Ur. WS. Nbonnementz-keäinMgen: Aboinienicnts- Preis vränumcrando: BiertcijShrl.:i,ZV Mk.. Hwimtl. 1,10 Ml, wöchrnUick, 28 Pfg, frei ins Haus. (jiiuelne Äunimct 5 Pfg. Sonntags- nmixmct mit illustriertcr Sonntags. Beilage„Die Reue Welt" 10 Psg. Post- AbonnenienU 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Zcitungs- PretSiisle. Unter Kreuzband für Deutschland und Lcstcrrcich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonnements nehmen cm: Belgien. Dänemark, Rolland. Italic», Lurcmburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. Qffltint tiglid) aufitr montags. Vevlinev Volksblskt. S9. Jahrg. VIe Insertion!-eedohn beträgt sür die sechSgespaltenc Kolonel- zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersainntlungS-Rnzeigen M Pfg. „Kleine Hnzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Echlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes tocitere Wort ö Psg. Worte über 15 Buch- i laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: «Soaiallltmolifat Rtrlln". Zentralorgan der(ozialdemokratSfchen Partei Deutfchlands. Redaktion: SRI. 68» Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt NtoriKplah, Nr. 1883. Freitag, den 4. Oktober ISIÄ. Expedition: SRI. 68» Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt Morilzplatz, Nr. 1984. lisch Keine LnUcheiäung. Die Situation ist bis zur Stunde int tvesentlichen un- verändert. Die Nachrichten aus dem Balkan selbst fließen heute noch spärlicher— eine Wirkung der strengen Zensur. Jedenfalls sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Serbien und der Türkei noch nicht abgebrochen, obwohl die Frist für die Beantwortung der serbischen Forderung auf freie Durchfuhr des Kriegsmaterials bereits abgelaufen ist. Auch haben die Balkanstaaten das gemeinsaine Ultimatum, das von ihnen angekündigt worden ist, noch nicht überreicht. In diesem Schriftstück wollen die Verbündeten von der Türkei die sofortige Durchführung wirksamer Reformen und Be- seitigung der Mißstände in der europäischen Türkei verlangen. Geht die Pforte auf diese Forderung nicht ein, so würde der Krieg trotz aller Vermittelungsversuche unfehlbar ausbrechen. Man darf aus der Verzögerung der Ueberreichung des Ultimatums nun keineswegs optimisttsche Schlüsse ziehen. Denn diese Verzögerung erklärt sich einfach damit, daß die Gegner der Türkei ebensowenig wie diese selbst schon kriegs- fertig sind. Dazu wird es noch mindestens■Snner Woche bedürfen. Daß die Türkei aber die Forderungen ihrer Feinde er- füllen sollte, ist ganz unwahrscheinlich. Denn eine von den Balkanstaaten erzwungene Autonomie in dem angrenzenden türkischen Gebiet würde höchstens einen, momentanen Aufschub für die Türkei bedeuten, den schließlichen Abfall dieser Gebiete aber nur beschleunigen. Die Türkei»vürde in der Tat damit die Herrschaft über den größten und ökonomisch entwickeltsten Teil ihres europäischen Gebietes verlieren, in demselben Augenblick, in dem der ihr jetzt aufgezwungene, wie es scheint, unntittelbar bevorstehende Friedensschluß mit Italien ihr auch den Rest ihres nordafrikanischen Besitzes raubt. Zugleich bedeutete ein kampfloses Nachgeben, daß die türkische Stellung in der ganzen mohammedanischen Welt außerordentlich geschwächt würde und die Türkei ihre Autorität weder in Arabien noch in Armenien behaupten könnte. Behält also die Türkei ihre freie Entschließung, dann kann ihre Antwort um so weniger zweifelhaft sein, als auch die Kriegs- slimmung in der türkischen Bevölkerung und insbesondere in der Armee zusehends an Stärke gewinnt. Nur ein Zwang der Groß- mächte, ein ganz außerordentlicher diplomatischerDruck könnte die Türkei bewegen, ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Aber auch dazu sind die Aussichten kaum vorhanden. Zwar scheinen verschiedene diplomatische Schritte getan worden zu sein, aber von einem Erfolg wagen die Diplomaten selbst nicht zu sprechen. Jöerr Sassanoff, der russische Minister des Aus- wärtigen, ist zwar aus London in Paris eingetroffen und die französische Regierung scheint nochmals versuchen zu wollen, den Ausbruch des Krieges zu verhindern. Frankreich hat ja viele Milliarden in der Türkei und am Balkan angelegt und der Ausbruch des Krieges bedeutet für das Land die denkbar schwerste ökonomische Schädigung. Deshalb hat ja Frankreich schon in der bosnischen Annexionskrise im Jahre 1908 all seinen Einfluß für die Erhaltung des Friedens auf- gewandt. Auch jetzt erklärt die französische Presse die Bereitwilligkeit. mit Deutschland zusammen für den Frieden eintreten zu wollen. Aber der deutschen Diplomatie scheint es auch jetzt an Kraft und Fähig- keit zu mangeln, die großen gemeinsamen Interessen, die in Wirklichkeit zwischen Teutschland und Frankreich vorhanden sind, zu erkennen und dementsprechend zn handeln. Es zeigt sich eben immer wieder, daß der f e i n d- liche Gegensatz zwischen Deutschland und den We st mächten, den die Politik unserer herrschenden Klassen in unverantivortlicher Weise hat entstehen lassen, die eigentliche Quelle jeder Kriegsgefahr bildet. Ohne diesen Gegensatz hätte Rußland nie seine Rolle als oZent provocateur in allen Welthändeln der letzten Jahre spielen können, hätt° Oesterreich nicht eine Politik machen dürfen, die die Türkei geschwächt, die Reformwünsche der kleinen Nationen ermutigt und schließlich zu einer mit- bestimmenden Ursache ihres aggressiven Vorgehens ge- worden ist. So sind die Hoffnungen auf Erhaltung des Friedens heute so gering wie gestern, wenn auch andererseits noch keine Ereignisse eingetreten sind, die den Krieg unabwendbar machen. Bulgarische Stimmungen. Aus Sofia Ivird uns geschrieben: Der Krieg steht vor der Tür. Als erste und grundlegende Ur- ,ache der drohenden Lage auf dem Balkan sind die unausrottbaren politischen, sozialen und ökonomischen Mißstände in der Türkei über- Haupt und speziell in ihren fortgeschrittensten europäischen Gebieten anzusehen. Ein aus allen möglichen Nationalitäten zusammen- gesetztes Reich kann für die ihm angehörenden kulturbedürftigen und fortschreitenden Menschen nichts anderes sein als eine Plage. Die Administration, das Gerichts- und Finanzwesen werden in mittel- alterlichem Sinne ausgeübt von einer militärischen und bureau- kratischen Oligarchie, in der die herrschende Nation die zurückgebliebenste nach jeder Hinsicht ist und deren völliger Willkür die übrigen Nationen, besonders die christlichen, überlassen sind. Die Entwickelung des Reiches bestand seit hundert Jahren»ur in dem Abbröckeln, SichloSreißen und Absondern der fortgeschrittensten Teile vom Ganzen. Rumänien, Serbien, Griechenland, Bulgarien, Bosnien rissen sich los und jetzt kommt die Reihe an Mazedonien, Albanien und Armenien. Die Türkei ist ein Reich, das sich weder durch seine eigenen sozialen Kräfte refor- mieren kann noch von außen her reformieren läßt. Die Christen fliehen aus der Türkei in die angrenzenden Balkan- ftaaten Montenegro, Serbien, Bulgarien, Griechenland und ver- Ursachen hier unter ihren Glaubens- und Sprachgenossen eine fort- währende, unversiegbare Gärung, die, verbunden mit den auf- keimenden kapitalistischen, eroberungssüchtigen Tendenzen der jungen Bourgeoisie dieser Länder, zu einer dauernden Gefahr für den Balkanfrieden geworden ist. Fügt man diesen unerträglichen Zuständen noch die Intrigen und die sich am Balkan kreuzenden Jnteressenkämpfe der großen Mächte hinzu, dann hat man alle Faktoren vor Augen, die den Frieden aus dem Balkan stören. Das ist jedoch der allgemeine, bereits Jahre dauernde Zu- stand. Das, was jetzt die Lage verschärfte, waren die Ereignisse des letzten Jahres und der tiirkisch-italienische Krieg, der nicht nur auf dem Balkan viele Hoffnungen und Gelüste weckte. Zweitens kommt hinzu das endgültige Scheitern der Hoffnungen, die auf die Juugtürken gesetzt worden waren, und das Wiedererscheinen der Altiiirken an der Spitze der Regierung- Als dritter Faktor kommt in Betracht der Aufstand der Albanesen, denen man die gewünschten Reformen gewährte, und viertens die Massakers und Greuel in Kotschani und anderen Gebieten des türkischen Reiches. Alle? das verursachte eine große Bewegung unter den mazedonischen Emigranten und nationalistischen Parteien in Bulgarien, die in großen Meetings den Krieg mit der Türkei und die Erlangung der Autonomie Mazedoniens predigten und die kleinbürgerlichen und kleinländlichen Massen mit fortriffen. Alle bürgerlichen Parteien hielten die Lage in der Türkei für unerträglich und forderten eine Pression auf die türkische Regierung. Da kam die Nachricht von dem Vorschlag des Grafen Berch- t 0 l d auf eine fortschreitende Dezentralisation der türkischen Verwaltung. Nun erfreut sich Oesterreichs Regierung keines guten Rufes auf der Balkanhalbinsel. Lange Jahre hindurch hat sie ebenso wie die deutsche Diplomatie die Greuel des Sultan Haniidschen Regimes unterstützt. Außerdem tut Oesterreich alles, um die seiner Politik nicht freundlich gesinnten kleinen Balkanstaatcn in ihren Fort- schritten möglichst aufzuhalten. Oesterreichs Freunde auf dem Balkan sind die fürstlichen Dynastien. In Serbien haben diese auS- gespielt, aber desto größere Freunde hat die Wiener Diplomatie im bulgarischen Könige und seinen politischen Dienern. Grai Bercht- toldS Vorschlag traf mit der Rückkehr des bulgarisciicn Königs aus Oesterreich in Sofia zusammen. Gleichzeitig verbreitete sich das Gerücht, daß die Regierung ein Memorandum an die europäischen Mächte vorbereite, in dem die Autonomie Mazedoniens als einziger Weg zur Beendigung der türkischen Wirrren empfohlen oder gefordert werde. Diesen Plan hat aber die Regierung fallen gelassen und andere Wege gesucht. Der Vorschlag Berchtolds war zu allgemeiner Art und die konservativen Tendenzen Oesterreich? der Türkei gegenüber zu bekannt, um etwas Tröstliches davon zu erwarten. Da auch die Auflehnung der bulgarischen Re- gierung geg?n die Tripelentente kein für den Moment günstiges und direktes Resultat gebracht hat, suchte sie auf Umwegen durch Ver- ständigung mit anderen Batkanregierungen ihrem Ziele näher zu kommet So kam der B a l k a n- V i e r b u n d zustande, dessen Zweck es ist, im Notfalle, wenn die zwei europäischen Lager, Dreibund und Dreiverband, sich im Schach halten, gegen die Türkei gewaltsam vorzugehen. Vor etwa zwei Wochen antwortete das Regierungsblatt„Mir" auf einen friedliebenden Rat des offiziösen französischen Blattes„Le Temps' gereizt, die kleinen Balkanstaaten könnten auch anderswo Zuflucht finden, wenn die großen Mächte nur ihren eigenen Interessen gehorchten. Jetzt schreibt das Blatt hochfahrend, daß am Balkan ein neuer Faktor entstanden ist. der die Türkei zwingen wird, entweder sich zu reformieren und mit den übrigen Staaten zusammenzugehen oder unterzugehen. Die Folgen solchen Vorgehens sind nicht abzusehen. Aber eins ist gewiß. Der»neue politische Faktor auf dem Balkan' wird auch neue Gefahren mit sich bringen. Zweifellos ist er unter dem Drucke Rußlands entstanden und hat seine Spitze gegen Oesterreichs Vordringen auf dem Balkan. Sein Entstehen bedeulct eine gewaltsame Lösung der schwe» ben den Balkanfragen im Einklänge mit Rußland oder der Tripelentente. Oesterreich wird sich wahr» scheinlich bewogen fühlen, früher als es für angebracht hielt, für die Invasion Mazedoniens und die Besetzung Salonikis in Aktion zu treten. Das ist die eine, die offizielle Seite der bulgarischen Regiernngspolitik. Die Führung der anderen Politik hat König Ferdinand selbst. Sie steht nicht immer im Gegensatz zn der offiziellen Politik, die sie kreuzt und vereitelt, wenn sie nicht ganz mit der königlichen Politik zusammenfällt. Der König hat die Taktik der Equilibrisiik und stützt sich gern ans zwei Seiten, Rußland und Oesterreich. Neigt seine Regierung nach der eilten Seite, so ergänzt er sie nach der anderen, und schließlich siegt innner seine Richtlinie. Im gegenwärtigen Falle ist er nicht etwa gegen die Autonomie Mazedoniens oder die Zerstückelung der Türkei durch die Balkanstaaten. Er wird sich nicht der Gefahr der Verfeindung mit der einen oder andereren Seite aussetzen, wenn man ihm das entschieden abrät. Bulgarien kann rüsten, lriegsbereit sein, die anderen Balkanstaaten können ihm beistehen und mit ihm zusammen losgehen. Aber wenn die bulgarische Regierung nicht die heimliche Zustimmung N u ß I a n d s hat und der König keinen Wink von Wien bekommt, dann wird auS all dem Kriegsgeschrei nicht?. So war es wenigstens bis jetzt. Ob die Tripelentente die halb» laute Zustimmung geben wird und ob der Wink vom Bnllplatze kommen kann, das weiß nian jetzt nur in Balmoral und in'Wien. Das hier getriebene zwiefache Spiel kann aber die größte Katastrophe für den europäischen Frieden heraufbeschwören. Die Valkanvölker können frei aufatmen, wenn das Spiel eine wirkliche Befferung der inneren Lage in der Türkei herbeiführen könnte. Die bulgarische Sozialdemokratie und der Krieg. Die bulgarische Sozialdemokratie ist selbstverständlich gegen den Krieg. Die radikale Fraktion ist der von den bürgerlichen Parteien propagierten Forderung der Autonomie Mazedoniens scharf entgegengetreten. Deren Erfüllung bilde überhaupt keine Lösung der Balkanfrage. Denn das autonome Mazedonien wäre ebenso der Zankapfel der rivalisierenden Balkanstaaten und deren Dhitastien, sowie der europäischen Diplomatie, wie das ver» s k l a v t e Mazedonien. Sodann würden auch die an der Balkan» Halbinsel interessierten europäischen Großmächte keineswegs die Er- richtung einer wirklichen Autonomie Mazedoniens gestatten. Ein Krieg auf dem Balkan känie nur der Eroberungspolitik der interessierten Großmächte zugute. Heute werden die Balkanstaaten, insbesondere Bulgarien, am ausfälligsten von Rußland zu einem Kriege mit der Türkei aufgehetzt. Es liegt nun auf der Hand, daß ein Krieg zwischen Bulgarien und der Türkei nur ein Schrittmacher für die Erobcrungsbcstrcblliigcn Ruß- lands auf dem Balkan wäre. Dann träte auch die russische Geheim- konvention mit Bulgarien in Kraft, wonach im K r i e g s f a I l e mit der Türkei die russische Flotte die bulgarischen Hafen st ädte am Schwarzen Meer besetzen und somit den Einzug Rußlands in S ü d b u l g a ri e n, von iv 0 auS der k ü r z e st e L a u diu c g n a ch 5k 0 n st a 11 t i» nopel führt, sichern soll. Ein Krieg um die„Autonomie' Mazedoniens würde, ohne das eigentliche Ziel erreicht zu haben, Bulgarien total erschöpfen, um es dann dem russischen Despotismus auf Gnade tiub Ungnade auszuliefern. Deshalb nimmt die Sozialdemokratie in Bulgarien gegenwärtig entschieden gegen diesen Krieg Stellung und tritt mit aller Energie für die Vereinigung der Balkanvölker in einer föderativen Republik auf. Diese Aufgabe ist für die Sozialdemokratie Bulgariens und der Bnlkanläuder über« Haupt umso gebieterischer, da ja mit Bestimmtheit vorauszusehen ist, daß ein Balkanlrieg zu einem Weltkrieg führen kann, gegen den sich das gesamte internationale Proletariat aufbäumt. Dagegen bezeichnet der opportunistische Flügel als sein Ziel: Durch die Selbstbestimmung der Batkan-Nationalitätcn zur Balkan- föderation, also eine mehr abgeschwächte Formulierung, von der sich diese Richtung die Möglichkeit einer mehr unmittelbaren Einwirkung auf die national erregte Bevölkerung verspricht. Kein gemeinsames Ultimatum. Belgrad, 3. Oktober. Die BlättermeldunF von einem heute zu erwartenden Ultimatum Her vier Balkanstaatcn an die Türkei wird cn maßgebender Stelle als absolut unrich- t i g bezeichnet. Das gehe schon aus dem Umstände hervor, daß an ein Ultimatum im gegenwärtigen Stadium der Mobilmachung nicht gedacht werden könne. Keine Abberufung des serbischen Gesandten, � Konstantinopcl, 2. Oktober. Obwohl die Frist, die Serbien betreffend die Durchfuhr des Kriegs- nt a t e r i a l s gestellt hat, um 71/2 Uhr abgelaufen war, hat die Pforte dem serbische'11 Gesandten Ncnado- witsch bisher keine Antwort übermittelt. Indessen erklären serbische Kreise, es werde kein sofortiger Abbruch der Beziehungen erfolgen. Nenadowitsch erwartet In- struktionen. Die türkische Mobilmachung Konstantinopcl, 3. Oktober. Die M o b i l in o ch u n g s- Verfügung betrifft nur die erste, zweite und einen Teil der dritten Armeeinspektion.' In Syrien und M e s o P o- t a m i e n finden keine Mobilmachungen statt. Im ganzen werden 88 Divisionen mobilisiert. Die Mobil- machung vollzieht sich rasch. Konstantinopcl, 3. Oktober. Die in Konstantinopel eingezogenen Reservisten ziehen mit Musik durch die Straßen und werden überall mit großer Begeisterung begrüßt. Die streikenden Kutscher haben sich erboten, für die Mobilisation zu arbeiten. Laut Nachrichten aus türkischer Quelle herrscht auch in der Provinz große Begeiste- rung für die Mobilisierung. Der frühere Minister des Auswärtigen, Assim, hatte heute eine vielbesprochene Unterredung mit dem bulgarischen Gesandten Sarafoff. Ein außerordentlicher Ministerrat hat sich mit der Lage, insbesondere mit der Frage der Zurück- Haltung der griechischen Schiffe beschäftigt. Bei seinem bereits gemeldeten Schritt zugunsten der Schiffe hat der griechische Gesandte G r y p a r i s sehr energisch die schleunige Zurücknahme des betreffenden Beschlusses der Pforte verlangt, da die Maßregel willkürlich und, so lange freundschaftliche Beziehungen herrschten, un- angebracht sei, zumal jede Verzögerung Millionen Verluste verursache. Der Minister des Aeußern Noradun ghian antwortete, die Regierung werde die Schiffe für Transporte requirieren, versprach aber schließlich, die Angelegen- heit dem Ministerrat zu unterbreiten. Türkische Finanzsorgck. Konstantinopel, 3. Oktober. Wie man sagt, finden zwischen dem F i n a n z m i n i stc r und der Zlidministration der Dette Publique Besprechungen statt über die Anwendung der Klausel des Monharrem-Dekretes, wonach im Kriegsfälle alle Einnahmen des Schuld endicnstes in den Staatsschatz fließen. Es geht das Gerücht, daß die Administration bereits ihre Zustimmung er- teilt habe. Die Einnahmen betragen ungefähr oOOlXXt Pfund monatlich. Mißhandelte Mohammedaner. Konstantinopel, 3. Oktober. Das Ministerium des Auswärti- gen veröffentlicht ein Communique, in welchem auf die Vcrfol- g u n g e n hingewiesen wird, denen die Mohammedaner aus Anlaß der Mobilisierung in P h i l i p o p e l ausgesetzt seien. Man befürchte, daß der türkische Konsul persönlich und das türkische Kon- sulat von Bulgaren angegriffen werden würden. Mohammedaner würden auf den Straßen festgehalten und in Kasernen interniert. Einstellung des Verkehrs. Konstantinopel, 3. Oktober. Seit gestern abend hat der Eisen- ibahnverkehr mit Europa und Saloniki aufgehört. Die Züge Verkehren nur bis Adrianopel. Der Konventional- und der Expreßzug kommen morgen zum letzten Male in Konstantinopel an. Ter Berkehr mit Europa wird fernerhin ausschließlich über Eon- stanza möglich sein.' Nostowo a. Don, 3. Oktober. Das hiesige Börsen- komitee, die Exporteure und Banken haben den Ministerpräsi- deuten und den HandelSministcr telegraphisch gebeten, Schritte zu unternehmen, damit die türkische Regierung die von ihr angehaltenen SS Dampfer mit Kornladungen freigebe, die unter griechischer und bulgarischer Flagge nach Deutschland, Italien, Frankreich und Griechenland ausgelaufen find. Das Verhalten Oesterreichs. Wien, 3. Oktober.(Privattelegramm.) Die Nachrichteil, daß Oesterreich-Ungarn mobilisiere, bestätigen sich nicht; gewisse Vorkehrungen sind allerdings /ge- troffen, die aber nicht als Mobilisierung anzusehen sind. Außerdem befindet sich die militärische Besatzung in Bosnien und Herzegowina ohnedies so ziemlich auf Kriegsstärke. Aus B u k a r e st wird gemeldet, daß eine M o b i l i- sierung der rumänischen Armee nicht an- geordnet worden ist. Kundgebungen in Montenegro, Cetinje, 3. Oktober. Gestern wurden hier große Kund- Hebungen veranstaltet. Die Meng« zog vor das KönigSpalais, wo sie dem König und dein Kronprinzen zujubelte. Ter König crmahnte in einer kurzen Ansprache die Bevölkerung zur Be- j o n n e n h e i t und sagte, die Mobil isiernngbe deute noch leinen Krieg; aber in dieser ernsten Zeit müsse jeder Monte- negriner seine Pflicht zu tun bereit sein und dorthin gehen, wohin ihn die Behörden schickten. Das serbische Parlament. Belgrad, 3. Oktober. An Stelle des zum Generalstübschef er- nannten Generals Putnik ist der Artillerieoberst Djovovic zum Kriegsminister ernannt wovden. Die Skupschtina ist heute zusammengetreten. Der Altradikale Andra Nikol�ic ist zum Präsidenten, zwei andere Altradilale sind zu Vizepräsiden- ten gewählt worden. Die Eröffnung der außerordentlichen Session durch eine Thronrede des Königs wird am S. Oktober er- foigen.____ nieder mit dem Absolutismus! Herr b. Bethmann Hollweg scheint den E r n st der Situation noch immer nicht begreifen zu wollen. Der Bankrott seiner„Abhilfe"maßnahmen ist zivar offen- sichtlich. Es ist der r e i n e H o h n, wenn dem deutschen 'Volke jetzt noch als einzige Hilfe angepriesen»vird, auf die Fleischzufnhr ans jenen Gebieten zu warten, die vor dem Kriegsznstande stehen. Seine Verordnungen sind wirkungslos, mit Verordnungen allein ist überhaupt nichts zu machen, also Nluß die Gesetzgebung in Bewegung gesetzt, der R e i ch s- tag einberufen werden I Und das muß sofort ge- schehen. Denn das deutsche Volk braucht doch nicht bloß deshcclb länger zu hungern, weil es dem regierenden Autokraten beliebt hat, in seiner unfehlbaren Weisheit den Reichstag bis Ende November sich vom Halse zu schaffen. Nun ist die Einberufung des Reichstags heute längst zur Forderung nicht nur der Sozialdemo- kratie, sondern des ganzen nichtagrarischen deutschen Volkes geivorden. Freilich die Berliner liberale Presse hat für die Führung dieses ernsten politischen Kampfes scheinbar nicht allzuviel übrig. In der Mischung von Liberalismus und Sensation, die ihr den Stempel aufdrückt, dominiert jetzt die 'Sensation außerordentlich. Auch die Fortschritts- Partei selbst— von den armen Nationalliberalcn, die wieder einmal nicht ein und aus wissen, ganz abgesehen— hat nicht gerade besondere Energie gezeigt, und Herr W i e m e r hat neulich in der Berliner Teuerungsversammlung sich über die Einberufung des Reichstags— ausgeschwiegen. Und doch wäre, sollte man meinen, der Kampf gegen die dem Geiste jedes Konstitutionalismus hohnsprechende Nichtachtung des Reichstags, wie sie Herrn v. Bethmann beliebt, doch nicht zuletzt eine liberale Angelegenheit. Denn daß sich in- folge der skandalösen Haltung der Regierung mit dem Teuerungsproblem immer mehr auch das Verfassungs- Problem verbindet, ist offensichtlich. Und wenn unsere Ausführungen die Herren Liberalen noch nicht überzeugt haben, so finden sie vielleicht die nötige Belehrung in der „Frankfurter Zeitung", die folgendes ausführt: Im Frühjahr 1862, im Beginn des preußischen Verfassungs- konflikts, hielt Ferdinand Lassalle in Berliner Bezirks- vereinen einen Vortrag„Ueber Berfassungswesen". Er stellte sich darin die Frage: WaS ist die Verfassung? Und er antwortete: Die Verfassung eines Landes, das'sind nicht die Gesetze und Para- graphen, nicht das beschriebene Stück Papier, auf dem die Rechte und Pflichten aller Glieder des staatlichen Organismus so„gebildet" dargelegt sind— die Verfassung eines Landes, das sind einzig und allein die in diesem Lande bestehenden tatsächlichen Machtverhältnisse. Dieses Wort Lassalles ist die glän- zendste, wahrste, lehrreichste Definition des Verfaffungsbegriffs; ein ganzes Kompendium der Realpolitik steckt in dem einen Satze. Bestimmt man nach ihm die heutige Verfassung Deutschlands, wie sie sich in den Kämpfen um die Abivehr der Fleischteuerung kraß demonstriert, so muß man sagen: Deutschland ist heute ein absolutistisch regierter Staat, mit einen, Reichskanzler von Kaisers Gnaden als unum- schränkt esn Autokraten an der Spitze. Oder ist es etwa nicht so? Kurz vor jener Rede Laffalles, im Oktober 1861, sagte König Wilhelm l.. der spätere Kaiser, in Königsberg zu der Deputation des preußischen Landtags, die gekommen war, ihn bei der feierlichen Krönung zu begrüßen:„Die Herrscher Preußens empfangen ihre Krone von Gott. Ich werde deshalb morgen'die Krone vom Tisch des Herrn nehmen und auf mein Haupt setzen. Dies ist die Bedeutung des Königtums von Gottes Gnaden und darin liegt die Heiligkeit der Krone, welche unantastbar ist. Die Krone ist mit neuen Institutionen umgeben. Sie sind nach denselben berufen, der Krone zu raten; Sie werden mir raten und auf Ihren Rat werde ich hören." Diese Rede des Königs, die dem Landtage jeden be- stimmenden Einfluß auf die Leitung der Geschicke des Landes ab- sprach und ihn lediglich als beratende Instanz anerkannte, war die Einleitung zu dem preußischen Verfassungskonflikt, der erst nach dem Kriege von 1866 beendet wurde. Und nun setze man in jener Rede statt Gott Kaiser und statt König Reichskanzler— dann hat man ungefähr den Brief, den jetzt, fünfzig Jahre später, Herr von Bethmann Hollweg an den Abgeordneten Bebel über die Frage der Reichstagseinberufung geschrieben hat. Oder vielmehr: dann ist die Rede des Königs, der das GotteSgnadentum seiner Krone als roober cko brou�s gegenüber allen neuen Institutionen von Konstitution und Parlamentarismus stabilierte, immer noch um ein großes Teil konstitutioneller, immer noch um ein großes Stück weniger autokratisch als dieser Brief des gegenwärtigen Kanzlers. Der König von Preußen sagte zu dem Landtag: Sie werden mir raten und auf Ihren Rat werde ich hören. Herr v. Bethmann Hollwcg aber sagt zu dem Reichstag: Zu den von mir ergriffenen Maßnahmen brauche ich leine Zustimmung der Volksvertretung, die treffe ich aus eigener Machtvoll-. kommenheit; nur das Gesetz über vorübergehende Zollerleichterung bei der Fleischeinfuhr müssen Sie gutheißen, aber das kommt mir später, gelegentlich, auch noch zurecht; also bleiben Sie, bitte, hübsch zu Hause, Sie sind in dieser Not des Volkes völlig überflüssig; denn Ihren Rat brauche ich nicht, ich würde doch nicht' auf ihn hören I Man muß diese Situation in ihrer ganzen Nacktheit feststellen, um zu erkennen, wohin wir auf dem Wege sind. Wir sind im Begriffe, wieder in die vormärzlichen Zustände zurückzufallen, in denen eine aufgeklärte(oder nicht auf- geklärte) Bureaukratie vom grünen Tische aus den Staat regierte, mit mehr oder minder väterlichem Wohlwollen für das Wohl des Bürgers sorgend, den Einzelnen gängelnd, erziehend, belehrend und, wo er es für gut fand, belohnend oder bestrafend— in jene Zeiten, in denen als schlimmstes Verbrechen dieses galt, daß die Bürger sich selbst regieren wollten. Herr von Bethmann Hollweg kennt in der ganzen Frage der Fleischnot keine Bundesverfassung, keinen Reichstag. Er regiert, er ganz allein, und alle Weisheit vereinigt sich bei ihm. Wenn er im November 1911— als jeder, der sehen wollte, die kommende Not voraussehen mußte— in starrem Doktrinarismus und allen Wünschen des Reichstags zum Trotz jede Borbeugungsmaßregel ablehnt, so ist das erleuchtete staatsmSnnische Klugheit, der wir uns widerspruchslos zu fügen haben. Und wenn er jetzt, zehn Monate später und deshalb zu spät, nun doch einige Aushilfsmaßnabmen er- greift, so ist das, was in Wirklichkeit das EiugcstäudmS eines 'chweren Bersehlens ist, wiederum nur abgeklärte Weisheit, in die niemand dreinzureden hat. Niemand! Nicht die Bundesstaaten: denn die bilden zwar nach der geschriebenen Verfassung die Reichs- regierung, aber nach den tatsächlichen Machtverhältnissen haben sie gar nichts zu sagen; sie dürfen nichts tun. bevor der Reichs- kanzler seine Beschlüsse gefaßt hat, und wenn er sie gefaßt hat. haben sie sich selbstverständlich diesen Beschlüssen anzuschließen; man stellt sie einfach vor fertige Tatsachen und kümmert sich den Teufel darum, wen», wie es sich jetzt herausstellt, Bayern und Baden in der eminent wichtigen Frage der Zulassung überseeischen Fleisches ganz anders denken als der Herr Reichskanzler. Erst recht aber darf der Reichstag nichts dreinreden. Der Reichstag will die Futtermittelzölle beseitigen, um einmal einen Anfang mit einer wirtlichen Bauernpolitik zu machen? Das ist ganz gleichgültig, denn Herr v. Bethmann will es nicht. Der Reichstag will das argentinische Fleisch zulassen, weil das den Bauern doch nicht schadet, für die minderbemittelten Kon- sumenten aber die einzige ernsthafte Hilfe für den Augenblick ist? Das macht gar nichts, denn Herr v. Bethmann beharrt bei seinem Nein. Der Reichstag will gehört werden, um den Wünschen der Wählermassen Ausdruck zu verleihen, er der- langt energischere Initiative, durchgreifendere Hilfe? Das ist eine Anmaßung, denn Herr v. Bethmann herrscht in Deutschland, bei ihm liegt die Initiative, er ergreift die Matznahmen, die ihm gut dünlen, es gibt nur ein Gesetz in Deutschland— daS sio volo, sio jubeo des Herrn v. Bethmann. Freilich, ganz fest steht auch diese Verfassung nicht, und wenn Herr v. Bethmann noch lange mit der Einberufung des Reichstags zögert, so kann es zum Schluß sogar noch herauskommen, daß er sich in den tatsächlichen Machtverhältnissen verrechnet hat. Der Bund der Landwirte inszeniert bereits eine wilde Hetze gegen die bescheidenen Maßnahmen der Regierung, die er mit grotesker Uebertreibung als eine„Bresche" in unserem Zollsystem, als eine„Preisgabe" des Schutzes der uutionalen Arbeit denunziert. Und man weiß nicht, was daraus noch werden wird— Herr von Bethmann mag es vielleicht noch einmal an sich selbst erfahren, daß in Preußen-Deutschland die Macht des agrarischen Junkertums noch immer das»vichtigste Stück der Verfassuüg ist! Aber das ist seine Privatsache. Uns kümmert hier nur die Sache des Volkes. Und wir fragen: Sollen wirklich darum Tauseudc der Besten Freiheit und Zukunft und Gut und Blut geopfert haben, sollen nur darum andere Taufende Heimat und Vaterland verlasse» und jenseits des Ozeans eine neue Heimat gesucht haben in de» ersten Jahrzehnten des vorige» Jahrhunderts— nur zu dem Ende, daß an die Stelle der autokratischcn Monarchie jetzt die autokratischc Bureaukratie trete? Oder ist es nicht endlich an der Zeit, daß auch in Deutschland das Volk sich selbst regiere, in Freiheit und unter eigener Verantwortung? Nicht einer anderen ge- schriebenen Verfassung bedarf es dazu: der Reichstag hat heute jede Macht, die er nur ernsthaft haben will. Aber wollen muß er, so unbedingt wollen, daß die Regierung nicht mehr anders kann. Wenn sich im Reichstag eine ent- schlossene Mehrheit findet, die sich, auch unter Kompromissen bei allen Teilen, auf ein Mindestprogramm einigt und die dann mit jedem Mittel parlamentarischer Macht- Übung, bis zur Verweigerung des Etats, die Erfüllung dieses Programms erzwingt— dann haben wir in Deutschland die Demolratie, um die wir seit einem Jahrhundert ringen, und dann haben wir auch die Hilfe in der gegenwärtigen Teuerungsnot, die wir brauchen. Im November 1968 hat da? deutsche Volk mit einem elemen- taren Ausbruch gegen das persönliche Regiment des Kaisers protestiert. Wir können nicht glauben, daß es gesonnen ist, statt dessen das persönliche Regiment eines Kanzlers zu dulden, das noch viel unerträglicher ist als jenes. Aber wann findet sich im Deutschen Reichstag eine Mehrheit, die erkennt, daß die Verfassung eines Landes nichts anderes ist als die m diesem Lande bestehenden tatsächlichen Machtverhältnisse?" Jawohl, auf die Machtverhältnisse kommt es an! Und nicht nur auf die Machtverteilung im Reichstag, sondern auch auf die Macht und Entschlossenheit, die die Volksmasscn außerhalb des Reichstags an die Erreichung ihrer Ziele zu setzen willens und fähig sind. Und die Not ist so groß, daß die Protestbewegung gegen die agrarische Politik stetig an Um- fang und Intensität gewinnen wird. Und dann wird auch im Reichstag sich die Majorität einstellen, die der dringendsten Not Abhilfe schafft. Die Regierung aber hat die Pflicht, die Arbeit des Parlaments nicht länger zu verhindern! «-» Grobe Täuschung, Die Regierung setzt ihre AgitationSnotiz'chcn in der„Nordd. Nllg. Zeitg." fort. In ihrer neuesten Notiz stützt sie sich auf Professor Eßlens„sachkundige Schätzungen" über die Verhältnisse der heimischen Fleischproduktion zum Bevölkerungswachstum. Nach Ehlen ist die Menge deS im Inland hervorgebrachten Schlacht- fleisches seit— 1816 schneller gewachsen, als die Bevölkerungsziffer. Die Zahlenschätzungen sind immerhin willkürlich, obgleich wir die Tatsachen des raschen Wachstums der Viehbestände nicht be- streiten wollen. Wer das Regierungsblatt treibt geradezu schlimmsten Mißbrauch mit diesen' Zahlen, wenn sie ohne jegliche Skrupel aus ihnen folgert, daß zu„erwarten sei,'daß die deutsche Landwirt- schaft auch in Zukunft den Vorsprung, den sie vor dem Anwachsen der Bevölkerungsziffer innehat, behalten wird". Sie unterschätzt dabei bewußt alle Erklärungen und Folgerungen» die Ehlen an seine Zahlen knüpft. Eßlen erklärt daS starke Wachstum deS Fleisch- bedarfs durch die zunehmende Industrialisierung Deutschlands; der heutige Städtebewohner und Fabrikarbeiter ist aus rein phhsiologi- sche» Gründen auf vermehrte Fleischnahrung gegenüber dem Land- arbeit« notwendigerweise angewiesen. Ehlen wirft weiter die Frage aus: Ist die Fleischversorgung des deutschen Volkes g e» »ügend? und beantwortet sie mit einem glatten Nein! Der durchschnittliche Fleischverbrauch von 38 Kilo pro Kopf ermäßigt sich für den Lohnarbeiter auf 27 bis 39 Kilo, während das Kaiser» liche Gesundheitsamt erst eine Fleischmenge von SV bis 55 Kilo für ausreichende Ernährung als notwendig erachtet. Das Kanzlevblatt vergißt aber auch weiter mitzuteilen, daß Ehlen die Frage, ob eine weitere Steigerung der �deutschen Fleisch- Produktion unter den jetzigen Zollverhältnissen möglich ist, auSdrück- lich verneint. Die Fleifchvcrsorgung kann nach Ehlen nur dann erhöht und verbilligt werden, wenn entweder die Einfuhr von F leisch und Vieh durch Aufhebung der Zölle und Grenz- sperren erleichtert oder durch Ermäßigung und Besciti- gung der Getreidezölle die Futtererzeugung und Bich- Produktion gehoben wird. Ehlens statistische Berechnungen beweisen gerade, daß der größte Viehzuwachs in die Zeit der niedrigen Ge- treidepreise fällt und daß Getreidezölle die Biehproduktiow direkt hemmen, weil dann die Viehzucht gegenüber dem Körnerbau un- rentabel wird. Die„Nordd. Allg. Zeitung" hat die Eßlenschen Zahlen in ihr Gegenteil verdreht. Solch ein« schlimme bewußte Irre- führung der öffentlichen Meinung unter Fälschung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zeigt nur, daß die Regierung nicht nur von den Agrariern abhängig ist. sondern sich auch deren Kampfes- Methoden völlig zu eigen gemacht hat. Die Bundesregierungen«nd die Teuerung. Die oldenburgische Regierung schließt sich den Maß. nahmen Preußens gegen die Flcischieuerung an, soweit sie für daS Großhcrzogtum Verwendung finden können. Die elsaß. lothringische Regierung hebt da» Vcr. bot der Einfuhr belgischen frischen Fleisches auf. Im übrigen will äc dasselbe tun, was Preußen zur Linderung der Fleischnot vor- schlägt. Das wichtigste für das elsaß-lothringische Volk, die Oeff- nung der Grenze für die Vieheinfuhr aus Frankreich, hält man gegenwärtig noch für unmöglich. Städtische Maßnahmen. Die städtische Teuerungskommission in Hagen'. W. beschloß. australische Hammel einzuführen. Außerdem soll auf Rechnung der Stadt holländisches Vieh angekauft'und in Hagen geschlachtet im- den. Der Verkauf soll durch die Metzger erfolgen. Falls diese nicht bereit sind, den Berkaus zu übernehmen, wird die Stadt den Ver- kauf selbst in die Hand nehmen.— Di« Stadtverordnetenversamm- lung wird am Montag einen Kredit von 20 909 M. zu bewilligen haben. Der Stadtgemeinderat in Löba u i. S. beschloß, mit Zittau zum Zwecke des gemeinsamen Bezuges von ausländischem Schlacht- Vieh in Verbindung zu treten und die Fleischer zu veranlassen, bei einem geringen Preisaufschlag den Fleischverkauf zu vom Rat fest. gesetzten Preisen zu übernehmen.— Auch die Gemeinde Seif. Hennersdorf will in der Teuerungsfrage mit Zittau zu» flinntcnßcBcit, Der Gcmeinderat in Neugersdorf petitioniert um Be- eitigung der Zölle auf Vieh, Getreide und Futtermittel. Weiter wurde beschlossen, den Fischverkauf und den Verkauf von Kartoffeln in die Wege zu leiten. Die Gemeindeverwaltung soll mit den Städten Löbau, Bautzen und Dresden in Verbindung treten, um gemeinsam mit diese» billiges dänische» Fleisch zu beziehe». In Halle-Saale wurde seit 14 Tagen an fünf städtischen Verkaufsständen täglich Rind- und Schweinefleisch zu Engrosvreiscn an Einwohner mit einem Einkommen unter 3099 M. abgegeben. Das ging der Fleischerinnung wider den Strich. Sie bot sich an, den Fleisch- verkauf zu übernehmen. Jetzt hat ein« städtische Kommission in den Ostseeprovinzen Schweine und in Schweden und Dänemark Rinder zu billigen Preisen in großen Mengen eingckauji. Dieses Fleisch »soll jetzt zu einem durch den Magistrat festzusetzenden Preis mit 10— 15 prozentigcm Aufschlag von den Fleischern in ihren Läden verkauft werden. Ter Gcmcinderat der Stadt S a a r g c m ü n d i. Lothr. verlangt einsliinmig die sofortige Einberufung des Reichstages, Oefsnung der Grenzen für Schlachtvieh, Aufhebung des§ 12 des Fleisch. beschaugesetzes, Ermäßigung der Zölle für Futtermittel, Aufhebung Oer Einfuhrscheine und der Zölle auf Seefische und überseeische» fleisch. Auch soll eine Verständigung mit anderen Städten des Landes zur Versorgung der Bevölkerung mit billigem Fleisch an- gebahnt werden. Ter Vorstand des preußischen Städtetages ist zu Sonnabend vormittag nach dem Ministerium des Innern zu einer Konferenz über die Fleischtcuerung eingeladen worden. ES bandelt sich hauptsächlich darum, in welcher Weise die Stadtver» waltungen beim Bezug und Vertrieb des ausländischen Fleische? mitwirken sollen. Die Angelegenheit ist Gegenstand eingehender Erwägungen beim Vorstand des Städtetages. Er wird auch dazu beim Zusammentritt des preußischen Städtetagcs(7. bis 9. Okto- bei in Düsseldorf) Stellung nehmen. politische(lebersicbt. Berlin, den 3. Oktober 1912. Um Slvancement und Lieferungsprofite. Die Balkanwirren bieten der militaristischen, von Generälen und Armeelieferanten inspirierten Presse einen willkommenen An- laß, eine weitere Vermehrung der deutschen Heeresmacht zu ver- langen. Mit Bedauern haben diese Blätter im Frühjahr gesehen, daß die Regierung nicht ohne Rücksicht auf die Kosten weit größere Verstäckungsforderungen erhoben und durchzusetzen versucht hat. Nach Ansicht der finanziell oder durch ihre militärische Stellung an einer möglichst ausgedehnten Heeres- und Flottcnverstärkung inter- eisicrten Hintermänner dieser Blätter war daS ein unverzeihlicher Bescheidenheitsfehler, der möglichst bald korrigiert werden muß. Und der drohende Krieg auf dar Balkanhalbinsel bietet ihrer Meinung nach eine prachtvolle Gelegenheit, jetzt diese Korrektur vorzunehmen. Voran marschiert bei diesem Treiben natürlich die„Post". Das scharfmacherische Organ läßt sich von einer„über die militärisch- politische Lage gutunterrichtcten Persönlichkeit", allem Anschein nach einem höheren Offizier, einen Artikel schreiben, ,n dem es heißt: Noch ist uns Zeit gegeben, aber die zwölfte Stunde i st d a I Haben wir die Männer, die diese zwölfte Stunde noch rechtzeitig auszunutzen wissen? Man hat nicht nur in der Armee, man hat in weiten Kreisen des deutschen Volke? die Hcercsvorlage als durchaus unzureichend erklärt. Man hat auch dieser Stimmung im Reichstage Ausdruck gegeben, die Herren Abgeordneten, die über die Heercsvorlage abgestimmt haben, haben auch alle den Ernst der politischen Lage auch im Frühjahr gekannt, trotzdem aber hat man die Regierung nicht ge- zw u n g e n. eine Heercsvorlage zu bringen, die uns der jetzigen Situation enthob. Es ist spät, aber noch nicht zu spät. Ter Krieg kann vermieden werden, aber nicht mehr durch die Diplomatie, sondern nur durch einen sofortigen umfassenden Ausbau der deutschen Armee. Dazu ist einmal nötig die so» fortige Durchführung der Frühjohrsbeschlüsse des Reichstages über die Heercsvorlage. Nicht 1915. sondern spätestens, allerspätcstenS am 1. April 1913 muß alles das fertig sein, wozu der Reichstag der Regie- rung Bis 1915 Zeit- gelossen kjai. Aver damit wicht genug, wir haben- sofort Sorge zu tragen, daß die allgemeine Wehrpflicht wieder zur Wahrheit wird, sämt° liche Bataillone der deutschen Infanterie sind sofort auf den hohen Etat zu bringen, die noch fehlenden dritten Bataillone unverzüg. lich aufzustellen, ebenso wie die Kavallerie- divisionen umgehend zu formieren sind und eine umfangreich« Vermehrung des BespannungSmaterialS der Feldartillcrie in die Wege zu leiten ist. Was hier gefordert wird, sind kein« Unmöglichkeiten, sind Forderungen, die von qiner energischen Regierung� die weiß, lvas sie will, sofort erledigt werden können und die uns die Gewißheit verschossen, sollte cS wirklich zum Kriege kommen, die notwcn- dige zahlenmäßige Ueberlegenheit in der aktiven Armee zu be- sitzen, und die andererseits unS die Möglichkeit verschaffen, den Krieg zu vermeiden.' Die Heercsvorlage 1912 hat trotz aller schönen Redereien der offiziösen Presse dem Ausland nicht die Gewißheit gebracht, daß das deutsche Volk gesonnen ist. sich gegen jede Eingriffe in seine Rechte zu verwahren. Die sofort in vorerwähntem Sinne vorgenommene Verstärkung der Armee brächte dem Auslände die Gewißheit und würde die Kriegsgelüstc in Paris. London und Petersburg ganz empfindlich abkühlen. Wer es weiß, iv elcher Unmut in der Armee über die Nichtauf st ellung der Maschinenge wehrkompag- nien herrscht(und zwar in weitesten Kreisen der Armee), wer cS weih, welcher Unmut sich über die Nichtaufstellung s ä m t- licher fehlenden dritten Bataillone breit macht, wer es weiß, wie dringend die Fcldartiklcrie eine bessere Organi- sation verlangt, der wird die hier vorgeführten Forderungen als unumgänglich notwendig anerkennen und ihre sofortig« Er- ledigung verlangen. Noch habe» wir Zeit. Die Stunde der Eni- scheidiing ist nahe, aber noch nicht dal Haben wir die Männer, die nicbt nur den Ernst der Lage erkennen, sondern auch danach zu handeln verstehen? Man sieht, da« Verlangen nach Avancement und schönen Liefe- rungSbcdingungen zeitigt gar seltsame.vaterländische' Begeiste- pungSblüten. Ter Süddeutsch« Eisenbghnerverband und daS Streitrecht. Der Süddeutsche Eisenbahnerverband hat an den bayerischen VerkehrSminister sowohl wie an die beiden Kammern eine Kund- gebung gerichtet, die in ausführlicher Weife die Stellung des Süd» deutschen Eiienbabnerverbonde« zum Streitrecht kennzeichnet. Der HaupipassnS der Erklärung lautet, wie der„Tägl. Rundschau' tele- grophisch aus München gemeldet wird: Der Gesamtbauptvorstand deS m Frage stehenden Verbände? erklärt, daß von feilen deS Süddeutschen Eisenbahn- und Post- Personals d e r S t r e i k n i ch t a l S g e s- tz l, ch zulässiges Mittel zur Verbesserung der Lage der«rbeiter und Beamten der VerkehrSverwallung betrachtet wird und wir uns wohl beloutzt sind daß ein solcher du schwersten Erschütterungen des Erwerb«- leben» herbeiführen würde,«uck erlauben wir un« ,u bemerken. daß unsere Organisation der Generaltommission der Gewerkschaften D e u t s Ä l SN V« N'ch t a v g e- s ch l o s i« n ist und daß der Haupivorstand eS unteren den ort- lichen GewerlschaflSkartellen angefchlosienen �erivoliungsftellcn nahegelegt hat. a u S diesen a u» z u i ch e l d« n. Unter Be- rücksichtigung dieler Tatsachen gestatten wir un« da» hotlich« Er- suchen zu stellen, daß un« sowohl von der komguchen Staat«. regierung wie auch von den hohen Kammern der Ne'chSraie und der Abgeordneten das gleiche Entgegenkommen wie visyer bezeugt werden möchte... Von wem diese de- und wehmütige EnlschuldigungSIchrut ausgebt. ob allein vom Haupivorstand oder vielleicht gar nur von einem orttichrn Teil de» Süddeutschen EisenbahnerverbandeS, wlsien wir nicht. Da« sonderbarste aber ist. daß diese Erklärung bereit« vor ungefähr drei Wochen dem bayerischen Landtage vorgelegen haben soll, trotzdem aber der VerkehrSminister v. Seidlein am 28. September seine bekannte scharfe Rede gegen das Streikrecht der Eisenbahnarbeiter gehalten und mit der Ein- sührung von Reversen gedroht hat, i» dem die Arbeiter sich auS- drücklich verpflichten sollen, in keinem Fall zum Streik zu greifen. Vielleicht werden die weiteren Nachrichten aus München dieses Rätsel lösen._ Regierung im Umherziehen. Der Reichskanzler v. Bethmann, Hollweg hat sich heute abend zu kurzem Aufenthalt nach Lindenhof be- geben. Er folgt damit einer vor längerer Zeit angenvmme- neu Einladung deS Prinz re gen ten von Bayern. Der Reichskanzler hat diesen Besuch nicht in letzter Stunde absagen wollen, um nicht der grundlosen Beunruhigung wegen Gefährdung des Friedens unter den Großmächten durch die Balkanwirren Nahrung zu geben. Bei der Gelegenheit sei mitgeteilt, daß sich Wilhelm II. momentan auf seinem Jagdschloß Rominten besindet, Herr v. Ktderlm-Waechter ist aber leider noch in Berlin. Verfassungsänderung in Bayern? Daß„Berliner Tageblatt" läßt sich aus München melden, daß man in leitenden Kreisen der Frage einer Aenderung der Verfassung wieder nähergetreten sei. Der König von Bayern ist unheilbar geisteskrank. Wenn der 91 jährige Prinzregent stirbt, dann müßte sein Sohn, Prinz Ludwig, zum Prinzregenten proklamiert werden. Man lvolle jedoch Vorsorge treffen, daß der Prinz sofort zum König von Bayern proklamiert werden könne.— Allerdings wäre dazu eine Aenderung der Verfassung nötig. DaS Zentrum hat vor Jahren stets den Standpunkt vertreten, daß während der Regentschaft die Verfassung nicht geändert werden dürfe. Damals handelte es sich darum, die Wahlrechtsanträge der Sozialdemokraten mit dem Ein- wand abzutnn. Die Macht der Verhältnisse hat dann später das Zentrum doch gezwungen, diesen Standpunkt, der aus eine Ver- steinerung des Berfaffungslebens hinausgelaufen wäre, zu verlassen. Der württembergische Landtag vor der Auflösung. Am Donnerstag trat der württembergische Landtag zu einer nur auf drei Tage berechneten Scklußtagung zusammen. Der Zweck derselben ist eigentlich nur die Wahl des Ständischen SuSschuffeS und die Auflösung deS Landtages. Am Schluß der FrühjahrSsession ist die Auslösung unterblieben, weil sonst die Neuwahlen schon im Sommer hätten vorgenommen werden müssen. Nach der Verfassung hat nämlich die Einberufung des neuen Landtages spätestens sechs Monate nach der Auflösung zu erfolgen, und das zeitraubende neue Wahlverfahren erstreckt sich auf zirka sechs Wochen. Aus die am nächsten Sonnabend zu erwartende Auflösung dürfte am Montag oder Dienstag bereits das amtliche Wahlausschreiben folgen. Als Termin der Hauptwahlett wird der 7. oder 8. November gewählt werden. In den Bezirken, in denen der erste Wahlgang keinem Kandidaten eine absolute Dkehrheit bringt, findet etwa vier» zehn Tage nach dem ersten ein zweiter Wahlgang statt, in dem die relative Mehrheit entscheidet, und endlich, muß binnen acht Tagen nach dem ersten Wahlgang der Termin für die LandeSproporzwahlen festgesetzt werden und zwar auf den 38. Tag vom Tage des Aus- schreibe»« an gerechnet. Der Zeitpunkt der Schlußtagung ist so ge- wählt, daß der ganze Wahlakt noch vor Weihnachten beendet werden und der neue Landtag Mitte Januar zusammentreten kann. Der Ständische Ausschuß funktioniert während der Vertagungen des Landtages und während der landtagslosen Zeit. Ihm kommt die Prüfung aller Verordnungen der Regierung ans ihre Gesetz- Mäßigkeit und die Verwaltung der-Staatsschulden einschließlich der Realisierung von Anlehenskrediten zu. In Württemberg ist seit dem Bestehen der Verfassung die Staatsschuldenvectoaltung der Regierung völlig entzogen. Bisher hatte unsere Fraktion in dem Ausschuß, der sich in einen engeren und einen weiteren Ausschuß teilt, gemäß ihrem Anspruch zwei Vertreter, die Genossen Hildenbrandt und Tauscher. ES ist anzunehmen, daß beide wiedergewählt werden. Die sozialdemokratische Fraktion wird die kurze Tagung dazu benutze», die Regierung zu fragen, ob sie für die Aenderung des FleiichbeschaugesetzeS und für Aufhebung der Zölle auf Fleisch und Fuitermittel eintreten will. Die Wahlvorbereitungen sind bei allen Parteien im Fluß. Die Wahlvorstände beraten über die Wahlprogramme, die Bezirksorgani» sationen füllen die Lücken auS, die in der Reihe der Kandidaten noch bestehen, und da« VerfammlungSleben ist schon jetzt ein regeS. Es wird ein Weißes Ringen werden, in dem unsere.Partei alle Kräfte anspannt, neues Terrain zu erobern. Die Hamburger Bürgerschaft beschäftigte sich am Mitlwoch mit der Wahlrechtsfrage. Von unseren Genossen war Einführung deS ollgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts beantragt. Die Liberale» hatten sich mit einem Antrag aus Beseitigung de« seit 1S0S in Hamburg eingeführten KlassenwahlrcchtS begnügt. Ihr Wortführer Dr. Petersen, der nach unserem Genossen L e s ch e sprach, gab zu, daß der sozial- demokratische Antrag sich mit einer alten Forderung deS liberalen Parteiprogramm« decke. Man dürfe aber nicht programmatische Forderungen stellen, wenn man praktische Politik treiben wolle. Der liberale Antrag werde, wenn er an- genommen würde, dazu führen, daß 80 Sozialdemokraten in die Bürgerschaft kämen(statt 20. die jetzt darin sitzen);«ine weitere Ver« stärkung der Arbeiterpartei sei nicht zu befürchten, da ja noch daS Privilegiertenwahlrecht nebenbei bestehe, dessen Schädlichkeit sich durch Ausdehnung der Privilegien mildern ließe. Diese sonderbaren liberalen Gedankenblüten wurden vom Genossen Stollen gründlich zerpflückt. Die Vertreter der sogenannten Fraktionen be- harrten auf ihrem ablehnenden Standpunkt und stimmten sowohl den sozialdemokratischen wie den liberalen Antrag nieder. Einer ihrer Wortführer machte den originellen Grund geltend, daß man mit Rücksicht auf die erstarkende nationale Arbeiterbewegung das Wahlrecht nicht erweitern dürfe. Der Ausgang dieser WahlrechtSdebatte ist ein für die sozial- demokratische Agitation wirksamer Austakt für die zu Neujahr bevor- stehende Neuwahl zur Bürgerschaft. In derselben Sitzung ist das neue Hafenprojekt für Cuxhaven, durch welches mit einem Kostenaufwand von rund neun Millionen Mark Liegeplätze für die neuen Riesendampfer der Hamburg-Amerikalinie an der Elbmündung geschaffen werden, ge- nehmigt worden._ Die Polizei gegen die Arbeiterjugend. "'Dem Versuche, den Arbeiterturnverein.Freiheit" in Rathenow zu einem politischen Verein zu stempeln, ist schnell eine weitere Polizeiaktion gefolgt, durch die bezweckt wird, die harmlosen Zu- sammeiikünste der Arbeiterjugend unmöglich zu machen. Ein Genosse, in dem die Polizei den Vorsitzenden des früheren JugendauSschusseS vermutete, erhielt mit der Mitteilung, daß der JugendauSichuß als politischer Verein aiigesehin werde, eine Verfügung, in der er unier der üblichen Slrasandrohung zur Einreichung des Statuts und des Verzeichnilie« der Vorstandsmitglieder aufgefordert wurde. Gleichzeitig wurde ihm sowie auch allen übrigen Miigliedern deS angeblichen JugendauSschusseS jede weitere Tätigkeit in der Jugend- Vereinigung, wie auch deren weitere Zusammenkünfte unter An- drohung von Geldstrafen verboten. Gegen die Bersügmig wird selbstverständlich der Beschwerdeweg beschritten. Im übrigen ist die Rathenowex Polizeibehörde etliche Nasenlängen zu spät gekommen. Der Jugendausschuß existiert nicht mehr, weil er für du ihm zu- gewiesenen Aufgaben entbehrlich geworden ist. Ein interessantes Zugeständnis. Der Hauptmann der Garde-Landwehr, Karl P l e h w e in Halle, hatte als Generalsekretär der konservativen Partei im August v. I. einen unentgeltlichen.Ausbildungskursus" für die im Herbst d. I. eingezogenen Rekruten errichlet. Die bürgerliche Presse war voll des Lobes, über das, was die jungen Vaterlandsverteidiger da alles „von dem Herrn Plehwe lernen würden und empfahl die»segenS- reiche' Einrichtung. Das sozialdemokratische.Volksblatt' machte dagegen Front und glossierte die Einrichtung in einem unter der Spitzmorke:.Geistige Rekrutenmißhandlung" veröffentlichten Artikel. Es wurde gesagt, man solle die jungen Leute nicht zu gedankenlosen Trotteln erziehen. Wer von den jungen Arbeitern noch etwas auf.sich halte, könne solchen„Kursus" nicht be» suchen. Durch diesen Artikel fühlte sich der Herr Hauptmann beleidigt und klagte am Mittwoch im Privat- wege gegen den Genossen Redakteur KaSpare k.— Der Klage wurde eigentlich der Boden schon unter den Füßen entzogen, als der konservative Sekretär und Hauptmann mit dem hübschen Zugestand- nis herausrückte, es sei richtig, daß sich die Tendenz der Rekruten- ousbildungskurse gegen die Sozialdemokratie richte. Damit hatte Herr Plehwe seinem Verteidiger, Reservelcutnant Spilling, das Konzept verdorben. In Ermangelung sachlicher Entgegnung verfiel deshalb Rechtsanwalt Spilling, der zunächst über den.Sauheerden- ton" des, VolksblatteS" zeterte, in einen Schimpfton, der sogar dem Gericht zu bunt wurde. Als dieser Verteidiger in Beziehung auf unseren Genossen den Ausdruck„Gemeinheit" brauchte, wies ihn das Gericht in feine Schranken zurück.— Spilling verlangte in seiner Bescheidenheit gegen unseren Genossen drei Monate Gefängnis. Das Urteil lautete auf 100 M. Geldstrafe. Drei Monate Gefängnis für faules stinkendes Fleisch! Bei dem Mctzgermeister Friedr. Weiß in Altenderne bei Dort- mund wurde wiederholt verdorbenes Fleisch, daS von Würmern durchsetzt war, gefunden. Wegen eines Falles hatte sich der Metzger- meister am 2. Oktober vor der Dortmunder Strafkammer zu ver- antworte». Er erhielt drei Monate Gefängnis! Außerdem soll das Urteil auf Kosten des Angeklagten in drei Dortmunder Zeitungen veröffentlicht werden. Der Angeklagte suchte sich durch die Angabe zu entschuldigen, daß er damals in den heißen Sommertagen kein Eis habe bekommen können,; ein Polizcibeamtcr bekundete dagegen. daß es der Metzgermeister überhaupt mit seiner Ware nicht so ge- nau genommen habe. ?zn der Urteilsbegründung hieß es. das Fleisch sei gvünMau ausen gewesen und habe ganz widerlich gerochent auch sei cS von Würmern durchsetzt gewesen. Das Fleisch habe in der Ver- kaufsstelle aus der Theke und dem Hauklotz gelegen; eS> bestehe kein Zweifel, daß der Angeklagte da? verdorbene Fleisch an die im Laden anwesenden Kunden habe verkaufen wollen, wie cS vermutlich auch schon früher geschehen sei. Der Metzgermeister habe den Zustand des Fleische« auch gekannt, schon seine Nase habe ihn unterrichtet. Es habe sich um einen Fall derartiger Verwesung und GcfunfcheitS- schädlichkeit gehandelt, wie cS nicht oft vorkomme. Milde sei da nicht am Platze. Damit das Publikum vor dem Metzgermeister gewarnt werde, sei auch die Veröffentlichung des Urteils angeordnet worden. Der Staatsanwalt hatte gleichfalls drei Monate Gefängnis bean- tragt. Es ist durchaus zu billigen», wenn die Nahrungsmittclfälschcr derh angepackt werden._ Oeftemicb-Clngani. -------—----- Ein Griff in die Kasse. Von dem gewesenen Staatssekretär Dexy gehen Enthüllungen aus, die selbst den jetzt in Ungarn regierenden Betyarcn fatal werden können. Es wird ganz einfach gekannt, daß in der Wahl- kampagne von 1910 der damalige Jinanzminister und jetzige M i» ni st erPräsident Lulacs mit eigenhändiger Unterschrift die StaatSlasse angewiesen hat. z w e i M i l l i o n c n an die Parteikasse der Regierungspartei abzuliefern, und daß wenige. Tage darauf nochmals zwei Millionen auf Anweisung eines Ministerialrats an die Mamelukenkasse ausgezahlt wurden. Wenn auch der neu gesammelte Fonds der„Nationalen ArbeitSpartci" drei Wochen später das Geld dem Staat zurückgegeben hat, so ist deshalb dieses famose DarlehnSgcschäft doch nicht einwandSfrei. Ungarische Massenprozcsse. Bekanntlich fand am 23. Mai eine Polizeischlacht in Buda- p est statt. Anläßlich der Demonstration verhaftete die Polizei einige hundert Arbeiter und Arbeiterinnen, von welchen der An- klagesenat 218 Personen unter Anklage wegen Aufruhr, Gewalt- tätigkeit gegen die Polizei und gegen Private stellte. Die Be- treffenden wurden in fünf Gruppen eingeteilt und die erste Gruppe davon. 43 Personen beiderlei Geschlechts, stand am Montag vor dem Gerichtshof. Nach dreitägiger Verhandlung wurde am Donners- tagmittag folgendes Urteil gefällt: ein Angeklagter wurde zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, zwei Personen erhielten 8 Monate Gefängnis, zwei Personen 7 Monate, fünf Personen 0 Monate, eine Person 3 Monate, 12 Personen wurden zu einer Gefängnis- strafe bis zu einem Monat verurteilt, jedoch wurde die Unter- suchungshaft bei denselben als Strafe angerechnet. 13 Personen wurden freigesprochen und gegen die übrigen das Verfahren ein- gestellt. Die zweite Gruppe kommt am 19. d. M. zur Verhandlung. Bemerkenswert ist. daß die fünfte Gruppe dieser Angeklagten aus 29 Kindern besteht, die vor dem Kinder-Gerichtshof kommen. Marohfco. Agadir von den Franzosen beschossen. Tanger, 3. Oktober. Das Küstenwachtschiff..Marracht' ist heute früh, von Agadir kommend, hier eingetroffen. Als cS an Agadir vorbeifuhr, wurde es von feindlichem Geschützfeuer empfangen. Es erwiderte während mehrerer Stunden mit dem Küstenwachtschiff »Fast" zusammen das Feuer. Agadir scheint wieder von Aufständi- scheu, die mit Waffen gut versehen sind, besetzt zu sein. Die fran- zösischen Truppen, die Agadir besetzen solle», werden am 4. Ok- tober eintreffen. Lkma. Sechsmächteanlcihe und Salzsteuer. Peking, 1. Lktbr.(Meld. d. Agence d'Extreme Orient.) Die Bcr- Handlungen der Anleihe zwischen China und der Scchsmächtegruppe sind keinesfalls endgültig abgebrochen. Man ist hier fortgesetzt mit der Prüfung der Frage beschäftigt. Das Haupthindernis für eine Einigung bildet die von der Sechsmächtegruppe geforderte Art der Reform der Salzsteuer. Die Gruppe fordert die Organisation der Verwaltung der Salzsteucr nach europäischem Muster, d. h. mit europäischen Beamten. Die Nationalversammlung sowie die Mehr- zahl der chinesischen Bevölkerung sind entschiedene Gegner dieses Planes.?luch Juanschikai versucht die Schwierigkeit zu umgehen und beabsichtigt, die Verwaltung der Salzerträgnisse auf so neuen Grundlagen umzugestalten, daß den Mächten nur noch sehr wenig zu wünschen übrig bleibt und sie volles Vertrauen in die chinesische Verwaltung des Salzmonopols setzen könne«». Gewerkfcbaftltcbes. Hcbtimg, BerUner Rausfrauen! Im Berliner Bäckergewerbe scheinen sich die Verhältnisse scharf zuspitzen zu wollen! Die Bäckermeister glauben, daß sich das Interesse der Be völkerung so ziemlich verloren habe. Zu allem kommt noch daß die Zwangsbäckerinnung jetzt die Zeit für gekommen hält. den paritätischen Arbeitsnachweis vernichten zu können Während neue Kommissionäre jetzt trotz des Stellenvermittler- gesetzes wie Pilze aus der Erde schießen, und von der Innung nichts zu fürchten haben, sucht man die Gesellen welche vom paritätischen Arbeitsnachweis in Arbeit kommen zu zwingen, an die Jnnungsarbeitsvermittler Gebühren zu zahlen. Eine allgemeine Bäckereikontrolle, die im September von den Beauftragten vorgenommen wurde, ergab eine große Anzahl Durchbrechungen des Tarifes. Namentlich der Passu über den paritätischen Arbeitsnachtsweis fand vielfach keine Beachtung. Am Sonntag den 6. Oktober erscheint deshalb wieder die Liste der tariftreuen Bäckermeister und ersuchen wir die werktätige Bevölkerung, besonders aber die Hausfrauen und Arbeiter, diese Liste genau beachten zu wollen und ihren Bedarf an Backwaren nur dort zu decken, wo die bescheidenen Forderungen der Gesellen, der seinerzeit mit der Lohnkonlmiission der Bäcker abgeschlossene Tarif, voll und ganz eingehalten wird. Der Vcrtraueusman« der Bäcker Berlins und Umgegend. Berlin unck Qmgegcncl. Tarifbewegung der Gergolder. Seit längerer Zeit schon finden Unterhandlungen in der Ver- golderbranche statt, um einen Spezialtarif abzuschlietzen. Die Unter- nehmer haben den Wichluß immer wieder verzögert, allen Be mühungen der Kommission der Arbeiter zum Trotz. Die Arbeiter find aber endlich ungeduldig geworden, wie sich in einer Versammlung deutlich zeigte, die am Mittwochabend im GewerkschaflShause statt- fand. Die Branche der Vergolder vom Deutschen Holzarbeiter verband nahm entschieden Stellung zum Verhalten der Unternehmer und verlangte die notwendige Klärung der Tariffrage. Die noch bestehenden Differenzen in bezug auf die Dauer des Tarifs sowie die Herabsetzung der Arbeitszeit auf 50 Stunden wären leicht zu schlichten, wenn nicht der Schutzverband der Unternehmer seine ganze Opposition aufrechterhalten würde. Dieser Verband will prinzipiell nicht zulassen, daß eine Arbeitszeit unter öl Stunde» ver- traglich festgesetzt wird. Die große Mehrzahl der Vergolder,»äm- lich 461 Personen, haben aber bereits eine Arbeitszeit von 56 bis 47 Stunden pro Woche. Wichtig ist auch für die Vergolder eine gc- sonderte Tarifdauer für den Spezialtarif und dagegen macht der Schutzverband ebenfalls energisch Front. Der Bränchenleiter West- phal besprach in seinem Referat die Lage der Dinge und fand in der Diskussion allseitige Zustimmung in der Betonung der Notwendigkeit, eine Entscheidung in der Tariffrage herbeizuführen. Einstimmig nahm die Versammlung die folgende Resolution an: „Die im Gewerkschaftshause versammelten Arbeiter aller Zweige der Vergolderbranche Groß-Berlins erheben einmütig den schärfsten Protest gegen das Verhalten des Arbeitgeber- Schutz- Verbandes für das deutsche Holzgewerbe betreffend Abschluß unseres Tarifvertrages. Das Versprechen der Arbeitgeber, die strittigen Punkte des Vertrages durch die Zentralvorstände zur Entscheidung bringen zu lassen, ist nicht eingehalten worden. Nach sechsmonatlichem vergeblichen Warten beauftragen die Ver- sammelten die Branchenleitung, der absichtlichen Verschleppung ein Ende zu machen und nunmehr die schärfsten Maßregeln zu er- greifen, um in kürzester Frist endlich den Abschluß unseres Tarif- Vertrages herbeizuführen."_ Die streikenden Mehlkutscher waren am Donnerstag versammelt, um den Bericht über den Stand des Streiks entgegenzunehmen. Aus demselben war zu entnehmen, daß die Fuhrherren R. Dietrich, Georg Benicke und Ecke den Tarif Unterschrift- lich anerkannt haben. Im übrigen haben weitere Verhandlungen mit den Fuhrherren noch nicht stattgefunden. Die Müllerscken Kutscher haben sich am Mittwoch den Streikenden wieder an- geschlossen. Des weiteren wurde festgestellt, daß die Mehlhändler und Bäckermeister sowohl als auch einzelne Fuhrherren sich die größte Mühe geben, Arbeitswillige zu gewinnen. Sie hatten damit bisher recht wenig Erfolg. Einzeln: Fuhrunternehmer fahren selbst oder benutzen ihre Söhne und sonstigen Verwandten dazu. Zur Leistung von Streikarbeit auf den Speichern konnte festgestellt werden, daß eine Anzahl Kleinhändler, die eigenes Fuhrwerk besitzen, Raus- reißerdieuste leisten. Genannt werden W. Springer, Aorck- straße 19; G. O s w a l d. Blumenstr. 77; A. R u tz k e. Forster Straße 2; C. Höchst, Höchstestr. 4; Fr. K i e b e l, Rummels- burger Str. 76 zu Lichtenberg; K. Schlicht, Colmarstr. 6; H. Fingier, Dolzigerstr. 38: I. G i e s e, Ostbabnstr. 14; W. Becker, Seidelstr. 35; Roß, Lüneburger Str. 2; Guhlow, Büschingstr. 2; P e t s ch, Landsberger Allee 129; Lehmann, Strelitzer Str. 49; Templin, Lichtenberg, Hagenstr. 60; Ed. Horst, Höchste Str. 4; A. Juhle, Büschingstr. 25, und Karl Kath, Waterlooufer 8. Die auf diese Weise geleistete Arbeit ist als Streikarbeit zu betrachten. Es wurde noch besonders darauf hingewiesen, daß diejenigen Kutscher, welche bei solchen Firmen fahren, die den Tarif anerkannt haben, sich im Besitz einer vom Deutschen Transportarbeiterverband ausgestellten roten Legitimationskarte befinden. Ter Streik in der Kartouiudustrie dauert unverändert fort. Eine weitere Firma hat den Tarif unterschristlich anerkannt, so daß von den 23 in Frage kommenden Betrieben bisher in sechs zu den neuen Bedingungen gearbeitet wird. Die Unlernehmer sind krampfhaft bemühr, ihre Werkstätten durch Arbeitswillige zu bevölkern, wozu ihnen die Jnseratenplaniagen der„Morgenpost" sowie des „Lokal-Anzeiger" hilfreich die Hand bieten. Besondere Mühe gibt man sich auch, die vom Militär cnilassenen Karlonarbeiter zu Streik- brecherdiensten hcraiizuziehen. All' diese Bemühungen sind bisher nur in ganz vereinzelten Fällen von Erfolg gekrönt gewesen und wird es nach loie vor Aufgabe der Streikenden sein, die Maß- nahmen der Unternehmer durch intensive Ausklärungsarbeiten zu durchkreuzen. Deirtlcsies Reich. Aussperrung der Deckenrohrer in Hannover. Am 1. Oktober d. I. lief der Tarifvertrag der Deckenrohrer in Hannover ab. Bereit? am Freitag, den 27. September, haben die Unternehmer nicht mehr arbeilen lassen. Es handelt sich um die neunstündige Arbeitszeit und zwei Pfennig Erhöhung pro Quadrat- metcr iotme Regelung des Materiallransports in und aus dem Bau. Die Unlernehmer haben sich nach Berlin gewandt, um von dort Rohrer zu bekommen; einer namens Prell hat sich bereits ver- leiten lassen, nach Hannover zu kommen. Es wird ersucht, daß sich kein Rohrer dazu herbeiläßt, de» Hannoverschen Kollegen in den Rücken zu fallen._ Ein Streik im Kölner Verkehrsgewerbe ist keine Lohnbewegung, sondern er richtet sich gegen eine neue Polizeiverordnung, die am l. Oktober in Kraft treten sollte. Infolgedessen haben sich dem Streik nicht nur sämtliche Kutscher und Chauffeure der Mi.twagen, sondern auch die Unternehmer angeschlossen. In einer am Mittwochabend abgehaltenen Versammlung von Kutschern, Kraft- lvagcnfnhrcrn und Fuhrwcrksbesitzcrn würde einmütig beschlossen, nur unter der Bedingung wieder zu fahren, wenn die neue Polizeiverordnung auf drei Monate gestundet werde, die alte Verordnung in Kraft bleibe und über die Fassung Verantw. Redäkt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw?: der Polizeiberordnung in gemeinschaftlicher Beratung zwischen den Behörden und den Vertretern der Untern eh mer- und der Angestclltenorganisatio- ncn eine Einigung herbeigeführt sei. Es wurde betont, daß der Ausstand mit der Preismesserfrage nichts zu tun habe, sondern sich lediglich gegen den unerträglichen polizeilichen Druck richte. Die neue Polizeiberordnung zwinge die Droschken- fahrer, schon in aller Frühe, obgleich noch kein Verkehr ist, an den Halteplätzen zu erscheinen. Die Bestimmung, daß jeder Fuhrherr auf Verlangen seine gesamten Betriebsmittel der Polizeibehörde jederzeit vorzustellen und den Polizeibeamten Zutritt zu seinen Stallungen zu gewähren habe, enteigne den Besitzer förmlich. Jeder Kutscher muß sich jederzeit einer erneuten Prüfung unterwerfen; im Weigerungsfalle wird ihm der Fahrschein entzogen, lieber die Art und Beschaffenheit der Anzüge sind genaueste Vorschriften er- lassen, sogar werden„dunkle Tuchhose und schwarzledcrne Fuß- bekleidung" verlangt. Rock, Mantel oder Paletot sollen während der Fahrt stets bis an den Hals zugeknöpft getragen werden, auch im Sommer. Den Kutschern wird ausdrücklich untersagt, sich ein- ander zu necken I Während der Fahrt ist eine angemessene Haltung vorgeschrieben; das Rauchen ist auch auf der Heimfahrt untersagt. Die Geldstrafen betragen zumeist im Minimum 15 M. Unhöflich- keit gegen die Fahrgäste oder gegen Aufsichtsbeamtc oder Nicht- befolgen von Anordnungen der Aufsichtsbeamten wird mit Geld- strafe nicht unter 5 M. oder entsprechender Haft bestraft. Bei den persönlichen Eigenschaften mancher Schutzleute fürchten die Fuhr- Herren und Angestellten, unter diesen neuen Bestimmungeil der Willkür der Beamten, unter der sie bisher schon schwer zu leiden hatten, wehrlos ausgeliefert zu sein. Der Streik wurde von Kutschern, Chauffeuren und Fuhrherren einstimmig beschlossen. Der Verkehr ruht vollständig. Streikbrecher sind nicht vorhanden. Die Verbandlungen haben bisher zu keinem Ergebnis gefuhrt. Ter Kölner Polizeipräsident ist bis zum 15. Ok- tober beurlaubt.__ Der Deutsche Holzarbeiterverbanp im ersten Halb- jähre 1912. Der Deutsche Holzarbeiterverhand hat sich, wie der in der neuesten Nummer der„Holzarbciter-Zcitung" veröffentlichte Rechen- schaftsbcricht ergibst in der ersten Hälfte dieses Jahres wieder recht gut entwickelt. Seine Mitgliciderzahl hat sich in diesem Zeitraum um 8036 gesteigert, so daß er am 1. Juli 190 786 Mitglieder zählte, darunter 6680 weibliche und 959 jugendliche. Die Unter- stützungsleistungen des VerbandvZ an seine Mitglieder haben wiederum cinc beträchtliche Steigerung erfahren. Insgesamt hat der Deutsche Holzarbeiterverbaitd in der ersten Hälfte dieses Jahres nahezu zwei Millionen Mark an Unter st ützungen ausgezahlt. Die nachstehende Uebersicht gibt die aus der Haupt- lasse und den Lokalkassen für die einzelnen Unterstützungszweigc verwendeten Summen wieder. Zum Vergleich ist der entsprechende Betrag aus der ersten Hälfte des Jahres 1911 beigefügt. Erstes Halbjahr 1911 1912 Reiseunierstütznng.... 63 508 68 108 Arbeitslosenunterstützung.. 610 905 778 038 Streikunterstützung.... 1 601 886 496 926 Krankenunterstützung... 461 428 514 919 Gemaßregeltenunterstützung. 54 330 42 649 Sterbegeld....... 31 244 35 052 Unizugsunterstütznng... 21 338 22 053 Notfallunterstützung... 27 180_ 38 271 Summa 2 871819 1 996 016 Die Gesamtausgabe für Unterstützungszwecke war in der ersten Hälfte des vorigen Jahres ganz beträchtlich höher, doch ist es allein der Posten Streikunterstützung, der eine, allerdings sehr erhebliche Verminderung erfahren hat. Tie Streikkosten waren im Jahre 1911 ganz außerordentlich hoch und der Rückgang auf ein normales Maß hatte zur Folge, daß das Verbandsvermögen eine wesentliche Steigerung erfuhr. Am Schluß des Halbjahres betrug der Kassenbestand 5 818 442 Mark, davon 3 826 671 Mark in der Hauptkasse. Trotz der Verminderung der Streikkosten ist in dem halben Jahr an Streikunterstützung immer noch die ganz respektable Summe von rund einer halben Million Mark ausgegeben worden. Die Lohnbewegung war auch sehr lebhaft, und zwar waren es vornehmlich kleinere Orte, an welchen in diesem Jahre Lohn- kämpfe geführt wurden. Eine vorläufige Zusammenstellung ergibt für das erste Halbjahr 1912 494 Lohnbewegungen mit 23 222 beteiligten Personen. Der weitaus größte Teil der Lohnbewegungen konnte auf friedlichem Wege er- ledigt werden. Im einzelnen weist die Streikstatistik nach: 119 Angriffstreits mit 3921 Beteiligten, 48 Ab- Wehrstreiks mit 1049 Beteiligten, 21 Aussperrungen mit 1152 Beteiligten, 295 Angriffsbeivcgungen ohne Streik mit 16 824 Betci- ligten und 11 Abwehrbewegungen mit 276 Beteiligten. In 214 Fällen führten die Lohnkämpfe zum Abschluß eines Tarifvertrages, davon sind 167 Verträge das Ergebnis von ohne Streik Verlan- -enen Lohnbewegungen. Der Erfolg der Lohnkämpfe ist sehr be- achtlich. 15 627 Arbeiter erzielten eine Arbeitszeit- Verkürzung um durchschnittlich je 1,8 Stunden pro Woche und für 18 979'Arbeiter wurde der Lohn um durchschnittlich 2,12 Mark pro Woche erhöht. Gegenwärtig rüstet sich der Holzarbeiterverband zu einer sehr umfangreichen Lohnbewegung. Am 15. Februar 1913 laufen die mit dem Arbeitgeberschutzverband für das deutsche Holzgewerve abgeschlossenen Verträge in 52 Städten für rund 50 060 Arbeiter ab. Es ist damit zu rechnen, daß alle Verträge am 15. November gekündigt werden. Tie Unternehmer sind schon jetzt eifrig dabei, die Oeffentlichkeit in ihrem Sinne zu beeinflussen, Die bürgerliche Presse wird von ihnen mit Nachrichten gefüttert, in welchen die Holzarbeiter als die Störenfriede hingestellt werden, die mit aller Gewalt auf den Kampf hinarbeiten und ganz erorbi- taute Forderungen stellen. Dabei werden für den voraussichtlichen Umfang der Bewegung ganz fabelhafte Ziffern genannt. In Wirklichkeit liegen die Dinge so, daß zurzeit von einer Formu- lierung von Forderungen auf feiten des Holzarbcitervcrbandes noch keine Rede ist. Der Holzarbeitervcrband ist ernstlich gewillt, wie in den letzten Jahren so auch diesmal, die Verträge auf dem Wege -riedlicher Verhandlungen zu erneuern. Ob aber der Friede im Holzgewerbe erhalten bleibt, ist sehr fraglich, da im Arbeitgeber� chutzverband eine recht kriegerische Stimmung herrscht. Eine ein- -lußreiche Gruppe in dieser Organisation drängt schon lange zu einer großen Abrechnung mit dem Holzarbeiter- verband und es hat den Anschein, als ob sie auf dem besten Wege tväre, ihren Willen durchzusetzen. Der Arbeitgeberschutzverband siir das deutsche Holzgewerbe ist dem Kartell der bau- gewerblichen Untern eh merorganisakionen bei- getreten, welches im Hinblick auf die im nächsten Frühjahr in Aussicht stehenden Lohnkämpfe gebildet wurde. Diese enge Per- bindung mit den baugewcrblichcn Scharfmachern ist natürlich ein Grund mehr zu der Annahme, daß sich die Holzindustricllcn mit kriegerischen Plänen tragen. Sollte es zu einem Kampf kommen, dann wird er voraussichtlich einen riesigen Umfang annehmen. Die Holzarbeiter sehen jedoch den kommenden Dingen zuversichtlich entgegen. Sie haben im Jahre 1907 den konzentrierten Angriff der Unternehmcrorganisation erfolgreich abgewiesen und sie we«den, wenn es erforderlich wird, auch im Jahre 1913 ihren Mann zu äehen wissen." Hiistaiid. Bom Eisenbahnerstreik in Spanien. Man schreibt uns: Das Resultat des von dem Nationalkomitee des spanischen Eisenbahnerverbandes veranstalteten Referendums hat, wie die Depeschen schon meldeten, eine gewaltige Mehrheit für die Erklärung des Streiks endgültig ergeben. Der nennte Kon- greß der spanischen Sozialdemokratie, dessen Tagungen am Mittwoch begannen und am Sonnabend zu Ende geführt wurden, hat eine Resolution angenommen, in der den Streikenden die Hilfe der TÖ. Glucke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanftalt Partei in jeder Hinsicht zugesagt wird. Damit ist das Märchen au» der Welt geschafft, das auch schon in die europäische Presse gedrungen war, als ob zwischen dem Eisenbahnerverband lind der sozialisti- scheu Partei ein Konflikt bestände. Schon in der Samstagsnummer des Madrider republikanischen Organs„El Pais" hatte Genosse Pablo Jglesias in einem längeren Artikel auscinaiidcrgesetzt, daß trotz der voreiligen und verfrühten Erklärung des Streiks durch die Eisenbahner Kataloniens die nun einmal ausgcbrochcne Gc- samtbewegung von den Sozialisten unterstützt würde. Solche Streiks, die in gewissen Augenblicken von den Umständen einfach erzwungen werden, könne man„nicht wie einen Kotillon organi- steren".— In den herrschenden Kreisen scheint man noch immer nicht zu wissen, welche Haltung man einnehmen soll. Während Canalcjas die Corte» sofort einberufen möchte, um vielleicht ein Gesetz zur Annahme zu bringen, das den Eisenbahnern in irgend- einer Form das Strcikrecht nimmt, oder auch um auf die Gesell- schaften einen stärkeren Druck ausüben zu können, ist der gemäßigte Liberale Moret und der frühere konservative Ministerpräsident für eine Vertagung des Wiederzusammentritts der Corte» auf unbe- stimmte Zeit und die Anwendung der„energischsten Mittel". Man kann vorläufig annehmen, daß Canalejas versuchen wird, auf friedlicherem Wege ein Ende des streik» herbeizuführen. Tie' Eisenbahner haben bisher jedenfalls noch nicht den geringsten An- laß gegeben, ihre Bctvcgung cinc„anarchistische" zu nennen, wie es angeblich Canalejas getan haben soll. Es ist der großkapita- listische Pariser„Tcmps", ein Blatt, das gewöhnlich keine Gelegen- heit vorübergehen läßt, ohne die Arbeiter zu verleumden, der von seinem Barcelonaer Korrespondenten folgende Meldungen bringt: „Was auch tclcgraphisch berichtet werden mochte, die völlige Ordnung hat nicht aufgehört unter den Streikenden zu Herr- scheu, und es ist noch kein einziger Gewalt- oder Sabotageakt zu verzeichnen gewesen. Unter den Eiscnbalmern herrscht eine lebhafte Unzufriedenheit über die phantastischen Nachrichten, die von der Madrider und der auswärtigen Presse veröffentlicht wurden, Nachrichten offizieller Herkunft, für die man formell �den Mi- nister der öffentlichen Arbeiten, Pillanucva, und den Sohn des Direktors der Madrid-Zaragossa-Alicante-Linie verantwortlich macht.". In dem Gemeinderat von Barcelona, dessen Mehrheit ans lerrouristischcn Republikanern besteht, ist ein Vorschlag eingebracht worden, den Eisenbahnern eine Unterstützung von 20 000 Pesetas zu gewähren. Ter Gemcinderat ging jedoch über diesen Vorschlag zur Tagesordnung über und beschränkte sich auf die Annahme einer Sympathieerklärnng. Für die Stimmung der Bevölkerung ist es bezeichnend, daß sich die sämtlichen Bewohner eines kleinen kataloni- scheu Städtchens. Flix, bereit erklärt haben, den in diesem Ort wohnenden Arbeitern aus der eigenen Tasche für die Dauer des Streiks eine Unterstützung in der Höhe ihrer gewöhnlichen Lohne zu zahlen. * Madrid, 3. Oktober. Tie Dienstpflichtigen der Jahrgänge 1907 bis 1912 sind zu den Fahnen einberufen worden.— Die Angestellten der katalaniscken Eisenbabncn haben den Vorschlag, Mindestfvrdc- rnngen aufzustellen, abgelehnt. Ministerpräsident Canalejas er- klärte, die von den Eisenbahnern der Linie Cacercs-Portugal ge- forderten Lohnerhöbungeii im Betrage von neun Millionen Pesetas würden die Gesellschaft ruinieren. K-etzte Nachrichten. Die Lage auf dem Balkan. Tie Diplomatie in Nöten. Konstantinopel, 3. Oktober.(Tclcgr. des k. k. Wiener Korr.- Bureaus.) Die Sckiwicrigkcii der Verbindung der Diplomaten der Balkanstaatcn mit ihren Regierungen schafft eine unentwirr- bare Situation. Ter serbische Gesandte Nenadowitsch erhielt noch keine Antwort von der Pforte bezüglich der Durchfuhr serbischen Munition. Das Ausbleiben jeder Antwort könnte als Ablehnung beträchtet werden, da jedoch Nenadowitsch keine Jnstrukl tionen erhält, weißer nicht, ob er abreisen soll. In der- selben Lage befindet sich der griechische Gesandte G r y p a r i S, der auch noch keine endgültige Antwort betreffend die freie Durchfahrt der Meerenge für die griechischen Handelsschiffe erhielt. 24 gric- chische Dampfer, drei griechische Segelschiffe, eine große Anzahl von Schleppern und kleinen Schiffen sind hier und könnten nach der Kriegserklärung beschlagnahmt werden. Fast 70 griechische Schiffe mit Getreide befinden sich im Schwarzen Meer Tic ersten Zusammenstöße. Konstantinopcl, 3. Oktober.(Meldung des Wiener k. i. telegr. Korresp.-Bureaus.) Nach hier eingetroffenen Meldungen kam es gestern zu Grenzplänkcleien zwischen bulgarischen und t ü r k i s ch c n T r'u p p e n in der Nähe von Nazlik. Dschuma- bala und Ropdjoz, sowie zwischen montencgri scheu und türkis chenTruppcn an der Grenze des Wilajcts Skutari. Wer hat angefangen? Konstantinopel, 3. Oktober.(W. T. B.) Die Pforte hat an die Mächte ein Rundschreiben gerichtet, in dem sie gegen die Unterdrückungen protestiert, die man sich in Buk- garten gegen die Mohammedaner zuschulden kommen lasse und zu gleicher Zeit erklärt, daß die Verantwortung die Balkanstaaten treffen w�rde, wenn ein Krieg ausbreche. Ausfuhrbeschränkungen. Konstantinopel, 3. Oktober.(W. T. B.) Tie Ausfuhr von Bau- holz nach Bulgarien ist untersagt worden. Bulgariens Forderungen. Paris, 3. Oktober.(P.-C.) Der„Tcmps" meldet aus Sofia: Man weiß noch nicht, wann die bulgarische Note, welche die Forde- rungen Bulgariens enthält, an die Pforte überreicht werden wird. Doch wird schon jetzt bekannt, daß die bulgarischen. Mazedonien betreffenden Forderungen die Einsetzung von belgischen oder schweizerischen Gouverneuren für die verschiede- nen Provinzen verlangen. Die Zustimmung der Mächte wird vor- ausgesetzt. Ferner wird die E i n b e'r u f u n g von a u s f r e i c r Wahl hervorgegangener N a t r o n a l v e r s a m m- l u n g c n in jeder Provinz sowie die L r g a n i s a t i o n e i n er europäischen Kontrolle verlangt, an welcher nicht nur die Vertreter der Großmächte in Konstantinopcl, sondern auch Vertreter der Balkanstaaten beteiligt sein sollen. � Tie Türkei in der Zwangsjacke. Rom, 3. Oktober. Die„Tribuna" bemerkt ,n einem Ariitcl über das Dementi der Agcnzia Stefani", betreffend den Fric- densschluß zwischen Italien und der Türkei: Alle Welt fragt sich. ob denn noch nicht die Zeit gekom-men ist, daß die Verhandlungen von Ouchy. die bereits genügend lange Zeit dauerten, zum Abschluß kommen. Vor der Krise auf dem Balkan konnte es gleichgültig sein, wenn sich die Verhandlungen um einige Tage und selbst um einige Wochen verzögerten, aber heute angesichts der neuen,. auf dem Balkan geschaftcnen Lage mutz man die Gesamtheit der Dinge unter einem neuen Gesichtspunkt betrachten. Wir zweifeln nicht, daß die italienische Regierung die neuen Notwendigkeiten der Situation berücksichtigen und die notwendigen Maßregeln treffen wird, darunter die, die Beendigung der Borbcsprechungen in Ouchy zu beschleunigen. Die„Tribuna" schließt: Die Wintelzüge der Pforte können nicht länger geduldet werden, wir erwarten, daß die italienische Regierung endgültig der Türkei eine Frist für die Ant- wort stellt, wenn, wie es ja wahrscheinlich, sie nicht schon gestellt worden ist._ GaulSinger st Co., Berlin L W. Hierzu 3 Beilage««.UnterhaltungSbl. Ur. 232. 29. Jahrgang. t ßtilm des Lmiirls" Iftlintt lolMott. kttllaz, 4. OHultt 1912. Tagung des Bandes veuticher Frauenvereine. Der Bund Deutscher Frauenvereine, die bürgerliche Frauen- organisation Deutschlands, hinter der über eine halbe Million deutscher Frauen stehen, begann am Mittwoch in Gotha die Arbeiten seiner zehnten Generalversammlung, Die Vorsitzende des Bundes, Fräuleiir Dr. Gertrud Bäumer- Berlin, erblickt in dem Wachstum des Bundes die Gewähr, daß die Auf- gäbe, die sich der Bund gestellt habe, die gemeinsamen Interessen der Frauen über Partei- und Weltanschauungen hinaus zu fördern, die richtige sei. Staatsminister Dr. v. Richter erklärte namens der golhaischen StaatSregierung, daß diese in den Zielen des Bundes, die auf Förderung des weiblichen Geschlechts in wirtschastlicher, rechtlicher, geistiger, körperlicher Beziehung und auf Hebung des Allgemeinwohls hinauslaufen, viele Berührungspunkte habe. Der Bund möge sich aber stets bewußt bleiben, daß die Bestrebungen auf Hebung und Förderung des weiblichen Ge- schlechts keinen Gegensatz bilden dürfen zu der Stellung. die die Natur der Frau in Haus und Familie gegeben habe.(Lebhafter Beifall.)— Der Geschäftsbericht der Schriftführerin Frau Alice Bensheimer-Mannbeim verweist auf den großen Erfolg der Ausstellung„Die Frau in Haus und Berus". Der Bund deutscher Frauenvereine zählt heute 46 Verbände und L76 Einzelvereine, die Mitgliederzahl beläuft sich auf über 500000. Der große Erfolg des Bundes habe die Gegner der Frauen- bewegung im Juni 1012 zu einem Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation zusammen geschlossen.(Heiterkeit.) In einer Abwehrerklärung gegen diese Bestrebungen hätte sich binnen Jahresfrist' zum zweiten Mal die früher oft schmerzlich vermißte Einigkeit aller Frauenorganisationen gc- zeigt.— Von Frau Julie B a s s e rm a n n- Mannheim wurde ein Dringlichkeilsantrag begründet:„Die Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine gibt der sicheren Hoffnung AuS- druck, daß in den jetzt veröffentlichten Gesetzentwurs über die Er- richtung von Jugendgerichtshöfen die Beteiligung der Frau als Beisitzerin aufgenommen wird." Daraus sprach Fräulein Dr. Bäumer-Berlin über:»Warum Müssen Frauen Politik treiben?" Ihre Ausführungen zipfelten in Leitsätzen, in denen dargelegt wurde, daß die Teil- .rahme der Frau am politischen Leben eine unumgängliche Kon- sequenz der Frauenbeivegung sei. Die Frauen können sich der Mit- arbeit in den politischen Parteien nicht entziehen. DaA staats- bürgerliche Bewußtsein müsse gepflegt werden, damit werde die künftige politische Mitverantwortlichkeit gestärkt und ein Gegengewicht gegen frauenreckulerische Einseitigkeit geschaffen. Die Hineintragung po- litlscher Gegensätze in die Frauenbewegung sei nicht zu befürchten. In der Begründung verwies Rednerin darauf, daß in der sozialdemokratischen Partei schon seit Jahren Frauen mitarbeiten; auch das Zentrum habe sich ihre Mitarbeit längst zunutze gemacht. Die fortschrittliche Volks- Partei habe vor zwei Jahren diese Arbeiten an sich genommen und gestern haben sich in Weimar die nasionallibera'len Frauen zu systematischer Arbeit innerhalb ihrer Partei zusammengeschlossen. Nach kurzer zussiinmender Besprechung wurde bei 53 Stimm enthaltungen eine Entschließung angenommen, die besagt, die Mitarbeit der Frau in den politischen Parteien sei eine notwendige Konsequenz der Frauenbewegung und der gebotene Weg, die staatS- bürgerliche Pflicht zu erfüllen. Der Bund will bei Aufrecht- erhaltung seiner absoluten politischen Neutralität mit allen Kräften eintreten, daß die zunehmende Politisierung der Frauen zugleich der Förderung der Fraueninteresfen dient, die durch die organisierte deutsche Frauenbewegung vertreten wird.— Die Vor sitzende des deutsch-evangelischcn Frauenbundes Paula Müller� Hannover gab die Erklärung ab, baß der deutsch-evangelische Fraueir bund sich dem Bund Deutscher Frauenvereine auf Grund der Satzungen angeschlossen habe, die jeden parteipolitischen und kon- fcssionellen Charakter ausschließen. Um dem Bund diese Neutralität bei Verhandlungen über politische Fragen zu wahren, hätten die Delegierten des deutsch-evangelische» Frauenbundes sich an der Dis- kussion und Abstimmung nicht beteiligt. In der Sitzung am Donnerstag brachte Frau Justizrat Be n newitz-Halle einen Dringlichkeitsantrag ein:„Der Bund deutscher Frauenvereine soll die Regierungen der einzelnen Bundes- staaten ersuchen, von der Errichtung der durch die Reichsversiche- kleines feuilleton. Ein Manöveridyll. Man schreibt uns: In« Manöver spielen sich manche lustige Szenen ab. die oft die„wahren Geschichtchen" in den Witzblättern übertreffen und wirklich ebenso unglaublich wie diese klingen. So erwartete ich als Schlachtenbummler in einer einsamen Windmühle bei dein Dörfchen Splertau im Saalkreise, wo in diesen Tagen Manöver statlfanden, den Feind, dem ich mich anschließen wollte. Am Garten des Mühlenhäuschens hatte si-b eine Infanterie- wache aufgestellt, die aus vier Mann bestand. Plötzlich wurden am Horizont drei Reiter sichtbar, die in wildem Galopp die Landstraße entlang kamen, direkt auf den Posten zu. Als sich die Reiter ans ungefähr 400 Meter genähert und sich als feindliche Dragoner entpuppt hatten, eröffneten die Infanteristen aus sie ein mörderisches Feuer. das im Ernstjalle sicher drei Schwadronen vernichtet hätte. Aber die kühnen Reiter schienen unverwundbar zu sein und rasten wie der Wind heran. Der junge Leutnant, der die feindliche Patrouille führte, sprang vom Pferde und rief den Infanteristen zu:»Sie sind ge- fangen genommen!" „Aber Herr Leutnant sind ja längst abgeschossen", antwortete verwundert der Führer der Infanteristen, ein Unteroffizier. „Ach was," gab dieser barsch zur Antwort,„Sie sind gefangen genommen!". So zogen also der wenigstens dreimal erschossene Leutnant und dessen ebenfalls wenigstens dreimal erschossenen zwei Dragoner mit den gefangenen Infanteristen ab. Gefrierfleisch und Tuberkulose. Professor Bordoni hat in den Berichten des Lombardischen Instituts in Mailand eine Untersuchung über die Gefahr einer Einschleppung von Tuberkulose mit argen« tinischem Gefrierfleisch veröffentlicht, weil die Furcht davor sich auch in Italien als ein besonderes Hindernis gegen die Einfuhr dieses billigen Nahrungsmittels eingestellt hatte. Sie wurde ge- steigert durch Verbreitung der Nachricht, daß in Argentinien neun Febntel aller Rinder tuberkulös sein sollten. Professor Bordom hat nun einmal festgestellt, daß das argentinische Vieli weit seltener von Tuberkulose heimgesucht wird als das in Italien gezüchtete. Ferner stellte er folgende Sätze als Ergebnisse seiner Forschungen zusammen: Der Tuberkeldazillus kommt in den Muskelgeweben des Tierkörpers überhaupt selten vor und auch dann nur bei Tieren, die ohnedies offenstchuich für Schlachtzwecke ungeeignet sind. Der Bazillus wird durch Kochen zerstört. Erwachsene Menschen sind einer Ansteckung mit Tuberkulose durch Nahruugsmittel nur in geringem Grade zugänglich. Daraus zieht Dr. Bordoni den Schluß, daß jene Gefahr mehr� in der Einbildung als in der Wirklichkeit bestehe und nach sorgfältiger wissen- schaftlicher Prüfung als unbegründet bezeichnet werden dürfe. Die ESkimoS und die Zivilisation. Prof. StefanSson, der weiße Eskimos entdeckt hat, ist nun in New Jork eingetroffen und be- fchäfligt sich bereits mit den Vorbereitungen zu einer neuen Ex- pedition. die ihn wiederum nach dem Norden führen soll. Der Ge- lehrte hat sich an die kanadische Regierung gewandt, um Schutzmaß- rungsordnung neu geschaffenen Landkrankenkassen abzu- sehen." Zur Begründung wies Frau Bennewitz darauf hin, daß die Landkrankenkaffen im Verhältnis zu den hohen Leistungen der Ortskrankenkassen ivcsentlich geringere Leistungen zu gewähren brauchen. Dazu kommt, daß in den Landkrankenkassen von einer eigentlichen Selbstverwaltung nicht die Rede sein kann. Während bei den Ortskrankenkassen Arbeitgeber und Versicherte aus ihrer. Mitte den Vorsitzenden und andere Mitglieder des Vorstandes wählen, liegt bei den'Landkrankenkassen die Verwaltung ausschließ- lich in den Händen der Gemeindeverbände. Von über QVi Millionen weiblicher Versicherter sind also nur die SMs Millionen der der Getverbeordnung unterstehenden weiblichen Versicherten Wahl- berechtigt. Mehr als 6 Millionen erwerbstätiger Frauen haben dieses Wahlrecht zu den Versicherungskörperschaften nicht. Dar- unter leiden gewiß auch die männlichen Mitglieder, aber bei den Landkrankenkassen kommt noch hinzu, daß die Zahl der weiblichen Versicherten bei ihnen überwiegt. Nun ist mit Genugtuung zu konstatieren, daß Württemberg, Baden und Elsaß-Lothringen so- wohl wie Sachsen-Koburg-Gotha für sich bereits die Landkranken- kassen abgelehnt haben. Bei uns in Preußen aber besteht die Befürchtung, daß die preußische Regierung in dieser Beziehung nicht so einsichtig sein wird. Wir haben die Befürchtung, daß in- folge der Zähigkeit, mit der gerade die preußischen Bundesrats- Mitglieder für die Landkrankenkaffen eingetreten sind, in den agrarischen Bezirken Preußens diese Kassen eingeführt werden. Der Preußische Landtag wird sich demnächst mit dieser Frage be- schäftigen. Es handelt sich hier um wichtige Rechte für Millionen unserer schwer arbeitenden und hart ringenden Geschlechts- genossinnen. Es ist erfreulich, daß sich auch der Deutsch-evangelische Frauenbund diesem Antrage airgeschlossen hat. Ohne jede Debatte wurde einstimmig die Dringlichkeit dieses Antrages anerkannt. Frau Weidemann- Hamburg brachte einen Dringlichkeits- antrag ein:„Die Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvcreine wolle eine Kommission einsetzen zur Ausarbeitung einer Petition betreffend wirksamen gesetzlichen Schutz von Frauen und Kindern vor trunksüchtigen Männer n." Zur Begründung wies Frau Weidemann dgrauf hin. daß gerade in letzter Zeit ein paar besonders krasse Fälle der Welt das Elend der Trinkerfamilien erneut vor Augen geführt haben. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um diese Not wenigstens einiger- maßen zu lindern. Gertrud B ä u m e r wies auf den Fall der Portiersfrau Friedrich in Steglitz hin. Die Geschichte dieser armen Frau, die ihre Kinder getötet hat. um sie den Klauen eines Wüte- richs von Mann zu entreißen, hat erneut Veranlassung gegeben. die Frage des Schutzes der Ehefrau und Kinder vor trunksüchtigen Männern aktuell zu machen. Wir organisierten deutschen Frauen haben alle Veranlassung, gerade jetzt, wo diese Angelegenheit dem- nächst die Gerichte beschäftigen wird, eine Kundgebung in dieser Sache abzugeben. Auch die Dringlichkeit dieses Antrages wurde einstimmig anerkannt. Die Verhandlung wandte sich dann dem gestern von Julie Bassermann eingebrachten Dringlichkeitsantrag zu. der die Zuziehung weiblicher Jugendgerichtsschöffen ver- langt. Frau Bassermann wies darauf hin. daß der Ausschluß der Frau als Schöffe von den Jugendgerichten ein ungerechtfertigter Ausschluß des Fraueneinflusses sein würde. Da bei den Lehrern eine Ausnahme gemacht worden fei und die Lehrer, die sonst auch nicht das Amt von Schöffen bekleiden dürfen, zu den Jugendgerichten in hervorragendem Maße hinzugezogen werden, würde es eine ungerechtfertigte Schädigung des weiblichen Einflusses be- deuten, wenn man die Frauen von den Jugendgerichten fernhielte, wo sie ein gutes Wort mitreden könnten. In der Debatte wurde darauf verwiesen, daß der Ausschluß der Frau vom Schöffenamt nicht einem Rechtsgrundsatz, sondern nur einem Usus entspricht. Der Antrag Bassermann wurde einstimmig angenommen. Das letzte Hauptthema betraf die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Krankenpflegerinnen. Die Referentin, Oberin Helene Meher-Dortmund, wies auf das Elend hin, das unter den Krankenpflegerinnen heute noch de- steht. Die Krankenpflegerinnen sind die Stiefkinder der Sozial- Politik. Es besteht keine Regelung der Arbeitzeit, für Krankheit und Alter ist nicht gesorgt. Das ist zurückzuführen auf die große Unkenntnis, die bei Behörden und Publikum über die Verhältnisse der Krankenpflegerinnew herrscht. Auch die Krankenpflegerinnen müssen Schreien lernen.(Zustimmung.) Es besteht in vielen regeln für die weißen Eskimos durchzusetzen.„Es wird notwendig, diese Eskimos unter Quarantäne zu stellen." so äußerte sich Stefansson,„weil die Krankheiten der Zivilisation, insbesondere die Masern, die Rasse nur allzu schnell aussterben lassen würden." Der Forscher möchte aus diesem Grunde auch die Entsendung von Missionaren verhindern, was in den reli- giösen Kreisen Amerikas bereits heftige Diskussionen hervorruft. Stesansson macht geltend, daß die Missionare die Zivilisation mit bringen würden, und das bedeute für diese Stämme die Gefährdung ihrer Lebensfähigkeit. In Alaska und in Kanada sind in den letzten 20 Jahren nicht weniger als 50 Proz. der Eskimo« an Malern ge starben; in Mackenzie gab eS vor einem halben Jahrhundert noch gegen 2000 Eskimos, heute jedoch nur noch 40 und in Point Barrow zählte man 1884 einen Stamm von 300 Köpfen, von denen heute nur noch 20 erhalten sind: Die Zivilisation hat die anderen aus- gerottet. Die Bewässerung Australiens. In der R. Geographica! Society in London hielt Gibbons Cox einen sehr interessanten Vortrag über die technischen Aussichten, den trockensten Erdteil genügend zu be- wässern. Nach derjMltteilung der„Deutschen Rundschau für Geographie" ging der Redner davon aus, daß in den Tiefen des australischen Festlandes ganz ungeheuere, seit Hunderttausenden von Jahren an- gesammelte Wassermassen vorhanden sein sollen. Dieses riesige Reservoir, das jährlich durch einen Teil des 20 Zoll betragenden RegcnsalleS vermehrt wird, würde ausreichen, um den dürren Boden- flächen des Kontinents Leben zu spenden und Wüstenflächen in Gärten und Weiden zu verwandeln. Den vielversprechenden Anfang mit der Ausnutzung dieses unterirdischen Reichtums machte bereits der Staat Queensland, der gegenwärtig 532 artesische Brunnen mit einer Durchschnittsbohrung von 1179 Fuß und mit einer täglichen Lieferung von 351 000 000 Gallonen Wasser besitzt. Aber noch immer gehen in Jahren der Dürre hier riesige Mengen des Weideviehs zugrunde. So verlor Queensland im Jahre 1900 nahezu 5 Millionen Schafe, das ist ein Drittel des gesamten Schafstandes durch die Dürre. Gibbon Cox ist überzeugt, daß durch einen großzügigen Ausbau der artesischen Brunnen die im australischen Boden schlummernden Wasiermassen dazu ausreichen werden, nicht nur in Süd-, sondern auch in West- und Nordaustralien Bewässerungsanlagen ständig zu ipeiien und dem gesamten Erdteil ein ganz anderes Aussehen zu geben. Theater. Hebbels„HerodeS und Mariamne", mit der Meinhard und Bernauer vor vier Jahren ihr Direktorat des Berliner Theaters eröffneten, ist jetzt in ihrer Filiale in der Königgrätzer Straße wieder aufgenommen worden. Damals wollten uns' die beiden literarisch kommen. jetzt haben sie eS längst nicht mehr nötig, da die Klassiker Äalisch und Rößler sie solcher Anstrengungen überheben und das ehemalige Hebbel-Theater auch den Namen abgelegt hat. den es nie zu recht führte. Hebbels gewaltige Tragödie war vor vier Jahren eine Art Sensation(wozu vor allem auch die Mariamne von Irene Triesch beitrug). Diesmal wurde sie sehr kühl aufgenommen, und wenn Krankenhäusern eine Dienstzeit von durchschnittlich 5 bezw. 6 Uhr morgens bis 8 bezw. 9 Uhr abends. Arbeitszeiten von 13, 14 u nb»ich rS künden sind an der Tagesordnung. Der Dienst- schluß steht häufig nur auf dem Papier. Die Maximalarbeitszeit ist zur Minimalarbeitszeit geworden. Noch schlimmer als in vffcni- lichen Anstalten liegen die Dinge bei den Privatanstalten. Da gibt es überhaupt keine regelmäßige Arbeitszeit. Arbeitszeiten bis zu 27 Stunden, ja bis 48 Stunden als ständige Einrichtung sind zu verzeichnen.(Lebhaftes Hört, hört!) Es gibt Zustände, die der- art sind, daß das Personal infolge Uebermüdung für irgend welches Versehen überhaupt nicht haftbar gemacht werden kann. Tie Krankenpflegerinnen haben keine regelmäßigen Sonn- und Fest- tage. Zu den körperlichen Anstrengungen kommen Ansprüche an die seelischen Kräfte der Krankenschwestern. Der fortwährende Anblick körperlicher Leiden erzeugt Gemütserregungen. Der dauernde Aufenthalt in der Krankenhausatmosphäre wirkt schädlich.� Wir stehen vor der widersinnigen Tatsache, daß, um Kranke gesund zu machen, Tausende von frischen gesunden und jungen Mädchen krank und siech werden. Auch die Wohnuugsver» Hältnisse lassen mehr als alles zu wünschen übrig. Die Be» köstigung ist in kleineren Anstalten schlecht, die Besoldung äußerst niedrig. Dazu kommt noch die Beschränkung der persönlichen Frei- heit. Die Krankenschwester'darf das Haus nicht ohne besondere Urlaubsbescheinigung verlassen. Der Besuch von Theatern und Konzerten ist so gut wie verbotene Man sieht eben in der Kranken» Pflegerin noch zu sehr die die Welt verneinende Ordensschwester. (Lebhafter Beifall.) Rednerin legt der Versammlung folgende Leitsätze vor:„1. Die von den Krankenpflegerinnen geforderten Arbeitsleistungen sind fast allgemein so groß, daß sie zu dauernder Ueberanstvengung führen. Zur Besserung der Verhältnisse ist Ver» kürzung der Arbeitszeit durch Vermehrung>des Personals, Treu» nung von Tag- und Nachtdienst und Entlastung von groben Haus» arbeiten notwendig. 2. Den Lebensbedingungen der Kranken» Pflegerinnen ist mehr als bisher im allgemeinen üblich Bcachtnng zu schenken, sowohl in bezug auf die materiellen Verhältnisse(Woh» nung, Ernährung, Besoldung. Krankheits- und Altersversorgung). als auch hinsichtlich der ideellen Bedürfnisse, da die heutigen über» mäßigen Anforderungen an Zeit und Kräfte der Krankenpflege» rinnen zu einer die Persönlichkeit wie die Berufstüchtigkeit schädi» genden Einseitigket führen." Im Anschluß daran sprach Oberin Marie v. Keudell über die Ausbildung der Krankenpflogerinnen. Als Voraussetzung für di» Berufsbildung der Krankenpflegerin sei die Vorbildung der höheren Mädchenschule wünschenswert. Die Dauer der Ausbildung, die gegenwärtig ein Jahr betrage, fei zu kurz. Den Anforderungen des Berufs würde nur eine dreijährige Ausbildung voll entsprechen. Im ersten Jahre müßte diese Aus- bildung vor allem praktischer Art sein, mit entsprechender Berück» sichtigung allgemeinen hauswirtschaftlichen Könnens. Im zweiten und dritten Jahre würde ein erweiterter theoretischer Unterricht hinzukommen. An dritter Stelle sprach Schwester Agnes Karll über di« Organisation der Krankenpflegerinnen. Durch die Gewerbezählung von 1007 ist festgestellt, daß es im Deutschen Reiche mindestens 30 000 berufsmäßige Kraukenpflege- rinnen gibt, von denen nur eine verschwindend kleine Zähl über- Haupt organisiert ist. Durch den Zusammenschluß eines größeren, Teils der Krakenpflegerinnen wird sich allmählich das dringend not- wendige zielbewußte Mitarbeiten an den wichtigen Berufsfragcn erzielen lassen, nämlich der Ausbildung und Erziehung zur Berufs» tüchtigkeit, sowie der gesunden Gestallung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Eine solche Fachorganisation könne aber nicht allein ans der Betätigung im Pflegeberuf begründet werden. Sie miisss vielmehr'bestimmte Qualifikationen nicht nur in'der beruflich:,» Vorbildung, sondern auch in der allgemeinen Bildung und morali- schen Bewertung fordern. Zur Ausgestaltung der Organisation ist notwendig die Bildung von möglichst zahlreichen Orts-, Provinzial» und Landesgruppen. Weiter ist erforderlich ein Nationalverband, sowie ein Weltbund der Krankenpflegerinnen. An die Vorträge schloß sich eine längere Debatte, in die auch Aerzte eingriffen. Die Verhandlungen gehen Freitag zu Ende. das Publikum dem Zuge seines Herzens zu folgen wagen würde, wäre ihr Schicksal nicht viel anders als bei der Wiener Uraufführung im Jahre 1840. Und doch ist inzwischen Hebbel durch seinen lieber» setzer ins Moderne, Ibsen, dem Verständnis näher gerückt. Aber die„Nora" durfte ja in Berlin ursprünglich auch nicht in der Originalfassung zu Ende gespielt werden: Nora mußte bei Mann und Mnd bleiben. Wieviel weniger kann eiir bourgeoises Publikum die Unerbittlichkeit des Mariamne-SchicksalS verstehen, das aus ihrem Anspruch. Mensch und nicht Sache zu sein, erwächst! Die Dialektis der Gefühle, die komplizierte und manchmal spitzfindige Art Hebbels, sein dramatisches Denken paffen nicht für das moderne Theater mit seinen sanften Ehebrüchen. So wird denn auch der zweite Anlauf Episode bleiben. und nur Frau Triesch wird diese gigantische Welt noch eine Zeit lang lebendig erhalten. Ihre Mariamne ist in der Tat eine fesselnde und erschütternde Gestalt. Das tragische Weh des Weibes, das seine große Liebe entweiht und seine Persönlichkeit entwürdigt findet und darüber zugrunde gehen muß, wurde in ihr zum inneren Erlebnis. Ihr Leid, ihre Klage, ihre Sehnsucht nach dem Wunderbaren(Achtung und Vertrauen), waren innig. Aber in den ersten Akten war die stolze Größe, die ihrer Menschenrechte bewußt ist, nicht so überzeugend. Herodes. Gewaltmensch und Neurastheniker zugleich, wurde von Herrn Hart au mit starker Leidenschast(besonders der Stimme)' gespielt. DaS Bramarbasierende. Holofemes gestaltete er wuchtig, aber den furchtsamen, von Eifersucht gequälten Psycho- pathen blieb er schuldig. Und gerade diese Mischung bildet HerodeS Wesenszug. Die übrige Besetzung war, abgesehen von B e r g c n S Joseph und Kühnes SameaS, nicht sehr hebbelmäßig. In der Inszenierung hatte man sich äußerster(ganz unorientalischer) Ein- fachheit befleißigt._ —i'. Notizen. — M u s i k ch r o« i k. Der Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse veranstaltet Montag, den 7. Oktober, 8>/z Uhr, einen Einführungsabend zum Schumann- Schubert-Konzert mit musikalischen Erläuterungen. Vortragender ist Alfred Guttinann. Das Schubert-Konzert findet anr 13. Oktober, nachmittags 4 Uhr, im Blüthner-Saal, Lützowstr. 76, statt. Mit- wirkende: das Dessau Quartett und Fräulein Hertha Dehmlow. Billetts zu 50 Pf. sind im Verein, in den Zahlstellen und an der Kasse zu haben. — Die Neue Freie Volksbühne bringt Sonntag im Metropoltbeater„Tata-Toto", Baudeville v»u Bilhaud mrd Carrö. zur Aufführung. — Vortrage. Die Ausgrabungen borwelllicher Riesensmirier m Deutsch-Ostafrika schildert in einem Lichtbildervortrag in, Bürger» saal des Berliner Rathauses am Freitagabend 8'/., Uhr Dr. Edwin Hennig. ein Teilnehmer jener Expeditionen. Eintrittskarten in allen Verkaufsstellen der Freien Hochschule. '— Richard Riemerschmid. der bekannte Kunstgewerbler und Architekt, wurde zum Direltor der Münchener Kunstgewerbe» schule ernannt. Stadtverordneten• Qerfamtnlung. 86. Sitzung vom Donnerstag, den 3. Oktober, nachmittags 5 Uhr. Vorsteher Michclet ervfnet die Sitzung nach 5� Uhr. Die Wahl des Ausschusses zur Vorbereitung der Neuwahl eines besoldeten Stadtrats an Stelle des Stadtrats Namslau hat stattgefunden; die die sozialdema kratische Fraktion ist durch Heimann, Bruns, Dr. Wehl und Leid vertraten. Von den 3 vüryerlichen Fraktionen ist folgender Antrag Cassel-Glatzel-Fritf gestellt: Die Versamrmlung wolle beschließen, den Magistrat zu er- suchen, eine Varlage betr. die Begründung einer Pflicht- fortbildungSschule für junge Mädchen baldigst einzubringen, damit diese Schule am 1. April 1813 eröffnet werden kann. Stadtv. Cassel(A. L.): Im September 1384 haben wir vom Magistrat die Vorlage erhalten, welche die Pflichtfortbilduwgsschule für junge Männer zum Gegenstand hatte. Im Dezember 1884 nahmen wir eine Resolution an. worin die Pflichtfortbildungsschule auch für Mädchen gefordert wurde. Seitdem sind 8 Jahre verflossen. Wlillig erkennen wir die große Zahl von Hinder- nissen an. welche such der Ausführung dieses auch vom Magistrat gebilligten Gedankens entgegengestellt haben. Nachdem diese Hindernisse aber überwunden sind, ist es h o h e Zeit, auch an die wirkliche Ausführung zu gehen, damit die Schule auch zum 1. April 1813 in Betrieb gesetzt werden kann. Das Statut ist bekanntlich ausgearbeitet, die Vorlage kommt aber nicht an uns; wie man hört, haben sich Anstände wegen der Kostenfrage ergeben. Selbst wenn eS sich aber um 1 Million handeln sollte— zunächst sind es nur 388 888 M.— kann das kein Grund sür die Verzögerung sein. Wir haben stets dahin grstrebt, mit 188 Proz. Einkommensteuer auSzu- kommen, aber ein Dwgma sind die 188 Proz. auch für uns nie ge- wesen, und notwendige Kulturaufgaben dürfen wir deswegen nicht auch nur vertagen. Auch in Zukunft werden wir dafür sorgen, daß neue Ausgaben auch ihre Deckung finden. Damit sollte auch der neue Herr Kämmerer für jetzt zufrieden sein, der sich, wie gesagt wird, für die 188 Proz. besonders interessieren soll. Dieser Antrag wird jedenfalls den Magistrat über unsere Ansicht unter- richten. Stadtschulrat Michaelis: In der Tat hat der Magistrat bereits 1884 erklärt, er werde nach Einführung der Pslichtfortbildungsschule für Knaben auch diejenige einer solchen Schule für Mädchen in Erwäigung ziehen. Auf die erwähnte Rc- solution der Versammlung antwortete der Magistrat 1988, daß er 1887 der Frage nähertreten werde. Dann traten die schon angc- deuteten Hindernisse ein. der Tod des Stadtschulrats Gerstenberg, meine Uebcrlastung und die schwere Arbeit der Durchführung der Pflichtfortbildungsschule für Knaben, wobei des Entgegenkommens der Arbeitgeber bei der Uebcrwinduny der anfangs sich häufenden Schwierigkeiten lobend gedacht werden muß. Dann galt es, unsere Erfahrungen für das neue Projekt nutzbar zu machen. Im Mai und Juni d. I. waren wir mit dem Entwurf des Ortsstatuts fertig; es mußte aber anch dem neuen Kämmerer und dem neuen Stadtoberhaupt Zeit zum Studium der ganzen Frage gelassen werden. Wir haben auf 38 888 Schülerinnen zu rechnen, lieber die Organisation sind wir im Reinen; auch die Lehrpläne sind im wesentlichen fertiggestellt. Die Deputation hat im großen ganzen also ihre Aufgabe erledigt. Der Mogistrat hat nun in seiner zweiten Lesung beschlossen, über den Termin noch, keine Eni- scheidung zu treffen. In ein bis zwei Monaten hoffen wir- mit unseren Entwürfen zustande gekommen zu sein- es wird auch die EröffnungzuOster-n 1813 nach der Ansicht der Deputation erfolgen können. Stadtv. Dr. AronS lSog.): Der Stadtschulrat hat sich geäußert, soweit es ihm innerhalb seiner Kompetenz möglich war. da hätten wir doch gern auch etwas über die Bedenfew von anderer Seite im Magistrat gehört. Kämmerer Dr. Böh: Neue Ausgaben werden nach einem ge- sunden Finanzgrundsatz erst dann festgelegt, wenn auch über die Deckung Klarheit herrscht. Gerade Sie hier haben diesen Grundsatz oft betätigt. Ein Ausnahmefall liegt für die Mädchen- pslichtfortbildungsschule nicht vor.(Ohol) Die Entscheidung über den Termin wird noch im Dezember oder Januar möglich sein, ohne daß damit die Eröffnung zu Ostern 1813 in Frage gestellt wird. Die Vorberatungen über die Eröffnung sind im Gange und werden fortgesetzt; die Zeit bis dahin soll benutzt werden, um Klarheit über die Beschaffung der Mittal nicht nur hierfür, sondern auch für andere neue Ausgaben zu schaffen. Der Magistrat wird schon in nächster Zeit mit Vorlagen in dieser Richtung an Sie herantreten, Kommt eine Eimgung bis Dezember darüber zustande, so werden keine Schwierigkeiten der Eröffnung der Schule zu Ostern 1813 entgegenstehen. Stadtv. Dr. AronS(Sozi.): Ich gehe davon aufi daß die Ver- sammlung einstimmig der Meinung ist, daß die Mädchenpflichtfort- bildungSschule zum 1. April 1813 eröffnetwerden muß. Nach der Erklärung des Kämmerers glaube ich ebenfalls namens der ganzen Versammlung erklaren zu können� daß wir nicht ver- stehen, wie gegenüber einer verhältnismäßig so kleinen Ausgabe ein so großer Gesichtspunkt entwickelt werden konnte. ES handelt sich um eine Aufgabe von allergrößter Wichtigkeit, um eine Ehrenpflicht der Stadt Berlin. Eine große Anzahl anderer Gemeinden eröffnet zu demselben Zeitpunkt, auf Grund der«Vi- vierten Gewerbeordnung, die MädchenpftichtfortbildungSschule. Die Regierung hat seinerzeit diese Schule für die Knaben in Berlin obligatorisch gemacht; sS könnte leicht eintreten- daß auch jetzt die Regierung erst dev Kommune einen Stoß geben muß, und das sollte doch vermieden werden. Es ist also möglichst baldige Einbringung der Vorlage dringend geboten. Stadtv. Mommsen(Fr. Fr.): Ich kann mich den Vorrednern aus der Versammlung nur anschließen. Wenn der Kammerer meint, die Vorlage wegen neuer Einnahmequellen würde im De. zember von uns erledigt werden können, so keimt er den Geschäfts- gang schlecht; eS wird länger dauern, und nachher kann tatsächlich die Eröffnung der Schule in Frage gestellt sein. Die ' Ausgaben für die Pflichtfortbildungsschule für Mädchen gehören zu den unbedingt notwendigen; eS würde uns bei der Bürgerschaft und bei den Staatsbehörden schlecht anstehen, wenn wir die Durchführung einer solchen Aufgabe, die wir längst als solche anerkannt haben und wofür jetzt die gesetzliche Möglichkeit gegeben ist, auch nur um ein balbes Jahr verschieben würden. Müssen wir wirklich deshalb die 188 Prozent überschreiten, so werden wir sie eben überschreiten. Min soll also doch hier nicht Verstecken mit uns spielen. Sachlich sind wir ja ohnehin einig; also heraus mit der Vorlage! Oberbürgermeister Mermuth: Der Magistrat hat die unan- genehme und schwierige Aufgabe, nicht nur für die einzelne An- gelegenheit zu sorgen, sondern auch dafür, wie sie sich in das Ganze einfügt. Es muß auch hier der Gegensatz ausgeglichen werden, der zwischen dem Kassenbestand und dem Drängen nach sachlicher Entfaltung sich immer zeigen wird. Mir stände es nicht wohl am wenn ich mich von den> Grundsätzen vorsichtiger Finanzwirtschaft abkehren wollte. Ich hege aber die aufrichtige Hoffnung, daß eS in größter Bälde gelingen wird, diese Ausgabe in den Haus- haltsplan einzupassen, sei e». indem neue Einnahmequellen eröffnet werden oder andere, weniger unerläßliche Ausgaben zurücktreten. Zu den dringendsten Aufgaben gehört di' vorliegend« zlweifellas. sie besckaftigt un» sckwn seit reichlich acht Jahren. Die Dahn ist dafur endlick frei geworden. Berlin darf hier nicht zurückbleiben, es wird sich nicht der Eventualität aussetzen dürfen, von der StaatSregie- rung erst zur Durchführung angehalten zu werden- Wir werden auch in Groß-Berlin auf diesem Gebiete an der Spitze zu bleiben haben. Diese Ansichten haben im Magistrat die Oberhand; keine Stimme hat sich dagegen erhoben. Die Macht der Verhaltnisse wird sehr bald die beiden städtischen Körperschaften zu einem ge- schlossenen Handeln zusammenführen.(Lebhafter Beifall.) Damit schließt die DtSkuffloni. Im Schlußwort bemerkt > Stadtv. Cassel: Der Oberbürgermeister hat seinerzeit im Reiche den Grundsatz, keine Ausgaben zu machen ohne die Mögliöhkeit der Deckung, mit Erfolg zur Ausführung gebracht. Aber schon Kollege Mommsen hat ausgeführt, daß die Verhälwiffe in der Kommune anders liegen. Der Kämmerer geht von unrichtigen Voraus- fetzunsjen aus. Es handelt sich ja hier nicht um Wälderankäufe für ungezählte Millionen, sondern um eine EntWickelung unseres Fach- fchulwefenS, die längst als Notwendigkeit erwiesen ist. Da kann kein Kämmerer kommen und sagen: wegen dieser 388 888 M. muß erst die Gestaltung des Etats abgewartet werden! Nun machte der Kämmerer die sehr interessante Ankündigung neuer Einnahme- quellen; darunter können doch wohl nur neue Steuern ver- standen werden, und solche werden wir nicht so schnell beschließen, wenn sie überhaupt beschlossen werden. Ich habe die Empfindung, als wenn man diesen Gegenstand benutzt, um uns schon jetzt für neue Einnahmequellen gefügiger zu machen. Als die Knabenpflichtfortbildungsschule beschlossen wurde, ist von keiner Seite die Deckungssrage auch nur berührt worden. Ter Antrag Cassel wird einstimmig angenommen. Den speziellen Entwurf und den mit 764 888 M. abschließenden Kostenanschlag für den Erweiterungsbau des Volks- bades Bärwald st raße hat der eingesetzte Sonderausschutz einstimmig zur Genehmigung empfohlen. Gleichzeitig wird vor- geschlagen, den Abdampf der Pumpstation in der Urbanstrahe zur Wassererwärmung der Badeanstalt nutzbar zu machen; der Magi- strat soll um eine entsprechende Vorlage ersucht werden. Die Versammlung beschließt nach den Ausschußanträgen. Mit der Einrichtung einer Spinnereiabterlung in dem Neubau der höheren Webeschule am Wlarschauer Platz hat man sich in der Ausfchuhberatung mit der Maßgabe einverstanden erklärt, daß ein Austausch der für die Handstickerei und Gobelin- Weberei mit den für die Spinnerei bestimmten Räumen deS Dach- geschosses des sogenannten Jndustriegebäudes stattfindet. Ohne Debatte wird demgemäß beschlossen. Es folgt die Beratung des Antrages Dr. AronS und Ge- nassen(Soz.>. „den Magistrat zu ersuchen, mit den in Betracht kommen- den Arbeiterverbänden über Abschluß eines kollektiven Arbeitsvertrages für die städtischen Arbeiter und Angestellten in Verhandlungen zu treten und der Versammlung den Vertrag zur Kenntnisnahme zugehen zu lassen." Stadtv. Glocke(Soz.): Der Gegenstand des Antrages ist ein lange gehegter Wunsch der städtischen Arbeiter und Angestellten wie meiner Fraktion: Die Regelung der Lohn- und Arbeitsverhält- nisse soll in möglichster Gleich st ellung mit den betref- senden Bedingungen in der Privatindustrie auf Grundlage des kollektiven Arbeitsvertrages erfolgen. Unsere frühe- ren Anregungen in dieser Richtung sind nicht immer besonders freundlich aufgenommen worden, haben vielmehr st a r k e n Wider st andbeider Mehrheit der Versammlung und beim Magistrat gefunden und sind schließlich abgelehnt worden. Auf die Dauer kann aber der Magistrat an diesen Anregungen und an den Forderungen der organisierten Arbeiterschaft nicht achtlos vorübergehen. Schon in den 88er Jahren ist ein Antrag, die Anfangslöhne auf 3 M. festzusetzen, hier abgelehnt worden, und noch heute haben wir Lohnverhaltniffe, die die städtischen Arbeiter keineswegs befriedigen können. Wir haben noch heute Anfangslöhne von 8.7S, 3,88, 4 M., und die Endlöhne sind ange- sichts der heutigen Verhältnisse auch nicht etwa hoch zu nennen. Angesichts dieser Verhältnisse gerade ist die neueste Anregung der organisierten Arbeiter nur freudig zu begrüßen. Bei den heutigen hohen Lebensmittelpreisen ist ja selbst ein Lohn von 4,S8 M. noch nicht ausreichend. Eine vierköpfige Familie kann sich von solchen Löhnen nicht einmal satt essen; die Frau muß mit verdienen, um den Haushalt auch nur einigermaßen zusammenzubringen. Aber nicht nur die Löhne allein bedürfen der Regelung, der Regelung bedarf auch die Art der Lohnzahlung. ES gibt heute Wochenlohn, Tagelohn und Stundenlohn, die Woche wird bald zu 6. bald zu 7 Tagen gerechnet; alle diese Differenzen tragen nur dazu bei. die Unzufriedenheit der Arbeiter zu steigern. Stundenlohn einzufüh- ren ist doch schließlich auch nicht Sache einer geordneten Kommunal- Verwaltung. Ebenso bedarf der Regelung die Arbeits- zeit, die heute zwischen 8 und 12 Stunden schwankt. Hier be- steht innerhalb der städtischen Betriebe noch eine vpllige Anarchie. In Ordnung zu bringen ist ferner das U e b e r st u n d e n s y st c m. das gänzlich abgeschafit werden sollte. Die slätdischen Arbeiter- ausschüsse haben bisher nur ganz ungenügende Wirksamkeit enl- falten können; ihre Konstruktion ist derart, daß damit gar nichts anzufangen ist und eigentlich bloß der Name„Arbeiterausschutz" übrig bleibt; eine Mitwirkung bei der Festsetzung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse haben sie über- Haupt nicht; da treibt jeder Betriebsleiter Politik auf eigene Faust. Bei einzelnen Verwaltungen besteht überhaupt kein Ar- beiterausschuß, bei anderen werden die Anträge der Ausschüsse häufig monatelang nicht beachtet. Die Annahme und Entlassung der Arbeiter wird in den städtischen Betrieben ganz eigenartig ge- handhabt; Einheitlichkeit besteht hier nicht im geringsten. Die Ver- Mittelung müßte doch durch den Zentralverein für Arbeitsnachweis erfolgen; gerade dieser wird aber von den städtischen Be- trieben fast gar nicht benutzt— ein geradezu skandalöser Zustand, da wir doch für diesen Verein jährlich an die 78 888 M. auS städtischen Mitteln beisteuern! Ungeregelt ist auch die Frage der Urlaubsgewährung. Dazu kommt noch eine ganze Reihe an- derer Einrichtungen, die zweifellos der Revision bedürfen, worüber sich im Ausschuß näher reden lassen wird. Wir hätten die verlangte Revision schon längst, wenn nicht in einzelnen Verwalwngen An- sichten vorherrschten, die sich von den modernen Anschauungen weit entfernen, indem einfach alle von den Organisationen kommenden Anregungen als„Hetze" erklärt und deshalb abgelehnt werden. Wir haben Chefs bei einzelnen städtischen Verwaltungen, welche die Organisationen als solche bekämpfen; ich verweise nur auf die städtische Straßenreinigung. Die Animosität gegen die Arbeiterorganisationen muß aufhören. Man sollte annehmen, daß bei den Berliner städtischen Behörden doch ein klein wenig fortschrittlicher Geist vorhanden ist, daß namentlich auch das Ko a l i t i o nS r e ch t. das doch auch auf dem Programm der liberalen Parteien steht, auch in den städtischen Betrieben respektiert wird. Leider liegen die Dinge, von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, anders. Schließlich wird Zufriedenheit nur eintreten, wenn sich alle Faktoren, die hier mit- zusprechen haben, auf dem Boden des kollektiven Arbeitsvertrages vereinigen. Die Verhältnisse haben sich eben seit der Zeit, wo die gesetzlichen Bestimmungen über den individuellen Arbeitsvertrag festgestellt wurden, durchaus geändert, die Großbetriebe haben immer mehr Txrrain erobert, die industrielle Reservearmee ist riesenhaft gewachsen. Auch die Arbeitgeber in der Privatindustri« haben sich mit dem Tarifvertrag mehr und mehr befreunden müssen und befreundet; es bestehen jetzt 8 8 88 Tarifab- kommen. Auch im Baugewerbe, das am stärksten widerstrebte, hat sich in den Arbeitgeberkreisen ein Umschwung der Meinungen vollzogen.(Wachsende Unruhe in der Versammlung. Der Bor- steher läutet wiederholt und ersucht schließlich den Redner, auch ein wenig auf die B stimmungen der Geschäftsordnung zu achten, wo- nacki das Ablesen schriftlich aufgesetzter Reden nicht gestattet ist.) Ich habe nur ein Zitat vorgelesen, nicht eine schriftlich aufgesetzte Rede.— Für beide Teile würde der Abschluß eines solchen Ver- träges eine außerordentliche Erleichterung sein. Die Differenzen würden sich auf«in Minimum reduzieren. Ein Mann wie der Vorsitzende der„Gesellschaft für Sozialreform", der frühere Mi- nister Freiherr von Berlepsch, hat dem Tarifvertrag vorbildliche Be- deutung beigelegt.(Andauende Unruhe.) Wir sind«S ja gewöhnt. daß die Mehrheit dieser Versammlung dem. was wir über die Arbeiterverhältnisse vortragen, nur eine sehr geringe Aufmerksamkeit zuwendet und sich lieber unterhält. Bei dem jetzigen System werden hier und da einmal die Löhne ein tvenig aufgebessert, das ist alles. Ein Vertrag, der auf ein« Reihe von Jahren festgelegt wird, bietet auch dem Kämmerer eine größere Gewähr und«inen Vorteil, weil er eine bessere Kal- kulation ermöylichk, und die Arbeiterschaft würde zu der städtischen Verwaltung ein ganz anderes Vertrauen fassen als jetzt. Gehen Sie auf unsere Anregungen nicht ein, so werden wir alljährlich damit wiederkommen und nicht ruhen, bis die Sache in unserm Sinne geregelt ist.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Goldschmidt(N. L.): Die Unruhe der Versammlung war wohl zum Teil darauf zurückzuführen, daß der Antragsteller ziemlich weit ausgeholt hat, daß er außerdem eine Menge Ge- sichtspunkte erörtert hat. die mit dem kollektiven Arbeitsvertrage an sich nichts zu tun haben.(Widerspruch bei den Sozialdemo- traten.) Im Prinzip sind wir für den Antrag, haben aber B e- denken wegen der Durchführung. Die städtischen Be- triebe sind öffentliche, keine Privatbetriebe. Für den Arbeitsver- trag sind die Liberalen schon eingetreten, als die Sozialdemokratie noch den nackten Klassenkampf predigte. Als 1896 die Buch- drucker ihren Tarifvertrag abschlössen, schloß das Leipziger Ge- werkschaftskartell die Buchdrucker aus. Ein Umschwung ist ja ein- getreten, aber noch 1888 wurde in Stuttgart eine Stellung a la Leipzig eingenommen(Unruhe und Zurufe bei den Sozialdemo- traten),... die..neuerdings befolgte Taktik" verworfen. Sind demgegenüber Anträge wie der heutige ernst gemeint? In dem Tarifvertragsentwurf, den die städtischen Arbeiterorganisationen uns zugeschickt haben, wird der Abschluß ausdrücklich zwischen Stadt und Arbeiterorganisationen verlangt; das würde den letz- teren ein Monopol geben, das wir nicht billigen können. Der Magistrat verwaltet nicht private, sondern öffentliche Mittel. Häufig sind Arbeiter aus Betrieben verdrängt worden, weil sie sich nicht entschließen konnten, den sozialdemokratischen Organi- sationen beizutreten. Achnliche Erscheinungen sind bei der Ar-- beitsvermittelung zu beobachten; eine Reihe paritätischer Arbeits« nachweise ist daran gescheitert. An die Vorgänge bei Freese, an den Konflikt, der aus ähnlichen Gründen entsprang, brauche ich nur zu erinnern; der Holzarbeiterverband hat da eine durchaus nicht lobenswerte Rolle gespielt. Die Sozialdemokratie soll auch das Koalitionsrecht der Arbeiter anderer Richtungen respektieren. DaS ist aber nicht immer der Fall.(Redner führt einige Beispiele aus Bremen, Nürnberg und Halle an. die den..Terrorismus" der sozialdemokratischen Arbeiterschaft beweisen sollen. Bei der Dar- legung der Einzelheiten wird Redner von den Sozialdemokraten mit Zurufen wie„Material zur Zuchthausvorlage I" u. dgl. unter- brachen, wogegen er sich mit dem Hinweis auf seine Z8jährige öffentliche Tätigkeit verwahrt.) Gegen die Unduldsamkeit der Sozialdemokratie spreche ich heute nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Male. Wenn es im Ausschuß gelingt, absolute Ge- Wissensfreiheit der Arbeiter zu gewährleisten, dann werden wir den Antrag annehmen, nicht aber, wenn er ein Monopölchen (Heiterkeit) für die Sozialdemokratie schaffen soll.(Beifall.) Stadtverordneter Ullstein(Fr. Fr.): Für die Bedeutung der Forderung scheint es mir von geringem Belang. Wiesich die Sozialdemokratie früher dazu gestellt hat. Jedenfalls hat sich die Forderung des Tarifvertrages in weitem Maße durchgesetzt. Für Prüfung des Antrages in einem Ausschuß sind wir bereit. Ablehnen müssen wir den Abschluß mit den Or- ganisationen, den Abschluß eines einzigen Vertrages mit sämtlichen Arbeitern, und den Kollektivvertrag auch für Angestellte. Stadtverordneter Jacobi(A. L.): Berlin hat den Arbeitern nicht weniger, sondern mehr geboten als andere Kommunen und als die Privatindustrie. Ich verweise auf das Ruhegehalt und den Urlaub. Bisher haben wir auf den städtischen Werken mit unfern Arbeitern direkt verhandelt; ein Teil von ihnen gehört ja über- Haupt keiner Organisation an. Die Tarifverträge, die sich in der Privatindustrie durchaus bewährt haben, passen nicht für die Stadt Berlin. Uebcr den Verwaltungsdeputationen stehen noch der Magistrat und die Versammlung. Einheitlicher Wochenlohn ist z. B. auf den Gaswerken unmöglich. Die Akkord- arbeit und die bessere Entlohnung tüchtigerer Arbeit wollen die organisierten Arbeiter geradezu. be,«itigem Einige Anregungen in ihrem Entwurf sind indessen beachtenswert, und deshalb sind wir ebenfalls, obwohl Gegner des Zwangsvertrages, für Ausschuß-' beratuna. Stadtv. Glocke: Die von den Vorrednern als überflüssig bezeich- neten Teile meiner Begründung waren keineswegs überflüssig, denn auch die von mir erörterten Fragen gehören in einen Kollektiv- vertrag. Darüber werden»vir uns»vvhl noch näher verständigen können Herr G o l d s ch m i d t ist aber seinerseits mit Dingen gekommen, die gar nicht hierher gehören. Er kann mir am allerwenigsten unterstellen, daß ich mit unserem heutigen Antrage Agitation treibe. Wir wollen bestimmte Fest- setzung und Regelung der Lohn- und Arbeits- bedingungen durch den Tarifvertrag erreichen;»vir wollen auf diesem Wege uitd ohne große Streiks erreichen, daß die Verhältnisse der A rbe iter gebessert werden. Ge- wiß stehen wir auch heute noch auf dem Standpunkt, daß die Ar- beiter zum Streik greifen müssen, wenn ihnen zum Beispiel die städtischen Behörden nicht gebeig was für ihren Unterhalt not- wendig ist(Lclchaste Zusttimmunig bei den Sozialdemokraten; Un- ruhe bei der Mehrheit); das schließt aber doch die Bemühungen für den Tarifvertrag nicht aus. denn die Tarifverträge sind auch ein notwendiges Produkt der ganzen EntWickelung unserer Wirtschaft- lichen Verhältnisse. Bei der Heranziehung des Freeseschen Beispiels hat Herr Goldschmidt die Verhältnisse ganz falsch dargestellt. Bei Herrn Freese steht die Hauptmasse der Arbeiter auf dem Hirsch-Dunckerschen Standpunkt. Wenn Herr Ull- stein Verträge nur mit den einzelnen Arbeitern abschließen will. so paßt das doch gar nicht zum Wesen des kollektiven Arbeitsver- träges.(Aha! bei der Mehrheit.) Wenn Sie den Vertrag ab- lehnen, schädigen Sie nur die städtischen Arbeiter. (Widerspruch.) Solche Verträge können nur von Korporation zu Korporation abgeschlossen werden.(Lachen bei der Mehrheit.) Sie würden darüber nicht lachen;»venin Sie etwas mehr von der Sache wüßten. Nur die Organisation kann die Einhaltung der Verträge garantieren.(Erneuter Widerspruch und andauernde Zurufe vm» der Mehrheit.) Ich hoffe doch noch daß die Herren schließlich noch zur Einsicht kommen werden; zumal die städtische Arbeiteroraonisa- tion annähernd 78 Proz. aller städtischen Arbeiter umfaßt Die Verträge werden von Korporation zu Korporation abgeschlossen. gelten aber sür alle Arbeiter. Ich bitte Sie. ganz objektiv an die Sache heranzutreten. Herr Goldschmidt als Freund der Tarifver- träge sollte mcht in der Weise, wie geschehen, unsere Bestrebungen untergraben(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. D-ve(A. L.): Die Unaufmerksamkeit-der Versamm- lung war eine Folge davon, daß der Antragsteller den Rahmen seiner Darlegungen viel zu weit aezoaen hat. Ich bin auch für Ausschußberatung, beztveiffe aber sehr ob da etwas Positives her- auskommt. Wir müssen uns stets bewußt bleiben, daß wir als Stadt eine öffentlichrecktliche Institution sind. Nicht mit Leiden- schast, sondern mit größter Ruhe und Nüchternheit muß das Problem behandelt werden Stadtv. Goldschmidt- Ich muß es energisch zurückweisen, daß man den Mut gesunden hat meine Ausführungen als«ichsver- bändlerisch, als Material' für eine Zuchthausvorlage zu charakterisieren. Das kommt mir so dumm und so lächerlich vor...(Vorsteher- Sie meinen doch keinen Anwesenden?) Das vruß ich den Herren überlassen, ob sie es aus sich beziehen wollen.— Im weiteren bleibt Redner dabei, daß er im Falle Freese «cht habe; ein Brief Freese» beweise, daß die Entlassung eines Arbeiters erfolgte»eil derselbe einen anderen zum Beitritt zum soziald.mokratischc'n Holzarbcit.rverbande habe zwingen wollen. Man könne nicht einerseits solchen TerrorismuS üben und anderer- seit? sich hier als den Friedlichen und Vertrag'ichen aufspielen. Wenn aus den Saulussen Paulusse geworden seien und er das konstatiere dürfe man ihm nicht mit Beschimpfungen antworten. So schwach und wirr sei noch kein sozialdemokratisch«»: Antrag vertreten worden.. r t.._,. -Damit schließt die Debatte. Stadtv. Sasienbach(Schlußwort namens der Antragsteller): " ehr ernste Debatte zu einer ganz ionszänkerei herabgezogen, Kollege Goldschmidt hat diese kleinlichen Organi�a die der Sache nicht, sondern ihren Gegnern gedient hat. Als die Juden in Aegypten die Pyramiden bauten, hatten sie auch noch keine Tarifverträge(Heiterkeit); diese sind erst geboren worden, als die EntWickelung dazu reif war. Wie wir sind auch die Unter- nehmer ursprünglich gegen Tarifverträge ge- wesen. Terrorismusfälle, wenn sie wirklich solche sind, werden von den verantwortlichen Stellen absolut nicht gebilligt, sondern durchaus mißbilligt. Auch in den Fällen, die Herr Goldschmidt angeführt hat, möchte sich manches anders darstellen, wenn man sie näher unter die Lupe nimmt. Lassen Sie sich die Sache durch die Zänkerei, die Herr Goldschmidt angefangen hat, nicht verekeln I (Beifall.) Der Antrag A r o n s wird fast einstimmig an einen Ausschuß von lö Mitgliedern überwiesen. Nachdem noch u. a. die Genehmigung zur Ueberbrückung der Mauer st raße durch einen Schwibbogen zwischen den Geschäfts- gebäuden der Deutschen Bank(Rekognotionsgebühr 5000 M.) erteilt ist, schließt die öffentliche Sitzung nach 9 Uhr. Hus der parte!. Eine Landeskonferenz der tschechischen Sozialdemokratie Böhmens, der neuen Partei, die die Zentralisation der Gewerkschaften und den internationalen Zusammenschluß der österreichischen Arbeiter will, hat soeben in Prag stattgefunden. Für die deutschböhmiscke Sozial- demokratie war ihr Sekretär Genosse Cermak erschienen. Die Partei zählt in Böhmen bereits 59 Lokalorganisationen und wird ihr Landes- organ.Rudy Prapor'(Rotes Banner) vom 1. November 1912 an als Tageblatt erscheinen lassen. Auf der Konferenz, die auch die Landesparleivertrewng wählte, wurde hervorgehoben, daß das tschechische Proletariat mit geschwächter Kraft in den Kampf gegen da? die Arbeiter völlig entrechtende Landtagswahlrecht geh«, well die tschechoslawische Sozialdemokratie(.Separatisten") durch ihre Zer- reißung der einheitlichen Gewerkschaften auch die politische Aktion der Arbeiterklasse schwer geschädigt haben. pollreiUcbes, ßenchttiches ufw. Preßprozeß. Die.Leipziger Volkszeitung" hatte am 19, April mit- geteilt, daß ein Soldat in Döbeln sich durch Oeffnung der Puls- ädern das Leben zu nehmen versucht habe. Schon vorher habe eine Untersuchung über die schlechte Behandlung der Soldaten statt- gefunden mit dem Erfolge, daß ein Unteroffizier mit Arrest bestraft worden sei. Nun ist es richtig, daß der Soldat einen Selbstmord- versuch verübt hatte, aber er gab als Grund dafür an, daß er dies .nur" wegen mehrfachen Tadels getan habe. Eine Untersuchung hat auch stattgefunden, aber eS ist kein Unteroffizier bestraft worden. Deshalb sollten die Unteroffiziere der Kompagnie.beleidigt" worden sein. Genosse Liebmann, der Verantwortliche der»Leipziger Volks- zeitung" wurde deshalb zu 50 M. Geldstrafe verurteilt. Hus Industrie und Handel. Anständige L ohnsteigerunge». Ein Beruf kann sich rühmen, in den letzten Jahren anständige Lohnsteigerungen erhalten zu haben, ohne daß von den Berufs- genossen eine Steigerung der sehr minimalen Leistungen verlangt wird. Solcher glücklichen Position erfreuen sich die Herren AuffichtS- röte. Deren Bezüge— soweit sie versteuert wurden— betrugen nämlich: 1908/09;;;«OIOOOO EUart 1909/10... 59 300 000„ 1910/11... 65 390 000# 1911/12... 71 500 000, In den letzten vier Jahren erzielten die Inhaber der AufsichtS» ratSposten demnach eine Steigerung der Vergütting um 30,4 Millionen Mark gleich 75 Prozent. Und die Einkommenssteigerung hält weiter an. Die AuffichtS- ratsdividende stieg nämlich weiter von 960 000 M. im August 1910 auf 980 000 M. im gleichen Monat 1911 und tnimt aus 1 170 000 M. im August dieses Jahres. Berücksichtigt man die ersten acht Monate des Kalenderjahres, dann ergeben sich für 1912! bereits 68 910 000 Mark gegen„nur" 61 830 000 M. im Vorjahre. Kein Zweifel: die Aufsichtsräte können in Zufriedenheit die Friachte der Arbeit— anderer genießen. Wie glaubwürdig versichert wi.rd, merkt man in den Kreisen dieser glücklichen Zeitgenossen nichts von Notstand l— Briefharten der Redaktion. Die imisttsche Spreastundc findet LindenftraS« 6% vor» vier Treppe» — Fahrstuhl—, wochentäglich voll tth bis IVi Uhr albemdS, SonnabeudS, von iVs bis 6 Uhr abends statt. Jeder für de« Brieflasten vefttmmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl alS Merkieiche« betznfstgen. Briefliche Antwort wird nicht erteUt. Anfragen, denen keine Abounementsqnittnng beigefügt ist, derben nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. — Nr. 1600. Verein für innere Kolonisation in Frankfurt a. O., Kolonie bei Reppen.— R. R. 17 und Erbschaft. Nein. Jede Zeitung, der ein solcher Auftrag zugehr.— O. B., Neukölln 101. Tragen Sie Ihre Wunsche vor in der Auskunstsstellc Neukölln, Richardstr. 118, Dienstag und Freitag von 2—4 Uhr.— C. C. 14. Wir wissen nicht, was Sie mit der Bezeichnung meinen.— Wunderblume. Als fleischige Pflanze einjährig, daher nicht zu überwintern.— K. K. 3680. Frachtsätze waren nur vorübergehend ausgehoben.— H. Z. Tchtcme 7. 1. JA. 2. Nein. i» Ihrem lieb. Freund n. Genossen H I Friedrich Wenske ö zu küiem 74. Wiegenfeste v ® die herzlichsten Glückwünsche. Die Genossen des 623. Bezirks A des 6. Berl. Reichst. Wahlkr. SKASSAS 4 Ibi Vi J Unserem BezirkSsührer Paul Matbies die herzlichsten Vermählung. Die Genossen «SOSSSSAA ist' Unserem Genossen, dem% *{• BezirkSsührer Max KÖhil � vst die herzlichsten Glückwünsche zur Bandelstratze 8 am 1. Oktober an Gehirnhaut- entzündung gestorben ist. Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 5. Oktober, nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle de« St. JohanniZ-KirchhofeS in Plötzensee aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Schlosser Ulbert Taube Nieder-Schönhausen, Keplerstr. 11, am 1. Oktober an Lungenleiden. Die Beerdigung findet heute Freitag, den 4. Oktober, nach- mittags 4'/. Uhr, von der Leichen- Halle des Schönholzer Kirchhofes aus statt. Ehre ihrem«ndenreuk Rege Beteiligung envattet 125/12 Die Ortsverwaltung. Tischler-Verein zu Berlin. Den Kollegen zur Nachttcht. daß unser Mitglied, der Tischler Tozeph Erbrich wohnhast Glogauer Str. 3, Im Aller von 50 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute, Freitag, den 4. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Freireligiösen Ftted- hoscZ, Pappelallee 19—20, aus statt. 6556 Zahlreiche Beteiligung erwartet Her Vorntzuid. Danksagung. Für- die ousttchtige Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben ManncS und unseres VaterS sagen wir allen Freunden und Bekannten sowie den Genosse» vom 4. Wahlkreis unseren besten Dank. 2a Wwe. Ploen und Kinder. Zentral-Yerband der Töpier d. Berulsgenosseo Deutschlands. Filiale Groß- Berlin. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß am Mittwoch, den 2. Oktober 1912, der Kollege iienuann Lubrich (Bez. Osten) im Alter von 68 Jahren an Herzschwäche verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! � Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 5. Oktober 1912, nachmittags 2>/, Uhr, von der Pinlschsttaße 20 aus statt. Zahlreiche BeteUigung erwartet 193/5»er Verstand. InvalideD-Onterstiitzungskasse d. Stelndrueker u. Lithographen. Die Beerdigung des am 1. Ok. tober verstorbenen Mitgliedes Otto Bastian findet statt am Sonnabend, den 5. Oktober, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des allen Thomas- Zkirchboses, Neukölln, Hermannstraße 179-186, aus. 663b Das Komitee. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachttcht, daß unser lieber Vater und Großvater Peter Kappel am 2. Oktober 1912 nach langen, schweren Leiben gestorben ist. Die trauernden Kinder. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 6. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des SimeonS-Fttedhoses auS statt. Hausfrauen! Gratis erhält jeder Käufer von 2 Ä». an eine Wurst zur Eröffnung der Schlächtertt am Sonn- abend, de« S. Oktober. 6SZb Leorx Naumann, Bonhagen- Gärtnerftrafte 19. 43841/* (Zentrale Pankow, Berliner Straße 112 OberxSchöneweide, Wilhelminenhotf-Str. 50 Berlin C., Klosterstraße 91 Berlin S., Simeonstraße 1. Billige Preise pÄma Gänsefleisch Gänse-StfickEDfleisch, Pftmd 70 Pf, zwei Pfand 1.35 Gänseklein, ohno Magen, 55 Pf. Gänsekeulen, Stück 70 Pf. Größte Koabiter Gänse-Jlnssehlaehterei D, Hellmann, Tnrmatr. 67, En gros. Fernsprecher Moabit 2730. En detail. 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Den Mllalledern zur Nachttcht, daß unser Kollege, der Tischler flotsn Kuppel (Admiralstraße 4) im Aller von 71 Jahren gestorben ist Ehre seinem Andenke« k Die Beerdiguug findet am Sonntag, den 6. Ottober, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Simeons-KicchboseS in Britz. Tempelhoser Weg, auS statt. Den Mitgliedern serner zur Nachttcht, daß unser Kollege, der Tischler Klkarl Dau (Reulölln, Berliner Straße 59) im Alter von 38 Jahren gestorben ist. i�bre seinem Andenken k _ Tie Beerdigung findet am Sonnabend, den 5. Oktober, nach- ü 3'/, Uhr. van der Halle des Neuköllner Gemeinde-Fried- boies am Mariendotter Weg, aus Um rege Beteillgnng ersucht 89/12 Gle Ortsverwaltung. eheimnis für viele Ist et. nur für Herren die sich, noch nicht üb erzeugt haben» das man hier vom Hlngel-Anziii; Klnffel-Faletot Kingel-Ulater Schneidermeister nur reelle fertige Garderobe erhält Aniiiü oder Paletot nidt M von 33 M. an Allerdings 99 S:;;::;;,";. oo sissJass. 33 WUM 39 «« Klngel-Ülster SiO Kii»eel-Ül»ier wl* Hinsel-Ilster UV Se'««'iÄ0'812"" A. Ringel, Schneidermeister, 31 Cheusseestra 31» etc. Kiu Versuch ftthrt zu dauernder Kundaehaft. ® AAVerlheim S 126— 30 132-37 Leipziger Sir. Soweit Vorhanden: Fleischwaren Braunschw. Zervelatwurst, ftn im Fettdsrm...... Pfund � Zervelat- u. Salamiwurst prdl.40 Schlnkcnwurst..... Pfund 1.50 Bauernmettwurst____ Pfd. 1.15 Teewurst.......... Pfd. 1.25 Pasteten-Leberwurst prund 1.25 Feine Leberwurst...'.«4 1.15 Landleberwurst..... Pfd. 1.00 Jagdwurst......... pri 1.05 Rotwurst...... Pfd. 55, 75 pf. Rollschinken 8Ä8PfupnLd 1.55 Mausschinken m 1-35 Schinkenspeck 1.30 Landschinken 1.40 Gänsebrust ��°sm��pf4 160 Butter u. Käse Koch* u. Backbutter. Pfund 1.15 Essbutter 1.25, 1.35 69 pr. !•_, 2 j C i._. am Bahnhof IV omg" dir. Alesander- Platz Lebensmittel G* m. b# H. Rosenthaler Strasse Oranien-Strasse Inseriertes Obst, Gemüse u. Fische können nicht zugesandt Verden. Frisches Fleisch Pa.Ochsenschmorfleisch 95 pf. Roastbeef.... Pfand 1.10, �h/.?i. 70 n 1 909 Almando(rot).. v. n 80 pt Bordeauxwein 1 907 Castillonnals. v, n, 87 pr. 1907 Chat. Laguc, Fr?/�£ 95 pr. 1908 Haut Mcdoc.. v. n. 1.05 VERA H. Weltmann Nachf. Berlin C., Kaiser- Wilhelmstr. 41-42 Spandauer Strasse 70-71 Modernste Ausführung > )VIöbd-Hngcbot. JolideS Möbelgeschäft liesezt bürgerliche Wohnungseinrichtungen sowie ein. »eine Möbel gegen mäßig« ZinSoergüwng bei kleiner An»abllmg u. geringen "", Teilzahlungen. 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Jahrgang. 2. jpfililjt iics Jotttiiitlfj" Sttlinft öolbliliitl Freitag, 4. Oktober 1912. Gerichts-Zeitung Ihr laßt den Armen schuldig werden, Tann überlaßt Ihr ihn der Pein. Vor wenigen Jahren kam aus Schlesien die erschütternde Kunde, daß das Gericht eine Mutter zum Tode verurteilt hatte, weil sie ihr Kind ermordet hatte, das zu ernähren ihr unmöglich gemacht war, weil sie des Kindes wegen von Gc- meinde zu Gemeinde abgeschoben und um die Arbeit gebracht war. Tie arnie Unglückliche wurde später zu 10 Jahren Zuchthaus„begnadigt". Von einer Anklagecrhebung gegen die herzlosen Gemeindevorsteher hörte man nichts. An diesen Fall erinnert em am Montag vor der Straf- kam nie r in Stolp in Pommern verhandelter Fall, über den die„Kösliner Zeitung" folgendermaßen berichtet: „Ein trauriges Bild ergab die Verhandlung �egen die unverehelichte 17jährige Marianna W. aus Somnun, Kreis Bütow, und deren Mutter, die Arbeiterfrau Pauline W. Beide wurden beschuldigt, den Tod des voir der erstercn am 22. Dezember vorigen Jahres geborenen Kindes durch Ver- hungern herbeigeführt zu haben. Tie Vernehmung der W. ergab folgendes: Sie war im Kreise Berent im Dienst und hatte dort ein VerhäUnis mit einem verheirateten Arbeiter, das nicht ohne Folgen blieb. Das Kind wurde im Hause feiner Mutter, die in Sommin i ni Armenhause wohnte, geboren. D i e Z u st ä n d e i in Armenhause,„in der Ewigkeit" genannt, sind die denkbar s ch l c ch te st e n. In der Stube der Angeklagten wohnten 9 Personen, darunter zwei Schwerkranke, in der Hinter st übe 7 Personen, die durch deren Zimmer durchgehen mußten. Das Kind wollte die Brust nicht nehmen und mußte, da die Leute zu arm waren, um Milch zukaufen, in den ersten zwei Wochen von Zuckerwasser leben. Als dann Milch beschafft wurde, konnte es diese nicht vertragen. Es wurde nun weiter mit Tee und Zuckerwasser ernährt, bis das arine Wesen am 24. Februar endlich von seinen Qualen durch den Tod erlöst wurde. Tie junge Mutter tat alles mögliche, um Mittel zur Pflege des Kindeszubeschaffen. Sie wandte sich v e r g e b l i ch an den Vater des Kindes, sie ivandte sich an die Gerichte, es wurde endlich ein Vormund bestellt, der sich jedoch auch nicht um das Kind künunerte. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde die Leiche des Kindes durch die Kreisärzte Dr. Hülsnieyer-Bütow und Dr. Poddey-Lauen- bürg obduziert. � Beide Sachverständige sagen überein- stimpiend �aus, daß sie eine solche Leiche noch nicht gesehen hätten. Sie war ein Skelett mit Haut überzogen, jeder Muskel fehlte, der Magen war zusammengeschrumpft, der Darm glich gefettetem Papier, es war in ihm keine Spur von Nahrung enthalten. Der Vertreter der Staats- a n w a l t s ch a f t wandte sich in bitteren Worten an alle, die wohl von dem Elend der Familie gewußt, aber ihre Pflicht versäumt hätten, so der Amtsvorsteher, Gemeinde- Vorsteher und Vormund. Er bat, der Mutter des Kindes infolge ihrer Jugend und in Anbetracht der bitteren Armut der Familie mildernde Umstände nicht zu versagen. Er beantragte für die W. 5 M o n a t e Gefängnis, wovon ein Monat Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wird, für die Pauline W. 9 Monate Gefängnis. Das Gericht verurteilte die Hauptangeklagte W. zu 5 Monaten, wovon ein Monat Untersuchungshaft angerechnet wird, und deren Mutter zu 3 Monaten Gefängni s." Wie sind solche Zustände, wie solches Urteil möglich? Wie konnten die Armen verurteilt werden, die alles ihnen Mögliche getan hatten, um deni Kinde Nahrung zu schaffen, aber von allen Behörden im Stich gelassen wurden? Was sollten sie denn mehr tun, als sie getan haben? Etwa stehlen gehen? Das wäre menschlich erklärlich gewesen: Geseh ist mächtig, mächtiger ist die Not. Aber strafbar kann die Unter- lassung des Stehlens doch nicht sein. Weshalb sind statt der Mutter und Großmutter nicht die Vertreter der Behörden, deren Schuld der Staatsanwalt an- erkannte, auf die Anklagebank gebracht? Weshalb wurden ferner die Personen bis hinauf zur höchsten Aufsichtsinstanz nicht zur Anklage gebracht, die solche himmelschreiende Zu- stände im Armenbanse duldeten? Sie sind daran schuldig, daß die Mutter und Großmutter dos Kind nicht ernähren konnten. Aber: Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt Ihr ihn der Pein. Errkgiheit gegen eine Lehrerin. Eine außerordentlich harte Strafe verhängte das Schöffengericht Bcrlin-Schöneberg gegenüber dem Portier Daust. der sich in einer freilich nicht schönen Weise gegen eine städtische Lehrerin benommen hatte. Es war die Anllage wegen Hausfriedensbruch, Beleidigung. Körper» Verletzung und Bedrohung gegen ihn erhoben worden. Die kleine Tochter des Angeklagten besiichie die Geineindefchule in der Winterfeldtstraße�und gab der Lebrerin Frl. Graebich durch unlanbere Haltung ihrer schntbefie und ihr sonstiges Verhalten Anlaß zu tvledcrbolien Rügen. Eines Tages verfügte die Lehierin. daß das Mädchen nachzusitzen habe und i» derN ichbteibesiunde Ichlug die Lehrerin das Mädchen mit einem Lineal auf die Finger. Der Angeklagte. ein in feiner Geiundbeit gefchivöchwr und leicht erregbarer Mann. war zu der'elben Zeil in die Klasse getreten und halte dieS gesehen; er geriet darüber in gewallige Aufregung und verursachte eine lärmende Szene. Er versetzte der Lehrerin einen Schlag auf die Backe, schlug dann nochmals mit einer Schulmappe gegen die Lehrerin und belegte sie mit argen Schimpfworten. Schließlich drohte er ihr, sie züchtigen zu wollen, wenn sie ihm auf der Straße begegnen sollte. Der Angeklagte gab unter anderem zu feiner Entschuldigung an, daß er besonders darüber empört gewesen fei, daß, wie e r g e- sehen haben will, die Lehrerin das Kind mit dem Lineal gegen den Kopf geschlagen habe. Diese Behauptung wurde durch die Beweisaufnahme nicht bestätigt. Der Staatsanwalt beantragte 6 Monate und eine Wo chx Gefängni«. wobei er berücksichtigte, daß der Angeklagte infolge seiner Krankheit leicht erregbar sei Das Gericht ging weit„der diesen Antrag hinaus; es berücksichiigte seinerseits, daß der irtio» mehrfach vorbestrafte Angeklagte eine ganz lknerdörle Szene aufgeführt, sich außerordentlich roh gegen eine Frau benommen, die ihin hilflos gegenüber stand, und die Autorität der Lehrern vor den Schüternmen schwer geschädigt habe. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einem Jahr Gefängnis. Die Art und Höhe der Strafe gehen bei weitem über den Zweck einer Strafe und tragen in durchaus einseitiger Weise den Um- ständen keine Rechnung, die für den Angeklagten mildernd ins Ge- wicht fallen._ Das Bcreinsgcsetz gegen die Freie Volksbühne. Nachdem der Polizeipräsident von Berlin der Freien Volksbühne die Aufführung des Nosenowschcn Dramas„Die ini Schatten leben" verboten hatte, berief die Leitung der Freien Volksbühne eine öffent- liche Versammlung ein mit dem Thema:„Die im Schatten leben — der Potizeikampf gegen die Freie Volksbühne".— Die Ver- sammlung fand am 13. Mai im Konkordiaiaal statt. Am 11. Mai war sie durch Inserat im„Vorwärts" angezeigt.— Nach Ansicht der Polizei soll die Versammlung eine politische gewesen fein und die Form deS Inserats im„Vorwärts" nicht den vereinsgeictzlichen Vorschriften beziehungsweise dem Ministerialerlaß über die An> meldung politischer Versammlungen entsprochen haben. Deshalb hatte die Polizei den Genossen Gustav Winkler als Einberufer und den Genosfen Kurt Baake als Leiter der Versammlung mit Straf- Mandaten über 5 beziehungsweise 10 M. bedacht, lieber die Recht- Mäßigkeit der Strafmandaie sollte gestern das Schössengerichl ent- scheiden.— Hier vertrat der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Heine- mann den Standpunkt, die Versammlung sei keine politische ge- wesen, denn es habe sich nickt um eine Einwirkung ans die Gesetz- gebung oder Berivalinng des Staates gehandelt, sonder» es sei nur die Maßnahme kritisiert worden, welche der Polizeipräsident im vor- liegenden Falle gegenüber der Freien Volksbühne getroffen hatt�. Das Knlisieren einer Berwaltungsmaßnahme gegen eine bestimmte Person oder, was juristisch dasselbe sei, gegen einen bestimmien Verein, sei keine politische Angelegenheit. Nach der Nechtsausfassung deS Kammer- gerichts sei eine Versammlung nur dann als politische anzusehen, wenn sie eine direkte Einwirkung auf die Gesetzgebung oder sonstige Funktionen des Staates beabsichtige. Das Gericht kam noch nicht zu einem Urteil. ES vertagte die Verhandlung, bis das Urteil des Oberverwaltungsgerichts über die Klage der Freien Volksbühne gegen das polizeiliche Verbot der Aufführung deS DramaS„Die im Schalten leben" vorliegt. Kindereien als Folgen eines Manövers. Der Vorwurf, daß„ein preußischer Leutnant sozialdemokratische Freunde habe", bildete den Gegenstand eines Beleidigungsprozesses, welcher gestern unter Vorsitz des Landgerichtsrats Rimbach die 2. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte. Angeklagt war der Rentier Dr. Alexander C o u l i n ans Bretten sBaden), der wegen weiter Entfernung seines Aufenthaltsorts vom persönlichen Erscheinen entbunden war.— Der Anklage liegt ein Vorfall zu- gründe, der sich anläßlich des im vergangenen Jahr in Baden statt- gefundenen Manövers des 14. Armeekorps abgespielt hatte. Der in Charlottcnburg ansässige Oberleutnant Klein, welcher zur Teilnahme an dem Manöver abkommandiert worden war, lag seinerzeit bei dem jetzigen Angeklagten, der in Bretten in Baden eine Villa besitzt, in Quartier. Wie behauptet wird, soll Dr. C. seinen Manövergast in der denkbar schlechtesten Weise be- handelt und ihm u. a. völlig ungenießbare Spesen und Getränke vorgesetzt haben. Als der Offizier eines Tages wieder kalten und dünnen Kaffee vorgesetzt erhielt, verzichtete er freiwillig aus diesen Genutz und wechselte sein Quartier, welches in der Manöversprache als„Geizbude" bezeichnet wird. Als er in einer nahegelegenen Gastwirtschaft eine Tasse Kaffee zu sich nahm, wurde er von der gesprächigen Wirtin gefragt, weshalb er nicht in seinem Quartier Kaffee trinke. Der Offizier erzählte nun, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, die Ursache hierzu und erfuhr von der Wirtin, daß Dr. C. in dem Rufe eines geizigen Mannes stehe. Diese Erzählung des Offiziers wurde von der Wirtin mit einigen Nebertreibungcn mehreren anderen Gästen, welche der sozialdemokratischen Partei angehörten, mitgeteilt. Bald daraus erschien in einer sozialdemo- kratiichen badischen Zeitung ein Artikel, in welchem das Verhalten des Dr. Coulin einer scharfen Kritik unterzogen wurde mit dem Hinweise, daß Dr. C. sonst zu den Gegnern der Sozialdemokratie gehöre. Dieser Artikel gab dem Angeklagten Veranlassung, sich mit einer geharnischten Beschwerde an den preußischen Kriegsminister zu wenden, welche u. a. den Paffus enthielt,„der Leutnant Klein habe seinen„sozialdemokratischen Freunden" den Sachverhalt erzählt". Der Kriegsminister übergab die Beschwerde der Staats- anwaltschaft, da in dem Vorwurf, ein preußischer Offizier habe sozialdemokratische Freunde, eine schwere Beleidigung liege.— Das Gericht schloß sich dieser Auffassung an und verurteilte den Angeklagten wegen Beleidigung zu 11X1 M. Geldstrafe. Kindisch klingt die Beschwerde des.,Geizbudcn"besitzers. Die Kindlichkeit wird fast noch übertrosfen durch die Auffassung, es sei eine Beleidigung, Sozialdemokraten zu Freunden zu haben. Maul- und Klauenseuche als Grund eines BcrsammlungsvcrbotS. Genosse Kaltschmidt aus Finsterwalde wollte in Fürstlich Drehna auf einem Zlckergrundstück am 10. September 1911 eine Versammlung unter freiem Himmel abhalten. Der Amtsvorsteher versagte aber aus Grund des§ 7 des Vereinsgesetzes die Ge- nehmigung, weil wegen der herrschenden Maul- und Klauenseuche aus der Abhaltung der Versammlung eine Gefährdung der öffent- lichen Sicherheit zu befürcksten sei. Vergeblich beschwerte sich K. beim Landrat und beim Regierungspräsidenten zu Frankfurt a. O. Der Regierungspräsident meinte, das Verbot läge im Veterinär- polizeilichen Jnicresse. Das Zusamincnströinen der Leute in einem Orte, wo die Maul- und Klauenseuche herrsche, könne leicht dazu beitragen, die Seuche zu verbreiten. Das gehe auch auö den Maß- nahmen der Oberpostdirektion hervor, durch die die Postboten ver- �anlaßt worden seien, die im Sperrgebiet liegenden Gehöfte nicht zu betreten. K. klagte nun beim Oberverwaltungsgericht. Sein Anwalt, Dr. Heinemann, machte in der schriftlichen Klage- begründung geltend: Erstens könne die Seuche die von Tier auf Tier übertragen werde, nicht durch ein Zusammenströmen von Menschen verbreitet werden. Wie man aber auch darüber denke: aus jeden Fall würde eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit nicht vorliegen. Nur eine solche aber könne nach§ 7 des Reichs- vereinsgcsetzes das Verbot einer öffentlichen Versammlung unter freiem Himmel rechtfertigen. In seiner Klageerwiderung führte der Regierungspräsident aus: Es sei allgemein anerkannt, daß eine Verschleppung der Maul- und Klauenseuche auch durch Menschen möglich sei. Davon gingen auch eine Bundesratsverordnung und§ 47 des neuen Viehseuchen- gesetzes aus. Aber auch eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit sei anzunehmen. Die� Verbreitung der Maul- und Klauenseuck-e habe notwendig eine Steigerung der Fleikchpreise zur Folge. Die Aolksernährung werde erschwert. Dadurch werde die Gesundheit gefährdet. Damit trete dann auch eine Gefährdung der öfßntlichen Sicherheit ein. Das Verbot sei um so notwendiger gewesen, als die Seuche nur in dem einen Orte Fürstlich Drehna in dem Kreise Luckau geherrscht habe und die andern Orte des Kreises damals seuchenfrei gewesen seien. Das Oberverwaltungsgcricht kam noch zu keiner Entscheidung. Sie wurde ausgesetzt, d. h. sie wird in einer nichtöffentlichen Sitzung gefällt und dann lediglich durch schriftliche Zustellung an die Parteien publiziert werden. Infolge der Anwesenheit zweier hervorragender Revolutionäre in Peking Dr. S u n y a t s e n und Hwangching hat Prinz Pulun von der kaiserlichen WitweLongyu und dem Kaiser Puyichen Befehl erhalten, zu Ehren dieser beiden einen großen Empfang zu veranstalten. Die beiden Genannten haben die Einladung hierzu angenommen. Der Prinz Pulun hat bei dieser Gelegenheit im Namen der Kaiserin und des Kaisers(beide haben auch nach der Ab- dankung ihre Titel beibehalten) eine Rede verlesen, die folgender« inaßen lauiet i Die Herren Sunyatseii und Hwangching sind außerordentliche Genies. Sie haben einen Sieg errungen ebenso groß wie sie selber. Sie haben das alte Regime geändert und die R e» publik dank einer Arbeit vieler Jahre ein- gerichtet. Sie haben auch ihre Großmut, ihre Tugend und ehrliche Gesinnung dabei gezeigt. Im 20. Jahrhundert drängt eine allgemeine Stimmung die Völker nach der Republik hin, und niemand kann dieser widerstehen. Deshalb hat die Kaiserin W i l w e den Thron verlassen, und sie sowohl wie der Kaiser selbst sind Anhänger der Republik geworden, und alle beide wünschen, daß man eine Politik der Gleichheit und der Vereinigung der fünf Nassen befolge, um das Land einer guien Zukunft entgegenzuführen. Die ganze kaiserliche Familie i st glücklich, daß nun die Zukunft d e S Landes und die Vereinigung der fünf Rassen durch die Republik gesichert ericheint. Nur deswegen haben der Kaiser und die Kaiserin auf den Thron verzichtet. Der General Hwangching, ein äußerst energischer Revolutionär, der u. a. die Erhebung Kantons Anfang 1911 organisiert und während der Revolution Hanyaug gegen die kaiserlichen Truppen verteidigt hat, antwortete: Wenn die Revolution so großartig gewesen ist und ihre Auf- gäbe so leicht zu lösen und ihr Triumph so schnell iuar, so ist dies vor allem der Lage zu danken, die für die republikanische Be- wegung günstig war, aller auch dem Edelmut des Throns. der kein Blutvergießen leidsln wollte, ferner dem Einfluß Juan- scbikais und der Slaalsmäinier des Nordens, die die Meinung des Thrones teilten. Ich kann daher sagen, daß alle Mitglieder der kaiserlichen Familie ihren Anleil hatten an dem Triumph der Republik und daß auch ihnen hierfür die Ehre gebührt. Am Abend fand ein großes Fest statt, aus dem Toaste zwischen den Revolutionären und den ehemaligen Imperialisten ausgetauscht wurden; auch mehrere Mitglieder der kaiserlichen Familie nahmen bei den Ansprachen das Wort. Das Fest nahm erst um Mitternacht sein Ende. Unseren dentschen Monarchisten werden ob einer solchen dynastisch-republikanischen Verbrüderungsfeier mit ihrer Verherrlichung der Revolution die Haare auf den loyalen Köpfen zu Berge stehen- In China sind aber selbst die Angehörigen des Kaiserhauses davon überzeugt, daß sie zur Wohlfahrt eines Landes höchst überflüssig sind, und daß eine Revolution ein höchst segensreicher Vorgang, die Republik aber eine treffliche Slaalsform sei.. Die leidige Politik. Nach schweren Negierungsarbeiten, Paraden, Besichtigungen, Reisen und dergleichen hat Wilhelm II. sich zur Herbstjagd nach R o in i n t e n begeben, um von den Strapazen auszuruhen und dem edlen Jagdsport obzuliegen. Aber selbst bis an diese nordöstliche Grenze deS Reiches verfolgt de» Kaiser die leidige Politik und raubt ihm manche Stunde, die er den, Jagdvergnügen in der wildreichen Romintener Heide widmen wollte. Wie die„Rh.-Wesif. Ztg." zu inelden weiß, ist der Draht und da§ Telephon zwischen Wilhelmstraße und Rominten infolge der Vorgänge auf dem Balkan in geradezu fieberhafter Tätigkeit gewesen. Da- neben sind ganze Berge von Schrift st ücken in dem Jagdschloß eingetroffen, so daß der Kaiser unausgesetzt arbeiten muß. Am Sonntag halte er gar so viel zu tun, daß er die Früh- pirsche ausfallen lassen niußte. Wäre es bei dieser Sachlage nicht bequemer, wenn der Kaiser Berlin aufsuchen würde? Die leidige Politik läßt doch keine richtige Jagdlusi auskommen und die recht erheblichen Kosten der drahilichen Verständigung würden dann in Fortfall kommen l Aus den zarischen Totenhänscrn. Dieser Tage nahm vor dem Bezirksgericht zu Baku ein Prozeß gegen den früheren Direktor des Zentralgefäugnisses, Walicw, seine« Gehilse» und.zwei Aufseher seinen Abschluß. Vor Gericht wurde ein ungeheuerliches K o r r u p t i o n S s y st e in im Gefängnis aufgedeckt. Gegen hohe Belohnungen gestattete der Direktor den wohlhabenden Gefangenen, Gelage und Orgien in den Zellen oder in seiner Wohnung abzuhalten. In 11 Monaten„ver- diente" Walicw öS 000 Rubel. Gegen die politischen Gefangenen wandte derselbe Direktor andere Methoden an. Davon legten die auf' dem Ger ichlstische liegenden ausgeschlagenen Ge- s a n g c» e n z ä h n e einen sprechenden Beweis ab. DaS Gericht verurieilte den Direktor zu fünf Jahren Arrestanten- kompagnie. Ann ist er natürlich reif kür die Begnadigung durch den Zaren l �_ Im Gefängnis gelyncht. In der Strafanstalt von W y o m i n g hat sich der seltene Fall ereignet, daß die Zuchihärislcr eine» Mitgefangenen gelyncht haben. Im dortige» Gefängnis befand sich ein Neger in Untersuchungshaft. weil er eine alte Frau überfallen hatte, die das Gefängnis oft besucht und den Insassen Wohltaten erwiesen hatte. Als der Neger nun von einer Zelle in die andere übergeführt werden sollte, stürzten 15 0 Zuchthäusler aus ihren Zellen, entrissen ihn den Wächtern, warfen ihm ein Seil um den Hals und st ü r z t e n ihn zum Fenster hinaus, so daß er mit ge- brocheuem Genick auf dem Hofe der Anstalt liegen blieb- Klus aller Melt. KaiferUche RcpubUhancr. Nach eiltet Mitleillnig der„Frankfurter Zeitung" wurde dieser Tage von der„Agence d'Exlröme Orient' folgendes aus Peking berichtet: Kleine Notizen. Ter schwarze Tod. Ans der Grube Kamphausen bei Saar» brücken wurden zwei Bcrglenie durch niedergehende Ge- st e i n ö ni�a s s e n verschüttet und getötet. Ii» Streit erstochen. Nach einem vornufgcgangenen Streit hat am Mitiwacv abend der Arbeiter F r o st seine Ehefrau durch Messerstiche getötet und sich darauf selbst das Leben gen o m in e n. Ei» Wildcrcrdrama. Der Pächter der Gemeindejagd in Kasten- roib bei Elve, ield, Polizeikonimiisar Adolf miS Elberfeld und sein Jagdhüier überraschten gestern drei Wilderer auf irischer Tat. Als die Wilddiebe der Auffoideruiig des Pächters, ihre Gewehre abzugeben, nichi nachkamen und die Lage bedenklich wurde, gab der Pächter eins» Schuß ab. durch den der eine der Wilderer so schwer v e r l e tz r wurde, daß er nach kurzer Zeil starb. Die beiden anderen sind eutkoniuic». Zch» Liinder«rrliraimt. I», Dorfe St. Bernhard in Quebec sind nachts bei einem Wohuuiigsbraiide zehn Kinder einer französisch-lanadnchen Familie umgekommen, während die Eltern sich auf einem Ball befanden. Herren echtChevreau V Derby |l Lackk, Deinen Im. Chevruu Laekk. 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Oktober, abends 8 Uhr, im Gewerkfchaftshaus, Engelufer 15, Saal 4: l l Versammlung=■ der Dachdecker u. Hilfsarbeiter TageSord nung: Unser Kamps m Berlin. Referent: Kollege Höppner. 52/6 Berbandsbnch legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. VerbWli ller l.ellersrbeiler ... Filiale Berlin I. Sonntag, den 6. Oktober, vormittags 10 Uhr, Prinzenallee 33: Mitglieder-Versammlung Tagesordnung: Die Invalidenversicherung unter der R.-V.'O. Referent: Genosse Ritter. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet 143,18 Der Femtand. ====== Verwaltung Berlin. Heute, Freitag, abends 8>/, Uhr, im GewerkschaftShaase, Engelnfer 14/15, Taal IV sArbeitslosensaal): 59/13 ISftzung der Ortsverwaltung. Körsaal der Urania W., Tanbenstr. 48,49. Vorlesungen im 4. Quartal 1912: 1. Die elektrische Energie und ihre praktische Verwertung iu der Sleichftromtechuit. Pros. Dr. Donath. 10 Experimenlaloorträgc. Be- ginn 12. Oktober. 8 Uhr. L. Vom Hören und Sehen. Pros. Dr. Donath. 7 Experimentalvo» träge. Beginn 15. 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Der Vorstand. AdlerShof. Heute. Freitag, abends S Uhr, findet im Lokal von Thiel(früher Bayer). BiSmarckstr. 10, eine außerordentliche General- Versammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. Referent: Genosse Pieck-Steglitz. Grünau. Das 20. Stiftungsfest feiert der Wahlverein am S. Oktober im Jägerhaus. Da die Feier nun in einem größeren Lokal stat'�ndet und nach jeder Richtung für künstlerische und genußreiche Ausgestaltung des Abends gesorgt ist, wird die Ar- beiterschaft um regen Besuch gebeten. Hohen-Schönhausen. Heute Freitag, 8'/. Uhr, Generalversamm- lung des WahlvereinS bei Reyher, Berliner Str. 93. Tagesordnung: Bericht von der Sitzung mit dem Kreisvorstand, Bericht von der Kreisgeneralversammlung, Wahlen, Ausbau der Zahlabende, Wer- fchiedenes. Nieder-Schönhausen— Nordend. Die Genossen sämtlicher Bezirke treffen sich Sonntag früh 8 Uhr im Lokal von Reuß, Kaiserweg. zur »Borwärts"-Agitation für den 1. und 1a. Bezirk. _ Die Bezirksleitung. Berliner Nacbricbten» Aus der Stadtverordnetenversammlung. In Berlin soll endlich auch eine P f l ich t f o r tb i l- dungsschule für Mädchen geschaffen werden. Daß sie noch bis zum April nächsten Jahres fertig werde, wünschte ein Antrag, der von Freisinnigen eingebracht worden war. Die Verhandlungen über ihn wurde dadurch bedeutungsvoll, daß Stadtverordneter Cassel, der ihn begründete, �eine Debatte über die künftige Finanzpolitik der Stadt provozierte. Er deutete an, die Verzögerung des Zustande-. kommens dieser Pflichtfortbildungsschule hänge mit der K o st e n f r a g e zusammen. Und er fügte mit einer Ent- schicdenheit. die man hier gerade von ihm am wenigsten er- wartet hätte, die Versicherung hinzu, daß er nötigenfalls auch vor einer Ueberschreitung der 100 Prozent Einkommensteuer nicht zurückschrecken werde. Worauf das abzielte, wurde nicht klar aus der Antwort des Stadt schulratsMichaelis, der über die„Vorbereitungen" zur Einrichtung der geplanten Schule berichtete. Genosse A r o n s bat, es möchte noch ein anderes Mitglied sich deutlicher äußern. Das tat dann der neue Stadtkämmerer Böß. indem er erklärte, tat- sächlich wolle der Magistrat noch die Äostendeckungsfrage regeln, und zwar beabsichtige er, überhaupt der Stadt neue Einnahmequellen zu erschließen. Genosse A r o n s sah darin keinen hinreichenden Grund, die Eröffnung der Fortbildungsschule zu verzögern, und fragte, ob vielleicht wieder erst die Regierung die Gemeinden an ihre Pflicht erinnern solle. In der weiteren De- batte ergriff später noch der neue Oberbürger in ei st er W e r m u t h das Wort, um zu erklären, daß er zu den Grund- sätzen vorsichtiger Finanzpolitik halte. Um in ' der Stadtverwaltung das Bedürfnis in Einklang mit dem Kassenbestand zu bringen, wolle der Magistrat einen festen 'Finanzplan aufstellen, nach dem gearbeitet werden solle, und ihn der Stadtverordnetenversammlung zur Genehmigung vorlegen. Gegen die neuen Einnahmequellen, die der Plan vorschlagen wird, wehrte sich im Schlußwort Stadt- verordneter Cassel. Er hatte wohl das Gefühl, daß sie wahrscheinlich in das Frcisinnsprogramm nicht hineinpassen werden. Ter Antrag, der die baldigste Eröffnung der Pslichtfortbildungsschule für Mädchen forderte, wurde ein- stimmig angenommen. Ter Antrag der sozialdemokratischen Fraktion, der vom Magistrat forderte, für die Arbeiter und Angestellten der Stadt einen kollektiven Arbeits- vertrag mit den in Betracht kommenden Arbeiter- verbänden abzuschließen, rief eine lebhafte Debatte her- vor. Genosse Glocke begründete den Antrag mit einer ein- gehenden Darlegung der Lohn- und A r b e i t s v e r- h ä l t n i s s e, die in den Betrieben der Stadt bestehen und von den Arbeitern und Angestellten als s e h r b e s s e r u n g s- bedürftig empfunden werden. Seine Ausführungen über die Notwendigkeit des Abschlusses von Tarifverträgen. durch die die Arbeiter und Angestellte der Stadt den in der Privatindustrie beschäftigten möglichst gleichgestellt würden. fanden nicht den Beifall der Freisinnigen. Eine generelle Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse ist von vorn- herein nicht nach ihrem Geschmack, und am allerwenigsten wollen sie mit Arbeiterorganisationen paktieren, die ihnen als sozialdemokratisch verhaßt sind. Gegen Glockes treffende Ausführungen über den Widerstand, den die Arbeiterorgani- sationen in ihren Tarifkämpfen bei den Arbeitgebern zu über- winden haben, eiferte Stadtverordneter Goldschmidt. Er gefiel sich wieder mal in der Rolle des kleinen Kläffers und gab sich alle Mühe, einen Krakeel zustande- zubringen. Dieser eigenartige„Arbeiterführer" schien sich eine R e i ch s v c r b a n d s- Mappe besorgt zu haben, aus der er allerlei„Material" zu einer Zuchthausvor- läge herauskramte. Als er gegenüber den erregten Zwischenrufen unserer Genossen in stolzem Pathos erklärte, er sei stets„ehrlich für die Arbeiter einge- treten" antworteten die m großer Zahl auf der Tribüne sitzenden Gemeindearbeiter ihm mit Hohngelächter. In einem Ausschuß will Herr Goldschmwt den Antrag, mit dem er im Prinzip einverstanden sei, näher prüfen. Dasselbe wollen auch die anderen Freisinnsgruppen, nur haben auch sie wegen der „praktischen Durchführung" allerlei„Bedenken", die von ihren Rednern Ullstein und I a c o b i vorgetragen wurden. Tie weitere Debatte brachte eine flharfe Erwiderung unseres Genossen Glocke, der mit Herrn Goldschmidt abrechnete. Herr G o l d s ch m i d t machte einen nochmaligen Versuch, seinen Krakeel fortzusetzen. In einem Schlußwort wurde von unserem Genossen S a s s e n b a ch festgestellt, daß Goldschmidt die prinzipielle Diskussion über die Tarifvertrage zu einer kleinlichen O�ganisationszänkerei gemacht hatte. Die Heber- Weisung des Antrages an einen Ausschuß wurde dann be- schloffen._ Die Bestimmungen über die Senntagsruhe in offenen Berkaufs- stellen haben am 1. Oktober gegenüber dem Sommerhalbiahr eme Senderung erfahren: Räch dem Orisstatut vom 3. November 1911 dürfen im allgemeinen die Läden in der Zeit vom 1. Oktober bis einschließlich 30. April an Sonn- und Feiertagen nur von 12 vt« 2 Uhr mittags offengehalten werden. An den ersten Weihnachts-, Oster- nnd Pfingstfeiertagen ist die Beschäftigung von kaufinänni- schem Personal überhaupt untersagt. Die vorstehenden Berord- nungen finden auf den Handel mit NahrungS- und Genußmitteln sowie auf den Handel mit Blumen leine Anwendung. Die Sonn- tagsarbeit ist in diesen Handelszweigen wie folgt geregelt: Im Be- triebe des Handels mit Back- und Konditorwaren kann die Arbeit schon um 5 Uhr morgens beginnen, bis 10 Uhr dauern und von 12 bis 3 Uhr nachmittags fortgesetzt werden. Im Handel mit Fleisch- und Wurstwaren darf die Verkauistätigleit von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr und von 12 bis 2 Uhr mittags ausgeübt werden. Milch darf im stehenden Handel(Milchläden) von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr mittags und von 12 Uhr mittags bis 3 Uhr nalbmittags verkauft werden. Der ambulante Mtlchhandel ist während der Zeit von b Uhr morgens bis 1 Uhr nachmittags ohne Unterbrechung durch die Hauptgottesdienstpausen gestattet. Für Vorkosthandlungen gelten die gleichen Bestimmungen wie für den stehenden Milchhandel.— Im Handel mit Blumen dürfen die An- gestellten voni 1. Oktober bis 30. April von 8 bis 10 Uhr früh und von 12 bis 3 Uhr nachmittags beschäftigt werden. Am ersten Weih- nachts- und Osterfeiertage ist der Blumenhandel für den Landes- polizeibezirk Berlin von 9 bis 10 Uhr vormittags und von 12 bis 2 Uhr nachmittags, am ersten Pfingstfeicrtage nur von 8 bis 10 Uhr vormittags gestattet.— Der Handel mit Roheis darf an Sonn- und Festlagen von 6 bis 10 Uhr vormittags stattfinden.— Im Handel mit Brennmaterialien ist der Verlauf von 5 bis 10 Uhr vormittags gestattet. Zur Angeftelltenverfichemng. Für die im Wahlkreis Niederbarnim am 3. November 1912, nachmittags 12—5 Uhr, stattfindenden Wahlen der Vertrauensmänner und Ersatzmänner für die Angestelltenverficherung hat die„Freie Vereinigung für die soziale Versicherung der Privatangestellten" eine eigene gemeinsame Kandi- datenliste aufgestellt, die mit der des„Vereins der Deutschen Kauf- leute" verbunden wird. Der genannten Vereinigung gehören folgende Verbände an: Bund der techn.-ind. Beamten, Zentralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands. Verband der Bureauangestellten Deutschlands, Deutscher Zuschneiderverband, Werkmeisterverband für das deutsche Buchbindergewerbe und ver- wandter Berufe, Bund der kaufmännischen Angestellten. Verband der Kunstgewerbezeichner, Verband der Lagerhalter und Lagerhalterinnen Deutschlands und Allgemeine Vereinigung deutscher Buchhandlungs gehilfen._ Ein Raub Überfall auf ein Dienstmädchen beschäftigt die Charlottenburger Kriminalpolizei. Als die Rentiere Rosalie Michaelis gestern nachmittag gegen 2 Uhr ihre Wohnung im Haufe Kurfürstendamm 185 aufsuchen wollte, wurde ihr von ihrem 25 Jahre alten Dienstmädchen Johanna Laads, das allein in der Wohnung zurückgeblieben war, entgegengerufen, sie möge draußen bleiben, da Einbrecher da seien. Die erschreckte Frau verschloß auch wieder die WohnungStür und schlug Lärm. Auf ihre Hilferufe eilten Nachbarn herbei, die, als sie hörten, um was es sich handelte, die Polizei alarmierten. AlS diese in die Wohnung eindrang, fand sie daS Dien st mädchen gefesselt vor. Ihre Hände waren mit Handfeffeln versehen. Da die Schlüssel dazu fehlten, hatte ein Schlaffer eine Stunde lang zu tun. um das schwere Eisen durchzufeilen und da? Mädchen zu befreien. Dieses machte folgende Angaben: Gegen 1 Uhr kam ein junger Mann, der eine Postmütze trug, um das Telephon nachzusehen. Als sie ihn jein- ließ, fiel er plötzlich über sie her.'warf sie zu Boden und steckte ihr einen Knebel in den Mund, um sie am Schreien zu verhindern Dann fesselte er sie mit einer Hanfschnur an den Mßen und legte ihr Handschellen an. Er schleppte sie jetzt zuerst zur Küche und von dort in das Eßzimmer, wo er sie auf einen Ledersessel warf. Während er ihr einen Revolver vorhielt und die Worte an sie richtete:„Wenn Dir Dein Leben lieb ist, beantworte alle meine Fragen und sei still". erschien eine Frau mit einer schwarzen MaSke vor dem Geficht auf der Bildfläche. Auch der Mann hatte, als ihm von dem Mädchen im Kanipfe ein schwarzer Vollbart, den er sich angeklebt hatte, abgeriffen worden war. eine MaSke vorgebunden. Frau Michaelis erschien gerade, als die Ueberfallene in ihrer Todesangst die Fragen des RäuberS beantwortete. Als dieser das Oeffnen der WohnungStür hörte, verließ er mit seiner Begleiterin durch den Hinterausgang das HauS. Am Tatort zurück blieben die beiden Masken, zwei schwarze Tuchstreisen, auS denen für Augen und Nasen mit der Schere Löcher herausgeschnitten waren, das Watteknäul, der abgerissene Bart und die Schnur, von der sich daS Mädchen hatte befreien können. Geraubt hatten sie noch nicht. So sonderbar die Angaben des Mädchens über das Vorgehen des räuberischen Paares erscheinen niögen. so ist an seiner Darstellung doch kaum zu zweifeln. Die Kriminalpolizei hat schon mehrere Zeugen ermittelt, die den Mann und die Frau flüchten sahen Während der Mann aus einen vorüberfahrenden Straßenbahn- wagen sprang, lies die Frau davon und beide entkamen. Auch der ganze Befund bestätigt genau die Aussagen der Ueberfallene». ES ist auch nicht damit zu rechnen, daß daS Mädchen dabei seine Hand im Spiel gehabt haben könnte. DaS Mädchen ist seit länger als drei Jahren bei der Rentiere in Stellung und befand sich monatelang allein in der Wohnung, da ihre Dienst- Herrin sehr oft aus Reisen ist. Es hätte also zu dieser Zeit immer Gelegenheit gehabt, sich in den Besitz des Eigentums ihrer Dienstherrin zu setzen, deren volles Vertrauen sie genießt. Die Nachforschungen nach dem räuberischen Paar, die Kriminal- kommissar Bußler sofort aufgenommen hat. waren bisher ohne Er- folg. Der Mann ist ungefähr 25 Jahre alt und hat schwarzes Haar und Schnurrbart. Von dem Kampf mit dem Mädchen hat er Kratzwunden. Die Frau ist mittelgroß und trug einen schwarzen Hut und einen schwarzen Plüschmantel. Bim Eisenbahnzuge überfahren und getötet wurde gestern abend auf der Nordbahnstrecke in der Nähe der Station Sachsenhausen ein unbekannter, etwa 20jähriger Mann. Als der Personenzug Nr. 208 in der Richtung nach Oranienburg um 7.52 Uhr Sachsenhausen passiert hatte, tauchte plötzlich beim Kilometerstein 29 kurz hinter dem Bahnhof eine menschliche Gestalt unmittelbar vor dem Zuge auf den Schienen auf. Obwohl der Lokomotivführer mit aller Kraft bremste, konnte er ein Unglück doch nicht mehr verhüten. Nachdem der Zug zum Stehen gebracht worden war, fand man beim Ab- suchen der Strecke die Leiche eines jungen Mannes, dem der Kops vom Rumpf getrennt worden war. Da der Tote keinerlei LegitimaiionSpapiere bei sich führte, konnten seine Personalien noch nicht sesigestellt werden. Bekleidet war der Verstorbene, der allem Anschein naw den besseren Ständen angehörte, mit blauem Jackett, brauner Hose und grauem Cape. Ob es sich um«inen Unglücks- fall oder um einen Selbstmord handelt, konnte noch nicht ermittelt werden. Unter Hinterlassung einer großen Schuldenlast hat der 35 Jahre alte Blusenfabrikant Artur Batavia das Weite gesucht. Batavia, der in der Kleinen Frankfurter Straße 15 mid dann in der Greifswalder Straße 11 sein Geschäft betrieb, war früher Klempner von Berus. Bor Jahresfrist gab er seine Klempnerei auf und wurde Blusen- fabrikant. In den letzten Tagen zog er bei den vielen hiesigen Kon- sektionSgeschäften, zu denen er in Beziehungen stand, alle seine Forde« rungen ein, so daß er wahrscheinlich über eine ziemlich große Bar« summe verfügt. Nachdem er sich so mit reichlichen Mitteln versehen hatte, verschwand er gestern aus Berlin und nahm seine Geliebte, eine 32 Jahre alte von ihrem Manne getrennt lebende Frau mit. Jetzt kam an den Tag, daß der Flüchtige eme Reihe von Seiden- fabrikanten die Waren, die sie ihm lieferten, schuldig geblieben ist. Nach den bisherigen Ermittelungen sind bereits 40- bis 50 000 M. Schulden festgestellt. Ein schwerer Betriebsunfall hat sich in der gestrigen Nacht auf deni Charlottenburger Güterbahuhof zugetragen. Dort wurde ein Güterzug rangiert, aus dem auch der 22jährige Rangierer Paul Trojan aus der Knobelsdorffstraße Dienst tat. Als sich der Zug plötzlich in Beweguilg setzte, stürzte T. infolge des Ruckes auS der am Dache eines Waggons angebrachten Bremsbuöe heraus. Er fiel so unglücklich, daß er zwischen den Zug und eine Güterrampe geriet. Der Verunglückte erlitt schwere innere und äußere Ver« letzungen. Nach Anlegung von Notverbänden durch einen herbei« gerufenen Arzt wurde der Rangierer in bedenklichem Zustande nach dem Krankenhause Westend geschafft. Ein schwerer Bauunfall ereignete sich gestern mittag aus einem Neu« bau ander Ecke der Linden- und Oranienstraße. Der 30jährige Bauarbeiter Erich Weigert aus Moabit sollte in der Höhe der dritten Etage ein Fensterkreuz anbringen. Zu dieser Arbeit stellte sich W. auf den Fenstersims. Offenbar verlor der Arbeiter dabei das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in die Tiefe. Der Verunglückte blieb mit zer« schmetterten Gliedern und inneren Verletzungen aus dem Straßen« dämm liegen und wurde von seinen Kollegen nach der Unfallstatto» am Spittelmarkt gebracht, von wo er nach dem Krankenhaus am Urban geschafft wurde._ Aufhebung eines großen Hehlcrnestes. Die Schöneberger Kriminalpolizei ließ schon seit einiger Zeit eine Wohnung in der Nähe des Kaiser-Wilhelm-Platzes in Schöne» berg observieren, in welcher„schwere Jungen" ein- und ausgingen und von wo aus große Beutezüge planmäßig durch eine aus sechs Köpfen bestehende Einbrecherbande unter der Führung des Geld« scbrankknackerS Löffelb ein unternommen wurden. Die er« wähnte Wohnung, die aus fllnfjZimmern bestand, war angeblich von einem Kaufmann und seiner Frau gemietet worden, doch gehörten in Wirklichkeit die Räumlichkeiten einer weitverzweigten Diebesbande, die sich dort ain Tage aufhielt und sich zwei gemütliche Klubzimmer ge» schaffen hatte. Der Anführer der Einbrecher, die auf Teilung or« beiteten, war der 24jährige Schlosser Löffelbein, dessen Verhaftung vor einiger Zeit gelang. Die Gauner, die stets nur Einbrüche sin großen Stil unternahmen, waren mit dem modernsten Werkzeug ausgerüstet. Durch die Festnahme des Anführers und zweier seiner Genossen kain die Schöneberger Kriminalpolizei hinter das Treiben der Bande und vennochte nun festzustellen, daß diese Wohnung der Schlupfwinkel der Diebe sei. Dort verkehrten täglich zahlreiche der Behörde wohlbekannte Hehler, welche die von den Dieben ge» machte Beute unauffällig fortschafften. Gestern mittag waren samt» liche Mitglieder der DiebeSgenossenschaft in ihrem Klubraum zu einer Beratung zusaiiunengekommen, als plötzlich die Kriminalpolizei Zugriff. Zahlreiche Beamte hatten alle Zugänge besetzt, während mehrere Schutzleute in die Wohnung eindrangen und sämtliche An« wesende, sin ganze» zehn Personen, festnahmen. Auf dem Polizeipräsidium, wohin die Diebe gebracht wurden, konnte sofort festgestellt werden, daß ein Teil der Verhasteten von den Polizeibehörden Groß-BerlinS schon seit längerer Zeit gesucht werden. Die Gauner weigerten sich zunächst, ihre Namen anzugeben. Sie wurden aber sämtlich aus dem Verbrecheralbum fest- gestellt. In der Diebeshöhle fand man ein so un» geheures Lager von gestohlenen Gegenständen aller Art. daß der Wert nach ungefährer Schätzung 20 000 bis 30 000 M. beträgt. Die Einbrecher haben bei ihren Beutezügen vor allem Goldwaren- und Pelzgeschäfte geplündert, doch wurden auch Luxuswaren aller Art. mehrere Kartons Pleureusen, Ballen farbiger Seide und Tuche vorgesunden. Die mit Beschlag belegten Sachen, die sämtlich aus Einbrüchen stam,nen, füllen die beiden geräumigen Zimmer Nr. 7 und 8 des Schöneberger Polizeipräsidiums. Geschäfts» leute, bei denen in letzter Zeit Einbrüche verübt worden sind, werden von der Behörde ersucht, eventuell dort zu rekognoszieren. Großes Aufsehen erregt in beteiligten Kreisen der Selbstmord deS Kaufmanns Ferdinand Horn, Wielandstr. 11 in Charlottenburg. t. war Mitinhaber der bekannten Lack->md Emaillefarbenhandlung orn u. Co., G. m. b. H., die eine ausgedehnte Geschäftsverbindung mit dem Auslande unterhielt und als sehr gut fundiert gilt. Gestern mittag, nach Schluß der Bureauzeit begab sich Horn wie gewöhnlich in ein kleines, neben seinem Privatkontor belegenes Zimmer, um dort Mittagsschlaf zu halten. Als gegen'/ß Uhr einer seiner Söhne in das Zimmer trat, fand er zu seinein Entsetzen den Vater blut» überströmt auf dem Sofa liegend. Er hatte sich aus einem neben ihm liegenden Revolver eine Kugel in die rechte Schläfe gejagt, wo- durch der sofortige Tod herbeigeführt worden war. Der Grund zu der Tat ist bisher noch nicht aufgeklärt. Allein Anscheine nach hat Horn den Selbstmord in einem Anfalle nervöser Ueberreiztheit ver« übt. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich gestern»nittag im Norden Berlins. Gegen Vgl Uhr.fuhr an der Ecke der Exerzier« und Schulstraße der Kaufmann Joseph Hanauer auf einem Motor« rade gegen den Vorderperron eines Motorwagens der Straßen» bahn. Bei dem Zusammenprall wurde H. in weitem Bogen auf daS Stratzenpflastcr geschleudert und erlitt einen schweren Schädel- bruch. Der Verunglückte erhielt auf der nächsten Unfallstation einen Notverband und wurde von dort in fast hoffmiiigSloseiii Zustande nach dem Rudolf-Birchow-Krankenhanse geschafft. Ein Kindesmord wurde gestern in der Köpenicker Straße ent« deckt. Kinder, die mit ihrem Lehrer auf dem Hofe der 114. Ge- meindeschule spielten, fanden in einer Ecke an der Grenzmauer nach dem Gröbenufer ein Paket, das ziemlich groß und schwer war. Ohne es zu öfsiien, übergaben sie es dem Schuldiener. Dieser fand in dem verschnürten ZeiwngSpapier die Leiche eines neugeborenen Knaben, der wohl zwei Wockien gelebt haben mag. Dem Kleinen ist der Hinterschädel eingedrückt worden. Die Revierpolizei ließ die Leiche, die in einen weißleinenen Korsettschoner und in eine Zeitungs- beilage eingewickelt war. nach dem Schauhause bringen. Wie die Leiche an den Fundort gekommen ist. steht noch nicht fest. Wahr- scheiulich hat sie jemand vom Gröbenufer aus über die Mauer ge» worfen. Gegen den hurrapatriotischrn Jugendfang. Die Gegner machen die krampfhaftesten Anstrengungen, die Jugend der Arbeitelschaft für ihre reaktionären Bestrebungen eiiizu» sangen. Militärs, vom Unteroffizier bis hinauf zum General, stellen sich in den Dienst dieser hohen Mission, desgleichen Pastoren und sonstige Stützen der heutige» Staatsordnung. Sie alle haben nun plötzlich ihr liebevolles Herz für die Jugend des Volkes entdeckt» obgleich stüher, da noch leine freie Jugenbelveguiig Vorhände» war, sie sich den Teufel um das Los und das Wohlergehen der Arbeiter- jugend kümmerte». Dies bewies treffend Stühm-Rixdorf als Referent einer nach den Sophiensälen einberufenen Versammlung der sporttreibenden Arbeiterschaft Groß-BerlinS. die am Mittwoch statt« fand und sehr star! besucht war. Insbesondere!ennze!chnete Redner den Jung-Deutschlandbund, der als neuestes Produkt zur Bekämpfung der freien Jugendbewegung in Erscheinung getreten ist und nun mit vollen Segeln auf sein Ziel lossteuert. Mit Recht verurteilte Redner das Verderbliche dieser Bestrebungen, deren Träger und Förderer bei der Wahl ihrer Mittel durchaus nickt wählerisch sind. Die Art, wie sie zu arbeiten pflegen, ist selbst von patriotisch gesinnten Männern als eine Versündigung an der Jugend bezeichnet worden. In allen Aufrufen, Artikeln und Reden der Gegner wird denn auch durchweg tüchtig mit dem roten Lappen geschwenkt. um die freie Jugendbewegung sowie auch die Arbeitersporlvereine in Verruf zu bringen, obgleich die Herren, die so handeln, hiermit in eklatantester Weise zeigten, daß sie es sind, die die Jugend- und Sporlfrage mit Politik verquicken. Deshalb muß die Losung lauten: Heraus aus den bürgerlichen Sportklubs und hinein in den Arbeiten turnerbund. Die Ausführungen des Referenten lösten bei der über großen Mehrheit der Versammelten den lebhaftesten Beifall aus. In der Diskussion sprach zuerst Herr Borhammer vom Verband Brandcnburgischer Ballspieler, der seine Richtung in längeren AuS führungen verteidigte und des weiteren bestritt, daß sie jemals die Neutralität verletzt hätten. Sie verträten nur die Interessen des Fußballsports, seien nur Sportsleute und kümmerten sich als solche nicht um die verschiedenen politischen Richtungen. Aehnlich sprach auch Herr Neumann vom V. B. B., dessen Aus führungen in dem Satze gipfelten: Weder nach rechts noch nach links Kotau machen. Genosie Peters, der sich als Nichtsportler vor- stellte, rückte unter dem stürmischen Beifall der Versammlung den wahren Zweck und Charakter des Jung-Deurschlandbundes und seiner Anhängsel ins rechte Licht und würdigte dessen Haupttätigkeit, die in dem Versuche besteht, die proletarische Jugendbewegung emzufangen, in gebührender Weise. Im übrigen ergänzten PeterS, ebenso Gottschalk und andere Redner die Ausführungen des Referenten in wirk- samster Weise und leuchteten den bürgerlichen Herren, von dem leb- haften Beifall der Anwesenden unterstützt, gründlich heim. Ein Fußballklub trat sofort dem Arbeiterturnverein bei, und nach dem Verlauf dieser Versammlung ist mit Sicherheit zu erwarten, daß noch weitere Erfolge der frischeinsetzenden rührigen Agitation eintreten werden. Zu erwähnen wäre noch, daß die Firma Nauck u. Hartmann das Wort„Hurra" von den Plakaten an den Anschlag- faulen verbannt hat. eine Mitteilung, die verständnisinnige Heiterkeit bei der Versammlung auslöste. Vorort- Nacbiichtcm Au unsere Berichterstatter in den Vororten. Um das Interesse am kommunalen Leben in den Vorort- gemeinden mehr zu wecken, sind wir ersucht worden, die Sitzungstage und die Sitzungszeit der Gemeindevertretungen im„Vorwärts" zu veröffentlichen. Wir wollen diesem Wunsche durch Einrichtung einer kleinen Rubrik entsprechen und er- suchen unsere Berichterstatter, uns rechtzeitig von der Ab- Haltung der Sitzungen der Gemeindevertretung Mitteilung zu machen.__ Charlortenburg. Die Stadtverordneten berieten in ihrer letzten Sitzung am Mittwoch zunächst einen sozialdemokratischen Dringlich- keitSantrag betr. Maßregeln gegen die Fleisch- teuerung. Der Antrag lautet: Unter Hinweis aus die in Nr. 220 der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" enthaltene Bekanntmachung der preußischen Staatsregierung betr. Maßnahmen gegen die Fleischteuerung er- sucht die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat, baldigst geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die in den Absätzen 1 und 3 durch die Regierung in Aussicht gestellten Erleichterungen der Fleisch- und Vieheinfuhr auch für Charlottenburg nutzbar zu machen. Genosie Z i e t s ch, der den Antrag in eingehender Weise be- gründete, bezeichnete die NegierungSmaßnahmen als völlig un- zureichend und rechnete gründlich mit der Regiexung ab, die die ganze Verantwortung auf die Gemeinden abzuwälzen suche. Aller- dings hätten die Gemeinden, die ja unmittelbar von der Teuerung betroffen werden, allen Anlaß, Vorsorge für eine ausreichende Er- nährung ihrer Einwohner zu treffen, und eine ganze Reihe von Gemeinden seien ja auch bahnbrechend vorangegangen, indem sie gefrorenes Fleisch und Vieh beziehen und es entweder durch Vermittelung der Fleischer oder direkt an die Konsumenten abgeben. Leider sei Charlottenburg hinter anderen Städten zurückgeblieben. Im Plenum freilich hätten die Liberalen den Mund nicht voll genug nehmen und gegen die Agrarier zu Felde ziehen können, aber in der Teuerungsdepuration sei ihre Haltung ein« wesentlich andere gewesen, da hätten sie Anträge der Sozial- demokraten und auch Anregungen des Magistrats, die den Notstand lindern sollten, rundweg abgelehnt. Es handle sich nicht etwa nur um eine vorübergehende Teuerung, sondern um einen dauernden Notstand, dem man nur mit dauernden Einrichtungen begegnen könne. Schöneberg sei sofort vorgegangen, da dürfe Charlvttenburg nicht untätig die Hände in den Schoß legen, zumal die Gemeindebehörden in anderen Fragen, z. B. in der Angelegenheit deS Opernhauses, eine erstaunliche Schnelligkeit betätigt haben. Oberbürgermeister Schustehrus teilte mit, daß der Berliner Oberbürgermeister bereits für Berlin und Vororte beim Minister beantragt habe, ihnen die Vergünstigungen unter Ziffer 1 und 3 der Regierungsverfügnng betr. Erleichterung der Fleischeinfuhr zu ge- stallen. Im übrigen werde die TeuerungSdeputalion bereits am Donnerstag zusaminerttreten, am Freitag werde der Magistrat Be- schluß fassen, und auch der preußische Städtetag werde in der nächsten Woche zur Frage der Teuerung Stellung nehmen. Nack kurzer Debatte. in der Redner aller Fraktionen sich zu- stimmend äußerten, wurde der sozialdemokratische Antrag der ge« mischten Deputation zur Beratung vom Maßnahmen gegen die Teuerung zur Berücksichtigung überwiesen. Der Nest der Sitzung wurde durch die Beratung von Petitionen ausgefüllt. Bon besonderem Interesse ist eine Petision betr. Errichtung einer Vorschule an der Handels- schule. Die Liberalen legten sich, obwohl auf ihre Anregung im ? fahre ISOS cirt Gemeindebeschluß zustande gekommen ist, der sich ür die Beseitigung der Vorschulen überhaupt ausspricht, mit Wärme für die Petition ins Zeug. Im Gegensatz dazu vertrat Genosse Stulz den Standpunkt, daß man an den Gemeindebeschluß fest- halten und keinerlei Ausnahmen zulassen solle. Mit Recht warf er den Liberalen vor, daß sie selbst ihre Prinzipien bei jeder Gelegen- heil preisgeben. Trotzdem wurde die Petition, dem liberalen An- trage entsprechend, dem Magistrat zur Berücksichtigung überwiesen. Eine Petition des Haus- und GrundbesitzervereinS von 189S, die die Stadtverordnetenversammlung und den Magistrat ersuchte, bei den zuständigen Behörden darauf hinzuwirken, daß der zweite Abschnitt des Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen baldtgst, besonders überall dort eingeführt wird, wo der Bau- schwindet noch besteht, wie z. B. in Groß-Berlin, wurde dem Ma- gistral als Material überwiesen. Gleichfalls als Material wurde dem Magistrat überwiesen eine Petition betr. Errichtung eines neuen Bahnhofsgebäudes und Durch- legung der Kaiser-Friedrich,, und Windscheidstraße. Jnleressanl ist die Mitteilung des Magislralsverireters, daß der Eisenbahnminister alle Wünsche auf Umgestaltung des Bahnhofs Charlottenburg abgelehnt habe, obwohl ihm die Verhältnisse auf dem Bahnhof ein- gehend geschildert find und auch darauf hingewiesen ist. daß der Bahnhos Charloilenburg nach Zahl der Fahrte» sogar dem Bahnhos Friedrichstratze überlegen sei. Die nächste Sitzung, die sich voraussichtlich init der Wahl deS Bürgermeisters beschäftigen wird, findet erst am 30. Oktober statt. Neukölln. „Lieder und Stimmungen" ist der Titel, unter dem der BildungS- aussckuß am Sonntag, den 6. Oktober, abends 7>/, Uhr, in Bartschs Festsalen, Hermannstraße 49, einen Kunstabend veranstaltet. Mit wirkende sind die Mitglieder der ehemaligen„Münchener Scharf- richter" Delvard und Henry. Außer Duetten zur Laute und Gitarre kommen Dichtungen zum Vortrag von Peter Schlemihl, JakobowSki, Frank Wedckind u. a. Nachher Tanz. Billetts a 40 Pf. sind außer bei den Funktionären noch zu haben in den Parteispeditionen, Neckarstraße 2 und Siegfriedstraße 28; iin Restaurant Gemmccker, Kaiser-Friedrich-Straße 232/33; Restaurant Meier, Nachf. Richter. Prinz Handjery-Straße 3; Restaurant Karl Richter, Weisestraße 7, Ecke Mahlower Straße; Restaurant Pfeiffer, Hermannstraße 49. Zahlreichen Besuch erwartet Der Bildungsausschuß. Maßnahmen gegen die Lebensmittelteucrung. Die zuständige Deputation ist nach einem vorliegenden Bericht in die Beratung von Maßnahmen gegen die herrschende Lebensmittelteuerung eingetreten. Sie ist nach Prüfung einiger vorliegender Offerten zu dem Ergebnis gelangt, vorläufig von der selbständigen Einfuhr von frischem Fleisch abzusehen, da die hierdurch entstehenden Selbstkosten einschließlich Fracht und Verkaufsunkosten nur unwesentlich von den hier sür den Detailverkauf notierten Preisen abgewichen haben würden. Die selbständige Versorgung mit Fleisch soll indes nach wie vor im Auge behalten bleiben. Dagegen ist beschlosien worden, sich im größeren Umfange an denjenigen Maßnahmen zu beteiligen, welche von der Stadt Berlin zwecks Versorgung der Bevölkerung mit frischem und Gefrierfleisch in die Wege geleitet sind. Da anzunehmen ist. daß diese Maßnahmen bald zu einem praktischen Ergebnis führen, au dem sich die Stadtgemeinde Neukölln beteiligen kann, bedarf die Deputation eines größeren Kredits. Der Magistrat hat auf Antrag des Dezernenten beschlosien, bei der Stadtverordnetenversammlung zu beantragen, den bereits zur Verfügung gestellten Betrag zu diesem Zwecke auf 20 009 M. zu verstärken. Mariendorf. Durch einen rohen Streich halbwüchsiger Burschen ist der 20jährige Besitzerssohn Bruno Kaiser von hier zum Krüppel ge« worden. Auf dem südlich des Schöneberger Krankenhauses am Priesterweg gelegenen, ausgedehnten, unbebauten Gelände, das von der Schöneberger, Steglitzer und Mariendorfer Schuljugend zum Kriegspielen benutzt wird, hatte der Besitzer Kaiser einen Komplex Kartoffelland gepachtet. Als vorgestern nachmittag sein 19jähriger Sohn dort mit dem Ausgraben von Kartoffeln beschäftigt war, stürmten plötzlich etwa zwanzig 14— IbjährigeJungen, Schöneberger und Steglitzer Schüler, die miteinander Krieg führten, auf das bebaute Feld. Als Kaiser die Knaben aufforderte, das Grundstück zu verlassen, fielen die feindlichen Parteien ge- meinsam über den BesitzerSsohn her, der der Uebermacht gegen- über völlig machtlos war. Die rohen Burschen rissen den K. zu Boden und schlugen blindlings mit ihren Waffen, dicken Stöcken, auf den Wehrlosen ein. Ein Hieb traf das rechte Auge, das sofort auslief. Hierauf ergriffen die Burschen schleunigst die Flucht und entkamen, ehe mehrere Personen, die den Vorfall aus der Ferne beobachtet hatten, herangekommen waren. Der Schwerverletzte wurde nach dem Schöneberger städtischen Krankenhause gebracht, wo die Aerzte feststellten, daß auch die Sehkraft des linken AugeS stark in Mitleidenschaft gezogen war. Der hier geschilderte Fall zeigh welch verrohende Wirkung die heute mit so großem Eifer betriebene Untsrweisung der Jugend im KriegSspiel auslösen kann. Bohnsdorf. Ihr erstes Stiftungsfest feiert die„Freie Turngenossenschaft Bohnsdorf" sM. d. A.-T.»V.> am Sonnabend, den S. d. M., im Rest. „Falkenruh" Jnh. Bakofzer sVilla Kahl). Da genannter Verein bei Arbeitersestlichkeiten stets mitwirkt, wird die Arbeiterschaft ersucht, daS Fest durch Besuch zu unterstützen. Mühlenbeck. Ein Fall von Ausweisung ruft am Ort großes Befremden hervor. Vorgestern wurde der Arbeiter Michel NowakowSki, ein geborener Ruffe, der bereits sieben Jahre hier wohnte, mit seiner Frau und drei Kindern auf Grund einer Verordnung des Regierungspräsidenten kurzerhand ausgewiesen. N. verheiratete sich vor einigen Jahren mit einer Deutschen und stellte kürzlich den Antrag auf Naturalisation; letzterer wurde abgelehnt und gleichzeitig die Ausweisung angeordnet. Aus welchem Grunde-N. ausgewiesen wurde, ist völlig Unverstand- lich, um so mehr als er sich an keiner politischen Aktton be- teiligte und auch sonst sich des besten Rufes erstellte. Die Abschiebung vollzog sich innerhalb 1'/, Stunden und so schnell, daß den Leuten nicht einmal Zeit gelassen wurde, ihre notdürftigsten Verhältnisse zu regeln. So mußte zum Beispiel der Kinderwagen mit den nassen Betten, aus welchem der Säugling herausgerissen wurde, zurückbleiben. Auch die ein- geweichte Wäsche im Zober sowie sämtliche Küchen- und Stubenmöbel überließ man ihrem Schicksal. Der Mann hatte noch für drei Tage Lohn zu bekommen, diesen zu holen wurde ihm keine Zeit mehr gelassen. Man schaffte ein Fuhrwerk herbei und brachte die Familie in dem ungeheuerlichen Wetter ini offenen Achswagcn nach dem ziemlich entfernten Fran- zösisch-Buchholz, von wo nach vollbrachter Nacht swo ist nicht bekannt) die Fahrt weiter nach Kattowitz und über die Grenze ging. Der Schlüssel der Wohnung wurde dem Wirt übergeben, was mit den darin befindlichen Sachen geschehen soll, weiß niemand. Ter Fall zeigt aufs neue die völlige Rechtlosigkeit, unter der Ausländer in Deutschland leiden. Wir halten diese Praxis der Behörden mit den Staatsverträgen für unvereinbar. Iiigencibewegiiiig. Folgen der KriegSspielcrci. Der mit staatlichem Gelde unterstützte Ausschuß für Jugendpflege in Wächtelsbast veranstaltete am 21. April ein Kriegsipiel. Die Leitungen der beiden Parteien waren dem Eisenbahngehilfen Eiset und dem Eisenbahnarbeiter Kuppert unterstellt. Den juaend- lichen Teilnehmern wurden Militärgewehre zur Verfügung gestellt, mit denen Salven mit Platzpatronen abgegeben wurden. Der 17jährige Bäckerlehrling Lohreu führte ein Flobcrtgewehr mit sich, das der löjährige Bureaugehilfe Schier mit einer scharfen Palrone lud. Als die erste Salve fiel, wollte auch Lohrey sein Gewehr ab« schießen und versuchte, dem Schier es aus der Hand zu nehmen. Bei dem Hin- und Herzerren entlud sich die Waffe. Der Schuß drang der in der Nähe stehenden Frau des Fabrikarbeiters Deubert in den Leib. Die Frau brach auf der Stelle zusammen. Sie wurde in das Landlranken- haus gebracht. Dort starb sie nach zweitägigem qualvollen Leiden. Lohrey. Schier, Eiset und Kuppert hatten sich nun vor der Hanauer Strafkammer wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten. Der Staatsanwalt beanttagte gegen Lohrey sechs, gegen Schier vier, gegen Eiset und Kuppert je drei Monate Gefängnis. Das Urteil lalitete gegen den siebzehnjährigen Lohrey und den fünfzehnjährigen Schier auf je zwei Monate Gefängnis. Eiset und Kuppert wurden freigesprochen. Die eigentliche Schuld an diesem tragischen Vorfall tragen die Verursachet des KriegSspiels, die Jugendlichen den Schießprügel in die Hand gaben._ Soziales. Zur Sonntagsruhe. 8 41» der Gewerbeordnung bestimmt: stimmungen der .Soweit nach den Be- 106 d bis 105 h der Gewerbeordnung Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter im Handelsgewcrbc an Sonn- und Fest- tagen nicht beschäftigt werden dürfen, darf in offenen Verkaufs- stellen an diesen Tagen ein Getverbebetricb nicht stattfinden." In Berlin ist nun durch ein neueres Ortsstatut cinc weitere Beschrän- kung der Sonntagsarbeit im Handclsgewerbe gemäß§ 105 b der Gewerbeordnung erfolgt, indem u. a. bcsttmmt ist. daß vom 1. Ok- tobcr bis 30. April Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter im Handels- gewerbe an den Sonntagen nur von 12 bis 2 Uhr mittags be- schäftigt werden dürfen. Ausgenommen ist der Handel mit Lebens- und Genutz mittein und mit Blumen. Es dürfen also auch noch vor der Kirchzeit in solchen Geschäften An- gestellte beschäftigt werden. In ihnen darf also auch noch vor der Kirchzeit ein„Gewerbebetrieb stattfinden".(§ 41 a.)— Das Kammergericht hat jetzt die Verurteilung des Kolonial- Warenhändlers Patzer wegen Ucbertrctung der Gewerbe- ordnung bestätigt, weil er vor der Kirchzeit Sonntags einen ver- botenen Gewerbebetrieb dadurch ausgeübt habe, daß er diejenigen seiner Waren, die nicht Lebens- oder Genußmittcl waren, z. B. Seife, Zylinder u. dgl„ nicht den Blicken des bei ihm Genuß- und Lebensmittel laufenden Publikums entzogen habe, durch Zudecken usw. Zur Ausübung des Gewerbebetriebs gehöre das Feilhalten. Ein Feilhalten der Waren, die zu der Zeit nicht verkauft werden durften, finde aber schon statt, sobald diese Waren ausliegen und vom Publikum gesehen werden können. Das sei hier hin- sichtlich der Seife und ähnlicher Waren der Fall gewesen. Daß er von diesen Waren keine verkauft habe, sondern nur Nahrungs- und Genußmittel, was er zur fraglichen Zeit durfte, sei uncrheb- lich. Jedenfalls habe er nach dem Dargelegten gegen die Bestim- mung des§ 41 a verstoßen, daß in offenen Verkaufsstellen an Sonn. und Feiertagen ein„Gewerbebetrieb" soweit nicht stattfinden dürfe, soweit nach den Bestimmungen der§§ 105 b bis 105 k Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter im Handelsgewerbe nicht beschäf- tigt werden dürfen._ Hus der Frauenbewegung. Erster nationalliberaler Frauentag. In Weimar fand am Dienstag der erste nattonalliberale Frauentag statt. Der Generalsekretär verteidigte seine Partei, daß sie bisher den Frauen verschloffen gewesen sei; die Parteileitung erkläre aber jetzt, daß die Mitarbeit der Frauen unentbehrlich ge- worden sei, und die Frauen daher gern und freudig ausgenommen würden. Anstatt daß die anwesenden Frauen von der Erklärung, man nehme sie nur notgedrungen auf, enttäuscht waren, sprach die Vorsitzende der Tagung. Frau Bassermann, die Gattin des bekaimten nationalliberalen Parteiführers, den Dank aus: Die Mitteilung der Parteileitung fei von großer Bedeutung. Nun dürften die Frauen auch nicht die Erwartungen der Partei enttäuschen. Aus den gleichen Ton der Bescheidenheit war die Rede von Frau Steinmann über die Aufgaben der nationalliberalen Frauen abgestimmt. Die erwerbstätigen Frauen seien durch ihre Wirtschaft- lichen Interessen gezwungen, sich um die Politik zu kümmern. Auch die fteiwillige soziale und ehrenamtliche Tätigkeit führe die Frauen in das öffentliche Leben ein. Aus diesen Talsachen folgerte aber die Vortragende nicht, daß nun auch die Frauen gleiches Mit- bestimmungsrecht bei politischen Angelegenheiten haben müßten. Sie begnügte sich vielmehr mit den Forderungen, daß Frauen als Bei- fitzerinnen zu den Jugendgerichten, als Laienrichterinnen, als Mitglieder städtischer Kommissionen zuzulassen wären. Ferner verlangte sie eine systemattsche Berussbildung, ins- besondere die Pflichtfortbildungsschule für Mädchen und die Zulaffung der Mädchen zu den höheren!knabenschulen in kleineren Orten. Natürlich fehlte eS nicht an einem Angriff auf die Sozial- demokratie. der gegenüber die nationalliberalen Frauen geistige und sittliche Güter verteidigen wollen. AIS ob nicht gerade die Sozial- demokratie die Ansprüche der Arbeiter aus geistige Kulturgüter gegenüber den Ausbeutungsgelüsten nationalliberaler Fabrikherren vertritt I Die Tagung schloß nach einem Referat über die politische Lage mit einer Aussprache über den Stand der nationalliberalen Frauenbewegung und über Vorschläge zur praktischen Agitation. Arbeitertouriftenverein„Die Naturfreunde«, OrlSgruppe BerIW. Sonntag, den«. Oktober: Wanderung von Gr. Köris nach Teuditz. Tornows Idyll, Gr. KöriS. Abfahrt nach Gr. KöriS früh S.45 vom Görlitzer Bahn- hos. fSonntagsfahrkarteO Gäste willkommen. Arbeiter- Waiidervercin.Berlin«. Wanderfahrt am Sonntag. den S. Oktober, nach dem Blumcntbal. Tiefenfee, Leuenberg. Krummer See, ForflhauS Heidekrug. Gramensee, Tiesensee. Abfahrt: 5.80 Wrtezener Bahnbos s Fruchtstraße). Gäste willkommen. Neue Tourenplänc versendet Fritz Kruse, Mariannenstr. Ii. Arbeiter> Rbstineiitendund. Ortsgruppe Berlin. Heute 8'/, Uhr Versammlung im Gewerkschastshause, Engeluser 15. Vortrag des Genossen Redakteur Weiß über: Tie Arbeiter und das Problem der ÖualltätSarbett. Diskussion. Gäste willkommen. Eingegangene Oruckfekrifren. Von der„Neuen Zeit« ist soeben das 1. Heft de» 31.?.„ erschienen. AuS dem Inhalt des HesteS heben wir hervor: Ein Ketzer- oericht. Von K. KautSky.— Eine Massenaktion im Jahre 1855. Von Karl Marr.— Ein neues Agrargesetz. Von Edouard Vaillant..— Der Gewerkschaftskongreß von Havre. Von Eh. Ravpoport(Paris).— Die ttanS- iranische Eisenbahn und die englisch-russtsche» Beziehungen. Von Michael Pawlowitsch.— Literarische Rundschau: Gerhard Hildcbrand, Sozialistische AuSlandspolitik. Von ltz. K. Les Tendances Syndicalos. Von<3. Eckstein. Theodor Hertzka. DaS soziale Problem. Von O. Much. Dr. Otto Hommer, Die Entwickelung und Tätigkeit des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes. Von P. U.— Notizen: Indiens Volksschulen. Von der„Gleichheit«, Zeltschrift für die Interessen der Arbetterinnen, ist unS soeben Nr. 1 deS 23. Jahrgang» zugegangen. AuS dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Einladung zum Ahonncment.— Der Chemnitzer Parteitag.— Schülerwanderungen. Von Eugen Prager.— Die Verbretlung der GeschlechlSkrankhctten im Herzogtum Braunschweig. Von a. w.— Der stete Sonnabendnachmtttag. Bon Martha Hopve. Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der AbonncmentSpretS viertellähriich ohne Bestellgeld 55 Ps.; unter Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement S.SO M. Vom„Wahren Iaeob« ist soeben die Nr. 21 des 29. Jahrganges, 16 Seiten stark, erschienen. Der Preis der Nummer ist 10 Pf. Proberamnnevn find jederzeit durch den Verlag von I. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. in Stuttgart, sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen. Marktbericht von Berlin am 2. Oktober 1912, nach Ermittelung deS lönigl. Polizeipräsidiums. Marktballenpreise.«Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe,»um Kochen 30.00— 50.00 Spelsebohnen, weiße, 30,00— 60,00. Linien 35,00— 60 00 Kartoffeln(Kleinhdl.) 6,00— 8,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1 80—2,40. Rindfleisch. Bauchfleilch 1,60—1,90. Schweinefleisch 1,60—2 40 Kalbfleisch 1.50— 2,40. Hammelfleisch 1,70— 2,40. Butter 2,40—3 00"60 Stück Eier 4,00—6.00. 1 Kilogramm Karpien 1,40—2,40. Aale 160—3 20 siander 1,60—3,60. Hechte 1,60— 2,80. Barsche 1.00—2,40. Schleie 1 60-�-3£0. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,00—30,00. Witterunasitdersicht vom 3. Oktober 1912«_ Stationen äS«=£1 i«i Ii s ■«t i �2 B— «winemde. 756 WNW .Hamburg 757 WSW Berlin 756 NW Franrf.a.M. 75S N München!757® Wien|755|$kffl 2 halb bd. Swoikenl Swoikig 1 bedeckt 2 Regen bedeckt «K c- S« i? Etattonen es'«!•? r= s«s IeI = � E S|§i«Bettet 2=# 5= JB. Hapärända j 74�NNO Petersburg 763 SSO Scilly«763ONO Ab-rdeen!76»NS Paris l 760 NNO s n-» s" h Swolkig Ickeiter 5 bald bd. 3 halb bd. 3 bedeckt -5 0 7 2 8 Berantwortlichcr Rebakteur: Alfred Wielepp. Neukölln. Für den Inseratenteil oerantw.: Tb- Glocke. Berlin. Druck m Verlag. Vorwärts Wetterprognose sür Freitag, den 4. Oktober 1912. Kühl und veränderlich, vielfach wolkig bei ziemlich frischen nord» westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. ___ Berliner Wetterburea». Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Cc� Berlin SW,