Kr. 237. Hbonnemcnts-Bcdingungen: SäSonnemertiä- Preis btonumcrcmici: Vierteljährl. 3,30 2Rf, monofl. 1,10 Ml, wöcheirllich 28 Pfg, frei ins HauS, Einzelne Niunnrer 5 Pfg, Somüags> .TMU.U«.*-»"»■ nummet mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt"-10 Pfg. Posl- SlBonncmcnl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Prelsliste. Unter Kreuzbano für Deutschland und Oesterrelch- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostaoonnemeiNS nehmen an: Belgien, Dänemarl. Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 29. Jahrg. Crfdränt fSgllch außer mentagj. Zerlinev VolkSblnkk. Sie TnlertionS'Gebüljr Beträgt für die fechsgefpaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerlschaftliche Vereins- und VersainmIungS-Anzeigen 30 Pfg, „Kleine Mnrctgen", das fctigebtuSic Wort 20 Pfg.(zulässtg 2 fettgebrudte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaffiellenam zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Worts Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen vis 5 Uhr nachmittags in der Expedition libgegeben Iverden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SoaUliliiiiaKrat Berlin". Zcntralorgan der fozialdcmokrati fchen parte! Deutfchlands. Redaktton: SW. 68» Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Morihplatz, Nr. 1S8S. Donnerstag, den 19. Oktober 1912. Expedition: 8M. 68» Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moristplatz, Nr. 1,984. Sie entteiielung der»iriegzfurie. Der Kampf hat begonnen, die Montenegriner sind gegen Berane vorgestoßen und halten die Stadt eingeschlossen. Die Kriegserklärung der übrigen Balkanstaaten wird für heute er- wartet, und bisher unbestätigte Meldungen wollen sogar wissen, daß serbische Truppenmassen die Grenze bereits über- schritten und in den Sandschak Novibasar eingefallen sind. Der ganze Balkan steht in Flammen. Europa aber ist einig, ganz und gar einig, einiger als je. In Oesterreich ist der gemeinsame Ministerrat in der letzten Nacht bis 3 Uhr früh zusammen gewesen, um die neuen Rüstungskredite zu beraten. Es lvcrden 400 Millionen Kronen verlangt werden, 250 Millionen für die Armee, 150 Millionen für Kriegsschiffe. Namentlich der letztere Posten ist sehr be- zeichnend. Oder glaubt jemand im Ernst, daß diese 150 Millionen für Schiffe ausgegeben werden, die die Hellinge erst verlassen würden viele Monate, nachdem die Entscheidung auf dem Balkan gefallen ist. Nein, diese 400 Millionen sind Kriegskredite, schlecht und recht Kriegskredite. Und sie sind notwendig, denn Europa ist einig. Und der Krieg wird ja auch ganz sicher lokalisiert werden. Europa ist einig und deswegen hat Rußland zugleich mit seinen Balkanschützlingen mobilisiert, natürlich nur zur Probe und— vorläufig wenigstens— nur teilweise und— zufällig natürlich— an'der österreichischen Grenze. Aber sind denn solche Mobilisierungen ein Grund zu Befürchtungen, nachdem Europa dank dem Werk seiner erleuchteten Diplomatie durchaus einig ist? Und wozu gäbe es eme Petersburger Telegraphen- agentur als zur Dementierung unbequemer Meldungen. Und wagt noch'jemanden der völligen Harmlosigkeit der russischen Politik— und. namentlich in Balkanfragen zu zweifeln, wenn die russische Regierung versichern läßt, die Probemobili- sierungen seien nunmehr beendet und— welche Bestimmtheit!— die Reservisten würden in die Heimat entlassen. Zu dem einigen Europa gehört auch Italien, das noch immer im Kriegszustand gegen die Türkei sich befindet— ein unglücklicher Zufall, der die Türkei daran verhindert, ihre Flotte in Aktion treten zu lassen. Die französische Regierung hatte versucht, vor Ausbruch des Krieges zwischen Oesterreich und Rußland eine bindende Vereinbarung herzustellen. Oesterreich sollte erklären, daß es am Balkan keine Interessen zu verfolgen habe. Das hat Oesterreich strikte abgelehnt, weil dadurch sowohl die Balkan- staaten als Rußland freie Hand bekommen hätten, zumal da Rußland sich seinerseits zu nichts verpflichten wollte. Die Einigkeit Europas ist eine lächerliche Farce, zu der sich wirklich nur noch Diplomaten hergeben können. In Wirklichkeit ist heute der Gegensatz zwischen Oesterreich und Rußland weit- aus gefahrdrohender, als je während der Annektionskrise. Jetzt handelt es sich nicht mehr um serbische Drohungen, jetzt führt Serbien bereits Krieg und seine Truppen stehen vielleicht schon in jenem Gebiet, dessen Besetzung die öfter- reichische Politik seit Jahren als eine unerträgliche Schädigung ihrer Machtinteressen betrachtet, als eine unleidliche Fessel, die ihrem Ausdehnungsdrang angelegt wird. Das ist die Situation an dem Tage, an dem Montenegro allein erst Krieg führt. Glaubt man wirklich, daß sie sich bessern wird, wenn erst die entscheidenden Schläge zwischen den Bulgaren und Türken gefallen sein werden? Wir glauben es nicht und wir meinen, das Proletariat hat keine Zeit, sich bei den albernen Lügen der Diplomaten aufzuhalten. Die Verhütung des Weltkrieges tritt jetzt in den Mittelpunkt seiner Politik und während dort unten im blutigen Ringen die Geschichte ihre neuen Ge- staltungen formt, rüsten wir zu dem Kampf, deffen Losung lautet: Krieg dem Kriege! vie ersten kämpfe. Das kleine Montenegro, daS sein Vollsaufgebot von rund 40 000 Mann am schnellsten auf Kriegsfuß setzen und in vier Divi- sionen Konzentrieren tonnte, hat der Kriegserklärung sofort den Vor- stoß auf türkisches Gebiet folgen lassen. Der kleine Grenzort Berane, nördlich von der Spitze des Keils, den Montenegro in das albanische Land hineintreibt, ist Gegenstand der montenegrinischen Offensive geworden, der die türkische Besatzung entgegengetreten ist. An Kräften, die in der Stille den Angriff des kleinsten Balkan- staates veranlaßt haben, hat es nicht gekehlt. Die verbündeten Staaten werden den schlagfertigen Genofien freie Hand gegeben haben, um die Türkei und die Großmächte vor ein kait accompli zu stellen. Italien, deffen Königin bekanntlich eine Tochter des Königs Nilita ist. wird seine Hand ebenfalls im Spiele haben, um bei den Friedensverhandlungen in Ouchy einen größeren Druck auf die Türkei ausüben zu können, und der traditionelle Balkanintrigant Rußland wird es in Montenegro an geheimen Weisungen und an Rubelscheinen nicht haben fehlen lassen. Denn was die offizielle russische Diplomatie zur Beilegung des Konfliktes tut, ist eitel Blendwerk und wird wohl auch nur in der deutschen bürgerlichen Presse ernst genommen und breitgetreten. Der deutsche Bierphilister meint über den Angriff Montenegros ein abschließendes Urteil fällen zu können, wenn er sagt, daß die .Hammeldiebe" gegen die Türkei nichts ausrichten können. Wir stehen gewiß nicht in dem Verdacht, für die rauf- und raublustigen Montenegriner oder gar für deren korrupte Dynastie irgendwelche Sympathien zu hegen, aber die Geschichte lehrt, daß die größten Balkankriege des letzten Jahrhunderts von einem türlisch-monte- negrinischen Kleinkriege eingeleitet wurden. Ehe im Jahre 1853 der Krimkrieg ausbrach, kam es im Jahre 1832 zu ernsten Kämpfen zwischen der Türkei und Montenegro. Und die Veranlassung zum russisch-türkischen Kriege von 1877/78 war der Kampf der Monte- negriner und Serben im Jahre 1876. Heute ist die Gefahr größer und ernster, denn die montenegrinische Offensive kann der Auftakt zu einem europäischen Massenkriege werden. Die wirtschaftlich und kuflurell zurückgebliebenen Montenegriner sind sich natürlich dieser Verantwortlichkeit nicht bewußt. Der Türke ist seit Jahrhunderten ihr Nationalfeind, Grenzfehden waren bei ihnen an der Tagesordnung, und die Armut ihres Landes erweckte ihre Eroberungssucht, deren erstes Ziel im Süden Skutari ist. Wenn der montenegrinische Vorstoß diesmal nicht in südlicher Richtung erfolgte, sondern nach Norden, gegen denSandschak Novi Bazar angesetzt ist, so deutet das wohl auf eine gemeinsame Aktion mit einem Teile des serbischen Heeres hin. Wird doch schon berichtet, daß serbische Truppen die Grenze der Sandschaks überschritten haben. Das schmale, von Oesterreich, Montenegro und Serbien eingeschlossene Novi Bazar-Gebiet ist seit langem eine heißersehnte Beute dieser drei Grenzländer. Die in der Stille betriebenen Rüstungen Oester- reichs in Bosnien und der Herzegowina lassen daher Schlimmes befürchten, wenn Serbien und Montenegro in dem Sandschak mili- tärische Fortschritte machen. Denn die österreichische Thronfolger- Partei wird nicht dulden wollen, daß die kleinen Balkanstaaten Oesterreich den Weg nach Saloniki verrammeln. In diesem Falle wird der.brillante Sekundant" den Dreibundfreund Deutschland vor folgenschwere Entschließungen stellen. Eine Kriegführung großen Stils wird in diesen von den alba- nischen Alpen durchzogenen Gebieten nicht möglich sein. Es wird sich hier um einen erbitterten und langwierigen Guerillakrieg handeln, für den der Montenegriner sich vorzüglich eignet. Dazu kommt, daß die Türkei nur mit großer Unsicherheit auf die Hilfe der Albaner rechnen kann, deren sie in den zahlreichen Aufständen trotz gewaltiger Kraftanstrcngungen- kaum Herr geworden ist. Die christlichen Malissoren haben sich schon jetzt den Montenegrinern an« geschlossen, die übrigen christlichen Albanerstämme werden jedenfalls folgen, so daß die Türkei nur auf die mohammedanischen Albaner einigermaßen zählen kann. Der westliche Kriegsschauplatz wird das Bild eines schwierigen GebirgskriegeS aufweisen, in dem Montenegriner und Serben mit den Türken ringen und in dem die albanischen Stämme sich gegen- seitig zerfleischen werden. Oesterreich aber wird mit schußfertigem Gewehr dem Kampfe zusehen. Die Hauptmacht des serbischen Heeres wird wahrscheinlich zum bulgarischen Heer stoßen. Schon jetzt hat Serbien an Bulgarien eine Kavalleriebrigade abgegeben, um die einleitenden Aufklärungs- Operationen gemeinsam auszuführen. Das strategische Ziel des serbisch-bulgarischen Aufmarsches wird Adrianopel sein. Freilich wird viel Blut fließen, ehe die Türken die Balkanpäffe preisgeben werden. Die Hauptentscheidung wird auf dem östlichen Kriegsschau- platz fallen. Welche Kraftanstrengungen die Türkei macht, um dem Angriff aller Gegner zu begegnen, läßt sich im einzelnen nicht fest- stellen. Sie hat sich ja nicht nicht nur für einen westlichen und östlichen Kriegsschauplatz zu rüsten, sondern mutz auch im Süden dem kampfbereiten Griechenland eine Heeresmacht entgegenstellen, ganz abgesehen davon, daß sie auch Kleinasien nicht von Truppen entblößen kann und mit einem verschärften Einsetzen deS arabischen Aufstandes rechnen muß. Zweifellosmacht man in Konstantinopel die energischsten Anstrengungen, um den vielseitigen Anforderungen der Kriegslage gerecht zu werden. Ein klares Bild von dem Aufmarsch der türkischen Heere hat man zurzeit aber nicht. Wenn deutsche Zeitungen sich durch ihre militärischen Mitarbeiter heute schon die Standorte und Nummern der türkischen Divisionen genau angeben lassen, so ist darauf wenig zu geben, denn durch die Albaneraufstände, die Truppendislokationen infolge der drohenden Haltung der italienischen Flotte usw. ist die auf dem Papier festgelegte türkische Aimeeeinteilung schon längst in Unordnung geraten. Daß in der jetzigen Krise die Türkei ihre Truppenkonzentration möglichst zu verschleiern sucht, liegt klar auf der Hand. So gleicht die gegenwärtige Situation auf dem Balkan einer schwarzen, unheilschwangeren Gewitterwolke, aus deren Rande schon Blitze niederzucken; wann und wo aber daS Unwetter sich entladen und welche Verheerungen es anrichten wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Der erste Kampf. Konstantinopel» 3. Oktober.(Meldung des Wiener K. 51. Telegr.-Korresp.-Bureaus.) Nach den bei der Pforte ein- gegangenen Nachrichten haben die Montenegriner gestern abend die Grenze überschritten und Berane angegriffen. Der Kampf dauert an. Auf der Pforte tagt der Ministerrat in Permanenz. Seit dem frühen Morgen drängt sich die Menge vor der Pforte und vor den Zcitungsredaktionen. Die Kriegserklärung Montenegros, die durch Extrablätter bekannt gemacht wnrdr, hat die Erregung aufs äußerste gesteigert. Nach den Abend blättern haben die Montenegriner Berane ringe- schloffen. Das Regiernngsarchiv von Berane ist in Sicherheit gebracht. Die erste Siegesmeldung. Konstantinopel, S. Oktober. Nach Blättermeldungen ist es den A I b a n e s c n unter Riza Bei gelungen, Berane zu entsetzen(?) und dort einzuziehen, worauf sie auf montenegrinisches Gebiet vor- rückten(?). In patriotischen Aufrufen wird die Bevölkerung auf- farfe des türkisch-rnonf-enegpiniscfiBn Hriegsschaup/afzes, gefordert, sich für die Armee anwerben zu lassen. Eine große Zahl albanesischer. Freiwilliger meldete sich zum Truppen- dienst.—..Sabah" glaubt, die Montenegriner hätten Berane ge- wählt, um sich mit der serbischen Armee vereinigen zu tonnen. Die Montenegriner hätten auch versucht, die Grenze in der Richtung auf Gussinje zu überschreiten. Die Kriegserklärungen. Konstantiiiopel, 9. Oktober. Der griechische Gesandte Gryparis erhielt den Auftrag, morgen mit seinem gesamten Gesandtschaftspersonal abzureisen. Man glaubt, daß die Kriegserklärungen Bulgariens. Serbiens und Griechen- lands noch h« u te oder bestimmt morgen erfolgen werden. Oesterreichische Kriegskredite� Wie», 9. Oktober. In dem nachts abgehaltenen gemeinsamen Ministerrat gelangten infolge der neuesten Vorgänge aus dem Balkan, insbesondere der Kriegserklärung Montenegros, so viele Fragen zur Besprechung, daß die Sitzung mn S'A Uhr morgens ohne Beschlußfassung endete. Die nächste gemeinsame Minister- konferenz findet heute um 5 Uhr nachmittags statt. Außer für das Heer fordert die Kriegsverwaltung, wie bestätigt wird, auch für die Marine erhebliche Nachtragskredite. Der Wortlaut der Kriegserklärung. Koustantinopel, 9. Oktober. Der Text der Note, die vou dem montenegrinischen Geschäftsträger Plamenatz überreicht wurde, lautet: „Ich bedauere, daß die königlich montenegrinische Regierung vergeblich alle freundschaftlichen Mittel erschöpft hat, um auf gütlichem Wege die zahlreichen Mißverständnisse und Konflikte mit der Türkei zu beseitigen, die sich ständig erneuern. Auf Ermächtigung des Königs, meines erhabenen Souveräns, habe ich die Ehre, Eurer Exzellenz mitzuteilen, daß die königlich inontenogrinische Regierung von heute ab alle Beziehungen mit der Türkei abbricht und der Entscheidung der monte- negrinischen Waffen die Anerkennung ihrer Rechte und der seit Jahrhunderten mißachteten Rechte ihrer Brüder in der Türkei überläßt. Ich verlasse Konstantinopel; die königliche Regierung wird dem ottomanischen Vertreter in Cetinje die Pässe übergeben." Die Pforte hat dem türkischenGeschäftsträger befohlen, das Archiv derdeut scheu Gesandtschaft zu übergeben und Cetinje zu verlassen. Kriegsschiffe. Kvnstantinopel, 9. Oktober. Vier englische Kriegsschiffe sind in den kretischen Gewässern eingetroffen. Ein russisches Kriegsschiff ist vor ? a m o s angekommen. Weil befürchtet wird, der Pöbel könnte die Pforte angreifen, wird sie von zwei Schwadronen und einer Kompagnie bewacht. Ein Protest der Pforte. Paris, 9. Oktober. Die Agence Havas meldet aus Kon- stantinopel: Nachdem gestern alle Botschafter wegen der Be- schlagnahme griechischer Schiffe mit fremder Ware an Bord bei der Pforte Borstellungen erhoben hatten, beschloß heute der Ministerrat, die Schisse, die für militärische Transporte, nicht ver- w'endvcu seien, freizugeben. Eine halbamtliche Note besagt, die Kriegserklärung Montenegros stehe im Widerspruch mit den Bestim- Kriegsbriefe vom Balkan. I. Rat! Belgrad, 5. Oktober. Kriegsbriefe? Vorläufig sind es erst Mobilmachungsbriefe und vielleicht, vielleicht— es ist ein spinnwcbdünnes Vielleicht — werden niemals richtige Kriegsbriefe daraus. Aber da sich die Mobilmachung zum Krieg verhält wie das Laden zum Schuß, so mag die Ueberschrist schon hingehen. Auf der Fahrt bereits werfen die kommenden Ereignisse im südöstlichen Winkel Europas ihren Schatten voraus. Ein paar Abtrile des Schnellzuges sind mit jungen fchwarzmähnigen Leuten vollgepfropft, bulgarische Studenten, die aus Belgien kommen und zu den Fahnen eilen. Einer hat eine Geige bei sich, stemmt sie ans Kinn und entlockt ihr eine schlichte Melodie, eine einfache Heimatsweise; die anderen halten den Kops gesenkt und blicken träumend drein, denn es geht dem Kriege entgegen. oder sie sind vielleicht nur müde, denn sie haben eine lange Fahrt hinter sich. Aber wehe, wenn man sie reizt! Dann quellen sie aus ihrem Abteil hervor, halten im Seitengang eine Volksversammlung ab. schreien durcheinander, fuchteln mit den Armen umher und ein kleiner Strudelkopf packt dich am Rockknopf, hebt sich auf die Zehen und setzt dir durch und durch marxistisch auseinander, wie sich mit der tvachsendcn wirtschaftlichen Entwickelung das nationale Selbstbewußtsein der Völker bilde und hebe und daß die Balkanstaaten jetzt drauf und. dran seien, sich wie Deutschland und Italien vor zwei Menschenaltern zu geschlossenen National- staaten zu formieren. Deshalb sei der Krieg eine Notwendigkeit und sie alle, wie sie Zigaretten rauchend und debattierend zusammenstehen, wollen den Krieg, wenn schon selbst sie ihre Haut zu Markte tragen müssen. Aus dem Abteil singt die einsame Geige dazu... Im Wiener Staatsbahnhof nehmen ein paar Dutzend bulgarischer Einberufeue von ihren Freunden Abschied: sie stillen einen ganzen Wagen des Budapester Zuges, singen die National- Hymne und bringen umschichtig Hochs auf den Balkanbund und PereatS auf die Türken aus. Das alles ermangelt des mitreißenden Rhythmus und lauter sind auf jeden Fall die Zurückbleibenden: denn was so eine rechte, vom Herzen kommende Kriegsbegeisterung ist. die wächst im Quadrat der Entfernung vom Schußbereich der Kanonen und Flinten. Das ist ein alter Lehrsatz in der Mathematik der Volkspsychologie. Unter den neugierigen Gaffern, die ohne sonderliche Erregung der„Hetz" zuschguen, steht übrigens ein junger, netter adretter Mann, den sein gutgebügelter Fes als Untertanen der kalifischen Majestät ausweist.(Nebenbei scheint der Staatsbahnhof zu dekorativen Zwecken sich stets einen Orientalen engagiert zu haben, denn noch jedesmal beim Passieren des Bahnhofes— wer stand da? Ein roter Fesl) Dieser Nette und Adrette schaut gleichfalls, ohne die Spur eines glühenden Interesses, dem Treiben zu. Nur wenn eine Salve:„Nieder mit den Türken!" prasselt, lächelt er wohl- wollend und gleichsam entschuldigend. Jene singen, schreien. brüllen— er lächelt, und wer die Dinge feuilletonistisch sieht, kann sich zu diesem Gegensatz allerhand hübsche Reimereien machen. An der Eisenbahnbrücke, die sich zwischen dem ungarischen mungen der Haager Konvention, da Montenegro nicht, ehe es zu den Waffen griff, die Vermittlung einer dritten Macht angerufen habe. Andererseits spreche die Kriegserklärung von Mitzverständ- nissen. Das sei ein Beweis, daß keine wirklich ernsten Gründe, die den Krieg rechtfertigten, bestanden hätten. Infolge der Verkündung des Belagerungszustandes lvurde die Abhaltung der für heute erwarteten Versammlun- gen unmöglich. Die Regierung ermächtigte die türkischen Handelsschiffe, in das Schwarze Meer zu fahren. Man er- zählt, daß die in llesküb beschlagnahmten serbischen Waffen- tran sparte aus 52 Kanonen und einer Menge Schrapnells bestehen. Die englische Aufsassung. London, 9. Oktober.(Privattelegramm des „V o r w ä r t Ä".) Tie Spekulationen, die man in London über die Ursache der Kriegserklärung Montenegros anstellt, sind mannigfaltiger Art.'Es wird behauptet, Rußland habe die Parole ausgegeben, ferner, Montenegro handle im Einvernehmen mit dem Balkanbund, um die türkischen Kriegspläne zu durchkreuzen. Andere Blätter sprechen von einer unwiderstehlichen Volksbewegung in den schwarzen Bergen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die englische Regierung während der ganzen Krise sich keinen trüge- rischen Hoffnungen über die Möglichkeit eines wirksamen Eingreifens der Mächte zur Verhütung des Krieges hin- gegeben hgt. Tie„Times" schreiben heute in bezug auf den bevorstehenden Balkankrieg:„Es werden Augenblicke kommen, wenn die ä u ß e r st e Besorgnis verursacht wird durch EntWickelungen, die die Gefühle eines Landes bis in die Tiefen aufwühlen können oder die die weitesten Jntereffen eines anderen Landes zu bedrohen scheinen. Die Diplomatie ist mit ihrer Kunst elend ge- scheitert an dem Versuch, das mazedonische Problem zu lösen, das in Wahrheit auch keine friedliche Lösung zuließ. Sie hat jetzt die Pflicht, den Frieden Europas vor der Drangsal zu schützen, die in Augenblicken, wie wir sie an- gedeutet, entstehen mag. Die Rolle E n g l a nd s", führt das Blatt weiter aus,„müsse die des wachsamen und unparteiischen Beobachters sein, der sein Urteil weder durch Sympathie mit den Balkanvölkern noch durch Mitgefühl für die Türken oder durch Greueltaten, die auf beiden Seiten verübt werden könnten, trüben lassen dürfe." Bei den englischen Liberalen wirkt natürlich noch die Gladstonesche Tradition nach. So will die„Daily News" nicht glauben, daß G r e y gegen den ursprünglichen Vorschlag Poincaräs Einspruch erhoben hat, weil die Türkei dadurch vor den Kopf gestoßen worden wäre. Das Blatt schreibt weiter:„Daß in diesem letzten Augenblick Groß- britannien in der Rolle des Beschützers der Türken erscheinen sollte, wäre eine Erniedrigung, die das tiefste bis jetzt erreichte Niveau berühren würde." Die Meinungen pendeln im allgenteinen zwischen diesen beiden Extremen.„Daily Telegraph" betont die I n t e r e s s e n g l ei ch h e i t Deutschlands und Englands, die, wenn-auch aus verschiedenen Gründen, einer weiteren Z e r st ü ck e l u n g der Türkei abgeneigt sind.„Daily Chronicle" ver- langt, daß England und Frankreich die Verblutung der Balkanstaaten, aus der nux Oesterreich und Rußland Profit ziehen würden, verhindern sollten. Ueber den Voraussicht- lichen Ausgang des Krieges folgt man hier den Angaben der deutschen und österreichischen Fachmänner, die die militärische Semliu und Belgrad als schmales und schlankes Geflecht über die Save spannt, steht der erste Krieger der vereinigten Bqlkanmächte, entschlossen, wenn es darauf aukoinmt. sein Bajonettgewehr zu fällen und ganz Europa die Passage zu versperren, denn hier, hinter der Save beginnt der Orient. Zum Zeichen dessen duftet in Belgrad in winzigen Täßchen der starke und dicke türkische Kaffee; in Semlin, eine Viertelstunde westlicher, hält man vergebens danach Umschau. Gewehr und Patronentaschs sind übrigens die einzigen soldatischen Merkmale dieses ersten Balkanwachtposlens; er trägt keinerlei Uniform, sondern steckt, die Lamm- fellmütze auf dem Kopfe und Opanken an den Füßen, in der landesüblichen dunkelbraunen Bauerntracht. Der Optimist nennt sie, das, was sein sollte, vorwegnehmend, „malerisch geflickt". Nur sieht Herr Milan oder Stojan nicht wild und kriegerisch in die Welt, sondern blickt matt und verdrießlich in den Regen. Es sprüht nämlich fein aber zähe vom Himmel. Belgrads ragende weiße Gebäude sind von einem grauen Schleier eingehüllt und auf einem Personen- dampfe'r, der just vorüberzieht, Semlin zu, hebt und senkt eine schwarze Gestalt langsam eine schwarze Fahne— sicher irgend ein simples Schiffahrtssignal, aber es wirkt unheimlich und geheimnisvoll auf dem düsteren Hintergrund und vor den Er- eignissen, die sich über diesem Lande zusammenbrauen. Der Krieg schwenkt seine schwarze Fahne! Der erste Wellenschlag der Mobilmachung ist jetzt abgeebbt. Was in der Stadt noch steht und noch immer in Braunjacken und nun schon ganz„malerisch geflickten Kostümen vom Lande herzuströmt, ist zweites Aufgebot, für das die Bestände keine Uniformen mehr aufwiesen. Dgs erste Aufgebot ist bereits, feldgrau und gut ausgerüstet, abgerückt— der Südgrenze zu, über die hinweg die serbischen Truppen wohl den ersten Stoß in der Richtung von Uesküb versuchen werden. Auf dem Bahnhof ist ein Gewirr und Gemurmel. Soldaten, Landwehrleute, Bauern, Freiwillige mit dreifarbiger Armbinde, Sanitätspersonal— alles quirlt durcheinander. In den Schenken sitzen mit aufgehauenen Ellbogen die Einberufenen, trinken Sliwowitz und träumen von Sieg.' Durch die Straßen eilen Offiziere mit Geschäftsmiene und sogar Automobile ent- deckt man nicht ohne Venvunderung. Eisenbahn und Post sind in niilitärischer Verwaltung. Die Zensur steckt ihre Nase in jeden Brief und in jedes Telegramm, und ivährend mir auf dem Hauptpostamt ein Fräulein von rund sechzig Lenzen Briefmarken abzählt, schaut ihr ein martialischer Oberleutnant mißtrauisch über die Scbulter; ex ist sich nicht ganz im klaren, wann das Staats- gefährliche der Handlung beginnt und er einschreiten muß. Exakt und prompt— klipp und klapp I— ist die Mobilmachung Von statten gegangen, pünktlich haben sich die Ein� berufenen gestellt, ohne Störung sind die Militärzüge davon- gerollt, in endloser Kette, einer nach dem anderen. Auch in die Reihen unserer führenden Genossen hat die Mobilmachung breite Lücken gerissen. „Freund Dimitri?" „Ist Leutnant und steht mit dem ersten Regiment an der Grenze!" „Und Tolawitsch?" „Leutnant und an der Grenze!" „Und Ljuba Sassitsch?" „An der Grenze!" Auch in dem Bureau des Arbeitersekretariats tummeln Situation besser kenneck. In Finanzkrersen zweifelt man stark an einer langen Tauer des Krieges.. Nur der Türkei und in geringerem Maße Griechenland spricht man die Fähigkeit zu, Mittel aufzutreiben. Das Urteil der Londoner Finanz ist um so ungetrübter, als sie wenig am! Balkan interessiert ist, weshalb auch die letzten Ereigniffe die Londoner Börse weit weniger beeinflußt haben als die Berliner und Pariser. Die Stimmung in Paris. Paris, 9. Oktober.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".)-Die Beurteilung der europäischen Lage ist heute optimistischer. Ausfallend ist die Schweigsamkeit des „Temps", dessen Leitartikel sich auf den Balkankonflikt be- schränkt und die„Verdächtigung" der Wiener Presse an dem guten Glauben der Großmächte als total ungerecht, zünr mindestens aber als inopportun bezeichnet. Dagegen sagt das„Journal des Debats":„Die Situation ist offenbar viel ernster als 190 9. Diesmal handelt es sich darum, den durch den Berliner Vertrag geschaffeneil politischen und territorialen Zustand zu ändern. Tie Balkanliga beteuert, für die mazedonischen Christen Genug- tuung anzustreben. Tie Großmächte erklären, über den Statusquo einig zu sein, aber, ob aufrichtig oder nicht, diese Versicherungen entsprechen nicht der Wirklichkeit. Hinter den Kulissen und auf der Szene des europäischen Theaters werden verschiedene Hand- lungen gespielt. Die Gefahr bleibt gleich groß, ob Bulgarien oder die Türkei siegt. Im ersten Falle wird die Begeisterung der Balkanchristen und Slawen die diplomatischen Abmachungen umstürzen, im anderen Falle wird die russische öffentliche Meinung die Preisgabe der Slawen nicht erlauben." Angesichts der Lage beschwört„Journal des Debats" die Regierung, sich in Marokko nicht zuviel zu engagieren. An der Börse herrschte allgemeine Baisse, besonders in Balkanwerten und Nüssen. Die Stimmung des Publikums ist sehr gedrückt, die Befürchtung besteht, daß Frankreich durch die russische Allianz in den Konflikt hinein- gezogen werden könnte. Die blamierte Diplomatie. Ter Wortlaut der Note. Paris, 8. Oktober. Die Agence Havas veröffentlicht den Text d e r N o t e, die heute den Balkan staaten durch die Ver- treter Rußlands und Oesterreich-Ungarns überreicht worden ist. Die Regierungen Rußlands und Oesterreich-Ungarns erklären darin den Baltanstaaten erstens: daß die Mächte jede Mjaß- regel, die geeignet wäre, eine Störung des Friedens herbei- zuführen, energisch mißbilligen; zweitens: daß sie. gestützt auf den Artikel 23 des Berliner Vertrages, die Verwirklichung der Reformen in der Verwaltung der europäischen Türkei im Interesse der Bevölkerungen in die Hand nehmen werden, wobei es sich verstehe, daß die Reformen keine Verletzung der Souveränität des Sultans und der territorialen Integrität des ottomanischen Kaiserreiches mit sich bringen. Diese Erklärung behält übrigens den Mächten die Freiheit zu einer gemeinschaftlichen weiteren Prü- sung der Reformsrage vor. Drittens: sollte trotzdem der Krieg ! wischen den, Ballanstaaten und dem türkischen Reich ausbrechen, o werden di'e Mächte btz i m' A ü sgern g des Kampfes keine AenderungdeSterritorialenStatusquodec europäischen Türlei zulassen. Die Mächte werden bei sich Krieger herum, rücken die Khakimütze zurecht und proben den Gurt des kurzen Seitengewehrs... Wenn eine neue Ausgabe der Zeitungen erscheint, werden die noch feuchten Blätter den Jungen aus der Hand gerissen. Und aus der ganzen Presse, mit Ausnahme natürlich der sozialistischen Arbeiterzeituna, hallt das wilde Geschrei:„Rat,! Rat!"„Krieg I Krieg!" Die„Schtarnpa", die„Tribuna", die .,Araecha"— sie kennen nur eines: Krieg! Das verständig und gut geleitete Organ der Exportinteressenten: Krieg! Krieg! Das Leibblatt der berüchtigten Offiziersvereinigung „Schwarze Hand", das den Karageorgiewitsch die Rolle der Dynastie Savoyen von 1859 zuweisen möchte und sich darum Piemont nennt(aber Pasitsch, der alte Bakunist, ist kein Cavour und Peter nicht einmal ein rv galantuorno), tobt am wildesten und stürzt sich in die größten Unkosten. ES hat— auch ein Beitrag zum Körner-Jubiläum— Theodor Körners Lied:„Du Sckwert an meiner Linken I" als feurigen Kampf- ruf ins Serbische übersetzt: Lcbta snatschi, sablo, s levog bedra Twoja siajnost wesela i wedna? Ti me gledaach milo taio To me tek raduje iako. Ura! Aber schließlich dient ein schlechter Sliwowitz inehx zur Eutfachung rechten Heldentums als selbst bessere Verse. Seif zwei Tagen hat Serbien auch feinen Nogi; das ist ein Major im Ruhestand, ein alter Haudegen, der sich in drei Feldzügen mit Bulgaren und Türken herumgeprügelt hat. Jetzt konnte er's nicht verwinden, daß er statt des Donners der Geschütze nur den schwachen Widerhall der Schlachten aus den Zeitungsblättern vernehmen sollte, ging hin und schoß sich tot. ein Held oder ein Narr, oder vielleicht beides in einem. Dieses Beispiel wird nun zwar so leicht keine Nach- ahmung finden und ist im Grunde auch nur bezeichnend für die versteinerte Gedankenwelt eines alten Gomaschenknopies. aber deshalb ist die Masse de« Volkes noch lange nicht gegen den Krieg l Eher das Gegenteil! Der Gepäck- träger am Bahnhos flüstert zwar, sich scheu umsehend:„Ich bin für den Frieden!" Und zwar mit Recht: denn schon jetzt ist der Strom der Fremden ganz versiegt. Aber die Masse, Kleinbürger. Bauern, von der dünnen großbourgeoisen Schicht ganz zu schweigen, ist dumpf davon durchdrungen, daß der Krieg eine Notlvcndigkeit ist. Serbien sitzt wie die Maus in der Falle, Serbien wird ökonomisch von Oesterreich-Ungarn erdrosselt— schlimmer, sagt sich alles, kann es durch einen Krieg nicht werden, nur besser! So sieht man dem Krieg entgegen, nicht in trunkener Begeisterung, aber mit einer Mischung von Ergebung und Zuversicht und horcht gespannt nach der türkischen Grenze zu. ob der erste Schuß noch nicht fallen wird einein Kranken gleich, der vor einer gefährlichen Operation steht, aber ohne Operation rettungslos verloren. wäre. Es mutz sein!? Wenn sich auch heute laute und lohende Begeisterung hätte zeigen wollen, wäre die Flamme schnell erstickt worden. Denn aus dem Gesprüh ist ein Bindfadenregen geworden, die ungepflastertcn Straßen sind Schulbeispiele von schier unpassier- baren Morästen, es regnet ohne Unterlaß, und aus dem Konäk Peters, der sich wohl die Rückseite seiner Karten betrachten mag. zweifelnd, ob er einen Trumps im Spiele hat. hängt die Fahne naß und schlaff herunter. Set Pforle gemeinsame Schritte im Sinne der vorstehenden Er- tlärung unternehmen. Zu spät! Paris, 8. Okiober. Der Schritt derBertreterRutzlands und Oesterreich-Ungarns bei der montenegrini- scheu Regierung fand heute vormittag 11 Uhr statt, aber schon um 9'/b Uhr waren dem türkischen Geschäftsträger die Pässe zugestellt worden. Die montenegrinische Regierung konnte also den Gesandten Rußlands und Oesterreich-Ungarns erklären, daß der Schritt der Mächte zu spät käme, da die diplomatischen Beziehungen bereits abgebrochen seien. Sie fügte hinzu, ihre Vor- stellungen bei der Türkei seien seit zwei Monaten ergebnislos ge- blieben, und sie habe sich daher, da sie nicht friedlich zum Ziel kommen konnte, genötigt gesehen, zu den Waffen zu greifen. Selbst auf seine eigenen Kräfte angewiesen, könnte Montenegro nicht anders handeln. Die Komödie in Athen. Athen, 9. Oktober. Die Gesandten Oesterreich-Ungarns und Rußlands haben gestern abend der Regierung die erwartete Erklärung überreicht. Der russische Gesandte sprach außerdem in freundschaftlichem Tone eine Ermahnung aus. Bulgariens Spott. Sofia, 9. Oktober. Die Bulgarische Telegraphenagentur meldet: Der Mini st errat verhandelte heute über die gestern vom russischen und vom österreichisch-ungarischen Ge- sandten dem Ministerpräsidenten und Minister des Aeußern Geschow überreichte Mitteilung. Der Ministerrat fand in dieser Mitteilung leidernichtdas.wasererwartet hatte, nämlich genaue Angaben über die der Türkei vor- geschlageneu Reformen und Garantien für deren Verwirk- lichung. Ter Ministerrat will, ehe er eine Entschließung faßt, mit den Kabinetten in Belgrad und Athen einen M e i- nungsaustausch über die besagte Mitteilung pflegen. Auch Serbien höhnt. London, 9. Oktober. Wie das Reutersche Bureau erfährt, hat die s e r b i s ch e Regierung die Mächte benachrichtigt, daß sie die Antwort auf den Schritt der Mächte in ein oder zwei Tagen geben werde, und hinzugefügt, daß Serbien den Schritt als ein wenig verspätet ansieht, in Anbetracht der türkischen Mobilisiermig und der bereits zwischen der Türkei und Montenegro ausgebrochenen Feindseligkeiten. Die Auffassung der französischen Regierung. Paris, 8. Oktober.(Meldung der Agence Havas.) Die Kriegserklärung Mo n t e n e g r o s ändert natürlich die Lage beträchtlich. Die Aussichten auf eine friedliche Bei- legung, die gestern noch bestanden, erscheinen merklich ver- ringert. Es ist unwahrscheinlich, daß Montenegro zu dem Mittel einer so ernsten Rote gegriffen hat, ohne sich die wirk- same Unterstützung der anderen Balkanstaaten zu sichern. Leider muß man es so gut wie sicher annehmen, daß die Be- mühungen der Mächte bei den anderen Staaten, besonders bei Bulgarien, vergeblich bleiben werden. In der Presse gelangt trotz der lebhaften Besorgnis über die möglichen Folgen der montenegrinischen Kriegserklärung die Hoffnung zum Ausdruck, der Balkankrieg möge lokalisiert bleiben. Es herrscht fast durchweg die Ueberzeugung vor, daß der Schritt Montenegros aus Anstiften Bulgariens erfolgt sei.„Petit Pariften" will wissen, daß die bul- gci�Me Regierung zuerst die Griechen aufgefordert habe, die Türkei anzugreifen, daß sie aber, als sie die Lauheit Athens bemerkte, sich an Montenegro gewandt habe, das bereits seit drei Monaten vollständig unter Waffen stehe. .�Figaro" schreibt: Für Europa liegt nunmehr das einzige Heil im Paragraph 3 der gestern den Balkanstaaten über- reichten Note. Die von den Großmächten übernommene Ver- pflichtung, daß keinerlei Veränderung des«tatusquo der europäischen Türkei zugelassen werde, müsse die Grundlage für sedes weitere diplomatische Vorgehen bleiben. Ter Balkanbund. Paris. 9. Oktober. Nach Mitteilungen aus diplomatische» Kreisen, die indessen nur unter allem Vorbehalt wiedergegeben werden können, kann man nicht eigentlich von einem Bündnis der Balkanstaaten sprechen. Montenegro soll z. B. nicht mit Serbien verbündet sein, aber Bulgarien soll nach Abschluß eines Vertrages mit Serbien einen zweiten mit Montenegro und dann einen dritten mit Griechenland abgeschlossen haben. Bulgarien wäre also das die Nachbarstaaten einigende Band und seine Rolle demnach vor- herrschend. Die Stimmung in Serbien. Unser nach dem Balkan entsandter Sonder- korrespondent schreibt uns aus Belgrad: Wie es mit Bulgarien, mit Griechenland, mit Monte- negro steht, wird sich zeigen. Was Serbien angeht, so kann man sich an Ort und Stelle Tag für Tag mehr davon überzeugen, daß der bevorstehende Krieg wirklich in der Gunst des Volkes wurzelt. Schon die schier preußische Prompthcit — und preußische Pramptheit und Balkan schließen sich sonst aus tvie Feuer und Wasser— mit der sich die Mobilmachung vollzog, war ein Gradmesser für die Stiinmung der Massen. Säße ihnen Unlust vor dem Krieg in den Knochen, so lstitte die Mobilmachungsmaschine wesentlich langsamer und mit mancher Stocknng gearbeitet. Aus den Zeiten des Türken- krieges vor dreißig Jahren gibt es ein Volkslied, das drastisch den Unterschied zwischen Besitzenden und Nichtbcsitzcnden im Kriegsfall darstellt: jene hocken als Intendanten in den warmen Bureaus und gaunern sich als Lieferanten die Taschen voll, �icse müssen ihre Haut zum Markte tragen und Weib»nd Kind verhungern ihnen daheim. Dieses schlicht antinlilitaristische Lied ist diesmal nirgends angestimmt worden. Willig und entschlossen hat. wie aus allen Distrikten des Landes übereinstimmend gemeldet wird, der Bauer Pflug und Scholle verlassen, um sich mit der Flinte auf der Schulter in Reih und Glied zii stellen. Darum ist es falsch von einer kunstlich gemachten Kriegs- begeisterung zu reden, zumal von einem Iguten und lärmenden Stiaßenenthiisiasinus weit iveniger zu spüren ift, als von einer stillen Entschlossenheit, das Nötige zu tun. Man mag auch endlich einmal das törichte Gerede von den Nationen der Hammel- diebe, die nicht Ruhe halten könnten, und den Balkalistaaten, deren ganze Produttion nicht in die Handelsstatistik, �sondern in ein Lehrbuch der Zoologie. Kapitel über Insekten, gehöre, der bürgerlichen Presse überlassen. Die Balkanfrage ift eine Verflechtung so vieler und so schwieriger Fragen ökonomischer, historischer, sozialer, nationaler und kultureller Art, daß pe noch manche Nuß zu knacken geben wird. Innerhalb des Kapitalismus handelt es sich für die Serben im besondern bei dem Krieg gegen die Türken um einen Existenzkampf. auf Leben und Tod. Bei dem bestehenden Zustand gehen sie zu- gründe, sie ersticken und wollen sich Luft schaffen, und da kommt eS ihnen auf eine Fensterscheibe mehr oder weniger,, die dabei zerschlagen wird, nicht an. Sie. wollen unter den I Augen Europas beweisen, daß sie ein Recht auf ihre nationale i Existenz haben, und da im Zeitalter des Militarismus, wie das Beispiel Japans im russischen Kriege zeigt, dieser Beweis am besten mit dem Schwert gefuhrt wird, ist auch nach dieser Richtung hin die Kriegslust erklärlich. Die Sozialdemokratie westeuropäischer Länder, die nur in dem Gedanken der sozialen Revolution lebt und webt, schaltet im allgemeinen die Möglichkeit nationaler Re- volutionen aus und ist nur allzu leicht geneigt, die Nationa- litätenfrage der kleinen Balkanvölker als wenig bedeutungs- voll beiseite zu schieben. Sehr mit Unrecht! Wir West- europäischen Sozialdemokraten sitzen längst im festgefügten Hause und kämpfen um die Frage, wer Herr in diesem Hause sein soll, ob eine Handvoll der besitzenden Schicht, ob das Volk in seiner Gesamtheit. Bei diesen Balkanvölkern aber ist die Frage die, wie ihr Haus zustande kommt. Nicht nur in ihrer ökonomischen, sondem auch in ihrer nationalen Ent- Wickelung sind diese Länder um mindestens zwei Menschenalter hinter Westeuropa zurück, und selbst wenn der„Piemont", das Blatt der nationalistischen Desperados Serbiens, das den Krieg um jeden Preis und nach allen Fronten will, nicht tagtäglich den Vergleich breitträte und zu Zitierzwecken so Mazzini wie Leopardi strapazierte, drängte sich der Vergleich zwischen dem ungeeinten und zum Teil unter der Fremdherrschaft stehenden Italien von 1859 und diesen Balkanstaaten immer wieder von selbst auf. Die Serben sind ein Volk von 12—14 Millionen. Davon aber wohnen im Königreich knapp 3 Millionen, rund 10 Millionen sind fremder Herren Untertanen, des Habsburgers wie des Großtürken: was in den schwarzen Bergen Montenegros sitzt, ist nur ein. kleiner Bruchteil. Diese Serben nun in Maze- donien, in Sandschak Novibasar, in Bosnien und der Herzegowina, in Dalmatien, Kroatien und Ungarn oder wenigstens ein hinreichender Prozentsatz mit den Serben des Königreichs M einer nationalen Einheit zusammengeschweißt, und für Serbien gäbe es keine Balkanfrage mehr, denn dann hätte es einen großen inneren Absatzmarkt und gute Ausfuhrmöglich- keiten und würde rasch eine blühende Industrie in seinem Schoß entwickeln und damit den Sozialismus I Nach allem ist es begreiflich, daß sich die serbffche Sozial- demokratie in einer nicht angenehmen Lage sieht, und um so anerkennenswerter ist ihre Haltung. Sie protestiert gegen den Krieg, sie warnt vor dem Abenteuer, in das sich Serbien hineinstürzen will. Aber sie verkennt dabei nicht, daß die Umstände die Stimmung für das Abenteuer geschaffen haben. Sie brandmarkt das, was sich Patriotismus der herrschenden Klassen nennt, sie betont wieder und wieder die Möglichkeit, die Balkanfrage durch eine ökonomische Föderation der Balkanstnaten mit Einschluß der Türkei zu lösen. Sie weiß, daß dynastische Interessen und die von Militärcliquen bei der Entwickelung der Dinge die Hand im Spiele hatten, sie weist darauf hin, daß, wer den Balkan- krieg will, mit brennender Kerze über offenen Pulverfässern hantiert und daß dabei ganz Europa in die Luft gehen kann, und ihre Vertreter in der Skuptschina, die Genossen Kazlerowitsch und Laptsche witsch haben die Kriegskredite perweigert und die Friedensliebe als Sozialdemokratie tapfer unterstrichen.� Aber sie hat nicht die Macht, wie die radikale Sozialdemokratie Bulgariens, Versammlungen gegen den Krieg abzuhalten, sie muß auf jede Aktion gegen den Krieg verzichten. Denn einer Aktion gegen den Krieg, würden sich heute nicht einmal Dutzende, geschweige denn Massen anschließen. So kann ihre Aufgabe nur sein, den herrschenden Geivalten auf die Finger zu passen und im geeigneten Moment hervorzutreten. politifebe deberllcdt. Berlin, den 9. Oktober 1912. Nochmals der Mannheimer fortschrittliche Parteitag.- Wie andere nationalliberale Parteiblätter ist auch die„Köln. Ztg." mit dem Mannheimer Parteitag der Fonschriulichon Volkspartei sehr zufrieden, da sich nach ihrer Ansicht ein deutsicher„Zug der Müßigung" durch die Verhandlungen zog und die Fortschrittliche Volksparlei trotz ihres radikalen Gebarens sich dem Nationallibera» lismus betrüchtlich genähert hat. Das Kölner Blatt meint:- In Mannhelm hat in den letzten Tagen die Forlschrittliche Volkspartei ihren Parleiiag abgehallen, eine Tagung, die inter- essant und stürmiich zugleich war. Das Ergebilis der drei Tage ist für Außenstehende ziemlich überraschend. Man tonnte bisher nickt wissen, daß die gemüßigten Elemente im deutschen Freisinn, die in seiner Presse ver- hültuismäßig schwach vertreten sind, auf der offiziellen Tagung der Partei so stark waren, daß sie Forderungen der demokratisch gerichteten Frei- sinnigen glatt zu Fall bringen und ihre eigenen Wünsche durchsetzen konnten. DaS geschah aber fast auf der ganzen Linie in allen grundsätzlichen Fragen. Daß der Parteitag sicv mit den MitlelstandSsrage» befaßte und dazu eine den Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden recht freundliche Entiltiließiing faßte, will zwar nicht sonderlich viel be- beulen. Hier pflügte der Parteitag nicht gerade tief, und die Freundschaft für den Mittelstand ist. wenn es sich um daS Neiolutionenfassen handelt, allen Parteien gemeinsam. Die.Kölnische Zeitung" legt dann dar, wie bei den VerHand- lungcn über die Zoll- und Agrarpolitik, die Arbeiterfrage, da« Franenstimmrecht die Gemäßigt-Llberalen überall den Radikalen mit Nachdruck entgegentraten und deniokralische Beschlüsse zu verhindern wußlen. Zmn Swliih schreibt sie mahnend und lobend: In einigen Fragen alleidings, über die in liberalen Kreisen überhaupt kein Srml mebr ist, kam der Parteitag zu rascher Einigkeil: in alle» Hauptfragen aber, das zeigen ichon die wenigen Beispiele, bewies man einen un verkenn« bare» Zug der Müßigung. Den ersten Schritt auf dieser Pahn tat der Freisinn, pls er unler dem Fürsten Bülow seine Heeres- und Flouengegnetschast abschwur. Heute ist er schoii einen beträchtlichen Schritt weitergegangen. Für den Politiker der bürgerlichen Mitte bietet deshalb der Verlaus der Maiinbeimer Tagung eine gewisse Befriedigung; er sieht, daß die Uebertreibungen. an denen gerade die letzten Jahre so reich ivaren, an sich sellsst zu sterben beginnen. Während aber so der sachliche Unterschied der fortichntibcheii Poliii! gegen die der radikalen Lücken immer schärfer wird, ist das poliiische Verhältnis von Partei zu Parle, nach wie vor eng. Das Abkommen bei den letzten Reichs- tagswahlen fand wie in Chemnitz so auch in Mannheim fast durchweg Beifall. In ihrer Haltung zur Sozial- demokratie unterscheiden sich also National- liberale und Freisinnige heute noch am schärfsten. Ob allerdings die Freundschaft des Freisinns für die Sozial- demokratie genügend sachlichen Ritt hat, ist uns nach der Mann- heimer Tagung zweiielhasl geworden. * Höchst kurios ist, wie immer in solchen Fällen, das Urteil des Blattes des Herrn Friedrich Naumann, der Wochenschrift„Die Hilfe"; ein buntes Gemengsei von politischer Einfalt, Urteilslosig- keit und naiver Selbstbeweihräucherung. DaS Blatt findet, daß der Mannheimer fortschrittliche Parteitag glänzend verlaufen ist und ein seltenes Beispiel von Geschlossenheit, Entschlossen» heit, Gedankentiefe, phrasenloser Gründlich- keit, Sicherheit des Urteils und Gefühls usw. usw. geboten hat. Wörtlich heißt es in dieser Hymne einer außer- gewöhnlich bescheidenen Seele: .Der Mannheimer Parteitag hat am Abschluß einer erst zweieinhalbjährigen Geschichte den eindrucksvollen Be- weis geliefert, daß heute die Fortschriittiche Volks- Partei die einheitlich st e und geschlossen st e deutsch« Partei ist. Dieser Nachweis der Einheitlichkeit und Ge- schlossenheit ist nicht etwa erzwungen durch eine große, gemachte Kundgebung, wie auf dem Berliner Parteitag der National- liberalen, auch nickt durch Regiekuuststücke und Vertagungen, wie auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Chemnitz. Die Ge- schlossenheit ist einfach da, weil ein einheitlicher Wille in der Partei lebendig ist. Man hat sich keineswegs ge- scheut, Meinungsverschiedenheiten in der Auffassung und Be- Handlung einzelner Programmforderungen und politischer Zeit- fragen frei und offen zmn Austrag zu bringen. Aber bei der Aussprache ergab sich eben, daß man in den grund- legenden Voraussetzungen und in den Zielen und vor allem auch in d e r p o lit i s ch e n G es a m t- stimmun g durchaus eines Sinnes ist. Es gibt doch gar schnurrige, weltfremde Käuze im Freisinn. Die Wahlentrechtung in Plauen i. V. Unter Bruch der Geschäftsordnung ist Dienstagnacht von den Stadtverordneten die Mehrheit der Bürger in Plauen entrechtet ivorden. Der Entrechtungsentwurs des Oberbürgermeisters, der ein F ü n f k l a s s e n w a h l r e ch t für die Gemeindewahlen forderte, ist nach achtstündiger Sitzung mit 37 gegen 16 Stimmen angenommen ivorden. Der Oberbürgermeister erklärte, seine Borlage müsse so« fort angenoimnen werden, weil sonst die diesjährigen Stadtverord« netenwahlen noch nach dem alten Wahlgesetz vorgenommen werden müßten und die Sozialdemokraten ein Drittel der Stadtverordneten bekommen würden. Die Stadtverordneten kamen dieser Weisung nach. Um ja die Vorlage unter Dach und Fach zu bringen, wurden durch eine einzige Abstimmung sämtliche Abänderungsvorschläge ab- gelehnt. Ein Antrag auf namentliche Abstimmung, obwohl er ge- nügend unterstützt war, wurde kurzweg verworfen. Die Stadt- verordnetenniehrheit kehrte sich nicht daran, daß dieses Verfahren gegen den klaren Worllaut der Geschäftsordnung verstößt. Bisher war das Plauener Stadtparlament sozialistenrein. Trotz des FünfklassenwahlrechtS werden aber zu Anfang nächsten Jahres wahrscheinlich die ersten Sozialdemokraten dort einziehen. Landtagsersatzwahl in Kalbe-Aschcrsleben. In der heutigen Landtagsersatzwahl für den verstorbenen Grafen Douglas(Freikons.) im Kreise 7 Magdeburg(Kalbe, Oued- linburg, Aschersleben) wurden insgesamt 660 Stimmen abgegeben. Davon entfielen aus Landrat v. Jacobi-Quedlinburg(Kons.) 314 Stimmen und auf Amtsgcrichtsrat Reiß-Staßfurt(Natl.) 216 St im- mcn. Landrat v. Jacobi ist somit gewählt. Germanisierungspraktiken in Nordschleswig. Die Missionsbewegung in Nordschleswia, die die gläubigen Schafe deutscher und dänischer Zunge im Interesse der Staats« erhaltung vereinigt, hat es jetzt auch mit der deutschen Regierung verdorben, seit beim dänischen Flügel dieser Bewegung die Gcwallpolitik der schmachvollen Köllerperiode politische Neigungen wachgerufen hat. Ganz besonders fühlt sich der Borsitzende, Pastor Tonneien, vom„Wohlwollen" der Behörden betroffen. Er hat seinen Posten niedergelegt, nachdem er von seinen Borstandskollegen im Kampf gegen unberechtigle Eingriffe der Behörden im Stich gelassen worden war. Trotzdem will er den Kampf nicht aufgeben, und in einer öffemlichen Erklärung sagt er. es sei nicht nur das Recht. sondern die Pflicht einer Bevölkerung, für die Erhaltung ihrer Nationalität zu kämpfen. Er fordert gleichzeitig seine Glanbens- genossen aus, ihm beizustehen und veröffentlich! einige charakteristische Fälle des Eingreisens der Regierung in die Miisionsarbeit. Einmal wurde dem Verein eine Verlosung religiöser Schriften und Bilder nicht genehmigt; dann wurde die Verkäuferin in der MisstonS- buchhandlung m Haderslebeu, die durch Heirat daS deutsche Staats- bürgerrecht erwarb, ausgewiesen usw. Anonyme Denunziationen. An sämtliche Justizbeamte deS Landgerichts Bochum, sowie auch an sämtliche dortige Rechtsanwälte sind anonyme Schreiben er- gangen, in denen der Staatsanwalt Tr im dorn(ein Neffe des Kölner Zentrumsführers Trimborn) des Betrugs, der Untreue, der Unterschlagung und des Ehebruchs bezichtigt wird. Gegen Trim, dorn, der vorläufig beurlaubt wurde, ist Untersuchung eingeleitet worden.__ Der Papst und die interkonfessionellen Gewerkschaften. Wie das„Mainzer Journak" aus Rom erfahren haß will der Papst die Gewerkschaftsfrage dadurch lösen, daß die Katholiken den nichtkonfessionellen Gewerkschaften nur unter per Bedingung an- gehören dürfen, daß sie gleichzeitig Mitglieder eines ausgesprochenen katholischen Vereins sind, also einem katholischen Männerarbeitcr- verein oder Gesellenverein angehören. Wegen Beleidigung des Statthalters der ReichSlande verurteilt. Vor der Strafkammer des Landgerichts in Essen hatte sich heute der Redakteur der„Rheinisch-Westsälischen Zeitung" Dreßler wegen. Beleidigung des Statthalters der Reichslande Grafen Wedel zu veraniworteu. Die Beleidigung wurde in einer Glosse über den Gravenstadener Fall gefunden, in der da« Regime des Grafen Wedel als pflilbtvergessen bezeichnet wurde. Nach längerer Beratung wurde der Angeklagte zu 200 M. Geldstrafe eventuell 26 Tagen Haft und den üblicben Nebenstrafen verurteilt. Dem Stalthalter wurde die Publikalionsbefugnis in der„Rheinisch-Westsälischen Zeitung" und der„Slraßburger Post" zugesprochen. Italien. DnS Urteil gegen d'Alba. Rom. 9. Oktober.(Privatdepesche des„Vorwärts.") Obwohl die Verleidiger d'vHbaä auf die geistige Minderwertigkeit des Alten- täter« hinwiesen, verurteilte daS Gericht diesen zu 30 Jabren Zuchthaus. Die Geschworenen, zum größten Teil Staatsbeamte, lehnten mit 6 gegen 7 Stimmen mildernde Umstände ab. Der JSjabrige Angeklagte machte einen beschränkten Eindruck und brachte nur allgemeine Phrasen vor. Man hatte allgemein eine Bewilligung mildernder Umstände erwartet. China. Die Chinesen in Tibet. Schanghai, 9. Oktober.(Meldung des Reuterschen BuxeauS.) Wie die„North China Daily News" aus Tatsienlu vom 11. Sep- tember meldet, ist es dem General Tschu, der anfangs September mit 2666 Chinesen von einer starken Abteilung Tibetaner bei Hokoü überfallen wurde, gelungen, sich nach dem einen Tagemarsch entfernten Litang durchzuschlagen. Zu gleicher Zeit»ahmen an- dere chinesische Truppen Hsiangtschöng, und eine starke Abteilung Chinesen rückte auf Derga bor, um sich mit einem von Tatsienlu entsandten Korps zu vereinigen. Die Chinesen beherrschen jetzt taktisch Ost-Tibet, 1666 Lamgs in Litqpg verhalten sich loyal, unp die Stellung der Garnison in Lhassa ist nach der vorliegenden. Meldung sicher. Der dortrge chinesische Kommandant Tsongtinglinj» soll bei den Tibetanern sehr beliebt sein, 6ew*rkrcbaftl!che9. 6111c Vorlage zur VerrtaatUcbung des britifcken Bergbaues. London. 8. Oktober 1912. Die Bergarbeiterföderation Großbritanniens hat be- schlössen, ini ganzen Lande eine systematische Propaganda für die Verstaatlichung des Bergbaues und des Kohlenhandels zu entfalten. Da diese Organisation iiber große Mittel der- fügt und sich auf ihrer eben abgehaltenen Generalversamm- lung einen sozialistischen Präsidenten zugelegt hat, der ein eifriger Verfechter der Verstaatlichung der Bergwerke ist, kann man Wohl annehmen, daß die Frage gebieterisch in den Vordergrund des öffentlichen Interesses treten wird. Die Propaganda soll nicht wie bisher auf Grund rein theoretischer Erörterungen betrieben werden, sondern auf Grund prakti- scher Vorschläge, die in einem Gesetzentwurf enthalten sind, der am 3. Oktober von der Generalversammlung der Berg- arbeiterföderation gebilligt wurde und der Arbeiterpartei zur Einbringung im Parlament iiberwiesen werden soll. Der Entwurf, der von dem juristischen Ratgeber der Arbeiterpartei ausgearbeitet worden ist und dessen Wortlaut vorliegt, ent- hält folgende Bestimmungen: Es soll ein Bergwerksminister ernannt werden, dessen Befugnisse, Gehalt usw. einzeln an- gefiihrt werden. Der Artikel 2 handelt von der Uebertragung der Bergwerke und Mineralien an den Bergwerksminister als Vertreter des Staates und bestimmt, daß an und nach einem festgesetzten Tage die Bergwerke nebst allen zuni Be- triebe notwendigen Mitteln und Einrichtungen wie auch alle im Abbau oder nicht im Abbau stehenden Kohlen in den Besitz der Nation übergehen müssen. Der Artikel 3 legt fest, daß der Bergwerksminister die Bergwerke des Landes kaufen soll, daß er jedoch keine Entschädigung zahlen darf für das Recht, Kohlen zu graben und unterirdische Wegerechte(Grund- besitzerabgaben). Um den Wert der Bergwerke festzustellen, soll(Artikel 4) eine Kommission von 10 Personen ernannt werden, von denen drei von dem Verband der Bergwerks- besitzer, drei von der Bergarbeiterföderation und zwei von dem Gewerkschaftskongreß zu bestimmen sind. Nach der An- uahnie des Gesetzes soll die Kommission den Wert der Berg- werke abschätzen. Der Kaufpreis wird bestimmt auf Grund der durchschnittlichen Jahresförderung in den vorangehenden fünf Jahren, doch darf bei einer Förderung von 100 000 Tonnen oder weniger nicht mehr als 12 Schilling die Tonne Kohle bezahlt werden und bei einer Förderung von mehr als 100 000 Tonnen nicht mehr als 10 Schilling die Tonne. Die Besitzer der Bergwerke sollen dreiprozentige Kohlenbergwerks- scheine erhalten, die erst nach Verlauf von 20 Jahren und dann al pari einlösbar sind. Der Artikel 15 gibt den in den staatlichen Bergwerken beschäftigten Arbeitern das un- eingeschränkte Recht der gewerkschaftlichen Organisation wje auch das Recht zur freien politischen Betätigung. Das Berg- Werksministerium soll nicht allein die Kohlenproduktion fiir die Allgemeinheit übernehmen, sondern auch den Kohlen- verkauf. Privatpersonen wird untersagt, Kohlen auf- zuspeichern oder zu verkaufen: jede Zuwiderhandlung gegen diese Bestimmung soll mit einer Geldbuße bis zu 20 Pfund Sterling für jede Tonne bestraft werden. Die Uebernahme der Bergwerke und Kohlenschätze muß am ersten Tage des fünften Jahres Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes voll- endet seist._ Bertin und Umgegend. Die Zmkerwarenfabrik von Seifert und Haake, Lietztmmn- straße 20/21, sucht jetzt die Streikenden mit allen Mitteln einzu- schüchtern. Auf die Herren Firmeninhaber scheinen die Streik- Posten zu wirken, wie die rote Farbe auf gewisse Tiere. Trieb es doch der junge Herr Seifert so weit, die Streikposten anzuspucken, und einem andern zuzurufen:„Gehen Sie weg, Sie Ludewig, sonst lasse ich Sie wegbringen." Das sollte einmal einer der Streikenden wagen! Wieviel Monate Gefängnis würde es da geben! Die Herren beweisen durch ihre Wutausbrüche nur, wie empfindlich sie sich dadurch geschädigt Habens daß sie in überhebender Weise jede Einigung ablehnten. Achtung, Bauarbeiter Z Zu der Notiz in Nr. 227 des,.Vorwärts', die die Bauarbeiter davon unterrichtet, daß ein Streikbrechervermittler im Lolal Pankstr. 65 Streikbrecher für Pößneck zu werben versucht, teilen wir mit, daß der Inhaber des Lokals, Genosse Michaelis, uns versichert, daß er von dem Inserat in der..Morgenpost" keine Kenntnis hatte, wonach sein Lokal als Sammelpunkt für die Streik- brechervermittelung angegeben lvar. Wir nehmen keinen Anstand, dies im Interesse des Genossen Michaelis zur Kenntnis zu bringen. Der Vorstand des Deutschen Bauarbeitervervandes. Zweigverein Berlin. veuvlckes Keich. Der Verband der Steinsetzer in den Jahren «nd 1911. Der soeben erschienene Bericht für die beiden letzten Fahre kon- statiert zunächst, daß im Gegensatz zu den meisten anderen Gewer- bcn das Jahr 1910 für das Stcinsctzgewerbe noch ein Jahr der Krise und Arbeitslosigkeit lvar. Wie der Bericht besagt, machen sich die Schwankungen des Wirtschaftslebens im Steinsetzgewerbe immer später bemerkbar als in den Gewerben, die mehr direkt von der Lage des Weltmarktes oder des nationalen Wirtschaftslebens abhängig sind. Für die Stabilität des Verbandes spricht es, daß er seine Mitgliederzahl in dieser Krisenzeit zu behaupten vermochte. Im Jahresdurchschnitt betrug die Mitgliederzahl in den letzten zwei Jahren 10 500 und 10 706. Die Fluktuation ist freilich auch hier noch eine sehr starke. Die Zahl der Aufnahmen betrug in den beiden Jahren zusammen 6607, von denen nur 560 sich als dauernde erwiesen. Es sind besonders die Hilfsarbeiter, die in so hohem Maße fluktuieren; seinen Grund hat das in der stetig wechselnden Ac- schäftigungsweise derselben. Für die ständigen Berufsarbeitcr, Steinsetzer und Rammer, hat der Verband Tüchtiges geleistet, sind doch in den 25 Jahren, die der Verband nunmehr besteht, die Löhne in sehr vielen Orten durch das Wirken der Organisation um 100 und selbst bis zu 150 Proz. gesteigert worden. Hand in Hand damit ging eine durchgreifende Verkürzung der Arbeitszeit. Nur einen einzigen Tarif gibt es noch, der eine clfstündige Arbeitszeit vor- sieht, sonst beträgt die Arbeitszeit allenthalben 9, Q'A und 10 Stunden, während bei der Errichtung des Verbandes Arbeitszeiten von 11 bis 14 Stunden täglich keine Seltenheiten waren. Der Verband ist in der Berichtsperiode erneut talkräftig für die Beibehaltung der zollfreien Einfuhr schwedischer Pflastersteine eingetreten und hatte die Genugtuung zum ersten Male auch weitere Unternehmer- kreise für die dem Berufe durch den Zoll drohende Gefahr zu inter- essiercn. Die christliche Organisation, die allerdings praktisch be- deutungslos ist, ist mit phrasenrcichcr„Energie" für den Pflaster- fteinzoll und somit für die Brotlosmachung der Steinsetzer eingc- treten. Die Frage des Reichstarifs für das Steinsetzgewerbe ist durch einen Antrag des Verbandes, der auf Errichtung eines Tariiamtes oder eines Zentralschiedsgcrichts abzielt, erneut in Fluß gebracht worden. Die Verhandlungen darüber sollen demnächst stattfinben. In den beiden Jahren hatte der Verband insgesamt 153 Lohnbewe- gungen zu führen, an denen 9788 Personen, also nahezu die Ge- Berantw. Redakt.: Alfred Wielepp. Neukölln. Inseratenteil verantw.: samtmitgliederzahl des Verbandes, In 281 Orten und 1082 Be- trieben mit 14 422 Beschäftigten beteiligt waren. Streiks und Aus- sperrungen hatte der Verband 54 in 107 Orten und 315 Betrieben mit 3548 Beschäftigten zu führen. Von diesen Bewegungen ende- ten mit Erfolg 135 mit 9565 Beteiligten. Die Zahl der an den er- zielten Erfolgen Partizipierenden ist jedoch erheblich größer, sie be- trägt im einzelnen bei: Arbeitszeitverkürzung für 1748 Personen zusammen 4976 Stunden pro Woche; Lohnerhöhung für 9623 Per- sonen zusammen 29 963 M. pro Woche; außerdem wurde abgewehrt: Arbeitszeitverlängerung für 68 Personen zusammen 377 Stunden pro Woche; Lohnherabsetzung für 249 Personen zusammen 936 M. pro Woche. Eine Verschlechterung der Löhne vermochten die Unter- nehmer in keinem einzigen Fall durchzusetzen. Die Kosten für die gesamten Bewegungen beliefen sich auf 172 924 M., also pro Kopf auf ungefähr 16 M. Insbesondere das Jahr 1911 war ein Kampf- jähr, in dem der Verband drei große Aussperrungen, von denen die im Regierungsbezirk Merseburg nahezu 20 Wochen dauerte, siegreich bestand. Außerdem hat der Verband für Kranken- und Sterbeuntcrstützung und sonstige Unterstützungszwecke namhafte Aufwendungen gemacht. So für Krankenunterstützung 40 298 M., für Sterbeunterstützung 23 950 M. Am Jahresschluß belief sich das Verbandsvermögen trotz dieser hohen Inanspruchnahme auf 254 701 M. Freilich war das nur dadurch möglich, daß die Mit- glieder neben den relativ hohen Wochenbeiträgen im Jahre 1911 noch zirka 50 000 M. Extrabeiträge aufgebracht haben. Auch für die technische Weiterbildung seiner Mitglieder leistet der Verband Gutes, so besonders durch J}ie seit Dezember 1910 erscheinende fachtechnische Beilage,„Die Straße", für die allein seit dieser Zeit 3150 M. aufgewendet wurden. Der Bericht enthält weiter eine Anzahl interessanter Abhandlungen über Tarifbrüche der Unternehmer, über Unternehmerterrorismus, sowohl gegen Ar- beiter, als auch gegen die eigenen Klassengenoffen, ein Thema, das ja gegenwärtig sehr aktuell ist, ferner„Wie königliche Behörden Tarifverträge schützen"; Behörden als Urheber von TarifbrüchtN, Rechtsprechung, Lehrlingswesen, sanitärer Arbeiterschntz und außer- dem einige sehr lesenswerte Kapitel„Aus dem Beamten- und Polizeistaat"._ Eine erfreuliche Entwickclung des Zentralverbandes der Zimmerer, welche zu den besten Hoffnungen auf die bevorstehende Lohn- bewegung berechtigen, ist auch für das zweite Quartal zu verzeichnen. Der Verband umfaßt jetzt 779 Zahlstellen, wovon 16 im zweiten Quartal errichtet worden find. Ihre Zahl hat sich seit 1903 um 73 und nach Beendigung des großen Kampfes im Jahre 19 lO um 68 vennehrt. Mitglieder waren am Schlüsse des Berichlsquartals 64 227 vorhanden. Der Zugang betrug im Laufe des Quartals 13 430. Seit der 1910 erfolgten Aussperrung ist die Zahl der Mit- glieder um 10 602 gewachsen; gemessen an der Zahl der Beschäftigten ein immenser Fortschritt. Ein ebenso erfreuliches Resultat zeitigt die Betrachtung der Finanzgebarung. Die diesjährige Gesamteinnahme bis zum Schlüsse des zweiten Quartals beträgt 872 475,15 M., darunter sind 5314 M. an Eintrittsgebühren und 806 965,65 M. an Beiträgen. An Ver- mögen find 700 890,04 M. iw den Zahlstellen und 2 507 775,26 M. in der Zentralkasse, insgesamt also 3 208 665,30 M. vorhanden. Der Vermögensstand hat sich gegenüber dem gleichen Quartal im Vor- jähre um 1282 234,33 M. erhöht. Tarifbewegung im Lithographen-«nd Steindruckgewerbe. Der große Streik und Aussperrungskampf vom Oktober 1911 bis Januar 1912 führte zum Abschluß loser Vereinbarungen ohne Zeitdauer. die zwischen dem Arbeitgeberschutzverband deutscher Steindruckereibesitzer und dem GehUfenverband der Lithographen und Steindrucker zum Abschluß kamen. Die Vereinbarungen haben also für die übrigen Unternehmer, die dem Arbeitgeberschutzverbande nicht angehören, kein«»Gültigkeit. Der Arbeitgeberschutzverband hat es im März dieses Jahres abgelehnt, gemeinschaftlich mit dem Gehilfenverbande einen sesten Tarifvertrag mit bestimmter Geltungssrist' für das gesamte Lithographie- und Steindruck- gewerbe zu schaffen. wie ein solcher im Buchdruckgewerbe schon seit vielen Jahren besteht, trotzdem eine ganze Anzahl Prinzipale des Sterndruck-ArbeitgeberschutzverbandeS zugleich der Tarifgemeinschaft der Buchdrucker angehören I— Der Verband der Lirhographen und Steindrucker steht aber schon immer auf dem Bode» fester tariflicher Vereinbarungen mit Zeitdauer, er ist Tarif- kontrahent der Zentraltarife für das Chemigraphen- und Kupferdruckgewerbe, für das Lichtdruck- und für das Formstechergewerbe, und er hat auch schon mit zahlreichen Betrieben des Lithographie- und Steindruckgewerbes, die dem Arbeitgeberschutzverbande nicht an- gehören, feste Tarifverträge mit längerer Zeitdauer abgeschlossen. In mehreren Fällen erstrecken sich diese sogar auf alle Betriebe bestimmter Orte oder Bezirke. In der letzten Zeit find nun wieder eine ganze Reihe fester Tarifverträge auf bestimmte Zeiten abgeschlossen worden, die un- gefähr dieselben Lohn- und Arbeitsbedingungen enthalten, wie die mit dem Arbeitgeberschutzverbande abgeschlossenen losen Verein- barungen: Arbeitszeit für Lithographen 48 Stunden, für Stein- drucker 53 Stunden wöchentlich; Mindcstlohn nach vierjähriger Lehr- zeit im ersten Gehilfenjahre, nach den örtliche» Verhältnissen steigend, jedoch nicht unter 20,50 M. pro Woche. Lehrlingsskala: auf 1—3 »nd von da ab auf 1—4 Steindrucker, auf 1—4 und von da ab auf 1—5 Lithographen kann je ein Lehrling ausgebildet werden. Ueber- stundenzuschlag wochentags 25 und Sonntags 50 Proz.; Bezahlung der Feiertage und einer Extraentschädigung für Bronzierarbeiten von 50 Pf. täglich; Lieferung des BerbranchSmaterials, Entschädigung aus § 616 B. G.-B. bei Erfüllung der staatlichen und kommunalen Pflichten bis zu drei Stunden; den im Akkord arbeitenden Gehilfen wird eine solche von 50 Pf. pro Stunde bezahlt. Solche Tarife wurden mit einzelnen Firmen in Berlin, Eßlingen, Göppingen, Hechingen, Viersen, Waldkirch, Zuffenhausen und Darm- stadt abgeschlossen. Alle diese Bewegungen verliefen wieder ohne Kampf. In einer Betannnnachung vom 17. Mai d. I. berichtete bereits der Verband der Lithographen und Steindrucker in der„Graphischen Presse" über eine Reihe abgeschlossener Tarife, durch die in 14 Orten mit 35 Firmen für rund 400 Lithographen- und Steindriickergehilfen die Lohn- und Arbeitsverhältnisse tariflich auf längere Zeilen festgelegt wurden. Anch diese Bewegungen fanden ohne Kamps statt. Bemerkt sei noch besonders, daß es in allen hier berichteten Fällen sich um Unternehmer handelt, die dem Arbeitgeberschutzvcrband Deutscher Steindruckereibesitzer nicht angehören. Dieser ist bekanntlich Gegner von Tarifverträgen._ Bekehrte Scharfmacher. Der Verband Deutscher Stockindustrieller, der zu Beginn des vorigen Jahres i»S Leben gerufen wurde, stellte sich bei seiner Gründung hohe Ziele. Nicht nur, daß er sich vornahm. bei Lohnforderungen und Slreiks die Streikenden von der Arbeil in den anderen Betrieben auszuschlreßen und unter Umständen die Arbeiter der gesamten Stockindustrie auszusperren, anch den„Ar- heitern, die sich von den unberechtigten Bestrebungen loslösen", wollte er seinen besonderen Schutz angedeihen lassen. Er ist aber nicht dazu gekommen. Es fiel den Siockarbeitern gar nicht ein, ihre Organisation, den Deutschen Holzarbeiterverband. im Stich zu lasten. und mit dessen Hilfe haben sie auch in der Folge an der Verbesserung ihrer wirt- schaftlichen Lage gearbeitet, ohne vor Lohnkänipicn zurück- zusckrecken. Der Verband Deutscher Slockindustrieller, der sich tu- zwischen korporativ dem Arbeitgeber-Schutzverband für das deutsche Holzgewerbe� angeschlossen hat. ist schließlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß seine Machimittel nicht ausreichen. den Deutschen Holzarbeiterverband nnterziikriegen und daß eine friedliche Verständigung mit der Arbeiterorganisation anch ihm zum Vorteil gereicht. Die Unternchmerorganisatton wandte sich an den Vorstand des Deutschen Holzarbeiterverbandes mit dem Anerbieten, ein Ab- kommen dahin zu treffen, daß auftauchende Streitfragen stets erst von 'iN. Glocke. BerUn. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstalt Verband zu Verband in objektiver Weise gemeldet und der Versuch einer Einigung gemacht werden soll, ehe eine Aussperrung oder Arbeits- niederlegung staltfinden darf. Auch sollen von� beiden Seiten öffent-, liche Polemiken in Zeitungen und Zeitschriften über aufgetanchte oder bevorstehende Differenzen unterlassen werden, da solche einer Einigung nur hinderlich sind. Der Vorstand des Deutschen Holzarbeiter- Verbandes hat dieses Anerbieten angenommen, wodurch das Ab- kommen perfekt ist.— Die„H o lz a r b e i t e t- Z ei t ung" weist darauf hin, daß man die Bedeutung dieses Abkommens nicht über- schätzen soll, da die natürlichen Gegensätze zwischen Unternehmer und Arbeiter dadurch nicht aus der Welt geschafft werden, aber sie be- grüßt es als ein wertvolles Instrument zur Erzielung von Fort- schritten unter möglichster Vermeidung von Opfern, wenn sie auch abwarten will, ob es die darein gesetzten Erwartungen rechtfertigt. Die hauptsächlichste Bedeutung dieses Vorganges liegt unseres Er- achtens in dem stillschweigenden Zugeständnis der Unternehmer- organisation, daß mit törichten Scharfmachereien gegenüber einer kraftvollen Gewerkschaft nicht auszukommen ist. Der Deutsche Holz- arbeitervsrband kann stolz darauf sein, daß er die Unternehmer- organisation zu dieser Anerkennung genötigt hat. Lohnbewegung der Chemnitzer Strumpfwirker. Seit einigen Wochen stehen die in den Chemnitzer Strumpf« Wirkereien beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen in einer Lohn- bewegung. Zunächst hatten sich die Beteiligten betriebsweise be- sprachen und schließlich wurde in einer großen öffentlichen Versamm- lung beschlossen, die von einer eingesetzten Kommission aus- gearbeiteten Forderungen durch die Leitung des Deutschen Textilarbeiterverbandes den Unternehmern einzureichen. Der allgemeinen Verteuerung der Lebensmittel und Bedarfsartikel entsprechend wurde für sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen eine zehnprozentige Lohn- erhöhung und als Mindestlohn fiir männliche Arbeiter 50 Pf., für weibliche 30 Pf. Stundenlohn verlangt. Weiter wird die Abschaffung des Nadelgeldes. Beschaffung ausreichender Garderobenräume. Aus- bäiignng der Lohntabellen und Beendigung der Arbeitszeit fiir Sonnabends nachmittags 2 Uhr gefordert. Die Mehrzahl der Fabrikanten hielten eS nicht einmal für notwendig, auf das höflich gehaltene Schreiben zu antworten. Am 27. September ging bei dem Bevollmächtigten des Deutschen Textilarbeiterverbandes ein Schreiben des ArbeitgeberverbandeS der sächsischen Textilindustrie ein, in dem abgelehnt wurde, mit dem Verbände zu verhandeln; nur mit den im Betriebe beschäftigten Personen würden die Mitglieder der Chemnitzer Wirker- gruppe verhandeln. Sonst wurde zur Sache nichts gesagt. Unter- zeichnet war das Schreiben: Der Syndikus Enist Roitzsch. Die Ar« beiterschast ist gut organisiert. Sie hat unter der Lebensmittel« teuernng ungemein zu leiden. Ihre Forderungen find gereckte; deren Bewilligung würde noch nickt einmal einen genügenden Aus- gleich schaffen. Deshalb ist die Arbeiterschaft nicht gesonnen, sich mit leere» Redensarten hinhalten zu lassen. Wenn die Unternehmer der Arbeiterschaft kein Entgegenkommen zeigen sollten, ist es nicht ausgeschlossen, daß es in nächster Zeit zu ernsthaften Differenzen kommen wird. Die wirtschaftlichen Kämpfe werden notwendig durch die unglückselige Zoll- und Steuerpolitik, die gerade von den Ver« tretern der Unternehmer mitgemacht wird. HusUrnd. Brauereiarbeiterbewegung in Obervayer«. Wie in München, so hat auch der Verband der Brauerei« und Mühlcnarbeiter den mit dem Kreisverband ober« bayerischer Landbrauereien abgeschlossenen Zonen« t a r i f am 1. Oktober für 1. Januar 1913 gekündigt. Mit München kommen insgesamt 59 Betriebe mit rund 5300 Personen in Betracht. In ganz Oberbayern sind die Brauereiarbeiter bis zu 96 Proz. organisiert. Bei der kommenden Bewegung sollen ins- besondere eine Reihe von Brauereien, die bis jetzt noch nicht unter dem Zonentarif gestanden, in den Bereich des ZonentarisS ein» bezogen werden. Im übrigen streben auch die in den Landbrauereieu Mchäfligten Arbeiter dem gleichen Ziel zu wie ihre Münchener Kollegen: nämlich Beseitigung der Sonntagsarbeit uyd Erhöhung der Löhne; ferner geht das Bestreben dahin, daß sämtliche in den Brauereien beschäftigten Arbeiter in den Zone»- tarif einbezogen werden. Sie Lage auf Sem ßato. Ein heftiger Zusammenstoß. Saloniki, 9. Oktober.(Meldung des Wiener k. k. Telegr. Eorr.-Bureaus.) E s s a d Pascha, der den Marsch von Aktsche-Hissar nach Skutari fortgesetzt hat, hatte in der Ge- gend von Berane ein Bataillon zur Sickierung der Straße zurückgelassen. Dieses ist von starken Arnauten- scharen angegriffen worden und hat schwere Verluste erlitten. Die Arnauten sind aber mit emp- findlichen Verlusten zersprengt worden. Anwerbung von Freiwilligen in Rußland. Moskau, 9. Oktober.(W. T. B.) Heute haben sich auf einer großen Sympathieoersammlung sür Serbien dreitausend Freiwillige eingeschrieben. Odessa, 9. Oktober.(W. T. B) Mit Genehmigung der Re- gierung hat das griechische Konsulat mit dem Einschreiben von Kriegsfreiwilligen begonnen. Es haben sich bereits 150 gemeldet. � Der Krieg das einzige Mittel? Sofia, 9. Oktober.(W. T. B.) Das Blatt„Mir" schreibt in einem Leitartiel: Die Forderungen der Verbündeten Balkanstaaten sind seit langer Zeit bekannt. Die Mobilisierung i st eine Folge des Unvermögens der Türkei in ihren Pro- vinzen Ordnung herzustellen. Wenn die Halbinsel aufhört. Europa zu alarmieren, so können die Mächte den Balkanstaaten für diesen Dienst nur dankbar sein. Ter Türkei eine neue Frist für die Durch- fuhrung von Nefornien durch sie selbst geben hieße den Krieg wün- schen. Ter Schlüssel der Situation liegt in der Einführung einer wirksamen internationalen Kontrolle sür die Durchführung der Reformen in der Türkei. letzte piachricbtcm Dtk„Befehl des Polizeipräsidenten" und die Berliner Feuerwehrleute. Berlin. 9. Oktober.(P. C.) Infolge der bekannten Verfügung des Polizeipräsidenten sind 500 Feuerwehrleute aus dem„Verein Berliner Feuerwehr" ausgetreten, sie haben jedoch ihrer Austritts- erklärung sämtlich die Bemerkung hinzugefügt:„Auf Befehl des Polizeipräs idente n". Auf einigen Fcuerivachen soll dieser Zusatz beanstandet worden sein. Darauf erklärten die betreffenden Feuerwehrleute ihren Austritt„auf eigenen Wunsch", teilten ihrer Organisation aber gleichzeitig mit, daß die Austrittserklärung„auf eigenen Wunsch" erzwungen worden sei._ Eingemeindung mehrerer Landgcbicte in die Stadt Hamburg. Hamburg, 9. Oktober.(P. E.) Die Hamburger Bürgerschaft genehmigte«in ihrer heutigen Sitzung das Gesetz betreffend den Anschluß einzelner Teile des Landgebietcs an die Stadt Hamburg. Es kommen in Betracht: die Landgemeinden Groß-Borstel. Alsterdorf. Ohlsdorf. Fuhlsbüttel uich Klein- Borstel. Ferner genehmigte die Bürgerschaft die Vereinigung der Elbinseln Sternwärder und Waldshos zu einem Stadtbezirk.___ HaulSingerä!Eo.,Berlin2VV. Hierzu 4 Beilagen u. Untcrhaltungsbl. Nr. 337. 39. Jahrgang. 1. Sfilnjf des Jotiuirte" Iniinn Islbtilntt. Donnerstag. 19. Mobtrl9l3. Quittung» c r �ln �ortaJ September gingen bei dem Unterzeichneten folgende Partelbe, träge ein: 2. Von vier jungen marxistischen Akademikern in München 2o.—. 3. Stratzburg-Land 4. Qu. 100.33� Berlin A. P*. Hansa- «ertä 5- Köln Reg. W. 20.—. 7. VI. Hannov. Sit. 660,—. 9. Berlin W. 50, K. T. 30,—, Bezirk Nordbayern für 21 Kreise 4 En,(Amberg 33,40; Neumarl i. O. 10,92; Neustadt a. W N. «o,76; Hos 437,86 Bayreuth 439,12: Forchheim 147,98! Neuen- bürg v. W. 2.70; Kronach 104,20: Bamberg 172,16: Nürnberg 3831.10: Erlangen 989,—: Ansbach 336,72: Eichstätt 34,38: Dinkels- buhl 52,46: Rotenburg 39,36: Kitzingen 24,54: Neustadt a. S. 23,22: Schwei,, surt 248.10; Würzburg 341,20; Aschaffenburg 118,74; «.ohr 81,98). Sa. 7484,90. Dresden, 4. sächs. Kr. a konto 1912/13 1500,—. Uebcrsch. des„Vorwärts" 2. Qu. 1912 83722,40 lt. Falkenberg O./S. A. L. 3.—. RS. Berlin Dr. L. A. 100,—. RS. Zur Deckung einer Schuld von K. L. 5,—. Schlosser der Firma I. Scheibe. Britz 3,20.»3. Berlin. Abt. Mag- schneider d. Fa. Peel u. Cloppenburg, Grünstr., z. Parteitag 15,—. Chemnitz a konto 2000,-. 24. Berlin, Kollegen b. Fa. Riebe, Kugcll.-Fabr. Weitzensee z. Parteitag 20,05 SS. Hannover a konto 8000,—. 27. Berlin, Gesamtpersonal d. Firma Sitten- feld u. Co.. Heymanns Verlag, z. Parteitag 66,25; Bern, P. L. 50.—. 28. Berlin. Machetes 10.—; Knabe 3.—; M. Schw. 10.—. 3v. Meske-Schlachtensce 10,—; Berlin, v. d. G. Grauertschen Koll. d. Gietz.-Abt. 2 Alt-Stralau. z. Parteitag 29,35: A. B. 50,—; H. H. 60.—; Henmg-Argentinien 5.—; Hamburg I 5000,-; Hamburg II 6000.—; Hamburg III 25 000,—; Groff-Berlin a konto s. 8 Kr., 15 000. Darunter: Lotterieverein„Immer Pech". Pasewalker Str. 1 5.—. d- Vogel 1.—, Uebersch. v. Kaffeek. d. Frauen d. 12. Abt., 6. Kr. Nutz d. Gosse 10.—. Pahr 10.-, A. B. Mister 1.-. Uebersch. d. Frauen d. 6. Abt. v. Kaffeek. 13,65. Bez. 517g, 5,07, John, Hmtze, Kirste 25.—. Uebersch. d. Kaffeek. d. 15. Abt. 5,80, Uebersch. e. Geburtstagsbuketts in Chemnitz 3.—. Arbeiter d. Firma I. P. E. G. 2.50, Einsegnung Benthin 2,10. Aus d. Sechserkasse d. Fa. Müller. Alte Jakobstr. 78, 10.—. Werkstatt Röyler u. Schmidt, Kopernikusstr. 35, 30.—. Von d. Arb d. Fa. Ebenstein 20,-. Gutenberg 33,80. Tellersammlung v. 29. Sept. i. d. Germania 127,15. Tellersammlung v. 29. Sept. im Stadttheater Moabit 168,73. Tellersammlung v. 29. SeK. i. d. Brauerei Königstadt 300,17. Tellersammlung v. 29. Sept. i..d. Coueordia 184,26. Tellersamm- lung v. 29. Sept. i. d. Neuen Welt 212,26. Berlin, den 8. Oktober 1912. Für den P a r t e i v o r st a n d: Otto Braun, Lindenstr. 3. Wir haben unter Rr. 7918, A. Gerisch, F. Eberl. O. Braun. Berlin. Lindenstr. 3. beim Postscheckamt Berlin ein Postscheckkonto und ersuchen daher dringend, alleGeldsendnngen mittels Zahlkarte auf unser Postscheckkonto zu bewirken. Es können darauß an jedem Postschalter Beträge bis 10 000 M. portofrei für uns eingezahlt werden. Zahlkarten mit einge- druckter Adresse senden wir auf Wunsch zu. Ifreiißlschei' Städtetag. Düsseldorf, 8. Oktober 1912. Der Preußische Städtetag, dem kein Mensch, kein konservativer, kein Hypo-Agrarier antiagrarische oder regierungsfeindliche Opposition vorwerfen kann, raffte sich am Dienstag doch zu einem Protest, nein zu zwei Protesten gegen die herrschende Richtung im Reiche und in Preußen auf. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf unsere politischen Verhältnisse. Man denke nur: eine vorwiegend aus Bürgermeistern, Magistratsmitgliedern und ähnlichen„genehmigten" Vertrauens- männern des dominierenden Regiments zusammengesetzte Körper- schaff erklärte und zwar fast einmütig: Wir demonstrieren in schärfster Weise gegen einen Enlwurf der Regierung: wir verlangen Aende- rungen, obwohl die Regierung diesen gegenüber bereits ein„lln- annehmbar" postuliert hat.— Das ist nämlich sinngemäß die Ent- scheidung des Preußischen StädteiageS in der Frage des kleines Feuilleton. „UneSma". So soll das erste monistische„Kloster" heißen, das binnen kurzem aus Thüringer Boden erstehen wird. Auf der dies- jährigen Monistentagung zu Magdeburg wurde die Kindsiaufe voll- zogen(in der Weltsprache Jdo bedeutet das Wort: die Erste), und der Bundespräsident Wilhelm Ostwald kündigte die neue Siedelung als Keim zukünftiger monistischer Lebensformen an.„Das Monistische Jahrhundert" berichtet über die Aufgaben der zu gründenden Kolonie: Die Kolonie würde sich aus den Erträgnissen intensiven gartenwirtschaftlichen Betriebs sowie einiger geeignelcn technischen Nnteruehimingen verschiedener Art selbst erhalten können und so den Raum für ihre sozialen Absichten gewinnen. In erster Linie stehi hier die Kindererziehung. die Aufzucht einer neuen monistischen Generation. Dabei sollen aber auch fremde Zöglinge mit auf- genommen werden, insbesondere die durch die herrschende falsche dualistische Moral geächteten und zumeist der Verwahrlosung preis- gegebenen unehelichen Kinder. Der Unterricht selbst soll nach der besten modernen pädagogischen Methodik erfolgen. Dies zukünstige Unterrichtswesen würde sich durch alle Stufen auswärts bis zur Spezialschule und freie» Akademie ent- wickeln lassen, und späterhin auch die zukünftigen monistischen Lehrer und Sprecher ausbilden können.— Den Erwachsenen würden diese Kolonien Erholungs- und Sckutzorte bieten und Plätze einer wahren, fruchtbaren Geselligkeit. Natürlich würden sich alle diese Pläne nickt an einer einzigen Stätte verwirklichen lasse», sondern voraussichtlich würden bald eine ganze Anzahl solcher Gruppen über ganz Deutschland zerstreut entstehen, jede mit einer nach Lage und Organisation gegebene» Sonderaufgabe. Alle aber ini Gegensatz zu dem wellflüchtigen Charakter der christlichen Klöster als bewußte Pflanzstätten irdischer Arbeitskultur. Soweit der Bericht deS Montstenorgans. Nun ist gewiß das menschenfreundliche Beginnen des Montstenbundes,— vorausgesetzt natürlich, daß solche Erziehungsheime auch �eutcn mit schwachen Mitteln zugänglich sein werden,— sehr lobenswert und von allen Kultursrcunden zu begrüßen. Man braucht ichon deswegen den Ver- kündern deS neuen Werkes nicht zu zürnen, wenn)te den Wein etwas überschäumen lassen und i» solchen Kolonien den Keim erblicken, der„eine Wirksamkeit über Jahrhunderte und Jahrtausende entsalten soll". Bedenklicher aber ist eS,— und zwar fade vom Standpunkte des Jdeenkampfes, den der Bund Monisten führt,— wenn er mit solchen Mittelchen sein Jahr- idert in die Schranken fordern und„jedem einzelnen ein ivürdiges und angenehmes, wenn auch von Arbeit erfülltes Leben" verschaffen will. Ist die Leitung des Monistenbundes von der Wichtigkeit der sozialen Pflichten wirklich durchdrungen, so sollte sie sich doch hüten, dabei einen Standpunkt einzunehmen, der schon mehrere Jahrzehnte tot und begraben ist. ES lag ein weltgeickicht- licher Zug in den Unternehmungen der utopistischen Sozialisten, die durch Gründung von sozialistischen Gemeinwesen die kranke Menschheit zu heilen hofften. Es ist— mit Bedauern sprechen wir da« harte Wort au«— nunmehr lächerlich, wenn man in den Wassergesetzentwurfes. Der Städtetag fordert die Ablehnung der von der Regierung hartnäckig verteidigten Gebührenerhebung, ferner die nach den Beschlüssen der Verständrgungskommission immer noch vorhandene ungerechtfertigte Bevorzugung der Landwirtschaft und die schwere Schädigung der Gemeinden sowie der Industrie. Der Hauvtreferent zu dem Thema, Senator Dr. Weber-Hannover, betonte, daß es notwendig sei, die Abgeordneten aufzufordern, der entgegenstehenden, kategorischen Regierungserklärung zum Trotz, die auf die Gebührenerhebung nicht verzichten wolle, solcher entschieden die Zustiinmung zu versagen. Nach einer eingehenden Erörterung der juristischen Seite des Ent- Wurfes der Regierung kam er zu dem Resultat, daß das, nun mit verdächtiger Eile seinem Abschlüsse entgegengeführte Gesetzgebungs- werk an Mangelhaftigkeit und Jnkonseguenz kaum zu übertreffen sei. Es sei nicht geeignet, die Verhinderung weiterer Verschmutzung der Flüsse durch industrielle Abwässer zu sichern, dagegen bedeute es eine Schädigung der Gemeinden und der Industrie, die man jetzt kaum übersehen könne. Ein Manko bestehe auch noch in dem Fehlen von objektiven Merkmalen für die Bestimmung, zu welcher Rangordnung die meisten Flüsse gehörten. Der zlveite Referent, Stadtrat Dr. Luther- Magdeburg, lehnte den Entwurf ab, weil die Be- stimmungen über das Grundwasserrecht geeignet seien, die Interessen der Gemeinden in erheblichem Umfange zu verletzen. Meist verwaltungstechnische Bedenken erhoben gegen den Entwurf der dritte Referent, Dr. Becker-Minden, sowie verschiedene Diskussions- redner. Mehr oder minder deutlich wurde dabei die Befürchtung ausgesprochen, daß eine Willkür der Behörden zu befürchten sei. Kaum ein Wort der Verteidigung für den ganzen Regierungsentwurf wagte sich heraus, obwohl auf dem Städtetage das konservative Element. ziemlich stark vertreten war. Sonst in der Form. aber sachlich doch bemerkenswert scharf, kam der Gedanke zum Ausdruck: wir protestieren dagegen, daß man den Städten Unrecht zufügt; sie schädigt, in der offenbaren Absicht, der Landwirtschaft Vorteile, Liebesgaben zuzuwenden.— Der Slädtetag erklärte sich mit dem Vorgehen und den Vorschlägen seines Vorstandes, der die an- gedeuteten Forderungen bereits geltend gemacht hat, vollständig ein- verstanden. Von der Strapaze erholte er sich dann wieder etwas durch die reaktionäre Grundlage, die er dem Städtetag als Organisation gab. lieber die Anstellung und Besoldung eines Geschäftsführers entscheidet der Vorstand. Zwar muß dieser auf Antrag der Hälfte seiner Mitglieder einen Städtetag einberufen, aber Anträge aus den Kreisen der Mitglieder kipmen nur dann zur Erörterung gelangen, wenn sie dem Vorstande mindestens 4 Wochen vor der Tagung unterbreitet worden sind. Mit dieser Sperre will man sich offen- sichtlich gegen liberale oder gar demokratische Einbrüche in das Reich der Verwaltnngsbureaukratie sichern. Sogar der liberal angehauchte Oberbürgermeister Wallgraf-Köln hielt cS für notwendig, sich gegen „Ueberrumpelungen" zu schützen. Nachdem man so der preußischen Tradition gepflegt, sah sich der Slädtetag nochmals zur einer Demonstration gegen das Junker- regiment in Preußen-Detitschland genötigt. Oberbürgermeister Mermuth gab der Versammlung den Beschluß des Deutschen Städte- tages in Sachen der F l e i s ch n o t bekannt und erklärte dazu, der Vorstand des Preußischen Städtetages habe sich dem erwähnten Be- schlusse vollinhaltlich angeschlossen. In der Begründung dazu bemerkte er, daß die Beschlüsse des Bundesrates unzureichend seien, der Umstand komme dazu, daß von den genehmigten Einfuhr- erleichterungen nicht alle Städte Gebranch machten, überhaupt wenig zur Abhilfe der Not geschehe. Gegen die Städte werde man dann später den Vorwurf erheben, sie irügen die Schuld für den Not stand! Ohne Widerspruch zu finden, konnte der Redner konstatieren, daß der Städtetag sich auf den Boden der Beschlüsse des Vor- standeS stelle. Damit waren die Verhandlungen des ersten Tages beendet. Der Regierung und dem schwarzblauen Schnapsblock werden sie nicht viel Freude bereiten. Bus der partei* „monistischen Klöstern" etwa? mehr sehen will, als gemeinnützige Einrichtungen von höchst bescheidener Wirksamkeit, wenigstens so lange, als das kapitalistische Interesse, ob„dualistisch" ob„monistisch", die Welt regiert. Wie Nodins Bictor-Hugo-Denkmal entstand. Auf dem Schlacht- felde von Waterloo ist bekanntlich vor kurzem ein Victor-Hugo- Denkmal enthüllt worden; das ist jedoch nicht das einzige und erste Denkmal, das dem Dichter errichtet worden ist: Paris allein besitzt mehrere Standbilder Viclor Hugos, darunter ein von Rodins Meisterhand geformtes im Palais Royal. Dieses Denkmal, das den Dichter in etwas merkwürdiger Pose— er hat sich auf die Seite gelegt— darstellt, ist seinerzeit scharf kritisiert worden; durch den „Soleil" erfährt man jetzt, daß Hugo in dem Tonmodell des Bild- Hauers nicht auf der Seite lag. sondern, fast fünf Meter hoch, auf- recht stand. Das Tonmodell war beinahe fertig, als eines schönen Morgens bei Rodin ein paar Kunstkritiker erschienen, um sich seine neuesten Werke anzusehen; natürlich wollte er ihnen auch seinen Hugo zeigen. Man öffnet die Tür, und Rodin entdeckt zu seinem Schreck, daß der Dichter während der Nacht zusammengebrochen ist: der tönerne Hugo hat sich auf die Seite gelegt! Die Kritiker aber brechen, als sie den seitlich liegenden Dichter erblicken, in Rufe der Bewunderung aus und scheinen die Verlegenheit und da? Entsetzen des Bildners gar nicht zu bemerken. Sie sprechen in Tönen höchster Begeisterung von der allgewaltigen Originalität des Meister«, der immer etwas Eigenartiges schaffe, und erklären einstimmig und mit dem Brustton der Ueberzeugung, daß man es hier mit einem wunderbaren Werk, mit einer einzigartigen Darstellung zu tun habe. „Das wirkt wie ein Erdbeben, wie ein katastrophales Ereignis", schwärmen sie,„und man hätte da« vulkanische Genie unseres großen Dichters gar nickt besser verkörpern können." Sie phantasierten so lange und so eindringlich, daß auch Rodin sich überzeugen ließ und tatsächlich einen liegenden Hugo, anstatt eines aufrecht stehenden, in Marmor bildete. Madama Lucrezia. Aus R o m tvird der„Köln. Ztg." geschrieben: Seit einiger Zeit ist das Baugerüst am Palazzo die Venezia ver- schwunden und der dem Viktor-Emaiiitel-Denkmal zuliebe versetzte Palozetto zeigt sich neu ausgebaut in frischem Gewände den Blicken. Und mit ihm ist auch Madama Lucrezia wieder ans Licht gekommen, jener kolossale Oberleib eines antiken Marmorweibes mit dem römischen Ammenbusen und den durch die Unbilden der Zeit und der Gassenbuben verwischten Gesichtszügen, eines der populären Wahrzeichen des alten Straßengewirrs von Rom. Madama Lucrezia hat durch den Umbau entschieden gewonnen: vordem stand sie jahrhundertelang, an die Rückseite des venezianischen Palastes gelehnt, in einer engen, schmutzigen Gasse, jetzt aber schaut sie aus ihren eingesunkenen hohlen Augen auf einen grünen Schmuckplatz und darüber hinaus auf die weißen Treppen und Säulen des Nationaldenkmals. So ist sie in ihrem Alter wieder in beffere Ver- Hältnisse gekommen, und das war ihr zu gönnen, denn in ihrer Jugend hatte sie bessere Zeiten gesehen. Sie soll ursprünglich, als sie noch hübsch und gut beisammen war, in dem Jsistempel am Marsfeld gestanden und wohl gar göttliche Verehrung genoffen haben. Aber das ist schon so lange her, daß die Römer nichts Das Internationale sozialistische Bnrcan wird Montag, den 28. Oktober, im VolkshauS zu Brüssel zu einer Sitzung zusammentreten. Die vorläufige Tagesordnung ist folgender- maßen festgesetzt: 1. Vertagung des Wiener Kongresses im Jahre 1914-(Vorschlag der holländischen Sektion); 2. Eventuell. Festsetzung der Tagesordnung für den Kongreß 1913; 3. Die politische internationale Lage; 4. Das Vertretungsrecht im Bureau und auf den Kongressen (Borschläge Hillquit und Kautsky); 5. Die Aufnahmegesuche: Der direkte Anschluß der British Socialist Party; der S. D. P. von Holland; der Social- democratic Party von Kanada; der South Asrican Labour Party; der West Australian Socialist Party; der United Labour Party von New-Zealand; der Socialist Party von New-Zealand; der Socialist Party von Victoria; der United Socialist Party- Süd Afrika; Tschechische Zentralistische Arbeiterpartei in Brünn(Mähren). Zum Fall Hildebrand schreibt Genosse Franz Mehring in der Chemnitzer„Volks- stimme": In der Sonntagsnummer des„Vorwärts" veröffentlichen hundert und einige Parteigenossen einen Protest gegen den Aus- schluß Hildebrands aus der Partei. Der„Vorwärts" bemerkt dazu, daß er schon das Nötige gesagt habe, und verweist die Protestler an die höhere Instanz des Genossen Kautsky: Kardinal, ich habe das Meinige getan, tun Sie das Ihre. Und der Kardinal tut das Seine. Die Chemnitzer„Volksstimme" hat die Freundlichkeit gehabt, mir ihre Spalten zu öffnen, nachdem mir der Ort, wo ich mich so viele Jahre lang über Parteifragen äußern durfte, verschlossen war und ist. Ich möchte von dem Anerbieten, für das ich dankbar bin, wenigstens insoweit Gebrauch machen, als ich mich über Fragen auslasse, an deren richtiger Erledigung alle in der Partei Vorhände- neu Richtungen das gleiche Interesse haben oder doch haben sollten. Eine solche Frage liegt in dem Falle Hildebrand vor. Als orthodoxer Marxist, wenn auch nur noch in partiin, s infidelium beginne ich damit, zu sagen, daß Marx und Engels den Ausschluß Hildebrands auf schärfste mißbilligt haben würden. Es sind wirklich nicht immer die Kardinäle, die die Päpste am besten verstehen. Luther verstand auch mehr vom heiligen Augustin, als der Dr. Eck. Marx und Engels haben allemal so viel Vertrauen auf die Kraft ihrer Gedanken gehabt, daß sie alle äußeren Mittel verschmäht haben, um innerhalb der Partei entgegengesetzte Mci- nungen unwirksam zu machen...» Doch es mag gestattet sein, einige Beispiele anzuführen. Kein Gegner Hildebrands hat dessen Partcitätigkeit je für so gemein- schädlich gehalten, wie Miarx und Engels die Parteitätigkeit Lassalles eingeschätzt haben. Sie warfen ihm nicht mehr und nicht weniger vor. als frivoles Kokettieren mit dem Absolutismus und Feudalismus. Aber sie haben ihn niemals exkommuniziert. Sie haben niemals öffentlich erklärt: Du gehörst nicht mehr zur Partei. Und das war nicht nur gerecht von ihnen, sondern auch klug, wie- die gerechteste Politik immer die klügste ist. Denn hätten Marx und Engels sich öffentlich von Lassalle abgekehrt, weil er Partei- schädling sei, so würden sich heute nicht einmal drei Leute finden,� um ciu Kollegium zu bilden, das an ihre Unfehlbarkeit glaubte. Oder wen» man Hildebrands Stellung zu den Kolonialkriegen für parteischädlich hält, so hielten Marx und Engels hie Stellung Liebknechts zum deutsch-französischen Kriege ebenfalls' für Partei- schädlich. Aber es ist ihnen deshalb nicht eingefallen, zu sagen: Hinaus mit Liebknecht aus der Partei! Oder man lese einmal den Einführungsartikel der„Zukunft" von 1877, der allen Anschau- ungen ins Gesicht schlug, die Marx und Engels seit Jahrzehnten vertreten hatten. Gleichwohl sagten sie nicht: Fort mit Höchberg aus der Partei! Sie verließen sich allein auf ihre gerechte Sache, und damit sind sie auch leidlich vorwärts gekommen. So weit ich ihre Geschichte kenne, haben sie sich nur ein ein- ziges Mal zu einer Ausschließung bequemt: zur Ausschließung mehr davon wissen. Für das römische Volk begann die Berühmtheit dieser wohlbeleibten Marmordame mit dem Bau des Palazzo Venezia, an dessen Südmauer sie im 15. Jahrhundert sozu- sagen ihren Witwenwohnsitz fand. Denn die Einwohner des päpst- lichen Roms erkannten in ihr keine Jmperatorengattin oder antike Gottheit, sondern tauften sie auf den Namen einer Madonna Lucrezia von Fleisch und Blut, die um die Zeit der Erbauung des Palazzo in der Nähe wohnte, eine gefeierte Schönheit und Freundin vornehmer Persönlichkeiten gewesen ist. Sogar der Kardinal Pietro Barbo, später Papst Paul II., der den venezianischen Palast erbaut hat, soll etwas für sie übrig gehabt haben: wenigstens ist urkundlich beglaubigt, daß er ihr wertvolle Gegenstände aus seiner Kunstsammlung geschenkt hat. Diese Dame hieß mit dem vollen Namen Lucrezia di Aragno, stammte miS Neapel, wo sie die Geliebte des Alfonso von Alagon war, ließ sich 1457 in Rom nieder und starb hier 1487, nachdem sie Kardinäle, Prälaten und Literaten mit ihrer Gunst beglückt hatte. So kam es, daß der boshafte Volkswitz in dem üppigen Marmorweib am Rück- eingang des Palazza Venezia die Madama Lucrezia sah. Man leistete sich am MarkuStag, wenn in derKirche nebenan das Fest des Patrons von Venedig gefeiert wurde, sogar den Scherz, die Kolossalbüste der ver- storbenenNeapolitanerin festlich aufzuputzen, ihreineHaube, Schärpennd dergleichen anzuziehen und daS Gesicht rot zu schminken. Später wurde es üblich, ihr satirische Verse über öffentliche Angelegenheiten in den Mund zu legen bezw. anzuheften, und besonders in den Tagen der römischen Republik 1798 pflog Madama Lucrezia eifrige witzige Unterhaltungen mit Pasquino und Marforio über die neue Freiheit und die demokratischen Ideen. Notizen. - M u s i k ch r o n i k. Willy D e ck e r t spielt mit seinem Trio am 13. Oktober tm Saal der Großen Landesloge ein Trio von Eduard Behm, drei Phantasiestücke von Friedrich E. Koch und ein Quartett von Franz Bothe, dem Dirigenten des Arbeitersänger- bundeS. — Kon rab Dreher, der bekannte bayerische Schauspieler veranstaltet Montag, oen 14. Oktober, im Blüthnersaal einen lustigen Vortragsabend. — Erlebnisse eines IgL Kapellmeisters nennt Feux Weingariner eine Flugschrift, die denn-achst im Ver- läge von Paul Cassirer in Berlin erscheinen wird. Im wesent- lichen gibt sie das Material der bekannten Prozesse WeingartncrS gegen die Berliner Generalintendantur mit teilweise neuen und über- raschenden Aufschlüssen wieder; zugleich enthält sie eine memoire»- hafte Darstellung der künstlerischen und gesellschaftlichen Zustände, die Weingartner in seiner Stellung kennen lernte. Japanische Musik in Europa. In Japan wird gegenwärtig von einer Truppe der bekanntesten Musiker des Landes eine Tournee durch Europa organisiert, deren Aufgabe es fein soll, dem Abendlande die orientalische Musik näherzubringen. Wenn dieser Versuch gelingt, so hofft man die exotischen Instrumente, die Kom- sitionen und die Vokalmusik Japans in größerem Umfange in Europa einführen zu können. Va?unlns nus der Internationalen Arbeiter-Assoziation. � Jedoch das geschah nicht wegen Bakunins Ansichten, sondern wegen Ba- kunins Intrigen, die bereits zur Sprengung der Internationale geführt hatten. Es war ein Akt der äußersten Notwehr und sozu- sagen auch nur ein symbolischer Akt. Was Marx und Engels gerade in der Internationale an den unglaublichsten Konfusionsräten ge- duldet haben, das geht sozusagen auf keine Kuhhaut. So handelten Marx und Engels aber nicht aus gutmütiger oder kopfloser Schwäche; sie waren vielmehr von äußerster Schärfe in ihrem Urteil selbst über ihre besten Freunde, wenn diese— nach ihrer Ansicht— irrige Meinungen vertraten. Sie waren dabei so„unduldsam", wie echte Kämpfernaturen zu sein Pflegen. Sie handelten vielmehr so als kluge Feldherren, die ganz wohl wissen, daß zum Schlagen und Siegen mehr gehört, als das Feldwebel- auge, dgs an den Knöpfen irgendeines Rekruten irgendwelche Stäubchen entdeckt. Die entgegengesetzte Methode befolgte leider die Partei in ihrem ersten Jahrzehnt. Ich brauche mich nicht erst gegen den Verdacht zu verwahren, als ob ich die inneren Konflikte der da- maligen Zeit auf persönliche Zänkereien zurückführen möchte. Allein vergiftet sind diese Konflikte allerdings aufs äußerste durch die üble Sitte, jeden Andersdenkenden sofort zu exkommunizieren. Ganz sind die unerquicklichen Folgen noch nach vierzig Jahren nicht überwunden. Man kann heute noch böse Erfahrungen machen, wenn man den— nach Ansicht von Marx und Engels—„energischsten und intelligentesten" der damaligen Führer, der jedenfalls die heutigen Tendenzen der Partei klarer und schärfer vertrat, als seine damaligen Gegner, nicht als Agenten von Bismarck verketzert. Man sagt nun noch: Aber Hildebrands Ansichten sind doch un- glaublich töricht und lassen sich mit den Parteigrundsätzen ein für allemal nicht vereinen. Davon bin ich auch überzeugt und meines Wissens ist es ebenso die große Mehrheit der Parteigenossen. Jedoch nicht minder ehrlich waren Marx und Engels davon überzeugt, daß Lassallc ein unheilvoller Parteischädling sei. In solchen Fragen fehlt eben jeder objektiver Maßstab— leider, wirb mancher Kardinal sagen und sich mit Witzen über den„modernen Giordano Bruno" helfen, wovon der Kohl jedoch auch nicht fett wird. Man sagt ferner: Aber Hildebrand schädigt doch die Partei. Ja, wie der Spatz den Bauern, an dessen Weinbeeren er nascht. Allein wenn der Bauer nun eine Batterie requiriert, um den Spatzen zu verscheuchen, so wird ihn weder die Mit-, noch die Nachwelt für einen besonderen Helden taxieren. Jedenfalls wäre jeder möglichen Schädigung der Partei vor- gebeugt gewesen, wenn der Parteitag den Antrag Laufcnbergs an- genommen hätte. Was darüber war, das war voiu Uebel. Und es ist vollends töricht, sich nachträglich auf den Mißgriff zu versteifen. Um ihn als solchen zu erkennen, braucht man sich nicht„von der liberalen Presse verblüffen", sondern nur von den führenden Geistern der Partei, einem Marx, einem Engels, einem Lassalle, erleuchten zu lassen. «« « Hierzu geht uns folgende Zuschrift zu: Eine Ncberrnschung. Als die Hundertfünfundzwanzig ihren Protest gegen die Aus- schließung Hildebrands veröffentlichten, ahnten sie nicht, welch un- erwarteter Verbündeter ihnen erstehen werde. Franz Mehring stellt sich die Aufgabe, sie herauszuhauen, und als Organ dazu wählt er sich die„Chemnitzer Volksstimme", rcdigert vom Genossen Heil- mann. Franz Mehring, flankiert auf der einen Seite von Wolf. gang Heine, auf der anderen von Ruberrimus— dies Triumvirat ist die neueste Ucberraschung unseres Parteilebens. Unter den vielen Wandlungen seines wechselreichen Lebens ist diese neueste Schwenkung Mehrings vielleicht die kühnste. Man wird erwarten, daß nur die dringendsten und triftigsten Gründe ihn dazu bewogen haben können. Welches sind sie? Er schreibt: „Die„Chemnitzer Volksstimme" hat die Freundlichkeit ge- habt, mir ihre Spalten zu öffnen, nachdem mir der Ort, wo ich mich so viele Jahre lang über Partei- fragen äußern durfte, verschlossen war und i st." Diese Behauptung und sie allein ist es, die mir jetzt gegen Mehring die Feder in die Hand drückt. Denn wenn ich sie un- widersprochen ließe, müßten die Genossen zu der Meinung kommen, sie sei wahr. Es ist aber das Gegenteil davon wahr. Ich konstatiere hier, daß die Redaktion der„Neuen Zeit" der Mitarbeit Mehrings nie das geringste in den Weg gelegt hat. Wir haben noch nie irgend einen Beitrag von ihm abgelehnt oder auch nur eine Zeile aus einem seiner Beiträge gestrichen, außer zwei- bis dreimal innerhalb eines Zeitraums von zwanzig Jahren, und da bloß ans juristischen Gründen. Der Konflikt zwischen Mehring und mir in diesem Frühjahr entsprang nicht daraus, daß ich ihm seine Erwiderung gegen Bebel ablehnte. Ich hatte sie vielmehr vollinhaltlich zum Abdruck ak- zeptiert. Der Zwiespalt erwuchs nur daraus, daß ich die Erwide- rung nicht im gleichen Heft wie Bebels Erklärung veröffentlichte. Meiner Auffassung nach hat ein Mitarbeiter das Recht, es sich zu verbitten, daß seiner Einsendung die Redaktion eine Erwiderung auf dem Fuße folgen läßt. Wenn ein Mitarbeiter einen Wunsch in diesem Sinne äußerte, habe ich darin stets eine Bindung für mich und damit auch für meine Mitrcdakteure gesehen. Ich mutete Mehring nicht mehr zu, als was ich für mich selbst anerkannt habe. Trotz des Konflikts, den Mehring dann vor die Ocffentlichkeit zerrte, habe ich seiner weiteren M i t a r b e i te r s cha f t nie das min de st ein den Weg gelegt. Ganz ans freien Stücken hat dieser den Parteivorstand ersucht, ihn von der Verpflichtung zur regelmäßigen Lieferung von Spitzen- artikeln für die„Neue Zeit" zu entbinden. Im Einverständnis mit der Redaktion ging der Partcivorstand auf das Begehren ein, und das ist das einzige, was sich in dem Verhält- nis Mehrings bei der„Neuen Zeit" geändert hat. Er ist nicht mehr verpflichtet, Spitzenartikel zu liefern, aber eS steht ihm frei über jedes beliebige Thema zu schreiben, selbst- verständlich auch über jede Parteifrage. Und er bezieht da- für nach wie vor das gleiche Jahresgehalt, das er ehedem bezogen. Wenn er für uns nur Artikel über hundert Jahre alte Vorkommnisse schreibt, so ist das seine freie Wahl und nicht im geringsten Auftrag oder auch nur Wunsch der Redaktion. Das ist die Wahrheit über die von Mehring behauptete Ver- schließung der„Neuen Zeit" für ihn. Ueber die sachlichen Gründe, die dann Mehring gegen den Aus- schluß Hildebrands vorführt, kann ich mich erheblich kürzer fassen, denn sie find unmöglich ernst zu nehmen. Mehring weiß genau, daß Marx und Engels den Ausschluß Hildebrands„auf schärfste mißbilligt hätten", weil sie— nie einen Versuch machten, Lassalle und Liebknecht aus der Partei auszu- schließen, die für sie ebenso große Parteischädlingc waren, wie Hildebrand für uns! Diese stupende Entdeckung aus der Parteigeschichte sei noch durch eine weitere Mitteilung bereichert. Marx und Engels ver- öffentlichten nie eine Zeile gegen die Parteitätigkeit Lassallcs und Liebknechts. So behandelten sie die ärgsten Parteischädlinge I Sollte ihr Verhalten zu Lassalle und Liebknecht uns vorbildlich sein für unser Verhalten gegenüber Hildebrand, dann müßten wir uns hüten, eine Zeile der Kritik gegen ihn zu veröffentlichen! Wie reimt sich aber damit die Befürwortung des Antrags Laufenberg durch Mehring? Dieser Antrag wollte erklären, Hilde- brand sei durchaus ungeeignet, als Interpret und Wortführer der deutschen Sozialdemokratie aufzutreten. Da das Verhalten von Marx und Engels gegenüber Lassalle und Liebknecht unser Verhalten zu Hildebrand bestimmen soll, so zwingt uns Mehrings Empfehlung des Antrags Laufenberg zur Annahme, daß unsere Altmeister einmal an einen deutschen Partei- tag das Ansinnen gestellt haben, er solle erklären Lassalle und Lieb» knecht seien durchaus ungeeignet, als Interpreten und Wortfuhre? der deutschen Sozialdemokratie aufzutreten. In den bisherigen Auflagen von Mehrings Parteigeschichte konnte ich nichts darüber finden- K. Kautsky. Kommunalwahlerfolge. In Uetersen(Schlcswig-Holstein) gelang es, den ersten Sozialdemokraten ins Stadtparlament zu wählen. Genosse Neuenburg erhielt 1ö8, der Gegner 131 Stimmen.— Auch in H u s u m wurde zum ersten Male ein Sozialdemokrat gewählü Eine Parteikonferenz der Sozialdemokratie Rnssisch-Polens und Litauens. Die Parteikonferenz der Sozialdemokratie Rnssisch-Polens und Litauens— die angesichts der Umnöglichkeit, bei den gegebenen Ver- hältnisscw einen Parteitag einzuberufen, tatsächlich einem Partei- tage an Bedeutung gleichkommt— tagte vom 11. bis 17. August. Es waren außer der eigentlichen Pavteiorganisation auch die sozial- demokratischen Gewerkschaften durch Delegierte mit beratender Stimme Vertretern Der mächtige Aufstieg der Arbeiterbewegung in den letzten Jahren erlegt der Partei neue Aufgaben auf. Neben der Ablvehr ununterbrochener Attacken der Konterrevolution muß bereits eine rastlose Rüstung zu neuen Angriffskämpfen gegen die Festungen des Zarismus zum Kernpunkt' der Tätigkeit der Partei wenden. Demgemäß waren die Fragen des Ausbaues und der Konsolidierwig der Organisation das Wichtigste, wovüber die Konferenz zu ent- scheiden hatte. Als erster Grundsatz der Organisationspolitik der Partei wurde die rücksichtslose Bekämpfung der Tendenzen nach der vcvschwöreri- scheu Abgcsondertheit von den Massen, und der die Tatkraft der Partei beeinträchtigenden Zirkelmeierei fcstgelegti, für die die maß- losen polizeilichen Verfolgungen einen günstigen Boden schaffen. Sorgsamste Beibehaltung des Charakters einer Massenpartci, engste Fühlung mit dem. Leben und Streben der unvvganisicrtcn Arbeiter- massen— das ist die Parole. Bon den weiteren Beschlüssen der Konferenz über die Organi- sations- und Agitationsfragen sind hervorzuheben: weiteste agitato- rische und organisatorische Ausnutzung der Tätigkeit der sozialdemo- kratischen Dumafraktion; tatkräftige Förderung der politischen Akti- v'tät der Arbeitermassen mittels Durchführung in den Fabriken und Werkstätten an die sozialdemokratische Tumaftaktion zu über- mittelnden Resolutionen in allen die Lebensinteressen der Arbeiter- klaffe berührenden Zeitfragen; Ausnutzung der sogen,„legalen Möglichkeiten" unter der unumgänglichen Bedingung, daß in den betreffenden legalen Arbeitergesellschaften womöglich Parteizentren gebildet und die Tätigkeit der an ihnen beteiligten Genossen den lokalen Parteiinstanzen unterworfen sein muß; Durchführung re- volutionärer Maßnahmen in der Form politischer Streiks, Straßendemonstmtionen, Massenversammlungen usw.— je nach den Umständen. Bon den übrigen Beschlüssen der Konferenz sind von einem allgemeinen Interesse die über die Stellung der Soziald. R.-P. u. L. innerhalb der russischen Gcsamtpartei und über die Wahlen zu der IV. Duma. Die Konferenz konstatierte, daß trotz eifrigster Bemühungen der um die Einigkeit der Gcsamtpartei beflissenen Gruppen, und insbesondere des Vorstandes der Soziald. R.-P. u. L., der endgültige Zerfall der Gesamtpartei in lose Fraktionen und Fraktiönchen sich vollzogen hat. Die Konferenz empfahl dem Vorstande bei jeder Gelegenheit die Wiederherstellung der Einigkeit der Partei zu erstreben. Als ersten Schritt dazu betrachtet die Konferenz eine Annäherung aller auf dem Boden des revolutionären Marxismus stehenden Gruppen des linken Flügels der Partei. Eingehend wurden von der Konferenz verhandelt die taktischen wie auch die technischen Fragen der bevorstehenden Dumawahlen. Es bezeugt die ganze innerliche wie äußerliche Situation des Zarenreiches, daß die Ursachen, die den Ausbruch der Revolution im Jahre 1905 bewirkt hatten, ungeschwächt weiterbestehen. Anderer- seits zeigte die EntWickelung der Konterrevolution in den letzten Jahren lrasser denn je, daß zur Niederwerfung des Zarismus die Arbeiterklasse allein berufen und fähig fein kann. Alle bürgerlichen Parteien find in den letzten Jahren noch weiter nach rechts gerückt. Die Aufgabe der Arbeiterklasse bleibt demnach wie zuvor: Niederwerfung der Herrschaft der zarischen Schergenbande und der mit ihr verbündeten bürgerlichen Parteien,— Errichtung der demo- kratischen Republik im Reiche unter Gleichberechtigung aller Natio- nalitäten und mit Autonomie für Polen. Danach muß sich auch die Wahltaktik der Partei richten. Die Tätigkeit der sozialdemokratischen Duinafraktion wie auch die Wahlen selbst sind vorerst eines der wirksamsten Mittel der revo- lutionären Aufklärung und Organisierung der Massen. � Nicht etwaige partielle Forderungen— das gesamte Programm gilt für die Wahlparole der Partei. Demgemäß find im ersten Wahlstadium(die Wahlen sind zwei- dezw. dreistufig) jedwede Vereinbarungen mit den bürgerlichen Par- teien ausgeschlossen. In dem lebten Wahlstadium(Deputierten- wählen) ist, falls die sozialdemokratischen Stimmen zwischen zwei bürgerlichen Kandidaten zu entscheiden hätten, ein Progressist gegen die Nationalisten und Konservativen zu unterstützen, wenn er sich öffentlich verpflichtet: a) dem polnischen Nationalklub nicht beizu- treten; b) das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht. Koalitionsrecht, Preß-, Versammlungs-, Rede- und Gewissensfrei- heit wie auch die Forderung der Autonomie Polens zu verteidigen; c) gegen das Budget zu stimmen. Der erste sozialdemokratische KrcistagSabgeordnete im Herzog- tum Zlnhalt wurde von dem Gemeinderatc in Coswig gewählt, und zwar in der Person des Genossen Stahmann. Unsere Ge- nossen haben im Coswigcr Gcmeinderat die Mehrheit, daher der sozialdemokratische Erfolg bei der Kreistagsvertreterwahl. Die anhaltischen Kreistage sind durckstieg reaktionäre Gebilde, in denen die Großgrundbesitzer unumschränkte Herrscher sind, sehr zum Schaden der industriellen Bevölkerung. Die Rolle eines sozialdemo- kratischen Hechtes in solch einem Karpfenteich ist daher von nicht zu 'un�rschätzcnder Bedeutung. Bon der Parteipresse. Die seit dem 1. Oktober dieses Jahres als Kopfblatt der Breslauer Volkktvachj" erscheinende„Liegnitzcr Volkszeitung" hat seit ihrem Erscheinen über 1100 neue Abonnenten gewonnen. An den nächsten Sonntagen wird die Hausagitation auch auf dem Lande fortgesetzt. polizetlicbes, Gerichtliches ufw. Die Gerichte und die Presse. In einem Bericht über eine Gerichtsverhandlung, in der der Redakteur des„Gotha er Volksblattes" zu 150 M. Geldstrafe verurteilt wurde, war dem Schöffengericht gesagt worden, daß das Urteil falsch und ztreifiellos unhaltbar sei. Diese Kritik nahm sich der beteiligte Amtsrichter sehr zu Herzen und stellte Straf- antrag wegen Beleidigung gegen den verurteilten Redakieur. der deswegen am Dienstag vor der Strafkammer stand. DaS Urteil des Schöffengerichts liegt noch bei der Berusungskammer. In den Worten: Der Vorsitzende des Schöffengerichts mache die Fest- stellungen, wie eS ihm beliebe usw., wurde eine schwere Beleidigung gefunden. Der Angeklagte und sein Verteidiger stützten sich auf das Recht der Kritik. Wie jede Behörde, so müsse sich auch ein Ge- richt Kritik gefallen, lassen, zumal der Angeklagte über das Urteil in Erregung geraten mußte. Das Gericht erkannte an, daß der Angeklagte sich in gureu: Glauben befand» doch könne ihm der§ 133 nicht zugesprochen werden, er dave keine berechtigten Interessen wahrzunehmen gehabt. DaS Urteil lautete auf 100 M. Geldstrafe, der Staatsanwalt hatte einen Monat Gefängr vis beantragt. Die Teuerung. Hm unrechten Ort. Die Abgg. Dr. Friedberg und Schifferhaben mitUnterstützunz der natio nalliberalen Fraktion folgende Jnter- pellation im Preußischen Abgeordnetenhause eingebracht: Ist die königliche Staatsregiening in der Lage, darüber Aus- kunft zu erteilen, s) in welcher Art und mit welchem Erfolge die von ihr an- gekündigten vorübergehenden Maßregelst gegen die Fleisch- teuerung zur Ausführung gelangt sind, b) welche Maßnahmen sie im einzelnen zur Steigerung der in- ländischen Fleischproduktion zu treffen gedenft, um der Fort- dauer oder baldigen Wiederkehr der Fleischteuerung vor- zubeugen. Es ist bezeichnend genug, daß nicht nur die Konservativen im Abgeordnetenhaus die Regierung über ihre Maßnahmen zur Rede stellen wollen, sondern daß auch die National- liberalen ins Dreiklaflcnparlament flüchten, um gegen die Fleischteuerung zu— reden. Die Fleischnot ist allerdings wirksam nur durch die reichsgesetzlichen Maßnahmen zu bekämpfen. Aber gerade deshalb fürchten beide Parteien die freie Kritik an der Haltung der Zollivucherer und der Regierung im Reichstag. In dem Hanse, das in seiner jetzigen Form alles andere als ein Bolkshaus darstellt, will man mehr in der Stille einen Druck auf die Reichsregierustg ausübeil, die schon längst der Reso- lution des Rcichtags und dem Wunsche mehrerer Bundesstaaten auf Aufhebung des§ 12 hätte entsprechen müssen. Die zu erwartende klägliche Behandlung der brennenden Volksfrage ini Abgcordnetenhausc wird aber nur die Er- bitcrring des Volkes gegen dieses Parlament verstärken. Bundesstaate» gegen die Teuerung. Der sächsische Finanzminister ordnete an, daß die Ende dieses JahreS ablaufenden AuSnahmetarife für frisches Fleisch, die wesentliche Verbilligungen enthalten, bis Ende 1913 verlängert werden. Außerdem wird für Gemeindebehörden, gewerbliche Unter- nehmungen und gemeinnützige Organisationen eine weitere Er- Mäßigung von 20 Proz. gewährt. Diese Ermäßigungen gellen auch für Gesrierfleisch und für den Bezug von Seefischen. Auch für Futtergerste und FuttermaiS sind die Tarife bis Ende 1913 ermäßigt worden. Auf eine Eingabe verschiedener Städte und Gemeinden de-Z Herzogtums Sachsen- Meiningen betreffend die Fleischnot hat die meiningische Staatsregierung ihre Bereitwilligkeit erklärt, ähnlich wie in Gotha und Schwarzburg-Rudolstadt. beim Bezug von ausländischem Fieisch unter gewissen Bedingungen den Zoll auf die Staatskasse zu übernehmen. Voraussetzung ist. daß die Einfuhr auf Kosten der Gemeinde erfolgt und der Absatz des Fleisches innerhalb der Gemeinde zu den von der Gemeinde- Verwaltung festgesetzten, zur Milderung der Fleischteuerung geeigneten Preisen erfolgt. Nachdem Preußen nennenswerte Maßregeln gegen die Teuerung nicht ergreift, sehen auch die übrigen Bundesstaaten davon ab und beschränken sich auf die gleichen Maßnahmen. Um so not- wendiger ist es, daß dem Reichstage Gelegenheit geboten wird, die Initiative zu ergreife» und auch Preußen vorwärts zu treiben. BundeSratsvorssage über Fleischversorguug. Der Bundesrat wird sicki, wie die„Germania" erfährt, am nächsten Donnerstag mit dem Gesetzentwurf über die Fleischversorguug befassen. Im Rahmen dieses Gesetzes über die Zollcrmäßigung sür Gemeinden wird auch die in dem amtlichen Kommentar zu den Regierungsbeschlnssen erwähnte behördliche Mitwirkung für die Bildung der Preise für das eingeführte Fleisch in den Städten enthalten sein. Auf der Konferenz mit Städtevertretern im Ministerium des Innern ist von einer Anzahl von Vertretern der Ansicht Raum gegeben worden, daß eine behördliche Preissestsetzung starke Bedenken erwecke. Voraussichtlich wird diesem Wunsche Folge gegeben werden, so daß die Gemeinden im Einvernehmen mit den Fleischern die Festsetzung der Preise ohne behördliche Mitwirkung vornehmen können. Was den Zusammenschluß der großen Städte anbetrifft, so stellen sich diesem Vorhaben nach Ansicht der Konferenz gleichfalls Schwierigkeiten entgegen. Wahrscheinlich ist, daß die Koni- munen einzeln versuchen, möglichst geringe Höchstpreise für ein- geführtes Fleisch festzusetzen. Woher die Regierung Informationen holt. Unter dem Vorsitz des Grafen von Schwerin-Löwitz hat die ständige Kommission des Landes- Oekonomie- Kollegiums sich mit der Teuerung befaßt und in einer Re- solution unter großem Bedauern ausgedrückt, daß die Re- gierung Maßnahmen zur Milderung der Fleischteuerung ergriffen hat; es sei aber dankbar zu begrüßen, daß die Regierung wenig- stens den§ 12 des Fleischbeschaugesetzes nicht geändert hat. Bei einer Aufhebung des§ 12 müßte von der Landwirtschast verlangt werden, das ganze Fleischbeschaugesetz zu beseitigen. Die preußisch- Landwirtschast sei bereit, den fortgesetzten starken Preisschwankungen auf dem Schweinemarlte durch feste Lieferungs verträge mit den Stadtverwaltungen oder anderen Korporationen zu einem mittleren, die Produktionskosten deckenden Einheitspreise für mehrere Jahre zu begegnen. Dagegen verlangen die Agrarier, daß die Einfuhr von Gesrierfleisch nicht gestattet werden dürfe. In einer weiteren Resolution wird die Regierung ersucht, dem Bundes- rat einen Gesetzentwurf borzulegen, durcb welchen' den Landes- regierungen die Befugnis erteilt wird, zum Zwecke der Erhebung und Feststellung der Preise wichsiger Lebensmittel Vor- schriften zu erlassen, nach denen die Handeltreibenden auf Er- fordern der Polizeibehörden wahrheitsgemäße Auskünfte zu erteile» haben. Wie sich die Agrarier sonst die Linderung der Fleischnot denken. geht aus der weiteren Forderung hervor, Vieh nach der Weide zu ermäßigten Sätzen auf der Eisenbahn zu befördern. Der Sitzung wohnte auch der L a n d w i r t s ch a ftS- minister bei. Wenn er nur auf diese Stimmen hört, wird er schließlich selbst glauben, daß der Regierungserlaß etwas Wesenl- licheS gegen die Teuerung tun wolle. Die Preise steigen. Die neuesten.Amtlichen Preisberichte der Statistischen Kam- spondenz" bestätige», daß in der zweiten Hälfte des Septembe�ckiie Fleischpreise weiter g e st i e g e n sind. Ani größten war charakter�ji- scherweise die Steigerung beim Pferdefleisch; sie betrug mcht weniger als 7,3 Pf. innerbalb zweier Wochen I Einen kaum nennenS- werten Rückgang, der bei der ilnficberheil der statistischen Erhebung und der anfechtbare» Berechnung von DurchfchnittSziffern keine Bedeutung hat, weiset» die Preise für Schinken und Speck auf. Hoffentlich hält aber die Regierung es nicht doch für ein Zeichen der Besserung, daß Schweineschinken jetzt'/io Pst und Speck 1'/,g Pf. billiger ist als Anfang September. Welch horrenden Aufschlag die Preise feit drei Jahren erfahren hohen, zeigen folgende Angahen der Korrespondenz. Man zahlte sin Pf.) für ein Kilo Rind- Kalb- Hammel- Schweine- Pferde- � fleisch. fleisch fleisch fleisch fleisch September 1909.. 157 176 170 184 75 2. Hälfte Sept. 1912 195 206. 199 205 01 in diesem Jahr mehr Z8 ZI 29 21 16 Wohin die hohen Fleischpreise führen. Wie schwer die jetzige Fleischnot und die hohen Fleischpreise auf die Bevölkerung lasteu und wie alle gesundheitlichen Be- denken rücksichtslos bei Seite geschoben werden, um in den Besitz eines Stückchen Fleisches zu kommen, zeigt folgendes Vorkommnis. In der vorigen Woche mußte der Mnhlenbcsitzer Brückner in Herms- dorf. Kreis Glogau, ein Kalb schlachten, dessen Fleisch vom K r e i s t i e r a r z t als für die m e n s ch l i ch e N a h r u n g ungenießbar bezeichnet wurde. Das geschlachtete Tier wurde in der Scheune aufgehängt und sollte am nächsten Morgen vom Abdecker abgeholt werden. Als dieser kam, fand er nur noch die Knochen vor. Das Fleisch war während der Rächt von armen Leuten, wahrscheinlich von den Arbeiterfamilien des Besitzers abgeholt worden. Protestversammlungen. Zwei Frauenvcrsammlungen fanden am 8. Oktober mit dem Thema:.Der Kanzler der Junker gegen Volk und Reichstag" in Treptow-Baumschulenweg statt. Im Örtsteil Baumschulenweg sprach die Genossin Anna Die tz. In der Diskussion wurde be- sonders aus die Mitschuld der Fleischer und Viehhändler hingewiesen, da deren Organisationen den Fleischeinfubrverboten zugestimmt haben und sich auch heute noch vielerorts gegen die Fleischeinfnhr wehren. Im Sportrestaurant in Treptow folgten die anwesenden Frauen den Ausführungeil der Genossin Bohm-Schuch mit großem Interesse. Mehrere Frauen traten der Partei als Mit- glicder bei. In Breslau protestierten über 1000 Frauen gegen die Hunger- Politik der Regierung und die hohen Fleischpreise. 105 Frauen erklärten nach dem Referat der Genossin Luise Z i e tz ihren Beitritt zur politischen Organisarion. lichter Kongreß der christlichen Gewerit- schalten Deutschlands. Dritter Tag. Telegraph! scher Bericht. Dresden, 9. Oktober. Zu Beginn der heutigen, Sitzung sprach Gesamtverbands- sekretär Baltrusch- Köln über: „Stellung und Aufgaben der Bezirks- und Ortskartelle in den christlichen Gewerkschaften". Er betonte die hohe Bedeutung der Gewerkschaftskartelle im inneren Orgaiüsationsleben und für die Werbung neuer Mitglieder. Die Beteiligung der Kartelle als solcher an politischen Wahlen erscheine nicht wünschenswert.— In« der Debatte betlagt sich Knebel- Barmen darüber, daß den Arbertersekretären von konfessionellen Vereinen verboten worden sei, für die christlichen Gewerkschaften zu agitieren. Am Schluß der kurzen Debatte erklärte derselbe Redner iir persönlicher Bemerkung, daß sich seine Ausführungen nicht auf die Arbeitersekretäre des Volksvcreins für das katholische Deutschland beziehen sollten. Er habe seine Bemerkung nur ge- «nacht, um auch den letzten Rest von Mißstimumng, soweit Ursache dazu vorhanden sein mag, zu beseitigen. Es folgt ein Vortrag vom Geschäftsführer G u tsche- Elber- seid über: „Staatsangestcllte und Arbeiter in der christlich-nationale» Arbeiterbewegung", zu dem der Vizepräsident der Generaldirektion der sächsischen Eisen- bahnen, Mettig, erschienen ist. Redner billigt die Maß- nahmen des preußischen und sächsischen Kriegsministcrs gegen den von ihm als sozialdemokratisch verseucht bezeichneten Militärver- band und tritt schließlich in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer des Zentralverbandes deutscher Eisenbahner und des Reichskartells des Verba„des der Angestellten und Arbeiter der staatlichen Ver- kchrsanstaUrn namens der angeschlossenen 60 000 Staatsarbeiter für folgende Resolution ein � ..Der 8. Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands begrüßt die günstige Eutwickeiung der christlich- nationalen Staats- arbcitcr und Angestclltenverbände und ihre erfolgreiche Standes- arbeit, wic auch die von plamnätzigem und großem volkswirtschaftlichen Verständnis und nationaler Pflichterfüllung zeugende Tätigkeit, die von den genannten Verbänden staatsbürgerlicher Erziehung entfaltet ist. Der Kongreß hofft, daß das Streben der Staatsvcrdändc nach stetiger Hebung der wirtschaftlichen Lage der StaatSbedienstetcn, reichögcsetzlicher Regelung der Dienst- und Ruhezeit im staatlichen Verkchrsgcwerbe und weiteren Ausbau der Arbcitcrausschüsse in den Staatsbetrieben und Errichtung von Personalausschüssen bei den Verbündeten Regierungen, den Verwaltungen der Reichs- und Staatsbetriebe und bei allen bürgerlichen Parteien das notwendige Entgegenkommen und sozialpolitische Verständnis finden möge. Da die Arbeitet der staatlichen Verkehrsgewerbc der Reichsgewerbeordnung nicht unter- stellt sind, hält der Kongreß die Schaffung eines den eigenartigen Verhältnissen der Staatsbetriebe entsprechenden Staatsarbeiter- rechts für dringend notwendig." In der Debatte wicS Ewerling- München, vom bayc- rischen Eiscnbahnervcrband, darauf hin. daß der Verzicht der süd- deutschen Eisenbahner auf das Strcikrecht nicht als Ausdruck auf- richtiger Uederzeugung angesehen werden könnte. Es sei vielmehr eine gewisse Spiegelfechterei. Im Ernstfall würde eS anders werden. Das gehe auch aus den Aeußerungen der sozialdemokratischen Presse hervor. So habe der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Kolb an den Karlsruher..Volksfreund" geschrieben, daß man für den Fall außerrdentlicher Zustände den Streik durch Verbot ebenso wenig unmöglich machen könne, wie die Revolution. Weshalb sollten wir schließlich die Erklärung der Sozialdemokraten in dieser Frage ernster nehmen als sie selbst es tun?(Sehr wahrt) Redner verweist dann darauf, daß die Lohnerhöhungen für die Arbeiter durch die fortgesetzte Teuerung und Mietsteigerungen wieder weit- gemacht werden, weshalb die bayerischen christlichen Eisenbahner zur Gründung von Baugenossenschaften übergegangen seien. Groß- Stuttgart: Ebenso wie die Sozialdemokraten in Stutt- gart dem Gesetz zum Trutz und der Polizei zum Hohn nach einer Teuerungsversammlung Stratzendcmonstrationen gemacht und die vcrhctzcndsten Reden auf offener Straße gehalten haben, ebenso leicht ist es möglich, daß der Süddeutsche Eisenbahnerverband seinem Verzicht zum Trotz streiken wird. Um so unbegreiflicher aber ist es, daß die württembergische Regierung im Landtag erklärt hat: sie habe an einer Förderung der christlich-nationalen Organisationen lein Interesse.— In diesem Sinne sprachen sich noch mehrere Dis- kussionsredncr aus, die sich zum Deil auch gegen die neutralen Verbände wenden, die in bezug auf die christliche Arbeiterbewegung nicht neutral seien, sondern die religiös gesinnten Arbiter am greifen und die sich zum Teil nicht einmal an einem Kaiserhoch beteiligen. Nach einem Schlußwort des Referenten G u t schc- Elberfeld wurde die Resolution cinslimnüg angenommen. Vorsitzender Reichstagsabgeordneter Behrens: Ich stelle namens des ganzen Kongresses sest, daß die Stellung, die wir zu den Rechten der Staatsarbeiter einnehmen, abweicht von der Ste!- kung. die wir zu den Rechten der Privätarbciter einnehmen.'(Lebhaft e Zustimmung.) Es folgt das Referat des Gcsamtverbandssekretärs Berg- mann- Köln über: „Arbeitsnachweis und Arbeitslosenfiirsorge". Redner legt dem Kongreß folgende Resolution zur Annahme vor: ..Ter 8. Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands hält die Lösung der ArbeitÄosenfrage für eine der bedeutsamsten Fragen und Aufgaben der zukünftigen Wirtschafts- und Sozial- Politik. Durch die Schwankungen der Wirtschaftskonjunktur und die Unübersichtlichkeit des Arbeitsmarktes werden fortlaufend eine Anzahl von Erwerbstätigen ohne eigenes Verschulden arbeitslos und damit ihrer einzigen Einkommensquell« beraubt. Für die Betroffenen und deren Familien, wie für die Volkswirtschaft der bisherigen Bestrebungen der christlich organisierten Arbeiterschaft zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit empfiehlt der Kongreß den christlichen Berufsorganisationen den weiteren Ausbau bezw. die Einführung der gewerkschaftlien Arbeitslosenunterstützung. Sei- tens der öffentlichen Gewalten sind alle Bestrebungen zu fördern, durch die eine größere Stabilität des Arbeitsmarktes herbeigeführt werden kann. Dringend notwendig ist ein besserer Schutz der nationalen Arbeitskraft. Der bisherigen schrankenlosen Schmutz- koukurrenz mit billigen ausländischen Arbeitskrästen sind gesetz- liche Schranken zu ziehen. Die Arbeitsvermittelung ist durch Reichsgesctz zu regeln. Die Arbeitsvermittelung muß der staat- lichen Aufsicht unterstellt und jeder Mißbrauch verboten werden. Die öffentlichen(kommunal-gemeinnützigen) Arbeitsnachweise sind, vorausgesetzt, daß auch den Arbeiterorganisationen ein entsprechender Eniftuß eingeräumt wird, nachdrücklich zu unterstützen. Generell abzulehnen ist jeder Zwang bei der Ar- beitsvermittelung, durch den die Freiheit des Arbeitsvertrages, die Freizügigkeit und fachliche Weiterbildung unterbunden wer- den. Für die unverschuldet Arbeitslosen zu sorgen, ist Pflicht der Allgemeinheit und die höchste dringliche Aufgabe unserer Sozialpolitik. Eine befriedigende Lösung kann nur in einer rcichsgesctzlichen Arbeitslosenversicherung auf beruflicher Grund- läge gefunden werden. Um praktische Unterlagen zu gewinnen, sind als Uebergang zur reichsgesctzlichen Versicherung gegen Ar- beitslosigkeit in allen größeren Gemeinden in Anlehnung an die gewerkschaftliche Arbeitslosenfürsorge freiwillige Arbeitslosenver- sicherungcn zu schaffen. Die Bundesstaaten sollen die Gemein- den zur Einführung kommunaler Arbeitslosenversicherungen an- halten und bestehende Einrichtungen durch Zuschüsse aus Staats- Mitteln fördern und unterstützen. Grundsätzlich und praktisch ist bei der Arbeitsvermittelung wie bei der Arbeitslosenfursorge die Mitwirkung der Gewerkschaften unentbehrlich, weshalb ihnen all- gemein ein entsprechender Einfluß einzuräumen ist." Nachdem zahlreiche Redner, darunter besonders der Vorsitzende des christlichen Holzarbeiterverbandes, Kurzscheid- Köln, leb- hafte Klagen über die angeblich illoyale Ausnutzung der paritäti- schen Arbeitsnachweise zum Vorteil der sozialdemokratischen freien Gewerkschaften erhoben hatten, wurde die Resolution angenommen. Ferner gelangten eine Reihe von Anträgen zur Annahme. Es Wurde beschlossen, an den Reichstag eine Petition zu richten, in welcher die reichsgesetzliche Regelung des Arbeitsvermittelungs- Wesens in dem Sinne gefordert wird, daß a) Minimalforderungen und Vorschriften für alle Arbeitsimchweise, ähnlich wie für die Krankenversicherung, erlassen, und b) Mißbräuche bei der Kranken- Versicherung verboten werden. Weiter soll bei den gesetzgebenden Körperschaften dahin gewirkt werden, daß die geheime Kennzeichnung mißliebiger Arbeiter durch Ausgabe von verschiedenen an sich gesetzlich zulässiger Abkehrscheine, im Gegensatz zu den sogenannten Ver- bandsabkehrscheinen der Arbeitgeberverbände, wie sie in der denk- schen Glasindustrie üblich sind, unmöglich gemacht wird. Zur An- nähme gelangte dann ein Antrag des Zentralverbandes christlicher Keram- und Steinarbeiter:„Mit Rücksicht auf die oft geradezu menschenunwürdigen Zustände in den Wohn- und UnterkunftS- räumen der Arbeiter in der Ziegelindustrie hält der Kongreß eine durchgreifende gesetzliche Reform des Wohnungs- und Kantinen- Wesens in der Zicgelindustrie für dringend geboten. Er verlangt darum von den Staatsregierungen baldigst eingehende amtliche Er- Hebungen." Ein anderer Beschluß verlangt, daß dahingewirkt werde, daß in erster Linie in Teutschland das einheimisch« Steinmatcrial ver- wendet und ein weiteres Zurückdrängen der Steinproduktion aus den deutschen Hochgebieten hintangehalten werde. Für Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter in Glashütten usw. wird ein vollständiges Verbot der Nachtarbeit und eine zehnstündige Höchstarbeitszeit am Ofen mit abwechselnder Schmelze, sowie für alle Arbeiter in den Glashütten ein Verbot der Sonntagsarbeit verlangt. Auf Antrag des Reichsverbandcs deutscher Kellner-Lokalvereine sollen die Orts- vereine überall da, wo sie einen Einfluß besitzen auf geregelte Arbeits- und Lohnverhältnisse der Gasthausangestellten dringen. Sodann gelangte ein Antrag des Verbandes christlicher Tabak- und Zigarrcnarbeiter zur Annahme, der die christliche Arbeiterschaft ausfordert, im Interesse der äußerst gering entlohnten Tabakabeiter dahin zu wirken, daß beim eigenen Bedarf und in den ihrem Ein- flusse zugänglichen Konsumvereinen, Kaufläden und Verkehrslokalen die Fabrikate solcher Firmen gekaust uend geführt werden, welche die Lohn- und Arbeitsbedingungen ihrer Arbeiter mit der Organi- sation geregelt haben. Angenommen wird schließlich ein Antrag der Vorsitzenden des Vereins christlicher Heimarbeiterinnen, Fräulein B e h m- Düffel- dorf, wonach die Behörden ersucht werden, Arbeiten an Heimarbeiter ohne Vermittelung von Zwischenunternehmern zu vergeben. Morgen(Donnerstag) gehen die Verhandlungen zu Ende. Em Induftric und Kandel. Kriegserklärung n»d Börse. Die Berliner Börse hatte am Mittlvoch einen so- genannten„schwarzen" Tag zu verzeichnen. Durch die Kriegserklärung Montenegros und die Annahme, daß die übrigen Balkanländer dem Vorgehen folgen werden, ent- wickelte sich ein außerordentlich starkes Verkaufs- a n g e b o t. Zunächst nahmen die Banken größere Beträge auf. Dennoch sanken die Kurse um 3-�-4 Proz. Bald aber setzte der Verkaufsausturm stärker und stärker ein und st ä n d i g sanken die Kurse weiter. Auf den Ultimo- Märkten betrug der Kurs noch 7—9 Proz., und zwar wurden alle Wertkategorien unterschiedslos in Mitleidenschaft ge- zogen. Auf dem Kassamarkt wichen die Kurse jener Aktien. in denen die Spekulation sich vorher sta«k engagiert hatte, bis 15 und 20 Proz. Es war allgemein das Bestreben, sich ihrer Engagements zu entledigen, weil man eine weitere Er- schütterung durch alarmierende politische Meldungen be- fürchtete. Auf dem Getrcidemarkt bewirkten die Kriegs- Meldungen Steigerullgen der Preise für Weizen (2'/« M. für die Tonne). Roggen(2 M. für die Tonne) und Haser(ebenfalls 2 M. für die Tonne). Die Ausfuhr von Feuerwaffen ist im laufenden Jahre naturgemäß stark gestiegen. In den Monaten Januar bis August dieses Jahres lieferteir die heimischen Waffcn- fabriken 12 070 Doppelzentner Handfeuerwaffen ins Ausland. Das bedeutet gegen die Parallelzeit des vergangenen JahrcS mehr als eine Verdoppelung, den» in den Monaten Januar bis August 1911 bezifferte sich der Export von Handfeuerwaffen aus dem deut- schen Zollgebiet auf 0797 Doppelzentner. Nach China wurden nicht weniger als 6401 Doppelzentner geliefert gegen nur 233 Doppel- zentner in den nämlichen Monaten de» vorigen JahreS. Die Aus- fuhr nach Brasilien erhöhte sich bon 55 Doppelzentner auf 1570 Doppelzentner; die Lieferungen nach den Vereinigten Staaten von 220 Doppelzentner auf 1324 Doppelzentner. Weniger bedeutend war bisher die Erhöhung des Exportes m die Türkei; diese empfing in den ersten acht Monaten dieses Jahres 306 Doppelzentner gegen 121 Doppelzentner im ver- flossenen Jahre. Der Gesamtexport von Handfeuerwaffen in der Berichtszeit repräsentierte einen Wert von 8,93 Millionen Mark. Bügel, Hähne, Läufe usw. sind von Januar bis August d. I. 462 Doppelzentner von fremden Ländern aus Deutschland bezogen worden; auch hier ergibt sich gegen das Vorjahr eine Vermehrung auf annähernd das Doppelte. Gering ist gegenüber den genannten Quantitäten die Einfuhr von fremden Handfeuerwaffen nach Deutschland. Sie belief sich in den ersten acht Monaten dieses Jahres auf 934 Doppelzentner, von denen weitaus der größte Teil in Belgien gefertigt war. Soziales. Die Anwendung der reichsgesetzlichcn UnfallversicherungZpflicht auf Schulkinder. Die Frage, ob der Unfall des schulpflichtigen Sohnes eines selbstversicherten Betriebsunternehmers entschädigungspflichtig ist, ist vom Reichsversicherungsamt mit Recht stets bejaht, so auch in einer kürzlichen Entscheidung. Der Sachverhalt war folgender: Der Schmiedemeistcr L. in G. wollte von einer Eisenstange ein Stück abschlagen. Da er keine Gehilfen beschäftigte, mußte sein Sohn die Eisenstange mit der Zange halten, während er am Meißeln war. Hierbei flog dem Jungen etwas ins rechte Auge. Trotz der Schmerzen, über die das Kind klagte, versuchten die Eltern 14 Tage lang durch Hausmittel Linderung zu verschaffen. Da das nicht half, wurde die Hilfe eines Augenarztes in Anspruch genommen. Dieser konnte aber ebenfalls im Auge nichts entdecken trotz Untersuchung mit dem Eisenspäher und Bchairdlung mit dem Elektromagneten. Das Auge erblindete und mußte später entfernt werden. Die von L. bei der Schmiede-Berufsgenossenschaft für seinen Sohn gestclllcn Entschädigungsansprüche lehnte diese mit der Begründung ab: Unfallverletzten Schulkindern könnten deshalb keine Unfallrentcn zugesprochen werden, weil ihnen eine Erwerbsbeein- trächtigung nicht entsteht. Ter Verletzte sei zum Schulbesuch ver- pflichtet gewesen. Ein Ausfall im Gewerbe bezw. ein Schaden sei nicht entstanden. Ein Rentenanspruch bestände deshalb nicht.— Das Schiedsgericht in T., bei dem L. Berufung einlegte, sprach dem Verletzten eine Teilrente von 25 Proz. zu. Es folgte der An- ficht des Schmiedemeisters, der als Sachverständiger die Meinung vertrah ein Schmied, der sein Handwerk allein betreibt, komme bei gewissen Arbeiten nicht ohne Hilfe aus. Zu der hier in Frage stehenden Hilfeleistung sei ein ILjähriger Junge geeignet gewesen. Das Schiedsgericht erklärte ferner die Behauptung der Berufs- genossenschaft, daß schulpflichtige Kinder, die einen Betriebsunfall erleiden, keine Erwerbsbeschränkung erleiden, für unbegründet. Gegen diesen Entscheid nahm der Genossenschaftsvorstand die Rekursinstanz in Anspruch. Er vertrat hierbei die Ansicht, daß die fragliche Hilfeleistung deS Verletzten keine ernsthafte Tätigkeit, sondern gewissermaßen nur eine Spielerei gewesen sei, auf welche sich»lach der Rechtsprechung des Reichsversicherungsamtes die Ver- sicherung nicht erstrecke. Der Rekurssenat wies diese Einwendungen zurück mit der Begründung: Der Verletzte habe keine tändelnde, spielartige, sondern eine ernste Tätigkeit verrichtet. Kinder von 11 und 12 Jahren würden besonders auf dem Lande häufig zu Arbeiten herangezogen, ohne daß dabei der Aedanke der spiele- rifchen Beschäftigung eine Rolle spielt,-. Minimalforderungen für Schutzvorkehrungen an Holzvearbeitungs- Maschinen. Das Bestreben der an. Holzbearbeitungsmaschinen Beschäf- tigten um vermehrten Schutz gegen Unfallgefahren hat einen recht beachtlichen Erfolg zu verzeichnen. Nicht zum wenigsten hat dazu beigetragen die vom Holzarbeiterverba»»b veranstaltete Wanderausstellung„Unfallgefahren in der Holzindustrie", die außer in Berlin in Frankfurt a. M., Darmstadt, Stuttgart und Nürnberg die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich lenkte. In Gemeinschaft mit der Organisation der Holzarbeiter haben 14 Brrufsgenossen- schaften Minimalforderungen für Schutzvorkehrungen an Maschinen der Holzbearbeitung aufgestellt, wobei die Wüi»sche der Arbeiter- organisation volle Berücksichtigung fanden. Diese Minimalforde- rungen, die sowohl allgemeine Bestimmungen als auch für jöde in der Holzbearbeitung in Betracht kommende Maschine spezialisierte Vorschriften enthalten, sollen an die Maschinenfabrikanten und Lieferanten gerichtet und diese verpflichtet werden, nur Maschinen mit diesen Mindestforderungen entsprechenden Schutzvorrichtungen zu verkaufen. Die sich verpflichtenden Firmen sollen auf eine»Listc gesetzt und die Mitglieder der Berufsgenossenfchaften verpflichtet werden, Maschinen usw. nur von Firmen zu kaufen, die auf dieser Einpfehlungsliste stehen. Die Mitglieder der Berufsgenossenschaften werden unter Berufung auf Bestimmungen der Gewerbeordnung darauf verwiesen, daß die Gewexbeunternehmer verpflichtet sind, Maschinen usw. so einzurichten und zu unterhalten, daß die Ar- buter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit soweit geschützt sind, wie es die Natur des Betriebes zuläßt. Die Berufsgenossen- schaften versichern ferner, daß sie die Bemühungen des Personals, oas für die Unfallverhütungstechnik dauerndes Interesse und regen Eifer betätigt, durch Geldprämien anerkennen will. Die an den Holzbearbeitungsmaschinen Beschäftigten dürfen sich dieses schönen Erfolges freuen, und sie brauchen sich diese Freude auch nicht durch den Umstand trüben lassen, daß die Sächsische und die Norddeutsche Holzberufsgenossenschaft sich nicht an der gemeinsamen Aktion beteiligen. Die Ausstellung der Minimalforderungen bedeutet die schriftliche Anerkennung der auf Unfallschutz gerichteten Forderungen der Arbeiter durch die Be- rufsorganisationen der Unternehmer. Mögen diese dabei auch von anderen Gesichtspunkten ausgehen als die Arbeiter und andere Jnteressön für sie ausschlaggebend gewesen sein, mögen die Minimal- sorderungen zunächst auch nur auf dein Papier stehen; der in der Holzarbeiterorganisation herrschende lebendige Geist wird dafür sorgen, daß die Forderungen auch in der Praxis durchgeführt werden. Gewerbegerichtsklage gegen die„Viktoria". Gegen die Versicherungsgesellschaft„Viktoria" klagte bor dem Gcwerbegericht der frühere Einnehmer K. auf Zahlung eines Rest- geholtes iui Betrage von 142,20 M. Kläger war gegen ein Monats- geholt von zuletzt 110 M. mit einmonatlicher Kündigu»»g als Ein- nehmer angestellt. Am 15. Februar wurde er plötzlich entlassen, weil er angeblich öfter betrunken zu»» Dienst erschienen sei, sich Borgesetzten gegenüber ungebührlich betvagen sowie Kunden be- lästigt haben soll. Die Beklagte glaubte daher Grund zur sofor- tigen Entlassung zu haben. Ihre Angaben wurden durch eine» An- gestellten als Zeugen zu»» Teil bestätigt.— Dem standen jedoch eine Reihe Aussagen anderer Zeugen gegenüber, bei denen der Kläger Beiträge kassiert hatte und auch sonst verkehrte. Sie alle betonten, daß Kläger nie betrunken gewesen wäre, auch habe er sie niemals belästigt. Nach diesem für die Beklagte jedenfalls recht ungünstigen Ver- lauf der Beweisaufnahme beantr»gte ihr Vertreter die Nnzustän- digkeit des Gewerbcgcrichts. Aus den Anstellungsverträgen gehe hervor, daß die Einnehmer Verpflichtungen zu erfiillen hätten, die nicht gewerblicher, sondern kaufmännischer Art seien, mithin sei das Gcwerbcgcricht nicht zustündig. Das Gericht hat jedoch seine Zustäudigteit bejaht, übrigen wurde die Betlagte antragsgemäß verurteilt. Die Beweisaufnahme Zabe ergehen, daß die jofortige Entlassung Unrecht erfolgt fei. DU ßunde$rat$verordming für die Glasinduitrie. Tie Ausnahmebestmiunungeni für die Glasindustrie tvurdeu be- kanntiich von: Bundesrat auf die Dauer tion zehn Jahren erlassen und am£\ März 1912 um ein weiteres Jahr verlängert. Gegen- wärtig machen die Industriellen die verzweifeltsten Anstrengungen� um den Beweis zu erbringen� dast ohne diese Bestimmungen die Glasindustrie dem Ruin zugeführt würde. Doch selbst die Bc richte der Gcwcrbeinspektoren sprechen sich entschieden gegen die Rachtarbeit aus. So sagt der Gcwcrbcaufsichtsbcamte für Liegnitz in seinem Jahresberichte ..Vom Standpunkt des Arbeiterschutzcs ist jede Nachtarbeit insbesondere eine regelmäßige, in Hohem Grade als schädlich und beklagenswert anzusehen, und da 45 svon insgesamt 47) Hohl- glashütten des Regierungsbezirks ohne sie fertig werden können. muß namentlich für die Jugendlichen ein strenges Verbot der Nachtarbeit auf das Wärmste befürwortet werden." Doch das niacht den Glasindustriellen toeiiig Sorge. Auf allen in den letzten. Wochen zu diesem Zweck einberufenen Generalver- sammlungen der Unternchmerorganisationen forderten sie mit allem Nachdruck, daß der Bundesrat ihren Wünschen zu entsprechen habe. und die Ausnahmebestimmungen um weitere 19 bis lö Jahre zu verlängern seien,. Bei dem Einfluß, den die Industriellen auf die Regierung haben, ist wohl anzunehmen, daß ihrem Verlangen ent- sprachen wird. Dabei ist vor allen Dingen zu beachten, daß die jugendlichen Arbeiter von 12 bis 14 Jahre eine fast ununter- brochene Arbeitszeit(in einigen Betrieben bis zu 12 Stunden) haben, denn auch während der Pausen werden die jugendlichen Ar beiter zu außergewöhnlichen Arbeiten herangezogen, so daß sie oft genug ihre Speisen während der Arbeit einnehmen müssen. Daß die Nachtarbeit auf die Gesundheit der Arbeiter sehr nachteilig ein- wirkt, zeigen die Kranienziffern. Und nach einer vom Verband der Glasarbeiter aufgenommenen Statistik beträgt das Durchschnitts- alter der Glasarbeiter 37 Jahr und 14 Tage. Der Schutz der Arbeiter müßte der Regierung höher stehen als die Privatinteressen des Kapitalismus. Dabei gehört die Glas- industric zu denjenigen Industriezweigen, die sehr hohe Gewinne chringen. Dividenden von 14 bis 29 Proz. sind nicht selten Auch wünschen die Glasarbeiter selbst nicht einmal eine völlige Beseiti- guirg, sondern nur eine Einschränkung der Nachtarbeit. Sie for- dem, daß die Arbeit nicht vor 4 Uhr morgens beginnen und nicht nach 19 Uhr abends enden darf. Besonderes Gewicht wird von den Arbeitern darauf gelegt, daß die Arbeit an Sonn- und Feiertagen gänzlich beseitigt wird, und auch an diesen Tagen nicht am Abend beginnen darf, damit dem Arbeiter eine ausreichende und genügende Sonntagsruhe gegeben wird. Nach den jetzt geltenden Ausnahmebestimmungen darf die Ge- samtdauer der Beschäftigung innerhalb einer Woche 69 Stunden nicht überschreiten. Diese Bestimmungen werden besonders in den großen Betrieben überschritten. Wohl beträgt die eigentliche Arbeits- zeit cinschließlick der Pausen auch des Nachts nicht mehr als zwölf Stunden, aber da ein ständiger Mangel an Hilfsarbeitern in den Glashütten vorhanden und die Bezahlung nur eine geringe ist, so müssen selbst die jugendlick�en Arbeiter Ueberschichten machen. Dies System besteht vor allen Dingen in den großen und recht bedeuten- den Flaschenfabriken der Aktiengesellschaft für Glasindustrie vor- mals Fr. Siemens in Dresden und Döhlen». Es wäre in erster Linie Pflicht der Gewerbeinspektion, hier mit aller Energie einzu- greifen, um der Ausnutzung der jugendlichen Arbeitskraft vorgu- beugen. Da die Glasindustriellen in Deutschland nicht genügend jugend- liche Arbeiter unter so schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen finden, haben besonders die großen Merke zu einem etwas un- sauberen Mittel gegriffen». Sie senden Agenten in die österreichi- schen Krvnländer, besonders nach Bosnien und Ungariii, um jugend- liche Arbeiter anzuwerben, die allem Anschein nach noch unter 14 Jahre alt sind. Da diese ausländischen jugendlichen Arbeiter oft nicht lesen und schreiben können, so kann ihnen oft nicht plau- sibel gemacht werden, in welcher Art sie ausgebeutet werden. Auch diese noch im 5lindcsaltcr stehenden» Burschen müssen Ueberschichten machen; unter der schweren Nachtarbeit, die durch Ueberschichten bis zu 18 Stunden ausgedehnt wird- drohen sie zusammenzubrechen. Alle diese Uebertrctungen wurden von der Organisation der Glasarbeiter wiederholt festgestellt und gcbrandinarkt; trotzdem wird die Ausnutzung der jugendlichen Arbeitskraft in systematischer Weise fortgesetzt. Würden die Industriellen eine anständige Behandlung und Bezahlung für die schwere Arbeit in Glashütten geben, so würden sie in Deutschland genügend erwachsene Arbeiter finden. Die Verpflegung der aus dem Ausland herangezogenen jungen Arbeitskräfte ist eine sehr mangelhaste. Gewöhnlich wird die Kost aus den Fabrikskantinen, bezogem deren Besitzer aus den Aller- ärmsten auch noch Prosit herausfchlagen. Die Schlafräume in den Betrieben spotten oft jeder Beschreibung; Reinigung und Ventila- tion läßt sehr viel zu wünschen übrig. eu»de Glas in bedeutend besserem Zu- stand abgeschmolzen werden können und die Verarbeitung wird sich besser und vorteilhafter als bisher vollzieben. Wer da weiß, wie schwer die immerhin recht, bedeutende Zahl der jugendlichen Arbeiter in der deutschen Glasindustrie zu leiden hat. wird verlangen, daß eine durchgreifende Reform geschassen werden mutz. Kennt die Regierung und der Bundesrat diese Zu- stände, dann»nutz dem Verlangen der organisierten Glasarbeiter entsprochen werden. verurteilt war, weil sie zwei Arbeitswilligen zugerufen hatte „Streikbrecher pfui!" Ist'S hier erlaubt, gesittet pfui zu rufen? 8 153 G.-O. Eine Woche Gefängnis»vegen Vergehens gegen 8 kö3 der Ge- Werbeordnung erhielt vor der Strafkammer des Landgerichts Mülhausen i. Elf. als Berufungsinstanz der Gauleiter Bürker des Deutschen Gemciiidcarbcitcrverbandcs in Straßburg. Das Vcr- gehen soll in einem von Bürker in der„Mülhauscr Volkszeitung veröffentlichten Situationsbericht über einen im Februar d. I. stattgefundencn Streik von Elektrizitätsarbeitern bei den ober- rheinischen Kraftwerken in Mülhausen i. E. liegen- Das Schöffen, gericht hatte auf drei Tage Gefängnis erkannt, gegen welches Urteil sowohl der Staatsanwalt wie der Verurteilte Berufung an die Strafkammer eingelegt hatten. Strafanzeigepflicht der Ehefrau? Durch§ 139 des Strafgesetzbuchs ist mit Gefängnis bedroht, wer von dem Vorhaben eines Hochverrats, Landesverrats, Münz, Verbrechens, Mordes, Raubes, Menschenraubes oder eines gemein gefährlichen Verbrechens(Brandstiftung, vorsätzliche Ueberschwem- urung mit gemeiner Gefahr für Menschenleben! oder Eigentum, vor, sätzliche Gefährdung von Eisenbahnen oder Eisenbahnanlagen, vor, sätzliche Zerstörung von Schiffszeichen, vorsätzliche Strandung, Brunnenvergiftung und dergl.) zu einer Zeit, in welcher die Ver- hütung des Verbrechens möglich ist, glaubhafte Kenntnis erhält und es unterläßt, hiervon der Polizeibehörde oder der durch ,das Verbrechen bedrohten Person zur rechten Zeit Anzeige zu machen!. Das Schwurgericht in Güstrow hatte die Ehefrau eines wegen Brandstiftung verurteilten! Mannes auf Grund dieses Paragraphen verurteilt. Das Reichsgericht verwarf am Montag die Revision und erkannte dadurch, daß die Dcnunziationspflicht aus 8 139 St.G.B. auch für die Ehefrau ihrem Manne gegenüber besteht. Sericbts-�eitung. Titulatur„Zahnklinik". Der Polizeipräsident von Charlottenburg hatte durch Ver- fügung dem Zahntechniker Altmann aufgegeben, von seinem Haus- schilde die Aufschrift„Zahnklinik" zu beseitigen, sowie die Worte: „Behandlung durch Arzt. Zahnarzt..." Ter Bezirksausschuß setzte die Verfügung außer Kraft. Das Obcrverwaltungsgericht hob jedoch kürzlich das Urteil auf und wies die Klage A.s endgültig ab. Begründend wurde ausgeführt: Unter Zahnklinik verstehe man eine Anlage, die von einer approbierten Medizinalperson unternommen»verde. Da das hier nicht der Fall sei, dürfe jene Bezeichnung aus dem Schilde nicht gebraucht werden. Was die Worte:„Behandlung durch Arzt. Zahnarzt..." angehe. so müßten sie beim Publikum die Vorstellung hervorrufen, daß das Publikum je�'-zeit in dem Betriebe eine derartige Medizinal- pcrson vorfinde. Das sei auch nicht der Fall gewesen, denn nach den Behauptungen seien mit solchen Aerzten nur Verträge abge- schlössen, wonach sie. wenn y. es für erforderlich halte, auf telephonischcu Anruf erscheinen müßten. So rechtfertige sich das polizeiliche Einschreiten auch in dieser Beziehung. Streikbrecher pfui! Das Reichsgericht verwarf am Dienstag die Revision der Neraarbeiterfrau Ebbeit, die am 27. März vom Landgericht Dort- ntund wegen vermeintlicher Beleidigung zu einer Woche Gefängnis Bus der frauenbe�egung. Ein Gebet streikender Arbeiterinnen. In einer Miederfabrik von Kalmazoo(Michigan in Nord- amerika) traten, wie das Gcwerkschaftsorgan der Textilarbeiter berichtet, 359 Mädchen vor einigen Wochen in den Streik, weil sie bei den Hungerlöhnen, die dort gezahlt werden, nicht exi- tieren können. Sie verlangten eine befcheidene Lohnerhöhung und eine menschenwürdige Behandlung, wurden aber vom Fabrikanten kurz abgewiesen. Tie streikenden Mädchen stellten dann Streik- Posten auf, um die arbeitswilligen Arbeiterinnen, die der Fabri- kant angestellt hatte, durch gütliche Ueberredung vom Streikbruch abzuhalten. Die Streikposten wurden verhaftet und von einem Richter zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt. In ihrer Not wandten sich die Mädchen an den lieben Gott im Himmel, damit er die Streikbrecherinnen bekehre und den Fabrikanten� bestrafe. Josephine Casay. Führerin der streikenden Ntädchen, verfaßte ein Notgebet für ihre Kolleginnen, das diese in der Nähe der Mieder- abrik dreimal täglich verrichteten. Es heißt darin: „Unser lieber Bater, unser guter Gott, der du so barmherzig bist und gesagt hast,„wer bittet, dem lvird gegeben", wir bitten dich demütigst, daß du uns bessere Löhne verschaffst, damit »vir uns halbwegs anständig kleiden und ernähren können. Unser Arbeitgeber ist zwar sehr reich, weigert sich aber, unsere Bitten zu erfüllen und hat die Hilfe der Polizei angerufen, um uns vollständig zu erdrücken.... Beschütze unsere Streikposten, welche von gottvergessenen, herzlosen Polizisten brutal angegriffen wur- den.... Wir haben uns an die P a st o r e n, an die Presse und an das Publikum gewandt, aber sie haben uns nicht geholfen.... Segne unsere Union, damit sie stark wird und wir in den Stand gesetzt werden, den herzlosen Arbeitgebern Widerstand zu leisten und lvir uns nicht immer an dich um Hilfe wenden müssen. Tu siehst unsere kleinen Kinder hilflos und leidend und du siehst die streikeniden Mädchen, welche die Sünde hassen und doch durch die Armut gezivungen werden, zu sündigen.... Unsere Arbeitgeber sind so hartherzig und prvfitgierig, wie die Wucherer, die du aus dem Tempel getrieben hast, und unsere Richter und Polizisten sind so grausam wie Pilatus, Herodes und ihre Schergen. Herr, verlasse uns nicht!" So weit das Gebet. Die Anspielung auf die Sünde ist wohl so zu verstehen, daß viele Mädchen den Vorgesetzten zu Willen sein müssen oder weil der Verdienst so gering ist, ihren Leib an andere Männer, die sie nicht lieben, verkaufen müssen. Das Gebet scheint zwar nicht erhört worden zu sein, denn die Arbeiterinnen sandten Pertrauenspersonen nach Detroit und ande- ren Städten Michigans!, um Gelder für Streikunterstützung zu sammeln. Dieser Schritt hatte mehr Erfolg als das dreimal täg- lich zu Gott in den Himmel gesandte Gebet. Immerhin empfehlen! wir unseren„christlich" Organisierten eine gleiche Verurteilung der Arbeitgeber, Streikhrecherinnen und Polizei.-_ Hus aller Sielt. Der nationale Hungerstreik der frauen. Freiwilliger Hungerstreik oder politische Freiheit ist das neueste Losungswort, das. wie bereits kurz gemeldet wurde, die englischen Suffragetten geprägt haben, um ihren StimmrechtSforderungen er- höhten Reiz zu geben. Wenn eS nach dem Wunsch und Willen von Miß Mary Gawthorpe, der Ruferin in diesem Hungerstreik zur Erzwingung des FrauenstimmrcchtS, geht, sollen am ersten Weih nachtSfeiertag nach dem letzten Schlage der Mitternachtsstunde in ganz England die politisch mündigen Frauen zum Zeichen des Pro testes gegen ihre Unterdrücker die Eßarbcit einstellen und sie nicht eher wieder aufnehmen, bis ihnen ihr Recht geworden ist. Miß Gawthorpe ist es mit ihrer verrückten Idee, die nur dazu beitragen kann, die Sache der englischen Stimmrechtlerinnen weiter zu kom- promittieren. heiliger Ernst, wie der folgende, von ihr veröffentlichte Aufruf beweist: „Wir stehen am Vorabend einer neuen Parlamentssession. Wenn diesmal unsere Erwartungen wieder getäuscht werden, schlage ich vor, in ganz England einen weiblichen Generalhungerstreik zu inszenieren. Und zwar soll dieser am 25. Dezember um 12 Uhr nachts beginnen. Ich fordere deshalb alle Frauen, denen die Er- kämpfnng der politisch«, Freiheit am Herzen liegt, auf. mir unver- züglich ihre Zustimmung zu erklären. Es bedarf zu dem Zweck keiner langen Briefe und Auseinandersetzungen. eS genügt die Ueber- sendung einer Postkarte, die am Kopf daS Gelübde„Ich verspreche" und den Nan,en und die Adresse der Frau trägt, die entschlossen ist. sich dem fteiwilligen Hungerstreik zu unterziehen. Besonderen Wert lege ich auf die Beitrittserklärung von Ehefrauen, Schwestern, Müttern und Familienangehörigen von Mitgliedern des Parla- ments und der Regierung, von Bekannten und Freundinnen aller in hoher sozialer Stellung befindlichen Männer, von' gesell- kchaftlich und beruflich angesehenen Suffragetten, von Schrift- stellerinnen. Künstlerinnen. Wissenschastlerinnen und Lehrerinnen. Wenn angesichts der Einmütigkeit der zum äußersten entschlossenen Frauenwelt das Parlament in seiner ablehnenden Haltung verharrt, wird der Hungerstreik eine Notwendigkeit, und eS ist dann eine un- abweisbare Pflicht für uns Frauen, den Streik mit Entschlossenheit und mit dem vollen Bewußtsein, daß er für viele von uns den Tod zur Folge haben kann, durchzuführen."_______ Da bekanntlich nichts so albern ist. daß eS nicht begeisterte Anhänger fände, steht zu erwarte»,, daß auch Miß Gawthorpe die Werbe- trommel nicht umsonst gerührt hat. Explosionskatastrophe in Mexiko. Eine verheerende Pulverexplosion meldet der Telegraph aus der Stadt Ta mp i r o in Mexiko. In dem Warenhause der Stadt brach ein Brand aus, der die in einem Speicher aufbewahrten Schießpulvervorräte erfaßte und zur Explosion brachte. Durch die Explosion wurde das Warenhaus vollständig zerstört, über 199 Menschen unter den Trümmern der Baulichkeiten begraben und etwa ebensoviel durch umherfliegende Balken und Steine verletzt. Bisher sind aus den Trümmern 51 Leichen geborgen worden._ Wenn Kinder mit Feuer spiele». Auf dem Gute Ahrensberg bei Neustrelitz spielten zwei Kinder eines Vorschnitters in einer Scheune mit Streichhölzern. ES geriet die Scheune in Brand, wobei das eine vierjährige Kind so schwere Brandwunden erlitt, daß es nach kurzer Zeit in, Nenstrelitzer Krankcnhause verschied. Auch die Dtutter der Kleinen erlitt bei der Rettung ihres Kindes schwere Brandwunden.— Ein anderes Brandunglück lvird aus B e u t h e n gemeldet: Während die Frau des Hüttenbeamten O r l o w s k i vom Borsigwerk auf dem Markt ihre Einkäufe besorgte, beschäftigte sich in der elterlichen Wohnung die siebenjährige Tochter in der Küche am Herd- feuer. Die Kleider des KindeS gerieten hierbei in Brand und wurde letzteres nur noch als verkohlte Leiche aufgefunden. Eine mysteriöse Geschichte. DaS rätselhafte Verschwinden zweier Frauen hält seit längerer Zeit schon die Gemüter in der Gegend von Schwaben in Auf- regung und beschäftigt gegenwärtig auch den Untersuchungsrichter am Landgericht München I. Danach ist Ende vergangenen JahreS die Schwiegermutter eines in einer Ortschaft uiuveit Schwaben wohnenden Waldarbeiters plötzlich verschwunden. Dieser Tatsache wurde erst leine weitere Bedeutung beigelegt, bis anfangs Februar d. I. auch die Frau des Waldarbeiters, Mutter von fünf Kindern, auf rätselhafte Weise verschwand. Seine nach der Mutter fragenden Kinder soll der Waldarbeiter ain ersten Tage damit gettöstet haben, daß er sagte, sie sei zur Kirche gegangen; an, zweiten Tage soll er ihnen gesagt haben, die Mutter sei zu Verlvandten nach Passau. Kurz, die Mutter blieb verschwunden. Das gab der Fama allerlei Stoff zu Mutmaßungen, die sich schließ- lich zu direkten Anschuldigungen verdichteten. Nun kam der Waldarbeiter im Wirtshaus mit einigen Bauern in Streit, wobei ihin ein Gütler zurief:„Sei stad, ich weiß, wo ZDei Alte ist!" Der Waldarbeiter entfernte sich aus der Wirtschaft, und als später auch der Gütler den Heimweg antrat, wurde plötzlich in stockfinsterer Nacht ein Revolverschuß aus ihn abgegeben, der den Gütlcr nur leicht verletzte. Dieser hielt den Angreifer fest und leuchtete ihm mit einem Streichholz ins Gesicht. Er erstaunte nicht wenig, als er in dem Revolverhelden den Wald-' arbeiter erkannte, mit dem er vorher in Streit geraten war. Obwohl ihn der Gütler genau erkannte, leugnete der Waldarbeiter am anderen Tage dem recherchierenden Gendarmen gegenüber, auf den Gütler einen Schuß abgegeben zu haben. Der Wald- arbeiter wurde wegen eines Verbrechens des Totschlags- Versuchs verhaftet und stellte nach wie bor hartnäckig in Abrede, auf den Gütler geschossen zu haben. Dieses Leugnen kommt den Behörden verdächtig war, weShalb vermutet wird, daß der Waldarbeiter Frau und Schwiegermutter gewalt- s a in beseitigt, die Leichen eventuell vergraben hat und daß der Waldarbeiter auch! den Gütler, in dem er einen unbequemen Zeugen vermutete, durch seinen Angriff beseitigen wollte. Auf Anordnung des Untersuchungsrichters w,rd in den nächsten Tagen das Terrain, insbesondere die umliegenden Wälder mit Dachshunden abgesucht. Kleine Notizen. Bei der Arbeit erstickt. Auf der Zementfabrik in Neubeckum (Westfalen) sind zwei italienische Arbeiter, die an der Erweiterung eines Kellerraumes vier Meter tief unter der Erde beschäftigt waren, durch Einatmen von Erdgasen erstickt. Familicndrama. Am Mittwochmorgen hat in seiner Wohnung in O f f e n b a ch der Lackierer Adain Z r p p auf sein elf Monate altes Kind geschossen und sich dann selbst durch einen Revolverschuß entleibt. Das Kind wurde schwer verletzt iuS Krankenhaus gebracht. Als Grund der Tat gibt der Mann in einem hinterlasfenen Briefe an, daß er sich von seiner Frau hinter- gangen fühlte. Revolte in einem rumänischen Zuchthause. Jin Zuchthause zu G a I a tz revoltierten die Sträflinge gegen die Verwaltung. Zur Unterdrückung des Aufstandes wurde Gendarmerie herangezogen. In dem Kainpfe zwischen den Gendarmen und Zuchthäuslern wurden ein Gendarm und sieben Sträflinge getötet und 17 schwer verletzt. Folgenschwerer Gerüstcinstiirz. Auf einem Reubau in B u e n o S Aires stürzte das Baugerüst ein und begrub zahlreiche Arbeiter unter sich. 27 Arbeiter erlitten Verletzungen, zwei davon liegen in» Sterben. Abstnrz eines rnssi djtn Fliegers. In Petersburg stürzte Mitllvoch morgens der Aviatiker R a j e w S k i bei Flugversuchen mit einem neuen Apparate ab. Rajewski wurde so schlver verletzt, daß sein Zustand hoffnungslos erscheint. Annahmestellen für„Kleine Anzeigen" Itcrlin O. A. Haliuisch, Nckerftr. 174. W o. xo. X. <8. Schmidt. Kirchbachftr. 14. St. Hackclbusch, Petersburger Plad«.«»»av Bogel. Koppen- Ilr-ge 82 S». We, Igels. Gr. Ürankiurter Str. 120. « Boe I V- �c»g-ls. Gr. Frankfurter Str. l20. iL'' Lmmaimelkirchftr. 12. I. Rcul. öinniniflr. 42. W. Baumann. RbeinSberger Str. 67. H-»tscher.«altrnniiv. e. «arl Wars.öicifcnhagciici etr.'JT I. Hönisch, �ar-tbtuch»»!. tS. Zl. Aetz. Jnvalidenftr. 124. XW. sw. «. so «' Lortzingstr. 37. T i!"" Rubeplatzstr. 24. «toet«Ubers. Ealzwedeleritr. 8.,„ ferner, Gneilenausu 72. Tael»», H�ilierger Str. 27. Tt. ftm, Priiijenitr 31 H. Lehmann. Kottbuler Damm 8. Paul Böhm. Än, fitzer Platz l4,>b.»•*?>;'*'«ngelufer 15. Ad]cr»>hol. Sntl Schiunnlofc, BtSmarckstr. 50. MnnniBchnlenwe« S?«ornifl, Marieutbalerstr. 13, l Borsigwalde. Paul Kicnaft. Räuschttr. 10. Churiottcnbnrg«uftav Scharnbcrg.!i-e»enbeimer Str. 1. Fpledrlchsliagen. Ernst Söcrftnaiiii, Köpenickcr Str. 18. Grünan. ftraiu Klein, Frictuichstr. 10. Johannisthal. Pielicke? Kaiser-SUhelm-PIatz 6. Barlshorst,»itchard Stüter, Rödelstr. 9, II. Köpenick. Emil Blißler. Rietzedtr. 6, Laden. Mchtenberg. C«o Seikel. Waitenbergltr 1. Xiedcr-Schönewelde. Witt». Unruh. Bruckenstr. 10. Xonanes. Wilhelm Jappe. Friedrich»». 7. Ober-Schöncweidc. Alfred Bader, WUHelminenhosstr. 17 II. I'ankorv. Otto Ritzuiaun. Mühlenstt. 30. Reinickendorf. P Gursch, Provinzstr. 56, Laden. Xenkölln. IM. Heinrich, Reckarstr. i Eonrad. Hermannjtr. 50. E. Rohr, Siegfried, lr. 28/29. Ruin nie ls bürg. 21. Roseutrauz. All-Roxhageu 56. Schönubcrp;. Wilhelm Baumler, Marlin-Luther-Str. SS im Laden. Spandau,«öpven. Breiteftr. 64. Steelitz. H Bernsee. Alsenstr. S. Tcinpclhof. Joh. Krohn, Borussiaftr. 62. Treptow. Robert Grnmenx. Kiesbolzftr. 412, Laden. tzVelBeasee. Fuhrmann. Seda»itr.l05 Schillert. Berliner Allee 258. XViimersdorf. Paul Schubert, Wilb-ImSaue 27. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp. Neukölln. Für de» Lnseratenteil»«rantw.: Ttz. Glicke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt« Buchdruckerei u. VeriagSanftalt Laut Singer u.«0* Lkriio SWT »». 2. Ifildjf iits JdiiWs" Inlintt JolWhfl Die Berliner IParteigenoffen zum Parteitage. Erster Wahlkreis. Die Generalversammlung des Wahlvereins für den ersten Ber- lincr Reichstagswahlkreis fand in den Corona-Festsälen, Komman- dantenstratze statt. Der Vorsitzende Schwabedahl gab dem Genossen Petermann sofort das Wort zum Bericht vom Parteitage. Mit großer Befriedigung sprach sich der Redner über den Verlauf des Parteitages aus, der alle Hoffnungen erfüllt habe, die die Partei auf ihn setzen tonnte. Eine innere Förderung und Erstar- kung sowie eine Erhöhung der Stoßkraft nach außen sei der Partei um so nötiger, als die Verschärfung der Kassengegensätze und die mannigfaltigen Erscheinungen der kapitalistischen EntWickelung die Macht der arbeitenden Klasse immer mehr herausfordern. Stark und gerüstet stehe die Partei da, um allen Widersachern zu begeg- neu, das habe auch der jüngste Parteitag wieder gezeigt.— Auf die einzelnen Punkte der Tagesordnung übergehend, schilderte Red- ner den Verlauf der Verhandlungen, wobei er verschiedene große Momente der Tagung hervorhob. So gedachte er mit Wärme der Rede Hucs über die furchtbaren Gefahren des Bergbaues, die in einer wuchtigen Anklagerede gegen das Grubenkapital ausklang, die alle Zuhörer tief ergriffen habe. Mit großem Ernst sei der vorgelegten Protestresolution in dieser Frage zugestimmt worden. Die größte Aufmerksamkeit fand auch Scheidemanns Referat über die Stichwahlen und die Frage der Dämpfung. Die Zuhörer- Plätze wurden gestürmt, und keiner wurde enttäuscht von dieser Rede, die des Interessanten so viel bot und dann die lebhafteste Diskussion hervorrief.— Von Stadt Hägens Referat über die Tätigkeit der Reichstagsfraktion war der Redner weniger befriedigt, dagegen sprach er sich sehr begeistert aus über H a a s e s Portrag, der den Imperialismus behandelte. Hier habe man über ein be- kanntes Thema mal wieder etwas anderes. Großes und Neues ge- hört, als sonst geboten wird.— Auf die Frage der Maifeier Ping der Redner dann ein und betonte, daß bei der Abstimmung eine gewisse Verwirrung geherrscht habe und die Aufhebung des Nürn- bcrger Beschlusses viel bedauert wurde. Auf den Fall Hilde- b r a n d wollte der Redner nicht eingehen, damit habe sich der Parteitag 6% Stunden beschäftigt und man sollte sich bei der ge- troffenen Entscheidung beruhigen. Die Erklärung im„Vorwärts" von A r o n s, Heine und Genossen könne er nicht billigen und verstehe auch nicht, warum B e r n st e i n hier noch besonders seine Stimme erhebt.— Der Parteitag habe alle Kräfte anspannen müssen, um die reichhaltige Tagesordnung zu erledigen. Die den Delegierten zugemutete Arbeit sei so groß gewesen, daß sie unter anderen Umständen gestreikt hätten, aber sie dürften jetzt auch mit Befriedigung auf ihre Arbeit blicken.(Beifall.) Zu der lebhaft einsetzenden Diskussion über den Bericht meldete sich zuerst Genosse Röbelk. der im Gegensatz zum Referenten betonte, daß man sich noch recht viel mit dem Fall Hildebrand beschäftigen müsse. Der Parteitag habe mit dem Ausschluß H i l d e b r a n d S ein Unrecht begangen, was hoffentlich der nächste Parteitag wieder gutmachen werde. Bei der Lektüre von K a u t S k y s Artikel zu diesem Fall werde man das Gefühl nicht los, daß etwas faul ist in der Partei. Hildebrand habe die Wahrheit gesucht, man ächte den Wissensdrang in der Partei, wenn man hier verurteilt. Hildebrands Buch sei de« meisten seiner Richter unbekannt gewesen. Der Redner ergeht sich in längeren Betrachtungen über das Für und Wider des AuS- schlusscs und findet dann, daß man Hildebrand übcrhakipt nicht ausschließen durfte. Mit Feuer verteidigt er den Ausgc- schlossenen und ruft zum Schluß begeistert aus:„Die Zweifel- suchr und die Ketzerei in der Partei, sie sollen leben!"(Abwehrende Rufe: Na, na, na!) Genosse P e t e r m a n n erwidert darauf, daß der Parteitag gar nicht anders konnte, als Hildebrand auszuschließen, da er sich mit seiner Rede vor dem Parteitag selbst außerhalb der Partei gestellt habe. Um das Buch Hildebrands, das der Vorredner vielleicht selber nicht gelesen hat, handelte es sich nicht so sehr, als um die Haltung Hildebrands seit Jahren schon; er gehörte in Wirklichkeit schon lange nicht mehr zur Partei. Genosse Bu blitz wendet sich ebenfalls gegen Röbel t und gegen die Erklärung von A r o n S und Heine und hält den Ausschluß für gerecht. Man hätte erwarten können, daß Hilde- b r a n d cS überhaupt nicht erst auf den Ausschluß ankommen ließe, sondern freiwillig seine eigenen Wege ginge. Da er nicht ging, hätte der Ausschluß schon viel früher geschehen sollen. Mit den Ergebnissen des Parteitages ist der Redner vielfach sehr unzufrie- den. Den Einfluß der Reichstagsfraktion auf Parteitagen hätte man unbedingt eindämmen müssen; bei der Stärke unserer Frak- tion sei dieser Einfluß zu groß. Der Beschluß betreffend die Mai- feier sei bedauerlich. Der Parteitag sei mehrfach um Entschei- düngen herumgegangen und hätte manche Ueberraschung gebracht, so in der Frage des Ausschusses, gegen den zuerst so viele Stimmen sich erhoben, dann in der Frage der Dämpfung des Wahlkampfcs, gegen die scharfer Protest auch von anderen Seiten erhoben wurde und nicht nur aus den beteiligten Kreisen, wie häufig behauptet wird. In das viele Lob auf diesen Parteitag kann oer Redner nicht einstimmen und wünschte lieber, daß sich weniger„Einigkeit", aber mehr grundsätzliche Festigkeit gezeigt hätte. Genosse Samuel bespricht die Parole der„Dämpfung" und meint, wir hätten etwas zu viel, die Freisinnigen aber etwas zu wenig bei diesem Handel gegeben. In bezug auf die Haltung der Fraktion zum Kaiserhoch wünscht er, daß unsere Abgeordneten im Saale bleiben, aber ihre Plätze behalten. Im Fall Hilde- b r a n d hält er den Ausschluß für durchaus gerechtfertigt und wendet sich gegen die Aeußerungen vom„Ketzergericht" in der libe- ��Genosse�Luchk fragt: Warum so große Aufregung über den Fall Hildebrand? Ww haben dergleichen schon öfter erlebt, zum Beispiel mit Schipp el und Maurenbrecher. Diese Leute sollen ruhig dahingehen, wo st- ihre Meinungen vertreten können, wir hindern sie nichts Mit dem Parteitag könne man im großen und ganzen zufrieden sein, wenn auch manche Beschlüsse die Kritik herauszufordern scheinen, so die Ausübung des Nürnberger Beschlusses über die Maifeier. Da sei c- aber mehr zu bedauern. daß durch das Verhalten vieler Genossen dieie Aushebung gefordert wurde. Die starke Vertretung der Ne>chStagSfraktlo,i auf den Parteitagen hält Redner auch für bedenklich und Hatto e»ne hessere Lösung der Frage gewünscht. Die Maßnahmen des Parteivorstan- des i», Wahlkampfe verteidigt er und stellt schließlich den Antrag, daß der Wahlverein des ersten Kreises sich mit den Bqchlüssen des Parteitages im allgemeinen einverstanden erklärt. Genosse Schwabedahl erinnert an das reichbewegte Partei- .leben im vergangenen Jahre, auf das der Parteitag zurückblicken konnte, er würdigt das Verhalten des Parteivorstandes, das Aner- iennung verdiene. Viele Delegierte, die nach dem Parteitag kamen, um dem Vorstand„eins aaszuwischen", seien„umgekippt" und hätten sich bald überzeugen lassen, daß der Partcivorstand das Beste getan, was in seiner Kraft stand, daß er sehr geschickt verfahren und Ehre und Ansehen der Partei gewahrt habe. Ter Parteitag habe viel gute Arbeit geleistet, und es sei nun Aufgabe der Genossen, den erhaltenen Anregungen nachzueifern. Auf den Fall Hildebrand geht Schwab cd ahl noch kurz ein, ebenso wie die nachfolgenden Redner Langner und Hegewald, aber außer dem ersten Diskussionsredner findet Hildcbrand keine Verteidiger weiter. Hegewald verteidigt ebenfalls die Parole der Dämpfung im Wahlkampf und hält jede Besorgnis für unbegründet, daß eine Verwirrung in der Partei durch dergleichen Maßnahmen hervor- gerufen werden könnte. So schlecht dürfe man die Parteigenossen nicht einschätzen. Nach einem Schlußwort des Genossen Petermann, der nochmals die reiche und fruchtbare Arbeit des Parteitages hervor- hebt, läßt der Vorsitzende über den Antrag Lucht abstimmen. Der Antrag, der die llebereinftimmung der Versammlung mit den Be- schlüssen des Parteitags bekundet, wird gegen wenige Stimmen an- genommen. Schwabedahl fokdert zum Schluß dazu auf, die Partei in ihrem Bestreben mit allen Kräften zu unterstützen, wenn es sich in der nächsten Zeit darum handelt, eine mächtige Agitation für die Erringung des freien Wahlrechts zum preußischen Landtage zu entfalten.(Beifall.) Er macht dann auf Vereinsangelegenheiten aufmerksam und hofft auf eine reiche Beteiligung der Mitglieder bei den Veranstaltungen des Wahlvereins. Zweiter Wahlkreis. In der Bockbrauerei am Tempelhofer Berg nahm eine schwach- besuchte Versammlung den Bericht vom Parteitag entgegen. Als erster Delegierter referierte Schwahn, der ein- gcnigs seiner Ausführungen ocn Wunsch aussprach, daß in Zukunft nicht erst am dritten Dienstag die Berichte über den Parteitag ge- geben werden sollten. So wie es jetzt geübt werde, gehe der frische lebendige Eindruck zum großen Teil verloren Redner gibt eine eingehende Schilderung von der Chemnitzer Tagung. Was die Ge- Nossen in Chemnitz vermißt hätten, sei Paul Singer, an den wohl alle gedacht haben werden, und dessen Wirken auch bei der Leitung des Kongresses gefehlt habe, wenngleich auch diese eine gute war. Die Behörden seien so entgegenkommend gewesen wie nian es in Preußen kaum je erwarten dürste. Vielleicht hätten die Ge- nassen des zweiten Berliner Reichstags-Wahlkreiscs erwartet, daß die drei Delegierten sich auf dem Parteitag auch— etwa durch Reden— bemerlHar machen würidem Dies ginge auf Parteitagen jedoch nicht so ohne weiteres, und mit Rücksicht auf die vorzüglichen Reden geschulter und bekannter Genossen hätten sie, die drei Dcle- gierten, davon abgesehen, sich an den Debatten zu beteiligen. Die Referate seien durchweg gut gewesen, besonders der Bericht von Ebert, und es sei kaum zu erwarten, daß die Wirkung und der Eindruck dieser Referate im Protokoll so gut wiedergegeben werden. Bei der Besprechung des Göppinger Falles hält eS der Redner für vollkommen ausgeschlossen, daß der Parteivorstand irgend einen Druck ausgeübt habe. Des weiteren meint der Redner, daß die Art, wie der Parteivorstand zu allen Nebenarbeiten Stellung ge- noMmen habe, z. B. Frauenbewegung, Jugendbewegung, zeige, wie viele Arbeit von ihm bewältigt worden sei, und daß er daS Bestreben habe, noch intensiver und vielseitiger zu wirken. Feststellen müsse er, Redner, daß S ch e i d e m a n n keine Aeuhe- rung antisemitischen Charakters getan habe. Wenn das von ein- zelnen Kongveßteilnehmern angenommen worden ist, so war daran jedenfalls die schlechte Akustik schuld. Was die Dämpfung anbc- lange, spricht Redner die Hoffnung aus, daß man in Zukunft kessele Wege finden werde. Ob aber in Fällen, wo rasch gehandelt werden muß, ein Weg gefunden wird, der alle befriedige, sei fraglich. Was den Fall Landsberg anbetrifft, so ist dem Genossen Lands- b e r g unzweideutig gesagt worden, daß das nicht wieder vor- kommen soll. Ucbrigeiis denke man im Süden über derartige Vor- gänge anders als im Norden. Den Bericht der Reichstagsfraktion durch Stadthagen sei kurz und präzis, aber auch interessant gewesen. Scmderkvnferengen und Doppelkandidaturen zu verbieten, sei praktisch nicht gut durch- führbar. doch habe der Parteitag ausgesprochen, daß es möglichst unterlassen werden sollte. Stadthagen hohe ja die Sonder- konferengen als ein notwendiges Uebel bezeichnet, während nach Bebels Meinung dieselben möglichst zu unterbleiben haben». Die Abstimmung darüber habe beinahe zu Konflikten Anlaß gegeben. Nach dem genauen Wortlaut des Beschlusses darüber heiße es: sie sind zu unterlassen. Zieht man diesen Beschluß in Betracht, dann verstößt schon Heines Erklärung in der Parteipresse zum Fall Hildebrand dagegen, denn die Sammlung von Unterschriften gehe nicht ohne eine Art von Sonderkvnferenz ab. Heines Er- klärungen werden noch viel böseS Blut machen� und wenn es so weiter gehe, werde der Beschluß wenig Wirkung haben. Zweifel- los sei die Erklärung H e i n e s ein grober Verstoß gegen den Chem- nitzcr Beschluß� der die Sonderkonferenzen verbietet. Die Vorstands- tätigkeit habe auch nach der Seite der Frauenbewegung ein erfreuliches Bild gezeigt, besonders, wenn, man demgegenübev die Debatten auf dem soeben stattgefundenen Fortschrittlichen Partei- tag verfolge. Mit dem Parteivorstand, wie er jetzt zusammengesetzt ist. könnten wir zufrieden sein. Ein ungewöhnlicher Vorgang war es, daß der Parteivorstand fast alle Referate selbst besetzt hat. Das sollten die Genossen, die ihm mangelnde Aktivität vorwerfen, mit Ruhe der Zukunft entgegensehen lassen.(Beifall.) Hierauf erstattete Peetzke den zweiten Teil des Berichts. Er glaube, saß die Delegierten des zweiten Kreises im Sinne ihrer Auftraggeber gehandelt haben, indem sie, was die Zulassung der Reichstagsabgeordneten zu den Parteilagen anbelangt, für den alten Zustand eingetreten sind. Bei der Maifeier hätten sie alle drei gegen den Antrag auf Aufhebung des Nürnberger Beschlusses gestimmt. hätten eS aber nicht verhindern können, daß der Antrag doch angenommen worden ist. Der Beschluß hätte unbedingt bestehen hleiben müssen, und man könne sich nur der Erklärung den Harn- burger anschließen� daß man nunmehr lieber gar keine Maifeier nehr haben wolle. Er. Redner. Nüsse mcht, warum die Namen der Abstimmenden nicht in der Parteipresse erschienen seien, wo dies doch sonst, z. B. im„Borwärts", üblich gewesen sei. Bezüglich HildebrandK Ausschluß ist Redner der Meinung, wenn ein Genosse soweit abweicht vom Parteiprogramm wie Hilde- brand, sei es nur recht und billig wenn er ausgeschlossen werde. Bis auf die Aufhebung des Nürnberger Beschlusses könne man mit den Arbeiten des Parteitages zufrieden sein.(Beifall.) Rapp als erster Diskussionsredner bezeichnet den Ausschluß Hildebrands als eine unerfreuliche Erscheinung. Eine Partei, die für Wahrheit und Freiheit kämpfe, hätte das nimmermehr nm dürfen, zumal H i ld e bra n d nur in einzelnen Teilfragen des Parteiprogramms abweiche. Redner geht des längeren auf die einzelnen strittigen Fragen, insbesondere auf die Agrarfragen, ein» in der wir auch der Weisheft letzten Schluß noch nicht gefunden hätten. Außer Hildebrand seien aber auch noch andere Genossen da. die vom Parteiprogramm abwichen, z. B. Lensch in den Militärfragen. Dieser sei aber nicht aus- geschlossen worden. ES habe je in Grund vorgelegen, Hilde- brand auzuschließen, weil er in Fragen, die noch offene seien, zu anderen Voraussetzungen komme. Es habe jeder das Recht, mit geistigen Waffen seine Meinung zu verfechten».(Widerspruch.) Nach Ansicht der Genossin Zetkin aber gehe die Freiheit der, Meinung gerade soweit, wie es der Partei paßt, so ungefähr könne man ihre Ausführungen, aus dem Parteitage auslegen.(Lebhafter Wider- spruch.) Der Weg, den» die Partei im Hildebrand scheu Falle eingeschlagen habe, führe auf» die schiefe Ebene. Es zeige sich aber doch, daß die Partei seid Jahrzehnten nach und stach immer mehr zum praktischen Reformwerk übergegangen sei.(Unruhe und Rufe: „Die Partei hat immer praktisch gearbeitet!") Auch daS Stichwahl- abkommen sei ein Schritt auf dem Wege zum Reformismus. Redner spricht unter großer Unruhe weiter. Der Ausschluß Hilde- brands werde auf die zurückfallen, die dafür eingetreten sind. (Widerspruch und Beifall.) C l a j u s führt den schlechten Besuch der Versammlung auf die am Tage nachher stattfindenden Zahlabenlde zurück. Man solle künftig den Fehler nicht mehr machen, die Berichterstattung vor einen Zahlabcnd zu setzen. Dem Parteitag habe der geschlossene Zug und der kraftvolle Ausdruck des Volkswillens gefehlt.(Rufe: Sehr richtig.) Scheidemanns Rede über die Lebensmittel- teuerung sei gut gewesen; aber es hätte noch etwas Eindrucksvolleres und Größeres gemacht werden müssen, in dieser Frage. Resolu- tionen rühren die Regierung wenig.(Zuruf: Was hätte den!» ge- macht werden sollen?) Es sei nicht zu verdenken, daß die Tele- gierten trotz allem nicht mit der Tampsung des Wahlkampfcs ein- verstanden gewesen seien. Da der Parteivorstand aber sonst gut gearbeitet habe, so habe man wohl Abstand davon genommen, schärf cr vorzugehen. Mit der Dämpfung sei unsere alte Taktik preis- gegeben worden. Der Freisinn habe bei der Sache mehr gewonnen als wir. Hätten wir die Dämpfung nicht mitgemacht, so hätten wir jetzt vielleicht zehn Mann ivenigev im Reichstage, und das würde unseren Einfluß dort nicht schwächer machen. In der An- gelegenheit Hildebrand habe der Parteitag richtig gehandelt. Wer das Parteiprogramm nicht anerkeirneni könne oder wollen sollte von selbst ausscheiden. Was die Aufhebung des Nürnberger Be- schlusses betrifft, sei es geradezu ein Skandal, daß Leute, die nicht einmal das kleine Opfer bringen, wollen, noch heute in der Partei sind. Der Nürnberger Beschluß müsse wiederkommen.(Beifall.) Stadthagen stimmt dem letzten Redner insofern zu, daß dem Parteitag tatsächlich der große, fortreißende Zug gefehlt habe. Das habe aber auch an der ganzen Art des Parteitages gelegen, mit dem man immerhin zufrieden sein könne. Es sei aber auch nicht zu verkennen, daß man in vielen Fragen ein Ausweichen geübt habe, vielleicht, weil manche Kreise sich immer von dem Gedanken leiten ließen: nur keine Aufregung, nur keinen Spektakel. Aus dem immerwährenden Bestreben, jeder klaren Entscheidung auszu- weichen,, entspringt die Unklarheit. Seiner Meinung nach sei die übergroße Mehrheit der Delegierten gegen die Dämpfung gewesen; man habe nur keine Differenzen heraufbeschwören wollen und sich von dem Bestreben leiten lassen,, ein Bild der Einigkeit zu geben. Nach Redners Meinung wäre es aber besser gewesen, wenn man klipp und klar erklärt hatte: entweder wir bedauern die Dämpfung oder wir billigen sie. Das Ausweichen sei auch bei der Reorgani- sation festzustellen gewesen. Streitigkeiten werden unter den jetzt- gen Organisaffonsverhältnissen wiederkehren. Man hätte schon jetzt mit der Demokratisierung innerhalb der Organisation weiter gehen sollen. Er bcdaure auch den Beschluß bezüglich der Maifeier. Die Gründe dafür und dagegen seien verschieden gewesen. En habe ja auch für Aufrechterhaltung des Be- schlusscs gestimmt; viele aber seien für Aufhobung desselben eingetreten, weil sie die ewigen Streitigkeiten satt hatten. Es sei unverständlich, daß es Genossen, gäbe, die nicht einmal das kleine Opfer bringen wollten. Das imperialistische Stadium der kapita- listischen EntWickelung mache eine Ausdehnung des Maifeier- gedankenS besonders nötig. Der Imperialismus sei der wesentlichste Punkt der Tagesordnung gewesen, die unter der Ueberlastung gelitten habe. Was den Fall Hildebrand anbelangt, so soll ihm die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung nicht genommen» wer- den; wer aber die Grundsätze einer Partei nicht anerkenne, gehöre nicht hinein. Redner verliest Zitate von Gerlachs aus der".Welt am Montag" und aus der„Deutschen Tageszeitung", die dasselbe aussprechen. Friedeberg sei ein prächtiger Mensch und habe als Mitglied außerordentlich fleißig für die Partei gearbeitet, und wurde doch auch ausgeschlossen. Das habe mit der Freiheit der Wissenschaft nichts zu tun. Eine un- gewöhnliche Sache sei die Erklärung gegen den Ausschluß, die gerade von einer Seite käme, welche gegen die Sondev- konserenzen der Radikalen gewesen sei, und die jetzt selber Sonder Organisation niadje. Uebrigens sei die Frage mit den Sonderkonferenzen übertrieben aufgebauscht worden. Wenn sich Sonderkonferenzen als notwendig herausstellen sollten, wird der Parteitag auch in Zukunft nichts dagegen sagen; aber hier hätte dem Wunsche des Parteitages Rechnung getragen werden müssen. Er bedauere, daß der Parteitag überhaupt Stellung ge- nommen habe zu den Sonderkonferenzen. Auch hier wieder das alte Ausweichen: wir werden keine Sonderkonferenzen mehr ab- halten und dann folgt gleich hinterher eine Sonderorgani- sation. Der Parteitag habe entschieden, daß Hilde brand kein Sozialdemokrat ist» und so sei es geradezu provozierend, wenn Genossen zu Hildebrand sagen, er könne sich nach wie vor Sozialdemokrat nennen. Hildcbrand ist der alte nationalsoziale Imperialist geblieben. Ter Imperialismus muß noch viel be- sprächen werden, und gerade hiev müssen wir die Geschlossenheit der Partei unbedingt hochhalten im Kampf gegen den Imperialismus in seinen Wirkungen nach außen wie nach innen. Wenn es sich zeigen sollte, daß die alten Mittel nicht mehr wirksam und neue nötig sind» so werden sich auch andere finden.(Lebhaste Zustimmung und Beifall.) Hierauf nahm der Vertreter des zweiten Berliner Reichstag?- Wahlkreises R. Fischer das Wort, indem er bedauerte, daß es not- wendig gewesen sei, Hildebrand» auszuschließen, weil dadurch leicht der Anschein erweckt werden könne, als sei jener wegen seiner wissenschaftlichen Forschungen ausgeschlossen worden, was aber durchaus nicht zutreffe. Hildebrand hätte von selbst gehen müssen. ES haben Schiedsgerichte stattgefunden, und was man" auch gegen dieselben einwende, daß nur eine Stimme mehr gewesen sei, so würden die Abstimmungen, häufig so erfolgen, weil ja stets zwei Parteien mit drei gegen drei Stimmen stehen. Die Partei sei kein Studicrklub, sondern eine Kampfgcnassenschaft und wer damit nicht übereinstimme, müsse eben gehen oder ausgeschlossen werden. Alle Vergleiche mit Staat und Kirche usw. stimmten nicht und hinkten. Ohne Hildebrand nahezutrcten, könne man ruhig sagen, daß er nicht als selbständige wissenschaftliche Autorität anzusehen sei. Tüftler und Poeten» usw. gehörten, nicht in die Partei. Wir sind eine Kampfgenossenschaft mit einheitlichem Ziel und einheitlichen Mitteln. Wenn ein Regiment marschiere, habe sich jeder cinzu- ordnen. Ab und zu müßten, wir alle mal auch das Maul halten könne.", und wer es durchaus nicht kgnn, gehöre nicht ig die Partei. Was die Sonderkonferenzen betireffe, so habe der Parteitag un- zweideutig den Wunsch ausgesprochen, daß sie zu unterbleiben haben. Und» wenn der Parteitag das ausspricht, dann lasse man es eben. sein. Von Sonderorganisation bei der Erklärung H ein e s könne dagegen keine Rede sein, da müßte man die Be- griffskonstruktion der„konkludenten Handlungen" noch übertreffen. Radikal und revisionistisch sind veraltete Begriffe. Wir wollen alle Genossen sein, das ist's was» dem Parteitag die Signatur gegeben hat. Vielleicht habe» Staddhagen recht, daß die Mehrheit des Parteitages mit der Dämpfung nicht einverstanden war. Aber die Zwickmühle, in der der Partcivorstand saß» ließ dessen Maßnahmen erklärlich erscheinen. Das haben die Teilnehmer des Parteitages auch wohl eingesehen. Hätte der Parteivorstand anders gehandelt, so wären die Vorwürfe auch nicht ausgeblieben. Der Parteitag bat politische Weitsicht gepug besessen, um das einzusehen, und hat sich öeTjijt: Parieiöotffan5, du hast im großeu und ganzen recht ae- handelt. Die Maifeier ist, nicht identisch mit dem Nürnberger Beschluß. Wenn die Maifeier davon abhangig sein sollte, ob ein Tages- verdienst der in den, Parteibetriebcn beschäftigten Arbeiter abge- geben werden mutz, so wäre es besser, man machte Schlutz damit. Anders stehe es mit den von der Partei Angestellten. Diese sollten ja nach wie vor ihren Verdienst abliefern. Was als unhaltbar sich dabei herausgestellt hat und was auch er, Redner, ein- gesehen hat. ist der Umstand, datz der Beschlutz nicht durch- geführt werden! konnte, weil alle Jahre kleinliche Streitig- leiten darum entstehen und keine Instanz da sei, die den Beschlutz durchführen könne. Er als Geschäftsführer habe noch nie den Versuch unternommen, von Geschäfts wegen zu seinem Personal wegen des Nürnberger Beschlusses etwas zu sagen, denn die Ant- wort würde sicher lauten:„Was geht denn, dich das an?" und schließlich würden die Leute mit ihrer Antwort auch recht haben. Angesichts all dieser widrigen Umstände sei die Aufhebung des Be- schlusses ein ganz vernünftiger Akt. gewesen. Mit der Frage der Arbeitsruhe hätten, diese Beschlüsse nichts zu tun. Wenn nicht die Gewerkschaften Hand in Hand mit der Parte! gingen, seien die Parteibeschlüsse tote Beschlüsse und eine allgemeine Maifeier sei da nicht möglich,. Und er, Redner, fürchte, daß sie überhaupt nicht mehr komme. Es hänge auch nicht viel daran, das gebe man ruhig zu; zumal, wenn die Maifeier kein Echo mehr aus den Gewerkschaften finde. Tie Maifeier habe ihren Zweck erfüllt und damit sei es gut. Wir wollen gemeinsam kämpfen, doch nicht einander gegenüber- stehen in Frage», über die man nach Jahrzehnten nicht mehr reden wird. sLebhafter Beifall.) Wurm spricht sein. Freude aus. daß Fischer so entschieden für H i l d e b r a n d s Ausschluß eingetreten ist, und er wünsche, daß auch die Mehrheit so entschieden für die eingebrachte Resolution eintreten und zum Ausdruck bringen wird, daß wir nicht ein Ketzer- gericht abgehalten, sondern einen, Schädling aus der Partei ausge- schlössen haben, dessen Theorie dem Parteiprogramm geradezu ins Gesicht schlage. Die nachfolgende Abstimmung ergab die Annahme der Resglu- tion, die hier folgt, gegen drei Stimmen,: „Tic heute in der Bock-Brauerei tagende Generalversamm- lung erklärt sich mit der Haltung ihrer Delegierten aus dem Parteitag in Chemnitz cinvcrstaudew Insbesondere hält sie die Entscheidung im Falle Gerhard Hildebrand für die einzig richtige und mögliche und erwartet, daß derartige Kundgebungen gegen einen Beschluß des Parteitages, wie die in der letzten Sonntags- nummcr des„Vorwärts" veröfflentlichte, sich in Zukunft nicht wiederholen werden." Die Generalversammlung für den dritten Wahlkreis tagte im Geivsrkschaftshaus. In die Berichterstattung vom Parteitag teilten sich die Delegierten Genosse B e n k e r t und Genossin Mittag. Genosse B c n k e r t führte u. a. aus: Man könne mit dem Er- gebnis, mit den Beschlüssen und Matznahmen des Parteitages zu- frieden sein. Daß unsere internationalen Beziehungen vom besten Geiste getragen seien und zu den besten Hoffnungen berechtigten, dafür sprachen die Begrützungsrcden der Vertreter unserer aus- läudischen Bruderpartcien. Zu bebauen sei, daß nach getroffenen Feststellungen Berlin im politischen Organisationsverhältnis(Zahl der Organisierlen zur Zahl der Wähler) hinter verschiedenen anderen Bezirken des Reiches zurückstände. Da sei es eine energisch zu ver- folgende Aufgabe der Berliner Genossen, diese Scharte auszuwetzen. Redner gab dann eine Uebersicht über die Behandlung und den Aus- gang der verschiedenen wichtigen Angelegenheiten, welche den Parteitag beschäftigten. Bei Erörterung der Jugendfrage betonte er, daß es eine ernste Pflicht sei, im Interesse der proletarischen Jugendbewegung alles zu tun, daß sie gedeihe und emporblühe. Namentlich müsse man sich vor Augen halten dabei die staatliche Unterstützung der bürgerlichen Jugendbestrebungen. Den Be- schlüssen in Sachen der Reorganisation könne man zustimmen. Zum Schlüsse seines Berichtes gab Redner eine Darstellung der Verhand- lungen über das Stichwahlabkommen. Tann forderte er noch ein- mal zu energischster Organisations- und Agitationsarbeit auf. Genossin Mittag behandelte die Punkte Bergarbeiterschutz. Bericht der Reichstagsfraktion, Sonderkonferenzen, Imperialismus und so weiter. In der Frage der Maifeier betonte sie, daß die Delegierten des Kreises selbstverständlich gegen die Aufhebung des Nürnberger Beschlusses gestimmt hätten. Zusammenfassend be- merkte Redncrin: Man könne wohl sagen, daß die Arbelt des Parteitages schwierig gewesen sei und unter schwierigen Verhält- nissen stattgefunden habe. Jeder habe aber versucht, das Beste herauszuholen im Interesse der Partei. Und sie hoffe, datz die Be- ratungen und Beschlüsse zum Besten der Partei ausschlagen mögen. Zur Diskussion nahm zunächst Genosse S ch m o l i n S k Y das Wort. Er erachte den Ausschlutz Hildebrands nicht für nötig. Wenn man Artikel Hildcbrands in den„Sozialistischen Monatsheften" nachlese, dann finde man, datz es im wesentlichen nur Nuancen seien, in denen seine Ansichten von manchen Parteiansichten abwichen. Redner verliest Teile aus einem Artikel„Entfaltung der Produktivkräfte". Wenn man sich auch nicht mit den Ausführungen einverstanden er- kläre, könne man doch nicht sagen, datz deshalb dieser Theoretiker ausgeschlossen werden müßte. Genosse Alfred Fröhlich hätte gewünscht, datz in Sachen des Stichwahlabkommens der Parteitag die Resolution der General- Versammlung von Grotz-Bcrlin angenommen hätte. Aus Liebe zum Pcirteivorstand sei man zur Tagesordnung übergegangen. Eine gedämpfte Stichwahltaitik sei etwas Unnatürliches. Das habe selbst der Abgeordnete W i c m e r von der Freisinnigen Volkspartei ge- sagt. Der Ausschlutz Hildcbrands sei auch seiner Meinung nach zu Unrecht erfolgt. Für einen anständigen und theoretisch ernst strebenden Menschen wie Hildebrand müsse in einer Vier- millionenpartci Platz sein. Seinen Anschauungen stimme er aller- dings nicht zu. Aber soweit müsse in der Partei die Meinungs- freiheit gehen, datz ein Genosse auch andere' Wege habe, die zum Ziele führten. Genossin Mittag: Hildcbrand sei eigentlich nie Sozial- demokrat gewesen, sondern nur Forscher. Er habe selber nicht ge- wüßt, wo er hingehöre und erklärt, am meisten ziehe es ihn zur Sozialdemokratie. Gewiß könne Hildebrand Sozialist sein. Taniit sei er aber noch nicht Sozialdemokrat. Natürlich habe man nichts gegen seine Person. Und vor jedem gebildeten Forscher hätten wir Respekt und würden ihm keine Vorschriften für seine Forschertätigkeit machen. Aber Hildebrand habe unter unserer Flagge Sckrifien herausgegeben, die unsere Ziele auf den Kopf stellten. Wenn man ihm unter diesen Umständen nahelegte, selber auszutreten, dawn sei das sehr taktvoll gewesen. Hätte er es getan, dann wäre die Ängelegewheit auf die taktvollste Art erledigt worden. Durch den Ausschluß, der durchaus notwendig gewesen, habe man nur den treffen wollen, der sich Sozialdemokrat nannte, der aber die Grundsätze der Partei nicht anerkannte. Genosse Justin Braun: Der teilwcis vorgelesene Artikel Hildebrands könne nicht maßgebend sein bei Beurteilung des Falles Hildebrand. Es kämen Gegensätze zu den verschie- dcnsten grundsätzlichen Anschauungen der Partei in Betracht, so in bezug auf die Agrarfrage, die Kolonialfrage, die Rüstungsfrage. Auf das Entschiedenste zu verurteilen sei das Vorgehen der Ge- nossen, welche die Erklärung gegen den Ausschlutz Hildebrands ,-ntcrschrieben hätten. Kaum habe der Parteitag mit einer Vier- fünstelinajorität entschieden, da kämen eine Anzahl Genossen, dar- �ter Rcichstagsabgeordnete. her und erklärten, es sei Unrecht und der Beschlutz mutzte auf dem nächsten Parteitag wieder aufgehoben werden. Gegen solches Vorgehen müsse protestiert werden. Ein großer Fehler sei es, datz der Parteitag den Nürnberger Beschlutz in Sachen der Beiträge für den Maifonos wieder aufgehoben habe. Redner verurteilt das Verhalten derer, die durch Verweigerung der Beiträge im Sinne des Nürnberger Beschlusses die Grundlage für die jetzige Aufhebung geschaffen hätten. Genosse Benkert(der Delegierte): Datz es hier keine Freude auslösen würde, daß der Parteitag das Stichwahlabkommen ge- billigt habe, das habe er sich gleich gedacht. Aber der Parteivorstand und jetzt auch der Parteitag seien mit Recht davon ausgegangen, datz die Masse der Wähler, die der Gradmesser für die Werbekraft der Partei seien, auch eine entsprechende Vertretung im Reichstag haben müsse. Dahin zu wirken, sei dir Partei bezw. ihre Ver- tretung verpflichtet gewesen. In der gegebenen Situation war das aber nicht anders denkbar als durch den Abschluß des Stichwahl- abkommens mit der Freisinnigen Partei. So habe man das Ab- kommen billigen müssen. Sonst hätten wir gegen unsere An- schauung verstoßen, datz wir im Parlament vertreten sein und tätig sein wollen. Genosse A l b o l d t ist auch der Meinung, datz man im großen und ganzen mit dem Resultat des Parteitages zufrieden sein könne. Das Vorgehen der Göppinger bei Gründung der nicht lebensfähigen Zeitung findet Redner geradezu frevelhaft. Er hätte gewünscht, daß man das auf dem Parteitag trefsend gekennzeichnete„Drei- männer-Kollegium" ausgeschlossen hätte. Datz man den Nürn- berger Beschlutz, Maifondsbeiträge betreffend, in der fraglichen Form aufgehoben habe, begrüße er. Er habe infolge des Heraus- greifens bestimmter Kategorien ungerecht gewirkt. Gerecht wäre es, zu bestimmten Beiträgen alle zu verpflichten, nicht aber Sonder- Verpflichtungen zu schassen. Genosse Hirsch feld: Er glaube, die ganze Diskussion in der Ausschlutzsache Hildebrand stehe nicht aus der Höhe. Nach seiner Ansicht habe man auf beiden Seiten prompt vorbcigehauen. Selbstverständlich könne es Fälle geben, wo die Ansichten eines Mannes soweit abweichen von denen der Partei, datz man ihn aus- schlietzen müsse. Was Hildebrand, nach einem Artikel K a u t s k y s in der„Neuen Zeit", in einer zweiten Schrift ent- wickelt habe, datz nämlich Italien und Teutschland sich in die Kolo- nie» der jetzigen portugiesischen Republik teilen sollten, das scheine Redner allerdings soweit zu gehen, datz es Hildebrands Verbleiben in der Partei nicht mehr möglich machen würde. Aber dieses Buch sei. soviel er wisse, in der ganzen Diskussion auf dem Parteitag nicht erwähnt worden. Rückwirkende Kraft in dem Sinne, daß da- durch nachträglich der Ausschlutz b e s ch l u tz gerechtfertigt würde, könne man deshalb dieser Schrift nicht beilegen. Nach dem, was er von dem ersten Buch wisse, könne Redner nicht sagen, ob danach der Ausschlutz hätte erfolgen müssen. Es sei ihm zweifelhaft. Was den bei Behandlung der Sache jetzt mehrfach herangezogenen Fall Friedeberg angehe, so könne er als Teilnehmer an dem da- maligen erstinstanzlichen Beschlutz sagen, datz Friedeberg aus- drücklich erklärt habe, er werde trotz des gegenteiligen'Parteitags- l'i'schlusses nicht an der Landtagswahl sich beteiligen, sondern zu der Zeit an einer antimilitaristischcn Demonstration in der Schweiz— die nicht von Sozialdemokraten ausging und antiparlamentarisch war — teilnehmen. Weiter habe Friedeberg erklärt, er wisse, datz er mit seinen Anschauungen nicht bei der Partei bleiben könne, daß er es aber auf eine prinzipielle Entscheidung ankommen lassen wolle. Die Dinge hätten also da anders gelegen wie jetzt.— Dagegen müsse er sich verwahren, datz die Genossen auf der äußersten Linken schlechter fahren bei Nachprüfung der Zugehörigkeit zur Partei. Niemand sei seinerzeit von den„Jungen"(Unabhängigen) mehr angegriffen worden als v. V o l l m a r, und doch habe V o l l m a r gegen ihren Ausschlutz gestimmt. Das Stichwahlabkommen sei gar nicht anders möglich gewesen. Er sei allerdings der Meinung, es wäre konsequenter gewesen, statt der in der„Dämpfung" liegenden verschämten Zurückziehung der Kandidaten eine direkte Zurück- ziehung eintreten zu lassen. Die übertriebene Wut auf Sonder- Konferenzen könne Redner nicht teilen. Warum sollten sich nicht eine Anzahl Genossen über gewisse Fragen verständigen dürfen? Sehr bedenklich würde es dagegen sein, wenn sogenannte Sonder- konferenzen die in ihnen enthaltene Minderheit durch Zwangsmittel irgend einer Art binden wollten, in bestimmter Richtung zu handeln oder zu stimmen. Für eine solche Annahme habe aber hinsichtlich der Eisenacher Konferenz keinerlei Anhalt vorgelegen. Die Mai- feierfrage hält Redner für verfahren. Im Prinzip stehe er voll- ständig auf dem von Braun vertretenen Standpunkt. Auch er empfinde es unerhört, daß Genossen in dauernden guten Stellungen sich geweigert hätten, nach dem Nürnberger Beschlutz zu handeln. Inzwischen ist folgende Resolution eingegangen: „Die Versammlung erklärt sich mit den Arbeiten des Partei- tages zufrieden, auch im Falle Hildebrand. Aufs schärfste ver- urteilen jedoch die Anwesenden die Haltung derjenigen Genossen, die sofort nach dem Urteilsspruch wieder für Hildebrand Partei ergriffen haben." Genosse Braun hebt noch in einer Erwiderung hervor, daß Friedeberg lediglich wegen seines antiparlamentarischen Standpunktes ausgeschlossen worden sei, während gegen Hilde- b r a n d seine Stellungnahme in einer Reihe von Fragen spräche (Militärfrage, Agrarfrage, Kolonialfrage). Genosse S ch m o l i n s k y erklärt, datz er nach dem, was er aus H i r s ch f.e l d s Ausführungen von dem zweiten Buche Hilde- b r a n d s gehört habe, sich nicht mehr für ihn erwärmen könne. Er beantragt aber, den Teil der Resolution getrennt abzustimmen, welcher das Tadclsvotum für die Genossen enthalte, welche nach dem Parteitag die Erklärung in Sachen Hildebrand verössent- licht haben. Diesem Tadelsvotum würde mancher nicht zustimmen können. Auf Wunsch der Versammlung wird aber über die ganze Reso- lution einheitlich abgestimmt. Die Resolution wird gegen etwa zehn Stimmen ange- n o m m e n. In einer längeren, zum Teil sehr lebhaften Verhandlung, die sich bis gegen 1 Uhr hinzog, wurde dann eine Angelegenheit er- ledigt, die in den letzten Monaten die Gemüter der Genossen im Kreise stark erregt hatte. ES handelte sich um eine Differenz zwischen dem Borstande und den Funktionalen der dritten Abteilung. Ihren Ausgangspunkt hatte die Differenz darin, datz im Sommer 14 Bczirksführer von ihrem Amt zurückgetreten waren, um nicht gebunden zu sein in ihrer Stellungnahme zu einem einer Generalversammlung vorliegenden Antrage, der abzielte auf Auf- Hebung eines früheren Beschlusses. Nach diesem früheren Beschlüsse waren die Bezirksführer für ihre Stellungnahme in Generalver- sammlungen gebunden an die Beschlüsse der Bezirksführerkonferenz in den in Betracht kommenden Angelegenheiten. Im Anschluß an die Amtsniederlegung erfolgte die Einsetzung anderer Bezirkssührer durch den Vorstand und die Uebernahme der Abteilung durch einen anderen vom Borstand bestimmten und später satzungsmätzig be- ftätigten Abteilungsführer. Um die Erledigung der mit diesem Vorgange zusammenhängenden Differenzen handelte es sich nun jetzt. Nach langer Debatte wurde mit 170 gegen 8S Stimmen fol- gende Resolution angencmmen: „Die Generalversammlung erkennt das Vorgehen des Vor- standcs in Sachen der dritten Abteilung als vollständig korrekt an und erwartet nunmehr, datz die die Partei schädigenden Streitigkeiten endlich einmal aufhören werden. Tie General- Versammlung erwartet ferner von den Genossen und Genossinnen, datz sie sich zu gemeinsamer Parteiarbeid zusammenfinden werden." Es folgten dann eine Reihe von Erklärungen. Danach soll sich die weitere, den Ausgleich bringende Erledigung der Angelegenheit so vollziehen: Der jetzige Abteilungsführer der dritten Abteilung bleibt bis auf weiteres im Amt. Im Zahlabend(am 9. Oktober) wählen die fraglichen Bezirke aus ihrer Mitte an Stelle der vom Borstand eingesetzten Bezirkssührer neue Bezirksführer. Die meisten der früheren Bezirksführer, die gemeinschaftlich ihr Amt nieder- gelegt haben, verzichten aus eine Neuwahl. Der Vorsitzende Genosse Pohl sprach die Hoffnung aus, datz nunmehr wieder Ruhe und Frieden einkehren werde. Der vierte Wahlkreis veranstaltete zwecks Stellungnahme zum Parteitage eine Reihe von Viertelsversammlungen. Im Görliher Viertel hatte Genossin Frieda Wulf die Berichterstattung übernommen,. Zunächst stellte sie fest, datz die Hoffnungen auf Zerivlitterung in unseren Reihen sich nicht erfüllt haben, um dann in einstündiger rein objektiver Rede die bedeutendsten Punkte der Tagesordnung des Parteitages einer besonderen Würdigung zu unterziehen. Sie schloß mit den Worten, datz die Delegierten mit dem Gefühl zu Hause gefahren sind, gute Arbeit geleistet zu haben. Aufgabe der Versammelten ist es, die' Beschlüsse des Parteitages zu den ihrigen zu machen, womit sie freudige Zustimmung hervorrief. In der Diskussion war Genosse Adam mit der Lösung des Stichwahl-» abkommens. der Maifeierftage, insbesondere des Falles Hilde- b r a n d nicht zufrieden. Ihm traten die Genossen Reese und W ü ck e entgegen, die auch die Zustimmung der Versammlung fan- den. Genossin Wulf konnte nachdem in ihrem Schlußwort konstatieren, datz wohl Einmütigkeit über diesen Parteitag vorhanden ist. Unter Verschiedenes wurde ein Antrag der Kinderschutzkom- Mission, die nächste Generalversammlung wolle beschlietzen, der Ob- männin derselben im engeren Vorstand Sitz und Stimme zu ge- währen, nachdem er von der Genossin Döltz begründet und van den Genossen Reese und R i n t o r f bekämpft worden war, ab- gelehnt. Ferner wurde ein Antrag des 200. Bezirks Teil II, vom Genossen Tschermack begründet,'dahin zu wirken, daß bei Teuc- rungsversammlungen Tellersammlungen unterbleiben, ange- nommen. Eine Resolution des Genossen K o ck e r s. die energisch schon jetzt die Schaffung eines Kreisbildungsausschusses fordert, wurde nach Unterstützung durch Genossen Rintorf einstimmig ange- nommen. Für das Köpenicker Viertel fand die Versammlung in„Süd-Ost", Waldemarstratze, statt. Deii Bericht gab der Genosse Oskar I e n s ch. Er führte ungefähr folgendes aus: Die sozialdemokratische Partei ist eine Organisation, die einzig dasteht in der Geschichte des Menschengeschlechts. Unsere 970 000 Mitglieder sind ein Beweis für die Werbekraft der Partei. Die gewaltigen Mittel, um die uns die bürgerlichen Parteien be- neiden, haben ebenfalls bewiesen, was für eine gewaltige Stotzkraft unsere Partei besitzt. Auf den Göppinger Fall will Redner nicht weiter eingehen, er bedauert ihn bloß. Das Stichwahlabkommen, das der Parteivorstand getroffen hatte und das jetzt den Parteitag beschäftigte, billigt er. Ist es doch dadurch möglich geworden, im Reichstage die Schutzzollmehrheit, die dem Volke so kolossale Lasten auferlegte, zu sprengen. Trotzdem habe er, gebunden durch die vom Kreis angenommene Resolution, dagegen gestimmt. In bezug auf die Sonderkonferenzen könne man mit'der Lösung, die diese An- gelegenheit gefunden, zufrieden sein. Die Rede des Genossen y a a s e über die Frage des Imperialismus war ein Mahnruf, auf den Imperialismus mit seinen Kriegsgefahren ein wachsames Auge zu haben. Redner bedauert die Aufhebung des Nürnberger Beschlusses zur Maifeier, er sei bei der Abstimmung in der Min- derheit geblieben. Den Beschlutz über den Ausschlutz des Genossen Hildebrand habe auf dem Parteitage eine große Mehrheit gefaßt. Eine ehrliche Ueberzeugung habe ihn zustande gebracht. Ein Mensch, der unsere Forderungen nicht anerkennt, hat in der Partei nichts zu suchen. Zum Schlutz ermahnte Redner die Ax- wesenden, ihre ganze Kraft und ihr ganzes Können in den Dienst der Partei zu stellen, damit wir im nächsten Jahre noch ganz andere Erfolge zu verzeichnen haben. rr In der Diskussion bemängelte der Genosse Schiebeler, datz die Jugendbewegung auf dem Parteitage so schlecht weggekommen sei und beantragte folgende Resolution: „Die Viertelsversammlung vom Köpenicker Viertel des 4. Berliner ReichStagswahlkreises erwartet vom Vorstande des 4. Kreises Schritte und Maßnahmen, um der unbedingten Not- wendigkeit gerecht zu werden, eine Organisation oder Bildungs- abteiluna für Jugendliche von 18—21 Jahren zu schaffen, wie es vom Parteitage aufs dringlichste empfohlen ist." Dagegen wenden sich die Genossen I ö s ch e l und B e y. Die Resolution wird zurückgezogen, soll aber dem Vorstand überwiesen werden. Dem wird zugestimmt. Die Genossen Writte und I ö s ch e l bedauern die Aufhebung des Nürnberger Parteitags- bcschlusses. Ferner wurde der Antrag der Kinderschutzkommission des 4. Kreises angenommen. In der Versammlung für das Frankfurter Viertel referierte Genossin Demning. Mit Stolz können Mr auf den Verlauf des diesjährigen Parteitages zurückblicken, welcher im Zeichen der Teuerung stand, während der vorjährige in Jena im Zeichen der Kriegsstimmung tagte. Die Begeisterung der Partei- genossen an der historischen Stätte Chemnitz in den am ersten Tage abgehaltenen Versammlungen hebt Rednerin besonders hervor, um alsdann dte im Parteitagsbericht erwähnte Arbeit nochmals in Er- innerung zu bringen. In der Diskussion ergänzten Genosse Davidsohn sowohl. als auch Genosse Meyer noch verschiedenes an diesen Aus- führungen. Stralauer Viertel. In den Comeniussälen gab der Genosse Abg. Büchner ven Bericht vom Parteitag. Den Göppinger Streit sieht Redner an als einen Streit zwischen Radikalismus und Revisionismus. Er ist der Aniicht, daß die Angelegenheit nicht endgültig erledigt sei und weist auf das Verhalten der württembergischen Landtagsabge- ordneten hm. Nach kurzer Schilderung der Behandlung der Bil- dungs- und Jugendbewegung sowie des Schnapsboykotts aus dem Parteitage bespricht Genosse Büchner die Verhandlungen über die Reorganisation der Parteiorganisation Er ist der Ansicht, datz an der Organisation selbst durch die angenommenen Anträge nicht viel geändert worden sei. Aus dem Referat des Genossen Scheide- mann über die Teuerung hebt Redner besonders die Forde- rung der Sozialdemokratie hervor Aufhebung der Zölle. Oefsnung der Grenzen. Einführung der Erbschaftssteuer usw. In bezug aus das stichwahlabkommen sei er der Meinung, datz eine Dämpfung. wie bei der letzten Wahl nicht wieder vorkommen werde. Die An- nähme des Antrages, in Zukunft keine Sonderkonferenzen mehr ab- zuhalten, werde nicht viel nützen. Bei der Frage des Jmperialis. mus wendet sich Büchner gegen die Ausführungen der Genossen Dr. Lensch und Pannekoek auf dem Parteitage. In bezug auf die Maiseier bedauert Redner die Behandlung des Antrages G i e b e l- W e l s Er ist der Ansicht, datz die Annahme dieses Antrages notwendig war, um die Mitzstimmung unt-' den Partei- genossen zu beseitigen. Der Ausschlutz des Genossen Hilde- b r a n d aus der Partei sei notwendig gewesen, da dieser mit seinen Anschauungen nickt mehr auf dem Boden der Sozialvemokratie ge- standen, sowie durch sein Verhalten bei der letzten ReichstagSwahl die Partei geschädigt habe. Im Anschlug hieran kritisiert B ü ch- n e r das Verhalten der 126 Genossen, die jetzt in der Presse für Hildebrand eingetreten sind. Zum Schluß gibt Büchner der Mei- nung Ausdruck, datz der Parteitag gute Arbeit geleistet habe und fordert die Genossen zu weiterer Arbeit für die Partei auf. In der Diskussion äußert Genosse Lechner. datz der Partei- tag einer der schlechtesten gewesen sei, die wir bis jetzt gehabt haben, und zwar deshalb, weil er bei den einzelnen Streitfragen jeder klaren Stellungnahme aus dem Wege gegangen sei. Nach einer sehr lebhasten Dtsku,sion, in der eine Anzahl von Genossen verschiedene Beschlüsse des Parteitage» kritisierten, und einem kurzen Schlußwort des Genossen Büchner wurde d�e Ver- faRtmluttg geschlossen, nachvem noch einige Vereinsaugelegenheiten erledigt waren. Die Versammlung für das Petersburger Viertel fand in der Löwcnbrauerei, Frankfurter Allee öO/öl, statt, lieber den Parteitag referierte Genossin Fahren Wald. Sie führte aus, daß der Parteitag alles in allem ein Parteitag der Arbeit gewesen ist. � Schon am ersten Tage kam man zu dem Göppinger Streit, der so viel Staub aufgewirbelt hat. Die Darlegungen der Genossen Ebert. Schepperle, Mattutat und West- m e y c r entrollten den Delegierten ein recht trauriges Bild von dem württembergischen Partelleben. Die Anträge, die eine um- fassendere Bekämpfung des Alkohols verlangten, fanden durch Gc- Nossen Davidsohn eingehende Begründung. Da man aber von anderer Seite die Undurchführbarkeit derselben darlegte, wurden dieselben abgelehnt, jedoch solle man mehr wie bisher für den Leipziger Boykottbeschluss eintreten. Das Referat Scheide- manns bezeichnete Redncrin als ein wuchtiges. Sie wünsche nur, daß es recht viele Mütter lesen würden, damit sie sich auch in die Reihen des kämpfenden Proletariats stellten. Auch der große Staatsmann Bethmann Hollweg hätte sich die Anklagerede des Genossen Scheidemann anhören sollen. Beim Stichwahlabkommen beharrte der Parteivorstand auf seinem Standpunkt, daß es darauf ankam, den schwarzblauen Block zu sprengen. Zu den Anträgen über Sonderkonferenzen nahm auch Bebel das Wort und betonte»' daß dieselben schon früher, wo die Partei noch ein kleines Häuflein gewesen sei, stattgefunden hätten. Leider hätten sie mit dem Größerwerdcn derart schädliche Formen angenommen, daß es besser sei, sie unterblieben. Das großzügige Referat Hasses über Imperialismus gipfelte in dem Ausspruch: diesem System keinen Mann und keinen Groschen. Beim Punkt Maifeier spielte die Auf- Hebung des Nürnberger Beschlusses eine Rolle, da derselbe viel Aergcr erregt hätte, haben viele im Prinzip für Aufhebung ge- stimmt. Beim Ausschluß Hildebrands seien die Berliner De- legierten nicht einig gewesen. Dittmann als erster Redner fegen ihn, schilderte Hildebrand als Person großartig, als verlisch edel, als Parteigenosse inkurabel.(Reicher Beifall.) Als erster Diskussionsredner sprach Genosse I ä ck e l. Er könne nicht in die Lobeshhmnen der Presse einstimmen. Die Behauptung des Parteivorstandes, daß R a d e k nicht Parteigenosse gewesen, sei schon widerlegt worden. Die ganze Göppinger Angelegenheit fei auf dem Parteitag nicht richtig durchleuchtet worden. Mit der Annahme des Reorganisationsstatut könne man zufrieden sein. Redner macht dann längere Ausführungen über Stichwahlabkommen und Aushebung des Nürnberger Beschlusses. Eingehend behandelt er nochmals den Ausschluß� Hildebrands. Entschieden ver- urteilt er das Vorgehen der Studiertem die nach dem Parteitag her- kommen und für Hildebrand ein Pronunciamento veranstalten. Genosse A d a m s k i bemängelt die Art deS Falls Landsberg. Unter Verschiedenes lag ein Antrag vor: Der Obmännin der Kinderschutzkommission ist im engeren Vorstand Sitz und Stimme zu gewähren. Der Antrag wurde abgelehnt. Für die Zeitungs- beschwerdekommission wurde Genosse Schneider für die Spe- dition S e i k e l und Genosse E h l e r t für die Spedition H a ck e l- b u s ch gewählt. Landsberger Viertel. lFm„Elysium", Landsberger Allee, referierte Genosse P o e tz f ch. In einem 1% stündigem Referat erörterte Redner all« Vorkomm- nisse des Parteitages. Der gegenwärtigen Not des Volkes Rechnung tragend, setzte der Parteitag die Frage der Teuerung mit auf die Togesordnung. Zum Geschäftsbericht des Vorstandes erörterte der Referent die Göppinger Angelegenheit mit all den häßlichen Begleit- erscheinungen, die vor der Tagung schon in der Presse, sowie auf dem Parteitag selbst in die Erscheinung traten. Redner erwähnte Wc verschiedenen Anträge zum Geschäftsbericht, dabei auch einen Antrag des 4. Kreises, welcher für die„Neue Welt" besseren Druck -und besseres Papier forderte. Zwar sei dieser Antrag der hohen Unkosten wegen bekämpft worden, inwieweit jedoch der Partei- vorstand diesen Anregungen Rechnung tragen dürfte, wird ja die Zukunft lehren.— Mit der Regelung der Frag«, betreffend Ver- tretung der ReichÄagsfraktion auf den Parteitagen, sowie der Bei- sitzer zum Parteivorstand erklärte sich Redner einverstanden. Bei der Erörterung des Stichwahlobkommens w.urde die Dämpfung von allen Redner verurteilt. Bezüglich der Zweckmäßigkeit des Ab- kommens ist Redner der Meinung, daß es doch in erster Linie auf die Zahl der Mandate und dann erst auf die Stimmenzahl an- kommen sollte. Die Finanzreform wäre wohl nicht so ausgefallen, wemt damals schon 110 Sozialdemokraten im Reichstag gewesen wären, ebenso hätte wohl die Reichsversichcrungsvrdnung ein ande- res Gesicht bekommen. Alle hierzu vorliegenden Anträge wurden abgelehnt.— Beim Bericht der Fraktion verteidigte Stadthagen die Sonderkonferenzen. Aber sehr mit Unrecht. Sagte doch selbst Bebel, daß die Tinge nicht so weiter gehen könnten. Denn nicht nur in der Fraktion, nein leider auch schon in den Wahlkreisen macht sich dieser zersplitternde Einfluß geltend, ein Beweis, daß diese Dinge nicht mehr so weiter gehen dürften.— Die Frage des Im- perialismus wurde durch das Referat des Genossen Haase vor- züglich erörtert. Die Ausführungen des Genossen L e n s ch. welcher in der Debatte einer gewissen Zusammenbruchstheorie das Wort redete, dahingehend, daß durch die fortgesetzten Rüstungen die Staaten sich einmal selbst dem finanziellen Ruin entgegentreiben, erregten lebhaftes Interesse.— Tie Maiseierdebatte führte zu er- regten Auseinandersetzungen. Neben Beamten und Redakteuren der Partei liegen auch gegen die in Parteidruckereien beschäftigten Buch- drucker, sowie gegen Angestellte der KonsumgenQssenschaften eine Fülle von Ausschlußanträgen vor, daß man direkt von einem Fiasko des Nürnberger Beschlusses reden kann. Redner bezeichnet es als einen Skandal, daß Angestellte der Partei, sowie Gewerkschaften sich weigern, den Tagesverdienst am 1. Mai abzuführen. Bei der Ab- stimmung herschtc ein großer Wirrwarr und mögen viele Telegicrle dadurch verkehrt gestiinmt baben. Er habe mit anderen Genossen eine Erklärung zu Protokoll gegeben, worin es heißt, daß die Unterzeichner für die Aushebung des Nürnberger Beschlusses nur unter der Vorauelsetzui� gestimmt haben daß nachher der Antrag Giebel und Genossen zur Abstimmung kommt, wonach in Zukunft mir die Partei» und Gewerkschastsbeamten am 1. Mai den Tage- lohn abzuführen haben.— Bei der Erörterung des Ausschluß- antragcs gegen H i ld eb r an d erklärt Redner, daß er gegen den Ausichluß gestimmt habe. Picht etwa, weil er mit den Ansichten Hildebrands einverstanden sei, ,ondcrn weil Redner der Auffassung hinneigt, daß solche Eingänger in einer so großen Partei doch wirk- licki keinen Schaden anrichten können. Da Hildebrand in seinem Buche doch lediglich Probleme erörtert habe, mptzte man in oiesem Falle zu einem n o n 1 i q« e.t„ 0Jssmc"-— Auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages soll dw.lgrarsrage sowie die Steuersrage gesetzt werden. In seinem Schlußwort betonte Redner noch, daß die Chemnitzer Woche das eine Ersreuliche gezeitigt habe, daß die Richtungen in der Partei durch den Druck von unltei? auf eine gemeinsame Basis gedrängt worden und nunmehr gestärkt und gefesrigt den Kampf gegen Teuerung und �unkerhochmut mit Unter- stützung des gesamten Proletariats zu einem siegreichen Ende sichren werde.(Lebhafter Beifall.) In der nunmehr folgenden Diskussion bedauert Genosse G l a h die Entscheidung des Parteitages be- treffend die Unterstützung der polnischen Parteizeitung.— Daß der Sprachenparagraph beseitigt werden muß, wird doch kein Mensch bestreiten wollen, da dieser Paiagraph doch lediglich ein Ausnahme- gesctz gegen die polnischen Arbeiter sei und müsse die Reichstags- fraktion immer wieder die Aufhebung beantragen.— Im Falle Hildebrand war wirklich keine Eile Vonnöten und hätte man ruhig noch ein Jahr Zeit geben können. ttl» nächster Redner meinte Genosse Melle, daß die Einheit und Geschlossenheit der Partei ja gar nicht so vorhanden ist, wie man e» eigentlich erwarten sollte, zeigte uns doch auch der Bericht des Gonvssen Poetzsch, daß es in dieser Hinsicht sehr vieles zu verbessern gebe. � Die Schuld an diesen! Dingen mißt Redner den Partei- genossen selbst zu, denn der Personenkultus in der Partei wäre wirklich nicht mehr zu übertreffen. Das letzte eingetretene Mitglied brauche bloß ein Akademiker zu sein, um dann in kürzester Zeit mit einer führenden Stellung betraut zu werden. Schier unglaub- lich sei es, daß R a d e k so lange Zeit eine solche Rolle in der Partei spielen konnte.— Die Regelung der Maifeier, insbesondere die Weigerung der Angestellten den Tagesverdienst abzuführen, ver- urteilte Redner auf das allerschärfste, derartige Mitglieder gehören eben nicht in die Reihen der Sozialdemokratie. Der Nürnberger Beschluß hätte unter allen Umständen aufrecht erhalten werden müssen. Nun zum Fall Hildebrand. Wer die Beröffent- lichung der 12S im„Vorwärts" gelesen, müsse sich doch wirklich fragen, ob denn die Dinge so weiter gehen können. Eben erst hat der Parteitag als höchste Instanz sein Urteil gefällt, da erscheinen schon Erklärungen, die geradezu als eine Verhöhnung der Mehrheit des Parteitages aufzufassen ist. Denn Hildebrand hat sich doch selbst nur als„Sozialist" bezeichnet, und von allen Parteien der Linken glaube er, den Sozialdemokratie am nächsten zu stehen. Und dann weiche doch Hildebrand in seinen Untersuchungen und Urteilen so himmelweit von unseren Grundsätzen und Pronrammsorderun- gen ab, daß dieser Mann gar nicht mehr als Sozialdemokrat ange- sprachen werden kann. Unter diesem Gesichtswinkel gesehen, be- zeichnete Melle die Erklärung der 126 geradezu als einen Skan- dal und betont zum Schluß, daß nun endlich einmal Halt auf dieser schiefen Ebene gemacht werden muß. Durch Schlußantrag wurde die Debatte beendigt. Fünfter Wahlkreis. Den Bericht vom Parteitage erstattete der Delegierte Kasten. Er gab einen kurzen Uebcrblick über den Verlaus der Verhaud- lungen. Insbesondere schilderte er die Debatte über das Stich- wahlabkommen, die Sonderkonferenzen und den Imperialismus. Die Abstimmung über die Aufhebung des Nürnberger Maifeier- beschlusses würde ein anderes Ergebnis gebracht haben, wenn der Antrag Wels auch zur Abstimmung gekommen wäre, der die Abführung des Tagesverdienstes der Partei- und Gewerkschafts- angestellten forderte. Empörend sei es, daß sogar Parteiredakteure den Nürnberger Beschluß nicht befolgt haben. Der Ausschluß Hildebrands sei gerechtfertigt, denn Hildebrand habe ja selbst erklärt, daß er nicht auf dem Boden des Parteiprogramms stehe. Es müsse als ungehörig bezeichnet werden, daß sich jetzt eine Anzahl Genossen herausgenommen haben, gegen den Ausschluß Hilde- b r a n d s zu remonstrieren. Den Beschluß des Parteitages habe jeder Genosse zu respektieren. Es sei zu wünschen, daß der nächste Parteitag das Vorgehen der Unterzeichner der Erklärung mißbillige. Weise, der erste Redner in der Diskussion sagte u. a.: Der Beschluß über die Sonderkonferenzen habe ihn in keiner Weis« befriedigt. An den Wunsch, daß Sonderkonfe- renzen nicht mehr stattfinden sollen, werde sich niemand halten. Man werde immer einen Grund finden, in bestimmten Fällen zu sagen, daß derartige Konferenzen oder Besprechungen notwendig seien. Die jetzt veröffentlichte Erklärung zum Fall Hildebrand zeige ja, daß schon wieder eine Anzahl Genossen darauf ausgehen, den Beschluß hinfällig zu machen. Der Parteitag hätte bezüglich der Sonderkonferenzen nicht nur Wünsche aussprechen, sondern be- stimmte Direktiven geben sollen. Daß der Parteitag den Antrag D a v i d s o h n zur Alkoholfrage ablehnte, sei zu begrüßen. Ein so aggressives Vorgehen wie es David söhn unternahm, sei nicht zu billigen. Der Alkoholgenuß in Arbeiterkreisen sei seit Jahren bedeutend zurückgegangen, aber nicht infolge der Abstinenzbewegung. sondern durch die erzieherische Arbeit der Partei- und Gewerk- schaftsbewegung. Daß der Nürnberger Maifeierbeschlutz aufgehoben wurde, sei zu bedauern; noch mehr aber müsse es bedauert werden, daß der hierzu gestellte Antrag W e l s ein Begräbnis erfuhr. Man hätte erwarten sollen, daß Genosse Pfannkuch hätte sagen können. diejenigen Redakteure, die entgegen dem Nürnberger Beschluß sich weigerten, ihren Tagesverdienst abzuführen, nicht mehr auf ihrem Posten seien. Das sei leider nicht gesagt worden. Der Ausschluß Hildebrands sei durchaus gerechtfertigt. Sonnemann beantragte und begründete folgende Reso- lution: „Die hier versammelten Parteigenossen erklären sich voll und ganz mit dem Beschluß des Parteitags zum Fall Hildebrand einverstanden und mißbilligen das Verhalten der Unterzeichner der in der Soilntagsnummer des„Vorwärts" enthaltenen Er- klärung." Dr. Weinberg bezeichnete diese Erklärung als einen Ver- stoß gegen zwei Beschlüsse des Parteitages, nämlich gegen den Beschlutz zum Fall Hildebrand und gegen den Beschlutz über die Sonderkonferenzen. Die Erklärung gegen den Ausschluß Hildebrands könne nur durch eine Sonderkonferenz zustande gekommen sein. Vom Fall Hildebrand— sagte der Redner— komme ich auf den Fall H i I d e n b r a n d, der sich herausgenommen hat, im württembergischen Landtag an einer monarchischen Huldi- gung teilzunehmen. Er hat dasselbe getan, was die Partei im Falle Lands berg zurückgewiesen hat. Er hat sich an einem Hoch auf den Landesherrn beteiligt. Das war besonders taktlos. nachdem der Parteitag ein derartiges Verhalten als unzulässig erklärt hat.— Weiter wünscht Redner, daß der Internationale Kongreß nicht hinausgeschoben, sondern mit Rücksicht auf die gegen- wältigen politischen Ereignisse noch vor dem August 1913 abgehalten wird. Zur Alkoholfrage bemerkte der Redner, der Parteitag würde gutgetan haben, den Antrag Davidsohn anzunehmen. Die Nicbtaufnahme von Schnapsinseraten in der Parteipresse sei doch die logische Folge des Schnapsboykotts. Wenn es Gewerkschaftshäuser geben sollte, die ohne Schnapsvertrieb nicht existieren können, dann würde es nicht schaden, wenn sie aufhören zu existieren.— Das wesentlichste des Parteitages sei die Debatte über den Jmpcrialis- mus gewesen. Es sei außerordentlich erfreulich, daß die in der Ab- rüstungsfrage von L e n s ch und anderen Genossen vertretenen An- schauungen, die im Grunde genommen aus revisionistische Argu- mente zurückzuführen seien, von der Mehrheit der Parteigenossen nicht gebilligt werden. Die Genossen seien gewillt, entschieden für die Rüstungsbeschränkung wie überhaupt gegen den Militarismus zu kämpfen. Gerade die gegenwärtige Zeit sei nicht geeignet für solche Debatten, wie die„Leipziger Volkszeitung" und die„Bremer Bürgerzeitung" in der Abrüstungssrage eröffnet haben. Es müsse dafür gesorgt werden, daß diese Anschauungen in der Partei nicht weiter um sich greifen.— Im ganzen könne man vom Parteitag sagen: Er brachte keine erhebenden Momente, aber er stand auch nicht auf einer niedrigen Stufe. Wollte man dem Parteitag eine schulmeisterliche Zensur erteilen, dann müßte man sagen:„Noch genügend." Rosenblüth ersuchte am Ablehnung der Resolution Sonnemann. Man könne hier nicht entscheiden, ob der Aus- schluß Hildebrands berechtigt ist, weil man sein Buch nicht kenne. Auch gegen die Verurteilung der Unterzeichner der Er- klärung im„Vorwärts" wandte sich der Redner. Von einer Sonder- konferenz könne in diesem Falle nicht die Rede sein. Suhr bemerkte, es sei nickt nötig, über die Resolution Sonne mann abzustimmen. Der Parteitag habe gesprochen, damit sei die Sache erledigt. Robert Schmidt führte unter anderem aus: Die Debatte hat sich hier sehr ins kleinliche verloren. Zu den Kleinlichkeiten gehört der Fall Hilde brand. Es ist äußerst kleinlich, daß man dem Ausgeschlossenen hier noch EsclSfntztritte versetzt. Durch den vom Parteitag beschlossenen Ausschluß ist die Angelegenheit er- ledigt. Wenn nun die Unterzeichner der Erklärung verurteilt werden sollen, so mutz man doch fragen: Soll denn niemand das Recht haben, den Wunsch auszusprechen, ein anderer Parteitag möge in dieser Sache einen anderen Beschluß fassen? Weiter besagt ja die Erklärung nichts. Ich halte die Erklärung für sehr über- flüssig, denn jeder Parteitag kann ja die Frage wieder aufrollen, ob Hildebrand wieder aufgenommen werden soll. Es liegt kein Anlaß bor, sich mit Begeisterung über diesen Fall auszu- sprechen. ES ist immer eine Intoleranz, wenn jemand wegen seiner Meinung ausgeschlossen wird. Aber man muß auch zugeben, daß die Partei eine Grenze zu ziehen hat, und daß sie in bestimmten Fällen sagen kann: Du hast diese Grenze nicht innegehalten, Du gehörst nicht mehr zu uns. Im übrigen hat der Fall Hilde- brand nicht die Bedeutung, daß wir uns einen ganzen Abend darüber unterhalten.— Genosse Weinberg hat die Vorgänge im württembergischen Landtage besprochen. Er weiß zwar noch nichts Bestimmtes darüber; aber es mutz doch darüber geredet wer- den, meint er. Die Sache liegt so: Wenn unsere Genossen im württembergischen Landtage bis zum Schlüsse an der Erledigung der Geschäfte teilnahmen, aber vor dem Hoch auf den König sich entfernen ivollen, dann.müssen sie in größter Eile den Saal ver- lassen, was sich wohl nicht immer ausführen läßt. Dasselbe was jetzt in Württemberg geschehen ist, haben unsere Genossen im sächsischen Landtag Jahr für Jahr getan. Das weiß Genosse Weinberg allerdings nicht, sonst würde er sich hier im fünften Wahlkreise auch darüber entrüstet haben. Die sächsischen Partei- genossen, die doch sehr Radikale in ihren Reihen haben, haben sichy nicht darüber entrüstet. Uebrigens liegen diese Fälle ganz anders wie der Fall Landsberg. Die Reichstagsfraktion hat beschlossen, daß wir vor dem Kaiserhoch alle hinausgehen. Wer sich gegen diesen Beschluß auflehnt, der hat zu erwarten, daß er zur Verantwortung gezogen wird. Etwas anderes ist es, wenn die Fraktion anders beschließt. Das eilige Hinauslaufen ist nichts Erhebendes. Wenn aber unsere 119 Mann im Saale blieben, sich erheben, aber nicht in das Hoch einstimmen, das wäre eine Demonstration.— Geben wir uns dock nicht immer mit diesen kleinlichen Dingen ab. Hat denn das Verhalten Perner st orffers im österreichischen Parlament eine so große Erregung unter den österreichischen Ge- nassen hervorgerufen? Oder haben sich die englischen Genossen so furchtbar entrüstet über H h n d m a n, als er für die Bewilli- gung von Kanonen sprach? Ich will diese Beispiele durchaus nicht zur Nachahmung empfehlen, aber ich säge: Halten wir uns nicht immer an so kleinliche Dinge, die für die Partei und ihre Arbeiten gar keine Bedeutung haben.— Heber den Beschluß zur Alkoholfrage ist hier ein Irrtum aufgetreten. Die Wünsche, Schnapsinserate zurückzuweisen und den Schnapsausschank in Gewerkschaftshäusern zu untersagen, sind den örtlichen Organisationen zur Regelung überlassen worden, weil derartige Angelegenheiten nicht durch einen Parteitagsbeschlutz für ganz Deutschland erledigt werden können. Es wird möglich sein, diese Wünsche nach und nach durchzuführen. Viel wichtiger wie alle diese Dinge sind die politischen Angelegen- Helten, die uns gegenwärtig beschäftigen, die Vorgänge, die der Imperialismus herbeigeführt hat und die zu ernsten Konflikten auf dem Balkan Veranlassung gegeben haben. Es gilt, die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese Vorgänge zu lenken und die Friedensidee in den weitesten Kreisen zu propagieren. In dieser Hinsicht sind die Debatten des Parteitages über den. Imperialismus von größter Bedeutung. Die Ansichten, welche Lensch, Henke und andere Genossen in der Abrüstungsfrage vertreten, kann man nicht damit abtun, daß man sie zum Revisionismus wirft und damit ihre Un- Haltbarkeit nachgewiesen zu haben glaubt- Es sind doch sehr ge- wichtige Momente für den Standpunkt von Lensch vorgetragen worden. Es handelt sich hier um Meinungen, die uns nicht schaden, wenn sie ruhig und sachlich zum Austrag gebracht werden. Und sachlich waren die Debatten des Parteitages. Er ist für die Ent- Wickelung der Partei von großer Bedeutung. Hierauf wurde ein Schlußantrag und dann die Resolution Sonnemann angenommen. Sechster Wahlkreis. Die in den„Germaniasälen" abgehaltene Generalversamm- lung des sechsten Kreises war von 699 Delegierten, 2 Landtags- sowie dem Reichstagsabgeordneten des Kreises besucht; 86 Dele» gierte fehlten. Die Galerie war von Zuhörern stark besetzt. Als erster Punkt stand ein Antrag der 13. Abteilung auf de« Tagesordnung, der dem § 4 der Ausfllhrungsvcstimmungen folgende in der Kreiskonferenz vom 4. Juni beschlossene Fassung wiedergeben will: „Außer den Delegierten haben Sitz und Stimme in der Generalversammlung: der Vorstand sowie alle zur Teilnahme an den Vorstandssitzungen Ver- pflichteten, die Stadtverordneten, Landtags- abgeordneten und der Reichstagsabgeordnete des Kreises. Antragsteller, die nicht Delegierte sind, können auf ihren An- trag zur Begründung ihrer Anträge an der Generalversammlung teilnehmen, jedoch ohne Sitz und Stimme. Zur Begründung übereinstimmender Anträge sollen, soweit nicht Delegierte damit beauftragt sind, die Antragsteller bis zur Höchstzahl von 3 zur Generalversammlung zugelassen werden." Ein Geschäftsordnungsantrag über diesen Punkt zur TageSord- nung überzugehen, wurde, nachdem Bischof dafür und L e d e- bour dagegen gesprochen, abgelehnt; ebenfalls abgelehnt wurde ein von W c i m a n n begründeter und von Ledebour bekämpf- ter Antrag, den 1. Punkt der Tagesordnung nach dem Bericht über den Parteitag zu verhandeln. Der Antrag der 13. Abteilung wurde vom Genossen Sie ff» l e r ausführlich begründet. Er gab eine Uebersicht über die Ent- stehung des Delegiertensystems zur Generalversammlung. Man könne dem Vorstand nicht unterschieben, daß er das Delegierten- shstem haben wollte; es sei vielmehr durch Urabstimmung beschlossen worden. Durch die jetzige Fassung des§ 4 der Ausführungsbestim- mungcn wäre ein Zustand geschaffen, der ungesund und deshalb un- haltbar sei. Zu allen Fragen habe der Gesamtvorstand Stellung genommen, jetzt würde er jedoch in zwei Hälften gespalten. Ob dies im Interesse der Organisation liege, müsse bestritten werden. Man solle sich doch vor Augen führen, daß bisher stets das beste Einver- nehmen zwischen Vorstand und Mitgliedern bestanden habe. Die Arbeiten der Organisation müßten in möglichst viele Hände gelegt werden; denn je größer der Apparat, um so größer sei auch die Gewähr, daß die Ickteressen-der Organisation gefördert und ver- treten werden. Wenn der Vorstand zur Zufriedenheit der Mit- glieder gearbeitet habe, so solle man ihn doch zusammenlassen und nicht teilen. Die Generalversammlung würde aber auch illusorisch gemacht, wenn z. B. der Obmann der Beschwerdekommission oder Mitglieder der Preßkommisston Bericht erstatten oder irgendeine Auskunft geben sollen, aber nicht anwesend seien. Die Abteilungs- führer, die die gefaßten Beschlüsse in erster Linie vertreten und ausführen müßten, gehören in die Generalversammlung; es gehe nicht an. daß sie sich erst auf den Zahlabcnden über das Zustande- kommen der Beschlüsse informieren lassen. Aus all dem gehe schon die Notwendigkeit hervor, daß die Mitglieder des Gesamtvorstandes in den Generalversammlungen anwesend sein müßten. Es gehe aber auch nicht an, die Mitglieder des Vorstandes erst auf die Mandats- jagd zu schicken; sie hätten doch wichtigeres zu tun. als sich erst um ein Delcgiertenmandat zu bewerben. Die Demokratie verlange aber auch, daß alle auf der Generalversammlung Anwesenden das Stimmrecht haben; allen, die mitarbeiten, müsse man auch das .Recht geben, mit zu taten. Redner appelliert eindringlich an die Versammlung, im Interesse des gesamten Organismus dem Antrage zuzustimmen. Der Vorstand dürfe nicht abseits stehen, sondern gehöre in die Reihen der Genossen. Vorsitzender Henschel machte Mitteilung von einer einge- gangenen Resolution der 18. Abteilung, die dem Vorstand Auer- kennung und Vertrauen ausspricht. Im Namen des Vorstandes ersuchte er, die Resolution zurückzuziehen, er lehne jede Debatte darüber ob. P i ch l e r begründete einen Antrag der 18. Abteilung, wonach die Mitglieder des engeren und erweiterten Vorstandes, die Stadt- verordneten, LandtagSabgeordneten und der Reichstagsabgeordnets des Kreises auf der Generalversammlung, sofern sie nicht Dele» gierte sind, nur beratende Stimme haben. Es sei gesagt worden, wenn der Antrag der 13. Abteilung nicht angenommen werde, lege der Vorstand sein Amt nieder. Dem Vorstand komme es weniger aus� das Vertrauen an, als darauf, einen Zwang auf die General- Versammlung auszuüben. Man solle sich jedoch nicht einschüchtern lassen. Wir alle vertrauen dem Vorstand. Ein persönlicher Gegen» sah bestehe nicht; um so mehr müsse jedoch der sachliche Gegen- satz betont werden. Nur aus rein technischen Gründen sei das Dclegiertcnsystem eingeführt worden: wahre Demokratie sei die Urabstimmung.— Warum sollten die Mitglieder des Vor- standes eine ganze Stimme bekommen, während die übrigen Mit- glieder nur eine vierzigste! Stimme haben. Hinter jedem Dele- gierten ständen 40 Genossen, die zusammen nur eine Stimme hätten. Es sei gesagt worden, die Mitglieder des Vorstandes wür- den ohne Stimmrecht zu Mitgliedern zweiter Klasse degradiert; dies sei nicht richtig. Wohl aber würden durch Verleihung des Stimm- rechts Mitglieder dritter Klasse geschaffen. Niemand wolle dem Vorstande dia Rechte schmälern, die Mitglieder des Vorstandes aber wollten Genoss.en erster Klasse sein; dies' gehe nicht an, denn alle mühten gleichberechtigt sein. Man sei nicht dagegen, daß Vor- standsmitglieder kein Stimmrecht haben, sondern sie sollten nur kein Stimmrecht ohne Delegiertenmandat haben. Mau solle der Masse nicht die Gleichberechtigung nehmen, der Vorstand dürfe nicht . über, sondern inmitten der Genossen stehen. Aufgabe der Sozial- deinokratie wäre es, alle Klassenunterschiede aus der Welt zu schaffen, der Antrag der kV. iAbteilung wolle jedoch nichts anderes, als eine Schicht Parteigenossen mit besonderen Rechten aus- statten. Die Ablehnung des Antrages solle kein Mißtrauensvotum sein, sondern nur die Konsequenz dessen, was uns unsere Führer lehren. Unsere demokratische Ueberzeugung verbiete uns. Privi- kegien zu schaffen. Ein Antrag der 14. Abteilmig, der verlangte, daß der Vorstand und alle an der Vorstandssihung Verpflichteten usw. mit nur beratender Stimme an der Generalversammlung teilnehmen, wurde von Zimmermann kurz begründet. Meyer befürwortete einen Antrag der 21. Abteilung, der den Mitgliedern des„erweiterten Vorstandes" ebenfalls nur be- ratende Stimme zubilligt. Zu dem„engeren Vorstand" sollen jedoch auch die Revisoren gehören. Ledebour plädierte in längeren Ausführungen auf An- nähme des Antrages der 13. Abteilung. P i ch l e r habe viel gesagt, womit auch er einverstanden sei..Wir mühten darauf hinwirken, daß möglichst viel durch Urabstimmung beschlossen werde. Vielfach gehe Pichler jedoch von falschen Voraussetzungen aus. Die Bestallung der Genossen jzum Vorstand gehe durch die Wahl der Genossen hervor. Die Vorstandsmitglieder wüi' durch die gesamten Genossen des Kreises resp.�durch Die Bestallung der Genossen zum Vorstand gehe durch die Wahl der Genossen hervor. Die Vorstandsmitglieder würden gewählt durch die gesamten Genosse» des Kreises resp. durch deren Dele- gierte. Wenn man einem Genossen das Mandat zum Vor- stand übertrage, so übertrage man ihm gleichzeitig das Recht, in der Generalversainmlung zu erscheinen. Niemand denke daran, den Funktionären durch Teilnahme an der Generalversammlung mit beschließender Stimme ein Vorrecht zu geben; es handle sich ledig- lich um die Fortsetzung der Wahl zum Funktionär. Die Funktio- näre übernehmen die Aufgabe» die Beschlüsse der Generalversamm- lung auszuführen, deshalb müsse man ihnen auch Gelegenheit geben, die Beschlüsse mitzufassen. Aus rechtlichen und Zweckmäßig- keitsgründen müsse man den Vorstandsmitgliedern das Gefühl der Zurücksetzung nehmen, deshalb ersuche er dringend, den Antrag der 13. Abteilung anzunehmen. F a u t h wandte sich gegen den Antrag und besonders gegen die Ausführungen Ledebour s. Wenn man dann wirklich konse- quent sein wolle, müsse man auch den Bczirksführern das Stimm- recht geben. Dann wären jedoch die Delegierten überflüssig: man brauchte nur die Kreiskonferenz einzuberufen und die Sache sei erledigt. Die Stimmung der Genossen in dieser Frage wäre nicht umgeschlagen. Neue Gesichtspunkte hätten die Befürworter des Antrages nicht hervorgebracht, vielmehr mit ganz vagen Momenten operiert. Die Genossen wünschten, daß alle Vorstandsmitglieder anwesend seien, sie hätten das Njecht mitzuberaten. Das Verlangen des Vorstandes bedeute aber ein vierzigfachcs Recht gegenüber den Mitgliedern. Redner ersuchte nach weiteren Ausführungen, die sich im wesentlichen mit denen Pichlcrs decken, den Antrag einstimmig abzulehnen. Ein Schlußantrag machte der weiteren Debatte, zu der noch zahlreiche Wortmeldungen vorlagen, et» Ende. Nach einem kurzen Schlußwort S t e f f l e r S wurde der An- trag der 13. Abteilung abgelehnt, dagegen folgender Antrag ange- nommen:. Außer den Delegierten haben Sitz und Stimme tn der Generalversammlung: der engere Vorstand(einschließlich der Revisoren), die Landtagsabgeordneten und der Reichstagsabge- ordnete des Kreises. Mitglieder des erweiterten Vorstandes dagegen können nur mitberaten. Ohne Widerspruch erklärte sich die Versammlung damit e,n- verstanden, daß die Genossen künftig abteilungsweise fitzen. Die Abteilungsführer nehmen an den Tischen ihrer Abteilung Platz.— Alle weiteren Anträge waren somit erledigt. Die Vertrauensreso- kution wurde zurückgezogen. Eine Anfrage, ob der Vorstand sein Amt niederlegen wolle, wurde vom Vorsitzenden dahin beantwortet, daß ein Beschluß seitens des Vorstandes nicht gefaßt sei. Den Bericht vom Parteitag erstattete Genosse H e n s ch e l. Er ließ die in Chemnitz gepflogenen Verhandlungen kurz Revue passieren und erläuterte die gefaßten Beschlüsse. Mit dem allgemeinen Verlauf des Parteitages könne man zufrieden sein und mit Recht habe man von einem Parteitag der Arbeit gesprochen. Die reichhaltige Tagesordnung machte es unmöglich, die ursprünglich beschlossene siebenstündige Arbeitszeit einzuhalten. Bei Erstattung des Geschäftsberichts trat das Wachs- tum der Organisation erfreulich in Erscheinung. Ein Vergleich mit der Organisation des Zentrums, dem Volksverein für das katholische Deutschland, ergebe, daß jene Organisation seit 1908 um nur 13 chroz. gestiegen sei. unsere Mitgliederzahl in der gleichen Zeit um öS Proz. Für die Genossen des sechsten Kreises müsse dies ein neuer Ansporn sein, intensiver als bisher für die Partei zu agitieren. Unerquicklich wäre die Göppinger Angelegenheit ge- Wesen, denn die Gründung des Zeitungsunternehmens sei auf sehr ztveifelhafter Grundlage erfolgt. Der.Parteivorstand habe die Sanierung vornehmen müssen; für die Behauptung, daß er die Sanierung von der redaktionellen Haltung deS Blattes abhängig gemacht habe, sei nicht der geringste Beweis erbracht worden. Im abgeänderten Entwurf zum Organisationsstatut sei die Erhöhung der Beiträge nicht aufgenommen, jedoch der Antrag, den invaliden Genossen die Beiträge zu erlassen, angenommen worden. Im sechsten Kreis sei dies schon seit Jahren der Fall. Erwähnenswert sei noch, daß das Geschäftsjahr vom 1. April bis 31. März laufe. In dem Parteiausschuß solle jeder Bezirk resp. jede Landes- organisation vertreten sein. Diese bessere Verbindung der einzelnen Landesteile untereinander würde sicher zum Nutzen der Organisa- tion sein. Nach dem neuen Delegiertensystem würde der sechste Kreis anstatt bisher ö jetzt 7 Delegierte zum Parteitag senden können. Es wäre nur zu hoffen, daß die Organisation weitere Fortschritte mache, damit wir die Zahl der Delegierten auf Grund der Mitgliederzahlen weiter erhöhen könnten. Bei dem Bericht über die Tätigkeit der Reichstagsfraktion müsse bedauert werden, daß man auf die zum„Fall Landsberg" ge- stellten Anträge nicht mehr eingegangen sei. Vertuschungsversuche hätten keinen Zweck, denn wohin diese führten, hätten die Württem berger Genossen beim Landtagsschluß wieder bewiesen. Die Frage des Imperialismus würde in der Presse noch einer ausgiebigen Erörterung unterzogen werden. Bei der Maifeier wäre die Aufhebung des Nürnberger Be schlusses zu bedauern. Es sei geradezu beschämend, was dabei alles gesagt wurde, wie man sich um die Abführung des Tagesverdienstes gedrückt habe. Das allerschlimmste sei es jedoch, daß selbst sozial- demokratische Redakteure sich geweigert hätten, den Tagesverdienst abzuführen. Handelte es sich dabei doch um Genossen, die sich in guten Lebensstellungen befinden. Wieviel größeren Idealismus bewiesen doch die Genossen, die wegen Beteiligung an der Maifeier tage- und wochenlang arbeitslos würden. Hildcbrand sei zu Recht ausgeschlossen worden, denn er habe gegen die Grundsätze des Programms verstoßen. ES könne doch nicht angehen, daß unsere Partei jedem Obdachlosen Unterkunft gewähre. Wagner hätte aus der Partei ausgeschlossen werden müssen; da jedoch die Anträge der Bcschwerdekommisfion immer erst am Schluß deS Parteitages zur Verhandlung ständen, sei es schwer, ausführlich auf die einzelnen Fälle einzugehen. So sei es denn im Fall Wagner bei einer Rüge geblieben. Nach Erörterung verschiedener Einzelheiten kam Redner zu dem Schluß, daß jeder Genosse sein Bestes mit dazu beitragen möge, damit die Bewegung weiter vorwärts schreite. In de'. Diskussion bedauert L e u e, daß Wagner nicht ausgeschlossen wurde. Es scheine, daß man sich an Genossen, die eine feste Stellung innehaben, nicht recht heranwage. Redner sei sehr enttäuscht gewesen, als er den Bericht der Beschwerdekommission gelesen habe. Genosse Henschel habe auf dem Parteitag in zutreffenden Worten gesagt, was zu sagen war. Bei Behandlung der Angelegenheit Wagner treffe der Satz zu:„Die Kleinen hängt man, jedoch die Großen lasse man laufen". Obst gab seiner Entrüstung darüber Ausdruck, daß der Nürn- berger Beschluß aufgehoben wurde. Die Begründung L i p i n s k i s habe ihn sonderbar berührt. Die Genossen, die in den Versamm- lungen Idealismus predigten, ließen ihn selbst oft vermissen. Ein Skandal sei es jedoch, wenn sogar Parteiredakteure den Tages- verdienst nicht ablieferten. Wenn es nicht möglich sei) die Maifeier in der bisherigen Form aufrechtzuerhalten, so müsse man eben eine Aenderung vornehmen.— Für Hildebrand wäre es besser ge- wesen, er hätte selbst seinen Austritt aus der Partei vollzogen. Man müsse sich aber gegen die Genossen wenden, die jetzt— nach- dem der Parteitag gesprochen habe—. öffentlich Reklame für Hildcbrand machen. In seinem Schlußwort ging Henschel noch kurz auf die Er- klärung der Genossen Arons, Heine usw. zum Fall Hilde- brand ein. Das Vorgehen dieser Genossen müsse als skandalös, ja als u n s o z i a l i st i s ch bezeichnet werden. Nachdem der Parteitag— die höchste Instanz— gesprochen habe, mußte die Sache unbedingt erledigt sein. Mit der Haltung der Delegierten de? sechsten Kreises auf dem Parteitage erklärte sich die Versammlung einverstanden. Ein- stimmig wurde noch folgende Resolution angenommen: „Die Generalversammlung des sechsten Berliner Reichs- tagswahlkreises verurteilt ganz entschieden die Propaganda, die von feiten verschiedener Genossen über den Fall Hildebrand ge- macht wurde." Neukölln. Am Dienstag tagte in Bartsch Festsälen auch eine autzerordent- liche Generalversammlung.des Wahlvereins Neukölln, deren Haupt- punkt die Berichterstattung vom Parteitag in Chemnitz bildete. Genosse F e l le r erstattete den Bericht. Der Redner gab seiner Befriedigung über den Verlauf des Parteitages Ausdruck und hob den kameradschaftlichen Geist hervor, von dem die Debatten getragen waren. Der„Vorwärts" hat das richtige Wort für diesen Parteitag gefunden. Es war wirklich ein Parteitag der Arbeit. Der Vortragende bespricht dann ausführlich die Bdhaiidlung der einzelnen Tagesordnungspunkte des Parteitages. Da diese Verhand- lungen bekannt sind, können wir die Wiedergabe von Fellers Rede unterlassen und uns den in der Diskussion gemachten Ausführungen zuwenden. Franke wendet sich scharf gegen die Haltung der Delegierten aus Teltow-Beeskow, die anstatt, wie es dem Wunsche der Neu- köllner entsprach, gegen die Dämpfung der Agitation in einigen Reichstagswahlkreisen aufzutreten noch extra eine Erklärung gegen Pieck abgaben, der nur der Meinung Groß-Berlins Ausdruck ver- liehen hat. Auch mit der Aufhebung des Nürnberger Maifeier- bcfchlusseS ist Redner nicht einverstanden. Die Genossen, die keine wirtschaftlichen Schäden durch die Maifeier erleiden, haben die Pflicht, den Tageslohn als Beitrag abzuliefern. Auf Wunsch der Versammlung gibt nunmehr Genosse Feller eine Erklärung, welche Gründe die Delegierten veranlaßten, gegen Pieck Stellung zu nehmen. Zunächst erklärte der Redner, daß er die Erwähnung dieser Angelegenheit in seinem Referat absichtlich unterlassen habe, da er es nicht für angebracht halte, solche Dis- kvssionen zu pflegen, wenn der Gegner nicht anwesdnd ist. Pieck richte sich allerdings nicht nach diesem Grundsatz, denn überall, wo er über den Parteitag referiere, lasse er eine Resolution gegen feine Mitdelegierten beschließen, ohne daß diese in der Lage waren, ihren gegensätzlichen Standpunkt darzulegen. Er, Redner, habe geglaubt, seinerseits die Aussprache bis zur Kreisgeneralversamm- lung vertagen zu können, da auf dieser alle Delegierten anwesend seien. Da die Versammlungsteilnehmer aber wünschen, daß er rede, werde er es tun. Es ist durchaus falsch, wenn angenommen wird, man wäre gegen Pieck wegen seiner Stellung zum Stich- wahlabkommen vorgegangen. Nicht seine Ansicht, sondern die Art, in der die Ansicht vertreten wurde, zwang die anderen Delegierten zur Abgabe der Erklärung. Die Art und Weise, in der Pieck zu diskutieren beliebt, ist geradezu unverantwortlich. Während sich die Delegierten im allgemeinen befleißigten, in einem brüderlichen Ton zu diskutieren, schlug Pieck wieder den Ton an, der schon auf einem früheren Parteitag unangenehm auffiel und der auch in den Groß-Berliner Generalversammlungen übel empfunden wurde. Pieck hat nur das eine Bestreben, sich bekannt zu machen. Zu diesem Zweck dünkt ihm kein Mittel unrecht. Pieck sprach nicht im Auftrage von Groß-Berlin und auch nicht im Auftragt: von Teltow-Beeskow, und da wir auf dem Standpunkt stehen, daß nur durch Selbstzucht und nicht durch eine gehässige Art der Diskussion die Würde des Parteitages aufrechterhalten werden kann, sahen wir uns zu unserem Vorgehen gezwungen. Neu mann: Was mir an dem Parteitag nicht gefällt, ist die Tatsache, daß er Entscheidungen aus dem Wege gegangen ist. Ich hätte es für viel richtiger gehalten, wenn man das Verhalten des Parteivorstandes zum Sttchwahlabkommen einer Abstimmung unter- zogen hätte. Es ist anzunehmen, daß eine Situation wie die diesjährige, bald wiederkommen wird. Gegen die Dämpfung bin ich auch, weil ich es für richtiger gehalten hätte, wenn in den verein- bcrten Kreisen einfach unsere Kandidaten zurückgezogen worden wären. Der Parteivorstand hätte sich an der Partei und damit am Volk versündigt, wenn er nicht, nachdem die Hauptwahl geschlagen war, den Weg zu einer Verständigung mit dem Liberalismus ge- gangen wäre. Redner mißbilligt das Verhalten der Telww-Becs- kower Delegierten gegen Pieck. Diese hatten gar kein Mandat. Pieck zu rektifizieren. Ucber Pieck selbst unterschreibe ich nianches, was F e l l e r hier gesagt, hat. Die Bremer Schule ist nicht zu verkennen. Auch in der Göppinger Angelegenheit hätte Redner lieber einen Beschluß gehabt, und zwar einen, der sich scharf gegen die unverantwortlichen Treiber richtete. Mit der Reorganisation des Parteivorstandes ist Redner sehr zufrieden. Die Stellung des Pateitages zu den Schnapsinseratcn gefällt Redner nicht. Es muß für Entfernung dieser Inserate aus der Partciprcsse gesorgt werden. Auch mit dem Ausschluß Hildebrands ist Redner nicht einverstanden. Ich habe für die Ansichten Hildebrands nichts übrig und hätte es für richtig gehalten, er wäre freiwillig ausgetreten. Unsere Partei ist aber groß genug, um auch solche Eingänger in ihren Reihen ertragen zu können. P ä tz e l: Am unangenehmsten ist die Diskussion über den Maifeiertag. Es sollte einfach keinen Partei- oder Gewerkschafts- angestellten geben, der nicht gern und ohne Beschlutz einen Tages- verdienst abliefert. Redner spricht dann gegen eine Aenderung des Delegationsrechtes zum Parteitag, da es notwendig ist, daß die kleinen Kreise nicht in ihren bisherigen Rechten beschränkt werden. Die Dämpfung war durchaus nötig. Wenn man eine Vereinbarung treffen will, müssen eben auch Opfer gebracht werden. Vielleicht werden wir später noch weit mehr zu geben gezwungen sein. Daß Pieck zurechtgewiesen worden ist, schadet ihm gewiß nichts. Es ist ein peinliches Gefühl zu sehen, in welcher Weise dieser Genosse auftritt. Zu bedauern ist nicht, daß Pieck Kritik übt, sondern die Art ist es, die immer wieder bekämpft werden muß. Ob die Er- klärung der Mitdelegierten nötig war, will ich nicht untersuchen.� Hildebrand mußte aus der Partei ausgeschlossen werden. Wir haben ein Ziel und wollen geradeaus marschieren. K ö h l e tritt für eine Einigung der beiden Richtungen in Württemberg ein, wendet sich gegen die Aufhebung des Nürn- berger Maifeierbeschlusses und begrüßt den Ausschluß Hilde- brands. Die Erklärung gegen Pieck war nicht notwendig. Es ist das gute Recht von Pieck, sich in den Vordergrund zu schieben. Kluß bedauert besonders, daß nach wie vor alle Reichstags- abgeordneten zum Parteitag zugelassen werden. Auch den Partei- ausschuß hält Redner für verfehlt. Richtig wäre es gewesen, den Parteivorstand um unbesoldete Beisitzer zu vermehren. Tie Sonderkonferenzen werden nie aufhören, und daß man sich auch ohne eigentliche Konferenzen verständigen kann, zeigt die Er- klärung der 12ö-Parteigenossen, die gegen den Ausschluß Hilde- brands Stellung nehmen. Mit dem Verhalten der Delegierten in Sachen Pieck ist Redner nicht einverstanden. Aus der Er- klärung war nicht zu ersehen, daß sie sich gegen den Ton richtete. Mermuth: Den Delegierten müsse das Recht, zugesprochen werden, wenn ihnen die Art des Auftretens eines Mitdclegierten nicht paßt, öffentlich zu bekunden, daß sie sich mit dessen Aus- führungen nicht identifizieren. Redner geht dann ausführlich auf den Fall Hildebrand ein, um zu dem Resultat zu gelangen, daß der Ausschluß unbedingt notwendig war. Mermuth wendet ich scharf gegen die Genossen, die die ini„Vorwärts" verössentlichie Erklärung für Hildebrand unterschrieben haben. Anstatt sich an die Organisationen zu wenden, flüchten sich diese Genossen unter Umgehung der Organisation in die Presse, um dort Stimmung für ihre Bestrebungen zu machen. K l o t h bedauert auch, daß es Genossen gibt, die sich weigern, den Maifeierbeitrag zu zahlen. Doch alle die MißHelligkeiten werden erst aufhören, wenn endlich einmal durch Parteiiagsbeschlutz der Arbeitsruhe ein Ende gemacht sein wird. Die Erklärung gegen Pieck war nicht nötig, da dieser keine beachtliche Größe sei. Eine Sünde war sie jedoch auch nicht. Auch K l o t h ist der Meinung, daß für Hilde brand in der Partei noch Platz gewesen wäre. obgleich er mit seinen Ansichten nicht übereinstimmt. Die Unter- zeichner der Erklärung für Hildebrand hatten das Recht, sich gleich an die Presse zu wenden. Die andere Richtung scheut davor auch nicht zurück. Nachdem ein Schlußantrag angenommen war und Fell er in einem kurzen Schlußwort feinen Standpunkt vertreten hatte, wurde folgend« Resolution einstimmig angenommen: „Die heute bei Bartsch tagende Generalversammlung des Wahlvereins Neukölln nimmt mit Befriedigung Kenntnis vom Verlauf sowie der Geschlossenheit des Chemnitzer Parteitages." Alle anderen Resolutionen werden auf Wunsch der Versamm- lung nicht zur Abstimmung gebracht. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung. Aufstellung der Kan- didaten zur Stadtverordnetenwahl wird beschlossen, sich mit dieser Frage nochmals in den Zahlabcnden zu befassen und die Auf- stcllung einer Funktionärversammlung zu übertragen. Genosse Freier weist unter„Verschiedenes" noch auf die am 20. Oktober stattfindenden Wahlen zur Angestelltenversichcruna hin und bittet um eifrige Unterstützung. MiiiiiiiUuiig Vorwärts, Undenslr. 61 (Laden)» Wir empfehlen: 7ranz Uffohritm Deutsehe Qesehiehte | Vom Ausgange des Mittelalters IEIn liClttadcu Vür Lehrende und Lernende Teil I und II je 1,85 Mark- Beide Teile zu einem Bande vereinigt, gebunden Marie fcfcuzs/e/� J" M AGG r Suppen sind die besten! Allein echt mit dem Namen MAGGI und der Schutzmarke Kreuzstern. I„MAQQI8 gute,«parsame Küche"? "Kerantwortlicher Redakteur: Alfred Wirlepp, Neukölln. Für den Lnseratenteilverantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck«.Verlag-.Vorwärt» ßöuchdruckerei u. LerlagSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. �4Köni0stra$se 33 rt.237 29.irtr90„, Z Keilllgt des„AmMs Kerlilltt NolksdlM. Gerichts- Zeitung» Der PaÜor als Erzieher. Wegen Misihandlung eines Konfirmanden hatte gegen den an der Pfingstkirche �Petersburger Platz) amtierenden Prediger Ludwig Sylvester auf Antrag des Vaters des mißhandelten Knaben die Staatsanwaltschaft öffentliche Anklage erhoben. Das Amtsgericht Berlin-Ltitte stth die Mißhandlung als erwiesen an, glaubte aber in llebereinstimmung mit dem Vertreter der Staatsanwaltschaft dem Angeklagten, daß er nicht wiffcntlich das ihm zustehende Züchtigungs- recht überschritten habe, und erklärte ihn daher für straffrei. Gegen dieses Urteil legte der als Nebenkläger zugelaffene Vater des Miß- handelten die Berufung ein, so daß gestern vor dem Landgericht Berlin l fStrafkammer ö) die Erziehungsmethode des Pastors noch einmal geprüft werden mußte. Wieder kam da zur Sprache, daß in der Konfirmandeustunde des Predigers Sylvester eine geradezu tolle Wirtschaft geherrscht hat, gegen die er mit Prügeln ankämpfen zu sollen glaubte. Der Angeklagte erklärte, er habe den Konfirmanden Richard Lenz im Verdacht gehabt, im Konfirmandensaal eine Stinkbombe gelegt zu haben. Solche und ähnliche Streichs feien oft verübt worden, man habe Erbsen im Konfirmandensaal ausgestreut, Speckschwarte und Gummi auf den Ofen gelegt, eine Tüte Pferdemist mitgebracht, dem Pastor die Kleider mit Kreide besckuniert usw' Da Lenz sich noch renitent benommen und die Anordnung, vorzukommen, nicht sogleich befolgt habe, so habe er, der Pastor, ihm eine Ohrfeige gegeben. Daß er Lenz, wie die Anklage ihm zur Last legte, an den Ohren geschüttelt habe, so daß hinter beiden Ohren blutende Risse entstanden, bestritt Sylvester. Er versicherte, daß er sich nicht erinnere, etwas Derartiges getan zu haben. Das Konsistorium habe durch Verordnung gestattet, gegen grobe Ausschreitungen von Konfirmanden den Stock zu gebrauchen, er selber aber habe immer .nur" Ohrfeigen gegeben. Es sei auch nicht wahr, daß er seine Kon- firmanden als„rote Hunde" beschnnpft habe oder als Strolche, die er noch i»S Zuchthaus bringen werde. Den Knaben habe er nur ge- sagt:.Am häufigsten besucht mich der Kriminalschutzmann, der be- fragt mich über euch. Daher notiere ich mir euere Streiche: denn die muß ich ihm sagen." Im Anschluß daran habe er sie dann er- mahnt, niitits BvseS zu tun. Er schloß seine Schilderung des schlimmen Treibens der Jungen mit den Worten:„Es ist entsetzlich, in solcher Situation Stunde für Stunde zu unterrichten. Ich bin dadurch herzkrank geworden und habe auf einige Monate in ein Sanatorium gehen müssen. Meinen innersten Gefühlen widerstreitet es, Kinder zu unterrichten, die unwürdig sind, das Abendmahl zu genießen. Ich halte eS mit den Worten des Petrus: Welcher unter euch unwürdig ist, der isset sich selber das Gericht." Prediger Sylvester behauptete, die geschilderten Zustände seien nicht bloß in seiner Konfirmandenstuude vorgekommen, ähnliches komnie eigentlich bei allen Amtsbrüdcru vor. Die Beweisaufnahme brachte dasselbe Ergebnis, wie in der Verhandlung vor dem Amtsgericht. Mit dem früheren Konfirmanden Richard Lenz bekundeten eine lange Reihe seiner Mitschüler, daß der Vastor ihn an den Ohren geschüttelt hatte, so daß Blut floß. Diese Bekundung wurde unterstützt durch einige Er- wachsene. die den Knaben kurz nach seiner Heimkehr aus der Konfirmandenstunde gesehen hatten. Auch ein Kriminalwacht- meister, dem die Mutter auf dem Polizeibureau den Juugen vorgestellt hatte, bestätigte, daß die Züchtigung— so sagte er vor Gericht—„ein bißchen deutlich" ausgefallen war. Dazu kamen die Bekundungen de» Arztes, der den Jungen untersucht hatte. Er hatte hinter dem einen Ohr eine klaffende blutige Wunde von l'/z Zenti- meter Länge und Zentimeter Breite und hinter dem anderen Ohr eine etwas kleinere ähnliche Wunde festgestellt und gab sein Gutachten dahin ab, daß man schon„ordentlich zerren" müsse, um solche Wunden beizubringen. Die weitere Angabe des Konfirmanden Lenz, daß Pastor Sylvester ihn auch mit der Faust ins Kreuz gepufft habe, wurde durch die übrigen Zeugen nur vereinzelt unterstützt. Die meisten Zeugen erklärten, nichts davon gesehen zu haben. Ein älterer Schüler, der gleichfalls früher Konfirmande von Sylvester gewesen war, bekundete, daß der Pastor im Unterricht„rote Hunde!" geschimpft habe. Der Verteidiger Rechtsanwalt Kurt Ulrich hatte wieder Beweis dafür angetreten, daß im Konfirmandenunterricht des Pastors Syl- vcstcr die tollsten Rüpeleien verübt worden seien. Sie wurden ge- schildert vom Kirchendiener Winkel, der über wüsten Radau, über Berstreuung von Sand, Kieselsteinen. Pferdekot, über Legung von Stinkbomben berichtete. Ein schlechter Dienst wurde dem Angeklagten wieder durch die Aussagen des Pastors Schlegrlmilch erwiesen, von dem er einige Monate im Konfirmandenunterricht vertreten worden war. Schlegelmilch schilderte die Jungen als völlig zucht- los. Einen der schlimmsten habe er gepackt und geschüttelt, dann erst habe der Junge klein beigegeben. Ueberbaupt seien die Jungen folgsamer geworden, als er„scharfe Saiten aufgezogen" hatte. Der Vertreter des Ncbcnllägers, Rechtsanwalt Kurt Roscnfeld, stellte fest, daß Zeuge weder Ohrfeigen gegeben, noch an den Ohren gerissen, noch in das Kreuz gepufft und dennoch die Jungen zur Raison ge- bracht habe. Schlegelmilch erklärte wiederholt, daß er mit cindring- lichcn Ermahnungen Erfolg gehabt habe. Ein paar Gemeindeschul- lehrer sollten sich über das Schülermaterial Sylvesters äußern, das sie aus ihrer eigenen Unterrichtstätigkeit kannten. Lehrer Eduard Radtke hat bei Lenz keinen Widerstand bemerkt. Lehrer Steffens hat„das Gefühl gehabt, daß die Eltern gegen ihn (den Lehrer) arbeiteten". Der Kirchenälteste Albrecht wußte zu erzählen, daß er einen Konfirmanden zu den anderen habe sagen hören, der Vater habe gesagt, er brauche sich von den Schwarzen nichts gefallen zu lassen. Für den Nebenkläger beantragte Rechtsanwalt Kurt Rosenfeld, den Angeklagten der Mißhandlung schuldig zu sprechen und zu be- strafe». Der Angeklagte habe wahrscheinlich so wenig pädagogische Befähigung, daß er gegen die Rüpeleien der Jungen ohnmächtig war, aber das gebe ihm iroch nicht das Recht, zu Mißhandlungen zu schreiten. Aus Sylvesters Versicherung, daß er sich nicht erinnere, Lenz an den Ohren gezaust zu haben, habe da» Amtsgericht geschloffen, daß er sehr erregt gewesen sein müsse. Sonst Pflege ein Gericht solche Versicherungen als Ausrede abzulehnen. Mindesten? habe der Angeklagte, da er— gegen den Grundsatz guter Pädagogen— in Erregung strafte, fahrlässige Körperverletzung begangen, die nicht straflos bleiben dürfe. Dem Antrag des Staatsanwalts, die Be- rufung zu verwerfen, schloß sich der Verteidiger Rechtsanwalt Kurt Ulrich an. Er nahm den Angeklagten gegen den Verdacht einer „Ausrede" in Schutz und suchte auch seine„pädagogische Be- fähigung" zu retten, indem er den erfolgreicheren Amtsbruder Schlegelmilch preisgab. Fast klang es wie Spott, als er von den „phänomenalen Erfolgen" dieses vermeintlichen Entlastungszeugen sprach, der den Angeklagten so schwer belastet halte. Die Frei- sprechung des Angeklagten sei notwendig schon um der Diszipli» willen, die das Gericht schützen müsse. Das Gericht kam zu dem Urteil, die Berufung sei zu verwerfen. so daß es bei der Freisprechung perbleibt. Erwiesen sei, daß Pastor Sylvester den Konfirmanden Lenz an den Ohren zog, so daß sie bluteten. Hiermit habe er das Züchtigungsrecht, das ihm im übrigen zustehe, überschritten. Er sei aber wohl so erregt gewesen, daß er nicht mehr wußte, was er tat. Man müsse annehmen, daß er infolge der Erregung über die Unbotmäßigkeit der Jungen sich in einem an Bewußtlosigkeit grenzenden Zustand befand, der die freie Willens- bcftimmimg ausschloß. Auch Fahrlässigkeit liege nicht vor. Pastor Sylvester, dessen Mißerfolg auf dem Gebiete d« Er- ziehung durch diese Urteilsbegründung schonungslos festgestellt wird, hat inzwischen den Staub der sündigen Reichshauptstadt von seinen Füßen geschüttelt. Am letzten Sonntag hat er sich von der Pfingst- gemeinde verabschiedet, um in einem Dorf bei Küstrin das Pfarramt zu übernehmen. Brnfhaften der Kcdaktton. Die luristischc Eprechstande fiiwet Linde» st r-ße SS,»>->*» vier rreppeu — Fahrstuhl—, wochentägliq von bis 7M> Uhr abends, e-nnabcudS, von bis 6 Uhr abends statt. Jeder fstr den Brietlasten bestimmten«nfragc ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen betzusügen. Briefliche Antwort wird nicht rrieUt. Anfragen, denen keine Aboirncmentsgutttnng beigcsüg« ist, ,crden nicht beantwortet. EUtgr Fragen trage man tu der Sprechstunde vor. C. W. 78. Fordern Sic vom Eigentümer Beseitigung der Mängel unter Setzung einer etwa zehntägigen Frist. Verstreicht diese ersolgloS. so kann Klage erhoben werden, die nicht aussichtslos erscheint.— O. I., Schöneberg lvv. Verjährung ist nicht eingetreten.— O. 100. 1. Nach Abiaus von süns Jahren kann der Schuldner erneut zur Ableistung des OfsenbarungScides geladen werden.— X. 850. 30 Jahre.— ftz. B. 300. Sie haben nach Ihrer Darstellung ein Recht aus Wicdereinräumnng deS Kellers. Fordern Sic den Eigentümer dazu aus: bleibt diese Aussorderung ersolglos, können Sie klagen. Die Miete müssen Sie zahlen.— E. H. 08. Die Kostensorderung ist verjährt.— M. S. 1. Ja. 2. Bis zu dem Zeitpunkt, wo das Kmd seinen Unterhalt sechst erwirbt. 8. Ja, die notwendigen Kosten. Die Ansprüche können nicht durch Sie, sondern durch den gesetzlichen Vertreter— anscheinend die Mutter— geltend gemacht werden.— Invalidenversicherung. 1. Nach dem von der Orts- kranlenkassc sestgcsetztcn durchschnittlichen Tagelohn. 2. Nach dein ortsüblichen Tagelohn.— F. G. 41. Ihre A-igaben reichen nicht aus; kommen Sie in die Sprechstunde.— R. M. 99. Nein. »ms*• 4» � U« 265�1• m... dSlcißyßoiffiHi' ttKßiwi' jjiijl(fUw&iw iM Wli&l'. CMoifii fwirn 7»'V v Möbel=Lechner Arn Rosenthaler Platr BrU11116llStl*. 7 Am Rosenthaler Platz Spezial-Möbelhaus auf Kredit und gegen bar WW" Riesen«Auswahl"WU rrsr Jd. 20." 85." 50." 75- 100.- Ä Einzelne Möbelstücke von JJ, 5«" Anzahlung an ——— Alte Kunden erhalten event. ohne Anzahlung Herrenzimmer, Speisezimmer, Schlafzimmer, bunte Küchen Vorzeiger dieses erhhlt beim Kant Ton M. 50.— an M. 6.— Rabatt! Liefere auch nach auswärts! Sonntags geOITnet von 1 k!' 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Dheater am Nollendorfplatz (Neues Schauspielhaus), Täglich abends 8 Uhr: Gafwiei des Münchener Künstler• Theaters: Orpheus In der Unterwelt. Montis Operetten-Theater (früher Neaes Theater) Abend» 8 Uhr; Goldener Leichtsinn. Rtßdtsif-Thtlittt. 8 llhr: Der Herr von Nr.!9. Schwank in 3 Akten von Keroul und Barrä. Sonnabend, den 12, Oktober, zum ersten Male: GemütSmenschen. Luisen-Theater. Donnerstag: Die Meineidgrästu. Freitag(unwiderruslich letzte Aus- sührung): Ich lasse Dich nicht. Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung: Zwerg Nase._ OSE=THEATE (Brost Frantlurt« Str. 132. Abend« 3 Uhr: -1 Papageno. Lustspiel in i Allen von 3t Kneisel. Frellag: Ein Sommeruachts- träum. DeMes Schauspielhaus Wend« 8 llhr: Ejcinont. .üimabenb 71/, Uör: Zum 1. Mal: Det- x-ät«itzeode Erael». Lieresdsret tnrunkaaale oer PazaaKe. Im Eicht] Joden Abend>/,S Uhr: Hermann Fnnke Hansy Petra Putzi Cassaui Mizzi Dressl. TVerner Goldmann Otto Bellmann 20 Künstlerinnen u. Künstler. Einheitspreis 1 M. 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Abend» 3 Uhr: Liebesbarometer. Casino-Theater Lothringer Sir. 87. Täglich 8 Uhr: DaS sensationelle Oktober-Brogramm Robert h'eezemann, Berlins LieblingShumorist mit neuen Schlagern. Riesen- Lacherfolg des lustigen Stücke» Der Großfürst. RelehZludlen-Idesler Stettiner Sänger. Eröffnung der Wintersaison. 6r. Orchester: Lirig.; R. Schräder. Die Macht der Töne. Burleske v. Meysel. Ans. 8 Uhr. Zirkus Suscii. Heute Donnerstag, 10. Oktober abends T'/g Uhr: HOUDINI! wird am heutigen Abend den bereits angekündigten Versuch machen, sichaus einer von dem Tischler- u.Paokerpersonal der Firma W.Wercheim, G.m.b.H., fest vernagelten u. verschnürten Kiste zu befreien. Hierzu das gr. Qalaprogramm. DasKneysluWI IZUl (Ingeniour H. Bohle). Unter Gorillan. Gr. Pant. Die mit beispiellosem Lactacrfoige aufgenommene Novität Die Alpenbrüder. 10 Uhr: Endlich allein! Beide Stücke mit den Autoren Anton und Donat Herrnfeld In den Hauptrollen. 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Die Beerdigung findet heute Donnersiag, nachmittag» 4 Uhr, von der Halle de» neuen Nazareth- Ktrchhoses in Reinickendors-West, Ztögclstratze, au» statt. Um rege Beteiligung ersucht 233/1 Der Vorstand. Deutscher MetallarbeiteF-Vertand Verwaltungsslelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Maschinen- arbettec WUielm Werner Huttenstr. 9 am 6. Oktober am Schlaganfall gestorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. Oktober, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- halle i c» Charith> Kirchhose» In der Müllerstratze au» statt. gerner starb unser Mitglied, der Schleifer WilKelm Stalp Marianneostr. 16 am 7. Oktober an Magenleiden. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1U Oktober, nach- mittag» 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle de» alten St. Thomas-Kirch- Hose« in Neukölln, Hermannstratze au» statt._ Ferner starb unser Mitglied, der Monteur Karl übau. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. Oktober, nachmittags 3'/, Ubr. aus dem Gemeindesriedhos in Johannisthal statt._ gerner starb unser Mitglied, der Dreher Lduarä Schön Watzmannstr. 14. Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. Oktober, nach« mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- Halle de» Pius> KirchhojcS in Hohen-Schönhausen aus statt. Ehre ihrem Endenre»! Rege Beteiligung erwartet .9--- 125/1: Die Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Terbaml. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitaliedern zur Zlachricht, daß unser Kollege, der Arbeit«- kutscher Heinrich Rausch am 1. d. MI«, im Alter von 42 Jahren durch Unsall der- starben ist. Ehre seinem Zlndenke« k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. d. Mt»., nachmittag« 4 Uhr. von der Leichen- halle de» Tegeler Memelndesrled- dose» an» statt. 07/11 Ol« BMlrksverwaltung, Arheiter-Turnyereio zu Adlershol. Allen Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unser Turngenosse Karl liiban Infolge Unglücksfalls am Sonntag, den 0. Ottoder 1812, ptöhiich oer- ftorben ist. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittag»>/,3 Uhr, in Johannisthal statt. Treffpunkt 1 Uhr bei Kaul. Rege BeteUigung erwartet 180/7 Der Btoritnnd. Von der Keise auräolt 162/1 Dr. Eugen Haagen. Adlershol. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genoffe Karl Uhau Hackenbergftr. 17, am Sonntag, den 6. Oktober, durch Absturz mit der Flugmaschtne tödlich ver« unglückt«. 203/1 Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 2'/, Uhr, vom Flugplatz Johannisthal, Hauptportal, aus statt. Der Vorstand. Deutscher Holzarbelter-Verhaud. Zahlstelle Berlin. Den Mstgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Maschinen- arbeit« krnst Teller Martenstraß« 112, im Alter von 55 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Freitag, den lt. Ottober, vor« mittag» U1/. Uhr, von der Halle de« Golgatha. Kirchhofes in d» BarfuSstratze au« statt, 89/16 Oie Orlsverwaltung. Deutscher Dauarbeiterverbaud. Sektion der Rutm. Unseren sowie den Mitgliedern deS Gesangvereins der Putz« biermlt zur Nachricht, daß unser Mitglied Tercl. Meyer nach langem Leiden am 7. d. M. im 64. Lebensjahre in der städti- schcn Anstalt Dalldorf gestorben ist. Die Beerdigung findet heute nachmittag 3 Uhr aus dem An. staltS-Kriedhose in Dalldorf statt. Um rege Beteiligung wird er- sucht.___ Am 7. Oktober»«starb unser Mitglied, der Putzer Wilhelm Heldix (Bezirk Wilmersdorf). Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. Oktober, nachmittag«!•/, Ubr. von der Halle de« �emeinde-Friedbofe« in Wil I, Berliner Str. 103, merSdorf, statt. Ehre ihrem Andenke». l42/ll Der vorstand Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, datz mein lieber Mann und guter Bat« frnst Tubbenthal im 32. Lebensjahr« verstorben ist. Die« zeigen tiesbetrübt an Em n,«» Tubbenthal nebst Sohn. Die Beerdigung findet Freitag. nachmittag 8 Uhr vom Trauer- hause, Deuffch-Kroner Strotze 7, au« aus dem TutSsrledhos in Hohen« Schönhausen, Oranke- stratz«, statt. 745b schweren Leiden verstorben ist. Beerdigung Freitag nachmittag 4 Uhr. von der Halle de« Zentral. IriedhoseS In FrtedrlchSselde. 62a «»rl Kollhoff. Danksagung. Für die mir bewiesene TeUnahme sowie für die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS sage ich allen Freunden und Bekannten, insbesondere der Firma Rud. Otto Meh«, seinen sämtlichen Kollegen und dem Deutschen Metall- arbetter-Berdand meinen herzlichen Dank. IIa Witwe Eggert nebst Kmd. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei d« Beerdigung meiner lieben Frau und guten Mutter .Anna Jakabaschk sagen wir allen, welche ihr die letzte Ehre erwiesen haben, insbesondere dem Genoffen R. Küter für die trost- reichen Worte sowie dem Gesang- verein Schöneberger Männerchor, den Genoffen und Genossinnen de» 9. Be- zirk» und den VorwSttsauStröge- rinnen d« Ausgabestelle Schöneberg unseren herzlichsten Dank. 48a Der trauernde Gatte Raul Jskubasohk nebst Kindern. Zeutral-Kranken- u. Sterhekasse der deutsehen Wagenbauer. E. H, Filiale Heuküli* I. Am Montag, den 7. d. M., ver« starb nach lang« Krankheit uns« 32 Jahre lange» Mitglied, der 75jährige Stellmacher �nxnst Schmidt.|= Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den lO. d. M., nachmittag» 3>t, Uhr, aus dem Fried- hos am Mariendorser Weg ttatt. 258/6 01« Ortsverwaltung. Dn, Simmei Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prlnzenstr. 41, ÄÄ* 10—2. 6—7. Sonntags 10—12. 2—4 5 An diesem Schild sind die Läden erkennbar, 0 in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. HastersHItlg In Konwtrabtlon and Aasf Uhrung, gleich vorzüglich für Haawse brauch n. Indnstrle. Singer Co. Nähmaschinen Act. Oes. BEKI-m, Leipziger Straße»». Getragene Monatsgarderobe. 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Oktober 1912, vormittag» 10 Uhr. findet im Restaurant von Roözhcki, Pankow, Kreuzstr. 3/4,«we Ausserordentliche General-Versaminlung mit folgend« Tagesordnung statt: 1. Verlesung des Protokolls der letzten Gen«aloerfammlung. 2. Berichterstattung über die General» Versammlung des HauptverbandeS deutscher Ort»-Krankenkasse« in Köln a. Rh. 3. Vortrag über daS Versich«UNgZ- aesetz sur Angestellte. 4. Antrag des Vorstandes aus Er« zänzung d« RuhegehaltSsatzunge« ür die Beamten. eschlutzfassung über den Antrag aus Zulassung als.besondere" Orts-Kranlenkasse(tz 239 R-V.-O.) oder auf Ausgestaltung zur all» gemeinen Orts-Krankenlaffe(Art. 16 E.-G. R.-V.-O.). 6. Verschtedene». 279/9 Di« Herren Vertreter b« Arbeit» geber und Arbeitnehmer w«den hierzu eingeladen mit dem Bemerken, datz denselben noch ein« LeglttmattonS- karte zugesandt wird. Otto Ritzmao«, Vorfitzender. HHäKS Buchhandlung Vorwärts Lindenstr. 69 r Ein Lehr- und Spielbuch für Jugend, Eltern und Lehrer von Heinrich Pralle. 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Für einen weiteren Nickel werden wir durch Spandau und durch die lange Neuendorfer Straße in einer Viertelstunde bis zum Waldrand befördert. Hier hat sich nun leider, seit der Spandauer Magistrat den Wald in Gold zu verwandeln sucht, vieles geändert. Rechts ist der Forst„aufgeschlossen". d. h. in allerlei Ansiedelungen verwandelt. Zur linken Hand ist er noch da, und im Weitcrwandern verschönert er sich. Nach einer Viertelstunde erreichen wir einen Schiffahrtskanal, der von der Havel kommt, aber zur linken nach einigen hundert Metern blind endet. Nachdem wir uns auf der Brücke um gesehen haben, gehen wir imseren Weg weiter, an einer ..Erfrischungshalle" vorbei, die offenbar nur in durstfrohen Jahreszeiten geöffnet ist. Der Weg ist parkalleeartig geworden, der Wald zum Mischwalde, und das Laub der Hainbuchen, Ulmen und Eichen bildet ausgedehnte Farbenfelder in braunen und gelben Tönen. Das dunkle Grün der 5tiefern bildet den festen Pol in dieser Erscheinungen Flucht. Von der Brücke ab nach kaum zehn Minuten biegen wir beim Gestellstein 12,11 links ab. Bald überschreiten wir das Gleise der Spandau- Bötzower Bahn. Zur linken eine weite Lichtung. Hier und da nebelt es leicht auf der Fläche. Die milden Strahlen der herbstlich gedämpften Sonne umspielen die sterbenden Halme. Aber zu ihren Füßen ist alles grün von jungem Gras und Moos, das den Winter zu überdauern sich am schickt. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Jetzt über schreiten wir auf einem Erddanim, den Erlen und Weiden säumen, das Teufelsfenn. Eine weite Fläche, einförmig mit rötlichbraunem Gras und Binsen etwa meterhoch dicht be deckt, eine wahre Moorprärie. Wasser wird nirgends ficht bar. aber der Blick über diese Flächen bis zum Hochwald da hinter ist nichts Alltägliches. Wir gehen den Danun geradeaus weiter und nach wenigen Minuten den ersten Fahrweg rechts ab. Wo er den Hoch Wald erreicht, wieder den Weg zur linken. Ein grüner Waldpfad nimmt uns auf, der sich schlängelt, dessen Richtung wir aber beibehalten. Wir passieren klejne Waldmoore und der hochstämmige Wald zeigt uns, was auch die Kiefer vermag, wenn sie weniger dicht steht und ihren Wuchs zur Geltung bringen kann. Vor einem dichten Bestand kleiner Kiefern hört unser Weg in seiner alten Breite plötzlich auf. Wir wenden uns nach rechts etwas steil in die Höhe, um dann ivicder geradeaus, bergauf bergab zu wandern, so weit eS uns gefällt. Sobald die Zeit drängt, brauchen wir nur das erste beste Gestell links ab zu wandern. ES bringt uns zur Schönlvaldcr Chaussee, die zur linken nach Spandau zurückführt. Neben der Chaussee im Walde führen bequeme Fußsteige und den Staub haben wir um diese Jahres- zeit nicht zu fürchten. Beim Johannisstift steht die elektrische Straßenbahn, die für Ist Pfennig zum Bahnhof befördert. Wie der Weg hier beschrieben ist, läßt er sich in ganz wenigen Stunden durchivandern oder auch länger aus- dehnen. Er wurde so gewählt, uni möglichst mannigfaltige Waldbilder zu zeigen. Wenn die Spandauer besser wüßten, was sie an ihrem Walde haben, würden sie keine» Fußbreit davon verkaufen.' So aber wachsen die eisernen Stakete in den Wald hinein wie ebenso viele Ausrufungszeichen für die menschliche Kurzsichtigkeit. Vielleicht wird noch rechtzeitig Halt gemacht. Bis dahin laßt uns den Wald genießen. Er ist stumm geworden. Auf den Lichtungen stört unser Fuß hier und da bequeme Rebhühner schwirrend in die Luft. Die Eich- kätzchen spielen Versteck mit uns. In den Holzschlägen und Büschen huschen muntere Zaunkönige und Goldhähnchen. Bald folgen wir dem Fluge einer Krähe, bald bannt uns ein scheues Reh dort hinten am Wege. Der Wald lebt auch im Herbste._ Bon den Pslichtfortbildungsschulcn der Stadt Berlin. PflichlfortbildungSschnlen gibt eS in Berlin nur erst für das männliche Geschlecht. Ob die geplanten Pflichtfortbildungs- schulen für das weibliche Geschlecht.schon" znin April nächsten Jahres fertig werden, mutz ma» abwarten. Die.bestehenden Pstichlforibildungsschulen haben im letzten Schuljahr wieder eine erhebliche Mehrung der Schüler gehabt. Im Schuljahr 1910 11 wurden in» Sommer 31 937 Schüler, im Winter 32 220 Schüler gezäolt. Dagegen war im Schuljahr lgll/12, nach Angabe des jetzt vom Magistrat veröffentlichten VcrwaltnngsberichtS der Fortbildungöschuldeputation, die Schiilerzahl im Sommer 33 333, im Winter 34 319. Der letzte Winter wies gegenüber dem vorletzten ein Plu-Z von 2099 auf, das sind O'/e Proz. der Schülerzahl deS vorletzten Winters. Das vorhergehende Schuljahr hatte nur ein Plus von 716 gebracht, was einen Zuwachs von nur 2>/� Proz. bedeutete. An dem Zuwachs sind die verschiedenen Berussgruppen immer sehr ungleicb beteiligt. Im letzten Schuljahr stieg die Schüler- zahl wieder hauptsächlich bei den ungelernten Arbeitern, diesmal von Zuwachs deS letzten Schuljahres lieferten grötzlcnteils die Kausleute und die Metallarbeiter. Die Kaufleute mehrten sich wieder beträchtlich, von 5396 um 342(— ö'/g Proz.) auf 5738. Auch die im vorher- gehenden Jahre etwas geringer gewordene Gruppe der Metallarbeiter halte diesmal eine Mehrung, von K49l um 445(= 6'/z Proz.) auf 6936. Mit bescheidenere!« Zuwachsziffern sind ein paar lleinere Berufsgruppen vertreten. Es niehrten sich die Schüler aus dem Be- kleiduugsgewerbe von 1233 um 62 auf 1317, auS dem Kunst- gelverbe von 2308 um 69 auf 2377, aus dem Nahrungs- mittelgeiverbe von 1304 um nur 3 auf 1309. Dazu kommt in der Gruppe„sonstige Gelverbe" eine Mehrung von 348 um 42 auf 390. Ein Rückgang der Schülerzahl zeigt sich bei den Barbieren und Friseuren, die sich in den PflichtfortbildungSichulen von 497 um 28 auf 469 verminderten. Zurückgegangen ist auch wieder wie schon seit mehreren Jahren die Schülerzahl auS dem Baugewerbe, diesmal von 1816 um 153 auf 1638. Bier Jahre vor- her. im Winter 1907/08, hatten die Pflichtfortbildungsschulen noch 3089 Schüler aus dem Baugewerbe, ziemlich doppelt so viel wie im Winter 1911/12. Von den 34 319 Schülern des letztenWiitters gehörten zur Unter- stufe 13 342, zur Mittelstufe 11 973, zur O b e r st u f e 9002. Gegenüber den» vorletzten Winter hatte die Schülerzahl sich gemehrt in der Unterstufe um 709, in der Mittelstufe um 931. in der Ober- stufe uni 439. Von je 1000 Pflichtfortbildungsschülern überhaupt gehörten jetzt zur Unterstufe 39, zur Mittelstufe 33, zur Oberstufe nur 26. Anderes Zahlenmaterial, an dem man den Erfolg de§ Fortbildungsunterrichtes messen könnte, findet sich in dem Bericht nicht. Es fehlen diesmal auch die früheren Hin weiie auf die Schwierigkeiten, die der Pflichtfortbildungsschule z. B. bei Ausstellung der Stundenpläne und Festsetzung der Unterrichtszeiten aus der angeblich notwendigen Schonung der Arbeitgeberinteressen erwachsen. Gegen die Schwierig keiten, die für den Unterricht der ungelernten Arbeiter sich aus ihrem häufigen Stellungswechsel und den dadurch bedingten Umschulungen ergeben hatten, ist inzwischen ein Abhilfemittel versucht worden. Die ungelernten Arbeiter werden nicht inehr nach ihrer Arbeitsstelle, sondern nach ihrer Wohnung eingeschult, so daß Umschulungen seltener nötig werden. Man hofft, hierdurch die Unregelmäßigkeit des Schul besuchs der Ungelernten, die bei ihnen schlimmer als bei irgend einer anderen Bcrufsgruppe ist, zu mildern. Die Zentralkommission der Krankenkasien Berlin«, die schon seit Jahren bemüht ist, Einrichtungen zu schaffen, die dazu dienen sollen, dem kranken Arbeiter so schnell wie mög- lich Gesundheit und Erwerbsfähigkeit wieder zu verschaffen, hat seit Mai 1911 in der Passage am Alexanderplatz ein Institut für hydrotherapeutische und physikalische Behandlung eröffnet. Aus kleinen Anfängen heraus, mit drei Wannen und einigen Douchen beginnend, hat man jetzt das Institut schon recht respektabel ausgebaut und eröffnet zurzeit ein Röntgeninstitut. Das Institut enthält Warteräume für die Kranken, mehrere Untersuchungszimmer, einen großen Bade- räum für kohlensaure Bäder und einfache Wannenbäder, Doucheräume für alle Arten Douchen, Dampfdouchen, Wechsel- strahldouchen für kaltes und warmes Wasser, Regendouchen für alle Körperteile, ferner finden wir alle Arten elektrischer Lichtbäder, Einrichtungen für Bestrahlung, Heißluft bäder. Von Dampfkastenbädern hat man nur ein einziges aufgestellt, weil man in unserer Zeit immer mehr zu der Ueberzeugung kommt, daß das Schwitzen im elektrischen Licht bade oder Heißluftbade zweckmäßiger und für das Herz viel lvcniger angreifend ist, als im sstampfkastenbadc. Besonders interessant ist das medicomechanische Institut, in dem wir sinnreich konstruierte Apparate vorsinden, die dazu dienen, durch methodische genau der Schwere nach abmeßbare Wider- standsbewegungen und Hebungen Versteifungen aller Gelenke, solvohl der großen, Fuß- oder Schultergelenke wie auch der kleinsten, Daumen- und Finger- und Fußgelenke zu beseitigen; gerade diese Instrumente sind von größter Wichtigkeit zur Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit. Um aber auch ein möglichst lückenloses Erkennen aller Krank- heitcn zu gewährleisten, hat man das Röntgeninstitut an- gegliedert. Jeder Kassenarzt ist heutzutage nicht imstande, sich ein Röntgeninstrunientarium anzulegen, teils aus finanziellen Gründen(die Röntgenapparate sind sehr teuer und erfordern elektrischen Anschluß), teils auch Iveil ihm häufig die Zeit dazu fehlt. Hier ist den Kassenärzten Gelegenheit gegeben, alle Fälle zur Röntgenuntersuchung sowohl als auch zur Röntgen- behandlung ins Institut zu senden. Röntgenuntersuchung wie Röntgenbehandlung nehmen in der modernen Medizin einen immer größeren Raum ein. Während man früher nur die chirurgisckien Diagnosen mittels Röntgenstrahlen stellte, benutzt man jetzt die Röntgenuntersuchung für alle möglichen inneren Diagnosen, in erster Linie auch für die Früh-Diagnose der Lungentuberkulose; die Röntgenbehandlung wird bei einer großen Anzahl von Erkrankungen mit bestem Erfolge angewandt, so besonders bei oberflächlichen Neubildungen Basedowscher Krankheit, Neuralgie, Bluterkrankungen, Haut- krankhcitcn usiv. Das Röntgeninstitut ist mit den neuesten Apparaten ausgerüstet, die sowohl Durchleuchtungen als auch Ausnahmen(besonders Schnellaufnahmen) in tadellosester Weise ermöglichen. Auch ein Plattenschaukasten für Röntgenplatten zur genauen Erkennung der Bilder ist vorhanden und steht den Kassenärzten zur Verfügung. Besonders wertvoll für das Institut ist die ständige ärztliche Uebettvachung durch zwei Aerzte und die Oberleitung des Instituts durch Herrn Geheim- rat Bricger, der eine Autorität auf dem Gebiete der Hydro- therapie ist. Das Institut ist seit dem 15. Mai 1911 von 2173 Frauen und 4941 Männern besucht worden, Zahlen, die wohl am deutlichsten seine Notwendigkeit beweisen. Hoffen wir, daß das Institut, um dessen Errichtung sich auch besonders der Vor- sitzende der Zentralkommission Simanowski verdient gemacht hat, vielen Arbeitern und Arbeiterinnen ihre verlorene Ge- sundheit wiederherstellen helfe. Große Untcrschlagiiligc» in der Akndeniie der Künste. Nach Unterschlagung von etiva 30 000 M. ist der 59 Jahre alte Bureau- Vorsteher der Akademie der bildenden Künste, Rechnnngsrat Heinrich Schnppli, der gleichzeitig das Amt des Hauptinspektors versah und die Kasse verwaltete, flüchtig geworden. Der ungetreue Beamte ist seit 33 Jahren im Amte und genotz das grötzte Vertrauen seiner Vorgesetzten. Er ist verheiratet und Vater mehrerer erwachsenen Söhne und Töchter. Schnppli, der als äußerst solide geschildert wird, soll sich in Börsenspekulationen eingelassen und dabei grotze Verluste erlitten haben. Als er vor einiger Zeit einen Urlaub an- trat, wurden durch den ihn vertretenden Bcainle» Unregelmätzigkeiten in der Buch- und Kassenführung entdeckt und der vorgesetzten Behörde Anzeige erstattet. Als diese Schnppli um Aufklärung ersuchte, gestand er ohne weiteres in einem Briefe ein, etwa 30 900 M. im Laufe der letzten Jahre veruntreut zu haben. Gleichzeitig erklärte er. sich das Leben nehmen zu wollen. Ob dies geschehen ist oder wo sich Sch, aufhält, ist noch nicht ermittelt worden. Nach einer weiteren Meldung dürfte der unterschlagene Betrag möglicherweise noch erheblich höher lein, alS oben angegeben. Die 30 000 M. stellen die Summe dar, deren Fehlen bis jetzt einwandfrei festgestellt ist; ganz sind die Nachreainungen aber noch nicht abgeschloffen. Bei den Künstlern und den � ständigen Besuchern der Akademie erfreute sich Schuppli einer gewifsen Beliebtheit. Die Nachforschungen nach dein ungetreuen Beamten, der etwa 1,75 Meter groß und schlank ist, leicht ergrautes Haar und kleinen Schnurrbart trägt, und fahles, längliches Gesicht und große Nase bat. werden vom Kom»tissar Hasen- jäger vom Polizeibezirksamt Bcrlin-Mitte geleitet. Zusammenstoß zweier Flugapparate. Auf dem Flugplatz Johannisthal hat sich gestern nachmittag schon wieder ein schwerer Unfall ereignet. Bei einem Gleitflug stieß der Etrich-Originaleindecker des Fluglehrers Michaelis von der Sportfliegergesellschaft auf den vpn dem bulgarischen Ober- leutnant Popristeff gesteuerten Mbatros-Doppeldecker. Beide Maschinen stürzten aus 10 Meter Höhe zu Boden, wobei der Offizier unter die Taube geriet und innerliche Verletzungen davontrug. während Michaelis mit leichteren Wunden davonkam. Brennmaterialien und Zeitnngshandel. Nachdem der Versuch, durch Abänderung de§ Ortsstatttts vom 14. Oktober 1911 für den Brennmaterialien- und Zeitnngshandel an den Sonn- und Fest- tagen andere Verkaufszeiten festzusetzen, gescheitert ist und Wetter- bewilligung der bisher für die beiden Handelszweige ausnahmS- weise zugelaffenen Verkaufszeiten sich nicht hat erreichen lassen, sind für diese vom 1. Oktober ab die im§ 1 des Ortsstatuts enhaltenen Bestimmungen maßgebend. An den gewöhnlichen Sonn- und Fest- tagen darf in offenen Verkaufsstellen ein Handel mit diesen Gegenständen vom 1. Oktober bis einschließlich 30. April nur von 12 bis 2 Uhr nachmittags, vom 1. Mai bis einschließlich 30. September nur von 8—10 Uhr vormittags stattfinden. Wegen des Straßen- Handels bleibt es bei dem bisherigen Verbot. Der Zeitungshandel auf den Fernbahnhöfen ist besonders geregelt. Ei» gchciuiuisvollcs Paket wurde gestern einem Italiener Henry W. in die Hände gespielt. W. fuhr vormittags nach Dresden. Während er sich eine Fahrkarte kaufte, ließ er seinen Koffer einen Augenblick ohne Aussicht in der Vorhalle stehen. Als er ihn wieder an sich nehmen wollte, fand er darauf ein Paket liegen, dessen Hülle aus grauem Packpapier stark verschnürt war. Er nahm erst an, daß daß jemand es nur auf einen Augenblick aus der Hand gelegt habe und wartete längere Zeit auf den Eigentümer. Als sich aber»lie- mand weiter um das Paket kümnrerte, öffnete er es endlich und fand darin die Leiche eines neugeborenen Mädchens. W. übergab den Fund der Bahnhofspolizei, die ihn dann nach dem Schauhause bringen ließ. Die kleine Leiche war unter der Packpapierhülle noch in eine Nummer des„Simplicissimus" eingewickelt. Nach der vor« läufigen Besichtigung scheint das Kind totgeboren worden zu fein. Wer die Leiche an den Fundort gebracht hat, ist noch nicht fest- gestellt. Ein Raubüberfall wurde in der vergangenen Nacht auf dem Grundstück Taubenstr. 33 verübt. In dem Erdgeschoß des Vorder- Hauses betreibt der Gastwirt N. Prohasta, der im Ouergebäude wohnt, sein Geschäft, das nur von 2—4 Uhr nachts geschloffen ist. Der Hausdiener war in dieser Zeit mit dem Aufräumen und dem Gläserspülen beschäftigt. Plötzlich ging die Küchentür am Flur aus und herein trat sein Vorgänger mit zwei anderen Burschen. Die drei hatten sich vor 10 Uhr abends eingeschlichen und in dem un- verschlossenen Vorkcller verborgen gehalten. Als nach 2 Uhr nachts alles ruhig war, drangen sie in die Wirtschast ein, um nach Ueber- wältigung des Hausdieners die Ladenkasse zu rauben. Sie warfen dem erst 17 Jahre alten Hausdiener, der gerade in der Küche war, um warmes Masses zu holen, seinen eigenen Ueberzieher über den Kopf und über daS Kleidungs- stück eine Schlinge. Bevor sie jedoch diese fest zuziehen konnten, gelang es ihm, eine Hand zwischen Kopf und Schlinge zu stecken. Der Ueberfallene setzte sich aus Leibeskräften zur Wehr, riß sich los, schlug Lärm und rief auf dem Hausflur so laut um Hilfe, daß die Bewohner erwachten, aus den Betten sprangen und herbeieilten. Als die Räuber sahen, daß ihr Plan Knißlmrgen war. flüchteten sie. weil sie durch die verschlossene HauStllr nicht hinauskommen konnten, die Treppe hinauf. Hier gerieten sie jedoch in eine Falle. Das Vorder- haus des Grundstücks hat keinenf Boden. Die herbeigeholte Polizei nahm die Burschen fest. Tödlicher Unglücksfall. Gestern nachmittag spielten mehrere Kinder im Flur des Hauses Hollmannstr. 10. Gegen ll36 Uhr kam das Autoniobil der Ersten Berliner Marmeladenfabrik, deren Geschäfts- räume sich auf dem genannten Grundstück befinden, von einer Tour zurück und fuhr ziemlich schnell durch den Torweg in den Flur hinein. Die Kinder sprangen schreiend zur Seite und konnten sich in Sicherheit bringen, nur die 6jährige Tochter Erna des Portiers Giesemann geriet unter die Räder und wurde entsetzlich zugerichtet. Man brachte das Kind nach der Unfallstation in der Kommandanten- straße, wo aber nur noch der Tod festgestellt werden konnte. Der Männergcsangverein„Lerche" veranstaltet unter Leittmg des Chormeisters Hermann Schulten am Sonnabend, den 12. Oktober, im großen Saale der Brauerei Königstadt ein Konzert. Mitwirkende sind Frau Margarete Blume, OPernsängerin, sowie das Berliner Tonkünstler-Orchester, Leitung Kapellmeister Fritz Blume. Anfang präzise 8Vz Uhr. Programme inkl. Liedertexte 60 Pf.— Da der Verein bei Parteiveraiistaltungen bereitwilligst mitwirkt, erwartet derselbe regen Besuch der Parteigenossen. Großfeuer in der Ansbachcr Straße. In der letzten Nacht hatte die Charlottenburger Feuerwehr in der Ansbacher Straße 24/23 einen großen Dachstuhlbrand zu bewältigen. Das Feuer war kurz nach ll'/z Uhr nachts bemerkt worden, als schon aus mehreren Stellen des Daches Flammen hervorschlugen. Bei Ankunft der Ost- und Südwache der Charlottenburger Wehr brannte dann der Dach- stuhl des Vorderhauses schon in der ganzer Ausdehnung. Es wurde mit fünf Schlauchleitungen Wasser gegeben, doch zogen sich die Lösch- und Aufräumungsarbeiten bis gegen 4 Uhr morgens hin. Der Dachstuhl ist völlig vernichtet. Ueber die Ursache des Feuers konnten genaue Feststellungen nicht mehr gemacht werdtth da daS Feuer schon zu weit vorgeschritten war. Vorort-filscbi'idrte». Steglitz. Ein ReName- Essen in der Zeit der Fleischnot bewilligten fich unsere bürgerlichen Gemeindevertreter in derselben Sitzung, in der sie den von unseren Parteigenossen geforderten Kredit von 5000 M. zur baldigen Linderung der Fleischnot ablehnten. Die Vollendung der höheren Mädchenschule auf dem Fichtenberg ist diesmal die Ver- anlassung, um einer kleinen Zahl wirtschaftlich gutgeftellter Leute zu einem opulenten Mahl mit guten Weinen auf Kosten der All- gemeinheit zu verhelfen. 3000 M. wollte der Gemeindevorstand ursprünglich aufwenden, hatte aber auf Widerspruch im Finanz- auöschuß seine Forderung auf 2000 M. ermäßigt. Wie der Bürger- meister auf eine Anfrage des Genossen Aßmann erwiderte, sollten 750 M. für eine Festschrift, der Rest für Ausschmückung der Aula und ein Festmahl verwendet werden. Durch Zeitungsartikel sei das Ansehen unseres Ortes herabgesetzt worden, deshalb müsse gewisser- maßen zur Reklame ein Festessen veranstaltet werden, um nach außen zu zeigen, daß Steglitz nicht so schlecht dastehe, wie in jenen Ar- nkeln der Anschein erweckt worden sei.' Genosse Aßmann entgegnete. däß er gegen die Festschrift und einen einfachen, würdigen Festakt zur Einweihung nichts einzuwenden habe; hierzu würden aber 1000 M. mehr wie ausreichend sein. Die Notwendigl-it eines Fest- schmauses vermöge er nicht einzusehen. Wer nach dem Festakt durch- aus ichmausen wolle, möge dies auf eigene Kosten tun. Befremdet ihn auch, daß im Finanzausschuß zur Begründung � Festmahles gesagt worden sei. man bedürfe der Presse zur Reklame für die neue Anstalt sowohl als für unser» Ort. Ohne Fe st essen würden die Vertreter V r P reise nicht erscheinen. DaS könne er einfach nicht glauben. Er denke besser von der Presse und sei überzeugt, daß sie ouch ohne GratiSessen ihre publizistische Pflicht erfüllen werde. Wie bei früheren Festen, so protestiere er auch jetzt wieder ganz energisch gegen die Verschleuderung von Gemeindemitteln. Gemeinde- Vertreter Gädtke vertrat die gleiche Auffassung. Daß die öfteren Kritiken unserer Vertreter schon etwas gewirkt haben, bewiefen außer der gegen früher viel geringeren Forderung an Geld auch die Reden der Herren Kirchner, Sör Zejjt auch Sas„Schwelgen in Sekt" Lei anderen Anlässen verurteilte, und Barsekow, der erklärte, daß er und seine Freunde dicKosten gern aus ihrer Tasche zahlen wollten, aber bei den geladenen Gästen dürfe man nicht knauserig sein. Noch in der Julisitzung des vorigen Jahre-Z war es gerade Herr Barsekow, der unserem Redner erwiderte,„er würde sich freuen, recht oft der artige Feste sauf Kosten der Gemeinde) feiern zu können." Daß die 2000 S». doch bewilligt wurden, war den beiden Mietervereinsver tretern der dritten Klasse. KorthauS und Westphal, zu verdanken, die mit der Rechten stimmten, als sie bemerkten, daß der fette Happen ohne ihre Stimmen wegzuschwimmen drohte.— Zur Ausstattung des von dem Verein„Fraueuhilfe" geplanten Altersheim wurden 1000 M. bewilligt. Genosse Aßmann wies bei dieser Ge legenheit auf die Notwendigkeit des Neubaues eines Armen- und Siechenhauses hin, worauf der Bürger meister erwiderte, daß die Armenkomniission sich schon mit dieser Frage beschäftige. An die Bewilligung von weiteren OOOO M. zur Fort fuhrung der Arbeiten im Stadtpark knüpfte Genosse Aßmann den Wunsch, daß man, da es sich um Notstaudsarbeiten handele, Steg litzer Arbeirer beschäfrigen niöge. Es sei zu verurteilen, daß die Gartenverivaltung hiesige Arbeiter entlassen habe und ausloärtige weiter beschäftige. Gelegentlich der Rechnungsabnahme über den Bau der Gemeindeschule am Markusplatz ivurde gerügt, daß hier abermals eine unverhältnismäßig hohe Summe<24 000 M.) für außerbertragliche Tagelohnarbeiten verausgabt sei. Hierdurch würden die solide kalkulierenden Handwerker geschädigt. Die„billigen" Submittenten holten bei den Tagelohnarbeiten das reichlich wieder heraus, was sie bei der Submission weniger verlangen. Wenn der artige Sachen durch eine Resolution abgeschafft werden können, wird eS nunmehr geschehen, denn eine derartige Entschließung wurde einstimmig angenommen. lim den Verkehr an der seit ungefähr einem Jahre bestehenden Sparkasse zu fördern, die bereits 000 000 M. an Einzahlungen buchen konnte, wurde die Er- richtung von vier Nebenstellen an der Peripherie des OrteS beschlossen. Ein abermals eingebrachter Antrag, betreffend Regelung der Sonntagsruhe, wurde vom Bürgermeister mit dem Hinweis auf die zu erwartende Acnderung der Gewerbeordnimg bekämpft und von seinen Getreuen darauf niedergestimmt, vermutlich ebenfalls zur Hebung des Renommees unseres Dorfes. Pankow. Die örtsichcn Teuerungsmaßnahmen der Gemeinde werden nun- mehr ihren Anfang nehmen. Der Gemeindevorstand gibt bekannt, daß die Gemeinde vom 10. d. M. an bis auf weiteres an jedem Donnerstag, vormittags von 8—12 Uhr, in den Fischhand- lungen von Meißner, Reue Schön holzer Str. b und Weiße nborn. Maximilian st r. 0, den Berkauf von Seefischen(Schellfisch. Plötzen, Kabeljau. Barsch, Seelachs, Flunder») zu mäßigen Preisen vornehmen lassen wird. In den Verkaufsstellen wird zur Orientierung der Käufer ein Preisverzeichnis aushängen. Weiter werden auf Verlange» Kochrezepte unentgeltlich verabfolgt werden. Friedrichsthal bei Oranienburg. Recht idyllische Zustände herrschen im hiesigen Orte. Vor längerer Zeit stellte sich heraus, daß die Kassengeschäfte sich völlig in Uu- ordnung befanden. Auch die Buchführung ließ darauf schließen, daß die mit dieser Tätigkeit betraute Person ungeeignet für diesen Posten war. Auf Vorschlag unserer beiden in der Gemeindevertretung sitzenden Genossen wurde der hiesige Kaufmann W. F. zum Orts- steuererheber und Kassenverwalter gewäht. Letzterer erklärte sich zur Uebernahme deS Amtes bereu unter der Bedingung, daß die von der Gemeinde bewilligte Remuneration von 300 M. jährlich zum Besten der OrtSarmen verwendet werde. Bald darauf teilte der Landrat des Kreises mit, daß er dem von der Gemeindevertretung Gewählten die Bestätigung versagen müsse, weil derselbe Sozial- demokrat sei. Obwohl der Gewählte also tüchtig war für die Aus- Übung diese? Amtes und obendrein dasselbe noch völlig selbstlos verwalten wollte, konnte er seine Dienste der Gemeinde nicht zur Verfügung stellen, weil der vorgesetzten Behörde seine politische Nase nicht gefiel. Die Gemeindevertretung wählte W. F. zun, zweite» Male und beschloß, im Falle der abermaligen Nichtbestätigung die Beschreitung des Klageweges. Leider war später infolge Fristüberschreitung die Klageerhebung nicht möglich. Der Posten wurde daher auf Borschlag de» Gemeinde- Vorstandes einem gerade zugezogenen pensionierten Schutzmann über- tragen. Als Entschädigung erhielt der vom Landrat schnell bestätigte Herr 400 M. pro Jahr. Nach einigen Monaten stellte sich bei Prüfung der Kasse, an der auch unsere Genossen beteiligt waren, eine völlige Unordnung in den Büchern und der Steuerhebelistc heraus. Es konnte nur noch an Hand der im Besitz der Steuer- zahler befindlichen Quittungen festgestellt werden, wer Steuern be- zahlt hat. Eine Feststellung des Kassenbestandes auf Grund der Buchungen war überhaupt nicht mehr möglich. Dem Gemeinde- Vorstand blieb daher nichts anderes mehr übrig, als dem Herrn die Kassenverwaltung abzunehmen. Nunmehr fragt sich, wer jetzt die Bücher und Kassengeschäfte in ordnungsmäßigen Zustand bringen wird. ES ist wirklich«in echt preußisches Bureaukratenstück. Ein gewissenhafter und in der Buch- und Kassenführnng erfahrener Kauf- mann wird vom Landrat gehindert, feine von der Gemeindevertretung begehrten Dienste der Gemeinde zur Verfügung zu stellen, bloß, weil er ein Sozialdemokrat ist; ein pensionierter Schutzmann aber, der auch nicht die geringste Kenntnis für einen solchen Posten mitbringt. wird sofort bestätigt. Es zeigt sich hier wieder einmal, daß man in Preußen zur Uebernahme eineS Amtes noch lange nicht den dafür erforderlichen Verstand zu haben braucht. Herzfelde. In der letzten Mitgliederversammlung des hiesigen Wahlvereins erstattete die Genossin Zrpernick-Reinickendors den Bericht vom Parteitag. Von den Diskussionsrednern wurde das vom Parteitag genehmigte Stichwahlabkommcn mit den Fortschrittlern, ebenso die Abhaliung von Sonderkonfercnzcn, nicht gebilligt. Auch die vom Parieitag beschlossene Aufhebung deS Nürnberger Beschlusses, be- treffend die Maisrage, fand nicht die Zustimmung der Versammlung. Ter Ausschluß Hildebrands aus der Partei wurde dagegen als durchaus gerechtfertigt angesehen. Zum Schluß der Versammlung wurden drei neue Mitglieder aufgenommen. NowaweS. Ueber Mangel an Unterkunftsräiimen wird unter den Arbeitern am biesigen Bahnbau lebhait Klage geführt. Die Arbeiter sind ge- zwuiigen. während der Arbeitspausen im Freien oder unter den nur ungenügenden Schutz bietende» Brücken zu kampieren. Dieser Zu- stand hat für die Arbeirer, namentlich jetzt bei der kühlen Witterung, schwere Gesundbeilsschädigungcn im Gefolge. Die behördliche Bor- schuft, woiiacb Unlernehmer des Baugewerbes zur Errickmmg von UnterkunflSräumm für ihre Arbeiter verpflichtet sind, scheint, so teil» man uns mit, für die bauaussührende Firma Riedel »Berlin- Moabit) bisher überhaupt nicht existiert zu Kabe». den» erst nach Aufforderung durch die Polizeibehörde ha, sie sich vor einigen Tagen endlich dazu bequemt, in der Nähe der Eisenbahn- straße eine Schutzhütle zu errichten. Diese Maßnahme ist jedoch völlig ungenügend, weil nur die in der Nähe beswäsiigte» Arbeiter die Hütte benutzen können, während die an enlsernieren Stellen tätigen nach wie vor ihre Mahlzeiten in, Frci-n oder in einer Gast- wirt'chast«innehinen müssen. Bei der Zahl der b'schäftigten Arbeiter und den lveit voneinander getrennten Ärbtrtepi.itze» wären min- destens' drei solcher Schutzhüllen erforderlich, die auch zu». Heiz«« eingerichtet und Gelegenheit zum Wärmen der von den Arbeitern mitgebrachten Getränke geben müßten. "KergntwortlicherRedakt-ur:«lsreh Wielepp, Neukölln» gur den Rahnsdorf. Auch die hiesige Gömeindevertreiung«ahm in ihrer letzten Sitzung zu der geplanten höheren Schule am Bahnhof Rahnsdorf Stellung. Die ablehnende Haltung der Gemeinden Woltersdorf und Schöneiche, die den Plan zum Scheitern gebracht, hat die Herren sehr verschnupft. Ebenso äußerte sich ihr Unmut über die un- bequemen Auslasinngen des Bürgermeisters Dr. Stiller, Friedrichs- Hägen, zu dem Projekt. Der Gemeindevorsteher wollte sogar in diesen einen Widerspruch finden, denn, so meinte er, Fciedrichshagen beweise durch den geplanten Bau einer zweiten höheren Schule, daß die Aufbringung der Unterhaltungskosten doch gar nicht so schwer sein könne. Daß Friedrichshagen mit den kleinen, räumlich getrennte» Landgemeinden nicht in Vergleich zu stellen ist, übersah Herr Köhler anscheinend. Die Gemeindevertretung stimmte schließlich dem Gemeindevorsteher zu, das Schulprojekt, ivelches auch ein alter Rahnsdorfer Pädagoge. Herr Schiriner, Vor- sitzender des Biirgervereins, als durchaus verfrüht bezeichnet hat, nicht fallen zu lassen. Diese Stellungnahme war vorauszusehen, wenn man weiß, welchen Einfluß die schwerreichen Hessenwinkler auf die Gemeindevertretung haben. Petershage« bei Fredersdorf. Aus der Gemeindevertretersitziiiig. Nach einigen kleineren Sachen stand ein Antrag zur Debatte, die zur Küsterwohnung gehörige Scheune auszubauen und in derselben eine Waschküche zu ernchten. Unsere Genossen wandten sich dagegen, daß der Kirchengemeinde auf ihr gehörigen Grundstücken resp. Baulichkeiten, Aendernngen auf Kosten der politischen Gemeinde bewilligt werden. Wenn auch � der Küster, der zugleich Lehrer ist, in einem der Kirche gehörigen Gebäude wohnt und auch eine Klasse dort untergebracht sei, so müffe eine reinliche Scheidung, selbst daraufhin, daß dann die politische Gemeinde Mehraufwendungen für Wohnnngszuschuß an den Lehrer hat, ge- fordert werden. Beschlossen wurde, zunächst beim OrtSschulinspektor anzufragen, ob, wenn die Vertretung für das Geforderte ist, der Lehrer wie auch die Klasse weiterhin in dem Gebäude verbleiben können. AlS weilerer Punkt stand die Genehmigung der Leichenhalle zur Verhandlung. Auch hier sprachen � sich unsere Genossen dagegen aus, obwohl sie die Notwendigkeit einer solchen allgemein anerkannten. Wenn der Bau der auf Kosten der Gemeinde aufgeführten Halle auf dem der Kirchen- gemeinde gehörigen FriedhofSgelände fertig ist, gelangt auch hier die Kirchengemeinde in den Besitz desselben. DeS weiteren sollen auch die späteren Unterhaltungskosten der politischen Gemeinde aufgehalst werden, die entstehenden Einnahmen stießen in den Säckel der Kirchen- lasse. Der Bau der Leichenhalle wurde mit 8 gegen 4 Stimmen beschlossen. Ein Antrag, für die Erhallung der im Orte bestehenden Privatschule eine Zuwendung au? Gemeindemitteln in Höhe von 200 M. zu machen, wurde mit 7 gegen 5 Stimmen angenommen. Die bisher angesammelten Anliegerbeiträge für Schnlzwecke sollen zur Begleichung der durch den Bau der neuen Schule entstandenen Kosten mit Verwendung finden. Der Gemeindevorsteher teilte mit, daß von seiner sechsjährigen Dienstzeit drei abgelaufen sind; er stellt jetzt, da sich im Lause der letzt»» Jahre die Geschäfte sehr gehäuft haben, den Antrag auf Erhöhung seiner Entschädigung von 900 auf 1800 M. per Jahr. Die Gründe wurden von der Vertretung durchweg anerkannt, jedoch glaubte sie, in Anbettacht der Finanzlage bloß 1500 M. zahlen zu können. Die endgültige Beschlußfassung erfolgt in der nächsten Sitzung. Potsdam. Aus der Stadtverordnetcusitzung. Ein Ortsstatut zum Schutze der Residenzstadt Poisdam gegen die Verunstaltung fand die Zustimmung der Stadtverordnelen unter der Bedingung, daß das Publikandmn außer Kraft gesetzt wird. Das Publikandum hat folgenden Wort- laut:„Auf ausdrücklichem Jmmediatbefehl Seiner Königlichen Majestät wird denjenigen Einwohnern zu Berlin und Potsdam, welchen auf Königl. Kosten Häuser erbaut worden find, hierdurch bekannt gemacht, daß sie keineswegs die Freiheit haben, an der Fassade fotaner Häuser Veränderungen nach ihrem Guldünken vor- zunehmen. Es bleibt ihnen daher allen Ernstes untersagt, weder die Attiken, Vasen, Statuen. Gruppen oder sonstigen Verzierungen wegzunehmen oder zu verändern, wie sich einige bereits erdreistet haben, sondern alles in dem Zustande zu lassen und zu erhalten, wie ihnen solches übergeben worden ist. Und wollen Se. Majestät der König ferner, daß, wenn an einem solchen Ornament etwas schadhaft geworden ist, die unbemittelten Eigen- tümer dieses sogleich dem Oberhofbauamte anzuzeigen haben, welche? Sorge tragen wird, daß die Reparaturen ohne Anstand auf könig- liche Kosten geschehen sollen." Es wäre höchste Zeit, daß diese alten Bestimmungen aufgehoben und den Hausbesitzern Freiheit gelassen wird. Das Ortsstatut sieht nur einzelne Häuser bezw. Straßenziige vor. bei denen die Fassade erhalten bleiben soll. Ob man sich zur Aufhebung des Publikandum« bequemen wird, steht noch in Frage. denn leider hängt man noch zu sehr am alten Zopf.— Nachdem die Leichenverbrennung auch in Preußen gestattet worden ist, hat der Magistrat auf Antrag der Friedhofsdeputation die Errichtung eines Krematoriums in Potsdam beschlossen. Da in Potsdam durchschnittlich jährlich 1000 Beerdigungen stattfinden, rechnet man aus einen guten Zuspruch und glaubt, daß das Krematorium von einem Teil der westlichen Berliner Vororte sowie von den übrigen benachbarten Städten wie Brandenburg a. H. mit benutzt werden wird. Als Bau- platz kommt ein 18 000 Quadratmeter großes Gelände in Betracht, auf dem auch ein Ucneufrtedhof errichtet werden soll. Die Baukosten einschließlich der Kosten für gärtnerische Arbeiten belaufen sich auf 100 000 M. Die Stadtverordneten haben zur Prüfung der Sache eine Kommission eingesetzt, doch dürfte da» Projekt Annahme finden, zumal auch das benachbarte Nowawe« sich mit der Errichtung eines Krematoriums befaßt und man diesem Orte zuvorkommen mochte. Spanda». Der erste Seefischverknuf unter städtischer Kontrolle fand gestern in der Moritzstraße von 8—1 Ubr statt. Die einzelnen Fischsorten kosteten: Kabeljau 27 und 20 Pf. pro Pfund, Sibcllfisch 26 und 28 Pf., Seelachs 25 und 27 Pf., Goldbarsch 21 Pf., Bratscholle 27 Pf. Die ersten vier Sorten wurden um einigt Pfennige billiger bezahlt, als wie sie in hiesigen Geschäften bisher kosteten. Es herrschte schon in den ersten Verkausöstunden rege Nachfrag«. Der Verkauf soll in Zukunft einmal in der Woche aus dem Wochenmarkt erfolge».— Den hiesigen Kauinchenzüchtervereinen soll zur Kaninchen- zucht städtisches Terrain im Nadeland unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden._ Jugendveranstaltungea. Friebrichshagen. Am Sonntag, den 13. �Zklober, findet eine Kar- toffel- und HeringSpartte nach Bruchmühle statt. Fttedrichstr So._ Treffpunkt morgens 6 Uhr Marktbericht von Berlin am 8. Oktober 1912, nach Ermittlung des königl. Polizeipräsidiums. Markthallenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00—50,00. Speiiebohne», weihe, 30.00— 50,00. Linsen 35,00—60,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 5,00—8,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,60— 1,90. Schweinefleisch 1,60—2,40. Kalbfleisch 1,50— 2,40. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4,00—6,00. 1 Kilogramm Karpien 1,40—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,60-3,60. Hechte 1,60—2,80. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,00—30,00. WitterungSüberficht vom 9. Oktober 1912. 5 r. S Setter 773N 774'Itill 773« Berlin iiö'i Frankf.a.M. 771«0 München Wien 769, NO 769, NW heiter iNebcl 1 bedeckt 1 heiter 4pcdeckt 1 bedeckt i*K ä* trf Stationen M fl Ho 2 c So B— Haparanda Petersburg Scilla Aberdeen Paris - H 770 W 770 OSO 764AO 768�SIW 767NO Setter 2 Nebel 1 bedeckt 4 halb bd. l'wolkenl 1 wollenl »s c* § ~ _2 3 12 8 3 Wetterprognose für Donnerstag, den 19. Oktober 1912. Zeitweise nebelig, sonst trocken und vielfach heiter,«w wenig kühler bei mäßigen nordöstlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Wasserstands. Siackirichtcn der Landesanflalt für Gewässerkunde, mitgeteill vom Berliner Detterbureau. Wasserstand M emet, Tilsit P r e g e l, Snfterburg Weichsel, Thon» Oder, Ratibor Krossett , grantiurt Warthe. Gchrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lcitincritz , Dresden . Barby . Magdeburg Pleseti'Auswahl Anzahlungen auf Stube und Küche: Mark 15 50 75 bin 25 dl» 45 dl» 70 bl» 100 Hodera« Schlaf-, Speise-, Herren- Wohnzimmer jeder gewlinschten Art»an 40 ffl. Anzahlung an. ElnzelM MSbelstdcke IS von 5 W. Anzahlung an. 1 0V toelgkelt.(Dhtzg Liefere auch auewärU, Abzahlung wöchentlich, monatlich,.. resp. nuch Uebsreinkunft. s Yorzeiger dies. InaeraU erhält beim Kaut 5 M. gulgeschrieban. ') 4- bedeutet WuchS.— Fall.—') Unierpegel.___ Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärtg LuÄdruckeret u. Verlagsanstalt Sau! Singer■.Sil, Sitrlin Urbeiter-Silänngssehule. Sonntag;, den 18. Oktober 1012, abends 7(Ihr, in Drfisel» Festsälen, Neue FriedrichstraCe Nr. 20: Ernste und heitere soziale Dichtungen (Adolf Glaßbrenner, Henvegh, Ernst Eckstein, H. H. Ewers, Konr. Eerd. Meyer, Theodor Etzel, Ludwig Thoma, Feter Bosegger, Karl Schönherr usw.) Rezitationen: Herr FfitZ Richard vorn Deutschen Theater. Eintritt 40 PI. Garderobe frei. 6/13* Nachdem: GcinütHche» Beisammensein and Tanz. irer (E. H. Nr. 2, Hamburg.) Oertllelie Verwaltung Berlin. Freitag. 11. Oktober, abends 8'/, Uhr. im Gewerkschaftshanse. Engelufer IS, Saal 4: Mitglteder-Uersammlung. TageSordnungi 1. Bericht von der Generalversammlung in Stettin. 2. Wahl der Ortsverwaltung. - Mitgliedsbuch legitimiert. 253/7» Uer Vorstand. g. 81.: Richard Schröder, Berlin v., Tllstter Str. 7. vorn IV. Verwaltniig Berlin. lUöbelpotierer(Bez. Veißensee). Heute Donnerstag, den 10. Oktober, abends«'/« Uhr» tm BrOIaten, Lehderftraste 122: Branchen-Vcrfammlung. 89/17 Die OrtSTerwaltang. Iferleih- Institut r fi dLK- 8- Ber« Nach). IL t MVIV Borchardt. Friedrlchitr 1161, am Oranlenb. Tor. Tel.: Nord 7402. 37m* Frack, Smoking. Gebrockanznge. Chapenn claque, für jede Figur paff., vorrätig In verschiedenen Preislagen. Sehr grobe Auswahl, miSiga Preiee. feinste Anzöge, Paletots, schicke Ulster, Oehrockanzüge I Smoking-! auf Seide 30—70 M.| wssickm Germania 21. Unter den l inden 21.1 Sonntae» nur von 12—2 geeffnet,\ Sjumtn- nnb gran)liinlirrri m Roberl Meyer,* JnH.: P. Golletz aßt Mamlilirn-Straßt 2. Telephon: Mortpplah 210. E. Klätm Berlin O. 05, Gontardstr. 4! 1 am Bahnhof Alexanderplatz, i Pro Psd. Pa. Rotwurst... 0.00 „ Zwiebeilebernmrst 0.00 I Thüringer Rolwurft 0.7S I Hallesche Leberwurft 0.7S 1 Mettwurst, seinfteOual. 0.90 LandIeberwrft.Ia.Oual. 0.95 Fliischwurst., 1.05 Schlackwurst,, 1.05 Jagdwurst,, 1.10 «raunschweia. 1.15 Sestsäl. Landschinke» 1.S0 . Delikalehschwken 1.95 Speck ,«« billigsten Tagespreise. 66 Mdei-Coim 58 Gr» Frankfurter Str. 58 unweit der Kalterslraßo._ Bitte genaa auf Hautnummer 5S zu achtelt Möbel aufKredit