Ur. 215. BbonncmcntS'BcdingUngen: «lionnemcnts> Preis vrSnmnerando: »ierlcljährü 3M MI, mono«. 1.1V MI, wöchentlich 28 Psg. frei WS HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- imnimcr mit illustrierter SountagZ- Beilage ,Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preislifte. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonncments nehmen an: Belgien. Tänemaich Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, nSnien, Schweden und die Schweiz. 29. Jahrg. Clditlnt täglich auflcr RlonUgs. � f Nevlinev Volksblcltk. Die Insertion;-Sebllhr betrügt für die scchSgcspaltene Kolonel- Zeile oder deren Raum so Psg.. für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersamniIungS-Anzcigcn 80 Psg. „Kleine Anreisen", das fettgedruckte Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedeS weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen baS erste Wort 10 Pfg., iedeS weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch. f iben zählen für zwei Worte. Inserate r die nächste Nummer müssen bis Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adresse: ,,So;lZl religion. Wenn das organisierte Proletariat nicht wäre, dem der Spuk am hellen Tage nur das Lächeln der Gering- schätzung entlockt, so möchte der Triumph der Klerikalen wohl � vollkommen scheinen. Aber es ist gar nicht unmöglich, daß der eucharistische Kongreß vielen die Augen öffnet und sie sehen läßt, wohin das Sckjiff in Oesterreich sich wieder wenden will: gen Rom. Und daß der klerikale Uebermut die Kräfte eines nachdrücklichen Widerstandes erst wieder auslöst. Zur teuerung. M.-Glndbacher Doppelzüngigkeit.. In der Resolution, die die christlichen Gework- schalten in ihrer dieser Tage in Köln abgehaltenen Ver- sammlung zur Fleischtcucrung annahmen, heißt es am Schluß: „Schon jetzt sind Erwägungen und Untersuchungen darüber anzustellen, inwiefern nachAblaufdesjetzigenZoll- tarifgesetzes die künftige Zollgesetzgebung und die auf ihr basierenden Handelsverträge Erleichterungen schaffen können, wodurch die Fleischversorgung der Bevölke- ruug, insbesondere in den Großstädten und Industriezentren, sichergostcllt werden kann." Diese Resolution ist nicht in Köln, sondern in M.- G l a d- bach, von wo in der Versammlung der Kölner Gcwerkschafts- christen zwei Redner erschienen waren, ausgeheckt worden. Die brennende Not des Volkes zwingt die Herren, etwas zu unternehmen, und da wählte man die große Metropole West- deutschlands als Resonanzboden. Nun erschien aber am Tonnerstag in der rheinisch-westfälischen Zentrunispresse ein Korrespondenzartikel, der unverkennbar gleichfalls aus M.-Gladbach stammt, und in diesem Artikel heißt es:„Sollte das Gefrierfleisch den Preis des Fleisches und Viehes in Deutschland so drücken, daß die einheimische Viehzucht darunter leidet,' so wäre das richtige Hilfs- und Heilmittel die Er- höhnng des Zolles. Alle Freunde der Landwirtschaft, die etwa für eine Aenderung des Fleischbeschaugesetzes stimmen möchten, werden sich vorher die Gewißheit ver- schaffen, daß im Falle der Schädigung der deutschen Viehzucht die entsprechende Zollerhöhung eingeführt wird." In der von M.-Gladbach inspirierten Kölner Versamm- lung forderten die christlichen Gewerkschaftler die dauernde Einführung von Gefrierfleisch und Ermäßigung der Vieh- und Fleischzölle— zwei Tage darauf fordert ein gleichfalls aus der M.-Gladbacher Zentrale stammender Zeitungsartikel noch höhere Vieh- und Fleischzölle, für den Fall, daß das Ge fricrfleisch die heutigen Wucherpreise tatsächlich herabdrücken sollte! Die Kölner Demonstration war das Werk der ge werkschaftlichen, der Artikel dasjenige der agrarpolitischen Abteilung der M.-Gladbacher Zentrale. Man darf dessen gewiß sein, daß der Artikel zum Ausdruck bringt, was die klerikalen Drahtzieher wirklich denken, daß die Resolution aber demagogisches Scheinwerk ist. Rückgang des ViehauftricbS. Wäbrend in den Monaten Juni und Juli der Auftrieb von Vieh an 40 deutschen Schlachlviehmärkten, für die eine fortlaufende Sta tistik vorliegt, im Vergleich zum Vorjabre noch beträchtlich gestiegen war, ist im Monat August ein wesentlicher Rückgang des Angebots eingetreten. Der gesamte Auftrieb von Schlachtvieh an den ge« nannten Plätzen berechnete sich im August 1912 auf 71,50 Millionen Kilogramm. Das bedeutet gegen den vorjährigen Parallelmonat eine Abnahme um 1,86 Millionen Kilo. Im Juli 1912 stellte sich das Angebot auf 74.43 Millionen Kilogramm gegen 70,95 Millionen Kilogramm im entsprechenden Monat des Vorjahres. Jit den ersten acht Monaten 1912 wurden den genannten 40 Märkten insgesamt 596.56 Millionen Kilogramm Schlachtvieh zugeführt. In der vor jährigen Vergleichsperiode berechnete sich daö Angebot auf 559,60 Millionen Kilogramm. Im Sugustmonat der Jahre 1909 bis 1912 entwickelte sich der Auftrieb in Millionen Kilogramm wie folgt i August 1909 1910 1911 1912 Rinder.. 29,80 80,46 26,07 25,09 Kälber.. 4,97 4,47 5,01 4,22 Scbafe.. 2,66 2,66 2,10 2,6t Schweine.' 81,26 36,36 40,17 39,58 Insgesamt 68,69 73,95 78.35 71,50 Besonders bemerkenswert ist der seit dem Jahre 1910 beobachtete scharfe Rückgang des Angebots von Rindern. Daß der Auftrieb von Schiveinen im Vergleich zu den Jahren 1909 und 1910 zu« genommen hat, bietet hierfür kein Aequivalent, da bekanntlich das Schweinefleisch für die Ernährung weit weniger wertvoll ist als Rindfleisch. Natürlich nötigt die herrschende Fleischteuerung weite Schichten des deutschen Volkes zur Einschränkung des Fleischkonsums. Im August 1912 ist der Verbrauch von Fleisch sogar viel stärker zurückgegangen als das Angebot am SchlachtvieHmarkte. An den erwähnten 40 Marktorten wurden nämlich den Schlachthäusern zu- geführt in Millionen Kilogramm: August 1911 1912 Zu- resp. Abnahme Rinder.. 16.72 15.54— 1,18 Kälber.. 4.50 3.77- 0.73 Schafe.. 1,84 2,09+ 0,25 Schweine. 30,86 28,58- 2,28 Expedition t SM. 68» Linden Strasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Der Gesamtverbrauch ist also an diesen Plätzen von 53,92 auf 49,98 Millionen Kilogramm zurückgegangen. Landwirtschaftliche„Hilfsmittel" gegen die Teuerung. Der„Basische �Landwirt", eine in Baden stark verbreitete Wochenschrift, gibt die nachfolgenden Vorschläge wieder, die ein Einsender als Hilfsmittel gegen die Teuerung macht. Sie lauten: 1. Bestehenlassen der Sperrmaßregeln gegen Einfuhr von Vieh, Fleisch und Fleischwaren; 2. Einschränkung'des Genusses von Fleisch und Fleischwaren. 3. Erziehung der weiblichen Jugend zur Einfachheit und Verbot der Verwendung von Mädchen unter 18 Jahren in Fabriken und Bureaus; dafür obligatorische Verpflichtung zur Erlernung von praktischer Hausarbeit mit nachfolgender Prüfung: 4. Verminderung des zu ausgedehnten Vereins» und Vers gniigungswesens. Die städtische Bevölkerung, die ja unter der Teuerung am meisten zu leiden hat, wird diese landwirtschaftlichen Vorschläge „nach Gebühr" einzuschätzen wissen. Ein bürgerliches Blatt gegen die Flrischnot. Die in Köln erscheinende„Rheinische Wirtezeitung" schreibt in ihrer Nr. 36 zunächst: „Die sozialdemokratischen Blätter schreiben mit Recht von einer Ausfaugung des deutschen Volkes, denn Tatsache ist. daß Arbeiterfamilien sich nicht mehr genügend ernähren ckönnen und der Mittelstand gleichfalls bittere' Not leidet." Nachdem das Blatt sich entschieden dagegen gewandt hat, daß man„oben" die Not leugnet und keine Linderung anstrebt, fährt es fort: „Sollen! denn erst Hungerrevolten ausbrechen? Der ehrlichste Patriotismus muß ja zum Teufel gehen, wenn man sieht, wie nur einem Häuflein unersättlicher Agrarier zuliebe die breiten Massen dem Hunger überliefert werden. Wird es den regierenden Kreisen nicht Angst vor den unvermeidlichen Folgen solcher Wirtschaft? Fürchten sie nicht den Tag, da dem hungernden Volke endlich die Geduld reißt und es endlich Kur Selbsthilfe schreitet? Gewarnt wurde genug vor der in steigendem Maße er» folgten AuSräuberung der Volksmassen durch allerlei Lasten, die man den Aermsten in unerträglichem Maße ausbürdet«. Das Volk hat hergegeben, was es hatte; jetzt hat es nichts mehr und muß eben Hunger leiden.... Daß für das deutsche Volk tatsächlich eine Hungersnot eingetreten ist, ist nicht mehr zu leugnem wenn auch nicht jedermann dem nächsten erzählt, welche Entbehrungen er sich auferlegen muß. Für einen Kulturswat des Ranges, wie Deutsch- land einer sein will, ist es aber eine Schande, wenn die breiten Massen hungern müssen; da doch die neuzeitlichen Verkehrs- einrichtungen völlig ausreichend sind, um billige Nahrungsmittel ins Land zu bringen... Zum Schlüsse droht die„Rheinische Wirtezeitung". baß„viele Wirte sich im Stillen fest geloben, bei der nächsten Reichstags- wähl sich viel reiflicher zu überlegen, wen sie nach Berlin senden sollen". Maßnahmen der Kommunen. In Halle(Saale), wo ein sozialdeinolratischer Antrag auf Ab- Hilfe gegen den Notstand von den Stadtverordneten der TeuerungS- deputation überwiesen war, hat diese Deputation jetzt beschlossen, an drei Stellen der Stadt städtische Fleischverkaufsstände einzurichten, wo ein bis fünf Pfund an Minderbemittelte ab- gegeben werden. Durch Vermitlelung eines Großschlächtcrs soll Rindfleisch zum Preise von 83 Pf. und Schweinefleisch für 85 Pf. abgegeben werden. Man will weiter versuchen, dänisches oder ge- frorenes argentinisches Fleisch noch billiger zu beschaffen. Den Stadtverordneten wird am Montag das Fleifchvertriebsprojekt zur Beschlußfassung borgelegt werden. Vorläufig soll ein Kredit von 30 000 M. verlangt werden. Das Bürgervorsteherkollegium(Stadtverordnete) in Linden, Hannover, ist, soweit man sehen kann, die einzige Genieindekörper- schatt, die mit Schöppenstedter Unvernunft der Teuerung gegenüber tritt. In der letzte» Sitzung stellte der einzige sozialdemokratische Vertreter Genosse Sporlcder den Antrag, das Bürgerschastskollegium möge den Magistrat ersuchen,„umgehend eine Petition an den Bundesrat und das Staatsministerium zu richten, mit der Bitte, geeignete Maßnahmen zu treffen, um dem bis zur Unerträglichleit angewachsenen Notstand der Bevölkerung Lindens Einhalt zu tun". Diesen Antrag bat das in seiner Mehrheit aus polittsch beschränkten Pfahlbürgern und reichsverbändlerischen National- liberalen zusammengesetzte Bllrgervorsteberkollegium gegen fünf Stimmen abgelehnt. Und das, trotzdem die Stadt Linden fast ansschließlich eine Arbeiterstadt ist, deren ganze kommunal- wirtslbaftliche Entwickelung auf der Arbeiterschaft beruht. Leider ist es nicht möglich, der Arbeiterschaft einen größere» Eiiifluß in der Stadtverwaltung zu erringen, weil die hannoversche Städtcordnung nur die Bnrgergcmeinde kennt und die Erwerbung des Bürgerrechts 100 M,(I) kostet. Wie stark sonst die politische Bedeutung der Arbeiterschaft in Linden ist, geht ja daraus hervor, dah Linden neben Berlin der bisher einzige preußische Landtagswahlkreis ist, der einen sozialdemokratischen Abgeordneten(Genossen Leinert) ins preußische Abgeordnetenhaus sendet. Um so grotesker erscheint die Haltung deS BürgervorsteherlollegiumS, dem für die Notlage der Arbeiterschaft, die auch in Linden besonders groß ist, jede Empfindung fehlt. Der Magistrat in Linden bringt der Teuerung etwas mehr Verständnis entgegen wie die Stadtverordneten. Der Oberbürgermeister Dr. Lodemann erklärte einer Abordnung des sozialdemokratischen Wahlvereins, der Magistrat erkenne den Not- stand an und werde mitwirken bei den Maßnahmen zur Linderung. In seinen Beschlüssen könne er sich apf die einzelnen Forderungen deS Stadtverordneten Sporleder nicht festlegen, wozu auch kein Anlaß vorliege, da die Stadtverordneten ja den sozialdemokratischen Antrag abgelehnt hätten. Die Stadtverordneten erklärten übrigens nunmehr, sie hätten den sozialdemokratischen Antrag nicht aus prinzipiellen Gründen abgelehnt, sondern nur, Weil die Zeit zu spezieller Beratung fehlte. In einer Besprechung, die Vertreter des Magistrats der Stadt Magdeburg mit dem Vorstande der Fleischeriunung hatten, wurde die Möglichkeit der Einfuhr von Gefrierfleisch erörtert. Mau kam zu dem Eutschluh, dah in dieser Beziehung unbedingt ein Ver- such unternommen werden müsse, zu welchem Zwecke eine Koni- miffioit gewählt wurde. Die Sache soll so gehandhabt werden, dah die Stadt Gefrierfleisch bezieht und eS an Fleiswer zum Klein- verkauf weitergibt, nachdem unter Mitwirkung des Magistrats der Preis festgesetzt wurde. Um die Frage zu prüfen, ob durch die Fleischer eine ungerechtfertigte Verteuerung deS Fleisches erfolgt, sollen durch die Stadt amtliche Probeschlachtungeu vorgenommen werden, wobei der Ankauf des Viehes auch durch persönlich un- beteiligte Mittelpersonen der Stadt erfolgen soll. Das Fleisch soll zu amtlich festgesetzten Preisen an das Publikum abgegeben werden, wobei sich dann unter Berücksichtigung der den Fleischern er- wachsenden Geschästsuukosteu usw. ergeben muh, ob dem Publikum im Kleinverkauf zu hohe Preise abgenommen werden.— In der Besprechung wurde auch der Oeffining der Grenzen mit Entschieden- heit das Wort geredet. Ohne dem würden alle anderen Matzuahmen nur von untergeordneter Bedeutung sein. In der Stadtverordnetenversamnilung zu Magdeburg kamen am Donnerstag Interpellationen der sozialdemokratischen und der freisinnigen Stadlverordnetensraktion zur Lebensmittelteuerung zur Verhandlung, nachdem am Tage vorher die vor Jahresfrist von den Stadtverordneten eingesetzte sogenannte Teuerungskommission bereits verschiedene von der Stadt zu ergreifende Mahnahmen in Vorschlag gebracht hatte/ Die Vorschläge gingen dahin, dah durch die Stadt aus den skandinavischen Ländern Schlachtvieh eingeführt wird, zu welchem eine besondere Kommission unverzüglich nach den Quaranläuestationeu entsandt werden soll, unr Vieh einzukailfen. In der gleichen Weise soll durch die Stadt die E i n f u h r von srischein Fleisch und gefrorenem Fleisch aus Argentinien in Me Wege geleitet werden. Au die Regierung soll eine Petition gesandt werden, in welcher u. a. die Erleichterung der Einfuhr von Vieh und Fleisch aus dem Auslände durch Auf- Hebung der darauf ruhenden Zölle und der nicht unbedingt erforderlichen veteriuärpolizeilichen Vorschriften sowie die Bei- beHaltung der Frachtermähigung für den Bezug von See- fischen gefordert wird. Schlichlich schlug die Teuerungs- kommissiou noch vor, den im vorigen Winter von der Stadt ver- mittelten Verkauf von Seefischen in erweitertem Mahe wieder ein- zuführen und auf die Abendstunden zu verlegen, mn besonders der arbeitenden Bevölkerung günstigere Einkaufsmöglichkeiten zu ver- schaffen.— Der Magistrat erklärte sich mit den Vorschlägen ein- verstanden. Voni Magistratsredner wurde mitgeteilt, dah die Handelskammer sich der Eingabe an die Regierung anschlicht und dah sich eine gröhcre Anzahl Magdeburger Jndustriefirmen bereit erklärt hätten, gemeinsam mit dem Magistrat Schritte zur Abwehr der Teuerung zu unternehmen. Die Vorschläge der TeuernngS- kommissiou wurden von der Stadtverordnetcuversammlung nahezu einstimmig angenommen. In der Mittwochssitzung des Straßburgcr Genieinderats lag ein Antrag einer eingesetzten Spezialkommiiston vor, die zu folgenden Vorschlägen gekommen ist: Eingabe an den Bundesrat und Reichs- tag sowie an die Landesregierung, bezweckend Erleichterung der Schlachtvieheinfuhr aus den Nachbarländern durch eine mit der Er- Haltung dsr heimischen Viehzucht verträglichen zeitweisen Herab- setznng der Zölle und Milderung der veterinärpolizeilichen Vorswriftcn,— versuchsweise Einführung von Gefrier- fleisch unter gleichzeitigen Eingaben, bezweckend Milde- rung des Z 12 des FleischbeschaugesetzeS und Herabsetzung deS allzu hohen Zollsatzes zur Ermöglichung dieses Ver- suches,— Ersuchen an den Bundesrat um Beteiligung deS Strah- burger Schlachthofes an der kontingentierten Vieheinsrihr aus Oesterreich-Ungarn,— Gesuch an die Reichseisenbahn um ermähigte Tarife für Vieh- Und FteischtranSporte, sofortige Errickumig einer städiischen Mastanstalt für Schweine, wenn möglich in Verbindung mit einer ländlicheir Geiiosienschaft,— rcgelmähige Feslstellung der Schlacht- dich- und Flcischpreise und Verfolgung ihrer Spannung,— so- � Dortige Inangriffnahme der Vorarbeiten zur Gründung einer Vieh- ' markiSbank, die den Metzgern Barkredit vermittelt und ihre genossenschaftlichen Bestrebungen ans rationelle Verwertung aller Nebenprodukte ihres Gewerbes unterstützt.— Die Vorschläge wurden vom Gemeiuderat atzcpliert. Ein Ziisatzcmtrag, der die Ein- berufung des Reichstages fordert, wurde ebenfalls angenommen. Eine Abordnung des Vorstandes deS fozialdemokralische» Wahl- Vereins in Hannover war beim dortigen Magistrot vorstellig wegen der Teuerung. Hier war man etwas entgegenkommender als in der Nachbarstadt Linden. In Vertretung des beurlaubten Stadtdirektors (Oberbürgermeister Trainrn) teilte der Stadtsyndikus Eyl mit, dah der Magistrat schon eine Kommission von vier Mitgliedern eingesetzt habe, mn sich eingehend mit der Frage der Teuerung und eventuell Abhilfemittel zu beschäftigen. Bürgermeister und Stadtverordnete in Mainz nahmen den sozialdemokratischen Antrag zur Bekämpfung der Fleischnot, der auch die alsbaldige Eiuberufung des Reichstages forderte, emstiminig an. Auf Veranlassung der sozialdemokratischen Bürgerschaftsfraklion fand mn Montagabend in Lübeck eine auherordenillche Bürger- schaftssitzung statt, die sich niit einent sozialdemokratischen und einem liberalen Teuerungsantrag zu beschäftigen hatte. In beiden An- trägen wurde der Senat auigefordert, beim Bundesrat auf Durch- sühoiiig geeigneter Maßnahmen gegen die Teuerung zu dringen. Nur ein Redner, natürlich ein Agrarier, wagte es, die bestehende Teuerimg abzuleugnen. Der Senat lieh er- klären, dah er sich bereits auf Veranlassung der Handels- tainmer mit der Teuerung beschäftigt hätte. Er würde darauf hinwirken, dah eine Herabsetzung der Lebens- und Futter« mittclzölle und die Oeffnung der Grenzen erfolge. An vier Tagen in der Woche würden auch fortan am Hafen billige Seefische ver- kauft. Die Bürgerschaft nahm schliehlich die beiden Anträge an und forderte die Einsetzung einer gemeinsamen Kommission von Senat und Bürgerschaft, um lokale Mahnahmen gegen die Teuerung zu unternehmen. Die Rostvcker Stadtverordnetenversammlung nahm cinstimniig den Antrag unserer Genossen an, den Magistrat zu ersuchen, beim Bundesrat vorstellig zu werden wegen der Fleischnot und um wirksame Mahnahmen zu deren Behebung zu ersuchen. Protestkuitdgebungcn gegen die Teuerung fanden weiter in Luckenwalde und Essen statt. Teuerungskonferenz in Württemberg. Das württembergisrhe Ministerium des Jnneru hat zu der Flcischteuernng Stellung genommen und der Vertreter der Land- Wirtschaft, des Fleischergewerbes und der Viehhändler zu einer Be- ratung über die zu ergreisenden Mahnahme» gegen die Fleisch- teueruug eingeladen._. ' politifcbc Ucberücht. Berlin, den 13. September 1912. Die Konservativen und die Besitzsteuer. Als die Konservativen dem bekannten schönen Verlegen- heitsantrag Bassermann-Erzberger zustimmten, der die Regierung verpflichtet, bis zum 30. April 1913 ein Besitz- ' steuergesetz dem Reichstage vorzulegen, zog die liberale Presse vielfach daraus den Schluß, daß die Konservativen dadurch die Verpflichtung übernommen hätten, Besitzstenern zu be- Willigen. Dieser Auffassung tritt die„Kreuz-Zeitung" in einem langen Artikel entgegen. Sie beruft sich auf die Aus- sühruugen des konservativen FraktionSrcduers im Reichstag, d''s Grasen Westarp, der'die Zustimmung seiner Partei zu- nächst damit begründet hat, daß es nötig sei, den Streit der bürgerlichen Parteien zurzeit zu vertagen, dann aber ans- führte:„Aber für die zukunftige Ausksgung des borgb- schlagenen Gesetzes wird die Entstehungsgeschichte von Be- deutung sein, wird man immer daran �zu erinnern haben, welche Zwecke mit der Einführung des Gesetzes verfolgt worden sind, und da meine ich, ist die Situation doch eben die: es wird ausgesprochen, daß noch einmal über den Gedanken der durch Reichsgesetz einzuführenden allgemeinen Besitzsteuer verhandelt werden soll: aber die E n t s ch e i- d u n g darüber, in welcher Form diese Besitzsteuerfrage gelöst werden soll, diese Entscheidung soll heute noch nicht ge- troffen, die soll auf die Zukunft vertagt werde n." „Zunächst müsse, meint die„Kreuz-Zeitnng", überhaupt erst nachgeprüft werden, ob ein Finan.zbedarf für neue Steuerbewilligungen nachweisbar sei oder ob tatsächlich das Finanzsystem im Reich, in den Bundesstaten und Gemeinden eine schärfere Heranziehung des Besitzes erfordere. Und selbst wenn ein solcher Nachweis erbracht werde, sei natürlich die konservative Partei noch keineswegs gezwungen, für jede be- liebige Besitzsteuer zu stimmen, welche die Regierung vor- schlage. Für eine Erbschaftssteuer, die das von Eltern ihren Kindern hinterlassene Vermögen besteuere, würden die Kon- servativen in keinem Fall stimmen. Wörtlich erklärt das agrarkonservative Blatt: „Die Besteuerung des KindeSerbes entspricht nicht der Forderung einer allgemeinen gerechten Heranziehung des Besitzes. Wir verstehen wirklich nicht, wie jemand nach unserer Auffassung hierüber noch fragen kann. Die Meinung, daß die 5kindererbschaftssteuer in unserem Steuersystem dieser Anforderung entsprechen könne, ist heute noch unrichtiger, als sie etwa IVOS gewesen sein könnte. Denn seitdem hat der Grundbesitz in der Umsatzsteuer, Fider- kommißsteuer und Zuwachssteuer, und das landwirtschaftliche Gewerbe in der Besteuerung des kontingentierten Spiritus und in der Beibehaltung der Zuckerstcuer in ihrer jetzigen Höhe weitere Vorausbelastungen erfahren, die durch die Erhöhung des Emissionsstempels, die Talonsteucr, die Scheck- und Wechselsteuer auch nicht annähernd ausgeglichen worden sind, und zwar nicht einmal der absoluten Höhe nach, geschweige denn im richtigen Verhältnis der Leistungsfähigkeit beider Arten des Besitzes." Es war also, wie die Konservativen damit eingestehen, ihnen zunächst nur darum zu tun, die neue Heeresvermehrung durchzubringen. Irgend welche Verpflichtung, zu den Kosten dieser Vermehrung etwas Nennenswertes beizutragen, haben sie nicht übernommen. Ihre Vaterlandsliebe reichte gerade nur zum Bewilligen neuer Heereskörper aus: die Deckung der daraus entstehenden neuen Ausgaben überlassen sie, edel und „vaterlandsliebend", wie sie sind, der plebejischen Volksinasse. Das ist echter Junkerpatriotismus. Die Braganza-Verschwörnng. Die von uns in der vorgestrigen Nummer wiedergegebenen Mitteilungen der„Münrbener Post" werden natürlich durch die bayerische Regierung bestritten. Die Münchener offiziöse Korrespon- denz Hosfmann meldet: Die„Münchener Post" hat im Znsammen- hang mit dem hiesigen Aufenthalt des Königs Manuel von Portugal angebliche Enihüllungen über ein bayerüch-portugiesisches Komplott zur Wiederherstellung der Monarchie in Portugal gebracht, in das Ihre königliche Hoheit Herzogin Maria Josepha in Bayern verwickelt und Ministerpräsident Frhr. v. Hertling eingeweiht sein soll. Die Nachricht, die schon bei ihrem Erscheinen von den meisten Blättern als unwahr erkannt wurde, ist frei erfunden. DaS Dementi ist noch einfältiger, als die Dementis der„Nordd. Allgem. Ztg." Was ist frei erfunden? Die Nachricht, dah ein Komplott gegen die portugiesische Regierung besteht? Dah an diesem Komplott die Herzogin Maria Josepha beteiligt ist— oder dah Frhr. v. Hertling etwas von der Sache weih? Im übrigen hält die„Münchener Post" ihre Behauptungen in vollem Umfange aufrecht. Nach einem uns zugegangenen Tele- gramm schreibt sie in ihrer gestern abend erschienenen Nummer u. a. folgendes: „Wir erwarten eine Offizialklage, dann werden wir den Wahr- hcitÄbeweis für unsere Mitteilung und noch für manches andete erbringen. Von der ersten Bankoperation bis zur Reise des un- schuldigen Touristen Manuel nach Possenhofen werden wir so man- ches beweisen können. Also heraus mit der Offizialklage. Das Schwurgericht wird eine interessante Schaustätte werden." Das erwähnte Telegramm berichtet serner, daß man sich auch in Kreisen, die der Sozialdemokratie durchaus fernstehen, nämlich in den klerikalen Salons Münchens� von dem Lieölingsgedanken der Herzogin Maria Josepha erzählt, die Wiederausrichiung der BraMuiza-Dynastie in Portugal durchzuführen. Es dürfe ferner ein offenes Geheimnis sein, daß die miliiärischen Operationen der Obersten Conceiro und Almeida mit bayerischem Gelde durchgeführt wurden. Eine neue Kirchengemeindeordnung für Bayern. In einer Doppelsitzung wurde am Mittwoch in der bayerischen Abgeordnetenkammer die Kirchengemeindeordnung zum Abschluß gebracht. Das Endergebnis war: Annahme mit 33 klerikalen, bauernbündlcrischen und konservativen gegen 4ö liberale und sozialdemokratische Stimmen. Alle sozialdemokratischen Anträge wurden niedergestimmt, so sehr sich die Genossen Lämmermann, Schneppenhorst, Süßhcim und Säcklcr bemühten, die Rechte der Kirchengemeinde zu stärken. Der Kultusminister hielt es nicht mehr für notwendig, Aufklärung zu geben. Die Anfrage Säcklers, was denn unter„unsittlichem Lebenswandel" zu verstehen sei, der die passive. Wählbarkeit aus- schließt, blieb von Herrn v. Knilling unbeantwortet, und als Schneppenhorst auf diese„tlnhüslichkeit" hinwies, kam es zu einem Zusammenstoß. Knilling redete sich dann darauf hinaus, dah er der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes nicht vor- greifen wolle, was diese vom Ausschutz beschlossene Fassung be- deute. Erst macht man Gesetze, welchen Sinn sie aber haben, wird man später erfahren. In Einige Verlegcnheist brachte Casselmann den Minister. Er erinnerte daran, dah Herr v. Hertling als Reichsratsreferent seinerzeit dem Konkordat den Vorrang vor dem Religionsedikt der Verfassung eingeräumt habe, also sich grundsätzlich gegen die Verfassung erklärte. Heute spiele er sich dagegen als Hüter der Verfassung auf, die er prinzipiell nicht anerkenne. Herr v. Knilling versicherte, er persönlich stelle die Verfassung über das Konkordat, und die Meinungen des RcichsraiS v. Hertling habe er nicht zu ver- treten._ Auch ein Diener des Herrn. In ihrer Auffassung, dah es daS Los des Proletariers sei, zu darben und zu entbehren, stimmen die Gescheitelten und Geschorenen völlig überein. In dem evangelischen Kirwenblättchen der Ge- meinde Esscn-Land, daS von einem Pastor Gaul redigiert wird, heißt eS: „Nach dem Vaterunser dürfen wir Gott um da?„tägliche Brot" bitten— woblgcmcrkt, nicht um einen„täglichen Braten". Das Brot ist das einfachste, aber auch das wertvollste NnhruugS- mittel. Mit Brot allein kann der Mensch sich sättigen, vom Brot und Wasser leben- Und.während man fönst aller Leckereien und köstlichen Bissen bald satt wird-- deS BroteS wird man nie überdrüssig; immer wieder schmeckt es von neuem. Darum sprachen unsere Alten vom„lieben Brot", wie eines ihrer Sprich- wörrer lautet:„Man ioll das liebe Brot nicht mit Füßen treten". In dieser Tonart erzählt der GotteSmann weiter, dah man sich an den Erzeugnissen, die der Weltverkehr zu uns bringt, leicht den Geschmack verdirbt, dah mancher Bettelmann mit dem Stück Brot. das man ihm reicht, nicht zufrieden ist und es wohl gar wegwirft, und dah, wer in der Jugend an Einfachheit im Essen und Trinken gewöhnt wird, später leicht„das Bessere" entbehren kann. Schliehlich erinnert der hochwürdige Herr„unser heutiges vielfach so ver- wöhntes und unzufriedenes Geschlecht" an die Mahnung des Apostels:„Wenn wir Nahrung und Kleider haben, so lasset uns genügen"�... Ein würdiger Hirt, dieser Pastor Gaul. Die Geistlichen der evangelischen Kirche klagen so oft über die zunehmende Un« gläubigkeit der Massen und ernsthafte Beobachter prophezeien sogar einen„religiösen Bankrott der evangelischen Kirche"; aber worin zu einem wesentlichen Teil dieser Niedergang besteht, das wollen die Herren nicht einsehen: nämlich, dah so viele der evangelischen Geistlichen sich als staatlich angestellte geistliche Gen« darmcn betrachten, während ein anderer Teil seinen Beruf gründlich verfehlt hat— das heiht gar mancher durch Stipendien und gute Fürsprachen zum Pfarrer geworden ist, der seiner Begabung nach sich weit besser zum Lakaien eignet. Die sozialdemokratische Mehrheit im Nndolstädte» Landtage. Auf eine Eingabe des Kriegerverbandes Kyffhäuser. die be» dürftigen Veteranen von der Einkommen- und Kommunalsteuer zu befreien, beschloh der Landtag in der Sitzung vom 13. September einstimmig, allen Veteranen, die weniger als 900 M. steuerpflichtiges Einkommen haben, alljährlich 10 M. Ebrensold zu gewähren. Der Landtag war der Meinung, dah die Eingabe des Kricgerbundes voll begründet und es dringend nötig sei, die bedürftigen Kriegs- Veteranen deS Fürstentums von der Zahlung der Einkommensteuer zu befreien. Die Befreiung von der Kommunalsteuer sei Sache der Gemeinden. Im Hinblick auf das Wahlgesey ist aber ein Erlaß der Einkommensteuer untunlich, da die Ausübung des Wahlreckits an die Entrichtung von direkten Steuern gebunden ist, folglich sei eS Sache des Reichs, mehr für diejenigen zu tun, die für das Vaterland Gut und Blut geopfert haben. Der bescheidene Betrag könne nur als Anerkennung, nicht als Unterstützung angesehen wscden. Ebenfalls einstimmig wurde der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion betreffend Fleischleuerung nacb langer Debatte angenommen. Der Vertreter im Bundesrat soll aufgefordert werden, sich sür eine sofortige Einberufung des Reichstages zu verwenden. Die finanzielle Unterstützung der Gemeinden soll aus laufenden Mitteln genommen werden. Eine eventuelle EtatSüberschreitung in diesem Punkte wurde im voraus genehmigt. Die Unterstützung der Genieinden soll darin bestehen, daß bei Bezug von ausländischem Fleisch die Regierung die Fracht und eventuell auch den Zoll trägt. Kronprinz und Kientopp lnfsen exerziere». Unter dem Titel„Der Kronprinz hatte die Gnade.. wird der„Frankfurter Zeitung" aus Saar- brücken geschrieben:„Das hiesige Passage-Kino kündigt in der Mitttvochsnummer der Saarbrücker Zeitungen einen Film „Unser Krönprinz als Leibhusar" als Attraktion an. Nachdem die Reihenfolge der Bilder angegeben, darunter auch:„Der Kronprinz springt über einen Wassergraben", heißt es wörtlich: „Seine kaiserl. Hoheit hatte die Gnade, vier Stunden laug für diese Ausnahme exerzieren zu lassen".— Und die Husaren hatten das„Vergnügen" und der Filnifabrikant und die Kino- besitzer machen ihr Geschäft dabei, und der deutsche Michel erfährt bei der Gelegenheit, zu was man Husaren hat." Soweit wir unterrichtet sind, findet sich in den zahlreichen Dienstvorschriften für die Kavallerie nicht eine einzige Stelle. die Exerzierübungen vor dem Kinematographcn vorsieht. Auch die erst vor kurzem neu bearbeitete und herausgegebene Reit- Vorschrift kennt diesen allerneuesten Dienstzweig nicht. Immer- hin ist das Kinoexerziercn der kronprinzlichen schwarzen Husaren nicht die erste Erscheinung dieser eigenartigen„Erziehung zur Kriegstüchtigkeit", die nebenbei bemerkt die Einführung der zweijährigen Dienstzeit sür die Kavallerie angeblich unmöglich macht. Vor kurzem haben einige Schwadronen Gardedragoner mit ihren königlichen Dienstpferden Lützows wilde verwegene Jagd für das„vaterländische" Schauspiel„Theodor Körner" mimen müssen. Die sozialdemokratische Frakston des Reichstags wird wohl so„ungnädig" sein, den Kriegsminister zur Aeußerung über diese Verwendung eines Kavallerieregiments für die Profitinteressen der Filmfabrikantcn zu zwingen. Als stärkste Fraktion laden wir den kronprinzlichen Regimentskommandeur ein, der betreffeilden Reichstagssitzung in der Hofloge bei- zuwohnen._ Prozest Knittel in zweiter Auflage. Im Prozeß gegen den Amtsrickitcr Kniltel-Rybnik hat� der Staatsonwalt gegen das freisprechende Urteil der Ratiborer Straf- kammer Revision eingelegt. Der„Neustadler Zeitung" zu- folge haben sich Hauptmann Kammler, Oberstleuluant Freiherr v. Vietinghoff und Generalmajor v. Windheim dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen._ Ein Polizeipräsident als Protektor der Wuchertarif« Mehrheit von 1902. Der kaiserl. Krersdirektor und Polizeipräsident von Mülhausen i. E l s., Herr v. N z e w n s k i. hat durch Verfügung vom 10. d. M. die nachgesuchre Genehmigung zur öffentlichen Verteilung(auf Straßen und Pläyeu) eines gegen die Lebensmittelteuerung gerichteten Flugblattes ver- weigert und zwar, wie eS in dem Bescheide heiht,„wegen der Stellen, welche den gesetzgebenden Faktoren Rechts- und Verfassungsbruch vorwerfen". Es handelt sich um das bekannte Flugblatt:„Frauen und Männer deS arbeitenden Volkes I Auf zum Kampf gegen die Teuerung!" worin eS Eingangs heiht, in der Nacht zum dritten Adventsonntage des Jahres 1902 sei eS mit Hilfe von Rechtsbrüchen, VcrfassuugS« Verletzungen und Gewalttaten aller Art der uuS Konservativen, Natiouallibcralen und Zentriimlern gebildeten Zoilwucher» Mehrheit des Reichstages gelungen, einem Zolltarif Gesetzeskraft zu verleihen, der die bis dahin geltenden Zollsätze auf landwirtschaftliche Erzeugnisse der verschiedensten Art in der unglaub- lichstcn Weise in dieHöhe schraubte. Der Polizeipräsident, der sich schützend vor die Zollwucher- Mehrheit des Reichstages von 1902 stellt, hat gerade noch gefehltl... Herr Polizeipräsident v. N z e w u S k i, der diese Verfügung erließ, ist der Nachfolger de? nach dem bekannten Mülhauser Konflikte zwischen Zivil- und Militärbehörden nach Sirahburg versetzten Polizeipräsidenten Dieckmann, der Wegen seiner Gestattimg der sozialdemokratischen Wahlrechtsumzüge mit Trommlern und Clairous in früheren Jahren von der blau-schwarzen Hetzprcsse so wütend angegriffen worden war. Der neue Herr Polizeipräsident für Mül- hausen i. E. scheint nach diesem UlaS die freudige Begrüßung, die seine Versetzung nach Mülhausen sofort in der Zentrumspresse erfuhr, durch die Tat rechtfertigen zu wollen. Das von der Polizei so mißfällig aufgenommene Flugblatt wird vom sozialdemokratischen Kceisverein Mülhausen nun natürlich in den Häusern verbreitet und nach dieser polizeilichen Reklame wohl mit doppeltem Interesse gelesen werden. Kartellregister. Der Reichskanzler hat die Handelsvertretungen ersucht, dem Reichsamt des Innern bis zum 20. Oktober Über die im Bezirk vor- handenen Karlelle und Syndikate zu berichten. Auch über Berändc- rungen der bestehenden Kartelle und deren Organisation, wie zum Beispiel über ihr Erlöschen, anderweitige Zusammensetzung, Statuten- änderungen, Maßnahmen, die den Marti betreffen ui'w., soll fort- laufend dem Reichsamt des Innern unmittelbar Anzeige erstattet werden. Die Sreignille in der Cürfm. Konstantiuopel, 13. September. Der Minister des Aeußeris dementiert die Blättermeldung, daß die F r i e d e n s v e r- Handlungen ztvischen der Türkei und Italien am Bairanrs. feste unterzeichnet werden würden. Die Vorbesprechungen nähmen einen solchen Verlaus, daß man einen günstigen Ausgang annehmen könne, doch seien sämtliche Ver- öffentlichungen über die Verhandlungen einfache Vermutungen, da die Vorbesprechungen zwischen beiden Ländern vollkommen geheim gehalten würden. Die Beziehungen z« Bulgarien. Konstantinopel, 13. September. Eine offiziöse Note er- klärt gegenüber den beunruhigenden Nachrichten in einem Teil der auswärtigen Presse«bei die Beziehungen zwischen der Türkei und Bulgarien folgendes: Die Beziehungen zwischen dem Kabinett in Sofia und der Pforte sind getragen von dem Geist des Vertrauens und der Versöhnlichkeit. Dank dieser günstigen Stimmung ist zu hoffen, dag die zwischen den beiden Staaten schwebenden Fragen, selbst gewisse Fragen ökonomischer Art, bald in für beide Länder befriedigender Weise geregelt werden. Eine aus türkischen und bulgarischen Offizieren gebildete K o m- Mission hat den Auftrag erhalten, den Zwischenfall an der Grenze bei Karatepe zu untersuchen. franfcmcb. Die Verlegung der Flotte ins Mittelmeer. Paris» 13. September, lieber die K o n z e n t r i e r u n g der französischen S e e st r e i t k r ä f t e im Mittelmeer äutzerte der ehemalige Befehlshaber des MittelmeergeschwaderS, Vizeadmiral Germin« r, zu einem Mitarbeiter des.Echo de Paris' u. a. folgendes: Die Behauptung, dafi Frankreich damit nnr den Zwecken Englands diene, ist unrichtig. Frankreich mutz seme Verbindungen mit der Küste der Provence und der algerisch-tunesischen Küste unter allen Umständen ausrecht erhalten können. Es verteidigt also mit dieser Maßnahme seine eigenen'Interessen um so besser, wenn wir zwei Fliegen mit einem Schlage treffen und auch den I n t e r e s s e n d e r englischen Verteidigung dienen. Im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und England oder den Mächten der Triple-Entente und des Dreibundes wird sich im Norden eine ähnliche Situation ergeben, indem England durch die Verteidigung seiner Küste gegen die deutschen Seestreitkräfte auch die Sicherheit für unsere westlichen und nördlichen Häfen ver- bürgt. Die Nolle der französischen Marine im Norden nmtz darin bestehen, datz sie jeder feindlichen Floite den Zugang zum Aernielkanal verwehr». Ich gehe Weiler und spreche es als meine persönliche Ueberzcugung ans, datz England und Frankreich den A e r m e l- ck a n a l niit Recht als englisches und französisches Ge- Wässer o n s e h e n und im Falle einer Kriegserklärung sofort den neutralen Mächten das Verbot der Schiffahrt durch den Aermelkaual bekanntgeben. Ans diese Weise wird man genau wisse», mit wem man eS zu tun hat. ES ist dies eine elementare Verteidigungsmatznahme und ein unzweifelhaftes Recht der Krieg- führeiide«. England. Europäischer Kultnrfortschritt. Man schreibt uns aus London: Die englischen bürgerlichen Blätter registrieren trockenen ToneS die Nachricht, datz die englische Regierung an die Negierung der Schweiz die Forderung gestellt hat, den Führer der ägyptischen Nationali st en Farid Bey, der von einem anglo-ägyptischen Gerichtshof in Kairo wegen einer gegen die englische Okkupation gerichteten Rede zu 6 Monaten Ge» fängiiis verurteilt worden ist, auszuliefern. Farid Bey war zuerst nach Konstantinopel geflüchtet, um unter den Fittichen der barbarischen Türken Schutz vor den politischen Verfolgungen der auf ihre Gewissensfreiheit so stolzen Briten zu finden. Allein die englischen Spürhunde hatten ihn bald aus der Türkei sortgehetzt, und er hoffte tu der kleinen schweizerischen Republik ein Asyl zu finden. Es ist nicht sehr lange her, datz sich die Schweiz und Eng- laud von der Natur und der Vorsehung vor der übrigen Mensch- heit bevorzugt glaubten, und mit Stolz auf ihre Berge bezw. das Meer verwiesen, die sie von den Stätten der Reaktion absondern. Jetzt werden wir bald sehen, wie die freie Schweiz dem freien England Schergendieiiste leistet, um einen für die Freiheit seines Landes tämpsenden Orientalen den Kreaturen Zar Kitcheners in die Hände zu liefern. Hua der Partei. Parteitag und PostlwhSrde. In der„Täglichen R w n d s ch a u�" findet sich folgende Hetz- Notiz: ..Wie aus Chemnitz, dem Vcrfammlungsplatz des dies- jährigen sozialdemokratischen Parteitags, gemeldet wird, ist die Postlhehördc, von ihrer bischerigen ablehneniden Haltung den sozialdemokratischen Parteitagen gegenüber abgekommen und hat für den diesjährigen Parteitag ein sogenanntes„Kongreß- P o st a m t" bewilligt. Bekanntlich werden von der Postverwaltung zu allen gröhereu Dogiuigen besondere Postämter eing�richiet, um den Telegramm, und Telephon- sowie den Briefposiverkehr, den solche Tagungen im Gefolge haben, bequemer bewältigen zu tönnem Dem soz.ialdcmokratiichcn Parteitag aber wurde all- jährlich ein solches Postamt verweigert mit dem Hinweis darauf, daß es sich um eine politische Veranstaltung handle. Von sozial- demokratischer Seite wurde demgegenüber festgestellt, datz zum Beispiel auch für den deutschen Katholikentag, der doch gewitz ebenfalls eine politisck)? Veranstaltung fei, stets ein besonderes Postamt eingerichtet wurde und dieses Festpostamt sogar Stempel mit der Aufschrift„Deutscher Katholikentag" geführt habe. Dar- auf wurde von der Postvcrwaltung erwidert, datz die Tendenzen der deutschen Katholikentage doch wesentlich verschieden von denen der sozialdemokratischen Parteitage seien, und auch weiterhin die Errichtung besonderer Postämter verweigert, wodurch vor allein vclegentlich der beiden Parteitag« in Jena allerhand Mitzhellig- feiten zutage traten. Nur die Parteitage im Königreich Bayern hatten sich eines Entgegenkommens der bayrischen Postvcr- waltung zu erfreuen, und auch auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Leipzig hatte man einige Postbeamte hingesetzt, die wenigstens den Briesverkehr regelten, von besonderen Telephon- imd Tclegraphena»lagen jedoch abgesehen. Jetzt ist nigni Wn dieser Haltung abgekommen. Denn für die Dauer des dies- jährigen sozialdemokratischen Parteitages tritt eine Zweigpost- anstolt im Kongretzsaale selbst in Tätigkeit. Für die Abwicklung des Telegraphen- und Fernsprechverkehrs wurden umfassende Vor- kehrungen getroffen und zahlreiche Sprechstellen eingerichtet. Die„Chemnitzer V o l k s st i in m e" bemerkt hierzu: Es ist, richtig, datz während des Kongresses im„Wintergarten" eine Zweigpostanswlt eingerichtet ist. Unwahr ist hingegen die Be- Häuptling, datz das anderwärts verweigert worden wäre. In Magdeburg und Leipzig ist es ganz genau so gewesen, wie es in Chemnitz sein wird. Unsere Partei hat an der Errichtung einer solchen Anstalt ein sehr geringes Interesse. Zu neun Zehntel kommt sie den Bedürfnissen der bürgerlichen Journalisten entgegen. Wenn die Partei trotzdem erhebliche Mittel für einen solchen Zweck auswendet, so geschieht das in dem weitherzigen. Geiste, der uns eigen ist, und zur Erleichterug des Dienstes der journali- slischen Arbeiter— denn auch die grotze Masse der Berichterstatter sind nichts anderes als Arbeiter, die von ihrer Hände Werk meist mehr schlecht als recht leben. Wenn man durch so plumpe Hetzerei der Postbehörde ihr Entgegenkommen an die Bedürfnisse des Ver- kehrs zu verleiden sucht, so l ä tz k uns das sehr kalt; die bürgerliche Presse schneidet sich nur in das eigene Fleisch Aber freilich welche Dummheit wäre den Reichsvcrbändlern zu schlecht, wenn sie der Arbeiterbewegung eins auszuwischen glauben. Zum Fall Radek. Am Montag sandte uns Genossin Rosa Luxemburg eine Zuschrift zum Fall Radek. Da wir der Ansicht sind, datz diese Affäre sich sehr wenig zur Diskussion vor der deutschen Partei« öffentlichkeit eignet, ersuchlen wir Genossin Luxemburg, ihre Abwehr in der«Bremer Bürgerzeitung" zu veröffentlichen, die mit grotzem Eifer eine Kampagne für Karl Radek iiihrt. Genossin Luxemburg sandte darauf ihre Eiiisendimg an unser Bremer Parteiblatt. Dieses iah sich jedoch nicht veranlaßt, der Zuschrift der Genossin Luxemburg Raum zu geben. Wir fühlen uns deshalb nunmehr, wo Genossin Luxemburg ibren Wunsch wiederholt, ihr als der in Deutschland bekanntesten Vertreterin der Sozialdemokratie Polens und Litauens die Möglichkeit zu verschaffen, zur Abwehr gegen sehr heftige An- klagen zu Worte zu kommen. Genossin Luxemburg schreibt: Blinder Eifer. Die„Bremer Bürgerzeitnng" beobachtet im Fall Radek eine Haltung, der gegenüber man gerade dann nicht schweigen kann, wenn einem die Interessen und das Ausehen der radikalen Richtung in der Partei am Herzen liegen. Nummer für Nummer, betreiben unsere Bremer Freunde eine larmoyaitte Agitation, die den Zweck hat, die polnischen Parteiinstanzen, die Radek verurteilt haben,'in jeder Weise hcrimtcrzureitzen, sie der gewissenlosesten TendenzgerichtSbarkeit zu beschuldigen, um Radek in geschmackvoller Parallele mit Psarrer Traub, den Märtyrer seiner Ansichten, hinzustellen. Datz Radek seinerseits Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um sich als daS Opfer eines versuchicn Justizmordes auszugeben, ist menschlich ver- ständlich. Datz allerlei gekränkte Leberwürste unter den polnischen Stu- deuten und Emigranten im Auslande, sowie alle Elemente, denen der polnische Parieivorftand je auf die Hühneraugen getreten ist, ihrer- seits, von Radek bestürmt, gern die Gelegenheit ergreifen, um mal in der Oeffcntlichkeit ihrer«tiefsten Ueberzeugung" von der Grund- schlechtigkeit der Führer der polnischen Sozialdemokratie Ausdruck zu geben, das ist wiederum nichts Ueberraschendes und kann jemanden, der die Verhältnisse kennt, je nach dem, nur widerlich oder lächerlich vorkommen. Besonders rührend wirkt z, B. der feierliche Schwur des russischen Kronzeugen Rädels,«des greisen Gründers der Sozial« demokratie Rußlands", Axelrod und seiner Freunde, die uns da erzählen, datz in der russischen„Parteigerichtsverfahrungspraxis" keine autzerordentlichen Gerichte bekannt seien und datz dort alles so schön «mit weitesten Rechtsgarantien für den Angeklagten" und allen Formalitäten ablaufe, beinahe wie wie vor dem eng- lischen Hause der Lords. Dabei weiß jedermann, der in den Dingen nicht ganz unbewandert ist, datz gerade in der Emigrantenwelt der russischen Partei infolge der Fraktions- kämpfe leider das wildeste Fauslrecht tobt, wovon die bekannte Broschüre Martotvs, eines der Freunde„des greisen Gründers" (auch ins Deutsche übersetzt) ein ausreichendes Beispiel bildet. Jeder- mann weiß, datz in jenen Kreisen nicht bloß einzelne, sondern ganze .angeklagte" Gruppen und Richtungen ohne ordentliches und ohne autzerordentlicheS Gerichtsverfahren einfach von einer gegnerischen Gruppe oder Fraktion in der Hitze dcS Gefechts für ausgeschlossen aus der Partei und aller Ehre verlustig erklärt werden. Hat doch diese schöne«ParteigerichlSverfahrungspraxis", gegen die sich gerade die polnische Sozialdemokratie seit jeher in schärfster Weise wendet, zuguterletzl dahin gebracht, daß man den«greisen Gründer" und seine Freunde heute fragen mutz: wo denn jene russische Gesamtpartei eigentlich existiere, von der sie reden, und was von ihr außer Trümmern noch übrig geblieben ist? Ferner weiß jedermann, der die Verhältnisse kennt, daß die jetzigen sechs Kronzeugen Rädels ausgerechnet jene Richtung der russischen Bewegung vertreten, die Radek vor zwei Jahren in der deutschen Parteipreffe selbst als die„Liquidatorenrichtung", d, h, den äutzersten opportunistischen Flügel gekennzeichnet hat. Wer wird sich wundern, datz diese russischen Genossen gegen die polnische Partei- leitung den größten Haß empfinden und ihm gern bei dieser Ge- legenheit Ausdruck verleihen, wenn man weiß, datz die polnischen Parteiführer nicht bloß aus der polnischen Bewegung einen staiken Damm gegen die opportunistische Richtung errichtet haben, sondern datz sie auch, als Mitglieder des russischen Zentralkomitees geholfen haben, jene Richtung in Rußland selbst mir starker Faust jahrelang niederzuhalten, und dadurch in schärfsten Gegensatz zu Axelrod und seinen Freunden geraten sind. Dies alles gehört zu den wenig erquicklichen Internen der russischen Bewegung, die in die deutsche Presse hincinzuzerren es sicher weder klug noch notlvciidig war. Daß aber ein ernstes deutsches Parteiblatt auf diese ganze Mache so blindlings hereinfällt und noch ohne jegliche nähere Kenntnis der Sache und der Verhält« niffe, einzig und allein auf die Sachdarftellung Rädels hin. sich berausnimmt, die Führer und Instanzen einer Bruderpartei öffent- lick in schwerster Weise zu verdächtigen— der redaktionelle Leit- artikcl vom 9. d, M, leistet sich in dieser Hinsicht so ziemlich das Uncrhörleste, was man sich vorstellen kann—, das finde ich einfach unverzeihlich. Die„Bremer Bttrgerzcitung" wendet sich mit Recht gegen das Treiben der opportunistischen Blauer, welche die Person Rädels partout mit der Göppinger Sache und überhaupt mit der radikalen Richtniig verkoppeln möchten. Es ist aber dieselbe widersinnige Taktik von umgekehrter Seite, wenn unsere Bremer Frcimde gewaltsam die Nadeksche Person zur Fahne des RadikaliSniiiS machen wollen. Dabei erledigt sich die Legende von dem politischen Märtyrerlum Rädels durch zwei ganz einfache Tatsachen, Erstens sind die polnischen Wortführer ohne Ausnahme selbst Vertreter der radikalen Richtung und haben— jeder einzelne von ihnen— in ihrer Wjährigcn Arbeit in der rnssisch-polnischen Bewegung mehr für die Sache des revvlntionärcn Marxismus geleistet, als zwei Dutzend Rodels, Zweitens hat Radek nie in der polnischen Bewegung die geringste Rolle als Vertreter irgend einer besonderen Richtung gespielt, nie an der Bestimmung der Haltung dieser Partei in prinzipieller und taktischer Hinsicht im geringsten teilgenommen, überhaupt ist nie in den brennenden Fragen der Theorie und der Taktik nicincS Wissens auch nur ei» polnischer Artikel von ihm ver- öffentlicht worden. Mir ist nur ein— nicht veröffcntlicher— Artikel Rädels ,n einer taktischen Streitfrage nachträglich bekannt ge- ivordeii: es war dies eine Befürwortung der.iieiitralen" Geiveyk- ichnften, wie sie in Polen vpii der opportunistischen P. P, S. im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Gewerkschaslen praktiziert wurden.(Der Ailikel befindet sich in der Abschrift noch im Besitz der Redaktion.) Die.taktischen" Ideen der jüngsten Opposition lliadcks gegen den polnischen Parteivorsland sind für mich vi» jetzt «in Geheimnis. Und schließlich ist der„Bremer Bürgerzeitung" bekannt, datz der polnische Parleivorstand das zweiselhaste Vergnügen, sich mit der Radekschen Angelegenheit zu befassen, wiederholt und bringend der deutschen Partei abzutreten wünschte und nur nach formeller Ab- lehnung von dieser Seite in den sauren Apfel beißen mutzte. Die Bremer Freunde werden also wohl gut tun, die Sache etwas ruhiger und vorsichtiger anzufassen. Durch derartig blinden Eifer nützt man der Sache des Radikalismus nicht, man kann ihr eher schaden. �*»• Luxemburg. • Am Donnerstagabend fand in Bremen eine Versammlung deS Sozialdemokratischen Vereins statt, die sich ausschließlich mit dein Fall Radek zu beschäftigen hatte. Radek ist von dem Parteisekretär von Bremen auf seine Anmeldung hin als Mitglied aufgenommen worden. In der Versammlung fand mm zunächst eine längere Aus- spräche darüber, ob diese Aufnahme zulässig sei, statt. Z 2 des Ver- cinsstatuts verbietet Aufnahmen, lvenn der um Aufnahme Nachsuchende nicht einwandfrei ist. Der Parteisekretär hat die Aufnahme Rädels vollzogen, weil die Radek nachgesagten Verfehlungen bisher nicht als erwiesen gelten können. Der Vereinsvorstand unterbreitete der Versammlung den An« trag, eine Komniission einzusetzen, die den Fall Radek zu unter- suchen habe. Ueber diesen Antrag tvurde stundenlang, zum Teil sehr heftig, debattiert. Die Meinungen waren geteilt; ein Teil der Redner vertrat den Vorstandsantrag. eine grötzere Zahl von Rednern sprach sich sehr entschieden dagegen aus. Ausschlaggebend für die Beschlutzfassung war schlietzlich die Erklärung des Parteiselretärs. datz der Parteivorstand in Berlin abgelehnt habe, irgend welche Schritte in der Angelegenheit Radek zu tun, datz er aber gleichwohl gedruckte Berichte über die Anklagen gegen Radek an die Parteipreffe versandt habe. Dem Parteivorstand wurden deswegen von verschiedenen Rednern heftige Vorwürfe gemacht. Schlietzlich wurde der Antrag auf Einsetzung einer Unter« suchungskonimission mit großer Mehrheit angenommen und eine neun- gliedrige Kommission gewählt._ Personalien. Zum Parteisekretär für den 18. ReichKtagKvWHI- kreis(Zwickau) wählte der Kreisvorstand den bisherigen Gauleiter der Maurer. Genossen Richard Koch in Leipzig. Voraussichtlich wird Koch am 1. Oktober sein Amt antreten, Hirn Industrie und Kandel. A. Borsig. Kaum ist der Festtrubel der Krupp- Jahrhundertfeier verhallt' den daS grotze Grubenunglück auf Zeche Lothringen in schriller Dissonanz unterbrach, als schon wieder daS 7bjährige Bestehen der Maschinenfabrik A. Borsig die bürgerliche Presse zu Jubel- Hymnen veranlatzt. Man könnte sich diese Feiern gefallen lassen, wenn sie in erster Linie den Riesenfortschrittcn der Technik und der unermüdlichen geistigen und körperlichen Arbeit aller daran Beteiligten gelten würden. Aber daS Bürgertum benutzt diese Feiern nur als Anlaß zur Verherrlichung der Unternehmerinitiative und zur Glorifizierung einzelner«Industrie- Heroen". Unter Vernachlässigung der sozialen Zusammenhänge wird der Einfluß individueller Tätigkeit an leitender Stelle über Gebühr hervorgehoben. Der persönlichen Tüchtigkeit der Arbeiter und An- gestellten, die unter den ungünstigsten sozialen und individuellen Bc« dingungen zu ununterbrochener angestrengtester Arbeit gezwungen werden, gedenkt man dabei nicht. Nicht als Milschöpfer und Mit- «rbeiter nehmen sie an den Feiern teil; nur als Dekoration zur Ver» herrlichung des Unternehmers sieht man sie gern. Auch bei der heutigen Feier der Vorsigwerke wird eS nicht viel anders zugehen. Und docki zeigt auch die Geschichte dieses Werkes, wie sehr der Erfolg eines Unternehmens von allgemeinen, nicht blotz in der persönlichen Tüchtigkeit des Leiters begründeten Bedingungen abhängig ist. Mutzten doch z. B. noch vor wenigen Jahren die meisten Maschinen für die Firma aus Amerika bezogen werden, weil die deutsche Werkzeugmaschinen-Jndustrie noch nicht so weit cnt- wickelt war. Der Begründer der Finna, A u g u st Borsig— geboren 1804, gestorben 1854— genoß in seiner Jugend die ge« samte in jener Zeit mögliche praktische und theoretische Ausbildung für seinen Beruf. Nach mehrjähriger Tätigkeit in Berliner Maschinenfabriken als Bevollmächtigter und„Faktor"(Betriebschef) eröffnete er im Jahre 1837 in der Chauffeestratze eine eigene Fabrik, für die er die notwendigen Maschinen und Werkzeuge im eigenen Betriebe herstellte. In wie billiger und einfacher Weise man damals noch Arbeitskräfte gewinnen ko-nnte, geht aus folgendem hervor: An Stelle des mechanischen Gebläses beschaffte sich August Borsig zwei Blasebälge, die von Soldaten aus einer in der Nähe befind- lichen Kaserne betrieben wurden I Anfänglich stellte Borsig Guß- waren, Kunst- und Baugutz sowie Schwellen für die im Bau be« griffene Berlin- Potsdamer Eisenbahn her. Später wandte er sich mehr und tpehr dem Maschinenbau zu. Den größten Er- folg erwarb er im Lokomotivenbau, durch den die Borsigschen Werke Weltruf erlangt haben. 1841 machte die erste Borsigsche Lokomotive auf den Gleisen der Berlin— Anhalter Bahn die erste Probefahrt. Bis zum heutigen Tage haben mehr als 8500 Loko- motiven die Fabrikhallen von Borsig verlassen. In Frankreich, Italien, Spanien, Dänemark, Norwegen, Ostindien, Süd« und Mittelamerika und Japan haben sie Absatzgebiete gefunden. Zur Verbilliguug der Rohprodukte des ständig wachsenden Be- tricbes errichtete A. Borsig 1847— 1849 in Moabit ein bedeutendes Eisenwerk, das ein Puddel- und Hammerwerk, sowie ein Stab- eisen- und Blechwalzwerk umfaßte. Aber auch die Erzeugung von Roheisen und die Förderung von Kohle wollte er selbst in die Hand nehmen. So pachtete cr bei Biskuwitz in Oberschlesieni Gruben, die aber erst sein Sohn Albert Borsig 1862 in Betrieb brachte. Zwei Jahre später wurden 2 Hochofen angeblasen und bald darauf als Borsigwerk in Oberschlcsien(Puddel-, Hammer-, Stabeisen- und Blechwalzwerke) errichtet, während die entsprechenden Moabiter Anlagen aufgegeben wurden. 1871/72 trat zu den oberschlesischen Anlagen noch ein Siemens-Martin-Stahlwerk hinzu. Unter Albert Borsig lieferte die Fabrik damals jeglichen Eisenbahubedarf, Maschinen aller Art und vor allem Lokomotiven. Nach Albert BorsigS Tode(1878) führte ein Kuratorium das W>erk weiter, bis seine drei Söhne großjährig geworden, es im Jahre 1894 selbständig über« nahmen. Mit ihrem Eintritt in die Leitung wurden die Pläne auf Vergrößerung aufgenommen und in Tegel ein Grundstück für die 1896 begonnene und 1898 betriebsfertige neue Fabrik erworben. Nach dem Tode Arnold BorsigS im Jahre 1897 infolge eines Unfalles in den oberschlesischen Gruben leiten die Brüder Ernst und Konrad Borsig das Werk gemeinsam. Es gehört zu den wenigen Groß- betrieben, die in persönlichem Besitz geblieben sind. Ein Einblick in den finanziellen Aufbau ist daher vollkommen unmöglich. Aber der Umfang der Betriebe beweist allein, daß die persönlichen Gewinne der Inhaber nicht gering sein können. Neben den 8599 Lokomotiven— etwa 459 können jährlich hergestellt werden— haben die Fabrik weit über 29 009 Dampfkessel und Dampfmaschinen verlassen, dazu in größerer Zahl Kältemaschinen, Kompressoren, Kolben». Kreisel- und Mammutpumpen, hydraulische Pressen, Apparate für die chemische Industrie sowie große Guß- und Schmiedestücke �Schtffsstevem Ruder, Wellen). Das Borsigwerk produziert jährlich 80 000 Tonnen Roheisen, 115 000 Tonnen Roh- stahl und Puddelrohschienen und 106 000 Tonnen Koks. Die Gesamtförderung der Gruben beträgt etwa 1,6 Millionen Tonnen im Jahr. In ihm wird besonders der Stahlformgutz, die Herstellung vs# Kefi'eüflechcu un£ geschweißten Nnkerkjtkn betrieben. GewerfcrehaftU&ea. Me der Kapitalismus feste feiert Heute findet die Feier des 75jährigen Bestehens der Firma Borsig in Tegel statt. Es wurden dazu große Vor bereitungen getroffen.-Den ganzen Sommer über wurde schon gebaut, gepflastert, ausgebessert, gestrichen. Namentlich das letztere in ausgiebigem Maße. Alles was nur dem Auge sichtbar ist. bekam einen neuen Anstrich. Auf dem Hofe wurden Lokomotivkessel, Untergestelle, Röhren, große(? 1 und Schmiedeteile sorgsam aufgestellt, damit der„hohe Besuch" — es sollen verschiedene Minister dabei sein— einen möglichst imponierenden Eindruck bekommt. Die Feier selbst wird in der Dampfmaschinen-Montage abgehalten. Hier sind fertige Maschinen aufgestellt, Kom pressoren, Pumpen, Ketten zum Heben schwerer Lasten. Die Gelenke einiger Ketten sind einen halben Meter lang und wiegen weit über einen Zentner. Dann Lokomotiven. Die Firma hat eine Lokomotive bauen lassen, welche genau der 24. Maschine entspricht, die im Jahre 1842 bei Borsig gebaut wurde. Die Puffer sind von Holz, der Kessel ist m Der Senat hat für d«n Rest des Jahres 1912 und für 1913 Bürgermeister Dr. Schröder zum ersten und Senator Dr. Predöhl zum zweiten Bügermeister gewählt._ Englischcr Besuch. London, 13. September.(W. T. 58.) Ramsay Macdonald und verschiedene andere der Arbeiterpartei angehörende Mitglieder des sflarlaments sind mit einigen Freunden zu einem vierzehntägigen Besuche nach Deutschland abgereist. den über zehn Jahre im Dienst Die Hintzegarde in Frankfurt a. M. Bei der Schuhfabrik Goldschmidt u. Loewenick. Frankfurt a. M., ist es wegen Lohnabzug zum Streik gekommen. Gelernte Leute tonnte die Firma bisher nicht bekommen, nun bat sie durcb das streik- brecberbureau Witly u. Müller. Hamburg, die Hintzegarde bezogen. Diese Leute will die Firma anlernen. Es sind arbeitswillige Hasen- arbeiter, Bäcker und Gelegenheitsarbeiter. Die Firma will an- scheinend Material liefern zu einem neuen Zuchthansgcsetz. Es ge- fällt ihr nicht, daß die Polizei sich bei diesem Lohnkampse w verhält, wie man es billigermerse von ihr erwarte» kann.' Der Direktor der Firma ist bisher mit seinen Scharfmacbereien bei der Polizei ab- geblitzt und die Streikenden selbst waren bisher vernünftig genug. der Polizei keinen Anlaß zum Einschreiten zu geben� Mit den Hintze- brüdern kann die Firma nicht viel anfangen. Sorge deshalb die Arbeiterschaft dafür, daß der Zuzug von gelernten Arbeitern fem- gehalten wird.-_ t Der Streik der Mainflöffer wurde durch einen bis 31. Dezember 1914 gültigen Tarifabschluß beendet. Der Vertrag enthält wesemliche Besierungen der Arbeitsbedingungen.- So wurden die Tagelöhne der Depolarbeiter ans den Holzstopelplätzen in Stachelbach, Kiyingen. Markbreit und Ochsenfurt sowie Kosiheim. Schierstein, Hombach und Mainz erhöht von 3,50 M. auf 4,25 M, die der Reiseflösser von 1,80 M. auf 2,50 M Außer diesen Löhnen wird freie Kost ge- währt. Zwei Arbeiter durch Hochofengase getötet. Duisburg, 13. September.(P. C.) Heute mittag gegen 142 Uhr ereignete sich in der Aktiengesellschaft für Hüttenbetrieb in Duisburg-Meiderich ein be- dauerlicher Unglücksfall, dem zwei Menschenleben zum Opfer fielen. In der sogenannten Vorreinigung waren 11 Ar- beiter an den Gasleitungen mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Durch giftige Hochofengase, die dem beschädigten Gaso« metcr der Vorreinigung entströmten, erlitten sämtliche Arbeiter Rauchvergiftungen. Den Sanitätskolonnen gelang es, neun der Verunglückten mit Sauerstoffaparaten Hilfe zu bringen. Ein Meister und ein Schlosser vcrstarben unter den Händen der Rettungsmannschaften. Groszfener in einer Bleistiftfabrik. Budweis, 13. September.(P. C.) Ein Großfeuer, das heute mittag in der Drechslerei der bekannten Bleististfabrik von L. u. C. H a r t m u t h ausbrach, hat eine verheerende IMrkung ausgeübt. Dem Brande fiel eine Reihe von Gebäuden und eine große Anzahl Maschinen zum Opfer. Erst nach zweistündiger angestrengter Arbeit gelang es den vereinigten Wehren von Budweis und Umgegend, das Feuer zu lokalisieren. Die Ermittelungen ergaben, daß der Brand auf eine Explosion von Spiritusdämpfen zurückzuführen ist. Der Schaden i st enorm, jedoch durch Versicherung gedeckt. Gefundene Leiche eines Berliner Lehrers. Halbstadt, 13. September.(W. T. 58.) In der Nähe der Hirsch. aualpe ist die Leiche des Anfang August verrmgluckUli Berliner LehrerS Max Schulz aufgefunden worden. Doppelmord eines Försters. Krakau, 13. September.(P.-G.) Der Gutsherr des DorftS Lilosza, Grundbesitzer v. Lastowiecki, wurde gestern von seinem Förster, den er wegen Trunkenheit entlayen hatte, durch meh- rere Schüsse aus seinem Jagdgewehr ermordet. Der Mörder lief hierauf in seine Wohnung und erschoß seine Frau, die er im Verdacht hatte, den, Gutsherrn zu seiner Entlassung angestiftet zw haben, darauf flüchtete er. stellte sich jedoch heute der Gendarmerie und wurde in das Kreisgericht ein« geliefert. veränttv. Redäkt� Alfred Wirlepp. Neukölln. Inseratenteil verantw.: Zsh. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.lt VerlagSanstalk KaulSingeröt Co., Berlin LW. Hierzu 4 Beilagen».vnterhaltungSbl. Nr. 215. 29. AahrMg. t friliijf ilrs.HrMs" Wim WsM AmM, Ii ZepiMbtt ISIS. Nochmals unsere Taktik bei der candtagsmahl. Von Paul Hirsch. Die Ausführungen von Eduard Bernstein in Nr. 211 des„Vorwärts" nötigen mich, nochmals das Wort zu er- greifen. Ich beschränke mich in meiner Entgegnung auf einige wenige Punkte, die mir von besonderer Wichtigkeit zu sein scheinen. Bernstein hält es für möglich, durch die von ihm und Eisner empfohlene Taktik das Stärkeverhältnis innerhalb der bürgerlichen Parteien im Abgeordnetenhause wesentlich zu ver- schieben, errechnet sogar mit einer Schwächung der konservativ- klerikalen Mehrheit um 80 Mandate, allerdings ohne uns die rechnerischen Unterlagen für diese Annahme zu geben. Zunächst bezweifle ich die Möglichkeit, meine Gründe dafür werde ich weiter unten anführen. Aber selbst wenn es in unserer Macht läge, das Gesicht des Drei- klassenparlaments so zu verändern, so wäre doch die Frage aufzuwerfen, ob wir nicht bei einer solchen Taktik weit mehr verlieren als gewinnen. Darüber, daß wir unsere Taktik stets den veränderten Verhältnissen anzupassen haben, brauchen wir uns nicht zu streiten, darüber herrscht weder zwischen Bernstein und mir, noch zwischen Parteigenossen überhaupt irgendwelche Meinungs- Verschiedenheit. Es fragt sich aber, ob sich seit 1908 die Ver- Hältnisse tatsächlich so geändert haben, daß die Voraussetzungen für eine völlig andere Taktik gegeben sind. Gewiß ist es richtig, daß das Zentrum sich sowohl bei den Wahlrechtsverhandlungen im Jahre-1910 als auch bei der letzten Reichstagswahl als Schutztruppe der preußischen Junker erwiesen hat. Was folgt daraus? Doch nur, daß die Sozialdemokratie für Kandidaten der Zentrumspartei, gleichviel ob mit oder ohne Gegenleistung nicht stimmen kann. Nicht aber folgt daraus, daß wir irgendwelchen Anlaß zur Unterstützung nationalliberaler Kandidaten haben. Und um diese allein, nicht aber um die Fortschrittler, handelt es sich für mich. Wir können in Preußen nicht schlechtweg von Liberalen sprechen, sondern wir müssen streng unterscheiden zwischen Nationalliberalen, die kaum in einer Frage, die zur Kompetenz des Landtags gehört, mit uns übereinstimmen, und zwischen Fortschrittlern, die wenigstens in der Wahl- rechtsfrage ein gut Stück mit uns zusammengehen. Ersteren will ich auf keinen Fall, letzteren unter gewissen Voraus- setzungen und bei Leistung von Gegendiensten unsere Hilfe zuteil werden lassen. In welcher Weise das zu geschehen hat. ob nur in Kreisen mit mehr als einem Abgeordneten oder, wie es A r o n s neuerdings wieder angeregt hat, über die Wahlkreisgrenzen hinaus durch Vermittelung einer Zentral- stelle, das kann vorläufig unerörtert bleiben. Für die Nationalliberalen zu stimmen, kann man den Sozialdemokraten um so weniger zumuten, als sie durch ihr ganzes Verhalten im Landtage gezeigt haben, daß sie, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, nichts weniger als liberal sind. Wo es sich darum dreht, die besonderen Jnter- essen ihrer Partei oder der von ihnen vertretenen Bevölkerungs- schichten, vor allem der Großindustriellen, wahrzunehnien, da verstehen sie eS, das liberale Rüstzeug aus der Rumpelkammer hervorzuholen, da scheuen sie auch, wie z. B. bei der Kanalvorlage und jetzt wieder bei dem Wassergesetz, vor scharfen Auseinandersetzungen mit den Konservativen nicht zurück, da gibt es ein heftiges Ringen zwischen Schlotjunkern und Krautjunkern. Auch gegen das Zentrum haben die Nationalliberalen manch' schöne Attacke geritten. Aber man lasse sich doch durch liberale Phrasen von Freiheit, staatsbürgerlicher Gleichberechsigung und dergleichen kleines fcuUlctotr Kiinstlermodelle und Modellbörse. Kein Bildhauer, kein Maler kann des Modells entbehren: sei dies bcieelte oder tote Materie, sei eS Tier oder Menfch. Das mensckliche Modell ist freilich das bevor- zugteste, weil vollendetste unter allen— und dennoch wird von seinem Anteil am Bildwerk am wenigsten gesprochen. Sehr zu Unrecht. Es ist doch gar nicht so ausgemacht sicher, daß uns die Werke berühmter griechischer Meister überliefert loären, wenn ihnen nicht menschliche Vorbilder von idealer Körperlichkeit vor Augen ge- standen hätten. Unserer Gegenwart blieb eS vorbehalten, dem Modell als Arbeiter einige soziale und ökonomische Daseins- berechtigung zuzubilligen. Soeben gehen jetzt die Berliner Künstler daran, behuk« Regelung der Modellangelegen- heilen eine förmliche M o d e l l b ö r s e zu eröffnen. Hiermit tritt Berlin in die Reihe jener Städte, die wir als Kunst- z e n t r e n bezeichnen. Denn für ausgesprochene Malerstädte, wie München. Paris, Rom ist. die Modellbörse längst eine ebenso charakteristische wie alltägliche Straßenerscheinung und daher jedem Einheimischen bekannt. Was die Berliner Künstler nunmehr an- streben: daß den Modellen Gelegenheit geschaffen werde, sich an ge- wissen Vormittagsstunden den Künstlern vorzustellen und aus An- schlügen zu erfahren, in welchen Ateliers sie gewünscht werden— ist in München seit langem eingeführt. Dort besteht der Brauch, daß� sich die Modelle an bestimmten Vormittagen in jeder Woche aus der Freitreppe des Akademie- gebäudes beim Siegestor versammeln. Mütter mit pausbäckigen. lockenköpfigen Püppchen. halbwüchsige Mädchen und Burschen, Frauen und Männer bis herab zu Greisinnen und Greisen, werden dort, wie die jeweilige Kunstrichtung es will: als drapierter Proletar der Landstraße, oder leichtfüßiger Gamin. als.Dame von Stand' oder Dawauer Bäuerin, angetan mit zahllosen Röcken, als siegesfrohe Liebesgöltin oder büßende Magdalena— stets des Winkes vorüber- eilender Kunsijünger gewärtig. Eine Art moderner Sklavenniarkt. Das Modellstehen ist unter besonderen Umstände» eine lohnende, obzwar anstrengende Beschäftigung. Schöne unverbrauchte Halb- und Ganz-Äktmodelle weiden hoch honoriert, ja auf Jahre hinaus kontraktlich verpflichtet. Manchmal wird das Modell sogar von dem Künstler geheiratet� Aber die Mehrzahl führt doch ein Bettler- und Zigeunerleben. Jeder Romreisende ist wohl einmal über den.spanischen Platz' gegangen, wo PiuS IX. durch eine Siegessäule des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis seinen ersten ver- meintlichen Triumph über den Unglauben der Zeit zu ver- ewigen bemüht gewesen. Dort bietet sich dem Blick des Frenkdcn das Bild eineS eigenartigen Lebens und Treibens. Denn dic-s ist der Ort,»vo die Ciociarren, nämlich die durch ihre sprichwörtliche' Schönheit ausgezeichneten Modelle sich zu versammeln pflegen. In den siebziger Jahren ver- wies die Regierung jene malerischen Gestalten von der breiten, Herr- lichen Marmortreppe, die auf den»spanischen Platz' hinabsteigt, in nicht blenden. Wenn die Nationalliberalen von Freiheit reden, dann meinen sie damit freiheitliche Gesetze für ihre Klasse, für die Klasse der Besitzenden, und die staatsbürgerliche Gleich- berechtigung ist für sie mit dem Augenblick errungen, wo der Adel in der Verwaltung durch einige Geldsackaristokraten ersetzt ist. Aber wo und wann sind die Nationalliberalen im preußischen Landtage für die Freiheit der Arbeiter, wo und wann sind sie für die Gleichberechtigung der Enterbten eingetreten? Etwa als ihr Etatsredner dem Sehnen seiner Freunde nach dem Schutz der Arbeitswilligen Ausdruck gab und gegen die freien Gewerkschaften vom Leder zog? Oder als ihr Führer bei Besprechung der Interpellationen über den Bergarbeiterstreik der Regierung den„Dank des deutschen Volkes" für die Requirierung von Militär aussprach und sich gegen die Vermittelung seitens der Regierung bei Streiks wandte? Oder gar bei Beratung der verschiedenen Gesetz- entwürfe der letzten Jahre, vor allem bei Beratung der Wahlrechtsvorlage? Gerade die Verhandlungen der Wahlrechtsfrage sollten uns eine Lehre sein, wessen wir uns von den Nationalliberalen zu gewärtigen haben. Mit einem Eifer, der einer besseren Sache wert gewesen wäre, bekämpften sie das Wertvollste der Vorlage, die von der Regierung vorgeschlagene Maximierung, d. h. die Nichtanrechnung der den Betrag von 5000 M. übersteigenden Steuersumme, und propagierten sie die Drittelung über die Gemeinde. Das ist freilich nicht zu leugnen, daß sie neuerdings für die geheime und'direkte Wahl eintreten. Aber es ist noch gar nicht so lange her, da forderten sie nicht einmal die geheime Wahl, obwohl hierfür auch das Zentrum seinem Programm entsprechend hätte stimmen müssen. Wenn sich die Nationalliberalen heute zu der Forderung der ge- Heimen Stimmabgabe emporgeschwungen haben, so nicht, weil sie liberaler geworden sind, sondern weil wir sie durch unsere von den Gegnern als Terrorismus bezeichnete Taktik dazu gezwungen haben. Das sollte für uns zugleich ein Beweis dafür sein, daß wir durch rücksichtslose Ausnutzung unserer Macht weit, weit mehr erreichen, als durch eine Politik des Entgegenkommens. Eine wahrhaft liberale Politik ist von den preußischen Nationalliberalen nicht zu erwarten, und gerade auf dem Gebiete der Kirchen- und Schulgesetzgebung, auf das Bern- stein hinweist, haben sie ja so gut wie versagt. Wem anders als den Nationalliberalen ist es zu verdanken, daß die kon- fessionelle Volksschule jetzt gesetzlich festgelegt ist? Daran, daß eine Stärkung der Linken, eine Stärkung der National- liberalen durch uns, eine Kräftigung ihrer politischen Haltung nach sich ziehen muß, glaube ich nicht. Das würde den völligen Bruch mit ihrer Vergangenheit bedeuten. Auch in Zukunft werden die Nationalliberalen für Ausnahmegesetze zu haben sein, genau so wie sie heute an erster Stelle im Kampfe für eine ausnahmegesetzliche Behandlung der Polen stehen. Auch in Zukunft werden sie Polizeigesetzen ü. la lex Arons zu- stimmen, auch in Zukunft werden sie die Geschäfte des Groß- kapitals betreiben und sich um die Interessen der Arbeiter nicht kümmern. Obwohl ich hiernach das Eintreten der Sozialdemokratie für Nationalliberale prinzipiell verwerfe, will ich doch unter- suchen, ob wir durch die Eisner-Bernsteinsche Taktik die Macht- Verhältnisse im Abgeordnetenhause wesentlich verschieben können. Ich nehme als Unterlage die amtliche Statistik der letzten Landtagswahlen, nur daß ich zwischen Konservativen und Freikonservativen nicht unterscheide. Im Bezirk Königsberg, wo 2 Zentrumsleute und 9 Konservative gewählt sind, waren Gegenkandidaten seitens der Fortschrittler nur aufgestellt in Labiau-Wehlau, sie brachten es nur auf 66, die Konservativen auf 256 Wahl- männer. Daß wir mit unseren Wählern, deren Zahl ganze 39 betrug, das Resultat bei der nächsten Wahl beeinflussen die von hier nach der Piazza Barberina führenden Via Sistina. Der alte Modellplatz hat sich aber doch zu behaupten gewußt. Man ist zunächst erstaunt über zahlreiche Blumenhändlerinnen, die sich hier niedergelassen haben. Es sind eben Malermodelle. Die meisten dieser echt römischen Schönheiten kommen aus den Bergen der Umgegend Roms, von woher auch ihre zu dustigen Sträußen gewundenen farbenprangenden Blumen stammen. Freilich scheinen sie doch kein günstiges Los gezogen zu haben. Es hat sich deshalb in Rom eine Bereinigung gebildet, die ihre Aufgabe darin erblickt, die weiblichen Modelle in Werkstätten zu beschäftigen, sie in kleingewerblichen Handfertigkeiten zu unterrichten und ihnen so die Möglichkeit zu geben, ihre dringendsten Lebensbedürfnisse zu erschwingen, wann weder Blumenverkaufszeit noch Gelegenheit zum Modellstehen vorhanden ist. Welcher Zusammenklang von Kunst und Menschtum I Und doch � welche Gegensätzlichkeit! Wer fragt nach dem Schicksal all der Frauen, deren herrliche Leiber wir noch heute in den Werken be- rühmter Künstler bewundern? Bielleicht verlor sich ihr Dasein gleich dem so mancher berühmten Modelle unserer Tage im Kot der Gaste. Ein Knlturdokument aus dem Kriege von 1812. Der offizielle patriotische Rummel ans Anlaß der Jahrhundertfeier der Schlacht von Borodino ist gegenwärtig in Rußland im vollen Gange. Es dürfte deshalb angebracht sein, folgendes Kulturdoknincnt aus jener Zeit zu veröffentlichen, das S. Gorjainow aus dem Geheim- archiv des Ministeriums des Auswärtigen ans Licht gezogen hat. Dieses Dokument lautet: Bericht dcS Polizeiministers über die Zahl der Menschen- und Tierkadaver, die in den verschiedenen Gouvernements nach der Vertreibung des Feindes vernichtet wurden: Gouvernement Menschenkadaver Viehkadaver Kaluga......... 2 230 7 856 Moskau........ 56 811 81664 SmolenSk........ 172 566 128 789 Minsk......... 56 851 82 357 Mohilew........ 50 185 17 050 Wüna......... 92 243 12 778 Belostok......-. 321 734 Insgesamt Dezember 1812. ... 480 707 230 677 Polizeiminister: A. Balaschow. Theater. Charlottenburger Schillertheater: DerTaliS- man, dramatisches Märchen von L u d w i q F u l d a. Der Talisman, diese geistreiche, bei ihrem Erscheinen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre besonders aktuelle Satire auf den großsprecherischen Unfehlbarkeitsdünkcl eines angeblichen GoitcSaiiadeniömgtumS fand, wie nicht anders zu crivartcn, auch in dieser Ncuanssührung stür- mischen Applaus. Die alte, auS den Andcrsenscken Märchen bekannte Sage vo» dem herrlichen Wniiderkleide des Kaisers, das jedermann zu sehen behauptet, bis bei einem kaiserlichen Fcstzuge ein siniples Mädchen vor allem Bolle mit der Wahrheit herausplatzt, der hohe Herr habe ja gar nichts an, ist hier in ihrem sinnbildlichen Gehalt können, wird wohl selbst der stärkst� Optimist nicht zu be- haupten wagen. Im Bezirk Gumbinnen sind gewählt 8 Konservative und 1 Nationalliberaler, meist ohne Gegenkandidaten, und der einzige Nationalliberale sogar nur durch ein Kompromiß mit den Konservativen. Gegenkandidaten hatten die Fortschritt- ler aufgestellt in Tilsit, wo sie den vereinigten Konservativ- Nationalliberalen unterlagen(339 gegen 149), in Gum- binnen, wo sie 82, die Konservativen 355 Wahlmänner zählten. Noch weniger vermögen wir auszurichten im Bezirk A l l e n st e i n, wo ohne Gegenkandidaten 6 Konservative und 2 Zentrumskandidaten gewählt wurden. Im Bezirk D a n z i g standen den 6 dort gewählten Kon- servativen allerdings Kandidaten gegenüber, aber eine nennenswerte Zahl von Wahlmännern brachten die vereinigten Fortschrittler und Nationalliberalen nur in Danzig auf, einem Kreise, der schon früher liberal vertreten war und den vermutlich aus eigener Kraft die Liberalen das nächste Mal den Konservativen wieder entreißen werden. Im Bezirk Marienwerder, wo 9 Konservative ge- wählt sind, handelt es sich weniger um Gegensätze zwischen Konservativen und Liberalen, als um Gegensätze zwischen Deutschen und Polen. Das Gleiche gilt für die Provinz Posen und den Bezirk Bromberg. Hier stehen die Deutschen— abgesehen von den Sozialdemokraten— den Polen gegenüber, einige Kreise sind den Liberalen überlassen, und als Gegenleistung stimmen diese in anderen für die Kon- servativen. Wenden wir uns zur Provinz Brandenburg, so haben wir zunächst den Bezirk Potsdam mit 17 Konser- vativen und 3 Fortschrittlern. Den Konservativen standen in einigen Kreisen fortschrittliche Kandidaten gegenüber, die es aber nur auf wenige Stimmen brachten. So zählten wir in Ruppin-Templin 339 konservative und 45 fortschrittliche, in Prenzlau-Angermllnde 377 konservative und 38 fortschrittliche Wahlmänner. In diesem Bezirke könnten wir der Reaktion entreißen Oberbarnim und Niederbarnim, wo die Konser- vativen sich mit den Fortschrittlern in die Mandate geteilt haben, Westhavelland und Teltow-Beeskow. In diesen drei Kreisen aber ist die sozialdemokratische Stimmenzahl so groß gewesen, daß wir ein Anrecht auf Abtretung je eines Mandats haben. Hier ohne Gegenleistung für die Fortschrittler zu stimmen, liegt wahrhaftig kein Anlaß vor, und ich glaube, auch Bernstein wird das nicht wollen. Im Bezirk Frank- furt weisen die 14 Konservativen überall gewaltige Mehr» heiten auf. Aussichtsvoll erscheint hier nur die Eroberung von Kottbus-Spremberg-Kalau, allerdings nicht für uns, son- dern für die Liberalen. Auf die Verdrängung der Konservativen aus Pom- m e r n. wo sie, mit Ausnahme des einen Stettiner, sämtliche 25 Mandate innehaben, ist, wie die Statistik lehrt, unter der Herrschaft des Dreiklassenwahlsystems nicht zu rechnen. Alle diese Mandate gehören zum sicheren Besitzstand der Konservativen und werden ihnen meist kampflos überlassen. Im Bezirk Breslau sind bei der letzten Wahl 13 Konservative und 7 Vertreter des Zentrums gewählt. Ent» weder standen ihnen keine oder nur Zählkandidten gegen- über. Eine Ausnahme macht die Stadt Breslau, die durch ein Kompromiß zwischen Sozialdemokratie und Liberalen den vereinigten Konservativ-Klerikalen entrissen werden kann. Hier gilt das gleiche, wie für Ober- und Niederbarnim, West- Havelland und Teltow-Beeskow. Wir haben Anspruch auf ein Mandat und sollten es fordern. Interessant ist ein Blick auf die Ergebnisse im Bezirk Liegnitz. Hier haben dieselben Nationalliberalen, füe deren Unterstützung die Sozialdemokratie mobil gemacht wer» den soll, Bündnisse mit den Konservativen gegen die Fort- schrittlichen geschlossen. Wir müßten sie also in dem einen Kreise bekämpfen und im Nachbarkreise für sie eintreten. mit witzigen polemischen Pointen, freilich auch mancher fremden sentimentalen Zutat, zu einem Drama von vier Akten aus- gesponnen. Da der von einem geheimnisvollen Fremdling her« gestellte Zaubermantel die Eigenschaft besitzen soll, daß nur die Dummen und die Schlechten ibn nicht erblicken können, wetteifert die zur Schau des Meisterstücks geladene Höflingsschar vor dem leeren Ständer in Verzückungen, und der Herrscher markiert die nämliche Begeisterung für daS Nichts. In diesen Szenen und der närrisch feierlichen Prozession des in Hemd und Unterhosen stolzie« renden Gesalbten kulminiert des Stückes Wirkung. Das sehr ge» wandte, an drolligen Effekten reiche Spiel der Reime und ein nach allem geputzten Pathos immer wieder durchklingender Ton von liebenswürdiger Ironie hilft denn auch über die schwächeren Stellen bei guter Darstellung leicht hinweg. Die des Schiller-Theaters verdiente jedenfalls alles Lob. P ä s ch k e war ausgezeichnet in der Rolle des jungen, in selbstherrlichen Verstiegenheiten schwelgenden Fürsten. Von dem übrigen Ensemble sei noch Richard W i r t h S be- häbig humoristischer, in den Grafenstand erhobener Korbflechter, der Zeremonienmeister Artur Menzels, der ritterliche Omar Alfred BraunS und Frl. Engels plapperhafte. respektlos muntere Rita namentlich erwähnt. Die große Bolksszene beim Festzuge zeigte eine treffliche Regie._ dt. Notizen. — Das Lido-Theater. Unter diesem Namen wollen die betriebsamen Venezianer(Fremdenverkehr!) auf ihrer Badeinsel(Lido) ein Festspielhaus nach Bayreuthcr Muster gründen. Es sollen darin alljährlich während dreier Monate klassische und moderne Musik» aufführungen geboten werden. — Roald Amundsen, der Entdecker deS Südpols, hält in Berlin zwei Vorträge über seine Expedition, der erste findet für die Mitglieder der Gesellschaft für Erdkunde am 9. Oktober in der Universitätsaula statt. Der zweite Vortrag ist öffentlich und wird am 11. Oktober im großen Saal der Philharmonie stattfinden. — Eisenbahnästhetin. Das Unkraut, das an den Eisen- bahndämmen wächst, und was sonst ästhetische Gemüter beleidigen könnte, soll in Zukunft ausgerottet werden. Also will eS ein Erlaß des Eisenbahngewaltigen. DaS ist ja recht nett, wenn auch die typische Eisenbahnflora, die ja Vertreter auS Kanada und sonstwoher zahlt, sich kaum so leicht unterkriegen läßt. Aber sind wirklich im Innern der Verkehrsanstalten(vierte Klasse, Wartesäle usw.)»licht wichtigere hygienische und ästhetische Aufgaben zu lösen? — Zehn Millionen indische Ehefrauen unter 1 6 I a h r e n. Die große Volkszählung, die die britische Regierung in Indien vorgenomnien hat, ergab die Tatsache, daß es im indischen Reiche nicht weniger alS 302 000 Mädchen unter 6 Jahren gibt, die verheiratet sind; von diesen sind 17 000 Witwen, wobei nach der Sitte der Hindus die meisten dazu verurteilt sind, für ihr Leben lang Witlveir zu bleiben. Nahezu 2 500 000 Mädchen zwischen 6 und 10 Jahren sind Ehefrauen und 6 500 000 zwischen 10 und 15, so haß im ganzen nahezu 9 500 000 Mädchen unter 15 Jahren in Indien verheiratet find. ®{ft6 eigenartige Situation I Täten wir das, dann könnten wir allerdings Lauban-Görlitz von den vereinigten Konservativ- Nationalliberalen für die Fortschrittler erobern und Jauer- Bolkenhain-Landeshut den Konservativen abnehme! und den Nationalliberalen zuschanzen. Wäre es da nicht viel richtiger, in Lauban-Görlitz, wo drei Abgeordnete zu wählen sind, ein Mandat von den von uns zu unterstützenden Fortschrittlern zu verlangen und in Jauer-Bolkenhain-Landeshut zu sehen, was wir aus eigener Kraft herausholen können? Für ausgeschlossen halte ich die Stärkung des Liberalis- mus in dem vom Zentrum und Polen beherrschten Kreise Oppeln. Im Bezirk Magdeburg könnten wir vielleicht aus eigener Kraft Wanzleben für uns erobern, in den Bezirken Merseburg und Erfurt, wo wir vereinzelt wieder konservativ-nationalliberalen Kompromissen begegnen, dürfte ein Wechsel im Besitzstand kaum zu erwarten sein. In Schleswig-Holstein wird aller Wahrschein- lichkeit nach durch das Verhalten der Nationalliberalen, die ein Bündnis mit den FortschrUtlern abgelehnt haben, die jetzige Anzahl Konservativer wiedergewählt werden, gleichviel welche Taktik wir einschlagen. Aussichtsvoll für uns ist hier Altona, aber wenn es uns gelingen sollte, zu siegen, wer- den nicht die Konservativen oder das Zentrum, sondern die Fortschrittler die Leidtragenden sein. In den Bezirken Hannover und H i l d e s h e i m wäre die Möglichkeit gegeben, den einen oder den anderen Lionservativen zu verdrängen, aber nicht etwa durch einen Fortschrittler oder gar durch einen Sozialdemokraten, sondern höchstens durch einen Nationalliberalen, auf den sich die ge< samte Linke vereinigt. Weit weniger Aussicht bieten die Be zirke Stade. Osnabrück und A u r i ch. Die Wahlkreise iin Bezirk Münster vollends sind, mit Ausnahme des konservativ vertretenen Kreises Tecklenburg, sichere Zentrums domänen. Anders liegt es im Bezirk Minden. Hier hätten wir zunächst unser Augenmerk auf den Kreis Herford-Halle- Bielefeld zu lenken, der drei Abgeordnete wählt. Durch unser Eintreten fiir den inzwischen verstorbenen Volksparteiler Lorentz gegen den Christlichsozialen Mumm haben wir bereits 1908 einen der drei Sitze den Fortschrittlern verschafft: alle drei der Reaktion zu entreisten, wäre durch ein Bündnis mit den Liberalen, wobei uns ein Mandat eingeräumt werden müstte, ein leichtes. Vielleicht würde ein solches Bündnis auch den Verlust von Minden-Lübbecke mit zwei Abgeordneten auf Kosten der Konservativen zur Folge haben. In den übrigen Bezirken ist eine wesentliche Verschiebung nicht zu erwarten. Höchstens könnte der Landkreis Kassel und der Kreis Oberlahnstein mit unserer Hilfe von den National liberalen gewonnen werden. Ebenso könnten wir die mit unserer Hilfe gewählten sogenannten Arbeitervertreter des Zentrums aus Dortmund, Bochum und Mülheim a. d. Ruhr verdrängen. Aber das wird auch dann geschehen, wenn wir in der Stichwahl Gewehr bei Fust stehen. Nach dem ver- räterischen Gebaren des Zentrums sind diese Kreise der Linken sicher: es liegt für uns kein Grund vor, auf ein selb- ständiges Vorgehen zu verzichten. Im Gegenteil, ein selb- ständiges Vorgehen ist sogar direkt geboten, weil in einem dieser Kreise die Wahrscheinlichkeit besteht, dah wir diesmal an die erste bezw. zweite Stelle rücken und dadurch zum min- besten ein gutes Austauschobjekt erhalten. Es blieben schliestlich noch die Bezirke Köln, Trier, Aachen und Sigmaringen, jene schwarze Gegend, aus der wir die dort gewählten 29 Zentrumsvertreter, denen meist keine Kandidaten gegenüber standen, wohl schwerlich verdrängen werden. Meine Berechnung macht keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit. Es handelt sich natürlich nur um eine Wahr- scheinlichkeitsrechnung. aber sie dürfte der Wahrheit näher kommen als die Bernsteinsche Vermutung, dast wir den Kon- servativen samt Anhang 30 bis 40 und dem Zentrum 10 bis 15 Prozent ihrer Mandate abnehmen werden. Wo sind also die 80. Mandate, um die wir nach Ansicht Bern st eins durch die Eisnersche Taktik die Reaktion schwächen können? Schlösser, die im Monde liegen! Alles in allem dürfte es uns, wie ich bereits früher be- tont habe, gelingen, durch ein taktisches Zusammengehen mit den Fortschrittlern die Reaktion um 20 bis 30 Mandate zu schwächen. Viel mehr können wir auch durch die Eisner-Bern- steinsche Taktik nicht erreichen. Hiernach stellt sich die Frage nicht so, ob wir bei der nächsten Wahl die Zusammensetzung des preußischen Drei- klassenhauses ändern sollen, sondern ob wir es k ö n n e n, und da muß ich zu meinem Bedauern resigniert eingestehen, dast wir der Reaktion allzu großen Abbruch nicht tun können. Es liegt auch nicht so, daß wir bei der Bernstein-Eisnerschen Taktik nichts zu verlieren haben. Wir würden dadurch, wie erst kürzlich Arons betont hat, auf eine in hohem Grade organisationsfördcrnde Arbeit verzichten, wir würden aber auch in agitatorischer Hinsicht Schaden leiden, unser Wahlrechts- kämpf würde abgeschwächt werden, wenn wir Anhängern eines plutokratischen Pluralwahlrechts zuliebe auf die Auf- ftellung eigener Kandidaten verzichten wollten. Zum Parteitag. II. ffen Hauptgegenstanv, der das größte Interesse fccS Partei- lagcs auf sich lenken dürfte, wird die Reorganisation der Partei, vor allem des Parteivorstandes bilden, eine Froa« die weit weniger die Theoretiker als die Praktiker angeht. llnsere Partei ist an Mitgliederzahl enorm gewachsen, ihre Wahlerfolge sind außerordentlich: dabei aber scheint es nicht wenigen Genossen, als ob ihre Aktivität nicht in gleichem Maße wüchse, vielmehr abnähme. DaS ruft eine ziemlich weiwerbreitete Unzufriedenheit hervor, die sich naturgemäß in eister Linie gegen den Parteivorstand richtet. Man wirft ihm Mangel an Initiative und an Fühlung mit den Massen vor. Der Reorganisationsplan soll diesen Uebeln abhelfen..„ Inwieweit das zu erwarten ist. soll hier mcht weiter erörtert werden. Ob der vorgeschlagene Ausschuß daS beste Mittel ist. die Fühlung des Vorstandes mit den Massen zu vermehren; ob die Konferenzen der Bezirkssekretäre dazu besser geeignet; ob andererseits die Vermehrung der Zahl der Beisitzer ein Mittel ist, den Vorstand aktiver oder schwerfälliger zu gestalten. das sind Fragen, die ausreichend nur von Genohen beantwortet 'werden können, die im OrganisationLleben reiche Erfahrungen ge- sammelt haben.... �~ Nur eine Bemerkung über die geforderte Vermehrung der Zahl her Beisitzer sei hier vorgebracht. Nach dem jetzt geltenden§ 14 des OrganifationsstatutS besteht der Vorstand u. a. aus drei Beisitzern, von denen zwei durch die Kontrollkommission gewählt werden. Wenn nun gewünscht wird, diese Zahl zu erhöhen, so wäre eine Bestimmung w.ohl zu begrüße� die es dem Parteitag ermöglichen würde(und zwar ohne den Umweg der Kontrollkommission), auch einmal mehr als drei Beisitzer zu erwählen. Ich will nicht behaupten, daß die Arbeit im Partei- bureau den Blick mehr beenge und zur Leitung der Partei weniger befähigte, als etwa die Arbeit im Parlament oder in einer Redaktion oder einem 5tonsumverein. �Aber jedenfalls kann es Kräfte geben, die entweder durch ihre Fähigkeiten oder durch ihren Beruf auf anderen Gebieten tätig sind als in der Parteiverwaltung, und die doch die Leitung der Partei in wertvollster Weise verstärken dürften. Solche Kräfte können heute nur in beschränktem Maße in den Parteivorstand gewählt werden. Es erschien« mir von Vorteil, wenn dem Parteitag di? Möglichkeit gegeben würde, ohne Beschränkung, ganz nach seinem Ermessen den Vorstand durch Hin- zufügung derartiger Elemente zu verstärken und zu bereichern. Dazu genügte es, wenn die jetzige Bemessung der Zahl der Beisitzer aus drei wegfiele und es einfach hieße:„den Beisitzern". Die Zahl der Schriftführer ist ja im Statut auch nicht begrenzt. Wird dagegen eine bestimmte Zahl der Beisitzer festgesetzt— fünf, sieben, sogar neun werden vorgeschlagen—, so setzt man damit an Stelle des Rechtes des Parteitags, dem Parteivorstand wertvolle Kräfte hinzuzufügen, die Pflicht, eine gewisse Anzahl neuer Elemente unter allen Ilmständen in den Vorstand zu wählen, auch dann, wenn keine Kandidaten vorhanden sind, die ihm«in neues, noch nicht in ihm vertretenes Element von Bedeutung zuführen würden. Nun ist aber eine ausführende Körperschaft um so schwer- fälliger, je zahlreicher sie ist. Ohne Not soll man den Vorstand über das jetzige Ausmaß nicht erweitern. Bei jedem weiteren zusätzlichen Mtglicd sollte man die strengste Prüfung walten lassen, bloß außerordentliche Kräfte hinzuzwählen. Nur in diesem Falle wird eine Erweiterung des Vorstandes auch eine Verbesserung bedeuten. Mit anderen Worten, die Frage der Beisitzer ist eine P e r- sonenfrage. Man gestalte das Organisationsstatut so. daß es die Möglichkeit gibt, den Vorstand zu erweitern, wenn Personen vorhanden sind, deren Hinzufügung zu den jetzigen wünschenswert ist. Aber man hüte sich, einen Zwang auszusprechen, dem Vorstand auf jeden Fall eine bestimmte Zahl Beisitzer hinzuzugescllen, auch wenn keine Kandidaten von überragender Bedeutung in Frage kommen. Die Vermehrung der Zahl der Beisitzer wird zwar meist anders motiviert: nicht mit dem Wunsche, auserlesenen Kräften, die nicht in der Parteiverwaltung tätig sind, den Zutritt in höherem Maße als bisher zum Vorstand zu ermöglichen, sondern mit dem Wunsche, den nicht direkt an der Parteiverwaltung beschäftigten Mitgliedern des Parteivorstandes die Mehrheit in ihm zu geben. Man nimmt an. daß die„Parteibureaukraten" von Natur aus bremsen, die anderen Genossen von Natur aus vorwärts treiben. Durch das Zusammenwirken beider käme das richtige Tempo heraus. Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Wenn die verwaltenden Mitglieder des Vorstandes Beschlüsse durchsühren sollen, die sie nicht selbst gefaßt haben, die sie für falsch halten, die ihnen aufgezwungen wurden, wird es mit der Energie und der Einheitlichkeit dieser Durchführung gewaltig hapern. In den Parteivorstand selbst würde ein Moment innerer Zerrissenheit ge- tragen— die schlimmste Bedingung für energisches konsequentes Handeln. Wem die jetzige Tätigkeit des Parteivorstandes nicht gefällt, der mutz an Stelle der jetzt in ihm sitzenden Personen andere in ihn hineinwählen. Auch insofern ist die Frage des Parteivorstandcs eine reine Personenfrage. Tie Wahl von Beisitzern zu dem Zwecke, den Vorstand durch Majorisierung seiner jetzigen Mitglieder zu einer anderen Art der Tätigkeit zu veranlassen, als er bisher geübt, wäre der unglückseligste Weg, der zu diesem Zwecke eingeschlagen werden könnte. Ehe man über alle diese Punke entscheidet, müßte man vor allem die Frag« klarlegen: was wir von einem Parteivorstand zu verlangen haben; was ein Parteivorstand leisten kann und leisten soll. Man wirft dem Vorstand mangelnde Initiative bor. Soviel ich sehe, bezieht sich der Vorwurf bloß auf unzureichende Initiative bei Massenaktionen. Zu einer konkreten Anklage hat er sich aber nur verdichtet gelegentlich der vorjährigen Marokkoaffäre. Da wurde dem Parte ivorsfond der Vorwurf gemacht, er habe nicht rechtzeitig Massendemonstrationen gegen die Kriegsgefahr veranlaßt. Eine große Zahl Genossen(zu denen auch ich gehörte) war damals der Meinung, es wäre besser gewesen, der Vorstand hätte früher die Demonstration angeordnet. Aber wenn er es nicht tat, so geschah es nicht aus Schläsrigkcit oder Aengstlichkeit, sondern weil er die Situation anders auffaßte als wir. Es lag da eine Verschiedenheit der Auffassungen vor, über die sich streiten ließ, kein Versäumnis. Das ist der einzige konkrete Fall von Bedeutung, in dem der Vorwurf mangelnder Initiative zu Massenaktionen gegen den Parteivorstand erhoben wurde. Das geschah schon im vorigen Jahre. Gegen den seitdem neuverstärkten Vorstand ist irgend ein greif- barer Vorwurf einer Versäumnis überhaupt nicht erhoben worden. Was sich gegen ihn wendet, ist nur allgemeiner Unmut darüber, daß wir zwar immer stärker werden und die Erbitterung der �Massen wächst, daß aber trotzdem Aktionen der Massen nicht mit gewünschter Intensität einsetzen. Dieser Unmut ist begreiflich, und wenn es schon in der Natur der Sache liegt, die Schuld an allem, womit man nicht zufrieden ist, im Staat der Regierung, in der Partei dem Parteivorstand zu- zuschieben, so wird das in den letzten Jahren noch dadurch gefördert, vaß die alten Vorstandsmitglieder, die sich in Jahrzehnten ununter- brochenen Vorkampfes unter den schwierigsten Umständen bewährt, eit 1900 einer nach dem anderen dahinstarben oder doch ihre Tätig- keit einschränken mußten, so daß die Mehrheit deS Parteivorstandes heute aus Genossen besteht, die als Leiter der Gesamtpartei noch keine Gelegenheit hatten, auch nur annähernd so grenzenloses Ver- trauen zu erwerben, wie es die Liebknecht und Bebel, Auer und Singer seit einem Menschenalter gewonnen hatten. Damit sei nicht gesagt, daß die Geschäftsführung der Genannten nie eine Kritik fand. Im Gegenteil, der Parteivorstand ist seit jeher auf unseren Parteitagen den lebhaftesten Kritiken ausgesetzt gewesen._ Aber allerdings wurde meist nur bemängelt, wäs er tat. Heute wird ihm dagegen gerade das vorgeworfen, was er nicht tat, aber ohne daß bestimmte Taten gefordert werden— mit Ausnahme, wie gesagt, des Marokkofalles. Nur im allgemeinen wird mehr Initiative ver- langt, und die soll ihm jetzt durch die Reorganisation beigebracht werden. Diese Reorganisation mag sehr nützlich sein, sie mag den Vor- stand in engere Fühlung mit den Massen bringen, ihm neue Kräfte zuführen. Aber man glaube nicht, daß es davon abhängt, ob sich das Tempo unsepes Vormarsches oder die Art des Agierens der Massen ändern werden. Diese hängen von keinem Parteivorstand ab, und wenn sie sich ändern, wird eS durch Verhältnisse geschehen, deren Eintreten nicht von uns bestimmt werden kann. Kein Parteivorstand kann den Massen den Willen zu großen, stürmenden Aktionen einflößen. Die Initiative auf diesem Gebiet gehört nicht zu seinen Aufgaben. Die Masse wird nur durch große historische Ereignisse bewegt, und je mehr die Sozialdemokratie eine Massenpartei, je mehr die sozialistische Bewegung eine Massen- bewegung wird, desto geringer der Einfluß, den die Initiative einer leitenden Parteibehörde auf ihre umfassenden Aktionen üben kann. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Willen zur Aktion zu schaffen, sondern ihn dort, wo er sich geltend macht, fruchtbringend zu leiten. Man hat diese Auffassung als passiven Radikalismus verhöhnt. Sie ist aber nichts als historischer Materialismus, als die Auf- fassung, daß es unser gesellschaftliches Sein ist, das unser Bewußtsein bestimmt, und nicht umgekehrt. Aber wird dadurch der Fortgang unserer Bewegung nicht vom Zufall abhängig gemacht? Davon, ob eben Ereignisse eintreten, die die Massen aufrütteln oder nicht? TaS wäre allerdings der Fall, wenn die Verschärfung der Klassengegensätze ein bloßer Zufall wäre itpd sich nicht mit Notwendigkeit vollzöge. Mt sie mit Not« ivendigkeit Bät sich, dann müssen auch früher oder spLker Sikua« tionen oder Ereignisse einircten-, die die Vol�Sma�selr nodTtu..� � regen als heute und sie noch gewaltiger in Belvegung.etzen. Und find die Volksmassen nicht heute schon uberall aus da-- tiefste erregt? Wir brauchen nur auf die Riesenstreiks in England. in Budapest, in Zürich, die Vorbereitung des Generalstreiks in Belgien hinzuweisen, um zu zeigen, welche Erregung die Massen überall durchzittert, wie leicht sie sich exploiiv Luft macht. Keine einzige dieser Bewegungen aber entsprang der Jn-nanve eines Parteivorstandes. Auch wo die leitenden Jni.anzen von Partei und Gewerkschaft sie anordneten, geschah es unter dem Druck der empörten Proletaricrmassen. Und nur wo dieser.rrur! ub-r- mächtig ist, kann eine Massenaktion, die über eine bloße Demon» stration binausgebt, jene Wucht erlangen, ohne die sie ersolglo-, zusammenbrechen muh. Eine Massenaktion dieser Ar» ist von vorn- herein zum Scheitern verurteilt, wenn ihr erst der Parieivorstand Leben einzuflößen hat. �„.,. Dieselben Ereignisse aber, die auf die Massen wirken, sie kühner und aktionslustiger machen, beeinflussen auch die leitenden Personen. die ja auS keinem anderen Stoffe gemacht sind. Dentl-cd tonnte man das zum Beispiel erkennen an der Stimmung, ir.z auf dem Jenaer Kongreß von ISOS herrschte, den die russische Revolution an- feuerte, und der Stimmung des Mannheimer Parteitags im nächsten Jahre, der unter dem niederdrückenden Eindruck der siegreichen Konterrevolution stand. Wenn aber unser Wille nicht frei ist. und wenn es nicht vom freien Willen eines Parteivorstandcs, sondern vom Gang der Er- eignisse abhängt, ob unsere Bewegung lebhafter oder flauer, kuhner oder vorsichtiger ist, wieso kommt es dann, daß in so vielen Lau- dern, in denen unsere Partei schwacher ist als in Deutschland, die Bewegung in den letzten Jahren lebhaftere und energischere Formen angenommen hat als bei uns? Diese Frage ist nicht mit zwei Worten, zu beantworten, dazu wäre eine tiefergehende Untersuchung der Verhältnisse in den ver- schicdenen Ländern notwendig. Nur auf zwei Momente sei hier hingewiesen. Das eine ist die Größe der Partei selbst. Nicht bloß in der Mechanik, sondern auch in der Politik gilt daS Gesetz, daß eine Masse um so schwerer in Bewegung gesetzt werden kann, je größer sie ist, daß aber auch die Wucht ihres Anpralls um so gewaltiger wird, wenn sie einmal in Bewegung gerät. Desto tiefer gehender ihre Wirkungen, sowohl im Falle des Sieges wie der Niederlage. Und unsere Partei überragt nicht bloß an Mitglicderzahl die Bruderparteien, sondern die meisten auch an Geschlossenheit, was ebenfalls ihr Gewicht vergrößert. Außerdem besteht in letzter Zeit eine ihrer Eigentümlichkeiten(die auch der Gewerkschaftsbewegung eigen ist) in dem raschen Vordringen in die Kleinstädte, ja selbst auf das flache Land. Das vermehrt nicht bloß die Masse der Partei und macht es schon dadurch schwerer, sie in eine umtassende Be- wcgung zu versetzen, sondern führt ihr auch Mitglieder zu. die unter ganz anderen Bedingungen leben als die der Großstädte. DaS kann unter Umständen zu argen Reibungen zwischen beiden Elementen führen— wir haben bereits darauf hingewiesen, daß sich die unerfreulichen Partciverhältnisse in Württemberg wohl zum Teil dadurch erklären—. die Rücksichtnahme auf die kleinstädtischen und ländlichen Elemente wird von den Genossen der Großstädte auch oft als arge Hemmung ihrer politischen und gewerkschaftlichen Betätigung empfunden. Dem steht jedoch der Vorteil gegenüber, daß jeder Fortschritt, der von den Arbeitern in Groß- und Kleinstadt, in Städt und Land gemeinsam errungen wird, viel fester steht alS ein Erfolg der Großstädter allein. Die Rückschläge, die ehedem durch das Aufgebot der unorganisierten und unaufgeklärten Elemente der Kleinstädte und des Flachlandes herbeigeführt wurden, werden jetzt seltener. Das zweite Moment aber, das den Drang nach Massenaktionen bestimmter Art zeitweise im deutschen Proletariat weniger stark erwachsen läßt als bei Proletariern anderer Länder, liegt in seiner energischen und erfolgreichen Teilnahme an der Massenaktion der Reichstagswahlen. Man vergesse nicht, daß die Teilnahme an einer Wahl namentlich bei allgemeinem, gleichem und direktem Wahlrecht, auch eine Massen- aktion ist. und zwar eine der umfangreichsten und eindringlichsten. Hätten die. belgischen Genossen einen Wahlsieg errungen wie die deutsche Sozildemokratie, sie würden kaum zum Generalstreik rüsten. Und die Genossen Budapests hätten wohl auch von ibrem Demon- strationsstreik abgesehen, wenn sie das deutsche Wahlrecht besäßen. Was als mangelnde Initiative zu Massenaktionen in der deut- schen Sozialdemokratie erscheint, ist also im wesentlichen ein Pro- oukt unserer besondere-, Verhältnisse. Es liegt nicht an den Führern, aber auch nicht an den Massen, und es ist ganz unangebracht, den einen oder den anderen Vor- würfe darüber zu machen, weil es nicht so schnell vorwärts geht, wie wir es wünschen. Aber haben wir denn überhaupt zu wünschen, daß die großen Kämpfe, die aus der Zuspitzung der Klassengegensätze auch für Deutschland entspringen müssen, rascher kommen, als es der Fall ist? Sicher müssen wir wünschen, daß die Lage der Proletarier sich rasch bessert. Es ist wohl begreiflich, daß sie erklären, nicht länger warten zu können. Und längeres Warten wäre auch zwecklos. wenn es ein tatloses Warten wäre. Aber ist denn die Zeit„mangelnder Initiative" wirklich eine Zeit der Tatlosigkeit? Arbeiten wir nicht unermüdlich am Ausbau der Organisation, an der Vervollkommnung und Verbreitung unserer Mittel der Aufklärung, der Presse, der Bildungskurse. der Buchliteratur usw.? Sind wir nicht ständig bemüht, die Zahl unserer Vertreter im Reichstag, den Landtagen, den Gemeindever- waltungen zu vermehren? Sind diese nicht eifrig darauf bedacht, die Interessen der gesamten ausgebeuteten Volksklassen zu wahren?. Zeigen sie ihnen nicht aufs eindringlichste durch ihre Tätigkeit in Sachen der Teuerung, der Wohnungsnot, der Steuergesetzgebung. der Zollfrage, des Wettrüstens usw., daß die Ausgebeuteten alle nur einen Freund haben, auf den sie bauen können, die Partei der Arbeiter, daß alle anderen Parteien ihre entschiedensten Feinde sind und die paar Menschenfreunde unter den bürgerlichen Ele- menten nur machtlose und meist auch unzuverlässige Freunde?) Und haben die deutschen Arbeitermassen nicht auch ausreichend ver- standen, durch machtvolle Demonstrationen das politische Gewicht zu vergrößern, das sie selbst bei Wahlen oder durch ihre Vertreter bereits einzusetzen haben? Haben wir irgend eine Ursache, diesen Prozeß, der mS von Tag zu Tag stärker macht, aus eigener Initiative zu unterbrechen? Sollen wir die Initiative ergreifen und den Gegner zum Entschei- dungskampf herausfordern, solange wir noch in der Lage sind, unter den gegebenen Umständen rascher zu erstarken als unsere Feinde? Sicher ist es verkehrt, zu glauben, der Prozeß unserer Er- starkung werde ohne jede Störung durch unsere Gegner so lange ge- duldet werden, bis wir friedlich die herrschenden Klassen expropriiert hoben, ohne daß sie es merkten. Aber es ist nicht minder verkehrt. aus Ungeduld zu verlangen, daß wir'inseren Gegnern zuvorkommen und den Prozeß unserer Erstarkung selbst auS eigenem Antrieb stören sollen... Regstes Leben auf allen den eben berührten Gebieten ist drin- gendste Notwendigkeit für die Erstarkung des Proletariats. Aber nichts schlimmer als ein� Initiative von Parteibehorden, die über diese Gebiete hinausgeht. Hier müssen wir die Ereignisse an uns herankommen lassen... �. Machen die Ereignisse eine weitergehende Aktion notwendig und macht die Stimmung der Masse sie ausstchisreich, dann aller- dings ist es Aufgabe deS Parteivorstandes, an ihre Spitz« zu treten und sie zu leiten.. Es kann nicht seine Aufgabe sein, den Willen und die Kraft zur Aktion zu schaffen, wohl aber soll. er. wo»dieser Wille und diese Kraft durch den Gang der Ereignisse hervorgerufen werden, sie zu einheitlichem, planmäßigem Handeln zusammen- fassen, denn nur unter dieser Bedingung wftd die proletarische Kraft daS Maximum ihrer Leistungsfähigkeit erreichen und so viel zu erringen imstande sein, als unter Ken gegebenen Nachtverhält- Visses zu«ringen möglich ifi, ES 'S ist Ausgaste deS ParkeMorstansteS. stch Vvn Len Ereignissen I ivi�st 8er Chemnitzer Parieiiast stie Vornahme dieser Aenhe. l Vorlesung..........„...... überraschen zu lassen, sie zu überschauen, mit den Massen in rung unserer Sache sicher einen bedeutenden Dienst erweisen, Herrn Dr. M. Brie:»Schopenhauer».— Damen und Herren a ilicht engster Fühlung zu leben und ihr Vertrauen zu erringen Sollte es möglich sein, durch eine Aenderung unseres Organi- 1 FretreligiSU Gemeinde. Sonntag.'den... sationsstatuts dem Parteivorstand diese Aufgabe zu erleichtern, dann' v Uhr, Pappel-Allee 15/17, und Rixdors,'»Ideal vormittags 11 Uhr. Kleine Frankfurter Sir.«- Toriraj % Gäste sehr willkommen. Die Arbeiter-Esperautisten-Vereinigung Groft-Berliu veranstaltet Anschließend finden in 15. September, vormittags| in dieser Woche drei Propagandaversammlungen. Ansc eal-Passage»: Freireligiöse der folgenden Woche sechs lostensreie Ansängerkurse statt. IMMUMfMMULUIUt Zur Aufklärung! Dfö H. K. G.(Herrfen-Klelder-Vertr.-Ges.) ist die einzigste Firma mit dem Verkaufssystem Selbskostenpreis+ 10%, welche einen Teil ihrer Waren selbst anfertigt und direkt an Private verkauft.— Wir bieten also dem geehrten Publikum Gelegenheit, Waren direkt vom Fabrikanten zum Selbstkostenpreis zu beziehen, gegen Zahlung einer Umsatzgebühr von nur 10% als einzigsten Gewinn.— Wer seinen Bedarf an Herren-, Jünglings-, Knaben- und Sportbekleidung jeder Art fertig oder nach Maß bei der H. K. 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Sonnabend, nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle des Gethsemane- Kirchhofes in Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 232/8 vor V oratHiid. Verwaltungsstelle Barlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Metallarbeiterin Karoline Lehmann Carmen-Sylvastr. 11 gestorben ist. _ Die Beerdigung findet henke Sonnabend, den 14. September. nachmittags 4>/, Uhr, von der Leichenhalle des Gethsemane- Kirchhoses w Nieder-Schönhausen aus statt._ Ferner starb der Dreher unser Mitglied, Paul Hitze Baumschulenweg, Ernststr. 29 am 12. Septbr. an Lungenleiden. Die Beerdigung findet morgen Sonntag, den 15.Sepemb«r, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen. balle des Gemeinde-FriedhoseS in Treptow, Neue Krugallee, aus statt. Ehre ihrem Andenken: Rege Beteiligung erwartet 124/8 Oie Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung Grob Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Autosührer Max Hartmann am 11. September im Alter Von 33 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 14. September, nachmittags 1'/, Uhr, von der Leichenballe des Neuköllner Ge- meinde-FriedhoseS, Mariendorser Weg, auS statt. Nsetiraf. Den Mitgliedern serner»ur Nachricht, dag unser Kollege, der Btersahrer Herrn. Kadendach am 9. September im Atter von 33 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung fand bereit» am Freiing, den 13. September, statt. Nackruf. Femer den Mitglied«« zur Nachricht, datz unser Kollege, der Arbeiter �einhold Haßforth am 25. August im AI« von 44 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: 66/16 Olo Bezirksverwaltung. Danksagung. Für die Vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Be«dlglmg unseres lieben SohneS Kt'lnkiol«!, sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten, dem Rauchtiub„Arkona-, dem Mandolinenklub.Allegretto-, dem Sparverein.KieS" und demFrauen Sparvereln„Klamme Schwestern' Ulliern herzlichsten Dank. 253b J-'anillle JHanzey. Sozialdemokrat. Wablierein llir ö. Relelist-Walilkr. Blederliariiiin Bezirk Pankow. Am Donnerstag srüh 1 Uhr ver- schied nach kurzem Krankenlager uns« Genosse, der Restaurateur Max Winter im Alter von 40 Jahren an der Proltiaricrkrankheii. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindet am Sonnlagnachmittag>/,4 Uhr, von der Halle des neuen Pankow« Kirchhofes(Schönholz) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 241/16 Die Bezirtsletmng. Allgemeine Kranken- u. Lterde- Kasse der deutschen Drechsler und deren veruksgenosseo �(E. H. 86, Hamburg).------- BerwaltungSstelle Berlin B. Am 12. September verstarb unser Mitglied 296/11 vavül Jessat. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet Sonn- tagmiitag 2 Uhr von der Leichen- alle des alten Thomas« Kirch- ose», Hermannstratze, aus statt. WM Meli- M SteiWasse iler MelallaiMer iE. H. Nr. 29, Hamburg). Filiale Baumschulenweg. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied Paul Mit?e am 12. Sepiember vcrstolben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 15. September, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen. halle de» Treptow« Kirchhoses, Neue Krugallec, aus statt. 124/7 Oie Ortsverwaltung. Für die Vielen Beweise herzlicher Teilnahme beim Hetnigange meines lieben Mannes, unseres guten Vaters Hermann Hrandt sagen mir hierdurch allen Freunden und Verwandten, insbesondere der Firma Thyssen sowie dem Meister und Kollegen unfern besten Dank. 6A Witwe Berta Brandt nebst Kindern Maxstr. 15. SozIalilEinokFatlsehErWalilvErElii Treptow-Baumschulenweg. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Genosse, der Metalldrehcr Paal Hitze Ernststr. 20, am 12. September im Atter von 32 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindet am Sonntag, den 15. d. Mts., nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Treptower Gemeinde-FriedhoseS, Neue Krug-Allee, anS statt. Um rege Beteiligung ersucht 202/20 Bor Vorstand. Danksagung. ür die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme beim Begräbnis unseres lieben VaterS, Schwieger- und Großvaters priedrich Zöllner sagen wir hierdurch unseren innigsten Dank. Dank auch der Finna Eveking in Niedcr-Schöneweide, den Meistern und Arbeitskollegen für die schönen Kranzspenden sowie dem Gesangverein .Frohstnn' in AdlerShos für die er- hebenden Trauergcsänge. 273b Oie tiettrauernden Hinterbliebenen. Absolut sichere Gewähr für gute Arbelt nod elegante Fsasonel Eigener Oroub'trlebl Speilell euch weite Crtuenl Stoffe und Zutaten erstklassigl Keine Velvctst Keine«ehiecbfen Gcwcbel Moulöse welche Flauschstoffel Ulster Kostüme 1», 1», 24 ble 66 M. IS, 22, 2Ö, 30, 36 bin ziiO M. PtUschmantel SO. 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Allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie der Direktion d« Firma Bartz u. Co., A.-G., den Kol« legen derselben Firma, dem Sozial» demokratifchen WahIoerein s. d. 4. Verl. ReichslagswahIkreiS(Bez. 156), dem Deutschen TranSportarbeiterverbaud (BezirkSverwaltung Groß. Berlin), den Kollegen der Firma Bartz n. Co., A.-G., Filiale Schlelischer Bahnhos, Möbcl- ttansportarbeiter, der Untcrstützimgs« lasse ttcr Berliner Hausdiener für die lichgesühlte Teilnahme bei dem Begräbnis unsere» lieben guten VaterS und Bruders Paul Dornte sagen wir unseren herzlichsten Dank. Frau Mitscherling geb. Domke Frau Scheppe geb. Domke. 21a ZentratamäHerrenMIeidnnn I.: Neue Frledrichintr. 35 an der Zentral-Markthalle ll.: Tnrmstr. 67, I. Etage, liesert an sedermann elegante Heiren-lZaniei'oben ___ nach Käß unter Garantie sür tadellosen S) gegen wöchentliche Deilzahlnng 1 Mark°n. von Zuschneldereiu. Werkstatt im Hause. Aus Wunsch Besuch de» Reisenden mit neuesten Stofimustern. 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Leberwurst.............. piund 1.10 Teewurst..................... Pfund 1.25 Thüringer Knoblauchwurst..... Pfund 1.40 üervelat- od. Salamiwurst.....«�1.40 Sch�nkenwurst.............. pfundl.40 Weine und Spirituosen Oberhardter................«»che 85« Obermoseler...............««che 95« Biebelsheimer.............««che 1,10 Roter Tischwein.........«««he 80« Medoc St. Julien.......«««he 85 p� Tarragona....................««che 95«. Samos........................««che A5 pf- Alpenkräuter...............««che 85« Stonsdorfer................««che 1,10 Halb u. Halb...............«««1,10 Gänse................. � 68, 78 Kassier.......................... � 95 pt pt Butter und Käse Fischkonserven Tafelbutter..........'/z«nnd.pnket 66?'■ Schweizer Käse............ pfunc AZpf. Emmentaler Käse..........«»-«1,20 Tilsiter Käse................. p�d 65« Limfaurger Käse............. Pfund ZApf. Briekäse........................ Pfund ZZPh Camembert................... swck 25« Sardinen oder Anchovis... vi« 22« Sardinen in Gel 0°-° 38,48, 68« Sardinen In Gel■/.Dose.ea aostck. 95 Pf. Brat- od.Bismarck-Keringe D°-e45pf. Matjes-Heringe........ stock 10, 15« Neue saure Gurken..... 3 stuck 10?«. Neuer Sauerkohl............«»nd 5?«. Vlcforia-Erbsen............ p�d 19? Erbsen geschält................. Pfund 23 Pf. Erbsen hxibe................... pfuud 20« Bohnen"-i«.......... ptnud 18, 23« Linsen......... Pfund 15, 20, 25« Gries.................... ptund 22, 25« Rßis............. Pfund 22, 25, 28 pt Gemischte Marmelade... Pfund 25« Pflaumen-Marmelade...... Pfund 30?«. "Räucherwaren Bücklinge.................. 6 stock 18« Aale..... band 39 Pf...... Pfund 1.20 Flundern.......................... stock 5?-. 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Sonntag von 8-10 Uhr geoftnet. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: TH. Glocke, tterlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin LW» Kr. 815. LS. ZahrMg. küUt des Zomlllbelld. 14. Zeptemlier 1912. Knebel, aber nicht Nohifahrt! Ruhmredigkeiten über den Wohlfahrtssinn der Unter- nehmer und steinerweichende Klagen über die„erdrückenden sozialen Lasten" wohnen in der kapitalistischen Presse stets nahe beieinander. In hohen Tönen pmsen freiwillige und unfreiwillige Werkskncchte die Liebestätigkeit der Unter- nehifter, wie sie diese in den x-verschiedenen Wohlfahrtsein- richtungen nach einem Leisten bekundeten, und fast im selben Atemzuge erklärt man: die staatlichen sozialen Versicherungen belasten die Industrie auf das schwerste, untergraben ihre Konkurrenzfähigkeit aus dem Weltmärkte. Wie erklärt sich solcher Widerspruch? Die materielle Begründung ist nur ein Teckmantel für ein politisches Motiv! Nicht wegen der aps ihr resultierenden Belastung, sondern wegen ihrer Tendenz, die dahin geht, die Arbeiter wenigstens in bescheidenem Matze der Willkür der Unternehmer zu entziehen, bekämpft man in so wütender Weise die staatliche Sozialpolitik. Nach den An- gaben des Kais. Stat. Amtes(in den Nachweisen über die Ergebnisse der Deutschen Aktiengesellschaften) betragen die jährlichen Aufwendungen der freiwilligen Wohlfahrt über Vi Milliarde Mark. Das ist zweifellos eine respektable Summe, mit der die Unternehmer prahlen, ihre Arbeiter- freundlichkeit zur Schau stellen! Warum opfern die Unter- nehmer solche Summen, wenn schon die sozialen Pflicht- leistungen sie dem Bankerott entgegenführen? Ganz einfach, weil sie mit der Werkswohlfahrt ein glänzendes Geschäft machen, das viel mehr einbringt als Opfer erfordert I Die vielgepriesenen Einrichtungen haben überhaupt nicht den Zweck, dem Arbeiter Vorteile zu bieten, sondern einzig und allein den. ihn an das Werk zu fesseln, so fest, datz er mit Arbeitsbedingungen sich begnügt, die er ohne die Wohlsahrts- fessel nicht akzeptieren würde. Dieses Motiv der Unter- nehmer bei der Werkswohlfahrt stellt Dr. Philipp Loewenfeld in einem polemischen Artikel in der Zeit- schrift„März" vom 10. August 1912 scharf heraus. Dem Verfasser, einem guten Kenner der Materie, gaben matzlose Angriffe auf L. Brentano den Anlatz zu einer Abrechnung mit den Wohlfahrtsapologeten, die zum Teil sich gar mit der Toga der Wifscnschaftlichkcit schmücken. Da macht man den für ernsthafte Menschen überhaupt nicht mehr diskutablen Versuch, nachzuweisen, datz Arbeitern durch die Wohlsahrts- einrichtungen der Werke Vorteile geboten würden. Das ist an sich schon Unsinn! Welcher Wissenschaftler will denn be° weisen, datz die Aktionäre, die anonymen Besitzer des Rechts- titels auf Dividenden, die aber kein Quentchen geistiger oder körperlicher Arbeit leisten, die Wohlfahrtssumme neben den Gewinnen erarbeiteten? Es ist doch eine kaum noch be- strittene Tatsache, datz nur die Arbeit, nicht aber das Kapital, die Quelle des Reichtums aller Güter ist. Im besten Falle erhält der Wohlfahrtsempsänger eine Kleinigkeit von dem zurück, was ihm an Lohn vorenthalten wurde. Doch das nur nebenbei. Loewenfeld umschreibt den ganz richtigen Gedanken, datz es sich bei dem Problem nicht um ein Nechenexempcl handele, sondern um die Frage, wie die gepriesenen Einrich- tungen sozial wirken und wie sie wirken sollen! Von den in Betracht kommenden Einrichtungen sagt er:„Man will durch Gewährung sozialer Fürsorge zwar die Lebenshaltung der Arbeiter heben, gleichzeitig, jedoch einen Druck auf die Ar- beiter ausüben, alles das zu unterlassen, was zu einer wirk- samen Mitbestimmung des Arbeiters bei der Festsetzung der Lohn- und Arbeitsbedingungen führen könnte, vor allem also den Beitritt zu einer gewerkschaftlichen Organisation und die Teilnahme an einem Streik!" Und die einwandfreiesten Wohlfahrtseinrichtungen charakterisiert er also:„Mahgebend für die ungünstige Beurteilung ist vielmehr die Tendenz, solche Wohlsahrtseinrichtungen als Machtmittel gegen die Ar- beiter und ihre Organisationen zu benützen." Daß auch die von einem Wohlfahrtspreiser als Beweis für die Uneigen- nützigkeit der Unternehmer ins Feld gefiihrten Werktolonien dem Zwecke der Arbeitcrkncbelung dienen sollen, dafür zitiert Loewenfeld u. a. eine Bestimmung aus dem Vertrage, den die Zeche Louise Tiefbau mit dem Mieter einer Werks- Wohnung abschlictzt. Ter 8 7 des Vertrages lautet:„Autzer- dem geht der Mieter seines Mietrechtes verlustig, wenn der- selbe sich bei einer Arbeitseinstellung(Streik) beteiligen .sollte, in welchem Falle die sofortige Räumung der Wohnung verlangt werden kann!" Die hier klar zum Ausdruck gebrachte Absicht, dem Ar- beiter durch die Wohlsahrtseinrichtung staatsbürgerliche Rechte zu rauben, ist für alle derartigen Einrichtungen mahgebend. Aus den Kreisen der Unternehmer selbst erbringt der ge- nannte Autor eine Reihe von Aussprüchen, die deutlich genug zeigen, datz man mit Ucberlegung die Einrichtungen als Knebel gebraucht:„Werner von Siemens hat für jede grötzere Fabrik die Gründung von Pensionskassen als Mittel gegen die„die Industrie und besonders die Arbeiter selbst schwer schädigende Streikmanie" empfohlen. Die„Deutsche Arbeit- geberzeitung" hat Arbeiterwohnungen und Pensionskassen als ein„nach Lgge der Dinge gewitz autzerordentlich loyales und darum auch politisch wertvolles Mittel zum Zwecke der Streik- abwehr" bezeichnet! Massenhaft liegen Satzungen vor, nach denen der Arbeitnehmer um seine Pension oder Anwartschaft kommt, wenn er z. B.„sich an Bestrebungen beteiligt, die das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die bürgerliche oder staatliche Ordnung zu stören geeignet sind" (Maschinenfabrik von Karcher u. Co.. Veckingen a. d. Saar). oder wenn er„Mitglied eines Arbeitcrverbandes ist oder wird, der noch andere als rein wirtschaftliche Zwecke verfolgt" (Tampfkcsselfabrik und Eisengießerei H. Pauksch u. Co. A.°G.. Landsbcrg a. Warthe), wenn er„sich direkt oder indirekt an Bestrebungen oder Unternehmungen beteiligt, die den Jnter- essen der Firma zuwiderlaufen"(Chemische Fabrik auf Aktien vorm. E. Schering Berlin). Die Firma Friedrich Krupp, Esten. Hot anläßlich eines Pensionskassenprozesses selbst zu- gegeben, datz ihre Pensionskasse„bisher für gewerkschaftliche und politische Bestrebungen ein starkes Hindernis gebildet habe" und datz die„Beitragseinbehaltung der Hauptpfeiler des Systems" sei. Tie Höchster Farbwerke haben es aus An- laß einer Lohnbewegung„für ihre Pflicht gehalten", die Ar- heiter durch ein Zirkular daran zu erinnern, datz nach den Kassenstatutcn dasjenige Mitglied, welches den Dienst der Farbwerke verlätzt, seine PensionSansprüche verliert". An- gesichts solcher Tatsachen niutz man staunen, datz es immer noch Leute gibt, die zu bestreiten suchen, datz gewisse in- dustrielle Alleinbctricbe ihre Arbeiter durch Wahlfahrtsein- richtungen zum Verzicht auf ihr Koalitionsrecht zu nötigen ! suchen. Sachliche Argumente gegen diese tatsächliche Fest- ) stellung, die der elsäsiische Grotzindustrielle Charles Grad seinerzeit in die klassischen Worte gekleidet hat:„Die Phi- lanthropie ist seitens der Industriellen unserer Gegend ein gutes Geschäft," und die dem neuerdings zu den Scharf- machern übergegangenen Professor Bernhard das Wort von der„Wohlfahrtssklaverei" entlockt hat, konnte man bisher noch nicht finden." Allerdings, in einer Beziehung hat man sich doch etwas verrechnet. Die Mietverträge sichern nicht unbedingt vor einem Streik. Der Werkwohnungsinhaber wird nicht unbedingt Streikbrecher. Verschiedene Umstände sind da wirksann Ein- mal die elementare Macht der Empörung über die Willtür und Rücksichtslosigkeit des Grubenkapitals, die zu Zeiten mit unwiderstehlicher Macht aufflammt, dann Massensuggestionen, die das Ohnniachtsgefühl des einzelnen nicht zum Bewutztsein kommen lassen, ferner die Erkenntnis, datz Massenexmittie- rungen nicht möglich sind, weil die Behörden sie wegen der damit verbundenen Gefahren nicht dulden! Schlietzlich sind sie auch nicht von Nutzen für die Unternehmer, die ja daran denken müssen, nach Beendigung des Streiks wieder genügende Arbeitskräfte zur Hand zu haben, die sie daher durch Obdach- entpeitzung nicht zum Fortzug zwingen dürfen. Daß die Werkwohnungen tatsächlich einen Streik nicht hindern können, spricht nun nicht etwa für die Unternehmer, sondern beweist nur, wie Loewenfeld richtig bemerkt,„datz die Spekulation der Unternehmer... zum Teil mißglückt ist". In wütendster Weise hetzt nun das Scharfmachertum gegen das bestehende bescheidene Koalitionsrecht. Kommt die Materie im Reichstage zur Sprache, dann wird man an dem Kapitel des Raubes von Staatsbürgerrechten durch die so- genannten Wohlfahrtseinrichtungen nicht vorbeikommen. Sie bilden eine soziale Gefahr, deren Beseitigung im Interesse der gesamten Arbeiterschaft dringend geboten ist. Das deutsche Apothtkergetverbt bisher und nnter dem Einflüsse der Deichsverficherung. Daß bei der Anfertigung von, Arznciem eine grötzere Verant- wortlichkeit besteht und eine größere Zuverlässigkeit nötig ist. als beim Handel mit Brennmaterialien! und der Anfertigung von Schürzen, darüber besteht wvhllkeine Meinungsverschiedenheit. Man hat diese Zuverlässigleit in verschiedener Weise Ist sichern gesucht. In vielen Staaten hat man das Bestehen eines strengen Examens nach Ablcguny eines vorgeschriebenen Bildungsganges sowie un- vermutete amtliche Revisionen der Betriebe für ausreichend ge- halten, so in Frankreich. Italien und der Schweiz. In anderen Staaten, so in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, hat man die Zuverlässigkeit der Betrestenden außerdem noch dadurch zu sichern gesucht, datz man sie möglichst von Nahrungssorgen befreite, indem man nur einer kleinen Anzahl von Apothekern für einen bestimmten Ort oder einen abgegrenzten Bezirk die Berechtigung zum Betriebe einer Apotheke erteilte.(Um die Existenzsichcrung anderer Berufs- zweige, die ebenso wichtig kür die Pflege der Kranken und die öffcnt- lich Wohlfahrt ist, so der Aerzte, hat der Staat in Deutschland und Oesterreich nicht solche Fürsorge für nötig befunden. Haben diese ihr Staatsexamen gemacht, dann können sie sich überall niederlassen, aber sie müssen selbst sehen, wie sie ihre Existenz finden.) Die Be- rechtigung zur Führung einer Apotheke wurde zuerst in Form eines persönlichen oder erblichen Privilegs, später in einer persön- liehen oder erblichen oder verkäuflichen Konzession erteilt. Im letzteren Falle konnte der Besitzer eines Privilegs oder einer Kon- zession beim Verkaufe neben dem Realwerte des Grundstückes, Gebäudes, der Einrichtung und der vorhandenen Ware noch«inen Jdealwert für die abgetretene Konzession und die durch sie ge- sicherte Kundschaft sich bezahlen lassen, denn andere Apotheken, als privilegierte oder konzessionierte, durften nicht betrieben werden, und da die Zahl dieser eine recht beschränkte war, so war auch die Zahl der eventuell verkäuflichen Apotheken stets eine Verhältnis- mätzig kleine. Diejenjigen, examinierten Apotheker� die— meist wegen Mangel an Konnexionen— keine Aussicht hatten, eine neue Konzession zu bekommen, muhten, wenn sie sich selbständig machen wollten, sich dazu verstehen, eine der wenigen schon bestehenden, und verkäuflichen Apotheken zu kaufen, dabei aber auch außer dem Real- werte des Gebäudes, der Einrichtung und des Warenvorrates auch für Zedierung dar Konzession, einen verlangten und meist recht bedeutenden Betrag bezahlen, der oft wesentlich größer als der für die Realien berechnete ist, der dann bei jedem weiteren Verkauf oft sprunghaft noch mehr erhöht wird. Zur Erteilung neuer Konzessionen, in einem bestimmten Rayon versteht sich die Regierung nur bei einer sehr bedeutenden Zunahme der Bevölkerung oder wenn es sich um einen gang besonders empfohlenen Anwärter handelt. Vorher werden autzer den im Bezirk angestellten Medi- zinal- und Vcrwoltumgsbeamten, auch die Besitzer der schon in und an dem Bezirk befindlichen Apotheken zur Aeutzerung über die Bedürfnisfrage in betreff der beantragten Neuikonzession veranlaßt, die natürlich, einen bedeutenden Abbruch ihrer bisherigen Kund- scha-ft befürchtend, gewöhnlich das Bedürfnis verneinen und die große Schädigung, die dann sie selbst treffen, würde, hervorheben. In Anerkenntnis dieser„Sachverständigen"urteile und aus Mitleid mit den bestehenden und oft schon schwer versckuldeten Apotheken, die durch eine Neukonzession noch weiter geschädigt würden, werden die Anträge mff neue Konzessionen, wohl zu, Dreiviertel aller Fälle ab- gelehnt oder nur nach wiederholten, dringenden Gesuchen bewilligt. Einige Medizinalbeamte sind zwar bemüht, diese oft enormen Preis- steigerungen durch Erreichung von Ncukvnzessionen hintanzustellen, haben aber bisher dabei wenig Erfolg gehabt. So kommt es�. datz nach Berechnung des Mcdizinal-iRates Dr. Springfeld in Osnabrück rund 1KÜ0 Apotheken noch in Deutsch- land fehlen, und die bestehenden einen, exzessiv hohen Verkaufspreis erlangt haben,; aber Apothekerrcntner gibt es in Deutsch- land verhältnismäßig viel mehr als in Italien und Frankreich. Springfeld, der sich besonders um Beseitigung dieser stocken, den Konzcssionszustände bemüht hat, erklärt darüber in Nr. 14 der „Zeitschrift für Medizinalbeamte", S. 518:„Ich habe 18 Jahre hin- durch unentwegt an der Apothekenvcrmehrumg gearbeitet, und von den jetzigen Medizinalbcamten wohl die größte Zahl der Neu- gründungen durchgesetzt, mutz aber erklären, daß die Stellung eines Regierung?-- und Medizinalrats doch nicht stark genug istz um die ihm vom Ministerium gestellte Aufgabe zu lösen und für gehörige Vermehrung Sorge zu tragen. Nähere Ausführungen möge man mir erlassen. Mitleid, zu große B ede n k l i ch k e i t, nicht genügende Sachkenntnis und Bequemlich- keit haben denn auch im Laufe der Jahre zu einer GewohnheitS-Jnterpretation des Gründungs- gesetzes geführt, welche die Absicht des Gesetz- gebersindaSGegenteilverkehrt....." So ist der ursprüngliche Zweck des ganzen KonzefsionNwesens, den Besitzer einer konzessionierten, Apotheke in die Lage zu versetzen, sich in auskömmlicher Existenz mit ganzer Lust und Liebe der sorg- fältigsten Erfüllung seiner Berusspflichten, widmen, zu können. entschieden nicht erreicht worden. Statt in einer sorgenfreien Lebensstellung nur auf die beste Zubereitung der der- ordneten Arzneien, und auf die weitere Vervollkommnung ihrer Fachwissenschaft bedacht sein zu können, ist das ganze Sinnen, und Trachten eines sehr großen Teiles der jetzigen, Apoihckenbesitzer nur darauf gerichtet, deu Verdienst und den Umsatz zu steigern, mn ihren hypothekarischen Verpflichtungen nachkommen, zu können. Wir wollen hier nicht näher darauf eingehen, welche Unreellität, Schwindeleien und Kurpfuschereien infolgedessen konstatiert worden, sind. Aber je länger, je mehr gelangt es zur allgemeinen, Ueber» zeugnng, datz durch die Einrichtung der verkäuflichen und Übertrag- baren Konzessionen die Preise für die Apotheken in die Höhe ge- trieben worden sind, daß dabei von einer gesicherten, sorgenfreien Existenz wohl meist bei dem Verkäufer einer solchen Apotheke. der dadurch in die Reihe der Apothekcnrentner tritt, aber nicht bei dem Neuerwerbenden gesprochen werden kann, und ebensowenig von einer Hebung und Sicherung der öffentlichen, Wohlfahrt. Das ist in Ländern, die keinen KonzessionsAwang haben!, anders. Findet da ein examinierter Apotheker keine Apotheke, deren Preis und Zustand ihm zusagt, so eröffnet er einfach eine neue, die er dann mit demselben Rechte betreibt, als ein anderer die ältere. Daher hat hier der Käufer neben, dem Realwert nicht noch einen, Jdealwert zu bezahlen, während in Deutschland bei seinen Konzes- sionssystemen stich auf den bestehenden Apotheken durch die große Zahl der häufigen, Weiterverkäufe im letzten, Jahrhundert allmählich eine ideelle Schuldenlast von mehr a l S 400 Millionen Mark angehäuft hat, die, statt den Apothekenbesitzern eine aus« kömmliche gesicherte Existenz zu verbürgen, den Betrieb in der ver- schiedensten Weise schädigt. Diese hohe Schuldenlast der Apotheken- käufer nötigt die Regierung in Deutschland, die Arzneitaxe fast jedes Jahr zu erhöhen, um die jetzigen Apothekenbesitzer in den Stand zu setzen, die Verzinsungen ihrer hohen, Hypotheken schulden begleichen zu können, wodurch aber das Publikum und die Kassen für die abgegebenen Arzneien einen Preis bezahlen müssen,, der im Durchschnitt den Anschaffungspreis um das fünf-, bis sechsfache übersteigt. Bei den Bemühungen, diesem ungesunden Zustande ein Ende zu machen, überzeugt sich der aufinerisame uninteressierte Beobachter immer mehr, datz für die Arzneiversorgung der Gewerbe» betrieb überhaupt u n g e e i g n e t ist, daß die Apotheken viel besser in eigener Regie der Kommunen und Provinzial» be hör den wirken und daher in diese übergeführt werden müssen. Der Apotheker als Gewerbetreibender ist Geschäftsmann und als solcher, namentlich, wenrn er nicht ein wohlhabender Mann ist und seine Konzession nicht geschenkt bekommen hat, auf einen guten Ertrag, ja auf Ausdehnung seines Geschäftes bedacht. Er fragt dann weniger, ob das, was verlangt wird, für den beabsichtigten Heilzweck geeignet ist, sondern er glaubt als Geschäftsmann genug getan zu haben, wenn er beim Verlangen von Dingen, mit denen der Kauflustige sich Schaden zufügen, könnte, ihn muf diesen Umstand aufmerksam macht. Wenn das nicht der Fall ist, befriedigt man- cher das Verlangen nach dem unsinnigsten Zeuge, wie Menschenfett. Schlangenfett und vielen anderen Fetten, Fuchslungensaft, Regen- wurmöl usw. usw. Solche Apothekenbesitzcr werfen nicht die über- jährigen Digitalisblätter und das Mutterkorn fort, fondern ver- tuenden sie ruhig weiter, kausien auch die billigste SenegawurzeT, Chinarinde, Myrrha- und Bicbergail, denn sie müssen sparen für ihre anderen Ausgaben. Ja, wenn das reelle Geschäft nicht genug einbringt, läht sich mancher auch mit einem Kurpfuscher und Schwindler ein, um mit diesen die gewagtesten Dinge zu machen. Selbstverständlich ist ein solcher Apothckenbcsitzer auch weder in der Lage noch in der Stimmung zu irgendeiner wissenschaftlichen Unter» suchung usw. Alle diese vor Gericht wiederholt genügend fest- gestellten Vorkommnisse haben jedenfalls Medizinalbeamte wie die RcgierungS-, und Geheimen Medizinialräte Dr.'Brefeld, Klose, Pappenheim, Bornträger, Gumprecht, Hauser, Rapmund, Spring- seid usw. veranlaßt, mit voller Absicht in ihren Besseruings- Vorschlägen die Apotheken ihres gewerblichen Charakters zu ent- kleiden und ihre Umwandlung in Kommunal- oder Provinzial- betriebe, die in eigener Regie betrieben werden, anzustreben. Springfeld führt noch einen anderen Umstand an. der ihn beran- � laßt, gerave jetzt folgenden Gesetzentwurf zur Erwägung und eventuellen Annahme vorzulegen: „Z 1. Das Recht, Apotheken zu errichten und zu betreiben, steht vom 1. April 19.. allein den Provinzen und Städten mit mehvn als LOO 000 Einwohnern zu. § 2. Am 1. April 19.. gehen die Apotheken in den Besitz der Provinzen, in Städten mit mehr als 200 000 Einwohnern in den Besitz der Kommunen über, welche die Jdealwerte der verkäuflichen Apotheken nach dem Marktpreise vom 1. April 19.., die Waren- bestände, Gerätschaften!, Gefäße, Regale und Schränke dieser und der unverkäuflichen Apotheken nach dem Marktwerte vom 1. Januar 19.. zu enteignen und sämtliche Besitzer auf Verlangen als auf Grund des Pension sgesctzes penstonsfähige beamtete Leiter von Apotheken unter Anrechnung einer Dienstzeit von mindestens 29 Jahren anzustellen haben. 8 3. Der Minister des Innern regelt nach Anhörung der Provinzialstände durch Verordnung den Betrieb der Apotheken, die Anstellungsbedingungen der Pharmazeuten sowie die Preise der Arzneimittel." Springfeld begründet diesen von ihm in der„Zeitschrift für Medizinalbeamte" Heft 15 veröffentlichten Gesetzentwurf mit dem Hinweise, daß nach Durchführung der bevorstehenden Ausdehnung der Reichsversicherungsordnung d,e Zahl der versicherten Personen auf zirka 20 Millionen Mitglieder, und wenn— waS angestrebt wird— die Versicherung auf die Angehörigen der Versicherten aus- gedehnt wird, auf ziemlich die doppelte Zahl sich erstrecken wird, und datz die dann zu erwartende Steigerung der Arzneiversorgung durch die Krankenkassen, die er auf zirka 1,75 M. bis 2 M. pro Person im Jahre schätzt, eine autzerordentliche Preissteigerung der Apotheken im ganzen Reiche zur Folge haben wird. Diese Annahme Springfelds ist sehr begründet. Schon nach Inkrafttreten des Krankenversicherungsgcsetzes von 1333 resp. 1904 stellte eS sich heraus, datz den Hauptnutzen davon die damaligen Apothekenbesitzer einheimsten. Infolgedessen trat schon damals bald darauf eine grotze Preissteigerung und Nachfrage nach ver- käuflichen Apotheken ein. die zur Ereirung zahlreicher noch jugend« licher Apothekcnrentner führte. Da als Preis der Apotheken unter den heul in Deutschland be- stehenden Verhältnissen allgemein das Achtfache des Umsatzes gilt, wird durch diese Einführung der neuen Reichsversicherungsordnung wegen des dann bedeutend steigenden Arzneikonsums der Versicher- tcn eine beträchtliche Steigerung der Preise für die nur in be» schränktem Matze vorhandenen verkäuflichen Apotheken eintreten. Dieser Preissteigerung der Apotheken und der konsequenterweise daran sich schließenden Steigerung der Preise der Deutschen Arznei» taxe glicht Springfeld dadurch vorzubeugen, datz er einen baldigen Ankauf aller deutschen Privatapotheken auf Grund des vorstehenden Gesetzentwurfes empfiehlt resp. anstrebt, und eS ist wohl möglich, daß dieser Antrag unter den gegenwärtigen Umständen im allge» meinen mehr Anklang findet, da der Staat nicht zur Uebernahme herangezogen wird, sondern nur die großen Städte und die Pro- vinzialverwaltungcn. Die Apothekenbesitzer sind natürlich nicht sehr erbaut von dem Antrage und ihre Organe suchen ihn ebenso wie die früheren als gänzlich verfehlt und undurchführbar hinzu- stellen. Die Arbeiterpartei dürfte sich grundsätzlich für einen solchen Antrag erklären, ebenso der größte Teil der konditionieren- den Apotheker, denen ebenso wie den bisherigen Besitzern der Uebergang in den neuen Dienst der Provinz oder der Großstadt dann mit Pensionsberechtigung pffen steht, wobei sie sich jedenfalls besser stehen, als in ihren jetzigen Verhältnissen./ Marktbericht von Berlin am 12. Septbr. MllL. nach Ermittelung des lönigL Polizeipräsidiums. Marktballenprelse.(Kleinhandel) 1 5k!Iogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 80.00—50,00. Spellebobneil, weihe, 30,00—60,00. Linien 35,00—70,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 6.00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleffch. von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleifch 1.50—1,80. Schweinefleisch 1,60—2,40. Kalbflctlch 1.50—2.40. Hammelfleisch 1,70—2,40. Bulter 2.20—3,00. 60 Stück Eier 4,00—6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,40—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60—3,60. Hechte 1,60—3,00. Barsche 1,00—2,40. Schiele 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,00-30,00. Arbeitsnachweis: ßgflill Amt Sterben, Nr. 1239. CharitHstrafte 3. Hauptbureau: Hos III. SImt Notben, Nr. 1987. Sonntng, den 15. September 1913, vormittags 10 Uhr: Hknrlts- Versammlung für Königs'Wusterhausen, Wildau U»t> Uiligegn.d im Alten Schütrenliaase( Inhaberin Ww. W edhorn) in liOnies-Wustorhaiitieii. Da die Tnpeserbnung eine wichtige ist, ist daZ Erscheinen aller Kollegen erserberlich. -------- Mitgliedsbuch legitimiert.- Montag, den 16. September 1913, abends 8 Uhr: Geffentliche Versammlung aller in der C*0BÄWKNSI1»LNÄUS�IM0 beschäftigten Kollege» und Kolleginnen im Saal 4 des Gewcrkschaftshauses, Engelufer 15. TageSerbnung: 1. Bericht über die Bcrhandlnngcn mit de» Arbeitgebern. 2. Diskussion. DM- Der überaus wichtigen Tagesordnung wegen ist eS Pflicht jedes Kollegen und jeder Kollegin, in dieser Versammlung zu erscheinen. 91* Montag, den 16. September 1913, abends 8 Uhr: Versammlung■ der Mechaniker, Mirmacher, Optiker slNvie atlcr l» den mechanischen Zetrieken lieschiistigteu Kolleginnen nnd Kollegen in de» Arminhallen, Kommandantenstr. 58/59. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verbands« u. Branch enangelegenhetten. Kolleginnen und Kollegen! Wir ersuchen dringend, sür einen guten Besuch dieser Versammlung zu agitieren. Montag, den 16. September 1913, abends 6 Uhr: Versammlung siiintlillier in der Möbel schtoßbranche beschäftigten Kollegen und Kolleginuen im Lokal von Merkowski, Audreasstraße 26. Tagesordnung: 124/9 1. Vortrag des Kollegen �Viicke: „Bas Koalitionsrecht in Preußen". 2. Branchenaiigelegeubeiten. 3. Verschiedenes. Da in dieser Versammlung über eines unserer wichtigsten Rechte ge« sprechen werden soll, ist es Pflicht eines jeden Kollegen, pünktlich zu erscheinen. IHv Ortsvcrwaltnng. Romane berühmter Männer u. Frauen Soeben erschienen: Lassalle Ein Leben für Freiheit und Liebe Roman von Alfred Schirokauer Mit 49 Illustnitonen, Dokumenten, Briefen asmi. Im Mittelpunkt des Romans steht Ferdinand LassaUe mit seinen kühnen Plänen derVolksbeglückung und ruheloser Liebessehnsucht, die seinen frühen tragischen Tod herbeiführt. Zu ihm gesellen sich die(uhrenden Persönlichkeiten der 60 er Jahre. Ein Werk, das in glucklichster Weise fesselnde Erzählung mit geschichtlicher Wahrheit verknüpft. Bisher erschienen: Lord Nelsons letzte Liebe. Liebe n. Leben d.LadyHaaiilton. Historischer Roman von Heinrich V. Schumacher Der Roman einer Kaiserin. Katharina 11 von Rußland. Geschichtl. Roman von Eng. Zabel (Fortsetzung von Lady Hamilton) Roman v. rieinr. V.Schumacher Grilloarzers Liebearoman. Die Schwestern Fröhlich. Rom. aus Wiens klass. Zeit v.J. A. Lux Ein Liebesidyll Ludwigs XIY. Louise de La Valliere. Historischer Roman von Dora Duncker Jeder Band geh. 4 M, geb. 3 M, in Pergament M 7.50 ISäwÄ Verlag yon RICH. BONG, Berlin W 57 Bekanntmachung. Nationale Krauken- uud Sterbekasse dar Droschkeukutscher und verwandten Bcrnfsgcnosseu. E. H. Nr. 75(Sitz Berlin). Wir geben hiermit bekannt, daß der Beschlutz der General-Veriamm- lung vom 2. Mai 1912, die Kasse auf- zulösen, am 23, August 1912 die Ge- uchmigung des Kaiserlichen Aussichts- nmis sür Privatvcrsichcrung cthalicn hat. Wir eröffnen nunmehr nach Z 52 unseres Statuts das LiquioalionS- ncrsahrcn und fordern nach Z 50 des Bürgerlichen Gesetzbuches alle die- jcnigcn aus, welche noch Forderungen an oben genannte Kasse laben, die- selben bei dem unterzeichneten Vor- stände einzureichen. 296/15 I>er Torstand der Nationalen Kranken- u. Sterbe- kasie der Droschkenkutscher und verwandten Bcrufsgciiofsen. E. H. Nr. 75(Sitz Berlin). Engclnser 13. IV. Knülter, Vorsitzender. JVathan MancZ 139 Ztalitfit Str. 139.- Die schönsten Monats-, Mett-, Rock-mi! Celiroekauzilie, statten hergestellte, aus Seide ge- arbciteie Garderobe, von lilavalioren Avtrajxsn, säst neu, sür jede Figur passend. speziell Bauchauzüge lind iu W grotzcr Auswahl stets zu statuicnd« billigen Vteiien zu paben, p« Wt. II: Tcne Oartlcrobe. a Nathan Wand ■ 139 Tkalil.cr Str. 139. K Hochbnlinstatioii KotlbnscrTor.iZ Sitte im eigonon Interssss sut« Hausnummer zu sehten. fs Neu» ErSf f nung der Filialen „Zum Hackepeter" 6r. Frankfurter Str. 102 Ecke Krautstraße Kottbiuer Str. 6 M M Hauplgesehäll: UD Gr. Frankfurter Str. lUD In allen drei Geschäften: Gr. Extra-Konzert. B s Or. Simmei für Spezial-Arzt Haut- und Harnieiden. Priuzenstr. 41, ÄÄ 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 1 Möbel- Magazin C. Zergiebel, Berlin, Skalitzer Str. 130.* Spez.: Einrichtungen klein, u. mittl Wohnungen. Teilzahlung geflaiict. »«NIZ-ÜÄMdS! 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Fenske, S., Kottbusserdamm 96 Warenhäuser Spandau Wilh. Herrn. Lesser Kolons t.? 4 Schöneberg Kolenit54 Bei jedem Einkauf Rabattm. Weine, Liköre n. Fruchtsäfte ühag© 3Per Laubenkolonist ist es doch sicher nicht, der den Grund- -»tvcrt erhöht. Das hängt von ganz anderem ab. Und wenn schon, so ist doch das System, die erhöhte Steuer aus dem Erholungsbedürfnis der Bevölkerung herauszuschlagen, eben der Gipfel sozialer Rückstandspolitik. Zahlen beweisen. Im Jahre 1909 hatte der„Verband der Laubenkolonisten" sich au den öffentlichen Ausbietungen nicht beteiligt. Nun waren die Generalpächter unter sich. Die Folge aber war, daß sie sich gegenseitig bis zu 36 mal überboten, wobei reichlich die Hälfte auf der Strecke blieb. Die Hauptrechnung bezahlte natürlich der Laubenkolonist. Von der Oeffentlichkeit zähe bedrängt, hat der Magistratsfreisinn im Laufe der letzten Jahre sich mühsam zu einigem papiernen Entgegenkommen durchgerungen. Das System der Meistbietung besteht nicht mehr in der öffentlichen Ausbietung, sondern lediglich in der Abgabe von Geboten bis zu einem bestimmten Termin. Trotz- dem sind die Pachtpreise immer höher geworden. Die Stadt als Besitzerin des größten Teiles des Groß-Berliner Lauben- geländcs zeigt sich nach wie vor als die kräftigste Stütze des Generalpächtertums. Die Grundeigentumsdeputation sagt, sie wolle aus praktischen Gründen nicht mit einer großen Anzahl von Einzelpächtern zu tun haben. Nicht auf das „Praktische", auf das Soziale kommt es an. Die Stadtver- waltung hat aber bewiesen, daß sie nur am Geschäft klebt, da sie trotz aller Angebote von Pflanzervereinen und Kolonisten- verbänden immer wieder zu dem alten Liebesverhältnis mit den spekulierenden Generalpächtern zurückkehrte. In Blcyiken- bürg besteht eine Kolonie, deren Parzellen direkt von der Stadt an die Kolonisten verpachtet sind. Es geht also. Man muß nur wollen. Wie in vielen anderen Dingen beschämen auch in dieser Hinsicht viele Vorortgemeinden und deutsche Städte die Berliner Plusmacher-Mißwirtschat. Neukölln, Schöneberg, Lichtenberg. Steglitz, Reinickendorf verpachten unter Ausschaltung der Generalpächter. Die Stadt Magde- bürg bewilligte 29 000 M. zur Anlage von Laubenkolonien, vierjähriger Pachtvertrag, 7 Pf. der Quadratmeter einschließ- lich Zaun und Wasser: Flensburg 20jähriger Pachtvertrag, 4 Pf.: Görlitz jede Gartenstelle 16 M., Laube errichtet die Stadt, Pacht jährlich 10 M.. nach 10 Jahren wird die Laube Eigentum, die Stadt bewilligte dazu 16 0OO M. Hinter dem Vorhang wuchert noch immer das in den Händen der General- Pächter liegende Kantinensystem, trotz aller Magistratsverbote. „Wer nicht sauft, fliegt," ist zum Motto der Laubenkolonisten geworden. Die Weltstadt Verlin hat an ihrer Spitze seit 10 Tagen einen„neuen Mann". Er hat manches, das sich hören läßt, den gespannt aufhorchenden Berliner Einwohnern versprochen. Wird er auch in die Laubenmisere eingreifen? Will die Grundeigentumsdeputation keinen sozialen Sinn annehmen, so muß er ihr mit Festigkeit eingeimpft werden. Herr Wer- muth wird kaum umhin können, den schweren Vorwurf der Laubenkolonisten und der Oeffentlichkeit. daß die Zulassung rücksichtslosester Ausbeutung durch die Generalpächter ein Raubbau an der Volksgesundheit ist, zu über» hören._- Zur Fleischte, icning. In der gemischten Deputation hatte am vorigen Dienstag der Direktor des Statistische,, Amtes der Stadt Berlin, Profcstor Silbergleit Mitteilungen über daS Steigen der Vieh- und Fleischpreiie gemacht. Seine Ausführungen sind um so beachtens- werter, als sie nicht nur das außerordentliche Anschwellen der Teuerung ziffernmäßig beweisen, sondern auch zeigen, daß nicht, wie Ibie Agrarier behaupten, einzig und allein die Fleischer die Schuld � an der Teuerung tragen. Im Gegenteil: nach den vom Berliner Statistischen Amt ermittelten Ziffern find die Preiserhöhungen der Fleischer niedriger als sie entsprechend der Steigerung der Vieh- preise sein könnten. Ein vom Statistischen Amt der Stadt Berlin versandter Auszug aus dem Referat des Prof. Silbergleit besagt folgendes: „Vergleicht man den Monat August dieses JahreS mit dem gleichen Monat von 1901, so ergibt sich bei den mittleren Sorten des Viehes durchweg eine sehr erhebliche Preis st eige- rung und zwar beziffert sie sich für Ochsen auf 45 Proz., für Bullen auf 49, für Färsen und Kühe auf 55, für Kälber auf 58, für Schafe auf 27, für Schweine auf 41 Proz. Gegenüber den schon an sich sehrhohenPreisendesgleichen Monats des Borjahres, also des August 1911, stellen sich die Z u na h m e p r 0 zen t e bei Ochsen auf 13, bei Bullen auf 14, bei Färsen und Kühen auf 24 Proz., bei Kälbern und Schafen auf je 15 Proz., dagegen bei den Schweinen auf nicht weniger als 40 Proz. Demgegenüber nahmen die Fleischpreise zu: für Rindfleisch von der Keule um 13, von der Brust um 11 Proz., für Bauchfleisch um 12. für Kalbfleisch von der Keule um 8, von der Brust um 7, Schulterblatt gleichfalls um 7 Proz. Der Preis von Hammelfleisch von der Keule oder vom Rücken nahm um 12, von Brust oder Bauch um 15 Proz. zu. Der Steige- rung der Schweinepreise um 40 Proz. steht aber eine sehr viel geringere des Schweinefleisches gegenüber, und zwar um 15 Proz. für Rücken und Rippespeer, um 23 Proz. für frischen Schinken, nur um 21 Proz. für Schweine-Schulterblatt oder Bauch. Ist sonach die Fleischpreissteigerung dem An- ziehen des Viehpreises bei Rindern, Kälbern und Schafen nur zögernd gefolgt, so blieb sie weit hinter dem Viehpreis zurück bei Schweine f.leisch— Feststellungen, die um so beachtenswerter sind, als die zunehmende Preistendenz des Viehes nicht erst mit dem letzten Monat zu beobachten ist, sondern schon etwa mit dem April eingesetzt hat. Ist sonach auch die Verteuerung des Schweine- f l e i s ch e s nach sehr viel geringeren Verhältnissen erfolgt, als die der Schweine, so ist sie mit einem Betrage von 15 bis über 20 Proz. doch an sich ganz außerordentlich groß und erfordert um so größere Beachtung, als im Fleischkonsum von Groß-Berlin gerade das Schweinefleisch die Haupt rolle spielt. Vom gesamten Fleischkonsum Groß Berlins entfallen nämlich auf Schweinefleisch über drei Fünftel— 63 Proz.—, dagegen auf Rindfleisch nur 24, auf Kalbfleisch 6 und auf Hammelfleisch 7 Proz. Was die Verhältnisse im Ausland anlangt, so erscheint die Annahme nicht zutreffend, daß eine Steigerung des Fleischpreises überall stattgefunden habe, zeigen doch die neuesten, auf den Juni sich beziehenden Ziffern von Paris eine Abnahme des Preises des genannten Monats gegenüber demjenigen des Vorjahres und zwar von 9 Proz. bei Rindfleisch, 614 Proz. bei Kalbfleisch und 3 Proz. bei Hammel- fleisch, während eine und zwar nur minimale Steigerung um % Proz. lediglich bei Schweinefleisch zu verzeichnen ist. Für Berlin aber ergibt sich auch bei diesem Vergleich auf der Grundlage des diesjährigen und des vorjährigen Junipreises eine Steigerung und zwar von je 6 Proz. für Rind- und Kalb- fleisch, von 8,5 Proz. für Hammelfleisch ldurchwcg Keule oder Rücken) und von 7,4 Proz. für Schweinerücken und Rippespeer. In welchem Umfang sich die Verhältnisse in den folgenden Mo- natcn noch weiter zugespitzt haben, geht aus den oben mitgeteil- ten Ziffern für den lctztverflossenen Monat— August— hervor/ Auf jeden Fall steh: feit, daß die Preissteigerung des FleiiweS eine ungeheuerliche i st— und sie nimmt vonTag zu Tag zu. Es ist also die höchste Zeit, daß i&taat und Gemeinde Abbitte schaffen. Oberbürgermeister Löet» muth hat auf den 18. d. MtS. eine Konferenz der Gemeinden von Groß-Berlin zusammenberufen, um mit ihnen über Mittel zur Ab- Hilfe der Teuerung zu beraten. Nach den Beschlüssen der gemischten Deputation kommt als erster Schritt in Betracht die Eingabe an Bundesrat und Reichstag aus schleunigste Aufhebung der Be- stimmungen des Fleifchbefchangesetzes, welche die Einfuhr von Gefrier- fleisch hindern. Wie schon erwähnt, hat der Reichstag bereits einen solchen Beschluß gefaßt. Am 20. März stand im Reichstag der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion zur Beratung: Die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstage mit größter Beschleunigung eine Novelle zum Gesetz be- treffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau vom 3. Juli 1900 vor» zulegen, durch welche die Einfuhr von ausländischemGe» frierfleisch, Büchsenfleisch und Wurst ermöglicht wird. Dieser Antrag wurde vom Reichstage angenommen. Konservative und Zentrum bezweifelten das Ergebnis der Ab- stimmung. aber eine vom Präsidenten angeordnete Gegenprobe b e- stätigte die Annahme. Ferner wurde ein freisinniger Antrag an demselben 20. März angenommen: Die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, die bei der Einfuhr von ausländischen Speck und Schinken im Reichsfleischbeschaugesttz vorgesehenen Ausnahmen von der Vierkilogewichtsgrenze auch auf selbständige, leicht zu untersuchende Organe(Leber und Zungen) aus- zudebnen. Es liegen also Beschlüsse des Reichstages vor! Daß sich die Regierung um sie bisher nicht gekümmert hat, ist ja bei ihrer nur für das Wohl der Agrarier interessierten Stellung- nabme selbstverständlich. Aber um so mehr ist eS Pflicht der Gemeinden, deren Bevölkerung unter dieser Fleischwucherpolilik leidet. daß sie energisch und deutlich ihre Stimme erheben und die Be- seingung der Fleiscki'perre fordern. Andererseits werden die Gemeindevertretungen in ihrer Konferenz am 18. d. Mls. auch zu prüfen haben, welche sofortigen Maß- nahmen der Gemeinden zur Milderung der Fleischnot möglich sind. Der Notstand nimmt einen so er- schreckenden Umfang an, daß rasche Hilfe dringend nottut! Die elektrische Hoch- und Untergrundbahn wird ihre wegen der Umbauarbeiten im Gleisdreieck zurzeit gesperrte Linie Warschauer Brücke-'Zoologischer Garten vom nächsten Sonntag ab wieder in Betrieb nehmen. Da dann, wie früher, direkte Züge zwischen dem Westen und Osten verkehren, kommt das jetzt bei solchen Fahrten nötige Umsteigen auf dem Bahnhof Leipziger Platz in Wegfall. Eine überaus lebhafte Bautätigkeit herrscht gegenwärtig an der Spree zwischen Fischerbrücke und Stralauer Straße. Wenn man an der lünftigen Uferpromenade steht, hat man einen interessanten Blick auf die alte Häuserreihe der Fischerbrücke, über der stolz und majestätisch dcrjPetrikirchturm thront. Der massige Kasten der Insel- speichcrruine ist fast ganz verschwunden und so kann man die zum Teil recht pittoresken Allberliner Bauten mustern, vor denen sich der kleine�Dampferhafen ausdehnt. An dieses lebhafte.Seestück" schließt sich links die im Umbau befindliche Jnselbrücke an, die in ihrer ganzen Ausdehnung»mit Brettern vernagelt" ist. Und weiter links folgt dann die gewaltige Baustelle des Spreetunnels mit ihren haushohen Kränen und Leitungsmasten. Den Abschluß bildet der „dicke Willem", wie man den altertümlichen Turm des märkischen ProvinziolnmseumS nennt. DaS ganze mutet so fremdartig an, daß wohl auch gute Kenner der Haupt- und Nesidciizjtadt, wenn ihnen dies im Bilde vorgeführt würde, sagen dürften: diese Gegend ist mir gänzlich unbekannt— Berlin ist das nicht! Ein städtisches BcrwaltungSgcbände soll auf dem Terrain des ehemaligen Jnselspeichers errichtet werden. Die Stadt Berlin ver- fügt zurzeit immer noch über zahlreiche Mietsräume, in denen städtische Verwaltungen untergebracht sind und das trotz des vor kurzem in Gebrauch genommenen neuen Stadthauses. Aller Wabr- scheinlichkeit nach wird in dem neuen Verwaltungsgebäude endlrch auch die Stadtbibliothek ein Heim finden. Wenn aber der Bau dieses Gebäudes auch so lange Zeit in Anspruch nehmen sollte, ww zu dem Stadthause notwendig war, wird wohl noch mancher Tropfen Wasser die Spree hinabfließen, ehe die Stadtbrbliothek em Unterkommen findet. Di- Deputation für die städtischen Fach- und Fortbildungsschule» hat in ihrer letzten Sitzung u. a. beschlossen, das Kuratorium der Handwerkerschulen durch Zuwahl je eines Vertreters des elektro- technischen Vereins und des OptikerverbandeS zu erweitern. Ferner beschloß die Deputation die Einrichtung eines Beirates für die Uhr- macherklassen der Pflichtfortbildungsschule. Der Messerstecher aus dem Nauener Vorortzuge ist noch immer nicht ermittelt. Nachdem die Nummer deS im Forsthaus Nauen ge- stohlenen Fahrrades festgestellt worden war, konnte man mit einer Auffindung des Rades rechnen. Bisher ist eS aber noch nicht zuin Borschein gekommen. Nach der von den meisten Personen, die den Messerstecher sahen, gegebenen Beschreibung des Täters, der sich am Vorwerk Bredow unmittelbar nachdem er den Zug Verlasien hatte, fast in den Händen seiner Verfolger befand, mußes sich um einenjungen Menschen handeln, der sich unzweifelhaft in geordneten Lebensverhältnisten befunden hat und nicht etwa unter Landstreichern zu suchen ist. Es muß deshalb um so mehr Wunder nehmen, daß sich aus seinem Bekannten- oder Verwandtenkrcise. den der Messerstecher vermutlich nach der Tat sogleich aufgesucht haben wird, bei den Verfolgungs- behörden niemand gemeldet hat, der auf diesen Mann hingewiesen hat. Natüilich ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß der Mann wegen seiner nassen Kleider zuerst seine Kreise gemieden und erst nachher aufgesucht hat, vermutlich auch ohne Rad. Augenblick- lich werden von den Versolgungsbehörden, u. a. auch den Bahn- Polizeibehörden, alle Orte, an denen Fahrräder gewohnheitsmäßig aufbewahrt werden, wie Bahnhöfe, Gepäckabgabestellen, Güterhallen, öffentliche Institute, Fabrikunternehmungen usw., daraushin geprüft, ob unter den dort lagernden Rädern ein Brennaborrad mit der Nummer 473649 befindet. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß sich daS Rad in einem märkischen Walddickicht oder auf dem Grund eineS Teiches oder Wiesengrabens befindet, wo eS der Täter, nachdem er sich außer Verfolgung dünkte, versteckt bezw. versenkt hat. Die mit der Reinigung derartiger Gräben betrauten Organe werden in den nächsten Tagen mit besonderer Instruktion versehen werden. Durch einen Sturz vom Gerüst tödlich verunglückt ist gestern vor« mitfag der 54 Jahre alte Maler Alex Dorn aus der Franseckistraße. Das Hau? Luisenstraße 66 wird augenblicklich neu gestrichen. Auf dem Hofe ist ein Leitergerüst errichtet, das bis an das Dach deS vierstöckigen Gebäude« reicht. Als Dörn gestern vormittag kurz vor 19 Uhr im dienen Stock mit seinem Farbeneimer von dem einen Seitenflügel am Ouergebäude vorbei nach dem anderen gehen wollte, trat er aus einem Laufbrett fehl und stürzte in die Tiefe. Im Fallen flog er im dritten Stock gegen ein Fenster, das in Trümmern ging. Dann schlug er wieder auf die Rüstung auf und fiel nun auf den gepflasterten Hof hinab, wo er mit gebrochenen Gliedmaßen be- sinnungsloS liegen blieb. Der Verunglückte, der verheiratet war, wurde nach der Charitö gebracht, dort konnten aber die Acrzte nur noch seinen Tod feststellen. Ein schwerer Straßenbahnunfall trug sich am'gestrigen Freitag früh am Kaifer-Friedrichplatz zu. Der Kaufmann Otto Keil hatte gegen V«8 Uhr einen Wage» der Linie 65 E zur Fahrt nach dem Bureau benutzt. Am Kaifer-Friedrichplatz wurde er plötzlich unwohl und wollte den schon in der Anfahrt zur Haltestelle befindlichen Wagen verlassen, um seine in der Nabe belegene Wohnung aufzu- siicheo. Dabei kam K. zu Fall und blieb besinnungslos liegen. Auf der Unfallstation wurde festgestellt, daß der Verunglückte eine Gehirnerschütternng erlitten hatte. K. fand im Urban-Kranken» Hause Aufnahme. Auf der Durchreise vom Tode überrascht wmde gestern nach- mittag auf dem Schlestschen Bahnhof ein 56 Jahre alter, aus Groß- Rietz gebürtiger Arbeiter Otto Tcpper. Der Mann hatte sich dort in den Wartesaal vierter Klasse begeben, um auf den nächsten Zug zu warten, der ihn nach seiner Heimat bringen sollte. Plötzlich er- krankte er so schwer, daß sich andere Reisende genötigt sahen, einen Arzt von der nächsten Hilfswache herbeizurufen. Als dieser erschien, war der Mann bereits gestorben. Da der Arzt die Todesursache nicht feststellen konnte, wurde die Leiche polizeilich beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Eine bemerkenswerte Kundgebung des 80 Touristenvereine um- fassenden Allgem. Märkischen Touristen- Bundes (Organ.Die Mark") erörterte mehrere jetzt stark interessierende Fragen. Redakteur G. E. Kitzler kritisierte die Absperrungen von märkischen Wäldern, so das Verbot des Betretens der RangSdorfer Gutsforst und des Blumenthal-Waldes sowie die dort neu errichteten Absperrgitter, die Entwässerung unserer Grunewald- seen und die dort jetzt angebrachten Drahtzäune, die Zerstörung der bOOjährigen Glauer Kapcllenruine und andere Schädigungen von Kultur- und Naturdenkmälern. Schon vor einigen Monaten wurde gegen die umfangreichen AbHolzungen in der städtischen Bucher Forst protestiert, besonders auch gegen die Absperrungen städtischer Wälder bei Bernau. Jetzt sind die städtischen Wälder freigegeben. Aber mit dieser Freigabe ist noch nicht gesagt, daß diese Waldungen auch er- halten und geschützt bleiben, da eigentlich die Gelände zu Riesel- zwecken angekauft wurden und Berlin schon manchen Waldteil ab- geholzt und in Rieselfelder umgewandelt hat. Es müssen daher Schrille für eine Sicherstellung dieser städtischen Wälder unter» nommen werden. Arbeiter-BildungSschule. Sonntag, den 15. September, abends 7 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstraße 58/59: Humoristtscher Lichtbildervortrag von Otto Roth- Berlin. 1. Der heilige Antonius von Padua mit 75 kolorierten Bildern. Von Wilh. Busch. 2. Die Berliner Denkmäler und der Volkswitz. Billetts a SO Pf.. Garderobe frei, sind bei Horsch, Engelufer 15, Gottfr. Schulz, Am Kottbuser Tor und an der Kasse zu haben. Wer ist der Tote? Im Tiergarten erschossen hat sich in der ver- angenen Nacht ein noch unbekannter junger Mann von 18 bis 0 Jahren. Eine Schutzmannspatrouille fand den Lebensmüden auf einer Bank an der Charlottenburger Chaussee, in der Nähe des großen Stern«, besmnungslos daliegen. Er hatte sich mit einem Revolver eine Kugel in die rechte Brustfeite geschossen. Da er noch Lebens- zeichen von sich gab. brachten ihn die Beamten mit einer Droschke ur Charitü. Bei ihrer Ankunft konnte der Arzt jedoch nur noch den kod des jungen ManneS feststellen. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Bis jetzt gelang es noch nicht. die Persönlichkeit des unbekannten Toten, der keine Papiere bei sich hatte, festzustellen. Er war bekleidet mit einem grauen Jackettanzug, einem schwarzen, steifen Hut, weißer Wäsche ohne Zeichen, braunen Strümpfen und schwarzen Schnürschuhen. Vorort■ J�admcbtern Neukölln. Die Wählerlisten zu den Stadtverordneteuwahleu liegen aus in der Zeit vom Sonntag, den 15. bis einschließlich Montag, den 39. September im alten Rathause, Berliner Str. 62/63, 1 Tr.. Wahlbureau. und zwar an den. Wochentagen von vorm. 8—3 Uhr nachm. Sonnabends„„ 8—2„„ Sonntags„ 8—10 vorm. Es ist unbedingte Pflicht jedes Wählers, sich davon zu überzeugen, ob er in die Wählerliste eingetragen ist, und zwar an der richtigen Stelle. Wer nicht eingetragen ist oder an der falschen Stelle steht, erhebe sofort Einspruch(schriftlich oder mündlich) beim Magistrat. Dieser Einspruch kann nur erhoben werden während der Auslegung der Wählerlisten, also bis zum 30. September. Später eingehende Einsprüche können nicht berücksichtigt werden. Wjlmcrsdorf-Halensee. Die Wählerliste zu de» Stadtveryrdnetenwnhlen liegt heute. Sonnabend, von 3 bis 2 llhr und morgen, Sonntag, von 9 bis 12 Uhr zuletzt im W a h I b u r e a u. Gasteiner Str. 11, 2 Treppen. aus. Wer die Liste noch nicht nachgesehen hat, muß dies sofort tun, wenn er nicht Gefahr laufen tvill, vom Wahltische zurückgewiesen zu werden. Reilamationen wegen Aufnahme in die Liste sind beim Magistrat einzureichen. Echöncderg. Die Stadtverordnetennachwahl im erste» Bezirk der dritten Ab keilung. bei der im September vorigen Jahres der Architekt Lassen gegen den Genossen M o h s gewählt wurde, ist vom Bezirksausschuß mach voraufgegangener Klage für ungültig erklärt worden. Zahl reiche Verstöße gegen die Städtsordnung, die von dem Wahlleiter Großmann begangen und von unseren im Wahllokale anwesenden Genossen fortwährend gerügt wurden, ohne daß der Leiter Abhilfe schaffte, veranlaßlen die Genossen, den Klageweg zu beschreiten. Als der Protest der Sladtverordnetenversammlnng vorlag, waren eS die liberalen Vertreter Engel und Gotischalk, ihres Zeichens Jurtsten, die kein Vergehen gegen die Städteordnung entdecken konnten und die mit warmen Worten für die Gültigkeit ihres neuen Fraktionsgenoffen eintraten; die liberale Mehrheit stimmte dem auch zu. Erst dem kieweiserhebenden Richter des Bezirksausschusses gelang es fest zustellen, daß grobe Verstöße staltgefunden haben, und zwar in der nichtordnungsmäßigen Besetzung des Wahlvorstandes. Nach der Städteordnung haben die Sladiverordneten die Beisitzer und deren Stellvertreter zu wählen; da nun'einige Herren die Wahl ablehnten And man aus den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung keine Bei- sitzer entnehmen wollte, so wurde die Wahl der Beisitzer einfach dem Stadtverordnelenbureau übertragen. Diese Gründe genügten, um die Wahl des Architekten Lassen sowie die ebenfalls angefochtene Ernennung des Herrn Treugebrodt zum Stadtverordneten in der ersten Abteilung mit 21'gegen 20 Stimmen, die auf seinen Gegner entfielen, für ungültig zu erkläre». Der Termin für eine Neuwahl im ersten Bezirk soll bereits in kürzester Zeit angesetzt. werden. Unsere Genossen müssen daher- jetzt schon alles daran setzen, um das bei der vorigen Wahl Versäumte nachzuholen. Charlottenburg. Ein schwerer Strastcnbnhnnnfall ereignete sich am Donnerstcka fcrgen 1/�0 Uhr nachmitlags in der Tauroggener Straße. Dort lief Sjährige Knabe Max Hirseland unmittelbar vor einem in der Richtung nach der Jungsernheide fahrenden Straßenbahnwagen der Linie ö4 auf das Gleis, wurde umgestoßen und geriet mit dem linken Bein unter den Schntzrahme». Obwohl der Knabe in kurzer Zeit befreit werden konnte, erlitt er einen Bruch deS linken Oberschenkels und eine klaffende Kopfwunde. Nach Anlegung von Not- verbänden durch einen in der Nähe wohnenden Arzt wurde der Ver- unglückte nach dem Krankenhanse Westend geschafft. Die Schwiniuihalle der Volksbadeanstalt, Kruuime Straße, die während der Sonnnermonate an jedem ersten Sonntage im Monat mir durch das weibliche Geschlecht benutzt werden durfte, steht vom 1. Oktober d. I. ab ivieder an allen Sonntagen dem männlichen Geschlecht zur Verfügung. Dir äußerst niedrigen BesnchSziffecn und der Umstand, daß die Halle wiederholt stundenlang gar nicht oder nur von einigen Personen besucht war, haben gezeigt, daß ein Be- dürfniS, die Halle auch an Sonntagen für das weibliche Geschlecht offen zu hallen, nicht vorliegt. Friedenau. Ei» Hcrbstllcrgnügcil mit turnerischen und humoristischen Bor- träge» und Tanz veranstaltet die Freie Turnerschast Friedenau am heutigen Sonnabend, den 14. September, im Lokal Kaiser-Wilhelm- garten, Rheinstr. öö. Eintritt 30 Pf. KönigS-Wnsterhanse». Eine inipostintc, von zirka 800 Männern und Frauen besuchte öffentliche Versammlung nahm am Mitlwoch Stellung zur Lebens- mitieltenernng. Eingeleitet wurde die Vetsannnlung durch den Slrbeitergesnngverein„Freie Sänger". KöiiigS-Wusterhausen. Das Referat hatte der Vertreter' des Kreises, Reichstagsabgeordneter Z u b e i l, übernoinmen, der in eingehender Weise darlegte, wie unsere im einseitigen Interesse der Agrarier geführte WirtschaftS- Politik schuld sei an der gegenwärtigen Notlage des Volkes. Pflicht der Regierung sei es, dem Drängen der Bevölkerung, die Grenzen zu öffnen, die Zölle auf Getreide und Futtermittel aufzuheben, Ncchnmig zu tragen. Einer Aufforderung des Vorsitzenden sich der Partei anzuschließen, folgte ein Hoch aus die iuterualionale Sozial« demolratie. Kaulsdorf. Mit der KonsumgeiiossenschaftSbewegung beschäftigte fich u. a. die Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Die am Orte vorhandenen Mitglieder des Konsunivereins beabsichtigten, demnächst eine rege Agiialio» für die Genossenschaft zu entsalte», um auch hier eventuell zusammen mit den Orten Mahlsdorf und Biesdorf eine. BerkansS- stelle oder eine Warcnsantinelstclle errichten zu können. Zu diesem Zweck setzten sie sich mit der Geschäfiöleitung des Koniltmvcreins wegen Zusendung von Agiiationsmaierial in Verbindung. Am Ende des vorigen Monats erhielten sie von der Geschüstöleilung der Konsumgenossenschaft ein Schreiben, worin mitgeteilt wird, daß der Errichtung einer Verkaufsstelle für den Bezirk Kaulsdorf in absehbarer Zeit nicht näher getreten werden könne. Die Perwallung habe in diesem Jahre in der inneren Stadt Berlin reichlich zu tun. Außerdem sei die Verwaltung infolge der im vergangenen Jahre erfolgten Aufnahme einiger in den weiter entlegenen Vororten domizilierenden Koniumvereine sehr stark in Anspruch genommen, so daß sie sich mit neuen Eröffnungen, be- sonders solcher in weiter entlegenen Vororten, Beschränkung auferlegen müsse. In Anbetracht dieser Umstände bitte die Ver- waltung die Genossen, in diesem Jahre von einer weiteren Agitation Abstand n e h m e n zu lvvllen. Diese Antwort rief unter den Mitgliedern lebhaftes Befremden hervor, um ko mehr, als die Geschäftsleitung in großen Inseraten auf das unausgesetzte Wachsen der Kousumgcnosscnschaft hinweise. Es sei geradezu unbegreiflich, weshalb der genossenschaftlichen Bewegung am tliesigen Orte ein Hemnffchnh angelegt werden solle. Die in den weiter entlegenen Orten wohnenden Genosscnschaflsmilglicder hätten ein berechtigleS Interesse daran, daß die. vou der Genoffenschafr ge- währte Rückvergütung aus Waren nicht durch das Fahrgeld zur Per» kaufsstelle aufgehoben werde. Durch einen solchen Bescheid müsse das Interesse für die Genossenschast erlahmen. Weiteres Interesse bot das vop der Genossin Bilchmänn kritisierte Verfahren des Genieindevorstandes betr. Einziehung von Straßen« «wigungsgeldern. Es sollen vou den Anliegern pro Ouadralmrter Straßenpflaster 3 Pf. Steuer erhoben werden, rückwirkend auch für 1011. Innerhalb acht Tagen wurden die Aufforderungen für 1011 und 1012 mit Androhung der Zwangseinziehung zugestellt, obwohl in den weniger verkehrsreichen Straßen die Baumpfahle verfault au der Straße umherliegen und das Gras fußhoch zwischen den Steinen wächst. Aus diesem Grunde wollen die Beteiligten nicht früher die Steuer entrichten, als bis die Gemeinde auch die Straßen reinigt. Klein-Schöncbeck-Fichtenau. Die Gemeindevertretung war in ihrer letzten Sitzung der Not- wendigleit enthoben, zu dem Bau einer Oberrealschule am Bahnho Nahnsdors Stellung zu nehmen, nachdem nach Schöneiche auch noch Wollersdorf den Beilritt zu dem geplanten Zweckverband abgelehnt hat. Damit war dem Projekt der Lebensnerv abgeschnitten. Da aber der Gemeindevorstand eine Enlscheidung darüber wünschte, ob die Gemeindevertretung überhaupt die Errichtung einer Höheren Schule für erforderlich halte, war unserem Genossen Tobias E legenheit gegeben, öffentlich festzunageln, welche Reserve sich die Mehrheit der bürgerlichen Vertreter auferlege, wenn es sich um Verbesserung der Volksschule handele, wie nur tastend an die Ausgestaltung derselben gegangen werde, während man zur Errichiung einer Höheren Schule ein unerhörtes Galopp tempo anschlage. Unsere Vertreter erklärten, solange die Errichtung einer höheren Schule zu bekämpfen, bis die Volksschule allen An- sprüchen genüge. Die Mehrheit dokumentierte hierauf durch Be- schluß, daß sie von den, Plan der Einrichtung höheren Schulunter- richls nicht abgehen will. Beschlossen wurde ferner trotz Protestes unserer Genossen, zwei Lehrern die Teilnahme an einem Kursus zur Erlernung hurrapatriotischer„Jugendpflege" zu ermöglichen. Zur Pflasterung der Zufahrtsstraße vom Bahnhof Rahnsdorf nach Fichtenau soll eine Anleihe von SO 000 M., zum Bau der Gasanstalt ein Restdarlehen von 80 000 M. aufgenommen werden. Während der Schuldebatte unternahm der Gemeindevertreter Bötae einen Angriff gegen den„Porwärls". Er beklagte sich, daß dieser seinen wie des Schöffen Förster Namen an die Oeffentlich keit gezerrt, ferner behauptete er, die Notizen in den Nrn. 160 und 206 enthielten Unwahrheiten, überhaupt könne diese ganze Kampfes- weise nicht als anständig bezeichnet werden. Denn es sei unwahr, daß er sich bereits mit dem Plan der Einrichtung Höberen Schul- Unterrichts getragen habe, als er der Volksschule das Vierklassensysten, habe aufrechterhalten helfen, auch sei unwahr, daß er und der Schöffe Förster in der Volksschulfroge umgefallen sein soll. Mit der Ver- öffentlichung der Namen(wir hatten übrigens auch den Namen eines bürgerlichen Vertreters, Herrn Schramm, mit Anerkennung genannt) haben wir bezweckt, die Arbeiter die leider auch immer noch im Bürgerverein zu finden find— auf die arbeiterschädliche Haltung des Bürgervereinsvorsitzenden und Schulvorstandsmitgliedes zu lenken. Das ist uns gelungen. Zu den übrigen Be- bauptungen des Herrn Bätac bemerken wir folgendes: Am 3. Juni beschloß die Gemeindevertretung, den Bau einer modernen Volks schule zu erwägen und event. die Einwohnerschaft zu befragen. Um dieselbe Zeit oder wenige Tage später,„Anfang des MonalS", versandte Ver Bürgerverein Fragebogen zwecks Einrichtung einer höheren Schule, am 14. Juni erfolgte der Umsall der Herren Bötac und Förster, und am 22. Juni verurteilte Herr Bötac in der Versamm- lung seines Vereins die Lauheit der Einwohner bezügl. Beantwor- tung der Fragebogen, wobei er berichtete,„daß uns ein Hoffnungs fchimmer für eine höhere Schule aus Rahnsdorf leuchte", während sich Herr Föister„zu den Umgefallenen" bekennen mußte. Nachzu lese» in den Nummern 6, 7 und 0 des Organs des Bürgervereins,. dem Herr Bütac als Vorsitzender angehört. Wir nehmen an, daß Herr Bötac in Zukunft etwas weniger leichtfertig in seiner Abwehr ist. Woltersdorf bei Erkner. Die Gcmeindevertrctnug lehnte in ihrer letzten Sitzung u. a. mit 6 gegen 5 Stimmen den Anschluß der Gemeinde an den eventuell zu' bildenden Zweckverband zwecks Errichtung einer Oberrealschule am Rahnsdorser Bahnhof ab. ES wurde betont, daß die jetzt im Bau befindliche eleltrische Straßenbahn Wolterödorf— Rahnsdorf be- deutende finanzielle Opfer erfordere. Wenn sich herausstellt, daß die Bahn rentabel ist, will man sich noch einmal mit der Angelegen- heil beschäftigen. Nieder- Schönhause«. In der letzten Gcmeindrvertretersitznng erfolgte zimächst die Ein- ührung des Genossen H i e g e. Der Durchführung der Linie 23 hat die Gemeinde Reinickendorf unter der Bedingung zugestimmt, daß die Bahn durch die Pankower Allee. Residenz- und Schweden- liraße geführt wird. Die Vertretung stimmte dem zu, da die Fahr- zeit nur um einige Minuten verlängert wird. Für das Lyzeum tollen zum 1. April 1013 eine Oberlehrerin und eine technische Lehrerin angestellt werden, ferner für das Realgymuasiuin ein Oberlehrer und ein technischer Lehrer. Die Lehrstellen wurden be- willigt mit Ausnahme der Oberlehrerin. Mit der Angelegenheit soll 'ich das Kuratorium nochmals beschästigen. Die Errichtung einer Gemeindesparkasse ist vom Landrat abgelehnt worden, da sich am Orte die Kreissparkasse befindet. In der- Debatte wurde darauf hingewiesen, daß die Einrichtungen derKreiSsparkaffe veraltet und unbequem seien, es soll die Einrichtung einer Gemeindesparkasse deshalb in allen Instanzen durchgefochten werden. Bezüglich der Abänderung der Vororlsbauordmmg wurde mitgeteilt, daß der Regierungspräsident die Forderung des Reihenhausbaues nochmals abgelehnt habe. Beschlossen wurde, erneut eine Petition an den Zweckverband und den Preußischen Landtag zu richten. Der Errichtung e.iner gewerblichen Fortbildungsschule zum 1. April 1013 wurde �u- gestimmt. Zur Ausarbeitung eines Statuts hierfür wurde eine Kommiision gebildet, der auch Genosse Hiege angehört. Nunmehr kam folgender Antrag unserer Vertreter zur Beratung: 1. Die Gemeindevertretung ersucht den Gemeindevorstand, bei den gesetzgebenden Körperschaften Schritte zu der herrschenden Lebensmiitelleuerung zu unternehmen. 2. Einrichtungen zur Versorgung der hiesigen Bevölkerung mit Lebensinittel zu schaffen. Außerdem lag die Resolution der kürzlich statlgefnndenen Prolestversammlung vor. Bürgermeister Abraham ersuchte, den ersten Antrag abzulehnen i er persönlich müsse es ablehnen, der Regierung oder dem Reichstag Vorschriften zu machen. Den zweiten Antrag empfehle er und bitte für dessen Durchführung eine Koin- Mission zu wählen. Hierauf folgte eine einslündige ernste Debatte. Den Reigen eröffnete al« erster Herr Kuhlniann, der natürlich die Teuerung als nicht vorhanden bezeichnete. Die Kartoffeln und das Gemüie feien so billig, daß es lächerlich erschenie, von einer Teuerung zu sprechen; dem Secsiichverkauf könne er nicht znstiinnien, da man nicht kontrollieren könne, ob die Käufer alle hier am Orte wohnen. Herr Jeratsch lehnte eS ab, sich als Vorspann für eine politische Partei benutzen zu lassen. Etwas näher ging Herr Dr. Pratsch ein, der betonte, daß die sozialdcmökrali'chen Vertreter wissen, waS sie wollen; wenn auch die Bürgerlichen bisher mit den Vertreter» der Sozialdemokratie im freundlichen Ein- vernehmen zusammen gearbeitet haben, so könne die Annahme der Resolmion von den bürgerlichen Vertretern nicht verlang! werden, das würde zum Kommniialsozialismiis führen. Unter der Teuerimg litten übrigens sämtliche Eintvohner. nicht nur die Arbeiter, da beiße es eben, cttvaS einfacher leben. Unsere Vertreter traten den einzelnen Rednern entschieden entgegen, sie wiesen nach, daß es Pflicht der Gemeinde sei, die Regierung zur Oeffnung der Grenzen anfznfordern. Weiter ersuchten sie, gegen die Lebensmittelieuerung Maßnahmen zu ergreifen, dabei besonders auf die von verschiedenen Gemeinden in dieser Frage unternommenen Schritte hinweisend. Hieraus wurde dem Antrage des Bürgermeisters zugestimmt und eine Kommission gewählt, der u. a. die Genossen B r- i t m a n n»nd Hiege an- gehören. Ein Antrag der- hiesigen OrtSkrankenkasse. von der Er« richtnng einer allgemeinen Orlskraukenkasse Abstand zu nehmen, wurde angenomiueit. Hierauf folgte eine längere nichtöffentliche Sitzung.___ Fugeitdveranstaltungea. Arbeiterjugend Pankow- Schönhanscn. Sonntag, den 18. Erp. teinber- Teilnahme an der Veranslnllimg der Arbeiterjugend iu Franz.« Buchholz. Abmarsch: Punkt VI, Uhr nachmittags Pankower Kirche. zähllgeS Erscheinen wird erwartet.; Voll« Hus aller Welt. Wieder zwei Militärflieger abgestürzt» Die diesjährigen Kaisermanöver haben gestern gtt zwei neuen Fliegcrabstürzen geführt. In der Nähe von Le isnig stürzte der Offizierflieger Oberleutnant H o f e r mit seinem Passagier, dem Generalstabsoffizier Hauptmann v. Rund- stedt. aus beträchtlicher Höhe ab. Hofer erlitt einen Unterschenkelbruch und eine schwere Gehirn- erschütterung, während v. Rundstedt einen Unter- und Ojberschenkelbruch davontrug. Die Verunglückten wurden in das Oschatzer Garnisonlazarett übergeführt. Eine unmittelbare Lebensgefahr soll bei beiden Abgestürzten nicht bestehen. Ein anderer Offiziersflieger stürzte mit fernem Apparate in der Nähe des Wasserturms bei Oschatz ab. Glücklicher- weise sind die Verletzungen nur leichter Natur. Die Selbstmorde i« der russische« Armee. Die Zahl der Selbstmorde in der russischen Armee ist in er- schreckender Zunahme begriffen. Im letzten Jahre machten 00 Offiziere und 340 Unteroffiziere und Gemeine ihrem Leben freiwillig ein Ende, 1010 waren es 72 Offiziere und 268 Unteroffiziere und Gemeine. In diesen Ziffern sind die Selbstmordversuche, die nicht sofort zum Tode führten, nicht einbegriffen, auch wenn nachträglich noch ein tödlicher Ausgang ein- trat. Während über die Mittel zum Selbstmord, bei denen in der Statistik die Schußwaffe weitllberwiegt, nähere Angaben vorliegen, vernimmt man leider nichts von den Gründe«, die den vielen Unglücklichen das Leben verleidet haben. Die traurige Statistik wird noch durch eine Aufstellung der tödlichen Unglücksfälle ergänzt, denen 32 Offiziere und 478 Gemeine zum Opfer fielen. Auch hierbei ist eine starle Steigerung gegenüber dem Vorjahre zu verzeichnen. Von den Verunglückten ertranken 171, während 44 bei Eisenbahnunfällen umkamen und 47, darunter 6 Offiziere, ermordet wurden. Phantastische Pläne. Der französische Aviatiker B s d r i n e s, der in Amerika jüngst den Gordon-Bennett-Preis für Aviatik gewann, erklärte gestern vor seiner Rückkehr nach Europa, daß er in der nächsten Zeit einen Aeroplan bauen werde, der imstande ist. in einer Stunde 300 K i l o m e t e r z u r ü ck z u l e g e n. Mit diesem Flugzeug hofft Vädrines, den Flug von Europa nach Amerika in einem Tage zurücklegen zu können. Wenn VödrineS den Flug über den großen Teich zurückgelegt hat, werden wir den Lesern davon Kenntnis geben. Eine saubere Stadt. In der„Opinlon" liest man nachstehende erbauliche Geschichte: S a i n t- L o in der Normandie ist der Sitz eines Präfekten, aber es besitzt keine Badeanstalt. Die Herren Jungen baden in der Vire und im übrigen sind die 12 000 Einwohner der kleinen Stadt natür- lich sauber. Auf Grund einer stillichweigenden Vereinbarung zwischen den Hotelbesitzern der Stadt erhalten die durchreisenden Fremden, die in Gasthäusern wohnen, für ihre Waschungen einen Liter Wasser pro Tag. Kürzlich kam nun aber ein Reisender auf die originelle Idee, ein Bad nehmen'zu wollen. Er wandte silb an die Verwaltung deS städtischen Krankenhauses mit der höflichen An- frage, ob man vielleicht— wie das in einigen Städten der Bretagne Sitte ist— für Geld und gute Worte im Hospital baden dürfe. Man führte den merkwürdigen Mann zum Hausmeister, der, nachdem er den Fall reiflich erwogen hatte, die gewichtige» Worte sprach:„Wenden Sie sich gefälligst mit einer schriftlichen Eingabe an den Direktor." Der Reisende fand das sehr drollig, aber er dachte:.Wollen sehen, was da herauskommt" und schrieb tatsächlich die alleruntertänigste Eingabe. Das Schriftstück muß wohl überaus gewissenhaft studiert worden sein, denn die Ant» wort traf erst drei Tage nach der Abreise des bodelustige» Reisenden ein und verfolgte ihn nun von Poststation zu Poststation, bis sie ihn endlich in Paris erreichte. Sie war im übrigen kurz und präzis, denn sie lautete:„Dem Herrn C. wird ausnahmsweise gestattet, im Krankenhaus ein Bad zu nehmen, jedoch unter der Bedingung, daß er durch eine ärztliche Bescheinigung den Beweis erbringt, daß dieses Heilmittet für seinen Gesund- heitsznstand unbedingt notwendig ist. Also ge- 'chehm im Jahre des Heils 10121 Kleine Notizen. Pilzvergiftung. In der Arbeiterkolonie in Folschiveiler er- krankte ein- aus Mann, Frau und fünf Kindern bestehende Familie nach Genuß von gesammelten Pilzen. Ter Vater und die fünf Kinder sind gestorben, die Mutter liegt schwerkrank darnieder. Ein Liebcsdravia. Am Donnerstagabend ereignete sich in den Jsarauen in München ein Doppelselbstmord. Ein noch un- bekanntes Liebespaar nahm Gift, wahrscheinlich Strychnin und wurde bewußtlos aufgefunden. Beide wurden ins Krankenhaus gebracht und starben nach kurzer Zeit. Der Mann sol Ferdinand Beck heißen, das Mädchen fit bis jetzt noch nicht identifiziert. Nnfnll bei den böhniischcn Manöverübunge«. Die gestern ab- geschlossenen Armeemanöver in Böhmen haben mit einem schweren Unfall geendet. Ein Geschütz einer Haubitzenbatterie stürzte in einen Straßengraben; ein Kanonier kam unter das Geschütz zu liegen und wurde getötet. Eine glänzende Pleite. In Krakau wurden die beiden In- haber der in Konkurs geratenen Banksirma Kahane wegen be« trügerischen Bankrotts verhaftet. Die Passiven der Firma be« tragen über eine Million Kronen. Allgemeine Kranken- und Sterbekaffe der Metallarbeiter zu Hamburg.(E. H. 29.) Filiale Berlin 1. Sonntag, den 18. September, vormittags lOUEjr: Mitgliederversammlung in Habels Brauerei, Bergmann- strafie 5—7.— Filiale Berlin 9. Versammlung am Sonntag, den 15. Sep- tember, vormittags 1» Uhr, bei Pietrowsli, Berlichmgenstr. 14.— Filiale Berlin 6. Sonntag, den 15. September, vormittags 10 Uhr: Mitglieder» Versammlung im Swinemündcr GescllschasiSbaus«, Swinemündersir. 42.— siliale Pankow. Sonnabend, de» 14. September, abends B), Uhr: Ver. ammlung bei Schröter, Floraitr. 5—6. WltterungSübcrslcht vom 13. September ISIS. Stationen Ii L- C C fc— n I Swinemde. 770W Hamburg 771 NNW Berlin 771Ztill Frautj.a.M. 771 NO München 77s- NW Wien I7öLW Wetter t dciter 2 N-oel iwotkenl vbciter 2 bedeckt 4iNcgen s« Wlo Stationen Haparanda Petersburg scilly Aberdeen Paris L- 760 ZW 765 NW 773,09-0 770NW 772Ä0' Wettet 2 Regen 2 bedeckt 1 Dunst ffhaib bd 2;wllllcnl e* »II h 8 4 11 6 6 Wetterprognose für Sonnabend, de» 14. September ISIS. EtwaS wärmer, zeltweise nebelig, vorwiegend heiter und trocken, bei mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Setterdurea«. Theater und Vergnügungen ni� Sonnabend, lt. Sept. 1912. Anlnnq 6'/, Ubr. Dentsches. Faust. 2. Teil. Nusaur, 7 Uhr. Kgl. Opernhaus. Lohengrin. Aiisanq 7>/z Uhr. Kgl. Schauspielhaus. Der grohe Kviiig. DcutscheSSchauspielhaus.Egmont. Prater. Der Walzcrkönig. Moutis Operette». GoldnerLeicht- sinn. Zirkus Albert Schumann. Gala- Premiere. Ansang 8 Ubr. Urania. Taubenstraste 48/4S. An den Seen ObcritalienS. Leiftug. Einsame Menschen. Uammerspiele. Mein Freund Teddy. Knrfürften-Over. Der Kuhreigen. Berliner. Giotze Rosinen. Königgrätzer Strasje. Die süns Franlsurter. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. LottchenS Ge- buriSiag. Schiller O. Die Gefährtin. Sputa- celsuS. Der grüne Kakadu. Schule». Charlottrubiira. Nach- rudm. Residenz. Der Herr von Nr. IS. Thalia. Autoliebchen. Luisen. Alpenkönig und Menschen- seind. Herrnseld. Wie man Männer bessert. Die Original-Klabrias- Partie. Trianon. Die Brieftasche. Ein peinlicher Zwischensall. Der Dieb. Metropol. Schwindelmeier u. Co. Casino. Der Groizsürst. Reichshallen. Steiiiner Sänger. Die Macht der Töne. Wintergarten. Spezialitäten. Apollo. Svezialitälem Passage. Spezialitäten. Ansang 8'/. Uhr. LuftspielhauS. So'n Windhund. Friede.. Wilh. Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Rose. Kapjcnsireich. Walhalla. Nur nicht drängeln. Folies<5aprice. Der keusche Joseph. Der Siehbock. Ansang 81/» Uhr. Neues VolkStheaicr. Lore. Die Spieler. Slnsang 10 Ubr. Rdmiralspalast. Eisballctt: Ivonne. «» Sternwarte, Jnvalidenstr. b7—«2. Letiiller-Ideslefo.�-m«' Sonnabend, abends 8 Uhr: vi« Gofährtin— Paracelsu». Oer grüne Kakadu. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Zopf und Scbncrt. Sonulag, abends 8 Uhr: Oer Mieanlhrop. Die Schule der Frauen. Seliiller-Tlieaier Chabrü?gtte'" Sonnabend, abends 8 Uhr: Kachruhm. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Der Pfarrer von Kirchfcld Sonntag, abends 8 Uhr: Uer Tallüniuii. Montag, abends 8 Uhr: l>er Xalioman. Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Groß�Nosinen. WieaterlD der Königgrätzer Straße Abends 8 Uhr: v!e 8 frsnksllrlei'. ljeukeliee 8cI?au8!iisIIigu8 (Komische Oper). An allen Tagen der Woche 7'/, Uhr; _ Eg in o n t._ Montis Operetten-Theater (früher Kenes Theater) Abends 7'a Uhr: Goldener Leichtsinn. ReDeilj-Thttitkr. 3 Uhr: Der Herr von Ur. tö. Schwank in 3 Akten von Keroul und Borrs. Morgen und folgende Tage: Der Herr von Nr. 19. Luiseu-Theater. SlbendS 8 Uhr: Der Alxenkönig und der Menschenfeind. Sonntag nachm. 3 Uhr: Ich lasse Dich uicht. Abends 8 Uhr: Ter Walzer- fit» ig. Montag: Ter Walzrrkönig. Ab 8 Uhr i Lachen Ist dlo Parole! 4 Schwestern Rnby Humorist, akrob. Potpourri. M. Vegn Trio der Gipfel der Komik. V/underpapagel Lora und 8 weitere Ntmtötea. !OSE=THEATE| Große Franksurter Str. 132. Anfang 8'/, Uhr. Zapfenstreich. Morgen Sonntag 3 Uhr: Jüdin von Toledo. 81/. Zapfenstreich. Ans b. Gartenbühne z. vorletzten Male: ES gibt»ur ein Berlin. Gr.Revue. Morgen Sonntag Schluß der Saison. Metropol- Theater. Mflttv! Phant.-musit. Komödie in 3 Akt. aus d. Engl, völlig frei bearb. von I. Freund. Muiik von R. Nelson, u. a. Tänze von W. Blshop. In Szene ges. v. Dir.Schulß. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestaltet. WM Vie man Männer bessert! Die Original- Klabrias-Partie Beide Stücke mit Anton nud Donat Herrnfeld Iii den Uaaptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf 11— 2(Theaterkasse.) Passage-Thealer. Abends 8— 11 Uhr Gastspiel der sieben SpaBmacher „Da tut sich was.4* Große Metroparodle-Revue nach dem Englischen aus dem Französischen ins Dämliche übersetzt von Schmolius Feind, Musik von Victus Limburger, in Szene gesetzt von Direktor Ricardo Shoultscz. Jean Pedro, Fratzi Massievy, Laatsch Messing, Pepi Pepipi, Kehn Erzblshop, Luldo Quletscher. Pfeifen überall gestattet! OlumeastraBe 10. In dem heutigen Programm; Rätsel des Herzens. Drama in 2 Akten. Ab Dienstag: Bruder und Schwester Dramatisches Lebensbild in 3 Akten. G. m. S. H. Koppcnstr. SO. Täglich von 6—11 Uhr: Dauer- Vorstellung. U. a.: ( Der Eick des Stephan DuUer II. Teil. Entrec 30, 50, 80 PI. Jeden Sonntag 3—5 Uhr: [Kinder-Vorstellung Entree 10 Pf. Zirkus Albert Schumann. Gala-Premiere Sonnabend, den 14. September, abends 7VZ Uhr: mit nur durchweg Kcnheiten. Sonntag, den 15. September: 2 große Vorstellungen 2 Kaohmittags 3'/» Uhr und abends?'/» Uhr. Nachmittags hat jeder Erwachsono ein Kind unter 10 Jahren frei auf allen Plätzen, außer Galerie. In beiden Vorstellungen das Gala- Premiere-Programm. Zirkus Busch Bahnhot Börse. SonDabeud, 21. September, abends 8 Uhr: Gala-Premiere. Torverkanl ab Montagr den 16. September, im Irku» Busch, bei A. Wertheim und Invalidendank. 102/1 ______ a. d. Jannowitzbrücke, am Spreepalast.?___ Morgen Hönning: GrolJer Ansiiahuietag ?7 «erliner Schweiz" :::: znr Einwelhnng der nenen Lokall tuten::" Abfahrt: Vormittags um 9 Uhr, nachmittags um 2 Uhr. Hin und zurück K0 Pf. Im Parkcttsaal: Freitauz._ 230/17 ist der schönste Ausflugsort? Immer noch Uichelswerder, beim Alten Frennd. an der neue» Heerftrnfte AottZCHcR GARTEN Großes Miiitär- Doppei-Konzert. »» Heute; Große FestbeleBehtung. Eintritt 1 Mark, Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Voigt-Theater. Gesundbrunnen Badstraß« 58 Heute geschloffen. Sonntag, den 15. September 1912: Lodert und Dertrsm. Montag, den 16. September: Er- össnnng der Wiutersaiso»._ Folies Capriee. Täglich 8'/, Uhr i Die Novitäten: jy Der keusche Joseph.-TM gty Der Rehbolk. 18® OSF~ Der Einbrecher. Inte Erstauihrip: In den Union-Theatem Alexanderplatz und Unter den Linden Der Schwur des Schweigens. Eine Offiziers- Tragödie in 4 Akten. In den Union-Theatem Moritzplatz Hasenheide und Wedding, Reinickendorfer Str. 14 Forlsetzuog u. Schluß des Filmsohauspiels nach dem bekannten Roman Felix HoIIilnders Der Eid des Stephan Huiler. Außerdem eine Fülle der interessantesten Licbt-Kunstspiele. Trianon-Theater. Ansang 8 Uhr..Die Brieftasche«. .Ein peinlicher Zwischenfall«. .Der Dieb«._ IARK Heute Sonnabend: Abschieds-Eiitetag. Großes Feuerwerk. — Zwcrgetadt rrel.— Entree 50 Pf. Kinder frei, Morgen Sonntag: SO Pf. Schlußtag. Casino-Theaiep La thringer Sir. 37. Tägllch 8 Uhr Ein lustiges Stück a. d. Berl. Leben Der Großfürst. Vorher ein auSerwählter Spezialität ienfeil, nur Künstler ersten Range» Vorverlaus an der Theaterkasse von 11— 2 Uhr. Uhr: Der stille See. liisglsr Königstadt-Casino. Holzrnarklstr. 72, Ecke Alexanderftr. 1 Mm. v. Bahnh. Jannowitzbrücke. Vom t. bis 16. September: Das glanzvolle Spezialitäten- Programm und„Amor", Operetten Burleske in 1 Akt. Ansang 8 Uhr, Sonntag» 5>/, Uhr. 5 Sale für 80400 Personen und 2 Kegelbahnen zu VoRhs-TThvatvr Neukölln, Hermannstr. 80. Sonntag, 15. Sept.: Dorf nnd Stadt. Schauspiel in 5 Alien von Charioit« Birch-Pseisser. Montag, 16. Sept.: Um fremde Schuld. Schauspiel iu 4 Alten von HanS Olden._ Berliner S| IK-Tfis ädr.:NcukötiD Lahnstr.74L Reiehshallen-Theater Stettiner Sdngar, Die Macht der Töne. Burleske v. Meysel. Ansang 3 Uhr. i *«" m, Berliner"»'s« umor-ftuortett 6g. 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Nach erfolgter .Konstituierung beschlog der Kongrest, seine Verhandlungen in geschlossenen Sitzungen zu führen. Die Berichterstattung für die Presse wurde dem Gcwcrkschaftsrcdaktcur des Stockholmer Partei- organs, Genossen H a n s s o n, übertragen. Tie bürgerliche Presse ist nicht zugelassen. Von den Begrüßungsansprachen der ausländischen Gäste intcr- cisiert hier nur die von(5 o h c n- Berlin, der die Grüße der beut- scheu Gewerkschaften überbrachte. Er schilderte die ununterbroche- acn Bcstrcburhcii des deutschen Unternehmertums, die Entwickclung der Gcwcrkss-.aftcn sowohl durch die Gesetzgebung als durch Zcr- splitterung zu hindern. Diese Bestrebungen der Unternehmer machen es vcn Arbeitern zur Pflicht, der einheitlichen Unternehmer- organisalioncn eine einheitliche Arbeiterorganisation cntgegenzu- steilen. Dazu gebore auch die Erziehung der Arbeiter zur gegen- seitigen Solidarität. Es liege im Interesse der gesamten Gcwcrk- schaftSbewegnng, daß die gewerkschaftlichen Kämpfe nicht verloren gelien. Daher müs�c auf nationaler Grundlage die gegenseitige Unterstützung organisiert werden, erst dann können internationale Vcrcinbarungen für den Ausnahmefall in Frage kommen. Nedncr schließt mit der Hoffnung, daß die von diesem Kongreß zu fassciv den Beschlüsse von diesem(sseislc getragen sein mögen. Tcr�Porsitzende der schwedischen Landesoraanisation, Lind� g u i st- Stockholm ergänzt sodann kurz den schriftlichen Bericht der Landekzcntrnle. Tic lNaßrcgelungstaktik der Unlernehmcrorgani- sationru nach dem großen Mampfe von 1909 habe in Verbindung mit der wirtschaftlichen.Krise eine Schwächung der Gclvcrkschaften zur Folge gehabt. Die Mitglicdcrzahl ist aus 81 000 zurückgegan- gen. Im Jahresdurchschnitt betrug die Mitglicdcrzahl 1908: 184 1»."), 1909: 148 782, 1910: 94 270 und 1011: 82930. Im laufen den Jahre ist eine Besserung wieder eingetreten; das erste Halb jähr hat eine Milglicdcrzunahme von rund 8000 gebracht und die Monatsberichte der angeschlossenen Verbände ergaben ciiie weitere Zunahme Monat für Monat, so daß die Hoisnuug berechtigt er- scheint, die Stagnationsperiode sei nun überwunden.— Ter Kassenbericht für die dreijährige Geschäftsperiode balanziert mit 2 342 430 Kronen. Für Kämpfe sind 1020 93ö Kronen aus der Kasse der LandcZzentrate verausgabt worden. Die wichtigsten Fragen, die der Kongreß zu entscheiden hat, sind die Lrganisationsforin und die gegenseitige UnterslützungS- Pflicht. In beide» Fragen stehen sich zwei Richtungen gegenüber. Hinsichtlich der LrganisationSform verlangt die eine von den Solz- arbeitcrn und Fabrikarbeitern insbesondere unterstützte Richtung die Beibehaltung der bisherigen Brauchen- und Jndustricverbäude, Ivährend die zweite, besonders von den Metallarbeitern getragene Gruppe, die Durchiühiung der BelricbSorganisation fordert. Die vom letzten Kongreß eingesetzte RcorganisationSkommission bat sich für sukzessiven U-bcrgang zur Bctricbsorganisation entschieden. Die Landeszcntrale selbst unterstützt diese Bestrebungen, verlangt aber, daß kein Zwang ausgeübt werden darf, um die kleinen Ver- bände zum Eintritt in die Bctricbsvcrbändc zu veranlassen. Nach eintägiger� Diskussion wurde in diesem Sinne beschlossen. Dem- nach soll die Durchführung der Bctricbsorganisation propagiert wer- den. um die Vereinheitlichung der geweikschastlichen Attioueu zu fördern. Dagegen lehnic der Kongreß einmütig einen syndika- Misch gefärbten Antrag ab, der die LandcSorganisation auf lokalen Vereinigungen von Arbeitern aller Berufe aufbauen wollte. Der Kongreß beschäftigte sich sodann mit der Hauptfrage, mit der g e g e» s c i t i g c u U n t e r st ü tz u n g S p f l i ch t. Auch hier flehen sich zwei Richtungen gegenüber. Die eine will die gegen- scitiga orgznisicrtc Unterstützungspflicht aufheben, während die zweite Richtung die gegenseitige Unterstützungspflicht beibehalten will. J» der RcorganisationSkommission hat die letztere Auffassung die Mehrheit gefunden. Die crstcre Richtung wird auf dem Kon- grcß wesentlich von dem Sekretär des Holzarbcitcrbcrbaudcs, Bjvrklund, vertreten, während die Metallarbeiter, obgleich An- Hänger der gleichen Auffassung, zurückhaltend sind. Tic Ausführun- gen E o h e n S- Berlin, M a d s e n S. Kopenhagen und L i a n S- Christ iania zu Beginn de» Kongresses hätten keinen Zweifel darüber gelassen, daß man im Auslände einen Beschluß des Kon- gresscs in dieser Richtung recht skeptisch aufnehmen würde, um so mehr, als die KommissioiiSmindcrheit auf internationale Per- bin düngen als eine» Ersatz für die national organisierte Unter- stützungspflicht hinweist. Lindquist vertritt mit Schärfe die Not- wcndigkeit der bisherigen Organisation der gegenseitigen Unter- stützung, will man die Gewerkschaften nicht schutzlos den Unter- nchmerverbänden ausliefern. Während der Debatte, an der sich etwa 57 Redner beteiligen, wird von Johansson, Metall- arbeitet, ein Ergänzungsantrag zum Statuteuentwurf der Minder- heit eingebracht, in welchem gegenseitige Unterstützung auch bei Annahme des MindcrheitSantragS nicht ausgeschlossen sein soll, sondern von Fall zu Fall beschlossen werden soll.— Die ausgedehnte Debatte wird mit großer Sachlichkeit geführt. Die Abstimmung über die Prinzipicnfragc, ob Unterstützungs- pflichs oder nicht, ist eine namentliche. Für den Antrag der Ma- jorität stimmen III Delegierte, dagegen 80. Das Resultat der Abstiminung wird beifällig aufgenommen. ES folgt die Statutcnbcratung. Die Ausdehnung der Unter- stützungspflicht auch auf die Angriffslämpfe wird abgelehnt. , Stockholm, Acn 10. September. Nach der gestrigen Abstimmung in der Hauptfrage bieten die Kongrcßvcrhandlnngen heute ein ganz anderes Bild. Tic Ungewiß- beit über das weitere Schicksal der LandcSorganisation, wie sie seit drei Jahren bestand, machte sich während der ersten drei Kongrehtage stark geltend.� Auch nachdem die Frage gestern zu- gunstcn de? organisierten Solidarität, wie sie bisher in Schweden bestand, entschieden war. konnte man zunächst eine gewisse Ner- vosität beobachten. Die S t a t i st i k f r a g e fand kaum die Be- achtung, die sie in der Gewerkschaftsbewegung beanspruchen müßte. Der gefaßte Beschluß gebt nicht über eine moralische Erklärung Hinaue, wonach die Zentralvcrbände sich die Pflege der Statistik angelegen sein lassen sollen. Die Herausgabe eines eige» nen Organs der LandcSorganisation, einer oer wichtigsten Kongrcßanträge. wurde ohne Debatte abgelehnt, obgleich in der Reorganisationskommission anscheinend volle Einmütigkeit über die Notwendigkeit eine» solchen Blatte» herrschte. Dagegen fand ein Antrag der LandeSzentrale Annahme, der eine Ver- pflichtung zur gegenseitigen Unter st ützung der drei skandinavischen LandcSorganisationcn für den Fall enthält, daß in einem der drei Länder mindestens 20 Proz. der Gewerkschaftsmitglieder sich im Kampfe befinden. Sofern die einzelnen Verbände besondere Vereinbarungen mit ihren Bruderorganisationcn in dem Lande, wo der zu unterstützende Kampf geführt wird, eingegangen sind, so können die hierfür auf- zubringenden Summen von deni Beitrag in Abzug gebracht werden, den die LandcSorganisation für den gleichen Zweck erbält. Der Söchstbeitrag, den die Landesorganisation für einen derartigen Kampf in einem der Nachbarländer erheben darf, wurde auf SO Oere pro Mitglied und Woche festgesetzt. Schon dieser Beschluß I zeigt die Wiederkehr der alten Entschlossenheit, nachdem die Ungc- J wißhcit in der Hauptfrage beseitigt war. � Heute morgen setzte die Debatte über die Frage des Mini- malbeitrages in den schwedischen GeWerk schaf- t e n ein. Der Zweck der vorliegenden Anträge ist die Herbei- führung einer besseren Finanzierung der angeschlossenen Verbände. Lindquist fordert die Durchführung eines Mindestbeiträge» von 13,80 Kronen pro Jahr und Mitglied, von den Metallarbeitern wird ein Minimalbcitrag von 20,40 Kronen pro Jahr und Mitglied beantragt. Mit 92 gegen 91 Stimmen, die für den Antrag der Metallarbeiter abgegeben wurden, wird der Antrag Lindquist an- genommen, erhält aber sogleich die außerordentlich wichtige Er> gänzung, daß der 30 Oerc-Bcitrag pro Woche(15,60 Kronen Jahres- beitragi nur für Verwaltung und Konflikte Verwendung finden darf, während für sonstige Unterstützungen ein entsprechend höherer Beitrag erhoben werden muh. Die Durchführung dieses Beschlusses muß bis 1. Januar 1913 erfolgt sein, so daß von diesem Tage die Bedingung für den Unterstützungsanspruch an die Landcsorgani- sation von dem Nachweis eines VcrbandSbeitragcs in obiger Höhe abhängig ist. Damit hat die Opposition, soweit sie eine bessere Finanzierung der Verbünde bezweckte, einen erfreulichen Erfolg er- zielt. Ferner wurde das Eintrittsgeld der Landcsorganisation von 20 auf 40 Oere pro Mitglied und der ordentliche Beitrag an diese von 10 aus 16 Oere pro Mitglied und Monat erhöht. Die Majorität war in beiden Fällen überwiegend. Im weiteren wurde ein Antrag abgelehnt, der die Verbände bei der Erhebung der Streikbeilrägc durch die LandeSzentrale von der Beitragspslicht für ihre arbeitslosen Mitglieder befreien würde.— Eine längere Debatte entsesscltcii Anträge, die den angestellten Funktio- nären der Landesorganisation das Recht nehmen wollten, politische Mandate anzunehmen bczw. auS- z u ü.b e n. Sie wurden mit knapper Mehrheit abgelehnt. Der Versuch, sie auf Umwegen durch die Bestimmung wieder einzu- führen, daß die politische Mandate ausübenden Funktionäre die Ersatzträftc selbst besolden sollen, wurde mit größerer Mehrheit zurückgewiesen.— Sodann wird die Zusammensetzung der Vorständckonfercnz beraten. Es liegen Anträge vor, die eine proportionale Vertretung der Verbände in der Vorständckonfc- renz bezwecken, uni den großen Verbänden einen größeren Ein- sluß zu sichern. Beschlossen wird, zunächst jeder angeschlossenen Organisation einen Vertreter zuzugestehen, sodann sollen Verbände mit N'.cbr als 10 000 Mitgliedern einen weiteren Vertreter erhalten. Ein weiterer Antrag, jedem Vertreter in der Vorständekonscrcnz bei den Abstimmungen eine Stimme auf je 100 vertretene Mit- glicder zuzugestehen, wird abgelehnt. Nnbnudstag der Gärtner. Am Freitag begann die Sitzung mit einem Referat des Re- daktcurs Ä I b r c ch t- Berlin über Gesundheitögesahren und Gesundheitsschutz im Gärtnerberuf. Gestützt auf statistisches Material und persönliche Erfahrungen führte der Redner aus: Im Publikum sowie in Acrztckrciscn sei immer noch die Ansichl verbreitet, daß der Gärtnerberuf gesund- hcitsfördernd sei. Die Gärtner selbst seien durch ihre Erfahrungen zu der entgegengesetzten Ansicht gekommen. Soweit Material über Stcrblichkeil und Krankheitsursachen vorliege, beweise es, daß der Gärtncrberuf keineswegs zu den gesunden gehöre, sondern erheb- lichc Gcsundhcitsgcfahrcn mit sich bringe. Es sei ein großer Unterschied zwischen(ssartenbcschäftigung und Gartenarbeit. Wer sich zur Erholung oder zur Förderung seiner Gesundheit im Garten beschäftigt, der macht es wie er will oder wie es der Arzt verordnet. Wer aber berufsmäßig Gartenarbeit macht, der muß tun, was der Unternehmer will, ohne Rücksicht auf Wind und Wetter, und es muß schnell getan werden in langer Arbeitszeit.— Die Leitsätze seines Vortrages faßte der Redner zusammen in folgender Reso- lution, die ohne Debatte angenommen wurde: „Die Generalversammlung erachtet es als dringende Auf- gäbe des Allgemeinen deutschen Gärtnervercinö, den gesund- heitlichcn Berhältuisscu im Gärtncrberuf größere Aufmerksam- kcit zuzuwenden. Tic durch die Krankenkassen zu ermittelnden Nachweise über die Krankheitsursachen sollen noch eingehender erforscht und so bearbeitet werden, daß das statistische Material unanfechtbar ist. DieS Material ist den Aerztc- und Laien- kreisen zugänglich zu machen, damit sie ihre irrtümliche Ansicht, die Gärtnerei sei ein gesundheitsfördernder Beruf, endlich auf- geben. Das bisher vorliegende Material der Krankenkassen be- slätigt in jeder Hinsicht die Erfahrungstatsache der Gärtner, daß in allen Gärtncrcibranchcn die Erkältungskrankheiten am häufig- ften vorkommen, viel häufiger wie in den verwandten Berufen, der Land- und Forstwirtschaft, und daß die Sterbcfälle etwa zu 70.— 80 Proz. auf diele Ursachen zurückgehen. Es muß nachdrücklich hervorgehoben werden, daß an diesen Krankheiten zu einem erheblichen Teil soziale Zustände die Schuld tragen, besonders allzulange und nur von ungenügenden Pausen unterbrochene Arbeitszeit, das Hasten und Jagen bei der Arbeit, der Logiszwang beim Arbeitgeber, der schlechte Wohn- und Schlafräumc hergibt, die schlechten Lohnverhältnisse. Ein kleiner Teil der Schuld fällt auch auf die Unkenntnis der Berufs- augebörigen über die körperliche Gesundheitspflege. AIS Mittel, den GcsundbeitSgcfahren nach Möglichkeit ent- gcgcnzuwirkcn, find zu betrachten: Bessere technische Vorrichtun- gen in den Kulturräumen und auf den Arbeitsstätten sowie bei den HcizungSeinrichtungen der Treibhäuser. Verkürzung der Ar- bcitszeit. Beseitigung deS Kost- und Logiszwangcs. Höhere Löhne. Belehrung über die Bedingungen der körperlichen Ge- sundhcitspflcge. Erhöhte Gefahren bringt die Gärtnerciarbeit den erwcrbS- tätigen Kindern und Frauen. Da statistisch erwiesen, daß allein im Königreich Preußen in der Gärtnerei über 40 000 Frauen beschäftigt sind und eS feststeht, daß die Kinderarbeit in der Gärtnerei immer mehr zunimmt, so fordert die Gencralver- sammlung von der Gesetzgebung, daß die in der Gewerbeordnung und im Kinderschutzgcsctz gegebenen Schutzvorschriften für Frauen, Jugendliche und Kinder auch auf die Gärtnerei angc- wandt werden. Berufstechnisch steht dieser Forderung nichts ent- gegen. Von den Berufsgenossenschaften wird der Erlaß von Bestim- mungen gegen die Unfallgefahren und eine entsprechende Kon- trolle über die Durchführung solcher Vorschriften gefordert." Ucber die Regelung bor Gehälter der Angestellten hat eine Kommission beraten. Sie unterbreitete der Generalver- sammlung eine Vorlage, die nach kurzer Diskussion angenommen wurde. Danach beträgt das Gehalt der OrtSbcamten und Bezirks-, leitcr 2000 M. und steigt jährlich um 60 M. bis zur Höchstgrenze von 2600 M. Die Angestellten im Hauptvorstaiide bekommen ein Anfangsgehalt von 2200 M., welche? jährlich um 80 M. bis zur Höchstgrenze von 3000 M. steigt. Die Organisation trägt die vollen Beiträge zur Privatbeamtenversichcrung. Dagegen tragen die Nngestellte» die vollen Beiträge zur Unterstützungsvcr» ciniguna. Diejenigen Angestellten, die- der UntcrstützungSvereini- gung nicht angehören, haben die Hälfte de? Beitrages zur Privat- beamtenvcrsicherung selbst zu zahlen. Hierauf wurde die Beratung über den Ausbau der Nnterstützungseinrichtungen wieder aufgenommen. Die Kommission hat eine Vorlage auSge- arbeitet, welche von den Borschlägen des HauptvorstandeS etwas abweicht. Nach der Kommisfionsvorlage soll ein Beitrag erhoben werden von 20 Pf. in der ersten Klasse(Arbeiterinnen und Jugend- lichc), 35 Pf. in der zweiten Klasse(Gutsgäetncr und rückständige Lohngcbictc), 30 Pf. in der dritten und 60 Pf. in der vierten Klasse. Die Unterstützungssätze sind in allen Klassen nach einer Mitgliedschaft von 1, 2, 3, 4, 3, 7 Jahren abgestuft. Die Unter- stützungssätzc steigen von Stufe zu Stufe sowohl in der Höhe des täglichen Satzes als auch in der Zahl der Tage, für welche sie gewährt werden. Die Unterstützungssätze betragen pro Tag in der ersten Klasse 40— 60 Pf., in der zweiten Klasse 0,80— 1,20 M., in der dritten Klasse 1�-1,30 M., in der vierten Klasse 1,20— 1,80 Mark. Diese Sätze gelten als Reise- und Arbeitslosenunterstützung. Die Hälfte der Sätze wird nach einjähriger Mitgliedschaft als Krankenunterstützung gewährt. Sterbegeld wird gewährt in den ersten drei Beitragsklapen nach einer Mitgliedschaft von 3 Jahren 30 nach 8 Jahren 73 M., nach 10 Jahren 100 M. In der vierten Klasse nach 3 Jahren 30 M., nach 3 Jahren 60 Dl., nach 7 Jahren 90 M., nach 10 Jahren 120 M.— Tie Sätze der Streik- uiitcrstützung betragen in den vier Bcitragsklasscn: Für Lcdige 4, 7, 10, 13 M., für Verheiratete 6, 9, 12, 15 M. wöchentlich. Sie werden schon nach einer Mitgliedschaft von 13 Wockcn gezahlt. Bei kürzerer Mitgliedschaft gibt es in jeder Klasse 2 M. weniger. Für jedes Kind, aber nicht mehr als drei, wird ein Zuschlag von 1 M. wöchentlich gewährt. Hinsichtlich der Umzugs- und Notfall- Unterstützung empfiehlt die Kommission die Vorschläge des Haupt- vorstände». Nach längerer Debatte wurde die Vorlage der Kommission ein- stimmig angenommen. Hierauf beschäftigte sich die Generalversammlung mit der «. Statutenberatung. Die dazu vorliegenden Anträge sind von einer Kommission vorberatrn, deren Vorschläge der Reihe nach diskutiert wurden.— Beschlossen wurde: dem Namen der Organisation„Allgemeiner deutscher Gärtncrvcrcin" den Untertitel„Zentralverband" hinzuzufügen. Diese Aendcrung wurde damit begründet, daß die Bezeichnung„Verein" den frcigcwerkschaftlichcn Charakter der Or- ganisation nicht erkennen lasse und deshalb schon zu falschen Auf- faflungcn geführt habe.— Es wurden noch eine Reihe von Be- schlüsscn gefaßt, die kein allgemeines Interesse haben. Eine von R l b r c ch t- Berlin eingebrachte Resolution, welche den Mitgliedern die Versicherung bei der am 1. Januar ins Leben tretenden gcwerkschaftlich-genosscnschaftlichen VolkSversiche- r u n g empfiehlt, wurde einstimmig angenommen. Die Vorstandswahl batte folgendes Ergebnis: Erster Vorsitzender Busch, Kassierer Lehmann. Redakteur Alb recht, zweiter Vorsitzender Thull, Beisitzer De la Croix, Huhnholz, Falk.— Als Ausschuhvorsitzcnder wurde K u n z e- Hamburg gewählt.— Die bisherigen Gauleiter wurden wiedergewählt.— Damit ist die Tagesordnung erledigt.— Mit einem Rückblick auf die Verhand- lungen und dem Wunsche, daß die Organisation kräftig fortschreiten werde, schloß der Vorsitzende Busch den VerbandStag. Soziales. Nichteinhaltung deS Tarifs kann zur BertragslSsuug verechttge«. Ueber die Folge der Nichteinhaltung eines Tarifs fällte dieser Tage des BreSlaurr Gewerbegericht eine Entscheidung. Ein Tischlermeister, der den Tarif schriftlich anerkannt hatte, weigerte sich, den im Tarif vorgeschriebenen Akkordlohn für eine bestimmte Arbeit zu bezahlen. Der Geselle legte die Arbeit vor Beendigung der Arbeit nieder. Darauf verklagte ihn der Tischlermeister. Das Gewerbegericht wies die Klage des Tischlermeisters ab. Der Ver- klagte war berechtigt, die Arbeit sofort einzustellen, weil sich der Meister einer widerrechtlichen Uebervorteilung des Gehilfen schuldig gemacht hat, so hieß es zutreffend in der Begründung des Urteils. Bauunternehmer und BcrufSgenossenschaft. In ihren Jubiläumsberichten haben viel« BerufSgcuossen-- schaften in recht schwülstigen Worten den„Opfermut" der Unter- nehmer gepriesen und auf die vielen, vielen Beiträge aus Unter- nehmcrtaschen hingewiesen, die auch künftig„gerne" im Interesse der versicherten Arbeiter aufgebracht werden. Nimmt man aber den neuesten Bericht der Nheinisch-Westfälischen Baugcwerkß- Brufsgenossenfchaft zur Hand, so findet man da ein Lamento, welches dock) zu denken geben sollte. Der Bericht rechnet mit Beitragsverlusten von 480 700,42 M. seit dem Jahre unter Rubrik „Rückstände". Und wie schwer sind die Beiträge einzuziehen. Keine Spur von der gerühmten„Opferwilligteit" der Unternehmer ist zu sehen, wenn die Berufsgenossenschaft laut Bericht bei 6822 Mitglieder einmal, bei 3370 zweimal und bei 10 736 gar dreimal an die Zahlung fälliger Beiträge erinnern mußte. Dann kommen noch die Mah- nungen an die versicherten Kleinmeister hinzm so daß die Berufs- genosscnfchaft insgesamt 34 118 Mahnungen im Jahre 1911 erlassen muhte. Davou ftihrten wieder in 22 457 Fällen zu Anträgen auf Zwaugsbcitrcibuugcn. Die Gendssenschaft setzt nun ihre Hoffnung auf§ 772 der Reichs-Versicherungsordnung, welch« die Berufs- genosscnschast gegen zahlungsunfähige Bauherren schützen will— „wie sie namentlich in großen Städten infolge der Baufpckulations- geschäfte auftreten. Diese Bauherren übertragen"— heißt es im Berichte weiter—„bekanntlich mit Vorliebe solchen Leuten Bau- ausfllhrungen, die recht billig arbeiten und die selbst nicht in der Lage sind, aus eigenen Mitteln das»virtschaftliche Risiko für die Bauten zu tragen. Kommt die Berufsgenossenschaft nachher mit ihrer Bcstrags« oder Prämienforderung, dann stellt sich heraus, daß der sogenannte„Bauunternehmer" zahlungsunfähig und gänzlich unpsänd&ar ist, daß also die Forderung ausfallen muß. Derartigen Machenschaften soll dadurch vorgebeugt werden, daß die Bauherren, also diejenigen, die das größte Interesse an der Errichtung des Bauwerkes haben und daraus den meisten Nutzen ziehen, bor Be- ginn des Baue» den Baugewerks-BerusSgenossenschaften Sicherheit fiir die Zahlung der Beiträge oder Prämien leisten müssen. Tic oberste Verwaltungsbehörde bestimmt, für welche Gemeinden und Bauten das gelten soll. Für solche Bauten darf die Baucrltiubnis erst erteilt werden, wenn die Genossenschaft bescheinigt hat, daß die Sicherheit geleistet ist. Wir haben dem Reichs-Vcrsicherungsamt eine Anzahl Städte bezeichnet, für welche nach unserer und nach Ansicht der Sektion«- vorstände derartige Vorschriften erwünscht erschienen. Wie wir bisher erfahren haben, soll zunächst diese Gesetzesvorschrift nur aus- gedehnt werden auf die Großstädte mit über 190 090 Einwohnern. Der Vorstand hat weiter die Aufsichtsbehörde darauf aufmerksam gemacht, daß es dringend erforderlich erscheine, die gesetzliche Vor- schrift auch auf solche Bauten auszudehnen, die im Submissionswege an den Mindcstfordcrnden zur Ausführung vergeben werden, ohne daß eine Prüfung stattfindet, ob der Submittent leistungsfähig ist. In diesem Falle kann u. E. ein Unterschied zwischen einer Privat- Person oder einer Behörde nicht gemacht werden, Sicherheitsleistung müßte dann in jedem Falle, erfolgen." „Die Ermittelung der Bauherren, gegen welche sich die An- sPrüche der BerufSgenossenischast richten sollen, ist sehr schwierig. weil die faulen Zahler naturgemäß allen Grund haben, die Namen ihrer Auftraggeber nicht zu nennen und Zwangsmittel, sie dazu anzuhalten, vom Gesetzgeber leider nicht vorgesehen sind. Tie Ein- gänge an Beiträgen aus Grund dieser Maßnahmen sind denn auch nur recht minimale und stehen in lcin«u Verhältnis zu der aus- gewendeten Zeit und Arbeit. Den zuständigen Amtsgerichten sind 146 Anträge auf Ein- leitung des Ofscnbarungseidverfahrens gegen solche Genossenschafts- Mitglieder unterbreitet worden, deren Verhältnisse eine Klar- >var. Da auch in Herne Gerstenmehl gefunden wurde, das auf dieselbe Weise verfälscht worden war, so.wurden zur Einsegnung empfehle mein groß. Lager in Uhren, Gold: und Silberwaren. Stets Eingang von Neuheiten! Gelegenheitskauf: Stark. gold. 14karät. Herren-Kemont.- Uhren, 3 Kapseln, 85 Mark, 3 Jahre schriftlich Garantie. Massiv gold. Dam.-tzThr. 15 M. Karl Reichel,": 7. Hermannplatz 7. Vorzeiger d. Inserats 100/0 Rabatt. nach Haß unter Garantie für tadellosen Sitz geg. wöchentliche Teilzahlung Grausame Eltern. Das Martyrium ciiws unehelichen Kindes, tvclches in der scheußlichsten Weise gequält und mißhandelt worden war, lag wieder einmal einer Anklageiachc zugrunde, welche gestern unter Vorsis des Landgerichlsdircktors Lande die Ferienjtrafkammer des Landgerichts II beschäftigte. Wegen Körperverletzung mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung und mittels gefährlicher Werkzeuge war der frühere Hilfsschaffner, jetzige Kohlenarbeiter August(strnet! und dessen Ehefrau Anastasia G. angeklagt.— Die angeklagte Ehefrau G. ist Mutter eines vor der Ehe geborenen Kindes, welches sie bis zu ihrer Verheiratung bei fremden Leuten untergebracht halte. Da es nach ihrer vor etwa drei Jahren er- von.-TU. Iv. an. Besondere Abteilung für fertige Garderobe, die ich während der stillen Zeit in meinen eigenen Werkstätten angefertigt habe. Martin Kalz, Dresdener Str. 76 II, Nähe Thalia-Theater. 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