der Kavallerieofiziere ganz ungeheuerliche Summen kostet. Wenn Spiel und Wette mit zur Verminderung des Zu- schusses beitragen, dann ist es nicht weiter auffallend, daß die Herren Väter über die teuren Zeiten klagen und daß auch der Großgrundbesitz bis über die Ohren in den Schulden steckt. Be- dauerlich bleibt es aber, daß es den Spielerit noch immer gelingt, den Verlust schließlich auf völlig Unbeteiligte abzuwälzen. Die soliden Geschäftsleute und die Angestellten der Feudalherren müssen so die verderblichen Wirkungen einer doppelten Moral auskosten, die streng scheidet zwischen der Kavalierehre und den Grundsätzen von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr. (Siehe auch 1. Beilage.) &ctzt* Nadmcbtcn. Ein schwerer Strastenbahuunfall verursachte gestern abend in der Reichenberger Straße große Auf- regung. Vor dem Hause Nr. 77 war die achtjährige Elise KukowSky von einem Straßenbahnwagen überfahren worden. Da sie nicht befreit werden konnte, alarmierten Passanten die Feuerwehr. Diese holte das Mädchen hervor und brachte es nach der Unfall- station am Görlitzer Bahnhof, wo man dem Kinde, das unter anderem einen Oberschenkelbruch erlitten hatte, Verbände anlegte. Abmarsch der Arnauten aus Uesküb. Uestüb, 20. August.(W. T. B.j Die Spezialzüge mit Arnauten sind bereits abgegangen. Unter den zahlreichen Führern, die mit ihren Leuten abgereist sind, befinden sich auch Riza Bey, Djemal Bey und Bairam Bey. Die Regierung hatte die Züge unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Stadt Uesküb hat sich vollkommen beruhigt, die Geschäfte sind wieder geöffnet. Die Stadt nimmt wieder ihr gewöhnliches Bild an. Unwetter in Mecklenburg-Strelitz. Neustrelitz, 20. August.(P.-C.) Ein schweres Gewitter entlud sich in der letzten Nacht über Mecklenburg-Strelitz. Der Blitz zun- dete an verschiedenen Stellen. Unter anderem wurden auf dem Gute Brohm des Rittergutsbesitzers v. Oertzen bei Friedland meh- rere Scheunen mit sämtlichen Erntevorräten und landwirtschaft- lichen Wagen ein Raub der Flammen. Ebenso wurde in Ribnitz eine Scheune eingeäschert, wobei zahlreiches Bieh und große Mengen von Getreide und landwirtschaftlichen Maschine« verbrannten. Vier Arbeiter verschüttet. Brünn, 20. August.(P.-T.) Beim Abbruch eines Hauses in der Ferdinandstraße stürzte heute ein Gewölbe ein. Vier Arbeiter wurden verschüttet._ Durchstechereien bei der Krakauer Eisenbahn. Krakau, 20. August.(P.-C.j Auf der Station Krakau wurden g.roße Betrügereien aufgedeckt, die von einer Anzahl Eisen- bähnsunktionären im Verein mit mehreren Kaufleuten ausgeführt wurden. Tie Betrügereien kamen dadurch ans Tageslicht, daß fort- gesetzt Reklamationen über Gewichtmankos einliefen. Mehrere Bahnbeamte und Kaufleute wurden bereits verhastet. Militärluftballon aufs Meer getrieben. Sebastopol, 20. August.(W. T. B.) Ein Militärluftballon mit drei Offizieren wurde vom Winde auf das Meer abgetrieben. Als der Ballon, dem ein Torpedoboot zur Hilfe nachgesandt worden war, niederging, fiel einer der Luftschiffer, Leutnant Kuskow, ins Meer und ertrank. Ein Matrose, der ihn retten wollte, ertrank ebenfalls. Die übrigen Balloninsassen wurden durch das Torpedo- boot gerettet. Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu 8 Beilagen«.Unterhaltungsbl. it. 194. 29. IahkMZ. 1. f filnjt drs.AmSck" Sttlintt lliilUlitt 19. Deutklier OiMranhenkaMag. Köln, dm 20. August. (Telegraphischer Bericht.) In der Heuligen zweiten Sitzung sprach Hermann E i ch st ä d t- Weimar, Vorsitzender des Ausschusses der Thüringischen Landesversicherungsanstalt, über die Erhebung der Beiträge sür die Invaliden- und Hinterbliebenen- Versicherung durch die Krankenkasse». Der Referent wandte sich gegen die heute bestehende Zwie- spältigkeit des Einziehungsverfahrens. Die Arbeitgeber haben heute mit der Einziehung der Beiträge viele Schwierigkeiten und grosse Unannehmlichkeiten. Der Redner legt dem Krankenkassentag eine Resolution vor, in der ausgesprochen wird, datz der Krankenkassentag unter Berücksichtigung aller bisher gemachten Erfahrungen das Ein- ziehuugsverfahren für die Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung durch die Ortskrankenkassen für das beste hält.F reie Bollsbühne hat diese Opern für sie aufgeführt I Und die Opernveranstaltungen der Freien Volts- bühne sollen von Jahr zu Jahr auf immer breiterer Basis stehen; die Anteilnahnie der Arbeiter wird immer grösser und intensiver. Freilich, W a g n e r sche Mnsikdramen hat die Freie Volksbühne den Arbeitern noch nicht bringen können; aber einfach aus dem Grunde, weil diese Werke nicht frei, sondern Monopol der kgl. Oper sind. Das wird nach 1913 anders werden. Herr Bahr wird sich dann davon überzeugen können, dass sein Gegenargument in den Tatsachen keine Stütze findet. Wie sollte wohl eine Gefahr für den„Parsifal" vorliegen, wenn alle Welt ihn hören kann, und nicht nur Begüterte oder Stipendiaten? Man mag über dieses letzte Werk Wagners denken, wie man will; man mag es mit Nietzsche als den eigentlichen„Fall" des Künstlers Wagner, oder man mag ihn mit Hermann Bahr als„die grösste Tat neben dem Faust"(als ob es keinen Bach, keinen Beethoven gegeben hätte!) ansehen: es ist weder religiös noch künstlerisch, zn glauben, dass ein Werk der Religion oder der Kunst durch irgendein äusseres Ereignis(wie es eine schlechte Aufführung ist) profaniert werden könnte. Profan kann nur die Seele des Hörers sein; aber ebenso- gut in Bayreuth wie in irgendeinem Berliner Vorort. Tie Hohe Messe des Joh. Seb. Bach, das Deutsche Requiem des Johannes Brahms und der Hundertste Psalm des Max Reger bedürfen keines besonderen Schutzes. Wenn der„Parsifal" von deren Art ist, wird er ihn auch entbehren können." Im Prinzip behält Bahr doch recht. Er befürchtet nämlich aus guten Gründen, daß der„Parsifal" gleich den anderen Musikdramen Wagners wohl deshalb der Arbeiterschaft verschlossen bleiben könnte, weil sich die Theaterdirekwren schwerlich zu einer erheblichen Verbilligung der Eintrittspreise verstehen würden. Wagner wird nach wie vor als „Kafsenmagnet" die Defizite decken müssen, wie das auch schon bis- her war. Dennoch aber mutz es heisscn: Kein Ausnahmeschutzgesetz. Das ganze Wagnersche Kunstschaffen, mit Einschluß des„Parsifal". gehöre fortan dem Volke I Ein Nicsenrelief. Der schön gelegene Ort Hellbrunn, fünf Kilo- meter südlich von-Salzburg, hat seit kurzem eine Sehenswürdigkeit besonderer Art aufzuweisen: ein riesiges Landesrelief aus Zement; es stellt das Land Salzburg(820 Quadratmeter) mit den an- grenzenden Teilen von Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Tirol und Bayern dar und umfasst zusammen nahezu 3000 Quadratmeter. Der westliche Teil vom Brenner ist noch unvollendet. Das Ganze breitet sich auf einem Wiesengrund aus, den sein Verfertiger, Bild- Hauer Josef Pörnbacher, angekauft hat. Auf zwei Seiten kann man von Terrassen mit Aussichlswarten einen erhöhten Ueberblick ge- Winnen. Ein Meter im Relief entspricht 3000 Meter in der Natur; in der Höhe sind 40 Zentimeter gleich 1000 Meter. Die Felspartien bestehen aus dem betreffenden Gestein; Landesgrenzen und Eisen- bahnen sind genau ersichtlich, die Ortschaften aus Porzellan, die Schutzhütten aus glitzernden Knöpfen, Pörnbacher hat an diesem (Beifall und Unruhe.) Ich ftage den Kongress. ob er über diesen Zwischenfall eine weitere Diskussion zulassen will oder mcht. " ustizrat Mayer- Frankenthal: Ich habe das Recht, mich an den ongretz zu wenden.(Zustimmung.) Ich habe nicht nur meiner Auffassung Ausdruck gegeben, sondern der einer grossen Zahl von Personen, mit denen ich gesprochen habe, insbesondere aus den Kreisen der Vorstandschaft.(Unruhe.)— Zoller- Köln: Auch ich mutz sehr bedauern, wie sich Gräf ausgedrückt hat. Von dem ersten Teil seiner Ausführungen war der hier anwesende Vertreter des Reichs- versicherungsamts recht wenig entzückt. Auch die Ausdrücke über das Zeitungslesen und Bleistiftespitzen waren unglücklich gewählt.— Vor- sitzender Witt: Nun frage ich doch, ob eine weitere Diskussion hierüber stattfinden soll. Der Kongreß beschließt gegen ganz ver- einzelte Stimmen, datz über Gräfs Ausdrucksweise nicht weiter diskutiert werden soll.(Gräf: Das sind nun die entrüsteten Herren, Herr Justizrat I Heiterkeit!)— Vorsitzender W i t t: Es besteht wirklich kein Grund, sich besonders aufzuregen.(Allseitige Zu- stimmung.) In der Diskussion wendet sich Schalem- Berlin gegen den Abschluß eines Tarifvertrages und zwar auf Grund schlechter Er- fahrungen, die der Hauptverband mit dem letzten Tarifvertrag ge- macht habe. Es sei durchaus nicht notwendig, über die Bestimmungen des Gesetzes hinauszugehen. Vielmehr wäre es notwendig, Paragraphen zum Schutze der Kassenvorstände zu schaffen. Daß wechselnde Vor- stände die Beamten aus politischen Gründen entlassen könnten, sind nur Schreckgespenster an die Wand gemalt, um dem vorgeschlagener� Anstellungsvertrag zur Annahme zu verhelfen.— Justizrat Mayer- Frankenthal: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Arbeitnehmer in den Krankenkassen sich vielfach in schärferer Weise auf den Arbeit- geberstandpunkt gestellt haben als die Arbeitgebervertreter selbst, (Hört! hört I und Zustimmung.) Dieses Problem ist sehr ernst und schwierig und deshalb habe ich mich gegen Gräf gewandt. Es muss von denem höheren Standpunkt behandelt werden. Es mutz an der Wurzel angefaßt werden und insbesondere von den Herren, die auch sonst im öffentlichen Leben die Interessen der Arbeitnehmer ver- treten.(Sehr richtig I). Weil das Problem so schwierig, ist es an- gezeigt, es durch einen Tarifvertrag zu lösen. Wefl wir aber eine sozialpolitische Körperschaft sind, müssen wir diesem Tarifvertrag einen möglichst weitgehenden sozialen Inhalt geben.(Beifall.) Es ist nicht wahr, was Gräf gesagt hat, datz das Angestelltenrecht in der Reichsversicherungsordnung nur Fallstricke für die Ortskranken- lassen enthalte. Das Gesetz enthält eine grosse Reihe von Schutz- bestimmungen, insbesondere die, dass die Beamten nach 20 jähriger Dienstzeit unabsetzbar sind. Das Angestelltenrecht in der Reichs- Versicherungsordnung ist zweifellos vor allem ein Fortschritt zugunsten der Angestellten. Nachdem der Redner noch eine Reihe juristischer Einwände gegen das zwischen dem Vorstand deS Hauptverbandes und den Angestellten abgeschlossene Abkommen gemacht hat, werden die weiteren Verhandlungen auf Mittwoch vertagt. Hus der partei* Die Partei in Elsaß-Lothringe». Der Jahresbericht des Landesvorstandes in Elsaß-Lothringen an den am 31. August und 1. September in Strassburg tagenden Landesparteitag ist soeben erschienen. Der Bericht feiert die Erfolge�-. bei den L a n d t a g s w a h l e n im Oktober 1911, wo die Partei elf Mandate der Zweiten Kammer auf insgesamt 00 errang, und ber den Reichstagswahlen im Januar 1912, wo sie zu den beiden bisherigen Mandaten Mülhausen und Strassburg in der Stich- wähl die drei Mandate von Colmar, Stratzburg-Land und Metz- hinzueroberte. Bei den Landtagswahlen vom 22. Oktober 1911 er- zielte die Partei 71 470 Stimmen oder 23,8 Proz., bei den Reichstagswahlen vom 12. Januar 1912 erhielt sie 110 076 Stimmen oder 31,7 Proz. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeinde- ratSmitglieder im Lande stieg in dem Berichtsjahre von 70 auf SS.(Elsatz-Lothringen hat Einkammersystem in den Ge- meinden, und kein Gemeinderat zählt mehr als 30 Mit- glieder. Zur Wahlberechtigung ist für Arbeiter die drei- jährige Ansässigkeit in der Gemeinde erforderlich, für Hausbesitzer und dergl. nur einjährige Ansässigkeit.) In den drei Bezirkstagen, für welche dasselbe ungünstige Wahlrecht gilt wie für die Gemeinderäte, sitzen 7 Genossen. An Flugblättern kamen während der Land« und Reichs« tagswahlen etwas über 2'/� Millionen Exemplare im Lande zur Ver- breitung; nach den Wahlen noch 30 000 Exemplare, ferner 15 000 Stück Broschüren.— Der Bericht klagt über die mangelnde Regsam- keit der Genossen auf dem Gebiete der Frauen- und Jugendbewegung. jedenfalls sehr lehrreichen Werk, bei Aufwendung eines ansehnlichem Kapitals(über 40 000 M.), sieben Jahre gearbeitet. Kostbarkeiten des Pariser Zoo.' Dazu' bemerkt Aimö de Flermont: Der teuerste„Pensionär" ist ein gewaltiges Nilpferd, das man für die hübsche Summe von 42 000 Fr. erworben hat. Ungefähr ebenso viel kostet ein afrikanisches Nashorn. Die jungen Elefanten des Gartens gelten pro Stück 0—8000 Fr., die Tiger 5000, die Löwen je 4000 Fr. Die größte Pythonschlange, die der Garten besitzt, kam auf 1000 Fr. zu stehen, ein paar kleinere, aber doch stattliche Exemplare auf 4—000 Fr.; ein Krokodil wird mit zirka 100 Fr. bewertet. Im übrigen sind die Preise je nach dem Alter und dem mehr oder weniger seltenen Vorkommen der Tiere sowie nach dem Alter und der Schönheit ausserordentlich verschieden. Der Zoo erhält selbstredend aus den zahlreichen französischen Ko« lonien reiche Geschenke an dort einheimischen Tieren und Pflanzen. Denn der„Jardin des Plantes" verdient seinen Namen doch in- sofern, als er auch eine stattliche exotische Flora in seinen Mauern beherbergt; ein Teil davon wird in einigen geräumigen Treib- Häusern verwahrt. Wer den Garten besucht, möge nicht versäuinen, dem seitwärts in unmittelbarer Nähe gelegenen Paläontologischen Museum eine Visite abzustatten. Dieses enthält in seinen gut be- leuchteten Räumen eine prachtvolle Sammlung vorhistorischer Tier- skelette, darunter als Unika das majestätische über vier Meter hohe „Megatherium Cuvieri" und das Riesenskelett des„Elefanten von Dursort". Diese Prachtstücke, die brillant erhalten sind, stammen aus der Sammlung Gazola, wurden von dem General Bonaparte im Jahre 1797 angekauft und dem Staate zum Geschenk gemacht. Notizen. — Das Deutsche Opernhaus in Charlottenburg wird voraussichtlich am 4. November eröffnet werden. Die Spielzeit soll rund acht Monate umfassen. Das Abonnement erstreckt sich auf sämtliche Werktage, mit Ausnahme der Sonntage und drei Feiertage. Es ist pro Platz im 3. Rang um 50 Pf., im 2 Rang um 1 M., auf den anderen Plätzen um 1,20 M. billiger als die Kassenpreise. —„Ewigkeitswerke deutscher Kirchenmusik". Diesen neuen Vortragszyklus mit Erläuterungen durch Gesang und am Klavier kündigt Dr. L. H i r s ch b e r g an der Humboldt- Akademie an. Es sollen dabei die Meisterwerke geistlicher Musik von Bach bis Brahms zur Darstellung gelangen, darunter auch„Das Liebesmahl der Apostel" von Richard Wagner. Der Vortrag findet Mittwochs 11—1 im ArchitektenhauS, Wilhelmstr. 92/93, statt. Be- ginn: 9. Oktober. — Jakob Meherbeer„Beerenmeyer" pflegte ihn Hein- rich Heine spöttisch zu nennen— der Schöpfer von Opern grossen Stils„(Hngenvtten",»Prophet" usw.), hat i» S p a a ein Denkmal er- halte», Ueber die Steigening der Abonneiitenzahl der beiden Parteiblätter, denen die Wahlbetvegung sehr zu statten kam, werden Zahlenangaben nicht gemacht. Von den 80 216,62 M. Jahreseinnahmen sind nur 3833,58 M. Einnahmen aus den Mitgliederbeiträgen in den Wahlkreisen, davon 1043,10 M. aus dem einzigen Kreise Mülhausen. Die Zuschüsse der Gesamtpartei zu den Land- und ReichstagSivahlen betrugen 68 372,19 Mark. Die Landtagswahlen haben 27 143,88 M. gekostet, die Reichs- tagswahlen 40 890,85 M. Die Mitgliederzahl der Parteiorganisation steht immer noch in keinem Verhältnis zu den äusteren Erfolgen, aber sie weist immerhin eine erfreuliche Steigerung auf: 6478 gegen 4869 im Vorjahre. In den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der Organisierten mehr als verdoppelt. Die Zahl der organisierten Frauen beträgt 319. Aus den Organisatlonen. Die Generalversammlung des Wahlkreises Höchst-Usingen-Hom- bürg tagte am Sonntag in Rödelheim. Auster dem Vorstande und dem Reichstagsabgeordneten V r ü h n e waren 35 Orte durch 90 Delegierte vertreten. Nach dem vom Parteisekretär Walter gegebenen Jahres- bericht hatte die Partei im letzten Jahre sehr gute Fortschritte ge- macht. Die Organisation zählte am JahreSschlust in 67 Orlen 4764 Mitglieder, gegen das Vorjahr 910 Mitglieder mehr. Die „Volksstimme" hatte 6212 Abonnenten; sozialdemokratische Ge- meindevertreter und Stadtverordnete waren in 39 Orten 103 vor- banden, sowie ein Magistratsmitglied. Die Jahresabrechnung schließt in Einnahme und Ausgabe mit 33 757,23 M. ab, der Kassen- 'bestand beträgt 3737 M. Zur Reichstagswahl gingen an frei- willigen Beiträgen 9358,71 M. ein. Die Reichstagswahl kostete 12 946,34 M. An den Parteivorstand wurden abgeführt 2663,18 M.. an den Bezirksvorstand 1900,04 M. Der Bildungsausschust schließt in Einnahme und Ausgabe mit 3736,30 M. ab. Volks- und Wählerversammlungen fanden im Berichtsjahre 239 statt. Verbreitet wurden 13 Flugblätter in einer Auflage von 414000 Exem- plaren sowie 13 000 Kalender(Landboten). Bei der ReichStagSwahl wurden für unseren Genossen Brühne 21 279 Stimmen abgegeben, gegen 1907 eine Zunahme von 4301 Stimmen. Ueber den Parteitag in Chemnitz sprach S i eli n g. Beschlossen wurde, de» Organisationsentwurf abzulehnen und für eine Ver- mehrung der Beisitzer zum Parteivorstand einzutreten. Der monat- liche Beitrag wurde auf 40 Pf. erhöht. Dann wurde noch beschlossen, den Wahlkreis in Bezirke einzuteilen und Bezirksvcrtraucnsmänner zu ernennen. Die Wahl eines Delegierten erfolgte durch Ur- abstiinntung. *« Jfc In drei schleswig-holsteinischen Wahlkreisen, die eine fast aus- schließlich ländliche Struktur haben, hielten am letzten Sonnlag die Wahlkreisorganisationen ihre Generalversammlungen ab, nämlich im dritten(Schleswig-Eckernförde), im fünften(Jtzchoe-Stcinburg) und im iicuiitcn(Plön-Oldeuburg). Im dritten Wahlkreise hat sich die Zahl der Mitglieder von 971 auf 1349 erhöht. Im Kreise gibt es elf'sozialdemokratische Gemeindevertreter. Ein erfreuliches Zeichen in der Zeit des anwachsenden Imperialismus ist es, daß in dem Wahlbezirke Pries, in dem hauptsächlich die Arbeiter der marinefiskalischen Torpedowerlstatt Friedrichsort »vohnen, am 12. Januar 99 Proz. der Wähler an der Wahlurne er- schienen— ein in Deutschland wohl einzig dastehender Fall— und die sozialdemokratische Stimmenzahl sich von 313 auf 346 erhöhte. Ein weiterer erfreulicher Erfolg ist es, daß sich in dem Dänischer Mohld genannten Güterdistrikt zwischen Eckernförder Bucht und Nord-Ostsec-Kanal eine blühende Zahlstelle des Landarbeiterverbandes von 140 Mitgliedern entwickelt hat. Hier fand auch zum ersten Male am Abend des 1. Mai eine Maifeier auf dem Lande statt, an der sich 300 Personen beteiligten.— Die Generalversammlung be< schäftigte sich auch mit der Aenderung des Organisationsstatuts der Gesamtpartei, faßte aber keinen Beschluß. Im fünften Wahlkreise stieg die Zahl der Mitglieder von 2079 auf 2603. In- den Stadtgemeinden und Landgemeinden des Kreises sind drei sozialdemokratische Stadtverordnete und 24 Ge- meindevertreter tätig. Bemerkenswert ist, daß auf der zum Kreise gehörenden Insel Helgoland eine Parteiorganisation mit 93 Mit- gliedern besteht. Der Parteisekretär L e m e n tz o w ist als Partei- sekretär für Stettin gewählt worden, an seine Stelle wurde Genosse F. Alps-Hamburg als Parteisekretär für den fünften Kreis ge- wählt.— Der fünfte KreiS gehört zu den Kreisen, in denen nach dem Stichwahlabkominen mit der Fortschrittlichen Volkspartei der sozial- demokratische Wahlkampf gedämpft werden sollte. Die Kreisleitung tat darüber hinaus noch ein übriges und proklamierte Stimm- enthaltung, welche Parole von den sozialdemokratischen Wählern auch strikte befolgt wurde. Die Delegierten der Generalversammlung er- klärten sich mit dieser Haltung des Kreisvorstandes einverstanden. Genosse P a u l M ü l l e r in Karlshorst bei Berlin hat gleich nach der Wahl die ReichStagskandidatur niedergelegt. Die General- Versammlung wählte den Genossen Winkeln, an n- Bremen zum Kandidaten. Zur Aenderung des OrganisationSstatuts der Gesamtpartei faßte die Generalversammlung keine Beschlüsse, ein Antrag, den Beitrag für männliche Mitglieder auf 10 Pf. wöchentlich und für weibliche auf 3 Pf. wöchentlich festzusetzen, wurde abgelehnt. Der 9. W a h l k r e i s ist schon einmal sozialdemokratisch ver- treten gewesen, im Jahre 1873 durch den Lasialleaner Reimer. Der Kreis besteht fast ausschließlich auS Gutsbezirken. Nach Reimers Wahl hat ein ungeheurer Terrorismus der Großagrarier eingesetzt, der noch heute andauert und die sozialdemokratische Agitation im Kreise sehr erschwert. Die Mitgliederzahl stieg auch nur von 300 aus 334. Die Generalversammlung sprach sich für die Erhöhung des Mindestbeitrages für männliche Mitglieder nach den Vorschlägen der Reorganisationskommission, aber gegen die Erhöhung der Beiträge der weiblichen Mitglieder aus. Weiter beschloß die General- Versammlung, zur Heranbildung von Kräften zur Landagitation mehr als bisher durch JnftruktionS- bezw. Wandervorträge zu tun. Ein nencS Glied der Internationale. Chile, das sich über 4200 Kilometer lang an der Westküste Süd- amerikas hinzieht, hat neben überwiegendem GroßlaudivirlschaftS- betrieb einen bedeutenden Bergbau auf Salpeter und Kupfer, Schmelzwerke und beträchtlichen'Hafenverkehr. Der wirtschaftliche Klassenkampf ist sehr heftig. Im vorigen Jahre gab es zehn große Streiks, von denen neun erfolgreich ausgingen, einer mißglückte. Der größte Kampf war ein Generalstreik in Punta Arena s, einem Hafenplatz im äußersten Süden, der acht Tage dauerte und zum vollen Siege führte. Jetzt hat die Arbeiterschaft, die bisher mit der bürgerlichen Demokratie ging, begonnen, sich als sozialistische Partei zu konstituieren. In Aquique, der bedeutenden nördlichen Hafenstadt, hat die demokratische Gruppe unter Führung des früheren Abgeordneten Recaborren, eines Schriftsetzers, ein sozialistisches Programni beschlossen und sich konstituiert. In der ganzen Provinz Tarapaca haben sich die Arbeiter angeschlossen. pott-eiUcbe», Serie!, rllctus ulw. Aufgehobener Freispruch. » Genosse Wagner, Redakteur der„Bergarbeiter- zeitung" hatte wegen eines Artikels, der einige» scharfmache- rischen Steigern der Mansfelder Gewerkschaft unehrliche Handlungen nachsagte, eine Anklage erhalten, aber am 3. August vor dem Schöffengericht seine Freisprechung erzielt. Gegen das Urteil wurde von den Kläger» Berufung eingelegt. Jnzwuchen und e.nz-ln- Zeugen unter den Wirkungen des ManSfeldcr Terrorsy ems in ihren Aussagen schwankend geworden, und so wurde Genosse Wagner in der Berufungsverhandlung von der Eislebener Strafkammer� wegen Beleidigung eines Steigers zu 200 Mark Geldstrafe ver- urteilt. Etos Induftne und F)andeL Die Landwirtschaft als„nationale" Erwerbsquelle. Nach der Theorie unserer Agrarier bildet die Landwirtschaft den Jungbronn„völkischer" Eigenart, die beste Stütze nationaler Selb- ständigkeit. Wie schwach es mit diesen Phrasen in Wirklichkeit be- stellt ist, geht aus einer Zusammenstellung der amtlichen„Statist. Korrespondenz" hervor. Danach wurden bei der Berufs- zählung im Jahre 1907 in der Gruppe Landwirtschaft, Gärtnerei und Tierzucht in Preußen 196 963 Ausländer festgestellt. Die Bauindustrie mit der nächsthöchsten Zahl von Ausländern be- schäftigt erst 59 819 Fremde. Dann folgt Bergbau, Hütten- und Salinenwesen mit 65 320, die Industrie der Steine und Erden mit 29 211, die Textilindustrie mit 15 338, die Metallverarbeitung mit 12194, das Bekleidungsgewerbe mit 9438 ausländischen Ar- beitern. Sie alle zusammen zählen erst 191 300 Ausländer gegen die 196 963 in der Landwirtschaft, wozu noch etwa 1000 aus der Forstwirtschaft und Fischerei hinzukomme». Würde z. B. in Kriegszeiten die Einwanderung von Ausländern verboten und die in Preußen-Deutschland befindlichen Fremden auch nur zum Teil von einem ausländischen Staate zurückgerufen, so wäre Deutsch- land unfähig, seine landwirtschaftlichen Arbeiten ausführen zu lassen- Mit der Selbständigkeit der deutschen Landwirtschaft zur NahrungS- mittelversorgung in Kriegszeiten wird aber gerade immer die Not- wendigkeit des agrarischen Zollschutzes begründet. Die Zahlen der ausländischen Arbeiter in der Landwirtschaft lehren, daß die Millionen, die Jahr für Jahr in Friedenszeiten den Agrariern geschenkt werden, auch in dieser Hinsicht ein unnützes Opfer sind. Auch der Einwand, die Nahrungsmittel lägen in Vorräten fest, kann nicht stich- halten. Infolge unseres famosen Einfuhrscheinsystems ver- läßt ein großer Teil unserer Ernten sehr bald daS Inland und erst im Laufe des ganzen JahreS werden die notwendigen Mengen wieder eingeführt. Bei Weizen und Gerste übertrifft ja außerdem schon heute die Einfuhr die Ausfuhr ganz erheblich, um den not- wendigen Bedarf decken zu können. Genossenschaftsmolkcreieu in Dänemark. In Dänemarl sind in den letzten dreißig Jahren auf Wirtschaft- lichem Gebiete große Umwälzungen vor sich gegangen. Auch auf dem Gebiete der Milchgewinnung und-Verwertung sind neue Wege beschritten worden. Wo früher jeder einzelne für sich Butler pro- duzierte, ist längst die GenossenschastSmolkerei an seine Stelle ge- treten. Der Handbetrieb wurde durch den genvssenschaftlichen Ma- schiuenbeirieb verdrängt. Der wirtschaftliche Gewinn erfuhr dadurch eine Steigerung. Reinlichkeit und Qualität des Produkts sind durch genossenschaftliche Kontrolle viel eher gesichert als früher. In sorg- fältig gereinigten Fässern gelangt die Milch an die Molkerei. Freundliche Häuier beherbergen moderne maschinelle Einrichtungen. Zentrifuge, Pasteurisierungsapparate, Knet- und Buttermaschinen ermöglichen eine rationellere Betriebsweise, als es die Handarbeit in ftüheren Zeiten gewähren konnte. Gewiffenhafte Reinigung der Geräte und die Ber- pflichtung der Angestellten, auf peinlichste Sauberkeit zu achten, geben in hygienischer Hinsicht die notwendige Garantie für die Güte des hergestellten Produkts und verschaffen dänischer Butter das Ansehen, das sie mit Recht genießt. Forscht man nach den Ursachen, durch welche die genossenschaftliche Milchproduktion ins Leben gerufen wurde, fragt man, wie man in Dänemark zur Errichtung der Genossenschastsmolkereien kam, so ist darauf zu anl- Worten, daß die unzulänglichen und ungleichmäßigen Resultate der Kleinproduktion die kleinen Landwirte zur Anwendung de« Genossenschaftsprinzips brachten. Schon im Jahre 1882 gründeten westjütische Bauern die erste GenossenschastSmolkerei in Hjedding in Oelgod. Zunächst sollte Butter hergestellt werden. Die entrahmte Milch und die Buttermilch gingen an die Genossenschaftsmitglieder zurück, wodurch diese ein sehr wertvolles Futter für die Schweine gewannen. Der Ausbreitung der Genossenschaftsidee aus dem Ge- biete des Molkereiwesens stellten sich zunächst große Schwierigkeiten entgegen. Heute kann mau sagen, daß immer mehr Bauern sich der Genossenschaft anschließen. So werden die Milchlieferanten zu Molkerei- besitzern. Der erzielte Gewinn verbleibt den Genossenschafts- Mitgliedern. In den dänischen Genossenschastsmolkereien überwiegt das kleinbäuerliche Element. 40 Proz. aller dänischen Kuhställe be» Herbergen ein bis drei Stück und 60 Proz. unter neun Stück Vieh. Im ganzen beträgt die Zahl der Milchkühe in Dänemark ungefähr 1282 300, wovon die Milch von 900 000 Kühen in die Genossenschafts- Molkereien geliefert wird. Von dem Gesamtkuhbestande des Landes fallen 83 Proz. auf Wirtschaften, die Genossenschastsmolkereien an- geschlossen sind. Zählt man die Sammelmeiereien mit, so werden 92 Proz. aller in Dänemark vorhandenen Kühe in Wirtschaften ge- halten, die an Genossenschafts- oder Sammelmeiereien beteiligt sind. DaS in Genossenschastsmolkereien festgelegte Kapital, berechnet nach dem Stande der Feuerversicherung, betrug im Jahre 1910 rund 29 849 Kronen per Molkerei. s 90 Proz. aller in dänischen GenosienschaftSmolkereien erzeugten Produkte gehen nach England, wo besonders die englische Groß- einkaufsgeiellschaft einen guten Abnehmer darstellt. Und mit den dänischen GenossenschaftSmolkereiprodukten den Weltmarkt zu er- ober,,, bedurfte es selbstverständlich großer Fortschritte ,n der Qualität und auch in der Quantität. Hier haben die Molkereigenossenschaften durch Anregung, Belehrung und tech- nische Verbesserungen im Produktionsbetrieb außerordeitiliches geleistet. Durch die seit dem Jahre 1393 aufblühenden Kontrollvereine, die durch angestellte Beamte monatlich zweimal die angeschlossenen Gutswirtschaften konttollieren und die entnommenen Milchproben besonders auf ihren Fettgehalt prüfen lasten, erfuhr die Qualität dänischer Mvlkereiprodukte eine bemerkenswerte Steigerung. Anregungen zu Verbcsserungen in der FütterungSmcthode und zur Ausschaltung ungeeigneter Tiere führten eine unmittelbare Erhöhung der Leistungsfähigkeit der betreffenden Betriebe herhei. Während 1029 Molkereigenossenschaften mit 130 000 Mitgliedern im Jahre 1900 einen Ilmsatz von 113 Millionen erzielten, belies sich der Umsatz von 1163 Molkereigenossenschaften mit 163 000 Mitgliedern im Jahre 1910 auf 173 Millionen Kronen. Soziales. Das konstitutionelle Fabriksystem in den britischen Produktiv- genossenschaften. In England besteht eine besondere Vereinigung(Labour Co- partnership Association), die sich die Verfolgung folgenden Pro- gramms zur Aufgabe gemacht hat:„Eine wirtschaftliche Organi- sation herbeizuführen, die aus den Grundsätzen der Glcichbcrechti- gung aller Beteiligten beruht, d. h. durch welche alle beteiligten Menschen Anteil am Gewinn, am Kapital, an der Leitung und Verantwortlichkeit haben sollen." Die Verwirklichung dieser bei uns gewöhnlich als konstitutionelles Fabriksystcm bezeichneten Forderung erstrebt die„Arbeiter-Teilhaberschaft-Vereinigung" in genossenschaftlichen Produktionsbetrieben und in Privatbetrieben. Eine Arbeit von Dr. Huber(Kapital- und Verwaltungsbcteiligung der Arbeiter in den britischen Produktivgenossenschaften, Stuttgart 1912, Kohlhammer) versucht die Ausdehnung dieses in dem scharf- macherischcn Deutschland praktisch so gut wie unbekannten Systems festzustellen. Leider bezieht sich seine Untersuchung noch auf das Jahr 1909 und behandelt ausführlich nur 30 Betriebe mit 82 Fa- briken(14 349 Arbeiter). Im Jahre 1909 bestanden in Großbritannien 183 Betriebe von Produktivgenossenschaften. Die Zahl der Mitglieder betrug 48 061, die der Arbeiter 39 799. Das Kapital(einschließlich Obligationen und Reserven) belief sich auf 129 Millionen Frank. Einem Ge- winn von 11,936 Millionen stand nur ein Verlust von 0,146 Mil- lionen Frank gegenüber. Die Kapitalanteile verzinsten sich mit 3,18 Proz. Am Gewinn waren die Arbeiter mft 4,89 Prpz. der » Löhne, die Kunden(Konsumgenossenschaften) mit 4,74 Proz. der Bezüge beteiligt. Dem Bildungsfonds wurden 71 700 Frank über- wiesen, für wohltätige Zwecke 406 900 Frank. Die Arbeitszeit be- trägt im Durchschnitt wöchentlich 51� Stunden; an Ferien wur- den 8� Tage im Jahr gewährt. In diesen Zahlen sind die Pro- duktivgenossenschasten, die nur Gewinnbeteiligung gewähren, mit einbegriffen. Anteil auch an der Verwaltung besaßen die Arbeiter in England und Schottland: bei je 16 Textil- und Schuhwaren- fabriken, bei 9 Betrieben der Metallgewerbe, 7 Holzverarbeitungs- fabriken, 7 Genossenschaften des Baugewerbes, 12 Buchdruckereien und Buchbindereien und in 9 sonstigen Betrieben. Hinzu kommen für Schottland die 33 Produktivabteilungen der Großeinkaufs-. genossenschaft in Glasgow. In den Betrieben der englischen Grotz-i einkaufsgenossenschaft in Manchester erhielten die Arbeiter dagegen nur Rückvergütungen als Mitglieder des Konsumvereins. Von der Mehrzahl der Betriebe wird berichtet, daß dort die Löhne höher, die Arbeitszeiten kürzer, die Maschinen- und Ma- terialbehandlung sorgfältiger, der Arbeiterwechsel geringer, das Verhältnis mit der(selbstcrwählten) Leitung günstiger wäre als in Privatunternehmungen. Interessant ist, daß mehrere Co-partner- ship-Betriebe aus Privatsabriken hervorgingen, und zwar taten das einzelne Besitzer, um sich das Risiko abzuwälzen. Die Mehr- zahl dieser Co-partnership-Genossenschasten finden ihren Absatz bei Konsumvereinen, soweit sie nicht sogar unmittelbar an solche cm gliedert sind._ Wer seinen Arbeitern den Lohn nicht gibt.,, Eine Anzahl von Angestellten klagten gestern vor dem Ge- Werbegericht gegen den Bauunternehmer Max Lamprecht aus Borsigwalde auf Zahlung des rückständigen Lohnes. Der B« klagte hatte im Frühjahr dieses Jahres daS Restaurant Apollo- Bierpalast, Friedrichstraße 211, übernommen. Das Geschäft ging aber nicht und erforderte bedeutende Zuschüsse. Um sich vor seinen Gläubigern zu retten, schloß der Beklagte mit seinem gänzlich mittellosen Vater Gustav Lamprecht am 10. Juni einen Kauffoer- trag ab, wonach das Geschäft mit sämtlichen Aktiven und Passiven in die Hände des letzteren überging. Unter Lamprccht scn. ging das Restaurant aber immer noch mehr zurück und schloß infolge- dessen am 20. Juli seine Pforten. Als das Personal am 21. Juli morgens den Betrieb betrat, war das Nest leer. Mit ihren Lohn- forderungen waren die Angestellten die ganze Zeit hingehalten worden. Es war ihnen auch nicht gekündigt worden, sondern Während der ganzen Zeit wurden sie von ihrer Absicht, freiwillig zu gehen, abgehalten.— Vor Gericht bestritt der Beklagte seine Passivlegitimation und berief sich auf den Kaufvertrag. Er lehnte es auch ab, die rückständigen Löhne zu zahlen. Nur für eine An-! gestellte, die schon während seiner Jnhaberzeit im Geschäft tätig. aber von dem Besitzwechsel nicht unterrichtet worden war. erklärte er sich auf Vorhaltung des Vorsitzenden zur Zahlung bereit. Der als Zeuge vernommene Vater des Beklagten gab die Erklärung ab, daß er Bescher des Lokals gewesen sei und sich als Schuldner be-� kenne.— Die klagenden Parteien erhielten daraufhin ein An- erkennungsurteil zugesprochen, können damit aber nicht viel an- fangen, denn bei Lamprecht sen. ist nach seiner eigenen Aussage nichts zu holen. Es ist deshalb zu hoffen, daß Herr Max Lamprechk nachträglich doch noch wenigstens seine moralische Verpflichtung zur Lohnzahlung anerkennt. Ein Lieferant kann es schließlich ver- schmerzen, wenn er mal kein Geld bekommt; ein Arbeiter aber. der nur auf seinen kargen Verdienst angewiesen ist. kann durch einen so hohen Lohnausfall leicht ins Elend geraten. Sericbts- Leitung. Wie Anklagen gegen Streiksinider entstehen. zeigte wieder einmal eine Verhandlung, die vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte stattfand, wo sich drei Arbeiter wegen der ver- schiedensten Vergehen zu verantworten hatten. Beleidigung, Be- drohung, Nötigung und wer weiß was sonst noch alles wurde den betreffenden Sündern zur Last gelegt. Anläßlich des Streiks bei der Automobilgesellschast waren die Angeklagten Bethge, Elsemann und Pantke mit dem bei der obengenannten Gesellschaft beschäftigten Arbeiter Tsrocz zusammengetroffen, als dieser auf seinem Fahrrad gerade den Betrieb verlassen wollte. Die Angeklagten sollten nun den Tsrocz beleidigt, bedroht und genötigt haben, vom Rade ab- zusteigen und mit ins Streiklokal zu gehen. Vor Gericht erkärts dieser als Zeuge. daß von den geschilderten Vorgängen so gut wie nichts wahr sei. Abgesehen von einer Aeußerung BethgeS sei nicht« vorgefallen, vor allem sei ihm nicht daS geringste zugefügt worden, vielmehr hätten die Angeklagten ruhig und friedlich auf ihn eingesprochen. Pantke, als Leiter des Streiks, habe nur gesagt:„Du wirst doch nicht zum Streikbrecher werden l' Er, Zeuge, sei auch ganz freiwillig vom Rade herunter- gestiegen und mit ins Streiklokal gegangen. Diese Aussage hatte natürlich allgemeines Erstaunen im Gefolge. und der Verteidiger der beiden Angeklagten E l s e m a n n und Pantke, RechtSanw. Roth, konnte unter diesen Umständen auf weitere Zeugen verzichten. Aber er stellte nunmehr an den Zeugen die nur allzusehr berechtigte Frage, wie eS komme, daß er hier so äußerst günstig für die Angeklagten aussage, während doch der Inhalt der Anklageschrift mit diesen seinen Aussagen so seltsam kontrastierte. Darauf antwortete der Zeuge, ein Meister des Betriebes habe zu- gesehen, daß die Angeklagten auf ihn einredeten und habe ihn dann ausgefragt. Darufhin habe der Meister ihn. den Zeugen, gleich mit zur Polizei genommen. Dort seien seine Aussagen protokolliert. worauf er daS Protokoll unterschrieben habe. Rechtsanwalt Roth nahm die Gelegenheit beim Schöpfe, in überzeugender und wirkungs- voller Weise an der Hand dieses typischen Falle« zu zeigen, wie in der Regel Streikanklagen zustande kommen, er beantragte angesichts dieser Sachlage nicht nur Freisprechung der Angeklagten, sondern auch Uebernahme der Verteidigungskosten auf die Staatskasse. Der Vertreter der Anklage beantragte, Bethge zu 10 M. Geldstrafe zu verurteilen, gegen die beiden anderen Angeklagten Frei- sprechung. Das Gericht erkannte dem Antrag gemäß und legte die Kosten der Verteidigung der Staatskasse auf. Zur Reform der Jrrenpflege. Ein Kanipf um die Geschästsfähiakcit. der über ein Jahr lang die deutsche» und österreichischen Gerichte beschäftigt hat. und dessen Entwickelungsgeschichte für die in Aussicht stehende Reform deS Jrrenweseus wertvolle Anregungen bietet, hat vor kurzem seinen Abichluß gefunden. Der Kaufmann Loewenthal, ein öfter- reichlicher Staatsangehöriger, war nach Beendigung semer Militär- zeit nach China ausgewandert, gelangte dort durch Armeelieferungen wahrend des BoxerausstandeS und diirch einen größeren Gewinn in der Lotterie zu einem ansehnlichen Vermögen. Daraus ließ er sich nach seiner Rückkehr auS China in Berlin nieder, wo er sich mit der Tochter des Kaufmanns Heinrich Kosse ver- heiratete. Bald nach der Eheschließung begann für ihn ein harter Kampf. Sein Schiviegervater zog eS vor. anstatt ihm d'e tit Aussicht gestellte Mitgift auszuzahlen, bei ihm gegen das Versprechen baldiger Rückzahlung ein Darlehn von 200«) Marl aufzunehmen, welches er jedoch am Fälligkeitstage nicht zurückzahlte. Dies fiihrte zu heftigen Auseinander, etzungen und schweren Zer- Würfnissen. Da die fortgesetzten Erregungen auf L. nicht ohne Ein- Wirkung geblieben waren, ging er auf Anraten seines Hausarztes freiwillig in ein Sanatorium um sich zu erholen. Der Leiter des Sanatoriums in Schlachtensee brachte ihn aus Veranlassung der Ehefrau sofort in die geschlossene Abteilung, an» der er erst auf sein wiederholtes dringendes Verlangen nach 6 Wochen entlassen wurde und zwar gegen den Willen d« Ehefrau, die eine längere Ein sperrung wünschte. Nunmehr begann für den„Entlassenen* eine Periode der völligen Rechtlosigkeit. Ter Schwiegervater erklärte unter Hinweis auf den Aufenthalt des L. in einer„geschlossenen Irrenanstalt*, sein Schwiegersohn sei geisteskrank und habe überhaupt kein Recht. Seine Ehefrau verschaffte sich van dem Anstaltsleiter ein Attest, mit dem sie bei dem Amtsgericht Charlottenburg die Einleitung einer vor- läufigen Vormundschaft erwirkte, durch die sie in der Lage war, die Guthaben ihres Mannes bei zwei hiesigen Großbanken sperren zu lassen. Der Prozeßbevollmächtigte des L., Rechtsanwalt Dr. Ehren ftied, erwirkte jedoch die Zurückweisung des Entmündigungsantrages und die Aufhebung der einstweiligen Vormundschaft über seinen Klienten, der»S inzwischen vorgezogen hatte, in feine Heimat zu flüchten, um den Verfolgungen seiner Ehefrau zu entgehen. Kaum hatte L. dort festen Wohnsitz ge> nommen, als die von einer wahren„Entmündigungswut* befallene Ehefrau auch hier die Einleitung des Entmündigungsverfahrens beantragte. Aus Betreiben der Ehefrau hielten die Berliner Banken unter Hinweis auf dieses neue Entmündigungsverfahren ihre Weige- rung, die Depots an L. auszuzahlen, ausrecht. In dem von L. gegen seinen Schwiegervater angestrengten Prozeß auf Rückzahlung des Darlehns wurde vom Rechtsanwalt Dr. Werthauer unter Hin- weis auf das schwebende Entmündigungsverfahren der Einwand er- hoben, daß L. geisteskrank, also nicht geschäftsfähig sei. Der Prozeß mußte deshalb bis zur Erledigung dieses Verfahrens ausgesetzt werden. Das Bezirksgericht in Drohobhcz wies den Antrag der Ehefrau auf Entmündigung ab, ebenso auch das Kreisgericht in Sambor und schließlich auch auf den Rekurs der Ehefrau hin das -Oberlandesgericht in Lemberg. Erst jetzt wurden die Banken zur Auszahlung der Depots verurteilt, ebenso auch der Schwiegervater des L. zur Zurückzahlung des Darlehens. Der Fall lehrt zunächst, daß die sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich übliche Einleitung des borwiegend inquisi- torischen, geheimen, schriftlichen Entmündigungsverfahrens auf Grund einseitiger Angaben von Interessenten, ohne Anhörung des Antragsgegners, die Gefahr einer dauernden oder zeitweiligen Entrechtung des zu Entmündigenden in sich schließt. Der Fall lehrt ferner, wie der Einwand mangelnder Prozeßfähigkeit, den der Gesetzgeber als Schutzmittel der Parteien gegen die Nachteile sinnloser Prozesse gedacht hat, als Schutzmitlei gegen die Verwirklichung begründeter Rechte mißbraucht wird. Diesen Mißständen kann nur gesteuert werden, wenn daS bisherige Verfahren durch ein kontradikrorisches Prozeßverfahren beim Land- gerichl mit mündlicher Verhandlung ersetzt wird. Die Verschleppung und Vereitelung begrüudeicr Rechtsansprüche durch unbegründete Erhebung des Emwandes der mangelnden Prozeßfähigkeit würde am besten durch eine Bestimmung verhindert, die dem Gericht die Be- fugni» beilegt, einen Prozeßpfleger als gesetzlichen Vertreter zur Weiterführung des Prozesies zu bestellen. Krankenkassenbctrügcr. Gewisie Unternehmer, welche die Krankenka'ssenbeiträge wohl ihren Angestelllen und Arbestern vom Lohne abziehen, nicht aber an die Krankenkasse selbst abführen, werden in letzter Zeit vor den Strafrichter zitiert, aber immer noch viel zu milde bestraft. Unter der Anklage des Vergehens gegen das Krankenversicherungsgesetz hatte sich der Bauunternehmer Wilh. Stolze zu verantworten. Der wegen des gleichen Vergehens schon einmal niit einer Geldstrafe borbestrafte Angeklagte hatte den von ihm beschäftigten Personen insgesamt zirka 180 Mark Krankenkasienbeiträge abgezogen, dieses Geld aber dann für sich verbraucht. Ein Zivilprozeß, in dem auf Rückzahlung der Beiträge geklagt wurde, war aussichtslos.— Vor Gericht behauptete der Angeklagte, daß er die Abführung des Betrages an die Kasse lediglich vergesten st) habe. Da diese„Vergeßlichkeit* jedoch bis zum heutigen Tage gedauert und der Angeklagte bis jetzt in keiner Weise seinen Verpflichtungen nachgekommen ist, erkannte das Gericht auch mit Rücksicht auf die Vorstrafe wegen des gleichen Ver- gehens auf 1 Monat Gefängnis. Die Disteln des Amtsrates. Aus Halle wird uns geschrieben: Am Sonntag, den 3. Mai, morgens zwischen 4 und 5 Uhr, waren sechs dem Prolctarierstande angehörende Personen, Arbeiter und Arbeiterfrauen auf ein Feldstück des wohlbegüterten Amts- r a t s und Amtsvorstehers Osterland in Salzfurth gegangen, um für ihr Vieh Disteln zu pflücken. Die Aermsten hatten tatsächlich nur Disteln gepflückt und glaubten damit dem Amtsvorsteher keinen Schaden zuzufügen, wenn sie fein Feld von dem Unkraut befreiten. Anfang Mai war auf dem Felde auch weiter nichts zu ernten. Die Nemesis wollte es aber anders und sandte den sechs Personen Strafmandate von je 15 M. wegen Ent- Wendung von �.Feldfrüchten*. Natürlich waren die Straf- Mandate nicht von dem AmtSrat und Amtsvorsteher selbst, sondern von seinem Stellvertreter gesandt worden. Ob der Stellvertreter mit dem Amtsvorsteher über die Höhe der Strafen gesprochen hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Gegen diese Strafverfügungen er- hoben die„Beschuldigten* bei dem Bitterfclder Schöffengericht Ein- spruch, und zwar mit dem fast unglaublichen„Erfolge*, daß die Strafen auf je 2l) M. erhöht wurden. Man bedenke, 120 M. für entwendete Disteln— Pardon— Feldfrüchte. Nunmehr versahen sich die Bedauernswerten mit einem Verteidiger und brachten den Fall vor die Berufungsinstanz, Straf- kammer Halle. Um weitere Kosten zu ersparen, war von den sechs „Angeklagten* nur die Arbeiterfrau Anna Tann er t vor Gericht erschienen. Auf den Einwurf, weshalb die Angeklagten denn schon so sehr früh auf das Feld gegangen wären, erklärte der Verteidiger, die Leute hätten an dem Sonntage nach getaner Arbeit zur Kirche gehen wollen. Im übrigen wurde seitens de? Verteidigers geltend gemacht, daß die Distel im Sinne des Gesetzes kein Bodenerzeugnis und deshalb keine Feldfrucht sei. In der Berufungsinstanz erklärte Frau Tannert, der die bittere Not aus den Augen schaute, unter Tränen, wie könne man von ihr bloß verlangen, daß sie für ein paar wertlose Disteln 20 M. be- zahlen solle. Bisher wären die Bauern ftoh gewesen, wenn ihr Feld von Disteln, Brennesseln und dergleichen Unkraut befreit worden wäre. Und dann sei das Feld, auf dem sie das Unkraut ausgejätet hätten, ein Brachfeld gewesen. Der Schäfer habe gesagt, es wüchse nichts darauf, und es wäre nicht einmal ge- eignet, die Schafe darauf zu hüten. Glaube man nicht etwa, daß arme Leute in aller Herrgottsfrühe aus Wollust auf das Feld gingen, um Disteln und Brennesseln zu rupfen. Wer da weiß, was es hieße Disteln und Brennesseln an- zufassen, der kann nur folgern, daß die Not dazu treibe.— Der Herr Amtsvorsteher verteidigte sein Distelrecht so gut er konnte, und meinte, der Acker auf dem die Disteln wuchsen, sei kein Brachfeld, sondern eine Wiese gewesen.— Um hierüber weitere Aufklärung* zu schaffen, wurde der Distelprozeß auch noch vertagt. Wie viel Menschen werden sich wegen der Disteln des Amtsrats noch die Köpfe zerbrechen. Wahrlich ein schönes Zeichen einer „gründlichen* Rechtspflege und ein noch besseres Zeichen unserer „modernen" Eigentumsbegriffe. Vergehen gegen das keimende Lcien. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde vor der 2. Ferien- strafkammer des Landgerichts II gegen eine„weise Frau*, die sich zahlreicher Verbrechen gegen den 8 218 des Str.-G.-B. schuldig gemacht hatte, verhandelt. Es war dies eine Frau Pauline Bulla aus Köpenick, die in Gemeinschaft mit einer Frau D r o b b e lange Zeit hindurch ihr Handwerk ausgeübt hatte. Mitangeklagt waren sechs Frauen, die zu den ständigen„Kundinnen* der Bulla gehört hatten.— Das Gericht erkannte nach längerer Verhandlung gegen die Angeklagte Bulla auf ein Jahr und fünf Monate Ge- f ä n g n i s und gegen die Frau Drobbe auf fünf Monate Gefängnis. Die Mitangeklagten Frauen wurden zu Gefängnis st rasen von sieben Wochen bis zuvier Monaten verurteilt. KrnfKaften der Redaktion. Die juristische Sprechstunde findet L i n d e n st r a st e KS, vorn vier Treppe» — Fahrstuhl—, Ivo chcntä glich von ita bis 7% Uhr abends, Sonnabeuds, von V/2 bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Brieflasten bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merlzcichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen leine Abonncmcntsquittung beigefügt ist, werden nicht beantworte«. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. W. Z., Neukölln. Leider ja.— W. IVO. GesäugniSstrase von längerer Zeitdauer, Zuchthausstraje, Bestrafung innerhalb der letzten zwölf Monate wegen wiederholten Betteins oder wiederholter Landstreicherei, Unterstützungsbedürstigkeit vor Ablauf eines Jahres, nachdem am Orte der Wohnsitz genommen ist.— K. T. 71. Ehefrau die H Liste des Gesamt- Vermögens, die Kinder zu gleichen Teilen die andere HÄste.— H. 21., Düsseldorf. Solange als die Mutter bedürftig und der Sohn zahlungs- sähig ist.— Erika 4. Setzen Sie sich mit der Waisenhausverwaltung, Alte Jakobstraßc, in Verbindung.— Bcusselbahnhof 3. 1, Nein. 2. Es empfiehlt sich ein schriftlicher UcbercignungZvertrag.— P.(45. 129. 1. Eigenhändige, mit Ortsbczeichnung, Datum und Unterschrift versehene Niederschrift genügt. 2. Zurzeit noch etwa 400 M. In späterer Zeil er- heblich billiger.— K. R. S. 1. Ja. 2. Einmalige Aufforderung, unter Setzung einer kurzen, vielleicht zweitägigen Frist, genügt. 0. Nein. Klagen Sie Ihre Forderung beim Gcwerbegericht aus und lassen alsdann die Sachen durch einen Gerichtsvollzieher pfänden und versteigern.— D. 21. 120. Etwa 4 M. pro Woche sind beschlagnahmcfähig. Sie sind zur Leistung des OstenbarungSeidcs nicht verpflichtet, wohl aber auf Ladung hin Ihr Sohn.— W. M. IOOO. Mit dem 30. Dezember 1912. —(£. S. 1876. 1. Innerhalb zwei Jahren«nindestens 20 Marken einer beliebigen Lohnklasse. Vor Ablauf dieses Zeitraumes muß der Umtausch der Karte erfolgen. 2. AuS dem Adreßbuch, II. Teil, ersichtlich.— E. lt. (45. 15. 1. Diejenige Person, die im Besitz der Nachlaßmasse ist, ist zur Sluskunstscrtcilung eventuell zur Ableistung des OstcnbarungSeides ver- pflichtet. 2. a) An die Genosienschast. d) Binnen 6 Monaten, vom 31. De- zcmbcr ab gerechnet.— F. K. 53. 1. Ja, durch Klage. Fordern Sie vor Klageeryebung Zahlung unter Setzung einer Frist. 2. Auch nach Ausscheiden können Sie die Forderung geltend machen.— F. M. 47. Ja. — G. T. 5000. Nein.—(45. H. 141. 1.«. 3. Ja. 2. Jedenfalls empfiehlt sich die Beschaffung des Urteils sür den Fall späterer Zahlungs- sähigkcit.— K. S. Ztr. 12. 1. Nein. 2. Ja.— X. 36. Die Kasse ist in vollem Umsange nur hastbar, wenn die Ausnahme mit deren Zu« stimmung stattfand, andernsallS in Höhe der Mindestleistungen. Falls die- Kasse nicht voll hastbar und Ihr«ohn nicht zahlungsfähig ist, kann der. Ziest von Ihnen eingefordert werden.— K. Tchl. 1883. Nein. Sie haben aber Anspruch auf Beseitigung des Ungeziefers.—(?. 1001. 1. Das Eigentum der Frau unterliegt nicht der Psändung, dagegen können die Bücher gepsandet werden. 2. Falls Ihre Behauptungen beweisbar sind, erscheint die Klage durchführbar. 3. Ja. 4. In 30 Jahren Todes-Anzeigen I Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirk GroB-Berrin. Den Mitgliedern zpr Nachricht, daß unser Kollege, der Hilfsarbeiter Wilhelm Lehmann am Montag, den 19. d. Mts., im Atter von 32 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 22. August, nach. mittags S'/jUbr, von der Leichenballe des FricdenS-KirchhoscS in Nordend auS statt. KS/7 Die Bez!rkeven»altung. Deutscher Bauarbeiter-Verband Zwclgvercin Berlin. Am 19, August starb unser Mitglied, der Fahrstuhlarbeiter IfeH Szemkus (Bczirl Osten I), Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 22. August, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Halle des AndrcaS-KirchhofeS in Dil- hclmlSberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 141/17 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Elektromonteur Viihelm Dietrich Hedemannstr. 16 am 18. August an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am DonnerSIag, den 22. August, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen. halle des DreijalttgkeiiZ-Kirch- hojeS in. Martendorf auS statt. Rege Beteiligung erwartet �ZUg����Oi��rtsverWastun� Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines iiiniggeliedten Mannes, Sohnes, Bruders und Schwager» August Vetter sagen wir allen Freltztden und Be- kannten, sowie dem Sprecher für seine trostreichen Worte, dem Wahl- verein Bezirk Lichtenberg, dem Ge- sangverein Lichlenberger Männerchor der Firma Danneberg u. Co., den Kollegen und den Mietern des Hauses aus diesem Wege unseren herzlichsten Dank. Im Namen der trauernden Hinter- bliebenen 56a j�ninm Vetter geb. Stliwe. ßestbewährte gesunde und magen dannkranke Nahrung für: sowie schwächliche. in der Entwicklung �urückgebllekeiK Kinder. e r s t k I a s b 1 g e a Fabrikat! (9mal prämiiert, Staatsmedaille) in allen Holz- u. Stilarten, von wunderbar. Tonfülle(Flügelton) t sowie 1 v Pianos Flügel... 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August, abends SVaUht; Mitglieder- Versammlung der Klempner in den Andreas-Festsälen, Andreasstr. 21. Tagesordnung: 1. Vortrag über„Vauarbriterschutz im Klempnergewerbe�. Reserent: Genosse Heinclie, Vorsitzender der Vauarbeiterschutzkommisston. 2. Unsere Bautenkontrolle. 3. Diskussion. 4. Branchenangelegcnheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. 122/20 Morgen Donnerstag, den 22. August, abends 8 Uhr: Uerjammllmg= v�der Autogtnslhmlßrr, Krevnrr und Schneider im Lokal von Hoffmann, Dragonerstr. 13. Tagesordnung: 1. Vortrag dcS Kollegen Jakob über„Die Tarifvertriige im Deutschen Mctallarbciter-Uerband". 2. Diskussion. 3. Branchen- angclegenhciten und Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet_ Die Ortsverwaltnnp. icbnina! Oranienburg. Morgen Tonnerstag, den 22. August, abends 8 Uhr, im Lokale von Adolf Frahm» Schützcnstr. 33: OtffkiilIilhkGrl»trl!schasis-NersWlmI«ilg. Reserent: Genosse Laxen Brückner-2$cr(in, Tagesordnung: 1. Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung. 2. Hat die Arbeiterschaft W» heutigen Staate Gleichberechtigung. 3. Freie Diskussion. Um vollzähliches Erscheinen der Genossen und Genossinnen bittet __ Die Gewerkschaftskommission. nüisl- DeUtSCillaildS.(Zahlstelle Berlin.) Sezirbsversammlungen: 1. Bezirk: Mittwoch, den 21. August, beim Kollegen Piotrowsky, Berlichingenstr. 14. L. Bezirk: Donnerstag, den 22. August, beim Kollegen Wolf- gramm, Ackerftr. 6/7. L, Bezirk: Mittwoch, den 21. August, beim Kollegen Karl Uhlig in Neinirlendorf, Schönholz, Restaurant.Kastanien- loäldcben"(Ramlow). Vorher: Gemütliches Beisammen- sein, Kegelbahn usw. Mit der Straßenbahn 36 und 37 zu erreichen. Ab Gesundbrunnen alle 20 Minuten. 4. Bezirk: Mittwoch, den 21. August, beim Kollegen Merkowsti, Andreasstr. 26. 5. Bezirk: Mittwoch, den 21. August, beim Kollegen Rickert, Steinmetzstr. 36a. O.Bezirk: Mittwoch, den 21. August, beim Kollegen Lange, * Köpenicker Str. 47. Sämtlich nachmittags 3 Uhr. 78/19 Die Ortzverwaltang. ünnahmeitellen für„Kleine Anzeigen" Berlin C. 21. Habnisch, Auguststr. 50, Eingang Joachimstraße. W. G. Schinibt, Kirchbachstr. 14. «. R. Harkclbusch, Petersburger Platz 4. Gustav Bogel, Koppen- straße 82. R. Wengels. Gr. Frankfurter Str. 120. .VO. L. Zucht. Jmmanuelkirchstr. 12. I. Renk. Barnimsir. 42. W. Baumaun, Rheinsberger Str. 67. F> Drapp, Bastianstr. 6. Karl?)karS. Greifenhagener Str. 27. J.Hönisch. Nazaretbkirchstr. 49. H. Bogel. Lortzingstr. 37. 21. Tie», Jnvalidenstr. 124. L. Dechaud, Rubevlatzslr. 24. ÄTW. Karl ZlndcrS,«aizwedelerstr. 8. SVT. H. Werner, Gneisciiaustr 72. Taehn, Hagelberger Str. 27. S. St. Friu. Prinzenstr. 3l. F. Lehma»«. Kottbus-r Damm 8. SO. Paul Böhl». Lausiyer Platz 14/15. P. Horsch, Engelujer 15. �SIer«IiOk. Karl Schwarzlose, Hostmannstr. 9. B»i,i»«eIi„Ien,veA. H. Hornig. Marienthalerstr. 13, I. Borslgsvaide. Paul Kieuaft, Räuschstr. 10. Chnrlottenbiifg', Gustav Scharnberg, Sesenbeimer Str. t Friedrich shaxen. Ernst Wertmann, Köpenicker Str. 13. (Uriinaa. Franz Klein, Fricdrichstr. 10. d»hai>ai«thal. Pielidke, Kaiser-WilHelm-Platz 2. Iiarl«her«t. Richard Kntcr. Rödclstr. 9, II. Köpenick. Emil Wistler, Kietzerslr. 6, Laden. Fdchtenhers. Ctto Settel, Wartenbergstr. 1. Xicder-Scliöno weide. GeHrt, Britz er Str. 0. Kowawes. Wilhelm Jappe, Fricdrichstr. 7. Oher-Sehvne weide. Üllfred Bader. WilHelmInenHosstr. 17 B. Fankew. Otto RistmaiiN, Mühlcnstr. 30. Beiiiickenderi. P. Gursch» Provinzstr. 56, Laden. itizdvrk. Pt. Heinrich. Neckarstr. 2. Conrad, Hermannstr. 50. C. Rohr. Siegsriedstr. 28/29. RrnnmeinhiirA. 2t. Rosenkranz, Alt-Boxhagen 56. Schöncbcrgr. Wilhelm Bäumler, Martin-Lulher-Str. 6S im Laden. Spandaa. Köppen, Breitestr. 64. Steglitz. H. Bernsee, Aisenstr. 5. Denipeihei. Joh. Krohu, Borussiastr. 62. Treptow. Robert Gramenz, Kiesbolzstr. 412, Laden. HVeiUensee. Fuhrmann, Sedanstr. 105 Schillert. Köniz-Thaussee 39a HViimersdori. Paul Schubert» Wilhelmsaue 27. \ imimrl ===== Verwaltung Berlin*====== Stellmacher. Donnerstag, den 22. August, abends S'/a Uhr, im „Rosenthaler Hof", Rosenthaler Straße 11—12: W0r Versammlung der in den Junungsbetritbeu beslhästigteu Stellullüher. Tagesordnung: .Welche Lehre ziehen die Kollegen aus der Lohnbewegung in den Wagenfabriken?• 87/18 Sllilil- und Iclliilllid-Arbeiier! Tonnerstag, den 22. August, abends Uhr, in den Rittersälcn(Jnh. Bercht), Ritterstr. 75: Sranchen'Versammlung. Tagesordnung: Fortsetzung von der letzten Branchenverjammlung. Verband der Kansarztoereine Bezirk Osten. DonnerStag, den 22. August, abends 8'/. Uhr, in den Commenins- Festsälen, Mcmcler Str. K7: Geffentliche Versammlung. Tagesordnung: I. Wie schützt der Arbeiter Leben und Gesundheit feiner Familie? Reserent: Genosse Br. Böses.— 2. DiSknssion.— 3. Ausnahme neuer Mitglieder. Wer es gut meint mit seiner Familie, wer ein wirklicher Familienvater im wahren Sinne des Wortes ist, besuche diese Versammlung. Mitglieder werden ausgenommen beim i. Bovstuenden Karl Röbel, Kopernikusstr. 9, Qucrgebäude I. Sprechstunden abends 8—9 außer Sonnabends und Sonntags._ 294/19* Auf Teilzahlnttg! Ohne Anzahlung I Kein Kasslerer. Teppiche. Gardinen, Stores, Portleren, Stepp-, Plüsch- und Bivandccken.• Matzner, Hufelandstrafte 41, Bildergeschäst. Karten od. Besuch erbet. r, 'XliichElk 7" Ricsenlormat, frei Gelass jeder Etage, M. 8,25 pro 1000, ersten Senftenberger Marken voll gleichwertig. Miehel- Vertrieb Neukölln, Bergstraße 110. (i Haben Sie Stoff? � /cä fertige davon AttZUg od. PMlttot nach Mass, schick, demerh. Zutaten von 2 5 Mark an. Moritz Labandt Neue Promenade 8, U.( Stadt b. Börs.) � Thealer und Vergnügungen nun DD □□□ Mittwoch, 2l. A u g u st 1912. Anfang 4'/, Uhr. Voigt. Die Ballettschule. Anfang 7>/, Uhr. Prater. O diese Berliner. � Ansang 8 llbr. Deutsches. 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Königstadt-Kasino. Spezialitäten. Ansang 10 Uhr. Admiralspalast. Eisballett: Dvonne. *« Sternwarte, Jnvalidenstr. 57—62. Schiller- �bester 0. Wallner-Dheater. Mittwoch, abends 3 Uhr: Das Konzert. Morgen und folgende Tage: Bas Konzert. Schiller-rhesler Charlottenburg. Mittwoch, abends 8 Uhr: iftohv Politik. Ansang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und folgende TageS Hohe Politik. berliner Tbenfer. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. fdMüillei'WgMei'Stl'M Abends 8 Uhr: vis S Frankfurier. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Der liebe Augusti«. Operette von Leo Fall. Idealer des Weslens 8 Uhr: Die schöne Helena. OH-niHne Grotze Frankfurter Str. 132. Die goldne Eva. Anfang 3'/, Uhr. Aus der Gartenbühne: Juhul Es ist erreicht: Gr. Revue. Metropol-Theater. ielmeier 1 Phant.-musik. Komödie in 3 Akt. aus d. Engl, völlig frei bearb. von I. Freund. Musik von R. Nelson, u. a. Tänze von W.B.shop. In Szene ges. v. Dir.Schultz. Ansang 8 Uhr. 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MehseL Ansang 8 Uhr, Sonntags 7'/, Uhr. fvuchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Sinzer u. Eo, Berlio LÄ» Nr.M. 29. Zahrgavs. 2. grillt des ,|otmirls" Knlim WIKsdlM Mvoch. 21. Allgllß 1912. Partei-?Zngelegenkeiten. Nieder- Schönewcide. Zur Gemeindedertreterwahl am Freitag findet heute Mittwoch, abends 7 Uhr. eine Fiug- b l a t t v e r b r e i t u n g von den Bezirkslokalen aus statt. Der Vorstand. Maricnfclde. Heute Mittwoch, abends 8'/z Uhr, findet bei Schuster, Kirchstr. 63, die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung:„Die Organisation der Warenhäuser". Referent: Genosse Zengner. Bericht von der Kreisgeneralversammlung. Der Vorstand. Teltow. Mittwoch, den 21. August, abends 8'/g Uhr, findet im Lokal von N. Soltow die Mitgliederversammlung des Wahlvereins mit äußerst wichtiger Tagesordnung statt. Der Vorstand. Berliner I�acbricdten. Am Großschiffahrtskanal. Die neue Wasserstraße Berlin— Stettin, an deren Vau seit Jahren enisig gearbeitet wird, naht ihrer Vollendung. Wenn nicht unvorhergesehene Verzögerungen eintreten, dürfte dieselbe im nächsten Frühjahre dem Verkehr übergeben werden. Die interessanteste Strecke der neuen Schiffahrtsstrecke liegt nördlich von Eberswalde zwischen Britz und Liepe. Hier überquert der Kanal die Stettiner Bahn, überschreitet weiter östlich auf mächtig hohem Damm das Ragöser Tal und senkt sich dann durch die große Treppenschleuse in die Niederung des Oderbruches. Ein Besuch dieser Stellen ist gerade jetzt— wo man noch ungehindert Zutritt hat und auch noch einen guten Ein- blick in die ganze Bauanlage gewinnen kann— äußerst lohnend. Mit dem Stettiner Frühzuge(ab 5.59 Uhr von Berlin) fahren wir nach Eberswalde. Wir lassen die Stadt rechts und folgen gleich über die Bahnbrücke der Straße nach Heeger- nmhle. Hinter den letzten Häusern wenden wir uns zuni Südufcr des Finowkanals, der bisherigen Verbindungswasser- straße zwischen Oder und Havel. Bald kommen wir zu einer Brücke, die uns hinüber zum alten Kupferhammer führt. Dahinter gehen wir einen Weg nördlich waldein. Schon nach einem halben Stündchen taucht eine breite Lichtung vor uns auf, in der sich der neue Kanal mit seinen langgestreckten Erdwällen hinzieht. Einen hübschen Ueberblick gewinnen wir hier von der Brücke. Schnurgerade zieht sich die noch trockene, lange Furche der neuen Wasserverkehrsstraße durch den düsteren Kiefern- Wald bis in bläulich hämmernde Fernen— hin und wieder von den kühugeschwnngenen Eisengerüsten schlanker Brücken überspannt. Bald wird dieses jetzt noch tote Einerlei eine silberblinkcnde Wasserfläche beleben, auf der rauchende Dampfer mit Ketten von Lastkähnen hinziehen. Bei näherem Zuschauen gewabren wir ein Stückchen östlich vor uns das Mauerwerk der Bahnüberführung, der wir nun zuschreiten. Gerade rasselt ein Zug heran. Durchweg in Beton ausgeführt, mucht die Brücke einen recht gefälligen und stabilen Eindruck. Zwei Durchlässe für je zwei Gleise geben dem Bahnverkehr Raum.— Erklärlicher- weise wurde hier auf die Dichte der Kanalsohle besondere Sorgfalt verwandt. Die Zementwandung des Kanalbettes ist mit einer dicken Blcischicht überkleidet, die wiederum durch eine Eichenholzverschalung geschützt ist. So dürfte sie Wohl dem Drucke der Wasserniassen, deren Standhöhe hier wie auch anderlvärts 2,80— 3,00 Meter betragen wird, genügend stand- halten.-- Wandern wir von hier an der Uferböschung östlich weiter, so kommen wir nach einem Vicrtelstündchen zur großen Brücke der Chorin-Angermünder Chaussee und dann auch bald zum Aquädukt im Nagöser Tal.— Auf 28 Meter hohem Damm durchquert hier der Kanal die schlnchtartige Talsenkung. Riesige Erdmasscn mußten hcrangeschafft werden, um diesen mächtigen Wall aufzuführen. Auf diesem aufgeschütteten Grunde bot natürlich die Abdichtung des Kanalbettes gewisse Schwierigkeiten. Man hat hier Wände und Sohle mit Tonschichten bis zu 1' Meter Dicke ausgesiampft und glaubt damit genügend gesichert zu sein. Hier von der Dammhöhe bietet sich ein entzückender Blick über die waldige Tiefe des Talgrundes, in der zuweilen das schmale Silberband des Büchleins aufblitzt. Gehen wir weiter östlich am Kanäle hin. so gelangen wir bald zu einem Wasserspcrrtore und dann zur großen Schleusen- anlage, die sich in einer Länge von annährend einem Kilo- mctcr hinzieht. Wir betreten hier einen Schauplatz rührigster Arbeit. Wem der Höhcnrand am Oderbruch noch von früher in der Erinnerung ist, dürste ihn heute kaum wieder- erkennen. Wie eine gewaltige Wunde legt sich die ganze Schleusenanlage in den Berg, jetzt noch rings von Erdwällen und Schutthalden umgürtet. Die Schiffe werden hier künftig 36 Meter von der Höhe zu Tal herabgelassen oder unigekehrt werden sie von unten ebenso hoch emporgehoben. In vier Stufen von je 9 Meter Steigung wird dieser Höhenunterschied überwunden. Jede von den treppenartig gelagerten Schleusenkamniern hat eine Länge von 67 Metern und eine Breite von 10 Metern. Um den Wasserverbrauch beim Schleusen etwas zu verringern, sind an den Seiten besondere Wassersparbecken angelegt- Etwa vier Stunden werden die Schiffe beim Durchwandern der ganzen Schleuse verbringen. Interessante Einblicke in die ganze Bauanlage—. bei der man mit äußerst schwierigen Verhältnissen zu kämpfen hatte.— wecken auch in uns die Auffassung, daß wir hier vor einem Meisterwerk neuzeitlicher Jugenieurkunst stehen.— Noch einmal lassen wir den Blick über die reizende Oder- landschaft schweisen, die sich mit ihren grünenden Wiesen, bunten Feldern und blauenden Höhen weithin gegen Osten ausbreitet—— crisdann wandern wir nach Nieder-Finow hinüber und treten von dort die Heimreise an. Der neu; Oberbürgermeister Wcrmuth besichtigte gestern zu seiner Information einige Bureaus. Alsdann begav sich das Stadtober« Haupt, dessen Einführung in sein Amt am 5. September vor sich gehen soll, nach dem Stadthause, um sich auch hier über einiges zu orientieren. Auch für heute sind Besichtigungen städtischer An- stalten von Herrn Mermuth in Aussicht genommen. Wegen der drohenden Austrocknuiig des Schlachtensees haben die Bewohner von Zehiendorf- West und Schlachtensee jetzt eine mit 800 Ulilerschristen bedeckte Eingabe an den Minister für Landwirt» schaft, an den Zweckverband Groß-Berlin und an den Magistrat von Berlin gerichtet, in der u. a. ausgeführt wird:„Durch die neu er« richteten Pumpstationen der Charlottenburger Wasserwerke sei der Spiegel des Schlachtensees und der Krummen Lanke in den letzten zwei Jahren um ein Bedeutendes gesunken, so daß zu befürchten ist. daß im Laufe der Jahre vre Seen, wenn nicht ganz austrocknen, so doch zum größten Teil ihrer landschaftlichen Schönheiten beraubt werden. Wenn man bedenkt, daß nicht allein die beiden Kolonien Zehlendorf- West und Schlachtensee der Näbe der Seen ihre Eni- slehung verdanken, sondern auch, daß zahllose Scharen der Berliner Bürgerschaft an Sonn- und Festtagen zu den Seen hinausströmen, um sich an den lieblichen Ufern zu erfrischen, so sei es f a st wie ein Verbrechen an den Naturschönheiten der Umgebung Berlin? zu bezeichnen, wenn man die Seen ein- gehen ließe. Die Petenten wünschen daher, daß die Charlottenburger Wasserwerke angehalten werden, entweder die einzelnen Seen untereinander und mit der Havel durch einen Kanal zu verbinden oder die Regenabwässer der Kolonie Zehlendors in die Seen zu leiten oder durch künstliche Pumpstationen den Seen wieder Wasser zuzuführen, damit sie das alte Niveau, das etwa zwei Meter höher war. wieder erreichen. Die Charlottenburger Wasser- werke haben zwar versprochen, den gefährdeten Seen durch Auf- pumpen die alte Niveauhöhe wiederzugeben; bisher ist aber von ihrer Seite nichts geschehen. Im Gegenteil, da die Werke die Brunnengalerien immer weiter ausdehnen, und eben wieder ein neues Pumpwerk erbaut werden soll, wächst die Gefahr der Aus- trocknung rapide. Hoffentlich führen diese beachtenswerten Petitionen zu einem Erfolg." Auf der Suche nach dem Messerstecher. Der geisteskranke Bau- arbeiter Gustav H a r n a u, der dringend verdächtig war, da? Attentat verübt zu haben, und der bis jetzt vergeblich gesucht wurde, hat sich gestern vormittag auf dem Polizeirevier in der Ebeling- straße selbst gestellt. Er wurde von dort nach dem Polizeipräsidium gebracht, wo er eingehend über seinen Aufenthalt in den letzten Tagen vernommen wurde. Durch die Aussagen, die sofort nach- geprüft wurden, erscheint eS ausgeschlossen, daß Hornau noch als Täter für die Nauener Bluttat in Frage kommt. H. gehört zu ener Sorte von„Geisteskranken", die sich über ihr Tun und Lassen meist vollkommen klar sind. Um die Narbe auf dem Hinterkopf deutlicher sichtbar zu machen und so das Mitleid der Leute zu er« regen, denen er seine Leidensgeschichte austischt, hat er die Stelle ausrasieren lassen. Hainau dürfte wahrscheinlich wieder einer Irrenanstalt überwiesen werden. Auch der Verdacht, der sich gegen verschiedene auf Grund von Anzeigen sistierte Personen, zum größten Teil Geisteskranke, gerichtet hatte, bestätigte sich nicht. Bei der gestrigen Gegenüberstellung der Festgenommenen mit mehreren Per- sonen, die den Altentäter gesehen haben, konnte festgestellt werden, daß die Beschuldigungen zu unrecht erfolgt waren. Verlegung einer Straßenbahnlinie. Die Straßenbahn ist ge- nötigt, wegen städtischer Tiefbauarbeiten in der Andrcasstraße und aus dem Grünen Weg die Linie 6 vom 21. August an für etwa 2 Wochen nicht durch die Holzmarkt-, Breslauer und AndreaSstraße, sondern durch die Holzmarkt-, Markusstraße und den Grünen Weg zu leiten. AuS dem Fenster gestürzt ist vorgestern nachmittag das drei Jahre alte Söhnchen Rudi des Arbeiters Möhring vom Kottbuser Ufer 2öa. Das Kind spielte mit seinem sieben Jahre alten Brüderchen in dem im dritten Stock des Seitenflügels belegenen Zimmer. Dabei kletterte eS auf das Fensterbrett und fiel plötzlich. obwohl eine ungefähr 30 Zentimeter hohe Fensterbrüstuug vorhanden ist, auf den gepflasterten Hof hinab,— Hier blieb es mit schweren inneren und äußeren Verletzungen liegen. Ein Arzt von der Hilfs- wache am Görlitzer Bahnhof konnte nur noch den Tod des KindeS feststellen. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schau- hause gebracht. Wegen eines umfangreichen DachstuhlirandeS wurde gestern nach« mittag gegen 3 Uhr die Berliner Feuerwehr nach der Unionstr. S gerufen. Bei ihrem Eintreffen stand der Dachstuhl des Hauses in großer Ausdehnung in Flammen. Das Feuer drohte auf die unteren Etagen und die Nachbargrundstücke überzugreifen. DaS von einer großen Anzahl von Mietern bewohnte Haus war äußerst gefährdet, und man mußte aus sieben Schlauchleitungen unausgesetzt Wasser geben, bis es gelaug, die Flammen auf ihren Herd zu beschränken. Der Dachstuhl des Hauses ist total zerstört. Der Hausrat der Mieter, die Bodenverschläge usw. wurden ein Raub der Flammen. Die Entstehungsursache konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, doch vermutet man Brandstiftung. In die Spree gesprungen und ertrunken ist vorgestern nachmittag an der Lutherbrücke eitr ungefähr 40 Jahre alter� Mann. Vorüber- gehende, die sahen, wie sich der Lebensmüde über das Brücken- geländer schwang, machten sich gleich an seine Rettung. Es gelang ihnen aber erst den Mann nach zehn Minuten zu landen. Wieder- belebungsversuche hatten keinen Erfolg mehr. Die Leiche wurde darauf beschlagnahmt und dem Schauhause zugeführt. Allem An- schein nach ist der Tote ein 45 Jahre alter Wilhelm E. aus der Pariser Straße zu Wilmersdorf. Bestimmt konnte seine Persönlich- keit jedoch noch nicht festgestellt werden. Ein Messerstecher ist gestern vormittag in der Prenzlauer Straße aufgetreten. Dort wurde das fünf Jahre alte Töchterchen Margarete der Eheleute Schulz aus der Prenzlauer Str. IS, als es im Haus- flur spielte, von einem unbekannten Manne in die linke Wange ge- stachen. Die Schnittwunde ist ungefähr 5 Zentimeter lang. Gleich nach der Tat verschwand der Unhold und entkam auch, ebe auf die Hilferufe des Kindes Erwachsene herbeikamen. Eine nähere Be- schreibung des Messerstechers konnte daher nicht gegeben werden. Straßenbahnunfälle. Beim Abspringen von einem fahrenden Straßenbahnwagen ist vorgestern Frau Johanna F. aus der Annen- straße schwer zu Schaden gekommen. Sie verließ vor dem Hause Prinzenstr. 62 einen Motorwagen der Linie 2S und kam dabei so unglücklicki zu Fall, daß sie eine Gehirnerschütterung und eine Kopf- wunde erlitt.. Am Oranienplatz fuhr abend? gegen Uhr der löjahnge Otto T. aus der NeumannSgasse auf einem Zweirade gegen den Motorwagen eines Zuges der Straßenbahnlime 58h) und wurde umgestoßen. Der Verunglückte trug Quetschungen der linken Seite. der linken Schulter und beider Knie, sowie erhebliche Haut- abschürfungen am Kopfe davon und fand im Krankenhause am Urban Aufnahme. Todcsstiirz cincS Berliners von der Dreitorspitzr. Der Privat- sekretär Diltmar des zur Sommerfrische in Partenkirchen weilenden Dr. Böhm aus Berlin ist, wie gemeldet wird, am Wesigrpfel der Dreitorspitze durch Absturz tödlich verunglückt. Die Leiche wurde am Leutasscher Platz gefunden._ „Bolks�krankcnkasse«. Unter dieser Ueberstbrift brachten wir in Nr. 188 vom 14. August eine Abhandlung, die sich mit dem Geschäftsgebaren sogenannter Volkskrankcnkasscn beschäftigte. Hierzu sendet uns die Dt. Kranken« und SterbeversicberungS- anstatt zu Berlin eine längere Erklärung, den Fall L. betreffend. In dieser Zuschrift wird der von unS geschilderte Sachverhalt durlbaus zugegeben, denn es heißt:„daß wir... von dem Rechte einer vcrtraiiensärztlichenNalbuntersuchung. die vollständig unparteiisch, also ohne jeden Einfluß unsererseits ist, Gebrauch machen". Mehr haben wir auch nicht behauptet, als wir schrieben: der behandelnde Arzt des Fräul. L.(nicht Frau, wie«s in der Zuschrift heißt) habe dieselbe infolge Blutarmut und Herzschwäche krank und erwerbS- unfähig erklärt, während der Vertrauensarzt Fräulein L. für erwerbS» fähig hielt. Nun erklärt die Kranken« und SterbeverficherungS« anstalt, daß Fräulein L. selbst dem Arzt gegenüber zugegeben habe, daß sie eventuell noch ihre häuslichen Arbeiten verrichten könne. Da sich Fräulein L. zurzeit in einer Heilanstalt befindet, können wir nicht nachprüfen, ob diese Aeußerung wirklich gefallen. Selbst aber diese Aeußerung zugegeben, wird doch damit nichts bewiesen, denn nicht das ist der Gradmesser der Er- werbsunfähigkeit. ob jemand noch häusliche Arbeiten verrichten kann, sondern ob er ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Leidens feine bisherigen Arbeilen verrichten kann. Das wird von der Kranken- und Sterbeversicherungsanstalt zu Berlin außer acht gelassen. Nun stützt sich die Krankenversicherungs« anstalt in ihrer Zuschrift noch darauf, daß sie dem Frl. L. am 5. Juli durch Schreiben Mitteilung gemacht habe, daß es gegen die Fest- stellung des Vertrauensarztes die Entscheidung eines anderen ArzteS herbeiführen könne. Auch hier müssen wir unS an den Sachverhalt hallen. Frl. L. erkrankte am 26. Juni, die Woche war am 1. Juli ab« gelaufen. Der Vertrauensarzt hatte Frl. L. zum 30. Juni erwerbs- sähig„geschrieben". Die Kasse wollte nur für 4 Tage Unterstützung zahlen, die Annahme wurde verweigert. Mit Datum vom 1. Juli erhielt Frl. L. Mitteilung, daß durch die vertrauensärztliche Unter- suchung festgestellt sei, daß sie nickt mehr vollständig s!) erwerbs« unfähig fei.(Als wenn das Krankenversicherungsgesetz halbe oder viertel oder dreiviertel Erwerbsunfähigkeit kennt.) Daraufhin ließ sich Frl. L. am 3. Juli von einem dritten Arzt untersuchen, der sie gleichfalls für vollständig arbeitsunfähig hielt. Allerdings hat die Krankenversicherungsanstatt Frl. L. durch Karte vom 5. Juli darauf aufmerksam gemacht, daß die Eni« sckeidung eines dritten ArzteS herbeigeführt werden kann. Diese Benackrichtigung erfolgte aber zu spät. Denn der erste Brief datierte vom 1. Juli. Dieser war maßgebend und nicht die Karte vom 5. Juli. AlS nun einige Tage später das Mitglied Frl. L. das ärztliche Gutachten eines anderen ArzteS einreichte, wurde eS trotz- dem abgewiesen, hiergegen haben wir uns gewandt. Von Kulanz und Entgegenkommen, wie in der Zuschrift be- hauptet wird, kann in diesem Fall nicht geredet werden. Der Wintergarten hat seine Saison mit einem vollständig neuen Programm eröffnet. Starkes Interesse rief vor allen Dingen der japaniscke Schreibkünstler Hajiyama hervor. Derselbe schreibt mit beiden Händen zugleich verschiedene Worte, und zwar so, daß die Buckstaben auf den Kopf gestellt sind. Maria la Bella, eine Kasti- lianerin, führt allein und mit zwei Partnern in natürlicher Anmut und Leidenschaftlichkeit ihre heimischen Tänze auf. Und die ameri« kanische Operettensängerin Mary de Souza beweist, daß sie leicht und mit Sicherheit ihre Piccen bis in die höchsten Lagen zu singen ver« mag. Neben vortrefflichen Artisten verdienen noch die Tanz-Jdhlle Ellen Tels, die Phantasietänze Naero, die Tauch-, Spring- und Schwimmkünste der vier Norins sowie die humoristischen Vorträge des amerikanischen Quartetts Gothans Comody lobendes An- erkennung. Eine Warnung beim Abschluß von MietSverträgen über Räume in neuerbauten oder umgebauten Häusern für eine Zeit, zu welcher die von der Ausfertigung des Rohbauabnahmescheins abgelaufene Frist von 6 Monaten für die Gebrauchsabnahmeprüsung noch nicht verstrichen ist, erläßt der Polizeipräsident. Die Polizeiorgane dürfen vor Ablauf dieser Frist das Beziehen von Wohnungen nach den ge- setzlicken Bestimmungen nicht dulden. Die Polizeireviere sind an- gewiesen, �nach� wie vor auf Anfragen aus dem Publikum über den voraussichtlichen Termin der Beziehbarkeit von Wohnungen itt neuen oder umgebauten Häusern Auskunft zu erteilen- Vorort- 1>ladmcl)tw. Schöneberg. Vermißt. Seit 16. August hat sich der 8 Jahre alte Schüler Paul Herbst aus dem elterlichen Haufe Hohenftaufenstr. 37 entfernt und seitdem kein Lebenszeichen von sich gegeben. H. war bei seinem Fortgange bekleidet mit blauer Jacke, blau und weiß gestreifter Hose, schwarzen Schuhen und Strümpfen. Zweckdienliche Nachrichten nimmt jedes Polizeibureau entgegen. Wilmersdorf. Selbstmordversuch. Aus LiebeSgram hat gestern abend baS 18jährige Dienstmädchen Lina Mietzke, daS im Hause Prager Platz 36 in Stellung war, ihrem Leben ein Ende zu machen versucht. Der Dienstherr, ein Milchhändler, hatte mit seiner Familie einen Ausflug gemacht, von dem er erst abends gegen 11 Uhr zurückkehrte. Als er seine Wohnung betrat, drang ihm ein scharfer Gasgeruch entgegen. Er forschte nach und fand das Mädchen in ihrem Zimmer leblos auf ihrem Bette liegend. Die Mietzke hatte die Gashähne in ihrem Zimmer geöffnet und war bereits seit längerer Zeit be« wußtlos. Ein hinzugerufener Arzt brachte die Lebensmüde mit Hilfe eines Sauerstoffapparates wieder zum Bewußtsein und ließ sie dann in das Groß-Lichterselder Kreiskrankenhaus überführen» wo sie je« doch in hoffnungslosem Zustande daniederliegt. Steglitz. Die Grunewaldbahn ist nun endlich, mit der üblichen Aerspätung, in ihrer ganzen Länge dem Verkehr übergeben worden. Damit ist nicht nur eine neue VerkehrSgclegenheit im Orte selbst geschaffen, sondern auch der Grunewald ist dadurch wieder für einen großen Teil unserer Mitbürger und die Bewohner von Lankwitz„näher gerückt". Von der Siemensbrücke an der Lankwitzer Grenze kann man nunmehr für 15 Pf. in 21 Minuten bis an den Rand des Grunewalds fahren. Familienväter seien darauf aufmerksam ge- macht, daß jede mit Fahrschein versehene Person(ausgenommen Zeitkarteniuhaber) das Recht hat, ein Kind unter zehn Jahren u m s o n st mitzunehmen, ferner, daß zwei Kinder auf einen Fahrschein befördert werden, Zehnpfennigteilstrecken sind Siemens« brücke— Kaiser-Wilhelm-Straße und Bahnhos Steglitz— Grunewald. An Zeitkarten werden ausgegeben: Monatskarten, Studenten- karten, Schülerkarten und Arheiterwochenkarren; letztere kosten 60 Pf. für die Teilstrecken und SO Pf. für die ganze Strecke. Gegen einen entsprechenden Ausschlag werden auch Zeitkarten mit Ueber« gang Sberechtigung auf die Kreisbahn Groß-Lichterfelde— Steglitz— Lankwitz— Südende(am Bahnhof Steglitz umsteigen!) aus- gegeben. Arbeiterwochenkarten z. B. Grunewald— Handjeryplatz und Grunewald— Händelplatz zum Preise von 90 Pf. Ebenso können Wochenkarten der K r e i s b a h n, die am Bahnhof Steglitz enden, gegen einen Ausschlag von 30 Pf. bis Kaiser-Wilhelm-Straße ausgedehnt werden. Arbeiler-Wochenkarten werden außer im Betriebs- bureau in Lichterfelde, Berliner Str. 1, auch im Steglitzer Rat« Hause ausgegeben. Bei der Vermehrung des Wagenparkes hat die Gemeinde er» fteulicherweise den im Wagenbau gemächten Fortschritten gehuldigt und einen neuen Wagentyp eingeführt, der nicht nur durch seine Größe(11 Meter Länge) und sein schmuckeS Aeußere imponiert. sondern der auch dem Fahrer und den Passagieren auf den Perrons durch eine Rundglaswand Schutz gegen Regen ung Wind gewährt. Die neuen Wagen haben 24 Sitz- und 20 Stehplätze. Lichtenberg. Die Rotschcu der Polizei. Der Kampf unserer Polizei gegen die rote Farbe hat wieder einmal einen Massenauflauf verursacht? MitgReber brt Arbeiterradfahrerkunde« unternehme« an jedem Sonntag Radtouren in die Umgegend. Auch am letzten Sonntag hatte man sich zu einem Ausflug versammelt, wobei einige Bunde«- Mitglieder daZ.Verbrechen" begangen batten, eine rote Schärpe anzulegen. AIS die Radfahrer dre Eisenbahnbrücke überfuhren, stellte» sich ihnen drei Schutzleute entgegen, sie forderten den an der Spitze der Gruppe fahrenden Genossen aus, vom Rade zu steigen und ihnen nach der Wache zu folgen. Sofort gab e» natürlich einen Menschenauflauf, alle« folgte neugierig zur Wache. Dort wurden die Personalien deS Genossen festgestellt und ihm ein Strafmandat wegen— Veranstaltung eines öffentlichen Aufzuges angedroht. Weiter wurde er aufgefordert, die rote Schärpe abzunehmen; als die« geschehen, konnten die Radfahrer ihre Tour fortsetzen und die drohende.rote Gefahr" war beseitigt.— Diese Nadelstichpolitik wird bewirken, dasz am nächsten Sonntag fich die doppelte Zahl Radfahrer am AnSflug beteiligt. Ober-Schönetveide. Die Schäden de« AlkoheliSwo« werden in einer Ausstellung demonstriert, welche vom Verein gegen den Mistbrauch geistiger Getränke in der Aula de« hiesigen Realgymnasium« veranstaltet wird. Die Ausstellung, die auch von der Gemeinde subventiert worden ist, wird am Sonntag, den 2V. August, vor- mittags 11 Uhr, eröffnet. Köpenick. Mutter und Sind tot aufgefunden. Der in der Elisabethstr. 25 wohnhafte Arbeiter Strahl hatte den Arzt Dr. Lehmann zu seinem erkrankten Kind gerufen. Als Dr. L. an da« Bett de« Kindes herantrat, fand er die Kleine tot vor. Der Ehemann bat dann den Arzt, sich auch einmal seine Krau, die über Kopffchmerzen geklagt habe, anzusehen. Kaum hatte Dr. L. seinen Blick der auf dem Bett liegenden Frau zugewandt, so sah er, dah auch hier der Tod ein Opfer gestmden hatte, doch vermochte er über die Todesursache nicht« festzustellen. Beide Leichen wurden von der Polizei beschlag- nahmt. Auf der Straße vom Tode üderrascht wurde der 76 Jahre alte Arbeitsinvalide Nieke au« der Dorotheenfttaste 8. Er fiel in der Müggelheimer Sttaste um und verstarb nach kurzer Zeit. Tegel. In der letzten Mitgliederversamwlung hielt Genoffe Brühl- Lichtenberg einen mit grohem Jntereffe entgegengenommenen Vortrag über die EntWickelung der Parteiorganisation und den bevorstehenden Parteitag. Redner schilderte die Entwickelung der Partei nach dem Fall des Schandgesetze«. Besonder« eingehend behandelte der Referent die verschiedenen Vorschläge zur Reorganisaiion deS Partei- Vorstandes und bezeichnet« die von der ReorganifaiionSkommission empfohlene Schaffung eine« ParteiauSschusse« für die beste Lösung der schwierigen Frage. Die beantragte Beitragserhöhung sei an- gefichts der steigenden Aufgaben der Partei unbedingt notwendig. Um dem immer schädlicher wirkenden Imperialismus wirksam ent- gegenzutrelen, sei ein festerer internationaler Zusammenschlust der Organisationen anzustreben. Die Maifeier werde zwar auch diesmal wieder den Parteitag beschäftigen, doch könne die angestrebte Reform derselben nur Sache deS internationalen Kongresse« fein.— In der Diskussion sprachen sich sämtliche Redner im Sinne de« Referenten aus, sie wünschten vor allen eine baldige Umgestaltung der Maifeier. — Der Vorstand gab noch bekannt, dost am Dienstag, 20. August, im Restaurant Müller, Berlinerstratze, ein Kursus für Stenographie, System Stolze-Schrey, stattfindet. Oranienburg. Da« Opfer eines Unglücksfalle« wurde gestern die Frau eine« Hauptmannes. Sie weilte in Lehnitz in der Nähe von Oranienburg zur Sommerfrische und unternahm gestern einen Spazierritt. Als sich da« Pferd plötzlich bäumte, wurde die Reiterin abgeschleudert und blieb am Zaum hängen. Da« Pferd, da« jetzt scheute, trabte weiter und die Frau wurde eine ganze Strecke mitgeschleift. Sie wurde im Geficht und an beiden Armen furchtbar zugerichtet und mutzte in einem Krankenautomobil nach Oranienburg gebracht werden. Ein Arzt- stellte noch schwere innere Verletzungen fest. NowaweS. Der Fischmarkt, der an den Sonnabendnachmittagen in der Priesterstratze, Ecke Friedrichstrahe abgehalten wird und fich in der kurzen Zeit des Bestehen« die Gunst de« Publikum« erworben hat, soll jetzt, vielfachen Wünschen entsprechend, eine Stunde früher, also bereits um 2 Uhr beginnen. fie unser« Genoffe« und gingen so weit, handgreiflich gegen fie zu werden. Natürlich setzten Kch die unseren zur Wehr, und das wurde ihnen zum Unglück: wenn nämlich die Karabinieri ruhig zugesehen hatten, wie man die Sozialisten mitzhandelte, so konnten sie es natürlich nicht dulden, datz die Mißhandelten sich wehrten. Die Karabinieri zogen blank und hieben auf die Sozia- listen ein, wobei dem Genoffen Morellini ein Lungen« flügel durchbohrt wurde. Er starb gleich nach der Ein- licjerung ins Krankenhaus. Es lebe der Krieg! Schon wieder eine neue Schlagwetterexplofio«. Oberhausen, Rheinl., den 20. August. sPrivattelegramm de«.Vorwärts'.) Heute nachmittag ereignete fich auf Zeche Neu mühl bei Oberhausen eine Schlagwetterexplosion. 3 Tote und 2 Schwerverletzte sind zutoge gefördert worden. Ein Mord. Ein mysteriöser Leichenfund im Forst bei Gräfenbrück in der Nähe bon EberSwalde hat jetzt seine Aufklärung gefunden. Der frühere Besitzer der Grafenbrücker Mühle, der 59 jährige Fritz Barsekow, der seit einiger Zeit in Pankow bei seinem Sohn wohnte, wurde vor wenigen Tagen mit durchschossenem Kopf an einem Baume hängend in der Nähe de« Finowkanal« im Walde aufgefunden. Durch die Obduktion der Leiche wurde konstattert, datz ein Selbstmord auSgeschloffen erscheint. Die Schlitzverletzungen, die in der rechten Schläfe und am Hinterkopf deS Toten vorhanden find, waren so schwerer Natur, datz«S dem Schwerverletzten unmöglich war, sich nach einem Baum zu schleppen und zu erhängen. Ebenso ist die Schutzverletzung am Hinterkopf un- möglich von Barsekow selbst herbeigeführt worden. Dazu konrmt, datz Barsekow trotz seiner kritischen Lage stet« vergnügt war und niemals Selbstmordgedanken äutzerte. Ferner ist der Revolver, eine ältere Waffe, nicht Eigentum de« Erschossenen gewesen. Nach alledem kann nur ein Mord vorliegen. Barsekow, der sich einige Tage besuchsweise auf der Mühle, die früher sein Eigentum war, aufgehallen hatte, war abends von dort fortgegangen, um wieder nach Berlin zurückzufahren. Beim Durchschreiten de« Walde« nach EberSwalde zu mutz er dann hinter- rücks durch zwei Schüsse niedergestreckt worden sein. Der Täter hat dann die Leiche an einem Baume aufgehängt und so einen Selbstmord vorgetäuscht. Reben der blutdurchtränkten Jacke Barsekow«, die etwa zehn Schritt vom Baum entfernt auf dem Boden lag, befand sich der Revolver, den der Täter zweifellos ab- sichtlich hat liegen laffen. Die Nachforschungen nach dem Urheber deS Verbrechen« waren bisher erfolglos. Bei der Leiche wurden keine Wertsachen und kein bare« Geld vorgesunden. Anscheinend hat der Täter den Toten ausgeraubt. ES werden Polizeihunde auf die Spur deS Mörder« gesetzt werden. Hus aller Melt. Sine Gewalttat der Kriegsfreunde. Unser»ömischer Korrespondent schreibt un«: Der Brutalität der Verherrlicher de« heutigen Kriege« ist soeben in Chiusi in Toskana ein Sozialist, der Genoffe Morellini, zum Opfer gefallen. In Chiust feierten die Nationalisten mit dem üblichen Aufwand von Musik und Fahnen die Rückkehr eine« Offizier« vom Kriegsschauplatze. Einige Sozialisten wohnten dem Empfange bei, natürlich ohne sich an der Demonstration zu be- teiligen. Als die Demonstranten ihrer gewahr wurden, belästigten Ter unwillige Kaiser. Während seine« Besuche« in Frankfurt a. M. besichtigte Wilhelm II. auch den Osthafen. Wie die.F. melden, erwähnte Oberbürgermeister Adicke« bei der Besichtigung auch die bei dem Bau de« Hafen« gemachten Funde au« der Steinzeit und insbesondere die au« glattgeschliffenen Kieselsteinen hergestellte Halskette. Adicke« äußerte gegenüber dem Kaiser in humoristischer Weis« noch Zweifel. ob die Kette von einer vorzeitlichen Dame oder von einem Bürger- meister getragen worden sei, worauf der Kaiser mit einer Anspielung auf die gestohlene Kölner Kaiserkette meinte:.Na, dann hat er sie jedenfalls besser aufbewahrt I' Dann äußerte der Kaiser, datz man sich wegen der Stiftung einer neuen Kaiserkette an ihn gewandt habe; er denke jedoch nicht daran, für den gestohlenen Preis aufzukommen. Hoffentlich sind die unbekannten Spitzbuben loyal genug, nun- mehr den Beftohlenen die Kaiserkette zurückzubringen. fünf andere Personen haben gefährliche Verletzungen erlitten._ Kleine Notizen. Du sollst nicht töten. Ter Kuhmelker Hermann Krutzki. der am 24. August 1911 seine Frau in Niederwitz ermordete, ist gestern früh in Jnsterburg hingerichtet worden. Arbriterrifik». Im städtischen Elektrizitätswerk in Trier wurden gestern drei Arbeiter von einem einstürzenden acht Meter hohen Gerüst begraben. Alle sind verletzt worden, einer U b e n S- gefährlich. Totschlag. In dem Marltflecken Simbach bei Nürnberg wurde der verheiratete Gastwirt Königsbauer bei der Schlichtung eine'/ Streites von dem Bäcker Lederfinger mit einer Eisen st an!�e erschlagen. Der Täter wurde verhaftet. Polnische Apachen. Eine aus drei polnischen Schnittern be- stehende Einbrecherbande, die in der letzten Zeit in fast allen Städten von Mccklenburg-Schwerin EinbruchSdiebstähle vexübt hat und die ihnen enlgegenireienden Beftohlenen mit E r s ch i e tz e n be- drohte, wurde durch die Gendarmerie in Lübthen verhaftet. ES gelang zunächst zwei Einbrecher festzunehmen, während der dritte einkanr und dann den Versuch machte, die Gendarmen zu erschietzen. Glücklicherweise gingen seine Schüsse aber fehl, dagegen wurde er durch einen Schrotschutz verwundet und festgenommen. Folgen des Alkohol«. Einen entsetzlichen Ausgang nahm in dem in der Nähe von Gleiwitz belegenen MaiheSdorf eine HochzeitSfeier. Wahrscheinlich mfolge zu starken Alkohol- genuffeS brach unter den Gästen ein Streit au«, der bald in Tai- lichkeilen ausartete, wobei das Messer eine grotze Rolle spielte. Im Verlause des Kampfes wurde der Arbeiter Kodlotzek erstochen. Sein Körper war durch Messerstiche entsetzlich zugerichtet. Die der Täterschaft verdächtigen Personen wurden verhaftet. Die Rache de« Gepeinigten. In der Warschauer Vorstadt PowonSl überfiel ein Pioniersoldat, der ins Strafbatiallon versetzt worden war, seinen Bataillonschef Fürst Tumanow in der Wohnung und verwundete ihn, seine Frau und seinen Burschen schwer. Der Täter selbst wurde von der Schildwache er- schössen._ Lese- niib DiSkutierklub.Südost-'. Heute Sfl, Uhr. Sitzung bei Neidhardt, Görlitzer Str. öS: kommen. Mittwock Vortrag.(1 , abend« »äste will» Deutscher Arbeiter>«bftinentenbund. Bezirksversammlung am Mittwoch, den Zt. August. Dresdener Str. LS 1, für Süden und Neukölln, Vortrag: Unser Programm. Diskussion. Bezirk Norden c Freitag, den L3. August, Danziger Str. 93, Vortrag: DiSkusfion. den 23. August. Andrea«- Festsäle, Andrea«- Amerikanische Prohibition. DiSkusfion. Bezirk Osten: Freitag, den 23. Auau sttatze LI: Bortrag.— Gaste überall willkommen! Marttbertcht von Berlin am 1v. August 101X, nach Ermittelung de« lönigl. Polizeipräfidium«. Marithaltenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00— 60,00. Speisebohnen, weihe, 30,00—60,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln fKIeinhbl.) 7,00-12,00. 1 Kilogramm Nttidfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchsteil' 1,50—1,90. Schweinefleiich 1,60—2.40. Kalbsteisch 1,60—2,40. Hammelfleisl. 1,70— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 3,60—6,00. 1 Kilogramm Karpsen 1,60—2,40. Aale 1,60— 3,20. Zander 1,40—3,60. Hechle 1,60—3,00. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60-3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,00— 40.00._, BSttternngSnberiicht vom SO. August ISIS. Stationen ös k* I1 c2 S? Twtnemde. 757 SD " imburg lö? SSO rlin 17583 Franst-a. JB.J 759'$ München Wien 760« 760(0 Settel 3 beveckt S'bedcckt pbedeckt 2 Dunst Ijwolkig Izvolkcnl »Ii x» w« Stationen Haparanda 765ND Petersburg- 764W s« 1 ilheiter Zcillp 762®! 6 wolkig Aberdeen i748Ö>' L Dunst Pari« j768j$®B, 4 bedeckt Ei« Mitglied der Reichsduma ermordet. Das Mitglied der ReichSduma Advokat Sliabkar Syttganow, ein angesehener muselmanischer Abgeordneter, ist heute früh in der Wohnung eines russischen Generals von einem Verwandten desselben aus unbekannter Ursache er- mordet worden._ Explosion in einem Feuerwerkslaboratorium. Au« dem in der Nähe von Madrid gelegenen Orte Ponte« v e d r ä wird von einer schweren Explosion berichtet, die den grötzten Teil der dortigen FeuerwerlSfabril von Manuel Baamonde zerstörte. Die Katastrophe ist auf eine höchst eigenartige Ursache zurückzuführen. Der Haushund de« Besitzer« fand eine mit Pulver gefüllte Ratete und spielte längere Zeit unbeobachtet mit dieser herum. Plötzlich biß er tn die Ratete hinein, die sofort explodierte. Der Hund wurde sofort in Stücke geriffen und auch die Fabrik, die grotze Mengen von FeuerwerkSlörpern erhielt, flog in die Luft. Da« ganze Gebäude ist vernichtet worden. Der Besitzer, sein« Frau und Wetterprognose für Mittwoch, den«1. August 1912. Mild, zeitweise aufklarend bei mätzigen südlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W-e tt e r b» r« a«. WafferstandS-Stachrichten der LanbeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wttterbureo» >) 4- bedeutet Wuck«.— Fall. abend« höchster Wasterftand 371 cm. Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Sprembergfl . BeeSkow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximManSau , Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Mai», Hanau Mosel, Trier —•) Untrrpegel.—») um 8 Uhr DassuttRicbcck M IWIIUIIIIIIIIllllllMNIIiiUUlMMWUIMIWMIlllllilWWlllWIIIINIIIIMIWllWWWWIIilillllWlMiWWWMIIIiillWMIIIs ryyfrr rrnJUUUÜULLIJUUUULIJLm! das selbsttätige v/aschmiftel l;l gibl schöne leite Lauge, ist frei von minderwertigen Beimischungen, insbesondere von Chlor und sonstigen scharfen Stollen, deshalb garantiert unschädlich. Billig im Gebrauch! Erhältlich nur in Original-Paketen, niemals lose, HENKEL& Co., DÜSSELDORF. lui-Uin r«brik«»u»»»c>> s-r ,.= HenKel's Bleich-Soda. iE;. rrw-nnrrTTTTrY TiTTrTT�rTT�ryyTYrronr-orvYYv�rTiirTnnnr-i Verkaufsstellen durch Plakate erkenntlich. F«brUc Niederlage für BerUn and Vororte: Job. Sebmalor, Berlin N. 4, TlecbstroSe 11« � OhzahtunBaBesehüfteJ Berliner Credit-Haus Kommandnntenstr. 67. f'feVk'ohötfrieig GetrSnlie� STranz Abraham Saiuh.Meßsina-u Römertrank- Kell. >' 4, Btr elxtr.?», Fernsp. Kg6t.l3708 r.ntrrh öelter-u. Limonad.-Fabrik UUlHH, Thne�u. 44. T. 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