Ur. 200. Bbonnements-Bedingungen: VlionnementZ■ Preis tränumeranSoJ Vierteljährl. 3,30 SWf, monatL 1,10 SKt, wöchciUIich 23 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags- numiner mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland Z Marl pro Monat, PostabonnementS 29. Jahrg. t Ctlftlnt tZgilch llllHil montags. Nerlinev Volksblnkk. Die TnTertlons.Gebflftf veirlgt für Me sechSgefpallene Kolonel. eile oder deren Raum SO Pfg., für iolitische und gewerischastltche Vereins. und Versammlungs-Anzeigen SO Pfg. „Ktel.e HnztCgen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg,(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes wettere Worts Pfg, Worte über IS Buch- ktaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis o Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Delegramm> ildreff« „Sozialdemoliral Bcrli#", Zcntralorgan der rozialdcmokratifcbcn parte» Deutschlands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69, Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Mitttvoch, de» S8. August 1912. Expedition: SM. 68» I-indenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Rr. 1984. Das strebsame Zentrum. Im Klerikalismus mischen sich religiöse und wirtschaftliche Interessen. Die Klerisei fand sich zusammen mit den bäuer- lichen und kleinbürgerlichen Massen, zu denen später noch die Arbeiter traten. Beide einte der Gegensatz zum liberalen Großbürgertum, wobei die Kirche sich mehr gegen die Welt- anschauung, der Anhang sich mehr gegen die Wirtschafts- ordnung des Liberalismus wandte. Die Kirche sah im Liberalismus die Verkörperung des Unglaubens, die Bauern, Krämer und Krauter sahen in ihm den wirtschaftlichen Gegner, der den kleinen Mann mit- leidslos niederkonkurrierte, den Arbeiter ebenso Mitleids- los ausbeutete und dabei nicht einmal den Glauben des frommen Volkes schonte. Die Kirche übernahm die Führung und die gläubigen Massen folgten willig in diesem Stampfe gegen das„liberale Kapital". So nannte man den genieinsamen Feind, und wollte man ihn recht kräftig kenn- zeichnen, sprach man auch wohl vom„jüdisch- liberalen Kapital", wobei man auf die antisemitischen Instinkte der Menge spekulierte. Demgegenüber wurde die Fiktion des„christlichen" Kapitals um so stärker betont, dessen Inhaber zwar die Kleinen nicht weniger be- drängten und die Arbeiter nicht weniger ausbeuteten, die aber durch fleißiges Kirchcngehen und gelegent- liches Almosengeben sich und ihrem Tun eine sühnende Weihe zu geben vermochten. Man lese die Schriften Kettelers aus den sechziger, die Schriften Hitzcs aus den siebziger und achtziger Jahren, die katholisch soziale Literatur und die Ver- Handlungen der Katholikentage aus derselben Zeit— überall die Sorge um den Mittelstand: die Bauern, die Krämer und die Kleinhandwerker, und später dann auch um die Arbeiter. Gegen das Kapital, mit Ausnahme natürlich des„christlichen", richtete sich überall in klerikalen Kreisen der Widerstand. Und was mit ihm zusammenhing: Einheitsstaat, Gewerbefreiheit, Großindustrie, Großstadt— fand unter den klerikalen Sozial- Politikern die stärksten Widersacher. Die Arbeiter zog man heran, weil auch sie zu den vom Kapital Bedrückten gehörten. In der Hauptsache erstreckte sich jedoch lange Zeit die klerikale Aibciterfürsorge vorwiegend auf die Handwerksgesellen. Vor den besitzlosen Proletariern, den großstädtischen Fabrikarbeitern hatten die Ketteler und Hitze eine Heidenangst, man sah sie als Verlorene und Verzweifelte, als Unholde und„Um- stürzlcr" an und lernte sie erst„schätzen", als das Wahlrecht ihnen politische Macht gab, als die Sozialdemokratie sich der Städte bemächtigte und von hier aus weiter und weiter vor- drang. Zum Beweise, wie ehedem der Klerikalismus sich dem niodernen Wirtschaftsleben gegenüberstellte, seien einige Sätze aus der Rede wiedergegeben, die ein Geistlicher aus Köln auf dem Katholikentag in Freiburg l1859) hielt:„Ich tvar heute— so sagte der hochwürdige Herr— auf dem Schloß- berg. Da sah ich. wie der hiesige Münster so heiter und so frei, nicht beengt durch rauchende Schornsteine, in der blauen Luft zum Himmel emporragt und jedem sagt: Irre nicht ab vom katholischen Glauben l Ich sah neben ihm nicht, wie um den Kölner Dom herum, die Dampfkamine des Jndustrialis- mus. Das gab mir ein Bild von der Schwierigkeit unserer Lage. Gerade jenen, denen Kohlenteer und Maschinendampf angenehmer ist als der Geruch des Weihrauchs, danken wir es, daß in der Gegenwart wir noch so viele Kämpfe zu be- stehen haben. Aber unsere Münster werden ihre schwindsüchtigen Nachbarn überleben." So oder ähnlich konnte man es bis in die achtziger Jahre hinein in der klerikalen Presse lesen und in Zentrumsver- sammlungen hören. Unterdes hat sich manches geändert. Wie das Bürgertum im allgemeinen, so ist auch das katholische Bürgertum reich geworden. Mancher kleine Mann in Zentrums- gegenden hat sich zum großen Mann entivickelt. In der so- genannten Kölner Richtung kommen die Bestrebungen dieser Kreise zum Ausdruck. Sie wollen aus dem Turm der konfessionellen Absperrung heraus; sie wollen Anschluß an das kapitalisüsche Getriebe und Zugang zu der staatlichen Futter- krippe. Sie sehen, daß die Münstertürme unter der Masse der Schornsteine verschwinden, und ist der Qualm der modernen Jndustriestätten auch nicht so wohlriechend wie Weihrauch, so verheißt er doch Profit, und den weiß der christkatholische Manu heute so gut zu schätzen wie andere strebsame Zeitgenossen. Daher ist man denn in diesen Kreisen zu der Erkenntnis gekommen, daß der katholische Volksteil wissenschaftlich wie wirtschaftlich in der„ I n f e r i 0 r i t ä t" ist. und daß er sich am eigenen wie ani Wohl des Vaterlandes versündigt, wenn er sich nicht bemüht, dieses Manko an geistigem und mate- riellem Gut einzuholen. Ueber diese Frage sind Schriften erschienen, sind Leitartikel verfaßt und Reden gehalten worden, und auch eine der öffentlichen Versammlungen des Aachener Katholikentages hat sich mit der Frage beschäftigt. Ueber den . Auteil der Katholiken am geistigen Leben hat ein Gymnasial- Professor aus Münster, und über die Stellung der Katholiken im Wirtschaftsleben hat ein Zcntrumsabgeordnetcr, Rechts- anwalt Mayer(Kaufbeuren) geredet. In diesen beiden Reden steht die„Kölnische Volkszeitung" den Beweis, daß der Aachener Katholikentag.viel praktische Arbeit zum Besten des deutschen Katholizismus und zum Wohle des Vaterlandes" geleistet hat. Zu der Wirtschaftsrede des Zentrumsabgeordneten Mayer bemerkt das Blatt:„Der deutsche Katholizismus hat ein Interesse daran und die deutschen Katholiken haben ein Anrecht darauf, daß sie im Wirt- schaftlichen Leben alle möglichen Positionen ausfüllen, daß sie nicht dauernd bloße Hilfsmittel sind, sondern in selbständigen Existenzen an der EntWickelung unseres Wirtschaftslebens mitschaffen. Ein deutsches Irland wäre ein Unglück für unser Volksganzes und unser Reich." Mit anderen Worten: die besseren Katholiken wollen mit pro- fitieren an den Milliarden, um die Deutschland, d. h. sein kapitalistisch interessierter Teil, jährlich reicher wird; sie wollen wahrmachen, was Windthorst einst der strebsamen Jugend in dem katholischen Kaufmannsverbande als Aufgabe vor Augen führte: mehr katholische Kommerzienräte I— wobei es natür- lich nicht nur auf den Titel, sondern vor allem auf das mit dem Titel verbundene Geld und Ansehen abgesehen ist. Wir gönnen dem Zentrum seine Kommerzienräte, seine Kapitalisten, Handels- und Jndustrieherren. Aber es will uns scheinen, daß die klerikalen Sazialpolitiker der alten Schule in ihrer Art doch richtiger dachten, wenn sie in dem Kapitalismus, in der Großindustrie, in der modernen Wirt- schafts- und Staatsentwicklung ein böses Gespenst erblickten, das hinter sich eine ungebärdige Masse voll Umsturz- und Unglaubensgedanken Herzog, eine Masse, die immer weiteren Zuwachs erhält aus der Menge derer, die man mit so großer Mühe erzogen hat zum Gehorchen, zum Darben und zum Beten. Es ist den Klerikalen des vorigen Jahrhunderts nicht gelungen, das Gespenst zu bannen, die Beschwörung durch fromme Sprüche und Lobreden auf die gute alte Zeit erwies sich als zu schwach. Aber immerhin, es lag wenigstens Plan und Ueberlegung in dem Tun dieser Klerikalen. Dagegen ist das Vorgehen der Klerikalen des zwanzigsten Jahrhunderts sinnlos von Anfang bis zu Ende. Sie wollen, entschiedener noch als ihre Vorgänger, dem„Umsturz", und dem„Unglauben" zu Leibe und bemühen sich doch mit Eifer und Erfolg, den Böden zu düngen, dem dasjenige, was sie „Umsturz" und„Unglauben" nennen', nämlich die Sozial- demokratie, entsprießt. Jeder katholische Kommerzienrat und Jndustrieherr ver- nichtet Hunderte von kleinen Existenzen und züchtet Tausende und Zehntausende von Sozialdemokraten. Herr August Thyssen, den die Zentrumspresse jüngst als ein leuchtendes Beispiel dafür gefeiert hat, daß auch ein gläubiger Katholik seine Stellung im modernen Wirtschaftsleben auszufüllen ver- möge, beschäftigt 40(XX) Arbeiter; jetzt mag erst ein Teil davon sozialdemokratisch gesinnt sein, der Anteil wird wachsen, und je größer der Thyssensche Betrieb, desto größer die Anzahl der darin beschäftigten Arbeiter. Die Zeit wird kommen, wo vielleicht auch der letzte Mann im Bereiche der Thyssenschen Schlote der Sozialdemo- kratie angehört— mag Herr Thyssen oder sein Nachfolger noch soviel Kirchen bauen, mag das Zentrum noch soviel Pläne schmieden zur Bedrückung und Verdummung der Arbeiter. Mögen die Jesuiten auf den Katholikentagen noch lauter und noch fanatischer wider den„Umsturz" wettern als Pater Cohauß, je mehr katholische Kommerzien- räte undGroßindustrielle, desto mehr sozial- demokratische Arbeiter! Den strebsamen bachemi- tischen Profitmachern im Zentrum sehen wir in aller Gemüts- ruhe zu: sie arbeiien nur für uns! Zur Ccucrung. Die Verteidigung der Regierung. In einem auffällig langen und eingehenden Artikel— der offenbar auS der Feder eines dem Lehrkörper der Universität an- gehörenden Nationalökonomen stammt— beschäftigt sich die„Nordd. Allgem. Zeitung" mit der Tatsache und„den" Ursachen der Teuerung. Natürlich sucht das Blatt an der Tatsache noch etivas herumzu- mäkeln, aber schließlich spricht eS in erfreulicher Klarheit den(ge- sperrt gedruckten) Satz ans:„Eine Viehteuerung ist un- bestreitbar". Als Beweise werden dazu die bekannten Ziffern der amtlichen.Statistischen Korrespondenz" über die Steigerung der Fleisch- und Viehpreise in Preußen und Berlin gegeben. Auch mit den Angaben über die U r s a ch e n der Teuerung könnten wir dann einverstanden sein, wenn es sich nur um die Frage handelte: Wie erklärt sich, das Aufsteigen der Preise inner- halb des bestehenden Zollsystems? Aber eine Untersuchung über den Anteil des agrarischen Zollschutzes an den Lebensmittelpreisen gegenüber Freihandelsländern wird nicht nur nicht angestellt, sondern dies— allerditags längst gelöste— Problem nicht einmal aufgeworfen I All die schönen Bekenntnisse, daß die Unkosten des einzelne» Viehzüchters und Fleischers seit— 1816 erheblich gestiegen sind, brauchte das Kanzlerblatt sich nicht wiederholen zu lassen. Das Volk verlangt keine nationalökonomische Untersuchung über eine Teilursache der Teuerung, sondern das Eingeständnis, daß unsere Wirtschaftspolitik die Hauptschuld an der Hungersnot des Volkes trage und daß die Regierung zur Be- seitigung dieser Not die Hand biete. Die Erhöhung der Ladenmieten in den größeren Städten, die Steigerung der Gesellenlöhne, die neu hinzugekommenen Kosten der Veterinärpolizei— alles Ursachen, die für England und jedes beliebige kapitalistisch Wirt- schaftende Voll ebenso zutreffen wie für Deutschland. Es verlangt auch kein Mensch, daß uns die Regierung die Fleischpreise der Jahre 1816 zurückschaffe. D a S kann keine Regierung. Aber d a S darbendeVolk Deutschlands verlangt dringend, daß eS feine Lebensmittel nicht teurer bezahlen mutz als England, Holland oder sonst irgendein Reich ohne Nahrungsmittelzölle. Und das vermag die Regierung, wenn sie sich auf den unbeugsamen Willen der breiten Massen stützt. Der Mangel an Futtermitteln im vergangenen Jahre hat jetzt daS st ändige Leiden des Volkes bis zur Unerträg- lichkeit vermehrt. Nicht ist di» Mißernte»die' Ursache der ungeheueren Teuerung, sondern die Dürre des vergangenen Sommers hat nur alle Schäden unserer Zollpolitik in ein so grelles Licht gesetzt, daß selbst die Regierung die Tatsache zugeben muß und den reaktionären Parteien das verruchte Wort vom Fleischnotrummel auf den Lippen erstirbt. An Einseitigkeiten der Darstellung leidet natürlich auch dieser Artikel der.Norddeutschen", obgleich er sonst ängstlich jede Schärfe und Anklagen gegen die noch im Frühjahr von den Ministern allein beschuldigten Groß« und Kleinschlächter vermeidet. Alle an dem Wucher Beteiligten will die Regierung in ihren schützenden Arm nehmen, wohl möglichst auch die gegen- seitigen Anklagen der Fleischer und Viehzüchter zum Stillschweigen bringen, damit endlich Ruhe eintrete. Der Regierung bangt vor den Stürmen, die sie entfesselt. AuS der Zurückhaltung ihres Artikels schaut die Furcht vor dem Zorn des Volkes, nicht die Sicherheit ihrer Position. Wenn ihr- Sachverständiger auch versichert, die Kauf- kraft der Bevölkerung, der Konsum an Fleisch im be- sonderen sei gestiegen und das alles sei das Ergebnis unserer Wirtschaftspolitik— lo übersieht er dabei, wie schlecht diese Politik fundiert sein mutz, wenn durch einen immerhin unbedeutenden Ausfall an Futterniitteln, dem eine er- hebliche Mehrernte an Körnerfrüchten gegenüberstand, so sehr die Kaufkraft gelähmt und der Konsum verringert werden kann. Im vergangenen Jahr war es die Mißernte an Futtermitteln, im nächsten kann es die an Brotgetreide sein. Die vielgepriesene Wirtschaftspolitik hindert nicht, daß die breiten Muffen sofort auf Hungerkost gestellt werden. Was nützt daher die Aussicht, daß vielleicht im Herbst oder Winter die Preise um ein geringes sinken könnten. Heute hungert das Volk, morgen darbt es noch immer, und um ein kurzes kann es wieder in tiefste Not gestürzt werden. i Die Hungernden fordern Sättigung für heute, sie verlangen auch heute Abhilfe für immer, keinen bloßen Wechsel auf die Zu- kunft. Das deutsche arbeitende Volk wird nicht aufhören mit seinem Ruf: die Grenzen auf!, bis die Regierung uud die herrschenden Parteien vor seinem Ansturm Zurückweichen. Die Not leiht stärkere Kräfte als der.Genuß. Arbeiter! Gebt m 3. September Eurer Forderung AuZdruck! 4-»\ * � Freibankfleisch und Pferdedärme fürs Volk. Als einzige„Abhilfe" gegen die Teuerung hat die Regierung bisher die Erlaubis erteilt, daß gepökeltes Fleisch einfinniger (also kranker) Rinder ohne die Bezeichnung„bedingt tauglich" in den freien Verkehr übergeführt werden darf. Die Erleichterung besteht also darin, daß den Konsumenten krankes Rindfleisch jetzt zum gleich hohen Preise des gesunden Fleisches verkauft werden darf! Außerdem hat der Bundesrat gestattet, daß aus dem Aus- lande Pferdedärme eingeführt werden dürfen, und weiter trat eine Milderung des Verfahrens bei Beanstandung von Tier- körprrn wegen Neffelfiebers ein.— Das find die Linderungen der Regierung: höhere Preise für krankes Fleijchi Minderung des gesundheitlichen) Schutzes, i" * * Den reaktionären Parteien ist unsere Kennzeichnung� der Teuerungsurheber sehr unangenehm, wenigstens soweit sie die Hauptschuldigen, nämlich sie selbst, trifft. Die traute Gemeinschaft zwischen Zentrum und Konservatiben verleugnet sich auch hier nicht. Die schwarzen Blätter behaupten, daß in der ganzen Welt Viehnot herrsche und daher ein Sinken der Fleischpreise durch Oeffnung der Grenzen nicht zu erwarten sei. Ja, wenn wirklich alle Länder so sehr an Viehknappheit leiden— weshalb bedarf eS dann noch der Grenzsperren? Eine Aufhebung der Zölle könnte ja dann die Profite der Agrarier nicht in Gefahr bringen..Märchen vom Viehllberfluß" im Auslände hat die Sozialdemokratie nie erzählt; im Gegenteil, sie hat selbst nachdrücklich auf die Teuerung als eine internanonale Erscheinung hingewiesen. Die Zentrumsblätter der« leumden bewußt, wenn sie uns vorwerfen, wir verschwiegen die Tatsache, daß in einzelnen europäischen Staaten ebenfalls Viehmangel herrsche. Gerade wir betonten, daß eine Oeffnung der Grenzen für Vieh nicht so viel helfe, als die Einfuhrerlaubnis für überseeisches gekühltes Fleisch. Darin unterscheidet sich unsere Forderung von den Wünschen der Fleischer, die nur die Vieh- einfuhrbeschränkungen beseitigen wollen. Trotz alles scheinbaren Kampfes stehen sich Agrarier und Fleischer recht nahe in dein Wunsche, die Konsumenten weiter zu schröpfen. Ihr Geschimpfe gegen uns ist immer noch viel größer und vor allem viel ernster als gegeneinander. Daß auf dem Deutschen FleischerverbandStag zu Trier von de» Interessenten behauptet worden ist, es gebe nirgends in der Welt Vieh, das in Deutschland eingeführt werden könne, glauben wir recht gern. Aber weshalb können die Engländer noch immer jährlich S-6 Millionen Zentner gekühltes. australisches und amerikanisches Rindfleisch und Hunderttausende von Hammeln einführen? Sollten da keine Million mehr für Deutschland übrigbleiben? In der Schweiz, in England kaust man gutes argentinisches Rindfleisch für 70 bis 75 Pf- pro Pfund. Selbst wenn es durch die vermehrte Nachfrage um einige Pfennige stiege, erreichte es noch immer nicht den jetzt in Berlin gezahlten Preis von IVO bis 110 Pf. Nicht die Sozialdemolratie verschweigt und erzählt Märchen, sondern die Reaktion der- heimlicht und lügt. Auch O e r t e l, der in der.Deutschen TageSzeitmig" höchst eigenhändig unseren Artikel über die Fleischteuerungsursachen nicht zu widerlegen, aber zu bestreiten sucht» scheint noch iinmer keine Statistik zur Hand genommen zu haben. Sonst könnte er nicht kategorisch von einer Zunahme des Viehauftriebes sprechen. Auch wir müssen unendlich oft Gesagtes wiederholen, wenn wir diese demagogische Schiefheit mit der Feststellung kennzeichnen, daß die Zunahme im wesentlichen nur für Schweine und hier auch nur für die Märkte der grbßen Städte gilt. Die Frage, ob die Auf- Hebung der Grenzsperren einen Rückgang der Viehwirtschaft hervor- rufen würde, hat erst kürzlich Professor Etzlen-Zürich im.Archiv für Sozialivissenschaft" behandelt. E b l e n fordert gerade die Aufhebung der Vieh- Und Getreidezölle, um die Viehzucht und die Fleischproduktin in Deutschland sozu heben, daß sie der Nachfrage genügen kann. Auch hat Oertel noch nicht begriffen, daß die Grenzzölle erst den Fleischwucher der Zwischenhändler und Groß- schlächter möglich machen. Den Einwand, daß man lieber selber rauben solle, weil später andere stehlen könnten, hatten wir allerdings nicht erwartet. Herr Oertel wird uns nebst seinen Ge- treuen doch in der Erreichung eines Antitrustgesetzes unterstützen. falls sich wirklich ein Fleischring bilden sollte I Es ist auch nicht wahr, daß wir nur.nebenbei" uns gegen den Wucher der Viehkapitalisten gewandt haben; Oertel hätte nur die Uebcrschrift„Wider den Fleischwucher der Agrarier und Grotzschlächter" zu zitieren brauchen, um seine Leser den Tatsachen entsprechend zu unterrichten. DoS Volk leidet und seufz! unter der Not. Keine schönen Redensarten stillei�seinen hungrigen Magen. DaS kann nur billiges Brot und Fleisch tun. Gebt uns Brot statt Steinel ** * Pferdekadaver als Nahrung. Wie die jüngsten ZeitungSmeldungen zeigten, macht sich die Empörung über die Teuerung besonders in Schlesien recht drastisch bemerkbar. Wie siblimm die Not hier ist, dafür diene das folgende Beispiel: In dem Waldeiiburger Bergarbeiterdorf Julians darf war ein Pferd krepiert. Der Eigentümer des Kadavers gestattete einem Besenbinder das Tier abzuladen und es dann zu verscharren. Der arme Teufel schleppte mit Hilfe mehrerer Bergleute den krepierten Gaul in die Wohnung, wo er nicht nur abgezogen, sondern auch buch- stäblich von zahlreichen Ortsbewohnern aufgeteilt wurde. Trotzdem alle wußten, daß es sich um ein krankes Tier handelte, war der Anblick des Fleisches für die fleischentwöhnten Leute so lockend, daß sie Stücke von 10 bis 20 Pkund in ihre Behausungen schleppten. Schließlich kam die billige Fleischgeschichte zur Kenntnis der Orts- behörde und die Folge war eine Anklage wegen Vergehens gegen das NahrungSmittelgesetz und Diebstahl. Die Angeklagten wurden in beiden Instanzen freigesprochen und nur der Beienbinder erhielt 10 M. G e l d st r a f e. Fleisch voin krepierten Pferd I Darüber fallen Arbeiter heiß- hungrig her. So lebt im deutschen Krilturstant das Volk. •* ♦ Der Kampf gegen die Teuerung in Bayer». Die sozialdemokratische Fraktion wird im bayerischen Landtage wegen der Teuerung interpellieren.— Im Miinchencr Magistrat stellten unsere Parteigenoffen am Dienstag den Antrag: Der Magistrat wolle im Hinblick auf die zu erwartende große Arbeits- losigkeit im kommenden Winter, die im Baugewerbe und in anderen Betriebsarten jetzt schon ganz empfindlich eingesetzt hat, und in Anbetracht der gemeinschädlichen, noch nie erreichten Teuerung aller notwendigen Nahrungsmittel beschließen, der Bundesrat ist zu ersuchen, sofort die Einberufung des Reichstags zu veranlassen und diesem eine wenigstens zeitweilige Aushebung der Zölle auf Lebens- und Futtermittel �und die Oeffnung der Grenze» für die Einfuhr von Schlachtvieh ,n Vorschlag zu bringen. Außerdem soll durch Aenderung der einschlägigen Bestimmungen die Einfuhr frischen und zubereiteten Fleisches sowie die Einfuhr von Gefrierfleisch ermöglicht werden. Ferner sind die zuständigen Organe der Stadt- Verwaltung zu beauftragen, dem Magistrat unverzüglich jene Maß- nahmen in Vorschlag zu bringen, die geeignet erscheinen, zur Linde- rung der Not beizutragen und die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln aller Art zu crschivinglichen Preisen zu fördern.— Am nächsten Montag werden sich in München neun Bolls- Versammlungen mit dieser Angelegenheit beschäftigen. lRsubpolltiß in IPertien. Die vielbesprochene Reise des französischen Minister- Präsidenten nach Petersburg hat unter anderem auch den weck gehabt, die Frage der transpersischeu Eisen- ahn, an der das französische Kapital finanziell, England und Rußland jedoch politisch hervorragend interessiert sind. einer Lösung näher zu bringen. Wie der französische Bot- schafter in Petersburg. Herr Louis, neuerdings erklärt hat. ist eine Lösung dieser Angelegenheit nicht erfolgt, wenn es auch Poincar6 gelungen ist, sie tüchtig zu fördern. Diese Frage, die erst vor' kurzer Zeit auf der poli- tischen Bildfläche erschienen ist, verdient die auf- merksamste Beachtung, weil sie einerseits mit der persischen Politik Nutzlands auf das engste verknüpft ist, andererseits auf das Vordringen des westeuropäischen Finanz- kapitals in Vorderasien grelle Schlaglichter wirft. DaS grötzte Interesse an diesem Unternehnien, das den Kaukasus mit Indien verbinden soll, nimmt das französische Kapital, das von dieser mit der Bagdadbahn konkurierenden Bahn fette Profite und das Anwachsen des französischen Ein- flusses tn Vorderasien erwartet. Die russischen Expansions- Politiker befürworten stürmisch dieses Unternehmen, um Persien politisch und strategisch an Rutzland V zu fesseln und England gegenüber einen weiteren Trumpf in die Hand zu bekommen, wirtschaftlich jedoch sind sie an dieser Bahn nur wenig interessiert, ja sie haben sogar bei der russischen � Unternehmerklasse, die ihren persischen Markt bedroht sieht, hefttge Proteste wachgerufen. In England endlich wird die transpersische Bahn aus strategischen wie aus polittschen Gründen aufs schärfste verurteilt und nur von dem Aus- wärtigen Amt und einzelnen Finanzgruppen, als deren Sprachrohr die„Times" dient, befürwortet. Die Gründe für eine solche Haltung sind klar. Selbst die Befürworter der - russenfreundlichen Politik Sir Edward Greys sehen in der Verivirklichuna dieses Planes den vollständigen Bankrott der 19� inaugurierten mittelasiatischen Politik, die angeblich den Zweck verfolgte, die englischen und russischen„Einflußsphären" abzugrenzen, um Deutschland Gegenüber die Hände frei zu bekommen, nun aber die Gefahr craufbeschworcn hat. die vorwärtsstürmende russische Soldateska an den Toren Indiens zu seheitz. Die französische Presse trägt selbstverständlich dieser Stimmung in England, in der sich Liberale und Konservasive, Militärs, Politiker und Kaufleute vereinigen, Rechnung und würde, wie der offiziöse „Temps" kürzlich geschrieben hat. angesichts einer solchen Stimmung in dem befreundeten Staate, von dem ganzen Unternehmen Abstand nehnien. Vorläufig jedoch steht der russisch-indische Bahnplan im Vordergrunde des polittschen Interesses und gehört— wie die liberale„Daily News" sehr treffend bemerkt hat— mit zu der Erpressung, die Rutzland aus England herausgedrückt hat! Die letzte Bemerkung des liberalen Blattes, das die Aus- landspolitik Sir Edward Greys von Anfang an bekämpft hat, führt uns mitten hinein in die Wirrnisse der russisch-englischen Politik in Persien. Der im vorigen Jahre aus Persien ver- triebene amerikanische Geueralschatzmeister Morgan S h u st e r schreibt in seinem soeben veröffentlichtem Buche „Tbe Strangling of Persia" sehr richtig, nur die Feder eines Macaulay oder die Pinsel eines Wereschtschagin können diese Politik schildern,„bei dem zwei mächtige und angeblich christliche Länder ein treuloses Spiel treiben mit Wahr- heit, Ehre, Anstand und Gesetz". Die Absicht der englischen Politiker ging 1907 dahin, mit dem im Kriege geschwächten Rutzland in Asien ein Ab- kommen zu treffen, das durch die Bildung eines in zwei Einflußsphären und eine neutrale Mittelzone ge- teilten Pufferstaates die englische Polittk von der Sorge um Indien befreite und dem vordringenden deutschen Jmperialis- mus ein Gegengewicht im Osten entgegenstellte. Diese Be- rechnungen haben sich als gründlich verfehlt erwiesen. Nach- dem Nutzland mit englischer Hilfe seine Stellung in der Welt- Politik.verbesserte, das autokratische Regiment und die Reaktion im Innern verstärkte und seine militärischen Kräfte ausbaute, ging es ohne weiteres daran, die Okkupation Nord- persiens, die eigentlich durch das Abkommen von 1907 ver- hütet werden sollte, in Wirklichkeit umzusetzen. Zugleich machte es durch seinen Potsdamer Vertrag mit Deutschland die weiteren Hoffnungen der englischen Polittk zu schänden und sicherte sich nicht nur die Genehmigung Deutschlands zu seiner Raubpolitik in Persien. sondern stärkte noch seine Position als meist umworbenes Glied der europäischen Mächtegruppen, das heute dem Dreibund und morgen den beiden anderen Mitgliedern der Tripelentente die lächelnde Seite seines Januskopfes zuwendet und von beiden Zu- geständnisse und Begünstigungen seiner Expansionspolitik er- hält. Die außerordentliche Regsamkeit, die die russische Diplomatie gerade in den letzten Monaten wieder entfaltet, führt uns die Methoden und die Ergebnisse dieser doppel- gesichtigen Polittk deutlich vor Augen. Während die Früchte dieser Polittk am Balkan und im fernen Osten erst langsam heranreisen, schreiten sie, wie nunmehr keinem Zweifel unterliegt, in P e r s i e n einer stürmischen EntWickelung entgegen. Die Zentral- regierung in Teheran befindet sich schon seit dem ver- flossenen Winter in den Händen der russischen Diplomaten; das persische Parlament ist aufgelöst und soll erst einberufen werden, wenn die sachkundigen russischen Staatsstreichler ein neues Wahlgesetz mit indirekter öffentlicher Wahl erlaffen haben; die finanzielle Lage des Landes ist infolge der russischen Raubwirtschaft und der künstlich ausrecht erhaltenen Anarchie eine elende, und die teuflische Anleihepolitik Nutzlands und Englands tut das ihrige, um die goldene Schlinge um den Hals Persiens zuzuziehen; alles dies geht Hand in Hand mit der auf russischen Wunsch erfolgenden Hetze gegen die Demokraten, mit dem Wüten Samda Chans in Täbris und der zügellosen Herrschaft der russischen Soldateska in allen Teilen der russi- schen„Einflußsphäre". Zugleich führen die russischen Truppen, die immerfort neue Verstärkungen aus dem Kaukasus erhalten, einen regelrechten Krieg gegen die Schachsewenen. einem norpersischen Nomadenstamm, der trefflich ausgerüstet und von der ganzen Bevölkerung unterstützt, den„heiligen Krieg" gegen die russischen Eroberer eröffnet hat. Der kaukasische Statthalter. als dex Oberkommandierende der persischen Operationstruppen, hat zwar in feinem Truppenbefehl vor- geschrieben, die Schachsewenen bloß als„Räuber" zu etrachten, aber die Offiziösen gestehen es offen ein. daß hier von russischer Seite ein regelrechter Krieg gegen die Perser geführt wird. Nicht um die„Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung" im Grenzgebiete geht es nun den russischen Eroberern, sondern um die tatsächliche Besitzergreifung der reichsten persischen Provinzen, um die Fesselung der nattonalen Entwickclung, um die Befriedigung der russischen Expansionsgelüste— vorläufig unter der Maske des be- freundeten und am meisten interessierten Staates. Dem- selben Zweck dient auch die neuerdings durchgesetzte Verstärkung der unter russischein Befehl stehenden Kosaken- brigade von 17ö0 auf 4700 Mann, die in Teheran als ernster Erfolg der russischen Diplomatie angesehen wird; ferner die Unterhandlungen, die wegen der Rückkehr des Ex- schahs mit England geführt werden, und endlich die immer stürmischer werdenden Drohungen und Forderungen, die die russische Diplomatte wegen des Grenzstreites in Urmia an die Türkei richtet. Das Organ der Kriegspartei,„Nowoje Wrenija", schreibt offen, man müsse„die frech und übermütig gewordene Türkei in ihre natürlichen Grenzen zurückführen", ohne die Entscheidung des Haager Schiedsgerichts abzuwarten. und das um so mehr, als die Situation, die infolge der Er- ereignisse in Albanien und des Krieges mit Italien für die Türkei äußerst schwierig sei. von Rußland energisch ausgenutzt iverden müsse. Dem„Verbündeten" England wird von dem- clben Blatte zugleich die Anweisung erteilt, doch für die Ordnung in Südpersien zu sorgen und Rutzland nicht zu hindern, in Nordpersien zu schalten und zu walten".„Irgend einen Zweck— bemerkt das Blatt höhnisch— mutz doch unsere Annäherung und Vereinbarung niit England haben I" Das ist die Sprache, mit der die russischen Erobcrungspolittker sich an den Bundesgenossen wenden und die Realisierung des 1907 ausgestellten Wechsels vorbereiten. Wenn die jetzigen An- zeichen nicht trügen, so dürften schon die nächsten Wochen Er- eignisse in Persien heraufbeschwören, die aus die gesamte internationale Politik zurückivirken werden. politiCche Qcberlicbt* Berlin, den 27. August 1912. Klerikale„Prinzipienfehler". Der sich heute als stärkste Stütze des reuren deutschen Vater» landeS aufspielenden Zeuttumspartei ist eS höckst unangenehm, daß ie von unseren Genossen in der bayerischen Abgeordneteukamuier nicht nur in letzter Zeit mehrfach an ihre früheren Wahlbündnisse mit der bayerischen Sozialdemokratte erinnert worden ist. sondern auch an allerlei damalige Nebenumstände, die auf die religiöse Ge- wissenhafligkeit so mancher weltlichen und geistlichen Führer des Zentrums ein recht seltsames Licht werfen— und unter diesen Führern, die damals nichts darin fanden, mit vaterlandslosen Gesellen zu Tische zu fitzen und Händedrücke auszutauschen, be- fanden sich sogar Heutige Kirchenfürsten. Als gute, geriebene Geschästspolitiker war es damals den ftommen Herren ganz gleich, mit wem sie sich verbanden, wenn fie nur ihren Zweck erreichten. Wenn es ihnen nützlich erschienen wäre, hätten fie auch mit den Großmeistern sämtlicher Freimaurerlogen oder selbst mit dem Teufel Bitru ein Wahlkompromiß geschloffen. Die Wörter„StaatSerhaltung" und„Schutz des Altars" standen damals noch nicht in ihrem polittschen Staats- und Agitationslexikon. Heute, wo das Zentrum in Bayern die Macht in Händen hat und feine Führer zur Abwechselung fich in der staatserhattenden Pose gefallen, sind ihnen solche Reminiszenzen aus alter Zeit natürlich recht unbequem, und so suchen fie jene Vorgänge, da sie fie nicht ableugnen können, als unbedeutende gelegentliche Jugendverirrungen hinzustellen. Die ehrsame.Ger- m a n i a" und der ultramontane.Bayer. Kurier" veröffentlichen zu gleicher Zeit einen allem Anschein nach in München geschnebenen parteioffiziösen Artikel, in dem eS heißt: „Das Zentrum hat in Bayern im Jahre 18gS in den Land« tagswahlkreijcn München I, Speyer-LudwigsHafen und Pirmasens- Zweibrücken ein Wahlkonipromitz mit der Sozialdemokratte ge- schloffen. In München I hatte das Zentrum 18S8 bei der Reichs- tagSstichwahl dem Liberalismus zum Siege verholfen. Um so größer war die Enttäuschung, als die Münchener.Neuesten Nach- richten" die übliche Hetze gegen Zentrum und katholisch-ttrchliche Dinge fortsetzten. Diese Hetze war die unmittelbare Ursache, daß das Zentrum 1890 bei den LandtagSwahlen Vergeltung übte und mit der Sozialdemokratie ging... Dgs Wohljahr 19 0.5 brachte wiederum, diesmal für etwa 10 Wahlkreise m Bayern, ein L än d t äg s w a h l k o m p r omiß mit dem Roten, um eine Zweidrittelsmehrheit für das neue Wahl- recht zu schaffen und dre WahlkreiSgeomettie in die Rumpcl- kammer zu werfen. Die Liberalen hatten das Wahlgesetz ab- gelehnt.— Bei den Reichstags st ichwahlen von 1907 schloß daS Zentrum in vier Wahlkreisen ein Kompromiß mit dem Roten. ES mißlang in der Hauptsache, und auch der Zweck: Feruhaltung einer Reichstagsblockmehrheit aus Liberalen und Konservativen, wurde nicht erreicht. An diesen Vorgängen wird vom Zentrum nichts beschönigt; eS bekennt sich offen und ehrlich zu diesen Toten. Diese Wahl- kompromisse des Zentrums mit den Roten lassen sich grund- sätzlich in keiner Weise verteidigen, sie waren ein Verstoß gegen eine grundsätzliche konservative Staatspolitik, wenn- gleick gerade für diese Politik mit diesen Wahlkompromissen für den Landtag die Basis geschaffen worden ist durch Herbeiführung einer stabilen Zentrumsmehrheit mittels eines neuen Wahlrechts. Heute kann man ruhig sagen, jene Wahlkompromisse waren Prin- zipienfehler, sie würden heute auch nicht mehr abgeschloffen, allein schon aus Rücksicht auf die ganze. Ent- Wicklung." Die Bezeichnung jener Wahlkompromiffe als.Pttnzipienf-HIer" ist recht spaßhaft. Nur glauben wir der Versicherung nicht, daß künstig in der Zenttumspolitik solche Prinzipienfehler nicht mehr vorkommen werden. Wenn eS der klerikalen Macht nützlich ist, werden sich die staatserhaltenden Kämpfer für die Rechte der heiligen Kirche genau fo wenig wie bisher um irgendwelche Prin- zipien kümmern. Tatsächlich haben sich die Herren denn auch bereits im Schlußsatz ein Hintertürchen aufgelassen: sie werden solche.Prinzipienfehler' heute nicht mehr machen, .allein schon auS Rücksicht auf die ganze Ent» Wickelung"! Wenn die EntWickelung wieder einmal andere Wege einschlägt, und die politische Situation den Zentrumsjesuiten praktisch erscheinen läßt, mit der Sozialdemokratie zu gehen, dann werden, wenn auch nicht der Erzbischof Bettinger, so doch sicher andere Leuchten des Zentrums den Weg zur Sozialdemokratie wieder finden führe der Weg auch wieder an Kaisergräbern vorüber in die»heiligen Stätten" katholischer Kirchen._ Wie die Agrarier Steuern sparen. Ueber eine bisher wenig beachtete Methode der agrarischen Steuerersparnis wird dem.Berl. Tagebl." geschrieben: Die Erfahrungen der letzten Zeit haben infolge deS Zusammenbruchs von Bankfirmen eigenartige Zustände in landwirtschaftlichen Kreisen bekannt werden lasten. Reichbegüterte Landwirte. die schuldenfrei auf ihren Gütern sein konnten, haben billige LandschaftSgelder und andere Hypotheken zu niedrigen Zinssätzen aufgenommen soviel sie erhalten konnten, die baren Kapitalien aber legten sie zu höheren Zinsen bei Banken an, wo sie ansehnliche Konten und große Guthaben unterhielten. Da solche arm erscheinende Land- wirte viel Schulden nachwiesen, waren fie— oft trotz ihres groß- artigen Auftretens— wenig steuerlräfttg und zahllen geringe Ein- kommen-, Vermögens«, Gemeinde-, Kirchen- und Schulsteuern. In der Umgebung von I a u e r sind infolge des Zusammenbruchs der Bankfirma Knappe u. Thomas eine ganze Anzahl von Landwirten ruiniert werden. Da die Steuerzahler mit ihrem Geld die.Landschaften" (öffentlich-rechtliche Kreditinstitute zur Entschuldung de» Grund- besttzeS) unterhalten, entziehen die künstlichen Güterschulden nicht allein Steuern, sondern belasten auch noch positiv die ärmeren Schichten. Ein Bankkrach wird an diesem System der Steuer- Hinterziehung wenig ändern. Die Agrarier werden eben künstig niehr die Großbanken— trotz ihres Protestes gegen die.Mammon- zentralen'— benutzen. Der Geprellte ist schließlich doch das Volk. Zu den Arbeiterentlassungen auf der Reichswerft in Kiel. Am Montag fand eine Sitzung des Arbetterausschuffes der Werst statt; in dieser Sitzung teilte der Oberwerftdirektor. Admiral Henkel mit. daß die Leitung der Werft gezwungen sei. im Schiffbau 2M Mann, im Maschinenbau 350 Mann zu entlassen, für den Torpedobau sei die Zahl noch nicht fest- gestellt. Im ganzen würden wohl an 1000 Mann zur Entlassung kommen. Die Entlassung sei notwendig, weil bei dem Neubau des Linienschiffes„Kaiser" sehr viel Leute eingestellt worden seien; zeitweise seien auf der Werst über 12000 Arbeiter beschäftigt gewesen(diese Zahl ist bisher noch nicht erreicht gewesen). Es würden die jüngeren Jahrgänge und die Unverheirateten zuerst entlassen werden. Die Oberwerft- direktton habe sich auch mit der Direktion der Howaldschen Werft, der Kruppschen Werft und der kaiserlichen Werst in Wilhelmshaven ins Einvernehmen gesetzt, damit diese die bei der Reichswerft in Kiel entlassenen Arbeiter, wenn möglich. in Arbeit nehmen. Alle drei Wersten hätten zugesagt, dies soweit wie möglich zu tun.,. Als Beweis für das planlose Arbettssystem auf der Reichswerft sei erwähnt, daß Tau sende Arbeiter 1'/, Jahre lang auf der Reichswerft Ueber- stunden gemacht haben, um das Linienschiff»Kaiser" ein Jahr stüher fertig zu stellen�__ Legitimation Tentscher in der Schweiz. Die Behörden der Schweiz verlangen auf Grund der Be- stimmungen des dentfch-schwcizerischen NiederlassungSverttage» vom 13. November 1909, daß Deutsche, die sich in der Schweiz nieder- lassen oder sich dort dauernd oder zeitweise aufhalten, mit einem gültigen Heimatschein versehen sind. Deutschen, die in der Schweiz einen längeren Aufenthalt nehmen wollen, wird daher, wie halb- amMH Beton! wtrd, angeraten, sich vorher etne solche ltrkimde zu beschaffen, da sie sich sonst der Gefahr der Ausweisung aussetzen. Kirchliche Revolution! Der Zwiespalt im ultramontanen Lager ist trotz der schönen Reden in Aachen noch tiefer geworden. Man lese nur den mehr als vier Seiten langen Artikel in der soeben erschienenen Nr. 34 von.Wahrheit und Klarheit", der vom Grafen Oppersdorfs herausgegebenen katholischen Wochenschrist. Dieser Artikel stellt die Antwort dar auf eine aus den Reihen der Bachem-Richtung im„Hannoverschen Kurier" unter dem Pseudonym„Speetator Rhenanus"(zu Deutsch: Der rheinische Beobachter) veröffentlichte bemerkenswerte Auslassung, die von dem OpperSdorffschen Blatt als einen der„dem leidenschaftlichen Hast gegen den der- ehningSwürdigen Träger der Tiara(Papstkrone) entsprungenen Kolner Wutausbrüche" charakterisiert wird. DaS Oppersdorffsche Organ nennt die in diesem Artikel der- tretene Auffassung eine„Kirchliche Nevolntion" und meint: .Die„Kölner" stehen mit solchen Anschauungen nicht bloß mit einem, sondern bereits mit beiden Füßen auf protestantischem Boden. Was Wunder, daß sich pro te st antische Staatsmänner und die protestantischen Parteien aller Schattierungen dieser ihrer Gesinnungs- genossen mit allem Nachdruck gegen die päpstlich gesinnten Katholiken Deutschlands annehmen?" Der Spectator-Artikel im„Hann. Kurier" stellt in der Tat i n» haltlich das Stärk st e dar, was bisher aus den Federn der Bachemiten geflossen ist. Nach katholischer Anschauung ist der Papst der höchste Sterbliche, den eS auf dem Erdball gibt; er ist nicht mehr und nicht weniger als der Statt- Halter Gottes auf Eroen. Der Bachemit in dem liberalen Hannovers- schen Blatt aber schreibt über den gegenwärtigen Papst u. a.: „Von Pius X. Scharfblick und Klugheit verlangen. wäre ebenso absurd, wie von der ihn beeinflussenden Partei Objektivität gegenüber deutschen Verhältnissen. Die deutschen Katholiken scheinen noch immer nicht zu ahnen, wie unHeim- ltch menschlich es um den Stellvertreter Gottes zugeht. Man denke sich einen Mann wie Pius X., der, aus engen bürgerlichen und kirchlichen Verhältnissen kommend, sich lediglich durch frommen Eifer in der praktischen, für italienische Verhältnisse zugeschnittenen Seelsorge hervortat und einige Kenntnisse in der kirchlichen BcrwaltungStechnik besaß, ein Mann nicht nur ohne jede Intuition für die moderne Mensch- beit und ihre geistige Not, sondern nicht einmal von jener praktischen Diplomatenklugheit mancher römischer Prälaten, ein solcher mäßiger Genius wird als K o m p r o m i ß p a p st zum Nachfolger eines Leo XIII. gewählt. Daß ein solcher Mann ein Spielball der im Vatikan so ungemein rührigen Cliquen werden mußte, daß Pius X. nur in die Hände der schlimmsten Fanatiker geraten konnte, ist so menschlich begreiflich, daß man diesem Papst kaum mehr eine Schuld beimessen kann. Er glaubt zu schieben und wird geschoben; wenn jemals, so trifft das Wort in diesem Falle zu. Und schließlich auch von jenen intran- sigenten Kreisen in Rom und in den übrigen Ländern, vor allem in Deutschland, darf man nicht groß erstaunt sein, daß sie zu den Mitteln greifen, die ihrer Mentalität am nächsten liegen und unter den gegebenen Verhältnissen die sicher st en und wirksam st en sind:„zur Denunziation und zurVerleumdung."( Weiter führt„Speetator Rhenanus" aus, die päpstliche Unfehl« barkeit sei„in der Praris der letzten Jahre zur Karikatur und zur brutalen Gewissensknechtung nach orientalisch- despotischem Muster geworden", und eS sollte nicht nur das Recht, sondern.eine Pflicht der deutschen Katholiken sein, den P a p st und die Kurie, die jedes Maß und jede» Verständnis für ihre eigene Machlsphäre verloren haben, durch geschlossenen Widerstand zur Besinnung zu bringen". DaS sind allerdings Worte, die in den Ohren jede? konsequenten, d. h. päpstlichen Katholiken nicht mehr und nicht weniger darstellen als„kirchliche Revolution" l_ Katholikentagsmache. Wie in Augsburg, so ist auch diesmal die ZentrumSpreffe mit ihrem vorher gefetzten Berichten vom Katholikentag wieder gründlich hereingefallen. OpperSdorffS«Wahrheit und Klarheit" macht darauf aufmerksam, daß die von der C. P. C. bediente Zenlrumspresse in dem Referat des Rektors Görgen über die Schul Organisation einen Absatz von 42 Zeilen brachte, von denen der Red ne rauch u ichteinWortgesagthatl Die Oppersdorffsche Zeitschrift erhebt scharfen höhnischen Vor wntf gegen die„Kölnische VolkSzeitung", weil diese nach dem Satz: Der Ruf nach Fachaufsicht führt in die Irre„lebhaften Beifall" ver- zeichnete. LpperSdorffs Blatt fragt, welche Sibylle denn bei der „Kölnischen Volkszeitung", ihres Amtes walte.„Jedenfalls", meint das Blatt,„hat diese Art der Berichterstattung mit Gewiffen- hafligkeit nichts mehr gemein." Das Blatt hat sicherlich recht, aber seine Vorwürfe treffen nicht die„Kölnische VolkSzeitung" allein, auch andere Zentrum»« blälter brachten an derselben nichtgesprochenen Stelle der Rede die Bemerkung:„Lebhafter Beifall". Das beweist nicht nur. daß 1g12 ebenso wie früher die Reden der KatholikcntagSredner schon vor der Tagung den Zentrumsr�daktionen zum Absetzep zur Verfügung gestellt worden sind, sondern auch, daß diese Berichte bereits an den passenden Stellen die Einklammerungen„Lebhafter Bei- fall",„Stürmischer, nicht enden wollender Beifall" usw. ent- hielten... Wenn dann, wie in Augsburg, eine ganze Rede, oder wie in Aachen, ein Teil der Rede nicht gehalten wird, so wird allerdings aus dem lebhaften Beifall der Katholikentagsteilnehmer leicht ein Gelächter der übrigen Welt. Widerlicher Chauvinismus. Bei einer Gedenkfeier an die Augustschlachten deS JahreS 1870 die von alten ehemaligen 16er und 74er Regiments. kameraden am 6. August in einem Hotel in Osnabrück stattfand. hatte die Speisenkarte folgendes Aussehen: Speisenfolge. Suppe, wie die Franzosen sie si-h 1870 selbst eingebrockt haben. Fisch, gefangen m der Saar bei Saarbrücken. Sauce a la � Napoleon. Kartoffeln von Sedan.„ Ragout, hergestellt auS den Leckerbissen des eroberten fran- Filet beb o�rf zum�Sndenken an den französischen General gleichen Namens Als Kompott sehlende Gamaschenknöpfe und Sprengstücke vom Lahnstein bei Saarbrücken. Straß- burger Salat Speise. Bombe& la Gravelotte und Chassepotkugeln. Käse auS der GenosseiischaftSn, olkerei Bernadotte be, ArboiS, Departement Iura Ense, hergestellt aus Zichorien i la Thiers und von dem Waffer der Seille Bei Metz. Zigarren, die letzten noch von den vorhandenen Liebesgaben. Auch dieS Vorkommnis beweist, daß von gewissen Nementen in Deutschland der Chauvinismus zurzeit in Formen gepflegt wird. die. wenn es sich um französische Vor- kommnisse gehandelt hätte, noch vor ein paar Jahren von der gesamten deutschen Preffe als widerlichste Geschmacklosigkeit gebrandmarkt worden wäre._. Hanseatischer Liberalismus. Der Liberalismus der Fortschrittler der Hansestädte gehört seit langem zu derjenigen Sorte, die dazu in wirkungsvoller Weise bei- getragen hat. den Liberalismus überhaupt in Mißkredit zu bringen. Alle W a h l r e ch tS v ers ch le ch te rung en, die in den drei Hausestädten im Laufe der Jahre vorgenommen worden sind, sind unter Mitwirkung von sogenannten Liberalen erfolgt. Trotzdem wagen die Liberalen es, bei allen öffentlichen Wahlen um die Stimmen der Arbeiter zu buhlen. Bei der letzien Reichstagswahl waren die Liberalen in L ü b e ck auch eifrig bemüht, die Frauen zu ihrer Werbearbeit und Agitation heranzuziehen. Man sollte nun glauben, daß die Liberalen dann auch für die Gleich- Berechtigung der Frauen eintreten würden. Aber weit gefeblt. In der letzten Mitgliederversammlung der Fortschrittlichen Volkspartei in Lübeck beschloß man aiisdchcklich, daß die Lübecker Delegierten der Liberalen auf dem Parteitage in Mannheim die Forde- rung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Frau abzulehnen hätten. Wenn der Beschluß auch nicht gerade eine welterschiitternde Bedeutimg hat, so ist er doch b e- zeichnend für die politische Rück ständigkeit des hanseatischen Liberalismus. Noch bezeichnender als der Beschluß selbst sind aber die Gründe, die für ihn vorgebracht wurden. Es wurde allen Ernstes gesagt, die Frau sei von Natur dazu bestimmt, der Vermehrung des Volkes zu dienen und im Hause das Familienleben zu fördern. Beides leide aber, wenn der Frau vom Staate die gleichen politischen Rechte wie dem Manne eingeräumt würden. Der Einwurf, daß die im Erwerbsleben stehende Frau dieselben Steuern zahlen müsse wie der Mann, sei nicht stichhaltig, denn nicht für das Wahlrecht würden Steuern gezahlt, sondern für den Schutz des Staates, den der Steuerzahler genieße. Die Behauptung der Freunde der Gleichberechtigung der Frau, daß über 9 Millionen Frauen in Deutschland im Erwerbsleben stehen, treffe nicht zu, weil man auch alle weiblichen Personen mitgezählt habe, die im Haus- halt als Dienstmädchen und zur Hilfe der Hausfrau be« schäftigt würden I_ Zeugniszwangsverfahreu. Pom Schutzverband deutscher Schriftsteller erhalten wir nach- folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung: Der Schutzverband deutscher Schriftsteller, der selbstverständ« lich das ZeugniSzwangSverfabren aufs schärfste verurteilt, hat sich durch Einsichtnahme in die Akten des Prozesse» Dr. Mießner/Gurlitt davon überzeugt, doh im vorliegenden Falle der Redakteur Franz Pfemfert nicht gezwungen werden sollte, ein RedalttonSgeheimniS preiszugeben. Eine Verletzung diese» Geheimnisses konnte gar nicht in Betracht kommen, da der als vermeintlicher Autor angeklagte Professor Gurlitt den Redakteur Franz Pfemfert ausdrücklich von feiner Schweigepflicht entbunden hatte. Durch die Verweigerung der Aussage Pfemserts hatte das Gericht Herrn Prof. Gnrlitt als Autor des von Herrn Pfemfert mit vollem Namen unterzeichneten Artikels ansehen und demgemäß verurteilen können. In Erkenntnis dieses Tat« bestände» sehen wir daS Verhalten des Herrn Dr. Mießner als völlig einwandfrei an.. Der Vorstand des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller. Menschlichkeit über Militärparagraphe«. Die rigorosen Miliiär-Strafgesetzbuch-Paragraphen versagten einmal vor dem Krtegsgertcht der 8. Division, so berichtet man uns aus Halle a. S.. in der Sache gegen die Füsiliere Gustav Löben und Stanislaus Schenk von dem Regiment Nr. 33 in Halle. Die beiden Soldaten, bisher'unbestrafte Personen von guter Führung, waren wegen täilichen Angriffs auf einen Vorgesetzten, Achtungs- verletzung, Ungehorsams und Beleidigung angeklagt. Am Sonntag, den 21. Juli d. I., als das Regiment auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow weilte, hatte man dem Alkohol etwas stark zu- gesprochen. Die beiden Angeklagten hatten je 15 bis 20 Schnitt Bier getrunken und waren auf dem Heimwege von dem Dorfe Dörnitz nach Altengrabow gegen>/z10 Uhr abends mit einem Gefreiten zusammengetroffen, der betrunken an einem Wald- säume lag. Als sie dcn Betrunkenen aufrichteten, kamen die Unter- Offiziere Schröder und Baum van dem Husarenregiment in Stendal herbei und erteilten den Befehl, die Füsiliere sollten den Gefreiten nach Hause bringen. Darauf sollen die beiden Füsiliere entgegnet haben, die Unteroffiziere hätten ihnen keine Befehle zu erteilen, die Befehler wären Spinner, Strippen- und BindfadenjungenS. Dann soll Schenk eine Latte ergriffen haben und in drohender Haltung auf Unteroffizier Baum„losgegangen" sein, während Löben diesem Unterofsizier eine Ohrfeige verabreichte.— Die Angeklagten gaben an, sie wären am betreffenden Abend betrunken gewesen und hätten nicht gewußt, was sie getan hätten. Die beiden Unteroffiziere, 22jährige junge Leute, meinten aber, sie hätten die Angeklagten in der Dunkelheit gleich darauf aufmerksam gemacht, daß sie Unter- Offiziere„vor sich hätten". Der Anklagevertreter bedauerte, keinen minder schweren Fall als vorliegend annehme» zu könne» und beantragte gegen Löben drei Jahre und gegen Schenk sechs Monate Gefängnis. Die An geklagten wären gewiß gute Soldaten, aber keine wohl> erzogenen Untergebenen. Sie hätten in einer Hohn sprechenden Weise gegen die Disziplin gehandelt.— Der Verteidiger, ein Oberleutnant von dem Regiment der Angeklagten, meinte, man möge den Fall einmal rein menschlich und nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes beurteilen. Vielleicht fei der Vorgang auch mit auf die Spannung zwischen den ver- schiedenen Regimentern zurückzuführen. Verschiedene Waffengattungen seien sich zuweilen„spinnefeind". Die An- geklagten verdienten die weilgehendste Milde.— DaS Gericht nahm an, daß der Unreroffizier zweifelsohne von Löben geschlagen worden ist; eS verneinte aber, daß der Untergebene damals gewußt habe, e? mit einem Vorgesetzten zu tun zu haben. Löben wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und Schenl wurde mangels ausreichender Beweise gänzlich freigesprochen. Militärjustiz. Da» Oberkriegsgericht in Diedenhofen verhandelte am Sonnabend gegen die Kapläne Adam, Heunequin, Mathieu und Spache wegen Widersetzlichkeit. Wie bekannt, wollten die Angeklagten, die in ihrem mililärischen Verhältnis der Ersatzreserve angehören und nicht geübt haben, von der Kontrollversammlung befreit lein. Sie erschienen deshalb persönlich auf dem Haupirneldeamt und dort verlangte der Bezirksoffizier, Hauptmann Boden, im barschen Tone von ihne», sie sollten stramm stehen. Dadurch fühlten sich die Kapläne in ihrer Ehre gekränkt und wandten sich in einer Beschwerde- schriit an den Bezirkskammandeur. In dieser Beschwerdeschrift drohten sie. fall« die Angelegenheit nicht in einer sie befriedigenden Weise erledigt wird, die Sache im Landtage zur Sprache bringen zu lassen. Die vier Kapläne wurden deshalb vor das Kriegsgericht gestellt, und das Kriegsgericht erkannte auf die geringste zulässige GesSngmSstrafe van sechs Monaten und einen Tag. Gegen dieses Urteil legten die Angeklagten Berufung ein; das Oberkriegsgericht kam nach elfstündiger Verhandlung ebenfalls zu einer Verurteilung und erkannte auf je sechs Monate Festungshaft. Gleichzeitig wurde ein anderer Kaplan, der über die Behandlung durch den Hauptmann Beschwerde geführt hatte, zu drei Tagen Mittelarrest verurteilt. Die SmgmlTe in der Ciirhei. Saloniki, 26. August. Laut amtlichen Berichten haben sich in der Gegend von E l b a s a n abermals gegen 4000 Arnauten angesammelt, die die Plünde- rung der Wasfendepots von Schaiak beabsichtigen. Die Behörden erbitten Verstärkungen aus Skutart, um einen Angriff abweisen zu' können. In A v l o n a stürmte die zumeist bewaffnete Bevölkerung das Gefängnis und befreite sämtliche Gefangenen. Die Haltung Montenegros. Cettnje, 26. August.(Aus amtlicher montenegrinischer Quelle.) In Anbetracht der sehr gespanntem Lage zwischen Montenegro und der T ü r k e i. die sich im Gefolge der Zwischenfälle an der Grenze und den Grenzüberschreitungen seitens der türkischen Patrouillen ergeben hat. unternahmen die Vertreter der Großmächte im Namen ihrer Ne- gierungen bei dem König und der montenegrinischen Ne- gierung freundschaftliche Schritte, wobei sie zum Frieden mahnten. Der König und die Regierung ant- worteten, daß sie trotz der entstandenen Schwierigkeiten den Wünschen der Großmächte in weitgehendster Weis« Rechnung tragen würden. Montenegro habe keinerlei aggressive Absichten, sondern wolle nur seine Grenze vor An- griffen und Ueberschreitungen der Türken verteidigen. Es könne jedoch nicht dulden, daß weiterhin Wachthäuser und Verschanzungen von den Türken auf montenegrinischem Bodem errichtet würden, denn dies widerspreche der Integrität des Landes. Der König und die Regierung drückten schließlich die Hoffnung aus. daß die Großmächte in ihrem Bestreben, die Ruhe aufrechtzuerhalten ein Mittel finden würden, um die türkisch-montenegrinischen Grenzfragen zu lösen und die Ursachen deL Konfliktes aus der Welt zu schaffen. Gegen griechische Angriffsgelüste. Paris, 27. August. Die«gence Havas meldet anS London: Die englische Regierung hat in Paris und Petersburg das Ansuchen gestellt, mit ihr gemeinsam di« Lufmerkspmkeit Griechenlands auf die Gefahren einer Landung in SamoS und der. Einleitung einer Bewegung zugunsten einer Annexion durch Griechenland, wie sie gegenwärtig von Griechen- land und Kreta vorbereitet werde, zu lenken.— Ein englisches und ein französisches Kriegsschiff haben Befehl erhalten. nach Samos zu gehen, um eine Landung, wenn nötig mit Gewalt, zu verhindern. Ein serbischer Protest. Belgrad, 27. August. Die Regierung hat den serbischen Gesandten in Konstantinopel beauftragt, bei der Pforte wegen des S e r b e n 4 Massaker« in Sienitza energische Schritte zu unternehmen und gleichzeitig Schutz der Serben im ganzen Sandschak gegen jedweden Angriff zu verlangen. Die Regierung hat einen Grenz- lommissar nach Sienitza entsandt zur auSflihrlichen Berichterstattung über das Gemetzel. Vom Kriegsschauplatz. Rom. 27. August. Die Agenzia Stefani meldet auS Zuara; General Garloni begab sich gestern nach Sidi abd Effema und entsandte ein Bataillon erythräischer ASkariS nach der Oase G e m i l. Das Bataillon durchstreifte die ganze Oase und rückte bis Marut und darüber hinaus vor, wodurch bestätigt wurde, daß die T ü r k e n diese Orte vollständig verlassen haben. Zu gleicher Zeit vollführte eine Eskadron Kavallerie unter dem Kommanda deS Major« Curti einen ausgedehnten ErkundungSritt weit über die füd« liche Grenze der Oase hinaus. Die Eskadron stieß mit Ab« teilungen arabischer Reiter zusammen, griff sie heftig an und fügte ihnen beträchtliche Verluste zu. Rußland. Die Gärung in der Flotte. Petersburg, 27. August. Nach zuverlässigen priöaten Meldungen hat die� Kommission, die mit der Vorunter- suchung der M a t r o s e n v er s chw ö r u n g in der Schwarzen-Meer-Flotte betraut war, fünfzig Mann für schuldig befunden und sie dem Marine- kriegsgericht überwiesen. Gegen 300 unzuver« lässige Matrosen sind von Bord zum Zweck scharfer Beobachtung in Landkommandos versetzt. Marokko. Lange Erwartung. Paris, 27. August. Die meisten Blätter enthalten fich jede» Urteils über die Ereignisse in Marokko und begnügen fich damit, die von dort eingehenden Nachrichten zu verzeichnen. Der„Mattn" er» blickt ein schlimme? Zeichen in dem Abfall des KaidS AnfluS von der französischen Sache. Das Blatt schreibt: Da unsere Lands- leute gefangen sind und da die letzten Depeschen uns einen unmittelbar bevorstehenden Kampf vorhersagten, wirkt daS gegenwärtig eingetretene Schweigen beängstigend. Ckina. Sanyatsen und Auanschikai. Londo». 27. August. Dr. Sunyatsen sprach nach einer Blättermeldung aus Peking gestern vor zwei führen- den politischen Gesellschaften und betonte die Notwendigkeit, soweit möglich, allen Partethader aufzugeben und alle Energie auf die Schaffung einer neuen Verwaltungsorganisation zu verwenden. Er betonte außerdem die Notwendigkett einer starken Zentralregierung, erklärte Auanschikai für den sähigsten Mann an der Spitze der Exekutive und empfahl dringend. Auanschikai nach den Wahlen zum Präsidenten zu ernennen. Sunyatsen sagte weiter, er selbst habe nicht die Absicht, sich gegenwärtig aktiv politisch zu betätigen. Ein Zusammenstoß mit rnsfische» Soldaten. Kaschgar, 27. August. Außerhalb der Stadt fand ein Zu- sammenstoß von Schützen de» russischen DetachementS mit chinest- scheu Soldaten statt. Auf beiden Seiten gab es Verwundete. Der russische Konsul und der Befehlshaber der chinesischen Truppen habe» eine Untersuchung des Vorfalles eingeleitet. Kämpfe in der Mongolei. Koschagatsch(Mongolei). 27. August. Di« Mongolen haben die Festung Kobdo gestürmt und die Hälfte der Stadt ein- geäschert. Die Festung hat die weiße Flagge gezogen. Die chinest- schen Behörden haben den russischen Konsul um Entschuldigung dafür gebeten, daß er bei einem Vermittelungsversuch von Chinesen beschossen worden ist. und haben ihn gebeten, bei den Mongolen dafür einzutreten, daß sie ungefährdet nach China befördert werden. Amerika. Die Wahlbestechnnge«. Washington, 27. August. Der Senat hat einstimmig eine Resolutton Penrose angenommen, durch welche die Wahlfondskommission beauftragt wird, die Unter- suchung über die finanziellen Transakttonen zwischen R o o s e« v e l t und dem O e l t r u st sowie über die von Penrose er- Habens Beschuldigung, daß von Perttns für die bevorstehende Präsidentschaftswahl 3 Millionen Dollar aufgebracht worden seien, fortzusetzen. Nach Annahme dieser Resolution wurde der Kongreß vertagt. -sie erwartet hatten. Es der Akkordabzug im Jahr mindestens Firma ausmacht, weit den Arbeitern„geschenkt" ©ewerkfchaftUcbes. f�ad) der„ttloMfahrts'Ttiftung bei Krupp— Lohnabzug. Kruppwohlfahrt und ihre Folgen. Nod} ist in der bürgerlichen Welt der Begeisterungsrausch über die„hochherzigen" Millionenstiftungen der Firma Krupp nicht verflogen und schon machen sich für die Arbeiter der Gußstahlfabrik in Essen die üblen Folgen der reklamehasten Stifterei bemerkbar. Am Tage nach der sogenannten Jubelfeier bereits wurden in einigen Betrieben die Akkordlöhne gekürzt. Später, bei der ersten Lohnzahlung nach dem Jubiläum, gewahrten die etwa 1000 in der Kesselschmiede beschäftigten Arbeiter, daß ihr Lohn um drei Mark geringer war, als ergab- sich, daß ein dauern gemacht worden war, der 78 000 Mark zugunsten der mehr, als zur Jubiläumsfeier wurde. Anderen Arbeitern wurde die Ueberstundenarbeit genommen, was an sich ja zu be- grüßen wäre! doch irgend eine Lohnzulage erhielten sie nicht, so daß, da ihr Haushalt auf der Mehrschufterei balanzierte, das Jubiläumsjahr für sie einen sehr bitteren Nachgeschmack haben dürfte. Noch schlimmer erging es der- schiedenen hundert in der Gießerei des Martinwerkes VI be- schäftigten Akkordarbeitern. Diesen wurde nach 12 Schichten schwerer Arbeit ein Lohn ausgehändigt, der sonst auf nur 11 Schichten entfiel. Dabei wurde ihnen aber großmütig er- klärt, daß die Firma„selbstverständlich" die Feierschicht am Tage des Kaiserbesuches mit bezahle. Also auch hier ein Akkordabzug, der für den einzelnen Arbeiter einen Fehlbetrag zwischen 3 bis 10 M. ausmacht! Es scheint also, als wenn die Firma ihre„Wohlfahrt" mit Zins und Zinseszins wieder hereinholen wollte. Zu diesen Vorkommnissen nahm eine große Metall- arbeiterversammlung in Essen Stellung, die folgende Resolution beschloß: „Die Bersammlung der Arbeiter der Firma Friedrich Krupp A.-G. kann in den zur Jahrbundertfeier gestiflelen Millionen eine Arbeitersürsorge nichr erblicken. Sie stellt im Gegenteil fest, daß keine der von ihr erwarteten sozialen Pflichten erfüllt worden ist. Gegen die vor und nach der Jahrhundertfeier erfolgten Lohn- und Verdienstreduzierungen erheben die Ver- sammelten entschieden Protest. Sie be st reiten ganz ent- schieden, daß das in Tisch- und Festreden zum Ausdruck gebrachte gute Einvernehmen zwischen Arbeitern und Firma b e st c h t. Sie wissen, daß zur Hebung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage vom Unternehmer nichts Durchgreifendes zu erwarten ist. Die Versammelten, ver- sprechen deshalb, mit aller Energie für die Ausbreitung der Organisation Sorge tragen zu wollen." Verlin unct Qmgegrnck. Ter Streik i» den Buchdruckmaschinenfabrikcn ist mit seltener Einmütigkeit am Montag früh begounen worden. Nur etwa 4— 5 Mann sind in den awl Betrieben stehen geblieben. Die Unternehmer sind von dem Streik sehr überrascht, denn sie hatten keineswegs damit gerechnet, daß die Arbeiter den Kampf überhaupt aufnehmen würden, geschweige denn mit solcher Ge- schlossenheit. Alle Versuche, für die Ausständigen schyell Ersatz zu schaffen, sind auch bisher gescheitert. Die Firmen, welche in Leipzig, Johannisberg usw. ihren Stammsitz haben, ließen von dort Monteure kommen, welche aber sofort wieder abreisten, als sie vom Stande der Dinge unterrichtet waren. Daß die Unternehmer von dem Ausbruch des Streiks überrascht waren, geht auch schon daraus hervor, daß einzelne von ihnen nachträglich versichert- haben, sie würden die Forderungen bewilligen, sie müßten aber erst abwarten, ob die übrigen Firmen sich nochmals für eine Verhandlung entschließen werden. Die Kommission hat daraufhin erklärt, daß die Streikenden natürlich auch so schnell wie möglich wieder Frieden schließen würden, wenn ihren Wünschen Rechnung getragen wird. Neue Ver» Handlungen find deshalb inzwischen wieder angebahnt worden, die hoffentlich dazu führen, daß der Kampf mit einem annehmbaren Er- folge für die Streikenden beendet werden kann. Die Arbeiter der Firma Wilhelm Bursch(Polstermaterialien), Dresdener Str. 76, sind aus Anlaß einer plötzlichen Lohnreduzierung von 25 Proz. in einen Abwehrstreik eingetreten. Eine Verhandlung, die seitens der Organisationsleitung zwecks Beilegung der Differenzen versucht wurde, hat der Firmeninhaber mit brüsken Bemerkungen abgelehnt. Wir bitten dies zu beachten und Arbeit in diesen Be- trieb nicht anzunehmen. Deutscher Transportarbeiterverband. Bezirk Groß-Berlin. Zum Streik der Geschäfts- und Warenhauskutscher der Firma Wilste, Karlstraßc 42 und Alt-Moabit IS, ist zu berichten: Der Geist unter den Streikenden ist nach wie vor ein guter und wird auch nicht im geringsten dadurch getrübt, daß es der Firma Wilske gelungen ist, einige Arbeitswillige zu bekommen, welche ihr Raus- reißerdienste leisten. Ob die Firma Wilske auch den gesetzlichen Be- stimmungen entsprechend in der Austvahl der jetzt engagierten arbeits« willigen Kutscher die nötige Vorsicht geübt hat, bezweifeln die Streikenden. Freude wird die Firma an diesen Leuten nicht haben und die Firma Tictz wird es sich überlegen müssen, ob sie auf die Dauer diesen Elementen ihre Wagen und Waren anvertrauen kann. Die Engagierung dieser Arbeitswilligen, die für den öffentlichen Verkehr eine gewisse Gefahr bilden, erfolgte auf eigenartige Weise. Ver- schieden« Arbeitsuchende hatten das Glück, auf der Straße angehalten und von der Firma Wilske engagiert zu werden. In der Karlstraße wurde mehrfach beobachtet wie Polizeibeamte Arbeitsuchende nach dem Kontor der Firnia Wilske führten, während die Streikposten in alle Winde verjagt wurden. Zur Kennzeichnung der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse bei der Firma Wilske sei bemerkt: die Firma zachlt einen Anfangslohn von 20 M. pro Woche; hiervon gehen noch 84 Pf. Kranken- und Jnvalidenbeiträge ab, so daß manchen ver- heirateteir Kutscher IS, 16 M. für sich und seine Familie verblieben. Der Höchstlohn betrug 22 M. abzüglich der gesetzlichen Abzüge. In Anbetracht der augenblicklichen enormen Teuerung sind dies wahre Hungerlöhne. Herr Klinkowski hätte alle Ursache, mit seinen bisher zufriedenen Kutschern Frieden zu halten. Der Betrieb Wilski ist nach wie vor für jeden ehrlich und gerecht denkenden Kutscher und Arbeiter gesperrt. Deutscher Transporlarbeiterverband. Stukkateure werden ersucht, nicht»ach Kopenhagen zu gehen, weil dort große Arbeitslosigkeit herrscht. Tabakarbciter. Die am heutigen Mittwoch stattfindende Ver- sammlung ist nicht für die in der Zigarettenindustrie Beschäftigten (wie das Inserat in der Sonntagsnummer sagte), sondern für die Angehörigen der Z i g a r r e n i n d u st r i e, Roller, Wickelmacher, Zurichter usw., einberufen. • Deutscher Tahakarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Deiitsckes Reich. Streik der Mainflöfter. Die Mainflößer beschlossen am Sonntag in einer gutbesuchten Bersammlung in Marktbreit a. M., die Arbeit einzustellen. Der Borsitzende des Unternehmerverbandes hatte der Mitgliedlchaftslettung der Binnenschiffer und Flößer des Rheins und seiner Nebenflüsie auf die eingereichte Forderung geschrieben, daß auf der nächsten Generakverfannnhfng bei Mainflößerei- Serba ndeS die Forderung der Mainflößer Gegenstand der Tagesordnung bilden und daß als« dann den Flößern Antwort zugehen werde. Wann nun der Main- flößerei.» Verband die Generalversammlung abzuhalten gedenkt, wurde in dem Schreiben nicht gesagt. . Die Mainflößer, die noch am Sonnabend, den 24. August, tele graphisch um Festlegung eines Termin! zur Verhandlung, wenn irgend möglich zu Anfang dieser Woche, ersucht hatten, erblickten in der Antwort des Mainflößerei-VerbandeS eine Verschleppung ihrer Angelegenheit bis zu einem Zeitpunkt, der für die Flößer als Termin zu Verhandlungen der allergünstigste sein würde. Sie beschlossen einstimmig, die Arbeit einzustellen.*- Vom Streik werden ins- gesamt 14 Flößereiunternehmen mit rund 250 Arbeitern betroffen. Da die Holzzufuhr nach dem Niederrhein und nach Holland wegen Holzmangel in den Ausfuhrländern und wegen der hohen Seefrachten, die eine immense Verteuerung des Holze? nach sich ziehen, in der Hauptsache vom Main und dem Schwarzwald kommt, so ist eine ziemlich lebhaste Flößerei auf dem Main zu verzeichnen, es dürfte daher den Flößereiunternehinern die Arbeitseinstellung in der Spätjahrperiode sehr ungelegen sein. Ein großer Teil Flößer ist in die Heimat abgereist._ Der Streik in der Kartonnageindustrie in Annaberg Buchholz-Sehma. In der erzgebirgischen Unternehmerpresse wird der Streik so dargestellt, als wenn die Arbeiter aus reiner Lust zum Streiken die Arbeit eingestellt hätten. Es wird behauptet, die Unternehmer hätten sich zu weitgehenden Zugeständnissen bereit erklärt. Der Streik wird bekanntlich wegen Bezahlung der Akkordarbeit geführt. Die„weit- gehenden Zugestänenisse" der Unternehmer sind diese: Sie wollen die aufbesserungsbedürftigen Akkordlöhne nach einer Verständigung er« höhen, die bestehenden Akkordlöhne, die den Lohnverhältnissen ent- sprechen, sollen bestehen bleiben, neue Akkordlöhne sollten den jetzigen Löhnen entsprechend kalkuliert werden und die bereits vor« liegenden Aufttäge sollten bis ultimo 1Sl2 zu den bisherigen Akkord- sätzen ausgeführt werden. In der letzten Verhandlung wurde noch das„Zugeständnis� gemacht: Es sollten Kommissionen gewählt werden, die für die nächsten vier Wochen in Bestelluug gegebene Muster mit den Unternehmern gemeinschaftlich die Akkordpreise festlegen sollten. Auf diese gar nichts besagenden Versprechungen sollten die Arbeiter einen Berttag auf vier Jahre abschließen. Selbstverständ- lich kann auf einer so-unsicheren Basis kein Vertrag abgeschlossen werden. Die Arbeiter halten, weil sie sich bewußt waren, wie schwierig die Ausarbeitung der Akkordsätze ist, einen Prozentzuschlag gefordert. Wenn sie 25 Proz. vorgesehen hatten und die Prinzipale in der Presse erklären, daß dies wohl einzig in der Arbeiterbewegung dastehe, so haben diese vergessen hinzuzusetzen, daß die Mehrzahl der Akkordarbeiter zwischen 14 und 20 M. wöchentlich ver- dient. Eine ebenso schiefe Darstellung wird über die Zahl der am Streik Beteiligten gegenüber den noch in Arbeit Stehenden gegeben. In der Tagespresse wird behauptet, daß etwa nur ein Drittel der Beschäftigten am Streik beteiligt sei. Die Unternehmer haben bei diesen Angaben Berufskreise mit hineingezogen, die mit der Luxus- kartonnagenfabrikalion gar nichts zu tun haben. Wenn die Faktti- kanten der Wahrheit die Ehre geben wollten, müßten sie berichten, daß die Mehrzahl der Betriebe mit 95 Prozent der Beschäftigten am Streik beteiligt ist. Für die Unternehmer wäre also eine Ver- ständigung leicht; mit leeren Redensarten können sich die immer stiefmütterlich behandelten Akkordarbeiter nicht zufrieden geben. Achtung, Gürtler! Bei der Firma effektenfabrik in Hannover Schmidt, Militär- seil Jahren Ver- einbarüngen mit den dort beschäftigten Gürtlern über das Arbeits- Verhältnis. Es wird vorwiegend in Akkord gearbeitet. Die jetzt bestehende Akkordvereinbaruug enthält zirka 650 Positionen. Die Vereinbarung läuft am 1. September d. I. ab. Zurzeit schiveben Verhandlungen zwecks Abschlusses neuer Abmachungen. Die Firma zeigte bis jetzt nur wenig Entgegenkommen und sind deshalb Diffe renzen nicht ausgeschlossen. Es wird deshalb erwartet, daß unter diesen Umständen kein Gürtler bei der Firma W. Schmidt Arbeit annimmt, ehe er sich nicht bei der unterzeichneten Verwaltung er- kündigt hat. Deutscher Metallarbeiterverband. Verwaltung Hannover-Linden, Versammlungen. Deutscher Mctallarbeiterverband. Die Verwaltungsstelle Berlin hielt am Montag im großen Saal der Brauerei Friedrichshain eine Generalversammlung ab.— Zunächst wurde die gedruckt vorliegende Abrechnung vom zweiten Quartal 1S12, vom Kassierer Henning noch in einigen Punkten erläutert, zur Kenntnis genommen. Danach schloß die Hauptkasse in Einnahme und Ausgabe mit 661 237,87 M. ab. Der Kassenbestand am 1. Juli betrug 2873,47 M. Unter den Ausgaben ragen besonders hervor die Unterstützungen bei Krankheit mit 122 827,35 M. und bei Arbeitslosigkeit mit 159 819,55 M., Streiks und Maßregelungen erforderten 37 621,90 M. Der Lokalkasse wurden 50 000 M., der Hauptkasse 150 000 M. überwiesen.— Der Kaffenbestanld der Lokal- lasse betrug am 1. Juli 1 143 271,71 M., das sind 148109,19 M. mehr als am Schluß de» ersten Quartals, Die gesamten Ein- nahmen beliefen sich auf insgesanit 1 254 290,55 M,, die Ausgaben aus 111013,84 M,, darunter sür Streiks und Maßregelungen 35 896,30 M. Dem Kassierer wurde einstimmig Decharge erteilt.— Es folgten dann einige Wahlen, die sich glatt erledigten. Als 2. Bevollmächtigter wurde wieder Handle gewählt, als 1. Kassierer Henning, als Beisitzer S t o p s a ck und als Revisoren Krause und Erl er. Als' Agitationsleiter für die Siemenswerke, welcher Posten auf Beschluß der letzten Generalversammlung geschaffen worden ist, wurde L ü ck gewählt, der diese Tätigkeit provisorisch schon längere Zeit ausgeübt hat.— Hierauf gelangte ein An- trag der Orlsverwaltung, die in Berlin beim Schmiede- vervand angestellten drei Kollegen nach dem Uebertritt des Schmiedeverbandes als Angestellte der Verwaltungsstelle zu übernehmen, ohne Debatte zur Annahme.— Eine lebhafte, zum Teil äußerst heftige Debatte entfesselte der Antrag der Orts- Verwaltung, den§ 14 Abs. 2 des Statuts so zu ändern, daß der- selbe folgenden Wortlaut hat: „Die mittlere Verwaltung. Dieselbe besteht aus: a) den Mitgliedern der engeren Verwaltung, b) den ersten Bezirksleitern, o) den Branchenvertrelern. Außerdem gehören zur mittleren Verwaltung von den An- gestellten diejenigen Kollegen, die den Außendienst versehen, und auS jedem Ressort ein Vertreter." Die engere OrtSverwaltung ist damit einem in der letzten Ge- neralversammlung gestellten und der Ortsverwaltung überwiesenen Antrag Müller entgegengekommen, welcher verlangt hatte, daß die Beamten nicht mehr der mittleren Orlsverwaltung angehören und durch die Obleute der 40 größten Betriebe ersetzt werden sollten. Das letztere hat die engere Orlsverwaltung nicht akzeptiert, dafür aber auch die Vertreterzahl der Beamten auf etwa ein Viertel derselben beschränkt, wodurch deren numerisches lieber- gewicht über die noch werktätigen Mitglieder der mittleren Orlsverwaltung beseitigt ist. Diesem Kompromitzantrag hat sich auch die mittlere Ortsververwaltung und der Antrag- steller Müller angeschlossen. Seitens einiger Angestellten, die da- durch um ein jahrelang bestehendes Recht kommen, wurde der An- ttag scharf bekämpft. Demgegenüber wurde aber betont, daß dieses Recht sich mit dem Wachstum der Organisation nicht länger aufrecht- erhalten lasse. Der Antrag wurde schließlich mir großer Mehrheit angenommen. Ein Amendement, alle Angestellten, aber nur mit beratender Stimme zur mittleren OrtSverwaltung zuzulassen, war dadurch erledigt.— Laut einein anderen von der Generalversammlung angenommenen Antrag werden nun diejenigen Beamten, die aus der mittleren Ortsverwaltung ausscheiden müssen. Mitglieder der erweiterten Ortsverwaltnnq.— Ein Antrag Barth wurde nach kurzer Debatte angenommen, nachdem der Anttagsteller sich zu einer vefiren Aendeamg verstanden hatte. Der H» bei Statuts lautet gemäß diesem Anttag von jetzt ab: 1. Beschlüsse einer Körperschaft, engere, mittlere und er- wetterte Ortsverwaltung find, soweit dieselben endgültige find, auch für die Minorität bindend und verpflichtend. 2. Beschlüsse, welche zur endgültigen Erledigung einer weiteren Körperschaft zugehen, sind für die Minorität nicht nur nicht bindend, sondern es hat dieselbe das Recht, bei Be- ratung in der nachfolgenden Körperschaft_ ihren Standpunkt dort zu vertreten. Mit Zustimmung der den Beschluß fassenden Körper« schaft kann auch ein Korreferent ernannt werden. Ein Antrag R a u p r i ch verlangte, daß der bestehende Wahlmodus folgendermaßen umgeändert werde: Erhalten mehr Kandidaten die Unterstützung der General- Versammlung, als zu wählen sind, so daß eine Urwahl� vor- genommen werden muß, so wird diese Wahl nicht mehr an Sonn- tagen, sondern in der nach der Generalversammlung stattfindenden Bezirksversammlung vorgenommen. Für Wahlen zum Verbands- tag und Gewerkschaftskongressen findet vorstehendes keine An- Wendung. Der Antrag wurde damit begründet, daß für die Urwahleu bei den Mitgliedern kein sonderliches Interesse, vorhanden sei und die manchmal sehr hohen Kosten dafür besser angewandt werden könnten. Der Vorsitzende Cohen bekämpfte aber den Anttag schon aus dem Grunde, weil dadurch die Schichtarbeiter, soweit sie sich für die Wahlen interessieren, um ihr Wahlrecht gebracht werden würden. Der Antrag wurde gegen wenige Stimmen abgelehnt. Die Rcvierschreiier der städtische« Gaswerke beschäftigten sich in einer am Sonntag abgehaltenen Versammlung mit ihren Gehalts- Verhältnissen. Aus dem Referat, welches der Bevollmächtigte des Verbandes der Bureauangeftellten hielt, war folgendes zu entnehmen: Zurzeit werden in 38 Revierinspeklionen rund 280 Kollegen be« schäftigt, dazu kommen zirka 70 weibliche Angestellte. Von 170 ver- heirateten Kollegen müssen deren Ehefrauen durch Erwerb zu den Haushaltskosten beittagen. Die Angestellten hat man in drei Gruppen geteilt: in erste Schreiber, zweite Schreiber� und Hilfs« schreiber. Das Anfangsgehalt der Hilfsschreiber bettägt 112 M., steigend auf 133 M. monatlich in 10 Dienstjahren. Die zweiten Schreiber erhalten 126 M., steigend auf 158 M. in 12 Dienstjahren. Die ersten Schreiber haben ein Anfangsgehalt von 182 M., steigend in 12 Jahren bis 171 M. Hierzu ist zu bemerken, j)ab in jedem Revier nur ein erster und ein zweiter Schreiber beschäftigt ist, alio das Gros der Kollegen immer als sogenannte Hilfsschreiber gilt und demnach in zehn Jahren und darüber hinaus nur 133 M. be- ziehen kann. Folgender Antrag wurde einstimmig angenommen: Di� Bureauangestellten der städtischen Betriebe(Gaswerke) beauftragen die Branchenleitung des Verbandes der Bureau- angestellten, folgende Wünsche der Stadtverwaltung zu unter- breiten und um deren Erfüllung zu ersuchen; 1. Erhöhung des AnfangsgehalteS auf 130 M. monatlich, steigend in zehn Jahren bis auf 200 M.; die zurzeit gezahlten Gehälter sind entsprechend der Erhöhung deS Anfangsgehaltes zu regeln. 2. Abschaffung des Sonntags« und FeiertagSdiensteS. 3. Anerkennung eines von den Angestellten-zu wählenden Ausschusses. Zum Bericht über die Generalversammlung deS BerbaudeS der Wahlvereine von Groß-Berlin bittet uns Genosse G r u n w a l d mit- zuteilen, daß er in bezug auf den BezirkSbildungSauS- s ch u ß nicht gesagt habe:„nachdem der Ausschuß gebildet sei, könne eine außerordentliche Generalversammlung endgültige Beschlüsse fassen", sondern er habe ausgeführt: die Instanzen sollten den AuS- schuß schleunigst vorbereiten, seine endgültige Wahl und seine endgültige Aufgabenfeststellung müsse aber einer General- Versammlung von Groß-Berlin vorbehalten bleiben. Letzte Nachrichten» Schweres Bcrgwerksunglück. Bcrnburg, 27. August.(Eig. Tel. des„Vorwärts".) Auf dem im Abteufen begriffenen Schacht Bernburg wurden heute infolge Platzens eines Dampfrohrs der Steiger Herzog getötet und der Drittelsführer Schmidt lebensgefährlich verletzt. Der jungtürkische Kongreß. Konstantinopel, 27. August. lP.-C.) Die jungtürkischen An- Hänger hielten eine vorbereitende Sitzung ab, in der über die Fest- setzung der Arbeiten des jungtürkischen Kongresses beraten wurde. Die Zahl der Delegierten wurde auf 25 festgesetzt. Falls es not- wendig erscheint, dürsten alle Mitglieder der aufgelösten Kammer und des Senats dem Kongresse beiwohnen. Das bulgarische Rcgierungsorgan wiegelt ab. Sofia, 27. August.(W T. B.) Das Blatt„Mir" fordert die bulgarische Presse auf, das Projekt des Grafen Berchtold nicht leichtsinnig und einzig und allein deswegen zu verurteilen, weil es von einem österreichisch-ungarischen Minister stamme, sondern mit Vertrauen, wenn auch ohne Begeisterung ak�uwarte». DaS Blatt gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß das Projekt keine Be- leidigung der Gefühle der Balkanvölker bedeuten weiche, mit denen» Qesterreich-Ungarn so viele Interessen gemein habe. DaS Balkan- Problem werde nicht ohne tätige Teilnahme Oesterreich-llngarnS gelöst werden. Qesterreich-Ungarn werde sich sicherlich darüber klar sein, daß die beste Lösung der Frage die sein werde, die nicht auf Opposition der Balkanstaaten stoße. Nordhaufen, 27. August.(P.-C.) l&rn,, Fulda.««*. Unstrut. Eder und Diemel führen seit heute nachmittag Hochwasser. Eine allgemeine Ueberschwemmung wird befürchtet. Zwei Todesurteile. Leipzig, 27. August.(W.T.B.) DaS Reichsgericht der. warf heute die Revision des Malers Hofer. der am 6. Juli vom Schwurgericht in Mannheim wegen Mordes zum Tode verurteilt worden war. Hofer hatte am 17. März in Heidelberg ferne B e. liebte in den Neckar geworfen, um sich chrerzu ent- ledigen. Ferner verwarf das Reichsgericht die Remflon des Tage- whners Knopp, der vom Schwurgericht in Köln am 10. Juli wegen Mordes zum Tode verurteilt worden war. Knopp hatte im be- trunkenen Zustande fein Kimd in einem Schranke er- hangt. Schon wieder ein Spionagefall. Wanne W., 27. August.� oen Zag, und die Damen... I Es ist ganz erschrecklich. wie diese arnieit Wesen sich anstrengen müssen, um den an- weseiidcn Herren eliie ßucgaiiz, einen Duft von— großer Welt vorzutäuschen, einen Stil, den diese einst ehrsamen Töchter fleißiger Handwerker nicht von entsernt gerochen haben.— In der Milte ist ��8-®(an beliebt, offen das Letzte der Liebe hierbei anzudeuten..- Musik gibt es, helles Licht. Leute, die hinauSgeben. und solche, die prüfenden Auges hereinkommen... Und ich kann nicht umhm, zu betonen, wie sehr traurig das alle» ist. Es bat nicht den Ton unbefangener Fröhlichkeit, aber au» nicht die Kultur einer durchtriebenen Pariser Kokotte— Laden- schwengel. Frauenzimmer. Pack, das sich mit Gewalt höher schrauben will und sich vornehm dünkt.... Es ist zu blöde, um unmoralisch zu fem. Woiern aber einer hier mit den, mittelalterlichen Geschütz der »Moral!" aufrücken wollte, so fällt mir der Hund auf der Straße eui. der sich flöh,; sxjn Herr verbietet es ihm. Er sollte ihn baden! - M tu. Meier die sittliche Bedeutung der sozialistischen Arbeiterbewegung hat Dr. L. Ragaz. Tbeologie-Profeffor an der Universität o? ri ch anläßlich des Züricher Generalstreiks in einem Artikel der �eit'christ.Neue Wege" Worte gefunden, die gleicherweise von tiefem Ernst wie von wahrer GerechlrgkeitSliebe Zeugnis geben und be- sonders erfreulich m, ei„et Stege sind, von der wir in Deutschland fast nur dienstwillige Pfaffen reden hören. Ragaz tadelt die An- ordiiung des Generalstreiks, die auch viele Züricher Genossen ab- gelehnt hatten, da noch kein Grund zu einer äußersten Maßregel vorgelegen habe. Aber die glänzende und wahrhast würdige Durch- führung wie die Haltung der Regierung habe ihn nachträglich gerechtfertigt..Nun haben vir ein Wunder erlebt. Bor pflichtet ist. steht ihre Gleichberechtigung in allen Dingen, die die Kinder betreffen, nur auf dem Papier. In bezug auf die Scheidung der Ehe finden sich bei vielen Völkern schwere Benachteiligungen der Frau. Gleiche Bestimmungen für Mann und Frau, ohne daß einem Teile die Wiederverheiratung verboten werden kann, gibt es mit Ausnahme von Nord-Carolina, das überhaupt keine Scheidung zuläßt, in allen Staaten der nordamerikanischen Union. Die Zahl der Scheidungsgründe ist in den einzelnen amerikanischen Staaten verschieden. Auch in der Schweiz, in Bulgarien, Norwegen und in dem australischen Staate Neu- Seeland haben Mann und Frau gleiche Scheidungsrechte. In Deutschland, Schweden, Schottland und Frankreich wirkt die eheliche Bevormundung der Frau durch den Mann selbst nach der Scheidung fort und hindert die Frau an selbständiger Verfügung über ihr Vermögen. Ehebruch der Frau genügt in Frankreich, England, Irland, Tasmanien, Italien und Griechenland, um den Mann zur Scheidungsklage zu be- rechtigen: dagegen müssen zum Ehebruch des Mannes noch grausame Behandlung, böswilliges Verlassen oder andere er- schwerejtde Umstände hinzutreten, damit die Ehe auf Antrag der Frau geschieden werden kann. Wenn die griechische Ehe- frau auch nur eine Nacht außerhalb der ehelichen Behausung verbringt, so hat der Mann das Recht auf Scheidung, ohne daß er die Mitgift der Frau zurückerstatten braucht. Der Mann dagegen kann jede Nacht außerhalb des Hauses schlafen, ohne daß er seiner Frau Rechenschaft abzulegen braucht. So glaubt die Gesellschaft die„Heiligkeit" der Ehe zu schätzen, in- dem sie nicht nur die Scheidung nach Möglichkeit erschwert oder unmöglich macht, sondern auch— mit wenigen Ausnahmen— die Schuld von Mann und Frau mit zweierlei Maß mißt. Die rechtliche Stellung der Frau zu ihren unehelichen Kindern ist ein Kapitel zahlloser leid- und tränenvoller Tragödien. In der bürgerlichen Gesell- schast sind Ehe und Familie privilegierte Stützen des Staates und des Privateigentums. Nur in diesem Rahmen wird der Mutterschaft Wert zuerkannt, statt sie ganz allgemein als eine Bereicherung der Gesamtheit zu würdigen. Nur den ehelichen Kindern kommt die volle Fürsorge des Vaters und nach seinem Tode seine Hinterlassenschaft zu. Das uneheliche Kind ist ja nach§ 1589 des deutschest Bürgerlichen Gesetzbuches mit seinem Vater überhaupt nicht verwandt, eine Auffassung, die, wenn sie auch nicht immer so brutal ausgesprochen wird wie bei uns, doch die Gesetze fast'aller Länder beherrscht. Zu der Schande, die die landläufige doppelte Moral auf die unehe- liche Mutter häuft, kommt noch ihre ökonomische und soziale Benachteiligung im Recht. Selbst wenn der Vater, wie es ge- wöhnlich, z. B. auch in Teutschland üblich ist, zum Unterhalt des unehelichen Kindes herangezogen werden kann, so wird doch meistens die uneheliche Mutter ganz allein für ihr Kind einzustehen haben, so lange der Staat nicht die Unterhalts- Pflicht übernimmt in den zahlreichen Fällen, wo der uneheliche Vater sich der Zahlung von Alimenten zu entziehen weiß. In Deutschland.geht die Mutter sogar; aller Alimentenansprüche verlustig, wenn ihr nachgewiesen wird, daß in der Empfängniszeit noch ein anderer Mann intime Beziehungen zu ihr hatte. Eine weitere Ungerechtigkeit— die der deutsche Bericht zu erwähnen vergessen hat— liegt darin, daß die Alimente nach der Lebensstellung der unehelichen Mutter be- messen werden. Auf diese Art zahlt unter Umständen der Millionär für sein uneheliches Kind kein höheres Erziehungs- geld als der Arbeiter. Von grausamer Härte gegen die Ver- führte und Verlassene ist jedoch die berüchtigt� Bestimmung des Code Napoleon;„Das Forschen nach der Vaterschaft ist verboten, das Forschen nach der Mutterschaft ist gestattet." In ungeschwächter Brutalität herrscht dieser Grundsatz noch in Bulgarien, während Frankreich und Italien sich in letzter Zeit zu einigen kleinen Milderungen verstanden haben. Wo ein der Macht des sittlichen Gedankens, der die Arbeiterbewegung trägt, sind olle Dämonen verschwunden. Ja, ein hohes Wunder ist es: der Geist einer sittlich gebundenen Freiheit h a t d i e M a s s e n e r g r i f f e n." Er kennzeichnet die kopflose und verlogene Haltung der»öffentlichen Meinung" gegenüber dem»Geiste der S e l b st a ch t u n g und reifen Männlichkeit der Ar- beiterbewegung. die mit ihrer Erziehung der Massen die bürgerliche Welt vor Anarchie und Zerstörung schü tzst". Er spricht von einem„Wunder der Macht des Guten, einer Offenbarung des Göttlichen in, Menschen, Morgenluft jenes Tages, wo die Arbeit frei und das Proletariertum zu Ende sein wird". Er kritisiert scharf das Truppenaufgebot, das taufenden Arbeitern das Militär verleiden mußte.»In mir ist an jenem Abend etwas gestorben, aller Stolz auf die Schweizer- freiheit und die Mission der Schweiz." Am bittersten aber traf ihn die„Ab Wesenheit sozialenDenkenS und E m p fi n d e n S, die sich in unserer bürgerlichen Gesellschaft zeigt".— Bitter kritisiert er die Angst vor der„Revolution", zu der der Streik umgelogen wurde, die gerade in der Schweiz mit ihrer revolutionären Geschichte so läckerlich sei— ebenso die Hetze gegen die„ausländischen Hetzer", während zahlungsfähige ausländische Rüpel- umkrochen werden. „Das ist des Pudels Kern: unsere bürgerliche Gesellschaft beurteilt, ohne es zu wissen, die Arbeiterschaft, als ob sie eine Art H e l o t e n- klaffe wäre und bleiben müßte.... Die soziale Revo- l u t i o n ist ein Stück Verwirklichung des Programms: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon! Ein Schauspielerkongreß in Mailand. Die italienischen Bühnen- künstler haben dieser Tage den zweiten Kongreß ihrer Berufsorgani« sation abgehalten. Vertreten waren durch 3S Delegierte im ganzen 1700 Mitglieder. Trostlos, wie allenthalben, ist auch die Lage der italienischen Schauspieler. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in Deutschland und Oesterreich wird in Italien der Schauspieler nicht vom Theaterdirektor oder-Besitzer engagiert, sondern er wird von einem Capo- comico, von dem Direktor einer Truppe, angeworben und tritt mit dieser Truppe in den ver- schiedenen Städten auf. Hieraus ergibt sich insofern eine prekäre Loge, als ein Capo- comico noch viel häufiger in ZahlungS- schwierigkeiten gerät. Auch ist das Reiseleben anstrengender, die Unkosten sind größer, die Einnahmen Ungewisser usw. Bis jetzt hat die Organisation der Schauspieler in Italien wenigstens das erreicht, daß ein Teil der größeren und angesehensten Truppen den Normal- vertrag des Verbandes ihren Abmachungen mit dem Personal zu« gründe legen. Der Kongreß forderte zunächst eine Klassifi- zierung der Schauspielertruppen in solche ersten und zweiten Ranges. Eine Kommission, in die die Verbände der Schauspieler,)er Capo- comici und der Theaterbesiyer je einen Delegierten senden, soll diese Klassifizierung vornehnien. Für alle Truppen erster Klasse wird gefordert, daß sie de» Künstlern Jahres- geholt gewähren und einen Monat Ferien im Jahr. Während des Kongresses machte sich die Tendenz geltend, auch bei den weiteren Forderungen die Truppen zweiten Ranges weniger zu belasten, aber diese Tendenz vermochte sich nicht durchzusetzen. Bei der Koftümftage forderte die Mehrheit, daß alle historischen Kostüme, mit Ausnahme der aus schriftliches Eingeständnis der Vaterschaft vorliegt, wo das uneheliche Kind die Frucht einer Vergewaltigung ist, wo Ver- führung unter Mißbrauch eines Autoritätsverhältnisses oder auf Grund eines Heiratsversprechens bewiesen wirj>, kann die uneheliche Vaterschaft in Frankreich neuerdings gerichtlich anerkannt werden. Während die uneheliche Mutter in Eng- land und Schottland sehr bescheiden bemessene Unterhaltsan- spräche gegen den Vater für ihr Kind geltend machen kann, hat sie im irischen Gesetz keinen Rechtsanspruch an ihren Ver- führer. Nur wenn die Mutter mit ihrem Kinde in das workiiouss, das Armenhaus, geht, können die gesetzlichen Vormünder den Vater haftbar zu machen suchen. Diese Unter- Haltspflicht erlischt aber, sobald die Mutter ihr Kind aus dem worKIiouss nimmt. Tatsächlich kommen Alimentationsklagen dieser Art in Irland so selten vor, daß der zuständige Oouut)' Court, das Provinzialgericht, nur viermal im Jahre zusammentritt. In der Zwischenzeit hat der gewissenlose Mann reichlich Zeit, zu verschwinden. Wir sehen also in fast allen Ländern, daß das Gesetz die unverheiratete Mutter zum Unterhalt ihrer Kinder verpflichtet, daß der Staat aber nichts tut, um ihr die schwere Bürde zu erleichtern, die gewöhnlich über ihre Kräfte geht. So vereinigt sich oft alles, um die uneheliche Mutter in Schande und Verzweiflung zu jagen, sie der Prostitution zuzutreiben oder aber den entsetzlichen Eni- schluß, ihr Kind zu töten, in ihr reifen zu lassen. Der Ver- Wahrlosung überlieferte uneheliche Kinder bilden bekanntlich in großer Zahl die Rekruten des Verbrechens. So rächt sich an der Gesellschaft das Unrecht, daß sie den Unehelichen die menschenwürdige Existenz schuldig blieb. Humanere Ge- setzesbestimmungen finden wir nur in Dänemark upd Nor- wegen. Hier hat man wirksame Mittel gegen säumige Ali- mentenzahler gefunden. Sorgt der Vater nicht für den Unterhalt seines unehelichen Kindes, so wird er in Dänemark zu Schuld- hast, in Norwegen zu Zwangsarbeit verurteilt und verliert das Wahlrecht. Die Gemeinde sorgt an seiner Statt für Mutter und Kind und rechnet dem Vater— niemals der Mutter den verauslagten Betrag als Armenunter- stützung an. Es ist kein Wunder, daß die Frau, die selbst ihr ganzes Leben lang unter der Vormundschaft des Mannes steht, ent- weder gar nicht— wie in Schweden— oder nur mit ent- würdigenden Einschränkungen Vormund sein kann. Die Vormundschaft über andere Kinder als ihre eigenen ist ihr untersagt in Frankreich, Holland, Oesterreich, Ungarn und Griechenland. In Deutschland bedarf sie zur Vormundschaft über fremde Kinder der Einwilligung des Mannes. In Oesterreich kommt die Frau ihren eigenen Kindern gegenüber als Vormund erst in letzter Linie in Frage und auch dann nur in Gemeinschaft mit einem männlichen Mitvormund. Diesen Mitvormund muß sie sich auch in England gefallen lassen. Uneingeschränktes Vormundschaftsrecht hat sie nur in der Schweiz. So ist die Frau in ihrem privaten Leben noch über- all gebunden und in ihren Entschließungen eingeengt. Bis über seinen Tod hinaus kann der Mann häufig in ihr Leben bestimmend eingreifen, wie sie schon bei seinen Lebzeiten in allen Dingen von ihm abhängt. Sie muß bei der Verheiratung seinen Namen annehmen, seinen Wohnort teilen, die Aus- länderin verliert durch Heirat ihre Staatsangehörigkeit. Alle diese privatrechtlichen Benachteiligungen der Frau sind Reste längst vergangener Zeiten, in denen es noch Sklaverei und Leibeigenschaft gab. Sie kamen auf, als das Mutterrecht auf kommunistischer Grundlage dem Vaterrecht und der Herr- schast des Privateigentums weichen mußte. Annähernde Gleichberechtigung existiert für die Frau nur in einem Teil des öffentlichen Rechtes— im Str afrech t. Einer der folgenschwersten Paragraphen unter den wenigen Strafbestimmungen, die sich einseitig gegen das Weib richten, ist der, der die Grundlage zur Reglemen- tierung der Prostitution(Stellung unter Sitten- der Zeit GoldoniS. bis zum Jahre 1845 von dem Capo-comico zu liefern seien. Auf hochgradige Ausbeutung läßt die Forderung schließen, e i n e n M a xi m a l a r b e i t s t a g von zwölfStunden zu gewährenl Die Zeit der Eisenbahnfahrt soll als Arbeitszeit bc- trachtet werden. In der Frage des MnimallohneS lehnte der Kon- greß eS auch ab. einen Unterschied zwischen den Truppen ersten und zweiten Ranges zu machen. Unter Hinweis darauf, daß auch viele Truppen berühmter Schauspieler heute viel weniger zahlen, wurde ein Mindesttagelohn von 7 Lire gefordert, wozu 2 Lire Zuschlag kommen sollen, sobald eine reisende Truppe nicht länger als einen Tag an einem Ort verweilt. Ferner forderte der Kongreß die Einrichtung von Gewerbegerichten für den Schauspielerstand, die Ausdehnung der Frauen- und Kinderschutzgesetze auf diesen und die Einschaltung in das von der Organisation anerkannte Kontraktschema der Verpflichtung für die Capo- comico, ihre Schauspieler bei der freien Hilsskasse„Tommaso Salvini" einzutragen, und. ihnen den Beitrag vom Gehalt einzubehalten. Endlich wurde noch eine Er- höhung des Verbandsbeitrags beschloffen, der nunmehr für die Schauspielertruppen ersten Ranges 1.50, für die zweiten Ranges 0.75 Lire im Monat beträgt. Der syndikalistische Abgeordnete Marangoni, der dem Kongreß beiwohnte, erbot sich, die Forderungen der Schauspieler an du Gesetzgebung im Parlament zu vertreten._ Notizen. — Maeterlincks„Aglavaine' und„Selhsette" wird Donnerstag zum 50. Geburtstage deS Dichters in Reinhardts Kammerspielen gegeben, ä — D i e A u s st e l l u n> g für Wohnungskunst in der „Philharmonie", Bernburger Straße, war am vorigen Sonntag von reichlich 3000 Personen besucht. Die ausgestellten Wohnungsein- richtungen und Ledermöbel, ganz besonders aber die Fachschule für Tapezierer und Dekorateure erfreuten sich eines sehr regen Zu- spruches. Jeden Nachmittag von 4— 7H Uhr konzertiert das Berq liner Sinfonie-Orchester. — Die Komödie.Büxl" von Holz-Jerschke wird von nun an auch in England und Amerika zur Aufführung kommen. � Theodor Körner, der Sänger des Freiheitskrieges, soll, nach veibürgten Tatsachen, nicht in der Schlacht gefallen, sondern wegen seiner Spöttereien über den leicht errungenen Sieg durch einen gefangenen französischen Offizier, der deutsch verstand und sein Volk beleidigt erachtete, meuchlings erschossen worden sein. Wenn das wahr ist— wo bleibt dann die dem Dichter 1813 zugedachte Glorifizierung ob seines erlittenen»Heldentodes"? — Ernst Possart gedenkt auch in der kommenden Theater« saijon seine.Abschiedsgastspiele" fortzusetzen.. — Dem holländischen Marineoffizier Karl W. T h o m a S soll es gelungen sein, einen Apparat zu konstruieren. der es jedermann möglich mache, selbst die astronomische Orts« bestimmung sofort abzulesen, ohne erst eine etwa zwei Stunden dauerchpe astronomisch- mathematische Berechnung vorzunehmen. Klingt ja ein bißchen unglaublich, weshalb e» rätlich erscheint, einmal die Probe auf« Simpel— abzuwarte«. Polizei) bildet. Er wird in dem vorliegenden Buche nur er wähnt in den Berichten aus Deutschland, Frankreich, Oester reich, Ungarn. Bulgarien und Queensland.— Wo E h e � b r u ch auf Antrag unter Strafe gestellt werden kann, sind die gesetzlichen Folgen für die Frau meistens härter als für den Mann, dessen ehebrecherische Handlungen viel leichter ge- wertet werden. So kann die des Ehebruchs überführte Frau in Frankreich mit Gefängnis von 3 Monaten bis zu 2 Jahren bestraft werden, während der Mann, der eine Konkubine in dem ehelichen Haushalt unterhält, aus Klage der Frau nur mit Geldstrafe von IM bis 2000 Frank bestraft werden kann Ueberrascht der Mann seine Frau in seinem Hause beim Ehr bruch und tötet sie, so bleibt er straffrei. Das französische Gesetz dehnt also die eheherrliche Gewalt bis zur Berechtigung über Leben und Tod der Frau aus. In bezug auf die Strafen für K i n d e s m o r d in den einzelnen Ländern sind die Be richte leider sehr lückenhaft, obwohl diese unnatürlichste und bei unseren sozialen Verhältnissen oft doch so verständliche Tat ein spezifisch weibliches Verbrechen ist und auf das engste zusammenhängt mit der Schutzlosigkeit der unehelichen Mutter. Die Gesetze einiger Länder tragen dem besonderen Scelenzustand und der körperlichen Verfassung der unehelichen Mutter Rechnung, indem sie Kindesmord milder bestrafen als gewöhnlichen Mord. Dagegen steht in England auf Kindes mord Todesstrafe. In keinem Lande aber— auher Stör- wegen— wird der Verführer, der seine schwangere Geliebte hilflos der Verzweiflung überließ, als Mitschuldiger an ihrem Verbr-vbeu zur Verantwortung gezogen. Schwer wird in allen Ländern an der schuldigen Frau die Abtreibung der Leibesfrucht geahndet, die in den meisten Fällen ein Akt der Notwehr gegen drohende Schande oder die Existenzgefährdung schon vorhandener Kinder ist. Zahlreich sind die Rechtsbeschränkungen dex Frau i n d e r Gerichtsverfassung und im Prozeßrecht. Vom Nichterberuf ist sie überall ausgeschlossen, mit Ausnahme von Argentinien, Tasmanien, Viktoria und Queensland, wo ihr überhaupt alle Berufe offen stehen. In Europa ist Nor wegen das einzige Land, das Frauen als Laienrichter in Strafsachen und als Beisitzer bei Zivilstreitigkeiten zuläßt Als Anwälte dürfen sie außer in den zuletzt genannten Ländern nur noch in Dänemark, Frankreich und den Ver einigten Staaten wirken. Es ist klar, daß der einseitige Männerstandpunkt in der Rechtspflege der Frau oft vcr° hängnisvoll wird, wenn sie als Angeklagte'vor Gericht steht. Mit diesen Feststellungen ist die rechtliche Stellung der Frau in den Kulturstaaten in den Hauptzügen skizziert. Jeder der erwähnten Berichte— ohne Ausnahme— weiß von tiefgreifender rechtlicher Benacksteiligung der Frau dem Manne gegenüber zu melden. Nirgendwo hat die volle Gleichbe rechtigung der Frau eine Stätte gefunden. Gleichen Lohn für gleiche Leistung haben selbst die am meisten fortgeschrittc nen Staaten noch nicht anerkannt. Verheißungsvolle Ansätze zum Besseren finden sich nur in den Ländern, die den Frauen das politische Stimmrecht ver liehen haben. Politisches Wahlrecht besitzen die Frauen be kanntlich nur in vi«r Staaten der amerikanischen Union, ferner in Australien, wo sie im Staate Queensland dem Wortlaut des Gesetzes nach sogar ins Parlament gewählt werden können. Der Bericht von Neu-Seeland enthält die charakteristische Bemerkung, daß alle Gesetze, die den Frauen günstig sind, seit den, Jahre 1903 datieren, als den Frauen das Wahlrecht zum Parlament verliehen wurde. In Europa steht der Frau das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde und Staat in Norwegen zu. Schweden hat ihr bisher nur das Gemeindewahlrecht gegeben. Finnland, wo die Frauen auch das volle Bürgerrecht besitzen, wird in dem Buche seit- famerweise nicht erwähnt. In Deutschland haben einige Staatemden Frauen ein an Besitz und Bürgerrecht gebunde- nes Gemeindewahlrecht gegeben. Ein Recht auf irgend ein Amt, das auf Wahl beruht(Armenpflege, Wohnungs- inspektion usw.) besitzt die deutsche Frau in der Gemeinde in der Regel nicht. Die bürgerlichen Herausgeberinnen des Buches„Die Stellung der Frau im Recht der Kulturstaaten" erheben„im Namen der Gerechtigkeit" von neuem dieForderungdes Stimmrechts für die Frau, damit sie die Ungleichheit der Gesetze beseitigen kann, unter der sie im Hause, im Beruf, in der Gemeinde und im Staate leidet. Längst haben die wirtschaftlichen Verhältnisse sich ge- wandelt. Die Frau wird in immer steigendem Maße in das Erwerbsleben einbezogen und im harten Daseinskämpfe auf eigene Füße gestellt. Die Schutzherrschaft des Mannes über die Frau ist sinnlos geworden. Es genügt deshalb nicht, die Forderung des Frauenstimmrcchts nur im Namen der Ge- rechtigkeit zu erheben. Ihr gesellen sich im Zeitalter der Frauenarbeit die stärksten sozialen und wirtschaftlichen Motive zu und verleihen der Frauenbewegung eine Wucht und Ge- walt, die sie vordem nicht besaß. Die Millionenschar der ar° beitenden Frauen in allen Ländern ist heute an der Erringung politischer Rechte am meisten interessiert. Aber als Opfern der kapitalistischen Ausbeutung ist ihnen mit der Mitwirkung an der Gesetzgebung allein nicht geholfen, die ihnen nicht das Endziel schlechthin, nicht die Lösung der Frauenfrage sein kann, wie der bürgerlichen Frauenbewegung. Nein, politische Befreiung durch das Stimmrecht ist der aufgeklärten Arbeite- rin nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zu ihrer und ihrer Klasse wirtschaftlichen Befreiung, und sie erkämpft die Gleich- berechtigung nicht in politischer Neutralität, wie sie der bürgerlichen Frauenbewegung vorschwebt, sondern im engsten Anschluß an die erprobte Vorkämpferin der Frauenrechte, die Sozialdemokratie. Sie fordert die Abschaffung aller Gesetze, welche die F-au in öffentlich-rechtlicher und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen und tritt national und international ein für gleiche Rechte und gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts. zur Wahl nicht nur die Stimmen der Parteigenossen gebrauche, sondern auch einen großen Teil bürgerliche_ Stimmen.— Nachdem Hildenbraild unter starker Erregung der Bersammlung geendet hatte, richtete Genosse Brenner- Degerloch an die Delegierten die Bitte, im Interesse der Einheit und Geschlossenheit der Partei auf die Provokationen Hildenbrands nicht einzugehen, sondern von einer Diskussion des Referat« abzusehen.(Brifall.) Der Berrnch einiger Delegierter, der Mehrheit„den Mund zt' öffney-, mitzlang. nachdem Genosse M a n z die starke Wahrscheinlichkeit betont, daß der Provo- kation Hildenbrands ein bestimmter PlcWt zugrunde liege. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wurde sodar.'» mit sehr starker Mehr- heit angenommen. In seinem Schlußwort bestritt Hildenbrand die Absicht der Provokation. Er habe vielmehr die Personen, an die er seine Worte gerichtet habe, sehr genau im Auge gehabt. sStürmische Heiterkeit und Zurufe: Na also!) Die Krcisgeneralversammlung stimmte sodann eitlem Antrage zu, die LaiidcSversammlung zu ersuche», bei wichtigen Angelegen- Helten auf Antrag von 15 Delegierten eine u am entliche Ab- stimm un g vorzunehlnen. Zur Gültigkeit der Beschlüsse soll als- dann die Mehrheit der von den Delegierten vertretenen Mitglieder notwendig sein. Weiter wurde beschlossen, den Zehnpfennig-Wochen- ücitrag, den außer Stuttgart auch andere Orlsvereine des Wahl- kreises bereits eingeführt haben, auf den ganzen Wahlkreis aus- zudebnen. Der Parteitag soll mit vier Delegierten beschukt werden. Nach Erledigung noch einiger Anträge kam man z.um Punkt der Tagesordnung: Kreissekretariat und Anstellttng eines Kreis sekretärs. Wie berichtet, hat die Kreisgeueralver, ammlung i» Echterdingen am 4. August d. I. der Schaffung eineö Kreis sekrelariats im Prinzip mit starker Mehrheit zugestimmt un.� den Kreisvorstand beauftragt, mit der Parteileitung Stuttgart iv.*»" möglich ein« Vereinbarung zu treffen. Die Schaffung eines Kreis- sckrctariats ist bereits früher erörtert worden, doch hat der Kreis aus finanziellen Gründen der Angelegenheit nicht näher treten könne», Stuttgart hat sich mittlerweile ein gut funktionierendes OrtSickrctariat geschaffen. Die Verhandtungen des Kreisvorstandes mit der Stuttgarter Organisation haben sich nun zu einem Vorschlag verdichtet, demzufolge das Stuttgarter Sekretariat in ein Kreissekretariar umgewandelt wird, die Anstellung der Sekretäre durch die Kreisgeiieralversammlung erfolgt, die Kosten des Kreis- sekrelariats vom Kreis und der Stuttgarter Organisalion gemeinsam getragen werden.(Von den Gesamtbeiträgen der 2S Organisationen des Wahlkreises im letzten Gelchäflsjahr 1911/12 in Höhe von 23495 M. brachte Stuttgart allein 18 371 M. auf, von dem Anteil der Kreis- lasse an den Milgliederbeiträgen entfielen 3553 M. aus Stuttgart, 1443 M. aus die 25 anderen Organisalionen.) Die Stuttgarter Parteiorganisation hat in ihrer letzten Mitgliederversammlung der Umwandlung des Ortssekretariats in ein Kreissckretariat mit sehr starker Mehrheit zugestimmt, jedoch die Wahl eines der Sekretäre sich vorbehalten. Auf den dringenden Wunsch des Kreisvorstandes und ländlicher Delegierter verzichtete die Stuttgarter Delegation auch noch auf diese Forderung. Starke Erregung ver- ursachte aber, als bekannt wurde, daß vormittags eine Soiiderkonferenz der Delegierten einer Anzahl ländlicher Organisationen stattgefunden hatte, die unter Führung der Beamten des Hauptvorstandes des Metallarbeirerverbandes Brückner und H ü g l i n beschlossen hatte, die Wahl eines Kreis> sekretärs zu verhindern eventuell die Kreisgeneralversammlung zu verlassen und die BcitragSleistung an den Kreis einzustellen. Von diesen Delegierten wurde nun der Antrag gestellt, die General- debaite über die Schaffung eines Kreissekrelariats entgegen dem Be- chluß der Kreisgeneralversammlung in Echterdingen nochmals zu er- öffnen. Die Mehrheit der Versanimlung lehnte den Antrag ab. Eine Anzahl dieser Delegierten verließ daraufhin die Versammlung. Genosse ' ildenbrand wünschte nunmehr, daß die Angelegenheit an die rtsvereine zurückverwiesen werde. Genosse Kummer beantragte die Wahl des KreiösekretärS durch Urabstimmung durch den ganzen Wahlkreis vorzunehmen. Beides wurde abgelehnt, letzterer Antrag gegen zwei Stimmen. Genosse M a n z erklarte in starker Erregung, daß er seine Bewerbung um den Posten des Kreissekretärs zurück- ziehe, nachdem ihn eine gewisse Gruppe in der Partei dieserhalb in seiner persönlichen Ehre aufS schwerste verletzt habe. In der Diskussion wurde diese Kampfesweise gegen unbequeme Bewerber um den Posten aufS schärfste gerügt, und, da Genosse Manz nicht zu bewegen war, seine Kandidatur wieder aufzunchmell, an seiner Stelle Genosse We st meyer vorgeschlagen. Die Wahl hatte folgendes Ergebnis: Abgegeben wurden 99 Stimmzettel. darunter 13 weiße. Bon den fünf vom Kreisvorstand zur engeren Wahl gestellten Genoffen erhielten Stimmen: Westmeyer 82, Mezger 4. Westmeyer dankte kurz für diesen Vertrauensbeweis. Er forderte alle Parteigenossen auf, durch ruhige, sachliche Arbeit unter Aus« scheidung alles Persönlichen mitzuhelfen, die tünstlich geschaffene Klust zwischen der großen Mehrheit der Parteigenossen des Wahlkreises und einer kleinen Minderheit zu schließen, damit die Panei- genoffenschast den kommenden schweren Kämpfen mit den bürger- lichen Gegnern einig und geschlossen entgegengehe. Damit war die Tagesordnung der Kreisgeneralversammlung erschöpft. Hus der Partei. Ans den Organisationen. Die KreiSgeneralversanimlung des 1. württemiergischen Wahl- kreises(Stuttgart- Stadt und Land) wurde an, Sonntag, 25. August. in» GewerkschaftSbause in Stuttgart fortgesetzt. Die Bersamm- lung war wiederum sehr stark besucht; 123 Delegierte waren an« wesend. Als wichtigste Punkte standen auf der Tagesordnung die bevorstehenden Landtagswahlen.' die Landesversanmilung, der Parteitag, das KreiSfekretorial und die Anstellung eines Kreissekretärs. Ueber die Landtagswahlen referierte Reichstags- und Land- tagsabgeordneter Genosse Hildenbrand. Er führte u. a. aus: 'Statt den Abgeordneten Vertrauen entgegenzubringen, eine Politik der Aneiferung zu treiben, habe mau eine Politik der Be- geiferung der Abgeordneten getrieben. Man gehe mit dem Plane um. die bisherigen Stuttgarter Abgeordneten durd� neue Männer zu ersetzen. Man solle aber bedenken, daß man Die Kreisgeneralversammlung Brandenburg-Westhavclland tagte am Sonntag im Volkshaus in Brandenburg. Anwesend waren außer dein Kreisvorstand und den Ortsgruppenleitern 4t Delegiert« aus 21 Orten. In seinem Jahresbericht konnte der Vorstand über erfreuliche Fortschritte in der Organisation vornehmlich auf dem Lande berichten. Der Zentralwahlverein hatte am Jahres« schluß in sechs Ortsvereinen 5338 Mitglieder, gleich 482 mehr als im Vorjahre. Einnahmen und Ausgaben der K r e i S k a s s e be- liefe» sich auf insgesamt 89 345,36 M. ES wurden an die Provinzialkasse 2493,49 M.. an den Parteivorstand 3293,39 M. ab- geführt. Die Kosten für die Reichstagswahl betrugen 8813,89 M. Die Zahl der sozialdemokralischen Stadt- und"Gemeinde- Vertreter beträgt insgesamt 39, davon entfallen 19 auf rein ländliche Orte. Die Abonnentenzahl der.Brandenburger ) e i t u i, g* erreichte eine Zunahme von 1739, sie stieg im Kreise is auf 7934, Der A g i t a l i o n im Kreise dienten 132 Verstimm- lungen, 393 999 Flugblätter und mehrere tausend anderer Schriften. lieber die Landarbeiterfrage und die Organisation der ländlichen Arbeiter hielt der Vorfitzende des Landarbeiterverbandes, Georg Schmidt- Berlin eine» instruktiven Vortrag, Ueber den Parteitag in Chemnitz referierte Genosse Baron- Brandenburg. Er wandte sich gegen die Sonderkonferenzen und die generelle Er- böhuiig der Beiträge, erklärte sich für den Parteiausschuß und die vollzählige Teilnahme der Rcichstagsfraktion am Parteiloge, billigte das Stichwablabkommen mit den Liberalen und sprach eingehend über den Imperialismus, dem der Kampf des Proletariats gelten müsse. In entsprechenden Anträgen erklärte sich die Versammlung gegen die Beitragserhöhung und Sonderkonferenzen, trat aber für den Parteiausschuß«in. Des weiteren wurde eine planmäßige Agitation gegen de» Fleischwucher und für die Organisation und die Presse beschlossen. Zur Vorbereitung für den gemeinsamen Landtags Wahlkampf soll mit Vertretern deS Kreises Zauche-Luckenwalde eine Konferenz stattfinden. Zu Dele- ierten des Parteitages wählte die Versanimlung die Genoffen Baron und S i d o w- Brandenburg und P a u l i ck- Rathenow. Vorsitzender des KreiswablvereinS wurde wieder Genosse S i d o w. Zur Stellungnahme zun» preußischen Parteitag und zur Beratung der eventuellen Anstellung eines Partei- e k r e t ä r s soll erforderlichenfalls nach dem Parteitag eine außer- ordentliche Generalversammlung stattfinden. Eine Kreiskonferenz des 2. anhaltischen Wahlkreises(Bernburg- Köthen) tagte am letzten Sonniag in Beruburg. Vertreten waren 26 Orte durch 39 Delegierte. Der Jahresbericht der KreiSorgani- ation weist stattliche Erfolge aus. Der WahllrciS, der bereits 1898 bis 1993 sozialdemokratisch vertrete» war, wurde in der Stichwahl mit 1» 532 Stimmen gegen 13 924 nationalliberale zurückerobert. Die Zahl der Parteimitglieder stieg von 3439 auf 4938, unter letzteren befinden sich 1219 weibliche. Der Wahlkampf kostete ins- gesamt 19 985 M. Zur Verteilung kamen 332 999 Flugblätter. Ferner wurden 129 Volts- und 162 Vereinsversammlungcn abgehallen. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter stieg von 32 auf 79. die der Abonnenten auf da?.Volksblatt" von 4499 auf 5591. Die„Arbeiter-Jugend" wird in 223 Exemplaren gelesen.— Nach einem Bortrage des Reichstagsabgeordneten Bender über die gegenwärtige politische Lage, wurde die Tagesordnung des Partei- tages durchberaten. Das Ergebnis der Debatte kann dahin zu- sainmengesaßt werden: Man erklärte sich gegen die Erhöhung der Beiträge, für Aufhebung des Nürnberger Antrag« 99. für Beseitigung der Arbeitsruhe am 1. Mai. für die Teilnahme der gesamten Reichs- tagssraktion mit beratender Stimme am Parteitag, gegen den ge- planten Parteiausschuß, für Beibehaltung und Ausbau dkl Kon- sereuzen der Landes- und Bezirksvorstände. •• * Der Sozialdemokratische Zentralverein für den 7. schlcStvig- holsteinischen Reichstagswahlkreis(Kiel-RendSburg-Reumünster) hielt am Sonntag im Kieler Gewerkschaftshaus seine Generalversamm- lung ab. Es wurde beschlossen, den Parteitag in Chemnitz durch süni Delegierte, darunter eine Genossin, zu beschicken. Die Wahl der Delegierten erfolgt in den Ortsvereinen. Bei der Beratung des Entwurfs des Organisationsstatuts der Partei wurde dem 49 Pf.- Beitrag für männliche Mitglieder zu- gestimmt, die obligatorische Erhöhung des Mindestbeitrages für weib- licke Mitglieder abgelehnt. Die Vertretung der ReichStaj>Ssraktioir soll ein Viertel ihrer Stärke nicht überschreiten. Den vorgeichlagencn ParteiauSscduß lehnte die Versammlung ab. fordert aber die Ver- stärlung des Parteivorstandes um wenigstens fünf vom Parteitag zu wählende unbesoldete Beisitzer. Ebenso soll die Kontrollkommission mm fünf Mitglieder verstärlt werden. Der Preußentag soll mit vier Delegierten, darunter eine Genossin, beschickt werden. Ferner wurde noch ein Antrag für den Bezirksparteitag bcschloffen, der eine Aende- rung in der Zusammensetzung der Bezirksleitung verlangt. Parteiliteratur. Im Verlag der Druck- und Verlagsanstalt„Zukunft", Runge u. Co., Reichenberg i Böhmen, ist soeben erschienen: Klassenkampf uud Nation. Bon Dr. Anton Pannekoek. Di? bö Seiten starke Broschüre kostet 49 Pf. Serickts- Leitung. Die Tragödie eines Arbeiterkindes. Vor der Dortmunder Ferienstrafkammer fand eine VerHand- lung statt, die die Leidensgeschichte eines Arbeiterkindes in er- schüttelnder Weise aufrollte. Auf dep Anklagebank nahm der 13jährige Schüler Paul Büscher Platz. Der Vorsitzende stellte bei der Niederschrift der Personalien fest, daß„der Angeklagte ohne festen Wohnsitz sei". Die Anklage lautete gegen daS Kind auf Diebstahl. Die Leidensgeschichte deS jugendlichen Angeklagten be- gann mit dem Tode der Mutter, die zu Anfang des Jahres ge- starben ist. Ter Vater kümmerte sich nicht um sein Kind. Im April wanderte dieser auS, den Jungen ließ er mittellqD im Elend zurück. Der Knabe wandte sich nun in seiner Not an die Gemeinde Wellinghofen, wo sein Vater bisher gewohnt hatte. Der Gemeinde- Vorsteher hielt sich jedoch nicht für verpflichtet, sich des bedauerns- werten Jungen anzunehmen; er schickte ihn nach der Stadt Hörde. Hier hatte man für die hilflose Lage des KindeS daS gleichgroße Verständnis wie in Wellinghofen. Die Stadt Hörde hielt sich ebenfalls nicht für verpflichtet für den hungrigen Jungen etwas zu tun, man beschränkte sich vielmehr daraus, ihn wieder nach Wellinghofen zu schicken. So pilgerte denn daS arme Kind, von allen Menschen verlaffen, ohne alle Mittel wieder hinaus nach Wellinghofen. Die erste Ab- fertigung auf dem Amt muß so freundlich gewesen sein, daß der Schüler keine Neigung verspürte, hier sein Glück noch einmal zu versuchen. Der Junge ging nun, vom Hunger getrieben, in die Wohnung des Arbeiters Marirt, um sich Brot zu betteln. Die Wohnung war leer, auf dem Tisch lag jedoch ein Markstück und eine silberne Uhr. Beides, nahm der Knabe an sich, um sich für das Geld Nahrungsmittel zu kaufen.(Die Uhr wollte er. wie er später angab, versetzen, um von dem Geld ebenfalls wenig- stens für An paar Tage sein Leben zu fristen.) Die Tat wurde entdeckt, bevor der Junge seine Absicht ausgeführt hatte. Büscher wurde in Hast genommen. In der Verhandlung schilderde der jugendliche Angeklagte mit tränenerstickter Stimme seine Leidensgeschichte. Die Tat gab er unumwunden zu. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Gefängnis- strafe von zwei Wochen, die durch die siebenwöchige(I) Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurde. Der Haftbefehl wurde unter der Bedingung aufgehoben, daß der Staatsanwalt den Jungen an einen Fürsorgeverein überweise. Die göttliche Weltordnung kann nicht greller beleuchtet werden, als es durch diese Gerichtsverhandlung geschehen ist! Aber auch das Urteil an sich ist in mehr als einer Beziehung völlig unvcr- ständlich.! Warum mußte der Junge bei der Geringfügigkeit deS Objektes überhaupt sieben lange Wochen in Untersuchungshaft bleiben? Warum, so wird man weiter mit Recht fragen, hat daS Gericht nicht den jugendlichen Angeklagten angesichts der ganzen Sachlage freigesprochen? Selbst unser wenig modernes Strafrecht bietet doch durchaus diese Möglichkeit? Warum schließlich wurde nicht wenigstens die bedingte Ver- urteilung ausgesprochen?/ Die Tat deS jugendlichen Angklagten ist doch für eine solche geradezu daS Schulbeispiel. Oder hat die langwöchige. unnötige Untersuchungshaft hier vielleicht unbewußt die Richter beeinflußt? v' Haben sich etwa die Gemeinde Wellinghofen unv die Stadt Hörde, die das arme Proletarierkind in engherzigem Bureaukra- mus dem Kind die Tür wiesen, anstatt ihn unterzubringen, nicht schwerer vergangen, als das in Not handelnde Kind? Jetzt über- weist das Gericht es an einen Fürsorgevcrein. Hätten die Ge- meinden das getan, dann wäre dem Jungen daS Gefängnis wahr- scheinlich erspart geblieben-' LSasserstandS-Nachrtchte« der Landes anstatt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Letkerbureau Wasserstand Memel, Tilsit P r e g« l Jnfterbmg Weichsel, Thom Oder, Ratibor . Strossen . Frankjurt Warth«, Schrimm » Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz . Dresden , Larby Magdeburg Wasserstand Saal«. Grochlltz S« v«l. Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') BeeSkow Weser, Münden Minden Rhein, Maximilians au , Kaub . Köln Neckar. Heilbron» Main. Hanau Mosel.Trier am 23. 8. ein 118 23 6 92 78 253 278 526 306 309 103 144 71 seit 25.8. cm') +60 +11 —5 +20 0 +73 +38 —9 +1 +2 —5 -14 �+ bedeutet Wucht,- goIL—•) Unterpegel. Berliner Credit-Haus ggsy Kommandantenstr. 67."WIE | Alfcohoifrele BetrSnltej f ranz Abraham Bamb. MeBsina-u.Rflmertrank-Kell. N 4,Bailel8(r. 8a, Fernsp. Kg8t.l3708 f.nfcrh Seiter- u. Limonad.-Fabrik yjmiH, Thaeratr. 44. T. A. 7. 8176. $i-$i Sdiütze�E� Weberstr.l5a, T. 7, 11125. 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Hamburgerat. 37 Moldt, Fritz, Kill«., Reuterplatz. Gust. Nobert, Potsdameratr. 116a H. Petermeier, Strelitzerstr. 8. Peter- Schley, Wilh., Zosstnentr.l 1. W. irlian, mawiwÄÄ. t Verkauf in Milchgeacbäften Berüna Belannt jrgelaa. d. Plalai«. Nauaenst. 1 Tel. Kral. 281 'Ischer, Görlitzeratr. 66 Fallauteiutr. 20, Kofenkkerati. 172. W. Oerlach, Eekonebi. Seduitr. 0/7. Georg Genz, Memeleratr. 20 Allred Graf. Beuaselatr.Od. Karl Glesmann, W ittatockatz. 7. H. Glück, Wilholmahaveneretr.M. HUscne Dunkeratr. 78 , filibäS rnnilaier Alice 102. August Hflbuer, Scbwcdterstr.62. Anguat Hauck, Cflpeniek. TÄ«esctiaite | in ailen Stadtteilen Berlisa| und in Rizdorf. �GecpUnd���SOÄ, Kilics-Großbäckcrci, Boöestr. 8. Carl Laudahn. Weberatr. 30. Landbrot-Back., Sebnlt.tr.BnehkeU. I Landbrot>QroSbSckerel O. Senf, Nchf. Krug, Waldatr.« Hermann Lebelt, Hu8eittenatr.38 Alfred Ller, TVielefttr. 36. litenberger Brotlaiirik«rs: Em» Lleake, Grüner Weg 122. Matthe, Gipaatr. 9. E. Mertlna, Reichenbergerst, 168. E. 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Friedrieh ahagen. Ernst Müller, Teltowentr. 59. Nehring.CkulkgJUii.-AggaiU-All.elt C. Nenmann, Falkenateinatr. 27. P.tenolm, Olk., Müllerstr. 155. O Planmann, Jagowatr. 20, i'U. Reetz, Max BpÄ. Schmidt, Gebr., Fennstr. 59. SdiDliwareDliaDsdeiWeiteDiIu.: StHDöwareDöaDsK.vmSi4. Fritz Schlott, Moabit, Waldstr. 84. Schwerseuzer, Tonnstraße 48. Alb.Sseger, Ww., Lortsingstr. 6 Sommer, Wlih., N, Sehönh.-Alles 85. A.Trettln>Friedrich8h»g.,Friedriekiti.23. Witt,8pand., Neuendorferfltr.99, c Sohlpma u. Stöcke D Girod, F., Spandau, Potsd. Str. 19. Herrmann, Lyfheaer8L5�ig.Fabrikste. Jehnichen, Nklln., Kais. Friedr.-Str, 1 8 Ä, Igerehe, Sehöneherg, K«IloBiieastr.62 AJUttke,Badstr.11«Bezüge biliigat Herrn. Rosenky, W. Hsuteiut*. 4. G. Schleuasner, Warschauerst.SS. c Seif au J Heldke, Faul, Burradartatr. Ii. QTepiolch��iaiopdlaiau j Gardinenh. Bernhard Schwaig Berlin, Wallatr. 13(dreizehn). J. fl. Schulz Wemb6r?8- Weg 10 I. C Trauea— Magazin D Westmann Mohren.tr. 37 a. Gr. Frkt Str. 115. 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R.Schmelz, berlerötri53 Willy Schmidt, Friedeaaa.Eheinitr.lS. Ifiattai idiolz I SchSaemana, G.,Ntlla., Berl-St.n F, Schänwit), Bert. O., Gosjlerslr. 27 W.SchultzBoinagei.Keae Bakaharitr.32 Schumacher,0.,Tegol,Berl.-St.6a. Scholz, Osw., Frankf. Allee 25. Max Storch, Elbingerstr. 100. M. Tomechna Ndif., Braetn.tr. 16. Pool Trenk, CharL, Spand.-Str. 32. A. Trenner, Wilh.lairali, Uaaptztr. II Truxa, W., Frmnkft. Allee 165. Uhren-Klinik, Braun- E.B.raauraL {,Ad., Ne,lköUn' Wi llij, nu«, BerUneratr.55. {��fernle�pujigatw�l „Deutschland" Berlin Arbalterveralcherniig— Schätzen- Sttrbekau.uvnaicherg. atraüe 3. OroBd..ZorSoune', P. Frcudeoberj Horn, ä.atiiia, II er mann« platz/. Pnnpari GroßdestUlaüon ÜUUrdU Oranienstr. 207 Verlangen Sie „Edelweiß" Krone aller Waschmittel. f Wel»., Wollw., THkct.} AhiscEer�usL�TSormerst� H. Barts, Schönhauser Allee 107. Bredow, Otto, Nklln. Hermannst. 56 Carl ßrann KoDtfmrr" 5. M. Gardeis B Georgi, Ernst s�silj A. Kaesler, Capriristr. 5. 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Berlin SW. 68 Buchhandlung Vorwärts Llndenstr. 69. ä* Neue Gesamtausgabe, n:: u Herausgegeben im Auftrage des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands von Eduard Bernstein ■ Vollständig In drei Bänden In Halbfranz gebunden 14,50 M.■■ Einzelausgaben von Lassalles Schriften: üebep'Verfassiangswescii. Sin Vortrag, gehalten in einem Berliner Bezirksverein.— Was nun? Zweiter Vortrag über VerfassnngsweseiL— Hackt und Kocht. Ein offenes Sendschreiben. Neue Auflage. M. 1,—(Vereinsausgabe M. 0,50) Die Wissenschaft und die Arbeiter. Eine Verteidigungsrede vor dem Berliner Kriminalgericht gegen die Anklage: die besitzlosen Klassen zum Haß und zur Verachtung gegen die Besitzenden öflentlicb angereizt zu haben. M. 1,—(Vereinsausgabe iL 0,40) Heine Assisen Kede, gehalten vor den Q-escbworenen zu Düsseldorf am 8. Hai 1849 gegen die Anklage, die Bürger zur Bewaffnung gegen die königL Gewalt aufgereizt zu haben. M. 0,40 ArbclterproKramin. Ueber den Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiodo mit der Idee des Arbeiterstandes. M. 0,75(Vereinsaasgabe iL 0,30) Die Indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen. Eine Verteidigungsrede vor dem Königlichen Kammergericht zu Berlin gegen die Anklage: die besitzlosen Klassen zum Haß und zur Verachtung gegen die Besitzenden öffentlion angereizt zu haben. H. 1,50(Vereinsausgabe H. 0,60) Offenes Antwortschreiben an das Zentralkomitee znr Bernfnng eines Allgemeinen deutschen Arbeiter-Kongresses zn Leipzig. Neue.Auflage. M. 1,—(Vereinsausgabe M- 0,40) Herr Bastlat Schulze ▼. Delitzsch, der ökonomische Julian, oder Kapital und Arbeit. Hit einem kritischen Vorwort von Ed. Bernstein. H. 1,— n. a. / Ferdinand Liassalle und seine Bedeutung für die Arbeiterklasse. Zu seinem vierzigsten Todestag. Von E duard Bernstein. Hit einem Lichtdrackbild Lassalles. H. 1,—(Vereinsausgabe M. 0,50) Intime Briefe an Eltern and Schwester. Herausgegeben von Eduard Bernstein. Nebst einem Anbang: Zwei Briefe Lassalles über Liebe und eheliche Treue. Zwei Briefe Sophie v. Hatzfeldts an Angehörige Lassalles. H. 3,— macht die Wäsche nicht nur vollkommen rein und schneeweiß, sondern schont auch das Gewebe! Dieses leidet bekanntlich sehr bei der alten Waschmethode durch das Reiben und Bürsten. Persit'wäscht von selbst ohne jedes Reiben und Bürsten, daher kein Zerstören der Gewebelaserl Erhältlich nur in Original- Pakelen, niemals lose. HENKEL& Co.. DÜSSELDORF. miciiuc« Fabrikant«, auch dar«nhaltfblao Verkaufsstellen durch Plakate erkenntlich. _ Fabrik-Bflederlage fttr Berlin und Vororte: Job. Schmmlor, Berlin V. 4, TleckztraBe 11._ Verantwortlicher Redakteur; Slbert Wach», Bcriin. Für de« Inseratenteil»erantw.: TH.Gl»ckk, Berlin. T ruck u. Verlag: Torwärt» ibuchdruckerei u. VerlngSunstcilt P«rl Singer».Sh,»etlre SW. It.m n mm. 2. Jf jlöjjC des„NllMllrtg" Kttlim Kslksbllltt. mmizumrni Hua Induftrle und bandet Ein Stück deutscher Kolonialgeschichte. Stufi den Taumel der KolcmiivlbegeisterunH erfolgen allenthalben Rückschläge. Im einzelnen spiegelt dies sich jetzt auch im Jahres- akschlusi der Deutschen Kolcnialgesellschast sLr Süd- westasrika toider Es handelt sich hier um das älteste Kolontalunternehmen Deutschlands, die Deutsche Kolonialgesell- schast für Südwestasrika stellt den Ansang der wirtschaftlichen Aus- beutung dieser Kolonie dar. Der Kaufmann! Lüderitz hatte bekannt- lich. als er allein nicht mehr weiter konnte oder wollte. Bismarcks Schutz erhalten, seine Besitzungen und Rechte wurden 18SS, nach- dem Südwestasrika deutscher Besitz geworden, zwo obenbenannten Aktiengesellschaft, die mit 800 000 Mk. Kapital begann, umgestaltet. Damals hatte man in Deutschland die allergrößte Mühe, auch nur die 800 000 Mk. zusammenzubringen Fünsundsiebzig„Patrioten" opferten je etliche tausend Mark in der stillen Hoffnung aus Gnvdensonne, und zum anderen in der Gewißheit, von dem Gelde nie mehr etwas wiederzusehen Die Gesellschaft schlummerte auch ruhig bis zu den Diamantsunden Da stellte es sich heraus, daß die Macht der D. K. G. eine riesige war! Als Landgesell- schast beherrschte sie Gebiete, die vom Oranjefluß nordwärts am Atlantischen Ozean entlang bis zum Cunenefluß in einer Breite von durchschnittlich 20 geographischen Meilen reichen Bon diesen Erwerbungen gab sie 18S3 überdies das sogenannte Kaokofeld an die Kavkoland- und Minenyesellschast ab. Das Kaokofeld hat sie jetzt gemeinsam mit der Otavigesellschaft erfolglos nach Gold durch- sucht. Jetzt brachen siür die 1886 mühsam zusammengesuchten 76 Gninder plötzlich goldene Zeiten an, die Anteile der Deutschen Kolonialgesellschaft stiegen bis zu 2000 Proz»! Die Aushebung der Schürsfreiheit auf großen Gebieten der Gesellschaft, nachdem die Diamanten gefunden worden waren, die Gründung der Deutschen Diamanten-Gesellschast m. b. H. als neuem Tochterunternehmen,, alles wirkte zusammen, um den Kalo- nialtamnel nach dem Wunsche der Deutschen Kolonialgesellschaft in Wirkung zu bringen. Um den deutschen Einfluß sicherzustellen. wurde das Aktienkapital der Gesellschaft aus vier Millionen Mark erhöht. Colmanscop-Gesellschaft und andere wurden gegründet und brachten Riescngewinne. Wie die Jahresabschlüsse der Deutschen Kolonialgesellschoft sich seitdem bewegt haben, zeigt die folgende kleine Zusaimnenstcllung: Reingewinn Dividende 1907/08.... 009 410 M. 20 Proz. 1908/09.... 707079„ 25. 1909/10.... 1679619„ 64, 1910/11.... 1309939, 60„ 1911/12.... 950749„ 36. Dabei zehrt die Deutsche Kolonialgesellschast heute zu einem nicht zu verachtenden Teile aus den stsllen Gewinnen früherer Jahre. Im einzelnen erscheint das Bild der Bilanz geradezu trost- los. Einmal, als wichtigstes: die Deutsche Diamantengesellschaft, das goldene Kalb der D. K. G., konnte keinen Gewinn abführen. Die Abgaben an die Regierung— die überdies ein goldener Zu- fluß in die Staatskasse als Ausgleich für die vielen Kolonialaus- gaben sein sollten— ermöglichen, nur Ausbeutung hochwevtiger Diamantenfelder. Aber auch ohne dies ist die ganze Lebensdauer der Diamantengesellschast aus nur noch wenige Jahre begrenzt. Das Landverkausskonto der D. K. G. brachte nur deswegen einen Ilcbcrschuß, weil die Regierung als Entschädigung für enteignetes Land 133 000 Mk. zahlte. Das Bergwerkskonto hat sich ganz be- trächtlich verschlechtert, Förderabgaben und Schürsgebühren sanken ebenfalls ganz bedeutend.' Tie Einnahmen an Beteiligungen sind stark zurückgegangen. Und die allgemeine Lage in der Kolonie z�igt dasselbe Bild. Der Geschäftsbericht führt aus» daß das Handelsgeschäft sehr schlecht sei, kausmänmsche Firmen hätten ihr ganges Geschäft eingestellt. Unter der Farmerbevölkerumg herrsche große Geldknappheit, der Zinsfuß ist durch- weg sehr hoch— kurz, die Aussichten sind im ganzen schlecht! Private Lebensversicherung und Bodenentschulduug. In dem letzten„Wirtschaftlichen Wochenbericht" beschäftigten wir uns mit der öffentlich-rechtlichen Lebensversichernng�er Landschaften, die der Kreditbeschaffung für den Grundbesitz dient. Jetzt entsteht der öffentlichen Versicherung eine Konkurrenz durch eine ganz ähnlich aufgebaute Gründung von privaten Lebensversicherungsinstituten. Dem.Archiv für VersicherungSwissenschast" zufolge beabsichtigt der Verband der Güterinteressenten Dentichlazids E. V. ein Institut unter der Firma.Deutsche Länderbank Aktiengesell- schast" mit einenr Grundkapital von 20 Millionen Mark ins Leben zu niken. Gegenstand dieses Unternehmens soll die Gewährung und Verinitteluug von Krediten für ländlichen Grundbesitz sein. Die Deutsche Läuderbanl A.-G. will in Gemeinschaft mit den privaten Lebensversicherungsgesellschaften ollen Landwirten erststellige hypothekarische Beieihunge» gewähren. DaS Institut soll ferner hinler de» bestehende» Lanpschafts- bezw. Beleibungen anderer landwirtschaftlicher Hypothekeiiinstitute zweite Hypotheken gaben. Die hierzu nötigen Kapitalien sollen durch Ausgabe von Schuldverschreibungen, die durch Lebensvers icher ungs- Verträge und hypothekarische Eintragung sichergestellt sind, ver- schafft werden. Durch die abzuschließenden Lebensversichekungs- Verträge wird eine allmähliche Tilgung der Hypotheken herbeigeführt. Für die Schuldverschreibungen, die hypothekarisch sichergestellt und durch Lebensversicherungsabschlüsse amortisiert werden, soll der öffentliche Geldmarkt durch spätere Einführung an der Börse in An- spruch genommen werden.__ Sozialee. Das Geheimnis der Zahl. Dem lächerlichen Einwand gegen die Statistik, daß man mit Zahle» alles beweisen könne, begegnet man erfreulicherweise immer seltener. Nicht mehr der Statistik als solcher schiebt man es in die Schuhe, wenn Zablen unbewußt falsch oder teiidenziös zusammen- gestellt werden. Die Statistik selbst, mag man sie nun als Methode oder als inhaltliche Wissenschaft bezeichnen, bietet die Handhaben zu ihrer eigenen Konirolle. Mit ihren eigenen Hilfsniittelu übt sie an sich selbst Kritik, denn auch für sie als Wissen- schast gilt die Widerspruchslosigkeit und Eindeutigkeit der Meibode» und der Reiultate. Besteht auch über den Werl und die Nutzbarkeit der Statistik kein Zweifel mehr, so fehlt es doch leider an dem genügenden Verständnis für sie. Die meisten Menschen können keine Zahlen.lesen"; sie sehen sie wohl, aber sie verstehen sie nicht. Zahlen sind aber viel genauer als Warle. Was im Text auf vielen Seiten nur ungenau, lückenhaft oder gar nicht in allen Einzetheiten gesagt werden kann, übersieht der Geübte mit wenigen Blicken restlos auf einer Tabelle. Erfreulicherweise ist das Interesse für die Statistik in dem Pro« letariat sehr stark. Bietet sie doch für den politischen oder gewerk- schaftlich Organisierten ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Er« keniimis der sozialen Entwickelung und zur Ausklärung über die soziale Lage. Nickt zu Unrecht rühmt der bekannte Berliner National- ökonom Adolf Wagner öfters vor seinen studentischen Zuhörern, daß die Arbeiter sich durch statistische Kenntnisse auszeichneten. Zur Verbreitung und Vertiefung dieses Verständnisses in weiteren Kreisen, das selbst für die Leltüre jeder Tageszeitung ununigänglich ge- worden ist, dient ein soeben erschienenes populäres Büchlein von Adolf Braun: Statistik; Aufgaben, Methoden und Resultate der Statistik.(Wien, 1912. Preis 70 Pf.) ES sagt nicht nur, was die Statistik uns lehrt, es gibt auch Anweisung für eigene statistische Arbeiten, die ja in den Arbeiterorganisationen zu den Alltäglichkeiten gehören. „Bolkskrankenkaffen". Zu dem Kapiteb Bolkskrankenkaffen" erhalten wir folgenden interessanten Beitrag, der erneut zeigt, welcher Art die„Kulanz und das Entgegenkommen" dieser Sorte von Kassen ist. Ein Arbeiter I. W. in Kiel ließ sich in die„Frankfurter Ver- sicherungsgesellschaft Unitas" aufnehmen. Für seine zwei Mars monatlichen Beitrag hat er im Erkraukungsfalle eine Anrecht auf Krankengeld in Höhe von 2 M. pro Arbeitstag. AM 13. Juli erlitt W. einen Unfall, den er ordnungsgemäß, unter Beifügung eines Krankheitsattestes, das nebenbei bemerkt 6 M. kostete, der Gesellschaft„Unitas" mitteilte. Nicht etwa, daß die Gesellschaft nun den Anspruch des W. zurückwies, o nein! Das Gegenteil ist der Fall. Die Gesellschaft hat den Mann streng nach den Statuten behandelt, ihm auch das fällige Krankengeld genau den Satzungen entsprechend ausbezahlt. Wenn W. nun trotzdem, um das Krankengeld erlangen zu können, über 6 M. zugesetzt hat, so kann die Gesellschaft zu„ihrem Bedauern" nichts daran ändern. W. meldete also, wie bereits erwähnt, seine Erkrankung unter Einreichung des ärztlichen Attestes am 16. Juli an. Am 20. Juli erhielt er von der„Gejellschaft Unitas" einen„Gesundmeldeschein", weil die Krankheit nach Ansicht des Arztes leichterer Natur sei. Dieser Schein sollte sofort nach der Genesung eingesandt werden, damit die Berechnung des Schadens erfolgen könne. Bereits am 21. Juni meldete sich W. unter Benutzung des Gesundmeldescheines gesund. Für die Ausfüllung des Scheines hat er wiederum 6 M. entrichten müssen. An Stelle des ihm zustehenden Krankengeldes erhielt W. nun am 23. Juli einen eingeschriebenen Brief, in dem er aufgefordert wurde, binnen drei Tagen einen ärztliche» Krankenbericht einzu- senden, der jedenfalls wieder 6 M. gekostet hätte. Am 26. Juli d. I. kam wieder ein Einschreibebrief, in welchem Herr W. zum Zwecke der schnellen Wiederherstellung seines Gesundheitszustandes dem Städtischen Krankenhaus in Kiel überwiesen wird. GleWhzeitig wurde ihm mitgeteilt, daß er, wenn er dieser Verfügung nicht nach- komme, seinen Anspruch auf Krankengeld verliere. Am 30. Juli erhielt W. erneut ein Schreiben nebst Gesundxneldeschein, den er bei dem ihn behandelnden Arzt ausfüllen lassen sollte. Erst am 12. August wird durch ein erneutes Schreiben Herrn W. mitgeteilt, daß- sein Gesundmeldeschein eingegangen sei und er nunmehr für die sieben Krankheitstage entschädigt werden solle. Bon diesen sieben Tagen wurde ein Sonntag sowie 3 Karenztage abgezogen, so daß Herrn W.s Anspruch auf Krankengeld für' 3 Tage a 2 M.— 6 M. betrug. Von diesen 6 M. zog die Versicherungsgesellschaft noch das Porto für all die überflüssigen Briefe in Höhe von 90 Pf. ab, so daß Herr W. in der Tat 6,10 M. ausgezahlt erhielt. Für das ärztliche Attest und den Gesundmeldeschein müßte W. 10 M. bezahlen, so daß er in Wirklichkeit, wenn er sein Porto für die Mitteilung an die Gesellschaft zurechnet, über 6 M. zugesetzt hat. Dies wurde der Gesellschaft mitgeteilt, dieselbe erklärte jedoch durch Schreiben vom 16. August d. I., daß sie zu ihrem Bedauern nicht in der Lage sei, hierzu Stellung nehmen zu können,„denn", so heißt �s wörtlich,„wir garantieren den bei uns versicherten Per- soncn' vollständig freie Arztwahl und haben daher kein Recht, den Versicherten bezüglich der Arztwahl irgendwelche Vorschriften zw machen." Das schreibt dieselbe Gesellschaft, die einige Tage nach der Gesundmeldung den Erkrankten zwangsweise in das städtische Krankenhaus einweist. Jeder weitere Kommentar ist überflüssig; bemerken wollen wir nur noch, daß die Honorarforderung des Arztes für«in Attest in Höhe von 5 M. außerordentlich hoch genannt werden muß. Die Aerzte wollen damit gegen diese Art von Kassen kämpfen, schädigen aber letzten Endes die Erkrankten und nicht, wie sie beabsichtigen. die Kasse._ Die Ablösung des freien„Haustrunks" macht nach den neuesten Jahresberichten der preußischen Regie- rungs- und Gewerberäte für daS Jahr 1911 weitere Fortschritte. So löste eine Brauerei im Regierungsbezirk Hildesheim den Frei- trunk durch Lohnerhöhung ab. Die Folge war, daß der Ver- brauch an Bier, das sich die Arbeiter kaufen mußten, auf die Hälfte sank. Eine andere dortige Brauerei gab an die Arbeiter Marken aus; für jede Marke konnte durch Automaten 0,8 Liter Bier eut- nommen werden, das nur in den Pausen getrunken werden durste, oder wurden 16 Pf. zurückvergütet. Infolge davon ging der Bier- konsum, der während dreier Monate im Vorjahre 17 271 Liter be- tragen hatte, in den gleichen Monaten des Berichtsjahres auf 9311 Liter, also nahezu auf die Hälfte, herab. Auf diese Weise entfiel von der Vergütung für nichtgetrunkenes Bier, auf das ganze Jahr berechnet, auf jeden Arbeiter durchschnittlich eine Mehreinnahme von 126 M.__ Huö der frauenbewegung. Die Frau als„Retterin" des Mittelstandes. Unaufhaltsam ist der Rückgang des gewerblichen Mittelstandes geworden. Der rationellere Großbetrieb hat den Kleinbetrieb zur Bedeutungslosigkeit hcrabgedrückt. Auch da, wo bei oberflächlichem Hinschauen ein Klein- oder selbst Mittelbetrieb selbständig er- scheint, ist er fast immer tatsächlich vom Großkapital in irgendeiner Form abhängig, und zwar meist durch den ihm ge- währten Kredit. Das hindert natürlich nicht, daß die Unkenntnis des Mittelstandes über die Ursachen seines Rückganges von inter- essierter Seite benutzt wird, die— Sozialdemokratin als Feindin des Mittelstandes hinzustellen. Als ob die bösen Arbeiter den kleinen Handwerker tot konkurrieren und nicht etwa die Proletarier- kraft ausbeutenden Fabriken! Als ob die Sozialdemokratie die Rohstoffe und Lebensmittel verteuernden Zollgesetze geschaffen Kälte und nicht die Parteien des Großkapitals und des Großgrund- besitzes! Allzu viele lassen sich trotzdem nicht für die Mittelstand- lerische Bewegung einfangen. So will man nun die Frauen ein- fangen, die jene Reaktionäre bisher immer in die Küche ver- wiesen und der Politik möglichst fernhielten. Anläßlich des zweiten Reichsdeutschen Mittelstandstages in Braunschweig soll eine Frauengruppe gegründet werden. Ein vorbereitender Ausschuß, dem nur Frauen angehören, erläßt dazu einen Aufruf, der mit folgenden Sätzen schließt: „Zeigen wir den Frauen einmal, daß wir große Gedanken fördern können— nicht, indem w i r nach Wahlrecht rufen, sondern indem wir den Männern helfen, ihre schwere Pflicht als Staatsbürger auch in schwerer Zeit zu erfüllen und als Gefährtinnen ihre Interessen auch nach dieser Seite hin getreulich teilen. So können wir helfen, so wollen wir helfen!" Wir finden die Damen nicht recht logisch. Ihre Männer rufen immer nach reichsgesetzlichem Schutz. Da ist es doch das natürlichste, wenn die Frauen durch die Erlangung des Stimm- rechts den Einfluß der Mittelständler im Reichstag zu verstärken suchen. Leider sagen die Damen gar nichts darüber, w i e sie den Männern helfen wollen. Es wird auch nichts anderes übrig bleiben, als was die mittelständlerischen Staatsretter schon tun: über die Sozialdemokratie zu schimpfen und um die Hilfe der bürgerlichen Parteien zu betteln, idie nichts tun, nichts tun wallen und nichts tun können.__ Neue Bücher. Von der Sozialdemokratischen Frauenbibliothek sind erschienen: Heft II: Die Frau und die Gemeiudepolitik. Vau Klara Wehl. Vreis 30 Pst Der Inhalt gliedert sich wie folgt: Geleitwort— Vorwort — Krankenfürsorge— Säuglingsfürsorge— Krippen, Kmdcr- gärten und Horte— Schule— Die Wohnungspolitik der Ge- meinden— Arbeiterfürsorge— Lebensmittelversorgung— Mit« arbeit der Frau in der Gemeinde— Gemeindewahlrecht. Heft III: Kinderarbeit, Kinderschuh und die Kinderschutzkom- Missionen. Von Luise Zietz. Herausgegeben vom Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Preis 60 Pf. Aus dem Inhalt: Die Kinderarbeit und ihre schädlichen Fol- gen— Die Arbeit als Erziehungsmittel— Die Kinderschutzgcsetz- gebung in Deutschland bis 1890— Die sozialdemokratische Kritik und Propaganda— Das Kinderschutzgesetz vom 30. Marz 1903— Die Wirksamkeit des Kinderschutzgesetzes— Der„Schutz" der Kinder in Landwirtschaft und häuslichen Diensten— Die Grun- dung der Kinderschutzkommissionen— Die Wirksamkeit der Km- derschutzkommissionen— Die weiteren• Aufgaben der Kinderschutzkommissionen. Die Arbeit enthält außerdem folgende Anhange: Gesetz, be- treffend Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben.— Verzeichnis derjenigen Werkstättsn, in deren Betrieb, abgesehen vom Aus- tragen von Waren und von sonstigen Botengängen, Kinder nicht beschäftigt werden dürfen— Bestimmungen der Gewerbeordnung über Kinderarbeit und Auszug aus dem Kinderschutzgesetz— Musterfragebogen und Kontrollkarte für die Kinderschutziom- Missionen. Die Hefte der Sozialdemokratischen Frauenbibliothek sind durch alle Buchhandlungen und Speditionen, sowie direkt vom Verlag, Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H., Berlin SW. 08, zu beziehen« Bus aller Melt. JVIade in Germany. AuS London wird uns geschrieben: Die Freunde der affge- meinen Wehrpflicht in Großbritannien, die die Bildung eines großen Landheeres wünschen, mit dem man sich nötigenfalls auf dem Kontinent in kriegerische Abenteuer einlassen kann, haben sich in der letzten Zeit ziemlich still verhalten. DaS bedeutet jedoch nicht, daß sie den Mut verloren haben und ihr Unternehmen alck' hoffnungslos aufgeben. Sie haben nur ihre Taktik verändert; sie haben gefunden, daß es viel leichter ist, die heran- wachsende Jugend militari st isch zu verseuchen, als die erwachsenen Wähler zu gewinnen. Als Mittel zur Ver- breitung ihrer Ideen dienen ihnen Jugendorganisationen wie die Boy Scouts(Kundschafter) und Boys Brigades, die in den letzten Jahren ganz gewaltig gewachsen sind. Gerade jetzt während der Schulferien erhält man einen Einblick in die Entwicklung dieser Organisationen, die sich als unschuldige Jugendturnvereine aus- geben, in Wirklichkeit aber Brutstätten-des Militarismus sind. Wohin man auch kommt, überall begegnet man langen Zügen nach militärischem Muster gekleideten Knaben, die unter der Leitung älterer Personen, die offenbar dem Militärstande angehören, mili- tärische Uebungen machen. Viele von ihnen sind mit kleinen hölzernen Flinten ausgerüstet und man hat die Kundschafter sogar an den Manövern der regulären und der Territorialarmee teil- nehmen lassen. Große Paraden, an denen Tausende teilnehmen, werden bor den Spitzen des Heeres abgehalten und die redeseligen Generale und Feldmarschälle lassen die günstige Gelegenheit natür- lich nicht unbenutzt vorübergehen.- � Träten die Leiter dieser Bewegung mit ihren Absichten offen an den Tag, so würden sie wenig Zuspruch finden. Sie ver» leugnen daher öffentlich ihre Ziele und protestieren manchmal sogar nachdrücklichst dagegen, daß sie militaristische Propaganda betreiben. Den Eltern wird erzählt, daß die Jugendbewegung sittliche und religiöse Ziele verfolge und der körperlichen Entartung der Nation entgegenarbeite. Sie wolle die Knaben vor der Ver- wilderung auf der Straße retten, ihnen Ehrfurcht, Disziplin und Selbstachtung bibringen, sie lehren, Leben zu retten, Hilflose zu unterstützen und Gutes zu tum Viele Eltern haben sich durch diese schönen Worte täuschey lassen; selbst unter Genossen findet man keine unbeträchtliche Zahl, die ihre Kinder diesen Wölfen in Schafspelzen anvertrauen. Die Organisation der Kundschafter scheint die größten Fortschritte zu machen. An der Spitze der Kundschafter steht der General Baden Powell, der Operetten- Held von Mafeking, der in einem Auftuf an seine„Friedenskund- schafter", wie er sie nennt, schrieb:„Jeder Knabe sollte lernen, zu schießen und Befehlen zu gehorchen, sonst ist er, wenn der Krieg ausbricht, ebenso unnütz wie ein altes Wtzib und wird nur getötet wie ein quietschendes� Kaninchen." Derselbe Friedens- apostel schreibt in seinem„Handbuch für Kundschafter", daS für Soldaten bestimmt ist:„Fußball ist ein prächtiges Spiel, aber besser als es und besser als jedes Spiel ist daS Spiel der Menschen jag b." Nach Felix MoscheleS muß der Kundschafter nicht nur seinem König und Vaterlande, sondern auch seinen Arbeitgebern Treue schwören, er mutz mit ihnen durch dick und dünn gehen. Von demselben militärischen Geist sind auch die Leiter der älteren Jugendorganisationen durchdrungen, die den Kirchen und Kapellen angeschlossen sind. Genosse Walker, der im„Labour Leader" auf diese militaristische Gefahr hinweist. zitiert einen Brief, den ein Geistlicher, ein aufrichtiger Friedens- freund, der eine Organisation, die„Ritter des Friedens", ins Leben rief, von Leutnant Southam erhielt, der einer Knabenbrigade vor- steht. Es heißt dort:„Ich bin beauftragt. Ihnen mitzuteilen, daß es für die Jungen unserer Brigade immer«ine Ehrensache ist, sich beim Verlassen der Organisation entweder dem regulären oder dem freiwilligen Heere anzuschließen, und wir werden alles, chas in unserer Macht steht, tun, um den militärischen Geist zu Pflegen« und haben keine Sympathie mit Ihrer Bewegung." In aller Stille geht diese militaristische Propaganda unter dem Mantel der Jugendpflege vor sich. Man züchtet in den jungen Gemütern künstlich den Trieb zur Gewalttätigkeit, verblödet sie mit den Lehrern des Hurrapatriotismus und vergißt auch nicht, ihnen den Respekt vor den bestehenden Institutionen einzuimpfen. Die Bewegung hat schon viel Unheil angerichtet. Man trifft hier immer häufiger junge Leute, die sich für ein stehendes Heer nach deutschem oder französischem Muster begeistern, und es ist keines- Wegs unwahrscheinlich, daß eine reaktionäre Regierung in nicht allzu ferner Zeit eine chauvinistische Hetze, die sich in Groß- britannien leider noch zu leicht inszenieren läßt, dazu benutzen wird, um dem englischen Volke die Last-des Landmilitarismus aufzubürden. Die bestehenden Jugendorganisationen machen die Vorarbeiten zu einem solchen Coup. Das beste Gegengift gegen die militaristische Propaganda wäre eine sozialistische Jugend- organisation. Unglücklicherweise liegt die sozialistische Jugendpflege in Großbritannien wie alle anderen Bildungsbestrebungen der britischen Arbeiterschaft noch sehr im argen. Hoffentlich wird der erwähnte Artikel des Genossen Walker dazu beitragen� die Arbeiterschaft auj die Gefahren, die ihr von der Tätigkeit der Fugendorganisationen mit den unsHuIdig auZ» Wenden Zielen drohen', aufmerksam zu machen, Unwetter im östlichen Deutschland. Am Montag ging über den südlichen Teil der Provinzen Ost- toid Westpreutzen ein außergewöhnlich schweres Gewitter verbunden mit wolkenbruchartigem Regen nieder. Dabei wurde der Besitzer Ouase in Klein-Bössau bei Bischofsburg und sein ILjähriger Sohn vom Blitze getroffen und sofort getötet. Das zweijährige Söhnchen des Besitzers» das dieser im Arm hielt, blieb unversehrt. Wieder ein Arbeitermörder freigesprochen. Aus Rom wird uns unter dem 24. d. M. geschrieben: Wir haben seiner Zeit über die Arbeitslosendemonstralion in Lesina be- richtet, während der der Bürgermeister der Stadt, ein Herr C i t t a d i n o. seinen Revolver zog und zwei Arbeiter schwer ver- letzte. Einer von diesen starb am nächsten Tage. Die Presse ver- breitete die üblichen Legenden über Steinhagel, mit dem die Menge die Behörden überschüttet hätte, und solche schrecklichen Dinge mehr. Zahlreiche Demonstranten wurden verhastet, und auf den Protest der sozialistischen Presse hin auch der schießlustige Bürgermeister. Der Prozeß gegen die Demonstranten ergab, daß aus der Menge nur vereinzelte Steine geworfen worden sind, weshalb nur geringfügige Strafen verhängt wurden. Die Voruntersuchung gegen den Bürgermeister ergab dagegen, daß die Kugeln wirklich aus seinem Revolver stammten, und daß er ohne Not zu den Waffen gegriffen hatte, während er unter den Karabinieri stand, die die Menge zu begütigen versuchten und die Waffen nicht einmal zur Einschüchterung ergriffen hatten. Trotzdem erfährt man heute, daß am 22. d. Mts. die Voruntersuchung gegen den Bürger- meister mit der Einstellung des Verfahrens geendet hat, weil die Herren Richter an dem Totschläger keine Schuld gefunden haben. Der„Avantt" führt dieses Urteil auf die zahlreichen Konnexionen zurück, die der Bürgermeister, der inzwischen übrigens Exbürgermeister ist. in maßgebenden Kreisen hat. Wir glauben aber, daß der Freispruch keiner besonderen Erklärung bedarf. Es ist nach- gerade ein Rechtssatz der italienischen Rechtsprechung, daß Arbeiter- mörder freizusprechen sind I Kleine Notizen. Mord und Selbstmord. �Zn einer Wiesbadener Penfion wurde der seit mehreren Monaten zur Kur weilende frühere Pächter der Wartburg W i e p r e ch t und seine Ehefrau erschossen auf- gefunden. Wicprecht hat nach der angestellten Untersuchung seine Frau erschossen und dann Selbstmord verübt. Der Grund zur Tat liegt in ehelichen Zerwürfnissen. Absturz in den Alpen. Beim Edelweißsuchen stürzte ein zwanzig- jähriger Engländer namens M a m p h a n vom Ruchenglaern ab. Er hatte sich zu dicht an einen Abgrund gewagt. PlStzNch gab der Boden unter seinen Füßen nach, und Mamphan stürzte in einen ö0 Meter tiefen Abgrund. Er war sofort tot. Absturz eines Fliegers. Wie die Blätter aus Pardubitz melden, ist dort der Flieger E i h a k abgestürzt und hat so schwere Verletzungen erlitten, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Durchstechereien auf de« Hamburger Zollamt. Zollbetrügereien im großen Umfange find gestern nachmittag beim Zolldurchlaßbureau St. Annen entdeckt worden. Drei mit Kaffee und Spiritus beladene Wagen chatten bereits die Zollgrenze unbeanstandet passiert, als zwei Wagen, die ebenfalls durchfahren wollten, angehalten wurden. Die Polizei verhaftete zwei Männer, während drei entkamen. Außerdem wurde der Zollbeamte, der die Verbrecher un- gehindert pasfieren ließ, in Haft genommen. Bei der Arbeit geköpft. Dienstag früh riß ein Seil der elektrischen Förderanlage der Bremer Baufirma Rodick in Helgoland. Eine hochgezogene Lori stürzte ab und traf einen 18jährigen Arbeiter, dem der Kopf vom Rumpfe getrennt wurd«. Der Tod ist auf der Stelle eingetreten. Lese- und DIsrntierrlub»Südost*. Heute Mittwoch, abend» 8'l, Uhr. Sitzung bei Neidhardt, Görlitzer Str. b«: Vortrag. Gäste will- kommen.» Todes-Anzeigen SozialdemokratiscberWaUvereto des 6. fierl. Reichstags-Wahlkreises. Am 26. d. M. verstarb unser Genosse, der Arbeiter JtanK Putbuser Str. 45(Bezirk 599). Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung, findet am Donnerstag, den 29. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Halle des Friedens- Kirchhofes in Nordend- Nieder-Schönhausen aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Oer Voratand. Verband der Gemeinde- und Staatsarheiter, Filiale Groß-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag der Kollege WilKelm Jung welcher in der Parkverwaltung (Reo. I) beschästigt war, verstorden ist. Wir werden ihm ein ehrendes Andeuten bewahren. Die Bestattung findet am Donnerstag, den 29. August, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Friedcns-Kirchhoses in Niedcrschönhausen- Nordend aus statt. 35/8 Die OrtSverwaltung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann. unler guter Vater, Onkel und Schwager, der Gastwitt Paul Heimann am Sonntag, den 25. August 1912, tm Alter von 48 Jahren nach luizem, schwerem Krankenlager verstorben ist. 21a Die» zeigt mit der Bitte um stilles Beileid an Wwe. E. Hclmann u. Sohn, Duiickerstr. 79. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 29. August 1912, nachmittags 41/. Uhr, von der Leichenhalle deSstädtischen Fried- hoscs in Friedrichsselde au» statt. SozialdemokratiseherWahlverelii für den 6. Berliner Reiehstagswahikreis. Todes- Anzeige. Am 25. d. M. verstarb unser Genosse, der Gastwirt Paul Heimann Duiickerstraße 79(Bez. 545). Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, Den 29. d. M.. nach» millagS 4'/, Uhr, von der Halle des städtiichen FriedhoseS in Friedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 231/8 Der Vorstand. tiennit die traurige Nachricht. mein lieber Mann, unser guter Vater, der Tapezierer Willielm Hoppe am 25. August im Alter von 47 Jahren verstorben Ist. 4ta Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 29. August, nach- mitlaqs'/,4 Uhr. vom Z-nttal- Friedhof, FriedrichSjeldk. aus statt. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme sowie zahlreichen Kranzlprndcn bei dem Begräbnis uiiscres lieben Bruders, Schwagers und Onkels sagen wir allen Beteiligten, besonders der Firma Iletlo« im Namen der Htliterbliebenen herzlichen Dank. La k'kmilis Pannwitz* Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedcni die trauttge Nachricht, daß unser langjähttges Mitglied, die Kollegin Herta Backstein verstorben ist. Ehre ihrem Andenke»! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 29. August, nach- mittags 4 Uhr. aus dem Gemeinde- Friedhos in Britz, Chausseesttaße, statt. Zahlreiche Beteiligung erwariet 25/6 Die Ortsverwaltung. Sozialderaokratiseli.Wahlvfirßin Kreis Hieder-Bärflim. Bezirk WeiBenzee. Am 25. Aagust.verstarb unser Mitglied, der Klempner -Julius Biebergehl iür 70. Lebensjahre. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, den 28. August, nachmittags 4>/. Uhr, von der Leichen- Halle des Gemeindesrieddoses in derRoelckestraße aus statt.- Um rege Beteiligung ersucht 18/12 Der Vorstand. Deutscher Hoiiarheiter-Verhand Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Nta» Zänkert Waldemarstr. 35, im Alter von 20 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 28, August, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Thomas-Kirchhvses in Neukölln, Hermannstraße, aus statt. 83/4 Ol« Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungistslle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Klempner .luiius Biebergehl Weißensee, Kronprtnzeniiraße 10, am 25. d. MtS. an Herzleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 28. August, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Leichen. halle des Gemeinde-FnedhoseS zu Wrißensee, Rölckeftraee, au» statt. Rege Beteiligung erwartet 123/8 Oie Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroS-Berlin. Den Mitgliedilm zur Nachttcht, daß unser Kollege, der Hausdiener Fr»»» Türk am 26. d. MI»., im Atter von 19 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken i Die Beerdigung findet am Donnei stag. den 29. d. Mts., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle deS Auferfiehungs- Kirch- hoses in Weißensee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 66/10 Oie Bezirktverwaltung. Für die zahlreiche Beteiligung und die Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Manne« und Vater« Franz Tillmann sage ich hiermit asten Verwandten, Bekannten, besonders der Finna Kubitz u. Imberg sowie den Kvlle. ginnen und Kollegen den herzlichsten Dank..„ ,36tt Sophie Tillmann und gohn. Von der Reise zurück. Bit. äußinann, Augenarzt Charlvttenburg. Berliner Str. 130. Für I 'eilnahr Danksagung. die vielen Beweise herzlicher lieben Frau sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten meinen herzlichsten Dank. 18b Im Namen der Hinterbliebenen Jakob Esser und Kinder. Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, m«* 10— 2. 5—-7. Sonntags 10-— 12. 2—4 Verwaltung Berlin. Mitglieder-Versammlungen Heute Mittwoch, den Ätzt. August: DqtIpIc Cphnnohapfi abends S1/« Uhr. in den Neuen Rathans- DtUlrK JtUUllCUcry sVen, Martin-Lutber-Str. 69. Tagesordnung: 1. Anträge zur Generalversammlung. 2. Verbands- angelegenheiten. Jalousiearbeiter sLÄn1®* � � 6el®oel/, Uhr, bei MerkowSki. Andrea»str. SS. Tagesordnung� 1. Beratung der Anträge zur Generalversammlung. 2. Bericht vom Verbandstaa. 3. Branchenangelegenhetten. Die Kollegen au» den Borotten werden ganz besonder» ersucht, in der Versammlung zu erscheinen. ünHanlonap abend» 8 Uhr. im GewerkschaftShaus, Engel- OUUBlllcycr Ufer 14/15, Saal 3. Tagesordnung: 1. Bericht der Kommission. 2. Anträge zur Generalversammlung._ Perlmutt-, Horn- und Steinnuß- Knopfarbeiter abends 6 Uhr, im GewerkschaftShaus, Sngeluser 14/15, Saal 5. Tagesordnung: 1. Fortsetzung der letzten Branchenversammlung. 2. Beiicht vom Berbandstag. 3. Anträge zur Generalversammlung. 4. Ersatzwahl zur Kommission. Donnerstag, den SS. August: Beritt Charlollenburg» Tagesordnung: 1. Anträge zur Generalversammlung. L. Wahl der Kontrollkommission. 3. Verbandsangelegenheiten. Die Delegietten müssen in der Versammlung anwesend sei». Steiitnacher flBcnbä 8''s tm Bosenthal« Hof, Rosenthaler Tagesordnung: 1. Anträge zur Generalversammlung. 2. Verbands- und Brancheiiangelegenheiteii._ Zeotrai-Krilefl-n.Sterli!kiissi! dialer eti;. Filiale Berlin.— Slolchleriitr. 28. Donnerstag, den 29. August, abends HVi Uhr: Mitglieder-Ver famiiiiung im Gewerkschaftshans, Engelufer IS. Tagesordnung: 1: Abrechnung vom zweiten Quartal. 2. Bettcht von der General- Versammlung. S. Verschiedene' Kassenangelegenhttten bezw. wichtige Mit- teilungen. ISO/4 Mitgliedsbuch legitimiert. Die Ortsverwaltung. Ardsitsnacliwsls: S°s I Amt Norßen, Rr. 1239. Iferwaltuiptelle Beriio EharitSstraste 3. Hauptbureau: Hos m. Amt Norden, Nr. 1987. Tonnerstag, den 2v. August 1912, abends 8 Uhr: Mitglieder-Versammlung der Llektkomollteure u. Ihelser Groß-Hkrllnz in den Musiker-Festsälen, Kaiser-Wilhelm-Stratze l&a. Tagesordnung: 1. Bericht der Kommission. 2. Diskussion. 3. Verbandsangilegenhiiten. Kollegen I Mit Rücksicht aus die verschiedenen Angelegenheiten, welche durch den Bettcht der Kommission mitgeteilt werden, ist eS notwendig, daß Sie zahlreich und pünltiich in dieser Versammlung erscheinen. 123/7 Okno dlitglledsduch kein. Zutritt! Die OrtHverwaltnns._ Deutscher Buchbinder-Verband. Zahistelie Berlin. Etuisbranche. Donnerstag, den 29. August 1912, abends SVi Uhr, im Graphische» Bereinsliaus, Alexandrinenstr. 41? Braneken-Versammlung. Tagesordnung: 1. Der gewerkschaftliche Kamps. Referent: Kollege Klar. 2. Neuwahl «ine» Vertreters zur Ortsverwallung und Tattjlommission. 8. Verschiedene»._ 25/4 Zahlreiche» und pünktliches Erscheinen erwattet Die Ortsverwaltnng. Site BranchewXrjt»««. f Ohne jede Anzahlung""! c-Vjjt M e r» t k I» s a I g e» Fabrikati g � nriimiiKrt. StaatimadalllAl- planus Terkaufe leb (9mal prämiiert, StaatamadallU) in allen Holl- u. Stilarten, toq wunderbar. TonlUllo(Flügelton) Flügel». 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Zriedlaender, LorderhauS. geübte, verlangt Lothttngerstraße 8� 132/16 "«niipfertnnen. in nnd außerm Hause, verlangt Mbett Leschkau. Alte Jakobsttaße 83. 24b Militärsattler nnd Idaschinennäher nach auswartS gesucht. Persönliche Meldungen nur Mittwoch- den 28. August, vormittags 12 Uhr, im Verbandsbureau. Brückenftt. 10b. III. -- R Stnlihfltfiirf! Stukkateure finden zurzeit keine Arbeitsgelegenbeit in Kopenhagen. hicb»tr«>% Kopenhagen» i.4», v/w i---- u-______■-——--------------------—*•__ y-- y" p' Verantwortlicher Nedalteur: Albert WachS. Berlin. Für den Lnseratenteil verantw.: Th.S>l»cke.Berlin. Druck u. Verlag: Borwärt««nchdrueterei u. v, elal«lt. Mlttlvsch. 28. August 1912. Partei-?Zngelegenkeiten. Lichtenberg. Heute, abends 8�/z Uhr: Mitgliederber» s a m m l u n g des 6. Viertels sOrtstcil Boxhagen-RummelSburg) im großen Saale des Cafe Bellevue. Tagesordnung: 1. Bortrag des Genossen O< John: Die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen. 2. Diskussion. 3. Bezirks- und Viertelsangelegenheiten. Die Viertelsleitung. Kaulsdorf. Heute Mittwoch, abends 8l/.z Uhr. findet in„Ha- manns Gesellschaftshaus" eine öffentliche Volksversammlung statt. Thema: Religiöse Probleme in der Arbeiterbewegung. sKirchensteuer— Volkssteuer I> Referent: EmilUnger- Berlin. Die Herren Pfarrer sind schriftlich eingeladen. Zossen. Donnerstag, abends 8 Uhr, im Lokale des Ge- Nossen P. Kurzner: Wahlvereinsversammlung. Tages- ordnung: Bericht von der Kreis- und Verbandsgeneralversammlung. _ Der Vorstand. Berliner Nacbricbtem Sonnenblumen. Eine der schönsten Herbstblumen, die Sonnenblume, steht augenblicklich wieder in vollster Blütenpracht. Die hohen, fingerstarken Stengel mit den mächtigen Blättern und Blüten- köpfen begünstigen die Anzucht als lebendes Grenzzeichen, an Hecken und Zäunen, vor allem auch zur Umgebung von Lauben. In Haus- und Ziergärten findet man die Sonnen- blume seltener. Hier genießt sie in verkehrter Anschauung mehe den Ruf einer Feld- als einer Gartenpflanze und ist deshalb verpönt. Anspruchslosere Naturfreunde wie unsere Laubenkolonisten wissen ihren Wert zu schätzen. Eine Lauben- kolonie ohne Sonnenblumenzucht ist undenkbar und einen wunder- hübschen Eindruck macht es in der Tat, wenn bei fast jeder Laube die im Winde sich schwingenden Stauden, die„Chrysanthemen des Proletariers", mit ihren funkelnden gelbschwarzen Augen gleichsam Wache halten. Der Laubenvater ist stolz, sobald der riesige Blütenkelch seine gelben Zipfel strahlenförmig nach allen Seiten sendet, und paßt höllisch auf, daß die Stengel nicht gedrückt werden und die Sommerpracht nicht frühzeitig untergeht. Bei Laubenfesten gibt es häufig auch eine„Sonnen- königin", deren Geschmack und Geschick es verstanden hat, sich mit den gelben Blüten reizvoll zu schmücken. Fährt man mit der Ringbahn anHunderten von Groß-Berliner Laubenkolonien vor- über, so winken uns überall die lveithin leuchtenden herrlichen Blütenstcrne entgegen. Es ist eine dankbare Pflanze, die bis in den September hinein bei Wind und Regen der Sonne Konkurrenz macht. Nach dem Abblühen kommen die Kinder zu ihrem Recht, die nach altem Brauch gern von den reifen Samenkörnern naschen. Neuerdings wird die Sonnenblume auch als Balkonpflanze verwendet. Sie gedeiht hier aber nicht recht, weil ihre Wurzel viel Erde und Bewegungs- srciheit braucht._ Eine Zunahme der Heiratsziffer von Groß-Berli» wird für das Jahr 1911 in den„Statistischen Monatsberichten Groß- Berlin"(3. Jahrgang. 3. Heft) durch Prof. Silbergleit festgestellt. In den Jahren 1919 und 1911 wurden in dem beteiligten Gebiet 3SS34 und 37Vb Ehen geschlossen, davon in Berlin allein 21 813 und 22 872, in den Vororten allein 13 886 und 16 193. Von 1919 zu 1911 mehrten sich die Eheschließungen für Groß- Berlin um 8,31 Proz., im besonderen für Berlin allein um nur 3,77 Proz., aber für die Vororte allein um 19,36 Proz., dagegen nahm in demselben Zeitraunr die Bevölkerungszahl zu für Groß-Berlin nur um 3,36 Proz., für Berlin allein um 9,61 Proz., für die Vororte allein um 6,88 Proz. Die Heiratsziffer, d. h. das Verhältnis der Zahl der heiratenden Personen zur mittleren Be- völkerungszahl. war in den beiden Jahren für Groß-Berlin 19,44 u n d 1 9.9 9 pro 1999 der Bevölkerung, im besonderen für Berlin 21,22 und 21,88 pro 1999, für die Vororte nur 17,14 und 17,79 pro 1999. Die Zunahme der Heiratsziffer ist, wie man sieht, nicht beträchtlich. Aus den in diesen Ziffern hervortretenden Unterschieden zwischen Berlin und dem Vorortgebiet will Silber- gleit keine Schlüsse ziehen. Er weist darauf hin, daß bei den Verbindungen ortszuständigcr Männer mit auswärtigen Bräuten die Eheschließungen meist im Wohnort der Braut vollzogen werden und so der örtlichen Heiratsstatistik entgehen. Zur Erklärung der Unter- schiede zwischen den HeiratSziffern Berlins und der Vororte kann das aber wohl nicht ausreichen; denn es ist nicht anzunehmen, daß in Berlin so sehr viel häufiger als in den Vororten eine Braut einen außerhalb wohnenden Mann geheiratet hätte. Selbstverständ- lich ergeben sich auch bei den einzelnen Vororten, wenn man sie gesondert betrachtet, noch Unterschiede der HeiratSziffern. So war in den Jahren 1919 und 1911 die Hciratsziffer z. B. in Char- lottenburg 19,79 und 19,46, aber in Schöneberg nur 17,12 und 16,84 und in Wilmersdorf gar nur 16,21 und 16,49. Nebenbei bemerkt: in Charlottenbnrg und in Schöneberg ist von 1919 zu 1911 nicht eine Zunahme, sondern eine Abnahme der Heiratsziffer eingetreten. Von östlichen Vororten seien hk?r genannt Neukölln mit 18,87 und 19,34, Lichtenberg mit 17,22 und 19.33, Weißensee mit 18,72 und 21.99. Lichtenberg und Weißensee fallen durch besonders starke Zw nähme der Heiratöziffer auf. Silbergleit hebt auch den Unterschied zwischen der Heiratsziffer Groß-Berlins und derjenigen von ganz Preußen hervor. Daß im Jahre 1919 Groß-Berlins Heiratsziffer mit 19,44 um 3,9 übe? den Durchschnitt des ganzen Landes hinausging, erklärt er vornehmlich aus der abweichenden Altersverteilung der hauptstädtischen Bevölkerung, in der die für die Eheschließung hauptsächlich in Betracht kommenden Altersgruppen besonders stark vertreten sind. In der Entwtckelung der Heiratsziffer des ganzen Landes sieht er übrigens kein Anzeichen dafür, daß die Ehemüdigkeit zugenommen habe. Zwar sei Preußens Heiratsziffer von 1996 bis 1919 von 16,6 auf 16,6 heruntergegangen, aber auf dieser Höhe von 1919 habe sie schon am Ausgang der 79er und am Anfang der 89er Jahre gestanden. Die Wahlen zur Angestelltcnversichcrung. Der Magistrat Berlin gibt folgendes bekannt: Nach dem Versicherungsgesetz für Angestellte vom 29. Dezember 1911 sReichs-Gesetzbl. S.'939) sind von den versicherten Angestellten und ihren Arbeitgebern Vertrauensmänner zu wählen. Diese Vertrauensmänner wählen Beisitzer für den Verwaltungsrat, die Rentenausschüsse, die Schiedsgerichte und daS Oberschiedsgericht und können von der Reichsversicherungsanstalt oder den Renten- auSschüssen bei Erledigung ihrer Geschäfte zur Mitwirkung in An- spruch genommen werden. Sie find also die Vertreter der Be- teiligten bei der Ausführung und Handhabung deS Versicherungsgesetzes für Angestellte. Die Wahlen der Vertrauensmänner werden voraussichtlich im Herbste d. I. stattfinden. Hierbei gilt als Ausweis: a) für die versicherten Angestellten die Versicherungskarte, b) für die Arbeitgeber eine von der Gemeindebehörde ausgestellte Bescheinigung über die Zahl der von ihnen regelmäßig be- schäftigten versicherten Angestellten. Die Versicherungskarten werden von den Ausgabestellen der An- gestelltenversicherung für die versicherten Angestellten ausgestellt, insoweit sie nicht Mitglieder von Ersatzkassen sind. Voraussetzung für die Aus- stellung der Versicherungskarte ist. daß der versicherte Angestellte zuvor die Vordrucke einer Aufnahme- und Versicherungskarte, welche bei den Ausgabestellen unentgeltlich erhältlich sind, ausgefüllt und der Ausgabestelle eingereicht hat. Alle versicherten Angestellten werden aufgefordert, sich schleunigst von der Ausgabestelle, in deren Bezirk sie beschäftigt sind, oder von ihrem Arbeitgeber, sofern er im Besitze der Vordrucke ist, die Vor- drucke einer Aufnahme- und einer Versicherungskarte verabreichen zu lassen und unter Einreichung der ausgefüllten Vordrucke bei der Ausgabestelle ihres Beschäftigungsortes die Ausstellung der Versicherungskarte zu beav�'Z»' Ueber die Ausfüllung gibt die mit den Vordrucken auszu�-ndigWiOe Belehrung Auskunft. Als Ausweis ist der Ausgabestelle der Steuerzettel und gegebenen- falls die Ouittungskarte der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung vorzulegen. Versicherte Angestellte, welche bei den Wahlen nicht im Besitze einer Versicherungskarte sind, gehen ihres Wahlrechts ver- l u st i g. Die Arbeitgeber, welche versicherte Angestellte beschästigen, werden aufgefordert, bis zur Wahl sich von der Gemeindebehörde eine Be- scheinigung über die Zahl der von ihnen regelmäßig beschäftigten versicherten Angestellten ausstellen zu lassen. Ohne diese Bescheinigung können sie zur Wahl nicht zugelassen werden. Für den Stadtkreis Berlin ist eine Ausgabe- stelle der An gestelltenversicherung SO. 16, Am Köllnischen Park 8. geöffnet von 8—3 Uhr, errichtet worden. Die Ausgabe erfolgt dort vom heutigen 28. August ab. Es wird den Arbeitgebern dringend empfohlen, die Vordrucke für die Aufnahme- und Versicherungstarten in der für ihre An- gestellten erforderlichen Anzahl von der Ausgabestelle zu erfordern und sie nach Ausfüllung durch die Angestellten und tun- lichster Nachprüfung der Richtigkeit der Ausgabestelle wieder einzureichen. Es würden hierdurch nicht nur die Ausgabe geschäste bedeutend erleichtert, sondern auch den Arbeitgebern und den Angestellten Wege und Wartezeit erspart werden. Schließe lich würde den Arbeitgebern der Nachweis der Zahl der von ihnen beschäftigten versicherungspflichtigen Personen ohne jede Schwierig keit ermöglicht, so daß ihnen die für die Zulassung zur Wahl erforderliche Bescheinigung ohne weiteres ausgestellt werden könnte Schriftliche Anträge und Anfragen einzelner Angestellten können hei dem Umfang derGeschäfte nicht berücksichtigt werden. Ein LiebcSdrama hat sich gestern morgen gegen 6 Uhr in dem Hause Friedrichstr. 41 zu Lichtenberg abgespielt. Dort versuchte der 34jährige Arbeiter Karl Günterberg seine Geliebte zu ermorden. Der Täter versuchte zu entfliehen, wurde jedoch festgenommen und in das Untersuchungs- gefängnis eingeliefert. Ueber die Tat wird folgendes berichtet: In dem Hause Friedrichstr. 41 wohnte seit etwa einem halben Jahre der 34jährige Arbeiter Karl Günterberg mit seiner Wirtschafterin, der 24jährigen Mathilde Baykowski. Zwischen beiden entspann sich ein Liebesverhältnis, dem vor kurzem die Verlobung folgte Am 1. Oktober follte die Hochzeit stattfinden, doch bemerkte Günterberg seit einiger Zeit, daß das Mädchen immer kühler wurde. Er äußerte seiner Braut gegenüber nichts, doch be- obachtete er die B. heimlich und verfolgte sie auf ihren Ausgängen. Dabei machte er vorgestern abend die Beobachtung, daß die Wirt- schasterin sich mit einem in der Nähe wohnenden Musiker traf und mit diesem zusammen eine Gastwirtschaft aufsuchte. G. folgte den beiden unauffällig und machte, als die B. nach Hause zurückgekehrt war, dem Mädchen heftige Vorwürfe, die damit endeten, daß das Mädchen die Verlobung für aufgehoben erklärte. Die B. zog sich dann in ihr Zimmer zurück�und verriegelte die Tür. da der Arbeiter sie bedrohte und erklärte, daß sie das Haus nicht lebend verlassen werde, wenn sie sich von ihm trennen wolle. Während der Nacht verhielt sich G. ruhig; gestern morgen um 6 Uhr klopfte er gegen die Tür deS Zimmers der Wirtschafterin, indem er sie bat. den Kaffee zu bereiten. Als die B. ahnungslos öffnete, stürzte sich ihr Geliebter mit erhobenem Beil auf sie, warf daS Mädchen auf ihr Bett und versetzte ihr zwei wuchtige Schläge über den Kopf, die die Schädeldecke zertrümmerten. Auf die Hilferufe der Getroffenen eilten Nachbarn hinzu und drangen in die Wohnung ein. Der Täter versuchte sich durch die Flucht zu retten, wurde aber auf der Straße eingeholt und der Polizei übergeben. Das Mädchen, daß nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde auf der nächsten Unfallstation verbunden und von dort aus nach dem RummelSburger Krankenhause überführt, wo sie in hoffnungslosem Zustande daniederliegt._ Eine LiebeStragödie hat sich gestern morgen in Lichtenberg ab gespielt. Auf dem Gelände der Erziehungsanstalt fanden Arbeiter ein junges Mädchen von 15 Jahren und einen um drei Jahre älteren jungen Mann mit Schußverletzungcn in der Brust auf. Die beiden jungen Leute wurden in das Augusta-Viktoria-KrankenhauS gebracht, wo der Arzt Schußverletzungen in der Brust feststellte. Ueber die Gründe, die das Liebespaar zu dem Entschluß, auS dem Leben scheiden zu wollen, getrieben haben, wird folgendes berichtet: Der 18jährige Schriftsetzer Max B. hatte vor einigen Monaten auf einem Tanzvergnügen die 16jährige Hedwig M.. bei ihren Eltern wohnhaft, kennen gelernt. Zwischen den jungen Leuten ent- spann sich bald ein Liebesverhältnis, das jedoch von den Eltern des jungen Mädchens nicht gebilligt wurde. Daraufhin beschloß daS Liebespaar, nach Amerika auszuwandern und dort zu heiraten. Aber auch dieser Vorsatz scheiterte an der Mittellosigkeit beider. Nun beschlossen die jungen Leute, auS den, Leben zu scheiden. Nach einer durchbummelten Nacht begaben der junge Mann und das Mädchen sich auf daS Gelände der Lichtenberger Erziehungsanstalt, und dort jagte der Schriftsetzer zuerst sich und dann seiner Braut einen Schuß in die linke Brustseite. Die Verletzungen beider sind jedoch nicht lebensgefährlich, so daß die jungen Leute schon nach einigen Wochen auL dem Krankenhause entlassen werden dürften. Großfcuer auf dem Riesclgut Osdorf. Gestern nachmittag gegen 1 Uhr kam auf dem Rieselgut Osdorf, das der Stadt Berlin gehört, ein Großfeuer zum Ausbruch. Der Brand entstand in der größten Scheune des Gutes, die mit Heu und Stroh voll angefüllt war. Die Flammen griffen mit einer solchen Schnelligkeit um sich, daß in kurzer Zeit die ganze, etwa 69 Meter lange Scheune lichterloh brannte. Aus allen umliegenden Ortschaften eilten die freiwilligen Feuerwehren zu Hilfe, und auch von den städtischen Nachbargütern Friederickendorf und Birkholz waren bald Hilfsmannschasten zur Stelle. Man mußte sich darauf beschränken, die umliegenden Ge- bäude zu schützen, denn von der brennenden Scheune selbst war nichts mehr zu retten. Die Ursache des Feuers konnte nicht mehr festgestellt werden, doch vermutet man Brand st iftung. Personen sind bei dem Brande, soweit eS sich feststellen ließ, nicht zu Schaden gekommen. In der Nauruer Messerstcchcraffäre ist in der gestrigen Nacht in Nauen ein Gelegenheitsarbeiter David von Beamten der Naucner Polizei aufgegriffen und auf die dortige.Polizeiwache im Rathaus gebracht worden. Der Festgenommene leugnet, der gesuchte Messer- stecher zu sein. Er gab an, zu der fraglichen Zeit in Berlin gewesen zu sein und dort zwei Nächte in der„Wiesenburg" genächtigt zu haben. Er habe dort einen gewissen„Ernst" kennen gelernt, mit dem er während seines Aufenthaltes in Berlin zusammen gewesen sei. Die Berliner Kriminalpolizei sucht gegenwärtig fest- zustellen, wer dieser„Ernst" sein könnte. Gestern morgen wurde er den beiden Herren, die im Nebenabteil saßen, und den Verbrecher haben fliehen sehen, gegenübergestellt, beide wollen in ihm den gesuchten Täter wiedererkannt haben. Von dem Manne wurden mehrere photographische Aufnahmen gemacht, die noch im Laufe des gestrigen Tages den drei im Krankenhause befindlichen Damen vorgelegt werden sollten. Größere Bedeutung als der Festnahme des genannten, mehrfach wegen Bettelns vorbestraften Landstreichers legt die Polizei einem Kleiderfunde bei, der im Spandauer Stadtwalde gemacht wurde. Dort fand man eine noch sehr gut erhaltene graukarierte Tuchhose mit grünen Streifenmustern und ein gleich gutes blaues Jackett. Die Kleidungsstücke könnten sehr gut einem Menschen von 1,69 Meter Größe passen, der etwa die Statur des Messerstechers hätte. Ob der Kleiderfund wirklich mit dem Attentat in Zusammenhang steht, läßt sich noch nicht sagen. Zum Brande des Theaters des Westen«. Die Nachforschungen nach den Ursachen des Bühnenhausbrandes im Theater des Westens haben die Annahme einer vorsätzlichen Brandstiftung nahezu ent- kräftet. Entgegen den Ansichten des Personals glaubt die Polizei vielmehr an eine fahrlässige Anlegung des Feuers oder an einen nachträglich schwer zu findenden Defekt in der großen Beleuchtungs- anlage, der eine Flammenentwickelung zur Folge hatte. Den Ver- dacht einer mutwilligen Brandstiftung glaubt man deswegen von der Hand weisen zu müssen, weil keine verdächtige Person zur frag- lichen Zeit gesehen wurde. Ebensoivenig wie dem ersten, vor vier Wochen eingesandten Drohbrief an das Baubureau des Baumeisters Sehring legt die Polizei einem neuen Drohbrief Bedeutung bei, der gestern abend bei dem Architekten eintraf. Es heißt in dem Schreiben:„Wir wollen ein neues Wahlrecht haben und sind zu- sammengetreten, um Dachstuhlbrände in Berlin zur Beunruhigung de-Z Publikums zu veranstalten. Wie Sie gehört haben, haben wir schon eine Reihe von Dachstuhlbränden angelegt. Nun ist das Los auf Sie gefallen. Die vöer Bomben, die wir in die Ecken der Bühne gelegt haben» sind leider nickit am Abend während der Vorstellinfg, sondern schon am Mittag explodiert." Dem Briefe liegt selbst nach Ansicht der Polizei grober Unfug zugrunde. Nach Abschluß der polizeilichen Untersuchungen wird heute der Geh. Baurat Graßmann mit mehreren Herren an der Brandstelle Erhebungen anstellen. Branddirektor Bahrdt, der ein umfangreiches Protokoll ausgearbeitet hat, will den Theaterbrand noch in einer ausgedehnten fachwissenschaftlichen Schrift behandeln. Inzwischen schreiten, so wird berichtet, die Verhandlungen zwecks Pachtung einer anderen Bühne rüstig fort. Dem Direktor sind u. a. folgende Bühnen angeboten worden: das Krollsche Theater, das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater, das Bellealliance-Theater, das Zentral-Theater. der Sportpalast und eine große Reihe aus- wärtiger Bühnen. Die Verhandlungen mit dem Neuen Schauspiel- Haus sind einen Schritt weitergekommen und haben Aussicht auf guten Erfolg. Ein Automobilunfall. Ein Auto, in dem vier Potsdamer Herren einen Ausflug unternommen hatten, fuhr gestern nacht infolge Lösung eines Pneumatiks in der Nähe von Nikolassee gegen einen Baum. Die Insassen und der Chauffeur wurden herausgeschleudert, drei Herren und der Chauffeur erlitten leichtere Verletzungen, während der vierte, ein Kaufmann Steffan, eine schwere Gehirnerschütteruztg davontrug._» Ueber die Frühjahrszuzüge nach Groß-Berlin bringen die„Statistischen Monatsberichte Groß-Berlin" in Hrem soeben erschienenen dritten Heft des 3. Jahrganges eine Zusammen- stellung. In Berlin und den 87 an die Berichterstattung an- geschlossenen Vororten(fast sämtlich im Umkreis von 16 Kilometer um daS Berliner Rathaus gelegen) wurden aus den beiden den Osterumzugstermin einschließenden Monaten März und April 1912 zusammen 299 449 Personen als zugezogen gemeidet, im einzelnen für März 79 167, für April 139 273. Ihnen standen für dasselbe Gebiet Groß-Berlin und für dieselben beiden Monate zusammen 197 639 Weggezogenen gegenüber, im März 87946, im April 119694. Hiernach wäre im Zeitraum der beiden Monate aus Wanderungen eine Bevölkerungsmehrung um 11891 verblieben, im März zwar eine Abnahme um 7878, aber im April eine Zunahme um 19 679. Zu dem WanderungSgewinn von 11 391 kam ein aus den beiden Monaten sich ergebender Geburtenüberschuß von 4689, so daß der gesamte Bevölkerungszuwachs sich für Groß-Berlin auf 16 831 beziffert. Berlin allein hatte im Frühjahr 1912 eine BevölkerungS- entWickelung, die von diesem Groß-Berliner Gesamtbild abweicht. Für März und April zusainmen blieb, da gegenüber 67799 Zugezogenen 81 16ff Weggezogene in Rechnung zu stellen waren, ein Wanderungsverlust von 13 466. Dagegen hatte daS Gebiet der 87 Vororte allein einen Wanderungsgewinn von 26 267, der durch Berlins Wanderungsverlust sich für das ganze Gebiet Groß-Berlin auf 11 891(wie schon oben angegeben) er- mäßigte. Der Geburtenüberschuß auS den beiden Monaten betrug für Berlin allein- 1664, sodaß hier der Wanderungsverlust von 13486 den Geburtenüberschuß aufzehrte und dann noch ein Bevölkerungsrückgang von 11992 sich ergab. Das Gebiet der 87 Vororte allein hatte einen Bevölkerungszuwachs von 23 283. während für das ganze Gebiet Groß-Berlin infolge des Berliner Bevölkerungsrückganges nur 16 331(wie oben angegeben) herauskommen. Die Bevölkerungszahl berechnet sich für Ende April 1912 in Groß-Berlm auf 8 886 943 Personen, in Berlin allein auf 2 979 979 Personen._ Em Bcrsicherungsschwindler, der seit langer Zelt in Berlin und auch m den Provinzstädten sein Unwesen trieb, konnte gestern end- lich dingfest gemacht werden. Der Gauner brauchte zu seinem Schwindel falsche Quittungen verschiedener Feuerversicherungs- gesellschaften. Er veranlaßte harmlose Leute, ihre Einrichtung durch ihn versichern zu lassen, nahm ihnen nicht nur � die Aufnahmegebühren ab, sondern erhob auch noch nach einigen Tagen die erste Prämie. Er stellte stets eine Interims- quittung aus und setzte darunter einen gefälschten Stempel. So- mit gelang dieser Schwindel in unzähligen Fällen, weil die Ge- schädigten erst später, als die zweite Rate fällig sein mußte, erfuhren daß sie einem Gauner ins Garn gegangen und in Wirklichkeit bei der Gesellschaft gar nicht versichert worden waren. Der Schwindler stellte sich jetzt wieder einem hiesigen Generalagenten als Agent Koch vor, ließ sich Formulare geben und ging wieder aus seine Be- trügereien aus. Die Kriminalpolizei entlarvte den Gauner, der sich bei seiner Festnahme Hölter nannte, al» einen 42 Jahr« alten Agenten Max Schmelzer aus Friesen in Sachsen. Er wurde sofort dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Ein Zusammenstoß zwischen einer Autodroschke und einem Strabenbahnwagen, bei dem drei Personen verletzt wurden, ereignete sich am Montagnachmittag gegen �5 Uhr am Königsplatz. Dort fuhr die Kraftdroschke I. A. 8189 gegen die Seitenwand eines Motor- Waggons der Linie 2t. Der Anprall war so heftig, daß das Auto stark beschädigt wurde und an dem Straßenbahnwagen 3 Seiten- scheiben zerbrachen. Durch umherfliegende Glassplittcr wurden drei Personen verletzt. Mit dem Fahrrad in den Teltowkanal gestürzt und ertrunken ist der bei der Tellower Kreiövcrwaltung beschäftigte Gärtner Noffke aus Steglitz. Er fuhr vorgestern abend um 7 Uhr am Ufer des Tcltowkanals entlang in der Richtung»ach Zehlendorf zu und sah in der Lust einen Flieger nach. Dabei fuhr er fehl, stürzte in den Kanal und ertrank. Die Leiche ist geborgen. Feuer in einer Lampenfabrik. Gestern abend kurz nach 7 Uhr wurden mehrere Löschzüge der Berliner Feuerwehr nach der Lam- Penfabrik von I. Hirschhorn in der Köpenickcr Str. 149 gerufen, wo im zweiten Stock des ersten Ouergebäudes ein größerer Brand ausgebrochen war. Als der erste Lösckzug an der Brand- stelle eintraf, stand der Packereiraum schon vollständig in Flammen. Nach halbstündigem Wassergeben konnte die Gefahr als beseitigt gelten. In den oberen Stockwerken, wo sich die Hängeabtcilung und die Lackiererei befinden, ist nur wenig Schaden angerichtet worden, dagegen ist die Packerei fast vollständig ausgebrannt. Die Ursache des Feuer ist nicht ermittelt. Eine Betriebsstörung tritt bei der Firma nicht ein.— Vorher wurde die Feuerwehr nach dem Grünen Weg 73 alarmiert, wo im ersten Stock des Vorderhauses in einem Leihhause eine Gasexplosion erfolgt tvar. Durch Stichflammen wurde dort der Klempner Wilhelm Schneider im Gesicht und an den Händen verletzt, so daß er die Hilfe der nächsten Unfallstation in Anspruch nehmen mußte. Die Explosion ist wieder dadurch herbeigeführt worden, daß der Klempner eine schadhafte Gasleitung mit einem Licht ableuchtete. Feuer ist in dem Raum weiter nicht entstanden. Vorort-JVachncbtem Neukölln. Des KindeSmordrs hatte sich die Löjährige Putzmacherin Martha S. zu Unrecht bezichtigt. Der als Bormund bestellte Buchbinder- meister Schuhlnacher hatte sich des öfteren nach dem Kinde er- kündigt, war aber von der Mutter mit Ausflüchten abgefertigt worden. Er erstattete nun der Polizei Anzeige, worauf die Putz- macherin verhaftet wurde. Sie gab an. daß sie am LI. Mai ein- bunde» worden und mit dem Kind tagelang umhergeirrt fei. Oesters habe sie im Treptower Park genächtigt. Am 39. Mai habe sie bemerkt, daß das Kind verstorben sei, sie habe daher die Leiche auf einen Bauplatz in der Harzer Straße nieder- gelegt. Da sich die Angabe nicht bestätigte, wurde angenommen, daß die Mutter ihr Kind ins Wasser geworfen habe. Sie gab auch diese Möglichkeit zu, da sie in dieser Zeit durch Hunger und Entbehrungen vollständig von Sinnen gewesen sei. Durch einen Zufall ermittelte die Kriminalpolizei, daß am t. Juni in einem Kornfeld an der Canner Chaussee ein etwa acht Tage alteS Kind aufgefunden worden ist, das seitens des MttzgistratS in Pflege gegeben wurde. Dieses Kind wurde als das der Putz» macherin festgestellt. In ihrer Berwirrnng hatte sich die Bedauerns- werte daher selbst des Kindesmordes beschuldigt. Eharlottenburg. AuS dem Fenster gestürzt. Ein trauriger Vorfall, der noch der näheren Aufklärung bedarf, ereignete sich in der Nacht zum Montag im Hause Spandauer Str. 8. In der zweiten Etage des Ö�er- gebäudeS befindet sich ein Pensionat, in dem dreizehn Gärtner- lehrlinge, die ihre Ausbildung in der Schloßgärtnerei erhalten, Wohnung genommen haben. Das eine Eckzimmer hat der siebzehn- jährige Lehrling Wolfgang M a h l e r mit zwei Kollegen inne. Der junge Mann, der als durchaus solide und nüchtern geschildert wird, war seit acht Tagen an einem inneren Leiden erkrankt und befand sich in ärztlicher Behandlung. Er hatte daher sein Zimmer während des Sonntags nicht verlassen. Kurz nach Mitternacht hörten Haus- bewohn« vom Hofe her einen dumpfen Fall und einen gellenden Ausschrei. Als sie die Ursache nachforschten, sahen sie Mahler im Nachthemd auf dem Hofe liegen. Er war aus dem Fenster gestürzt und hatte außer einer Gehirnerschütterung eine schwere Kopf- Verletzung, einen Bruch des rechten Armes sowie einen Knöchelbruch am rechten Fuß erlitten. Ein hinzugerufener Arzt veranlaßte die sofortige Usberführung nach dem Krankenhause Westend. Mahler konnte über den Hergang des Sturzes keine Angaben machen. Ein Selbstmordversuch erscheint jedoch ausgeschlossen zu sein. Durch koksdämpfe getötet wurde in der Nacht zum Dienstag der 24jährige Schlosser Albert Beeck, der auf dem Neubau Bismarck- straße llö mit anderen Arbeitern Nachtarbeiten zu verrichten hatte. AIS gegen Morgen die Leute den Bau verließen, um sich nach Hause zu begeben, blieb B. allein zurück und legte sich in einem Raum nieder, in dessen Mitte ein orennender Koksofen zum Austrocknen der Wände aufgestellt war. Als der Bauwärter einen Rundgang durch die Räume machte, fand er B. in bewußtlosem Zustande auf dem Boden liegend. Er benachrichtigte sofort die Polizei und einen Arzt, doch als dieser eintraf, war der junge Mann bereits tot. Wilmersdorf. Die Ungleichheit de? Wahlrechts in der Kommune findet eine interessante Beleuchtung durch die erfolgte Eingliederung der stimm- berechtigten Bürger in die Wählerabteilungen. Nach den auf- gestellten Wählerlisten können bei den diesmaligen Wahlen 18 957 Wähler(gegen 17 356 im Vorjahre) ihr Wahlrecht ausüben; also ein Mehr von 1601 Wähler. Die gesamten Steuern dieser Wähler betragen 5 989 258,20 M., gegenüber 5 344 934.14 M. im porigen Jahr, mithin eine Steigerung von 635 324,06 M. Damit hat sich gleichfalls der Durchschnittssatz um ein wesentliches gehoben und zwar von 319,25 M. auf 317,56 M. Von den Wählern entfallen 698 auf die 1. Abteilung, 3284 auf die 2. Abteilung, während die 3. Abteilung 15 965 Wähler aufweist. Die Zunahme der Wahlberechtigten betrug danach gegen das Vor- jähr 64, bezw. 322 und 1215. Die Steuerleistung hat sich in der 1. Abteilung vermindert. 1911 entrichtete der Höchslbesteuerte 131 311,75 M., der letzte dieser Abteilung Angehörige 1679.60 M. Gegenwärtig tritt an Stelle dessen eine Steuerleistung von 125 949,69 Mark bezw. 1656,40 M. Die Höchstbesteuerung hat sich also um mehr als 5000 M. reduziert. Wähler, die eine Steuer von 1656,49 Mark bis zu 317,69 M. entrichten, gehören der 2. Abteilung an, und alle diejenigen, deren Einkommen einem geringeren Steuersatze als 817,40 M. unterliegen, rubrizieren unter die Wähler der 3. Ab- teilung. Im Vergleich der einzelnen Abteilungen zueinander zeigt es sich demnach, daß die Wähler der 2. der 3. Wählerabteilung gegenüber ein etwa fünffaches Wahlrecht haben. Die 1. Abteilung übt der i. Abteilung gegenüber ebenfalls ein� fünffaches Wahlrecht aus, wohingegen in der 3. Abteilung 25 Wähler erst so viel Stimm- recht haben als ein Wähler der 1. Abteilung.— Treffender kann die Ungerechtigkeit des Dreiklassenwahlrechts nicht illustriert werden- Groft-Lichterfelde. Ein schwerer Einbruchsdiebstahl wurde hier vergangene Nacht verübt. Geldschrankknacker drangen in die Bureauräume der Chaussee- straße 92a belegenen Hilfskasse für allgemeine Berusszweige ein. tadem sie Nachschlüssel und Dietrich anwandten. Im Kaffenzimmer .knabberten' sie nach harter Arbeit den Geldschrank auf und raubten mehr als 799 M. bares Geld. Den Rückweg nahmen sie durch das Fenster. Steglitz. Die Eisfabrik scheint sich zum Schmerzenskinde für unsere Ge meindeverwaltung auswachsen zu wollen. Nachdem schon im Im nuar d. I. der Versuch fehlgeschlagen war, mit einer Genossenschast von Interessenten einen Vertrag auf Abnahme der gesamten Eis Produktion abzuschließen, ist nunmehr auch der Gemeindeverordnete Bank von dem in einer außerordentlichen Sitzung am 1. August von der Gemeindevertretung genehmigten Vertrage zurückgetreten, weil einige Aenderungen an den Bedingungen ihm nicht zusagen. Aber auch jetzt noch scheint die Verwaltung den von unseren Vertretern wiederholt vorgeschlagenen Weg, den Vertrieb selbst in die Hand zu nehmen, nicht gehen zu wollen. Sie sucht auf dein Jnseralenwege wieder kapitalkräftige Abnehmer von Kristalleis, die ihre möglichst spezialisierten Offerten bis zum 5. September ein- reichen sollen. Da das Eiswerk fast fertig ist und die Anlage doch unmöglich unbenutzt stehen bleiben kann, ist es leicht möglich, daß sich unsere bürgerlichen Genieindevertrcter doch zu dem nach ihrer Ansicht unmöglichen Schritt entschließen müffen, den sozialdemokrati- scheu Anträgen zu folgen und den Eishandel selber zu besorgen. Daß die Sache nicht irgendeinem Burcaukraten, sondern einem tüchtigen Geschäftsmann unterstellt werden muß, ist natürlich Be- dingung. Geschieht dies, dann vermögen wir nicht einzusehen, wes- halb die Gemeinde die Sache snicht ebensogut machen kann wie ein früherer Bäckermeister. Wir zweifeln nicht, daß in diesem Falle nach einigen Jahren sich genügend Leute finden werden, die dann das als„Großtat unserer wcitschauenden Gemeindeverwaltung' feiern werden, was jetzt nur»der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe' getan wurde. Mit Leuchtgas vergiftet hat sich die 21jährige Frida K o h n, Breitestr. 49. Das junge Mädchen hatte vor kurzem einen jungen Mann kennen und lieben gelernt, doch ihre Hoffnung auf Gegenliebe sollte sich nicht erfüllen. Es glaubte nun ohne den Geliebten nicht leben zu können und beschloß, in den Tod zu gehen. Nachdem das Mädchen an die Eltern zwei rührende Abschiedsbriefe geschrieben, öffnete es in der Küche die Gashähne und morgens wurde die Un- glückliche ledlos aufgefunden. Wie ein Arzt feststellte, war der Tod bereits seit zwei Stunden eingetreten. Reinickendorf. Die hiesige Gemeindcsparkasse veröffentlicht soeben ihren Ge Ichäftsberichl für das Jahr 1911, das dritte seit Bestehen. Er zeigt in allen Teilen eine gesunde Weiterentwickelung dieses noch modernen Grundsätzen verwalteten Gemeindemiternehmrns. Die Spareinlagen erhöhten sich um 1 978 827,01 M. und erreichten eine Höhe von 3 189 774,42 M. Die Zahl der Sparer erhöhte sich von 2629 im Vorjahre auf 6963. Sehr wesentlich dürste zu diesem Ergebnis bei- getragen haben die am 1. Japuar 1911 in Kraft getretene Erhöhung des Zinssatzes von 3'/, auf 3Vz Prozent. Die Verzinsung beginnt an dem der Einzahlung folgenden Tage und endet mit dem der Ab- Hebung des Guthabens vorausgegangenen Tage. Die den Sparern gutgeschriebenen Zinsen erreichten die Höhe von 75 789.49 M. Fast die H ä l f t e aller Sparer(3334) hatten nur ein Guthaben von 60 M. und weniger; dann fällt sehr schnell mit der zunehmenden Höhe des Sparguthabens die Zahl der Kontensparer. Von über 60—390 M. waren nur 1585, bis 699 M. 845, bis 1599 M. 747, bis 8999 M. 271, bis 19 990 M, 159, aber über 19 990 M. immer noch 39 K o n t e n- i n h a b e r. Das durchschnittliche Guthaben eines Sparers beträgt 453,19 M.. gegen 462,19 M. im Lorjahre. Die Annahme und Auszahlung der Sparguthaben erfolgt außer bei der Hauplstelle, noch in der am 1. April 1911 in der Scharn- weberstr. 199 eröffneten Zweigstelle. In den bestehenden 11 An- nahmestellen dagegen werden nur Einzahlungen entgegengenommen. Zur Förderung der Spartättgkeit wurden„Heimsparbüchsen' ausgegeben, von denen 1429 Stück in Umlauf sind. Diese brachten 74 523,42 M. an Spareinnahmcn. Auch waren im neuen Geschäfts- jähre in den fünf Gemeindeschulen Sparautomaten zur Aufstellung gelangt, die jedoch bei großer Arbeitslast ein nur mäßige? Ergebnis zeittgten. Nur 7976,60 M. wurden vereinnahmt. Wesentlich größere Umsätze wurden erzielt durch die Ueber- Weisung der Gehälter und Uebernahme der Zahlung von Steuern durch die Sparkasse. Die erstere Einrichtung ergibt eine Einnahme von 219 938.26 M., während an Steuern usw. 52 939,14 M. gezahlt wurden. Der Gesamtumsatz betrug 5 192 031,59 M. (3 475 576,98 M. Einlagen und 1 716 454,52 M. Abhebungen). Dies Geld kommt leider der Arbeiterklaffe nicht zugute. Die Gemeinde Reinickendorf besitzt verhältnismäßig umfangreichen Grundbesitz, den zu veräußern sie sich große Mühe gibt. Welchen Segen könnte die Gemeinde verbreiten, wenn sie diesen Gemeindegrundbesitz und die ersparten Millionen im Interesse einer gesunden Wohnungspolitik verwenden würde. Doch dazu ist die Sparkasse nicht errichtet worden; solche sozialpolitischen. Erwägungen haben bei ihrer Gründung nicht Pate gestanden. Und so werden die Millionen nicht im Interesse des Volkswohls und der Allgemeinheit. sondern zur Förderung der in Groß- Berlin typischen aller Kultur und Hygiene hohnsprechenden Wohnungskalamität benützt. 2 589 490 M. sind auf diese Weise in Form von Hypotheken- darlehen den Bodenspekulanten und den mit ihnen eng verbundenen Baulöwen zugeflossen. Der Rest des Vermögens(786 990 M.) ist dem Gesetz entsprechend angelegt. Durch das Sinken des Kurs- werte« dieser Papiere erlitt die Kasse im verflossenen Jahre einen buchmäßigen Verlust von 6519,50 M., dem Reservefonds wurden aus dem Reingewinn 21 487,23 M. zugeführt. Nach dem Umzüge in das neue Verwaltungsgebäude ist vom Sparkassenvorstande die Errichtung einer Stahlkammer mit verschließbaren Tresors(Safes) beschlossen worden.. Die Sparkaffen kommen damit immer näher ihrem Ziele: einer von der Gemeinde verwalteten Bank für kleine und kleinste„Kapitalisten'. Oranienburg. Die Gründung einer Notstandskasse wurde in einer außerordent- lichen Mitgliederversammlung des Konsumvereins beschlossen. Jedem Mitglied soll bei Auszahlung der Rückvergütung eine Mark in Abzug gebracht werden. Zu Mitgliedern des AussichlSratS wurden die Herren Funk und Papke, als Kontrolleur Herr Köricht gewählt. Die Beschlüsse der StatutcnberatungSkommisfion wurden nach kurzer Debatte gutgeheißen; die abgeänderten Paragraphen sollen als An- hang dem Statut beigefügt werden. RotvaweS. Gewerkschaftskartell. In der letzten Sitzung deS Kartells wurde beschloffen, zwei Anteilscheine a 29 M. von ver Glasbläsergenoffenschaft deS Meininger Oberlandes zu übernehmen.— Am 2. und 3. Juli wurde eine Bautenkonlrolle. bei der 46 Arbeitsstellen kontrolliert wurden, unternommen. 16 Baubuden und 13 Aborte wurden nicht den Vorschriften entsprechend angetroffen. Auf Vorstellung der Kontrolleure wurde von den Unternehmern resp. Polieren sofortige ordnungsmäßige Herstellung zugesagt. Auch wurden die Verbands- kästen einer genauen Prüfung unterzogen. ES zeigte sich auch hier, daß auf 22 Arbeitsstellen diese nicht in Ordnung waren. Auf einem Neubau deS Oberlin-Krankenhauses arbeiten pie Dachdecker und Klempner ohne Schutzrüstung. Da der Unternehmer Grell sich weigerte, dieselbe herstellen zu lassen, blieb nichts weiter übrig, alS Anzeige zu erstatten. Der Maurerpolier auf dem Bau der Stern- warte verweigerte den Kontrolleuren den Zutritt zum Bau. Vom Baumeister wurden die Kontrolleure schließlich vom Platz gewiesen. Die Gewerkschaftsgenossen werden umsomehr ersucht, etwaige Miß- stände auf der Arbeitsstelle sofort dem Gewcrkschaftskartell zu melden. Von den 355 auf den Bauten beschäftigten Arbeitern tvaren 258 in den Zentralverbänden organisiert. 97 ivaren unorganisiert. Es ist demnach noch eine stattliche Zahl indifferenter Arbeiter aufzuklären und den Organisationen zuzuführen. Erweiternng d« Fortbildungsschulpflicht. Bom I. April 1913 ab soll der Unterricht in der Fortbildungsschule auf alle jugend- lichen Arbeiter von 14—17 Jahren ausgedehnt werden. Leider reichen die vorhandenen, erst vor einiger Zeit durch Hinzunahme der ehemaligen Turnhalle erweiterten Schulräume nicht aus, um deir Unterricht in den etwa fünf neu zu bildenden Klaffen in die Tages- stunden zu legen; es wurde hierfür die Zeit von 6—8 Uhr abends in Aussicht genommen. Hoffentlich ist nun auch der Zeilpunkt nicht mehr fern, wo der nicht minder notwendige Fortbildungs- resp. Hauswirtschaftsunterricht für die jugendlichen Arbeiterinnen und Dienstmädchen zur Einsührung gelangt. Der Arbeiter-Samariterkolonne, die vor einiger Zeit bei der Gemeinde die Gewährung einer Beihilfe nachgesucht hatte, jedoch zunächst abschlägig beschieden wurde, bewilligte di« Gemeindevertre- tllng auf ein neuerliches Gesuch hin eine Beihilfe von 39 M. pro Jahr, rückwirkend bis zum 1. April d. I. Die Kolonne hat nach dem eingereichten Bericht in der Zeit vom Juli 1911 bis April 1912 in 39 Fällen Unfallhilfe geleistet. Spandau. Ein netter Arbeitskollege ist der Schlosser P., der in der Ge- Wehrfabrik bei dem Meister Malkeit beschäftigt war. Er quoll über vor Frömmigkeit und wollte bei jeder Gelegenheit seine Arbeits- kollegen bei den Vorgesetzten denunzieren. In letzter Zeit fiel es auf, daß von den dort in Reparatur befindlichen Militärfahrrädem Teile verschwanden. Der Verdacht fiel auf P. und bei einer Haus- suchung stellte es sich heraus, daß er ein ganzes Fahrrad zusammen- gestohlen hatte.__ Gcricbtö-Zeitung Ein recht plumper Erpreffungsversuch an zwei Damen lag einer Anklagesache zugrunde, die gestern unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Reichhclm die 1. Ferienstrafkam- mer des Landgerichts III beschäftigte. Angeklagt war der Friseur- gehilfe Otto GeiSler.— Mitte Juli d. I. erhielten die in Wilmers- darf wohnhaften Schwestern Alma und Clara Wertheim einen Brief, in dem sie aufgefordert wurden, umgehend 59 Mark unter einer bestimmten Chiffre an das dottige Postamt zu senden, an- dernfalls ihnen große Unannehmlichkeiten bevorständen. Der ano- nhme Briefschreiber erging sich dann in allen möglichen geheim- nisvollen Andeutungen, aus denen niemand klug wurde. Die bei- den Damen übergaben den Brief sofort der Kriminalpolizei. Ter Beamte, der das betreffende Postamt zu beobachten hatte', brauchte gar nicht lange zu warten, denn nach kurzer Zeit erschien ein Schuljunge und fragte, ob Briese unter jener Chiffre eingegangen seien. Er erhielt auch den üblichen mit Papierschnitzeln gefülkien „Fangbrief'. Der Beamte folgte dem Jungen und nahm dann den jetzigen Angeklagten, als er den Brief in Empfang nahm, fest.— Mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten nahm das Gericht noch einmal davon Abstand, die sonst bei der- artigen Erpreffungen übliche hohe Strafe zu verhängen und er- kannte nur auf 3 Monate Gefängnis. Der Schatz auf dem Friedhof. Zwei junge, unbescholtene Mädchen begingen einen recht törich- ten Streich, den sie mit einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe zu büßen haben. Die Verkäuferinnen Olga Trabnitz und Frieda Bunne wurden gestern der Ferienstrafkammer des Landgerichts II aus der, Untersuchungshaft vorgeführt, um sich wegen schweren Diebstahls zu verantworten. Die beiden Angeklagten waren in einer der Filialen der Buttergroßhandlung Wilhelm Göbel in Baumschulenwcg mit noch zwei anderen jungen Mädchen als Vcr- käuserinnen tätig und wohnten mit diesen gemeinsam in einem Zimmer. In diesem befand sich ein Pult, in dem am 29. Juni d. I. ein Geldsack mit 1399 M. Inhalt aufbewahrt wurde. Das Pult wird abends von der ersten Verkäuferin verschlossen und war auch am 29. Juni verschloffen worden, als die erste Verkäuferin mit ihrer Kollegin ausging. Als die Drabnitz allein tvar, kam die Versuchung über sie. das Geld zu stehlen, sie teilte der B. ihren Plan mit und diese hatte keine Bedenken, mitzutun. Mittels Nach- schlüssels wurde das Pult geöffnet und der Schatz gehoben. Als am nächsten Morgen der Diebstahl entdeckt wurde, fiel sofort der Vcr- dacht auf die Angeklagte Drabnitz, die denn auch bald nach anfäng- lichem Leugnen ihre Verfehlung eingestand, lieber den Verbleib des Geldes gab sie an, daß die Mitangeklagte Bunne, die sich aus dem Staube gemacht hatte, es übernommen hatte, das Geld an� dem Grabe ihrer Mutter auf dem Friedhofe zu Plötzensce zu ver- izraben. Die polizeilichen Nachforschungen ergaben dann auch die Nichtigkeit dieser Angabe. Man fand auf dem Friedhof vergraben den Betrag von 1151 M. Nachträglich entdeckte man in einem Klosettraum versteckt den noch fehlenden Betrag bis auf 1,75 M., den die beiden Mädchen am Abend vorher verausgabt hatten. Herr Goebel ist somit wieder zu seinem Gelds gekommen. Der Gerichts- Hof verurteilte die leichtsinnigen Mädchen zu je 4 Monaten Ge- angnis unter Anrechnung von 2 Monaten Untersuchungshaft, Versammlungen. Die Portefeuiller beschäftigten stch kürzlich in einer Ver- ämmlung mit dem neuen Heiinarbeitergcsctz. Der Referent Weinschild teilte unter anderem mit, daß die Unternehmer sich mit dem Gelfonken trügen, beim Bundesrat zu beantragen, die Bestimmung über die Arbeitsräume für die Portefeuillebranche auf- zuheben, da hier Mißstände wie bei anderen Hcimarbeitgewerben nicht zu finden seien. Dagegen will der Verbandsvorstand unter den Heimarbeitern Erhebungen veranstalten, und darauf gestützt beim Bundesrat beantragen, diesem Verlangen der Unternehmer nicht nachzugeben, da die Voraussetzungen dazu fehlen. Die Ver- ammlung nahm eine Resolution an, deren wesentlichste Punkte wlgende sind: ..Da das Hausarbeitergesetz vom 29. Dezember 1911 ungeeignei ist, auch nur die gröbsten Mißstände in der Heimarbeit der Leder- warenindustne zu beseitige», richten die Portefeuille, und Leder- Warenarbeiter Berlins das dringendste Ersuchen an den Bundes- rat. den§ 6 des Hausarbeitergesetzes betreffs Beschaffenheit der Arbeitsräume auch auf das Lederwarengcwerbe in Anwendung bringen zu lassen. Von den Lederwarenfabrikanten wird auf das Bestimmteste erwartet, daß sie die durch das Hausarbeitergesetz entstehende Belastung der Heimarbeiter auf Grund der Verein- barung anläßlich der Tarifbewegung 1911 völlig übernehmen.' Marktbericht von Berlin an, 2«. Auanft 1912, nach Ermittelung de« köntgl. Polizeipräsidiums. M a r k t b a l l e n p r- t s e. lKleinhandcl) Ivo KUogramm Erbse», gelbe, zum Kochen 39.09— 50.09. Speisebohiien, weihe, 39.99—59,99. Linsen 49,99-89.99. Karlosfeln(KleinhM.) 6,00-�2,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule t.89-2,49. Rindfleisch, BauchNeisch 1.59—1.99. Schweinefleisch 1.69-2.49. Kalbfleisch 1.59—2,49. Hammeiflcisch 1,79—2,49. Butler 2,49-3.99. 69 Stück Eier 3,69-6,99. 1 Kilogramm Karpfen 1,60-2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1,60—3,00. Barsche 1,00-2,40. Schiele 1,60-3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 3,09—40,00. Witterungsübersicht vom 27. Slngnst 1913. kiaüonen Slvwemde Hamburg Berlin irtmks.a.M. München Wien Hl Ii c a �§ c 5 ef 744 SW 743 3 746© 747 328 753 3© 752® S Setter �wolkig 2 halb bd 1. bedeckt 7bedeckt 6 bedeckt SRegeu -j» «i! i? hS> «tationen S a - i Lgl Saparanda eterSburg Scilli) Aberdeen Paris A c - 3 748 RO 750! Still 753 W 3© 752 RA 753.33 Setter 4 bedeckt bedeckt 3wolkig 4 wolkig �bedeckt d-* =8 8 1t 13 11 13 Wetterprognose für Mittwoch, den L8. Angnst 1918. Etwas kühler, zeitweise aufklarend, vielfach wolkig mit einzelnen Regen- fchauern und ziemlich frischen fadwesilichen Winden. _ Berliner W« t t«rvureau. vrrantwortltcher Redakteur:«lbert Wach«, Berlin. Für de» Lnferatenteil verantw.: Tb- Glocke, Berltn. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerit u. Perlaiianilait Paul Singer u.Ew, Berlin tstt/