Ur. 317. »bonnemenk-keMMM: Rfioimcmcntä< Preis dränumerandSi Vierteijährl. ZM> Mk, monall. 1.10 Mk, wöchentlich 2S Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nninnier mit illustrierter Sonntags» Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Zlbonnemcnt: 1.10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitung Z- Preisliste. Unter Kreuzband süt Deutschland mid Oesterreich- Ungar« 2 Mar!, sür das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemaich Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Ktinlänien, Schweden und die Schweis- 29* Jahrg. Die Insertion;-LkdUhf beKZgt für die sechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum 00 Pfg., für FW����MW��MsettgedwBW Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jede» weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes wettere Worts Psg. Worte über 15 Buch- stabe» zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Otteint täglich außer fflontaat. Verltnev VolKsblntk. Telegramm-Adreffe: „S»alalllell>»llrat NtN!»". ZentraXorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. Redahtion: SRI. 68, Lindetiötrasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplatz, Nr. 1983. Das rote Parlament. Chemnitz, 15. September. Grau und unfreundlich hängt der Himmel über Stadt und Land. Unter stetigem Regenschauer halten die Delegierten des Proletariats ihren Einzug in die Jndustriemetropole des Erzgebirges mit ihren zahllosen Fabrikschornsteinen, mit ihren Strnhenzügen, die sich bald krumm und eng, bald kilometcr wejt langgestreckt hinziehen wie die Fäden eines giganttschen steinernen Spinngewebes. Gleich beim ersten Anblick zeigt Chemnitz den reinen Typus eines Stadtbildes, wie es nur der hastende und schaffende Jndustriekapitalisnius mit seinen sozialen Begleiterscheinungen schaffen kann. Ein großer Teil der Delegierten konnte gleich beim Eintreffen noch eine andere charakteristische Erscheinung unserer heutigen„gott gewollten" Staats- und Gesellschaftsordnung wahrnehmen. Der Ausgang am Bahnhof wurde ihnen versperrt durch ein aus den Kaisermanövern zurückkehrendes Bataillon, dessen Mannschaften die deutlichen Spuren der Strapazen und Entbehrungen trugen, die eine solche Kräfteprüfung des Militarismus im Gefolge hat. Aber gegenüber dem Kapitalis nms und Militarismus wird hier in dieser Woche der Sozialismus seine sieghafte Kraft erweisen in einer Tagung, auf die Freund und Feind in � aller Welt mit ge- spannicr Aufmerksamkeit blickt. Der sozialdemokratische Parteitag vermehrt die Geschichte der Stadt Chemnitz um ein neues bedeutsames historisches Moment. Bor anderthalb Jahrtausenden gründeten schivarz- haarige, rundköpfige Sorben am Chamenizi(Steinbach) eine Siedclung, die heute zu einer fast 400000 Einwohner zählenden Stadt geworden ist. Das durch deutsche Ein- Wanderung im Mittelalter zur Stadt gewordene Chemnitz hat im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Klassenkäinpfe in seinen Mauern gesehen. In ihm und in seiner Nähe regte sich lange der revolutionäre Trotz des mittel- alterlichen ketzerischen Kommunismus. Bor den Toren von Chemnitz kämpften die Bergknappen des Erz- gebirges mit Spieß und Morgenstern und kurzer Wehr für ihre Rechte und für ihre Freiheit. Als im Jahre 1848 die Stürme der bürgerlichen Revolution über das Land dahinbrausten, wurde auch die Bevölkerung von Chemnitz mit- gerissen. Und als ein Jahr später der sächsische Freiheits- kämpf in den Dresdner Maitagen mit Hilfe preußischer Bajonette niedergeschlagen wurde, da spielte sich in den Mauern von Chemnitz der letzte Akt dieses historischen Dramas ab: hier wurden die Führer der aus Dresden ge- flüchteten provisorischen Regierung, Heubner und Bakunin, den konterrevolutionären Gewalten ausgeliefert. In den Sepien, vertagen des Jahres-19)2 weht wieder ein revolutionärer Sturm über die Stadt. Aber er trägt nicht das Getöse von Barrikadenkampf, von Flintenschüssen und Todesschrei über das Land, nein es ist der gewaltige Atem einer g e i st i g e n Revolution, wie sie die Welt noch nie gekannt hat, einer Revolution, die Leib und Geist des ganzen arbeitenden Volkes befreien soll. Nach einem Erfolge ohne- gleichen auf parlamentarischem Gebiete treten die Abgesandten des deutschen Proletariats unter der Anteilnahme der ge- samten Internationale zusammen, um neue Kämpfe und neue Siege� vorzubereiten und auf dem Wege zur Verwirklichung des Sozialismus eine neue Etappe zu schaffen. Es ist nur eine Begleiterscheinung des Klassenkampfes, potenziert durch philiströse Engherzigkeit, daß der Parteitag nicht im eigentlichen Chemnitz tagen kann, sondern weit außer- halb der Stadtperiphcrie. Das Kaufmännische Vereinshaus in der Stadt wurde dem Parteitage nicht zur Verfügung gestellt. So mußte denn auch am Sonntagabend der Parteitag weit draußen in Altendorf in der großen Sporthalle eröffnet werden. Wer den Eröffnungsfeierlichkeiten in Mannheims Nibe- lungcnsaal oder in Jenas Volkshaus beigewohnt hat, wird in dieser nüchternen Riesenhalle ein Gefühl der Enttäuschung empfunden haben, aber der Mangel an architektonischer Schönheit wurde hier wettgemacht durch die Wucht einer echt proletarischen Massenankammlung. Denn viele Tausende waren aus der Stadt und aus den erzgebirgischen Wahlkreisen herbeigeströmt, um der feierlichen Eröffnung beizuwohnen. Sind doch diese Kreise Hochburgen der Partei gewesen seit den Tagen, in denen die Arbeiter zum ersten Male die Waffe des Stimmzettels führen konnten. Leider wurden die Tausende enttäuscht, da sie den Genossen Bebel nicht hören konnten, der schon in den sechziger Jahren hier geredet hat. Mit Rücksicht auf seine Gesundheit mußte zu aller Bedauern darauf verzichtet werden, daß die zündenden Worte unseres Vorkänipfers die Ouvertüre des Kongreffes bildeten. Eröffnet wurde die Vorversammlung durch eine schlichte Begrüßungsrede des'Genossen Max Müll er- Chemnitz. Er hob besonders hervor, daß das Chentnitzer Proletariat an den Kämpfen und Leiden der deutschen Arbeiterbewegung im vollsten Maße hat Anteil nehmen müssen, daß es aber trotz Sozialistengesetz und Polizei- und Justizaktionen unaufhaltsam vorwärtsgegangen ist. so daß sich heute in Chemnitz über 40000 Arbeiter zur Tlrbcitcrbewegung bekennen. Genosse H a a s e eröffnete darauf als Vertreter des Parteivorstandes den Parteitag. Mit berechtigtem Stolze verwies er auf den Wahlerfolg dieses Jahres, aber auch auf das in der Wehrvorlage zu Tage getretene Rüstungsfieber und die das deutsche Volk aushungernde Teuerung und die Rück- sichtslosigkeit der Regierung. Besonderen Eindruck auf die Tausende machte die Verlesung des Telegramms von der Stuttgarter Teuerungsdemonstration. Nach Hinweis auf die Bestrebungen, die auf eine Knebelung der Arbeiter hinaus laufen, nach Hinweis auf Kriegsgefahr und internationale Spannung schloß Genosse Haase seine wirkungsvolle Rede mit dem Wunsche, daß dieser Parteitag dazu beitrage, daß bald aus der Welt verschwinden mögen alle die sozialen Schäden, die Unwissenheit und Ausbeutung hervorbringen. Daran schloß sich die Erledigung der üblichen geschäfts ordnungsniäßigen Formalitäten: Wahl der Kommissionen, des Vorstandes, Verlesung von Begrüßungstclegrammen usw. Als Leiter des Parteitages wurden die Genossen Haase und N 0 s k e gewählt. Des weiteren wurde beschlossen, als weitere Punkte die Lebensmittelteuerung und den Bergarbciterschutz in die Tagesordnung aufzunehmen. Eingeleitet und geschlossen wurde die Eröffnungsfeier durch Vorträge eines Massenchors von Arbeitersängern, die in der hochgewölbten Halle wirksam zur Geltung kamen. Erster Tag. Chemnitz, 16. September. Heute morgen fanden sich die Delegierten im Wintergarten in Schönau zusammen. In einem freundlichen, wohlaus geschmückten Saale, der leider die Masse der Parteitags teilnehme! kaum fassen kann, sollen die Verhandlungen des sozialdemokratischen Parlaments stattfinden. Genosse Haase begrüßt nach Eröffnung die Vertreter der fremden Bruder Parteien unter Hinweis auf die engen Bande, die die deutsche Arbeiterschaft mit dem gesamten internationalen Proletariat verbinden. Von diesem internationalen Solidaritätsgefühl waren auch die Grüße durchdrungen, die die Vertreter Schwedens, Englands, Belgiens, Frankreichs, Deutsch-Oester- rcichs, Böhmens, Ungarns und Rußlands dem deutschen Parteitage überbrachten. Nach einer kurzen Geschäftsordnungsdebatte, nach der mit Rücksicht auf die lokalen Verhältnisse die Arbeitszeit des Parteitages auf die Zeit von 9 bis 5 Uhr mit einer ein- stündigcu Frühstückspause festgelegt wird, erhält Genosse E b e r t das Wort zum Geschäftsbericht. Unter Hinweis auf den ge- druckt vorliegenden Geschäftsbericht konnte Genosse Ebert dar- tun, wie glänzend sich unsere Organisation in dem gewaltigen Wahlkampfe bewährt hat und wie befruchtend wieder der Wahlsieg auf die Bewegung eingewirkt hat. Aber trotz aller Fortschritte und Erfolge darf es hier keinen Stillstand geben, ebensowenig auch auf dem Gebiete der ebenfalls erfreulich fortgeschrittenen Jugendbewegung und Frauenorganisation. Die Finanzpolitik des Partcivorstandes hat sich in sehr starkem Maße mit den verschiedenen Partei- Unternehmungen zu befassen..In diesem Zusammenhange verwies Genosse Ebert auf einen Beschluß des Münchener Parteitages, der vor ungenügend fundierten Blattgründungen warnt; ein Beschluß, an den im Hinblick auf unerquickliche Erfahrungen mit vollem Recht erinnert werden muß. In sehr ausführlicher Weise ging dann Genosse Ebert auf die Göppinger Angelegenheit ein, die so viel Staub aufgewirbelt und dem Parteivorstande die maßlosesten An- griffe eingetragen hat. Mit großem oratorischcn Geschick führte der Redner des Parteivorstandes hinein in die Winningen und Irrungen dieser unerfreulichen Vorgänge. Die Aeußerungen des Parteitages während der Ausführungen Eberts lassen darauf schließen, daß die drei todesmutigen Kämpfer für Göppingens Freiheit gegen„Meinungserdrosse- lung" und„Parteibureaukratie" vom Parteitage keine Ruhmes- kränze erhalten werden. Allgemeine Aeußerungen des Unwillens rief vor allem die Kampfesmethode Rädels und dessen eigenartige Anschauungen über Organisationspflicht hervor. Mit dem wirksamen Hinweis auf die Notwendigkeit der Einheit und Geschlossenheit der Partei, für die der Vorstand stets eintrete, schloß Genosse Ebert unter lebhaftem Beifall seine Rede. Einen trotz aller Aufwendungen sür den Wahlkampf er- freulickje'n Bericht konnte Genosse Braun geben. Hinter den Summen der Parteibilanz birgt sich ein ungeheurer Opfermut von Millionen von Proletariern. Die Anregungen und kriti- schen Ausführungen, die Genosse Braun über die Finanzierung des Wahlkampfes und Abführung der Beiträge an die Zentral- kasse gab, werden zu einS� gesunden Ausgestaltung des Geschäfts- lebens der Partei beitragen. Mit sarkastischem Spott erwähnt Genosse Braun die törichten und gehässigen Bemerkungen der „Nordd. Allg. Ztg." über die Parteifinanzen. Auch er warnte vor leichtfertiger Gründung von Parteiblättern. Der langjährige Vorsitzende der Kontrollkommission. Ge- nosse Kadön, legte in seinem Bericht dar, daß diese In- stanz im inneren Leben der Partei die ihr zugewiesene Auf- gäbe gewissenhaft erfüllt hat. Um in der Göppinger Angelegenheit volle Klarheit zu schassen, gab der Parteitag einem Vertreter Göp- Pingens, dem Genossen Schepperte Gelegenheit, die ver- Expedlrion: SM. 68» Olndetistrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. worrene Geschichte der Göppinger Sanierungsaktion von seinem Standpunkte aus ausführlicher darzustellen. Der Redner hielt am Schlüsse seiner Darlegungen die Behauptung aufrecht, daß die Ulmer Genossen und der württembergische Landesvorstand die finanziellen Nöte Göppingens haben aus- nutzen wollen, um das dortige Blatt in revisionistisches Fahr- Wasser zu lenken. Die recht verbitterte Art, mit der Genosse M a t t u t a t- Stuttgart den Ausführungen Schepperles cnt- gegentrat, bewies, wie tief der persönliche Zwist in Württem- berg in das Parteileben eingefressen und eine gesunde Ent- Wickelung lahmgelegt hat. Der von ihm angegriffene Ge- nosse West meyer reagierte ebenso bitter, so daß der Parteitag die unangenehme Pflicht hatte, sich aus dieser un- erfreulichen Debatte ein Urteil über den württembergischen Bruderkrieg zu bilden. Die Genossen R 0 ß m a n n° Ulm und Hildenbrand sowie Genosse H e y m a n n wehrten sich gegen die Angriffe der Gegenseite. Und so standen Aussage gegen Aussage, so daß man die Lösung des Göppinger Sanierungsproblems, wie sie Genosse Ebert dem Parteitage dargestellt hatte, als die einzig mögliche anerkennen muß. Das gab, allerdings mit mancherlei Vorbehalten und Einschränken, selbst Genosse Henke- Bremen zu, der ebenso wie Genosse L e n s ch- Leipzig die Haltung seines Blattes in der Göppinger Affäre rechtfertigte. Zum Glück nahm der Parteitag einen Schluß» antrag an, der den Göppinger Auseinandersetzungen§i» Ende machte. Zm reuening. Folgen der Fleischtenerung. Wie die Fleischnot und die Fleischteuerung preistreibend selbst auf das Pferdefleisch wirkt, muh allenthalben die ärmere Be- völlerung spüren. So wurden auch in Görlitz die verschiedenen Fleischsorten um S— 10 Pf. pro Pfund erhöht. Für das Pfund Pferdefleisch muffen dort und auch anderwärts bereits 60 Pf. bezahlt werden, so dah dieses Fleisch bald so hoch im Preise steht. wie vor einer Reihe von Jahren das Rindfleisch. In England erhält man jetzt noch Rindfleisch zu einem Preis, für den man in Deutsch- land nur Pferdefleisch kaufen kann. Dafür marschiert Deutschland in der Welt voran— allerdings in der Lebensmittelteuerung und künstlich hochgehaltenen Fleischnot. Nach einer vorliegenden Meldung aus Rudolstadt sagte der Der- treter der Regierung von Schwarzburg-Rudolstadt im Landtage auf einen Antrag der sozialdemokratischen Fraktion hin nicht nur jede gewünschte Mahregel zur Hebung der Fleischnot zu, sondern erklärte darüber hinaus ausdrücklich, im Bundesrat für die von der Sozial« demokratie gewünschte Einberufung des Reichstags eintreten zu wollen. Für Mahnahmen gegen die Fleischnot stimmten nach dieser Meldung auch die beiden bündlerischen Mitglieder des Landtages. Teuerung und Kommunen. Der Stadtrat der Stadt Mannheim befaßte sich amslL. September abermals mit der Flcischteueruug. Er beschloh, dahin zu wirken, dah Ein- und Berkaufspreise miteinander in Einklang gebracht werden; ferner, sür die Haltung von Mutterschweinen und für die Aufzucht von Ferkeln Prämien zu gewähren, um damit die Landbevölkerung in den zur Stadt ge- hörenden Vororten zur Schweinezucht anzueifern. Sodann will sich die Stadt an einer in Bildung begriffenen Genossenschast zur Errichtung einer Schweinemästerei beteiligen. Sobald die Einfuhr von Gefrierfleisch gestattet ist. soll solches beschafft und zum Selbstkostenpreis zum Verkauf gebracht werden. In einem An- schreiben an den Konsumverein soll dieser angegangen werden, sich an der Bekämpfung der Teuerung zu beteiligen.— Die Ober- bürgermcisterkonseronz wurde aufgefordert, mit dem badischen Mi- nisterium in Verhandlungen zu treten, um bei der Regierung auf Oeffnung der Grenzen hinzuwirken. Vor allem soll die badische Regierung im Bundesrat für Ermähigung der Futtermittelzölle ein- treien. Ebenso sollen die Oberbürgermeister der badischen Städte für Aufhebung der staatlichen Fleischakzise eintreten und endlich erging an diese die Aufforderung, ihrerseits beim„Deutschen Städte- tag" dahin zu wirken, dah dieser endlich einmal in Aktion tritt. Er soll eine Bewegung gegen die agrarische Politik ins Leben rufen. Der von Sozialdemokraten gemachten Anregung, sich mit Eingaben direkt an die Rcichsregierung und an den Reichstag zu wenden, wurde nicht stattgegeben. Die Stadtverwaltung in Zeitz beauftragte die Delegierten zWi Deutschen Städtetag, energisch jede Forderung auf Beseitigung der herrsaiendcn Teuerung zu unterstützen. Bemerkenswerr war in der Debatte, die in der Stadtverordnetenversammlung gepflogen wurde, die Aeuherung des„liberalen" Stadtverordneten und Direktors Stöve, eines Bruders des nationallibcrale» Reichstagsabgcordnten Stöve. Der Herr Direktor, in dessen chemischer Fabrik noch Stundenlöhne von 27 und 28 Pf. nichts seltenes sind, wagte nämlich, eine Not zu bestreiten, indem er auf die„Vergnügen" hinwies, die nicht abgenommen hätten. Die Arbeiter verdienen zu viel, ihnen sei der Kamm geschwollen, deshalb gäben sie sovielausl So redete der Herr Direktor, dessen Einkommen man auf 30 009 M. schätzt, die Not aus der Welt. Und dieser Mann nennt sich„liberal". Der Magistrat der Stadt Lüdenscheid i. W. fordert in einer Eingabe an den Bundesrat die Erleichterung der Einfuhr von lebendem Vieh, die Einsuhr von gefrorenem und gekühltem Fleisch und die zeitweise Ennähigung oder Aushebung der Einsuhr- zölle sür Futtermittel und lebendes Vieh. In der Elberfeldcr Stadtverordnetenveiffammlung fand am Freitag eine Teuerungsdebatte statt. Die sozialdemokratische Fraktion präsentierte unsere bekannten Forderungen. Außerdem lag ein zahmer Antrag der Freisinnigen sowie ein noch zahmerer der städtischen Finanzkommission vor. Die sogenannte„Soziale Wer- eiuigung christlich-nationaler Arbeiter' hatte auch einen Antrag ge- stellt; deren Vertreter hatte es aber vorgezogen, den Antrag in der Tasche zu behalten. Angenommen wurde der Antrag der Finanz- kommission mit einer kleinen, von Sozialdemokraten und einigen Freisinnigen vertretenen Verbesserung. Etwas weiter gingen die Stadtverordneten-Versammlungen in Wermelskirchen und NonSdorf, wo unsere Anträge angenoinmen wurden. In Cronenberg stimmten die bürgerlichen Stadtverordneten unseren Anträgen allgemeiner Art einstimmig zu. Die Durch- fiihrung kommunaler Maßnahmen wurde jedoch zuvor einer Kom- Mission überwiesen. Der Stadtmagistrat Augsburg hat einstimmig beschlossen, an den Bundesrat den Antrag zu stellen, daß lebendes Schlachvieh und Fleisch ohne die bekannten Besckränkungen eingeführt werden können und die Zölle auf Vieh, Fleisch und Futtermittel ermäßigt werden. Zur Durchführung dieser Anregungen wird an den Bundesrat das Gesuch um sofortige Einberufung des Reichs- tagcs gestellt. Weiter wurde beschlossen, städtische Fleisch- Verkaufsstellen einzurichten und sofort einen Versuch mit der Einfuhr von Gefrierfleisch und frischem Fleisch durch die Sladtgemeinde zu machen, dann eigene Schiveinemästereien zu errichten und eine Viehmarktskasse zu schaffen, die mit städtischer finanzieller Unterstützung es den weniger kapitalkräftigen Metzgern ermöglichen soll, sich von den Viehhändlern unabhängig zu machen. Ferner werden Maßnahmen getroffen zur Beschaffung billiger Kartoffeln, Gemüse und Obst durch die Stadtgemcindeu für Minderbemittelte, auch wird die Anlage von kommunalen Obst- und Gemüsegärten in Erwägung gezogen. Um den Zwischenhandel zu beschneiden, soll die städtische Marktordnung einer Revision unter- zogen werden.— Die Mittel zur Durchführung dieser Maßnahmen sollen aus dem städtischen Notfonds genommen werden, der sich auf etwa 200(XX) M. beläuft. In den pfälzischen Städten LudwigShafen, Speyer und Kaisers- läutern wurde in den Stadtratskollcgien den sozialdemokratischen Anträgen zugestinnnt, den Bundesrat um sofortige Einberufung des Reichstages zu ersuchen: verlangt wurde weiter die wenigstens zeit- weilige Aufhebung der Zölle auf Lebens- und Futtermittel und die Oeffnung der Grenzen. In Speyer wurde außerdem der Bürger- nieister beauftragt, mit den übrigen pfälzischen Städten zwecks einer gemeinschaftlichen Aktion gegen die Teuerung in Verbindung zu treten. In Ludwigshafe» hatte auch die Metzgerinnung dem Stadtrat eine Resolution unterbreitet, die ebenfalls die sofortige Einberufung des Reichstages und Freigabe der Einfuhr von Schlachtvieh verlangt. Einer Anregung unseres Genossen Binder folgend, soll auch in diesem Jahre der gemeindliche Kartoffel- einkauf, wie auch die Fleisch- und Milchversorgung in Erwägung gezogen werden. In Würzburg nahm das Gemeindekollegium(Stadtverordnete) die sozialdemokratischen Anträge zur Milderung der Fleischteuernng einstimmicz an. Auch Zentrum und Liberale halten sich dafür erklärt, obwohl die Zentrumspresse das Bestehen eines Notstandes leugnet. Kundgebungen gegen die Teuerung. Der Deutsche Handelstag hat seine Eingabe vom 6. Dezember v. I. an den Reichstag wiederholt. Er fordert darin: Zulassung möglichst ungehinderter Einfuhr lebenden Viehs, Freiheit doS Viehverkehrs im Inland, Zulassung der Einfuhr ansgeschlach- teten, gekühlten und gefrorenen Fleisches unter Beseitigung aller sanitär nicht unbedingt gebotenen Erschwerungsmaßregeln. Zulassung der Einfuhr von Büchsenfleisch und Fleischdnuerwaren, Herabsetzung der Zölle auf Vieh, Fleisch, Futtermittel, Kartoffeln und Gemüse. Der Eingabe ist die dringende Bitte angefügt, endlich einmal wirk- jame Maßregeln zu ergreifen. Km fuStizmord an einem Proletarier eingeltanden. Aus Paris wird uns geschrieben: In der Affäre des Strafsoldaten Rousset, die das französische Proletariat seit einem Jahre in Aufregung hält, ist ein neuer, sensationeller Zwischenfall eingetreten. Der Leutnant Pan-Lacroix, der die Untersuchung gegen Rousset beim ersten Kriegsgericht geführt hat, erklärt in einem Brief an den Hauptmann, der bas Referat im zweiten Verfahren innehat, das nach der am 22. Februar vom obersten Gerichtshof ausgesprochenen Kassation bes ersten, Urteils beim Kriegsgericht in Constantine eröffnet worden ist, daß er seine Anschauung über die Schuld R o u s s e t s vollständig geändert habe und den A n g e k l a g- t e n, infolge der erwiesenen Wertlosigkeit der belastenden Aussagen, für unschuldig halte. Dieser Widerruf be- deutet für Rousset die sichere Befreiung und für die franzö- fische Arbeiterschaft, die diese proletarische Dreyfusaffäre fast ganz auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, führen mußte, einen großen moralischen Erfolg. Zugleich abar eine neue furchtbare Niederlage der militärischen'Standesjustiz, der die glücklichen Erfolgjäger der Dreyfusaffäre die Krallen zu be- schneiden— an die versprochene Abschaffung'denken sie ja gar nicht mchr— noch immer nicht die Zeit gefunden haben. Nekapitulioren wir kurz die Geschichte des Falles Rousset, der das militärische Gegenstück zum Fall Durand bildet. Vor vier Jahren starb der Strassoldat Aernoult in einer Gefängniszelle einer Garnison in Südoran. Der Be- fund sprach von einem natürlichen Tod, aber eine Anzahl von Soldaten erklärte, daß Aernoult von seinen Vorgesetzten zu Tode gemartert worden sei. Ani hartnäckigsten hielt Aer- noults Kamerad Rousset diese Behauptung aufrecht. Die Arbeiterpresse Frankreichs schlug Lärm, eine Versammlungs- kampagne setzte ein und schließlich sah sich die Militärbehörde genötigt, ein Verfahren einzuleiten, das aber, wie gewünscht, die„Unschuld" der Bezichtigten ergab. Die Arbeiterschaft wollte freilich nicht an sie glauben und sie hat, als nach lang- wierigen Einwendungler., und Schikanen'die Ueberführung der Leiche nach Paris durchgesetzt wurde, ihr ein großartiges Begräbnis gerüstet. Rousset aber, der„Verleumder" seiner Vorgesetzten und Vorunglimpfer der Armee überhaupt, hatte in der Folge be- greiflicherweise ein noch weniger gutes Leben, als das des Soldaten in den afrikanischen Strafbataillonen ohnehin ist. Im August v. I. geschah es nun, daß ein Strafsoldat namens Brancoli in einem Raufhandel mit Soldaten erstochen wurde. Rousset war ein paar Minuten, bevor die Tat geschah, in der Gesellschaft gewesen. Er erklärte zwar, sich früher entfernt zu haben, aber die Untersuchung wurde vom Leutnant P a n- L a c r o i x in einer Weise geführt, daß schließlich mehrere Soldaten so aussagten, wie es diejenigen wünschen mochten, die sich des trotzigen Anklägers von Vorgesetzten gerne ent- ledigen wollten. Rousset wurde zu 2 0 I a h r e n Z w a n g s° ' arbeit verurteilt, was im afrikanischen Klima auf Der- urteilung zu einer langsamen Hinrichtung hinausläuft. Die' Angelegenheit kam indes nicht zur Ruhe. Der Hilfe- ruf des unschuldig Verneteilten wurde vom französischen Proletariat vernommen und die von diesem begonnene Propa- ganda zwang schließlich die Regierung, den Fall von neuem zu untersuchen. Wohl fand der Appell des für Roussets Rehabilitation eintretenden Komitees bei der großen Mehr- hoir der gesättigter. Kämpfer für„Wahrheit und Gerechtig- keit" kein Gehör. Nicht nur die große liberale Presse, sondern glich die xgdikgsen Blätter sgnden es flicht der Mühe wert, sich daiflit zu beschäftigen, ob es bei der Verurteilung des „Apachen" Rousset mit rechten Dingen zugegangen sei. Von der nichtrevolutionären Presse abgesehen war es nur das Wochenblatt„Les Droits de l'Homme", das sich energisch für die Revision einsetzte. Die Entscheidung fiel, als am 29. Juli die vierHauptbelastungszeugenwiderriefen und erklärten, unter Beeinflussung und Pression unwahr ausgesagt zu haben. Der Hauptschuldige an dem Lügerbau der Anklage war Leutnant Pan-Lacroix ge- Wesen. Ter neue Untersuchungsrichter hat ihn, wohl um Aergernis für die Frömmlinge des Militarismus zu ver- meiden, nach Hause geschickt, ohne ihn mit Rousset und den widerrufenden Zeugen zu konfrontieren, worauf der Leutnant, wie er sagt, vom Ehrgefühl, möglicherweise auch von Ge- Wissensbissen getrieben, aber jedenfalls im Interesse seiner Reputation die am Anfang dieses Artikels erwähnte Er- klärung abgab. Von der Anklage gegen Rousset ist nichts mehr übrig uud die Rückkehr in die Freiheit ist dem Geprüften sicher. Die Ehre aber, den Unschuldigen aus den Fängen einer kästen- und klassenmäßig befangenen Justiz gerettet zu haben, gebührt dem französischen Proletariat, seinem unzerstörbaren Enthusiasmus für die Gerechtigkeit. Der Bourgeoisrcpublik hat der Ruf„Dive Rousset" als aufrührerisch und„antipatrio- tisch" gegolten. Zahllose Proletarier sind seinetwegen ver- haftet, verurteilt oder von Polizisten geprügelt worden. Ihnen wird keine Sühne zuteil werden, der Schrecken des Millerandschen Gesetzes über die Strafbataillone hängt über ihnen. So kann der Erfolg in dem einen Fall nicht zur Folge haben, daß das Proletariat den Kampf gegen den Militaris- mus in seinen traditionellen Formen und seiner klassenstaat- lichen Wirksamkeit einstellt oder mäßigt. Rousset frei. Paris, 13. September.(Eig. Bcr.) Rousset ist gestern nach der Abteilung der sich aus freiem Fuß befindenden Kranken im Militärspital von Constantine übergeführt worden. Das be- deutet seine provisorische Freilassung, der die zweifel- tose Einstellung des zweiten Strafverfahrens bald die endgültige folgen lassen wird. Daß sie Rousset in der Krankenzelle trifft, wie Durand die seine in der I r r e n z e l l e, ist jedenfalls bezeichnend für das blinde, unmenschliche Wüten der Klassen- und Kastenjustiz. Hoffentlich wird der standhafte Ankläger der Peiniger Acrnoulls die Folgen seines Martyriums bald überstanden haben. poMilcKe deberHcbt. Berlin, den 16. September 1912. Schuh vor Streikbrechern! In Burg bei Magdeburg wurde in der Nacht zum Montag der dreißigjährige Schuhfabrikarbeiter Fritsche auf offener Straße von einem Streikbrecher erschossen. Fritsche befand sich in Begleitung einiger Kollegen auf dem Nachhause- Wege, wo sie an der Holzbearbeitungsfabrik von A. G. Wolff vorbeikamen, bei der seit einiger Zeit die Arbeiter streiken. Einer der von der Firma herbeigezogenen Streikbrecher ver- übte vor dem Grundstück dadurch Lärm, daß er mehnnals mit seinem Stock an den Rolläden entlang fuhr. Ein Begleiter Fritschcs ließ deswegen die Bemerkung fallen:„Na. Dich haben sie wohl ausgeschlossen." Der Arbeitswillige erklärte: „Was willst Du Lump, Du hast wohl lange keine bayerische Bohne im Wanst gehabt". Als sich die Angefahrenen diese Pöbelei verbaten, gab der Streikbrecher plötzlich aus einer Entfernung von 8— 10 Metern zwei Schüsse ab. Der ziveite Schuß traf Fritsche, der an den Folgen im Krankenhause gleich nach seiner Einliefcrung starb. Der Revolverheld legitimierte sich dem Polizeibeamten gegenüber mit den Worten:„Ich habe geschossen; ich bin Arbeits- williger bei der Firma WolffI" Der Vorfall zeigt wieder, wie nötig das von den Scharf- machern geforderte Gesetz zum Schutz der—„Arbeitswilligen" ist._ Strastendemonstrationen in Stuttgart. Aus Stuttgart wird uns geschrieben: Als Antwort auf die Verweigerung eines freien Ver- sammlungsrcchtes beriefen, wie gemeldet. Partei und GeWerk- schaftcn auf Sonntagvorniittag in Groß-Stuttgart drei- undzwanzig ösfentiiche Volksversammlungen ein. Die Ver- sammlungen waren durchlveg gut besucht, teilweise sogar überfüllt. Um 12 Uhr kam die Masse der Versammlungs- teilnehiner auf die Straße. Nach dem Gewerbehylleplatz zu gehen, war ihnen verboten worden. Die Massen suchten sich daher einen anderen Ort aus, der seiner ganzen Lage nach sich zu einem Demonstrationsplatz weit besser als der Gewerbe- halleplatz eignet. Von allen Seiten strömten kurz nach 12 Uhr die Massen auf dem Schloßplatz zusammen. In wenigen Minuten war die weite Fläche von einer unüberseh- baren Menschenmenge gefüllt. Annähernd 16 666 sind es sicher gewesen, die hier vor den Fenstern des königlichen Schlosses gegen den Hunger, gegen die kapitalistische Gesell- schaft protestierten. Der Polizeidircktor war glänzend rehabilitiert. Diese Menge hätte wirklich auf dem Gewerbe- halleplatz nicht untergebracht werden können. Von dem Platze aus. wo sonst zur Erbauung staats- erhaltender Gemüter die Militärmusik ihre Weisen ertönen läßt, richtete Genosse C r i s p i e n zündende Worte an die Riesenversanimlung:„Man hat uns das Recht zur Demonstrierung nehmen wollen, die Stuttgarter Arbeiterschaft demonstriert, wann und wo ihr das beliebt!" sagte der Redner unter dem tosenden Beifall der Tausenden. Ein Hohngelächter wurde laut, als bekannt gegeben wurde, daß im nahen Waisenhaus 400 Polizisten untergebracht worden seien. „Laßt Euch nicht provozieren," ermahnte Crispien die Versammlung. Ein Hoch auf die internationale Völker- befreiende Sozialdemokratie und die Demonstration hatte an diesem Ort ihren Zweck erfüllt. Jetzt gings vorbei am alten Schloß, am Ministerium des Jnnnern, allwo auS einem Fenster das erstaunte Gesicht des Ministers v. Pischek zu sehen war. Auf dem Marktplatz- staute sich die Menge wieder. Von den Stufen des Rathauses aus geißelte Genosse W e st m e y e r den skrupellosen Lebensmittelwucher. Durch die Königs-, Tübinger und Hauptstättcrstraße zogen die Demonstranten nach dem Marienplatz. Vom Balkon des „Kaiserhauses" aus hielt Genosse Eggert, Ortsbeamter des Metallarbeiterverbandcs, eine Ansprache. Auch die Genossen Crispien und Westmeycr richteten nochmals einige Worte an die Versammelten, die dann in größter Ordnung auseinander- gingen. Das Polizeiaufgebot wurde im Waisenhause zurückbehalten. Die ganze Veranstaltung ging daher ohne die geringste Störung vor sich. Kriegsmiuisterium und Koalitionsrecht der Militär- arbeiter. Der Vorstoß des Kriegsmimsteriums gegen das Koalitionsrecht der Militärarbeiter stößt auf Widerspruch bei den— Nationalliberalen. Die Nationalliberalen, auf die sich die Regierung sonst immer verlasse» konnte, weim sie Organisationen der Staats- arbeiter, Eisenbahner, Postangestellten usw. an die Wand zu drücken versuchte, sind plötzlich zur Kritik übergegangen. Woher diese Wendung zum Guten? Sehr einfach: Der nationalliberaie Abgeordnete I ck l e r, von Beruf Vorschlosser in der Bahnhofswerkstatt in Göttingen, ist Vorsitzender des Kartells'deutscher Reichs- und Staats- arbeiterverbände, dem auch der Militärarbeiterverband angehört. In dieser seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kartells hat Jckler mit dein Kriegsministerium verhandelt und ist offenbar dabei empfindlich getäuscht worden. Die„National-Zeitung" berichtet über die Vorgänge folgendes: .Sobald die Gerüchte von einem Verbot des Militärarbeiter- Verbandes kursierten, hat auf Wunsch der Militärarbeiter der Abg. Jckler zusammen mit dem Vorsitzenden des Verbandes dem Kriegsministerium einen Besuch abgestattet. Die beiden Herren wurden dort sowohl von dem Stellvertreter des General- majors Wrnidel, Major Schulz, als auch von dem Vor- steher der BckleidungSämter, Oberst v. Oven, empfangen. war wurde von Major Schulz zunächst der scharfe on gerügt, der in letzter Zeit in dem Organ des Militärarbciterverbandes beliebt worden sei. Auf ausdrückliche Veranlassung des Abg. Jckler versprach der Verbandsvorsitzende den Herren im Ministerium, daß in Zukunft in seinem Organ jede unnötige Schärfe und Härte vermieden werden sollte. Daraufhin erklärte auch Major Schulz, daß gegen den Militärarbeiterverband nicht das geringste geschehen solle. Die beiden Dezernenten gaben überhaupt der Ansicht Ausdruck, daß die Verwaltung hier von den Arbeitern vollständig mißverstanden werde, denn das Ministerium wolle weiter nichts sagen, als daß es irgendwelche Agitation innerhalb seiner Betriebe nicht dulden könne. Man besprach dann vielleicht eine Stunde lang noch alle wichtige» sozialen imd beruflichen Fragen und schied in vollstem Einvernehmen voneinander. Allerdings bat Herr Major Schulz die Herren, von der Unterredung doch nichts in die Presse zu bringen. Hätte man nun danach annehmen sollen, daß nun alles zur vollsten Zufriedenheit erledigt sei, so muß man umsomehr erstaunen, daß nachher doch in fast allen Militärbetrieben den Arbeitern der Beitritt und die Betätigung für den Mililärarbeiterverband unter- sagt sein soll. Noch' mehr muß man aber erstaunen, daß die sozialdemokratische Presse in der Lage ist, einen Geheimerlaß des Kriegsministeriums vom 29. Auaust bekannt zu geben, der also erst eine geraume Zeit nach der Unter- redung mit dem Abg. Jckler erschienen ist, in dem aber trotzdem die Militärarbeiter vor einer Betätigung'in dein deutschen Militärarbeiterverband eindringlichst gewarnt werden, und in dem besagt wird, daß Arbeiter, die durch Wort, SchrifL oder Tat den Verband unterstützen, sich die Folgen selbst zugu- schreiben haben. Damit hat also das Kriegsministerium das gerade Gegen- teil von dem getan, was dem Reickstagsabgeordnelen Jckler wie auch den, Vorsitzenden des Militärarbeitcrvcrbandes ge- kegentlich ihrer Rücksprache versprochen worden ist. Es ist selbstverständlich, daß dieser Angriff auf die ohnehin schon sehr beschränkte Koalitionsfreiheit der Staatsarbeitcr noch ein parla- mentarisches Nachspiel haben wird. Ein Volksvertreter ist schließ- lieh auch nicht dazu da, daß man die ihm gegebenen Zusicherungen ohne weiteres in den Wind schlagen kann. Bei der Unterredung im Ministerium wurde übrigens auch durch den Abgeordneten Jckler erreicht, daß der Vorsitzende des Verbandes in Zukunft alle Wünsche und Beschwerden dem Mini- stcrium vortragen dürfe. Aus diese Weise ließe sich ja eine öffentliche Kritik leicht vermeiden, und ei» gutes Einvernehmen zwischen Verwaltung und Arbeiterschaft herstellen. Wenn durch die entgegengesetzten' Maßnahmen dieses Ein- vernehmen, verhindert wird, so ist das gewiß nicht Schuld der Arbeiterschaft, sondern lediglich auf die geheimen Einslüssv im Ministerium zurückzuführen." Den braven Nationalliberalen mag eS besonders bitter auf- stoßen, daß ihre Mogelei hinter den Kulissen so schnöde zusammen- bricht, sobald das Kriegsmmisterium seinen Herrenstandpunkt her- auskehrt. ES wäre so nett gewesen, der Oeffentlichkeit aus dem Wege zu gehen und den Militärarbeitern von Zeit zu Zeit einige durch Hinicrtreppenbettelei erworbene Bröcklcin präsentieren zu können, die man dann als Erfolge staatstreuer und national- liberaler Arbeltersührung zur Schau stellen könnte. Das alles ist nun hin, und die Staatsarbeiter werden rasch genug einschen, daß nur im energischen Kamps, gegen das Unter- nehmertum, auch wenn dies von einer Staatsbehörde reprä- sentiert wird, ihre Interessen gewahrt werden können. Wo das Zentrum regiert. Wie die Zentrumspartei in den Orten, wo sie die Macht hat, rücksichtslos parteipolitische Geschäfte treibt, geht aus folgendem hervor: In dem von der Zentrumspartei beherrschten Jndustrieort Wester- holt im Wahlkreise Necklinghausen, beabsichtigte die Zentrumspartei ein geeignetes Lokal zur Abhaltung ihrer Versammlungen und Fest- lichkeiten zu errichten. Man stellte nun an die Gemeindevetretung den Antrag um Beihilfe. Die Gemeinde kam diesem Ersuchen in der Weisenach, daß das Arbeitsamt die gesamte Ausführung und Ueberwachnng der Bauarbeiten übernah nr. Ferner wurden die ganzen, wohl mehrere Tausend MarkbetragendenStraßenbaukostenerlassen. Zentrum und Nationalpolcn in Oberschlesie». Der Pfarrer Mick von Krzmwwitz bei Kosel in Oberschlesien liegt mit seinen nationalpolnischeii Pfarrkindern in harter Fehde. Der Pfarrer ist Zentrumsanhänger; die Nationalpolen stehen aber im Augenblick auf keinem guten Fuße mit dem Zentrum. Die Feind- schaft hat sich daraus entsponnen, daß bei den letzten Wahlen das Zentrum in Oberschlesien schlecht abschnitt. Es verlor einige Man- date an die Polen. Welche Formen diese politische Gegnerschaft zwischen Pfarrer und Pfarrkindern angenommen hat, zeigt eine Ver- sammluiig, die die Polenpartei am S. September abgehalten hat. Polnische Blätter berichten darüber: „Die Pole» wollten eine Versammlung unter freiem Himmel in Krzanowitz abhalten. Dem Pfarrer aber lag daran, diese Versammlung zu verhindern. Auf dem Nachbargrundstück des VcrsaiiimlungSplatzes veranstaltete er mit einigen Knegervereinlern einen Mordsspektakel, so daß sich der Redner der Polen nur schwer verständlich machen tonnte. Der Pfarrer ichrie ihm zu:„Hakt's Maul!" und seine Begleiter johlten und lärmten nach Kräften. Als darauf ein zweiter polnischer Redner auftrat, holte auch der Pfarrer Verstärkung herbei rn Gestalt eines Drehorgelspielers, der auf daS Kommando Sr. Hochwürden sein ganzes Repertoire herunterspielte..ille möglichen Melodien überfluteten daS feindliche Lager D i r im Sieger- kränz"—„Hupf mein M ä d e l e"—„Deutschland. Deutschland über alles"—«O, S u s a n n a, wie ist das Leben doch so schö n", und wie die herzerhebenden Leierkastenlieder alle hießen. Der Pfarrer dirigierte, denn was der Leiermann spielte, da« sangen seine begeisterten ÄricgervereinS« lente. Aber auch dieses„Konzert" erreichte seinen Zweck nicht— die Polenversammlunz hielt dein Spektakel stand und tagte weiter. Schließlich unternahm der geistliche Feldherr einen letzten Vorstog gegen die Gegner, indem er in eigener Person-auf ihrem Versammlungsplatz erschien, bewaffnet mit Notizbuch und Bleistift. Die Polen vermuteten, dag er zu Denunziationszwecken Notizen mache, nahmen ihn beim Kragen und führten ihn zu seiner heulenden Truppe zurück. Zum Schluß sangen die fromme» polnischen Versammlungsbesucher ein Kirchenlied. Kaum waren die ersten Töne erlluugen, da gab der Pfarrer dem Leiermann den Befehl, ebenfalls loszulegen. Der Priester fuchtelte mit Hut und Stock den Takt zu der lustigen weltlichen Weise, während drüben seine polnischen Pfarrkindcr mit entblößten Häuptern ihr Mariculied zu Ende sängen." Soweit die polnischen Zeitungen über das merkwürdige Sonn- tagsverguügen des Krzanowitzer Pfarrherrn. Wir Sozialdemokraten staunen darüber nicht— tvir kennen die skrupellose Art zur Genüge, in der Zentrumspriester kämpfen. Reichsdeutscher Mittelstandstag. In Braunschweig wurde gestern der zweite Reichsdeutsche Mittel- standstag unter starker Beteiligung von Mitgliedern aus allen Teilen des Reichs durch den Vorsitzenden, Bürgermeister Dr. Ebcrle aus Nossen mit einer programmatischen Ansprache über des„Mittelstandes Notlage" eröffnet. Vertreter hatten entsandt von den Behörden des Reichs das ReichSamt des Innern und das Reichspostamt, vom preußischen Staate das Ministerium der öffentlichen Arbeiten und die Zentral-Genoffeuschaftskasse, ferner das braunschweigische Ministe- rium und die lgl. sächsische Staatsregierung, welche alle die Förde- rung des Mittelstandes in Aussicht stellten. Huldigungstelegramme wurden abgesandt an den Kaiser, den König von Sachsen und den Regenten des Herzogtums Braunschweig. Ter Nationallibernlisinns in Württemberg. Auf der Landesversammlung der natronalliberalen Partei Württembergs bekundeten alle Redner eine scharfe Abneigung gegen eine Großblockpolitik nach badischein Muster, weil in Würtleniberg die Gefahr einer schwarz-blaueu Mehrheit nicht vorhanden sei. Der geeinigte Liberalismus sNationalliberale und Volkspartei) müsse bei den komnienden Landtagswahlen den Kampf gegen die Sozial- demokratie mit einer ganz außerordentlichen Schärfe führen._ Auf Urlaub. Der durch den Fall Knittel so unrühmlich bekannt gewordene Bezirksoffizier, Hauptmann Kammler in Rybnik ist auf 45 Tage beurlaubt worden. Damit steht nach militärischen Gepflogenheiten seine Verabschiedung bevor._ Abgewimmelt. Der konservative preußische Landtagsabgeordnete Rahardt, der jüngst auf der.Tagung deutscher Haudwerkerkammern in Würz- bürg einen Zusamnienstoß mit den RegierungSvertretern hatte, hat seine Aemter im Hansabund und in der Miltelstandsvereinigung niedergelegt. Natürlich wird versichert, daß dieser Rücktritt voll- ständig freiwillig erfolgte._ Laudtagsersatzwahl in Schlensingen-Ziegcnrück. Bei der heutigen Landtagsersatzwahl ini Wahlkreise Schleusingen- Ziegenrück für den verstorbenen Landtagspräsidcnten Frhrn. v. Erffa erhielten Landrat Wagncr-Sckleusingen sKons.) 135 Stimmen, Kauf- mann Dörr-Suhl sNatl.) 67 Stimmen. Landrat Wogner ist gewählt. V!e SrcigmClc m der Ciirkci. Abbruch der Friedensverhandlungen? Konstantinopel, 16. September. Nachrichten aus authen- tischer Quelle besagen, bcr letzte italienische Vorschlag bei den Friedensverhandlungen sei dahin gegangen, die Türkei erkläre die Unabhängigkeit Libyens und gebe ihre dortigen Interessen dadurch auf. Italien werde sich dann mit den Eingeborenen verständigen. Die Pforte soll diesen Vor- schlag für unannehmbar erklärt haben. Es verlautet, daß die ottomanischen Delegierten Lausanne verlassen haben. Die Kriegsagitation in Bulgarien. Sofia, 16. September. Der Vollzugsausschuß der m a- zedo irischen Vereine in Adrian opel berief hier für gestern vormittag eine große Volksversammlung zur Er- örternng des gegenwärtigen Standes der mazedonischen Frage ein. Die einzelnen Redner betonten, der Krieg sei für das bulgarische Volk notwendig, nicht um Eroberungen zu machen, sondern um seine Lebensinteressen zu wahren. Es ereignete sich kein Zwischenfall. Die Lage in Albanien. Koustantinopel, 16. September. Die jungtürlische Presse der- öffentlicht fortgesetzt beunruhigende Nachrichten über die Lage in Albanien. Wie Terdjumani Hakikat berichtet, versuchten die Auf- ständischen, eine zwischen Tirana und Durazzo gelegene Ortschaft anzugreifen, wurden jedoch zurückgeschlagen. Sie hatten 4 6 Tote und 80 Verwundete. Jn Slutari wurden mitten auf dem Markte zwei Gendarmen getötet und ein Major schwer verwundet. Aus den an der montenegrinischen Grenze gelegenen Ortschaften sind zahlreiche Beamte nach Skutari geflüchtet. Aus der Cyrenaika. Rom, 15. September.(Meldung der Agenzia Stcfani.) General Briccola. der Kommandat des BesatzungskorpS in der Cyrenaika. meldet durch Funkspruch aus Derna unter dem 14. d. MtS.: Am Morgen besetzte General R e i s o l i eine starke Stellung. die die Gegend von Kasr el Lebo» und weiterhin die Straße nach Sidi Lzi beherrscht. Der Besetzung ging ein Kampf mit starken feindlichen Abteilungen voraus, denen durch Gewehr und Geschütz- seuer starke Verluste zugefügt wurden. Die Befestigung der ein» genoinmencn Stellung ist sofort in Angriff genommen worden. Die V e r l u st e der Italiener, die trotz der großen Hitze zahlreiche Be- weise hervorragender Widerstandskräfte lieferten, betrugen drei Tote und zehn Berwuudete. Griechische Unruhen auf Samos. Koustantinopel, 16. September.(P.-G.) Wie der..OSmanische Lloyd" aus SamoS evfährt, griff eine gut bewaffnete giicdEstfche Bande den Flecken Maradhon-Kampos an. Es kam zu einem erbitterten Kampfe zwischen ihnen und der türkischen Besatzung, wobei es eine Reihe Toter und Vcrwundeter gab. Mau befürchtet, daß der Aufstand sich greifen werde. Oetterreick-dngarn. ParlameutSeröffumig hinter Militärkordon. Budapest, 15. September.(Eig. 23er.) Das ungarische Abgeordnetenhaus nimmt am 17. Sep- tembcr nach einer zehnwöchentlichen Pause seine Tätigkeit Wieder aus. Dieselbe bestand im Monat Juni darin, daß ein M i l i t ä r k o r d o n daS HauS umschloß uud mir Abgeordnete der Regierungspartei passieren ließ, daß die Polizei täglich zweimal in den Sitzimgssaal einmarschierte und die opposi- tionellen Abgeordneten hinauswarf. Nachdem so die Vor- bcdingungcn einer ersprießlichen parlamentarischen Arbeit 1 für die von dem Grafen T i s z a und dem Ministerpräsidenten L u k a c s geführte Regierungspartei hergestellt wurden, ging es an die„Gesetzcsfabrikation". Ueber Budapest war der Be- lageruugszustand verhängt, Militär und Gendarmerie besetzte alle öffentlichen Gebäude, an den größeren Plätzen und Knotenpunkten des Verkehrs kampierten feldmäßig aus- gerüstete Soldaten. Die Versammlungsfreiheit war auf- gehoben, die Presse wurde verfolgt, das sozialdemokratische Organ„N�pIzava" tagtäglich konfisziert und sein Verschleiß auf Straßen, Bahnhöfen, Tabaktrafiken verboten. Der Vor- wand, unter welchem der Absolutismus seinen Einzug hielt, hieß: Herstellung der Arbeitsfähigkeit des Parlaments, Gel- tendmachung des parlamentarischen Majoritätsprinzips gegen die Revolte einer unbotmäßigen Minderheit. Der wahre Grund aber war ein ganz anderer: es war ein verzweifelter Versuch, durch einen Staatsstreich den Vormarsch des allgemeinen Wahlrechts zu hindern und die arg gefährdete Adelsherrschaft zu retten. Nun ist die Obstruktion niedergeworfen, aber mit ihr wurden auch alle Grundlagen ddr Rechtsordnung erschüttert; die Rechtmäßigkeit der auf dieser Weise gebrachten Gesetze wird überall angezweifelt. Das Klassenparlament ist ge- schändet, emicdrigt, aber der Ruf nach dem allgemeinen Wahl- recht ertönt lauter und niächtiger als je zuvor. Der gegen das allgemeine Wahlrecht geplante Staatsstreich rückte das Wahlrechtsproblem erst recht in den Mittelpunkt des polittschen Kampfes, der in dem Momente des Zusammentretens des Abgeordnetenhauses ausschließlich von diesem beherrscht wird. Die oppositionellen Parteien haben unter dem Drucke des proletarischen Anfstandes vom 23. Mai ihren alten Wider- stand gegen die Forderung der Arbeiterschaft wenigstens teil- weise aufgegeben und einem Wahlrcchtsentwurf zugestimmt, der zwar nicht das allgemeine Wahlrecht im europäischen Sinne enthält, dem größtem Teile der industriellen Arbeiter- schaft das gleiche, geheime, direkte und gemeindewcise Wahl- recht aber trotzdem verleiht. Die Regierung und ihre Gefolgschaft fanden aber auch noch diese Lösung der Wahlrechtsfrage zu radikal und möchten ein noch engherzigeres Wahlrecht schaffen. Das nächste Ziel des nun wieder heftiger einsetzenden politischen Kampfes ist, die Regierung und ihr wirkliches Haupt, den Grafen Tisza, zu stürzen, nicht nur weil sie die Urheber des Staatsstreiches sind, sondern weil sie den reaktionärsten Standpunkt in der Frage des Wahlrechts vertreten. Solauge Lukaes ungarischer Ministerpräsident und Tisza Präsident des Abgeordnetenhauses ist, wird das ungarische Abgeordnetenhaus keine normale Tätigkeit leisten. Die oppositionellen Abgeordneten werden alles aufbieten, um ein normales Funkttonieren des Rumpfparlamentes unmöglich zu machen und die regierende Bande dazu zwingen, entweder mit Bajonetten oder gar nicht ihre Geschäfte weiter zu führen. Und so wird das durch den Tisza geschändete aus in der nun beginnenden ganz kurzen Tagung der chauplatz von heftigen Kämpfen und Skandalen sein. Die Polizei rüstet heute schon fieberhaft für den 17. September, die Gendarmerie wird aus dem ganzen Lande nach Budapest beordert, in den Kasernen steht ein großer Teil der Garnison in Bereitschaft— nette Vorbereitungen für den Beginn der Tätigkeit einer gesetzgebenden Körperschaft! Die Situation ist jetzt auf diesen Gegensatz gestellt: entweder wird auf der Grundlage eines deniokrattschen Wahlrechts, nach der Entsernung der beiden Missetäter der Friede mit der Opposition geschlossen oder es wird das Säbelregiment zum System erhoben. was aber in dem heutigen Ungarn, mit seiner mächtig aufstrebenden Arbeiterschaft für die Dauer unniöglich ist. Ungarn geht schweren Kämpfen und bewegten Tagen entgegen, in denen bei der Entscheidung die sozialdemokratische Arbeiterschaft ein gewichtiges Wort mit- sprechen wird. Die Verfolgungen haben unsere Partei ge- stärkt: die„Nepszava" gewann seit dem Juni beinahe 10000 neue Abonnenten, und eine Sammlung, die für die Opfer des 23. Mai veranstaltet wurde, ergab 100000 Kronen! Dies sind Zeichen, die uns mit Zuversicht erfüllen, und es ist ganz bestimmt, daß das ungarische Proletariat, welches am 23. Mai einen so überwältigenden Beweis seiner Kraft, seines Mutes und seiner Opferfrcudigkeit gab, auch in den kommenden Kämpfen seinen Mann stellen wird. fraiikreicb. Der Kampf der Lehrer. Paris, 16. September. Der Verband der Lehrer- syndikate erklärt in einem von 18 Syndikaten unterzeichneten Aufruf, daß er durch sein Eintreten für den Lou äu voläat, für den allgemeinen Arbeitcrverband und für den unschuldig verurteilten Soldaten Rousset weder eine autipatriotische noch eine antimilita- ristische Kundgebung, sondern nur feine Gemeinschaft mit der Arbeiterklasse betätigt habe. Der Verband kündigt sodann an, daß er dem von der Regierung erlaffenen AuflösungSbcfehl entschiedenen Wider st and entgegensetzen werde, vor allem, um die verweltlichte Schule zu stützen und den Rückschrittlern die Stirn zu bieten, die bereits lärmend triumphiertrn. Afrika. Ein Arbeitersicg in Südafrika. Bei einer Provinzialratswahl in Johannesburg, der Hauptstadt des Goldminengcbietes im alten Transvaal, wurde der Arbeiterkaudikat Bernberg mit 1251 Stimmen gegen den unionistischen Kandidaten, der nnr 616 Stimmen erhielt, gewählt. Man hatte den Sieg des Arbeiters er- wartet, nicht aber eine so große Mehrheit. Em der Partei. Eine Glanzleistung der reaktionären Burcankratie. Im Kreise Wittenberg(Provinz Sachsen) haben dieser Tage zwei Dokumente das Licht der Welt erblickt, die die hochnäsige und bornierte Art illustrieren, mit der Junkertum und Bureaukraiie noch immer iu Preußen das arbeitende Volk glauben behandeln zu köimen. In Ä c in b e r g wurde dem Gewerksäiaftskartell von dem Bürger- meister ein Gcwcrkschaftsfcstzug verboten mit der Begründung, daß die„öffentliche Sicherheit" insofern gefährdet sein würde, „als die beteiligten Kinder. da sie bei entstehenden R e i- bereien oder Schlägereien am meisten zu leiden haben werden, er fa h ru n g s ge m äß I in kopfloserVer wirrung sich und andere, auch eventuell die Zuschauer, an der Gesundheit schädigen. Im übrigen wird der geplante Umzug, dessen b e- sondere Berechtigung nicht anerkannt wird, durch Verschärfung der Parteigcgcusätze die Gemüter erhitzen, was die öffentliche Sicherheit gefährden dürfte." Wurde diese VerbotSbcgrüudung damals mit Recht eine Be- leidiguug der Arbeiterichaft genannt, so bleibt sie doch ein sanfter .Backenstretch gegenüber den Faustschlägcn, die der L a II d r a t von Trotha-Wittenberg, bei dem Beschwerde eingelegt war, der Arbeiterschaft in seinem Antwortschreiben versetzt. Der Herr schreibt nämlich: Auf die Beschwerde vom 14. August eröffne ich Ihnen, daß nach den angestellten Ermittelungen der öffentliche Aufzug, für den Sie die Genehmigung der Polizeiverwaltung in Kemberg nach- gesucht hatten, einer sozialdemokratischen Demonstration dienen sollte.. �, Die Polizeiverwaltung hat befürchtet, daß es aus Anlaß dieser Demonstration zu Schlägereien kommen könnte, in solchen nut Reckt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit erblickt und diese Gefährdung für um so schwerwiegender gehalten, als an dem Aufzuge auch Kiydcr teilnehmen sollten, für welche die bezeichneten Unzuträglich- keilen in besonderem Maße eine Gefahr bedeutet haben würden. Sie hat deshalb den Aufzug verboten. Es ist dies nur zu b i l l i g e n; denn Demonstrationen wie die in Rede stehende bezwecken steis die Förderung der verbrecherischen, auf den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung, auf die Be- fcitiginig des Königtums und die Wchrlosmachung dcö Vaterlandes gerichtete» Bestrebungen der Sozialdemokratie. ES muß deshalb auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß sie in- folge der berechtigten, tiefen Erbitterung, die sie bei dem ehrenhaften, königstreu und patriotisch gesinnten. durch sie dreist herausgeforderte» und verhöhnten Teil der Bevölkerung hervorrufen müssen, zu Streitigkeiten zwischen dieser und den sozialdemokratischen Elementen führen, welche den öffentlichen Frieden in der von der Polizei- Verwaltung befürchteten Weise stören. Ich weise Ihre Beschwerde daher zurück. gez. v. Trotha. Ein Kommentar würde diesem echt borussisch-junkerlichen Mas die Wirkung nehmen. Wir wollen nur noch feststellen, daß in der Stadt Wittenberg, dem Wohnort dieses„Königlichen" Landrates. seit Jahren die Gewerkschaften ihren Umzug mit Erlaubnis der etwas.liberalen tsiädiischen Polizei unternehmen. Natürlich ist cS dabei stets friedlich und ruhig hergegangen. Das weiß der Herr Landrat aus dem Geschlechte derer von Trotha auch; aber in seinem landrätlichen Allmachtsbewußtsein hält er es für seine Pflicht, die Arbeiterschaft zu brüskieren._ Karl Rädel sendet uns folgende Erwiderung: Die Genossin R. Luxemburg veröffentlicht in der Samstags- nummer des„Vorwärts" eine Zuschrift, in der sie den Protest der Genossen Axelrod. Martynow, Trotzki, Siemkowski, Jgoveff und Schwartz gegen das außerordentliche Gericht, das mich verurteilt, als Racheakt der russischen Opportunisten gegen den radikalen polnischen Parteivorstand darstellt, der sie„mit eiserner Faust" niederhielt. Die eiserne Faust bei Seite gelassen, sei nur zu bemerken, daß der„Opportunist", Ge- nosse N. Trotzki. noch im Jahre 1910 ständiger Mitarbeiter der polnischen wiffenschaftlichcn Revue und russischen Angelegen- hctten, und daß der Genosse Siemkowski noch im Jahre 1911 dieselbe Rolle in unseren legalen Zeitschriften spielte. Jetzt ruhen sie sanft im opportunistischen Orkus. Was die Erklärung der Genossin Luxemburg über die ihr unbekannten politischen Differenzen zwischen mir und der polnischen Parteileitung anbetrifft, so macht sie in demselben Augenblick, wo sie zugestehen muß, daß ihr«in Artikel von mir noch aus dem Fahre 1910 be- kannt ist, in dem ich gegen die Gewerkschaftstaftik des polnischen P.V. austrat, die auf die Aufrechterhaltung der Spaltung in der polni- schen sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung herausging, selbst in der Periode des schwierigen Wicderbaus der von der Konter- Revolution zertrümmerten Organisationen. Daß der Genossin Luxemburg nichts bekannt ist von den weiteren scharfen Auscin- andersetzungen zwischen mir und den Leitern der Partei in dieser Frage und der der Vereinigung mit dem linken Flügel der P. P. S., ist erklärbar dadurch, daß die Genossin R. Luxemburg in ihrem durch zwanzigjährigen Aufenthalt im Ausland berechtigten Wider- willen zum Emigrantentum an den vertraulichen Parteidiskussionen nicht teilnahm, und daß es zu einer öffentlichen Austragung der Differenzen nicht kam, weil die wifienschaftliche Revue der Partei seit über zwei Jahren nicht erscheint. Zum Schluß möchte ich feststellen, daß die polnischen Emi- granten und Studenten, die gegen die an das Faustrecht so sehr erinnernde Art, wie meine Angelegenheit behandelt worden ist, protestieren, der Genosse Z. Leder ist, Mitglied des polnischen P. V. sejt 1909, Genosse C. H a n e ck i, Mitglied des polnischen P. V. seit 1902, Genosse A. M a l e ck i, Mitglied des polnischen P. V. seit 1906, Genosse K rak u s. Sekretär unserer legalen Redaktion, Genosse D a l s k i, einer der Wiederherstcller unserer Organisation im Jahre 1901, Genosse Aleks ander, Leiter unserer Militänooganisation. Daß diese Genossen vor Jahren die Universität besuchten, und daß sie nach Abbüßung langer Ge- fängnisstrafen sich im Auslande befinden, ist zwar eine große Sünde, aber sie wird dadurch gemildert, daß ein Doktortitel auch zu den Lorbeeren der Genossin Luxemburg gehört, und daß Südende sich auch nicht in Russisch-Polen befindet. Mich mit den Mitgliedern des polnischen P. V. in den Ver- diensten um den polnischen Marxismus zu messen, brauche ich nicht, aus Rücksicht auf die viel kürzere Zeit, in der ich die Ehre hatte für ihn einzutreten, wie auch in i>er Hoffnung, daß ich das Ver- säumte nachholen werde, trotz meiner„Entlarvung". Karl Radek. » I' Wir geben diese Zuschrift mit dem Bemerken wieder, daß die „Bremer Bürgerzeitung" bis heute ihren Lesern von der Ein- sendung der Genossin Luxemburg keine Kenntnis gegeben hat. Wir haben daher Verständnis für das Bedürfnis Radcks in unserem Blatte zu antworten, da ja sonst die Genossen in Bremen erfahren müßten, wie sie informiert werden. polizeiUcbcB. Gerichtliches ufw. Kein Wahrheitsbeweis? Am 18. März d. I. veröffentlichte die»Schleswig- Holsteinische Volkszeitung" in Kiel eine Notiz aus Itzehoe. Es wurde darin behauptet, der Polizist Däne hätte einen epileptisch veranlagteii Menschen, der einen Anfall hatte und am Boden lag, mit Fäusten bearbeitet, und der Kontrolleur G a s s a u von der Wach- und Schließgesellschaft hätte den kranken Mann mit der Faust auf den Kopf geschlagen. Beide Beamte fühlten sich beleidigt und erstatteten gegen den verantwortlichen Redakteur der„Volkszeitung", den Genossen Bielenberg, Anzeige. Die Staatsanwaltschaft erhob auch prompt die Anklage. Eine ausgedehnte Beweisaufnahme ergab, daß einige Zeugen unter ihrem Eide bestätigten, daß der kranke Mensch von den Beamten mit Fäusten mißhandelt worden ist. Ein VerwaltimgSsekretär und ein Kaufmann haben ferner gesehen, daß bei dem Vorfall Fäuste auf und nieder sausten. Sie haben aber nicht gesehen, wohin die Schläge trafen. Die Beamten, einige Schüler und ein Arbeiter vom Militärproviantamt bestritten, daß der Kranke mißhandelt worden sei. Der Polizist habe den Mann nur auf die Hand geschlagen, damit dieser seine Pelerine loslassen sollte. Das Schöffengericht in Kiel hielt den Wahrheitsbeweis nicht für erbracht und verurteilte unseren Genossen zu 150 Mark Geld- strafe event. 15 Tage Gefängnis. In der Urteilsbegründung führte der Borsitzende aus, daß das Gericht den Aussagen zweier Zeugen, die eidlich die Behauptungen des Artikels bestängt hatten, nicht folgen könne,_ weil diese Zeugen im Verdacht ständen, irgendwelche Verbindungen mit dem Artikel zu haben. Genosse Bielenberg hatte aber ausdrücklich erklärt, daß die beiden Zeugen gar nichts mit dem Artikel zu tun haben. Der Vorsitzende folgerte aber so: Irgendeiner müsse doch den Artikel veranlaßt haben. D i e beiden Zeugen sind Parteigenossen des An- geklagten, deshalb falle der Verdacht auf sie. Recht bezeichnend ist auch folgende Aeußerung des Vorsitzenden in der Urteilsbegründung: Das Gericht habe dem Angeklagten straf- mildernd angerechnet, daß er nun einmal als Redakteur der Zeitung einer bestimmten Partei alles ein- seitigbeurteilt. Deshalb sei auch von einer Freiheitsstrafe abgesehen worden. GewerkfcbaftUcbcQ. BcbördUch sanktionierter dnternekmer- terrorismus. In der Zwangsinnung der Bäckermeister in Magdeburg spielen sich eigenartige Vorgänge ab. Diese Unternehmer- Vereinigung hat anläßlich der Lohnbewegung der Gesellen in diesem Jahre beschlossen, daß solche Jnnungsmitglieder, die mit deni Zcntralverband der Bäcker und Konditoren in ein Vertragsverhältnis eintreten, täglich in eine Ordnungsstrafe von 20 M. genommen werden. Durch das Urteil des Ober- landesgerichts in Naumburg wurden Streik und Boykott als erlaubte Kampfmittel bezeichnet und der Antrag der klagenden Bäckermeister, den Beklagten die Veröffentlichung der tarif- treuen Betriebe zu untersagen, wurde abgelehnt. Trotzdem fordert die Zwangsinnung von den Mitgliedern, die als tariflich veröffentlicht werden, die nach ihrem Beschluß fälligen Ordnungsstrafen ein und droht bei Nichtbezahlung der Beträge mit Zwangsvollstreckung. Diese bestraften Jnnungsmitglieder wendeten sich schließ lich beschwerdeführend an den Magistrat der Stadt Magde bürg. Sie wurden jedoch abgewiesen mit der Trostspenduna, daß der Magistrat bereit ist, eine Erniäßigung der Strafe sowie Bewilligung von Ratenzahlungen anstreben zu wollen. Ein eigenartiges Schauspiel. Mitglieder einer Unter nehmer-Zwangsorganisation werden unter Beihilfe der Aus sichtsbehörde deshalb bestraft, weil sie eine straffreie Tat be gingen, nämlich weil sie mit der Arbeiterorganisation Tarife vereinbarten. Obwohl noch niemals entschieden wurde, daß Mitglieder einer Zwangsorganisation Tarifverträge nicht ab schließen dürfen, werden solche Unternehmer, die derartige Ver träge abschließen, unter Zustimmung der Aufsichtsbehörde von einer Zwangsinnung bestraft. Nach einer bisherigen noch nicht vollständigen Zusammen stellung betragen die unter Zustimmung und Hilfeleistung des Magistrats der Stadt Magdeburg eingeforderten ungeheuren Geldstrafen die Summe von 12000 Mark. Die Folge der Zwangsvollstreckungen tvird unfehlbar der Ruin vieler Klein- Meisterexistenzen sein. Und dieser unerhörte Terrorismus wird von einer Handwerkerorganisation unter Beihilfe der Behörde ausgeübt, weil einige Jnnungsmitglieder den Arbeitern mehr Luft und Licht gönnten. Welches Geschrei würden die Schars macher erheben, wenn sich dieser Vorgang in einer Arbeiter organisation abspielen würde? Berlin und Umgegend. Zuckerbrot und Peitsche. Eine besondere Luft weht auch aus dem Erlaß, welchen die Firma Borsig in Tegel aus Anlaß ihres 75 jährigen Bestehens den Beamten und Arbeitern als eine besondere Gnade übermittelte. Der Anschlag lautet: Aus Anlaß des 75jährigen Bestehens unserer Firma haben wir uns zu einer Reihe von Aufwendungen für unsere Beamten und Arbeiter entschlossen. 1. Außer den bisherigen Aufwendungen für arbeitsunfähige oder sonst in Not geratene Beamte und Arbeiter und deren An- gehörige haben wir jährlich 20 000 M. für diesen Zweck ausgesetzt. 2. Alle Beamten, die mindestens 5 Jahre ununterbrochen bei uns beschäftigt sind und ein Gehalt bis 3600 M. beziehen, er- hallen, wenn verheiratet, einen vollen lvlonatsgehalt, die unvcr- heirateten die Hälfte. Alle Beamten, die ein Gehalt von 3600 bis SOOO M. beziehen, erhalten die verheirateten 300 M., die un- verheirateten die Hälfte. 3. Alle Arbeiter, die 15 Jahre und darüber bei uns ununter- brachen beschäftigt sind, erhallen 50 M. Alle Arbeiter, die un- unterbrochen 5—15 Jahre bei uns arbeiten, erhalten ein Geschenk nach Maßgabe der beschäftigten Jahre. Dann wird noch angekündigt, daß die Arbeiter, die 25 Jahre beschäftigt sind, zu ihrer Jubiläumsfeier statt 95 M.— 100 M. erhalten. Weiter heißt es: Alle Arbeiter, die 7—15 Jahre ununterbrochen beschäftigt sind, erhalten drei Tage Urlaub unter Fortzahlung des durchschnittlichen Tagelohnes des letzten Jahres, den die betreffenden verdient haben. Die über 15 Jahre Beschäftigten erhalten sechs Tage Urlaub unter denselben Bedingungen. Auffällig ist in dem Erlaß, daß die Beamten und Meister, die über fünf Jahre beschäftigt sind und bis 3600 M. beziehen, einen vollen Monatsgehalt erhalten, die Arbeiter erst nach 15 Jahre» und darüber— 50 M., die Arbeiter von 5—15 Jahren je nach Dauer ihrer Beschäsligung; diejenigen, die ununterbrochen fünf Jahre dort sind, erhalten ganze 5 M., für sechs Jahre — 6 M. Die über sechs Jahre Beschäftigten sind außerordentlich dünn gesät. Aus welchem Grunde, das werden wir gleich sehen. In jedem Satze des Anschlags finden wir das Wörtchen„ununler- bvochen". Dieses Wörtchen macht den Wert der„Aufwendungen�, wie die Herren v. B o r s i g sich in ihrem Erlaß ausdrücken, illusorisch. Ende vorigen Jahres waren die Former. Dreher und Fräser im Streik. Alle daran Beteiligten erhalten nichts, weil sie als„neu eingestellt" betrachtet werden, wenn auch ein Teil zehn bis zwanzig Jahre und darüber beschäftigt ist. Dann haben im Jahre 1906 über zwei Drittel der bei Borsig beschäftigten Arbeiter den 1. Mai gefeiert und werden infolgedessen als„neu- eingestellt" geführt. Beim letzten Streik wurde von dem Herrn V. Borsig erklärt, daß keine Maßregelungen vorgenommen würden. Sind dies nicht indirekte Maßregelungen? Wenn man bedenkt, wie viel von dem Drittel der am 1. Mai 1906 im Betrieb Ge- bliebenen mit der Arbeit gewechselt haben oder gestorben find, so bleiben wohl herzlich wenig übrig, die fünfzehn Jahre und darüber„ununterbrochen" bei Borsig beschäftigt sind. Dann der Urlaub. Die!906 den 1. Mai gefeiert haben, sind— soweit sie nicht am Streik beteiligt waren— ja im nächsten Jahre wieder sieben Jahrr dort, diejenigen, die im vorigen Jahre mitgestrcilt haben, müssen noch sechs Jahre warten. Und hier zeigt sich das Verderbliche des ganzen Systems: Wer es wagt, wider den Stachel zu löken und sich nicht alles gefallen läßt, wer die Arbeit niederlegt, um bessere Arbeitsbedingungen zu erringen oder das Errungene zu erhallen, gehl der Vergünstigungen verlustig, weil er ja als wieder„neu eingestellt" bei Aufnahme der Arbeit geführt wird. Aus all dem ist wohl zu ersehen, mit welchem Maße ge- messen wird: Für die Fügsame» und Beamten Zuckerbrot, für die Arbeiter die Peitsche. Tie in den Schraubenfabriken beschäftigten Automateneinrichter und Einrichter an Einzclbänken beschäftigten sich am Sonntag in einer Versammulng mit den gegenwärtigen Lohn- und Arbeits- bedingungen. Handle gab eine kurze Uebersicht von der seinerzeit erfolgten Lohnbewegung und ihres Resultats, um dann den gegen- wärtigen Stand der Lohnbeträge in den einzelnen Betrieben zu besprechen. Er stellte fest, daß die Akkordpreise in jeder Fabrik anders seien und für dieselben Arbeitsleistungen die größte Un- gleichheit in der Entlohnung besteht. Des weiteren ging Redner auf das sogenannte„Maschincndurchlaufen" in einzelnen Betrieben ein. Es ist damit die ununterbrochene Tätigkeit der Automaten auch während der Ruhepausen gemeint. Es wurde u. a. bei den seinerzeit gepflogenen Verhandlungen mit der Firma Butzke ver- einbart, daß die Automaten durchlaufen könnten, die Arbeiter aber dafür eine lOprozentige Zulage erhalten sollten. Nun verlangten die Arbeiter in diesem Betriebe später wiederum die Ausschaltung der Automaten während der Pausen, und es kam in dieser Fabrik dieserhalb zu einem zweiwöchigen Streik. In anderen Betrieben dagegen laufen die Automaten auch durch, jedoch erhalten die be- treffenden Arbeiter dafür eine Stunde mehr und diese als Ueber- stunde vergütet. Redner vertrat den Standpunkt, daß im Interesse beider Parteien eine einheitliche Regelung dieser Frage stattfinden müsse. Entweder laufen die Maschinen in allen Betrieben durch und alle Arbeiter erhalten dieselbe Vergütung, oder aber die Auto- maten haben während der Pausen überall stille zu stehen. In der Diskussion wurde die ungleiche Entlohnung darauf zurückgeführt, daß der eine Arbeiter mehr Automaten bedient wie der andere; während von anderer Seite der Verschiedenartigkcit der übertragenen Arbeiten die Schuld beigemessen wird. Bei der Firma Butzke, die hauptsächlich für die Mißstände in Betracht kommt, sind, sage und schreibe, 12 oder noch mehr Lehrlinge be- schäftigt. Die Lehrlingszüchterei nimmt in dieser Branche über- Haupt schlimme Formen an. und das Bedauerlichste dabei ist, daß diese jungen Leute unzureichend und einseitig ausgeblidet iverden und ihre erworbenen Kenntnisse in der Regel später gar nicht ver- werten können. Neben dem Lehrlingswesen steht auch das Schieber- Wesen in hoher Die Versammlung beschloß auf Vorschlag H a n d k e s, daß die Arbeiter aus jenen Firmen, wo das Durchlaufen üblich ist, in nächster Zeit in einer Versammlung entsprechende Maßnahmen betreffs einheitlicher Abschaffung dieses Mißstandes zu treffen haben. Desgleichen sollen Werkstubensitzungen stattfinden für jene Firmen, bei denen die Arbeiter so schlecht entlohnt werden. Die Frage der Regelung von Lohn- und Arbeitsverhältnissen in der Emaillebranche stand auf der Tagesordnung einer V e r s a m m- lung der Emaillierer, welche am Sonntag im Gewerk- schastshause tagte. In einer früheren Versammlung sind Wünsche auf Regelung der ungünstigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Branche laut geworden. Ueber die herrschenden Zustände sind nun Feststellungen gemacht worden, über deren Ergebnis jetzt B e h- r e n d einen Ueberblick gab. Die höchsten Schichtlöhne sind 4 bis 5 M., und das bei einer Schicht von 11 S t u n d en. Als Höchst- löhne kommen auf die Stunde 40, 45 und 50 Pf. Als niedrigste Schichtlöhne kommen 3,50 M. in Frage. Tie Arbeiterinnen(Aus- trägerinnen) haben Löhne von 2 M., 2,30 M. bis 2,50 M. Solche Löhne wie in der Emaillebranche sind kaum noch in einer anderen Branche der Metallindustrie zu verzeichnen. Ein anderer Uebel- stand ist das vielfach grassierende Ueberstundenwesen. Es ist in einer Anzahl Betriebe vorgekommen, daß die Achtstundenschicht in eine Zwölfstundenschicht durch Zulegung von Ueberstunden umge- modelt worden ist. Und das, obwohl die Arbeit am Ofen in der dort herrschenden Hitze eine sehr anstrengende ist. Eine Zeitlang sind deswegen öfter Differenzen vorgekommen und man hat auch die Zwölfstundenschicht in einzelnen Betrieben wieder zurück- gedrängt. Der Versuch, die Schichten auszudehnen, wird aber stets aufs neue gemacht. Die Kollegen, deren Vertrauensmänner kürz- lich zusammengekommen sind, verlangen Abschaffung der Schicht- löhne und Einführung von Stundenlöhnen, die so bemessen sein sollen, daß auch bei einer kürzeren Schichtdauer verdient wird, was zum Leben notwendig ist. Man will auch versuchen, durch prozen- tuale Zuschläge für Ueberstunden- und Sonntagsarbeit diese einzu- schränken. Es sind verschiedene Vorschläge dazu gemacht worden. Tie definitive Feststellung der gewünschten Lohnsätze usw. erfolgt 'päter. In der Diskussion wurden die mitgeteilten Tatsachen bestätigt. Ja, wie ein Redner betonte, daß sogar schon Schichten von 20 bis 24 Stunden vorgekommen seien. Es wurden noch verschiedene An- regungen laut für die Regelung der Verhältnisse im einzelnen. So ist es vorgekommen, daß beim Anheizen der Oefen durch eine Person Unfälle passierten. Das Anheizen sollen deshalb stets zwei Per- sonen besorgen. Ter Mangel an Verbandszeug hat sich wiederholt unangenehm bemerkbar gemacht. Auch l; rin soll Abhilfe geschaffen werden, sowie noch in manchen anderen Punkten. Zunächst dürfte ein Vorgehen in einer Anzahl bestimmter Betriebe in Frage kommen, wenn die Genehmigung der Verwaltung der Organisation erteilt wird. Die Versammlung wählte eine Kommission, die sich mit der Verwaltung des Deutschen Mctallarbciterverbandes(Orts- Verwaltung Berlin) in Verbindung setzen soll, um deren Zustim- mung zu einem entsprechenden Vorgehen nachzusuchen. In der Bonboil- und Schokoladenfabrik Seifert u. Haake, Lietzniannstcaße, ist es nun gestern fast einmütig zur Arbeitsnieder- legung gekommen, nachdem die Firma noch in letzter Stunde von der Verbandsleitimg unternommenen Vermittclungsversuch zurück- gewiesen hatte. Außer einigen Antreibern und etwa drei allen fast verbrauchten Arbeitern waren keinerlei Streikbrecher zu verzeichnen. Tie Zustände bei dieser Firma sind die schlimmsten des ganzen Berufes. Die Hälfle der Arbeiter, 30 an der Zahl, sind Arbeitsburschen unter 16 Jahren, die bisher bei täg- lich zehnstündiger Arbeit ganze neun Mark die Woche verdienlcn. Aber auch der Lob» der ältere» Arbeiter— Änfangs- lohn 18 M.— ist das niedrigste, waS in Berlin in dieser Industrie bezahlt wird. Es sind'Fälle zu verzeichnen, daß gelernte Arbeiter nach fünfjähriger und längerer Beschäfiigungszeit Höchstlöhne von 25 M. erzielten. Unter diesen Umständen ist eS zu verstehen, daß die Firma eifrigst bestrebt war, das Eindringen der Organisation in ihren Betrieb zu hindern, daß sie sogar schon als Strafe dafür, daß die Arbeiter Versammlungen besuchten, die Entlassung der betreffenden anordnete. Die Situation ist für die Streikende» außerordentlich günstig. Die Industrie befindet sich in der Hochkonjunktur! Einstweilen mutz die Firma Sarotti, Bellealliancestraße. Slreikarbeit liefern, das heißt Seifert u. Haake läßt sich Schokolade und Bonbons von dieser Firma kommen. Der Geist der Streikenden, einschließlich der Arbeitsburschen, die sich sämtlich dem Streik angeschlossen haben, ist ein überaus zuversichtlicher. Zuzug ist streng fern zu halten. Zentralverband der Bäcker und Konditoren. Bezirksleitung Berlin. Deutlcsiea Reich. Ter Kampf gegen den Zwangsarbeitsnachweis im Kreise Hagen-Zchwelm ist beendet. Die Unternehmer haben in eine Milderung der Satzungen des Nachweises willigen müssen. Der beendete Kampf bedeutet einen Erfolg der organisierten Arbeiter. Die Sperre der Gießereibetriebe hatte in den letzten Wochen derart gewirkt, daß eine Anzahl Betriebe ihre Produktion bedeutend einschränken mußten. Es kam deswegen am Donnerstag, den 5. Sep- tcmbcr, zu Verhandlungen. Diese verliefen resultatlos; sie hatten auch hauptsächlich nur den Zweck, zu prüfen, inwieweit die Be- schwerden der Arbeiter gegen die Handhabung des Unternehmer- Nachweises berechtigt waren. Selbst die Unternehmerkommission mußte einen Teil der Beschwerden als berechtigt anerkennen. Sie erklärte aber den Organisationsvertretern, sie sei nicht berechtigt, bindende Abmachungen zu treffen; sie wolle jedoch dafür eintreten, daß der Vorstand des Unternehmervereins erneut mit den Organi- sationsvcrtretern verhandle. Diese Verhandlungen fanden am 11. September statt und führten zum Frieden. Es wurde den Organisationen das Recht zugestanden, bei Be- schwerden der Arbeiter gegen den Nachweis diese vor der unpar- teiischen Beschwerdekommission zu vertreten.> Bisher konnte nur der Arbeiter selbst Beschwerden vorbringen. Ferner kann in Zu- kunft bei Ausbruch eines Streiks der Nachweis nicht willkürlich sämtliche Arbeitsuchende der bestreikten Firma zuweisen. Bei der- artigen Fällen tritt der Ausschutz und der Vorstand des Unter- nehmervereins zusammen, um den Streikfall zu untersuchen; zu diesen Sitzungen werden die Organisationsvcrtreter zugezogen. Ferner wurde der Z 12 der Satzungen einer Aenderung unterzogen. Derselbe bestimmte bisher, daß Arbeitsuchende, die sich auf den Nachwcisstellen ungebührlich betragen, 14 Tage gesperrt werden. Tie bestimmte Fassung wurde fallen gelassen und durch die Worte „kann 14 Tage gesperrt werden" ersetzt. Es wurde zugesichert, daß in Zukunft nicht generell 14 Tage gesperrt wird, sondern die Sperre soll auch mit 3 bis 4 Tagen erledigt sein. Bei allen derartigen Sperren ist der Nachweis auf Anfrage verpflichtet, den Organisa- tionsvertretern die Gründe, die zur Sperre führten, mitzuteilen. Die Beamten des Nachweises sollen nochmals angewiesen werden, den Arbeitern gegenüber in korrekter und höflicher Weise aufzu- treten. Matzregelungen aus Anlaß der Bewegung dürfen nicht stattfinden. Wenn, wie aus Vorstehendem ersichtlich, auch nicht alle Wünsche der Arbeiter erfüllt wurden, so sind die Arbeiterorganisationen doch ein gutes Stück weitergekommen. Die Sperre der Gießerei- betriebe ist hiermit aufgehoben; die Gießereiarbeiter können zurückkehren. Die Bewegung der Metallarbeiter im Köln-Mülheimcr Jndustriebezirk. Nachdem von 11 Firmen mit über 600 Beschäftigten die Forde- rungen der Arbeiter nahezu restlos bewilligt wurden und die Kom- missionsverhandlungen ergaben, daß der Arbeitgeberverband den Beschluß gefaßt Halle, bei der Verkürzung der Arbeitszeit nicht unter 57 Stunden pro Woche zu gehen, beschloß das Zentralkomitee den Hauptvorstoß gegen die beiden größten Betriebe, Humboldt, Köln- Kalk und Gasmotorenfabrik Köln- Deutz zu richten. Nach mehreren Versammlungen und Verhandlungen nahmen die Arbeiter der Firma Humboldt nachfolgende Zugeständnisse endgültig an: 1. EineregelmäßigeMinimalarbeitszeitvonö? Stunden pro Woche vermindert um die Wasch- und Rüstpausen von 6 mal 6(3 und 3) Minuten ist 36 Minuten, sodaß eine reine Arbeitszeit verbleibt von 56 Stunden 24 Minuten, beziehungsweise 56"/, Stunden. Die Einteilung der Arbeitszeit bleibt den Arbeitern überlassen. 2. Ueberstunden sind diejenigen Stunden, welche über die normale Arbeitszeit hinausgehen, für diese werden feste Zuschläge gewährt und zwar: für die ersten drei Ueberstunden am Tage 12 Pf. Von der vierten Stunde ab 15 Pf. Für Sonntagsarbeit 20 Pf. Die Lohnarbeiter erhalten den Zuschlag zu ihrem Stunden- lohn, die Akkordarbciter zu ihrem Akkord. 3. Für Nacht- und Wechselschicht werden 80 Pf. pro Schicht bezahlt. 4. Für die Verkürzung der Arbeitszeit von 2Vz Stunden pro Woche tritt für die Lohnarbeiter ein Ausgleich von'4,2 Proz. ein. Bruchteile werden nach oben abgerundet. Ist eS den Akkordarbeitern in der Zukunft nicht möglich, einen angemessenen Ver- dienst zu erreichen, so findet eine Nachprüfung der Akkord- sätze statt. Die Zugeständnisse der Gasmotorenfabrik Köln-Deutz find die- selben und kann man diese Zugeständnisse wohl als offizielle Zu- geständnisse des Arbeitgeberverbandes betrachten. ES dürfte wohl anzunehmen sein, daß die bei den vorbenannten maßgebenden Firmen erzielte Einigung insofern entscheidend für den Ausgang der Be- wegung ist, daß etwaige Kämpfe größeren Umfanges nicht mehr zu befürchten sind. Das Zentralkomitee der Arbeiter hat beschlossen, daß die obigen Vereinbarungen nunmehr als M i n d e st f o r d e- rungen für alle übrigen Betriebe gellen sollen und ist gewillt, auch mit den äußersten Mitteln für die Durchführung dieser Verein- barungen einzutreten._ Achtung, Maschinisten! Die Maschinisten der Fischdampfer von Bremerhaven, e e st e m ü n d e und Nordenham befinden sich in einer Lohn- bewegung. Die Maschinisten der Fischdampfer fordern eine gerechte Regelung der Löhne und ihrer Dienstverhältnisse. Nach Beschluß des Needervereins müssen die Maschinisten, die ihre Stellung bei einer Reederei aufgeben und bei einer anderen anfangen wollen, wieder zu dem niedrigsten Heuersatz anfangen.— Kein Maschinist lasse sich verleiten, nach benannten Orten Stellung auf Fischdampfern anzu- nehmen, auch dann nicht, wenn von den Fischdampferreedereien glänzende Angebote gemacht werden, da dieselben Angebote nicht von Bestand sind.___ Aussperrung in der Göppinger Textilindustrie. Bei der Firma W. B e tz u. Söhne hatten vor einiger Zeit zirka 30 Rollerinnen und Spulerinnen Lohnforderungen gestellt. Ihr seitheriger Tagelohn bewegte sich zwischen 2,50 und 2,80 M. Ob- wohl ihre Forderungen sehr minimal waren, lehnte sie die Firma ab, weshalb die Arbeiterinnen die Arbeit einstellten. Die Firma versuchte nun, alle organisierten Arbeiter auf die Straße zu werfen. Sie stellte an die Arbeiter das Ansuchen, einen Revers zu unter- schreiben, in dem sie erklären, nicht Mitglied des Textilarbeiter- Verbandes zu sein. Dies lehnten die Arbeiter jedoch ab. Jetzt kündigt die Bezirksgruppe Göppingen des Verbandes süddeutscher Textilarbeiter die Aussperrung aller im deutschen Textilarbeiter- verband organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen an. Man denke, wegen einer winzigen Lohnerhöhung von zirka 30 Arbeiterinnen sollen Tausende auf die Straße gesetzt, arbeits« und brotlos gemacht werden! An die Textilarbeiter und Arbeiterinnen geht hiermit die Aufforderung, Göppingen zu meiden. letzte Nachrichten. Reichstagsersatzwahl in Schlettstadt. Schlettstadt, 16. September.(W. T. B.) Amtliches Wahl- ergebnis. Bei der heutigen Reichstagsersatzwahl im dritten elsatz-lothringischcn Wahlkreis für den verstorbenen Zentrums- abgeordneten Dr. Will erhielten bei 16157 eingeschriebenen Wahl- berechtigten und 12 197 abgegebenen Stimmen Redakteur Dr. Haegh- Colmar(Elf. Zentr.) 7112, Gewerkfchastssekretär Jmbs-Straßburg (Soz.) 2759 und Weingutsbesitzer Andlauer-Schletfftadt(Fortsch. Volkspartei) 2306 Stimmen. Haegh ist somit gewählt. Bei der Reichtstagswahl am 12. Januar dieses JahreS erhielt der Zentrumskandidat 8492, unser Genosse 4065 Stimmen. Die fortschrittliche Volkspartei hatte keinen Kandidaten aufgestellt da sie bei der Wahl im Jahre 1907 nur 2091 Stimmen erhalten hatte. Die Friedensverhandlungen. Genf, 16. September.(W. T. B.) Die italienischen und tür- kischen Friedensunterhändler erklärten einem Mitarbeiter des „Journal de Geneve", sie hätten keinen Befehl zur Ab- reise von ihren Regierungen erhalten. Die Verhandlungen von Ouchy dauern fort. Beide Teile hegen den festen Wunsch, zu einer Einigung zu gelangen. Protest der Araber gegen die Friedensverhandlungen. Konstantinopcl, 16. September.(P.-E.) Ein Notabelnrat der Araber aus Tripolitanicn und der Cyrenaika richtete an die tür- kische Regierung ein Telegramm, in dem er gegen die F r i e- dcnsvorverhandlungen strengen Protest einlegt. In der Eingabe an die Hohe Pforte wird erklärt, daß der Friedens- abschloß nur auf Basis der vollständigen Auf- rechterhaltung der Rechte und der Souveränität der Türkei möglich sei. Die arabische Bevölkerung werde bis zum letzten Blutstropfen den Kampf fortsetzen; da sie volle Zuver- ficht auf eine ruhmreiche Beendigung des Feldzuges hege. Das Erdbeben am Marmarameer. Koststantinopel, 16. September.(W. T. B.) Wie Privatnach- richten melden, sind die Ortschaften, die bereits vom letzten Erdbeben heimgesucht waren, durch die neuerlichen Erdstöße voll st än- big zerstört worden. Nach den bisher vorliegenden Meldungen wurden drei Personen getötet und zwölf verletzt. Bei Ganos brachen plötzlich große Wassermengen hervor, die bald wieder verschwanden. In der Nähe von Myriophito hat sich der Boden um einen halben Meter gesenkt. Lerantw. Redakt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: IH.Glocke.Berl'n. Druck u.Verlag:VorwärtsBuchdr.u Verlagsanstalt PaulSingeräCo..BerlinL>V. Hierzu 4 Beilagen u.Unterhaltungsbt. Nr. 217. 29. Jahrgang. 1. KtilU des Jonrätts" ßttlintt WlksM Dienstag, 17. Zkptewber 1912. Sozlaldemohratif(l)er Parteitag. Massenversammlungen am Sonntagvormittag. Chemnitz, 13. September. In vielen Tausenden war die Arbeiterschaft von Chemnitz und aus dem ganzen Jndustriebezirk schon am heutigen Morgen nach den drei großen Lokalen geeilt, in denen Volkse Versammlungen stattfanden, in denen namentlich die aus> ländischen Delegierten zum Parteitag sprachen. Das un freundliche Wetter und der immer wieder einsetzende strömende Regen konnte nicht verhindern, daß sich nicht nur in den Sälen, sondern auch im Freien dicht gekeilte Menschenmassen ansammelten,� die immer wieder die Versicherungen der inter nationalen Solidarität des Proletariats mit begeisterten Ovationen aufnahmen. Alle Versammlungen waren wegen ihrer kolossalen Ueberfüllung von der Polizei abgesperrt worden, sogar die, die in dem großen Garten des Volks Hauses tagte. Hier überbrachte als erster Redner der englische Genosse Queich, Vertreter der Social Democratic Party die brüderlichen Grütze der englischen sozialistischen Arbeiter. In seiner, von dem Genossen Dr. Karl Liebknecht übersetzten Rede, erinnert er eingangs an das polizeiliche Mitzgeschick, da-Z ihm beim Jnternatio- nalen Kongretz in Stuttgart zugestoßen ist, wo bekanntlich unser englischer Genosse wegen einer Rede gegen die Kriegshetzer zum Verlassen des gastlichen deutschen Bodens gezwungen wurde. Die Versammlung nahm diese Reminiszenz mit jener verständnisinnigen Heiterkeit entgegen, die überall in sächsischen Proletarierversammlungen die Erwähnung polizeilicher Nadelstiche hervorruft. Queich gab dann seiner außerordentlichen Freude über das gewaltige Wachstum der deutschen Arbeiterbewegung Ausdruck und geißelte mit scharfen Worten das Treiben der Kriegshetzer in Deutschland und England. Auch wir eng- tischen Sozialisten werden mit Euch alles daran wenden, diese Volks- feindliche Jnteressenpolitik einer Handvoll Kapitalisten auf das schärfste zu bekämpfen. Genau so wie in Deutschland hat auch in England die Arbeiterklaffe nicht nur nicht das geringste Jntereffc au einem Kriege, werde er nun zu Wasser oder zu Lande geführt, sondern hier wie dort hat das Proletariat in Erkenntnis seiner dringendsten Interessen den entschlossenen Willen, alleS, was in seiner Macht steht, zur Verhinderung jeder Bölkcrschlächterci zu tun, von der höchstens die an der Lieferung von Kriegsmaterial und an der Zurückwerfung der Arbeirarbewegung durch den Chauvinismus interessierten Kapi- talisten Vorteile ziehen könnten. Immer wieder müssen wir den lügnerischen Ausstreuungen dieser Kreise entgegentreten, als ob die Völker einen Krieg wollten!(Stürmischer Beifall.) In überaus temperamentvoller Weise sprach nun Genosse Rouanet-Paris, Mitglied der französischen Deputiertenkammer und Redakteur unseres französischen Zentralorgans„L'Humanite"' Auch seine Rede wurde von Karl Liebknecht ins Deutsche übersetzt und auch der französische Genosse wandte sich mit aller Schärfe gegen dieTreibereien der Chauvinisten, die vor gar nicht allzulangcr Zeit die Völker diesseits und jenseits der Vogesen beinahe in einen Ver- nichtunaskrieg hineingerissen hätten. Wir aber, Deutsche wie Franzo>en. wissen und rufen es in die Welt, daß unbekümmert um Landesgrenzen die Herzen der Arbeiter zueinander gehören und für- einander schlagen. Wir Franzosen wissen, daß Ihr Deutsche so denkt und ich kann Euch versichern, daß unsere französischen Arbeiter, soweit sie der stets wachsenden sozialistischen Bewegung angehören, genau dieselbe Gesinnung für Euch hegen. Sie senden Ench brüder- liche Grüße und wünschen Glück und Gedeihen der großen deutschen Sozialdemokratie.(Brausender Beifall.) Nun ergriff, mit einer stürmischen Ovation begrüßt, Reichs- und Landtagsabgeordneter Genosse Dr. Karl Liebknecht daS Wort, um in kurzeil Sätzen— der Regen setzte mit vergrößerter Wucht ein— den beiden Vorrednern namens der deutschen Arbeiter und namens der Partei herzlich zu danken. In allen Ländern sind die Methoden der Nationalisten die gleichen, und überall wird ver- sucht, die Proletarier gegeneinander zu hetzen. Um so mehr muß die internationale Sozialdemokratie bestrebt sein, den Frieden aufrecht zu erhalten, und jedenfalls ist heute auch die Sozial- demokratie die stärkste Stütze des Weltfriedens. Immer mehr werden die Arbeitermassen infolge unserer Aufklärungs- und Bildungsarbeit durchdrungen von dem Verlangen, den Frieden zu erhalten und immer kräftiger wird der Widerstand, den sie den Versuchen der Kriegshetzer entgegensetzen, die Arbeiter ins Schlepptau zu nehmen. Dr. Lieb- knecht schloß seine Rede mit einem kurzen Hinweis auf die immer wahnwitzigeren Rüstungen der Regiernngen und auf die Gefahren der imperialistischen Politik und mit der Aufforderung, zu erneuter und verstärkter Arbeit für das Proletariat und damit für das ge samte Volk.(Stürmischer, anhaltender Beifall.) Der große Saal des Volkshauses war von Tausenden Menschen so dicht gefüllt, daß trotz der Polizei lichen Absperrung, die weiteren Zuzug fernhielt, ein Durch kommen durch den Saal zur Unmöglichkeit wurde. Als die Versammlung dann zu Ende war, dauerte es gut eine halbe Stunde, ehe die Massen das Freie gewinnen konnten. Erster Redner war in dieser Riesenversammlung der Vertreter der belgischen Sozialdemokratie, Genosse de Brouckere- Brüssel. Seine in französischer Sprache gehaltenen Ausführungen wurden vom Genossen Grumbach-Paris übersetzt. De Broucköre sprach von dem tiefen Eindruck, den diese Massendemonstration der Chemnitzer Arbeiter auf ihn mache. Ueberall hat das Volk die gleichen Ideale, die Ideale des Sozialismus, denn die wirtschaftliche Lage des Pro- letariats ist in allen Ländern gleich. In dem belgischen Textilbezirk von Gent sind die Verhältnisse ganz ähnliche wie hier, in dem sächsischen Manchester: bittere Armut wohnt neben dem Reichtum der Wenigen, hier wie dort die gleiche Ausbeutung eines großen Teils des Proletariats. Aber ein Trost ist mir geworden: Man hat mich über Eure Organisation aufgeklärt und ich habe Euren Kampf und Eure Kraft, Eure Methoden und Eure Erfolge kennen gelernt. Ich weiß, daß Ihr in diesem Tempo dem großen Ziel der gesamten Arbeiterschaft weiter zuschreiten werdet. Wir Vlämen fühlen uns verwandischastlich mit Euch Sachsen verbunden. Das belgische Volk kämpft einen schweren Kampf gegen sein elendes Meh rstimmen-Wahlrecht. Unsere Gewerkschaften begegnen den gleichen Schwiengkeiten, die dem Proletariat_ aller Länder im Wege stehen. Unsere Regierung gründet Streik- drecherorgonisationen. Uns hilft nicht der Liberalismus, nicht der Klerikalismus, wir müssen uns selb st helfen. Wenn man unserem berechtigen Streben nicht entgegenkomme, so ivcrden wir unS ein Entgegenkommen erzwingen. Die Mittel dazu haben wir in der Hand. Wir berriwn den Generalstreik vor. In dem gleichen sozialistischen Geiste wie«ie, führen wir unseren Kamps und werden hoffentlich siegen!(Großer anhaltender Beifall.) Unter lautem Händeklatschen und lebhasten Hochrufen ergriff mm das Wort der Vertreter des Parteivorstandes der deutschen I Sozialdemokratie in Oesterreich, Reichsrats- und Landtagsabgeordneter Genosse » Karl Seitz-Wien: Gern kommen wir zu Euch, Ihr Sachsen, von denen das Feuer der sozialistischen Bewegung zu uns nach Oesterreich hinüber geschlagen hat. Noch heute, wenn wir in die Alpenländer in Ver fammlungen kommen, tritt manchmal ein Proletariergreis auf uns zu, der uns erzählt, wie er vor Jahrzehnten in Sachsen den sozialistischen Gedanken empfangen hat. Viel haben wir von der deutschen Bruderpartei gelernt und ihr fühlen wir uns noch enger verbunden, als der gesamten Internationale.(Großer Beifall. In dieser Zeit der Kongresse ist bei uns in Wien auch der Eucharistische Kongreß zusammengetreten— eine große Heerschau der klerikalen Partei, die immer noch die stärkste ist in dem armen, unglücklichen, von Pfaffen und Aristokraten zu Tode regierten Oesterreich.(Beifall.) Das kaiserliche Haus, der Hochadel, die Großindustriellen stehen an der Spitze dieses Kongresses und auch mancher Kohn und Rosenstingl hat zu den Kosten dieses Kongresses stark beigetragen(Hört! hört! und Stürmische Heiterkeit), denn die Herren wissen, daß diese klerikale Veranstaltung ihren Interessen dient.(Lebhafte Zustimmung.) Da kommen die Armen und Beladenen, die Kleinbauern, deren Existenz vom Groß- grundbesitz vernichtet wird, die kleinen Beamten, deren kümmer- liches Gehalt in seiner Kaufkraft immer noch verringert wird durch die wahnsinnige Teuerung, und da kommen schließlich sogar die Arbeiter zu diesem Kongreß in Wien, allerdings nur solche, die dazu gepreßt werden von den Unternehmern, von der Verwaltung der Stadt Wien. Sie alle erwarten Rat und Hilfe in ihrer Not von dem Pfaffenkongreß— aber man antwortet ihnen nur mit dem Hinweis auf das Evangelium, das da sagt: Sorget nicht, was Ihr essen werdet und banget nicht, womit Ihr Euch be- kleidet, sehet die Lilien auf dem Felde, sie denken nicht und der Herr kleidet sie.(Sehr gut.) Da kommen die hohen Militärs, die Duell- richter und predigen das Wort des einfachen Zimmermannssohns, der da sagte: So Dich einer schlägt auf die eine Backe, so halte ihm auch die andere hin.(Erneute Zustimmung und Sehr gut.) Und da kommen schließlich die Leute von der Hochfinanz und von den Banken und beten mit frommem Augenschlag:„Willst Du vollkommen sein, so gehe hin und opfere alles, was Du hast, den Armen I(Stürmische anhaltende Bewegung und großer Beifall.) Den Armen aber, die vom Kongreß Hilfe in ihrer Not erwarten, denen wird gesagt, daß doch nach Gottes Wort ihr Lohn im Jen- seits um so größer sein werde!— Das ist das Sonderbare, daß sich Proletarier imnier noch dieser Lehre beugen, statt wie jener d i e Peitsche zu nehmen und die Händler und Schacherer zum Tempel hinauszujagen(Tosender Beifall), das ist das Sonderbare, daß in diesen armen Proletariern niemals die Mannes seele erwacht und das proletarische Herz zu schlagen anfängt.(Sehr wahr!) Wir tu», trotzdem wir es schwer haben in Oesterreich, was wir tun können, und Euer Beispiel stärkt uns in unserer Kultur- arbeit. Von diesem Parteitag wird der Ruf an die Arbeiter hinaus- gehen, sich der Organisation anzuschließen, und wenn Ihr zwar 900 ÜOO Organisierte habt, aber 4}� Millionen Stimmen, so wird dieser Ruf nicht unnütz sein.(Lebhafte Zustimmung.) Genosse Seitz schließt seine höchst eindrucksvolle und begeisternde Rede mit einer kurzen Besprechung der Teuerung und fordert die deutschen Arbeiter auf. die Wucherzollpolittk zu brechen, denn Deutschland ist der Welt beispielgebend.(Stürmischer Beifall.) Die dritte Versammlung fand in dem dicht ge- füllten Saale des Wintergartens statt. Genosse Bandersmisscn, der Vertreter der belgischen Sozialdemokratie, überbrachte den deutschen Genossen die Grüße der belgischen Arbeiterschaft. Er kenn- zeichnete die besonderen Verhältnisse, die in der belgischen Politik unter dem Druck der llerikal-reaktionären Regierung eingetreten seien. Ein Mehrstiminenwahlrechl von ausgeprägt reaktionärem Charakter entrechte die Massen her belgischen Arbeiterschaft, wenn auch bei den letzten Wahlen nicht in erster Linie die Arbeiterschaft, sondern das liberale Bürgert» ni eine Niederlage erlitten habe. Jetzt sei es die größte Ausgabe der Genossen Belgiens, allein oder mit Hilfe der radikalen Elemente des Bürgertums dieses reaktionäre Mehrstimmenwahlrecht zu beseitigen. Wir bereiten in diesem Augenblick den Generalstreik zur Erreichung des allgemeinen gleiche» Stimmrechts vor.(Bravo!) Seien Sie versichert, daß wir vor diesem ernsten Entschluß sehr wohl der Verantwortung uns be- wüßt gewesen sind, die wir dainit übernehmen. Wir wissen, daß sogar in der Regierung eine Mehrheit gegen das bestehende Wahl- recht vorhanden ist, es gibt aber auch auf der anderen Seite Gruppen, die am liebsten die Arbeiterbewegung in einem Blut- bade ersticken lassen möchten. Wir hoffen, daß unsere Arbeiterschaft Diplomatie genug besitzen wird, um zu warten, bis die Partei den Kampf gebietet und nicht, wenn es den Machthabern paßt. Wir stehen seit Jahren in einem ununterbrochenen Kainpf mit der Reaktion und wir sind jetzt gezwungen, zu außerparlamentarischen Mitteln zu greifen. Damit arbeiten wir nicht nur für die Entwicklung des Sozialismus, sondern für die Befreiung der ganzen Nation. Wir sind»o weit gekommen, zu sagen, die Niederlage bei einem General- streik würden wir den augenblicklichen Zuständen in unserem Lande vorziehen! Es lebe die internationale völkerbefreiende Sozialdemo- kratie!(Rauschender Beifall.) Genosse Branting, der Vertreter der schwedischen Sozialdemokraten, sprach nicht nur im Namen seiner engeren Landsleute, sondern der Partei- genossen der drei skandinavischen Länder seine Grüße und Glückwünsche den deutschen Genossen auS. Die Sozialdemokratie habe in allen Ländern dieselben Grundsätze, weil in allen Ländern die Arbeiterschaft in derfelben Weise von der Reaktion und den, Kapitalismus bedrängt werde. Freilich würden durch die besonderen Verhältnisse in den einzelnen Ländern auch die taktischen Grund- sätze der Partei bestimmt. Deshalb sei auch die schwedische Partei genötigt gewesen, im Wahlkampf eine politische Ver- bindung mit den bürgerlich-radikalen Elementen einzugehen. Durch diese vorübergehende politische Verbindung«verde aber in keiner Weise eine Schwächung der Erkenntnis des Klassengegensatzes zwischen Arbeiterschaft und Bourgeoisie herbei- geführt. Genosse Branting erinnerte dann an den gewaltigen General st reik der schwedischen Gewerkschaften von 1909 und er dankte bei dieser Gelegenheit besonders herzlich den deutschen Genossen für die reiche moralische und m a- t e r i e l l e U n t e r st ü tz u n g, die sie ihren kämpfenden Brüdern in Schweden hätten zuteil werden lassen. Bei dem Wahlkampf von 1911, der in Schweden zum ersten Male unter dem auf dem Papier stehenden allgemeinen Stimmrecht ausgekämpft worden sei, habe die schwedische Arbeiterschaft ihre Quittung erteilt denjenigen, die bei dem Generalstreik von 1909 ihr feindselig gegenüberstanden. Trotz aller ungünstigen Bestimmungen des neuen Wahlrechts sei cS gelungen. 04 sozialdemokratische Abgeordnete in die Zweite Kammer zu bringen.(Bravo!) Auch die Gewerkschaftsbewegung, die nach dem großen Kampfe etwas gehemmt war, sei jetzt wieder in rüstigen. Vorwärts- schreiten begriffen und in der Partei arbeiteten Industrie- arbeiter und Bauern Hand in Hand gegen die kapitalistische Reaktion. Wir kämpfen in allen Ländern Hand in Hand, wenn auch die Kriegsgerüchte hin- und herflattern. Die Brüder- schafl der Arbeiter ist unerschütterlich. Es lebe hoch die Internationale!(Begeistert stimmten die versa», melten Genossen in das Hoch ein.) Als letzter Redner sprach Genosse Dr. Frank, der mit stürmischen, Jubel von den Versammelten empfangen wurde. Wir haben zwei Vertreter zweier Länder gehört, die uns in mehr als einer Hinsicht Gelegenheit zum lernen geben. Wir müssen uns nämlich in Deutschland davor hüten, durch die vielen Liebenswürdig- leiten der ausländischen Frepnde ein bißchen Größenwahn zu be- kommen(Heiterkeit). Genosse Vandersmissen klagte über die belgische Regierung. Vielleicht wird es feinen Mut stärken, wenn er hört, daß die klerikale Regierung seines Landes keineswegs die schlechteste ist. Ich will sie nicht loben, aber so schlecht wie die deutsche Re- gierung kann sie nicht sein(Beifall). In den Bauernhäusern meiner Heimat, des Schwarzwaldes, hängt an der Wand oftmals die Darstellung eines Pferdes, aus den, alle Pferdekrankheiten angezeichnet sind. Wenn ich so ein Bild sehe, muß ich immer an die Regierung und den deutschen Reichskanzler denken. Er ist politisch blind, denn sonst müßte er sehen, wie durch die wucherische Wirt- schaftspolitik die Ernährungsmöglichkeit des Volkes immer mehr herabgcdrückt wird. Er ist auch politisch taub, sonst müßte er hören, was die Millionen ausgebeuteter Arbeiter gegen diese Aus- beutung für Klagen erheben. Er ist auch stumm. Unsere Reichs- tagsfra'klion hat einen Brief an den Kanzler gerichtet, er solle den Reichstag einberufen, damit durch Oeffnung der Grenzen und andere Maßnahmen die Not gelindert werde. Bis zum heutigen Tage haben wir keine Antwort. Er hat auf diesen Brief ebensowenig geantwortet, wie auf die vier Millionen Briefe, die ihn bei den letzten Wahlen in Gestalt sozialdemokratischer Stimm- zettel über die Empörung des Volles unterrichtet hatten. Der Reichskanzler schweigt, der stumme Kanzler. Lahm ist er auch, denn er rührt keine Hand und regt keinen Finger, um der Not des Volkes zu steuern. Ich komme also zu dem Ergebnis, daß die deutsche Regierung, der deutsche Reichskanzler so ziemlich alle politi- schen Roßmängel hat, die es-überhaupt gibt.(Beifall und Heiterkeit.) Wir sind auch insosern übler daran, als die belgischen Genossen, als bei uns eine reaktionäre Regierung noch nicht dadurch hinweggefegt wird, daß sich die Mehrheit des Volkes bei den Wahlen gegen sie erklärt. Bei uns kann das Volk in seiner überwältigenden Masse zu», Ausdruck bringen, daß die Regierung nichts taugt; die lauge Exzellenz bleibt trotzdem auf dem Posten. In Deutschland regiert eben nicht der Wille des Volkes, sondern der Wille eines einzelnen Menschen, der Wille d e s K a i s e r s. Deshalb mögen die bei- gischen Brüder mit Neid auf unser Wahlrecht schauen, wir schauen umgekehrt mit Neid darauf, daß wenigstens ihre RegierungS- Methode ein ganz Teil moderner und menschenwürdiger ist als unser Zustand in Deutschland. Der Bundesrat ist zurzeit, wo alles auf Taten der Regierung wartet, nicht beieinander. Er wird vielleicht den Beschluß fassen, die Grenzen zu öffnen, aber nicht für ausländisches Fleisch, sondern für die geliebten Jesuiten. Wir haben keine Angst vor ihnen, aber eine Regierung, die ihre Pflicht kennt, müßte in diesem Moment andere Sorgen haben.(Beifall.) Man weiß in der Regierung wohl, daß die drückende Not zu vielen Arbeitskämpsen führen wird, und deshalb geht man mit der Absicht uin, das jetzt schon bestehende Ausnahmcrecht für die Streikbrecher weiter zuungunsten der Arbeiterschaft zu verschärfen. Da kann nur geholfen werden, wenn wir nach dem Muster der ausländischen Bruderorganisationen alle Kräfte der Arbeiterschaft zusammenfassen. Keiner von uns glaubt, daß mit den 110 Roten die Kämpfe beendet sind,„ein, die 5lämpfc beginnen erst.(Sehr richtig!) So lange es in Deutschland eine Industrie gibt, gibt es eine Sozialdemokratie, und so lange es eine Sozialdemokratie gibt, so lange sich die deutsche Arbeiterschaft nicht niederducken, so lange bleibt sie fest und aufrecht aus ihrem Wege zu Sonne, Licht und Freiheit.(Stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende Genosse G r u n d k e schloß dann die imposante Versammlung mit einem begeistert aufgenonimenen Hoch auf die internationale völkcrbefreiende Sozialdemokratie. In der Feldschlößchenbrauerei in Kappel, wohin sich die Scharen derer geivandt hatten, die in den ursprünglich in Aussicht genommenen Sälen keinen Einlaß mehr gefunden hatten, sprach als erster Redner das Pariser Gemeinderats- Mitglied Marcel Cachin. Er begann mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß er die Sprache Goethes nicht sprechen könne. Der Gott der Christen, der einst zur Pfingstzcil den Geist der Apostel erleuchtete und ihre Zungen in allen Sprachen der Welt sprechen ließ, tut heute keine solchen Wunder mehr(Heiterkeit) und besonders nicht zugunsten der Sozialdemokraten(erneuleHeiterkeit), aber wenn auch die Sprache ver- schieden sei, so fei doch gleich der Gedanke, der alle heute beseelt. Ueber die Grenzen hinaus begeistert ein Ideal den Proletarier der Gegenwart. Mit Freude überbringe er die Grüße der französischen Arbeiter. Trotz einer langsameren Entwicklung marschiert auch die fran- zösischo Sektion der Internationale, und wie Ihr, sind wir des endgültigen Triumphes sicher. Besonders im gegen- Ivärtigen Augeblick gedeiht der Sozialismus in Frankreich und be- müht sich, praktisch und positiv zu werden, ohne seine Kraft und seinen ererbten Elan zu verlieren. Wir zählen eine Million Wähler und in den letzten Monaten haben wir die Rat- Häuser einiger der größten Industriestädte Frankeichs obert. Unser Zentralorgan ,.1'Ilnmanits" breitet sich und ebenso wächst die Gesamtorganisation der Partei. leidenschaftlichem Interesse verfolgen wir den Fortschritt sozialistischen Belvegung in Deutschland. Die begeisterte Freude über Eure Siege, sie klingt in unseren Herzen ivieder. Wie fern ist die Zeit, wo nach denr Worte Heinrich Heines Deutschland unter der Hut von 40 Monarchen sanft schlief! Heute ist es aufgewacht, wenn es jemals geschlafen hat. Unsere Bewunderung für Eure organi- fierte Kraft, die ihren Weg zum Ziel mit der heiteren Gewißheit einer Naturkraft geht, ist außerordentlich. Euer Ziel ist daS unsere. Das bekräftigen' wir immer aufs neue gegenüber den Lügen der Bourgeoisie. Wie Ihr, wollen wi� der Ausbeutung des Menschen- geschlechts durch die Expropriation der Kapitalisten ein Ende be- reiten und allen wiedergeben was ihnen von einigen genommen wurde. Wie Ihr denken toir, daß der Friede heute notwendiger als je ist um die Kultur der Arbeiterschaft zu entwickeln, darum hören auch wir nicht auf, gegen den Wahnsinn unserer Chauvinisten zu protestieren, gegen die Begehrlichkeit unserer Kolonialschwärmer anzu- kämpfen, die genau wie die Euren davon träumen, die Völker in blutige Kriege hineinzuhetzen. Wir sind entschlossen, morgen noch mehr und noch besseres für den Frieden zu tun, die internationalen Znsammenkünfte unserer Vorkämpfer immer häufiger zu veranstalten, die sozialistische Propaganda in die Kreise der proletarischen Jugend hineinzutragen, unsere Aktion gegen jede Kriegsgefahr zu verschärfen und zu verstärken. Gerade im gegenwärtigen Augenblick, wo die Eröffnung des Chemnitzer Parteitages bevorsteht, halten wir Heerschau über die Armee deS Friedens, die sich hier vereinigt, um die höhere Zivilisation von morgen vorzubereiten, während er- aus Mit der Euer Kaiser, während unsere Generäle Parade abhalten über die Truppen, die die Bourgeoisie ausrüstet, um Mord und Zer- slörung in die Länder zu tragen, gehen wir Sozialisten geraden Wegs auf unser Ziel zu, ohne uns durch irgend ein Hindernis schrecken zu lassen, auf das Ziel der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und der Brüderlichkeit unter den Völkern. Im Namen des Paris der Kommune, im Namen der französischen Sektion der Jntcr» nationale der Arbeit grüße ich Euch, sächsische Genossen aus dem roten Königreich. Es lebe die deutsche Sozialdemokratie, immer mächtiger und immer siegreicher. sSlürmischer Beifall.) Nach der Uebersetzung durch den Genossen Heilmann-Chemnitz erhält das Wort Neichstagsabgeordneter Rodert Schmidt-Berlin, als Vertreter der Generalkommission der Gewerkschaften Deutsch- lands. Er versichert den französischeir Kameraden, daß auch die deutschen Arbeiter eingesehen haben, daß ausschließlich die Bourgeoisie an Krieg und Eroberung interessiert sei. Er gibt einen Ueberblick über die großen Erfolge der Sozialdemokratie in Deutschland im letzten Jahre und über die neuen Anstrengungen der Gegner der Arbeiterklasse, die Zuchlhausgesetzpropaganda und die herrschende Teuerung. Mit scharfen Worten geißelt er die deutsche Justiz und erinnert an das Bild der Madonna mit dem Kinde von Bochum, das Bild der Bergarbeitcrfraucn, die.man mit dem Säugling an der Brust ins Gefängnis geworfen habe, weil sie in berechtigtem Zorn über Verrat und Slreikbruch ein rasches Wort hingeworfen hatten. Er fordert von den Arbeitern die Anstrengung aller Kräfte, um zu verhindern, daß die Gcwerkschafts- und GcnossenschaflS- bewegung durch neue Ausnahmegesetze geschädigt werde und die Verwirklichung deS Sozialismus zu erreichen. Mit �ciner kurzen Ansprache des Vorsitzenden König- Chcmnitz-Siid und einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale völkerbefrcicude Sozialdemokratie erreicht die Demonstrationsversainmlung ihr Ende. (Schluß gegen 1 Uhr mittag.) *• * Die Gröffnung cles Parteitages. Tic Borvcrsammlung. In dem Vorort Altcndorf erhebt sich das gewaltige Ge- bände der Sporthalle. Hier wird der Chemnitzer Parteitag feierlich eröffnet. Das erinnert an den Nürnberger Partei- tag, der in der imposanten städtischen Festhalle im Lunpold- heim im äußersten Süden der alten Reichsstadt seinen Anfang genommen hatte. Und auch in der sächsischen Weberstadt drängen sich die Massen in ungeheurem Ansturm gegen die Sporthalle, die zwar ItXK) Menschen saßt, aber natürlich lange nicht all den vielen, die Eingang finden wollen, Zutritt ge- währen kann. Tie riesige Halle ist geschmackvoll ausgeschmückt. An den Wänden und an der Decke Fahnen und Embleme. Der Haupt- cingang ist in den Farben der Stadt Chemnitz, blau und gelb, gehalten, und ei» großes leuchtendes Bild zeigt das Empor- steigen der Morgensonne. Tie Halle wird beherrscht von der 4 Meier hohen Rednertribüne, die ein Baldachin überdeckt. Tie Brüstung der Rednerestrade ist auf dunkelgrünem Grunde rot drapiert. Rote und weiße Farben geben dem Ganzen eine würdige Umrahmung. Neben der Rednertribüne grüßt das Chemnitzer Parteibanner:„Proletarier aller Länder, ver- einigt Euch!" Gegenüber steht in mächtiger Fraktur die alte Parole der Unterdrückten: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Kernige Sprüche zieren die Wände. Im Saal sind die Gewerkschaftsbanner verteilt und die Sinn- bilder der Handwerke. Die Halle, deren einfache, aber imposante Konturen durch Glühlampenketten markiert in die Nacht hinausleuchten, macht bei Eröffnung des Parteitages einen wundervollen Ein- druck. Dicht gedrängt, aber trotzdem in wohlgeordneten Reihen sitzen über 7(XK1 Parteigenossen und Genossinnen in dem Riesenraum, in dem nur die vorgeschriebenen nicht allzu breiten Gänge zwischen den Tischreihen und an den Wänden rings herum freibleiben. Plötzlich entsteht in der gewaltigen Masse eine rasch wachsende Bewegung. Alles erhebt sich, aller Augen richten sich nach dem einen Eingang, durch den der greise Führer der Partei. Genosse Bebel, den Saal betritt. Tosender Beifall und begeistert wiederholte Hochrufe be- grüßen ihn. Aber auch die Vertreter der ausländischen Bruderparteien, die zum Teil den deutschen Parteigenossen gut bekannt sind, werden herzlich begrüßt. Es sind die Genossen S k a r e t- und S e i tz- Wien für die österreichische Gesamtpartei. B u ch i n g e r- und W e l t n e r- Budapest für Ungarn, De Brouckdre- und Vandersmissen- Brüssel für Belgien, Schweden hat den Genossen B r a n t i n g entsandt, Großbritanien unseren Queich, aus Frankreich sind der Pariser Gemeinderat Marcel C a ch i n und der Kammerdeputierte R o u a n e t- von der russischen Emigra- tion unser alter Genosse A x e l r od- Zürich erschienen, auch Genosse T r o tz k y ist gekommen. Die deutsche Sozialdemo- kratie Böhmens wird durch den Abg. H i l l e b r a n d- Karls- bad und den Landesparteisekretär C e r m a k- Teplitz und die Wiener Parteiorganisation durch den Genossen Pirk- ebner vertreten. Die junge zentralistische tschechische sozial- demokratische Arbeiterpartei hat den alten Bergarbeiterab- geordneten C i n g r und den Genossen Viktor S4 e i n- Wien delegiert. Zu dem Parteitag sind über 500 Delegierte erschienen. Der Parteivorstand ist vollzählig, die Reichstags- fraktion zum größten Teil anwesend. Männergesang eröffnet weihevoll die diesjährige Tagung der deutschen Arbeiterpartei. 000 Sänger haben auf einer Tribüne, die die ganze eine Schmalseite ausfüllt, Aufstellung genommen und meisterhaft bringen sie drei preisgekrönte Chöre zum Vortrag. Tann besteigt der Vorsitzende der Parteiorganisation des Wahlkreises Chemnitz, Genosse Müller, die Rednertribüne, um nach traditioneller Uebung die Delegierten des Proletariats des ganzen Reiches will- kommen zu heißen und eine Skizze der Parteientwickelung in Chemnitz und dem Erzgebirge zu geben. Genosse Müller: Mir ist der ehrenvolle Auftrag geworden, die Sendboten des deutschen Proletariats in Chemnitz willkommen zu heißen. Spät kamen die Vertreter der Arbeiterklasse nach Chemnitz, doch sie kamen, und die Freude der Arbeiter ist um so größer. Als wir Sie in Jena einluden, zu uns zu kommen, waren wir der optimistischen Auffassung. Sie in dem größten Chemnitzer Lokal begrüßen zu können. Aber wir hatten die EntwickelungS- fähigkeit eines Teiles des Bürgertums überschätzt, der Kauf. männische Verein, dem das Lokal gehört, lehnte die Aufnahme des Arbeiterparlamentes ab. Der Wunsch der Leute, die die Saal- gbtreibung inszenieren, um uns zu schädigen, ist wie immer nicht in Erfüllung gegangen, die Herrschaften haben sich ins eigene Fleisch geschnitten. Wir sind überzeugt, daß Sie sich auch in den nunmehr gemieteten Räumen, die hell und groß sind, wohl fühlen werden. Chemnitz, die Stadt der Arbeit nennt man sie. ist eine Stadt de» Proletariats, in der über 120 000 Menschen im Dienste des Kapitals stehen. Wenn je ein Parteitagsort darauf Anspruch machen konnte, historischer Boden für die Arbeiterbewegung zu sein, dann Chemnitz nicht in letzter Linie. Hier hat sich ein gewalti- ges Stück Arbeitergeschichte abgespielt. Im März 1848 forderten Rat und Stadtverordnete in einer Adresse an den König in ziemlich kräftigem Tone Preßfreiheit und eine wahre Volksvertretung. Der heutige Rat und die aus einem jämmerlichen Wahlrecht hervorgegangene Stadtverordnetenvcrsamm- lung würden sich zu einer solchen Entschiedenheit nicht entschließen. Die sind aus anderem Holze geschnitzt. Wenn z. B. die.Volks- stimme" sich in Entrüstung dagegen wendet, daß der Bürgermeister in der Stadtvcrordnetensitzung gegen die Sozialdemokratie und auf Grund des bekannten ReichSverbandsmatcrials Angriffe richtet. dann läuft der Rat der Stadt zum Kadi und verHilst einem Bürger der Stadt zu 4 Monaten Gefängnis, Chemnitz und seine Umgebung haben der Sozialdemokratie zu der ersten parlamentarischen Vertretung verholfen. Von dieser Zeit nahm die Arbeiterbewegung im Chemnitzer Kreise einen glän- zenden Aufschwung. Anfang 1870 legte Försterling, der 1807 in den Norddeutschen Reichstag gewählt worden war, das Mandat nieder. Tie Einheit der Chemnitzer Arbeiterbewegung war geschaf- fen und mit Recht konnte Theodor Dort 1871 sagen, daß es in Chmnitz weder Eisenacher noch Lassalleaner gäbe, sondern nur Sozialdemokraten.(Beifall.) Im Juli 1870 kam die erste Sächsische Landeskonferenz der Eisenacher Partei in Chemnitz zusammen, in der u. a, eine geharnischte Resolution gegen den Krieg gefaßt wurde. Auch nach dem siegreichen Verlauf des Krieges gaben die Chemnitzer Arbeiter einen trefflichen Beweis ihrer prinzipiellen Aufklärung über den Imperialismus. Das nahm die Bourgeoisie als willkommenen Anlaß, eine chauvinistische Verhetzung hcrvorzu- rufen, doch dieser Versuch schlug fehl. Eine große Versammlung beschloß eine Vertrauenskundgcbung für die sozialdemokratischen Vertreter und erteilte ihnen die Ermächtigung, im Namen der Chemnitzer Arbeiter zu sprechen, da diese durch die Mandatsniedcr- legung Försterlings ohne Vertretung waren. Zu Beginn des Jahres 1871 schufen sich die Chemnitzer Ar- beiter in der„Freien Presse" ein Organ, das mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Mit der Hilfe des Rcchtsan- walts Otto Freytag in Leipzig gelang es, das Blatt über Wasser �u halten und eine kleine Druckerei zu errichten, so daß die„Freie Presse" zum Aerger der Spießer weiter erscheinen konnte. Tic Reaktionäre gaben natürlich den Kampf nicht auf, in dem sie Polizei und Justiz unterstützten. An Anklagen fehlte es nicht und an Strafen sejbstvcrstäudlich auch nicht. Nach ungefähr einem halben Jahre konnten die ersten Redakteure, Becker und L Y s e r, schon über 8 Monate Gefängnis quittieren. Am S. Juli 1871 war die Redaktion ganz verwaist. Im selben Jahre kam Johann M o st zu uns, dessen agitatorische Kraft den Chemnitzer Arbeitern unvergeßlich blieb. Aufs engi'lc waren die Geschicke der Chemnitzer Arbeiterbewegung bis zum"Sozialistengesetz mit Most verknüpft. Im Jahre 1872 übernahm Julius Vahltcich die Leitung der„Freien Presse", die sich unter seiner Leitung so gut ent- wickelic, daß 1877 sogar einmal ein Ucberschuß von 800 M. zu verzeichnen war. Es würde zu weit führen, wollte ich alle Einzel- Helten in der Geschichte der„Freien Presse", die ein Stück der Arbeiterbewegung selbst ist, hier besprechen. Erwähnt sei nur noch, daß auch Max Kegel, der Dichter des Proletariats, 5 Jahre in der Redaktion des Blattes tätig war, noch viele andere Führer der Arbeiterbewegung haben hier gewirkt oder sind aus dem Chcm- nitzer Bezirk hervorgegangen.(Lebhafter Bcifall.l Das Ausnahmegesetz vernichtete mit einem Schlage, was sich die Chemnitzer Arbeiter unter großen Opfern geschaffen hatten, doch den Mut ließen sie deshalb nickt sinken. Sic arbeiteten un- erschrocken weiter, sie ertrugen alle Verfolgungen. Nach dem Fall des Schandgesetzes setzte die Arbeiterbewegung in Chemnitz wieder kräftig ein, bald wurde der Funken, der unter der Asche glimmte, zur hellen Loh«. Das 1887 verlorene Reichs- tagSmandat wurde glänzend wiedergeholt und dauernder Besitzstand der Partei.(Bravo I) Die schon in den Jahren des Ausnahme- gesetzcs eroberten LandtagSwahlkreis« wurden selbstverständlich bc- hauptet, bis die in Sachsen eingeführte preußische Treiklassenschmach die sozialdemokratischen Vertreter aus der sächsischen Landstube entfernte. Was Polizei, Gerichte, Verwaltungsbehörden auch unter- nahmen, sie vermochten die Chemnitzer Arbeiterschaft auf ihrem Siegeszuge nicht aufzuhalten. Zu welchen Leistungen die Polizei sich verstieg, mögen Sic daran erkennen, daß 1895 der Vorsitzende des Mctallarbeitervcrcins aufgelöst wurde.(Heiterkeit.) Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Vertrauensmann der Partei. Ebenso ging es noch anderen Parteigenossen, die Auflösung ist ihnen gut bc- kommen, sie sind meist heute noch unter uns und leisten treue Dienste im Kampfe gegen unsere Gegner. Je mehr die politische und gewerkschaftliche Bewegung der Ar- beiter schikaniert wurde, um so mehr wuchs sie heran. Heute be- sitzt die Chemnitzer Arbeiterschaft ein Zeitungsunternehmen in einem stolzen Druckereigebäude, 00 000 Abonnenten mustert die „Volksstimme", der Wahlvcrein hat 14 000 Mitglieder, die Gewerk- schaften zählen 40 000 Mitglieder. Eine starke Genossenschaft ist vorhanden, ein eigenes Heim ist im..Volkshause" geschaffen. lBravo- rufe.) Das alles sind Beweise hierfür, daß die Chemnitzer Ar- beiterschaft auf dem Posten ist und zu kämpfen weiß. Ueber den 7 Reickistagswahlkreisen und 12 Landtagswahlkreisen des Chemnitzer Bezirks flattert daS rote Banner, und in den Gemeinden arbeiten viele Sozialdemokraten. Wenn auch in das Chemnitzer Stadt- Parlament durch das elende Berufswahlrecht nur wenige Arbeiter- Vertreter hineinkommen können: ihr Einfluß macht sich trotzdem geltend, und dem Ansturm der Arbeiter wird auch das Stadthaus nicht lange niehr widerstefteii können. Mit Stolz kann die Chem- nitzer und erzgcbirgische Arbeiterschaft auf das Erreichte blicken. (Zustimmung.) Die Reaktion ist eifrig an der Arbeit, das arbeitende Volk soll nach ihren Wünschen rechtlos gemacht werden. A t t e n- täte gegen das Koalitionsrecht werden geschmiedet. während das Volk von schwerer Teuerung heimgesucht wird. Daß der Chemnitzer Parteitag die für den Kampf nötigen Waffen schärfen und neue hinzufügen möge, das ist der innigste Wunsch der Cheninitzer und der erzgebirgischen Arbeiter. Glückauf zur Arbeit. Genossen und Genossinnen, ich heiße Sie nochmals im Namen der Parteigenossen des 10. Kreises willkommen.(Lang- anhaltender Beifall.) Es ergreift nun das Wort der Vorsitzende des Parteivorstandes Haast: Parteigenossen? Genosse Bebel, der schon seit mehreren Tagen hier in Chemnitz weilt, während dieser Zeit mit bcwundcrs- werter Frische und Arbeitskraft eine anstrengende Tätigkeit im Dienste der Partei entwickelt hat, und auch an den Verhandlungen des Parteitages teilnehmen wird, ist zu seinem eigenen Bedauern nicht in der Lage, heute hier die Eröffnungsrede zu halten. Wir mußten unS überzeugen, daß diese Kraftleistung ihm nicht zuzu- muten war und so haben wir unS, wenn auch schweren Herzens, darin gefügt, ihn heute hier nicht zu hören. Hier nicht in Chemnitz. mit dem ihn Erinnerungen aller Art verbinden, hier nicht in Chem- nitz, einer der ältesten Städte der modernen Arbeiterbewegung. Hier hat er 1806 sie sächsische Volkspartei gegründet und ein Pro- gramm entworfen, das bei Gründung der sozialdemokratischen Ar- beitcrpartei im Jahre 1800 wesentlich zur Grundlage ihres Pro- gramms gemacht wurde. Hier hat er mit leidenschaftlicher Glut die Lassalleaner bekämpft und nach Beendigung des Bruderkampses mit ihnen am 18. September �1869 eine Versammlung abgehalten, die er selbst als eine der schönsten bezeichnet, die er erlebt hat. Hier in Chemnitz hat er auch jenen denkwürdigen Prozeß� durchgemacht mit Auer, Dietz, Frohme, Ulrich u. a. Jenen denkwürdigen Prozeß, in dem die Regierung versuchte, die sozialdemokratische Partei als eine Geheimpartei auf Grund des Strafgesetzbuches zu vernichten. Haben wir vom Genossen Müller vorher gehört, wie hart, wie rigoro? die Klassenjustiz hier in Chemnitz ist, damals zeigte sie den Angeklagten ein freundliches Gesicht. Die Genossen Bebel und Auer verstanden eS, die Richter davon zu überzeugen, daß die aufgebaute Anklage eine ungeheuerliche war, und sie wurden freigesprochen. Freilich genossen sie nur einen vorüber- gehenden Triumph, denn nachdem da» Reichsgericht, an welche? sich die Staatsanwaltschaft gewandt hatte, dieses Urieil aufgehoben und den Richtern in Freiburg, an welche die Sache zur Verhandlung überwiesen wurde, den Weg gezeigt hatte, wie das Strafgesetzbuch auch gegen die Partei angewendet wevdcn könne, erfolgte dort die harte Verurteilung. Parteigenossen! Wie hat sich seit dem Jahre 1866 Chemnitz verändert, wie hat sich seit 1869 die Parteibewegung hier entwickelt. Freilich ist das für uns eine Erscheinung, die wir ohne weiteres erwartet haben, wenn auch die Aeltcren sich nicht eine Vorstellung davon machen konnten, in welchem Umfange, in welcher Art im einzelnen die VonvärtSbcwcgung sich vollziehen würde, denn die Industrie erzeugt das klassenbewußte Proletariat und mit ihrem Wachstum vermehrt sich die Sozialdemokratie. Seit 1890 ist das Chemnitzer ReichslagSmandat ununterbrochen im Besitz der Partei und wir wissen, nichts kann mehr dieses Mandat den Chemnitzer Sozialdemokraten entreißen. Im ganzen Königreich Sachsen sind die Fortschritte der Partei glänzende. Haben wir es doch ,n diesem Jahre erlebt, daß in sämtlichen 23 sächsischen Wahlkreisen eine größere Stimmcnzahl für uns aufgebracht wurde, als selbst im Jahre 1903. Und das. obwohl die bürgerlichen Gegner überall mit einer Energie den W<>l,lkaii>pf führten, wie man daS früher nicht gekannt bat. Haben sich doch vielfach bis 90 Proz. aller Wahlbe- rechtigten an dem Kampfe beteiligt. Parteigenossen! Bis auf drei WahUrcisc hat die Sozialdemokratie sämtliche Wahlkreise erobert, und wenn noch nicht die letzten Burgen des Kapitalismus gefallen sind, so lag das wahrlich nicht an fehlendem Kümpfcifer und fehlen- der Entschlossenheit unserer Freunde, sondern lediglich an der sozialen Struktur dieser Kreise. Aber wir zweifeln nicht daran, daß einmal, unterstützt durch die wirtschaftliche Entwickelung, aber dann auch unter den wuchtigen Hieben der immer stärker ausgc- bauten Organisationen, schließlich auch diese Kreise der Sozial- dcmokratie anheimfallen werden.(Beifall.) Die Entwickelung des Kavitaliimus führt uns immer neue Scharen zu, und die herrschen- den Klassen regieren, als ob sie mit Blindheit geschlagen wären. so daß immer mehr und mehr uns Fernstehenden die Augen ge- öffnet werden für die Schäden, die die herrschende Gesellschafts- ordnung in sich birgt und für ibre Tendenz zur immer größer werdenden Verelendung der Massen. Nur der Zusammenschluß aller derjenigen, die unter diesem furchtbaren System leiden, macht es möglich, daß durch diesen Kapitalismus die Kultur nicht voll- ständig vernichtet wird. Weil die Regierungen uns so wirksant unterstützen und namentlich in den letzten Jahren alles getan haben, was dazu führen mußte, das Volk mit Erbitterung zu erfüllen, so war zu er- warten, daß bei der Rcichstagswahl in diesem Jahre unser Hafer blühen würde. Parteigenossen! Sic wissen, daß die Früchte, die wir gesammelt haben, wohl größer und prächtiger ausgefallen sind, als die meisten von uns erwartet haben. Ueber vier Millionen Stimmen sind für uns abgegeben worden. Der Anteil unserer Stimmen ba: sich, soweit die Wabllwrcchtigten in Frage kommen, von 24 auf 29 Proz. vermehrt. Von den abgegebenen Stimmen baben wir diesmal 34 Proz. auf uns vereinigt. Wir baben eine Stimmensteigerung erlebt von der einen Wahl zur anderen, wie noch niemals, um fast eine Million Stimmen.(Lebhafter Beifall.) 110 Abgeordnete sind in das Rcichsparlament eingezogen. Mancher unserer alten erprobten Führer hat uns erzählt, daß sie in der Jugend, als sie selbst mitten im Feuer standen, als der erste Sozialdemokrat in den Reichstag einzog, als sich ein paar andere dazu gesellten, daß sie da gar nicht die Vorstellung hätten haben können, daß einmal dort im Reichstage soviel rote vatcrlandSIose Gesellen sitzen könnten.(Große Heiterkeit und Beifall.! Die sozialdemokratische Fraktion hat sich immer weiter ausgebreitet, die Menge der bürgerlichen Linken ist immer mehr und mehr nach rechts, auch äußerlich und räumlich, hingedrängt worden. So har sich im Reichstag ein Bild entwickelt, daß gerade den Alten, die früher ganz vereinsamt dort waren, im ersten Augenblick als etwas kaum Faßbares erschien. ES hat gar manchen bei uns im Deutschen Reiche gegeben, in unseren Reihen, der infolge dieses glänzenden Sieges erwartete, daß, wenn euch nicht die Burgen des Kapitalis- mus sofort unter dem wuchtigen Anprall dieser 110 wackeren Männer niedergeschlagen würden, so daß doch wenigstens Gesetze geschaffen würden, die eine wesentliche Erleichterung von den Lasten oder doch eine wesentliche Milderung der Leiden mit sich bringen würden. Richtig ist daS eine, und kann nicht bestritten werden, daß die Machtposition der Sozialdemokratie sich so erheblich verstärkt hat, daß die Partei mehr als vorher in der Lage ist, verbrecherische Anschläge gegen die Arbeiterklasse abzuwehren. Aber. Genössen, wir stellen eine Minderheit, und zwar eine immerhin noch recht beträchtliche Minderheit dar. und das erste große Gesetz, das die Regierung dem Reichstage vorlegte, bedeutete nicht eine Erlcichte- rung für das Volk, sondern eine ungeheure Belastung. Flotten- und'Hccresvcrinchrung war die Parole, unter der der neue Reichs- tag versammelt wurde. 40 000 Soldaten wurden mehr eingestellt, über 650 Millionen Mark dem Moloch Militarismus und MariniS- mus geopfert und alle bürgerlichen Parteien traten auf die Seite der Regierung und bewilligten die Lasten, so daß die Sozial- dcmokratie allein stand. Und wir müssen uns sagen, daß damit noch nickt daS Ende erreicht ist. Einem großen Teil der Bürgerlichen, den industriellen Scharfmachern insbesondere, war diese Flotten- und Militärvorlage viel zu gering, und die Militärs, die ihr Wesen treiben im Flottcnverei» und im Wehrverein, haben sich lebhaft darüber beklagt, daß die Regierung so bescheiden ge- wescn ist, daß die Sicherheit des Deutschen Reiches nicht genügend gewährleistet sei, sie haben in Aussicht gestellt, daß bald neue Forderungen kommen würden, und, Parteigenossen, das ist sicher, wie daß auf den Morgen der Abend folgt. Die Lasten, die durch diese Wirtschaft auf die breiten Massen gewälzt sind, sind schier unerträglich, das Volk muß schließlich darunter zusammen- brechen und wenn die Steuerschraube auch noch fester angesetzt wird, schließlich gibt es nichts mehr, was man aus dem Volke herauspressen kann. Die Bürgerlichen sehen sich deshalb genötigt. trotz ihrer Abneigung gegen die Steuern, obwohl sie es bisher immer verstanden haben, Heeres- und Flotienvorlagen zu be- willigen, aber die Zahlung den anderen, dem dummen Michel zu überlassen(sehr gut! und Heiterkeit), jetzt doch ernstlich an die Bewilligung einer B e s i tz st e u e r heranzugeben. Wie die Bc- sitzftener aussieht, daS können wir nach dem Charakter der bürger- lichen Parteien heute schon vermuten, man wird alles tun. um auch bei dieser Gelegenheit noch aus den weniger bemittelten Schichten so viel wie möglich herauszuholen und die reicheren Schultern zu schonen. Wohin führt das? DaS kann nur dahin führen, daß die Erregung gegen dieses Regiment in immer größere Kreise dringt und daß, weil die Sozialdemokratie die einzige Partei ist, die den Forderungen der Regierung Widerstand ent- gegensctzt, sie auch von denen, die ihr heute noch fernstehen, ange- sehen wird als die Partei, um deren Fahne sie sich scharen muffen. (Sehr gut!) Zu all den Lasten kommt hinzu die Teuerung der Lebensmittel. Die Regierung hat seit Jahren versucht, dem Volke elnzure.cn, cz sei die Teuerung nur eine vorübergehende Erscheinrulg. Nun, Genossen, ich glaube, sie wird nicht den Mut haben, auch, letzt noch mit dieser Ausrede zu kommen. Die Teuerung nr eine tnter- nationale Erscheinung geworden, freilich bei uns im Deutichen Reich verschärft durch die Zollpolitik, durch da? Sckiutzzollstickem, das als ein volksfeindliches System über unsere Reihen hinaus immer weitere und weitere Kreise der Bevölkerung erkennen müssen. Der Notstand ist so groß, wie das kann auch die Regierung nickt mehr ableugnen. Aber was tut sie trotz aller Anregungen, die ihr gegeben werden. Nichts. In kühler Ruhe verharrt sie, ja ihre Kundgebungen klingen wie ein blutiger Hohn auf das darbende und hungernde Volk.(Sehr richtig!) Parteigenossen! Obwohl von allen Seiten gefordert wird, in erster Linie von uns, von uns sogar in einer Eingabe an den Reichs- kanzler, daß endlich der Reichstag zusammengerufen werde, um das Fleischbeschaugesetz m denjenigen Bestimmungen abzuändern, welch« im wesentlichen die Einfuhr von Fleisch. namentlich von Gefrierfleisch au? Argentinien und Australien hindern, erklärt die Regierung, dazu liege kein Anlaß vor. Sie fyiBä Bei der Industrie Informationen eingeholt und gehört, dah das auch gegenwärtig sehr gut möglich sei. Ja, es mag sein, daß man gefrorene Hammel zur Not auch noch«ruf der Grundlage unseres FleischbeichaugefetzeS in ganzen oder halben Körpern ein- führen kann. Aber das ist unmöglich, wie alle Sachverständigen bekunden, bei Rindern, und keine Industrie wird sich darauf ein- richten, Fleisch nach Deutschland aus Argentinien und Australien zu importieren, wenn sie nicht die Gewißheit hat, daß nicht nach kurzer Zeit durch sä-ikanöse agrarische Gesetze ihre Einrichtungen vernichtet, ihr Profit geschmälert wird. Wie stark die Erregung ist, das beweist unter anderem ein Telegramm, das eben aus Stuttgart bei uns eingegangen ist. Die Stuttgarter Genossen haben, unterstützt von den weitesten Kreisen des Bürgertums, in einer grossen öffentlichen Versammlung Protest erheben wollen gegen die Haltung der Regierung und ihre Forderungen formu- lieren loollen auf Beseitigung des Notstandes. Da hat der Bürger- meister die Versammlung unter freiem Himmel verboten mit der Begründung, es handle sich hier um eine aktuelle Frage, die nicht nur das Proletariat interessiere, fondern auch das Bürgertum, und es sei anzunehmen, dass solche Scharen an«Jen Platz strömen, dah der Platz sie nicht fassen kann, und daß die Sicherheit und Ordnung dadurch gefährdet wird. fHört, hört!) Ein Anerkenntnis aus amt- lichem Munde, wie die Frcrgc aufwühlt, nicht nur das Proletariat, sondern auch alle Kreise des Mittelstandes.(Sehr wahr!) Und was ist geschehen? Das Telegramm besagt: Nachdem die Polizei unsere Versammlung unter freiem Himmel gegen die Fleiscknot verboten hatte, fand heute mittag gegen den Willen der Polizei eine Massendemonstration gegen die Teuerung auf dem Schlossplatz, dem Marktplatz und dem Marienplatz statt. Etwa 12— 15 000 Personen nahmen an der Demonstration teil. Fünf Redner hielten Ansprachen.(Stürmischer Beifall.) Unter Massen- gesang zogen die Teilnehmer durch die Strassen. Die Demonstration nahm einen ruhigen und wuchtigen Verlauf. Parteigenossen! Die Regierung benimmt sich bei uns, wie sehr oft in kritischen Zeiten, wie auch in der Vergangenheit die Re- gierungen gegenüber dem Volke sich benommen hahen, sie glaubten mit einer verächtlichenHandbewegung über das Hungern, über die Demonstrationen hinweggehen zu können. Die Regierung hat nichts gelernt aus der Geschichte.(Sehr wahr!) Parteigenossen! Die Geduld der Masse ist aus eine harte Probe gestellt. Was die Regierung auch tun wird, schliesslich wird das V o l k seinen Willen durchsetzen, denn es ist unmöglich, dass Tausende und Abertausende noch länger so darben, ja, dass sie einer Hungersnot entgegengeführt werden(Lebhafte Zustimmung). Während so das Volk leidet, versuchen die Scharfmacher, den Arbeitern die Möglich- keit einzuschränken, aus eigener Kraft die Lebensbedingungen zu ver- bessern. Schon im Reichstage versuchten die Konservativen, ein kleines Zuchthausgesetz zu empfehlen, in einer Resolution ein söge» nanntes Arbcitswilligengesetz zu fordern. Mit 273 gegen 62 Stimmen wurde dieser Anschlag zurückgewiesen. Aber wir wären töricht, wenn wir uns in der Hoffnung wiegen wollten, dah damit alle Gefahr vorüber sei, daß dies starke Stimmenverhältnis eine Gewähr dafür biete, dah solche Pläne nicht so leicht im Reichstage wieder auftauchen können. Nein, auch diejenigen, die dagegen ge- stimmt haben aus bürgerlichem Lager, sind zu einem jjrotzen Teil unsichere Kantonisten, sie möchten nicht ein offenkundiges Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter, das noch mehr erbittert. Aber auf dem Boden des allgemeinen Rechts, mit Hilfe de» allgemeinen Strafgesetzbuches möchte man den Arbeitern neue Fesseln anlegen. Nun, wenn ein solcher Versuch unternommen wird, so wird uns das nicht einschläfern, wir werden vielmehr die Augen offen halten, und daS Proletariat wird, wie eS die eine ZuchthemSvorlage beseitigt hat. hoffentlich auch die Kraft entwickeln, auch neue Versuche dieser Art zu schänden zu machen.(Lebhaftes Bravo.) Da die Kraft des Proletariats immer stärker wird trotz aller Mittel, die die Negierung zur Bekämpfung anwendet, so versucht man jetzt mit Hilf« der Schule, mit Hilfe der sogenannten Jugendpflege die jungen Arbeiter, den Nachwuchs einzusaugen und von der Sozialdemokratie fernzuhalten. WaS haben unsere Gegner früher getan für die Jugend des Proletariats? Haben sie sich jemals um"sie gekümmert? Nein, erst mit dem Moment, wo unsere Jugendbewegung anfängt, prächtig zu gedeihen, als die Re- aierung zu der Ueberzeugung kam, dah immer mehr und mehr junge Seelen erfüllt werden mit der sozialistischen Weltanschauung, da erinnerte man sich der proletarischen Jugend.(Sehr richtig!) All die Verwahrlosung, die der Kapitalismus, der die Frauen von ihren Kindern reiht, der die jungen Leute im frühen Alter in die Fabriten hineintreibt, all diese Verwahrlosung hat die Regierung früher nicht dazu bestimmt, irgend etwas für die Jugend zu tun. Jetzt hat man in Preuhen 1 Million, inzwischen weitere IM Millionen bewilligt. Aber glauben wirklich die Bürgerlichen, dah diese Wehrvereine der proletarischen Massenbewegung irgend einen Abbruch tun können? Jede Million, die die Regierung für diese Zwecke neu bewilligt, ist ein wuchtiger Ansporn für die Mütter des Proletariats, nun erst recht ihre Kinder zu durchtränken mit dem Geist der sozialistischen kleines feuilleton. Die nichtoperative Behandlung der Geschwülste. Ueber dieses wichtige Thema sprach auf der 84. V e r s a m m l u n g Beut scher NaturforscherundAcrzte.dicam Montag tn Munster eröffnet wurde. Prof. Czerny aus Heidelberg, der hervorragende Spezialist für Krebsforschung. Professor Czerny betonte, dah er nicht mit leeren Sauden erscheine, dass aber em spezifl,ches Heilmittel gegen den Krebs bisher immer noch nicht gefunden ist und vielleicht auch niemals gefunden werden wird. Jedes Jahre bringe neue und manchmal, wenigstens nach den Versprechungen der Er- finder, unfehlbare Mittel in dem Kampfe gegen das schreckliche Krebsleiden, allein bei näherer Prüfung bleibt meist wenig davon übrig. Wie wichtig eS ist, die Behandlungsmethoden deL Krebs» leidens zu verbessern, wird schon aus der einen Tatsache ersichtlich, dass jetzt etwa 50 000 Menschen jährlichdieser Krank- heit erliegen und dah über 100000 Krebskranke dauernd unter uns leben. Demgegenüber geschieht von Staats wegen unglaublich wenig, zumal, wenn man bedenkt, wie viele Millionen für die Bekämpfung der Tuberkulose, der Viehseuchen und der Tropenkrankheiten ausgegeben werden. DaS läht sich nur dadurch erklären, dah man bisher glaubte, das einzige Mittel gegen den Krebs sei die operative Behandlung. Aber bei aller Hoch- schätzung der grossen Fortschritte, die diese Behandlungsmethode gemacht hat, lassen ihre Dauerresultate noch sehr viel zu wünschen ��n neuester Zeit hat die Heilung der Geschwülste mittels chemi- scher Präparate einen neuen wissenschaftlichen Anstoß durch das Äererveriment bekommen. Da längst bekannt ist. dah Krebse und Sarkome sich mit Vorliebe«uf dem Wvge �s Blutkreislaufes im Körper verbreiten, lag der Gedanke nahe die Gewulste I.eber auf dem Weae von den Blutbahnen aus, als durch den Magen und Darm anzugreifen. Prof- Wassermann und Kahser haben in die Schwanzveite von tumorkranken Mausen e.ne Kombtnation von Selen-Eosin eingespritzt und gezeigt, dass die Metallsalze b,s.n die Zellkerne der Geschwülste eindringen. Vorlaufig liegt bei diesen interessanten Versuchen die toxische(tötende) noch zu nahe der therapeutischen(heilenden, Dos.S, so dah man sie noch».cht aus den kranken Menschen zu übertragen gewagt hat. Interessant ist, dah Neuberg und Cassmri besonder- ichone Wirkungen mit Ver» Bindungen von Kuoker und Zinn Beobachtet haben. In etwas anderer Richtung bewegen sich die Versuche von Dr. Richard Werner mit Cholinsalzen ES ist ihm gelungen, Cholinverbmdungen herzustellen, die haltbar, wenig giftig und doch therapeutisch wirk- fam sind. Die an sich sehr alte Arsentherapie hat neuerdings durch hie Einführung des Ehrlichschcn SalvarsanS einen neuen Auf. echwung erfahren. Ehrlich hat dem Vortragenden mitgeteilt, dah vielleicht das Neosalvarsan für die Behandlung offener Geschwüre Vorteil haben könnte. Neben diesen Heilverfahren spielt heute die Strahlentherapie ebenfalls«ine Rolle,!die Bestrahlung schützt jedoch nicht vor Rückfällen. Natürlich bedürfen alle� geschilderten Methoden noch sehr der Ausbildung, che sie an die stelle Auschauuiigen.(Lebhafter Beifall.) Der letzte Katholikentag hat geglaubt, dah man die ganze Schule durchdringen müsse mit christlich. katholischem Leben, dah die Schulpolitik auf dies Gebiet geschoben werden müsse, in der Hoffnung, dadurch noch die Schäslein einzu- sangen. Auch dieser Versuch wird scheitern. Ihm gegenüber stellen wir unser Schulprogramm auf, das darauf hinausläuft, nicht ein» zufangen durch irgendwelche konfessionellen Schranken die jungen Leute, sondern vielmehr sie zu erziehen zu frei en Kämpfern für die Ideale der Menschheit. Parieigenossenl Ist so die innere Politik wenig erfreulich, so leben wir dauernd jetzt in der Furcht, dah eines Tages die Kriegsfnrie durch das Land oder gar durch die ganze zivilisierte Welt rasen könnte. Genossen! Die Rüstungen, die bei uns beschlossen werden, haben zur notwendigen Folge, dah auch die anderen grossen Staaten rüsten. Auf die Bewilligung unserer Militär- und Marineforderungen folgte sofort die Marincvorlaae in England, folgten Bewilligungen für eine neue Flotte in Ruh- land, folgte eine Vorlage in Frankreich und eine weitere Vorlage in Oesterreich. Und dieses Rüsten birgt in sich die Gefahr, dass eines Tages die Kanonen, die Torpedos gegeneinander ins Feuer geschickt werden. Auf dem Balkan, fern in der Türkei, dort, wo nach einem Worte Bismarcks nicht einmal die Knochen eines pommerschen Grenadiers irgend geopfert werden sollten, da hat Deutschland inzwischen grosse wichtige Interessen, wirtschaftliche Interessen gewonnen und eS ist mehr als je interessiert an dem Schicksal dieses Landes. Dort auf dem Balkan, da sieht es jetzt aus wie in einer einzigen grossen Pulverkammer. Ein Funke braucht nur hineinzufliegen und die Explosion ist da und ein Weltkrieg kann entstehen. Zwischen uns und England wird hin und her gehetzt. Die Kriegstreiber sind am Werke, um diese Kulturnationcn gegeneinander in den Krieg zu treiben. Die ganze wirtschaftliche Situation bringt an sich schon eine Spannung treiben wollen. Gegenüber dem Chauvinismus, gegenüber dem Kriegsgeschrci ist unsere Parole: Verständigung zwischen� den Kulturnationen, Völkrrfriedr, Freiheit für alle Völker!(Stür- Mischer Beifall.) Parteigenossen! Der Bischof von Regensburg war eS, der das Wort aussprach: Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben! Er hat damit den Arbeitern, die noch jetzt dem Zentrum folgen, klar vor Augen geführt, dass, wenn es nach der Auffassung ihrer Oberen geht, sie dauernd in Knechtschaft verharren sollen. Parteigenossen! Dem- gegenüber ist unsere Losung: Fort mit der Knechtschaft, Befreiung aistgehalien werden kann. Dafür sorgt schon die ökonomische End Wicklung und. Parteigenossen, wir wissen, dass der Tag erscheinen wird, an welchem unter Beseitigung der gegenwärtigen kapitalisti- schen Wirtschaftsordnung in einem sozialistischen Gemeinwesen alle diejenigen Leiden beseitigt sind, welche entspringen aus Unwissen- heit und Ausbeutung.(Lebhafter Beifall.) Ich erkläre den Parteitag für eröffnet. Auf Vorschlag von Heilmann-Chemnitz werden zu Vorsitzenden mit gleichen Rechten gewählt: Saase(vom Parteivorstand) und N o s k e- Chemnitz. Die Gewählten nehmen die Wahl mit Dank an. Auf Vorschlag von Nu er-München werden zu Schrift- führern gewählt: Breeour-Kiel, Fahrow-Berlin, Frau Baader- Berlin, Dörnke-Hannover, Trinks-KarlSruhe, Schmidt-Stettin, Grosse-Hamburg, Birnkammer-München. In die MandatsprüfungSkommiffion werden auf Antrag von Schmitt-München gewählt: Kirch-Ottensen, Blume- Hamburg, Doeschcr-Elberfeld, Giermann-Nürnberg, Strobel-Mann. heim, Lorenz-Reinickendorf, Frau Bollmann-Halberstadt, Scheid- Leipzig, Sänger-München. Die Beschwerdekommission wird, entsprechend dem von Fritsch-Liegnitz erstatteten Vorschlag folgendermaßen zusammengesetzt: Ryssel-Leipzig, P. Hoffmann- Hamburg, Thurow-Neukölln, Dr. Süssheim-Nürnberg, Scel-Mainz, Löbe-Breslau, Müller-München, Limbertz-Düsseldorf, Hörsing- Beuthcn. Vorsitzender Haase: Der Parteitag ist damit konstituiert. Im Anschluss daran gibt der Vorsitzende Haase folgende Tele- gramme bekannt: »Die sozialdemokratische Partei der Schweiz grüsst die deutschen Genossen aufs herzlichste und wünscht ein gutes Gelingen des Parteitages. Wie die sozialdemokratische Partei der Schweiz nach heftigen inneren Kämpfen im letzten Jahre stärker, geschlossener und einiger als je dasteht, so möge auch der deutsche Parteitag trotz aller Verschiedenheit im Temperament und in den taktischen Anschauungen laut bekunden, dah die erste Aufgabe und die vor- nehmste Pflicht.der Sozialdemokratie ist die Hochhaliung der Parteidisziplin, die Wahrung der Einheit und Einheitlichkeit der der durch tausendfältige Erfahrungen festbegründeten operativen Be- seitigung der Geschwülste treten können. Czerny bespricht dann die beobachteten Schädigungen nach der Anwendung des Messers und zeigt, wie man diese Schäden durch die Entfernüng mit hoch- gespannter Elektrizität beseitigen kann. Aber je mehr Mittel vor- lmtiden sind, um so schwieriger ist es, die richtige Indikation und ihre Anwendung zu finden. Die Prüfung aus ihre» Wert erfordert eigene Krebsinstitute, wie ein solches bereits in Heidelberg besteht. Freilich reicht die Zahl der Forschungsinstitute lange nicht aus, und es wäre zu begrüssen, wenn die hochzivilisierten Nationen England und Deutschland sich einmal dazu entschlössen, je einen Dreadnought weniger zu bauen und die dafür ersparten 40 Mil- lionen für 40 Krebsinstitute im Lande auszugeben. Theater. Freie Volksbübne(im Residenztheater):„Francillon" von Alexander DumaS Sohn. Da, wo Franeine durch ihre Freundin Therese überlistet, das heißt zum Geständnis ihrer Unschuld gebracht wird, liegt die Achillesferse dieses sonst als klassisch anzusprechenden Schauspiels, in dein wohl zum ersten Male gewisse soziale Menschen- rechte der Frau in der nelizeitlichen Gesellschaft diskutiert werden. Und an jenem Punkt schlägt auch der mit glaubwürdigem Ernst operierende Dramatiker um in einen theatralischen Faiseur, dem cS plötzlich Vergnügen bereitet, das Publikum zu verblüffen und seine Heldin als besiegt durch eignen Wesens Schwäche von der Bühne abtreten zu lassen. Ei» höchst geistreich auf seine sichere Wirkung berechneter, obzwar der inneren Wahrscheinlichkeit entratender Trick eines virtuosen Bühiieiitechnilers ist das in jedem Falle. Der Ver- treterin FrancineS kann diese Umkehrung gefahrlich werden, wenn ihr keine blendenden stehen, wie eben einer Maria vornehmen Kunst gelingt eS, einem theatralisiben Ereignis Darstellungsmittel zu Gebote R e i s e n h'o f e r. Ihrer reifen die Rolle der Franeine zu zu gestalten, dem denn auch daS ganze Haus mit atemloser Spannung hingegeben blieb— bis zum Ende. Ueberhaupt gelvährt es einen hohen Genuß. daS mit feinster Akkuratesse abgewogene Spiel dieses Ensembles zu verfolgen, aus dem Hugo Werne r-Kahle als Marquis von RiverolleS, Otto Treptow(Stanislaus von Grandredon), Lisiy Krüger(Therese Smith), zum besten Teil auch Viktor Wahl- berg(Lueien von Riverolles), Mila Edelberg(Annette), Oskar F u cd S(Pinguet) und Rudolf S ti a ß n y(Kammerdiener) duräi besonders korrekte Leistungen hervortraten. An solchen Vorführungen dürfen die Mitglieder der Freien Volksbühne(vom rein schauspiele- rischen Standpunkt auS) recht wohl ein grosses Gefallen finden. v. k. Die Neue freie Volksbühne veranstalteie am Sonn- abend einen sehr gelungenen und reichhaltigen Einakterabend. Außer allbekannten und immer wirksamen Stücken wie Hart- lebens lustiger.Lore" und Wedekinds.Kammer- fänger", dieier starken(fast sozialistischen) Beleuchtung modernen Parter. In diesem Zeichen tverden sich die Sozialdemokraten überall immer und immer wieder finden. Hoch die Solidarität der inier- nationalen Sozialdemokratie. Für die Geschäftsleitung: Studer- Zürich."(Bravo!) Aus Sophia ist folgendes Telegramm eingegangen:..Die Per- einigte sozialdemokratische Partei Bulgariens, die von Anfang an den deutschen Sozialismus zum Lehrer hatte, sendet den deutschen Brüdern sozialistische Grüße zur ernsten Arbeit. Es lebe der Völker- befreiende Sozialismus. Sakasoff.'(Beifall.) Namens der dänischen Sozinldemolrntie�telegraphiert Stau« ning:„Glück zu Ihrer Arbeit! Hoch der Sozialsinus!" Auch die sozialdemokratische Jugend Nordwestböhmens hat aus Dur ein Telegramm gesandt und mehrere Depeschen sind von ört- liehen Parteiorganisationen aus dem Reiche eingegangen. Vorsitzender Haase schlägt vor. die alte Geschäftsordnung wiedcp gelten zu lassen und sie en biac anzunehmen. Lipinski-Leipzig: Ich möchte bitten, die Verhandlung hierüber heute zu vertagen. ES ist doch nötig, dah in der Art der Fest- setzung unserer Geschäfts- und Tagesordnung eine Aenderung ein- tritt. Dazu müssen aber erst die Unterlagen beschafft werden und diese Beratung kann auch nicht in so grossem Kreise vor sich gehen. Ich bitte also, diesen Teil unserer heutigen Verhandlung auf morgen zu vertagen. Vorsitzender Haase: Ich würde mich diesem Vorschlag an- schließen, glaube aber, daß wir heute sehr gut das Programm unserer Versammlung in diesem.Kreise festsetzen können. Wenn Lipinski nachher die Vorschläge hört, die ich zu machen habe, wird er auch dieser Meinung sein. Ich halte es für nötig, heute unsere Arbeit möglichst zu fördern, da wir in den nächsten Tagen viel zu tun haben. LipinSki hält seinen Antrag aufrecht. Bei der Abstimmung wird der Antrag Lipinski abgelehnt und die alte Geschäftsordnung hierauf en dloc genehmigt. Vorsitzender Haase: Wir kommen nun zur Festsetning der Tagesordnung. Der Parteivorstand schlägt Ihnen vor, noch zwei Gegenstände auf die Tagesordnung zu setzen und zwar die Lebensmittelteuerung und den Bergarbriterschutz.(Zustimmung.) Ich höre keinen Wider- spruch, Sie sind mit diesem Vorschlage einverstanden. Damit sind die Anträge 26 und 174 erledigt, die ebenfalls dahin gehen, die Teuerung auf diesem Parteitag zu besprechen. Ich schlage weiter vor, die Erörterung über die Lebensmiitelteuerung vorzunehmen nach der Erledigung des Berichtes der Kontrollkommission und den Punkt Bergarbeiterschutz zu sehen hinter den Bericht der Reichs- tagsfraktion.(Der Parteitag ist damit einverstanden.) Es liegt nun noch der Antrag Nr. 1 von Steglitz vor, die bürgerliche Jugend- pflege in Deutschland auf die Tagesordnung zu setzen.(Nach Be- fragung der Versammlung:) Ter Antrag ist nicht ausreichend unterstützt. Ebenso findet der von Teltow-Beeskow gestellte An- trag auf Verhandlung der Steuerfrage nicht genügende Unter- stützung. Damit ist die Tagesordnung deS Parteitages festgestellt. Der Vorsitzende schlägt nun vor, täglich von 0 bis 1 und 3 bis 7 Uhc zu tagen. Lipinski-Leipzig: Es sind eine Reihe von Anregungen in dieser Frage gegeben worden und es erscheint wünschenswert den Delegierten Gelegenheit zu geben, sich über die Frage einer Acndc- rung der TagungSzeit zu äussern. Aber ich meine, dah es in der gegenwärtigen Situation und da uns jegliches Material zu dieser txrage fehlt, unmöglich ist, eine Aenderung zu treffen. Ich bitte deshalb, die Aenderung der Geschäftszeit erst morgen zu beraten. Dieser Anregung'gibt der Parteitag statt und vertagt sich hierauf auf morgen, Montag, 0 Uhr vormittag, Schluh der Sitzung M-O Uhr abends. Der Rest des Abends wird durch Chöre der Arbeitcrfänger ausgefüllt. WitterungSüderstcht vom 16. September 1918. St-twnen Swinemde. Hamburg Berlin Frankf.a.M. München Wien 758 W 750RW 7L5NW 765® 759® Wetter 8 heiter 3 luotfcnl 8woMg l wolkig 4wo!lig 5 heiter >0« ti* s» Z? «I> «tattonen Petersburg Icllly Aberdeen Paris 761 2 »« 1 ü Wetter NO 750 SO 768 NO 766 S® 76S!NNO Lwolklg IRegen 1 wolkig Ibeiter twedeckt "?? e* f* SM 9 9 12 11 11 Wetterprognose für Dienstag, den 17. September 191». Zunächst vielfach heiter, nacht« aber kühl, am Tage etwas wärmer bei mäßigen westlichen Winden; später wieder zunehmende Bewölkung mit leichtem Regen. Berliner Aetterbureau. in seinem.Revisor". Enthüllt er dort die Korruption des Beamtentums, so hier das Leben und Treiben berufsmässiger Spieler und Betrüger. DaS Stückchen, in dem ein in allen Künsten erfahrener Spieler von einem Komplott von vier anderen mittels einer Gaukelei hereingelegt wird, ist ebenso ergötzlich wie zum Nach- denken stimmend.— In allen Stücken wurde durchweg gut gespielt. Otto M o n t u a(als Vetter in der„Lore"), Rob. Müller als Kammersänger und A. E. Licho, der den alten Musiker gar er- greifend gestaltete, sind besonders zu erwähnen.— r. Musik. Die unverbrannte Hälfte der Direktion Monti, da» frühere Neue Theater, jetzt als.Montis Operettentheater" bezeichnet, führte am Sonnabend eine wirkliche Neuheit erstmalig auf, die ursprünglich für die nun verbrannte Hälfte, für da» Theater des Westens, bestimmt war. Es ist eine Operette«Goldener Leichtsinn". Als die Täter bekennen sich für den Text Joseph v. Koblinski und für die Musik Charles Alfredy. Die Tat selbst ist keiner näheren Beschreibung wert. Wäre nur wenigstens etwas Mißlungenes darin, irgend ein goldener Leichtsinn, mit dem sich eine Künstlerseele über die ErfolgSstcherhcit hinwegsetzte I Im zweiten Akt reiht sich ein Duett(oder Terzett) an das andere, jedes eine.Attraktion" von etwas verschiedener Art, ungefähr wie im Lunapark. Und wie dort der Wackeltopf einen Gipfel deS Entzückens bildet, so tut es hier ein.Wackeltanz". Könnten wir doch ein Konter- fei des typischen Publikumsmenschen, der die zweimalige Wieder- holung einer solchen Nummer erklatscht, als Illustration unseres Be- richtes vorführen I Und wieder waren die Darsteller— samt ihrem Oberregisseur Frau, Groß und ihrem Kapellmeister Fritz Redl— um so er- treulicher. Voran(wie neulich als.Helena") Warthe Kriwitz. eine treffliche Spielerin, die mit einer Vervollkommnung ihres Ge- fange« zur Laufbahn in der Oper noch besser taugen könnte als zu der in der Operette. Es soll keine Verkleinerung anderer sein, wenn wir nur noch den Komiker Heinrich Peer ob der charakteristischen Einheitlichkeit seiner Leistung rühmen. Daß aber hier wie anderswo in den öffentlichen Ankündigungen die Namen der Hauptdarsteller.fett" und die der übrigen Darsteller nur mit einfachen Lettern erscheinen, darf doch wobl als ein Unfug bezeichnet werden._ sz. Notizen. — Aller und neuer G a r t e n k u n st ist die Ausstellung der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst gewidmet, die am Sonntag »m Kunstgewerbemuseum eröffnet wurde. Sie ist bis zum 13. Oktober öffentlich zugänglich. — Vorträge. Direktor Ar che« hold veranstaltet am Mittwochabend 8 Uhr in der Treptow-Sternwarte.einen Ausflug in die Sternen weiten". Vor dem Vortrag wird der Mond und nachher der Saturn gezeigt. — Wagner in Walhall. In den schnurrigen Ehren- tempel deutscher Größen, den der baueifrige Ludwig I. von Bayern bei Regensburg zu einem Walhall eigener Wahl machte, soll nun auch Wagner im nächsten Jahr aufgenommen werden. 3. Wahlkreis. Ikevstllg, 17. September, abends 8'/-W, im großen Saale des Gemerbslhastshanses, Engelufer IS: VefLentlieKe Versammlung. des Ingenieurs Herrn Kohl über: «Das Tteinkohlengas im Haushalte und in seiner Verwendung als Flur- und im Haushalte und'in seiner Treppenbeleuchtung". Eine Anzahl Speisen werden aus offener Bühne während des Vortrages vorgekocht und später als Kost- Proben gratis verteilt.— Es werden eine Anzahl von Gaslampen, Badceinrichtungen usw. ausgestellt. _ Zahlreichen Besuch erwartet_ Der Einberufer: A. Pohl, Naunynstr. 30. Verband der Ißaler, Saekierer, Anstreicher Bureau: Melchiorstraße 28, part. Fernsprecher Aoit Mpl. Nr. 4787. Male SerUn. usw. Arbeitsnachweis: Rückerstraße 9. Fernsprecher: Amt Norden 6798. Orts- Krankenkasse der Möbelpolierer. Am Montag, den 23. Teptbr. 19X3, abends SVa Uhr, findet eine �ulieroi'elsiltlleli« venerst- Versummlung bei Merkmann, Große Franksurter Straße 1b, statt. Die Herren Vertteter der Kasse werden hiermit ergebensr eingeladen. 27ö/t7 Der Vorstand. Donnerstag, den 19. September, abends 8% Uhr: Mitglieder-Versammlung im Gewerkschaftshause, Engelufer 13. Tagesordnung: 1. Wahl eines 4. Filialbeamten. 2. Abrechnung vom zweiten Quartal ISIS. 3 Verbandsangelegenheit. Mtgtu der michtigen Tagesordnung ist das Erscheinen aller Kollegen Pflicht. ' I�ur Mitgliedsbuch legitimiert. 130/8*_ Die Ortsverwaltnng. Orts-Krankenkasse der Schlosser u. verwandten Gewcrbezu Berlin Vom 25. September d. I. ab befindet sich das Kassenlolal m un- serem eigenen Hause «vR'IiiR WO. 43 L4iiieiistr.No. 5 Hof 1 Treppe unweit der Neuen Konigstrafie. Am 34. September bleibt die Kasse des Umzuges wegen ge- schloffen. 278/14 Her Vor« tan«!. I. A.: Gustav Lnbatsch, Robert Krüger, Vorsitzender. Schrisisührcr. Aalt ÄVÄ 2 retour! ser. NiezonrollmSpso, laedsderin gg. Voss 32 tteringo dlilebssuee, LoloeasI, Dose norm. Srslker., ca. Oel-��* Loloodor., Kiste 40 Sp.-Bücklg. oder Kiste große Bücklg. 9 Sorten zusammen 3,93 M. E.\rapp, Zlltoiia-Otteus. 105. Deutscher Tabakarbeiter-Verband - OrtsTcrwaltnng Berlin.===== Donnerstag, den 19. September 1912, abends 8 Uhr, im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Straße 11/12: SrstieKen- Versammlung aller in der Zigarettenindustrie beschäft. Mitglieder. Tagesordnung: 1. Die EntWickelung der Berliner Zigarettenindustrie. Referent Krumnow. L. Wahl von zwei Mitgliedern in die Sektionsleitung. 8. Branchenangelegenheiten. OV Das Erscheinen aller ist Pflicht.-MG 183/2_ Die Prot). Sektionsleitung. Zentralverband der Dachdecker - Verwaltungsstelle Berlin.- Mittwoch, den 18. September 1912, abends 8 Uhr: = Versammlung en der Dachdecker und Hilfsarbeiter im Englischen Garten, Alexanderstraße 27c. Tagesordnung: Unser Kampf in Berlin. Rcserent: Verbandsvorsitzender Georg Diehl aus Franlsurt a. M. S2/3 Verbandsbach legitimiert. cht„Clou" Manorcfpaßa HO__ 7i :: Berliner Konzerthaus Mauerslraße 82.— ZimmerstraBe 81/32. Eröffnung Sonnabend, den 21. September er., abends 8 Ohr. Udcl-Qnartett, Prof. Udel aus Wien. Beri. Konzcrtiiaus-Orcliestcr. Frz. v. Blon. Hnsikc. Kais.-AIex.-Grenad.-Rgts., Kgl. Musikdir. Brase. Verwaltung Berlin. Mittwoch, den 18. September, abends S'/s Uhr, r in den Konkordia-Festsälen, Andreasstr. 64:' Gemeinsame Dkrtrallensmömier- Uechmmlnng für sämtliche Dezirke und Kranchen. Tagesordnung: 1. Stellungnahme und Beschluftfaffnng über die Beitrags- erhöhung. 2. Verbandsangelegenheilen. 88/19_ Ple Ortsverwaltnng. Stemarlieitep. Mittwoch, den 18. September, abends S'Z Uhr(gleich nach Feier- abend), im„Prälaten", Berliner Allee, Ecke Lehderstraße: Bezirksversammlung Weißensee. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen ködert Fendel über:„Die Kranken- Versicherung". 2. Stellungnahme zu den bevorstehenden Kranken- kassenwahlen. 172/5 gfgf Pflicht jedes in der Weißenseer Ortskrankenkasse versicherten Kollegen ist es zu erscheinen._ Ple Ortsverwaltnng. kauft man reell n. am besten beim Größte Auswahl In allen Holz- and Stllartcn. Tischler- s ,nffolio>>na»?fi>|j am Lands Uöbel Gustav Rentel, Hermelsler. meister, i berger Tor An cesem Schild sind die Läden erkennbar, in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. IffnstergHltig in Konstruktion and Ansführnng, gleich vorzüglich für Uaasgebruach a. Industrie. ta Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges. BERLIN, Leipziger Straße 92. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. Arbeiter-Bildungsschule Berlin. Schallokal: Grenadiersfr. 87, Hol geradezu I. Lehrplan für das 4. Quartal 1912. Sonntag: Praktische Katlonalökoiiomle.(Tatsachen der Weltwirtschaft.) Die Bntwickelung zur Weltwirtschaft.— Der internationale Handel und seine Bilanzen.— Deutschlands Welthandel und Weltpolitib.— Der moderne Imperialismus.— Produktion und Konsum der wichtigsten Nahrungs- und Genußmittel und der wichtigsten Rohstoffe auf dem Weltmarkt.— Der Weltverkehr. — Die kapitalistische Weltwirtschaft und die Arbeiterklasse. Vortragender: Max Grunwald. Sonntag; Rednerschnle(mit mündlichen und schriftlichen Uebungen). Der Ausdruck in- Wort und Schrift.— Die Technik und Disposition der Rede und des schriftlichen Berichts.— Praktische Uebungen über bestimmte Fragen aktueller Wirtschaftspolitik. Vortragender: Max Grunwald. Montag: Katnrerkenntnls. Die Entwickelung unseres Sonnensystems.— Die Geschichte der Erde.— Die Entstehung des Lebens auf der Erde.— Bau und Lebenstätigkeit der organischen Wesen.— Abhängigkeit der Lebewesen von den Einwirkungen der.Umwelt. Vortragende: Frau Käte Duncker. Montag: Fortschrlttskarsna Im Gewerkscbafts- wesen. Vortragender: Emil Dittmer. Dieser Kursus findet im Gewerkschaftshause, Engelufer 15, vorn 2 Treppen rechts, Zimmer 27(Transportarbeiter-Verband), statt. Mitglieder, die gewillt sind, an diesem Kursus teil- zuuehmen, müssen mindestens ein Jahr Mitglied der Schule sein und einen Kursus im Gewerkschaftswesen besucht haben. Meldungen sind bis zum 22. September an den� Vorsitzenden H. LammC, Lichtenberg, Ritterguts tr. 25 I, einzureichen. Dienstag: Pentscbe Geschichte in» 19. Jahrhundert. Ueber den historischen Materialismus.— Deutschland am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts.— Die Einwirkungen der französischen Revolution auf Deutschland.— Die„Befreiungskriege",— Die deutsche Reaktion.— Die ersten Regungen der deutschen Arbeiterklasse.— Wilhelm Weitling und seine Agitation.— Die Klassenkämpfe der vierziger Jahre.— Marx und Engels.— Das deutsche Bürgertum am Vorabend der Revolution. Vortragender: Konrad Haenisch. Mittwoch: Llteratarg;eschtchte(Von Luther bis Goethe.) Vortragender: Ernst Däumig. Mittwoch: Einiahrnns In den wissenschaftlichen Soziallsmas(I. Teil). Die Entstehungsgründe der modernen Sozialdemokratie. Die ökonomischen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus. — Die historischen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus.— Die sozialistische Taktik. Der„Zukunftsstaat". Vortragender: Julian Borchardt. Dieser Kursus beginnt erst am Mittwoch, den 23. Oktober, und findet im Königstadt-Kasino, Holzmarktstr. 72, statt. Donnerstag: Sozialpolitik.(Die Geschichte der sozialpolitischen Gesetzgebung). Gründe und Anlässe für die Arbeiterschutzgesetzgebung und die Arbeiterversicherung in Deutschland.— Ansätze im früheren Recht.— Pflicht des Unternehmers, Haftpflichtgesetze.— Gehilfen-, Seemanns- und Knappschaftskassen; freie Hilfskassen. — Sozialpolitische Fürsorge iu den Einzelstaaten und den Kommunen vor der reich sgesetzlichen Arbeiterversicherung.— Die Arbeiterversicherung im Auslande. 6/11* Vortragender: Georg Schmidt- Freitag: Gewerkschaf tswesen.(Arbeiterschatz, Sozialgesetze und Gewerkschaften.) Einfluß der kapitalistischen Produktion auf den Gesundheitszustand der Arbeiter.— Aufgaben des Arbeiterschutzes und der Sozialgesetzgebung.— Der gesetzliche Normalarbeitstag. — Ärbeiterschutz für Kinder, Jugendliche, Arbeiterinnen und Heimarbeiter.— Sanitärer und allgemeiner Ärbeiterschutz.— Unfallverhütung.— Internationaler Arbeiterschutz. Organisation des Ärbeiterschntzes. Vortragender: Emil Dittmer. Sonnabend; Geschichte der Pentschen Sozialdemokratie(I). Die sozialistische Geschichtstheorie.— Die ökonomischen Voraussetzungen der modernen Arbeiterbewegung.— Utopischer Sozialismus. Sozialistische Strömungen im deutschen Bürgertum.— Geheime kommunistische Gesellschaften. Marx. Engels.— Die ersten selbständigen Organisationsversache der deutscher Arbeiter. Lassalle.— Die Gründung des Allgemeinen deutschon Arbeitervereins.— Die internationale Arbeiterassoziation.— Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach.— Eisenacher und Lassalleaner. Entwickelung der Organisationen.— Lassalleaner und Eisenscher bei den Reichstagswablen und im Reichstage. Die Einigung 1875 in Gotha. Vortragender: Emil Eichhorn. Unterrichtsbeginn: Dienstag, den 1. Okiober; Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Mittwoch, den 2. Oktober: Literatur- eschichte. Donnerstag, den 3. Oktober: Sozialpolitik. Freitag, den Oktober: Oewerkschaltswesen. Sonnabend, den 5. Oktober: Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie G). Sonntag, den S.Oktober, vormittags 9 Uhr; Nationalökonomie; 11 Uhr: Rednerschule: beide im Schullokal. Montag, den 7. Oktober: Naturerkenntnis. Montag, den 7. Oktober: Fortschrittskursus im Gewerkschaftswesen; im Gowcrkschaftshaus, Zimmer 27. Mittwoch, den 23. Oktober: Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus(I. Teil); im Königstadt-Kasino, Holzmarktstraße 72. Jeder Kursus erstreckt sich auf zehn Abende resp. Sonntag- vormittage. Abends Beginn pünktlich 8'/» Uhr, Ende 10 IJhr. Sonntag vormittags Beginn 9 l'hr resp. II Uhr; Schluß 19 /» resp. 12'/, Uhr. Die reichhaltige Bibliothek ist an den Dnterrichtsabenden von Uhr, Sonntags von 10'/, bis 11'/, Uhr geöffnet. Der Mitgliedsbeitrag beträgt pro Monat 25 Pf.; das Unterrichtsgeld für jedes Fach pro Kursus 1 Mark und ist spätestens am zweiten Abend zu zahlen. Die Aufnahme neuer Mitglieder und Schüler erfolgt bei Beginn jedes Kursus im Schullokal Grenadier- neginn straße 37, Hof geradezu 1 Treppe, und injiachstehenden nn jedes Korsos un gcradi Zahlstellen: Gottfr. blchalz, Admirälstr. 40a; Real, Barnim- straße 42; Vogel, Lortzingstr. 37; W. Kaczorowskl, Ravens- straße 6; Borseh, Engelufer 15. Alle Zuschriften sind an den Vorsitzenden Hermann Lamme, Lichtenberg-Berlin. RIttergntstr. 35 I, Geldsendungen an den Kassierer H. Königs, Berlin S. 59, Hasenheide 56, zu richten. Der Vorstand- i Torlrlge Ober die iBlenallonale Tellhllfs-Spraeke �ESPERANTO speziell über ihre Bedeotmig für die org. Arbeiterschaft finden statt Dienstag, 17. September«bds. 8Vj Uhr 1 Demerstag, 19. September abds»&*/i Uhr Rest Hoppe, Neukölln, Hennannstr. 49| ReatPaUc n hofer, Turmstr.EckeStromstr. Freitag, 20. September, abends 8*/» Uhr Gewerkschattahans, Engel-Ufer 15, Saal V. Anschliessend beginnen folgende unentgeltliche Korse Dienstag, 24. September, abends SVg Uhr: WEDDING, Rest.Zum Pankgrafen-, Pank-Strasse 8.— MOABIT, Restaurant Frosch, Gotzkowsky- Strasse 36. Freitag, 27. September, abends 8'/? Uhr: ZENTRUM, Restaurant Tröbel, 0 27, Blankenfeldestrasse 10.— NEUKÖLLN, Hoppes Festsäle, Hennanns trasse 49. Mittwoch, 2. Oktober, abends 8V3 Uhr: NORDOSTEN, Restaurant Elbinger Str. 38 OBER- SCHÖNEWEIDE, Restaurant Imberg, Wühelminenhof- Strasae 34 RUMMELSBURG, Rest. Stapge, SchiUerstr. 31.— Lehrbuch 1,75 Mark* Arbeiter-•Vnwis<fong Or.• B«rUau Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiekepp, Neulölln. Für den Lnseratentetl verantw.: TH- Glocke. Berlin. Druck». Berlag: Vorwärt« Buchdruck««». BerlagSanstalt Paul Singer u.Eo.. SetltnSW. m?»i»» 2. ödlngt des Jmsirts" Krlim WMM° ZsMlelemokrstlscher Parteitag. 1. Verhandlungstag. Montag, den 1ö. September 1912. Ter große Saal des„Wintergartens" in Schönau bei Chemnitz ist festlich geschmückt. Rings herum sind die Wappen derjenigen deutschen Städte angebracht, in denen die vorher- gehenden Parteitage abgehalten wurden. Vor der rot dra- vierten Rednertribüne steht in einein kleinen Lorbeerhain die Büste Ferdinand Lassalles, auf der Bühne die Statuen Marx und Engels. Bei der großen Anzahl der Delegierten und der Pressevertreter reicht der Saal kaum aus. um allen Platz zu gewähren. Auf der Galerie wohnen Hunderte Zuhörer den Verhandlungen bei. Vorsitzender Haäse eröffnet die Sitzung um zü19 Uhr und der- liest ein herzliches Bcgrützuiigstelegramm des Pariser Zentral- komitees der russischen revolutionären Arbeiterpartei, gezeichnet Roubanomitsch. Dann gibt der Vorsitzende die Namen der zum Parteitag gekommenen Vertreter der ausländischen Bruderparteien bekannt ssie sind bereits im Bericht über die gestrige Versamm- lung angeführt) und fährt fort: Die deutsche Sozialdemokratie hat stets großen Wert gelegt darauf, in engster Fühlung zu stehen mit den Parteien des Auslandes. Die Siege unserer ausländischen Genossen betrachten wir als unsere eigenen Siege, und wenn sie einmal eine Niederlage erlitten, empfanden wir es überaus schmerz- lich.� Mit gespannter Aufmerksamkeit haben wir in letzter Zeit verfolgt die Kämpfe der Arbeiter in den verschiedensten Ländern, namentlich in England und Belgien, und die Fortschritte der revo- lutionärcn Bewegung in Nußland. Das Kapital wird immer inter- nationaler, das Band, das sich um das Proletariat der Welt schließt, muß erst recht immer fester werden. Aus dem Gefühl der inter- nationalen Solidarität heraus grüße ich die hier anwesenden Ge- sandten unserer Brudcrparteien und heiße sie im Namen der beut- schen Partei herzlich willkommen.(Lebhafter Beifall.) Reichstngsabgcordncter Branting-Stockholm (mit lebhaftem Beifall begrüßt): Verehrte Genossen, es ist mir eine große Ehre, hier im Namen der schwedischen Arbeiterpartei den deutschen Parteitag zu begrüßen. Es ist nicht das erstemal, daß ich einem deutschen Parteitag beiwohne, ich war schon in Halle, und niemals vergesse ich den großen Eindruck, den damals die stürm- erprobten Genossen auf mich gemacht haben. Damals war die schwedische Partei noch ganz jung, seitdem aber ist die Bewegung auch bei uns weiter fortgeschritten. Sie hielt mit der Jndustriali- sierung des Landes gleichen Schritt, vielleicht ist sie ihr auch etwas vorausgeeilt. 1999 war es uns bereits möglich, den großen Wirt- schaftlichen Kampf auszuhaltcn, den das ganze Unternehmertum gegen uns führte. Wenn wir auch nicht so gesiegt haben, wie wir wollten, so ist die Arbeiterschaft doch auch nicht geschlagen worden. Mit der Regierung der Massenaussperrung haben wir 1911 abge- rechnet, die schwedischen Arbeiter taten ihr Bestes, um diese Regie- rung zu stürzen und durch einen großen Vormarsch bei den Wahlen ihre ungebrochene Kraft zu betätigen. Mr erhielten 2 9 P r o z. aller abgegebenen Stimmen(Bravo) und die Mitglieder unserer Reichstagsfraktion stiegen von 34 auf 64.(Lebhaftes Bravo.) Die kapitalistische Rechte, die ununterbrochen zwanzig Jahre geherrscht hatte, mußte zurücktreten, an ihre Stelle kam eine liberale Regierung, die auch der Sozialdemokratie einige Plätze in der Regierung einräumen wollte. Wir waren uns sehr bald darüber ganz einig, daß dieses Angebot nicht a n g e« n o m m e n werden dürfe. Wir sind uns sicher, daß es nicht lange dauern wird und auch diese bürgerliche Partei wird deutlich zeigen, daß wirkliche Hilfe für die Arbeiterklasse nicht von einer bürgcr- lichen Partei, sondern nur aus der Partei der Arbeiterklasse selbst kommen kann.(Sehr wahrl) Wir haben aber keine Veranlassung, die Entwickelung so zu beschleunigen, daß wir diese bürgerliche Linkspartei sofort in die Arme der Reaktion treiben. Wir hoffen, daß der Gegensatz im bürgerlichen Lager noch einige Zeit bestehen wird und die Arbeiter daraus den Nutzen für den allgemeinen demokratischen Fortschritt ziehen können. Aus einer solchen Kon- stellation erwachsen natürlich taktische Schwierigkeiten. Von Fall zu Fall wollen wir entscheiden, was das Nützlichste für die Arbeiter- klaffe ist, und immer das sichere Bewußtsein bewahren, daß es sich darum handelt, das Klassenbewußtsein der Arbeiter wach zu er- halten. Ihren Verhandlungen wünschen wir das beste Ergebnis, wir sind gewohnt, auf den deutschen Parteitag mit der sicheren Ueberzcugung zu sehen, daß daraus immer etwas für die ganze Internationale Wertvolles herauskommt. Nach dem gewaltigen Wahlsieg der deutschen Bruderpartei zu Anfang dieses Jahres sind Ivir überzeugt, daß sie immer mehr Macht bekommen wird und von Deutschland das Signal gegeben werden kann, endlich der Arbeiter- schaft eines großen Landes den Einfluß zu erringen, um das Banner der Freiheit der arbeitenden Bevölkerung über die ganze Welt flattern zu lassen. Wir hoffen, daß für die deutsche Partei auch dieser Parteitag ein neues Merkmal auf dem Weg zum iünfti- gen Sieg bedeuten wird. In dieser Hoffnung begrüße ich den Parteitag im Namen der schwedischen Sozialdemokratie.(Stürmi- scher Beifall.) Quclch-London: Mit dem größten Vergnügen kam ich auf Euren Parteitag. um Euch die brüderlichen Grüße und die Glückwünsche der engli- schen Sozialdemokratie zu überhringen. Wir haben Euren Wahl- kämpf mit dem größten Interesse verfolgt, Eure Arbeit bewundert und an Euren Siegen teilgenommen. Wir gratulieren Euch zu Eurer prächtig gewachsenen Vertretung im Reichstage, aber von noch größerer Wichtigkeit erscheint uns die Stimmenzunahme. Wir betrachten dies als um so bedeutungsvoller, weil wir wissen, daß Ihr ebenso wie wir Euch in bezug auf die Stimmzettel keinen Illusionen hingebt, sondern, daß Ihr darin nur das äußere und sichtbare Zeichen des Wachstums einer Bewegung erblickt, die sich nicht abseits lenken läßt, weder durch eine schlecht verhüllte anar- chistische Taktik, noch durch die Aussicht auf Leere und trügerische Bourgeoisrcformen, die die Bewegung nur entnerven würden, son- dcrn welche fest und unwiderstehlich vorwärts dringt. Auch bei unS in Großbritannien find im letzten Jahre wichtige Verände- rungen eingetreten. Bald nach Eurem vorigen Parteitag hatte die damals von mir vertretene sozialdemokratische Partei ent- sprechend den ihr von den internationalen Kongressen auferlegten Pflichten die Einigkeit der sozialistischen Kräfte der Nation zu er- streben, eine Konferenz einberufen, auf der das gewünschte Resultat erreicht wurde und zwar durch Verschmelzung in die British- Socialist-Party. Selbst manche Gruppen der unabhängigen Arbeiterpartei, denen das Bündnis mit der Arbeiterpartei verleidet war, schlössen sich der neuen geeinigten sozialistischen Partei an. sBravo!) Im Namen dieser Partei begrüße ich Euch, wie zählen etwa 40 990 Mitglieder, die den revolutionären Sozialismus in Großbritannien vertreten.(Bravo!) Im Gegensatz dazu ist unsere Arbeiterpartei immer mehr zum Anhängsel der liberalen Partei geworden. Während des letzten Jahres drohte mehr als einmal der Aus- bruch eines RiesenkriegeS. Glücklicherweise ist das entsetz- liche bis jetzt verhütet worden, aber man kann nicht sagen, daß jede Gefahr eines Konfliktes vorüber sei. Im Gegenteil, in ge« wisser Beziehung ist die Gefahr drohender als je. Es ist einer der Gründe, weshalb ich mich freue, mal hier anwesend zu sein, um Euch zu versichern, daß die britischen Sozialisten fest entschlossen (sind, alles was in ihrer Macht steht, für die Erhaltung des Friedens �zu tun.(Lebhafter Beifall.) Und daß sie sich über die Aussicht freuen, mit Vertretern der großen deutschen sozialdemokratischen Partei über die in beiden Ländern gemeinschaftlich zu ergreifenden Mittel zur Verhütung eines Krieges beraten zu können.(Erneuter Beifall.) Die überwältigende Mehrheit dcs'briti- schen Volkes ist gegen den Krieg und wenn sich der Frieden nicht erhalten ließe, so wäre das auf die Schuld und die Narrheit der regierenden Klassen in beiden Ländern zurückzufüh- rcn. Indem ich unserer Solidarität mit Euch Ausdruck gebe, indem ich den Wunsch ausspreche, daß wir in dem großen Kampfe gegen die Klassenherrschaft mit der ganzen Welt in Reih und Glied mar- schieren werden, danke ich Euch für Eure freundliche Aufnahme, beglückwünsche ich Euch zu Eurem Parteitage und zu Eurem be- reits erkämpften Erfolg. Es lebe die deutsche sozialdemokratische Partei! Es lebe die internationale Sozialdemokratie!(Lebhafter Beifall.) Als Gast ist noch eingetroffen Genosse K a m m i n i e w vom Zentralkomitee' der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. Genosse de Brouckere-Brllsscl hielt eine französische Ansprache, die von Grumbach-Paris über setzt wurde. Der Redner führte»us: Mein Deutsch ist schlecht, als daß ich es wagen könnte, in Ihrer Sprache meine Ausführungen zu machen. Die belgische Partei hat uns hierher geschickt, damit wir von dem lernen, was Sie heute und im Laufe der Woche verhandeln und beschließen. Das, was die Arbeiterorganisationen hier in Chemnitz geschaffen haben, hat bei uns einen sehr guten Eindruck gemacht. Es hat uns daran erinnert, daß wir vielleicht nach Dänemark zu den ersten gehörten, die Volkshäuser bauten. Jetzt haben wir indes Ursache, bescheiden zu sein und das nachzu- holen, um das Ihr uns zuvorgekommen seid. In aller Kürze will ich die Situation in Belgien kennzeichnen, sind ja in unserer inter- nationalen Familie die Sorgen des einen und auch die Sorgen des anderen. Einstimmig beschloß in Belgien der Kongreß, der am 39. Juli tagte, die Vorbereitung des G e n e r a l st r e i t s. Friedlich, ge- setzlich, aber mächtig und unwiderstehlich. Dieser Kampf ist jetzt unvermeidlich, es sei denn, daß die sofortige Einführung des allge meinen gleichen Wahlrechts erfolgte. Wir haben den Kampf nicht gewollt und nicht gemacht, die Massen forderten ihn und ihr Wille war unwiderstehlich. Deuten Sie aber meine Worte nicht so, als ob etwa das Komitee nur einer Bewegung folgte, die es selbst nicht billigt. Nein, wir sagen alle, daß der Generalstreik unvermeidlich ist. Die Umstände in Belgien könnten das Land reif machen zu einer bürgerlichen Demokratie, aber es leidet, wie kein anderes Land, vielleicht Rußland ausgenommen, unter der Reaktion. Die Regierung bekämpft nicht nur unsere Organisation, sie hat Gegenorganisationen geschaffen und nirgendwo ist die Organisation zur Korruption des Proletariats so gediehen wie in Belgien. Die österreichischen Genossen forderten mich auf, über die Zustände eine Studie zu schreiben. Als ich es getan hatte, schrieben sie mir zurück, ich möchte einige Einzelheiten auslassen, die belgischen Klerikalen seien auf Ideen verfallen, auf die die österreichischen Klerikalen trotz ihrer Findigkeit noch nicht gekom- men wären. Auf uns lastet ein Druck, den wir nur durch das äußerste Mittel bekämpfen können, wenn wir nicht endgültig im tiefsten Marasmus versinken wollen. Wir haben alles versucht, wir haben keine Angst gehabt, mit dem Teufel zusammenzugehen und gingen auch mit den Liberalen zusammen. Am Wahltage hat der Teufel vor der Sozialdemokratie Angst bekommen und hat sich in das klerikale Weihwasser geflüchtet.(Heiterkeit.) Heute weiß das Proletariat, daß es nur allein selbständig siegen kann. Seit wir den Generalstreik vorbereiten, sehen wir die Folgen, alle unsere Organisationen wachsen, unsere Zeitungen haben 125 999 Leser. Das Proletariat hat einen Feld- zug zu seiner Selbsterziehung aufgenommen. Im Laufe dieses Winters werden in Belgien 35 sozialdemokratische Schulen er- öffnet.(Bravo!) Wir werden um so mutiger kämpfen, wenn wir wissen, daß wir von der Sozialdemokratie der ganzen Welt um- geben sind. Auch die Deutschen haben Vorteil davon, wenn wir siegen. Ich muß mir hier einige Reserve auferlegen, aber an das preußische Wahlrecht denken Sie alle. Der Sozialismus vor allem hat ein Interesse daran, daß Belgien, der Hort der schwärzesten Reaktion, einen anderen Weg geführt hat.(Stürmischer Beifall.) (Tachin-Paris hielt in französischer Sprache eine Anrede, die von Genossin Klara Zetkin übersetzt wird: Genossinnen und Genossen! Genosse Cachin, Gemeinderat von Paris, hat den Auftrag erhalten, der deutschen Sozialdemokratie zu ihrer gegenwärtigen Tagung die herzlichsten Brüdergrüße der französischen sozialistischen Partei zu überbringen. Mit Genugtuung kann Genosse Cachin konstatieren, daß die französische sozialistische Bewegung gute Fortschritte ge- macht hat. Die Einigung, die sich auf Drängen der Internationale vollzogen hat, war der Ausgangspunkt dafür. Gegenwärtig sind nicht mehr die Wolken der Zwietracht, der Uneinigkeit am Himmel der sozialistischen Bewegung in Frankreich und die Einigkeit der Partei gelangt zum Ausdruck in einer größeren Aktionsfähigkeit der Partei. Auf allen Gebieten der Betätigung tritt sie zutage, sie hat auch ihren finanziellen Ausdruck darin gefunden, daß in Wenigen Wochen 299 990 Frank von Parteimitgliedern aufgebracht wurden, um das Organ der Partei„L'Humanite" weiter auszu- gestalten. Die Sozialisten aller Länder haben durch die geschicht- liche Entwicklung die Aufgabe zugewiesen bekommen, die Hüter des Friedens zu sein. Die französische Partei läßt es daran nicht fehlen, sie protestiert gegen den verbrecherischen mordspatriotischcn Widersinn, gegen die wachsende Profit- und Machtlüsternheit der herrschenden Massen. Sie protestiert nicht bloß, sie handelt auch, das hat sie bewiefen im vorigen Sommer, als wegen der Marokko- affäre die Gefahr eines Weltkrieges heraufzog. Nun stellt man heute den Genossen Frankreichs die deutschen Sozialdemo- kvaten als nationale Musterknaben vor, genau wie in Deutschland ja die deutsche bürgerliche Presse das gleiche törichte Spiel treibt. Angesichts dieser Versuche ist es um fo nötiger, daß der inter- nationale Zusammenhang zwischen den Bruderparteien immer enger wird. Diesen Zusanimenhang kann er gar nicht genug her- vorheben, von welcher Wirkung die Rede Scheidemanns bei der internationalen Kundgebung zu Paris gewesen ist. Cachin grüßt uns im Namen des Paris der Kommune, im Namen der französischen Sektion der Internationale mit dem Ruf: Ehre und Ruhm der deutschen Sozialdemokratie, die unaufhörlich an Macht und Reife gewinnt.(Stürmischer, langanhaltendcr Beifall.) Reichsratsabgeordneter Karl Seitz-Wicn: Im Namen der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs wünsche ich Ihren Verhandlungen den besten Erfolg und über- bringe Ihnen zugleich die besten Grüße der Sozialdemokratie aus meiner Heimat. Das Berichtsjahr, auf das der Parteitag zurück- blickt, war ein Ehrenjahr der deutschen und damit auch der inter- nationalen Sozialdemokratie. Sie haben am Beginn dieses Jahres eine Schlacht geschlagen, gegen alle Reaktionäre, eine Schlacht, die wir mit Spannung verfolgten und die nach dem ganzen Aufmarsch Ihrer Truppen und nach dem Verlauf wohl einzig dasteht und unsere Bewunderung erregt. Was wir an Euch am meisten� be- Wundern und was wir unseren österreichischen Genossen— wir haben ja wahrhaftig eine schwere Arbeit in diesem finsteren Lande zu leisten— immer wieder als leuchtendes Beispiel voranstellt: ist Ihre U n e r m ü d l i ch k e i t, diese wunderbare Eigenschaft de: deutschen Sozialdemokratie, niemals zur Ruhe zu kommen, ob sie siegt, oder ob sie eine Niederlage erleidet. Sie haben Ihre Tagesordnung erweitert um einen Gegenstand, der auch für uns Oesterreicher von weittragender Bedeutung ist. Sie werden auch eintreten in eine Diskussion über die Frage der Teuerung. Ich maße mir nicht an, Ihren Beratungen vorzu- greifen und kenne auch zu wenig Ihre Verhältnisse, um etwa ab- schätzen zu können, ob die Aktion, die Sie einleiten, unmittelbar Er- folg haben wird. Aber das Eine hoffen auch wir Oesterreicher, daß eine mächtige Antiteuerungsbcwcgung in Deutschland einsetzen und auch bestimmend wirken wird für die Vorarbeiten, die die Negicrun- gen schon beginnen für die nächsten Handelsverträge. Wenn Ihr Vorsitzender und mehrere meiner Vorredner verwiesen haben auf die Bande der Solidarität, die uns mit diesen verknüpfen, so denken wir, daß gerade diese Frage zeigt, wie es sich bei unserer Solidarität nicht bloß um nebulose Gefühle handelt, sondern, daß sie die Konsequenz wirtschaftlicher Bedingungen ist, daß die Soli- darität der Arbeiterklasse nicht nur die Sache der Empfindung, son- dern ganz nüchterne Klassenpolitik ist. Wir wissen, daß Ihre Erfolge auch die unseren sind, wir wünschen Ihnen deshalb besonders herzlich weiteres mächtiges Wachstum der deutschen Sozialdemokratie und wir versprechen Ihnen, daß auch wir unser Möglichstes beitragen werden, um Ihnen nachzustreben. Den heuchlerischen Sympathien der Offiziellen der einzelnen Staaten, die sich in Friedensversiche- rungen ergehen, die aber begleitet sind von einem wahnsinnigen Weiterrüstcn, steht die Solidarität der Arbeiterklasse, die wahre wirkliche'Jnternationalität, gegenüber. Sie ist die Grund- läge des künftigen Friedens und je mehr wir in den � einzelnen Staaten an unserer Organisation arbeiten, desto mehr können wir hoffen, daß einst der Tag kommen wird, an dem wir den Feinden unserer Klasse in allen Ländern zurufen können: Hütet Euch vor einem Weltkrieg, denn der Weltkrieg wird das Weltgericht Eurer Klasse sein!(Lebhafter Beifall.) Parteisekretär Buchinger-Budapest: Namens des Vorstandes der ungarländischen sozialdemokrati- schen Arbeiterpartei habe ich Sie herzlichst zu begrüßen und Ihnen die Bewunderung zu verdolmetschen, die uns angesichts Ihres über» wältigenden Wahlsieges übermannte. Es ist nicht meine Absicht, Ihre kostbare Zeit lange mit der Schilderung der Kämpfe des unga- rifchen Proletariats in Anspruch zu nehmen. Die Arbeiterschaft Ungarns befindet sich unter einem zwar nicht dekretierten, aber faktisch bestehenden Ausnahmezustand. Nach Kopenhagen muhten wir berichten, daß wir im letzten Jahrzehnt nicht weniger als 297 Jahre Gefängnis zudiktiert bekamen und die Kleinigkeit von 137 999 Krorien Strafe zahlen mußten.(Hört, hört!) Im Monat Juli dieses Jahres kam es vor, daß das täglich einmal erscheinende Parteiorgan täglich dreimal konfisziert wurde.(Hört, hört!) Beim ersten größeren Demonstrationsstreik 1995 war das Wahlrecht als eine Staatsnotwendigkeit hingestellt worden, es war die Regierung des Kaisers F r a n z I o s e f, die für das Wahlreckst eine ener- gische Agitation entfaltete, ich könnte sast sagen, daß wir 1995 mit Franz Josef einer Meinung waren. Doch sollte sich bald zeigen, daß vom Hause Habsburg nicht nur der Dank, sondern auch eine vernünftige Politik vergebens erwartet wird. Die Regierung machte ihren Frieden mit den ungarischen Feudalen, die das Gut und Blut des Volkes zu dem Abenteuer der Annexion von Bosnien und der Herzogewina be- willigten. Im März dieses Jahres gingen allein 199999 Arr beiter auf die Straße, um für das Wahlrecht zu deinem- strieren. Am 22. Mai wurde Graf Tisza, der schlimmste Feind der Wahlreform, durch parlamentarischen Staatsstreich Präsident. Am 23. Mai erhob sich das Proletariat Budapests mit einer Energie und einer revolutionären Entschlossenheit wie nie zuvor, am Abend dieses Tages hatten wir nahezu 399 Parteigenossen im Kerker und mußten sechs Tote beklagen als Blutzeugen der großen Sache und Opfer einer barbarischen Tat, wie sie sich der Westeuropäer schwerlich vorstellen kann/ Aber das Proletariat gab die gebührende Antwort. In nicht ganz zwei Monaten sammelte die ungarische Arbeiterschaft 199 999 Kronen für die Opfer des 23. Mai und führte in nicht ganz sechs Wochen 11 999 neue Abon- nenten dem Parteiorgan zu. Wir sind der festen Zuversicht, daß die Entschlossenheit und Energie der ungarischen Arbeiterschast ausreichen wird, um zu triumphieren über ihre ärgsten Feinde, in erster Linie über den größten Feind des Wahlrechts, den Grafen Tisza und über den Mann, der sich Ministerpräsident nennt, es in Wirklichkeit nicht ist. Wir wenden in nicht zu ferner Zeit berichten können, daß das ungarische Proletariat sich sein wichtigstes Recht, sein Wahlrecht, erkämpft hat. Ich wünsche Ihren Verhandlungen besten Erfolg.(Lebhafter Beifall.) Viktor Stein-Wicn überbringt die Grüße der tchechischen sozialdemokratischen Arbeiter- Partei Oesterreichs. Wir sind diesmal als lebendiger Beiveis der Ilnbesicgbarkeit des Internationalismus und der fozialdemokra- tischen Prinpizientreue auch in den Reihen des tchechischen Prolc- tariats zu Ihnen gekommen.(Beifall.) Ein Jahr furchtbarer Kämpfe liegt hinter uns, aber wir haben auch große Erfolge. Wir haben ein Tageblatt, dessen Existenz gesichert ist, wir haben in Brünn ein dreimal wöchentlich erscheinendes Organ, und unsere Prager Genossen bereiten die Ausgabe eines Tageblattes vor. Die tchechische Arbeiterpartei beginnt, sich mit neuem Vertrauen um die Fahne des Internationalismus zu scharen.(Lebhafter Beifall.) Schon fängt man an, von der einheitlichen österreichischen Sozial- demokratic zu sprechen.(Lebhafter Beifall.) Die größte und wichtigste Voraussetzung unserer Erfolge ist die Einheitlichkeit unseres Proletariats.(Erneuter Beifall.) Axclrod-Zürich spricht im Namen des OrganisationskomiteeL der sozialdemokra- tischen Partei sslußlands. Eine Einigung der sozialdemokratischen Richtungen in Rußland ist absolut notwendig. Dieser Gedanke ist auf der letzten Konferenz, an der fast sämtliche Richtungen in Rußland teilgenommen haben, mit allem Nachdruck ausgesprochen worden.(Lebhafter Beifall.) Ich war zuerst skeptisch, bin aber über dieses Resultat sehr erfreut; der erste Schritt ist getan, eine Gesundung der Parteiverhältnisse in Nußland stehe bevor. Bei unserem Kampfe brauchen wir auch die moralische Mithilfe der Genossen der anderen Länder, besonders der deutschen. Wir wünschen ihnen weiter glänzende Erfolge.(Beifall.) Mit stürmischem Beifall wird Genosse Bebel begrüßt, der im Saale erscheint. Kamenicw-Nußland hält in französischer Sprache folgende von Grumbach übersetzte An-i rede: Wir grüßen den Kongreß der deutschen Sozialdemokraten. Ihr Wirken ist für uns in Rußland stets ein Beispiel ge- Wesen. Das russische Proletariat hat seit den Tagen der Revo- lution von 1995 eine Reihe peinlicher Tage erlebt, aber wir können heute sagen, daß die ärgsten Tage vorüber sind, daß neue revolutionäre Energien erwachsen. Im Jahre 1912 streikten in Rußland 612 999 Arbeiter, darunter 599 999 mit politischenn Forde- rungen. Aber nicht nur diesem offenen Kampfe widmete sich da? Proletariat Rußlands, auch in systematischer Propaganda und Selbsterziehung leistet es, was möglich ist. Zum ersten Male ist Rußland konnte in den letzten Tagen in Petersburg die hundertste Nummer eines sozialistischen marxistischen Tagesorgans erscheinen, sechs Redakteure sitzen allerdings schon im Gefängnis. Das Prole- tariat Rußlands schläft nicht. In einer Konferenz unserer Partei zu Beginn des Jahres beschlossen wir die Aufstellung eines Wahl- Programms und die Beteiligung an den Wahlen. Wir werden also in den nächsten Monaten am Wahlkampfe teilnehmen und unser Bemühen darauf richten, mehr Abgeordnete zu bekommen, als in der dritten Duma. Wir werden in allem versuchen, Ihrem Beispiel zu folgen.(Großer Beifall.) Hanse: Ich teile Ihnen mit, daß wir die Freude haben, in unserer Mitte als Gast noch den Genossen Rouanet aus Paris zu sehen. Ich danke allen auswärtigen Rednern für die herzlichen Glückwünsche, die sie uns gebracht haben. Wir treten in die Tagesordnung ein. Es liegt ein Antrag Lipinski vor, die Geschäftszeit auf 7 Stunden und die Tagungszeit auf die Stunden von il bis 1 Uhr und von Vti bis%7 Uhr festzulegen. Lipinski-Leipzig: Wir haben seit 183(1 die achtstündige Arbeits- zeit auf dem Parteitag festgehalten. Inzwischen aber haben sich die Verhältnisse wesentlich geändert,, weil die Parteitage fast drei- mal so stark wie früher gelvordcn sind und den Mitgliedern der vielen Kommissionen oft die Teilnahme an Parteitagsverhandlungen erschwert wird. Ich glaube, wir können jetzt eine einstündige Ar- bcitszcitverkürzung eintreten lassen. Es läuft ein Antrag Ledebour ein, die Sitzung auf 3— 5 Uhr festzusetzen mit einer einstündigen Pause für die Zeit von bis 1% Uhr. Nachdem Ledebour dafür und Bebel da- gegen gesprochen, wird unter Ablehnung des Antrages Lipinski beschlossen, von 3 bis 12� und von 156 bis 5 Uhr zu tagen. Hierauf tritt der Parteitag in die Tagesordnung: Geschäftsbericht des Vorstandes. Ebert: Soweit wir übersehen können, hat unser schriftlicher Bericht in der Partei eine gute Aufnahme gefunden; ich glaube deshalb, daß ich mich auf einige Ergänzungen und Erläuterungen beschränken kann. Die Parteiorganisation konnte am Schluß des Geschäfts- jahrcs 373112 Mitglieder mustern, gegen das Vorjahr eine Zunahme von 133 353 Mitgliedern oder 15,3 Proz., ein Fortschritt, mit dem m. E. die Partei voll zufrieden sein kann. Vergleicht man ihn lediglich mit der Mitgliederzunahme vom Jahre 1337, so befriedigt er allerdings nicht völlig, dabei ist aber zu berücksichtigen, daß wir im Jahre 1333 das erste Mal versuchten, den gesamten Mitgliederbestand der. Partei festzustellen und schon deshalb die Resultate der Organisationen nicht einwandfrei waren. Hatte das Resultat fast allgemein enttäuscht, so bewirkte es auf der anderen Seite, daß im ganzen Reiche unsere Parteigenossen einen wahren Wetteifer um die Stärkung der Organisation entfalteten. Berück- sichtigt man alle Umstände, so konnte man allerdings nicht gut er- warten, daß wir auch im letzten Jahre eine ähnliche sprunghafte Erhöhung unserer Mitgliederzahl zu erreichen in der Lage waren, wie 1337. Außer der Stärkung der Organisation in ihrem Umfang hat sich unsere Organisation seit 1333 auch nach innen kräftig ent- wickelt. 1338 hatten wir 278 Wahlkreisorganisationcn, darunter 135 mit über 533 Mitgliedern; in 48 Kreisen hatten wir nur Ver- trauensmänner und in 33 Kreisen hatte die Partei überhaupt keine organisatorischen Anhaltspunkte. Heute haben wir 393 Wahlkreis- organisationen, darunter 233 mit über 533 Mitgliedern. 1937 zählten wir 2734 Ortsvereine, heute 4827 Ortsvereine. Die Mit- gltederzahl betrug 1933 42 Proz. unserer Wählerzahl von 1933 und heute beträgt sie 23 Proz. der vorjährigen Wühlerzahl.(Bravo!) Unsere Organisation ist viel umfangreicher und zugleich viel dichter geworden, und man darf wohl sagen, daß. sie in den letzten Jahren eine Entwicklung genommen hat, auf die wir alle stolz sein können. Freilich ist die Aufwärtsbewegung unserer Organisation nicht in allen Bezirken gleichmäßig, wir hatten im letzten Jahre sogar 71 Wahlkreise, die einen Mitgliederrückgang aufwiesen. Das ist ' keine ungewöhnliche Erscheinung, es handelt sich M hauptsächlich um junge Organisationen. Unsere in dem gedruckten Bericht ent- haltene Statistik zeigt ganz deutlich, welche Bezirke und Wahl- kreise hier in Betracht kommen und ich glaube, es muß genügen, wenn ich an diese Organisationen das dringende Ersuchen richte, mit aller Sorgfalt den Ursachen dieser Erscheinung nachzugehen und dann mit aller Energie daran zu schreiten, diese Ursachen zu beseitigen.(Zustimmung.) � Die bürgerliche, besonders die liberale Presse hat bei der Kritik unserer Berichte an die erwähnte Erscheinung angeknüpft. Auch das Verhältnis unserer Organisationsstärke, die Zahl unserer Wähler genügt der liberalen Presse nicht. Allerdings erscheinen mir die Liberalen, deren Organisationen vielfach überhaupt nur Phantasiegebilde sind, die unberufensten Kritiker zu sein.(Sehr richtig!) Ernstlicher kommt da schon das Zentrum in Betracht und die Zcntrumspresse war in ihrer Kritik aus einen ähnlichen Ton gestimmt. Der Volksvcrein für das katholische Deutschland, den man ja wohl als die Organisation des Zentrums ansprechen darf, zählte 1338 313 583 Mitglieder, wir hatten damals nur 587 333 Mitglieder. Heute hat der Volksverein 333143 Mitglieder, er ist also weit hinter uns zurückgeblieben, seine Zunahme seit 1338 beträgt 13 Proz., während wir eine Steigerung von 85 Proz. erfahren haben.(Bravo!) Während für den Volksverein die Äaplanokratie, zum Teil auch der behördliche Apparat aufgeboten wird und, wie wir kürzlich feststellten, wenn das nicht hilft, auch mit Wurst und Bier nachgeholfen wird(lebhafte Heiterkeit), haben wir in unserer Organisationsarbeit zu kämpfen gegen fanatische. skrupellose Gegner, gegen die Ausnutzung der sozialen Ucbermacht, gegen eine ungesetzliche Verwaltungspraxis und gegen die Klassen- justiz. Auf weitere organisatorische Einzelheiten glaube ich nickst eingehen zu sollen, zumal ja die Frage besonders auf der Tagesord- nung steht. Hervorheben muß ich aber, daß sich bei den Reichs- tagswahlen unsere Organisation in jeder Hinsicht vorzüglich be- währte. Unsere Bezirks- und Landcsorganisationen haben sich mehr und mehr gefestigt und sind zu unentbehrlichen Faktoren in der Gesamtpartei geworden, sie sind nicht nur die Träger einer einheitlichen systematischen intensiven Organisations- und Agi- tationsarbeit, sie sind auch das Bindeglied zwischen Wahlkreis- organisationen und zwischen der Zentralleitung der Partei. Diese für die Gesamtpartei so außerordentlich wichtige Tätigkeit der Be- zirks- und Landesorganisationen tritt zwar nicht laut in Erschci- nung, sie kommt auch in unserem schriftlichen Bericht nicht zur Geltung, aber um so mehr muß sie anerkannt werden, daß sie für das Funktionieren unseres Organisationsapparates von der aller- größten Bedeutung ist. Wir können ohne Ueberhebung feststellen, daß unsere Organisation die aller bürgerlichen Parteien weit über- troffen hat. Der Kampf um die Jugend ist bei unserer Rekrutierungsarbeit van größter Bedeutung. Nach dem alten Rezept: Zuckerbrot und Peitsche versuchen die Bürgerlichen aller Schattierungen im Bunde mst den Regierungen die Arbeiterjugend für ihre Zwecke einzu- fangen. Das Vereinsgesetz öffnet der behördlichen Willkür Tür und Tor, nur gegen die proletarische Jugendbewegung wird es ange- wendet. Die bürgerliche Jugendbewegung, die trotz ihrer Heuchelei doch ihrem ganzen Wesen nach politisch ist, wird mit Mitteln des Staates und der Gemeinde geradezu treibhausartig gezüchtet. Jeder klassenbewußte Arbeiter muß daher erkennen, wohin die Reise geht. Schon werden im gegnerischen Lager Stimmen laut, die neue � Zwangsmaßnahmen für die Jugend verlangen. Es mutz jedem klassenbewußten Arbeiter zur dringenden Pflicht gemacht werden, die proletarische Jugendbewegung nach besten Kräften zu fördern. Das treffliche Organ unserer Jugendbewegung, die„Arbeiter- Jugend", darf in keiner Arbeiterfamilie, wo heranwachsende Söhne und Töchter sind, fehlen. Und es liegt ein ausführlicher schriftlicher Bericht auch über den Stand der Jugendbewegung vor, ich kann nur bitten, daß die Delegierten diesem Bericht ernste Beachtung schenken. Wohin leichtfertige Gründungen führen, da? hak uns ja Göppingen gezeigt. Die Parteigenossen sind dort zur Gründung eines Unternehmens geschritten, trotzdem von allen sachkundigen Seiten dringend abgeraten wurde. Das dringende ülbraten des Parteivorstandes wurde in den Wind geschlagen. Nach kaum einem halben Jahre war die Katastrophe da. Man hatte glücklich 4333 Abonnenten, aber auch über 133 333 M. Schulden, von denen der größte Teil sofort fällig war. Eine sachliche Prüfung ergab, daß die Weiterführung des Unternehmens einen jährlichen Zuschuß von etwa 12 333 M. erfordern würde. Dieses Göppinger Beispiel sollte für jeden einsichtigen Parteigenossen geradezu abschreckend wirken und von neuem zu größter Vorsicht mahnen. Jedenfalls ist der Parteivorstand entschlossen, ernstlich die Münchener Resolution zu beachten und die Parteigenossen, die diesen Beschluß außer Acht lassen, können nicht darauf rechnen, daß sie bei Presscgründungen vom Parteivorstand finanzielle Hilfe bekommen können. Der Partei- vorstand muß aber auch öfter bei bestehenden Blättern mit finan- zieller Hilfe eingreifen, wenn es sich um Betriebsveränderungcn oder um sonstige neue Einrichtungen handelt. Dabei handelt es sich in der Regel um recht große Beträge, die dann den betreffenden Geschäften als Darlehen gegeben werden. Heute ist ein großer Teil des Parteivermögens, weit über 1 Million Mark, in solchen Dar- lehen angelegt. Soll der Partcivorstand auch für diesen Ver- mögensteil der Gesamtpartei gegenüber die Verantwortung tragen, dann ist es ganz selbswerständlich, daß er auch an der Verwaltung solcher Parteigeschäfte beteiligt wird, daß ihm bei bestimmten Dingen, die die Rentabilität des Unternehmens beeinflussen, ein entscheidendes Einspruchsrecht eingeräumt wird. In der Praxis sind die Dinge so geregelt worden, daß solche Geschäfte bei Neu- anschaffungen, die einen gewissen Wert übersteigen, oder bei der Festsetzung des Materials der Zeitung, bei der Lohn- und Gehalts- regelung, bei der Anstellung und Entlassung von Rcdaktions- und Verwaltungspcrsonal die Zustimmung des Parteivorstandes einzu- holen haben. Weiter ist ausbedungen, daß dem Parteivorstand jeder- zeit das Recht zusteht, diese tlnternehmen einer Revision zu unter- werfen. Heute steht eine große Anzahl Parteigeschäfte unter dieser Bedingung. Die Handhaoung ist von uns jederzeit auss loyalste geführt worden. Äußer zwei Fällen sind alle Fälle bisher völlig glatt erledigt worden. In einem Falle handelte es sich um die Ent- lassuna, in einem zweiten Falle um die Anstellung eines Redakteurs. Nach Verhandlungen mit Partciverlag und Preßkommission der in Frage kommenden Blätter ist auch in diesen beiden Fällen Ueber- einstimmung herbeigeführt worden. Es ist ganz selbstverständlich, daß wir bei unserem Eingreifen die Unabhängigkeit der Redaktion gegenüber der Parteileitung wahren. Das ist bisher von uns auf das Peinlichste beobachtet worden. Wir haben nach der Richtung hin geradezu Garantien gegeben. In diesem Zusammenhang mutz ich noch einmal auf Göppingen zu spreche» kommen. Es ist ja nicht angenehm, den Parteitag beim Beginn mit solchen Sachen zu behelligen, aber die Angelegenheit hat in der Partei so viel Staub aufgewirbelt, daß die Gesamtpartci von uns in dieser Frage völlige Auklärung ver- langen kann. Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen; mir kommt es in der Hauptsache darauf an, Ihnen eine ruhige Tarstellung der Entwickelung der Dinge zu � geben und andererseits die Stellung des Parteivorstandes zu rechtfertigen. Als die Göppinger nach ihrem Zusammenbruch an uns herantraten, waren wir zu- nächst entschlossen, abzulehnen. Einmal erschienen uns die er- forderlichen Opfer so groß, daß wir glaubten, sie vor der Gesamt- Partei nicht verantworten zu können. Auf der anderen Seite konnte auf lange Jahre hinaus keine Rede von einer Existenzmöglichkeit sein. Wir hatten aber vorher die Leitung der Landcsorganisation befragt und vom Landcsausschutz besonders wurde geltend gemacht, daß die übrigen kleinen Parteiunternehmungen in Württemberg ebenfalls auf genossenschaftlicher Grundlage aufgebaut seien und, würde Göppingen zusammenbrechen, dann würde auch zu ihnen alles Vertrauen schwinden und dann würden auch sie in die größte Gefahr kommen. Außerdem ist bei diesen Verhandlungen auf die schwer zu überwindenden,. politischen. Nachwirkungen hingewiesen worden. Einstimmig empfahl uns diese Konferenz, an der auch Vertreter der Göppinger teilnahmen, in Göppingen einzugreifen. Das erste, Zvas nach einer gewissen Prüfung, bcs Unternehmens von uns geschah, war die Beseitigung der schlimmsten finanziellen Schwierigkeiten. Wir haben bereits am 23. April den Göppinger» die erste Rate überwiesen, am 23. Mai die zweite und 23. Mai die dritte Rate. Diese Beiträge sind dem Geschäftsführer des Göp- Pinger Unternehmens, wie dies auf der Kreiskonferenz des Wahl- kreises offen ohne Widerspruch erklärt ist, ohne weitere Be- dingungen ausgehändigt worden, so daß alle gegenteiligen Be- hauptungen unwahr sind.(Hört! hört!) In der Zwischenzeit Verhandelten die Göppinger mit Ulm loegen Herstellung der „Donauwacht" in ihrer Druckerei. Diese Verhandlungen sind nicht, wie hartnäckig immer behauptet wurde, vom Parteivorstand angeregt worden, sie sind vielmehr der eigenen Initiative der Göppinger entsprungen und schon geführt worden, che an den Parteivorstand herangetreten worden ist.(Sehr richtig!) Wie wir das erstemal von der Sache hörten, bezeichneten wir diese Verhandlungen als aussichtslos. Als aber dang auf der vorhin erwähnten Konferenz die Göppinger und selbst Thalheimer lebhaft für die Fortführung dieser Verhandlungen eintraten(Hört! hört!), da erklärten wir sofort mit aller Deutlichkeit und mit großem Nachdruck, daß die freie Entschließung der Göppinger über die Haltung ihres Blattes dadurch unter keinen Umständen be- einträchtigt werden dürfte.(Hört! hört!) Drs geschah in einer Konferenz, an der der Landesvorstand, der Ausschuß, der Partei- vorstand. Ulmer Vertreter und auch Thalheimer teilnahmen. Die Konferenz beschloß einmütig, diese Verhandlungen mit Ulm weiter- zuführen. Trotzdem haben wir außerdem noch dem Göppinger Verlag mitgeteilt, daß sie uns über den Verlauf dieser Vorhand- lungen unterrichten sollen. Auch dem Genossen Thalheimer war das bekannt, denn ihm ist dieser Brief ausgeliefert worden und der Brief ist im Gewahrsam des Genossen Thalheimer geblieben. (Hört! hört!) Als wir dann am 23. Mai wieder bei der Göppinger Geschäftsleitung über den Stand der Verhandlungen anfragten, wurde uns mitgeteilt, daß alles auf gutem Wege sei. Weitere Nachrichten sind uns nicht getvorden, von keiner Seite, trotzdem wir sie von der Geschäftsleitung dringend verlangt hatten. So standen die Dinge, als dann schließlich am 1. Juni— es war eines Sonnabends— das Göppinger Parteiblatt die Mitteilung brachte, daß in einer Göppinger Parteiversammlung bereits am 33. Mai die Verschmelzung der Blätter von Ulm und Göppingen beschlossen sei. Dieser Bericht kam am Montag in unsere Hände, aber ehe wir überhaupt eine offizielle Mitteilung bekamen und zu dem Beschluß Stellung nehmen konnten, begannen bereits die Treibereien in der Parteipresse gegen uns. Das Bremer Parteiblatt brachte am 1. Juni, also aus- gerechnet an demselben Tage, an dem das Göppinger Blatt den Beschluß veröffentlichte, eine Notiz unter dem ansprechenden Titel „Ein Parteiskandal".(Hört! hört!> Der Verfasser war der Ge- nossc West meyer. In dieser Notiz wurde dreist behauptet, Parteivorstand und Landesvorstand hätten erklärt, den Göppinger» nur zu helfen, wenn Thalheimer beseitigt und an seine Stelle Roßmann von Ulm gesetzt würde.(Lebhaste Bewegung.) Sofort haben wir dieser durchaus unerhörten Behauptung widersprochen und noch an demselben Tage der gesamten Parteipresse eine Klar- stellung über unsere Stellung zur Sache gegeben. Wer mit diesen Dingen auch nur einigermaßen vertraut ist, mutzte sich sagen, daß eine Regelung in Göppingen nur mit Hilfe des Parteivorstandes, nur mit Hilfe der Zentralkasse durchgeführt werden könne. Man konnte daher von jedem, der nicht gerade Skandal suchte, er- warten,� daß er zunächst die weiteren Schritte des Vorstandes ab- warten''würde.(Sehr ricktig!) Vor allem durften wir das von Radek, Thalheimer und Westmeyer erwarten, denn sie saßen in Göppingen und mußten wissen, daß der Parteivorstand sofort be- schlössen hatte, zwei Vertreter nach Göppingen zu schicken, die be- reits am 8. Juni morgens die Verhandlungen ausgenommen haben. Aber darin haben wir uns getäuscht. Die Leipziger Volkszeitung brachte am 4. Juni, nachdem sie bereits im Besitz unserer Erklärung war, unter dem Titel„Ein Gewaktstreich" einen Artikel von Radek, worin die in dem Bremer Parteiblatt erhobenen Beschuldigungen mit großem Wortschwall wiederholt wurden. Es wurde behauptet, wir hätten die Verschmelzung der beiden Blätter angeregt, wir hätten sogar unsere Mithilfe von dieser Verschmelzung abhängig gemacht und dem Landesvorstand keine Bedingungen gestellt. Auf Grund dieser falschen Behauptungen kam man zu dem Fazit, der Parteivorstand vermöge die politischen Folgen seines Vorschlages nicht zu übersehen(Lachen), der Parteivorstand fühle sich nur als Verwalter der Parteigcldcr, er habe keinen Sinn für Parteiehre und für die Interessen der Partei. �(Hört! hört! und Gelächter.) So glaubte man denn nun glücklich einmal zu dem mageren Thema von den Bureaukraten einen Beitrag konstruiert zu haben, aller- dings auf Kosten der Wahrheit, denn unsere Erklärung besagte ja das Gegenteil und sie befand sich bereits im Besitz der Redaktion der Leipziger Volkszeitung. lHört! hört!) Aber die Redaktion der Leipziger Bolkszeitung glaubte sich diesen fetten Happen nicht ent- gehen lassen zu sollen, sie fabulierte feste darauf los von Geld- schrankhütern, von Schema F, von sauberen Akten und ähnlichen Dingern Ich glaube gerade darauf hinweisen zu müssen, um Ihnen zu zeigen, wie man mit dem Schlagwort„Bureaukratie", das ja jetzt in der Partei üblich geworden ist, auch bei dieser Ge- legenheit Geschäfte machen zu können hoffte. Mit unserer Er- klärung hat die Redaktion der Leipziger Volkszeitung kurzen Prozeß gemacht; sie brachte den Artikel von Radek als Leitartikel, knüpfte gnädigst unsere Erklärung hinten an und Bemerkte dazu, die Er- klärung des Parteivorstandes bestätigte im wesentlichen, was in dem Artikel unserer Württcmberger Zuschrift dem Parteivorstand vorgeworfen wird.(Große Heiterkeit.) Tatsächlich steht die Erklä- rung schnurstracks im Widerspruch zu dem, was gegen uns gesagt ist.(Sehr richtig!) Wenn man so vorgeht, so ist das�eine recht skrupellose Zumutung an die Urteilslosigkeit der Leser.(Sehr gut!) Das Bremer Parteiblatt hat unsere Erklärung doch besser bewertet. Es schrieb am selben Tage:„Wir bedauern sehr, durch einen Mitarbeiter, dem auf Grund eigener langjähriger Praxis als Redakteur die volle Bedeutung solcher ganz bestimmter Er- klärungen klar sein mußte, falsch unterrichtet zu sein. Daß wir das sind, beweist die folgende Berichtigung, die uns vom Parteivorstande tclephonisch übermittelt wurde." Aber diese Einsicht hat nicht lange vorgehalten. Am anderen Tage brachte die„Bremer Bürger- Zeitung" den Artikel Rädels aus der„Leipziger Bolkszeitung" mit der Redaktionsanmcrkung, ohne auf die Berichtigung Bezug zu nehmen und ohne jeden Kommentar.(Hört! hört!< Ich glaube, die Redaktion der„Bremer Bürgcr-Zcitung" hai�sich dabei selbst die schlimmste moralische Ohrfeige verabreicht.(Sehr richtig!) Aber im Eifer, das Gleichgewicht zwischen Bremen und Leipzig wieder herzustellen, scheint ihr das nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein. Ich habe geglaubt, auf diese Einzelheiten� hinweisen zu müssen, weil sie charakteristisch sind für die polemischen Methoden dieser beiden Parteiblätter.(Hört! hört!) Westmicher und Thal- heimer setzten trotz aller unserer Erklärungen ihre Treibereien gemeinsam fort. Jede Erklärung von uns beantworteten sie mit neuen haltlosen Verdächtigungen. In vertraulichen Zirkularen und Depeschen suchten sie mit zum Teil wahrheitswidrigen Angaben die Presse zu beeinflussen.(Hört! hört!) Dabei spielten si« sich als Retter der Parteiehre und der reinen Gesinnung auf. Unsere Bemühungen zur Regelung der Angelegenheit wurden als Ver- tuschungsaktion bezeichnet, und den Redaktionen wurde Vorsicht gegenüber unseren Erklärungen anempfohlen.(Hört! hört! und Bewegung.) Radek trat sogar mit einer förmlichen Trohnote an den Parteivorstand heran.(Lebh. Hört! hört!) In Versanrm- lungen, darunter in einer von 16 Personen besuchten Franenver- sammlung in Göppingen, wurde die Angelegenheit in ähnlicher ün- verantwortlicher Weise verhandelt, und in einer Versammlung in Stuttgart wurde den Genossen Westmeyer und Thalheimer Dank und Anerkennung für diese mutvolle Erfüllung der Parteipflicht ausgesprochen.(Heiterkeit und Hört! hört!) Als wir das Drei- männerkollegium in die Enge getrieben hatten, da behaupteten sie doch noch, den Parteiborstand der Passivität beschuldigen zu müssen. Da und- dort hätte er gefehlt, obgleich wir vor Monaten die Er- Haltung der Unabhängigkeit der Göppinger Redaktion zur Be- dingung gemacht hatten, obgleich wir in jedem Stadium der Ver- Handlungen' daran festgehalten und finanzielle Hilfe sofort gewährt hatten und den Druck von ihren Schultern nahmen, und obgleich wir verlangten, von dem Gange der Unterhandlungen stets unter- richtet zu sein, glaubte man, unS Untätigkeit vorwerfen zu können. Wie sollten wir anders verfahren? Wie sollte man vorsichtiger zu Werke gehen, wenn man die Göppinger nicht als unmündige Kinder oder als Trottel behandeln wollte? Folgendes ist noch zu beachten. Radek hatte am 23. Mai, er» mächiigt von Thalheimer, dessen Rücktritt von der Redaktion erklärt, und Thacheimcr hatte am 33. Mai zu Beginn einer Parteiver- sammlung in Göppingen' erklärt, daß er von der Redaktion frei- willig zurücktrete. Das geschah ohne Wissen des Pärteivorstandes. Das geschah, obgleich ein Telefongespräch oder ein Telegramm ge- nügt hätte, um ein sofortiges Eingreifen des Parteivorstandes herbeizuführen. Wer bei dieser so völlig klaren und einfachen Sachlage behauptet, die Göppinger hätten unter finanziellem Druck oder Zwang gehandelt, der stellt die Tatsachen auf den Kopf.(Sehr richtig!) Beachten Sie doch nur: Radek erklärt selbst den Rücktritt Thal'heimers. Er hat es damit so eilig, daß er nicht einmal dessen Zustimmung einholt, und dann schreibt er über Erpressung und Maßregelung. Thalheimer gibt in einer Partciversammlung die Erklärung ab, daß er zurücktritt:, und man mutz annehmen, daß er freiwillig zurücktritt. Einige Tage später behauptet er, die Er- klärung sei unwahr, sein Rücktritt sei erpreßt, und die Verant- Wartung für diese Erpressung trage der Partcivorstand.(Hört, hört!) So etwas nennt sich mutvolle Erfüllung der Parteipflichten. (Heiterkeit.) Dieser Sachverhalt ist in einer Sitzung vom 8. Juni in Göppingen, an der alle Parteiinstmrzen des Göppinger Wahl- kreises mit Radek und Thalheimer teilnahmen, festgestellt worden. Radek und Thalheimer haben auch in dieser Verhandlung eine recht merkwürdige Rolle gespielt. Nachdem wir längere Zeit ver- handelt hatten, nachdem Radek ssch eingehend zur Sache erklärt hatte, nahm Thalheimer einen Teil von der erwähnten zweiten Erklärung zurück, und nach weiterer Verhandlung nahm er die ganze Erklärung zurück.(Heiterkeit.) Und zwar, wie er erklärte, weil er sie nach dem Ergebnis der Verhandlungen nicht mehr auf- recht erhalten könne. Radek, dem es in der Hauptsache darum zu tun war, seinen Artikel in der„Leipziger Volkszeitung" zu recht- fertigen, und weiteren Spektakel zu machen, war diese Erklärung Thalheimers recht unangenehm, und er bat um Unterbrechung der Sitzung. Das geschah. Radek führte'sogenannte Verhandlungen mit Thalheimer, und dann kam Thalheimer zurück und gab eine dritte Erklärung ab:„Ich mutz erklären, daß ich nach weiterer Ucberlegung die Vorwürfe gegen den Parteivorstand in allen Punkten aufrecht erhalte!"(Heiterkeit und Hört, hört!) Darauf ineinten selbst die Göppinger Parteigenossen, es sei Zeit, zur Ab- stimmung zu kommen.(Pfannkuch ruft: Kalte Umschläge machen!) Dann ist in Anwesenheit von Radek und Thalheimer gegen diese beiden Stimmen von allen Göppinger Parteiinstanzen die Erklärung beschlossen worden: Der Parteivorstand hat für seine Mithilfe bei der Sanierung des Göppinger Blattes weder dessen Verschmelzung mit dem Ulmer Parteiblatt noch dessen Druck in der Göppinger Druckerei zur Bedingung gemacht. Er hat nur gewünscht, daß versucht werden solle, den Druck des Ulmer Blattes der Göppinger Druckerei zu übertragen, um diese lebens- fähig zu gestalten. Ueber den Verlauf sollte berichtet werden. Dann sollte er über die Beteiligung entscheiden. Vor der Beschluß- fassung des Göppinger Vereins ist dem Parteivorstand über den Verlauf der Verhandlungen nichts berichtet worden, obwohl er schriftlich darum ersucht hatte. Es kann also dem Partcivorstand nicht der Vorwurf der Passivität gemacht werden!— Radek geriet darüber in begreifliche Erregung, er versuchte alle Augenblicke, darüber„Feststellungen" zu machen, verlangte Proto- kollierunge» und versuchte auf recht nierkwürdige Meise schriftliche Zeugnisse von den Anwesenden zu erhalten. Er drohte mit der Partcipressg usw. Nach achtstündiger Verhandlung mußten KÜE unS s»gen: eins weitere Verhandlung kann zu nichts führen, wir brechen ab. Die Göppingcr beantragten, die Verbandlung am nächsten Tage weiter zu fübren! Wir machten zur Bedingung, das; wir nur weiter verhandeln würden, wenn alle Göppingcr Insranzcn teilnehmen würden und alle ausdrücklich dazu bevollmächtigt sein tvürdcn. Das ist geschehen, das ist protokollarisch- festgestellt und von allen anerkannt worden. Dann ist der zweite Teil der Er- klärung beschlossen worden, ebenfalls einstimmig. Äuherdcm sind dann auch dort Verhandlungen geführt worden über ein neues Arrangement zur Sanierung. Man kam nach sachlicher Vorhand- lung zu einem einmütigen Entschluß auch in dieser Frage. Aber um weiteren Treibereien vorzubegen, haben wir verlangt, daß auch dieser Beschluß allen in Betracht kommenden Parteiinstanzen zur besonderen Beschlußfassung vorgelegt werden solle. Das ist auch in einer Göppingcr Sitzung geschehen. Dort ist einmütig unserem Vorschlage zugestimmt worden. Später stimmte auch die Kreis- generalvcrsammlung zu. Nach dieser Regelung wird das Ulmer Blatt in Göppingen gedruckt. Beide Blätter beziehen für den allge- meinen politischen Teil die Matern von der„Tagwacht" in Stutt- gart. Die neue Besetzung der„Tagwacht"-Redaktion war damals schon durchgeführt. Landcspolitik und den übrigen Text soll jedes Blatt selbst herstellen, abgesehen von der Unerhaltungsbcilage. Jedes Blatt hat seine eigene Redaktion und Preßkommission, die Preßkommisfion nur aus dem Bcrbreitungsbezirk. Das war der einzige Ausweg zu einer vernünftigen Regelung. Die Regelung hat sich vorzüglich bewährt. Die Göppingcr Preßkommission, die nur aus Vertretern der Göppingcr Genossen besteht, hat uns noch in den letzten Tagen mitgeteilt, daß diese Regelung allgemein be- friedigt. Ohne Radek und seine Freunde wäre diese Regelung einige Wochen früher erfolgt. Ter Partei wäre der Skandal er- spart geblieben und die Göppinger hätten nicht den schweren -schade» erlitten, der ihnen zugefügt worden ist.(Sehr richtig!) Wenn jetzt von jener Seite behauptet wird, daß nur durch ihr Ein- greifen diese Regelung herbeigeführt worden ist, dann sind das nichts als windige Ausflüchte.(Sehr richtig!) Denn die Vorstands- Vertreter haben bereiten bei der ersten Verhandlung in Stuttgart den Göppingern Vertretern eine Regelung auf derselben Grund- läge vorgeschlagen. Als wir am ö. Juni nach Göppingen fuhren, waren wir dazu entschlossen und während der ganzen VerHand- lungen haben wir in diesem Sinne gewirkt. Aber es ist auch falsch, wenn jene Leute behaupten, sie hätten diese Regelung erzielt, denn wir wurden ja gerade wegen dieser Regelung auf das heftigste an- gegriffen. Tic„Leipziger Volkszeitung" hatte sich zurückgezogen. Die„Bremer Bürgerzcitung" stand allein auf weiter Flur. Da behaupteten Radek und Thalheimer in einem Schlußartikel, wir hätten mit unserer Regelung das Blatt dem Landesvorstande aus- geliefert. Und der Dritte am Werke, der württembergischc Mit- arbeiter der„Bremer Bürgerzeitung", schrieb:„Jetzt ist die Sanierung in der Weise durcbgeführt ivoroen, die das Göppinger Blatt in der Tat kaputtsanicrt hat."— Dabei ist der Artikelschreiber über alle Einzelheiten genau unterrichtet. Er muß also wissen, wie die Tinge liegen. Daß es sich dabei nicht um Bagatellen handelt, geht daraus h.rvor, daß diese Sanierung für die Partcikassc nicht weniger als 82 OIX> M. gekostet hat. iLcbbaftcs Hört! hört!) Weitere große Forderungen stehen noch aus l Erneutes Hört! hört!) Es bleibt mir nur noch übrig, die Erklärung zu rechtfertigen, die Genosse Braun und ich auf der Kreisgeneralversammlung auf dem Hohenstaufen gegen Radek abgegeben haben. Aber die Begründung ergibt sich wohl schon aus dem, was ich angeführt habe.(Pfannkuch: Das genügt!) Noch ani Abend der General- Versammlung war Radek in Gmünd. Er erklärte, der Partei- vorstand müsse unter allen Umständen das zur Erhallung der völligen Selbständigkeit des Göppinger Blattes erforderliche Geld hergeben, das Geld, das doch von Arbeitern aufgebracht sei. lBebel ironisch: Das mußte natürlich gesagt werden!) Ja. dieser Mann geht in so unverantwortlicher Weise zu Werke, obgleich er selbst nicht die Verpflichtung in sich fühlt, der Partei als Mitglied anzugehören.(Lebb. Bewegung und Hört! hört!) Alle gegen- teiligen Behauptungen Rädels über seine Mitgliedschaft sind unwahr. Er ist erst auf dem Hohenstaufen daran erinnert worden, daß man, wen» man in der Partei mitreden will, auch Mitglied der Partei sein muß.(Lebhaftes Hön! hört!) Er hat behauptet, er sei seit l9t>8 Mitglied der deutschen Partei geworden, in Leipzig und im 6. Berliner Wahlkreise. Nach den Mitteilungen der Organi- sation sind diese Behauptungen unwahr. lHört! hört!) Radek war in Leipzig überhaupt nicht Mitglied(Hört! hört!) und in Berlin VI war er es nur dem Namen nach. Er ist dort am •ä.�10. 1008 Mitglied geworden, aber Beiträge hat er nicht bezahlt. (Stürmische, minutenlange Heiterkeit.). Parteigenossen! Ucber eine Tatsache kann ich aber nicht hin- weggehen. Ich habe schon vorhin auf den Schlußartikel von Radek und� Thalheimer in der„Bremer Bürgerzcitung" hingewiesen. Dieser Artikel schließt:„Wir werden in einer Broschüre der Partei das ganze in Betracht kommende Material unterbreiten, insoweit es überhaupt der Oeffcntlichkeit mitgeteilt werden kann. Den Rest, der von sehr großer Wichtigkeit zur Beurteilung der Frage ist. iverdcn wir der Kontrollkommission mitteilen."(Hört! hört!) Und an anderer Stelle:„Es werden der Parteiöffentlichkeit wichtige Tatsachen vorenthalten. Dokumente, die absolut notwendig sind, zur Beurteilung einer wichtigen Frage, die seit Wochen die Partei- chfentlichkcit beschäftigt." Nun, die Broschüre hat uns bis zur Stunde nicht erreicht(Hört! hört!) und das zur Beurteilung so wichtige Material ist, wie mir Genosse Kaden mitteilt, bis zum Augenblick auch nicht bei der Kontrollkommission eingelaufen.(Hört! hört!) Nicht einmal Beschwerde gegen uns ist bei der Kontroll- kommission geführt worden, trotzdem wir öffentlich dazu aufge- fordert haben. Tiefe Erklärung Rädels— sie trägt ja nur den Namen Thalheimer mit— ist in ihrem Wortlaut darauf berechnet, raffiniert darauf berechnet, Verdächtigungen auszustreuen zur Täu- schung der Parteigenossen.(Lebhaftes Sehr richtig!) Ich weise diese Andeutungen mit aller Entschiedenheit zurück, es gibt keine Dokumente von Belang, keine wesentlichen Tatsachen in der Göp- pinger Angelegenheit, die von uns der Oeffentlichkeit vorenthalten worden wären.(Hört! hört!) Damit könnte ich diese Sache der- lassen, wenn sie nicht dazu gedient hätte, so viel Staub aufzuwirbeln und so leichtfertig Angriffe und Verdächtigungen gegen unS in die Welt zu setzen, daß die Partei verlangen konnte, volle Klarheit in dieser Sache zu erhalten.(Zustimmung.) Ich weise alle diese Verdächtigungen als leichtfertig und haltlos(Bebel: verlogen!) (Sehr richtig!) auf das entschiedenste zurück. Ich will nicht sagen verlogen, sondern haltlos und unbeweisbar. Wir haben in dieser Sache unsere Pflicht und Schuldigkeit in weitester Weise erfüllt, trotzdem uns das Leben von einigen Quertreibern wahrlich sauer genug gemacht worden ist. Das Gravierende und Beschämende aber ist, daß einige Parteiorganisationen und Parteiblätter sich in solcher Weise haben mißbrauchen lassen.(Stürmische Zustimmung.) Nachdem der Redner mitgeteilt hat, daß Genosse Mehring auf seinen Wunsch von den politischen Spitzartikeln in der„Neuen Zeit" entbunden und ihm daftir das gleiche Maß von Arbeit in wissenschaftlichen Aufsätzen für die„Neue Zeit" übertragen worden sei, geht er auf die Ausbreitung der Parteiprcsse ein. Wir haben im letzten Jahr Hl 000 Abonnenten gewonnen gegen 146 000 im Vorjahre. Neben der Zunahme an Abonnenten hat die Partciprcsse im letzten Jahre auch gewaltig an innerem Wert gewonnen. Es muß rühmend anerkannt werden, daß insbesondere während des Rcichstagswahlkampfes unsere Parteipresse geradezu Glänzendes geleistet hat, große Schichten der Arbeiter aber stehen uns heute noch als Abonnenten fern und bilden die Träger der sogenannten farblosen Presse. Hier liegt noch eine große, wichtige Arbeit für die Partei, denn je größer die Ausbreitung der Parieipresse, desto mehr innerlich gekräftigt wird sie und ocsto größer wird ihre Leistungsfähigkeit bei der Erfüllung ihrer großen Aufklärungsarbeit. Auf dem Gebiete der imperialistischen Ranbpolitik,, gegen den Wahnwitz der Rüstungssteigcrung, gegen die Kriegshctzcrcien, sowie gegen die wucherische Aushungerungspolitik sind von uns Massen- a k t i o n e n eingeleitet worden, die sich mehrfach zu wuchtigen De- monstrationen gestaltet haben. Die Aufhebung der Schnapslicbcs- gäbe, die m Wirklichkeit nur eine Erhöhung der Branntweinsteuer war, hat unS veranlaßt, eine neue energische Aufforderung zur Befolgung des Schnaps boykotts ergehen zu lassen. Es liegen ja Anträge vor, die eine neue Agitation für den Schnaps- boykott fordern, aber ich glaube, wir sühren darüber keine lange Verhandlung und fassen keine neuen Resolutionen, sondern bekräf- tigen aufs neue den Leipziger Beschluß. Ein einmütiger Appell an die Arbeiterklasse, aus moralischen und politischen Gründen den Schnapsgenuß zu meiden, wird draußen im Lande großen Widerhall finden und die größte Wirkung ausüben. Zu allen politischen Aktionen ist von uns Agitationsmaterial ausgegeben worden, zur Reichstags- Wahl allein 68 verschiedene Flugblätter. Die Bezirks- und Landes- vorstände sind seit der Wahl dreimal zusammenberusen worden, auch die Redakteure haben wir einmal einberufen. Mit der Kon- trollkommission haben wir alle Vierteljahre konferiert und dabei alle wichtigen Parteifragen erörtert, Anregungen und Erfahrungen ausgetauscht. Während früher oft über Mangel an Agitations- material geklagt wurde, hört man jetzt schon vielfach, daß in dieser Beziehung manchmal des Guten etwas zu viel geboten werde.(Sehr richtig!) Einzelne Genossen machen dem Vorstand den Vorwurf der mangelnden Initiative und Aktivität. In der Organisations- kommission, wo doch Genossen mit jahrelangen Ersahrungen sitzen, ist einmütig erklärt worden, daß der Partcivorstand in bczug auf Aktivität und Initiative des Guten vielleicht etwas zu viel täte. Flugblätter und Flugschriften sind im letzten Jahre in nicht weniger als 114 Millionen Exemplaren verbreitet worden, wo- von 88 Millionen allein aus die Reichstagswahl entfallen. 30 000 öff tliche Agitationsvcrsammlungen und mehr als 42 000 Mit- gliederverfammlungen wurden erledigt. Auch in der systematischen Bildungsarbeit wurde Großes geleistet. Die Parteiverlage in Stutt- gart und Berlin haben eine gesteigerte Tätigkeit entfaltet. Ucber die Vorwärtsbuchhandlung ist schriftlich Bericht erstattet und der Verlag den Dietz hat vom 1. April 1011 bis zum 30. Juni 1012 18 Bücher in einer Gesamtauflage von 120 000 erscheinen lassen. Augenblicklich ist eine Volksausgabe des ersten Bandes des„Kapital" in Vorbereitung.(Bravo!) Die Herausgabe wurde Karl K a u t s k h übertragen. Das letzte Jahr war ein Jahr des Kampfes und des Sieges für die Partei. Außer der großen Steigerung der Mit- gliederzahl, der erfreulichen Vermehrung der Abonnenten unserer Presse ist die Zahl unserer Gemeindcvcrtretcr von 8900 auf 10 400 gestiegen und wir konnten unsere Sitze in den bundcsstaatlichen Landtagen von 188 auf 244 vermehren. Die 4% Millionen Stimmen bei der Reichstagswahl waren ein glänzendes Vertrauensvotum für die Partei und ihre Politik. Diese gewaltige Wählermasse zu sozialistischer Kenntnis zu bringen, sie zu überzeugten und zu kampfbereiten Sozialdemokraten zu machen, muß eine der wichtigsten Arbeiten für die nächste Zeit sein. Unsere Arbeit im Vorstand war getragen von übereinstimmender Auffassung in allen wichtigen Fragen und von schöner Kollegialität. Wir haben mit den Gewerk- schaften gute Fühlung gehalten und standen zu ihrer General- kommission fortdauernd in engen, von gegenseitigem Vertrauen gc- tragcncn Beziehungen.(Bravo!) Zu den auftretenden Parteistreit- fragen hat der Parteivorstand jederzeit klar und entschieden Stel- lung genommen. Bei prinzipiellen Fragen stellt« er sich rückhaltlos auf den Boden des Erfurter Programms, bei taktischen Fragen ließen wir uns bestimmen durch unsere Klassenkampftaktik und durch die Beschlüsse unserer Parteitage. Freilich hat die Parteileitung kei-i Interesse an der Verschärfung der Meinungsstreitigkeiten. Vor allem waren wir bestrebt, die Geschlossenheit und Einheit unserer Kampsfront zu erhalten, sie mit ganzer Wucht gegen den Feind, die kapitalistische Gesellschaftsordnung, zu richten. So bitte ich Sie. an die Kritik unserer Tätigkeit heranzutreten. Wird die Kritik nicht der Kritik wegen, sondern des Interesses an der Sache wegen geführt, dann muß sie zum Vorteil der Partei ausschlagen, muß sie die Kampfesfreude und Siegessicherheit unserer Parteigenossen stärken. lLcbhafter, anhaltender Beifall.) Der Parteitag vertagt sich bis 2 Uhr nachmittags. Rachmittagösttzung. nz Haafe eröffnet die Sitzung gegen 2)� Uhr mit der Verlesung folgender Begrüßungstclcgramme:„Der deutschen Sozialdcmo- kratie, der Vorkämpfcriii und Lehrmeisterin der sgzialistischen Internationale, unseren Gruß. Ausländisches Komitee der. Sozial- dcmokratie Lettlands in Brüssel." „Inmitten verbrecherischer Kriegshetze und tollen bulgarischen Chauvinismus für Frieden kämpfend, sendet revolutionäre Sozial- dcmokratie Bulgariens innigste Brudergrüße dem Partei- tag der deutschen Sozialdemokratie, der mächtigen Schützerin des Völkerfriodens. Es lebe die internationale Sozialdemokratie! Zentralkomitee der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Bulgariens." Weitere Begrüßungstelegramme sind eingelaufen von der sozialdemokratischen Partei Portugals, vom Parteivorstand aus Rom und von der sozialistischen Partei in Saloniki. Als Vertreter der holländischen Sozialdemokratie ist Genosse W y n- k o p p erschienen, der von Haase willkommen geheißen wird. Sodann tritt der Parteitag in die Tagesordnung ein und nimmt den Kassenbericht entgegen. Referent Braun: In dem siegreichen Jahre 1003 konnte Genosse G c r i s ch, der durch sein quälendes Leiden noch immer verhindert ist, am Partei- tag teilzunehmen, strahlenden Gesichts ausrufen:„So wie im ver- flossenen Jahre, so sollte es immer weiter gehen!" Kein Wunder, er konnte trotz der erheblichen Wahlausgaben mit einem Heber- schuß aufwarten. Das kann ich ja nun freilich nicht. Wenn man so, wie wir in diesem Jahre die Gegner zu Paaren treibt, dann muß man sich damit abfinden, daß auch die Partcikasse dabei Haare läßt. Es ist doch immerhin noch glimpflich abgegangen, und das Defizit von zirka 56 000 Mark gibt zu Besorgnissen keinen Anlaß. Ja, ich glaube, es gibt sogar Genossen, die der Meinung sind, der Partcivorstand habe auch im Geldausgeben nicht genügend Initiative entwickelt.(Heiterkeit.) Jedenfalls fällt bei einer Aus- gäbe von über 900 000 Mark für die Wahlagitation ein so gering- fügigeS Defizit überhaupt nicht sehr� ins Gewicht. Allerdings ist das nur die Ausgabe der Hauptkasse und davon entfallen noch 450 000 Mark auf die Zuschüsse zu den Landtagswahlcn in Bayern und Elsaß-Lothringen. Hierzu kommen die Aufwendungen der Wahlkreis- und Bczirksorganisationen, die nach unserer Zusammen- stellung ingessamt 2 384 965,62 Mark für die Wahlagitation vor- ausgabt lpben. Auch die Gegner haben ja begriffen, daß zlnn .Kriegführen Geld gehört, und die Herren von der Industrie und Handel ebenso wie die Nutznießer der Hungerzölle und der Liebes- gaben belasten das Geschäftsunkostenkonto mehr als bisher und steuern erhebliche Beiträge zu pen Wahlsonds der Parteien, von denen sie eine Vertretung ihrer kapitalistischen Profitinteressen er- warten. Diese Parteien müssen schon deshalb meist höhere Auf- Wendungen machen, weil sie viele Wahlarbeit mit klingender Münze bezahlen müssen, die von unseren Genossen ohne Entgelt oder gegen eine geringe Vergütung geleistet wird. Haben wir auch für den Wahlkampf finanzielle Aufwendungen gemacht in einer Höhe, wie nie zuvor, so darf uns das doch nicht leid tun, denn die Ernte cnt- spricht diesen hohen Erntekostcn. Als Politiker wird es uns immer mit Genugtuung erfüllen, ivenn wir ein Wahljahr abschließen können mit dem Fazit: Viel mehr Stimmen und Mandate und etwas weniger Geld. Als Verlvaltungsmcnschen freilich �aben wir die Ausgaben auch etwas kritisch zu betrachten, und da ist vorweg zu bemerken, daß die Genossen vielfach durch die gewaltigen Auf- Wendungen unserer Gegner sich verleiten lassen, es diesen gleich zu tun. Wir mußten infolgedessen in nianchen Kreisen ganz er- heblich dämpfen. Mustcrgiltig auch in finanzieller Beziehung ist die Wahl in einzelnen Bezirken vorbereitet worden, wie z. B. in Sachsen, wo die nicht unbeträchtlichen Wahlkosten ohne Zuschuß aus der Hauptkasse bestritten iverden konnten. Auch Württemberg, Oldenburg und noch einige andere Bezirke kamen ohne Zuschuß ans. Dagegen haben wiederum andere Bezirke ihre Wahlkostcn über- wiegend mit den Mitteln der Hauptkassc gedeckt. Wäre es nach den Wünschen gewisser Wahlkreise gegangen, dann würde un,c: Kasscnabschluß ganz anders aussehen. Tie Abführung der Beiträge an die Hauptkasse hat sich in den letzten Jahren sichtlich gebessert. Es ist kaum glaub- lich, wie schwer sich Neuerungen bei uns durchsetzen, insbesondere, wenn es sich ums Geldzahlen handelt. Noch immer herrscht bei den Kassierern einiger Wahlkreise eine erhebliche Unklarheit darüber, wie die 20 Proz. Beiträge für die Hauptkassc zu berechnen sind, eine Unklarheit, die die merkwürdige Wirkung hat, daß der Zentral- kasse niemals mehr, sondern immer weniger zugeführt wird. (Heiterkeit.) Es muß mit allem Nachdruck verlangt werden, daß die klare Bestimmung des Statuts streng innegehalten wird. Die Abrechnung erfolgt am besten vierteljährlich und soll in Zukunft in allen Bezirken durch Vermittelung der Bezirksleitung erfolgen. Die Praxis hat gelehrt, daß dadurch am ehesten eine geordnete Bei-' tragsbercchuung sowie eine regelmäßige Bcitragsabführung ge» sichert wird. Es gibt auch nock, Organisationen, die es mit der guten alten Zeit halten, wo die Kreise an die Hauptkasse nur dann Geld abführten, wenn sie etwas übrig zu haben glaubten. Um Gründe, die Nichterfüllung ihrer statutarischen Pflicht zu erklären, sind die Kassierer solcher Kreise niemals verlegen. Mehr als 20 Proz. der Beiträge haben sehr wenige Kreise an die Hauvtkasse abgeführt. Hier stehen nach wie vor fast nur Groß- Berlin und Hamburg in glänzender Vereinsamung da. Die Opfer» Willigkeit der Berliner und Hamburger Genossen für die Gesamt- Partei hat sich auch im Wahljahre bewährt, und es wäre nur zu wünschen, wenn andere Kreise sich daran ein Beispiel nehmen würden. Es soll nicht verkannt werden, daß es bei den stetig steigenden Anforderungen an die Kreisorganisationen manchen Kreisen nicht leicht ist. ihren Pflichtteil abzuführen. Aber gleich- wohl müssen wir darauf bestehen, denn nur durch eine ordnungs» mäßige richtige Bcitragsabführung ist eine Stabilität der Parter» finanzcn zu erzielen. Zurzeit ist die Hauptkasse zu einem erheb- liehen Teil auf die Geschäftsüberschüssc angewiesen, die naturgemäß sehr schwankend sind, während die dauernden Ausgaben der Haupt- kasse ganz erheblich gestiegen sind. Um so mehr mutz der Partei- vorstand mit Sicherheit auf bestimmte Einnahmen rechnen können. Bei der zunehmenden Intensität der Kämpfe haben wir alle Ver» anlassung, unseren Kampfsonds immer mehr zu stärken, um allen Eventualitäten gegenüber gewappnet zu sein. Wie wichtig dieser Fonds ist. geht auch schon daraus hervor, daß unsere Gegner ihm ein geradezu rührendes Interesse entgegenbringen. In diesem Jahre machte sich auch die„Nordd. Allgemeine Zeit." an die Aus- gäbe, die Geheimnisse unseres Kassenberichts zu ergründen. In ihrer Nummer vom 25. August stellt sie erst, was bei einem Ovgcm Bethmann Hollwegs nicht Wunder nehmen kann, tiefsinnige Be- trachtungen darüber an, ob Hauptkasse und Parteikasse dasselbe ist. Dabei kommt das Blatt zu folgendem philofophischen Schluß: „Was hier unter der neuen Bezeichnung Hauptkasse erscheint, wäre also die frühere Parteikasse. Taucht trotzdem noch eine Partei» kasse auf, dann fragt es sich, ob das eine neue Kape sein soll. (Große Heiterkeit.) Das ist fast ebenso klar, wie das Regierungsprogramm des Reichskanzlers der gottgewollten Abhängigkeit.(Heiterkeit.) Auf derselben Höhe bewegen sich die weiteren Ausführungen des Re- gierungsblattes, die sich vorwiegend mit„jenem geheimnisvollen Fonds" wie es ihn nennt, beschäftigen, in den die Ueberschüsse der Partei fließen. Der Regierungsoffiziosus kommt zu dem Ergebnis, daß Millionenfonds gehalten werden, über deren Bestand keinerlei Rechnung abgelegt wird. Wäre diese Behauptung, wie auch die, daß für die Zinszahlungen Belege fehlen, nicht so saudumm, dann müßten sie als perfide Verdächtigung entschieden zurückgewiesen werden.(Lebhafte Zustimmung.) Alle unsere Einnahmen und Ausgaben werden oichnungsgemäß lliclegt, wir legen den von der Partei eingesetzten Instanzen Rechnung ab. Dies auch den Regie- rungshandlangern in der„Nordd. Allg. Ztg." und ähnlichen Neid- Hammeln gegenüber zu tun, liegt keine Veranlassung vor. Brennen diese-Herrschaften so darauf, die Geheimnisse geheimnisvoller Fonds zn.ergriinden, danxi mögen sie nux ben Wahlfpnds nachspüren, die der Regierung und den ihr dienstbaren Parteien zur Verfügung ge- stellt werden. Tort mögen sie auch das Geheimnis lüften, daZ über den trüben Quellen schwebt, aus denen sie gespeist werden. Schaffen,- sie da Klarheit, dann haben sie sich um die Reinlichkeit und die politische Moral verdient gemacht.(Lebhafte Zustimmung.) Zu den Ausgaben der Hauptkasse ist nicht viel zu bemerken. Ich möchte nur richtig stellen, daß der Zuschuß an die»Freie Presse" in Straßburg nur 4500 Mk. und der Zuschuß an die„Mülhausener Volkszeitung" 12 565 M. beträgt. Die erfreuliche Entwickelung der Parieipresse läßt. erwarten, daß im nächsten Jahre vielleicht einige Blätter aus der Liste der Zuschußbeziehrr verschwunden oder doch mit erheblich geringeren Beträgen verzeichnet sein werden. Mögen sich die Genossen von der irrigen Ansicht befreien, daß wir in jedem Wahlkreise ein Blatt haben müssen, und mögen sie.von leichtfertigen Gründungen Abstand nehmen.� Das Geld wird besser angewendet, um ein lebensfähiges Blatt für ein größeres Gebiet leistungsfähig zu machen. Beim Darlehnskonto sind die Ausgaben nicht viel höher als die Einnahmen. Dadurch ist unseren Gegnern, die gerade an dieser Position ihre albernsten Bemerkungen zu knüpfen pflegten, das Konzept etwas verdorben. Das Klichee von der großen Pumpkasse paßte diesmal nicht recht, doch man wußte sich zu helfen, man stellte einfach die Ausgaben und Einnahmen des Darlehnskontos für eine Reihe von Jahren gegenüber und zog daraus den geistreichen Schluß, daß nahezu eine Million das Wieder» kommen vergaß. Das stimmt natürlich nicht, denn wir haben weit- aus über eine Million als Darlehen unseren Zeitungsgeschäften zur Einrichtung und Vergrößerung ihrer Druckereien zur Ver- fügung gestellt und dies Geld hat auch nicht das Wiederkommen vergessen. Im Gegenteil, es wünscht wohl nichts sehnlicher, als wieder in die Hauptkassc zurückkehren zu können. Wollte die„Nordd. Allg. Zig." ihren Einfluß dahin geltend machen, daß diese Zeitung?- Unternehmungen in ihrer Entwickelung nicht gehindert werden, daß insbesondere die Staatsanwälte ihnen die ganz überflüssigen und unproduktiven Ausgaben für Strafen und ähnliche behördliche Auf» mcrksamkeiten ersparen, dann würden sie sicher bald die Freude erleben, daß die Einnahmen des Darlehnskontos die Ausgaben ganz erheblich übersteigen.(Heiterkeit und sehr gut!) Die Gegner blicken mit Nei-d auf die erheblichen Geldmittel, die die Arbeiter zur wirksamen Führung ihrer Kämpfe aufbringen. Die einen, namentlich die Liberalen, rufen unter Hinweis auf unsere imposanten Zahlen ihren Anhängern zu: Gehet hin und tuet desgleichen! Ebenso war es früher beim Zentrum. Das war zu der Zeit, als es noch hinter Kaisergräbern seine reine Seele den roten Teufeln verkaufte.(Heiterkeit.) In der Blockehe mit den oswlbischen Junkern— im klerikalen Jargon nennt man eine Ehe zwischen Katholiken und Protestanten ja wohl Konkubinat(Heiter- kcit)— ist diese Partei längst dahin belehrt worden, daß sie ihre folgsamen Schäflein leicht stutzig machen könnte, wenn sie ihnen die Sozialdemokraten als Vorbild hinstellten. Deshalb hat sich daS Zentrum nunmehr zu denen geschlagen, die den Kassenbericht zum Anlaß nehmen, Gift und Galle gegen uns zu verspritzen. Im holden Berein schimpfen die klerikalen und konservativen Blätter auf die Steuerschraube der Sozialdemokratie, die den armen Arbeitern noch das Wenige erpreßt, was ihnen die Raub- und Hungerpolitik der blauschwarzen Junkerrogicrung gelassen hat. Nun, die Genossen werden aus diesem giftigen Geschimpfe ersehen, daß sie auf dem rechten Wege sind, sie werden sich weder durch das Wutgeheul dieser geschworenen Arbeiterfcinde noch durch das heuchlerische Getue dieser Gegner jeden Fortschritts von dem Boden des Klassenkampfes ab» drängen lassen. Nach wie vor werden sie unablässig an dem Aus- bau der Organisation arbeiten und ihre Kassen stärken, denn einzig dadurch können sie die politische Aufklärungsarbeit wirksamer ge- stalten und mit Wucht den großen proletarischen Befreiungskampf führen. Dieser Kampf wird und muß allen Widerständen zum Trotz geführt werden, bis der Bann politischer Bevormundung und wirtschaftlicher Ausbeutung gebrochen ist und der kapitalistische KlassiNiitaat niedergerungen am Boden liegt. Dann erst wird die Bahn frei für die Kulturmission des Sozialismus.(Lebhafter Beifall.). Den erstattet Bericht der Kontrollkoinmissioil Kaden: Die Tätigkeit der Kontrollkommission ist auch im letzten Jahre gemäß den Bestimmungen des Organisationsstatuts der Partei erfolgt. Sie entsprach daher den Grundsätzen, welche in der Er- klärung enthalten sind, die ich im Namen der Kommission auf dem vorigen Parteitag abgab. Daraus geht hervor, daß unsere Kom- Mission nicht mitlcitend tätig sein konnte, was auch ihrer Natur als kontrollierende Körperschaft entspricht. Dagegen erstreckte sich die Kontrolle selbstverständlich auf die . gesamte Tätigkeit des Parteivorstandes. Der sachlichen Voraus- setzung zur Erfüllung dieser Aufgabe gemäß gab der Partcivorstand bei jeder vierteljährlichen Tagung der Kontrollkommission einen lieberblick über die wichtigsten Vorgänge und Entscheidungen seiner letzten Tätigkcitsperioden. Gegenstand solcher Aussprachen waren zum Beispiel: Ausgestaltung des Pressebureaus in Berlin, Heraus gäbe von Handbüchern zu den Rcichstagswahlen und zur Reichs Versicherungsordnung, Veröffentlichung kleiner billiger Broschüren, Ergänzung und Erneuerung der Parteiliteratur, insbesondere über die Frage der Weltwirtschaft und des Imperialismus. Die Kontrolle der Verwaltungsgeschäfte der Partei ist immer umfangreicher geworden. Diesem Umstände trugen Parteivorstand und Kontrollkommission auch dadurch Rechnung, daß sie einen iveitcren Ausbau der Kassengeschäfte in die Wege leiteten. Außer den Kasiengeschäften des Parteivorstandcs unterstehen der Kon- trolle unserer Körperschaft: der„Vorwärts"(Zeitungsverlag und Buchhandlung), Prcsseburcau, Sozialdemokratische Korrespondenz, Archiv, Bildungsausschuß, Parteischule und Frauenburcau; ferner: Verlag und Druckerei der Firma I. H. W. Dietz Nachflg. in Stuttgart sowie das Rheinisch-Wcstfälische Bureau. Die Geschäfte aller dieser Einrichtungen sind im Verlaufe des letzten Jahres geprüft worden und gaben keinen Grund zu Beanstandungen; sie wurden in guter Ordnung gefunden. Mit zwei Beschwerden gMn den Parteivorstand hatte sich die Kontrollkommission zu beschäftigen. Genosse Louis Trott in Heigcr(Westerwald) beklagte sich, daß sein Antrag auf Einsetzung eines Schiedsgerichts in dem Ausschlußverfahrcn von dem Partei- vorstand nicht mit der gebotenen Schnelligkeit behandelt worden ist. Es stellte sich aber heraus, daß die Verzögerung lediglich ent- standen war, weil von zwei Organisationen je ein solcher Antrag gestellt worden war; der Parteivorstand mußte deshalb zur Herbei- führung einer Verständigung mit beiden verhandeln. Dadurch ging Zeit verloren. In einer Beschwerde rügt Genosse Dickreiter in Altenburg, daß der Parteivorstand ein von ihm eingesandtes Manuskript zu einer Broschüre auf ihre Zweckmäßigkeit für eine Veröffentlichung nicht genügend geprüft habe. Der Parteivorstand machte geltend, daß er bei Einlauf des Manuskripts bereits einen anderen Partei- genossen damit beauftragt hatte, dieselbe Materie zu behandeln. Da der vom Parteivorstand mit jener Arbeit betraute Genosse aber öffentlich um Zustellung weiteren Materials ersucht hatte, be- dauerte die Kontrollkommission die so kurzerhand erfolgte Ab- lehnung der Dickreiterschen Einsendung durch den Parteivorstand. Sie sprach sodann den Wunsch aus, daß die Materialsammlung des Genossen Dickreiter bei einer billigen Neuausgabe der frag- lichen Schrift berücksichtigt werde. Der Parteivorstand hat darauf das Westfälische Bureau um einen Auszug aus beiden Sämm lungcn ersucht. Die Kontrollkommission stellt einstimmig den Antrag: Der Parteitag wolle beschließen, dqß dem Parteivorstand für das ver- gangene Geschäftsjahr die Entlastung erteilt werde. Darauf wird die Diskussion mit dem Bericht des Vorstandes und der Kontrollkommission eröffnet. Rau-Zittau(zur Geschäftsordnung): Ebert hat mit großer Ausführlichkeit über den Fall Göppingen berichtet. Soweit ich unterrichtet bin, werden die Göppinger Genossen seinen Aus- führungcn eine große Anzahl von Tatsachen entgegenstellen. Dem Parteitag und den Genossen im Lande wird eine hinreichende Orientierung über diese Angelegenheit erschwert, wenn sich die Entgegnungen der Göppinger Genossen auf eine Anzahl von lO-Minutcn-Redeil verteilen. Ich beantrage daher, dem Genossen Schepperte- Göppingen unbeschränkte Redezeit zu geben. Der Antrag wird abgelehnt. Rau-Zittau beantragt nun, dem Genossen Schepperle wenigstens eine Redezeit von einer halben Stunde zu gewähren. Dieser Antrag wird angenommen. Vorsitzender Haafe: Damit unsere Debatte nicht verzettelt wird, schlage ich vor, gewisse Gruppen von Gegenständen auSzu- sondern und besonders zu debattieren. Und zwar alle Angelegen- heiten, die sich auf den Kassenbericht beziehen; alle Vorlagen über Presse und Literatur, sowie alle Anträge, die sich auf die Be- kämpfung des Branntweins erstrecken, ferner die Vorschläge über Jugendpflege und BildungSbestrebungen. Haafe stellt nun die Unterstützungssrage für die einzelnen Anträge. Nicht genügend unterstützt wurden die Anträge 10 Hanau, 186 Hcinzelmann in Lichtenberg, 187 Berlin III, 92 Mühlheim- Wippcrfürth-Gummersbach, 93 Hamburg III, Distrikt Veddel, 94 Köln, 96 Steglitz, 161 Berlin I, 178 Beeskow-Charlottenburg; der Antrag 81 wurde zurückgezogen. Dann wurde in die Debatte eingetreten� Schepperlc-Göppingen: Genosse Ebert bemerkte bei der Besprechung der Göppinger Sanierungsangelegenheit, daß das Göppinger Parteiunternehmcn in leichtsinniger Weise gegründet worden sei. Diesen Vorwurf muß ich als falsch bezeichnen, muß aber zugeben, daß das Unternehmen wohl ohne genügende Unterlagen gegründet wurde.(Zurufe: Na also!) Wir hatten 1100 Genossenschaftsmitglieder, meistens Ar- beiter, die insgesamt die Summe von 30 000 M. zusammengebracht haben. Tie Zeitung hatte 8000 Abonnenten und wurde in der Druckerei der„Schwäbischen Tagwacht" hergestellt. Bei Herstellung der Zeitung in Stuttgart stellten sich mehrere für uns sehr un- angenehme Schwierigkeiten heraus. Wir glaubten nun, mit den vorhandenen 30 000 M. auszukommen, wenn wir eine energische Agitation zur Gewinnung von Genossenschaftsmitgliedern und Abonnenten entfalteten. Allerdings haben wir uns getäuscht, mit der Gewinnung neuer Genossenschaftsmitglieder ging es nicht nach Wunsch vorwärts, was nicht in letzter Linie darauf zurückzuführen ist, daß uns von einer bestimmten Gruppe Parteigenossen, die mit der taktischen Haltung des Blattes nicht einverstanden waren, von Anfang an Schwierigkeiten bereitet wurden. Einer dieser Partei- genossen ging sogar so weit, in einem öffentlichen Lokal zu er- klären: Wir werden nicht eher ruhen, bis die freie Volkszeitung bankrott gemacht hat.(Hört! hört! und Rufe: Wer war denn das?) Das war Genosse Huttelmeyer, gegen den übrigens augenblicklich ein Ausschlußverfahren schwebt. Diese Hetze hatte mit zur Folge, daß Geschäftsleute, die bei unserem Unternehmen beteiligt waren, Forderungen viel früher einreichten, als es sonst der Fall gewesen wäre. Daher sind wir auch viel früher in finanzielle Schwierig- ketten geraten. Ich will natürlich nicht behaupten, daß wir mit den vorhandenen Mitteln ausgekommen wären, wenn sich das nicht ereignet hätte. Nachdem wir uns vergeblich bemüht hatten, Geld zu erhalten, waren wir schließlich genötigt, uns an den Partei- vorstand zu wenden, so ungern wir es taten, weil wir tatsächlich vom Landesvorstand und vom Parteivorstand bei der Gründung gewarnt worden sind. Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. 'Große Heiterkeit.) Wir entschlossen uns, den Genossen Kinkel zum Parteivorstand zu senden, Genosse Westmeyer sollte ihn be- gleiten. Wir hofften, daß, wenn Kinkel auch einen energischen Rüffel erhalten würde, er doch nach Göppingen mit einem großen Sack Geld zurückkehren würde, den ihm Wcslmeyer tragen helfen sollte. Das ist leider nicht eingetreten. Der Parteivorstand ver- hielt sich gegen unser Gesuch zunächst ablehnend, schließlich erklärte er, daß er bereit wäre, mit uns zu verhandeln, wenn der Landes- vorstand seine Zustimmung zur Sanierung gäbe. Am 14. April« fand denn auch in Stuttgart eine Sitzung statt, an welcher Ebert und Braun vom Parteivorstand, der Göppinger Ausschuß, die Ulmer Instanzen und der Landcsvorstand teilnahm. Ebert be- richtete, ihm sei vorgeschlagen worden, daß bei der Vornahme der Sanierung auch die Frage erörtert werden sollte, ob nicht zum Zweck der Herbeiführung einer besseren Rentabilität des Göppinger Unternehmens der Druck der„Ulmer Donauwacht" in unserer Druckerei bewerkstelligt werden soll. Zwischen der„Freien Volkszeitung" in Göppingen und der „Donauwacht" bestand ein großer Gegensatz, die erstere war radikal, die zweite revisionistisch.(Heiterkeit.) Genosse Göhring erklärte sosort, daß die Herstellung der„Donauwacht" in der Druckerei der „Freien Volkszeitung" nicht so schnell zu beschließen sein werde, da hierbei weitgehende politische und taktische Fragen zu lösen sind. Die Ulmer seien mit der Haltung der„Donauwacht" einverstanden gewesen, sie müßten entschieden verlangen, daß die Haltung der „Völkszeitung" geändert würde, wenn die„Donauwacht" bei uns hergestellt werden soll, da sie nicht ohne weiteres den politischen Teil der„Volkszeitung" übernehmen könne. Demgegenüber erklärte ich, daß die Göppinger Genossen und der zehnte Wahlkreis mit der Haltung der„Fr. Volksztg." einverstanden seien, und daß die Be dingungen der Herstellung der„Donauwacht" in Göppingen nicht solche wären, daß sie ohne weiteres erledigt werden können.(Ebert: Unsere Erklärungen nicht vergessen!) Ueber die Behauptung, die mir Ebert zuruft, habe ich mit mehreren Genossen Rücksprache genommen, auch mit Kinkel, der mir sagte, es sei wichtig, daß der Parteivorstand in dieser Sitzung eine Erklärung abgegeben habe. Ich selbst aber kann mich dieser Erklärung nicht erinnern. Wir wurden einig, daß der Landesvorstand mit den Ulmer und Göppinger Instanzen über die Herstellung der„Donauwacht" weiter verhandeln und dem Parteivorstand berichten solle. Kinkel unter- handelte dann mit den Vertretern des Landesvorstandes und dem Ulmer Vertreter mehrmals, dabei schlug er namens der Göppinger Genossen vor, daß die Redaktion mit Thalheimer(für den politischen Teil) und Roßmann(für den württembergischcn Teil) besetzt werden soll. Die Ulmer und Rotzmann lehnten den Vorschlag ab. Da am 2. Juli mehrere Forderungen fällig wurden, gestaltete sich die Frage immer brennender. Endlich schrieb uns der Landesvorstand am 26. Mai, daß am 29. Mai eine Sitzung in Göppingen stattfinden soll. Thalheimer war wenige Tage vorher in Urlaub gegangen, an seine Stelle trat Rädel in die Redaktion. Natürlich hat der jetzige Fall Radek mit der Göppinger Sanierungsangelegenheit gor nichts zu tun, Radek trat als Parteigenosse in die Redaktion ein.(Unruhe.) Wir nahmen es als selbstverständlich an, daß er Parteigenosse war. (Erneute Unruhe und Lachen.) Thalheimer hat ihn uns empfohlen und es war bekannt, daß Radek Mitarbeiter mehrerer Partei- zeitungen, auch der„Neuen Zeit" war. Am 26. Mai wurde von dem Landesvorstand betont, daß«S sich bei der Sanierungsfrage und Herstellung der„Donauwacht" in Göppingen nur um eine Ver- schmelzung mit der Ulmer„Donauwacht" handeln könne. Ferner, daß der Parteivorstand dieselbe Auffassung vertritt. Bei der Debatte über die Besetzung der Redaktion erklärte Wasner vom Landesvorstand, daß, wenn beide Zeitungen miteinander ver schmolzen werden, ans finanziellen Gründen nur ein Redakteur in Betracht kommen könnte. Göhring-Ulm erklärte:„Die Haltung der „Fr. Volksztg." muß geändert und so gestaltet werden, wie bisher diejenige der„Donauwacht" gewesen ist. Wir werden an Rotzmann, mit dessen Tätigkeit wir zuftieden sind, festhalten. Das ist ein Be schluß des Vorstandes und des Auffichtsrates unserer Genossen schast." Darauf erklärte Radek:„Ter Landesvorstand erklärt, daß es sich nur um eine Verschmelzung mit dem Ulmer Blatt handeln könne; Wasner erlärt, daß nur ein Redakteur in Frage komme und Göhring erklärt, daß an Roßmann festgehalten werde. Sie haben uns damit ein Ultimatum gestellt und die Pistole auf die Brust gesetzt, daß wir entweder Thalheimer entlassen müssen oder sonst nicht saniert wird." Damit waren sämtliche Göppinger und Gmünder einver standen, es wurde allgemein betont, daß uns ein Ultimatum gestellt fei. Zunächst wandten wir ein, daß bei einer Zeitung von diesem Umfang und Verbreitungsgebiet nicht nur ein Redakteur in Frage kommen könne, sondern mindestens zwei Redakteure. Wir unter- nahmen es, den Landesvorstand zu bewegen, auf die Ulmer einzu- wirken, einer Redaktion Thalheimcr-Roßmann zuzustimmen. Für den Landesvorstand lehnte aber Hildenbrcmd ab. Auch als Keil in längeren Ausführungen gegen Thalheimer sachlich und persönlich polemisierte und schließlich den Rücktritt Thalheimers forderte, griff der Landesvorstand nicht«in. In dieser Sitzung erzielten wir schließlich kein Resultat. Da sich die Ulmer anschickten, die Sitzung zu verlassen, erklärte Radek in seinem und wie er über- zeugt fei, auch in Thalheimers Namen, daß sie von der Redaktion zurücktreten würden, weil eine Sanierung eintreten müsse, denn es könne nicht verantwortet werden, wenn 1100 Arbeiter und kleine Handwerker um ihr Geld kommen. Es wurde dann vom Landes- vorstand verlangt, daß Göppingen eine Parteiversammlung in den nächsten Tagen einberufe, in welcher die Frage nochmals zur Debatte gestellt und über den Borschlag abgestimmt werden solle. Am 30. Mai fand die Versammlung statt, Hildcnbrand wiederholte die für die Verschmelzung gestellten Bedingungen und betonte, daß auch der Parteivorstand auf diesen Standpunkt stehe. Weiter ver- langte der Landesvorstand und die Ulmer Genossen die Einsetzung einer Pretzkommission von neun Mitgliedern, wovon drei Vertreter des Landesvorstandes, drei Ulmer und drei Göppinger Genossen sein sollten. Selbstverständlich verfolgte der Landesvorstand mit dieser Forderung einen Zweck, nämlich, daß die Göppinger Partei- genossen nicht imstande sein sollten, ihrem Standpunkt Geltung zu verschaffen. Aber was blieb schließlich den Göppingern übrig, als dem Vorschlag zuzustimmen, sie konnten den Bankrott nicht ver- antworten, auch Thalheimer wollte es nicht und erklärte sich zu folgender Erklärung bereit:„Angesichts dessen, daß infolge der Aufgabe der finanziellen Selbständigkeit der„Freien Volkszeitung" und ihre Verschmelzung mit der„Donauwacht" auch eine Aende- rung der Faktoren zu erwarten ist, die über die politische Haltung der„Freien VolkSzeitung" zu bestimmen haben, sehe ich mich außer tande, weiter in der Redaktion der„Freien Volkszeiwng" zu ver- ?leiben. Ich brachte darauf folgende Resolution ein: Die Ver- ämmlung des sozialdemokratischen Vereins Göppingen nimmt mit größtem Bedauern den Rücktritt des Genossen Dr. Thalheimer zur Kenntnis und spricht ihm den wärmsten Dank für seine Tätigkeit aus, mit der sie in prinzipieller und taktischer Beziehung völlig ein- verstanden. Was die Redaktion der„Freien Volkszeitung" in Zu- kunft anbelangt, so wird der bestimmten Hoffnung Ausdruck ge- geben, daß das Organ im Sinne des Parteiprogramms und der prolctarisch-revolutionären Taktik, deren Grundsätze in der Dresdner Resolution niedergelegt sind, geleitet wird. Hildenbrand erklärte, wenn der zweite Teil der Resolution nicht zurückgezogen werde, dann werde der Landesvorstand die Sanierung ablehnen(Hört! hört!). Ich ließ mich schließlich dazu bewegen. Es wurde gesagt, daß wir Gelegenheit gehabt hätten, uns sofort tele- graphisch an den Parteivorstand zu wenden(Zuruf: Jawohl!), aber wir haben davon abgesehen, weil wiederholt erklärt wurde, eine Sanierung werde nicht ohne die Verschmelzung zugegeben. Am Tage nach dieser Göppinger Parterversammlung verhandelten Radek. Kinkel und ich im Landtag in Stuttgart mit Hildcnbrand und Wasner über die Form der Rücktrittserklärung Thalheimers. Wir wollten eine Form, die keine zu große Demütigung für Thal- heimer war. Hildenbrand aber ließ sich darauf nicht ein. Darauf gingen wir zu Westmeyer. Das erste war. daß uns Westmeher sagte: Warum habt Ihr nicht sofort an den Parteivorstand telegraphiert? Wir erklärten ihm, daß wir überzeugt seien, es würde keinen Wert haben, da auch der Parteivorstand dieselbe Auffassung vertrete, wie der Landesvorstand. Westmeher ersuchte uns, nun wenigstens ein Brieftelegramm abzusenden und den Parteivorstand aufzufordern. in Göppingen zu erscheinen. Kinkel erklärte, daß das keinen Wert haben könne. Aber am Tage nachher wollten wir doch unsere Forde- rungen vorlegen. Wir unterbreiteten also dem Genossen Westmeher den Verlauf der Sitzung vom 29. Mai und diese Tatsachen hat West- meyer am anderen Tage der Parteiöffentlichkeit in der im„Vor- wärts" erschienenen Notiz„Ein Redaktionswechsel" unterbreitet. Wenn der Landesvorstand in der Gegenerklärung sagt, er daß sich Las Zentralorgan von seinen Berichterstattern!, brauchen lasse, pflichtgemäß handelnde Parteigenossen zu besch so scheint der Landesvorstand der irrigen Auffassung zu sei: wenn er seine revisionistischen Sonverbestrebungen vertritt, e pflichtgemäß im Interesse der Gesamtpartei handelt_ Am 6. Juni fand nun eine Sitzung im Beisein des Vorstandes statt. Ebert erklärte einleitend, daß es sich znnäck die Feststellung von Tatsachen handle, nämlich um den Berk. Sitzung vom 28. Mai. Radek erklärte Ebert und Braun gegc daß in der Sitzung vom 28. Mai von Vertretern des L Vorstandes ausgeführt worden wäre, die Sanierung habe di schmelzung mit Ulm zur Borbedingung und der Parteivorstant hinter dem Landesvorstand. Darauf erklärte Hildenbrand:„Ja mich für berechtigt, anzunehmen, daß der Parteivorstand als bedingung der Sanierung die Verschmelzung ansehe." Ebert wartete:„Der Parteivorstand hat den Landesvorstand zu solchen Be�!..�. tungen nicht ermächtigt." Im weiteren Verlaufe der Sitzung forderte Radek die Protokollierung der Tatsache, daß in der Sitzung vom 28. Mai betont worden sei, daß auch der Parteivorstand eine Sanierung nur in der Form der Verschmelzung übernehme. Darauf erklärte der Parteivorstand, es scheine Radek nicht darauf anzu« kommen, die Sanierung durchzuführen und eine Einigkeit zu er- zwingen, sondern nur darum, Krach zu machen.(ZusiiinmClg.) Braun wurde unterstützt von Ebert, der darauf hinwies, Paß Radek sich fortwährend Noiizen mache. Wenn Ebert behauptet, bie Sitzung vom 6. Juni habe Rädels wegen abgebrochen werden müssen, so entspricht das nicht ganz den Tatsachen. Die Sitzung wurde auf- gehoben, nachdem die Gmünder Genossen mit 6 Stimmen bei 2—3 Enthaltungen erklärt hatten: Es ist wahr, der Rücktritt Thalheimers wurde erzwungen. Darauf antwortete Hildenbrand, daß unter den fünf Gmündern sich auch der Kreisvorsitzende befinde und der Landes- vorstand darum eine Sanierung ablehne, bis nach dieser Richtung hin eine Aenderung eingetreten sein würde. Hierauf erklärte Ebert die Sitzung für geschlossen. Am nächsten Tage fand in Stuttgart die Rumpfsitzung statt, an der Radek und Thalheimer nicht t�'- nahmen; ich auch nicht wegen geschäftlicher Behinderung. Ich war auch nicht eingeladen und wurde lediglich über die Sitzung unter» richtet. Bei dieser Sitzung in Stuttgart wurde eine Erklärung g,• schmiedet, in der der Parteivorstand als der keusche Jüngling und der wllrttembergische Landesvorstand als die unschuldige Jungfrau hingestellt wurden. Die Erklärung wurde der Sitzung vorgelegt und von den Teil- nehmern verlangt, daß sie sie unterschreiben, da sonst eine Sanierung nicht vorgenommen werde.(Ebert: Wer hat das verlangt?) Das hat mir Kopp berichtet. Am nächsten Tage wurde von Kinkel eine Sitzung des Kreisvorstandcs, des Ausschusses der Göppinger Parteiorganisation und des Vorstandes und Aufsichtsrates der Göp- Pinger Parteivereinsdruckerei einberufen. In dieser Sitzung teilte Kinkel mit, wenn die Erklärung nicht unterschrieben würde, werde die Sanierung vom Parteivorstand und Landesvorstand abgelehnt werden. Ich erklärte, daß ich meine Unterschrist dazu nicht geben könne, und wurde deshalb heftig angegriffen. Die Sitzung war sehr erregt. Kinkel kam vom Telephon mit der Mitteilung, daß nach KennttriS- nähme des Materials zur Erklärung deS Rücktrittes von Thalheimer die Ulmer ihre Zustimmung zurückziehen und an den Vereinbarungen kein Interesse mehr hätten. Ich wurde gedrängt, die Erklärung zu unterschreiben, weil ich sonst einzig und allein die Verantwortung für den Bankrott hätte. Ich erklärte schließlich mich dazu bereit, betonte aber ausdrücklich, daß ich mit dem Inhalt der Erklärung nach wie vor nicht einverstanden, vielmehr der Meinung sei, daß der Rücktritt Thalheimers erzwungen ist. Mehrere andere Genossen gaben dieselbe Erklärung ab. Es steht fest, daß die Ulmer und der Landesvorstand den ernsthaften Versuch gemacht haben, unsere finanzielle Lage auszunützen, um uns ein revisionistisches Organ aufzuzwingen. Es ist Talsache, daß der Rücktritt von Thalheimer erzwungen wurde.(Unruhe.) Mattutat-Stuttgart: Ich glaube kaum, daß die Ausführungen von Schepperle ge- eignet gewesen sind, die Feststellungen von Ebert zu erschüttern und den Eindruck hervorzurufen, als ob den Göppingern unrecht ge- schehen ist. Die Haltung des Parteivorstandes ist durch unsere Landcsversammlung voll gebilligt. Deshalb könnte die Angelegen- heit eigentlich als erledigt betrachtet werden. Aber Schepperle und ferne Hintermänner scheinen auch heute noch nicht begriffen zu haben, um was es sich eigentlich handelt. Daß Partei- vorstand und Landesvorstand genötigt waren, in dieser Weise vorzugehen, ergab sich allein schon daraus, weil das Unter- nehmen ohne eine Unterstützung der Partei und des Landesvorstandes elend zusammengebrochen wäre, nicht etwa, weil man eine Hetze gegen die„Freie VolkSzeitung" inszeniert hat, sondern weil man mit der größten UnVerantwortlichkeit an ihre Gründung herangegangen war. Zu derartigen Experimenten ist das Geld denn doch zu kost- bar. Von diesem Standpunkte aus sind diese Maßnahmen zu verstehen, die zur Sanierung eingeleitet sind. Daß eine Aende- rung in der RedaktionSsührung und Herstellung stattfinden mußte, ergab sich daraus, daß ein Blatt mit 8000 Abonnen- ten unmöglich solche Aufwendungen machen kann, wie ein größeres Blatt. Die Hetze, von der Schepperle spricht, war in Wirklichkeit nichts anderes als der naturnotwendige Widerstand der Genossen gegen die systematische Art, wie das Göppinger Blatt einzelne Genossen herunterriß. Wenn ein Teil der Göppinger Genossen dafür kein Empfinden hatte, so ist das tief bedauerlich, um so mehr, als die Haltung des Blattes dazu beigetragen hat, daß in zehn Wahlkreisen unsere Stimmen zurückgegangen sind. (Hört! hört I> Leider ist das, was wir in Göppingen vor uns sehen, nur ein Teil der Erscheinungen, die aus Württemberg in so unlieb- samer Weise bekanntgeworden sind. Es ist nur eine Einzel- erscheinung in der großen Masse von Skandalen aller Art, von Ver- hetzungen usw., die leider der Partei in Württemberg außerordenlich geickadet haben. ES handelt sich dabei nicht um einen Gegensatz zwischen Radikalismus und Revisionismus, sondern um persönliche Hetzereien und Stänkereien. Derjenige, der bei dem Göppinger Falle mit eine Rolle gespielt hat, um die Partei-zu chädigen, derjenige, der neben Radek und Thalheimer mit dafür gesorgt hat. daß unsere Gegner Material gegen die Sozial- demokratie erhielten, das ist Westmeher, der vor allem das persönliche Moment in den Streit h, neingetragen hat. Dieser persönliche Streit bestand schon vor der Budgerabstimmuna, vor dem RönigScssen und dem Ministeressen. Ueber sachliche Gegen- ätze wäre man wohl einig geworden. Erst durch das Eingreifen zon Westmeher hat die Sacke ein anderes Gesicht bekommen, erst eitdem zerfleischen sich die Genossen gegenseitig. So sehr ich das Vorgehen des Porteivorstandes billige, muß ich ihm dock vor« werfen, daß er nicht früh genug und nicht energisch genug eingegriffen hat. Ich halte es aber auch jetzt noch nickt für zu spät, daß endlich einmal der Parteivorstand die Genossen auf beiden Seiten zur Ordnung ruft und dadurch die Einigkeit in Württemberg wieder herstellt. (Schluß in der 3. Beilage.) Go2iales. Generalversammlung der SecberufSgcnossenschaft. Die 26. Gcnossenschaftsversammlung der Sccbe rufsgenossen. fchaft fand in Bremen statt. Zum Borsitzenden wurde Rich. C. Krogmann-Hamburg gewählt. Es wurden wichtige Beschlüsse über neue Unfallverhütungsvorschriften für Dampfer und Segler gefaßt, u. a. über Rudern der Besatzung in Rettungsbooten, neue Auslegung des Begriffs„Passagierdampfer" im Zusammenhang mit Einrichtungen drahtloser Telegraphie, grundlegende Aenderung und Verschärfung der Bestimmungen über die Schotten und die Bcrstauung losen Getreides, Trcnnungsschotten von Motorbooten, Beseitigung der bisherigen Vergünstigung des Freibordverschiffens in großer Küstenfohrt.— Genehmigt wurden auch die vom Vor- stand vorgelegten neuen Satzungen nebst Wahlordnung. Berantwortlicher Redakteirt: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Jnsecaienteil oerantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerel u. Verlagsanstalt PaulSrnger u. Co, Berlin SW. breche? nächst-- 217. 29. Iittinq. iDÜrs von» fläru" 3. klingt dkg Jurniörts" ötrlinrr ilolliüHntt. Dltllstag. 17. September 1912. bann1 Jlrraj lang! um W diese.- beso eine' Schluß aus der 2. Beilage. Vor Wcstmeyer-Stuttgart: �ie persönlichen Angriffe gegen mich sind nicht neu. Nachdem abc� hier behauptet wurde, daß die Hetze erst besteht, seitdem ich in Stuttgart bin, muß ich mitteilen, daß jene, die diese Vorwürfe erheben, ihr Meisterstück bei der letzten Gemeinderatswahl in Stuttgart abgelegt haben. Zustimmung und Widerspruch.) Jene Partei arbeitet gegen die radikalen Genossen genau so mit Flug« blättern in den Fabrikwerkstätten und Häusern, als wenn eine bürger- licht Partei zu bekämpfen wäre.(Hört! hört!) Zur Generalversamm- lurg in Cannstatt sind antiradikale Flugblätter verbreitet worden, die bei dem Genossen Dümmler gedruckt waren, der vom Schieds» gericht zum Ehrverlust verurteilt worden ist. Diese Seile bildet ein: besondere Geheimorganisation in der Partei.(Hu I hu I) An� die„hoasenreinen* Genossen werden besondere Einladungen verschickt, sogar mit der Ueberschrift»Sozialdemokratischer Berein Stuttgart".(Hört! hört! und Unruhe). So wird der Kampf ver- giftet. In den letzten Tagen hat man wieder an Parteigenossen und NichtParteigenossen anonyme Briefe gegen mich und sogar ü''er meine Familienverhältnisse geschickt. So Pflegen diese Genoffen den Friede». Auf der Landesversammlung wollte ..ch mein Freund Hehmann sogar hängen, was ihm freilich verflucht schlecht bekommen ist. Die heulige Fort- '.'tzung dürfte kaum anders enden. Das Hcrvorzerren alter, durch die .-genannte Friedenskonferenz beigelegter Sachen aus der Heil- bronner Landesversammlung durch Hildenbrand hat bewiesen, wer Streit will. Nun zu Göppingen. Ebert hat in Heilbronn erklärt, daß hier ein ernstes Wort mit mir gesprochen werden würde. Eine Liebe ist der anderen wert. Reden wir auch ein ernstes Wort. Zur vollen Klarstellung der Göppinger Sache wäre eine Kommissions- beratung erwünscht, denn olles kann hier in der Oeffentlichkeit nicht gesagt werden, und die Kommission könnte auch den abwesendeu Genossen Thalheimer und Kinkel gerecht werden. Das Wort Kinkels, dem Ebert auf der Kreisversammlung in Hohenstaufen ein Ehren- zeugniS ausgestellt hat, würde hier Gewicht haben. Kinkel hat mir mit anderen die Angaben zu meinem ersten„Borwärts"'Artikel gemacht. Da wird Ebert wohl nicht mehr von Skrupellosigkeit und Quertreibereien sprechen. Es läßt sich nicht aus der Welt schaffen, daß der Landesvorstand die Verschmelzung zur Sanierungs- bedingung gemacht, daß Hildenbrand behauptet hat, daß der Partei- vorstand ebenso denkt, und daß die Ulmer Genossen nur einen Redakteur, nämlich Roßmann, haben wollten, endlich, daß der Landesvorstand eine Vermittelung mit den Ulmern abgelehnt hat. Die Göppinger standen vor der Frage: Zusammenbruch oder Eni- lassung Thalheimers. Thalheimer wollte die Verantwortung nicht tragen und ging.(Zuruf: Sollte denn Roßmann entlassen werden?) Nein, beide Redakteure sollten entlassen werden. Es sollte keine Maßregelung stattfinden.(Lachen.) Redner schildert noch die verzweifelte Situation der Göppinger. wobei die Redezeit ab- läuft. Er schließt mit der Versicherung, daß eine Kommissions- beratung ein anderes Urteil der Genossen bewirkt hätte, als durch Eberls Ausführungen bei vielen erweckt worden sei. Urteilen Sie ruhig und objektiv. Ich glaube, die Göppinger und auch meine Wenigkeit haben getan, was wir für Parteipflicht hielten.(Zuruf: Schulden.) Roßmann-Ulm: � Ebert hat dem Parteitag einmal Klarheit über die Methoden verschafft, mit denen in Württemberg für Einheit und Prinzipien- festigkeit gekämpft wird. Die Göppinger Genossen mußten-die Im- tiative zur Sanierung ergreifen, nicht wir in Ulm. Der radikale Göppinger Bräutigam wollte die angeblich revisionistische Ulmcr Braut heiraten. Den Göppinger» ist nicht die Pistole auf die Brust gesetzt worden. Ihr« Taktik grenzt vielmehr an Selbstmord. Wir wollten nur nicht alles schlucken, was das Dreimännerkollegium uns vorsetzen wollte. Wir mußten vorsichtig sein gegenüber Ge- Nossen, die heute widerrufen, was sie gestern unterschrieben haben, und mußten Garantien für die Gesundheit des Ulmer Unternehmens verlangen. Die Angriffe gegen die beteiligten Existenzen wurden mit direkten Fälschungen unterstützt. Oeffentliche Erklärungen der Ulmer Parteigenossen wurden von Rade! und seinen Hintermännern direkt gefälscht, um für gewisse Handlungen, für die nur die Ulmer die Verantwortung übernehmen wollten, auch den Landesvorstand verantwortlich zu machen. Einige Parteiblätter haben uns aus Grund dieser Fälschungen als Halsabschneider hingestellt. Ich be- schränke mich darauf, meiner tiefsten Verachtung vor einem solchen Tiesstand der Kampfesweise Ausdruck zu geben.(Sehr gut.) Selbst- verständlich soll und muß jedes Parteiblatt redigiert werden auf dem Boden der Parteitagsbeschlüsse. Aber das»wie bisher" in der Göppinger Resolution bedeutet für uns, daß wir die ganze Redak- tionsführung Thalheimers unterschreiben sollten. Nur durch die Opfer der Genossen des 14., 16., 16. und 17. württenrbergischcn Wahlkreises war die Sanierung möglich. Partei- und Landesvor- stand haben endlich einen Boden geschaffen, auf dem parteigenössi- sches Zusammenarbeiten in dem Verbreitungsgebiet d«S Blattes möglich ist. Das wird von Dauer sein, wenn nicht Störenfriede ein- greifen.(Beifall.) Hildenbrand-Stuttgart: Ich protestiere gegen die Andeutung Westmehers, als ob irgend etwas zutage getreten wäre, was hier nicht gesagt werden könnte. (Beifall.) Westmeyer hat seine Agitationsmethode auf den Partei- tag übertragen. Es handelt sich da nicht um eine Verschmelzung, sondern der Landesvorstond machte sein« Mitwirkung abhängig von dem Gelingen einer Vereinbarung zwischen Göppingen und Ulm. Wenn wir dem Parteivorstand empfehlen sollten. Geld zu geben. dann mußten wir auch dafür sorgen, daß aus der Weiterführung des Geschäftes nicht weitere Verluste entstehen. Die Landesvcr- sammlung hat das Vorgehen des Landcsvorstandes gebilligt und Westmeher hat trotz Aufforderung seine Vorwürfe nicht begründet. Das hat er auch heute nicht getan. Vor IVj Jahren hat der Landes- vorstand seine eigene Druckerei den Göppinger» zur Verfügung ge- stellt. Aber nach einem halben Jahre gründeten d-ie Göppinger in leichtfertiger und unfähigster Form eine eigene Druckerei, n>ährcnd sämtliche Maschinen auf Wcchselakzepte gebaut waren. (Hört! hört!) Die Göppinger Volkszeitung griff nur die Genossen an und war die beste Quelle für die bürgerliche Presse. Wir, die angeblichen Gegner der Göppinger, haben nie gegen die Sanierung gewirkt. Im Gegenteil. Wir haben auch nicht Thalheimers Ab- setzung verlangt, aber es ist nicht verwunderlich, daß die Ulmer, die doch den Göppingern entgegenkamen, verlangt haben, daß doch ihr Redakteur nicht entlassen würde. Ehe irgend jemand die Redakteurfrage anschnitt, überraschte Radck alle mit Thalheimers Rücktrittscrklärung. lieber den ztveiten Teil der Göppinger Reso- lution sage ich: Wenn den Göppingern wirklich um die Sanierung zu tun war. dursten sie nicht einseitig Beschlüsse fassen, sondern me Ulmer wären berechtigt, mitzuentscheiden. So hätte die Preß- kommission Gelegenheit, die Haltung des Blattes festzustellen. Bei einseitiger Festlegung der Göppinger war die Gefahr vorhanden, daß die Ulmer zurücktreten, die mit Lust und Liebe nicht beteiligt waren. Also wir haben nicht revisionistische Sonderbcstrebungen betrieben. Leider ist den Göppingern ein revisionistisches Blatt aufgezwungen worden. Unser Bestreben war, eine Basis zu schaffen, durch die die eingegangenen Verpflichtungen erledigt werden konnten, um Zustände zu schaffen, damit in Württemberg wieder> Ruhe und Frieden herrscht. Wir haben sie aber auch weiter unter- stützt, um die 30 0 M. genossenschaftliche Gelder zu retten. Wir ZoÄsIdemoMIlchei' Parteitag. haben alles getan, wir können nur bedauern, daß eS Parteigenossen gegeben hat, die aus ganz anderen als sachlichen Gründen die Sanierung in empfindlichster Weise zu Falle gebracht haben. Sie haben damit nicht nur die württembergische Partei geschädigt, son- dern die Partei des ganzen Reiches.(Lebhafter Beifall.) Es laufen folgende Anträge ein: 1. Antrag Auer-München:„Der Parteitag mißbilligt die von einigen Genossen gegen die bei der Sanierung des Göppinger Parteigeschäftes beteiligten Instanzen erhobenen haltlosen Vor- würfe. Der Parteitag spricht seine volle Zustimmung zu den ge- troffenen Maßnahmen aus und erwartet, daß die Parteigenossen bei den Neugründungen den in Betracht kommenden Beschlutz des Münchener Parteitages sorgfältiger beachten." 2. Ein Antrag Höllein-Jena, Knauf-Gera:„Die Göppinger Angelegenheit einer besonderen Kommission von neun am Streit nicht beteiligten Delegierten zur Prüfung und nachherigen Bericht- crstattung an den Parteitag zu überweisen." Der Antrag Höllein wird nicht genügend unterstützt, der Antrag Auer findet die ausreichende Unterstützung. Henke-Bremen: Ich bitte Sie, den Antrag Auer abzulehnen, damit nicht bei den Württemberger Genossen ein Stachel zurückbleibt. Genosse Ebert hat bei seinen impulsiven Ausführungen den lebhaften Beifall der Mehrheit gefunden. In Nürnherg sprach er ebenso impulsiv. aber damals wandte er sich gegen diejenigen, die ihm heute Beifall gespendet haben.(Unruhe.) Auf diese rednerischen Erfolge gebe ich nicht allzuviel. Er hat auch den Bericht der Bremer Bürger- zeitung erwähnt. Wir haben den Bericht in später Mittagsstunde bekommen und konnten nur einen Auszug bringen. Dabei find einige Irrtümer unterlaufen, die nicht auf das Konto Westmeyers fallen, sondern auf das Konto der Bremer Bürgerzeitung. Am anderen Tage lag der Bericht des Vorwärts vor und wir haben 1 getan, was notwendig war. Durch die verschiedene Erfahrung fanden wir bestätigt, daß allerdings ein Druck auf Göppinger Genossen hinsichtlich der prinzipiellen Haltung ihres Organs ausgeübt wurde. Roßmann sollte nicht so entrüstet auftreten, sondern etwas vor- sichtiger sein und daran denken, daß er einst in der gleichen Lage war wie Westmeyer. Er war früher Berichterstatter der nord- deutschen radikalen Partcipresse und hat da mancherlei Scharfes geäußert über Genossen, die ihn heute in Württemberg stützen. (Unruhe.) Wir dürfen bei der ganzen Angelegenheit auch nicht die leidenschaftliche Erhitzung außer acht lassen, die durch die jähre- langen Streitigkeiten in Württemberg hervorgerufen sind. Wenn Mattutat erklärt, es handele sich nicht um sachliche Difierenzen, sondern um persönliche Reibereien, so zeigt sich, daß er nur an der Oberfläche der Dinge haften geblieben ist. Wer die Dinge objektiv betrachtet, wird zu einem anderen Urteile kommen wie Hildenbrand und Roßmann. Ebert hat seine Rede dadurch wirksamer gestaltet, daß er die Organisation des Genossen Radek zugunsten des Partei- Vorstandes ins Feld führte. Ich frage den Parteivorstand, ob er davon Kenntnis hat, daß in der deutschen Parteipresse hervorragende ausländische Genossen Redakteurstellen bekleidet haben und heute noch Mitarbeiter der wichtigsten Parteiorgane sind, ohne Mitglieder der deutschen Partei zu sein?(Ebert: Nein!) Es handelt sich doch um die Frage, ob Radek vielleicht deshalb der Organisation nicht beitrat, weil er Spitzelgefahr und Ausweisung fürchtete.(Lachen und Unruhe.) Wenn der Mann diesen Vorwand vorbringt, so ist das doch ein Moment, über das sich reden läßt.(Widerspruch.) Ich erkenne diesen Vorwand ja auch nicht als berechtigt an, aber man kann doch die Angelegenheit nicht so verwenden, wie es hier geschehen ist, weil er ja als polnisches Parteimitglied auch organisiert ist.(Zurufe: Wo denn?) Ich will Ihnen mal was sagen, Genossen, der Radek mag ein Lump sein, aber Sie müssen es ihm beweisen! (Heiterkeit.) Er war doch jahrelang Mitarbeiter der hedeutendsten Parteiblätter und der„Neuen Zeit". Wenn dem Parteivorstand bekannt war, daß er trotzdem nicht organisiert war, so hätte man früher einschreiten müssen. Das hat man aber nicht getan und da- mit erwiesen, daß man diesen Einwand nicht vorbringen kann. Die „Bremer Bürgerzeitung" hat den von Ebert verurteilten Standpunkt eingenommen, um der Partei zu dienen. Wir haben unsere Partei- Pflicht erfüllt, und wer das abstreiten will, soll es erst beweisen. Lensch-Leipzig: Als leitender Redakteur der„Leipziger Volkszeitung" will ich den Angriffen Eberts gegenüber mich auf die kurze Bemerkung beschränken, daß die Schilderungen Eberts für mich wie für die meisten zum großen Teil neu gewesen sind. Angesichts dieser Schilderungen stehe ich nicht an zu erklären, daß die Redaktion der „Leipziger Volkszeitung" das Opfer objektiv falscher Informationen sein kann, wobei ich selbstverständlich keineswegs einen subjektiv bösen Willen ihrer Berichtserstatter annehme. Ich bin überzeugt, daß heute mein Kollege, der damals in meiner Abwesenheit diese Dinge bearbeitet hat, derselben Anschauung ist wie ich. Eine solche objektiv falsche Berichterstattung kann jeder Redaktion passieren, zumal bei den bedauerlichen Verhältnissen Württembergs, wie schon Ebert ausführte, ein ohjektiver Bericht von Württemherg über- Haupt nicht zu erhalten ist. Hcymann-Stuttgart: Westmeyer hat heute die von ihm schon häufig angewandte taktische Methode der Ablenkung von der Sache eingeschlagen. Er sagte: Gerade jene Seite, die heute in der Göppinger Affäre An- griffe gegen ihn erheb«, habe ihr Meisterwerk bei der Stuttgarter (stemcinderatswahl gemacht. Westmeyer werden' doch aber in der Göppinger Angelegenheit Vorwürfe gemacht, vom Parteivorstand, Landesvorstand und den Vertretern der Ulmer Genossen, die doch mit der Stuttgarter Gemeinderatswahl gar nichts zu tun haben. Wcstmeyer wird also durch diese billige Wendung nicht der Ver- pflichtung enthoben, den Beweis für seine Behauptungen in der Göppinger Angelegenheit anzutreten. Die von Wcstmeyer erwähn- tcn Zirkulare, die ich zum großen Teil gar nicht kenne und zum Teil entschieden mißbillige, sind doch meist nur Antworten auf An- griffe von der anderen Seite. Ich habe schon aktenmäßig nach- gewiesen, daß der Vorfall mit diesen Geheimzirkularen von den Vertrauensmännern Weftmeycrs in Stuttgart gemacht worden ist. Die Göppinger Sanierung war nur möglich, durch die Vereinigung des Göppinger und des Ulmer Unternehmens, und die Ulmer hatten dabei peinlich darauf zu achten, daß ihre eigenes, gesichertes, gutes Unternehmen nicht in Gefahr gebracht werde.(Sehr richtig!) Das würde aber geschehen, wenn sie sich den Forderungen der Göppinger in bezug auf Thalheimers Beibehaltung usw. unter- geordnet hätten. Damit würde der Vertrag mit der Tag- wacht-Druckerei gebrochen werden, der für die Ulmer die Grundlage guten Geschäftsganges und guten Pavteierfolges für ihr Unternehmen war. Der heute eine Kommissionsberatung der Angelegenheit auf dem Parteitage deshalb empfiehlt, weil er dann auch das sagen könne, was man hier nicht sagen kann, derselbe hat sich berufen geglaubt, die Interna des ganzen Göppinger SanicrungSprofektes in einer Versammlung von 660 Personen zu erörtern und Radek dazu das Wort zu geben. Für Wcstmeyer war die Krisis in Göppingen nur ein Mittel zum Zweck, um geaen andere Personen, denen er etwas am Zeuge flicken wollte, vorgehen zu können. In Stuttgart haben wir leider mit der Situation zu rechnen, daß derjenige, von dem angenommen werden kann, daß er etwas gegen Westmeyer zu sagen bat, überhaupt nicht in Ruhe zum Worte kommen und nicht angehört wird.(Hört! hört!) Ist es nicht eta Skavdat ohnegleichen, wenn es dem Bor- sitzenden der württembergifchen Landesorganisation tzildenibranb nicht einmal mehr möglich ist, in Stuttgart zu reden, wenn die Anhänger Westmeyers es fertig bringen, daß Hildenbrand unter Gebrüll die Tribüne verlassen mutz.(Hört! hört! bei einem Teile der Delegierten.) Das sind Zustände, die wir nie in Württemberg gehabt haben und die sich in Stuttgart nur entwickeln konnten unter dem gegenwärtigen Vorsitzenden. Das muß einmal erörtert werden. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird nach Emp- fehlung durch Dr. Laufenbcrg-Hamburg fast einstimmig angc- nommen. Roßmann-Ulm wendet sich in einer persönlichen Bemerkung gegen Henke, daß er als Redakteur der„Tagwacht" den radikalen Parteiblättern eine Korrespondenz geliefert habe. Henke-Bremen erwidert persönlich, er habe vorhin hinzugefügt, daß Roßmann Briefe über die Porgänge in Württemberg und über die Personen, die ihm heute sehr nahestehen, und ihr Verhalten ge- schrieben hat. Aber ich halte es aufrecht, daß Roßmann damals, als er diese Korrespondenzen herausgab, sich zu den Radikalen zählte. Heute zählt er sich nicht dazu, und das genügt.(Zustimmung und Unruhe.) Roßmann-Ulm(mit Heiterkeit und Unruhe empfangen): Ich muß allerdings gestehen, daß ich in meinem Leben schon Briefe ge- schrieben habe. Bis jetzt habe ich aber das noch nicht als Partei» verbrechen angesehen. Ueber den zur Göppinger Angelegenheit gestellten Antrag Auer wird erst nach einem Schlußwort abgestimmt werden. Der Parteitag vertagt sich nach ff6 Uhr abends auf morgen, Dienstag, früh 9 Uhr._ Sechster schwedischer Gewerkschafts- kongreß. Stockholm, den 12. September 1912. Der Kongreß fand heute abend seinen Abschluß. Die Ver- Handlungen der zwei letzten Kongreßtage führten keine erheblichen Aenderungen, weder der Satzungen noch sonstiger Bestimmungen über das organisatorische Zusammenwirken der Gewerkschaften her- bei. Der Antrag der Reorganisationskommission, die von der Landeszentrale zu leistende Unter st ützung bei Abwehr- kämpfen von 8 auf 6 Kronen pro Woche und unterstütztes(voll- zahlendes) Mitglied herabzusetzen, wurde mit 119 gegen 61 Stim- men angenommen, nachdem ein Antrag der Holzarbeiter auf Bei- beHaltung der bisherigen Unterstützungssätze mit 84 gegen 67 Stimmen abgelehnt war. Die 61 Stimmen, die gegen den Antrag der Reorganisationskommission abgegeben wurden, fielen einem Antrage der Metallarbeiter zu, der eine weitere Herabsetzung der Unterstützung auf 6 Kronen wöchentlich forderte. Es blieb jedoch beim Vorschlage der Reorganisationskommission.—■ Eine lange Debatte entfesselte auch auf diesem Kongreß die Frage des Organisationszwanges in den Kollektivverträgen. Früher war es einer Reihe von Berufen gelungen, insbesondere den Trans- Portarbeitern, den Organisationszwang durchzuführen; mit der Erstarkung der Unternehmerorganisation mußte jedoch die Bestim- mung häufig wieder preisgegeben werden. Der schwedische Arbeit- geberverein hat in seinen Satzungen eine Bestimmung, die ihn zum Kampf für die„Freiheit der Arbeit" einzutreten verpflichtet, d. i. das Recht dcS Arbeitgebers, die Arbeit zu leiten und zu verteilen, Arbeiter anzustellen und zu entlassen. Um dieses Prinzip sind bereits harte Kämpfe ausgebrochen, wo der Organisationszwang bereits durchgeführt war. Der Gewerkschaftskongreß 1999 stellte sich auf den Standpunkt der Landeszentrale, wonach gegen das von den Unternehmern vertretene Prinzip an sich nichts eingewendet. aber gegen die bisherige Praxis protestiert und verlangt wurde, daß das Koalitionsrecht gegenüber dieser Praxis geschützt wird. In der dazwischenliegenden Geschäftsperiode haben die Unter- nchmer freilich in entgegengesetztem Sinne gehandelt und von ihrer Uebermacht rücksichtslosen Gehrauch gemacht. Die Erbitterung gegen den ,.§ 23" ist daher ungemein gestiegen und mehrere Anträge zwangen den Kongreß zur erneuten Stellungnahme. Die Landes- zentrale schlug eine Resolution vor, die Protest gegen die Willkür der Unternehmer erhebt und den Arbeitervcrtretern bei künftigen Vertragsverhandlungen auferlegt, für notwendige Schutzbestim- mungen gegen diese Willkür Sorge zu tragen. Das ging der Opposition nicht weit genug. Ein Führer der Transportarbeiter beantragt«, eine schärfere Fassung des Beschlusses.� Sein Antrag forldert die weitmöglichste Unterstützung der Verbände durch die Landeszentrale, die künftig beim Abschluß von Tarifverträgen das Recht der Unternehmer über Einstellung und Entlassung der Arbeiter frei zu entscheiden, nicht annehmen wollten, sondern anstatt dessen das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter fordern, oder aber jede dies- bezügliche Vertragsbestimmung ausschließen wollen. Diese Reso» lution wurde vom Kongreß in namentlicher Abstimmung mit 147 gegen 32 Stimmen angenommen. Falls dieser Beschluß aus- geführt werden soll, was bei der starken Majorität nicht alizu- zweifeln ist, bedeutet er eine V c r sch är f u n g der kommen- den gewerkschaftlichen Kämpfe in Schweden, da die Unternehmerorganisation zweifellos mit gleicher Zähigkeit an ihrem Prinzip festhalten wird.— Von den weiteren Verhandlungen interessiert das Ausland nur noch der Punkt:„Gesetzlicher Minimallohn für Industriearbeiter". Die Landes- zentrale schlug vor. veranlaßt durch eingereichte Anträge, die sozial- demokratische Reichstagsfraktion zu ersuchen, möglichst bereits in der kommenden Session den Antrag auf gesetzlichen Minimallohn einzubringen. Obgleich gegen diese recht wenig geklärte und noch weniger motivierte Auffassung wichtige Bedenken vorgebracht wurden, fand der Vorschlag der Landcszentrale eine große Mehr- heit.— Die weiteren Perhandlungsgegenstände betrafen die Agi- tation, Bildungsbcstrebungen, die Organisation der Genossenschafts- angestellten usw., in welchen Fragen der Kongreß der Landes- zentrale meistens ohne Debatte beitrat. Der nächste Kongreß soll erst in fünf Jahren stattfinden, sofern nicht besondere Umstände der Landeszentrale die Einberufung des Kongresses früher notwendig erscheinen lassen.— Die Wahlen zum Landes- sekretariat ergahen die Wiederwahl der bisherigen Funk- tionäre. Dagegen unterlagen der Sekrctariatsbeisitzcr und die bis- herigen Beisitzer L i n d l e y(Transportarbeiter) und Weiden- Hain(Buchbinder). An ihrer Stelle wurden gewählt B j ö r k l u n d (Solzarbeiter) und Johansson(Metallarbeiter), beide Wort- führer der Opposition in der Frage der zentralisievien Unterstützung. — Mit dem Absingen des schwedischen Sozialistenmarsches fanden die Verhandlungen ihr Ende. Bus Induftrie und Handel. Der Balkan in der Weltwirtschaft. Trotz der ewigen Unruhen und der politischen Unsicherheit „weit hinten in der Türkei" ist die weltwirfichastlich« Bedeutung der Balkanländer im letzten Jahrzehnt bedeutsam gewachsen. Ein Blick in die. Statistik des Außenhandels jener Gebiete bringt vor allein Aufklärung darüber, welche Staaten die stärksten Wirtschaft- lichen Interessen und dementsprechend ein entschiedenes Interesse an der Aufrcchterhaltung des Friedens zwischen Donau und Balkan haben. Ter nördlichste der Balkanstaaten, Rumänien, war im Jahre ISSS mit Werten im Umfang von 666,69 Mill. M. am Welt- Handel beteiligt..Davon entfielen 2H4M Mill. M. aüfi die Einfuhr nach Rumänien und 372,05 Mill. M. auf den Export. Den der- höltnismäßig bedeutendstem Teil der Gesamteinfuhr lieferte Deutschland, das im Jahre 1309 nicht weniger als 33.84 Proz. des rumänischem Imports in der Hand hatte. In weitem Abstand waren an zweiter und dritter Stelle Oesterreich-'Ungaru mit 23,27 Prozent und' England mit 15,69 Proz. beteiligt. Als wichtigste Absatzländer für rumänische Produkte kamen Belgien mit 26,98 Prozent und die östcrreichisch-ungarische Monarchie mit 24,74 Proz. der Gesamtaussuhr in Betracht. Nach Holland brachte Rumänien im genannten Jahre, dem Werte nach gerechnet, 19,65 Proz. seines gesamten Exports. Der Austenhandel Bulgariens repräscn- tierte im Jahre 1998 einen Wert von 194,91 Mill. M. Der I m- Port bezifferte sich nämlich in jenem Jahre dem Werte nach auf 194,12 Mill. M., während die Ausfuhr bulgarischer Erzeugnisse zugleich einen Wert von 93,89 Mill. M. erreichte. Unter den Ein- fuhrländern dieses Staates stand Deutschland im Jahre 1998 an dritter Stelle. Nach den Daten der bulgarischen Statistik wurden damals aus dem Deutschen Reich Waren im Wert von 16,68 Mill. Mark importiert. Bedeutender noch war der bulgarische Import aus England mit 18,56 Mill. M. Bei weitem die umfangreichsten Lieferungen aber stammten aus Oesterreich-Ungarn mit 28,43 Mill. Mark. Die gewerbliche Produktion Bulgariens pflegt ein lebhaftes Außenhandelsgeschäft mit der Türkei, der sie im Jahre 1998 Erzeugnisse im Wert von 26,79 Mill. Mi lieferte. Belgien zahlte im gleichen Jahre für bulgarische Produkte 17,63 Mill. M. und, ebenfalls als drittwichtiastes Ausfuhrland, Deutschland 9,39 Mill. M. Für Serbiens Außenhandel liegen bereits neuere Ausweise vor, die ein sicheres Urteil über die Weltwirtschaft- liche Bedeutung dieses Landes gestatten. Danach hatten die Werte, die Serbien im Warenverkehr mit dem Ausland umsetzt, im Jahre 1911 die Höhe von 146,47 Mill. M. erreicht. Und zwar betrugen die Importwerte Serbiens im verflossenen Jahre 67,76 Mill. M., während die Ausfuhr Serbiens in der gleichen Periode mit 78,71 Mill. M. bewertet war. Wieberum ist es Deutschland, das Vom ausländischen Bedarf Serbiens den erheblichsten Teil abfor- biert hat. Die Einfuhr deutscher Waren nach Serbien stieg vom Jahre 1999 zum Jahre 1919 dem Werte nach von W,93 Mill. M. auf 27,91 Mill. M. Lesterreich-Ungarn führte im Jahre 1919 Produkte im Wert von 12,92 Milk. M. nach Serbien ein, während Englands Absatz im genannten Land einen Wert von nur 9,14 Mill. Mark darstellt. Von der serbischen Gesamtausfuhr des Jahres 1919 gelangten Waren im Wert von 18,78 Mill. M. in die Türkei und Erzeugnisse im Werte von 17,53 Mill. M. nach Deutschland. Die überaus bedeutenden Summen endlich, die die Türkei im Welthandel umsetzt, sollen nur kurz angedeutet werden. Im Rechnungsjahr 1998/09 importierte das osmanische Reich Produkte im Wert von 581,59 Mill. M., darunter für 35,81 Mill. M. aus Deutschland und brachte in der nämlichen Periode für 341,12 Mill. Mark Erzeugnisse auf den Weltmarkt. Eins ist aus diesen Auf- Stellungen mit Sicherheit zu entnehmen, dast dem politischen Des- interessement Deutschlands am Balkan. bedeutende wirtschaftliche Interessen gegenüberstehen. Man wird infolgedessen daraus dringen müssen, daß Deutschland im internationalen diplomatischen Konzert auf der Seite derer steht, denen es um die Aufrechtcrhaltung des Friedens ernst ist. IKrankenliaffenangcftellte und flngestelltenverfklKrung. Die Vorstände und Verwaltungsbeamten der Krankenkassen Berlins und der Umgegend hielten am Freitag im Gewerkschaftshause eine gutbesuchte Ver- sammlung ab, die von der Zentralkommission einberufen worden war. Vertreten waren 49 Berliner Ortskrankenkassen, 11 Betriebs- krankenkassen, 6 Jnnungskrankenkassen, 23 Vororts-Ortskranken- lassen, 1 Vororts-Betriebskrankenkasse und 26 Hilfskraukenkassen, zusammen also 116 Krankenkassen. Rcichstagsabgeordneter Robert Schmidt referierte über das Angestellten-Versicherungsgesetz. Der Vortrag bewegte sich im allgemeinen in demselben Rahmen, wie der Vortrag desselben Referenten vom Montag, über den wir in Nummer 212 berichtet haben. Außerdem aber nahm er speziell Bezug auf das Verhältnis der Krankenkassen und ihrer Angestellten zu dem Gesetz. Aus diesen Ausführungen ist folgendes hervorzuheben: Aus den Krankenkassen kämen für die Angestelltenversicherung nach dem neuen Gesetz diejenigen Angestellten im Bureau in Frage, die nicht lediglich mit niederen mechanischen Dienstleistungen im Bureau beschäftigt seien. Befreit seien zum Beispiel diejenigen, die lediglich Botendienste oder Reinigungsarbeiten verrichten, sowie die, die ür Kvankenkassenbeiträge einsammeln,_ wie das bei manchen Kassen der Fall sei. Bei manchen Beschäftigungen werde wohl erst später durch die Rechtspraxis die Grenze festgestellt werden, wo sie lediglich niedere mechanische seien und wo sie es nicht mehr seien. Nach einer Auskunft, die allerdings nicht durchaus rechtsverbindlich sei, könnten unter die Versicherung solche Personen fallen, die a u f Diktat mit der Maschine schreiben beziehungsweise das ihnen diktierte Stenogramm später übertragen. Bei rein mechanischen Abschriften nach übergebenen Vorlagen werde es aber nicht der Fall sein. Für Krankenkassen- angestellte, die Angestellte im Sinne des Gesetzes seien, komme Doppel-Zwangsversicherung in Frage, soweit sie nur ein Einkommen bis 2999 M. hätten. Sie seien dann nach dem Angestelltengesetz für Ruhegeld und Hinterbliebenenrente versichert und nach der ReichSversicherungsordnuna für Invalidität. Wenn nun so ver- sicherte Angestellte eine Erhöhung ihres Gehalts über 2999 M. .erreichten, dann trete die Frage der freiwilligen Fort- sctzung ihrer Jnvaliditätsversicherung aus der ReichSversicherungs- ordnung an sie heran. Redner würde auf alle Fälle, wenn jemand � mit seinem Einkommen über 2999 M. hinauskomme, empfehlen, die Versicherung in der Invalidenversicherung nach der Reichsver- sicherungsordnung freiwillig fortzusetzen. Im anderen Falle wür- den die für diese Versicherung bisher gezahlten Beiträge ver- lustig gehen. Das komme auch für weibliche Angestellte in Betracht, denn künftig würden auch für weibliche Angestellte aus der Reichsversicherungsordnung Beiträge nicht zurück- gezahlt, wie früher. Die freiwillige Fortsetzung jener Versicherung lasse sich auch leicht ermöglichen, denn die Bedingungen dafür seien verhältnismäßig leicht. Für Krankenkassenangestellte unter anderem sei Befreiung von der Angestelltenversicherung möglich nach ß 9 dös Gesetzes, welcher im Absatz I bestimmt: „Versicherungsfrei sind die in Betrieben oder im Dienste des Reichs, eines Bundesstaates, eines Gemeindeverbandes, einer Gemeinde o der eines Trägers der reichsgesetz- lichen Arbeiter, oder A n g e st e l l t e n v e r s ich e r u n g Beschäftigten, wenn ihnen Anwartschaft auf Ruhe- geld und Hinterbliebenenrente im Mindestbetrage nach den Sätzen einer vom Bundesrat festzusetzenden Gehaltsklasse (§ 16) g e w ä h r l e i st e t ist; dabei ist das Durchschnittseinkommen der betreffenden Beamtcnklasse zu berücksichtigen." „Gewährleistet ist"— heiße es in der Bestimmung. Was be- deute das? Das bedeute, daß die Kasse dauernd in der Lage sei, solche Ansprüche dauernd zu erfüllen. Das könne in verschiedener Weise geschehen. Es könne eine Pensionskasse errichtet werden. Es sei aber Voraussetzung, daß ein Rechtsanspruch auf die Unterstützung bestehe. Eine Kasse, die keinen Rechtsanspruch ge- währe, käme nicht in Betracht. Eine Kasse, die ihn aber gewähre, unterstehe der Aufsicht deö Versicherungsamtes für private Verstche- rung. Für Krankenkassen lasse es sich aber auch anders regeln. Eine Krankenkasse werde die verlangte Sicherheit(die„Gewähr- leistung" gemäß§ 9) schon erfüllen, wenn sie überhaupt den Rechtsanspruch gewähre. Um das zu ermöglichen, könne eine Krankenkasse eine Ersatzkasse gründen. Es könnten auch mehrere Krankenkassen zusammen eine solche gründen, die die Voraus- setzung übernehme. Sie könne auch über die Sätze des§ 9 hinaus- gehen und höhere Sätze gewähren. Ferner könne eine Kranken- lasse schlankweg in ihrer Dienstordnung(im schriftlichen Vertrag) den Anspruch gewährleisten und sicherstellen. Bei der so einzu- gehenden Verpflichtung könne sie zurückgreifen auf eine Ersatz- lasse, sie könne aber auch zurückgreifen auf einen zurückgelegten Fonds, der durch Beiträge der Angestellten und der Kasse oder einseitig aus Beträgen der Kasse gebildet werde. Und schließlich könne eine Kasse auch aus laufenden Mitteln den Anspruch ge- währleisten. Ob das aber zukünftig bei der Aufsichtsbehörde durch- gehe, erscheine Redner zweifelhaft, und zwar aus finanztechnischen Gründen. Immerhin käme es auf einen Versuch an. Wolle man aus Kassenmitteln die Gewährleistung schaffen, dann wäre viel- leicht ein gangbarer Weg der, einen Fonds zu schaffen durch Zurückstellung von Mitteln, die man in der Weise vornehme, wie es sonst bei Ansammlung eines Reservefonds geschehe. Ob man das aber könne, sei nach den Bestimmungen der Reichsversicherungs- ordnung nicht ganz zweifelsfrei. Hinsichtlich einer Regelung durch die Dienstordnung verweist Redner auf die Möglichkeit des Ein- flusses, den auf ihre Gestaltung unter Umständen die höheren Instanzen haben, und ferner behandelte er auch im einzelnen die Möglichkeiten, die sich bei Schaffung einer Pensionskasse ergeben. So kann diese ein starkes Mittel werden, die Angestellten an den Betrieb zu fesseln, indem nämlich beim Ausscheiden aus dem Be- triebe und damit aus der Pensionskasse die Ansprüche einerseits verloren gehen und andererseits die Zeit der Zahlung der Beiträge bei der PensionSkasse der Krankenkasse nicht als Beitragszeit für die Reichsversicherung angerechnet wird. Natürlich interessterten sehr die bevorstehenden Wahlen für den untersten Wahlkörper, für die Vertrauensmänner, die ihrerseits die Beisitzer für die Renten- ausschüsse, für die Schiedsgerichte, für das Oberschiedsgericht und für den Verwaltungsrat zu wählen hätten. Die Versicherungs- karte, die als Legitimation diene, sei gegenwärtig zu lösen. Jeder Versicherungspflichtige habe sich zu dem Zwecke eine Aufnahmekarte zu besorgen. Wie verhalten sich nun diejenigen Kassenangestellten, die Aussicht hätten auf Gewährleistung von Ruhegeld und Hinter- bliebenenrente gemäß§ 9 des Angestellten-Bersicherungsgesetzes und damit auf Befreiung von der Angestelltenversicherung? Soweit ihnen gegenwärtig ein gültiger Rechtsanspruch darauf noch nicht gewährt sei, hätten sie vorläufig die Karte zu läsen, weil sie ja zunächst gar nicht wüßten, wie und wann die Regelung erfolge. Trete die Regelung des Ruhegehaltes usw. seitens der Kasse für sie bis zum 1. Januar ein, wo das Gesetz in Kraft trete, dann höre. ihre Versicherungspflicht aus dem Angestelltengesetz auf. Aber vor- läufig nehmen sie an den Wahlen der Vertrauensmänner teil, was als wichtig erscheine. Auf jeden Fall müßten sie sich das Wahl- recht sichern. Und erfolge etwa die Regelung der Ruhegehaltsfrage durch die Kasse bis zum 1. April, so müßten sie die Beiträge vom 1. Januar ab zahlen, solange, bis ihnen der Rechtsanspruch auf den Ersatz gemäß Z 9 gesichert sei, entweder durch die Dienstordnung oder durch Vertrag oder durch Ersatzkafle usw. Danach hätten sie dann künftig kein Wahlrecht. Jetzt aber hätten sie alles Interesse daran, die Beteiligung an der bevorstehenden Wahl zu einer mög- lichst umfangreichen zu gestalten und sich um die Aufnahme- und Versicherungskarte zu bemühen. Die Angestellten seien darin auch nicht abhängig vom Rendanten oder Kassenvorstand. Der Angestellte könne selbst hingehen und seine Karte lösen. Die Lösung des staat- lichen Versicherungsverhältnisses ergebe sich nachher beim Eintreten der Voraussetzungen aus§ 9 von selber. Die Angestellten wähl- ten direkt ihre Vertrauensmänner. Als Arbeitgeber, die ihrerseits ihre Vertrauensmänner wählten, seien die Krankenkassenvorstände, vertreten durch den Vorsitzenden, zu betrachten. Sei der Vor- sitzende besoldeter Angestellter zugleich� dann könne er nicht als Arbeitgeber wählen, ausgenommen er habe ein Gehalt von über 5999 M. und sei dann nicht versicherungspflichtig. Wenn der Vorsitzende versicherungspflichtiger Angestellter sei, dann könne der Vorstand einen anderen zur Vornahme der Wahl als Arbeitgeber legitimieren.— Die Hoffnung auf eine Verbesserung des Gesetzes wachse in dem Maße, in dem sich die Versicherten selber beteiligten, zunächst durch Wahl von Vertrauensmännern mit sozialpolitischem Verständnis.(Lebhafter Beifall.) Nach kurzer Diskussion und einem Schlußwort des Referenten, der namentlich darauf hinwies, daß die Ausgabestelle niemanden eine Aufnahmekarte verweigern dürfe(die Entscheidung über Ver- Weigerung der Aufnahme stehe einer anderen Instanz zu), nahm Simanowski das Wort. Er sprach namens der Zentralkom- Mission die Hoffnung aus, daß auch die Berliner Vorstände der Kassen berücksichtigen möchten, was der Krankenkassentag in Köln ausgesprochen habe, nämlich daß den Krankenkassen emp- fohlen werde, die vollen Beiträge für ihre An- gestellten zu zahlen. Das Zirkular des Versicher ungsamteS der Stadt Berlin wegen der Antrag st ellung auf i Bcstehenbleiben von Kassen betraf der zweite Punkt der Tagesordnung. Das Zirkular hat zu Zweifeln Anlaß gegeben, ob diejenigen Krankenkassen, welche schon gemäß Generalversammlungsbeschlutz den Antrag auf ihr Bestehenbleiben gestellt haben, ihn nochmal er- neuern müßten, um der Reichsversicherungsordnung zu genügen. Der Vorsitzende des Berliner VersicherungSamtes hat auf Befragen erklärt, daß dies notwendig erscheine. Die Kommisston emp- fiehlt deshalb den Kassen, die den Antrag stellen wollen und ihn bereits vorzeitig gestellt haben, aufs neue einen entsprechenden Beschlutz durch Generalversammlung herbeizuführen und ihn dann neu zu stellen. Es folgten dann einige Mitteilungen über die Erledigung von Beschwerden, welche die Walderholungsstätten betrafen. Soziales. Zur Alkoholgefahr. Die Alkoholgesahr, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung, nebst: Die alkoholischen Getränke und ihre Besteuerung, von Emanuel Warm.(168 Seiten. Preis broschiert 69 Pfennig.) Der Verfasser hat in dieser im Austrage der Hamburger Parteiorganisation herausgegebenem Broschüre seine bereits 1997 auf dem sozialdemokratischen Parteitage zu Essen in seinem Referat über„Alkoholfvage und Sozialdemokratie" dargelegtem Anschau- mngen durch zahlreiche Beweise aus der Wissemschast wie aus dem Leben der Arbeiter unterstützt. Dabei kommt er zu der Schluß- folgerung, daß kein unüberbrückbarer Widerspruch zwischen Absii- nenz und Temperenz vorhanden ist; wenn auch nicht jeder Alkohol- genutz schädlich, so kann doch schon der allergeringste zur Gefahr >verden. sobald bestimmte, die Widerstandskraft des Trinkenden lähmende Einflüsse(z. B. unzureichende Ernährung) vorhanden sind. Und diese Lähmungen werden durch soziale Bedingungen hervorgerufen oder verftärkt, und zwar in weit größerem Umfange, als gewöhnlich angenommen wird, so daß also die Alkoholgefahr nicht nur durch Aufklärung, sondern vor allem durch Beseitigung jener sozialen Bedingungen und deren Ursache zu bekämpfen ist. Die Broschüre schildert zunächst die chemischen Borgänge bei der Gärung, die Zusammensetzung der alkoholischen Getränke, ihren Verbranch und ihre Besteuerung, namentlich die Branntweinsteuer» wie sie sich im letzten Vierteljahrhundert gestaltet hat, insbesondere die neueste Aenderung von 1912, die in der Verschleierung der Liebesgabe umd in der Auslieferung der Konsumentcm an die Spirituszentrale- gipfelt. Hieran reiht sich die Besprechung des SchnapSbopkotts und der Machenschaften des Alkoholkapitals. Die individuellen Wirkungen des Alkohols werden eingehend dargelegt, sowohl in Hinsicht auf ihre gesundheitliche Wirkung wie aus die Arbeitsleistung. Die sozialen Ursachen»nd die soziale» Wirkungen des Alkoholmistbrauchs finden auf umfangreiches Ouellenmaterial gestützte Würdigung. Den Schluß bildet eine umfassende Uebersicht sowvhl über die Mahnghmen zur Befgulpsupg der Alloholgefahr durch Verewe, Staat und Gemeinde, GesetzgeJwng und Verwaltung, als auch üben die Stellung der Sozialdemokratie aller Länder in diesem Kampfe. Wie dieser kurze Hinweis auf den reichen, in fünfzig Ab- schnitten übersichtlich geordnetem Inhalt der Broschüre zeigt, be- handelt sie Gebiete, die bisher in der Alkoholliteratur noch keine oder nur beiläufige Beachtung gesunden haben. Die Schrift sollte in keiner Arbeiterhibliothek fehlen. Gänzliche Erblindung beider Augen durch Betriebsunfall. Die Arbeiterin Alma N. erlitt am 21. August 1S99 im Betriebe der Deutschen Gasglühlicht-Akt.-Gef.(Auergesellschaft) da- durch einen Unfall, daß ihr beim Einwerfen von Glasbirnen in den GlaÄbruchkasten ein Glassplitter in das rechte Auge flog. Tags- über kühlte die N. das Auge, klagte auch zwei Mitarbeiterinnen am gleichen Tage über Schmerzen; am Abend entfernte ihr ein Arbeiter einem Glasisplitter aus dem Auge. Einem Arzt suchte Frl. N. am 23. August auf. Dieser verschrieb ihr eine Salbe. Das Leiden wurde aber immer schlimmer. Trotzdem versuchte Frl. N. noch am 24. August zu arbeiten, mußte die Arbeit jedoch gegen 9 Uhr einstellen, da eine starke Lichteinw-irkung bei der Arbeit auf beide Augen erfolgte. Am 25. August 1999 erblindete das rechte Auge vollständig; am 26. Dezember 1999 erlosch die Sehkraft auf dem linkem Auge. Die Verletzte erhob nun durch ihren Vater Anspruch auf Eni- schädigung bei der Norddeutschen Metall-Berufsgenossenfchaft. Ihr Anspruch wurde abgewiesen, weil nicht erwiesen sei, daß Frl. N. einen Betriebsunfall erlitten, danm aber auch, weil nach ärztlicher Ansicht die Erkrankung beider Augem nicht als Folge eines Betriebs- Unfalles anzusehen sei, vielmehr höchstwahrscheinlich auf ange- borener Mißbildung der Augen beruhe. Gegen den ablehnendem Bescheid der Berufsgenossenlschaft wurde Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung, Stadtkreis Berlin, eingelegt. Die Berufung wurde zurückgewiesen. In der Entscheidung sagt das Schiedsgericht, es sei nicht für nötig erachtet worden, Ermittelungen darüber anzustellen, ob ein Unfall tatsächlich vorgelegen hat. Nach dem bedenkenfteien Gutachten des erfahrenen Augenarztes Prof. Dr. S. fei mit Sicherheit anzu- nehmen, daß das bei der Klägerin bestehende Leidem nicht durch den geschilderten Unfall hervorgerufen ist. Abgesehen davon, daß beide Augen nacheinander von der Erkrankung befallen wurden. entstehe diese ganze typische Affiektion überhaupt nicht auf dem Wege eines Unfalls, sondern sie sei eine sogenannte konstitutionelle Erkrankung, für die meist eine hereditäre Syphilis verantwortlich zu machen ist. Hiergegen wurde da» Rechtsmittel des Rekurses beim Reichs- versichcrungsamt eingelegt. Dargelegt wurde, daß die Eltern der N. bestreitcm, je an Syphilis gelitten zu haben und sechs gesunde Kinder gezeugt haben. Jede Arbeiterin werbe, bevor sie in dem Betrieb Aufnahme findet, einer Vertrauensarzt lichen Untersuchung auch speziell der Augen unterworfen. Bei der Untersuchung des Frl. N. seien krankhafte Veränderungen der Augen nicht festgestellt. Es wäre notwendig gewesen, durch Vernehmung der Mitarbeiter festzustellen, ob der Unfall tatsächlich stattgefunden und ob Glas- splitter aus dem rechten Auge entfernt wurden. Geltend gemacht wurde ferner, daß der behandelnde Arzt Spczialarzt für Augen. krankheiten Herr Dr. T. den Zusammenhang des Leidens mit dem Unfall für gegeben erachtete. Das Reichs-Versicherungsamt erhob weiteren Beweis durch Vernehmung der Mitarbeiter und durch Einholung weiterer Gut- achten vom- Geh Med.-Alat Prof. Dr. Sch. R., Halle a. S� be- handelnden Arzt Dr. T. und vom Direktor der Universitäts-AÜgen- klinik Prof. Dr. Kr. in Berlin. Während der Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Sch. R., Halle a. S., dem Zusammenhang des Leidens mit dem Unfall verneinte, hielt Herr Dr. T. und Prof. Dr. Kr. denselben für gegeben Die BerufSgenossenfchaft wurde daraufhin verurteilt. Bei der Wichtigkeit des Falles lassen wir einige Stellen der schriftlichen Entscheidung des Reichs-VeissicherungSamtes folgem: „Die Zeuginnen K. u. L. Hadem bekundet, daß es bei der Arbeik. die der Klägerin oblag, öfter vorgekommen ist, daß Glassplitter der in den Glaskasdem geworfenem Glühbirnen herumgeflogen und den dabei Beschäftigtem in die Augen gespritzt sind. Nimmt man hierzu die Aussage des Zeugen B., daß er der Klägerin einem Glassplitter aus dem Auge entfernt hat, so mutz als erwiesen gelten, daß der Klägerin tatsächlich bei der Arbeit ein Glassplitter in das Auge gepflogen ist. Allerdings ist eS auf- fallend, daß die Klägerin dem Augenarzt Dr. Sch. nach dessen Gut- achten bei ihrem ersten Besuch von dem Eindringen eines GlaÄ- splitters nichts gesagt hat. Das Reichs-VersicherungSamt hält es aber nicht für ausgeschlossen, daß Dr. Sch., der sein Gutachten erst beinahe acht Monate nach dem ersten Besuche der Klägerin erstattet hat, sich hierbei in seiner Erinnerung getäuscht hat, zumal' die Klägerin behauptet, ihm von der Verletzung durch einen Glassplitter sofort Mitteilung gemacht zu haben. Es ist daher davon auszu- gehen» daß die Klägerin am 21. August 1999 bei dem Betriebe durch einen Glassplitter eine Verletzung des rechten AugeS erlitten hat. Dem steht nach den Ausführungen des Prof. Dr. Kr. namentlich auch nicht entgegen, daß Dr. Sch. am 23. August 1999 eine frische Verletzung der Hornhaut nicht hat feststellen können� da diese bereits verheilt gewesen sein kann. Bei Entscheidung der weiteren Frage, ob das Augenleiden der Klägerin auf diese Verletzung zurückzuführen ist, hat sich das Reichs-Versicherungsamt dem eingehend be- gründeten Gutachten des Prof. Dr. Kr. angeschlossen. Danach ist die Hornhautentzündung auf beiden Augen als Folge der Ver- letzung durch den Glassplitter anzusehen. Hieraus folgt die Ver» pslichtung der Beklagten, die Klägerin für die Folgen des Unfalls vom 21. August 1999 zu entschädigen."<2 A la 17 285/10,)| Gencbtö- Zeitung. War der Polizeileutnant betrunken?, Diese Frage spielte eine wesentliche Rolle in einer an sich recht unbedeutenden Strafsache, die am Miontag vor der 8. Straf- kammer verhandelt wurde. Der Hergang, welcher der Sache zil- gründe liegt, ist folgender: Polizeihäuptmann Scholber in Zivil und Polizeileutnant Degener in Uniform gingen in Begleitung von zwei Damen ih»er Familie nachts über den Platz am Rosenthaler Tor. Die beiden Polizeioffiziere gingen voran, die beiden Damen hinterher. Ohne daß Polizeihauptmann Scholber etwas davon bemerkte, verschwand Polizeileutnant Degener von seiner Seite. Als er zurückkam, erfuhr der Poltzeihauptmann erst, daß der Leutnant inzwischen einen Mann nach der Mache am Weinbergs- weg sistiert hatte. Dieser Mann, der Händler Karl Grunwald, ist später anläßlich dieser Affäre vom Schöffengericht wegen groben Unfugs zu einer Geldstrafe von 6 M. verurteilt worden. Da er Berufung eingelegt hatte, mußte sich die Strafkammer mit der Sache beschäftigen. Hier behauptete Angeklagter, er sei vollkommen schuldlos, und ein Zeuge, der sich bei jener Gelegenheit in seiner Gesellschaft befand, unterstützte die Angaben des Angeklagten. Dieser Zeuge, Arbeiter Gebhardt, der den Einbruch eines sehr ruhigen und objektiven Beobachters macht, gab an: Polizeilcutnant Degencr habe infolge seines schwankenden Gange?, den Eindruck eines Betrunkenen gemacht. Das sei auch wohl der Grund gewesen, weshalb drei vorübergehende junge Leute höhnende Bemerkungen über den Polizeileutnant machten. Infolgedessen habe sich der Polizeileutnant umgedreht und dem Angeklagten, der mit dem Zeugen ganz ruhig an der Bordschwelle stand, einen Verweis er- teilt und, als der Angeklagte Gegenbemerkungen machte, denselben sistiert.— Der als Zeuge vernommene Polizeilentnant Degener stellte den Hergang ganz anders dar. Hiernach hat ein junger Mann die Damen belästigt, der Polizeileutnant hat ihm-das unter» sagt, der junge Mann ist ruhig weitergegangen, aber der Angeklagte hat sich eingemischt und dem Polizeileutnant Vorhaltungen über sein Einschreiten gegen den erwähnten jungen Mann gemacht. Der Polizeileutnank verbat sich das und als der Angeklagte mit seinen Bemerkungen fortfuhr, sistierte ihn der Leutnant und veranlahte eine Anzeige. Diese Darstellung wurde zum Teil durch die Aus- sagen der beiden jungen Damen gestützt.— Tagegen blieb der Zeuge Gebhardt trotz aller Vorhaltungen durch die beiden Zeugen Polizeihauptmann©cholber und Polizeileutnant Degener mit voller Sicherheit bei seiner Tarstellung des Vorganges. Es kam hier zu einer Szene, wie sie wohl selten vor Gericht beobachtet werden kann. Polizeileutnimt Degencr, der übrigens ganz entschieden be- stritt, dag er betrunken gewesen sei. lehnte sich an den Verteidiger- tisch, kreuzte die Arme über die Brust, nahm eine herausfordernde Haltung und inquirierte in herrischem Ton den Zeugen Gebhardt, der aber trotzdem in ruhigster Weise seine ursprüngliche Aussage wiederholte. Nun trat auch Polizeihauptmann Scholber vor. Aber er machte nicht— was doch die Aufgabe der Zeugen ist— tatsächliche Angaben, sondern trug in einem Ton, als ob er sich in seiner Amtsstube befände, Argumente vor für die Angaben des Zeugen Tegener und gegen die Aussage des Zeugen Gebhardt. Es schien, als ob sich die beiden Polizeioffiziere, die doch nur als Zeugen geladen waren, als Ankläger des Zeugen Gebhardt fühlten. Polizcihauptmann Scholber behauptete schließlich, der Zeuge Geb- Hardt habe sich in Widerspruch zu seiner Aussage in erster Instanz gesetzt.„Tas wollen wir doch mal protokollieren lassen," so schloß der Zeuge Scholber seine Rede mit einem Blick aus den Gerichts- schreiber, als ob dieser ein Polizciwachtmeister wäre, der den An- Ordnungen des Polizeihauptmanns zu folgen hat. Hier mag ein Vorgang erwähnt werden, der unseres Wissens einzig dasteht. Unmittelbar vor Beginn der Verhandlung wurde der Zeuge, Polizcihauptmann Scholber, vom Korridor aus in das BeratungSzimmer des Gerichts eingelassen. Dann begab sich der Borsivende des Gerichts gleichfalls ins Beratungszimmer. Nach einigen Minuten erschien Herr Scholber wieder im Korridor und der Vorsitzende nahm am Richtertische Platz und eröffnete die Ver- Handlung, zu welcher Polizeihauptmann Scholber als Zeuge geladen war. Gewiß ein auffallender Borgang. Ter Prozeß nahm schließlich«inen für den Angeklagten gün- stien Ausgang. Nach langer Beratung erkannte das Gericht auf Freisprechung, weil es nicht als vollkommen aufgeklärt ansah, ob der Angeklagte den Polizeileutnant Degener in einer Amtshandlung — nämlich der Zurechtweisung des jungen Mannes, der die Damen belästigt haben soll— gestört habe. Schutzmann und Schankwirt. Eines Nachts nach drei Uhr stand der Schankwirt Franz Schulz bor seinem Lokal in der Eckertstraße. Das sah der Krimnalschutz- mann Günther. Er glaubte, im Schulzschen Lokal seien noch Gäste, er will auch kurz vorher noch jemand haben herauskommen sehen. Zwei andere Personen, die im Vorbeigehen mit Schulz gesprochen hatten, hielt Günther�benfalls für Gäste, die aus dem Schulzschen Lokal gekommen seien. Als Günther dies behauptete, der andere eS aber bestritt, erhielt er vom Kriminalschutzmann Günther einen Stoß, daß er zu Boden fiel. Nun ging Günther in das Schnlzsche Lokal, um auf Gäste zu fahnden, die noch nach der Polizeistunde dem Gerstensaft zuzusprechen sich erdreisteten. Gefunden hat er niemand. Aber er hat den Schankwirt Schulz wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angezeigt. Schulz soll nämlich— so gibt Günther an— ihn gewaltsam am Betreten des Lokals gehindert haben, indem er die Tür festhielt.— Vor dem Schöffengericht, wo Schulz gestern als Angeklagter, verteidigt vom Rechtsanwalt Theodor Liebknecht, zu erscheinen hatte, stellte sich heraus, daß der Kriminal- schutzmann Günther in seinem Bericht über diese Affäre sagte, er habe von einer Durchsuchung des Schulzschen Lokals Abstand ge- nommen, weil er Gefahr für Leib und Leben fürchtet. Tatsächlich hat er aber den Schankraum und das Vereinszimmer— nach Angabe des Angeklagten auch die Küche und das Klosett— nach nächtlichen Zechern durchsucht, ohne etwas gefunden zu haben. Von der Anklage des Widerstandes wurde Schulz freigesprochen. Dagegen verurteilte ihn das Gericht wegen Beleidigung des Kriminalschutzmanns Günther. Es wurde als erwiesen ange- nommen, daß' Schulz bei einer anderen Gelegenheit zu einem anderen Polizeibeamtcn gesagt habe: Wenn er Günther in das finstere Lokal gelassen hätte und es würden ihm nachher zwanzig Mari aus der Kasse gefehlt haben, wer sei es dann gewesen. Versammlungen. „Das Eldorado bei Auer!" war das Thema einer am Freitag in den„Markgrafensälen" tagenden Versammlung der kaufmänni- schen Angestellten der Firma Auer u. Co., die vom Zentralverband der Handlungsgehilfen zusammengerufen waren. Der Referent Kollege Schmidt ging zuerst auf die allgemeine Lage der Angestellten der Großindustrie ein und schilderte, wie durch die wirtschaftliche EntWickelung der letzten ö» Jahre sich das Arbeitsverhältnis der An- gestellten immer schlechter gestaltet habe. Der Großbetrieb mit seiner ausgeprägten Arbeitsteilung enthebt den Unternehmer der Notwendigkeit, qualitative Arbeitskräfte zu beschäftigen und als solche zu entlohnen. Dsis Interesse und die Freude an der Arbeit wird den Angestellten schon durch die heutige Struktur des Großbetriebes genommen, da der einzeln« in solchen Riesenbetrieben vollkommen verschwindet. Ein Heer von Antreibern, Vorsteher genannt, hat dafür zu sorgen, daß die Arbeitskraft des Angestellten bis auf das letzte ausgenützt wird. Wenn hierzu nun noch Zustände treten, wie sie bei der Firma Auer zu finden sind, so ist es an der Zeit, daß sich die zuständige Organisation damit beschäftigt. Die Firma glaubt es mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, daß sie die Ange stellten 12— 14 Stunden beschäftigt. Ueberarbcit ist an der Tages ordnung und dafür zahlt man fürstliche Gehälter von 21— 24 M. pro Woche. Das Gesetz schreibt vor, daß eine Probezeit nicht über drei Monate dauern darf. Die Firma aber versteht es vorzüglich, das Gesetz zu umgehen, indem sie ein oder zwei Tage vor Ablauf dieser Frist entläßt und zwei Tage darauf von neuem engagiert. Interessant ist die Art, wie Abtcilungsvorsteher es verstehen, sich durch AuSnützung ihrer Stellung persönliche Vorteile zu verschaffen. Da ist ein junger Mann ohne Stellung, der zufällig im Besitze eines schönen Hundes ist. der die Begehrlichkeit des Herrn Abtei- lungsvorstehers hervorruft. Man macht dem jungen Manne klar, daß eine Stellung zu haben sei; aber man möchte auch gern den Hund haben. Es findet sich dann schnell noch ein zweiter, der auch gern einen Hund gehabt hätte. Auch der muß erst noch befriedigt werden, und nun hat der junge Mann seine Stellung. Aber wehe dem Angestellten, der es wagt, gegen solch« Zustände zu opponieren, er fliegt eben. Einer Dame, die herzkrank ist und deshalb von der Firma ihren achttägigen Urlaub um weitere 14 Tage verlängert bekommt, sagt ein Vorsteher:„Wenn Sie diesen Urlaub antreten, werde ich dafür sorgen, daß Sie Ihre Kündigung erhalten." Und tatsächlich wird diese Dame nachher mit der Begründung entlassen, daß ihre Gesundheit leiden würde, wenn sie weiter bei der Firma beschäftigt wäre. Einer anderen Dame verweigert ein Abteilungs- Vorsteher Urlaub zur Bestattung ihrer verstorbenen Mutter. Der Referent meinte, daß man nicht annehmen kann, daß die Direktion der Firma von solchen Dingen Kenntnis habe, und daß es nur notwendig sein werde, diese Dinge bekannt zu geben, um sie abzu- stellen. Aber die Angestellten müßten sich darüber klar werden, daß es einen Weg gibt, solche Dinge von Anfang an unmöglich zu machen, nämlich den Weg der Organisation. Die Angestellten müssen in ihrer Gesamtheit Front machen gegen die schlechte Be- zahlung und Behandlung. Das immer mehr Einzug haltende System der Lehrlingsbeschäftigung, jetzt schon zirka 60, die über- lange Arbeitszeit, ohne Bezahlung der Ucberstundcn, muß die An- gestellten davon überzeugen, daß sie nur durch die Organisation in der Lage sind, an den Zuständen etwas zu ändern. Deshalb müssen alle dem Beispiel vieler Kollegen folgen und sich dem Zentralvcr- bände der Handlungsgehilfen anschließen, der dafür sorgen wird, daß für die Angestellten menschenwürdige Verhältnisse geschaffen werden. Hus aller Alelt. Ter hinzugemogelte Jesuit. Bei Besprechung der Jesuiteninterpellation am 2. Mai d. I. in der bayerischen Abgeordnetenkammer sprach Abgeordneter Genosse Ad. Müller namens der sozialdemokratischen Fraktion und flocht dabei in seine Ausführungen nachstehende Bemerkungen ein: .Abg. Dr. Pichler wies gestern die Mitglieder der Linken darauf hin, sie möchten doch die Gelegenheit wahrnehmen, sich mit Jesuiten zu unterhalten. Ich habe diese Gelegenheit schon einmal wahr- genommen. Es ist gar nicht lange her. daß ich micki mit einem Jesuiten unterhalten habe, und ich kann Ihnen sagen, daß er über die Politik des bayerischen Zentrums gerade nicht übermäßig g ü n st i g geurleilt hat. Wenn Sie an meinen Worten zweifeln sollten, so bin ich bereit, irgendeinem von Ihnen, wenn mir der be- treffende Herr absolute Diskretion verspricht, den Namen zu nennen, damit nicht etwa draußen gesagt werden kann, ich brächte Tatsachen vor, für die der Beweis fehle. Nebenbei bemerkt. der Jesuit war nicht so gefährlich. Ich habe mit ihm und einem anderen Freunde des Jesuitenordens Skat gespielt und es ist hierbei nicht mehr gemogelt worden, als an dem bekannten Taroktisch im Katholischen Vereinshausc." Darauf brachte der„Bayerische Kurier" in Nr. 123 einen Artikel unter der Spiymarke:„Der hinzugemogelte Jesuit", in dem es u.a. heißt:„Müller glaubte sich wohl im Redaktionsbureau und einen Artikel schmiedend für die„Münchener Post". Dort gehören Erfindungen ja zur Ausstattung des Blattes. In der Abgeordnetenkammer aber sollte er sich solche Mätzchen schenken. Besonders wenn er das Terrain nicht kennt. Wir er- klären seine ganz kleine Erzählung für unwahr, denn Jesuiten dürfen von allen Spielen nur Schach spielen. Ich habe, so schreibt uns ein Geistlicher, schon sehr viel mit Jesuiten in und außer ihren Ordenshäusern verkehrt, aber einen skatspielenden Jesuiten noch nicht kennen gelernt. Unter den Roten und ihren Freunden gibt es genug Leute,'die tatsächlich die Müllerschen Mätzchen sür bare Münze nehmen. Genosse Müller stellte gegen den„Bayerischen Kurier" Klage wegen Beleidigung, die am Donnerstag vormittag unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrats Mayer durchgeführt wurde. Das Ge- richt verurteilte den Redakteur O st e r h u b e r, der für die Schmähnotiz verantwortlich ist, zu 100 M. Geldstrafe. Schwere Schiffskatastrophen. Am Sonntagnachmittag verunglückte in der Nähe des Forts Lynetten auf der Außenreedc von Kopenhagen ein Motorboot mit sechs bis sieben Personen an Bord. Vom Fort eilten sofort ein Dampfboot und ein Ruder- boot zu Hilfe, die aber an der Unglücksstelle nur treibende Mützen und einen Bootshaken vorfanden. Die Namen der Verunglückten konnten bisher nicht festgestellt werden.— Wie aus Chicago gemeldet wird, ist während eines Sturmes auf dem Michigansee ein Schulkutter mit 24 jungen Seeleuten untergegangen. SechsMann sind ertrunken, fünf andere werden vermißt. Kämpfende Patrioten. Während eines Fußballspieles kam es am Sonnabend- nachmittag in der Stadt B e l f a st(Irland) zu ernsten Aus- slhreitungen. Angehörige der einen Partei entfalteten eine grüne irische Flagge, die sie unter die Zuschauer trugen. Die An- Hänger der anderen Partei entfalteten den Union Jack, die englische Nationalflagge. Daraufhin kam es zum Handgemenge. Mauer- und Feldsteine wurden geschleudert. Binnen kurzem be- fanden sich Tausende von Leuten in einer wütenden Schlägerei. Ueberall sah man Menschen blutend zu Boden fallen. Auch Revolverschüsse wurden während des Kampfes abgefeuert. Die Schutzleute waren machtlos. Erst herbeigezogenen Verstärkungen der Schutzmannschaft gelang es, die Menge aus- einanderzubringen. Krankenwagen schafften insgesamt 5 8 ver- letzte Personen ins Krankenhaus, von denen fünf Schuß- wunden hatten und mehrere bedenklich verletzt waren. Am Abend war die Stadt ruhig. Verhaftungen wurden nicht vorgenommen. Ein neuer Polizeiskandal. Die New Iorker Presse berichtet über einen neuen Skandal, in dem wiederum die New Dorkcr Polizei verwickelt ist. Den Mel- düngen zufolge hat der Polizeiprä fckt aus Rache gegen den Generalstaatsanwalt Whiteman eine Liste veröffentlicht, die die Namen der bekanntesten und berüchtigsten Mitglieder der sogenannten „San Paul Association" enthält. Unter diesen befindet sich auch ein direkter Untergebener des Staatsanwaltes, namens Moritz König.'Die genannte Verbrechergesellschaft ist in ganz New Dort berüchtigt und gefürchtet, weil ihr die s ch>v e r st e n Verbrecher und der Auswurf der New IorkerGesell- s ch a s t angehören.__ Schreckenstat eines Nasenden. In Kinkempois(Prov. Lüttich) hat sich gestern nachmittag ein schreckliches Familiendrama abgespielt. Die Ehefrau Claessens geriet mit ihrem Ehemann in Streit, weil sie sich weigerte, ihm Geld zu geben. Im Verlaufe des Streites gab der Mann aus einem Revolver zahlreiche Schüsse auf seine Frau und seine beiden Kinder, ein 14jähriges Mädchen und einen 10jährigen Knaben, ab. Darauf bearbeitete der Unhold die am Boden liegende Frau noch mit einem Messer, mit dem er ihr mehrere Stiche in das Gesicht, den Hals und den Unterleib versetzte. Die Frau und der 10jährige Knabe sind ihren Verletzungen erlegen. Der Zustand der schwerverwundeten Tochter ist hoffnungslos. Nach der Tat flüchtete der rasende Wüterich aus dem Hause, kehrte aber bald zurück und versuchte das HauS anzuzünden, konnte aber von den herbeieilenden barn daran verhindert und der Polizei übergeben werden. Die Methode des Wahnsinns-! Wir lesen in amerikanischen Blättern: Auf dem Paradebett in der Garage seines Eigentümers liegt die Leiche von„Blondy", des Lieblingshundes des verstorbenen Millionärs John W. G a t e s, den der„entschlafene" Hund um fast ein Jahr„überlebte". Der aristokratische Köter schloß die Augen„zum ewigen Schlaf' am Sonntag, den 18. August, im Hotel Plaza, wo sein Herr bei Leb- zeiten eine Reihe von Zimmern bewohnte, für die er lumpige zwei- malhunderttauscnd Mark im Jahr bezahlte. Das zu seinen Hunde- Vätern versammelte Viech liegt in einem Sarg, der aus dem feinsten Plüsch hergestellt und mit weißer Seide gefüttert ist. Um den Hals hat der Köter eine goldene Kette mit gol- d e n e m G l ö ck l« i n, die speziell ftir ihn in P a r i s gemacht wurde.„Blondy", dessen Leiche einbalsamiert ist, wird auf dem Besitztum eines Freundes der Familie beerdigt werden. Wenn die Gates-Familie von ihrer Reise zurückkehrt, wird die Hundeleiche wieder ausgegraben uyd nach dem Gatesschen Besitztum in Port Arthur, Texas, übergeführt und dort„mit gebührenden Ehren beigesetzt werden." Eine wahrhaft göttliche Weltordnung! Hundekadaver werden mit allem Pomp beigesetzt und dem arbeitenden Menschen dient das minderwertige Fleisch der Freibank als erstrebenswerte Delikatesse! Der Bär i», der Leichenkammer. Im deutschen Nonsberger Dörflein P r o v e i s am Südabhange des Nousberges hat sich, wie die„Kölnische Zeitung" meldet, eine tragikomische Episode zugetragen, deren Ursache ein ausgewachsenes, über zwei Meter großes Bären Weibchen war, das sich wahrscheinlich von der Brentagruppe herüber in die Gegend von Proveis verirrt hatte. Es war gerade der Nachmittagsgottesdienst in Proveis zu Ende, die Leute wollten sich auf den Heimweg machen, da gab es großen Lärm von Hunden und Leuten, der vom Walde her kam, welcher nicht weit von der Kirche entfernt ist. Ein riesiger Bär rannte, so rasch als es ihm möglich war, durch den Ort der Kirche zu. Panikartig rannten die Leute auseinander, nur einige beherzte Männer hatten den Mut und die Absicht, dem Untier, welches schon seit mehreren Tagen unter den Schafen große Verwüstungen angerichtet hatte, entgegenzutreten. Der Bär bekam Angst, besonders deswegen, weil ihm die Hunde sehr scharf zusetzten, er wagte eS nicht, gegen einen Menschen loszugehen, sondern er suchte so rasch als möglich in ein sicheres Versteck zu kommen, und da gerade die Tür zu der Leichenkapelle bei der Kirche offen stand, rannte er schnurstracks in die L e i ch e n k am ni c r. Man verschloß sofort die Türe, nachdem man sich überzeugt hatte, daß Meister Petz sich in seiner Angst unter die große Leichenbahre verlrochen hatte. Sofort wurden Waffen geholt, und als dann einer der Mutigsten die Kapelle betrat, unr dem Räuber den Gar- aus zu machen, zeigte eS sich, daß ihnen der Bär ein Schnippchen geschlagen hatte: er war durch das offene Fenster in den nahen Wald entkommen. Bald war das ganze Dorf auf den Beinen, um sich des unerhört schlauen und verwegenen Burschen zu versichern, alle Hunde aus der Umgebung nahmen an dem Jagd- zuge teil, aber trotzdem gelang eS erst am nächsten Tage, die Spur des Bären auf der Brixneralpe zu erforschen. Der Gendarmerie- Wachtmeister von Cles schoß ihm dann mit seinem Dienstgewehr oberhalbderLichterin den Kopf. Im Triumphe wurde der riesenhafte Bär nach Proveis gebracht. Kleine Notizen. Schwerer Unfall bei einer Pionierübunq. Die Münchener Neuesten Nachrichten melden, daß zwei Pontons beim Abbrechen einer bei Altötting über den Inn geschlagenen Brücke in der Nacht zum Sonn- tag untergegangen sind. Vierzehn Pioniere seien ins Wasser gefallen und zwei von ibnen ertrunken. Pesterkraukungcu auf einem englischen Dampfer. Auf einem englischen von R o s a r i o eingetroffenen Dampfer sind zwei Pest- erkrankungen vorgekommen, voir denen ein Fall tödlich ver- laufe» ist. Der zweite Kranke befindet sich im Önarantänelazarett zu Groden. Der Dampfer hat Hamburg und Cuxhaven bereits wieder verlassen. Erdbebenmeldungen. Wie ein Telegramm aus Konstantinopel meldet, ist das vor kurzem von mehreren Erdbeben heimgesuchte Gebiet amMarmarameere durch neuere Erd st öße schwer geschädigt worden. In verschiedenen Ortschaften kam es zu Hauseinstiirzen, wobei einige Personen verletzt wurden. Auch in Nordspanien und S ü d f r a n k r e i ch wurden in der Nacht zum Montag die Bewohner durch heftige Erdstöße er- schreckt. Schaden wurde durch das Beben nicht angerichtet. Marktbericht von Berlin am 14. Septbr. 1912, nach Ermittelung dcS königh Polizeipräsidiums. Markthallenpreisc.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00— 50,00. Speisebohnen, weiße, 30,00— 60,00. Linsen 35,00— OO/X). Kartoffeln(Kleinhdl.) 5,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,50— 1,80. Schweinefleisch 1,60—2,40. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelslcisch 1,70—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 4,00—6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,40—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,60—2,80. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,60—30,00._ Bmfharten der Redahtton. 31. Z. 16. Schon lange tot; Anstalt befindet sich in WöriShofctl (Bayern).— I. B. 7. Wenden Sie sich, bitte, an den Verband der Schneider und Schneiderinnen, 8. 14, Sebastianstr. 37—38, dort erfahren Sie alles Nähere.— Mcta T. 30. 1. Ihre Ansicht ist die richtige. 2. Ueber Träume können wir uns nicht äußern.— Tour. Fragen Sie beim Vorsitzenden E. Höselbarth, PeterShagen, an.— K. Richtig wäre ihnen; jedoch findet die Formel, wie angegeben, keine Anwendung.— N« ztrov. ßöMn iiß&»£ yftttßuA' wwAidtJ (ßes Jormürts" Strliitrt Jtollislilntt. Dienstag, 17. Septemlier 1912. Partei- Hngelegenbeitcn. Dritter Wahlkreis. Heute abend 8'/z Uhr findet im Gcwerk- schaftShause eine öffentliche Bersaiiiiniuilg statt. Näheres im heutigen Inserat. Fünfter Wahlkreis, 1a Abt. Heute Dienstag, den 17. Se�tbr., abends 8Vz Uhr: Abtcilnngsvcrsanimlung in den UnionS-Feslsälcn, Greifswalder Str. 222. Tagesordnung: Berichte und Reorgani- sationsfragen. Köpenick. Am Mittlvoch, den 13. September, abends 8 Uhr. finde! die Wahlvereinsveriaminlung im Kaiserdos sFnh. Ernst) statt. Tagesordnung: Stellungnahme zu den Stadtverordnclenwahlen. Rudow. Heute, Dienstag, den 17. September, abends'/z9 Uhr, in: Lokal von R. Nolle, Köpenick« Straße: Dislutierabend. Königs-Wusterhansrn und Wildau. Für die Genossen von KönigS-Wusterhausen und Wildau findet am Mittwoch, den 18. Sep- tember, abends 8 Uhr, in den bekannten Bezirkslokalen ein Exira- gahlabend statt._ Der Vorstand. Berliner Nachrichten. Im Frühring. Weltstadtleben schläst niemals ganz ein. Sein Räder- werk klappert' unaufhörlich. Schon morgens um 5 Uhr dehnt und streckt Grosz-Berlin. als ob es nur eben eingenickt war, wieder kraftvoll seine Glieder. Tausend und aber tausend schlichte Gestalten mit Stullenpaketen, Kaffeckannen und Hand- werkszcug, Männer und Frauen, verschwinden in den mäßig erleuchteten Portalen der Ringbahnhöfe oder tauchen aus ihnen bei Ankunft der Züge lawinenartig hervor. Den rich- tigen Eindruck von diesem Massenvcrkehr, der hauptsächlich in der siebenten Morgenstunde sich abspielt, gewinnt man erst auf dem Bahnsteig. Wie an schönen Sommersonntagen folgen sich die„Arbeiterzüge" in ganz kurzen Abständen. Bis sechs Uhr gehts noch. Tie Züge sind schon stark gefüllt, aber es hat doch jeder einen Sitzplatz. Bald ändert sich das Bild. Fast alle drei Minuten läuft ein vollständig überfüllter Zug ein. So ist es eine Stunde lang auf jeder Ringbahnstation. Wie di�: Heringe sind die Menschenleiber zusammengedrängte Man hält es kaum für niöglich. daß so viele Personen in dem schmalen Abteil Platz finden können, und mit Schaudern malt man sich die fürcherlichen Folgen einer möglichen Kata- strophe, eines Eisenbahnunglückes aus. Man fügt sich in die Lage, weil man muß. Des Frondienstes genau gestellte Uhr macht den Einzelnen widerstandslos. Und mit dieser zlvangs- weisen Anpassungsfähigkeit der arbeitenden Bevölkerung rechnet in Burcaukratenschläue auch die Eisenbahnverwaltung. Sollte jeder um diese Zeit drangvoller Enge ordnungsmäßig befördert werden, müßte sie dreimal so viele Züge einstellen. Mit Nonckralance sieht die Behörde zu. wie die Abteile dritter Klasse zu Pökelfässern werden und die Abteile zweiter Klasse leer im Zuge mitpendeln. Wo in unmittelbarer Nähe von Ringbahnhöfcn große Fabrikbetriebe liegen, ist die Ankunft und Entleerung der Frühzüge ein eigenartiges Schauspiel. Wie eine Lawine wälzt es sich aus den Abteiltüren. In wenigen Minuten muß die Fabrikglocke läuten... Keiner will zu spät kommen und Strafe zahlen. Auf den großen Stationen sind alle vier Durchlässe geöffnet, und doch staut sich die Menge mit Gedankenschnelle. Jetzt erst sieht man so recht, welche Menschenlast der Zug barg. Die Beamten kon- trollieren und knipsen mit stoischer Ruhe. Und kaum sind viele Hundertc durchgelassen, so pfaucht ächzend schon wieder ein Dampfroß auf dem ehernen Schienenwege heran. Das Schauspiel, wie der schaffende Stand zur Tretmühle hastet, beginnt von neuem...._ Die Schulversäumnisstrafen haben in Berlin im letzten Jahre sich weiter vermin- d e r t. Ter neueste Jahresbericht über das Ergebnis der Ausübung der Schulpolizei durch die Stadtgemeinde meldet, daß im Etatsjahr 1911(1. April 1911 bis 31. März 1912) nur noch 2852 Strafen verfügt wurden, nicht mehr ganz 13 auf je 1000 Gemeindeschulkinder. Im vor- hergehenden Jahre waren noch 3425 Strafen verfügt worden, etwa 15 auf je 1000 Gemeindeschulkinder. Als noch un- erledigt wurden aus dem vorhergehenden Jahre 505 Straf- fachen hinübergenommen, es waren mithin im Etatsjahr 1911 im ganzen 3357 Strafsachen zu bearbeiten. Erledigt wurden 2837 Sachen, davon 2268 durch Zahlung der Geldstrafen, il64 durch Berbützung der Haft an Stelle der nicht bezahlten Geldstrafen, 272 durch Zurücknahme der Verfügung, 48 durch Einstellung des Verfahrens, 35 durch gerichtliche Entscheidung, und zwar 56 durch Verurteilung und 29 durch Freisprechung. Der Bericht hebt hervor- daß in mehreren Fällen außer der Strafverfllgung gegen die Eltern noch eine polizeiliche Zuführung des betreffenden Kindes veran- laßt wurden. Außerdem sei„bei besonders ungünstigen Fa- milicnverhältnissen im Interesse der Kinder Antrag auf Einleitung der Fürsorgeerziehung oder das Einschreiten der Waisendeputation nachgesucht" worden. Daß die Anwendung der hier genannten Zwangsmittel ihre sehr großen Bedenken hat, ist im„Vorwärts" oft gezeigt worden. Den Schutzmann in den Dienst der Schule zu stellen, das be- deutet den Bankrott der Schule. Und welchen„Erfolg" die Ueberweisung in Fürsorgeerziehung haben kann, was die „Fürsorgeerziehung" manchmal schon aus einein Schul- fchwänzer schließlich gemacht hat, darüber könnte sich die Cchulpolizeiverwaltung der Stadt vielleicht mal bei der Waisenverwaltung informieren. Zum Ableben des Oberbürgermeisters Kirschner. Die Leiche des verstorbene» Oberbürgermeisters Kirsckmer ist nach Berlin nbergeiübn worden, vom Anhalter Bahnhof wurden die sttrb- Ii»en Ueberresle Kirickners nach dem städtischen Friedhofe in Friedrichsielde gebracht. Auf dem Bahnhofe halten sich Ober- bürgerineistcr Wermulh mit einigen Stadträten eingefunden, die den, Sarge des Verstorbenen na» Friedrichsfelde per Wagen folgten, wo der Tranerkondukt gegen 8 Uhr morgens eintraf. Kirschner halte schon im Jahre 1901 endgültig alle Bestimmungen für den Fall seine« Ablebens getroffen. Die letztwillige Anordnung Kirschners datiert aus Berlin, den 7. Februar 1991 und hat folgenden Wortlaut: � 1. Ich wünsche in möglichst einfach« Weise in einem schlichten fichtenen Sarge, wenn tunlich von der Leichenhalle des betreffenden Friedhofs aus— keineswegs aber vom Rathause aus— beerdigt zu werden. i 2. An meiner Beerdigung sollen nur meine nächsten An- verwandten und Freunde mit einem meiner Familie befreundeten Prediger teilnehmen. Ich bitte demnach alle Behörden, Korpo rationen und Vereine von der Entsendung von Vertretern sowie von allen Kranz- und Blumenspenden Abstand zu nehmen. 3. In gleicher Weise untersage ich alle Nachrufe in den Zei- tungen sowie die Abhaltung irgeudtvelcher Todes- oder Erinne rungSfeierlichkeilen. 4. Bei meiner Beerdigung hat der Prediger nur den 90. Psalm zu verlesen und einige trostreiche Worte an meine Angehörigen zu richten, keineswegs aber länger als füns Minuten zu sprechen. Ein Sängerchor soll den ersten und den letzten VerS des Liedes „Es ist bestimmt in Gottes Rat" singen. (gez.) Martin Kirschner. Diese Anordnungen Kirschners zeigen den Verstorbenen in seiner ganzen Bescheidenheit. Wie er im Leben jeden, äußeren Prunke ab- hold war, so wollte er auch im Tode sein; ihm genügte, seine Pflicht erfüllt zu haben. Der Magistrat hat beschloficn, die städtischen Flaggen, welche bereit« am Todestage herabgesetzt worden sind, auf allen städtischen Gebäuden bis zum Tage der Beisetzung auf Halbmast zu belassen. Im übrigen hat der Magistrat beschlossen, in den Er- Weisungen seiner tiefempfundenen herzlichen Teilnahme den Anord- itllngen des Verstorbenen»achmleben. Der Oberbürgermeister Wermuth gedachte in einer gestern morgen im Rathause abgehaltenen außerordentlichen Magistrats- fitzung des Dahingeschiedenen. Mermuth sagte u. a.: „Martin Kirschner ist heimgegangen: er ist dahingegangen, ohne daß einer von uns es voraus ahnte, dahingeschieden, ohne daß wir ihm noch einmal die Hand drücken konnten. Nicht mehr sollen wir deS Rates teilhaftig werden, den wir von unserem Ehrenbürger zum Wohle der Stadt erhofften und den er uns versprochen hatte. Still ist er dahingegangen, still soll auch seine Beisetzung sein. Ja, er will nicht einmal gestatten, daß wir ihm unsere Liebe und Treue in Worten nachrufen. Darin liegt keinerlei Abkehr von den Stätten seines Wirkens, oder von seinen Mitarbeitern, von denen er vor wenigen Wochen in tiefster Rührung, in herzlichster Sympathie geschieden ist. Alle, die ihn kannten, sehen darin nur einen Ausdruck feiner Bescheidenheit, seines schlichten aller äußeren Entfaltung abholden Wesens. Seine Anordnung ist leibhaftig er selbst. Wenn wir sie auch schmerzlich empfinden, müssen wir sie doch als den Ausfluß bürger- sicher Vornehmheit achten. Wir wollen ihn nicht im Sarge kränken, indem wir seinem Willen zuwiderhandeln, indem wir alle« was er getan und uns gewesen ist, jede Faser seines LebeuSgangeS, seines Wirkens wieder- holen. Aber ganz läßt sich treue Anhänglichkeit nicht zurückdrängen. Das wenigstens wollen wir aussprechen, daß ein Mann von uns gegangen....... Ein Mann, nehmt alles nur rn allem, ern Mann, der unser war. Mehr sage ich nicht. Wenn er die prunkvolle Feier, den Nachruf ablehnt, so bedeutet er uns damit, daß wir den mühereichen Pfad der Arbeit ohne Aufenthalt weiter gehen sollen, den er selbst im Dienste der Stadt gewandelt ist. Das wollen wir in seinem Sinne tun. Wir rufen ihm nicht nach, aber wir handeln ihm nach und wir gedenken seiner in unwandelbarer Treue fort und fort." Im Rathause und bei der Familie Kirschner sind zahlreiche Bei- lcidskundgebuugen eingegangen, so von allen Vororten Berlins, vom Kaiser, von Reichs- und Staatsbehörden. Kirschner wird in aller Stille, wie er es gewünscht hat, in seinem Erbbegräbnis in Friedrichsfelde, das er sich vor vielen Jahren kaufte, beigesetzt werde».__ Im Streit erschossen wurde in der Nacht zum Sonntag gegen Uhr der 38jährige Gummireifenhändlcr Hermann Heintze, Bran- 'denburgische Straße 7 in Wilmersdorf, von dem ebenfalls dort woh- nenden 39jährigen Architekten G. Geyer. Ter Erschossene war in der Gastwirtschaft von Karl Butz mit dem Architekten in Streit geraten, der sich auf der Straße fortsetzte. Als die Gäste, darunter auch der später erschossene Heintze, auf den Architekten eindrangen, drohte dieser mit dem Revolver. Drei von den Gästen ließen nun von dem Architekten ab, während H. den Geyer weiter verfolgte, worauf dieser angeblich in der Notwehr schoß. Von fünf Kugeln getroffen, sank Heintze zu Boden. Nun sielen die übrigen Gäste über den Architekten her und entwaffneten ihn. Die alarmierte Feuerwehr erschien und brachte den H. sofort nach der Rettungswache. Hilfe war aber vergebens. Schon auf dem Transport gab er seinen Geist auf. Der Architekt Geyer wurde verhaftet, aber nach Feststellung des Sachverhalts und da kein Fluchtverdacht vorlag, entlassen. Ein Leichenfund, den man im Humboldihafen machte, bedarf dringend der Aufklärung. Dort landete man vor dem Hause Alexanderufer 5 die Leiche eines Mannes, in der später der 44 Jahre Schriftsetzer Wilhelm Lehmann aus der Uhlandstr. 49 aus Niederschönhausen erkannt wurde. Nach Angaben der Angehörigen des Toten ist sowohl ein Selbstmord des Mannes wie auch ein Un- glücksfall ausgeschlossen. Er lebte mit seiner Familie sehr glücklich und hatte eine gutbezahlte Stellung inne. Als er sich am Sonn- abendabend von seiner Arbeitsstelle entfernte, suchte er zuerst seine Schwägerin in der Jnvaudenstraße auf und blieb dort bis um 9 Uhr, um danm wie er sagte, sich nach seiner Wohnung in Nieder- schönhausen zu begeben. Sonderbar ist aber, daß von seinem Gelde beim Aufsinden der Leiche nur noch 14 Pf. vorgefunden wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß L. beraubt und dann ins Wasser gestoßen worden ist. Wegen Kindeömordes wurde von der Kriminalpolizei die 19 Jahre alte Verkäuferin Charlotte Knispel aus der Ohmstraße 3 festgenommen. Das Mädchen, das seit längerer Zeit keine Stellung mehr hatte, wohnte seit dem 1. d. M. bei dem Kaufmann Goldbach in Schlafstelle. Als Frau G. ihr Zimmer in Ordnung bringen wollte, fand sie darin die Leiche eines neugeborenen Knaben, der, wie Würgemale am Halse deutlich erkennen lassen, gleich nach der Geburt getötet worden war. Sie üborgab den Fund der Polizei, die die kleine Leiche nach dem Schauhause bringen ließ und die Mutter alsbald festnahm. Ein Strafienbahnunfall, bei dem drei Personen Ver- letzungen davontrugen, ereignete sich Sonntag nachmittag kurz nach 1 Uhr an der Ecke der Alfen, und Fürft-Bismarck-Straße. Dort stieß eine Automobildroschke mit einem Straßenbahnwagen der Linie 23 zusammen� wobei mehrere Scheiben in Trümmer gingen. Von den Fahrgästen erlitten zwei Herren und eine Dame Schnittwunden im Gesicht und an den Händen. Das Automcckiil wurste stark beschädigt. Die Schuldfrage ist noch nicht aufgeklärt. Zu be», Unfall auf dem Neubau der Firma Tietz, über den wir am Sonntag berichteten, wird uns von der Mutter des verunglückten Stukkateurs Schönfeld mitgeteilt, daß ihr. Sohn eine schwere Kopf- Verletzung davongetragen habe, aber seine Verletzungen nicht lcbens- gefährlich sind. Seine Kameraden hatten den Schwerverletzten irr- tümlicherweise schon für tot gehalten. Dachstuhlbrand' im Osten Berlins. Sonntag früh gegen 2 Uhr kam in der H a u s b u r g st r a ß e 12, Ecke Kochhannstraße, gegen- über vom städtischen Vieh- und Schlachthof, ein großer Dachstuhl- brand zum Ausbruch. Als die Feuerwehr mit den Zügen 7 nnd 20 anrückte, stand der Dachstuhl des Borderhauses schon in halber Aus- dehnung in Flammen. Ter leitende Brandmeister ließ sofort�zwei mechanische Leitern' «eben. Nach scitigt gelten. Der Dachstuhl ist größtenteils vernichtet worden. lieber die Entstehungsursache des Feuers ist noch nichts Bestimmtes ermittelt. Zirkus Schumann ist wieder nach Berlin zurückgekehrt und hat am Sonnabend seine erste Vorstellung gegeben. Das Programm zeigt das Unternehmen in zirzensischer Beziehung auf voller Höhe stehend. Das gilt besonders von der Vorführung des Schulpferde? „Diinlelberg" durch Direktor Schumann. Großen Wert legt die Direktion auf gute Pferdedressur, die von Ernst Schumann in einem hübschen Sportakt und von Herrn Bono init seinen 6 Ungarn, 6 Doppelponies, 6 Schettlmidponies und 6 schwarzen Pöbeln aufgezeigt wurde. Wirlsam ergänzt wurden diese Vorführungen durch die 10 Martanis in einem russischen Troika-Reiter-Akt, durch den überraschend geschickten Tscherkessenreiter Gudzow, und durch das Austreten der beiden Cloivus, die auch den Humor zu seinem Recht kommen lassen. Der„Clou", daS bekannte KonzerthmiS in der Mauerstraße, eröffnet Sonnabend, den 21. September, abends 8 Uhr, die Winter- saison. Den musikalischen Teil des ersten Abends werden bestreiten das Udel-Ouartett unter Führung seines Begründers, des Altmeisters des Ouartettgesanges, Professor Udel aus Wien. Ferner wird sich dem musikalischen Berlin Franz von Blon, der Komponist und Dirigent, mit dem neubegründeten Berliner Konzerthausorchester vorstellen. Die Arbeitcr-Bildiiiigsschiile sucht neben den sehr empfehlen?- werten Unterrichtsknrsen über die verschiedensten Gebiete, die bereits am 1. Oktober wieder beginnen, auch der Geselligkeit zu dienen. Ihre SonntagSveranstaltuiigen dienen der Belehrung, Unterhaltung und der Geselligkeit und erfreuen sich bei den Mitgliedern immer größerer Beliebtheit. Das konnte man am Sonntag wieder be- obachlen, der uns nach den Anninhallen in der Kominandanteiistraße führte. Der große Saal der Arniiichallen war so überfüllt, daß die Räumlichkeiten sich als viel zu klein erwiesen. In drangvoll fürchter- licher Enge folgte das Publikum den Lichibildervorträgen des Herrn Otto Roth. Entsprach auch der über den Heiligen Antonius von Padua von Wilhelm Busch nicht allen Erwartungen, so kam der Humor bei Vorführung der Berliner Denkmäler mehr zu seinem Recht und er- heiterte das Pnblikum in der denkbar besten Weise. Zeugen gesucht! Fahrgäste, welche am 1. Septemb« 1912, nachts 1 Uhr 4S Min., ab Landsberger Platz, Richtung Viehhof, den Vorderperron der Linie SS benutzt und dem Anftritt zioischen einem Fahrgast und Anfsichlsbeamten der Straßenbahn beigewohnt haben, iverden höflichst gebeten, ihre Adressen an Otto Ortmann, Engel» user 14/15 II, Zimmer 42, anzugeben. Vorort-Nachrichten. Neukölln. Die diesjährige Wählerliste bringt eine bedeutende Beschränkung der Rechte der niederen Steuer- zahler mit sich. Die Abgrenzung der diesjährigen Wählerliste kommt in folgenden Zahlen zum Ausdrucke. Es enthält die I. Abt. 806 Wähler, die 1 587 652,50 M. Steuern aufbringen. die II.„ 8096„, 1 586 985,41„ „ III., 36550„ 1536 868,98. Somit beträgt die Gesamtwählerzahl 44 952 und die Gesamt- steuersumme 4 611506,87 M. Der niedrigste Wähler der I. Abteilung zahlt 1218,56 M. Steuern. das Wahlrecht in der II. Abteilung ist an einen Steuersatz von 72 M. geknüpft. Die Wählerliste des vorigen Jahres bot ein wesentlich günstigeres Bild. Es wählten mit einem Steuerbetrag von 528 Wähler--- 1,19 Proz.... 1318 317 M. in der I. Abt. 8 864„--- 19.98„... 1 318 134„„„ II.„ 84 928.= 78,82„... 1818057.„_„ III.. 44 320 8 954 508 Pf. Das Wahlrecht in der I. Abteilung war im vorigen Jahr an den Steuersatz von 815,40 M. gebunden, in der II. Abteilung an 72 M. Während im vorigen Jahr von den 72 M. Steuerzahlern 2045 in der II. Abteilung und nur 352 in der Hl. Abteilung wählten, wählen in diesem Jahre 91 Wähler in der II. Abteilung und 2790 in der m. Abteilung. Die diesjährige Verschlechterung der Liste hat drei Ursachen. Zunächst das schärfere Anziehen der Steuerschraube, wodurch sich ja das gesamte Steuersoll erhöht, ferner die Erhöhung der Ge- werbesteuer, und drittens eine Bestimmung der Städteordnung§ 8. wonach alle diejenigen Forensen Stimmrecht haben, die mehr Staats- und Gemeindeeinkommensteuer zahlen, als einer der drei höchbesteuerten Einwohner. Diese Grenze hat sich jetzt durch den Wegzug eines der reichsten Steuerzahler verschoben. Während bisher nur diejenigen Forensen Wahlrecht hatten, die mehr als 27 000 M. Steuern zahlen, haben jetzt alle Forensen Wahlrecht, welche mehr wie 13 000 M. Steuern entrichten. Dadurch sind fünf Forensen mit einem Steuerbetrage von zirka 72 000 M. in die Wählerliste der ersten Abteilung gekommen. Allein durch diesen Umstand hat jede Abteilung je 24 000 M. Steuern mehr aufzubringen. Da nun aber die Stenern in Wirklichkeit von der ersten Ab- teilung gezahlt werden, sie jedoch nur mit einem Drittel der Summe belastet hat, so werden soviel Wähler der ersten Abteilung, als die übrigen zwei Drittel, also 48 000 M. zahlen, in die zweite Abteilung, und da diese ebenfalls nur 24 000 M. aufzubringen hat, das letzte Drittel auf die dritte Abteilung abgeschoben. Diese verrückte Be» stimmung der Städteordnung würde es bei ganz gleichbleibenden Steuerverhältnisten gegen das Vorjahr allein bewirken, daß zirka 700 Wähler mit einein Steuersatz von 72 M. aus der zweiten in die dritte Abteilung hmüberkämen. Ein tödlicher Strahenbahnunfall ereignete sich om Sonntag- morgen gegen 8)4 Uhr am Hermannplatz. Der 21jährige Paul Rühlke wollte den Hinterperron des Motorwagens 3103 der Linie 47 während der Fahrt besteigen, kam jedoch zu Fall und geriet unter den Vorderperron des Anhängewagens. Da der Zug erst nach einigen Sekunden zum Stehen: gebracht werden konnte, kam der Verunglückte unter den Schutzrahmen. Mit Hilfe von Passanten wurde der Wagen angehoben und R., der das Bewußtsein verloren 'hatte, hervorgezogen. Man schaffte den Verunglückten nach dem Krankenhaus am Urban, wo er jedoch bei seiner Aufnahme infolge der erlittenen inneren Verletzungen verstarb Wilmersdorf-Halensee. Ein fortschrittlich-nntisemitischeS Wahllartekk. Im bürgerlichen Kommunalleben von Wilmersdorf scheint sich etne beachtenswerte Entwicklung anzubahnen. Bei den im November d. I. stattfindenden Kommunalwahlen sind rund die Hälfte eitern errichten und mit drei Schlauchleitungen Wasser«der von 48 auf 60 vermehrten Stadtverordneten neu zu wählen, und halbstündiger Löschtätigkeit konnte die Gefahr als de- jn der Hand der Bevölkerung: liegt es daher, der Etadlverordneten- Versammlung em beträchtlich verändertes Bild zu geben. Daß eine derartige Aenderung vonnötrn ist, sollte zweifellos erscheinen. Von den 48 Stadtverordneten, die die Kommunalvcrwaltung zurzeit noch zählt, umfaßt die unter konservativer Leitung stehende ..Freie Fraktion" nicht weniger als 38! der Rest setzt sich aus Freisinnigen, Demokraten und Sozialdemokraten zusammen. Die ungesunden Zustände, die sich überall in parlanientarischen Körperschaften zeigen, in denen die Opposition der Zahl nach zur Belanglosigkeit hcrabgedrückt ist, treten in Wilmersdorf besonders grell hervor. Die Entscheidung über alle wichtigen Angelegenheiten fällt nicht im Plenum, sondern in der geschlossenen Sitzung der großen Fraktion. Das Walten des Magistrats ist völlig vom Be- finden der Fraktion abhängig; und wie es um dies Befinden steht, weiß man. In den Angelegenheiten der Sozialpolitik gibt oft genug der nationalliberale Scharfmacher Dr. Leidig den Ton an; und in allen das Interesse der Groß-Berliner Gesamtheit berühren. den Fragen sieht man geflissentlich nicht über das Weichbild von Wilmersdorf hinaus und setzt sich,' wie dies noch in der Frage des einheitlichen K o in m u n a l st c u e r z u s ch l a g s geschah, im kurz- sichtigen Egoismus in Widerstreit mit der übrigen Groß-Bcr- liner Bevölkerung. Diese gemeingefährliche Äurzsichtigkeit ist von den beiden Sozialdemokraten bei jeder Gelegenheit verurteilt worden; desgleichen erinnern wir uns, daß früher zuweilen auch ein Frei- sinniger mit einem scharfen Protest hervortrat. Man entledigte sich dann der unbequemen Mahner durch Annahme der in solchen Fällen automatisch gestellten S ch I u ß a n t r ä g e. Dies Gebaren der Mehrheit hätte mit einiger Geschicklichkeit auch von der bürger- lichcn Opposition um so vorteilhafter ausgenutzt werden können, als diese Mehrheit u. a. in der Wohnungsfrage durch systema- tische Begünstigung des Baues großer Wohnungen eine Politik vcr- folgte, die auch unter den Grundbesitzern scharfen Widerspruch her- vorrief. Kurzum, bei einigem Eifer und gutcin Willen wäre es den � Fortschrittlern möglich gcivesen, der Mehrheitsfraktion gerade in der ersten und zweiten Wählcrabtcilung manches Mandat abzu- jagen und so deren Einfluß ganz beträchtlich herabzumindern. Es kam noch hinzu, daß allerhand persönliche Reibereien unter den Konservativen, von denen ivir in Nr. 212 einiges berichteten, die Stoßkraft der großen Fraktion schwächten. Statt nun zum Nutzen der gesamten Bürgerschaft die günstige Gelegenheit auszunutzen, wissen die Fortschrittlcr allem Anschein nach nichts anderes zu beginnen, als sich mit Haut und Haar den Konservativen zu verlaufen. Dieselben Herren, die vor zwei Jahren noch, wenn auch vergeblich, bei der S o z i a l d c m o k r a t i e wegen eines Zusammengehens anklopften, sind jetzt bereit, sich auf Gnade und Ungnade den Herren Leidig und Drösc zu überant- Worten. Und ztvar unter Bedingungen, die man nicht anders als erniedrigend nennen kann. Da erscheint am Ort ein Lokal- blakt, das in seinem politischen Teil an t i s e m i t i sch- a l l- deutsch und selbstverständlich auch streng arbeiterfeindlich redigiert ist. Gerade der Redakteur und Verleger dieses Blattes wird nun den zum guten Teil jüdischen Anhängern der fortschritt- llichcn Vollspartei als Kandidat dargeboten; und die Fortschriltler zeigen denn auch Sclbstentäußerung genug, den Antisemiten in die Stadtverordnetenversammlung zu be- fördern. Frägt man nach dem Grunde einer solchen Handlung, so erhält man die Antwort, daß die Furcht bestehe, im nächsten Wahlkamps völlig von der großen Fraktion beiseite geschoben zu werden. Daher gebiete die Not, sich an die Konservativen anzu- schmiegen und so die bestehenden Mandate zu retten. Einem Liberalismus, der unter den geschilderten günstigen Umständen s o wenig seiner Werbekraft vertraut, ist allerdings Nicht zu helfen. Um so notwendiger ist bei dieser Sachlage eine Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses im Wilmersdorfcr Stadtparlament. Schöneberg. Die Erfolge des städtischen Scefischverkaufs in Schöneberg treten jetzt, nachdem der Betrieb fast ein Jahr lang geführt ist, '«deutlich in die Erscheinung. Schöneberg hat' den Scefisch-Ein- und Verkauf bekanntlich als einzige Gemeinde in Groß-Berlin in eigene Regie genommen. Die Fische werden auf Rechnung der Stadt in einem Nordseehafen gekaust und in einem Feurigstraße 4 belegenen Laden durch städtisches Personal verkauft. Die Seefisch- halle ist alle Wochentage hindurch von morgens 8— 1 Uhr und nach- mittags von 4—3 Uhr geöffnet, Donnerstags den ganzen Tag. Auch die Sommermonate hindurch ist der Betrieb voll aufrecht erhalten worden. Das Ergebnis des ersten Betriebsjahres zeigt, daß nicht nur sämtliche laufenden Unkosten, wie� Gehälter, Löhne, Beleuchtung, Eis, Neklamekosten usw. haben gedeckt werden können, son- dern daß sogar ein Ueberschuß in voller Höhe des Anlagekapitals erzielt worden ist. Der Umsatz an frischen Seefischen betrug ins- gesamt rund 2108 Zentner im Wicrte von v3ö9l> M. bei einer Kundcnzahl von 99 255 im Jahr, das sind im Durchschnitt monat- lich 219 Zentner im Werte von 5359 M. bei einer Kundenzahl von 9923. Trotz der guten Qualität konnten die Preise fast stets wesentlich unter den in sonstigen Verkaufsstellen in Groß-Berlin geforderten Preisen gehalten werden. ltharlotteudurg. Gärtnerische Schmuckanlagcn im Krankenhaus Westend. Im Zusammenhang mit der Fertigstellung der Leichtkrankenhäuser auf dchn Krankenhausgrundstück in W-estcnd, die am 1. Oktober dieses Jsthrcs ihrer Bestimmung übergeben werden sollen, wird der West- liche Teil des Geländes nördlich der großen Futtermaucr reguliert und mit Gartenanlagcn versehen werden. Es entstehen danach vier in sich abgerundete Gärt'cn, in denen zahlreiche schattige Sitzgelegen- heiten Platz finden. Zur Abrnndung bcS städtischen Griindbcsihcs will die Stadt Charlotkenburg die für Eiscnbähnzwecke entbehrlichen, auf den sogenannten Dahlemcr Wiesen belegenen Rampenflächen der che- maligcn Bcrlin-Hamburger Eisenbahn ankaufen. Die zu«r- werbenden Flächen bestehen aus 4 Parzellen in einer Gesamtgröße von 239 Quadratmeter, der Kaufpreis für 1 Quadratmeter beträgt 9,59 Mark. Z» dem am Donnerstag, den 19. September, abends 8Vj Uhr, Volkshaus, Rosiuensiratze 3, in der Sitzung der Gewerkschaftslom- Mission stattfindenden Vortrag des Genossen Wissel über„Ent- Wickelungstendenzen der modernen Technik" haben sämtliche Vcr- trauenLlcute und Funktionäre Zutritt. Der Ausschuß ersucht um zahlreiches Erscheinen. 'Ter Gesangverein»Eharlottenburger Liedertafel"(M. d. A.» S.-B.l veranstaltet am Sonnabend, den 21. September, abends Punkt 9 Uhr, im Volkshaus, Rosinenftraße 3, anläßlich seines Stif- tungsfestcs einen Liederabend unter Mitwirkung von zwei Solisten. Eintritt 39 Pf. Da der Verein auch die Veranstaltungen der Partei usw. unterstützt, so ist der Besuch den Parteigenossen zu empfehlen. Ober-Schöneweide. Tie heut nachmittag 5 Uhr in der Schulaula, Frischenstraße, tagende Gcmeindevcrtretcrsitzung wird sich mit dem Antrag der sozialdemokratischen Vertreter auf A u s s ch l i e tz u n g der S e- mcindevertreter und Schössen� von Gemeinde- arbeiten sowie eines solchen auf Absendung einer Eingabe* an Bundesrat und Reichstag betreffend Teuerungsmaß- «nahmen und Ergreifen von Maßregeln zum Zwecke der Ver- sorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln befassen. Der Zutritt zu der Sitzung steht allen männlichen großjährigen Ge- mcindcangehörigcn frei. Lei DBrmkniiirrli, Gegen die Schundliteratur. Im hiesigen Orte ist im Jugend- heim, Klarastraße 2, eine Ausgabestelle von Schriften eingerichtet, wie sie bereits in Berlin und vielen seiner Vororte besteht. Die Verleihung und Abgabe der Bücher findet dort Mittwochs und Frei- tags, abends von 8 bis Üsh Uhr, statt. Es wäre erwünscht, wenn von dieser außerordentlich guten Einrichtung ein recht ausgiebiger Gebrauch gemacht würde, um so der verderblichen Wirkung des Lesens schlechter Schriften wirksam begegnen zu können. Grost-Lichterfelde. Der herrschende Tcucrungsnotstand wird am besten illustriert durch den kolossalen Andrang bei den öffentlichen Fischverkaufs- stellen, die von der Gemeinde seit vorigem Jahre eingeführt worden sind. Die Zahl der Verkaufsstellen, je eine im Osten und im Westen des Ortes, ist eine zu geringe, das Quantum der eingeführten See- fische ungenügend. Innerhalb ganz kurzer Zeit sind sämtliche Vorräte vergriffen und ein großer Teil Käufer muß leider unvcr- richtetcr Dinge wieder abziehen. Soll die Einrichtung wirklich ihren Zweck erfüllen und der un- geheureu Notlage der minderbemittelten Bevölkerung auch einiger- maßen gesteuert werden, dann muß die Gemeindeverwaltung schleunigst eine Vermehrung der Berkaufsstellen vornehmen und für den Einkauf eines weit größeren Quantums von See- fischen Sorge tragen. Die Art und Weise, wie die Gemeindever- waltung der ganzen Frage der Beschaffung von billigen Nahrungs- Mitteln und der Frage der abnormen und ständigen Teuerung gegenübersteht, zeugt von einer beneidenswerten Sorglosigkeit. Während die meisten Gemeinden im Umkreise Stellung in der fraglichen Angelegenheit genommen haben, sei es durch Petitionen an die zuständigen Rcichsstcllen, sei es durch sonstige tatkräftige Maßnahmen, findet man von alledem in Lichterfelde keine Spur; hier herrscht noch völlige Ferienstünmung. Die bedauerliche Tat- fache, daß in der Gemeindevertretung immer noch das sozialdemo- kratische Element fehlt, kommt dem Bedürfnis nach Ruhe in der Gemeindeverwaltung allerdings erheblich zu statten. Die Arbeiter- schaft wird jedoch in der nächsten Zeit Gelegenheit erhalten, wiederum den Kampf um den ihr gebührenden Einfluß auf dem Rathaus zu führen. Der im I. Bezirk(Osten) gewählte Gemeindeverordnetc Schmicdemcistcr Thiel ist verzogen; es muß daher in diesem Bezirk eine Neuwahl stattfinden. Die Parteigenossen werden gut tun, die Agitation beizeiten in geeigneter und intensiver Weise in die Wege zu leiten, alle Kräfte in den Dienst des Wahlkampfes zu stellen, um endlich auch einmal in Lichterfelde den Einzug des ersten sozial- demokratischen Gemeindcvertreters ins Rathaus herbeizuführen. Wannsee. In der WahlvereinSversannnlnng erstatteten die Delegierten zunächst die Berichte von der Kreisgcncralversammlung und der Verbandsgeneralversammlung. In der Diskussion wurde es mit besonderer Genugtuung begrüßt, daß die Verbandsgeneralversamm- lung künftig schon um 9 Uhr statt wie bisher um 12 Uhr beginnen soll. Man sprach sich weiter dafür aus, daß versucht werden müsse. auf der nächsten Generalversammlung einen Antrag auf Herab- setzung der Zahl der Delegierten zur Annahme zu bringen. Am kommenden Sonnabend soll im„Fürstenhos" eine öffentliche Ver- sammlung stattfinden, die sich mit der Fleischnot beschäftigen und in welcher eine Genossin referieren soll. Geplant ist ferner am Totensonntag die Abhaltung eines Voltslieder- und BalladcnabcndS. Adlershof. NuS der Gemeindevertretung. Für baS Rechnungsjahr 19Ü waren einzelne Positionen im Betrage von 5129 M. überschritten worden._ Die Stimme wurde nachbewilligt. Die Ortssatzung über die„Reisekosten der Gemeindebeamten" soll auf einen Antrag der 2. Abteilung eine Aenderung erfahren. Die Angelegenheit wurde der Etatkommission überwiesen. Eine lebhafte Debatte setzte beim Punkt„DarlehnSangelegenheiten" ein. ES handdlt sich um die Bereitstellung der bereits in der vorigen Sitzung bewilligten 25999 M. für die Errichtung der Versuchsanstalt für Luft- fahrt. In der Sitzung vom 1. August wurde beschlossen, noch über drei Punke Aufklärung einzuholen. Es sollte festgestellt werden: der Name der Anstalt, die Größenverhältnisse und ob die sonst von der Gemeindevertretung gestellten Bedingungen erfüllt seien. Alle Fragen waren befriedigend beantwortet worden. Runmehr wurde beschlossen, die Summe dem Verein für Luftschiffahrt zu überinitteln. Eine Versügung des AmtsvorstehcrS, nach welcher Kellerwohnungen und Hinterhäuser bei Neubauten nicht mehr gebaut werden dürfen, wurde einer Kommission überwiesen. Der Antrag nnserer Genossen, Errichtung eines Freibades, wurde nach eingehender Begründung des Genossen Büttner der Badekommission überwiesen. Der Antrag des Genossen auf„Beseitigung der Lcbensmittelteuerung" wurde von diesem dahin erweitert, nicht nur den Verkauf von See- sischen, sondern auch von Kartoffeln und billigem Fleisch unverzng- licb in die Wege zu leiten. Nach einer Begründung durch den Ge- Nossen Zabel und einer rege» Diskussion wurde gegen eine Stimm- enthaltung beschlossen, die Angelegenheit der TeuerungSkommiffion zur iveitercn Erledigung zu übertragen. Diese soll sich zur Beschaffung von billigem Fleisch sofort an die am Orte befindlichen Fleischer ivenden, wenn diese kein Entgegenkommen zeigen, an Köpenick oder andere Städte herantreten zwecks gemeinsamen Vorgehens in dieser Frage. Eine lange Debatte zeitigle die Interpellation unserer Ge- nossen betreffend„die Sicherheit des Ories". Durch die bei der Firma Jürst u. Comp, beschäftigten Streikbrecher sind drei Adlers- bofer Bürger schwer mißhandelt und zwei erheblich verletzt worden. Ferner wurde Leben und Gesundheit der Bevölkerung durch ab- gegebene Revolverschüsse schwer bedroht. Genosse Zabel begründete die Interpellation und rügte, daß es der Polizei am Orte anscheinend noch nicht gelungen sei, die Täter zu fassen; dagegen seien des Streikpostenftebens beschuldigte Streikende bereits vor die Schranken des Gerichtes geladen. Redner empfahl die einmütige Annahme einer Resolution, in welcher die Gemeindevertretung ihr Bedauern über die vorgekommenen Ausschreitungen aussprach. Es wurde ferner in der Resolution verlangt. daß der AintS- Vorsteher anordnet, daß dos Grundstück auch des Nachts unter größere polizeiliche Kontrolle gestellt wird; den Arbeitswilligen alle Schuß- oder sonstige Waffen abgenommen werden und die die Sicherheit des Ortes aufs äußerste gefährdende Elemente nur nach vorheriger Kontrolle ausgehen dürfen. In der Diskuision sprachen sich alle Redner des gegirerischen Lagers gegen die Resolution aus. Einem erschien die Förderung,' den Streikbrechern die Waffen abzu- nehmen, als ein Eingriff in die persönliche Freiheit< I), ein anderer trollte der Polizei keinen Vorwurf machen, daß es ihr bisher nicht gelungen sei die Raufbolde und Revolverhelden zu fassen, und der Schöffe Müller erklärte, nicht dafür stimme» zu können, da ja noch nicht feststehe, ob auch nicht von anderer Seite geschossen und dadurch die„harmlosen" Arbeitsivilligen gereizt worden seien.— Es war daher kein Wunder, daß die Resolution mit allen gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt wurde. Ein Antrag des Herrn Dr. Saling, beim Amtsvorstcher anzufragen, was in der ganzen Sache von der Polizei geschehen sei. wurde dann einstimmig angenommen. Nach Erledigung einiger weniger wichtigen Angelegenheiten wurde um �12 Uhr die öffentliche Sitzung geschlossen. Ein größerer Dachstuhlbrand beschäftigte am Sonntag die hiesige freiwillige Feuerwehr. Abends gegen°/«8 Uhr kam im Hause Arndt- straße 7b Feuer zum Ausbruch, das sich bei dem herrschenden starken Winde außerordentlich schnell fast über das ganze Dach verbreitete. Der Wehr gelang cS schließlich, das Feuer auf seinen Herd zu be- schränken und eine» Teil des Dachstuhls zu halten. Die Enlstehungs- Ursache des FeuerS dürfte auf Brandstiftung zurückzuführen sein. Um den oder die Täter zu ermitteln, welche jetzt schon sert längerer Zeit in Adlershof zum Schrecken der Hmisbesitzer und aller in den obersten Stockwerken wohnenden Mieter ihr unheimliches Wesen treiben, hat der HauS- und Grundbefitzerverein eine Belohnung von 199 M. ausgesetzt. Der dritte Vortragsabend des Lichtbilderkursus findet am Don- nerstag. den 19. September, abends 8>/-2 Uhr im Lokal von Berger. Bismarckstr. 19. statt. Genosse R. W o l d t behandelt das Thema: Wanderungen durch beut scheBerg werke. Die Arbeiter- schaft wird.ersucht, gerade diesen wichtigen Vortragsabend zu besuchen. Der Eintrittspreis für den Einzclvortrag beträgt 29 Pf., Jugendliche unter 18 Jahren 19 Pf., Arbeitslose frei. Nieder-Schönewcide. In der letzten Gemeindcvertretersitzung wurde zunächst unser Genosse Wilhelm Ladendorf eingeführt. Ltachdem die Vertrc- tung die Beibehaltung der kommunalen Biersteuer mit 5 gegen 5 Stimmen beschlossen, gelangte die neue Bi-c- und Branntwein- stcuerordnung zur Annahme. Die Verlegung des� Standesamts und der Kanalisationsräume nach der Grünauer Straße 2/3 er- folgt im Oktober. Nunmehr begründete Genosse Bengsch folgende von unseren Genossen eingebrachten Anträge: 1. Die Gemeinde möge an den Bundesrat sowie an den Reichstag eine Eingabe richten, in der unter Darlegung der herrschenden Rotlage gefordert wird: Die sofortige Aushebung der Zölle auf Vieh, Fleisch, Ge- treibe und Fuitermittcl, der Grenzsperre für die Einfuhr von Schlachtvieh, des§ 12 des Fleischbeschaugesetzes der Einfuhrscheine. 2. Gemeindliche Einrichtungen cventl. in Verbindung mit anderen Gemeinden zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu schaffen. In bczug auf den ersten Antrag wurde der Vorschlag des Gemeindevorstehers angenommen, der den Anschluß der Ge- mcinde an das Vorgehen Berlins und Schönebergs verlangt. Be- tresfs des zweiten Antrages will man sich mit der Nordsee- Fischerei-Gescllschaft in Verbindung setzen und außerdem Vor- kchrungen zur Versorgung von weiteren Lebensmitteln treffen. Ter Antrag Fricke auf Errichtung einer Unfallstation wurde vor- läufig zurückgestellt, um erst mit dem Herrn Dr. Thomsen über die bestehende Einrichtung und ihren. cventl. Ausbau zu sprechen. Patlkow-Niederschönhausen. Ueber Zweck und Nutzen der Arbeiterjugendheime referiert heute, Dienstag, den 17. September,� in einer öffentlichen Ver- sammlung im„Pankgrafen", Schlotzstraße 1, Stadtverordneter Wutzky-Neukölln. Zahlreiches Erscheinen wird erwartet. Oranienburg. Ein schwerer Unfall hat sich am Sonnabendmorgen in Oranicn. bürg ereignet. Als gegen 7 Uhr früh der 38jährige Arbeiter Bern- Hardt aus Sachsenhausen den Verschluß ier Gasröhren prüfen wollte, gab eine sogenannte Spreitze, die zum Absteifen der Schacht- wände dient, der Schwere einiger darüber gelegten Bohlen nach und stürzte samt den Bohlen auf den Arbeiter. Erst nach geraumer Zeit gelang es einigen seiner Kollegen, die zur Htlfe herbeigeeilt waren, ihn aus seiner unglücklichen Lage zu befreien. B., der schwere Verletzungen davongetragen hatte, wurde zu einem in der Nähe wohnenden Arzte gebracht, auf dessen Anordnung, er nach An- lcgung eines Rotverbandes einer Berliner Klinik zugcjührt wurde. Wasserstaildö-Nachrichte» der Landesanstakt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Detterbureau. >)+ bedeutet Du WS.— Sall.—*) Untcrpegel.»»•) In der Nacht vom 14. zum IS. um Vi, Uhr höchster Wasserstand. •_ SfirkunSS-Rotoßlnn l.so° 2.oo W Wachahmapg«« bitte rnrncllweiieB. 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Schiller-Theaier"C"" Dienstag, abends 8 Uhr; Oer Misanthrop. Die Schule dar Frauen. Mittwoch, abcndS 8 Uhr: IKachrnliiii. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Talisman. Berliner Theater. AbendS 8 Uhr: Grotze Nosinen. Abends d Uhr: vie S Frsoilsurtei'. Rcßdeiis-Theiitcr. 8 Uhr: Der Herr von Nr. IS. Schwank in 3 Akten oon Kcroul und Barre. Morgen und folgende Tag«: _ Der Herr von Nr. 10. OSE=THEATEi Große Franks url er Str. 132. Ansang 8>,. Uhr. Zapfenstreich, üii Mittwoch: Die goldene Eva. Ah 8(Ihr Ein nie dage«esener Erfolg I Nathal and Palma f üensch oder Affe I M. Vega Trio der Gipfel der Komik. Wunderpapagei Uora und 8 weitere Novitäten. Melropol- Theater. Wegen Borbereitung zur neuen Jahrcsrcvue bis inkl. Freitag, den 2V. September: D>U- UieveliloBtsenk"H» Sonnabend, abends>/,8 Uhr: rrvmtvrvZ Klvmv MSZt Arnold Keliol«.— Ifasenhcide 105—114. Heute Dienstag, den 17. September 1912: Voigt-Theater früher Bernhard-Rose-Theater Unser Doktor. Volksstück mit Gesang in vier Akten von Treptow und Herrmann. I. Parkett 75 Pf., II. Parkett 60 Pf-, Balkon 50 Pf., Entree 40 Pf. Im Abonnement; I. Parkott 60 Pf., II. ParkettSOPf.. Balkon 40Pf. '* r' v' T'-'t, v.>» ,, u.v■ Ä'ei Concouciia-Fesisäie Ä'gii Jnh. M Wendt u. A. Schütze. Donnerstag, den 19. September 1913: Eröffnungs=Soiree � IfiolfmauMS Sänger. Ansang 8 Uhr. Vorzugsk. haben Gültigkeit. Entrce Zv Pf. _ Nach der Soiree: Frei-Tanz._ Sonntag, den LS. September 1912: 1 Jüitir-Slreichkoiizsrt ate", unter Leitung des Obermutikmeiiters R. Knhle und große Exlra-soirce der Doffmann» Siäager. Anfang dcS Konzerts« Uhr. Ansang der Vorstellung 7 Uhr. j DW»- Im oberen Saale von 5 Uhr an:«rover»all. liZi'ilö-l'igüieTö MÄN Nie mW Müller bessert! Di« Origänal- Klabrias-Partie Beide Stücke mit Anton and Donat Ilcrrnfcld In den Hauptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf 11—2(Theaterkasse.) Folies Capriee. Täglich 8'/. Uhr: Die Novitäten: Der keusche Joseph Der giehdock. Der Einbrecher. Passage-Tliealer. Abends 8— 11 Uhr I Gastspiel der sieben Spaßmacher „Da tut sich was.'* Große Metroparodle-Revue 1 nach dem Englischen aus dem I Französischen ins Dämliche übersetzt von Schmolius Feind, 1 Musik von Violas Limburger, in ] Szene gesetzt von Direktor Ricardo Shoullscz. Jean Pedro, Fratzi Massievy, Laatsch Messing, Pepi Pepipi, | Kehn Erzbishop, Luide Quictschor. Pfeifen überall gestattet' UrsBiaisa TaabcnstraBe 48/49. Theater; 8 Uhr: Dr. Mühlslaedt-Leipzig: fiufs Matterborn. GARTEN Täglich: j CroSes Hilitär-Konzert. Eintritt 1 mark, 1 von abends 6 Uhr ab 50 Pf. 1 Kinder unter 10 Jahr. die Hälfte. Luisen-Theater. Heute und folgende Tage: Abends 8 Uhr: Der Wiilidiiiiiig. Voigt-Theater. Heule; Gastipicl in der»Nenen Welt", Hasenhcide 103—114. Uiisn Poltlot. Vollsstück Mit Gesang in 4 Alten von L. Treptow. Kass eneröffn. 7 Ubr. Ans. 8'/, Uhr. Heute neues Programm. Hauptschlager: Theater Königstadt-Casino. Holzmarklftr. 72, Ecke Mexanberstr. 1 Min. v. Bahnh. Jaimowitzbrücke. 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