Mr. SU. nbonnementS'BtdlngOnntll: McmnemcntS- Preis vränumeranda! »icrleljährl. 3ßO Ml., monatl. 1,10 Ml., wöchenllich 28 Psg. frei ms Haus. Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags» »ummer mit illustrierter Sonntags» Beilage„Die Neue Well" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. 2 Marl, für das übrige Ausland 2 Marl pro Monat. Postabonnements neblneu an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, nänien. Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Glditlnt tigllch außer tnontaa». Nerlinev VolkcsblAtk. Die Tnlerflont' Gebühr BehSgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerlschaslliche Vereins» und Bersammlungs. Anzeigen M Psg. „Klelnc Mnzeigen", das scttgedru-lte Wort 20 Pfg.(zuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasflelleiian- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes wettere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buch- ftaben zählen für zwei Worte. Inserate für�.die Jiädjst� Numnier müssen bis für die nächst 6 Uhr nachmittags in der Expeditio.. abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm»Adresse: „SozIaldemoltHt Rerlia" Zentralorgan der rozialdemokratf fchen Partei Deutfcblande. Redaktion: 8 AI. 68, Lindcnstrasac 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Dienstag, den 10. September 191A. Expedition: 8M. 68, binden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Sofortige Hilfe! Daß etwas gegen den„Fleischnotrummel", gegen das „Fleischnotgeschrei" geschehen muß. das dämmert allmählich selbst einer erleuchteten Regieruug. Hat ja der bayerische Minister v. Soden auch schon versprechen müssen, einen„Ver- such" mit der Zulassung von Gefrierfleisch zu vertreten. Und nachdem die Nationalliberalen aus Angst für die Eiscnzölle wenigstens für eine vorübergehende Aufhebung der Viehzölle, für Äufhcbung der Futtermittelzölle und für Einfuhr des Ge- frierfleischcs eintreten zu wollen scheinen, um den Volkssturm gegen die herrschende Wirtschaftspolitik zu beschwichtigen, wird es nachgerade � auch für die Offiziösen Zeit, andere Töne anzu- schlagen. Denn ihre Ableugnungen finden jetzt selbst in rechtsstehenden Organen scharfe Zurückweisung. So bringt die „Neue polit. Korresp." einen Artikel, der zunächst die enorme Fleischteuerung feststellt. Seit Juli 1901 ist danach gestiegen Rindfleisch um 46 Pf. pro Pfund, Kalbfleisch um 32 Pf., Hammelfleisch um 44 Pf., Schweinefleisch um 20 Pf., ge- räucherter Speck um 15 Pf., geräucherter Schinken um 52 Pf. und Schweineschmalz um 26 Pf. Dazu schreibt die „Korresp.": „Eine solche Entlvickelung, die der ernstesten Fürsorge bedarf. ist nicht mit mehr oder weniger oberflächlichen Argumenten abzutun. Und wenn man auf der einen Seite sagt, die Bevölkerung möge den Fleischgenuß in gewisser Weise beschränken, man möge zweimal in der Woche den Fleisch- genutz aussetzen, so vergitzt man dabei, datz gerade für die schwer arbeilendcn Teile der Bevölkerung Fleisch ein unersetzliches Kräftigungsmittel zu sein scheint, trotz aller Versuche der Raturheilbewegung. Und man vergitzt des weiteren, datz an diesen beiden Tagen doch schlietzlich etwas anderes genossen werden mutz. was wiederum nach volkswirtschaftlichen Grundsätzen eine Ver- teuerung der dann mehr gebrauchten Mittel und damit wieder eine Annäherung an die Fleischpreise mit sich bringt. Auch die gegenseitigen Beschuldigungen, datz die Landwirte nicht genügend produzieren können oder der Zwischenhandel mi der Verteuerung schuld sei, sind keine Abhilfe niittel.' Aber die Regierung wird sich nicht nur entschließen müssen zu handeln, sondern rasch zu handeln. Es ist wirklich nicht einzusehen, warum das deutsche Volk drei Monate länger hungern soll, nur deshalb, weil es der Regierung beliebt hat. den Reichstag bis Ende November zu vertagen. Herr v. Bcthmann wird schon einsehen müssen, datz Volks- not ein genügender Grund ist, diesen Fehler zu korrigieren und das Parlament sofort einzuberufen. Dies ist um so notwendiger, weil bei längerer Untätigkeit wieder wie im Vorjahr nicht wieder gut zu machender Schaden entstünde. Die Not verschärft sich immer mehr. Die Fleisch- preise sind im August weiter gestiegen. Die„Statistische Korrespondenz" bringt dafür in ihrer neuesten Nummer die amtliche Bestätigung. Man zahlte August August 1911 August 1909 für Rindfleisch.... 191.8" 169,9 156,0 „ Kalbfleisch.... 202,0 185,6 173,8 „ Hammelfleisch... 196,6 183,6 169,5 „ Scbwcinesleisch(Keule) 203,1 165,2 179,6 „ Schweinespeck,.. 200,7 170,0 185,3 . Rotzflcisch.... 80,7 77,9> 74.9 Gegen den August 1909 betrug demnach die Steigerung für Rindfleisch 35,8' Pf.; für Kalbfleisch 28.2 Pf.; für Hammel- fleisch 27.1 Pf.: für Schlvcineflcisch 23.5 Pf.; für Schweinespeck 15,4 Pf. Und selbst Pferdefleisch ist fast um 6 Pf. in die Höhe gegangen, der beste Beweis für den zunehmenden Notstand. Aus diesen Durchschnittsziffern der Fleischpreise von 50 preußischen Orten geht demnach eine so erhebliche Verteuerung hervor, daß auch die Regierung einsehen muß. daß Hilfe sofort nötig ist. Und zwar aus zwei Gründen: einmal dürfen die Massen nicht länger ausgeplündert werden; dann aber ver- führen die exorbitant hohen Preise dazu, daß noch schlacht- unreifes Vieh zu Markte gebracht. daß die zur Aufzucht nötigen Bestände in unzulässiger Weise vermindert und so die Fleischnot auch für die Zukunft erhalten bleibt und noch gesteigert wird. Deshalb tut Eile not. Der Reichstag nuiß die Grenzen für die Einfuhr von Vieh und Fleisch öffnen und den§ 12 des Fleischbeschangesevcs aufheben, der die Einfuhr von Gefrierfleisch fast unmöglich macht. Er muß die Furtermiuelzölle beseitigen, damit den viehzüchtenden Landivirtcn die Aufzucht erleichtert und die inländische Pro- duktion gefördert wird. Und je schneller diese Maßregeln er- griffen werden, desto wirksamer sind sie, desto mehr wird Deutschland vor einem weiteren Rückgang seiner Fleisch- Versorgung bewahrt. Auch über das E i n fu h rs ch ei n s y st e m muß im Reichstag unverzüglich gesprochen werden. Die Ernteergebnisse sind ja in Deutschland im allgemeinen zufiiedenstellcnd, wenn auch die Onalität unter der Ungunst der Witterung gelitten hat. Noch aber ist das Schicksal der Kartoffelernte im Un- geivissen, die durch die Nässe bedroht erscheint. Die Preise des Getreides sind hoch und in Deutschland infolge des Zolls und der Ausfuhrprämien die höchsten der Welt. Da muß verhütet werden, daß auch von der neuen Ernte zumal die besseren Onalitäten ins Ausland verschleudert und die Groß- grundbesitzer wieder 100 Millionen Mark als Belohnung dafür bekommen, daß sie dem deutschen Volke das so dringend notwendige Brot verteuern. Und dies mutz sofort geschehen, che die Kontrakte zu umfangreich geworden sind und die zu treffenden Maßregeln unwirksam machen. Der Reichstag muß Gelegenheit bekommen, seine Entscheidung unverzüglich zu fällen. Es ist eine einzigartige Situation! Das ganze Volk ist einig in dem Ruf nach Abhilfe. Nicht vielmehr als 20000 Großgrundbesitzer stemmen sich diesem Verlangen entgegen. Und doch ist es ganz ungewiß, ob die Regierung nicht auch ferner versuchen wird, den Willen der 20000 den 65 Millionen aufzuzwingen. Das ist die deutsche Verfassung, das ist das Recht des Volkes in diesem Reich der Reichen, in diesem Paradies der Junker! 20000 sind mehr als 65 Millionen, das ist bisher stets die politische Arithmetik der Regierung gewesen. Soll es auch diesmal stimmen, soll auch diesmal diese ungeheuerliche politische Rechnung ohne Bruch aufgehen? Jedenfalls hat noch selten eine so tiefgehende Erbitterung das deutsche Volk erfüllt wie diesmal und die stürmische Protest- bewegung im ganzen Reiche zeigt, daß die Volksmassen an- fangen, die Geduld zu verlieren. Die gegenwärtigen Ver- sammlungen sind nur der erste Auftakt. Zunächst haben jetzt die Frauen das Wort. In Berlin werden am 24. September die Frauen sich versammeln, um unserem Protest gegen die Volksausplünderung neuen Nachdruck zu verleihen. Die Einsicht in die Unbaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände erfaßt immer weitere Kreise, die Abonnentcnziffern unserer Parteiorgane, die Mitgliederzunahme unserer Organi- sationen zeigen rasches Wachstum. Auch die Konsumvereins- bewegung weist große Fortschritte auf. Die Regierung täte gut, diese Stimmung sehr genau zu beachten. Um gegen die herrschende Teuerung wirksame Abhilfe zu schaffen, dazu sind eingehende und umfassende Reformen auf dem Gebiete unserer ganzen Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik durchzuführen. Dazu muß dem Reichstag Zeit gegeben werden, deshalb ist seine sofortige Einberufung die dringendste. Notwendigkeit. Wir Sozialdemokraten brennen förmlich darauf, positive Arbeit zur Abhilfe der Not zu leisten. Wird es die Regierung wirklich wagen, uns daran zu hindern? Glaubt sie, daß das deutsche Volk wirklich eine solche Obstruktiion gegen seine Wohlfahrt sich dauernd gefallen lassen wird? Amtliche Irreführung über die Höhe des Fleischkonsums. Ein Artikel in der Amtlichen Zeitung des Deutschen Fleischer- Verbandes erklärt, datz die Fleischkonfumberechnungen der Regie- rung irreführend seien, weil sie die Veränderungen im Durch- schnittsgewicht nicht berücksichtigten. Nach den amtlichen Berech- nungen wäre der Fleischkonsum im ersten Halbjahre 1912 so reich- lich gewesen, wie in keinem der Vorjahre. Das steht mit den täg- lichen Erfahrungen im Widerspruch. Die Wiegestatistik der öffent- tichen Schlachthöfe ergibt, datz das DurchschnittS-Lebendgewicht für Rinder am Berliner Markte von 1006 bis 1910 um 55 Kilogramm oder 9 Proz., in Hamburg von 1900 bis 1911 um 76 Kilogramm oder 13,5 Proz., das Schlachtgewicht in Breslyu um 15 Proz., Themnitz 11,3 Proz., Leipzig 6.4 Proz. abgenommen hat. Bei den Kälbern betrug der Gewichtsrückgang bis 1910/11 in Berlin 10, Breslau 24 Proz. Diese Zahlen zeigen deutlich, datz das Durch- schnittsgewicht der Rinder vom Beginn des Jahrhunderts bis zum letzten Jahre allerwärts erheblich abgenommen hat. Der Rückgang beträgt im Durchschnitt reichlich 10 Proz. Auch bei den Kälbern beobachtet man in demselben Zeitraum einen erheblichen Rückgang des Gewichtes, während bei den Schweinen das niedrigste Durchschnittsgewicht hauptsächlich in dem Teuerungsjahr 1905 erreicht worden ist. Auch hierbei findet man, datz die Schwankung zwischen höchstem und niedrigstem Gewicht sich auf ungefähr 10 Proz. beläuft. Sucht man an der Hand der Zahlen festzustellen, ob der Rück- gang des Gewichtes in irgendeiner Verbindung mit der Preis- bewegung steht, so ergibt sich für die Mehrzahl der Märkte und Jahre, datz dies offensichtlich der Fall ist. Die Ursachen hierfür sind handgreiflich: Viehknappheit ist regel- mätzig die Folge ungünstiger Ernte- und Futtervcrhältnisse, und diese bedingen entweder frühzeitiges Losschlagen oder eine nicht vollitändige Mast, während bei fast geleerten Ställen die starke Nachfrage und die hohen Preise zu demselben Uebel führen. Ist nun aber klar erwiesen, daß bei mangelhafter Futterernte und späterhin bei ungenügendem Angebot und hohem Preise ein Rückgang des Durchschnittsgewichtes eintritt, der ungefähr 10 Proz. beträgt, so kann die Statistik bei Berechnung des Fleischkonsums nicht achtlos hieran vorübergehen. Die amtliche Feststellung des durchschnittlichen Schlachtgewichtes im Jahre 1906 futzt auf den höheren Gewichten zu Beginn des Jahrhunderts und deshalb kann die amtliche Berechnung des Fleischkonsums nicht als auch nur an- , nähernd richtig betrachtet werden, weil sie einen so matzgebenden I Faktor autzer Betracht lätzt, wie er in dem durch ungenügende � Futtercrnte, Vichmangel usw. hervorgerufenen Mindergewicht der Schlachttiere begründet sei. Würde man von der eingangs erwähnten amtlichen Berechnung des Fleischkonsums von 20,75 Kilogramm im ersten Halbjahre 1912 ' nur 10 Proz. absetzen, so würde das Bild ein viel trüberes werden, l als eS die amtliche Statistik zeigt; zudem ist die schwere Not erst i im zweiten Halbjahre kratz in die Erscheinung getreten. Billiges Fleisch. In Züricher Blättern erlätzt das Gesundheitsamt der Stadt folgende Anzeige: Gefrierfleischverkauf. Zufolge Uebereinkommens zwischen dem Stadtrate Zürich und dem Metzgermeisterverein der Stadt Zürich übernimmt der letztere Verein die Einfuhr und den Verkauf überseeischen Gefrier» f leis ch eS. Das Fleisch wird von Freitag den 14. Juni 1912 ab in den nachverzeichneten Verkaufsstellen, während der ganzen Dauer der Geschäftszeit, also wie das ftische Fleisch, zu nachverzeichneten Preisen verkaust: DaS halbe Kilo mitKnochen ohne Knochen 1. FetteS Gefrierfleisch... 50 Rp.(40 Pf.)— 2. Magere Stücke..... 75 Rp.<60 Pf.) 95 Rp.<76 Pf.) 3. Nicrstück(Roastbeef)... 95 Rp.(76 Pf.) 1,20 Fr.(96 Pf.) 4. Filet(nur ohne Knochen). 1,50 Fr.(120 Pf.) Die Preis st eigerung auf niageren und Nierenstücken ist eine Folge des Steigen? der Einkaufspreise. Dieses dürste nur vorübergehend sein und es werden beim Fallen des Einkaufs- Preises auch die Berkaufspreise wieder emiedrigt werden. Verkaufs st ellen: (folgen 17 Läden). Zürich, den 8. Juli 1912. Das Gesundheitsamt. Für 60 bis 80 Pf. erhält man demnach in Zürich gutes, mageres Fleisch, für 40 Pf. fettes Fleisch. Dabei sind für magere und Nierenstücke sogar noch Preisermäßigungen zu erwarten. Auch die deutsche Arbeiterschaft will die niedrigen Fleischpreise. deren sich Zürich erfreut. Die Verwirklichung dieses Willens ist möglich; nur der Widerstand der Agrarier und der Negierung steht ihr entgegen. Protest der Unternehmer. Im Anschluß an die Resolution der BreSlauer Fleischerinnungen gegen die Einfuhrverbote schreibt die„Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker"(Nr. 71): „ES ist die höchste Zeit, datz die wwerbestände unter Hintansetzung ihrer sonstigen politischen Anschauungen sich einmal die Tätigkeit der politischen Parteien daraufhin ansehen, wie diese sich zu den auf eine Verteuerung der Lebensmittel hinauslaufenden gesetzgeberischen Matznahmen— Ausfuhrprämien für Getreide, Grenzabsperrungen gegen Vieheinfuhr— stellen. Der Kampf zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern der Industrie ist grotzenteils verschuldet durch die fortgesetzte Verteuerung der NahrungS» mittel, an der gewisse Parteien und dieRegie» rung, wenn nicht die ausschließliche« so doch sicherlich die Hauptschuld tragen." Wenigstens in einzelnen Gewerben scheint man jetzt einzusehen, wie sehr man sich ins eigene Fleisch schnitt, als man dem agrarischen Zollwucher zustimmte. Die Verseuchung des Viehstandcs. Die Agrarier begründen ihren Widerstand gegen die Oeffnung der Grenzen mit der Behauptung, datz das ausländische Vieh ver- feucht sei und jede Einfuhr mit gewaltigen Gefahren für den Ge- sundhcitsstand des deutschen Viehes verbunden sei. Nun trotz der hermetischen Abschlietzung der Grenzen gegen alles ausländische Vieh hat die Verseuchung" des Vichstandes gerade in Ost- und West- preutzea einen ganz autzcrordentlichen Umfang angenommen. In Ost- und Westpreutzen und Posen waren am 31. August in 66 Kreisen 216 Gemeinden mit 286 Gehöften verseucht. Gegen den Stand vom 15. August ist das eine Zunahme von 78 Gemeinden mit 109 Gehöften. Von den 29 westpreutzischen Kreisen sind nickt weniger wie 23 verseucht.— Eine Verschlimmerung kann also selbst bei schrankenloser Oeffnung der Grenzen nicht eintreten, vielleicht sogar dient die Zufuhr ausländischen Viehes zu einer Auffrischung und Verbesserung des deutschen Vichstandes. Maßnahmen der Kommunen. Der Sonneberger Gcmeinderat hat auf Antrag des einzigen sozialdemokratischen Vertreters einstimmig beschlossen, die Regierung zu ersuchen, der Fleischteuernng durch Oeffnung der Grenzen entgegenzuwirken. Der weitere sozialdemokratische An- trag, dänisches Fleisch seitens der Stadt einzuführen, wurde ab- gelehnt, da keine Kühlanlagen vorhanden seien. In Tilsit, der zwcitgrötzten Stadt OstprcutzenS. beherrschd der Freisinn die Stadtverordnetenversammlung. Unsere Genossen hatten den Antrag gestellt, den Magistrat zu ersuchen, an den Bundesrat und Reichstag eine Eingabe zu richten, in der unter Darlegung der herrschenden Notlage gefordert wird: die sofortige Aufhebung der Zölle auf Vieh, Fleisch, Getreide und Futtermittel, die Oeffnung der Grenzen firr die Einfuhr von SelilachtvieH, die Aufhebung der Einfuhrscheine und des Z 12 des Fleischbeschau- gcsetzes. Obwohl allgemein der Notstand zugegeben wurde, fand der Antrag doch nicht Annahme. Man meinte, er komme zu spät. Schnelle Hilfe tue not, und daher mützten Seefische an die Be- völkerung verkauft werden. Ein Redner erklärte, durch den Antrag der sozialdemokratischen Stadtverordneten würde eine noch schlim- mere Kalamität entstehen, die Zölle könnten nicht aufgehoben werden, da die Leute sich auf sie eingerichtet hätten. Bei der Ab- Stimmung über den sozialdemokratischen Antrag stimmte nicht ein einziger der freisinnigen Stadtverordneten für ihn. Im G örl i tz e r Stadtverordnetenkollegium beantragten unsere Genossen, den Magistrat zu ersuchen, an den Bundesrat und den Reichstag eine Eingabe zu richten, um Matzregeln zur Abwehr der sich immer mehr verschärfenden Lebensmitleltcuerung zu treffen; ferner wird der Magistrat ersucht, selbst Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, der Teuerung entgegenzuwirken. Der Magistrat ist dem sofort nachgekommen. Denn schon bereits zu derselben Sitzung Tcfitc er einen Antrag bor, der dem entsprach, ipas die Interpellation unserer Genossen verlangte. Protestkundgebung gegen die Teuerung. Der Protest der Arbeiterschaft von Oldenburg-Ost- fr i e s l a n d gegen die Teuerung und den Lebensmittelwucher kam in 10 teilweise sehr stark besuchten Versammlungen zum scharfen Ausdruck. In allen Versammlungen wurde festgestellt, daß trotz der vorwiegend ländlichen Verhältnisse die Preise sämtlicher Lebens- mittel sich in fast nichts von denen der Großstädte unterscheiden! So hat zum Beispiel Nüstringen-Wilhelmsfsaven zurzeit die höchsten Fleischpreise in Deutschland!— Die Versammlungen gaben unzwei- dcutig ihrer Empörung über das herrschende Wirtschaftssystem in scharfen Resolutionen Ausdruck. In drei überfüllten Versammlungen protestierten am Freitag in Harburg und Wilhelmsburg ll7. Hann. Wahlkreis) etwa 3S00 Personen gegen die hohnvolle Behandlung der Teu'e- rungsfrage durch die Reichsregierung. Alle drei Versammlungen verliefen ruhig. Gegen die Fleischnot und gegen die Lebensmittelteuerung fand am Freitagabend in Görlitz in dem größten der dortigen Säle eine imposante Demonstration statt. Lange vor Beginn der Ver- sammlung wurde das Lokal wegen Ueberfüllung polizeilich gesperrt, so daß noch eine zweite Versammlung veranstaltet werden mutzte. Eine dem Portragsthema entsprechende Resolution fand einstimmige Annahme. In Bremen protestierte die Arbeiterschaft am Freitagabend in acht stark besuchten Versammlungen. In Chemnitz fanden neun Versammlungen in der Stadt und der Umgebung statt. Die zahlreichen Zuhörer protestierten gegen die Wucherpolitik der Regierung. In Königsberg protestierte eine Versammlung, die von zirka 6000 Personen besucht toar. Weitere Protestversammlungen wurden noch in Meinel, Tilsit, Gum binnen. Rasten- bürg, Wehlau.Osterode und Groß-Heydekrug(Kreis Königsberg) abgehalten. In 10 Landorten des 11. badischcn Reichstagswahlkreises (M a n n h e i m- W e i n h e i m) fanden am Sonnabend und Sonn- tag Volksversammlungen statt, die sich mit der Teuerung beschäf- tigten. Der Besuch war allgemein ein guter. Referenten wie DiS- kussionsredner vertraten die Forderung auf Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr ausländischen Viehes und Fleisches. Die Dortmunder Arbeiterschaft hatte für letzten Sonntag eine große Demonstrationsversammlung unter freiem Himmel ye- plant. Aber den ganzen Tag regnete es in Strömen, so daß man sich kaum hätte verwundern dürfen, wenn nur einige hundert Mann gekommen wären. Trotz des tollen Regens waren dennoch wohl an 3000 Personen herbeigeeilt, die in zwei großen Sälen untergebracht werden mußten. Daß trotz des Regens eine solche Boteilignng zu verzeichnen war, zeigt, wie groß die Not geworden ist. Die Ver- sammlungcn nahmen eine scharfe Resolution zur Teuerung an; auch anwesende Zentrumsleute stimmten für die Resolution. Das Heimarbeiterproletariatz demonstriert. Der Hunger treibt das Heimarbeiterproletariat auf die Straße. Trotz der denkbar ungünstigsten Witterung strömten am Sonntag- vormittag die Heimarbeiter des Mcininger Oberlandes(Bezirk des Hcimarbeiterclends in der Spielwaren- und Christbaumschmuck- Industrie aus dem Thüringer Walde) nach Sonneberg, um in einer Massenversammlung gegen Fleischwucher und Lebensmittel- tcuerung zu protestieren. Die Versammlung toar überfüllt. Das nossen Wächter-Hüttensteinach wurde mit brausendem Beifall aufgenommen. Nach der Versammlung zogen trotz strömen- den Regens 6— 700 Personen in geschlossenem, wohlgeordnetem Zuge durch die Straßen der Stadt vor das Rathaus, wo sich die Menge nach einer kurzen Ansprache des Landtagsabgcordnetcn Genossen Wehder auflöste.— Die Demonstration machte den denkbar besten Eindruck. Polizei tvar nirgends zu sehen. Du sollst nicht töten! Heber die Verhandlungen über die Todesstrafe auf dem „31. Deutschen Juristentog" in Wien schreibt die«Wiener Arbeiterzeitung": «Dem Volke ist auf dem Tage der zünftigen Juristen große Ehre widerfähren; mit der„volkstümlichen Rechtsüberzeugung" wollte nämlich der Herr � Professor Kahl sein Sittengebot stützen und darauf soll sich der Juristentag berufen, wenn er die„These" ausspricht: Du sollst henken! Sonst reden sie von dem„Laien" zwar recht verächtlich, aber da sie die Blutjustiz rechtfertigen wollen, steigt er plötzlich zur„volkstümlichen Rechtsübcrzeugung" einpor! Denn wohlgemerkt: nur auf diese Popularität deS Hängens gründete der Referent des Juristcntagcs sein Gebot, sonst wäre auch er für die Aufhebung der Todesstrafe. Aber sie sei eben so beliebt, daß ihre Beseitigung das Rcchtsgefühl des Volkes er- schütlern würde; man würde ihre Aufhebung, wörtlich, als den „gewaltsamen Abbruch eines historischen Besitzstandes" empfinden. Ein„historischer Besitzstand" waren auch die Hexenprozesse, die Folter, das Prügeln; mit derselben Begründung hätte man auch ihre„Beibehaltung" verlangen können I Es mutz den Freunden des Galgens der Verstand schon ganz ausgegangen sein, wenn sie nun nichts anderes wissen, als sich auf die Beliebtheit des Hängens im Volke zu berufen! Nun kennen wir die Verhältnisse, unter denen der Berliner Professor die Seele des Volkes erforscht, freilich nicht, aber daß seine persönliche„Beobachtung, Umfrage und Erfahrung" aus- reichend sein könnte, um über die„überwiegende Volksüberzeu- gung" Klarheit zu schaffen, ist natürlich ausgeschlossen. ES ließen sich auch unschwer Beweise dafür anführen, daß die Verleumdung, die die Anhänger der Todesstrafe dem Volke zufügen, indem sie es beschuldigen, daß es nach dem Galgen schreie, unzutreffend ist und wohl nur beweise, was sich die Herren eben unter„Volk" vor- stellen... Es ist überhaupt unglaublich, was diese Professoren der Welt— oder richtiger: dem Juristentag— an„Argumenten" vorzutragen sich noch immer gestatten. Die Todesstrafe soll eine nützliche und sachgemäße Strafe sein, weil sie„abschreckend" wirke. Daß die Mordkriminalität in Staaten, wo die Todesstrafe abge- schafft ist. nicht zunimmt, in Staaten, wo sie besteht, nicht ab- nimmt: das beweise nicht, daß die Drohung mit der Todesstrafe nicht abschrecke, weil sich die„positive Funktion der Abschreckung als innerer Vorgang vollzieht". Aber wie können sich die Blut- juristen anmaßen, diesen inneren Vorgang so gut zu kennen, daß sie auf ihn ihre ganze Beweisführung aufbauen? Es gibt übrigens einen sicheren Beweis, daß der Staat an diese Abschreckungs- Wirkung der Todesstrafe selbst nicht glaubt. Der bloße Paragraph im Gesetze vermag die abschreckende Wirkung doch nicht auszulösen, auch die Zeitungsmeldung, daß irgendwo jemand hingerichtet wor- den ist. nicht. Sondern die Abschreckung würde nnt voller Gewalt von dem Hängen selbst ausgehen; das Wahrnehmen der schauer- » lichcn Strafe ist es, waS erschrecken und abschrecken würde. Also müßte der Staat eigentlich dafür sorgen, daß die Hinrichtungen in voller Oeffentlichkeit vor sich geljen, daß von ihrem Sichtbar- werden der Schrecken ausgehe, der in dem Töten des Verbrechers durch die gesellschaftliche Gewalt liegt— wie man c» c.nstmals auch hielt, als man die Abschreckungstheorie den Untertanen immer auch praktisch demonstrierte. Aber dennoch birgt der Staat die Hinrichtung überall ins Dunkel, und auch die fanatischsten Ab- schrcckungsprofessorcn werden öffentliche Hinrichtungen nicht cmp- fehlen. Warum? Weil die nicht äbschrecken, weil sie das Per- brechen erst hervorrufen würden! Weil der verbrecherische Mensch durch die öffentliche Hinrichtung nicht erschreckt und abgeschreckt, wohl eher zu der an sich gar nicht unlogischen Schlußfolgerung verleitet würde: Wenn andere töten dürfen, kannst du es auch! Die Logik dieses Verbrechers wäre schlüssiger als die des Pro- fessors. Aber mit diesen Professoren ist ja nicht zu diskutieren, sie erfassen den eigentlichen Kern der Frage gar nicht. Das stärkste Argument KahlS war, daß Luccheni, der die Kaiserin Elisabeth ermordet hat, nicht umgebracht worden ist. Nun war diese Er- mordung ein entsetzliches Verbrechen; aber warum? Weil eine harmlose, schuldlose alte Frau getötet wurde! Aber das gleiche entsetzliche Verbrechen wäre die Ermordung jeder braven und alten Frau, wie wir es bei manchen Raubmorden in den Großstädten wahrnehmen: für den Professor ist aber Lucchenis Tat deshalb das scheußlichste Verbrechen, weil das Opfer eine Fürstin war! Wenn dieser„Gedanke" der Herren Kahl und Binding von„Milli- onen geteilt wird", so beweist das nur, daß Servilismus nicht bloß eine Eigenschaft deutscher Professoren ist. Beweist aber die Tat Lucchenis nicht eher Verrücktheit denn„scheußlichen Ver- brechertrieb"? Was wissen wir überhaupt von den Mördern? Wir sehen die Tat, manchmal vielleicht die ökonomischen Ursachen; aber ob die Vernunft der menschlichen Kreatur, die den Umkreis des natürlichsten Sittengesetzes verlassen hat, nicht getrübt, nicht angetastet ist, das ist unserer auf grobsinnliche Wahrnehmungen angewiesenen Untersuchung unerreichbar. Warum sträubt sich das menschliche Gefühl gegen die Todesstrafe? Weil sie mit unseren geläuterten Auffassungen von Menschentum unvereinbar ist, weil sie eine Barbarei ist! Auch das Prügeln war nach Anschauung vieler Juristen eine rationelle Strafe, und wenn es auf manche Exemplare des„gebildeten Bürgertums" ankäme, auf das sich Herr Professor Kahl so nachdrücklich beruft, müßte man es unge- säumt wieder einführen. Warum hat es die fortschreitende Kultur überall abgeschafft? Weil es den Auffassungen unserer Zeit von der Würde des Menschen widerspricht!..." politische(leb er ficht. Berlin, den 9. September 1912. Wozu soll das Arbeitswilligenschutzgesetz dienen? Die„Köln. Volksztg." läßt sich auf den von der„Kreuz- Zeitung" gegen das Zentrum erhobenen Vorwurf, daß es seine Mitwirkung bei der Agitation für die Einführung eines Arbeitswilligenschutzgesetzes versage, aus den„führenden Kreisen" der christlichen Arbeiter folgende Antwort schreiben: Die christlichen Arbeiter können sich allerdings beim Zentrum bedanken, aber nickt für das angebliche Gewährenlnssen der sozial- demokratischen Terroristen, sondern dafür, daß es bisher einen„Arbeits willigenschutz" im Sinne der „Konservativen Korrespondenz" abgelehnt hat. Die von diesem Organ publizistisch vertretenen Kreise möchten durch den sogenannten Schutz der Arbeitswilligen in letzter Linie das berechtigte Anflvärts- streben der Arbeiter hemnren resp. unmöglich niachen; auf Umwegen soll der geiverkschast- lichen Selb st Hilfe der Arbeiter das Rückgrat ge- brechen werde». Einen solchen Arbeitswilligenschutz müssen die christlich organisierten Arbeiter aber im Interesse ihrer Selb st erhalt» ng ablehnen und sie haben darüber auch niemals Unklarheit aufkommen lassen. Wenn daS Zentrum. getreu seiner sozialpolitischen Tradition, einer Einengung des Koalitionsrechtes der Arbeiter nicht zustimmt, so befindet es sich in voller Uebereinstimmung mit der christlich-natioiialen Arbeiter- bewegung. Die bestehenden Strafbcstimmnngen genügen, um Auswüchse der KoalilionSsreiheit, wie den sozialdemokratischen TerroriSmuö zu ahnde», wenn die bestehenden Gesetze nur immer zur Anwendung gelangten. Was uns an dieser Entgegnung besonders interesiert, ist das Eingeständnis, daß auch die„führenden Kreise" der katholischen Arbeiter sich völlig darüber klar sind, zu welchem Zweck die konservativen und die nationalliberalen Scharf- wacher den sogenannten„Arbeitswilligenschutz" fordern, näm- lich die gewerkschaftliche Selbsthilfe zu zerstören und den Kampf der Arbeiter um die Besserung ihrer Wirtschaftslage zu ver- hindern. Man hofft, in das„Arbeitswilligenschutzgesetz" solche Bestimmungen hineinbringen zu können, � daß den Arbeitern, wenn nicht formell, so doch tatsächlich, jeder Streik unmöglich gemacht, die Betriebe der Unternehmer unter sicheren polizeilichen Schutz gestellt und jedes Eingreifen der Leiter der Gewcrkschaftsorganisationen in die Lohnkänipfe verhindert wird. Der Arbeiter der Betriebe soll wieder völlig isoliert und der Willkür seines„Arbeitsherrn" ausgeliefert werden._ Amtsrichter Knittcl auf Pistolen gefordert. Die„Germania" bestätigt die von uns bereits mitgeteilte Meldung, daß der Amtsrichter Knittel vom Hauptmann Kammler auf Anordnung des mititärischen Ehrenrats eine Forderung auf Pistolen erhallen habe. Die„Germania" ist ungeheuer entrüstet darüber, daß ein vom Gericht und von ärztlichen Sachverständigen als bös- artiger Geistesschwacher gekennzeichneter Mann vom militärischen Ehrenrat einen solchen„Befehl" erhalten habe. Auch die übrigen Zentrumsblätter verurteilen das Vorgehen deS Ehrenrats in der schäristen Weise. So schreibt die„Schlesische Volks- z e i t u n g": „Solange die Zentrumspartei gegen den Dnellunfug ans- getreten ist— sie hat das bekanntlich noch vor kurzem in �ent- schiedener Weise getan— so lange wurde uns entgegengehalten. es sei nicht immer möglich, in Ehrensachen den öffent- lichen Gerichtsweg zu beschreiten und hier Subne zu finden; bei diesen Ausnahmen müsse eine andere Institution, das Duell, eintreten. Im vorliegenden Falle ist aber das Gericht bereits angerufen worden und hat das Ur- teil— allerdings nicht im Sinne des Klägers— gefällt. Und trotzdem soll zur Waffe gegriffen werden. Hier liegt«ine Miß- achtung gegen einen gefällten Rechtsspruch vor: man erkennt einfach das ergangene Urteil nicht an und will nun durch ein aller Kultur und Zivilisation hohnsprechendes Verfahren zu seinem „standesgemäßen" Rechte gelangen. Das ist ein skandalöser, das Rechtsgefühl breiter Bolksteile verletzender Vorgang, der schnellstes Eingreifen dringend erheischt. Auf Befehl des Ehren- rates soll Hauptmann Kammler zur Waffe greifen. Hier liegt gerade das. was den meisten Widerspruch hervorrufen muß. Nicht eine Einzelperson, sondern eine militärische Institution will das gesprochene Recht unter eine unmoralische„Rechts"sorm beugen. Ein Mann, den jedermann bedanern muß, da er nach dem Gerichtsurteil„bösartig geistesschwach" ist, wird gezwungen, sein Leben im Duell a»fs Spiel zu setzen. Schlimmer kann kaum die Verwirrung der sittlichen Begriffe illustriert werden, als bei dieser immoralischen Pression." Die„Germania" fragt, was denn nun weiter werden solle; denn wenn Knittel die Satisfaktion verweigere, so wird er vermut« lich gezwungen werden, seinen Offiziersrock auszuziehen. Deshalb sei die Militärverwaltung verpflichtet, unverzüglich„die öffentliche Memunz zu beruhigen und das Nötige zu veranlassen". Andernfalls sei eS unausbleiblich, daß diese Angelegenheit im Reichstage alsbald den Gegenstand einer Interpellation bilden werde. Wir sind gespannt,' ob diese Forderung der Zentrumspresse wirklich die„nötigen Schritte der Militärverwaltung" nach sich ziehen wird. Sollte das geschehen, so bedeutete das einen Eingriff in die Befugnisse des Ehrenrats, das heißt einer Institution, deren Entscheide sonst innerhalb der Armee un- bedingt respektiert werden müssen. Aber selbst wenn das ge- schähe, wäre das keineswegs ein Einschreiten gegen den Duell- unfug an sich. Denn daß der Hauptmann Kammler nach Gerichtsurteil ein Geistesschwacher ist, hat ihn ja nach seiner eigenen Erklärung und nach der Meinung seiner Vor- gesetzten— er tut ja bis zum heutigen Tag noch Dienst!— nicht gehindert, seine beruflichen Obliegenheiten aus- zuführen. ES ist also keineswegs ausgeschlossen, daß es inner- halb.des Offizierkorps noch andere Kammler gibt, denen ihre„Geistesschwäche" und„Bösartigkeit" nicht gerichtlich attestiert wurde, die ober intellektuell und moralisch keineswegs höher stehen, als der Original-Kammler. Wenn diese Kammlev aber einen anderen Knittel, d. h. einen Amtsrichter, der Reserve- offizier ist, zum Duell forderten, so müßte er sich unbedingt schießen, widrigenfalls er aus dem Offizierskorps ausgeschlossen würde. Selbst wenn es also das Zentrum zur Belohnung für seinö reaktionären Handlangerdienste durchsetzte, daß zugunsten Knittels ein militärisches Ausnahmerecht gewährt würde, so würde damit an dem haarsträubenden Duell- unfug selbst nicht das geringste geändert werden! Konservative Wahlpraktiken. DaS Kapitel konservative Wahlpraltiken ist geradezu unerschöpf- lich; und ferner ist es geradezu erstaunlich, auf welche Mittel die konservativen Wahlmacher verfallen, um die Wahlfreiheit aufzuheben. Der„Berliner Volkszeitung" wird von einem Leser folgender charak- teristische Vorfall gemeldet: „In einem Gulsdorfe des Dramburger Wahlbezirks mit neun- undzwanzig eingeschriebenen Wählern hatte der Gutsherr, der zugleich Amtsvorsteher ist, den Lehrer des OrteS zum Protokoll- führer ernannt. Als dieser zur vorgeschriebenen Zeit das Wahllokal— selbstverständlich ein Zimmer der Wohnung des Gutsherrn— betrat, fand er außer dem Gutsherrn niemand darin vor. Auf feine erstaunte Frage, wo die Beisitzer seien. erklärte der Wahlvorsteher, daß er keine Beisitzer ernannt babe, da sie beide bei der geringen Wählerzahl die Sache allein erledigen könnten. Der Protokollführer er- klärte aber, daß das nach§ 12 des Wahlreglements unstatthaft sei, und daß er unter diesen Umständen das Amt des Protokollführers nicht übernehmen wolle. Schließlich fragte der Gutsherr teleplonisch bei dem zuständigen Landrat an, ob es unbedingt notwendig sei, Beisitzer zuzuziehen. Der Landrat erklärte, daß mindestens ein Beisitzer imWahllokal anwesend sein müsse, worauf sich der Wahlvorsteher endlich bequemte, einen Beisitzer herbeizuschaffen. Gegen Mittag traten die 20 Wähler gesFlossen in das Wahllokal und gaben ihre Zettel ab. Da keine Wäbler mehr zu erwarten waren, wurde die Wahlhandlung um 12 Uhr geschlossen und der Wahlvorstand löste sich auf. Alle 29 Stimmen waren für den konservativen Kandidaten abgegeben worden." Die Prüfung der Wahl des früheren Abg. Pauli ergab eine Menge solcher Verstöße, in einzelnen Orten wurde die Wahlhandlung schon um'/oll Uhr geschlossen und bei den noch nickt, erschienenen Wählern eiiisach bemerkt:„Ist krank", �Jst verzogen". In diesem Fall hat der Reichstag allerdings, wie bekannt, einen dicken Strich durch die agrarische Rechnung gemacht. Arbeitszwang für Hilfsbedürftige. Die Ausführungsbestimniungen zur UnterslützungSwohnsitz. Novelle regeln, wie halbamtlich gemeldet wird, auch das Verfahren für die Anordnung des Arbeitszwanges. ES wird dazu ausgeführt: „Da angenommen werden darf, daß in vielen Fällen der Hinweis auf den durch das Gesetz ermöglichten Arbeitszwang ge- nügen wird, den von der Armenverwaltung unterstützten Arbeits- scheuen zur Sorge für die eigene Person oder den säumigen Nährpflichtigen zum Unterhalt seiner der Armenpflege anHeim- gefallenen Angehörigen zu veranlassen, so werden die Armen- Verwaltungen in ihrem eigenen Interesse die betreffenden Personen zunächst zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen aufzufordern haben. Ob sie dies schriftlich oder zu Protokoll oder durch Vermittclung der Polizeiverwaltungen tun wollen, bleibt ihnen überlassen. Die Armenverwaltungen können ferner von der Befugnis Gebrauch machen, eine Unterstützung mittels Anweisung der den Kräften des HilfS- bedürftigen entsprechenden Arbeiten inner- halb oder außerhalb eines Armen- oder Krankenhauses zu gewähren. Erweisen sich diese Maßnahmen als erfolglos, so hat der Armenverband das Recht, bei dem Kreis-(Stadt-) Ausschuß den Antrag auf Unterbringung des Unterstützten in einer öffentlichen Arbeitsanstalt oder in einer staatlich als geeignet anerkannten Privatanftalt zu stellen." So wenig dagegen einzuwenden ist, daß Personen, die bös- willig eine Unterhaltspflicht verweigern, obwohl sie zu ihrer Er- füllung fähig sind, dazu gezwungen werden, so bedenklich erscheint die Befugnis, Hilfsbedürftige einer Arbeitsanstalt, also dem Arbeits- hous überweisen zu können. Das ist lediglich darauf berechnet, Hilfsbedürftige davon abzuschrecken, eine Unterstützung zu be- auspruchen. Besonders die ländliche Armenpflege, die so gut wie alles zu wünschen übrig läßt, wird eine solche Bestimmung benützen, um sich so weit als nur irgend möglich von ihren Verpflichtungen zu drücken. AuSführungSbestimmungen dieser Art schlagen jedem sozialen Empfinden direkt ins Gesicht. Notschrei eineS Militärinvaliden« Man schreibt uns: Vor kurzer Zeit wurde in der Presse über den Lebenswandel des verhungerten Veteranen Drux von„amtlicher Stelle" berichtet, daß der Mann ein Landstreicher, Bettler und dergleichen mehr ge- wesen sei. Welche Gründe aber den Mann veranlaßt haben könnten, ein solches Jammerleben zu führen, darüber schweigt man sich aus. Man stellt es eben so dar, als ob eS sich um einen Menschen handelte, an dem die Welt nichts verloren hätte. Folgender Fall soll zeigen, wie eS mit der Versorgung in Wirklichkeit aussieht- Hier handelt eS sich allerdings nicht um einen Kriegsveteranen- sondern um einen Militärinvaliden, dem schließlich auch nichts weiter übrig bleiben wird, als den Wanderstab zu ergreifen und betteln zu gehen. In dem kleinen vorpommerschen Fischerdorf Hollendorf, Kreis Greifswald, wohnt der Militärinvalide und frühere Oberheizer der kaiserlichen Marine m Kiel, Karl Schultz, bei seinen alten Eltern. Er diente bereits 3 Jahre, als er plötzlich von Krämpfen befallen wurde. Als Ganzinvalide entlassen, erhielt er eine monatliche Pension von 13 M. und für Nichtbenutzung des Zivil- versorgungLschein 12 M. Seine Gesuche um Erhöbung der mehr als kärglichen Pension, wurden immer wieder abschlügig beschieden, mit der Motivierung, er möge durch leichte Beschäftigung sich etwas hinzu verdienen. In seinem Militärpaß ist ihm von der Militärbehörde selbst bescheinigt worden, daß er für den StaatS-Zivildienst untauglich ist, aber im Privatdienst kann er sich eine Beschäftigung suchen l Welcher Arbeitgeber würde einen kranken Menschen, b e i deman manchenTagendrei-, jaso» gar viermal Krampfanfälle auftreten, in Be- ichäfligung nehmen? Selbstverständlich waren alle feine Bemühungen, eine solche Beschäftigung zu erlangen, vergebens. Die Untersuchungsbehörde, die sein erstes Gesuch um Erhöhung der Pension zu prüfen hatte, forderte Bescheinigungen von den A r b e i t- gebern, an welche sich der Invalide vergebens um Arbeit gewandt hatte. Mehrere solche Bescheinigungen wurden eingesandt. Trotzdem lvurde die Erhöhung abgelehnt. Darauf erneuerte Schulz seine Bitte bei der letzten Instanz, dem Reichsmarineamt. Dieses veranlagte eine vierwöchentliche ärztliche Untersuchung im Militärlazarett in Stettin. Das Ergebnis dieser Untersuchung (die Anfälle sind dort häufiger aufgetreten als sonst) wurde dem Reichsmarineamt eingesandt und— wiederum wurde Schultz ab- gewiesen. Seit ISOS ist der Invalide erkrankt und seit 1908 kämpft er um Erhöhung seiner Pension; die ersten drei Jahre hatte er um Pensionserhöhung nicht nachgesucht, weil er immer hoffte, die Krank- heit würde sich bessern. Unter diesen Umständen blieb nichts weiter übrig, als sich an die Oeffentlichkcit zu wenden. Gesund war Schulz zum Militär gekommen, krank war er wieder heimgeschickt; sein gelerntes Handwerk(er ist Metalldreher) hat er aufgeben müssen, um sich mit einem Krüppelgeld von 27 M. durchzuschlagen! Jetzt liegt er seinen alten Eltern, die selbst für sich zu sorgen haben, zur Last, und soll er von diesem Gclde gekleidet und gut verpflegt werden, zumal er einer guten Pflege bedarf; ohne Begleitung kann er nie ausgehen. Wenn nun die alten Eltern nicht mehr am Leben sind, was soll der kranke Mensch mit diesem Gelde bei fremden Leuten anfangen? Es würde ihm nichts übrig bleiben, als es zu machen wie der verhungerte Veteran Druxl Das dankbare Vaterland. In Aachen, der alten Kaiserstadt, erschien dieser Tage in einer Volksküche in der Peterstraße ein 64jähriger Kriegsveteran, Teil- nehmer an der Belagerung von Metz, an den Schlachten bei Grave- lotte, bei Amiens, bei St. Ouentin, an dem Gefechte bei Bapaume usw. Der Greis, der vor vierzig Jahren das Deutsche Reich.mit schmieden' half, bezieht heute einen.Ehrensold' von rund 10 M. pro Monat. Wie seine Papiere auswiesen, hat er in letzter Zeit einen Unfall erlitten und mehrere Kranlheiten durchgemacht. Völlig erwerbslos und kaum arbeits- fähig, präsentierte er einen von der städtischen Armenverwaltung ausgestellten Schein auf einen Teller Suppe. Bei seiner Nollage war dein Alten nichts anderes übrig geblieben, als die Hilfe mitfühlender Menschen in Anspruch zu nehmen, dabei war er mit der Polizei in Konflikt gekommen, und so kam es, daß ihm die Stadt Aachen grossmütig zu einem Teller Suppe verhalf. Doch damit war die Generosität der Stadt gegenüber dem alten Krieger noch nicht erschöpft. Man wies ihn an, dass er am nächsten Tags in die städtische Kehr- kolonne eintreten könne. Das war mittag» kurz nach IL Uhr. Am Nachmittag ging der Veteran wieder zur Armen« Verwaltung, um sich für den Abend und den folgenden Vormittag nochmals einige Suppcnmarken auSznbitten. Er war wohl der Meinung, daß man ohne Nahrung nicht arbeiten könne. Da kam er aber schön an. ES wurde ihm erklärt, daß er erst gearbeitet haben müsse, bevor er auf weitere.Unterstützungen' Anspruch erheben könne. Und der Alte ging. Er trat zum Zweiten Male in die Kehrkolonne ein zum Kampfe gegen den Aachener Schmutz. Als er sich nach einem Arbeitstage wieder bei der Armenverwaltung stellte, bekam er zwei Scheine für— vier Teller Suppe. Der zweite Schein lautete aber, damit der Veteran nicht etwa ausschweifend würde, erst auf den nächsten Tag. Da sage noch einer, Deutschland sorge nicht für seine In- validen! DaS Gegenteil ist der Fall: Fünf Teller Suppe für vier Tage I_ Ich bin der Herr Major! Der militärische Dünkel offenbarte sich dieser Tage in Frei- bürg i. B. in recht drastischer Weise. In einer Klage zwischen dem freisinnigen LandtagSabgeordneten Hink und dem bündlerischen Redakteur Hüller war der Major a. D. Schinzinger. konservativer ReichslagSkaiididat bei der letzten ReichStagSwahl, als Zeuge geladen. Während der Zeugenvernehmung dieses konservativen Majors a. D. spielte sich folgende ergötzliche Szene ab: Hink: Herr Schinzinger...— Zeuge Schinzinger: Major Schinzinger!— Rechtsanwalt Straub(Becteidiger HinlS): Der Herr Zeuge Schinzinger...— Zeuge Schinzinger: Major Schinzinger. bitte I— Rechtsanwalt Straub: Es ge- nügt, wenn ich Herr Zeuge Schinzinger sage. Ich möchte mir jede Belehrung hierüber Verbilten I— Zeuge Schinzinger: Der Majorstitelist mir von Seiner Majestät dem König verliehen worden! Der Vorsitzelide stellt fest, daß die Anrede Herr Zeuge genüge. Das Herz in den Hosen. Unter dieser Spitzmarke gibt die reichsländische Zentrumspresse eine Korrespondenz auS Slraßburg an die.Kölnische Volks- zeitung' über die jüngste Landesversammlung der elsaß-lothringifchen Sozialdemokratie wieder, in der eS heißt: .Der Delegierte Voigt hat von der Energie einzelner So- zialdemokraten im Landtag eine weniger gute Meinung(als Abg. FuchS); was der Zentrumsredner zu den Kaiser warten über die e v e n tue l l e E i nv e r le i b u n g des Landes in Preußen sagt, hat ihm besser gefallen, als der Kommentar des Abg. PeiroteS. Er habe nachträglich gehört, daß eine Verabredung mit den Liberalen vor- lag, wonach nicht stark aufgetragen werden sollte, weil eine A u f- lösung des Landtages befürchtet wurde. Abg. Bühle versichert, eine solche Verabredung sei nicht getroffen worden. Tatsächlich aber bekundeten die Sozialdemokraten da in als eine gewisse Angst, einzelne fragten beim Zentrum an, wer dort spreche, und äußerten dabei, man möge nur gemach tun, denn man könne nicht wissen, was geschehen zvürde." Die Zentrumspresse will also glauben machen, die sozialdemo- kratische Kammerfraklion in Elsaß-Lothringen habe bei Gelegenheit der bekannten Aeußerung Wilhelms II., er schlage, wenn das so weitergeht, die elsaß-loihringiiche Verfassung m Scherben, ihre Kntik im Parlament absichtlich auf einen milden Ton gestimmt, aus Furcht vor der Landtagsauflösung. Daran ist, wie schon aus der LandeSversammlung vom 1.«eptember die, es Jahres in Straßburg festgestellt wurde, k et n wahres Wort. Der Gewährsmann der.Kolnischen Volks- zeitung' verwechselt hier wohl den einen oder anderen Sozialdemo- kraten mit dem lothringischen Zentrumshandlanger Abg. Weber. der bei jenem Anlaß allerdings von Person zu Person Stimmung für ein möglichst zahmes Auftreten machte— in auffälligem Gegen- fatze zu dem sonst zur Schau getragenen oppositionellen Maniiesmut. Die sozialdemokratische Landtagsfraktion m Elmv- Lothringen, die den Gnadensonds des Kaisers, den Dispositionsfonds des Statt- balters und schließlich das ganze Budget ablehnte, der Angst vor der LandtagSauflösung zu bezichtigen, ist der schlechteste Witz, den die umfallllbernhmte reichsländische ZentrumSpartei machen kann. Ausgewiesen. Die Frau eines österreichischen Bergarbeiters war während des Sergarbeiterstreiks von einem Hausbetvohner, mit dem sie in Un- frieden lebte, wegen Streikbrecherbeleidigung zur Anzeige gebracht worden. In der Verhandlung vor der Straskanimer in Essen bat der angeblich Beleidigte aber selbst um ein mildes Urteil. Das Gericht erkannte auf 20 M. Geldstrafe, die auch bezahlt wurden. Monate sind seitdem verflossen, plötzlich erhielt der Mann von der Polizeibehörde in Horst(Emscher) einen Ausweisungsbefehl zugestellt. Die neun Kinder des Ehepaares sind noch unter 14 Jahren._ Wie ein schwerkranker Soldat behandelt wurde. Im Mai dieses Jahres war in AryS(Ostpreußen) der Soldat Geyer vom Feldartillerieregiment Nr. 36 an Blinddarmentzündung erkrankt. Er sollte zur Operation nach Königsberg transportiert werden. Mit dem Transport des Schwerkranken wurden die Unter- offiziere Jeschke und Sombolinsli beauftragt. Die Begleiter legten sich aber im Zuge hin und schliefen, so daß sie das rechtzeitige Um- steigen versäuniten, was zur Folge hatte, daß der Kranke Stunden auf einer Station liegen bleiben mußte. Er wurde hier auf eine Bank gelegt, worauf die beiden Unteroffiziere einen Spaziergang nach der Stadt antraten und den Kranken seinem Schicksal über- ließen. Er wand sich vor Schmerzen, so daß die Bahnhofs- Wirtin sich seiner annehmen mußte. Dafür wurde sie später von den beide» Unteroffiziere» angefahren; sie bekam zu hören, daß sie sich in die.dienstlichen Angelegenheiten' nicht einzumischen hätte. Die Frau hatte dem Kranken Tee zu trinken gegeben. Dem Soldaten wurde aber von den menschenfreundlichen Vorgesetzten verboten, den Tee zu trinken!! Er sowohl wie die Wirtin wurden verhöhnt. Schließlich wurde der Krankentransport fortgesetzt. Nach elf Tagen starb der Soldat, und nach dem Gutachten des ärztlichen Sachverständigen ist es nicht ausgeschlossen, daß die Per- spätung auf dem Bahnhof den Tod veruriacht hat. Das Kriegs- geeicht verurteilte den Unteroffizier Jeschle zu fünf Monaten Gefängnis und erkannte zugleich auf Degradation. Der andere Unteroffizier wurde freigesprochen, da er nicht die Aufsicht gehabt hat, sondern nur zur Unterstützung beigegeben war. Hehler skanäinavileher HrbeiterkongreL. Stockholm, 6. September.(Eig. Ber.) In derMilitär- frage konnte die zchngliedrige Kommission nun hinsichtlich der antimilitaristischen Agitation einig werden; dazu liegt eine einheitliche Kommissionsresolution vor. Diese Resolution schließt sich den Beschlüssen der internationalen Sozialiften- kongresse an und fordert die Freiheit für jedes Land, über die Form seiner antimilitaristischen Agitation selbst zu entscheiden. Zu der Frage, aber, wie Kriege zu verhindern sind, hat sich die Komiiiission in zwei gleichstarke Gruppen geteilt. Zur ersten Gruppe gehörten neben den Schweden Brantiug und Thorsion sämtliche dänischen Kommissionsmitglieder. Der Rcsolutionsentwurf dieser Gruppe verweist auf die Forderungen der internationalen Sozialistenkongresse, obligatorische Schiedsgerichtsentscheidungen bei Streitigkeiten der Nationen untereinander herbeizuführen und fordert von den skandinavischen Parteien, daß sie bei drohenden Konflikten sofort einig zusammenwirken und alle Machtmittel der Arbeiterklasse in Anwendung bringen, um die Forderung der schiedsgerichtlichen Entscheidung zurückzusetzen. Die zweite Gruppe bestand aus drei norwegischen Antimili- taristen, einem schwedischen Jungsozialisten und einem Finn- ländcr. Diese Kommissionsgruppe fordert Festlegung der an- zuwendenden Mittel, um die schiedsgerichtliche Erledigung zu erzwingen. Und zwar sollte teils der Generalstreik/ teils der Militärstreik in Anwendung kommen. Auf dem Kongreß wurden die beiden Gruppen von B r a n t i n g- Schweden und B o n n e v i e- Kristiania ver- treten. Der Antragsteller und Vertreter des General- und Milttärstreiks, Bonnevie. ist R e s e r v e l e u t n a n t der norwegischen Armee und vom Kasernenhof direkt zum Kongreßlokal gereist, um seinen antiinilitaristischen Neigungen dahin Ausdruck zu geben, daß die Ausübung des Krieger- Handwerks durch einen Streik verweigert werden muß. B r a n t i n g konnte die überiviegende Mehrheit des Kon- gresses von der Sinnlosigkeit der Anwendung großer Worte und Drohungen überzeugen. Die von ihm vertretene Re- solution der Gruppe I fand nach einem hitzigen Geplänkel zivischen den beiden Richtungen mit großer Mehrheit Annahme. Mit gleicher Mehrheit wurde die Militärstreik- resolution der Gruppe II abgelehnt. Am Donnerstag früh wurde sodann die zurückgestellte Diskussion über den ausgezeichneten gewerkschaftlichen Vor- trag L i a n s über diegewerkschaftlicheTaktikund Organisationsformen fortgesetzt. Auch hier standen sich zwei Richtungen gegenüber, obgleich die zweite(syndika- listische) Richtung nur aus wenigen Personen bestand. So weit diese auf dem Kongreß sich zu erkennen gab. stand sie auf dem Boden parlamentarischer Aktion, lehnte also in diesem Punkte den anarchistischen Syndikalismus ab. Aber sie akzeptiert die syndikalistischen Kampfmittel, Sabotage, Generalstreik usw., und lehnte das gewerkschaftliche Unter- stützungswesen ab. Vertreten wurde diese Auffassung von T r a u m ä l- Norwegen, der seinen Landsmann Lians scharf bekämpfte. Daneben lief noch ein schwedischer Streit einher über die Aufgaben der Landcsorgamsation und ihrer Unterstützungspflicht. Ter Vorsitzende der schwedischen Metall- arbeiter, Johansson- Stockholm, bekämpfte die national- zentralisierte Unterstützung, er will vielmehr durch internationale Berufsverbindungen die Unterstützung sichern, wo» bei er unter anderem die Frage offen läßt, wie sich diejenigen helfen sollen, füt die solche Verbindungen nicht geschaffen werden können. Sowohl Cohen- Berlin wie der Vor- sitzende der dänischen Maschinenbauer traten ihm entgegen. Cohen vertrat die deutsche Auffassung, daß internationale Ilirterstützung nur gewährt werden kann, wenn alle nationalen Quellen erschöpft sind. Hansen warnte mit großer Schärfe seinen Kollegen Johannsson vor einer Separierung der schwedischen Gewerkschaften, die nur mit einer schweren Eni- täuschung der schwedischen Metallarbeiter enden würde. In der Abstimmung fiel der syndikalistische Antrag durch. während der Antrag Johannsscms, die Frage offen zu lassen und nur für eine intensive Agitation und Aufklärungsarbeit einzutreten, nur 29 Stimmen erhielt. Die Resolution der Kommission(Lians Leitsätze), die die gleichen gewerkschaft- lichen Auffassungen, wie sie auch im wesentlichen in Deutsch- land bestehen, vertritt, wurde daraufhin mit weit über» wiegender Mehrheit angenommen. Es folgte eine Resolution zur Einwanderungs» frage, die sich dem Beschluß des Stuttgarter inter- nationalen Kongresses anschließt. Weiter wurde beschlossen, die skandinavischen Arbeiterkongrcsse nur nach Bedarf ein- zuberufen. Nach den üblichen Abschiedsreden wurde der Kongreß Donnerstag nachmittag geschlossen. RulUatick. Die revolutionäre Flotte. Petersburg» 3. September. In einem Flottenbefehl drückt der Marineminister fein tiefes Bedauern über die Notwendigkeit der Verhängung des Kriegszustandes über Sewastopol aus. Gegenüber Verrätern und Pflichtvergessenen sei kein Verzeihen möglich. Schmerzlich sei es dem Kaiser gewesen, zu erfahren, daß in der ihm so teuren Flotte der Keim der Unordnung ent- standen sei; doch sei die Ansteckung nur(I) in einige Schiffe gedrungen. Der Minister erklärt schließlich, er sei glücklich, den gewissenhaft ihre Pflicht erfüllenden Mannschaften den kaiserlichen Dank übermitteln zu können. Ciirhci Dezentralisation? Wien, 9. September. Wie der„Neuen Freien Presse" aus Konstantinopel gemeldet wird, hat der gestern abgehaltene M i n i st e r r a t beschlossen, die den A l b a n e s e n zugesagten Reformen im ganzen Reiche durchzuführen- Die M a l i s s o r e n sollen einen neuerlichen An- griff auf D u r a z z o versucht haben. Nach einer Zeitungs- Meldung ist eine serbische Bande in der Kasa Jenidze aufgetaucht. Aus Tikwesch bei Saloniki sowie aus Kratovo und Palanka wird das Erscheinen vonbulgarischenBanden gemeldet._ Ein türkisch-bulgarischer Zwischenfall. Sofia, 9. September. Gestern wurden zwei von ihrenr Patrouillengang zurückkehrende Unteroffiziere des bulgari- schen Grenzpostens Karoatere(Kreis Peschtschera) von tü r k i s ch e n Soldaten des gleichnamigen türkischen Postens aus dem Hinter- halt getötet. Der Leichnam des einen der beiden Getöteten ist noch nicht aufgefunden worden. Wie man annimmt, wurde er aus türkisches Territorium geschafft. Die Regierung hat den Ge- sandten in Konstantinopel, Sarasow, beauftragt, energische Schritte zu unternehmen, damit Kämpfe an der Grenze nicht mehr vorkommen, und zu verlangen, es solle der dringende Auftrag erteilt werden, daß nach der Leiche des getöteten Unteroffiziers Nachforschungen angestellt und die Täter einer exemplarischen Be- strafung zugeführt werden._ Die Tripolitaner und der Frieden. Lionstantinopel, 9. September. Die Blätter veröffentlichen ein Telegramm der Notabeln von Tripolis, in dem erklärt wird, daß der Widerstand der Araber nicht eine Folge der Ennutigung seitens des Komitees sei. Die Notabeln werfen dem Komitee vor. Tripolis ohne Verteidigung gelassen zu haben, und verlangen, über die Friedensverhandlungen unterrichtet zu werden, deren Bedingungen nur tripoliwnische Notabeln würdigen könnten; anderfalls würden sie sich dem Frieden nicht unterwarfen. Marokko. Eroberung von Marrakesch. Casablanca, 9. September. Ein Telegramm des Obersten M a n g i n von gestern meldet, daß eine Abteilung Gums unter dem Befehl des Majors Simon, nachdem sie die ihr entgegentretenden feindlichen Abteilungen bei Sidi bu Kricha, 22 Kilometer nördlich von Marrakesch, zurückgeschlagen, am 7. September in der Nacht in den Palnienhainen von Marrakesch angekommen sei. Mehrere Abgesandte der treu gebliebenen Kaids machten die Mitteilung, daß eine allgemeine Bewegung gegen El Hiba sich zeigen würde, sobald französische Truppen eintreffen würden. Die Ab- teilung erreichte am 8. Septeniber, 8 Uhr früh. Dar el Machsen und fand unsere Landsleute befreit« dank der Unterstützung des Kaids El Glaui. El Hiba hat vor der ausbrechenden Gegenrevolution die Flucht ergriffen, verfolgt von dem Gewehrfeuer der Franzosen und der Bevölkerung. Japan. Rüstungswahnsinn. Tokio, 8. September. Der Vorschlag, die Truppen in Korea um zwei Divisionen zu vermehren, begegnet starkem Widerspruch, auch innerhalb des Kabinetts. Einmal hält man ihn für unnötig, besonders mit Rücksicht auf die freundlichen Be- Ziehungen zu Rußland, wo die Truppenvermehrung mißverstanden werden könnte. Sodann weist man darauf hin, daß das Budget für 1913 gar nicht erhöhte Ausgaben für Heer und Flotte tragen könnte. Für die Marine werden dreizehn große Einheiten verlangt, von denen jährlich zwei auf Stapel gelegt werden sollen, und zwar sieben Ueberdread- n o u g h t s vom größten Typ und mit vierzehnzölligen Geschützen ausgerüstet, und sechs mächtige Kreuzer. Von den Dread- noughts sollen fünf im Lande und zwei im Auslande gebaut wer- den; die Kreuzer werden sämtlich auf Privat- und StaatSwerften in Japan gebaut. HmmKa. Die Kämpfe in Mexiko. New Port, 8. September. Dem Gesandten her Veretniglen Staaten in Mexiko ist ein Schreiben von General Zapata zu- gegangen, in dem mitgeteilt wird, daß die Aufständischen den Vormarsch gegen Mexiko begonnen hätten. Dem Schreiben lag eine Proklamation bei, worin eS heißt, die Anhänger ZapataS beabsichtigen, sämtliche an der Regierung befind- lichen Staatsmänner außer Madero und seinen Angehörigen abzu- setzen. Die Unterzeichner der Proklamation erklären, daß sie die Ordnung aufrechterhalten und die Fremdxn und ihr Eigentum achten würden._ Bevorstehende Intervention? Beverly(Massachusetts), 9. September. Von zuständiger Seite wird festgestellt, daß eine Intervention in Mexiko nie- mals wahrscheinlicher war als gegenwärtig. Taft wolle jedoch nicht handeln, bevor nicht eine Sondertagung des Kon- gresses ihm die Ermächtigung dazu erteilt habe. Die Lage in Südmexiko ist höchst beunruhigend. Man fürchtet, daß einzig die Landung amerikanischer Truppen in den Häfen deS Golfs, die eine Intervention darstellen würde, die bestehenden Schwierigkeiten lösen kagn. Huö der Partei. pollzcülchcs, Ocncbtltchea uk«. Strafkontv ber Parteipresse. Zu einer Geldstrafe von 60 M. und zu den Kosten verurteilte das Amtsgericht Tauberbischofsheim den Verantwortlichen der Mannheimer Volks stimme', weil er den leitenden Personen bei der Hilfsaktion für die Hochwasserbeschädigten im Taubergrund vorgeworfen hatte, sie hätten sich Unregelmäßigkeiten in der Verwendung der Hilfsgelder zuschulden kommen lassen. Das Gericht urteilte mild, da die„Volksstimme" einer falschen Be- richtcrstattung zum Opfer gefallen war. Von 300 000 Zentnern Heu, die an die Notleidenden zur Verteilung gelangten, mußten 8 Proz. als Verlust abgebucht werden; dieses Heu war nämlich von den Bauern verschleudert und teilweise auch zu Unrecht mitgenom� men worden. Diese Tatsache führte zu dem Gerücht, es fehle eins größere Geldlumme. 6ewei*brchaftlicbe9« Ccrromnius, In dem Organ des Verbandes selbständiger deutscher Installateure, Klempner und Kupferschmiede vom 28. August dieses Jahres befindet sich auf der ersten Seite folgende Verrufserklärung: „Streik herrscht in Bochum und Breslau. In beiden Plätzen suchen die Gesellen einen Sonderiarifvertrag vor Ablauf des allgemeinen baugewerblichen Tarifvertrages zu erzwingen. Wir bitten deshalb, keine Gesellen von diesen Plätzen einzustellen und Arbeitswillige zu verweisen an die Herren Kollegen H. Brook- mann in Bochum, Wittener Str. 36, und Herrn Obermeister Menzel, Breslau, Schictzwerderstr. 12. Verband selbständiger deutscher Installateure, Klempner und Kupferschmiede, E. V." Es folgen dann die Namen von 63 Klempnergesellen aus Bochum. Es sind dies aber nicht alle Streikenden, und merk- würdig ist es, daß die Gehilfen von Obermeister Brookmann nicht mitaufgeführt sind. Der obengenannte Unternehmer verband gehört auch zu denen, die nicht genügend über den Terrorismus der Arbeiterverbände jammern können und auch nach Arbeitswilligenschutz verlangen. Für sich selbst betrachten sie jedes Mittel im wirtschaftlichen Kampfe als erlaubt. Lerlin und Umgegend. Achtung, Lithographen und Stcindrucker! In Amsterdam streiken die Kollegen. Es wird uns von dort gemeldet, das; der Steindrucker Georg Freund auf dem Wege nach Berlin ist, um Streikbrecher zu holen. Wir bitten, jedes Engagement zurückzuweisen. _ Die Verwaltung. Gegen das Wüten der Streikbrecher in Adlershof wandte sich am Sonntag eine von über 1606 Personen besuchte Protestversanimlung, in' der Genosse Neumann referierte. In der Diskussion schilderte Genosse Behrendt die Entwicklung des Streiks bei der Firma Jürst u. Co. Er betonte, daß die Streikenden jederzeit geneigt seien, mit der Firma Frieden zu schließen, wenn man ihren' berechtigten Forderungen Entgegen- kommen bewiese. Große Empörung rief es unter den Anwesenden hervor, als Genosse Ligncr bekannt gab, daß als ein ziemlich übel zugerichteter Passant bei Herrn Dr. Briest erschien, um sich ver« binden zu lassen, dieser ibn zuerst fragte, ob er auch 4 M. bei sich habe; die Wunde müsse vernäht werden. Der Patient wurde, als er die Frage des Arztes bezüglich des Geldes verneinte, von diesem nach Anlegung eines Notverbandes entlassen. Von den Versammelten wurde dann folgende Resolution ein- stimmig angenommen: „Die heute im Lokal von Wollstein von über 1000 Personen besuchte Versammlung erhebt energischen Protest gegen die be- stehenden gefahrvollen Zustände in den Straßen unseres� OrteS, Zustände, die es ermöglichen, daß von einem gewissenlosen Ge- sindel friedliche Passauten überfallen, gemißhandelt und mit Nevolverschüssen traktiert werden. Die Versammelten erblicken in den Vorgängen bei der Firma Fürst die Propagierung eines Systems, das von einem gewissenlosen Unternehmertum inszeniert, und von den herrschenden Klassen unterstützt, dazu führen soll, der organisierten Arbeiterschast das Streikrecht illusorisch zu macken und das Streilpostenstehen unter Strafe zu stellen.— Sie versprechen, nicht eher zu ruhen, als bis auch der letzte Mann und die letzte Frau den gewerkschaftlichen und politischen Organi- sationen zugesührt worden sind und dafür zu sorgen, daß auÄ in jedem Arbeiterhaushalt nur die Arbeiterpresse Eingang finden darf. Nach einem anfeuernden Schlußwort des Genofien Klodt, das in ein Hoch auf die internationale, völkerbefreiende Sozialdemokralie ausklaug, war die imposante Versammlung beendigt. Tarifbelvegung in der Alfenidebranche. Die im Metallarbeiter-Verbande organisierten Arbeiter der Alfenidebranche stehen in einer Tarifbewegung. Es haben schon mehrere Verhandlungen mit den Unternehmern stattgesunden, deren Endergebnis B ehrend vom Metallarbeiter-Verbande in einer gester» abend stattgefundenen Versammlung unterbreitete. Im Tarifentwurf der Arbeiter wird verlangt: neunstündige Arbeitszeit(loie bisher), Sonnabends 8 Stunden, Lohnarbeitern werden S'/a Stunden bezahlt. Ueberstunden werden nur im Not- fall gemacht und sind dann mit 23 Prozent Aufschlag zu bezahlen, Sonnlagsarbeit mit 50 Prozent. Ueberstunden werden nicht gemacht solange die Möglichkeit besteht, neue Arbeiter einzu- stellen. Wenn Ueberstunden gemacht werden, dürfen dieselben nur eine Woche lang im Monat gemacht werden. Der Mindest- stundenlohn bei den einzelnen Kategorien soll betragen: Für Drücker 80 Pi.. Ovaldrllcker 85 Pf.: Gürtler. Klempner. Schleiser, Graveure, Ziseleure und Guilloucheure 75 Pf., Silber- Polierer 70 Pf., Galvaniseure 65 Pf.. Kratzer und Hilfsarbeiter 55 Pf., Arbeiierinuen 30 Pf. Dieser Mindestlohn muß. gleichviel ob im Lohn oder Akkord gearbeitet wird, unter allen Umständen bezahlt werden. Bei Akkorden, die nach dieser Vereinbarung mit den Arbeitern kalkuliert und denen Mindestlöhne zugrunde gelegt worden sind, die aber nach- träglich von den einzelnen Arbeitern nicht erreicht werden, braucht der Mindestlohn nicht gezahlt werden. Diese Forderungen ivollen die Unternehmer� nur teilweise be- willigen. Sie setzten denselben folgende Zugeständnisse entgegen: Drucker 72'/- Ps.. Ovaldrücker Pf. Gürtler 65 Pf.. Klempner 65 Pf, Schleifer 70 Pf.. Graveure und Ziseleure 67>/a Pf.. Silber- policrer 60 Pf.. Schniltarbeiier lselbständlge) 55 Pf, Presser und Zieher 60 Pf, Galvaniseure lselbständige) 60 Pf.. Kratzer, die schon einige Zeit als solche gearbeitet habe», 50 Pf.. Hilfsarbeiter über 10 Fahre 40— 50 Pf. Arbeiterinnen 25 Pf. Die Forderung, daß bei Musterarbeilen, die länger wie 10 Stunden wöchentlich dauern. für diese Zeit 10 Pf. Ausschlag zum festgesetzten Lohn � gezahlt werden sollen, lehnen die Arbeitgeber ab, doch wollen sie sofort 5 Pr. pro Stunde zulegen. Einen Tarif lehnen die Arbeitgeber ebenfalls a b, dock wollen sie, daß Vereinbarungen zwischen Arbeilgebern und Arbeitern stattfinden sollen, wobei Ver- tretcr beider Organisationen hinzugezogen werden. Die neunslündige Aibeitszeit bleibt. Sonnabends acht Siuuden, jedoch ohne Bezahlung der ausfallenden Stunde. Was die Ueberstunden belriffr, so wollen sie für dieselben zwar den Zuschlag bezahlen, aber nur länger arbeiten lassen, wenn es durchaus nötig ist. ' Die Akkordlöhne sollen von Fall zu Fall in den Betrieben selbst aereaelt werden. Die Verhandlungen mit den Unternehmern wurden vorläufig abgebrochen und sollen Mittwoch wieder aufgenommen " Die Mitteilungen Behren ds wurden mit stürmischen Protest- rufen entgegengenommen und in der Diskussion zeigte sich eine ge- schlössen- Opposition gegen diese Vorschläge. Von sämtlichen Rednern wurde die sofortige Niederlegung der Arbeit ge- 4 o r d e r i. «ehrend griff nochmals ein und ersuchte die Verf->rnm«lt«n dringend, von einein derarligen Entildlu� ad�uiehen, fei unbedingt nötig, erst noch die Mitlwochssitznng abzuwarten. �- Desgleichen traten die Vertrauensmänner der etnzelnen Berrteve, sowie die Mitglieder der VerhandlungSkoliimilsion in einer schnell einberilfeiieii Lxlrasitzl'Ng der Ansicht BehrendS bei. In der nach beendeter Diskussion vorgenommenen Abstimmung lehnte die Versammlung das von den Unternehmern gemachte An- gebot einstimmig ab. Nur einem längeren Zureden leitens des Referenten und anderer Redner gelang es, die Abstimmung über einen eventuellen Streik noch bis zum Mittwochabend zu vertagen. "Verantw. Redakt.: Alfred�Liclcpp, Neukölln. Inseratenteil verantw. Otutfcbes Reich- Mitgliedergewinn des Deutschen BauarbeiterverbaudeS. Einen erfreulichen Zuwachs an Mitgliedern brachte dem Ver- band wiederum das zweite Quartal. /Derselbe betrug 26 722, die Gesamtzunahme des ersten und zweiten Quartals beträgt 49 637, wovon 10 350 übergetretene Stukkateure sind. Von den 21 Gauen partizipiert der Gau Leipzig im höchsten Maße an der Steigerung; Berlin folgt an vierter und der Gau Bremen an letzter Stelle. Nach Berufen geordnet setzte sich die Organisation am 30. Juni zusammen aus 196 832 Maurern, 1968 Fliesenlegern und Terrazzo- arbeitern, 2491 Putzern. 19 211 Stukkateuren, 6094 Zementierern und Betonarbeitern, 1292 Isolierern und Steinholzlegern, III 551 Hilfsarbeitern und 14 286 Erdarbeitern. Heut dürfte die Mit- gliederzahl auf 370 060 angewachsen sein; sie betrug am 30. Juni 344 725. Die Former und Giehereiarbeiter in Hagen und Schwelm in Westfalen befinden sich im Abwehrkampf gegen den Unternebmerarbeitsnachweis. Der Arbeitsnachweis wurde, entgegen dem Versprechen der Unternehmerorganisation in rigoroser Weise gegen die Arbeiter gebandhabt, deshalb wurde die Sperre über den Nachweis und die Gießereien verhängt. Daß die Sperre wirkt, wird von einem der bedeutendsten Betriebe durch folgendes Zirkular bestätigt, das sie an die anderen Betriebe sandten: Gußstahlwerk Wittmann Aktiengesellschaft. Haspe i. W., 20. Juli 1912. Wie Ihnen bekannt sein wird, ist über den Bezirk'Hagen- Schwelm des ArbeitgebervereinS seitens der Arbeiterorganisationen die Sperre verhängt worden und macht sich aus diesem Grunde der Abgang, besonders der jüngeren unverheirateten Former, fühlbar. Wir bitten eventuell solche Leute, die zurzeit von uns bei Ihnen Arbeit suchen sollen sollten, nicht einzustellen. Auf beiliegender Liste sind die Namen derjenigen verzeichnet, die vorläufig gekündigt haben. Hochachtungsvoll 1. Anlage. lStempel der Firma.) Auf der Anlage find die Arbeiter verzeichnet, die lieber ander- wärts arbeiten, als sich von dem Geschäftsführer des Arbeitgeber- Vereins, einem Leutnant a. D., schuriegeln zu lasten. Auch die Uriasbriefe der Unternehmer werden nichts nutzen. Wollen sie Ruhe und Frieden haben, so sollen sie aus ihrem Maß- regelungsbureau einen wirklichen Arbeitsnachweis machen und nicht die Freizügigkeit der Arbeiter beschränken. Die noble Firma Krupp. Ein Modelltischler, der bei der Firma Krupp auf der Friedrich- Alfred-Hütte in Rheinhausen beschäftigt war, erhielt zwei Monate nach seiner Entlassung unterm 28. August nach seinem jetzigen Wohn- ort in Hilden bei Düsseldorf das nachstehende Schreiben von der Firma zugesandt: „Aus Ihre Postkarte vom 16. v. M. erwidern wir. daß wir Ihren rückständigen Lohn aus der Lohnperiode 1.— 15. 6. 1912 im Betrage von 6,10 M. sowie die für event. Wohnungsschäden ein- behaltenen 5 M. oder insgesamt 11,10 M. für Miete pro Monat Juni 1912 vereinnahmt haben. Bei Ihrer am 5. Juni er. erfolgten Entlassung wurde versehentlich die Miete für Juni 1912, während welcher Zeit Sie die Wohnung noch innehatten, nicht einbehalten. Da die Miete für den Monat 11,26 M. betrug, bleiben noch 0.16 M. ungedeckt. Dieser Betrag erhöht sich für zu ersetzende eine Scheibe und einen Schlüssel um 1,05 M. Zur Vermeidung von Weiterungen bitten wir. uns den Betrag von 1,21 M. baldigst einzusenden. Achtungsvoll Friedrich Krupp. Alnengesellschast. Friedrich-AIfredbütte. (Name unleserlich.) Die Weltfirma Krupp hindert also ihr Millionenreicbwm nicht, einen Arbeiter nach zwei Monaten wegen— 16 Pfennigen rück- ständiger Miete zu mahnen. Die zu ersetzende Fensterscheibe sprang bei einer Explosion entzwei, ist also nicht einmal ersatzpflichtig. Die Arbeiter der Kunststein-, Marmor- und Sandsteinbranche in Mainz haben neue Tarife abgeschlossen. Die dadurch bewirkte Aufbesserung der Stundenlöhne in der Kunst- und Sandsteinbranche beträgi 5 Pf., eine weitere Erhöhung von 2 Pf. die Stunde wird am 1. April 1913 eintreten. In der Marmorbranche, in der eine Ausbesserung der Stundenlöhne von 3—6 Pf. erzielt worden ist, wird vom 1. April 1913 ein weiterer Pfennig pro Stunde bezahlt werden. Der Tarif wurde mit Ausnahme einer Firma von samt- lichen Unternehmern anerkannt. Auch mit der Stadtverwaltung sind Unterhandlungen wegen Anerkennung dcS Tarifs für städtische Bauten eingeleitet. Der Streik der Glasarbeiter in M ü n d e r am Deister ist nach viertägiger Dauer mit einem sehr guten Erfolg für die Arbeiter be- endet worden. Anfänglich erklärte die Firma, daß sie nichts be- willigen könne; als sie aber sah, daß die Streikenden ihre� Werk- zeuge aus der Fabrik icbaffien, ihre Papiere und den Lohn für die noch zu berechnenden Akkordarbeiten verlangten, erklärte sie sich zu weiteren Verhandlungen bereit nnd bewilligte die Forderungen in allen wesentlichen Teilen, so daß die Streikenden damit zufrieden sein konnten. In einem bis zum 1. Juli 1914 laufenden Tarif- vertrag wurden die Errungenschaften sicher gestellt. In Brühl bei Köln stehen die Glasarbeiter in einer Lohn- bewegung. Die Verhandlungen werden durch die Unternehmer- organisation in die Länge gezogen, um den Arbeitern nichts zu be- willigen. Die Glasarbeiter sind es aber satt, sich zum besten halten zu lassen und werden am Sonnabend, den 7. September, die Kündi- gtmg einreichen, wenn die Verhandlungen bis dahin nickt zum Abschluß gelangt find. Es werden alle Glasarbeiter ersucht, Brühl streng zu meiden und keinerlei Arbeitsangebote an diese Firma zu richten. Gegen eine sonderbare Auslegung des Tarifvertrages haben die Zimmerer Darmstadts Stellung genommen. K 4 des Tarifvertrages gestattet,„für Gesellen, die infolge Alters oder Inda- lidität in ihrer Leistungsfähigkeit beschränkt sind, für jugendliche Arbeiter und Junggesellen im ersten und zweiten Jahre nach be- endigter dreijähriger Lehrzeit und bestandener Gesellenprüfung". einen geringeren Lohn zu vereinbaren. Die Zimmermeister in Darmstadt legten die Bestimmungen nun dahin aus, daß auch Ge- sellen, die infolge ihrer Körpergröße nicht an dem gemein- schaftlichen Holztransport teilzunehmen und daher nach Ansicht der Meister ebenfalls„in ihrer Leistungsfähigkeit beschränkt sind", dar- unter fallen. Die Zimmerer wehrten sich sofort dagegen mit dem Erfolg, daß mit drei Meistern eine Einigung erzielt wurde. Zwei andere wollen aber von der willkürlichen Maßnahme nicht Abstand nehmen, so daß sich noch die Schlichtungskommission mit der Sache beschäftigen wird. Wir sind neugierig, wie die Frage gelöst werden wird. Die Schlichtungskommission wird doch nicht etwa entscheiden, daß alle Zimmerer, welche das Gardcmaß nicht erreicht haben, tif ihrer Leistungsfähigkeit beschränkt sind. Soll dann vielleicht ein ausnahmsweise großer Geselle, welcher mit mehreren kleinen Ge- sellen zusammenarbeitet, nur der Tüchtigste sein? Welch wunder- same Blüten treibt doch die Prositsucht! Streik der(Ountmiarbeitcr in Hiichst tut Odentnald. (Seit 15 Wochen tamp�cu bic Arbeiter der Veitb-Werke A.-G. in Höchst im Odenwald um ihr KoaltticmSreckt. Der Streik ist dadurch entstanden, daß die Firma die Vertraneiisleute des Verbandes maß- regelte. Die Firma versucht, mit den herbeigelaufenen zum größten Teil recht herniitergekommeiien Streikbrechern den Betrieb mühsam aufrecht zu erhalte». Es ist verständlich, daß die von diesen Leuten hergestellten Decken und Schläuche in der Oualität recht viel zu wünschen übrig lassen. Der Iabrikarbeiterverband wird weitere Schritte einleiten, bittet die Arbeuerradfahrer aber schon jetzt, beim I ZHKA locke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.lt öerlagsaiistalk Einkauf von Gummi auf das Fabrikat dieser Firma zu achten. Her» gestellt wird der sogenannte„Veith-Pneumatik", außerdem aber auch noch Decken und Schläuche mit xbeliebigem Aufdruck. Alle diese Fabrikate tragen aber den Stempel(VJ� HusUnd* Der Sieg der Marmorarbeiter von Carrara. Rom, 7. September.(Eig. Ber.) Der Streik in den Marmor- brüchen von Carrara hat mit einem vollständigen Siege der Arbeiter- schaft nach fast zweiwöchiger Dauer geendet. Die Stadt- Verwaltung verpflichtet sich, von der Regierung die gesetzliche Er- mächtigling zu erlangen, die kommunale Äusfuhrabgabe von Marmor um 30 Proz., nämlich um 2 Lire pro Tonne zu erhöhen. Es ergibt sich daraus ein Mehrertrag, durch den der Jahresfonds für die Altersversicherung auf 350 000 Lire steigt'. Die Arbeiter selbst werden keinen Beitrag leisten, und die Versicherung dehnt sich auch auf die außerhalb der Gemeinde von Carrara wohnenden Arbeiter aus, soweit sie in den Marmorbrüchen arbeiten. Diese durchaus gereckte und billige Forderung kommt nicht weniger als zweitausend Arbeitern zugute._ Jugendbewegung. Die proletarische Jugendbewegung hat im letzten Jahre einen erfreulichen Aufschwung genommen. Der Jahresbericht der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands, der sich in einer 56 Seiten starken Broschüre prasen- tiert, weist auf allen Gebieten einen bedeutenden Fortschritt auf. Die Zahl der Jugendausschüsse ist von 454 auf 574 gestiegen. Der Abonnentenstand der„Arbeiter-Jugend" hob sich von 65 500 auf 80 086, also um 14 552 gleich 22,2 Proz. Die Zahl der getroffenen Vetanstaltungcen zur körperlichen und geistigen Ausbildung der arbeitenden Jugend hat sich gegen die des Vorjahres nahezu ver- doppelt. Das gleiche gilt von der Beteiligung der Jugend an den Veianstaltungen. Der von den Behörden gegen die Bewegung ge- führte heftige Kamps wird in kurzen Zügen veranschaulicht. Die Tätigkeit der neuartigen bürgerlichen Jugendbewegung, die staat- liche„Jugendpflege" und der Bund..Jungdeutschland", die sich als die positive Bekämpfung der freien Jugend darstellt, wird einer kritischen Würdigung unterzogen. Einsichtige Gegner, die vorurteilslos die Tätigkeit der proletarischen Jugendausschüsse ver- folgt haben, konnten der hier geleisteten energischen und ziel- bewußten Arbeit Anerkennung und Lob nicht versagen. Einige solcher„Anerkennungen aus Gegners Mund" sind in dem Bericht wiedergegeben. Ein Anhang enthält„Richtlinien für die Arbeit der Jugend- auSschüsse" und bildliche Proben von künstlerischen und anderen Veranstaltungen der Jugendausschüsse. lUtzte Nachrichten* Demission des serbischen Ministeriums. Belgrad, 9. September. Das Kabinett hat gestern abend seine Demission gegeben. Wegen Bildung eines starken Kabinetts wurden Verhandlungen zwischen den beiden radikalen Gruppen eingeleitet. Das Bekanntwerden des Ausfuhrverbots von Futter- artikeln hat in allen beteiligten Kreisen, besonders aber in Ausfuhrkreisen große Bestürzung hervorgerufen. Da man kein zwingendes Motiv für diese Maßregel sieht, glaubt man bestimmt am Vorabend ernster Verwickelungen auf dem Balkan zu stehen. Man spricht nur noch vom Krieg. ■- c Gärung in der russischen Marine. Petersburg, 9. September. sB. H.) In S e w a st o p o l unter- nahm im Gefängnis der Marineuntersuchungsrichter Schub in einen Selbstmordversuch. Schubin wurde verhaftet. weil er in der Voruntersuchung gegen die der Zugehörigkeit zum revolutionären Bunde verdächtigen Matrosen ungenügenden Eifer zeigte. Es verlautet sogar. Schubin und einige andere Offiziere seien selber der Teilnahme an der revolu, tionären Bewegung überwiesen. Gegen alle Teil- nehmer an den letzten Bewegungen wird nach dem Kviegsrecht vor- gegangen. Im Marineministerium herrscht steigende Bestürzung über diese Vorfälle. Die Mannschaften aller Schiffe werden zur Erleichterung der Bewachung mit besonders zuverlässigen Elemen» ten durchsetzt._ Sozialisten in China. Peking, 9. September.(P. C.) Eine Gruppe von Sozialisten Iii Tientsin hat an den Minister des Innern ein Gesuch um gesetz- liche Anerkennung ihrer Partei gerichtet. Das Ministerium verhält sich diesem Ansinnen gegenüber ablehnend. Zur Begründung führt der Minister des Innern an, daß die chinesische Regierung, die das Eigentum eines jeden schützen misse, mit der sozialistischen Partei nicht paktieren könne. Der Führer der chinesischen Sozialisten erklärte dem gegen- über, daß die Gruppe seiner Parteigenossen in Tientsin eine falsche Taktik eingeschlagen hat. Kraft der Konstitution steht allen Chinesen jetzt das Koalitionsrecht zu, ohne hierzu einer vorherigen Genehmigung zu bedürfen. In Hankau haben die Sozialisten eine ziemlich starke Partei gebildet und betreiben eine lebhafte Propaganda. General Liuhung hat die Bildung öffent, licher sozialistischer Vereinigungen bei Todesstrafe untersagt. Traubs Gemeinde leistet Widerstand. Dortmund, 9. September(93. H.) Das PreSbyterimn der hiesigen St. Reinoldi-Gemetnde wurde vom Konsistorium auf» gefordert, die durch Ausscheidung Pfarrer TraubS freige- wordene Stelle auszuschreiben. Das Presbyterium wird aber ntcht eher zu der Sache etwas tun, bis der letzte Schritt. Traub der Gemeinde zu erhalten geschehen und die Antwort auf eine an den König zu richtende Eingabe erfolgt ist. Hochwasser in Süddeutschland. Frantsurt, 9. September.(P. C.) Aus Heidelberg wird gemeldet: Der gestrige Niederschlag, der 61.1 Millimeter betrug, ist der größte, den die Gegend in den letzten 20 Jahren gehabt hat. Der Neckar ist gestern um 8 0 Zentimeter ge- stiegen. Die Personenschiffahrt ist eingestellt. In der Stadt und in der Umgebung verursachte der Regen sehr großen Schaden. Keller wurden überschwemmt. Mauern unterspült und es traten Tammrutsche ein. Durch den Austritt der Gebirasbache aus ihren Betten droht weiter große Gefahr. Der Schaden kann dadurch noch beträchtlicher werden. Auch aus den schwäbischen Neckar- städten wird ebenfalls starkes Hochwasser ge- meldet. Die Täler sind fast sämtlich überschwemmt. Besonders der württembergische Ort Backnang hat durch den Austritt der Murr stark gelitten. Man befürchtet, daß die Flusse weiter steigen werden.__ Eine Masienfischvergiftung. Wien, o. September.(P. C.) Das große Festbankett, welches zur Begrüßung der Gäste am EröffnungScrbend des Deutschen Juristentages am 3. September im Sophiensaal stattfand, hat, wie nachträglich bekannt wird, eine große Anzahl Vergiftun- gen im Gefolge gehabt. Nach dem Genuß von Fisch- fleisch sind etwa 156— 200 Teilnehmer an dem Bankett unter Vergiftungserscheinungen erkrankt. Die Vergistungsfälle iperden dadurch erklärt, daß sich.in dem Eis, in dem die Fische gekühlt wurden, Bakterien entwickelt hatten. Me Vergifteten befinden sich außer Gefahr._ PaulSingert Co..Berlin LW. Hierzu 2 Beilagen u.Unterhal!ung-bl. Nr. 211. M.ZchDg. 1. KeilM in Jutniirts" Kell« KcksbIM Diellsiag, 10. Zeplembn 1912. llolere Taktik bei cler nächsten preukilchen canätagsWhi. Von Ed. B e r n st e i n. Können und sollen wir bei der nächsten Landtagswahl die Zusammensetzung des preußischen Dreiklassenhauses ändern? So stellt sich kurz zusammengefaßt die Frage, die Genosse Eisner mit seinem, im„Vorwärts" wiederholt kritisierten Vorschlag aufgeworfen hat. Sie schließt eine wesentliche Aenderung der 1903 mib 1908 von uns beobachteten Taktik ein. Denn darüber kmn kein Zweifel bestehen, daß wir bei Festhaltung an jener Taktik wohl zu den erkämpften Man- daten noch hier und dort eins dazu erobern können, daß aber diese Gewinne nicht so groß sein werden, eine nennenswerte Verschiebung in der Stärke der Parteien herbeizuführen. Auch ist es sehr unwahrscheinlich, daß der Kampf der bürgerlichen Parteien untereinander zu einer solchen Verschiebung führt, wenn wir zu ihm in der 1903 und 1908 beobachteten Taktik verharren. Sofern wir also ein Interesse daran haben, daß sich das Stärkeverhältnis innerhalb der bürgerlichen Parteien im Abgeordnetenhause wesentlich verschiebt, wird die Frage der Aenderung der Wahltaktik unabweisbar. Genosse Paul Hirsch hat einen Teil der Ausführungen, die ich in den„Sozialistischen Monatsheften" zum Eisner- schen Vorschlag gemacht habe, dadurch zu entkräften gesucht, daß er mir Zitate aus früheren Aufsätzen von mir über die Parteien und Wahltaktik entgegenhält, die anscheinend jene« Ausführungen widersprechen. Es ist ein ganz nettes Bombardement, das er da aufführt. Aber so amüsant sich auch die Abschlachtung des Bernstein von 1912 durch den Bernstein von 1903, 1908 bis 1910 liest, überzeugen kann sie den nicht, der sich gegenwärtig hält, daß wir heute einer ganz anderen politischen Konstellation gegenüberstehen, als in den bezeichneten Jahren. Unser verstorbener Wilhelm Liebknecht erklärte einmal auf einem Kongreß, und der Ausspruch ist seitdem von vielen Genossen wiederholt worden, er würde seine Taktik inner- halb 24 Stunden 24mal ändern, wenn sich die Verhältnisse ebenso oft änderten. In diesem drastischen Satz steckt sicher «ein richtiger Gedanke. So würde vor wenigen Jahren noch der Einwand Hirsch's sehr starken Eindruck auf mich gemacht haben, daß die von Eisner vorgeschlagene und von mir bedingt unterstützte Porole, überall schlechthin für die Liberalen gegen Zentrum und Konsvervative zu stimmen, das Zentrum an die Kon- servativen„herandrängen". Zentrum und Konser- vative„zusammenschweißen würde. Aber kann diese Möglichkeit heute noch einen bestimmenden Einfluß ausüben, wo bei den Reichstagswahlen vom 12. Januar dieses Jahres das Zentrum in einer Reihe von Wahlkreisen seine Wähler anwies, schon im ersten Wahlgang für Konservative zu stimmen, um nur diese statt Liberale gegen Sozialdemokraten in die Stichwahl zu bringen? Es wird nicht viel Leute in unserer Partei geben, die dem Zentrum objektiver gegen- überstehen, als meine Wenigkeit. Man gehört nicht umsonst zur alten Garde der Partei, die in den Jahren des Kultur- kampfes und des Sozialistengesetzes manche politische Fehde Seite an Seite mit dem Zentrum gekämpft hat. Gerade weil die Erinnerungen daran noch so stark in mir sind, habe ich mich lange dagegen gesträubt, das Zentrum als die Schutztruppe der preußischen Junker zu behandeln. Aber wenn das Kind im Brunnen liegt, braucht man nicht mehr zu fragen, ob es in den Brunnen fallen kann. Nachdem das Zentrum zu seinem Verhalten von 1910, wo es bei den Waljl- rechtsverhandlungen im Abgeordnetenhause den Konservativen kleines Feuilleton. Theater. Freie Volksbühne sim Thalia-Theater): Des Pfarrers Tochter von Streladorf. Von Max D r e y e r. Kein Geringerer als Fritz Reuter hat uns an mecklenburgische Gestalten vom Schlage dieses geschäftSlundig-weltlebigen. dabe» rückgratsteifen Dorfpastors glauben gelehrt. Und gerade so straffe, aller Duck« mäusigkeit und Streberei abholde Naturen müssen seine Kinder sein; wenn schon deren sonst eckig ausstoßende Charaktereigenheiten die Einflüsse einer milden, ausgleichenden mütterlichen«Erziehung ver- missen lassen. Gesundheit, Unbekümmertheit und frischfröhliche Atmosphäre sind aber bei Pfarrers zuhause, das muß man sagen. Und daß sich dieser Luftzug von der Bühne über den Zuschauer» räum verbreitete, hierfür sorgte Direktor W i t t e- W i l d mit den Darstellern. Ja wir bekamen die lustige Komödie diesmal sogar vollständig ohne Striche zu sehen. Insbesondere find wir der Regie dankbar, daß sie die Szene des Hinauswurfs ausgemacht hat, die wundervoll echt gelang und darum eben der Komil des Ganzen die Krone aufsetzte. Wobei denn abermals erweislich wurde, wie sehr zu ihrem Bortell sich alle der künstlerischen Leitung des Vereins unterstellten Borstellungen vom Durchschnitt anderer Darbietungen abzuheben pflegen. Manche kleine Unebenheiten werden ja sicher bei Wiederholung des Sptels zugunsten untadeliger Durcharbeitung ver- schwinden. So mutzte Rosa Haldens Küstermadel Friedchen noch überzeugender als Sonnemchein hervortreten; Elli Jungk- Branden hätte für ,rrau Klockmann weniger Schminke, dagegen mehr geldprotzige Dünkelhaftigkett einzusetzen; Hans Mantius könnte die Gegensätze ,m Charakter deS Privatdozenten. sodann aber zum Professor und Pnnzeisinnenlehrer emporgekrochenen Erwin Dahse-.och schärfer mark'eren; Aenderly L e b i u S brauchte weniger einen alten höheren Militär als den geschästsschlauen, dabei furchilosen humorvollen Landpsarrer hervorzukehren— und über- Haupt sollten manche Darsteller, z. B. Emil Sondermann (Geheimrat Frick) keinen Augenblick außer Acht lassen, daß gewisse äußerliche Miltel, womit in einer Posse billige Wirkungen erzielt werden, im Spiel der ungleich höher zu bewertenden Komödie wenig am Platze sind. Dessen ungeachtet wurden durchweg recht achtungs- wert- schauspielerische Leistungen geboten,«m stärksten sprach wohl Paul Paulsens RegierungSbauineister Jürgen an. zumal im Schlusiakt. wo der Künstler, dein kraftvolle Naturmenschen/ vorzüglich zu„liegen* pflegen, durch elementaren Ausbruch seiner GlllcrSempfindungen den iDBerton für das befreiende Element der Komödie fand. Auch Toni Willens, seine reizende Partnerin, zeigte sich als Bettina im Wachstum ihres schauspielerischen Könnens und Leistens. Zweifellos wird die von ihr vertretene Liebhaberinrolle erst noch an innerm Gehalt ge- Winnen, wenn an Stelle von Reserviertheit dort, wo es angebracht ist, spontanes Aus-sich-herauSgehen gesetzt wird. Fritz Junker- manns Student Thomas konnte, obwohl draufgängerifch-musen- sohnhaster, doch kaum humorvoller gegeben werden. Marie Eisen- zuliebe für den Fortbestand der indirekten Wahl und damit zugleich für die ö f f e n t l i ch e Wahl der Abgeordneten stimmte, nun auch bei der Reichstagswahl den Konservativen die stärksten Liebesdienste geleistet hat, die man einer Partei überhaupt nur leisten kann, hieße es, die Augen dem Licht des Tages verschließen, wollte man sich verhehlen, daß wir unsere politischen Kämpfe fortan gegen das Zentrum und nicht neben ihm zu kämpfen haben werden. Ein weiterer Umstand, der zu dieser Erkenntnis zwingt, ist die Elitwickelung, welche die von Zentrumsarbeitern ge- führten christlichen Gewerkschaften in neuerer Zeit genommen haben. Zwischen ihnen und den GeWerk- schaften, die in der Sozialdemokratie ihre Vertreterin er- blicken, haben sich gerade in den Provinzen, welche früher die demokratischen Vertreter des Zentrums stellten, die Gegen- sätze so zugespitzt, daß als politische Rückwirkung eine sehr bedeutende Verschärfung der Gegnerschaft von Zentrums- anhängern und Sozialdemokraten eingetreten ist. Auch das kann unsere Wahltaktik nicht unverändert lassen. Andere Umstände, die für diese Folgerung sprechen, über- gehe ich. Die beiden vorgeführten Tatsachen beweisen, denke ich, zur Genüge, daß unsererseits sich nichts gehäutet haben muß, um die Eventualität, von der Genosse Hirsch schreibt, heute anders einzuschätzen als in früheren Jahren. Die Voraussetzungen sind andere geworden. Zweitens. In den Jahren 1903 und 1908 kämpfte unsere Partei den Wahlkampf namentlich mit dem Ziel, Bresche in den Wall des Dreiklassenwahlsystems zu legen, der Arbeiter- schaft erst einmal überhaupt Vertretung im Dreiklassen- hause zu erobern. Im übrigen wollten wir demonstrieren. Wo wir an die Liberalen herantraten, geschah es mit der Forderung, Gegenseitigkeit zu üben und sich auf das Reichs- tagswahlrecht zu verpflichten. Die Freisinnigen lehnten das erstere, die Nationalliberalen auch das letztere ab. Nachdem das geschehen war. d. h. n a ch Ablehnung unserer in sehr ent- gegenkommender Form gestellten Forderungen uns von den Liberalen unsere Taktik aufdiktieren zu lassen, wäre in der Tat,„politische Entmannung" gewesen. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn wir ohne Anfrage bei den Liberalen, lediglich auf Grund selbständiger Ent- schließung die Parole ausgeben, gewisse Wahlkreise ausge- nommen, überall ohne UmsckWeife für die Liberalen zu stimmen. Ein solche Taktik kann wohl fehlerhaft sein. Un- Männlichkeit aber wäre das letzte, was man ihr nachsagen könnte. Ganz im Gegenteil. Es kann unsere Genossen nur mir Stolz erfüllen, wenn wir ohne alles Verhandeln, so daß wir in jedem Moment Herren unserer Entschließung bleiben, freihändig unsere Stimmenmacht in der Weise in die Wagschale werfen, daß der konservativ-klerikalen Koalition der möglichst große Abbruch geschieht. Zugleich aber ist von allen Methoden, unsere Stimmenmacht behufs Aenderung der Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses zu verwenden. dies jedenfalls diejenige, bei der wir am meisten aus richten werden. Wieviel, das ist freilich eine noch offene Frage, ich habe das in meinem Artikel rückhaltlos anerkannt. Aber wenn wir uns vergegenwärtigen, daß bei der vorigen Landtags wähl 600 000 Wähler unserer Parole folgten und uns sagen können, daß wir diesmal voraussichtlich mindestens 800 000, wenn nicht gegen eine Million Wähler in Bewegung setzen werden, dann können wir nicht mehr daran zweifeln, daß wir über die Macht verfügen, in recht vielen Wahlkreisen den Aus fall der Wahl zu bestimmen. Letzteres um so eher, als die Erbitterung über die agarische Politik der Regierung die Aussichten der Liberalen auf Gewinne in der ersten und zweiten Wählerklasse selbst in Mittel- und Kleinstädten sehr erhöht hat. Erinnere man sich doch, daß bei der Reichstags- wähl dieses Jahres die Mandate der beiden konservativen h u t darf als Käte gewiß großzügig genannt sein— bis auf einen gewissen Gefühlstimbre, dessen diese Darstellung zuweilen ermangelt. Der Pastor(Lebius) und sein spelnlativer Antipode, der Senator Klockmann(Theodor Stolzenberg) waren, einige belanglose Aeußerlichkeiten abgerechnet, doch trefflich in der Charalteranlage. Die gelungene Aufführung verbreitete im Hause eine Froheits> stimmung, die gern und willig mit einmütigem Beifall quittierte. «. k. Musik. Die Kurfürstenoper(in der Nürnberger Straße am Zoo) hatte unter Direktor M o r i s so ehrenwerte künstlerische An- laufe genommen, daß man beim Hervorziehen der Erinnerungen an sie nicht nur ihren Krach bedauern, sondern auch ihre Neugestaltung mit einigem Bangen betrachten muß. Direktor Viktor Palfi, in Berlin als erfolgreicher Operettendirektor bekannt, nahm sich ihrer an und eröffnete sie am Sonnabend, ersichtlich mit einem guten Ein- druck auf das Publikum. Das Haus, durch feine klugen Treppenanlagen ausgezeichnet, im übrigen aber nur wieder ein„Ranglheater", wurde neu hergerichtet (vom Hohenzollern-KunstgewerbehauS). Ein geschmackloser Vorhang ist durch einen ganz schlichten ersetzt. Die helle Färbung deS Zu- fchauerraumes wich einer pompejanifch-roten, die aber durch ihre Ein- förmigkeit drückend wirkt. DaS Personal ist großenteils neu, zuin Teil aber auch von früher übernommen. Die Eröffnungsvorstellung war Wilhelm Kienzls musikalisches Schauspiel„Der Kuh- reigen", nach der Wiener Uraufführung von Ende 1S11 und nach sonstigen Aufführungen für Berlin neu. Der Erfolg konnte leicht gefährdet werden. Ein„Führer" war ausgegeben worden, der wegen„unbegreiflich abfälliger Urteile über meine Opern komponierenden lebenden Kollegen" den Komponisten veranlaßte, sich an die Presse mit einem energischen Protest zu wenden. Das ist'S aber nicht allein: der„Führer" zeigt überdies einen so gekünstelten, forcierten Stil, daß man sich fragen muß, ob dies bloß Schuld des Verfassers ist oder nicht vielmehr eine unter dem Druck von Verleger und Publikum entstandene Mode, die erst recht einen Protest verdient. Und nun ist gerade das vorligende Werk das Gegenteil von Künstelei und Forcierung. Schon das Textbuch gehört zu den besten I„Libretti". Richard Batka hat eine Erzählung von R. H. Bartsch dramatisiert oder vielmehr lyrisiert— vielleicht zu sehr. In der französiichen Revolutionszeit lassen sich schiveizerlschc Söldner durch ! die Erinnerung an das Alphorn hinreiben, das bei Todesstrafe ver- boten« Heimlvchlied zu fingen s„Zll Strabburg aus der Schanz"). Der Anführer wird durch das Interesse einer Marguise für ihn be- gnadigt und sogar befördert. In die Liebeständelei hinein tönt die Revolution. Die Aristokraten warten im Kerker tanzend ihrer Hin- richtung. Der Marquis ist bereits abgetan; der Schweizer will die Marquise durch Heirat retten, sie aber geht lieber aufs Schafott, als ihrer alten Welt untreu zu werden. Die magere Handlung ist zu einer breiten szenischen Schilderung ausgedehnt. Im Illustrieren der Szenen und in volksliedartigen Weisen leistet der Komponist wohl sein Bestes. Uebernommen hat er Fraktionen und Anhang zusammen um rund 5 0 P r o z. zusammengeschmolzen sind. Warum soll ähnliches nicht bei der Landtagswahl möglich sein? Sicher werden in einer großen Zahl von Wahlkreisen die Liberalen diesmal aus eigener Kraft den Konservativ-Klerikalen näher auf den Pelz rücken, als bei früheren Wahlen. Es kommt dann nur auf unserer Stimmen an, die Niederlage der letzteren perfekt zu machen. Wir können also sehr wohl dazu beitragen, daß die Zusammensetzung � des Abgeordnetenhauses sich wesentlich ändert........ Aber sollen wir es auch? Was würde durch die mög» liche Aenderung erreicht werden? Heute verfügt in preu- ßischen Landtag? die konservativ-klerikale Koalition über mehr als 300 Stimmen gegen 100 liberale, 19 polnische und 6 sozialdemokratische Stimmen. Da wäre es übertrieben, zu erwarten, daß ihre Mehrheit gleich auf den ersten Hieb zu einer Minderheit werden wird. Nicht unmöglich ist dagegen, daß den Konservativen samt Anhang zwischen 30 bis 40 und denl Zentrum zwischen 10— 15 Proz. ihrer Mandate abgenommen werden. Das hieße eine Uebertragung von gegen 80 Stimmen von der Rechten auf die Linke, und die gäbe dem preußischen Landtage ein sehr anderes Gesicht. � i Seine Abstimmungen werden freilich noch nicht liberaler werden. Aber es käme ein frischer Zug in seine Debatten, der draußen den Widerstand gegen die Herrschaft der jetzigen Mehrheit außerordentlich kräftigen würde. Nichts ist so er- folgreich wie der Erfolg, sagt ein englisches Sprichwort. Und das ist richtig. Erfolg gibt Mut, steigert das Anschen und wird so zur Ursache neuer Erfolge. Es ist ganz unmöglich, daß eine durch unsere Unterstützung bewirkte Stärkung der bürgerlichen Linken nicht die Haltung dieser Linken isi radikalem Sinne beeinflussen wird. Gewiß macht die indirekte Wahl die Durchführung der hier skizzierten Taktik bei uns schwieriger, als sie anderwärts war. Darüber sind wir einig. Es mag sorgfältig nachgeprüft werden, ob— die Zustimmung des preußischen Parteitages vorausgesetzt— diese Taktik mit solcher Kraft durchgeführt werden kann, daß eine große Wirkung voraus zu sehen ist. Ein genaues Eindringen in die Einzelheiten der Statistik der vorigen Landtagswahl wird die nötigen Anhaltspunkte dafür liefern. Sicher ist. daß die materielle Stärkung der bürgerlichen Linken eine Kräftigung ihrer polt-. tischen Haltung nach sich ziehen muß. Was Eisner hierüber schrieb, war keine Phantasie, keine Spekulation der Schreibstube, es war die Feststellung einer in verschiedenen Ländern gemachten Erfahrung. Das bayerische, das belgische und als Gegenstück das französische Beispiel sprechen in dieser Hinsicht Bände. Niemand gibt sich dem Wahne Hirn daß unsere Unterstützung die Liberalen zu Sozialdemokraten. machen werde. Aber es ist in Preußen schon viel gewonnen� wenn sie sie nur zur energischen Verfechtung einer wahrhaft liberalen Politik anfeuert und in Stand setzte Wie vieles ist darin nicht noch bei uns zu tun. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß die Kirchen- und Schulgesetz. gebung noch völlig die Sache der Landtage ist. Aber auch trc der Wahlrechtsfrage kann die im Vorhergehenden entwickelte Taktik nur günstige Wirkung haben. Der Kampf gegen das Wahlunrecht in Preußen wird' weder bloß außerhalb des Parlaments noch lediglich durch parlamentarische Aktion entschieden werden. Außerparla- mentarische und innerparlamentarische Aktion müssen da! einander unterstützen. Zur letzteren gehört auch die Taktik bei den Wahlen. Was in bezug auf diese hier entwickelt wird, ist nichts Unerhörtes. In den Jahren 1897 und 1898, die ja für unsere Politik in Preußen die große Umwälzung herbeiführten, hat unser Jgnaz Auer sehr nachdrücklich, und hat mit einigem Vorbehalt auch August Bebel die Ansicht vertreten, daß eine wesentliche Verschiebung der Parteikräfte im Landtage nur durch eine solche Taktik zu erzielen sei. So nur einige historische Revolutionslieder; im übrigen hat er, wie man sich ausdrückt,„den echten Ton de» Volksliedes getroffen". Welches? DaS aus der Neuzeit mit seinem marsch- und tanzmäßigen Rhythmus. Fragt fich nur. ob die nächste Gestalt unseres Volksliedes, dessen gegenwärtiges Darniederliegen beklagt wird, nicht eine Räch- Wirkung einer Kunstmusik sein wird, die über die Kienzische hinausragt. Einstweilen haben wir ein sehr sympathisches Epigonen- werk vor uns, bei dem man kaum weiß, wie man die allseits tüchtige Durcharbeitung genug loben kann. Es ist in seiner Feinsinnigkeit über die doch etwas gar sehr populär-triviale Art des seinerzeit breit einschlagenden.Evangelimannes' hinaus und hält sich von dem krampfhaften Bemühen des»Don Ouichote". der alten Großen Oper ein wuchtiges Grabmonument zu errichten, fern. So entzückend melodiös und so packend leitmotivisch nun auch die Musik durchgeführt ist: ihr Reichtum hat doch bald ein Ende, und statt einer Steigerung fühlt man ein Abfallen. Daß die Inszenierung zum Teil hinter den Ansprüche» des Werkes zurückblieb, mag erstlich auf ein vorläufiges„Pech" des neuen Unternehmens zurückgehen; manches jedoch, besonders den etwas schematisch starren Schluß, könnte eine sorgfältigere Regie doch wohl überwinden. Gesungen und gespielt wurde im ganzen sehr gut; und mit dieser allgemeinen Anerkennung müffen wir un« angesichts der zahlreichen Mitwirkenden begnügen.«zr. Humor und Satire. Verteidigung.„Wie ick den Zeuge» vermöbelte, war ick wezen Betrunkenheit dienstuntauglich. Et kann also keene Körper- Verletzung im Amt vorliejen. l' Unter Großbrauern.„Jetzt hon i für zehn Mark Los' 'kauft und g wrnn grab so an Oekbild."-„Do hätt'st scho g'scheiter an Regalator g'wunna I"—.No. i denynir halt. Host aa amol was für d' Kunst to'l"_(„SimplicissimuS".) Stottzeu. ."-«Berliner KonzerthauS-Orchester" nennt sich eine Jnstrumentalkapelle, die Franz v. B l o n. der bekannte Dirigent, letzt gegründet hat. Die Konzerte sollen im Genre der ehemaligen Bilseschen Kapelle gehalten sein und der Pflege guter Musik dienen. Autzerdem werden Sinfonieabende mit hinzugezogenen Solisten ver- anstaltct. Einern lang gehegten Wunsche entsprechend soll das Orchester den Arbeitervereinen bei allen ihren Musilveranstaltungen Sur Verfügung flehen. An allen freien Abenden spielt es im Glau. m 21. September beginnt daS Orchester dort feine Tätigkeit. — Weltsprache Ida. Im Amphitheater Michelet der Sorbonne zu Paris fanden vom 1. bis 4. September fünf Sitzungen des leitenden Ausschusses der Weltspracheunion(Ida) statt. Für die Herausgabe ausführlicher allgemeiner und technischer Wörterbücher sowie für die Bereicherung der Jdoliteratur wurde die finanzielle Grundlage geschaffen. Der Ausschuß wurde von IS auf LZ.Mtglieder erweitert, die Sprachakademie von v auf 11. Für daS Jahr 1913 ist ein internationaler Weltsprachelongreß in Kopenhagen vorgesehen, wie dämalZ steht es in diesem Uükkt auch heilte noch. Nlkr daß wir ein viel schwerer wiegendes Pfund als damals zu vergeben haben. Darum ist der Eisnersche Vorschlag ernst- hafter und vorurteilsloser Prüfung wert. Möge er für den kommenden Preußentag auf die Tagesordnung gesetzt wer- den. Tann wird sich noch mehr darüber sagen lassen. Darum hier nur noch das eine. Auch ohne Verhandeln, ohne Kom promiß wird die Unterstützung der Liberalen durch uns so wohl im Parlament wie auch schon im Wahlkampf mit Not- wendigkeit diejenige Wirkung auf deren Verhalten haben, die überhaupt zu erzielen ist. Das liegt in der Natur der Sache, ergibt sich aus der Psychologie der Menschen und Par- teien und macht die freihändige Unterstützung so sympathisch. Sie ist sicher die würdigste Art des Eingreifens in den Kamps der bürgerlichen Parteien, die würdig st e. groß- z ü g i g st e. und weil wir eben dabei in j e d e r Hinsicht die Freiheit der Entschließung behalten, im letzten Grunde auch die z w e ck m ä ß i g st e Taktik. Wie viel durch sie zu ge- Winnen ist. wird die Erfahrung zeigen. Aber im voraus steht das eine fest: wir haben dabei nichts zu verlieren, fondernnur zu gewinnen. vei'»5. britische Geweritfchaftshongreß. New Port, 0. September 1912. Noch kurzer Debatte nahm der Kongreß Freitag folgende Reso lution über den MinimalloHii an: «Dieser Kongreß beauftragt das Parlamentarische Komitee. Schritte zu tun. um auf dem Wege der Gesetzgebung einen Minimallohn von 30 Schilling die Woche für alle erwachsenen Arbeiter zu erkalten." Eine interessante Debatte entspann sich darauf über die Resolution betreffend die gesetzliche Erzwingung freiwilliger BertrLge. Die Resolution lautet: „Nach Ansicht dieses Kongresses sollten die Lohnsätze, die Arbeitszeit und andere Bestimmungen, die in den zwischen Ge- werlichaften als Vertretern der Arbeiter und den Vertretern der Arbeitgeber in einer Industrie abgeschlossenen Verträge enthalten sind, in beziig auf alle Personen, die Arbeiter in der betreffenden Industrie beschäftigen, gesetzlich erzwingbar sein, und das Parla- mentarische Komitee wird hiermit beauftragt, entsprechende Schritte zu tun.* Parlamentsmitglied Roberts(Buchdrucker) führt zur Begrün düng aus: Diese Resolution erscheint zum erstenmal auf der Tages mimung. Während der letzten wirtschaftlichen Kämpfe fanden wir häufig, daß Verträge, die die Gewerkschaften mit den verantwort- lichen Arbeitgebern geschlossen hatten, von anderen Unternehmern. die dem Verband der Arbeitgeber nicht angehören, nicht eingehalten wurden. Femer sind Fälle vorgekommen, daß sich Arbeitgeber der Pflicht, die Vsrträge einzuhalten, dadurch zu entziehen versuchten, daß sie ans dem Arboitgcberverband austraten. Der in dem Antrag enthaltene Borschlag stellt einen Versuch dar, diesem �ebelstand ein Ende zu bereiten. Es wird vielleicht eingewendet werden, daß die Resolution den Keim der obligatorischen Schiedsgerichte enthält: das ist jedoch nicht der Fall. Wir wollen gesetzlich festlegen, daß kein Arbeiter schlechtere Löhne und Arbeitsbedingungen annehmen kann, und daß es keinem Arbeitgeber gestattet werden soll, schlechtere Löhne zu zahlen und schlechtere Arbeitsbedingungen zu geben, als sich die Gewerkschaften erobert haben. Ich messe der moralischen Seite dieser Frage große Bedeutung bei. Wir als Ge- werksckaster müssen peinlichst daraus achten, daß wir die eingegangenen Verträge einhalten. Da« wird unsere Macht und unseren Einfluß stärken. Ucher die praktische Ausführung des Vorschlags, der in dieser Resolutton und in der von der Arbeiterpartei eingebrachten Vorlage enthalten ist, möchte ich ausführen, daß die Verträge bei der Regierung hinterlegt werden sollten, die über die Beachtung der- selben zu wachen hätte. S k i n n e r(Buchdrucker): Die oft gehörte Behanptting, daß die Gewerkschaften die Verträge brechen, ist nicht wahr. Im allgemeinen sind eS nicht die Arbeiter, die die Verträge brechen, sondern die Arbeit- geber. Nähme das Parlament den gemachten Vorschlag an, so würde die Werbekraft der Gewerkschaften verstärkt werden, da es dann ganz klar sein würde, daß sie es sind, die der Arbeiterschaft eines Berufs anständige Löhne und eine menschenwürdige Behandlung verschaffen. Bramley(Tischler): Wir sind ganz damit einverstanden, daß die freiwillig geschlossenen Verträge gesetzlich erzwingbar sein sollen, aber wir befürchten, daß wir uns durch ein Gesetz, wie es in dem Antrag verlangt wird, zu sehr die Hände binden würden. Man muß bedenken, daß die Arbeitgeber Verträge brechen können, ohne das geschriebene Wort zu breche»: sie brauchen nur die Arbeits- Methode zu verändern, um in vielen Fällen die Verträge nichtig zu machen. Was nützte unS dann das Gesetz? Wir befürchten auch, derart gebunden zu werden, daß es unS unmöglich sein wird, unseren Kollegen in anderen Berufen zur Hilfe zu kommen, weuu diese um die Existenz kämpfen? Die Resolution wurde mit 484 000 gegen 1 192 000 Stimmen abgelehnt. Eine wichtige Debatte entspann sich über ein Firkular, das gestern morgen von den VerstcherungSlommiffären verschickt wurde. Ein Driimlichkeitsantrag wurde angenommen, um die Angelegenheit zu diskuttcrc». Die vom Parlamentarischen Komitee eingereichte Re« solntion lautet: «Dieser Kongreß gibt über das gestern morgen von den Ver- sicherungskommisjären veröffentliche Memorandum Nr. 19, das von den Reserve- und UebcrweisungSwerten handelt, seiner größten Besorgnis Ausdruck wegen der darin enthaltenen Erklärungen, und schlägt die baldige Abhaltung einer Versammlung aller an- erkannten Krankenkassen der Gewerkschaften vor, die sich niit der ganzen Frage befassen soll. Zur Erklärung möge hier angeführt werden, daß die englische Kramen- und Invalidenversicherung von der Voraussetzung ausgeht, daß alle BersicherungSpflichtigen 10 Jahre alt find. Um nun die Risikos auszugleichen, kreditiert die Regierung jeden Versicherten mit einen« sogenannten Reservcwert(reservs vslus), der natürlich bei den älteren Personen am höchsten ist und der bei der Feststellung der Zahlungs- und Leistungsfähigkeit der Kassen die wichtigste Rolle spielt. Nun haben die großen kapitalistischen Versicherungsgesellschaften im Verein mit den Arbeitgebern in den letzten Monaten riesige Anstrengungen gemacht, um die Arbeiter in die von den Gesell- schaften gegründeten Kassen zu locken oder zu zwingen. Erst in den letzten paar Wochen sind die Gewerlschaften auf dieses Treiben auf- merksam gemacht worden und jetzt versuchen sie, ihre Mitglieder zu bewegen, aus den Kassen der LebenSversicherungsgesellschäften aus- zutreten und den Kassen der Gewerkschaften beizutrelen. Das er- wähnte Memorandum der Versilberungskommissare legt nun das Gesetz in der Weise aus, daß der Kasse, der eine Person zuerst beitritt, ein Anspruch auf den Reservewert des ausscheidenden Mit- oliedes' zusteht. Das würde für viele von den Gewerkschaften gegründeten Kasten der Bankrott bedeuten. Zwar müßte erst noch das Gericht entscheiden, welcher Kaste der Reservewert gehört. Praktisch hat diese Einschränkung aber keine Bedeutung: denn wie können die Gewerkschaften gegen die Milliarden der Lebens- Versicherungsgesellschaften einen Kampf untcrnch.nen? Die obige Resolution wurde von S e d d o n(Ladenangestellter) begründet, von D u n a n(Bergarbeiter)»nterstiitzt und danach ei»- stiii, mig angenommen. Die besondere Konferenz wüd am 18. Sep- tember in London stattfinden. D.e Sttuat.on ist zweifelsohne sehr ernst■ S e d d on drohte in ihrer Rede, die Gewerkschaften würden sich weigern, etwa» mit der Versicherung zu tun zu haben, wenn die Regierung den erwähnten unerhörten Zustand nicht au» der velt schaffen würde. In einer Resolution, in der die Verstaatlichung des Bodens, der Bodenschätze, Bergwerke, Eisenbahnen und Kanäle gefordert wurde, führte W a l l d e n(Bureauangestellte der Eisen- bahnen) aus: Durch Verträge haben es unsere großen Eisenbahn- gesellschaften so weit gebracht, daß sie heute fast das ganze Ver- kehrswescn des Landes beherrschen. Wir eilen der Amerikanisierung unserer Industrie entgegen. Schon haben die Eisenbahngesellschaften das Handelsministerium in der Tasche. Unsere erleuchtete liberale Regierung hat eine Vorlage eingebracht, die diesen großen kapitalistischen Gesellschaften nicht allein die Macht gibt. den Reisenden und Händlern höhere Fahrpreise und Fracht tarife zu diktieren, sondern auch die Macht, sich jeder wirk samen parlamentarischen Kontrolle zu entziehen. Das System ist eine Gefahr für das Volk und die Industrien. Im Austrage meiner Gewerkschaft habe ich kürzlich die europäischen Länder bereist, in denen die Eisenbahnen verstaatlicht sind. In allen Ländern, deren wirtschaftliche Beschaffenheit ähnlich wie die Großbritanniens ist, habe ich gefunden, daß sich da? System der staatlichen Eisenbahnen in jeder Hinsicht bewährt hat. Die niederen Fahrpreise und Frachten der kontinentalen StaatSbahnen lasten sich mit den hohen Preisen, die unsere Privatbahnen ihren Kunden abnehmen, überhaupt nicht vergleichen. Aber das wichtigste ist, daß die Zahl der Unfälle auf den kontinentalen Staatsbahnen bei weitem nicht so hoch ist wie auf unseren Privatbahnen. Milligan(Dockarbeiter): Ich bin dagegen, daß man in der Resolution die Verstaatlichung des Bodens verlangt. Wir haben als Gewerkschsten kein Recht unseren Mitgliedern den Kollektivismus aufzudrängen, den die große Mehrheit von ihnen verwirft. Wir dürfen unseren Mitgliedern nicht vorauseilen. S m i l l i e(Bergarbeiter): Der Kollektivismus bedeutet etwas mehr, als die Resolution fordert. Ich möchte hier eine Bemerkung des Vorredners richtig stellen. Die große Mehrheit der GeWerk- schafter und sicherlich die große Mehrheit der intelligenten Gewerk- schafter tritt für den Kollektivismus ein. Die Bergarbeiter zudem sind es müde geworden, immer nur kollektivistische Resolutionen an- zunehmen. Sie werden im kommenden Jahre eine rege Propaganda zugunsten der Verstaatlichung der Bergwerke entfalten. Sie be- schränken fich auf diese Propaganda, weil sie mit diesem Erwerbs- zweig am besten vertraut sind. Sie sind jedoch bereit, ihre Kollegen in anderen Berufen bei der Propaganda anderer kollektivistischer Forderungen zu unterstützen. Wir müssen danach trachten, daß die großen Monopole so bald wie möglich in die Hände der Allgemeinheit kommen. Während des Bergarbeiterstreiks ver- schworen sich die Eisenbahngesellschaften mit der Regierung. um dem Streik das Rückgrat zu brechen. Die Erfüllung der in der Resolution enthaltenen Forderungen wird nicht den Himmel auf Erden schaffen. Zur Befreiung der Arbeiterklasse ist vor allen Dingen notwendig, daß wir die politische Macht erringen. Die Resolution wurde mit 1 793 000 gegen 10 000 Stimmen an- genommen. Der Syndikalismus. Die wichtigste Debatte des Tages und des ganzen Kongrestes war die, die sich über eine Resolution des Parlamentarischen Komitees entspann. Die Resolution lautete: „Dieser Kongreß bekräftigt aufs neue seine Unterstützung der unabhängigen politischen Aktion der Arbeiterklasse als Hilfsmittel im wirtschaftlichen Kampf für eine gerechtere Verteilung'des pro- duzierten Reichtums und verlangt auch einen größeren Anteil an der nationalen und lokalen Vertretung angesichts der beständig förtschreitenden Zentralisation sozialer und wirtschaftlicher Fragen in den Händen der Regierung und der lokalen Behörden.* Seddon(Ladenangestellte) begründete die Resolution im Namen des Parlamentarischen Komitees und führte aus: Das Parlamentarische Komitee hatte die Pflicht, eine derartige Resolution einzubringen, um in bezug ans eine gewisse Propaganda der letzten Monate Klarheit zu schaffen. Der Erfolg der Arbeiterpartei im Jahre 1900 veranlaßte viel« Leute, zu glauben, daß die Gewerk- schaften ausgespielt hätten. Jetzt hat die Reaktion eingesetzt und die Enthusiasten, die zu viel von der parlamentarischen Aktion einer kleinen Partei hofften, sind verzagt und befürchten den Generalstreik, die Taktik des Syndikalismus. Der Syndikalismus ist die Politil der Verzagten: es ist der Stommesinstinkt, der in ihm zur Er- cheinung kommt, und er ist dem sozialen Geiste, der unsere Be- wegung beherrscht, fremd. Wir können die politische Macht nicht in den Händen der Besitzenden lassen. Wir haben nicht nur politische Interessen zu Hause, sondern auch im Ansland. Gegenwärtig haben wir den reaktionärsten Minister deö Aeußern, den England je gehabt. ES muß die Ausgabe unserer Vertreter im Parlament sein, einen entscheidenden Einfluß auf die gegenwärtige Politik zu erlangen. iim einen dauernden Frieden und herzliche Freundschaft zwischen den Völkern herbeizuführen. Es ist nicht wahr, daß uns die politische Aktion nichts genützt hat. Ich erinnere nur an da« Pensionsgesetz. an die Einbeziehung der Dienstboten und Angestellten in daS Unfall- entschädigungSgesetz, Maßnahmen, die direlt den Anstrengungen unserer Vertreter geschuldet sind. Wenn nicht mehr erreicht wurde, so liegt das an dem Verhalten der Arbeiter selbst, die Liberale und Tones ins Parlament schicken anstatt ihre eigenen Vertreter. Daö beste Mittel, um auf politischem Gebiete mehr Erfolge zu erzielen. ist die Verstärkung der ArbeUervertretung, bis diese schließlich die Volksvertretung beherrscht. Sexton(Dockarbeiter, Parlamentarisches Komitee): Die Ideen des Syndikalismus werden von jungen Leuten propagiert, die es eilig haben. Diese Elemente sind in jeder Bewegung aiötig. Aber ich möchte doch unsere jungen Freunde fragen, womit ie die unabhängige politische Aktion der Arbeiterschaft im Zarlament ersetzen wollen. Sie sprechen von der direkten Aktion. vom Syndikalismus. Nach meiner Ansicht könnten die Gewerkschaften von den Produkttonsmitteln nur Besitz ergreifen, indem sie physische Gewalt anwenden. Aber um Gewalt anwenden zu können, müssen wir erst die Mittel dazu be- itzen. Diese können wir uns aber nur auf konstitutionellem Wege verschaff-n. N a y l o r(Buchdrucker): AIS Gewerkschaftsvertreter bin ich von der Macht und Wirksamkeit des Streiks überzeugt. Können wir, wenn wir logisch sein wollen, leugnen, daß ein Streik der gesamten Gewerkschaften wirksamer sein wird, als ein teilweiser Streik? Die politische Bewegung darf die Hilfe, die ihr durch die wirtschaftliche Aktion werden kann, nicht außer acht lassen. Ich bin weder Syn- dikalist, noch ein junger Mann, der es eilig hat. Ich glaube jedoch, daß wir auf politischem Gebiet nicht die Fortschritte gemacht haben. die wir hätten machen können. Die Bergarbeiter mußten mehr als Jahre agitieren, um den gesetzlichen Achtstundentag zu erreichen. Ablett(Bergarbeiter): Die von dem Parlamentarischen Komitee eingebrachte Resolution ist höchst unbesttmmt abgefaßt, o daß fast jedermann für sie stimmen kann. Auch die Syndikalisten und industriellen Unionisten, zu denen ich mich zähle. ind nicht gegen jede politische Aktion. Sie können keinerlei Beweis ür die gegenteilige Behauptung beibringen. Wir find nur der An- ficht, daß die Aklion unserer Vertreter im Parlament destruktiv sein ollte. Wir wollen diesen Gewerkschaftskongreß zum Parlament de« Landes machen. Wenn man uns junge Leute, die es eilig haben, nennt, könnten wir gut antworten, daß die Gegenpartei aus politischen Methusalems besteht, die nur abgetane Resoluttonen drechseln können. Turner(Ladengehilsen): Diese geschickt abgefaßte Resolution läßt es zu keiner Entscheidung über die Frage des SYndikaliSinuS kommen. Die große Masie der Arbeiter glaubt noch an die politische Aktion, wie sie noch so manchem anderen Aberglauben huldigt. Was die politische Aktion der Arbeiterschaft nützt, sehen wir in Australien. Dort, wo die Arbeiterpartei am Ruder ist, ist es ihr noch nicht ge- lungen. ein einziges ihrer Grundprinzipien durchzusetzen. Dort hat die Arbeiterpartei gar die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Ich bin bereit, unsere Vertreter im Parlament zu unterstützen, aber unser i>auptkampf ist wirtschaftlicher Natur. Parlamentsmitglied Roberts(Buchdrucker): Bi» jetzt hat noch niemand gegen die Resolution gesprochen. Wenn wir nicht mehr geleistet haben, so kommt daS daher, baß wir im Parlament noch zu schwach sind. Gehen Sie und organisieren Sie in den Wahlkreisen, dann wird es bald anders werden. Ich bin«in Gegner des Generalstreiks. Die meisten Leute verstehen nicht, wie groß die Widerstandsfähigkeit der besitzenden Klassen noch ist. Mit dem Londoner Streik vor Augen will man vom Generalstreik als der Politik der Gewerkschaften sprechen. Wenn der letzte Streik etwas bewiesen hat, so hat er gezeigt, daß es für die Arbeiter �veit vorteilhafter gewesen wäre, wenn nur ein Teil von ihnen gekämpft hätte._ Parlamentsmitglied Brace(Bergarbeiter): Ablett vertritt niemand als sich selbst. Ich bin der offizielle Redner der Berg- arbeiter zu dieser Resolutton. Man bat hier von der Wirksamkeit der direkten Aktion gesprochen. Wir Bergarbeiter hätten lange vor der Annahme des Achtstundengesetzes einen Achtstundentag erhallen können, wenn wir damals wie im Anfang dieses Jahres einen ge- wältigen Versuch gemacht hätten. Wir taten es nicht, weil wir wußten, daß dann die Arbeilgeber bei der nächsten wirtschaftlichen Krise über uns herfallen würden, um uns den Vorteil wieder zu entreißen. Den gesetzlichen Achtstundentag, den wir durch die politische Mion errungen haben, können sie uns nicht so leicht entreißen. n» Stuart(Postbeamten): Was auch der Syndikalismus im Auslande bedeuten mag. in diesem Lande ist er in der Hauptsache ein Protest gegen die Untätigkeit und Aengstlichkcit der Arbeiter- Partei. Ich befürchte, daß die Annahme dieser Resolutton nicht viel ändern wird und daß unsere Parlamentsmitglieder nach wie vor auf den Rednertribünen der liberalen Partei erscheinen werden. Wilson(Seeleute): Ich bin Syndikalist und auch Anhänger der parlamentarischen Allion. Man kritifiert bier den Syndikalismus. Was ist Syndikalismus? Sexton ist wahrlich der letzte, der die Syndikalisten angreisen sollte. Die Syndikalisten haben seine Or- ganisation in Liverpool aufgebaut. Ich will die Parlamentsmit« glieder nicht kritisieren, ich weiß, wie schwer ihre Arbeits ist. Ich möchte aber dagegen protestieren, daß Leute wie Snowden im Lande umhergehen und erklären, daß die Gewcrlschaftsbewegung keinen Zweck mehr hat. Als Protest dagegen sollten die Delegierten gegen die Resolution stimmen. F r i e n d(Buchbinder). Ich bin Gegner des Generalstreiks, der nur dazu führen kann, daß Arbeiterblut vergossen wird und daß sich unsere Position verschlechtert. Die herrschende Konfuston rührt hauptsächlich daher, daß die Arbeiterpartei im Parlament ihren er- klärten Grundsätzen nicht treu geblieben ist. O'Connor Kessock(Dockarbeiter). Wilson sagt zuerst, daß er Syndikalist sei und dann verlangt er. man solle ihm das Wort definieren. Eine nette Konfusion. Die Opposition scheint mir Haupt- sächlich von Delegierten zu kommen, die einmal im Parlament ge- festen oder die einmal hineinwollten oder die die Hoffnung ans- gegeben haben, je hineingewählt zu werden. Stuart hat sich über den Prinzipienmangel der Arbeiterpartei beklagt. Ich entsinne mich, als er in Dundee kandidierte. Wir gingen, um ihm zu helfen. An der Statton sagte uns ein Wahlagent:„Vergeht nicht, die» ist ein reiner Arbeiterkampf; verschont uns deshalb nur mit dem Schwenken der roten Fagge. Und da sehen wir unseren Freund Turner als Krittler des Parlamentarismus, er, der jahraus, jahrein mit der Mütze in der Hand vor dem Parlament erscheint, damit dieses Schutzgesetze für die Ladengehilfen erlasse. Ich protestiere gegen das zur Mode gewordene' unverantwortliche Prahlen mit dem Streik. Wichtiger als der Enthusiasmus in den Massenversamm- lungen ist da« Organisieren und Disziplinieren unserer Leute. S m i l l i e(Bergarbeiter): Ich bin ein alter Mann, der eS eilig hat. Ich fühle noch immer wie früher, daß es zu langsam voran geht. Es ist bedauerlich. daß die Frage des Syndikalismus nicht direkt zur Diskussion gestellt worden ist. Niemand scheint zu wissen, was der Syndikalismus ist. Wir haben deshalb auch kein Recht, ihn zu verdammen oder gutzuheißen. Es scheint mir jedoch, daß viele den Syndikalismus mit der Zentra- lisation der Gewerkschaften verwechseln. Ich trete für die Zentrali- sation der Gewerkschaften eines Berufes ein und gehe sogar so weit, die Zentralisation der gesamten Gewerkschaftsbewegung zu ver- langen. Von dem Generalstreik, von dem die Syndikalisten reden, haben wir letzthin in Großbritannien ein Beispiel haben. Unser Bergarbeiterstreik kam wohl der Idee der Syndikalisten sehr nahe. WaS hat nun der Generalstreik gezeigt? Hat er dem Kapitalismus weh getan? Die einzigen Menschen, die hungerten, waren Angehörige unserer eigenen Klasse. Wir standen am Rande des Bürgerkrieges, in dem das Blut unserer eigenen Klassengenosien vergossen worden wäre. Von Anfang bis zu Ende haben die Kohlenbesitzer nur Gewinn aus dem Kampfe gezogen. Das ist nicht die Art, dem Kapitalismus zu Leibe zu gehcn. Ablett hat die Arbeiterpartei angeklagt, daß unS diese in unserem Kampfe nicht beigestanden sei. Jedermann weiß, wie ich mir die Arbeiterpartei wünsche: aber es ist ungerecht, sie in dieser Sache zu kritisieren, wo sie uns als treuer Freund durch dick und dünn gefolgt ist. Mögen die jungen Leute sagen, was sie aus dem Herzen haben aber sie dürfen keine falschen Anklagen erheben. Die Abstimmung ergab folgende» Resultat: für die Resolution 1093 000, gegen: 43 000. wirtschaftlicher Wochenbericht. Die gegenwärtige Situation im Wirtschaftsleben wird mehr noch als in den Bormonaten dieses Jahres durch das Wort Hoch- konjunktur gekennzeichnet. Das Gesamtbild der meisten In- dustrien aller großkapitaiisttschen Staaten, die Beschäftigung und die Abschlußziffern der einzelnen Betriebe,' die Verhältnisie am Geld- markt und an den Börsen— alles steht im Zeichen der Hoch- konjunktur. Die verarbeitenden Industrien spüren dteie günstigen Zeiten am ehesten— in der Verteuerung der notwendigen Roh- Materialien, stöhlen, Eisen, Stahl, Zinn, Zink, Blei, Silber, kurz, alle mineralischen Rohstoffe erfuhren auf dem Weltmarkt wesentliche Preissteigerungen, die sich auf die Zwischen- und Ferttgfabrilate auSdehnlen. Die Ursache der hohen Preise, die lebhafte Nachfrage. hält weiter an. Die Beschäftigung der Industrie muß als eine besonders gute bezeichnet werden. Das trifft nicht nur für deutsche Verhält« nisse zu— obgleich hier die Verhältnisie am günstigsten liegen— sondern auch für Nordamerika. England. Frankreich, Belgien, selbst Rußland und Italien. Die Werke sind bis zu ihrer vollen LeistungS- föhigkeit beschäftigt. DaS wird sowohl vom amerikainschen Stohl- trust als auch von sämtlichen größeren Montanbetrieben Deutsch. landS berichtet. So sollen z. B. die Rheinischen Stahlwerke, eins der bedeutendsten reinen Wekke, bis zum zweiten Vierteljahr 1913 mit Auf» trägen versehen sein. An den reichlichen Aiisträgen find vor allein die Kohlen-, Eisen- und Stahlbetriebe, der Maschinenbau, die elektrische und chemische Industrie beteiligt. Auch die Textilindustrie ist in einzelnen Zweigen wenigstens besser beschäftigt als im Vorjahre. Ge-' klagt wird nur über die Lage des Baugewerbes. Aber auch hi-r ist zwischen den einzelnen Gegenden und Großstädten Deutschlands zu unterscheiden. In Magdeburg, Leipzig, Chemnitz. Mannheim, Königsberg wird rege gebaut. In anderen größeren Städten aller- ding« hält ein schlechterer Geschäftsgang an. Das trifft vor allem für G r o ß- B e r l i n zu. Durch eine Terrain- und Brnispelulation. die den wahrscheinlichen Bevöllerungszuwachs außer Acht ließ, ist ein Ueberangebot von großen und teucren Wohnungen zustande ge- kommen. Der Stillstand in der Bautätigleit ist wesentlich dem Um- stand zuzuschreiben, daß die großen Geldinstitute den Bauunternehmern den Kredit entzogen, nachdeni. sie ihn lange Zeit hindurch reich- lich gewährt hatten. Eine Reihe von Berliner BaukrachS sind dadurch entstanden, daß die Banken ihre Verpflichtungen gegenüber Bauleuten und Baugesellschaften lösten, die nun ohne jegliche Mittel in Konkurs fielen. Während bei den Zwangsverkäufen Lieseranren und Handwerker mit ihren Forderungen stetS ganz ausfallen, retten die Großbanken als Gläubiger der ersten Hypotheken stets wenigstens ihr Kapital, oft auch die Zinsen. Immerhin sollen die Verluste der am Terrain- und Baugeschäst stark interessierten Schaaffhausenschen Bank so groß sein, daß eine Ermäßigung d«r Divideade von 7V, auf 6 Proz. angekündigt wird. Infolge des Stillstandes auf detn Baumarkt einzelner Städte hat sich dann dort auch Arbeitslosigkeit eingestellt. Die übrigen Industrien können von Rekordziffern berichten. So ist_ die Roheisenproduktion Deutschlands im August um 1,1 Millionen Tonnen gegen den entsprechenden Monat des Vor- jahres gestiegen.� Das bedeutet eine Zunahme von 16 Proz. Aehnliche Produktionssteigerungen lassen sich für Kohle angeben. Erhöhte sich doch allein die Ausfuhr von Steinkohlen gegen August 1S11 um 6,1 Millionen Tonnen. Der Kapitalbedarf der Industrie hält daher weiter an. Neben der Montanindustrie sind daran besonders die Petroleum- und die Elektrizitätsindustrie be« teiligt. Durch die weitere Ausdehnung von Ueberlandzentralen und des elektrislben Antriebes für Vollbahnen st- igt die Nachfrage nach Elektrizität. So will die Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich, die an der Gründung und Finanzierung mehrerer deutscher und schweizerischer Gesellschasten beteiligt ist, ihr Kapital von 66 auf 75 Millionen Frank erhöhen. Auch die Petroleumindustrie be- gegnet immer größerer Nachfrage nach ihrem Produkt. Welt- Produktion und Einfuhr in Deutschland sind erheblich gestiegen. Innerhalb der � Montanindustrie hat die Braunkohlen- förderung eine ungewöhnliche Steigerung erfahren. Ihr pro- zentualer Anteil an der Gesamtkohlenförderung ist in den letzten Jahren gewachsen, während der der Steinkohle zurückging. Zur Hausfeuerung wird fast ausschließlich nur noch Braunkohle in Brikettform verwandt; aber auch für industrielle Zwecke ist der Verbrauch gestiegen. Infolge der Zunahme des Konsums haben die Außenseiter des Mitteldeuischen Braunkohlensyndikats an Bedeutung gewonnen. Gegen die„Ringfreien" droht nun das Syndikat mit seiner vorzeitigen Auslösung< April 1S13 statt 1914). Inzwischen rüsten die Werke durch Fusionen. Die Werschen-Weißenfelder Braun- kohlen-Aktiengesellschaft erwirbt 75 Kuxe der Gewerkschaft Elise II, um dort zwei neue Brikettwerke zu errichten. Die Braunkohlenwerke Leonhardt-Akticngesellschaft nehmen die Braunkohlen-Aktiengesellschafl „Vereinsglück" zu Meuselwitz in sich auf. Von der allgemeinen Besierung der Wirtschaftslage haben die Arbeiter allerdings kaum einen Gewinn. Abgesehen davon, daß die Arbeitslosigkeit außer der im Baugewerbe abgenommen hat, sind iu einigen wenigen Industrien auch die Löhne etwas gestiegen. So weisen die kürzlich veröffentlichten Zahlen der Bergarbeiterlöhne für das zweite Viertelsahr 1912 ein geringes Steigen auf, aber ohne noch immer die Hohe der Löhne von 1997 zu erreichen. Die gegen- wärtige Teuerung drückt aber trotz drescr geringen Besserung die Lebenshaltung wesentlich herab. Es ist daher kein Wunder, daß eine lebhafte Wanderung innerhalb Deutschlands und über die deutschen Grenzen hinaus eingetreten ist. Die elend entlohnten Grubensklaven Schlesien« wandern nach Westdeutschland. Die Berg- arbeiler deS Saargebietes verlassen die fiskalischen Zechen und suchen höhere Löhne in Rheinland-Westfalen. Und selbst aus diesem Ge- biet mit der relativ noch am leidlichsten Bezahlung wandern die Arbeiter nach Holland, Belgien, Frankreich, ja selbst Spanien, weil ihnen dort zum Teil besserer Lohn, zum Teil billigere Lebens- Verhältnisse winken. Auch die Verhältniffe am Geldmarkt spiegeln den starken Kapitalbedarf der Industrie wider. Geld ist selten und teuer. Der Privatzinsfuß wurde im August mehrfach erhöht. Die Bank von England setzte ihren Zinssatz von 8 auf 4 Proz. herauf. Die Deutsche Reichsbank ist bisher bei ihrem Satz von 4'/2 Proz. stehen geblieben. Da im Herbst aber, vor allem infolge des ErnteumsatzeS, die Geld- nachfrage steigt, ist wohl in nächster Zeit auch eine Erhöhung des Reichsbankzinsfußes zu erwarten. Verfügbares Kapital fließt in den Zeiten erhöhter Beschäftigung und guter Abschlüsse von Werken allein den Aktiengesellschastsunternehmungen zu. Die Kurse der Wert- Papiere zeigen daher weiter steigende Tendenz, während die Staats- renten fallen. Trotz der dauernden Auskäufe der preußischen Staatsbank, der Seehandlung, fielen in der letzten Wochefdie Staatspapiere wiederum. Den äußeren Anlaß dazu boten die pessimistischen Ausführungen des früheren Finanzministers Mermuth über die Reichsfinanzen. Verbandstag der Gärtner. Der Allgemeine deutsche Gärtnerverein hält gegenwärtig seine zehnte ordentliche Generalversammlung in Berlin ab. Nachdem am Sanntag eine festliche Veranstaltung in den Räumen des Ge- werkschaftshauscs stattgefunden hatte, wurden am Montag die Verhandlungen der Generalversammlung eröffnet. Ucber die Tätigkeit der Organisation gibt ein ausführlicher, gedruckter Geschäftsbericht Aufschluß, der sich auf die Zeit vom 1. Juli 1999 bis 30. Juni 1912 erstreckt. Wir entnehmen dem Bericht folgendes: Der Verein hat in der verflossenen Geschäftspcriode eine von Jahr zu Jähr ge- steigerte Mitgliederzahl zu verzeichnen: An dieser> Aufwärts- bewcgung sind alle Bezirke beteiligt, aber nicht alle Orte zeigen eine zunehmende EntWickelung. Die M i t g l i e d e r z a h l des Vereins ist im Laufe der Geschäftspcriode von 5958 auf 7213 ge- stiegen..Das ist eine Zunahme von 2185 Mitgliedern oder 43 Pro- zcnt. Auf die einzelnen Branchen verteilen sich die Mitglieder so: Landschaft 2997� Handelsgärtnerei 2991, Privatgärtncrci 11198, Staats- und Gemeinde betriebe 899, Blumen- und Kranzbinderei 125, Baumschulen 293, Gemüsegärtnerei 126, außerhalb des Be- rufs 349, nicht festzustellen 233.— Die verflossene Geschäftsperiode war reich an Lohnbewegungen. Im Jahre 1919 wurden in 25 Orten 24 Bewegungen geführt, die sich auf 447 Be- triebe mit 2993 Beschäftigten erstreckten. 13 Bewegungen mit 929 Beteiligten fanden ihre Erledigung ohne Arbeitseinstellung. In 19 Fällen kam es zu Streiks, an denen 619 Personen beteiligt waren. Außerdem kommt eine Aussperrung mit 84 Beteiligten in Frage.— Im Jahre 1911 wurden in 91 Orten 58 Bewegungen geführt, die sich auf 621 Betriebe mit 3832 Beteiligten erstreckten. 49 Fälle waren Angriffsbcwegungen. Davon wurden 84 ohne Ar- bcitseinstellung erledigt, während es in 15 Fällen zu Streiks kam. Von den Abwchrbewegungen wurden 2 ohne Arbeitseinstellung und 7 durch Streik erledigt. Von den 34 Angriffsbewegungen ohne Streik endeten 25 erfolgreich und 9 mit teilweiscm Erfolg. An den 15 Angriffsstreiks waren 967 Personen beteiligt. 11 Streils waren erfolgreich, 2 hatten teilweisen, 1 keinen Erfolg. Von den Abwehrstreiks waren 4 erfolgreich und 3 erfolglos.— Im Jahre 1912(bis 39. Juni) wurden ,n 49 Orten 43 Bewegungen geführt, die sich auf 535 Betriebe mit 2695 Beteiligten erstreckten. 42 waren Angriifsbewcgungcn, eine galt der Abwehr. Von den ersteren wurden 25 ohne Streik erledigt, 17 führten zum Streik. 19 dieser streiklosen Bewegungen waren erfolgreich, 4 hatten teilweisen, 2 keinen Erfolg. An den Angriffsstreiks waren 737 Personen be- teiligt. Von den Streiks waren 19 erfolgreich, 5 hatten teilweisen. 1 keinen Erfolg.— Zurzeit bestehen 29 Tarifverträge für 429 Be- triebe mit 1239 Beschäftigtem Außerdem gibt es eine Anzahl von Verträgen mit Einzelfirmen. Der Kassenbericht zeigt für die dreijährige Geschäfts- Periode eine Einnahme von 392 795,56 M., eine Ausgabe von 257 673 81 M.. es bleibt ein Bestand von 45 921,75 M.— Für Unt-rstützungSzwecke wurden ausgegeben a» Arbeitslose 39 553 M., an Reisende 2349 M., an Kranke 6236 M., an Gemaßregelte 1269 Mark, Lohnbewegungen im eigenen Beruf 42 249 M., Streiks in anderen Berufen 1999 M., Sterbe-, Not- und llmzug'unterstützung 4284 M.— Tie Agitalion erforderte eine Ausgabe von 12 823 M. Für Bildungszwccke wurden 1670 M. ausgegeben. Der Verein unterhält in 14 Orten Arbeitsnachwelse, die im Jahre 1911 3135 Stellen befltzten. während sich 4791 Ax. bcitsuchende eintragen ließen. Besonders günstig steht der Ar- bcitZncichweiS in Düsseldorf da. Berlin nimmt wohl die ungün. stigste Stellung auf dem Arbeitsmarkt ein. Durch starken Zuzug von außerhalb ist hier stets eine große Zahl Arbeitsloser vorhan. den. die natürlich lohndrückend wirken.— Die Arbeitgeberorgani- saiioncn benutzen ihre ArbeitsMchweise nur zu Maßregelungen und Heranziehung vrn Lohndrückern. Besonders trifft das für den Nächweis deS Arbeitgeberschutzverbandes Groß-ILerlin zu..Tie ganze Enkwickelustg der ArbeitsstAchweise"—- sagt der Bttichk „sollte unseren Arbeitgebern gezeigt haben, daß ein gutfunktio- mercnder Arbeitsnachweis, den die Unternehmer mehr bedürfen als wir, nur auf paritätischer Grundlage mit Hilfe von Tarif- Verträgen möglich ist. Wir schätzen die Einsicht der Arbeitgeber aber nicht so hoch ein, daß wir eine baldige Wendung nach dieser Richtung für möglich halten." Im Bericht werden auch die gegnerischen Organi- s a t i 0 n e n erwähnt. Der Christlich-nationale deutsche Gärtner- verband gibt für das Jahr 1911 eine Mitgliederzahl von 891 an. Nach den gezahlten Beiträgen berechnet beträgt die Mitgliederzahl aber nur 799. Die Haupttätigkeit des christlichen Verbandes ist nicht die Aufbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse, sondern die Bekämpfung der sozialdemokratischen Organisation, womit der Allgemeine deutsche Gärtnerverein gemeint ist. Also nicht gewerk- schaftliche, sondern politische Tätigkeit ist die Aufgabe des christlichen Verbandes. Das erklärt seine Erfolglosigkeit auf gewerkschaftlichem Gebiet.— Der Verband deutscher Privatgärtner gibt eine Mit- gliederzahl von durchschnittlich 2254 für das Jahr 1911 an. Aus der Abrechnung ergibt sich aber, däß wenn pro Mitglied nur 19 Monatsbeiträge gerechnet werden, bloß 1635 Mitglieder vor- banden sein können. Rechnet man mit 12 Monatsbeiträgen, so kommen nur 1362 Mitglieder heraus. Dieser Verband hat immer- hin eine größere Anzahl von Herrschaftsgärtnern in seinen Reihen gesammelt, aber eine gewerkschaftliche Tätigkeit entfaltet er nicht, er stellt sich vielmehr den Bestrebungen des Allgemeinen deutschen GärtnervereinS hindernd in den Weg. Der Verband der Privat- gärtner kann ja auch für die wirtschaftliche Besserstellung seiner Mitglieder nichts tun. denn er hat eine Anzahl städtischer Garten- direktoren, Exzellenzen und Freiherren als Ehrenmitglieder. Den Vorsitz des Verbandes führt der städtische Garteninspektor Jung- Köln. Dieser Verband ist also zu den gelben Organisationen zu rechnen.— Lokale Organisationen ähnlichen Charakters'bestehen in verschiedenen Orten. Nach Eröffnung und Konstituierung der Generalversammlung erhielt der Vereinsvorsitzende L e u s ch das Wort zum G e- schäftsbericht. Seine Ausführungen ergänzten den gedruckten Bericht. Außerdem gab er Anregungen hinsichtlich der Agitation, der örtlichen Verwaltungen und anderer innerer Angelegenheiten der Organisation. Er gab der Erwartung Ausdruck, daß die Or- gonisation in der Zukunft einen weiteren erfreulichen Aufschwung erleben werde. Der Verbandsvorsitzende Kunze konstatierte in seinem Be- richt, daß erhebliche Beschwerden über den Vorstand nicht vor- lagen und der Ausschuß sich nur mit Angelegenheiten mehr for- maler Art zu beschäftigen hatte. Redakteur A l b r e ch t gab einen Ueberblick über die redak- tionclle Haltung und die geschäftliche Lage des Vereinsorgans,„All- gemeine deutsche Gärtnerzeitung". Neben der Aufklärung der Mitglieder hat das Blatt seine ganz besondere Aufmerksamkeit der Bekämpfung des Kost- und Logiszwanges gewidmet. Nicht nur Artikel, sondern auch Bilder miserabler Logis wurden veröffentlicht. Infolgedessen sind manche der gekennzeichneten Logis verschwun- den oder verbessert worden. Gerade die Zeitung sei berufen, die Mißstände auf dem Gebiet des Kost- und Logiswesens zu beleuchten und dadurch das System selbst zu bekämpfen. Auch ferner werde dieser Kampf mit aller Kraft weitergeführt werden. Die Diskussion über den Geschäftsbericht gestaltete sich zu einer sehr ausgedehnten, doch wurden Angelegen- heilen von allgemeinem Interesse nicht erörtert. Die meisten Redner erklärten sich mit der Tätigkeit des Vorstandes einverstanden. So- weit es in wenigen Einzelfällen nicht geschah, gaben örtliche An- gelegenheiten den Anlaß zu einer gewissen Unzufriedenheit. Einig- keit herrschte darin, daß der Kost- und LogiSztvang entschieden be- kämpft werden muß. Es wurde anerkannt, daß die„Allgemeine Deutsche Gärtnerzeitung" in dieser Hinsicht erfolgreich vorgegangen ist.— Ueber die Haltung gegenüber den Christlichen waren die An- sichten verschieden. Während auf der einen Seite die Meinung ausgesprochen wurde, der christliche Gärtncrverband habe gar keine Bedeutung und verdiene deshalb keine Beachtung, war man auf der anderen Seite der Meinung, daß die Christlichen im rheinisch-wcst- fälischen Industriegebiet auch unter den Gärtnern eine lebhafte Agitation entfalten, der man mit einer Gegenagitation begegnen müsse. Aus diesem Grunde und weil im genannten Industriegebiet die Zahl der in städtischen Anlagen beschäftigten Gärtner ständig wächst, wünschte ein Redner die Anstellung eines Vereinsbcamten in Essen, Ferner wurde bemerkt, daß sich in Köln eine gelbe Or- ganisation der in Blumengeschäften Angestellten gebildet hat, die sich zu einer Zentralorganisaiion dieser Branche über ganz Deutsch- land auszudehnen bemüht, einer Absicht, der man rechtzeitig ent- gegentreten müsse. Nachdem die Diskussion erschöpft war, ging der Vorsitzende B u s ch in seinem Schlußwort auf die Einzelheiten der Debatte ein, die er vom Standpunkte des Vorstandes beleuchtete. Ein Antrag des Vorstandes:„Für die Hauptverwaltung ist ein Hanptkassiever anzustellen", wurde angenommen.— Abgelehnt wurde ein von Hamburg gestellter Antrag, welcher verlangt, daß Ausschußmitglieder kein Amt im Ortsvorstand oder in der Agita- tionsleitung bekleiden dürfen. Dem Bericht der Mandatsprüfungskommission zufolge sind die Mandate der anwesenden 34 Delegierten als gültig zu erachten. Der Hauptverwaltung wurde einstimmig Entlastung erteilt. Soziales. Gegen' die Landkrankenkassen. Bekanntlich haben die Einzelstaaien das Recht, die durch die ReichsversicherungSordnung neu geschaffenen Landkrankenkassen generell auszuschließen. Wo das nicht geschieht, kann trotzdem die Gründung einer Landkrankenkasse unterbleiben, wenn das VerstcherungSamt nach Anhörung der beteiligten Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Bedürfnis für eine Landkrankenkasse verneint und daS OberversicherungSamt der "Mchterrichtung zustimmt. In Königsberg i.Pr. wandten sich die gesamten Orlskrankenkassenvorstände mit einer Eingabe an daS BerficherungS- amt, worin sie ersuchten,� von der Errichtung einer Landkrankcnkasse Abstand zu nehmen. Sie wiesen auf die Unzulänglichkeit dieser Einrichtung hin und besonders darauf, daß die Landarbeiter und Hausgewerbetreibenden in Königsberg schon jetzt durch Ortsstatut versicherungspflichtig und bei den Ortskranken- kästen angehörig feien. Die Gründung einer Landkrankenkasse würde nicht nur für die Versicherten, sondern auch für die Arbeitgeber zu vielen nnangcnehmen Streitsragen führen. DaS Ver- sicherungsamt berief nunmehr die beteiligten Arbeitgeber und Versicherten, die eventuell der Landkrankenkasse unterstellt sein würden, zu einer Versammlung ein, behufs Aeußerung über daS Bedürfnis für eine Landkrantenkasse. In dieser Versammlung erklärten sich sämtliche erschienenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gegen die Errichtung einer Landkrankenkasse. Insbesondere auch die Arbeit- geber erklärten, daß sie einer solchen Kasse, die ihnen keine Rechte gewährte, nicht mit Vertrauen gegenüberstehen könnten. Da nunmehr daS Versicherungsamt die Bedürfnisfrage zweifellos verneinen wird, wird eine Landkrankenkasse in Königsberg nicht errichtet werden und die landkassenvflichtigrn Personen kommen damit in die allgemeine OltSkrantenkasse. In Betracht kommen 19—15 909 Perionen. Es kann nur empfohlen werden, überall, mindestens in den größeren Städten, in ähnlicher Weise vorzugehen. Hua InduFtrie und Handel. KaPitalSerhöhnng der A. E. G. Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft wird ihr Kapital um 25 Millionen Mark auf 155 Millionen Mark erhöhe». Ursprünglich betrug daS Kapital der A.-E.-G. 5 Millionen. Die erste Erhöhung erfolgte um 7 Millionen im Jahre 1S87, die letzte um 89 Millionen im Oktober 1S10. Auf je 7 alte Aktien wird den«nteilvesttzern eine neue zum Kurse von 219 Proz. angeboten werden. Da die Aktien heute auf 268 stehen, gewinnen die Aktionäre durch dies Bezugsrecht über 1 Million Mark. Für die Gesellschaft stellt sich die Kapitalserhöhung durch den Verkauf zudem höheren Kurs tatsächlich auf mehr als 55 Millionen Mark. EntWickelung des WarenhausbetriebeS in Preußen. Die preußische Regierung übermittelte der Immission für Handel und Gewerbe des preußischen Abgeordnetenhauses, die über den Antrag Hammer zur Reform der Warenhaussteuer zu beraten hatte, Material über die Erträge der Warenhaussteuer in Preußen. Dieses Material gestattet einen guten Ueberblick über den Umfang der preußischen Warenhäuser. Im Jahre 1995 hatte Preußen 87 steuerpflichtige Warenhausbetriebe mit einem steuerpflichtigen Umsätze von 176129 999 M. Der steuerpflichtige Ertrag belief sich auf 9 429 999 M. oder 5,3 Proz. vom Umsätze. Mit Ausnahme des Jahres 1999, wo die Zahl der Betriebe um 3 Proz. sank, ist eine ununterbrochene Vermehrung der Warenhausbetriebe zu verzeichnen. Im Jahre 1911 haben 196 Botriebe einen Umsatz von 295 899 999 Mark mit einem Ertrage von 13 799999 M. oder 4,8 Proz. des Umsatzes. Im ganzen stieg die Zahl der steuerpflichtigen Betriebe um 21,8 Proz., der Umsatz um 67,9 Proz., der Ertrag um 46.4 Proz. Bis zu dem Umsätze von 1 Million Mark sind die einzelnen Gruppen verhältnismäßig schwach besetzt. In der Umsatzgruppe 559 999 M. bis 699 999 M. gibt es drei Warenhäuser mit einem Umsätze von 1 759 999 M. Der steuerpflichtige Ertrag beläuft sich auf 351 999 M. oder 29 Proz. vom Umsatz. Im ganzen sind in der Gruppe bis zu 1 Million Mark 36 Warenhäuser vertreten mit einem Umsätze von 27 159 999 M. und einem stsuerpflichtigen Ertrage von 2 238 999 M. In den höchsten Stufen von 1 Million bis 3 Millionen Mark sind im ganzen 41 Warenhäuser vertreten mit einem steuerpflichtigen Umsätze von 255 259 999 M. und einem steuerpflichtigen Ertrage von 19 475 999 M. Wie man aus den Zahlen sieht, wachsen die Zahlen des Uirt* satzes der großen Warenhäuser recht beständig. Während im Jahre 1919 einzelne Gruppen in ihrem Ertrage zurückgingen, so daß das Gesamtergebnis zurückgedrückt wurde, zeigt das letzte Jckhr bei den Warenhäusern mit hohen Umsatzzahlen wieder hohe Erträge. 44 Warenhäuser hatten bis 5 Proz., 49 hatten 5 bis 19 Proz. und 22 mehr als 19 Proz. Ertrag. Wenn man für die Ertragsfähigkeit der großen und kleinen Warenhäuser auch keine bestimmten Regeln aufstellen kann, so ergibt sich doch eins mit Gewißheit, daß der Detailhandel sich in seiner Entwickelung zum Großbetriebe bewegt. Warenhäuser sind kapitalistische Betriebe, die den Warenverteilungsprozetz mit Hilfe des Großbetriebs regeln. Die Konsumvereine haben in vielen Warengruppcn die gleichen Aufgaben wie die Warenhäuser. Auch sie wollen mit Hilfe des Großbetriebs dem Detailhandel neue Wege weisen. Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen dem Warenhaus und dem Konsumverein. Ist das Warenhaus ein Groß- betrieb zum Zwecke, profitable Geschäfte zu machen, so sieht der Konsumverein von dieser Tendenz ganz ab. Alle Vorteile, die ihn der Großbetrieb gewährt, kommen den Inhabern des konsum- genossenschaftlichen Geschäfts, den Mitgliedern der Genossenschaft, vollinhaltlich zugute. Die Entwickelung der Warenhäuser zeigt, daß der Konsum sich bei der Bedarfsdeckung des Großbetriebs mit Vor- liebe bedient. Um so eher wird der Konsument die Vorteile des Großbetriebs wahrnehmen, wenn ihm die ganzen Vorteile des Großbetriebs selbst zugute kommen. Hub aller Melt. Schwere Kataftrophen bei Sportveranstaltungen. Ein furchtbares Aeroplanunglück ereignete sich am Sonntag« nachmittag gegen 4 Uhr auf dem Flugfelde von Saint-Adrion im östlichen Frankreich. Auf dem Flugfelde waren Flugveran- staltungen angesagt worden und es hatte sich eine große Zu» schauermenge dazu eingefunden. Ms der Flieger B e a r d sich auf seinem Eindecker erheben wollte, verlor er die Herr» schaft über seine Maschine und, anstatt aufzusteigen, sauste der Apparat mit voller Geschwindigkeit in die dicht gedrängte Zuschauermenge hinein. Der Propeller, der sich in rasender Umdrehung befand, tötete auf der Stelle vier Zuschauer und verwundete sieben bis acht andere zum Teil sehr schwer. So wurden einer Person beide Hände abgeschlagen. Die Zuschauer gerieten in wahnsinnige Aufregung. Einige hatten die Geistesgegenwart, sich auf den Boden zu werfen, sodaß der Apparat über sie hinwegfuhr. Fast gleichzeitig ereignete sich bei einer anderen sport- lichcn Veranstaltung ein noch schwereres Unglück. Auf der Radrennbahn in Newark im Staate New Jersey fand am Sonntagnachmittag ein Motorradrennen statt. Der bekannte amerikanische Fahrer Eddin Pascha verlor, während seine Maschine mit 99 englischen Meilen Geschwindigkeit durch die Bahn raste, die Kontrolle über sein Rad, wurde herab« geschleudert und g e t ö t e t. Die Maschine durchbrach sodann das Eisengitter des Zuschauerraumes, tötete sechs Personen und verwundete viele schwer. Im Bogen sprang die Maschine dann wieder in die Rennbahn zurück, gerade als der Fahrer Albright vorbei fuhr, warf ihn nieder, schleuderte ihn 39 Meter weit durch die Luft, so daß er t 0 t zu dcn Füßen seiner Frau niederfiel. Der Zuschauer bemächtigte sich eine Panik. Mehrere Personen wurden in dem Gedränge zu Boden ge» worfen und verletzt._ Massenvergiftungen nach Pilzgenust. Auch heute wieder werden zahlreiche Todesfälle nach dem Genuß giftiger Pilze gemeldet. In das Posener Diakonissen» haus wurde die aus sieben Personen bestehende Familie eines Gutsvogts eingeliefert, vier Familienmitglieder sind bereits gestorben. Ferner sind in einer Ortschaft bei Gnesen drei Personen nach dem Genuß von Pilzen g e- storben. Auf dem Wute Widawy sind von 11 erkrankten Personen vier gestorben. In einer Ortschaft im Kreise Kulm erkrankte eine Waldarbeiterfamilie aus sechs Per- sonen. Ii, einer Ziegelei bei Elbing erkrankte eine aus drei Personen bestehende Arbeiterfamilie. Ein Familienmitglied ist gestorben, während die beiden anderen ebenfalls kaum ge- rettet werden durften._ Doppelter Gattenmord. Ungeheures Aufsehen hat in New Jork das Geständnis der Frau des MühlenbesitzcrS Bailey hervorgerufen, die vor dem Untersuchungsrichter aussagte, daß sie ihren Mann in den Keller deS Hauses gelockt habe, wo ihn der Direktor der Mühle, Watson, mit einer Axt niederschlug. Frau Bailcy unterhielt mit Watson ein Liebesverhältnis. Der letztere war an- wesend, als sie vor dem Untersuchungsrichter ihre Aussagen machte. Frau Bailey wandte sich am Schluß ihres Geständnisses an ihren Geliebten mit den Worten: Nun komm, laß uns zusammen sterben. Darauf sank sie laut weinend zu seine» Füßen nieder. Watson beugte sich nieder und hob die völlig geknickte Frau zu sich empor und küßte sie. Großes Aufsehen rief es hervor, als W a t s 0 n die Aussagen der Frau Bailey bestätigte und hinzufügte, daß er drei Monate vorher seine eigene Frau getötet habe. Er motivierte die schreckliche Tat damit, daß er nicht mehr länger getrennt von feiner Geliebten leben wollte. Nachdem auch der Gatte der Frau Baileh aus dem Wege geräumt war, hofften fie, ftch zu verheiraten._ Aus der Not eine Tugend gemacht. In den Kreisen der amerikanischen Gesellschaft ist eS in den letzten Jahren Mode geworden, die bei den Reisen nach dem europäischen Kontinent aufgekauften Schmucksachen bei der Rückkehr unverzollt ins Land zu schmuggeln. Der ainerikanische Lederlönig Nathan A l l a n, der seit einiger Zeit im Verdacht stand, Dia» n, anten nach Amerika eingeschmuggelt zu haben, hat sich bereit erklärt, um sich von dem Verdacht zu reinigen, frei- willig eine Summe von 250000 Dollar an die amerika- nischen Zollbehörden zu entrichten. Nach der von Mr. Allan vor- genommenen Selbsteinschätzung scheint er ja einen halben Juwelier- laden eingeschuggelt zu haben!_ Neue Durchsuchung der Unglückszeche Clarence. In B e t h u n e fand eine Konferenz der Grubeningenieure und Arbeiter der Unglückszeche Clarence statt, an der auch ein Vertreter des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten teilnahm. Es handelte sich darum, darüber Beschlust zu fassen, ob man noch einen weiteren Versuch machen solle, in den brennenden Teil der Grube vorzu- dringen, um nach etwaigen Ueberlebenden zu forschen. Der Ver- treter des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, Direktor W e i l l, erklärte, dast man sicher sein könne, dast eS in dem brennenden Grubenteil keine Ueberlebenden mehr gebe. Trotzdem wurde be- schlössen, noch einmal eine Rettungskolonne in den Schacht zu schicken, um einen neuen Vorstost gegen den brennenden Schachtteil zu unternehmen. Nach den endgültigen Feststellungen sind bei dem Unglück 88 Personen getötet oder verletzt worden, wovon 42 Tote noch nicht geborgen find._ Ein schnell Entschlossener. Eine ergötzliche Geschichte, die von dem.Rocord' aus Philadelphia gemeldet wird, macht die Runde in den ameri- konischen Blättern. Der Held der Geschichte ist ein Bureaubeamter in Cincinnati, nameiks W a t e r S. Am letzten Donnerstag vor- mittag um 10 Uhr wohnte WaterS der Trauung einer seiner Freunde ans dem Standesamt als Zeuge bei. Eine Stunde später, um 11 Uhr, erschien er schon wieder auf dem Standesamt, um sich von feiner Frau, mit der er seit 24 Jahren verheiratet war, scheiden zu lassen. Um 12 Uhr erschien er abermals in Begleitung einer Frau C r o t t y aus Ohio, die erst am Abend vorher von ihrem Manne geschieden worden war, um mit ihr in den heiligen E h e st a n d zu treten. Um 3 Uhr nachmittags war die neue E h e- s ch l i e h u n g bereits vollzogen. Für einen Tag immerhin eine ganz respektable Leistung._ Kleine Notizen. Revolverattentat. In der letzten Nacht wurde in Düffel- d o r f die Ehefrau P o r t w i g aus Wersten von dem Arbeiter Wirtz auf der Straste erschossen. Wirtz wollte den Schust auf den Bruder der Frau abgeben. Er txaf austerdem einen u n- beteiligten Mann, der schwer verletzt wurde. Der Täter wurde verhaftet. Tanz„vergnügcn". Auf einem Tanzsaal zu Unterröppisch (Reust) entstand in der vergangenen Nacht eine Schlägerei zwischen polnischen und böhmischen Arbeitern, in deren Verlauf ein Arveiter durch Messerstiche getötet, ein zweiter tödlich und mehrereandere schwerverletztwurden. Schwerer Betriebsunfall. Wie das.Luxemburger Wort' meldet, stürzten am Sonntagmorgen in dem Betriebe der Gerberei Lambert in Luxemburg sechs Arbeiter in eine Grube. Vier sind tot, zwei konnten gerettet werden. Grubenunfall in Frankreich. Eine Kohlenstaubexplosion, bei der zwei Arbeiter ums Leben kamen, hat sich, wie aus Ma?on gemeldet wird, in dem Schacht des Kohlenbergwerks Chapelle-fous- Dun ereignet. Von einstürzenden GesteinSmassen wurden zwei Arbeiter verschüttet, die man nach vielen Mühen nur als Leichen zu Tage fördern konnte. Einsturz einer Maschinenfabrik. Ein Teil der Werkstätten der großen Eisen- und Maschinenfabrik von Riera in Barcelona stürzte am Sonntag aus noch unbekannter Ursache plötzlich ein und begrub neunArbeiter unter sich. Zwei von ihnen konnten nur als Leichen aus den Trümmern hervorgezogen werden, die anderen sieben wurden schwer verletzt ins Hospital gebracht. Zum Glück geschah das Unglück abends, als die Arbeiter zum größten Teil bereus die Arbeitsstätte verlassen hatten, andernfalls wäre ein unabsehbares Unheil angerichtet worden. Marktbericht von Berlin am 7. September ISIS, nach Ermittelung des königl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00— 50.00. Speisebohnen, weiße. 30.00—50,00. Linsen 35,00—70.00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 6,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule l,80— 2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,50—1,90. Schweinefleisch 1,60—2,40. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,70— 2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60— 6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,40—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1,40-2,80. Barsche 1,00—2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80-1,80. 60 Stück Krebse 3,00—40,00. Todes-Anzeigen Sozialdeniokratischer Wahlverein Iii Berl. Reichstagswahlkreis. Frankfurterviertel. 14.Abt. Bez.156. Den Mitgliedern zur Nachricht, dast unser Genosse Domke (Blumenstr. 79) gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den ll. September, nach- mittags 3'/- Uhr, von der Halle des st. Philippus-Apostel-Fried- hoses, Müllers«. 44/45, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht vvi» Voi-ntand. Sozialdemokratischer Wahlverein I. d. 6. Berl. Reichstagswahlkreis Nachruf. Am 6. September verstarb unser Genosse, der Schlosser Gustav Behnke Metzer Str. 16.—(Bezirk 480.) Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung fand bereits gestern Montag, den 9. Sep- tember, aus dem Immanuel- Kirchhos statt. 232/6 Der Vorstand. Sozialdemokrat. Wahlverein llir d. Reichst-WahlkrJederbarnim Bezirk Tegel. Am 7. September verstarb unser Genosse, der Arbeiter Karl Fritz Schlieperstr. 45. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, den 11. Sept., nachm. 5'/, Uhr, von der Leichenhalle aus aus dem Gemeindesriedhof statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet Der Borstand. ZentralveM der Schmiede. Zahlstelle Berlin. Kachrnt. Den Mitgliedern zur Nachricht, baß der Kollege Oswald Basse am 3. September verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung fand bereits statt. 176/6 Sie Ortsverwaltung. Hiermit die traurige Nachricht, daß unsere Mutter, Großmutter und Schwiegermutter IIiereLö Veidmilller geb. Jfilmert am 8. d. Mts., nach längerem, schwerem Leiden verstorben ist. ' Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 11. September, nach. mittags 5 Uhr. von der Leichen- halle des Gemeinde- Friedh oses zu Weißensee, Rölkestraße, aus Oie trauernden Hinterbliebenen. Danksagung Rür die reichen Kranzspenden und rege Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben.unvergeßlichen Mannes, des Tischlers Ferdinand llriiger. sage ich allen Verwandten, 0�u"den, Bekannten, dem 4. Berl. Reichstags- ttflb rr»'«. dem 412. Bezirk und den Angestriuc» der Brauerei Patzenhoser meinen herzlichen Dank. 86a Witwe Krüger. Danksagung. Für die Unterstützung und liebevolle Teilnahme während der Krankheit und bei der Beerdigung unserer Tochter Barle sagen wir allen Kollegen und Kolleginnen des Metallarbeiter-Ver- bandes unseren herzlichsten Dank. 2l4b A. Rcgelcr u. Fran Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstp. 41,«tÄ 10—2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Oskar Wollburg Trauer> Magazin Berlin N., BrunnenstraBe 66. Große Auswahl in schwarzer Konfektion; auch einz. Röcke, Blusen, Hüte etc. Anfertigung nach MaB in 12 Stunden. Aenderungen sofort.* Klnmeu- ttttü Kransbiudem von Roberl Meyer,* Jnh.: P. Crolletss nur Mariamttn-straße 2. Telephon: Moritzplaq 346. 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Auf den am Mittwoch stattfindenden Zahl abend der Taubstummen werden die Mitglieder besonders auf merksam gemacht, da es sich um Entscheidungen von weit tragender Bedeutung handelt, z. B. Neuwahl des Vertrauens niannes u. a. Dritter Wahlkreis. Für die Bezirke 232, 233, 23S und 237 findet ein gemeinschaftlicher Zahlabend bei Hennig, Alexandrinen- strafie 44 statt. Vortrag des Genossen Sassenbach über: Monarchie und Demokratie. Einen gemeinschaftlichen Zahlabend halten die Bezirke 233, 240 bis 242, 249 und 249a im Dresdener Garten, Dresdenerstr. 45 ab. Vorttag des Genossen Adolf Ritter über: Der Zweckverband von Groß-Berlin und seine Aufgaben. Fünfter Kreis, 3. Abteilung. Am Mittwoch, den 11. September- abends pünktlich 8'/z Uhr. bei Sengespeick, Keibelstr. 39, gemeinsamer Znhlabend. Vortrag des Genossen P i e ck- Steglitz:„Rcorganisations tragen". Johannisthal. Am Mittwoch, den 11. September, pünktlich b>/z Uhr, im Restaurant Lindenhos.Jugendheim": Mitgliederver- sanimlung. Tagesordnung: 1. Geschäftliches, 2. Berichte von den Kreis- und Verbandsgeneralversammlunge». 3. Diskussion über die selben. 4. Diskussion über die Reorganisation der Berliner Partei organisation. 5. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. KönigS-Wusterhausen. Der Zahlabend findet nicht am Mittwoch. den 1l, Sepleniber, sondern erst am Mittwoch, den 18. Sep- t e m b e r. statt. Dafür wird am Mittwoch, den 11. September, abends 8 Uhr, im Lokale Wedhorn eine Volksversammlung zur TeuerungSfrag� Stellung nehmen. Das Referat hat Reichstags- abgeordneter Genosse Z u b e i l übernommen. Sorge jeder Genosse und jede Genossin für guten Besuch der Versammlung. Alt-Glienicke. Der morgige Zahlabend findet für den I. Bezirk bei Genossen Ritze, für den II. Bezirk bei Genossen Viganski statt. Für de» Oristeil Falkenberg wird der Zahlobcnd erst am Sonn- abend, den 14. Seplember, abgehalten. Der Vorstand. Spandau. Heute Dienstagabend findet von sämtlichen Bezirks- lokalen ans eine allgemeine Flugblatlverbreitung statt. Pfltcht eines leden Genossen ist zu erscheinen. Der Vorstand. Lerlmer I�aebrichten. Von der Brotteuerung. Das Statistische Amt der Stadt Berlin berichtet jetzt über die Ermittelungen der.B erlin er Brotpreise aus dein Juli dieses Jahres. Es hat pro Kilogramm Roggenbrot einen durchschnittlichen Preis von nun bereits oO�ho Pf. her- ausgerechnet, das ist um 21/4 Pf. mehr als in, vorjährigen Juli. Das..Fünfgroschenbrot" wog im Juli dieses Jahres durchschnittlich nur noch 3»/,, Pfund. Wie weit soll das reichen, wenn in einer Familie ein Halbdntzend Kinder satt gemacht werden wollen? In demselben Monat kostete das Kilogramm Weizenbrot (Schrippen) durchschnittlich 55*1� Pfennig, noch um l9l10 Pfennig mehr als im vorjährigen Juli. Ivo der Preis für Weizenbrot ohnedies schon unerträglich hoch stand. Die mit 2'/, Pfennig bezahlte„ D r e i e r s ch r i p p e" war im diesjährigen Juli so leicht, dast sie ein Durchschnittsgewicht von nur 45 Gramm hatte.„Fünfgroschenbrot" und..Dreierschrippe" wiegen in manchen Bäckereien mehr, als diese Durchschnitte angeben. Dafür sind sie aber in manchen anderen Bäckereien um so kleiner und leichter, so dag man sie in einem Hungersnot- museum als Sehenswürdigkeit für. spätere Geschlechter auf- bewahren möchte. Eine Frucht der zuuehmenden Abwendimg von der Kirche. Ans dem bei Friedrichsfeldc gelegenen Gemeinde- friedhof der Stadt Berlin haben schon seit einer Reihe von Jahren auch diejenigen Beerdigungen, deren Kosten von den Hinterbliebenen bezahlt wurden, alljährlich sich be- trächtlich gemehrt. Daß diese EntWickelung sich aus der in weiten Kreisen der Bevölkerung immer mehr wachsenden Ab- neigung gegen die Kirche erklärt, ist im«Vorwärts" wieder- holt hervorgehoben worden. Auch das Elatsjahr 1911(1. April 1911 bis 31. März 1912), aus dem jetzt der Magistrat den Verwaltungs- bericht des Bestattnngskuratoriums veröffentlicht, hat deni Gemeindefriedhof wieder eine Mehrung der be- zahlten Beerdigungen gebracht. Diesmal wurden dort 6232 Personen beerdigt, davon auf Kosten der Stadt 3957 Personen(1738 Erwachsene. 2219 Kinder), außerdem als Anatomieleichen 698 Personen(d. h. die Asche der von der Anatomie zurückgegebenen und dann verbrannten Leichen- teile), ferner auf Kosten der Angehörigen 1667 Personen (1318 Erwachsene, 349 Kinder). Gegenüber dem vorher- gehenden Jahre, wo auf Stadtkosten 3544 Personen, als Anatomieleichen 666 Personen, auf Kosten der An- gehörigen 1484 Personen beerdigt wurden. ergibt sich für 19ll ein Mehr von 413 Beerdigungen aus Stadtkosten und ein Mehr von 233 Beerdigungen auf Kosten der Angehörigen. daneben ein Weniger von 58 Anatomieleichen. In den fünf Etatsjahren 1996— 1919 wurden auf dem Gcmeindefriedhof 866, 935, 1198, 1298, 1434 Personen gegen Entrichtung der Gebühren beerdigt, hiernach war für das Etatsjahr 1 9 1 1 mit 1667 solcher Beerdigungen die Zahl ziem- lich doppelt so groß wie fünf Jahr vorher. Gegen Gebühren wurden auf diesem Friedhof, der seit 1881 besteht, in den ersten sechs Jahrfünften 158, 487, 546, 1445, 3451, 5641 Personen beerdigt. Man sieht, wie sehr besonders in den letzten beiden Jahrfünften 1991—95 und 1996—19 diese Beerdigungen immer zahlreicher geworden sind. Nehmen wir dazu die Beerdigungen aus 1911, so sind da draußen in 31 Jahren zusammen 12 395 Personen auf Kosten der Angehörigen beerdigt worden. Es ist ohne weiteres begreiflich, daß solche Zahlen Anhängern und Förderern der Kirche sehr unerfreulich scheinen. Weil die Kirche mit„geistigen Waffen" nichts gegen die Ab- Wendung von ihren Friedhöfen vermag, möchte man der weiteren Ätehrung nichtkirchlichcr Friedhöfe Einhalt gebieten. Die„dem Volk die Religion erhalten" möchten, sehen es mit wachsender Sorge, daß nicht nur die Lebenden immer mehr der Kirche fern bleiben, sondern auch die Toten immer mehr den kirchlichen Friedhöfen entzogen werden. Auf dem Gemeinde- friedhof der Stadt Berlin ruhen ja neben Konfessionslosen, di� sich bereits von ihrer Rcligionsgesellschaft losgesagt hatten, auch solche Verstorbenen, die das noch nicht gewollt oder gedurft hatten. Jeder Verzicht auf eine Ruhestätte in dem„ge- weihten Boden" eines konfessionellen Friedhofes ist von sehr fühlbarem Einfluß auch auf die Einnahmen der Kirche, da ihr mit den Toten zugleich die Gebühren verloren gehen, die für Beerdigung, Grabpflege usw. zu zahlen wären. Wir Sozialdemokraten fordern, daß die Stadt- gemeinde auf ihrem konfesstonsfreien Friedhof die B e- erdigungen allgemein unentgeltlich gewähren soll. Die Pastoren samt ihren paar Gläubigen mögen„ihrem Schöpfer danken", daß diese Forderung noch nicht erfüllt ist. Kommt es einmal dazu, dann werden sie wohl auf ihren Friedhöfen sich allein begraben lassen können. Vom Wetteufel. Am letzten Renntage in Hoppegarten wurden wieder ganz gewalttge Umsätze erzielt. Allein für Eintritt vereinnahmten die Kassen 28 909 M. Am Totalisator wurden 444 269 M. eingezahlt, davon auf Sieg 278 880 M. und auf Platz 165380 M. Das Omnium- Rennen brachte die höchste Quote, nämlich 100530 M.(auf Sieg 60880 M. und auf Platz 39 650 M.) Auch das Renard- Rennen regte die Wettspekulafion sehr an, wurden doch nicht weniger als 41 730 M. auf Sieg und 28 250 M. auf Platz gewettet, das sind insgesamt 69 989 M. Der Umsatz bei den Buchmachern soll am Sonntag, so versichern sachverständige Tipser, in die Millionen gegangen sein. Spiritistenunfug. In den„Königsälen" an der'Ecke der Wadzeck- und Neuen Königstraße tagt an jedem Donnerstagabend von 9 Uhr an der„Christliche Verein ernster»Forscher vom Dies� seits zum Jenseits, wahrer Anhänger der christlichen Kirchen" Schon der lange Name verspricht viel, und in der Tat wird hier der bekannten nie aussterbenden Menschensorte viel„geboten". Vor mehreren Jahren fanden diese vom„Propheten Johannes", einem„Magnetopathen" aus der Gleimstraßc 42, inszenierten und geleiteten Versammlungen öffentlich statt. Damals schritt die Polizei ein und verbot den Unfug, weil sich während der Versamm- lungen die wildesten Szenen abspielten. Jetzt blüht der Schwindel lustig weiter und die Behörde sieht stillschfvcigend zu, weil es sich ihrer Meinung nach um eine geschlossene Vereinsgesellschaft han- dein soll. Vielleicht tut auch das fromme Aushängeschild ein übriges. Besonders gern werden jüngere Leute angelockt, die für mystische Tinge in ihrer Unerfahrenheit oft ebensoviel Sinn haben wie alte Mummelgreise und Betschwestern, die sich mit der Be- teiligung an solchem Blödsinn den Himmel zu verdienen hoffen. In jeder Sitzung konimt es vor, daß Frauen oder Mädchen vor Aufregung in Ohnmacht oder gar in Krämpfe verfallen und wild um sich schlagen. Die Gläubigen sind ja an»den Mumpitz ge- wohnt, aber empfindliche Nerven von Neulingen, die in diese Versammlungen gelockt werden, halten nicht stand. Darin aber liegt die Gefahr und das Moment eines ganz groben Unfugs. Wir warnen dringend davor, sich mit den Unternehmungen des»Pro- pheten Johannes" irgendwie einzulassen.. Wegen Unterschlagungen und Veruntreuungen im Amte ist der 37 Jahre alte Bureaudiätar Otto Bräutigam aus der Suarezstraße zu Charlottenburg von der Kriminalpolizei dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden. Bräutigam, der als Rcgistrator in der Abteilung IV des Berliner Polizeipräsidiums angestellt war, war früher Zeugfeld- webcl. Als solcher bewarb er sich um Anstellung im Polizeipräsi- dium. die er, nach der Probezeit als Diotar, auch depinächst erhalten hätte, da er seine ihm obliegenden Arbeiten zur Zu- friedcnheit ausführte. Durch widrige Familienverhältnisse und seinen Leichtsinn geriet er aber in Schulden und ließ sich schließlich zu den Veruntreuungen hinreißen. Schon seit geraumer Zeit war es aufgefallen, daß einzelne Aktenstücke, die Schankwirte betrafen, die wegen Kuppelei und ähnlicher Verfehlungen angezeigt waren, verschwanden. Außerdem stellte sich schon wiederholt heraus, daß bares Geld, das anderen Aktenstücken in Briefumschlägen beigefügt war. aus diesen herausgenommen wurde. Nachforschungen, die ofort angestellt wurden, blieben eine Zeitlang ohne Erfolg, bis es jetzt einem Kriminalbeamten gelang, den Bureaudiätar, der in der Registratur die Buchstaben L zu ordnen hat, als den Täter zu überführen. Um diesem seine strafbaren Handlungen nachzu- weisen, nahm ein Kriminalkommissar sofort eine Durchsuchung in einem Arbeitszimmer vor, die verschiedenes Belastungsmaterial zutage förderte, so daß Bräutigam sofort verhaftet werden konnte. Einem eingehenden Vcrbör unterzogen, gestand dieser auch ein, daß er, um sich in den Besitz von Geldmitteln zu setzen, die ihm aus den Akten zuteil gewordene Kenntnis für sich verwertet habe. Er wandte sich an Schankwirte, gegen die Strafanzeige chwebte, und erbot sich ihnen, für sie Eingaben um Niederschlagung de: Anzeige zu machen. In vier Fällen gibt er auch zu, die ganzen Aktenstücke vernichtet zu haben, um so die Strafanzeigen hinfällig zu machen. Bei der ungeheuren Zahl von Straf- und Personalakten, die im Polizeipräsidium aufbewahrt werden, kann es vorkommen, daß ein Aktenstück vielleicht einmal an eine falsche Stelle gerät und dann erst nach langem Suchen und Umfragen wieder herbeigeschafft wird. Es ist jetzt eine Untersuchung eingeleitet worden, um alle Fälle aufzuklären. Die Registratur ist vor Jahren nach dem dritten und vierten Stock verlegt und mit einem eisernen Gitter verschlossen worden, um sie dem Publikum unzugänglich zu machen. Zu der Familientragödie in der BarfuSstrahe, über di« wir in der Sonntagsnummet unter„Letzte Nachrichten" berichteten, wird mitgeteilt, daß Gruhn, der seine Frau und seine beiden Kinder zun: Fenster hinauswarf und dann selber hinaussprang, in der Charite als Polizeigefangener sich befindet und falls er mit dem Leben davonkommen und nicht als Geisteskranker erklärt wird, wegen Totschlags zur Verantwortung gezogen werden dürfte. Das Drama hätte viel schlimmere Folgen gehabt, wenn nicht vor dem Küchenfenster ein kleiner Hofgartcn gewesen wäre. Alle vier Personen fielen auf den durch die anhaltende Nässe ziemlich weichen Rasen, so daß der Aufprall dadurch erheblich gemildert wurde. Nur die acht Jahre alte Tochter Elisabeth fiel noch mit dem Kopf auf die aus Steinen bestehende Einfriedigung und zog sich dadurch schwere Kopfverletzungen zu. Ihr Befinden ist auch am bedenklichsten. Das Befinden der hochschwangeren Frau kann sich durch ihren Zustand später noch sehr verschlimmern. Eine direkte Lebensgefahr besteht bei keiner der vier Personen; es können aber jeden Augenblick Komplikationen eintreten, die den Tod herbeiführen. Vernehmungsfähig sind sie noch nicht. Verzweiflungstat einer Mutter. Großes Aufsehen erregt in Johannisthal die Verzweiflungstat einer Mutter, die aus Nahrungs- ärgcn gemeinsam mit ihrem jüngsten Kinde in den Tod ging. ES wird darüber folgendes bericknel: Sonntag früh gegen 5 Uhr ver- ließ die eheverlassene Fabrikarbeiterin Anna Penn aus Johannisthal, Roonstraße 1b, mit ihrem sechs Wochen alten Kinde Walter die Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilte, und sprang in den Teltow- kanal. Als die Mutter später erwachte und das Bett ihrer Tochter leer fand, schickte sie, nichts Gutes ahnend, zu ihren Anverwandten, die sich auch sofort auf die Suche begaben. Sie fanden nachmittags gegen 4 Uhr das Kind zwischen der nach Rudow führenden Kanal- brücke und der Baumschule von Späth. Die Leiche bcr P. wurde unweit der Buckower Brücke aus dem Wasser gezogen. Die Frau hinterläßt noch zwei Knaben im Alter von 9 und 11 Jahren. Der Grund der Tat ist in Nahrungssorgen zu suchen. Die Frau war an verschiedenen Arbeitsstätten abgewiesen worden und hatte schon vor einigen Tagen geäußert, daß sie mit dem Kinde in den Kanal gehen werde, falls sie keine Arbeit finde. Diese Aeußerungen wurden aber von der Mutter nicht ernst genommen. Wenn man eine Bierreise tut. In der Nacht zum Sonntag wurden zwei Fahrgäste einer Aubodroschke, der Tischlermeister Karl Sch. aus der Alvenslebenstraße und der in einem Lokal der Motzstraße beschäftigte Küfer Jakob B., die auf einer Bierreise gegen M5 Uhr nachts den Kurfürstendamm entlang fuhren, ganz unerwartet und zu Unrecht verhaftet. In dem Eckhaus Joachims- thaler Straße 36 und Kurfürstcndamm war unmittelbar zuvor ein Einbruch verübt worden. Der Führer des Autos, der Chauffeur Otw K. aus der Schweriastraße 15, wurde nun im Vorbeifahren von einem Schutzmann herangewinkt, um ihm bei der Jagd aiff die im Hause versteckten Einbrecher behilflich, zu sein. Der Chauffeur wie sein Fahrgast Sch. leisteten dieser Aufforderung auch unver- züglich Folge, eine Bereitwilligkeit, die Sch. und seinem im Wagen zurückgebliebenen Zechgenossen verhängnisvoll wurde. Als nämlich Sch. kurz darauf von der vergeblichen Suche wiederkam, wurde er am Hauseingang von zwei anderen, mittlerweile herbeigeeilten Schutzleuten als vermeintlicher Einbrecher verhaftet. Das gleiche Schicksal ereilte den zweiten Fahrgast B.. dessen Rauschzustand die argwöhnische Hermandat für eitel Verstellung hielt. Trotzdem der Chauffeur sich für die Unschuld seiner Gäste energisch ms Zeug legte, wurden Sch. und B. zur Polizeiwache in der Mar- burger Straße 2 und Sonntag früh mitsamt den inzwischen eben- falls festgenommenen wirklichen Dieben, die man nachher im Fahr- stuhl des Hauses schlafend angetroffen hatte, nach dem Charlotten- burger Polizeipräsidium gebracht. Die irrtümlich verhafteten Bier- reisenden, deren fröhlicher Rausch einer trüben Ernüchterung Platz machen mußte, wurden erst Sonntag mittag aus der Haft cnt- lassen. Die wirklichen Einbrecher, der Schrittmacher Paul Wolter aus der Uhlandstraßc und der� Kellner Gustav Meyer aus der Bleibtreustratze blieben hinter Schloß und Riegel. Sie hatten in der Wohnung, wo sie den Einbruch verübten, bereits ein umfang- reiches Lager von Straußenfedern(Pleureusen) in Kartons ver- packt und aufgestapelt. Von einem Fuhrwerk überfahren und auf der Stelle getötet wurde gestern mittag die 77 Jahre alte Bäckermeisterswitwe Mathilde Simon aus der Großbeerenstraße 74. Als die alte Frau vor dem Hause Nr. 78 in der Großbeercnstraße den Fahrdamm überschreiten wollte, wlirde sie von einem mit Dünger beladenen Wagen ange- fahren, zu Boden geworfen und durch ein Hinterrad tödlich verletzt. Man brachte sie mit einer Kraftdroschke nach der HilsSwache am Tempelhoser Ufer, wo der Arzt aber nur noch ihren Tod feststellen konnte. Die Leiche der Frau wurde beschlagnahmt und dem Schau- Hause zugeführt. Ein schwerer Straßenbahnunsall ereignete sich am Sonntag- mittag kurz nach 12 Uhr vor dem Haufe Weißenburger Straße 34. Dort wollte der büjährige Braucreiarbeiter Heinrich Spranger den Fahrdamm überschreiten, bemerkte jedoch nicht, daß ein Straßen- bahnwagen der Linie 56 herannahte. Spranger wurde uiwge- warfen. Blutüberströmt wurde er nach der nächsten Unfallstation gebracht, wo der Arzt schwere Kopfverletzungen und eine Gehirn- erschütterung und innere Verletzungen feststellte; auch war das linke Ohr des Sp. abgerissen. Der Arbeiter wurde nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus überführt. Ein Palctotmarder tritt seit einiger Zeit im Leibniz-Ghm- nasium am Mariannenplatz auf, ohne daß es bisher gelang, den Dieb zu fassen. Während des Unterrichts schleicht er sich auf die Korridore und stiehlt die Garderoben. Sonnabend stibitzte er wieder nicht weniger als vier Ueberzieher und eine Pelerine. Es sind besondere Vorkehrungen getroffen, um dem Spitzbuben sein Handwerk zu legen. Ein mutmaßlicher Kindesmord beschäftigt wieder die hiesige Kriminalpolizei. Gestern nachmittag wurde hinter dem Dom die Leiche eines neugeborenen Knaben aus der Spree gelandet. Sie muß schon sehr lange Zeit im Wasser gelegen haben, da sie schon ganz in Verwesung übergegangen war. Das Kind ist wahrscheinlich von der Mutter gleich nach der Geburt nackt ins Wasser geworfen worden. Die kleine Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Schwer zu Schaden gekommen sind am Sonntag zwei Berliner Feuerwehrmänner bei einem kleinen anscheinend ungefährlichen Brande, der in der Handelsstätte„Belle Alliance", Lindenstraße 191/192 und Friedrichstratze 16, ausgekommen war. Dort „brannte" in einer Kiste Salpetersäure unter nicht einmal bedeutender Dampfentwickelung. Wegen der Gefahr für Gesuich- heit und Leben wurde die Kiste mit der Säure ins Freie geschafft, wobei Atmungsapparate benutzt wurden. Trotz aller Vorsicht er- krankten in der letzten Nacht unter der Einwirkung der einge- atmeten Dämpfe der Obermaschinist Simon und der Feuerwehr- mann Hoffmann vom 1. Zuge so schwer, daß sie unverzüglich nach dem Krankcnhause Am Urban geschafft werden mußten. Dem Obermaschinisten S. ging es gestern besser, dem Feuerwehrmann H. aber leider schlechter. Die Berliner Wehr hatte in der letzten Nacht in der Memeler Straße 6 zu tun, wo infolge des Ausströmens von Gas auS einem undichten Gasschlauch die Gefahr einer Gasexplosion entstan- den war. Radrennen im Olympiapark, 8. September. In dem Bestreben, die Reimen abwechselnd zu gestalten, hatte die Leitung der Olympia- bahn diesmal die»Flieger", d. h. die Fahrer über d,e kurze Strecke bevorzugt und mehrere mit hohen Preisen dotierte Rennen auS- geschrieben, zu denen die bedeutendsten Fahrer gemeldet hatten. Zu den Ausländern Carapezzi, Duprö, Ellegaard, Hourlier. Kudela, PouchoiS, Schilling, Vedrine gesellten sich Willi Arend. Fr. Hoff- mann, Lorenz, Rudel. Rütt, Schllrmann, Tadcwald, Tetzlaff, Wegener und andere. Leider erlitten die Rennen, nachdem sie kaum begonnen hatten, eine unliebsame Störung durch einen Regenschauer, der zwar bald aufhörte, aber doch stark genug war, um die Holzbahn un- fahrbar zu machen; um sie wieder abzutrocknen, wurden die nassen Stellen, die im Schalten lagen und von der Sonne nicht beschienen wurden, mit Scheuerlappen aufgewischt und darauf mit Benzin über» gössen, das angezündet wurde und mit den auflodernden Flammen den Zuschauern ein unerwartetes Feuerwerk bot. Die Rennen ver« liefen spannend und ohne Unfall in folgender Weise: Großer Preis von Deutschland über 1200 m. 1600, 750, 500, 250, 100 M. Zebu Vorläufe wurden gewonnen von Hourlier. Ellegaard, Duprö, Freiwald. Vüdrine, Arend, Rütt, Schür- mann, Peter, Wegener. Nach zwei Hoffnungs«, drei Zwischen- und zwei Berechtigungsläusen erfolgte endlich der Endlauf, der von fünf Fahrern bestritten wurde. 1. Hourlier in 2 Min. 10% Sek.; 2. Pouchois,% L.; 3. Ellegaard; 4. Rütt; 5. W. Arend. Arend führt die ersten Runden vor Hourlier und Ellegaard, bleibt dann aber zurück; Rütt hat Keitenschadcn. kann aber noch den vierten Platz belegen. In den Vorläufen etwa 80 Fahrer. Prämiensa hren. 4000 m. 80, 50, 80, 20 M.; außer- dem dem Ersten jeder Runde 10 M., dem Zweiten 5M. 1. Lorenz in 5 Min. 13% Sek.; 2 Wegener; 3. Finn; 4. v. Natzmer. Etwa 50 Fahrer in einem Lauf. Preis der Ausländer. 1200 m. Der Sieger bestreitet am nächsten Sonntag ein Match mit dem Gewinner des Preises der Inländer, dessen Preise 600 und 400 M. betragen, den Nächsten 75. 50, 25 M. 1. Hourlier in 1 Min. 56 Sek.; 2. Ellegaard, dicht auf; 3. Pouchois; 4. Vödriyx; Nicht plaziert: Duprs. Preis der Inländer. 1200 m. Preise wie beim vorigen Rennen. 1. Rütt in 1 Min. 59% Sek.; 2. Lorenz, dicht auf; 8, SSllrmann; 4. Arend. Nicht plaziert: Breidenbach, Peter und Wegener. 1. Vorgabefahren. 2000 m. 100, 60, SO, 20 M. !. K. Müller(190 m Vorgabe), 2. Schürniann(15), 3. P. Schulz (215), 4. Stolz(50). 34 Fahrer im Rennen. 2. Vorgabefahren. 2000 m. 100, 50, 30, 20. 1. Rütt (0), 2. Finn(35), 3. Passenheim(190), 4. Theis(80). 33 Fahrer im Rennen. Tr» st fahren. 1200 w. 50. 30. 20. 10. 5 M. 1. F. H o f f. mann in ± Min. 37 Sek., 2. Sutzmilch, 3. Kops, 4. Schmitchen, 5. P. Münzner. 30 Fahrer im Rennen. Hoffmann wurde disquali fiziert, da er unberechrigteriveise gefahren war. Spree-Preis. Danerrennen mit Motorführung in drei Läufen. 1000, 700,«00, 500, 400 M. 1. Lauf(10 üm) 1. M i q u e l in 8 Min. 22n. Zossen« Eine Tcuernugsdebattc gab es in der letzten Stadtverordn-ten. Versammlung. Die kürlich bei Kurznes tagende öffentliche Protest. Versammlung hatte die Abiendung enfer Petition an da» Stadt- verordnelenkollegium beschlossen, in welcher inhaltlich dicselben Maß- nahmen gegen die Teuerung verlangt werden, wie in denjenigen, die bereits in Berlin und einer Reihe Kommunen Gegenstand ein- gehender Beratungen waren. In der Diskussion hierüber bemerkte Herr Malermeister Firk, Vertreter der dritten Klasse, daß eine Teuerung zwar bestehe, nur sei sie zu mildern, wenn die Frauen der Arbeiter mehr Jntereffe für die Landwirtschaft hätten. Herr Schneidermeister Stark, gleichfalls Vertteter der dritten Klasse, blies in dasselbe Horn seines Vorredners, nur betonte er noch, daß sich die Arbeiter doch Vieh halten sollten, dann wäre jeder Notstand be- seitigt.� Sich an den Reichstag oder Bundesrat zu wenden, halte er nicht für angebracht. Herr Ackerbürger Präger, Vertreter der dritten Klaffe, meinte, bei der Teuerung im vorigen Jahr sei e r das Kar- nickel gewesen. Man habe ihm in einer öffentlichen Versammlung den Vorwurf gemachl, er gebe seineu Leuten MuSstnllen. Er kenne fleißige und strebsame Arbeiter, deren Frauen bei sieben Kindern noch auf Arbeit gehen und ein Schwein füttern. Selbstverständlich müsse zur Linderung der Teuerung etwas getan werden. Herr Maurermeister Selz, Vertreter der zweiten Klasse, gab den Rat, man solle sich beim Verbrauch von Fleisch einschränken, wie er das bereits tut. Die Aufhebung des Lebensmittelzolles bedeute den Ruin unseres heutigen Wirtschaftslebens.— DaS Magistralsinitalied Schwitzte meinte, das teure Dienstpersonal in der Landwirtschast sei viel schuld daran, daß die landwirtschaftlichen Produkte so in die Höhe gingen.— Nur Herr Schlosser Neumann, auch ein Vertreter der dritten Klasse, der mit Unterstützung des christlichen Volksvereins in das Stadtparlament gewählt wurde, gab die volle Berechtigung der Petition zu; er glaubt noch eine Milderung des Notstandes darin zu erblicken, daß man eine Parzellierung städtischen Bodens vornehme und den minder bemittelten Schichten zur Bebauung ab- gebe.— Der Bürgermeister Dr. Wirth empfahl wiederum den Ver- kauf von Seefischen.— Damit war die Beratung über die Petition erledigt. Durch kräftiges Schlußrufen wurde sogar eine Abstimmung über die Petition verhindert. Bemerkt sei, daß diese Sitzung a u S- nahmsweise vormittags angesetzt war, wohl zu dem Zwecke, um die Arbeiterschaft vom Sitzungssaale fernzuhalten. Trotz alle- dem wird die Zossener Arbeiterschaft von dieser Komödie Kenntnis erhalten. Der ganze Verlauf der Verhandlung zeigt uns, daß bei den Vertretern der Stadt noch nicht das bescheidenste Maß sozialer Einsicht anzutreffen ist. Fichtenau.* Gegen die uuertäglich gewordene Lebensmittelteuerung protestierte hier am Sonntag eine öffentliche Versammlung. In einem inhalt- reichen Referat legte der Reichstagsabgeordnete H. Krätzig die Ursachen und Wirkungen der Teuerung dar; zugleich ließ Redner die Zuhörer einen Einblick in die WirtschastS- und Agrarpolitik deS Auslandes und die Lebensverhältnisse des ausländischen, besonders des englischen Arbeiters nehmen. Der fesselnde Bortrag löste leb- haften Beifall aus. Nachdem Frau Buchmann einen Appell an die Frauen zum Eintritt in die politische und gewerkschaftliche Organi- salion gerichtet, stimmte die Versammlung der bekannten, schon in Groß-Berlin zur Annahme gelangten Resolution zu. Weihensee. Herr Sonnenfeld sendet uns unter Bezugnahme auf den Bericht aus der Gemeindevertretung in der Nummer vom 6. September ein Schreiben, worin er die Behauptung unseres Genossen Fuhrmann. er, S., habe sich an die sozialdemokratische Fraktion, dann an die neue Fraktion und zuletzt, als diese ablehnte, an die alte Fraktion gewandt, unrichtig sei. Auch treffe nicht zu, daß er sich bei der neuen Fraktion mit den Worten eingeführt habe: Mit den Quatsch- köppen ist ja nichts anzufangen. Von einer Besprechung mit der sozialdemokratischen Fraktion könne keine Rede sein. Herr Fuhr- mann, so betont Herr Sonnenfeld, hatte lediglich eine Besprechung zu später Abendstunde mit mir in Gegenwart des Herrn Fönfü. Bei dieser Gelegenheit hatte Herr Fuhrmann in schärfster Weise sich gegen die Manipulationen des Herrn Hugo Allers sen. gewandt und bekanntgegeben, daß auch er von Herrn AllerS in ähnlicher Weise wie ich geschädigt sei, so daß er ihm habe den Streit ver- künden laffen müssen. Wittenau-Borfigwalde. Aus der Gemeindevertretung. Zunächst wurde mitgeteilt, daß zum 1. Oktober d. I. Wittenau ein neues Postamt dritter Klasse erhält. Die vom Gemeindevorstand angebotenen Räume im Rathause sind von der Oberpostdirektion ohne Angabe jeden Grundes kurz abgelehnt worden. Für die Wartung und Reinigung des ziemlich umfangreichen FeuerwehrdepotS soll in diesem eine Wohnung hergegeben werden, für die noch jährlich 240 M. Miete zu- zuzahlen sind. In voriger Sitzung wurde über den SchulhauS« b a u in Borsigwalde geheim verhandelt. Der Bau ist der Aktien- gesellschaft für Bauausführungen übertragen worden und stellt sich auf 423 000 M. Die Kaution von 21 400 M. ist in bar oder in müudelsicheren Papieren zu hinterlegen. Von der Bausumme werden nach und nach vier Fünftel ausbezahlt, der Rest bleibt einstweilen als Garantie stehen. Genoffe Liebelt trat hierbei für Lohn- arbeit der Bauarbeiter ein. Auch verlangte er, daß die hiesigen Einwohner berücksichtigt würden; jetzt würden diese von der Bau- leitung entlassen und dafür Berliner eingestellt, angeblich, weil diese mehr leisteten. Auch seien ihm, dem Redner, weitere Bedenken auf- gestiegen, die ihn hinderten, ein zweites Mal für diese Firma zu stimmen, so z. L. in betreff der Mörtelmischung, der Befeuchtung der Steine usw., wofür die Wiltenauer Maurer den Beweis führen wolllen. Ordentliche Arbeit scheine nur so lange geleistet zu werden, als der Bauführer am Orte ist. Der Vorsteher Witte gab die Akkordarbeit zu und teilte mit. daß die F i r m a s ch r i f t l i ch z u besserer Arbeit aufgefordert worden sei; auch habe er angeordnet, daß der Bauführer fortan dauernd anwesend sein soll. — Der so notwendige Ausbau der Lübarser Straße, für den schon 40 000 M. bewilligt sind, zeitigte eine lange Debatte wegen Er- stattung der Anliegerbeiträae. Der Znstand der Straße ist äußerst schlecht, bei Regenwetter ist sie kaum passierbar, auch eine Regen- wasserobleitung ist nötig. ES sind 19 Meter Breite vorgesehen. Von dem Abreißen der Vorgärten will man einstweilen nochAbstand nehmen und die Bürgersteige zunächstschmäler anlegen. Auch soll der hohen Kosten wegen die Straße anstatt mit Asphalt mit Reihensteinen gepflastert werden. Ferner wird erst auf nur einer Seite ein Rohr eingelegt, später aus der anderen, die beide dann an der Oranienburger Straße in ein großes gemeinsames Rohr münden sollen. Die Kosten find ziemlich erbeblich. Verschiedenen Gemeindevertretern ist die Sache zu teuer, sie wollen die Anlieger zu höheren Beiträgen heran- gezogen wissen, auch wird ein Privatvertrag vorgeschlagen, nach dem die Anlieger sich zur Erstattung oller Kosten verpflichten sollen. Hervorgehoben wurde, daß e« nur zwei Anlieger sind, die sich wegen ihrer noch unbebauten Grundstücke zur Zahlung weigern. Herr Witte will versuchen, diese zwei zu höheren Leistungen heran- zuziehen, denn eS wäre doch eine Härte für die anderen Zahlungswilligen, daß wegen dieser Weigerung der ganze Ausbau unterbleiben sollte. Genosse Liebelt hob ein- dringlich eine Verbesserung der BerkehrSverhältnisse hervor. Die hartnäckigen Anlieger, die heute ihre Zäune nicht zurücklegen wollten, müßten die« später dann auf ihre eigenen Kosten macben lassen. Herr v. B o r s i g verweist auf die Schwierigkeit der Ba- lancierung des Etats; man sollte mehr Sparsamleit walten lassen und die Anlieger mehr heranzuziehen versuchen. Auf eine Anfrage betonte Herr Witte, daß die Gemeinde leider nicht berechtigt sei. Zinsen von den unbebauten Grundstücken zu erhebet«, sonst würden sich deren Besitzer schon eine« Besseren besinnen. Der Ausbau wurde sodann einst i m m i g beschlossen. Für die Berohrung der Straße ist der Firma Godson nnt einer Mindestfordernng von 7300 M. der Zuschlag erteilt worden; hierbei liefert die Gemeinde selbst einen Teil der benötigten Röhren. Für den Kostenanschlag zum Rcibenpflastcr kamen drei Angebote in Frage: 75 800, 60 260 und 55 800 M.; für letzteren Preis erhielt die Firma Schier den Zuschlag, die allerdings nachträglich auf eine Preis- erhöhung für kleine Steine hinwies, aber ohne Erfolg. Bei dieser Sache wurde noch angeregt, daß die fraglichen Firmen ihre Gebote in einer gewissen Zeit halten müßten, wie dies bei Vergebungen anderer Behörden ebenfalls geschehe.— Nun kam wieder das leidige Kapitel der E t a t s ü b e r s ch r e i t u n g e n zur Verhandlung. Nicht weniger wie 10 000 Mark mußten nachbewilligt werden, die durch Steuermehreinnahmen zu decken sind. Genoffe Liebelt wünschte die verlangten 4000 M. bei der A r m e n v e r w a l t u n g zu er- höhen, um in Rücksicht auf die teuren Lebensmittel eine vorüber- gehende Teuerungszulage den Armenunterstützungsempsängern ge- währen zu können. Herr Witte wollte davon jedoch nichts wissen; wenn nötig, stellte er eine Vorlage für später in Aussicht; auch seien unter den Empfängern einige, die gewissermaßen darauf reißen. Man werde von Fall zu Fall prüfen, ob höhere Unter- stützungen nötig seien; zunächst liege kein Grund zur Erhöhung vor. Und so beschloß denn auch die Mehrheit.— Auch für die Eisenbahnunterführung»HermSdorfer Straße", für die seinerzeit 23 000 M. bewilligt sind, muß Wittenau 1506 M. Mehr- kosten tragen.— Zum Schluß trug der Vorsteher noch einen Antrag der Wittenauer Bodenaktiengesellschaft vor, nach dem diese auf ihre Kosten ein Wartehäuschen an der Straßenbahn errichten möchte, wozu die Gemeinde aber die Unterhaltungskosten tragen soll. Das Verfügungsrecht behält sich die Aktiengesellschaft vor, auch den so- sortigen Abbruch, wenn das betreffende Grundstück durch Verkauf den Abbruch notwendig machen sollte. Zunächst sind hierüber noch weitere Verhandlungen in Aussicht genommen, da die Gemeinde- Vertretung keine Kosten übernehmen will.— Dieser langen öffent- lichen Sitzung folgte noch eine geheime, die sich mit Grundstücks- kaufen beschäftigte und bis in die späten Abendstunden dauerte. Gcricbtö- Zeitung. Wegen„Leichenfledderei" stand gestern der Arbeiter Otto Fr. bor der 3. Strafkammer des Landgerichts l. Am 18. Juni abends war auf dem Bahnhof Ge- sundbrunnen ein Arbeiter angekommen, der sein Gepäck bei der Gepäckausgabestelle während der Nacht aufbewahren ließ, um es am nächsten Tage abzuholen. Den Gepäckschein bewahrte er in der Seitentasche seines Rockes. Im Humboldthain setzte er sich auf eine Bank und war bald eingeschlafen. Als er wieder erwachte, stellte er fest, daß ihm inzwischen sein Gepäckschein aus der Tasche ge- stöhlen worden war. Er lief schleunigst nach dem Bahnhof Gesund- brunnen und machte Anzeige von dem Diebstahl, damit derjenige, der den Gepäckschein präsentieren würde, sofort festgenommen werden könnte. Am nächsten Morgen in aller Frühe erschien dann auch seelenvergnügt der Angeklagte, zeigte den Gepäckschein vor und ver- langte sein Gepäck. Da er Form und Anzahl der Gepäckstücke auf Befragen nicht angeben konnte, wurde ein Schutzmann herbeigeholt, der ihn in Hast nahm. Der Angeklagt«, der auf demselben Gebiete schon einige Vorstrafen erlitten hat, behauptete, daß er den Gepäck- schein von einem �Unbekannten" mit dem Austrage erhalten habe, das Gepäck abzuheben. Dieser Aussage schenkte das Gericht keinen Glauben. Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahr Gefängnis, das Gericht glaubte aber, bei der großen Gemeingefährlichkeit solcher Fleddereien zur Zubilligung mildernder Umstände keinen Grund zu haben und verurteilte den Angeklagten zu IM Jabre Zucht» haus._ Den Abschluß einer Eheirrungsaffäre bildete eine Verhandlung, welche die 130. Abteilung des Schöffen- gerichts Berlin-Mitte beschäftigte. Wegen Bedrohung mit dem Ver- brechen des Totschlags war der frühere Bureaubemnte Theobald Br. alias Baron Brumm von Seldeneck angellagt. Der Angeklagte, welcher nach seiner Behauptung früher Offizier war, hatte es ver- standen, sich unter dem Namen eines„Barons Brumm von Selben- eck" oder„Baron Theobald von Seldeneck" Eingang in die besseren Gesellschaftskreise, insbesondere auch in die Sportkreise zu ver- schaffen. Unter diesem Namen wurde er sogar Mitglied der„Tech- nischen Kommission für Trabrennen" und war längere Zeit als Distanzrichter auf den Rennbahnen tätig. Schließlich stellte es sich heraus, daß er sich da? Adelsprädikat fälschlich beigelegt hatte. Nachdem ihm von dem Polizeipräsidenten von Schöneberg die weitere Führung des Adelstitels untersagt worden war, verschwand auch sein Name ans den Rennprogrammen.— Durch eine 60jährige sehr vermögende Dame, die sich trotz ihrer Jahre schon als zukünftige „Frau Baronin" sah, wurde der Angeklagte bereits vor längerer Zeit in die Familie eines Baumeisters K. eingeführt. Schon nach wenigen Wochen glaubte K. wahrnehmen zu müssen, daß der„Baron von Seldeneck" auf seine Gattin einen gewissen Eindruck gemacht habe. Dieser Verdacht bestätigte sich auch, als seine Ehehälfte eines schönen Tage? auf und davon ging. Der betrogene Ehegatte stellte den angeblichen Baron zur Rede, der ihm unter Berufung auf seine frühere Offizicrslarriere sein Ehrenwort gab, daß zwischen ihm und der Frau K. nicht das geringste Unerlaubte passiert sei. Bald darauf erfuhr K., daß sein« Gattin häufig den Besuch de» B. empfing. Er postierte sich eines Tages vor der Wohnung seiner Gattin auf und sah beide im Automobil ankommen. Als der An- geklagte nach längerer Zeit die Wohnung der Frau K. verließ, wurde er von K. auf der Straße gestellt und mit einer Hundepeitsche bearbeitet. Der Angeklagte stellte jedoch wegen dieses Vorfalles keinen Strafantrag. Als K. einig« Zeit darauf durch die Mittel- stratze ging, wo Br. seinerzeit beschäftigt war, traf er plötzlich mit seinem Gegner zusammen. Nach der Angabe des K. soll Br. plötzlich ein langes dolchartiges Messer aus der hinteren Beinkleidtasche her- vorgeholt haben und mit den Worten:„Du Hund, das renne ich Dir durch den Leib!" auf ihn losgegangen sein. Der Angefallene machte sofort von seinem Spazierstock ausgiebigsten Gebrauch, bis Passanten dazwischentraten.— Der Amtsanwalt beantragt« gegen Br. 50 M. Geldstrafe, während Rechtsanwalt Marwitz geltend machte, daß bei der zwischen den Gegnern herrschenden grimmigen Feindschaft vermutlich wohl jeder gedacht hatte, von dem andern zuerst an- gegriffen zu werden. Das Gericht sah den Tatbestand auch nicht für genügend aufgeklärt an und erkannte auf Freisprechung. Wttterungöübersicht vom v. September 191«. Ctotlonen Ss I! £| S° Swinemde. Hamburg Berlin Frantta.M München Wien ii SZ 75638®® 758®®® 758',® 7«I>®till 760® 759® Setter schelter 4 bald bd. Sbedcckt Pegen 5Regen twolkig a« ii* S« 52* hS> etattonen _= So öaparanda Petersburg Scilly Aberdeen Paris * 1 |l 758INNO 754 CSD 769,91® 761,® Vetter Nebel Zbedeckt bedeckt halb bd bedeckt it ti 10 14 14 6 14 Wetterprognose für Dienstag, de» 10. September 1912. Kühl und vorherrschend wollig mit Regensällc» und ztemttch Irischen westlichen Winden.,.. Berliner Setterbureau. LSasserstandS-Nachrtchten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Ober, Ratibor , Krassen , Frankiurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmeritz , Dresden , Barbq , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') Rathenow') Spree, Svremberg') . Veettow Weser, Münden . Minden Rhein, Maximiüansau » Kaub »- Köln Neckar. Heiwrvnn Main, Hanau Mosel.Tri« ')+ bedeutet Wuchs.— Fall.—») Unterpegel. Arbeitsnachweis: Hos L Amt Norden. Nr. 1239. yervaltuiptelle Berlia CharitSstraße 3. Hauptbureau: Hos III. Amt Norden. Nr. 1337. Dienstag, den 10. September 1912: Bezirks- Versammlungen für die gesamte Verwaltungsstelle Berlin in folgenden Lokalen: Norden: PhamssWe, Müllerstr. 142, abends 8'/, Uhr. Vortrag. Unpsslon' VMeZo« FeataJUe, Schwedter Strafte 23, abends IIUI UCll, 81/, Uhr. Vortrag des Kollegen R. Bahn. Norden: Pmu»!!«» Fentsaie, Badstr. 19, abends 8'/, Uhr. Vortrag. Tegel: Trapps Festsme, Bahnhosstr. 1, abends 6 Uhr. Unahif* Kronen- Bpanerel, Alt-Moabit 47—49. abend» IllUäUll. s'/j Uhr. Bortrag des Genossen Dr. Moses:.Der Kinder- reichtnm im ArbeiterhauS". Fesleii«IUI Schöneberg: Hauptjir. 30/31. abends 8'/, Uhr. Nslen: voinenl»»»»!«, MemeterStr.S7,abendS8>/,Ilhr. Vortrag. I fohfoilhopn* Hestanront J. Ertelt, Pfarrstrafte 74. t< i:|ISCllUCry. abends 81/, Uhr. Vortrag des Kollegen Karl Wücke. Llrslsu und Kummeisburg: Vortrag des Kollegen Graewe. LUdenbeiirlce: UfviNonvoo' Pe«Ieerta FestsSle, Berliner Allee 231, nvlUcffaec. abends 8-,. Uhr. NoilIrÖIIn' Koppe« Featwllle. Hermannftr. 49. abends 8>/,llhr. » l-UHOIIll, Bortrag des Genossen Wölbt:.Industriell etriebssührung'. Charlollenburg: sÄhan''!'lonncnitt- 3' a6e"bä � � SfPnlitT* Schellhases Eeataftle, Ahornftrafte 16, UlCyillAi. abends 81/, Uhr. Köpenick u. Frledricbshagen: Friedrichstr. 74, abends 81/, Uhr. nhpP.CphHnaiiroirla* Prochowskts Oberachönewelder UUC1 wtllUllCnClUC. Verelnahaas, niathanestt, 13, abends S'/j Uhr. �nPlirtall* Pezells Rcatanrant, Pichelödorfer Strafte 3, Sy«llUi»U. abends 8-,, Uhr. Vortrag. Tagesordnung in allen Versammlungen: Bericht von der Generalversammlung. ÜKT" Mitgliedsbuch legitimiert. MM Die Versammlungen werden Pünktlich eröffnet. Zahlreicher Besuch wird erwartet. Achtung! gzuzilZedlSger. Achtung! Tonnerstag, 12. September» pünktlich abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshanse, Engeluser 1ö, Saal 1: Monats-Bersammlung. Tagesordnung: 1. Branchen- und Verbandsangelegenheiten. 2. Vortrag des Kollegen Karl Wücke über: Das KoalUwnsrecht in Preußen. 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Um zahlreichen und pünktlichen Besuch ersucht 124/21»tle Ortaverwaltnag. Von der Reise zurück 140/14*1 Von der Reise zurück: Or. A. Freudenberg. lOr. Max Jacobsohn, Sr». Kl OS Ciejareffen Kurprinz 3 Hg MW� fürsten., 4 Welt-Macht 5«' Auto-Klub.6" Aero-Kiub.lO•< Ci garette Stück 4 Pfennig. Orts-Kraukenkasse der Gelb-«udZinngietzer zu Berlin. �.aoepnpdvntll«!»« Leueral- Versammlung der Vertreter am Mittwoch, den 18. September, abends 5'/zUhr, imGewerlschastshaus, Engcluser IS(Saal 3), wozu sämtliche Vertreter hiermit eingeladen sind. Tagesordnung: 1. Berichierslaiwng über die stattge» fundenen Kongresse. 2. Nochmalige Aussprache und Be- schlutzsassung über Zentralisation. 3. Kassenangelegcnheiten. 21Sb Berlin, den 9. September 1912. Der Borstand. I. W. Schutt. Vorfitzender. f. Haut- und Harnleldsn, nero.Schwöche,„Ehrlich 606" usw. ..Dr.Horneysr"!? Untersuchung., Fäden t Harn usw. fiiförichslr. 81,&■;;£ Spr. 10—2, 5—8, Sonnt. 11—2. Honorar mäftig, auch Teilzahl. Land u.Wald am gr. Storkower See mit eigenen Bootssteileo OR von 7 M. an. Terralngesetlsch. am Storkow« und Scharmützclsee m. b. H., Berlin C.3, Burg-Strasse 30. dTNfck pollmanns wBanäageti Ocfchäft, neble Hrttfeel zur Gesundheits- u. Krankenpflege, /erbandstoife, Gummiwaren etc. Berlin ST., Lothringer Str. 60. Lieferant für Krankenkassen Achtung! Gewerkschaften! Lichtbilder- Vortrag!"TS®"A aal dazu passend sür 300 bis 500 Personen. Sonntag, de» K.Oktober 1912. frei geworden. Arniluhnllt'n, Kommandaiitenftr. 58/59. Special Hell «iGEIffllBDT SPZdALHfJl Flasche 10 Pf. E�rstKlassiges Spezial- Bräu nach Pilsner Art Überall Käuflich !It Unerreicht III 40 Pfennig pro Pfund Edel-Hais-Kaffee Harke Hai-Ko. Generaldepot:• Worden, Chansscestr. HO, Pemspr. Amt Norden 594 u. 9904. Filialen: SW., Gnelsenaustr. 104 und Blöcherntr. 14. Bei Abnahme von 5 Pfd. frei Hans. — Niederlagen werden vergeben.— Birnen! Gute graue 1 bald efjrcif Rettigoirne j 50 kg 8,00 M. Williams Christ 1 clwaS später reif Napoleon Butlcrb./ 50 kg 12,00 M. liefert frei Haus Berlin bei Abnahme von mindestens 12,5 kg so lange Vor- rat reicht gegen Kasse die s137/l2* Stadt. Gutsverwalt. Falkcnberg bei Berlin 0. Theater und Vergnügungen Dienstag, 10. Sept. 1912. Ansang 7'/, Uhr. Kgl. Opernhaus. Boheme. Kgl. Schauspielhaus. Die Blut- Hochzeit. Deutsches. Romeo und Julia. DeutschesSchauspielhauS.Egmonl. Prater. Der Walzertöntg. Ansang 8 Ubr. Urania. Taubenstrafte 48/49. Vierwaldstädler See und der Gotthard. Lessing. TantriS, der Narr. Kurfürsten- Over. Der Kuhreigen. Mo»,», erspielt. Mein Freund Teddy. Berliner. Glotze Rosinen. Koniggrafter Strafte. Die fünf Frantsurter. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. LoltchenS Ge- burtStag. Montis Operette». Der Nebe Augustin. Schiller O. Die Lokalbahn. Die Medaille. Leb'»'»«V i arlottenburg. Misan- throp. Schule der Frauen. Refldenz. Der Herr von Nr. 19. Thalia. Autoliebchen. Luiten. Alpenkönig und Menschen- seind. Herrnfeld. Wie man Manner bessert. Die OrigiNal-KlabrlaS- Partie... Trinnon. Die Briestalche. Em peinlicher Zwischensall. Der Dieb. Metropol. Schwindelmeier u. Co. Easino. Ter Grofisürst. Meichshalle». EteNiner Sänger. Die Macht der Töne. Wintergarte». Spezialitäten. Apollo. Svezialttäten. Pafiage. Spezialitäten. Anfang 8'/. Ubr. Luftspielhaus. So'n Windhund. Frtedr..Wilh. SchauspielhunS. Die keusche Susanne. Rose. Zapfenstreich. Walhalla. Nur nicht drängeln. -WM'-'-1**»» Ansang 8'/, Ubr. KeueS Bolks'heater. Der Meister. Ansang 10 Ubr. RdmiralSpalast. EiSballett: Yvonne. »< Sternwarte, Lnvalidenstr. 57-62. Lediller-fkeslefo.Tbea".«: Dienstag, abends 8 Uhr: Die Lokalbahn.— Die Medaille. Mittwoch, abend« 8 Uhr: Die Gefährtin— Paracelaua. Oer grüne Kakadu. Donnerstag, abend« 8 Uhr: Oer Misanthrop. Die Schule der Frauen. Sehiller-Theater Chb�en- Dienstag, abend« 8 Uhr: Der Misanthrop. Dia Schule der Frauen. Mittwoch, abend« 8 Uhr: Xachrabm. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Her TatlNmtsn. Dramtische« Märchen v. Ludw. Fulda. keriiner �üealer. AbendS 3 Uhr: Große Rosinen. sdestei'igdei'WggMf'Ztf'ck AbendS b Uhr: Die 5 Frankfurter. Deutsches Schauspielhaus (Komische Oper). An allen Tagen der Woche 7'/, Uhr: E g m o n t. fsiontis Operetten-Theater (srllher Venen Theater) 8 Uhr: Ter liebe Augustin. Sonnabend z. erstenmel: Gotdner Leichtsinn. Ansang?>/, Uhr. Luisen'Theater. AbendS 8 Uhr: Ter Alpenkönig und der Menschenfeind. Mittwoch: Die Anna-Lise. Donnerstag: Der Alpenkönig und der Menschenfeind._ OSE=THEATE (jlrotze Frankfurter Str. 132 Zapfenstreich. Ansang 8'/. Uhr. Aus der Dartenbühne: ES gibt nur ein Berlin. Gr. Revue Relidenj-Neiiltt. 8 Uhr: Der Herr m Nr. 19. Schwank in 3 Akten von Keroul und Barre. Morgen und solgende Tage: Der Herr von Nr. 19. Metropol- Theater. Casino-Theater Lotbringer Str. 37. Täglich 8 Uhr Ein lustiges Stück a. d. Berl. Leben Der Großfürst. Borher ein auSerwähUer Spczialitä- tenteil, nur Künstler ersten Ranges. Vorverkauf an der Theaterkasse von Ii— 2 Uhr. Soimiag 3'/, Uhr: Der stille See. ieHer!I Phant-musik. Komödie in 3 Akt. auS d. Engl, völlig frei bearb. von I. Freund. Mustk von R. Nelson, u. a. Tänze von W. Btshop. I» Szene ges. v. Dir.Schultz. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Ad 3 Uhr Lachen Ist die Parole! 4 Schwentern Rnby Humorist, akrob. Potpourri. M. Vcga Trio der Gipfel der Komik. Wunderpapagel Lora und 8 weitere Novitäten. Trianon-Theater. Slnfmig 8 Uhr.»Die Brieftasche--. »Ein peinlicher Zwischenfall--. »Der Dieb--. e-Iheeles. 8---11 tfhr Gastspiel der sieben SpaBmacher „Da tut sich was.'* Groüe Metropacodie-Revue nach dorn Engliechen aus dem Französischen ins Dämliche übersetzt von Schmolius Feind, Musik von Victus Limburger, in Szene gesetzt von Direktor Ricardo Shoultscz. Jean Pedro, Fratzi Maesievy, Laatsch Messing, Pepl Popfpi, Kohn Erzblshop, Luide Quietscher. Pfeifen übersU gestattet! Totentanz nur in den Umon-Theafern Alexanderplatz Unter den Linden Moritzplatz Hasenheide Wedding, Reinickendorfer Str. 14. Anßerdem: Der Kaiser in der Schweiz. Der Kronprifiz als Leihimsar usw. usw. OCISCKER GARTEN Täglich; Großes Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 Mark, von abends 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. WWW Wie man Männer bessert! Die Originafi- KBabrias-Partie Beide StUcke mit Anton und Donat Herrnfold In den Hauptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf 11—2(Theaterkasse.) Passage-Panoptikum Voigt-Theater. Gestmdbrumien Badstratze Sg Heute geschlossen. Sonntag, den 15. September 1912: Lodert und kertrsm. Montag, den 16. September: Er- öffnung der LLintersaison. \ARK Letzte Woche! Entree 50 Pf. Kinder und Zwergstadt bis 6 Uhr frei. Die(Sr 1912 gelösten Billetts haben f. die nächstjährige Saison keine Gültigkeit. Polles Capriee. Täglich 8'/. Uhr i Die Novitäten: Der keusche Joseph Der Nehbock.- Der Einbrecher. ATOM Das kleinste menschliche Lebewesen. | Das Wunder aller Wunder. lEhenil! Ohne Extra- Enlree! Reicbshailen-Theater Stettiner Sänger, Wen! Die Macht der Töne. Burleske v. Mchsel. Anfang 8 Uhr. «omttags 7'/, Uhr. ftzlic den Inhalt der Inserate äbernimütt die Redaktio» d-iu Publikum gegenüber keiuerlei Berautworkuuz- Verkäufe. TevVicbe!(teblerbaste) in allen Krätzen, jast für die Halste deS Wertes Tevvichlager Brünn, Hackcicher Marti i, Babnboi Börse,(Leser dcS »Vorwärts' erkalten ö Prozent Rabalt.) 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Die Ortsverwaltuus Berlin des Deutseben HolzarbeHerverbandes. Verantwortlicher Redakteur! Alfred Wielepp. Neukölln. Für fca Önsaaienuü oetantB.; Th GIock«, BerUu. Druck u. Verlag: Vorwact» Buchdruckecei u. V-clagSanstalt vcntl Sinaer u. HJeiliu SW.