Ur. 195. Nbonnemenk-keckiMMl»: Monncments, Preis vränumeranda: Viertcljährl. ZP0 MI., tnonaa. 1,10 Mk., wöchenllich 28 Pfg. frei ms Haus. Einzelne Nummer ö Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband iirr Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Mark, für daS übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. SS. Jahrg. QMjeint Wich außer Montag». tr* Nevltnev Volksblerkk. Die TnleftlonS'GebüIjr Ketrügt für die scchsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum W Pfg., für politische und gewerkschaJiche Bereins- und BersammIungs-AnzMgen SO Pfg. „Kleine Hnzeigen", das settgedruilte Wort 20 Pfg. szulässtg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Soalalileliiolira» Berlin", Zentralorgan der foztaldemokrati fchen Partei Deutfchlands. Redahtion: SRI. 68, Ltndcnstrasec 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. IS8S. Expedition: SM. 68» binden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Live Verherrlichung der vividendenschluclier. Auf dem letzten evangelisch-sozialen Kongreß hatte Adolf Wagner bekanntlich die Verstaatlichung großer Industrie- zweige empfohlen, indeni er es für gesellschaftlich nützlicher erklärte, daß der Staat die Betriebsüberschüsse für soziale Aufgaben verwende, als daß das Heer müßiger Aktionäre Milliarden einstreiche.(Den Ausdruck„müßig"»vollte freilich Adolf Wagner gar nicht gebraucht haben.) Die Auslassung Wagners hatte aber, wie wir bereits kürzlich erwähnten, den Generalsekretär des Vereins der Industriellen des Regierungs- bezirks Köln, Paul S t e l l e r, auf den Plan gerufen, der in wahrhaft köstlicher Weise eine Verteidigung, ja eine Glori- fizierung der Gilde der Dividendenschlucker unternahm.- Da die„ P 0 st" in ihrer gestrigen Nummer aus der Entgegnung des Herrn Generalsekretärs einen Teil voller Genugtuung abdruckt, sei die schönste Stelle daraus— sie verdient es— nochmals wiedergegeben: »Ja. ist denn das nicht sehr viel, daß jemand sein Geld an ein wirtschaftliches Unternehmen wagt. daS ohne Kapital überhaupt nicht betrieben werden kann? Ob nun das gewerbliche Unternehmen, nus das es ankommt, in der oder jener gesetzlichen Besitzform betrieben wird, ist für die Wirtschaft- liche Bedeutung des beteiligten Kapitalisten und für seine sittliche Berechtigung am Gewinn des Unternehmens gleichgültig. Den Aktionär deshalb als Drohne zu bezeichnen oder zu betrachten, weil er nicht seine Person» liche« Kräfte in den Dienst des Unternehmens stellt, ist geradezu abgeschmackt." Aber Herr Stcller hat noch ein anderes gleich durch schlagendes" Argument dafür beizubringen, daß die Herren Aktionäre nicht„müßig" seien. Denn wenn sie sich um den Betrieb der Unternehniungen, von denen sie Aktien besäßen, nicht bekümmerten, so seien sie zum guten Teil doch s 0 n st beruflich tätig, nämlich als Handels- und Gewerbe- treibende, Beamte, Offiziere, Gelehrte usw. Als ob diese berufliche Tätigkeit nicht auch ihren besonderen Lohn fände und das ungeheuerliche Faktum irgendwie beschönigen könnte, daß die Aktionäre von der Arbeit anderer ihren Tribut erheben, ohne hierfür auch nur den geringsten Aufwand an Unternehmertätigkeit zu leisten I Steht schon die Rechtfertigung der kapitalistischen Ausbeutung der elend entlohnten Proletarierklasse durch die geschäftliche Arbeitsleistung des individuellen Unternehmers auf den denkbar schwächsten Füßen, so ist die Verteidigung der Dividendenschluckerei der Aktionäre vollends ein total aus- sichtsloses Unterfangen l Auch das Gerede von dem Risiko des Aktionärs, der sein Kapital an ein wirtschaftliches Unternehmen„wage", ist völlig haltlos. Denn der Kapitalist, der nicht durch allerhand ge- wagte Unternehniungen sein Geld frivol aufs Spiel setzt, um abnorme Gewinne zu erzielen,„wagt" gerade bei Aktien- unternehmipigen ganz und gar nichts. Er braucht sich ja nur an verschiedene Aktienuntcrnehmungen zu beteiligen, um sich gegen erheblichen Kapitals- und ZinsverUtst zu schützen. Gewiß sind wirtschaftliche Unternehmungen von der Konjunktur ab- hängig. gewiß können sie verkrachen oder wenigstens nach den fetten Jahren auch magere Dividenden bringen, aber bei einer Verteilung des Kapitals auf niehrere Unternehmungen ist der Aktionär gegen diese Wechselfälle gesichert. Angesichts dieser Klopffechterei ist aber die von uns bereits an anderer Stelle erwähnte Uebersicht doppelt interessant, die das letzte Ergänzungsheft der Vierteljahrshefte zur Statistik über„die Geschäftsergebnisse der deutschen Aktiengesellschaften im Jahre 1910/11" veröffentlicht. Denn dem denkenden Ar- beiter bietet die kleine Schrift einen lehrreichen Einblick in das wahre Wesen der heutigen Ausbeutungswirtschaft. Die Aktiengesellschaften haben ein gutes Geschäft gemacht. 3868 Aktiengesellschaften haben in dem einen Jahre einen Gewinn von 1472931000 M.� also von fast l'/z Milliarden Mark, erzielt. Setzen wir den durchschnittlichen Jahresverdieust der Arbeiter auf 1472 M. an, dann ist der Gewinn der 3868 Aktiengesellschaften so groß wie der Arbeitsverdienst von einer Million Arbeitern! Dieses Geld bekommen aber nicht die Arbeiter, sondern die sogenannten Aktionäre. Die Aktiengesellschaften haben bekanntlich ihren Namen davon, daß sie ihre Betriebsmittel durch Anteilscheine, die sogenannten Aktien, aufbringen. Die Besitzer der Anteilscheine sind die Aktionäre. Nach der Zahl ihrer Anteilscheine erhalten sie den Gewinn der Aktiengesell- schaffen. Diese Unternehmungen können aber nur dann einen Gc- winn erzielen, wenn sie mit den Betriebsmitteln Fabriken er- richten. Arbeiter und Angestellte beschäftigen, ihnen jedoch als ihren Lohn und Gehalt nicht den ganzen Ertrag ihrer Arbeit auszahlen, sondern einen Teil davon als ,. G e- winn" für die Aktionäre zurückbehalten. Die Arbeiter und Angestellten müssen aufs schwerste schaffen und werden mit einem möglich st geringen Lohn oder Gehalt ab- gefunden, damit die A k t i 0 n ä r e, die hier gar keine Arbeit verrichten, einen niöglichst großen Gewinn einstecken können. Die bürgerlichen Volkswirtschaftler erzählen uns, ähnlich Wie Herr Steller. daß die Aktionäre sich um die Arbeiter und die Gesamtheit ein großes Verdienst mit dem Ankauf der An- teilscheine erwerben: Jene 3868 Aktiengesellschgften, deren Jahresgewinn fast l'/a Milliarden Mark betrug, hatten ein gewinnberechtigtes Aktienkapital von fast 13 Milliarden Mark. Diesen großen Betrag haben die Aktionäre von ihrem Ver- dienst„erspart", haben das viele Geld hergegeben, damit für die Arbeiter und Angestellten der Aktiengesellschaften Arbeits- gelegcnheit geschaffen wird; hierbei haben sie sogar die„Ge- fahr" auf sich genommen, die wir bereits gekennzeichnet haben. Die Zahl der Aktiengesellschaften, die keinen Jahresgewinn hatten, ist zudem verhältnismäßig gering. Ebenso steht es mit dem Verlust dieser Aktiengesellschaften. Wenn wir den ganzen Verlust von dem Gewinn der übrigen Aktien- gesellschaften abziehen, dann bleibt ein Jahresüber- schuß von fast 1,4 Milliarden Mark. Dieser Ueberschuß würde der Gesamtheit zufallen, wenn sie im Besitze der Aktiengesellschaften wäre und den Verlust decken müßte, dafür aber auch den ganzen Gewinn behielte. Ueberdies haben manche Aktiengesellschaften Verluste durch eine gewissenlose Geschäftsführung; diese Verluste würden viel seltener als jetzt möglich sein, wenn die Aktiengesellschaften nicht mehr in der Hand einzelner Spekulanten, sondern der Gesamtheit wären. Dadurch würde der Ueberschuß für die Gesamtheit noch größer werden. Es bleibt noch die„Sparsamkeit" der Aktionäre, die sie sich auch— angeblich zum Nutzen der Gesamtheit— als Pflicht auferlegen müssen. Das eingezahlte Aktienkapital überhaupt betrug im Jahre 1907/8. im Jahre 1908/9. im Jahre 1999/10. im Jahre 1910/11. 12.8 Milliarden Mark 13,2 Milliarden Mark 13.7 Milliarden Mark 14,2 Milliarden Mark Hieraus ergibt sich eine Zunahme im Jahre 1908/09■.. von 0,4 Milliarden Mark . von 0,5 Milliarden Mark . von 0,5 Milliarden Mark die die Aktionäre gespart haben, kaufen und dadurch den Aktien ihrer Be> im Jahre 1909/10 im Jahre 1910/11. Dies sind die Beträge, um noch mehr Aktien zu gesellschaften ein größeres Kapital zur Erweiterung triebe zu liefern. Für diese„Sparsamkeit" haben die Aktionäre aber den ganzen Gewinn der Aktiengesellschaften nach Abzug des Ver- lustes eingesteckt. Dieser Gewinn betrug: im Jahre 1908/9... 1,1 Milliarden Mark im Jahre 1909/10... 1,3 Milliarden Mark im Jahre 1910/11... 1,4 Milliarden Mark Mithin ist der Gewinn, den die Aktionäre der Aktiengesellschaften eingesteckt haben, größer als die„Ersparnis" der Aktionäre zur Erhöhung des eingezahlten Aktien- kapitals: im Jahre 1908/9 um 0,7 Milliarde— 700 Millionen Mark im Jahre 1909/10 um 0,8 Milliarde— 800 Millionen Mark im Jahre 1910/11 um 0,9 Milliarde— 900 Millionen Mark. Dies ist der Ueberschuß: der Lohn der Aktionäre für ihre — Sparsamkeit. Was dieser oder jener Aktionär oder seine Vorfahren einst wirklich durch eigene Arbeit verdient und an die Aktiengcsell- schaften bezahlt haben, das ist als Gewinn der Aktiengcsell- schaften den Aktionären im Laufe der Jahre schon längst hundert- und tausendfach zudü ckg e z a h lt. Trotzdem strömt ihnen und ihren Erben unaufhörlich Jahr für Jahr ein großer Teil von dem zu, was die Arbeiter und An- gestellten der Aktiengesellschaften durch ihre Arbeit schaffen müssen. Davon führen sie ein Leben des Ue�rflusses und des Müßigganges und häufen außerdem in den Aktien- gesellschaften Reichtum auf Reichtum, mit dem sie immer mehr Arbeiter ausbeuten. Aus der Arbeit der Arbeiter und Angestellten ziehen sie also die Mittel zur. Ausbeutung der Arbeiter: das ganze jetzige Kapital der Aktien- gesellschaften i st so tatsächlich durch die ge- meinsame Arbeit der Arbeiter und An- gestelltengeschaffen. � Daher ist es eine unerträgliche Vergewalftgung des arbeitenden Volkes, daß der Ertrag dieser Betriebe zu einem großen Teile nichtarbeitenden Ausbeutern zufällt, während viele, viele Arbeiter und Angestellte unter Entbehrungen und Sorge schwer zu leiden haben. Diese Ausbeutung muß beseitigt werden durch die Umwandlung des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmiti?ln in Eigentum der Gesamtheit und durch die Regelung der gemeinsamen Arbeit nach dem Willen und zum Nutzen der Gesamtheit, also durch die sozialistische Volkswirtschaft. Me Candtagswahl In Schwarzburg-Sondershaufen. Aus Arnstadt wird uns geschrieben: Am 23. August finden im Fürstentum Schwarzburg-Sonders- Hausen die Landtagswahlen statt. Der Landtag dieses Bundesstaates ist einer der wenigen im Deutschen Reiche, in die bisher die Sozial- demokratie keinen Eingang gefunden hat. Die Verfassung garan- tiert dem Fürsten die Ernennung eines wollen Drittels der 18 Land- tagsabgeordneten; das zweite Drittel wird von den 300 Höchst» bmt«uerten des Landes erwählt; nur das letzte Drittel geht aus„all« g�Mnen Wahlen" hervor— wenn man Wahlen als„all« g efii e i n" bezeichnen darf, bei welchen nur jene Personen wählen können, die Staatsbürger im Fürstentum sind und außerdem jaS Gemeindebürgerrecht in einer Gemeinde des Fürstentums besitzen. Außerdem war die Stimmabgabe bisher öffentlich und deshalb einem großen Teile der Wahlberechtigten wegen der zu befürchten» den wirtschaftlichen Schädigung die Ausübung des Wahlrechts un» möglich. Auch das Baftehen der sogenannten Terminswahlen und das indirekte Wahlsystem haben wesentlich zur Entrechtung der Ar». beiterklasse beigetragen. Deshalb hat auch die Gesetzgebung niemals' Rücksicht genommen auf die Interessen der arbeitenden Bevölke- rung, und diese wiederum brachte den Landtagswahlen«in nur sehr geringes Interesse entgegen. Sehr zum eigenen Nachteil. Denn an den Folgen dieser Verlotterung des politischen Lebens hat das Volk bis heute schwer zu tragen. Die Bevölkerung des Fürstentums ist sehr arm. Das Land ist zwar an und für sich äußerst reich mit Schätzen bedacht, aber diese befinden sich im Besitze weniger Personen. Im vorigen Jahre wies eine amtliche Aufmachung nach, daß im Lande von 2S 000 zur Einkommensteuer veranlagten Personen IS 000 mit einem Einkommen bis 900 M. eingeschätzt worden sind. Das Land hat einmal gute Domänen und große Forsten gehabt; doch bei der Regelung des Domänenabkommens sind diese als Eigentum des Fürsten bezeichnet worden/ während alle An» gelegenheiten, die Zuschüsse und Kosten erfordern, dem Lande als Eigentum überwiesen wurden. Der Fürst hat von seinem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch gemacht und die Ver- waltung des Kammergutes, das alle Domänen und Forsten umfaßt, der Landesvcrwaltung übertragen. Dafür bekommt er eine jähr» liche Dotation von S00 000 M. Die Folge ist, daß die Ausgaben, die vor dem Domänenabkommen aus den Einkünften der Domänen und Forsten bezahlt wurden, nunmehr durch Steuern gedeckt werden müssen. Es gibt deshalb wohl kaum einen zweiten Staat in Deutschland, wo die arbeitende Bevölkerung so hohe Steuerlasten zu tragen hat wie in Schwarzburg-Sondershausen. Angeblich zur Linderung dieser Lasten legte deshalb die Regierung im vorigen Jahre dem Landtag ein neues Einkommensteuergesetz vor. In der dazu gegebenen Begründung betonte die Regierung, es sei eine Not- wendigkeit, die ärmeren Volksgenossen zu schonen. Als man aber den Entwurf genauer besah, fand man, daß die Steuersätze für die Einkommen der Arbeiter teilweise nicht unbeträchtlich erhöht worden waren. Die Gemeindeovdnung für das Fürstentum war total beraltek. Auch sie ist einer Reform unterzogen worden. Aber bei dieser Ge- legenheit sind die Vertreter im Landtag, wie auch die Regierung, nicht für die Erweiterung der Selbstverwaltung eingetreten, son- dern sie haben weitere Einschränkungen für nötig gehalten. Das Alter für die Wahlberechtigung zum Gemeinderat ist von 21 auf 25 Jahre heraufgesetzt worden. Und ferner wurde für die beiden größten Städte, Arnstadt und Sondershausen, die Mag!» stratsverfassung eingeführt. Das bedeutet gegenüber dem bisherigen Zustand eine Verschlechterung, da bisher der Magistrat einfach zur Ausführung bringen mußte, was der Gemeinderat beschloß. J»r Zukunft hat hingegen der Magistrat in allen Angelegenheiten Mit« bestimmungsrccht. Ebenso hat bei der Schaffung des neuen Landtagswahlgeseßc?, daß die Stimmzettelwahl einführt, der Landtag sich manche Verschlechterung geleistet. Das Wahlalter wurde ebenfalls auf 25 Jahre heraufgesetzt, und somit vier Jahrgängen der Wähler das Wahlrecht geraubt, und zwar von einem Landtag, der eine liberale Mehrheit hatte. Die ganze Unt?rherrschaft des Landes weist ungeheure Kalk« lager auf. Der Staat allein?at das Schürfrecht im Lande. Hier aber hat man vom verfassungsmäßigen Recht Gebrauch gemacht und das Schürfrecht an Private abgetreten, das heißt, die Gewinne, die der Staat aus dem Kalireichtum des Landes hätte herausziehen können, sind dem Privatkapital gegen ganz geringfügige Entschädi» gungen ausgeliefert worden. Die Aktiengesellschaften, die das Kali abbauen, heimsen deshalb riesige Gewinne ein. Das eine Werk „Glück auf Sondershauscn", hat allein im Jahr« 1911 einen Be- triebsüberschutz von nahezu 2 Millionen Mark abgeworfen, und für die ersten sechs Monate 1912 beträgt der Ueberschuß bereits wieder über 1 Million Mark. Diese tNißwirtschaft hat aber endlich das Volk aufgerüttelt. Bis hinein in die kleinsten Bauerndörfchen dringt unsere Propa» ganda vor, und überall dort, wo man uns früher mit Mißtrauen begegnete, finden wir jetzt Entgegenkommen. Man ist des Spieles satt. Die drei Wahlkreise der Oberherrschast sind zum Teil mit Industrie durchsetzt: in der Unterherrschaft ist dagegen außer dem Bergbau keine Großindustrie zu finden. Hier kann deshalb kaum auf Erfolg gerechnet werden. Die ganze Wahlagitation Konzentriert sich daher auf die drei Wahlkreise der Oberherrschaft. Und das werktätige Volk in Stadt und Land beginnt seine Interessen zu erkennen und ihre Berücksichtigung zu fordern. Das schon ist ein großer Gewinn des Kampfes. Sie Wahrheit über das Cena-ßlutbad. ' Die Vorgänge in den Goldbergwerken an der Lena, die bekanntlich einen Wendepunkt in der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung bedeuten, stehen noch immer im Vorder- gründe des politischen Interesses in Rußland. Die Revision des Senators M a n u ch i n und der Generalstreik der Arbeiter als Antwort auf das Mißlingen dieser bureaukratischen Maß» nähme waren die wichtigsten Ereignisse, die sich in der letzten Zeit an das Lenablutbad knüpften. Eine lügnerische Presse, Boran die„�.o'&ofe Wremja", versuchte nun das Äild dieser Vorgänge zu entstellen und die verleumderischen Be- hauptungeu 0er Minister Makarow und Timaschow wieder in Umlauf zu Bringen. Gerade zur.rechten Zeit gelangen deshalb authentische Mitteilungen über die blutigen Vorgänge*wom 17. April und das Martyrium der Lenaarbeiter an die Leffentlichkeit. Diese Mit- teilungen, die vorläufig noch sehr lückenhaft und un- vollständig sind, bejsätigen vollauf die Anklagen, die die russische Arbeiterklasse yegen die Regierung und die Kapita- listen erhoben hat. Einzelne Angaben stammen von dem Rechtsanwalt A. Kerensky, der im Verein mit einigen Rechtsanwälten aus Peter.sbUrg, Moskau und Jrkutsk nach dem Streikgebiet gereist Wae", um die Interessen der Arbeiter während der Senatorenrevision wahrzunehmen.„Meine An- ficht ist"— erklärte Herr Kerensky nach seiner Rückkehr dem Petersburger Vertreter der„Rutzkoje Slowo"—„dasi die Eröffnung einer gerichtlichen UnversuclMng lediglich gegen den Gendarmerierittmeister T r e s chk s ch e n k o w die politische Bedeutung der SenatorenrÄusion außerordentlich herabsetzt. Trefchtschenkow ist wegen Uaberschreltens semer Befugnisse' dem Gerichte übergeben, seine Schmld ist also äußerst gering eingeschätzt worden. Dabei sind andere Personen, die an der ganzen Angelegenheit zweifellos beteiligt sind, dem Gericht nicht übergeben worden. Ich und me�ne Kollegen haben mit Hilfe der Arbeiter auf Grund von Dokumenten und Zeu�ßi- aussagen die Schuld verschiedener Verw�ltungsbeamteN�er Lenygesellschaft festgestellt, aber diese Personen sind nicht�zur Verantwortung gezogen worden. Ich will blchß auf zwei Tatsachen hinweisen: Einige Tage vordem Blutbctv* vom 17. April wurde die Verwaltung zweier Krankenhäuser i.'n Bergwerks- rayon befragt, wieviel Plätze für Ver w u n d e te s i e frei haben könne? Ebenso wurde der örtliche Priester schon vorher in Kenntnis gesetzt, daß in kurzem seine Dienste bei einer großen Beerdigung nötig s e i n w ü r d e n!" Ein vollständiges Licht auf die verbrecherische Handlungs- weise der im Dienste der millionenrcichen Bergwerksgesellschaft stehenden Regierungsbeamten wirft der Bericht des Senators Manuchin, der uns in Ausziigen bekannt geworden ist. Die Vorgänge vor dem Blutbad werden danach folgendermaßen geschildert: Schon am 13. März brach auf den Gruben� der Lenagoldgesellschaft ein Streik aus, der ain 27. März 50(X) Teilnehmer zählte und zu der Betriebseinstellung aus sämt.- lichen Gruben führte. Der Streik verlief vollkommen ruhig und bedrohte die öffentliche Sicherheit nicht im geringsten. Am 9. April wurde auf Befehl des Ministers des Innern der Gendarmerierittmeistcr Trefchtschenkow von Jrkutsk nach dem Streikgebiet kommandiert. In. der Nacht zum 17. April ließ dieser ohne jeden Anlaß die Delegierten verhaften, Dieser heimtückische Ueberfall versetzte die streikende Arbeiter- schaft in eine heftige Erregung. Aus allen Enden des Streik- gebietes strömten sie nach dem Nadeshda-Bergwerk, deni Sitz der Administration, zusammen, um bei dem Staatsanwalt Ge- suche um die Befreiung der Delegierten einzureichen. Die Erregung der Arbeiter wurde durch die lügnerische Behauptung des Direktors Samochwalow, daß die Verhaftungen auf Befehl des populären Bezirksingenieurs Tultschinsky vorge- nonlnien worden Ware», absichtlich aufgepeitscht. Die Arbeiter� der Andrejew- und Wassiljew-Bergwerke, in einer Anzahl von mehr als 1009 Personen, zogen zu der Wohnung des Bezirks- ingenicurs, der jede Schuld, an den Verhaftungen entrüstet von sich wies rmd den Arbeitern riet, gegen 2 Uhr auf dem Na- deshda-Bergwerk zu erscheinen, um dort den Bescheid der Be- Hörden in Empfang zu nehmen. Dort aber wurden die von allen Seiten zusammenströmenden friedlichen, unbe- waffneten Arbeiter von einer Militärab- teilung empfangen und auf.Befehl des Rittmeisters Trefchtschenkow mit z a h l l o s e n S a l v e n überschüttet. Das Blutbad selbst wird im Senatorenbericht folgender- maßen geschildert: Eine etwa 3000 Personen zählende Menge zog völlig unbewaffnet auf schmalem Wege, 5 bis 6 Personen in einer Reihe nach dem Nadeshda-Bergwerk. Vor dem Volks- Hause war eine Militärabteilung von 92 Sodaten aufgestellt. Daneben hatten sich sämtliche Amtspersonen eingefunden. Da der Bezirksingenicur Tultschinsky ein Blutvergießen be- fürchtete, stürzte er den Arbeitern entgegen, um ihnen einen anderen Weg Ausweisen. Die Arbeiter umringten ihn. und überreichten ihm, das Gesuch hin Befreiung der verhafteten Delegierten. Er nahm das Gesuch entgegen und bat die Ar- bester umzukehren. Aber in dem Augenblick, alsjlie Arbeiter seiner Bitte nachkommen wollten, prasselte eine Salve auf. sie herab. Der ganze Kopfteil des Arbeiterzuges, der sich um den Bezirksingenieur geschart hatte, stürzte zu Boden.„Als die Liegenden sahen, daß die Soldaten zu feuern aufgehört hatten, sprangen sie auf, um davonzulaufen, aber in diesem Augenblick wurde das Feuer wieder aufgenommen und diesmal feuerte das Militär ununterbrochen undTagenweise. Wie lange dieses Feuern angehalten hat, konnte genau nicht festgestellt werden, aber wie aus den Angaben der Stabskäpitäne Lepin und Sansharenkp hervorgeht, hat jeder Sosdat 8 bis 9 Schüsse abgefeuert, d. h. 7 bis 8 Schüsse nach der Wiederaufnahme des Feuers. Diese Schüsse verwundeten 372 Personen, von denen 17 0 infolge der erhaltenen Wunden st a r b e n." Der Bericht stellt fest, daß das Signal zum Feuern gegeben wurde, als die Menge sich etwa 300 Meter von der Militäräbteilung befand. Von 202 Verwundeten waren 09 im Rücken und 02 an der Seite verwundet! 117 von den Verwundeten befanden sich in dein Augenblick der Verwundung in liegender Stellung! Im Bericht wird das Zeugnis des Priesters Wiuo- > kurow angeführt, der den Sterbenden das Abendmahl reichte. Sämtliche Arbeiter erklärten ihm, sie wären vollkommen unbe- waffnet und lediglich mit der Absicht gekommen, um dem Staatsanwaltsgehilfen ihre Gesuche zu überreichen. „Sterbende lügen nicht!" schließt der Priester seine er- schlitternde Aussage. Die� Schuld des Rittmeisters Trefchtschenkow wird von dem Senator Manuchin dahin formuliert, daß er angesichts : der herannahenden Arbeitermenge„weder persönlich noch durch die zu feiner Verfügung stehenden Polizeichargen irgendwelche Maßnahmen ergriffen hat, um das weitere Hetanriicken der Arbeiter zu verhindern, oder die letzteren von der ihnen drohen- 'den Gefahr in Kenntnis zu setzen!" Trotz dieser ungeheuren Schuld wird der Ärbeitermörder lediglich wegen Heber, schreitens seiner Machbefugnisse dem Gericht übergeben! Diö ihm drohende Strafe ist äußerst gering, im ichrigen jedoch bleibt im Lenarevier alles beim alten. Der oben ge- nannte Rechtsanwalt Kerensky hat die Ergebnissechcr Sena- torenrevision folgendermaßen zusammengefaßt:. Die Revision hat ausführlich, genau und objektiv die fürchterliche Lage der Lenaarbeiter, ihre unmöglichen Arbeits- und Lebensbe- dingungen aufgedeckt, sie hat aber keinerlei Maßnahmen ergriffen, um der bestehenden Ungerechtigkeit ein Ende zu setzen!" Es Mftwfisgt keinem Zweifel, daß die Bübeaukratie und die mit ihr eng liierten Aktidnäre der Goldgesellschaft alles auf- bieten werden, um die Ergebnisse der Senatorenrevisünr der Oeffentlichkest zu entziehn. Aber schon das, was jetzt unum- stößlich feststeht, genügt vollkommen, um der Zarenregjerung auch die Blutschuld für das Gemetzel an der-Lena aufs Konto zu setzen._ (Rückzug der Albaner? Während Dienstag noch Telegramme aus Saloniki die Situation in U e s k n b als äußerst bedrohlich dar- stellten, besagen die letzten Nachrichten aus' Konstatttinopeh daß sich die A r n a u t e n zum Abzug entschlossen und den Rückzug in ihre Berge angetreten hätten. In zwei bis drei Tagen, so wird amtlich in Konstantinopel versicher werden sie in ihrer Hximat angelangt sein. Auch aus Köprülü seien sie bereits abgezogen. Nur die Albanier in Koriza weigern sich, auseinanderzugehen. Der Ministerrat hat be schlössen, die albanische Frage als erledigt anzusehen. Die jenigen Albanesen, die nicht in die Heimat zurückkehren wollen, sollen als Bxiganten betrachtet werden. Es ist ihnen für ihre Unterwerfung nur eine eintägige Frist gewährt worden. Tie Regierung hat den Rückzug dctmit erkauft, daß sie den Albanern die Erfüllung fast sämtlicher Forderungen versprochew-hat. Freilich ist Versprechen uird Halten zweierlei. Immerhin haben die Albaner ein gewisses Unterpfand für die Erfüllung der Zusagen behalten, nämlich ihre Gewehre. Denn in der Waffenfrage hat die Regierung nächgeben müssen. Die Albaner behalten ihre den Wäffendepots„ent nommenen" Gewehre: ferner sollen 00 000 in Depots inner halb Albaniens von der Regierung hinterlegt werden. Da die Forderung der Autonomie auch von den auswärtigen Mächten, namentlich von Oesterreich, unterstützt wird, haben also die Arnauten eine tzewisse Garantie dafür, daß sie dies mal nicht so leicht wieder die Geprellten sein werden. In K o n st a n t i n o p e l selbst dauert die M i n i st e r krise fort. Der von den Feinden der Jungtürken so sehr angefeindete I u st i z m i n i st e r Hussein Hilmi Pascha hat nunmehr seine Demission gegeben und sein Rücktrittsgesuch soll bereits angenommen sein. Unterdessen gehen di� Friedensverhandlungen weiter. Zwar wird erklärt, daß die Mission des aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Walis von Rhodos nichts mit dem Friedensäbschluß zu tun habe, sonderyi darin bestehe, der Pforte die Bedingungen Italiens für die Frei lassung der gefangenen türkischen Beamten mitzuteilen. Aber in einem Interview ,hat der türkische Minister des Aus wästtigen zugegeben, daß inoffizielle VerHand l u n g e n im Gange seien, um eine Grundlage für den Friedensschluß zu finden. An der montenegrinischen Grenze wird weiter gekämpft Die Montenegriner haben.Berane besetzt: sie sollen aber nach den letzten Meldungen wieder abgezogen sein. Gegen diese montenegrinischen Friedensstörungen wendet sich eine scharfe offiziöse Note der„Köln/ Ztg.". Es heißt darin: „Zum Glück hat heute wohl keine einzige Großmacht ein Interesse byran, die orientalischen'Gcwässex' zu... t.tjlben, und des- halb dürfte sich auch kein« einzige damit einverstanden erklären, daß Montenegro au fe ig eye Hand Unruhen an- stiftet. Die ganze Frage ist für Europa zu wichtig, um Alein staaten wie Montenegro zu gestatten, ihre Lösung selbständig in die Hand zu nehmen." Sollten die Albaner in der Tat in ihre Berge zurück kehren, so würde damit allerdings zugleich für Montenegro die beste Gelegenheit zu weiteren Angriffen genommen sein Wechsel im italienischen Oberbefehl. Rom, 19. August.(Eig. Ber.) Die schon vor mehreren Wochen vom.«Avant i" gegebene Nachricht von. der Abberufung des Generals Caneva wird jetzt auch von. der übrigen Presse bestätigt. Als Grund»Verden Gesundheitsrücksichten angegeben, aber niemaird nimmt diese Angaben ernst. An seine.Stelle soll der General Nagni treten. Es heißt, daß auch der Generalstabschef Canevas, Ciancio, abgerufe»»verde, und»nan spricht auch von»veiteren Veränderuingen im Militär- und Zivilkommando Lhbiens. Dem nationalistischen„Giornale d'Jtalia" zufolge stellten diese Aende- rungen im Oberkommando den Anfang einer neuen Phase des Krieges dar, nämlich den des Vormarschs ins Innere. Sicher ist, daß Caneva diesen Vormarsch bis jetzt sehr eifrig wider raten hat. Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt/ herborz» heben, daß Canevas Unbeliebtheit bei den Zlatiailalisten gerade da- her kain, daß.der Gouverneur ein. sehr ausgesprochenes Verantwort- tichkeitsgefühl besaß und an den Dag legte. Es. scheint' nun, daß man ihm aus dieser Eigenschaft einen Strick drehen will. Auf ein mal wird man gewahr, daß der Mann 57 Jqhre alt ist, welche. Tat fache wohl kaum von heute auf morgen eingetreten sein dürfte. Jedenfalls bedeutet die Abberufung Canevas einen Sieg der Dräuf- gänger über die Vorsichtige»/ Der Wechsel zeigt, wie wenig man in.offizielle»»Mreisen die Friedensverhandlungen ernst nimint. politilcke(leberttckt. Berlin, den 21. August 1912. Militäretat und Militärdienstzeit vor der bayerischen Kammer. In der hetitigen Sitzung der bayerischen Kammer der Ab- geordneten führte bei Beratung des Etats des Kriegs- rninisteriums der KriegSminister Freiherr Kreß von Kressen- stein nach Münchener telegraphischer Meldung auS: Die Einführung der einjährigen Dienstzeit Ivürde in die bayerische Armee tief einschneiden, und er stehe auf demselben ab- lchiieiiden Standpunkt wie der preußische. Kriegsmimster: E r >v är e also nich� in der Lage, einen An t-r a g des Landtages auf Einführung der. einjährigen Dienstzeit im Bundesrat zu vertreten, obivohl er zugebe, daß Volkslvirtschaftliche Gründe die Einführung der ein- jährigen Dienstzeit lvünschenstvert machen. Die Einführung dieser Dienstzeit.komme der Eiusührnug des Milizheeres gleich. Ein solches System wäre aber unbrauchbar für eine Großmacht»vie daS Deutsche Reich, das est» fest- gefügtes Waffenheer haben müsse. Mit der einjährige»« Dienstzeit »vürde der Qualität und dem inner»» Gehalt des Heeres der schiverste Abbruch getan werden und ein« Verflachung einsetzen. Die Ein- führung der zweijährigen Dien st z e i t f ii t die berittenen Waffen könne von einem für die Schlag- f e r t i g k e i t d e.r Armee v e r a>» t n, o r t l i ch c>» Kriegs- »n in ist e r nie in a ls zugelasse ni«w erden. An den» PrivUeg der Einjährig-Freiwilligen sei»icht die Militärverwaltung in erster Linie interessiert, wohl aber die betreffenden Berufskreise. Es sprächen also»nanche Gründe gegen die Beseitigung dieser Volks- tümlichen Einrichtung. Die Zahl der nach der Einstellung wieder entlassenen Mannschaften sei im Laufe der letzten fünf Jahre wieder gestioge»». Das sei aber zurückzuführen auf das Bestreben, die Mannschaften aus dem Heere zu entfernen, die den dienstlichen Au- forderiliigen auf die Dauer nicht gewachsen sind. Der Krieg-Zministcr kam sodann auf die Veteranen» f ü r s o r g e zu sprechen und erklärte, daß für die große Masse der Kriegsteilnehmer die Reichsbeihilfe in Frage komme; daS Krieg sminlstcrium habe Einerlei Einwirkung auf die Zuerkennung dieser Beihilfe. Ob diese Beihilfe in Zukunft erhöht werden könne, sei Sache der Reichsregierung. Was die Offiziers- pensioniernnge!» anlange, so könne ein Vergleich mit Preußen den Anschein erwecken, als ob in Bayern mehr pensioniert würde als dort. Das sei nicht gerechtfertigt. Die höheren Offiziere seien zivar in Bayern jünger als in Preußen; dabei sei aber zu be- rückstchtigen, daß in Bayern in den letzten Jahren wiederholt »»»erwartete Abgäirae in den höchsten Stellen eingetreten seien. Bei den Pensionierungen spiele nur das dienstliche Interesse eine Rolle. Er könne berfichern, daß kein Offizier abzugehen brauche, weil er durch einen Prinzen übergangen werde. Die Armee begrüße es und rechne es sich zur Ehre, wenn Angehörige des Königshauses in ihren Reihen dle>»eu, und, wenn eS sein müsse, auch fechten. Inder Verfolgui»'g der Soldatenmißhandlungen werde der Kriegs mini st er nicht nachlassen. Was die Hitz- schlage bei den» Kaiserinanöver in Mörchingen bei der 18. Jnfanterie- brigade betreffe, so habe sich herausgestellt, daß nicht Ueberanstrengung und Gewaltmärsche die Schuld daran trugen, sondern lediglich die übergroße Hitze und Schwüle. Abg.».Volkmar(Soz.) erklärte darauf, die Sozialdemo» demolratie setze alles daran, daß der Friede erhalten bleibe. Wenn dies aber nicht gelinge, dann werden auch die Sozialdemokraten alles andere hinter die Not des Vaterlandes zurücktreten lassen und dem Lande ihre Dienste leisten, und sie würden nicht die schlechteste» Verteidiger des Vaterlandes fein. Die Bewilligung des Militäretats sei jedoch eine Bertrauei»ssache und die Sozialdemokratie könne den Bundesregierungen, die die Sozialdemokratie als inneren Feind bezeichnen, nicht daS Vertrauen geben, daß sie ihnen das In st rn in ent zur Verteidigung des Landes anvertraue. Redner wendet sich dann scharf da- gegen, daß man Reserveoffiziere, die bei der Wahl sozial« demokratischen Kandidaten ihre Stimme gegeben hätten, verab- schiedet habe.- Abgeordneter Dr. Casselmann(liberal) bedauerte, daß ein Erlaß des früheren Kriegsministers v. Horn, daß die Reserve- offiziere nicht für Sozialdemokraten agitieren dürfen, vielfach Denunziationen von Offizieren zur Folge gehabt habe. Wenn die Sozialdemokratie den HecreSetat ablehne, so handle sie allerdings ungesetzlich. Nach den warmen und patriotischen Worten deS Abgeordneten v. Volkmar scheine die Ablehnung aber nur eiste politische Demonstration zu sein, die in dem Augenblick wegfallen würde, wo die Sozialdemokratie die Mehrheit und die Vetantivortung. habe. Deutschland könne nicht ab- rüsten; das wäre der Niedergang eines kolossalen wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Verhandlungen über den Militäretat seien um so bedeutender, als im Ausland gewisse Kreise, besonders jenseits der Vogeseir, glauben, der Reichsgedanke könnte südlich des Mains und des Taunus da und dort einen Riß bekommen, und Bayern sei nur notgedrungen ein Glied des Deutschen Reiches. Dieses Märlheit miisse' endgültig zerstört werden. Redner schloß: Wir wollen de»» Reich die Wehrmacht geben, die es braucht und fest- hallen an dem Fundament unserer Heeresverfassung, auf dem daS Deutsche Reich aufgebaut ist. Abgeordneter Gerstenberger(Zentrum) meinte, Ab- geordneter v. Wollmar habe in seiner bestimmten Art als Re- visionist über die Taktik ber Sozialdemokratie hinwegtäuschen wollen und habe dafür das Zentrum angegriffen. Wenn das Zentrum seiner Zeit iin Reichstag den Militäretat abgelehnt habe, so sei es lediglich geschehen, weil es sich nicht auf sieben Jahre hinaus binden wollte. DaS Zentrum werde mit allen Mitteln die Beseitigung des DuelleS aus dem Heere er- streben. Für die zukünftige Luftflotte erhebt die.Tägliche Rundschg»»" allerhand niedliche Forderungen. Sie verlangt, daß die deuffchen Aufwendungen dafür auf mindestens die gleiche Höhe gebracht würden,»vie in Franlreich, d. h. auf vor- läufig L5 Millionen Marli Davon müsse etwa die Hälfte ür die deutsche Motorluftschissahrt ausgegeben werden, uin wirk- liche Kriegsluftkreuzer' zu bauen(niindesteiiS zehn Stück 4 eine Million Mark), die nach ihrer Größe und Armierung auch faktisch etwas anderes seien, als die hei»tige Motorluftschiffahrt, die nur für Schul- und Versuchszwecke tauglich sei. 25 Millionen Mark für den LuftmilitariSmus sind doch ein recht respelwbler Anfang!« Außerdem klagt das Blatt darüber, daß nicht ailch den Siemens- Schnckert-Werken und der Firnia Heinrich Lanz der Dank des Vater- landcs für den Bau der Luftschisse zuteil geworden sei. Wenn daS Vaterland mit dieser Airerlennung(gemeint ist darunter wohl vor allen Dingen außer Reden und Essen auch der klingende Dank durch Ankauf der Schiffe, von denen jedes 2 Millionen Mark ge- kostet haben soll) karge, so könne man eS den Unternehmern nicht verdenken, weim sie.lockenden AuSlandscrbietnngen" folgten, daS heißt, gleich der Firma Krupp auch das Ausland mit Mordioerk- zeugen versähen. Wie man ficht, erhebt das Unternehrnertun» und die Unternehinerpress« bereits allen Ernstes Anspruch auf Luftkriegs- lieferungen größten Stils l Der LnstniilitarismuS kann uns da noch teuer zu stehen kommen! Teuerung und Bcanitenbesoldung. Die Unierbea inten, deren Gebälter bei der BeaniteubesoldungS- reform im Jahre 1909 nur sehr kärglich aufgebessert wurden, leiden unter der gegenwärtigen Lebensverleuerung außerordentlich schwer. Die Regierung»vird deshalb nicht umhin können, recht bald in eine Revision der Beamtengehälter, wenigstens der»interen Kategorien. 'inzutreten, Leider kümmern sich die bürgerlichen Parteien weniger um das Los der Unterbeamten überhaupt als un, die Verhältnisse einzelner besonders begünstigter Beanstenkategorie». Zu diesen Kategorien ge- hören a»lch die Förster, deren Gehalt ganz unberliältnismäßig aufgebessert worden ist. Die' Reviersörster lind Förster ans der Forstverwaltnug beziehen gegenlvärlig ein Gehalt von 1400—2500 Murr. Angcrde», stetes Brennholz oder Torf und Nebeneinnahmen aus der Jagd/ Der Wert all dieser Nebeneinnahmen»vird mit 150 M. als pensionsfähiges Diensteinkommen berechi,et. Außerdem bezieht noch eine Anzahl von Reviersörstern Zulagen von je 450 Mark. Ein anderer Teil der Förster erhält eine nichtpeirsionsfähige Zulage bis zü 300 M. Trotzdem hat man während der letzte» Landtags- 'ession.eine weitere Verbesserung des Einkommens ge- ordert, und heute schlägt die„Deutsche Tageszeitung" vor, daß zum Ausgleich für die Verschiedenartigkeit des Wertes des Dienstlarfdes den Förstern nur so viel Land über- lassen würde, als sie selbst belvirtschaften könnten, und zwar gegen Zahlung eines ortsübliche» Pachtzinses. Als Entschädigung für das eingezogene und in Pachtland umgewandelte Dienstland möge man ihnen eine pensionsfähige Zulage von 500 M. gewähren. Wir gönnen den Förstern gewist alle ihnen zugedachten Ein- kommensverbesserungen und die sozialdemokratische Partei hat sich denn auch in der letzten Session für deren Gewährung ausgesprochen. Nur möchten wir demgegenüber betonen, dost es Hunderttausende von Unterbeamten gibt, die noch weit schlechter gestellt sind und deshalb einen doppelten Anspruch aus Erhöhung ihrer völlig un- zureichenden Gehälter haben!_ Für die Veteranen. Die sozialdemokratische Fraktion des bayerischen Landtags hat folgenden Antrag zum Militärelat eingebracht: Die Staatsregierung sei zu ersuchen, durch die Vertretung Bayerns ini Bundesrat dahin zu wirken, dast dem, Reichstag als- bald nach dessen Zusammentritt eine Vorlage zugeht, durch.die alle nicht im Besitz eines Ruhegehaltes befindlichen Kriegs- teiluehmer eine wirksame Beihilfe zugebilligt erhalten. Schon wieder ein Veteranen-Selbstmord. In der Nacht zum Mittwoch erhängte sich in den städtischen An- lagen in Breslau ein alter Kriegsveteran. Er hatte sich zu seinem traurigen Vorhaben eine groste Anzahl Orden und Ehren- zeichen, darunter die Kriegsdenkmünzen von 1866, 18\>/71 und die Zenteuarmedaille angesteckt, aber alle Papiere entfernt, die über seine Person Auskunft geben könnten.— Offenbar hat auch ihn die Not in den Tod getrieben. Freisinn und Jugendpflege. Die. Freisinnige Zeitung* beschwert sich bitter darüber, dast der KorruptionSfondS von l'/e Millionen Mark, der aus dem preustischen Staatssäckel für die Förderung der Jugendfürsorge aus- gegeben wird, nicht einer vermmstigeir-körperlichen Jugendpflege diene, sondern ganz wesentlich den konfessionellen Jugendvereinen zugewendet werde. Infolge der aus staatlichen Mitteln geleisteten Unterstützung schössen diese konfessionellen Jugendvereine wie die Pilze aus dem Boden. Dadurch werde die Zersplitterung nützlicher Vereine, z. V. Turnvereine, nur gefördert. Statt die Jugend ver- nünftig auszubilden, traktiert man sie mit Heiligengeschichten und Bibelstunden. Das seien die Früchte, die am Baum der staatlichen Jugendfürsorge wüchsen I Es ist erstaunlich, dast der Freisinn das jetzt erst zu begreifen beginnt! Als der KorruptionSfondS im Jahre ISll geschaffen wurde, hatte der Freisinn nicht das geringste gegen die Vergeudung staatlicher Mittel einzuwenden! Trotzdem damals der sozialdemo- kratische Redner in mehrstündiger Rede ein Bild der ganzen bit- herigen.Jugendpflege* gab und deren reaktionäre und muckerische Tendenzen in der schärssten Weise beleuchtete, stimmte der Freisinn dennoch für den KorruptionSfondS, weil er hoffte, dast auch in sestie Kasse ein Sümmchen fliesten würde. Der Freisinn hat also nicht die geringste Ursache, sich über ein System zu beklagen, dast er selbst unter völliger Preisgabe freifinniger Grundsätze hat mitschaffen helfen l Der straffreie Korpsstudent. Wir leben in einem Rechtsstaate! Dieser fundamentale Lehr- satz der bürgerlichen Klassen wurde durch ein Urteil der Kölner Strafkammer aufs neue unwiderleglich festgestellt. Zur Zeit des K ö l n e rKarnevals hatte der B o n n e r K o r p s st ud e n t Knipping nach einer Sektkneiperei mit einer Frauensperson deren Wohnung ausgesucht. Dort geriet er..mit seiner Schönen in ''Streit und verletzte sie. durch mehr e r e M e s ferst ich e schwer. In seiner Wut verwundete Knipping auch eineandere in dem- � seihen Haufe wohnhafte Fxcui. Der Messerstecher wurde verhaftet, bald aber wieder freigelassen. Jetzt hätte sich die Kölner Strafkammer mit dem brutalen Gewaltakt des Korpsstudenten zu beschäftigen. Durch das Urteil des Gerichts wurde auf Antrag des Staatsanwalts der Messerstecher freigesprochen und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auferlegt. Zu diesem sensationellen Rechtsspruch wurden die Richter wohl veranlaßt durch das Gut- achten des U n i ve r s i t ä t s p r o se s s o r s Oberarzt Dr. B ü ch l e r- Bonn, der als�Sachverständiger bekundete, daß der An- geklagte erblich belastet sei, denn seine Mutter habe an Migräneanfällen gelitten. Knipping selbst reagiere st a r k a u f Alkohol und der höchste Grad der Wahrscheinlichkeit spreche dafür, daß sein freier Wille bei AusübunH der Tat beein- .flußt gewesen sei. Das natürlich nach bestem Wissen und Gewissen abgegebene Sachverständigengutachten schafft dem Korpsburschentum freie Bahn. Wenn wieder eimnak von Korpsstudenten ein Exzeß begangen wird, der zur Anklage führt, müssen die Angeklagten freigesprochen werden, denn bekanntlich reagieren fa st alle Korps st udenten stark auf Alkohol und fast alle. Mütter leiden an K o p f s ch in e rß e n— manchmal um den lieben Sprößling. / Ter Masse der Bevölkerung aber bleibt trotz des Freispruchs immerhin die tröstliche Gewißheit, daß der Arm der Gerechtigkeit jeden wirklichen Verbrecher packt. Mußte doch eine FraumitihremSäuglinginsGefängniswandern, weil sie während des Bergarbeiterstreits den Arbeitswilligen„Pfui! Ihr Streikbrecher!" zugerufen hatte. Schließlich kann man doch nicht annehmen, daß die an dem glücklichen Ausgang des Lohnkampfes aufs Aeußerste interessierte Bergarbeiterfrau durch den schmach- vollen Verrat der Streikbrecher so aufgeregt wurde, daß ihr freier Will« bei Ausübung der Tat beeinflußt gewesen sei. Im Namen des Königs: die Bergarbeiterfrau mit ihrem Säugling muß ins Gefängnis, der inesserstechende Korpsstudent wird freigesprochen! Wir lcbenin einem Rechtsstaate! Wie in Elsast-Lothringen„Fälle" entstehen. In dem unterelsässischen Stäbchen Oberehnheiin trat am f. April d. I. der bisherige Bürgermeister Gierlich zurück, und der Gemeinderat. der nach der elsaß-lothringischen Gemeindeordnung nur das Recht des Vorschlags für die Bürgermeister- und Bei- geordneienstellen hat. brachte mittelst geheimer Wahl den bis- herigen Beigeordnete» Rumpler zum Bürgermeisterin Vorschlag. Es vergingen die üblichen Wochen Bedenkzeit für die regierende Bureankratie, dann versagte die Regierung die Genehmigung, das heißt, sie ernannte den Herrn Rumpler nicht als Bürgermeister. Ein Grund für diese Nichtbestätigung wurde von der hohen Re- gieruug, da sie dergleichen nicht nötig hat, nicht angegeben. Leider vermag aber eine hochwohlweise Regierungsmaßnahme, die der Begründung entbehrt, in unfern Tagen der Auflösung aller Bande nicht einmal mehr dem Gemeinderat eines gut klerikalen elsässischen KantonsstädtchenS zu imponieren. und der am 9. August zur ernenten Stellungnahme in dieser An- gelegenheit zusammengetretene Gemeinderat von Oberehnheim war so unbotmäßig, den abgelehnten Herrn Rumpler mittels geheimer Wahl nochmals zum B ü r g e r m e i st e r i n V o r s ch l a g z u bringen. Eine neue Entscheidung der Regierung ist noch nicht getroffen. Inzwischen aber haben sich.Rheinisch-Westfälische Zeitung* und „Post" bemüßigt gefühly den Grund für die Nichtbestätigung des Herrn Rumpler als Bürgermeister anzugeben: Herr Rumpler ist als Bürgermeister für die Regierung de» Grenzlandes Elsaß-Lothringen nicht annehmbar, weil er— einen Sohn hat, der in der sianzösi- scheu Armee als Offizier dient. Dem Manne, der ja zudem einen wenig beruhigenden Namen hat, wäre zuzutrauen, daß er gegebenen- falls die deutsche Mobilmachung stört. Und nun ist der neueste.Fäll* fertig. Die reichsländische und die französische Nationalistenpresse zehrt davon, und in der elsaß- lothringischen Zweiten Kammer wird sich beim Wiederzusammentritt im Januar der Abgeordnete Wetterlö die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Lächerlichkeit dieser Art von Vaterlandsrettung den Macht- habern zu Gemüte zu führen. Denn tragisch ist jene Verwandtschaft des biederen Oberehnheimer Beigeordneten mit der französischen Armee desto weniger zu nehmen, wenn man sich erinnert, daß der gegenwärtige kaiserliche Statthalter von Elsaß-Lothringen, Graf v. Wedel, als hannoverscher Offizier und der gegenwärtige Staats» sekretär, Baron Zorn v. Bulach, als sranzöfischer Offizier schon gegen Preußen im Felde standen. Wetterlös.Nouvelliste* ist ferner respektlos genug, daran zu erinnern, daß man vor kurzem in Elsaß- Lothringen einen kaiserlichen Statthalter hatte, dessen Sohn bereit war, zur Rettung eines Teiles seines großen Vermögens die russische Staatsangehörigkeit zu erwerben, und daß dieser Sohn später doch noch Bezirkspräfident des Oberelsaß werden konnte. Ferner: daß Prinz Heinrich von Preußen den Zaren zum Schwager hat, der so- eben zur Bekräftigung der französisch-rusfischen Allianz den fron- zösischen Ministerpräsidenten so warm empfangen hat; daß Wilhelm II. selbst' in naher Verwandtschast zum englischen Königs- hause steht usw. lJuoä liest Eovi, non licet bovi— was dem Jupiter erlaubt ist, ist nicht einem Ochsen erlaubt. Schön I Aber in dieser bösen Zeit sangen die Ochsen zu denken an, und so geht jene RegierungS- maxime der römischen Cäsaren in die Brüche. Mit den.Fällen*, die die reichsländische Regierung unter dem Einfluß der pangerma- nischen Hetze fort und fort in der kurzsichtigsten Weise konstruiert, besorgt sie nur die Geschäfte der elsässischen Nationalisten. Aus Kraetkes Reich. Die Telegraphenarbeiter und-Handwerker der Reichspostverwaltnng haben wiederholt an den Reichstag petitioniert um Gewährung fester Anstellung und Gleichstellung mit den unteren Staatsbeamten. Der Reichstag hat die Pentionen unterstützt, und Kraelke hat sich nun- mehr zu einer Tat aufgerafft. Er hat verfügt, daß künftighin.die Entlassung der Telegraphenarbeiter und-Handwerker von mindestens zehnjähriger Dien st zeit— mit oder ohne Aufkündigung des Dienstverhältnisses— nicht mehr den zunächst vorgesetzten Dienst- stellen oder Beamten, sondern nur den Oberpostdirektionen zusteht*. Auch die Militärdienstzeit soll diesen Arbeitern jetzt aus die Lohndienstzeit angerechnet werden. Eine erstaunliche Leistung I Schweiz. Das Fiasko der Answeisnngspolitik. Zürich, 19. August.(Eig. Ber.) � Die Regierung hat auf die angenlfene Intervention des deutschen G en e ra lko n s uls in Zürich hin die gegen unseren Genossen Bertram wegen„Beteiligung am General- streik" oder am„Aufruhr" verfugte Ausweisung aus dem Kauton Zürich wieder zurücknehmen müssen, offenbar wegen Verletzung der im dentsch-schweizerischen Niederlassungs- vertrag garantierten Niederlassungsfreiheit. Genosse Bertram war Mitglied des Vorstandes der Arbeiterunion, aber Gegner des Generalstreiks, auch hatte er sich keinerlei Gesetzes- Verletzungen zuschulden kommen lassen, was freilich auch von den anderen ausgewiesenen Genossen gilt. Genosse Bertram betrieb in Zürich ein eigenes Graveurgeschäst, aus dem er von der Negierung in der unverantwortlich leichtfertigsten Weise herausgerissen und damit seine Existenz vernichtet woxden war. Der Vorgang zeigt, daß die vielberufene„Mittelstandssürsorge" nur für jene„Mittelständler" gilt, welche bürgerlich gesinnt sind, nicht aber auch für jene mit sozialdemokratischer Ge» sinnung, die man für vogelfrei erklärt. Die Züricher Kantonsregierung mag sich nun für ihre wohlverdiente Niederlage bei den Bürgerverbändlern bedanken, zu deren verächtliche Handlangerin sie sich erniedrigt hatte. Nack diesem Fiasko wird wohl auch der Bundesrat in Bern es sich'noch gründlich überlegen, ob er dem Geschrei der Scharfmacher, die nur aus dem Kanton Zürich ausgewiesenen Genossen nachträglich noch aus der ganzen Schweiz auszu- weisen, folgen soll/ Hoffentlich unterläßt er die aufreizende und erbitternde Maßregel. DasDVolksrecht" fordert die schleunige Zurücknahme aller Ausweisungen, da sich keiner der Ausgewiesenen irgendwie gegen die bestehenden Gesetze vergangen hat. Nur dadurch würde die Regierung den von ihr durch die Ausweisungen verübten Gewaltakt einigermaßen wieder gutmachen. Lelgien. Die Arbeiter und der Generalstreik. In der„Action sconomique", einer bürgerlichen Volks- wirtschaftlichen Zeitschrift, berichtet ein Mitarbeiter über eine Studienreise in die wallonischesr Jndustriebezirke Centre und Borinage, die Mittelpunkte der'Generalstreikbewegung.„Ich hatte Brüssel miff� der Ueberzeugung verlassen," schreibt er, „daß die Streikdrohung eben nur eine Drohung sei, ein Druck auf die Regierung, ein taktisches Mittel. Heute denke ich ganz anders. Ich sprach mit pielen Arbeitern, und mehrere Ingenieure und Fabrikanten haben mir ihre Ein- drücke mitgeteilt. Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß die Arbeiter�auf die erste Aufforderung die Arbeit ver- lassen werden. Selbst wenn hellte die sozialistischen Führer versuchen sollteil, die Arbeiter vom Streik abzubringen, es würde ihnen nicht gelingen. Die Genossenschaften haben, um die große Gefahr des Kreditgebens zu vermeiden, Spar- marken hergestellt, die als Papiergeld des Streiks dienen werden. Die Sparer sind Legion. Ein wahrer Kriegsschatz wächst heran. Was mich aber vor allem gepackt hat, als ich verstehen konnte, daß ihr Entschluß endgültig war..das ist die Ruhe der Arbeiter. Es gibt da mehr Entschlossenheit als Erregung. Sie sparen für den Streik, wie sie es tun würden, uni sich einen Ferienmonat zu bezahlen. Und noch eins: die walloni- scheu Arbeiter haben das klare Bewußtsein, daß sie ein Recht verlangen, daß das allgemeine, gleiche Wahlrecht eine Sache ist, über die nicht mehr zu reden ist. Dieser Gedanke ist tief eingewurzelt. Für den Triumph dieser Idee werden sie bis zum Ende kämpfen. Irgendein revolutionärer Gedanke ist nicht dabei. Sie fordern die Wahlrechtsglcichheit, wie sie eine Lohnerhöhung fordern würdeil. Ich glaube also nicht an Aufruhr und Unruhen. Die wallonischen Arbeiter wollen eine friedliche Kundgebung. In ihrer Haltung ist ebensoviel guter Mut wie.Entschlossenheit.> Mrokko. Fortwährende Kämpft. Paris, 21. August. Aus Fez wird unter dem 19. d'. M. gemeldet: Die Kolonne P e i n. die in El Ajun lagerte, wurde am Sonnabend früh von Abteilungen der Fechtals, die aus. Norden kamen, angegriffen. Die Kolonne brach das Lager ab, zog sich zum Schein zurück und lockte den Feind auf ein Ter-rain, das für die Anwendung der Artillerie günstig war. Durch einen heftigen Angriff trieb sie dann den Feind, der bedeutende Verluste hatte, bis jenseits des Mulay Buchta zurück. Auf feiten der Franzosen wurde ein Senegalschütze getötet und zwei verletzt. Am Abend bezog die Kolonne wieder ihr altes Lager. Die Lage imSüdenvonFez ist andauernd unruhig. Die Kolonne Rebillot rückt gegen Bahlil in der Nähe von. Sefru vor, um die Absichten der Berber zu durchkreuzen; vbn dort wird sie sich nach El Hajeb begeben, von wo feind» liche Bewegungen der Beni Mgild gemeldet worden sind, perften. Ei« revolutionärer Aufruf. TäbriS, 21. August.(Meldung der Petersburger Telegraphen« Agentur.) Hier werden Proklamationen des KonstiwtionS« komitees in Aserbeidschan verbreitet, in denen das Volk aufgerufen wird, die Verfassung wiederherzu st eilen und daS Land zu retten. Lhina. Wachsende Erregung. Die Nachricht von der Ermordung SunhatsenS hat sich nicht bestätigt. Dagegen ist die Erregung wegen der Hinrichtung der revolutionären Generale beständig im Wachsen. Jn Wutschang soll eS bereits zu Kämpfen zwischen Revolutionären und RegierungS» tjuppen gekommen sein� Hmmha. Der Panamakanak. Washington, 21, August. Die Senat skommissiotb für den P a n a m a k a n a l hat mit 8 gegen 6 Stimmen beschlossen, über die von Taft in seiner Sonderbotschaft von gestern angeregte Resolution nicht zu berichten. Bei der Abstimmung darüber wurde der Meinung Ausdruck ver- liehen, Taft werde kein Veto gegen die Bill einlegen, wenn die Resolution nicht durchgehe. Diese Meinung beruht darauf, daß in der Sonderbotschaft die Bill nicht als eine Verletzung der Rechte anderer N»tionen betrachtet wird. Das Repräsentantenhaus hat den Konferenz« bericht zum F l o t t e n e t a t, der den Bau tz i n e s. großes Schlachtschiffes vorsieht, angenommen. Ein neues Blutbad in Nicaragun. New N»rk, 21. August. Nach einer verspätet eingetroffenen Depesche aus Managua ist am Sonntag in der Nähe von, Leon im Norden von Managua die ganze S90 Mann starke Gar« nison von Managua, mit Ausnahme von 70 Mann, von feea Rebellen niedergemetzelt worden, Soziales. Ei» Entschnldigungszettel als Anklage. Ein Stettiner Schulmann erhielt von der Mutter eineS Schülers nachstehenden sprechenden Entschuldigungszettel, den er der„Ostsee-Zeitung" übergab: Herr Lehrer I Bitte diesen Zettel durchzulesen und Herrn Rektor denselben gütigst zu übermitteln. Wie Wilhelm mir heute erzählt, hat der Herr Rektor ihn wieder in Gegenwart der ganzen Klasse gescholten wegen seiner langen Haare und seiner Jacke. Ich habe keine andere Jacke für Wilhelm, waschen kann ich sie nicht, weil es alle Tage regnet, sie würde nicht bis zum Morgen trocken werden, und 13 Pf. zum Haarschneiden habe ich diese Woche auch nicht übrig. Ich möchte noch bemerken, daß mein Junge von seinen Mitschülern gehänselt wird, ihm wird die Schule deswegen ganz verleidet. Es kostet mir Mühe, ihn zu überreden, daß er morgen hingeht. Er behauptet, Herr Rektor will ihm die Haare ausreißen, wenn sie nicht geschnitten sind. Mit folgendem möchte ich Herrn Rektor beweisen, daß es nicht an mir liegt, wenn meine Känder keinen zweiten Anzug zum Wechseln haben. Ich erhalte durch- schnittlich wöchentlich 25 M. Davon geht ab für Miete.,....... 3,50 M. Versicherung......—,50, Verband........— ,80„ Steuer(vierteljährlich 4,50).—,87*/.. Zeitung.........— ,22*/z. ' 5,40 M. 25,- M.:V 5,40. 19,60 M. Ich besitze 8 Kinder, meinen Mann und meine Wenig« teit zugerechnet, sind's 10 Personen. Herrn Rektor wird es vielleicht nicht interessieren, aber da ich nun schon einmal beim Schreiben bin, kann Herr Rektor auch mal erfahren. wie eine Proletarierfamalie sich das Geld bis ins kleinste ein« teilen mutz: Für täglich zwei Brote Brot...... i 5,60 M. Semmel(tägl. 80 Ps.). 2,10„ Milch(tägl. 1 Liter).. 1,40. Kartoffeln(tägl. 1 Metze) 2,80. 11,90 M. 19.60 M. 11,90. 7,70 M.* Für die 7,70 M. soll gekauft werden: Fleisch, Belag, Schmalz, Gemüse. Feuerung, Seife. Was bleibt wohl davon übrig für Kleidung und so manchmal recht notwendige Neuanschaffung in der Wirtschaft?! K. G." Nicht in pathetischen Klagen, in nüchterner, kühler Be- rechnung konstatiert der schlichte Brief einer proletarischen Mutter des arbeitenden Volkes schwere Not. Die so dem Elend ins Auge schauen, wissen auch den Weg zu besseren Verhältnissen zu finden. DaS ist das Tröstliche, das dieser Brief ausatmet. Den herrschenden Beutepolitikern und der Regierung, die, ohne sich zu rühren, das Volk hungern lätzt, ist dieser Eni- schuldigungSzettel aber eine wuchtige Anklage. Mögen sie sich hüten, den Bogen noch mehr zu überspannen! Gewerkrchaftlichea. Der britifcbe Gcwerhrcbaftshongreß. Der 45. Kongreß der britischen Gewerkschaften wird am 2. September in Newport(Monmouthshire) eröffnet werden. Die reichhaltige Tagesordnung enthält neben den regelmäßig alle Jahre wiederkehrenden Resolutionen über politische und wirtschaftliche Fragen manche Punkte, die deut- lich die Tendenzen und Gedanken erkennen lassen, die in der britischen Gewerkschaftswelt vorherrschend sind. Vor allem _ ist es die Frage der Zentralisation, die die Gemiiter be- schäftigt. Schon zwei frühere Gewerkschaftskongresse haben sich zugunsten der Bildung von Jndustrieverbänden aus- gesprochen, ohne daß wirklich ansehnliche Erfolge auf diesem Gebiete erzielt worden wären. In diesem Jahre kommen die Maurer mit einer Resolution, in der das Parlamentarische Komitee aufgefordert wird, Konfereyzen einzuberufen und Propaganda zu betreiben, um die Idee der Verschmelzung zu fördern. Ein Abänderungsantrag der Nationalen Gewerk- schaft der Dockarbeiter verlangt die Föderation der GeWerk- schatten einer Industrie, falls eine Verschmelzung nicht zu- stände kommen sollte, damit eine einheitliche Taktik befolgt werden könne: auch enthält dieser Antrag eine Absage an den Syndikalismus. Gegen die antipolitischen Tendenzen richtet sich ein Antrag des Parlamentarischen Komitees, der folgenden Wortlaut hat: „Dieser Kongreß bekräftigt seine unveränderte Befürwortung der unabhängigen politischen Aktion der Arbeiterklasse, die den wirtschaftlichen Kampf um einen gerechteren Anteil an dem pro- k duzierten Reichtum unterstützt, und spricht sich auch zugunsten eines größeren Anteils der Vertretung in nationalen und lokalen Körperschaften aus angesichts der fortschreitenden Zentralisation sozialer und wirtschaftlicher Angelegenheiten in den Händen der Regierung und der lokalen Behörden." Man kann nicht gerade sagen, daß diese etwas ungeschickt abgefaßte Resolution den Nagel auf den Kopf trifft. Die Frage des Achtstundentages ist in der letzten Zeit stn vielen Berufen sehr aktuell geworden. Namentlich sind es die Metallarbeiter(Engineers), Buchdrucker und Möbel- arbeiter, die in der Agitation stehen. Die letzteren und die Gasarbeitey verlangen in ihren Resolutionen einen all- gemeinen gesetzlichen Achtstundentag und eine planmäßige Propaganda im ganzen Lande. Die Möbelarbeiter fordern auch die Beteiligung der britischen Gewerkschaften an der Maiseier, damit die Arbeiterschaft Großbritanniens mit ihren Kollegen in anderen Länikbrn in Reih und Glied gebracht werde. Sehr interessant sind die von der Gewerkschaft der Landarbeiter eingereichten Anträge. Sie enthalten folgende Forderungen: Kürzere Arbeitszeit und einen halben Feiertag in der Woche für Landarbeiter: Eintragung der Landarbeit in die Liste der Berufe, für die nach dem Gesetz über das Schwitzsystem(1910) Lohnämter errichtet werden müssen: obligatorische Bebauung alles landwirtschaftlichen Bodens. Ein Nachklang des letzten Londoner Hafenarbeiterstreiks ist die Resolution der Typographischen Assoziation, in der ein Gesetz gefordert wird, wodurch die zwischen den Vertretern ifoer Arbeiter und Arbeitgeber geschlossenen Verträge über Lohn, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen gesetzlich bindend gemächt werden sollen. Wie erinnerlich sein wird, wurde ein ähnlicher Gesetzentwurf während des letzten Streiks von der Arbeiterpartei im Parlament eingebracht. Von den , übrigen Anträgen sind noch folgende zu erwähnen. Die Ge- 'werkschaft der Bekleidungsarbeiter fordert einen wöchentlichen Mindestlohn von 39 Schilling für alle erwachsenen Arbeiter und Arbeiterinnen. In einer Resolution der Londoner Buch- drucker heißt es, daß die Gewerkschaften sofort eine Agitation zugunsten einer allgemeinen Lohnerhöhung von 5 Schilling die Woche entfalten sollten: begründet wird der Antrag mit dem Hinweis auf die gesunkenen Reallöhne. Dieselbe Ge- werkschaft fordert auch ein Gesetz, das die Bezahlung der gesetzlichen Feiertage obligatorisch machen soll. Wieder ein- mal kehrt ein Antrag auf Verschmelzung der bestehenden Zentralorganisationen wieder. In früheren Jahren wurde ' eine Zentrale verlangt, die die Arbeiterpartei, den Gewerk- schaftskongreß und den Allgemeinen Gewerkschaftsverband umfassen sollte. Dieses Mal hat man den Gewerkschafts- verband ausgelassen. Der Antrag kommt wieder von den Kesselschmieden, die nach ihrer Niederlage vor zwei Jahren die eifrigsten Verfechter des Zentralisationsgedankens ge- worden sind. Sie legen dem Kongreß sogar einen Organi- sationsplan fix und fertig vor. Danach soll jährlich ein großer Arbeiterkongreß abgehalten werden, auf dem die Ge- werkschaften und die sozialistischen Gesellschaften vertreten sein sollen. Als Aufgaben des Kongresses werden bezeichnet: die Ueberwachung aller die Interessen der Arbeiterschaft be- rührenden Gesetze, die Organisierung und Erhaltung einer Arbeiterpartei im Parlament, die Sammlung eines Fonds zur gegenseitigen Unterstützung... Der 43. Kongreß der britischen' Gewerkschaften verspricht Sin Ereignis von außergewöhnlicher Bedeutung zu werden. Verlin und Nmgegcnd. Die Aussperrung im Dachdeckergewerbe. Sehr gute Erfolge sind in den letzten Tagen erzielt worden. Wieder haben 8 Firmen die Lohn- und ArbeitÄedingungen unter- schriftlich anerkannt. Darunter befindet sich eine große Firma und mehrere sehr gute Mittel- und Kleinbetriebe. Insgesamt haben jetzt S3 Firmen unterschrieben. In den Reihen der Arbeitgeber fängt es jetzt an zu gären. Nur wenige sind noch mit der Haltung des Arbeitgeberverbandes einverstanden. Bei der großen Mehrzahl ist der Wunsch nach Frieden vorhanden. Von diesen Arbeitgebern wird allgemein der Anschluß an das Kartell im Baugewerbe verurteilt. Ohne alle Umschweife spreche» sie es aus, daß sie durch die Drahtzieher im Baugewerbe in die Tinte geführt ivorden sind. Von jener Stelle aus ist den Arbeitgebern diktiert worden: der Abschluß des Ver- träges darf nur bis 31. März 1S13 erfolgen. Dieser Diktatur widersetzten sich die iWbeiter und dieserhalb haben es die Arbeit- gcber zum Kampf kommen lassen. Forderungen haben die Arbeiter gar nicht gestellt, nur der alte Vertrag sollte verlängert werden. Hütten die Arbeiter nur noch mit den Dachdeckermeistern zu tun, so wäre der Kampf im Gewerbe sicher nicht entbrannt, oder aber er wäre bereits erledigt. So aber forderten die Tonangebenden im Baugewerbe: kein Nachgeben! Und die Dachdeckermeister waren kurzsichtig genug, sich den Wünschen und dem Willen dieser Herren . tzu fügen. � haben sich' die Arbeitgeber einen Arbeitsnach. weis eingerichtet, um sich gegenseitig unorganisierte Arbeitskräfte zuzuführen. Sehr schlecht muß es allerdings mit der Arbeitsver- miitesung der Arbeitgeber bestellt sein. Fortgesetzt machen sie die größten Anstrengungen, um nur einige Leute zu bekommen. Mit ' diesen Elementen wird es ihnen nicht im entferiiiesten- möglich sein, ihre notdürftigsten Arbeiten zu erledigen. Von welcher Oua- lität diese nützlichen Elemente mitunter sind, bewesten einige Aus» Lerantw, Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantv.; spruche der Arbeitgeber selbst. Mit der größten Verachtung ur- teilen sie über diese Menschen. Sogar ein Polizeibeamter be- zeichnete die Arbeitswilligen auf einem Bau den Streikposten gegenüber als ausgesprochene Pennbrüder. Gegen den Arbeitsnachweis der Arbeitgeber wendeten die Ar- beiter sich beschwerdeführend an das Kuratorium des paritätischen Arbeitsnachweises, weil es durch» die Geschäftsordnung des pari- tätischen Facharbeitsnachweises für das Dachdeckergowerbe ver- boten ist, neben diesem Nachweis noch andere Vermittelungsstellen zu unterhalten. Die Verhandlung im Kuratorium fand am Diens- tag, den 2». August, statt. In dieser Sitzung bestritten die Arbeit- geber, daß sie sich einen Verstoß gegen die Geschäftsordnung des paritätischen Arbeitsnachweises hätten zuschulden kommen lasten. Nur weil sie vom paritätischen Nachweis keine Arbeitskräfte be- kommen konnten, hätten sie zur Selbsthilfe, zur Gründung ihres Meisterqrbeitsnachweises schreiten müsten. Von den Arbeitneh- mern wurde den Herren nachgewiesen, daß sie die Geschäftsordnung umgangen haben. Nach dieser dürfen sie einen anderen Arbeits- Nachweis nicht gründen. Eine Einigung war hierüber nicht zu er- zielen. Es soll am 27. August noch einmal verhandelt werden. Am Montag fand auch eine Vertrauensmänncrsitzung statt. In dieser wurden die Berichte über die Vorkommniste in den ein- zelnen Werkstellen gegeben. Nach den Berichten der Vertrauens- lcute stehen die Dinge für die Arbeiter sehr gut. Es wurde von allen Vertrauensleuten betont, daß die bisherige Taktik der Streik- leitung die richtige gewesen ist. Es soll nach dieser Taktik weiter gehandelt werden. Ebenfalls wurde von den Vertrauensleuten her- vorgehoben, daß die Kampfesstimmung unter den Ausständigen noch dieselbe ist wie am ersten Tage. Ausgesprochen wurde auch, daß die gesamten Bauarbeiter den Dachdeckern die größte Sym- pathie bekunden. Noch einmal sei hervorgehoben, daß der Ausstand kein allge- meiner ist. Die Arbeitgeber haben beschlossen, die Dachdecker all- gemein auszusperren, dieses ist ihnen nicht gelungen. Es haben von 200 Arbeitgebern ganze 30 ausgesperrt. Bei den anderen Ar- beitgebern haben die Arbeiter die Arbeit einstellen müssen. Ar- beitsberechtigungskarten sind nur an die Dachdecker ausgegeben worden, die in Betrieben arbeiten, wo die Lohn- und Arbeitsbe- dingungen unterschriftlich anerkannt worden sind. In zweifel- haften Fällen werden die Bauarbeiter gebeten, sich an den Ver- band der Dachdecker, Sophienstr. 6, Telephon Amt Norden, Nr. 2S83, zu wenden._ Achtung I Metallarbeiter. Bei der Firma H e u b a ch in Tempelhof, Colditzstraße, befinden sich die Kollegen im Streik. Die Firma versucht durch Inserate in verschiedenen Zeitungen Arbeitswillige zu bekonimen. Wir ersuchen die Metallarbeiter, etwaige Arbeitsangebote der Firma Heubach zurückzuweisen bezw. nickt zu beachten. Die Firma Heubach in Tcinpelhof ist für Metall- arbeiter jeder Branche bis auf weiteres gesperrt. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Tapezierer sKleberf. Die Sperre gegen die Firma Knau er, JaSmunder Str. 12(Bauten Schöneberg, Hochkirchstr. 8 und 14; Charlottenburg. Danckelmannstr. 4 und Berlin, Neue Hoch- straße 3) ist hiermit aufgehoben. Die SchlichtungS-Kommission. Achtung, Friscurgehilfen. Aufgehoben ist die Sperre bei Behrend, Triftstr. 40.— Bewilligt baben ferner: Sa- powski, Amsterdamer Str. 3; Paar, Beusselstr. 33: Honoyna. Holzmarktstr. 63: Dambrowski, Adlershof, Bismarckstr. 13: Chonilewski, Neukölln, Selchower Str. 3ö. 0 Verband der Friseurgehilfen. Deutfekes Reich. Immer wieder Unternehmerterrorismus. Die Leipziger Fleisckerinnung, die den Arbeitsnachweis für das Fleischergewerbe in Leipzig in der Hand hat, legt nach einem JnnungSbeschluß den arbeitsuchenden Fleischergesellen folgendes Schrift- stück zur Unterschrift vor: „Bei Annahme des umstehend näher bezeichneten Arbeits- Verhältnisses erklärt der Geselle ausdrücklich, daß er nicht Mitglied des Zentralverbandes der Fleischer und Berufsgenossen Deutsch- lands ist, wie er sich auch weiterhin verpflichtet, diesem Verband nicht beizutreten. Sollte die vorgenannte Erklärung nicht auf Wahrheit beruhen oder sollte der Geselle, entgegen vorstehender Verpflichtung diesem Verbände noch beitreten, so ist der Meister verpflichtet, den Gesellen ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist und ohne Entschädigung sofort zu entlassen." Dies Organisationsverbot der Leipziger Fleischermeister beweist, daß der Zentralverband der Fleischer die Interessen der Berufs- angehörigen zu wahren versteht und daß ihn die vom Herrendünkel beseelten JnnungSleute fürchten. Das enlschultigt ihr terroristisches Vorgehen aber nicht im mindesten. Es ist eine Unverschämtheit, wenn Unternehmer ihr wirtschaftliches Uebergewicht mißbrauchen, um den Arbeitern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organi- ation bei Strafe der BrotloSmachung zu verbieten. Ein Gesetz. welches die Arbeiter gegen derartige Vergewaltigungen ihres KoalitionSrechts schützt, ist dringend notwendig. Polnisch-nationalistische GewerkschaftszersMtterer. Die polnische Berufsvereinigung hat nunmehr ihren drei bis- herige» Fachabteilungen eine neue hinzugefügt. Zu diesem Zwecke and kürzlich in Posen eine Konserenz der im Rahmen der Hand- Werkerabteilung der polnischen Berufsvereinigung vorhandenen größeren Baugewerbegruppen, und�zwar der Maurer, Zimmerer und Bauhilfsarbeiter, statt. ES wurde einstimmig beschlossen, eine be- andere Fachabteilung für polnische Bauarbeiter zu errichten. Zurzeit sollen laut einer speziell vekanstalteten Statistik innerhalb der polnischen Berufsvereiniguug gegen 2300 Maurer und Zimmerer organisiert sein. Zum Vorsitzenden dieser neuen Fach- abteilung ist ein geioisser W. Seczodroivski gewählt ivorden. Gegen- über von 290 136 Organisierten im freien Bauarbeiterverband im Jahre 1911 nimmt sich das neuck Organisatiönchen einfach lächerlich aus. Immerhin ist es zu bedauern, daß es sogar 2300 polnische Bauarbeiter gibt, die sich durch polnisch-nationalistische Tiraden be- tören lassen. Hoffentlich werden sie bald einsehen, daß sie erfolg- reich für Verbesserung ihrer Lebenslage nur gen, einsam mit ihren deutschen Kollegen wirken können und müssen und daß eS in ihrem ureigensten Interesse liegt, sich den freien Verbänden ihres Be- rufes anzuschließen. Für ihre sprachlich- kulturellen Bedürfnisse wird innerhalb der freien Gewerkschaftsbewegung nach jeder Richtung gesorgt._ HusUnd. Die Streikbewegung in Rußland. Der Moskauer Fabrirantenverband veröffentlichte dieser Tage Angaben über die Streikbewegung während Januar— Mai d. I. Nach diesen Angaben haben während der Berichtszeit 613000 Ar- beiter oder 37 Proz. aller russischen Arbeiter ge- streikt! Än der diesjährigen Maifeier haben nach diesen An- gaben 300 000 Arbeiter teilgenommen, während die Sympathiestreiks aus Anlaß der L e n a m e tz e l e i 21S 000 Teilnehmer zählten. An den wirtschaftlichen Streiks haben in den ersten fünf Monaten d. I. zirka 100 000 Arbeiter teilgenommen. Der Bericht sucht den mächtigen Eindruck dieser Zahlen dadurch abzuschwächen, daß er fünf Sechstel der wirtschaftlichen Streiks„soziaipolitiichen Ursachen" zuschreibt. Dieses Argument charakterisiert lediglich die unheilbare Stupidität und grenzenlose Heuchelei der russischen Unternehmer- klaffe, die sich von dem Vorwurf der unmenschlichen Exploitation durch den Hinweis auf die„sozialpolitischen Ursachen" zu reinigen uchl, und zugleich in der Aufrechterhaltung dieser sozialen und politischen Zustände den beste» Schntzwall gegen die wirischaftlkchen Bestrebungen der Arbeiterklasse sieht.____ Th. Glocke, Berl'U. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Verlagsanstalt Dockarbeiterstreik in Londott. London. 21. August. sP- C.) 2000 Arbeiter haben gestern die Londoner Docks verlassen und sind in den Streik getreten. Als Ursache des Streiks wird die Verweigerung einer Lohnerhöhung be- zeichnet._ Ausstand der Liverpooler Dockarbeiter. London, 21. August.(B. H.) 2000 Arbeiter, welche an dem Bau des neuen Docks in Liverpool beschäftigt waren, haben gestern die Arbeit niedergelegt und verlangen eine Lohnerhöhung. Streiks in Brasilien. Rio be Janeiro, 21. August.(W. T. B.) Die Verlader der Eisenbahngesevschaft Leopoldina streiken seit gestern, so daß der Durchgangsverkehr teilweise lahm liegt. Im hiesigen Hasen hat der Streik bedeutenden Schaden angerichtet. Die Handelskreise bereiten einen Protest gegen die Direktoren der Leopoldina vor. Die Blätter sind auf feiten der Streikenden.— Die Lage in Santos ver- schlimmert sich immer mehr. 3000 Dockarbeiter sind im Ausstande. Patrouillen überwachen die verlassenen Kais. Da Unruhen vor- gekommen sind, ist ein Kriegsschiff dorthin entsandt worden. Hus der Frauenbewegung. Die Arbeiterin in den österreichischen Gewerkschaften. Mit bewunderndem Neide haben die österreichischen Genossinnen immer wieder die rapide Zunahme der weiblichen Mitglieder in den freien Gewerkschaften Deutschlands vernommen. Leider konnte man von Oesterreich Jahre hindurch von keiner Zunahme berichten. 1907 war in Oesterreich der höchste Stand von 46 401 weiblichen Mit- gliedern erreicht. Dann"stink diese Zahl 1908 auf 44 643, 1909 auf 39 736(dies war die erste Zählung ohne die tschechoslawischen Mit- glieder). 1910 begann wieder der Aufstieg. Es wurde die Zahl von 42 607 erreicht und Ende 1911 wurde die höchste Zahl verzeichnet, die es in Oesterreich je gab: 47 991 weibliche Mitglieder in den Gewerkschaften. Während in der Berichtsperiode die männlichen Mit- glieder um 4.47 Proz. zugenommen haben, beträgt der Gewinn bei den weiblichen Mitglieder 12,51 Prozent. Dies zeigt, daß der Stillstand überwunden ist, daß die Zeit gekommen ist, wo die Arbeiterin der gewerkschaftlichen Werbearbeit zugänglicher wird. Wir gehen nicht fehl, wenn wir annehmen, daß der Aufschwung der Arbeiterinnen- bewegung in Oesterreich im allgemeinen, auch diese günstige Wirkung auf die Arbeiterinnen hervorgerufen hat. Die Werbearbeit in den Werkstätten, die konstante Agitation unter den Frauen im allgemeinen und die vermehrte Literatur für die Arbeiterinnen wirken zusammen. Nach Berufen gegliedert verteilen sich die 47 991 gewerkschaftlich organisierte Arbeiterinnen folgendermaßen: Bauhilfsarbeiter 390, Brauereiarbeiter und Faßbinder 336, Buchbinder 2960, Buchdruckerei« Hilfsarbeiter und Zeitungsarbeiter 1976, chemische Arbeiter 3578, Drechsler 109, Glasarbeiter 290, Goldarbeiter 241, HandlungS- gehilfen 1006, Handels- und Transportarbeiter 830, Heim« arbeiterinnen 1403, Holzarbeiter 592, Hutmacher 1095, Kellne- rinnen 105, Kürschner 309. Lithographen und Steindrucker 702, Metallarbeiter 3751, Porzellanarbciter 1475, Schirmarbeiter 325, Schneider 1271, Schuhmacher 410, Steinarbeiter 109, Tabak- arbeiter 7232, Textilarbeiter 15 997, Versicherungsangestellte 537, Zeitungsausträger 1065, Zuckerbäcker 335. Berufe, die nur unter 100 organisierte Arbeiterinnen besitzen, haben wir nicht angeführt. Die organisierten Dienstmädchen fehlen noch, da sie der Gelverlschafts- kommiision noch nicht angeschlosien sind. Jedoch ist es der Wunsch und das Streben dieser Organisation, der Gesamtheit der gewerk- schaftlichen Organisationen angeschlossen zu werden. Waschfrauen und Dienstmädchen in Oesterreich. Zu der in dieser Rubrik kürzlich gebrachten Notiz über einew bevorstehenden Zusammenschluß der Organisation der Waschfrauen und Dienstmädchen sei bemerkt, daß es sich vorläufig nur um eine Anregung der Vorsitzenden der Dienstmädchenorganisation handelt. Da der Verein der Heimarbeiterinnen, dem die Wasch- und Auf- wartefrauen sin Oesterreich Bedienerinnen geheißen) angeschlossen sind, seinen Mitgliedern die„Arbeiterinnen-Zeitung" an Stelle eines Fachorgans gibt, was naturgemäß zu den häufigen Klagen führt, daß de» Bestrebungen des Vereins der Heimarbeiterinnen zu wenig Raum gewidmet werde, regle die Sekretärin an. ein eigenes Mitteilungsorgan herauszugeben. Mnossin Lofal, die Vor« sitzende der Dienstmädcken, gab daraus die Anregung, die „Einigkeit", das Organ der Hausangestellten in ein Organ für beide Organisationen umzuwandeln, da doch soziale BerührungS» punkte und Interessengemeinschaften vorhanden seien. Diese An- regung konnte wegen der vorgerückten Zeit nicht mehr verhandelt werden, doch wurde sie dem Vorstande zur Beratung zugewiesen. Ob der Plan realisiert wird, läßt sich aber noch gar nicht beurteilen. Beide Vereine haben in Wien ungefähr die gleiche Mitgliederzahl. Etwas über 700._ Jugendbewegung. Eine Konferenz der Jugendausschüsse von Lldeiiiurg-OstfrieSlan» fand am Sonntag in Oldenburg statt. Tie Berichte aus den einzelnen Orten lieferten ein befriedigendes Bild. Die„Arbeiter- jugend" wird in 700 Exemplaren gelesen. In Nüstringen macht die Werft alle Anstrengungen durch Gründung von Lehrlingsvereinen. die Jugend einzufangen. In einer Anzahl anderer Orte, speziell in Oldenburg, versucht der Jnngdeutschlandbund eine Gegenbewegung zu schaffen. Natürlich fordern die Behörden den Jungdeutschlandö- rummel mit allen Mitteln; die Eisenbahndirektion gibt die übliche Fahrpreisermäßigung, wälst-end sie— wie daS im Kiaffenstaat nicht verwunderlich ist— einen gleichen Antrag der Arbeiterorganisation abgelehnt hat. Darüber werden unsere Vertreter im Landtage noch ein kräftiges Wort reden. t*ctztc Nachrichteti« Explosion in einer Pnlversabrik. Wiener Neustadt, 21. August sP-C) Gestern nachmittag explodierte im Objekt Nr. 12 der Munitionsfabrik Wöllersdorf eine Neunzentimetergranate. Durch die Explosion wurde ein Arbeiter schwer, zwei andere leichter verletzt. Der Schüben ist nicht bedeutend. Ueberschwemmnng in Südfrankrelch. Grenoble, 21. August sP-C.) Der Hauptort des Kantons Le Bourg-d'Oisans im Ärron'dissemcnt Grcnoble wäre gestern durch die Romanche fast völlig zerstört worden. Infolge eines starken Lawinensturzes im Hochgebirge war der Fluh bedeutend gestiegen und hatte ocn Sch�damm an einer Stelle durchbrochen und einen Teil des Städtchens bereits unter Wasser gesetzt. Die ganze Ortschaft schien verloren, und nur dem Umstände, daß der reißende Strom große Felsblocke mit sich zu Tale führte, ist die Rettung des OrteS zu verdanken. Ein riesiges Felsstück von ca. 40 Kubikmeter hatte sich gerade vor die vom Strom durchbrochene Stelle des Schutzdammes gelegt und so dem weiteren Vordringen des Wassers Einhalt getan. Bereits im Jahre 1905 ist der Ort durch einen ähnlichen glücklichen Umstand vor dem völligen Untergänge bewahrt werden. Der durch die lieber» schweiiimung angerichtete Schaden ist liiimcrhin beträchtlich, da zahlreiche Bauernhöfe von den fluten überschwemmt worden sind._________ Paul Singer kt Co., Berlin L�V. Hierzu 2 Beilagen u.UnterhaltungSbl. Dr. 195. 29. Jahrgang. 1. Icilitge Ks Jotmirts" Krlim WIKsM. Zoiwetslas, 21 JnpJ 1912. 19. veutlcher Ortshrankcnkaifentag. tTelegraphischcr Bericht.) Köln, den 2l. August. Zu Beginn der heutigen Sitzung brachte Vorsitzender Landtags- abgeordneter Fr ä tz d o r f- Dresden ein Telegramm von Prof. Dr. L e m m h o f- Berlin zur Verlesung, das sich gegen das Referat von Brachel-Köln über den Aerztelonflikt wendet. Das Telegramm lautet:„Die mir von Herrn Brache! zugeschriebene Aeugerung, der Leipziger Verband oder die deutschen Äerzte würden ans der Sozialversicherung eine Farce machen, wenn ihre Wünsche nicht er- füllt würden, habe ich niemals, auch dem Sinne nach niemals, ge- braucht. Als mir im Haag diese Aenxerung von Herrn Guggenheim zugeschrieben wurde, habe ich das sofort entschieden zurückgewiesen. Ich vertraue Ihrer Loyalität und bitte Sie. dieses Telegramm der Versammlung mitzuteilen. Professor Lemmhoff."— Vorsitzender Aräßdors: Der Herr Professor hat nicht vergeblichl an die Loyalität der Kongretzleitung appelliert, es ist nur zu wünschen, daß auch die Aerzte immer dieselbe Loyalität üben würden. Hierauf tvurde die Debatte über die Dienstverhältnisse und Dienstordnung der Kassenangestellten zu Ende geführt. Als Sprecher der Organisation der Kassen- angestellten betonte Reichstagsabgeordneter G i e b e l, daß es sich bei den Verhandlungen für die Kassenangestellten immer nur darum gehandelt habe, eine grundlose Kündigung des Dienstverhältnisses unmöglich zu machen. Dieser Grundgedanke kommt in dem Tarif- «ntwurf auch zun, Ansdrnck. Im übrigen wandte sich der Redner gegen die Verherrlichung des Angestelltenrechts in der Reichs- Versicherungsordnung durch Justizrat Mayer. Es ist zuzugeben, daß das Angestelltenrecht der Reichsversicherungsordnung auch manche gute Bestimmung enthält. Aber es ist auch eine große Anzahl von Fußangeln in das Gesetz hineingekommen, die nicht aus sachlichen Notwendigkeiten geschaffen wurden, sondern'sehr leicht eine außer- ordentliche Schädigung und ungerechte Behandlung der Kassen- angestellten seitens dritter Instanzen bewirke» können.(Zustimmung.) Die E i n i g u n g s b e s ch l ü s s e zur Angestelltensrage werden hierauf einstimmig angenommen. Sie bestimmen über die An- ftellungsgrundsätze: l. Die Anstellung erfolgt längstens nach zweijähriger Probe- dienstzeit, wenn das 2l.<23.) Lebensjahr vollendet ist. 2. Die Kündigungsfrist ist mindestens eine vierteljährliche. Nach fünfjähriger Beschäftigung kann einem Angestellten der Gruppen I bis IV nur auS einem wichtigen Grunde ge- kündigt werden.(Die Gruppen I bis IV umfassen die Kassenangestellten mit Ausnahme derjenigen unter 23(25) Jahren, die in der Kasse ausgebildet worden sind, während der ersten Jahre ihrer Anstellung. Ueber die Gehälter wird bestimmt, baß sie nach Angestellten- Hruppen und nach einem Städteklassentarif zu bemessen sind. Der Einteilung der Angestelltengruppe, in die die ständigen Angestellten nach den ihnen zur regelmäßigen Verrichtung zugewiesenen Arbeiten von der einzelnen Kasse einzureihen sind, wird zwischen den ört- lichen Organen der Vertragsparteien vereinbart. Soweit bei den größeren Kassen eine Prüfungsordnung für die Angestellten be- steht, ist diese maßgebend.— Die Einteilung der Gruppen erfolgt aus Grund der bisherigen örtlichen Verhältnisse, so daß die Zahl der Gruppen geringer sein kann, als noch vorstehenden Normen, doch dürfen mehr als fünf Gruppen nicht vereinbart werden. Die bei der einzelnen Kasse geltende Gruppen- «inteilung ist in die Dienstordnung aufzunehmen. Die Anfangs- gehälter, Dienstalterszulagen und Entgelt werden in gleicher Weise wie die Angestelllcngruppen örtlich vereinbart. Die Anfangs- gehälter dürfen jedoch nicht hinter der in Dresden 1S11 beschlossenen tariflichen Gehaltsskala zurückbleiben. Die hiernach 1911 erfolgte Gehaltserhöhung haben alle Kassen ihren Angestellten zu gewähren; diese Bestimnmng gilt nicht nur für Kassen, deren Gehaltsskala mindestens 19 Proz. die jetzigen tariflichen Gehälter übersteigt. Der bisherige Rechtsanspruch auf DienstalterSzulagen bleibt bestehen. Eine Gehaltszulage kann nur unterbleiben, wenn die Kündigung deS Angestellten in Frage steht und dies dadurch zu- nächst abgewendet werden soll und nachdem dem Angestellten vorher bereits einmal durch Vorstandsbeschluß wegen seines mangelnden Fleißes oder seiner ungenügenden Leistungen oder seiner nicht an- gemessenen Führung schriftliche Verwarnung e» teilt worden ist. Bei Krankenkassen ohne Penfionseinrichtung trägt die Kasse die vollen Beiträge zur Angestelltinversicherung. Den Kasten wird empfohlen, die Beiträge aus Grund der Versicherungspflicht zur Srbeitervcrsicherung voll zu zahlen. Der Erholungsurlaub soll mindestens betragen: nach einjähriger Beschäftigung eine Woche, nach vierjähriger Beschäftigung zwei Wochen, kleines feuiUeton. Die Wand.(Mehr zum Vergnügen als für die Praxis): So wie es Romane gibt, die auf dem Prinzip der trennenden Tür auf- gebaut sind,— sie können zusammen nicht kommen, sei es, weil das Wasser zu tief ist. oder weil eine alte Tante dagegen ist. oder die Moral, oder das Geld,— fiele die trennende Tür, wir wüßten nicht, wo das Buch bliebe—; so gibt es auch Badeverwaltungen, die ein richtiges Familienbad für einen— wie sagt man?— einen Pfuhl holten. An der Nordsee hat man beim Baden keine Zeit, auf schlechte Gedanken zu kommen: man übersieht das meiste, freut sich, wenn man einen Menschen mit einem schönen Körper sieht, und plantscht im übrigen im Meer. Mecklenburg(dessen Wappen man schon an der Stirn an- sieht, mit wem man es zu tun hat), ist noch nicht soweit. Muhiam, und wohl auch.. nur, weil das zahlende Publikum es so gewollt hat, ist man zum Bau eines Famiuenbades geschritten. Das heißt: baden dürfen die(Pardon.) Geschlechter schon(Pardon I) zusammen- aber zum Trocknen werden sie— gesondert, nach Maßgabe ihrer Zugehörigkeit zum einen bezw. zum anderen— in viereckig ein- gezäunte Sandplätze gelegt. Franen und Männer, getrennt durch eine Bretterwand. Man mutz es dem asthmatischen RechnnngSrat und dein mit Hämorrhoiden behafteten. Badedireltor laste»— der Einfall ist grundlos, aber wstz'g genug Kann sein, daß sie an die wirklich scheußlichen Frailenkorper gedacht haben, die man hier zu sehen bekommt, es ist nicht feder Frau Sache, sich große Füße und «inen übervollen Busen, einen ungepflegten Leib begaffen zu lassen— der Einfall ist witzig genug. Zeigt aber, daß es allemal die Mucker find, die schon frühmorgens um 10 Uhr nicht mehr Herr ihrer Be- gierden sind. Eine Wand ist die Mutter de« Astlochs. tu. Der Alkoholmißbrauch in Indien. Bon jeher waren die Be- wohner Vorderindiens nüchterne Menichen. Zwar wud in ihren alten heiligen Schriften den Rigweda. dre auf das ehrwürdige Alter von fünf bis sechs Jahrtausenden zurückblicken können, in einem Gedicht Jndra. der König der Gölter", als betrunken dargestellt. und die großen Herren an, Hofe des Großmoguls zu Delhi gaben sich, obwohl der Islam ihnen berauschende Gelranke verbot, wüsten Gelagen hin; doch blieb die große Mäste des Volkes immerhin dem Laster deS Trunkes fern. Erst der Einfluß der Europäer führte einen Umschwung zum Schlechteren herbei. Namentlich die begüterten Klassen der Eingeborenen sowie die studierenden jungen Inder, die eine Ehre darein setzen, die Gepflogenheiten der englischen Studenten nachzuahmen, lernten zuerst und am gründlichsten das Trinken. Die Engländer haben allerdings wie daS„Archiv für soziale Hygiene" tö. Bd., 3. Heft) schreibt, ihre Gxünde den Alkoholkonsum in Jndren zu nach zehnjähriger Beschäftigung drei Wochen. Diese Bestimmung gilt auch sür Hilfsarbeiter. Die Hilfsarbeiter erhalten nach dreimonatlicher Beschäftigung eine» schriftlichen Vertrag, der jederzeit mit Monatsfrist gekündigt werden kann. Im Erkrankungsfalle soll ihnen das Gehalt bis zu einem Monat weiter gezahlt werden. Der Tarifvertrag, von dein die Musterdienstordnung ein Be- standteil ist, tritt mit dem 1. Oktover 1912 für zwei Jahre in Kraft; er verlängert sich jeweilig um ein Jahr, sofern er nicht sechs Monate vor Ablauf gekündigt wird. Der Tarifvertrag sieht einen von beiden Organisationen paritätisch gebildeten Tarifausschutz vor, der über Versetzungen in eine andere Städteklasse entscheiden soll und im übrigen vermittelnd zu wirken hat. Hierauf wurde die Frage der Zentralisation der Krankenkasse« beraten. Reichstagsabgeordnetcr Brandes- Magdeburg führte aus: Für jeden Sozialpolitiker und Versicherungstechniker ist es fast unverständlich, wie bei der Schaffung der Krankenversicherung die einfachsten versicherungstechnischen Grundsätze außer acht ge- lassen werden konnten. Dadurch ist eine heillose Zersplitterung der deutschen Krankenversicherung herbeigeführt worden und das wird so bleiben, wenn wir uns jetzt nicht aufraffen zu einem kräftigen Schritt nach vorwärts. Die Möglichkeit dazu ist in gewisser Be- ziehung von der Reichsversicherungsordnung gegeben. Die durch- schnittliche Mitgliederzahl einer Krankenkasse in Deutschland be- trägt 503, ist also geradezu lächerlich gering. Bei einer solchen Mitgliederzahl ist es unmöglich, Leistungen zu vollbringen, wie sie erfreulicherweise von einzelnen großen Krankenkassen bereits ge- boten werden. Die Unfall- und Invalidenversicherung hatten von vornherein eine einheitliche Organisation. Bei der Krankender- sicherung aber haben wir eine Zersplitterung der Kräfte und da- durch verursacht eine enorme Schädigung der Interessen der Ver- sicherten. Auch eine Unsumme von Arbeitskraft wird durch die Zersplitterung vergeudet. Die Reichsversicherungsordnung schafft, wenn auch nicht direkt Wandel, so doch eine Wendung zum Besseren. Die Gesetzgeber von 1911 mutzten wissen und haben gewußt, welche enormen Hindernisse die Zersplitterung der Krankenversicherung der Bekämpfung der Volkskrankheuen und der Volksarmut ent- gegensetzt. Die Reichsversicherungsordnung läßt leider immer noch sechs Kassenarten bestehen. Die Zwerggebilde von Betriebskran- kcnkassen mit 150 Mitgliedern sollen bestehen bleiben und für andere Kasienarten ist als mindeste Mitgliederzahl sogar nur 50 vorgeschrieben. Diese Zahlen sprechen beredt für die Rückständig- keit der Reichsversicherungsordnung in dieser Frage. Wir haben allen Anlaß, auch die geringste Möglichkeit, die uns die Reichsver- sicherungsordnung in die Hand gibt, zu benutzen, um die Zentrali- sation durchzuführen. Die kleinen Betriebs- und Gemeindekranken- kassen müssen verschwinden. Wir wollen daher den ganzen Einfluß. der uns zur Verfügung steht, aufwenden, um vor allem auch die Entstehung neuer Kassenarten zu verhindern. So wollen wir uns an die Gemeindebehörden wenden, um sie gegen die Bildung von Landkrankenkassen mobil zu machen.(Sehr- richtig!) Es gibt hoffentlich auch eine Reihe preußischer Städte, die die Not- wendigkeit dieser neuen Gebilde nicht einsehen, die von Elsaß- Lothringen generell abgelehnt worden sind. Nun wendet man sich gegen die Zentralisation mit der Behauptung, die großen Kranken- kassen würden dann von der Sozialdemokratie zu politischen Zwecken inißbraucht werden. Was an diesem politischen Vorwurf wahr ist, haben wir gestern von einem Arbeitgebervertreter gehört. Auf jeder unserer Tagungen tritt ein Arbeitgebervertreter auf und weist diese immer wieder aufs neue aufgestellte Behauptung mit größter Entschiedenheit zurück. Dieselben Leute, die den Vorwurf des p o- litis chen Mißbrauchs der Krankenversicherung gegen uns erheben, sind es, die ein Interesse daran haben, daß keine großen und einheitlichen Versichcrungskörperschaften zustandekommen, und die vor allem nicht wollen, daß in diesen großen einheitlichen Ver- sicherungskörperichaften Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen- arbeiten.(Lebhafter Beifall.) Wir sehen an den großen Kassen, zum Beispiel Leipzig, Dresden, Stuttgart und Frankfurt a. M., was sie leisten können. Tausende werden jährlich hinausgeschickt in Bäder und Genesungs- Heime und in dieser Zeit wird daheim für Weib und Kind gesorgt. Die großen Krankenkassen Wirten weiter in der Vorbeugung vor- bildlich. Wenn jetzt immer geklagt wird über den Rückgang der Geburtenzahl in Teutschland, so erwidern wir daraus, daß ein Ausgleich nur möglich ist, wenn die Sterblichkeit zu wei- terem Sinken und die Kindersterblichkeit noch weiter herabgedrückt wird.(Lebhafter Beifall.) Was aber die großen Krankenkassen schon bisher auf diesem Gebiete geleistet haben durch Schwan- geren- und Wöchnerinnenschutz, durch Unterstützung stillender Mütter, brauche ich in diesem Kreise nicht zu schildern.— protegieren, da ihnen aus den Steuern auf geistige Getränke eine glän- zende Einnahme erwächst. Im Pundschab(Fünfstromland) betnig diese Einnahme im Etatsjahr 1900/1991 über zwei und eine halbe Million Mark, drei Jahre später drei Millionen und zwei Jahre danach gar vier und eine viertel Million. Die Einnahme der indischen Regierung aus der Alkoholsteuer beträgt heute das Vierfache dessen, was im Jahre 1875 einkam. Die Ursachen sind leider in der Zunahme der Trunksucht zu suchen und nicht, tvie offiziell geflissentlich behauptet wird, in dem Anwachsen der Bevölkerungsziffer; denn gerade im Pundschab sind während der letzten Jahrzehnte durch Pest und Malaria soviel Menschen zugrunde gegangen, daß sogar eine deut- liche Abnahme der Bevölkerung wahrzunehmen ist. Bedauerlicher- weise haben sich gerade die Arbeiter in Indien dieses Laster angewöhnt, wie der Vorsitzende der Fabrikantenvereinigung zu Bombay in einer Rede ausführte. Durch die llutersutbungen eines eigens dazu gebildeten Komitees wurde festgestellt, daß die Bombayer Fabrikarbeiter mehr Geld für alkoholische Getränke ausgaben als für Nahrung und Kleidung. Kenner des Volkslebens versichern, daß durch die zu- nehmende Trunksucht der Inder die männlichen Charakter- eigenschaften der. Raste, die durch ihre heroische Tapferkeit berühmt war, unheilbar gelitten hätte. Es scheint, als ob die Inder, dank des„kulturellen Fortschritts", den ihnen die Engländer zu bringen vorgeben, zur Degeneration verurteilt seien:— ein Vorgang, der sich schon bei vielen Völkern abspielte, denen kapilalistisch-imperia- listische Eroberungssucht abendländische Gepflogenheiten einimpfte, und durch de» nianches gesunde, entwickelungsfähige Volk aus den Aussterbeetat gesetzt wurde. Elektrische Leichenverbrennung. Die Amerikaner, die als erste die Elektrizität in den Dienst des Hinrichtungswesens stellten, haben nun auch die Leichenverbrennung durch Elektrizität eingeführt, Kalifornien tat den ersten Schritt, in Pasadena ist ein elektrisches Krematorium bereits in Betrieb gesetzt und in Oakland deren sogar drei. Die Verbrennungskammer ist ein kleines, mit Ziegelsteinen verkleidetes Gewölbe. An den drei Hauptseiten sind die„Wider- stände" angebracht: drei Reihen von Kohlenstäbchen von 3,60 Meter Länge und l'/z Zentimeter Durchmesser. Eine Stunde nach Ein- schaltung des Stromes erreicht die Temperatur in dem Ver- breninmgsraum 1100 Grad. Das Verfahren erspart den Zeugen daS Knistern und Prasseln, das sonst bei Einäscherungen hörbar ist. Die Einäscherung in diesen elektrischen Krematorien kostet 200 M., aber trotz der höheren Betriebskosten verbleibt, wie die„Electrica! World" sachlich hinzufiigt. ein„angemessener" Ueberschuß. Mammutblättcr. Zu erstaunlicher Länge entwickeln sich die Blätter mancher Palmenarten. So erreichen die der Jnajapalme, die am Amazonenstrom heimisch ist, 15 Meter Länge und 3 bis 3'/, Meter Breite. Dahinter stehen die Palmen Ceylons freilich zurück, obwohl sie es immerhin noch auf Blätter von 6 Meter Wir treten ein für den Zusammenschluß der großen Krankenlassen» denn nur Einigkeit macht stark.(Stürmischer Beifall.) In der Debatte führt G r ä f- Frankfurt a. M. aus, daß viele Unternehmer, um Geld zu sparen, eigene Betriebskrankenkassen er» richten. Die Arbeiter sollten sich nicht begnügen, in Versammlun- gen gegen solche leistungsunfähigen Betriebskrankenkassen zu pro- testieren, sondern sich direkt weigern, in sie einzutreten.(Zu- stimmung.)— Albert K o h n- Berlin: Leider sehen wir in vielen Städten, daß bei der Frage der Zentralisation der Krankenverfiche» rung kleinliche Gesichtspunkte den Ausschlag geben. Die Vorstände der kleinen Kassen wollen ihre Kassen nicht gern aufgeben. Solange es Kassen gibt, die mit 1l4, 2 und 214 Proz. Beiträgen wirtschaften. und solange die Leiter dieser Kassen sich noch für ganz besonders tüchtige Kerle halten, weil sie mit solchen Beiträgen auskommen.' solange wird die Aufgabe der Krankenversicherung von diesen Leu- ten vollständig verkannt.— Giebel: Wenn die leitenden Beam- ten kleiner Kassen vielfach an ihnen festhalten, so� weniger auS Titelsucht, als aus Furcht, später in den großen Kassen nicht mehr die gesicherte Existenz zu haben.— F r ä ß d o r f- Dresden: Wir wollen die Zentralisation nicht unter allen Umständen. Es kann örtliche Ursachen geben, die ihr entgegenwirken. Aber diese ort- lichen Ursachen dürfen von denjenigen, die von der Zentralisation überhaupt nichts wissen wollen, nicht benutzt werden.(Zustim- mung,)— R o h n st o ck- Breslau, von der Ortskrankenkasse für das Schneidergewcrbe, bekannt sich als Gegner einer im Ge» schwindschritt erfolgenden Zentralisation. Wir können nicht 20 009 und mehr Mitglieder einfach in anderen Kassen aufgehen lassen. Für diese immerhin auch großen Krankenkassen bedeutet die Zen- tralisation einen Sprung ins Dunkle. Es ist auch nicht richtig, daß große Krankenkassen den Rückgang der Volksvermehrung besser be- kämpfen werden als kleine. Auch die Verwaltungskosten der großen Krankenkassen sind zu hoch. Wir wollen doch lieber erst die Reichs- Versicherungsordnung wirken lassen und sehen, welche Kassen auf- fliegen werden. Die Berufskrankheiten können auch durch Be- rufskassen besser bekämpft werden. Damit schließt die Debatte. In seinem Schlußwort führt der Referent Brandes aus, daß Rohnstock in Breslau erklärt habe. er sei für die Zentralisation, wenn seine eigene Krankenkasse die maßgebende würde.(Hört! hört! und Unruhe.) Es ist schlimm, öatz uns die Regierung in der Reichsversicherungsordnung nicht mehr gegeben hat und schlimm, daß der Reichstag nicht einmal die Vorschläge der Regierung angenommen hat. Unerfreulich im höchsten Grade aber ist es, wenn Vorstandsmitglieder die Wege nicht zu finden wissen, aus der Reichsversicherungsordnung wenig- stens das herauszuschlagen, was in ihr gegeben ist.(Zustimmung.) Rohnstock erklärt in persönlicher Bemerkung, daß seine Orts- krankenkasse, die größte in Breslau, über 20 009 Mitglieder habe. Wir haben uns lediglich dagegen gesträubt, in Kassen aufzugehen. die weniger als 3000 Mitglieder haben. Damit ist dieser Gegenstand erledigt und es hält nun Justizrat Meyer- Frankenthal einen rein juristischen Vortrag über das Verhältnis des Kassenangestellten rechts zum Versicherungsgesetz für die P r i v a t a n g e st e ll t e n. Im Anschluß daran gibt der Vorstand die Erklärung ab, daß er über diese Frage zu geeigneter Zeit den einzelnen Kassen Direk» tiven und Instruktionen übermitteln werde. Zum Ort der nächsten Tagung wird Breslau gewählt. Die Tagesordnung ist erschöpft, der 19. deutsche Ortskranken- kassentag wird geschlossen. Die Herrschast der Serliner Feldarbeiterptrale in der Schroen. Die agrarisch-junkerliche Feldarbeiterzentrale in Berlin, die geradezu eine Nebenregicrung in Preußen bezw. im Deutschen Reiche bildet, strebt nach dem Grundsatze:„Mein Vaterland muß größer sein", ihren Wirkungskreis über die Grenzen Deutschlands hinaus zu erweitern, womit sie auch den gewünschten Erfolg hat. So ist sie im besten Zuge, die Schweiz, zu erobern und sich als eine neue„deutsche Provinz" anzugliedern. Den Beweis dafür liefert der Fabrikinspektor Rauschenbach in Schaffhauscn, der in den kürzlich herausgegebenen Amtsberichten der eidgenössischen Fa- brikinspektion einen der berühmten„individuellen Arbeitsverträge" der Feldarbeiterzentrale im Wortlaute mitteilt. Der Vertrag trägt die Ueberschrift:„Verpflichtungsschein für ruthe- nische Industriearbeiter", die einer Ziegelei in der Schweiz geliefert wurden. Nach Herrn Rauschenbach erfolgt die Anwerbung dieser Arbeiter durch einen in einer deutschen Ziegelei beschäftigten Werkmeister polnischer Herkunft. lieber den Ver- trag sagt der schweizerische Fabrikinspektor,„man sieht aus ihm. wie Anstellungsverträge oft nur dazu dienen, um unangenehme ge- setzliche Bestimmungen auszuschalten". Der in deutscher und Pol- Länge und 5 Meter Breite bringen. Hier ist auch die Schirm» magnolie zu erwähnen, die Blätter von einer Ausdehnung trägt, daß unter ihnen bequem 20 Personen Schutz finden. Das versieht man ohne weiteres, wenn man hört, daß ein« dieser Blätter 11 Meter in der Breite mißt. Die Blätter der„Victoria regia" haben allerdings nur 21l2 Meter im Durchmesser, dafür sind sie aber so stark entwickelt, daß sie ein Gewicht bis zu 180 Kilogramm zu tragen vermögen. Der Hamburger Luftschiffhafen, der vor kurzem fertiggestellt wurde, ist die größte bestehende Halle. Sie ist 160 Meter lang. 45 Meter breit. 26 Meter hoch. Ihre Hauptaxe liegt in der Richtung der häufig vorkommenden Winde von 1V81V nach ONO. 6 Meter hoch ist die Wand aus 22 Zentimeter dickem Beton; darüber bestehen die Wände aus V» Stein starkem, mit Eisen bandagiertem Mauer- werk. An beiden Giebeln sind zweiflügelige Schiebetore, deren Höhe 26 Meter beträgt. Jeder Flügel ist 25 Meter breit. Die Flügel bestehen aus einem Eisengerippe, das mit Eternitplatten abgedeckt ist. Das Oeffnen der Flügel geschieht von Hand; für jeden Flügel find zu dem Zwecke drei Man» erforderlich. Die Halle kann zwei Zeppclin-Luftschiffe aufnehmen._ Notizen. — Gerhart Hanptmann soll angeblich in diesem Jahre den literarischen Nobelpreis bekommen. So wenigstens lassen sich gewisse Berliner Drahtzieher aus— Stockholm schreiben. Man wird ja wohl in einigen Monaten sehen, ob sie gute Propheten waren, d. h. ob sie ganze Agitationsarbeit getan haben. — Richard Strauß komponiert em Ballett für das Tanz- korpS der Petersburger Hofopcr. Hugo v. Hofmannsthal und ein Graf Keßler schreiben dazu den„Text". — Von Hermann Bahr kommt demnächst(im hiesigen Verlag Schuster u. Loeffler) eine Streitschrift:„Parsifalschutz ohne Ausnahmegesetz" heraus. Sie wird ins Wasser fallen. Parsifalschutz sagt man. Und die Wahrung der Geldinteresjen der Wagnerschen Erben bezweckt man. � Sylvester Schäffer, der bereits feit Anfang Juli im Neuen Schauspielhause gastiert und für seine Darbietungen auch das Theater bis Ende August gepachtet hat, gibt heute nachmittag 4 Uhr eme Wohltätigkeitsvorstellung. — RudolfBernauer und RndolfSchanzer haben wieder eine neue Berliner Posse verfaßt, die natürlich im Berliner Theater zur Aufführung kounnt. —«Montis Operetten-Theater' soll nunmehr das � bisherige Neue Theater heißen. Direktor Max Monti hat es nämlich auf mehrere Jahre gepachtet. — Der Deutsche Monistenbund wird in der Zeit vom S. bis 10. September in Magdeburg tagen. nischer Sprache auSgeferiigle und von allen Konlrahenlen u'nier- schriebene Vertrag hat folgenden Wortlaut(ohne die Formalitäten m Ziffer I): II. Arbeitsverhältnisse. Die Unterzeichneten treten vom 12. März bis 17. Dezember in dem obengenannten Betriebe in Arbeit und verpflichten sich zur Verrichtung aller vorkommenden, ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeiten, insbesondere zur Fabri- kaiion von"Mauer- und Dachziegeln und dazu gehörigen Erdarbei- ten und erkennen die bestehende Arbeitsordnung, soweit auf sie anwendbar, an. Nach Ablauf der Verpflichtungsdauer steht beiden Teilen eine 14tägige Kündigung zu. Ein jeder der Unterzeichner versichert, vollständig gesund und ohne jedes, die Arbeit hindernde Gebrechen(weibliche auch nicht schwanger) z» sein. III. Arbeitszeit. Die tägliche Arbeitszeit dauert von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends mit Vi Stunde Frühstück- und eine Stunde Mittagspause. Auster an den Sonntagen und den evangelischen Festtagen sind die ruthenischcn Arbeiter berechtigt, auch an den nachstehenden römisch-katholischen Festtagen zu feiern: Petsr und Paul- Mariä Empfängnis, Fronleichnam und Allerheiligen, IV. Löhne, sonstige Bezüge. Männer erhalten je nach Leistung 1,58—1,60 Fr.; Burschen je nach Alter und Leistung 0,05—1,10 Fr. Wöchentliches Deputat(an Lebensmitteln). Männer über 20 Jahre 12 Pfund Brot, Burschen und Frauen 8 Pfund; Männer 1 Pfund amerikanisches Schmalz, Burschen Vi Pfund.(Das Essen wird mit genügendem Fett zubereitet.) 6inal mittags Vi Pfund Fleisch, Freitag Milchspeisen. Zum Frühstück und nach der Arbeit süßen Kaffee mit Milch, mittags Gemüse, wie Bohnen, Erbsen, Sauerkraut, Ncis, Gewürze usw., abends Kartoffelsuppe oder Ge- müse. II e b e r st u n d e n. Die Arbeiter sind verpflichtet, auf Ver- langen der Betriebsleitung Ueberstunden auszuführen und es wird . eine solche für Männer mit 31 Cents, für Burschen mit 25 Cents vergütet, oder nach Vereinbarung. Steuern bezahlt jeder selbst. Die Auslöhnung geschieht alle 14 Tage. Zur Sicherstcllnng des Arbeitgebers werden bei den ersten drei Lohnzahlungen Männern 15 Fr., Burschen 12 Fr. einbehalten, welche Beträge erst beim ordnungsmäßigen Abgange fällig und ausbezahlt werden. Außerdem bleiben 6 Tage als Decompte (Lohnkaution) stehen. Gemeinschaftliche Wohnung nach Geschlechtern getrennt, e eine Strohmatratze und Schlafdecke, sowie Feuerung und Be- euchtung werden frei gewährt. Sollte einer der Unterzeichneten aus eigener Schuld die im Abschnitt II bezeichnete Dauer des Arbeitsverhältnisses nicht ein- halten oder durch sein Verhalten die Entlassung nötig machen, so ist er verpflichtet, sofort nach Lösung des Arbeitsverhältnisses die ihm zugewiesene Wohnung und Schlafstube zu räumen. Im Wei- gerungsfallc steht dem Arbeitgeber das Recht der zwangsweisen Entfernung zu. Die Befolgung der Hausordnung hat die vom Arbeitgeber hierzu bestimmte Person, in deren Abwesenheit der älteste der An- wesenden. zu überwachen. V. Die Kosten der Hinreise vom Vcrpflichtungsort ........ bis zur Arbeitsstella werden vom Arbeitgeber vorge- schössen, Den Arbeitern, welche die vereinbarte Arbeitszeit aus- halten� wird dieser Betrag geschenkt; die Arbeiter, welche die Ber- tragSzeid nicht aushalten, haben, diesen vorgeschossenen Betrag zu ersetzen. Etivaige sonstige Vorschüsse zur Bestreitung der Reisekosten von der Heimat des Arbeiters bis, zur Grenze, sowie für Wegzehrung von der Grenzstation bis zur Station der Arbeitsstelle verpflichten sich die Arbeiter bei der ersten, Lohnzahlung in Abzug bringen zu lassen. Die vom Arbeitgeber verauslagte. Legitimationsgcbühr ist gleichfalls am Arbeitslohn in Abzug zu bringen. VI. Arbeitsgeräte. Tie Gerätschaften,, welche die Arbeiter vom Arbeitgeber geliefert erhalten, sind sie verpflichtet sauber und unbeschädigt, zurückzugeben. Alle durch ordnungswidrige Benützung entstandenen Beschädigungen, dieser Gerätschaften, oder verlorene Geräte müssen, sie bar bezahlen. VII. Gehorsam, Entlassung. Es verspricht ein jeder der Arbeiter, den, Anordnungen, des Arbeitgebers unbedingten, Ge- horsam zu leisten. Der Arbeitgeber ist berechtigt, das, Arbeitsverhältnis sofort zu lösen, wenn ein Arbeiter: s) den dienstlichen Anordnungen des Arbeitgebers oder dessen Stellvertreters selbst auf zweimalige Aufforderung hin nicht Folge leistet oder sich der Aufwiegelei schuldig macht; b) den Arbeitgeber oder dessen, die Aussichch übenden Vertreter beschimpft oder gar demselben sich tätlich widersetzt; c) sich des Diebstahls oder der Tierquälerei schuldig macht; ll) sich zu den verdungenen Arbeiten unfähig erweist. Bleibt ein Arbeiter ohne die Erlaubnis des Arbeitgebers, von der Arbeit weg oder wird er während der Arbeitszeit, betrunken angetroffen, oder hält er die Hausordnung trotz vorhergegangener ausdrücklicher Erinnerung nicht ein, so ist der Arbeitgeber berechtigt, 60 Cents vom Lohne desselben bei der nächsten Lohnzahlung als Konventionalstrafe in Abzug zu bringen, die an die Krankenkasse abzuliefern sind. Wird die Strafe bis zur nächsten, Lohnzahlung nicht geltend gemacht, so ist sie als erlassen anzusehen. Die zu Recht erfolgte Entlassung des Arbeiters steht dem recht»- widrigen Bruch des Arbeitsverhältnisses gleich, ebenso die Weige- rung, das vereinbart« Arbeitsverhältnis überhaupt anzutreten. Dem Arbeitgeber steht wegen, oller Forderungen aus diesem Ver- trag«, sowie wegen Schadenersatzansprüchen das Recht der Einbe- Haltung des Lohnes und der Sachen des betreffenden, Arbeiters zu. VIII. Kranken-JnvaliditätS Versicherung. Jeder Arbeiter ist gesetzlich verpflichtet, der zuständigen Krankenkasse beizutreten und Zweidrittel der statutengemäßen Beiträge zu zahlen. Dafür wird in Krankheitsfällen kostenfrei Arzt und Medizin und Verpflegung laut Ortsstatut gewährt. IX. Gerichtsstand. Für alle aus dem Arbeitsverhältnis etwa entstehenden, Rechtsstreitigkciten gilt als Gerichtsstand..... Für den Arbeitgeber: Name, des die Arbeiter Anwerbendem N a ch t, r a g. Dieser Vertrag wird bis zum 19. Dezember 1911 mit folgenden Aenderungen verlängert: 1. Statt des Festes Peter und Paul wird Mariä Geburr gefeiert. 2. Die Feste Mariä Empfängnis und Allerheiligen fallen aus, werden also nicht gefeiert. ......... den 10 Januar 1911. Folgen, die Unterschriften, der Arbeiter, von desten einige mit jjrei Kreuzen, gezeichnet, haben. ** ♦ Bollständig junkerlich-preußisch bis auf das schöne Wort„Tepu- tat" und die in der Schweiz gar nicht bestehende deutsche Invaliden- Versicherung, sowie die in 31 Cents umgerechneten 25 Pf. für Ueber. stunden von Männern. Gut junkerlich-preußisch ist der Vertrag ins- gesamt mit seinem einseitig nur auf die Interessen der Unternehmer zugeschnittenen Bestimmungen, die ein blutiger Hohn auf jede Sozialpolitik sind. Die Tagelöhne von 95 CtS. bis 1 Fr. bezw. von 150 bis 1,60 Fr. find auch nebst der Verpflegung Jammerlöhne: sodann ist nur von den Pflichten, der Arbeiter und den Rechten der Unternehmer, mit keinem Worte aber von den Pflichten der Unter- nehiner und den Rechten, der Arbeiter die Rede. Die Gleichberech. tigung deS Arbeiters als Vcrtragskontrahenten im Arbeitsverhältnis ist der Anfang jeder Sozialpolitik, jeder Arbeiterfchutzgesetzgebung. ' und da darf die Berliner Feldarbeitcrzentral« der preußischen Funker bis in die Schweiz hereinregieren und diktieren, daß der Ünterlichiner aus allen möglichen Gründen den Arbeiter sofort hinauswerfen kann ans der Fabrik und aus der Wohnung, daß er Vcrtragskaution und überdies noch„Töcompte", da» einzige in der Schweiz gebräuchliche Wort im ganzen Vertrag, das Lohnkaution bedeutet, vom Lohn abziehen und eventuell für sich behalten, also auf Kosten des armen ausgebeuteten Arbeiter» sich bereichern kann. Dag-g-ti mthäft per Beitrag kew Wort davon, 9i und auttr welchen, Voraussetzungen, der Arreste r dä's VetsragSverhäftnis?ö?- zeitig lösen und eventuell soforp die Arbeit verlassen kann; er bietet dem Arbeiter auch nicht die geringste Garantie für die Einhaltung der VertraMeit, für die Sicherung der Lohnzahlung, und der Lohn- kaution sowie der Naturalleistungen. Mit einem Warte: Der Arbeiter ist nach diesem Vertrage völlig rechtlos, ganz der Willkür des Unternehmers preisgegeben. lind um die Schönheit des Falles zu vervollständigen, berichtet Herr Raufchcnbach auch noch ausdrücklich, daß der Vertrag in einem Streitfälle vom schweizerischen, Richter geschützt worden, ist. Die Berliner Fcldarbeiterzentrale hat sich als, Nebenregierung im Deutschen Reiche der Schweiz auch sehr unangenehm bemerkbar gemacht bei der Erneuerung des deutfch-schweizeri- scheu Niederlassungsvertrages. Die Schmciz akzeptierte damals die beschämende, die politische Gleichberechtigung aller Schweizer Bürger in der Demokratie abschaffenide Zumutung, daß schweizerische Arbeiter in Deutschland sich das Papier der Feldarbeiterzentrale als Aufent- Haltsbewilligung für mehrere Mark kaufen müssen, während alle übrigen Schweizer während ihres Auf- entHaltes in Deutschland von diesem Joche befreit sind. Alle diese Tatsachen beweisen, daß sich die Schweiz von ,der deutschen Regierung nachgerade alles gefallen läßt und daß die junkcrlich-agrarischc Feldarbeiterzentrale in Berlin in der Tat eine Nebenregierung oder vielleicht noch besser die Mitregierung ist. Huö der partei» Parteitag der P. P. S. Ein außerordentlicher Parteitag der P. P. S. fand am Sonntag in gabrze(O.-S.) statt. Anweiend waren insgesamt 35 Dele- gierte, davon 29 aus O b e r s ch l e s i e n, je einer aus Berlin, Leipzig, Bremen, Recklinghausen. Posen und G n e s e n. Ferner die Mitglieder der Kontrollkommission der polnisch-soziokistischen Partei, die Preßkommission der, Gazeta Ro- botnieza" und der Bezirksleiter der deutschen Partei, Genosse H ö r s in g- Beuthen. Der einzige Punkt der Tagesordnung war die Selbständig- machung der.Gazeta Robot nicza". Genosse B i e n i c z- ki e w i c z- Kattowitz gab in längeien Ausführungen ein scharf um- rissenes Bild von der P. P. S. und der„Gazeta Robotnicza". Er gab der Meinung Ausdruck, daß an den schlechten Erfolgen leider nicht zuletzt die Streitigkeiten im eigenen Lager die Schuld tragen. Mit Rücksicht darauf will der deutsche Parteivorstand den bisher ge- leisteten Zuschuß in dieser Hohe nicht niehr geben. Redner empfahl die Gründung eines polnischen Wochenblattes, das möglichst unab- hängig vom Parteivorstand erscheinen soll. Die Debatte hierüber war sehr lebhaft. Die Mehrzahl der Redner ivar gegen jede Unterstützung durch den deutschen Parteivorstand, weil diese dazu beigetragen habe, die Ent- Wickelung der P. P. S. und der„Gazeta Robotnicza" eher zu hindern, als zu fördern. Angeregt wurde von mehreren Rednern die Herausgabe einer polnischen Tageszeitung, während andere für das wöchentlich dreimalige Erscheinen der„Gazeta Robotnicza" ein- traten, jedoch ganz strikt ablehnten, irgend eine Unter- stützung von der deutschen Parteileitung anzu- nehme n. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig an- genommen: „DerTjeutige Parteitag beschließt, der Vorstand der P. P. S. soll alles daran setzen, damit am 15. Dezember d. I. ein Tage- b l a t t an Stelle der. Gazeta Robotnicza" herausgegeben werden kann. Sollte dies jedoch finanziell unmöglich sein, dann soll vom I.Januar 1913 die„Gazeta" in ein Wochenblatt um- gewandelt werden." Das Tageblatt soll, falls es herausgegeben wird, unter dem Titel„Dz in ick Ro b otni cz y"(Tägliche Arbeiterzeitung") er- scheinen. Alle übrigen Anträge auf Schaffung eines Presiefonds und Sammlung von Geldern wurden dem Porstande überwiesen. Ans den Organisationen. Der sozialdemokratische Verein für den Wahlkreis Dortmund- Hörde hatte am Schluß des Geschäftsjahres 9304 Mitglieder zu ver- zeichnen. Der Mitgliederzuwachs beträgt 231. Die Fluktuation war in diesem Jahre sehr stark, besonders nach dem Bergarbeite» streik war die Abwanderung aus dem Kreise groß. Die Partei« genossen waren ja durchweg am Streik beteiligt, nur einer ist wegen Nichtbeteiligung ausgeschlossen worden. Die Kreisorganisation zählt zurzeit 68 Filialen. Die Einnahme- und Ausgabeposten balanzieren mit der Summe von 76 342,26 M. Die Einnahme an Mitglieder- beitrügen stieg von 28 797,02 M. auf 82 184,14 M. Oeffentliche Versammlungen fanden 236 statt, Mitgliederversammlungen 1010, in den Mitgliederversammlungen sind 213 Vorträge gehalten worden. Die Gesamtauflage der verbreiteten Flugblätter beträgt 2 019 000. Außerdem wurden noch 61000 Broschüren gratis verbreitet. An Handzetteln und Plakaten wurden 709 000 verbreitet. Bei den Kommunalwahlen wurden in 8 Orten neue Mandate gewonnen. Insgesamt hat die Partei jetzt in 39 Gemeinden des Wahlkreises 84 Gemeindevertreter und in 2 Städten 6 Stadtverordnete. *« * Eine Versammlung deS 8. hannoverschen Wahlkreises(Hannover- Linden) beschäftigte sich mit dem Entwurf zur Aenderung deS Organisationsstatuts der Partei. Der Referent, Genosse Brey, sprach gegen den vorgeschlagenen Parteiauöschuß. Die für eine Um- surmung oder Erweiterung de» ParteivorsiandeS vorgebrachten Gründe träfcu nicht zu. Die Kritik am Borstande entspringe der Tendenz, den Borstand bei taktischen Maßnahmen auf gewisse Theorien festzulegen, die an der Praxis scheitern würden. Der Vorstand habe in wichtigen Augenblicken keineswegs versagt. In bezug aus daS Stichwahlabkommen mit der Fortschrittlichen Volkspartei habe der Parteivorstand das Richtige getroffen. Genosse Leinert stellt sich zwar prinzipiell auf den Standpunkt Breys; die Frage sei abrr beute nicht mehr die: Soll der Parteivorstand verstärkt worden?, sondern: Wie soll er verstärkt werden? Der vorgeschlagene Aus- schuß fei das geeignete Mittel, den Parteivorstand in engere Be- zichnngen zu den Organisationen und zn einer klaren Erkenntnis ihrer Stimmung und Leistungsfähigkeit zu bringen. Diese volle Er- kenntiiis fehle heute dem Parteivorstande infolge der räumlichen und zahlenmäßigen Ausdehnung der Organisationen.— Die weiteren Redner stimmen im wesentlichen Brey zu. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. * Die Generalversammlung des 16. hannoverschen Wahlkreises fand am Sonntag in Lüneburg statt. Dieser Wahlkreis gehört zu den wenigen, in denen trotz der Stimmeiizunahme von 6091 auf 6942 bei der ReichStagSwahl ein Mitgliederrückgang zu verzeichnen ist. Es sind in 47 Ortsvereinen 1116 männliche und 101 weibliche Mitglieder organisiert. DaS„Volksblatt für Lüneburg" hatte einen kleinen Zuwachs an Abonnenten. Ueber den Parteitag in Chemnitz sprach der Reichsiagskandidat Genosse Krause- Hamburg. Er er- klärte sich gegen die Festlegung eines Mindestbettrages von 40 Pf. für männliche und 20 Pf. für weibliche Mitglieder. Die ReichStagsfraktion empfahl er. auf dem Parteitage nur mit beratender Stimme zuzulassen. Mit Bezug aus die Re- organisation des Parteivorstandes erklärte sich Redner für den Parteiaußschutz. Die Bersammluiig trat ihm in diesen Fragen bei. — Nach einem Referat des Genossen Redakteur I b i n g- Lüneburg über die nächstjährigen Landtags wählen lehnte die General- versmnmlung einhellig den EiSnerschen Borschlag ab. An Stelle des verstorbenen Genossen v. R o b i tz k y- Hamburg wurde Genosse I b i n g« Lüneburg als Kandidat zum preußischen Landtag aufgestellt, der gleichzeitig als Delegierter zum preußischen Partei- tag gewählt wurde. Bei der Wahl zum Parteiaiisschuß erhielt der als Vertreter des Provinziqlvorstandes anwesende Genosse Leinert 33 Stimmen. Vertreten war der Krei« durch 24 Delegierte, Die Parteigenossen in Hof befaßten sich in einer Mitglieder» Versammlung mit dem bayerischen Parteitag. In der Er» örterung spielte das bei den letzten Landtagswahlcn mit den Liberalen und Bauernbündlern gegen das Zentrum getroffene W a h l a b- kommen die Hanpirolle. Der Berichterstatter, Rechtsanwalt Genosse Hosmann, wendete sich in seinem Bericht gegen die Haltung der führenden Genossen in Siidbayern und wies den Vor» Wurf zurück, als hatten die oberfränkischen Genossen lediglich aus lokalen Interessen gegen das Wahlabkommen opponiert, sie seien vielmehr prinzipielle Gegner der Koinpromißpolitil, durch die die Köpfe verwirrt würden und Unklarheit geschaffen werde. In der Diskussion be- hauptete Genosse B lum tritt, die Berichte über den Parteitag seien so abgefaßt, daß sie den leitenden Genossen in München ent- sprächen. Die lokale Jnteressenpoliiik werde dort getrieben, wo man den Mandalschacher treibe, nicht aber in Oberfranken. Am Schlüsse der Diskussion nahm die Versammlung mir allen gegen eine Stimme eine Resolution an, in der an der Ausfassung fest- gehalten wird, daß Wahlkonrpromisse mit bürgerlichen Parteien aus prinzipiellen Gründen als unvereinbar mit dem Klassen» kanipfcharakter der sozialdemokratischen Partei unbedingt zu verwerfen seien. Ferner wird die Erwartung ausgedrückt, daß für die Zukunft der Abschluß von solchen Kompromissen wie das letzte Land- tagswablkompromitz unterbleibt, weil dadurch einer wirk- samen Agitation speziell unter dem oberfränkischen Proletariat un- überwindliche Schwierigkeiten gemacht und die bisherigen Erfolge in Frage gestellt würden. Den Schluß der Resolution bildet eine scharfe Verurteilung des Vorgehens des Genossen Adolf Müller auf dem Parteitage, weil Müller den Delegierleu von Hof, Genossen Blunitritt, nicht mit sachlichen Argumenten, sondern mit persönlichen Verdächtigungen bekämpft habe. *« * Berichtigung. In unserem Bericht über die Kölner Parteiver» sammluugen hatten wir mitgeteilt, daß ein Antrag Meer selb, der die Einsetzung einer Studienkommission zur Vorbereitung eines Agrarprogramms verlangt, zurückgezogen fei. Das ist un» richtig. Der Antrag ist im Gegenteil e i n st i m m i g angenom» men worden. Der Parteivorstand gegen die unbotmäßigen Sektionen. Rom, 19. August.(Eig. Ber.) Der Parteivorstand hat den Ausschluß der Parteisektionen von Genua, Borgo San Donnino, Ostiglia und P e r s i c e t o verfügt, weil diese ihren aus der Partei ausgetretenen oder ausgeschlossenen Ab- geordneten, den Resormisten Canepa, Berenini, Bononi und Giacomo Ferri ihr Mandat bestätigt haben. Die übrigen Sektionen, deren Abgeordnete aus der Partei ausgetreten sind, haben teils noch leinen Entschluß gefaßt, teils, wie die von Valenzc» (Abgeordneter M e r l a n i) und Jmola(G raziadei) von ihren Abgeordneten den Wiedereintritt in die Partei verlangt. Die Seilione» von Rom(B i s s o la ti) und O r v i eto(Trapanese) haben schließlich, der Aufforderung des Parteivorstandes entsprechend, ihren Abgeordneten da? Mandat aberkannt. Sericbts- Zeltung. Ein recht unerwarteter Empfang war drei jugendlichen Einbrechern bereitet worden, die sich gestern vor dem Strasrichter zu verantworten hatten. Angeklagt wegen versuchten schweren Diebstahls waren der Hausdiener Wilhelm B u ch b o l z, der Arbeitsbursche Martin Kautz und der Kürschner Artur Qua st. Der Angeklagte Bnchholz war bis zum Juni d. I. bei dem Kausmann Stein in der Prenzlauer Str. 42 als Hausdiener beschäftigt. Nachdem er entlassen worden war, nahm er einen Schlüssel mit, der zu einem Notausgang paßte, durch den man in den Lagerraum gelangen konnte. Bald nach dem Fortgänge de« B. wurde das Verschwinden des Schlüssels bemerkt. Der Geschäftsinhaber vermutete sofort, daß mit Hilfe des verschwundenen Schlüssels ein Diebstahl verübt werden sollte. Er legte sich mit einem Angestellten auf die Lauer und wartete mehrere Abende nach Geschäftsschluß der Dinge, die da kommen sollten. Seine Vermutung täuschte ihn auch nicht, denn eines Abends hörten die beiden Wartenden an jener Nottür Stimmen, ei» Schlüssel wurde im Schlosse gedreht und herein traten die jetzigen drei An- geklagten, die nicht wenig überrascht waren, als sie sich aus frischer Tat ertappt sahen. Der Angeklagte Quast ergriff die Flucht und ließ sich an einem Telephondraht auf den Hof hinunter. Die beiden Festgenommenen behaupteten erst, daß sie den„Dritten im Bunde" nur unter dem Namen„Müller" kennen. Erst als sich dann Quast freiwillig stellte, legten sie ein umfassendes Geständnis ab. Der StaatSanwait beantragte mit Rücksicht auf den bei den Angeklagten schon recht stark hervortretenden Hang zum Ver» brechen je ein Jahr Gefängnis, während Rechtsanwalt Dr. Kallenbach darauf hinwies, daß ein derartig langer Aufent» halt im Gefängnis auf die jugendlichen und noch besserungsfähigen Angeklagten eher verschlechternd als bessernd wirken würde, da der Berkehr mit den übrigen Gefangenen erst die richtige„Schule" für die Jugendlichen sei. Das Gericht erkannte auf j e s« ch s M o» nate Gefängnis._ Mit der„Wechselfalle", einem alten Gaunertrick, der immer wieder angewendet wird, hatten zwei Schwindler gearbeitet, die vom Schöffengericht zu längeren Gefängnisstrafen oerurteilt wurde». Die beiden Angeklagten, der Metalldrücker Theobald H ö f e r t und der Kellner Theodor Tack- hau«, hatten längere Zeit hindurch auf folgende Weise„gearbeitet". Einer von ihnen ging in ein Geschäft hinein und kaufte irgend eine Kleinigkeit für zehn Pfennige. Sodann bat er die Verkäuferin, ihm ein Zwanzigmarkstück zu wechseln. In diesen, Moment kam dann der zweite Angeklagte in den Laden und verlangte scheinbar in großer Eile irgend eine Ware. Die hierdurch entstehende Ver« wirrung der Verkäuferin benutzte dann der erste Schwindler, um das Zwanzigmarkstück samt dem schon aufgezählten Wechselgeld einzustreichen und damit zu verschwinden. Diesen alten Trick wandten die Angeklagten in zahlreichen Fällen mit Erfolg an. Vor dem Schöffengericht behaupteten beide, sich überhaupt nicht zu kennen. Sie mußten dies aber schließlich wohl oder übel zugeben, nachdem ein Polizeibeamter als Zeuge bekundet hatte, daß er sich gleich nach der Verhaftung der Angeklagten in die benachbarte Zelle hatte einschließen lassen, um ihr Gespräch zu belauschen. Er habe hierbei gehört, daß sich beide Borwürfe darüber machten, daß sie durch ihre eigene Dummheit„alle geworden", d. h. verhastet worden seien. Das Schöffengericht verurteilte H ö f e r zu sechs Monaten und Tackhaus zu neun Monaten Ge- sängnis. Während sich letzterer bei dem Urteil beruhigte, legte Höfert Revision ein. die auch insofern Erfolg hatte, daß die Sache an die Strafkammer zurückverwiesen wurde. Diese verwarf jedoch gestern die Berufung unter Bestätigung deS fchöffengerichllichen Urteils. Versammlungen. Eine Schiffcrversammlung, zu der die Schiffseigner, Heizer, Maschinisten, Boots- und Sleuerkeute eingeladen waren, fand am Sonntag in der„Reuen Philharmonie" statt. Ingenieur Woldt als Referent schilderte die großen technischen Umwälzungen in der Binnenschiffahrt. In der heutigen kapitalistischen Gesellschaft seien die Großiinternchmer bestrebt, den kleinen Mann zu erdrosseln, ihn cxistenzuiifähig zu machen. Besonder? trete die« in der Binnen- schiffahrl zutage, wo der kleine Schiffseigner immer mehr von der Bildfläche verschwindet. Diese Schiffseigner sind aber nun der falschen Meinung, die Löhne der Mannschaften hätten schuld an ihrem Untergang. Daß der Kleinschiffahrt bald das Lebenslicht ausgeblasen werde, daS komme daher, daß der Zusammenschluß der großen SchiffahrtSMingesellschaftkn sowie die ungeheuere Belastung Nr. 195. Z9. Jahrgang l foilMt des.Amürls" Sftlinet öulliolilntt. Aonllerstag, 22. AllM 1912. parte!-?Zngelegenkeiten. Vierter Kreis. Am Dienstag, den 27. August, abends 81/3 Uhr. findet in den Konkordiasälen die Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zum Parteitag. 2. Aufstellung der Kandidaten. Der Vorstand. Reinickcndorf-Ost. Freitag, den 23. August, abends 8 Uhr: Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen. Die Bezirksleitung. Berliner Nacbricbten. Zwischen Ferch und Potsdam. Morgens zlvischen 8 und'/s9 Uhr fährt ein Zug nach Beelitz über die Ferngleise der Stadtbahn, den»vir mit einer Fahrkarte bis Michendorf, die in der 3. Klasse ungefähr 1 M. kostet, benutzen. Von Michendorf durch die Dorfstratze, dann nach rechts über die Bahn auf dem Weg nach Ferch. Hat man eine leidliche Karte bei sich und»vill man nicht allzufrüh wieder heim, so geht man nicht den direkten Weg, sondern zur kleinen idyllischen Siedelung Lienewitz und besucht den großen Lienewitzsee, den man zum Teil umwandern kann. Der Weiterweg nach Ferch ist mit Hilfe der Gestelle und der Karte leicht zu finden und wir erreichen bald den rechten Waldweg, der sich nach dem Dorfe hinschlängelt. Er geht über die Fercher Berge(Ferch komnit »vohl vom slatvischen Verch, das Berg bedeutet), mit hohen Kiefern bestandenen und von Schluchten durchsetzten Hügeln. Durch die Bäume blitzt in der Ferne bald der See'auf und wir steigen nach Ferch hinab. Das malerische Dörfchen am «üdende des Schwielmvsecs mit seinen mächtigen alten Bäumen, den alten Backöfen am Hauptwege und den zerstreut bergauf und bergab gelegenen Häuschen wird immer häufiger das Ziel von Wanderern, denen der Grüne- Wald zu nahe ist. und es ist ein Ziel. das sich lohnt. Wenn wir uns von dem alten Neste trennen »vollen, so gehen wir durch die Dorfstraße zurück und an ihrem Ende links herunter an den See, dessen llfcrL wir folgen. Steil fallen die Fercher Berge zum Seespiegel ab. Durch malerische Hänge hemmen sie das Auge, das hier nur den hohen Waldsaum erreicht. Nach links aber schweift es um so freier über die Fläche des größten Sees der Berliner Umgebung, der mit seinen 6 Kilometer Länge und fast 2 Kilometer Breite den Müggelsee übertrifft und gegen den der Wannsee zivergig erscheint. Die Wanderung bis Kaputh dauert etlva eine Stunde. So schön sie ist. so erfährt sie von hier ab noch eine Steigerung, »venu»vir zu gelegener Zeit an der Fährstelle den Dampfer nach Potsdam besteigen.(Die abermals etwa eine Stunde erfordernde Fahrt kostet 40 Pf.) Es dauert eine Weile, bis das überaus langgestreckte alte Wendendorf unseren Blicken entschlvindet. Der Wald säumt auf beiden Ufern lückenlos die seenartig breite Havel und kulissenartig'schiebt er sich in- und auseinander. Rechts über den Hügeln glim- ».lern die weißen Kuppeln des Potsdamer Astro-Physikalischen Observatoriums. Links wird das Gerüst der im Bau be- griffenen Potsdamer Luftschiffhalle nahe dem Ufer sichtbar, und unwillkürlich sehen»vir uns um, ob nicht gerade ein Zeppelin angesaust kommt. Dann wird die Silhouette des Stadtbildes von Potsdam immer de»ltlicher und wir landen in der Nähe des Bahnhofs. Hier hat man zur Rückkehr die Auswahl der Züge, die nach der Stadtvahn, Wannseebahn und nach dem Potsdamer Hauptbahnhof gehen. Unser Zug durchschneidet den Grunewald, kenntlich an der bald erreichten Region der friedlich lagernden Stullenpapiere und der dazwischen schlendernden und sitzenden Menschenmassen, die sich erst spät und langsam wieder in die Mauern Berlins entleeren, um am andern Morgen das graue Tagewerk»viedcr aufzunehmen. Ein Zeiche« der Zeit! D;e Pferdeschlachtungen hatten in Berlin sich in den letzten Jahren vermindert. Inzwischen ist aber ein Umschwung ein- getreten, der wieder eine Mehrung der Pferdeschlachtungen ge« bracht hat. Die erneute Zunahme des PserdefleischverbrauchcS hat, nachdem sie schon in der zweiten Hälfte des vorigen JahreS be- merkbar geworden war, in der ersten Hälfte des laufenden Jahres sich»och deutlicher gezeigt. Sie ist so erheblich, daß sie ausfallen muß und die Frage nach der Ursache sich uns aufdrängt. Das Statistische Amt der Stadt Berlin macht hierüber all- monatlich Zusammenstellungen, die Mitteilungen der Polizei über die Betriebsziffern der Berliner Zentralroßschlächterei wiedergeben. Die letzte Zusammenstellung umfaßt die Zeit bis Juni 15)12. Von den in der Zentralroßschlächtcrei geschlachteten Pferden lonrden— nach Aussonderung der zurückgewiesenen Tiere— zum Verkauf freigegeben: in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 1120, Söö, 1113, 984, 951, 891, zusammen-5924 Pferde, dagegen in denselben scws Monaten des vorigen JahreS nur 874, 7S3, 878, 983, 941, 920, zusammen 4491 Pferde. In der ersten Hälfte des Jahres 1912 war, wie man sieht, der Pferdefleisch« verbrauch um ein Drittel höher als in der ersten Hälfte dcS Jahreä 1911. Da darf in der Tat die Frage aufgeworfen werden, wie die sehr bedeutende Zunahme zu erklären ist. Diese Mengen geschlachteten Pferdefleisches werden nicht völlig, aber doch zu einem beträchtlichen Teil als Nahrung für Mensche n verwendet. Es gibt in Berlin, wie bekannt, in den vorwiegend von Arbeitern bewohnten Stadtgegcnden eine ganze Anzahl Fleischläden, in denen Pferdefleisch als solches seil gehalten wird. Wie oft mag überdies in der Wurslsabrikation be« trügerisch Pferdefleisch verwendet werden, ohne daß der Käufer eS merkt I Wenn nun die Gesamtmenge des Pferdcfleischverbrauches plötzlich sich so stark gemehrt hat, wie es aus den oben mitgeteilte» Zahlen ersichtlich ist, so darf vermutet werden, daß auch die Verwendung des Pferdefleisches zur Ernährung von Menschen beträchtlich zugenommen hat. Bei der herrschenden Fleisch- teuerung wäre das ja auch ohne weiteres begreiflich; beim immer dann, wenn die Lebensmittel verteuert werden, mehrt sich der Verbrauch billigerer Surrogate. ES kann zugegeben werden, daß kein Mensch sich vor Pferde- fleisch zu ekeln braucht. Liebhaber von Pferdefleisch versichern daß sie es sogar als einen besonderen Genuß schätzen. Tatsache ist aber, daß bei dem allergrößten Teil der Bevölkerung der alihcrgebrachte Widerwille gegen den Genuß von Pferdefleisch sich noch immer behauptet. Nur in Zeiten der Fleischleuerung entschließt noch mancher sich, diesen Widerwillen niederzukämpfen und Pferdefleisch zu kgnfen. Mangel und Not. verschärft durch die agrarische Verteuerungspolitik der Reichsregierung, zwingen die Unbemittelten, bei der Be- friedigung aller ihrer Lebensbedürfnisse ihre Ansprüche immer weiter herabzusetzen. Wie lange noch soll das so weitergehen? Ter städtische Seefischverkanf soll nach einem gestern von der Markthallen-Dcputation gefaßten Beschluß vom 3. Sep- teniber d. Js. ab»vieder aufgenommen werden. Es»verden wie in der verflossenen Saison zwei Vcrkaufstage in der Woche(Dienstag und Dotinerstag) Eingerichtet werden. Die weiteren Bekanntmachungen erfolgen durch das Nachrichtenamt und an den Anschlagsäulen. Der städtische Seefischverkauf ist isher nicht nur vom besten Erfolg begleitet gewesen, sondern at auch eine Steigerung des Verkaufs bei den Fischhändlern hervorgerufen. Es ist vorauszusehen, daß die hauptstädtische Bevölkerung sich in erhöhtem Umfange dem Konsum von Seefischen, die gerade jetzt am schmackhaftesten sind und deren hoher Nährwert längst anerkannt ist, zuwenden wird, zumal die Flcischpreise gegcnivärtig eine unerschivingliche Höhe er- reicht haben. Auf eine harte Probe scheint der neue Berliner Oberbürgermeister Herr Mermuth gestellt zu werden. Bei seinem löblichen Bestreben, sich noch vor seinem Dienstantritt mit den kommunalen Einrichtungen Berlins möglichst vertraut zu machen, ist das Stadtoberhaupt schon verschiedentlich interviewt worden. Am ersten Tage war es ein Mit- arbeiter des„Lokal-Anzeiger*, der großspurig mit Herrn Mermuth durch Alt-Berlin geschritten ist und den Ausfrager markiert hat. Diesmal will der Herr nicht bloß das Gras wachsen gehört, sondern sich leibhaftig mit dem neuen Stadtoberhaupt über Alt-Berlin unterhalten haben. Die Mitwelt erfährt sogar, daß der Interviewer mit Herrn Mermuth unterm Regenschirm über die Waisenbrücke gegangen ist. Auf das, was Herr Mermuth über sein Wollen und seine Bestrebungen dem Begleiter mitgeteilt haben soll, möchten wir nicht eingehen. Gestern früh ist Herrn Mermuth ein Mitarbeiter der.Vossischen Zeitung" in den Weg gelaufen, der bereits in der gestrigen Abend- nummer des genannten Blattes das wiedergibt, was ihm in Ehr- furcht und frommer Scheu von Exzellenz zugeflüstert worden ist. Da Herr Mermuth die 14 Tage bis zur Einführung in sein Amt noch ausfüllen will mit Informationen und Inaugenscheinnahme der städtischen Einrichtungen, so dürfte er wahrscheinlich noch über manchen Ausfrager stolpern. Durch die neue Straßenbahn Tegel— Tegclort—Heiligcnsee, mit deren Bau in der nächsten Woche begonnen werden soll, wird auch eine Verkehrsverbindung Tegels mit Spandau resp.'dem westlichen Havelufer geschaffen werden. Die Spandauer Straßendeputation hat die Anlage eines Straßenbahnringes geplant, und zwar durch Ausbau der Straßenbahn von Hakenfelde nach dem sogenannten Ruft, gegenüber Tegelort. Der Anschluß an die Straßenbahn Tegelort— Tegel soll durch Fährbote vermittelt werden. Eine großartig eingerichtete Buchmacherzentral« sowie das Bureau eines Tipster wurde dieser Tage von der Kriminalpolizei auf- gehoben. Das Bureau wurde im Norden Berlins von einem Herrn G, betrieben, der selbst Besitzer von fünf Rennpferden ist. die er auf eigen: Kosten auf verschiedene» Bahnen laufen läßt. In den Räumen G s wurden Zettel und Hefte hergestellt, in denen die voraussichtlich siegreichen Pferde aus allen deutschen, französischen und englischen Nennbahnen angekündigt wurden. Diese Tips, die ~. Stück für Stück mit 50 Pf. bis 10 M. verkaufte, wurden von diesem durch eine große Anzahl Radfahrer kleinen Zeitungs- und Buchhändlern zugestellt, die sie dann an die Wetter weilerverkauften. Die Ein- und Ausgänge der Tips waren so groß, daß drei Damen vollauf mit deren Registrierung zu tun hatten. Die Kriminalpolizei beschlagnahmte zuerst bei den kleinen Händlern olle Wettbriefe und stattete dann auch dem Bureau G.s einen Besuch ab. Wie schlvnnghaft dessen Handel loar, geht daraus hervor, daß die Beamten hier noch drei große Säcke voll Wettzetteln vorfanden. Da G. nichts anderes zu tun brauchte, als die Zettel, die nur die Namen der getipten Pferde und Reiter enthalten, mit seiner Handdruckerei herzustellen, muß das Geschäft sehr einträglich gewesen sein. Wenn eininal seine Wettbriefe nicht mehr so stark verlangt wurden, weil die genanuton Pferde immer.abgingen", so wußte er sich da- durch zu helfen, daß er sie unter neuem Umschlag und neuem Namen erscheinen ließ» Wollte es dann der Zufall, daß einige der Tips mit großen Quoten herauskamen, so waren die Briese eine Zeitlang stark begehrt, bis das Glück wieder eine Weile versagt hatte.— Die große Bnchmacherzentrale wurde in einem Bierlokal im Zentrum Berlins betrieben. Obwohl hier die Gäste eine große Tafel darauf aufmerksam macht, daß das Abschließen von Wetten verboten ist, hielten sich hier vier Buchmacher auf, die kurz vor Beginn und lvährcnd der Nennen mit einem Notizblock in der Hand von Tisch zu Tisch gingen und Wetten annahmen. Da sie Vorkehrungen getroffen hatten, daß ihnen die Rcnndepeschen gleich nach Schluß zugestellt oder die Ergebnisse durch ein eigens dazu abgelegtes Telephon mitgeteilt wurden, konnten sie den Wettern noch im Lokal eventuelle Gewinne auszahlen. Als die Kriminalpolizei dort einfiel, war' das Wettgeschäft in vollem Gange. Sie beschlagnahmte nicht nur das Geld und die Wettzettel der Buchmacher, sondern nahm auch eine Menge Wetter zur Feststellung ihrer Persönlichkeiten mit nach der Polizeiwache. Es stellte sich heraus, daß unter ihnen Leute waren, die von den Vororten eigens zum Abschluß der Welte» hierher kamen und bis zum Schluß der Nennen in dem Bierlokal blieben. Der Phantasie eines KindcS scheint die vermeintliche Messer- stecherei entsprungen zu sein, über die aus der Prenzlauer Straße be- richtet wurde. Die fünfjährige Margarete Schulz bleibt dabei, von einem unbekannten Manne init dem Messer gestochen worden zu sein, es bestehen aber jetzt doch erhebliche Bedenken an der Wahrheit ihrer Darstellung. Es muh schon auffallen, daß die Kleine den Täter so gut wie gar nicht beschreiben kann. Es kommt aber noch hinzu, daß das Kind, das eine Flasche Milch geholt hatte, hingefallen und daß dabei die Flasche in Scherben gegangen ist. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß die Verletzungen von Glasscherben her- rühren, und daß das Kind auf den Messerstecher nur gekommen ist, weil es �on dem Vorfall bei Nauen jedenfalls viel hat reden hören. Die größte und zugleich auch die„schwerste" Anklage, die viel- leicht je in einer Sirafjache angefertigt worden ist. ist vor einigen Tagen dem nun seit zwei Jahren in Untersuchungshaft sitzenden Bankier Otto Sattler, dem Gründer der.Merkur-Bank", zu- gestellt ivorden. Die gegen S. erhobene Anklage umfaßt nämlich die Kleinigkeit von über 2000 Seiten, ist ziemlich so stark wie das Berliner Adreßbuch und wiegt, knapp gemessen, mindestens 12 Pfund. Für die Ausarbeitung dieses Anklagemonstrums ist dem Dezernenten der Staatsanwaltschaft I, Staatsanwaltschaflsrat Dr. S ch w i n k e r a t h, ein Urlaub von neun Monaten gewährt worden. Der Hauptteil der Anklage wird vor der Strafkammer in einer Mitte November beginnenden Verhandlung zur Erledigung kommen, während ein kleinerer Teil das Schwurgericht beschäftigen wird. Dem Angeklagten ist zur Erklärung auf die Anklageschrift eine Frist von zivei Monate» geivährt worden. Neben Sattler sind noch mehrere Angestellte der verkrachte».Merkur-Bank" angeklagt. Die Verhandlung wird, wie man in den beteiligten Kreisen annimmt, wahrscheinlich über drei Monate dauern. Ein rätselhafter Todesfall beschäftigte die Kriminalpolizei. Die Hebamme Frau Berta Behling aus der Marienburger Str. S zeigte vor einigen Tagen an, daß bei ihr ein unbekanntes junges Mädchen plötzlich gleich bei ihrem Eintritt in die Wohnung zusammengebrochen und gestorben sei. Sie bestritt, irgendwelche Handlung an der Un- bekannten vorgenommen zu haben. Wegen vorliegender Verdachts� momente wurde Frau V. in Haft genommen. In der Person der Toten ist jetzt eine 25 Jahre alte Putzfedernarbeiterin aus Neukölln festgestellt worden, die ohne Wissen ihrer Eltern den verhängnisvollen Besuch bei der Hebamme gemacht hatte. Der Prozeß gegen den Raubmörder Trenklcr wird, wie man unS mitteilt, schon in der erst«» Schwurgerichtsperiode nach den Gerichts« ferien, die Mitte September beginnt, zur Verhandlung gelangen. Wie erinnerlich, mußte der schon einmal angesetzt gewesene Termin seinerzeit vertagt werden, da der schwer lungenleidende Trenkler nach dem Gutachten mehrerer Aerzte infolge inehrerer Blutstürze verhandlungsunfähig geworden war. In dem lluterfuchungS- gefängnis soll sich unter Anwendung von Nährpräparaten sein Gesundheitszustand derartig gebessert haben, daß er einer erneuten Verhandlung gewachsen ist. Wie berichtet wird, soll Trenkler vor kurzer Zeit nochmals einen Selbstmordversuch in seiner Zelle unter- nommen haben, der aber durch das Eingreifen eines Aussehers der- hindert werden konnte. Ein tödlicher Straßenbahnunfall ereignete sich gestern nachmittag gegen 5'/« Uhr in der Stendaler Straße. Dort spielte der drei« jährige Knabe Herbert F., dessen Eltern in der genannten Straße wohnen, mit mehreren anderen Kindern auf dem Straßendamm. Die Kleinen liefen über die Gleise und achteten im Eifer des Spiels nicht auf einen herannahenden Straßenbahnwagen der Linie IS. Erst im letzten Augenblick vermochten sich zwei der Kinder durch einen Seitensprung zu retten, wqchrend der kleine F. vom Vorder- perron erfaßt wurde und unter den Schutzrahmen geriet'. Das Kind erlitt so schwere innere Verletzungen, daß es in bewußtlosem Zu« stände hervorgezogen wurde und bald darauf im Krankenhause Moabit, wohin es geschafft wurde, verstarb. Bemerkenswert für Angehörige Kranker in der Nervenklinik in der Charitö ist eine Mitteilung, die uns. von einem Leser des.Vor« wärts" gemacht wird. Während derselbe wochentags nachmittags seine kranke Angehörige durch das Portal am Alcxanderufer auf- suchte, ging er Sonntags durch das Portal in der Schumannstraße. Am letzten Sonntag halte sich der Schreiber etwas verspätet, wes- halb er auf dem kürzesten Wege, nämlich durch das Portal am Alcxanderufer, nach der Nervenllinik zu gelangen suchte. Doch als er dort ankam, fand er das Portal geschlossen. Nunmehr mußte der Krankenbesucher durch das an der entgegengesetzten Seite liegende Portal gehen. Dadurch verringerte sich die Besuchszeit um eine halbe Stunde, die er gebrauchte, um auf diesem Umwege in die Nervenklinik zu gelangen. Im Interesse audcrer Krankenbesucher, denen noch unbekanut ist, daß jenes Portal am Alexanderufer Sonn- tags nicht geöffnet ist, ersucht uns der Schreiber, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen. Aus dem Schlenscnkanal gelandet wurde, wie wir mitteilten, in der Nacht zum Montag ein junges Mädchen, das kurze Zeit vorher vor dem Hause FriedrichSgracht 10 inS Wasser gesprungen war. Wie jetzt festgestellt werden konnte, ist die Tote eine erst 18 Jahre alte Verkäuferin Helene Kuhn aus der Neißestraße zu Neukölln. LiebeSgram hat das Mädchen zu diesem Schritt veranlaßt. Lehrstellen weist der Verein für daL Wohl der aus der Schule entlassenen Jugend nach. 1. Sprechstunden für Lehrlinge: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 3 bis 5 Ühr in dem Schulhause, Hinter der Garnison- sirche 2, und täglich außer Sonntags Senefelderstr. 9 von 12 bis 1 Uhr. Osterzeugnis mitbringen. 2. Lehrherren werden gebeten, ihre Anträge an die Geschäfts» stelle(Rektor Gillert), N. 58. Senefelderstr. 9, zu senden. Vorort- f�ackrickten. Die Neueinteilnng der Wahlbezirken Wilmersdorf zu den bevorstehenden Stadtverordnetenwaylen ist vom Magistrat veröffentlicht worden. Diese Aenderung resultiert aus der Er« h ö h u n g der Zahl der Stadtverordneten. Anfangs dieses JahreS wurde bekanntlich die Erweiterung de? Stadtverordnetenkollegiums von 43 aus 90 Stadtverordnete beschlossen. Infolgedessen sind bei den Wahlen im Herbst außer den turnusgemäß aus« scheidenden 19 Vertretern noch zwölf neue Vertreter zu wählen. Da außerdem noch ein Mandat durch Verzug erledigt ist. handelt es sich insgesaint um die Besetzung von 29 Mandate«. Um die neuen Vertreter nun bestimmten Bezirken zuteilen zu können, war die Neueinteilung aller Bezirke notwendig. Eutscheidend in dieser Frage ist der Magistrat allein. Nach§ 14 der Städteordnung bat der Magistrat, falls eine Aenderung infolge der Zahl der stimm« sähigen Bürger oder aus sonstigen Gründen erforderlich ist, eine entsprechende anderweitige Festsetzung zu treffen. Ist nun schon die bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversamm» lung gesetzlich vorgesehene Drittelung der Wähler als eine die minderbemittelten lgürger in ihren Rechten erheblich herabsetzende Tatsache zu verzeichnen, so gesellt sich neben dem Hausbesitzer» Privileg als drittes die dem Magistrat zustehende Befugnis der Bezirkseinteilung zu. In Stadtgemeinden, die eine gleiche Struktur in der Bevölkerung aufweisen wie Wilmersdorf, läßt sich leicht bei neuer Einteilung der Bezirke etwa zu befürchtender Einfluß herab- mindern. Die vorliegende Einteilung sieht für die d r i t t e Wähler» a b t e i l u n g an Stelle der bisher bestandenen 11 Wahlbezirke deren nur neun vor. Es muß Verwunderung hervorrufen, weshalb man jetzt entgegen der früheren Zahl der Bezirke eine Minderung eintreten läßt. Zur leichteren Durchführung der Wahlen kann das keineswegs dienen. Der Mehrheit des Magistrats scheint die Mitwirkung der Sozial- demokratie im Stadtparlament nicht angenehm zu sein. Kann man auch die beiden Vertreter der Arbeiterschaft nicht so ohne weitere? los werden, so heißt eö doch, der Wahl weiterer Sozialdemokraten vorbeugen. Anscheinend fand man keinen anderen Weg, die minder« bemittelte Bevölkerung von jeder Vertretung auszuschalten. Deshalb begab man sich auf den Weg der WahlkreiSgeometrie. So wählen nach der neuen Einteilung zwei Bezirke<1. und 8.) je einen Stadtverordneten, fünf Bezirke(2, 3, 4, 5 und 9) je zwei, der 7. Bezirk drei Vertreter, während auf den 9. Bezirk sogar fünf entfallen. Gleichzeitig hat auch eine Verteilung der Mandate auf die einzelnen Bezirke stattgefunden. In erster Linie war hierbei der Wohnsitz der Stadtverordneten maßgebend. Wo mehr als für den betreffenden Bezirk zu wählende Vertreter in Frage kamen, sind diese auf die anderen Bezirke durch das Los verteilt worden. Dadurch hat man es auch ermöglicht, einen unserer Vertreter dem Kaiserplatzbezirk zuzuweisen, der nunmehr mit dem Rheingau zu» sammen den 9. Bezirk bildet. In den Kreisen unserer Gegner glaubt man schon, den Genossen Schröder auf diese Art aus dem Sladtparlament verschwinden zu sehen. Vorläufig bleibt dies jedoch ein frommer Wunsch, da unsere beiden Vertreter erst in vier Jahren � zur Wahl stehen. Bis dahin wird sich auch in Wilmersdorf manche Aenderung zu unseren Gunsten vollzogen haben. Gegenwärtig ist eS aber Aufgabe, angesichts der bevorstehenden Wahlen alle Kräfte zu entfalte» und die Wählerschaft aufzurütteln. Schon die Herbstivahle» müssen der zurzeit im Rathause dominierenden Mehrheit zeigen, daß die alleinige Wahrung der Interessen der Besitzenden nicht der Anschauung der Allgemeinheit entspricht._ Charlottenburg. Ju der Gcncralversamiiiliiiig des Wnhlvercins am Dienstag erstattete Genosse Berg den Bericht von der letzten Kreisgeneral- Versammlung. Diesem Bericht folgte eine lebhafte Diskussion, an der sich die Genossen Hnbrid, Hehn, Eberlein u. a. beteiligten. In der Frage der Erbschaftssteuer wurde von einigen Rednern eine ablehnende, von anderen eine zustimmende Haltung für geboten erachtet. Ans Antrag des Vorsitzenden Genossen Bade lourde von einem bestimmten Beschluß Abstand genommen. Die Genossen Ebcrlcin und Hehn wipischten eine bessere Aus- gestaltmig unserer Zahlabende. Schließlich stimmte die Mehr- heit einem Antrag Eberlein zu:«Die Generalversammlung be- auftragt den Vorstand, sich mit der Ausgestaltung der Zahlabende zu beschästigen und der nächsten Generalversammlung bestimmte Vorschläge zu unterbreiten". Hierauf wurden die 17 Delegierten für die Verbandsgeneral- Versammlung von Groß-Berlin gewählt, ebenso die Mitglieder folgender Kommissionen: Kinderschutzkommission: Frau Toni Suß- m a n n; Lokalkommission: Rogatt, Neumann, Lubatz: Schifferagitntion: Quitt schau; Matcrialverwalter: Bunge; Biblioihekar: Zippel; Bildungsausschuß: Dr. Rosenfeld, Dr. S u ß m a n n. Z e m p e l b u r g, Frl. K n o b b e. In die Gewerlschaftskommission wurde Genosse Seifert delegiert. Nachdem noch ein Antrag des Vorstandes Annahme gefunden hatte, in Zukunft den erweiterten Vorstand in den VolkshauSauSschuß zu delegieren, wurde die Versammlung um 12 Uhr geschlossen. Wilmersdorf. Dachstiihlbrmid am Ningiahiihof Halensee. In der Nacht zum Mittwoch hatte die hiesige Feuerwehr in der W e st f ä l i s ch e n Straße 44 am Ringbahnyof Halensee ein Großfeuer zu be- wältigen. ES brannte der Dachstuhl des Vorderhauses in ganzer Ausdehnung und die Flammen bedrohten auch die Nachbargebäude. Es mußte sofort niit fünf Rohren Wasser gegeben werden, die von der Dampfspritze gespeist wurden. Die Lvscharbeiten zogen sich aber über drei Stunden hin. Vom Dachstuhl des Vorderhauses konnte nichts mehr gerettet werden. Allem Anschein nach handelt es sich auch in diesem Falle um Brandstiftung. Die Wohnungen im Ober- geschoß haben durch Wasser stark gelitten. Schöneberg. Die nationale Flugspcndciibcttelei, die sich seit einiger Zeit in der bürgerlichen Presse breit machte, scheint sich nunmehr auch auf andere Kreise ausdehnen zu wollen. Vor einiger Zeit erschien im städtischen Arbeitsamt ein Hinweis auf diesen Rummel, und wurde durch diesen Aushang versucht, bei den Arbeitslosen einen gewissen Eindruck hervorzurufen. Eine sonderbare Zumutung, jemanden, der Arbeit sucht, der für seine Familie sorgen will, aufzufordern, den letzten Heller seinen Angehörigen zu entziehen. Jetzt agitiert man sogar in den Schulen. So soll letzthin den Kindern der Gemeindeschule in der Hohenstaufenstraße von einer Lehrerin mitgeteilt worden sein, jedes Kind erhalte eine Medaille, wenn es für die Flugspende Geld mitbringt. Es muß doch sehr schlecht um die Opferwilligkeit unserer Patrioten bestellt sein, wenn man auf diese Weise Gelder zusammenbettelt Tatsächlich haben die Eltern zweier Kinder durch wiederholtes Zureden sich bereit finden lassen, Geldbeträge zu senden, obwohl eS im eigenen Haushalt mangelt und jeder Pfennig gebraucht wird. Zum mindesten sollte man die Schule von dieser Bettelei verschont lassen. Zeugen gesucht. Am 4. August wurde die Aufwärterin Frau Auguste Kirschke vor dem Bahnhof Vorkstraße beim Besteigen der Straßenbahn von einer Autodroschke umgerissen und überfahren. Da dem Vorgänge mehrer« Straßenpassanten beiwohnten, werden diese dringend gebeten, ihre Adressen gegen Rückerstattung der Aus- lagen an Otto Dreke, Eisenacher Str. 52 1 Treppe, einzusenden. Friedenau. Großfrucr. Ein gewaltiger Dachftuhlbrand brach gestern nach- mittag in der SaarsiP. IS aus. Die Gefahr wurde erst bemerkt, als der größte Teil vom' Dachstuhl des Vorderhauses schon in Flammen stand. Als die hiesige freiwillige Feuerwehr auf der Brandstelle eintraf, war die Situation so bedrohlich, daß man sich entschloß, auch die Schöneberger Feuerwehr um Hilfe an- zugehen. Diese entsandte sofort den ersten Löschzug aus der Haupt- feuerwache. Die Löschmannschaften dratige» zum Teil über die Treppen, zum Teil über zwei mechanische Leitern gegen den Brand- Herd vor. der mit sieben Rohren bekämpft wurde. Den Bemühungen der Sappeure gelang eS, da» Feuer von den Nachbarhäusern fern» zuhalten. Der Dachstuhl de« Haui'eS Nr. 19 brannte aber total nieder. Als die Gefahr als beseitigt gelten konnte, rückte die Schöueberger Feuerwehr wieder ab. Die OrtSwehr hatte aber noch bis zum späten Abend mit den Nachlösch- und AufräumungSarbeiten zu tun. Die Entstehungsursache deS Brandes ist nicht ermittelt. Nenkölln. Ein zweitep Krcisschulinspcktionsbezirk wird hier am 1. Oktober dieses Jahres errichtet werden. Die Geschäfte sind dem Kreisschul- tuspektor Hüttenrauch in Glogau übertragen worden. Die Ab- grenzung der Bezirke wird voraussichtlich ähnlich den beiden König- lichen Baiiinspeitionen durch die Berliner und Bergstraße und deren Fortsetzung gehen. Auf der Reise befindet sich ein acht Jahre alter Durchbrenner, der Schüler Ernst Kantorowicz aus der Bergstraße LI. Der jugendliche Ausreißer entwendete seinen Eltern drei Mark, packte seine Kleidungsstücke und auch seine Spielsachen in einen roikarierten Kopfkissenbezug und verließ heimlich die elterliche Wohnung. Spiel- kaineraden gegenüber äußerte er. daß er nach Oliva fahren wolle. uni seinen Großeltern einen Besuch abzustatten. Dort ist er aber bis jetzt nicht eingetroffen. Der reiselustige.Wanderbursche" ist 1,20 Meter groß, ichlank und hat blaue Augen. Bekleidet war er bei dem Antritt seiner.Reise" niit einem blaukarierten Matrosen- anzug. Eine Kopfbedeckung hatte er nicht auf.\ Pankow. Das hiesige KaufniamiSgericht hatte sich nach dem Bericht über seine Geschäflstätigkelt im Jahre 1911 mit 4ö Klagesachen zu be- fassen. Die Klagen waren dreimal von feiten der Äaufleule und 4öiiial von seilen der Handlungsgehilfen und Lehrlinge anhängig gemacht. Es wurde in 31 Sitzungen 17mal ohne und 14mal mit Beisitzern verhandelt. Von den 43 Klagesachen fanden ihre Er- ledigung: 4 durch Zurücknahme der Klage, 2 durch Verzicht, 18 durch Vergleich, 3 durch Versäumnisurteil, 6 durch Verurteilung nach dem Klageantrag, 2 durch teilweise Verurteilung nach dem Klageantrag, 3 durch Abweisung der Klage. 6 Sachen gingen unerledigt in das Geschäftsjahr 1912 über. Der Wert der Streitgegenstände betrug in 2 Fällen bis 29 M., in B Fällen mehr als 20 bis B0 M., in 11 Fällen mehr als 50 bis 100 M., in 16 Fällen mehr als 100 bis 300 M. und in 14 Fällen mehr als 300 M. Aus dem Jahre 1910 war nur eine Klage ins Berichtsjahr übernommen; diese endete mit der Verurteilung des Beklagten nach dem Klageantrag. Als Einigungsamt gemäß Z 35 des Ortsstatuts ist das Kaufmannsgericht nicht in Funktion getreten. Ebenso sind Gutachten und Anträge im Berichtsjahre nicht abgegeben worden. Reinickendorf. Einen empfindlichen Verlust erlitt ein Butterhändler in der Granatenstraße, dem Einbrecher einen Besuch abstatteten. Die Diebe verschafften sich mittels Nachschlüssels Zugang zu den Kontorräumen, wo sie einen Schreibtisch erbrachen und aus diesem eine eiserne Kassette mit zirka 4000 M. in barem Gelbe stahlen. Aus einem zweiten Behälter entwendeten sie Wertpapiere in Höhe von 3000 ein Sparkassenbuch der Sparkasse Berlin über 40 M. und FamilieV papiere. Die Einbrecher, die anscheinend mit den örtlichen Ver- Hältnissen vertraut waren, sind unbemerkt entkommen. Am nächsten Morgen wurde die Kassette mit den Werlpapieren in Pankow auf- gefunden. Tegel. Zur Borsicht vor gewissen Hebammen mahnt der stellvertreiende Gemeindevorsteher. Es häufen sich, so wird von ihm ausgeführt, die Fälle, daß Kinder von auswärts, namentlich von gewissen Ber- liner Hebammen hier in Pflege gegeben werden, wobei sich die Pflegeeltern durch Zahlimgsversprechen oft viele Monate hinhalten lassen. Zahlung erfolgt aber aber auch dann nicht und der Armen- verband wird in Anspruch genommen. Da dieser aber für die bereits verflossene Zeit nachträglich keine Beihilfe zu leisten vermag, möge man bei der Jnpflegenahme auswärtiger unehelicher Kinder sehr vorsichtig sein und bei der Gemeindeverwaltung vorher Rat ein- holen. Oranienburg. Ein tödlicher Unglücksfall hat sich gestern auf dem der Firma Zeitz u. Weidemann gehörigen Dampfer.Mecklenburg", der zurzeit hier vor Anker liegt, zugetragen. Gegen abend wurde die Fracht deS Dampfers, Metall und Zucker, gelöscht und die einzelnen Stücke wurden mittelst einer Dampfwinde aus dem Lagerraum gehoben. Als ein 10 Zentner schweres Faß vom Kran angehoben war, gaben die Klammern der Winde plötzlich nach und die schwere Last stürzte in den Lagerraum zurück. Da» Faß fiel direkt auf den Kapitän de? Dampfers, Israel. Auch ein zweites Faß im Gewichte von drei Zentnern wurde von dem rollenden Faß umgerissen und stürzte gleichfalls auf den Unglücklichen, der von der ichlveren Last um- gerissen und furchtbar zugerichtet wurde. Erst nach schwerer An- strengung konnte der Verunglückte aus seiner entsetzlichen Lage befreit werden. Israel war der Brustkasten eingedrückt, Beine und Arme mehrmals gebrochen worden. Ein hinzugerufener Arzt leistete dem Schwerverletzten die erste Hilfe und veranlaßt« seine Ueber- führung nach dem Krankenhause. Auf dem Transport dorthin ist der Kapitän jedoch verstorben. Markgrafpieske. Die Gemeindevertretung, in ber bekanntlich neben zwölf Ge- nassen nur drei bürgerliche Vertreter sitzen, nahm in ihrer letzten Sitzung die Schöffenwahlen vor. Gewählt, wurden: Eigentümer Max Wihle, Mühlenbesitzer, Richard Geinbus und Genosse Wilhelm Wiegel II. Ob die drei Gewählten die Bestätigung erhalten, bleibt noch abzuwarten. In die Eiiikommen-Voreinichätzungskommisston wurden die Genossen Otto Grasnik. Gustav Grasnik und Franz Glenz gewählt; als Stellvertreter wurden ebenfalls drei Genoffen gewählt. Spanda». Straßenu»fall. Neun junge Leute, die von einer Rad- tour zurückkehrten, wurden auf der Döberitzer Heerstraße zum Teil sehr erheblich verletzt. Ein Fuhrwerk, dessen Pferde beim Erscheinen der Radfahrer scheuten, fuhr mitten in die Gruppe hinein. Die Radfahrer kamen sämtlich zu Fall, erlitten Rippenbrüche und Kopf- Verletzungen. Ihre Räder wurden vollständig zertrümmert. Eine Ladcnkasse wurde in der Weißenburger Straße am hellen Tage geplündert. Während die allein anwesende Frau des Inhabers eines Zigarrengeschäfts sich in einem hinteren Raum befand, betrat ein junger Mann unbemerkt den Laden und nah« die Gelegenheit wahr, aus der Kaff« einen Geldbetrag zu stehlen. Ehe die Frau hinzukam, war er mit der Beute verschwunden. Langestr. 38. Aula der Pflichtsortbildungssihule. Arbeiter- Gesangverein Mariend ois, Mariendors, Chausseestr. 27, Löwenhagen. Berliner Männer- chor. Köpenicker Straße 137/38, Fürstenhos. Boxhagen. Rummelsburg, Rummelsburg, Haupistr. 2. Bellcvue. Charlottenburger Liedertafel, War- lottenburg, Rosinenstr. 3, Volkshaus. Esmeralda, Kochhannstr..?, Giese. Gastwirtsgehilsen, Große Hamburger Str. 18/19, Verbandshaus. Gesund- brunner Harmonie, Prinzcnallee 33, Schmidt. Glasarbeiter, Neiie Jakob- straße 26, Sängcrheim. Hutmacher- Gesangverein Einigkeit, Rosenthaler Straße 11/12, Rosenthaler Hof. Kupserschniiede Landsberger Sir. 59, Landsberger Kasino. Liberie, Engeluser 15, Saal I, Gewersichaitshaus. Liegerlasel West, Liitzowstr. 111/112, Viktoria-Brauerei.. Männerchor Moabit, Beussetsw. 9, Kirschkowsky. Männerchor Norden, Schönhauser Allee 80, Milasäle. Männerchor Oberspree, Baumschulenweg, Baumschnlenstraße, Serpentin. Männcrchor Ost, Strausberg«: Str. 3, Fortunasäle. Männerchor Reinickeudor.-Osl, Reinickendorf, Residenzstr. 124, Sadau. Manuerchor Weißensee, Weißensee, Roelcke- Ecke Pistoriusstraße. Balzer. Mannerchor Neukölln, Neukölln, Bergstraße, Paisagcrestaurant. Neu erwacht, Jnvaliden- straße i, Harmonie. Putzer. Königsgraben 14a, Schulz. Sängerchor Südost, Reichenberger Str. 147, Garste. Süngerkranz, Rigaer str. 95, Pätzold. Seneselder. Neue Roßstr. 3. Englischer Hos. Textilia. Lange- straße 30, Nvwotnick. Transportarbeiter, AndreaSstr. 21. Borgmann. Typographia, Ohmstr. 2. Klubhaus. Vorwärls-Frohsin». Rummelsburg, Haupistr. 85. Beyer. Wilmersdorser Männcrchor. Wilmersdorf, Lauen- burger Str. 20/21, Schilling. Einigkeit II. Reinickendors-West, Eichborn- . straße 60, Eichborniätc. Freiheitstlänge, Borsigwalde, Ernftstraße, Woitjchach. Immergrün, Tegel, Berliner«tr. 91, Kalles. Arbeiter-Wanderbund»Die Naturfreunde". Wanderfahrlen am Sonntag, den 25. August. 1. Nach der Uckermark. Milmersdors-HenkinS- haiu /Nachtquartier). Wagensahrt nach der Prenzlauer Stadtsorst.— Prenzlau: Besichtigung der Stadt. Abfahrt Stettiner Fernbahnhol Sonn- abend, abends 7,46 Uhr. 2. Chorinchen— Altcnhof— Wcrbellinsce. Abfahrt Stcttiner Fcrnbahnhos Sonnabend, abends 9,15 Uhr. 3. Birkenwerder— Briese— Licpnitzsce— Bernau. Abfahrt Stettiner Fcrnbahnhos Sonnabend, abends 12,55 Uhr. 4. Nauen— Jägliz— Krämer— Schwante. AbsahrtjLehrter Bahnhos 5,24 Uhr vormittags. 5. Melchow— Schwärzeste— Samithsee— Mclchow. Abfahrt Stelttner Fernbahnhos 5,59 Uhr vormittags. 6. Erkner— Rüdersdorf— Stienitzsee— Fredersdorf. Abfahrt Schlcsischer Bahnhos 6,23 Uhr vormittags. 7. Frohnau— Summtsee— Birkenwerder.. Abfahrt SIetiiner Vorortbahnhof 5,48 Uhr vormittags. 8. Pankow— Schloßpark— Riesenstein— Buch. Treffpunkt Pankower Kirche 2 Uhr nachmittags. Gäste willkommen. Marktbericht von Berti» am 29. Zlugust 1912, nach Ermittelung des lönigl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00—50,00. Speisebohnen, weiße. 28.00—50,00. Linsen 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 7,00—12,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch. Bauchfleisch 1,50—1,90. Schweinefleisch 1,60-2,40. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,70—2,40. Buller 2,40-3,00. 60 Stück Eier 3,60—6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,60—2,40. Aale 1,60-3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1,60-3,00. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 2,00-40,00. Witterungsüberficht vom 21. August 1912. Jugendveranstaltungen. Die freie Jugend Charlottenburg veranstaltet am Sonnabend. den 24. August, gemeinsam mit dem Holzarbeiterverband eine Rachtpariie nach Pichelsberge. Abmarsch'/,9 Uhr abends vom Jugendheim, Rosinen- straße 3. Gäste sind willkommen. Deutscher Arbeiter-Däugerbund, Gau Berlin und Ilmgegend. Die dem Bunde angeschlossenen Vereine tagen in folgenden Lokalen: Montag: Solidarität, Dranienftr. 103, Witwe Augustin. Zukunft, Nieder- Schönhauscn. Ka!s«r-Wilhelin-Str. 83, Berchke.— Dienstag i Berliner Volkschor, Langestr. 38. Aula der PflichtsortbildungSschule. Allegro, Lausitzer Straße 8, Grabert. Louisenst. Männcrchor, Kommandantenstr. 62, Beckers Festsäle. Namenlos, AndreaSstr. 2t, Andreas-Feslsäle. Rord-Lst-Lyranla, Elbinger Str. 9, Beiersdorf. Schuhmacher. An der Stralaucr Brücke 3, Knörtch. Unverzagt, Salzwedeler Str. 16, Bachftein. VorwärtS-Frohfliin, Rummelsburg, Hnupistr. 85, Beyer. Weddinger Harmonie, Pasewalkcr Straße 3, Preppernau. Maibund, Wittenau. Hauptstr. 56, Schulz.— Doiiiierstag: Becherllang, Samariterstr. 1t, Hccker». Britz, Britz. Chausseestr. 69/70, Rachsahl. Einigkeit, Staaken, Berliner Straße, Zum br. Hirsch. Fichte-Georginia, Ohmstr. 2, Klubhaus. Freie Sängcrichast, Tempelhof, Berliner Str. 41/42, Becker. Frohsinn, Alte Schönhauser Straße. Schräder. Größ-Lichterselder Männerchor, Groß-Lichterselde. Bäkestr. 22, GcsellschastShauS. Hilarita«, Lychener Str. 3, Maas. Hostnung, Spandau. BtSmarckftr. 8, Madetzky- Kreuzberger Harmonie, Fichtestr. 29, Raabc. Lerche, Borndolmer Str. 7, Süßmilch. Lichtenbcrger Männerchor, Lichtenberg, Psarrftr. 74, Erteil. Liedersreund, Pankow, Breitcftr. 14, Türllschet fZclt. Maientraum- Soni-belli, Urban str. 93, Kutscher. Männerchor Harmonie, Hoben- Schönhaiisen, Berliner Str. 23. Reiher. Männerchor ricdenau-SIeglitz, Steglitz, iAhornstr. 15». Schellhase. Männerchor Lankwitz- illdende, Lankwitz, Viltorinstr. 42/43, Gesellschaslshau». Melodta, Neukölln, Marcschfir. 14, Jdeal-Kiause. Morgengrauen, Rosenthaler Str. Rosenthaler Hos. Olympia, Blumenstr. 10, Alt-Beriin. Säugerabteilung I' Süd-Ost, Oranienstr. 180. Kasino. Sängerchor Wedding, Tristsir. 63, Funks. Schnee- glöckchen, Neukölln, Hcrmannstr. 49, Hoppe. Schöneberger Männerchor, Schöneberg, Mcininger Sw. 8, Neue Ratbaussäle. Töpscr, Königsgraben 2, Schulz. Vorwärts. Naunynsw. 6, Wollenhcrg. Vorwärts, Friedrichssclde- Karls Horst, Berliner Str. 98, Südbrink.— Freitag: Berliner Volkschor, Swinemde. Samburg erlm Franks.a.M. München Wien 758® 759SW 759 W 765 SW 760sW tRegen 3sbedcckt 1 bedeckt 3!wolkig bwolkig chbcdeckt Haparanda Petersburg Scilly Aberdeen Paris 768 SO 763 ONO 762'W 750 766 2 bedeckt 3bedeckt bwollig 4!wolllg 2.heiter Wetterprognose für Donnerstag, den 22. August 1912. Mäßig warm, zeitweise heiter, aber veränderlich ohne erhebliche Nieder- schlage bei meist schwachen westlichen Winden. Berliner W e tt e r b u r e a u. WasserstandS-Nachrichteu der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berllner Wetterburea» Wasserstand M- m e l. Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thoru Oder, Rallbor i Krassen , Frankfurt Warth«. Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz . Dresden , Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden Winden Rhein, Maximilians au , Kaub Köln Neckar, Heilbron» Main. Hanau Mosel.Trier am 20. 8. am 68 18 — 6 70 80 102 170 562 357 353 110 124 58 feit 19.8. orn1) +8 + 1 —8 0 +1 0 -2 —18 -20 —13 —13 +2 —14 ') 4- bedeutet Wuch»,— Fall.—•) Unterpegel. Unserem alten Freunde und] Parteigenossen 29186| Heinrich Königs und Gemahlin die berzlichslen Glückwünsche zur Silberhochzeit. , Die Parteigenossen u. Genossinnen. e2irks j Todes-Anzeigen SozialdernokrafischeFWalilvereln dir den 4. Berliner RElchstais-Wahlkreis. Petersburg. Birrtel. Bez. 350. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse Otto Nicktvi' Frankfurter Allee 65, gestorben ist Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, von der Halle de» Friedhofes in AhrenSselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter Borstand. Danksagung. Für die mir aus Anlaß deS Hin- scheidenS meines geliebten ManncS Franz Schmidt erwiesene Teilnahme spreche ich meinen herzlichen Dank aus. 2921b Schmidt geb. Raddatz. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metallarbeiter Msmies Kannich StargarderStr. 15, am 19. August an RückemnarkSleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 22. August, nach' mittags 3>/, Uhr, von der Leichen. halle deS 0,ethsemane- Kirchhofes in Rordend-Niederschönhausen aus statt. 123/1 Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwallung. Allen Bekannten und Verwandten hiermit die traurige Nachricht, daß meine liebe Mutter, Schwieger- und Großmutter, die Witwe MiMe Bleul geb. Derllcli nach kurzem, schwerem Leiden sanft entschlascn ist. Dies zeigt tiesbetrübt an August Bleul nebst Frau und Kindern. Die Beeidigung findet am Frei» tagnachmittag 31/, Uhr von der Leichenhalle des MarkuS-KirchhoseS in DilhelmSbcrg aus statt. 2» Verantwortlicher Nebakteur: Albert Wach», Berlin. Fiir de» Jnstratenteil verantw.l Tb.wl»cke,Nerlin. Dritckiz-Viriag! Vorwärts Puchdruckeret«. Verlagsanstalt Paul Singer u. So.. Berltu SW. durch die bieten Abgaben und Zölle, dazu auch die bedorstehenden Schiffahrtsabgaben schwer auf die Kleinschiffer lastete. Der Unter- gang der Kleinschiffer wäre also nicht in den berechtigten Forde- rungen der Schiffsleute zu suchen. Vielmehr sollten sie alle mit den Vkannschaften geschlossen marschieren, weil sie doch heute alle Lohn- orbeiter sind, denn viele Schiffseigner fahren ja für die grasten Gesellschaften, denen der Prosit zufällt. In der Diskussion betonte Schwedler, datz die Schiffseigner sich mehr mit Politik befassen und mehr Wert aus das Lesen guter Schriften sowie der Arbeiterpresse legen miistten. Felsch, Funktionär der Mitgliedschaft der Binnenschiffer sTransportarbeiterverband), richtete an" alle Schiffseigner, Boots- und Steuerleute den Appell, sich nicht nur gewerkschaftlich, sondern auch politisch zu organisieren. Gerade jetzt sei das notwendig, wo die Frage der Nacht- und Sonntagsruhe ihrer Lösung bedarf. Dem wahnwitzigen Treiben der Schiffahrisgesellschaften soll ein„�>all" geboten werden. Der Schiffer will nicht mehr Tag und Nacht nn Solde des Kapitals fronen. Tie Existenz der Schiffer soll gesichert Iverden durch Ver- kör jung der Arbeitszeit. Diese must herbeigeführt werden, wenn in der Schiffahrt bessere Verhältnisse geschaffen Iverden sollen. Der Deutsche Transportnrbeitcr-Verband, die Mitgliedschaft der Binnen- schiffer, hat sich diese Aufgabe gestellt. Jeder müßte bestrebt sein, die Aufgabe lösen zu helfen. Em aller Melt. JVIißbraucb des erfuidergemes. Am bergangenen Sonnabend wurde der UniversiätSProfeffor Du ff Andrew aus Champaign im Staate Illinois apf Antrag seiner Frau wegen»Mistbrauchs seines Erfindergenies" in Hast ge- nominell und am gleichen Tage zu 5 v M. Geldstrafe verurteilt. Von dem Grundsätze ausgebend, dast Zeit Geld ist, war der Pro- fessor stets bestrebt, neue Maschinen zu erfinden, die eine Zeit- ersparnis darstellen. Seine letzte Erfindung besteht in einer P r ü g e l m a s ch in e, die nidft nur Zeit und Aibeit erspart, sondern auch das Strasmast je nach der Bedeutung des Vergehens in„wissen- schaftlicher Weise" proportioniert. Der Apparat wiegt 20 Pfund und ist aus Aluminium und Bambusrohr hergestellt. Die beiden Schläger sind mit Polster versehen, um den zu Bestrafenden nickt zu ver- letzen. Ein Zahnrädchen, das durch einen Riemen in Verbindung steht, der wiederum durch eine Kurbel in Bewegung gesetzt wird, lästt die Schläger ihres Amtes walten. Dem zu Bestrafenden können in der Minute 35 Stockschläge verabreicht werde», doch ist der Apparat so konstruiert, dast diese Zahl vermindert oder erhöht werden kann. Seine Erfindung hat der Professor tüchtig an seinem Knaben ausprobiert, der aber den Wert derselben nicht zu würdigen verstand. Als die Mutter gegen eine derartige Behandlung ihre» Sohnes Protest erhob, liest er sie durch seine Maschine ebenfalls verprügeln, was diese veranlastte, klagbar gegen ihren Mann vorzugehen. Herrn Chefredakteur Oertel, dem Schwärmer für die Prügelstrafe, hüpft vor Freude das Herz im Leibe. Flugs.hat er sich zwei Apparate bestellt: einen für den Familienbedarf, den andern für die Redaktion der»Deutschen Tageszeitung". General Booth gestorben. In feinem Hause zu Hadley Wood in England ist gestern General Booth, der Begründer der Heilsarmee, im Alter von 83 Jahren gestorben. Der in England geborene greise Führer der Heilssoldaten war in seiner Jugend Methodistenprediger. Im Jahre 18ö5 begründete er auS den kleinsten Anfängen heraus das Werk seines Lebens. Die von ihm geschaffene Organisation wirkte zu- nächst unter dem Namen„Christliche Mission", im Jahre 1878 wurde für die heute in allen Weltteilen verbreitete, auf die Rettung der» kommener Volksschichten gerichtete religiöse Organisation der Name Heilsarmee geprägt. Booth, der in den letzten Jahren sich mehrfach Augenoperationen unterziehen muhte, die jedoch seine Erblindung nicht aufhalten konnten, ist an Altersschwäche gestorben. Wildernde Feldwebel.' Am Sonntagnnchmittag wurden in der Nähe von Brieg im Walde zwei Vizefeldwebel des 153. Infanterieregiments aus Brieg in Uniform wildernd angetroffen. Ant den Anruf des Försters nahnien die betriebsamen Stellvertreter Gottes auf Erden schleunigst Reitzaus. Durch telephonische Benachrichtigung des Brigadekommandeurs gelang es beide zu ermitteln. Einer von den Wilddieben in Uniform wollte nach ILjähriger Dienstzeit im Herbst Polizist werden. Dann hätte man schliestlich den Bock zum Gärtner gemacht. Aber vielleicht wäre der Mann zur Verfolgung der Sozialdemokraten zu gebrauchen gewesen. Der New Volker Polizeiskandal. Die New Aorker Groß-Jury hat gegen den Polizei- leutnant Becker und mehrere andere Personen Anklage wegen Ermordung des SpielhöllenbcsttzerS Rosenthal erhoben i weitere Anklagen werden erwartet. Der Spieler Schopps und der Bandenführer Z e l i g haben die Geständnisse des Spielers Rose teilweise bestätigt. Zelig sagte vor Gericht au«, er sei das Opfer einer polizeilichen Verschwörung ge- worden und die Furcht vor Becker habe ihn veranlastt, dem Spieler Rose vier Männer zur Ermordung Rosenthals zuzuführen. Aus dem vom Staatsanwalt unterbreiteten Beweismaterial gehl hervor, dast Becker in einem Zeitraum von acht Monaten 00 000 Dollar bei zwölf Bauken hinterlegt hat. Geschäft ist Geschäft. Die Geistlichen der italienischen Stadt Monte San Giovanni sind in den Ausstand getreten. Die Verkünder der christlichen Lehre verlangten unter Berufung auf die Verteuerung der Lebensverhältnisse, dast ihnen die Gebühren für religiöse Handlungen auf dem Lande verdoppelt würden. Die Landleute wollten sich jedoch nicht rupfen lassen, so daß ein Streik der Priester aus- brach. Wie würden die Gescheitelten und Geschorenen wettern, wenn Arbeiter ihre Arbeitskraft plötzlich um 100 Proz. höher verkaufen wollten. Ter rabiate Gerichtssekretär. In einer G ö t t i n g e r Bar bekam ein A in t S g e r i ch t S- s e k r e t ä r aus Hannover, der in Güttingen seine Ferien ver- lebt, Streit mit anderen Gästen. Der Streit artete in eine blutige Schlägerei aus, wegen der der Gerichtssekretär schliestlich sistiert und zur Polizeiwache gebracht wurde. Hier benahm er sich sehr rabiat gegen die Polizeibeamten. Anstatt ihn nun in das Arrestlokal zu sperren, wollten die Polizeibeamten, weil eS sich um einen Gerichts sekretär handelte, Gnade für Recht er- gehen lassen und wollten ihn laufen lassen. Als er nun zur Tür binausgelassen werden sollte, erging er sich in den ordinärsten Schimpfereien gegen die Polizeibeamten, und als diese sich das verbaten, schlug er einen S ch u tz m a n n der- artig in das Gesicht, datz dieser auS Mund und Nase blutete. Der Schutzmann hat infolgedeffcn Strafantrag gestellt. Ein versinkender Bahnhof. Neben den vielen Unglücksfällen, von denen besonders die Massenkatastrophen die Welt fast beständig in Atem halten, sind auch die weiteren Bergschäden sehr unerwünschte Wirkungen des Bergbau- betriebes. So ist unter der Einwirkung des Bergbaues, verursacht durch die Zechen des Stahlwerks H ö s ch. der westliche Teil des erst 1303 in Betrieb genommenen Rangierbahnhofs O b e r- E v i n g bei Dortmund mit dem Weichenbezirk und den Stellwerksgebäuden an der tiefsten Stelle um drei Meter gesunken. Die Senkung erstreckt sich nach Osten und Westen hin auslaufend auf eine Länge von 700 Meter.' Man hat nun mit den umfangreichen Hebungs- arbeiten begonnen, deren Kosten das Stahlwerk Hösch zu tragen hat. Die Rache des Begnadigten. Unser römischer Korrespondent schreibt un§: In Rom wurde unlängst ein gewisser Gregori begnadigt, der iin Jahre 1872 wegen Mordes zu lebenslänglichem Znchlhaus verurteilt ivorden war.. Trotz der langen Strafzeit war da? Rachebedürfnis des Be- gnadigten nicht eingeschlafen. Er brachte in Erfahrung, dast der Hauplbelastungszeuge seines Prozesses noch lebte, und versuchte am 18. d. Mts., diesen Mann, dem er lange aufgelauert hatte, z u erdolchen. Der Stich ging fehl und der Angreifer wurde ver» haftet. Er kehrt nun als lebender Beweis für die bessernde Macht der Strafe ins Zuchthaus zurück. Kleine Notizen. Autoziisammcnstofz. Auf der Stratze von Eichwald nach Zinn« wald in Sachsen stiest gestern da? Automobil des Bergwerksdirektors Häusler mit eiuein entgegenkommenden Automobil zusammen. Beide Wagen wurden zertrümmert und die Insassen heraus- geschleudert. Frau Häusler imd der Chauffeur wurden tchwer verletzt. Herr Häusler ist mit leichteren Verletzungen davongekommen. Wahnsinnstat einer Mutter. Wie aus Brest gemeldet wird, hat dort eine plötzlich wahnsinnig gewordene Frau ihre vier Kinder verbrannt und sich dann selbst das Leben genommen. Briefkarten der Redaktion. Die iurlsNsche Sprechstunde slndet L i n d e n st r a st c LS, vorn vier Treppe» — Fahrstuhl—, niochentä glich von SM- bis 7% Uhr abends, SoniiabendS, von t>z> bis K Uhr abend? statt. Jeder für den Aricslaste» desttulmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merlzetchcn beizuflige». Briefliche Antwort wird nicht erteil». Anfragen, denen leine Abo»ilrme»tsquitw»g beigefügt ist, werde» nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. W.(E. U. 6. 1. Ein Ehevcrtrag, nach dem das ehemännliche Niest- Lrauchs- und Verwaltungsrecht ausgeschloffen werden soll, must zu notariellem oder gerichtlichem Protokoll geschloffen und dem Registergericht zum Zwecke der Eintragung und Publilation eingereicht werden. Die Kosten richten sich nach dem Objekt, RechtSwirksamkelt tritt mit der Publikatlon ein. 2. Der Erzeuger bleibt unterhaltungspfltchttg. tz 17SS trifft da nur den Fall der— hier nicht vorliegenden— Adoption.— W. K. 15. Meldung beim Polizeipräsidium, wo sie alles näbere erfahren. — K. 3. 36. 1. Nein, 2. Etwa 11 M, 3. Nach Ihrer Darstellung nicht. Strasantraa kann seilcns Ihrer Frau nur gestellt werden, wenn die Ehe wegen Ehebruch geschieden ist.— öl. Sch. 16. Rein.— O.®. 100. Ein solcher Vertrag, der am zweckmäßigsten zu notariellem Protokoll ge- ichloffen wird, ist rechtswirksam,— Friedrtchstr. S36. 1. Falls die gesetz- lich vorgeschriebene Wartezeit erfüllt ist: nein. Ob die Wartezeit erfüllt ist, läßt sich nur nach Einsichtnahme in die AusrechnungSbescheinigungen sagen. 2. Die Angaben reichen nicht aus; kommen Sie in die Sprech- stunde.— R. L. 151. 1. Nur von der StaatSeittkommensteuer für den Monat oder die Monat«, in welche die Uebung gefallen ist. 2. JohreSsrist. — M. T. SS. Aus dem Wege der Annonce werde» Sie Ihren Zweck erreichen.— G. 10. Neben allgemeiner Elementarbildung Kenuwiff« der Literatur. Kommt ganz aus die Art der Stellung an.— B. H. 100. Ohne nähere Angabe können wir nicht raten. Kommen Sie auf unsere Redaliion. . AÜ/irEUUNG/HALLEN AM BERLIN IDIZ- vom 17. AU6U5T-1. SEPTEMBER EINTRITT FftEl GEÖFFNET v. 10- 8 UHR Die reellsten nnd billigsten Möbel and Polstcrwarcn erhält man zu Kassapreisen in der seit 83 Jahren bestehenden Möbelfabrik von A. Scania, Reichenbergcr StraEe 3. Größte Auswahl in allen Holz- und Stilorteu mit zehnjähriger Garantie.(6 Proz. Kassaskonto.) Ev. auf Ratenzahlung �Grosze Fernsicht hat man mit unserem F«r>«rshr„planet". Planet ist kein Spielzeug, sondern ein wirklich brauchb. Instrument m. 4 scharf. Linsen mit ca. 13 x Vergrößerg. und 8 Aus- zllgcn. Planet leistet auch auf weite EntsemungenvorzüglicheDienste, daher für Reise, Jagd, Auö- flüge bestens zu empfehlen. PreisperStück�ltz.SS, Psrto S0 z extra, bei Aorhereinsend.� auch Briesnl. Em Versuch ist für Sie völlig kostenlos. Sofort nach Eingang od. Nach nähme Jhter Bestellung erhal- ten Die unser Fernrohr aus 14 Tage Probezeit zugesandt. 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Berlin, den 2l. August ISIS. Der Borstand. AlSb Mobel-KnZedoi. Solide« Möbelgeschäft liefert bürgerliche WohmingSelmstchtungen sowie ein. zelne Möbel gegen mäßige Zinsvergütung bei lletner Anzahlung u. geringen Teilzahlungen. Anfragen unter Polllagerkarte 79, Postamt 28. k�ein Hfrzahlungsgerchäft. assig« monatlichen l pezlaiarzt f. Haut- und Harnleiden, ncrv.Schwäch«,„Ehrlich SOS-' usw. «Or,Homeyer*|? Untersuchung.,{hüben t Harn usw. Frlediichstr. 81,«Ä. Spr. 10—3, 6—8, Sonnt. 11—9. "onorar mSstlfl. auch Teilzahl. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41, stÄ 10—2. 6—7. Sonntags 10—12, 2—4 Plomben, beste Aut- sühruu i Olga Jacobson,„tr. 145, u. Zälinß. Iühn,ng. billigste Preise. *.»111101 Gegr. 1880 Invaliden. oen Vorwärts-Lesern gewähre Rabatt. 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Die füns Frantsurtcr. Westen. Die schöne Helena. Reue». Der liebe Auguftin. Berliner. Große Rosinen. Schiller O. Das Konzert. Schiiii>- Charlottcudurg. Hohe Politik. Lnstipielhaus. Ein Königreich m. b. H. Friedr.- Wilh. Schauspielhans. Die keusche Susanne. Thalia. Autoliebchen. Herrnfeld. Wie man Männer bessert. Die Original-KIabriaS- Partie. Trianon. Die Brieftasche. Ein peinlicher Zwischenfall. Der Dieb. Mmovtn. Schwindelmeier u. Co. Apollo. Svezialitälen. Passage. Spezialitäten. Reichshalle». Stettiner Sänger. Anfang 8'l4 Uhr. Rene? Sepauivielbans. Sylvester Schäffcr. Der erkauste Gatte. Ein wenig Musik. Rose« Die goldene Eva. Anfang 8.20 Uhr. Lnisen. Der verflossene Reßdors. Ansang 8'/, Ubr. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. LottchenS Geburtstag. Kammerspiele. MeinFreund Teddy. Königstadt-K asino. Spezialitäten. Ansang 10 Uhr. Admiralspalaft. Eisballett: Dvonnc. »» Sternwart«', Jnvalidenstr. S7—«2. Schiller- ldester 0. Wallncr-Theater. Donnerstag, abends 8 Uhr: Das Konzert. Morgen und solgende Tage: Va» Konzert. Schiller- rhester Eharlottenburg. Donnerstag, abendS 8 Uhr: tlokv Politik. Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und solgende Tage: «ode Politik. Berliner Theater. AbendS 8 Uhr: Große Rosine». fdestei'iiillei'ilijiiiglii'ztM�zöe Abends 8 Uhr: Die 5 Frankfurter. Neues Theater. AbendS 8 Uhr: Der liebe Augustin. Operette von Leo Fall. Idealer des Vestens. 8 Uhr: Die schöne Helena. iosc-iNEAre Große Frankfurter Str. 132. Zum erstenmal: Die Min o. TMfl.LI Ansang 8'/4 Uhr. Aus der Gartcnbübne: Juhuk Es ist erreicht: Gr. Revue Sonntagt, den 1. September, nachmittags 3 Uhr: fessing-Theater Sohönherr: Glaube und Heimat. Die Tragödie eines Volkes. ab 8. Sept. Thalia-Thealer Dreyer: Des Pfarrers Tochter von Streladorf. Schauspiel in 3 Aufzügen. ab S. September 1012 (nkheres später). Keues Scbauspielbans Pailleron: Die Welt, in der man sich langweilt. Lustspiel in 3 Aufzügen. Residenz-Theater K Dumas; Francillon, Schauspiel in 3 Aufzügen. Jterrnield-Theater Strindberg: Der Vater. Trauerspiel in 3 Aufzügen. Passage-Thealer. Wiedereröffnung Sonnabend, den 31. August. Gastspiel<*» sieben Spaßmacher in ihrer Revue „Da tut sich was." Passagi-Pamplikum Prinz Sonnabend, den 24. Angnst, abends 8'/, Uhr, Im GewerkHcbaftshauHe. Das Erscheinen aller Ordner ist Pflicht. Zahlslalla; Sti8.0"-'" Restaurant, W�. Nollen- . Zigarren- Kaufhaus Voigt-Theater. Gesundbrilniien Badstraße S8 Heute und folgende Tage: Die Ballettschule. Gesangskomödie mit Tanz in 2 Alten. Bollftändig neue erstklassige Spezialitäten. Ans. 4 Uhr. Voranzeige I Dienstag, 27. August: Benefiz für das Schauspiel- personal:!v