Pr. 318. nbonncmcnts-Bcdingtingfii: Nionnenients- Preis vränumerando: «iertcljährl SL0 Ml, mcmafl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Rummer 5 Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Bciiagc„Die Nene Welt" 10 Pfg. Post- Abonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Vrcisliste. Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland z Marl pro Monat. Postabonnenients uehnien an; Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Die TnferllonS'GebOfir betrügt für die sechsgespallene Kolonel« geile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versamiiilungs, Anzeigen 00 Pfg. „Kleine zsnreigen", das settgedrulkte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Elellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buch« Ilaben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer niüsscii bis 5 Uhr nachmittags in der Expeditton «ldgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, i vichelüt lSgliib außer montags, Vevlinev Volksblstk. Zcntralorgan der foztaldemokrati fehen Partei Deutfchlands. Telegramm-Adreffe: „Sozialdtnokrat Rtrlln", Redaktion: SRI. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. IS8S. Lin ivichtiger Arbeitstag. Chemnitz, 17. September. Mit einer Kundgebung intcrnatilmaler Solidarität eröffnete heute das deutsche Arbeiterparlanient seine Tagung. Den holländischen Parteigenossen, die heute in ihrem Kampfe um ein freies Wahlrecht einen„Roten Dienstag" der- austalten, sendet der Parteitag ein Telegramm, das den nieder- ländischen Wahlrcchtskäinpfern seine ivärmsten Sympathien ausspricht. Es folgen geschäftliche Mitteilungen. Auf Grund einer Anregung des Genossen K u h n t, des Vorsitzenden des Chem- nitzcr Lokalkomitees, beschließt der Parteitag, am Donnerstag die Sitzung ausfallen zu lassen und zur Erholung von der anstrengenden und mit mancherlei Unbequemlichkeiten der- bundcnen Arbeit einen Ausflug nach dem Fichtelberge zu machen. Die Chemnitzer Genossen überreichten gestern nachmittag den Partcitagsdclcgierten ein geschmackvoll ausgestattetes über 300 Seiten umfassendes Buch: die Geschichte der Chemnitzer Arbciterbclvcgung von Genossen Ernst H e i l m a n n. Der Text des Werkes wird belebt durch eine große Anzahl Illustrationen und Faksimiles und erzählt von jahrzehute- langer Agitations- und Organisationsarbeit, von harten inneren und äußeren Kämpfen, sowohl während des Sozialistengesetzes, wie auch vor und nach demselben. In der nunmehr einsetzenden Diskussion über den Vorstandsbericht tritt Genosse Giebel zunächst für die An träge ein, die aus stärkere Betonung der Agitation unter den Privatangestcllten hinauslaufen. Mit vollem Recht weist darauf hin, daß die wirtschaftliche Lage dieser Volksschicht genau dasselbe Abhängigkeitsverhältnis aufweist wie das der Arbeiter, und daß die Partei alle Ursache hat. ihre .Agitations- und Organisationsarbeit auch auf diese Kategorie der Kopfarbeiter auszudehnen. um sie der Gefolgschaft der bürgerlichen Parteien zu entziehen. Im weiteren Verlaufe der Diskussion äußerten die Genossen Dr. L a u f e n b e r g- Hamburg, R 0 s e n f c l d Berlin, Ring- Offenbach, Schuhmann- Köln, Runge, Neugcbauer- Ludlvigsburg, T h ö n i ck e- Kiel. allerlei Wünsche und Anregungen in bezug auf Jugend- und Frauen beweguug, auf Literatur und Bildungswesen usw. Beachtung verdient die Anregung des Genossen Dr. Laufenberg, den Kamps im katholischen Lager zwischen Kölner und Berliner Richtung für unsere Agitationsarbcit ausifoerksam zu verfolgen und in Aufklärungsschriften auszunutzen. In tcmperamcnt voller Weise trat Genosse Biniskicwicz- Kattowitz für die Erhaltung und Unterstützung der polnischen Zeitung„Gazcta Robotnicza" wie für die stärkere Agitation unter den polnischen Arbeitern im allgemeinen ein. In gleichem Sinne sprach midj Genosse Büchner- Berlin. Genossin Zieh machte Ausführungen über intensive Ausgestaltung der Frauen agitaOon. Nach einer längeren und sehr interessanten Geschäfts- ordnuugsdebatte. deren Einzelheiten im Bericht nachgelesen werden können, fand die unerquickliche Göppinger Affäre dadurch ihre Erledigung, daß die beiden vorliegenden Resolu tionen zurückgezogen und der Anregung der Genossen E b e r t und Bebe l'stattgegeben wurde, das Urteil über das Ver halten des Vorstandes in der Göppinger Angelegenheit in der Schlußabstimmung über seine Gesamitätigkcit zum Ausdruck zu bringen. Der große Streit ist somit begraben, und der Beifall der Delogierten bewies, daß der Parteitag über diese Bestattung alles andere als traurig war. In der nunmehr einsetzenden Diskussion über Pressefragcn trat Genosse Berten- Düsseldorf für Blindenliteratnr und Schaffung einer Literatur für Taubstumme ein. die Genosse L u d>v i g- Hagen ebenfalls befürwortete. Genosse Dürr- Nürnberg verlangte mit Rücksicht auf die immer stärker werdende Bedeutung der Sozialversicherung eine besondere Parteizeitung für dieses Gebiet. Genossin Wulff- Berlin vertritt einen Antrag, der eine bessere künstlerische Ausgestaltung der„Neuen Welt" verlangt, den aber Genosse B e r a r d- Hamburg zum Uebergang zur Tages- ordnung zu verdanimen bat. Genosse Scheibe- Dort- mund sprach für eine Modezeitung und für eine gesonderte Verbreitung der Jugendbeilage der„Gleichheit". Zu all diesen Anträgen und Anregungen nahm Genossin Z i e tz Stellung, was ihr den scherzhaften Vorwurf eintrug, daß sie sich des Verbrechens„eines Massenmordes" schuldig gemacht habe. Sie wandte sich dagegen, daß das Niveau der„Gleichheit" herab- gedrückt, daß die Kinderbeilage von ihr abgesondert werde. Ebenso lehnte sie eine besondere Taubstummenliteratur und ein sozialistisches Fachblatt über Sozialversicherung ab. Mit vollem Recht betonte Genossin Zieh, daß die gewünschte Modezeitung nicht ein reines Kostümblatt sein könne, daß sie vielmehr als ein Organ für die praktische Arbeiterin gedacht sei, das den bürgerlichen Frauenzeitungen, die den pro- letarischen Haushalt überschwemmen, Abbruch tun könne. In lvirknngövollen Ausführungen begründet sodann Ge- nosse Heinrich Schulz die dem Parteitag vorgelegte Re- solution über die I u g e n d b e w e g u n g. Sic hat folgenden Wortlaut: ' Ter Parteitag der deutschen Sozialdemokratie wiederholt mit Nachdruck den schon von früheren Parteitagen erhobenen Ein- spruch gegen die Verfolgungen, die sich siaalliche Behörden aller Art gegen die proletarische Jugendbewegung herausnehmen. Der Parteitag anerkennt das ernste Bestreben junger Ar- beiter und Arbeiterinnen, sich durch rege Vcreinstätigkeit, durch Versammlungen, Vortragskursc, künstlerische Veranstaltungen, Ausslüge, Besuche von sehenswerten Sammlungen und aus andere Weise eine Erweiterung ihrer unzureichenden Volksschulbildung anzueigney. Alle diese Maßnahmen sind reine Bildungsmaß- nahmen und als solche unpolitisch. Dagegen besteht für den Parteitag kein Zweifel über die politischen Beweggründe, die zur neueren bürgerlichen Jugend- bewegung in allen ihren Arten und Betätigungsformen und zu ihrer Unterstützung durch Staat und Gemeinde geführt haben, sowie über die offene und versteckte Bekämpfung der Sozialdemo- kratie, die bei allen Veranstaltungen der bürgerlichen Jugend- pflege auf die jugendlichen'Teilnehmer versucht wird. So sehr die deutsche Sozialdemokratie von jeher durch Wort und Tat die geistige und körperliche Hebung der schulentlassenen Arbeiterjugend durch den Ausbau und durch die Verbesserung des staatlichen und gemeindlichen Schul- und Bildungswesens bemüht ist, so sehr erhebt sie Widerspruch gegen die parteiische Unter- stützung unkontrollierbarer bewußt sozialistenfeindlicher, also poli- tischer Jugendpflege privater Vereinigungen durch staatliche Be- Hörden und aus öffentlichen Mitteln. Der Parteitag fürchtet zwar die politische Wirkung dieser neuesten Art der Sozialistenbekämpfung nicht, er erhebt aber aus allgemeinen kulturellen und pädagogischen Gründen den ent- schiedenstcn Einspruch gegen das heuchlerische Gebaren und gegen die wüsten Methoden der bürgerlichen Jugendpflege; besonders sieht er in den sogenannten Kriegsspielcn und in der öden Nach- äfferei militärischer Acußcrlichkeiten eine schwer» Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen und seelischen Entwickelung der heran- wachsenden Jugend. Solches Treiben dient nicht der Heranbildung wahrer Vaterlandsliebe im Geiste der Menschlichkeit, sondern der Züchtung roher Triebe im Sinne des Nationaldünkcls und der Hetze gegen andere Völker. - Der Parteitag erwartet, daß die jungen Arbeiter und Arbeite- rinnen wie bisher allen Verfolgungen zum Trotz ihre ancrkcnnens- werte VildungSarbeit an sich selbst im Sinne fortschrittlicher, frei- heitlicher und brüderlicher Lebensauffassung fortsetzen. Die deutsche Sozialdemokratie wird bestrebt sein, sie dabei vor un- gerechtfertigten und ungesetzlichen Störungen durch amtliche und freiwillige Gegner der proletarischen Jugendbewegung zu schützen. Mit aller Schärfe giwg Genosse Schulz den Bestrebungen von Staat, Kirche, Kommunen!, bürgerlichen Parteien und Korporationen zuleide, die darauf hinauslalufen, die Arbeiter jugend der proletarischen Bewegung abspenstig zu machen, sie militaristisch und chauvinistisch zu verseuchen oder an den Wagen der Bigotterie zu spannen. Diesen egoistischen! Be- strebungen stellt er die großen idealen Ziele der Arbeiter- bewegung entgegen, die uns zwingen, uns mit allen Kräften des heranwachsenden Geschlechts anzunehmen, die jungen Menschen zwar nicht zu soziakdemokratischen« Politikern zu machen, ihnen aber den Ideenreichtum der sozialistischen Weltanschauung nahezubringen. An dieser Aufgabe, einer Kulturaufgabe im edelsten Sinn des Wortes, müssen noch mehr als bisher Partei, Gewerkschaft und Elternhaus tatkräftigen Anteil nehmen!. Die hier verwandte Mühe wird in wenigen Jahren ihre reichen Früchte tragen, trotz aller Anfeindungen, trotz aller Anstrengungen von Justiz und Polizei, Hie proletarische Jugendbewegung mit„gesetzlichen" Schlingen zu erdrosseln. Der lebhafte Beifall, den Genosse Schulz am Ende seiner Ausführungen erntete, bewies, wie sehr der Parteitag von der ernsten Bedeutung der Jugend- frage überzeugt ist. Zu cincr ivichtigcn, tief in das Lebensintercsse des ge- samten Volkes einschneidenden Frage, der der Teuerung, nahm sodann Genosse Scheidemann da» Wort. In klaren und überzeugenden Ausführungen deckte er zunächst die Ursache der internationalen Teuerung ans, die am letzten Ende nur die Notwendigkeit des Sozialismus zeige. Angesichts dieser internationalen Situation ist es ein ungeheueres Verbrechen, lvenn die deutsche Wirtschaftspolitik, wenn eine raffinierte agrarische Gesetzgebung die Volks- anshungerung in ein grausames System bringt und gegen jeden Notschrei taub ist. Genosse Scheidemann wies in wirksamer Weise auf die sozialen Schäden der Tencrung hin und er- läuterte die Forderungen, die wir zu ihrer Beseitigung auf- stellen, wozu nicht zuletzt die Einberufung d e s Ä e i ch s- t a g e s gehört. Das hartnäckige S ch>v e i g e n des Reichs- k a n z l c r s auf den Brief unserer Fraktion wurde vom Genossen Scheidemann unter Zustimmung des ganzen Partei- tagcs gegeißelt.„Nun, lvenn Bcthmann Hollweg schweigt, so wird das deutsche Volk reden und handeln. Die G e- ivarnten mögen aus den Ereignissen lerne n." Darin gipfelten die beredten Worte des Genossen Scheidemann, der die Aufmerksamkeit des durch die lange Sitzung ab- gespannten Parteitages zu fesseln verstand. Genosse Scheide- mann beantragte im Namen des Parteivorstandes folgende Nesolution: Ter Parteitag konstatiert, daß der Kapitalismus in der stürmischen Entwickelung der beiden letzten Jahrzehnte zu einer ungeheuren Reichtumsvermehrung der Besitzenden geführt hat. während die arbeitenden Klassen durch die zunehmende Vertäue- rung ihrer wichtigsten Bedarfsgegenstände an dcr Erhöhung ihrer Lebenshaltung gehindert worden und in Gefahr geraten sind, der stnuipfcrrungenschaften ihrer gewerkschaftlichen Organisationen bc- Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. l.S8T. raubt zu werden. Der Parteitag sieht in diesem Gegensatz der Bereicherung der wenigen Kapitalmagnatcn und der zunehmenden Masscnverannung den stärksten Beweis für die Unvereinbarkeit der kapitalistischen Produktionsweise mit den Interessen der arbeiten- den Klassen und für die Notwendigkeit des Sozialismus, d. h. für die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums in gesell- schaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Pro- dukt'.on. Der Parteitag erkennt in der herrschenden Schutzzollpolitik Deutschlands die Ursache der unerträglichen Verschärfung der Teue- rung. Er fordert die Beseitigung dieser Wirtschaftspolitik, deren Zweck nur die ungeheuerliche Steigerung der Beute dcr Groß- kapitalisten, Großgrundbesitzer und Spekulanten, die trcibhaus- mäßige Förderung der Kartelle und Ringe und die Erhöhung ihrer Monopolprosite bildet. Ter Parteitag fordert daher eine gründ» liche Reform unseres Steuersystems mit dem Ziel der Beseitigung aller indirekten Steuern auf die Verbrauchsartikel der Massen und ihre Ersetzung durch direkte Vermögens-, Einkommens- und Erbschaftssteuern. 1 Der Parteitag fordert die Beseitigung des Systems der Ein» fuhrscheine, die Aufhebung aller Lebensmittelzölle und der Zölle auf Futtermittel, die den Großgrundbesitz auf Kosten der städti- scheu und der bäuerlichen Bevölkerung begünstigen. Er fordert insbesondere zur Abhilfe der Fleischnot die so» fortige Aufhebung der vielen Fleischzölle, die Oeffnung der Grenzen für Vieh und Fleisch unter Beachtung unerläßlicher ge- sundhcitlichcr Ueberwachungsniatzregela und der entsprechenden Abänderungen des Gesetzes betreffend die Schlachtvieh- und Fleisch- beschau, um die Einfuhr von frischem und zubereitetem Fleisch, insbesondere auch von Gefrierfleisch, dauernd zu ermöglichen. Dieselben Junker und Scharfmacher, welche die Aushungerung des Volkes durch ihre Zollwuchcrpolitik verschulden, wollen nun dessen Widerstand brechen, indem sie das ohnehin schon ungenügende Koalitionsrccht völlig erdrosseln. Der Parteitag protestiert gegen diese infame Vergewaltigung der Arbeiter und fordert vielmehr die Ausgestaltung und Sicherung dcr Koalitionsfreiheit. Ter Parteitag erklärt die sofortige Einberufung des Reichs- tages für unerläßlich und fordert die arbeitende Klasse auf, den Kampf gegen das herrschende Ausplünderungssystem auch im Hin- blick auf die Neugestaltung dcr gesamten deutschen Handelspolitik und die gemeinfährliche Untätigkeit der kapitalistischen Klassen- rcgierung gegenüber dem schreienden Notstand der Massen mit aller Wucht fortzuführen.! A. jü.« Die einstimmige und debattelose Annahme dcr vorliegen- den Teucrungsresolution durch den Parteitag wag den herrschen- den Gewalten dartun, daß die Sozialdemokratie im Kampfe gegen die Volksanshnngerung nicht erlahmen wird.> Nach Erledigung des Berichtes der Mandatsprüfungs- kommission durch den Genossen Blum nahm der Parteitag trotz lebhaften Protestes noch den Tagesordnungspunkt„Re- organisation" in Angriff. Genosse Müller befürwortete die neue Vorlage, die die Frucht dcr Arbeit ist, die die Kommission unmittelbar vor dem Parteitag geleistet hat. Die Debatte über diesen wichtigen Gegenstand wird auf morgen vertagt. Damit hatte der Parteitag seine zweite, dcr scnsatio- ncllen Ereignisse ermangelnde, aber desto arbeitsreichere Sitzung erledigt. Diese Erkenntnis sprach auch in der Diskussion aus den Ausführungen dcr Genossen Birkholz- Hamburg und K e r st e n- Peine, die mit dem bisher Geleisteten noch nicht zufrieden sind und eine durchgreifende Arbeit an der Jugend verlangen, vor allem in den kleinen Städten. In diesen auch das Bildungswesen im allgcnlcincn mehr zu fördern, wünschte Genosse D ö n n i ck e« Mühlhausen, dcr auch noch Wünsche über die Parteischule usw. äußerte. Die Genossen H 0 f f in a n n- Elberfeld und Kremser- Frankfurt a. M. legten besonderen Nachdruck auf eine Reform des Bibliothek- Wesens und Schaffung einer besonderen Zeitung für das Bikdungswesen. Die Genossen Liebknecht-Berlin und L i p i n s k i° Leipzig gaben Anregungen über die Bildungs- arbeit an den jungen Leuten von über 18 Jahren. Mit warmen, eindringlichen Worten trat Genossin Demming- Berlin für eine erhöhte Beachi-ung des Kinderschutzes und Schaffung von Kinderschutzkommissionen ein; sie verwies da- bei ans die wertvolle Broschüre der Genossin Zietz über diesen Gegenstand. Auch Genosse L i p i n s k i gab hierzu ebenfalls noch einige Fingerzeige. In zum Teil humorvollen Ausführungen antwortete Genosse Heinrich Schulz auf die Anregungen und kritischen Ausführungen, die ja nur dem lebhaften Wunsche entsprin- gen. die große Erziehungsarbeit unserer Partei immer wirk- sanier zu gestalten. Die Anträge, die eine umfassendere Bekämpfung des Alkohols verlangen, fanden in Genossen D a v i d s 0 h n- Berlin einen von der Güte seiner Argumente überzeugten, aber nicht glücklich plädierenden Anwalt. Genossin Zietz war daher weit glücklicher, als sie zu einer einheitlichen Willenskundgebung gegen den Alkoholmißbrauch aufforderte und gegen alle fanatischen Uebcrtrcibungen und Quertreibe- reieu in der Propaganda gegen den Alkohol temperamentvoll Front machte. Den Uebertreibungen des Genossen David- söhn traten die Genossen P 0 e tz s ch- Berlin und Loebe» Breslau entgegen, die natürlich gleichfalls für eine stärkere Unterstreichung des Leipziger Boykottbeschlusses eintraten, wo- bei in erster Linie an Verstand und Pflichtgefühl der Arbeiter zu appellieren sei» Genosse E b e r t nahm so8ann Las Schlußwort zum Vor- standsbericht. Er stellte zunächst etne Anzahl in der Göp- Pinger Affäre gemachter Behauptungen richtig, wobei die Redaktion der„Bremer Bürgerzeitung" nicht gerade glimpf- lich wegkam, und äußerte sich zu den verschiedenen Anregun- gen und Anträgen. Im Anschluß an eme Anregung des Genossen Tr. L a u f e n b e r g- Hainburg, dem Wahlrechts- kämpfe mehr Zdachdruck zu verleihen, kundigte Genosse Eberl unter allgemeinem Beifall des Parteitages für die allernächste Zeit eine neue und lebhaftere A'k t i o n im p r e u- ßischen Wahlrechtskampfe an. Auch Genosse Braun äußerte sich zu einigen Organisationsanträgen. Stach einer Anzahl persönlicher Bemerkungen, bei denen Genosse Henke- Bremen sich seiner Haut zu wehren suchte, kam es zur Abstimmung über die zahlreichen Anträge, über deren Resultat der ausführliche Bericht Auskunft gibr. Sie vsrkhlSze zum Orpultations- ttatut. Die vom Jenaer Parteitag eingesetzte Organisations- koininission hat in Chemnitz vom 12.— 14. September mehrere Sitzungen abgehalten und ist zu einige» wesentlichen Ab- änderün�en ihrer ursprünglichen Vorschläge gelangt. Danach sollen die§A 1—5 unverändert bleiben, also auch die Be- stintmung über die Beiträge. Jerner schlägt die Kom- nitssion jetzt vor, die Delegation zum Parteitag folgendermaßen vorzunehmen: „Die Delegierten der Partei aus den einzelnen Reichstags- wahllreisen. Die Wahl der Delegierten erfolgt nach Maßgabe der Mitgliederzahl. ES können gewählt werden: In Wahlkreisen bis 1600 Mitglieder ein Delegierter, bis 8000 zwei, bis 6000 drei, bis 12 000 vier und filr jede weiteren 6000 Mitglieder einen Dcle- gierten mehr." Durch diese letztere Bestimmung würde das Stärkeverhält niZ der Organisationen besser zum Ausdruck kommen. Am wesentlichsten ist der neue Vorschlag über den P a r t e i a u s s ch u ß. Er lautet: ß 20. Der ParteiauSschug besteht aus je einem Vertreter der Bezirks- und Landesvorstände. Jeder Bezirks- und Landes vorstand wählt für die Dauer eines Jahres auS seiner Mitte einen Vertreter, für den im BehindcrungSfalle ein Stellvertreter zu entsenden ist. Das Ergebnis der Wahl ist dem Parteivorstand sofort mitzuteilen. Z 21. Der Parteiausschuß berät gemeinsam mit dem Partei vorstand über wichtige, die Gesamlpartei berührende politische Fragen, über die Einrichtung zentraler Parteitnstitutionen, die die Partei finanziell dauernd erheblich belasten, über die Festsetzung der Tagesordnung des Parteitages sowie die Bestellung der Rese reuten und gibt durch Beschluß sein Gutachten ab. ß 22. Regelmäßig alle Vierteljahre und im Bedarfsfälle auch häufiger ist der ParteiauSschnß vom Parteivorstand unter Angabe der Tagesordnung zu einer Sitzung zu beruken. Eine außer- ordentliche Sitzung muß stattfinden, wenn ein Drittel der Bezirks- und LandeSvorstände unter Angabe der Gründe dies beantragt. Weigert sich der Parteivorstand, eine ordnungsmäßig beantragte Sitzung zu berufen, dann kann sie durch die Antragsteller ein- berufen werden. Die Einberufung des Parteiausschusses soll in der Regel mindestens fünf Tage vor den Sitzungstagen erfolgen. Danach würde der Ausschuß nur ein begutachtendes Organ sein; der Parteivorstand allein hat die letzte Ent- scheiduvg und trägt die Veranttvortung. Der Parteiausschutz würde im wesentlichen ähnliche Funktionen haben wie die bis- herigen Bezirkskonferenzcn; er wäre ein die Gesamtheit der Organisationen repräsentierendes Organ, das geeignet wäre, den Borstand über die Stimmung im Lande, wenigstens so- weit sie sich in den Organisationen widerspiegelt, zu unter- richten. Eine Reihe von Bedenken, die gegen den früheren Vorschlag erhoben wurden, kämen damit in Wegfall. Falls der Parteitag dieser Aenderung zustimmt, würde eS sich aber empfehlen, die bisherige Ilebung, zu solchen politisch wichtigen Sitzung� auch einen Vertreter des„Vor- wärtS" und der„Neuen Zeit" zuzuziehen, ausdrücklich zu sanktionieren und ihnen bei den Gutachten mitbeschlietzende Stimme einzuräumen. Die Bestimmungen über die Kontrollkommission bleiben wie im geltenden Statut. Die Bestimmungen über den Ausschluß erfahren nur unwesentliche Aenderungen. vielfach angefeindete Bestimmung, daß die Vertretung Reichstagsfraktion durch ein Drittel ihrer Mitglieder zu folgen habe, wird wieder vorgeschlagen. Die der er- ?ur teucrung. Vertagt? Nach einer Meldung der„Kieler Neuesten Nachrichten" hat der Reichskanzler seine Entscheidung über eventuelle Reichs- maßnahmen gegen die Flcisck'tenerung vertagt. Zuerst will er die Bundesregierungen über die Vorschläge des Neichsamts des Innern befragen. Wenn schon der Kanzler wiederuni Rat einholen muß, so ist es viel wichtiger und dringender, dem Reichstag die immer noch unbekannten Vorschläge der Konferenz im Reichsamt des Innern zu unterbreiten. Auch die breite Ocffentlichkeit hat ein dringendes Interesse daran, diese Vorschläge sofort kennen zu lernen. Wie lange Zeit will der Kanzler noch die Darbenden weiter hungern lassen, bis er auch nur geruht, seine Anschauungen und Ab- sichten knnd zu tun und den Vertretern des Volkes Gelegen- heit zu geben, den Willen des Volkes gegenüber der Regierung durchzusetzen? Oder will er nur neuen Zündstoff für unsere Agitation sammeln, den Unwillen der Massen über die eigene Unfähigkeit anschwellen lassen, damit er sich vor den Junkern als der wider Willen Geschobene entschuldigen kann? Ueber die Ursachen der Fleischtenernng darf nicht gesprochen werden. Dieser Grundsatz wird im Stadtparlameut in Osterode proklamiert. Die Stadt liegt in der Domäne des Reichstags- abgeordneten Rehbel, der auf dem Gebiete der Schuapsproduklion als Autorität gilt. Der einzige Sozialdemokrat, der in dieser Sladtverordneteiiversammluug fitzt, wollte bei der Erörterung über eine Eingabe wegen der Fleischteuerung die Ursachen dieser Teuerung schildern ubd dabei auch auf die Schutzzölle eingehen, '' doch da schwang der Stadtveroednetenvorsteher seine Glocke und unterbrach den Referenten mit dem Bemerken, er würde ihn über die Wirtschaftspolitik und über die Zölle nicht sprechen lassen, denn das sei eine politische Rede. Als der Redner erklärte, daß die Fleischtnierung mit der Wirtschaftspolitik und den Zöllen in Zusammenhang stehe, und daß er gerade auf die Ursachen ein- gehen müsse, um deren Beseitigung empfehlen zu können, wollte das dem Herrn Vorsteher nicht einleuchten. Schließlich erkannte selbst die Stadtverordnetenversammlung die Fleischteuerung an und beschloß, eine Eingabe an die Staatsregierung zu richten. Flcischpreise in Bade» und in der Schweiz. Wie wenig stichhaltig das GesÄrei der Agrarier und der ihnen gesiimungSverwandteu Zentrumspresse ist. daß die Teuerung inter- national sei, beweist folgende Gegenüberstellung der Preise der Metzgeriiiiiung in Freiburg i. B. und der Preisliste des allgemeinen Konsumvereins in Baicl, der eine der größten Fleischereien Basels unterhält. Es kostete pro Pfund: Ochsenflcisch mit Beilage... ohne Bein... Nierstück mit Beilage.... „ ohne Bein..... Lmnmel int ganzen Mit Beilage ohne Bein..... Kalbfleisch mit Beilage... „ Schlegel und Koteletts mit Beilage... „ Ragout...... „ ohne Bein..... 160 .„ Schnitzel...... Schweinefleisch mit Beilage.. , Kotelett und Braten mit Beilage... . ohne Bein.... . mit Speck.... Hammelfleisch mit Beilage.. „ ohne Beilage.. „ Hammelbrust.. Geräuchertes Schweinefleisch. in Freibnrg 100 Pf. 130„ HO„ 140—160„ 120„ 180-200„ 100. 100 95 -180 200 95 in Basel 76—96 Pf. 76—100„ 96. 118„ 144„ 156„ I. Oual. 85-155„ II. Oual. 70-120„ 06„ 105„ 96„ 140„ 120„ 90„ 92„ 95„ 88„ 120„• 96„ 70„ 64.„ 120-140„ 110—125„ Dabei hatte der Baseler Konsumverein kurz vorber bekannt gegeben, daß er das Rind- und Schweinefleisch um 6 Cents erhöht habe.die Gencralstaaten in eigener Person zu eröffnen, und man brachte diesen Vcr- zicht in Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Kundgebung, von der man Ruhestörungen befürchtete. Diesmal hatte nun der Bürgermeister die Veranstaltung des Umzuges verboten. Die Sozialdemokratie hatte sich daraufhin ein großes in Privatbesitz befindliches Terrain für eine Massenversammlung gesichert. Die Kund- gebung, in der zu dieser Massenversammlung eingeladen wurde, fügte jedoch hinzu, wenn man von einem förmlichen Umzug abschen müsse, weil man sonst in Konflikt mit den Behörden und ihren Organen gerate, so sei doch niemand gehindert, auf andere legale Weise zu demonstrieren. Die öffentlichen Straßen seien frei auch am Tage der Kammercröffnung, und die Sozialdemokratie werde von dieser Freiheit Gebrauch machen, sobald der könig- liche Zug vorüber sei. Haag, 17. September.(W. T. B.) Bei den heutigen Zusammenstößen mit der Polizei wurden einige Per- sonen leicht verletzt. Eine Verhaftung wegen ver» botenen Waffentragens wurde vorgenommen. Als die Main- festanten auf dem Platze, wo sich die Ministerien befinden, auf die polizeiliche Absperrung stießen, forderte der Führer der Sozialisten. T r 0 e l st r a, seine Anhänger auf. auscin- anderzugehen: darauf löste sich die Menge in kleine Gruppen auf.— Die Sitzungen der beiden Kammern fanden ohne Zwischenfall statt. Die sozialistischen Deputierten erschienen nicht, weil sie sich unter den Manifestanten befanden. Die Demonstration. Haag, 17. September. Die feierliche Eröffnung der Kammern fand nach dem üblichen Zeremoniell statt. Der königliche Zug bewegte sich durch die Straßen, wo sich eine ungeheure Menschenmenge versammelt hatte, die die Königin und den Priuzregenten lebhaft begrüßte. Nicht der geringste Zwischenfall ereignete sich. Mittlerweile hatten sich die Sozialisten zu ihrer geplanten Kundgebung auf der ge» mieteten Nennbahn, die etwa eine Stunde vom Zentrum der Stadt entfernt ist, in einer Anzahl von etwa 20 000 Per- sonen versammelt. Die Versammlungsredner sprachen für das allgemeine Stimmrecht und tadelten den Bürger» meistcr, der den Zug durch die Stadt verboten hatte. Nach der Versammlung, als die Königin bereits in das Schloß Soestdyk zurückgekehrt war, bildeten die Ver- sammlungsteilnchmer große Gruppen, die versuchten. sich an den Zugängen zum Parlamentsgebäude aufzustellen. Die Polizetmannschaften, die durch Gendarmerie verstärkt worden waren, bildeten eine Kette und zwangen so die De- monstrantcn zum Weitergehen. Nichtsdestoweniger versuchten verschiedene Trupps auf dem Platze, wo sich die meisten Ministerien befinden, die Absperrung zu durch- brechen. Die Beamten mußten einige Male blank ziehen. Die Demonstranten sammelten sich dann von neuem, sangen sozialdemokrattsche Lieder und verhöhnten die Polizei, bis diese, durch berittene Gendarmen verstärkt, sich entschloß, den Platz zu säubern. Cürhcl Annahme der Friedenspräliminarien. Wien, 17. September. Der„Neuen Fr. Pr." wird»«-».>»« SoÄsIÄemoKi'atilcher k'atteitag. Chemnitz, VJ. September. Zweiter Tag. Noske eröffnet die Sitzung und bittet den Parteitag um eine Ermächtigung. Die holländischen Parteigenossen führen seil langer Zeit einen außerordentlich lebhaften Kampf um die Er» ringung des allgemeinen, gleichen und geheimen direkten Wahlrechts. Zum Zwecks einer besonders wirksamen Demonstration für ihre Wahlrechtsforderungen veranstalten heute die holländischen Partei- genossen im Haag einen sogenannten roten Dienstag, um dort für ihre Wahlrechtsforderungen vor dem Parlamentsgebäude zu demonstrieren. Es ist ganz selbstverständlich, daß die deutsche sozialdemokratische Arbeiterschaft auch den Wahlrechtskampf der holländischen Genossen mit ihren allerlebhaftesten Sympathien begleitet. DaS Bureau ersucht Sie daher um die Zustimmung, daß wir telegraphisch den holländischen Genossen, die heute aus allen Teilen'des Landes im Haag zusammengeströmt sind, um zu demonstrieren, die Sympathien des Parteitages aus- sprechen und daß wir ihnen besten Erfolg in ihrem Wahlrechtskampfe wünschen. sLebhafter Beifall.) Der Parteitag stimmt dem Vorschlage einmütig zu. Auf Vorschlag des Lokalkomitees wird beschlossen, am Donners- tag die Verhandlungen auszusetzen und einen Ausflug nach dem Fichtelberge zu unternehmen. Neu eingegangen ist folgende Resolution 194 Gottschalk- Königsberg: „In besonderer Berücksichtigung der neuesten, unter dem Trugwort„Abschaffung der Liebesgabe" erfolgten Mehrbelastung zugunsten des Militarismus und der Schnapsproduzenten bringt der Parteitag den von den drei letzten Parteitagen beschlossenen Bramitweinboykott in eindringliche Erinnerung. Der Parteitag stellt fest, daß die bisherige Durchführung des Boykotts eine er- hebliche Verminderung des Branntweinver- b r a u ch s zur Folge gehabt hat, die im Interesse der Volks- gesundheit, der Kampffähigkeit des Proletariats und der Schwächung seiner bösartigsten Feinde freudig zu begrüßen ist. Er erwartet jedoch für die Folge eine noch gewissenhaftere Durch- führung des Parteitagsbeschlusses". Dann wird in der Diskussion fortgefahren. Giebel-Berlin: Der„Wahre Jacob" sollte in Zukunft nicht mehr im losen Zustand erscheinen, sondern geheftet, sonst wird das Blatt aus- einandergerissen. Ich empfehle besonders die Anträge 3— 7, es handelt sich da um die Frage der Agitation unter der Millionen- köpfigen Schar der Angestellten. Die Frage der Gewinnung der Kopfarbeiterschichten muß in den Vordergrund gestellt werden. Wenn die Frage zur Voraussetzung unseres endgültigen Sieges ge- hört, wie KautSky in einem Artikel im Februar aussprach, so hat die Partei die Pflicht, sich dieser Aufgabe mit bester Kraft zuzuwenden. Dann wäre es falsch, wenn wir warten würden. bis durch die liberale Schwäche die Privatangestellten uns zu- getrieben würden, weil natürlich gerade die bürgerlichen Parteien und mit ihnen im Bunde die Regierungen alles daransetzen werden. das Abströmen dieses sogenannten neuen Mittelstandes zu den Bataillonen der Handarbeiterschafl zu hintertreibe«, wird die Ge winnung dieser Schichten die ganze Kraft unserer Organisation und unicrer Funktionäre beanspruchen. Für die bürgerlichen Parteien und die Regierungen sprechen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch erhebliche politische Gründe mit, wenn sie die Vereinigung der Massen der Hand- und Kopfarbeiter nach Möglichkeit zu verhindern suchen. Die Scharen der Privntangestellten im Reiche stellen heute bereits 1>/�— IV, Proz. der Reichstagswähler, diese Privatangestellten sind nicht über das ganze Reich zerstreut, sondern konzentrieren sich vornehmlich in den Großstädten und Industriezentren. Nicht ohne Grund kalkulieren die bürgerlichen Parteien, daß gerade diese Kopf- arbeiterschichten in vielen Fällen zwischen den Kandidaten der Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien den Ausschlag geben werden. Die Angcstclllenversicherung ist von den bürgerlichen Parteien nicht aus Anerkennung der sozialen Notwendigkeit, sondern aus loahltaktischen und parteipolitischen Erwägungen heraus ge- schaffen worden. Bei der ganzen Entwickelung, die die Wirtschaft- lichen Verhältnisse der Privatangestellten genommen haben und nehmen, finden wir eine durchaus günstige Voraussetzung für unsere Agitation. Da haben wir wirksame Bundesgenossen, uni die Privatangestellten mit sozialistischem Geiste zu erfüllen. Wir müssen uns klar werden, was wir unter dieser Gruppe zu verstehen haben. Ich fasse nicht ein die große Schicht der sogenannten freien Berufe, der Schriftsteller. Aerzte und Rechtsanwälte. Das sind Berufe, die auf anderer sozialer Basis stehen: ihre Angehörigen kommen mehr aus Gründen zu uns. die auf individuellem Gebiete liegen. Aber die Angestellten in den Bureaus, Kontoren und Verkaufsstelle» gilt es zu disziplinierten Mitkämpfern in unseren Reihen zu machen. Zeitlebens ist der Privatangestellte heute gezwungen, m einem abhängigen Verhältnis sich seine Existenzmittel zu erwerben. Auch die Kopfarbeiter werden, wie die gesamte Arbeiterschaft in ihrer Lebenshaltung herabgedrückl, aber nicht nur daS, auch die Gehalts- Verhältnisse sind außerordentlich niedrig. Rund 50 Proz. aller Privatangestellten haben weniger als 2000 M. im Jahre, wir haben ganze Berufe, wo dieses Einkommen sogar für 90 Proz. aller Berufs- angehörlgen gilt. Für den Grad der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Angestellten sind die von der Parteipresse häufig genug be- sprochcncn Eheverbote sowie die Bestrebungen, ältere Angestellte zu entlassen, durchaus charakteristisch. Wie die Industriearbeiter begreifen auch die Privatangestellten instinktiv aber nur langsam die Talsache, daß Parteien, die kapitalistische Interessen vertreten, nicht imstande sind, auch die Interessen der Gehaltsempfänger zu vertreten. Es ist kein Zufall, daß noch ziemlich große Kreise der Angestellten konservativen Parteien und dem antisemitischen Flügel angehören. Die Koitservativen beschästigen wenig Privatangestellte, mindestens lange nicht in dem Maße wie die Industrie, sie gestatten sich daher den Luxus, bin und wieder für die sozialpolitischen Interessen der Privatangestellten einzutreten. Das verwirrt manchenAngcstelllen. Man � wird einwenden können, daß wir unsere Agitation nicht so spezialisieren können aber es ist notwendig, die besonderen Verhältnisse der Ange- fteflteu' zu berücksichtigen, namentlich möchte ich unsere Parteipresse bitten die Angcstelltenfragen möglichst eingehend zu behandeln, nicht nur Nachrichten und Vorgänge aus der Angestelllenbewegung sollten gebrach! werden, sondern auch eine kritische Stellungnahme dazu ist erforderlich Ferner sollte der Parteivorsland Jnformationsmatcrial auch über die Angestelltenbewegung an die Funktionäre gelangen lassen. tch erinnere daran, daß unsere Fraktionen im Reichstage und in den . andlagen in sehr fleißiger Arbeit für die Angestellten tätig gewesen sind. sBraiio!) Weshalb sind wir nicht hinausgegangen, um den Leuten bekannt zu machen, welche unendliche Tätigkeit in ihrem Sinne geleistet ivorden ist � Wenn eS sich auf kommunalpolitifchem Gebiete un, die Durchsetzung einer Forderung der Privatangestellten handelt, dann werden nicht die bürgerlichen Angestelllenvertreter angegangen, sondern unsere Parteigenossen. Aber die Angestellten wagen leider nicht, dieses Vertrauen auch in der Oeffentlichkeit zu bekennen. (Sehr richtig.) Dabei haben sie oft genug offen zuzugeben, daß eö nutzlos ist, sich an die bürgerlichen Vertreter zu wenden, weil das Arbeitgebervertreter sind. Ich bin fest überzeugt, daß durch eine spezialisierte Werbearbeit wir genügend Köpfe und Hände aus dem Privatangestelltenstande erobern werden. Sorgen Sie dafür, daß durch unsere Tätigkeit die Angestellten herausgeführt werden aus dem bürgerlichen Sumpf auf die lichten Höhen des Sozialismus. (Beifall.) Dr. Laufenberg-Hamburg: Auch von Hamburg sind eine Reihe von Anträgen in bezug auf die Privatangestellten gestellt. Ich erkläre mich in dieser Hinsicht mit den Ausführungen Giebels einverstanden. Im übrigen habe ich zum Vorstandsbericht zwei Wünsche vorzubringen. Ich bin der Meinung, daß wir auch auf dem allgemeinen Parteitage zu einer Erörterung der Wahlrechtsfrage in den Einzel- staaten kommen müssen. Es ist begreiflich, daß die Wahlrechts- frage vorwiegend unter dem preußischen Gesichtswinkel betrachtet wird, aber in allen Bundesstaaten, namentlich in Norddeutschland, ist sie nicht minder dringend. Die preußische Wahlrechtsfrage ist eine eminente Reichsfrage, schon deshalb werden wir nicht daran vorbeikommen, auch auf dem allgemeinen Parteitag zur preußischen Wahlrechtsfrage Stellung nehmen' zu müssen. Der zweite Wunsch betrifft die Stellungnahme zu den chri st lichen Organi- s a t i o n e n. Der langjährige Kampf, der sich zwischen der Berliner und Kölner Richtung im Zentrum abspielt, ist ihnen allen bekannt. Auf die dogmatische Grundlage dieses Kampfes will ich hier nicht eingehen, nur darauf will ich aufmerksam machen, daß schon seit langem die Entwickelung des dogmatischen Lehrgebäudes des Zentrums abgeschlossen ist und zwar in einem durchaus kapitalistischen Sinne durch die Tätigkeit, die vor allem der verstorbene P a p st Leo XHl. entwickelte. Nicht nur gegen die sozialistische Weltanschauung als solche richtet sich dieser Abschluß, sondern in hervor- ragendem Matze auch gegen die moderne Gewerkschafts- beweg ung, die Tätigkeit der Gewerkschaften auf dem Gebiete des Streiks. Durch den letzten Bergarbeiterstreik ist in der Entwickelung der christlichen Gewerkschaften offenbar ein Wendepunkt ein- getreten. Nach der Stellungnahme Pius' X. haben die christlichen Gewerkschaften keine andere Wahl, als daß sie sich in allen ent- scheidenden politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen als Gegner der fozialdemokratischen Organisationen betätigen müssen. Darum ist von unserer Seite notwendig, gerade über die dogmatische Entwickelung im Zentrum mehr Aufklärung zu verbreiten. Ich glaube, es ist notwendig, daß der Parteivorstand sich mit der Frage befaßt, in welcher Weise diese Aufklärung speziell vom theoretischen Gesichtspunkt aus in die Wege zu leiten ist. Schon jetzt möchte ich einige Bemerkungen über die Jugendbewegung machen. Die Ausgaben unserer Zentral- stelle betragen 8612 M. gegen 14 507 M. im Vorjahre. Es ist richtig, daß sich der Zuschuß für die„Arbeiterjugend" von 9983 M. im Vorjahre auf 487 M. im Berichtsjahre vermindert hat. Ich bitte zu berücksichtigen, daß die Hamburger Organisation im letzten Jahre 7000 M. ausgab und daß wir beschlossen, im kommenden Jahre weitere 12 000 M. aufzuwenden, die ganz wesentlich der Jugendorganisation zugute kommen werden. Sie werden zugeben, daß hier zwischen den Ausgaben bei den einzelnen Organisationen und den Ausgaben der Zentralstelle ein arges Mißverhältnis besteht. Es ist doch nicht angängig, daß ein einzelner Parteiort für sein engeres Agitationsgebiet das Doppelte aufwendet, wie die Zentral- stelle für das Gefamtbereich. Wenn wir eine wirklich gedeihliche Entwickelung unserer Jugendorganisationen herbeiführen wollen, dann bedarf es dazu vor allem der Mittel. Ich hoffe, Braun wird mir dieses Wort nicht allzusehr verübeln. Dr. Rosenfcld-Berlin: Ich habe den Antrag der Genossen aus Schwarzburg-Sonders- hausen zu begründen, den Frauentag in Zukunft schon im März stattfinden zu lassen. Wir wollen den Frauentag, der eine imposante Kund- aebung der sozialdemokratischen Frauen war, nicht beseitigen, sondern im Gegenteil ihm noch zu größerer Bedeutung verhelfen, aber dazu ist es notwendig, wenigstens ungefähr den Zeitraum festzulegen, in welchem alljährlich der Frauentag veranstaltet werden soll. Den Monat Mai halten wir hierfür nicht für geeignet, da wir alles tun müssen, um der Maifeier zu größerer Bedeutung zu verhelfen, es wäre unpraktisch, in einem Monat zwei Demonstrationen zu veranstalten. Ich bitte Sie, unseren Antrag dem Parteivorstand zu überweisen, der schon wissen wird, wie er ihm zur Durchführung ver- helfen kann. Biniskicwicz-Posen: Der Antrag 135 aus Berlin will die„Gazeta- Robowicza" weiter subventioniert wissen. Auf dem Parteitag in Halle ist, wie Sie wohl alle wissen, das Blair ins Leben gerufen worden, selbst- verständlich mit materieller Hilfe der deutschen Sozialdemokratie. Damals erschien es einmal in der Woche, 1903 kam die Partei zu der Ueberzeugung, daß da? Blatt nicht weiter subventioniert werden dürfe, aber die polnischen Genossen sagten sich, daß man es nicht fallen lassen kann. Sie gaben das Blatt zweimal wöchentlich heraus und verlegten die Redaktion nach Oberschlesien. Fast kein deutsches Blatt in einem so kleinen Umfange hat soviel Opfer an Gut und Blut ge- kostet, wie die„Gazeta-Robotnicza". Sie werden deshalb begreifen, daß die polnischen Genossen nicht ohne weiteres auf das Blatt verzichten können. 1906 beschloß die Gesamtpartei, das Blatt weiter auszubauen, seitdem erscheint es dreimal wöchentlich iu vergrößertem Umfange. Es hat sich, wenn auch langsam, entwickelt(Ebcrt: 100 Abonnenten habt Ihr mehr!), ich will die Zahl nicht nennen(Ebert: dann werden wir sie nennen)� Ich kann beweisen, daß das Blatt sich bis 1909 gut entwickelte, und daß erst 1909, als Verhältnisse eintraten, die die Partei schädigten, ein Rückgang erfolgte. Im letzten Jahre verlangte der Parteivorstand die Verwandlung der Zeitung in ein Wochenblatt, da er die bisherigen Zuschüsse nicht weiter- geben könne. Meiner Meinung nach können die deutschen Genossen nicht damit einverstanden sein, daß eine jahrzehnte- lange Arbeit vernichtet wird. Wir wollen alles aufbieten, um daS Blatt in eine Tageszeitung zu verwandeln. Ob es uns ge- lingen wird, kann ich nicht sagen, jedenfalls wollen wir es versuchen und alles daransetzen, um daS Ziel zu erreichen. Zur Reichstags- wähl sind Hunderttausende von polnischen Flugblättern gebraucht worden, um die polnischen Arbeiter zu bewegen, für die Sozialdemokratie zu stimmen. Selbst aus thüringischen und nieder- schlesischen Wahlkreisen wurden polnische Flugblätter verlangt. Sind die deutschen Genossen der Meinung, daß man zu den Reichstagswahlen polnische Flugblätter gebraucht, dann sollten sie konsequenterweise auch sür das polnische Blatt agitieren, man sollte die Arbeiter nicht im letzten Moment zu gewinnen suchen. Wenn sie daS polnische Blatt ebenso betrachten wie eine deutsche Parteizeilung, dann werden Sie uns zu Hunderten und taufenden Abonnenten verhelfen können. Die preußische Regierung erschwert die Agitation unter den polnischen Arbeitern immer mehr, der Kreis Zabrze ist jetzt als deutscher Kreis erklärt worden. Wir können dort keine polnischen Versammlungen mehr abhalten. Auch die Gewerk- fchaften haben ein Interesse an dem Ausbau deS polnischen Blattes. Die nationalpolnische Gewerkschaftsbewegung entwickelt sich io, daß die Gewerkschaften allen Grund haben, sich vamit näher zu befassen. (Sehr richtig!> Selbst in deutschen Städten wie Stuttgart, Leipzig, Bremen, Hainburg entstehen fortwährend neue Zahlstellen der polnischen Berufsvereine. Wollen wir das vermeiden, dann müssen wir der nationalistischen polnischen Presse eine polnische Tages- zeitung entgegenstellen, die so wie bisher unterstützt werden muß. Ring- Offenbach: Der Geschäftsbericht beweist, daß die Entwickelung der Partei eine geftinde ist.' Mit der Tätigkeit des Parteivorstandes können wir in jeder Richtung zufrieden fein, man beschwert sich beinahe, daß zu viel Anregungen gegeben werden. In der„Parteikorrespondenz" sind wiederholt lange stenographische Auszüge nur aus den Ver- Handlungen des Reichstages und des Preußischen Landtages er« schienen. In der Agitation können wir damit wenig oder gar nichts anfangen. Ich möchte, ohne der Redaktion der„Partei- korrespondenz" nahezutreten, den Wunsch aussprechen, daß solche Auszüge nicht mehr erscheinen. Leider hat der vorige Parteitag einen Antrag auf Herabsetzung des Abonnentspreises der„Kommunalen Praxis" abgelehnt, zum Nach- teil unserer kommunalpolitischen Bewegung und der kommunalen Praxis selbst. Die„Kommunale Praxis" hat einen ausgezeichneten Inhalt und man kann es nur bedauern, daß der größte Teil unserer Gemeindevertreter wegen des hohen Preises nicht abonnieren kann. Obwohl der Zuschuß der Partei im letzten Jahre 1100 Mark betrug, möchte ich den Parteivorstand doch um Prüfung bitten, ob ob es nicht möglich ist, den Abonnementspreis herabzusetzen. Auch bei uns in Hessen hat der diesjährige Frauentag im Mai Fiasko gemacht, der Monat März eignet sich für solche Demon- strationen viel besser. Auch dem Antrag auf Einberufung einer Konferenz der Kreissekretäre bitte ich zuzustimmen. Ebenso not- wendig wie die Sitzungen der Bezirkssekretäre ist es, daß einmal eine Konferenz der Kreissekreläre stattfindet. Nun noch eine Angelegenheit, die speziell unseren Kreis angeht. Die Genossen unseres Kreises sind vor etwa 14 Tagen mit der Nach« richt überrascht worden, daß Ulrich, das geistige Haupt der hessischen Sozialdemokratie, der Kreisleitung in einem Schreiben seine vier Mandate zur Verfügung gestellt hat. Er glaubte, auf Grund von Vorgängen, über die er falsch unterrichtet war, zu diesem Schritt gezwungen zu sein. Ich kann mitteilen, daß unsere Kreisleitung einstimmig erklärt hat, daß für Ulrich weder sachlich noch persönlich ein Grund vorliegt, der Partei seine Mandate zur Verfügung zu stellen. Wir haben einmütig den» Wunsche Ausdruck gegeben, daß Ulrich an seinem Platze bleibt. Ich hoffe, daß durch diese Erklärung die Angelegenheit für alle Beteiligten erledigt ist. Schubarth-Köln begründet den Antrag 98.*) Wir haben wohl nach außen hin eine außerordentliche Ausbreitung der Partei zu verzeichnen, aber im inneren Parteileben bleibt noch manches zu wünschen übrig. Ich bestreite nicht, daß genug Literatur vorhanden ist, aber die Literatur ist zu groß und wer heute nicht eine einigermaßen gute Volksschul- bildung hat. findet sich darin nicht mehr zurecht. Ich bitte Sie, dem Antrage zuzustimmen, er wird der Partei zum Vorteil ge- reichen. Runge-Köln begründet den Antrag 11 auf Einberufung einer Konferenz der Kreissekretäre. Auf einer solchen sollten wir uns über die Schaffung von einheitlichem Material, über bestimmte organifatorifche Fragen und Fragen der Kleinagitation unterhalten können. Die einzelnen Organisationsstatute' und Freistatutc zeigen große Abweichungen des einen von dem anderen. Das bedingt eine Unklarheit in einer ganzen Reihe von Fragen. Ein Gedankenaustausch in der ganzen Partei ist erforderlich. So haben die Berliner Genossen, die jetzt allerhand Vorschläge über den Ausbau ihrer Parteiorganisation im „Vorwärts" erörtern, jetzt nur die Möglichkeit, sich darauf zu be« rufen, daß da und dort jene Einrichtungen bestehen, aber die Er- fahrurigen, die man damit gemacht hat, kennen sie nicht. Unseren Organisationen gehen viele Mitglieder im Lause eines Jahres ver- lorcn. Es muß untersucht werden, die von einem Ort zum andern ziehenden Mitglieder sofort der anderen Organisation zu überweisen. I Unserm Antrag liegt auch der Zweck zugrunde, zu einer Einheit- lichkeit des Verwaltungsmaterials zu kommen. Vor einigen Jahren hat der Parteivorstand eine Materialsammlung vorgenommen. Sie sollte zu einer Ausstellung benutzt werden, aber wir haben bis heute nichts mehr davon gehört und ich weiß nicht, zu welchem Ergebnis der Vorstand gekommen ist. Gerade in bezug auf das Verwaltungs- Material herrscht die größte Verschiedenartigkeit, sodaß es nicht immer möglich ist, sich aus den Abrechnungen ein genaues Bild zu verschaffen. Gerade die Praktiker in unseren Reihen werden auf möglichste Vereinfachung des Verwaltungsmaterials drängen, das unter allen Umständen einheitlich geregelt werden kann. Von einer Konferenz der Kreissekretäre, an der auch die Bezirksselretäre teil- nehmen können, verspreche ich mir wesentliche Vorteile für unsere Klcinagitation. Vielleicht empfiehlt sich auch die allgemeine Ein- führung eines Mitteilungsblattes, ähnlich wie die Berliner eins haben. Gcschäftsordilungsdebatte„ Noske verliest solgende soeben von Liebknecht und L c d c- bour eingereichte Resolution zum Fall Göppingen: „Der Parteitag spricht dem Parteivorstand für sein Vor- gehen in der Göppinger Angelegenheit die volle Billigung aus. Er erwartet, daß alle beteiligten Genossen ernstlich bestrebt sein werden, die Bemühungen des Parteivorstandcs zur endlichen Beseitigung des unerfreulichen Zustandes nach besten Kräften zu unterstützen. Er erwartet weiter, daß die Parteigenossen bei Neu- gründungen den in Betracht kommenden Beschlutz des Münchener Parteitages sorgfältig beachten werden." Eine Abstimmung über diese neue Resolution wäre nur dann möglich, wenn der Parteitag damit einverstanden wäre. Ich werde darüber abstimmen lassen. Keil-Stuttgart: Wenn neue Resolutionen zur Entscheidung gebracht werden sollen, so wird es notivendig sein, die Debatte über die ganze Affäre wieder zu eröffnen.(Unruhe.) Ich beantrage das nicht, aber wenn wir das vermeiden wollen, so können wir nur über die gestrige Resolution Auer, die zur Debatte gestanden hat, abstimmen und nicht über die zweite, die nicht diskutiert ist. Gottschalk-Königsbcrg: Auch die Resolution Auer lag gestern noch nicht im Druck vor, das ist erst heute der Fall. Um einen über- eilten Beschluß zu vermeiden, beantrage ich über beide Resolutionen die Debatte zu gestatten. Lipinski-Leipzig: Solange die Angelegenheit nicht durch das Schlußwort abgeschlossen ist, muß die Möglrchkeit zur Einbringung einer neuen Resolution vorhanden sein. Ueber sie muß auch abge- stimmt werden, ohne daß erst der Parteitag es beschließt. Vors. Noske: Wir halten es für zweifelhaft, ob Lininskis An- ficht richtig ist, und lMen es deshalb für besser gehalten, die Ent- scheidung des Parteitages herbeizuführen. Aucr-München: Gestern wurde vom Parteitag beschlossen, die Erörterung der Göppinger Angelegenhut zu schließen(Widerspruch). Es wurde der Schluß der Debatte beschlossen. Es lagen zwei An- träge vor, von denen der eine nicht genügend unterstützt wurde, während der andere als ausreichend unterstützt galt. Es lag die Möglichkeit vor, diesen Antrag zu begründen und auch zu be- kämpfen. Es wurde aoer Schluß der Debatte gemaa». ES ist zweifellos richtig, daß jeder Genosse nun einen neuen Antrag oder eine Resolution einbringen kann, aber es mutz auch die Möglichkeit der Begründung und Gcgenäußerung gegeben sein. Die Debatte *) 98. Köln. Der Parteitag beauftragt den Parteivorstand, in Verbindung mit dem Zentralbildungsausschuß ein der Reihenfolge nach geordnetes Verzeichnis von Büchern herauszugeben, die eine planmäßige Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus ermöglichen. muß also wieder eröffnet werden, das wäre korrekt.(Lebhafte Zustimmung.) Und wenn so vorgegangen wird, dann ist alles in Ordnung, aber es geht nicht an, nach Schluß der Debatte einen Antrag einzubringen, ohne daß über ihn debattiert werden kann. Wenn die Antragsteller auf ihrem Antrage bestehen, bitte ich, über ihr Begehren abzustimmen. Ledeboun Unter der Vor Auer soeben dargelegten Voraus- setzung könne?, wir uns, glaube ich, alle auf die Wiedereröffnung der Debatte einigen.(Zustimiwung, aber auch Rufe gegen eine neue Debatte.) Ebert(vo« Parteivorstand): Ich möchte bitten, die Wieder- eröffnung der Debatte über die Göppingcr Angelegenheit, nur der Resolution wegen, abzulehnen. /Sehr richtig!) Und zwar des- halb, weil ich bereits vom Partcivorstand beauftragt bin, im Schlußwort zu erklären, daß in dieser Angelegenheit eine be- sondere Vcrirauensresolution nicht erforderlich ist.(Bravo I> Der Parteitag hat bei der Dechargeerteilung sich über unsere Tätigkeit zu äußern.(Sehr gut!) Die Göppinger Affäre ist nur ein Teil unserer Tätigkeit, und wer in dieser Angelegenheit nicht mit unserem Vorgehen übereinstimmt, kann gegen die Dccharge- Erteilung stimmen.(Sehr richtig!) Damit kommt die Meinung des Parteitages klar zum Ausdruck und alles weitere ist über- flüssig.(Sehr richtig!) Liebknecht-Berlin: Der Weg, den Ebert uns soeben vorgc- schlagen hat, ist nach meiner Ansicht der allerrichtigste. In dem Augenblick, wo die Antragsteller der ersten Resolution sich auf den Boden des Ebertschen Vorschlages stellen, wird natürlich auch unsere Resolution ganz überflüssig. Wir sind also selbstverständ- lich bereit, unsere Resolution zurückzuziehen, sofern durch den Zurückzug der anderen Resolution die Sache im Sinne des Ge- nosscn Ebert endgültig erledigt ist. Für den Fall, daß die An- tragstcller die Resolution nicht zurückziehen, würde es ja für uns bedauerlich sein, wenn wir notwendig hätten, in der Erörterung fortzufahren.(Lebhafte Zustimmung.) Dr. Frank-Mannheim: Das Bedürfnis, auf dem Parteitag möglichst dafür zu sorgen, daß einmütige Entschließungen zustande- kommen, besteht auf allen Seiten des Parteitage». Ebert hat er- klärt, daß der Parteivorstand kein Bedürfnis nach einem befände- ren Vertrauensvotum in der Göppingcr Sache habe, und daß die Dechargeabstimmung die Gelegenheit gäbe, die Meinung über die Gesamttätigkeit des Vorstandes zum Ausdruck zu bringen. Aber es handelt sich noch um die Frage, ob der Parteitag nicht Anlaß Hat, einen Jllngriff gegen die Ehre der ganzen Partei zurückzu- weisen.(Sehr richtig!) Es handelt sich darum, ob der Partei der Vorwurf gemacht werden darf, daß Parteiinstanzen durch wucherische Mittel auf die Gesinnung der Genossen einzuwirken versucht hätten.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn der Parteitag der Meinung ist und sie vielleicht auch durch den Aorstand zum Ausdruck bringen lassen will, daß dieser Vorwurf, der gegen alle Instanzen— gegen den Landesvorstand von Württemberg(Aha!- Rufe, Gegenrufe: Sehr wahr!) noch gestern— erhoben wurde, eine schwere Ehrlosigkeit behauptet und ihn entsprechend zurückweist, dann haben auch wir kein weiteres Interesse an einer Beschluß- fassung.(Zustimmung.) Liebknecht-Berlin: Da? einmütige FriedcnSvotum, das Frank als den Wunsch der Unterzeichner des Antrages hinge- stellt hat, wird meiner Ansicht nach nicht voll erzielt werden können, wenn in einer Angelegenheit vom Parteitag positiv Stellung genommen werden soll, über die der Parteitag in allen Einzelheiten kaum genügend unterrichtet sein kann.(Sehr rich- tig!) Ich verweise darauf, daS wir alsbald den Fall Hildebrandt zu erörtern haben, wo die Frage, ob das entscheidende Votum auf genügender vorheriger Information beruht, vielleicht in den Mittel- Punkt der Debatte gestellt werden wird. Es empfiehlt sich also, keine Präzedenz zu schaffen. Der Parteitag hat die Ucbcrweisung der Angelegenheit an eine Kommission abgelehnt und damit zum Ausdruck, daß er sich nicht für zuständig halte(Lebhafter Wider- spruchV oder keine Neigung habe, in dieser Angelegenheit weiter hineinzusteigen. Ich meine, wir tun gut daran, eine positive Stellung zur Erledigung des Göppinger Konflikts in dem Sinn zu nehmen, daß wir, wie das in der von uns eingebrachten Reso- lution geschieht, die Erwartung und das Verlangen des Parteitages zum Ausdruck bringen, daß alle an diesen Dingen beteiligten Parteigenossen mit aller Kraft dahin wirken, das nützliche Vor- gehen des Parteivorstandes nach Kräften zu unterstützen. Wir kommen damit� am besten zu einem positiven Resultat, daß wir nicht einen Beschluß fassen, der einen wahnwitzigen Vorwurf, der gegen die Partei von irgendeinem unverantwortlichen Menschen erhoben wurde, in demonstrativer Weise zurückweist.(Lebhaftes Hört! hört! und Zurufe:„Leipziger Volkszcitung"!) Hat unsere Partei denn wirklich nötig, sich und ihre Interessen zu verteidigen gegen den Vorwurf des Gebrauchs wucherischer Mittel zur Beein- flussung der Gesinnung der Parteigenossen? Stehen wir nicht viel zu hoch da. um uns mit solchem Zeug zu befassen?(Lebhafte Zustimmung und erneute Zurufe: Leipzig!) Wir müssen das Ziel im Auge behalten, Friede in Württemberg und Göppingen zu schaffen. Und daraus ergibt sich, daß eine derartige Scheidung, wie sie Frank meint, nicht gemeint ist. Ich nehme denn auch an, daß Ebert eine solche, die ganze Differenz beilegende Erklärung, wie ich sie eingangs angedeutet habe, abgeben wird.(Lebhafte Zustimmung.) Auer-München: In den Parteizeitungen werden schwere Bor- würfe gegen den Partcivorstand und den württembcrgischcn Landcsvorstand erhoben. Es handelt sich hier um die Ehre der ganzen Partei. Die Genossen im Reiche haben das Recht, zu ver- langen, daß der Parteitag die Sache untersucht. Wir wollen durch unsere Resolution die Möglichkeit haben, unserer Ansicht Ausdruck zu geben. Lipinbki-Leipzig: Wenn Auer auf seine Resolution besteht, dann muß man auch die Möglichkeit haben, durch die Resolution Ledebour der gegensätzlichen Auffassung Ausdruck zu geben. Ein Votum für den württembcrgischcn LandeSausschuß ist nicht notwendig, er hat es ja schon durch seine Organisationen erhalten. Bebel: Es wird Zeit, daß wir über diese geradezu ekelhafte Angelegenheit endlich hinwegkommen.(Lebhafte allgemeine Zu- stimmung.) Es ist schon zuviel darüber debattiert worden.(Bei- fall.) Ich bitte zu beachten, daß die Beschuldigung, der württem- bergische Landesvorstand habe sich eine wucherische Erpressung er- laubt, von einer Persönlichkeit ausgegangen ist, über deren mora- lische Qualitäten, nach dem was wir hier gehört haben, wohl keinerlei Meinungsverschiedenheiten bestehen.(Lebhafter Beifall.) Ich will nicht einmal der Persönlichkeit die Ehre antun, ihren Namen zu nennen, ich schlage vor, die Resolution Auer wird zurückgezogen. Wir vom Parteivorstand sind vollkommen zufrieden, wenn Sie durch Ihre Dechargeerteilung Jbrc Zustimmung zu dem Vorgehen des Parteivorstandes geben.(Lebhafter Beifall.) Dr. Frank-Mannheim: Nachdem die Beschuldigungen gegen den württembergischen Landesvorstand von dem Genossen Bebel in dieser Weise charakt'-wsiert worden sind und nachdem Liebknecht erklärt hatte, welcher Meinung auch wir sind— daß die Partei gegenüber solchen Beschimpfungen viel zu hoch steht, ziehe ich in Uebercinstim- mung mit den Unterzeichnern den Antrag Auer zurück.(Lebhafter Beifall.) Ledebour: Dann ziehen wir auch unseren Antrag zurück.(Leb- hafter Beifall.) Damit schließt die Geschäftsordnungsdebatte. Dann wird in der allzemeinen Diskussion fortgefahren. Ncugcbauer-Ludwigsburg: Auf dem Gebiet des Bildungswesens hkann nicht genug getan werden. Die Lebenslage der Arbeiter im allgemeinen hat sich nicht gehoben. eS ist noch viel Elend und Not vorhanden. Das sieht man besonders in Chemnitz. Von einer gc- hobenen Lebenslage für einzelne Personen kann man wohl sprechen. Sie besonders sollten auch dafür sorgen, daß ihre Kinder im Geiste des Sozialismus erzogen werden. � Mit der Tätigkeit de» Partei» Vorstandes können wir in jeder Beziehung einverstanden sinn. Büchner-Berlin: Biniskiewkcz hat vorhin schon erläutert, wie die Zustände in der„Gazeta Robotnicza" sind. Der Parteivorstand hat beschlossen, das Blatt, was bisher dreimal wöchentlich erschien, nun wöchentlich herauszugeben. Die Untevdrückungspolitik, die Hakatistische Bewegung, die nationalpolnischen Fragen bringen es mit sich, daß in den polnischen Gebieten eine ganz besonders inten- stvc Ilgitativn notwendig ist. Ein großer Teil der Leute, die dort erst der Organisation und vem Leserkreise gewonnen sind, wanderten nach anderen Orten aus und verließen die ostelbischen Gefilde. Die Kosten, die dort aufgewendet werden, können aber auf der anderen Seite der Partei und der Presse zugute kommen. Meine Parteifreunde im 4. Berliner Wahlkreise, wo ungeheuer viel Polen wohnen, ebenso wie in Berlin VI, sind der Ansicht, daß das Blatt wieder dreimal wöchentlich erscheinen soll. Nicht einverstanden sind wir aber, wenn Biniskiewicz einfach erklärt, das Blatt soll täglich erscheinen. Nehmen Sie den Antrag an, daß das Blatt wieder drei mal wöchentlich erscheint. Luise Zieh: Es ist hier der Wunsch geäußert worden, daß die Buchhandlung Vorwärts die„Kommunale Praxis" zu einem billi geren Preise abgeben möge. Beim Einzelbezuge beträgt der Preis pro Quartal 3 M., wird aber für die einzelnen Orte ein gemein- samcr Bezug für alle Kommunalvertreter eingeführt, dann geht der Preis, ganz unabhängig von der Zahl der entnommenen Exem- plare, auf 2,25 M. herunter.— Nun der Frauentag. Der Parteivorstand und die Bezirksleiterkonferenz haben sich mit der Frage des Termins und der Ausgestaltung des Frauentages bereits beschäftigt. Ich bitte Sie, so zu verfahren, wie von Rosenfeld vor- geschlagen wurde und den Antrag, der auf den Frauentag Bezug nimmt, dem Parteivorstand zu überweisen. Er wird nächstens mit der Bezirksleiterkonferenz über diese Frage verhandeln. Lassen Sie uns da freie Hand bei der Entscheidung über die Festlegung des Termins und sonstige Ausgestaltung des Frauentags. Wir sind alle einig, daß dies« Demonstration, die der Erringung des vollen Bürgerrechts des Weibes gilt, so gut und wuchtig wie nur möglich ausgestaltet werden muß.(Lebh. Beifall.) Vorsitzender Noskc: Damit ist die Diskussion über die Anträge zum Vorstandsbericht, soweit sie die allgemeine Agitation betreffen, erledigt. Es folgt die Debatte über die Anträge zu dem Punkte Presse. Berten-Düss cldorf: Die Ideen des Sozialismus müssen auch in den Kreisen der- jenigen Eingang finden, die man mit dem nicht schönen, aber richtigen Ausdruck:„Nichtvollsinnige" bezeichnet, diesen unglück- lichen Mitmenschen, die durch irgendein Gebrechen verhindert sind, am Leben den Anteil zu nehmen, den der normal entwickelte Mensch haben kann. Diesen Bestrebungen entsprechend ist der Partcivor- stand dazu übergegangen, eine besondere Zeitschrift für die B l i n- den herauszugeben. Aber auch die Taubstummen haben in den letzten Jahren gezeigt, daß sie am politischen Leben regen Anteil nehmen. In manchen Pavteiorten haben sich bereits Sektionen der Taubstummen gebildet, die sich den politischen Organisationen der Partei angegliedert haben. In Düsseldorf haben wir bereits über 50 Mitglieder, auch in Berlin bestand eine Sektion, die leider ein- geschlafen ist. Die Taubstummen de» Wahlkreises Düsseldorf be- antragen, daß der Vorstand eine Zeitschrist herausgibt, die regcl mäßig erscheint, sie soll besonders zur Agitation unter dem Taub- stummenproletariat dienen. Es handelt sich um eine immerhin zahlreiche Schicht der Bevölkerung, nack> der Volkszählung von 1910 gab es 35 000 Taubstumme in Deutschland, meist Angehörige des Proletariats. Von kirchlich konfessioneller Seite bemüht man sich um sie seit Jahren, man versucht, diese taubstummen Proletarier zu billigen Ausbeutnngsobjekten zu machen. In Berlin werden� zwei Taubstummenorgane herausgegeben, der„Taubstummcnbund" und der„Taubstummenbote", die mehr religiösen Charakter tragen sollen. In Hamburg erscheint die„Neue Zeitschrift fiir Taub- stumme", die sich parteilos nennt, aber eine ziemlich heftige Polemik gegen die Gründung von sozialdemokratischen Taubstummen scktionen eröffnet hat. In Leipzig erscheint die„Deutsche Taub stunnncnkorrespondenz", die von den taubstummen Parteigenossen benutzt wird. In Trier erscheint der katholische„Taubstummen- führcr",, in einem Verlage in Güstrow werden mehrere Taub- srummen-Zeitungen herausgegeben. Nun wird man sagen, die taubstummen Genossen könnten ja die Parteiorgane lesen, aber gerade die Taubstummen haben auch das Bedürfnis, die Schicksals- genossen durch eine gemeinsame Zeitung zu bekehren. Helsen Sic diesen unglücklichen Parteigenossen, und sie werden es Ihnen danken. Diirr-München begründet den Antrag 99: Die neue Reichsversicherungsordnung, die ja ein Entrechtungsgesetz geworden ist, stellt uns vor neue Auf- gaben. Tausende von Ärbeitcrvertretern Iverden in den verschiede- neu Versicherungsämtern über Materien zu urteilen haben, die jetzt nur von den V enva! t u ngsgc richte n behandelt wurden. Das gleiche gilt für das große Gebiet der Krankenversicherung, der Witwen- und Waisenversicherung. Es werden neue Rechts- und Streitfragen auftauchen und wir müssen dafür sorgen, daß w.r den Vertretern in ihrer schwierigen Lage einen Wegweiser und ein populär geschriebenes Organ an die Hand geben. Unsere TageS- presse und die Gewerkschaftsblätter sind dazu nicht imstande. Wir müssen unbedingt ein besonderes Organ haben, das nicht nur für die Kassenvertreter und die Ausschußmitglieder in den Versicherungsanstalten in Frage kommt, sondern auch für die Gc- werkschaftzsührer. Ich hoffe, daß der Parteitag dem Antrag zustimmen wird, damit der Parteivorstand unverzüglich mit der Generalkommission in Verbindung treten kann. Frau Wulf-Berlin: Der Antrag, die„Neue Welt" besser auszugestalten, ist ja nicht das erstemal gestellt. Man hat auch einen Teil der Auflage schon auf besserem Papier gedruckt. Die Genossen in Berlin IV glauben aber, daß auch der andere Teil künstlerischer ausgestaltet werden muß. Der Titel könnte schöner gemacht werden. Vor allem aber müßten die Bilder künstlerischer gestaltet sein. Ich bitte, den An- trag dem Parteivorstand zu überweisen.(Bravo!) Scheibe-Bochum: Ich möchte dem Partcivorstand die Anträge 191 und 192 recht warm ans Herz legen. Wenn wir die Herausgabe einer Moden- z e i t u n g wünschen, so wollen wir nicht etwa eine besondere Kleidung für unsere Genossinnen sckxrffcn, sondern den bürgerlichen Modczeitungen, die ja noch einen bestimmten Nebenzweck verfolgen, ein Gegengewicht geben. Der Unterhaltungsstoff dieser Mode- zeitungcn ist spstcmatisch daraus zugespitzt, die Arbeiterfrauen politisch zu verblöden.(Sehr richtig!) Der Antrag 192 wünscht, daß die Kinderbeilage der„Gleichheit" an die Organisationen zu billigerem Preise abgegeben wird. Wir Ivollen die ausgezeichnet redigierte Äinderbeilage nicht bloß denjenigen Genossinnen und ihren Kindern zugänglich machen, die sich schon zum Abonnement auf die„Gleichheit" durchgerungen haben, sondern auch denen, die noch nicht sv weit sind. Ob man nun ein besonderes Kindcrblatt schafft oder nur den Titel der Kindcrbeilage ändert, das fit eine taktische Frage. Genosse Rühle gibt vom 1. Oktober ab eine Kor- respondcnz heraus: Anweisungen an die Eltern, die Erziehungs- fragen betreffend. Da müssen wir den Eltern auch mit Stoff an die Hand gehen. Berard-Hamburg: Kein Parteitag ohnc Klagen über die„Neue Welt". Die Bilder in der„Neuen Welt" sind ja in der Tat nicht viel wert. Aber man soll doch berücksichtigen, daß die„Neue Welt" lediglich den Charakter einer Zeitungsbeilage, also einer Eintagsfliege hat, die man nack der Lektüre in der Regel wegwirft. Wcr haben, ja eine besondere Ausgabe gemacht und dafür 5 Pf. für das Exemplar gefordert, um die Kosten zu decken. Die Beteiligung war aber so gering, daß wir uns entschließen mußten, diese bessere Ausgabe eingehen zu lassen. Wir haben gewiß den Willen, die„Neue Welt" besser auszustatten, aber das ist nicht möglich, wenn für 1000 Exemplare nur 9,50, 9 und 8 M. gegeben werden. Die Autotypien eignen sich in der Tat nicht für ein Papier, wie die„Neue Welt" es hat. Ein besseres Papier können wir aber nicht nehmen, weil sonst die Ausgaben zu hoch würden. Das Richtigste ivürde sein, wenn Sie über den Antrag zur Tagesordnung übergehen. Der Parteivorstand kann dazu auch nichts tun. Luise Ziefe-Berlin: Im Namen des Parteivorstandes bitte ich Sie, den Antrag 91, der sich auf den Inhalt der„Gleichheit" bezieht, abzulehnen. Partei- Vorstand und Redaktion der„Gleichheit" gehen darin einig, daß das Niveau der„Gleichheit" nicht herabgedrückt werden darf. Die „Gleichheit" hat eine doppelte Aufgabe zu erfüllen. Sie(oll die erst neu gewonnenen Genossinnen in unsere Weltanschauung ein- führen, sie mit sozialistischer Erkenntnis erfüllen. Diesem Zweck wird vor allem gedient durch eine Reihe von Artikeln sozialpolitischen Inhalts und durch die Beilage für Frauen und Mädchen. Die „Gleichheit" soll aber auch das führende Organ der fortgeschrittenen Genossinnen sein und dazu mutz sie bei neu auftauchenden Fragen orientierend wirken und muß diese Fragen im Lichte des Sozialis- mus zeigen. Wenn wir in Deutschland die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen haben, daß die proletarische Frauenbewegung vollkommen frei ist von allen fraucnrxchtlerischen Tendenzen, daß gerade sie ihrem innersten Wesen und Kern nach ein Teil der großen allge- meinen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ist, so haben wir das nicht in letzter Linie dem schulenden Einfluß der„Gleichheit" zu danken.(Beifall.) Aus diesem Grunde möchte ich Sie bitten, den Antrag abzu- lehnen. Die auf verschiedenen Bezirkskonferenzen und auch hier auf dem Parteitag ausgesprochene Meinung, daß das Studium der„Gleichheit" für einen Teil der fortgeschrittenen Genossinnen nicht mehr notwendig wäre, weil sie sich in der Parteiprcsse orien- tieren könnten, ist falsch. Unsere Parteizeitungen sollen im allge- meinen orientieren, aber gerade die Frauenfragc im Lichte des Sozialismus zu zeigen und im Zusammenhang mit der gesamten Arbeiterbewegung, das sollte die Aufgabe der„Gleich- heit" sein. Ich bitte Sie, auch den Antrag auf Abtrennung der Kinderbeilage der„Gleichheit", um sie den Organisationen billiger zu liefern, abzulehnen. Wir sollten vielmehr mit aller Kraft darauf hinwirke», daß die gesamte„Gleichheit" abonniert und gc- lesen wird. Jeder Kinderfrcund hat seine helle Freude über unsere Kindcrbeilage. Deshalb soll diese Kinderbeilage mit der„Gleich- heit" die weiteste Verbreitung finden. Zum Antrag 95 schließe ich mich dem an, was Berard ausgeführt hat. Bezüglich des Antrags l9l, der eine Modenzeitung schaffen will, hat ja Ebert schon im Geschäftsbericht ausgeführt, daß der Parteivorstand trotz der großen Schwierigkeiten ein solches Blatt schaffen will. Selbstverständlich wird es sobald als möglich erscheinen. Ich nenne dieses Blatt nicht eine Modenzeitung, sondern möchte es„Die praktische Ar- b e i t e r i n" nennen. Es soll ja ein Gegengewicht gegen Blätter, wie die„Praktische Hausfrau" und die„Praktische Berlinerin" sein, die ihre Leser in chauvinistischem und bigottem Sinne beeinflussen. Ter Antrag selbst ist also bereits überholt. Damit der Antrag 97 nicht wiederkehrt, muß ich erklären, daß es doch ein fundamentaler Unterschied ist, ob wir eine besondere Literatur schaffen für die Blinden, die nicht lesen können, oder für die Taubstummen, die genau so lesen können wie wir. Um die taubstummen Proletarier für den Klassenkampf zu gewinnen, kann man ja, wie es schon in mehreren Orten geschehen ist, für sie besondere Sektionen errichten und darauf in unserer Presse hinweisen. Den Antrag 98 auf An- legung eines Verzeichnisses der sozialistischen Literatur bitie ich den Partcivorstand zu überweisen. Ein Antrag im Sinne des An- trags 99 ist schon von einer Konferenz der Arbeitersekretäre mit dem Parteivorstand und der Generalkommission der Gewerkschaften abgelehnt worden. Die Beilage des Correspondenzblattes erftillt auch schon den gewollten Zweck. Deshalb bitten wir, den Antrag 99 abzulehnen. Die„Vorwärt»"-Buchhandlung hat in Vorbereitung eine Bibliothek, in der die gewerkschaftlichen und verschiedenen volkswirtschaftlichen Fragen in abgeschlossenen Broschüren behandelt werden. Auch diese neu zu schaffenden Bibliotheken würden zum Teil dem Wünsch des Antrages 99 Rechnung tragen. Ludwig-Hagen: Die Genossin Zictz hat Massenmord verübt. (Heiterkeit und.Oho.) Sie hat eine ganze Reihe von Anträge�, ohne daß die Delegierten es gemerkt haben, Namens des Parter« Vorstandes abgemurkst. Ich möchte Sie bitten, Jbrer Anregung nicht ohne weiteres zu folgen, sondern den Antrag Düsseldorf betreffend Material für die Taubstummen dem Partcivorstand zu überweisen. Der Partei der Elenden und Unterdrückten wird ein Versuch zu« Fünften der Aermstcn der Armen, der Taubstummen, nur zur Ehre gereichen. Luise Zieh: Ich habe noch hinzuzufügen, daß der Parteivor» stand allerding» beschlossen hat, hin und wieder eine Flugschrift für die Taubstummen herauszugeben, aber ein periodisches Organ können wir nicht schaffen. Die Debatte über Press« und Literatur wird geschlossen. Die folgende Debatte bezieht sich auf die Anträge, die sich auf die Jugendorganisation und die Bildungsfragc erstrecken. Hierzu liegt die von uns an leitender Stelle veröffentlichte Resolution Ebert und Genossen vor, ferner folgende neu eingegangene Resolution Ebert und Genossen: „Der Parteitag empfiehlt den Parteigenossen, durch geeignete Maßnahmen die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 18 bis 21 Jahren für die Arbeiterorganisation zu gewinnen. Er hält es in erster Linie für die Pflicht der Bildungsausschüsse, die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen durch besondere Propa- ganda zu den bildenden und belehrenden Veranstaltungen heran. zuziehen und sie durch planmäßige Schulung zu dauernden und aufgeklärten Mitgliedern der Organisation zu machen." Heinrich Schulz: Der Bericht des Zentralbildungsausschusscs hat in der Partei- presse wenig oder gar keine Anfechtung erfahren. Auch die zur Bildungsfrage gestellten Anträge enthalten keine eigentliche Kritik, sondern nur Anregungen und Wünsche. Interessant ist es, daß ein bürgerliches Blatt, die„Grcnzbotcn", die Wirkung unserer künitlcri» scheu Veranstaltung erkannt hat, indem es schrieb:„Sie sind für die Sozialdemokratie die billigste, einfachste und wirkungsvollste Werbearbeit, weil sie die Begehrlichkeit wecken". Das Blatt schreibt weiter, daß die wissenschaftlichen Bildungsarbeiten der Sozialdemo- kratie weit ungefährlicher feien, weil 34 000 Teilnehmer an den Kursen bei 4 Millionen Sozialdemokraten nichts bedeuten. Aller- dings hatten wir nur 34 000 Teilnehmer, aber wir wissen, daß durch die Rcichstagswahlcn ein großer Teil der Bildungsarbeit lahmgelegt war. Unsere Kurse kommen ja auch nur einer gewissen Oberschicht zugute, die dafür zu sorgen hat, daß die Bildung in weitere Kreise dringt. Im nächsten Winter wird die Teilnchmerzahl größer sein, wir können die Ansprüche auf Entsendung von Wanderrednern überhaupt nicht mehr erfüllen. So stark ist das Bildungsbedürfnis. Der Antrag 98, betreffend die Herausgabe eine» Verzeichnisses von Büchern, um eine planmäßige Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus zu ermöglichen, kommt einer Absicht entgegen, die der Bildungsausschutz ohnehin schon hat. Wir werden einen Kataloa Heransgeben, eingeteilt in wissenschaftliche Gebiete, rne von Fach- leuten bearbeitet sind. Der Antrag 119 entbält eine Anzahl wert- voller Anregungen, die aber nicht auf einem Parteitage, sondern aus einer Bibliothckarkonfercnz zu erörtern wären. Wir haben uns bisher zur Einberufung einer solchen Konferenz nicht entschließen können, weil wir uns sagen, daß die B i b l i o t he k s s r a g c nur im Rahmen der ganzen Bildungsfragc erörtert werden kann.(Sehr richtig.) Jetzt haben wir das Bildungswesen organisiert und es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, daß wir eine Konferenz der Bezirksbildungsausschüssc einberufen und hier tonnen wir auch die Bibliotheksfrage erörtern. Zur Schaffung cines� Organ» für die Bildungsarbcit, wie es der Antrag Frankfurt wünscht, ist die Zeit noch nicht gekommen, wir werden uns vorläufig mit Rundschreiben begnügen, die voi� Zeit zu Zeit erscheinen, unter denen die wichtigsten Fragen der Bildungsfragc erörtert werden. Ich bitte die Frankfurter, erst einmal diese Rundschreiben ab- zuivarten. Bei den Anträgen betreffend die Jugendbewegung müssen wir unterscheiden zwischen der eigentlichen Jugendbewegung, für die die Jugendlichen vom 14. bis 18. Jahre in Betracht kommen, urtb zwischen der Arbeit, die wir an den über 18 Jahre «alten Arbeitern und Arbeiterinnen zu leisten haben. Für diese Arbeiter gelten die gesetzlichen Beschränkungen nicht; man kann die Tätigkeit für sie nicht zu der Jugendbewegung im engeren Sinne rechnen. Gerade diese jungen Leute sind die besten Jahr- Hänge für unsere planmäßige Bildungsarbeit und deshalb müssen wir Wert auf ihre Heranziehung legen und versuchen, sie durch planmäßige Aufklärung dauernd für uns zu gewinnen. Was die eigentliche Jugendsrage betrifft, so sind wir uns doch darüber klar, daß das, was als bürgerliche Jugendbeivegung sich heute gibt, indirekt zurückzuführen ist auf die Arbeit der prole- tarischen Jugendbewegung. Die Bürgerlichen müßten uns eigcnt- lich dankbar sein; aber wir beanspruchen keinen Tank, wie wir auch den Bürgerlichen nicht dafür danken, daß sie uns durch ihre Maßnahmen vorwärts bringen. Diese Herren tun das ja nicht uns zu Gefallen. Die Logik der E»twickclung bringt es mit sich, daß alle ihre Maßnahmen zu unseren Gunsten aussallen. Auf bürgerlicher Seite besteht keineswegs volle Einmütigkeit; die kon- fessionellen Jugendvereinc sind verstimmt, weil die inter- konfessionelle Bewegung unter der Oberhoheit des Vereins für Volkswohlfahrt an ihre Stelle getreten ist. Das neueste Ergebnis ist der Bund I u n g d e u t s ch l a n d, der alles mögliche unter einen Hut, oder richtiger gesagt unter einen Helm zu bringen sucht. Natürlich könnten wir nichts dagegen haben, daß auf bürgerlicher Seite eine Jugendbewegung besteht, Wohl aber wenden wir uns dagegen, daß man die bürgerliche Jugendbewegung zur Staatssache macht, daß man aus allgemeinen Mitteln eine Be- wegung fördert, um das Proletariat zu bekämpfen.(Lebhafte Zustimmung.) Man hat jetzt plötzlich die berühmte Lücke zwischen dem 14. und 18. Lebensjahre entdeckt, ohne daran zu denken, daß wir schon feit langem bestrebt gewesen sind, diese Lücke auszufüllen. (sehr richtig!) Die Sozialdemokratie hat zuerst die menschen- unwürdige Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft bekämpft, sie hat den obligatorischen Fortbildungsschulunrerricht, sie hat die Ver- längerung der Schulpflicht, sie hat gemeindliche Bildungseinrich- tungen und dergleichen gefordert, um diese Lücke zu schließen. Für solche Maßnahmen waren wir mit Freuden zu haben.(Leb- hafte Zustimmung.) Es ist eine geradezu widerwärtitzc Heuchelei, wenn man über die bedauernswerte Lage'der Ar- beiterjugend jammert und doch nichts tut. Mit Unterstützung der Regierung wird eine ganz gewöhnliche politische Agi- ta t: o n gegen die Sozialdemokratie getrieben.(Sehr wahr!) Wir wenden uns dagegen, daß öffentliche Gelder privaten Lrgani- sanonen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie zur Verfügung gestellt werden, daß öffentliche Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden, nicht um die neutrale Jugendbewegung zu fordern, sondern um unter diesem Deckmantel die Sozialdemo- Iratie zu bekämpfen. Wir wenden uns gegen diese Unterstützung auch, weil man die Arbeiterjugend durch allerhand Maßnahmen geknebelt hat. Tie Teilnahme von Jugendlichen unter 18 Jahren an politischen Veranstaltungen ist"verboten. Dieser Para- graph wird nur gegen die Arbeiterjugend angewendet. Erinnern �cn.Eischeid des preußischen Oberverwaltungsgerichts, m I�r'uGen'3?ere*nc und freie Jugendorganisationen für poluitche Vereine erklärt werden. Nach diesem Urteilsspruch gibt es überhaupt nichts, was nicht als politischer Verein aufgefaßt werden könnte, denn alles wird in irgend einer Weise der Sozial- dcnwkratie dienstbar sein. Wenn nur der zehnte Teil des juristi- schen Scharfsinns, der gegen die Arbeiterjugendbcwegung aurge- bracht wird, gegen die bürgerliche Jugendbewegung gerichtet würde, sie wurde schon mit Stumpf und Stiel ausgerottet fein. In der "Kreuzzcitung" wird offen zugegeben, daß die ganze Bewegung den Zweck verfolge, der Sozialdemokratie und dem Atheismus ent- gtgenzuwirken. Die sattsam bekannten„Hamburger Nachrichten" schreiben:„In ihrer fanatischen Begierde, aus dem Herzen der Arbeiterbcvölkcrung den Glauben an die Ideale zu reißen, ist die Sozialdemokratie seit Jahren am Werke, die Jugend zu revolu- tionieren!" Ist das Dummheit oder Infamie, so etwas zu schrei- ben? Wenn heute noch irgendwo Ideale sind, so sind sie bei der kämpfenden Arbeiterklasse. In der sozialdemokratischen Weltanschauung) in den sozialistischen Zielen vereinigen sich alle unausgeführten wertvollen Ideale frühe- rer Zeiten. In der bürgerlichen Jugendbewegung spielen dagegen zwei singe eine Rolle: Königstrcuc und Vaterlandsliebe. Haben siR � Anschauungen nicht gewandelt? Hat man noch die Vater- ländischen und monarchischen Anschauungen wie vor ein paar hun- dert Jahren? Ist in Teutschland noch die Vasallentrcue möglich, wie sie uns der berühmte General N o g i in Japan jetzt praktisch vorgeführt hat? Wir arbeiten im Sinne der geistigen Befreiung. Soll das ein Schimpf und eine Schande sein, sind wir etwa vatcr- landslos im Sinne der bürgerlichen Gegner? Wenn Goethe, Schiller, sichte nicht vaterlandslos waren, sind wir es noch weniger, denn wir arbeiten mit aller Kraft an der Besserung der Verhältnisse in Deutschland. Die Arbeiter sind nicht in Frankreich, England, Ruß- land tatig, sondern sie arbeiten in den deutschen Staaten und Gc- meinden. Sic haben kein Kapital in Rußland, China, Amerika, sie kommen ihr ganzes Leben nickt aus Deutschland heraus. Wenn die Regierungen und die herrschenden Parteien sich entschließen würden, die Forderungen unseres Erfurter Programms in die Tat umzusetzen, dann wäre das die nationalste Tat, die Deutschland je gesehen hat.(Beifall.) Tann würde Deutschland mit einem Schlage wirklich an der Spitze der Kulturnationen g'tehen. Zu solcher Vaterlandsliebe, zu solch tatkräftiger Mitarbeit an der Besserung des Gebäudes, in dem wir leben, erziehen wir die proletarische Jugend. Tie bürgerlickw Jugendbewegung mit ihren militärischen Exerzitien, ihrer Kricgsspielerci ist dagegen sachlich ganz wertlos. Das hat doch der preußische Kriegsminister v. Hcerirrgen 1910 zugegeben. Durch diese Kriegsspiclcrei züchtet man" geradezu Roheiten, Gewalttätigkeiten, Chauvinismus.(Sehr richtig!) Ein- sichtige bürgerliche Männer müßten, wenn sie nicht von der sozial- demokratischen Furcht verblödet wären, Protest erheben, daß jo mit dem Erbe der Klassiker und Philosophen gewirtschaftct wird. Nach Engels sind ja die Arbeiter die Erben der klassischen Philosophie. Wir fürchten die bürgerliche Jugendbewegung nicht, wir werden gegen die bürgerliche Sozialistcnlwkämpfung ankämpfen, ob sie sich offen gibt oder unter dem Deckmantel der Jugendfürsorge. Wir dürfen nicht in den bürgerlichen Fehler verfallen, die Jugend etwa zwischen 14 und 18 Jahren zu Politikern machen zu wollen. Wir wollen sie zu aufrechten, freien Menschen erziehen, die ein Gefühl dafür haben, daß jeder an der Kulturentwickclung mitzuarbeiten hat. Darum nehmen Sie unsere Resolution einstimmig an.(Stür- mischcr Beifall.) Hierauf trat die Mittagspause ein, Nachmittagssitzung. Hoffmann-Elberfcld begrüßt die Resolution bezüglich der Jugendbewegung. Gerade auf diesem Gebiete kann gar nicht genug geschehen, nicht nur, daß der preußische Korruptionsfonds für die Jugend verwendet wird, auch in den Kommunen sucht man allerlei Gelder für diese Zwecke flüssig zu machen. Hinsichtlich des Bibliothekwesens bin ich mit Schulz nicht einverstanden. Es geht nicht, daß die Bibliothcksregelung überall anders ist, sie muß einheitlich sein, damit die übersiedelnden Arbeiter die Bibliothek richtig ausnützen können. Eine Bibliothekar- konfercnz muß stattfinden. Genosse Hanauer hat in einem Vortrage eine gute Richtschnur gegeben. Stimmen Sie unserem Antrage auf Reform dcS BibliothckwcscnS zu. Birkholz-Hamburg: Wenn die Abonnentcnzahl der„Arbciter-Jugend" auf 80 000 gestiegen ist, so jst das gewiß ein Fortschritt, aber kein genauer Gradmesser für die Stärke der Jiigcndorgcmisation. weil eine große Anzahl Abonnenten darunter sind, die früher Mitglied der Jugendorganisation waren. Für die Beurteilung der Jugend- bewcgung kommt es wesentlich mehr auf die Anzahl und den Cha- rakter der getroffenen Veranstaltungen an als auf die Verbreitung der„Arbeiter-Jugend". Ich warne vor der Unterschätzung der bürgerlichen Jugendpflege; die religiösen Jugendvereinc sind nicht zu gering einzuschätzen. Man gibt sie jetzt als neutrale Vereine aus, weil auch die jugendlichen Arbeiter von den Missionspredigtcn nichts mehr wissen wollen. Die Zentrale für Jugendfürsorge in Berlin hat es verstanden, trotz der Gegensätze in der bürgerlichen Jugendbewegung die verschiedenen Richtungen wenigstens in agita torischer Beziehung unter einen Hut zu bringen. Der neueste Be- weis dafür ist das Handbuch für Jugendfürsorge dieser Zentrale. Es ist mir sogar gelungen, den Leiter des Arbeiterheims II als Mitarbeiter zu bekommen. Ich weiß nicht, ob der Genosse damit weit kommen wird, immerhin ist das ein Beweis dafür, daß wir nicht verstanden haben, die Leute im eigenen Lager für diese Arbeit zu organisieren. Unsere Jugendzentrale gibt ein vierseitiges Blatt heraus, das im Vergleich zu den pädagogischen Schriften im bürgcr- liehen Lager sehr wenig bedeutet. Gewiß sollen wir nicht der Menge nach ebenso produktiv sein als die Gegner, aber in bezug auf die Qualität der Veröffentlichungen könnte viel mehr geschehen. Selbst wenn die Angaben unserer Jugendzentrale den dreifachen Betrag erreichen würden, wäre das noch zu wenig. Ich meine, daß die Jugendausschüsse sich im wesentlichen auf die Großstädte kon zentrieren und daß in den mittleren und kleineren Städten herzlich wenig geschieht. Damit soll der Zentrale kein Vorwurf gemacht werden, in ihrer bisheriaen Form leistet sie das Menschenmöglichste. Genosse E b e r t übt die Tätigkeit in der Jugendzentrale nur nebenamtlich aus und Genosse Peters ist erst seit kurzem ange- stellt. Auch bei uns müßte die Zentrale wirklich Fühlung mit den größeren Jugendorganisationen überall haben. Wenigstens sollte die Zentrale so ausgebaut sein, daß sie des öfteren Genossen ins Reich hinausschicken kann, die sich längere Zeit in den wich- tigsten Industriezentren aufhalten. Durch den achttägigen Kursus für die Ausbildung von Leitern hat die Jugendorganisation den Anfang gemacht. Wir haben in der jungen Arbeiterschaft eine große Anzahl sehr bildungsfähiger Kräfte und diese jungen Kräfte müssen vor allen Dingen durch die Tätigkeit der Bildungsausschüsse erfaßt werden. Dann kann auch der Zentralbildungsausschuß für die Beschickung der Parteischule in Berlin eine bessere Basis finden.(Zustimmung.) Die Entwickelung, die unsere politischen und wirtschaftlichen Orga- nisationen im verflossenen Jahre genommen haben, kann uns durch- aus befriedigen, nicht in demselben Maße aber die der Jugend- organisation. Es ist nicht groß rühmenswert, wenn unser Abonnentenstand der„Arbeiter-Jugend" nur um 15 000 gestiegen ist. Wir sind aus dem Anfangsstadium der Entwickelung der „Arbeiter-Jugend" heraus und da muß es möglich sein, daß die Entwickelung einen schnelleren Verlauf nimmt. Es ist bedauerlich, daß über 50 Städte in Deutschland mit über 20 000 Einwohnern, ja sogar einige Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern noch keine Arbeitcrjugendorganisation haben. Das ist nicht die Schuld der Zentralstelle, auch nicht die des Parteivorstandcs, hier müßte die Arbeit der Bezirks- und Landesorganisationen eingreifen. Die Durchbildung der Jugc ndlichen von 18 bis 21 Jahren ist durchaus eine große Notwendigkeit. Leicht ist es jedenfalls nicht, neben der Arbeiterjugendbewegung der jungen Leute bis 18 Jahre noch eine Bewegung zu gründen, die die Jugend von 18 bis 21 Jahren erfaßt. Möglich wird es aber sein.' Heute ist es manchmal so, daß die jungen Leute von 18 Jahren in bürger- liche Sportvereine gehen, wo sie das, was sie bis dahin gelernt haben, schnell wieder mit dem Fußball- und sonstigen Spielen in die Luft hineintrampeln.(Heiterkeit und Zustimmung.) Dönnicke-Mühlhausen lckließt sich dem Vorredner an. Es mag sein, daß in den Groß städtcn die Leitung intensiver arbeitet als in den Kleinstädten. In den letzteren fehlt es meist an geeigneten Personen, die die Leitung in die Hand nehmen. Der Zentralvorstand muß dafür sorgen, daß die Partei! orrespondenz in größerer Zahl hinausgeschickt wird, nicht nur in ein bis zwei Exemplaren in die kleineren Partei- orte. Um so mehr müssen die Kleinstädte durch Zusendung der Parteikorrespondenz unterstützt werden, da die klechen Parteiblätter nickt in der Lage sind, das Material so ausführlich zu bringen. Auf die P�a r t e i s ch u l e werden meistens nur Genossen"aus größeren Städten geschickt, wenn aber einmal auch Genoffen aus kleineren Städten hinkommen, so gehen sie, sobald sie die Schule absolviert haben, als Redakteure oder Arbeitersekretäre in die Stadt und das Land steht so hilflos da wie vorher. Der Partei- vorstand soll sein Augenmerk darauf richten, daß mehr Genossen aus kleineren Orten auf die Parteischule kommen, dann aber auch in ibren Hcimatsorten ihr Wissen zur Vertretung der Interessen der Partei verwenden. Dr. Karl Licbknecht-Berlin: Sobald die bürgerliche Jugendbewegung Erfolg hat, wird es auch ein Erfolg für uns sein, wie die Erfolge der Volksschule und selbst der militaristischen Erziehung im Schlußresultat aus unserer Seite sind. Es ist hier und da die Aufassung aufgetaucht, daß die Bestrebungen, die von der preußischen Regierung und im Gc folge von anderen Bundesstaaten unternommen worden sind, gc eignet wären, unserer Jugendbewegung Abbruch zu tun. Diese Art der Bekämpfung unserer Bewcgung ist eine niederträchtige und ungesetzliche, aber sie wird uns keinen ernstlichen Schaden zu- fügen, solange wir selbst eifrig an unserer Jugendbewegung arbeiten. ES ist hier mit Rücksicht auf die Jugendbcstrebungen unserer Gegner der Gedanke aufgetaucht, in besonders erhöhtem Maße der Jugend vom 18. bis 20. Jahre unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Dieser Gedanke verdient sicherlich Berücksichtigung, es soll damit aber nicht zum Ausdruck gebracht werden," daß die Bewegung für die Jugend- lichen unter 18 Jahren zurückgestellt werden soll. Der Antrag 148 von Spandau ist durch die Ausführungen von Schulz und die Reso- lution gegenstandslos geworden, wir ziehen ihn in der Erwartung zurück, daß der darin enthaltene Gedanke eine so einmütige Villi- gung auf dem Parteitag finden wird, daß eine alsbaldige energische Inangriffnahme der darin cmpfolenen Arbeit zu erwarten ist, auf daß nicht unsere Gegner, sondern wir die Triumphierenden in dem Kampf um die Seele der Jugend sein werden.(Bravo!) Kremser-Frankfurt a. M.: Ich hatte vor kurzem Gclcgeheit, einem Gespräch zwischen Ange- stellten auf dem Krcisamt zuzuhören. Der eine sagte: Hören Sic mal, lieber Kollege, die Geschichte mit den Wandervögeln wird bald zur Landplage, wir haben wiederholt von den Bauern Beschwerden bekommen, �daß man bei der Abkocherei ihnen die Felder verwüstet und Kartoffeln aus der Erde reißt. Also selbst diese Kreise sehen ein, daß es so nicht weiter geht. Man scheint sich aber nicht zu trauen, weil von oben sehr stark eingewirkt wird. Was unsere An- träge zum Bild-ungswcsen betrifft, so gehen mir die Zusagen von Schulz nicht weit genug. Es war eine platonische Liebeserklärung, wir hatten etwas mehr Aktivität gewünscht. Es handelt sich zunächst um die Schaffung eines Blattes, das die Bibliothekare und die Leiter von derartigen Institutionen informieren soll. Unser hcuti- gcr„Bibliothekar" taugt ivcnig oder gar nichts, weil er so ungcbeurc Mengen unbrauchbaren Materials enthält. Wenn man dagegen das österreichische Blättchen sieht, so findet man einen bedeutenden Unterschied. Unseren Genossen schwebt ein Blatt, ähnlich dem der österreichischen Genossen vor, das regelmäßig erscheint und ungefähr auch das bringt, was in der Literaturbeilage des„Correspondenz- blatteS" gebracht wird. Ich möchte Sie also bitten, daß der Bil- dungsausschuß nicht lediglich anstandshalber die Wünsche prüft, sondern sie möglichst bald im vollen Umfange berücksichtigt. Genossin Temming: Da in engster Fühlung mit dem Jugendschutz auch der K i n d e r s ch u tz steht, so erlaube ich mir, ein paar Worte dazu zu sagen. Ter Kapitalismus spannt Vater und Mutter in die Trct- mühle und die Kinder des Proletariats gleichfalls. Für den Kinderschutz muß noch mehr getan werden wie bisher. Wir haben in 182 Kreisen Kinderschutzkommissioncn bereits gegründet, die durch die selbstlos« Tätigkeit unserer Frauen und Organisationen schon Großes geleistet haben. Es ist auch Pionierarbeit für die Partei und die Gewerkschaften und ich hätte nur den einen Wunsch, daß in den Kreisen, wo noch keine Kinderschutzkommijsion besteht, auch. eine gegründet wird. Anleitung dazu finden wir in der Broschüre „Kinderschutz und Kinderarbeit", die Genossin Zietz herausgegeben hat. Wir werden nicht eher ruhen und rasten, bis die Kinderarbeit beseitigt ist. Eine Partei, die ihre Jugend, ihre Kinder schützt, schützt sich selbst.(Bravo!) Heinrich Schulz vom Zentralbildungsausschuß: An sich können wir mit dieser Diskussion zufrieden sein. Es ist außerordentlich erfreulich, daß sich in den weitesten Kreisen der Partei ein derartiges Interesse an den Aufgaben der Bildung und Jugendpflege bemerkbar macht. Ich möchte nur einer falschen Be- urteilung unserer Tätigkeit entgegentreten. H o ff m a n n°Elber- seid ist mit unserer Auffassung der Bibliotheksfrage nicht cinver- standen, meint, es sei nichts geschehen. Ich kann die Genossen nur bitten, unsere Bildungsarbeit als ein Ganzes zu betrachten. Dann werden Sie zugeben, daß fleißig gearbeitet worden ist, und daß mit den zur Verfügung stehenden Kräften� nicht auch gleichmäßig alle Gebiete bearbeitet werden können. Zunächst lagen uns die Kurse am meisten am Herzen. Jetzt werden wir uns an erster Stelle mit der BMiotheksfrage beschäftigen. Allerdings möchte ich noch nicht versprechen, ob wir dem Plane nähertreten, eine einheitliche Regelung des Bibliothekwesens durch ganz Deutschland vorzunehmen. Ich glaube auch nicht, daß es mit einer einmaligen Bibliothekar. konferenz durchzuführen ist. Ich hoffe, daß die Konferenz der Be- zirksausfchüsse in absehbarer Zeit zustande gebracht werben kann. Keineswegs habe ich die konfessionelle Jugendbewegung unterschätzt. Ich weiß, daß die konfessionelle Jugendbewegung vor der inter- konfessionellen das voraushat, daß sich die Pfarrer schon längere Zeit damit beschäftigt haben. Ich habe ungefähr 2S neu erschienene Bücher von Lehrern, Pastoren, Aerzten usw. über die Jugendfrage. Aus einer dieser Schriften von Pfarrer Jaeger aus Frankfurt a. M. möchte ich einen Satz zitieren, der Sie interessieren wird. Der Mann beschäftigt sich mit der„Arbeiter-Jugend" und ihrer Leidens- chronik in der Januarnummer, und schreibt:„Wären diese Fälle nicht so grenzenlos lügenhaft übertrieben und verallgemeinert so müßten wir als Christen uns wirklich auf die Seite der Sozial- demokraten stellen." Sie werden ja nun alle wissen, daß von grenzenloser Uebertreibung nicht die Rede sein kann, sondern daß man oft aus Vorsicht eher zu wenig gesagt hat. Wenn der Herr also in sich geht, muß er auf dem schnellsten Wege bei unserem Frankfurter Parteisekretär seinen Beitritt zur Sozialdemokratie erklären. Natürlich haben wir mit dem Kursus �für die Jugend- lichen nur den Anfang gemacht. Bildungsausschüsse und Jugend- zentrale arbeiten in allen Fragen Hand in Hand, und das wird auch so bleiben. Die Anregung, daß aus den Kursen in erster Linie die Parteischüler rekrutiert werden sollen, ist uns nicht neu. Dem Wunsche des Genossen D ö n n i ck e können wir nicht ohne weiteres Rechnung tragen, wenn uns die Bezirke Vorschläge aus kleinen Orten machen, so nehmen wir sie genau so gern wie aus großen Orten. Unmöglich können wir aber für Parteischüler die Frei. zügigkeit aufheben. Krämer hat sich mit meinen_ platonischen Liebeserklärungen nicht einverstanden erklärt, er wünschte mehr Aktivität in der Liebe.(Heiterkeit.) Ja, Genossen, hier auf dem Parteitage läßt sich das nicht gut ermöglichen(große Heiterkeit), hier bleibt nur die Erklärung übrig, daß wir Ihre Wünsche lieb haben und nach Möglichkeit berücksichtigen. Die Eltern haben eine wichtige Pflicht, fiir die Aufilärung der Jugend zu sorgen, aber auch d,e sozialdemokratischen Vereine und Gewerkschaften können eine dank- bare Aufgabe darin sehen, für die schulpflichtigen Kinder etwas zu tun. z. B. durch Veranstaltung von Schülerwanderungen. Im übrigen unterstreiche ich das Wort: Zur Jugendpflege gehören Persönlichkeiten!(Sehr richtig!) Gaudy sagt:„20 Jahre braune Haare— krauser Bart um Lipp und Kinn— leichte Wage, leichte Ware— fester Glaube, lockerer Sinn.— Nie nach Wenn und Aber fragen— Kraft im Arm, Trutz unterm Hut— statt Beweise zuge- schlagen— das ist Zwanzigjähriger Gut." Ich bitte die Genossen. das zu berücksichtigen, und Sie werden sich dann über den Fort- schritt der Bewegung keine grauen Haare mehr wachsen lassen.- (Bravo!) Lipinski-Leipzig: Ich möchte die Ausführungen des Genossen Schulz ganz gehörig unterstreichen, die er über die bürgerliche Jugendbewegung ge- macht hat. Eine schlvcre Heuchelei bedeutet die Behauptung, die bürgerliche Jugendbewegung sei zum Nutzen der Jugend selbst. Vcrgcgenioärtigcn Sie sich einmal, was man von bürgerlicher Seite für die Jugend getan hat. Der Kampf um eine Stunde Ver- kürzung der Ausbeutung der Kinder hat 50 Fahre Zeit geraubt. Ich erinnere an das Kinderschutzgesetz, das zwar gesetz- liche Bestimmungen enthält, aber über die Ausführung nichts Greifbares bestimmt, nur daß die Arbeiterbewegung erst einsetzen mußte, um diesem Gesetz in der Praris Nachachtung zu verschaffen. Die Kinderschutzbestrebungen sind auf den größten Widerstand im bürgerlichen Lager gestoßen. Wir haben leider in einer Reihe von Orten mit Widerständen zu rechnen, die sich aus dem Mangel an geeigneten Kräften erklären. Gerade das Neuland der Jugend- bewegung hat uns auch gezeigt, daß weite Kreise sich um dieselben Personen bewerben, auf der einen Seite die Gewerkschaften, auf der anderen Seite die Partei, und dieses gemeinsame Werben fiihrt oft zu Schlvierigkeiten, wofür wir in Chemnitz ein typisches Beispiel erlebt haben. �Wir müssen nicht eine besondere Organi- sation für die Personen von 18 bis 21 Jahren schaffen, sondern wir müssen das Recht, das ihnen das Vereinsgesetz gibt, gebrauchen, und sie in die sozialdemokratische Organisation hineinbringen. Die Frauenbewegung in der Sozialdemokratie leidet darunter, daß für das gesamte Interessengebiet der Frau nicht die geeigneten Lehr- kräfte und anleitenden Kräfte vorhanden sind. Wir haben in Leipzig eine eigene Parteischule mit eigenen Lehrern für etwa 80 Schüler. Wir haben 12 verschiedene Kurse systematisch auf die einzelnen Stadtteile verteilt, in denen die Jugendlichen über 18 Jahren, die Frauen und alle, die sich beteiligen wollen, in das Wesen des Sozialismus eingeführt werden.(Beifall.) Damit ist die Debatte über die Anträge: Bildung und Jugend» pflege beendet. Es folgt die Debatte über die Anträge, die sich auf die Be- kämpfung des Branntweins beziehen, nämlich die Anträge 125, 120, 127. 128 und Gottschalk 194. Davibsohn-Berlin: Wenn man die Anträge liest, die zu diesem Punkte eingebracht sind, so könnte auch einem Abstinenten beinahe das Herz bor Freude aufgehen.(Heiterkeit.) Ich will nur zu Antrag 128 sprechen. Wir wünschen eine noch radikalere Gestaltung der Dinge. Trotz aller Anregungen und trotz des Antrages Gottschalk bitte ich Sie, dem Antrage zuzustiminen. Viele Parteigenossen stoßen sich daran, daß darin davon die Rede ist, man solle auch den Volkshäusern und Verwaltungen nahe legen, sich um diese Dinge zu kümmern. 1910 wurde in Magdeburg ein Antrag angenommen:„Die Ltonsum- und Parteiorganisationen haben mehr als bisher auf die Schädlichkeit und Gefahr des Alkoholgenusses zu achten usw." In dieser katego- rifchen Form hat der Parteitag gewagt, sogar im Hinblick auf die Konsumorganisationen, auf die er eigentlich ja gar keinen Einfluß hat, einen Beschluß zu fassen. Das hat er getan, ohne daß jemand seine Hcrzensskrupel oder Bedenken entdeckt hat. In illoyaler Weise wird es so hingestellt, als ob wir die Einstellung des gesamten Alkoholverkaufs verlangen. Es sollte sich aber nur um den Brannt- wein- und Schnapsboykott handeln. Warum so zimperlich? Warum soll man diese Dinge nicht einmal konsequent durchführen? Es liegen Beschlüsse von Leipzig, Magdeburg und Jena vor. Die Vertreterin des Vorstandes, die dann sprechen wird, wird uns wieder dieselben Dinge vorschreiben. Als 1909 die Agitation gegen den Schnaps unternommen wurde, ging ein Flugblatt ins Reich hinaus, in dem die Worte stehen: Der Schnaps ist das gefährlichste Volks- gift, das wir kennen. Das hat der Partcivorstand geschrieben. (Pfannkuch: Das ist auch wahr!) Gewiß, wir sind ausnahmsweise einmal einer Meinung, wie ich gerne konstatiere.(Heiterkeit.) Es wird also schwarz auf weiß festgestellt, daß der Schnaps das gefähr- lichste Volksgift ist. Nur verstehe ich nicht, daß man verantworten kann, dieses Volksgift in Volkshäuscrn weiter verbreiten zu lassen. Am Anfcraienteif cuiipfiehlt man cZ, nachdem man vorder im redaktionellen Teil alle möglichen wunderschönen Artikel gegen den Schnaps gebracht hat. Würden die Volkshäuser in dem Augenblick existenzunfähig. wenn man ihnen nahe legt, nicht mehr Brannt- wein zu verkaufen? Es möge ein Parteigenosse vortreten und das behaupten, dann, wollen wir uns unsere Anregung noch einmal überlegen. Aber es gibt nicht nur Wstinenicn. sondern auch Nicht- abstinentem die meinen, wenn wir Volkshäuser haben, die nur eristicren könne», wenn bei ihnen der Branntweinausschank eine er- hcblichc Rolle spielt, so mögen diese Volkshäuser ruhig den Weg alles Fleisches gehen und aufgelöst werden. Wir können es nicht verantworten, daß Arbeiterinstitutionen nur dann existenzfähig sind, wenn sie das gcsährlichste aller Volksgiste in die Massen hin- einbringen.(Sehr richtig! und Widerspruch.) Es handelt sich hier um eine Hypothese, wenn Sie ihr nicht folgen können, dann ist es nicht meine Schuld.(Unruhe.) Nun, das Blatt des Arbcitcrabstincntenbuirdes hat mit schwachen Mitteln eine Enquete veranstaltet, die der Parteivorstand viel besser hätte machen können. Sie hat ergeben, daß heute bereits 18 deutsche Partciblättcr SchnapSinscratc nicht ausnehmen. Sie existieren trotzdem. Wir merken nicht, das) sie in ihrer Lebensfähigkeit irgendwie irnterbnndcn wären. sSehr richtig!) Nun ist festgestellt worden, dast diejenigen Parteiblätter, die Schnapsinserate auf- nehmen, Summa Summarum e i n Prozent ihrer Einkünfte von den«chnapsinseratcn haben. Eher weniger als mehr, z. B. in Freiburg und Nordhausen. Der Partcivorstand hat mir mitgeteilt, da.st die Inserate in der Parteipressc 6 830 106 M. einbringen. Wenn davon ein Prozent verloren geht, so würde das nicht viel bedeuten, besonders gegenüber dem ungeheuren moralischen Erfolg, den wir haben würden. Eine ganze Anzahl Kategorien von Jnse- raten sind in der Parteipresse jetzt schon gänzlich ausgeschlossen, Inserate über Heiratsvermittclnng, Geheimmittel usw. Ich be- Haupte, daß alle Kuppelei in Deutschland, alle Hciratsvermittclung und aller Geheimschwindcl nicht an das heranreicht, was die Vcr- zapfung an Branntwein und Schnaps verursacht. Die Partei, die mit Recht dem Bürgertum gegenüber darauf hinweist, wie sauber und anständig ihr Inseratenteil ist, sollte es nicht verantworten können, das gefährliche Volksgist trotzdem im Inseratenteil ihrer Blätter empfehlen zu lassen. Wir nehmen hier eine Zwittcrstcllung ein, die schon zu der Konsequenz geführt hat, daß die„Metall- arbeitcr-Zcitung" die sozialdemokratischen Arbeiter aufgefordert hat, sich durch Schnapsinserate sozialdemokratischer Blätter nicht cinfnngcn zu lassen. DaS ist nicht erbaulich, nicht erfreulich, aber die Partei hat den Gewerkschaften die Ausführung des Schnaps- boykotts überlasse».(Widerspruch.) Hätten die" Gewerkschaften nicht die Boykottbcschlüsse hochgehalten, die Partei wäre mit ihrem Schnapsboykott kläglich hereingefallen.(Sehr richtig! und leb- haftcr Widerspruch.) Verfolgen Sie die Dinge nachträglich, wie ich sie fortlaufend verfolgt habe.(Zuruf: Das ist ja alles falsch!) Dann beweisen Sic es doch! iFn Dresden bat man den wunder- baren Namen„Leipziger ResolutionStroppcn" erfunden.(Heiter- kcit.) Das ist nichts anderes als jenes Getränk, das unser Partei- vorstand als das gefährlichste Volksgift gekennzeichnet hat. Ich mache Sic auf die Broschüre Wurms aufmerksam, die jetzt nicht mehr die Alkoholfrage, sondern die Alkoholgcfahr heißt. Diese Wandlung ist ein Kennzeichen dafür, daß dieser hervorragendste Kenner aller dieser Dinge seine Anschauung gewandelt hat, daß die Gefahr stärker geworden ist. Ich schließe, indem ich vom Schnaps- boykott dasselbe sage, was der Partcivorstand so schön im Gc- schäftsbericht Seite 38 gesagt hat:„Die Genossen, welche von dem Antrag SO betroffen werden, und die Annahme dieses Antrages in Nürnberg für ein Unrecht halten, haben das Recht, für die Auf- Hebung des Antrages zu agitieren, sie f iben aber die Pflicht, dem Antrag Folge zu leisten, solange er gilt. Wenn solche Genossep siw hartnäckig weigern, diesem Antrage nachzukommen, so vcr- dient das den schärfsten Tadel." Das gilt für jeden Antrag eines Parteitages. Was dem Mai- feierantrag oder einem anderen recht ist, ist auch, dem Schnaps- bohkottantrag billig. Tun Sie dqs Erforderliche.(Beifall.) Luise Pietz: Ter Parteivorstand hat den lebhaften Wunsch, vom Parteitag eine einheitliche und freundliche Zustimmung zur Aufforderung eines verstärkten Schnapsboykotts zu bekommen. Wollen wir aber unseren großen einheitlichen Kampf nicht zer- splittern und verbitternd wirken lassen, dann ist es notwendig, daß Sie den Antrag 128 ablehnen.(Sehr richtig!) Wie verbitternd eine solche Art der Bekämpfung wirkt, wie sie Antrag 123 empfiehlt. das hat Ihnen am besten die Rede Davidsohns gezeigt.(Sehr richtig!) Wenn wir dem Antrag 128 zustimmen, dann würden wir dem Spitzel- und Denunziantentum in unseren eigenen Reihen Tor und Tür öffnen.(Sehr richtig!) Das wird auch bewiesen durch die Umfrage, die die Abstinenten an die verschiedenen Gewerk- schaftshäuscr über den Verbrauch von Alkohol gerichtet haben. In den Antworten sind Bemerkungen enthalten, die zum Teil meiner Ansicht nach im Scherz gemacht worden sind. Sie werden nun ausgeschlachtet, als ob die organisierten Arbeiter den Schnaps- boykott brechen und mit Füßen treten. Ich behaupte, daß durch unsere gesamte Arbeiterbewegung viel mehr für die Herab- Minderung nicht nur des Branntweingenusses, sondern des Alka- Holgenusses überhaupt getan werden könnte.(Bebel: Sehr richtig!) Gerade in unseren Gewerkschaftshäusern ist der Alkohol- genuß so zurückgegangen, daß die Wirte für die Säle bei Ver- gnügungen und Festen eine Miete verlangen, weil die Wirte nicht mehr den großen Ertrag aus dem Alkoholverkauf haben.(Hört! hört!) Diese gute EntWickelung werden wir uns nicht stören lassen durch solche Quertreibereien. Was soll das heißen, daß ohne die Gewerkschaften die Durchführung des Boykotts nicht möglich gc- Wesen wäre? Die Gewerkschaften und die Partei müssen sich in allen Aktionen unterstützen. Wie die Gewerkschaften ohne die Unterstützung der Parteipresse und der Organisationen keinen großen Kampf führen können, so kann auch die Partei keinen großen Kampf ohne die Gewerkschaften machen. Auch den Schnaps- boykott können mir die Gewerkschaften und die Partei führen. (Beifall.) Ter zweite Absatz des Antrages will, daß der Parteitag be- schließt, die Zeitungen haben keine Inserate mehr aufzunehmen. in denen Branntwein empfohlen wird. Soweit Davidsohn zu diesem Antrag gesprochen hat, rannte er offene Türen ein. Wir wollen alle nicht, daß in der Zeitung vorn zum Schnapsboykott aufge- fordert wird und daß hiüten in dem Annoncenteil Anzeigen stehen, da und da ist der beste und der billigste Schnaps zu bekommen. Ich würde es für einen Segen halten, wenn diese Annoncen ver- schwinden; aber es ist Sache der örtlichen Pretzkommissionen, hier Diandcl zu schaffen.(Sehr richtig!) Davidsohn hat selbst acht- zehn Blätter angeführt, die grundsätzlich solche Anzeigen nicht mehr aufnehmen, aber ich bin nicht ganz sicher, ob nicht unter den Anzeigen, denen äußerlich aus dem ersten Blick gar nicht anzusehen ist, daß sie Branntwein anpreisen, sich doch solche Anpreisungen befinden.(Tavidsöhn: Nein!) Gerade darum will ich, daß der Parteitag nicht generell solchen Beschluß faßt. Schon in Jena ist darauf hingewiesen worden, daß wir dann die großen Annoncen der Warenhäuser nicht mehr aufnehmen können, weil vielleicht auch Spirituosen darin empfohlen sind.(Sehr richtig!) Fällt etwa auch ein Inserat, durch das ein Genosse mitteilt, daß er eine neue Restauration eröffnet, unter die Annoncen, die Branntwein an- preisen? Mit Fug und Recht würde man sagen können, das ist auch ein Inserat, das Spirituosen anpreist.(Sehr richtig!) Wie ist denn der Boykottbcschluß zustande gekommen? Sie wissen, daß bei der Beratung der Reichssinanzreform die Brannt- weinstcucr erhöht wurde und man daneben die Liebesgabe bestehen lieh. Das war die äußere Veranlassung zu dem Beschluß. Nach- dem durch die Aenderung des Branntweinsteuergesetzes die Liebes- gäbe zwar beseitigt ist, aber die Belastung des Branntwein konsu- mierenden Publikums sich erhöht hat, hat der Vorstand sofort verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für der durch einen Aufruf an den Leipziger Beschluß erinnert und auf-> gefordert, mit aller Kraft für seine Durchführung zu wirken. Es war nicht die Absicht der Befürworter des Boykotts, pharisäerhaft Moral zu predigen denen, die Branntwein trinken und getrunken haben. Wir wissen gar zu gut, daß die Unterernährung, die lange, intensive Arbeit, die schlechten Wohnungsvcrhältnisse, der Mangel jeder Lebensfreude in erster Linie die Ursache des Branntwein- genusses ist.(Sehr toahr!) Wir wissen gar zu gut, daß mancher arme Teufel zum Branntwein gegriffen hat, um für einen Moment seine erschlafften Kräfte wieder aufzupeitschen, um für einen Mo- ment das Gefühl der Wärme, der Sättigung vorzutäuschen. Dem wollten wir nicht sagen: Du bist ein schlechter Kerl, wenn du nicht vom Branntwein abläßt, sondern wir wollten ihm sagen: Wir wissen genau, wie du zum Branntlveingenuß gekommen bist. Aber wenn wir dich darauf aufmerksam machen, daß du mit jedem Tropfen Schnaps dazu beiträgst, die Taschen derer zu füllen und die Macht der Leute zu stärken, die unsere schlimmsten Gegner sind, die alles daran setzen, nicht nur um uns auszubeuten, sondern auch uns zu knebeln und zu knechten. Wenn du das weißt, willst du dann noch weiter Branntwein trinken?(Sehr gut!) Dieser Appell an die Selbstüberwindung, an das Klassenbewußtsein, an die Solidarität hat den Beschluß gezeitigt.(Sehr rickiigs) i Und in dieser Weise sollen wir auch den Branntwcinbohkott weiterführen. Natürlich freuen wir uns auch außerordentlich über die gesundheitliche und moralische Wirkung des Branntweinbohkotts. Vor allem wegen seiner gesundheitlichen und moralischen Bedeutung würde ich mit aller Verve für den Boykottbeschluß eintreten und ich glaube, Sie alle mit mir.(Sehr gut!) Wenn wir das aber wollen, dann dürfen wir jene Nachschnüffcleien, ob jemand mal einen Schnaps trinkt, jene verbitternden Denunziationen nicht einreißen lassen. Wenn alle vom Klassenkampf durchdrungenen Arbeiter und Arbei- tcrinncn, wenn besonders auch die Frauen sich in den Dienst der Durchführung des Boykotts stellen, dann werden wir das er- reichen, ivas wir alle zu erreichen wünschen. Ich bitte Sie deshalb, den Antrag 123 abzulehnen und die übrigen Anträge für erledigt zu erkläre» durch einstimmige Annahme des Antrags Gott- schall. Auf diese Weise bekunden wir, daß wir bereit sind, mit verstärkter Wucht für die Durchführung des Boykotts zu wirken zum Nutzen unserer Arbeiter, zum Schaden unserer schlimmsten Feinde.(Stürmischer Beifall.) Portzsch-Berlin: Es ist ganz selbstverständlich, daß es kein Gewerkschaft!- oder Volkshaus gibt, das seinen Bestand aufbaut auf den SchnapSkon- sum. Gerade in den Gewerkschaftshäusern acht der Schnapskonsum von Jahr zu Jahr zurück. Der Antrag 128 wendet sich gegen den gesamten Spiritnosenvcrkauf. Dadurch besteht die Gefahr, daß altes, was nur entfernt mit Spiritus zu tun hat. boykottiert wird. Die Abstinenten streiten sich darüber, ob es nicht auch Brause- limonaden gibt, die Alkohol enthalten.(Heiterkeit.) Wir dürften dann also nur noch Selterwasser trinken.(Heiterkeit.) Die absti- nenten Genossen überschätzen zivcifcllos die Bedeutung ihrer Agitation, an der ich sie gewiß nicht hindern möchte, aber schon lange vor dem Leipziger Beschluß hat die allgemeine Arbeiter- bewcgung nach der Richtung hin eingegriffen.(Sehr wahr!) Davidsohn soll doch einmal einen Vergleich ziehen, ivie es heute in den Berliner Fabriken und wie es früher war. Vor 10 Iahren iväre ein Arbeiter, der in der Fabrik eine Tasse Kakao getrunken hätte, verspottet worden, und wenn er gar Milch getrunken hätte, dann hätte er sich vor Hohn gar nicht sehen lassen können. Heute dagegen werden ungeheure Massen von Milch in die Fabriken ge- fahren. Das ist ans die Aufklärungsarbeit der allgemeinen Arbeiterbewegung zurückzuführen. Ich erinnere weiter daran, daß bei Streiks vor dem Alkoholgcnutz gewarnt wird und daß auf den Bauten der Alkoholgcnuß dauernd zurückgeht. Mit vollem Recht hat Genossin Zieh gesagt, daß ein solcher Antrag der Denunziation Tür und Tor öffnen würde.(Sehr Ivahr!) Man würde schließlich auch einen Genossen denunzieren,, der, wenn er ans Wahlagitation in ein elendes Gcbirgsdorf kommt, wo es nur schlechtes Bier gibt, einmal, um sich durchzuwärmen, ein Glas Grog zu sich nimmt. Libe-BreZläu: So sehr ich die Einseitigkeit und die Ucvertreibungen von Davidsohn bcdaurc, so müssen wir doch anerkennen, daß wir der von ihm geleiteten Bewegung manche nützliche Anregung ver- danken. Wir sollten uns durch solche Zwistigkciten nicht die Freude an dem großen Erfolg unseres Schnapsboykotts verderben lassen. (Lebhafte Zustimmung.) Genosse Davidsohn, werfen Sie denn überhaupt keinen Blick in die Parteipresse, daß Sie sagen können, die Partei ist unschuldig an der Wirkung des Boykotts? Haben Sie noch nichts davon gehört, wie wir in ganz Deutschland bald vom naturwlssenschaftlicheii, bald vom nationalökonomischcn Stand- Punkt auS auf die Schädlichkeit des Schnapsgenusses hinweisen? Aber trotz der Uebertreibungen von Davidsohn werden wir alle wünschen, daß der Leipziger Beschluß verschärft wird. Vielleicht könnte man auf jedem Flugblatt einen kleinen Vermerk anbringen, der sich nicht begnügt, den Leuten zuzurufen:„Trinkt keinen Schnaps I", sondern der vielleicht in drei Sätzen sagt:„Arbeiter, Euer eochnapsgenuh liefert dem Staat jährlich 180 Millionen zu Zwecken, mit denen er uns bekämpft, den Junkern jährlich 40 Mil- lionen, damit ihr Hochmut täglich höher steigt." Immer muß ein Appell an deck Verstand und das Pflicht- bewußtsein vorhanden sein. Aber mit dem bloßen Vorbot dienen wir der Sache nicht. Auf diese Weise»erden wir mehr erreichen als auf dem Wege, den Davidsohn gehen will. Das Jnseratenverbot kann auch zu gegenseitiger Schnüffelei führen.(Sehr wahr!) Ver- gessen loir auch nicht, daß wir Landesteilc haben, wo dieser oder jener Genosse das Gewerkschaftshaus nicht mehr besuchen wird, wenn er seinen Schnaps dort nicht mehr bekommt, oder nebenan hingehen wird, um Schnaps zu trinken, oder gar seinen Schnaps mitbringen wird. Da würden wir nur erreichen, daß wir uns durch ein völliges Schnapsverbot in das eigene Fleisch schneiden würden. Die Frage ist nicht durch einen Beschluß zu erledigen, denn es handelt sich um eine Erziehungsfragc.(Lebhafter Beifall.) Ein Schlußantrag wird angenommen. Der Antrag 9S wird mit der Motivierung zurückgezogen, daß Genossi» Z i e tz erklärt habe, der Parteivorstand werde Flug- blätter für die Taubstummen herausgeben. Das Schlußwort zum Bericht des Parteivorstandes erhält Eberl: Von keinem Redner ist ein Vorwurf gegen de» Parteioorstand wegen seiner Stellung in der Göppinger Sache erhoben worden. Es steht für mich fest, daß der Parteitag einmütig unsere Haltung billigen wird. Ich muß aber einige Aus- führungen richtig stellen, damit sie nicht später wieder in der einen oder anderen Weise böse gedeutet werden. Es ist nicht richtig, daß der Parteivorstand im Göppinger Fall zur Sanierung nur bereit gewesen ist, wenn der LandeSvorstand mitmachen würde. Nachdem wir gewillt waren, zu sanieren, babcn wir den Landesvorstand lediglich gutachtlich darüber gehört, ob wir überhaupt sanieren i sollen, und wir hätten die Sanierung eventuell auch ohne den Landesvorstand durchgeführt. Die Behauptung von Schepperlc. daß in der Sitzung vom 7. Juni in Stuttgart, in der ich sprach, gesagt wurde, wenn die Göppinger die Erklärung nicht anerkennen würden, dann würde üherhaupt eine Sanierung nicht stattfinden, ist in jeder Hinsicht falsch und unwahr.(Hört! hört!) Von keiner Seite ist eine Aeußerung gefallen, die sich so deuten ließe. Im Gegenteil, es ist den Göppingern gesagt worden, daß sie völlig unbceinflußi zu der Erklärung Stellung nehmen sollen. Das ist protokollarisch festgelegt. Das Protokoll ist von allen Anivescnden genehmigt worden. W e st m e y e r hat nach der Sitzung vom 20. Mai gesagt, es sei ganz unglaublich, daß der Parteivorstand eine solche Bedingung gestellt habe. Aber trotzdem er das als un- glaublich bezeichnet hat, hat er es doch der„Bremer Bürgerzeitung" übermittelt.(Hört! hört!) Wäre es nicht vernünftiger gewesen. er hätte sich an den Parteivorstand gewandt? Das wäre um so Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärt notwendiger gewesen, weil die endgültige Entscheidung ja erst am 30. Mai gefallen ist. der Parteivorstand also noch rechtzeitig hätte eingreifen können. GeWitz kann ein Genosse einmal infolge einer falschen Information eine unrichtige Behauptung aufstellen, uns es wäre gewiß ungerechtfertigt, ihm deshalb besonders heftige Vorwürfe zu machen. Aber wenn er dann, nachdem die Aufllärung erfolgt ist, von neuem diese Vorwürfe erhebt, so ist sein Verhalten entschieden zu mißbilligen. Und das trifft auf Westmeyer zu. (Hört! hört!) Trotz unserer Erklärung hat er zusammen mit Radck und Thalheimer an 11. Juni eine Erklärung veröffentlicht, in der gesagt wird:„Wir halten alles, was wir bisher in der Angelegen- hcit erklärt haben, aufrecht." Westmeycr hat auch in dem geheimen Zirkular, das von drei Genossen von Göppingen aus verschickt wurde, noch am 7. Juni die Parteipressc gewarnt vor unseren Er- klärungen. ES heißt in dem Zirkular:„Wir halten es für not- wendig. Ihnen das alles mitzuteilen, damit Sie die Bedeutung der zu erwartenden Erklärung des Parteivorstandcs von vornherein zu würdigen wissen." Es ist weiter von Göppingen am 7. Juli ein vertrauliches Telegramm an die Parteipressc gesandt worden, in dem eS heißt: „VcrtuschungSaktion Parteivorstandcs gescheitert, Vorsicht vor PartcivorstandSnachricht am Platze. Brief folgt."(Bewegung) Unterzeichnet ist das Telegramm: Westnieyer.(Erneute Bewe- gung.) Westmeyer bestreitet allerdings, daß er das Telegramm unterzeichnet hat. Aber daß es abgegangen ist, bestreitet weder er noch Schepperte. Sie behaupten nur, daß mit ihrem Namen Mißbrauch getrieben worden ist.(Lachen.) Die„Leipziger Volks- zeitung" scheidet nach der durchaus loyalen Erklärung von L e n s ch für uns aus dieser Affäre aus. Nur hätte ich gewünscht, daß die Redaktion in der Aufnahme von Artikeln aus Württemberg vor- sichtiger gewesen wäre. Am meisten hat mich in der Rede von Henke überrascht, daß er bedauert hat, daß ich die Frage der Mitgliedschaft Rädels erörtert habe, und daß er uns weiter vor- geworfen hat, wir hätten schon früher die Parteipresse informieren müssen. Am 9. September erschien in der„Bremer Bürgerzeitung" zur Affäre Rädel ein Artikel, der in der Entstellung alles Mögliche leistete. Es war darin auch behauptet, daß Rädel seit 1908 Mit- glied der Deutschen Partei sei. Mit Rücksicht darauf und weil wir wußten, daß die bremische Parteigenossenschaft sich in einer Vcr- sammlung am 12. September mit der Affäre Radck beschäftigen wird, hielten wir es für notwendig, ohne in die Sache einzugreifen, doch wenigstens die Frage der Mitgliedschaft Rädels richtig zu stellen. Wir schrieben an die Redaktion der„Bremer Bürger- zeitung" einen Brief, worin wir die Mitgliedschaft Rädels dar- stellten und eine Richtigstellung verlangt haben.(Zuruf vom Parteivorstand: Erwartet!) Leider ist diese Richtigstellung nicht erfolgt und deshalb mußten wir die Sache hier auf dem Partei- tage klarstellen. Oder sollten wir vielleicht den Weg wählen, den Rosa Luxemburg gewählt hat, und in die Oeffentlichkcit flüchten? Es scheint bald so, als ob Henke über die Vorgänge in seiner eigenen Redaktion nicht genügend informiert ist, oder daß er dort schließlich gar den Radck schalten und»alten läßt.(Stürmisches Hört! hört!) Das wäre ja noch interessanter, wenn dieser Held, dieser Retter der Meinungsfreiheit, dort in der„Bremer Bürgerzcitung" die Richtigstellung der gröblichsten, tatsächlich un- richtigen Behauptungen vereitelt hätte.(Anhaltende Bewegung.) Entschieden mutz ich die Ansicht von Mat tuta t zurückweisen, daß die Württembcrger Parteistreitigkeiten sich nicht so entwickelt hätten, wenn der Parteivorstand früher und energischer einge- schritten wäre. Wir haben die ganzen Jahre immer und immer wieder auf die Genossen von beiden Seiten eingewirkt und sie an ihre Parteipflicht ermahnt. Damit möchte ich diese Angelegenheit verlassen und noch etwas zur Frage unseres polnischen Parteiorgans sagen. Der Genosse B i n i s k i e>v i c z hat den Antrag über die„Gazcta Ro- botnicza" hier befürwortet. Er will, daß auch fernerhin diese Zei- tung wöchentlich dreimal erscheinen soll. Wir hatten den Vorftaizd der P. P. S. ersucht, vom 1. Januar 1900 dieses Blatt wöchentlich erscheinen zu lassen. Wenn Biniskiewicz sagte, das Blatt habe sich gut entwickelt und unser Beschluß sei daher nicht gerecht, so muß .ich auf folgendes hinweisen: Es bedarf wohl keiner AusfübrungeN, daß die. deutsche Partei jedenfalls bestrebt gewesen ist, alles zu tun, um die Agitation unter den polnischen Proletariern zu fördern. ES ist jederzeit alles getan worden im Kampfe gegen die Unter- drückung der polnischen Nation. Seit 1900, seitdem die Verein- barung zwischen der P. P. S. und dem Parteivorstand besteht, ist auch in finanzieller Hinsicht der P. P. S. die weiteste Unterstützung gewährt worden: Wir haben in Kattowitz eine Druckerei einge- richtet, wir haben ihr die Möglichkeit gewährt, daß vom 1. Januar 1907 ab die„Gazcta" wöchentlich dreimal erscheinen konnte, wir haben für dieses Organ hohe Zuschüsse geleistet, haben Kolportcure subventioniert, haben im Rheinland und im oberschlesischen In- dustriegebict zeitweilig Sekretariate unterhalten, kurzum, der deutsche Parteivorstand hat in reichlichem, ja überreichlichem Maße die P. P. S. und ihr Organ unterstützt.(Hört! hörtl) Aber schließlich müssen auch Erfolge aufzuweisen sein. Daran hat es bei der P. P. S. und der„Gazcta" völlig gefehlt. Nach den Aus- ftihruitgen von Biniskiewicz muß ich leider auch hier einige tatsäch- liche Angaben machen. Seit dem 1. Januar 1907 bis zu Ende dieses Geschäftsjahres 1912 hat die„Gazeta" keine 300 Abonnenten gewonnen, und in dieser Zeit hat die deutsche Partei für dieses Organ eine Subvention von über 80 000 M. gezahlt.(Hört! hört!) Daraus ergibt sich klipp und klar, daß alles versucht wurde, um daS Blatt lebensfähig zu machen. Wenn aber sich bisher kein Fort- schritt ergeben hat, so ist der Beweis geliefert, daß eine Eni- wicklungsmöglichkcit nicht gegeben ist und weitere Opfer zwecklos wärin. Wenn man daraus irgenwelche Schlüsse über unsere Hai- tung zur P. P. S. ziehen will, ist das falsch. Es sind nicht politische Erwägungen, sondern die Tatsache, daß trotz reichlicher� Subven- tionen bisher kein Fortschritt zu erzielen Ivar, für uns die Beran- lassung gewesen, wieder auf den früheren Zustand zurückzukommen. Ein paar Worte zu den Anträgen, die eine lebhaftere Agitation unter den Privatangestellten fordern. Wir haben uns ja bemüht, nach der Richtung das möglichste zu tun: das Handbuch zur Reichstagswahl bietet reichliches Material, ebenso die zur Reichstagswahl herausgegebenen Broschüren. Andererseits ist auch ein Flugblatt zur Agitation unter den Angestellten herausgegeben worden. Wir sind auch künftig bereit, alles zu tun, was geeignet ist, unsere Bestrebungen zu fördern. Deshalb bitte ich, diese An- träge dem Partcivorstand zur Erwägung überweisen zu wollen. Genosse Dr. L a u f c n b e r g hat gewünscht, daß auch die Wahl- rechtsfrage erörtert werden soll. Gewiß ist die preußische Wahl- rcchtsfragc ein Hauptteil der deutschen Politik, und es ist wichtig. sich auf dem allgemeinen Parteitag damit zu beschäftigen. Ich kann noch erklären, daß auch wir in der Parteileitung der Meinung sind, daß die Wahlrechtsbewegung in Preußen von neuem entfacht werden muß. Wenn der Landtag in der nächsten Zeit zusammentritt, sind vier Jahre verflossen, nachdem in der Thronrede versprochen wurde, daß das elendeste aller Wahl- systeme beseitigt werden soll. Die brennende Schmach des Drei- klassensystcms lastet aber heute immer noch auf dem preußischen Volke. Es gilt deshalb, das preußische Volk von neuem aufzu- fordern, sich seine Bürgerrechte zu erkämpfen. Noch im Laufe dieses Monats wird die preußische Landeskommission zusammen- treten, um die zur Wahlrechtsbewegung erforderlichen Schritte einzuleiten.(Lebhafter Beifall.) Ich komme zum Schluß. Die Aussprache, die sich an den Vorstandsbericht geknüpft hat, hat uns eine ganze Reihe von Anregungen gegeben, die sicher sorgfältig gewürdigt werden; aber ich darf sagen, daß Einwendungen gegen die Tätigkeit des Parteivorstandcs von keinem Redner erhoben worden sind. Ich kann deshalb wohl annehmen, daß unsere Tätig- keit die volle Zustimmung des Parteitages findet.(Lebhafter Beifall.) (Fortsetzung in der 2. Beilage.) 'Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer«. Ca, Berlin 5% 2. ötilajt iits Jotitiiitlö" ßftlintt PollisWull»».>»« w*,>« SozIaldemokratiklKr(Parteitag. (Schluß auZ der 1. Beilage.) Braun(Partcivorstaut>): Nach dem Lauf der Debatte könnte ich eigentlich auf ein Schluß? wart verzichten, wenn ich nicht für den Parteivorstand zu zwei An- trägen Stellung zu nehmen hatte. Zum Kassenbericht ist nichts gesagt worden, und wenn für die Finanzen das gilt, was für die Frauen als geltend ausgegeben wird, daß nämlich die die besten sind, von denen man am wenigsten spricht, so kann man annehmen, daß unsere Finanzen in bester Ordnung sind. Der Antrag 80 von Mülheim-Wipperfürth verlangt, daß der Parteivorstond beauftragt werden soll, Verwaltungsmaterialien, als Geschäftsbücher, Kasten- und Mitgliedsbücher von einer Zentralstelle herstellen zu lassen. Das wäre ein verkehrter Weg, wenn dadurch eine Vereinheitlichung des Berwaltungsmaterials herbeigeführt werden soll. Um dieses Ziel zu erreichen, soll man nicht zuerst die technische Her- stcllung zentralisieren, sondern erst die Materialien vereinfachen. Ich bitte Sie namens des Parteivorstandes, diesen Antrag abzu- lehnen. Ein ähnlicher Antrag ist bereits auf dem Parteitag in Essen angenommen worden. Damals hat der Parteivorsiand die Materialien aus den einzelnen Bezirken und Wahlkreisorganisa- tionen eingefordert. Eine spätere Konferenz der Bezirksvorstände beschäftigte sich damit. Dabei hat sich herausgestellt, daß das Ma- teria! der einzelnen Bezirke und Wahlkreise, das den verschieden- sien Verhältnissen angepaßt ist, doch ein so verschiedenartiges ist, daß es sehr schwer hält, Materialien nach einer einheitlichen Schablone herzustellen. jener Konferenz kamen die Bezirks- vorstände deshalb zu dem Schluß, daß erst in allen Bezirken der- sucht werden soll, einheitliche Materialien zu schaffen. Wenn sich das hat durchführen lassen, kann man ins Auge fassen, bestimmte Richtlinien für einheitliche Materialien im ganzen Reiche aufzu- stellen. Wenn es dem Vorstand möglich ist, wiederum Material zusammenzustellen und Richtlinien auszustellen für einheitliche Verwaltungsmaterialien, so wird das geschehen. Lehnen Sie daher den Antrag ab und binden Sic nicht den Parteivorstand. Der .Antrag 11 verlangt Wahlkreiskon fercnzen. Nun, wir haben jetzt Geschäftsführer-, Reoakteur-, Bezirks-, Sekretär-, Bibliothekar-Konfercnzen und andere auch noch. Das ist beinahe schon zuviel.(Zuruf: Sonderkonfcrcnzen.) Von denen ganz ab- gesehen. Es muß doch Maß gehalten werden. Wir haben 84 Par- teisckrctärc, und es wird fast wöchentlich mehr. Wollten wir nun auch Krcissckrctärkonfcrenzen abhalten, so hätten wir fortgesetzte kleine Parteitage. Zur Beratung der Kleinarbeit wären bezirks- weise Besprechungen der Funktionäre viel geeigneter, als wenn der Kreissckrctär von Königsberg mit dem von Mülheim im Elsaß zusammenkommt. Einen Zweck hat es, wenn auf den Bezirks- konfcrenzen die Äreissckretäre über die Agitation sprechen. Er- gibt sich die Notwendigkeit und Ersprießlichkeit von einheitlichen Richtlinien für das ganze Reich, so sino die Bezirkssckretär- Konferenzen der richtige Weg. Auch ein Mitteilungsblatt wurde verlangt, aber dessen Zweck erfüllt die Partcipresse vollauf. Ich bitte deshalb, den Antrag 11 abzulehnen. Kaden verzichtet auf das Schlußwort. Es folgen p c r s ö n- I i ch e B cm e r k u n g e n. H.enke-Brcmen: Ebcrt glaubte, einen Vcrnichtungsschlag gegen .?..mich führen zu können.(Große Unruhe.) So lassen Sie mich doch reden. Wenn ich von einem Schreiben des Parteivorstandes an die Redaktion der„Bremer Bürgerzeitung", das vom 10. Sep- tcinbcr datiert ist, nichts wußte, so erklärt sich das daraus, daß ich seit Sonntag voriger Woche auf Agitation im Vogtland tvar. In solcher Situation befinden sich ja auch gelegentlich Parteivorstands- Mitglieder. Ich weiß nichts über das Schreiben des Partei- Vorstandes, da es mir nicht nachgeschickt wurde. Selbst die„Bremer Bürgerzeitung" wurde mir trotz meines Ersuchens nicht nach- geschickt, so daß ich über alles, was in der letzten Woche über den Fall Rade! in der Zeitung erschienen ist, nicht informiert bin. (Zuruf: Wer ist den jetzt dort Redakteur?) Warten Sie nur ruhig ab, der Name ist es nicht, den Sie gern hören wollen. In der Frage Eberls, ob ich diesen Rodet in der Redaktion schalten und walten lasse, liegt schon die Antwort. Ich muß diese Unter- stcllung auf das schärfste zurückweisen. Das kann nicht frappieren, oaß er da schaltet und waltet. Außerdem habe ich heute tele- phänisch mit der Bremer Redaktion gesprochen, obschon ich dazu nicht verpflichtet wäre, daß auf keinen Fall irgendwelche Arbeit des Genossen Rodet in der„Bürgerzcitung" erscheinen soll, bevor der ganze Fall erledigt ist. Mehr kann man nicht tun. Nun soll auch ein Artikel der Genossin Rosa Luxemburg von der„Bürger- zeitung" abgelehnt worden sein, so daß die arme Frau zum„Vor- Ivärts" flüchten mußte, wo. sie früher mit anderen Artikeln eine Aufnahme fand. Der Artikel wurde mir postlagernd nach Plauen geschickt, wo ich ihn � Sonntag erhielt und ich mir sagte, � daß er hätte aufgenommen werden können. Der Kollege sagte mir aber, er hätte eine Notiz geschrieben, daß er den Artikel nicht bringen könnte, weil eine Kommission der Bremer Genossen die ganze Sache untersuchen soll, welcher Kommission der Artikel als Material überwiesen würde. Bei der Wahl der Kom- Mission in der Partcivcrsammlung wurde der Versammlung ans- drücklich ein Schreiben des Vorstandes mitgeteilt, wonach Radek kein Mitglied gewesen sei.(Widerspruch.) Henke verliest nun eine Erklärung der bremischen PartcitagSdclcgicrten, wonach in der Diskussion der Bremer Versammlung über den Fall Radek ange- führt wurde, daß Radek von 1908 bis 1911 kein Mitglied gewesen sei. Da Radek erklärt hatte, daß diese Information auf einem Irrtum beruhen müsse, wurde es als selbstverständlich betrachtet, daß auch die Aufklärung dieser Frage zu den Aufgaben der Kommission gehört. Der mich vertretende Kollege hat mich heute davon unterrichtet, daß Radek ibm gesagt habe, er solle an den Vor- sitzenden des Parteitages schreiben und ihm mitteilen, daß alles, was über seine(Radcks) Nichtmitglicdschaft behauptet werde, un- richtig sei. Er(Radek) werde nachweisen, daß er Mitglied ge- Wesen sei. Henke fährt fort: Seien Sie überzeugt, daß wir Bremer ein ebenso gutes Partciehrgefühl haben, wie irgend ein anderer. Wenn jemand mich deswegen verdächtigen will, so reicht das nicht an meine Füße(Unruhe, Zurufe und Lachen); das reicht nicht an � meine Fußsohlen. Wenn Radek das ist. als was er hier hingestellt wurde, dann werden wir mit ibm verfahren, wie andere mit ihm verfahren sind. Dazu ist die Untersuchungskommission eingesetzt, darum haben wir seine Mitarbeit nicht abgelehnt. Das hat auch die„Leipziger Volkszeitung" nicht getan. Vielleicht gibt Lcnsch darüber noch eine Erklärung ab, die Ebcrt wieder befriedigt.(Vor- sitzender H aase crmahnt den Redner, nicht zu weit den Rahmen der persönlichen Bemerkung zu überschreiten.) Ich erkenne an, daß mir ein weiter Spielraum gelassen wurde; aber der gegen mich gerichtete Angriff rechtfertigt das. Sie sehen, daß die Sache Radek, auf die ich mich nicht weiter einlassen will, doch etwas anders liegt, als wie sie Ebcrt dargestellt hat. Ich überlasse es ruhig Ihnen, darüber zu urteilen. Biniskiewirz-Kattowitz bemerkt gegenüber Ebcrt, daß er nicht den Antrag 144 begründet hätte, sondern nur seine persönliche Auffassung dazu geäußert habe. Ebcrt(vom Partcivorstalbd): Zu meinen Ausführungen gegen Henke hat mich nur sein Vorwurf veranlaßt, daß wir den Redak- tionen nicht schon früher über Radcks Nichtmitglicdschaft Mitteilung gemacht hätten. Ich wußte nicht, daß Henke in dieser für Bremen so kritischen Zeit verreist war, wie Henke erklärt. Wenn Henke sagte, daß Radcks Mitgliedschaft in der Bremer Kommission unter- sucht würde, so kann ich ihn beruhigen. Es gibt gar nichts zu untersuchen. Nach Mitteilung der Leipziger Wahlkreisorganisation ist Radek dort nicht Mitglied gewesen. Nach Mitteilung des Vor- standes des 6. Berliner Wahlkreises war Radek dort nicht unter den von ihm angegebenen Namen Mitglied. Er hat sich lediglich gemeldet und keine weiteren Beiträge bezahlt. Henke kann bei mir die betreffenden Schriftstücke einsehen. Henkc-Brcmen: Eberts Glaubwürdigkeit ist mir hinlänglich bekannt. Ich brauche die Schriftstücke nicht einzusehen; ich zweifle nicht an Eberls Worten. Wenn das der Fall ist, daß Radek uns gleichsam ange...(Lebhafte Zurufe: Angelogen!), sagen wir: Angelogen hatte, so würden wir das genau so zu bewerten wissen, wie andere Leute. Ich habe in meiner gestrigen Rede nicht davon gesprochen, was vom 9. und 10. dieses an passiert war, sondern von dem, was vorher passiert war, und ich sagte, da hätte der Partei- vorstand, der die Mitarbeit Radcks für eine ganze Anzahl von Blättern, auch revisionistischen Blättern(Zuruf: revisionistische Blätter gibts nicht!) kannte, uns auch informieren können. Das hat er nicht getan, und deshalb ist er mitschuldig.(Unruhe.) Es wird abgestimmt. Die Anträge 3*), 4, 5, 6 und 7 werden dem Vorstand zur Erwägung überwiesen, ebenso der Antrag 8. Die Anträge 9 in Verbindung mit 101, 11, ISS, 80, 91 und 99 werden abgelehnt. Antrag 97 ist zurückgezogen. Antrag 160**) wird angenommen, 191 zurückgezogen, 192 abgelehnt. Der Antrag Ebert-Schulz, Agitation unter den Arbeitern und Arbeiterinnen im Alter von 18—20 Jahren wird angenommen, ebenso einstimmig der weitere Antrag Ebert-Müller-Schulz betreffend den Protest gegen die Verfolgungen der proletarischen Jugendbewegung. Dadurch erledigen sich die Anträge 12, 13, 148 und 173. Die Anträge 9S***), 98, IIS, 119 werden dem Zentralbildungsausschusse überwiesen. Von den Anträgen zum Schnapsboykott wird der Antrag Gottschalk ein- stimmig angenommen. Dadurch erledigen sich die Anträge 12S, 126 und 127. Antrag 128 sowie ein dazu gestelltes Amendement David- söhn, die Worte„des gesamten Spirituosenveriauss" zu ersetzen durch die Worte„des Schnapsverkaufes" werden abgelehnt. Hierauf wird dem Parteivorstand einstimmig Tccharge erteilt. Es' folgt 2a: Lebensmittelteuerung. Hierzu liegt die an leitender Stelle wiedergegebene R c s o l u- t i o n des Partcivorstandes vor. Scheiden, an»: Wir Sozialdemokraten als die berufenen Vertreter des wert tätigen Volkes haben von Jahr zu Jahr unsere Stimme erhoben damit Maßregeln zur Linderung des Notstandes ergriffen werden, aber regelmäßig hat man uns geantwortet, daß es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelt, und daß die Teuerung eine internationale sei. Man kann zwefteln, ob die- jenigen, die von einer vorübergehenden Erscheinung sprechen, dies aus Unwissenheit oder aus Dummheit tun. Daß die Teuerung international ist, ist richtig; aber es scheint mir zweifelhaft zu sein, ob diejenigen, die uns mit diesen Argumenten immer wieder kommen, die Ursache dieser internationalen Erscheinung kennen. �13. Genosse G i e b e l-ÜLurr l i n, Sozial dem. Verein Essen, Königsberg i. Pr., Duisburg, drei Ge n.ossen in Arnstadt, sechs Genossen in Breslau, Köln: Der Parleivorstand wird ersucht, in erhöhtem Maße Material für die Agitation unter den Pribätangesielllen(Handlungs- gchilfen, Technikern, Bureauangestellten) den Parteifunktionären zur Verfügung zu stellen. 4. Frankfurt a. M.: Der Parteivorstand wird beauftragt, die sozialdemokratische Agitation unter den Kreisen der kauf- männischen und technischen Angestellten nach Möglichkeit zu fördern. Bei dieser Agitation ist insbesondere der von der Demokratischen Vereinigung und dem Bund der technisch-industriellen Beamten propagierte Gedanke abzuwehren, daß die Handlungsgehilfen, Techniker usw. eine besondere Angestelltcnbewegung neben der der Arbeiterbewegung bilden sollen; die Angestclllen können ihrer ganzen wirtschaftlichen Lage nach nur ein Teil der allgemeinen Arbeiterbewegung sein. 5. Hamburg III, D i st r i k t Hamm: In Anbetracht dessen, daß die wirtschaftliche EntWickelung die Privatangestellten immer mehr ihre Klassenlage erkennen läßt, ferner daß die verschiedenen politischen Parteien sich bemühen, diese Kategorie von Angestellten für ihre Bestrebungen cinzufangen, beauftragt der Parteilag den Parteivorstand, die Agitation unter den Privatangestellten mit be- sonderer Energie zu fördern. Insbesondere sind auch alle diejenigen Bestrebuiigen zu bekämpfen, die unter dem Deckmantel der„Demo- kratie" und„Fortschrittliche Gesinnung" die Privatangestellten von der allgemeinen Arbeiterbewegung fernhalten wollen. 6. Hamburg III, Distrikt Veddel: Mit Rücksicht darauf, daß die politischen Parteien immer mehr Einfluß auf die An« gestelltenkreise gewinnen, macht sich eine umfangreiche sozial- demokratische Agitation innerhalb dieser Kreise notwendig, um so mehr eine sozial-sortschrittliche Bewegung versucht, diese Kreise zu organisieren. Dem Parteivorstand wird anHein, gegeben, eine rege Agitation zu entfalten. 7. Solingen, Kiel und acht Genossen in Düffel- darf: Der Parteitag möge beschließen: Mit Rücksicht darauf, daß die Demokratische Vereinigung bestrebt ist, auf die technischen An- gestellten immer mehr Einfluß zu gewinnen, wird der Parteivorstand beauftragt, die sozialdemokratische Agitation unter diesen Kreisen der Angestellten nach Möglichkeit zu fördern. Bei dieser Agitation ist insbesondere der von der Demokratischen Vereinigung und dem Bund der technisch-industriellen Beamten prvpagicrte Gedanke ab- zuwehren, daß die Handlungsgehilfen, Techniker usw. eine besondere Angestelltcnbewegung neben der Arbeiterbewegung bilden sollen. Die Angestellten können ihrer ganzen wirtschaftlichen Lage nach nur ein Teil der allgemeinen Arbeiterbewegung sein. **) 160. Berlin IV: Die Bilder(Illustrationen) der„Neuen Well" sind besser zu gestalten oder fortzulassen; im letzteren Falle würde Raum zu gemeinwissenschaftlichen Aufsätzen geschaffen wer- den, die zweckdienlicher wären. Ter Autotypiedruck eignet sich nicht für Rotationsdruck, ebensowenig schlechtes Papier. **�) 95. Frankfurt a. M.: Für das gesamte Bildungswesen ist(event. gemeinsam mit der Generalkommission der Gewerkschaften) ein»wnallich erscheinendes Organ herauszugeben. Dasselbe soll für alle Z�veige unserer Bildungsarbeit Rat und Auskunst geben, den Austausch praktischer Erfahrungen ermöglichen und besonders das Bibliotheksivesen in wirksamer Weise unterstützen. Eventuell kann die in Leipzig erscheinende Monatsschrift„Der Bibliothekar" übernommen und in gedachter Weise ausgebaut werden. 115. Bonn: Die Generalversammlung des sozialdemokratischen Verein? Bonn-Rheinbach mißbilligt die Veranstaltung von Sonder- koufercnzen, in denen Parteigenossen, gleichviel welcher Richtung, zu allgemeinen Parteifragen Stellung nehmen. Die ParleidiSziplin verlangt, daß die Parteigenossen ihre theoretischen und taktischen Gegensätze im Rahmen der Organisation austragen. Derartige Sonderkonferenzen schwächen die Bedeutung des Parteitags und zersplittern die Kräfte der Partei, während das einheitliche Klassen- interesse des Proletariats eine starke, einheitliche Organisation fordert. 119. Elberfeld-Barmen: I.Zusammenlegung der am gleichen Orte befindlichen Bibliotheken, die Besitz von Arbeiter- organisationen sind. Die stürmische Entwicklung des Kapitals gipfelt jetzt schon zum dritten Male seit 189S in einem geradezu ungeheuren Aufschwung der industriellen Hochkonjunktur. Jedesmal, wenn der Gipfel dieser Hochkonjunktur erreicht war, stellte sich eine ungeheure Teuerung ein. Die rasche Ausbreitung der Industrie ist im wesentlichen zurückzuführen auf die großen technischen Fortschritte. Der Kapi- talismus begnügte sich nicht mehr damit, seine Waren auf fremde Märkte zu werfen. Jetzt wird er selbst mit Haut und Haren in immer neue Länder exportiert. Er überschwemmt neue Länder mit neuen Waren und revolutioniert sie politisch. Der Profit in der Industrie ist ungeheuer gesteigert. Nun ist die kapitalistische Produktion eine anarchische. Wieviel und was produziert wird, hängt in erster Linie ab von der Profitmöglichkeit, und so entstand ein immer größeres Mißverhältnis zwischen Industrie und Laich- Wirtschaft. Während die Kartellierung und Vertrustung die Preise der industriellen Produkte hochhielt und den Kartellmagnaten große Extraprofite in fabelhafter Höhe in den Schoß warfen, sind die landwirtschaftlichen Produkte um deswillen gestiegen, weil das Kapital die Entwicklung der Landwirtschaft vernachlässigt hat. Die Landwirtschaft leidet ferner unter einem Arbeitermangel. Die Ueberschüsse der Bevölkerung werden nicht von der Landwirtschast. sondern von der Industrie herangezogen. Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß auch der Hochkonjunktur sicher wieder eine Krisis folgt mit all dem Elend in Gestalt der Arbeitslosigkeit. Die Teuerung als Folge der reinen kapitalistischen industriellen Entwicklung ist der denfbar beste Beweis für die Sinnlosigkeit einer Gesellschafts- ordnung, in der die stets steigende Produktion zu einer Quelle der Verarmung der Produzenten wird. Wir haben eine Fülle von Produkten und trotzdem leiden die Völker Not. Einer solchen anarchischen Produktionsweise sollte man möglichst schnell ein Ende machen.(Sehr richtig!) Nun sind die internationalen Ursachen der Teuerung nicht abhängig von der deutschen Wirtschaftspolitik. Sie können nicht gehemmt werden durch das Allheilmittel des Liberalismus, den Freihandel. Hier muß eS aufs Ganze gehen: Beseitigung der kapitalistischen Produk- tion und Ersatz durch den Sozialisinus.(Sehr wahr!) Die Jnter- Nationalität der Teuerungserscheinung ist der beste Beweis für die Notwendigkeit des Sozialismus. Ein wie großes Verbrechen am deutschen Volke bedeutet aber eine Wirtschaftspolitik, die bcwußtermaßen diese Teuerung zu verlängern, zu steigern und zu veremigen sucht. Ich muß darauf ver- zichten, diese Wirtschaftspolitik näher zu schilderm Ich verweise nur auf das geradezu ungeheuerliche System der Ausfuhrscheine. 12S Millionen Mark Liebesgaben hat das Volk in einem einzigen Jahre an diejenigen gezahlt, die den deutschen Markt von Getreide entblößen, um die Preise hochhalten zu können. An der Beseitigung einer solchen Politik hat nicht nur die städtische Bevölkerung, son- dern auch der kleine und mittlere Bauer das größte Interesse. Der Großgrundbesitz, der den Körnerbau betreibt und die Futtemittcl- zölle eingeführt hat, bereichert sich auf Kosten der kleinen Bauern, die die Viehzucht pflegen. Nun zu dem a k u t e n N o t st a n d. Zu derselben Zeit, wo der deutsche Kaiser zu seinen Branden- burger Granden sagte: Wir haben keine Ursache, unzufrieden zu sein, konnte man lesen, daß Taufende von armen Arbeiterfrauen die ganze Nacht vür den Fleischbänken standen, wo finniges Fleisch verkauft wurde.(Hört! hört!) Dieses Fleisch hat einen Preis, den die Frauen nach fünftägigem Verzicht auf Fleisch sich ällcnfalls leisten können. Das sind die Frauen, die das Elend kennen, die bei der letzten Reichstagswahl von Haus zu Haus, von Treppe zu Treppe gegangen sind, um sozialistische Flugblätter zu verteilen, die gewußt haben, warum sie ihre ganze Hofft, ung auf die sozial- demokratische Sache setzen. Das sind die Mütter der Kinder, von denen im ersten Jahr durchschnittlich 18 von 100 dahinsiechen, die Mütter der Kinder, die in den Prolctariervierteln bis zu 42 von 106 im ersten Lebensjahre sterben.(Hört! hört!) Wenn wir uns klar darüber geworden sind, was das Elend gerade für diese Frauen bedeutet, dann wollen wir uns auch zu allen Zeiten dessen bewußt sein, was wir gerade diesen armen Frauen zu verdanken haben. (Lebhafte Zustimmung.) Gerade ihrer wollen wir uns deshalb mit Wärme und Eifer allenthalben auf das entschiedenste annehmen. (Bravo!) Unsere Forderungen zur Abhilfe der Not sind bekannt. Wir verlangen nicht nur, daß das Reich, sondern auch, daß die G c- m e i n d e n sich auf ihre Pflicht besinnen und die kommunale Regelung des Lebcnsmittelmarktes überall in die Hand nehmen. Den Arbeitern aber muß zugerufen werden, daß sie auch das Mittel der Selbsthilfe ausnutzen und sich überall den Konsum genossen» schnften anschließen müssen. Daß in Zeiten der steigenden Lebensmittelpreise die Arbeiter sich bemühen müssen, höhere Löhne zu erringen, ist klar. Aber dann setzt jedesmal das Bestreben der Unternehmer ein, die Arbeiter in Fesseln zu schlagen. Um so mehr haben wir zu fordern, daß das Sioalitionsrccht ausgebaut und sichergestellt wird.(Lebhafte Zustimmung.) Diese Forderung haben wir der frechen Provokation der Scharfmacher entgegenzu- setzen. Wir verlangen eine Sozialpolitik, die den verelendenden Tendenzen entgegenwirkt, wir verlangen eine Förderung der Inten- sivität der landwirtschaftlichen Betriebe, eine Beseitigung der Fidei- k.- inmisse. In Verbindung damit fordern wir Reform des Steuer- wcsens. die Beseitigung der indirekten Steuern. Um diese Rc- sormprojekte durchzuführen, ist eS nötig, den Reichstag so schnell als möglich einzuberufen. Wir Sozialdemokraten brennen geradezu darauf, unsere positive Arbeit weiter zu leisten wie bisher, namcnt- lich aber jetzt, um den breiten Volksmasscn zu helfen, die nach Brot und Fleisch schreien. Am S. September hat der Vorstand unserer Reichstagsfraktion den Reichskanzler auf den Notstand aufmerksam gemacht und die schleunige Ein- berufung des Reichstages gefordert. Seitdem unser Schreiben an den Reichskanzler abgegangen ist, sind zwölf Tage ins Land gegangen. In diesen zwölf Tagen hat dar Reichskanzler keine Zeit gefunden, das Schreiben zu beantworten. (Hört! hört!) Er glaubt wahrscheinlich mehr an die vorhin von mir erwähnten Worte, daß man keinen Grund zur Unzufriedenheit habe. Ihn stört die Not offenbar nicht oder er fühlt die Junker» faustanderGurgell Er getraut sich nicht, etwas zu unter- nehmen. Er muß fürchten, daß er jetzt einmal vom Reichstag desavouiert wird. Er muh mit der Möglichkeit rechnen, daß sich doch einmal eine Mehrheit findet, die bereit ist, einiges von dem zu tun. was wir Sozialdemokraten als unerläßlich bezeichnen. Er läßt das Volk lieber darben, nur um es nicht mit den Junkern zu verderben. Ich glaube im Sinne aller Anwesenden zu sprechen, wenn ich sage, in erster Linie kommt es aus die Antwort des Reichskanzlers gar nicht an.(Sehr richtigl) Es wird darauf ankommen, welche Antwort das deutsche Volk geben wird.(Lebhafter Beifall.) Wir wissen alle, daß niemals im Volke seit vielen Jahren bis weit in den Mittelstand hinein eine solche Erregung Platz gegriffen hat wie in diesen Zeiten. Wir sind bereit, diese Erregung umzu- setzen in fruchtbare Arbeit. Aber die Regierungen müssen sich klar sein, was es bedeutet, den Willen des ganzen Volkes zu mißachten. Wenn diese Erregung Formen annimmt und sich so äußert, wie wir alle es nicht wünschen, dann tragen die die Verantwortung, die jetzt den traurigen Mut haben, den Schrei des Volkes nach Brot zu misi- achten.(Lebhafter Beifall.) Die wirkliche Not, die jetzt durch die Straßen geht, ist offenbar. Ich möchte dem Reichskanzler auch von hier zurufen, daß er hören möge, wie es dem Volke geht. Ich möchte ihm den Rat geben, daß er es seinem allergnädigsten Herrn sagen möge, daß das Volk keine Ursache hat, mit den bestehenden Verhalt? nisten zufrieden zu sein. Dys Volk leidet Not! Wenn der Reichskanzler es nicht glauben will, wenn er alle Berichte von den armen Frauen, die finniges Fleisch kaufen müssen, nicht glauben will, dann möge er in die Siechen Häuser und Heilstätten gehen und die Direktoren fragen, warum so viele dort liegen, die nicht dort zu sein brauchten. Er möge die Stadtverwaltungen fragen, die Armenkommissionen, den Oberbürgermeister einer großen Stadt, der erklärt hat, er könne einen großen Platz zu einer Versammlung deshalb nicht geben, weil der Notstand so groß sei, weit über die Massen des Proletariats hinaus, daß es keinen Platz gebe, der groß genug sei, um die Unzufriedene» zu fassen. Wenn der Reichskanzler das alles nicht glauben will, dann soll er selbst einmal in die Gaffen des Elends gehen. Ich schließe mit der Mahnung an Euch alle, daß Ihr draußen wie bisher alles tut und den Mähen sagt, w a r u m es ihnen schlecht geht und wie eine Besserung möglich wäre. Denen oben aber sage ich: Höret, Ihr seid gewarnt. Wir sind bereit, friedlich zu arbeiten und. die Erregung in fruchtbare Arbeit umzusetzen. Gedenket des alten Sprichworts: Not bricht Eisen! Npt lehrt aber auch die Arbeiter denken. Wir sind der festen Ucberzeugung, das zur Erkenntnis gelangte Volk wird nicht nur wissen, wie es seinen Kampf zu führen hat, es wird auch verstehen, zu siegen.(Stürmischer, anhaltender Beifall.) Böhlc-Straßburg: Ich beantrage, von einer Diskussion über das Referat abzusehen und auch die Resolution des Partei? porstondes ohne Debatte anzunehmen. Gegen den Widerspruch von Schiller-Breslau wird von einer Diskussion abgesehen und die Resolution zur Deuerungsfrage unter lebhaftem Beifall einstimmig angenommen. Eß folgt der Bericht der Mandatsprüfuugskommission den Btume-Hamburg erstattet. Es sind 5 Z 7 T e i l n e h m e r am Parteitage anwesend. Von diesen sind 409 Delegierte, 77 Reichstagsabgeordnetc, 11 vom Parteivorstand, 9 von der Kontrollkommission, eine Genossin vom Frauenbureau, ein Genosse von der Firma Auer u. Co. vom Vorstand geladen, ein Genosse vom„Vorwärts". Weiter sind geladen ein Sachverständiger des Parteivorstandcs: außerdem sind 17 ausländische Ge- Nossen als Gäste anwesend. Es liegen drei Proteste vor. Zunächst aus dem 6. Schleswig-Holsteinischeii Kreise gegen den Genossen Kirch. Er soll als Ortsvorsitzcnder in Ottensen die Wahlen dadurch be- einflußt haben, daß er aufgefordert habe, auch für andere Kandi- daten zu stimmen, als solche von Ottensen. Die Mandatsprüfungs? tommission ist der Ansicht, daß jeder Genosse das Recht hat, ihm geeignet erscheinende Kandidaten zu empfehlen. Der Protest gegen die Wahl Kirchs wird also zurückgewiesen. Der Parteitag stimmt dem zu. Ein weiterer Protest liegt vor aus dem Kreise Anhalt 2, Bernburg-Köthen, und zwar aus den Orts? pereineu Gern rode und Harzgerode. Der Protest richtet sich gegen das Mandat des Delegierten T h e u e r j a h r in Käthen. Tyeuerjahr war mit Hoffmann in die Stichwahl gekommen. Er hatte 488 Stimmen, Hoffniann 378. Einige Tage nachher wurde der Stichwahltermin aufgehoben nüt der Begründung, daß Hoff- mann von der Kandidatur zurückgetreten sei. Die Gernroder und Harzgeroder erklärten nun, dadurch sei Theuerjahr nicht gewählt. Ihm standen noch andere Kandidaten gegenüber, die zusammen mehr Stimmen hatten als er. Die Kommission hat den Protest als be- g rii n d e t erachtet und beantragt Ungültigkeitserklärung. Günther-Bernburg: Hosfmann ist von der Stichwahl lcdig? lich zurückgetreten, um die Stichwahl überflüssig zu machen. Das ist ihm von verschiedenen Ortsvereinen nahegelegt worden. Der Sonntag, an dem die Stichwahl sein sollte, konnte zur Verteilung eines Flugblattes gegen die Teuerung ausgenutzt werden. Es handelt sich um keinerlei Richtungsgegensätze. Won,, Sie ent- scheiden, daß ei» formeller Verstoß geschehen ist, werden wir uns fügen; aber der Effekt wäre, daß das zweite Mandat unbesetzt bliebe. Ter Parteitag erklärte das Mandat Theuerjahr für gültig. (Beifall.) Blumc-Hamvurg: Es liegt noch ein Protest vor aus dem Wahlkreise Augsburg. Rollwagen ist gewählt worden, konnte aber wegen der Tagung des bayerische» Landtags nicht erscheinen. Nun hat man einfach B u ch w i e s e ohne Wahl mit dem Mandat betraut; dagegen wendet sich der Protest von Augsburg. Wir be- antragen, die Wahl Buchwieses, der übrigens bereits abgereist ist, für ungültig zu erklären. Der Parteitag schließt sich diesem An- trage an. Es folgt der Bericht der Reorganisationskommisfion über ihren abgeänderten Entwurf- Berichterstatter Müller: Ich kann mich sehr kurz fassen, weil ei» einmütiges Votum der Kommission vorliegt. Die Kommifsion hat sich in ihrer dritten Lesung auf die vorliegende Fassung geeinigt, die von den Bestim- munge» von der Vertretung dex Reichstagsfraktion auf den Partei- tagen handelt. Wenn ein einmütiges Votum zustande kommt, so sind natürlich von der einen oder anderen Seite Bedenken und Wünsche zurückgestellt worden, weil Aenderungen in der Verfassung der Partei nur dann Wert haben, wenn die Partei einmütig oder wenigstens mit übergroßer Mehrheit aus dem Boden einer solchen Vorlage steht. An ven§§ 1 bis ö sind Aenderungen nicht vor- genommen worden. In der Debatte draußen im Lande hatte es eine große Rolle gespielt, daß in der Fassung der ersten Lesung eine Erhöhung des Mindestbeitrages vorgesehen worden war. In der dritten Lesung ist diese Erhöhung gestrichen worden mit Rücksicht auf die außerordentlichen Tcuerungsverhältniffe, Damit sind wohl wesentliche Bedenken gegen diese Vorlage beseitigt. Das Geschäftsjahr soll nun vom 1. April bis 31. März laufen. Damit wird ei» alter Wunsch erfüllt. Bezüglich der Vertretung der Organisationen auf den Parteitagen können von jetzt an Organi- sationen mit bis 12 000 Mitgliedern vier und für je weitere 8000 einen Delegierten mehr entsenden; damit wird«ine Ungerech- tigkeit beseitigt. Nun die Vertretung der Fraktion. Man hat für die Bei- bchaltung der bisherigen Fassung gesagt, daß der Parteitag die Stelle ist, von der allein die Fraktion für ihre Tätigkeit zur Rechen- schaft gezogen werden könne. Das trifft auch für andere Fnstitu- tionen von großer Bedeutung zu. Aber i» den letzten Jahren hat uns weniger die Reichstagsfraklion in heißen Ääinpfen beschäftigt. sondern vielmehr Laiidesangelegenheiwn. Es müßten also auch den Landtagsabgeordneten, die in letzter Instanz dem Parteitag verantwortlich sind. Vertretungsrechte eingeräumt werden. Tie Kommission hat also die Fassung der ersten Lesung beibehalten. Nach§ 11 können»n Zukunft nur noch Organisationen Anträge zum Parteitag stellen. In bezug auf das Ai lußverfahren hat sich die Kommission in der Hauptsache auf de» Boden der Elber- fclder Vorschläge gestellt. Wenn in einer Sache mehr Angeschuldigte vorl)aiideil sind, so kann in Zukunft der Parteivorstand das vor ein Schiedsgericht bringen. Der Kern der ganzen Vorlage sind die Bestimmui�en über den Parteiausschus?. In der dritten Lesung ist eine Fassung ge- funüen, die eine bessere Fühlung Mischen den Landcsorganisa- tioneu und der Zentralstelle herstellen wird. ES war vor allem gewünscht worden, daß neben unserem Parteiausschuß die Kon- ferenzen weiter bestehen sollten, die als Konferenzen der Bezirks- und Landesvorftände seit 1907 getagt haben. Das hätte einen Dualismus gegeben, darum haben wir unS in der dritten Lesung einniütig auf die jetzigen§8 20 bis 22 geeinigt. Die Bezirksvor? stände delegieren einen Vertreter. Wenn aber der Ausschutz aus den Delegierten ocr Bezirksvorstände besteht, konnte bei der Biel- gestaltigkeii dieser Sache nicht die Rede davon sein, daß der Partei- ausschuß gemeinsam Mit dem Parteivorstande beschließen konnte. In Anerkennung dessen ließ sich auch der Streit über die Stellung de? Parteiausschusses zum Parteivorstand und Parteitag schlich- ten. Wenn der ParteiauSschuß noch neben dem Partetvorstand beschließt und diesem sein Gutachten unterbreitet, so trägt der Parteivorstand in Zukunft allein gegenüber dem Parteitag die ungeteilte Verantwortung. Diese Tatsache, daß der Ausschuß eine gutachtende Körperschaft ist und der Vorstand die Ver- antwortung allein trägt, konnte es nun entbehrlich machen, daß der Parteitag die Ausschußmitglieder bestätigt. Nun ist gesagt worden, daß die Neufassung eigentlich weiter nichts sei als die alte Bezirks- und Landesvorstandskonferenz auf Grund des§ lg. Das ist nicht richtig. Die wesentlichste Äenderung ist, daß jetzt mindestens alle Vierteljahr eine solche Konferenz statt- finden muß. Dadurch soll eine bessere Fühlungnahme herbeigeführt werden. Der Parteiausschuß kann auch einberufen werden, wenn der Parteivorstand es nicht will, und wenn in besonderer Situation 15 Landes- bzw. Bezirksvorstände das wünschen. Wenn Differenz.'» zwischen Parteiausschuß und Parteivorstand vorkommen sollten, so wird die Angelegenheit so lange hinausgeschoben, bis der Parteitag zusammengetreten ist. Bei großen Dingen, wo eine Verständigung ausgesckkossen ist, was ich mir im Augenblick nicht denken' kann, müßte vurch einen außerordentlichen Parteitag eingegriffen werden. In bezug auf die Zusammensetzung des Parteivorstandes hat die Kommission es im wesentlichen beim alten gelassen. Nur wollen wir, daß die beiden Beisitzer, die bisher von der Kontrollkommission gewählt lvurden, in Zukunft vom Parteitag gewählt werden. Die Kontrollkommission hat ihre alten Befug- nisse beibehalten. Nur soll, wenn eine Ersatzwahl für den Partei- Vorstand im Lause des Jahres notwendig wird, diese von der Kom- Mission nach Anhörung des Parteiausschusses und des Parteivor- standes erfolgen. Wir halten die neue Fassung der Kommission für einen wesentlichen Fortschritt. Sic knüpft an das an, was sich orga- nisch entwickelt hat. Die Rechte des Parteivorstandes werden dadurch etwas ciiigeschräiikt, aber der Parteivorstand hat selbst diesen Vor- schlag gemacht, um eine bessere Fühlung mit dem Lande zu haben. Selbstverständlich hat der Parteitag in allen wichtigen Fragen auch in Zukunft das letzte Wort. Kein ParteiauSschuß wird es wagen, sich Rechte anzumaßen, über die jeder Parteitag gewissermaßen eifersüchtig wachen wird. Streitigkeiten werden natürlich niemals absolut vermieden werden. Aber sie können kameradschaftlicher ausgetragen werden, als es früher bisweilen der Fall war. Ter ParteiauSschuß soll vor allen Dingen dazu dienen, im Kampfe gegen unsere Gegner unsere Kampfbereitschaft zu verbessern. Wir emp- fehlen Ihnen, unsere Anträge enbloc auzuychmen. An Ihnen liegt es, das Werk, das in der Kommission nach langen Debatten und heißem Bemühen durch einen einmütigen Beschlutz zustande ge- kommen ist, zu krönen zum Nutzen der gesamten sozialdemokrati- scheu Belvcgung.(Lebhafter, anhaltender Beifall.) Vorsitzender Haase teilt mit, daß zu d'cm Kommissionseniwurf noch Abänderuugsailträge eingegangen sind. Die Reichstags- f ra k t i o n soll hiernach in ihrer Gesamtheit zur Teilnahme an den Parteitagen berechtigt sein und für den Fall der Ablehnung dieses Antrages soll sie wenigstens beratende Stimme haben. Ferner sollen tcm Parteivorsland nicht zwei Beisitzer angehören, sondern eine unbestimmte Anzahl von Beisitzern, die jedesmal der Parteitag bestimmt. Die Beratung des Organisationsstatuts in Verbindung mit dem Antrag 198 von Fürth:„Invalid gewordene Parteimitglieder sind für die Dauer der Invalidität beitragsfrei und sollen aus den Mit- gliederlisten nicht gestrichen werden", wird auf Mittwoch vertagt. Schluß 814 Uhr. ** * Berichtigung. Unser Bericht über das Referat des Genossen Braun vom Parieivorstande am ersten Verhandlungstage enthält eine falsche Zahl. Bmi den Ausgaben der Hauptkosse entfallen aus die Zu- schüffe zu den Lundtagswahlen in Bayern und Elsaß-Lothringen nicht 450 000 M., sondern nur 45 000 M. Bus der parte!. Zum Fall Rädel. Die„Bremer Bürgerzeitung" stänkert weiter. Weil wir die Zuschrift der Genossin Luxemburg, die in Bremen unglaub- licherweiie nicht abgedruckt worden ist, aufzunehmen genötigt waren, beschuldigt sie uns der„Voreingenommenheit* gegen ihren Radek vom— Göppinger Fall her! Wenn das Bremer Blatt nicht etwa auch die Verhandlungen des Parteitages ihren Leser» nur in Form Radekscher Polemiken gegen diese vorsetzen sollte, so werden die Leser in Bremen, die z u m e r st e n m a l dann endlich die Wahr- heit über den in Göppingen angezettelten und von Bremen mit solchem Eifer unterstützte» Skandal erfahren werden, sich spät. aber doch ein eigenes Urteil bilden können, wer voreingenommen ist. In Wahrheit ist heute das Bremer Blatt nicht bloß vor- eingenommen für, sondern völlig eingenommen von Radek. Die„Bremer Bürgerzeitung" hat nun endlich Zeit genug ge- nug gehabt, sich die Ausrede für die Nichtaufnahme der Erklärung Rosa Luxemburgs zu konstruieren. „Wir wollen nur f e st st e l l e n(!). daß wir nicht einen Augen- blick daran dachten, den Artikel der Genossin Luxemburg zurück- zuweilen. Lediglich der Umstand, daß die politische Redaktion unseres Blattes nichr vollzählig beisammen war— die Genossin Luxemburg wurde davon unterrichtet— ist der Grund, weshalb die Veröffentlichung des Artikels verzögert wurde. Wir glaubten bislang nicht, daß es der Genossin Luxemburg im Kampfe, sei es wo es wolle, um etwas anderes als um die Sache zu tun sein könnte. Ihr Verhalten im Falle Skadek, ihre höchst ver- dächtige Eile, mit der sie die Veröffentlichung des Artikels be- trieb, ließ unS leider an unserer bisherigen hohen Meinung irre werden." Das übersteigt doch alle Grenzen! Tag für Tag bringt das Blatt, ohne jede Rücksicht auf„Vollzähligkeit", seine Notizen für und?- wie wir keinen Moment lang zweifeln— von Radek, aber das einzigemal, wo sie eine Abwehr der so schwer Angegriffenen bringen sollten, da bekamen dieselben Leute einen Anfall von Gewissenhaftig- keit und erinnern sich, daß sie nicht vollzählig find! Und diese Er- innerung kommt gerade rechtzeitig, um zu verhindern, daß die Er- widerung der Genossin Luxemburg vor der Bremer Parteiversamm- lung erscheinen kann, die zu dem Fall Stellung nehmen soll l Aber vielleicht meinen die Parteigenossen, daß jetzt wenigstens, die„nicht Vollzähligen" die Erklärung Luxemburgs aufgenommen hätten? Da kennen sie den Radek(denn die„nicht Vollzähligen" sind ja nur der Deckname) schlecht. Nachdem gegen Rosa Luxem- burgs Bemerkungen ein paar herabsetzende und schnoddrige Bemerkungen gemacht worden sind, kommt der Schluß: „ES erübrigt sid� für uns, auf die Materie des Luxemburg- schen Artikels im einzelnen einzugehen, da die Angelegenheit Radek einer Untersuchungskommission übergeben ist: auch kann für un« nicht die Veröffentlichung des Artikels in Frage kommen, nachdem die Genossin Luxemburg, ohne unseren endgültigen Be- scheid abzuwarten, in allzu großem Eifer zum„Vorwärts" lief." Das ist R a d e k s Strafe für Rosa Luxemburg, die nicht ge- duldig warten wollte, bis die„nicht Vollzähligen" die Gnade haben würden, sie zu Worte kommen zu lassen. Gerichts-Leitung» Handel mit gestohlenen Hunden. Wie schwunghaft der Handel mit gestohlenen Hunde» in Berlin betrieben wird, zeigte eine Verhandlung, die gestern die 4. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte. Wegen Hunde- diebstahls in etwa 11 Fällen hatte sich der noch jugendliche Ar- beiter Fritz Pechau, wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hehlerei der Hundehändler Georg Bocnisch und wegen Beihilfe 1 der Gastwirt Heinrich Borkauf zu verantworten. Pechau war früher längere Zeit in emer größeren Tierhandlung angestellt gewesen, wurde dann Arbeiter, und als er arbeitslos wurde, widmete er sich dem Hundediebstahl. Er versicherte vor Gericht immer wieder, daß er dazu von Bocnisch aufgeredet worden fest der ihn eines Tages in einer Speisewirtschaft getroffen und ihm nahegelegt habe, daß er sich aus seiner schlechten wirtschaftlichen Lage durch Ein- fangen von Hunden und deren Verkauf an ihn oder andere leicht herausretten könne. Bocnisch habe ihm auch alle Verhaltungsmaß- regeln genau vorgeschrieben. Danach sollte er die Hunde, die er in seine Gewalt bekommen wollte, durch Pscrde-Bouletten an sich locken, sie dann nicht etwa an einen Strick, was Verdacht erregen würde, sondern an eine Hundeleine legen und sie wegführen; falls er dann von dem Besitzer des betreffenden Hundes gestellt werden sollte, sollte er nur sagen, daß letzterer ihm nachgelaufen sei und er ihn in vorläufige Verpflegung habe nehmen wollen. Ilcverdics habe ihn Boenisch auch mit der Versicherung beruhigt, daß er schlimmsten Falles nur wegen Fundunterschlagung destraft werden könnte. Wieviel Hunde Pechau von der Straße weggestohlen hat, kann dahingestellt bleiben, von den zur Anklage gestellten einzelnen Fällen gab er die meisten ohne weiteres zu. So hat er eine deutsche Dogge in« Werte von 300 M., einen Jagdhund in gleichem Werte, einen kostbaren Pudel, einen Terrier, einen Wolfsspitz. einen Boxhund usw. usw. mit Hilf« der Pferde--Bouletten an sich gelockt und weggebracht. In zwei Fällen ist er mit den gestohlenen Tieren in das"Vorkaufsche Lokal gekommen, wo ihn Boenisch er- wartete, die Hunde ihm abnahm und ihm nach dem Werte derselben eine größere oder kleinere Summe einhändigte. In den Fällen, wo er die Hunde an andere Personen verschärfte, hat er sich der Legitimationspapiere bedient, die er in sehr raffinierter Weise einem arbeitsuchenden Provinzialen abgenommen hatte. Er stellte diesem in Aussicht, daß er bei seinem Vater Beschäftigung finden könnte, führte ihn vor ein Haus, in dem der Vater angeblich wohnte und ließ sich die Legitimationspapiere geben, die er dem angeblichen Vater zunächst vorlegen wollte. Er kam dann nach kurzer Zeit zu dem auf der Straße Wartenden mit dem Bescheide zurück, daß er am nächsten Tage antreten könne, behielt die Papiere und überließ den gutgläubigen Provinzialen seinem Schicksal. Der Angeklagte Vorkauf wies alle Verdächtigungen des Pcchan, daß er von dem unreellen Erwerb der Hunde gewußt und trotzdem den Verkaufsabschluß in seinem Lokale geduldet habe, mit Entschieden- heit zurück und erklärte diese Verdächtigungen für einen Racheakt dafür, daß er schließlich für die Verhaftung des Pechau gesorgt habe. Herrn Vorkauf konnte auch keinerlei Schuld nachgewiesen werden und es erfolgte dessen Freisprechung. Dagegen wurde der auch schon wegen Hundcdiebstahls vorbestrafte Boenisch trotz seines Leugnens wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hehlerei zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jabrcn Ehrverlust verurteilt. Gegen Pechan erkannte das Gericht aus 1 Jahr 3 Monate Gefängnis, unter Anrechnung von 4 Monaten Untersuchungshaft. „Väterliche" Erziehung eines Lehrers. Zahlreiche halbwüchsige Schulmädchen der 128. Gemeindeschulc in Moabit, der Rektor und mehrere Lehrer dieser Schule waren gestern vor die 10. Strafkammer des Landgerichts I geladen, um in einer grgen den Lehrer Hans Rudolph gerichteten Strafsache wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit Zeugnis abzulegen. Der Angeklagte stand unter der schweren Beschuldigung, in mehreren Fällen Schülerinnen seiner Klasse unzüchtig berührt zu haben. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oefsentlichkcit statt. Auf Grund der mehrstündigen Beweisaufnahme beantragte der Staatsanwalt 9 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof hielt, wie der Vorsitzende noch Wiederherstellung der Oefsentlichkcit verkündete, für erwiesen, daß der Angeklagte in vier Fällen die Mädchen in durchaus unzulässiger Weise berührt hat, der objektive Tatbestand also zweifelsfrei sei. Es könne dahingestellt bleiben, ob der 8 174 oder 8 176 cvent. in Anwendung kommen würde, denn beide Paragraphen verlangen in subjektiver Beziehung, daß dip unzüchligen Handlungen auf Befriedigung dex Geschlechislust ge- richtet sein müssen. Der Gcricbtsbof hat aber auf Grund der Be- wcisaufnabme nicht für festgestellt erachtet, daß die Absicht deß Angeklagten darauf gerichtet war, cS hat ihm vielmehr geglaubt, daß die in Frage stehenden Berührungen nur der Absicht cni- sprungen waren, in gewissermaßen väterlicher Weise aus die Mädchen einzuwirken. Deshalb habe das Gericht auf Freisprechung erkannt. Unpassend sei das Verhalten des Lehrers den Schule- rinnen gegenüber zweifellos gewesen, und wenn ein Strafantrag wegen tätlicher Beleidigung vorgelegen hätte— was nicht der Fall war—, hätte eine Bestrafung des Angeklagten cvent. erfolgen können.__ Hus der frauenbewe�ung. Leseabende. Wilmcrsdorf-Halensee. Donnerstag, den 19. d. M., 8>/z Uhr, im Viktoriagarten, Wilhelmsaue 114/15: Vortrag der Genossin Bohm-Sckuch„Rückgang der Geburten." Gäste willkommen. Beiträge werden entgegengenommen. Marktb reicht von Berlin am IE. Teptbr. 1912. nach Ermittelung des tönigl. Polizeipräsidiums. Marktballenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00— 50,00. Speisebobncn, Meitze, 30,00-60,00. Linsen 35,00—60,00, Karlossein(Kleinhdi.) 6,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keul« 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleiich 1.50—1.80. Schweinefleisch 1.60—'2,40. Kalbfleisch 1.50—2.40. Hammelfleisch 1,70—2,40. Butter'2,20—3.00. 60 Stück Eier 4.00—6.00. 1 Kilogramm Karvien 1,40—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60—3,60. Hechle 1,60—2,80. Barsche 1,00-3,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,60—30,00.____ Wasserstands-Nachrichten »asserfland M emet, Tilsit Pregel, Jnsterburg W eich stl. Thom Oder, Raflbor , Krassen , Frankiurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden . Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus . Rathenow') Spree, Spremberg') , Bceslow Weser, Münden Minden Rhein, MaismilianSau , Kaub Neckar. Hellbrom, Main. Hanau Mosel. Trier am 16. g om 116 38 18 SO 78 217 317 534 379 410 178 216 110 seit 16. 3. einst —3 +4 —6 —4 0 —9 —16 —12 —29 —25 +2 —17 -20 st+ bedeutet WuibS,— Fall.—*) Unterpegel.— st'» der Nacht vom 16. zum 17. höchster Wasserstand: 426 cm, am 17. morgens nur noch 3S4 c m. ßHefbaften der Kcdahtlon. 9.3.48.«ein.— 9.«. 1000. Die Frau bleibt, wenn sie nicht aus. tritt, steuerpflichtig. Falls der Austritt in diesem Kaleuderjahr erklärt wird. e.Iischl die StcucrpfUcht mit End« des Kalenderjahres 1913. —(9. K. 26. 1. u. 2. Ja. 3. Nein.— M. 9. 180. Ja.— 31. Zt. Ja.— M. H. 100. Nein. Die Jnvalidenversicherungspflichl bleibt neben der Versicherungspflicht ans Grund des Bersicherungsgesebes für Angcslcllte bestehen, wenn der Jahresarbeiisverdienst 2000 M. nicht übersteigt. Ist letzteres der Fall, so empfiehlt sich Weiterverncherung; Beitragsanrechnung oder Erstattung ist ausgeschlossen.— N M. o45. 1. Stein. 2. Anniel« duna mutz aus Ihren Nam-n erfolgen: ob dies geschehen ist oder nicht, ersahren Sie beim Patentamt.— F-»4. 1. Zebu Monate. 2. Aus Antrag kann der Justizmüiistcr Besreiung gewähren.— A. L. 28. 1. Unterliegt der Versicherung. 2. Die Berussgenoisenschast ist zur Zahlung der Hinterbliebenenrente verpflichtet, wenn der Gelötete der Mutter uberwiegend Unterhalt gewährt hat. Berliner Credit-Haus frgT Kommandantenstr. 67. �flikohoifreie Getränke*� Frauz Abraham Eamb. 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O., Gossleratr. 27 W.SchultzBoxbagen.Neae 6ahiiliofätr.32 Schumacher, O.(Tegel, Berl.-St.5a. Schulz, Osw., Frankf. Alice 24. Max Storch, Elbingers tr. 100. M. Tomechna Nchf., Bröckenstr. 16. Paul Trcnk, Charl., Spand.-Str. 32. A.Trenner, Wilhelmsrah, II\nptstr. 12. Truxa, V/., Frankft. Allee 185. Uhren-Klinik, f> rannen- E. Bernaae rat. WtfHd£1/1 Neukölln, i« ii �Qgy Berhn6r3tr.44. � Vorslcherungen""j „Deutschland" Berlin Arbeiterveraicherung— Schützen- Stcrbekaascnversicherg. Straße 3. „Friedrich Wilhelm" Berlin W8» Behrenstr 58—61 Lebens-, StcrbekaageB-n-Arheiterrersichg. Mit u. ohne ärztl. Untersuchung J ahres-, Monats-, Wochenbeiträge .Iduna'zu Halle a.S. Berlin, Charlottenstr. 82 Volks- and Lebensversicherung. Warenhäuser J Spandau Wilh. Herrn. Lesser Kolonst.54 Schoneberg Kolonst54 Bei jedem Einkauf Rabattm. Wcfn«� Liköre u. Fruchtsäfte 60 Filialen in allen Stadteilen. Eile m.Wely c, Likerfabr., Gerichtstr. 1 1 lyiiuit mühu. Fn„r.pr,i. 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Ii Tpph!3nnnK-lsabetillcircilstr- 13 H. 1 oUidbyBwäache, Bettfedern. D Thurow,Ö.,Charlbg.,Cauerstr.l4 L. Vierarm, Zionskirchstr. 34. E.Voigt, Boluickendorf, Amen dentr. 101. Albert Vogt s Wild u. GeflQgel Frima Lggeliühnep saowic BettfotJem I Geflügel-Importhaus Neukölln. Knesebeckstraße 105. C.DittmannBc�uÄ«. P. Hildebrandt STk Schmidt, E.» Spandau, Ha velst.if Zastrow,Landsbcrger-Alleet47.Fhche. f Zahn-AteKer*'H E.Bade, N..scböniia us�r Allee43,I. Hollbrudi, Herrn., Pankstr, gegT.1871 Heröd,H., Elsaaserst 97,» RoscutaLPL Jordan, Alfr.jFeunstr. 61, gegr. 1888. Körber, O., Mariendorf, Ch&asseestr.30ft K. Lindeke, Warschauerstr. 80. M. Rasenke, Birkenstr. 22. Wiffa U a v Muskauerstr. IC Vvillui fflCiA Ecke MantenffclstE. Hbcatcr. Mittwoch, 18. Sept. Anfang 7'/, Uhr. 1912. Kgl. Opernhaus. Violetta. Kgl. Tchaufpielhaus. Die Blut« Hochzeit. Deutsches. Hamlet. DeutichrsSchauiPielhauS.Egmont. Zt rkus Albert Schumann. Große Vorstellung. Anfang 8 Ubr. Urania. Taubenstrafte 48/49. Aufs Matterhorn. Lefftilg. Tantris der Narr. »amnierfpielc. Mein Freund Teddy. Montis Operetten. GoldnerLeicht» sinn. «urfurstcu-Over. Der Kuhreigen. Berliner. Giohe Rosinen. Königgräher Strafte. Die fünf Franlsurter. Kleines. Der Unverschämte. Der Arzt seiner Ehre. Lottchcns Gc- burtstag. Schiller O. Die Gefährtin. Para- ceisus. Der grüne Kakadu. Schuir,- Charlottendurg. Nachruhm. Residenz. Der Herr von Nr. 19. Tbniia. Autoliebchen. Luise». Der Walzerkönig. Herrnfeld. Wie man Männer bessert. Die Original-Klabrias- Partie. Drianon. Die Briestasche. Ein peinlicher Zwischensall. Der Dieb. Metropol. Schwindclmeier u. Co. <5asino. Der GroMrst. SÄintergarte». Spezialitäten. Apollo, svezialitüten. Passage. Spezialitäten. Reichshallcn. Sicttiner Sänger. Die Macht der Töne. >.'lnlang 8'j, Uhr. Lustspielhaus. So'n Windhund. Friedr.- Wilh. Schauspielhaus. Die keusche Susanne. Rose. Die goldene Eva. Walhalla. Nur nicht drängeln. Folies Capricc. Der keuscheJoseph. Der Rchbock. Ansang 8'/, Uhr. jstcneS VolkS'hcater. Liebelei.— Literatur. Ansang 10 Uhr. AdmiralSpalast. Eisballett: Ivonne. »» Sternwarte. Invaiidenstr. 57—62. Montis Operetten-Theater (srühcr Xeucs Tlieatep) Abends 8 Ubr; Goldener Leichtsinn. Deutsches Schauspielhaus (Komische Oper). n allen Tagen der Woche 3 Uhr: E g m o n t> 8ehi!Iel'-7heslei'D.�7er' Mittwoch, abends 3 Uhr: OiB Gefährtin— Paracelsus. Oer grüne Kakadu. Donncrslag. abends 8 Uhr: Oer Misanthrop. Die Schule der Frauen. Freitag, abends 8 Ubr: Die Lokalbahn.— Die Medaille. Schiller-Theater Chabru?B.en Mittwoch, abends 8 Uhr: Btachrnhm. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Talisman. Freitag, abends 8 Uhr: Der Misanthrop. _ Die Schule der Frauen. Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Große Rosinen. fdMiiiilel'WgMei'Me Abends d Uhr: Die 5 Frankfurter. Rtfidkin-Thtaltt. 8 Uhr: Der Herr von Nr. 19. pchwank in 3 Alten von Keroul und Barre. Morgen und folgende Tage: Der Herr von Nr. 19. Luisen-Theater. Heute und folgende Tage: AbendS 3 Uhr: Pft Ulchttlmig. IOSE=THEATE 'Rroße Franksurtel Str. 132.| Ansang 8 Uhr. Die goldne Eva. Morgen: Zapfenstreich. Germania-Frachlsäle N., Chausseestr.no. K.Richter. Heute Mittwoch: Paul Mantheys lustige iSänger. Vollständig neues Programm. Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Ps. Nachdem Freitanz. — Vorzugskarten gelten.— Jeden Sonnlag: Paul Mantheys lustige Sänger anschlieftcnd Familienkränzchen. „Glon" :: Berliner:: Konzerthaus Mauerstralle 82.— ZlmmerstraBe 91/92. Eröffnung Sonnabend, den 21. September er., abends 8 Ohr. Udcl-Qnai'tett, Prof. Udel aus Wien. Herl. Konaierthaus-Opchcstcr. Frz. v. Blon. Slatglkc. Kals.-A.lcx.-Grcnad.-Rjs;ts., Kgl. Musikdir. Brase. Urania Tanbenstraße 48/40. Theater: 8 Uhr: Dr. Mühlstaodt-Loipzig: Auls Matterhorn. � 9., ��5, LOGISCHER � faAKTEM M Täglich: i Großes Hilitär-Konzerl. .J Eintritt 1 Jlark, s'l von abends 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 10 Jahr. die Hälfte. Metropol-Tiieater. Wegen Vorbereitung zur neue» Jahresrevue bis inkl. Freitag, de» SO. September: DCfT" OettchlosHen! Sonnabend, abends'/»S Uhr: Premiere! Ein nie dagewesener Erfolg I Vathal and Palma ? Mensch oder AITc? M. Vega Trio der Gipfel der Komik'. Wunderpapagei Lora und 8 weitere Novitäten. Folies Caprice. Täglich 8'/, Uhr: Die Novitäten: Der keusche Joseph. � Der Rehbock.<9*® Der Einbrecher.-Mg M« IThsatep Wie man Männer bessert! Die Originafl- gClabrias-Partie Beide Stücke mit Anton und Donat Hcrrnfeld in den Hauptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf 11— 2(Theatorkasse.) 91 Passage-Ihoaler. Abends 8—11 Uhr Gastspiel der sieben Spafimacher Da tut sich was.4, Große Metroparodie-Revue nach dem Englischen aus dem Französischen ins Dämliche übersetzt von Schniolius Feind, Jlusik von Views Limhurgep, in Szene gesetzt von Direktor Ricardo Shoultscz. Jean Pedro, Fratzi Massievy, Laatsch.Hessing, Pepi Popipi, Kohn Erzbishop, Luido Quietschor. Pfeifen überall gestattet! Reichshallen-Tiieater Stettinsr Sänger. Die ülaclit öef Töne. SuvIcMe o. Mcyscl. Ansang Wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Zirkus Busch. Sonnabend, den 21. September, abends 7'/z Uhr: Cala-EriDucgs-VorstellüDg. HOUDINI kommt wieder! Die Zirkuskassen sind täglich von 10 Uhr vorm. ab ununterbrochen geöffnet; außerdem Vorverkauf bei A. Werlheim, Leipziger- straße und Invalidendank, Unter den Linden. Passage-Panoptikum Prinz SfSS Das kleinste menschliche Lebewesen. Das Wunder aller Wunder. Lelenil! öline Extra- Entree! Triatton-Theater. Anfang 8 Uhr.„Die Brieftasche-. „Ein peinlicher Zwiichenfall-. „Der Dieb". Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße, z, Vj. einziger Minpalust. Heute L Vorstellungen 3. Nachmittags und abends: Das prachtvolle Eisballett Yvonne. Abends außerdem: Die kleine Charlotte. EiniidMhofcr-Konzert. Bis 6 Uhr und von KP/. Uhr abends halbe Kassenpreise Itestanrant 1. Kangcs: Wein- und Bier-Abteilung. Heute Mittwoch, 18. Septbr., abends 71/, Uhr: Aus dem reichhaltigen Progr. besonders hervorzuheben: Champagner-Schule, geritten v Direktor Sehumann. 10 Marlonis, russischer Troika- Akt. Lorch- Familie(10 Personen), ikar. Spiele. Willy Marus mit s. 2000 Pfund schwor. Schulpferd„Goliath". Agube Gudzow, Tscherkessen- reiter. Casino-TBüeatep Lotdringer Str. 37. Täglich 8 Uhr Ein lustiges«lück a. d. Berk. Leben Der Großfürst. Vorher ein ouserwählter Spezlalifä- tenteil, nur Äünsttcr ersten Ztanges. Vorocrfaus an der Theaterlasse von 11-2 Uhr. liiÄ ICönigstadt-Casino. Holzmarfistr. 72, Ecke Alexandcrstr. 1 Min. Ii. Bahnb. Jannowibbrücke. Das glanzvolle Spezialitäten- Programm und„Amor", Operetten Burlcsfe in l Alt. Ansang 8 Uhr. Sonntags S'/s Uhr. 5 Säle für 80-400 Personen und 2 Kegelbahnen zu vergeben. Voiat-Theater. chelundbrunnen Dadslragc SS Mittwoch, den l8. September 1912: Zlilscr Aslltsr. VollSNück mit Gesang Ii. 4 Alten von L. Treptow. Kassenerössn. 7 Uhr. Aus. 8'/, Uhr. � am, in, Lerimer»».«s, lWgr-Küiirlell 6g, IkOllkf ��ItäZlaBlBAAllchllÖ ?f«r den Inhalt der In,'erat» uvernimmt die Redaktion dem vubtitum gegenüber teiueriei Lerantwartung- Keranswortlicher Redakteur: Alfred Wielrpp, Neukölln. Für den Knjeratentetl verantw.: TH.Gt»lte,>öerltn. Druck u.Periag: Porwart»»puchdruclerei u- Pertagsanstatt Paut Singer u. ivertiu Dr. 218. 29. Jahrgang. 8. WIM des Jomätte" Wliiiet DcksblM. Mlvolh. 18. September 1912. liieÄerlchIeiliche ftobnungskultur. Die Arbeiterschaft des Kreises Waldenburg, die acht Zehntel der Bevölkerung ausmacht, hat unter Wohnungsverhältnisscn zu leiden, wie sie schlimmer in ganz Deutschland wohl kaum anzu. treffen sind. Ter Kreis bildet für sich ein abgeschlossenes Industrie- gebiet. Die Mehrzahl der Arbeiter ist im Steinkohlenbergbau beschäftigt; den Rest stellen in der Hauptsache Bauarbeiter, Por zellanarbeiter und Textilarbeiter dar. Die Bergleute verdienen nach weislich die niedrigsten Löhne, die im deutschen Steinkohlenberg- bau gezahlt werden. Sie ringen seit Jahren um eine bessere Existenz, vermochten aber bisher den Grubenkapitalisten keine nennenswerten Vorteile abzutrotzen. Die Grubenkapitalisten führen im Kreise eine unumschränkte Herrschaft. Sie setzen in den Stadt- und Gcmcindeparlamcntcn dank dem Haus- und Grund- bcsitzcrprivileg ihren Willen durch, versuchen bei Strafe der gesell- schaftlichen Acchtung und des geschäftlichen Boykotts den Mittel- stand ins Schlepptau zu nehmen und lassen den versklavten Ar- beitern durch drei festbesoldete, aus der Schule deS Reichsverbandes hervorgegangene Sekretäre, die frohe Botschaft verkünden, daß ihr Heil nicht in der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften, sondern in den reichstreuen und Kricgcrvercinen liege, die hier trcibhausmätzig gefördert werden, denen man unter Anwendung des schärfsten Terrors die Mitglieder zutreibt. Dem Grubenkapital ist zur Aufrechtcrhaltung seiner faulen Herrschaft kein Mittel zu schlecht. Wir haben es in Niederschlesien mit einem ganz ausgefcimten profitgierigen Unternehmertum zu tun, das seinen Verwandten, den rheinischen Kohlen- und Industrie- baronen um nichts nachsteht und nur einen Willen kennt, nämlich den seinen. Indessen wütet unter der arbeitenden Bevölkerung ein unsagbares Elend, hervorgerufen durch Krankheit, Unterernährung, Siechtum und frühen Tod. Eine kurze Betrachtung der Wohnungs- Verhältnisse, die den sozialen Tiefstand der Waldenburger In- dustriearbciterschaft am trefflichsten illustrieren, möge diese Be- hauptung bestätigen. Da die Gemeinden über das Wohnungswesen keine Statistik führen, hat der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins zur Selbsthilfe gegriffen und Erhebungen über die Wohnungsverhält- nisse im 5lrcise Waldenburg veranstaltet. Befragt wurden nur organisierte Arbeiter, und zwar über die Anzahl der von ihnen bewohnten Zimmer, über die Zahl der Kinder und die Höhe der Mielprcise. ES ergab sich nun, daß von iöH befragten Familien 2730 oder rund 60 Proz. mit insgesamt 11443 Köpfen eine Einzimmer- Wohnung bewohnten. 1814 Familien oder rund 40 Proz. mit zu- sammcn 7610 Köpfen bewohnten eine Zweizimmerwohnung. Drei- zimmcrwohnungcn waren überhaupt nicht anzutreffen. Ein trauriges, für unseren sogenannten Kulturstand tief be- schämendes Ergebnis, das um so schwerer ins Gewicht fallen mutz, wenn man sich vor Augen hält, datz die befragten.Familien nur einen kleinen Bruchteil der Arbciterbevölkerung umfassen. Nach einer ungefähren Schätzung sind im Waldenburger Kreise 27 000 Arbeiterfamilien vorhanden. Uebertragen wir auf diese das pro- zcntuale Ergebnis— 60 zu 40 Proz.—, so erhalten wir 16 200 Familien mit zusammen 64 800 Köpfen, die in einer Einzimmer- Wohnung Hausen, und 10 800 Familien mit insgesamt 43 200 Köpfen, die in einer Zweizimmerwohnung Hausen. Diese Auf- stcllung entspricht sowohl hinsichtlich der Kopfzahl als auch Hinsicht- lich der gemachte» Erfahrungen den tatsächlich vorhandenen Ver- Hältnissen. Ja, es kann sogar, ohne zu übertreiben, angenommen werde», datz die Berechnung nach oben hin zu niedrig bemessen ist; datz weit über 60 Proz. der gesamten Familien Einzimmer- Wohnungen innc haben und datz die auf sie entfallende Kopfzahl noch bedeutend grötzer als angegeben ist. Organisierte Arbeiter, wachgerufen und für höhere Bedürfnisse geweckt, pflegen im allge- meinen mehr Aufwendungen für WohnungSzwccke zu machen. Da aber nur solche befragt wurden, läht sich aus dem Ergebnis ohne weiteres schlietzen, datz in den Kreisen der unorganisierten geistig kleines feuilleron Die Stuttgarter neuen Hoftheater. Nach mehr als zehnjähriger Pause hat die deutsche Bühnenkunst in Stuttgart wieder eine würdige Heimstätte erhalten. Zwei prachtvolle Kunstbauten sind entstanden, die wohl das beste sind, was ihr Schöpfer, Prof. Max L i t t m a n n aus München, bisher auf dem Gebiete des Theater- baus geleistet hat. Das grotze HauS soll sowohl der grotzen Oper als auch dem grotzen Schauspiel dienen, das kleine Haus wird die Mozartopcr und da» moderne Seelendrama Pflegen. Beide Häuser wirken architektonisch reizvoll, ohne Ueberladung und Extravaganzen. Die Bühnen sind mit allen Errungenschaften der modernen Trckmik ausgestattet. Auf die Drehbühne hat der Er- bauer mit Recht verzichtet und an ihrer Stelle die Schiebebuhn- eingeführt, auf der die im hinteren Bühnenraum aufgebauten Bühnen- bilde r nach vorne geschoben werden, um nach erfolgtem Gebrauch nach der Seite zu verschwinde». Die Zuschauerräume. Foyers. Konversationssäle sind mit auserlesenem künstlerischen Geschmack ausgestattet und von festlicher, stimmungsvoller Wirkung. Besonders hervorgehoben mutz werden, datz die Nebenräume für dgs Personal, und zwar nicht nur für die Solisten, äutzerst weiträumig und bequem angelegt sind. Der Erbauer hat zwischen der bisher üblichen konventionellen Form des Rangthcaters und der von ihm besonders kultivierten amphitheatralischen Anordnung de» Zuschauerraums durch Verzicht aus Proszeniumslogen und starkes Ansteigen des Parketts ein glück- lichcs Kompromitz zu schlietzen verstanden. Das Orchester ist nach Wagnerscher Anordnung völlig versenkt, ohne datz dabei die Mängel zutage treten, die in Bayreuth bestehen, wo!ä>r Dirigent völlig auherstande ist. die Sanger auf der Bühne zu hören. Auch die Bühnenbeleuchtung hat eine neuartige Verbesserung«rfahren. in- dem der Schauspieler von der Rampe aus nicht mehr wie bisher von unten, sondern von oben beleuchtet wird. Die Eröffnungsvorstellung brachte alle technischen und künstle- rischen Vorzüge der neuen Räume zur besten- Geltung. Man gab in beiden Häusern einzelne Akte aus mehr oder weniger klassischen Werken. Unglücklicherweise hatte man im grotzen Haus versucht. sie durch verbindenden Text zu einem„Festspiel" zu gestalten— einzig und allein, um dadurch Gelegenheit zu einer Königshuldi- {jung zu gewinnen. B- H. Aus den Geschäftsbüchern eines Sklavenhändlers. Bei einem Lumpenhändler in Nantes sind unlängst 28 Geschäftsbücher eines Reeders namens Telavilse-Deguer gefunden worden, der im 18. Jahrhundert zu den reichsten dieser Handelsstadt gehörte. Deg-uer handelte mit allen möglichen Waren, aber sein Hauptgeschäft wurde mit der Zeit der Sklavenhandel— oder, wie die harmlose Formel lautete: der Handel mit„Ebenholz". Er begann zunächst mit der©imfchhc von Negerknaben, die damals bei Damen besonders beliebt waren. Später erweiterte er das Geschäft, das er mit solider Sachkenntnis und sogar mit einer Art bourgeoiser Korvcklheit betrieb. Er kannte die besten Quellen.„An der Küste von Guinea." schreibt er,„sind die Neger sehr schön und wohlfeiler trägen und wenig regsamen Masse noch weitaus traurigere Woh- nungsverhältnisse anzutreffen sind, die Einzimmerwohnung pro- zentual noch stärker vertreten ist. Die Aufwendungen, die für Miete gemacht werden, schwanken zwischen 65 und 160 M. pro Jahr. Für Einzimmerwohnungen wird jährlich bis zu 110 M. Miete verlangt. Der Mietpreis für Zweizimmerwohnungen schwankt zwischen 90 und 160 M. jährlich. Dabei ist zu beachten, datz man in Niederschlesien unter dem Be- griff Einzimmerwohnung nur einen einzigen Raum versteht, ohne Küche oder sonstiges Nebengemach. Stube mit Küche, Entree oder Alkoven gilt schon als Zweizimmerwohnung, auch wenn der Neben- räum nicht heizbar und ohne Lichtzuführung ist, was oft anzu- treffen ist. Äei einer derartig kümmerlichen Beschaffenheit der Wohnungen ist der Mietpreis reichlich hoch. Vergleicht man die von den einzelnen Familien aufgebrachten Jahresmieten mit der Zahl der Kinder, so lätzt sich allgemein die Tatsache konstatieren, datz mit dem Steigen der Kinderzahl die Aufwendungen für Miete sinken. Je mehr Kinder in der Familie, desto grötzer die Ausgaben für den Lebensunterhalt. Da diese bei der allgemeinen Teuerung und dem niedrigen Stand der Löhne kaum noch zu erschwingen sind, mutz an allen Ecken und Enden gespart werden. Man schränkt sich nicht nur in der Ausgabe für Kleidung und andere notwendige Bedarfsartikel ein, sondern auch in der Ausgabe für Miete und bezieht mit dem Wachsen der Familie eine kleinere Wohnung, statt— wie es richtiger und vom hygie- nischen Gesichtspunkt aus notwendig wäre— eine größere. Wir finden im Waldenburger Kreise häufig sehr starke Familien— Familien bis zu 10 und 12 Köpfen. Diese aber bewohnen durch- weg Einzimmerwohnungen. Nur jung verheiratete Leute und solche mit wenig Kindern können sich den„Luxus" einer Zwei- zimmcrwohnung gestatten, wovon übrigens nicht selten ei» Raum an Logisgänger vermietet wird. Die Mehrzahl der Häuser sind von vornherein auf Einzimmerwohnungen zugeschnitten. Es sind öde schmucklose Baue und so angelegt, datz jedes, auch das kleinste Winkelchcn für Wohnzwecke ausgenützt werden kann. Dachstuben, die weder verschalt noch verputzt sind, werden massenweise an Kost- gänger vermietet. Dort oben verbringt der junge Arbeiter vor seiner Verheiratung seine„Mutzestunden"; im Sommer zu warm und im Winter zu kalt, das sind seine ewigen Klagen. Kein Wun- der daher, wenn der junge Arbeiter ins Wirtshaus getrieben wird. Die neueren Häuser dürfen nach den Vorschriften einer Bauord- nung, die vor einigen Jahren erlassen worden ist, Einzimmerwoh- nungen nicht mehr enthalten. Die Bau- und Grundstücksspekulan- ten halten sich nun insofern schadlos, als sie den Raum, der sonst für eine Einzimmerwohnung erforderlich war, zu einer Zweizimmer- Wohnung zu verwenden suchen. Die Zimmer werden kleiner ge- macht und die Mete steigt. TaS ist auf dem Gebiete des Wohnungs- Wesens der einzige Fortschritt im Waldenburger Kreise. Wie eS in einer Einzimmerwohnung, in der eine sechs- bis zehnköpfige Familie haust, ungefähr aussehen mag, kann sich jeder lebhaft vorstellen. Der Verfasser deS Artikels hatte das zweifelhafte Vergnügen. eine grotze Anzahl Wohnungen in Augenschein zu nehmen. Man wird bei der Besichtigung dieser Wohnräume lebhaft an die Zu- stände erinnert, die Mitte des vorigen Jahrhunderts in den schle- fischen Weberdistrikten herrschten. Zeitgenossen berichteten damals, datz die Kuhställe eines Dominiums Prunksäle genannt werden müßten im Vergleich zu der Mehrzahl der Webertvohnungen. Dieses drastische Beispiel lätzt sich heute noch anwenden auji einen, grotzen Teil der nicderschlesischen Einzimmerwohnungen. Schon beim Be- treten, eines Hauses fühlt und steht man deutlich, datz in seinem Inneren das Elend wohnt. Die Korridore und Gänge sind mit Schränken und anderen Möbelstücken gefüllt. In den Stuben selbst ist so wenig Platz, datz man sich kaum umdrehen kann. Zwei Betten bilden in der Regel die einzige brauchbare Schlafgelegenheit. Fragt man die Leute, wo denn die Kinder, fünf, sechs, sieben und acht an der Zahl, schlafen, so wird in der Regel in einen Winkel ge- deutet, in dem ein Haufen Lumpen liegt. Das also ist die Schlaf- als allerorten." Der Preis, der für sie zu erzielen ist, beträgt 1300 bis 1400 LivrcS„da» Stück". Andere Landstriche sind weniger ciirpfchlen-wert. Entweder halten die Eingeborenen die Strapazen nicht aus oder sie vertragen die fremde Kost mcht, oder sie sind Wider- spcnstig. UcbrigenS mutz man vor dem Einkauf die angebotenen Individuen immer vom Arzt gründlich untersuchen lassen.„Ich wiederhole Ihnen," crmahnt Deguer einen semer Kapitäne,„soviel Männer als möglich und sehr"wenig Frauen zu nehmen. Und diese müssen alle stehende Brüste haben." Alle Vorsichten hinderten aber nicht, datz die Ueberfahrten oft geradezu mörderisch wirkten, namentlich wenn die Ernährung ungenügend war. Von einem Transport von 350 Individuen kamen 201 vollständig erschöpft an und 20 Mann von der Schiffsmannschaft waren zugrunde gegangen. Besonders Skorbut und Typhus räumten schrecklich unter den im engen, Schiffsraum zusammengepferchten Menschen auf. Deguer spricht auch davon, in welcher Art die Ware bezahlt wurde. In Angola zahlte man mit Muscheln, an der Goldküste mit Branntwein, Gewehren, Pfeifen u. a. Die Sklavenschiffe waren in der Regel kriegsmäßig ausgerüstet, da die Konkurrenten der verschiedenen Nationen auseinander Jagd machten. In Nantes war es Handelsbrauch den zweiten Kapitän entweder mit 12 bis 15 Livres für den Kops der verkauften Ladung oder in natura: mit 7 Negern und einem Negcrknaben. zu bezahlen. Doch machte sich die„Schmutzkon kurrcnz" fühlbar. Htrr Deguer ist besonders auf die Engländer schlecht zu sprechen, die den„Ausschuß" ihrer Neger- kolonien, sozusagen„Pofel", auf den Markt bringen. Trotzdem stand das„Geschäft" mitten im,„Zeitalter der Humanität", während schon die Stimme RousseauS und Voltaires ertönte, noch immer mächtig in Blüte. Wie der Archivar des Departements Loire-Jnse- rieure, der die Dokumente verarbeitet hat, erklärt,„ist der Glanz gewisser alter Häuser auf den Kais und Inseln von Nantes ein Zeugnis der derart erworbenen Reichtümer". Und die Nachkommen der Deguer und seinesgleichen werden zweifellos darauf schwören, datz die Quellen des Eigentums Sparsamkeit und Arbeit heißen. Das neue chinesische ABC. Mit dem Zopf und der Monarchie will Cbina nun auch ihre alte Swreibarr aufgeben und sich auch in dieser Hinsicht in Reih und Glied mit modernen Völkern stellen. Es ist eine ehrwürdige Einrichtung, die hier zu Grabe getragen werden soll, denn die Chinesenschrift, die gegenwärtig etwa 80 000 Zeichen nicht für Wörter, sondern für Begriffe umfaßt, zählt ein Aller von 4400 Jahren. Mit dem Stichwort.Begriffsschrist" �Ideographie) ist das Charakteristische dieser Schreibart angegeben, die im Gegensatz zu unserer Lautschrift nicht den gesprochenen Laut, sondern den ge- dachten Begriff mit den geschriebenen Zeichen versinnbildlichen will. Die entsetzlichen Schwierigkeiten, denen das Gedächtnis hierdurch ausgesetzt wird, sind ja genügend bekannt, und es läßt sich ohne weiteres begreifen, daß eine durchgehende Reform der Schrift in China eine schlechthin unentbehrliche Vorbedingung kulturellen Fort- schrilts ist. An dieser Reform arbeiten gegenwärtig eine Reihe chinesischer Gelehrter in Gemeinschaft mit einein der größten heut lebenden Sprachkeuner, Professor Rivetta in Neapel. Das Reformwerk ist im großen ganzen vollendet und es steht zu hoffen, datz es auch an- genommen wird. Folgendes sind seine Grundlagen, die im stelle der Kinder. Wo Kinderbetten vorhanden sind, müssen oft drei bis vier Kinder in einem Bett schlafen. Ein derartiger Zustand, in dem weitesten Matze verbreitet, mutz naturgemäß schwere sittliche und gesundheitliche Gefahren mit sich bringen. Die niederschlesischen Gerichte haben sich verhältnismäßig sehr oft mit Fällen von Blutschande und Sittlichkeitsverbrechen zu befassen. Kinder und jugeüdliche Leute werden durch derartige Verhältnisse direkt zu Ausschweifungen erzogen. Und auf gesund- heitlichem Gebiete bringen derartige Verhältnisse eine eminent grotze Kindersterblichkeit, eine weit verbreitete Tuberkulose und sonstige Gebrechlichkeiten mit sich. Vor einigen Jahren mutzte der Kreisschularzt von Waldenburg die traurige Tatsache konstatieren, datz 86 Proz. der Waldenburger Schulkinder krank und unter- ernährt sind. In den ausgesprochenen Arbeiterortcn Gottesberg, Altwasser, Weitzstein, HermSdorf, Dittersbach, Fellhammer, Salz- brunn, Sandberg und noch anderen im Kohlenrevier gelegenen Ort- schaften ist die Krankheitsziffer der Schulkinder eine noch bedeutend höhere. Die Säuglingssterblichkeit betrug in der Stadt Waldenburg vor einigen Jahren 33� Proz. Jetzt ist die Ziffer etwaS zurückgegangen; es sterben von 1000 Säuglingen im ersten Lebensjahre 220. Auf der Hygiencausstellung in Dresden konnte die Stadt Waldenburg von sich berichten, datz sie mit der Säuglingsstcrblich- kcitsziffern über dem Reichsdurchschnitt steht. Auch hier mutz in Betracht gezogen werden, datz in den Nachbarorten, die keine Sta» tistik führen, die Sterblichkeit eine noch viel höhere ist. In der Sterblichkeitsziffer überhaupt marschiert Waldenburg i. Schl. voran. Es starben in Waldenburg von 1000 Einwohnern auf das Jähr umgerechnet rund 24. Die oberschlesischen Jndustrieorte weisen eine bedeutend niedrigere Ziffer auf, obwohl sie der Einwohnerzahl nach bedeutend größer sind und auch die Luft eine bedeutend schlech- tere ist. Das Waldenburger Industriegebiet ist von hohen Bergen umgeben, frische ozonreiche Luft strömt von allen Seiten herein, wenn nun trotzdem auf dem Gebiete der Volksgesundheit so vieles im argen liegt, wenn Krankheiten weit verbreitet und das Durch- schnittsalter ein sehr niedriges ist, so hat das alles seine Ursache in den schlechten Wohnungsverhältnisscn, und damit zusammen- hängend in der überaus schlechten Entlohnung. Zurzeit verlassen die Bergarbeiter in grotzen Scharen daS Industriegebiet. Sie suchen sich in den rheinisch-westfälischen Kohlenrevieren, wo die Löhne im allgemeinen höher sind als in Niederschlesischen, eine neue Heimat. Seit Anfang des Jahres find nahezu 1000 Bergarbeiter, meist Familienväter, abgewandert. Diese Abwanderung ist für das wirtschaftliche Gedeihen des Kreises von großem Schaden. Die Abwandernden sind meist intelligentere Arbeiter mit höheren Bedürfnissen. Sie werden ersetzt durch Ar, beiter, die aus den schwarzen Kreisen Glatz, Münsterberg, Habel, schwerdt und Neurode herangezogen werden, und äutzerst bedürfnis- los sind. An eine Steigerung der Löhne ist unter solchen Um- ständen kaum zu denken. Auch daran nicht, datz von den Gruben» Verwaltungen oder von den Stadt- und Landgemeinden etwas getan wird zur Linderung des Wohnungsclends. Die Arbeiter haben in den Gemeinde- und Stadtparlamenten keinen Einfluß. De« Grundbesitz und das Grubenkapital führen in den Kommunen das Ruder. Daher mutz immer lauter und mit immer größerem Nachdruck die Schaffung eines Reichswohnungsgcsetzes gefordert werden. Nur ein solches Gesetz vermag Abhilfe zu schaffen. Es wird zurzeit viel über den Geburtenrückgang geklagt. I« Waldenburg ist nichts davon zu verspüren. Es werden eher zu viel als zu wenig Kinder geboren. Hauptsächlich bei den armen Leutea. Aber die Neugevorenen sterben zu früh und die Lebenden trage« ewig die Keime gefährlicher Krankheiten in sich. Eine allgemeine Hebung der Lage der arbeitenden Klasse, und vor allem die Schaffung günstiger WohnungSverhältüisse vermögen allein Hilfe zu bringen. Der Gesellschaft neue und brauchbare Glieder zu- zuführen, mutz die erste Aufgabe eines geordneten Staatswesens sein. Da sich unsere heutige Regierung nicht von selbst dazu be- quemen wird, heißt es für die Arbeiter: ans Werk! Auf zu neuen Taten!, französischen„CoSmoS" nach den Mitteilungen von Rivetta selbst geschildert werden. Das neue ABC umfaßt 42 Buchstaben. 23 davon sind Vokale und 19 Konsonanten. Schon die grotze Zahl der Vokale deutet darauf hin, datz im Chinesischen Laute vorhanden sind, die sich durch keine Buchstaben europäischer Alphabete richtig darstellen lassen. Und in der Tat: nur elf Vokale ließen sich mit Hilfe von fünf lateinischen, drei griechischen und drei russischen Buchstaben korrekt wiedergeben. Für die übrigen mußten besondere Zeichen erfunden werden. Das gelang durch Zusammensetzungen, Umbildungen, Umkehrungen usw. der schon benutzten europäischen Zeichen. Die so entstandenen Formen sind zwar nicht alle sonderlich hübsch, doch lassen sie sich bequem niederschreiben und im Gedächtnis behalten. deren es nur 19 gibt, ging es leichter, und ließ sich mit 14 lateinischen, 2 griechischen staben decken. Das Reformwerk, das nach Versicherung seiner Urheber allen Besonderheiten der chinesischen Lautsprache vollkommen gerecht wird, erfreut sich in Südchina begeisterter Aufnahme. Da in diesem Teile des Landes der Schwerpunkt des ökonomischen und politischen Lebens liegt, so ist die Annahme berechtigt, daß das Sprichwort über die besondere Schwierigkeit der chinesischen Sprache recht bald ein gut Teil seiner Gültigkeit verlieren wird.— Mit den Konsonanten. der Bedarf an Zeichen und 3 russischen Buch- Notizen. — Die Berliner Versuchsbühne veranstaltet w kommender Spielzeit unter der Leitung von A. E. Licho im Neuen Volkstheater vier Uraufführungen: Walter Volk von A. F e d o r o w. Die Schwester von A. Hertz, Flieger von H. W. Fischer. Korallenkettlin von F. D ü l b e r g. Anmeldung zur Mitgliedschaft, die zum Besuch der vier Vor- stellungen berechtigt, sind an den Geschäftsführer Heinrich Nest, Köpenickerstr. 68, zu richten. Der Jahresbeitrag beträgt 10 M. — Bremerhaven und Berlin. In Berlin sind die Dramen„Korallenkettlin" von Franz Dü Iber g und„Die im Schatten leben" von N o s e n o w verboten— in Bremerhaven werden sie diesen Winter aufgeführt. — Die Denk m als wut. Kaum ist der Reichstagsbaumeister Paul Wallot unter der Erde, da wird auch schon die Werbe- trommel für ein Walloldenkmal gerührt. Man sollte meinen, Architekien. die durch ihre Bauten wirken, hätten diesen Plunder nicht nixig. — Eine Pfahlbausiedelung wurde am Werbellinsee entdeckt. Bei den unter Leitung des Märkischen Museums erfolgten Ausgrabungen wurden bisher Waffen und Hausgerät gefunden. — Der Roman ans Bestellung. Der Bongsche Verlag hat bei seinem neuesten Roman L a s s a I l e daS Menschenmögliche geleistet. Er hat sehr bekannte Mitarbeiter herangezogen. Die Zitate hat Georg Brandes gesammelt, die Dialoge sind nach Briefen von Marx und Lassalle wiedergegeben, die Witze hat Ad. Glaßbrcnner geliefert, die Aiickdolen die Racowitza und Bernhard Becker, die Briefe sind von Lassalle, Bismarck und Heine, und am Aufbaü erkennt man die kundig-waltende Hand der Luise Mühlbach. Als Heiliger zur Namengebung wurde endlich Herr Schirokauer zitiert. Bmfkaftcn der Kedahtioit. Die juristische Sprechstunde findet Linden st raste 69, dorn vier Treppen — K a h r st u st l—, wochcntä glich don bis 714 Uhr abends, Sonnabends, von 414 bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Bricflastcn bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine Abonnrmcntsguittung beigefügt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. !. 8. Berl. Reicbstagswaiilkreis. Am Sonntag, den 15. d. Mt§. verstarb unser Genosse >Vilkelm I�oklgnll Putbuscr Str. 26. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. d. Mts., vormittags 9 Uhr, auf dem städti- schen Friedhofe in Buch statt. Um rege Beteiligung ersucht Sozialdemokratischer Walii?erein Spandan. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Zigarren- machcr tiermsnn Knabe Wilhclmstraße 155, im Alter von 50 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. September, nachmittags 41/« Uhr, von der Halle des Friedhofes in den Kisseln aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 296/11 Der Vorstand. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- sührer kriecli-idi Grunow am 16. September im Alter von 60 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. September, nachmittags S'/j Uhr, von der Leichenballe des Nazareth-5kirch< hoses, Reinickcndors-West, Kog�l- straße, aus statt. zur Nachricht, der Straßen- Den Mitgliedern daß unser Kollege, bahnschaffncr >VittieIm Vormun am 15. September im Aller von 57 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mitt woch, den 18. September, nach mittags 41/s Uhr, vom Trauer Hause, Neukölln, Libcrdaftraße 1 au? statt, 66/19 Die Bezirksverwaltung Verband der freien Gast- nnd Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Leopold Zwarg (Fricdcbcrger Str. 1, Bezirk 3) gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, nnchmitiagS 4'j, Uhr, von der Leichenhalle des Bartholomäus- KirchbosS, Weißens«, Falkenberger Chaussee, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 74/2 Ble Ortsverwaltung. (l Haben Sie ölotf ich j er Hoc davon Anzug od. P&letot nach Mass, schick, dauerh. Zutaten von 25 Mark an. Moritz Laban dt Neue Promenade 8,11.(Stadtb. Bors.) Deutscher Buchbinder-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Den Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Kollege Otto LtrsuK nach langem Leiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Mitt- woch, den 18. September, nach- mittags 4 Uhr, aus dem Gethse- manc-Kirchhos, Nordend, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 25/9 Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter- Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher August Lcbükler Muskauer Str. 26 am 13. d. Mts. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 124/12 Oie Ortsverwaltung. Nach langem schweren Leiden starb am 15. d. M. mein lieber Sohn, unser lieber Bruder und Schwager, der Schuhmacher Karl 0rtd im 49. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt im Na- mcn der Hinterbliebenen an Witwe tti-tkl-Goldberg. Karl Behrens und Frau geb. Orth. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19, d. M., vor- mittags 10 Uhr, von der Kapelle des Gemeinde- Friedhofes in Friedrichsselde aus statt.. 146/8 Am Montag, den 16, Septbr., starb nach kurzem Leiden in Seegefeld mein lieber Mann, unser guter Vater, der Tischler Otto Reinke im 34. Lebensjahre. Dies zeigen allen Bekannten ticsbctrübt an Efmtna Reinke und Kinder. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. Sept., nachm. 4 Uhr, von der Halle des Fried- Hofes in Nauen statt. 358b Danksagung. Für die reichen Kranzspenden und rege Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen Verwandten und Bekannten, Arbeits- kollcgcn und Genossen des Wahl- Vereins sowie dem OrtSbureau des Gemeinde-, und Staatsarbeiter-Ver- bandes als auch der Verwaltung des III. Parkrcviers meinen herzlichsten Dank. ■Witwe Henriette Müller. Fertig am Lager: Gehrotk-fliiZDge��BSM. wkinMüglW� fraik-ADziigo MMu. Beinkleider IH5; 8« | Fertige schwarze Kleidung 1 1 für Knaben und Jünglinge[ in größter Auswahl Feine Maß- Anfertigung in ca. 10 Stunden Baer Sohn Kleider» Werke. Chautseestraße 29— 30. 11. Brlickenslraßa II, Gr. Frankftirter Str. 20. SchOneberg, Hauplitr. 10. Für die zahlreiche und herzliche Teilnahme. sowie reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines geliebten und unvergeßlichen Mannes Karl Vogt sage ich allen Freunden und Be< kannten, besonders Herrn Schütte sür die trostreichen Worte am Sarge, dem Gesangverein Reu-Erwacht für den erhebenden Gesang, den Kollegen der A. E.-G.(Abt. Turbinenbau), und den Genossen des 6. Wahlkreises, Be- zirk 581a meinen herzlichsten Dank. Die trauernde Witwe 31A /Harie Vogt n-bst«indern. C, Zergiebel, Berlin, Skalitzer Str. 130.* Spez.: Einrichtungen klein, u. mittl. Wohnungen. Testzahlung gestattet. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Chaufieur Ferdinand Jonas am 15. September im Alter von 64 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Mitt- woch, den 18. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Gemeindesriedhoses in Dt.-Wilmersdorf auS statt. Tnden-.in�elxe. Allen Freunden, Verwandten, Bekannten und dem Gesangverein der Putzer zur Nachricht, �iaß meine liebe gute Frau am 15, September verstorben ist, 19A Der trauernde Hinterbliebene: Ott« Kohl, Putzer, Weißcnscc, Die Beerdigung findet Donners. tag, den 19. d. M., nachmittag» 4'/, Uhr, von der Leichenballe des Gemeindesriedhoses, Äölckeftrahe, Wcißeusee, aus statt. �_ Unserem Dreher alten Freunde, dem Danksagung. Für die Tellnahme bei der Be- crdigung meines lieben Mannes sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, besonders der Allgcm. Kranken- u. Stcrbekasse der deutschen Drechsler und Verwaltung Berlin v., der Firma Küstermann, dem Spar- verein Nord, dem 6. Bert. Reichstags- Wahlkreise, Bez. 831a, dem Deutschen Mctallarbcitcr-Verband und Orts- Verwaltung Berlin und den arbeit- nehmenden Vorstandsmitgliedern der neuen Maschinenbauer-Krankenkasse, der Kommission meinen herzlichsten Dank. 26A Witwe Born. Kxtra- Abteilung 1 1. Gesch.: BerlinW.. Mohren- 1 Stra8e37a(2. Haus von der| ierusalemer Straße). | II. Gesch.: Berlin NO., Große 1 Frankturf. Str.1t5{2. Haus] von der Andreasstraße). 1 Sehrgr.Ausw.fert. Kleider, J HQte, Handschuhe, Schleier 1 letc. v. einfachsten bis zum I ] hochelegant.Genrez.äußerst| niedrigen Preisen. 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Hin und wieder ist es ein „Vergnügen eigener Art", an der Hand dieser Abteilungs- listen die prächtigen Blüten des Dreiklasseusystems unseres Landtagswahlrechts zu betrachten. Ter Landtagswahlkreis Berlin I umfaßt die Stadtbezirke 31— 49, 56 A und B, 61 A und B, 283, 284 A, B, C. Sein Hauptbestandteil ist der„vornehme" Westen der Stadt, der die Wohnviertel der Wohlhabenden in sich schließt. Wir sin- den aber in ihm auch einige Bezirke, die fast nur von Minder- bemittelten bewohnt sind. Es ist also auch hier dafür gesorgt, daß es an dem Gegensatz zwischen reich und arm nicht fehlt. Wieder hat in manchen UrWahlbezirken, wo zufällig ein paar besonders leistungsfähige Steuerzahler sitzen, die Dritte- lung der von der Gesamtheit der Wähler des Bezirks aufge- brachten Steuersumme den tollen Widersinn des Treiklassensystems recht überzeugend dargetan. Im 77. Wahlbezirk(am Südrand des Tiergartens, Umgebung der Rauchstraße) wird die erste Klasse ausgefüllt von zwei reichsten Wählern, die jeder mehr als 191 991 Mark Steuern pro Jahr zahlen. Wer weniger zahlt, gehört hier schon zur zweiten Klasse. Sie umfaßt die nächsten 15 Wähler, deren geringster immer noch über 14 942 Mark Steuern zahlt. Mit weniger als 14 942 Mark Steuerleistung muß man hier sich in die dritte Klasse schieben lassen, die sich aus 292 Wählern zusammensetzt. Im 75. Wahlbezirk(gleichfalls am Südrand des Tiergartens, Umgebung der Bendlerstraße) gehört man erst mit inehr als 28 159 Mark Steuern zur zweiten Klasse und mit mehr als 172 439 Mark Steuern zur ersten Klasse. Hier wird die erste Klasse durch zwei Wähler, die zweite Klasse durch die nächsten f;inf Wähler ausgefüllt und es bleiben dann für die dritte Klasse 126 Wähle.. Der 71. Wahlbezirk(Umgebung der Potsdamer Straße zwischen Platz und Brücke) hat i n d e r ersten Klasse sogar nur einen einzigen Wäh- l e r. aber dr>- erwirbt in diesem Bezirk schon mit 59 524 Mark Steuerleistu g die Erstklassigkeit. Von den vier Wählern, die ihm in der zweiten Klasse gegenüberstehen, zahlt der geringste 5067 Mark Steuern. Wer dahinter zurückbleibt, gehört zu den 149 Wählern der dritten Klasse. Auch im 98. Wahlbezirk (Teile der Flottwell- und der Steglitzer Straße) hat die erste Klasse nur einen citizigen Wähler, und hier zahlt er sogar nur 16 664 Mark Steuern. Bei den Wählern der zweiten Klasse reicht die Steuerleistung hinab bis zu 369,49 M. Die zweite Klasse hat hier 14 Wähler, in die dritte Klasse sind 289 Wähler hineingestopft. 289 Wähler haben hier nichtmehr Recht als der eine Erstklassige, der ganz allein zwei Wahlmänner zu wählen hat. Das find ein paar Proben, die das Geldsacksvorrecht grell beleuchten. Ihr Gegenstück sind mehrere andere Bezirke, in denen man mit verhältnismäßig sehr geringen Steuerbe- trägen in die zweite Klasse, ja sogar schon in die erste Klasse hineinkommt. Zu so hoher„Ehre", zur Erstklassigkeit. ge> langt man z. B. schon mit 120 M. Steuern im 116. Wahl- bezirk(Teile der Schwerin- und Zietenstraße)), schon mit 193,69 M. im 126. Wahlbezirk(Teil der Kirchbachstraße), ja schon mit 77,29 M. im 161. Wahlbezirk(Teile der Bautzener und Großgörschenstraße). Dementsprechend schließb in diesen Bezirken auch die zweite Klasse mit sehr viel geringeren Steuerbeträgen, ab. im 116. mit 33,49 M,. im 126. mit 51,89 Mark, im 161. mit 42 M. Dafür ist dann hier die Ungleich- heit der Wählerzahlen der drei Klassen ein bißcben gemildert. Die erste, zweite, dritie Klasse haben im 116. Bezirk 12, 54, 165 Wähler, im 126. Bezirk 16, 74, 214 Wähler, im 161. Be- zirk 17, 56. 139 Wähler. Auf solche und ähnliche UrWahlbezirke blicken die bürger- lichen Parteien mit Sorge. Die Ucbermacht, die durch das Geldsacksw ahlrecht ihnen in so vielen Wahlbezirken gesichert wird, findet ihre Grenze wenigstens in den prole- t a r i s ch e n Bezirken. Wo die Minderbemittelten sich zusammendrängen und in der Wählerschaft die Mehrheit haben, da ist für unsere Gegner nichts zu hoffen. Für die werktätige Bevölkerung bietet sich bei der Wahl der Wahl- männer zugleich die Gelegenheit, zu protestieren gegen das Treiklassensnstcm des Landtagswahlrechts, das so schmäh- lich das Volk entrechtet. Der wirksamste Protest ist die Stimmabgabe für die Wahlmänner der Sozial» d e m o k r a t i e._ � Tic Mittellosigkeit der prwaten WoliltätigkeitZpflege bestätigt Stadtrat Samter, der Vorsitzen.de der Charlottenburger Armenverwaltung, in einem längeren Artikel des„Berliner Tage- blatis", in dem er gleichzeitig einen neuen Weg weist, um den immer leerer werdenden Kassen der privaten Wohltätigkeitsinstitute fortlaufende Geldmittel zufließen zu lassen. Herr Samter erklärt auf Grund seiner Erfahrunzen, daß eS untev der Dreimilltoncn- bevölkerung Groß-BerlinS immer dieselben, höchstens 4000 bis 5000 Personen sind, die durch ihre Beiträge die Vereinsarbeit ermög- lichen. Das ist auch anderen Eingeweihten bekannt, die diese Zahl eher noch für zu hoch halten. Die Wohltäter sind vielfach Leute, die den Ehrgeiz haben, sich mit ihren Bereinöspenden gedruckt zu sehen, was sie bei ihrem Wohlstand sich ohne erhebliche Opfer leisten können. Das Zwauzigmarkstück.derartiger Geber wiegt lange nicht soviel dl der Sechser deS Minderbemittelten. Wer sein Wewge» mit der Armut teilt, ist der rechte Wohltäter. Andere wieder haben bei ihren Spenden ein rein geschäftliches Interesse. Sie machen mit billiger Reklame auf ihre Firma aufmerksam oder knüpfen sonst durch die Vereinsarbeit einträgliche Verbindungen an. Manchem liegt auch mir daran, gesellschaftlich- Beziehungen zu erhalten. Irgendeinen kleinen Ncbengrund haben die meisten Svender. Be- lannt ist ja ferner die kolossale Zersplitterung dieser Beveins- meierei und die Tatsache, daß der größere Teil aller Spenden für j die Berwaltungskosten und Gebälter drausgeht, wobei nicht wenig« Personen sich eine recht annehmbare Lebensstellung, schaffen und nebenbei noch RuhmeSgemüs« ernten. Allerdings ist nicht zu ver- kennen, daß einige Hunderte in ehrlicher Begeisterung ziemlich uneigennützig für die Each« tätig sind, aber diese physische Leistung. I steht doch nicht in Einklang mit den geringen praktischen Erfolgen der Vereinsarbeit. Di« Zersplitterung, die gegenseitigen Eifer- süchteleien, das krasseste Vereinsmeiertum, der ständige Bettel um Geld— alles das stellt eine gedeihliche, großzügige Wohltätigkeits- arbeit von vornherein in Frage. Und gerade die zur Aufrecht- erhaltung des Vereinsbettels notwendigsten Geldmittel fließen des- halb immer spärlicher, weil die erwähnten 4000 bis 5000„Gedeckes" durch die m den letzten Jahren ungeheuer gewachsene Zersplitterung der privaten Fürsorge immer stärker in Anspruch genommen werden. Wurden doch von den Wohltätigkeitstigern namentlich Geschästsfirmen derart geschröpft, daß die Kaufmannschaft zur Abwehr eine HilsSinstiwtton ins Leben gerufen hat. Stadtrat Samter gibt nun zu, daß die neueste Erfindung zur Belebung des Vereinsbettels, die Blumentagsseuche, nicht frei ge- wesen ist von Nebenerscheinungen, die den eigentlichen Sinn in den Hintergrund und das Amüsement in die erste Reihe treten ließen. Er kleidet den zum Unfug ausgewachsenen Mißstand in sehr milde Form. Bekanntlich bestanden die Nebenerscheinungen unter anderem auch in Unterschlagungen der öffentlich zusammen- gefochtenen Gelder. Man würde wohl auch sein blaues Wunder erleben, wenn man. genau nachprüfen könnte, wie die erbettelten Hunderttausende verwendet worden sind und was dabei als „Nebenerscheinung" für Spesen und dergleichen abfiel. Macht nun Stadtrat Samter in Anlehnung an einen aus Wien importierten Gedanken.den Borschlag, es solle in großen Restaurants, wo die „beste Gesellschaft" verkehrt, jeder Rechnung ein Betrag von etwa fünf Pfennig für Wohltätigkeitszweck« aufgeschlagen werden, so verlängert er damit nur die Bettelsuppe, ohne den wirklichen Miß- ständen irgendwie zu Leibe zu gehen. Fließt die Quelle von dieser Seite, so wird sie von der anderen Seite langsam versiegen. Außer- dem wird der neue Goldstrom auch neue Vereine züchten, die alle auS der gleichen Quelle gespeist sein möchten. Und das letzte Wort hat doch wohl das Publikum selbst. Es klingt sehr hübsch:„Frei. willige Geber für hungernde Kinder". Vorsichtige Leute wollen auch überzeugt sein, daß die hungernden Kinder wirklich etwas davon haben. Stückwerk wird die organisierte private Wohltätigkeit immer bleiben, weil alle diese Organisationen nicht imstande sind, das Uebcl an der Wurzel zu fassen. Es ist ein kostspieliger Kleinkrieg mit untauglichen Mitteln. Vom Staate, der unser Geld für den Militarismus nötiger braucht, ist eine durchgreifende Hilfe nicht zu erwarten. Die Städte aber könnten sehr wohl bahnbrechend vor- gehen._ Die letztwillige Lerfügnng des verstorbenen Obcrbürger- meistcrs Kirschner, nach der er einfach und schlicht, ohne jedes Aufhebens beerdigt werden will, hat die Frage nach der Ur fache dieser Willenserklärung auswerfen lassen. Diese Ursachen sollen ihren Grund haben in den Erfahrungen, die Kirschner anläßlich der Mitte Januar 1991 erfolgten Beerdigung des Bürgermeisters Brinkmann, der wenige Tage nach seinem Amtsantritt starb. Bei dem schlechten Wetter hatten sich viele Teilnehmer Er kältungen zugezogen: dazu kam, daß die im Rathause ab. gehaltene Trauerfeier ihm und manchem anderen Teilnehmer nicht behagte und stark bekrittelt wurde. Als Kirschner von der Bestattung heimkehrte, habe er zu emem Kollegen gesagt: „Heute habe ich wieder etwas gelernt." Und als man fragte: „Darf man danach fragen da erwiderte er freimütig: „Wie man sich nicht begraben lassen soll." Nach einer Weile sagte er dann nach einer Kritik der Feier, die im Rathause stattgefunden hatte:„Ich werde Be- stimmungen treffen, die eine ähnliche Kritik von vornherein ausschließen."— Oberbürgermeister Kirschner hat Wort ge- halten. Vermehrung der Verkaufsstände für den städtischen Seefisch- verkauf. Die Kommission für die Einrichtung des städtischen Scefischverkaufs hat in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, eine Vermehrung der Verkaufsstellen für Seefische eintreten zu lassen. Es sollen in der Markthalle in der Lindeustraße, in einem kleinen Schlachthaus auf dem städtischen Schlachthofe und auf städtischen Grundstücken in den verschiedensten Stadt- teilen neue Seefischverkaufsstellen eingerichtet weiden. Dieser Beschluß ist nur zu begrüßen. Wünschenswert wäre aber auch eine gewisse Kontrolle über die mit dem Fischverkauf betrauten Händler. Es sind in letzter Zeit von den verschiedensten Seiten Klagen über verdorbene Ware erhoben worden, die in der Wörther- und Weddinghalle ver- kaust worden ist. Da von der Stadt nur die einwandfreieste Ware gekauft und zum Verkauf gestellt wird, so haben sich an. diese Verkäufe schon Vermutungen geknüpft, daß eS dabei nicht ganz einwandfrei zugehe. Im Interesse der Stadt und der Sache sollte darauf geachtet werden, daß solche Klagen unmöglich werden._ Bon den Gefahren der Kindererwerbsarbcit wissen die in der Jugendgerichtshilfe tätigen Personen zu erzählen. Immer wieder wird die Beobachtung gemacht, daß unter den noch schulpflichtigen Gesetz esübertretern die schon ums Brot arbeitenden besonders zahlreich sind. Der neueste Jahresbericht der„Deutschen Zentrale für Jugend- fürsorge" bringt hierüber Zahlenangaben, die sehr lehrreich sind. Im Jahre 1911 überwiesen Berliner Gerichte 1079 jugenblichc Per- sonen an die Jugendgerichtshilfe Berlins, die sich ihrer annehmen sollte. Davon standen im Alter von 12— 14 Jahren 258 männliche, 55 weibliche, zusammen 313. im Alter von 14— 16 Jahren 487 männliche, 148 weibliche, zusammen 635, im Alter von 16 bis 18 Jahren 518 männliche, 213 weibliche, zusammen 731. Von den 12- bis 14jähngen Kindern waren noch schulpflichtig 258 Knaben, 51 Mädckien, zusammen 309 Kinder; 4 Mädchen dieser Altersgruppe waren bereits aus der Schule entlassen. Unter den S ch u l p f l i ch- tigcn. waren schon erwerbstätig: von 258 Knaben 58, sind 2 2,5 P r o z., von 51 Mädchen 9, sind 17,6 P r o z., überhaupt von 300 Kindern 67 sind 21,7 Proz Man mache sich einmal klar, was diese Zahlen zu bedeuten haben? Mancher wird vielleicht vermuten wollen, daß urtrr den Schulpflichtigen, die nicht mit dem Gericht in Berührung kommen, die Erwerbstätigen ebenso stark vertreten sein, werden. Träfe diese Annahme zu, so müßten in Berlin, wo wir die Zahl der Kinder des Alters von 12—14 Jahren auf rund 30000 Knaben und 30 000 Mädchen schätzen dürfen, bei einem Erwerbtätigcnanteil von 22.5 Proz. bezw. 17.0 Proz. etwa 0750 Knaben und 5300 Mädchen, zusammen über 12 000 Kinder dieses Alter» erwerbstätig sein. Wer diese geradezu ungeheuerliche Zahl nicht für möglich halten will, dem bleibt nur der Schluß übrig, daß unter den vor das Jugend- gericht kommenden noch schulpslichtigen Kindern die schon erwerbs- tätigen ganz außerordentlich zahlreich sind. Die Erfahrung lehrt, daß die Straftaten, durch die diese noch schulpflichtigen, schon erwerbstätigen Kinder vor den Richter gebracht werden, sehr oft direkt oder indirekt in ursächlichem Zusammenhang mit der E rwerbstä t i gke i t stehen. Auch der oben erwähnte Bericht weist hierauf hin, indem er an die Tatsache, daß fast ein Viertel der an die Jugendgerichtshilfe über- wiesenen Schulpflichtigen erwerbstätig waren, die(slgsnden Be- merkungen knüpft:„Das muß uns zu denken geben. Hier haben wir die kleinen Laufburschen, die den halben Tag auf der Straße herumlaufen müssen, die meist ohne Aufficht sind, die in ihrem lind- lichen Uebermut alle möglichen dummen Streiche machen und da- bei auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten;„verbrecherische Neigungen" brauchen hier gar nicht mitzuspielen. Häusig legt auch das Publikum diesen dummen Streichen allzu große Bedeutung bei. Es würden sonst nicht so viele Bagatellsachen zur Anzeige kommen." Beherzigenswert ist die Mahnung, in solchen Fällen nicht so« gleich nach Polizei und Gericht zu schreien. Die Ge- setzeSübertretungen eines Kindes zur Anzeige zu bringen, ist wirk- lich kein Heldenstück. Schwieriger ist die Aufgabe, durch vorbeugende Kinderfürsorge die Kinder vor Gesetzesübertretungen zu bewahren. Dazu würde unter anderem auch ein völliges Verbot der Kindererwersarbeit gehören, das die Sozialdemokratie von jeher gefordert hat. Aber noch ist es der Gewinnsucht durch Gesetz erlaubt, Profit aus Kindern, herauszupressen. Gerät dann so ein Kind auf Abwege, dann kommt der Strafrichter und straft das K i n dl Aus der Straßenreinigung. In der gestrigen Sitzung der De- putation für das Stratzenreinigungswesen crllärte sich die Deputation auf Vortrag des Direktors Szalla über die Vorzüge der Versuchs- weise in Betrieb gestellten Kehrmaschine mit eleklrischem Antrieb im Prinzip mit der Umwandlung des Pferdebetriebes bei den Kehr- Maschinen in den elektrischen Betrieb einverstanden und bewilligte die Einstellung der Mittel zum Anlauf von zwei elektrisch betriebenen Kehrmaschinen in den Etat 1913. Vorgelegt wurden der Depuration ferner noch drei Projekte zur Ausführung von Erweiterungsbauten. Die Deputation genehmigte die Entwürfe nebst Erläuterungsberichten und Kostenüberschlägen zum Neubau des Dienstgebäudes mit Auto» garage auf dem Bezirksbof III in der Liinburger Straße, zum Er- weilerungsbou für das Abteilungsdepot 14 in der Wiesenstraße und für den gleichen Bau des Depots 5 in der Wartenburgstraße. Schließlich genehmigte die Deputation noch die Beschickung des Muieums für Volkshhgiene der Stadt Köln mit Plänen und Photo- graphten aus dem Berriebe der Straßenreinigungsverwaltung. Für die Wahlen der Vertrauensmänner znr Angestellten- Versicherung hat sich jetzt auch seitens der„Freien Vereinigung für die soziale Versicherung der Privatangestellten" ein Zentral- ausschuß für Groß-Berlin gebildet, in dem folgende Verbände vertreten sind: Bund der technisch- industriellen Beamten, Zentralverband der Handlungsgehilfen, Verband der Bureau- angestellten, Deutscher Zuschneiderverband, Bund der kauf- männischen Angestellten, Verband der Kunstgelvcrbezeichner, Verband derLagerhalter, Allgemeine Vereinigung deutscher Buch- Handlungsgehilfen. Werkmeisterverband für das deutsche Buch- bindergewerbe und Berliner Maschinenbau-Werkmeisterverein. An der Spitze des Arbeiteransschusses für Groß-Berlin steht der Bund der technisch-industriellen Beamten durch die Person deL Herrn Alfred Flügger, Berlin HIW. 52, Werftstr. 7. Als unbekaunt beerdigt worden ist auf dem Gemeindeftiedhof in Staaken der am Mütwoch früh auf der dortigen Feldmark bei einem Mast der lleberlandzemräle tot aufgefundene Mann. Die Leiche war Freitag mittag nach der Leichenhalle geschafft worden. Am Sonnabend fand die Leichenöffnung im Beisein der Gerichts- kommission statt, um die Todesursache festzustellen. E-Z ließ sich dabei aber nicht genau ermitteln, ob der Tod infolge eines elektrischen Schlages durch Berühren der unier Hochspaunimg stehenden Leitungen der Ucberlondzentrale erfolgt ist, oder ob er durch den Absturz vom Most eingetreten ist, nachdem der Mann das Rückgrat gebrochen hatte. Außer Brandwunden an Händen und Gesicht sind noch Kvochcnbrüche festgestellt worden. Von der Leiche sind drei photographische Aufnahmen gemacht. Aus Rüdersdorf wird nun berichtet, daß der Lehrer Cohen von dort spurlos ver- fchwunden ist. Am Montag lich er sich von einem Kaufryann noch 50 M., um zu einem Berliner Siechtsanwalt zu fahren, tags daraus erhielt der Geschäftsmann das Geld aus Berlin wird.r zugestellt. Der Lehrer ist nach Rüdersdorf nicht wieder zurückgekehrt. Der Tag des Berschivindens des Lehrers und die Zeit der Auffindung der Leiche in Staaken, solvie die in das Hemd eingestickreu Buchstabe» A. C. ließen daher die Vermutung auskomme», daß der Tote der Lehrer Cohen aus Rüdersdorf ist. Der Gemeindevorsteher Rone hat telephouisch in Rüdersdorf angefragt und nähere Angaben über den Leichtfüfulid gemacht. Es wurde festgestellt, daß Figur, Aussehen, Kleidung und das vermutliche Alter deS Toten genau mit dem des verschwundenen Lehrers übereinstiimneir. Ein schwerer Straßenbahuuiifall ereignete sich am Dienstag- nachmittag in der Neuen Winterfeldtstraße. Dort wollte der Kohlen- kutscher Franz Schirrmacher mit seinem Gefährt vor einem Straßen- bahnwagen der Linie 00 die Gleise kreuzen, doch wurde sein Wagen von dem Straßenbahnwagen erfaßt und so heftig beiseite geschleudert, daß Sch. vom Bock-stürzte. Der Kutscher schlug mit dem Kopf gegen die Bordschwelle, so daß er sich eine über den Kopf hinweg- gehende Schädelwunde zuzog. Der Berketzte wurde nach der Unfall- staiion in der Vorbergstraßc gebracht, wo ihm der Arzt Notverbände anlegte. Aus seinen Wunsch wurde Sch. in seine Wohnung geschafft. Acugrngesuch. Personen, die a,n 17. Juni d. I.. abends gegen O'/e Uhr. gesehen haben, wie ein Man» auf dem Bahnhof Schön- hauser Allee blutend von Bahnhofsbeamteu nach dem Dienstraum gebracht wurde, werden um Angabe ihrer Adresse an Sachs, Kopen- Hagener Str. 77, Ouergeb. III, gebeten. Vorort- Nacbncbtem Schöneverg» Aus der Stadtverordnetenversammlung. Der Stadtveroroneten- Vorsteher Dr. Graf v. M a t u i ch k a gedockte zunächst in wannen Worte» des dahtiigeschiedeucn Berliner Oberbürgermeisters Kirickner. AlSdann gelangte folgender von der sozialdemokraliicken Fraktion eingebrachter Antrag zu- Debatte: In Anbetracht der auch von der heutigen Stadtverordneten- Versammlung anerkannten Teuerung der wichtigste» Aaqrungsnnttcl beantragen die Unterzeichneten eine Erhöhung der Löhne bezw. Ge- hälter von 30 Pf. pro Tag ab 1. September d. I. für alle die- jenigcn städtischen Arbeiter und Angestellten mit einem JahreSlohn bezw. Geballssatz von uutcr 2500 M. Genosse Kiiter begründete den Antrag in eingehender Weise. Im vorigen Jahre eingebrachte Anträge auf Lohnerhöhung seien einem Ausschuß überwiesen worden. Damals sei beschlossen worden, die Tagelöhne in Wochenlöhue umzuwandeln und den AnfangSlohn UM 1 M. zu erhöhen. Durrtl die Herabsetzung der Mehrentschüdigimg für Sonntagsnrbeit von 100 auf 50 Proz. gegen die Stimme» der sozialdemokratischen Fraktion habe eine Lohureduition stattgefunden. Obwohl die Deputation die neue Arbeitsordnung bereits seit vier Monaten dem Magistrat überwiesen habe, sei eine Vorlage an die Stadlverordneten nicht erfolgt. Den Liberale» schien dieser Antrag etwas unerwartet ge kommen zu sein, denn der Redner dieser Fraktion, Bamberg, meinte, die Kleingewerbetreibenden hätten auch unter der Teuerung zu leiden, es könne daher nichts gegeben werden. L i n i c n s(Freie Fraktion) hält den Antrag gleichfalls für un- annehmbar. Genosse M a g n a n betonte, dah man den Antrag dem Magistrat zur Berücksichtigung überweisen solle. Es sei Pflicht einer sozial denkenden Gemeindeverwaltung nicht zur Erwägung, sondern für ihre minderbemittelten Angestellten und Arbeiter zu sorgen. Genosse K ü t e r wies darauf hin, daß die Ausführungen der Redner Bamberg und Linicus nur eine Verschleppung bedeuten; die Deputation für Arbeitersragen hätte seit fünf Monaten nicht getagt, dieselbe könne nur duru? den Magistrat, den die Liberale Fra-si/'n in ihrem Sinne beeinflusse, einberufen werden. Oderöürgermeister Dominikus verwahrte sich dagegen, dast der Magistrat unter dein Einfluß einer bestinimten Fraktion stehe, und meinte, tvenn dem Magistrat ein Antrag überwiesen werde, der wichtig erscheint, so werde derselbe sofort weiter gegeben. Zobel(Lib. Frakt.) versuchte in seiner bekamiten Art von der Sache abzulenken, um dadurch den schlechten Eindruck, den das Ber halten der liberalen Mehrheit hervorgerufen hat, zu verwischen. Die liberale Mehrheit beschloß, den sozialdemokratischen Antrag dem Magistrat zur Erwägung zu überweisen.. Hieraus wurde beschlossen, den in Schöneberg wohnenden Hebammen, wie auch de» von dem Hauspflegeverein beschäftigten Pflegefranen auf Wunsch kostenfreie Bäder zu verabfolgen, bezw. kostenfreie Desinfektion ihrer Be kleidung und Instrumente in der städtischen Desinfektionsanstalt zu gewähren. Ferner wurde gewünscht, den Unterricht in den unteren Klassen der Volksschulen im Sommer erst um 8 Uhr beginnen zu lassen. Dies wurde vertagt, bis das Ergebnis der von der Schuldeputation veranstalteten Umfrage feststeht.— Der Verein der Handwerker und Gewerbetreibenden hatte beantragt, von dem Verkauf von Räucheo waren in der städtischen Seefischhalls abzusehen. Der Referent Ge� nosse Peterson empfiehlt Uebergang zur Tagesordnung, da von den Gewerbetreibenden niemand geschädigt worden fei. Die Liberalen beantragten, die Angelegenheit an den Petitionsausschuß zurückzw verweisen.— Die Kinobesitzer hatten um Aufhebung der Kinosteuer ersucht. Der Referent Ed. Meyer betonte, daß die Petition nicht vollständig wäre, da die Einnahmen der Sonntage fehlten: an diesem Tage wäre ober gerade das Hauptgeschäft, er beantrage daher, die Angelegenheit ein halbes Jahr zu vertagen, um ein abschließendes Urteil über die Wirkung der Kinosteuer zu gewinnen. Genosse Küter trat für Zurückverweisnng der Petition an den Ausschuß ein. Die Einnahmen an den Sonntagen und in der Winterszeit würden infolge der allgemeinen Teuerung nachlassen, daher sei es am Platze, daß die ganze Steuer abgeschafft werde. Für die Vertagung stimmten 26 Liberale, während 18 Stimmen, darunter die Sozialdemokraten, dagegen waren. Nunmehr wurde von dem Berichterstatter des Wahlprüfungsausschusses Gottschalk über die Ungültigkeit der Wahlen der Herren Lassen und Treugebrodt berichtet und empfohlen, beide Wahlen für un- gültig anzuerkenne». Hiermit war der.Führer" der Liberalen, Herr Zobel, nicht einverstanden: er meinte, die Wahlen seien gültig trotz der festgestellten Formfehler durch den Bezirksausschuß. Nunmehr zog der Redner gegen eine» im.Vorwärts" erschienenen Bericht zu Felde, der positive Unwahrheiten enthalte. Genosse Küter trat für die Ungültigkeit der Wahlen ein und kennzeichnete das Ge- baren des Vorredners, der sich nur von Scheingründen leiten lasse. Im übrigen entsprächen die in dem fraglichen Bericht gemachten Angaben den Tatsachen. Wiederholt hätten die Liberalen die von der sozialdemokratischen Fraktion vorgeschlagenen Personen abgelehnt. — Zobel erklärte, mit Recht sei dies geschehen, da seine Fraktion sich nichts unbesehen aufzwingen lasse. Als der Redner seine Ent- stellunge» wiederholte, rief ihm Genosse Küter die Worte„unver- schämte Unrichtigkeiten" zu, worauf er vom Lorsteher aufgefordert wurde, diese Benierkung zurückzuziehen. Küter erklärte, nur dann dazu bereit zu sein, wenn der Vorredner seine unwahren Behaup- tnngen zurückziehe. Da dies nicht geschah, erhielt unser Genosse einen Ordnungsruf. Herr Zobel, die geistige Größe, war somit gerettet. Für die Gültigkeit der Wahl Lassen stimmten 21 Liberale. 19, darunter die Sozialdemokraten und der liberale Herr Gott- schall, stimmten dagegen. Die Wahl Treugebrodt ebenfalls für ungültig zu erklären, lehnten dieselben Liberalen ab. Dadurch haben die Herren der Stadt erneute Ausgaben aufgehalst. Der Bezirksausschuß wird sicher der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts beitreten. Das Gaswerk hat sich bereit erklärt, für das zum Motorbetrieb und zur zcntralen Warmwasserversorgung von ganzen Häusern und auch einzelnen Wohnungen verwendete Gas den Abnehmer» ohne Rücksicht auf die Höhe des Gasverbrauchs einen Rabatt von 29 Proz. auf den Preis von 13 Pf. für das Kubikmeter zu gewähren. Die Stadt erhält die gleichen Vergünstigungen. Dem wurde zugestimmt. Zur Kenntnis gegeben wurde, daß die Mitglieder der Freien Vereinigung und der Unabhängigen Fraktion sich' unter dem Namen „Freie Fraktion" zusammengetan habe». Vorsitzender ist Stadtverordneter I a tz o w. Hierauf erfolgte die geheime Sitzung. Chnrlottenburg. Eine oberirdische Bedürfnisanstalt für Männer und''Frauen soll auf dem Spielplatz am Gustav-Adolfplatz jenseits der Spree er- richtet werden. Die Vorarbeiten hierzu sind bereits beendet. Das dafür zu errichtende Gebäude, von der Sömmeringstraße zugäng- lich, wird mit Unterkunftsräumen für Bark- und Straßenarbeiier ausgestattet werden. Der schlechten Grundverhältnisse halber ist eine tiefere Grundierung notwendig, und es ist noch nicht ent- schieden, ob dieser Umstand für den Ausbau eines Kellergeschoffes genützt werden soll. Die Kosten sind auf 26 999 M. veranschlagt. Wilmersdorf-Halensee. Auf die heute stattfindende Wahl der Delegierten zur OrtSkrankeu- lasse wollen die Partei- und GewerkschaftZgenossen ihre Arbeits- kollcgeu, welche bei Wilmersdorfer Unternehmern beschäftigt sind, hinweisen. Gewählt wird von 6 bis 8 Uhr abends im Kassen lokal, Kaiser-Allee 173 a. Die Gewerkschafts-Unterkommission. Die Sonntagswahl zur Stadtverordnetenversammlung ist nun- mehr auch vom Wilmersdorser Magistrat befchlosien worden. Die Wahlen dritter Abteilung finden Sonntag, 3. No- vember, und zwar in der Zeit von 12 Uhr mittags bis 6 Uhr abends statt. Damit ist einem lebhaften Verlangen der Arbeiter- schaft unseres Vorortes Genüge geschehen. Wilmersdorf war be- kanntlich im vorigen Jahre die einzige größere Gemeinde in Groß-Berlin, die die Sonntagswahl noch nicht eingeführt hatte. Die 2. Abteilung wählt dieses Jahr am t. November, die 1. Ab- teilung am 5 November. Trepivw-Baumschnlenweg. Maßnahmen gegen die Teuerung. Der zum Freitag. den20. Sep- tember, abends 6 Uhr, nach dem Sitzungssaale deS Rathauses einberufenen öffentlichen Sitzung der Gemeindevertretung liegt u. a. auck, ein Av-rog unserer Genossen und deS Demokraten vor. den Bundesrä> um Oeffnung der Grenzen zu ersuchen und andererseits gemeindliche Einrichtungen zur Lebensmittelversorgung zu schaffen. ilLeiftensee. Aus der Gemeindevertretung. Der AbLruchnntcrnehmer Köhler hat gegen den Gemeindevorstand in einein Artikel des„Wcitzenseer Tageblatts" den Vorwurf erhoben, daß bei Gründung einer G. m. b. H. mit dem Tiesbauunternehmer Allers eine Umsatzsteuer im Betrage von 39 599 M. nicht in Anrechnung gebracht sei. Der Gemeinde- vorstand wies diese Verdächtigung ganz entschieden zurück, da diese G. m. b. H. keine Grundstücke efttgebracht habe und daher ein Umsatz von Grundstücken nicht stattgefunden habe, wie sich jeder durch Einsichtnahme der Grundbuchakten überführen könne. In der anschließenden Diskussion mußten selbst die Mitglieder der alten Fraktion zugeben, daß der angeführte Vorwurf ein unberechtigter war.— In das Kuratorium der kaufmännischen Fortbildungsschule wurde der Fabrikbesitzer Riebe gewählt.— Für die Beschickung der Bauausstellnng in Leipzig im Jahre 1913 mit Modellen unserer sozialen und sonstigen Einrichtungen wurde eine Summe bis zu 2599 M. bewilligt.— Auf dem Schulhofe in der Rölckestraße werden vier Mctallfadenlampen aufgestellt, um den Fortbildnngsschülern Gelegenheit zu geben, des abends auf dem Schulhofe Spiele vor- zunehmen. Auf dem Semmclschen Hanse am Antonplatz beabsichtigt die Jnstallationsabteiluiig des Elektrizitätswerkes ein Reklame Universalschild anzubringen, wozu 1 6 990 M. erforderlich sind. 13 Firinen haben bereits Inserate aufgegeben, so daß die Unkosten gedeckt find. Jede weitere Aufnahme von Inseraten würde der Ge- meinde einen Ueberschuß bringen. Zur weiteren Reklame für das Elektrizitätswerk und seiner JiistallationSabteilung wurden 1399 M. bewilligt. Auf Veranlassung der Regierung soll auf dem Pferdemarkt- terrain ein Jsolierschuppen für kranke Pferde geschaffen werden, wofür das Bauamt 999 M. verlangte. Hierbei konnte man die Weisheit einiger Herren bewundern, die diesen Krankenstall für die Hälfte deS Preises herstellen wollten; die Mehrheit bewilligte jedoch die geforderte Summe. Baurat Biihring befürwortete das Projekt eines Hauses, worin die Apotheke untergebracht werden soll. In der geheimen Sitzung wurde der Vertrag mit der Ortskrankenkaffe abgeschlossen, die im Hause des zu erbauenden Ledigenheims die dritte Etage zum Zwecke einer Badeeinrichtung gemietet hat. Mehrere Grundstücksverkänfe und Ankäufe führten längere Dis kussionen herbei, so daß die Sitzung erst gegen 11 Uhr ihr Ende erreichte. Mahlsdorf an der Ostbahn. Schwerer Bauunfall. Gestern abend um Vz6 Uhr ereignete sich in der Bürgerstraße ein schwerer Bauunfall. Der neu gerichtete Dachverband wurde durch den Sturm heruntergerissen, wodurch der Arbeiter Ziemens aus Mahlsdorf getötet und die Arbeiter S i e v e r s und H o d i ck e schwer verletzt wurden. Hohen-Schönhansen. Ein tödlicher Straßenvahnunfall hat sich am Montag abend gegen 1/.ß Uhr in der Berliner Straße zugetragen. Als dort der Arbeiter Luchterband mit seincin vierjährigen Sohne Fritz den Fahr- dämm überschreiten wollte, ritz �ich der Knabe plötzlich von der Hand des Vaters los und lief unmittelbar vor einem herramiaheiiden Straßenbahuivagen der Nordöstlichen Berliner Vorortbahn(Hohen- Schönhausen— Kurzestraße) auf das Gleis. Obwohl der Führer sofort bremste, konnte er das Unglück nicht mehr verhüten. Der Kleine wurde umgestoßen und geriet mit dem Oberkörper unter den Schutzrahmen. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Wagen angehoben. doch konnte das Kind, das schwere innere und äußer« Verletzungen erlitten hatte, nur tot hervorgeholt werden. Die kleine Leiche wurde beschlagnahmt und nach der Halle des Hohen-Schönhausener Gemeindefriedhoscs gebracht. Französisch- Buchholz. Aus der Gemeindevertretersitzung. Bei Prüfung der Gemeinde- kassenrechnung vom Jahre 1911 ist eine Einnahme von 425 933,63 Mark und eine Ausgabe von 429 472,95 M., mithin ein Ueberschuß von 4562,68 M. festgestellt worden. Hierauf kamen folgende Dring- lichkeitsanträge unserer Vertreter zur Verhandlung: 1. Die Ge- meinde wolle an den Bundesrat und Reichstag eine Eingabe richten, in der unter Darlegung der herrschenden Notlage gefordert wird: die sofortige Aufhebung der Zölle auf Vieh, Fleisch, Ge- treibe und Futtermittel und der Grenzsperre für die Einfuhr von Schlachtvieh, des§ 12 des Fleischbeschaugesetzes, der Einfuhrscheine. 2. Gemeindliche Einrichtungen— eventuell in Verbindung mit anderen Gemeinden— zur Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln zu schaffen. Nach kurzer Debatte wurde der erste Teil angenommen, mit' dem Zusatz, daß sich die Gemeinde der Eingabe von Groß-Berlin anschließen soll. Der zweite Teil rief eine längere Diskussion hervor, die damit endigte, daß der vor 14 Tagen abgelehnte Wochcnmarkt auf erneuten Antrag nunmehr eingeführt werden soll. Eine Kommission, der auch Genosse Neumann angehört, soll die Marktordnung ausarbeiten und außerdem die Vorarbeiten für einen von der Gemeinde zu unterstützenden Seefischverkauf in die Weg- leiten.-'- Spanvau- Hermann Knabe. Ganz unerwartet erhalten wir die Nachricht von dem Tode des Genossen Hermann Knabe. Derselbe war bereit? seit Anfang der 90er Jahre in Spandau eines der eifrigsten Mitglieder, welches wir je gehabt haben. ES war ein Genosse, der bei jeder Arbeit seinen Mann gestanden hat. Trotz Gefahren, Opfer und Not stand er stets mit in den vordersten Reihen, wenn es galt, Parteiarbeit zu leisten. Er hat uns stets als Vorbild gedient und wir versprechen ihm. nach Kräftzn nachzueifern. Die Genoffen werden gebeten, sich zahlreich an der Beerdigung. welche am Donnerstag, nachmittags 4>/« Uhr. von der Leichenhalle aus in den Kiff-ln stattfindet, zu beteiligen. Auf wenig Ordnung in der Führung der Steuerlistcn läßt die Veranlagung zur Kirchensteuer einer Anzahl von Personen schließen, die schon längst aufgehört haben, Mitglied der Kirche zu sein. Wie aus Mitteilungen hervorgeht, werden auch nicht erwerbstätige Frauen konfessionsloser Männer zu den Kirchensteuern herangezogen. In einem Falle ist sogar ein Junggeselle wegen rückständiger Kirchen- steuer seiner angeblichen Ehefrau gemahnt worden. Wo herrscht diese Unordnung in den Listen, beim Magistrat oder bei der Kirchen- behörde? NowaweS. Das Amt deS Gcmcindewaisenrats, das der Privatier Herr Alexander Erdmann. Auguststr. 15, vor kurzem krankheitshalber niederlegen mußte, ist Herrn Webermeister Wilhelm Damm, Wil- hclmstraße 56, übertragen worden. An ihn sind in Zukunft alle Zuschriften und Anträge zu richten. Der Streit um die PflasterungSkostcn. Die Anlieger der Reuter- und der Klopstockstraße, die von der Gemeinde ursprünglich mit 59 Proz. zu den Pflasterungskosten herangezogen waren, nach einem Entscheid des KreisausschnsseS jedoch die vollen Kosten tragen sollen, wollen den Weg des Einspruchs beschreiten. Das Ortsstotut für die Fortbildungsschule soll wieder einmal eine Abänderung erfahren. Um die Wünsche der interessierten Kreise zu hören, ladet der Gemeindevorsteher die beteiligten Arbeit- gcber, die gewerbliche Arbeiter unter 18 Jahren beschäftigen, sowie die an dem Unterricht und der Entwickclung der Sckule beteiligten Arbeiter unter 18 Jahren zu einer Aussprache ein, die heute(Mitt- woch), abends 3 Uhr. im Sitzungssaale des Rathauses stattfindet. Pols da«. Die Einrichtung eines sozialpolitischen Bureaus, das alle Ab- teilungen der Verwaltung umfassen soll, die in ihrem inneren Be> triebe von den sozialpolitischen Gesetzen berührt und besonders be- einflußt werden, ist vom Magistrat geplant. Dem Bureau soll die RechlsauskunftSstelle, der stüdlische Arbeitsnachweis, die Dienst- Vermittlungsstelle für weibliche Personen, das Gewerbe» und daS Kausinannsgericht angegliedert werden. Lese, und DiSkutierklub„Baumschulenweg". Heule Mittwoch, abends 9 Uhr, im Lokal von Erbe, Baumschulenstr. 14: Sitzung, ioor- trag. Gäste willkommen._ Hus aller Melt. Dummhdt oder Loyalität? AuS Tokio wird uns geschrieben: Für die BeisetzungS« feierlichkeiten des verstorbenen Kaisers sind 1>/, Millionen Den(3 Millionen Mark) vom Reichstage bewilligt! Zu diesen Kosten gehören nun u. a. die für die Trauerzeremonien in Tokio auf dem Auyamaplatz errichteten Bauten, deren Errichtung an Unternehmer vergeben wurde, die mehrere Tausend Ar- heiter einstellten. Diesen Arbeitern wurde nun von den Unter- nehmern eingeredet, es sei ein verdienstvolles Werk, zur Ehre des verstorbenen Kaisers umsonst zu arbeiten, und waS dergleichen Redensarten mehr sind. Kurz und gut, die Arbeiter kriegten 14 Tage keinen Lohn. Als einige aber doch murrten. weil sie doch ohne Geld gar nicht leben konnten, hieß es, daß das Lohngeld für die allgemeinen Kosten bestimmt sei und an den Staat abgeführt werde. Als mit einem Streik gedroht wurde, bekam die Zeitung„Hochi" von dieser Geschichte Wind und machte Skandal. Nun endlich erhielten die Arbeiter ihren Lohn ausgezahlt. Auf die vorangegangenen 14 Tage Lohn leisteten sie Verzicht, wenn die Unternehmer diesen Lohn wirklich an den Staat ab- führen. Wer soll wohl nachrechnen, ob das wirklich voll und ganz geschieht. Dumm und geduldig! DaS wären noch Arbeiter nach dem Wunsche der deutschen Unternehmer.__ Auf m Hund. Im„Lokal-Anzeiger" vom 16. d. M. empfiehlt ein Korrespondent den Großstädtern dringend, sich einen Hund anzuschaffen.„Der Hund bringt die Menschen einander näher, was nicht mal ein kleines Kind fertig bringt, und sei es noch so süß. Es ist ein unbeschreiblich geheimnisvolles Etwas, das von Mensch auf Mensch übergeht, sobald der Hund in Frage kommt. Ein Flnidum, für das die Forscher noch die nähere Gattung und den treffenden Namen finden müssen".— So geht's noch zirka 80 Zeilen weiter. In einer grimmig ernsten Zeit wie der heutigen, wo daS Volk durch die Ausbeutung einer Handvoll Besitzenden an den Rand der Verzweiflung gebracht wird, wo die proletarischen Mütter nicht mehr wissen, womit sie den Hunger ihrer jammernden Kinder stillen sollen, mutet ein solcher„Hymnus an den Hund" seltsam an.— Oder soll auf diese Weise daS»Verlangen nach Hundefleisch" geweckt werden?_ Ein neuer Höhcnrekord. Nachdem eS vor wenigen Tagen dem französischen Flieger GarroS gelungen war, den Höhenrekord mit einer erreichten Höhe von rund 5990 Meter an sich zu reißen, ist ihm gestern der Rekord von seinem Landsmann Legagneux erfolgreich strittig gemacht worden. Legagneux erreichte bei einem Fluge, den er in Villa» r o u b l a h unternahm, 6690 Meter Höhe. Ein verirrtes schlvarzes Schaf. In der von den Klerikalen verwalteten Stadt Padua zeichnet sich der Bischof durch einen besonderen Moralkoller aus, der sich vor allem dadurch äußert, daß er durch die priesterlichen Tugenden seines Klerus die Stadt reformieren will. Unter diesen Umständen traf es sich recht ungünstig, daß ein paar Frauen aus dem Volke am letzten Freitag einen der offiziellen Träger dieser Tugenden in ein nicht minder offizielles Bordell huschen sahen. Die Frauen schlugen Lärm, und es entstand ein Auflauf vor dem Bordell, so daß die Polizisten mit gezogenem Säbel die Stätte verteidigen mußten. Schließlich ent» schloß sich die Besitzerin des Freudenhauses, dem Priester Zivilklcidung zu geben: leider war aber der Zuhälter, in dessen weißen Straßenanzug der geistliche Herr gesteckt wurde, diesem an Leibesfülle keineswegs gewachsen. Der geistliche Ueberschuß quoll an allen Ecken und Enden über, was das Hohn» gelächter der Menge noch vermehrte. Von der Polizei beschützt wurde der Geistliche in schnellster Fahrt fortgeführt, aber die Menge begleitete ihn noch lange Zeit unter dem Rufe:„Führt ihn zum Bischof I" Statt ihn dorthin zu bringen, brachte man den Verfolgten im RaihauS in Sicherheit. Unglücklicherweise war gerade die Stadtverordnetensitzung desselben Tage« der Behandlung des Antrags gewidmet, im Jntereffe der Jugenderziehung der Priesterschaft wieder Einfluß in derSchule einzu» räumen. So hatten die Stadtvqter Gelegenheit, einen der empfehlenZ« werten Jugenderzieher im Zuhältcrkostüm bewundern zu können. Auf eine Seemine aufgefahren. Der englische Dampfer„Barnes More" von der Johnstonlinie auS Liverpool, der auf der Fahrt nach Saloniii die D a r d a- nellen vor dem Fort Karaburu passierte, wollte die Fahrt nach Saloniki fortsetzen, ohne den Lotsendampfer abzuwarten. Da er weder die Signale des Forts noch zwei blinde Kanonenschüsse be» achtete, fuhr der Dampfer auf eine Seemine auf, die losging und den Dampfer ernstlich beschädigte. Einige Personen der Besatzung wurden verwundet; dem Kapitän gelang cS. den Dampfer auf den Strand auflaufenzulassen. Gegen- ivärtig wird die Ladung gelöscht. Man hofft, den Dampfer retten zu können._ Kleine Notizen. Folgenschwerer Einsturz. Bei dem Versuche, in Niederlustadt «in Haus zu heben, stürzte das Gebäude in sich zusammen und be» grub fünf Arbeiter. Alle haben schwere Verletzungen erlitten. Vom Expreßzug zermalmt. Ein schwerer Unglücksfall hat sich in der vergangenen Nacht auf der Eisenbahnstrecke Longucau-Amicns zugetragen, auf der gegenwärtig Streckenarbeiten ausgeführt werden. Drei Arbeiter, die bei diesen Arbeiten beschäftigt waren, bemerllen daS Herannahen des ExpreßzugeS PariS-Calais zu spät, so daß ihnen keine Zeit mehr blieb, zur Seite zu springen. Zwei von ihnen wurden von der Lokomotive mitgeschleift und waren sofort tot. der dritte kam mit leichteren Ver» l e tz u n g e n davon....,. Zugzusammcnstoß. In der letzten Nacht gegen 2 Uhr sttetz ein Belgrader Schnellzug aui der serbischen Station Kusadal nnt einem Güterzug zusammen. Drei Reisende wurden schwer und mehrere Zugbedienstete leicht verletzt. Der Materialschaden ist bedeutend. Witterungsübersicht vom 17. September 1918. Swinemde. Hamburg Berlin Kranrt.a.M. München Wien 757 WND 762 NW 760'S 769 238 770$33 764.0■ 4Rcgen öRegen 4 bedeckt Haparanda 745 NNO Petersburg 738ZS$W bedeckt rooltcnl bedeckt Srillt) Aberdeen Paris 769ONO 767 WN3Z 770 NNO 6 Regen 4 Regen 4 woitenl 4 wollig I.Rebcl Bl./aFft�ortlicher ül£&euxi Alfred Wiclepp, Neukölln. Für den Lese- und Tiskutierklub„Südost". Heute Mittwoch, abends 8'/, Uhr Sitzung bei Neidhardt, Görlitzer Str. 58: Vortrag. Gäste will- kommen._.__________._-__ Inseratenteil verantw.: Th- Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt» töuchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer u.Co, öetlmSW» Wetterprognose für Mittwoch, den 18. September 1918. Em wenig kühler, zeitweise austlarend, jedoch sehr unbeständig mit e!n- zelncn Regen- und Hagelschauern und ziemlich starken nordwcstiichrii Winden.