Ur. 32«. MnnementZ-KeälMWN: Abonnements- Preis Nrännmerando: Vierteljährl. 3>Z0 Mk� moiidtb 1,10 Mit, Inöch entlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg, Sonnlags- » ummer mit illuslrierter Sonntags- Aeilagc„Die Neue Welt' 10 Psg. Post- tchonncnintt: 1,10 Mark pro Monat. Eingelragen in die Post-Zeiwngs- Prelsliste. Unier Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgisn, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, jKUtnönien. Schweden und die Schweiz, 39. Jahrg. Crfttclnt täglich außer montags. Vevlinev Volksblstt. Zentralofgan der fbzialdcmokrati fehen Partei Deutfchlands. Die Mei'tionS'Gebüftr Beträgt für die scchsgespaltene Kolonek- zcile oder deren Raum 00 Psg.. siir politische und aewerlschastliche Poreins- lind Versnnimlungs-Anzeige» i!0 Psg. „Kleine Mnreigen", das settgedriukie Wort 20 Psg.(zulässig Lfctlgcdru-lte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafsicllenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes wettere Wort s Pfg. Worte über 15 Buch- Itaben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer uiüfsen bis i Uhr nachmittags in der Expedition vbgegeben werden. Die Ervodilion ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm> Adresse: „Sozialitetnobrat Btrlia". Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moriüplati, Nr. 1983. Freitag, den 37. September 1913. Expedition: 8Äl. 68, Lindenstraase 69. Fernsprecher: Amt Moriffplatz, Nr. 1981« Masten heraus! Protestiert am Sonntag gegen Hunger- Politik und Regierungshochsnut! BfindkrUdn Lügen. Der Bund der Landwirte holt zu einem großen Schlage aus: Nieder mit den Fleischteuerungs-Agitatoren I gellt sein Schlachtruf in Oertels„Deutscher Tageszeitung". Aber lvas die drei Verfasser dieses' Pamphlets, Roesicke, v. Wangenheim und Hahn, vorzubringen haben, ist trotz alles erkünstelten Pathos so kläglich, in sich selbst so widerspruchsvoll, daß es kaum einer ernsthaften Entgegnung bedarf. Auch nicht ein einziger neuer Gedanke findet sich in dem zwei Seiten langen Elaborat. Unter völliger Vernachlässigung unwiderlegbarer Feststellungen, unter Verwendung ztveifel haftcr und bestrittener Stanstiken, unter demagogischer Ver schiebung der eigentlichen Probleme betreibt der Bund in dieser Erklärung nur die alte Hetze gegen die nicht durch groß. agrarische Interessen gebundenen Volkskreise. Das, was oas deutsche Volk seit den diesjährigen Sommermonaten in un geheure Erregung hineingetrieben hat, ist nicht die„Fleisch tcuerungSagitation" der Sozialdeniokratie, sondern das außer gewöhnliche Steigen der Nahrungsmittelpreise. Muß doch jetzt selbst die„Deutsche Tageszeitung" auf unsere Vor würfe hin, daß die agrarische Presse die Vergleichs� zahlen für Inlands- und Auslandspreise unterschlägt, in ihrem gestrigen Abendblatt die Ausnahmestellung Deutschlands bestätigen. Rom, Pest, Wien, London, zum Teil auch Paris weisen nach der Tabelle der„Deutschen Tages zeituug" niedrigere Fleischpreise auf als Berlin. Auf diese Hauptfrage: weshalb mutz der deutsche Konsument seine Lebensmittel teurer be- zahlen als der ausländische in seiner Heimat? ist die Erklärung des Bundes jede Antwort schuldig geblieben, ja diese Fragestellung ist sogar ängstlich umgangen worden. Dieses Schweigen ist Antwort genug. „An der höheren Preisgestaltung für da's Fleisch t r a gen d i e de utschen La n dwir t e keine Schul d", so beginnt die Erklärung des Bundes. Wer anders denn als die von bündlerischcn Sonderbestrebungen beherrsch- tcn Agrarier haben uin das Deutsche Reich Zollmauern er- richtet, die'Hungerpreise wie in einer belagerten Stadt gc- statten? Es handelt sich nicht ihn die Schuldfrage: Zoll oder allgemein-wirtsck>aftliche EntWickelung?— wie der Bund in bewußter Beugung unserer Anklagen behauptet. Sondern uin die Feststellung, daß unsere Agrarier die inter- nationale Teuerung durch ihre Zollpolitik in Deutschland verschlimmern, die allgemeine Preissteigerung zu wucherischer Ausbeutmig raffiniert ausnutzen. Ter allgemeine Konsum ist durch die gewaltige Bevölkerungsvermehrung und durch die Jndustriealisierung großer Bevölkernngsmassen in Deutsch- 'land so rasch gelvachseit,, daß die deutsche Landwirtschaft nicht mehr Schritt halten konnte. Die Steigerung im Einzelver- brauch spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, obgleich tvir uns nicht mit den Bündlern darüber erregen wollen,'daß der'heutige Konsument auch höhere Anforderungen an die Qualität der Fleischnahrung stellt. So weit geht die Liebe des Proletariers zu der Landwirtschaft denn doch nicht, daß er demütig alles frißt, was ihm der Agrarier vorzusetzen bc- liebt. Der Produzent hat sich auch nach dem Konsumenten zu richten, und wenn der sich für unfähig erklärt, gerechte Ansprüche zu befriedigen, so sucht sich der Konsuineriit eben einen anderen Lieferanten. In den jetzigen Teuerungs- zeiten aber über gesteigerte Ansprüche zu klagen, wo Pferde- kadaver, Hunde und Katzen unter Gefahr krimineller Vergehen als besonderer Genuß erstrebt werden, heißt die Hungernden perfide verhöhnen! Ueber den Fleischkonsum in Teutschland bringt die Er- klärung des Bundes natürlich die falschen, viel zu hohen Zahlen. Daß Professor Eßlen auf Grund sorgfältiger Be- rechnungen den Konsum an Fleisch von warmblütigenl Tieren auf 38 Kilogramm pro Kopf im Durchschnitt der Jahre 1904 bis 1911 geschätzt hat, braucht der Bund natürlich nicht zu wissen. Aber selbst, wenn die höheren Zahlen zuträfen, würden sie dem von hygienischer Seite geforderten Fleischbedarf noch immer nicht genügen. Der Vieh- Vorrat ist von 1873 bis 1911 nur von 199 auf 169 gestiegen, der Fleischbedarf wuchs aber in der gleichen Zeit von 199 auf 254(nach den Berechnungen von Goldstein). Weite Kreise des Volkes hungern, große Schichten find dauernd unter- ernährt, weil es ihnen an den notwendigsten Nahrungsmitteln fehlt. Der Fleischgenuß wird in erster Linie eingeschränkt und ganz eingestellt. Auch die Verbrauchsstcigerungen für das letzte Halbjahr, wie sie der Bund nach der anttlichen Sta- tistik wiedergibt, sind irreführend. Unzählige Male ist von Fleischern, Viehhändlern und auch Landwirten darauf hin- gewiesen worden, daß das Schlachtgewicht der Tiere in der letzter, Zeit stark abgenommen hat, so daß ein Abzug von 5 bis 19 Proz. von den Endziffern vorzunehmen ist. Der Bund braucht natürlich auch davon nicht Notiz zu nehmen! Wenn die Bundeserklärung rühmt, die deutsche Viehzucht versorge jetzt schon«5 Proz. des Verbrauches, so verschiveigt sie — ganz abgesehen davon,>daß diese Prozentzahl zu hock)-ist—, daß jene Versorgung nur möglich ist durch die Entwö'h- n ung großer Volksteile vom Fleischgenuß. Die Unab- hängigkeit der Volksernährung vom Ausland wird nur mög- lich durch erzwungene Einschränkung des Konsums. Aber auch mit dieser Unabhängigkeit ist es noch sehr schwach bestellt. Ein landwirtschaftlicher Fachmann weist in der„Frankfurter Zeitung" darauf hin, daß in der Beschaffung der Futtermittel die deutsche Viehzucht bereits in starkem Maße vom Ausland abhängig ist. Allein für Futtergerste zahlte i. I. 1911 das Deutsche Reich 436 M i l l i 0 n e n M a r k an das Ausland. Der konservative Reichstagsabgeordnete H 0 e s ch muß sogar eingestehen:„Somit ist ein nicht unwesentlicher Teil unserer deutschen Schweinehaltung,_ insonderheit der Schweinemast, nur eine Vcredelungsindustrie für fremdländisches Getreide." Nach Hoeichs Berechnungen Wied bei Mais- oder Gerste- fütterung infolge des Zolles jedes Pfund Schweine- fleisch m i t 9,4 b e z w. 4,3 P f e n n i g e n b e l a st e t. (Durch die Vieh- und Fleischzölle erhöht sich natürlich noch die steuerliche Belastung jedes Pfundes für den Konsum.) Die Futtenitittdzölle sind so die schlimmsten Feinde jedes Bauern. Für eine großbäuerliche Wirtschaft in Hau- nover stellt sich die Rentabilitätseinbuße bei einer Schweine- zucht im Werte von 8999 M. durch den Futtermittelzoll auf etwa 899 M. Die Abschaffung der Futtermittelzölle ist daher das dringendste Erfordernis für die EntWickelung der deutschen Viehzucht. Von den Zöllen- haben nur die Groß- grundbefitzer Vorteile, die keine Futtermittel hinzukaufen müssen. Die Aufhebung der Zölle und sonstigen Grenzsperren bedeutet keinen Ruin für che deutsche Landwirtschaft; die Produktionsfähigkcit der Viehzucht würde vielmehr gesteigert werden. Auch die Einfuhr von Gefrierfleisch könnte bei billigen Futtermitteln keinen Schaden anrichten: der deutsche Bauer bliebe trotzdem konkurrenzfähig, weil auch seine Pro- duktionskosten sich ermäßigten. Bei der Frage der Fleisch- und Vieheinfuhr sucht die Erklärung des Bundes den Anschein zu erwecken, als ob keine besondere Grenzsperre bestände, obgleich sie selbst zugeben muß, daß viele Länder für den deutschen Import völlig gesperrt sind. Unser selbstverständliches Zugeständnis, daß natürlich bei der Einfuhr die notwendigsten sani- tären und Veterinären Maßregeln gewahrt werden müssen, sucht sie in ihrem Sinne auszunutzen, als ob keine der vor- handenen Bestimmungen entbehrlich wäre. Haben sich doch aber bereits mehrere bundesstaatliche Minister für eine Aenderung Jbes§ 12 ausgesprochen! Die jetzigen„Schutz"- bestimmungen sind zum größten Teil nur geschaffen wvrden, um die schon bestehenden zahlreichen Einfuhrverbote tatsäch- lich zu einem möglichst völligen Grenzabschluß zu ergänzen. Die Einwände gegen die Grenze'nöffnung scheinen aber selbst dem Bund so schwach begründet zu sein, daß er nach anderen Mitteln suchte, um sich vor der Brandmarkung als Volksausplünderer zu schützen. Einmal will er es durch Ver- dächtigung anderer Berufskreise erreichen. Alle Produkte seien im Preise gestiegen, zum Teil sogar noch niehr als Lebensmittel. Man solle daher nicht allein auf die Landwirt- schaft schlagen. Soweit diese Preissteigerungen durch Zölle verursacht sind, finden sie in der Sozialdemokratie ebenso leb- hafte Befehdnng als der Lebensmittelwucher. Der Diebstahl anderer entschuldigt noch nicht den eigenen! Auch der demagogische' Hinweis auf die Profite der kapitalistischen Fleischimporteure schreckt die Arbeiter nicht. Bei zollfreier Einfuhr könnte sich kaum ein solcher Wucher entwickeln, wie ihn jetzt der agrarische Hochschutzzoll treibt. Die laugjährigen englischen Erfahrungen sind dafür ein schlüssiger Beweis. Schließlich sucht der Bund auch noch die Fleischer ein- zufangen mit der Drohung, daß ihre Zwischengewinne ge° kürzt werden müßten, und der Lockung, daß Landwirte und Fleischer in gemeinsamer Organisation die Regelung der Vieh- und Fleischpreise übernehmen müßten. Die Fleischer sind bisher solchen Vorschlägen skeptisch gegenüber gestanden. Die Erfahrungen der Spritfabriken und Destillateure mit der agrarischen Schnapszentrale können auch wirklich nicht zu ähnlichen Ver- suchen reizen! Wenn der Bund schließlich versichert, er wolle keine Preistreiberei, sondern nur einen mittleren Preisstand schaffen und die Konsumenten vor der Verteuerung der unentbehrlichsten Lebensmittel durch das Ausland schützen, so pfeift das Volk auf diese demagogischen Phrasen. In Deutschland stehen die Lebensmittelpreise höher als im Auslande, als in den Frei- Handelsländern. Den Schutz vor Hungersnotpreisen muß sich das deutsche Volk selb st schaffen— gegen den Willen der Bündler, gegen den Willen der agrarischen Regierung. Völlig ungenügende Maßnahmen. Wie wenig bei den in Aussicht genommenen Regierungsmaß-- nahmen für das deutsche Volk herausspringen wird, zeigt ein Tele-- gramm der„Köln. Ztg." von ihrem Berliner offiziösen Bericht-- erstatter, das die Ueberschrift trägt:„In Erwartung der Regie- rungsmaßnahmen." Darin heißt es zum Schluß:„Daß Herr von Bethmann radikale Wünsche auf volle Oeffnung der Gren- zen gegen lebendes und totes Vieh erfüllen wird, i st a u s g e- schlössen, und nach allem, was man in zuverlässiger Weise hört, dürfte es sich nur um eine Erleichterung der ausländischen Flejschz-ilfuhr han-deln, für die solche Bedingungen gestellt werden sollen, die die Uebertragung von Seuchen und Krankheiten nach Möglichkeit verhindern. Daß die Regierung eine Aufhebung des bekannten Eingewcideparagraphcn wünscht, glauben wir nicht. Bleibt er aber bestehen, so ist die Einfuhr von gefrorenem Rindfleisch unmöglich gemacht, da die Technik zurzeit ganze oder geteilte Rinder mit anhängenden Eingeweiden nicht in gefrorenem Zustande von über See her einführen kann. Dagegen ist das jetzt schon möglich mit gefrorenen Hammeln Argentiniens oder Australiens, die, wenn man auf gewisse Erschwerungen ver- ziehtet, wie das Auftauen des Fleisches bei der Untersuchung, sehr wohl cingefiihrt werden können, ohne daß damit gegen einen heiligen, aus recht unheiligen Gründen geschaffenen Gesctzespara- graphen verstoßen zu werden braucht." Auch der„Braunschweig. Landeszeitung" wird von angeblich zuverlässiger Seite gemeldet, daß bei den Maßnahmen des Reiches eine Oeffnung der Grenze für lebendes Schlachtvieh nicht in Be-- tracht kommen könne. Massenvergiftung durch verdorbenes Fleisch. In Merseburg erkrankten am 24. und 25. d. M. 4l> P e ra sonen infolge des Genusses von verdorbenem Rind-- fleisch. Gestern wurden abermals ungefähr 30 Per- sonen krank gemeldet. Die Polizei hat die Schlächterei, aus der das Fleisch entnommen wurde, schließen lassen und die Vorräte dem Nahrungsmittcl-Untersuchungsamt in Halle geschickt. Das Befinden einiger der Erkrankten gibt zu den schlimmsten Be- fürchtungen Anlaß. Dänisches Fleisch i» München. Die erste Sendung dänisches Kühlfleisch, im Gewichte von zirka 70 Zentnern, traf am Mittwochmittag im Schlacht- und Viehhof in München ein. Die Tiere, zwölf Stück Großvieh, wurden in Kopenhagen geschlachtet und in Warnemünde der tierärztlichen Untersuchung unterstellt. Das Fleisch ist in tadellosem Zustande augekommen und ist von vorzüglicher Qualität. Die Ein- gcweide, Herz, Lunge, Nieren, Kopf und Euter wurden im Schlacht- hos in München einer amtlichen Nachschau unterzogen und für gut befunden. Die 7t> Zentner Fleisch erforderten an Fracht und Zoll- spesen zirka 13lX) M.(!) Vorläufig handelt cS sich mit der Sendung nur um einen Versuch. Findet das Fleisch, woran nicht zu zweifeln ist, Liebhaber, dann wird der bestellende Schlächtermeister, unter der weitgehendsten Unterstützung der Stadtgemeinde München, regel- mäßig größere Quantitäten Fleisch aus Dänemark einführen. Förderung der Seefischerei. Eine Konferenz findet am kommenden Montag in Emden zwischen Vertretern der Reichsregierung sowie der beteiligten Bundes- regierungen und Interessenten der Heringsfischerei statt. ES handelt sich um die künstige Verwendung des durch den Reichsetat zur Ver« sügung gestellten Fonds zur Förderung der Seefischerei, der im laufenden Jahr eine Erhöhung um 25 000 M. auf 400 000 Di. erfahren hat. Gemeinden und Teuerung. In Klosterfelde stellten unsere Genossen in der Gemeinde- vertretersitzung den Antrag, den Reichstag zu ersuchen um sofortige Anfhebung der Zölle auf Lieh, Fleisch, Getreide und Futtermittel, Bescitigung der Grenzsperre für die Einfuhr von Schlachtvieh, ferner des 8 12 des Fleischbeschaugesetzes und des Einfnhrscheinsystems. In der Debatte wurde von bürgerlicher Seite gesagt, daß eine derartige Eingabe den Eindruck erwecke, als„wolle Klosterfelde der Ge- meinde Schöneberg etwas nachmachen I" Der Antrag wurde ab- gelehnt. Die Hamburger Bürgerschaft nahm einen DringlichkeitS- antrag an, den Senat aufzufordern, im Bundesrat weiterhin darauf hinzuwirken, daß eine Beseitigung der Grenzsperren und eine so- fortige oder zeitweilige Aufhebung oder Ermäßigung der Lebens- miltclzölle eintrete. Weiter stimmte die Bürgerschaft dem sozial- demokratischen Antrage zu, daß der Senat aufgefordert werde, den Einkauf dänischen Fleisches in die Wege zu leite». Ein Agrarier versicherte, seine Freunde hätten gar nichts da- gegen, wenn Vieh aus den deutschen Kolonien eingeführt würde. In Ergste und in Hemer in Westfalen sind kommunale Fischmärkte eingerichtet worden. Die Stadt Hemer hat außerdem bei der Stadt Iserlohn angeregt, die Einführung von dänischem Schlachtvieh nach Kölner Muster in Erwägung zu ziehen.— Die Stadtverordnetenversammlung in Hohenlimburg i. W. hat der von ihr eingesetzten Teuerungskommission einen Kredit von 5000 W. zur Verfügung gestellt, um sofortige energische Maßnahmen zur Linderung der Fleischteucrung zu veranlassen. Unter anderem soll ein städtischer Fischmarkt errichtet werden. Händler und Fa- brikantcn sollen angegangen werden, ihren Bedarf gemeinsam mit der Stadt zu decken. Wegen Herabsetzung der Fleischpreise soll an die Metzgerinnung herangetreten und mit ihr auch über den ge- meinsamen Einkauf von ausländischem Vieh oder frischem Fleisch verhandelt werden. Der Kieler Oberbürgermeister Fuß hat den Vorstand des schleswig-holsteinischen Städtetages einberufen, um über Maßnahmen gegen die allgemeine Teuerung zu beraten. Die Stadtvcrordnetcnverwaltungen einer ganzen Anzahl rhei- nischer Orte haben dänisches Rindfleisch in halben Tieren gelauft, um es zu festgesetzten Preisen durch Metzger an die Konsumenten weiterzugeben, so u. a. Köln, Aachen, Krefeld. Mülheim a m R he i n u n d V i e r s e n. In Aachen haben sich die Metzger- meister geweigert, das von der Stadt erworbene dänische Fleisch zu verkaufen. Darauf hat die Stadt in vier eigenen Verkaufs- stellen in eigener Regie den Verkauf übernommen, mit dem für die Konsumenten erfreulichen Erfolge, daß der den Metzgern zu- gedachte Gewinn von 6 Pf. pro Pfund nun den Konsumenten zu- gute kommt. Das üt die Garde... Das Gardekorps, über dessen Existenzberechtigung mlli- tärische Sachverständige wie Politiker schon längst den Stab gebrochen haben, wird von gcsinnungstüchtigen und mit feudalen und royalistischen Scheuklappen ausgerüsteten Parade- stratggen als eine ganz hervorragende Elitetruppe bezeichnet. Leider beweisen aber zahllose Kriegsgerichtsverhandlungen, daß die weißen und gelben Litzen, die bunten Waffenröcke und Koller und die wehenden Haarbüsche keinen Schutz bilden gegen Kasernenroheit und Kasernenekend. Gerade in den letzten Tagen haben zwei Massenprozesse wieder bewiesen, daß der Militarismus in seiner abstoßendsten Erscheinungsart hinter den Kasernenmauer» des„Elitekorps" zu finden ist. Anfang dieser Woche stand eine ganze Kompagnie des 1. Garde- regiments vor dem Kriegsgericht, um sich wegen Schwindeleien beim Kaiserpreisschießen zu verantworten.(Siehe Nr. 224 des „V.") Die armen Teufel von Grenadieren mußten für die Sünden ihrer Vorgesetzten büßen. Denn wehe dem„Kerl" der die überzähligen Patronen nicht eingesteckt hätte. Die militärisch ganz wertlose Einrichtung des Kaiscrpreisschießcns hat übrigens schon früher eine ganze Anzahl Opfer gefordert, reizt sie doch geradezu an, mit unreelleit Mitteln einen ungesunden Ehrgeiz zu befriedigen. Den Kriegsgerichten wird diese Art Preisschießen auch Iveiterhin Arbeit verschaffen. Am Mittwoch fand aber ein Prozeß vor dem Kriegs- gcricht in Potsdam statt, der geradezu grauenhafte Zustände in einem Regimente aufdeckte, das als das feudalste gilt und dessen Offizierkorps sich aus der„edelsten Blüte der Nation", aus Fürsten, Grafen usw. zusamniensetzt. Wie diese Herren ihre Pflichten als Vorgesetzte erfüllt, wie sie sich um das Wohl ihrer Leute bekümmert haben, zeigt sich an den Feststellungen. die in jenem Prozesse gemacht wurden. Der Bericht sagt darüber: Vor dem Kriegsgericht der Garde-Kavallerie-Division standen am Mittwoch sieben G a r d e d u k o r p s, die beschuldigt wurden, Rekruten mißhandelt zu haben. Aus der Beweisaufnahme ging hervor, daß alle Rekruten der 4. Eskadron mißhandelt worden sind. Als llebeltäter kommen lediglich die älteren Jahr- gänge, hauptsächlich der dritte in Betracht. Angeklagt waren die Gefreiten Pelri und Schlicker sowie die Gardedukorps Schwarz, Overbcrg, Lühre und Teichmann, sowie der Sergeant Schenk, dem vorgeworfen wurde, eine strafbare Handlung Unter- gebener nicht gemeldet zu haben. Das Hauptopfer der Angeklagten war der Gardedukorps Strüving, der heute bereits a I s Militär un tauglich entlassen worden ist. Der Bater des St. hat eine Schadenersatzklage eingereicht und will für seinen Sohn eine Rente erlangen. Er stützt seine Forderung eines- teils darauf, daß sein Sohn beim Militär einmal einen Sturz mit dem Pferd erlitten und außerdem derart von den älteren Mannschaften geschlagen worden ist, daß er erkrankte. In den der Anklage zugrunde liegenden Fällen ist St. von älteren Mannschaften beim Slalldienst und während de-Z Häckselschneidens geschlagen worden. In einem Falle wurde er von Pctri mit der Säbelscheide mißhandelt und von anderen Leuten mit Rohrstöcken und Heuseilen mißhandelt. Bei anderen Mißhandlungs- fällen traten wieder einmal die Degenscheide sowie die Trense und die Pferdestriegel in Tätigkeit. Auch die Stiefelabsätze dienten bei den Mißhandlungen als Mittel. Von besonderer Heftigkeit zeugt ein Mißhandlungsfall, dem St. kurz vor Weihnachten ausgesetzt war und wobei eine ganze Reihe älterer Leute auf ihn einschlugen. Sie glaubten, der Rekrut habe einen alten Jahrgang gemeldet, weil dieser ihm eine kräftige Ohrfeige versetzt, so daß die Nase blutete. Der Täter hatte dafür keinen Weihnachtsurlaub erhalten. In Wahrheit hatte aber der Wachtmeister, der die blutige Nase gesehen, den Fall gemeldet. Um ihren Knnieraden zu„rächen", fielen dann die Drei- jährigen über St. her und mißhandelten ihn in recht roher Weise- Der Rekrut erschien dann eine« Morgens bei seinen Eltern in Fürstenwalde und machte seinem Vater gegenüber den Eindruck, als sei er g e i st e s k r a n k. Er fuhr mit ihm nach Potsdam zurück- St. kam zunächst ins Lazarett und'Hann nach der CharitS. Als er fich auskleidete, beobachtete der Wärter, der gestern auch als Zeuge gehört wurde, am ganzen Körper des Rekruten blaue Striemen, die von den Mißhandlmigen herrührten. Bei St. wurde in der Eharitü der sogenannte Jugendirrsinn konstatiert und er entlassen. Der Sachverständige, Oberstabsarzt Dr. Wazack, führte aus. daß St. bereits vor seiner Einstellung etwas geistesschwach gewesen sei, daß er aber infolge der erlittenen Mißhandlungen recht wohl in seinen früheren Zustand zurückversetzt sein könne. Nach der letzten Miß- Handlung habe man ja auch bei ihm Tobsuchtsanfälle festgestellt. Es sei nicht von der Hand zu weisen, daß die Mißhandlungen das frühere Leiden wieder zum Ausbruch gebracht hätten. Der Vater hatte bei der GefteNmig von dem Leiden des SohneS nichts angegeben. Ferner bekundete der Vater des St., daß er im Januar ein Schreibe» aus der Kaserne der Gardedukorps erhalten habe. Es ist dies Schreiben als ein Notschrei der mißhandelten Rekruten zu betrachten. Es beginnt mit den Worten:„Wir Rekruten teilen Ihnen mit, daß Ihr Sohn schrecklich geschlagen worden ist und daß man esjetzt noch somit u n S macht. Wir werden alle von den alten Leuten geschlagen. Ihren Sohn aber haben sie verstandslos geschlagen." Die Schreiber bitten dann den Empfänger, ihnen zu helfen. Ein weiterer Zeuge traf auf der Fahrt nach Berlin im Coupö mit einem Gardedukorps von derselben Eskadron zusammen und dieser erzählte ihm. daß es in der Schwadron toll zugehe.„Bei uns gibt's viel Keile und den Strüvel haben sie zuschanden geschlagen!" Auf die Frage, warum ste sich denn nicht bei den Vor- gesetzten beschweren, erwiderte der Rekrut, daß sie dann doch den Kürzeren ziehen würden. Bon den zahlreichen vernommenen Rekruten bekundeten fast alle, wenn auch zögernd, daß fie von den alten Leuten mißhandelt würden. Abends Beim Häcksel- fchneiden, das im Dunkeln vor sich gehe,»verde stets geschlagen. Einige- der Zeugen, wahrhaft hühnenhafte Gestalten, trauen sich nicht mit der Wahrheit heraus, so daß sie vom VerhaiidlungZfllhrer, Kriegsgerichksrat Cruse, auf den Eid hin- gewiesen werden müssen. Die Leute zwingen schließlich den Ver- handlnngSleiler zu dem Vorwurf:„Da stehen nun die langen Kerle und wagen eö nicht, die Wahrheit zu sagen, weil fie befürchten, noch mehr Keile zu bekommen. Ist es Ihnen denn tatsächlich so gleich- gültig, als erwachsener Mensch fich wie ein Schulbube schlagen zu lassen? Empfinden Sie denn nicht das Ehrlose in dieser Behandlung?" Man gewann von den Zeugenaussagen den Ein- druck, daß es in der ganzen Schwadron üblich ist, daß die Rekruten von den alten Leuten ihre Dresche bekommen. Und daß beim Häckselschneiden tüchtig geschlagen wird, ist gerichtsnotorisch an- erkannt. Der Vertreter der Anklage, Kriegsgerichtsrat Dr. Seile, führte u. a. aus, daß es sich hier wieder einmal um derartige rohe Ausschreitungen älterer Mannschaften gegenüber den Rekruten handele, wie sie leider noch inimer an der Tagesordnung seien. Im Jnterefie der Disziplin und der Dienstfreudigkeit der jüngeren Maimschafleu bitte er gegen die Uebeltäter mit aller Strenge vorzugehen. Leider habe man trotz aller Bemühungen seitens der maßgebenden Stellen diesen Unfug noch immer nicht ausrotten können. Wieviel Selbstmorde seien schon auf diesen Uebelstand zurückzuführen und wie manche Fahnen- flucht sei durch derartige Mißhandlungen von Rekruten verursacht worden. Er beantragte gegen die Angeklagten Gefängnisstrafen von zwei bis zu sechs Monaten und gegen den Sergeanten vier Wochen Mittelarrest. Das Gericht nahm jedoch mildernde Umstände an. Es erkannte gegen Schwarz und Overberg auf je drei Wochen und' gegen Schlicker auf 14 Tage Ge- fängnis. Petri erhielt sechs Wochen Mittelarrest und der Sergeant Schenk sieben Tage Mittelarrest. Lühre und Teichmann wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Wir haben diesem Kulturbild aus der Kaserne eines deutschen Eliteregiments nichts hinzuzusügen. Erwähnen wollen wir nur noch, daß die Herren Lorgesetzten, die von diesen systematisch und dauernd geübten Brutalitäten nicht das mindeste gemerkt haben, nach der letzten Rangliste sind: Regimentskommandeur Graf von Rothkirch und Trach, Eskadron- chef Rittmeister von Hirschfeld, Oberleutnant von Arnim, Leutnant Friedrich Graf zu Solms-Baruth, Leutnant von Helldorf, Leutnant Freiherr von Oelsen und Leutnant Graf Finck von Finckenstein. Man sieht, es handelt sich um Herren des feudalsteni Armeeadels.'Aber das Vertrauen- der bäum- langen Gardereiter zu ihren Vorgesetzten ist, wie aus dem Verhalten der Zeugen im Prozesse hervorgeht, nicht gerade groß gewesen. Die Herren Gardedukorpsoffiziere Haben- offenbar, wenn sie nach dem Reit- und Exerzierdienist sporenklirrend die Kaserne verlassen hatten� Tag und Nacht beim Studium'der Kriegswissenichaftcn zugebracht(das ist ja, wie jedermann weiß, die Hauptstärke und die Lieblingsbeschäfti- gung der meisten'Gardekavallerieofsiziere), so daß ihnen zur Kontrolle des„inneren Dienstes" keine Zeit blieb. Diese Kontrolle läßt freilich nicht allein bei lder Gardekavallerie zu wünschen übrig, wie Tausende von Kriegsgerichtsverhand- lungen beweisem In aller, Kasernen wird von Offizieren und Unteroffizieren an die Er zi eh nngsb ochilfe ider„alten Leute" direkt oder indirekt appelliert, und das wird sd bleiben, solange wir das militaristische System und nicht ein wirkliches Volksheer haben. Immerhin ösfnen Vorgänge, wie sie jetzt bei der 4. Schwadron der Gardedukorps zutage gekommen sind, wieder vielen die Augen über das Wesen« des Militarismus und tragen zn seiner Bekämpfung bei. politileke deberficbt. Berlin, den 26. September 1912. Der bayerische Lotterievertrag mit Preusteu. Nach dreimaliger Ablehnung im Ausschuß und einmaliger Ab- lehnung im Plenum des bayerischen Landtages hat am Donnerstag das Zentrum auf Wunsch des Freiherrn v. Hertling daS Lotteriegesetz und damit den Staatsverirag mit Preußen angenommen. 87 stimmten mit ja, 83 mit nein. Geschlossen gegen die Lotterie stimmten nur die Sozialdemokraten, mit denen vereinzelte liberale Bauernbündler und Zentrumsleute gingen. Der Umfall des Zentrums wurde von ollen Seiten gebührend gewürdigt. Der Minister- Präsident nahm auch selbst das Wort, um zu versichern, daß er keinerlei Schritte getan habe, um ein Tauschgesetz— Lotterie gegen Jesuiten— z» machen. Er nannte ein solches Beginnen eine Be- stechung. v. Hertling bestritt etwas, was niemand behauptet hat; kein Mensch hat ihm zugetraut, daß er einen förmlichen Vertrag mit Preußen geichlosien halte. Behauptet worden ist nur. und das hat er im Reichsrat selbst erklärt, daß er durch die Zustimmung zum Lotterievertrage die preußische Mißstimmung gegen Bayern beseitigen wolle._ Eine Protcstversammlung der Berliner Unterbeamte». Eine stark besuchte Unterbeamtenversammlung beschäftigte sich vorgestern abend mit dem bekannten Erlab des E'isenbahn- m i n i st e r S, in dem es als„patriotische Pflicht aller staatstreuen Bürger" bezeichnet wird, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen; denn dieser Erlaß läuft auf eine direkte Unterstützung des fortschrittlichen Kandidaten Dr. M u g d a n hinaus, der im ersten Berliner Landtags- Wahlkreise für den verstorbenen Abgeordneten Albert Träger auf- gestellt worden ist. Der Versammlungsleiter betonte, daß man eS hier mit einer direkten Parteinahme der Eisenbahnbehörde zu- guiisten von Dr. Mugdan zu tun habe; die uyterenBeamten und Arbeiter lehnen aber solche Bevormundung entschieden ab. Erst kürzlich habe der Eisenbahnminister der Beamtenschaft den Rat erteilt, sie möchte sich zu der den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Ueberzeugung durchriiigeii, daß der Herr Minister in der Fürsorge für seine Beamten bis an die Grenze der Möglichkeit gehe, und daß, wo immer ein Bedürfnis zur Besserung der Stellung der Beamten und die Möglichkeit der Durchführung vorliege, die Verwaltung die Initiative im Interesse der Beamten ergreifen werde. Mit bitteren Worten wies der Redner darauf hin. daß die unteren Eisenbahnveamten und Arbeiter schon seit Jahr und Tag ihre Not klagen. �Zahllose große und kleine Versammlungen hätten stattgefunden, Ströme von Tinte seien geflossen: aber auf die notlindernde Aufbesserung habe man bei' den Unterbeamten vergebens gewartet. Wo bliebe da die Initiative der Verwaltung? Regierung und Verwaltung ließen es ruhig geschehen, daß den Aermsten und Armen zugunsten der Besitzenden durch die teuren Lebensmittelpreise die Taschen geplündert würden und täten sich dann noch etwas auf ihre Fürsorge zugute. Worin bestände diese Fürsorge? Etwa darin, daß man die Berufsorganisationen fort- gesetzt schikaniere und daß man den Beamtenblättcrn den Zensur- Maulkorb umbinde? Von Petitionen habe man nichts mehr zu hoffen— nur politische Selbsthilfe könne noch wirken. Deswegen dürfe man unter keinen Umständen einen geschworenen Feind der Anzestclltxn und der Pegmley Lnserstützcji. Weng die Regierung schon für einen Freisinnigen Propaganda mache, dann fei er ganz gewiß danach. Leider komme im preußischen Klassenstaat der Unterbeamte nicht einnml als Stimmvieh in Betracht. Wenn er wirklich stimmen möchte, so sorge der durch die öffentliche Stimmabgabe bedingte G e w i s s en szwa ng dafür, daß ihm die Lust vergehe. Darum sei das einzig richtige Verhalten für die Unterbeamten und Arbeiter bei der bevorstehenden Landtagsersatz- Wahl im 1. Landtagswahlkreise strikteste Wahlenthaltung. In der Diskussion machte sich die herrschende Erbitterung der Unterbeamten in derber Weise Luft. Die vor Jahresfrist in Aus- ficht gestellten Unterstützungen hätten nur das bekannte „Abonnement der Würdigen und Satten" Bewiesen. Es sei vor- gekommen, daß sich Unterbeamte an die Armen- direktion hätten wenden müssen, denn von ihrer vor- gesetzten Behörde hätten sie nichts erhalten. Man verzichte auf die Brosamen, die die anderen Beamten übrig gelassen hätten und verlange endlich ein Gehalt, das zur Existenz ausreiche. 1100 M. Jahresgehalt für einen UnterBeamten in Berlin, der mindestens schon 15 bis 20 Jahre dem Staat für ein n y ch armseligeres Einz kommen gedient habe, sei unwürdig. Von zwei anwesenden bekannten sozialdemokratischen Ab- geordneten erklärte der eine seine volle Uebereinstimmung mit den Ausführungen sämtlicher Redner. Auch die Unterbeamtenschaft müsse, sagte er, endlich einsehen, daß sie dieselben Interessen habe wie die proletarische Arbeiterschaft, zumal da die Väter und Söhne, Brüder und Schwestern der Unterbeamten doch meistenteils Sozial- demokraten wären. Die sozialdemokratische Partei werde fich mit Entschiedenheit der unteren Beamtenschaft in den Parlamenten annehmen. Wenn die Regierung mit den Brocken einer«Kinder- zulage" kommen sollte, so könne das nur wirken wie der Tropfen auf den heißen Stein. Erhöhung der Gehälter für alle Unter- beamten und vor allen Dingen eine andere Wirtschafts- Politik seien die wirklichen Hilfsmittel für die große Not der Unterbeamtenschaft. Die„Post" ist über diese Stellungnahme der» Beamten und insbesondere darüber, daß man auch einen Sozialdemokraten reden ließ, ganz erschrocken; sie gibt den Beamten den Rat, die„Kon- sequenzen aus ihrer Haltung zu ziehen" und fich als sozialdemo- kratische Parteibeamte an die Futterkrippe der„Genossen" zu wenden. Der Versammlungsleiter hätte sicherlich has erforderliche Talent dazul_ Reichswohnungsgesetz. Die sozialdemokratische ReichStagSfraktion hat in der letzten Sitzung des Reichstags bekanntlich die Anregung zum Erlaß eines Reichswohnungsgesctzes gegeben, die den Reichstag veranlaßte. eine Kommission für die Beraiung der Angelegenheit einzusetzen. Die Vorschläge der Kommission sind dann vom Reichstag in der Form von drei Resolutionen angenommen worden, wonach die Verbündeten Regierungen ersucht wurden, dem Reichstage in der nächsten Ta- gung„Gesetzentwürfe, betr. Regelung des Wohnungswesens" vor- zulegen. Wie weit die Angelegenheit im Schöße der Regierung oder des Bundesrats gediehen ist, läßt sich nicht sagen, die Regierungen der Einzelstaaten werden aber inzwischen in der einen oder anderen Form ihre Fühler ausgestreckt haben. So hat im Fürstentum Lippe die Regierung die vom Reichstage für ein entsprechendes Gesetz aufgestellten Richtlinien der Handelskammer und der Handwerks- kammer zur Begutachtung unterbreitet. Die Handelskammer be- schloß zu antworten,„daß zu einem Wohnungsgesetz für Lippe kaum ein Bedürfnis vorliege, der Entwurf aber vom Standpunkt des Handels und Gewerbes zu Bedenken keinen Anlaß gebe," Die Handwerkskammer hat die Bedürfnisfrage glatt verneint. Man kann noch nicht wissen, wie sich die Lippesche Regierung in der wichtigen Frage entscheiden wird, aber wenn sie auf dos Urteil der genannten Stellen besonderen Wert legt, so muß denn doch gesagt werden, daß die Handels- und Handwerkskammern zu einer sachlichen Beurteilung des Problems kaum befähigt sind. In den Handels- und Handwerkskammern sitzen fast nur Leute, die von einer Wohnungsfrage am eigenen Leibe sehr wenig spüren— meist sind die Mitglieder Hausbesitzer. Die Regierungen müssen sich da schon auf andere Weise helfen, wenn sie wirklich Vorurteils- los prüfen lassen wollen. Beständen Arbciterkammcrn, würden sie zuständiger in der Wohnungsftage sein als Handels, und Hand- wcrkskammern und sie würden auch ihre Aufgabe erfüllen, dessen kann man versichert sein._ Mangelndes Erinnerungsvermögen. Die„Schlesische Volkszeitung" berichtet, baß der Staatsanwalt dem Vizepräsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses, Geheimen Justizrat Porsch, mitgeteilt, auf seine AnSfage im Prozeß Borchardt- Leinert werde verzichtet. Dieser Verzicht ist im Einverständnis von Verteidigung und Staatsanwaltschaft erfolgt, da mittlerweile festgestellt wurde, daß diese Vernehmung nichts Wesentliches hätte ergeben können. Vize- Präsident Dr. Porsch weiß fich nämlich an die angebliche Aeußerung des verstorbenen Präsidenten v. Erffa: es komme ihm bei der Aus« Weisung des Abgeordneten Borchardt eher auf Auftechterhaltung feiner Autotttät als auf die der Ordnung an, nicht zu ent- sinnen._ Die Not des ISOOV Mark-Präfidenten. Die staatSerhaltende„Rheinifch-Westfälische Zeitung", die mit besonderer Aufmerksamkeit die Schwankungen deS Regierungsschiff. lein? in der Hauptstadt der Reichslande verfolgt, hat herausbekommen, daß die wiederholten Anspielungen der klerikalnationalisti* schen Blätter im Elsaß, ein hoher Beamter in Straßburg habe trotz 12 500 M. Gehalt für seinen Sohn eine jährliche Studienunter- stiitzung von 1000 M. aus dem Dispositionsfonds des kaiserlichen Statthalters in Straßburg erhalten, sich auf den Präsidenten des kaiserlichen Oberschulrates in Straßbnrg, Dr. Alb recht, bezieht. Präsident Albrecht habe diese Vorwürfe der klerikalen Pressenoch nie zurückgewiesen, und er könne dies auch nicht. In dieser Zeit unerhörter Lebensmittelteuerung ist es ein Trost für die Arbeiterschaft, daß die Not nicht nur an die Arbeiterfamilien mit 900 und 1000 M. Jahreseinkommen herantritt, sondern auch an StaarswürdenträLer, die 12— 14 mal soviel Gehalt beziehen. Immer- hin dürfte dieser Feststellung, ihre Nichtigkeit vorausgesetzt, in der nächstjährigen Session deS elsaß-lothringischen Landtages eine„Not- standsdebatte" folgen, die für die Regierung nicht ganz angenehm sein dürfte. Und wie schön steht das elsaß-lothringische Zentrum da, das der Regierung diesen Dispositionsfonds im Landtage auch 1912 wieder trotz des energischsten Widerspruches der sozialdemokratischen Fraktion bewilligt hat? Ein Nürnberger Polizeistückchen. Der Geschäftsführer der„Fränk. Tagespost" hatte, wie früher, auch bei den letzten bayerischen Landtagöwahlen die Wahlresultate dadurch bekannigegeben. daß mittels eines einfachen Transparents die eintreffenden Zahlen angezeigt wurden. Dieses Transparent war am Schaufensier der Expedition angebrachl. Wie erwähnt. wurde diese Methode schon bei vielen Wahlen angewandt, jedoch niemals von der Polizei beanstandet. Bei der letzten Wahl erhielt Genosse Fcnz einen auf 3 M. lautenden Strafbefehl. Auf Einspruch sprach das Schöffengericht Fenz frei. Der Amtsanwalt legte Berufung ein. Von der Strafkammer erfolgte wiederum ein ffreispiiich. Der Staatsanwalt legte Revision beim höchsten bayerischen Gericht, dem obersten Landesgericht ein. Dieses be- stäligte das freisprechende Urteil der Strafkammer und wies die Revision zurück. Die schrullenhafte Ansicht, e» sei die Information des Publikums über deu Wahlausfall durch ein Transparent Polizei- widrig, hat also dem Staate unnützerweise ein hübsches Stück Geld gekostet. Die Freveltat dess Genossen Fenz war von der Polizei als.Erzeugung von Lichtbildern" deklariert. Neue Hafenbauten in Cuxhaven. Der Senat beantragte bei der Bürgerschaft die Bewilligung von 8 800 000 M. für die Erweiterung des neuen Hafens von Cuxhaven und von 360 000 M. �nr Ausführung besonderer Anlagen für die Hambura-Amerika-Lime. Beide Beträge sollen auf dem Anleihe- wege beschafft werden._ Oeltcmlch. Ersatzwahl für Franz Silberer. Montag fand in Wiew die Nachwahl für den bei einer Bergtour verunglückten sozialdemokratischen Neichsratsabge- ordneten Franz Silberer statt. Man erinnert sich der infamen Verleumdungskampagne der Christlichsozialen, die in ihrer Schandpresse monatelang behaupteten, Genosse Silberer sei nicht verunglückt, sondern nach Veruntreuungen von Gewerkschaftsgeldern nach Amerika geflohen. Erst die Auffindung der Leiche machte der niederträchtigen Hetze ein Ende. Genosse Silberer war 1911 erst in der Stichwahl mit liberaler Hilfe gewählt worden. Diesmal war unser Kan- didat Genosse Rudolf Müller. Er erhielt 6718 Stim- men,'der Christlichsoziale 6972, ein Deutschnationaler 1693, ein Fortschrittler 686 und ein Separatist(I) 643 Stim- men. Natürlich erhielt dieser merkwürdige tschechische „Sozialdemokrat" auch die Stimmen der tschechisch-bürger- lichen Chauvinisten. Genosse Müller hat 126 Stimmen mehr erhalten als Genosse Silberer im Vorjahr. Die Stichwahl findet nächsten Montag statt. Eine sozialdemokratische Anfrage in der Delegation. Wie», 26. September. In fortgesetzter Beratung des Budgets des Ministeriums des Aeußern in der Sitzung des Ausschusses für äußere Angelegenheiten fragte Delegierter Dr. Ellenbogen den Minister des Aeußern nach konkreten Details der Vorschläge, die er den Mächten erstattet habe, weiter fragte er, ob der Minister unter allen Umständen eine friedliche Politik auf dem Balkan be- folgen wolle. Schließlich wünschte der Redner Aufklärung über die Auffassung des Ministers, betreffend die Flottenkonzentration im Mittelmcere. Der Minister des Aeußern Graf Berchtold er- klärte, er behalte sich die Beantwortung der Anfragen des Dele- gierten Ellenbogen vor. Eine Anfrage wolle er sofort beantlvorten, nämlich die Anfrage ob die Regierung militärische Interventionen in der Türkei und eine territoriale Verschiebung daselbst beab- sichtige. Er habe sich in seinem ersten Expose, im April dieses Jahres, zu dem Prinzip der Kontinuität bekannt. Er müsse daher seine Verwunderung aussprechen, daß Ellenbogen glaube, er werde heute also 5 Monate später ein« Kriegspolitik befolgen. Der Mi- nister hätte geglaubt, Ellenbogen werde ihm mehr Vertrauen ent- gegenbringen. Er könne die Anfrage Ellenbogens nur negativ be- antworten. Was den letzten Passus des Exposes anbelange, so sei dieser selbstverständlich so zu verstehen, daß es die oberste Auf- gäbe der Armee und der Marine sei, den Frieden zu schützen. Ciirhd. Die Aufstandsbewegung auf Sumos. Konstantinopel, 25. September. Die telegraphischen Verbin- düngen zwischen Sa mos und Smhrnä sind unterbrochen. Die Pforte erhielt optische Telegramme vom Fürsten von Samos, die sie bisher noch nicht offiziell bekannt gemacht hat. Dem trotzdem bekannt gewordenen Inhalte zufolge haben gestern um 2)4 Uhr nachmittags die kretischen und samischen Rebellen die Vathy domi- nierenden Höhen angegriffen, die von türkischen Truppen verteidigt wurden. Das Feuer dauerte bis zum Abend. Auf feiten der Türken wurde ein Sergeant getötet und ein Soldat verwundet- Die Verluste der Insurgenten dürften groß sein. Einige Samioten von Ober- und von Unter-Vathy schössen aus den Häusern auf türkische Soldaten, die das Feuer erwiderten. Ein französischer Kreuzer ist gestern, ein englischer heute in Vathy eingetroffen. Eine zweite Depesche besagt, die Insurgenten stiegen über die Anhöhen in die Täler hinab und griffen von neuem die Truppen an. Auch im Innern der Stadt dauert das Feuergefecht fort. Ein Protest Griechenlands. Athen, 26. September.(Meldung der Agenee Havas.) Der griechische Gesandte in Konstantinopel hat den Auftrag erhalten, sich heute auf die Pforte zu begeben und energischen P r o t e st einzulegen sowie die notwendigen Aufklärungen zu ver- langen wegen des Angriffs auf ein griechisches Schiff. Der Ge- sandte soll in einer Verbalnote fordern: 1. Strenge Bestrafung dev Schuldigen. 2. Eine Entschuldiguig der ottomanischen Regie- rung. 3. Schadenersatz._ Die türkischen Armcemanöver an der bulgarischen Grenze. Konstantinopel, 26. September. Die zweite Division, die sich in Smyrna befindet, wird in zwei Tagen in Konstantinopel ein- treffen, um an den Manövern bei Adrianopel teilzu- nehmen. Konstantinopel, 26. September. Den Blättern zufolge hat der Minister des Aeußern Noradunghian dem bulgarischen Ge- sandten Sarafow, der Aufklärungen bezüglich deS Zwecks der Manöver verlangte, erklärt, daß die Ma- növer, die alljährlich stattfinden, nicht als eine Drohung gegen Bulgarien angesehen werden dürften, mit dem die Pforte trotz der in letzter Zeit sich dort bemerkbar machenden Erregung die freund- schastlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten wünsche- Die Ver- treter der Türkei hätten die Weisung erhalten, den Mächten die gleiche Versicherung bezüglich der Manöver zu geben. Ctriiia. Quertreibereien der Anleihe-Mächte. London, 25. September. Wie das Reutersche Bureau erfährt, gibt man sich der Erwartung hin. daß die Regierungen der sechs Mächte von ihren aus dem Abkommen über die Boxerentschädi- gung herrührenden Rechten Gebrauch machen werden, um zu ver- hindern, daß irgendein Teil der Ueberschüsse der Salzsteuer für einen anderen Zweck verwendet werde. Diese Ueberschüsse seien hauptsächlich für die Boxerentschädigung oder für den Dienst der ausstehenden Anleihen verpfändet. Es wird erwartet, daß eine Mit- teilung in diesem Sinne der Pekinger Regierung unverzüglich ge- macht werden wird._ Wieder eine Soldatenrevolte. London, 25. September. Das Reutersche Bureau meldet aus W u t s ch a n g: In der Skacht hoben außerhalb der Stadt lagernde Truppen sich empört und die Stadt angegriffen, sind aber von der Garnison zurückgewiesen worden. Wutschang, 26. September. Die Truppen, die in der Nacht zum 25. d.M. sich empörten, bestanden aus 2000 Mann Kavallerie,- ihre Kaserne liegt außerhalb der Stadt. Ihnen hatten sich Ar-! tilleristen angeschlossen, von denen sie jedoch nachher im Stiche ge- l lassen wurden. Die Verschwörung wurde entdeckt. Die Tore der Stadt wurden geöffnet, 50 Meuterer hineingelassen und sofort er- schössen. Liyanhung sandte treugebliebene Truppen gegen die Em- pörer, von denen 200 gefangen genommen und erschossen wurden. Die übrigen ergriffen die Flucht. Jetzt ist alles wieder ruhig. Ein Kampf zwischen Mongolen und Chinesen. Zizikar, 25. September.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Der Kommandeur einer von hier nach der Mongolei entsandten Truppenabteilung berichtete, daß bei einem Zusammenstoß mit Mongolen in der Nähe von Aangtungtsien im Fürstentum Tuschigan 300 Mongolen getötet und reiche Beute, dar- unter 300 Stück Großvieh, den Chinesen in die Hände gefallen seien. Soziales. Soziale Lasten. Im bunten„Tag" gab Herr Axel Bueck kürzlich— Nr. 216— wieder ein Gastspiel als Artist auf dem Gebiete der Scharfmacherei. Er jongliert da mit allerhand Taschenspielerkünsten gegen besseren Hüttenarbeiterschutz. Was auf der Internationalen Arbeilerschutz- konferenz in Zürich als Notwendigkeit und durchführbar erkannt worden ist— die Achtstundenschicht für die Feuerbetriebe in der Eisengroßindustrie— kann nach Bueck die deutsche Industrie nicht vertragen. Außer technischen Einwänden, die kaum noch ein Mensch ernst nimmt, operiert der Scharfmacherverbandssekretär a. D. nun auch wieder mit der Behauptung, die Werke würden von den sozialen Lasten ohnehin schon beinahe erdrückt. Die aus der verlangten Ver- kürzung der Arbeitszeit resultierenden Mehrkosten könne die In- dustrie unter keinen Umständen aufbringen. Wie steht es nun in Wirklichkeit mit den sozialen Lasten? Erstens muß festgehalten werden, daß nicht die Unternehmer, sondern die Produzenten die Kosten der sozialen Versicherung restlos auf- bringen. Aus dem Ertrage der produktiv Tätigen werden alle Auf- Wendungen bestritten. Die sozialen Lasten sind Geschäftsunkosten, wie alle anderen auch: sie stellen einen Teil des Lohnes dar. Daß die Lohnkosten— Löhne einschließlich soziale Ausgaben— die Existenzfähigkeit der Industrie nicht untergraben, daß die„erdrückenden" Lasten immer noch einen ganz unverantwortlich hohen Entbehrungs- lohn für die gänzlich überflüssigen und nutzlosen' Aktionäre erlauben, beweist die Aktienstatistik. Und die Eisenindustrie steht dabei unter den Gewerben nicht an der letzten, vielmehr an ganz hervorragender Stelle. Nach den amtlichen Zu- sammenstellungen— Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reiches, Ergänzungsheft 11 1912— betrug die Durchschnitts- dividende, alle deutsche Aktiengesellschaften zusammengefaßt, für 1910/11 8,6? Proz., dagegen für den Erzbergbau 8,Z8 Proz., für sämtliche Hüttenwerke 9,26 Proz., für den Steinkohlenbergbau 9,02 Proz., für den Braunkohlenbergbau 9, SS Proz., für die gemischten Hüttenwerke S,S8 Proz., für die Metallverarbeitung S,86 Proz. und für die In- dustrie der Maschinen, Instrumente und Apparate 8,76 Proz. Für alle diese Gewerbegruppen geht demnach die Dividende über den Gesamtdurchschnitt hinaus. Dieser Tatsache gegenüber immer noch das Märchen von der ruinösen Belastung der Industrie zu erzählen, zeugt von einem unzerstörbaren Kinderglauben, oder von bewußter Gaukelei eines hartgesottenen Sünders. Die ganze Versicherung als eine Einheit betrachtet, find ihre Kosten— soweit sie von den Arbeitern indirekt, in der Form der Unternehmerbeiträge geleistet werden—, in Wirklichkeit sehr minimal. Nach den Angaben im„Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich"— 1912— ergeben sich für das Jahr 1910 folgende Resultate: Summe d. Unter- Zahl der Kosten pro nehmerbeiträg�M. Versicherten Versichert. M. Krank-nberficherung 129 882 700 13 954 973 9,3 Unfallversicherung. 199 920 300 24154 000 8,27 Jnvalidenversicherg. 98 677 000 15 659 700 6,49 Danach wären insgesamt für einen Versicherten pro Jahr 24,06 Mark aufzubringen. Da hier die niedrigen Leistungen für die Landorbeiter mit einbegriffen sind, resultieren für die Industrie tatsächlich höhere Kosten. Sie differieren weiter nach der Höhe der Löhne, der Stabilität der Beschäftigung, vor allem auch nach dem Grade der Unfallgefahren in den einzelnen Gewerben und nach den Kosten der besonderen Versicherungseinrichtungen, wie sie sich aus der Natur des Betriebes, z.B. für den Bergbau. in den Knappschafts lassen, erklären. Der Bergmann ist schnell verbraucht, früh„berg fertig" wie der Fachausdruck für Berginvalidität lautet. Daraus erwachsen bedeutende Versicherungskosten, wodurch die Leistungen der Knappschaftskassen die der Krankenkassen beträchtlich überragen. Ueber die Beitragsleistungen der Zechen für die Arbeiterverstcherung hat der Werksstatistiker Jüngst Berechnungen angestellt, die in einem Sonderabdruck der Zeitschrift„Glückauf" veröffentlicht worden sind. Sie reichen bis zum Zahle 1909. Herr Jüngst lieferte den Hetzern gegen Sozialpolitik erwünschtes Material. Er errechnete, daß die„öffentlichen Lasten" für den Berg- bau bis über 100 Prozent der von ihm herausgebrachten Dividende hinaussteigen: bei der Konkordia Bergb.«G. z. B. sollen sie 157,82 Prozent ausmachen. Das Kunststückchen bringt Jüngst fertig, indem er alle Steuern, Realabgaben, soziale Lasten und„sonstige öffentliche Lasten" zusammenwirft. Mit dem- selben Recht könnte er auch noch die Löhne hinzurechnen und damit beweisen, daß die armen Aktionäre in unverschämter Weise ge- plündert werden. Das Verhältnis der Reingewinne zu den Bei- trägen der Unternehmer für die Arbeiterversicherung veranschaulichen wir in der folgenden Aufstellung nach den Angaben für das Jahr 1909. Ji| diesem Jahre haben die Kohlengruben finanziell am schlechtesten seit langer Zeit abgeschnitten. Trotzdem konnten sie respektable Gewinne ausschütten, und die auf den Kopf der Arbeiter zu leistenden Beiträge bleiben auch in dem schlechten Jahre weit hinter dem Reingewinn zurück. Hier der Beweis: Beiträge Ab-«• Zahl?°pk der Unter. schrei- Rem- �r Arbeiter nehmet Bungen 6 � Last Reingew. Gesellschaft M. M. M."""" M. M. Harpen 3 334 760 8132 044 7 541096 28143 118 268 König Ludwig 639 962 1 265 217 1 200 000 2 295 278 622 Konkordia 640 919 1 467 556 1 227 880 2 499 256 491 Gewerkschaft Graf Bismarck 607 225? 4 054 416 1 957 210 2 072 Gelsenkirchen 4 447 974 11 100 000 13 307 602 44 589 99 300 Die Summe des Reingewinns und die sich ergebende Kopfquote ist naturgemäß sehr stark abhängig von dem Verhältnis des nomi- nellen zum wirklich investierten sowie des eigenen Kapitals zu Leih- gelde, mehr noch aber von dem Verhältnis zwischen Kapitalsumme und Zahl der beschäftigten Arbeiter, ferner auch von der Finanz- technik, der Praxis der Abschreibungen usw. Die letzteren sind durch- weg außerordentlich hoch. Hier soll nun nicht das RentabtlitätS- verhältnis erörtert, sondern nur gezeigt werden, daß selbst im Krisen- jähr ganz erkleckliche Ueberschüsse pro Arbeiter herausgewirtschaftet werden konnten. Die nächsten Jahre erbrachten zudem größere Ueberschüsse. Bei Gelseukirchen stellen sich die Reingewinne für 1910 und 1911 auf rund 16 Millionen Mark, bei 12,8 resp. 14,5 Millionen Mark Abschreibungen und der Reingewinn pro Arbeiter hob sich auf 350 M. resp. 336 M. Für die gemischten Werke liegen Nachweise über die Beitrags- leistungen nicht vor. Daß sie hier gut ertragen werden können, he- weisen die Geschäftsabschlüsse. Soweit die vorliegenden Berichte Au- gaben über die Zahl der Arbeiter enthalten, benutzen wir sie zu dieser Uebersicht: m„!» Rein« Ditn- Rein- Zahl g�inn dende Gesellschaften gclrnrnt der» pro in M. Arbeiter Arbeiter Proz., .„.. 1909/10 6 874 267 13 408 475 11 Deutsch-Luxemburg» igig/ig l6 SS5 796 20 273 546 11 coc• erw, 1910/11 3 630 309 4 673 777 8 Rhemrsche Stahlwerke 19�12 5 291 499 4631 1157 10 „,... 1910/11 24 074 82 37 222 646 15 ........ 1911/12 29 627 225 38 041 76Z 18 „„„ 1910/11 6 8�2 540 10 040 679 12 Aumetz-Fnede---- 1911/12 9 8Z4Z5Z 11028 891 12 Die schon bisher recht hohen Ueberschüsse sind für das letzte Geschäftsjahr kräftig gestiegen, trotz der angeblich erdrückenden sozialen Lasten. Angesichts solcher EntWickelung und solcher Ergeb- nisse gehört wirklich eine harte Stirn dazu, den notlvendigen Hütten- arbeiterschutz mit Hinweis auf ungenügende Rentabilität der Unter- nehmet zu bekämpfen._ Unberechtigte Entlassung. Gegen die Firma Bohn u. Hock klagte gestern der Zeichner H. vor der 5. Kammer des Gewerbegerichts auf Zahlung eines Mo- notsgehaltes wegen unberechtigter Entlassung. Kläger war bei genannter Firma als Zeichner mit einem Monatsgehalt von 130 M. angestellt. Im Juni beantragte er wegen eines stark auftretenden Herzleidens einen Urlaub. Dieser wurde jedoch nicht bewilligt. Auf Anraten eines Arztes begab er sich nach Liebenstein zur Kur und sandte der Firma nach 14 Tagen ein zweites ärztliches Attest ein, worin ihm bescheinigt wurde, daß er die Kur noch fortsetzen müsse, wenn er nicht arbeitsunfähig nach Berlin zurückkehren wolle. Die Beklagte hat ihn darauf sofort ohne Zahlung des Gehaltes entlassen, weil er die Kur nicht habe unternehmen brauchen. Das Gericht verurteilte mit Recht die Firma dem Klageantrag entsprechende Die ärztlichen Atteste bewiesen, daß Kläger zur Wiederherstellung seiner Gesundheit die Kur unternehmen mußte. Mithin sei die sofortige Entlassung zu Unrecht erfolgt. Hirn Induftne und Ftandel. Die Genossenschaftsmühle der schweizerischen Konsumvereine. Die Genossenschaftsmühle ist die neueste Errungenschaft der schweizerischen Konsumvereine und das unbestrittene Verdienst daran gebührt den Züricher Bäckermeistern. Weil vor einigen Monaten der Züricher Lebensmittelverein mit seinen zirka 20 000 Mitglie- dern eine Brotpreiserhöhung nicht mitmachte, wurde über ihn der Mehlbohkott verhängt und die Bäckermeister standen„Boykott- Posten", um die Mehllieferungen zu kontrollieren, die der Lebens- mittelverein trotz dem Boykott in genügender Menge erhielt. Der Erfolg dieses unsinnigen Boykotts oder Uniernehmerterrorismus war nicht nur eine erhebliche Steigerung der Brotproduktion des Lebensmittelvereins, sondern auch der Ankauf der sogenannten „Stadtmühle" in Zürich, die einer Aktiengesellschaft gehört und eine der drötzten und modernsten eingerichteten Mühlen der ganzen Schweiz ist. Es wurde von 44 Konsumgenossenschaften und dem Konsumverband eine besondere Mühlengenossenschaft gegründet. Die Jahresproduktion der Mühle mit zirka 1400 Waggons Mehl ist bereits an die beteiligten Konsumvereine vergeben. Da 78 Konsumvereine eigene Bäckereien besitzen, 16 Vereine Backe- reien gepachtet haben, insgesamt 221 Konsumvereine aber Brot vermitteln, so könnte die Genossenschaftsmühle eine noch größere Mehlproduktwn absetzen. Die Mühle wurde mit 1 700 000 Frank angekauft,-das notwendige Betriebskapital wird auf 300 000 Frank angegeben. Die Geldgeschäfte der neuen Genossenschaftsmühle be- sorgt die Genossenschaftsbank des Konsumverbandes.- In die drei- gliedrige Direktion der Genossenschaftsmühle ist auch der bisherige Direktor der Aktienmühle, Maggi, gewählt worden. Die betet- ligten Konsumvereine haben bis jetzt 472 000 Frank Anteilscheine gezeichnet. Für alle Mitglieder der Genossenschaft besteht der Be- zugszwang._ Der Schweizerische Konsumverband hat im Jahre 1911 die Zahl der ihm angehörigen Konsumvereine von 328 im Jahre 1910 auf 349 erhöht. Die von 314 Vereinen bekannte Mitgliederzahl beträgt 224 423, die Zahl der Läden 1072, die sich auf 493 Gemeinden ver- teilen. Angestellte gab es 4044. Die Summe der Bezüge belief sich auf 109 309 205 Frank, der Nettoüberschuß 927 881 Frank, der Betrag der Rückvergütungen 7 515 549 Frank, das Genossenschafts? vermögen 9 125 617 Frank, die bezahlte Staats- und Gemeinde- steuer 454 239 Frank, der Durchschnittsumsatz pro Verein 348 118 Frank, pro Laden 191 968 Frank und pro Mitglied 487 Frank. Das schweizerische Genossenschaftswesen entwickelt sich also m erfreu- lichster Weise._ Hus der-Frauenbewegung. Frauenkonsercnzcn in der Schweiz. Mehrere Gewerkschaftsverbände und der Schweizerische Ar- beiierinneqfcerband zusammen veranstalten seit einiger Zeit an verschiedenen Orten Frauenkonferenzen, um die politische und ge- werkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen zu fördern. Am letzten Sonntag fand in Zürich die zweite sozialdemokratische Frauenkonferenz statt, die von 54 Genossinnen und 10 Genossen aus dem ganzen Lande besucht war. Das Einladungszirkular sagt über den Zweck der Konferenz:„Das Bedürfnis nach systematischer Aufklärung und geistiger Höherentwickelung beginnt sich allüberall unter den Arbeiterinnen zu'zeigen. Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß das klassenbewußte Fraucnproletariat als integrierender Bestandteil der Arbeiterbewegung wichtige Aufgaben für die Gegenwart und Zukunft zu vollbringen hat. Durch die Frauenkonferenzen sollen diese Ziele den Arbeiterfrauen und Tbch- tern in unmittelbar anschauliche Nähe gerückt werden. Die ver- schiedenen Arbeiterorganisationen erweisen sich selbst einen wert- vollen Dienst, wenn sie zahlreiche Delegierte an diese Frauen- konferenzen entsenden." Behandelt wurden die verschiedenen Agitationsmethoden, namentlich die Hausagitation. Für Dienstmädchen hat sich in der Stadt Zürich der wöchentliche Zusammenkunftsabend erfolgreich bewährt, lieber„Barzahlung und kurze(wöchentliche) Zahltage",„Alkohol und Arbeiterfrage" sowie„Frauenstimmrecht" hielten die Genossinnen Härri, Höllrigl und Leuzinger beifällig aufgenommene Referate. Die Genossin Ellenbogen las einen in- struktiven Artikel aus dem„Vorwärts" über die Hintansetzung der Frau in der Gesetzgebung aller Staaten vor. Die nächste Frauenkonferenz soll wiederum in Zürich im De- zember stattfinden. Durch diese eifrige und planmäßige Agita- tions- und Organisationsarbeit, an der sich die Arbeiterinnen- sekretärin Genossin Walter sowie Genosse Greulich hervorragend beteiligen, wird die sozialdemokratische Frauenbewegung in der Schweiz erfolgreich gefördert werden. .Ausländische Arbeiterinnen in der Fischkonserven, industrie. Im Anschluß an die von uns gebrachte Notiz über die Ar- beiterschutzbestimmungen in der Fischkonservenindustrie können wir jetzt mitteilen:, daß bereits für eine Anzahl Fischbetriebe in Altona- Ottensen der erste Trupp fremder Arbeiterinnen eingetroffen ist. Die von einem Stellenvermittler aus Landsberg importierten jungen Mädchen sind den Firmen G. Gieseler, Joh. Lehrmann, W. Tollgreve u. Co. und Heinr. Thebens überwiesen und in den Fabrikräumen einquartiert worden. Bei fteiem Logis und Lieferung von Kartoffeln ist der Tagelohn auf 1,60 M. bis 1,70 M. be- messen. Die Fischindustriellen wollen durch Heranschleppung fremder Arbeiterinnen die bisher üblichen Löhne drücken. GewerkfcbaftUcbea. Berlin und dmgegend. Zur Aussperrung im Dachdeckergewerbe. In der„Deutschen Dachdeckcrzeitung" vom IS. September schreiben die Arbeitgeber: „Die Aussperrung der organisierten Dachdeckergesellen und Hilfsarbeiter bleibt bestehen. Durch das feste und treue Zu- sammcnhalten der Meisterschaft wird der frivolen Hand- lungsweise der Arbeitnehmer im Berliner Dachdeckergeiverbe mit zäher Energie entgegengetreten. Zwei Meister, welche ihre organi- sicrten Gesellen nicht ausgesperrt haben und einen Sondervertrag mit den Arbeitgebern unterzeichnet haben, sind in eine empfind- liche Strafe genommen worden. In der Streikkasse der Arbeit- nehmer sollen Uli MO M. vorhanden gewesen sein, wovon bis jetzt zirka 55 000 M. verbraucht sind. Der vorhandene Rest dürfte ebenfalls bald aufgebraucht sein. Die Meisterschaft geht gegen diejenigen, welche die Arbeitswilligen belästigen, energisch vor, indem sie Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Die An- gaben über den Verlaus der Aussperrung im„Vorwärts" und in der Gesellenzeitung sind nicht der Wahrheit entsprechend. Zu bedauern ist es nur, daß eine in Süddeutschland erscheinende Zeitschrift für die Interessen der Dachdeckcrmeister die Berichte der vorgenannten beiden Zeitungen als Unterlagen benutzt, um über die Aussperrung im Berliner Dachdeckergewerbe zu berichten. Wie es um die Wahrheitsliebe dieser beiden Arbeitnehmcrblätter bestellt ist, sollte dem Wiesbadener Meisterblatt doch nicht unbe- kannt sein. Tie angeblichen Geschäfte, welche Sondcrtarife mit den organisierten Gesellen unterzeichnet haben sollen, gehören nicht dem Arbcitgeberverbande an und sind zumeist solche, die für das Dachdcckerhandwerk gar nicht in Betracht kommen; es sind darunter Gesellen und Arbeiter, die gelegentlich mal eine Dach- reparatur ausführen. Die Streikbewegung hier in Berlin steht für die Meisterschaft äugerst günstig. Arbeitswillige sind gc- nügend vorhanden. Die Zahl der organisierten Gesellen in Berlin soll bis auf 350 zurückgegangen sein. Eine Organisation mit so wenigen Mitgliedern kann für die Meisterschaft zur Abschliehung eines Tarifes kaum noch in Frage kommen." Den Beweis dafür, datz der„Vorwärts" über den Verlauf der Aussperrung unwahre Berichte gebracht hat, ist das Meisterorgan schuldig geblieben. Kein Blatt hat bis jetzt so objektiv berichtet als wie gerade der„Vorwärts". Die Arbeitgeber haben natürlich allen Grund, die Dinae als für sie günstig darzustellen. In Wirklichkeit getrauen sie sich aber keine tatsächlichen Angaben über den Verlauf der Aussperrung zu machen, aus Furcht, sich in der Oeffentlichkeit zu blamieren. Besteht das feste und treue Zu- sammenhalten der Meisterschaft etiva darin, daß bis jetzt 45 Ar- beitgeber die Lohn- und Arbeitsbedingungen unterschriftlich aner- kannt haben Von diesen 45 Arbeitgebern gehören mehrere dem Arb�itgeberverband und auch der Innung a n I Es sind durchaus nicht nur„Dach st üben- m e i st e r", sondern auch Arbeitgeber, welche in Berlin unter den Dachdeckermeistern a n erster Stelle stehen! Sie beschäftigen gegenwärtig zirka 250 Dachdecker und Hilfsarbeiter. An anderer Stelle in der„Deutschen Dachdeckerzeitung" heißt es dann: „Der Kollege Jahn hat seine organisierten Leute anfangs ausgesperrt. Durch unwahre Behauptung des Gesellenführers Görnitz hat sich derselbe verleiten lassen, einen Sondertarif zu unterzeichnen. Kollege Jahn wird deshalb in eine Strafe von 20 M. genommen. Derselbe erklärt, seine organisierten Arbeit- nehmer sofort wieder auszusperren. Die Mitglieder der Ber- liner Dachdeckerinnung sowie die Mitglieder des Arbeitgeberver- bandes für das Dachdcckerhandwerk zu Berlin und Umgegend sind fest entschlossen, auch fernerhin treu zusammenzuhalten und den Uebermut der Arbeitnehmer zu zügeln, denn zu streiken lag gar keine Veranlassung vor, da weder über den Stundenlohn, noch über die tägliche Arbeitszeit Differenzen waren. Die Dachdecker- gesellen wollten nur ihre Macht den Meistern gegenüber zeigen und sie zwingen, mit den Hilfsarbeitern einen Tarif abzü- schließen, der für die Arbeitgeber unannehmbar war. Außerdem sollte der bestehende Arbeitsnachweis in einen obligatorischen umgewandelt werden, wofür sich die Meisterschaft bestens be- dankte, weil dann dieselbe bezüglich des Arbeitsnachweises ganz ausgeschaltet würde." Hierbei läßt sich wieder sofort feststellen, daß die Angaben «nich hier wider besseres Wissen gemacht worden sind. Die Arbeit- geber wollten den Krieg! Das beweisen die Aeußerungen der einzelnen Arbeitgeber. Herr Richter sagte bei den Vcrhand- lungen zu den Arbeitnehmern:„Meine Herren! Solange sind Sic die Fordernden gewesen. Jetzt ist die Reihe aber an uns." Es waren nicht die Arbeitnehmer, welche die Arbeitgeber zwingen wollten, einen Tarif mit den Hilfsarbeitern abzuschließen. Die Ar- beitgeber hatten bereits schon 1010 zu erkennen gegeben, daß sie hierzu bereit waren. Auch in ihrem Gcgentarif hatten sie die Hilfsarbeiter mit einbezogen. Hätten die Arbeitgeber für die Hilfsarbeiter die alten Löhne weiter bezahlen wollen und hätten sie in ihrem Gegentarif für die Dachdecker nicht ganz erheb- liche Verschlechterungen gefordert, dann wäre der Kampf wohl vermieden worden. Sehr sonderbar ist es nun aber, daß die Arbeitgeber die Dinge so hinstellen.� als ob die Verhandlungen beim paritätischen Arbeits- Nachweis gescheitert sind. Hiermit glauben sie jedenfalls in der Oeffentlichkeit noch Eindruck hervorrufen zu können. Die Gründe, weshalb eine Verständigung nicht möglich wurde, waren: Die Unternehmer wollten von ihren gebotenen Verschlechterungen nicht zurückgehen und den Tarif unter keinen Umständen länger als bis zum 31. März 1013, also auf nur Jahre verlängern. Recht originell sind auch die Angaben über die Kassenvcrhält- nisse und über den Rückgang der Otganisation. Woher die Ar- beitgeber ihre Weisheit schöpfen, wissen wir allerdings nicht. Wohl aber wissen wir, daß die angegebenen Zahlen in keiner Weise stimmen. Für so naiv werden die Arbeitgeber in Berlin sicher doch keinen Menschen halten, ihnen zu glauben, die Organisation wäre auf 350 Personen zusammengeschmolzen, oder aber, die Organisation müßte den Kampf aufgeben wegen Mangel an Geld. Noch sind die Kassenverhältnisse sehr gute und werden es natürlich auch bleiben. Von dem Berliner Kampf wird die Zentralkasse nicht sonderlich erschüttert. Glauben die Unternehmer, die Kasse ausrauben zu können, so müssen sie sich noch eine Zeit gedulden, die für ihre Verhältnisse sicher zu lange dauern wird. Auch bei diesem Kampf muß wieder darauf hingewiesen werden, daß die Polizei sich in den Dienst des Unternehmertums gestellt hat. Streikposten, welche am Sonntagvormittag vor dem Meister- arbeiisnachwcis in der Culmstraße ruhig ihres Amtes walteten, wurden auf Veranlassung des Herren Gregor jr. durch die Polizei fortgewiesen. Vor mehreren Bauten hat die Polizei Auf- stellung genommen, um zu verhüten, daß die Streikposten mit den Arbeitswilligen in Berührung kommen. Eines ganz besonderen Schutzes durch die Polizei dürfte sich aber Herr Hermann Matz, Schönhauser Allee 97, erfreuen. Vor seinem Hause steht ständig ein Schutzmannsposten. Was es dort zu bewachen gibt, ist bis heute nicht recht klar geworden. Die Streikposten haben niemand be- lästigt. Am Freitag, den 20. September, früh, haben sich die Krimi- nalschutzleute Gebhard t und Zinke vom 115. Polizeirevier Herrn Matz auch noch zur Verfügung gestellt. Beide Kriminal- beamtcn hatten sich in Arbeiterkleidung gesteckl und versuchten bei Herrn Matz den Streikposten gegen- über die„Arbeitswilligen" zu spielen! Alle beide gingen an genanntem Tage mit Dachdeckerhandwerkzeug versehen vom Platz des Herrn Hermann Matz. Wollten sie durch ihr Ge- baren etwa die Streikposten zu unüberlegten Handlungen provo- zieren? Aber auch dieses Kunststückchen ist fehlgeschlagen. Die Streikposten ließen sich von den Gentlemen nicht hineinlegen. Ucber de» Streik in der chirurgischen Branche wurde am Mitt- wocb in einer Branchenversammlung der dem Deutschen Metall- verantw. Redakt.� Alfred� Wiclepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: arbeiterverbande angehörenden Klempner mitgeteilt, daß kürzlich Verhandlungen mit der Firma Lautenschläger stattfanden, die aber kein Ergebnis hatten, weil das, was die Firma bot, den Arbeitern nicht genügte. Wegen der übrigen Firmen hat Generalsekretär Nasse vom Verband der Metallindustriellen eine Unterredung mit der Streikleitung gehabt, die ebenfalls resultatlos verlief, weil hier den Arbeitern noch erheblich weniger geboten wurde als bei der Ver- Handlung mit der Firma Lautenschläger. Bei dieser handelt es sich um 50 Streitende, für die der Streikbrecheragent Koch trotz aller Bemühungen keinen Ersatz besorgen kann. In den kleineren Betrieben sind wohl einige von den Mannschaften Kochs tätig, doch ist ihre Arbeitsleistung m keiner Hinsicht ge- nügend. Trotzdem erhalten die Streikbrecher einen Tagelohn von 7,50 M., während die Streikenden, wenn ihre Forderungen bewilligt würden, nur etwa 7 M. pro Tag bekämen. Diese Talsache beweist, daß die Forderungen recht gut bewilligt werden könnten, wenn nicht die Unternehmer, getrieben durch ihre Organisation, ihr vermeint- liches Herrenrecht zur Geltung bringen wollten.— Der Streik dauert jetzt drei Wochen. Die Situation ist für die Streikende» durchaus günstig. Sie haben deshalb gar keine Veranlassung, au die ungenügenden Angebote der Firmen einzugehen, sondern werden im Kampfe aushalten, bis ihre Forderungen bewilligt sind. Der Streik in der Bonbon-»nd Zuckerwnrenfabrik von Seifert n. Haake nimmt schärfere Fornren an. Gestern lvar die Lictzmann- straße förmlich unter Belagerungszustand. Tie Firma, die alle Vcrmittelungsveriuche der Organisation schroff zurückweist, weil die„Stellen ziemlich besetzt" seien, hat trotzdem im„Arbeitsmarkt" der„Morgen po st" Hilfsarbeiter und Arbeitskuischer gesucht, ohne erkennen zu lassen, daß die Firma bestreikt wird. Dienstag nachmittag kamen nun die armen Arbeitslosen in Scharen an, um sich ehrliche Arbeit zu suchen. Die Streikposten hatten einen schwe- ren Dienst, die Ankommenden sämtlich über die Situation aufgu- klären. Selbstverständlich verzichteten die meisten auf solche„Ar- bcit". Das aber gerade schien die Polizei außerordentlich n e r- bös werden zu lassen. Besonders ein junger Schutzmann und ein Kriminalschutzmann zeichneten sich durch barsches Vorgehen gegen die Streikposten hervorragend aus. Den Streikposten wurde ge- setzwidrig verboten, die Leute über die Situation aufzuklären, ja sogar sie überhaupt anzusprechen. Ein Beamter forderte die Ar- beitsuchenden auf der Straße auf, in den Betrieb hineinzugehen. Besagte Beamte traten derart auf. daß diese„unparteiische" Amts- führung Widerspruch und Emvörung bei Passanten und Anwohnern herausforderte. Seitens eines Beamten wurde der Firma der Rat gegeben, die Arbeitslosen zum nächsten Tag wieder zu bestellen, was denn auch geschah. Eine ganze Anzahl Verhaftungen, auch Un- beteiligter war die Folge dieses Diensteifers. Zwei Streik- Posten wurden ohne ersichtlichen Grund in eine dunkle Zelle gesperrt. Es tvarcn zwei ruhige, besonnene Leute. In der Polizeiwache Georgcnkirchstraße haben die Streik- Posten schon die empörendsten Redensarten gehört. Ein Beamter sagte:„Laßt Euch erst die Absätze gerade machen!" Ein anderer:„Die Kutscher müßten Sie mit der Mist- gabel vertreiben!" Ueber solche Dinge hat sich die andere Seite, die Firma, nicht zu beklagen. Herr Haake, der im Vor- stand der Fabrikantenvereinigung sitzt, winkte einem Schutzmann mit dem Finger, welcher Einladung der Beamte, sofort eilfertig folgte. Ob der Schutzmann„Instruktion" erhielt, entzieht sich unserer Kenntnis. Der Fabrikantenverband handhabt die schwarze Liste ri- goros. Die Organisation hat bereits Material in Händen, das nach Vervollständigung den Herren eine Schadenersatzklage einbringen wird. Der größte Abnehmer der Firma Seifert und Haake ist die Firma I o h. Gerold, die an Buchdruckereien und Fabrikkonsuln- vereine usw. viel Ware liefert. Diese Firma hat in loyaler Weise den Herren Seifert u. Haake geraten— allerdings ohne Erfolg—, sich mit ihren Arbeitern zu verständigen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die organisierten Arbeiter in Buchdruckcreien und Fabriken usw. als Abnehmer der Firma Gerold die von Arbeitswilligen hergestellten Waren und Streikarbeit konsumieren müssen. Die Streikenden halten mustergültig zusammen und hoffen mit Unterstützung der Konsumenten auf einen Erfolg ihrer guten Sache. * Bon der Firma Sarotti erhalten wir folgende Zuschrift: „Bezugnehmend auf Ihre Mitteilung in Nummer 222 Ihres Blattks vom 22. d. M. unter„Berlin und Umgegend" erlauben wir uns, eine Erklärung dahingehend abzugeben, daß wir aus Verlangen jede gewünschte Warensendung an die Firma Seifert u. Haake machen würden, wenn wir auch bisher nur unsere Markenartikel, wie sie die Firma Seifert u. Haake schon seit längerer Zeit von uns bezieht, liefern." Diese Erklärung der Firma Sarotti ist höchst merkwürdig. Nachdem sie sich vorher bemüht hat, eine Notiz in den„Vorwärts" zu lancieren, wonach sie k e i n e Streikarbeit geliefert hat, kommt ihr plötzlich das Bedürfnis an, öftentlich festzustellen, daß sie„auf Ver- langen jede gewünschte Warensendung(also auch Streikarbcit!) an die Firma Seifert u. Haake machen" würde. Steckt die Fabrikantenvereinigung dahinter? Uns« scheint, daß die Herren der Fabrikantenvereinigung völlig vergessen haben, was sie provo- zieren. Sie stellen ja keine unentbehrlichen Nahrungsmittel, sondern Genuß mittel her, welche die große Masse monatelang, ja, Wenns sein muß, völlig zu entbehren vermag. Der kleinere Teil der Konsumenten aber, Sie sich etwa auf die Seite scharfmacherischer Schokoladen- und Zuckerwarenfabrikanten stellen wollte, dürfte seine Sympathie schnell mit einem verdorbenen Magen bezahlen und den Kampf aufgeben. Die Berliner Bäckermeister, welche den Kampf mit dem Verband der Bäcker und Konditoren hinter sich haben, können den Herren Schokoladenfabrikanten sicher sagen, daß sie am besten tun, wenn sie sich mit ihren Arbeitern auf annehmbare Lohn- und Arbeitsbedingungen einigen. Oeutkcbes Reich. Der Streik der Dreher bei denLinke-Hofmann-WerkeninB r e S l a u ist nach zweitägiger Dauer beendet worden, nachdem die Tnrektion die Stunde n'löhne um 1 bis 5 Pf. durchweg erhöht hat. Die Aufbesserungen für Akkordlöhne betragen bei einzelnen Artikeln bis zu zehn Prozent. Bis auf 7 Hirsch-Dunckersche gehörten die 120 im Streik befindlichen Dreher sämtlich dem Metall- arbeiterverband an. An eine Reihe von Zuckcrwaren- und Schokoladenfabriken in Herford wurden vom Verbände der Bäcker und Konditoren Forde- rungen auf Erhöhung der Löhne für die Arbeiter und Arbeiterinnen und auf Verbesserung der Arbeitsverhältnisse eingereicht. Es wurden auch in verschiedenen Betrieben Lohnzulagen erreicht.- Bei der Firma Kiel u. Schmahl, mit der der Verband bisher im Tarifverhältnis gestanden hatte, gelang es, einen neuen Tarif zur Anerkennung zu bringen, durch den für die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinne» Lohnzulagen innerhalb eines Jahres von 2 M. erlangt wurden. Der größte Teil der Beschäftigten besteht aus jugendlichen Personen.— Bei der Firnra Barmeier u. Flachmann, Kakao-, Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik, war es trotz aller Bemühungen nicht möglich, in Unterhandlungen zu kommen. Auch die angerufene Vermiltelung des Arbeitgeberschutzverbandes durch einen ihrer Sekretäre verlief er- gebnisloS. Selbst der Arbeiterausschuß der Fabrik wurde brüsk abgewiesen. Darauf erfolgte am Montag die Arbeitsniederlegung. 45 Personen sind am Streck beteiligt, darunter 24 Verheiratete mit 42 Kindern, drei Personen sind im Betriebe stehen geblieben. Streik der Maschinisten und Heizer auf den Fisch- dampfern der Unterweserorte. Da die Fischdampferreedereien es bisher abgelehnt haben, mit einer Kommission und der Organisanonsleitung zu verhandeln, wurde am Dienstag, den 24. d. M., in einer stark besuchten Versammlung einstimmig die Arbeitseinstellung beschlossen. Die Reeder versuchen, an Stelle von Maschinisten die Schiffe mit Th.Gl«itc.Berl'n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u, Verlagsanftalt Assistenten, Oberheizern oder Heizern zu besetzen.� Kem Maschinist, Assistent oder Heizer lasse sich verleiten, den Kämpfenden in den Rücken zu fallen! Zuzug dieser Berufsgruppen nach Bremerhaven, Geestemünde und Nordenham ist fernzuhalten. Streik in einer Bremer Schokoladenfabrik. Dienstagmorgen haben die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma H a ch e z u. Co.. Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik, die Arbeit niedergelegt. Die bitterste Not hat die Streikenden zur �Arbeits- einstellung getrieben, wurden doch den Arbeiterinnen noch Stunden- löhne von 18 Pf., den Arbeitern solche von 30 bis 40 Pf. bezahlt. Die Firma hielt es nicht für nötig, auf die Forderung, die in einer Lohnerhöhung von etwa 10 Proz. bestand, eine Antwort zu geben. Sie lehnte auch den am Momag von der Organisationsleitung unternommenen Versuch ab, die Sache auf gütlichem Wege zu regeln. Dem Streik haben sich fast alle im Betriebe beschäftigten-Arbeiter und Arbeiterinnen angeschlossen. Die Polizei im Dienste des Unternehmertums. In Straßburg im Elsaß streiken seit zehn Tagen die Tabak- arbeiterinnen. Alle Versuche, die Streikenden wankend zu machen, scheiterten bisher. Nun versuchen die Unternehmer ihr Glück durch die Polizei. Am Mittwoch ging ein Schutzmann zu einigen Arbeiterinnen und deren Eltern und redete ihnen zu, die Arbeit wieder aufzunehmen, da ihnen der Verband doch nicht helfen könne. Die Arbeit der Polizei war natürlich umsonst. Ausland. Der Eisenbahnerstreik in Spanien. Die Regierung hat über die Nachrichten vom Eisenbahnerstreik eine strenge Zensur verhängt, so daß viele Meldungen an den ent- scheidenden Stellen unterdrückt sind. Die Regierung bestreitet, daß sie Militär nach Madrid beordert habe und daß sie die Linien be- wachen lasse. In der Presse kommt eine pessimistische Stimmung zum Ausdruck. Viele Arbeiterverbände halten Versammlungen ab, um den Sympathiestreik zu erörtern. Man glaubt, daß die Re- gierung beim ersten Anlaß zur Verhaftung der Streikführer schreiten wird. Soviel aus den ersichtlich durch die Zensur beeinflußten Mel- düngen erkenntlich ist, hat sich die katalanische Streiklage nicht wesentlich verändert. Auf der Südbahn, deren Personal fast voll- zählig streikt, hört der bisher noch notdürftig und mit stundenlanger Verspätung vermittelte Verkehr allmählig ganz auf, während auf der Nordbahn der Streik unmittelbar bevorzustehen scheint. Auf ein Umsichgreifen des Ausstandes über Katalonien hinaus bezügliche Gerüchte, die fortwährend umlaufen, blieben bisher, ebenso wie die Meldungen von Unruhen, unbestätigt. Aus Valencia, Pamplona und Saragossa sind Truppen nach Barcelona abgegangen. Anläßlich der Eröffnung des Sozialisten- kongresseS herrscht im Volkshause von Barcelona große Bewegung; unter den Teilnehmern befinden sich viele Eisenbahner. Von Bar- celona auS sind alle Verbindungen auf dem Landwege mit Frankreich gesichert. Die Verbindungen mit dem übrigen Spanien werden auf dem Wege über Saragossa aufrechterhalten. Die Streikenden ver- halten sich ruhig und korrekt und bleiben den Bahnhöfen fern. Fünf Züge, die von den Streikenden durchgelassen wurden, sind dicht ge- füllt in Barcelona angekommen. Verschiedene Züge werden durch Genietruppen in Betrieb erhalten. Die Eisenbahnlinien werden sireng bewacht.___ letzte JHachr iebten. Krieg zwischen Bulgarien und der Türkei? Wien, 26. September.(P. C.) Bei Zusammentritt des Aus- schusses für äußere Angelegenheiten- der österreichischen Tele- gation wurde im Parlament mitgeteilt, ein Wiener Bankhaus habe aus Bulgarien die Nachricht erhalten, Bulgarien habe der Türkei den Krieg erklärt. Mehrere Delegierte wandten sich an den Minister des Aeußercn Grafen B e r ch t o l d mit dies- bezüglichen Anfragen, die der Minister dahingehend beantwortete, daß ihm von einer bereits erfolgten Kriegserklärung nichts be- kannt sei.— Die hiesige bulgarische Gesandtschaft teilt mit. daß eine Bestätigung der Nachricht, derzufolge Bulgarien der Türkei den Krieg erklärt habe, noch nicht eingetroffen sei. Wenn auch vorläufig von einem derartigen Vorgehen der bulgarischen Regierung noch nichts bekannt sei, so führte der Di- plomat aus, so könne immerhin eine Zuspitzung des Kon- f l i k t c s nicht in Abrede gestellt werden. Petersburg, 26. September.(P. C.) Die letzten auS Belgrad hier eingelaufenen Nachrichten lauten heute ungünstiger. Die bulgarischen Konsuln im Gouvernement Poltawa forderten die dortige zahlreiche bulgarische Arbeiterschaft auf, in die Heimat zu- rückzukehren. Der Aufstand auf Samos. Konstantinopel, 26. September.»hlprüfungsausschuffes über die gegen die Richtigkeit der Gemeindewählerliste für 1612 er- hobenen Einwendungen durch den Stadtv. Hahn(A.£.) erstattet Von den insgesamt 23 Einsprüchen hat der Ausschuß zehn als begründet anerkannt und die nachträgliche Aufnahme der Rekla- manten in die Liste beantragt. Neun Eingaben sollen als umbe- gründet abgewiesen werden; bei vier sollte der N Magistrat nochmalige Ermittelungen anstellen, aus Grund deren der Ausschuß unmittelbar vor der heutigen Plenarsitzung Beschluß fassen wollte. Nach der Angabe des Referenten empfehlen sich auch von diesen vier Eingaben drei zur Berücksichtigung. Die Versammlung beschließt nach den Ausschußanträgen, nach- dem Stadtv. Cassel(A. L.) gerügt, daß bei der Ausschußsitzung ein Magiftratskommissar nicht zugegen gewesen ist, und Oberbürger- meister Mermuth die Erklärung abgegeben hat, daß in Zukunft die Abordnung eines Kommissars regelmäßig erfolgen soll. In die Armendire ktion wird an Stelle des auSgeschiede- nen Stadtv. U n g e r(A. L.) durch Zuruf Stadtv. Liebermann gewählt. Das Vermächtnis, welches der im Juni d. I. verstorbene Rentner Karl Degen in Höhe von 3060 M. der Stadt mit der Zweck- bestimmung ausgesetzt hat, daß die Zinsen jährlich zu Weihnachten an die würdigsten Armen der 42. Armenkommission zu verteilen sind, hat der Magistrat angenommen. Die Versammlung erklärt ihr Einverständnis. Von der Fraktion der Neuen Linken(Stadtvv. Dr. Knauer und Genossen) ist am 14. d. M. der A n t r a g eingereicht: Die Versammlung ersucht den Magistrah. mit ihr in gemischter Deputatton, bestehend aus 16 Stadtverordneten und 8 Magistrats- Mitgliedern, zu beraten, wie durch geeignete Maßnahmen der Stadtgemeinde den großen wirtschaftlichen Schäden begegnet werden kann, die aus den seit längerer Zeit herrschenden überaus schwierigen Verhältnissen aus dem städtischen Realkreditmarkt entspringen. Stadtv. Sonnenfeld(A. L.) hat dazu ein Amendement vorgelegt, wonach die Deputation nur aus 16 Mitgliedern der Versammlung und fünf des Magistrais bestehen und das Berat ungsthema wie folgt lauten soll: „u) Welches die Gründe der schwierigen Verhältnisse auf dem Realkreditmartt Hierselbst sind, b) ob und, bejahendenfalls, wie die Stadtgemeinde Bestrebungen, aus dem Boden der Selbsthilfe Wandel zu schaffen; fördern kann." Stadtv. Dr. knauer(S. L.) gibt als Antragsteller zunächst eine historische Uebersicht über die Entwicklung des Realkredits in der seit 1871 so ungemein an Bevölkerungszahl gewachseneu Gemeinde Berlin� Die Verhältnisse hätten sich in den letzten Jahren sehr un- erfreulich gestaltet; die Zahl der Subhastationen wie der lecosdehen- den Wohnungen sei enorm gewachsen— zurzeit ständen 60 000 Wohnungen und 15 000 Läden leer— der Verlust an Nationalvermögen sei bei der Steigerung des Hypothekenzinssuhes; bei deo fast zur Un- Möglichkeit gewordenen, Beschaffung, zweiter Hypotheken kolossal. Die Stadt sei eventuell in der Lage, Wege zu weisen, um den daraus ent- stehenden schweren Schäden abzuhelfen, und dazu solle die Deputa- tionsberatung dienen. Stadtv. Sonncnfeld(A. L.): Wir anerkennen die schwierige Lage des Berlinev Realkreditmarktes. Den Antrag Knauer können wir aber nicht unverändert annehmen. Wenn inan den Haus- besitzern, wie es dieser Antrag erstrebt, von Stadt wegen zu Hilfe kommen soll, so muß deren Notstand auch direkt durch kommunale Maßnahmen herbeigeführt sein, und das ist doch nur zu einem ganz kleinen Teile der Fall. Dem einzelnen Hausbesitzer fann die Stadt auch unmöglich durch Gewährung niedrigerer Hypothckenzinsen einseitig zu Hilfe kommen. Da wir aber auch unsererseits den Not- stand als vorhanden ansehen, wollen wir gern dazu mithelfen, seine Ursachen zu ergründen. Der Steifheit des Geldmarktes wird die Stadt Berlin nicht wirksam entgegentreten können. Die einzige Aussicht aus Remeduv bietet die Selbsthilfe der Hausbesitzer, zu der die Initiative ja erfteulicherweise von den betreffenden Kreisen be- reits ergriffen ist. Im Verein mit einer Garantie bietenden Ge- nossenschaft könnte die Stadt vielleicht zu einem Modns gelangen, der den heutigen unerträglichen Zuständen ein Ende macht. Selbst- verständlich haben aber die zu treffenden Maßnahmen eine Gestali zu erhalten; die es verbürgt, daß nicht etwa die Gesamtheit der Steuerzahler die Kosten der Sanierung zu tragen hat. kleines feuilleton. Analphabeten in früheren Zeiten. Es ist allgemein bekannt, daß in früheren Zeilen, vor der Emsübrung der gesetzlichen Schulpflicht. auch in den Kulturländern der Prozentsatz der Analphabeten un- endlich größer war als beute; indessen fehlte bisher ein exakter Maßstab, um den Fortschritt der modernen Volksbildung im Gegensatz zu älteren Perioden festzustellen. Nun bat ein amerikanischer Ge. lehrler die Aufgabe, wenigstens für die Bercinigtrn Staaten, gelöst. Es ist der Pädagoge Dr. Kilpatrick, der diese Frage kürzlich be- bandelt hat. Er studierte sämtliche Urkunden, besonders die Testamente aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die sich noch in den öffentlichen Archiven befinden, und berechnete den Prozentsatz der Personen, die sich zur Unterschrift eines Zeichens bedienen mußten. Von 360 Männern in Albany machten 21 Proz. ihre Kreuze und von 231 Bewohnern von Fiatbush 19 Proz. Besonders interessant sind die Beobachtungen über die deutschen Einwanderer. die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts»ach Pennsylvanien gekommen sind. Es wurden die Unterschriften von 11 823 Männern im Alter von 16 Jahren geprüft; von ihnen waren 26 Proz. An- alpbabetcn. Diese Zahl mag auch für die daheim gebliebenen Deutichen jener Zeit zutreffen. Der ungebildetste Teil des amerika» nischen Koloniallandes war im 17. Jahrhundert Virginia; dort sind 40 Proz. aller Testamente mit Krevzen unterzeichnet. Am besten war es in der Gegend von Boston um die VollSbikdung bestellt, wo eS damals nur 11 Proz. Analphabeten gab. Besonders geringes Gewicht legte man in der guten alten Zeit aus die Bildung der Frauen, denn von 154 New F orker Damen, die ihren letzten Willen aufsetzten, konnten 60 Proz. nicht schreiben, und von den Frauen Virginia« waren eS gar 57 Proz. l Dabei muß man bedenken, daß iin allgemeinen nur die wohlhabenden klaffen schriftliche Testamente hinterließen. Unter den ärmeren Schichten der Bevölkerung wird also die Zahl der Analphabeten noch stiel größer sein. Deutschland. England und Nordamerika standen also damals hinsichtlich der Volks- bildung ebenso tief wie heute etwa Rußland. AmundsrnS Nordpolcxpeditien. Roald Amundien, der Sieger vom Südpol, will im komineiiden Oktober sein Schiff„Fram", das vorläufig in Buenos Aires zurückgeblieben ist, nach San Francisco kommen lassen, wo die endgültige Ausrüstung zur Nordpolfahrt beendet wird. Im Juni 1913 soll dann der Ausbruch zur Bering- stratze erfolgen. Amundsen will hier, wie„PetermaiinS Mitteilungen" berichten, möglichst weit nach Norden vordringen, nm sich dann vom Polareis einschließen zu lassen und mit diesem die Treibfahrt nach Norden auszuführen, die. wie er hofft, ihn mehrere Grade nördlich von den Wegen Kapitän De Längs und Nansens führen wird, so daß er näher an den Pol heranzukommen erwartet, als es Nansen mit dem Schiff be- schieden war. Doch die Erreichung des mathematischen Punktes des Stadtv. Landsberg(A. L.): Ich kann nicht absehen, warum man noch nach den„Gründen" der beklagten Erscheinung forschen will. Die kennt ja jedes Kind; sie liegen in der geradezu wucherischen Ausbeutung, der der Hausbesitz wuterliegt. Die BeleihungSgrenze muß durch Aendevung der Gesetzgebung von 69 auf. mindestens 65 Proz. erhöht, den Pfandbriefen, auch den Berliner, die Mündel- sicherheit beigelegt werden; ein Psandbriefamt für zweite Hypotheken ist zu schaffen» für welches Institut die Stadt eine Garantie zu über- nehmen hätte. Stadw. Cassel: Auch ich muß in die lebhafte Klage einstimmen, daß bei der Verlängerung auch ganz sicherer Hypotheken Abschluß- Provisionen! von himmelschreiender Höhe genommen werden. Wir haben aber keine Macht, darin Wandel zu schaffen; eine Stadt- genreind« kann den Geldmarkt nicht regulieren. Die Leichtigkeit des Besitzwechsels wird ferner tatsächlich durch die Höhe der Umsatz- sticucr und durch die Zuwachs; teuer erschwert, und das wirkt auch auf die Realkreditverhältnisse zurück. Entschieden bestreite ich aber, daß die städtische Grundsteuer und die Kanalisattonsabgabe ungerecht- fertigt hoch sind, wie der Vorredner behauptet. Die Grundsteuer ist in den benachbarten� Vorortgemeinden zum Teil ganz erheblich höher als in Berlin. Die Annahme, daß die Stadt den HawSbesitz sie wer- lich überbürdet; weise ich namens des überwiegendsten Teils unserer Frattion zurück. Ob die Vorschläge des 5wllegen Landsberg reali- sierbar sind, bezweifle ich sehr, ob sie zweckmäßig sind, darüber habe ich kein Urteil. Abhilfe scheint mir nur möglich durch Zusammen- schluß der Hausbesitzer, denen dann auch die Unterstützung der Stadt, zmu mindestens die moralische, nicht fehlen wird. Die Vorschläge von dieser Seite sollten aber zunächst abgewartet werden. Stadtv. Kyllmanu(Fr. Fr.): Wir sind mit der Einsetzung einer Deputation einverstandene Die Hauptursache der heutigen Kalamität liegt darin, daß wir uns in der Entwicklung der Stadt geirrt haben: Berlin wächst nicht mehr um 40 000— 50000 Seelen jährlich, wie man das früher als gegeben ansah, sondern seit einer Reihe von Jahren ist die Bevölkerungsziffer aus 2 070 000 stationär. Dieser Umstand hat in seinen mannigfachen Folgewirkungen zu den heuti- gen unerfreulichen Zuständen geführt. Stadw. Dr. Arons(Soz.): Trotzdem wir gern geneigt sind, Ausschußberatung zuzugestehen, wenn sie von anderer Seite ge- wünscht werde, waren wir schlüssig geworden, sie angesichts der besonderen Tendenz des Antrages Knauer abzulehnen. Nachdem aber durch den Antrag Sonnenfeld die beantragte Deputation mehr in eine Studienkommission verwandelt worden ist, werden wir unseren ursprünglichen Widerspruch gegen den Antrag Knauer aufgeben. Unsere Stellung zu der Frage selbst werden wir in der Deputation darlegen. Kämmerer BSß: Eine Eingabe des Bundes der Berliner Grundbesitzervereine, wie sie erwähnt worden ist, liegt dem Magistrat allerdings bereits seit Juni vor. Der Magistrat hat in pleno dazu noch nicht Stellung genommen. Die große Be- dcutung der Frage würdigt aber der Magistrat durchaus, und es können sich auch aus der Beratung in einer gemischten Deputation immerhin Fingerzeige ergeben, wie der beklagten Kalamität ab- zuhelfen ist. Stadw. Hufs(A. L.): Mit der Selbsthilfe der Hausbesitzer allein ist es nicht mehr getan. Die Entschuldung des Berliner Hausbesitzes muß das Ziel sein. Das hat bereits ein preußischer Regierungspräsident erklärt; ich rufe dem Magistrat zu:„Gehe hin und tue desgleichen!"(Heiterkeit.) Stadtv. Tove(A. L.) lehnt es ab, sich für die Ausführungen des Fraktionskollcgen Landsberg mit verantwortlich machen zu lassen. Der Standpunkt seiner Fraktion sei durch die Kollegen Sonnenfeld und Cassel dargelegt worden. Wenn der letzte Vor- redner direkt die materielle Hilfe der Stadt durch Hergabe zweiter Hypotheken oder dergleichen fordere, kehre er das Verhältnis um; er hätte nicht der Kommune, sondern dem Staat zurufen sollen: „Gehe hin und tue desgleichen!(Beifall.) Stadw Imberg(N. L.) dankt im Namen der Antragsteller für das freundliche Interesse, das dem Antrage Knauer allseitig entgegengebracht worden ist. Es falle den Antragstellern gar nicht ein, zu verlangen, daß durch städtische Einrichtungen der Kreditnot der HauSbesier abgeholfen werden soll; es handle sich hier aber auch gar nicht bloß um den Grundbesitz, sondern um weitgehende Jnter- essen des ganzen städtischen Wirtschaftslebens, des Baugewerbes und der verwandten Gewerbe, es handle sich um das Umsichgreifen der Arbeitslosigkeit und um starke Schädigung der städtischen Finanzen sowie um die Verkümmerung der Schaffung von Wohn- gclegenheit. Die Stadt habe allein an Steuern und Stempel seit 1906 einen Verlust von 15 Millionen durch diese Kalamität er- litten. Namens der Antragsteller zieht Redner den Antrag Knauer zugunsten des Antrages Sonnenfeld zurück. Der Antrag Sonnenfeld wird hierauf fast ein- st immig angenommen. Pols, der ja durch Pearv bereits erledigt wurde, ist nicht die Haupt- aufgäbe, die sich Amundsen gestellt hat. Er will vielmehr das weite Becken des Arktischen Ozeans, das er auf seiner Treibfahrt durch- furchen mutz. möglichst umfassend erforschen, besonders seine meteorologischen Verhältnisse, Strömungen, Tiefen- und Boden- beschaffenheil. Die Expedition ist durch die Freigebigkeit eines in Buenos Aires ansässigen Norwegers, der bereits die Siidpolar- expedilion unterstützl Hut, vollständig gesichert. Amundsen hofft, in drei Jahren das Arktische Meer von der Beringstraße bis zum Ost- grönländischen Meer durchqueren zu können. Die Bogel und die Flugfahrzeuge. Nachdem die Pferde mit den Automobilen haben Frieden schließen müssen, was sie übrigens mit überraschender Schnelligkeit und unerwarteter Gründlichkeit getan haben, werden sich wohl auch die Vögel mit der Zeit daran ge- wöhnen, die Konkurrenz des Menschen in der Luft zu erdulden. Das gefiederte Wild wird ohne Zweifel bald merken, daß eS sich in der Nähe eines Fliegers weit sicherer befindet als in der Nachbar- schaft der Erdoberfläche, und es läßt sich vorläufig auch noch nicht voraussehen, daß es von der Bemannung eines Flug- zeugs eine unmiltetbare Gefahr zu gewärtigen haben sollte. Selbst von dem Passagier einer Flugmaschine, der mit deren Lenkung nichts zu tun hat, würde es zu viel verlangt sein, während der Fahrt einen sicheren Schuß zu tun. In manchen Gegenden ist übrigens bereits die Beobachtung gemacht worden, daß die wilden Vögel, die sich zunächst aus den von Fliegern besonders häufig besuchte» Ge- bieten angstvoll zurückgezogen hatten, sich jetzt schon beruhigt und wieder eingefunden haben. Die mutmaßliche Täuschung, die ihnen in einer Flugmaschine einen Raubvogel vorspiegelte, scheint eben nicht lange gedauert zu haben, und so werden wahrscheinlich bald alle Vögel, wenn sie einem Ftoger begegnen, ihre Straße ebenso ruhig weilerziehen, wie sich heute schon kaum noch ein etwas er- fahreueö Pferd um ein Automobil bekümmert, das auf der Straße an ihm vorbeibraust._ Notizen. — K u ii st ch r o n i k. Die Corinth-Ausstellung, die von P. Cassirer organisiert wird, soll Ansang Januar m der Sezession eröffnet iverden. Man rechnet auf lbO Arbeiten. — Im Schiller-Theater 0. wurde am Mittwoch an- läßlich Max Drehers 50. Geburtstages dessen Schauspiel.. D e S Pfarrers Tochter von Streladors" aufgeführt. In der wirksamen Aufführung zeichneten sich Karl E l z e r(als Pfarter) und Frl. Else Wala(als Käte) aus. — Das Apollo-Theater wird definitiv in eine Operetten- bühne umgewandelt, bleibt aber unter der bisherigen Leitung. Vom 1. Mai 1913 wird König Lehar dort seinen Tribut erheben. — Ein dramatischer Diskurs: Als Entgegnung auf WedelindS Drama« H i d a l l a" wurde in München eine Komödie»KarlHetmann* vorgelesen, ohne Eindruck zu machen. Der besoldete Stadtrat Namslau hat seine Ver- setzung in den Ruhestand beantragt; diese wird zum 1. Januar 1913 erfolgen. Die Neuwahl soll durch einen besonderen Ausschuß vorbereitet werden. Stadtv. Dr. Nathan(Fr. Fr.): Wir widerstehen der Ver- suchung, bei dieser Gelegenheit auf die endliche Schaffung des Postens eines besonderen städtischen Medizinalrates zu dringen, weil wir anerkennen, daß die Verwaltungsbedürfnisse der Stadt die Wiederbesetzung des Postens mit einem in-ttß all- gemeinen Verlvaltung bewanderten Manne erfordern. Wir er- warten aber, daß der Magistrat nunmehr uns bald eine Vorlage macht, die uns den von uns längst verlangten städtischen Medizinal- rat bringt. Stadtv. Cassel äußert sich in ähnlichem Sinne und verweist noch darauf, daß die letztere Frage in einem Ausschutz bereits ernst- lich ventiliert werde und zu Beschlüssen führen dürfte, zu denen der Magistrat seinerzeit werde Stellung nehmen müssen. Für die am stadtischen Hospital in Lichtenberg im Februar 1912 neu eingerichtete Verpfleg ungsstatiion für Obdachlose, die wegew Schwäche oder Erkrankung zeitweiser Fürsorge bedürfen, sollen ein Assistenzarzt(Anfangsgehalt 3000 M., Emolumente 400 M.) und emOberpflfrger(1400 M.) vom 1. Oktober 1912 ab angestellt werden. Die Verpflegungsstation am Hospital in Lichtenberg ist im Februar d. I. an die Stelle der Verpflegungsstation getreten, welche der Magistrat am städtischen Obdach selbst durch Vorlage von Ende November 1911 zu errichten beantragte; diese Vorlage ist am 13. Januar 1912 zurückgezogen worden Stadtv. Dr. Ritter(Fr. Fr.),: Dem Antrag der Vorlage sttm- men wir durchaus zu. Wir finden aber, daß das Recht der Ver- sammlung durch die Vorlage nicht gewahrt ist. Soll diese neue Station in Lichtenberg nur ein Provisorium sein? Ist in Lichten- berg genügend Platz vorhanden? Sind EtatSüberschreitungen zu befürchten? Besteht nicht die Gefahr der Uebertragung von In- sektionskrankheiten? Die Krankenhausdeputatton ist hier nicht ge- fragt worden Hätten wir einen städttschen Medizinalrat. dann wäre das nicht vorgekommen; Stadtrat Jacoby: Unsere frühere, später zurückgezogene Vorlage wegen Errichtung einer VerpslegungSstatton am Obdach ging hervor aus dem Besttebenj, das Obdach von solchen Kranken zu säubern, die dort nicht hingehörten.. Nachher stellte sich heraus, daß diese Station bequemer und rascher in Lichtenberg etabliert werden könne. Es handelt sich nur um ein Provisorium, das von uns ohne irgend- welche Kosten eingerichtet werden konnte. Platz ist in diesem „Hospital in Lichtenberg", wie wir das„Hospital des Arbeitshauscs" getaust haben; genügend vorhanden. Eine Etatsübevschreitung ist vorläufig nicht zu befürchten; die Verpflegung kostet uns hier nur die Hälfte von dem Betrage, den sie in unseren Krankenlhäusern cr- fordern würde. Ueberttagungen von Infektionskrankheiten sind hier ebenfalls ausgeschlossen. Stadtv. Zucht(Soz.): Nachdem man die Angelegenheit des Baues eines Verpflegung shanses fast zwei Jahre hingezogen hatte, mutzten wir ja zufrieden sein; daß wenigstens eine vorläufige Unterkunft für diese Kranken in Rummelsburg geschaffen wurde. Wir niüssen aber ernstlich verlangen, daß der zurückgezogene Ent- wurf betr. den Neubau dieser Verpflegungsstation wiederkommt, und zwar so schnell wie möglich, daß der unleidliche, schon 25 Jahre währende Miß st and endlich einmal beseitigt wird. Stadtv. Hoffmann(Soz.): Es ist geradezu unglaublich, daß, nachdem in der Deputation Einstimmigkeit erzielt war und Magistrat und Versammlung zugestimmt hatten, jene Vorlage plötzlich zurück- gezogen wurde! Und zwar lediglich, weil einer der Aerzte glaubte. die Station nicht genügend belegen zu können! Es handelt sich auch nichtallein um Leichtkranke, denn nicht weniger als a ch t d avon sind gestorben. Der Stadt erwachsen auch durch den Transport dieser Leichtkranken, unter denen sich auch viele Fuß- kranke befinden, erhebliche Kosten, die der Stadt ebenso wie den Kranken viele Plage erspart werden könnten, wenn man sie im Ob- dach ließe. iMndestens sollte die KrankcnhauSdeputation in solchen wichtigen Fragen befragt werden; handelt es sich doch um ein In- stttut, wo täglich viele Tausende zusammenströmen und die G e- fahr einer Epidemie täglich besteht. Da muh eine Kranken? statton vorhanden sein! Stadtv. Jacob!: Die Frage des Verpfl egun gshanscs ist keines- wegs begraben; die Fvage steht bereits wieder aus der Tages- ordnung der nächsten Deputattonssitzung. Auch die Befürchtungen, die an den Ausbruch einer Plötzlichen Epidemie geknüpft werden, sind unbegründet. Die Leute, die wir nach Rummelsburg hinaus- schicken— es ist ja immer nur eine geringe Zahl— werden gebadet und desinfiziert. Todesfälle sind allerdings Diese Art einer Debatte in Dramen ist jedenfalls interessant, wenn auch nicht ganz neu. Bor Jahren wollte Wedekind selber auf ein Drama Halbes mit einem andere» antworten. Aber außer dem Titel(Männerstolz vor Schweinebraten) ist davon nichts an die Oeffentlichkeit gekommen. — Das Tagebuch einer deutschen Schau« s p i e l e r i n, daS von Helene Scharfenstein(im Verlage von R. Lutz in Stuttgart) herausgegeben wurde, ist durch Urteil des Amtsgerichts Stuttgart- Stadt als echt anerkannt worden. Ein Käufer hatte die Echtheit des im Unterhaltungsblatt ausführlich be- iprochenen Buches angefochten und auf Rückgabe des Kaufpreises geklagt. — Ein van Dyck für 800000Mark wurde von dem ungarischen Sammler NemeS in Paris erstanden.— Die europäischen Kunstnarren(und Spekulanten) geben also den amerikanischen kaum mehr etwas nach. — Die N'ddische Opernsaison in London. Vor wenigen Monaten wurde im East-End Londons mit der Eröffnung des„Temple-TheaterS" die erste Uiddische Opernsaison in London eingeleitet, und dieser Versuch, die Tonschätze der Opernmusik den Bewohnern des Judenviertels nahezubringen, hat sich außerordentlich bewährt. Diese Aufführungen sind heute bereits eine allbeliebte und leidenschattlich bejubelte Einrichtung. Auf dem Repertoire 'tehen neben anderen Werken Verdis„Rigoletto" und zwei Original- arbeiten deS talentvollen Kapellmeisters des„Temple",„König AhaS" und„Paragon", beide direkt in Diddisch geschrieben. Den größten Erfolg aber errang die letzte P.emiere des neuen Theaters, die Aufführung von Halövhs„Jüdin" in Aiddisch. — Eine vorgeschichtliche Höhlen Wohnung wurde in K r o s i g k bei Halle aufgedeckt. Die vorzüglich erhaltene, einen Meter breite, einen Meter hohe, fast zehn Meier lange, mit Lehm ausgelegte Anlage enthielt im Innern eine Riesenurne mit Silber- plänchen, ferner inensckliche und tieriscbe Skelette, Werkzeuge und Scverben. Der Fiind gehört zu den iniereffantesten und bcsterhaltenen Höhlenwohnungen, die bisher entdeckt wurden. — Die höchste Fernsprechstelle der Erde befindet ich auf dem Gipfel deS Monte Rosa, 4638 Meter hoch in dem meteorologischen Observatorium. Die den Leitungsdraht tragenden Stangen sind in den Schnee gesetzt. Da das Observatorium in edem Jahre nur kurze Zeit in Betrieb ist, so werden die Stangen tets nach Schließung der Statton entfernt und im folgenden Jahre wieder aufgestellt. — Kanadas Bevölkerung hat si-b im Laufe von vierzig Jahren verdoppelt, sie beträgt heute 7 204 838 gegenüber 5 371345 im Jahre 1901, was einen Zuwachs von 34,13 Proz. in zehn Jahren ergibt. Die ländliche Bevölkerung beläust sich auf 3 924394, die städtische Bevölkerung auf 3 230 444 Personen. Kanada zählt heute vier Städte mit über 100 000, zwei Städte mit über 200 000 und eine Stadt mit iiber 400 000 Einwohnern(Montreal). vorgekommen; es kommen aber nicht bloh Leichtkranke, sondern auch ganz alte Leute dahin. Die Vorlage wird angenommen. Der Vorentwurf zum Neubau einer Gemeindedoppel- schule mit einer Abteilung für NebenKasseni, Handarbeitkmnler- richt usw. und eines Dienst- und Wohngebäudcs an der Weh- lauer Straße(nahe der Greifslvalder Straße, Kostenübcrschlag 1, 068 000 M.) wird genehmigt. Die ortsstatutarischen Kosten für die Neu- Pflasterung von Straßen sind für die Rechnungsjahre 1912 bis 1914 neu festzustellen. Die vom Magistrat vorgeschlagenen Ein- heitssätze für Steinpflaster, Asphaltpflaster, Entwässerung und Be- leuchtungSvorrichtung. die zum Teil gegen die geltenden Sätze eine Erhöhung erfahren. Iverden ohne Debatte angenommen. Zur Verbreiterung der Neuen Wilhelm st raße beabsichtigt der Magistrat den freihändigen Erwerb des Straßen- landes von den Grundstücken 12—14, aus welchen ein Neubau er- richtet werden soll. Gefordert wird ein Einheitspreis von 16 000 Mark für die Quadratrnte— 1127 M. pro Quadratmeter. Stadtv. Kvllman« sFr. Fr.) beantragt, den Gegenstand in g e- he im er Sitzung zu verhandeln. Stadtv. Metzle sSoz.) stimmt dem Antrage zu. Die Versammlung beschließt demgemäß. Der Antrag Cassel wegen Einbringung einer Vorlage zur Einführung der Pflichtfortbildungsschule für Mädchen wird auf Wunsch des Antragstellers wegen Behinderung des Stadtschulrats Michaelis für heute abgesetzt. Schluß m Uhr._ Hus der Partei. Totenlist« der Partei. In Jena starb am Mittwoch der Mitbegründer der Partei- organisalion im dritten weimarischen Wahlkreise, Scbuhmachernieister Reinhold Harzer im Alter von 51 Jahren. Härzcr war einer von den wenigen, die schon unter dem Sozialistengesetz die Gedanken des Sozialismus verbreiteten. Immer stand er in den vorderen Reihen, lange Jabre gehörte er den, Gcmeinderat an und die letzte Zeit war er auch im Bezirksausschuß als Abgeordneter tätig. Seit einer Reihe von Jahren kandidierte er zum Landtag. Im letzten Reichstagswahlkampf bat der Verstorbene trotz seiner Krankheit seinen vollen Manu gestellt und so sehr viel mit dazu beigetragen, daß eS zum erstenmal möglich war, den dritten weimaritchen Wahlkreis für die Sozialdemokratie zu gewinn»». In Härzer verlieren die Genossen des dritten weimarischen Wahlkreises einen Pflichttreuen, ehrenvollen, bewährten Kämpfer. In B r e m e n starb im Alter von 60 Jahren der Genosse Goß- mann, der schon während des Sozialistengesetzes in der Partei eifrig tätig war._ poUzeUldus. Sericbtlicbes ufw, Preßprozeß. Bor dem Schöffengericht in O f f e n b u r g i. Baden wurde am 25. d. MtS. ein politischer Preßprozeß verhandelt als Nachspiel zur berühmt gewordenen Oberbürgermeisterwahl. Kläger war eine ZentrumSgröße, der frühere Realschullehrer Metzger daselbst, jetzt Professor in Freiburg. Angeklagt war die Redaktion der.Mann- heimer Volks stimme*(Genosse Aemmele). wegen eines Ar« tikelS. den die übrigen vier Angeklagten, Redakteure liberaler Blätter sowie die Genossin Marie Geck, abgedruckt hatten. Vom Kläger war behauptet worden, er habe bei der Wahl, als das Zentrum Wahl- «nthaltung beschloß. Streikposten gestanden, und sei durchaus un- befähigt zur Leitung einer Realschule. Den Beweis für letztere Be- hauptung lehnte das Gericht ab, weil es sich um ein Urteil über den Kläger handle. Da das Streikpostenstehen nicht bewiesen wurde, kam das Gericht zu Geldstrafen von 50, 40, SO, 20 und 15 M. Gerichts-Zeitung. Pädagogen vor Gericht. Beim Amtsgericht Berlin-Mitte sollten gcsreru zjwsi Prozesse verhandelt werden, in denen Mitgliedern des Lehrerkollegiums der Handelsschule von Engelberg(in Berlin, Dresdenev Straße) die Rolle der Angeklagten zugewiesen war. In beiden Fällen handelte es sich um Beleidigungsklagen, in dem einen Fall um die Klage eines frühe- r«n Schülers gegen einen Lehrer, in dem anderen um die Klage eines früheren Lehrers gegen den Direktor. Der an der Schule tätige Lehrer Dr. Plogmeier wurde von dem früheren Schüler Urbanen beschuldigt, ihn wegen vermeintlichen Täuschungsversuches einen„geineinen Menschen" genannt und dabei ihm ins Gesicht gespieen zu haben. Die 149. Abteilung des Amts- gerichls Berliu-Mitte kam nicht zu einer Feststellung des Such- Verhalts, weil die Parteien den Vergleich, den de« Borsitzende von vornherein empfohlen hatle, scksießlich annahmen. In den VerHand- lungen hierüber erklärte der Ktagcv UrbanSki, er habe die entehrende Behandlung r.m so weniger verdient, da er tatsächlich gar keine Täuschung begangen habe. Der Angeklagte Plogmeier bestritt, daß er sich der ihm zur Last gelegten Beschimpfung Urbanskis, für die dieser sich auf das Zeugnis von Mitschülern berief, schuldig gemacht habe. Zu dem Vorwurf, daß Lehrer Plogmeier dem Schüler Ur- banski ins Gesicht gespieen habe, meinte der Vorsitzend«, daß sei vielleicht nur so beim Spucken gekommen. Erwähnt wurde, daß UrbanSki dem Direktor Engelberg zuletzt eingeväuntt hatte, im Per- hör gelogen zu haben. Urbanski erklärte hierzu, er habe das gesagt, weil der Direktor ihm stundenlang zugesetzt hatte. Zur Sprach« kam auch, daß der Diuktor von dem Geständnis die Zulassung zur Prüfung habe abhängig mach«» wollen. Der Rechtsbeistond d«s Klägers, Rechtsanwalt Herz, forderte, daß in dem Vergleich der An- geklagte um Entschuldigung bitten solle. Plogmeiers Verteidiger, Justizrat Jonas, erwiderte entrüstet"«Das kann ein Lehrer nicht!" Nack) langem Hin und Hev wurde der Vergleich zustande gebracht. Plogmeier erklärte, er habe nicht die Absicht gehabt, Urbanski zu beleidigen, und wenn er die Aeußerung getan haben sollte, so sei er sich nicht bewußt gewesen, daß er UrbanSki dadurch beleidigen konnte. Die Gcrichtskosten wurden geteilt. Nachher wurde vor der 147. Abteilung deS Amtsgerichts Berlin- Mitte gegen den Leiter dieser Schule, den Direk/or Engelbcrg, eine Beleidigungsklage verhandelt, die einer ihrer früheren Lehrer, der jetzige Pastor Ladegast, angestrengt hatte. Auch der Herr Direktor »vurde beschuldigt, mit Schimpfworten, uud zwar mit sehr kräftigen, feinem Aerger Luft gemacht zu haben. Mehrfach war es zwischen ihm und einzelnen seiner Lehrer zu Differenzen gekommen, die dazu führtm daß die Lehrer aus der Sckmle ausschieden. Ueber drei aus- geschiedene Lehrer, die durch eine Klagesache ihm Verdruß bereiteten, äußerte Direktor Engelbcrg im Lehrerkollegium, mit solchen Lumpen und Schurken müsse man sich herumärgern. Einer der drei, ein Dr. Renner, der das erfahren hatte, hat bereits eine Verurteilung Engelbergs zu 50 Mark Geldstrafe erzielt. Ein anderer, dev jetzt als Kläger auftretende Ladegast, hatte erst sehr viel später davon gehört. Daß die Schimpferei auch ihm gegolten hatte,' wurde vor Gericht durch das Zeugnis zweier früherer Lehrer Dr. Tbom und Wittauet bewiesen, die gleichfalls beide in Unfrieden aus der Sckmle auSget schieden sind. Wittaucr bekumdele auch, daß ihm gegenüber Engel- derg später mit Bezug auf Ladegast noch gesagt habe, solche Kreaturen müßten vernichtet werdem Zeuge schilderte den Herrn Direktor als leicht erregbar und erzählte von häufigem Wechsel der Lehrer, den er an der Schule beobachtet habe. Rechtsanwalt Herz als Rechts- beistand des Klägers beantragte, gegen den Angeklagten auf eine crbebliche Strafe zu crkeiilnen, weil hier ein gebildeter Mann so gröb- liche Schimpfwörter gebraucht habe. Der Verteidiger, Justizrat Jonas, hielt Freisprechung sür geboten, da Eng-Iberg wegen jener Aeuherungen schon in dem Prozeß Renner, bestraft worden sei. Das Urteil lautete auf Einstellung des BerfahrenS bezüglich der. Schimpf- wörtet«Liiinpen uns Schurken", die Engelberg schon gebüßt habe. Dagegen se» er wegen der später gegen Ladegast allein gerichteten Aeußerung über die„Kreaturen" noch zu bestrafen, und Ävär mik einer Geldstrafe von 50 Mark. Wegen 26 Pfennige— drei Monate Gefängnis! In die neue Novelle zum Strafgesetz hat man unter anderem auch den§ 248a mit aufgenommen, wonach jemand, der aus Rot ge- ringfügige Gegenstände entwendet, nur bestraft werden kann, wenn Strafantmg vorliegt. Diese mildernde Gesetzesbestimmung will mit den unhaltbar gewordenen Zuständen aufräumen, daß Leute, die sich aus Not an fremdem Eigentum vergreifen� oft für längere Zeit ins Gefängnis geschickt werden, obgleich der Geschädigte gav kein Jnter- esse an der Strafverfolgung hat. Jüngst hat das Dresdener QberkricgSgericht die Begriffe„Not" und„gevinger Wert" so eng begrenzt, daß die Anwendung der er- wähnten Paragraphen auf Soldaten so gut wie ausgeschlossen ist. Der zur Aburteilung stehende Fall lag wie folgt: Ter Soldat Helbig vom Infanterieregiment Nr. 177 hatte seine am 1. Juli� erhaltene Löhnung bis zum 4. Juli für notwendige Ausgaben aufgebraucht. Er stand— Zuschüsse erhält er nicht— ohne jeAiche Geldmittel da und hatte schon zwei Tage trockenes Brot gegessen. Am 6.. Juli ent- wendete er aus dein verschlossenen Schranke eines Kameraden eine Mark, das übrige Geld ließ er unberührt. Von dem Gelde der- brauchte er'26 Pf. für Fett, Salz und Bier. Der Diebstahl wurde bald entdeckt, tz. gestand die Tat sofort ein und gab die übrigen 74 Pf. heraus. Als Motiv zur Tat gab er Not an. Obgleich ein Ttrafantrag nicht vorlag und die Voraussetzungen des Z IMSa gegeben waren, wurde der Soldat in Haft genommen und wegen schweren Diebstahls angeklagt. Das Kriegsgericht kam mit Recht zur Einstellung des Verfahrens. Es hat die Frage der Not bejaht und ausgeführt, daß sich auch ein Soldat vorübergehend in Aot befinden könne, und deshalb auch in den Genuß des§ 248a komme»! müsse. Gegen das Urteil legte der Gerichtsherr Berufung ein; er erstrebte Bestrafung, weil seiner Meinung nach die mehrfach er- wähnte Gesetzesbestimmung zu Unrecht angezogen worden sei. Das Berufungsgericht hat den Soldaten nun unter Aufhebung des erst- instanzlichen Urteils zu— 3 Monaten Gefängnis verurteilt und zur Begründung angeführt, daß von einer Anwendung des§ 248a keine Rede sein könne, denn der Angeklagte habe nicht aus Not gehandelt, sich vielmehr nur in einer momentanen selbstverschuldeten Geld- Verlegenheit befunden. H. legte sofort Revision ein. Das Urteil verkennt den Begriff Not im Sinne de» 8 248a Str.G.B. Not liegt danach auch dann vor, weim sie selbstiverschuldot ist. Bestrafte Priigelpädagogik. Vom Schöffengericht in Reichenau i. Sa. würde Hilfslehrer Fladc, Sohn eines Pfarrers, wegen fahrlässiger Körperverletzung in vier Fällen zu der ungewöhnlich milden Strafe von 20 M. oder vier Tagen Gefängnis verurteilt. Zur Anklage standen zehn Fälle. In sechs Fällen war die Anklage fallen gelassen, obschon darunter so starke Züchtigungen von Schülern waren, daß selbst der Ortspfarrer in Reibersdorf, wo auch der Angeklagte tätig ist, den Eltern der ge- züchtigten Kinder den Rat gab, die Kinder solange zu Hause zu bc- halten, bis die Wunden wieder heil seien. Verurteilt wurde der nicht mehr so junge Mann, weil er einem Kinde ein Ohr zwei Zenti- meter weit eingerissen, einem Knaben mit dem Stock ins Gesicht ge- schlagen, und einem anderen Knaben derartig den Kops auf die Bank gestoßen» daß der Knabe eine Verletzung an der Nase davontrug. Einem Mädchen gab der Angeklagte einen Stoß auf den Oberarm, daß es einen handtellergroßen, blau und grün unterlaufenen Fleck davontrug. Das Gericht brachte in der Urteilsbegründung zum Aus- druck, daß die Behandlung der Kinder eine ungebührliche gewesen sei. Auch in den nicht zur Bestrafung herangezogenen Fällen sei das Gericht weit davon entfernt, die Erziehungsmethode als korrekt anzuerkennen. Das ist so ziemlich die allergelindrste Verurteilung einer solchen Prügelpädagogik. Sie dürfte mehr als Anreizung, wie als Strafe wirken._ Ein Rechtsstreit des Königs von Sachse«. Zu dem Privateigentum des Königs von Sachsen gehört da» Schlostgut Guttentag in Schlesien(im Regierungsbezirk Oppeln). Dieses Gut ist von der Vermögensverwaltung des Königs im Jahre 1898 an den Amtsrat Hepner verpachtet worden. Im Lause des Jahres 1908 entstanden nun zwischen dem Pächter und der könitz- lichen Vermögensverwaftung Differenzen über die Frage, wer die für den Gutsbezirk zu zahlenden Schullasten zu tragen hat. Es hat damit folgende Bewandtnis: Im Pachtvertrag war bestimmt, daß(mit Ausnahme der Kosten frir Armenpflege) die in barem Gelde zu leistenden Steuern und Abgaben für Kirche und Schule von dem Verpächter zu tragen sind, soweit es sich nicht um persön- licke Lasten des Pächters und seiner Familie handelt; Natural- leistungen an Lehrer, Hand- und Spanndienste waren vom Pächter zu tragen. Am 1. April 1903 trat nun das neue preußische Volks- schulgesetz vom Jahre 1906 in Kraft. Auf Grund desselben bildeten die Stadtgemeinde Guttentag und der Gutsbezirk einen Gesamt- schulverband. Infolge eines Antrages der Güterdirektion des Königs wurde dann gemäß de? Z 8 des Volksschulgesetzcz im Wege der sogenannten Unterverteilung bestimmt, daß die aus den Guts- bezirk Guttentag entfallenden Schullasten von sämtlichen steuer- Pflichtigen Personen zu tragen seien. Dem Schulverband gegenüber blieb aber der Gutsbesitzer, also der König, allein für die Beiträge haftbar, da ß 8 des Gesetzes bestimmt, daß die Schullasten in einem Gutsbezirk von dem Gutsbesitzer zu tragen sind. Für das EtatSjahr 1908/09 sind dann rund 9200 M. Echulunterhaliungsbeiträge von dem Pächter Hepner erhoben und unter Protest gezahlt worden. Diese verlangt er jetzt, abzüglich 400 M. für Naturalleistungen, erstattet und hat deshalb gegen den König eine. Klage aus Zahlung von rund 8800 M. angestellt. Zur Begründung macht der Kläger geltend, daß die Unterverteilung im Sinne des Volksschulunter- Haltungsgesetzes nicht hätte vorgenommen werden dürfen, weil diese Lasten nach dem Pachtvertrage vom Verpächter zu tragen seien. Das Landgericht Oppeln hat die Klage abgewiesen. Das Ober- landeSgericht Breslau war anderer Meinung: es hat den König zur Zahlung der verlangten 8759 M. 30 Pf. verurteilt und führt hier- zu in seinen Entscheidungsgrilnden aus: Die entscheidende Frage, heißt es in den Gründen, ob die vom Kläger persönlich zu leisten- den Beiträge als persönliche Lasten anzusehen sind, ist zu ver- »einen. Nach dem VolkSschulunterhaltungSgeseh sind die Schul. lasten von dem Gutsbesitzer zu tragen. Die Zulassung der Unter- Verteilung ändert nichts an dem rechtlichen Charakter der Schul- lasten als einer persönlichen Last des Gutsbesitzers. Hiernach greift die Bestimmung des Pachtvertrages, daß persönliche Lasten des Pächters vom Verpächter nickt zu tragen sind, nicht Platz. ES muß für die Schullasten der Beklagte aufkommen und muß sie dem Kläger, soweit sie von diesem gezahlt sind, erstatten- Das Reichsgericht hat die vom Beklagten eingelegte Revision am Dienstag zurückgewiesen. Hus aller Melt. Die Caifuimrbeenmgcn in Japan. Wie brst jetzt durch ein verspätet eingetroffenes Telegramm be- kauut wird, haben die Wirbelstürme der letzten Tage in den japanischen Gewässern sotvohl wie auf dem Lande furchibare Per- heerungen angerichtet. Die Stadt Tokio ist seit zwei Tagen fast vollkommen von der Welt abgeschnitten. Ueberall sind Verwüstungen angerichtet worden, doch fehlen noch Einzelheiten. Die Wirkungen des Taifuns find in der Mitte der Südlüste am schwersten. Der französische Panzerkreuzer„Dupleix" ist in der Höhe von Dokohama aufgelaufen, konnte aber am Montag wieder flott gemacht werden. Bei Shimonoseki ist ein j a p a- nischer Personendampfer gescheitert, die Zahl der Opfer i st noch unbekannt. Auch japanische Kriegsschiffe haben schweren Schaden gelitten; das Linienschiff.Satsuma" und das Schulschiff„Maus»" haben die Masten eingebüßt» vier Torpedo- bvotSzerstörer und fünf Torpedoboote find gestrandet. J» N a g o y a hat der Taifun viele Opfer gefordert, eine Spinnerei und ein Kloster sind dort eingestürzt. Wie ein Telegramm aus Tsurugi meldet, ist dort ein Torpedoboot gesunken, die ganze Mannschaft soll ertrunken sein. Zwei andere Torpedoboote wurden hier durch den Taifun beschädigt. Ein neuerliches Telegramm auS Tokio meldet, daß der Taifun der schlimmste der letzten fünfzig Jahre war. Der an- gerichtete Schaden übersteigt vierzig Millionen Den. Die Zahl der Umgekommenen ist groß und viele Tausende sind obdachlos. In Nagoya blieb kein Haus unbeschädigt, der Hafen wurde zerstört, drei Dampfer sind ge- j u n k e n, mehrere gescheitert. In G i f u wurden 262Personen getötet und 233 verletzt. In Osaka wurden 20 000 Häuser zerstört._ Schweres Straftenbahnungliick bei Krefeld. Auf der eingleisigen Straßenbahnstrecke Krefeld— Rhein- Hafen hat sich am Donnerstagmorgen, begünstigt durch starken Nebel, ein folgenschwererZusammenstoß zweier Straßenbahnwagen zugetragen. Entgegen der Weisung hatte der eine Straßenbahnführer an einer Weiche nicht ge- wartet und fuhr, ohne dre�Geschwindigkeit zu mäßigen, auf einen enkgegenkomnwnden Straßenbahnwagen auf. Bei dem Zusammenprall wurden die vorderen Plattformen der Wagen voll st än big zusammengedrückt. Die auf de., Plattformen stehenden Fahrgäste und die Wagenführer erlitten meist schwere Verletzungen. Im ganzen wurden zehn Personen schwer und 27 leichter verletzt. Abschreckungstheorie. In Hamburg sind in der letzten Zeit fünf Mordtaten vor- gekommen; zwei der Mörder lausen zum großen Leidwesen der Bürgerschaft noch unentdeckt herum. Da sich die Mordbuben der Polizei durchaus nicht freiwillig stellen wollen, ist die Behörde auf einen genialen Gedanken gekommen, der zukünftige Bluttaten radikal beseitigt. Offenbar müssen Mörder vorher nicht gewußt haben, daß auf ihre Tat Todesstrafe steht. Um diesen be- dauerlichen Mangel abzuhelfen, hat die hamburgische Polizeibehörde gelegentlich der gestern in Hamburg vollzogenen Hinrichtung des Raubmörder? Meißner, der im Dezember vorigen Jahres bei Cuxhaven das Ehepaar Ulrich ermordete, beschlossen, als ab- schreckendes Beispiel nach preußischem Muster die Hinrichtung durch Anschlagen an den Litfaßsäulen be- kannt zu geben. Wenn die Belehrung ihre Wirkueg auf zukünftige Mörder nicht ausübt, dann find sie wirklich unverbesserlich. Todessturz eines italienischen Fliegers. Ein tödlicher Fliegerabsturz hat sich gestern auk dem Flugplatze von M i r a f i o r i zugetragen. Dort hatte der Aviatiker R a g a z« z o n i mit einem neuen Apparat mehrere Probeflüge ausgesührt. als das Flugzeug in beträchtlicher Höhe plötzlich heftig zu schwanken anfing und nach kurzer Zeit auf die Erde stürzte. Der Flieger konnte nur a l S L« i ch e aus den Trümmern des Apparats hervor- gezogen werden._ Wer Knecht ist... »Die.Rigaische Zeitung" schildert eine prachtvolle Blüte russi- schen Kadavergehorsams: Der P o l i z e i m e i st e r der Nishni Nowgoroder Messe Uschakow war vor einiger Zeit im Hauptgebäude des JahrinarkleS in den ihm zugeteilte» Dienst- und Wohnräunicn im Begriff gewesen, ein Lad zu nehmen. Da ihn mitten in den Borbereitungen zum Bade eine Order deS Gouverneurs ab- berief, eilte der Polizeimeister fort und vergaß dabei, den Hahn der Wasserleitung zu schließen. Die Wanne war bald überfüllt, und das Wasser strömte auf den Fußboden, von wo eS in die untere Etage, in die Räume des Handelshauses Keller durchsickerte und die Ware» durchnäßte. Als die Angestellten des Geschäfts hinaufeilten, um die Ursache der Ueberschwemmung fest- zustellen, bot sich ihnen in der Wohnung des Polizeimeisiers ein kurioses Bild: Bor der Wanne, im Waffer. das den Fußboden bedeckte, stehend, befand sich ein S ch u tz m a n n in st r a m m e r Haltung, der mit klopfendem Herzen hilflos auf die Ueber- schwemm», ig blickte, die sein Vorgesetzter angerichtet hatte. Als man ihn fragte, warum er den Hahn der Wasserleitung nicht geschlossen habe, antwortete er:„Seine Hochwohlgeboren haben den Hahn geöffnet und mir noch keine Order erteilt, ihn zu schließen. Wie kann ich, ohne den Befehl des Herrn Polizeimeisters..."— und das Waffer strömte ruhig weiter. Die Firma Keller ließ aber die Sache nicht auf sich beruhen. Sie verlangte vom Jahrmarklskomitee Schadenersatz für die durch Nässe verdorbenen Waren. Das Komitee verwies die Firma mit ihrer Forderung<126 Rubel laut Resolution des Komitees) an den Polizeimeister Uschakow, für den wieder der Gouverneur von Nishni Nowgorod Cbwostow eintrat, indem er auf die Resolution des Jahrmarktkomitees solgenden Vermerk schrieb: „Ich kann diese Forderung nicht bestätigen, da derartige Fälle in den letzten drei bis vier Jahren häufig vorkommen und auf einen Mangel an der Badeeinrichtung, nicht aber auf ihre Benutzung zurückzuführen sind.�_ König!, bayerische Zentrumslokomottvführer. Manche Leute haben bisher geglaubt, daß die leider recht häufigen Eisenbahuunsälle aus Ueberanstrengung des Betriebs- Personals und ähnlichen Ursachen resultieren. Mit Nichten I Die mangelnde Kenntnis religöser Dinge ist daran schuld und deshalb hat die homogen-schwarze Regierung in Bayern die Prüfung der Bahnbeamten auch aus Bibelfestigkeit und die Kenntnis der katholischen Hierarchie ausgedehnt. So werden bei der Inspektion München-Hauptbahnhos den Prüflingen die folgende» Fragen vorgelegt: Wie heißen die bayerischen Erzbistümer? Wie heißen die vier Propheten, die großen und die kleinen? Wie heißen die E r z b i f ch ö f e? Wo ist das Konsistorium und wie heißt sein Bor st and? Wie heißen die E v a n g e- listen? Wäre es nicht noch vorteilhafter, überhaupt nur Leute einzustellen, die die KaplanSprüsung bestanden haben? Das würde das Ver- gnügen an der Fahrt ins bessere Jenseits zweifellos steigern. Kleine Notizen. Bim Treidriemen erfaßt. In einem Sägewerk an der Lands- berger Straße in München wurde ein Maschinist vom Treib- riemen ersaßt und derart zur Seite geschleudert, daß er an den erlittenen Vcrlevuiigen kurz darauf ver st a r b. Schweres Bootsunglück. W>e aus Brest gemeldet wird, unternahmen drei Touristen, Gras T r o h r i a n, der ehemalige See- offizier B a l c o und ein Engländer namens W o g a n Browns vor einigen Tagen eine Bootsfahrt. Gestern wurde in der Nähe des Hafens von Aberwrach am Strande die Leiche Browns gesunden. Das Boot ist verschollen. Man befürchtet, daß auch die beiden anderen Touristen ertrunken sind. Singegangene vruckfcdrifren. Die Erde. Nr. 1. III. Haldmoiiatsschrlst für Länder- und Völler- künde. Herausgeber ffi. Banse. Einzelnummer 60 Bf. A. Duncker. Weimar. Die Lese. Hest 36—38. Literarische Zeituna. Herausgeber&. Nuschner. Erscheint jede« Sonnabend. Einzelheit 15 Pf. Verlag in Stuttgart. Die glückliche(SeButl elNtS gestmdtN Mädchens zeigen an liiirt Wincklei- und Frau Isy, geb. Erbslöh. 152/2 Charlottenburg, 25. September 1 912. Deutselier TransporlaFlielter-Yerlianil. Bezirkevcrwaltung Gro8-Bariin. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- jührer friedrid! Lemme am 18. September im Alter von 66 Jahren verstorben ist. Den Mitgliedern semer zur Nachricht, daß unser Kollege, der Kohlenarbeiter kriedridi Hirsch am 25. September im Alter von 47 Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! 67/4 Die Bezirksverwaltung. Verband der Ireien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Zahlstelle Köpenick. Den Mitgliedem die traurige Nachricht, daß der Kollege, Gastwirt Kurf is im blühenden Alter von 34 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Freitag, nachmiNagS 4'/, Uhr, vom Trauerhause, Bahnhosstraße 47, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 74/3 Bis Ortsverwaltung. Angeboten bestens bewährter und bestsitzender V! Berufs-Kleidung Herkules- Leder-Hosen AUain- Verkauf. Gestreift oder einfarbig. Kernig und stark. Beste Arbeit. Bund aus einem Stück. Schwere Tasohea........ M. 4.50 Weiße Kellner-Jackette» Ä. u 3.65. 2.50 Pi blaue Monteur-Jackette SlrS wasch- rh s r echt. Extra lange Jackette./ iL** ... M Setzer-Kittel 3.10 2.50 1 Maler-Kittel Ä' 2.00 Berufs- Kleidung für alle Zweige der Gewerke und Industrie BaenSphn Berlin— Gegründet 1S91 Chausseestraße 29-30 Gr. 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Leiter-[ia!l{al!re!,: Bund Solidarität Ortsgruppe Berti». Sämtliche Touren am Sonn- tag, den 29. September, fallen wegen der Protest-Versamm- langen ans. 12/ is lOOSpeise Zimmer, Herrenzimmer, Schlafzimmer, ganz seine gediegene Sachen,! ---- sehr billig SpeioDsspar Neue Friedrichstr. 5-8 alte Kaserne, Hof. I Stoffe für elegante MnBanzDge, Uleter, Paletots, Bltr. 4.—, 6.—. 6.— M. etc. Damentuche, KostQmstofle, Flausch. Mtr. 3.—, 4.—, 5.— M. etc. Loden f. Wetterpelennen, Mtr. 1.50, 2.50 M, Persianer, imil, Mtr. 6.50, 8 50. 11.50 M. Plüsche, Seiden- Seal, für elegante Damenpaletots Mtr. 9.50, 15— M. Tuchlager Koch& Seeland G. m. b. H. Gertraudtenstp. 20/21 ÄiAllr Verein Arbeiter-ZngeiMeim Cbarlottsnbnrg. Sonntag, den 29. September, nachmittags 5 Uhr» im großen Saale des Volkshauses, Rosinenstr. 3: lugenä- seter Festrede: Herr Vr. Ni'eZtsvItvlsZ. Musifalische und rczitatonsche Vorträge(Mitwirkende: Charlotten- bnrger Liedertafel), turnerische Austühiungcn.— �Die schulentlassene Arveiterjugend sowie die Eltern sin» freuiidltchst eingeladen Eintritt frei. 291/3 Verwaltung Berlin. GrOßtes Spezial- Geschäft � sämtlicher Naclirnf. Es Ist uns eine traurige Veranlassung mitteilen zu müssen, daß Herr Panl IVeißer Mitinhaber und Seniorchef der Firma Glogowski& Co., Möbelfabrik gestorben ist. Wir verlieren in dem Dahingeschiedenen einen allzeit gütigen Chef, dem wir immerdar ein gutes Andenken bewahren werden. Das Betriebspersonal der Firma Glogowski& Co. Danksagung. Für die uns anläßlich des Hinscheidens unseres verehrten Herrn Paul Heißer, Fabrikbesitzers und Seniorchefs de?- Firma Glogowski& Co., erwiesene Anteilnahme sowie die gewidmeten Kranzspenden und Kondolenzen sprechen wir unserem gesamten Betriebspersonal den besten Dank aus. 625b Glogowski& Co., Möbelfabrik. Clastwirts- Artikel. L. 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Ztiifriiliittbliiid da Miislhiliistt»"» Scher sowie Derlissgeiioffen Deutschlands. . VefwaltunxsstsIIs Oroß«Berlln.== Sonnabend, de» 28. September 1912, abends pünktlich 8'/z Uhr, AuOerordentliche Generalversaminlunp in den„A r m i n h a l l e n", Kommandantenstr. 58/59. Tagesordnung: 1, Beitragserhöhung. 2. Bericht der Kommission betreffend Anstellung elneS Lokalbeamten. 3. Wahl eines Revisors. 4. Antrag. MM- Die Mitglieder werden dringend gebeten, zahlreich zu erscheine». • Mttgliedsbnch legitimiert!- 146/10 Die Ortaverwaltung. Freitag, den 11. Oktober 1012, abend»«>/, Uhr im»Rosenthaler Hof-, Rosenthaler Strafte 11—12(vis-k-vio der Steinstraße): General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Beschlußsaffung über den notwendigen Uebertrttt zur Lichter- selber Krankenkasse. L. Verschiedenes. -s----- Das Erscheinen aller Mitglieder ist dringende Pflloht._- 188/4_ Der Vorstand. C. B u t r h, Stettiner Str. 25. 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Es empfiehlt fich daher, daß die Abonnenten dem zuständigen Spediteur oder der Hauptexpedition den bei der Botenfrau er- hältlichcn Umzugszettel vollständig ausgefüllt und mit deutlicher Nameusunterschrift zugehen lassen. Partei-?ZngelegenKeiten. Ersatzwahl im ersten Berliner Landtagswahlbezirk. Die Wahlmännerwahlen finden am Montag, den 30. Sep- tember, statt. Diejenigen Genossen aus den anderen Kreisen Berlins, die am Tage der Wahl über freie Zeit verfügen, werden ge- beten, sich den. Wahlkomitee von früh 8 Uhr ab zur Ver- fügung zu stellen. Zentrale für den Westen bei Wiemers, Bülowstr. 58. Zentrale für das Hansaviertcl bei Bcrendt, Klopstotfstr. 23. Das Wahlkomitce. Lichtenrade. Am Sonnabend, den 38. September, abends 8Vz Uhr: Mitgliederversammlung im Lokal von Th. Jantke, Hohen- zollernstrahe. Bernau. Sonnabend, den 23. d. M.. abends 8'/zUhr, bei Salzmann, Basdorfer Strastc: MonatSverlaminlung. Tagesordnung: t. Bericht von der Kreis- und Verbandegeneralvelsanimlung. 2. Stiftungsfest. 3. Vereinsangelegenheiien. _ Die Bezirksleitung. •« Berliner Nachrichten. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Die eigenartige N o t st a n d s d e b a t t e, die es gestern im Rathaus gab, galt den Hausbesitzern. Man kemit seit langem ihre Klage, daß es den meisten von ihnen— so stellen sie es dar— einfach jämmerlich gehe. Jetzt treten sie geradezu mit der Forderung auf, das; die Stadt Verlin sich zu einer Hilfsaktion für sie hergeben solle. Sie meinen, die Beschaffung der Hypotheken müsse ihnen durch die Gemeinde erleichtert werden. Eine gemischte Deputation solle— das hatten ihre Leute im Stadtparlament beantragt— darüber beraten, wie der Pump zu organisieren sei. Staunenerregend war's, mit welchem Eifer die Haus- besitzer die Debatte führten. Dieselbe Gemeinde, der sie sonst am liebsten keinerlei soziale Verpflichtungen gegen die minderbemittelte Bevölkerung zugestehen niöchten, soll jetzt plötzlich es als eine heilige Pflicht ansehen, den geldbedürftigen Auch-HauSbesitzern aus der Patsche zu helfen. Stadtverordneter K n a u e r, der den Antrag begründete, hielt sich noch in gewissen Grenzen. Aber die kleineren Geister des Hausagrariertums, die später sprachen, schlugen desto kräftigere Töne an. Die Forderung, daß die Gemeinde direkt eingreifen solle, ging selbst manchen sonst immer freundlich gesinnten Gönnern der Hausbesitzer zu weit. Stadtverordneter Sonnen- f e l d und Stadtverordneter Cassel rieten, die einzu- setzende gemischte Deputation solle zunächst mal die Gründe der HauSbesitzernot erforschen und dann Wege zur Förderung der S e I b st h i l f e suchen. Gegen diese bloße„Studicnkonimission", zu der hierdurch die gemischte Deputation abgeschwächt werde, sei— erklärte Genosse A r o n s namens der sozialdemokratischen Fraktion— nichts einzuwenden. Wie der Magistrat darüber denkt, konnte Stadtkämmerer B ö ß noch nicht sagen. Er versicherte nur, daß der Magistrat die Bedeutung der Sache nicht verkenne. Die Hausbesitzer unterstützten schließlich selber den Sonnenfeld- schen Antrag, der dann angenommen wurde. Vermutlich wird auch der Magistrat sich zu einer Beratung in gemischter Deputation bereit finden lassen. Im letzten Teil der Sitzung wurden wieder mal die skandalösen Zustände in der Fürsorge für die Kranken des Obdachs einer Kritik unterzogen. Unsere Genossen Zucht und Hoffmann besorgten das gründlich. Die MädchenpflichtfortbildnngSschule für Berlin n»d die Lehrer. Im großen Saale dcö Lehrervereinshauses am Alexanderplatz fand am Mittwochabend eine Versammlung des Berliner LebrervereinS statt, die sich ecngehend mit dem Thema „PslichtfortbildungSschule für Mädchen" beschäftigte. Alle mit dem Frauenbenis in Berührung stehenden Organisationen. wie auch staatliche und städtische Behörden waren zu dieser Ver- sammlung eingeladen und auch zahlreich vertreten. Das Handels- Ministerium halle zu der Versammlung den Regieruugsassessor Dr. v. Schroetter entsandt. DaS Referat hielt der Lehrer W. F r a u e n d i e n st. Er b e g r ü ß t e die neue Pflichtfortbildungs- schule für Mädchen als eine soziale Maßnahme im Interesse der wirifchasilich Schwachen, sprach aber die Hoff- nung aus, daß die blühenden Mädchcnfortbildungsichulen Berlins, die auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit aufgebaut sind, durch die neue Psticbtichule nicht verdrängt werden, sondern sich zu Fach« schulen für Fortgeschrittenere eniwickeln möchten. Die Pflichtschul» habe nur soweit ihre Berechtigung, als sie B e r u f s s ch u l e sei; sie solle die berufliche Ausbildung ergänzen, nicht ersetzen. Es seien Fachllasscn für Verkäuferinnen, Kontoristinnen, Putzmacherinnen, Weißnäherinnen.- Friscurinnen u. a. zu begründen, die möglichst zu Fachschulen zusammen zu fassen seien. Vom Standpunkt der Berufs- schnle aus könne er— der Vortragende— die haus- wirtschaftliche Unterweisung nur als ein Zu- geständnis ansehen, das man mache, um die Einführung der Pflichtichnle nicht zu gefährden. Wenn die Frauen bei uns kommunales und Reichstagswahlrecht hätten, wenn sie selbst die Angelegen- heit ihrer Pflichtforibildungsschule regeln könnten, so hätten sie unzweifelhaft bei den Beratungen im Reichstage über die Er- Weiterung des§ 120 der Gewerbeordnung nicht ausschließlich von der Ausbildung der Frau für das Haus geredet, wie es unsere Reichstagsabgeordneten und Regierungsvertreter getan hätten. Der hauswirtschaftliche Unterricht müsse vom beruf- lichen getrennt und auf ein b e s d n d e r e s S e m e st e r ge- legt werden. Es sei eine Härte, daß man den ungelernten Mädchen sechs Wochenstunden zuweise, während die Jungen in der Pflicht- schule nur vier Stunden hätten. Damit schädige man wirtschaftlich die Mädchen. Es sei zu fordern, daß für beide Geschlechter Idieselbe Wochen st undenzahl, nämlich sechs, angesetzt .ivürden. Es wurden dann folgende Leitsätze von der Versammlung angenommen: „Der Berliner Lehrerverein hat eine Mädchen- Pflichtfortbildungsschule schon seit Jahren als dringend notwendig gefordert und begrüßt daher mit Genugtuung deren Einführung in Berlin. Er erwartet, daß seine Vereinigung zur Förderung des Fortbildungsschulwesens bei den Beratungen über die Organisation und den Lehrplan zur Mitarbeit herangezogen wird. Der Berliner Lehrerverein stimmt dem Grundsatz des Magistrats zu, daß zur Fortbildung der weiblichen Jugend außer dem beruflichen auch der hauswirtschaftliche Unter- r i ch t notwendig ist. Er fordert aber, daß der hauswirtschastlicke Unterricht nicht neben dem beruslichen einhergeht, sondern das letzte Halbjahr der Schulpflicht ausfüllt. Wie bei de» bestehenden Pflicht- fortbildungsschulen für die männliche Jugend find auch für die Mädchen F a ch k u r s e für die einzelnen Berufe einzurichten. Für die weibliche und die männliche Jugend ist die gleiche Wochen- stnndenzahl anzusetzen. In der Mädchenpflichtfortbildungsschule sind nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Lehrer zu beschäftigen." Außerdem stimmte die Versammlung noch folgender Er- klärung zu: ,1. Der Berliner Lehrerverein weist die Angriffe, die das Organ des„Verbandes zum Schutze des Deutschen Grundbefitzes und Real- kredits" gegen die Lehrer als Bodenreformer richtet, aufs entschiedenste zurück. Es ist eine unerhörte Anmaßung dieses Organs, den Lehrern und Lehrervereinen vorschreiben zu wollen, womit sie sich außerhalb der Schule beschäftigen dürfen. Die Lehrer, die sich als Bodenreformer gemeinnützig betätigen wollen, zu schelten. steht dem genannten Verbände, der als Vereinigung sämtlicher großer Terraingesellschaften deren geschäftliche Jnlerejsen vertritt, am aller- wenigsten an. 2. Es ist eine verwerfliche Kampfesweise, wenn man, um eine unbequeme Reformbewegung zu bekämpfen, in Ermangelung sachlicher Gründe die Anhänger dieser Bewegung in der öffentlichen Meinung herabzusetzen und als staatsgesährlich zu verdächtigen sucht."_ Die Ausländer von Groß-Berlin. Ueber die Ausländer in Groß- Verlin macht jetzt der Direktor des Statistischen Amts von Wilmers- darf, Dr. Drcydorff, lehrreiche Mitteilungen in den„Statistischen Monatsberichten der Stadt Berlin". Nach der letzten Volkszählung beherbergte Groß-Berlin 90 475 Reichsausländer. Dabei sind allerdings 6,8 Proz, der Bevölkerung nickt berücksichtigt, die in Orten wohnen, die sich von dieser Statistik ausgeschlossen haben. Aus 1009 Groß-Berliner kamen 26 Ausländer. Sie könnten ungefähr für sich allein ganz Friedenau bevölkern. In Berlin selbst wohnen etwa sechs Zehntel. in den Vororlen vier Zehntel der Ausländer. Fast drei Zehntel aller Ausländer wohnen in den Vororten Charlottenburg, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg und Wilmersdorf. 30 Proz. aller Ausländer wohnen überhaupt in den Städten von Groß- Berlin und nur 10 Proz. in den Landgemeinden. Im Verhältnis zu seiner Bevölkerung hat Wilmersdorf die meiste» Ausländer mit fast 46 Proz., dann Char- lottenbnrg mit 36 Promille, Schöneberg 33 Promille, Berlin 26 Promille, Neukölln 18 Promille, Licktenberg 11'/s Promille. Von den Land- gemeinden haben Stralau 72 Promille Ausländer, Grunewald 43'/z Promille. Lankwitz 29 Promille. Friedenau 28 Promille und Pankow 2l Promille. Mehr als die Hälfte oder 47 562 der Aus- läiider sind Oesterreicher. Dann folgen die Russen mit 10 220 und hierauf die Ungarn mit 7288. In großem Abstand schließen sich an die Vereinigten Staaten mit 3571, Großbritannien 3295, die Schweiz 3063. Italien 2g36, Dänemark 2236, die Niederlande 1739, Schweden 1536, Frankreich 1337, Rumänien 1335, die Türkei 836, Norwegen 548, Belgien 396, Serbien 341, Brasilien 300. Bulgarien 236, Griechenland 209, Argentinien 206, Spanien 198, Japan 186, Chile 172, China 152, Luxemburg 123, Portugal 43, Mexiko 40, Aegypten 39, Euba 16, Montenegro 1 usw. Mehr als die Hälfte der Fremden machen die Frauen aus bei denen aus Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Chile, Argentinien und Frankreich. Die Wahl eines BerkehrsingenicurS für den Zweckvcrband. Der Sonderausschuß des ZwcckverbandeS Groß-Berlin hat gestern mit großer Mehrheit beschloflen, den Baurat Professor Erich Gieie von der Technischen Hochschule in Braun- schweig zum technischen Oberbeamten des Verbandes Groß-Berlin vorzuschlagen. Giese ist als ganz hervorragender Verkehrstechniker durch seine literarischen Arbeiten und seine praktische Betätigung bekannt. Unter anderem war er bei der Ausführung der Unter- grundbahn Nollendorfplatz-Zoologifcher Garten, bei den Verkehrs- vermittelungen des Güterverkehrs auf der Stadt- und Ringbahn, bei der Höherlegung des Bahnhofes Spandau, bei dem Bau der neuen Grunewaldbahn, dem Rennbahnumbau Bahnhos Westend be» schäftigt._ Der Bertrag mit der BctricbSgcsellschaft der Kleiuiahn Reinickendorf— Liebeilwalde—Groß-Schöucbcck läuft am 1. April n. I. ab. Die Gemeindevorsteher sämtlicher Orte an der Kleinbahn haben in Basdorf Konferenzen abgehalten und zu der Weiterverpachtung der Eisenbahn Stellung genoinmen. Sie haben sich auf folgende Punkte geeinigt: Keine Weiterverpachtung, auch keine Betriebs- führung durch einen Dritten, sondern Leitung des Betriebes durch die bestehende Direktion der Aktiengesellschaft. Verzicht auf höhere Dividende event. Einschränkung der Dividende. Dafür aber Schaffung schnellerer und besserer, d. h. häufigerer Zugverbindungen. Ferner soll für die Verstaatlichung der Bahn eingetreten werden, weil Kreis und Zweckverband von Groß-Berlin einer Uebernahme der Bahn noch nicht näher getreten sind. Der Verkehr dieser„Heidekraut- bahn" hat sich ununterbrochen gesteigert, trotz der hohen Tarife, mangelhaften Verbindungen lund obgleich man in Reinickendorf um- steigen muß und die Bahn als.Sackbahn" keinen durchgehenden Verkehr besitzt. Als Slaatsbahn mit Anschluß an den Stettiner Bahnhof im Süden und Anschluß an die Staatsbahn im Norden würde der Verkehr bei ermäßigten Tarifen zweifellos eine große Ausdehnung erlangen. Eine neue Verbindung mit der Ostsee könnte ohne große Kosten hergestellt werden, dazu brauchte die Bahn nur bis Teniplin fortgeführt werden, d h. es fehle» nur 25 Kilo- meter Eiienbahnverbindung. Von Templin aus besteht jetzt eine Eisenbahnverbindung nach Straßburg in der Uckermark. Von dort bis Ducherow soll jetzt eine Bahn gebaut werden, die nur 21 Kilo- meter umfaßt. Mit dem Ausbau dieser Strecke würde eine direkte und schnelle Verbindung zwischen Berlin und der Ostsee zur Enl- lastung der Stettiner und der Nordbahn geschaffen, die dringend nollut. Die Johann-Jakob-Ze>tler-Stift»ing hat den Zweck, einmalige Unterstützungen im Betrage von mindestens 30 Mark an Weber und Stuhlarbeiter sdanrit sind gemeint: Weber, Wirker, Raschmacher, Zeugmacher, Tuchmacher, Strumpf- und Seidenwirker) sowohl an Meister wie Gesellen zu gewähren, welche sich in Geldverlegenheit, namentlich wegen Zahlung der Wohnungsmiete befinden, sofern sie nickt der öffentlichen Armenpflege anheimgefallen sind. Bewerber müssen sich seit mindestens zwei Jahren in Berlin niedergelassen haben: hauptsächlich sollen diejenigen berücksichtigt werden, welche mehr als vier Kindex unter 14 Jahren haben. Die Stiftung, welche unter Verwaltung der städtischen Stiftungsdeputation steht, hat in diesem Jahre noch Geld zur Unterstützung zur Verfügung. Gesuche mit Angaben über die Dauer des Anfenihalts in Berlin und über die Zahl der am Leben befindlichen Kinder unter 14 Jahren sind innerhalb 14 Tagen au die städtische Stiftungsdeputation, Post- straße 16 I. zu richten. Die Erhaltung der Grunewaldseen. Der Gemeindevorstand von Zshleadsks hat vor einiger Zeit mit der Direktion der Charlotten- burger Wasserwerke A.-G. neue Verhandlungen wegen der Erhaltung der Grunewaldseen eiitgeleitet. Das Resultat dieser Verhandlungen ist nun, daß die Wasserwerke der Anregung der Vorortgemeinde folgen und den Schlachtensee aufpumpen wollen. Vom Wannsee aus soll eine Rohrleitung zu dem höber belegenen Schlachtensee geführt werden, der dann durch eine besondere Pnmpenanlage soviel Wasser aus der Havel erhalten soll, daß der Spiegel sich um l'/z Meter er- höht. Es liegt ein Gutachten vor, nach dem damit zu rechnen ist, daß durch die Erhöhung des Spiegels des Schlacktenfees auck der Riemeister und die Krumme Lanke dauernden Wasserzufluß erhalte. Der Nikolassee, der am wasserärmsten ist, soll durch eine eigene Rohrleitung aus dem Wasserwerk am Wannsee täglich etwa 3000 Kubikmeter Waffer erhalten, die ungeachtet der stärkeren Jnanspruch- nähme des Grundwassers der Gegend durch die im Bau begriffenen Neuanlagen der Werke, genügen dürften, um ein Austrocknen des Nikolassees zu vermeiden. Der neue Ringbahnhof„Kaiser-Friedrich-Straßc" in Neukölln, dessen Eröffnung in den nächsten Tagen erfolgen soll, ist bis aiif kleine Nebenarbeiten fertiggestellt. Das von der Stadtgemeinde mit erheblichen Kosten erbaute Empfangsgebäude stellt ein bescheidenes, aber freundliches Bauwerk dar, das sich auf dem Bahndamm vorteil- Haft über die noch wenig bebaute Landschaft erhebt. Die Schaller- räume liegen zu ebener Erde und man gelangt durch einen Ver- bindungstunnel nach dem Bahnsteige empor, den, wie die Gleis- anlagen, die Staatsbahnverwaltung auf ihre Kosten hat anlegen lassen. Die Bautätigkeit hat in dieser Gegend schon eingesetzt, da der neue Haltepunkt eine bequeme Verbindung nach dem Potsdamer Platz und dem Schlesischeu Bahnhofe schaffen wird. Ein Erbschaftsschwindcl im Großen wird seit einiger Zeit von Südamerika aus im Deutschen Reicks betrieben, wahrscheinlich von einem ausgewanderten Deutschen. In den verschiedensten Gegenden des Reiches erhalten seit einiger Zeit viele Leute Briefe, die ihnen zu ihrer nicht geringen Ueberraschung und Freude eine Erbschaft an- kündigen. Die Freude ist um so größer, als nicht erst noch lange Förmlickkeiten erforderlich sind, vielmehr das Geld beinahe schon auf dem Präsentierteller liegt. Die Briefe, die aus Porto Alegre kommen, tragen am Kopf:„Aloys Scherer, Advocato, Praca Senador, Florencia R. 3". Das Schreiben teilt dem Empfänger mit, in Guaranh in Brasilien sei am 19. Dezember 1911 ein angeblicker Carlos Fischer gestorben. Seine in Brasilien lebenden Erben hätten bereits ihr Erbteil ausbezahlt bekommen. Der Erblasser habe aber»och anderen Leuten, die in Deutschland lebten, Legate vermacht. Unter diesen Legataren, die noch nickt alle ermittelt seien, befinde sich auch der Empfänger des Briefes. Für ihn habe der ver- storbene Carlos Fischer 15 000 MilreiS, etwa 20 000 M., bestimmt. Der Zusendung dieses Betrages stehe nickts mehr im Wege, nur seien die Kosten für die Erhebung des Erbschaftsanteils, Stempel, Bollmacht, Registrierung usw., im Betrage von 52 Milreis— 70 M., im Voraus noch zu bezahlen. Sie müßten vom Briefempfänger eingeschickt werden, weil nach den brasilianischen Gesetzen von den Legalen nichts abgezogen werden dürfe. Den 52 Milreis müsse eine Erklärung über die Annahme de? Legates und die Weisung, an welches Amtsgericht das Geld gesandt werden solle, beigelegt werden. Wünsche der' Briefempfänger eine beglaubigte Testamemsabschrift, so habe er dafür nock besonders 20 M. mit einzusenden. Das sieht alles ganz amtlich, klar und wahr ans. Kein Wunder, daß viele Briefempfänger die verhältnismäßig kleine Sumnie gern einsenden, um recht bald die große zu bekommen. Darauf aber warten sie vergeblich. Denn die ganze Erbschaft ist, wie auf Er- sucken des deutschen Konsulats die Polizei von Porto Alegre schon festgestellt hat, reiner Schwindel. Der Unternehmer des Tricks nennt sich außer Advokat Aloys Scherer auch Alfred Haag. Wis er aber wirklich heißt, ist noch nicht bekannt. Wahrscheinlich aber ist er ein Deutscher, der mit gutem Erfolg die Erbfreudigkeit seiner Lands- leute in der alten Heimat ausbeutet. Es wäre dringend erwünscht, daß die ganze deutsche Presse, besonders auch die kleine Lokalpresse, vor diesem neuen Schwindel warnte. Einen schaurigen Fund machte man gestern nachmittag auf dem Militärverladeplatz des Bahnhofs an der Putlitz- und Ouitzowstraße. Dort standen mehrere Güterwagen, die aus Elsaß-Lothringen hierher gekommen sind. In einem von ihnen fanden nun Leute, die gestern nachmittag Fahrzeuge der Feldartillerie verluden, ein Paket aus graubraunem Packpapier. Es enthielt die Leiche eines neugeborenen Kindes, die schon ganz verwest war. Wie sie in den Wagen hineingekommen ist, ließ sich bisher noch nicht feststellen. Vielleicht kommt die kleine Leiche schon aus Lothringen her, vielleicht ist sie aber auch unterwegs auf irgend einem Bahnhof in den Wagen heimlich hineingesteckt worden. Nach dem Verwesungszustande muß das Kind schon sechs bis acht Wochen tot sein. Ein Opfer des Straßenverkehrs ist der 67 Jahre alte Kaufmann Louis Günther geworden, der am Schiffbauerdanim eine Kleider- Handlung betrieb und in der Bergstraße 75 als Witwer für sich allein wohnte. Der Mann ging vorgestern abend um 6 Uhr mit seiner verheirateten Tochter und deren beiden Kindern vom Geschäft nach Hause z». Als er an der Friedrichstraße den Fahrdamm über- schreiten wollte, faßte ihn eine voin Oranienburger Tor herkommende Kraftdroschke, schleuderte ihn mehrere Meter weit beiseite und ver- letzte ihn so schwer, daß er bewußtlos liegen blieb. Der Verunglückte wurde mit dem Wagen nach der königlichen Klinik in der Ziegel- straße gebracht, wo er gestern seinen Verletzungen erlag. Wie der Fahrgast der Kraftdroschke bekundet, trifft den Wagenführer keine Schuld. Der alte Herr war blindlings vor das Fahrzeug gelaufen, das der Führer nicht niehr zeilig genug zum Stehen bringen konnte. Ei» falscher Kriininalbcaniter treibt wieder einmal sein Unwesen. Bei einer Milchhändlerin in der Falkensteinerstraße erschien gestern nachmittag ein Mann im Alter von 25—28 Jahren, der sich als Kriminalbeamter vorstellte und angab, daß er gekommen sei, um die Waren zu prüfen. Die Geschäftsfrau bat den Fremden, sich zu legitimieren. Dieser holte darauf sein Notizbuch aus der Tasche und zeigte der Frau eine kleine braune Karte, die einen Polizei- stempel und einen unleserlichen Namen trug. Die Frau untersuchte den Ausweis nicht genauer und ließ den Mann gewähren. Der „Kriminalbeamte" nahii� zuerst verschiedene Würste, schnitt davon eine Scheibe ab und kosteke sie. Dann nahm er verschiedene Eier, hielt sie gegen das Licht und legte sie wieder zu den anderen zurück. Während seiner Uiitersuchnng kam eine Käuferin in den Laden. Jetzt enlfernte sich der Mann mit dem Bemerken, daß alles in Ordnung fei. Allem Anschein nach hat es sich in diesem Falle um einen Schwindler gehandelt, der durch das Hinzukommen der Käuferin bei einem beabsichtigten Diebstahl oder Schwindel gestört worden ist. Der falsche Kriminalbeamte ist 1,75 Meter groß und schlank, hat hellblondes Haar, einen kurzgeschnillenen, hellblonden Schnurr- bart und trug einen schwarzen Sommerüberzieher und einen schwarzen Hut. DaS Rose-Theater scheint unter allen ausgesprochenen Vorstadt- bühnen dauernd den obersten Rang zu behaupten, ja das einzige ge- blieben zu sein, dessen Leitung im Bestrebe», das Repertoir oft mit klassischen Werken der Weltliteratur zu nähren und den künstlerischen Wert der Darbietungen zu erhöhen, tapfer Stand gehalten hat. Hiervon zeugt die Aufführung von Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum", die trotz aller Besckränkung dekorativer und darstellerischer Mittel doch mit dem ganzen Aufgebot eines großen Theateiks gewagt wurde. Selten sind wir einer Vor- stellinig init lebhafterem Interesse gefolgt, wie dieser. Hierbei konstatieren wir gern die ersichtliche Sorgfalt und Liebe, mit der die Regie wie die Darsteller gearbeitet habe». Die Inszenierung sdurch Oberregisseur Heinrich Richter) bot den vollen Zauber einer Sommernacht in einem auch dekorativ wirksamen Rahmen, der sich wohltuend über jede landläufige Schablone erhob. Das Naturstück im Wechsel sehr Präziser und Rsleuchtungs- und Berd untelungseffekte war reich und die Stimmung, die von ihm ausströmte/ wurde'noch verlieft durch Felix Mendelssohns herrliche Musik, förderen sinnsälligen Bortrag Kavellmcister Otto Antonius würdige Sorgsalt aufwendete. Die Besetzung darf im ganzen glück- lich genannt werden. Der Behandlung der Shakespeareschen VerS- spräche schien man viel Sorgfalt zu widmen. Edward Schwabe (als Oberon) zumal offenbart ein klangvolles Organ und eine dem Deklamaiorffchen ziemlich abholde klare, sinngemäße Sprechweise. Neben ihm behaupteten sich Else Roscher(Helena) und Gertrud Janssen(Titania). darstellerisch zum Teil auch Karl I a c o b y (Demetrius), Friedrich T h i m i a n(l/yiander) und, abgeiehen von einer geivisscn Gelecktheit, Edelbert Gareis(Thefeus). Mathilde Friedrich bot als Puck fraglos die rundeste Leistung. In, .Nüpel''-Septett, das es nicht fehlen ließ an saftiger Groteskkomik, stand Artur W i» ck l e r als Zettel vornedran; und das Elfenvölk« chen war sich seines spukhafte» Elements in herrschenden Mondschein- und Schatrenlänzen wohl bewußt. Das zum Brechen vollbesetzte Haus folgte der amüsanten Vorstellung mit ersichtlichem Behagen und kargte nicht mit einmütigen Bdisallspenden. Vorort-fsfochriedten. Charlottenburg. Die Fortsetzung einer alten Komödie! Seit mehreren Jahren quält man sich im Magistrat mit dem Zustandekommen einer städtischen Arbeitslosenversicherungskasse ab. Die Geschichte dieser nie werdenden Kaste ist bei jedem Interessenten so bekannt, wie sie lang ist. Angeregt wurde diese Frage selbstverständlich durch unsere Genosse», die seit Jahren immer wieder und wieder Anträge in der Stadtverordnetenversammlung dahin gehend stellten,' daß auch Charlottenbnrg, besten in der Verwaltung sitzende Liberale den sozialen Geist und das arbeiterfreundliche Schaffen der Charlottenburger Stadtleitung bei jeder paffenden und unpassenden Gelegenheit über den grünen Klee lobten, auf diesem Ge- biet nicht dauernd hinter anderen Gemeinden dinherhumpeln sollte. Und endlich kam man dann wirklich so weit, daß eine ge- mischte Deputation vom Magistrat und von der Stadtverordneten- Versammlung zur näheren Prüfung der Frage, ob und in welcher Art städtische Mittel zur Behebung und Bekämpfung unverschuldeter Arbeitslosigkeit verwendet werden könnten, eingesetzt wurde. Diese Deputation beriet über zwei Jahre I Aber endlich brachte sie doch einen Vorschlag zustande, nach dem neben einer Zuschußeinrichtung für arbeitslos gewordene Gewerkschaftsmitglieder auch die Zuschuß- Unterstützung von Sparkastenbuchinhabern sowie eine besondere städtische Arbeitslosenversicherungskasse vorgesehen waren. Diese letztere Kaste war eine ausgesprochene Konzession an die Unternehmer und an die von denselben unterstützten gelben Vereinigungen: denn dem ein- zelnen Unternehmer wurde der Vorzug einer Kollektivversicherung für die bei ihm beschäftigten Arbeiter zu einer wesentlich geminderten Prämie eingeräumt. Zudem wurde bestimmt, daß nur beide Kassen, die Zuschußkasse wie die Arbeitslosenversicherungskasse, gemeinsam eingerichtet werden sollten. Der Magistrat unterbreitete diese Bor- läge der Stadtverordnetenversammlung, die dieselbe an einen AuS- schuß verwies, der wiederum ein Jahr gebrauchte, um die schon dreimal in der gemischten Deputation durchberatene Vorlage nochmals zweimal von allen Seiten zu betrachten um sie dann schließlich ziemlich unverändert an das Plenum zurück zu geben. Aber nun setzte der von den national- liberal- reaktionären Stadtverordneten Liepmann- Stadthagen geleitete.Liberalismus' mit voller Wut ein: In der ganzen Vor- läge sahen die braven Hausbesitzer— denn diese führten bei diesen Debatten das Wort— nur eine unerlaubte Unterstützung der sozial- demokratischen Gewerkschasten. Man verschandelte die Geschichte bis zur Unkenntlichkeit, indem man in dem Statut für die Zuschußkasten die Bestimmung strich, daß auch den Mitgliedern der Berufs- Vereinigungen der Zuschuß zur Arbeitslosenunterstützung gegeben werden konnte. Das Statut für die Unternehmerunterstützungs- lasse nahm man dagegen unverändert an.— Jetzt erklärte der Magistrat aber, daß für ihn eine Arbeitslosenunter- stützungs- Einrichtung unter Ausschluß der Gewerkschaften aussickitsloS sei. Aber die Liberalen blieben diesmal fest und überließen es dem Magistrat, sich mit der neuen Situation ab- zufinden. Der Magistrat suchte nun den Ausweg, daß er wiederum die gemischte Deputation, die in zweijähriger Tätigkeit eine Lebens- Zähigkeit und Arbeitsfreudigkeit äußerst seltener Art bewiesen hatte, zusammentrommelte und derselben einen neuen Entwurf über eine städtische Arbeitslosenversicherung zur Begutachtung vorlegte. Dieser neue Entwurf ist nun aber gar nicht neu, sondern er ist nur eine verkürzte Ausgabe der beiden früheren Satzungen der Zuschuß- und der selbständigen städtischen Arbeitslosenversicherungskasse, die man einfach zusammenzog. Bester ist die Sache dadurch nicht geworden, sondern den reaktionären Anforderungen der.liberalen' Sozialpolitiker ist in weitestem Maße in der neuen Fassung Rechnung getragen. So läßt der.neue' Entwurf die selbständige Arbeitslosenversicherungs- lasse in der bereits bekannten Form bestehen. Nur, daß in dieser Kasse auch Gewerkschaften ihren Mitgliedern einen Zuschuß zur Arbeitslosenunterstützung liefern können. Dafür mutz jeder gewerk- schaftlich organisierte Arbeiter wöchentlich 10 Pf. Beitrag leisten. Die Zuschußunterstützung beträgt dann 7S Pf. pro Tag bis zur Höchstdauer von 60 Tagen. Die anderen Versicherten zahlen 25 Pf. Wochenbeitrag und erhalten pro Tag 1,60 M. Unterstützung. Die anderen Bestimmungen der städtischen Arbeitslosenversicherungskasse find fast unverändert geblieben. Das Resultat dieser neuen Vorlage wird sein, daß die„Liberalen' dafür sein werden, während in der Praxis diese Geschichte wenig Bedeutung erlangen wird.— ES ist nur jammerschade, daß neuer- dings viel Zeit auf ein derartiges Ortsstatut verwendet werden mutz, nachdem man sich über bessere Bestimmungen vergeblich jähre- lang gestritten hat.— Aber das alles ist wohl ein neuer Beweis dafür, wie gründlich das.liberal' verwaltete Charlottenburg auf Gebiet praktischer Sozialpolitik„voranschreitet'. Zum Posten deS Bürgermeisters, der durch die Wahl deS bisherigen Bürgermeisters Matting zum Oberbürgermeister von Breslau frei geworden ist, haben sich auf Grund der von der Stadtverord- netenversammlung beschlossenen allgemeinen Ausschreibung 46 Be- Werber gemeldet. Davon sind zurzeit tätig als Bürgermeister, Ober- bürgermeister oder Beigeordnete 17, als Kommunalbeamte in höheren Stellen 10, als Syndikus einer Privatgesellschaft 1, als Gerichts- beamte(Amts- und Landrichter) 4, als Rechtsanwälte S, als Regierungsräte 9 Herren. Ferner zählen zu den Bewerbern ein Ober- finanzrar und ein preußischer Landrat. Zur eingehenderen Prüfung der Bewerberliste ist ein Ausschuß von der Stadtverordnetenversamm- lung eingesetzt. Die Wahl selbst wird voraussichtlich bereits in der nächsten, am 9. Oktober stattfindenden öffentlichen Sitzung der Stadt- verordnetenversammlung vorgenommen werden. Tchöneberg. Der Rieseugasometer genehmigt. Der Stadtausschuß verkündete in seiner gestrigen Sitzung im Spandauer Stadtverordnetensitzungs- saale, unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Wolf-Spandau, die Entscheidung in dem Streit zwischen der Jmperal- Continental Gasassociation und den Anliegern über die Beibehaltung des Gaso- Meters in der Torganer Straße. Der Einspruch der Interessenten wurde zurückgewiesen. Die Beteiligten erklärten, sich bei diesem Urteil nicht beruhigen zu wollen. Ein öffentliches Turnen veranstaltet morgen Sonnabend, den 28. September, in den Neuen Rathausiälen die 1. Männerabteilung des ArbeiterturnvereinS. Anfang 9 Uhr. Eintritt frei. Nachdem: Rekrutenabschiedsfeier. Neukölln. Der Obmann des Wahlausschusses für die Wahlen zur An- gestelltenvelsicherung H. S ch i e r i tz wohnt nicht, wie irrtümlich in der gestrigen Notiz angegeben war. Elbestraße 6, sondern Wilden- bruchstraße 89. Tteglitz-Friedenau. Eine vom BildungsauSschuß veranstaltete Schulentlassungsfcicr findet am Sonntag, den 29. September, nachmittags 3>/z Uhr, im Lokal von Schellhase, Steglitz, Ahornstr. 16» statt. Das Programm besteht aus einer Ansprache von Frau Mathilde Wurm, Ge- sangssoli und Rezitationen. Der Eintritt ist unentgeltlich. Pankow. In der Gemeindevertretersitznng am Dienstag ist endlich die Frage der Einschränkung der SonntagSarbeit im Handelsgewerbe, nachdem dieselbe seit etwa anderthalb Jahren die Vertretung sechsmal beschäftigt hat, auch für Pankow zum Abschluß gelangt. Bekanntlich halte die Vertretung im März diese« JahreS beschlossen, die bisherige Zeit der Offenhaltung der Verkaufsstellen an gewöhnlichen Sonntagen(morgens 7>/z— 9, mittags ll'/a— 2 Uhr) aus die Zeit von morgens 8—10 und mittags 12—2 Uhr zu verlegen und damit lediglich um eine Stunde abzukürzen. Dreser Beschluß fand sticht die Zustimmung des Kreisausschusses. Bei der erneuten VerHand- lung im Mai d. Js. verharrte die Vertretung auf ihrem alten Bes-bluß. Der Bezirksausschuß hat nun ebenfalls jenen Beschluß beanstandet mit der Begründung, daß die Abkürzung um nur eine Stunde zu unwesentlich und deshalb nicht dem beabsichtigten Zwecke entsprechend sei. Im Hinblick auf die gleichartigen Beschlüsse Berlins und der meisten größeren Vororte empfehle sich auch für Pankow die Einführung der Groß-Berliner Regelung(in den Monaten Mai bis September von 3—10 Uhr früh und in den Monaten Oktober bis April von 12—2 Uhr mittags). Dem Be- anstandungSbescheide des Bezirksausschusses war gleichzeitig noch ein Schreiben des Landrats beigefügt, in dem auch letzterer Pankow nochmals nahelegt, die Berliner Regelung zur Durchführung zu bringen. In Uebereinstimmung mit der Finanzkonimission empfahl Bürgermeister Kühr die Berliner Regelung zu beschließen. Von unseren Genosten widerlegte Schmidt nochmals die bei den früheren Beratungen von den Bürgerlichen vorgebrachten Einwände gegen eine wesentlichere Einschränkung der sonntäglichen Geschäft«- zeit und verwies namentlich auf den kulturellen Wert dieser Matz- nähme nicht nur für die Handelsangcstellte», sondern auch für die Allgemeinheit und speziell die Geschäftsleute selbst. Von bürger- licher Seite wurde eine wettere Debatte diesmal nicht beliebt. und die hierauf mit großer Mehrheit vollzogene Annahme der Berliner Regelung bewies, daß auch hier endlich das bisherige Sträuben einer besseren Einsicht Platz gemacht hat.— Hierauf stand die in letzter Sitzung in die Kommissionen zurückverwiesene Neu- regulierung der Kreuz st raße erneut zur Beratung. Da außer einigen unverbindlichen Privatzusickierungen gegenüber einem bürgerlichen Vertreter die Anlieger der Westseite der Straße ihre ablehnende Haltung betreff» Abtretung von Vorgartengelände bisher nicht geändert hatten, entschied sich nach längerer Debatte die Vertretung für das von der Tiesbaukommission empfohlene Projekt, das die Regulierung ohne Inanspruchnahme von Vorgartenland auf der Westseite ermöglicht. In Verbindung hiernrit wurde auch gleichzeitig die Neuinstandsetzung der Spandauer Straße zwischen Wollank- und Kreuzstratze beschlossen und die dann noch besonders erforderlich werdende Summe von 3600 M. bewilligt.— Ilm durch geeignete Pflasterung sanitär bessere Verhältnisse für die Fischstände auf dem Marktplatz sowie am westlichen Ende desselben bessere Wegsamkeit zu schaffen, wurden die Mittel im Betrage von 2200 M., sowie für Errichtung einer Wassermesserprüfungsstation in den Kellerräumen der katholischen Schule die Summe von 6000 M. bewilligt.— Eine lebhafte Debatte zeitigte dann das in letzter Sitzung zurückgestellte Projekt einer Erneuerung der Einfriedigung der Punrpstation, dem bekanntlich eine Beschwerde des bürgerlichen Gemeindevertreters Ma a tz an den Landrar zugrunde lag. Herr Maaß, der diesmal anwesend war, hat inzwischen im hiesigen Ortsblatt den in der An- gelegenheil stattgehabten Briefwechsel mit dem Bürgermeister und dem Landrat veröffentlicht, aus welchem hervorgeht, daß er aller- dings nicht so ohne weiteres sich an den Landrat gewandt hat, sondern erst nachdem er aus seine Eingabe an den Bürgermeister ohne Antwort blieb. Immerhin aber mußte er sich in der Debatte vom Bürgermeister mit Recht sagen lassen, daß der von ihm gewählte Weg für einen Gemeindeverlreter nicht recht be- greislich wäre, da er doch Gelegenheit hatte, ihm— dem Bürgermeister— in öffentlicher Sitzung nach Herzenslust den Kopf zu waschen. Stürmische Heiterkeit erregte die Mitteilung des Herrn Maaß, daß au» der Herr Landrat auf seine Beschwerde nicht geantwortet hat. Obwohl vor Beginn der Sitzung eine Be- stchtigung jenes Pankower Schandflecks durch die Gemeinevertreler stattgefunden hatte, konnte nia» sich auch diesmal nicht über die Art seiner Beseitigung einigen und verwies die Sache nochmals an die Tief- und Gartenbaukommission.— Nach Erledigung einer Reihe weniger interessierender Angelegenheiten trat die Vertretung in die geheime Sitzung ein. Nach Schluß derselben wurde nochmals öffenl- l>ch verhandelt. Bürgermeister Kühr machte Mitteilung von der bekannten im Berliner Rathause unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Mermuth stattgehabten gemeinsamen Konferenz von Vertretern der Stadl Berlin und der Vor- orte, welche sich mit Matznahmen zur Abhilfe der herrschenden Teuerung zu beschäftigen hatte. Der Bürgermeister empfahl, daß auch Pankow sich dem dort angeregten Vorgehen anschließen und sich an der gemeinsamen Eingabe der Gemeinden Grotz-Berlins an den Bundesrat ivegen Einführung von Gefrierfleisch und Herabsetzung der Zölle für dasselbe beteiligen möge. Bezüglich der örtlichen Maßnahmen gegen die Teuerung teilte Herr Kühr noch mit. daß der Gemeindeborstand bereit« mit zwei Pankower Fischhändlern zwecks Organisasion de« Berkaufs von frischen Seefischen in Unterhandlungen getreten sei. Die Fische sollen zu denselben Preisen wie in Berlin zum Verkauf gelangen. Ohne Debatte stimmte die Vertretung den vorgeschlagenen Maß- nahmen zu. Nieder- Tchönhattsen. In der letzten Gemeindevertretersitzung rief ein Antrag deS Orts- ausschusses für Jugendpflege aus unentgeltliche Ueberlastung von Schulräumen für einen Lesesaal eine längere Debatte hervor. Bürgermeister Abraham teilte hierzu mit, daß bei Ueberlastung von Schulräumen einschließlich Beleuchtung und Heizung 340 M. Kosten pro Jahr entstehen. Im Interesse de«„Staatsganzen'� bitte er, dem Antrage zuzustimmen. Unier Vertreter Genoste H i e g e betonte demgegenüber, daß die Gemeinde für eine derartige Jugendpflege keine Mittel zur Verfügung stellen dürfe: auch die Arbeiterschaft treibe mit eigenen Mitteln Jugendpflege, iudem sie sich zur Gründung von Jugendheimen zu Vereinen zuiammenschlöste. Er und seine Freunde lehnen den Antrag entschieden ab. Die Herren Thormann und Gebhardt befürworteten den Antrag, während Herrn Hermann Kuhlmann die Kosten zu hohe waren. Genosse He llrich wies noch daraus hin, daß der ministerielle Erlaß aus Förderung der staal- lichen Jugendpflege nur erfolgt sei aus Furcht vor der proletarischen. Im übrigen erwiesen sich die Behörden als die geschworenen Feinde unserer Jugendbewegung: das treffe auch aus die hiesig« Behörde zu, die schon seit Monaten den Vorsitzenden der Jugendorganisation suche. Herr Dr. Pratsch betonte hierauf, daß er zuerst nicht ge- wüßt habe um was es sich handle, jetzt nach den Ausführungen der sozialdemokratischen Vertreter sei er aufgeklärt und halte es für notwendig, daß die bürgerlichen Parteien alles daran setzen müßten, um der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben. Da nach Ansicht des Bürgermeisters die Meinungen in dieser Frage so weit aus- einandergegangen, zog er den Antrag vorläufig zurück. Ein Legat von 3000 M. wurde angenommen; aus den Zinsen soll armen Kindern eine Weihnachtssreude bereitet werden. Hierauf folgte eine nichtöffentliche Sitzung. Potsdam. Von einem schweren Unfall wurde gestern auf einer Geschäfts- tour die er in seinem Auto zurücklegte, der frühere Potsdamer Stadtrat Eduard Kampffmeyer betroffen. Zwischen Ketzin und Falkenrhede geriet auf der Chaussee der Kraftwagen inS Schleudern und fuhr in den Chausseegraben. Durch die Erschütterung wurde Stadtrat Kampffmeyer herausgeschleudert. Er zog sich beim Stur, einen linksieittgen Oberschenkelbruch zu und wurde auf raschestem Wege ins Auguste-Vikloria-Krankenhaus in Potsdam eingeliefert. Spandau. Ein im ganzen Wahlkreise bekaunter Sozialiftentöter, Pre- d i g e r Schall, wird in einigen Tagen Spandau verlosten und nach Eberswalde übersiedeln. Sch. wurde im Jahre 1893 sowohl als Reichstags- wie als Landtagsabgeordneter gewählt und war auch Mitbegründer des hiesigen konservativen Neuen Wahlvereins. Trotz seiner 39 Jahre war er noch bei dem letzten Reichstagswahlkampse überaus tätig. Der Aufenthalt Hierselbst ist Herrn Schall jedenfalls dadurch verleidet worden, daß der Reichstagswahlkreis, in dem er so lange für die konservative Partei agitiert hat, an die Umsturzpartei verloren ging.__ Arbeiter- Abstinenteilbuud. Ortsgruppe Berlin. Heute 8'/, Uhr Bezirksocrsammlung für den Often in den AndreaS-Festsalen, Andreas- ssiaße 21. Vortrag deS Genossen B. Rudner über:„Amerikanische Pro- hibition'. Gäste willkommenl Eingegangene DrucfcrchHften. Von der„Neuen �lett« ist soeben das 62. Hest deS 30. Jahrgang« erschienen. Aus dem Inhalt des HesteS heben wir hervor: Mit ge- sammcltcr Krnst. Von Nudois Hilserdtng.— Fortschritt und Armut in Japan. Von Fritz Kummer.— Der Einslutz der Maschine im Getreide- umschkagsvcrlehr aus die Lage der Getrcidearbeiter in Mannhelm-LudwigS- Hasen a. Rh. Von C. A. Seidel(Berlin).— Die studentischen Arbeiler- unierrichlskurse Deutschlands. Von Albert Wilhelm.— Ferien sür Arbeiter und Angestellte. Von Fr. Pritschow.— Literarische Rundschau. Die„Neue Zeit' erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postanstallen und Kolporieure zum Preise von 3,26 Dl. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post uur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 86 Pf. Marktbericht von Berlin am 86. Septbr. 4918, nach Ermittelung deS tönigl. Pollzeipräsidium». Marktballinpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00— 50,00. Spetsebohn-ii weihe. 30,00—50,00. Linsen 35,00—60,00. Kartoffeln(Kleinhdi.) 5,00-8,00! 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauch fleisch 1,60— 1,90. Schwcmeflcisch 1,60—2,40. Kalbfleisch 1,50— 2,40. Hammelfleisch 1, 70— 2,40. Butler 2,20-3,00. 60 Stück Eier 4,00-6,00. 1 Kilogramm Karpsen 1,40-2,40. Aale 1,60-3,20. Zander 1,60—3,60. Hechte 1,60—2,80. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 1,00—30,00._ WttterungSübersicht vom 86. September 1918. ktattonen Swinemde. tamburg crlin Frants.a.M. München Wien O � c c � 3 c 5 8« 768 OSO 76gNO 767:91 767MO 766:NO 766O A Vetter - 0 EAW 2Regen 2 halb bd. I.wolltg stDunst 2!bed-ckt isbedeckt »K ti» t" Xi 10 8 8 5 4 7 Stationen Haparanda Pelersburg Scilly Aberdeen Paris *! Ii 5§l Bf 765, 91D 767!®® 760 OSO 768 766 SO Still Vetter 4 heiter bedeckt 5 wollig Abedeckt wolkenl ** --- s" h SÄ 5 3 12 10 3 Wetterprognose für Freitag, den 87. September 1918. Nachts sehr kühl, am Tage etwas wärmer.'vielfach heiter, bei mäßigen östlichen Winden; keine oder unerhebliche Niederschläge. Berliner W ettrrburra«. WafferstandS-Nachrtchte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vomBerllner Wetterbmeau- Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Spandau') . Rathenow') Spree, Sprcmberg') , Beestow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximllianSau „ Kaub „ Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel, Trier' -)-s- b-deutel Wuchs.— Fall.—-) Unterpegel. Ein guter Rat in teurer Zelt. 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Der Standpunkt der Steuerbehörde entspricht leider dem Gesetz.— P. 08. 1. Nur dann, wenn es sich um Steuern handelt, die nicht länger als Jahr rückständig sind. 2. New.— — E. I. 100. Jeder der Söhne kann zur Zahlung von 10 bis IS M. monatlich herangezogen werden.— ff. W. 27. Es ist nichts zu befürchten. Wir haben den i Billett-Vorverkau ■——— | färsämtl. Vorstellungen der I Xurfürfien- | Oper : übernommen. Verkauf an | unseren Theaterkassen. ■ ■ »■■■■BBBBBBaHBBHaaHHaeBHaHBBHHiBBBaflBBK Kglonlaimn kermann Tietz LEIPZIGER STRASSE vis»« Woche ALEXANDERPLATZ FRANKFURTER ALLEE aoto Preiswerte ßebensmittel isiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiisiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiuiuiiiiuiii Obst und Gemflse Raffse...... r ro r RflKao...... 70, 90 p. 7° Hsusiialt-Sthokoiade 75„ teb......... r v r Hiltel-Linsen....... � 20«, Geschält. 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