Nr. 320. Bbonncments-Bedlmjüftgcni «wonnementS, Preis vränumerandoi «ierteljährl. 3,30 MI,. montttL 1,10 Ml, wöchciillich 28 PIg, frei WS HauS. Einzelne Nummer s Pfg. Sonntags. nuinmer mit Austricrler Sonntags- Beilage„Die Neue Welt» 10 Pfg, Post. Wonnemcnl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft.ZciwngS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Mona». PostabonnenientS 29. Jahrg. VIe TnfertlonS'Gebdfir betrügt für die fechSgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum 00 Pfg,, für WM fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasitcllcnan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort S Pfg, Borte über IS Buch- ttaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste tlkummer müssen bis B Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Crfditlnt täglich außer tnontags. Vevlinev VolkesblAtk. Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfcblands. Telegramm-Adresse: .�»zialdtnakrat Rsrlio". Rcdahtion: SM. 68, Lindcnstraasc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1S83. Freitag, den 20. September 1912. expcditiom SM. 68, Ltndcnatraaae 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1,984. Arbeiterfrauen! Eure Kinder müsten hungern! 22 000 Kinder gehen im Winter, 86 000 Kinder im Sonuner ohne ein Morgenbrot in die Schule. In Berlin allein bleiben 14 000 Kinder ohne Frühstück, darunter 9900 schulpflichtige. 179 000 Schulkinder erhalten des Mittags im Winter nur einen kalten Imbiß, im Sommer sind es etwa 113 000. Kein Abendessen genießen im Winter 15 000, im Sommer 22000 schulpflichtige Kinder. Diese Zahlen galten nach unparteiischen Fest- stellungen von Lehrern für die Jahre 1907 bezw. 1908. Seit jener Zelt ist die Not noch gestiegen. Der Brot- und Fleischwucher tragt die Haupt- schuld an Eurem Elend, an dem Hunger Eurer Kinder. Arbeiterinnen und Mütter! Protestiert am Dienstag gegen Ansbeutnng und Rechttostgkeit! Die IPaiiamentsfchladjt in Budapeft. SlitZ Wien wird uns vom 18. September geschrieben: Im ungarischen Abgeordnetenhause hat es gestern eine veritablc Schlacht gegeben. Das ist nun nicht mehr bildlich zu nchincn, sondern ganz wirklich: zwischen den Polizisten, die der Schuft auf dem Präsidentcnstuhle in den Sitzungssaal gerufen hatte, und den oppositionellen Abgeordneten entspannen sich regelrechte Faustkümpfc, und nur der Umstand, datz die Polizisten in erdrückender Uebcrmacht waren— etiva 240 Poli- zisteii gegen 60 Abgeordnete, die überdies seit früh im Dienst der gewalttätigen Obstruktion standen und daher recht ermüdet waren— führte den„Sieg" der Polizei her- bei, den Sieg nämlich, daß die gewählten Abgeordneten aus dem Saale der Volksvertretung hinausgeschmissen wurden und die Konstabler unter der Führung des nun schon berühmten Polizeiobcrinspektors Pavlik, der derzeit der eigentliche Stell- Vertreter des gekrönten apostolischen Königs in Ungarn ist, das Feld behaupteten. Die Szenen, die sich gestern im ungarischen Abgeordnetenhause abspielten, lassen in ihrer Scheuszlichkeit alles weit hinter sich, was jemals an Schändung des Parlamentarismus erlebt worden ist. Die Opposition, die alle„Friedensverhandlungen" zurückgewiesen hat und, wie selbstverständlich, aus der Enthebung des Ganncrpaarcs Lukacz-TiSza kategorisch beharrt, hatte gestern, da das Parlament nach den Julistürmcn zusanimen- trat, die lärmende Obstruktionstaktik sofort auf- genomnicn. Da wird nun nicht mehr geschrien oder mit den Pultdeckeln geklopft, da treten alle Lärminstrumcnte in Aktion. die es mir gibt. Trompeten. Tschinellcn. Automobilhupcn und »Sirenen, Wecker, kurz alles, ivomit sich wahnsinniger Lärm erzeugen läßt, kam zur Verwendung. Die Antwort des Tisza war gleichfalls die alte: er ließ die Polizisten eininarschieren und gab ihnen den Auftrag mit, die Abgeordneten, die er sich notiert hatte, hinauszuwerfen. Das geschieht nun ganz regelmäßig im ungarischen Abgeordnctenhause; es muß also nachdrücklich hervorgehoben werden, daß es durchaus geschäftsordnungswidrig ist. daß dem Präsidenten das Disziplinarmittel der Ausschließung gar nicht zusteht, und daß er noch weniger das Recht hat, Polizei zu holen, und Polizei einmarschieren zu lassen. Daß der Präsident über die militärische Gewalt schrankenlos verfügt, zeigt eigent- lich die Anarchie des Staates an. Die Oppositionellen, die das vorige mal schon der bildlichen Gcivalt, verkörpert in dem Handauflegen des Pavlik, geivichen waren, setzten sich diesmal in wahnsinniger Erregung zur Wehr. Die Zlbgeordneten verbarrikadierten sich geradezu zivischcn der Ministerbank und den Sitzungsbänken und es währte Stunden, bis die Polizei ihrer Herr geworden war. Manche Abgeordneten mußten von zehn Polizisten überwältigt werden und wurden, an Kopf und Füßen gehalten, in aller Form hiuausgeschleift. Zivischcn den Abgeordneten und den Polizisten gab es ununter- brochen Schlägereien, von den erbitterten Schimpfivorten, die da ausgetauscht wurden, nicht zu sprechen. An dem Wider- stände beteiligten sich diesmal auch die hochgeborenen Feudalen und so wurden unter anderen Grss fiövoiiöi, Graf Andrassy, zwei Grafen Karoly, zwei Grafen Bathyani, Graf Zichy„ent- fernt". Ehemalige Präsidenten des Abgeordnetenhauses, ehe- malige Minister, Seiner Majestät Geheime Räte, Univcrsitäts- Professoren, sie alle warf der Pavlik mit hinaus. Die interessanteste Episode war es freilich, als ein schlichter Polizist— lPolyak.ist der Name des Wackern)— dem Befehl den Gehorsam versagte und dem Kommandanten erklärte, er lege nicht Hand an die immunen Volksvertreter. In der heutigen Sitzung, in der die Opposition das Feld übrigens freiwillig rälimte, war das Haus Zeuge, wie sich der Handels- minister auf die Opposition mit geballter Faust stürzt, von einigen oppositionellen Abgeordneten zu Boden geworfen und windelweich geprügelt wird. Kurz,'der ungarische Parlamen- tarismus hat sich in das wildeste Betyarcntum verwandelt, das in ähnlicher Roheit auch auf der Puszta schwerlich zu finden sein dürfte. Das Selbstverständlichste wäre nun, daß die zwei Lumpen, die allein diese Entwürdigung auf dent Gewissen haben, entfernt werden. Hier von dem parlamentarischen Majoritäts- recht zu reden, das ihnen angeblich zur Seite stehe, ist einfach ein Stumpfsinn. Wie war es denn? Die Lukacz und Tisza haben, als sie, um des Wehrgcsetzes willen, die geivissesten Bestimmungen der Geschäftsordnung mit Füßen traten, das Recht der Opposition schnöde vergewaltigt. Daraufhin hat sich diese, da auf ihre geschäftsordnungsmäßigen Proteste nicht geachtet wurde, zu außerordentlichen Protesten, zu dem der Lännobstruktion gezwungen gesehen, worauf sie, wieder ohne geschäftsordnungsmäßiges Recht, der Tisza mit Polizei- und Militärgewalt �hinausschmeißen ließ. Und das soll sie sich gefallen lassen und danach soll sie mit den zwei Schurken paktieren-? Auf Gemalt gibt es nur eine Antwort: nämlich wieder Gewalt. Wenn es den Machthabern recht ist, daß das ungarische Parlament' nun nur unter dem Schutze der Bajonette tagen kann, und Sitzung um Sitzung Polizei einmarschiert, um die Abgeordneten Hinauszuwerfen, kann es der Welt, die das Privilegicnparlament haßt und verachtet, nur angenehm sein. Daß sie eS oben, so sehr sie die Pose der Unnachgiebigkeit annehmen, nicht lange aus- halten werden, ist ziemlich sicher; zumal dann, wann die Opposition ihre Absicht, in gleicher Art die ungarische Delegation, die am 23. Septeniber in Wien zusaminentritt, zu behandeln, zur Ausführung bringt. Natürlich wären all diese Schändlichkcitcn, wie so viele andere, zum Beispiel das Schandregime des Kommissärs in Kroatien, nicht möglich, wenn in der Hofburg nur ein Gran Verstand vorhanden wäre. Aber dort scheint sich nun der politische Schwachsinn häuslich niedergelassen zu haben, der von den Strebern und Halunken in der ungarischen Regierung natürlich nach Herzens- lust mißbraucht werden kann. *« -!- Budapest, 19. September.(Privattelegramm.) Die Negierung hat Budapest in ein Kriegslager verwandelt. Ungeheure Massen Militär und Gendarmerie find nach Budapest gezogen worden und die Polizeimannschaften befinden sich ununterbrochen im Dienst. Auch darin prägt sich der Kriegszustand aus, datz die Regierung den Nachrichten dien st überwachen läßt. Es ist nicht möglich, telephonisch und tclegraphisch etwas über die Absichten der Opposition weiterzugeben, ohne daß die Polizei davon Kenntnis erlangt. Bald genug wird vielleicht auch der Briefdienst solcher Ucberwachung aus- gesetzt. Die Opposition und insbesondere die Leitung der Arbeiter- Partei werden sich natürlich auch dadurch nicht abhalten lassen, den Kampf fortzuführen. Die Leitungen tagen in Permanenz. Ueber die für Mittwochabend angesetzte Demonstration der Arbeiterschaft und Studentenschast ist noch zu berichten: Die Maßregeln der Polizei konnten die Demonstration nicht verhindern Bei Anbruch der Dunkelheit um 6 Uhr abends besetzten Husaren- eSkadronS sämtliche VerkehrSstraßen und Knotenpunkte der Stadt. Zahlreiche Gendarmeriepatrouillen und Polizeimannschaften postierten sich auf den Straßen. Die gesamten Rettungsmannschaften, 8 Ambulanz- wagen, 4 AutoS mit 66 Doktoren und Heilgehilfen eröffneten ihre Vcrbandsstationcn auf offener Straße, und alles war bereit, die Demonstranten zu empfangen. Bis 7 Uhr abends regte sich nichts. Kurz nach 7 Uhr begannen die Arbeiter in kleinen Trupps sich in den Straßen zu sammeln. Die Taktik der Arbeiter war heute eine ganz andere, und so kam eS, daß trotz der riesigen Vorbereitungen der Polizei die Demonstration vollkommen gelang. Die Polizei hatte die Arbeiterviertel abgesperrt, um so daS Zu- strömen der Arbeiter nach den inneren Stadtvierteln zn verhindern. Dies konnte jedoch die Polizei nicht durchführen. Während die Gendarmerie- und Polizeiaufgebote an der Peripherie der Stadt den Arbeitermassen den Einzug in die inneren Stadtteile ver- Ivehrten, zog ein Trupp Arbeiter vor das Lokal der Opposition und begann dort, Hochrufe auf die Opposition auszubringen. So- fort stürmte die Polizei, ohne auch nur den Befehl auseinanderzn- gehen, zn erlassen, auf die Demonstranten und vertrieb dieselben. Nach kurzer Gegenwehr gelang dies. Damit glanbte die Polizei der Demonstration ein Ende bereitet zu haben. Unterdessen zog jedoch daö Gros der Arbeiter nach der Elisabetbstraße, dem Verkehrs- reichsten Stadtviertel der Hauptstadt. Die elektrischen Wagen wurden mit Steinen beworfen, aufgehalten und in einem Moment war der ganze Straßenbahnverkehr eingestellt. GaSIaterncn wurden zer- trümmert und um KHr abends war dieses Stadtviertel voll- ständig finster. Nun begann der Kampf zwischen Militär, Gendarmerie und Polizei einerseits und der Arbeiter- fchaft andererseits. 32 Verwundete, darunter ein Polizist, liegen im Rochusspital. Hunderte von Leichtverwundeten wurden von den Samaritern verbünde» und befinden sich in häuslicher Pflege. Ein Polizist befindet sich ebenfalls unter den Schwcrverwundetcn im Spital. Zur selben Zeit wurde unter den Demonstranten ein Flugblatt der sozialdemokratischen Partei verteilt, worin dieselben aufmerksam gemacht wurden, datz das morgige Parteiorgan die weiteren Anweisungen über das Verhalten für Donnerstagabend bringen werde. Erst nach 10 Uhr gelang cS dem riesigen Aufgebot von Militär und Polizei, die Ruhe herzu- stellen. Bemerkenswert ist es, daß daS amtliche Organ der Regierung. der„Pester Lloyd", in seiner DonnerStagS-AuSgabe an erster Stelle betont, daß es sich wieder einmal gezeigt habe, daß die g e- samte Heeres macht in Budapest nicht im stände war, die Demon st ratio n der Sozialdemokratie zu verhindern. Die DonnerStagnummer de? deutschen Parteiorgans, der „Volksstimme', wurde soeben konfisziert. An der Spitze des Blattes befindet sich ein Aufruf, in welchem gesagt wird, daß die Arbeiter« fchaft die Gesetze nicht zu respektieren braucht; zu einer Zeit, wo die Opposition im Reichstage gesetzwidrig behandelt wird, sei die Arbeiterschaft vollkommen berechtigt, auf gesetzwidriger Basis die Ehre der NMion z u retten. Neben der Arbeiterdemonstration ging eine Demonstration der Studenten einher. Bei den Studenten befanden sich auch oppositionelle Abgeordnete, die Ansprachen hielten. Ein ehemaliger Staatssekretär im Handelsministerium erklärte, LükacS habe gegen die zehn Gebote gefehlt, insbesondere habe er gegen daS Gebot verstoßen: Du sollst nicht stehlen I Der frühere hohe Staatsbeamte klagte den Ministerpräsidenten öffentlich an, daß er g e st 0 h l e n, auf Kosten des Staat? sich bereichert habe, und daß mit solchen Männern nicht öffentlich verkehrt werden könne. Die Opposition gab auch ein Flugblatt heraus, das mit dem Bilde Lukacs„geziert" ist und in dem so schwere ehrenrührige Vor- würfe gegen LukacS erhoben werden, daß, wie cS heißt, in keinem gesitteten Lande der Welt ein solcher Mann eine öffentliche Stelle einnehmen könnte. DaS RegiernngZorgan kündigt an, datz eS künftig keine Pqrlamentsberichte mehr bringen tverde, um Ungarn nicht vor dein Auslände bloßzustellen. ver Parteitag. Chemnitz, 19. Seplember 1912. Nach Eröffnung der Sitzung durch Genossen Noske nahm die gestern abgebrochene Debatte über das Stichwahl- abkommen ihren Fortgang, doch kamen nur noch 2 von den 26 borgemerkten Rednern zu Worte. Beide sprachen gegen das Abkommen. Genosse P a p p e n h e i m- Eschwcge legte Nachdruck auf ein besseres Studium des Berhältnisscs zwischen Antisemiten und Liberalen, während Genosse Pieck- Steglitz seine schon aus der Verbandsgeneralversammlung Berlin bekannte übcrscharf pointierte Kritik gegen die Dämpfungsklausel richtete. Sie trug ihm eine vor dem Forum des Parteitages unserer Meinung nach überflüssige Abrückungserklärung der übrigen Delegation von Teltow- Btzeskow ein. Die Position des Genossen Scheide mann war insofern ungünstig, als die Debatte nur Offensivstöße gegen fein Referat ausgelöst hatte. Er erwiderte mit großer Ruhe und hatte den Erfolg, daß der Parteitag mit großer Majorität auf seinen Wunsch über alle zum Stickflvahlabkom- men vorliegenden Anträge des Tadels wie. der Billigung zur Tagesordnung überging. Die mit grausiger Regelmäßigkeit wiederkehrenden Grubenkatastrophen hatten den Parteitag veranlaßt, sich auch noch mit der Frage des Bergarbeiterfchutzes zu bc- fassen, zu der Genosse Hue sprach. Als einer der gründ- lichstcn Kenner der Bergarbeitcrverhältnisse gab er feinen Darlegungen den unwiderleglichen Ernst des Fachmannes und die Wärme des überzeugten Streiters gegen soziale Krebsschäden. Grubenunfälle und Hochkonjunktur stehen in einem unheilvollen Zusammenhang. Die öffentliche Meinung und die Behörden regen sich aber immer erst, wenn die Ver- lustliste des„Armeekorps der Kohle" durch eine Massen- katastrophe erschreckend anschwillt. Von hervorragend politi- schem und sozialem Interesse war, was Genosse Hue über die wahren Ursachen der Katastrophe auf der Zeche Lothrin- gen und über die Art, wie Wilhelm II. darüber informiert wurde, sagte. Der Wahrheitswert der von der Bergbehörde anläßlich dieser Katastrophe an den„Vorwärts" gesandten Berichtigungen wurde in den Ausführungen des Genossen Hue gleichfalls in das rechte Licht gesetzt. Nach scharfer und berechtigter Kritik des Sicherheits- oder richtiger Unsicher- heitsmänncrsystems, nach Hinweis auf die soziale Struktur der Bergarbeiterschaft und auf die perfide und verräterische Haltung des christlichen Bergacbeiterverbandest im letzten Streik legte Genosse Hue dar. daß die bei den Bergarbeitern nach all den schweren Prüfungen und Enttäuschungen an den Tag tretende Mutlosigkeit durch eine energische Willenskund- gebung des Parteitages zugunsten der Grubenproletarier zerstreut werden könne. Diese Kundgebung erfolgte denn auch durch debattelose Annahme der eingebrachten Resolution. Seinen schriftlichen Bericht über die Tätigkeit der Reichstag sfraktion ergänzte sodann Genosse Stadt- Hägen mit Ausführungen über die Duelldebatten, die Hal- tung der Partei beim. Kaiserhoch, den Fall Landsberg usw. und betonte zum Schluß, daß bei aller Erfüllung der parla- mentarischen Pflichten und bei aller Ausnutzung der parla- mentarischen Situation die Erziehung unserer Wähler zu überzeugten Klassenkämpfern die Hauptsache sei. In der Diskussion wurde die Verhandlung dramatisch be- lebt, sobald die Frage der Sonderkonferenzen ange- schnitten wurde. Diese viel umstrittene Frage fand in Genossen Hoch einen feurigen Verteidiger, dem durch Zwischenrufe mit gleicher Hitze aus dem gegnerischen Lager geantwortet wurde. Ter schon in der Presse erörterten, wahrlich nicht- welter- schlitternden Eisenacher Zusammenkunft schenkte der Parteitag eine ganz unverdiente lebhaste Beachtung. Genosse Frank- Mannheim antwortete auf die Angriffe Hochs und suchte die Unschuld der revisionistischen Seite an Sonderkynferenzen dar- zulegen, ohne viel gläubige Seelen zu finden. Immerhin gab er die feierliche Versicherung ab, daß er und seine Freunde auf diese zu ungesunden Konsequenzen führenden Gevllogenheiten verzichten wollen, wenn die linke Seite auch dazu, bereit sei. Da nun gar Genosse Bebel nach einigen historischen Rück- blicken zur Einstellung dieser Richtungszusammenkünfte riet, können alle auf diesen Gegenstand sich bezieheirden Anträge, die unter anderem auch von den Genossen He n s ch e l- Berlin 6 und Lorenz- Niederbarnim begriindet worden waren, als erledigt gelten. Genosse Bebel wandte sich auch gegen einen Antrag, der sich gegen Doppelkandidaturen richtet. Tie Ausführungen des Genossen M e e r f e l d- Köln über die Präsidentenwahl und den Besuch bei Hofe fanden offenbar nur bei einem kleinen Teil des Parteitages williges Gehör, Genosse Bebel trat ihnen entgegen. Wirkungsvoll Ware» die Ausführungen des Genossen H o u p t- Magdeburg, der eine energische Kundgebung des Parteitags gegen die empörende Haltung der behördlich geschützten Streikbrecher- rowdys verlangte. Mit recht gut gewählten Argumenten vertrat Genosse Baron- Brandenburg einen von ihm gestellten Antrag, der auf Aufklärung über die theoretische Seite der Rechtspflege usw. hinausläuft. Nach einer an Irrungen reichen Geschäftsordnungsdebatte vertagte sich der Parteitag auf Freitag. Borher hatte er einem S h m p a t h i e t e l e g r a m m an die W a h l r e ch t s- k ä m p f e r und an die Opfer reaktionärer Brutalität in B u d a p e st seine Zustimmung gegeben, Zur Teuerung. M.-Gladbacher Doppelzüngigkeit. Wir erhalten folgende Berichtig«ng auf Grund des§ 11: Die Nr. 215 vom 14. September des„Vorwärts" enthält einen Artikel:„M.-Gladbacher Doppelzüngigkeit", der die Zentrale des Volksvereins einer ividerspruchsvollen Haltung beschuldigt. Es heißt u. a. darin: .In der von M.-Gladbach inspirierten Kölner Beriannnlnng fordetten die cliristlichen Gewerkschaftler die dauernde Einführung von Gefrierfleisch und Ermäßigung der Vieh- und Kleiichzölle— zwei Tage darauf fordert ein gleichfalls ans der M.-Gladbacker Zentrale stammender Zeitungsartikel noch höhere Vieh- und Jleisckzölle. für den Fall. daß das Gefrierfleisch die heutigen Wucherpreise tatsächlich herabdriicken solllel Nie Kölner. Demonstration war das Werk der gewerksckaft- lichen, der Artikel dasjenige der ograrpolitischen Abteilung der M.-Gladbacher Zentrale. Man darf defle» gewiß sein, daß der Artikel zum Ausdruck bringt, was die klerikale» Drahlzieher wirklich denken, daß die Resolution aber demagogisches Schein- werk ist." Demgegenüber stellen wir fest, daß die Beschlüsse der Kölner Versammlung weder„von der gewerkschaftlichen Abteilung der M.-Gladbacher Zentrale" noch überhaupt von der Volksvereinszcntrale„inspiriert" waren. Der angezogene Zeitungsartikel ist weder von der Volksvereinszentrale noch von irgend einem Mitglied derselben verfaßt worden und steht zu ihr in absolut keinem ursächlichen Zusammenhang. M.-Gladbach, den 18, September 1912. Zentralstelle des Volksvereins, Dr. H. Brauns. Direktor. Die Zuschrift kann nicht leugnen, daß zu gleicher Zeit von Zentrumsleuten sowohl Ermäßigung als auch Erhöhung der Fleisch- und Viehzölle gefordert wurde. Weshalb sollte nicht der M.-Gladbacher Zentrale eine zwie- spältige Haltimg zugetraut werden, dw sich die gesamte Zen- truiuspgrtei täglich leistet? Ersatz für den Ausfall an Eiuflthrzölle». Auf einer Konferenz zur Fleischteuernng in Stuttgart führte der württembergische Minister des Innern v. Pischek aus, daß die Aufhebung des Einfuhrzolles auf Futteriusttel der Reichskasse einen Ausfall von 68 Mill. Mark verursachen würde. Ohne entsprechende Ersatzsteuer könne an eine Aufhebung des Zolles daher nicht gedacht werden,— Solch ein Ersatz ist leicht gefunden. Das geltende Einfuhrscheinsystem raubt der Reichskasse jährlich mehr als 199 Millionen Mark. Man beseitige es und die gewünschten Mllltonen sind vorhanden. Da wir aber auch die Abschaffung der Lebensmittelzölle fordern, enipfehlen wir noch eine andere Ersatzquelle, die Erbschaftssteuer. Die württeinbergische Regierung kann also ruhig in, Buildesrat die Aufhebung des Zolles der- treten, die ebenso wichtig wie die auch vom Minister be- fürivortete Aeuderung des§ 12 des Fleischbeschaugesetzes ist. Fleischnotgeschrei. Die„Deutsche Togeszeitnng" ist„lebhaft iiberrascht", daß der Landwirtschastsminister die Genehmigung zur Einfuhr von Schlacht- Vieh aus Oesterreich-Ungarn nach Poie» gestattet hat. Zn ihrem Aerger stammelt sie etwas van„Berminderung des unbedingl notwendigen Smbonschutzes" und unnötigem„Zugeständnis an das Fleiichnvt- geschrei". Da die Tiere sofort in Polen geschlachtet werden müssen, ka»n natürlich von Senchengesahr keine Rede sein. Recht könne» wir der „Tageszeitung" allerdings darin geben, daß die Erlaubnis kaum «inen Einfluß auf die Fleischpreise ausüben wird. Der Mangel an Schlachtvieh ist nämlich so groß, daß die auf Posen beschränkte Maßregel--ichtS helfen wird. Man muß eben alle Grenzen sür Schlachtvie-, und vor allem für gekühltes Fleisch öffnen- dann wird die Fleischnot völlig beseitigt werden. Bescheidene behördliche Maßregeln. We die.„Reue Politische Korrespondenz" erfährt, wird ein« Vorlage her preußischen Staatseisenbahnverwaltung über die Ver- längernng des Ausnahmetarifs für Fleisch von frifchgeschlachtetem Vieh von dem demnächst zusammentretenden Landcscl,envahnrat verhandelt werden. Kommunen und Teuerung. Die Stadtverordneten in Lüdenscheid i. Wests, wählten auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion zwei Hi?dtverordnete» die gemeinsam'mit dem Magistrat Schritte zur Linderung der Fkeijchnot unternehmen sollen. Der Erste Bürgermeister �.r. Jockusch erklärte, daß er einen Bericht über die kommunale Schweinezucht in Ulm eingefordert habe. In Köln a. Rh. wurde am Donnerstag zum erstenmal das von der Stadtverwaltung aus Dänemark in"'i halben Tieren bezogene Rindfleisch an die Schlächter abgegeben und von diesen zu den von der Stadt festgesetzten Preisen: 70— 83 Pf., und von SO Pf. für Roastbraten und 1,20 M. für Filet verkauft. Die Stadt wird jede Woche 36 geschlachtete Tiers aus Dänemark be- ziehen, da hie Sachverständigen das Fleisch als von sehy guter Beschaffenheit bezeichneten. Die Befürchtung, daß die Schlächter Obstruktion treiben würden, hat sich nicht bestätigt. Es wurde von den Metzgermeistern mehr Fleisch verlangt, als die Stadt liefern konnte. Wohl aber haben die von der städtischen Kon- kprrenz bedrohten Fleischimporteure und Großschlächter gleich- falls eine große Menge von Fleisch auf den Markt gebracht, so daß der Kölner Schlachthof sozusagen von Fleisch überschwemmt war. Es war von den Importeuren eine ganze Menge dänischen und holländischen Fleisches herbeigebracht worden, das von den Per- tretern mehrerer rheinischer Stadtverwaltungen, wie Krefeld und Mülheim a. Rh., gekauft wurde. Nach inländischem Fleisch wurde wenig gefragt, so daß es stark im Preise sank und unter dem Einkaufspreis abgegeben werden mußte. Der Danziger Magistrat wendet sich an den Reichskanzler mit der Bitte, dafür einzutreten, daß aus Rußland oder Oester, reich-Ungarn bis auf weiteres wöchentlich bis zu 360 Schweine in plombierten Wagen zum sofortigen Abschlachten in das städtische Schlachthaus zu Danzig eingeführt werden dürfen; ferner, daß die Einfuhr von Gefrierfleisch aus Argentinien und Australien nach Deutschland möglichst erleichtert, der Zoll für diese Einfuhr womöglich vorübergehend aufgehoben und die Uhitersuchungs- gebühr ermäßigt werde. Die zweite Bittschrift des Magistrais ist an den Landwirtschaft?»' inister gerichtet In ihr wird gebeten, zu erwägen, ob nicht in Danzig eine Ouarantäneanstalt für dänische und schwedische Rinder eingerichtet werden kann. In Plauen i. B. haben Stadtrat und Stadtverordneten in ge- mejnschaftlicher Sitzung einstimmig eine Petition zur Teuerung an den Bundesrat und die sächsische Regierung beschlossen. Sie führt aus, daß die Fleischpreise in letzter Zeit außerordentlich ge-, stiegen sind und der Verbrauch daher bedeutend abgenommen hat. Sie wünscht Beseitigung der zehntägigen Quarantäne. Aufhebung des 8 12, der Grenzsperre für Schweine, Ermäßigung der Zölle auf Bieh und Fleisch. Aufhebung der Zölle auf Futtermittel, Fort- fall der sächsischen Schlachthaussteuer, Ermäßigung der Eisens- hahnfrachtsätze für Vieh und Fletsch. Das Gewerlschaftskartell und ein« gegen die Lebensmittel- teuerung stattgefundene Protestversammlung hatten den städtischen Körperschaften ebenfalls Anträge gegen die Fleischteuerung zugehen lassen. Diese Anträge wurden aber nicht berücksichtigt. Während der Rat und die Stadtverordneten über die Maß- nahmen gegen jdie Fleischteuerung verhandelten, idröhvcken die WahlrechtSrufe der etwa 8666 Personen starken Wahlrechtsdcmon- stranten dumpf in den Sitzungssaal hinein. Mit der Ruhe bei den Verhandlungen war es darauf vorbei. Wo bleiben die Aerzte? Ein Berliner Arzt bittet uns um Ausnahme folgender Zuschrift: Lawinenartig wächst die Protestbewegung gegen die ungeheure Preissteigerung der allernotweudigsten Lebensmittel, insbesondere des Fleisches. Zuerst traten die Arbeiter aus den Plan, dann die Frauen, die Städte, gewisse Schickten des liberale» Bürgertums, gewisse Berufe— wie die Hebammen. Gastivirte usw., nur ein Stand fehlt bis heule iiock, ei» Stand, dessen Vertreter von Rechts wegen ganz im Vordergrund« dieser Protestaklio» stehen müßten: die Aerzte! Wo bleiben die Aerzte? Handelt es sich doch um Fragen, die im Kern ihres Wesen? Fragen der V o lkS g e sun dh e i t sind. Von diesem Gesichts- punkte aus betrachtet, sollten doch wahrlich die berufensten Vertreter und Verfechter der VolksgeiundheitSpflege. die Aerzte, ganz im Bordertreffen des Kampfes stehen. Wo also, so frag« ich. bleiben die Acrzie, die nach einem Ausspruch V i r ch o>v s„die natürlichen Anwälte der Armen sind", die Vertreter der medizinischen Wissen- schaft, die nach R e u m a n n„in ihrem innersten Kern und Wesen eine soziale Wissenschaft ist". Da sind in dieser Woche die Frauenärzte zu einem int«- nationalen Kongreß zusammengetreten. In einer Zeit, in der die Frage des Geburtenrückganges bei allen zivilisierten Völkern einen breiten Raum in der Erörterung öffentlicher Angelegenheiten einnimmt, eine Frage, die bei uns als eine„bedenkliche Ecfckieiiumg", als eine„nationale Gefahr" von der Regierung hingestellt wurde. eine Frage, auf die nach einem Ausspruch Rümelins der„Wechsel der wirtschaftlichen Bedingungen, wie Teuerung und Wohlseilheit der Lebensmittel einen sehr beträchllichen Einfluß ausüben". Was hätte für einen Kongreß der Frauenärzte näher gelegen, als daß diese Frage, die alle Völker in gleicher Weise beschäftigt, von, Standpunkt der medizinischen Wissenschast aus einer Erörterung unterzogen wird? Eine Erscheinung, die nach dem Urteil P i st o r s als Folge einer immer mehr zunehmenden Verteuerung der Lebens- Haltung hingestellt wird, die zum großen Teil durch die über- wiegend im Interesse der unersättlichen und geldgierigen Agrarier ins Leben getretene Gesetzgebung unaufhaltsam steigt. Kein Work von alledem! Kein Wort über die schweren Schädigungen, die�eine Unterernährung auf Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett ausüben, kein Wort, daß die Preissteigerung der allernotweudigsten Lebensmittel schuld ist an der geringen Slillfähigkeit breitester Schickten. Kein Wort über die soziale» Ursachen der zunehmenden Früh- geburten und Aborte, kein Wort darüber, daß nach einem Ausspruch des Professor S e i tz in Erlangen.die heutige Wochenbetthygiene eine Haupiaufgabe darin sieht, sür eine möglichst ausgiebige Ernährung der Wöchnerin zu sorgen". „Alle diese Fragen standen nicht auf der Tagesordnung." fo bemerkte mir einer der Teilnehmer de» Kongresses und ein anderer fügte hinzu:„ein wissenschaftlicher Kongreß darf nicht i» die Arena des politischen Tageskampfes hinabsteige», die Wiffeuschaft ist nur der Wissenichast halber da." Die Wisienschasi ist um der Menschheit willen da. und wenn diese Menschheit unter Erickeinungen leidet, die gegen die Ergebnisse dieier Wiffensckaf, sprechen, dann haben die Verlreter dieier Wissenschaft nicht»ur das Recht sondern die Pflicht, laut ihre Stimm« zu erheben und zu warnen vor den Folgen solcher Erscheinungen. Was nützt alle» Kämpfen gegen die Tuberkulös«, was will die Errichtung von einigen wenigen Lnugen-Heilstätten besagen, was nützt uns der Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit, wa» die Errichtung weniger SäugliugSfürsorgestcllen. wenn die breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung, die doch an» meisten von diesen Würgern der mensch- lichen Gesellschaft heimgesucht find, sich dauernd, von Jahr zu Jahr in steigendem Maße, im Stadium der Unterernährung befinden. hervorgerufen durch eine volks-geinndheitsseindliche Politik einer Sie- gicrnng. die„Raubbau treibt in dem größten Aknvum des Staates. dem Menschen". Wo bleiben also die Aerzte? Darf man sich da wundern, wenn in breiten Schichten der arbeitenden Bevölkerung der Gedanke auftaucht, daß die Aerzte nur dann geschlossen auf den Plan treten, wenn es sich um die Vertretung ihr« eigenen wirtschaftlichen Jntereffen handelt, aber da versagen, wo die Interessen der Volks« gefundhsit auf dem Spiele stehen? Run: wir Aerzte wissen, daß die Gesundheit eines Menschen in hohem Grade abhängig ist von der Zugänglichmachung einer qua- litativ ausreichenden und- kräftigen Ernährung. Diese Zugänglich- mackung ist für die arbeitende Bevölkerung durch unsere agrarische Gesetzgebung immer mehr im Schwinden begriffen. Die Volks- gesundheit steht auf dem Spiel! Darum: Aerzte heraus! Erhebt euch zu gemeinsamem Protest! Erhebt laut eure Stimme l Die Stimme der Wissenschaft kann der Staat nicht überhören! 0er zweite rote Dienstag. Amsterdam, 18. September 1912.(Eig.©er.) Mt einem Machtspruch wollte der Haag« Bürgermeister Karneibeek die diesjährige Wahlrechtsdevionstration des holländi- schen Proletariats zerschlagen. Mit der Macht der Masse deant- wartete dieses die Willkürherrschaft des kleinen Potentaten. Das Recht zur Demonstration hat es sich erhalten, indem eS sein Iiechd auf die Straße handhabte. Unter- dem offenen und geheimen Druck der herrschenden Klasse und der Regierung hatte der Haager Bürgermeister he» für den Eröffnungstag der 2. Kammer geplanten Demonstrationsumzug für das allgemeine Wahlrecht nicht gestattet. Sein Verbot scheiterte an dem festen Willen der Arbeiterschaft Nachdem an den vorhergehen- den Tagen bereits in den meisten Städten Hollands Versammlungen und Demonstrationszüge für das allgemeine Wahlrecht für Frauen und Männ--r stattgefunden hatten, führten am Dienstag Extrazüge die Delegierten und andere Teilnehmer nach der Residenzstadt, den Haag. Auf dem ausgedehnten Sportfelde Hout- rüst fand ein Riesenmeeting statt, hei dem von 12 Tribünen vor etwa 36— 3S 000 Arbeitern und Arbeiterinnen auf die Bedeutung des allgemeinen Wahlrechts für Frauen und Männer hingewiesen wurde. Aus den Ansprachen der Redner sprach durchweg die Er- kenntnis, daß es einer mehr revolutionären Betäti- gung des Proletariats dedürfe, um von der herrschenden Clique das Wahlrecht zu erzwingen. Als Mittel hierzu wurde von den Tribünen der Massenstreik und die Massenbewe- gung empfohlen. Nach den kurzen Ansprachen verließen die Massen den Persammlungsplatz. Aus zehn Gruppen mit je einem Partei- vorstandSmitgliede und zehn Haager Genossen an der Spitze bildeten sich zehn große Demon st ratio nszüge, die ohne Hindernis die Straßen des vornehmen Teiles von Haag auf verschiedenen Wegen durchzogen, mißtrauisch von der Polizei beobachtet. In der Umgebung des Parlament. zebäudeS flössen di« Massen wieder zu- sammen. Ein Kord-m von Polizei und Militär schützt« die Kammer- Mitglieder vor allzu enger Berührung mit'dem Volke. Zwei Stunden lang sluteren die Massen vor dem Parlamentsgebände auf und nieder. Unter dem Smgen sozialistischer Kampfeslieder, von der Polizei auseinander getrieben und sich wieder sammelnd, formten dann di« Arbeitermassen von neuem«inen Demonstrationszug. der den Herr, schenden zeigte, daß auch das holländische Proletariat sich immer mehr seiner Aufgabe im Klassenkampf bewußt wird, und daß es nicht gewillt ist, sich von neuem übertölpeln und mit irgend einem scheinbar erweiterten Wahlrecht abspeisen zu lassen. In der von 'der Königin bei Eröffnung der Kammern verlesenen Thronrade der- spricht die Regierung noch indiesem Jahre Antra ge für die Verfassungsänderung einzureichen. Da die Wahlrechtskommission bisher zu keinem Entschlüsse über das neu zu schassende Wahlrecht gekommen ist, wird das Proletariat auch weiter ein wachsames Auge haben müssen auf-das, was die christliche Regierung ihr als Wahlrecht bieten wird. politilcbe deberlicbr. Berlin, den 19. September 1912. Ein sauberer Plan. Nach einer Mitteilung der„Tägjl. Rundschau" verfolgt die Schwarzburg- Rudolstädter Regierwig mit dem von ihr provozierten Konflikt nicht den Zweck, einen Verfassungsstreit heraufzubeschwören und in diesem die Entscheidung des Bundesrats anzurufen, sondern sie will lediglich aus den Landtag eine starke Pression ausüben, damit dieser sich, eingeschüchtert und des Widerstandes satt, willig der Diktatur der Regierung fügt und gut- heißt, was der Staatsminister v. d. Recke ihm zur Genehmigung vorlegt. Da der Schwarzburg-Rudolstädter Kleinstaat keine einjährigen Etatsperioden hat und überdies daS Verfafsungsaefetz der Regierung die Möglichkeit bietet, unaufschiebbare Gesetze im sogenannten VcrordnungSwege zu erlassen, so beabsichtigt allem Anschein nach Freiherr v. d. Recke, den Landtag so lange zu vertagen, bis dieser sich in das ihm zugedachte Joch spannen läßt. Die«Tägl. Rundschau" schreibt:� Es ist durchaus unangebracht, im gegenwärtigen Augen« blick von einem drohenden Vertoffungskonflikt in Schwarzburg- Rudolstadt zu sprechen, und daher entfallen vorerst alle Hin- weise auf den§ 76 der Reichsverfassung, der bekanntlich bei Verfassungsstreitigkeiten in einem Bundesstaat auf Aurufc» die Entscheidung des Bundesrats vorsieht. ES liegen in Schwarz« burg-Rudolstadr zwischen Regierung und Landtag erhebliche Mei- nungsverschiedenheiten über die Reckte der Exekutive und Legis« lative vor. Es darf aber angenommen werden, daß es an Versuchen nicht fehlen wird, eine Verständigung herbeizuführen. Zu einer derartigen Verständigung bleibt reich- lich Zeit, denn die thüringischen Staaten haben bekanntlich zwei- und dreijährige Etat»- Perioden und die thüringischen Verfassungen enthalten die Bsestimmungen, djajß. falls einEtats« gefetz nicht z u st a n d e kommt, die Ausgaben für die laufende Etatsperiode auf Grund de» letzten Etatsgesetzes zu leisten sind. Fern« hat die Re- gierung den in nahezu allen Verfassungen enthaltenen Not- Paragraphen zur Verfügung, der eS ihr ermöglicht. Gesetze, die keine Verschiebung erdulden können, unter Voraussetzung der nach. träglichen Genehmigung durch den Landtag im Berordnungsiuege in Kraft zu setzen. Eine Zuspitzung des Konflikts und damit die Möglichleit. den Bundesrat zum Schiedsrichter anzurufen, kommt erst in Frage, wenn nach Ablauf der jetzigen Etatsperiode, während der die Re- gierung verfaffungs gemäß die Ausgaben aus Grund des alten Gesetzes leistet, eine neue Etatsperiode beginnt. Theoretisch ist«S ja möglich, daß bis dahin eine Einignng noch nicht erzielt ist, praktisch ist die Wahrscheinlichkeit dafür nicht sehr groß. Beamten-Schmiergelder. Der preußische Minister de» Innern hat den Polizeihehörden einen neuen Erlaß über Beamten- Schmiergelder zugehen lassen. Die «achfolgenden Ausführungen in diesem Erlaß lassen auf ganz de- denlUche Zustände schließen: „Die auf meinem Runderlaß vom 1, April 1909 borgelegten takeklarischen Uebersichten lassen erkennen, daß hinf'ch'.lich der den LZerwallungSbeamien zur Annahme von Geschenken und anderen Zu- Wendungen privater Personen zu erteilenden Genehiniaung nicht immer mit der durch die Natur der Sache gebotenen B o r s i ch t und Zurückhaltung verfahren wird. Geht man der in der Wissenschaft und in der Rechtsprechung Herrichend gewordenen Weinung folgend davon auS, daß die einem Berwaltungsbeamten seitens seiner vorgesetzten zuständigen Behörde erteilte Ge- nebmigung zur Annahme von Geschenken oder Entgegen- nähme anderer Vorteile für eine in sein Amt ein- schlagende, an sich nicht pflichtwidrige Handlung die ßlrafbarkeit des Beamten gemäß ß 31 des Reichsttrafgesetzbuches ausschließt, so erwächst hieraus für die Genehmigungsbehörden die ernste Pflicht, hei Ausübung der fraglichen Befugnis alles zu ver- meiden, was dg? Empfinden der Beamten für die bestehende Rechtslage abzustumpfen oder zu zerstören geeignet sein könnte und dafür zu sorgen, daß die Integrität und das Ansehen der Beamtenschaft durch die Handhabung des Genebmigungs- rechtS in leiner Weife beeinträchtigt wird, Bon diesem Ge- sichtSpuukte auS kann es aber beispielsweise nicht gebilltgt werden, daß einzelnen Beamten gestattet wird. Geschenke oder andere Porteile von Privaten dafür entgegenzunehmen. daß sie deren Wobnungen. Grundstücke, Geschäfts- räume usw. überwachen, obgleich diese Uebcrwachung zu deivregelmäßigen Dieustobliegeubeiten dieser Beamten gehört, oder ferner, daß die Genehmigung dazu erteilt wird, daß zahlreichen Be- amten einer Polizeiverwaltung für ihre Bemühungen zur Feststellung und Angabc öffentlicher Lustbarkeiten seitens einer Gemeinde Zu- Iveuduugen in Form einer Tantieme an dem Ertrage der für die Gemeindetasse zur Hebung gelangenden Lustbarkeits- fteuer gemachl werden. Des weiteren muß es. wie bereit» im Einzelfall wiederbolt betont worden ist. als unzulässig erachtet Werde», zu genehmigen, daß für Polizeibeamt«, die anläßlich von Streikbewegungen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung oder zum Schutze von Arbeitgebern oder von Arbeitswilligen herangezogen sind, von den beteiligten Unternehmern Geldgeschenke oder andere Vorteile, ein frx i e s Quartier, sowie Verp flegung usw, gewährt werde». Ich unterlasse es, an dieser Stelle auf andere. nicht minder bedenkliche Formen von Zu- Wendungen an Beamte näher einzugehen, nebme aber Per- aiilasiung. auf die in dem Runderlaß vom 21. November IlXM dargelegten Grundsätze wiederholt hinzuweisen und die strenge Beacbtung in Erinnerung zu bringen." Daß ein Minister erst solche Verfügungen erlassen muß, ist ein Skandal. ES sollte selbstverständlich sein, daß Beanite sich unier keinen Umständen schmieren lassen dürfen. Durch Verfügungen. wie der obigen, wird jedoch an dem Unwesen wenig geändert werden- Wo die Genehmigung versagt wird, wird heimlich gegeben und ge- nommen, und vielfach wird man sich einer Versagung der Ge- nehmiguiig gar nicht erst aussetze» und die Schmiergelder von vorn- herein unter der Hand anzubringen wissen. Geistliche als Wahlagitatoren. Bei der am 16. d. MtS. vollzogenen ReichStagSersatzwahl in T ch l e t t st a d t hat das Zentrum wieder nach altem Brauch die katholischen Pfarrer und Kapläne als Agitatoren benutzt. Wie die augeblich»ichlkonfessionelle Zentrumspartei einfach ohne weiteres den niederen Kleru» als Wahlmacher requiriert und die Pfarrer zur Wa.hlarbeit beordert, zeigt folgende» vertrauliche Rundschreiben, das der„Badische Landesbote" veröffentlicht: Schlettstadt. den 13. September 1912 Sehr geehrter Herr Psarrerl Da der Wahllag nahe ist, ist es wichtig, die letzten Vor- bereiiungen vor dem entscheidenden Aiigeiiblick zu treffen. Erlauben Sie mir alio, Sie im Namen des Ausschusses zu bitten, daß Sie gütigst sich persönlich davon überzeugen. ob alles bereit ist in Ihrer Gemeinde: 1. ob die Stimmzettel genau in den Häusern verteilt sind, 3, ob unsere Vertraueilsmäniier am Montag, den 16. September, die Abstimmung auf dem Bürgermelsteramt überwachen. Es«st von größter Wichtigkeit, die Namen der Abstimmenden aufzuschreiben und durch untere Leute diejenigen unserer Partei- frclmd« heranholen zu lasien. die um S Uhr eS noch versäumt habe», abzustimmen. Alle Kosten werden von unserem Ausschuß gedeckt werden. Auf der Kanzel wird man äußerste Vorsicht üben und an die Urteile deSOberlandesgerichts denken müssen. Dr. Schott, Arzt in Schlettstadt. Herr Schott ist Vorsitzeuder des Wahlvereins von Schlettstadt. Wie seine Mahnung, doch reckt vorsichtig zu lein, und sein Hinweis oiif die Urteile des OberlaudeSgerichtS beweisen, weiß er ganz genau. daß die Geistlichen nicht die Kanzel zur politischen Agiialion und zur Wablbecinflussuilg benutzen dürfen; aber als guter Zentriims- Moralist ist ihm das höchst schnuppe— der Zweck heiligt die Mittel. Opfer der preußischen Bnreaukratie. Die preußische AuSweisungSpraxis ist wieder um einen slandalösen Fall reicher. AuS Breslau wurde die SSjährige Ti s ch l e r Sw i t w e Schwarzer mit ihren f ü n f K i n d e r n im Alter von 7 bis 13 Jahren ausgewiesen und per Schub nach Oesterreich gebracht, obgleich die Ausgewiesene und ihre Kinoer in Preußen geboren sind. Die Frau hat ihre preußische Staatsangehörigkeit jedoch dadurch verloren, daß ihr Maiin ein Ocsterreicher war. Bor etwa fünf Jahren starb dieser und hinterließ der Witwe sieben unmündige Kinder. Seit dieser Zeit hat sich die grau mit ihren- Kindern durch fleißige Arbeit ihren Lebensunterhalt redlich verdient, ohne jemals eine Unter- stützung von irgendeiner Behörde in Anspruch xu nehmen. Bis jetzt hatte sich niemand um sie gekümmert; die Behörde wurde erst in dem Augenblick auf die Frau aufmerksam, als eines ihrer Kinder wegen wiederholten Sckjwänzens der Fort» bildungSschule und Fortlaufen» auS der Lehre in eine ZwangS» fürsorgeanstalt gebracht wurde. Damit hätte die An- gelcgenheit eigentlich ihr Bewenden haben können, da die Witwe sich und ihre Kinder weiterhin rechtschaffen durch ihre Arbeit er- nährte; aber mit der Unterbringung oeS SohncS in der Fürsorge, Anstalt war ein sogenannter ArmenunterstützungSfall «ingetreten, denn die Mutter konnte von ihrem schmalen Verdienst nicht auch noch die Kosten für die Fürsorge-Erziehung bezahlen. Deshalb wurde sie als„l ästig e" Ausläiwerin betrachtet, die schließlich vielleicht doch einmal dem Staat zur Last fallen könnte. Vor reichlich einer Woche erschien ein Polizcibeamter in ihrer Wohnung und überbrachte ihr die Mitteilung, daß sie mit ihren Kindern so schnell als möglich das preu» Zische Staatsgebiet zu verlassen hätte. Flehent- sich« Bitten um Zurücknahme der Verfügung fanden kein Gehör. Sie und die Kinder mußten fort. Montag früh S U h r er- schienen in der Wohnung der„lästigen" Ausländerin vier Polizisten in Zivil und Uniform. Mutter und Kinder mußten sofort aus den Betten und den Beamten nach dem Polizeikommissariat folgen. Von da ging cS wieder unter polizeilicher Begleitung nach dem Hauptbahnhof, von wo sie nach Grulich in Oesterreich abge- schoben wurden. Formell mögen die Behörden im Recht sein. Aber trotzdem bleibt dieser Vorgang ein Skandal. Das Herz erzittert bei dem Gedanken, daß die Aermste mit ihren fünf unmündigen Kindern- m emu vildsremden Stadt dem Elend preisgegebea Katholische Films. Wir berichteten kürzlich, daß der bekannte katholische Volksderein in München-Gladbach sich nicht nur mit der Verbreitung von allerlei katholischen Schnsten und Traktätchen. sondern auch mit dem Ver- trieb„katholischer" Films.für Kinemalographenlhzater befaßt. Dazu wird der„Franks. Ztg." aus Düsseldors geschrieben: „Es scheint noch nicht sehr bekannt zu sein daß der katholische Boltsverein vo» außerhalb bezogene Films von einer für die katholisch» Bevölkerung geeigneten Qualität an einige Hunderl Kinematographentbealer verleiht, die sich verpflichtet habe», die Films nur aus München-Gladbach zu beziehen, und insolgedesien auch den wirtschaflsichen Schutz der Zeiitrums-Sladtverordneleu genießen, wie die Geschichte des„Vorwärts" beweist. Man gehl in München-Gladbach sogar demnächst dazu über, eine eigene Filmfabrik zu erbauen. Die Propaganda dafür besorgt eine beiondere Zeitschrist„Bild und Film", die im Oktober ihren ersten Jahrgang vollendet und durch den Verlag des PollSvereins zu beziehen ist. Wen» das Kino erst als Mittel in der Wahl- ogitation benutzt werden wird, so kann daS gut werden. Man braucht sich nur der bunten Wahlpostkarten mit den verlogenen Bildern aus dem letzten Wahlkampse zu erinnern, um völlig genug davon zu haben."__ Zu den Unruhen in Teutsch-Südwestafrika. Zu der gestrigen Meldung über die Aushebung einer Ein- geborenenbande in Südwestafrika berichtet da» Gouverucment weiter. daß die auf der Überfallenen Buschmaunswersl ansässigen Eingeborenen früher zu den Leuten Simon Coppers gehört hatten und wegen schlechter Behandlung aus deulickes Gebiet entlausen waren. Die Eingeborenenbande soll bei dem Ueberfalle aus die Buschmanns- werft den Zweck verfolgt haben, diese entlaufenen Leute wieder zurück- zuholen.__ Ter siebente Deutsche Arheitsnachweis-Kongreß wurde heute in Hamburg durch den Borsitzenden des Verbandes deutscher Arbeitsnachweise. Dr. Frcund-Berlin, eröffnet. Vertreten sind die Senats Hamburg und Lübeck, das NeichSarnt des Innern. das Retchsmarineamt, da« Kaiserliche Stolisti'che Amt, die Regie- rangen von Sachsen, Baden, Würltemderg, Sachsen- Weimar, die Landesbaupileute von Hannover. Westfalen, Posen und Brandenburg. da» Oberpräsidium und RegieruugSpräsidium von Schleswig, das österreichische Handelsministerium u»d da» dänische Ministerium des »nern. Der Kongreß ist sehr stark besucht. Die Arbeitgeber- und rbeitnchmer-Vereinigungen sowie die LandwirtschaftSkammcrn sind zahlreich vertreten. Die Verhandlungen begannen mit einem Referat des RechtsratS Dr. Fischer- Nürnberg über die bisherige Wirkung des Slellenver- mitilergesetzeS und die sich aus ihr ergebendcn Resormvorschläge. frankrelck. Die Flottenkonzentration im Mittelmeer. Paris, 19. September. Zu der gestrigen Blättermeldung, daß die Entsendung des dritten Geschwaders von Brest nach dem Mittelmeer bis Ende Dezember aufgeschoben sei, wird offiziös erklärt, daß der Marineminister seinen Beschluß, durch den die Abfahrt der Panzerschiffe für den 18. Oktober an- beraumt wurde, aufrecht erhalte; nur der„Charlemagne", der dringend der Aufvesscrang bedürfe, werde in Brest verbleiben. Damit das dritte Geschwader vollständig in Biserta eintreffe, werde der„Charlemagne" durch den gegenwärtig in Cherbourg liegenden„Carnot" ersetzt werden.-- Die Staatsbeamten für die Lehrer. Pari», 19. September. Wie von mehreren Blättern gemeldet wird, beschloß der Ausschuß des Verbandes der Staats- b samten für den Fall, daß gegen die Mitglieder der Lehrer. syndikate Strafmaßnahmen getroffen werden sollten, im Verein mit dem Verbände der Staatsarbeiter eine allgemeine Versammlung einzuberufen, um«ine starke Propaganda zugunsten der ge maßregelten Lehrer einzuleiten. Das lebensgefährliche Pulver. Paris, 19. September. Dem„Matin" zufolge ist im Laufe der Untersuchung über das Pulver der Kriegsflotte fest. gestellt worden, daß sich in dem Pulver entzündliche Gase entwickeln, und zwar in so beträchtlicher Menge, daß, wenn bei- spiel»weist bei Schießübungen eine größere Zahl von Pulver- kästen gleichzeitig geöffnet würden, die Mannschaften von dem- Gas stark belästigt werden. Die Marineverwaltung habe beschlossen, diese Pulvcrgase mittels entsprechender Venti- lationsvorrichtunaen aus den Pulverkammern zu beseitigen; aber eS seien vielleicht noch andere Maßnahmen notwendig, um die Gefahr wirksam zu betämpsem_ Abberufung der spanischen Konsuln. Baris, 19. September. Ministerpräsident Poinears teilt mit. der spanische Minister Garcia Prieto habe dem franzö- fischen Botschafter Geosfray in San Sebastian erklärt, daß die spanischen Konsuln in Marokko Anweisung erhalten hätten, sich politischer Einmischung in der französischen Zone zu ent- halten und im Einkläng mit der zwischen ven beiden Regierungen bestehenden loyalen Freundschaft zu handeln. Spanien beHalle sich die Möglichkeit vor. die ihm zur Last gelegten Tatsachen nach einer eingehenden Untersuchung richtigzustellen, aber willig« al» Zeichen der Freundschaft ein. die beiden Konsuln in Mdga» dar und Mazagan endgültig abzuberufen. ScKvveclm. Ter dreizehnte Senator. Die schwedische Sozialdemokratie hat am 17. Septxmber bei der Wahl zur Ersten Kammer dcS Reichstags in Oerebro einen neuen Sieg erfochten. Der von den sozialdemokratischen Kreis« tagSvertretern aufgestellte Kandidat, Seminarie-Adju>ilt Olsson, wurde mit 19 sozialdemokratischen Stimmen gewählt. Da nach dem Proportionalsystem gewählt wurde, konnte unsere Partei den einen der sechs zu besetzenden Plätze erobern. Di« Liberalen er- hielten 2, die Konservativen 3 Plätze für 19 resp. 23 Stimmen. Der neue sozialdemokratische Senator vermehrt die Zahl der bürgerlichen Emigranten, die in der Sozialdemokratie daS Feld ihrer politischen Tätigkeit suchen. In weiten Kreisen der Partei ist er unbekannt, und zwei der größten Partciblätter,„Arbetet" in Malmö und.,Ny Tid" in Gothenburg, hatten sich entschieden gegen seine Nominierung ausgesprochen, um so mehr, als man diesmal durchaus nicht um zuverlässige aus der Arbeiterschaft hervorgegangene Kandidaten verlegen zu sein brauchte. Ihre Stellungnahme wurde freilich von dem Stockholmer Zentralorgan der Partei damit zurückgewiesen, daß der Kandidat in seinem Wahlbezirk bekannt uno seit mehreren Jahren Direktor der Stuoienzirkcl des— Guttemplcrordens sei! Jetzt bekommt die Partei aus derselben Quelle auch zu wissen, daß der Gewählte von den Arbeitern LinköpingS mit einem Stadtverordnetenmandat be- traut worden ist. Bei dieser Art. politische Mandate zu vergeben, darf man sich nicht wundern, wenn die Opposition der.Jungen" in der Partei immer neue Nahrung erhält. Mit dem Wohle einer sozialdemo- kratischen Arbeuerpartei erscheint uns diese Methode schwer ver- einbar, Ciirhd. Die Friedensverhandlungen. Koustantinopeh 19. September. Jldam erklärt die Meldungen, daß die Pforte die Annexion von Tripolis angenommen und die Aufrechterhaltung der türkischen Souveränität über Beughasi, das Autonomie erhallen solle, verlangt hätte, für unrichtig. Das Blatt bemerkt dazu, die italienischen Delegierten seien es im Gegenteile gewesen, die die Autonomie Benghasis mit einem italienischen Residenten vergeichlagen hätten. Die Pforte babe jedoch den Vorschlag als unannehmbar befunden. Der Minister- rat werde demnächst die endgültige Entscheidung treffen und den türklichen Delegierten die notwendigen Weisungen erteilen. Auf der Piorte eingegangene Nachrichten bestätigen die Mcl- düngen von einem Angriff der M a l i s s o r e n aus Tust. Die Malifsoren seien zurückgeschlagen worden. Wegen der Er- regung, die unter den Malisforen in der Umgebung von Skutari herrscht, hat der Ministerrat beschlossen, in das Gebiet von Skutari und an die montenegrinische Grenze«ine Division zu entsenden. LKina. Rußland und die Mongolei. London, 19. September. Die„Times" melden auS Peking: In einer geheimen Sitzung des Ministerrates erklärte der Kriegs- minister, die Regierung werde sich jedem Angriff auf die innere Mongolei standhaft widersetzen, dagegen die r u s s i- scheu Bedingungen betreffend die äußere Mongolei a n- nehmen. Bezüglich T i-b e t s erklärte der stellvertretende Premier» minister, die Regierung sei bereit, mit Großbritannien auf Grund- löge der Ausreckterhaltung des Status quo zu verhandeln. Die Elklärungen fanden nach längerer Debatte die Zu- stimmung des Ministerrats. Franzöiifcher GcwerklGaftskongreß. Havrr, 16, September.((Jig. Bei.) In dem großen Saale des Cercle Franklin hat heute der fran- zösische Gewerkschaftskongreß seine Beratungen begonnen. Gegen 400 Delegierte repräsentieren gültige 1098 Mandate von Gewerk- schaften, außerdem sind 40 nationale Verbände und 93 Arbeits- börsen und departementale Unionen vertreten. Mit den noch un- geprüften sind im ganzen 1257 Mandate angemeldet. Als Gäste aus dem Ausland sind Genosse Sassenbach, Vertreter der deutschen Generalkommission, und Genosse Berg- m a e n s, der belgische Gewerkschaftssekretär, anwesend. Beide haben in der VormittagSsitzung das Wort ergriffen. Sassenbach führte folgendes aus: Es gereicht mir zur besonderen Freude, nun schon zum zweitenmal einem französischen Gewerkschaftskongreß beizuwohnen. Als die französischen Gewerkschaften der in Toulouse überbrachten Einladung der deutschen Kameraden Folge leisteten, gereichte eS diesen zur besonderen Freude, die Vertreter der fran- zösischen Arbeiter in Deutschland zu begrüßen, ihnen das Studium der deutschen Gewerkschaftseinrichtungen zu erleichtern und ihnen auch zu zeigen, daß die deutschen Arbeiter keine Grenzen kennen. In der Tat, wäre eS nicht ein Widersinn, die Ausgebeuteten des einen Landes mehr zu lieben als die deS anderen? Seit der Zeit des Touloufer Kongresses haben die deutschen Gewerkschaften einen mächtigen Aufschwung genommen. Die 24 Millionen, die wir 1910, und die 21, die wir 1911 für Streik? ausgegeben haben, beweisen, daß wir vor dieser Kampjform nicht zurückscheuen, wenn sie notwendig ist. Unsere Fortschritte verdanken wir aber nicht in letzter Linie dem Umstand, daß in Deutschland die Gewerk- schaften und die Partei zusammenarbeiten und einander unterstützen.— Die Regierungen der verschiedenen Länder versuchen die Arbeiter gegeneinander aufzuhetzen, besonders in Frankreich und Deutschland. Glücklicherweise geben sich die Ar- bester nicht dazu her. Und wir wünschen, daß die Beziehungen zwischen unk immer fester werden, zum Wohle nickt nur des Prole- tariats. sondern zu dem der Natwnen überhaufft.(Stürmischer Beifall.) Auch BergmaenS betonte in feiner Begrüßungsansprache das enge Verhältnis, das in seinem Land zwischell Partei und Gewerkschaft besteht und der Einheitlichkeit und Wucht dez gc- werkschaftlichen Kampfes keinen Eintrag tut. Die Nachmittagssitzung war mit der sehr lebhaften und bis- weilen stürmischen Diskussion zweier Konfliktsfälle ausgefüllt, die indes beide eine erfreuliche Lösung fanden, Der erste betraf die Eisenbahner, bei denen sich ein revo- lutionärcr Flügel von dem reformistischen„Syndikat" losgelöst und als„Föderation der Eisenbahntransporte" konstituiert hat. ES wurde dem Syndikat der Vorwurf gemacht, die vom Kon- föderationSvorstand angeordneten Einigungsverhandlungen ver- schleppt zu haben und sich obendrein der Aufnahme gewisser revo- lutionärer Eisenbahner unter dem Vorwand der Autonomie der Gruppen entziehen zu wollen. Sehr bemerkenswert war eS, daß namhafte Redner vom revolutionären Flügel das Recht des Syndikats, als einzige Eisenbahnergewerkschast von der C. G. T. anerkannt zu werden, verteidigten. Dieser versöhnlichen Ctim- mung trugen denn auch die Vertreter des Syndikats Rechnung, indem sie dem Antrag zustimmten, den Delegierten der Föderation auf dem Kongreß beratende Stimme zu geben. Gegen die Rcso- lutlon stimmten nur 15 tntransigente Rcvolutionärsyndikaltsten. Die zweite Debatte drehte sich um die Textilarbeiter, deren Föderation ein von Merxheim vertretener Antrag die Mandate aberkennen wollte, weil die Föderation nur für etwa «in Drittel ihrer Mitglieder die Beiträge an die Konföderation geleistet hat. Als Grund werden die Tendenzen der C. Ä. T. und die Ablehnung des Proporzes angegeben. Mt demselben Recht könnten die Bau- und die Metallarbeiter ihre BeitragSleistungcn einschränken, wenn die Abstimmung nach Köpfen angenommen wird. Merrheim protestiert dagegen, daß man den Revoluttonären immer Gegnerschaft gegen die hohen GewerkschastSbeiträge vor- Wirft. Die Metallarbester und Bauarbeiter haben die stärksten Beiträge, unsere unablässigen Bemühungen gelten der Organi- s a t i o n. Jouhaux weist in einer Polemik gegen Renard, den Sekretär der Textilarbeiter, darauf hin, daß die C. G. T. für das internationale Sekretariat ihre Beiträge für 400 009 Mitglieder leiste, obzwar sie mit de» in der Internationale vorherrschenden Tendenzen nicht einverstanden sei. Wir schreiten vorwärts, und wenn da? in unseren Berichtszisfern nicht zum Ausdruck kommt, so darum, weil die Textilarbeiter und andere ihre Pflicht nicht erfüllen. Ich bin nicht für die Ausschließung, aber dafür, daß wir die Textilarbeiter energisch an ihre Pflicht mahnen. Wir lieben die Internationale nicht weniger als Rcnard und darum wollen wir ihre Kraft erhöhen, indem wir unsere Schuldigkeit gegen die nationalen Organisationen tun. Die Debatte schließt in befriedigender Weise, dank einer Er- klärung RenardS, daß die Textilarbeiter voll einzahlen werden, sobald ein« genügende Kontrolle geschaffen ist, daß alle Organi- sationen zahlen. Eine diesbezügliche Resolutton über die Beitrags- Pflicht und die obligate Borlage der Organisationsbilanz wird angenommen. Am Schluß der Sitzung werden Sympathicresolutionen für die Opfer der Klassenregierungeu in den verschiedenen Staaten sowie für die französischen Lehrergewerkschaften angenommen. Der Vorsitzende C h a l o p i n, Sekretär der Lehrergewerkschaft der Seine, nimmt die Gelcgenheit wahr, um mit dem Dank seiner Kameraden dem Proletariat die Solidarität mit seinen Hoff- nungen und Bestrebungen auszusprechen und zugleich gegen die Verleumdungen der Lehrerschaft zu protestieren. GewerkfcbaftUcbcs. Deutfchnationale Sprengkolonnen! Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband hat sich durch eine besonders noble Kampfesweise seinen Gegnern gegenüber ausgezeichnet. In aller Erinnerung sind die Schlachten, die dieser Verband— nicht nur bildlich— dem Zentralverband der Handlungsgehilfen als seinem gefürchtetsten Gegner geliefert hat. Totschläger und Gummiknüppel haben in diesen Kämpfen eine wenig ehrenvolle Rolle gespielt oder sollten sie mindestens spielen. Die Deutschnationalen machen wieder mobil! Zur Vor- bereitung der Wahlen für die Körperschaften der Privat- beamtenversicherung hat sich in Berlin eine„Freie Vereinigung" gegründet, welche die Wahl allzu reaktionär gesinnter Vertreter verhindern will. Zu heute abend hat diese Freie Vereinigung eine öffentliche Privatbeamtenversammlung nach den Germania-Sälen in der Chausseestraße einberufen. Das hat die„Nationalen" auf den Plan gerufen, die folgendes Zirkular versandt haben: Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband Ortsgruppe Berlin. Berlin, den 17. 9. 1912. Sehr wichtig! An unsere Herren Vertrauensmänner! Am k o m m e n d c n F r e i t a g. den 29. Sepiember 1912, hält in den„G e r m a n i a- P r a ch t s ä l e n", Chaussee- stratze 110. die sogenannte Freie Vereinigung eine öffentliche Versammlung ab über die Angestelltenversicherung. Die dem Hauptaus's chuß angeschlossenen Verbände haben beschlossen, diese Versammlung zu besuchen. SIedner werden anwesend sein. Die Freie Vereinigung hat besonders uns, D. H. V. angegriffen. Es ist deshalb notwendig, dah von unserer Seite die Versammlung stark besucht wird. Wir bitten Sie daher, in Ihren Kreisen sür starken Besuch zu sorgen. Tie Deutschnationalcn und die dem Hauptausschust angeschlossenen Verbände werden dann spielend in dieser Versammlung die Mehrheit haben. Sie wissen, daß die Freie Vereinigung, insbesondere die Bündler mit rücksichtslosen Waffen kämpfen und dann. wenn ihre Leute nicht Ruhe halten, versuchen werden, das uns und den, Hauplausschuß in die Schuhe zu schieben. Deshalb halten Sie bitte unsere Freunde dazu an, daß sie die Redner der Freien Vereinigung in aller Ruhe anhören und sich selbst durch ausgesprochene Ausputschungsversuche nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wir haben ein hohes Interesse daran, einmal den Mitgliedern der Freien Vereinigung auseinanderzusetzen, und zwar in aller Ruhe, wie sie von ihren Führern genasführt werden. Sie sind Verlrauensmann, auf Sie verlassen wir uns unter allen Umständen.— Wir bitten Sie noch, Ihre Mitglieder anzuhalten, daß sie die Flanken des Saales, die Ecken und die Gänge besetzt halten. S i e selbst nehmen am besten unmittelbar vor der Redner- tribüne Platz, damit sie aufmerksam verfolgen können, was ge- sprachen wird. Noch eins: Die Zeit des Beginnes der Bersamm- lung hab�n die„Freien" noch nicht bekanntgegeben. Wahr- scheinlich werden sie versuchen, den Saal vor Erscheinen der Gegner zu besetzen. Deshalb heißt es sür uns: möglichst zeitig erscheinen!! Wer um 7 Uhr Geschäflsschluß hat, geht unmittelbar in die Versammlung. Wer früher Schluß hat, kann schon eher da sein! Also: Alle Mann ran! Uns Deutschnationale greift niemand ungestraft an! Heil Ihnen! Ortsgruppe Berlin. gez. Fischer. Man beachte die Strategie der Deutschnationalen! Ihre Mitglieder sollen die Flanken des Saales, die Ecken und die Gänge besetzt halten! Die harm- losen Besucher der Versammlung werden also regelrecht eingekreist! Die Führer der Nationalen nehmen un- mittelbar vorüber Tribüne Platz und geben von dort aus ihre Orders! Was dem„Temperament" der Nationalen gegen- über die leise Ermahnung zur Ruhe zu bedeuten hat, kann man sich denken, wenn auf der anderen Seite ein regelrechter Schlachtplan vorliegt, nach dem man„mit geistigen Waffen" operieren will. Die friedliebenden Privatbeamten, die im Ernst ihre Interessen wahrzunehmen gedenken, werden gut tun, sich so zeitig einzufinden, daß der strategische Aufmarsch der„Nationalen" zur Unmöglichkeit wird! lZerlin und Umgegend. Beitragserhöhung im Holzarbeiterverband. Die von der Berliner Ortsverwaltuug für notwendig erachtete Erhöhung des Beitrages ist schon vor einiger Zeit in den Bezirken diskutiert worden und die letzte Generalversammlung hat die end- gültige Entscheidung über die von der Verwaltung beantragte Beitragserhöhung der Gesamtvertrauensmänuerversammlung über- tragen, die am Donnerstag im Konkordiasaal tagie. Die Versamm- lung war ungewöhnlich stark besucht. Wenigstens 2000 Vertrauensmänner hatten sich eingefunden.— Glocke begründete den Antrag der Verwaltung, der dahin geht, daß der Wochenbeitrag von 1 M. auf 1,25 M. erhöht, der halbjährliche Extrabeitrag von 1 M. aber nicht mehr erhoben wird. Der Redner führte unter anderem aus: Die große Arbeitslosigkeit in den Jahren 1903 und 1909 hat be- deutende Mehrausgaben verursacht. Auch in den folgenden Jahren war die Arbeitslosigkeit und deshalb auch die Unterstützung immer noch recht groß, besonders in der Baubranche herrscht immer noch eine schlechte Konjunktur. Ferner ist zu berücksichtigen, daß Berlin besonders hohe Zuschläge nicht nur zur Arbettslosen- und Kranken- Unterstützung, sondern auch zur Streikunterstützung zahlt. Weiter fällt in» Gewicht, daß vor kurzem nicht nur die Unter- stützungssätze erhöht wurden, sondern auch die Zeit, für die sie gewährt werden, verlängert worden ist. Aus alledem ergibt sich, daß die dauernde finanzielle Belastung der Zahlstelle Berlin nicht geringer werden wird. Bis jetzt ist eS möglich gewesen, mit dem Beilrage von 1 M. auszukommen, aber es kann dabei für den eigentlichen Zweck des Verbandes: Kampf für Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse nicht genug zurückgelegt werben. Jetzt steht eine Tarifbewegung bevor. Es ist sicher anzunehmen, daß der Tarif gekündigt wird und daß die Kollegen Forderungen auf Ver- kürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne stellen wollen. Es kann also wieder zu schweren Kämpfen kommen, die natürlich große Ausgaben erfordern. Für diesen Fall muß sich die Organisation durch Stärkung ihres Kampffonds beizeiten rüsten. Wenn die Unterstützungen in der bisherigen Weise weitcrgezahlc und auch die Hauptaufgabe des Verbandes, Verbesserung der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse, nicht vernachlässigt werden soll, dann muß der Beitrag in der vorgeichlageneu Weise erhöhl werden. Es kam zu einer regen Diskussion. Der Notwendigkeit einer Beitragserhöhung konnte sich keiner der� Redner verschließen, jedoch wurde von vielen verlangt, daß diese Angelegenheit durch Ur- abstimmung entschieden werde. Auch darüber gingen die Meinungen auseinander, ob die Beitragserhöhung eine dauernde oder eine vor- übergehende sein solle. Daß sie sür den Kampszweck, also unter ollen Umständen vis zum Abschluß der Tarifbewegung erhoben werden soll, darüber herrichte vollkommene Einiglei». Ein Antrag auf Urabstimmung wurde gegen wenige Stimmen abgelehnt.— Mit sehr großer Mehrheit beschloß die Versammlung, vorläufig vom 1. Oktober ab einen Beitrag von 1,25 M. wöchentlich zu erheben. Das Abstimmungsresultat wurde mit lebhaften Bravo rufen aufgenommen._ Die Aussperrung im Dachdeckergewerbe. Die Dachdecker und Hilfsarbeiter waren am Mittwochabend recht zählreich zu einer Versammlung erschienen, in der Verbands Vorsitzender D i e h l- Frankfurt über den bereits acht Wochen währenden Kampf referierte. Redner zeichnete in kurzen Strichen ein Bild von dem seitens S;Z Unternehmertums in übermütiger Weise vom Zaun gebrock n Konflikt. Die Unternehmer seien nicht gewillt, den Friede � erhalten; sie haben den Krieg herauf- beschworen, weil sie den eilpunkt für gekommen erachteten, den Gehilfen eine empfindlich- Niederlage zu bereiten. Die Gehilfen hatten den besten Willen, den Frieden zu erhalten; sie haben den Krieg nicht verschuldet. Jetzt aber stehe die wirtschaftliche Existenz der Arbeiter auf dem Spiele und deshalb gelte es, den Kampf mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu führen. Er habe bis her acht Wochen gedauert und werde in derselben Weise bis zum siegreichen Ende geführt werden. Waren die Kollegen bisher einig in allen Maßnahmen, so werden sie auch in Einigkeit und Geschloffenheit den Sieg erringen. Aus dem im Anschluß ar�. das beifällig aufgenommene Refe rat gegebenen Situationsbericht geht hervor, daß 42 Firmen die Lohn- und Arbeitsbedingungen schristlich anerkannt haben. Eine Firma hat die Unterschrift auf Drängen des Arbcitgebcrverbandes und der Innung wieder zurückgezogen. 37 Firmen haben ihre Arbeiter noch ausgesperrt, deren Gesamtzahl 326 beträgt. Die Polizei hat sich natürlich auch wieder als„Beschützerin der Arbeitswilligen" in den Dienst des aussperrungswütigen Unternehmertums gestellt. So kann man seit etwa 14 Tagen in Treptow beobachten, wie fürsorglich man sich um einen Ar- beitswilligen bemüht. Auf den Neubauten in der Elsen- und Kiesholzstraße verrichtet der Sohn des Unternehmers Krüger aus Hohenneuendorf Rausreiherdienste. Frühmorgens wird der Arbeitswillige am Bahnhof von einem Schutzmann in Empfang genommen, nach der Arbeitsstelle geleitet und abends wieder nach dem Bahnhof gebracht. Einige andere Sicherheitsbeamte be- obachten den Transport, jedestfalls deshalb, damit das eine getreue Schäfchen dem Unternehmer nicht davonläuft. Diese sich tagtäg- lich wiederholende Szene wird natürlich in Treptow viel belacht. Achtung, Steinmetzen! Die Firma Gebr. Friesccke, Kunststein- werke, weigert sich nach wie vor, den Steinmetzlarif anzuerkennen. Zwar zahlt sie den tariflichen Lohn, verweigert jedoch die Zahlung des FabrgeldeS nach den Bestimmungen des Steinmetztarifs. Die Firma beruft sich auf ihren Arbeitsvertrag sArbeilsordnungj, die von jedem in den Betrieb Eintretenden anerkannt werden muß, dessen ß 10 vorschreibt, daß nach innerhalb Groß-Bcrlins belegenen Bauten, soweit sie durch Stadt- oder Ringbahn, Straßenbahn, Omnibus. Hoch- und Untergrundbahn erreicht werden können, kein Fahrgeld vergütet wird. Die in Betracht kommenden Bestimmungen de» Stein- metztarifeS lauten: Nach den Werkplätzen, nach Arbeitsstellen, welche vom Werkplatze nicht weiter als 1.5 Kilometer entfernt liegen, sowie nach allen Arbeitsstellen innerhalb der Weichbildgrenze der Stadt Berlin wird Fahrgeld vor Beginn und nach Schluß der Arbeits- zeit nicht vergütet.— Fahrgeld während der Arbeitszeit muß bezahlt werden, und hat sich der Gesellce aus dem schnellsten Wege von einer Arbeitsstelle zur andern zu begeben.— Nach allen übrigen Arbeitsstellen, welche innerhalb des postalischen Groß-Bcrlin liege», wird das wirklich entstandene Fahrgeld vom Arbeitgeber bezahlt, jedoch nicht mehr, als von der dem Werlplatz zunächst gelegenen Bahnstation entstehen würde. Bei vorübergehender Beschäftigung bis zu einschließlich drei Tagen wird in der sonst fahrgeldfreien Zone ebenfalls das wirklich entstandene Fahrgeld vergütet. Die Kollegen, welche bei Friesecke arbeiten oder um Arbeit zu- sprechen, sind verpflichtet, die Bestimmungen des Steinmetztarifes zu respektieren. Dasselbe gilt natürlich für alle anderen Firmen auch. Zentralverband der Steinarbeiter. Ortsverwaltuug Berlin. Die Bewegung in der Bonbon- und Schokoladenfabrik von Seifert u. Hanke, Lietzmannstr. 20/21, dauert fort. Durch Lieferung von Streikarbeit suchen folgende Firmen unsere Kollegen niederzuringen: H a h m, Skalitzerslr. 100, Mertens u. Jänicke, Kolonie- straße 136. Hildebrand u. Sohn, Hoflieferanten, Pankstr. 34. S t o l l w e r ck, Chausseestraße, B o ck i s ch, Pankow, Rudolf, Hochstr. 2, Werkmeister u. Retzdorf, Markusstr. 35 und L e p p i n, Reinickendorf. Verband der Bäcker und Konditoren. Achtung, Friseurgehilfen! Wegen Tarifbruch für Verbands- Mitglieder gesperrt: Lück, Wittstocker Straße 8, Flemming, Neukölln, Kirchhofstr. 33. Bewilligt haben ferner: Matz, Weiden- weg 73, Krüger. Stephanstr. 10, Malicki, Liegnitzer Str. 16; in Lichtenberg: Knuth, Frankfurter Ehauffee 134, Hart- mann, Mainzer Straße 18, Elb ring, Blumenthalstr. 38; in Neukölln: Gabriel, Erkstraße 20; in Reinickendorf: Ra- t a s c z a ck, Eichbornstr. 40. Verband der Friseurgehilfen. Die Forderungen der Friseurgehilfen sind jetzt von 775 Ar- beitgebern unterschriftlich anerkannt und auch dadurch die Arbeits- bedingungen einigermaßen in eine gewisse Ordnung gebracht. Die Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen in diesem Ge- werbe ist außerordentlich schwierig, da in der Hauptsache nur Kleinbetriebe mit ein bis zwei Arbeitern in Frage kommen Er- schwert wird die Bewegung der Gehilfen auch durch das Verhalten der Arbeitgebcrkorporationen. So hat beispielsweise jetzt der Vor- stand der Schöneberger Zwangsinnung gegen alle im„Vorwärts" bekannt gemachten Firmen des Ortes, welche die Gchilfcnfordc- rungen bewilligt haben, eine Strafe von 10 M. festgesetzt, die auch bei jeder weiteren Veröffentlichung erhoben werden soll Natür- lich ist hiergegen Beschwerde eingelegt worden. Zu den Aufgaben der Innung gehört unter anderem auch,„ein gutes Einvernehmen zwischen Meistern und Gesellen herbeizuführen". Ob das durch die geschilderte Mahnahme erreicht wird, erscheint denn doch recht fraglich. Gegenüber solchen Mahnahmen ist es doppelte Pflicht der Kundschaft, den bedienenden Gehilfen nach der Kontrollkarte zu fragxn, welche als Ausweis der„Bewilligung" seitens der Organisation ausgehändigt wird. Verband der Friseurgehilfen. Bei dip Firma Wilhelm Sehr, Wurstfabrik. Schöneberg. Kolonnenstr. 57, ist vor einiger Zeit ein Kollege wegen seiner Tätigkeit für die Organisation ge maßregelt worden. Die An- gelegenheit ist dem KaufmannSgericht als EinigungSamt zur Eni- sckieidung unterbreitet worden. Schon ist ein zweiter Fall der Eni- lassung zu verzeichnen. Der Betreffende soll sich Unregelmäßig- leiten haben zuschulden kommen lassen. Doch war es bisher der Firma uicht möglich, irgend einen Nachweis dafür zu erbringen. Bei niedriger Bezahlung dürfen die Angesiellten zum großen Teil 11 und mehr Stunden arbeiten.'Der Zentralverband der Handlungsgehilfen, der versucht, die Lohn- und Arbeitsverhältnisse bei dieser Firma durch die Organisation zu bessern, hält heute abend im Schwarzen Adler eine Vers am mlung des Personals ab. die sich mit den Verhältnissen bei der Firma be- ichäftigen soll. Die Geschäftsleitung hat wiederholt versucht, ihre Angestellten von der Organisation sernzuhalten, was ihr jedoch auf die Dauer nicht gelingen wird. Zentralverband der Handlungsgehilfen, Berlin 0. 25, Münzstr. 20. Deutfcbes Reich. Die Beamtengehälter im Bäckerverband. Di« Reichsverbandspreste hat zur«bwechslung einmal den Bäckerverband auf Herz und Nieren geprüft, in welcher Art er die Arbeitergroschen vergeudet. Die Methode, deren sich die berufenen Sachwalter der organisierten Arbeiter dahei bedienen, ist die alte, mit demagogischen Kniffen und absichtlichen Fälschungen operierende. die nachgerade doch auch auf den dümmsten Gcneralanzeigerleser ihre Wirkung verfehlen müßte. Da wird zunächst keck und kühn behauptet, im Bäckerverbande seien die Mitgliederbeiträge gleich um 25 Pf. wöchentlich erhöht worden, und zwar in der höchsten Staffel von 75 Pf. auf 1 M. Das kommt davon, weil die Herren Beamten ihren Dienst immer mehr als Nebensache betrachten und die nicht angestellten Hilfskräfte, die die eigentliche Arbeit leisten müssen, immer energischer auf An- stellung dringen.... So hat der Hauptvorstand durchweg die Zahl der festbesoldeten Beamten auf 61 erhöht, so daß nunmehr auf je 300 Mitglieder ein Beamter kommt. Es erfolgte keine Erhöhung der Mitgliederbeiträge um_ 25 Pf. pro Woche, sondern es wurde gemäß eines Verbandstagsbeschlusics eine wöchentliche Beitragsstaffel von 1 M. eingeführt, in� der die Mitglieder neben der statutarischen Verbandsunterstützung bei Krank- heiten bis zur 26. Woche pro Tag 2 M. Unterstützung erhallen. Ebenfall» unwahr ist, daß der Hauptvorstand kurzweg die Zahl vckr festbesoldcten Beamten auf 61 erhöhte, vom Hauptvorstand sind qn- gestellt 36 Beamte. Der Knalleffekt wird natürlich mit den hohen Beamtengetz�ern erreicht. Um große Summen dafür zusammenzubringen, werden in altbekannter Weise die sachlichen Vcrwaltungskosten von 12 355 M. den persönlichen 13 470 M. hinzugezählt und dann verkündet:„Also kann mau die 25 325 M. Verwallungskosten des Hauptvorstande» nur als Gehälter und-sonstige Bezüge seiner Mitglieder ansprechen." In ebenso dummdreister Weise wird behauptet: Nachgewi�ener- maßen bezog schon 1907 der Vorsitzende ein Gehalt von 6000 M. und der damalige Gauleiter Lankes hatte nach einer verbandsamtlichen Auf- stellung Bezüge in der Höhe von 4000 M. Seitdem sind aber die Bezüge, besonder» der oberen Führer, noch erhöht worden, und so ist es kein Wunder, daß die rein persönlichen Verwalwngskostcn bei den Zahlstellen allein 164 607,96 M. betragen. Das ergibt mit den Bezügen de» Hauptvorstandes zusammen 194 433 M. an Bc- amienbezügen, so daß dafür von den 826 991 M. betragenden Einnahmen fast der vierte Teil ausgegeben wird. Also auch noch die Verwaltungskosten der Zahlstellen werden den Beamtenbezügen zugerechnet. Für die nächste reichsverbänd- lcrische Durchleuchtung der Kassenvcrhältniffe ließen sich vielleicht doch noch ein paar AuSgabeposten hinzusummiere»? so daß für die Mitglieder gar nichts mehr übrig bleibt. Sonderbar nur, daß erst im letzten Jahre zu den zwei Millionen Gcwerkschafismitgliedcrn wiederum über 300 900 hinzukamen, trotz der fortgesetzten Aus- deckungeu der armen Reichsverbandsschächer. Zum Metall„rbeiterkonflikt in Köln. Die große Lohnbewegung der Metallarbeiter der Bezirke Köln und Mülheim hat, wie wir berichteten, zu großen Teilerfolgen der Arbeiter geführt. Nachträglich ist es in einem Betrieb zum Ausstand gekommen, und zwar in der Maschinenfabrik von Schuster u. Co. in Köln-Kalk. Christliche Gewerkschaftsführer als„Arbeitervertreter". In der letzten Sitzung der Stadtverordneten in Köln inter- pellicrte der Stadtverordnete Dedenbach die Verwaltung wegen der Bezahlung tariflicher Löhne bei Arbeiten, die von der Stadt an Privatunternehmer vergeben wurden.— Ein anderer Zentrums» stadtvcrordnetcr empfahl, die Angelegenheit nochmal» in einer Kommission zu verhandeln, und die Herren Dedenbach und Kurt- scheid, beides christliche Gewerkschaftsführer, hinzuziehen. Darauf stellte ein liberaler Stadtverordneter fest, daß die beiden Genannten zu einer Kommisfionssitzung, in der die Angelegenheit beraten wurde, eingeladen worden, aber nicht erschienen waren. Dedeyi- dach stotterte, er habe die Einladung erst nach der Sitzung erhalten; Kurtscheid erklärte, nicht in Köln gewesen zu sein. Dieser Vorgang erinnert an ähnliche frühere: Kurtscheid, der Vorsitzender des christlichen Holzarbciterverbandes ist, griff die Verwaltung an, weil sie die Erledigung der Regelung von Lohn- fragen aus die lange Bank schiebe. Tarauf erhoben sich nachein- ander Kwei Beigeordnete(Bürgermeister) und stellten fest, daß Kurtscheid sich in der sozialpolitischen Kommission mit der von der Ver- waltung vorgeschlagenen Erledigung der Angelegenheit einver- standen erklärt habe. Ein andermal wurde über die Beschäftigung der Arbeitslosen bei Notstandsarbeitcn beraten. Es lagen Eingaben der freien Ge- werkschaften zu der Frage vor. Auch das Kartell der christlichen Gewerkschaften hatte einen Antrag eingereicht, worin gefordert wurde, die Arbeitslosen, die bei städtischen Arbeiten beschäftigt würden, nach dem in dem betreffenden Beruf üblichen Tarif, wenn ein solcher nicht bestehe, nach den bcrufsüblichen Sätzen entlohnt werden müßten. Als die Frage die Stadtverordneten beschäftigte,' geschah das Unglaubliche, daß keiner der zur Sache redenden Ar- beitcr-Stadtverordneten des Zentrums den Antrag des christlichen Gcwerkschaftskartells auch nur erwähnte. Er wurde vollständig totgeschwiegen. Dabei gehörte einer der Zentrumsstadtverordncten, der zu der Sache das Wort nahm, selber dem christlichen Kartell an, das den Antrag eingereicht hatte. K-ctzte Nacbncbtcn. Tie Lage in Albanien. Paris, 19. September.(P.-C.) Ter„Temps" veröffentlicht heute abend einen Bericht seines Sonderkorrespondenten Ristovac in Albanien über die dortige Lage: Die Nachrichten, die aus dem Wilajet Skutari eingetroffen sind, lauten äußerst beunruhigend. Die aufständischen Albaner und die Malissoren haben Skutari und Durazzo vollkommen umzingelt und belagern beide Städte. Alle Post- und Telegraphenverbindungen mit Kon- stantinopel sind unterbrochen. Der Kommandant von Durazzo hat durch einen Expreßbotcn, dem es gelang, durch die feindlichen Reihen hindurchzukommcn, melden lassen, daß die Situation un- haltbar geworden ist. Er verlangt dringend Hilfe. Ter Türkei ist es jedoch unmöglich, Truppen zu entsenden, da diese entweder bei Elbaffan oder bei Prizrend passieren müssen und beide Wege bereits von den Aufständischen besetzt sind. Die Malissoren haben die Vorstädte von Skutari verschiedentlich angegriffen und hoffen, die türkische Garnison, der die Lebensmittel zu mangeln beginnen, in kurzer Zeit zur Kapitulation zu zwingen. Sie haben bereits Tuzi besetzt und ebenso die Hügelketten von Klemeni, strateglich wichtige Punkte gegenüber der montenegrinischen Grenze bei Podgoritza. Der Kommandant von Uesküb, Mchmed Paicha, ist, als er mit. einigen Gendarmen sieben betrunkene Arnauten ver- hasten wollte, von den sich zur Wehr setzenden Unruhestiftern ziemlich schwer verletzt worden. Ebenso wuroen vier der Arnauten durch Revolverschüsse der türkischen Gendarmen schwer verletzt, während es dreien gelang, zu entkommen. Eisenbahnkatastrophe bei Marbehan. Brüssel. 19. September.(P.C.) Zu dem Eisenbahnzusammen. stoß bei Marbehan in der belgischen Provinz Luxemburg wird noch gemeldet: Der Zusammenstoß erfolgte lnfolge falsch xx Wei- ch e n st e l l u n g. Der aus Libramont kommende Personenzug war mit Reisenden, meist Arbeitern und Mantrrauen, die nach dem Markt von Arlon wollten, und zahlreichen Miuern, die die nächst- gelegenen Dörfer besuchen wollten, dich t besetzt: Der Zu- s a m m e n st o ß war ä u ß e r st h c s t t g Unter den Trümmern lagen die blutigen Körper zahlreicher Verletzter. Hilfe war sofort zur Stelle. Tie Verunglückten wurden lofort nach dem BahNbof von Marbehan gebracht, fünf Schwerverletzte mittels Spezialzug sofort nach dem Hospital von Arlon transportiert Der Heizer und der Zugführer erlitten so schwere Verl-tzungen, daß sie im Laufe de» Tages starben. Insgesamt sind bü Personen mehr oder weniger schwer verlebt. Berantw. Redalt.: Alfred Wietep», Neulölln. Inseratenteil verantw.:»>. Blocke. SBerl- n, Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdr. u. BerlagSanftalt Paul Singer Sc Co., Berlin LW. Hierzu 4 Beilagen u.UnterhaltnngSbU Nr. 220. 29. Jahrgang. 1 Keilm des Juniiiitls" Kerl« UslksdlM. Freitag, 20. September 1912. Sozialdemokratikber Parteitag. Chemnitz, 18. September. Nachmittagssitzung. Haase eröffnet die Sitzung. Zur Verhandlung steht Punkt i Tie Reichstagswahlen. Scheidemann: Zum sechsten Male seit dem Fall des Sozialistengesetzes kann ~m deutscher Parteitag den Bericht über allgemeine ReichStagswahlen entgegennehmen. Zum sechsten Male können wir feststellen, dost die Äraft unserer Parole sich im Wahlkampfe glänzend bewährt hat. Die.Sozialdemokratie ist eine vorübergehende Erscheinung,' hiest es früher.»Die Sozialdemokratie hat ihren Höhepunkt überschritten,' so sagte man 1890, 1893, 1898, 1903 und 1997. 1912 hat man eS nicht mehr gesagt. Nach den Wahlen vom Januar dieses Jahres war wohl alle Welt überzeugt, dag sich die Machtzunahme der Sozialdemokratie fortgesetzt zeigt, daß sie sich vollzieht geradezu nach scheinbar unabänderlichen Gesetzen. Der Rückschlag, den unsere Partei 1907 erlitten hatte, was ist er jetzt anders, ivenn wir zurückblicken, als eine Wolke, die für einen Augenblick unseren Stern verhüllte, aber nicht am weiteren Auf- stiege verhindern konnte. Der Schmerz unserer Gegner nach den oicsmaligen Wahlen wäre wohl weniger groß geweien, wenn der Sprung, den wir machen konnten, nicht ein gar so großer gewesen wäre. Und auch die Liberalen hätten m. E. wohl nicht allzuviel zu verlieren gehabt, wenn wir schon 1907 eine MandatSzahl errungen hätten, die einigermaßen wenigstens den Stimmen, die wir damals bekommen haben, entsprochen hätte. Bei den viel bejubelten Block- wählen von 1907 waren es doch, wie immer wieder gesagt werden muß, in Wirklichkeit die Liberalen, die sich selbst die Rute gebunden haben, mit der sie nachher so schwer gezüchtigt worden sind. Eine »Finanzreform, wie wir sie jetzt haben, wäre niemals Wirklichkeit geworden. wenn bei den Wahlen vor fünf Jahren die Liberalen nicht dutzendweise die Mandate den preußischen Junkern zugeschanzt hätten. Wenn damals bO Sozial- dcmokraten mehr und ebensoviel Konservative und Zentrums- lcute weniger gewählt worden wären, dann hätte sich zweifellos manches anderes gestaltet. Von höheren Gesichtspunkten ist sehr oft gesprochen worden bei all den Experimenten, die damals gemacht worden sind von unseren Gegnern. Ich will kein Hehl daraus machen, daß auch ich sage, von höheren Gesichtspunkten aus be- trachtet bat es jedenfalls unserer Partei nicht zum Schaden ge- reicht, daß damals unsere Gegner in dieser Weise Politik machte». Jedenfalls steht das eine fest, daß unser angeblicher Ueber- winder, der Fürst B ü l o w. von dem kaum noch ein Mensch jetzt redet, das Sprungbrett für uns gewesen ist, das wir jetzt so glänzend benutzt haben. Sie werden von mir nicht erwarten, daß ich über die Tatsachen der Wahl selber, die Ihnen allen bekannt sind, mich hier in Einzel- heilen ergehe. Was gesagt werden mußte über die von unserer Partei geleistete Arbeit in bezug aurxdie Verbreitung von Flugschriften, Abhaltung von Versammlungen usw. ist alles enthalten in dem Ihnen vorliegenden schriftlichen Bericht. Außerdem ist es ergänzt worden in den Reden der Genoffen Eberl und Braun. Sie werden auch nicht von mir erwarten, daß ich mit besonderen Aus- drücken erhebender Freude über unseren großen Wahlsieg mich er- gehe. Gewiß weiß ich, daß eS leinen hier im Saale gibt, der sich nicht von ganzem Herzen gefreut hat, als damals die Wahlresultote bekannt wurden.(Beifall.) Das müßte ein merkwürdiger Partei- genoffe fein, testen Herz in dem Bewußtsein, daß jeder dritte Mann. der zur Wahlurne gegangen ist. sozialdemokratisch gewählt hat, nicht höher geschlagen hätte.(Beifall.) Aber wir«vollen davon ab- sehe», in freudigen Gefühlen zu schwelgen. Das ist ja gerade mit ein Teil der Größe unserer Bewegung, daß wir»jemals Zeit ge- funden haben, uns aufs Faulbett zu legen in dem Gefühl, wie herrlich weit wir es gebracht haben. Wir müffen stets bestrebt sein, auS unseren Niederlagen wie aus unseren Siegen zu lernen. Es ist gut und gesund für unsere Partei, daß jeder Hurrastimmung, die etwa aufkommen könnte, von vornherein begegnet wird durch nüchterne Betrachtungen und durch die jederzeit bei uns einsetzende Kritik. Nur so wird eS möglich sein, daß wir wachsen mit unseren neuen Auf- gaben..- Vor und nach jeder Wahl hat uns immer das Problem der Stimmen- und Mandatszahl sehr eingehend beschäftigt. Die einen haben immer gegenüber der Stimmenzahl und der UeberzeugungS- kraft unserer Anhänger die Zahl der Mandate sehr gering eingeschätzt. Andere wiederum haben, wie mir scheint, ein allzu großes Gewicht auf die MandatSzahl gelegt. Nun meine ich. darüber könnte wahr- hastig Klarheit bei uns bestehen, daß selbstverständlich die Massen. die hinter uns stehen, unsere Kraftmcster sind, daß die Zahl unserer Anhänger ihre UcberzeugungSkraft das einzige und alleinige sind, das unS die Siege, die wir uns erkämpfen wollen, verbürgen kann.— Aber deshalb braucht man doch die Mandate nicht als gan) neben- sächlich und bedeutungslos ein�uschähen.(>vehr richtig!) Wir haben gerade im Interesse der werktätigen Bevölkerung alle- zu tun, was wir tun können, um in den gesetzgebenden Körperschaften so stark als irgend möglich vertreten zu sein.(Lebhafte Zustimmung.) Wie haben sich nun die Dinge bei unS im Reich vorher ent- wickelt? Wir haben immer viel weniger Mandate gehabt, als unS nach der Stimmenzahl hätten zukommen mästen. Auch bei der legten Reichstagswahl hätten wir bei einem Proportionalsystem statt 110 etwa 140 Vertreter im Reichstage haben müsten. Bei allen Wahlen hat die Regierung und haben die konservativen Parteien die eigenartige WahIkre,Sgeometrie und auch unsere grundsätzliche Isoliert- heit, die sich aus unserer Eigenschaft als Klasten Partei ergibt, sich «unutze gemacht, um uns nicht hochkommen zu lasten, um noch Röglichkeit zu verhindern, daß Sozialdemokraten in den Reichstag hinein können. Sie haben sich die größte Mühe gegeben, um durch Kunststücke aller möglichen Art die Sozialdemokratie niederzuhalten und das Wahlergebnis direkt zu fälschen. Was ist demgegenüber .insere Aufgabe? Sie ergibt sich nicht allein aus dem augenblick- (ichcn Parteiintereste, sondern auch aus unserer ganzen grundsätzlichen demokratischen Auffassung, d. h. wir müssen uns gegen derartige Bestrebungen kräftig wehren. Wir dürfen uns unter keinen Um- länden unterkriegen lasten, wir müsten alles tun, was wir können, im dem Volke den Reichstag zu geben, den das Volk haben will. >Sibr gut l) Den Reichstag, den das Volk haben wollte, konnten «vir uns am Abend des 12. Januar ja vorstellen, denn das hatte sie Stimmenabgabe deutlich gezeigt.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir nun wissen, den und den Reichstag will das Volk, so stand es am 13. Januar auf einem ganz anderen Blatte, welchen steichstag da« Volk bekommen wird. Sofort nach den Wahlen ,ing das Treiben bei unseren Gegnern los, um für die Rechte so viel Mandat« al» möglich h-.auSzuschinden. ES sollten Dreillasten- wählen gemacht werden, auch ohne da« Dreiklastenwahlrecht.(Sehr gutl) Nun die Bemühungen unserer Gegner, uns bei den Stich- wählen wie' in früheren Jahren an die Wand zu drücken, sind zum guten Teile abgeschlagen worden, ich bin unbescheiden genug, zu lagen, daß ein kleiner Teil deS Verdienstes da wohl unterer Partei- leitung zuzusprechen ist Von den 12Vz Millionen Stimmen am 12. Januar erhielten Konservative. Reichspartei. Zentrum und Anti- semiten zusammen 3'/. Millionen, also noch 400 000 Stimmen weniger als wir für uns allein.(Hört! hört!) Trotzdem bestand die große Gefahr, daß je nach dem Ausgang der Stichwahlen die schwarzb'? v Parteikoalition als Mehrheit in den Reichstag zurück- kehren lovviti Schon rein zahlenmäßig hatten diese Parteien zu- sammen nach den von mir wiedergegebenen Stimmen einen Anspruch Iauf insgesamt 127 Mandate. Sie hatten in der Hauptwahl schon 116 errungen, wir Sozialdemokraten dagegen bei dem zahlenmäßigen Anspruch auf 138 im ganzen 64 Mandate. Und die Liberalen? Die hatten bei 3'/« Millionen Stimmen sage und schreibe vier Mandate erobert. Wir haben keine Ursache, dem Gegner gegenüber auch in dieser Frage mit einem offenen Urteil zurückzuhalten und ich glaube mit Recht sagen zu können, daß schlimmer als der Liberalismus unter diesem erbärmlichen Wahlsystem geschlagen worden ist, keine Partei jemals geschlagen werden kann. Nach dem Proporzrecht hätten die Liberalen 107 Mandate bekommen müsten, die Rechte 127 und wir Sozialdemokraten 133. Trotzdem haben nun die Liberalen — ähnlich die Nattonalliberalen, die Fortschrittliche Volkspartei hat ja überhaupt kein Mandat errungen— nur vier Mandate bekommen. Nun beachten Sie, wie die Situation stand und dann überlegen Sie sich, was auf dem Spiele stand, als wir vor die Frage gestellt wurden: was nun? Hätten wir es verantworten können, frage ich Sie, daß dieselbe blauschwarze Mehrheit, die eben durch den Volks- willen aufs Haupt geschlagen war, die Sitze im Reichstage wieder eingenommen hätte, von denen sie eben durch den Unwillen des Volkes davon gejagt waren? Nein, ich meine, wir konnten eS nicht. (Sehr richtig l) Es war unsere Pflicht, den Wahlfälschern, die uns die uns zukommenden Mandate durch taktische Manöver wetzfangen wollten, gehörig in die Parade zu fahren, Es war aber nicht nur unsere Pflicht deshalb, weil die große Wählerschaft von 4'/� Millionen für uns eingetreten war, sondern es war auch unsere Pflicht, wenn man bloß von organisierten Parteimitgliedern, von Parteiorganen usw. sprechen will. Dann mußten wir daran denken, daß inmitten des großen politischen Kampfes wir selbstverständlich die Aufgabe hatten, grundsätzliche Politik und Agitation zu treiben und daß das Ziel in diesem großen politischen Kampfe, das nächste Ziel die Niederschlagung des blauschwarzen Blockes war.(Lebhafte Zustimmung.) Ich will mich auf einige Aeußerungen der Parteipresse beziehen. Es hat nachher Aus- einandersetzungen gegeben über das Sttchwahlabkommen und da ist später gesagt worden, als wir schon vom Rathause heruntergekommen waren Pfund 25 Pf. KÜrbiS Pfund 6 Pf., im Ganzen 4 Pf. Hülsenfrüchte Victoria-Erbsen____ Pfund 19 pt Kleine Erbsen..... Pfund 15 pf. Glasiert. Erbsen 23,«£».20 pt Grüne Erbsen..... pfund 20 pt Grüne glasierte Erbsen Pfd. 30 pf. Grosse Linsen..... Pfund 26 pf. Mittel-Linsen.. Pfund 16, 20 pf Kleine Bohnen..... pfund 18 pt Java-Reis.. Pfand 25, 30, 36 pf. Rangoon-Rcls.. Pfund 18, 20 pf Reisgries....... Pfand 18 pf. Ilartgries....... Pfund 22 pf. KonserVen Stangenspargel I«i. v°.« 1.75 Stangenspargel I>>, vo.» 93 pf. Stangenspargel III-i. v°-c 1.30 Stangenspargel III'j.vca» 70 pi. Bruchspargel eitrl 1-50 Bruchspargel ei{ri 80 pt. Bruchspargel II 1.00,�55 Pf. Bruchspargel ohn* Heidelbeeren____ v°-c 60 pf. Saure Kirschen ohne 8.fei5£e 1.00 Mirabellen......>i> o°-° 65 Ff Melangefrüchte doM 85 Pf. Reineclauden.....>1. vc« 88 pf. Stachelbeeren vo.» 60 n. 1 K5eDo., ss Pf Bruchspargel ohne K8�eDoie 48 Pf. Bismarck-Heringe.. vc.« 42 p. Brat-Heringe...... v««, 42 p. Fleisch Schmorfleisch... pfd. 1.00 Fflet iUmaGa8nezSeCnhä!\ Pfund 1.10 Roastbeef ph. 1.10, Ä.°°d.l.40 Brust u. Fehlrippe pfd.85pf. Kamm u. Querrippe m 75 pr. Frisch. Schinken 85 pf. Schweinekamm ÄS! 90 Schweine-Kotelett pfd. 1.00 Schweinefilet.. Pfund 1.20 Rückenfett..Liesen pfd.85 pr. Hammelkeule u5SSm.85 pr. Dicke Rippe 80, DimnnngTOpr. Kalbskamm u. Bug m 90 pr. Kalbsbrust9ö pr. Spitzel. 05 Pökelzunge... pr�d 1.25 Kass. Rippespeer 8 5"s 1.0 0 Hirsch- u. Wildschwein Keule u,Röckcn1>10jBlitt85pf> Fische Schellfische . Pfd. 20 pr. ohne Kopr, in OA ganz. Fisch. Pfd. V Pf. FteischWaren Pariser Lachsschinken pfd.1.90 Rollschinken Sh�pLd 1.55 Mausschinken L35 Schinkenspeck i?/Ärpf0dn. 130 Braunschw. Zervelatwurst 1.80 Schinkenwurst..... pfund 1.50 Zervelat- u. Salamiwurst pfd.1.40 Teewurst.......... pfd. 1.25 Bauernmettwurst....pfd 1.15 Jagdwurst......... m 1.03 Feine Leberwurst.... Pfd. 1.15 Landleberwurst..... prd. 1.00 Pasteten-Leberwurst Pfund 1.25 Rotwurst...... pfd. 55, 75 pt Frankfurter Würstchen Dose 2'/, Paar 5 Paar 10 Pur 85 pf. 1.40 2.60 Delikatess- Brühwürstchen 6 Paar... 90 Pf, 12 Paar... 1.73 Räucherwaren Makrelen........ stock 10 pt Sprotten........»i, pfund 40 pt Nordseeschollen... Hund 60 pf. Ahlbecker Flundern Pfund 40 pt Bücklinge» stet 10, s stock 25 pt. Sprottbücklinge... Hund 50 pt Goldfische....... stock 15 pt Aale....... pfund 1.10, 1.55 Matjesheringe st. 1 5, s3t 25 h. Sauerkohl ... 8 Pfund 10 Pt "Butter ii. Käse Koch- u. Backbutter. Hund 1.15 Essbutter 1.25, 1.35.�68 pf. Bratenschmalz____ Pfund 70 h. Marmelade leicht gefärbt ha 33 pt Pflaumenmus..... Hund 30 n. Camembertkäse... stock 23 n. Schweizer pfA 92, Tilsitcr 68 pt Emmenthaler Käse Hund 1.10 Faust- und Spitzkäses stet 25 h. Limburger Käse... Hund 60 h. Geflügel Junge Gänse ha 65, 75, 85 h. Suppenhühner... 1.35 b» 3.00 Gänserümpfe____ 4.00, 4.50 Junge Enten____ 1.65 bi. 3.50 Brathühner____ 75 h. m» 2.25 Rebhühner... 75, 90 pt.1.25 Kulant und reell Diskret». vornehm IHI50 UDO COHN No. 13 Kottbnser Damm Ho. 13 offeriert auf Teilzahlung ISInzel-' Möbel und Anzahlung nach Ueber< I nleArlgst •inKuntt! J Grosse Auswahl in Herren-Gotderolie Damen-Gardenlie Kinder-Gorderolie O der geleieteten Anzahlung erhilt I— ein Jeder eofort gutgesch- leben, O der sich auf dies Ineerat bezieht ■ Ziehung unwiderruflich B 24. und 25. September in Bonn. Erlte Pflrdo- I maa i Mk II Lo»enir 10« L0S6 4■— Porto und Litte "-- 30 Pt. extra. 5717 Qewlnne. 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Als vor einem Menschenalter Bebel und Liebknecht über diese Unglücksfälle sprachen, verunglückten im sächsischen Bergbau jährlich 2—8 von 1000 Bergleuten. Jetzt aber haben wir in feey setzten Jahren ssder, kaupk keine SchlazEellerunfälle im sächsischen VergLaik zS Ker< zeichnen gehabt. Im preußischen Bergbau verunglückten vor 30 bis 35 Jahren jährlich 2—3 von 1000 Bergleuten; im letzten Jahrzehnt war der Promillesatz auf 0,25 gesunken. Es ist überhaupt falsch, die Gefährlichkeit bes Bergbaues nach den Massenkatastrophen zu beurteilen. In den letzten 4 Jahren sind im deutschen Bergbau durch Grubenunglücke sofort getötet worden 7959 Menschen.(Hört, hört! Nur 408 von diesen sind durch Massenkatastrophen getötet worden. Das ist von großer Wichtigkeit, weil die öffentlichen Erörterungen, die Hilfsaktionen und die Untersuchungen usw. sich an diese Massen- katastrophen knüpfen, während von den vielen Tausenden, die einzeln unter stürzenden Kohlen oder brechendem Gestein ihr Leben aus- hauchen, sich kaum eine Lokalnotiz kümmert.(Sehr wahr!) Nur wenn Dutzende oder Hunderte Bergmannsleichen �u Tage geschafft werden, gerät die Oeffentlichkeit in Aufregung, ertönt der Ruf nach neuen Bergpolizeivorschriften. Ich könnte nachweisen, daß alle irgendwie bedeutenden Verordnungen zum Bergarbeiterschutz erst dann ergangen sind, wenn sich eine erhebliche Grübenkatastrophe er- eignet hat und die Fachpresse und die Arbeiterpresse den Zusammen- hang der Katastrophe mit den Grubenmißständen nachgewiesen, so- wie weiter nachgewiesen hatte, daß diese Mißstände der Bergbehörde schon längst bekannt sein mußten. Dann erst wurde versucht, den Blutstrom zu hemmen, aber an den Kern des Uebels geht man mit dem dicken Verordnungsband 4, der bald den Umfang der Bibel er- reicht hat, nicht heran. Und so schwillt der Blutstrom immer mehr an. Im Jahre 1886 sind 6,60 von 1000 Bergarbeitern schwer oder tödlich verunglückt, im Jahre 1911 aber 14,57(Hört, hört!). 1836 waren 25,45 Unfälle auf 1000 Bergarbeiter angemeldet, 1911 aber 136,74(Hört, hört!). Von 1886 bis 1911 haben sich im deutschen Bergbau 59 978 schwere oder tödliche Unfälle ereignet und sind 31 288 Menschen sofort tätlich verunglückt. Meistens waren es Leute im besten Mannesalter. 74 Proz. der 1911 in dem Ruhr- gebiet gestorbenen oder verunglückten Bergleute sind nicht einmal 45 Jahre alt geworden. Jeder kann sich ausmalen, was das für unsere Volkskraft und Volkswirtschaft bedeutet. Nun zu der Katastrophe auf Zeche Lothringen, die durch den Kaiserbesuch zu einer Weltscnsation gemacht worden ist. Selbst- verständlich haben die Werksorgane sich bemüht, die Zeche zu einer „Mustergrube" zu ernennen. Um so eingehender haben wir die dortigen Zustände untersucht. Am Nachmittag des Tages nach der Massenkatastrophe, die 115 Menschenleben kostete, kam der Kaiser von der Kruppfeier auf die Zeche. Und in dieser unglaublich kurzen Frist wollte die Bergbehörde in der Lage sein, dem Kaiser einen authentischen Bericht zu erstatten! Der Bericht ging dahin, daß, auch abgesehen von dem Ort des Unglücks, das Selbstverschulden eines oder inehrerer der Getöteten nachgewiesen wird. Es war da ein klerikales Organ in Bochum, das den Werksorganen auch nachschrieb, daß nach menschlichem Er- messen auf der Zeche Lothringen alles nur Mögliche getan worden sei für die Sicherheit, Ordnung und Staubfreiheit des Betriebs, viel mehr noch, als die gesetzlichen Bestimmungen erforderten. Was hat nun die nach dem Kaiserbesuch fortgeführte amtliche Unter- suchung ergeben? Wir müssen diesen Fall um dessentwillen näher besprechen, weil durch die Berichterstattung an den Kaiser und die daran geknüpften Benicrkungen der Werkspresse usw. der Versuch der Werksinteressenten geglückt ist. die öffentliche Meinung zu über- zeugen, daß auf der Zeche Lothringen in der Tat alles in muster- haftcm Zustand und das Unglück wahrscheinlich, wenn nicht sicher, auf ein Verschulden der Getöteten zurückzuführen sei, ergo wäre eine Verstärkung des Bergarbeiterschutzcs nicht nötig!(Hört! hört!) Was hat die Untersuchung ergeben? Ich wundere mich— oder ich wundere mich auch nicht!—, daß man diese Untersuchungsresul- täte nicht ebenso eiligst der Oeffentlichkeit unterbreitet hat, wie man nach der Katastrophe dem Kaiser Bericht erstattet und dabei die Verunglückten der Verursachung des Unglücks beschuldigt hat. Ich habe. durch eingehende Besprechungen mit Fachleuten, die Bescheid wissen, folgendes ermittelt: Nach dem Bericht der„Kölnischen Zeitung", zweite Morgen- ausgäbe vom 10. August 1912, hat der Bergrevierbeamte, Bergrat Dobbelstein, dem Kaiser am 9. August erklärt, die Explosion sei 1600 Meter vo-n Schacht entfernt, auf der 3. Sohle im Oucrschlag, entstanden. Eine Berichtigung der Zechenverwaltung, abgedruckt im„Vorwärts" vom 20. August 1912, gibt auch als unzweifelhaftes Resultat der amtlichen Feststellungen an, der Explosionsherd befinde sich im 4. Abteilungsquerschlag der 3. Sohle. Bergrat Dobbelstein hat nach der„Kölnischen Zeitung" dem Kaiser über die Ursache der Katastrophe folgendes vorgetragen: „Beim Sprengen des Gesteins sind durch Dynamitschüsse Schlagwetter, die aus dem Gestein heraustraten, freigelegt und entzündet worden. Diese Schlagwetter waren bereits vorher fest- gestellt worden. ES war sofort der Auftrag gegeben worden, diese Schlagwetter durch geeignete Maßnahmen zu beseitigen und erst dann wieder in der Gesteinssprengung fortzufahren. Trotzdem der Betriebsführer diesen Austrag ausdrücklich gegeben hatte und auch ein Beamter zur Stelle war, ist kurze Zeit darauf doch ge- schössen worden. Es konnte nun ftstgestellt werden, daß die Mannschaft in diesem Betriebspunkte die Wetterführung zwar verbesserte, aber nicht lange genug wartete, bis sich die Schlag- Wetter derart verdünnt hatten, daß sie beim.Gesteinschießen nicht- mehr gefährlich werden konnten." Nach mir gewordenen sachverständigen Mitteilungen soll aber der Kaiser über den Ausgangspunkt der tödlichen Katastrophe und über ihre Ursachen unrichtig, weil voreilig berichtet worden sein. Es muß überhaupt die Schnelligkeit und Bestimmtheit, mit der die für die Verunglückten schwer belastende amtliche Auskunft gegeben wurde, frappieren, wenn man sich nur erinnerte, wie sehr lange es in der Regel nach großen Grubenkatastrophen dauert, bevor die Bergbehörde mit einem bestimmten Urteil über die Entstehungs- Ursachen der Katastrophen vor die Oeffentlichkeit tritt. Wie ich in Erfahrung brachte, haben die nach dem 9. August fortgesetzten sorg. fältigen Untersuchungen mehrere Anhaltspunkte dafür ergeben, daß der Explosionsherd wahrscheinlich nicht in dein dem Kaisers o bestimmt genau ntenBetriebSpunkt zu suchen ist, sondern viel eher in einer anderen Bau- a b t e i I u n g, und zwar eine halbe Sohle tiefer, mehrere hundert Meter entfernt davon, auf Ort 5 in Flöz G. In dem von der Berg. behörde als Explosionsherd bezeichneten Querschlag sind nur un- wesentliche Zerstörungen angerichtet worden, so hingen die aus Blech bestehenden Luftzufuhrrohre(Lutten) von ca. 40 Zentimeter Durchmesser nach der Katastrophe noch unbeschädigt an den Auf- Hängedrähten, während bei solchen Katastrophen gerade die Lutten am leichtesten zerstört werden. Ferner standen die Förderwagen noch auf den Schienen, während, wenn hier die Katastrophe ihren Ausgang genommen hätte, die Wagen wüst durcheinander geworfen worden wären. Auch befand sich der Ausbau des betreffenden Ar- beitspunktes 30 bis 40 Meter zurück noch in Ordnung. Außerdem besagten bestimmte Angaben der Beteiligten, daß ca. eine Stunde vor der Katastrophe in dem fraglichen Querschlag die Spreng- arbeiten vollendet gewesen seien. Die Art der Auffindung der hier Getöteten sowie der Zustand ihrer Kleider spricht ebenfalls gegen die Behauptung, daß der ExplosionSherd im 4. Abteilungsqucrschlag der 3. Sohle ist. Ein wesentlicher Teil dieser UntersuchungSergeb- nisse konnte der Zechenverwaltung, als sie in einer ihrer Bericksti. gungen an die Presse kategorisch jenen Querschlag als den Explo- sionsherd bezeichnete, nicht unbekannt sein. Dagegen sprechen für Ort 5 in Flöz O als den wirklichen Ex- plosionsherd folgende Umstände: In der Strecke zwischen Ort 4 und 5 ist das Kohlenflöz O 5 bis 5 Meter dick, während es sonst nur 1,20 Meter Mächtigkeit besitzt. Gebirgsverschiebungen sind die Ur- fachen. Die beim Abbau dieser dicken Kohle entstehenden großen Hohlräume sind zum Teil offen geblieben und sammelten sich hier naturgemäß die explosiven Grubengase an. Ferner standen in der oberen Seite der Strecke, die infolge des KohlenraubenS viel höher lag als der normale Querschnitt der Strecke, ebenfalls Schlagwetter. gleichfalls im Bremsberg. Diese Gase konnten infolge ungenügcn- der Luftzufuhr nicht regelmäßig beseitigt werden. Zehn b,S zwölf Meter von den mit Gasen gefüllten Hohlräumen entfernt wurde em Bremsberg angesetzt, in dem geschossen werden mußte. Ob nun durch die Stichflamm« eines Schusses oder wie sonst die Wetter enszündel worden sind, kann vielleicht durch eine eingehende fach- männische Untersuchung noch festgestellt werden. Daß hier die Ex- plosion ihren Ausgang genommen hat, dafür spricht die Art der Auffindung der sogenannten Koksperlen(Kokskrusten). Im Auf- trage der- Knappschafts-Berufsgenosseuschaft sind im Vorjahre ex- perimentells Versuche über die Explosivität des Kohlenstaubes angestellt worden. Hierbei wurde die alte Erfahrung bestätigt, daß sich die Ivährend einer Explosion bildenden„Koksperlen" auf der der Explosionsrichtung entgegengesetzten Seite des Grubenstrecken- baucs ansetzen. Diese Beobachtung wurde nun auch auf dem uns als den wirklichen ExplosionSherd bezeichneten Ort 5 in Flöz G und im Bremsberg gemacht. Die an dieser Stelle eingetretenen großen Verheerungen zeigen ebenfalls, daß die Katastrophe hier am stärksten gewirkt haben muß, was gleichfalls die Annahme bestärkt, daß der Explosionsherd hier zu suchen ist. Ich habe durch die eingehende Besprechung mit einer Reihe von Fachleuten die Ueberzeugung gewonnen, daß die nach dem 9. August, dem Tage des Kaiserbesuches auf der Unglückszeche, fort- geführten Untersuchungen über die Lage des Explosionsherdcs min- destens ganz erhebliche Zweifel hervorrufen müssen. Man hätte seitens der Bergbehörde, in Erinnerung an frühere Ersah- rungen, dem Kaiser nur einen weniger bestimmten Bericht über den mutmaßlichen Unglücksherd erstatten sollen, und hätte vor allen Dingen nicht die Verunglückten in so prägnanter Weise mit dem schweren Makel der Sclbstverschuldung belasten dürfen. Diese schwere Beschuldigung der Katastrophenopfer in dem Bericht an den Kaiser muß um so mehr erbitternd, insbesondere auf die Hinterbliebenen, wirken, weil sie die zechenofsiziell immer wieder vertretene Behauptung, für den Bergarbeiterschutz sei alles Menschenmögliche geschehen, vor der höchsten Regierungsstelle noch besonders bekräftigt. Dies muß um so mehr der Fall sein, als die Berichterstattung an den Kaiser als der höchsten Person im Reiche doch nicht ohne Einfluß auf die Reichsgesetzgebung sein kann. Wir haben deshalb ckllc Pflicht, diesem Fall mit aller Energie nachzu- gehen und alle Konsequenzen auf uns zu nehmen, die daraus folgen.(Lebhaftes Sehr richtig!) Wenn man sich also die Berichtigungen der Zechenverwaltung z. B. an den„Vorwärts" näher ansieht, dann trifft man auf Be- hauptungen, die bei kritischer Betrachtung nicht standhalten. Wie steht es nun mit den sogenannten Sicherheitsmännern? Es steht fest, daß die Verwaltung der angeblichen Musterzeche einen ordnungsmäßig gewählten Sicherheitsmann an der Aus- Übung seiner amtlichen Funktionen gehindert hat.(Hört! hört!) Fest steht, daß. als der Kaiser nach der Zeche kam, ein Sicherheitsmann, der am einschlägigsten mit den Verhältnissen vertraut war, nicht auf den Zechenplatz kommen konnte. Heute ist das System der Sicherbeitsmänner für die Verlvaltung un- gefährlich. Mit brutaler Offenheit hat ein Bcrgaffessor das gelegentlich anerkannt:. Er sagte:„Die Sicherheitsmänner bleiben im Zechendienft. Der Steiger hat die Leute bezüglich ihrer Löhne in der Hand. Mit Geld läßt sich vieles machen."(Hört! hört!) Das bekannte Geheimprotokoll der Bergherrenkonferenz beweist, daß das Sicherheitsmännershstcm nur weiße Salbe ist. (Sehr wahr!) Trotzdem die Regierung dies«? Protokoll kennt und darüber unterrichtet ist, daß es sich bei diesem Sicherheitsmännergesetz um einen ungeheuren sozialpolitischen Betrug handelt, wird nichts zur Verbesserung unternommen. Durch die Unterbeamtcn werden die Arbeiter gezwungen, ein bestimmtes Pensum zu liefern, sonst werden sie durch Entzug von Prämien und durch Verhängung von Strafschichten bestraft. So kommt es, daß Leute 36 Stunden in der Grube bleiben.(Hört, hört!) Das ungeheuerliche Aus- beutungssystem ist das Grund übel der allermeisten Unfälle. In Belgien und England ist die Zahl der Unfälle der- hältnismäßig viel geringer als in Deutschland. Dort ist das System der Arbeit auch erheblich besser. Auch die S ch i cht dm u er-i=st v i 5l kürzer als in Deutschland. Furchtbär sind infolge der Vernichtung der Gesundheit des Volkes die Kronkheitsziffern in Deutschland.?»n 1000 deutschen Berg- leutcn sind in der Regel jährlich 600 erkrankt(Bewegung), und auch das ist weniger bekannt. Beachtet Iverden immer nur die 'en Katastrophen. Die Bergbehörde behauptet aber trotzdem, Gesundheitszustand der Bergarbeiter sei befriedigend! Die Beamten müßten unabhängig gemacht und im Gehalt so gestellt werden, daß sie den Lockungen des Privatkapitals widerstehen. Im Frühjahr versuchte die Bcrgarbeiterschaft, sich daZ Joch des Bergkapitals zu er- leichtern. Der Kampf mußte abgebrochen werden, weil die Ehristen den Masscnsircikbruch organisierten. Die Folge ist, daß jetzt eine gewisse Apathie unter den Bergleuten herrscht. Der Parteitag würde sich ein Verdienst um die Bergarbeiter er- werben, wenn er durch einstimmige Annahme meiner Resolution bekundete, daß nach wie vor die Bergarbciterschaft in der Sozial- demokratie die beste und zuverlässigste Stütze findet.(Stürmischer Beifall.) Von einer Diskussion wird abgesehen. Die Resolution wird unter lebhaftem Beifall einstimmig aw- genommen. Der nächste Punkt der Tagesordnung ist der Bericht der Reichstagsfraktion. Referent ist Genosse Stadthagen: Im Hinblick auf den gedruckten Bericht kann ich mich kurz 'assen. Die Aufgabe der Fraktion ist es, im Interesse des Prole- tariats und der werktätigen Bevölkerung die Gesetzgebung zu be- einflussen und die ungeheuren Vorrechte der Besitzenden zu be- seitigen. Gerade jene Kreise behaupten heuchlerisch, die Sozial- demokratie fordere zum Ungehorsam gegen die Gesetze auf. Sie 'elbst aber sind die frechsten Verhöhner bestehender Gesetze. Im Handumdrehen hat die bürgerliche Mehrheit wieder 500 Millionen für Militär und Marine bewilligt und die Deckung aus den Taschen der großen Masse genommen. Auch die Nationalliberalen be- nutzten die Gelegenheit, um wieder einmal umzufallen. Tatsächlich bedeutet die angebliche LiebcSgabenaufhebung eine Erhöhung der Schnapsliebesgabe. Die Refolution, die eine söge- nannte Besitzsteuer verlangt, ist nichts weiter als ein Feigenblatt. daß nicht einmal die Schamlosigkeit der schwarzblauen Deckungs- Politik verhüllen kann. Die Fraktion hat erklärt, für die HecreS- und Flottenvorlage bewilligen wir keinen Mann und keinen Groschen. Wohl aber sind wir bereit, in der gegenwärtigen Situa- tion für die Erbschafts st euer zu stimmen, wenn damit die Ersetzung einer indirekten durch eine direkte Steuer zu er- reichen ist. Ein konservativer Antrag auf Schaffung von Aus- nahmeaesetzen gegen das Koalitionsrecht ist zwar mit großer Mehr- heit abgelehnt worden,� trotzdem müssen wir aber nach wie vor gegen derartige Anschläge auf der Hut sein. Vor allem müssen wir auf positive Maßnahmen zum Schutze des KoalitionS- rechts der Arbeiter dringen. Vom Standpunkt der Gleichberechtigung aller Parteien hatten wir selbstverständlich einen Sitz im Präsidium zu bean- fpruchen, aber es konnte nicht unsere Aufgabe sein, irgend eine Verpflichtung außerhalb staatsrechtlicher und geschäftsordnungS- mäßiger Vorschriften zu übernehmen. Die Fraktion beschloß mit über zwei Drittel Mehrheit auf keinen Fall zu Hofe zu gehen, um dort Mitteilung von der Konstituierung des Reichstags zu machen.(Lebhafter Beifall.) Das wäre eine Verbeugung vor einem bürgerlichen Prinzip gewesen. Unmittelbar vor Schluß des Reichstages entstand die Frage, ob die Fraktionsmitglieder bei einem plötzlichen Hoch auf den Kaiser sitzen bleiben oder hinaus- gehen sollen. Es wurde nach kurzer Besprechung beschlossen, hin- auszugehen. An sich ist das ganze eine recht müßige Frage. Aber es kann kein Zweifel sein, daß, wenn einige von uns durch Zufall im Saale anwesend sind, wenn eine monarchische Huldigung erfolgt, wir selbstverständlich sitzen bleiben.(Lebhaftes Sehr richtig!) DaS Verhalten der Fraktion in der K ia u t s ch o u f ra g e hat zu einer kurzen Debatte Anlaß gegeben. Die Fraktion be- chloß, die Forderung für die Belassung der Truppen während der chinesischen Revolution in Kiautschou abzulehnen. DaZ ist auch die Ansicht der Reichstagsfraktion. So wenig man� einem Bürger« lichen zumuten kann, an einem Hoch auf die Sozialdemokratie teilzunehmen, so wenig kann man uns zumuten, daß wir uns an einem Hoch aus den Kaiser beteiligen.(Sehr richtig!) Wir wür- den zum Beispiel in dem Landtag von Schwarzburg-Rudolstadt, wo wir die Mehrheit haben, niemals von den Bürgerlichen ver. langen, sie sollten aufstehen, wenn unser Präsident den Landtag mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie eröffnet oder schließt. (Heiterkeit.) Dann sind Meinungsverschiedenheiten zutage getreten bezüglich der Abgeordneten N o s k e und Dr. S ü d e k u m» deren Abstimmung in»der Budgetkommission des Reichstages, wo sie 500 000 M. bewilligt haben für Militär zum Schutze der Deutschen während der chinesischen Revolution. Die Fraktion hat später beschlossen, diese Forderung abzulehnen!; wir waren einmal der Ansicht, daß die Interessen von Deut- schen durch die chinesische Revolution überhaupt nicht geschädigt sind, und dann sind in der russischen Revolution die Interessen der Deutschen wahrlich auch nicht geschützt �worden. (Seist richtig!) Aber selbst, wenn die Interessen der Deutschen ge- schädigt worden sein sollen, wenn irgendwo gegen das Leben oder die Gesundheit deutscher Reichsangehöriger im Auslande vorge- gangen wird, so ist der diplomatische Weg zu beschreiten, aber nicht Militär auszubieten. Ich erinnere Sie nur an die schamlose Ausbeutung ausländischer Arbeiter in Deutschland. Wenn nun die Staaten, deren Reichsangehörige diese ausländischen Arbeiter sind, Militär nach Deutschland schicken würden, um ihre Staats« angehörigen gegen diese Ausbeutung zu schützen, so würden wir uns das nicht gefallen lassen; und ebenso wenig brauchen es sich andere Länder gefallen zu lassen, wenn deutsche Soldaten dort die Interessen deutscher Reichsangehöriger wahrnehmen wollen.(Sehr richtig!) Im übrigen sind die Interessen, die da in Frage kommen, niemals Interessen des deutschen Volkes, sondern immer nur Interessen der Großbanken und der Hochfinanz. Es ist ein« freche Anmaßung der Kreise, die ihre Interessen immer mit den Jnter- essen des deutschen Volkes verwechseln, wenn sie jetzt dazu über- gehen, daß Militär immer mehr gegen streikende Arbeiter ver« wendet wird. Ich erinnere nur an Mansfeld und das Ruhrrevier. Es ist eine Schmach, daß Polizerbeamte und Soldaten bort den kämpfenden Arbeitern in den Rücken gefallen sind, und das Schlimmste ist, daß das Zentrum diese Maßnahmen der Be- Hörden gebilligt hat. Ich erinnere an die Vorkommnisse in Ragnit und an andere Gegenden Deutschlands. Das ist ein Mißbrauch, das ist eine Anarchie, das ist eine Auflehnung gegen die bestehenden Gesetze, wie sie �schamloser seitens der Kapitalistenkreise nicht ge« schchen kann.(Sehr wahr!) Treitschke hat einmal für Frankreich erklärt, daß dort durch eine parteiische Rechtsprechung und durch eine parteiische Gesetz- gebung der Ausbau des KoalitionsrechtcS vernichtet würde. Er hat hinzugefügt, so etwas sei in Deutschland nicht möglich, denn dort herrschten die Hohenzollern. Nun, heute bestehen diese von Treitschke für Frankreich gegeißelten Mißstände in keinem Lande in so arger Weise, wie in Deutschland. Dem Volke werden die Lebensmittel verteuert, und dann pfeifen die herrschenden Klassen in schamloser Weise auf Recht und Gesetz, wenn eS gegen das Koali- tionsrecht der Arbeit geht. Auf dem Internationalen Richtertag in Wien hat ein sächsischer Richter aus seinem Herzen keine Mörder- grübe gemacht und hat seinen Kollegen demonstriert, wie er gegen die Arbeiter Recht spricht.(Hört! hört!) Wenn ein Antrag ein Flugblatt verlangt, auf dem in regelmäßigen Zeiträumen die Ur- fachen der Klassenjustiz aufgezählt werden sollen, so muß ich sagen: ein Flugblatt genügt nicht, um auch nur den zehnten Teil der brutalsten Klassenjustiz wiederzugeben, dazu fehlt e» einfach an Raum. Ein anderer Antrag verlangt, daß wir für die Abschaffung der Todesstrafe energischer propagieren sollten. Wozu ist nötig, daß wir ausdrücklich noch betonen, daß wir grundsätzliche Gegner der Todesstrafe sind? Di« Fraktion ist in allen Fragen auf den: Gebiete der StrafrechtSreform einig und wird sich nach wie vor'dieser Aufgabe widmen. Die Fraktion wird weiter bestrebt sein, auf allen Gebieten dÄ wirtschaftlichen und politischen Lebens zugunsten der arbeitenden Klasse herauszuholen, was innerhalb des Parlaments erreichbar ist. Ncchmals will ich der Auffassung entgegentreten, als ob die Frak« tion. weil sie 110 Mann stark ist, nun alle möglichen Wünsche er- füllen könnte. Je stärker wir sind, desto größer ist der Widerstand und die Gewissenlosigkeit auf feiten der bürgerlichen Parteien und der Regierung. Unsere Stärke beruht, selbst wenn wir Abgeord- neten Engel wären(Heiterkeit), nur auf der Richtigkeit der pro« grammatischen Forderungen und auf dem Bewußtsein, daß hinter uns die große Masse des Volkes steht, nicht als Stimmvieh, sondern als bewußte Klassenkämpfer. Erlahmen Sie nicht in dem Bemühen, neue Genossen heranzuziehen und weiter mit unseren Zielen ver- traut zu machen. Nur so ist cs möglich, den Arbeiten im Parla, ment auch die Wirkungsmöglichkeit zu geben, die wir alle erhoffen. Kritisieren Sie unser Vorgehen, aber seien Sie überzeugt, daß wir auf allen parlamentarischen Gebieten versucht haben, im Interesse der Arbeiterklasse zu wirken, im Interesse der Massen, um Ihnen erst das Vaterland lebenswert und teuer zu machen.(Lebh. Beifall.)' Vorsitzender Haas« verliest darauf folgende Erklärung von Pieck:„Nachdem der Genosse Scheidemann in seinem Schluß- wort über das Stichwahlabkommen deshalb über meine Ausfüh- rungen zur Tagesordnung übergegangen ist, weil vier Delegierte von Telww-Beeskow erklärt haben, daß sie mit meinen Ausfüh- rungen nicht einverstanden sind, könnte dadurch der Eindruck her- vorgerufen werden, daß die Delegierten im Namen des Wahlkreises ihre Erklärung abgegeben haben. DaS ist nicht der Fall, denn die WahlkrciSgeneralvcrsammlung hat zu dem Stichtvahlakckommen überhaupt nicht Stellung genommen. Ich stelle auch noch fest, daß sich die vier Delegierten mit dem Reichstagsabgeordneten des Kreises, dem Genossen Zubeil, nicht einmal in Verbindung gefetzt haben, geschweige denn seine Zustimmung erhalten haben." Zur Debatte stehen die Anträge KU. 106, 110, 117, 147, 149, 158, 171, 172, 183, 184, 186, 204, 205, und«in« Resolution Haupt: „Die Tatsache, daß die Fälle sich mehren, wo friedlich« Personen, durch Arbeitswillig« schwer miß« handelt, sogar niedergeschossen werden, deraiw laßt den Parteitag zu scharfem Protest gegen die Plan« mäßige Bewaffnung der Arbeitswilligen und gegen die nach- sichtige Haltung der Behörden gegenüber den Gewalttätigkeiten dieser Personen. Die Fraktion wird aufgefordert, in geeigneter Weise diese Roheitsverbrechen, die von Arbeitswilligen verübt werden, zur Sprache zu bringen und zu verlangen, daß der A u»- nahmebehandlung dieser gemeingefährlichen Elemente ein Ende gemacht werde." Nicht genügend unterstützt werden die Anträge 22, 82, 107 und 103. Antrag 9 wird zurückgezogen. Der Antrag 185 ist durch die Annahme der von Hue begründeten Resolution erledigt. Dann wird in die Debatte eingetreten. Henschel-Berlin? Ich kann mich nach der grundsätzlichen Darlegung StadthagenS über unsere Stellung zu höfischen Kundgebungen damit begnügen, darauf hinzuweisen, daß die Tatsache, daß Dr. Landsberg gegen die wiederholten Beschlüsse des Parteitags und der Reichstags« 'raktion in gröblichster Weise verstoßen hat, ungeheurp Entrüstung in der Partei hervorgerufen hat. Die Entrüstung und Erregung wurde noch dadurch gesteigert, daß Dr. Landsberg die wiederholte Aufforderung, den Saal zu verlassen, unbeachtet gelassen hat. (Hört, hörtl) Der Parteitag wird wohl unseren Antrag einstimmig annehmen, um gegen dieses Vorgehen zu protestieren und eine Wiederholung unmöglich zu machen. Haupt-Magdeburg begründet den oben mitgeteilten Antrag. Die Fraktion muß gegen die planmäßige Bewaffnung von Arbeitswilligen Front machen. Der Redner berichtet über den jüngsten Vorfall in Burg, wo ein Arbeitswilliger nachts«inen am Streik unbeteiligten Arbeiter niederschoß und, öl? er berhafiet werden sollte, sagte:„Ich bin Arbeitswilliger bei der und der Firma." Arbeitswillige brauchen nur pfeifen, dann eilen die Schutzleute herbei.(Lebhafte Zu- stimmung.) Solchen Zuständen werden wir nicht stillschweigend zustimmen. Es ist sehr bezeichnend, daß die örtlichen Behörden jedenfalls auch zur Ohnmacht verurteilt sind den Streikbrechern gegenüber. Als eine Deputation der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion in Burg bei dem Bürgermeister als Polizeiverwalter vorstellig wurde, er möge doch die Stadt von diesen Scheusalen befreien, da sagte der Bürgermeister, er sei bereit, alles zu tun, was er könne, aber er besitze keine gesetzliche Handhabe diesen Leuten gegenüber; er habe einen tumultierenden Streikbrecher den ordentlichen Ge- richten übergeben, das ordentliche Gericht aber habe ihn freigelassen.(Stürmische anhaltende Hört, hört! und laute Unruhe.) Es ist bezeichnend, daß diese„nützlichen Elemente" auf offener Straße einen weit größeren Schutz genießen, als jemals ein deutscher Staatsbürger für sein vieles Steuerzahlen genießt. Als die Deputation von dem Bürgermeister zurückkam, begegnete ihr das nützliche Element, der Revolverheld. Als die Deputation begreiflicherweise sich diesen Herrn einmal anschauen wollte, da zog er seine Signalpfeife hervor und auf seinen Pfif kamen sofort die Hüter der Ordnung, um ihn in seine Mitte zu nehmen und unter ihrem Schutz sofort nach Hause zu trans- Portieren. Das kann nicht so von ungefähr kommen und kann nicht den Bedürfnissen unserer Polizeiorgane entspringen(Lebhafte Zustimmung), sondern da mutz doch irgendwelche Weisung oder Verordnung vorliegen, daß die unteren Organe gegenüber den Streikbrechern so handeln müssen, wie es hier in die Erscheinung getreten ist. Das Verlangen, das wir in unserer Resolution aussprechen, ist das mindeste, was man von der heutigen Gesell- schaft verlangen kann. Ich glaube, daß wir sehr gut daran tun, wenn wir Material sammeln, das uns übrigens in dieser Be- ziehung fortgesetzt zugeht. Wir müssen endlich auch verlangen einen Schutz vor den Arbeitswilligen.(Stürmischer Beifall.) Meerfeld-Köln: Wie in so vielen anderen Orten haben auch die Kölner Partei- genossen eine Resolution angenommen, die die Sonderkonferenz verurteilt. Und ich kann wohl hoften, daß der Parteitag im Sinne unserer Forderungen beschließen wird, weil doch die Ucberzeugung weit verbreitet ist, daß Sonderkonferenzen zur Vergiftung des Organisations. und ParteilebenS beitragen müssen.(Sehr richtig!) Zur Präsidentenwahl möchte ich nur sagen: Wenn die Fraktion sich darüber klar gewesen wäre, daß ohne Antrittsbesuch die Wahl Scheidemanns nicht von langer Dauer sein würde, hätte sie ohne weiteres auch auf die Beteiligung am Präsidium überhaupt der- zichten sollen.(Zuruf: Warum denn?) Dann wäre unseren Partei- acnossen die Enttäuschung erspart geblieben(Lachen), die sich zweifel- los ihrer bemächtigt hat.(Lachen und Unruhe.— Zuruf: Wer ist denn enttäuscht worden?) Die schöne Photographie des Genossen Scheidemann ist noch lange nicht ausverkauft, die Wahl wurde zu bald umgestoßen.(Heiterkeit.) Wenn man Politik treiben will, muß man sich über die Konsequenzen völlig klar sein. Vor allem muß man sich darüber klar sein, daß der Taktik des Zentrums größere Aufmerksamkeit zugewendet werden müßte. Die Gefähr- lichkeit und taktische Genfsenheit des Zentrums darf nicht unter- schätzt werden. Das Zentrum hat sich zu einer rein kapitalistischen Partei des Großagrariertums und der Großindustrie entwickelt. Unsere FraktionS- und Parteileitung ist ja in den letzten Jahren von der stillen Liebe zum Zentrum etwas kuriert worden. Und wir erkennen, wie recht jene Genossen hatten, die schon 1307 gegen die Stichwahlparole protestierten, die dem Zentrum günstig und den Liberalen ungünstig war. Jedenfalls dürfen wir uns vom Zen- trum nicht ins Schlepptau nehmen lassen, sondern müssen immer verstehen, selbst eine großartige Initiative auf dem Gebiet von spzialpolitischen Entwürfen zu ergreifen. Verbreiten wir Aufklärung über die reaktionäre grotzkapita- 'listische, junkerliche und scharfmacherische Gesinnung des Zentrums, lo erfüllen wir damit die beste Arbeit zur Ueberwindung unseres schärfsten und gefährlichsten Gegners. Wenn uns auch eine Ver- nichtung des Zentrums vorab nicht gelingen wird, so muß die Zersplitterung des Zentrums unsere Aufgabe sein, und das muß geschehen, indem wir den katholischen Arbeitcrmassen und dem demokratischen Teil des Zentrums dessen neuere EntWickelung klar machen und das Zentrum dorthin drängen, wohin es gehört, zu den konservativen und den nationalliberalen Scharfmachern. Die Fraktion hätte vielmehr auf daS verräterische Verhalten des Zen- trums nach den Novemberstürmen von 1308 zurückkommen müssen, wo das Zentrum jede Reform der Rechte des Parlaments ver- hindert hat. Die Massen, die heute hinter der Sozialdemokratie stehen, verlangen von 110 Abgeordneten mehr praktische Arbeiten und politischen Fortschritt, als von 43 oder 53. Die Fraktion sollte mehr politische Initiative entwickeln und gegenüber den neuen Problemen der Politik mehr Verständnis bekunden.(Zuruf: Zum Beispiel: Wie denn?.— Der Redner verweist darauf, daßß er seine Redezeit bereits überschritten habe.) Ohne uns von unseren Prinzipien zu vergeben, soll die Fraktion durch kluge Ausnutzung aller politischen Situationen im Reichstag mehr erreichen. Folgender Antrag Hoch, Emmcl, Ledebour, Wurm und Genossen steht mit zur Debatte:„In Erwägung, daß unverbind- liche Aussprachen, die nur der Verständigung der Genossen unter- einander dienen und schon seit jeher stattgefunden haben, die Rechte der Organisation micht beeinträchtigen, daß sie ferner unvermeidlich und geeignet sind, die Geschlossenheit der Partei zu erhöhen, erklärt der Parteitag die Angelegenheit durch die Aus- spräche erledigt und lehnt alle Anträge gegen die Sonderkonfe- renzen ab." Hoch-Hanau: In allen Aeußerungen und Anträgen über die Sonderkonfe« renzen tritt der Parteiwillc zutage, die Einigkeit, Geschlossenheit und Disziplin mit allen Mitteln zu fördern und zu unterstützen. was bei uns die allergrößte Zustimmung findet. Wir haben uns seit jeher gegen die Bestrebungen gerichtet, die Partei und ihre Disziplin zu untergraben. Besonders hat es mich gewundert, daß der Vorredner, der der Fraktion so schöne Lehren gibt, nicht einmal die Geschichte der Partei genügend kennt, um zu wissen, daß das Partcilcben ohne Sonderkonferenzen gar nicht möglich ist. Aber erstaunlich ist, daß sich gerade diejenigen über die Sonderkonfe- renzen so entrüsten, die gar nicht entrüstet waren, als uns in Magdeburg mit den Worten:„Ich steh! mei Holz und zahl mei Straf!" der Disziplinbruch verkündet wurde. Das sind dieselben, die jetzt die Eisenacher Konferenz benutzen, um in unwahrhaftiger, geradezu schamloser Weise gegen uns Stimmung zu machen.(Leb- hafte Unruhe.— Vorsitzender Roske: Ich bitte doch, gegen Partei- genossen nicht den Vorwurf der Schamlosigkeit zu erheben. Leb- Haftes Sehr wahr!) Ter Redner schildert dann das Zustande- kommen der Eisenacher Konferenz. Bei einem gemütlichen Bei- sammensein nach Reichstagsschlutz, an dem die noch in Berlin an- wesenden Freunde Hochs aus der Fraktion teilnahmen, wurde, wie gewöhnlich, über Parteiangelegenheiten gesprochen, die den Teil- nehmern eben am meisten am Herzen liegen. Hoch, der der Re- organisationskommission angehörte, wurde angegangen, über ihre Arbeiten zu berichten, was ihm aber nicht loyal erschien und was er deshalb unterließ. Auf seinen Vorschlag beschloß man, die Aus- ftirache vorzunehmen, sobald die damals bevorstehende ofsizielle Veröffentlichung deS Kommissionsentwurfs und seiner Begründung erfolgt sein werde. Da aber die Teilnehmer deS Abends nicht in Berlin bleiben konnten, wurde Ledebour beauftragt, sobald die Veröffentlichung erfolgt sei, die Genossen auf einen Sonntag irgendwohin einzuberufen, da sie ja im Besitz ihrer Abgeordneten- ft:?rkartc waren. Dies geschah, eine klein« Anzahl, die den Sonn- tag frei hatten, kamen in Eisenach zusammen, wo keinerlei bin- dendc Beschlüsse gefaßt wurden. Wollen Sie das verbieten, dann Süßten Sie ja neben uns einen Polizisten stellen, und warum sollen h die im Reich zerstreuten Freunde aus der Fraktion nicht zur gewohnten Besprechung von Parteifragen zusammenfinden? S» ist doch leicht begreiflich, daß diejenigen, die leicht zusammen- kommen können, auch leicht zusammenkommen. Gibt es denn nur eine mündliche, gibt eS nicht auch eine schriftliche Ausspräche? Sie haben ja die Kongreßnummer der„Sozialistischen Monatshefte" bekommen. Ist das keine Sonderkonferenz?(Sehr gut!) Also, was wollen Sie denn eigentlich? Zunächst erschien bekanntlich die Notiz der„Chemnitzer Volksstimme", dann schrieb der„Vorwärts", es handle sich um eine private Zusammenkunft einzelner Genossen, auf der bindend« Beschlüsse nicht gefaßt wurden. Das darf natür- lich nicht sein, daß bindende Beschlüsse gefaßt wurden. Die„Magde- burger Volksstimme" brachte einen längeren Bericht, worin es heißt: „Während der letzten Tage der Session, als der Beschluß auf Ab- Haltung der Konferenz bereits feststand, ist denn auch peinliches Stillschweigen über das Vorhaben gegenüber den anderen Fraktions- Mitgliedern bewahrt worden." Kein Kunststück, wir haben es ja selbst noch nicht vorher gewußt.(Ledebour: Am letzten Tage.) Ja, am letzten Tage. In dem Bericht der„Magdeburger Volksstimme" war noch weiter gesagt, wir hätten uns scharf gegen die Einsetzung eines Parteiausschusses gewendet. Und dann heißt es:„Sollte ferner kurz vor dem Parteitag in bestimmten Parteiblättern auf einen Personenwechsel im Parteivorstand hingewirkt werden, so darf auch das als Ausstrahlung der Eisenacher Konferenz betrachtet werden". Demgegenüber stelle ich fest, daß über keine einzige Person gesprochen worden, auch nicht darüber, wer in den Parteiausschuß hineinkommen soll. Sie sehen also, daß es aus den Fingern gesogen, direkt erlogen ist.(Sehr wahr.) Hier haben Sie eine Vergiftung. (Bravo und Unruhe.) Ich stelle fest, wir haben die Sonderkonferenzen in der jetzigen From erst gemacht, nachdem wir durch das Vorgehen der Revisionisten dazu gezwungen waren.(Zustimmung und Wider- fpruch. David: Das ist nicht wahr!) Ich mutz es als eine unerhörte Ungehörigkeit zurückweisen, wenn iSe mir zurufen: Das ist nicht wahr!(David: Ich halte daS aufrecht!) Wir werden den Nach- weis in jedem einzelnen Falle führen, daß wir nur durch das Vor- gehen der Revisionisten zu unseren Zusammenkünften gezwungen wurden.(Dr. Frank: Sind Sie bereit, darauf zu verzichten?) Gewiß, wir werden uns jedem Beschluß fügen, aber wir würden es für einen Betrug halten, Beschlüssen zuzustimmen, die nicht ge- halten werden können. Die Konferenzen sind heute das wichtigste Mittel, die Geschlossenheit der Partei und die Arbeit des Partei- tages zu führen. Ich rufe alle Genossen auf, die die Verhandlungen der letzten Kommission mitgemacht haben. Es schien unmöglich zu sein, zu einer Verständigung zu gelangen, da beantragt Frank, die Sitzung zu vertagen, damit Sonderkonferenzen abgehalten werden könnten.(Heiterkeit, Zustimmung und Widerspruch. Bebel: Nicht zu Sonderkonferenzen!) Gewiß, Genosse Bebel, das ist nicht gesagt worden, aber verlangt wurde, daß man sich privatim unter- halten kann.(Zuruf: Unglaublich!) Auf der einen Seite stand Frank mit seinen Freunden, auf der anderen Seit« wir und in der Mitte der Parteivorstand und in einigen Minuten hatten wir uns verständigt.(Zuruf: Das nennen Sie Sonderkonferenzen?) Gerade die Sonderkonferenzen, die sich an die große Masse der Wähler wenden, die zu uns gehören, bieten Gelegenheit zu jenem segens- reichen Zusammenwirken. Hoffentlich werden die Beschlüsse des Parteitages das zeitigen, was wir wollen, die Einigkeit und die Geschlossenheit der Partei immer mehr zu stärken.(Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Roske schlägt dem Parteitage bor, sich nunmehr auf Freitag früh zu vertagen. Gottschalk-KönigSberg beantragt, nachmittags noch wenigstens eine Stunde zu tagen. Der Ver- tagungsantrag wird abgelehnt und beschloffen, noch eine Stunde zu verhandeln. Herz-Altowa: Die Angelegenheit der Sonderkonferenzen hat ja mit einem Schlage eine ganz ungeheure leidenschaftliche Erregung in die Versammlung hineingetragen. Ich glaube, daß man diese Frage sehr viel ruhiger behandeln kann und daß eS nicht nötig ist, daraus gleich einen Richtungsstreit zu machen, schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil Vertreter beider Richtungen, nämlich Ströbel in der„Neuen Zeit" und Heine in den„Monatsheften" sich gegen alle Anträge auf Einschränkung der Sonderkonferenzen erklärt haben.(Sehr richtig!) Wenn Sie irgendeinen positiven.-Beschluß in dieser Richtung fassen, so können Sie auch gleich einen Gerichts- Hof einsetzen zur Entscheidung dessen, was eine Sonderkonferenz ist.(Heiterkeit und Sehr gut!) Lobe hat bei der Besprechung des BranntweinbohkottS sehr gut gesagt, daß man durch mechanische Mittel solche Zustände nicht beseitigen kann. Es ist schon heute bald so weit, daß man sich förmlich fürchtet, mit einzelnen Partei» genossen in Besprechungen einzutreten.(Sehr richtig!) Ich glaub« daher, daß die überwältigende Mehrheit des Parteitages im eigensten Interesse den Anträgen auf Einschränkung der Sonder- konfercnzen widersprechen muß. Nun zum Fall LandSberg. Nachdem die Extratour von Landsberg in der Presse erörtert und namentlich auch von der bürgerlichen Presse kommentiert ist, kann der Parteitag an ihrer Erledigung nicht ganz vorübergehen. Aber man hat doch nicht nötig, gleich mit Feuer und Flammen zu arbeiten. Die Berliner Protestresolution entspricht nicht der politischen Bedeutung des Falles. Ich halte es für viel besser, wenn man den Trommelschlag etwas dämpft und die Sache ins Prinzipielle erhebt. Es wäre richtig, wenn der Parteitag lediglich der Entscheidung der Magdeburger Parteiorganisation beitreten würde. Die Erklärung läßt erkennen, daß Landsberg zweifellos einen Disziplinbruch begangen hat, sogar angesichts des Feindes, in Gegenwart der bürgerlichen Reichstagsabgeordneten. Es ist selbstverständlich, daß unsere Parteigenossen an allen höfischen Kundgebungen absolute Abstinenz zu üben haben. Das entspricht den bisherigen Anschauungen der überwiegenden Majorität der Parteigenossen derart, daß eS nicht begreiflich ist, wie trotzdem mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß uns ein politischer Macht- zuwachs entgangen ist, die Präsidentenaffäre behandelt wird. Ich erinnere an eine Veröffentlichung des liberalen Abg. Waldstein aus Altona, der zutreffend hervorgehoben hat, daß gerade vom monarchistischen Standpunkt aus die Teilnahme eines Sozial- demokraten einfach unerträglich sei, dewn sie bedeutet die An- erkennung, Verehrung und Verherrlichung des monarchischen Prin- zips. Man muß solchen Kundgebungen fernbleiben und darf auch kein Verhalten zeigen, daS als Zuneigung für derartige höfische Demonstrationen gedeutet werden kann. Baron-Brandenburg: Die Frage der Sonderkonferenzen hat nicht nur hier im Saale. sondern auch draußen im Lande das Interesse außerordentlich in Anspruch genommen und eine große Erregung um nicht zu sagen Wut, hervorgerufen. Wenn man der Sache den Stachel ausbrechen will, dann muß eine motivierte Erklärung abgegeben werden, ent- weder von Hoch oder von der Fraktion oder vom Parteitag. Auch die Frage des Kaiserhochs muß vom Parteitag festgelegt werden, natürlich im entgegengesetzten Sinne von Landsberg. Mein An- trag Nr. 205*) zeigt zwar ein etwas theoretisches Gesicht, aber er hat eine eminent praktische Bedeutung. Wir haben in der Partei recht sonderbare Einzelanschauungen über diese Fragen, die unge- heuer gefährlich werden könnten. Wir haben ganz besondere Ver- anlassung uns deutlich dahin auszusprechen, daß wir Gegner der Todes st rafe sind. Wir müssen unsere Verachtung gegen den Henker zum Ausdruck bringen. Das staatlich konzesssonierte Mörderhandwerk muß der Verachtung der Massen anheimfallen. (Sehr richtig!) Nun zu der anderen Frage. Die Oeffentlichkeit *) 205.„ReichStagSfraktion und Parteivorstand werden beanf. tragt, angesichts der bevorstehenden StrafrechtSreform eine populär- wissensöbaftlich gehaltene Broschüre über die moderne Strafrechts- theorie im Gegensatz zur sogenannten klassischen Theorie zu ver- öffentlichen und in ihr unseren Standpunkt zu präzisieren. In dieser Abhandlung ist gleichzeitig unser prinzipieller Kampf gegen die Todesstrafe zu propagieren. � Der Parteivorstand wird gleichzeitig beauftragt, gemeinsam mit der Reichstaasfraktion mindestens halbjährlich eine Zusammen- relluug der krassesten gerichtlichen und militärgerichtlichen Urteile zur Brandmarkung der Klassenjustiz zu veröffentlichen und ein« Flugschrift herauszugeben." lechzt danach, schwärz auf weiß regelmäßig zu lesen, wie die Klassen� justiz wütet. Nichts wird uns mehr Anhänger und Verächter der Klassenjustiz bringen, als eine systematische Registrierung oller Fälle. Wir dürfen nicht bloß Krieg dem Kriege ansageru sondern auch Tod der Todesstrafe und Tod der ganzen Klassenjustiz. Dr. Frank-Mannheim: Ich bedaure, das Hoch in unsere Verhandlung trotz seiner Ver- sicherung, daß er und seine Freunde dem Frieden in der Partei dienen wollen, einen so scharfen Ton hineingetragen hat.(Sehr richtig!) Er stellt es so hin, als wenn ich oder einer meiner Freunde aus Süddeutschland diese Anträge gegen die Sonderkonfe- renzen gestellt habe. Aber von den vorliegenden Anträgen ist nicht ein einzwcr aus Süddeutschland.(Sehr richtig!) Wir haben ge- hört, daß die Genossen von Niederbarnim einen solchen Antrag gestellt haben. Bisher habe ich zu meinem Bedauern noch nicht die Genossen von Niederbarnim in parteitaktischen Fragen auf meiner Seite gehabt.(Heiterkeit.) Ich muß es als einen bedauerlichen rednerischen Kniff bezeichnen, als ob die Süddeutschen in erster Linie es versuchen, gegen diese Konferenzen vorzugehen. Hoch hat gegen diese Anträge zweierlei Gründe vorgebracht. Erstens: Die Revisionisten hätten angefangen. Zweitens: Die Konferenzen wären unentbehrlich Das sind zwei Argumente, die sich schlecht miteinander vertragen. Die zweite Behauptung, die Konferenzen seien unentbehrlich, ist wichtiger. Meines Erachtens ist es in po- litischen Dingen recht gleichgiltig, zu untersuchen, wer angefangen hat, wenn eine Tatsache da ist. Die Konferenzen sind eine Tatsache. die wir hinnehmen müssen. Ich kann aber nicht anerkennen, daß sie unentbehrlich sind. Sie dienen nicht dem Ausgleich der Gegen- sähe, nicht der Versöhnung.(Sehr richtig!) Hoch ist dafür ein Beispiel. Man kann ohne sie auskommen. Dafür haben wir Süddeutschen ein Beispiel gebracht. Im„Vorwärts" steht, daß wir auch hier zu Sonderkonferenzen zusammengetreten sind. Wir find auf dem ganzen Parteitag nicht eine Minute zusammengc- treten, fondern haben uns darauf beschränkt, das auf uns wirken zu lassen, was hier gesagt wurde.(Ledebour, auf David. Südekum und andere zeigend:„Dort sitzt ja Ihr ganzer Aktions- ausschutzl") Das ist einfach eine Erfindung. Sie müssen nicht glauben, daß andere dieselbe Geheimorganisation haben, wie Sie, Genosse Ledebour.(Hört, hört!— Ledebour: Faule Ausrede!)j Die Konferenzen existieren. Wer damit angefangen hat, das auf. zuklären, ist ein wertloses Beginnen. Zahllose Genossen im Reiche meinen, wir können ohne die Konferenzen auskommen, wenn wir alle uns nur als Sozialdemokraten fühlen!(Beifall.) Ich kann im Name meiner süddeutschen Freunde erklären, daß wir im Sinne dieser Ueberzeugung auf diesem Parteitage auch schon gehandelt haben. Das ist eine derartige Entstellung der Wahrheit, daß ich allen Anlaß hätte, Hoch die scharfen Worte zurückzugeben, die er gegen einzelne meiner Freunde gebraucht hat. Wie war denn die Sache? Nachdem der Vorstand einen neuen Vorschlag gemacht hatte, den wir bis dahin nicht kannten, bat ich, die Sitzung zu unterbrechen, damit man sich im Rahmen der Kommission prinzipiell unterhalte und verständige, nicht nur mit meinen süddeutschen Freunden, sondern auch mit dem Parteivorstand(P f a n n k u ch: Sehr rich- tig!) und mit Hoch von Mann zu Mann. Es war keine Geheim- konferenz, sondern ein zweckmäßiges Verhandeln innerhalb und im Rahmen der Kommission. Eine private Verständigung von einem zum anderen zu verhindern, das will kein Mensch. Hier handelt es sich aber um etwas anderes. Das sind Konferenzen, die eben im Begriff sind, sich in Sonderorganisationen auszubauen.(Sehr richtig! und Hört! hörtl) Das bringt auf die Dauer die Partei in Gefahr.(Sehr richtig!) Wollen Sie heute nicht dazu kommen, diese Konferenzen zu verhindern, dann werden Sie ein andere? Mal dazu kommen, vielleicht, wenn es zu spät ist. Wollen Sie kein Verbot aussprechen, dann würde ich wenigstens empfthlen, daß der Parteitag den dringenden Wunsch ausspricht, daß diese Sonder- Konferenzen abgeschafft werden. Dann wollen wir nach einem Jahre uns wieder unterhalten und sehen, ob eS nicht besser der Partei gedient hätte, wenn die Konferenzen nicht zu einer Partei» institution erklärt werden, wie Hoch das will. Lirenz- Niederbarnim begründet seinen Antrag: Seitdem die Sonderkonferenzen eine Rolle in der Partei spielen, haben auch die Genossen, die nicht Parlamentarier sind, versucht, sich dieses Mittels zu bedienen, nicht im Interesse der Partei, sondern zur Betreibung persönlicher Interessen. Alle diese Fragen, die auf Sonderkonferenzen be. handelt werden, gehören in die Organisation. Wir bedauern, daß die Parlamentarier nicht einig vorgehen. Das sind keine Kaffee- kränzchen. Die Konferenzen in Eisenach und die Magdeburger Konferenz, sie verfolgen ganz bestimmte Zwecke, wenn sie auch keine Beschlüsse fassen. Nun sagt man, man habe sich deswegen auf Sonderkonferenzen eingelassen, weil die anderen eS auch so gemacht haben. Wenn man den Frieden will, dann soll inan nicht nachmachen, was andere tun, wenn es nicht richtig ist. Verständige Genossen sollen den anderen mit gutem Beispiel vorangehen. Nehmen Sie unseren Antrag an. Roske verliest folgenden eben eingegangenen Antrag Sindermann:„Der Parteitag spricht den dringenden Wunsch aus, daß die Genossen in Zukunft Sonderzusammenkünfte be- stehender Richtungen vermeiden. Der Parteitag geht über sämtliche Anträge, betreffend die Sonderzusammenkünfte, zur Tagesordnung über." Bebel: Parteigenossen! Ich habe mich zu einem ganz bestimmten Thema, dem Antrag 104, zum Wort gemeldet. Bevor ich aber auf diesen Punkt eingehe, bin ich doch gezwungen, gegenüber dem Ge- nossen Meerfeld einige kurze Bemerkungen zu machen. Meer- feld hat getadelt, daß wir uns an der Präsidentenwahl beteiligt haben. Nun kann man ja über diese Frage verschiedener Meinung sein, und ich selbst habe lange auf dem Standpunkt gestanden, daß wir uns unter keinen Umständen daran beteiligen sollen. Dann aber ist von der Fraktion, als sie starl wurde und eine Stärke er» langte, daß sie glaubte, nach der bisherigen Praxis im Reichstag auf einen Präsidentensitz Anspruch haben zu können, eine andere Taktik eingeschlagen worden, uitd man hat sich dafür ausgesprochen, einen Kandidaten aufzustellen. Die Gegner haben ja unser Recht nicht bestreiten können. Sie haben sich aber nicht entschließen können, uns zuzustimmen, und so sind wir mit unseren Stimmen für unseren Kandidaten immer unterlegen. Diesmal stand die Sache für die Gegner anders. Wir waren die stärkste Partei im Reichstag, und nach dem bisher, wenn auch nicht regelmäßig ge- übten Usus hätten wir Anspruch auf den ersten Präsidenten. Nun haben wir selber anerkannt, daß bei unserer Stellung gegenüber dem Reich und dem Reichstag wir auf diese Stelle keinen Anspruch erheben wollen. Aber ich muß das aussprechen, daß wir unter allen Umständen unseren Kandidaten auft'tcllen und dafür eintreten wollten. Dagegen war man bürgerlicherseits bereit, einen Vize- Präsidentenposten uns abzutreten. Das ist dann Scheidemann ge- worden. Dieses Verhalten entspricht nur der Taktik, die wir bisher gehabt haben. Meerfeld halle vor Jahren auftreten und uns warnen müssen, wenn ihm dieser Standpunkt nicht behagte. Nun glaubt er, wir hätten eine Art moralische Niederlage erlitten, als Scheidemann nachher nicht wiedergewählt wurde. Genossen! Dar» über waren wir in der Fraktion gar nicht im Zweifel, daß das nur eine vorübergehende Erscheinung auf dem Präsidentenstuhle wäre. (Hellerkeit.) Wir sagten uns sofort, man macht uns in diesem Augenblick Konzessionen. Die Gegner waren auf unsere Stimmen für die Präsidentenwahl angewiesen, und so haben sie unserem Kan» didaten die Stimme gegeben, um ihn nachher in der bekannten Taktik vom Präsidentenstuhl herunterzusetzen. Wir haben uns dabei gar nichts vergeben, nach keiner Richtung hin, und ich verstehe nicht, wie Meerfeld mit diesem lebhaften Eifer sich gegen unser Verhalten empören konnte. Er sagte weiter, man hätte von den 110 Abgeordneten Taten verlangt. Die hat man auch 1303 verlangt, als wir mit 80 Mann in den Reichstag rückten. Ich habe damals in Dresden nachdrücklich davor gewarnl. sich Illusionen hinzugeben, baß man bort einer Parier, sei sie noch so stark. Taten berlangt, wenn sie in der Minorität ist. Wir können also auch jetzt aus einer Minoritätspartei die 28 Proz. der Mitglieder des Reichstages ausmacht, keine Majorität machen. Wir haben � getan, was wir konnten.(Zustimmung.) Wir haben eine Reihe von Anträgen und Interpellationen gestellt. Wir hoben uns an allen Debatten lebhaft beteiligt. Mehr zu tun waren wir außerstande. Bis heute haben wir nicht einmal einen einzigen Initiativantrag zur Ver- Handlung bringen können, da überhaupt noch keine Sitzung des Reichstages sich mit der Erörterung von Initiativanträgen be- schäftigt hat. weil seine übrigen Aufgaben die Zeit und Kraft des Reichstages völlig in Anspruch nehmen. Wie wir gegen den Willen der Mehrheit Taten hervorbringen könnten, das mag uns Meerfeld auseinandersetzen., Der Antrag 104 verlangt, daß Doppelkandidaturen vermieden werden. Im Prinzip stimmen wir alle dieser Auf- fafsung zu. Ich glaube, gegen früher ist das eine ganz bedeutende Besserung, die in diesem Verhältnis eingetreten ist. Aber einen Beschluß zu fassen, daß überhaupt Doppelkandidaturen für den Reichstag und Landtag nicht aufgestellt werden dürfen, davor müssen wir Sie auf das allernachdrücklichste warnen.(Sehr gut!) Die Sachsen haben allerdings einen solchen Beschluß gefaßt und durchgeführt, aber ich bedauere das. Ter Tag wird kommen, wo wir erkennen, daß das ein großer Fehler war.(Sehr richtig!) Reichsgesetzgebung und Landesgesetzgebung greifen fortgesetzt in- einanoer. Die Landesgesetzgebung wirkt auf das Reich und um- gekehrt. Da ist es für eine Fraktion wie die unsrige, eine absolute Notwendigkeit, daß wir in unserer Mitte Männer haben, die mit den einzelnen Landesangelegenheiten vertraut sind, die uns genau unterrichten können, und uns entsprechende Vorschläge geben können usw. Wir würden es als einen Schlag für unsere Sache ansehen müssen, wenn aus Bayern, Württemberg, Baden auf ein- mal alle die Männer verschwinden sollten, die zugleich Landtags- abgeordnete sind. Das geht nicht. Sie können die Zahl der Doppelmandate beschränken; das ist auch bereits geschehen, denn groß ist die Zahl nicht. Aber wie die Dinge jetzt liegen und wie das Verhältnis sich im Reiche gestaltet hat, sind sie eine Notwen- digkeit. Deswegen rate ich Ihnen dringend, im Interesse der Ge- samtpartei den Antrag abzulehnen, wenn die Antragsteller nicht vorziehen sollten, ihn zurückzuziehen.(Beifall.) Noch ein paar Worte über die Sonderkonferenzen, das viel erörterte Thema. Diese Konferenzen sind schon zirka 48 Jahre lang in der Partei, wenn auch nucht regelmäßig, geübt worden. Wir haben in den achtziger Jahren in der Fraktton, als sie 24 Mitglieder zählte, zwei sehr stark unterschiedene Gruppen feststellen können, namentlich bei der Frage der Dampfer- subdention. Es waren damals 18: 6, und zwar waren die sechs die Linke, wozu ich selbstverständlich gehörte.(Heiterkeit.) Wir würden aber nur fünf gewesen sein, wenn der sechste, der auch noch mit uns stimmte, seiner inneren Herzensmeinung hätte folgen dürfen. Aber er hatte eine sehr vernünftige Frau. Die Fratk hatte ihm geraten, als er nach Berlin ging: Höre, August, ivenn Du jetzt in den Reichstag kommst, mußt Du regelmäßig mit Bebel stimmen(große Heiterkeit); Bebel ist ein sehr vernünftiger Mensch (erneute Heiterkeit), was ich zugeben will. sLebhafte Heiterkeit.) Wenn Du so handelst, handelst Du recht.(Allgemeine Heiterkeit.) Er stimmte also daher mit uns. Wir in der kleinen Gruppe brauchten natürlich keine Sonderkonferenzen abzuhalten, aber die übrigen 18 hielten ihre Konferenzen ab, um uns in der Fraktion glücklich niederzukriegen; daher haben wir uns verständigt. Wir sind einstimmig gegen die Dantpfersubvention aufgetreten. Von da ab war in der Fraktion des Reichöiags von Sonderkonferenzen irgendwelcher Art nicht mehr die Rede. Sie sind erst wieder eingezogen zu Anfang dieses Jahrhunderts. Ich will niemand einen Vorwurf machen, aber im Interesse der Wahrheit muß ich konstatieren, wie die Sache gegangen ist. Frank hat darauf hinge- wiesen, daß die süddeutschen Parlamentarier landsmannschaftliche Konferenzen abgehalten haben; aber sie haben dabei auch ihre Taktik festgelegt und sich verstänoigt, in der Budgetfrage gemeinsam zu stimmen. Diese Art der Verständigung ist später auf den Reichstag übertragen worden und ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenigstens war im Reichstage der Glaube vorhanden, daß die rechte Seite der Fraktion regelmäßige Zusammenkünfte habe und dabei ihre Taktik für Fraktion und Reichstag bestimme.(Hört! hört) Und da erst ist auf der anderen Seite das Verlangen entstanden, sich in Sonderkonferenzen zu bereinigen. DaS haben wir ja nicht allein in der Fraktion gehabt, sondern es ist auch mittlerweile auf den Parteitag übertragen worden.(Hört! hört!) Deshalb möchte ich Ihnen dringend empfehlen, daß Sie den Antrag Sindermann annehmen, denn die anderen Anträge dürfen Sie ja gar nicht an- nehmen. Wer von Ihnen kann denn mit gutem Gewissen für den Antrag Mühlheim stimmen, wonach die sogenannten Sonder- konferenzen auf das schärfste verurteilt werden, wer kann für die Anträge Necklinghausen, Lübeck, Köln stimmen, wo überall die schärfste Perurteilung ausgesprochen wird, wo doch ein großer Teil von Ihnen selber zu den Sündern gehört?(Sehr richtig! und Heiterkeit.) Ich habe mich ja nicht daran beteiligt; der Vorstand selbst hat auch diese Zurückhaltung geübt. Wir werden uns ja alle sehr freuen, wenn es künftig ohne diese Sonderkonferenzen geht. Ich bitte Sie, lehnen Sie diese Anträge alle ab. Noch eine Tatsache aus den: letzten Reichstag. Als der Reichs- tag zusammentrat, haben beide Teile der Fraktion unter den eigenen Mitgliedern geworben, um ihren Anhang nach Möglichkeit zu stärken.(Hört! hört! und Heiterkeit.) Das war ein sehr unerquick- liches Verhältnis. Da kam eine ganze Menge der neuen Fraktions- genossen zu mir und beschwerte sich bitter, indem sie erklärten: da werde ich gekeilt und dort werde ich gekeilt. sJch will aber zu keiner Seite gehören: aber wenn ich zu keiner Seite trete, habe ich keine Aussicht, als Rdner heranzukommen oder in die Kommissionen ge- wählt zu werden.(Hört! hört!) Da haben wir im Fraktionsvor- stände den Beschluß gefaßt, der Fraktion vorzuschlagen, es sollten diese Art von Sonderkonferenzen, soweit sie sich auf die Parlaments- Vorschläge beziehen, aufhören. Es sollen bei den Rednern und Lei den Wahlen in die Kommissionen die neuen Vorschläge dem Frak- tionSvorstande zugehen. Die Parteigenossen sollen sich bei ihm melden, und der Vorstand soll dann unparteiisch entscheiden, die Kandidaten notieren und dann vorschlagen. Das ist ausgezeichnet gegangen und wird auch weiter so gehen. Wir alle, und ich speziell, werden unS sehr fteuen, wenn tne Sonderkonferenzen aushören. Ich bitte Sie daher, den Antrag Sindermann annehmen zu wollen.(Lebhafter Beifall.) Noske teilt mit. daß ein Schlußantrag eingegangen ist.— Ledebour spricht dagegen. Der Schlußantrag wird mit großer Majorität angenommen. Hoch: Frank hat ausgeführt, ich hätte die Borgänge in der Kom Mission unrichtig dargestellt, indem ich behauptet hätte, er habe die Unterbrechung verlangt, damit an der Besprechung auch Genossen teilnehmen könnten, die nicht in der Kommission waren. Nein, ich habe nicht im geringsten eine solche Andeutung gemacht. Mir lag en» solcher Vorwurf durchaus fern. Ich habe lediglich den Aus druck.Sonderkonferenzen" gebraucht und auf einen lächelnden Zu ruf sofort erklärt, wie ich das meine. Wurm(zur Geschäftsordnung): Nachdem Frank die Zusicherung gegeben hat, daß seine Freunde�und er nicht die bisherigen Ge- pfwgenheiten fortsetzen werden. Sonderkonserenzen abzuhalten, und nachdem auch durch unseren Redner zum Ausdruck gebracht war, daß wir nur in der Notwehr zu unserem Beschluß gekommen sind. ziehen wir unseren Antrag zugunsten des Antrages Sindermann zurück.(Bravo!) Ledebour beantragt, die Sitzung jetzt zu vertagen. Leinert-Hannover: Ich bitte, daß wir noch heute das Schluß wort entgegennehmen. Ich hörte heute von einem Genoffen den Zwischenruf:.Ihr wollt wohl erst eine Sonderkonferenz abhalten?" «Heiterkeit.) Es wird vernünftig sein, wenn wir heute noch das Schlußwort hören. Denn da die Richtung Ledebour jetzt täglich Sonderkonferenzen abhält, muß verhindert werden, daß in das Schlußwort Dinge hineingelegt werden, die ausschlaggebend sind für die Richtung Ledebours. Ledebour: Ich weise die Insinuationen von Leinert zurück. Es handelt sich einfach darum, daß wir vertagen, damit wir einen Ausslug' ins Freie ohne Rucksack und Sonderkonferenzen machen können. /Heiterkeit.) Die Vertagung wird beschlossen. Vors. Hanse: ES ist Ihnen allen bekannt, daß im Mai dieses JahreS in Budapest die Arbeiter auf die Straße gegangen sind, um für das allgememe, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht zu demonstrieren. Diese Demonstrationen werden jetzt fortgesetzt.(Bravo!) In den Straßen von Budapest ist Blut geflossen.(Hört! hört!) Die Regierung glaubt, den Schrei des Volkes nach einem freien Wahlrecht durch Waffen unterdrücken zu können.(Pfui-Rufe.) In Budapest herrscht gegenwärttg der Terror des Polizeisäbels. Die ungarischen Arbeiter wer- den aber, ebenso wie eS früher die österreichischen Arbeiter getan haben, nicht eher ruhen, als bis das Privilegienparlament beseitigt und das Wahlrecht erkämpft ist, das sie erstreben. Die Wahlrechts- kämpfer in Ungarn können versichert sein, daß die deutsche Sozial- demotratie ihren Kampf mit der vollsten, innigsten Sympathie be- gleitet.(Bravo) Aus Ihrer Zustimmug entnehme ich. daß der Parteitag sich diesem Wunsche anschließt und den ungarischen Kämpfern die besten Grüße übermittelt.(Äbhafte Zustimmung.) Schluß 2% Uhr. Die Nachmittagssitzung fällt aus. 8o2ia!es. Umgangsformen des Betriebsleiter?. fn der Pianofortefabrik von Bechstein ist eS seit dem Streik lligelzusammensetzer nicht recht zur Ruhe gekommen. Fort- gesetzt hatten sich die Arbeiter über Nachteile zu beklagen, die ihnen durch Anordnungen des Betriebsleiters Hamann verursacht wurden. AuS einem derartigen Anlaß schickten die Kastenmacher am 13. Juni drei ihrer Kollegen zu Herrn Hamann, um wegen einer Beschwerde vorstellig zu werden. Herr Hamann erklärte den drei Kommissions- Mitgliedern, daß sie entlassen seien und den Betrieb sofort zu ver- lassen hätten. Als die KommisstonSmitglieder sich aus dem Kontor entfernt hallen, rief Herr Hamann ihnen nach:„Solche Lümmels kommen in die Fabrik." Zwei Mitglieder der Kommission forderten den Betriebsleiter Hamann wegen Beleidigung vor Gericht, wo er sich an: Dienstag zu verantworten hatte. Daß Herr Hamann die betreffende Aeußerung gebraucht hatte, gab er zu. Er will aber durch eine Drohung des einen Kommissionsmitgliedes gereizt worden Sein. Die Kläger bestritten dies ganz entschieden, ebenso auch die lngaben, welche der Angeklagte sonst noch zu seiner Entschuldigung anführte. Feststellungen konnten in dieser Hinsicht nicht gemacht werden, denn nachdem der Angeklagte die beleidigende Aeußerung selbst zugegeben hatte, sah das Gericht von einer Beweiserhebung ab und verurteilte den Angeklagten Hamann zu einer Geldstrafe von 18 M. Hätte ein Arbeiter den Betriebsleiter einen Lümmel genannt, dann wäre er sicher nicht mit einem so milden Urteil davon- gekommen, auch wenn der Arbeiter von dem Betriebsleiter aufs äußerste gereizt worden wäre. In solchen Fällen pflegt die Justiz die ganze Strenge des Gesetzes walten zu lassen. So ist fast in allen europäischen Staaten in den letzten Jähren die Säuglingssterblichkeit entschieden geringer geworden. Von 188 Lebendgeborenen starben im Juli 1888 im Deutschen Reich durchschnittlich 18,5 Säuglinge, d. h. Kinder, die unter einem Jahr alt waren. Im Jahre 1918 war die deutsche Säuglingssterblichkeit bereits auf 16,2 Proz. gesunken. Etwas günstiger stehen die Ziffern für Preußen. Im Verlauf der Jahre 1886 bis 1318 ergab sich ein Rückgang von 17,7 auf 15,7 Proz. Die häusig gehörte Bc- hauptung, die Großstädte beförderten die Säuglingssterblichkeit in besonderem Maße, verliert für die großen deutschen Städte übrigens an Geltung. Im Jahre 1918 hatten nur zwei deutsche Großstädte hinsichtlich der Säuglingssterblichkeit ungünstigere Ziffern als das gesamte Reich aufzuweisen. Es waren das München, wo auf je 188 Lebendgeborene 16,6 Säuglinge starben, und Breslau, das mit einer Säuglingssterblichkeit von 18,8 Proz. die unbefriedigt- sten Verhältnisse unter den deutschen Großstädten bekundet. Hin- gegen ging die entsprechende Indexziffer für Berlin zwischen 1986 und 1918 von 17,7 auf 15,7 zurück. In Hamburg berechnete sich der Prozentsatz der Säuglingssterblichkeit 1918 auf 14,9 Proz., in Leipzig auf 15 Proz. Stuttgart verzeichnete einen ver- hältnismäßig niedrigen Prozentsatz von 14,4 Proz. Bei weitem die besten Erfolge in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit weist Dresden auf, wo im Jahre 1986 von 188 Lebendgcborenen noch 16,7 Kinder unter eineoi Jahr starben, wahrend der Prozent- satz 1918 nur noch ans 12,9 stand. Eine relativ geringe Abnahme der Säuglingssterblichkeit ist in O e st e r r« i ch festzustellen. Von 1983 bis 1389 Jank hier der Index von 21,5 auf 28,9. Doch schreitet die Besserung in den Städten schneller vorwärts; in 78 größeren Gemeinden Oesterreichs ergab sich zwischen 1386 und 1918 ein Rückgang der Indexziffer von 18,2 auf 16,2. In Wien starben 1918 von je 188 Lebendgeborenen 16,7, ehe sie das erste Lebensjahr vollendet hatten. Die höchste Säuglingssterblichkeit unter allen europäischen Ländern wird für Rußland beobachtet. Nach den letzten vorliegenden Ziffern starben im Russischen Reich 1981 auf je 188 Lebendgeborene 27,2 Säuglinge. Geradezu er- schreckend hoch ist die Säuglingssterblichkeit in MoSkaw, wo 1918 nicht weniger als 33,1 von je 188 Lebendgeborenen vor Voll- endung des ersten Lebensjahres starben. Sehr bezeichnend für den Unterschied in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht ist die Tatsache, daß im nun von Rußland völlig einverleibten F i n n- land die Prozentziffer der Säuglingssterblichkeit auf nur 11,1 Prozent stand. Ueberhaupt find es ganz allgemein die skandi- n a v i s ch e n Länder, die in hygienischer Beziehung überaus weit vorgeschritten find. Dänemari mit einer Indexziffer der Säug- lingssterblichkeit von 9.8 Proz., Schweden mit einer solchen von 7,2 Proz. und Norwegen mit nur 7,1 Proz. aller Lebend- geborenen können mit Recht über das Ergebnis ihrer Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit befriedigt sein, Mus der Frauenbewegung. Großstadt und Säuglingssterblichkeit. Fast alljährlich berichtet die Statistik von neuen Erfolgen in dem Kampfe gegen die Gefahren, die der Volksgesundheit drohen. Gencbts- Zeitung. Unsittliche Grammophonplatten. Ein umfangreicher Prozeß wegen Verbreitung unzüchtiger„Schriften und Darbietungen" in Form angeblich unsittlicher Grammophonplatten begann heute unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Lilia vor der 12. Straf- kammer des Landgerichts I. Angeklagt waren der Kaufmann Paul Sommerfeldt. der Geschäftsführer der Firma Pathe fräres-Paris, der Direktor der Firma Dasago-Rekord-Werke G. m. b. H. Her. mann Eisenberg, der Geschäftsführer der GrammophonMrik Weiß u. Co. Ludwig Berliner und mehrere andere Grammophon- Plattenfabrikanten und Händler.— Als Verteidiger der Angeklagten fungierten die Rechtsanwälte Wilh. Kor», Schindler, Horrwiv und Tanziger; die Anklage wird von dem Dezernenten für unzüchtig? Schriften und Tarstellungcik aller Art bei der Staatsanwaltschaft l, >!?taatSanwaltschaftsrat Heintzmann. vertreten. DaS Gericht be. schloß für die ganze Dauer der Verhandlung wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Oeffentlichkeit auszuschließen. Auf Antrag des Rechtsanwalts Wilh. Korn beschloß jedoch das Gericht, mehrere Vertreter der Sprechmaschinenindustrie und die Vertreter der Presse zu der Verhandlung zuzulassen.— Vor einiger Zeit wurde auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft I zu derselben Stunde in zahlreichen Berliner und auswärtigen Grammophonhandlungen und Schallplattenfabriken eine Haussuchung vorgenommen, welche zu der Beschlagnahme folgender Platten führte:„Die Entstehung des RadetzkY-MarscheS",„Der Mühlenrheinländer",„Eine feine Familie",„Knoll, der stramme Grenadier",„MudickeS Mahnrede vor der Hochzeit an seine Tochter",„Hauswirt Klauke" und„Wenn der Bräutigam mit der Braut durch die Felder zieht". Diese Platten sollen nach Ansicht der Anklage unzüchtigen Inhalts sein. — Die Angeklagten bestreiten, soweit sie zugeben, überhaupt von dem Text der Platten Kenntnis gehabt zu haben, daß diese irgend- wie unzüchtig wirken könnten. Es handele sich in allen Fällen um derbkomische Couplets, die in zahlreichen Kabaretts und Varietes öffentlich zum Vortrag gebracht worden feien, ohne daß der Zensor dagegen emgefchritten sei. Von Rechtsanwalt Korn wurde u. a. daraus hingewiesen, daß das von der Staatsanwaltschaft jetzt als un- züchtig bezeichnete Couplet„Knoll. der stramme Grenadier" vor gar nicht langer Zeit von dem früheren Oberpostsekretär, jetzigen Kadarettfänger Appelbaum anläßlich einer Festlichkeit im Land- Wehrkasino in Gegenwart des Kaisers zum Gehör gebracht und von diesem lebhaft applaudiert worden sei.— In der gestrigen Verhandlung sind auf Veranlassung der StaatSantoaltschaft zwei Sprechmaschinen im Sitzungssaale aufgestellt worden, auf welchen die angeblich unzüchtigen Platten zu Gehör gebracht werden sollen. Unter den geladenen Zeugen befinden sich mehrere bekannte Künstler, u. a. der alte Martin Bendix, Clairc Waldorf, ferner der Kriminalkommissar von Behr und mehrere Kriminalbeamte. Für die Verhandlung sind zwei Sitzungsdage in Aussicht genommen. Wir werden über den weiteren L-rlauf berichten. EJüli�e Bücher die Leser des„Vorwärts" Ausschneiden! Jubiläums- Ausgabe 1912 100. bis 110. Tausend Carl Tanera KRIEG uNo FRIEDEN Ernstes und Heiteres von C. Tanera, Hauptmann a. D. Illustriert von E. Zimmer 853 Selten Text, Lexikontormat, mit Ober 500 UlustraöoneD. 55 Vollbfldem und Doppeltafeln nebet einem pracptvollen Farbendruck und hucbeleitantem Leineneinband gebunden, mit mehrfarbiger Deckelprägung. Oer ehemalige Hauptmann Tanera Ist ein•• bekannter and beliebter Militär. «hrtftstetler, da? m seiner Empfehlung nicht» gesagt zu Verden braucht Seine SAilde- mögen aus dem Krieg»- wie aus dem Manöverleben sind so natürUdi und packend, de? teder, der ebenso für das ernste Kriegshandwerk wie für das bnmorroUe und amüsante Handverleben Interesse bat beim Lesen der einzelnen Erzählungen und Schilderungen seine helle Freude empfindet Die die sugeobUeklldien Situationen begleitenden trefflitfien TaxtiUttstrationen stellen alles so lebendig von Auge, als wenn man ea miterlebt hätte. Aua dem ernsteren Inhalt des Werkes mögen folgende kleine Episoden erwähnt werden wie; Bei Conlmiers 1870- Orgeres im Dezember 1870— Ein Weibnaditaabeod an der Loire- Requiem in Frankreich- Ein Ordonnanzritt— Loigny- Im Oefedal von Varize— Be) Seaugency— Orleane zum ersten Male erober»— usw. usw. Voll des köstlldien Humors sind dagegen z. a die Kapitel; Zum Mönch verdorben— Die Rede de» Vizefeldwebels Sdtnuffe)— Ein FaU von Hitzschlag— Kriegslist- Eine stünniKhe Werbung— Der Koromiaraffael— Der Reservetiger— Cboleräche Naturen- Der Quartiermacher— und viele andere mehr. Früherer Preis M, 15,00 M. 3,50 2 bändige illustrierte Klassiker In feinen leinenen GeechenkbUnden Goethes Werke Freiligraths Werke Schillers Werke Gerstäckers Werke Reuters Werke Dickens Werke 2 Bände für nur M.3,00£35 Dl« Werks sind reich Iii tu tri ort nach Gamllden der berühratenten niuatratoren: Prot Wilh. v. Kailibach- A.». Kreling- J. A. Rambe«— C. Jäger— A. Müller— W. Lindau- Schmidt— R. Beyschlag— Ludw. Richter n. a. Jeder Staatsbürger muß über die gültigen gesetzlichen Bestimmungen nnterriebtet sein, denn Unkenntnis des Gesetzes schützt vor Strafe nicht 1 Es ist deshalb nötig, daß tat jedem Hansa sich befindet: Das Börgerliche Gesetzbuch nebst Ein- u. AusfUhrungsgesetzen mit ausführlich. Kommentaren. Gemein vera tindllch dargestellt und für den praktischen Gebrauch erläutert von den Rechtsanwälten Or. Kom, Ebatoln. KumlcM, Plinzner, Sehwarz und Justizrat Richard Haenschke.■■■ Dia zahlreich aufgenommenen Formulare sind eine anfierordentUdi wert. rolle Zugabe, da hierdurch viele Formalitäten ohne Hinzuziehung eines Rechtsanwaltes vom Ulan selbst erledigt werden können, wodurch Zeit und Kosten erspart werden. K»«Hrd baeonefara auf die ausführlichen Komraentara hbiflawfaaan. 3 Preis nur Mk. Legltlmatlonsscheln wd"..„Vorwärts' Hunloldt-Verlag, O.n.b.R., Berlin LOtzowslraBa 107/10«. Dnterzelchneter bestellt Wermlt unter Nachnahme i _ Tanera. Krieg n. Friede» ä M. 8�1 „Schillers Werke, 2 Bd..»» 8,— Goethes Werke, 8 Bd.»»» Zg— _ Reuters Welke, 2 Bd... a __ Frelllgratks Werke, ZBd.a B 8,— __ 0 er» Ucksrs Werke, IBd-,. S._ ,- Dickens Werke, 2 Bd.. o■ Kr* .„Ganze Kollektioa, 12 Bd. ,17,50 ____ Bflrgert. Oesetzbneh.. ä, Ober M.Ö.— frank« Jadea Buch wW. falla nicht gefällt. surOdegenosunea Name» Staadt. Wohnung:. Verantwortlicher Reb.ftieur: Alfteo Äielepp, Neukölln. Für den Jnjeraienieilverantw.: Th. Glocke. B-rlm. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckere? u. Lerlagsanstalt Paul Singer u. Co., Bertin SW. Nr. 220. 29. Iahrgallg. SE2SE8i 3. Jrilnjt des Jotrailtlo" Itrlintt DckMM.>»---» . September l912. §tslltveror«loeten-verismmlu»g. 2 4. Sitzung vom Donnerstag, den 19. September, nachmittags S Uljr. Vorsteher Michelet eröffnet nach 6*6 Uhr mit einem Nach- ruf an den verstorbenen Oberbürgermeister a. D. und Ehrenbürger Dr. 5iirschner die Sitzung. Die Versammlung hört die Rede stehend an. Stadtverordnetenvorstcher Michelet: Meine sehr verehrten Herren! In aufrichtiger, tiefer Trauer, das Herz voll Wehmut, haben wir gestern unseren verehrten Oberbürgermeister und jüngsten Ehrenbürger. Herrn Dr. Martin Kirschner. zur letzten Ruhe gebettet. Wer konnte wissen, ja wer konnte auch nur ahnen, dajz�die letzten Abschiedsworte, die wir in Ihrem Namen hier am 27. Juni an ihn richten durften bei seinem Abschied aus dem Amte, daß es die letzten Worte sein sollten, die wir lebend an ihn richten konnten. Es waren Worte dek Dankes und der Verehrung, die wir hier zusammen für den Verstorbenen empfanden; Worte des tief- gefühltesten Dankes für alles das, was er in selbstloser Hingabe des eigenen Ich allezeit für das Wohl der Stadt und seiner Bürger getan und geleistet. Es waren keine leeren Worte; sie kamen aus dem Herzen. Die von uns gefaßten Beschlüsse in betreff seiner Person geben darüber das beste Zeugnis. Nun ist der treue Mann dahingegangen und hat uniere Liebe und Dankbarkeit mit ins Grab genommen, und uns bleibt nur die Erinnerung an die schöne Zeit der gemeinsamen Arbeit. Sie kennen seine letzten Bestim- mungen, die er in seiner so großen Bescheidenheit erlassen, und so niüssen auch wir uns in diesem Augenblicke einige Reserve auf- erlegen. Die großen Verdienste unseres Martin Kirschner be- dürfen nicht mehr der Worte. Wohin wir blicken— überall empfinden wir die Spuren spiner segensreichen Tätigkeit. Es bleibt uns nichts, als neben den vielen Klagen unser herzliches und schmerzliches Bedauern auszudrücken, daß dem Entschlafenen für seine treue Arbeit nicht noch ein sonniger und friedvoller Lebens- abend beschieden war. Der Name Martin Kirschner, geschmückt mit der Bürgerkronc, die ihn ziert, wird eingetragen stehen mit goldenen Lettern in der Geschichte der Stadt und wird in den Herzen unserer Bürgerschaft nicht erlöschen.(Beifall.) Stadtv. Cassel(A. L.j: Meine Herren! Es ist mir die Ehre zuteil geworden, namens der Neuen und der Fraktion der Linken zu erklären, daß wir durchaus einig sind mit unserem verehrten Herrn Vorsteher in dem Gefühl wehmutsvollen Schmerzes über den so jähen Abtritt unseres verehrten Martin Kirschner. Wir werden seines edlen, vornehmen Charakters, seiner treuen, nimmer müden, sich sclbstaufopferndcn rastlosen Pflichterfüllung, seiner tiefen Kenntnis, hohen Begabung und hohen Verdienste um die Stadtgemeindc Berlin und ihre Bewohner in Zukunft stets ae- denken. Das Andenken an diesen wahrhaft vornehmen, von wahr- . hafter Pflichttreue beseelten und wahrhaft großen Mann wird nimmer verblassen.(Beifall.) Stadtv. Heimann(Soz.): Meine Herren! Auch meine Freunde wünschen in diesem Saale zum Ausdruck gebracht zu haben, daß auch sie über den plötzlichen Hingang des Verstorbenen von Tmucr erfiillt sind Wir haben den Verstorbenen stets hoch geschätzt als einen Mann von unantastbarem Gerechtigkeitsgefühl, dessen Ja ein Ja, dessen Nein ein Nein gewesen ist, dessen Fähigkeiten, Kennt- nisse und Erfahrungen bei jeder Gelegenheit zutage traten. Seine Arbeitsfreudigkeit, seine Leistungen erschienen unerschöpflich und mußten jedem, der ihn unbefangen beobachtete, stets von neuem 4 Staunen und Achtung abnötigen, gleichviel, wie man sich zur Rich- 7Alng seiner Arbeit stellte. Der Verstorbene war ja auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet unser Gegner. Auf manchen Gebieten zuhaben wir bekämpft, was er verfocht; auf anderen haben wir das gewünscht, was er bekämpfen zu müssen glaubte. Aber auch in der Hitze des Kampfes haben wir alle dem Verstorbenen persönlich unsere Wertschätzung niemals versagt, haben niemals vergessen, die Verhältnisse gebührend einzuschätzen, die ihn häufig genug gehindert haben, das durchzuführen, was er wünschte. Nur der Unbefangene, der den unvermeidlichen Kampf beobachten konnte, den der Vcr- storbene bei Widerständen aller Art innerhalb und außerhalb dieses Hauses zu führen hatte, nur der wird zu einem wirklichen, richtigen, klaren Urteil über die Art seiner Amtsführung gelangen. Wir glauben einen solchen unbefangenen Blick uns bewahrt zu halben, und erkennen an. daß wir den Verstorbenen bei seinen Bestrebungen um die Hochhaltung des SelbstvcrwaltungSrcchteS fast stets da ge- funden haben, wo er nach unserer Meinung zu stehen hatte; daß in einer Zeit so stürmischer Entwickclung, wie sie keine Stadt Europas durchgeniacht hat, unser Geschick in den Händen eines Mannes lag, an den kein unlauterer Gedanke heranreichte, haben wir stets an- erkannt und danken es dem Verstorbenen noch in dieser Stunde. Als er sich vor kurzem veranlaßt gesehen hat. sein Amt nicderzu- s legen, haben wir dies auftichtig bedauert, und so herzlich wie nur x irgend jemand haben wir ihm, der sich in seiner Tätigkeit nur spärlich Ruhe und Rast gegönnt, noch viele Jahre ungetrübten Lebensgenusses gewünscht. Nun hat ein grausames Geschick es leider anders gefügt. Gestern ist ein Mann zur Ruhe getragen worden, von dem wir überzeugt sind, daß alles, was er getan und gelassen, nach seiner ehrlichen Ueberzeugung zum Wohl und Heil unserer Stadt geschehen ist. Sein Andenken wird auch bei den Berliner Sozialdemokraten ein geachtetes und ehrenvolles sein. (Beifall.) Der Vo r st e h e r verliest die beträchtliche Anzahl der einge- laufenen Beileidsschreiben. Hierauf wird nicht, wie ursprünglich verlautete, die VerHand- lung zum Zeichen der Trauer abgebrochen, sondern die Versamm- lung tritt in die eigentliche Tagesordnung ein, In den Ausschutz zur Vorberatung der Vorlage wegen Ab- änderung der Dienstanweisung für die Schulkommissionen sind auch die sozialdemokratischen Stadtverordneten Dr. Arons und M a n a s s e gewählt worden. Zur Beschlußfassung steht zunächst eine Magistratsvorlage betr. Anwendung von Maßregeln gegen den Elektrotechniker Ewald Schulze, Münzstr. 4, der wegen Nichterfüllung seiner Pflichten als Mitglied der Einkommensteuer-Voreinschätzungskommission, Unterkommission 205, für drei Jahre der Ausübung seines Rechtes und der Teilnahme an der Vertretung und Verwaltung der Ge- meinden für verlustig erklärt und um ein Viertel stärker zu den Gemcindeabgaben herangezogen wird. Stadtv. Imberg(A. L.): In der letzten geheimen Sitzung wurde beantragt, die Angelegenheit in die öffentliche Sitzung zu verleben, weil wir in der Oeffentlichkeit konstatieren wollten, wie wir über diese Pflichtvergessenheit denken. Wir haben in früheren Zeiten derartige Dinge mit allzu großer Vornehmheit in der ge- Heimen Sitzung behandelt und von den uns zustehenden Straf- Mitteln keinen'Gebrauch gemacht. Aber das war nicht ganz recht und es zeigt ja die Vorlage, daß eine derartige Bearbeitung der Dinge in den Kreisen der Bürgerschaft, die sich der Gemeinde- tätigkeit widmen, vielfach Unlust verursacht und Lust und Freude an der Arbeit vereitelt. Wir bitten darum ohne weitere Aus- schutzberatung um Ihre Zustimmung zu der beantragten Maß- nähme und bedauern eS, daß uns keine schärferen Mittel zu Ge- böte stehen. Stadtv. Fröhlich(Soz.): Der Magistratsantrag findet die vollste Zustimmung meiner Partei. Es kann nicht scharf genug gerügt werden, wenn ein Bürger die ihm übertragenen Ehren, pflichten eines Beamten so verletzt. Wir erblicken darin nicht nur eine grobe Pflichtwidrigkeit, sondern auch eine Mißachtung städti- scher Institutionen, und wir wollen feststellen, daß wir nicht ge- willt sind, mit uns Schindluder treiben zu lassen. Ich möchte prinzipiell keinen Vergleich ziehen zwischen der Arbeitsfreudigkeit und Opferwilligkeit meiner Freunde außerhalb des Saales und den Kreisen, denen Herr Schulze angehört; ich glaube, der Ver- gleich fällt zuungunsten der letzteren aus.(Widerspruch,) Ich möchte nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß wir schon oft gebeten haben, bei der Besetzung derartiger Aemter tiefer in unsere Kreise hineinzugehen, in die Kreise der gewerktreibenden Bevölkerung. Die Spuren weisen nicht darauf hin, daß Sie sich allzu sehr um die Arbeiterschaft bekümmern; wir haben im Gegen- teil das Gefühl, daß auch an den Magistratstischen keine große Neigung herrscht, mit uns zu verhandeln und einen uns nahe- stehenden Parteigenossen in die Verwaltung hineinzubringen. Es steht doch fest, daß der Opfersinn und Opfermut in den Kreisen der Arbeiter weit größer ist, als bei den besitzenden Klassen.(In- folge der wachsenden Unruhe werden die Ausführungen des Redners immer schwerer verständlich. Der Vorsteher weist die gegen einzelne Parteien gerichteten Worte des Redners scharf zurück.) Ich bitte Sie also nochmals, bei Besetzung dieser Ehren- ämter recht viel auch auf unsere Kreise zurückzukommen.(Zwischen- ruf: Verhältnismäßig!) So„verhältnismäßig" ist das bis jetzt gar nicht geschehen. Sie brauchen keine Angst zu haben, daß wir auf dem Wege der Kommissionsbesetzung den sozialdemokratischen ZukunftSstaat in die Verwaltung hineinschmuggeln wollen.(Große Heiterkeit. Beifall bei den Sozialdemokraten.) Nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen erfolgte Schluß der öffentlichen Sitzung um �7 Uhr. kleines Feuilleton Hinter den Kulissen von Bapreutl,. In eine den gewöhnlichen Sterblichen sdreng verschlossene Welt führt ein. Aufsatz des franzö- fischen Musikschriststcllers Louis Schneider in den„AnnalcS": hinter die Kulissen von Bayreuth. Schneider ist von dem Maschinen- ine ister des Tayreuther Theaters, Friedrich Kranich, der bereits Mitarbeiter Richard WagnerS war. durch die Fabrik aller szenische» Wunder und Herrlichkeiten geführt worden. Das Wort„unmöglich" existiert für diesen, Künstler der Dekoration nicht.„Kranich macht Regen und schön Wetter in Bayreuth. In Gesellschaft des berühmten Maschinisten bin ich auf die Bühne gelangt und habe dort begreifen gelernt, daß der Orchesterdirigrnt und er die beiden Könige dieses Reiches sind und daß der Sänger im allgemeinen nicht mehr bc- deutet, als ein einfacher Musiker in dieser ungeheuren musikalischen Regierung." Bühne und Orchesterraum, das sind die beiden Pro- Hinzen, die unter einer einheitlichen harmonischen Leitung stehen. Schneider weist für das Orchester besonders auf die geheimnisvolle Wirkung hin. die darin liegt, daß die Musiker ihre Instrumente nicht im Orchesterraum stimmen dürfen, sondern dafür einen be- sonderen Saal angewiesen erhalten, so daß sich die Stimmen der Musik nicht nur aus einem geheimnisreichen. Dunkel, sondern auch aus einem tiefen Schweigen plötzlich erheben und da» Wunder der Klangwerdung dadurch erhöht wird. i c*-, t~r, „Auf. der Bühne ist alle» gepolstert, alle» mit Filz belegt. DaS Pferd Grane der treue Gefährte BrunhildenS, kann das Publikum nicht stören durch den Lärm seiner Hufen. Kein Maschinist darf die Bühne betreten, wenn er nicht Kautschukfohlen an den Schuhen hat. so scheinen diese 125 Menschen.- denn es sind 125- wie Flregen geräuschlos zu flattern: wenn sie ihre Arbeiten ausfuhren. H,er sind die gewaltigen Felsen, von deren Hohe die Walkuren ,hr „Hoiotoho!" rufen. Diese Felsen beswhen aus einer einzigen ge- waltigen Masse; sie sind auf Kautschukradern befestigt und ver- schwinden leicht und schnell unter der Buhne, wenn eine V-rwand- lung es notwendig macht. Aber wie erhellen sich diese Felsen bald im Licht des Tages, bald im düsteren Dammer der Nacht, bald in den bleichen Reflexen, des Mondes? Kranich fuhrt mich an einen Apparat, eine Art„Ornel" für das elektrische L�cht. Diesem Jnsnu- ment gehorchen die 4000 Lampen der Bühne, die uberall m fünf Grundfarben geteilt sind. Mafl eö sich um ein volles Not aup o-er Bühne handeln oder um die Beleuchtung, der MnwaW deS Himer- grundeS für die aufsteigende Sonne oder um das Erscheinen- einer einzigen Person im roten Licht mitten auf"""•el11.em* aiger Griff �durch den Elektriker bringt diese Lichtefsekt� in einer �enau bestimmten Stärke plötzlich oder langsam hervor. Zahlteiche GescmgSmeister. die in den Kulissen aufgestellt sind, bezeichnen den Maschinisten auf das Genaueste den Moment, wo Gericbts- Leitung. Tie Fkngblattverbreitung im,.Paradiesgarten" zu Treptow beschäftigt trotz des freisprechenden Urteils des Kammergerichts (Aktenz. i. S. 92. 12) seit einiger Zeit fast täglich das Neuköllner Schöffengericht, und zwar erfolgten trotz der Entscheidung der höchsten Instanz bisher regelmäßig Verurteilungen. Jetzt scheint sie die Dekoration, zu verändern haben. Es gibt kein. Glockenzeichen, sondern alle Defehle werden durch elektrische Lampen gegeben. Die Dekorationen, werden elektrisch bewegt, so daß keine Maschimsten in den sogenannten.„Schnürboden" über der Bühne kommen und ein Unglücksfall unmöglich ist.„Ich wandere weiter durch diese wundersame Welt des Scheins, die in uns, jene feenhafte Illusion hervorruft. Da liegt in einem Saal ruhig und zusammengefaltet der Drache Siegfrieds. Dort das Reich der Wolken: durch diese um große Stangen zusammengerollten Meter Musselin wird aUo meine Phantasie nach Walhallo geführt. Da ist Wolkenstoft. der 95 999 M. kostet! Aber was bemerke ich da oben. Es sind hölzerne Tonnen: eine Erfindung Kranichs, Die Glocken im Parfifäl, die hierher verbannt sind,»m einen tieferen und dunkleren, Tcrn zu haben." Man sieht aus dieser Schilderung, welchen, übertriebenen Wert die Wagnerianer auf jene Hilfskünste legen, die ihnen beinahe zur Hauptsache werden. Musik. Leoncaballos neue Oper im Londoner Hippo- drom. Die Uraussührung von Leoncavallos neuer Oper-„Die Zigeuner"(„I Zivgari") war schon mit großer Spannung er- wartet worden: Der Maestro hatte die Oper eigens für die„Hippo- drom"-Muslshalle komponiert und erklärt, sie überträfe an Schön- hejt und dramatischer Wirkung die„Bajazzi". Nach der Premiere können wir uns, vorläufig dieser Ansicht kaum anschließen. Es mag sein, daß die enorme Ausdehnung des Varietehauses die Klang- fchöniheiten und die gesamte musikalische Wirkung arg becinlräch- tigte, daß die Oper auch unter dem überveristischen, Libretto(dies- mal nicht vom Komponisten) und der selbst für eine Londoner Musikhalle krassen Handlung leidet. Eine ausgesprochene Eigenart ist den„Zigeunern" nicht abzu- streiten. Der Komponist war bemüht, ein romantisches Milieu zu schaffen. Er hat Rumänien zum Schauplatz auserkoren, durchsetzt das Ganze mit der sonderbaren chrarnetisckzen Skala, aus denen sich die rumänischen Volksiweisen aufbauen, denen er jedoch einen srark italienischen Charakter ausprägt. Leoncavallo ist mit diesem Werk direkt zur„Nummern-Oper" zurückgekehrt. Das Tenorsolo. das den Namen„Blaue Augen" führt, dürste mit der Zeit große Popularßät erlangen und vielleicht„Lache, Bajazzo" Konkurrenz machen. Die musikalische Ersindungskraft wirkt jedoch nicht über- wältigend. Die neue Opfer zerfällt tn zwei Szenen. Die erste spielt sich in einem Zigeunerlager, die zweite auf einer Ebene Rumäniens ab. An den Ufern der Donau gewahren wir inmitten seiner Zigeuner den Häuptling in Nachdenken versunken. Jede Nacht ver- läßt sein« Tochter Fleana das Lager. Die Stunden vergehen ihr unter Küssen mit Radu, einem abenteuernden Prinzen: Radu. und Fleana werden überrascht und gebunden ins, Lager gebracht. Als die beiden. Liebenden ihr Geheimnis dem Vater eröffnen, segnet aber auch in Neukölln die bessere Einsicht zur Geltung zu kommen. In einem am letzten Donnerstag verhandelten Termin wurde der Angeklagte freigesprochen. Dieser Freispruch erfolgte sogar auf Antrag des Staatsanwalts. Da muß man doch fragen, wie ist es möglich, daß in ein und derselben Frage die Staatsanwaltschaft desselben Gerichts einen so entgegengesetzten Standpunkt ein- nehmen kann. Wie es scheint, liegt es nur daran, daß in den Ter- minen, in denen eine Verurteilung erfolgte, als Amtsanwälte jüngere Referendare und Richter fungierten, denen der Kommentar von Landmann, auf dem das Kammergerichtsurteil fußt, ebenso unbekannt ist wie das Urteil selbst. Nach der neuesten Entscheidung des Schöffengerichts darf wohl erwartet werden, daß nunmehr die noch ausstehenden ca. 20 gleichen Termine aufgehoben werden. Sollte das nicht geschehen, so mutz sich in allen Fällen das Be- rufungsgericht nochmals mit diesen Bagatellen beschästigen, da der Verband der Gastwirtsgchilfen, auf dessen Veranlassung die ge- richtlichen Entscheidungen beantragt sind, ein Interesse daran hat. endlich auch den unteren Gerichten und Polizeibehörden klar zu machen, daß die Flugblattverbreitung in Wirtshausgärten nicht der polizeilichen Erlaubnis bedarf. Beleidigtes Rechtsgefühl war es, welches eine Frau Schlegel veranlaßte, sich über das Verhalten des Schutzmanns Selzer zu äußern. Die Folge davon war eine Sistierung, eine Anklage und Verurteilung der Frau Schlegel zu 3 M. Geldstrafe wegen groben Unfugs.— In der von Frau Schlegel angerufenen Berufungs- instanz wurde gestern folgender Tatbestand festgestellt. In der Petersburger Straße hatte sich eines Abends aus Anlaß einer Sistierung ein zum großen Teil aus Kindern bestehender Auflauf gebildet, den zu zerstreuen der Schutzmann Selzer im Begriff war, lvobei er lebhaste Armbewegungen machte. In diesem Augenlblick kam Frau Schlegel zur Stelle. Sie hatte den Eindruck, als ob Schutzmanss Selzer mit der Hand ausholte in der Absicht, einen Jungen zu schlagen. Im Vorbeigehen sagte Frau Schlegel:„Das wird ja immer schöner, jetzt will der Schutzmann schon Kinder scblagen." Nun fuhr der Schutzmann die Frau an:„Wer hat ge- schlagen!"— Die Frau antwortete:„Ich habe ja nicht gesagt, daß Sie geschlagen haben." Darauf der Schutzmann:„Machen Sie, daß Sie weiter kommen." Die Frau entgegnete:„Sie werden doch erlauben, daß ich spazieren gehe." Hierauf- schritt Schutzmann Selzer zur Sistierung, indem er Frau Schlegel am Arm packte, was diese sich verbat, worauf ihr der Schutzmann einen Stoß in den Rücken versetzte, daß die Frau an die Wand flog. Auch auf dem Flur der Polizeiwache ist Frau Schlegel ihrer Angabe nach ge- stoßen und gepufft worden. Gegen den Schutzmann Selzer schwebt aus diesem Anlaß ein Verfahren wegen Körperverletzung. Frau Schlegel ober ist, wie schon gesagt, vom Schöffengericht wegen Beteiligung an einem Auflauf und wegen Nichtbefolgung einer Anordnung des Schutz- mannes bestraft worden. V. Vor dem Berufungsgericht vertrat der Staatsanwalt den preu- ßisch-polizcifrommen Standpunkt: Niemand habe das Recht, einen Polizeibeamten wegen seines Verhaltens Vorhältungen zu machen. Wer von einem Polizeibeamten aufgefordert werde, weiter zu gehen, der habe den Mund zu halten und der Aufforderung Folge zu leisten. Beschweren könne er sich später. Demgegenüber gab der Verteidiger. Rechtsanwalt Fuchs, zu bedenken, daß man solchen blinden Gehorsam wirklich nicht er» warten könne von einer Frau, die der gangen Situation nach glauben konnte, der Schuhmann habe Kinder schlagen wollen und deren Muttergefühl und Rechtsempfinden sich daroib empörten. Das Gericht ließ die begreifliche Erregung der Angeklagten zwar als Mildcrungsgrund gelten, aber nach dem Buchstaben des Gesetzes wurde sie auch hier verurteilt, denn sie ist ja nicht sofort weitergegangen, als der Schutzmann das von ihr verlangte, und hat sich dadurch zwar nicht des groben Unfugs— wie die erste Instanz annahm—, aber doch der Uebertretung der Straßenord- nung schuldig gemacht, wofür sie 2 M. Strafe und die Kosten zu zahlen hat. Für Landarbeiter gut genug! Auf einem Rittergut im Kreise Neumarkt erkrankten während der Ernte mehrere galizische Ernte- arbeiter unter Bergiftungserscheinungen. Die Untersuchung ergab, daß das den Leuten gelieferte Deputatmehl und Brot von schlechter Beschaffenheit war. i Das chemische Uniersuchungsamt Breslau stellte fest, daß das Mehl ein ekelhaftes Aussehen zeigte und von ausgewachsenem Getreide herstammte. Da einem Bäckermeister Hein aus Bcuthen von mehreren Rittergütern die Lieferung des DcputatmehlcS und-Brotes übertragen ist, wurde dieser angeklagt und von der ersten Brcslauer Strafkammer zu einer Woche Ge- fnngnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte 5 Monate Gefängnis beantragt.— Die wirklich Schuldigen, die Agrarier, die bei Abschluß der Lieferung zweifellos die Preise drückten, gingen leider straffrei aus. Die Kleinen hängt man. die Großen läßt man laufen. und traut er sie. Wer auch Tämar, der Zigeuncrpoet, liebt Fleana inbrünstig. Sie erteilt jedoch dem liebckranken Dichter einen Korb. Die zweitc Szene spielt auf der von Hellem Mondlicht übergössen«» Ebene. Fleana hat nun doch ihr Herz an den Sänger verloren. Während Radu schläft, verbringt sie in TamarS Hütte die Nacht. Radu erwacht und hört die Liebenden. Da faßt ihn rasender Zorn. Er übergießt die Hütte mit einer Flasche Petroleum, zündet sie an und läßt sein Weib mit dem Dichter verkohlen— die herbeigeeilte Menge hält�cr mit seinem Dolche von der Rettung der beiden ab. Sodann' zieht er mit seinem Nacheschrei in die Nacht hinaus. AuS dieser kurzen Analyse erkennt man bereits das Krasse der Handlung, die am Ende auf die Nerven fällt, ohne sich irgendwie durch echte Schönheit auszuzeichnen. Naturgemäß leidet die Kom- Position darunter. Der Schluß mag sehr wirksam für ein Variete der Weltstadt sein. Aber in Text und Musik vermißt man das Treff- sichere, Zwingende der„Bajazzi". k. W, Notizen. — M u s i k ch r o n i k. Ein neues Quartett hat Prof. Henri M a r t e a u ins Leben gerufen. Es wird in diesem Winter drei Abende in der Singakademie geben. Der Genossenschaft gehören neben Marteau die Herren Amar, Kleiner und Guaita an. Die Humboldt-Akademie veröffentlicht ihr Programm für da« 4. Lehrvierteljahr 19l2, das 269 Vortragsreihen enthält. Die Vorlesungen umfassen, wie früher, die Gebiete sämtlilber Wissen- schaffen und ihrer praklischeu Anwendung. Das Lebrvierteljahr be- ginnt am Miltivoch, den 9. Oktober. Vorlesungsverzeichnisse und Hörerkorten sind im Hauptburcau, Kurfürstenstr. 166, I, 1—3 usw. erhältlich. — AuS dem Nachlasse Theodor StormS wird demnächst die Novelle„Die Armesünderglocke" als Beigabe zu dem von seiner Tochter veröffentlichten Lebensbild herausgegeben werden. — Ein M o n i st e n k l o st e r, d. h. eine Forschungsstätte für Monisten, will Prof. Ostwald, der Führer des Monistenbundes, in der Nähe von Eisenberg in Sachsen errichten. — Eine mittelalterliche Tierplastik wurde in Mainz gefunden. Beim Umbau eines Konzerthauses stieß man in der Ticke von etwa 5 Meter auf die Sandsteinfigur eines mächtigen Löwen, der auf einer Sandsteinplatte ruht, die Vorder« Pranken vorgestreckt und den ausdrucksvollen Kopf zur Seite gedreht. Die in weichem roten Sandstein hergestellte Plastik dürfte etwa aus dem 9. Jahrhundert stammen. — Ein Wolfgang Kirchbach-Denkmal wurde auf dem Friedhof in Lichterfelde-West zum Andenken an den vor sechs Jahren verstorbenen verdienten Schriftsteller enthüllt. Arbeitsnachweis: H°i L Amt Norden, 9!t. 1239. tfervaltuosssteile Berlin Clinrii�slrnfte 3. Hauptbureau: Hos III. Amt Norden. Nr. 1937. Sonntag, den SÄ. September ISIS, vormittags IS Uhr: Kranchen-Uersamml»»g aller in der Metallindustrie beschäftigten Maschinenarbeiter und-Arbeiterinnen in den Mustter-FestsSle», Kaifer-Wilhelm-Ztr. ISm. Tagesordnung: 1. Vortrag, i. Diskussion. 3. Branchenangelegenhciten. 4. Verschiedenes. Zu dieser Versnnimlung sind alle in der Metallindustrie de- fchästigtcn Hobler. Bohrer, Zdräser, Stoster, f> r»er die i» den Be- trieben der Gelbinetallinduitrie beschliftigie» Tchnittiiiacher- an Zichpresieu und Stofttverken Beschäftigte, ferner alle an Maschinen tätigen Zlrbeiterinnr« freundlich eingeladen und wird reger Besuch erwartet._ Sonntag, SS. September 1919, vorm. pünktl. 10 Uhr: Kranche»» Uersammlung der Drahtarbeiter und-Arbeiterinnen Berlins und Umgegend im Lokal von Berkowskl, Andreasstrasse LS. Tagesordnung:. 1. JabrcSberichi der AgltatlonSkommisston. 2. Diskussion. 3. Neuwahl des BranchenoertreterS und der AgilationSkommission. 4. Branchen- angclegcnhciten und Verschiedenes. 124/14 ---------- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.'------ Zahlreichen Besuch erwartet DI« Ortsverwaltnng. r Verwaltung Berlin. Heute, Freitag, abends S'/z Uhr, i« GcwerkfchaftShause, Engelufer 14/15, Saal lV sArbeitslosensaal): Ltt-ung dev Ortsverwaltung. Am Sonnabend, den 21. September, wird wegen des Stiftungsfestes von S— 8 Uhr auf den Zahlstellen kassiert. 89/1 Freitag, den SS. September, abends �0 Uhr: Große öffentliche Yersammlung de» Hausarzt-Vereins Neukölln für den SUden Berlins bei Rabe, gichiestrasie 29. Bortrag des Kenossen vr. Roses: Wie schützt der Arbeiter Leben und Gesundheit seiner Familie. 293/18 �"' euer Mtl......~--- Ausnahme neuer Mitglieder, Verschiedene». lder Vorstand. Terkant nur Im Fabrlkgiebände! I I Wenn Sie MSiesparen Geld! Öbel ä Möbelfabrik 35 I £ i H. Walter ,..:WilliMaaß, SS; 35| B kaufen. Verkauf nnr im Fabrik gebftnde— eigene I Tischlerei und Polstere).— AufWunsob Teilzahlung. 35■■ Permanente Musterzimmer-Ausstellung.BBi 35 Im BdIMII Butter billiger! Hausfrauen!! Reinschmeckende, uralische Molkereibuttor „Garantiert reine Naturbutter" liefert in halben Pfandstücken mit M. 1,30 pro Pfund in ia Qualität . M.1,20„ ,■. IIa. Otto Mfiller, Rllchgeschktt, 144/6* Berlin NW. 87, Ufnaustraße 14. 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Jnvaiidenstr. 67—62. 5c»I!ler-I>>e!>lerll.i!!."T Freilag. abends 8 Ubr: Die Lokalbahn.— Die Medaille. Sonnabend, abends 8 Uhr: Bcf Kompagnon. Sonnlag. nachm. 3 Udr: Zopf und Hcbwert. Sonntag, abends 8 Uhr: Ble Haubenlerche. Schiller-Theater Freitag, abends 8 Uhr: vor Misanthrop. Die Schule der Frauen. Sonnabend, abends 8 Uhr: Oer Talisman. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: I>le Jüdin von Toledo. Sonmag. abends 8 Udr: Wellensteins Leger. Die Piccolomlnl Berliner Theater. Abends 8 Ubr: Grotze Rosinen. Mei'illiiei'WgMet'Zlt'ck Abend« v Uhr: Die 5 Frankfurter. Deutsches Schauspielhaus (Komische Oper). An allen Tagen der Woche 8 Uhr: E g m o n t._ Rtfibtils-Thtickr. 8 Uhr: An Herr von Nr. l9. Schwank in 3 Akten von Keroul und Barrs. Morgen und solgende Tage: Ter Herr von Nr. lg. Montis Operetten-Theater (srühcr Neues Theater) Abend» 8 Udr: Goldener Leichtsinn. Luisen-Theater. Freitag, Sonnabend abends 8 Uhr: Dn Wiherböiiig. Sonntag nachm. 3 Ubr: Ich laste Dich nicht. Abends 8 Uhr Premiere: Die Meineidsgräfin. osc-THßAH (Broije Frantiiirte: Str. 132. Ansang 8'/, Uhr. Zapfenstreich. 1 r □i Deutscher Holzarbeiter-Verband Zahlstelle Berlin 20. Stiftungsfest am Sonnabemi, deo 21. September 1912, im psen Saal der Neueo Welt BasenbeldE 108-114 MITWIRKENDE; Konzert' u. Theaterensemble ont. Leitung d. Hof opernsängers Eugen Wölfl Berliner Sinfonie> Orchester Dirigent: Mazimilisn Fischer Nach dem Konzert: BAI.L bei zwei Orchestern. Eröffnun g 7V, Uhr» Zu zsbTreicbem Besuch ladet ein NB. Es wird ersucht, sich vorher mit Eintrittekarten zu versehen, da Abendkasse nicht MtattHndet. Eintrittskarten sind zu haben im Bureau, Engelufer 14 pt, im Lokal von Zehreudt. Kaaenbeide 9, vis-ä-via der.Neuen Welt", und im Zigarrengeaohäft des Kollegen Schwemke, Sonönleinstrasee 34. 88/20* Eintritt 60 Pfennig• Anfang SV» Uhr Oas Komitee. 8 Ze Kol (ss|= I Q.d.W. ö. d.W. Q. d.W. Q.d.W. O.d.We Q.(I.W. Mililärdrama in 4 Alten v. Beherlew. 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Trianon-THeater. Ansang 8 Uhr.»Die Brieftasche-. »Ein peinlicher Zwischenfall-. »Der Dtev-. Voigt-Theater. fflestmbbrimnen Babstratze 58. Freitag, den 20. September 1913: N«str Poktat. BoltSitück mit Gesang in 4 Akten von L. Treptow. Kassen erö sin. 7 Uhr. Ans. S'/« Uhr. Theater Könlgstadt-Gaslno. Holzmarkt str. 73, Ecke?llcxanderstr. 1 Mn. v. Bahnb. Jannowitzbrücke. DaS glanzvolle Spezialitäten- Program« und„Amor", Operetten Burleske in 1 Akt. Ansang 8 Uhr, Sonntag» 5'/, Uhr. 5 Säle sür 80-400 Personen und 2 Kegelbahnen zu vergeben. ltztir de« Inhalt der Jnierare stdernimmi die Redaktion dem Vubtiku« gegennder keinerlei verantwortnng' 40a f Richard Schröder � J die herzlichsten Glückwiinsclie zur Silberhochzeit. Zahlstelle ii. l4, Bez. Neukölln. .Richard, Du weeßt wall «SZSZss Todes-Anzeigen SozialdeniokratischEFWaiilyerein Bezirk Niederschöuhauseu. Den Mtgliedern die traurige Nachricht, daß unser Genosse, der Schriftsetzer Willielm Lebmann Uhlandstr.4g,plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute den 20. September, vormittags 1t Uhr. aus dem Gemeindesriedhos Niederschönhausen, Schönholzer Heide, statt. " Um rege Beteiligung ersucht 241/13 vis Bezirksleitung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezlrksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Hausdiener ?aal I.ebmaim am 16. September im Alter von 36 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Freitag, den 20.'September, vor. mittags lO Uhr, von der Leichen- balle des UrbankrankenhauseS aus nach dem Friedhos der Simeons- Gemeinde, Tempeihoser Weg, statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeller August Serger am 15. September im Aller von 34 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die. Beerdigung findet heute Freitag, den 20. September, nach- mittags 3'/, Uhr. von der Leichen. halle� des St. JohannessriedhoseS in Plötzensee aus- statt. Um rege Beteiligung ersucht 66/20 vi« Bezirksverwaltung. Zentral-Verband der Zimmerer Deutschlands. Zahlstelle Berlin und Umgegend. Bezirk 12. Den BerusSgenossen zur Nach- richt, daß unser Mitglied Manu BaWowski verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonn- abend, den 21. d. Mts., nachm. 41/, Uhr, aus dem Sebastian-Kirch. hos in Neinickendorf, Humboldt- ftraße statt. Um rege Beteiligung ersucht 254/18 Der Vorwtaml. Deutscher Buchbinder-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Den Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unsere Kollegin Emma Bohn nach längerem Leiden verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung smdet Freitag, den 20. September, nachmittags '1,5 Uhr, aus dem Emmaus- Kirchhos. Neukölln, Hermann- straße, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 25/14 Tie Lrtsverwaltung. Dio Beerdigung des am Sonnabend, den 14. d. Mts., auf so| 1 schreckliclie Weise aus dem Leben gerissenen Fabrikanten Hermann Heinze findet am Freitag, den 20. d. Mts., nachmittags 2,/j Uhr, auf| dem Wilmersdorfer Friedhof, Berliner Str. 404, statt. 393b. Die tiefbetrübten Hinterbliebenen. Für die vielen Beweise herz- licher Teilnahme, für die Ehrungen und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung unseres geliebten SohneS und Bruders, des Gast- wirtS 58A Johann Heidrich sage ich im Namen der Hinter- bliebenen allen Freunden, Be- kannten und den geehrten Vereinen meinen tiesempsundensten Dank. >Vlldelm Heiärtdi. Danksagung. Für die zahlreiche und herzliche Teilnahme sowie reichen Kranzwenden bei der Beerdigung meines ge> liebten und unvergeßlichen Mannes FerdiDand Schmidtehen sage ich allen Freunden und Be- kannten, den Arbeitern der Firma Moritz Klee, der Tischlerei I. Böller, den Genossen des 4. Wahlkreise», Bez. 15S, insbesondere dem Herrn G. Bohne für die ttostreichen Worte am Sarge meinen herzlichsten Dank. Hh'ltrv« Schmldtctaeii 62a nebst Kindern. Danksagung. Für die Beteiligung an der Be- erdigung meines lieben Mannes, des Schankwirts Siegfried Elchmann tage ich allen Freunden und Be- kannten sowie den Spar- und Lotlerle- vereinen, den Kollegen der A. E. G., dem Wahlverein, dem Transport- arbeiterverband, der Brauerei Patzen- hoser memen besten Dank. 17a Wilhvlmlnc Eichmann nebst Kindern. 7" L__ Plomben, beste Aus- Zahne, Olga laoobson, Auberordentllche General- Versaminfting der Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Orts- Krankenkasse der Maschineubauarbeiter und vertu. Gewerbe Berlin am Montag, den 30. September, abends 81/, Uhr, im Rosenthaler Hof. Rosen» thaler Str. 11/12. Tagesordnung: 1. Antrag des Vorstandes: Die außerordentliche Generalversammlung wolle beschließen: Der Vorstand wird beauftragt, auf Grund des ArtllelS 18 des Em- sührungSgesetzes zur ReichSverfiche- rungSordnung bei dem Ber- ficherungSamt sofort den Antrag zu stellen, daß die Ortskrankenkasse der Maschinenbauarbeller und ver- wandten Gewerbe zu Berlin nach ' den Vorschriften der ReichSverfiche- rungSordnung zugelassen wird. 2. Bericht über den Stand der Zentralisation der Krankenkassen. 3. Verschiedenes. Ansragen und Beschwerden, zu welchen die Einficht in die Kassen- bücher notwendig ist, müssen mündlich oder schristliib behufs Beantwortung derselben in der Generalversammlung bis zum 27. September er. dem Borstande mitgeteilt werden. Da die Versammlung präzise 8'/, Übe eröffnet wird, so ist pünkt- liches Erscheine» der Herren Ber- treter unbedingt ersorderlich. Nach Schluß dieser außerordent- lichen Generalversammlung smdet in demselben Lokal eine außerordent- liche Generalversammlung der Ver- treter der arbeitnehmenden Mitglieder behusS Vornahme einer Ersatzwahl für da» ausgeschiedene Vorstand»- Mitglied Herrn Karl Malow statt. Das Mandat legittmiert. Berlin, den 19. September 1912. Der Vorstand. Fr. Schuld!. W. Zahl. 879b �esclieueri. PaRele zu lO u 20 Pf? Fabrik' Urban Ci Z*emm- ChorloUenbuag» Billige Angebote bestens bewährter und bestsitzender Berufs-Kleidung Herkules- Leder-Hosen 4-0 Ueste Arveit. Buna ans einem Btüok, Bohwere Taschen........ M. Weiße Kellner-Jackette»«S.m 3.65.2.50 P., m/r,* 1.. KOpar od. Drsll.Iuft- u. wasch- •blaue Monteur-Jackette Z.45 Setzer-Kittel 3.10 2.50 1 Maler-Kittel 2.00 Qaer�Sohn Berufs- Kleidung für alle Zweige der Gewerke und Industrie Berlin— Gegründet 1891 Chausseestraße 29-30 1 11 Brückenstraße 11 Gr. 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Unsere Parteigenossen werden er- sucht, sich recht zahlreich an dieser Tour zu beteiligen. Gemeinsamer Treffpunkt um V.S Uhr am Marktplatz in der Ediionstraffe. Fahrt mit der Straßenbahn bis Friedrichsfelde, Abfahrt vom Bahnhof Lichtenberg-Friedrichsfelde 3 Uhr 20 Minuten bis Ahrensfelde. Ne- serent in dieser Versammlung ist Dr. Mose S. Die Bezirksleitung. Eichwaldc-Schmöckwitz. Sonntag, den 22. d. M., Flugblatt- Verbreitung. Ausgabe der Flugblätter am Sonnabend, den 21. d. M.. abends von 8 Uhr ab im Lokal von Witte. Dienstag, den 24. September: Protestversammlung gegen den Fleisch- und Brotwucher. Der Vorstand. Weihensee. Wegen der am Dienstag, den 24. d. M.. abends 8>/z Uhr. im Schlofi Weihensee stattfindenden P r o t e st v e r s am m- lung der Frauen wird am Sonntag früh 8 Uhr von den bekannten Stellen aus ein Flugblattverbreitet. Wir bitten unsere Mitglieder, insbesondere die Frauen, recht zahlreich daran teilzunehmen. Im Jnteiesse der Versaminlung fällt der Frauen- leseabend in diesem Monatganzaus. DieVor- standSsitzung ist am Montag. Der Vorstand. Berliner Nachrichten. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Die gestrige Sitzung begann mit einer Ehrung des so plötzlich dahingeschiedenen Oberbürger me'i st ers a D. K i r s ch n e r. In schlichten Worten gedachte der Stadtvcr- ordnetenvorsteher M i ch e l e t der treuen Arbeit, die der nun Verstorbene zum Wohl der Stadt Berlin geleistet hat. Stadt- verordneter Cassel fügte im Namen der drei bürgerlichen Fraktionen einen phrasenreichen Nachruf hinzu, der schlecht zu dem aller Phrase abholden Wesen Kirschners patzte. Für die sozialdemokratische Fraktion widmete Genosse H e i m a n n dem Verstorbenen ehrende Worte. Er wies treffend auch auf hemmende Widerstände hin, die Kirschner autzerhalb und auch innerhalb unserer Verwaltung gefunden hat.— Die Sitzung brachte sonst nicht viel des Bemerkenswerten. Kleber den Magistratsantrag, gegen ein Mitglied einer Ein- kommen st euer- Voreinschätzungskommission wegen Nichterfüllung der ehrenamtlichen Pflichten mit Strafmatzregeln vorzugehen, wurde— entgegen dem Brauch— öffentlich verhandelt. Den Freisinnigen hielt hier Genosse Fröhlich vor, wie oft bei der Besetzung solcher Posten sozialdemokratische Mitbürger, die zu treuer Pflichterfüllung bereit wären, übergangen werden. Die freisinnige Mehrheit wehrte sich durch lärmende turufe, und der Vorsteher unterbrach zweimal den Redner. der zu einer Erwiderung fand keiner der Freisinnigen den Mut. Zugestimmt wurde dem Magistratsantrag, jenes Kom- missionsmitglied auf drei Jahre der Ausübung des Rechtes auf Teilnahme an der Vertretung und Verwaltung der Ge- meinde für verlustig zu erklären und zu den Gemeindeabgaben um ein Viertel stärker heranzuziehen. Der nationale Koller der Büxensteinpreffe. Seitdem die „Deutsche Warte", die jahrelang mit einer Handvoll Abonnenten mühselig das Hungerleben fristete, in den Besitz eines Büxen- ftein-Konsortinms übergegangen ist, bläht sie sich wie ein Pfau. In Nationalismus machen und Sozialisten abmurksen— darin scheint sie gleich Blättchen ähnlichen Schlages ihre vor- nchnlste Aufgabe zu erblicken. So etwas findet ja noch immer sein dankbares Publikum. In der gestrigen Nummer verzapft die„Deutsche Warte" einen Artikel„Der Kampf um die Jugend", der mit den folgenden schönen Worten beginnt: .In der Großstadt treiben allerlei dunkle Existenzen ihr Un- wesen. Sie dürfen ungestraft ihre verderbliche Maulwurfsarbeit leisten, weil ihnen gestattet ist. aus Rechte zu pochen, die sie längst verwirkt haben durch ihre Verachtung alles dessen, was den Menschen teuer und wert ist, und durch ihren geifernden Haß gegen Ordnung und Zucht. Man kann nur voranssetzen, daß bei diesen Leuten geistige Minderwertigkeit vorliegt, denn ein auch nur einigermaßen gesunder Menschenverstand kann nicht so weit in die Irre gehen, kann nicht so verblendet sein, in der Raserei politischer Hysterie die heiligsten Güter der Nation mit Füßen zu treten. Gemeingefährliche Geisteskranke haben das Recht, ihre Irrlehren zu verbreileii und das Gift ihrer querköpfigen Anschauungen dem Volke einzuflößen.... ES genügt nicht, die großen Kinder, die aus Mangel an Urteilskraft das Geschwätz glauben und sich bemühen, die Welt- ordnung in Scherben zu schlagen, zu Narren zu machen— nun will man auch die Kleinen vergiften, will ihnen von vornherein den Kopf vernageln und sie geistig knebeln, damit sie zeitlebens Hörige der dunklen Ehrenmänner bleiben, die in breitester Oeffentlichkeit ungestraft den Staat mit seinen Einrichtungen lättern dürfen. Da steht man und niuß niit verschränkten Armen zusehen, wie die Jugendverderber sich mit ihrem traurigen Hand- werk brüsten." Den ehrenwerten Verfasser dieser für die Unsterblichkeit geschriebenen Geistesblitze, der sich bescheiden blotz mit„M. Sch." andeutet, schlagen wir vor als reif für— den roten Adler- orden. DaS Kuratorium des Schlacht- und Bichhofcs hielt am DicnStag feine erste Sitzung nach den Ferien mit einer recht reichhaltigen Tagesordnung ab. Die Sitzung war wisdcr einmal schlecht ibcsucht, sodaß dieselbe zeitweise außer dem juristischen Beirat, Protokoll- führer und dem Direktor sich der Anwesenheit eines Stadtrates und eines Stadtverordneten erfreute. Wenn auch, wie der Vor- fitzende richtig feststellte, dieser Mißstand zum Teil darauf zurück- zuführen ist, daß Mitglieder des Magistrats und der Stadtverord- neten zugleich mehreren Verwaltungen, die gleichzeitig tagen, an- gehören, so ist doch ein großer Teil der Schuld darin zu suchen,'daß ern Kuratorium einer so umfangreichen und wichtigen Verwaltung wie die des Schlacht- und Viehhofes so klein ist, daß seit Jahren von sozialdemokratischer Seite ihre Vergrößerung.für notwendig er- achtet wurde. Sie besteht heute noch aus 6 Stadtverordneten, drei Stadträten und 2 Bürgerdeputierten. Jetzt soll endlich versucht werden, das Kuratorium um einen Stadtrat und 2 Stadtverordnete zu vermehren. Zeit wird es!— Zur Verhandlung kamen erst eine Reihe Anträge, die der Verband der'Gemeindearbeiter namens der Arbeiter gestellt hat. Dem Wunsche der Frauen(Bodenarbeite- rinnen) nach einem Umkleideraum wurde entsprochen, indem ihnen das Aufseherzimmer im Rinderftall Nr. 3 zugesprochen wurde. Das von städtischen Arbeitern ausgeführte Rangieren der Eisenbahn- wagen für die Schlächter soll beibehalten werden, da das nicht als Privatarbeit anzusehen sei, sondern im Interesse einer regulären Abfertigung, zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendig sei. Ein Antrag, die Vertretung der Nachtwächter in der Zeit vom 1. zum 2. Feiertag voll zu bezahlen, wie cm den übrigen Stellen, wurde wegen Herbeischaffung des Materials bis zur nächsten Sitzung vertagt. Ebenso wurde die Frage der Schaffung einer be- sonderen Kohlenkolonne nicht zu Ende behandelt, weil die Alten, nach welchen der Antrag aus Gründen der Unmöglichkeit schon ein- .mal abgelehnt war, nicht zur Stelle waren. Der Antrag der Boden- und Kehrichtarbeiter, einen Aufschlag von 35 Pf. für schwere Ar- betten zu zahlen, wurde abgelehnt, weil es sonst überhaupt schließ- lich nur noch schwere Arbeit auf dem Schlacht- und Viehhof gäbe. Die Arbeiter, welche bei der verschärften Desinftzierung der Vieh- eifenbahnwagen beschäftigt sind, verlangen Schutzbrillen und Schutz- Handschuhe für ihre Arbeit. Das Kuratorium beschloß, die Schutz- brillen bei dieser Arbeit obligatorisch einzuführen, dagegen die Gummihandschuhe auf Wunsch zu verabfolgen. Nachdem dem Schlachthofinspcktor das Gehalt um ein Beträchtliches erhöht wurde — er ist 31 Jahre im Dienste—, war die Gebelaune erschöpft und die übrigen Petenten wurden auf die allgemeine Erhöhung ver- tröstet. Hoffentlich erleben sie es. Auch eine Reihe anderer Wünsche der Stempler und Hilfsstempler fielen unter den Tisch. Nur der Polizeischlächter war so glücklich, noch 200 M. Entschädigung für besondere Auslagen zu erwischen. Nachdem noch>dem Magistrat ein neuer Bakteriologe für die Fleischbeschau vorgeschlagen war, wurde einer Reihe von Unterstützungsgesuchen(Ruhegehälter) zugestimmt. Eine erschütternde Tragödie spielte sich Mittwochnachmiitag in N e u k ö l l n ab. In der Fuldastraße 59 ging die 36 Jahre alte Arbeiterfrau Ida Tanke, geb. Meckelnburg, mit ihrem 9 Jahre alten Sohn Fritz freiwillig in den Tod. Die Frau lebte mit ihrem Manne in der glücklichsten Ehe. Nur eins trübte mehr und mehr das Glück des Paares: Der einzige Sohn war schon seit seinem dritten Lebensjahr herzkrank, und das Leiden steigerte sich von Jahr zu Jahr, obwohl die Eltern alles aufwandten, um dem Kleinen Heilung oder wenigstens Linderung zu verschaffen. Die Verschlimmerung des Zustandes machte die Mutter nach und nach so nervös, daß sie schon wiederholt Selbstmordgedanken äußerte. Sie äußerte auch, daß sie dann ihr krankes Kind in den Tod mitnehmen werde. Ihr Mann und die Nachbarn glaubten aber nicht, daß es zum Schlimmsten kommen werde, weil sie sich nach vorübergehender Erregung doch immer wieder beruhigte. Mittwoch jedoch geschah plötzlich das Schreckliche. Als Tanke von der Arbeit heimkehrte, fand er die Wohnräume leer und die Küchentür verschlossen. Niemand antwortete auf sein Klopfen. Nichts Gutes ahnend erbrach er die Tür und sah in dem mit Gas angefüllten Räume Frau und Sohn tot daliegen. Die unglückliche Frau hatte alle Tür- und Fenster- ritzen mit Tüchern verstopft und daiH�den Gashahn aufgedreht, um mit ihrem Sohne den Tod zu erwarten. Die Feuerwehr, die gerufen wurde, machte noch Wiederbelebungsversuche, die jedoch bei beiden erfolglos blieben. Nachdem ein Arzt den Tod festgestellt hatte, wurden die Leichen von der Polizei beschlagnahmt. Telephonanruf für Autos. Der Polizeipräsident gibt bekannt: Es hat sich unter dem Namen Zlda(Auto-Droschken-Anrus) eine Gesellschaft gebildet, welche die telephonische Bestellung von Kraft- droschken vermittelt. Da diese Einrichtung im öffentlichen Jnler- esse liegt, ist der Gesellschaft polizeilich gestaiiet worden, Plakate mit einem darausbczüglichen Hinweise in den Krafldroschken aushängen zu lassen. Die Droschkenbesitzer werden mit Rücksicht darauf, daß diese Vermittelung auch für sie vorteilhaft ist, ersucht, den Aushang der Plakate in ihren Fahrzeugen zuzulassen. Gerüchte von der Ermordung einer Lebcdame wurden am Mitl- »och von einem Berliner Wocheüblättchen verbreitet. Freifrau v. Sauden,«ine Bewohnerin des Hauses Martin-Luthcr-Straße 46, sollte als Leiche in ihrem Bett ausgesunden worden sein, während der Mörder, ein Liebhaber der angeblich Ermordeten, ein Ingenieur, die Flucht ergriffen haben sollte. Wie das„Berliner Tageblatt" mitzuteilen in der Lage ist, ist an der Geschichte kein wahres Wort. Die„Ermordeie" befindet sich wohl und munter in ihrer Wohnung und der fragliche Ingenieur nach wie vor in seiner Stellung. AuS dem Bereiche der Eisenbahnverwaltung wird uns mitge- teilt:„Als wir am Sonntag, den 16. September, auf dem Bahnhof Alexanderplatz in den Zug Nr. 247, welcher 6,42 Minuten nach Dahmsdorf-Müncheberg fährt, einsteigen wollten, war zu unserer Uebcrraschung ein Schild angebracht, welches besagte:„Reisende mit Sonntagskartcn dürfen mit diesem Zuge nicht mitfahren!" Da Zug Nr. 247 ein Vorzug ist, wozu die Sonntagskartcn nur Gültig- keil haben, so wandten wir uns an den diensttuenden Stationsvor- steher. Dieser erklärte:„Mit diesem Zug dürfen Sie mit der Sonn- tagskarte nicht fahren, sondern mit dem nächsten, der kommt sechs Minuten später?" Der Stationsvorsteher wurde dann noch von ver- schicdenen Seiten gefragt und hat immer auf das Schild hinge- wiesen. Wir warteten nun bis 6,48 Minuten und stiegen in ldiesen Zug ein. Auf Station Schlesischer Bahnhof wurde der Zug revi- dierl und angeordnet, daß wir zirka 39 bis 40 Personen aussteigen müssen, trotzdem der Zug halb leer war. Der Stationsvorsteher erklärte uns gutmütig, gefälligst noch eine Stunde zu warten, dann käme der nächste Zug, mit>dem wir fahren könnten. Wir verlangten das Beschwerdebuch. Es erfolgte prompt die Antwort, daß es Gott sei Dank abgeschafft sei, wir sollten unsere Beschwerde einreichen. Wir erheben aber diese Beschwerde öffentlich, damit die Eisenbahn- beHorde in die Lage kommt, sich öffentlich zu diesem Vorfall zu äußern und daß dafür Sorg« getragen wird, daß derartige Vor- kommnisse sich nicht wiederholen. Mysteriöser Tod eines Berliner Archäologen. Am Dienstag der vergangenen Woche wurde in dem in der Nähe von Posen gelegenen Untcrberger Walde. die Leiche des Assistenten am hiesigen Kaiser-Friodrich-Museum Dr. Erich Blume aus S t e g l i tz b e i B e r l i n erschossen aufgefunden. Die Anzeige von dem mysteriösen Todesfall hatte die Gattin des Erschossenen selbst erstattet. Sie erzählte folgendes: Da ihr Mann zum 1. Oktober nach Hannover versetzt war, habe sie mit ihm an jenem Dienstag einige Abschiedsbesuche gemacht. Sie hätten abends um 8 Uhr nach Erledigung>der Besuche von der Station Unterberg nach Posen mit'der Bahn zurückkehren wollen, und hätten, da sie eine Stunde zu früh zur Bahn kczmen, einen kurzen Spaziergang in den nahegelegenen Wald unternommen. Dort hätten sie sich schließlich auf eine Bank gesetzt, wo Frau Dr. Blume plötzlich ein verdächtiges Rascheln hörte. Sie machte ihren Mann darauf aufmerksam, dieser erwiderte aber, sie solle keine Angst haben,>da er einen Revolver bei sich führe. Dr. Blume habe bei dieser Gelegenheit einen Bulldoggrevolver aus der Tasche ge- zogen und plötzlich sei dann die Waffe losgegangen. Frau Dr. Blume eilte in ihrer Bestürzung, als sie ihren Mann schwer verletzt zu Boden sinken sah, in das Restaurant Unlerberg, um ärztliche Hilfe herbeirufen zu lassen. Als ein Arzt an Ort und Stelle ein- traf, war Dr. Blume bereits tot. Die Kugel war, wie die Besichti» gung ergab, vom Kinn aus durch das Gehirn an die Schädeldecke ein- gedrungen, wo sie sich breit schlug. Die Staatsanwaltschaft leitete sofort eine Untersuchung ehtl und schenkte den Ausführungen der Frau Dr. Blume, daß es sich um einen Unglücksfall gehandelt habe, Glauben. Die Leiche wurde daraufhin freigegeben und ist inzwischen in Steglitz bei Berlin bei- gesetzt woroen. Es wurden aber Gerüchte laut, nach denen die Gattin des Blume eine gewisse Schuld an dem Tode zugeschrieben wivd, so daß die Staatsanwaltschaft die Verhaftung der Frau Blume anordnete._ Ein aufregender Unglücksfall trug sich Mittwochnachmiitag in der Landsberger Allee zu. Als vor dem Hause Nr. 77 eine Greisin mit einem kleinen Knaben an der Hand den Fahrdamm überschreiten wollte, kam in schneller Fahrt ein Schlächterwagen daher, riß sie um, ging über sie hinweg und verletzte sie so schwer, daß sie be- sinnungslos liegen blieb. Die entsetzten Zeugen des Unglücks glaubten, daß auch der Kleine ihm zum Opfer gefallen fei. Aber der Knabe war nicht unter den Wagen geraten und war ganz unver- sehrt davongekommen. Die schwerverletzte Greisin, die einen Bruch «des rechten Oberschenkels erlitt, wurde nach dem Krankenhaus Am Friedrichshain gebracht, wo sie besinnungslos daniederliegt. Wie im Krankenhause festgestellt wurde, hat sie sich auch innere Ber- letzungen zugezogen. Protest gegen ungehörige Kintoppvorstellungen. Daß in weite» Kreisen der Bevölkerung oft ein recht gesundes Empfinden gegen Filmvorführungen vorhanden ist, die einen verrohenden Eindruck hinterlassen, konnte man dieser Tage in einem Kinematographen- thcater in der Müllerstraße beobachten. Der Film produzierte einen Boxkampf in Frankreich. Diese rohe Boxerei fand aber keineswegs den Beifall des Publikums; die Zuhörer murrten bereits bei Be» ginn und beim dritten Bilde war die Empörung so stark, daß der Besitzer mit der weiteren Vorführung des Films schleunigst auf» hören mußte. Ein recht gesunder Protest gegen verrohende Vor« sührungen! Auf der Straße vom Tode überrascht wurde vorgestern nach- mittag ein Mann, dessen Persönlichkeit noch nicht bestimmt fest- steht. Er brach vor dem Hause Blumeshof 9 plötzlich zusammen und wurde bewußtlos nach dem nahegelegenen Elisabethkranken- hause gebracht. Als man dort mit ihm ankam, war er schon tot. Der Verstorbene scheint nach den bisherigen Ermittelungen ein Dr. med. M. Bredow aus Königsberg i. Pr. zu sein. Auf vorsätzliche Brandstiftung wird ein Riesenbrand zu- rückgeführt, der in der Nacht zum Donnerstag auf den Holz- und Rüstplätzen an der Ecke der Heidelberger- und Brockenstraße nahe der Treptower-Straße zum Ausbruch kam und die Neuköllner Feuerwehr 9 Stunden lang beschäftigte. Uns wird darüber berichtet: Um 12 Uhr nachts kam auf dem großen Lagerplatz von Grägert u. Glümcke Feuer aus, das in ganz kurzer Zeit eine gewaltige Aus- dehnung erlangte. Als die Neuköllner Wehr um 13)4 Uhr mit zwei Löschzügen an der Brandstelle erschien, brannte der Holzplatz schon ringsherum an verschiedenen Stellen. Hier stand ein Stapel Bretter und dort ein Stapel Rundhölzer, hier Latten und dort Leitern usw. in Flammen. Diese müssen an mehreren Stellen gleichzeitig auf- gekommen sein, denn die Stapel, die schon bei Ankunft der Feuer- wehr brannten, waren räumlich von einander getrennt, so daß mehrere Brandherde vorhanden waren. Die Feuerwehr mußte stundenlang mit zehn Schlauchleitungen von Dampfspritzen und Hydranten Wasser geben, um ein Ueberspringen der Flammen auf die angrenzenden Lagerplätze zu verhindern. Erst nach 9 Uhr konnte sie wieder abrücken. Während'des Brandes war besonders von 12 bis 1 Uhr die dortige Gegend taghell beleuchtet. Eine große Menschenmenge sah den Löscharbeitcn zu. Vom Handwagen gestohlen wurden gestern einem Hausdiener der Firma Artur Wolf, Posistr. 7, ein brauner Karton mit unver- arbeiteten Fellen im Werte von 499 M. Der Diebstahl passierte vor dem Hause Straßbnrger Str. 37, Ivo der Hansdiener Waren abliefern sollte und den Wagen während dieier Zeit unbeaufsichtigt ließ. Die Felle sind alle mit einem Zeichen versehen, und zwar die Sknnksfelle mit einem blauen IV und die Marderfelle mit einem am Kopsende eingeprägten W. Da der Hausdiener für den ent- standenen Schäden aufzukommen hat, ersucht er uns, vor dem Kauf der Felle zu warnen und das Publikum um zweckdienliche Angaben zur Wiedererlangung der gestohlenen Felle zu bitten. Vorort- 1>tod)rid)ten. Charlottenburg. In der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom Mtt- »och wurden, nachdem der Vorsteher dem so schnell hingeschiedenen Martin Kirschner Worte wärmster Hochachtung gezollt, die ersten Punkte der Tagesordnung: betr. Polizeikostcn für das Schiffer- meldewesen, Annahme einer'Schenkung usw., ohne Debatte ange- nommen. Bei dem Punkt Etatüberschreitungen' bei der Stadthaupt- lasse für 1911 gaben lebhafte Klagen über die Qualität des Gases Anlaß zu längeren Erörterungen, wobei das älteste Mitglied der Versammlung, der schon 33 Jahre der Gasdeputation angehörende Stadtverordnete Dr. Frank den Schilderungen des Dezernenten von dem glänzenden finanziellen Ergebnis der Gaswerke im letzten Jahr, entgegnete, es sei ja sehr schön, wenn die Stadt aus den Gaswerken einen Ertrag von zirka 5 Millionen M. im letzten Jahre erzielt habe, aber Ä>enso schön wäre es gewesen, wenn die Konsumenten besseres und billigeres Gas erhalten hätten. Sowohl der Heizwert des Gases, die Wärmeeinheiten wie die Leuchtkraft seien zurückge- gangen, letztere durchschnittlich von 16 bis 17 Hefnerkerzen auf 9 bis 19. Man hätte nicht immer nur den kaufmännischen Standpunkt festhalten sollen. Diese Ausführungen wurden wohl vom Dezer- ncnten und einigen Mitgliedern der Gasdeputation bekämpft, von anderen aber lebhaft unterstützt und sie fanden den Beifall unserer Fraktion.� Eine Vorlage, betreffend die dringend nötige gärtnerische Umgestaltung des öden Terrains vor dem neu errichteten Leicht- krankenhause auf Westend wurde trotz des Widerspruchs einiger Liberalen ohne Ausschußberatung angenommen. Ein« Vorlage be- treffend die Erhöhung'der an die Stadt Berlin für die Entwässe- rung des an das Radialsystem VII der Stadt Berlin angeschlossene Charlottenburger ehemaligen 18. Stadtbezirks zu zahlenden Kana- lisationsbeiträge, erklärte der Berichterstatter Dr. Frenzel für so kompliziert, daß er nicht glaube, daß er diese Angelegenheit, deren Akten bis zum Jahre 1889 zurückgingen, in dieser Sitzung zu klären imstande sei, und die er deshalb ersuchte, einer Deputation zu Wer- weisen,-in die von unserer Seite die Genossen Geber t, Schorn- b e r g und Staitz gewählt wurden. Schöneberg. Die Frage der Wohnungsinspektion soll nun endlich auch in Schönoberg der Verwirklichung entgegengeführt werden. Die Stadt soll in BczirkswohnungSausschüsse zerlegt und besonderen Woh- nungspslegerinnen zugeteilt werden, die jedem Mieter kleiner Woh- nungen unentgeltlich zu beraten berufen sind. Das statistische Amt wird beauftragt, die Zahl der aus zwei und einer Stube nebst Küche bestehenden Wohnungen festzustellen und das Arbeitsamt soll die unentgeltliche Vermittlung der leerstehenden kleinen Wohnungen übernehmen. Eine Wohnungszeitung, die gleichfalls unentgeltlich herausgegeben wird und in Geschäftslokalen ausliegen wird, soll Bkt Anzahl,©räfce ühib Lage der Wohnringen fiCMEcn Aufschlug geben. Tie Hausbesitzer Kahlen für das Inserieren eine geringe Gebühr. Damit dürfte einem von allen Teilen längst empfundenen Bedürfnis Rechnung getragen sein. Auch die in Hausbesitzerlreisen gehegten Befürchtungen, das Wohnungsamt könnte ihren Interessen schaden, ist völlig grundlos. An Kosten dürften der Stadt ungefähr 3000 M. entstehen. Die ganze Einrichtung wird der Wohlfahrts- deputation unterstellt, Steglitz. Tödlicher Straßenbahnunfall. Von einem Wagen der elektrischen Straßenbahn sSiemens u. HalSke) wurde gestern nachmittag der in der Albrechtstr. IIS wohnhafte siebenjährige Knabe Karl NiehuS vor dem Nachbarhause Nr. 116 erfaßt und überfahren. Der be- dauernSwerte Knabe wurde nach der Rettungswache in der Schloß- straße geschafft, wo die Aerzte nur den inzwischen eingetretenen Tod des Jungen feststellen konnten. Einen Selbstmordversuch infolge Faiiiilicnzwistigkeiteo verübte gestern der in der Peschkestr. 3 wohnhafte Dr. K. Nach vorauf- gegangener erregter Szene brachte er sich mehrere Schnitte in den Puls bei, nahm außerdem Gift zu sich l»id öffnete die Gashähne. Ein herbeigerufener Arzt legte dem Verletzten einen Notverband an und ließ dann den noch Lebenden, der anscheinend geistig nicht nor- mal ist, nach der dlaison de santö in Schöneberg überführen. Der Unglückliche lag mit seiner Frau in Scheidung; am 2ö. d. Mts. sollte Termin stattfinde». Neukölln. Eine Submissionsblüte. Erhebliche Preisunterschiede in der Veranschlagung von Arbeiten bei Vergebung städtischer Sub- Missionen sind nichts seltenes. Bei der kürzlich erfolgten Vergebung vom Arbeiten beim Bau des Rohrlaufs der gemeinschaftlichen Vor- flub der Riesclgüter Waßmannsdorf-Klein-giethen innerhalb der Gemarkung Rudow haben sich so erhebliche Preisunterschiede der beteiligten Submittenten ergeben, daß wir an dieser Stelle darauf hinweisen möchten. Von 1? Bewerbern forderte als niedrigste die Firma Alb. Blum-Berlin für die ausgeschriebenen Arbeiten 16 320 M., während die höchste Forderung 7dS01 M. lautete, Den Zuschlag erhielt die Firma Fiebig-Berlin mit 33 323 M. Ihr wurde der Zuschlag deshalb erteilt, weil die Bauleitung die Ar Veiten selbst auf 40 000 M. veranschlagt hatte. Bei der Vergebung der Arbeiten für den Bau dnes offenen Graben? innerhalb der Feldmark Groß- und Klein-Ziethen betrug die niedrigste Forderung(Firma Herrmann-Steglitz) 44 634,36 M, die höchste(Firma Littwih-Schönebcrg) 37578,5 6 M. Diese Verschiedenheit der Veranschlagung legt den Gedanken Nahe, daß entweder die die Arbeiten ausführenden Unternehmer Jammcrlöhne bezahlen oder aber immensen Gewinn einheimsen wollen. Wollen die Kommunen sich vor Benachteiligung schützen so können sie nicht» anderes tun. als die Arbeiten tunlichst in eigener Regie auszuführen. Johannisthal. Mit der Reorganisationsfrage beschäftigte sich die letzte Mit gliederversnmmlmig des hiesigen Wahlvereins. Nach Erstattung der Berichte über die Kreis- sowie Berbandsgeneralversammlung von Groß-Berlin sprachen sich die Genossen dahin aus, daß die Zahl abende in ihrer jetzigen Art anfgehoben und an deren Stelle größeren Orten Bezirks- oder Abteilungsversammlungen mit ge eigneten Referaten abgehalten werden sollen. Ferner müsse das Mitteilungsblatt in anderer Gestaltung an jedes Mitglied abgegeben werden. Die weitere Diskussion sowie eine eingelaufene Refolution zu dieser Frage mußten wegen vorgerückter Zeit vertagt werden. Britz-Buckotv. In der heute Freitag, abends 5 Uhr, in Britz tagenden öffent lichen Gemeindevertretcrsitznng steht unter anderem der Antrag des Wahlvereins und der Gemeindevertreter betr.„Beschlußfassung über Maßnahmen gegen die Teuerung" zur Beratung. Zossen. DaS vieraktige Drama„Zapfcustreich" von Beyerlein gelangt am Sonnabend, den 21. September, aus Anlaß der von der Freien Turnerschaft veraustalteten Relrutenabschiedsfeier im Lokale von Kurzner zur Aufführung. Da die Ausgestaltung der Feier sich zweifellos über das übliche Niveau erhebt und bedeutende Kosten und Mühen erfordert, wird die Zoffener Arbeiterschaft um zahlreiche Beteiligung ersucht. Anfang 3 Uhr. Tegel. Mit dem Ankauf dcS Gaswerkes beschäftigte sich die letzte auch von zahlreiche» Zuhörern besuchte Gemeindevertretersitzung. Es lag der Bericht der seinerzeit gewählten Kommission vor. die eine sichtigung des Werkes vorgenommen Halle. In einem Gutachten des Gaslcchnikers Bessin wird der Ankauf des Werkes für den so genannten Geschäftswert von 1 807 000 M. empfohlen. Die Kommisston hält diese» Preis zwar für sehr hoch, in Rücksicht ans die Vertragsverhältnisse, die die Gemeinde eingegangen, aber für onnehinbar, da später noch mehr zu zahlen sein dürfte. Der Anlauf soll rückwirkend bis 1. April 1312 � geschehen unter Uebernahme deS gefamten Personals, einschließlich deS Direktors Metzmacher, dessen Verhältnisse mit der Firma Borsig, der Eigentümerin deS Gaswerks, noch nicht geklärt sind. Ueber den Gewinnanteil der Aktionäre soll noch eine besondere Vorlage er- folgen. In der sehr ausgedehnten Diskussion erklärte zunächst Ge meindevcrtreter Drehschmidt, Direktor des großen Berliner Gaswerks in Tegel, daß Berlin den Ankauf zu diesem Preis ab lehnen würde i er verwies aber andererseits ans den Monopol charalter des Werkes, der für Tegel viele Unannehmlichkeiten in sich berge, und auch darauf, daß niit allem Drum und Dran etwa 2 300 000 M. zu zahlen wären. Ueberschüsse dürften wahrscheinlich in den nächsten Jahren infolge nötiger ErweiierungSanlagcn schwer zu erhoffen sein, doch möchte er zum Ankauf raten, um aus den Fessel» herauszukommen. Genosse Lichtenberg(Mitglied der Kommission) lehnte den Ankauf ab; nach dem Gutachten feien nur geringe Reserven vorhanden, eine Vergrößerung kaum »nöglich und eine Erweiterung der Leitungen unumgänglich. Wichtig sei auch eine perniancule Verbindung mir dem Berliner Werk. Eine Rentabilität sei in de» ersten Jahren nicht zu erwarten.«Vor allen, verweise er auf die Verzinsung der zirka 2 000 000 M.. waS auf etwa 130 000 M. zu veranschlagen sei. Herrn v. Borsig ist der etwaige Ankauf gleichgültig; er empfinde aber durch das Gut- achten des Technikers eine Genngtuung über den Zu- stand seines Gaswerkes. Die Gemeinde möge des weiteren nicht außer acht lassen, daß auS ihren eigenen Aktien 100000 M. herauöspringen als Gewinn beim Ankauf, die von den Unkosten abzuziehen seien. Gemeindcvertreter Schäfer er- sab aus dem Bortrage de? Direktors Drehschmidt einen mächtigen Dämpfer für die Hurrastimmung. in der der Ankauf beschlossen werden sollte. Die Zwangslage der Gemeinde sei ansqenutzt, um den Preis dementsprechend hoch zu halten; er habe gehöffr daß bei der JubiläumSstinnimiig auch für die Gemeinde etwas' abfallen würde. Von unserem Genossen und auch von bürgerlichen Vertretern wurde wiederholt noch die Misere der Gemeinde hervorgehoben; um zur Elektrifizicruiig zu gelangen. müsse die blttere Pille geschluckt und der Ankauf perfekt werden. Nach lanaem Debattieren wurde dann auch dem Ankauf gegen die Stimmen unserer vier Geno,sen zugestimmt mit der Abändernng der Vorlage, daß die.liisicllungSverbaltmsse des Direklors in nächster Sitzung erörtert werden lollen. Der Em- wand unserer Genossen, ob Aktienbesitzer initstimm-n durften, wurde von Herrn Reichelt aus Grund einer Gerichtsentscheidung un» Herrn von Borsig nebst seinem Direktor als Aktionär zurückgewiesen; sie ließen sich keinesfalls durch diesen Einwand m ihrem Tun be- hindern In später Abendstunde gelangte dann noch ein von verschiedenen Seiten gestellter Antrag zur Erörterung: Den Herrn Landrat zu er suchen, zur Führung der Gemeindevorstehergeschäfte einen R e g i e r u n g s k o m m i s s a r z u b e st e l l e n. Der Vor- steher R e i ch e l t teilte ein Schreiben des LandrateS vom 4. August an den Gemeindevertreter Dr. Hennicke mit, der die Amtsenthebung ReicheltS beantragt hatte. E n,eindevertreter'Schäfer begründete die verlangte Enthcvung damit, daß Herr Reichelt nicht das Vertrauen der Mehrheit der Ver- tretung besitze, und daß er seinerzeit geäußert habe, wenn in erster Instanz die Enffcheidung gegen den pensionierten Bürgermeister Weigert ausfällt, so würde er, Reichelt, nicht mehr amtieren. AuS dieser Haltung heraus resultiert der Angriff. Die Debatte hierüber wurde allseitig mit Heftigkeit geführt. Den Liberalen besonders warfen ihre Gegner vor, daß sie mit ihrem Verlangen der von ihnen so oft betonten Selbstverwaltung nur schadeten und daß man die Verwaltuno nur im Parteiinteresse beeinflussen wolle, nicht im der- meintlichen�Allgemeiiiinteresse. Die Liberalen replizierten, daß Herr Reichelt als Schöffe stets nur das tue, was der Bürgermeister Weigert tat. und deshalb die Gemeinde sich in latentem Kriegszustände befinde. Die ganze Sache ging aus wie das Hornberger Schießen: Die Be- schlußsasfung wurde vertagt bis nach dem am 13. d. M. möglichenfalls stattfindenden Termin. Mit roten Köpfen gingen die Herren spät abends nach ihren Standquartieren, um den weiteren Kriegsplan zu schmieden. Pankow-Niederschönhansett. Mit dem Thema: Zweck und Nutzen der Arbeiter-Jugendheime beschäftigte sich am Dienstag eine im„Pankgrafen" tagende, auch von Frauen gut besuchte öffentliche Versammlung. Nach einem Referat deS GenieindcvertreterS Zabel-AdlerShof hierüber, forderte der Vorfitzende Grünberg die Verianimelten auf, dahin zu wirken, daß auch in Pankow-Nicdersckönhausen bald ein Arbeiter-Jugend- heim errichtet werden könne. Was in anderen, viel kleineren Orten möglich gewesen sei, müsse sich hier am Orte auch verwirklichen lassen. Eine Anzahl Neuaufnahmen für den Verein Arbeiter- Jugendheim waren der Erfolg der Versammlung. Die Polizei ließ eS sich trotz deS Widerspruchs deS Einberusers nicht nehmen, die unpolitische Versammlung zu überwachen. Storkow. Ueber„DaS teure Vaterland" referierte am Sonntag in einer öffentlichen von zirka 150 Personen besuchten Versammlung die Ge- nossin B ö h m- S ch u ch. In ihrer fünsviertelstündigen Rede der- stand eS die Genossin vorzüglich, den Anwesenden die ungünstigen Lebensverhältnisse vor Augen zu führen. Daß sie den Anwesenden ans dem Herzen gesprochen halte, bewies der starke Beifall am Schluß ihres Vortrages. Diskussion fand nicht statt. Zum Schluß wurden einige Aufnahmen in den Wahlvercin vollzogen. )Ziis aller Weit. Zu Tode geprügelt. Ein entsetzlicher Borfall wird aus Auerbach a. d. Bergstraße gemeldet. Bei der dortigen Bürgermeisterei wurde gegen den Lehrer Peter Härtel Anzeige erstattet, daß er den neun- jährigen Schüler Speckhardt, den Sohn eines Tischlers derartig gezüchtigt habe, daß der Junge an den Folgen der Mißhandlung in der letzten Nacht gestorben ist. Gegen den Prügel- wütigen Jugenderzieher ist eine Untersuchung eröffnet worden. Aus russischen Kerkern. Im Zuchthause zu K u t a m a r k S(Kreis NertschinSk) in Sibirien lehnten sich die Gefangenen vor einigen Tagen auf, weil die Wer- waltung eine körperliche Strafe über einen Gefangenen verhängt hatte. Die näWen Umstände deS Vorfalles sind bisher unbekannt. Es kam zum Hungerstrei k, und als dieser erfolg- loS war, zu einem Massenselbstmordversuch durch Gift Drei oder vier Gefangene starben. 78jährige Schwiegermutter verführte. Sie hatten sich geflüchtet, kehrten aber gestern nach Norwalk zurück. Cingegangene vrucltfcdrlf'ten. Von der»Neuen Zeit" ist soeben das 51. Heft des 36. Jayrgauqs erschienen. Aus dem Inhalt des HesteS heben wir hervor: Noch einmal: Die Eiselbanern. Von Ernst Andrse.— Die Katholiken tn der Arbeiterbewegung Italiens. Bon Angelika Balabanosh— Ueber die legale Arbeiter- bewcgung in RuhIaM Von F. Bulkin.— Die B-rschlechte'cung der Recht. sprcchung in der Uiisallgeletzgebnng. Von G. 33.— Literauhchc Rundschau: Allgemeine Berfaffungs- und Verwaltnngsgeschichte. Bon vewrich Cunow. — Lnteinaiionalcs Jahrbuch für Politik und Aibeiterbewegung. Von ew. — Dr. H. Lindemann und Dr. 3l. Sndckum. Kommuuales Jahöbulb. Von ew.— Notizen: Lebensmittelpreise in der Schweiz.— Zcitschristenschau.— Feuilleton: Schweitzers Ansänge. Von F. Mehring. Die Verramschimg der klassischen Kunst. Von Felix Linke. Ernst Lissauer und die deutsche Lyrik der Wegenwart. Von Otto Witlner.— LM/Herschau. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- bandlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preis« von 3,25 Ißt. pro Ouartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Ouartal abonniert werden.' Das einzelne Hest kostet 25 Pf. Probenummern stehen jederzeit zur Berjügung. „In Freien Stniiden". Heft 35—37. Eine Wochenschrist, Romans und Erzählungen für das arbeitende Volk. Verlag Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H., Berlin SW. 68. Jede Woche erscheint ein Hest zum Preise von 16 Ps. Bestellungen durch alle Buch- Handlungen und Kolporteure. Vom»Wahren Jacob" ist soeben die Nr. 26 deS 29. Jahrganges zugegangen. Ter Preis der 16 Seiten starken Rummer ist SO Pf. Probe« nummern sind jederzeit durch den Verlag I. H. W. Tietz Nachs. G. m. b. H. in Stuligart sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen. Von der„Gleichheit", Zcilschrist für die Interessen der?lrveitevlnnen. ist uns soeben Nr. 26 de? 22. Jahrgangs zugegangen. SluS dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Zum bevorstehenden Parteitag ber Sozialdemokratie.— Unsere Jugendarbeit. Von Malbilde Wurm.— Die Frau in der Industrie und Landwirtschaft Württembergs. Schlußkapilel. Von m.— Die Toten mahnen. Bon fk— Aus der Bewegung. Mit den Beilagen:«Für unsere Mütter und Hausjrauen" und»Für unsere Kinder". Die.Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der AbonnementSprelS vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Ps.; unter Kreuzband 35 Ps. Jahrcsabonncmenl 2.60 W. Slrveitertouristcnverei»„Tie Naturfreunde", Ortsgruppe Berlin. Sonntag, den 22. September: Wanderung von NangSdorj nach Blanken- leide, Diedersdorf, Birkholz. Lichtenrade. Abjahrt nach RangSdorj S Uhr 38 Minuten vom PolSdamer Ringbahnhof. Marktbericht von Berlin am 18. Scptbr. 191Z, nach Ermittelung dcS königl Polizeipräsidiums. Markthallen preise.(Kleinhandel) 166 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,06—56,00. Speisebohncn, weiße, 30,00— 50,00. Linien 35,00— 60,00. Kartoffeln(Kleirrhdl.) 5.00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,50—1,90. Schweinefleisch 1,60—2,40. Kalbfleisch 1.50—2,40. Hammelfleisch 1,70—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 4,00—6,00. 1 Kilogramm Karpsen 1,40—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60- 3,60. Hechle 1,60—2,80. Barsche 1.00—2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,60-30,06._ ilvitterungSüberstcht vom 19. September 1913. Stationen Swinemde. Hamburg Berlin FranNai.M München Wien 769,52 77252 770 NW 771152 771.52 76933 «Setter 4 heiter 3 halb bd. 2s heiter li bedeckt 2, wolkig 2chetter was £a wS> Keine Zulage, keine Beerdigung. In der Provinz Ferrara war ein Totengräber namens F a n st i n i angestellt, der die Kirchhöfe zweier Gemeinden zu be dienen hatte. Gegen Schluß deS vorigen JahreS forderte der Mann eine GehnttSerhöhnng, die ihm abgeschlagen wurde. Dafür rächteer sich, indem er die Toten nicht mehr begrub, sondern in einem Hinterraum der Totenkammer stehen ließ. Fast gleichzeitig wurde man auf beiden Kirchhöfen tauf den furcht- baren Verwesungsgeruch auftnerksam und fand in der einen Kammer zwei, in der anderen achtzehn un beerdigte Leichen. Seit Skovember vorigen JahreS soll der Totengräber keine Leichen mehr beerdigt haben. Möglich war daS dadurch, daß in dem Ort die Leichenfeier mit der Ueberführung des Toten in die Leichenkammer ihr Ende zu haben pflegt. Natürlich ist der Toten- gröber verhaftet worden._ Neue Eisenbahnkatastvophen. Zloei schwere Eisenbahnunfälle haben sich im Lauf« deS gestrigen TageS in Belgien und Spanien ereignete. In der Nähe der belgischen Station Marbehan stieß ein Personenzug mit einem Güterzuge zusammen. Bei dem Unglück wurden der Lokomotiv- ührer und der Heizer getötet und 66 Personen ver» letzt, darunter fünf schwer. Auch auf der nordspanischen Station U s a n s o l o erfolgte zwischen zwei Zügen ein heftiger Zusammen- stoß. ES wurden dabei 22 P e r s o n e n verletzt, darunter drei chwer._ Kampf zwischen Sträflingen und Pasiante«. Eine blutige Strahenschlacht zwischen Sträflingen und Straßenpaflanten fand in E v o r a(Portugal) statt. Als eine Anzahl von Sträflingen, die von einer Abteilung Sol- baten begleitet war. nach dem Gefängnis von Evora trans- sortiert wurde, hatte sich in den Straßen Evoras eine zahl- reiche Zuschauernienge angesammelt, die von den Sträflingen in höhnischer Weise beschimpft wurde. Die Zuschauermenge wurde dadurch so erregt, daß sie sich mit Messern und Revolvern auf die Sträflinge stürzte. Erst nach dem Einschreiten des eiligst requirierten 9. Infanterie- Regiments gelang es, die Kämpfenden zu trennen, nachdem neun Personen getötet und 23 schwer verletzt worden waren._ Kleine Notizen. Raubüberfall. Auf der Chaussee zwischen Vetschau und S u s ch o w wurde in der letzten Nacht der Lehrer Konnopke ans Sulchow hinterrücks von zwei jungen Leuten niedergeschlagen. Dem Bewußtlosen, den die Täler wohl für tot hielten, wurden amtliche Taschen durchwühlt uud ihn, seine Barschast in Höhe o n 16 6 M. geraubt. Konnople blieb längere Zeit bewußtlos liegen. Er bat die Täter leider nicht erkannt. Liebe und Haß. In K ö l n hat der Schlosser Wagner die von ihrem Mann getrennt lebende Ehefrau B e r g e r. mit der er längere Zell zusammen gelebt hatte, aus Eifersucht mit einer Feile erstochen. Er durchschnitt sich darauf selbst die Pulsader und wurde schwer verletzt ins KrankenbauS gebracht. — Der Büttner Drexler in K u l m b a ch versuchte seine Ehefrau zu erstechen und verletzte sie lebensgefährlich. Drexler be- ging hierauf Selbstmord, indem er sich erschoß. Aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Eine scheuß- liche Geschichte wird auS Norwalk(Connecticut) berichtet, wo ein 2Sjähriger Italiener I. Toriana in der vergangenen Woche seine wölken! libedcckt 4 wolkig ibedeckl 3 wölken! i Wetterprognose für Freitag, den SO. September 191S. Vorwiegend heiter und trocken, nachts sehr kühl, am Tage etwaZ wärmer bei mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Stationen Sc Haparanda Petersburg Scilly Adcrdeen Paris SZ 769 Still 760 ONO 7700 776 Still 771520 L c-» e" gJ 2 7 13 9 7 WasserftandS-Nachrichten der LandeSanflalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Rntibor » Krassen , Franksurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordainm Elbe, Leitmcritz » Dresden , Bardo , Magdeburg ')+ bedeutet Wucb«,— Fall.—') Untcrvegcl. Artieiter- ßailfalirer- Biisd Solidarität Ortsgruppe Berlin. Tonren zum Sonntag, d. 22. September Sämtliche"Abteilungen: 12 Uhr: Slolpe-Hoheimeuendorf. Start au den bekannten Stellen, Sammelstart 2 Uhr vor dem Bahnhof Stolpe- Hohenneuendors, an der Berliner Chaussee. 11. Abt. am 25. September, 9 Uhr: Strausberg(Hungriger Wolf). Start: ir. Hamburger Straße 18/19. Reinickendorf. 2 Uhr: Stolpe- Hohenneuendors. Start bel. Luning. Achtung! Bezirk Ät. Die Vereine des 1. u. 2. Unter. bezirfs haben den Sammelstart am Sonntag, den 22. Seplember, nach. mlllags 2 Uhr am Bahnhof Stolpe, die Vereine des 3. u. 4. Uiiterbezirkz am Bahnbos Frledrichsseldc- Ost (Magerviebhos) um 2 Uhr nachm. Zahl, eiche Beteiligung erwartet 12/16 Die Bezirksleitung. Offeriere tn nur frischer, schöner Ware: Xiii>«1»"Mg Fette, junge pr» Pfd. 75. 7—12 Pfund schwer. Xar allererste t�aalitiit! Känseruiilpfk, V- Gäuse, fette Suppenhühner, junge Brathühner. Wexuer, Berlin 50• Mariannenstr. 34. Wter-Biato-Vra Groß- ßerlin. „Märkischer Hof", Admiralstr. 18s. Sonntag, den LL. September: nach Stolpe. 12/17 Start: 12'/, Uhr Marianncnplatz. Die angesetzten Touren fallen aus. Voranzeige. Sonnabend, den 2<». Oktober: Lftttnngssss� bei Kliernn, Hascuheide 18/15« Stoffe ffir elegante MaBanzDge, Ulster, Paleto's. Mtr. 4.—, 5— 6.— M. etc. Damentuche, KostBmstoffe, Flausch, Mtr. 3.—, 4., 6.— M. etc. Loden f. W ettorpelermon, Mtr. 1.50.2.50 iL Persianer, Imlt, Mtr. 8.50, 8 50, " SO M. Plüsche, Seiden- Seal, für elegante Damenpaletots Mtr. 8 50. 15.— M. Tuchlager Koch& beeland G. m. b. H. Gertrauiltenstr. 28/21 Klittneil- uiiö f»rflU|lmibfrfi vov Roberl Heyer,' Snh.: P. tiollcu lllll Ullmmlkn-Straßt 2. Telephon: Moritzplatz 346. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclepp. Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Drucku. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u.(£oH Berlin SW.