Kr. 386. aDonnemcntS'Bedfngunflcn: Abonnements> Preis pränumerando: Bicrteljährb 3,30 Mk., monatl, l,1V Mk., wöchentlich 28 Psg, frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Psg, Sonntags. nummet mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt' 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitunas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl, öotland. Italien, Luremburg, Portugal, " riänicn, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. CrltSdat täglid) außer Montag». r ♦ � Vevlinev Volksbl�tt. Die IniertienS'Gebaiir beträgt für die s-chSgespaltene Koloncl- zeUe oder deren Raum 60 Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versnmmkungs-Anzeigen 30 Psg, „Ateine»nietgen", das fettgedruckte Wort 20 Psg. szulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen daS erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort S Psg. Worte über lö Buch- staben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müsse» bis 5 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werde». Die Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Soaialtlmolirat BtriiD". Zcntralorgan der fozialckmokratt fehen Partei Dcutfcblands. Redaktion: 8M. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Niorittplaft, Nr. 1983. Mittwoch, den 9. Oktober 1913. Expedition: 8M. 68, Lindenatrasac 69» Fernsprecher: Amt Moriftplatz, Nr. 1.98t. Kriezzbegio«! ver kankrott der Diplomatie! London, 8. Oktober. Tos Reutcrsche Bureau er- halt aus Cetinje die Nachricht, der montenegri- «tische Geschäftsträger habe heute vormittag in Kon- stantinopcl die Kriegserklärung tibcrreicht. Cetinje, 8. Oktober. sMeldung des Wiener K. K. Telcgr.-Korresp.-Burenus.) Ter montenegrinische Geschäftsträger Plamcnah verläftt heute Konstan- tinopel. Tom hiesigen ottomanischcn Geschäftsträger wurden die Pässe zugestellt. Konstantinopcl, 8. Oktober. Auf Befehl seiner Regierung hat der montenegrinische Geschäftsträger die Beziehungen zur Pfort? abgebrochen. Gr reist zu Schiff iiber Konstantia ab. Das Schild der Gesandtschaft ist entfernt worden. Das ist der Krieg! Monteuegro hat die Geduld verloren und die Fackel ins Pulversaß geschleudert. Der kleinste der Balkanstaaten hat seinen Ehrgeiz befriedigt und der König Pikita darf sich rühmen, in all seiner Erbärmlichkeit das Werkzeug der Geschichte einen Moment lang gewesen zu sein. Denn die Entfachung des Balkanbrandes bedeutet den Beginn einer Periode von Unruhe und Gewalt für ganz Europa, einer Periode voll von Perspektiven tiefgreifender historischer und sozialer Umwälzungen. Der 8. Oktober bedeutet vielleicht einen der wichtigsten Tage der Geschichte, die von da an im Sturmschritt dahineilen wird, und so lächerlich klein unserem an ganz andere Größen- Verhältnisse gewöhnten Auge der barbarische Zivergstaat dort unten im verlorensten Winkel Europas erscheinen mag, es ist der Kiesel, der die Lawine ins Rollen gebracht hat. Oder glaubt noch jemand, daß das Verderben in seinem Lause noch aufgehalten svird?... Seit Jahren haben>vir dies Heranschleichen der Kriegs- bestie vorausgesagt und seit 1908, wo ein an sich so im- bedeutender Akt, wie die Venvaudlung der bosnischen Okkupation in eine Besitzergreifung, den Gegensatz zwischen Rußland und Oesterreich vor allen Augen enthüllt hat und dieser Gegensatz ganz Europa in das feind- liche Lager von Dreiverband und Dreibund zerspalten hatte, seitdem konnte man gewiß sein, daß der Kriegsausbruch dort unten nur eine Frage der Zeit sein würde. Und als vor einem Jahre Italien das Verbrechen des Tripoliskrieges beging, erklärten wir sofort, daß damit die ganze Oricntfrage aufgerollt sei. Immer wieder haben die kapitalistischen Regierungen ihre Völker zu täuschen gesucht, ist der?Rund der Minister von Friedensbeteuerungen überflössen, haben die Diplomaten ihre unermüdliche Friedensarbeit gelobt. Jetzt ist der Bankrott offensichtlich und während noch am Morgen alle Zeitungen die Einigkeit Europas und das wunderbare Werk der Diplomaten priesen, antwortet am Abend das höllische Gelächter der Kriegsfuric. Aber die Unverfrorenheit der Diplomatie ist ohne Grenzen. Eben hat sie uns versichert, daß sie einig sei und den Frieden erhalten iverdc. Hatte sie nicht eine rettende Formel gefunden und gibt es für die Diplomaten etioas Höheres als die Formel? Aber diese Formel hatte keinen Inhalt und während Rußland und Oesterreich ihre gemeinsamen Vorstellungen in den Hauptstädten der Balkan- staatcn den höflich lauschenden Min istern aufsagten, hatte der unter Rußlands Protektorat gestiftete Balkanbnnd die Kriegs- crklärung bereits fertig. Und während England und Frankreich noch über die wichtige Frage verhandelten, ob der Schritt der Mächte in Konstantinopcl von allen Bot- schaftern zugleich oder von jedem nach einander abgegeben werden sollte, ließ der montenegrinische Geschäftsträger bereits das Wappen von seinem Hause abnehmen und verlangte die Pässe für seine Abreise. Das hindert aber die Herren Diplomaten nicht, uns heute zu erklären, daß der Krieg bald beendet und sicher auf den Balkan beschränkt bleiben würde. Denn Europa ist einig. In Wirklichkeit aber ist Europa ein starrendes Waffenlager, und jede natio- nale Kapitalistenklasse ist bereit, über die andere herzu- fallen, wenn nur der Kampfpreis lohnt. Wäre Europa einig, wäre nicht der deutsch- englische Gegensatz und feine Wirkung auf die anderen Staaten, dann hätten die Zivcrgmächte des Balkans nie»vagen dürfen, zum i-schtvert zu greifen. Weil dem aber so ist, deshalb ist es auch eine eitle Hoffnung, daß die Regierungen das weit größere und schwierigere Werk der Lokalisierung des Brandes herbeiführen könnten, nachdem sie das weit leichtere seiner Entstehung nicht zu voll- dringen vermochten. Der Kampf uni Konstantinopcl, den dieser Krieg eröffnet, bedeutet vor allem für Rußland die stärkste Aufforderung, sein altes und wichtigstes Ziel, das es nie aus den Augen verloren hat, aufs Neue aufzunehmen und die Herrschaft über die Dardanellen zu erringen. Er bedeutet für Oesterreich die Gelegenheit, den Versuch zu machen, seinen imperialistischen Traum der Eroberung von Saloniki zu verwirklichen. Als Nachbar von Serbien, im Besitz von Bosnien und Herzegowina, ist Oesterreich ja selbst ein Balkanstaat, deren Machtintercssen von jeder Aenderung unmittelbar berührt ioerden. Aber jedes Vordringen Oesterreichs stößt auf den Widerstand Rußlands und erzeugt den Gegenstoß Italien, das nach der albanischen Küste strebt. In Rußland herrscht der Absolutismus und ein Krieg um des Balkans willen findet zugleich die stärkste Unterstützung in der nationalistischen Strömung. Auch über die österreichische auswärtige Politik vermag die Volks- kontrolle wenig und Italien wird jetzt von allen Fiebern des Chauvinismus geschiAtelt. Und da sollen wir den Diplomaten glauben, ihr sanftes Zureden werde den Krieg lokalisieren? Der Schutz des Friedens liegt heute nicht bei den Re gierungen, nicht bei der bankrott gewordenen Diplomatie. Er liegt einzig und allein beim internationalen Proletariat. In seine Hand ist die Bewahrung des Weltfriedens gegeben. Von der Stärke und dem Umfang seiner Aktionen wird es abhängen, ob der Krieg, der jetzt im Osten Europas geführt wird, auf den Westen übergreift. Die deutsche Arbeiterklasse hat kein Interesse daran, ihre Söhne auf den Schlachtfeldern verbluten zu lassen, weil die Regierungen unfähig geworden sind, die kapitalistischen Gegensätze der Staaten anders als mit Gewalt auszutragen. DerKriegum das Erbe der der Türkei ist nicht die Knochen eines einzi- gen pommerschen Grenadiers wert. Und was immer seine Folgen sein mögen, wir fordern von der deutschen Regierung einePolitik derNicht- einmischung, der striktesten Neutralität und der Wahrung des Friedens. Wir werden diesen Kampf für den Frieden im Bunde mit unseren österreichischen, französischen, englischen Brüdern mit aller Kraft führen. Ob wir das Ziel erreichen, steht dahin, aber wir werden dann frei von Verantwortung sein. Upd wenn wirklich die europäischen Regierungen die Völker in den kriegerischen Strudel hinabstoßen, dann ist es nicht nur der Kampf um das Erbe der Türkei, der am 8. Oktober 1912 begonnen hat! i * Die Kriegserklärung. Konstantinopel, 8. Oktober. Gegen mittag überreichte der montenegrinische Geschäftsträger Plamcnatz auf der Pforte eine Note, in der erklärt wird: Da die Türkei die Wünsche Montenegros, die Streitfragen zu schlichten, nicht erfüllen wollte, sieht sich Montenegro gezwungen, sich init den Waffen Gerechtigkeit z» verschaffen. Die Pässe wer- den noch heute dem türkischen Gesandten in Cfetinje zugestellt werden. Der montenegrinische Geschäftsträger ist bereits abgereist. Ter Schutz der Montenegriner in der Türkei ist. R n s> l a n d anver- traut worden. Der Eindruck in London. London, 8. Oktober.(Privattelegramm des „V 0 r w ä r t§".) Montenegros Kriegserklärung kam bei der herrschenden pessimistischen Stimmung kaum als Ueber- raschung. Auf der Börse machte die Nachricht wenig Ein- druck. Der Sekretär der türkischen Gesandschaft erklärte einem Berichterstatter, daß dies e i n F u n k e sei. der den ganzen Balkan in Brand st ecken werde. Dagegen meint Oberst Mark Sykes, früherer Attachs an der Gesandschaft in Konstantinopel, daß Montenegro- möglicherweise von den Valkanstaateu als Versuchskarnickel vorgeschickt sei, um zu sehen, ob eine europäische Intervention erfolge. Vielleicht handele es sich auch nur um einen volkstümlichen Ausbruch, der leicht zurückgedämmt werden könne. Das Regierungsblatt„Westminster Gazette" schreibt, es kann sein, daß es keinen anderen Ausweg aus der gegenwärtigen Situation gibt als eine gewisse Summe Kampf. Aber wenn dem so ist, wird es mehr denn je notwendig sein, daß die Mächte zusammen- halten und in Bezug auf einen ordentlichen F r i e- densschluß ein m ü t ig sind. Es heiß! dann weiter, daß die schlimmsten Gefahren vermieden würden, wenn O e st e r r e i ch und Rußland einmütig blieben. Das zu bewerkstelligen müsse eine Hauptaufgabe der englischen Di- plomatie sein. Die schlimmste Gefahr drohe von einer Erregung in Rußland, die durch Niederlagen der Balkanstaaten hervorgerufen werden könnte. Aus einer Erklärung des Staatssekretärs für Indien im Oberhaus geht hervor, daß es bereits zu einem Gefecht an der montenegrinischen Grenze gekomnien ist. Die Auffassung in Paris. Paris, 8. Oktober.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Ein in dem„Journal des Debats" veröffentlichter, vor der Kriegsmeldung verfaßter Artikel sagt, die Türkei, die ein Kon- trollrecht den Großmächten wirklich nicht geben will, müsse dies auch den Kleinmächten verweigern. Gäbe es wirklich ei» europäisches Konzert, dann könnten die Mächte von der Pforte die Ausübung einer eigenen Kontrolle fordern und den Balkanstaaten die Annahme dieser Satisfaktion auferlegen. Aber ein Einvernehmen, um auf alle Streit- teile die nötige Pression auszuüben, besteht leider nicht. Gewisse Mächte wissen schon von der Aus- sichtslosigkeit der diplomatischen Schritte und sind m i ch t böse darüber. Jaurös bezweifelt gleichfalls die Ehrlichkeit des Einvernehmens. Er schreibt, wenn Bulgarien trotz der angebotenen Bürgschaften in semer Kriegspolitik fortfährt, so sei dies ein Beweis heimlicher Ermutigung von russischer Seite. Jaurös wiederholt seine For- derung, die Einberufung des Internationalen Kongresses zu beschleunigen. Bulgarien hat neuerlich bei einer hiesigen Großbank ver- sucht, 3 Millionen Frank aufzunehmen. Die Anleihe wurde aber abgewiesen. Die Meldungen über eine vergebliche Geld- suche Bulgariens in Paris stammen von Poincars selbst, der dies Journalisten unter der Hinzufügung, daß die Regierung dagegen eingeschritten sei, erzählte und die Veröffentlichung nahelegte. Die Kriegserklärung kam hier über- raschend, da man bis zuletzt an die Möglichkeit eines Erfolges Poincaräs glaubte, Jetzt ist man auch hier überzeugt, daß Bulgarien und Serbien ungesäumt zum Angriff schreiten werden. Die Börse war sehr schwach und französische Rente erreichte ihren tiefsten Stand seit 1895. Die Haltung Bulgariens. Paris, 8. Oktober.(Meldung der Preß-Centrale.) Der „Temps" meldet aus Sofia: Die Situation hat sich trotz der Intervention der Mächte nicht gebessert, zumal Bulgarien in keinen weiteren Aufschub einwilligen will, da sich dadurch die militärische Situation bedeutend verschlechtern würde. Die Konzentration der Truppen ist ziem- lich vollendet. Es wird angenommen, daß heute oder morgen bereits gewisse wichtige Punkte an der türkischeuj Grenze bei Karamanli und 5lirk Kilisso besetzt werden dürsten. Seitens der bulgarischen Heeresleitung sind alle Vorsichts- maßregeln getroffen worden, da man bei den beabsichtigten Besetzungen Zusammen st öße mit den türkischen Truppen erwartet. Die Solidarität der Balkan»lächte„ Sofia, 8. Oktober. Ein von der S 0 b r a n j e an die Parlamente von Belgrad. Athen und C e t i n j e ge- richtetes Telegramm spricht die Hoffnung aus, daß die christ- lichcn Balkanstaaten unlösbar vereint in gemeinsamem Kampf gegen die Anarchie und die Tyrannei, worunter ihre Stammesgenosseu m der Türkei zu leiden hätten, der Ord- nung, Gerechtigkeit und Freiheit zum Siege verhelfen werden. Serbische Kriegsstimmung., Belgrad, 8. Oktober. Die von der Pforte gemachien Ver- sprechungen wegen Einführung von Reformen blieben hier vollständig eindruckslos, da man den Versprechun- gen keine ernste Bedeutung beilegt. Die Zeitungen bringen fort- gesetzt recht kriegerische Artikel und verlangen, daß Serbien sofort seine Qperationen gegen die Türksi aufnehme. Fortgesetzt treffen zahlreiche Freiwillige ein, so daß zurzeit 69 009 Soldaten mehr eingerückt sind, als einberufen wur- den. Für übermorgen erwartet man hier eine Abteilung des russischen Roten Kreuzes. Auch eine Legation italienischer Frei- williger ist auf dem Wege hierher. Hier verlautet, daß es angeblich schon bei Berane zu Kämpfen zwischen serbischen Bauern und türkischen Truppen gekommen sein soll. Die Kriegserklärung wird für morgen erwartet. Kriegsagitation in der Türkei. � Konstantinopel, 8. Oktober. Gestern nachmittag fand eine <5 1 udentenversammlung statt, die angeblich vom jung- türkis chenKomitee organisiert worden ist, um der Regierung Verlegenheiten zu bereiten. Der Leiter der Versammlung war ein Mitarbeiter des„Tanin". Die Studenten, höchst erregt, verlang- t e n stürmisch den Krieg, verhöhnten Griechen und Bulgaren und schrien: Nieder mit dem A r t i k e I 23! Gegen 2-/2 Uhr erschienen zuerst 200 Repatriierte, die mit dem Publikum bald eine Masse von über 1009 Köpfen bildeten, vor der Pforte, während der Ministerrat tagte, besetzten die Tore zum Hof und veranstalteten lärmende Kundgebungen, bis die Tore der Pforte gc- sperrt wurden. Das Kriegsministorium schickte eine Kompagnie Soldaten ab, die vergebens in die Pforte Hineinzugelangen versuchten. Die Studenten begrüßten die Truppen mit einem Hoch cuf die Armee, und hielten die Pferde der Offiziere an. Erst einer zweiten Kompagnie gelang es, in die Pforte hineinzukommen. Schließlich mußten der G r o tz w c s i r und der M a r i n e m i- n i st e r unter den Manifestanten erscheinen. Sie hielten Reden, in denen sie betonten, die Regierung tue ihre Pflicht und vcrdoll- ständige ihre Vorbereitungen. Die Studenten entfernten sich schließ- lich unter lärmenden Kundgebungen. Kundgebungen in Montenegro. Ectinje, 8. Oktober.(Meldung des Wiener k. k. Telcgr.-Korrcsp.- Bureaus.) Gestern abend kam es wieder zu großen K u n d g e- Hungen für den Krieg. Tie Manifestanten bereiteten dem König und dem Kronprinzen begeisterte Ovationen und begaben sich dann vor die Gesandtschaften Serbiens, Bulgariens und Rußlands, wo sie den betreffenden Staaten ihre Sympathie zum Ausdruck brachten. Aus dem Auslande melden sich viele. Freiwillige. Ein Freiwilligenkorps wurde bereits gebildet. Heute vor- mittag defilierten vor dem König die zur Grenze abgehen- den Truppen der Katunskabrigade. Der König begrüßte die Soldaten vom Pferde herab. Eine ungeheure Menschenmenge jubelte den vorbeiziehenden Truppen zu. Die Albaner. Saloniki, 8. Oktober. Acht der hervorragendsten Volks- f ü h r e r Albaniens, wie Bairain Zur, Jssa Boljctinaz und Riza Bcy, haben sich bereit erklärt, sich mit allen Ar- nanten an der Verteidigung des Vaterlandes zu be- teiligen. Sie warten nur auf einen Wink, gegen den Feind zu ziehen. Auch in Monastib, Ochrida, Janina und Köpriilü haben große Kundgebungen in diesem Sinne statt- gefunden. Belagerungszustand in Mazedonien. Konstantinopel, 8, Oktober.(Meldung der Agence Havas.) In Mazedonien ist der Belagerungszustand proklaniicrt worden, Jungtürken und Regierung. Saloniki, 8. Oktober. Das jungtürkische Hanptko- in i t e e hat an alle Niederlassungen in der Provinz ein N u n d-- schreiben erlassen, worin diese aufgefordert werden, im gegen- wältigen kritischen Augenblick alle Streitigkeiten bei- feite zu lassen, sich zu einigen und der Regierung die Hand zu reichen, damit die Nation in ihrer gefährlichen Lage einig und kräftig sei. Zu spät! Sofia, 8. Oktober. Tie Gesandtcw von Oesterreich- Ungarn und Rußland haben heute mittag gemeinsam i m Namen der Mächte den verabredeten Schritt unternommen. Tie Reformen im Prüfnngsstadinin Konstantinopel, 8. Oktober. Ter Beschluß, das Gesetz von 1880 in Anwendung zu bringen, hat bei der Partei der Entente Liberale und der V e r f a s s u n g s p a r t e i einen guten Eindruck hervorgerufen( nur die K-omitee- Partei scheint ihn zu mißbilligen. Um den unzu- friedenen Teil des Publikums zu beruhigen, veröffentlicht die Pforte eine Erklärung, die besagt, daß die er- forderlichen Reformen noch geprüft werden. Ter Entwurf werde der Z u st i m m u n g der 5l a m m e r und des Senats und der Sanktion durch den Sultan unter- warfen werden. Deshalb dürfe die Bevölkerung sich incht beunruhigen und durch falsche Darstellungen erregen lassen. Die griechischen Schiffe, die noch nicht vom Marineministerium beschlagnahmt worden sind, haben die französische Flagge gehißt. Protestversammlungen in Ungarn. Wie uns ans B u d a p e st geschrieben wird, fanden Sonntag in Budapest und der Provinz 2 6 Massen- Vers am m langen gegen den Krieg statt, in denen gegen den Krieg protestiert wurde und die Bewahrung striktester Neutralität von der ungarischen Regierung ge- fordert wird. Insbesondere wurde auf den Widerspruch hin» gewiesen, daß nian von denselben Arbeitern, denen man das Wahlrecht verweigert, verlangt, daß sie sich auf den Schlachtfeldern für d y n a st i s ch e und k a p i t a- l i st i f ch e Zwecke hin morden lassen sollen. »-i- ' Steigende Hnarchie. Äits Konstantinopel schreibt uns Genosse P a r V u ö: Während die Telegraphcnburcaus aus Sofia und Belgrad von der wilden patriotischen Begeisternng, die die Mobilisation hervor- rief, zu melden wiffen, herrscht in der türkischen Hauptstadt eine schwere, bedrückte Stimmnng. Ein Jahr lang dauert schon der Krieg mit Italien. Er hat zwar dem Staalsschatz nicht viel ge- kostet, den Handel aber stark geschädigt. Die Wärcneinfnhr aus dem Auslände ist. nach der Zollstatistik, um t6 Prozent zurückgegangen. Kredit ist anders als unter wucherischen Bedingungen gcw nicht mehr zu erlangen. Die Geschäfte stocken. Dabei sind die MietSpreise in einer horrenden Weise in die Höhe gegangen und die Lebensmittelpreise auch. Die Steuern aber sind erhöht worden. Das Elend der BolkSinasfen. besonders der türkischen, ist so furcht- " bar, daß es alle europäischen Vorstellungen übersteigt. Es ge- hört wahrlich eine orientalische Geduld dazu. eS ruhig zu er- tragen. Die türkischen Banernmassen aber, die man jetzt in langen Eisenbahnzügen aus Anatolicn hinüberschlcppt, um sie in die Militär- cadres einzureihen, sind erst recht verelendet. Die Verwüstung, die in Anatolieit die primitive tapilnlistlsche Akkninulation in unserm gerühmten zwanzigsten Jahrhundert anrichtet. übcrtristr an Blut und Schweiß und Tränen die furchtbarsten Seiten der kapitalistischen Geschichte. Wenn der türkische Bauer in die Kaserne kommt, ißt er sich zum ersten Male satt. Aber wenn auch der Reservist in der Kaserne vor Hunger geschützt ist, so weiß er doch, daß seine Familie in seiner Abwesenheit nicht nur hungert, sondern um jeden wirtschastlichcu Halt gebracht wird. Und nun, da er in den Krieg gehen soll, riskiert der Bauer sein Leben, während seine Familie an den Bettelstab gebracht wird. Nun will ja die Türkei gewiß nicht den Krieg. Er wird ihr aufgezwungen. Dies und die geringe soziale Erkenntnis der Volks- Massen bringen es mit sich, daß— außer unserer Partei, die jedoch nicht stark genug ist. um sich geltend zu mache»— niemand aus dem Elend ein Argument gegen den Krieg macht. Wenn also hier keine Kriegsbegeisterung herrscht, so herrscht eine uni so größere Krieg swut. die zugleich religiös und national gefärbt ist und deshalb sehr leicht auch in den inneren Kämpfen deö Landes zum Durchbruch kommen könnte. Das bedeutet Revolten und MassakreS. Ein Türke aus dein Volke hörte zu, wie inan aus der Zeitung die Nachricht von der bevorstehenden Mobilisierung vorlas.—.Was � schrie er entsetzt auf— wieder Mobilisierung? Ich bin ja erst seit einigen Tagen aus Albanien zurückgekehrt. Das geht ja gar nicht. Das kann nicht sein. Da hört sich alles auf. Da bleibt gar nichts anderes übrig, als allen die Gurgel abzuschneiden." Das ist keine vereinzelte Stimme. Die türkische Masse befindet sich a m?! a n d e d e r V e r z tv e i s l u n g. Auch in de» Offizierkreiscu sehen die Dinge wieder recht bös aus. Die Komiteeleute nnd die anderen bilden zwei feindliche Lager. Tie lliegierung hat es nicht verstunden sich Sympathien zu erwerben. Bricht der Krieg ans dem Balkan aus, so braucht sie so- fort Erfolge. Die erste bedeutendere Niederlage könnte eine Militärrevolte in Konstantinopel zur Folge haben, die auch von Christeumetzeleien begleitet werden konnte. Indessen mehren sich in M a z e d o n i e n die Bombenattentate, und i» Armenien inorden die Kurden. Krieg oder Frieden— die Entscheidung darüber fällt jetzt außer- halb Kouftaiitinopeks. Daß aber rnit dein Krieg die Brandfackel mitten in die inneren Trubel des Orients geworfen wird, daß damit den Revolten, der Anarchie, dem Fanstrecht, den, Raub und Mord und den Pogroms fanalisierter Massen die Wege geöffnet werdein das scheint mir sicher zu sein. -?* * Sentimentale Kriegshetze. Noiu, den 5. Oktober.(Gig. Ber.) Während die nationalistische Presse in allen Tonarten gegen die vorgeschlagenen Friedens- bedingungen wütet, haben auch die exsozialistischen?i e s o r m i st e n alles mögliche an der de», Frieden zustrebenden Haltung der italienischen?iegierung ans,„setzen. Ten Nationalisten ist das Erreichte zu wenig. Sie wolle» sich nicht damit zufrieden gebe», daß die Türkei Tripolitanien räumt, ohne ausdrücklich die italienische Souveränität auzuertemien, wollen auch von der Fortdauer der religiösen Oberhoheit des Kalifen nichts wissen, nichts von der Rückgabe der aegäischen Inseln, und schon ganz und gar nichts von der Eiitschädigling, die die italienische?tegieruiig für die StaatSIändereien in Tripolitanici, de», ottomaiiiscbci, Schatze zu zahlen bereit scheint. Daher dränge» die Nationalistei, aus Fortführung d e S Krieges und fordern, daß»ra» die Notlage, die der Türkei aus den Balkauwirrcn erwächst, ausnütze, um günstigere FriedenSbedingiingen zu erzielen und vielleicht auch. „», eine A e„ d e r„» g d e s S t a t u s y u o im Balkan z n m Vorteil Italiens zu erlangen. Von ihre», Standpunkt haben die Nationalisten recht, denn ihnen kommt eS ja auf ein paar Tausend junger Leben nicht an, so lange nur ihre kostbare Haut keine Gefahr läuft. Merkwürdig i st eS aber, in den Chor der Kriegs freudigen auch die r e s o r»n st i s ch e P a � e i einstimme n zu sehen. Und zwar nehmen die Reformisten, die sich doch immer so viel auf ihren praktischen Sinn und auf ihre Au- pasiung au das Tatsächliche zugute tun, ihre heutige Stellung des- halb ein, weil sie an die Möglichkeit einer Lösung der Balkanfrage glauben, die den nationalen Bestrebungen der Balkanvölker genug- tut. lim diese. Utopie zu verwirklichen, sind sie ohne weiteres entschlossen, einen europäischen Krieg zu entfesseln. Das Zentralkomitee der reformistischen Partei und der Ausschuß der römischen Seltiou haben eine Tagesordnung angenommen, in der eS heißt: „Angesichts der Haltung der europäischen Mächte, die aus Eifersucht an der verhängnisvollen Formel des Status„ u S ist, der in der Praxis niemand zugute kommt als den Mächten, die ihr Landesgebiet im Balkan abrunden wollen, dann weiß man wirklich nicht, wie man diese„praktische Gegenwartspolitik der Reformisten" qualifizieren soll! Soweit unser Korrespondent. Wir geben die Stellungnahme der llkesormistcn, deren politische Bedeutung ja gering ist, auch um deswillen wieder,»m zu zeige», wie gänzlich unangebracht die Aufnahme dieser Gruppe in die Jnternatio- n a l c wäre. Neuerung. Der preiisnsche Stttdtetag zur Flcischtcuernng. Düsseldorf, 8. Oktober.(Privattclegramm des „Vorwärts".) Der preußische Städtetag schloß sich den Beschlüssen des deutschen Städtetagcs an und erklärte. es sei nicht Aufgabe der Geincindeu, für die Schäden einer falschen Wirtschaftspolitik dauernd ein- treten zu müssen. Die Bcschlüsic des Bundesrats seien uu- zureichend, die Aufgabe oder wenigstens die Milderung des§ 12 des Flcischbeschangesetzes sei unbedingt erforderlich. Tic Stellung der Fleischer. Die Fürther Metzger bcschloffen, das von der Stadt eingeführte Fleisch nicht auszuhaucn. Die Stadt hatte ihnen eine» Verdienst von 12 Pf. für das Pfund angeboten. Das war den Metzgern zu wenig; sie verlangten 18 Pf. Auf diese Weise wäre das eingeführte Fleisch noch höher im Preise gekommen als das, welches die Metzger verkaufen. Wenn die Metzger nicht noch beigeben, wird die Stadt das Fleisch in eigener?icgic aushauen. Die Fleischcrinnung in Breslau beschloß im Gegensatz zu vielen anderen Innungen dieses Gewerbes, in, voraus dem Magistrat die Uebernahmc de» Verkaufs von argentinischem Gefrierfleisch anzubieten, falls die städtische Teucrungskou, Mission die Einfuhr von solchem oder anderem ausländischen Fleische bc- schließt. Allerdings hat die gegenwärtige Teuerung unter den Brcslaucr Flcischcrmeistern schon eine Anzahl Opfer gefordert. Viele Geschäfte iiiutztei, wegen zu geringen Umsatzes geschlossen werden. In D r e s d c n haben>die Fleischermeistcr, nachdem drei Liefe- ruugcn dänischen Flcisch-S dort eingetroffen waren, auch eine Er- Mäßigung des Preises für deutsches Fleisch eintreten lasten, so daß beide Sorten„uiimchr gleich viel kosten. Vorher hatten sie immer und immer wieder erklärt, sie könnten nicht heruntergehen. Städtische Maßnahmen. Der Stadtrat in Altenburg hat dem Stadtverordneten« kollegium eine Denkschrift zugehen lasten, in der nach amtlichen Erhebungen die Preissteigerungen der Jahre 1907— 1912 aufgeführt werden. Diese Preissteigerungen sind ungeheuerlich Sie bc-- tragen für Rindfleisch 27 Proz., für Kalbfleisch 27 Proz., für Schweinefleisch 34 Proz., für Schöpsenfleisch 40 Proz., für gc- räuchertes Fleisch 41,7 Proz., für Fett öS, 2 Proz., für Wurst 41,3 Prozent, für Butter 6,6 Proz., für Eier 10,9 Proz., für Weizen.-- mehl 6,7 Proz., für?!oggenmehl 11,8 Proz., für Kaffee roh 20,1 Prozent, gebrannt 14,3 Proz., für Salz 10 Proz., Milch 10 Proz., Kartoffeln S4 Proz.,?toggenbrot 13 Proz. u. s. f. In der Denk- schrift wird entschieden bestritten, daß man es in den TeuerungS- erscheinungen mit vorübergehenden Verhältnissen zu tun habe, und betont, daß recht bald dringende Hilfe not tut, und zwar in ersico Linie von der stiegiernng. Die Denkschrift gipfelt in der Forderung nach Aushebung oder Ermäßigung der Zölle für Vieh, Fleisch und Futtermittel, Erleichterung der Einfuhr von Vieh aus den Nach- barländcrn. Ermöglichung der Einfuhr von gefrorenem und ge- kühltem Fleisch usw. Gleichzeitig lag den Stadtverordneten ein sozialdemokratischer Antrag vor, der sich in gleicher Richtung bc- wegte. Die Denkschrift samt dem sozialdemokratischen Antrag wurden, ohne Widerspruch zu finden, angenommen. Der frühere freikonservative?!eichstagsabgeordnete Edm. Schmidt stimmte der Vorlage ebenfalls ohne Widerspruch zu. Der Magistrat von!li o st o ck(Mecklenburg) teilte auf einen! durch unsere Genosscii herbeigeführten Antrag der Stadtverord- netcnversammlung mit, daß er Verhandlungen wegen Bezug dänischen lliindfleisches angeknüpft habe. Das Stadtparlamcnt bc- willigte sodann 1000 M. zum Ankauf von Seefischen, die zum Selbstkostenpreis abgegeben werden sollen. Ferner ersuchte die Stadtvcrordiictcuversaiumlung den Magistrat, auch den Ankauf von Sohlen in die Hand zu nehmen. Tie Stadtverordnetenvertretung von Lehe beschloß, gemein- sam mit der Stadt Bremerhaven ausländisches Fleisch zu beziehen. Ferner wurde auf Antrag der sozialdemokratischen Vcr- trctcr der dritten Klasse beschlossen, eine Eingabe an die Reichs- rcgicrung zu richten auf Aufhebung der Futtermittelzölle, der Bich- und Schlachtflcischzöllc. Dem weitergehenden Antrage auf dauernde Beseitigung der Aiebeusmittelzölle vermochte sich die bürgerliche Mehrheit nicht anzuschließen. Der städtischen Teuerungskommission in Fürth hatten zwei Hamburger Firmen Angebote auf Lieferung von Gefrierfleisch aus Argentinien und der Mandschurei gemacht; sie unterließen eS aber, auch Preise anzugeben. Da die Stadt nicht über die notwcn- digen Einrichtungen zur Behandlung des Gefrierfleisches verfügt. so wurde diese Maßnahme fallen gelassen. Auch für die Ein- führung von dänischem Fleisch waren Angebote gemacht worden, nach welchen jedoch das Pfund Rindfleisch auf 91 Pf. und das Ochsenflcisch aus 97 Pf. gekommen wäre. Bei den Fürther Metz- gern muß für Slindfleisch 72— 95 Pf. und für Ochsenfleisch 80 bis 102 Pf. bezahlt werden. Um Fleisch vorteilhafter einführen zu können, wurde beschlossen, mit den Städten Nürnberg und Er- langen gemeinsame Maßnahmen zu ergreifen. 2000 M. sollen als anfänglicher Betriebsfonds dienen. Dabei wurde gehofft, die Rcgierungserlasse werden billigere Angebote zur Folge haben. Der Gemeinderat in Metz bewilligte 40 000 M., die zum Ein« kauf von frischem Fleisch und lebendem Vieh aus Holland bc- stimmt sind. I» der ersten Sitzung beS neuen TcucrungsaiiZschusseS der Stadt Dortmund wurde beschlossen, einstweilen auch fernerhin sowohl lebendes giindvieh, Schweinefleisch, amerikanischen Speck und gegebenenfalls Gefrierfleisch einzuführen. -»« -» Die Landwirtschaftliche Provinzial- Ge- nossen schaftskasse für Brandenburg, die 600 Ge- nosscnschaften mit 40 000 Mitgliedern umfaßt, hat zur Erörterung der Frage einer Ermäßigung der Fleischpreise durch Mitwirkung des Genossenschaftswesens an 28 Magistrate und Fleischerinnun- gen von märkischen Städten Einladungen ergehen lassen, auf welche die meisten Städte und ebenso auch einige Fleischerinnungen ihre Bereitwilligkeit zur Teilnahme an den Beratungen, die demnächst beginnen, erklärt haben. Folgen der nationalen Wirtschaftspolitik. Wie ans M ü h l h e i m a. d. biuhr telegraphiert wird, erkrankte in Speldorf eine Familie, Vater, Mutter und drei Kinder, nach dein Genuß von Pferdefleisch unter VergistungL» erscheinungen und mußte ins Krankenhaus gebracht werden- Eine zweite Familie erkrankte aus derselben Ursache in der Altstadt und mußte gleichfalls in Krankenhaus gebracht werden. Protestversammlungen. In Dresden fanden am Sonntag fünf Volksvcrsammlun- gen statt, die sich mit den ungenügenden Maßnahmen der Reichs- regicrung gegen die Teuerung befaßten. Die Polizei war in großen Massen aufgeboten, trotzdem verliefen die Versammlungen friedlich. lilaniiheimer ifmingcn und Verwirrungen. Der Mannheimer Parteitag der Fortschrittlichen Volksparici war der erste seit der drei Jahre zurückliegenden Vereinigung der liberalen Gruppen. Er bot Gelegenheit genug, festzustellen, wie tveit tatsächlich eine Verschmelzung-der früheren Sondcrorgani. sationen stattgefunden hat und welchen Grad der Einigkeit und Gc- schlossenheit das liberale Bürgertum Deutschlands in dieser Zeit erreicht hat. Die politische Situation insbesondere des letzten, Jahres war wohl geeignet, die Auseinanderstrebenden zusammen- zuschließen und die in den Reihen, der Liberalen weit vcrbreiiete Unklarheit über die notwendigen Ziele eines wirklichen politischen Fortschritts zu beseitigen. Der Vorsitzende dc3 Geschäftsführcnden Ausschusses der Partei glaubte denn auch in der Eröfswungssitzung die Einigkeit und Geschlossenheit der Partei betonen zu müssen. Er verstieg sich sogar zu dem Ausspruch, daß keinerlei Meimtnes» Verschiedenheiten grundsätzlicher Art in den liberalen'Reihen de- ständen, und die� Voltspartci heute die ge sch l of sc n st q Partei darstelle. Schon in der Debatte mußte er sich aber vom Abgeordneten, Naumann sagen lassen, daß die Organisation der Partei sehr viel zu wünschen übrig lasse, daß die„große Masse" zwar liberal sei oder wenigstens liberal rede, aber doch nichts für die Partei tue. Von einer„Läuterung" der Partei hat der Außenstehende jeden- falls nichts bcmerlt. Die Behandlung aller wichtigen Fragen auf dem Parteitag zeigte das alte Lied weitgehender Meinungsunter- schiede. Wer gar erwartet hatte. t>aß die politische Situation int letzten Zeit und speziell die tiefgehende Erregung aller nicht- agrarischen Kreise des deutschen Volkes über die Wirtschaftspolitik die Fortschrittliche Volkspartei entschieden vorwärtsdrängen würde. wurde enttäuscht. Schon bei dem ersten Hauptthcma der VerZaud» laft$ zeigte sich, tag die Parte! nichts Ernsthaftes gegen die gegen« wärtige Zollpolitik unternehmen will. Man hörte ein Steferat und Korreferat und die zahlreichen Diskussionsreden über:„Wirtschaft- liche Fragen, Zollfraaen und Teuerung" an, fand aber nicht die Kraft zu einer eindeutigen Lösung dieser Probleme, sondern wich ihr durch Einsetzung einer Kommission zum Studium der Agrar- frage aus. Einige Abgeordnete traten ganz offen als Schutz- Zöllner auf. Aus Rücksicht auf die landwirtschaftlichen Kreise, in die der Fortschritt seit seiner Verdrängung aus den Städten durch die Sozialdemokratie getrieben worden ist, vergißt man die Interessen der städtischen Konsumenten. Vergebens rief der Land- tagsabgeordnei» Tautzen den Parteitag an, klare Stellung gegen- über der Teuerung zu nehmen. Nicht an den Eindruck, den die Agrardebatte vor den liberalen Wählern machen werde, dachte man, sondern hielt die Agitationsreden für die Bauern, bei denen man „die Legende von der Landwirtschaftsfeindlichkeit der Fortschritt- lichen Voltspartei zerstören" möchte. Aus aller Uneinigkeit der Dcbatteredner ging doch das eine hervor, daß für eine Ermäßigung, geschweige denn eine Beseitigung der Agrarzölle die Volkspartci nicht zu haben ist. Eine noch stärkere Verworrenheit der Anschauungen zeigte sich bei der Behandlung der Arbeitersrage. Die„Einigkeit" äußerte sich hier in noch viel lebhafteren Zusammenstößen. Nau- mann und Erkelenz ließ man als Arbeiterfreunde auftreten; aber Waldstein und Müller-Meiningen kennzeichneten sofort ihre Aus- führungen als„unreife Phraseologie" und„rhetorische Ucbcrtreibungen". Wiemer mußte wieder als Vermittler und Bc- schwichtiger auftreten. Er stellte wohlgemut die Behauptung auf, »im Grunde" seien ja alle einigt. Die angenommene Resolution mit ihren allgemeinen Forfäe- rungen des Ausbaues und der Vereinheitlichung des Arbeiterrechts durch Umwandlung des Arbeiterverhältnisses in ein geordnetes Rechtsverhältnis wird in ihrer Bedeutung noch dadurch gering- wertiger, daß man sie vorher der Einzclbestimmungen entkleidet hatte. Auch die Verhandlungen über das dritte Hauptthema, die Frauen wahlrechtssrage, brachte nichts als Worte. Ger- trud Bäumer und Helene Lange sagten der Partei manch bittere Wahrheit über die Inkonsequenz des Liberalismus. Aber auch zwei Kapazitäten der Partei, Müller-Meiningen und Haußmann, sprachen sich sofort gnergisch gegen die von der Entwicklung vorgc- zeichnete Notwendigkeit des Frauenstimnircchts aus. Nur so sanft- mütige Elemente, wie es liberale Frauen sind, können trotz dauern« der Nichtbewilligung ihrer Forderungen bei der Partei ausharren. Die liberalen Wähler vom Januar werden über die ganze Tagung enttäuscht sein. Die„grcktze Stunde", die der Libe- ralismus auf dem Parteitage erleben sollte. Hab lediglich ein paar grvße, inhaltsleere Worte, aber keine Tab gezeitigt. politiscde deberlickt. Berlin, den 8. Oktober 1912. Klerikales Liebeswerben. Herr Julius Bachem, der Stratege der Kölner Zentrumsrichtung Wird Höchst kommandierender der„Kölner Volksztg.", ist mit dem Chemnitzer sozialdemokratischen wie mit dem Mannheimer fortschritt- lichen Parteitag recht wenig zufrieden, denn aus den Verhandlungen schließt er, daß es zwischen der Sozialdemokratie und der Fort- schrittlichen Volkspartei bei den nächsten preußischen LandtagSwahlen zu einer Verständigung und einem Wahlbündnis kommen wird. Daß die sozialdemokratische Parteileitung ein solches Wahlbündnis erstrebt, daran zweifelt er nach den Ausführungen des Genossen Scheidemann nicht mehr, und ebensowenig ist nach seiner Ansicht zu erwarten, daß die Fortschrittliche Vollspartei solches Bündnis ablehnt. Er meint: „Bei den Freisinnigen wird die sozialdemokratische Wahltaktik zweifellos einen vollen Erfolg haben. Es kommt jenen äugen- scheinlich zunächst nur darauf an. mir Hilfe der Sozialdemokratie eine Anzahl Mandate von den rechtsstehenden Parteien einzu- heimsen; die Möglichkeit, daß die Sozialdemokratie in unseren parlamentarischen Körperschaften das Heft in die Hände bekomme, stebt ja noch im weiten Felde." Dicler drohenden iozialdcmokratisch-fortschrittlichcn Wahlkoalitiow möchte Herr Julius Bachem gerne ein zentrumsparteilich-konservativ- nationallibcrales Wahlbündnis entgegenstellen, und er wendet sich deshalb gleißucrifch an die rechtsnationalliberalen Kreise in Rhein- land-Westsalen. indem er ihnen zusichert, daß wenn sie sich den Klerikalen und Konservativen anschließen, das Zentrum seine Gefolg- schaft in jenen Gegenden zur Stimmenabgabe für die national- liberalen Landtagskandidate» kommandieren wird: „Nicht so glatt wird die Sache bei den Nationallibcralen der- lause». Auch diese möchten geiviß gern mit Hilfe der Sozial- demokratcn, den Konservativen und namentlich dem Zentrum eine Anzahl Mandate abnehmen: aber sie haben doch größere Schwierigkeiten im eigenen Lager zu überwinden. In der»a- tionalliberalen Partei gibt es noch weite Kreise, welche sich immer sorgenvoller die Frage vorlegen, wo die national- liberale Partei bei der gegenwärtigen Linksentwickelung schließlich bleiben, ob sie nicht naturnotwcndig nach links und rechts zcr- bröckeln wird.... Bei den Reichstagswahlen ist man ja im Lager der Zentrums- Partei der veränderten Situation im allgemeinen gerecht geworden, wenn auch»och nicht mit der Entschlossenheit und Ge- schlosienheit, welche diese Situation erforderte, sonst wäre die Zusammensetzung des Reichstages eine g ü n- stigere geworden. Diesmal muß in der bei den Reichs- tagsivahlen eingelchlagenen Slichtuug konsequenter vor- gegangen werden. Eine Vorbedingung dafür wird die von langer Hand zu schaffende Klarheit fein, ob noch ein namhafter Teil der national- liberalen Parte, als Mittelpartei sich zu be- haupten willens und imstande ist-, Der letzte Satz ist deutlich genug Schließt sich die national» liberale Partei nicht dem sozialdemokratisch-fortichrittlichen Wahl- bllndniS an. sondern sucht sie bei den Schwarzblauen Unterschlupf, so wird das Zentrum„konsequent sein, das heißt— die Nationalliberalen bei den LandtagSwahlen in, weitesten Maße unter- stützen. Die klerikale Kokotte ist zu jeder Gefälligkeit bereit! Nur keine Steuerschounng. Jüngst brachte die„Post" eine Zuschrisl über die Reform der preußischen Einkommeiisteuer, in der die Forderung gestellt wurde. die untersten Steuerstusen von ö und ö M.»iüßten abgcschnfst werden, da die Einkommen unter 1200 M. knapp zu», Leben aus- reichte» und der Staat die 18 Millionen Mark, die ihm aus diesen Steuerstusen zuflössen, zu entbehren vermöge. Diese vernünftigen Ansichten haben sofort in den wohlhabenden Kreisen der.,Post"les-r Anstoß erregt. Das Blatt veröffentlicht in der heutigen Morgennnmmer zwei weitere Zuschriften, die eine von »parlamentarischer Seite", die andere allem Anschein nach von einem Großindustriellen, die sich beide in schärfster Weise gegen den Wegfall oder auch nur die Ermäßigniig der unteren Steuerstufen aussprechen. In der ersten Zeilschrist heißt es: „Der sonst sehr beachtenswerte Beitrag fordert in einem Punkte Widerspruch heraus. Der Vorschlag, die untersten beiden Steuerstusen unter Verzicht auf deren Erlrag von 18 Millionen Mark ganz aufzuheben, erscheint, wenn man ihn einseitig vom Standpunkle der StaatSsteuer beurteilt, wohl sehr er- wägenswert. besteht aber die Prüfung vom Standpunkts der KoniMlinalbesteiierung nicht. Soll niit dem Ausgleich der Komniunal- und Volksschullasten Ernst gemacht werden, so kann zunächst ans jene 18 Millionen für deren Finanzierung nicht füglich verzickstcl werden. Sodan» mag der Forlfall jener beiden Steuerstufen für den Gemeindehanshali der meisten Groß- städte und reicher Vorortsgemeinden erträglich sein, für viele kleine Städte und für zahlreiche Landgemeinden, namentlich für alle Jndustricgeineinden wäre er mil der völligen Erschütterung des Fundaments des Gemeindehaushalts gleichbedeutend. Man stelle sich so eine Jndusiriegemeinde vor, welche ganz überwiegend aus Arbeitern besteht und jetzt schon eines Zuschlages von 250 bis 300 Proz. zur Balancierung ihres Etats bedarf. In den beiden untersten Stufen stcuei» nicht nur die Steuerpflichtigen mit weniger als 1200 M. Einkommen, sondern dank dem Kinder- Privileg auch die höher gelohnien Arbeiter mit größerer Familie, bei großem Kinderreichtum selbst die höchst enllohnteii. Fallen alle diese für den Gemeindehaushalt auS, so bleibt ein kleiner Rest für die Deckung des ganzen Gemeindebedarfs übrig; die Zu- schlüge müßten auf 1000 Prozent und mehr hinaufschnellen und geradezu unerträgliche Zustände entstehen." Nock spöttischer urteilt die zweite Zuschrift über den Vorschlag: „Der Einsender ist der Ansickit, daß die Steuerstusen von 6 und g M. abgeschafft werden müßten, weil ihr Ertrag nicht im richtigen Verhältnis zur Zahl der Steuerzahler steht und ver- hältnismäßig zuviel Arbeit inacht. Nun, ich gebe zu, daß�eS bedeutend einfacher ist, z. B. eine Million aus je 300 M. Steuern zusammenzurechnen als aus 0 und 9 M. Steuern. Dieser Vorteil darf aber nicht ausschlaggebend sein gegenüber dem Vorteil des Staates. Ein Staat kann nur bestehen,' wenn die Mehrzahl der Staatsbürger eine„Staatsgesinnung" habe», d. h. sich mit dem Wohl und Wehe des Staates verbunden fühlen. Dieses Zu- saninlengehörigkeitsgefühl findet in der Zahlung einer angemessenen Steuer für den Staat einen wesentlichen Ausdruck. Mit dem Auf- hören der Steuerzahlung würde dieser Znsammenhang bald auf- hören. Durch die sozialistiiche Propaganda ist ohnehin in den breilen Bolksmasseii die Ansicht stark genug verbreitet worden, daß der Slaatsbürger, besonders wenn er Arbeiter ist, nur Rechte an den Staat, aber keine Pflichlen ihm gegenüber hat. Diese st aatszer st örendeGe sinnung wird demnach durch Aushebung der beiden untersten Steuersätze sehr weit gefördert werden.'Ich halte daher diese Aus- Hebung nicht für eine politische Klugheit, sondern eben für eine politische Unkugheit." Es ist immer dieselbe Litanei! Die Herren mit den gefüllten Taschen verweigern zwar den Arbeitern jeden in Betracht kommenden Einfluß auf die preußische Gesetzgebung: aber ihre Steuergroschen nehmen sie gern. Selbst die Aermsten, die kaum das tägliche Brot haben, dürfen nicht von der Sleuereintreibung verschont bleiben. Unlautere Praktiken einer zentrums-agrarischen Genossenschaft. Die bayerische Abgeordnetenkammer bewilligte am Dienstag ein- stimniig die erste Rate von 3 Millionen sür die Mainkanalisation von Aschaffenburg bis Hanau. Von den Rednern der Linken wurde über die Langsamkeit des Ausbaues bayerischer Wasserstraßen lebhaft Klage geführt. Zum Schluß der Sitzung gab Genosse Auer eine ErNärnng ab gegen die größte landwirtschaftliche Genossenschaft, die Heimsche Zentrale in RcgenSburg. Auer warf der Genossenschaft vor, daß sie, obivohl sie das Vorrecht eines gemeinnützigen Unternehmens beanspruche und genieße, unlautere Spekulationen treibe. Sie habe die vorjährige Futternot zu riesigen Gewinnen und zu Provisionen für leitende Persönlichkeiten ausgebeutet. Auch habe sie die Eisenbahnverwaltung durch falsche Deklarationen ge- tämcht. Auer zitierte die Aeußerung eines AbteilungsvorstandeS der Zemralgeiiossemchaft:„Die Zentralgenossenschaft sei ein in christliche Nächstenliebe eingewickeltes Judengeschäfl". Durch diese Erklärung wurde der zweite Vorsitzende der Zentral- genossenschaft, der Zentrumsabgeordnele Osel, so aufgeregt, daß er Auer wiederbolt einen Feigling nannte und zweimal zur Ordnung gerufen werden mußte._ Von den elsässischen Bczirkstagsnachtvahlen ist noch eine Zentru in S Niederlage zu melden. Bei der gleichfalls am Sonntag vollzogenen Nachwahl im Kanton B r u m a t h wurde der fortschrittliche Kandidat Dr. B o st e t t c r mit 2315 Stimme» gegen 2133, die der Zeulrumskandidat Pfarrer Dr. Postina erhielt, gewählt. Bei der Hniiptwahl vom 29. Sevteniber hallen Bostetlcr 1732, der Zentrümler 1872 und unser Genosse Schott 424 Stimmen erhalten, woraus sich ergibt, daß die sozialdeinolratischen Stiniincn, der Parteiparole folgend, bei der Nachwahl vollzählig für den Fort- schrittler abgegeben worden sind. Zentrumsstreit. Die neueste Ninniner der„Kölner Korrespondenz" befaßt sich bereits mit dem Prozeß, der am Freitag das Amtsgericht in Frank- furt a. M. beschäsligte und der mit Vertagung endete, um de» Führer der Antibachcmite», Dr. Karl Maria Kaufmann, und den von ihm wegen Beleidigung verklagten drei Zentrumsredakteuren aus Frankfurt, Stuttgart und Bochum Zeit zu geben, den Prozeß durch Anrufimg eines Bischofs oder einer anderen Autorität im Wege dc§ Vergleichs aus der Welt zu schaffen. Die von den verklagten Redakteuren vcrantwort- lich gezeichneten Zeiitrumsblätter hatten ans Grund eines in der „Kölnischen VolkSzeitung" erschienenen außerordentlich heftigen Artikels behauptet, Dr. Kaufmann, der bekanntlich katholischer Geist- sicher ist, habe durch Informationen der„Corrcspondance de Rome" die deutschen Katholiken verleumdet. Dr. Kaufmann will in dem Prozeß den Belveis erbringen, daß er niemals Beziehungen zu den» genannten römischen, von dem bekannten Moiisignore Benigni inspirierten Blatte gehabt habe. Wie übrigens in dem Prozeß mit- geteilt wurde, ist der in der„Kölnischen Volszeitung" gegen Dr. Kausinann erschienene wüste Arülel versaßt von dem früheren Provinzialoberen der weißen Väter, Dr. Froberger, der ein eifriger Mitarbeiter und Ratgeber der„Kölnischen VolkSzeitung" an Stelle des zum AsikatholizisinuS übergetretenen Redakteurs und Kaplans Dr. Kirsch ist. lieber den Zweck der gegen Dr. Kaufmann erschienenen Artikel, oder, wie die„Kölner Korrespondenz" schreibt:„der ganzen Aktion" gegen Kaufmann, habe sich dessen Anwalt wie folgt ausgesprochen: „Die Vertreter der Kölner sBachemsche») Richtung sehen sich durch in- und ausländische Blätter, besonders durch die in Rom selbst unter den Augen des Papstes erscheinende„Corrcspondance de Rome" stark bedrängt. Nun geht ihr Bestrebe» dahin, glauben zu machen, Dr. Kanfmaiui stehe hinter allen diesen, der Kölner Richtung unbequenien Organe», besonders den ausländischen; er informiere nämlich gegen die Kölner Richtung, die„Correspondance de Rome", welche ihrerseits wieder die Tageszeitungen bediene. Was also diese Korrespondenz, die vom Papst jede» Tag gelesene „Unita cattolica". dem„UniverS" usw. schreiben, daS sei gar nicht ihr geistiges Eigentum und gebe garnicht ihre selbstgewonnene Ansicht wieder, sondern eS sei alles nur auf den einen Mann in Frankfurt(Dr. Kaufmann) zurückzuführen, der auf diese Weise den Mittelpunkt eines internationalen antikölner Konzerns bilde. Das ist natürlich Wahnwitz. In katholischen Kreisen wird man sich darüber wundern, daß im katholischen Lager ein solcher Blödsinn aufkommen und geglaubt werden kann."— Wie die Kölner Korrespondenz weiter schreibt, hat Dr. Kaufmann selber den ihm gemachten Vorwurf entrüstet zurückgewiesen. Justizrat Gystling. In München ist, wie von dort gemeldet wird, der fortschrittliche Landiagsabgcocdiiete Gyßling-Königsbcrg im Alter von 53 Jahren gestorben. Gyßling war von Geburt Ostpreuße. 1858 in Dzubiellen im Kreise Johaimisburg geboren, studierte er Jura und ließ sich darauf in Allenstei», später in Königsberg als Rechtsanwalt nieder. 1903 wurde er von der freisinnigen Partei Königsbergs in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, ein Mandat, das er bis zu seinem Tode behalten hat. Von 1907—1911 gehörte er auch dem Reichstag an. Gyßling stand auf dem rechten Flügel der Forlschritt- lichen Volkspartei. Sein Liberalismus war stark verwässert, und unsere Genossen in Königsberg haben mit ihm manchen Strauß aus- gefochten._ Ungarn» Der Maianfstand des Budapester Proletariats vor Gericht. Aus Budapest wird uns geschrieben: Es ist bekannt, daß die sozialdemokratische Arbeiterschaft von Budapest am- 23. Mai, an dem Tage, an welchem der Graf Tisza zum Präsidenten des Abgc- ordnetenhauses gewählt wurde, in den Generalstreik trat, und bc- schloß, vor-das Parlament zu ziehen. Der politische Instinkt der Arbeiter sagte ihnen, daß mit dieser Besitzergreifung der Präsi- dentenwürde durch den Grafen Tisza der cntischeidcnde Schlag gegen die Obstruktion und gegen die demokratische Wahlreform geplant wurde. Die späteren Ereignisse-bewiesen, wie richtig die Ardeiterschast die politische Lage beurteilte. Obwohl Polizei und Militär in Massen aufgeboten wurden, konnte die Arbeiterschaft nicht eingeschüchtert werden. Budapest war der Schauplatz von- wahren Straßenkämpfcn, wobei es Tote, Verwundete und auch Verwüstun- gen von Tramwaywagen, Gaslaternen, Fensterscheiben und der- gleichen mehr gab. Die Polizei, die sich-den Arbeitern gegenüber am Etreiktage ganz ohnmächtig erwies, wollte die durch ihre Un- beholfenheit erlittene Scharte auswetzen und fürchterliche Rache nehmen. Sie ließ durch ihre Agenten aufs Geratewohl Arbeiter zu Hunderten verhasten und trachtete, durch Mißhaud- lungen barbarischer Art ein Belastungsmaterial nicht nur gegen die Demonstranten, sondern hauptsächlich gegen die sozial- deniokr«tische Parteileitung und gegen die G e w e r k- s ch a f te n auszutreiben. Die Polizei wollte die Beweise für eine Anklage wegen Aufruhrs herbeischaffen und Geständnisse-dafür liesern, daß die Arbeiter in den Lokalen der Gewerkschaften mit Schießwafsen versehen wurden. Die Inhaftierten wurden von den Polizisten aus die ärgste Weise mißhandelt, aber-das gewünschte Material konnte auch auf diese niederträchtige Art nicht zusammren- gebracht werden. Im Laufe der Untersuchung gab sich die Polizei die größten Blößen. Es wurde am 23. Mai ein berittener Polizist namens Richter unweit des Parlaments erschossen. Die Polizei verhaftete darauf den Tischlergehilfen Majoros, der einen Revolver bei sich führte; sie beschuldigte ihn, den Berittenen niedergeschossen zu haben und wollte ihn zu der Erklärung zwingen, daß er den Revolver im Fachverein der Tischler von einem Beamten erhalten habe. Im Laufe der Untersuchung stellte eS sich aber heraus, daß MajoroS nie Mitglied des Fachvereins war, und daß der beritten� Polizist nicht von einem Demonstranten, sondern von einem, die Demonstranten verfolgenden- Geheimpolizisten namens Angyal getötet wurde! Die Polizei hat ebenso wenig Glück mit ihrem Vorhaben, der iozialdemokrat-ischen Partei einen Prozeß wegen Aufruhrs anzuhängen; das Gericht mußte sich deshalb mit Delikten minderer Art begnügen. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen 2 00 Demonstranten die Anklage wegen Gewalt« t ä t i g k e i t gegen-die-Behörden und gegen Private. Die Auge- klagten wurden in vier Gruppen geteilt und die Verhandlung gegen die 43 Angeklagte-fassende erste Gruppe-fand, wie mitgeteilt, vom 30. September bis 3. Oktober vor dem Budapestcr Strafgericht statt. Zum eigentlichen Angeklagten im Prozeß wurde freilich die P o l i» z e i, deren barbarische, vor körperlicher Züchtigung und Mißhand» lung nicht zurückschreckende Untersuchungsmethode und gänzliche Unfähigkeit, die wahren Täter zu erfassen, an den Pranger gestellt wurde. Noch im Laufe-des Prozesses mußte der Staatsanwalt die Anklage gegen 5 Angeklagte fallen lassen, 12 sprach das Gericht frei— unter ihnen befanden sich zwei, die vier Monate in Untersuchungshaft gesessen.— Und gegen die übrigen wurde aus Gefängnisstrafe von 1— 7 Monaten erkannt. Ein An- geklagter namens Jesics wurde wegen des Verbrechens der Gewalt- tätigkeit gegen Private und Behörden und wegen Verbrechens des Diebstahls zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er gehört mit noch einigen Angeklagten zu jenen Lumpenproleta» r i e r n, die sich der demonstrierenden Menge angeschlossen haben. um dort ihr unsauberes Handwerk treiben zu können. DaS Urteil ist aber auch gegen ihn ungemein scharf, denn der begangene Dieb- stahl beswnd lediglich darin, daß er ein mit vier Fässern bcladeneS Fuhrwerk angriff und daS Bier mit seinen Genossen- austrank. Die Verhandlung! gegen die zweite Gruppe, die 39 Angeklagt« um- faßt, wird am- 14. Oktober, die Verhandlung gegen die 40 Angeklagte umfassende dritte Gruppe am 28. Oktober stattfinden. Gegen 80 Angeklagte ist die Untersuchung noch im Ganges . Italien. Der Prozeß gegen den Attentäter D'Alba. Am DienStag begann vor den römischen Assisen der Prozeß gegen den Attentäter D'Alba. Der Attentäter ist geständig, und nach» dem man den schönen Plan, seiner Tat ein ganzes Komplott unter- zuschiebest, hat aufgeben müssen, begnügt man sich mit dem Verhör zweier Zeuge». Einer der beiden von amtswegen ernannten Verteidiger ist der frühere Sozialist E n r i c o F e rz: i. Er will seine Verteidigung darauf richten, den Beweis der verminderten Zurechnungsfähigkeit des Angeklagte» zu erbringen. Da Antonio D'Alba noch nicht 21 Jahre alt ist, kann gegen ihn nicht auf die höchste Strafe, näm» lich auf lebenslängliches Zuchthaus, erkannt werden. DaS Maximum sind 30 Jahre. Bei einem Anschlag auf daS Leben des Königs macht das italienische Strafrecht im Strafausmaß zwischen miß» glücklem und gelungenem Versuch keinen Unterschied. kUißland. Die rcvolutiouiire Bewegung bei der Flotte. AuS Sebastopol wird gemeldet, daß gegen 150 Marine- Mannschaften der Schwarzemeerflotte die Anklage wegen Vorberei« tungen zum Aufruhr erhoben worden ist. Alle Dementis der in der Marine des Schwarzen Meeres überhandnehmenden Gärung waren also eitel Geflunker. ßcwerhfcbaftlicheö. Em neuer Kämpe für clie„nationale Arbeiter bevvegung". Er nennt sich„Die Arbeiterbewegung" und ist eine wöchentlich erscheinende Korrespondenz, als deren> Schriftleiter ein Herr Syndikus Scheda- Berlin zeichnet, während de Verlag nationaler Schriften, G. m. b. H. zu Essen,— im Schatten Krupps v. Bohlen und Halbach— Herausgeber ist Bezeichnenderweise liegt der Prospekt dieser neuen Zeitschrift dem— Organ der Hauptstelle deutscher Arbeitgebervereini gungen bei. In dem Prospekt wird ausgeführt, daß„die älteren, auf dem Boden der Reichsverfassung stehenden Av beiterorganisationen... mit den freien Gewerkschaften der internationalen Umsturzpartei oft Hand in Hand gehen und dadurch zir deren erfolgreichen Bekämpfung unfähig sind Es fehlt ihnen natürlicherweise heute die notwendige Stoß kraft gegen den roten Verbündeten von gestern und morgen I" So, das ist also der Dank für die christliche Streik brecherarbeit und treue Zentrums- und Freisinnsgefolgschaft der Rcichstreuen.— Dann wird die„wirtschaftsfriedliche" nationale Arbeiterbewegung als die allein zur Bekämpfung des Umsturzes geeignete angepriesen und die Unterstützung des (der Prospekt liegt, wie gesagt, dem„Arbeitgeber" bei) ge neigten Lesers erbeten. Der Preis ist nur 5 M. pro Viertel jähr, was also rund eine Million Mark ausmachen würde� Ivenn die angeblich 50000 Bezieher der Wochenschrift„Der Werkverein" nun auch noch„Die Arbeiterbewegung" bezögen. Aber die Schnorrerei wird angesichts der Vergcblichkeit aller Bekämpfungsmaßrcgeln auch den„nationalsten" Unternehmer» zu dumm werden, umsomehr, als sie sich ja sagen müssen, daß die„Arbeiterbewegung" schon gar nichts mit der Ar beiterbewegung zu tun hat. Verlin und Umgegend. Der neue Tarif in der Kartonindustrie. Die in der Postkartonbranche beschäftigten Nieter, Zuschneider Arbeiterinnen und Hilfsarbeiter haben gestern früh die Arbeit nach fünftägigem Streik einmütig wieder aufgenommen. Soweit bc kannt wurde, erfolgte die Wiedereinstellung der Streikenden ohne wesentliche Schwierigkeiten und haben die Arbeitswilligen das Feld ihrer nützlichen Tätigkeit wieder verlassen müssen. Der neue Tarif bat bis zum 30. September 1915 Gültigkeit. Die Arbeitszeit beträgt wöchentlich 52% Stunden für männliche und 50 Stunden für weibliche Arbeiter. Der Mini malwochenlohn beträgt für geiibte Nieter unter 19 Jahren 25 M., über 19 Jahren 32 M., für Leistennieter 33 M., für Postzuschneider beträgt der Anfangs lohn 28 M., nach einem halben Jahre 32 M. Arbeiterinnen (nicht geübte) erhalten in den ersten drei Monaten 12 M., von 4. bis 8. Monat 14 M., vom 7. bis 12. Monat 17 M. und nach dieser Zeit 18 M. Hilfsarbeiter erhalten im Alter unter 17 Jahren 12 M., im ersten Jahre lö M., im zweiten 18 M., im dritten 20 M., im vierten 22,50 M. und nach dieser Zeit 25 M.; für Pappenträger be trägt der Lohn 27 M.— Die Äkkordpreisc erfahren für glatte Post eine Erhöhung um 10., für Leistenkastcn um 5 Proz. Arbeite rinnen erhalten auf alle im Akkord zu verrichtenden Arbeiten einen Aufschlag von 5 Proz. Der Vertrag regelt das Ueberstundenwesen. Bestehende, über den Tarif hinausgehende höhere Löhne sowie be- stehende bessere Arbeitsbedingungen, die in einzelnen Betrieben früher festgelegt waren, dürfen nicht verschlechtert werden. All. die den im Tarif festgesetzten Lohn bereits beziehen, erhalten eine Zulage, und zwar die Arbeiter und Arbeiterinnen je 1 M., die Postzuschneider und Lohnnieter je 2 M. pro Woche. Zur Besorgung der Geschäfte des Verbandes ist es den Arbeitern gestattet, eine �Pertraucnsperson zu bestimmen und kann diese wegen dieser Tätig- keit nicht entlassen werden. Bei Bedarf von Arbeitskräften ist nur .der Paritätische Facharbeitsnachweis für Buchbinder und ver- wandte Gewerbe in Anspruch zu nehmen. Streitigkeiten über Auslegung der Bestimmungen des Tärifcs sind einem aus mindestens drei Arbeitgebern und drei Arbeitnehmern bestehenden Schiedsgericht zu unterbreiten, welches in drei Tagen entscheiden mutz. Die Arbeiter werden nun dafür zu sorgen haben, datz die neuen Bestimmungen überall strikte durchgeführt werden. Vor allem aber gilt es darauf hinzuwirken, datz bis zum Ablauf diefer Tarif- Periode alle unorganisierten Arbeiter und Arbeiterinnen dem Ver- bände zugeführt werden. Dann wirb das Unternehmertum allen berechtigten Fordertingen keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen wagen. Achtung, Töpfer! Die Resolution des Vorstandes betr. der Fcnslerstrciknnterstützung, datz nur die direkten Streikenden von den Bauten unterstützt werden sollen, ist abgelehnt. Anwesend in den Bezirksversammlungen waren 389 Kollegen. Davon haben 01 für und 817 gegen die Resolution gestimmt. Laut Beschlutz der autzer- ordentlichen Generalversammlung vom 27. September 1912 bleibt es nunmehr bei dem Beschlutz vom Vorjahre. Es werden also auch dieses Jahr nicht nur die direkt Streikenden von den Bauten, sondern auch alle Arbeitslosen unterstützt. Unterstützt wird aus dem Lokalfonds, wer mindestens 20 Verbands- und Lokal- fondSbeiträge, respektive seit der letztbezogenen Fensterstreik- Unterstützung wieder 20 Lokalfondsbeiträge entrichtet hat, vom vierten Tage der Arbeitseinstellung bezw. des Streik- beginnS ab mit pro Woche 15 M. und pro Kind pro Tag 20 Pf. Die sofort nach beendeter Lehrzeit eingetretenen Kollegen erholten pro Woche 10 M. Unterstützung. Den in jüngster Zeit vom Lokal- verein übergetretenen Kollegen werden die dort geleisteten Beiträge angerechnet. Ab Dienstag, den 15. Oktober 1912 wird überall da, wo nicht alle auf dem Bau beschäftigten Töpfer vor Zugluft durch genügend verglaste Fenster geschützt arbeiten können, die Arbeit eingestellt. Das heitzt, es mutz unbedingt das Zimmer dicht sein, in dem der Töpfer arbeitet, und auch die Nebenräume, wenn er von dort auS durch Zugluft belästigt wird. Provisorische Verglasung und Ver- schalung von Balkontüren usw. ist nur soweit zulässig, als die übliche Arbeitszeit bei genügendem Tageslicht ausgenutzt werden kann. Die Streikenden und Arbeitslose» haben sich sofort gegen Vor- zeigung des Verbandsbuchcs in die SEeiklisten eintragen zu lassen und müssen sich alle Tage einmal im Streikbureau im Gewerk- schaftShause. Engelufer 15, zur Kontrolle melden. Die Streikenden von den Bauten können sich auch durch den Vertrauensmann in die Streiklisten eintragen lassen und sich auch auf dem Bau beim Vertrauensmann zur Kontrolle melden. Der Ver- lrauensmann ist jedoch verpflichtet, die sich bei ihm Meldenden täglich dem Streikbureau anzugeben. Das Streikbureau ist ge- öffnet von 10 bis 5 Uhr. Die Streikenden und Arbeitslosen auS den Vororten Köpenick, Friedrichshagen, Spandau. Königs-Wuster- Hausen, Bernau, Oranienburg, Neuenbagen, Mühlenbeck und Schön- walde haben sich besondere Streilkarten ausstellen zu lassen und melden sich zur Kontrolle täglich in ihren zuständigen Arbeitslosen« konlrollstellen in der üblichen Kontrollzeit. Für Polsdam-NowaweS befindet sich das Streikbureau bei Himke in Nowaives, Wallstr. 55, und ist geöffnet von 10 bis 12 Uhr. Die Auszahlung der Streik- Unterstützung erfolgt des Sonnabends in der Zeit von 10 bis 12 Uhr im Gewerkschaftshause. � Die Verbandsleilung. Rohrerstreik in Hannover. Bon der Organisationsleitung wird uns geschrieben, datz der Streik der Rohrer nach wie vor besteht. Der Unternehmer Karl Barnick aus Hannover kam am Montag von B§?lin mit drei Arbeitswilligen. B a r n i ck kündigte bereits vorige Woche an, datz er von Berlin weitere Arbeitswillige bekommen würde; als diese nicht eintrafen, ist er selbst nach dort gereist und hat drei solcher Elemente geholt. Wir ersuchen die Berliner Kollegen, strengste Solidarität zu üben und den Hannoverschen Kollegen nicht in den Rücken zu fallen. Deutscher Bauarbeiterverband, Zweigverein Hannover. Deutkchce Reich. Ein neuer Schwindel der arbeiterfeindlichen Presse. Unter der Ssichmarke„Wo nicht gestreikt werden darf", ver- öffentlicht die Reichsvcrbandspresse folgende Notiz: „Schon seit langer Zeit glauben es die sozialdemokratischen freien Geloerkschaften als ihr verbrieftes Recht ansehen zu sollen, datz sie Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen durch Streiks zu ertrotzen versuchen. Der Streik wird vielfacb, entgegen jeder Tarifvereinbarung, vom Zaune gebrochen, und die Gewerkschafts- lassen zahlen trotzdem den Streikenden Wochen-, ja monate- lang Niesensummen auS, vorausgesetzt, datz in einem bürger- lichen Betriebe gestreikt wird. Wie ganz anders sich diese freien Gewerkschaftskaisen verhalten, wenn es in einem sozialdemokratischen Betriebe zum Streik kommt, beweist die Kasse des Fabrikarbeiterverbandes in Riesa. Die Arbeiter der doriigen sozialdemokratischen Seifenfabrik hatten bis zum April dieses JahreS Teuerungszulagen erhalten. Die Arbeiter- schaft hatte gerade dieses Jahr, wo die Lebensmittelpreise erheblich angezogen hatten, die Beibehaltung der Teuerungszulagen von ihrer sozialdemokratischen Fabrikleitung erhofft. Weil sie sich in ihrer Erwartung enttäuscht sahen, traten sie nach langen ver- geblichen Vorstellungen am 2. Juli in den Ausstand. Schwer enttäuscht sahen sich aber die sozialdemokratischen Arbeiter, als sie ans Streikunterstützung rechneten. Sie blieb ebenso aus, wie die vielgepredigte Solidaritätserklärung der verwandten freien Gewerkschaften. Schon nach wenigen Tagen mutzten die streikenden Genossen, ohne auch nur das Geringste erreicht zu haben, in die Seifenfabrik zurückkehren. Gutem Bernehmen nach hat die„bodenlose" Brüderlichkeit in diesem sozialdemokratischen Betriebe dadurch abermals ein Loch bekommen." An diesem für die Amtstanten zurechtgemachten Reichsverbands- schwinde! ist nur das eine richtig, datz die Arbeiter der Seifenfabrik für eine längere Zeit,— die am 1. Mai d. I. ihr Ende erreicht hatte— eine Teuerungszulage erhalten haben. Alle weiteren Aus- führungen sind purer Schwindel. Streik in der Halberstädter Würstchcnfabrik von Chr. Förster, Jnh. A. Waldetzer. Alle Bemühungen der Fleischerorganisation und des Gewcrkschastskartells durch Verhandlungen eine Verständigung zu erzielen, scheiterten daran, datz die Firma jede Verhandlung ab- lehnte. ES haben infolgedessen 50 Gesellen, � Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen am Montag früh die Arbeit eingestellt. Als Arbeits- willige fungieren der Werkmeister und einige Gelbe. Das Gewerk- schaftSkartell und das Bezirkssekretariat der Provinz Sachsen haben den Boykott über sämtliche Produkte der Firma verhängt. Tie Löhne sind dort, noch sehr niedrig. Werden doch Gesellen mit 32 Pf., Hilfsarbeiter mit 21 Pf. und Arbeiterinnen mit 12 Pf. pro Stunde entlohnt. Bei Ucberstundenarbeit wird die erste Stunde nicht vergütet. Die Stukkateure von Hamm i W. haben am Sonnabend ein- mütig die Arbeit eingestellt. Der für Hamm im Jahre 1910 ab- geschlossene Tarifvertrag lief am 15. September ab. Vor dem Ab- laukstermin haben bereits Verhandlungen über Erneuerung des Ver- träges mit den Unternehmern stattgefunden. Diese wollten aber nur den Bertrag bis zum 31. März n. I., dem Ablausstermm des Vertrages für das Baugewerbe, verlängern. Nach der ersten Verhand- lung sind die llnternehmer dem Arbeitgeberbund für das Baugewerbe beigetreten. Sie sollen nun jedenfalls mithelfen, die Bestrebungen des Bundes, im nächsten Jahre die gesamten Arbeiter dcö Baugewerbes auszusperren, zu verwirklichen. Selbstverständlich haben die Stukkateure dieses Ansinnen der Unternehmer abgelehnt und ihnen Forderungen auf Abschluß eines neuen Vertrages mit den jetzigen teuren Lebensverhältnissen entsprechender Lohnerhöhung unterbreitet. Da der AblausStermin deS alten Vertrages keine Arbeitseinstellung brachte, glaubten die Unternehmer, die Stukkateure hätten sich ihrem Willen schweigend gefügt, und sind nun durch die plötzliche Arbeits- einstellung desto mehr überrascht und erbost. Tie Bauarbeiter werden hiermit ersucht, mit dafür zu sorgen, datz der Zuzug von Stukkateuren nach Hamm ferngehalten wird. Mit einer 10 prozentigen Lohuerböhuiig Dauer der Streik der Speditionskutscher in< endete nach achttägiger ö r a u d e» z. Von den Hintzebrndern. In Hütten bei Dresden sind die Arbeiter der Kunstmühle aus gesperrt. Als Ersatz verschaffte sich der Besitzer der Mühle eine Anzahl Hiutzegardisten, doch bald verlietzen acht der Arbeitswilligen die Arbeitsstätte. Die übrigen vier hatten es aber auch satt, da ihnen die 14 Tage„Arbeit" schon zu viel waren. Nachdem sie zwei Tage nach Abreise der ersten acht das Mittagessen mitsamt dem Geschirr durch die Fensterscheiben auf die Stratze geworfen und in der FrühstückSstube alles zerstört und volle Kästen Bier buch- täblich klein geschlagen hatten, Uetz der Unternehmer sie in sein Kontor rufen, um sie nach Auszahlung des Lohnes für eine Woche im voraus zu entlassen. Damit hatte der Mühlenbesitzer bei den Hiutzegardisten kein Glück. Als sie erfuhren, datz sie nur noch für eine Woche Lohn erhalten sollten, zog einer der nützlichen Elemente seine Browning Pistole aus der Tasche und fragte den Unternehmer, ob er nicht eine Patrone habe, damit er ihm etwas beibringen könne. Unter diesem„sanften" Druck erhielten dann die Herren„Arbeitswilligen" den Lohn für vierzehn Tage ausgezahlt. Sie hatten es aber nicht eilig mit der Abreise, sondern zechten den ganzen Nachmittag. Abends hatten sie kein Nachtquartier, weil sie niemand beherbergte. Kurz entschlossen verschafften sich zwei der Arbeitswilligen dadurch Eingang zu ihrer bisherigen Lagerstätte in der Mühle, datz sie die Tür aufbrachen. Dem Mühlenbesitzer hinterließen sie dann noch ein Andenken in Form eines verunreinigten Bestes. Weder die Bedrohung mit der Browningpistole, noch der Ein- bruch in der Mühle vcranlatzte die Polizei zum Einschreiten, erst als die Streikbrecher weit vom Schutz waren, zog man Erkundigungen ein, ob die Herren bereits abgereist seien. Dieses Kapitel diene all den Scharfmachern zur eingehenden Lektüre, die mit Hintzebrüdern Arbeiterforderungen zu unterdrücken und die über TerroriSmus der Gewerkschaften und nach mehr ArbeitSwilligenschutz schreien._ I« den drei Teppichwebereien zu O e l S n i tz streiken 500 Schutz- Weber wegen Nichtbewilligung gestellter Lohnforderungen. Die Steinsetzer in München haben am Sonntag nahezu ein- timmig beschlossen, bei den zum Unternehmerverbande gehörigen Firmen die Arbeit einzustellen. Die organisierten Unternehmer haben Tarisbruck auf Tarifbruch gehäuft, und autzerdem waren sie seit Monaten bestrebt, die ansässigen Steinsetzer systematisch von d-r Arbeit auszuschlietzen und sich möglicherweise für nächstes Jahr eine Streikbrcchcrkolonne zu erziehen. Erfreulicherweise haben auch die 'remden Arbeiter einhellig die Arbeit mit niedergelegt. Da die Arbeiten drängen, so werden die Unternehmer versuchen. Arbeits- willige von� auswärts heranzuziehen. Zuzug ist deshalb fern- zuhalten. Tlusland. Die fünftägige Arbeitswoche. London, 7. Oktober 1912.(Eig. Ber.) Bor einiger Zeit wurde hier darauf hingcloiesen, datz die Frage der fünftägigen Arbeits- tvoche in der britischen Bergwerksindujtrie immer mehr in den Vordergrund trete, nachdem die Minimallohnfrage der Untertaas- arbeiter prinzipiell gelöst sei. Auf der jährlichen Geueralversamm- lung der Bergarbeitcrföderation Großbritanniens, die vom 1. bis zum 4. Oktober in Swansca abgehalten wurde, gab die Forderung, für die sich schon frühere Generalversammlungen dieser Organi- fation mit bedeutenden Mehrheiten ausgesprochen haben, Anlai; zu einer langen und teilweise hitzigen Debatte. Früher faßte mau den Antrag, die Einführung der fünftägigen Arbeitswoche für den gesamten Bergbau des Landes zu fordern, stets als eine Frage au». deren Lösung in weiter Ferne liege, und die deshalb mit einigen Worten wie ein platonischer Wunsch erledigt werden könne. Tics- inal kan» es jedoch anders. Die fünftägige Arbeitswoche wurde zum ersten Mal mit Gründlichkeit diskutiert..Weshalb dieser plötzliche Umschwung eintreten mutzte, wurde am besten von dem neuen Präsidenten der Föderation, Genossen S m i l l i c, erklärt, der am Ende der Debatte ausführte, datz die fünftägige Arbeitswoche die logische Konsequenz des Minimallohns im britischen Bergbau sei; wenn wie bei der herrschenden Produktionsanarchie in einein Revier an sechs Tagen in der Woche ununterbrochen gearbeitet werde, während die Arbeiter in anderen Revieren zur selben Zeit nur eine oder zwei Schichten in der Woche verfahren könnten, so verliere auch der höchste Minimallohn jeden Sinn. Von vielen Rednern wurde darauf hingewiesen, daß man mit der fünftägigen Arbeits- Woche hauptsächlich bezwecke, die Arbeit besser zu verteilen, damit sich die Arbeiter nicht in einem Reviere abrackern, während ihre Kameraden in anderen Revieren wegen Mangel an Arbeit in Schul- den geraten. Andere Redner traten ftir die Forderung aus humani- tärcn Gründen ein. Sie behaupteten, datz fünf Tage Arbeit in der Woche in einem so schweren und gefahrvollen Beruf, wie es der Bergmannsberuf ist, gerade lang genug sei. Diese Begründung scheint für einen großen Teil der intelligenteren Bergarbeiter, die sich nicht durch die Drohung, datz die Einführung der fünftägigen Arbeitswoche ihre Löhne beeinträchtigen werde, einschüchtern lassen, ausschlaggebend zu sein. Die Opposition gegen den Antrag kam namentlich von Südwalcs und den mittelenglischen Revieren, bc- sonders den kleineren. Als Hauptarguinent wurde angeführt, datz es ungerecht sei, die Arbeiter, die in den Hausbrandkohle produ- zierenden Gebieten beschäftigt sind und im Sommer nur wenig Arbeitsgelegenheit haben, davon abzuhalten, in der Saison die Ge- legenheit voll auszunützen. Inwieweit dieses Argument stichhaltig ist, könnte natürlich nur eine genaue Untersuchung der in den ver- schiedenen Revieren herrschenden Verhältnisse entscheiden; denn in anderen Revieren, wo die fünftägige Arbeitswoche schon allgemein eingeführt ist, wird ebenfalls Hausbrandkohle gegraben und die Arbeiter würden sich dort das bestehende Arbeitssystem unter keinen Umständen entreißen lassen. Allgemein eingeführt ist die fünftägige Arbeitswoche schon in der schottischen Grafschaft Lanarkshire(seit mehr als 20 Jahren), wo gegen 40 000 Bergamiter beschäftigt werden, und in der englischen Grafschaft Lcicestershire(seit 25 Jahreni, wo 33 000 Bergarbeiter arbeiten. Die Südwaliser brachten gegen den Antrag vor, daß er sich nicht verwirklichen Uetze, Ivenn man den Arbeitern nicht die Versicherung geben könne, datz sie in fünf Tagen ebensoviel verdienen würden als in sechs Tagen. Dagegen wurde geltend gemacht, datz man mit demselben Einwurf gegen den Acht- stundentag operiert habe. Man erinnerte die Südwaliser daran. daß sie vielleicht heute noch ihre zehn und zwölf Stunden arbeiten würden; wenn die Bergarbeitcrföderation diesem Argument Bc- achtung geschenkt hätte. Der Antrag wurde mit 300 000 gegen 283 000 Stimmen angenommen. Da die Mehrheit so klein war. boschlotz man eine Urabstimmung vorzunehmen, ehe man sich daran mache, die Forderung praktisch zu verwirklichen. ES wird erinner- lich sein, datz der letzte zu Amsterdam abgehaltene internationale Bergarbeiterkongrctz eine ähnlickic von Grotzbritannien gestellte Resolution annahm. Die beschlossene Urabstimmung wird jedenfalls zu einer regen Besprechung der Frage Anlaß geben, deren Lösung für den kulturellen Aufstieg der Bergarbeitcrschaft von einer kaum zu übersckstitzenden Bedeutung sein wird. Ob diese Lösung im Rahmen der kapitalistischen Produktionsanarchie durch Verein- barungcn zwischen Arbeitern und Unternehmern herbeigeführt wer- den kann, ist allerdings eine schwer zu beantwortende Frage. Doch die praktische Bedeutung, die die fünftägige Arbeitswoche in der Politik erlangt hat, gibt uns die Gewißheit, datz man in nicht allzu ferner Zeit eine kleine Revision wird vornehmen müssen an dem Bibelwort, das mit Rücksicht auf die moderne wirtschaftliche Eni- Wickelung heißen sollte: An fünf Tagen sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten...._ Streitlust in Konstantinopel. Ein Zeichen der allgemeinen Not und der allgemeinen Un- /(ufriedenheit ist der D r o s ch k e n st r e i l in K o n st o n t i n o p e l, der mit großer Hartnäckigkeit durchgeführt wird. Die Droschken- Halter zahlen mannigfaltige Staats- und Munizipalsteuern, die ihr Budget stark belasten. Da die Munizipalität nun mit großer Strenge daran ging, die fälligen Steuern und die Steuerrückstände ein- zutreiben, so erklärten die Droschkenhalter und die Fuhrleute den Streik. Nun zeigen sich auch eine Anzahl anderer Berufe, die mit dem Handwerk der Fuhrleute»nehr oder weniger zusammenhängen, eben- falls bereit, in den Streik zu treten. Das ist nicht»nr als Zeichen der Solidarität aufzufassen. Es zeigt, wie sehr die Not und die Verdrossenheit bereit« in allen Berufen gestiegen ist.� Vielleicht hält der Krieg noch�die Leute zurück. Sonst aber fehlt nicht viel, damit eine generelle Streikbewegung um sich greift. Kein zielbewußt ge- leiteter Massenstreik, aber eine Streikepidemie, ein allgemeines Streiken, das mit elementarer Wucht losbrechen würde. Sie Lage auf dem Balkan. Zur Kriegserklärnnfl. Konsiantinopel, 8. Oktober.(W. T. B.) Ueber die montene- grinische Note an die Pforte ist ergänzend zu bemerken, datz sie ins- besondere darauf hinweist, d i e P f o r t e h a b e die Grenz- fragen nicht regeln wollen. Vorbmihinflcii zum Ärirg. Paris, 8. Oktober.(P. C.f Der Spezialverichterstatter der „Liverte" ineldet seinem Blatt aus Nisch- Alle Züge mit Aus- nähme des Orientexpretz verkehren nur noch bis Belgrad. Gestern abend ist der Belagerungszusland über Belgrad verhängt worden. Der Orientexpretzzug ist von den Militärvehörden zur Be forde- rung von Truppen herangezogen worden und fahrt nur noch mit einer Stundengeschwindigkeit von 8 Kilometern. Die Eisen- bahnlinie wird von m i l i t ä r i s ch a u s g e r ü st e t e n Bauern oewacht. Auf allen Chausseen bemerkt man ungeheure Wagentransporte die zur Versorgung der Truppen an die Grenze gehen. Frauen und Kinder begleiten die ausrückenden Truppen nach den Bahnhöfen. Deniwch sei die Haltung des serbi- schen Volkes nicht gerade als kriegerisch zu bezeich- n e n, man hat sich hier vielmehr nur widerwillig mit dem Gedanken eines Feldzuges gegen die Türkei vertraut gemacht.___ Letzte Ptecbricbtcn. Ter Aufstand in Nicaragua. New?)ork, 8. Oktober.(P. C.) Die Amerikaner nah- m c n Leon in Nicaragua ein; sie hatten 4 Tote und mehrere Verwundete. Von den A u f st ä n d i s ch e n sind 5 0 g c s a l lc n. viele verwundet. Damit scheint die Revo- lution in Nicaragua niedergeworfen, indessen kam es anderweit in Mittelamerika zu Unruhen» besonders in San Salvador, wo Stratzenkämpfc zwischen Anhängern der politischen Parteien statt- fairden. Berantw. Redakt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.:»h.Gwcke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdr.u,«erIagsanstast'�BäülSinger>KEo))BerllnZV/. Hierzu 3 Beilage»«.UnterhaltungSbl. i. 236. 2U.tr,«.*.{ Ktllllgt ilf6„UljWllrtg" fiftlillft lOlfeWlltt. S.«M..M2. ■———— 1�—— IMMgi Die Strelltiuitlz auf der flnblagebanh. Wie wir bereits unter»Letzte Nachrichten" in unserer gestrigen Rummer berichteten, hat die Essener Strafkammer auf Strafen von 300 M. gegen den Rechtsanwalt Dr. Levy und von je 100 M. gegen jeden der beiden angeklagten Redakteure erkannt. In der Urteils- begründung heißt es: Das Gericht ist der Anficht, daß die Aeußerung von der Klafienjustiz eine Beleidigung darstellt. Die Angeklagten hätten damit rechnen müssen, daß ein Teil der Zuhörer und Leser die Worte in schlimmerem Sinire auffaßten. Beleidigung liege auch in dem Vorwurf der mangelnden Objektivität vor. Der Schutz des § 193 ist zit versagen, da es sich nicht um die Angeklagten nahe be- rührenden Angelegenheiten handelt. <» « Das Urteil kann trotz der formellen Verurteilung der Angeklagten nicht aus der Welt schaffen, daß tatsächlich durch die Verhandlung die Streikjustiz als eine Justiz verurteilt ist. die von den Grund- sätzen der Gerechtigkeit weit entfernt ist. Die Verhandlung hat zum Greifen klargestellt, wodurch der starke Mangel an Objektivität, der die Streikjustiz kennzeichnet, und der klaffende Widerspruch zwischen ihren Urteilen und dem gesunden Rechtsempfinden zu erklären ist: Die Richter sind befangen durch die Anschauungen, die durch die Interessen der Unternehmerklasse erzeugt werde», es fehlt ihnen das Verständnis für die Interessen der arbeitenden Klasse, insbesondere für das Recht der um größere Anteil- nähme an der Kultur kämpfenden streikenden Arbeiter. Um nur einen der vielen Beweise für die Richtigkeit dieser Auf- fassung anzuführen: wenn irgendwo eine milde Auffassung etwa begangener Beleidigungen am Platze ist, so bei Beleidigungen, die ans Anlaß eines Streiks begangen sind. Das traf für das Ruhr- revier um so mehr zu, als den für Verbesserung der Lage ihrer Familie und Klasse unter schweren Aufopferungen streikenden Ar- beitern von der Staatsgewalt mit Polizei und Militär in den Arm gefallen wurde und Stteikbrecher in der provozierendsten Weise austraten. Dem hat die Streikjustiz keine Rechnung getragen. Sie hat geradezu drakonisch harte Urteile gegen streikende Arbeiter massenhaft gefällt, wie fie in ähnlicher Weise wohl kaum jemals gegen Angehörige der besitzenden Klasse gefällt sind, wie Studenten, die auS Uebermut gleicher Vergehen sich schuldig gemacht haben. Diese Tatsachen sind durch kein Urteil zu beseitigen. Die Streik- justiz hat also Klassenjustiz geübt, das Gericht hat gegen Arbeiter, gegen Streikende ein andere«, härtere« Maß angewendet als gegen Richtstreikende bei ähnlichen Delikten. Sie hat also mit verschiedenem Maße gemessen. Dieses falsche Maß ist nicht in bewußter Beugung des Rechts angewendet, sondern weil die Richter in den Vorurteilen, dem Gedankengang derer erzogen sind und im gesellschaftlichen Milieu derer sich bewegen, die den gesetzlich ge- währleistetcn Streik als ein Unrecht, als eine frivole Auflehnung der Selbstherrlichkeit der Untcruehmer auffassen. Die Wirtschast- lichen Interessen und die politischen Anschauungen der Streik- fünder stehen denen der Richter diametral entgegen. Je stärker das der Fall ist, desto mehr sollte sich der Richter hüten, seine gegen- sätzlichen wirtschaftlichen Anschauungen und politischen Ansichten dem Angeklagten gegenüber zur Geltung zu bringen, sie bei der Schuld- frage und der Frage des Ausmaßes der Strafe unbewußt mit- sprechen zu lassen. Diese Aufgabe haben die Streikjustiz- richter nicht zu erfüllen vermocht. ES ist keine Beleidigung gegen die Richter, wenn die Kritik ihrer Urteile zu diesem Ergebnis ge- langt, sondern die Feststellung einer Taffache, die Abgabe eines Urteils. Die Essener Richter sind dennoch zu einem die Angeklagten ver- urteilenden Erkenntnis gelangt, weil sie den Angeklagten imputierten, diese hätten ausgedrückt, waS sie nicht gesagt oder geschrieben haben, wa« aber mißverständlich von Zuhörern oder Lesern ihrer Ansichten Kleines fcuilleton. Der Ruf»ach dem Gendarmen. Im Pariser Herbstsalon sind etliche„kubistische" und„futuristische" Gemälde und Plastiken aus- gestellt, die beim Publikum Kopfschütteln oder auch Heiterkeit her- vorrufen, aber einen Pariser Gemeinderat namens Lampuö in eine schreckliche Aufregung versetzt haben. In einem Briefe an den Staatssekretär der schönen Künste fordert er, daß diesem„Skandal" ein Ende gemacht werde. Das Komitee der Ausstellung antwortet darauf in einer Erklärung, die sehr richtig hervorhebt, daß der Staat nicht die Aufgabe habe, die Kunst zu dirigieren, sondern die künstlerischen Bestrebungen zu fördern. Und sicherlich ist die Diktatur in ästhetischen Dingen nicht die Rolle der Staatsgewalt, noch bedarf es ihrer, um Bizarrereien und Sensationsmache zu über- winden. Sogar ein so konservatives Blatt, wie das»Journal des Dsbars" meint, daß eS ein viel größerer.Skandal" sei, wenn der Staat allerhand Kirsch aufkaufe und die öffentlichen Plätze damit fülle. Der„Matin" aber läßt sich natürlich erzählen, an den Extra- vaganzen seien die Ausländer schuldig, die den stanzösischen Ge- schmack verderben. Wenn nicht die Polizei, soll also die Grenzwache das Schönheitsideal retten. Ein Schiff mit gläsernem Kiel. Auf einer der Schiffswerften am Delaware River in Pennsylvanien wird demnächst ein für die Ozeanfahrt bestinrmter Dampfer vom Stapel gelassen werden, der insofern ein Novum des Schrffsbaues bildet, als sein Boden aus kristallklarem, dickem Spiegelglas besteht. ßDas Schiff, das in dcir Dienst der wilienicharilichen Tiefseeforschung gestellt werden soll, wird weiterhin im Innern mit einer eigens konstruierten Radium- beleuchtungsanlage ausgerüstet, die dazu dienen soll, das viel- bevölkerte Reich der Meercsuere aufzuhellen und dem Auge des Be- obachlerS lebcnsklar zu veranichaulichen. Was hier noch alles der Entdeckung harrt, kann•na» aus dem Umstände ermessen, daß der vom Wasser bedeckte Tetl der Erdoberfläche ein- schließlich der Binnenseen drennal so groß als das Fest- larrd ist. und.daß die Oberflache de« Meeres rund 20S Millionen Quadratkilometer umfaßt, ein Areal, das über 4SmaI so groß ist als z. B. ganz Nordamerika. Das Meer wimmelt von Lebcnsorganismen. Obgleich bereits Tausende von Walsertieren bekannt sind, entdeckt die Wissenschaft Tag für Tag neue Lebensformen in der Ozeantiefe. Das Schiff mit dem Spiegelglas und den Unterwasser- Suchlichtern will dem Studium der Unterieewelt den Weg zu exakterer KennliriS der Tiefe erschließen. Es will daneben auch der Suche nach Schiffs- Wracks dienen, von denen rnanche schon fett Jahrhunderten auf dem Meeresgründe ruhen und die mit Hilfe erleuchteter, von Bord des Suchbootes in die Tiefe herabgelassener Glaskugeln unterfucht werden foll. Theater. Neue Freie Volksbühne(im Neuen Bolkstheater): Die Doppelgängerkomödie von Adolf Paul. Warum bescherte man uns dies Fastnachtsspiel nicht lieber während der Faschings- zeit, die ihm unaezwungenerweiie eine närrische Folie gegeben hätte! Denn ein bißchen Narretei wäre heilsam, um den derben Hanswurstgeist dieser Variante von»Schluck und Jau" oder ver« schiedener Volksmärchen, in denen sich irgend ein armer Teufel er- lräwnt, ein König zu sein, so recht von Herzen zu verspüren. Im in ihre Aeußerungen hineingelegt sei. nämlich daß die Richter b e- wüßt Recht zum Unrecht. Unrecht zum Recht gemacht hätten. Das Gericht rechnet also mit hirnrissigen Zuhörern oder Lesern. Denn der Begriff der Klassenjustiz wider- spricht der Dköglichkeit einer solchen Annahme. So wie die Streikjustizrichter geurteilt haben, kann bewußt nur der urteilen, der nicht Klassenjustiz übt, sondern, wiewohl sein durch Verständnis der Interessen der arbeitenden Klassen geschärftes Urteil von ihm Freisprechung oder eine milde Strafe erheischt, gegen seine Ueberzeugung ein Schuldig oder eine harte Strafe ausspricht. Die Behauptung einer Klassenjustiz besagt aber ja gerade, daß der Richter befangen, daß seine Urteilsfähigkeit durch gewisse Anschauungen gehemmt ist: er kann also nicht bewußt zuungunsten der Angeklagten handeln, sondern tut dies, weil er befangen ist, also unbewußt. Das Urteil des Essener Gerichts /beruht ferner darauf, daß dem Angeklagten der Schutz des§ 193 Str.-G.-B. versagt ist. Sehr zu Unrecht. Von allen anderen Gründen abgesehen: Der A 193 erklärt für straffrei mit Recht„tadelnde Urteile über wissenschaftliche Leistungen". Ein Urteil ist eine wissenschaftliche Leistung, auch wenn es irrig oder ungerecht ist. DaS hat früher das Reichsgericht an- erkannt, hat allerdings später— ohne Plenarbeschluß— der Ueberzeugung Raum gegeben, Urteile von Landgerichten seien zum mindesten nicht immer»wissenschaftliche Leistungen".— Wenn die Streikjustizurteile vom Essener Landgericht als keine wissenschaftlichen Leistungen angesprochen sind, so hat das Essener Gericht die Leistungen seiner Kollegen noch weit tiefer eingeschätzt, als die abfällige Kritik der Angeklagten eS tat, die die Urteile für freilich minderwertige aber doch immerhin»wissenschaftliche Leistungen" ansprach. Wenn die Streikjustizurteile keine wissen- schaftlichen Leistirngen sind— was für Leistungen waren sie denn dann? Unwissenschaftliche. Und weshalb? Doch wohl nur des- halb, weil sie entgegen wissenschaftlicher Bemühungen nicht aus voraussetzungsloser Forschung, sondern auf voreingenommener Be- fangenheit, eingewurzeltem Klosseninstinkt beruhten. Aber dann hat ja der Essener Richter durch die Versagung des Schutzes auS§ 193 des Strafgesetzbuchs zum Ausdruck gebracht, daß die Urteile auf alle Fälle Produkte der Klassenjustiz find. Und dennoch ver- urteilte er die Angeklagten, die in viel milderer, sachgemäßer Weise die Streikjustiz kritisierten! Ihre Kritik ist bestraft: nicht, weil sie falsch, sondern weil sie abfällig war. Das Reichsgericht dürfte schwerlich das widerspruchsvolle Urteil bestätigen._ flchter Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands. Dresden, 7. Oktober 1912. Der Kongreß der christlichen Gewerkschaften wurde am Montag vom ersten Vorsitzenden, Reichstagsabgeordneten Schiffer, in Anwesenheit von etwa 200 Delegierten, die 300 000 Mitglieder ver- treten, eröffnet. Als Vertreter von Behörden sind erschienen Geheimer Regie- rungsrat Sieffart vom Reichsamt des Innern, gleicchzeitig als Vertreter des Reichskanzlers, Geheimrat Schnippe vom sächsi- schen Minift�ium de« Jnnerzr,. Geheimer MerrtzgieMngsrat Hüb- n e r'bön der jachsischen Staatsrezierung. der kättjoiffche Bischof Schäfer- Dresden. Das evangelische Landeskonsistorium ist ver- treten durch Freiherrn v. Well, die Stadt Dresdem durch Stadtrat Dr. T e m p e r. Vertreten sind weiter die Zentrumsfraktion des Reichstages durch die Abgeordneten B e ck e r- Arnsberg, Schiffer und G i e s b e r t s. Ferner sind anwesend, der bayerische Land- tagsabgeordnete Oswald, die preußischen Landtagsabgcordneten Jmbusch und Beyer. Die WirtsckMliche Bereinigung ist ver- treten durch den zweiten Vorsitzenden des Gesamwerbandes der christlichen Gewerkschaften Abg. Behrens und durch Reichstags- Grunde wird man gegen die neuartige Verwertung des spiritistischen Doppelgängermotivs nichts einzuwenden haben. Für einen fahrenden Musikus vom Schlage des Komödienhelden Mattet, den alle Welt als Geigerlönig verhimmelt, liegt es ja ziemlich nahe, sich auch ein- mal als leibhaftigen Gekrönten zu gerieren. Weil'er, wie man be- bauptet. dem Konig in Dingsda weit unten an der Donau, wie auS dem Gesicht geschnitten, riskiert er'S für einen Tag. Königskomödis zu spielen. Ja und weil die sprichwörtliche Dämlichkeit des gesamten Hofgesindes vom Premierminister bis her- ab zum niedrigsten Lakai allen usurpatorischen Gelüsten, sofern sie mit der. nötigen Keckheit aufireten, willig entgegenkommt:— Mattet läßt den renitentes», echten König einfach in ein Kellerloch einsperren! Nunmehr zeigt er den Schranzen ihre ganze Erbärmlichkeit auf, daß sie dastehen als wie begossene Pudel. Selbst der jungen Königin gegenüber weiß sich Mattet„königlich" zu behaupten. Längst steht sie ja mit ihrem wirklichen Manne wegen erwiesener Jmpolenz auf dem Kriegsfuß. Diesen Unistand benutzt Mattet, der Pseudokonig, das Ministerium und den obersten Gerichtshof mit der sofortigen Scheidung der Ehe zu beauftragen. Soweit ging alles nach Wunsch. Aber die Weiber, die Weiber! Die Königin kann ihre Zweifel an dem Doppelgänger nicht abschütteln; und zu allem Pech gibt sich Matte! seiner Frau gegenüber in einer romantischen Schwäche- anwandlung zu erkennen. Zwar läßt er sie als verrückte Person festsetzen— aber die beiden Frauen stiften ein Komplott an. Die Musikcrfrau kennt doch ihres Gatten leidenschaftliche Liebe zur Geige. Wenn man ihm das Instrument in die Finger spielt, wird er seine KönigSrolle vergessen und einfach losgeigen, daß alles alarmiert wird. Und so geschieht es denn auch. Der Doppel- gänger ist jämmlich entlarvt.»Holt euren König aus dem Keller!" ruft er,»ich resigniere I Ich brauche Raum, um Mensch zu sein." Und seine Geige hätschelnd:„Hier ist mein Königtum, mein wahres Reich. Da bin ich unbesiegbar," räumt er unbemerkt in der nun entstehenden Verwirrung das Schloß. Jetzt ist der richtig- gehende König daran, auch seinerseits offen vor allen Hofschranzen zu bekennen, daß ihm die leidige Affäre viel bittere Weisheit ge- bracht habe. Kundige Thebaner werden freilich mit ziemlicher Berechtigung behaupten, daß Adolf Paul nur alibekannte Gassenwahrheiten vor- ttägt, die er vorzog, in ein paradoxes Sprachgewand zu kleiden, um den trügerischen Srvei" von origineller Paradeweisheit zu verbreiten. Lediglich als pbairiastisches Spiel, mit diversen grotesk-satirischen WiderHäkchen gespickt, kann seine„Doppelgangerkoinödie" angesprochen werden. Als Drama fehlt ihr jedwede Bodenständigkeit. Gelacht wurde ja und oft am unrechten Platz. Robert Müller als reich- lrch karikerender»Doppelgänger", namentlich aber Annaliese Wa g n e r als Elena Mattet und Emil R a m e a u(Premierminister) standen darstellerisch auf der Höhe der Situation. Alles übrige war— Narretei. o. k. Charlottenburger Schillertheater:„Flachs- mann als Erzieher" von Otto E r n st. Der fünfzigste Geburtstag Otto ErnstS, des früheren Hamburger Bolksschnllehrers und Dichters, den viele„BorwärtS"-Leser aus seinem Asmus Semper-Roman lieb gewonnen haben, wurde im Schiller- theater mit der Aufführung seines VolkSschulstückeS„FlachSmann" festlich begangen. Der Verfasser, der die Dinge auS eigenster Er- fahrung kannte, geht mit den bureaukratischen Pedanten, die durch unnütz-kleinlicheS Reglementieren den Kindern wie den wirklich be- abgeordneten Lizentiat Mumm. Der Vorsitzende der Natronal- liberalen Reichstagsfraktion B a s s e r m a n n entschuldigt in einem Schreiben, daß er nrcht selbst kommen könne und wünscht den Ver- Handlungen besten Erfolg. Die nationalliberale Partei ist ver- treten durch Landgerichtsdirektor Hettner- Dresden. Dre konservative sächsische Partei ist vertreten durch den Landtagsabgcord- neten Graf v. Earmer-Zieserwitz und Reichstagsabgeord- neten Justizrat Dr. G i e s e, der Bund der Landwirte durch 3 e n l- Freiberg i. S. Ferirer sind vertreten die deutschsoziale Reforn:- Partei, die deutsche Reformpartei, der Verein für innere Mission durch Graf v. F i tz t u m- Eckstädt, der Deutsch-nationale Hand- lungSgehilfenverband durch seinen Geschäftsführer V o r h o l z-�.cip- zig. die kirchlich-soziale Konferenz durch Privatdozent Liz. Jere- m i a s- Leipzig, der Verband christlicher Arbeiterinnen durch Frau- lein v. F e l d m a n n- Hannover. Weiter sind erschienen in Ver- Uretung der österreichischen christlichsozialen Arbeiterpartei Lanr- tagsabgeordneter S pa l o w s k y- Wien und mehrere chnstlrche Arbeitersekretäre. Außerdem haben zahlreiche befreundete 5torpora- tionen Vertreter entsandt. Begrüßungstelegramme sind unter an- derem eingelaufen von der katholischen demokratischen Liga Bei- giens und von den christlichen Gewerkschaften Belgien?. Nach den üblichen Begrüßungsreden erstattete General/ ekretar Stegerwald-Köln den Bericht des Ausschusses des Gesamtverbandes. Die Bewegung sei ein großes Stück auf dem Gebiete innerer Geschlossenheit vorwärts gekommen. Wie hätte sie sonst die Stürme anläßlich der Reichsfinanzreform und der Reichsversicherungsord- nung sowie den sozialdemokratischen Verdächtigungskampf unter der Anschuldigung der„Rechtsschwenkung" sowie endlich den jahrelangen systematischen Verleumdungsfeldzug der Berliner katholi- scheu Fachabteilungen nicht nur glänzend überstehen, sondern auch zu ihrem Vorteil wenden können. Die christlichen Arbeiter haben, indem sie sich selbst zu schulen suchen, auch weite Kreise des Volkes mitgeschult und sind niemals festere und solidere Grundlagen zur Abwehr des Radikalismus gelegt worden als durch ihre Auskla- rungsarbeit. Auch in der Gewerkschaftsbewegung der Einzelgewerbe machte sich der Radikalismus der freien Geiverkschaften bemerkbar. Gegenüber diesen Bestrebungen hätten die christlichen Gewerkschaf- ten die eigentlichen Interessen der deuffchen Gewerkschaftsbewegung mit um so größerer Entschiedenheit wahrzunehmen, sie hätten die gewerkschaftliche Ehre zu retten, die namentlich nach den Dis- kuffionen über die Massen- und Führerfragcn, durch die diszipliu- widrigen Putsche im Bergbau, dann wieder durch die Bekundung tariflicher Unzuverlässigkeit wie im Buchdruckgewerbe, durch klaffen- kämpferische Angriffe auf das Tarifprinzip, schließlich durch polt- tisch gerichtete Massenstreiks nach Art desjenigen im Bergbau, nur bloßgestellt werden kann. Auf der anderen Seite riefen derartige Bestrebungen nur hervor, daß die Propaganda für Anschläge auz das Koalitionsrecht eifriger denn je zuvor betrieben würde. Diese Propaganda nähre sich aber in der Hauptsache von den Ausschreitungen, die unter Mißbrauch der gewerkschaftlichen Solidarität ge- macht würden und mit der Gewerkschaft an sich nicht nur nichts zu tun haben, sondern ihrem vorsichtig abwägenden Wesen zuwider- laufen. Auf die unberechtigte Verallgemeinerung gründet sich dann die Existenz der gelben Bewegung, die dadurch bei solchen Leuten, welche den Ereignissen fernexstehen, zu dem billigen Renommee einer Wirtsckmftsftiedlichkeit komme, obwohl gerade sie in ihren Folgen dem Wirtschaftsfrieden am allergefährlichsten ist. Im Anschluß an seinen Bericht äußert sich Generalsekretär Stegerwald auch über die augenblickliche Teuerung: Die von der Reichsregierung angekündigten Maßnahmen seien ungenügend. Die Einfuhr ausländischen Fleisches sei unbedingt erforderlich. (Zustimmung.) Die. Zustände in der Zjcuzffgemeinschaft der Buch- drucker können so nicht weitergehen, der Gutenbergbund müsse un- bedingt anerkannt werde».(Lebhafter Beifall.) Wir sind weiser ganz entschieden dagegen, daß neue Gesetze zum Schutze der, Arbeits- willigen geschaffen werden. Die jetzigen Bestimmungen sind voll- ständig ausreichend, wenn sie entsprechend gehandhabt werden.(Sehr richtig!) Jetzt bestehen Ausnahmebestimmungen, für streikende Ar- beiter. Zusammenrottungen und Zusammenstöße, die ja bei Streiks unterbleiben sollen, aber nicht immer vermieden werden können, werden auf Grund des§ 153 der Gewerbeordnung mit Gefängnis bestraft, während dieselben Vergehen in anderen Bevölkerung-- rufenen Erziehern die Schule verleiden, und ihrem ganzen Anhang von Leisetretern. Strebern und GesiimungSschnüfflern grimmig ins Gericht. Man spürt dabei den Pädagogen, nickit nur in dem gerechten Zorn, auch in der Art. wie er daS, was er sagen will, den Hörern repetierend, an eigens angefertigten Modellen immer wieder demonstrierend, in die Köpfe hämmert. Drehers die Gymnasialverhältnisse behandelnde„Probekandidat", in Stoff und der Tendenz sich mit der Ernstschen Komödie noch berührend, ist ihr an künstlerisch-individualisierender Durcharbeitung bei weitem über- legen. Aber ErnstS robust- handfestes Zugreifen, das, rein auf de» polemischen Zweck gerichtet, sich bei keinerlei ästhetischen Skrupeln aufhält, war. wie es der Erfolg gezeigt hat, wohl am Platze. Sein Stück sollte ein Protest sein, und war ein solcher, hat viellausendfachen lebendigen Widerhall geweckt. Wie stark das Agi- tatarische empfunden wird und mitreißt, das zeigte sich von neuem auch bei dieser Aufführung. Der Haß wider die kleinlich- geistlosen Schultyrannen, die Sympathie mit der Sache human- vernünftiger Bilduirgsarbcit, die Flachsmanns Antipode, Flemming, der hoffuungs- frohe Enthusiast und geborene Pädagoge, in dem Stück vertritt, entlud sich in Beifallsstürmen von elementarer Kraft. Herr William H a g e l i n, der junge, noch nicht recht routinierte Darfteller des FortfchrittsmannS, setzte sich mit überzeugtem Eifer für dre Rolle ein. Harry F ö r st e r gab ein mit sicherem Blick er- faßtes und durchgeführtes Konrerfei der Flachsmannschen Niedertracht und Kriecherei. Auch die verschiedenen Lehrcrthpen(von einigen Uebertreibungen deS SkatverchrerS abgesehen) kamen in wirffam ge- schicktcr Skizzierung heraus— vor allem Hern: KöstlinS sehr pathetisch drolliger Grünling. Sehr gut brachte Herr E l z e r die bumoristische Charge der würdevollen Schuldiener zur Geltung. Karl N o a ck s Schulrat aber wuchs zu wahrhafter, großer Mensch- lichkeit empor. Das war eine Leistung, die auch den ersten Bühnen Ansehen gemacht hätte— in jeder Miene und Bewegung von schöpferisch instiukiivcr Phantasie getragen. ät. Nottzcn. — Musikchronik. Raoul von KoczalSkiS erster Chopin-Liszt-Abend findet Mittwoch, 8 Uhr. im Konzertsaal der Kgl. Hochschule für Musik statt. — B e r l i ir e r Festwochen-Pläne. Der Berliner Sommer bietet den VergnugungSipekulanten nicht genug Betätigung. Damit das Geichast der ,xremdenindustrie gehoben werde, muß etwas ge- schehen. Und siehe da: nächstes Jahr ist der BefreiungS- und Hobenzovernruinmel. Daran kann man anknüpfen. M. w. Schon ist Reinhardt da, der offenbar nicht für die Inszenierung des Balkair- krreges benötigt wird, mit Plänen für einen Shakespeore-ZykluS für anirke Tragödien im Sportpalast(lies: Volksfestspiele im Odeon). Monunrentalwerke deutscher Musik will ein KonzerthauS aufführe». Der DreimaSlenverlag sollte die nackten Tanzberne in einem be- sonderen. Institut sich entfalten lasten und so fort. Vielleicht lassen sich auch die pleiten Bernauer und sonstigen Festspiele versetzen. Die Welt soll und mutz staunen und erfahren, was für Festwochen ihrer nunmehr auch im Sommer in Berlin harren. — Eine deutsch-dänische Luftpost wird von der deutschen Postverwaltung geplant. Eine solche Verbindung würde besonders im Winter, wenn die Eisverhältniffe den Dampffähr- verkehr hindern, erhebliche Bedeutung haben. AIS Luftschiffstation käme die Insel Amager bei Kopenhagen in Frag«, KfliTen nur mit Haft oder Geldstrafe geahndet werden. Wir selbst können doch nicht dafür eintreten, dag diese Bestimmungen noch verschärft werde». Wir würden uns schließlich selbst damit treffen und das Aufwärtsstreben der christlichen Arbeiter hemmen.(Sehr richtig!) Redner geht dann zur Besprechung der vorliegenden Anträge über und bemerkt dazu, daß die christlichen Gewerkschaften der Ein- fuhrung einer Volksversicherung nähertreten werden, da die sozial- demokratischen Gewerkschaften durch ihren Beschluß auf Einführung einer Volksversicherung nur erreichen wollen, auf Umwegen auf dem flachen Lande vorzudringen. Wir werden diese Sache eventuell noch mit anderen Instanzen gemeinsam weiterverfolgen.(Lebhafter Beifall.) Dem Antrag auf Herausgabe einer allgemeinen christ- lichen Jugendzeitschrift können wir nicht nähertreten, denn wie die Tinge heute liegen, kann auf die Tätigkeit der konfessionellen Ju- gendvereine und ihrer Zeitschriften nicht verzichtet werden. _ An das S'.«t großem Beifall aufgenommene Referat des Gene- ralsckretärs Stegerwald schloß sich eine lebhafte� Diskussion. Ju derselben verliest I m b u s ch- Essen einen Gchcimerlatz des Re- gierungspräsidenten Kruse in Düsseldorf zugunsten der gelben Ver- eine unter lebhaftem Hört! hört! und Pfuirufen der Versammlung. bkogicrungspräsioent Kruse fördert die gelben Gewerkschaften, die eine nationale Gefahr sind. Allerdings erschien dieser Herr wed�r bei der Hauptwahl zum Reichstag noch bei der Stichwahl am Wahl- tisch, obgleich ein Sozialdemokrat mit einem nationalliberalen Kandidaten in Stichwahl stand.(Hört! hört!) Wie hebt sich davon das Verhalten des Reichskanzlers, der Staatsminister und Staats- sckretäre in Berlin ab, die den bürgerlichen Kandidaten in Berlin I zum Siege verhalfen.(Beifall.) Dieser Regierungspräsident hat auch die Heranziehung des Militärs beim Streik im Ruhrrevier unterlassen, obgleich er mit den Schutzleuten allein uns nicht vor dem sozialdemokratischen Terrorismus schützen konnte.(Hört! hört!) Wäre das in ganz Preußen so gewesen, dann hätte der so- zialdemokratische Terrorismns gesiegt. Wir sind aber trotzdem gegen weitere Gesetze zum Schutze der Arbeitswilligen. Die zum Teil geradezu anglaublichen Urteile, die nach dem Streik im Ruhr- rcvier gefällt wurden, beweisen, daß die jetzigen Machtmittel dds Staates absolut ausreichen. Bei der Abstimmung über die Anträge zum Bericht des Aus- schuffes des Gesamtverbandes wird der Antrag �der deutschnatio- nalen Handluugsgehilfcnvcrbände zugunsten der Sonntagsruhe an- genomnien. Der Antrag Aachen, der Einführung einer Volksver- sicherung näherzutreten, wird angenommen, ebenso ein Antrag Schwerin, der die verheirateten Mitglieder aller angeschlossenen Verbände verpflichtet, ihre in der Zigarren- oder Zigaretten- mdustric beschäftigten Frauen und Töchter dem christlichen Tabak- arbeiterverband zuzuführen. Abgelehnt wird ein Antrag München. das„Eentralblatt der christlichen Gewerkschaften" sobald als mög- lich alle achh Tage erscheinen zu lassen sowie ein weiterer Antrag München auf Gründung einer für alle Berufe geeigneten Jugend- eitung. Zwei weitere Anträge München, die sich auf die Stellung es Verbandes gegenüber den kaufmännischen Organisationen und gegenüber der Dienstbotenorganisation beziehen, werden gleichfalls abgelehnt. Einige weitere Anträge, die sich auf die Errichtung von Sekretariate» beziehen, werden dem Ausschuß überwiesen. Es folgt das Referat des Generalsekretärs Stegerwald- Köln über die Stellung der christlichen Gewerkschaften zu den politischen und geistigen Kämpfen der Gegenwart. Es wird dazu einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die christlichen Gewerkschaften sind auß sozialen und Wirt- schaftlichen Verhältnissen Deutschlands einerseits und aus dem Werdegang der deutschen Arbeiterbewegung andererseits hervor- gewachsen. Sie verkörpern nicht die Emanzipationsbewegung einer Lohnarbeiterklasse nach allen Richtungen, sondern haben gleich bei ihrer Gründung ihre Aufgaben und Bestrebungen auf ein Teilgebiet begrenzt: Die Wahrnehmung der Arbeiterinter- essen gegenüber den Arbeitgebern bei der Gestaltung und für die Entwickclung des Arbeitsverhältnisses und was damit zusammen- .hängt. Die sozialdemokratische Arbeiter- und Gewerkschaftsbe- wegung steckt ihre Ziele weiter. Eine Arbeiterbewegung, die:n ��Teutschland sich auf die Dauer neben.. der Sozialdemokratie b>f haupten will, muß der weitschichtigcn sozialdemokratischen Ge- dankcnwclt eine andere ebenso umfassende Gedankenwelt ent- gegenstellen. Also bedarf die christliche Gewerkschaftsbewegung einer Ergänzung. Diese ist in Berücksichtigung der deutschen Ver- Hältnisse nur möglich dadurch, daß sich die Arbeiter zur Pflege ihrer staatsbürgerlichen und sittlichen Ideale ohne Unterschied des Berufes in konfessionellen Arbeiter-, Arbeiterinnen-, Ge- scllen- und Jugciidvcrciiien zusammenschließen, während die wirksame Geltendmachung der wirtschaftlichen Interessen der Ar- beiter einen umfassenden Zusammenschkuß auf beruflicher Grund- läge erfordert, was eine Trennung nach Konfessionen ausschließt. Soll in Deutschland eine nicht sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung ein bedeutender Faktor im Gewerbe sein und sich gegen- über den starken neutralen Arbeitgeberverbändcn durchsetzen, so kann sie sich nicht auf die Anhänger einer Partei od'er aus die Mitglieder einer Konfession beschränken. Der Kongreß ckristlicher Gewerkschaften tritt daher in Sachen des Gcwerkschaftsstreilcs den Erklärungen des Vorstandes des Gesamtvcrbandcs vom 3. und 19. Juni 1912 in allen Punkten bei und erklärt, die Orga- niiationsform und der Eharakter der christlichen Gewerkschaften haben sich in nahezu Ibjähriger Praxis bewährt. Die christlichen Gcwerkschasten bleiben deshalb auch in Zukunft in den bisherigen bewährten Bahnen." Die einstimmjge Annahme dieser Resolution wurde mit leb- baftm Beifall aufgenommen und die Weitervcrhandluugcn auf Dienstag vertagt. Dresden, den 8. Oktober 1912. . Am heutigen zweiten Verband! nngstage sprach Re- dakteur I. I o o s- M.-Gladbach über die Stellung der christlichen Gewerkschaften zu den neueren Auseinandersetzungen über Boltswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik. In der Diskussion sprechen zu diesem Thema Reichstagsabg. Giesberts- Essen, der Bergarbeitcrvertreter Hermann Im- b u s ch und der Vorsitzende des christlichen Metallarbeiterverbandes W i e b e r. Nach längerer Debatte wird ein Schlußantrag angenommen, der damit begründet wurde, daß man doch mit theoretischen Erörte- rungen zu keinem praktischen Resultat komme; es sei schade um die Zeit für solche theoretischen Diskussionen. Das Ergebnis der De- batte wird vom zweiten Vorsitzenden, dem Reichstagsabgcordnet.'n Behrens, dahin zusammengefaßt, daß die Auffassung nicht auf- kommen dürfe, als ob der Kongreß die Arbeit der Kathcdersozia- listen, die in der Gründung des Vereins für Sozialpolitik ihren Höhepunkt gefunden habe, nicht genügend würdigte, wenn auch in einigen Einzclpunkten Differenzen mit der neueren Entwickclung der Nationalökonomie bestehen. Eine Resolution könne nicht vor- gelegt werden, da die ganze Frage noch nickt genügend geklärt sei. Die Debatte und die Referate sollten lediglich eine Einführung in die Frage des Verhältnisses zwischen Gewerkschaftstätigkeit und der Rücksichtnahme auf die nötigen Bedürfnisse der Industrie darstellen. Darauf wird nach kurzer Debatte folgende Rcholntion Schlack, betreffend die Äonslimvcreinsfrage angenommen: 1. Die �onsumgenossensck.aftsbeweguno ist eine notwendige Ergänzung vic Berufsorganisationen. Wäqrend letztere eine Er- böhung des Einkommens ihrer Mitglieder anstrebt, hak entere den Zweck, das Einkommen kaufkräftiger zu gestalten. Die Förderung der Koiisumgcnosscnschaftsbcivcguiig ist be- sonders für die Arbeiterschaft in der jetzigen Zeit der Tcueruiig aller Lebensmittel und Wirtschastsbedürfiiisse eine unabweisbare Rotwendigkeit geworden. Des weiteren zwingt auch die Arbeiter- schaft zur regen Teilnahme an der Könsumgeiiosscuschafisbcwc- gung, das lebhafte Bestreben des privaten Kapitals auf allen Gebieten Preiskonventionm zu errichten. � Nur durch den Einfluß der Konsumcnienorgaiiisationen sind solche Mouopolbestrebilugen auf dem Gebiete der Lebensmittel- Verteilung hintenan zu halten. Auf Grund dieser Erwägungen empfiehlt der christliche Ge- werkschaftskongrctz allen Mitgliedern der angeschlossenen Ver- bände, den Konsumgenossenscbasten als Mitglied beizutreten. 2. Ter Kongreß erklärt es als selbstverständlich, daß die Mit- glieder der christlichen Gewerkschaften nur solchen Konsumver- einen angehoben und beitreten, die einem Verbände angeschlossen sind, der für die Neutralität auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete die vollste Gewähr bietet. Als solchen bezeichnet der Kön- greß den Verband westdeutscher Konsumvereine Mülheim-Rhein. Der Zentralverband Deutscher Konsumvereine Hamburg kann als solcher schon wegen der engen Koalierung mit den sozialdemo- tratischen Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei nicht in Frage kommen. Daraus wurden die weiteren VerhandtunL"» auf morgei;, Mitt- woch vertagt. Mus der Partei. Zui» Fall Hildebrand. Die M ü n ch e n e r P o st" schreibt: „In einer sonderbaren Betrachtung über den Ausschluß des Genossen Hildebrand eriimert Karl K a u t§ k y an den Fall Friedeberg, dessen Ausschluß ihn weit peinlicher berührt habe als der Hildebrands. Trotz aller Svmpathieu für den verdienten Friedeberg„mußten wir ihn ausschließen". Und Friedeberg habe auch nie„wehleidig über unsere Intoleranz gejammecr". Kautsky ist peinlich von Vorgängen berührt, die— niemals eingetreten find. Friedeberg ist nämlich gar nicht aus- geschlossen worden. Die Partei hat damals, was ihr selbst- verständliches Recht war. seine anarcho-sozialistischen, antiparla- meinarischen Anschauiliigen mißbilligt. Friedeberg»st dann, teils wegen dieser Mißbilligiing, teils deshalb, weil er sich anderen Lebensaufgaben zugewendet hatte, auS der Partei freiwillig aus- geschieden. Mit diesem Präzedenzfall ist es also nichts. Wenn in dieser Sache etwas„sonderbar" ist, so ist eS die Art und Weife, in der die„ M ü n ch e n e r Post" ihre Leser über Parteiangelegenheiten zu unterrichten beliebt, und zwar nicht nur im Falle Hildebraud. Tatsache ist, daß an» 23. September 1997 ein Schiedsgericht stattfand, dessen Ergebnis der Ausschluß Friede- bergs war. In dem Urteile des Schiedsgerichts heißt es zum Schluß wie folgt: „Wenn R. Friedekcerg diese Grundsätze(des Anarchosozialis- muZ) zu den seinen macht, hat er sich damit ohne weiteres außer- halb des Rahmens der Sozialdemokratie gestellt. So sehr dos Schiedsgericht seine Verdienste um das Proletariat und seine per- sönliche Ehrenhaftigkeit anerkennt und so sehr es bedauert, das verbiiidende Band mit ihm durchschneiden zu müssen, so muß es doch erklären, daß Friedeberg durch diese Erklärung aufgehört hat. Sozialdemokrat zu sein und nicht mehr als zur Partei gehörig betrachtet werden kann." Friedeberg ist dann konsequenter und klardenkender gewesen als Hildebrand; er hat sich mit dem Spruche der ersten Instanz ab- gefunden und hat nicht erst noch den Parteitag als Richter an- gerufen. Der Vollständigkeit halber seien noch die Namen der damaligen Schiedsrichter hier angeführt; es waren die Genossen B o r g m a n n, Gehrmann, Kautsky, K räker, Legte n.Möbus und Stadthagen. Es stimmt also schon mit dem Präzedenzfalle, und die „Miliichener Post" hat in ihrer Polemi! gegen Kautsky, wie ge- wohnlich, unrecht._ Die wiirttembcrgische Laudtagsfraktion und das KönigShoch. Unser Stuttgarter Parteiblatt bringt einen, offenbar von einem Mitgliede der LandtagSsrakrion herrührenden Artikel über die Auf- lösung des Landtages. Darin heißt es: „Mit den, unverineidlicheii Hoch auf den König fand der Akc seinen Abschluß. Die bürgerliche Presse scheint sich der Hoff- nung hinzugeben, neue Differeiizeil in unseren Reihen hervor- rusen zu können init der Feststellung, daß die Sozialdemo- traten während der Schllißszene im Saal geblieben seien und sich»literhobcii hätten. Unsere Parteigenossen haben sich nicht anders verhalten als bei früheren Schlußsitzungeii. Die Wahl des Sräildiichen Ausschusses schon verpflichtet sie zur Anwesenheit. Die rasche Entfernung in der Sekilude, die zivischeu der Vertündung des Wahlresultats und den Schlußworten des Präsidenten liegt, ist schon ans räuililichen Gründen ansgeschloffen und bei der ge- gebenen Situation politisch nicht notwendig. Darüber hat eZ bisher nur eine Meinung in unseren Reihen gegeben und dabei wird es bleiben." Die Redaktion oer„Schwäbischen Tagwacht" bemerkt hierzu: „Die Haltung unserer Genossen im Landtage während des Hochs aus den König erregt allgemeines Befremden und wird von der bürgerlichen Presse in durchsichtiger Absicht für ihre Zwecke gegen unsere Partei anszuiiützeli versucht. Wir enthalten unS ciiisiweileii jeder Bemerkmig und erwarten, daß unsere Landtags- fraktion eine osstzielle Darstellung dieser Angeleaenheit der Oeffent- lichkeit uilterbrcilet." Wir haben schon darauf hingewiesen, daß sich die sozialdemo- kratische Fraktion des württembergischen Landtages durch ihr Ver- halten beim KönigShoch in Widerspruch gesetzt hat mit der Partei- tradition und dem Empfinden der übergroßen Mehrzahl unserer Parteigenossen. Ihr Verhalten muß nach den Erörterungen des Chemnitzer Parteitages über höfische Zeremonien erst recht provoka- torisch wirken. Wenn die sozialdemokratischen Abgeordneten keine Zeit mehr haben, vor einer monarchischen Kundgebung den Saal zu verlassen, so werden sich die bürgerlichen Abgeordneten damit ab- zufinden haben, daß unsere Vertreter sitzen bleiben. Nehmen die bürgerlichen Parteien auf dieses Empsiiiden keine Rücksicht, haben auch wir keinen Anlaß, ihnen gegenüber besoilders zartfühlend zu sein._ Totenliste der Partei. In Lübeck starb am Dienslag im Alter von 79 Jahren die jedensalls älteste deutsche Parteigenossin, die Frau des Dortigen NcichSlagSabgcordneteil Theodor Schloartz. Die Genossin Schwartz hat 47 Jahre lang an der Seite ihres Gatte» gelebt und ist ihm in allen diesen Tagen eine verständige Gciährliii geivesen, die seinen Bestrebunge» und Kämpfen für die Arbeiterschaft nicht»ur Interesse eutgegenbrnchte sonder» wacker an seiner Seile mitfocht. Seit dem Bestehen des Sozialdemokratischen Vereins in Lübeck gehörte sie dieser Organisation an und ist stets ei» eifriges Mitglied gewesen. Auf fast allen iiatioiialcn und internationalen Kongressen der Sozial- dciiiokratie, zu denen nnser Genosse Th. Schwartz delegiert war, sah man auch die Geiiossi» Schloartz, die sich hohen Ansehens in weiten Kreisen der Partei erfreute. Nun hat ein sanfter Tod ihrem langen arbeitsreichen Leben ein Ziel gesetzt. Die Arbeiterschaft Lübecks trauert an der Bahre einer treuen, opferwilligen Mit» tämpferin, deren Andenken sie stets in Ehren halten wird. Genosse Kinkel in Göppingen ist von der Landtagskandidaiur, die ihm durch Mehrheitsbeschluß der Bezirkskonferenz übertragen war,, zlirückgetreteii, nachdem in dem Beleidigiulgsverfahren. daS er gegen das Parteimitglied Julius Brückner angestrengt hatte. Freiiprechnng oes Angeklagten erfolgte. Kinkel bat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Da aber auch die Bernsimg Kinkels gegen seine AiiltScntsetznilg als Krankeilkasseii- kontrollenr schwebt und damit zu rechne» war, daß die Gegner diese schwebeiideii Sireilverfahrcii in der Vevorstcheiiden Landtagsloohl persönlich ausschlachten würden, hat Kinkel die Kandidatur nieder- gelegt. ES ist zu Haffe», daß nunmehr die Genossen des Göpvinger Bezirks, die biinieii kurzem eine» neuen Kandidaten ausstellen werden, einmütig btn Wuhllainpf ausnehmen und siegreich durch- führen werden. Sozialistische Einigkert in England. Aus dem im„Labour Leader" veröffentlichten. Protokoll der letzten Vorstandssitzung der I. L. P. ergibt sich, daß das Jnter« nationale Sozialistische Bureau die Abhaltung einer Einigungskonferenz zwischen Vertretern der I. L. P., der Fabian Society und der B. S. P. angeregt hat. Der Vorstand der I. L. P. hat in seiner Antwort dem Gedanken einer Konferenz zu- gestimmt und vorgeschlagen, daß sie die Form einer Untersuchung über die Möglichkeit der Einigung iiehme und von jeder der drei Organisatioiieil mit je sechs Delegierten beschickt werde. Aus der bulgarischen Partei. Der 19. Partei- und Gewerkschaftskongreß der sogenannten „engherzigen" Richtung der Sogialdeinokratie Bulgariens fand voni 15. bis 18. August alten Datums statt. Es waren vertreten 92 Sek- tionen der Partei mit 2923 Mitgliedern. 222 Arbeitervereine oder Gewerkschaftssektionen mit 8959, 84 Lehrersektionen mit 1949, 18 Beamtencsruppen mit 288, BildungAvereine mit 136, acht Jugend- sektionen mit 399 und fünss Studentenvereine mit 119 Mitgliedern, Bei den letzten Wahlen erhielten die Kandidaten der Partei 14 299 Stimmen gegen 2599 im Jahre 1998. In Provinzialverwaltungen sitzen 11, in Stadtverordnetenversammlungen und Gemeinde- Vertretungen 52 Vertreter der Partei.(Dem Parlament gehört nur der„weitherzige" Sozialist Sakasoff an.) Die„Arbeiterzeitung", das offizielle Organ der Partei und Gewerkschaften, erscheint seit diesem Jahre täglich, allerdings nur mit Aufbietung gvoßer Opfer. Es hat eine Auslage von 7199 Exemplare bei 6099 Abomientem Das wissenschaftliche Organ,„Die Neue Zeit", hat 1590 Abonnenten. Nach Erledigung der Berichte wurden die Vorarbeiten für die nächsten Wahlen erledigt, bei denen zum ersten Male die Proportionalwahl angewendet wird. Beide sozialistische Parteien hoffen auf eine große Anzahl von Mandaten. Der Parteitag nahm auch gegen dieKricgshetze energisch Stellung. Personalien. Zum zweiten Partenekretär für den Wahlkreis Bochum-Gelsenlircheii wurde Genosse Jos. Windau aus Zeitz gewählt, der dort bisher am„Volksboteu" als Berichterstatter und Akquisiteur lätig war. Genoffe Hans Deisel, bisher Redakteur der„Bergrschen Arbeiterstimme" in Solingen, ist Sonntag aus dem Elberfelder Gefängnis entlassen worden, wo er ö'/z Monate hat zubringen muffen. Er tritl am 1. November als Selretär des Konsumvereins „llnterweser" in die Dienste der Genossenschaft. Genosse May. der bisherige politische Redakteur der„Mär- lischeil Volksstimme" in Kotibus, ist aus der dortigen Redaktion ausgetreten, in der er fünf Jahre tätig war. Genosse A. R u d o l p h, der seit sieben Jahren Parteisekretär für den Bezirk Frankfurt a. M, ist, übernimmt die Stelle eines leitenden Redakteurs an der„Weimarischen Volkszeitung" in Jena. poUreNiches. Sericbvllebes ulw. Preußische Preßfreiheit. Auf Grund des Z 130 des Str.G.B. ist gegen unser Walden- b u r g e r Parteiblatt, die„S ch l e s i s ch e B e r g w a ch t", Anklage erhoben worden. Der angezogene Paragraph stellt unter Strafe» das öffentliche Anreizen verschiedener BevölkernngÄlassen zu Ge- walttätigkcite». Dieser Tatbestand wird in einem Artikel gesunden, der sich init der Teuerung und den, allgemeinen politischen und gesell- schaftlichen Verhältnissen in unserem Vaterlande beschäftigt. In dem Artikel wird der Regierung vorgeworfen,, daß sie das Volk unter einem skrupellosen Steuersystem auspresse, es stellenlweise der Ver- elen,dung entgegenführe und nnt den so gewonnenen Steuergroschen den Militari-mus und einzelne bevorrechtigte Kasten im Staate unterstütze. Den Arbeitern werde das gesetzlich gewährleistete Streikrecht geraubt und ihnen, mit brutalen, militärischen Macht- Mitteln gedroht. Auf diese Weise aber tragen die Regierung und die herrschenden Klassen das meiste zur Schärfting der Klassengegensätze bei und die Folge müsse nicht nur eine Schärsuwg des Klassen- kamptes. sondern auch eine Schärfting des revolutionären Willens der Massen, sein, die.Zustände zu ändern. Am Schluß des Artikels werden die Arbeiter aufgefordert, nun auch ihrerseits alles daran zu setzen, um in den Köpfen der uns noch fernstehenden Proletarier das revolutionäre Bewußtsein und den Willen zur Bcssergestaltung der Verhältnisse zu wecken. Das, was hier gesagt worden ist, ist doch schon so oft bekundet worden» ohne daß ein Staatsanwalt einschritt. Wenn hier schon in der„Nevolutionierung der Köpfe" eine Aufreizung zu Gewalttätig- keiten erblickt wird, so ist das charakteristisch für unsere Rechtsficher- heit und Meinungsfreiheit. Es scheint, daß man wegen, der Aus- sichtslosigkeit einer iicuen, Umsturzvorlage es mit, dem gemeinen Recht versuchen will._ Hus Induftric und Kandel. Der Kampf um die Haut. Unter den Nebenprodukten des Fleischergewerbes spielt die Haut der geschlachteten Tiere eine große Rolle. Mit der auf- blühenden Lederindustrie gewannen die Felle stark an Wert. a.ie Fleischer begannen daher seit Ende der 89cr Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Verkauf der Häute zu organisieren und nicht mehr einzeln die Felle an Zwischenhändler loszuschlagen. Die_ Ochsen» metzgerliinung in Aachen richtete als erste besondere Häute- a u k t i o n e n ein. Vom Westen Teutschlands griff diese Art des Verkaufs, wobei natürlich wesentlich höhere Preise erzielt werden konnten als beim Einzelverkanf, auf ganz Deutsch- land über. Im Interesse der Käufer(Händler, Gerber, Ledcrfabrikantcn) lernten die Fleischer die Häute sorgfältiger be- handeln, um aus dieser Oualitätsverbesserung selbst Vorteile zu ziehen. Die Folge davon sind Preissteigerungen um das Doppelte und Dreifache geworden. Man sckstiht den Jahresumsatz der auf Auktionen verkauften Häute auf 129 bis 125 Millionen ein. Zur besseren Ausnutzung der Marlilage taten sich sowohl Käufer als Verkäufer in besonderen Organisationen zlisammen. Die Fleischer gründeten den„Verband der dcut''chen Häutevcr- Wertungsvereinigungen" und die Händler, Gerber, Ledcrfavrikanten und Makler den„Verband der Interessenten am Häuteeinkaus". Um an einzelnen Orten entstehende Differenzen über abweichende Verkaufsbedingungen zu regeln, traten beide Verbände gemeinsam zu Kassel zusammen und verabredeten dort gleiche Verkaufsbedin. gungeil für die angeschlossenen Vcrwertungsvereinigungen. Dlew „Kasseler Bedingungen" wurden zu stillschweigenden Regeln bei den Häuteauktionen überhaupt. Ganz schlosseu sie trotzdem nicht Dlsse- renzeu zwischen Käufern und Verkäufern aus; und so»st kürzlich ein ernster Konflikt zwischen den beiden Gruppen entstanden, der zur Aufhebung der Häuteauktionen geführt hat. Bei der Verarbeitung des rohen Kalbleders stellten sich nach. träglich Flecke ein, deren Entstchiing die Fabrikanten auf die Be. Handlung der Felle durch die Fleischer zurückführen. Für diese erst später entstehenden Salzflecken forderten nun die Käufer das Recht der Reklamation und Preisermäßigung. Im Gegensatz zu einigen anderen Vorwertungsvcreinigungen bestritt die in Mann- heim strikte ein solches Recht, worauf die Käufer sich weigerten, Kalb. felle ans Auktionen zu erstehen. Der Verwertungsverband belegte nun den ganzen Käuserverband mit dem B o y k o t t für sämtliche Waren. so daß auch Ochsen-, Kuh- und Stierhaute nicht mehr an organisierte Käufer abgegeben lvurden. An die Forderung der Salzsleckencntsckä. oiguug knüpfte er dazu noch etliche andere Fordcrnnz.-.n. wenn der Boykott ausgehoben werden solle. Diesen Schritt bcannvortete der Käuferverbaild seinerseits mit dem Boykott der Verwertungen, und so sind seither Auktionen nicht mehr zustande gekommen. In- zwischen haben mehrfach Verhandlungen zwischen beiden Organi» satiouen stattgefunden; sie blieben aber ergebnislos. Die Häute- verwertungsverelnigungen(Fleischer) hielten nun am 2. Oktober eine außerordentliche Generalversammlung ab. in der beschlossen wurde, aus weitere Verhandlungen mit der Käuferorganisation zu verzichten. Die Form der Auttionen.soll überhaupt beseitigt werden. Die Vereinigungen dürfen vielmehr freihäildig verkaufen f eventuell soll eine neue Verlaufsotgamsatwn ins Leben gerufen werben. Tie ..Kasseler Bedingungen""wurden formell zurückgezogen. An ihre Stelle treten die„Berliner", die keinen Schadenersatzanspruch für Salzflecken vorsehen. Der Käufervcrband hat infolgedessen die Fortsetzung des Boykotts gegen alle Ware der Verwertungen be- schlössen. Nur dann darf von den Verwertungen gelauft werden, wenn sie die Bedingungen der Käufer schriftlich anerkennen und aus dem Verwertungsverband austreten. Dieser Schritt ist auch tatsächlich von einzelnen Häuteverwer- kungs-Vereinigungen unternommen worden. Die Genossenschaften von Münster i. W., Mülheim a. Rh., Eschweiler, Jülich, Stolberg u. a. sind aus der Organisation der Verkäufer ausgetreten und haben die Bedingungen des Käuferverbandes schriftlich aner. kannt. Wenigstens an diesen Plätzen werden dqher in kurzem die Auktionen wieder beginnen._ Zur Finanzlage Serbiens und Griechenlands. Die letzte Uebersicht, die ein klares Bild von der Finanzlage Serbiens bietet, datiert aus dem Jahre 190ö. In jenem Jahre be- liefen sich die gesamten öffentlichen Einnahmen Serbiens aus 73.02 Millionen Mark, die gesamten Staatsansgaben auf 71.54 Millionen Mark, so dast ein lleberschusz von ganzen 1'/� Millionen Mark verblieb. Einnahme und Ausgabe blieben also weit hinter dem Etat der deutschen Reichshaupt st adt zurück. Bon den Einnahmen flössen 13,83 Millionen Mark ans direkten Stenern, 12,31 Millionen Mark anS indirekten Steuern und 2l,L7 Millionen Mark aus Monopolen, Den wichtigsten Ausgabe- polten stellte die Verzinsung der öffentlicken Schuld dar. Letztere stellte sich am 31. Dezember 1906 nominell auf nicht weniger als 360,87 Millionen Mark und die Zinse» des Jahres 1906 betrugen 18,87 Millionen Mark, Der Abschlug des Kriegsministeriums ergab Ausgaben von 14,86 Millionen Mark, während für öffentliche Arbeiten im genannten Jahre 8,12 Millionen Mark aufgewandt worden waren. Der letztere Posten bedeutet, mit deutschen Staaten von gleicher Bevölkerungszahl verglichen, eine änszerst geringe Aufwendung, Für Griechenland liegt der Voranschlag für 1911 vor. Dieser sah 109,02 Millionen Mark Einnahmen und 108,07 Millionen Mark Aus- gaben vor. Das entspricht etwa dem Etat des Grogherzog- lums Baden, mit' dem Griechenland ja auch annähernd eine gleiche Eintvohnerzahl teilt. Aus Steuern errechnete sich der griechische Staat für 1911 eine Einnahme von 77,14 Millionen Mark, aus anderen Abgaben eine solche von 21,86 Millionen Mark. In den Ausgaben spielt auch hier die Befriedigung des Staatsschuldendienstes eine groge Rolle, Griechenlands gesamte Staats- schuld belies sich am 31, Dezember 1910 auf 714,20 Millionen Mark, wovon 586,02 Millionen Mark auf änstere Schuld und 123,13 Millionen Mark auf innere Schuld entfielen. Für Zinsen waren im Voranschlag für 1911 zivar 26,46 Millionen Mark eingesetzt, dag Griechenland es in Wirklichkeit mit der Bezahlung seiner Z in s e n n o ch n i e se h r e i li g hatte, ist bekannt ge- nug. Die Ausgaben des Finanzministeriums waren für 1911 mit 26,98 Millionen Mark angesetzt, die militärischen Ausgaben mit 17,41 Millionen Mark, Bei der im Vergleich zu der Ausdehnung des Etats und insbesondere zur Höhe der Sleuereinnahmen bereits sehr erheblichen Staatsschuld der beiden genannten Staaten fragt man sich nach wie vor vergebens, wie die Regierungen sich die Bc> friedigimg des Geldbedarfs für den Krieg gedacht haben, als sie ihre Böller in eine wahnwitzige Kriegsbegeisterung hineinjagten. /Zus aller Melt. I?önigsforgen in Kriegszeiten. Auf dem Balkan ziehen sich die Kricgswolken immer drohender zusamnicit und eS ist wahrscheinlich mir noch eine Frist von Stunden, bis einer dem andern an die Gurgel springt. Unsägliches Elend ist im Anzüge, das Interesse gqnz, Europas. auf die Haltung der an den Wirren beteiligten Staaten konzentriert. Den» es handelt sich nicht nur um einen Krieg zwischen ein paar. kleinen Nationen, um einen Krieg, dem die Groststaate» Europas mit verschränkten Armen znschauen können, Ei» Funke genügt, daß aus Anlaß der Balkan- streitfrage ein W e l t b r a» d e n i f l a m m e n kann. Da glauben manche, daß die beteiligten, durch Gottes Gnade eingesetzten Köuige ganz ausgehen in der Sorge um das Wohl ihrer Landes- linder. Ein sprechendes Beispiel für diesen Köhlerglauben ist der König Georg von Griechenland. Von ihm, der sich bis Beginn dieser Woche in Wie» aufhielt, weiß die Wiener»Neue Freie Presse" zu melden: „König Georg von Griechenland hat am 3. d. M. d a S Jmperialkino mit seinem Besuch beehrt. Der König folgte der ganzen Vorstellung mit sichtlichem Interesse und fand derartigen Gefallen an dem Theater, daß er seinen Besuch am folgenden Tage erneuerte. Bei der Ver- abschiedung äußerte sich der König in Worten hoch st en LobeS über den prächtigen Saal und das ausgezeichnete Programm." Ein leuchtendes Vorbild für seine Berufskollegen! Wenn man was Dummes spricht... Wir lesen in der„Pfälzischen Post": Ort der Handlung: Ab- teilung 1. Klasse der kgl. bayerischen Eisenbahn. Zwei pfälzische ZentrumSdepntatis auf der Heimreise haben sich Zeitungen gekauft, auch die osfiziell vom Zentrum verpönte„ M ü n ch e n e r Post". Sie lesen. Plötzlich rückt der eine unruhig hin und her, die Falten auf der Denlerstirne ziehen sich zusammen wie der Blasbalg einer Zieh- Harmonika. Aber er liest weiter. Plötzlich springt er auf. Ein Fluch(wie unchristlich!) entringt sich seinem Zahngehege. Und das unschuldige Papier der„Miinchener Post"! Mitten duichgerissen! Dann nimmt der Rasende Stück für Stück und reißt und reißt, bis ein Haufen kleiner Fetzen vor ihm den Beweis liefert, daß das„Werk der Vernichtung" gelungen ist. Der andere hat erstaunt zugesehen. Endlich wagt er zu fragen. „Das Saublatt!" knurrt der Angeredete,„kaum sagt man einmal was Dummes, steht es auch schon drinnen!" Damit aber awch die Triiinmer des Blatte? nicht mehr schaden können, sammelt er sie sorgfältig und wickelt sie behutsam ein. Aus- atmend lehnt er sich dann in seinen Sitz zurück. Was er DummeS gesagt, wird min niemand mehr lesen. Gott sei Dank!_ Der Prozeh gegen die Polizeimörder. In New A o r k begann, wie unS ein Telegramm meldet, am Montag der Prozeß gegen den wegen Anstiftung zum Morde angeklagten Polizeileutnant Becker. Während im Gerichts- gebäude die gerade in diesem Prozesse sehr schwierige Auslosung der Geschworenen stattfindet, umlagert das Gerichtsgebäude eine un- geheuere Menschenmenge, unter der das Apachentum recht zahlreich vertreten ist. Da man Attentate gegen den Ver- treter der Anklage fürchtet, ist der Staatsanwalt Whitman von einer Schutztruppe umgeben. Auch der Gerichtssaal wird von zahlreichen Detektivs überwacht, um das Eindringen von Per- soucii mit verborgenen Waffen zu verhindern. Schon bei der Aus- wabl der Geschworenen kam es zwischen dein Vorsitzenden des Gerichts und dem Hauptanwalt Beckers zu heftigen Zu- sammenstößen. Der Vorsitzende Richter drohte dem Anwalt Mc Jntyre, er werde ihn aus dem Gerichts s aale ent- fernen lassen, wenn er nicht seine beleidigenden Angriffe gegen den DistriltSanwalt einstelle._ Ter Liebhaber in Nöten. Eine tragikomische Geschichte, wie man sie sonst nur im Theater erlebt, macht gegenwärtig in einer„Kalistadt" der Provinz Sachsen die Runde. An ollen Stammtischen und in allen Kaffeekränzchen wird darüber geflüstert. Wir wollen sie hier wiedergeben. Die Sache liegt folgendermaßen: Ein Herr und seine Frau Ge � mahliu aus den sogenannten besseren Ständen gehen neulich abends aus. Diese Gelegenheit benutzt nun ihr Dienst- m ä d ch e n, um seinen Bräutigam zu empfangen, aber nicht in der Küche, sondern in einem der herrschastliiben Zimmer, wo der junge Mann seinen Hut an einem geeigneten Platz aufhängt. Das Pärchen macht es sich ans dem Sofa bequem, wie ja selbiwerstäudluh ist. Ricksi lauge, da klingelt eS. „Herrgott, die gnädige Frau!" Der junge Mann kriecht in der Be- stnrzung unter das Sofa. Die„Gnädige" erscheint, das Möschen verschwindet in die Küche. Sie in der Küche— er unter dem Sofa, beide in peinigender Qual über den weiteren Gang des Schicksals. Dieses ericheint zunächst sii der Gestalt eines verheirateten Hausfreundes, der zu einem zärtlichen Schäferstündchen mit der Gnädigen auf dem Sofa Platz nimmt.--- Der junge Mann unter dem Sofa fiebert! Seine Gedanken wirbeln in einem tollen Hexenreigen wild durcheinander, das Gehirn scheint zu kochen. Plötzlich Schrille.„Herrgott, mein Mann!" Der Lieb- haber auf dein Sofa flüchtet in Windeseile in den Kleider« s ch r a n k, der Liebhaber unter dem Sofa kriecht noch mebr zu« sammen.— Der Gemahl erscheint. Er bemerkt den Hut des Unter- Sofa-LiebhaberS, wittert Unrat, Rede, Gegenrede. Der unglückliche junge Mann unter dem Sofa sieht seine Entdeckung herannahen. Deshalb kommt er lieber freiwillig hervor, richtet sich auf und sagt: „Aber ich habe keine Dummheiten gemacht. Das ist der gewesen, der im Kleiderschrank steckt.---- Der Vorhang fällt. Das nackte Modell in der Redaktiott. Ganz Rom lacht über ein Abenteuer ö la Boccaccio. daS sich im I e f u i t e n k l o st e r in der Via Ripetta zugetragen hat. Im ersten Stock des bezeichneten Hauses befindet sich die R e d a k t i o n des Jesuitenblattes„Civiltö Cattolica", im zweiten Stockwerk das Atelier des spanischen MalersGalegos. Gestern stürzte plötzlich der Fußboden des Ateliers des Malers ein und ein Modell, ein vollkommen nacktes Mädchen, fiel in das Redaktionslokal hinab. Das Mädchen wurde in ein Nebenzimmer gebracht, wo es sich rasch ankleidete. Kleine Notizen. Jugendlicher Defraudant. In Kalbe(Saale) erhob der sieb« zehnjährige Lehrling Hermann Anders von der Wollwaren- fabril Kapelle mittels gefälschter Anweisung von der Filiale der Mitteldeutschen Privatbank 10 000 Mark und verschwand damit. Von dem Desraiidanten hat man bisher keine Spur. Ueberfall auf eine Kontoristiu. Ans dem Marktplatze in Lodz überfielen drei Bewaffnete die Kontoristin der Fabrik Leonhard und raubten derselbe» 10 000 Kronen, die sie auf Zder Post ausgeben sollte. Es gelaiig, einen der Räuber mit einem Teilbetrag deö ge- raubten Geldes zu verhaften. Selbstmord eines Gymnasiaste«. In einem Hotel in Frankfurt am Main erschoß sich gestern vormittag der t6jährige Gymnasiast Gerhard Richter aus Magdeburg. Er hatte vor einigen Tagen seinem Vater, der dort VersicherungSdirektor ist, mehrere tausend Mark unterschlagen und war nach Berlin gefahren, wo er einen Teil dcS Geldes verjubelte. Von Berlin fuhr er nach Frankfurt zu den Pferderennen, wo er dann den Rest des Geldes verlor und aus Ver- zweiflung darüber sich das Leben nahm. Unterschlagungen auf einer Zeche. Auf der Zeche Rheinpreußen sind große Unterschlaguiigen entdeckt worden, die sich zumeist auf Altmetalle erstrecken. Es sind bisher zwölf Arbeiter und zwei Händler verhaftet worden. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Die Hohe der Unterschlagungen steht noch nicht fest. WttterungSüberficht vom 8. Oktober ISIS. Etationen w li Swineinde. Hamburg Berlin Franks.a.M München Wien 761 WSW 776WSW 7713 769!3lO 7671310 7690 Wetter 4 bedeckt tzDunsl iheiter 9 heiter S3iebel »bedeckt äH i? H to IS E feg Etattonen|g� 1 1 If Haparanda 757 Still Petersburg 764 S Scilly 7661SS0 Zlberdeen 767 Paris>767N3!0 Wette« Regen 2'molfig 4 halb bd halb bd. toolkenl tss ei t* 6 0 11 8 0 Wetterproguoie für Mittwoch, den S. Oktober ISIS. Zeitweise etwas nebelig, vorwiegend heiter und trocken,«achtS aber kühl, um Mittag mild bei mäßigen südöstlichen Winden. WassetstandS-Nachrichte» >) 4- bedeutet Wucks.— Fall—•) Untervegel. Arbeitsnachweis; Hoj I. Amt Norden, Nr. 1239. iferwaltiiiigsstelle Berlin Charitefiraste 3. Hailptbureau: Hos III. Stint Norden. Nr. tSS7. Donuerstag, deu 10. Oktober 1912, abends 6 Ilhr: = Versammlung s aller im 16. und 17. Aezirk beschästigteil Eisen-, Metnll- und Kevolveidreher soivie Rnudschleiskr im großen Saale der Bockbrauerei, Chausseestraße 61. Tagesordnung: 1. Tie Lohn- und Slrbeltsbcdiiigniiae» der Dreber i« den Berliner Betriebe» und welche Mastnabme» nnific» zu einer Brfieruttg crgrisfcn werde». Zieercnt? Kollege Müller.— 2. Diskussion.— 3. Wahl des BezirkSobmanneS.— 4. Verschiedenes. 51»' Kollegen I Mit Rücksicht aus die Wichtigkeit der Tagesordnung ist Ihr Eifcheinen dringend noltvendig. Jeder von Ihnen muß sür einen guten und zahlreichen Besuch dieser Versammlung sorgen."96! 123/47____ Die Ort»verwuUnng. DkiiWr TnnsMwbtitcr- Nerbalid. Achtuuq! Holzindustrie! �lchtunfl! Kollrgkn Hacker, iinnsdiener. Lagerarbkiltr nsiv. uns dru iltrgolderrieu und Goldleistenfabrikeu! Donnerstag, den Iii. Oktober, abends 8'/» Uhr: WOT Versammlung"Wä im Arbeitsnachweis der Verwaltung II, im GewerkschaftShause, Engelnfer 1», I. Seitenfl. III. Tagesordnung: 67,10 ö—\J i i IXJ 1. Unsere Stellungnahme zur Bewegung in der Goldleistcnindustrie. 2. Diskttssion. 6. Branchen- Angelegenheiten. Koilejren! In Anbotraciit der WichllBkeit der Tiijjo.sortinang voilatthllgcs Krsclicmcn lihrcn- pfliclit. Die BranchcnleiNiug. )VISbcl-H»igcbot. Solides Möbelgeschäst liesert bürgerliche Wohnuligseinrichtungen sowie ein- seine Möbel gegen mäßlge Zinsvergütung bei kleiner Zlnzablung u. germgen Monatlichen Teilzahlungen. Ansragcn unler Posilagerkarte 79, Pollamt 28. Kein �bz�bliingsgefchäft.• MM- II. m (E. H. Nr. 2, Hamburg.) Deetiiclie Verwaltung Berlin. Freitag, 11. Oktober, abends S'/s Uhr, im GewerkschaftShause, Engelnfer 16, Saal 4: Mitglieder- Uersammluug. Tagesordnung: 253/7« 1. Bericht von der Gencralvcrjummlung in Steltin. 2. Wahl der Ortsvcrwallung. -- Mitgliedsbuch legitimiert.===== Der Vorstand. _ J. A.: Richard Schröder, Berlin O., Tilsiter Str. 7, vorn IV. mit Dosenöffner '--„K iV* >••-«fc*'/,>>/ �.iy V., � v" v'T-X Ccboroll zn haben in großen Bosen ä 20 Pf. Fabrikanten; I.nbNzynsbi dt Co., G. m b. H.. Berlin-Lichtenberfl. ist der schönste Ausflugsort? � Immer noch Pichelswerder, �Heerstraße" beilN Alt-N FrettNd. Neues TonkUnstler-Opcheslep Dirig. Franz Hollfelder Toi. Moritzpi. 13568. Dresdener Str. 82/83. Tel. Hoiitzpi. 13563. Achtung! Bewilligte Bäckerei. Ächtung! Teile dem geehrten Publikum und 3?achbarschast mit, daß ich unten- genannte Bäckerei käuflich übernommen und zugleich die Forderungen des Bäcker- und Konditoreii-Berbandes aiierknmit habe. Es wird mein Be- streben sein, dem Publikum in jeder Weise entgegenzukommen und gute Ware zu liesern. 43962 Achtungsvoll F. Tiedemann, Achtung! Bewilligte Bäckerei. Ächtung! Dem geehrten Publikum und Nachbarschaft zur 3tachricht, daß meine Bäckerei stets bewilligt gewesen ist und ich stets organisierte Gesellen beschäftigt habe. 43952 Achtungsvoll 1 Fonfe He Bier,|{Äer3fl«. Bestätigt durch den Vertrauensmann des Bäcker««ud Konditoren» Verbandes Berlins und Umgegend. Rosenthaler Hof Rosenthaler Str. 11/12. Jnh. Otto Schilling. Telephon: Amt N. 2438. Sämtliche Räume renoviert. g BereinSzimmer. Kegelbahn.» Säle mit Bühne bis 466 Personen, noch einige Sonnabende und Sonntage frei. 37762 Die Pflege eines gesunden Knochenbaues darf bei Säuglingen nicht vernachlaistgt werden, da andernfalls die von den Müttern so ge« fürchtete Rachitis austritt. Man lege, um vorzubeugen, besonderes Gewicht aus eine richtige Ernährung, die allen Zlnsorderungen des kindlichen Organls» »ins entspricht, und gebe ein 3!ahrungsn:ittcl wie„$1 u f c f e", falls Mutterbrust nicht gereicht werden kann., K u s e l e" enthält die richtige Menge von Mineral- und Eiweißstoffen, die sür die 5kilochcn- und Muskel« flcischbildung erforderlich sind. «Dckjh Querstraße an der! Müllcrstraße 113 '»1:(ttä Ä-»-Wohnungen mit und ohne Bad,! , R. VIS �-�iMMkA-- mjt Warmwasser-Bersorguiig. i elektr. Nachtbclcuchtung, vorn und Gartenhaus, in neuen trockenen l Häusern sofort billig zu vermieten. Zu erfragen Nr. 37 beim' Verwalter Meyer. [ Todes-Anzeigen Sozialiiemokratisciier Verein Id. 6. Berl. Relchslauswaiilkreis. Am Freitag, den 4. Oltober, oerstarb unser Genosse, der Schuhmacher Karl �auckstäclt (Pappelallee Kl). Vhre seinem Sludenken! Die Beerdigung findet am DonnerSlag, den l». Oktober, nachmittag« 4>/, Uhr. von der Halle de« Gctbjemane-KirchhoseS in Nieder- Schönhausen-Nordend au« statt. Um rege Beteiligung ersucht 232/20 Der VörHtand. DeutselterMeiBlIarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Kernmacher Oskar Fell Hussitenstr. 21 am 6. Oltober an erweichung. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 9. Oktober, nach» mittags 3 Uhr. von der Leichen- halle des AnstaltS- KirchhojeS in Dalldorf aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Hobler MsnlKoleMvMillisii am 7. Oktober im Lungeuleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den lO.Oktob«. nach« mittags 4 Ubr, von der Leichen- halle ees GemeindesriedboseS in Hohenlehme(Kreis Teltow) aus statt. Ehre ihrem Andeureu: Rege Beteiligung erwartet 12S/18 Die Ortsverwaltung. Verein der Metallsehleüer Berlins und Omgegend. (Kranken-Unterstützungs-Verein.) Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unscr Kollege, der Metall- schleiser Wilkelm Stalp im Aller von 41 Jahren ge- storben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. Oktober, machmtttags»st, Uhr, von der Halle de« St. TbomaS-Friedhoseö in der Hermannstrage aus statt. "Um rege Beteiligung ersucht 743b Der Vorntand. der Schneider und Seilneiderinnen Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege Itiomas Wo�cla am 7. Oktober er. im Alter von 4u Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke» i Die Beerdigung findet am Donnerstag, den lO. d. M., nachmittags 5 Uhr. von der Halle des Hedwigs-Friedhoss in Weihensee, Wörthstrage, au« statt. 164/ IS Die Ortsverwaltung. Sonntagabend verstarb mein Schwiegervater VVilkelm Weftief. Beerdigung Donnerstag st, 4 Uhr stödtischer Fricdhos Müllerstraste. Freunde und Bekannte, sowie Mitglieder des Gesangverein» .Libcrtö" trcssen sich Möller- straste 134 a. Um Beteiligung bittet 7366 Fritz Ketslaff. Danksagung. Für die mir von allen Seilen be- wicscne herzliche Teilnahme sowie sür die reichen Kranzspenden bei der Be- erdigung meiner lieben Frau und guten Mutter sagen wir hiermit allen Freunden und Bekannten, insbeson- der« dem Neuköllner Mänvcrchor. dem Pyrstand der Zentraiklankenlosse der Maurer usw. und den Genossinnen und Genossen dcS Wahlvereins(Be- zirk 12, Neukölln) unseren herzlichsten Dank. HA Otto König und Tochter. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, besonders dem Deutschen Bauarbeiterverband sür die letzte Aiierlcanung meinen besten Sf Frau Curski liw'd. Tanksagung. Für die ausrichtigc Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes �oirnrm Kossack sage ich allen Freunden und Be- kannten sowie den Kollegen der Schiiltbeig.Brauerei(Abt. II) und dem Gesangverein„SangeSIust III"- Tcmpelhoj meinen herz.ichsten Dank. Die traue, nde Wittve i54As' Grete 14 oxtmck. Für die herzliche Teilnahme der Beerdigung des Schlossers Willi Köllner sagen wir allen Kollegen, inbcsondere der Firma Blume unser» ausrichiglten Dank., 37a Im Namen der trauernden Hinter- bliebcnen Walter Köllner. DunkHiiKiin�. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung ineincs lieben Mannes, unseres Baters, sagen wir allen Freunden und Bekannten, sowie dem Gesangverein, dem Verband der Kupscr chmiedc und den Kollegen unseren herzlichsten Dank. 741b Wwe. Anna Kropp nebst Kindern. Dr. Simmei Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄÄ 10— 2. 6— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Schaliplatien Verleih» Institut. 1 [Auch nach auswärts. Prospekt gratis. D Karl Borbs, Berlin 31■ Neue Könlgatragse 3S. U ITNANN ohrer)$tr37*Gr.FreinkJurteatr. 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Die Richtigkeit der vorstehenden Bilanz Summa. 161 055,47 Der Vorstand. Hugo Köhler. Friedrich Hülle, z und deren Uebereinsttmmung mit den ordnungsmäßig geführten Büchern beftättgt Der Aufsichtsrat. Barndt. BtelaS. Günther. O. Herold. Mafia. Ouade. Ttetz. Mitgliederbestand am 1. Juli 1911...... 1593 Eingetreten..............■ 347 1850 Mitglieder Ausgeschieden durch Berzug, Aufkündigung usw.... 108 Bestand am 30. Juni 1912... 1742 Mitglieder Die eingezahlten Geschästsguthaben der Mitglieder be- trugen am 1. Juli lSll............ 16 200,14 M. Die«ingezahlten Geschästsguthaben der Mitglieder be- trugen am 30. Juni 1912........... 17 835,35„ Mithin mehr 1 635,21 M. Die Haststumne der Mitglieder betrug am JL Juli 1911 45 090,— M. 30. Juni 1912 Mithin mehr 52 280,— 7 170, M. > Ziehung unwiderruflich am 12. Oktober.< pffleLotturle 4m SehneldemOhicr LoxBaptcrdemerktM AMMIs 4m SekzeldemllUer lOOOOO 4 Equipagen ». 46 Pfarde he Wart*»ob 3202 Silber* gewinne tat wert,»ea 1 Automobil In Werte»oa M. M. Otine jede Anzahlung 20000 ISOOOo. Lose 50 pi.- ii LosesüSaa SU. w,'ä H.C. Kröger, Berlin W«, Ä.'-F-". and In aUra dareb Plakate keBaillebeB Verkaar,«leilcn. | Telegr-Adreeae;..Goldqaelle" ) verkuuie-cli Aiuos- erff;fr„ Mtdk&ärm:: Fabrikat:: barer loniüil»(Fiageitoo} 9 fcüWlt) Flüs'el �'Harmoniumss gegen kleine monatliche Teilzahlung.— Für jedes Instrument gewahre ich langjährige schriflliehe Garantie. M Krause IM., Berlin, flusbuclin 9t. 1 Ecke KurfOrsten Strasse, im einen. Qesohäftshause. Tel. Ch. 10410.. Auch Sonntags geöffnet, J /" Häven Sie ätoff 'A hitist davon Anzog od. PtlOiOt omA Mos». tAkle. daatrh. Zataten oon 35 Mark an. Moritz Labond, � Nta* PnmtnadtS. II.(StadA. Bin.) •J t Reparaturen. Tpetvi U»« erläsilich saabere Wen ur sür Schüler. Tonverbesse- rung aus Wunsch auch solche, die dem altsttaliemIcheiiTone täuschend ähnlich ist. We eut. liche Borteile und eventuelle Ratenzahlung sür Vorwärts- «bonnenten. Ungewöhnlich .ehrende Anerkennungen, _ 8mU Toussainf. Werkstätte für Kunstgelgenbau in Berlin N. 24, Kl, Hamburgerstr, 17. Kkraniwortlicher Redalieur: Alfred Wiclcpp. Neukölln. Für de« gnseratenteil verantw.: Th,Gloitk.«erlia Druck u.«erlag,«orwärt, Suchdruckcrei a BirlogSanstalt Paul Finger u.«o.. Berlin SV. 9, 236. 2». MM, 2. Ktiltzt des Jormirts" Kerlilltt UlllksdlR Nittmch. 9. mwtt.9.2. Heute Wtwoch:?ah!abenä in LroK-lKerlin. Sie ilrdeitgebewahlen zum Semrb:- gericht fiuden bekanntlich am Freitag, den 15. November, statt. Für diese Wahlen der Arbeitgeber sind Wählerlisten aufgestellt worden, die vom Freitag, den 11. Oktober, bis einschließlich Tonnerstag, den 17. Oktober d. I.» an den Wochentagen während der Dienststonden von morgens 8 bis nachmittags 3 Uhr, am Sonntage von vormittags 10 bis nachmittags 1 Uhr in dem Wahl- bureau, Poststraße 16 ll— Zimmer 57— zur Einsicht öffentlich ausliegen. Alle in die Listen eingetragenen Arbeitgeber werden vor dem Beginn der Auslegung der Listen eine besondere Nachricht über die erfolgte Eintragung erhalten. Diejenigen Arbeit- geber, denen eine solche Nachricht nicht zugeht, sind in die Wählerlisten nicht eingetragen und demnach von der Wahl ausgeschlossen. Falls sie sich jedoch für wahlberechtigt erachten und ihr Wahlrecht auszuüben beabsichtigen, müssen Anträge auf Nachtragung während der Auslegezeit gestellt werden, denn Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wählerlisten, ins- besondere wegen nicht erfolgter Eintragung, sind während der Auslcgefrist schriftlich anzubringen oder in der Auslcgestelle zu Protokoll zu erklären. Als Arbeitgeber im Sinne der§Z 8 und 9 des Orts- statuts gelten diejenigen selbständigen Gewerbetreibenden, welche mindestens einen Arbeiter �Gesellen, Fabrikarbeiter, Lehrling) regelmäßig das Jahr hindurch oder zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen und den selbständigen Gewerbe- betrieb angemeldet haben. Den Arbeitgebern stehen hinsichtlich der Wahlberechtigung und Wählbarkeit die mit der Leitung eines Gewerbebetriebes oder eines bestimmten Zweiges desselben betrauten Stell- Vertreter der selbständigen Gewerbetreibenden gleich, sofern ihr Jahresverdienst an Lohn oder Gehalt 2000 M. übersteigt. Hausgewerbetreibende wählen und sind wählbar als Arbeitgeber, wenn sie gemäß§ 14 der Gewerbeordnung den selbständigen Gewerbebetrieb angemeldet haben, andernfalls als Arbeitnehmer._ parte!- Hngelcgcnbcitcn. Zweiter Wahlkreis, Friedrichstadt. 3. Abteilung: Mittwoch, den S. Otkober: Zahlabend der gesamten 3. Abteilung. Abends'/zl2 Uhr: Zahlnacbt. Donnerstag, den tv. Oktober, friih Vzd Uhr: Zahlmorgen. Die Mitglieder werden dringend ersucht, ihre nickständigen Bei- träge /m ordnen. Berlesung der Restantenliste. Ausgabe der Partei- tagsprotokolle. Alle drei Veranstaltungen bei Witwe Augustin, Oranienstr. 103. Dritter Kreis, Abteilung S. Für die Bezirke 243. 244, 246. 246, 247, 243 findet heute abend 8 Uhr im Gewerkschaftshause, Saal I, ein gemeinschaftlicher Zahlabcnd statt. Vortrag des Stadtv. Adolf Ritter._ Verband der Sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Den Parteigenossen zur Nachricht, daß sich die Sektion der Taubstunimen aufgelöst hat. Die Bezirksführer»verden deshalb ersucht, die Beiträge taubstummer Parteigenossen von jetzt ab wieder in den Zahlabenden entgegenzunehmen. Der ges6>äftsführcnde Ausschuß. Filnfter Kreis, 6. Abteilung. Große Hamburger Str. 18/19, Verbandshaus der Gastwirtsgehilfen: Vortrag des Genossen Robert Drescher über: Aus dem roten Hause. Anfang 9 Uhr. Johannisthal. Heute Mittwoch, den 9. Oktober, pünktlich 8'/s Uhr abends: Milgliederversammlung des Wahlvereins m: Arbeiterheim, Friedrichstr. 6l. Tagesordnung: Berichterstattung vom Parteitag. Referentin Genossin Böhm. Stralau. Der heutige Zahlabend des 3. Bezirks findet gemein- sam bei Steinicke, Alt-Stralau 6, statt. Tagesordnung: 1. Neu- gestaltung der Zahlabende. 2. Vereinsangelegenheiten. 3. Verschiedenes. Die Bezirksleitung. Rdlershof. Der Zahlmorgen findet Donnerstag, den 10. Oktober, vormitlagS 10. im Jugendheim. BiSmarckstr. 11, statt. Kaulödors. Heute, Mittwoch, den 9. Oktober, abends 8'/z Uhr, bei Bobey: Milgliederversammlung. Es stehen wichtige Angelegen- heilen aus der Tagesordnung. Die Bezirksleitung. Eichwalde-Schmöckwitz. Mittwoch, abends 3>/z Uhr, in Wittes .Waldschlößchen': Mitgliederversammlung. Gäste ünd Frauen will- kommen. Der Vorstand. Zeuthrn-MicrSdorf. Die Mitgliederversammlung deS Wahl- Vereins findet heute Mittwoch, den 9. Oktober, in Miersdorf bei Krii«er statt. Der Vorsitzende. Köpenick. Umständehalber findet der Zahlabend der Kietz- Vorstadt am Donnerstag, den 10. d. Mts., in dem bekannten Lokal statt. Bernau. Donnerstag, den 10. d. M., abends 8l/s Uhr: Außer» ordentliche Mitgliederversammlung mit wichtiger Tagesordnung. Vor der Versammlung werden Beiträge kassiert. ___ Die Bezirksleitung. Berliner I�acbricdten. Dir Waldfrage für Groß-Berlin soll in der zu Montag einbernfeucil Versammlung des Zweckverbandes verhandelt werden. Zunächst soll nur im Prinzip ül, er den Umfang des zu erlverbenden forstfiskaliscben Waldtjelandes beschlossen werden. Die Preisfestsetzung soll späterer Bestdlutzfasiung vorbehalten bleiben. Wir haben schon dargelegt, in welch rasfiiiierter Weis« der ForslfiskuS Uiueriauede macht zwischen Bauland und Dauerwald und dementsprechend die Preise festsetzt. Insgesamt hat der Fisku» 8827 Hektar als Dauerwald und 2373 Hektar zu Baulaildprelsen angeboten. Der Zweckverband durch- kreuzt„uil die feine Rechnung des fiskalischen Angebots und will sich selbstverständlich gerade diese Flächen sichern, die der FlSrus für sich abgetrennt hat. Interessant sind auS den Zahlen des UebersichtS- planes folgend«: In der Tegel-Schulzendorfer Forst hat der Verband 107 Hektar, 56 Hektar und 64 Hektar Waldflächen für dvn Anlauf bestimint. die der FiSkus für sich reservieren wollte. Darm ist auch daS Jagen 66 bei Tegelort enthalten, für dessen Erhallung der Verband märkischer Touristenvereine petitionierte. Im Norden bei Schönwalde hat der Zweckverband ebenfalls ein größeres Gebiet für sich in Anspruch genommen, die Partien am Mühlenbecker See sind zu Baulandpreisen angeboten, ebenso ein 621 Hektar großes Gebiet, das aber der Verbaudsansschuß nicht für nötig erachtet. Vom Grunewald hat der FiskuS 3000 Hektar angeboten, der Verbands- ausschuß wünscht aber noch weitere 230 Hektar von Zehlcndorf bis Hundekehle, 80 Hektar zwischen Eichkamp und Bahnhof Grüne- wald und 91 Hektar am Exerzierplatz Eichkamp. Von der Potsdamer Forst bei Wannsee�Kl.-Glienicke will der Ausschuß außer de» vom Fiskus angeboteiten 643 Hektar noch 36 Hektar bei Kolonie Waniisee, 61 Hektar am Griebnitz- und Stolper See und 40 Hektar bei Kohlgarten und am Pohlcsee erhalten wissen. Bei Stein- stücken-Neubabelsberg will der Ausschuß außer 90 Hektar an- gebotenem Wald weitere 60 Hektar erhalten. 660 Hektar von Wllstemark bis Ahrensdorf, die der Fiskus zu Baulandpreisen an- bietet, erachtet der Ausschuß nicht als notwendig. Das vom Lehnitz-, Juilgsern- und Sakrower See umspülte Waldgelände schlägt der Ausschuß zur Erhaltung auf längere Zeit vor. Im Osten sind es die Köpenicker Forste», die auf der Karte in viele bimte Felder zerfallen und wo der Fiskus sich gerade die Randflächen sichern bezw. sie z» Baillandpreisen veräußern will. Am Bahnhof Nieder-Schöncwcide wünscht der Ausschuß weitere 40 Hektar zu erhalten, 96 Hektar sind ihm zu Wald-, 26 Hektar zu Baulandpreisen angeboten: in der Köllnischen Heide beansprucht der Zweckverband 200 Hektar, in den Wäldern bei Grünau 161 Hektar und 60 Hektar. Am Longen See hat der Fiskus dem Verbände 666 Hektar mit Ausnahme der Seeufer zugewiesen. Am Zeuthener See kommen 343 Hektar in Frage; i» den Müggelbergen bietet der FiSkuS 100 Hektar zu Wald, 37 Hektar zu Baulandpreisen an, ebenso an der Großen Krampe 65 Hektar zu Baulandpreisen nnd den Waldzipfel von der Krampenburg bis zum Jagen 192 (97 Hektar) zu Waldpreisen. In der Dahmer Forst zwischen Scddin-See und Große Krampe sind 636 Hektar zu Waldpreisen und 410 Hektar zu Baulandpreisen angeboten. Bei Hirschgarten sind 166 Hektar angeboten, der Ausschuß wünscht weitere 88 Hektar, verzichtet dafür auf 17 Hektar Bauland, ebenso auf 133 Hektar Bauland im Norden der Dahmeschen Heide. Hier find 796 Hektar angeboten, zu denen 200 Hektar weitere, vom Ausschuß gewünschte Flächen kommen. Schließlich sind in der Forst zwischen Rahnsdorf und Woltersdorf 392 Hektar vom Fiskus als Dauerwald vorgesehen und 114 Hektar als Bauland, der Ausschuß macht auf weitere 160 Hektnr Anspruch. Die Berliner Feuerwehr alarmiert die Oeffentlichkcit. Montag- abend beschäftigte sich eine Generalversammlung des Feuerwehr- männervereins mit den Maßnahmen des Polizeipräsidenten. Etwa 300 Feuerwehrmänner waren anwesend. Die Erregung war groß. Die Redner gaben einmütig der Meinung Ausdruck, daß weder der Polizeipräsident noch der Branddirektor das Recht hätten, den Feuerwehrleuten den Austritt aus dem Verein zu befehlen. Bald tausend Mann gehören dem Feuerwehrmänner- verein an, und sie entlassen, hieße Berlin ohne Feuerwehr stellen. Syndikus Dr. Feder kennzeichnete das Vorgehen der Abteilung als eine Rücksichtslosigkeit gegenüber den Berlinern und als Un- gesetzlichkeit. Er erklärte, wer von den Feuerwehrmännern eine Er- ilärung unterschreibi, daß er dem Verein nicht mehr angehören will, der sei an diese Erklärung nicht gebunden. Kein deutsches Gericht werde eine solche Erklärung anerkennen. Schließlich empfahl Dr. Feder den BereinSmitgliedern, auf ihrer AustrittSerklärung aus- drückiich zu vermerken:„Der Austritt erfolgt auf Befehl des Polizei- Präsidenten'. Einstimmig wurde eine Resolution angenommen, die folgenden Wortlaut hat: „Die am 7. Oklober versammelten 300 Mitglieder des Vereins Berliner Feuerwehrmänner sprechen sich dahin aus, daß der Berein stet« entsprechend seiner vom Kgl. Polizeipräsidium genehmigten Satzungen gehandelt und keine Veranlassung gegeben hat, daß seine Mitglieder zu dem sie finanziell und ideell schwer schädigenden Aus- tritt veranlaßt werden. Sie werden daher in alter Kameradschaft dem Bereine treu bleiben und sich nicht durch widerrechtliche Drohungen zum Austritt zwingen lassen.' Weitere Generalversammlungen werden stattfinden, um auch den übrigen Mannschaften Gelegenheit zur Aeußerung zu geben. Aus der Leichenkammer einer Privatklinik. In Dr. L. MeherS Klinik(Romintener Str. 36) wurde kürzlich die Leiche eines dort ver- storbenen Pattenten von seinem Vater in einem Zustande vor- gefunden, wie man ihn kaum für möglich halten sollte. Als der Vater in der Klinik die Einsargung seines Sohnes bewirken wollte, mußte er sich in den Hauskeller begeben, wo die Leiche verwahrt wurde. Hier la� in einem als Leichenkammer hergerichteten Raum auf einer Pritsche die mit dem Hemd bedeckte und mit einem Laken zu- aedeckle Leiche, die noch u n g e w a s ch e n war. Im Gesicht war sie beschmutzt mit Blut, das anscheinend aus der Nase ge- flössen war, und auch der Hinterkopf lag in heruntergeflossenem Blut. Schon der Sarglieferant, der noch vor dem Vater den Keller betreten hatte, war erstaunt über das, was sich ihm da bot. Mehr noch entsetzte sich der Bater, als er den toten Sohn in diesem Zu- stand antraf. Auch andere Personen, die sich in der Begleitung deS Sarglieferanten und des Vaters befanden und gleichfalls die Leiche iahen, schüttelten dazu die Köpfe. Bei näherer Besichtigung ergab sich, daß in der Leichcnkammer sogar Ungeziefer hauste, das über die Leiche hinwcglief. Vier Personen haben«nS übereinstimmend angegeben, daß sie„Schwaben' auf der Leiche bemerkt hätten. Der Sarglicierant und der Vater ließen sich von der Portier- frau eine Sckiüsscl Wasser geben und reinigten selber die Leiche, von der sie das schmutzige Hemd hcrunterschnitten. Dem Vater soll, als er sich in der Klinik beschwerte, geantwortet worden sein, einen be- sonderen Leichendiener habe man nicht. Scincu Verletzungen erlegen ist der Chauffeur Otto Schneider auS der Wilbelmshavener Str. 69. der am Sonntagnachmittag an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit einem anderen Automobil zusammenstieß. Bei dem Anprall wurde Sch. von seinem Sitz ge- schleudert und trug einen Schädelbruch und innere Verletzungen da- von. Der Verunglückte fand im Krankenhause Westend Aufnahme, wo er gestern an den Folgen der erlittenen Verletzungen gestorben ist, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Straßrnbahnunfälle. Am Montagnachmittag versuchte der 77jährige Privatier Wilhelm Luge vor dein Hanse Berliner Str. 92 in Pankow uiimirielbar vor einem von Berlin kommenden Straßen- bahnwagen der Linie 4915 das Gleis zu überschreiten. Obwohl der Führer des ZugeS nach Kräften bremste, wurde der Greis um- gestoßen und geriet unter den Vorderperron. L. erlitt eine klaffende Schädelwunde, innere Verletzungen und eine Verletzung der rechien Hand. In besinnungslosem Zustande ivurde der Berunglückle nach dem Rudolf-Virchow Krankenhause geschafft, nachdem ihm ausi der nächsten Unsallstation Notverbände angelegt worden waren.— Beim Besteigen eines fahrenden Straßenbahnwagens kam der Kaiifmann Alb. Dünie schwer zu Scbaden. Er wollte gestern gegen 8 Uhr morgens an der Ecke der Köpenicker und Adalberlstraße einen Wagen der Linie 88 während der Fahrt besteigen, glitt jedoch ab und kam so unglücklich zu Fall, daß er einen komplizierten Bruch des rechten" Unterschenkels und erhebliche Hautabschürfungen dauern» trug. Der Verunglückte wurde nach dem Krankenhause FriedrichShain gebracht. Eine freudige Ueberraschung im tiefsten Leid wurde gestem einer Mutter zuteil, deren Tochter fälschlich totgesagt worden war. Bei einer Zimmervermieterw in der Lützowstr. 91 erschien am 24. v. Mts. ein Mädchen, daS sich Kassiererin Marry Dietze nannte und ihr Alter auf 30 Jahre angab. Sie bat die Vermieterin, sie nicht bei der Polizei anzumelden, weil sie schon am 1. Oklober wieder wegziehe, um mit ihrem Bräutigam, einem Koch, nach Danzig zu fahren. Im Laufe der Tage litt die Mieterin wiederholt an leichten Krampf- anfüllen. Am Ersten bat sie um die Erlaubnis, noch einen Tag zu bleiben, weil ihr Bräutigam noch nicht alles geregelt habe. Am nächsten Morgen bekam sie wieder Krämpfe und starb trotz ärztlicher Hilfe, die ihre Wirtin vom Elisabeth-Kranlenhause herbeirief. Die Leiche wurde beschlagnahmt und zur Feststellung der Todes- Ursache nach dem Schauhause gebracht. Im Nachlaß der Toten fand man jetzt eine Jnvalidenkarte auf den Namen der am 16. Oktober 1390 in Fraustadt in Posen geborenen Kassiererin Martha Tietz. Man wandte sich nach Fruu- stadt, um die Persönlichkeit zu ermitteln. Es ergab sich, daß dort auch jetzt noch die Eltern der Kassiererin Martha Tietz wohnen. Die tieferschütterten Leute wunderten sich, daß ihre Tochter in Berlin gestorben war und konnten sich das gar nicht erklären, weil sie bis- her in Hannover in Stellung gewesen war und von einer Ueber- siedelung nach Berlin nichts hatte verlauten lassen. Frau Tietz fuhr in Trauerklcidung mit zwei nahen Verwandten nach Berlin nach der Lützowstraße. Uulerdessen war die Laiche»ach dem Schauhause gebracht. Als die Frau dorthin kam, wurde die Leiche gerade obduziert. Erst nachmittags konnte der Tieftrauernden, die ohne Unterbrechung weinte und schluchzte, die Leiche gezeigt werden, und da ergab sich, daß eS gar nicht die ihrer Tochter, sondern die eines unbekannten Mädchens war. Wie die Verstorbene in den Besitz der Jnvalidenkarte der Kassiererin in Hannover gekommen ist, konnte noch nicht aus- geklärt werden. Ein aufregender Vorfall spielte sich gestern mittag gegen Va� Uhr auf dem Hause Wilhelmstr. 63 ab. Dort war der Klempner Karl Brichta aus der Kreuzbergstr. 46 damit beschäftigt, die Dachrinne zu dichten. Hierbei glitt er plötzlich aus und rutschte vom Dach herunter. ES gelang ihm noch, die Dachrinne zu fasien. Andere Dacharbeiter warfen ihm ein Seil zu, doch konnte er nicht auss Dach gezogen werden. Eine ganze Zeitlang mußte der Unglückliche so hängen zum Entsetzen der Menschenmenge, die sich inzwischen an- gesammelt hatte. Erst der Feuerwehr gelang eS, den Erschöpften aus seiner gefahrvollen Lage zu befreien. Der rätselhafte Lcichenfund am Bahndamm bei Oppeln ist soweit aufgeklärt, daß ein Verbrechen, das zuerst von den Polizeibehörden angenommen wurde, ausgeschlossen erscheint. Die Obduktion hat keinerlei Anhaltspunkte dafür ergeben, daß beim Tode der Buch- halterin Frida Thiele aus Neukölln, um die eS sich, wie jetzt fest- steht, bestimmt handelt, eine dritte Person mitgewirkt hat. Auch die Nachforschungen am Fundort und die Ermittelungen, die die hiesige Kriminalpolizei hier angestellt hat, haben er- geben, daß allem Anschein nach ein Unglücksfall oder ein Selbstmord des jungen Mädchens vorliegt. Die Leiche wurde deshalb auch von der Polizei zur Beerdigung freigegeben. Der Mann, der mit der Buchhalterin auf dem Görlitzer Bahnhof gesehen worden ist, ist, wie festgestellt werden konnte, nicht mit dieser abgefahren, sondern hier geblieben. DaS Mädchen ist anstatt nach Halbe, nach Oppeln gereist. Hier ist sie mehrere Tage umhergeirrt, da sie sich im Zustand einer seelischen Depression befand. Das wahrscheinlichste ist, daß sich das Mädchen auf den Bahnkörper gelegt hat, um sich von einem Zuge überfahren zu lassen. Sie ist aber mir von der Lokomotive erfaßt und beiseite geschleudert worden, ohne dabei tödliche Verletzungen erlitten, vielmehr nur die Besinnung verloren zu haben. Die Wunden waren aber dennoch so groß, daß sie, weil sie längere Zeit dort gelegen hat, an Verblutung gestorben ist._ Aufruf an alle Arbeitersportvereine! Der Turnverein„Fichte' und der„Freie Nuderbund' in Berlin beabsichtigen eine Einrichtung ins Leben zu rufen, an welcher samt- liche Arbeitersportvereine, gleichviel welcher Sportart, teilnehmen sollen. Es werden die betreffenden Vereine gebeten, ihre Adressen behufs Einberufung einer demnächst stattfindenden Versammlung an den Gcnoffen F. Wegener, Berlin NO. 18, Kniprodcstraße 11/12, einzusenden. Der unsichtbare Mensch im ZirkuS Schumann. Die EntWickelung des Zirkus zu einem Theater in gewaltigen Dimensionen, wo un- erhört großartige Schauspiele mit viel hundert Mitwirkenden die Zuschauermasse bändigen, ist ein Zeichen der Zeit. Das kann man gegenwärtig bei Schumann lvahriiehme». Die moderne Technik voll« bringt Wunder über Wunder. Schon dieFeuer-Fontäne Wasser und Flammen gleichsam in brüderlicher Umarmung werfen zu sehen. ist ern Schauwerk von sinnebetörender Pracht! Und erst das Drama„Der unsichtbare Mensch'.— Bor einigen Jahren veröffentlichte der englische Romanschriftsteller Wells einen ungeheuer interessanten Roman gleichen Namens, worin er halb groteskomisch, halb tragisch die Errungenschaften der modernen Physik-Chemie un Zukmiftsbilde personifiziert. DieS Unsichtbarkeits- Problem, das ja schon in alten Sagen und Mären von der„Tarn- kappe" vorweggeahnt und gebildncrt wurde, hat sich nun der Schrift- steller HanS Heinz Ewers für ein indisches Schauspiel zu nutzen gemacht. Von weither sind zwei Menschen— Bruder und Schwester— zum Tempel deS Scbiwa gekommen, hier den Gott um Schutz und Segen zu bitten. Weil der Jüngling es unterläßt, dem Maharadschah(Großkönig), der gerade zum Tempel zieht, den Ergebenheitsgruß zu bieten, wird er von diesem ailsgestoßen; während die Schwester, von seiner Seite gerissen, dem Fürsten als Geliebte folgen muß. Ein Paria ist der Jüngling geworden; niemand darf mit ihm verkehren, niemand ihm Trank und Speise oder Obdach gewähren. Eine mitleidige Tempeltänzerin, die dennoch dem in Staub Geworfenen eine Wafferschale reicht, wird für ihr Vergehen zum Feuertode verurteilt. Verzweifelt irrt der Aus- gestoßene im Dschungel umher. Zufällig kommt er hier Dogin. einem Heiligen, nahe, der da schon seit dreihundert Jahren lebt. Dem klagt er sein Leid, dem schreit er seinen Schmerz um den Ver- lust der Schwester ins Herz. Wie soll er Rache nehmen? Allein Dogin«iß Rat und Hilfe. Er gibt dem Paria seinen Wanderstab, der, an die Slirn gelegt, unsichtbar macht. Und jetzt vollbringt der AuSgcstoßene sein furchtbares Rachewerk. Brennende Dörfer, Strome Bluts bezeichnen seine Spur— bis zur Residenz des Fürsten. Gerade wollte man die Tempeltänzerin in den Feuer- rächen der Göttin Kali werfen. Aber siehe da: die Priester nebst den zu Hilfe eilenden Kriegern stürzen zu Boden, von der Hand des Unsichtbaren niedergemetzelt, der die Tänzerin rettet. Unterdessen gibt der Maharadschah in seinem Palast ein prunkvolles Fest, um seine Veruiuhluiig mit des Parias schöner Schwester zu feiern. Wie aber der Bruder auch an ihm Rache nehmen will, da offenbart sich ihm das �icbesglück der Beiden. Er macht sich wieder sichtbar und gibt ych nun selbst den Tod. Erschüttert läßt der König den Palast an« zünden und alle, alle werden vom Flammenmeer begraben.... xS» nie gesehener Pracht entrollt sich dieser ganze Brand vor den Augen der Zuschauer. Alle Künste, die das Theater im kleinen not- weiidig hat, sind hier zu gewaltiger Einheit gesteigert, uin Triumphs zu feiern, von denen die Zirkuslunst hisher sich nichts hat träumen lassen I Zeugen gesucht. Personen, die gesehen haben, wie am 13. Juli auf dem Bahnhof Eichbornstraße ew Mann zwischen Trittbrett und vcihnsteig gequetscht wurde, werde» gebeten, ikre Adresse an Albin Rltwer, Berlin X. 20, Kolouiestr. Gl, einzusenden. 5ciicr bei der A. E-G. Gestern morgen zwischen 9 und 1V Uhr wurde die Feuerwehr nach der Turbinen fabril der Allgem. Eleltrizitäks- Gesellschaft in der Huttenstr. 12-16, Ecke Berlichingcnstrave. ge- rufen. Dort war auf bisher nicht ermittelte Weise in einem Keller ein grüscrer Posten Jsoliermasse in Brand geraten. Es gelang die Gefahr innerhalb einer halben Stunde zu beseitigen. Der angerichtete Schaden ist nicht allzu erheblich. Ei» schwerer UngliicksfitU trug sich an: Dienstagmittag auf der Spreeinsel beim Einrammen der Pfähle zu. Während des Nainmens sprang der aus dem Pfahl angebrachte eiserne Ring plötzlich ab und schlug dem dabeistehenden Bauführer Winkler mit so gewaltiger Wucht an den Kops, daß er einen Schädelbruch und eine Gehirn- er>chntterung davontrug. Der' Verunglückte fand Aufnahme im Krankenhaus. Vorort- l�acdricktev. Tempelhof. Der Tempelhofer Gemeindevertretung, deren Taten in sozial- politischer Beziehung rühmlich bekannt sind, ist in bezug auf die zu treffenden Maßnahmen gegen die Teuerung mit besonderem Mißtrauen zu begegnen. Wahrend kleinere Gemeinden bereits in den Borjahren eingriffen, glaubte die Mehrheit der hiesigen Gc- mcindevertreter noch heute, nichts versäumt zu haben. Der Bürger- meister bekundete selbst, daß die Preise für Lebensmittel in Tempel- hos zum Teil höher sind als in Berlin unb Umgegend, ohne daß hierfür ein Grund ersichtlich sei. Gleichwohl zeigte die Vertretung ckcinc Lust, das Versäumte nachzuholen. Aus all den Reden der bürgerlichen Herren ging hervor, daß man sich nicht mit großen Mitteln in das Geschäft zu stürzen brauche. Bei dem Kauf des Feldes war es freilich anders. Hier, wo es sich nur darum handelt, einige tausend Mark auszulegen, da werden alle Register gezogen, um die Notstandsaktion möglichst lange hinauszuziehen. Nachdem der Bürgermeister aus die Entwickelung des Secsischgenusscs eingegangen und der Meinung Ausdruck gegeben, daß in nicht allzu ferner Zeit die Preisdifferenz zwischen Fisch und Fleisch keine große mehr sein würde, schlug er vor, 6000 M. zur Verfügung zw stellen. Im übrigen soll an dem gemeinsamen Einkauf mit Berlin teil- genommen und die Fische mit einem geringen Aufschlag verkauft werden, lieber die Regelung des Verkaufes konnte noch nichts fest- gelegt werden. Genosse Schmidt nahm Gelegenheit, auf die Rück- ständigkcit der Gemeinde Tempelhof auch in dieser Beziehung hinzu- weisen. Als er gar bemerkte, daß selbst das kleinere Mariendorf das Doppelte in Ansatz gebracht, weitergehende Vorschläge besprochen, mindestens 10 000 M. als �Betriebskapital gefordert und eventuell auch eine Kaninchen- und Schweinezüchterei in Frage gezogen habe, kam'der größere Teil der Herren aus der Heiterkeit nicht mehr hinaus. Dr. med. Richter erkühnte sich zu der Behauptung, eine Fleischteuerung existiere in diesem Jahre überhaupt nicht. Auch entspräche es nicht den Tatsachen, von einer Unterernährung des Volkes zu sprechen, dies sei Unsinn! Es sei nicht nötig, daß der Arbeiter alle Tage Braten esse. Noch weniger Fleisch und noch mehr Kartoffeln sei vom ärztlichen Standpunkt aus gcsünderl Nament- lich für die ärmeren Klassen, fügte er ergänzend hinzu. Dem Gen. der selbst als Arzt bei der Kritik über die Verweigerung der Schul aulen anläßlich der hygienischen Vorträge kein Wort der Fürsprache fand. Uebcr den vom Genossen Müller gestellten Antrag, wegen der herrschenden Teuerung an den Bundesrat und Reichstag zu petitionieren, hielten die Herren nicht für nötig, erst zu debattieren. Die Forderung, sofort eine größere Summe bereitzustellen, um auch andere Lebensmittel einkaufen zu können, fand bei keinem der Bürgerlichen Zustimmung. So zog sich denn die Debatte über eine Stunde lang hin. Dr. Richter bat, die Debatte abzubrechen und zu der von Direktor Grökel vorgeschlagenen und aus den Herren Dr. Richter. Direktor Grökel und Rentier Metzner bestehenden Kommission Vertrauen zu haben. Von anderen Vcrhandlungsgegenständen sei die Teilung einer Klasse an der Luisc-Hcnrietteschule und die dainit verbundene An- stellung einer Hilfslchrcrin erwähnenswert. Tic Klasse zählt jetzt KV Schülerinnen. Ebenso wird am 1. April 1916 eine neue Ober- lchver- und eine Turnlehrcrstelle aiu Realgymnasium errichtet. Von unseren Genossen wurde der Wunsch ausgesprochen, auch bei den Volksschulen auf einen geprüften Turnlehrer Rücksicht zu nehmen. Eine Antwort hierauf wurde nicht erteilt.— Für Erweiterungs- arbciten auf dem Gcmcindetirchhose, Abteilung für Kindcrgräber, wurden 1000 M. bewilligt.— Tie Baukommission wurde um zwei Herren vermehrt. Genosse Schmidt regte an, neben der jetzigen Bau- noch eine Straßenkommission zu wählen. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.— Bei dem Erlaß einer Droschkcnpolizciverordnung, die sich der für Berlin und Umgegend anlehnt, brachte Dr. Richter Mißstände über unvorschriftsmäßiges und schnelles Fahren in der Berliner Straße, namentlich beim Bahnhof, zur Sprache, und bat, diese Ucbclstände zu beseitigen. Der Vorsteher bemerkte, daß Straf- anzeigen eigentlich noch zu viel eingehen; sie hätten eher zu- als abgenommen. Schöncbcrg. Die neu criisfucte Männer- und Frauenabteilung des Arbeiter- turnvereins Schöneberg turnt jeden Montag. Dienstag und Freitag von 8'/o I6V3 Uhr abends in Nißles Festsälen, Dennewitzstr. 13. Alle Freunde der Turnerei sind zum Besuch der Turnstunden ein- geladen. Friedenau. In unserem sonst so gemütlichen Dorfparlament ging es in der letzten Sitzung zuweilen stürmisch zu. Ter Gemcindevorstand hatte einen schwarzem TaA Keiner seiner Anträge fand Annahme. Der erste derselben, der von dem Direktor der höheren Mädchenschule Herrn Haniiemann begründet wurde, bezweckte den Ausbau der „Königin-Luise-Schckle" in ein Oberlyceum resp. eine Mädchen- Mittelschule. Der Antrag lautete: 1. Die Gemeindevertretung erklärt sich grundsätzlich mit der Errichtung eines Oberlyceums sd. h. von drei wissenschaftlichen Fort- ibildungsk lassen und einer Scminarklaffes und einer Mädchenmittcl- schule, die beide mit dem Lyceum organisch vereinigt und der Liitung des Direktors dcs> Lyceum« unterstellt sind, einverstanden. 2. Ostern 1918 wird die dritte Klasse des Oberlyceums eröffnet. 3. Nach Fertigstellung des neuen. Schulhauses für die Gemeinde- schule, also voraussichtlich Ostern 1914, werden diP untersten Vier Klassen der Mädchcnmittelschule eingerichtet. 4. Diese Mittelschule wird im Gemeindeschulhanse in der Rhein- gaustraßc untergebracht. 6. Das Bauprogramm für das neue Gcmeindeschulhaus wird entsprechend geändert, d. h. es wird angenommen, daß 23 Gemeinde- mädchenschutklassen im Schulhause in der Rheingaustraße bleiben. 6. Das Schulgeld für Schülerinnen des Oberlyceums wird festgesetzt auf 140 M. für Einheimische und 200 M. für Aus- tvärtige. 7. Das Schulgeld für die Mädchenmittelschule beträgt für Ein»- heimisckx 60 M.. für Auswärtige 100 M. 8. Für das Oberlyceum werden S Proz. Freistellen gewährt. Z. Für die Mittelschule von. der sechsten bis zur erstem Klasse Werden zehn Freistellen für jede Klasse bewilligt. Dieser gewiß wichtige Antrag war den Gemcin.deverordncten zwei Tage vor der Sitzung zugestellt worden. Eine Kostenausstellung söir das ganze Projekt hatte man überhaupt für überflüssig ge- halten. Als vom Gemeindeverordnelen Dr. Heinecker wegen man- gclnder Begründun« Vertagung der Angelegenheit beantragt wurde, erklärte der Gemeindevorsteher, daß das vorgelegte Material g«. Itügen müsse, da früher von der Gemeindevertretung beschlossene Prosckie, die biel1 mehr Mittel erforderten, auch nicht besser bc- gründet worden seien. Treffenjd enviderte Gemeindeverordneter Berger, daß es wohl auch selten eine Körperschaft gebe, die, wie die Friedcnauer, des öfteren wichtige Beschlüsse im Handumdrehen fasse und in der nächsten Sitzung wieder aufhebe. Trotzdem der Gemeindevorftand versuchte, die Sache zu verhandeln, wurde Ver- tagung beschlossen. Der zweite Antrag des Gemeindevorstandes betraf wieder die heißumstrittene Friedhofsfrage. Bekanntlich hatte der Regierungspräsident die Benutzung des hinter dem Gemeindefriedhof liegen- den Geländes an der Laubachev Straße zu Friedhofszweckcn nicht genehmigt. Auf Antrag unserer Genossen wurde damals gegen diesen Bescheid Beschwerde erhoben, die den Erfolg hatte, daß das Gelände mit einer kleinen Einschränkung zu Friedhofszwecken be- nutzt werden darf. Wer nun annahm, der Gemeindevorstand würde dem Willen der Gemeindevertretung Rechnung tragen und eine dem- entsprechende Vorlage unterbreiten, hatte sich sehr getäuscht. Bürger- meister Walger erklärte, der Vorstand habe angenommen, daß die Gemeindevertretung als sie gegen den Bescheid des Regierungs- Präsidenten Beschwerde einreichte, nur im. Prinzip feststellen wollte, ob derselbe ein Recht habe, die Verwendung des Grundstückes zu Friedhofszwecken zu untersagen. Da diese Frage nun im Sinne der Gemeinde erledigt sei, beantrage der Gemeindevorstand, aus dem Terrain die notwendige Gemeindeschule zu errichten!, einen Teil als Freifläche zu Spiclzwecken liegen zu lassen und einen ganz kleinen Teil zur Vergrößerung des Friedhofs zu verwenden. Dieser Antrag rief in der Versammlung heftigen Widerspruch hervor. All- gemein bekannt ist ja, daß der Gemeindevorstand! die Absicht der Gemeindevertretung, dies Gelände zu Friedhofszwecken zu ver- wenden, mit allen möglichen Mitteln zu hintertreiben, suchte. Genosse Richter ging, den Herren vom Gemeindevovstand scharf zu Leibe. Er bezeichnete das Vorgehen der Herren unter dem Beifall der Versammlung als eine fortgesetzte dreiste Verhöhnung des Mehr- heitswillens der Gemeindevertretung. Er wies außerdem aus die Unsinnigkeit des Vorhabens hin. am äußersten Ende der Gemeinde eine Volksschule zu errichten. Die Freifläche habe man jetzt nur beantragt, um der Gemeindevertretung das Projekt schmackhaft zu machen. Auch die werde später, wie man sagt, der Bebauung er- schlössen werden müssen» An Gründen für solche Zwecke sei ja der Gemeindevorstand noch nie verlegen gewesen» Von bürgerlicher Seite traten inÄbesondere die Herren Berger und Dr. Heinecker dem Antrage des Gemeindevorstandes entgegen, wobei es manchmal recht lebhaft zuging. Gemeindebaurat Altmann, dessen Wirten als Fachmann bisher in vielen Fällen die Anevkennung unserer Ge- nossen gefunden hat, glaubte sich berufen!, unserem Genoffen Richter Vorhaltungen über die Art seiner Polemik zu machen. Dies trug ihm eine gründliche Abfuhr von unserem RekM-er ein, der darauf hinwies, daß der Baurat als Sachverständiger und Angestellter der Gemeinde sich wohl gutachtlich zu einer Sache äußern könne, daß es im übrigen aber taktvoller wäre, wenn er sich eine gewisse Reserve auferlege. Nach einer annähernd vierstündigen. Redeschlacht, die an komischen Zwischenfällen außerordentlich reich war, wurde ein An- trag des Gemeindcverordncten Uhlenbrock angenommen, der besagt. daß das Gelände in seinem ganzen Umfange zu Friedhofszwecken zu verwenden isti Die Schule darf nur darauf errichtet werden, wenn sich im Orte sonst kein geeignetes Terrain dazu findet. Um ein derartiges Resultat haben sich nun die Herrschasten eine halbe Nacht herumgescUagen! Mit Recht wies Gemeindeverordneter Berger darauf hin, daß nach diesem Beschluß der Genieindevorstand im ganzen Orte kein geeignetes Grundstück für die Schule finden werde, auch wenn Friedenau nur zur Hälsite bebaut wäre. Groh-Lichterfelde. Die Ersatzwahl der dritten Abteilung, östlicher Bezirk, ist auf Freitag, den 23. Oktober, nachmittags von 4 bis 8 Uhr, in Hennings Festsälen festgesetzt. Adlershof. Ein Opfer großer Roheit wurde am Sonnabend der Buchhalter Kindler. Als derselbe gegen 10 Uhr abends seine Braut naiv Hause begleitete, begegneten dem Paare mehrere Burschen, von denen der eine das junge Mädchen belästigte. Als sich K.. der zunächst ruhig weiterging, endlich die Belästigung verbat, fiel der bereils vor- bestrafte Weilschiiiski über ihn her und schlug K. mit einem Stock derart, daß er besinnungslos liegen blieb. Auf die Hilferufe der Braut eilte» Straßenpasiaiiten herbei, während der Täter entfloh. Der sofort bcrbeigerusene Arzt stellle fest, daß K. durch die Schlägt auf den Kopf und das Gesichl lebensgeiährlich verletzt sei und ordnete die sofortige Ueberfiihrnng in eine Berliner Klinik an. Der rohe Patron wurde noch am Sonntag verhaftet. Lankwitz. In der letzten Grmeindevertretersitzung wurde an Stelle des verstorbenen Schöffen Dillges der Gemeindevertreter Generalkonsul Pein mit 12 von 13 abgegebenen Stimmen geivählt. Eine Polizei- verordmmg über das Haltekinderwesen fand Zustimmung. Genosse R a d i k e verlangte, daß zur Ueberwachung der Haltekinder Frauen au? de» nahestehenden Kreisen derselben bestellt werden. Der Ge- meindevorstchcr erklärte, daß schon heute größienteils Frauen zu der- arlige» Posten hcrangezogeu würden, in, übrigen seien hauptsächlich deren Keimtinsse in Gesundheitsfragen matzgebend. Ein Driiiglichkeitsantrag zur Bekämpfung der Lebensmittel- tenerung wurde vom Genossen Radike begründet. Da durch die bestehenden Zollgeietze und Grenzsperren die Maßnahmen der Gemeinden sehr beschränkte sind, so verlangte er, eine Ein- gäbe an Reichstag und Regierung zu richten und Aushebung derselben zu fordern. Von der Gemeinde verlangte er, daß sie gleich anderen Gemeinden Mittel zur Berfiigung stelle und Lebensmittel, insbesondere Fleisch beschaffe, um dieses an die Bevölkerung zu angemessenen Preisen abzugeben. Weiter rügt« Genosie Radike bei dieser Gelegenheit das rigorose Vorgehen der Gemeindever- waltung gegen die Laubenbesitzer, welchen das Halten von Vieh, sogar von einigen Kaninchen verboten wird. Im Gegensatz hierzu erwähnte er das Verhalten Schönebergs, das die Kaninchenzucht unlerstützt. Als er von einer„Srtiikaiueruiig der Lonbcnkolomsteii" sprach, zog er sich einen Ordnungsruf zu. Dein Gemeindevorsteher gefiel vor allem der politische Tcit des Antrages nicht, er ersuchte, den Antrag abzulehnen und die Maßnahmen von Berlin� abzuwarten, denen man sich dann anschließen will. Im übrigen appellierte er an die vielen bestehenden Vereine, ivelche doch durch den gemeinschasllichen Einkauf von Lebensmitteln die Preise mildern könnte, 1. Letzteres wurde vom Gemeindevertreter Teurig zurück- gewiesen, der betonte, daß es vor allen Dingen Pflicht der Ge- meinde sei, hier einzugreifen. Der Antrag Radike wurde mit acht gegen siebe» Stimmen abgelehnt und der Vorschlag des Gemeinde- Vorstehers angenommen. Hoffentlich lassen die Maßnahmen nicht mehr lange ans sich warten. Weihensee. Aus der Gcmcindevcrtrctinig. Zunächst wurde der Tausch eines Grundstücks i» Birkholz zur Errichtung einer beffeten Verbindung mit dem Gutshofe beschlossen, ebenso die Erwerbung eines Straßen- landgrnndstückS an der Berliner Allee. Zun, stellvertretenden Vor- sitzenden des Kaufmannsgerichts ivurde der Rechtsanwalt Wein- berg gewählt. Die Wahl des Assessors Dr. Koschel ist nicht bestätigt worden, weil derselbe das 30. Lebensjahr noch nicht erreicht hat. Der Besitzer deS Grundstücks Berliner Allee, Ecke Lichtenberger Slraße, Herr Reuenfeld, hat die Gemeinde verklagt, weil die Gemeinde vor seinem Hause an Stelle des Vorgartens Raienstreifen angelegt hat. Die Vertretimg beschloß, sich auf die Klage einzulassen. Ein Geflügelhändler hat gegen die Gemeinde Schadenersatzklage angestrengt, weil er mit Pserd und Wagen in einen KänalisationSschacht in der Rölckesiratze geraten ist. In der geheimen Sitzung wurde zur Vergrößerung des Friedbossgeländes in Hohenschönhausen ein weiteres Gelände von 12 Morgen an- gekauft. In der Straße R wurden mehrere Parzellen zur Be- bammg verkaust. Die alte Fraktion war wie immer gegen diese Verkäufe und verlangte namentliche Abstimmung. Dieser An- trag fand nicht genügende Unterstützung. Herr Fechner verztch.eie diesmal auf feine Rede, die er, wie er selbst sagte, schon dutzendmal gehalten habe. Der Teuerungsantrag unserer Genoffen soll erst tn der nächsten Sitzung zur Verhandlung kommen, da man immer noch die weiteren Maßnahmen Groß-Berlins abwarten will. Eine Privatbeamtenversammlung, veranstaltet von der.Freien Vereinigung für die soziale Versicherung der Privatangestellten". findet am Donnerstag, den 10. Oktober, abends 8�/z Uhr, im Lokal von W. Frentz. Berliner Allee 256, statt. Der Kollege Falkenstein spricht über das Thema:.Die Wahlen der Vertrauensmänner zur Privatbeamtenversichermig im Kreise Niederbarnim". Alle An- gestellten, insbesondere die weiblichen, find zu dieser Versammlung eingeladen; es gilt, mit den Gegnern vom.Hauptausschuß" ab- zurechnen. Mahlsdorf an der Ostbahn. Aus der Gemeindevertretersitzung. Zunächst gelangte die als Punkt 13 angesetzte Interpellation Giese und Genossen bezüglich der Teuerung zur Beratung. Genosse O e r t e I unterzog das Verhalten der Regierung zur Notlage des Volkes einer vernichtenden Kritik. Am Schlüsse seiner wirkungsvollen Ausführungen bat er, den An- trag, eine Eingabe an die Regierung zu richten, einstimmig anzu- nehmen. Nachdem der Gemeindevorsteher sich zustimmend geäußert und Herr Klein die Wirkung einer solchen Eingabe bezweifelt hatte, wurde der Antrag mit allen gegen drei Stimmen angenommen. Der Verpachtung der Angelfischerei auf dem Körnersee auf die Dauer von fünf Jahren wurde zugestimmt. Bei der Be- willigung der Mittel zur BePflanzung zweier Plätze meinte Herr Haase. daß das Geld dafür weggeworfen fei. da die Gegend noch nicht bebaut sei. Er wurde aber von unseren Genosien mit der Begründung abgewiesen, daß die Bäume doch vorher gepflanzt werden müßten, wenn diese nachher ihren Zweck erfüllen sollten. Auf Antrag des Genoffen Oertel wurde die Sache der Straßenbau- kommission überwiesen und 300 M. für den Platz 19 ausgesetzt. Um den Wohnungsbau im Mittelpunkte Mohlsdorfs mehr zu fördern. wurde beschlosien. bis zum 31. März 1914 innerhalb der gezogenen Grenze das Bauen auch an ungepflasterter Straße zuzulassen. Der Punkt, die Erhebung Mahlsdorfs zum Amtsbezirk, wurde von den Bürgerlichen scharf bekämpft, nicht nur wegen der hohen Kosten, als auch wegen der Person des neuen Amtsvorstehers. Als Herr Schilling in seinem Eifer das Gehalt des Amtsdieners einen Hungerlohn nannte, meinte der Gemeindevorsteber, eS sei eine Inkonsequenz, das Gehalt des Amtsdieners einen Hungerlohn zu nennen, während, beim Gehalt des Gemeindedieners, das ebensoviel beträgt, Herr Schilling gern etwas abgestrichen hätte. Unsere Ge- nossen betonten, daß für uns nicht persönliche, sondern Allgemein- interessen in Frage kämen und da sei es zu wünschen, daß Mahls- dors Amtsbezirk wird, damit es die Gemeiudeangehörigen nicht nötig haben, oft mehrmals vergeblich nach Kaulsdorf zu laufen. Auch an der Person des neuen Amtsvorftehers, jetzigen Gemeindevorstehers, hätten sie nichts auszusetzen, nur solle er mehr darauf achten, daß die ihm unterstellten Beamten etwas höflicher mit dem Publikum verkehren. Nachdem der Vorsteher betont, daß es selbstverständlich sein Wille sei. daß die Beamten das Publikum anständig behandeln, wurde der Errichtung des Amtsbezirks im Prinzip zugestimmt uud die Spezialdiskussion hierüber aus die nächste Sitzung vertagt. Herzfelde. Die am 13. März d. I. erfolgte Wahl deS Landwirts Otto Budncck und des Privatiers Hermann Wehmeher zur zweiten Ab- teilung der Gemeindevertretung, die, wie wir seinerzeit mitteilten. vvn der Gemeindevertretung auf Einspruch des AmlsvorsteherS Behne und des Bauunternehmers Schönebeck hin für ungültig erklärt wurde, ist. nachdem Budneck und Wehmeyer gegen den Beschluß Klage im BerwaltungSstreitversahren angestrengt hatten, vom Kreis- ausichuß des Kreises Niederbarnim in seiner letzten Sitzung für gültig erklärt worden. Die Kosten hat unter Festsetzung des Streitwertes auf 3000 M. die beklagte Gemeindevertretung zu tragen. Somit ist die Arbeit gewisser Herren, an Stelle der bisherigen reaktionären Vertreter, die neugewählten linksstehenden Bürgerlichen um keinen Preis in die Gemeindevertretung einziehen zu lassen, zu- nichte gewordeu. Bernau. Die Stadtverordnctcitversammlung wählte den Plantagenbefitzer Mänz mit vierzehn Stimmen als Ratsherrn. Bon den sozial- demokratischen Vertretern wurde der Genosse Salzmann in Borschlag gebrackit, der sieben Stimmen erhielt. Dem Antrage, der TeueruiigS- kommission 1000 M. zur Beschaffung von Lebensmitteln zur Verfügung zu stellen, sowie den im städtischen Gebäude Königstraße befindlichen Laden als tägliche» Verkaufsraum zu überlassen, ivurde ohne Widerspruch zugestimmt. Es wird sonach im Lause dieser Woche mit dem Verkauf von Kartoffeln, Seefischen, Hülsen- fruchten usw. begonnen und durch Annonce ein Verkäufer gesucht werden. Der Dezernent der Teuerungskommission soll sich zur Be- schaffung von Fleisch mit der Stadt Berlin in Verbindung setzen. Eine längere Diskussion rief die Anfrage des Genossen H elbig über die Abrechnung der Hussitenspiele und darüber, ob die Spiele weiter aufgeführt werden und woS mit der Tribüne ge- schehen soll, hervor. Der Bürgermeister als Vorsitzender deS Spielansschusses erwiderte, daß eine baldige Abrechnung er- folgen werde, die Spiele würden nicht mehr weiter aufgeführt. Die Tribüne solle so bald als möglich veräußert und entfernt werden. Sämtliche Diskussionsredner sprachen sich in demselben Sinne aus. Dr. Wieners als Mitglied des Spielkomitees meinte, daß die Stadt das Vergnügen haben dürste, außer den zum Weiterspielen bereits bewilligten 10000 M. noch weitere 10 000 bis 12 000 Mark Zuschuß zu leisten. Die Steuerzahler können sich hierfür bei den bürgerlichen Stadtverordneten bedanken. Unsere Genossen hatten sich von vornherein entschieden gegen die Aufführung der Spiele aus Kosten der Stadt gewendet. Spanvau. Polizei und Freie Turnerschast. Am 22. September v. I. drangen, wie noch erinnerlich sein dürste, abends um 9«/« Uhr. die beiden Kriminalbeamten Melchers und Kieser in das Borchardtsche Lokal und verhafteten die dort anwesenden 16 Turner. Trotzdem das Lokal vorn noch auf war. stiegen die Beamten von hinten über mehrere Zäune und rissen einen zum Teil nieder, außerdem wurde ein Weinspalier des Wirtes von den Polizeibeamten zum Teil niedergetrampelt. Beim Eindringen in den Saal zer- trümmerten die Ordnungshüter dann noch eine Fensterscheibe. Unter Begleitung eines Polizeihundes wurden hierauf die Turner zur Wache gebracht und nach Feststellung ihrer Personalien um 11 Uhr wieder entlassen. Alles dieses geschah, um festzustellen. ob an junge Leute unter achtzehn Jahre Turnunterricht erteilt würde. Unter den Sistierten befand fich aber keiner unter 18 Jahren. Die so Behandellen ließen durch Genosien Liebknecht gegen die beiden Sicherheitsbeamten beim Ersten Staatsanwalt des Landgerichts III Klage wegen Hausfriedensbruchs. Freiheits- beraubung im Amte und Sachbeschädigung erheben. Äer Erste Staatsanwalt lehnte die Anträge ans Anklageerhebung mit folgender Begründung ab: «Ich muß eS nach Abschluß der wieder aufgenommenen Er- Mittelungen erneut ablehnen, gegen die Polizeisergeanten Melchers und Kieser wegen Hausfriedensbruchs, Freiheitsberaubung im Amte und Sachbeschädigung Anklage zu erheben. Der Beschuldigte Kieser bleibt dabei, daß er sich auf Grund des Auftrages seines Vorgesetzten, darauf zu achten, ob etwa in der Freien Turnerschast verbotsividrig an junge Leute unter 18 Jahren ohne Erlaubnis der OrtSschulbehörde Turnunterricht erteilt werde, für berechtigt gehalten habe, das Vereinslokal zu betreten'. Melchers will zur Unterstützung seines jüngeren Kameraden freiwillig mitgegangen sein. Da eS auf die Feststellung ankam, ob einer der * kn der Versammlung Aulveseuden sünger als 18 Jahre alt war. und da leiner von ihnen nach Ansicht der Beamten einen genügend sicheren Nachweis hinsichtlich seines Alters führen konnte, sahen sich die Beschuldigten veranlaßt, eine Anzahl der Anwesenden zwecks genauer Feststellung ihrer Personalien auf die Wache mitzunehmen, Es soll keineswegs verkannt werden, daß das Vorgehen der Be- schuldigten durchaus nicht in allen Punkten völlig einivandfrei war und daß sich die von ihnen beabsichtigten Feststellungen wohl auch in anderer Weise, ohne erhebliche Beeinträchtigung der Beteiligten, hätten treffen lassen. Aus diesem Grunde sind sie auch von ihrer vorgesetzten Behörde disziplinarisch bestraft worden. Daß ihnen aber das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit ihrer Handlungsweise inuegewohnt habe, ist nicht nachzuweisen, vielmehr erscheint nach Lage der Sache die Annahme gerechtfertigt, daß sie sich in ihrem Uebereifer zwar zu einem allzu energischen Vorgehen haben be- stimmen lassen, aber dabei doch in gutem Glanben befunden haben innerhalb der ihnen zustehenden Befugnisse zu bleiben. Der Strafantrag wegen Sachbeschädigung ist nicht rechtzeitig gestellt, ganz abgesehen davon, daß Sie eine Vollmacht des ge- schädigten Gastwirts zur Stellung eines solchen Antrages nicht bei- gebracht haben." Auf die erhobene Beschwerde gegen diesen Bescheid bei dem Oberstaatsanwalt des Kammergerichts ist von diesem jetzt folgender Entscheid eingetroffen. „Ihre Beschwerde gegen die Verfügung des Herr» Ersten Staats- anwalts vermag ich nach Einsicht der Akten nicht für begründet zu erachten. Wie der Erste Staatsanwalt bei der Einstellung des Verfahrens zutreffend angenommen hat, haben die angestellten Ermittelungen keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür ergeben, daß die Be- schuldigten bei ihrem Vorgehen sich der Rechtswidrigkeil ihres Hau- delns bewußt gewesen sind. Der Bezirk Nonnendamm hatte am Sonntagmittäg ll'/g Uhr in dem größten Lokal von Lange, Reisstr, 20, das uns jetzt auch zur Verfügung steht, die erste öffentliche Versammlung einberufen. Ncichstagsabg. Pens referierte über das Thema:„Der Kamps gegen die Teuerung und den Hunger, und wie können die Genossen- schaften helfend eingreifen?" Trotz der ungünstigen Zeit der Ein- berufung war die Versamnilung sehr gut besucht. Der Redner fand starken Beifall. Schönwalde(Bezirk Pankow). Wie wenig soziales Empfinde» die bürgerlichen Vertreter unseres Gemeindeparlaments besitzen, bewies deren Verhalten bei Beratung des von unseren Genossen gestellten Antrages, an Bundesrat und Reichstag eine Petition zu richten, in der durchgreifende Maß- nahmen gegen die herrschende Teuerung gefordert werden. Weil der Tisch der bürgerlichen Vertreter selbst in der Zeit der Teuerung imnier noch nicht schlecht gedeckt zu sein scheint, lehnten sie die Ab- sendung einer solchen Petition mit 14 gegen 7 Stimmen ab. Nicht so verblendet waren die Herren, als vor einiger Zeit der hiesige Pfarrer den Antrag auf Errichtung eines Pfarrhauses stellte. Da- mals setzten sie alle Hebel in Bewegung um den Bau des Pfarr- Hauses, der an ihren Geldsack erhebliche Anforderungen hätte stellen können, zu verhindern. Unsere Genossen stimmten natürlich auch dagegen, aber auS anderen Gründen wie die bürgerlichen Herren. Die letzteren wußten, daß wenn der Pfarrhausbau perfekt ge-> worden wäre, eine ganze Anzahl Einwohner der Kirche den Rücken gekehrt hätten, sodaß die Herren den Rest der Kirchensteuern hätten allein tragen müssen. Berbaud der Friseurgehilfe« Deutschlands(Zweigverein Berlin und Vororte.) Versammlung am 10. d. M., abends 91/, Uhr, Rosenthaler Straße 11/12: Vortrag. Cmgegangene vruckkckrikten. Der Pcrband der Steinsetzer, Pflasterer und Berufsgcnosscn DeuischlaudS in den Jahren 1910/11. Für NichtMitglieder 1,50 M. Selbstverlag in Berlin, Wiclefstr. 17. Adolf Glasbrenner. Ein Beitrag zur Geschichte des„Jungen Deutschland" und der Berliner Lokaldichtung von Dr. Robert Rodcnhauser. Preis geb. 5 M., brosch. 4 M. Verlagsbuchhandlung Max Harrwitz, Nikolassee. Marktbericht von Berlin am 7. Oktober litis, nach Ermittelung des königl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) IM Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.M— 50,00. Speis cbohnen, weifte, 36,00— 60,00. Linsen 35,00—60,00. 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Nach Mitteilung der„Glarner Nachrichten' sind in dem nun in der Vorberalung erledigten Entwürfe u. a. folgende Vorschriften enthalten: 1. Als Fabrik, aus die das Gesetz anwendbar ist, gilt jede industrielle Anstalt, in der eine Mehrzabl von Arbeitern auger- halb ihrer Wohnräume beschäftigt ist. Eingeschlossen sind Werk- Plätze und auswärtige Verrichtungen.— 2. Die Abänderung der 14lägigen Kündigungsfrist mutz schriftlich erfolgen. Nicht gekündigt darf werden wegen Ausübung eines verfassungs- mätzigen Rechtes, soweit der bestehende Dienstv.'rtrag dadurch nicht verletzt wird; ferner nicht wegen einer unverschuldeten Er- werbsunfähigkeit infolge von Krankheit oder Unfakk bis zur Dauer von vier Monaten oder wegen schweizerischen Pflicht- Militär- dienstes.— 3. Die Lohnzahlung mutz spätestens vierzehnläglich unter Beifügung einer Abrechnung an einem Wochentage während der Arbeitszeit erfolgen.— 4. Die Arbeitszeit darf nicht über zehn Stunden festgesetzt werden. Ueberstunden sowie vorübergehende Sonntags- und Nachtarbeit bedingt einen Lohnzuschlag von mindestens 25 Proz. Ueberzeit darf nur in Notfällen bewilligt werden und nicht über zwei Stunden an einem Tage dauern. An Vorabenden der Sonn- und Festtage ist die Arbeitszeit höchstens neun Stunden.— 5. Kinder dürfen nicht vor 14 Jahren oder vor sich weiter erstreckender Beendigung der Schutpflicht zur Arbeit verwandt werden. Unter 16 Jahren werden sie durch Bundesratsverordnung aus bestimmten Fabrikations- zweigen ausgeschloflen, dürfen auch nicht zu Ueberstunden und bis zu 18 Jahren nicht zur Sonntags- oder Nachtarbeit herangezogen werden.— 6. Weibliche Personen dürfen keine Sonntags- oder Nachtarbeit leisten und werden von bestimmten Fabrikationen oder Berrichiungen durch Verordnung ausgeschlossen. Wöchnerinnen dürfen in den ersten sechs Wochen nicht beschäftigt: auch darf ihnen nicht auf diese Zeit oder während ihrer gekündigt werden.— 7. Die Anordnung von B u tz e n wird beschränkt. Sie dürfen ein Viertel des Tagelohns nicht überschreiten.. Der Bundesrat hatte ihre völlige Abschaffung vorgeschlagen.„Das Butzensystem hat sich überlebt. Das Rechtsempfinden wird verletzt, wenn die eine der beiden Vertragsparteien befugt ist, der anderen eine Strafe aufzu- erlegen, während die andere ihren Schutz beim Richter suchen mutz. Die Waffen sind nicht gleich.* Doch Uetz sich die Kommission da- durch nicht bestimmen. Von besonderer Bedeutung ist die Einführung de? Zehn- stundentages. mit der die Schweiz wieder an die Spitze aus einem Hauptgebiete des Arbeiterschutzgesetzes tritt, nachdem sie 1877 mit Einführung der elfftündigen Arbeitszeit vorangegangen ist. Der Schrill ist nicht so grotz. Hatten doch schon im Jahre 1967 59,6 Proz. und 1909 schon 68,4 Proz. der Fabriken<62,1 Proz. der Arbeiter) eine höchstens zehnstündige Arbeitszeit. Wichtig ist ferner das Verbot der Lohneinbehaltung als Sicherung sür künftigen Schaden, desgleichen von grotzer grundsätzlicher Wichtigkeit da? Verbot der Kündigung wegen Ausübung eines versassungömätzigen Rechtes: der erste Schritt zur Sicherung des Arbeitsplatzes gegen Unternehmerwillkür und eine Gewährleistung der gesetzlichen Koalitions- und politischen Rechte.— Zur Schlichtung von Gesamtstreitigkeiten und zur Auslegung von Gesamlarbeits- Verträgen(Normalvrrttägen) sollen kantonale EinigungS- ämter errichtet werden, an deren Stelle freiwillige treten können. „Bolksfürsorge". Die Leitung der„Vollsfürsorge' ersucht uns, bekannt zu geben, datz, so lange eine Konzessionierung der„Volksfürsorge* nicht erfolgt ist. weitere Anstellungen von Personal weder sür den Innen- noch für den Autzendieiist erfolgen können und es deshalb auch zweck- los ist, Bewerbungsschreiben an die„Volksfürsorge* wegen An- stellungen zu richten. Ebensowenig sei die„Volksfürsorge* zurzeit in der Lage, über ihre Tarife und Versicherungsbedingungcn, so lange dieselben nicht vom kaiserlichen AufsichlSamt genehmigt sind, näheres miizuleilen. Dasselbe gilt für Agitationsmaterial, welches erst auf Grund der anerkannten Tarife und Versicherungsbedingungen ausgearbeitet werden könne. Die erfolgte Konzessionierung werde zu gegebener Zeit durch die Presse allgemein bekannt gegeben werden. Hhsterie als Unfallfolge. Im Gegensatz zu einer Reihe falscher Urteile auf dem Gebiet der Unfallversicherung hat das Reichsgericht ständig an dev von un- parteiischen Nervenärzten, oft betonten, Ansicht festgehalten, datz die Arbeitsunlust infolge eines Unfalls hysterisch oder neurasthcnisch Gewordener keine Simulation ist, sondern eine Folge des Unfalls. Die Rechtsprechung des Reichsversick>erungsamtes hat leiden im Gegensatz zu dieser der Wirklichkeit allein entsprechenden, Auffassung sich von der Simulationsriecherei der Berufsvenossenfchaften, recht oft anstecken lassen,. Aus einev erst am Sonnabend vor dem Reichs- gericht stattgehabten Verhandlung sei folgendes wiedergegeben: Zwei Kassenboten der Leipziger HypothekewbanJ waren, die Prozetzparteien. Am ersten August 1908 war der Kläger in einem grotzen Kassenraum mit dem Ordnen von Briefen beschäftigt und hatte dabei den Kops etwas nach vorn gebeugt. Als der Beklagte hinter ihm vorüberging, benützte er die Situation zu einer Hänselei und gab dem in seine Beschäftigung vertieften Kollegen einen Schlag mit der Handschneide in den Nackem Kläger hat nach seiner Dar- stellung infolge des kräftigen Schlages und des Schrecks ein Nerven- leiden erlitten, das sich in Schwindelanfällen, Schlaflosigkeit und Arbeitsunfähigkeit äutzere. Der Beklagte behauptet, er habe dem Kläger nur einen leichten Schlag, einen sogenannten„Tätsch" ge- geben, der Kläger wolle nur nicht arbeiten, auch sei er schon vorher nervenleidend gewesen. Das Landgericht Leipzig billigte den Anspruch deS Klägers zur Hälfte. Tagegen hat das Oberlandrsgericht Dresden die Forde- rungcn des Klägers auf Zahlung von 1000 M. Schmerzensgeld und jährlichen Ncntrnbeträgen von zunächst 720 M. und später 920 M. in vollem Umfange anerkannt. Das Oberlandesgericht stützt sich auf das Zeugnis des Obermedizinalrates Dr. Lehmann in Dösen und führt zur Begründung seines Urteils aus, datz der hysterische Zustand deS Klägers auf den, gegen seine Wirbelsäule geführten Schlag des Beklagten zurückzuführen ist- Durch den hysterisch- hypochondrtkchen Zustand bilde sich der Kläger ein, zu einem Erwerb nicht mehr fanig zu sein. Aus diesem Grunde rechnet ihm das Obcrlandesger.«/ die Ablehnnag des Stellenangebots eines Bank- direktovs auch nicht als Mitverschulden an dem erlittenen Schaden an. Das Reichsgericht hat das Urteil des ObcrliandeSgerichts DreS- den bestätigt. In den Gründen erwähnt es, datz ein Verschulden des Beklagten durch die Feststellungen deS Oberlandesgerichts ev> wiesen ist. Der'Schlag war zwar nicht schwer, aber doch unan- gebracht; der Beklagte hätte sich sagen müssen, datz er schlimme Folgen nach sich ziehen könne. Ein Mitverschulden des Klägers an dem Schaden ist nicht anzuerkennen� weil das Unierlassen des Klägers, zur Besserung seines Schadens das Richtige zu tun, ge- rade auf dem Willensmangel und der Willensschwäche beruhe, die durch die Nervenschäden entstanden sind. Diese Willensunsähigteit ist dem Kläger nicht als Mitverschulden anzurechnen.(Aktenzeichen: Sericdts- Leitung. Wie gewonnen, so zerronnen. Ein recht einträgliches Liebesverhällnis zu einem 79jährigen Millionär yat die jetzige Privatiere El»iaveth Goeye aus Charlottenburg unterhalten, gegen die' das Schwurgericht des Landge- richts III unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Gockel eine An- klage wegen wissentlichen Meineides, fortgesetzter schwerer Urkun- denfälschung und Betruges zu verhandeln hatte. Die jetzt 31jährige Angeklagte machte auf der Stratze die Be- kanntschaft eines„besseren älteren Herrn", der sich, trotzdem er längst die„60" überschritten hatte, noch soviel jugendliches Feuer bewahrt hotte, datz er die damals noch jugendlich schlanke und hübsche An- geklagte nach einem Seitsouper zu sich in seine Wohnung lud. Von nun an besserten sich die Kleidungs- bezw. Wohnungsverhältnisse der Angeklagten zusehends, denn jener„bessere ältere Herr" ent- puppte sich als ein Rentier I., dem man ein Vermögen von zirka 30 Millionen nachsagt. Die Angeklagte wurde in der reichlichsten Weise unterstützt. Die Angeklagte lernte den Wert des Geldes verachten und streute das Gold mit vollen Händen aus. Hinzu kam. datz sich verschiedene zweifelhafte Individuen schmarotzerhast bei ihr festsetzten und ebenfalls von dem Goldstrome profitierten. Als die Liebe und das Gold des alten Herrn etwas nachzulassen schien, flüsterte ihm die Angeklagte eines Tages ein„sützes Ge- heimnis" ins Ohr. Der 66jährige„glückliche" Vater quittierte über seine Vaterschaft mit 15 Tausendmarkscheinen, trotzdem, wie vor Gericht zur Sprache kam, die Angeklagte zu jener Zeit auch zu einem Bereiter St. in Beziehungen gestanden hatte. Die Ange- klagte, die in dem vornehmsten Westen eine luxuriös eingerichtete Wohnung innehatte, kam trotz der grotzen Zuschüsse nie aus. Wie die Anklage behauptete, soll die H., um sich noch mehr GelÄ zu schaffen, nun zu recht umfangreichen Wechselfälschungen Zuflucht genommen haben, welche im Laufe der Jahre die Höhe von zirka 125 000 M. erreichten. Als die ersten Fälschungen zur Entdeckung kamen, drückte I., da er vor einem öffentlichen Skandal die grötzte Furcht hatte, die Augen zu. Als aber bald darauf neue Wechsel auftauchten, ließ er die Angeklagte zu seinem Rechtsbeistand kommen, wo sie sich in einem Revers verpflichtete, nie wieder Wechsel mit der Unterschrift des I. auszustellen; I. selbst löste daraufhin sür zirka 20 000 M. Wechsel ein. Ende September des folgenden Jahres hatte die Angeklagte trotzdem schon wieder sür 76 000 M. mit dem Namen des I. unterzeichnete Wechsel in den Verkehr gebracht. Als immer wieder neue Wechsel austauchten und schlietzlich die ganz respektable Summe von 100 000 M. überschritten wurde, wurde eS dem alten Herrn doch zu bunt. Er erstattete endlich Strafanzeige. Im Laufe des Verfahrens stellt« es sich heraus, datz die G. auch einen platten Meineid geleistet hatte. In dem Konkurs- verfahren gegen den später durch Selbstmord geendeten Juwelier Winter wurde die Angeklagte auf Veranlassung des Konkursver- Walters eidlich vernommen und bekundete unter ihrem Erde,, datz sie die Wechsel im ausdrücklichen Auftrage'des I. mit dessen Namen unterschrieben habe.— Die Beweisaufnahme gestaltete sich zu einer sehr umfangreichen. Nach dreitägiger Verhandlung wurde nun vorgestern in den Abendstunden'das Urteil gefällt. Es lautete gegen die Götze, deren geistig« Minderwertigkeit festgestellt wurde, wegen Meineides unter Anwendung des strafmildernden Paragraphen 159, schwer« Urkundenfälschung und Betrug auf 3 Jahre Gefängnis und 3 Jahre Ehrverlust bei sofortiger Verhaftung. Ein Notar vor Gericht. 12 500 M. an WcchsolstempelbetrSgen unterschlagen hat der Notar König in Honnef a. Rhein. Er hat ein Jahr lang in Unter- suchungshaft gesessen und stand jetzt vor der Strafkammer in Bonn. Der Sachverständige, Justizrat Meyer, erklärte, er habe noch nie eine so nachlässige, mangelhafte Geschäftsführung gesehen wie bei dem Angeklagten; vor vier Jahren, in der Sitzung des Rhei- nischen Notarvercins, hätten alle Teilnehmer den Eindruck ge- Wonnen, datz Notar König geistig nicht normal sei, und man habe sich gewundert, wie man einem solchen Manne das Notariat in Honnef habe anvertrauen können.— Oberarzt Dr. Schütte er- klärte, König sei injolge langjährigon chronischen Alkoholismus geistig schwach und in den letzten Jahren unzurechnungsfähig.— Professor Dr. Aschaffenburg fKöln) erklärte, König sei strafrechtlich nicht verantwortlich, er sei Alkoholiker und vor allem habe er dem Opium gefröhnt. Das Gericht sprach auf Grund dieser Gutachten den Ange- klagten frei. Ungültige Polizeiverordnung über Fortbildungskurse von Hebammen. Der Regierungspräsident zu Merseburg hat am 3. Oktober 1884 eine am 11. März 1909 ergänzte Polizeivcrordnung erlassen, welche diejenigen Hebammen mit Strafe bedroht, die sich nicht an den Hebammen-Fortbildungskursus beteiligen, zu denen sie durch die Aufsichtsbehörde dirigiert werden. Wegen Uebertretung der Polizeiverordnung waren eine Anzahl Hebammen aus Halle a. S.(Reppin, Längen und Gen.) angeklagt worden. Die Aufsichtsbehörde hatte ihnen durch Vermittelung der Polizeiberwaltung aufgeben lafsen, sich an einem Nachlchrkursus tFortbildungskursus) zu beteiligen, der in der königlichen! Univer- sität in dcr dortigen Frauenklinik stattfinden sollte. Der Kreisarzt hatte sich über eine eventuelle Kostendeckung nicht geäutzcrt, sondern beim Magistrat nur den Antrag gestellt, den einzelnen Hebammen, die bezeichnet werden würden, Beihilfen zu gewähren. Ten Damen selber wurde nur mitgeteilt, datz sie 13 Tage lang Tag und Nacht sich in der Klinik aufzuhalten hätten, und datz sie für ihre Ver- pflegung auf eigene Kosten sorgen mützten. Sic erklärten sich be- reit zu kommen, wenn ihnen freie Verpflegung zugesichert werden würde, sowie eine Entschädigung von 5 M. pro Tag für entgangenen Verdienst. Als die Antwort verneinend ausfiel, erschienen sie nicht zu dem Fortbildungskursus. Das Landger-cht in Halle a. S. sprach die Angeklagten frei. Die Verordnung dcS- Regierungspräsidenten erachtete das Landgericht allerdings für gültig. Indessen sei bei Einberufung der Angeklagten zu Unrecht der§ 75 der Einleitung zum Allgemeinen Landrecht, der noch gelte, nutzer Acht gelassen worden. Danach sei der Staat zur Entschädigung verpflichtet denjenigen gegenüber, die im allgemeinen Wohl sich opfern müssen Hiernach hätten die zum Fortbildungs- kursus einberufenen Hebammen Anspruch auf Entschädigung ge- habt. Da ihnen diese nicht zugesichert worden sei, so seien sie, die annehmen konnten, sie würden nicht entschädigt, wegen ihres Ver- Haltens nicht strafbar. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein. Das Kammergericht verwarf dieser Tage die Revision dcr Staatsanwaltschaft mit folgen- der Begrunvung: Dcr Senat habe die Gülngkcit der Verordnung des Regievungs- Präsidenten, die das Nichterscheinen der Hebammen zu den Fort- bildungskursen unter Strafe stelle, nachgeprüft. Er sei der Meinung, datz sie dem Reichsrecht(Gewerbeordnung) nicht wider- spreche. Dagegen sei die Verordnung nicht haltbar, weil sie den Rahmen des Polizeiverordnungsrechts überschreite. Auf Grund des § 10 Teil 2 Titel 17 deS Allgemeinen Landrechts könnkeni nur Polizeivcrordnungen, die dem Schutze von Leib und L�ben dienen sollten, zum Schutze von unmittelbaren Gefahren für Lcib�und Leben, erlassen werden- Wenn Hcbamuien aber zu einem Fort- bildvngskursus nicht kämen, könne noch nicht von unmittelbaren Gefahren für Leib und Leben, die Rede sein. Deshalb sei die Polizei- Verordnung ungültig, so datz es bei der Freisprechung verbleiben müsse, wenngleich anzuerkennen, sei, datz die Teilnahme an solchen Fortbildungskursen zweckmäßig sei. . Mansfelder Lehrmelster-Kultur. In dem Städtchen Gerbstädt im„reichstreuen" Mansfelder Kreis: führte der Gärtnereibesitzer Körbcr seinen Lehrlingen und Dienrtmädchen gegenüber ein recht brutales Regimem. das vor der Straflammer in Halle in einer sechsstündigen Verband king aufgerollt wurde und recht mysteriöse Bilver zeigte. Der Angeklagte, der in seinem Ort eine ziemliche Rolle spielt, S taotoe r ordnet en- vorsteher war und von zwei Rechtsanwälten verteidigt wurde, ist von dem Schöffengericht wegen Mihhattdlung seiner Lehrlinge zu einer Geldstrafe von 60 M. verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatte der Staatsanwalt und ein Justizrat, der einen mitzhandelten Lehrling—«Sohn eines Polizeikommissars— als Nebeniläger vertrat, Berufung eingelegt. K. soll in den Jahren 1908 bis 1912 nach Lehrlingen mit dem Hammer geworfen, mit Feuerhaken, eisernen Harken, Knüppeln, Fensterrahmen usw.- geschlagen haben. Ein Lehrling erhielt mit einem Metermatz einen Schlag auf die Finger, datz ein Nagel abging. Derselbe junge Mensch wurde im Bett mit einer Emaillekanne geschlagen, daß die Emaille von der Kanne ab- sprang. Mißhandlungen der im Bett liegenden Lehrlinge durch Ueberschütten mit kaltem Wasser gehörten nicht zu den Seltenherten', und in der Urteilsbegründung des Schöffengerichts hietz es: Faust- schläge auf den Kops wären keine Erziehungsmittel für Lehrlinge. —„Recht wunderbar" war aber die Tatsache, so meinte der Staats- anwalt, datz die Lehrlinge, die inzwischen Gehilfen geworden sind, in Weißensee, Magdeburg, Halle usw. beschäftigt werden, vor den dortigen Polizeibehörden schwer belastend gegen den Angeklagten aussagten und in den Hauptverhandlungen ihre Angaben teilweise übereinstimmend widerriefen. Da müsse auf die jungen Zeugen.in unzulässiger Weise eingewirkt worden sein. Denn datz der Ange- klagte seine Lehrlinge nicht liebevoll behandelt habe, ergeben die Bekundungen der übrigen Zeugen und die Mitzhandlung seines Dienstmädchens, das� von K. ein« Ohrfeige und einen Topf voll Wasser über den Kopf erhielt, weil es den Kaffee nicht früh genug fertig gehabt hätte. Ein Gehilfe sagt« aus, geschlagen fei er nicht, „sondern„nur einmal an die Kehle gepackt" worden". Dcr Neben- kläger meinte, die Verhandlung habe ergeben, datz der Angeklagte mit den Zeugen in Verbindung getreten sei und die Beweis- aufnähme habe ein erschreckendes Bild von der Mißachtung vor dem Eide entrollt. Die Strafkammer bestätigte das Urteil erster Instanz unj» kam im übrigen zu einem non liguet. Berwaltungsstreitverfahren wegen Schulgelder? Zehn Lehrer aus Sangerhausen!, deren Kinder die gehobene Knaben- und Mädchenschule besuchten und die deshalb zu Schulgeld herangezogen worden waren, klagten gegen den Magistrat von Sangerhausen aus Freistellung von dem Schulgeld im Vcrwaltuugs- streitversahre». Sie machten geltend, datz ihnen Befreiung vom Schulgelde zustehe. Der Bezirksausschutz in Merseburg wies die Klage ab. � Das ObervcrwaltungSgericht, bei'dem die Kläger Revision ein- legten, verhandelte dieser Tage über die Vorfrag«, ob hier das Bor- waliungSstreitverfahren überhaupt zulässig sei. Der S. Senat hatte zuletzt den Standpunkt vertreten, datz Schulgelder keine öffentlich- rechtliche Gebühren im Sinne des§ 4 des preußischen Kommunal- abgabengesetzes seien und das Verwaltungsstreitverfahren darum unzulässig wäre. Der 2. Senat meinte, wenn der§ 4 des ge- nannten Gesetzes auch vom Schulgeld handle, dann wäre das darauf zurückzuführen,'datz der Gesetzgeber damals der irrigen Auffassung gewesen sei, datz es sich beim Schulgeld um eine öffeutlich-rechtliche Gebühr handle. In der jetzigen Verhandlung vor dem 8. Senat trat ein Mi- nisterial'kommissar entgegen der Ausfassung des 2. Senats dafür ein, datz Schulgelder als öffentlich-rechtliche Gebühren zu gelten hätten, so datz das Verwaltungsstreitverfahren zulässig wäre-.''j; Nach längerer Beratung beschloß nun der 8. Senat, über'die strittige Frcige eine Entschcioung des Plenums des Ofret- Verwaltungsgerichts herbeizuführen. Eine solche Entscheidung ist erforderlich, wenn in einer Rechtsfrage ein Senat des Obervcrwal- tunasgerichts von der Judikatur eines andern Senats abweichen will. Die Entscheidung des 8. Senats ergibt also, datz er im Gegen- satz zu der bisherigen Judikatur des 2. Senats annehmen will, datz Schulgelder öffentlich-rechtliche Gebühren sind und deshalb däS Verwaltungsstreitvcrfahren zulässig ist. Die Plenarentscheidung dürfte in einigen Wochen erfolgen. /Zus der frauenben>egung. Städtische Logierhäuser für Frauen. Fast in jeder englischen Stadt gibt es eine Anzahl von Logier» Häusern für männlickie Arbeiter. Meist werden sie von Privaten be« trieben, doch oft haben die Stadtverwaltungen ein Uebriges getan und städtische Logierhäuser errichtet, die den Mietern auch allerlei moderne Bequemlichkeiten bieten, wie Bäder, elektrisches Licht und dergleichen. Dagegen ist für die Arbeiterinnen auf diesem Gebiete noch sehr wenig geschehen. Und doch ist das Bedürfnis nach einer sauberen, anständigen und billigen Unterkunft für Frauen, die kein eigenes Heim haben und nicht bei Angehörigen wohnen können, zum mindesten ebenso grotz wie für den männ- lichen Arbeiter und zwar vor allem vom sittlichen Standpunkt aus. Eine Frau, die kein Heim hat, ist viel mehr gefährdet als ein Mann in der gleichen Lage, besonders in Zeiten der Arbeitslosigkeit. Andererseits kann die viel schlechter entlohnte Frau nur einen ganz kleinen Betrag für ihre Wohnung ausgeben. Datz die Arbeiterin aus Sparsamkeilsgründen genötigt ist. ihre Kleidung selbst zu waschen, erschwert ebenfalls die Errichtung von privaten Logierhäusern sür Frauen. Sie rentieren sich nicht. Um so mehr mutzte eS Aufgabe der Stadtverwaltungen fem, überall für geeignete städtische Logier- häuier zu sorgen, die nicht wie die privaten auf die Erzieluug von Profit angewiesen sind. Einige englische Städte haben bereits Versuche auf diesem Ge- biete gemacht. Glasgow war die.erste Stadt. Sie eröffnete 1872 ein städlisckies Logierhaus für 125 Frauen. ES ist inzwilchen zwei- mal vergröbert worden und nimint jetzt 248 Frauen auf. DaS Nachtlager tostet 3, 3'/z und 4 Pence— 25, 28 und 34 Pf. DaS Haus hat sich von Anfang an selbst unterhalten und im Jahre 1S03 sogar einen kleinen Ueberschutz abgeworfen. Erst im Jahre 1910 folgte Manchester diesem Beispiel und errichtete mit einem Kosten- auswand von 13 000 Pfd. Sterling-- 260000 Mark ein HanS für 220 Frauen. das mit vielen Bcquemlichieiten a»S- gestattet ist. Es enthält einen Speisesaal, eine»» Wohnrauiw. eine wohl eingerichtete Küche, Bäder, ein Waschhans, Trockenrämne und Gasbügeleinrichtung; zusammen mit einem besonderen Schlaf- räum zahlt man dafür 4. 5 und 6 Pence--- 84, 42 nüd 50 Ps. pro Tag. AIS dritte Stadt ist Cardiff zu nennen, das im letzten Jahre ein kleines Heim für Ärüeiterinnen ernechete. In Deutschland ist— so viel wir wissen— auf dtetem wichtigen Gebiete von Gemeindewegen noch nichts geschehen. DaS Schlaf- stellenweien aber, auf das ungezählte Arbeiterinnen ohne eigenes Heiin angewiesen sind, ist von allen modernen Wohnungsarten die elendeste, weil es allen Gefährdungen der Gesundheit und Sittlichkeit in dem Zusammendrängen vieler Menschen aus engem Raum geradezu Vor- schub leistet. Deshalb haben unsere Genosien in den Gemeinde- Parlamenten die Pflicht, die Errichtung von kommunalen Logier- Käufern zu fordern. Auch unter den beutigen Verhältnissen sind die Stadtverwallungen zur Lösung dieses Teiles dcr Wohnungsfrage bei einigem guten Willen sehr wohl im Stande. Leseabende. Mariendorf. Morgen, Donnerstag, bei Paul, Königstr. U. Vortrag der Genossin Siedel-Ncukölln. „Vorwärts"=Leser erhalten 10% Rabatt.__ Kaufen Sie von Kavalieren getrag. Jackettanzuge, Rockanzöge, Paletots, Ulster, größtenteils auf Seide gearbeitet, von 9— 18 M. Große Auswahl in eleganter neuer Garderobe. Gelegenheitskäufe in Damen-Plüschjacketts, Kostümen, Kleidern, hochelegant. 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Oktober an den Genossen«dnarck Grat, Frankfurt u. 31., Allerhclllgenstr. 51, mit der Auf. schrist„Bewerbung* verschen, zu richten. 297/6* Dicnstjahre in der SIrbcitcrbcweguiig werden angerechnet. «» Annahmestellen für.Mine Anzeigen Iterlln C. 31. Habuisch, Ackerslr. 174. W. öl. Schmidt, Kirchbachstr. 14. O. R. Hackelbusch. Petersburger Plad 4. Gustav Bogel, Koppen- straße 82 31. WcngelS. Gr. Frankfurter Str. 120. »'<». L. Zucht. Jmmannelkirckstr. 12. I. Re»l.«arnimstr. 42. X. aö. Bannianst. Rbeinsberger Str. 67. H. Fischer. Bastiansir. 6. Karl'Mars. Greifen Hagener Str. 27. J.Hönisch, Nazarethkirchstr. 49 H. Bogel, Lortzingstr. 37. 3t. Tic», Jnvalideilftr. 124 L. Dechand, Riibevlatzstr. 24. XTV. Karl 3lndcrs,«alzwcdeleritr. 8. SW. H. Werner. Giiciicnauft- 72. Daehn. Hagelbergcr Str. 27. lS. St. Frist. Prinzenftr. 3l. H. Lehmann. Kottbufer Damm 8. i8<». Pniit Bölim, Lausitzer Platz 14115. P. Harsch, Engeluser 15. Adlcrubof. Kart Schivarzlose. BiSmarckstr. 50. linuiiislitiuienneg. H. 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