U». S38. flbonnemcntS'BedingungJft: STboimemcntä• Preis»tönuntetaitbo: Lierteljährl. 330 Mk> monaü. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Psg, frei ins Haus. Einzelne äiununct 5 Psg. Eon" Eingetragen in die Post- ZeltungS- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. TSnemarl, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schwede» und die Schweiz. CtMKlnt tW» auBcr Hlontagj. 39. Jahrg. Die TnfertlonS'Gebitbr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel» geile oder deren Raum 60 Pfa. für politische r-1---------------— und Vers- ..Kleine Hnseigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg. fzulässtg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- geigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wortö Psg. Worte über löBuch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben iverden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Vevlinev Volkslrlcrkt. Zcntralorgan der rozialdemokrati feben Partei Deutfchlands. Delegramm- Adresse: „Sozialdtnihkrat Berlin" Redaktion: SM. 68, Lindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. IS83. Freitag, den 11. Oktober 1913. Expedition: SM. 68» Lindenatraeee 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1384. Legen die flgrarierljerriclsaft! Seit die preußische Regierung ihre völlig unzulänglichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Teuerung veröffentlicht hat. gefällt sie sich in ganz unpassender Selbstbeweihräuche- rung ihrer„Taten". Tag für Tag kramt sie in ihrem Organ statistische Weisheiten. über die EntWickelung der Viehzucht aus oder polemisiert gegen die Vorlauten, die mit der Re gierungsarbeit nicht zufrieden sind. Wenn sie nun wenig- stens auch nur den Versuch eines Nachweises unternehmen wollte, daß eine Besserung eingetreten ist! Aber sämtliche Parteien— mit Ausnahme der Regierungsfrommen ä. tout piix—, alle Sachverständigen und die mit Vergünstigungen beglückten Großstädte und übergangenen Klein- und Mittel städte sind darin einig: was die Regierung bietet, hilft nichts oder so gut wie nichts. Die ge- ringe Besserung an einigen wenigen Orten ist durch die Ein- fuhr dänischen Fleisches eingetreten, und das war bereits ohne Regierung möglich und auch in Angriff genommen. Was die Negierung aber vorschlägt, ist völlig unnütz geworden, seit der Balkanbrand ldio gjersingen Vorräte aufzehrt, die vielleicht Deutschland hätten zufallen können. Die Ausfuhr aus dem Balkan ist völlig un- möglich und die aus Rußland durch die noch bestehenden Ein- suhrvcrbote. unbedeutend. Nur die Erfüllung unserer Forde- rungen auf Oeffnung aller Grenzen kann die Fleischnot be- seitigen, �ür die die Regierung selbst immer wieder unan- fechtbare Belege liefert. Und dazu ist die sofortige Ein- b e r u f u n g des Reichstags unerläßlich. Die Regierung aber ist gebunden durch die agrarische Mehrheit des Junkerparlaments. Dort will man die Regierung zur Rede stellen, weil sie sich nur den Anschein gegeben hat, als wolle sie die Not des Volke) lindern. Ob- gleich die Agrarier genau wissen, daß die kläglichen Unzu- länglichkeiten der Teuerungsaktion keinem von ihnen auch nur einen Pfennig kosten werden, führt man einen Schein- kämpf, um das Volk zu betrügen und die Regierung noch fester an sich zu ketten. Dieser Verlogenheit und politischen und wirtschaftlichen Tyrannei einer kleinen Junkersippe muß der offene, klare, entschiedene V 0 l k s w i l l e n entgegen- treten. Den Agrariern muß gezeigt werden, daß ihre Macht eine Grenze findet an der Entschlossen- heit der ausgeklärten Arbei-termassen, und die Regierung muß sehen, daß ihre Untätigkeit immer neue Kreise zur Sozialdemokratie getrieben hat. zu der einzigen energischen Bekämpferin der Volksnot. Am 22. Oktober tritt der preußische Landtag zusammen. Hinter den durch die Dreiklassenschmach'gestützten Mauern will man die Regierung in ihrer Untätigkeit gegen die Teuerung bestärken. Und auch die Regierung, die vor dem kleinsten Scheinangriff der Junker zusammenschreckt, sucht dort Rückendeckung vor den Angriffen, die sie bei gesunden Zuständen im Reichstage von den Volksvertretern schon er- fahren hätte. Aber wenn auch das preußische Scheinparla- meist den Arbeitern fast völlig verschlossen ist, so soll doch die Stimme des Volkes der Regierung und ihren Auftraggebern deutlich genug ins Ohr schallen. Am Sonntag, den 2 0. Oktober, veranstalten die Entrechteten in ganz Preußen große öffentliche Kundgebungen, um� gegen Teuerung und Dreiklassenschmach zu protestieren. Die Arbeitermassen Groß-Berlins werden im T r e p- tower Park zusammentreffen, um dem Willen der Haupt- stadt des preußischen Reiches Ausdruck zu verleihen. Die Losung heißt: Nieder mit dem Dreitlassenwahlunrecht! Fort mit dem agrarischen Zollwucher! l Der erste Kampf. Während ein Teil der montenegrinischen Armee im Norden um Berane kämpft, hat der größere Teil die Grenze bei Podgoritza im Süden überschritten und die Stellung der Türken angegriffen. Für die Montenegriner handelt.es sich darum,, den stark befestigten türkischen Berg Detschitsch zu erobern, der die Straße nach dem wichtigen Knotenpunkt Skutari beherrscht. Bis zur Stunde ist dieser Kampf ebensowenig wie der bei Berane endgültig entschieden. Der Zweck des montenegrinischen Vorstoßes ist klar: es sollen möglichst viele türkische Truppen nach dem Nordwest- lichen Kriegsschauplatz gezogen und dort festgehalten werden, damit die Vereinigung der serbischen und bulgarischen Armee sich möglichst ungehindert vollziehen kann. Dies erklärt auch, warum Montenegro zuerst losgeschlagen hat. Ebenso hat es nichts Ueberraschendes, daß die Kriegserklärung der übrigen Staaten noch nicht erfolgt ist. Es liegt in ihrem Interesse, damit zu warten, bis sie mit der Mobilisierung und dem Auf- marsch an den Grenzen völlig fertig sind. Da die türkische Mobilisierung, die zu einem großen Teil von der Heran ziehung asiatischer Truppen KibHÄrgig ist, jedenfalls noch mehr im Rückstand ist, kann auch die Türkei ihren Gegnern nicht zuvorkommen. Diese können also warten und Bul- garien benützt dazu als Vorwand die famose Note der Mächte, die heute ja auch in Konstantinopet feierlich überreicht werden soll, und verkündet, daß es erst in ein oder zwei Tagen den Machken seine Antwort übermitteln könne, da der Meinungs- austausch mit Belgrad und Athen noch zu keiner Ueberein- stimmung geführt habe. Daß. so, die. gepriesene Friedens- bemühung der Diplomatie am Ende nur. als papierne Wand dient, hinter der die Balkanstaaten um so ungestörter ihre Kriegsvorbereitungen vollziehen können, ist allerdings eine blutige Satire, die nickst mehr überboten werden kann. Der Mangel einer offiziellen Kriegserklärung hat übri- gens den Beginn der Feindeseligkeiten auch dieser Staaten nicht verhindert. An der serbischen Grenze kämpfen die Banden und in Mazedonien ist der bekannte bulgarische Bandenführer Sadanski mit 2000 Mann eingedrungen. Auch liefern sich bereits türkische und bulgarische Grenztruppen Vorpostengefcchte. Was nun die Stellung der zunächst betroffenen Groß- mächte anlangt, so hat gestern Graf B e r ch t 0 l d in der ungarischen Delegation eine bemerkenswerte Erklärung ab- gegeben. Er sagte: „Unsere Politik auf dem Balkan istkeineErobcrungS- Politik. Das bedeutet aber nicht so viel, daß wir an den Ereignissen am Balkan nicht interessiert sind.(Rufe: So ist es!) Wir haben auf dem Balkan wichtige Handels- intercssen und wir sind entschlossen, diese Interessen unter allen Umständen zu wahren. (Lebhafte Zustimmung und Beifall.)" Da ist also offen gesagt, daß von einer Uninteressiertheit Oesterreichs am Balkan nicht die Rede ist. Damit erklärt der österreichische Minister des Auswärtigen gerade das Gegen- teil von dem, was Frankreich und Rußland bei Beginn der Verhandlungen den Großmächten als Bedingung eines wirk- lich russisch-österreichischen Einverständnisses gefordert haben. Auf der anderen Seite stimmen alle Privatnachrichten aus Rußland darin überein, daß die r u s f i s ch e Regierung trotz aller offiziösen Erklärungen an der österreichischen Grenze ihre Truppen auf Kriegsstärke bringt. Da nicht ab- zusehen ist, wie die Balkanstaaten ihren Krieg gegen die Türkei führen sollen, ohne den Sandschak zu besetzen, und eben diese Besetzung der österreichischen Regierung unannehm- bar erscheint, während die russische Regierung jede österreichi- sche Intervention perhorresziert, so ist damit auch schon der Punkt bezeichnet, von wo aus der Krieg über den Balkan hinausgreifcn kann. Der Kampf bei Podgoritza, London, IV. Oktober. Ter Spczialkorrespondent des Reuterschen Bureaus meldet aus Podgoritza: Die mon- tcnegrinischc Armee hat heute vormittag den Krieg gegen die Türkei mit einem Angriff auf die st a r k e t ü r k i s ch e Stellung gegenüber von Podgoritza begonnen. Nach einem vierstündigen Artilleriekams� räumten die Türken die Höhe» von Planinitza. Nachdem der Berg mittags von den türkischen Truppen geräumt war, rückten die Montcne- griner unter dem Schutze ihres Geschützfeuers langsam gegen den stark befestigten türkischen B e r g D e t s ch i t s ch vor, der die Straße nach Skutari beherrscht. Um 2 Uhr nach- mittags landeten türkische Truppen am Ufer des Skntarisees unweit der montenegrinischen Grenze. Es entwickelte sich ein Kampf, der ans der ganzen Front bis gegen Abend andauerte. Der Kampf bei Berank. Saloniki, 9. Oktober. E s s a d Pascha, der den Marsch von Aktsche-Hissar nach Skutari fortgesetzt hat, hatte in der Gegend von Berane ein Bataillon zur Sicherung der Straße zurück- gelassen. Dieses ist von starken Arnautenscharcn an- gegriffen worden und hat schwere B e r l u st e erlitten. Die Arnauten find aber mit empfindlichen Verlusten zerspreng ti worden, Gefecht an der bulgarischen Grenze. London» IV. Oktober. Wie dem Reuterschen Bureau aus Konstantinopel gemeldet wird, hat sich heute bei den Posten von Timruch und ftlißina nahe der türkisch-bulgarischen Grenze ein lebhaftes Fenergrfecht entwickelt. Türkische Kriegsnachrichten. Konstantinopcl, 10. Oktober. Das 2. Artillerie- regiment in Pera ist heute zum Kriegsschauplatz abgerückt. Die Regierung hat beschlossen, die S p c r r m i n c n der Dardanellen gänzlich zu entfernen, um das Ausfahren der türkischen Flotte nach dem Archipel zu ermög- lichen. Das Kriegsministerium bereitet die E i n b e r u s u 11 g des Land st ur ms vor. Es teilt mit, daß der Kampf bei B e r a n e 11 0 ch a n d a u e r t. Albanesische Freiwillige, Reserve- und Landsturmtruppen seien vor dem noch um- z i n g e l t e n Berane eingetroffen. Das Kriegsministerium meldet ferner, daß kleine Bau den kämpfe an der bul- garischen, serbischen und griechischen f rtfljc stattgefunden haben. Ein Jrade ordnet die Einstellung aller Universitätshörer und ihre Entsendung nach dem Kriegsschauplatz an. Der erste türkische Verlust. Konstantinopel, 10. Oktober. Es verlautet, der F ü r st von Samos habe in Erkenntnis der UnHaltbarkeit der Lage die Pforte um die Ermächtigung ersucht, die Insel z u v e r l a s s e n. Die Pforte hätte ihre Einwilligung dazu gegeben. Die Kriegsproklamatio». Cetinje, 10. Oktober. Heute vormittag wurde eine Prolin- niation des Königs veröffentlicht. Es heißt darin, daß cS unmöglich sei, die von den unterdrückten Brüdern in Altserbien kommenden Schmerzensschreie länger zn ertragen. Man schlachtet dort nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder ab. Die Vaterlandsliebe gebiete den Montenegrinern, zur Hilfe zu eilen. Die Montenegriner hätten dies schon längst getan, tuen» sie nicht das Ergebnis der friedlichen Bemühungen des Königs zum Schutze der Märtyrer jenseits der Grenze abgewartet hätten. Die Hoff- nung des Königs, ein Mittel zu finden, die Serben in der Türkei ohne Blutvergießen freizumachen, habe sich nicht erfüllt. Der König bedauere sehr, daß er gezwungen werde, den Frieden zu stören und den Säbel aus der Scheide zu ziehen. Der König richtet weiter an die Montenegriner den Aufruf, sich unter seiner Führung zusam- menzuscharen und den bedrückten Brüdern, den wackeren M a« l i s s 0 r e n, die seit zwei Jahren wie Löwen für ihre Rechte, ihre Freiheit und die Vereinigung mit Montenegro kämpften, die Hand u reichen. Montenegro st e h e nicht allein, in i t i h in cien die chri st lichen Balkan-Königreiche, mit denen Montenegro verbündet sei. Der König habe stets dieses Bündnis angestrebt, welches alle Balkanvölker seit der Invasion der Asiaten erwarteten. Der König hoffe, daß die Söhne seiner alten Soldaten heute mehr denn je das Prestige des Vater- landes zu heben wissen und die Waffen Montenegros mit neuen Lorbeeren bedecken würden. Es gehöre Mut dazu, mit einem großen Reiche zu kämpfen, aber dies sei der Stolz Montenegros, das sich stets freudig für seine Brüder geopfert habe. Die Syui- pathien der zivilisierten Welt würden Montenegro begleiten, wie auch die Sympathien der gesamten serbischen Nation und aller Slaven. Edle Hände mit gezogenen Säbeln streck- ten sich ihm entgegen von feiten der Könige von Serbien, Bulgarien und Griechenland, deren Völker bei diesem Unternehmen mit Montenegro brüderlich vereint seien. Montenegro greife die Türkei nicht aus Anmaßung an, sondern aus den edelsten Gefühlen, um die vollständige Vernichtung seiner Brüder zu verhindern. Tie Proklamation des Königs fordert zum Schluß mit begeisternden Worten die Montenegriner auf, in den. Krieg nach Altserbicn zu ziehen, wo sie mit ihren Brüdern aus Serbien, die von ihrem edlen Könige, seinem geliebten Schwiegersohn, geführt würden, zu- sammenträfen. Dort würden die Montenegriner ihre Brüder ans Serbien umarmen und den Bedrückten Freiheit bringen. Ter König ruft den Segen des Himmels auf diesen Gang herab, von dem er seit seiner Kindheit träume, dessen Tag er in seinen Ge- dichten herbeigerufen habe. Die Proklamation schließt mit den Worten: Hoch Montenegro, hoch der Balkanbundl Französische Kriegsschiffe, Paris, 10. Oktober. Nach einer Blättermeldung aus Toulon erhielten die Panzerkreuzer„Leon Gambetta",„Viktor Hugo" und„Jules Jerry" den Auftrag, sich zu ihrer etwaigen Ab. fahrt nach den griechischen und türkischen Ge- wasscr zum Schutze der französischen Orientintcrcssen bereit zu halten, Pariser Ausfassungen. Paris, 10. Oktober.(P r i v a t t e l e g r a m in des „Vorwärts".) In dem heutigen Artikel der„Humanitck" sieht Jaurös die Gefahr für den Weltfrieden Rauplsachtich dann, daß die unterliegende Partei durch Herbei- führung von Verwickelungen den Krieg erweitern kann, und warnt vor der Vertrauensseligkeit, die meint, daß es den Großmächten gelingen werde, den Krieg zu lokalisieren. Das„Journal deS Debats" meint, daß erst nach der bulgarisch-türkischen Entscheidungsschlacht die Interventionen der Mächte eintreten werden, wenn nicht schon früher infolge der militärischen Vorgänge im Sandschak. Sehr bemerkenswert ist eine Meldung des Petersburger Korrespondenten des„Temps", daß polnische Finanz- kreise vertrauliche Instruktionen erhiel- ten, ihre Werte nachMoskauzu überführen, falls Komplikationen eintreten sollten. In einem Leitartikel sucht der„Temps" die Regierungen der Großmächte zu verteidigen, die nie den Anspruch erhoben hätten, den Krieg zu verhindern, aber sich gratu- lieren könnten, daß ihnen die Lokalisierung gelänge. Das ist sicher eine kühne Behauptung. Wozu dann die diplomatische Aktion auf dem Balkan, wenn sie von vornherein hosfnungs- los war? Ter„Temps" führt da wirklich eine Komödie auf, würdig derer, denen er seine Verteidigung angedeihen läßt. Bemerkenswerter ist das Eintreten des„Temps" gegen die militaristisch-finanzielle Scharfmache- r e i. Jetzt wäre nicht der Augenblick, sich der Krise zu de- dienen, um die Parlamente zur Bewilligung rückständiger Kredite zu zwingen. Die Polemik trifft einen Teil der fran- zösischen Presse, wie z. B. den»Figaro", der neue Ausgaben für Armee und Flotte fordert. Die Diplomaten. Konstantinopcl, 1l>. Oktober. Gestern sind die Botschafter bei dem französischen Botschafter zusammengekommen, um die Note vorzubereiten, die der Pforte übergeben werden soll. Sie wird wahrscheinlich denselben Inhalt haben, wie die in Sofia über« reichte. Die Vertreter der Balkan st aaten sind noch ohne Instruktion und können daher heute nicht abreisen. Die Behörden hindern die Griechen an der Abreise, indem sie von ihnen die rückständigen Steuern verlangen. Bulgarien foppt die Großmächte. Sofia, 10. Oktober. Der Regierung nahestehende Kreise sind zwar von dem diplomatischen Schritt Oesterreich-Ungarns uno RuhlaBds enttäuscht, erblicken jedoch andererseits darin de» ernsten Versuch der Großmächte zu einer friedlichen Lösung. Ministerpräsident Geschow hat Zeitungskorrespondenten gegenüber erklärt, daß der gestrige Ministerrat keine Eni- s ch e i d u n g getroffen habe. Der Meinungsaustausch mit A t h e n und Belgrad dauere noch fort. Natürlicherweise habe Monte- negro, nachdem es die Feindseligkeiten begonnen hätte, keine Stimme mehr. Jedenfalls könne die Entscheidung nicht länger verzögert werden. Trotzdem brauche man aber nicht die Hoffnung aufzugeben, daß noch im letzten Augen- blick der Friede gesichert werde. Gegenüber den Gerüchten. daß Griechenland heute die Feindseligkeiten eröffnen werde, er- klärte der Ministerpräsident Geschow, er sei sicher, daß die Kriegserklärung Griechenlands heute nicht er« folgen werde. Ein Ueberfall auf Sakasoff. Aus Sofia wird uns gemeldet: Eine große Gruppe von Studenten überfiel nachmittags den sozialdemo- kratischen Abgeordneten Sakasoff. während er auf dem Heim- weg begriffen war, und insultierte ihn tätlich. Zwei Studenten feuerten sogar aus ihren Revolvern Schüsse ab. ohne ihn jedoch zu treffen. Sakasoff flüchtete sich in das nächstgelegene Haustor und entging so der sicheren Lynchjustiz, welche die Studenten an ihm vornehmen wollten. Die Front- fenster des Hauses, wohin sich Sakasoff geflüchtet— es gehört dem Gymnasialprofessor Kalow— wurden durch Steine und andere Wurfgeschosse gänzlich zertrümmert. Polizei und Gendarmerie zerstreuten schließlich die Studenten. Borstoß der« Italiener bei Derna. Während in der Schweiz die Unterzeichnung de? Friedens- vertrage» zwischen Italien und der Türkei bevorsteht, suchen die italienischen Kolonnen auf afrikanischem Boden.mehr Boden zu gewinnen. Diese» Vordringen wird auch nach Friedensschluß noch mit schweren Kämpfen verbunden sein, da die Eingeborenen sich nicht an die diplomatischen Mmachungen kehren, sondern dem fremden Eroberer auch weiter mit den Waffen entgegentreten werden. Am DieStag haben die Italiener den schmalen Küstensaum. den sie bis jetzt bei Derna innehatten, durch einen Vorstoß er- wettert. Die„Agenzia Stefani" meldet darüber: Nach der Landung der Truppen in Bomba wurde gestern auf Befehl de» Generals Reifoli in dem westlichen Sektor von Derna eine Vorwärtsbewegung durchgeführt, um auch auf-dieser Seite die Bcsetzungszonc zu erweitern. Eine vom General Salsa be- fehligte Kolonne brach von Derna am frühen Morgen auf. Sie marschierte zunächst westwart» acht Kilometer läng» der Küste und stieg sodann in südlicher Richtung gegen de» Uadi Bumsafer an. Eine andere Kolonne unter dem Befehl des Generals Capello marschierte gegen Marabout Sidiabdalla und nahm Stellung am linken Ufer des DernafluffeS. Der Widerstand des Feindes war zuerst leicht, aber die Terrainschwierigkeiten waren sehr erheblich. Gegen 10 Uhr vormittags wurde das Feuer des Feindes heftiger. Um 4 Uhr 30 Minuten nachmittags griff türkische Artillerie mit vier Geschützen ein. Die italienische Artillerie eröffnete aus fünf Kilometer Entfernung Feuer auf sie. Der Feind wurde auf der ganzen Linie zurückgewiesen. Die italienischen Truppen be- mächtigten sich der ganzen wichtigen Gegend von Sidiabdalla und der Stellungen südlich von Halfgiaraba und sind gegenwärtig dabei, diese Siellungen zu befestigen. Tie Verluste des Feindes sind sehr beträchtlich. Auf italienischer Seite wurden v i e r M a n n getötet und liv verwundet. Einige Feinde wurden gc- fangen genommen. » Kuklancls Doppelspiel. Geit Wochen hat Herr Sfafonow, der commis voyageur bet zarischen AuSlandspolitik, in den Hauptstädten Europas unter der Maske des Friedensapostels dem kriegerischen Vor- stoß der unter Rußlands Leitung stehenden Balkanstaaten den Boden bereitet— biL im letzten Augenblick der Agent des ikarisnlus. Montenegro, als Avantgarde der verbündeten balkanstaaten gegen die Türkei losging. Es gibt kein Wort, das scharf genug Marc, dav frevel- hafte Doppelspiel der russischen Rcgrerung ,u brandmarken. Damit sei durchaus nicht gesagt, daß die Methoden der englischen, französischen, deutschen und oster- reichischen Diplomatie höher einzuschätzen seien als das vorgehen der zanschen Diplomaten in der Balkan- krise. Der Unterschied ist bloß der, daß die russische Diplomatie, ungeachtet aller gegenteiligen amtlichen Behauptungen, am Balkan andere Zwecke verfolgt als die genannten Großmächte. Diese sind bei der jetzigen Balkankrise an der Erhaltung des Statusquo interessiert: England— um seinen neu erworbenen Einfluß am Goldenen Horn nicht zu verlieren; Frankreich— um das Schicksat der im Orient investierten" Milliarden seiner kleinen Sparer nicht zu gefährden; Deutschland— um die Zuneigung des ihm als wirtschaftliches Ausbeutungsobjekt nahestehenden Ottomanenreiches nicht völlig einzubüßen; Oesterreich endlich— weil es eifersüchtig darüber wacht, daß ihm der Weg nach Saloniki, diesem Ziel des österreichischen Imperialismus, von keiner anderen Macht verlegt werde. Rußland befindet sich hinsichtlich der Balkanfrage in einer anderen Lage. Seit jeher sah das amtliche, nationalistische Rußland seinen Ehrgeiz darin, die Hegemonie über die kleinen Balkanstaaten wiederzugewinnen und den Ausgang aus dem Schwarzen Meer zu erzwingen. Die Methoden, die es hierbei anwandte, wechselten mit der Zeit. Vor noch nicht gar langer Zeit ließ die Zarenregierung in den Balkan- staaten durch ihre Agenten Verschwörungen veranstalten. Attentate und Mordversuche gegen die Staatsmänner und Fürsten verüben, die nicht bloße Kreaturen in den Händen Rußlands sein wollten. In den letzten Jahren schlug die russische Diplomatie am Bolkam andere Wege ein. Nach dem Zusammenbruch der neoslawistischen Agitation während der Annexionskrise galt es, das Vertrauen der Balkanstaaten durch zähe Minierarbeit wiederzugewinnen. Der neu- ernannte russische Gesandte in Belgrad, Herr v. Hart- w i g, nahm die Balkanbundesidee Tscharikows auf und führte eine Militärkonvention zwischen Bulgarien, Serbien. Griechenland und Montenegro herbei. Als Agent und Be- schützer dieses Vierbundes reiste Herr Sfafonow nach dem Auslande, um das von der russischen Hetzpresse propagierte Ziel zu erreichen: Nichteinmischung der Mächte in den Kampf zwischen den Balkanstaaten und der Türkei! Diese Losung der russischen Expansionspolitiker, die sich mit der berühmten„Lokalisation" des Balkanbrandes deckt, birgt trotz ihrem anscheinend friedlichen Charakter die fch in erften kriegerischen Ge fahren in sich. Die beste Illustration dafür sind die Nachrichten über die russischen Truppenmobilisationen und über die Kriegskredite Oesterreichs. Diese Maßnahmen bringen kraß �zum Ausdruck, was bei der Zerrissenheit Europas. den Sondcrbestrebungen der beiden stärksten Mächtegruppen und dem Zusammenbruch der neuesten diplomatischen Aktion des diplomatischen Konzerts schon ohnedies klar ist— daß die ersten Flintenschüsse am fernen Balkan eine Aera schwerer wirtschaftlicher Erschütterungen und polt- tischer Komplikationen auf dem europäischen Fest- lande einleiten. Anstatt dem russischen Brandstifter am Balkan zu bedeuten, daß sämtliche Mächte eine Einstellung der Hetzarbeit tn den Balkanstaaten forderten, anstatt gemeinsam und entschlossen den beginnenden Brand zu löschen, vertrödelte die europäische Diplomatie die kostbarste Zeit, verzettelte sie ihre angebliche Friedensenergie in kleinlichen Eifersüchteleien und Sonderoktiousn. bis die Gefahren, die sie nicht zu bannen ver- mochte, über ihrem Kopfe zusammenschlugen. Auch die russische Regierung, die sich des Erfolges rühmen kann, für die von ihr aufgestachelten Balkanstaaten Zeit gewonnen und die Vermittelungsaktion illusorisch gemacht zu haben, befindet sich in einer ähnlichen Lage. Auch ihr sind die Ereignisse über den Kopf gewachsen und sie wird kaum imstande sein, den Gefahren zu begegnen, die sich aus ihrem frevelhaften Spiel mit dem Kriegsfeuer ergeben dürften. Es sind zwei Tendenzen, die sich namentlich in der letzten Zeit in der russischen Auslandspolitik den Rang streitig zu machen suchen. Die eine, gemäßigtere Tendenz, meist von den verantwortlichen Instanzen vertreten, geht darauf aus, die günstige Lage Rußlands zwischen Dreibund und Tripel- entente zur Erweiterung des russischen Machtbereiches in Asien, zur Konsolidierung seiner finanziellen und militärischen Kräfte, zur Stärkung seines Einflusses in der europäischen Politik auszunutzen. Dieser Strömung steht eine andere gegenüber, die auf mächtige Hof« und Militär kreise gestützt, im Interesse der Ablenkung von den inneren Angelegenheiten zu den äußeren, im Interesse der Eroberung neuer Märkte eine stärkere Expansion der russischen Auslandspolitik fordert. Das nationalistische und chauvinistische Bacchanal. das künstlich großgezogen immer mehr an Einfluß gewinnt, kommt dieser Strömung entgegen. Es ist z. B- kaum glaublich, was die russische Presse, die offiziös-nationalistische wie die liberale, sich hinsichtlich der Balkanfrage leistet. Nachdem die offiziöse Presse, voran die„Nowoje Wremja", in den letzten Wochen systematisch zum Kriege gehetzt und eS als ein S t a a t s- verbrechen bezeichnet hat, wenn die Balkanstaaten nicht den Krieg gegen die Türkei beginnen würden, droht das Organ des Großkapitals„Golos Moskwy", Rußland werde zum Dreibund übergehen, wenn Frankreich und England nicht energischer die russische Erpresserpolitik am Balkan mitmachen würden! Auch der russische Liberalismus, der zwischen schwächlicher Opposition und patriotischer Kuechtseligkeit hin und her taumelt, su.cht den Kontakt mit dem offiziellen ValkaukurS zu bewahren. So schreibt das Hauptorgan des russischen Liberalismus, das Kadettenblatt„Retsch", die wichtigste Aufgabe der russischen Diplomatie bestehe darin. „der Einmischung Oesterreichs in die bevorstehende» Balkan- ereignisse vorzubeugen". Die europäischen Mächte müßten eS den Balkanstaaten ruhig überlassen, ihren Zweikampf mit der Türkei auszufechten. So schreibt das Blatt, obgleich es ihm nur zu gut bekannt ist, was von der„Lokalisation" der Balkankämpfe zu halten ist. Ungeachtet dieser aus Perfidie und Heuchelei zusammen- gesetzten Treiberei der russischen bürgerlichen Presse, kann in- des nicht davon gesprochen werden, daß die Regierung bei weiteren Komplikationen am Balkan einen Rückhalt in den Massen finden könnte. Was die russische Arbeiter- k lasse über die Balkanpolitik des Zarismus denkt, hat die sozialdemokratische Fraktion in der Duma schon, als Jswolski während der bosnischen Krise an die Duma appellierte, in ihrem flammenden Protest zum Ausdruck gebracht. Und daß auch die Bauernschaft, diese Kerntruppe der Armee, für die Eroberungszüge des ZariSinus kein zuverlässiges Material bildet, beweist nicht nur der kläg- lichc Ausgang deS Krieges mit Japan, das beweisen auch die fortgesetzten Meutereien in der Marine und die du nrpfe Gärung in der gesamten Armee. Der künstlich erzeugte Begeisterungsschwall für die„unterdrückten slawischen Brüder" am Balkan wir-d bei den ersten politischen Komplikationen wie Rauch verschwinden, und bleiben wird nur die große Enttäuschung ber Revolutionsfurcht der un» derantwortlichen Regierung, die an dem Feuer am Balkan ihr Süppchen zu kochen suchte. polltifcbc Ücberlicbt. Berlin, den 10. Oktober 1912. Einberufung des Reichstags. Die„Braunschweigische Landeszeitung" läßt sich aus Berlin melden, daß die Einberufung des Reichstags unmittel- bar bevorsteht. Zwischen dem Reichskanzler und führenden Politiken: hätten bereits Besprechungen stattgefunden. In der ersten Sitzung werde der Reichskanzler ein Exposs über die auswärtige Lage halten. Man wird ja bald hören, ob diese Nachricht sich bestätigt. Ter Papst und die christlichen Getverkschaste«. Die„Germania" schreibt: .Ueber ein Schreiben des Hl. Vater« an die deutschen Bischöfe in Sachen des svgenann höheren Klasse. als zu welcher er nach seiner Steuerleistung gehört. Die Zahl den AbgcordnAen wird auf 60 erhöht. Alle zwei Jahre scheidet ecn Drittel aus. Heilige Einfalt. Eine große Freude ist der„Germania" widerfahren, sie be» richtet in Nr. 228 fteudestrahlend: �. ..Die sozialdemokrati sche Parteischule ver. mag trotz aller Anstrcnaungen und Agitation unter den Mirglic- dcrn der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen sich keine besonders große Beachtung zu erringen. Die sozialdemo- Iratische Parteileitung hatte ursprünglich große Soffnungen auf diese Schule gesetzt, sieht sich aber von Jahr zu Jahr immer mehr darin getäuscht. Jetzt ist der diesjährige(sechste) Kursus cröff- net worden. Wer da aber glaubt, daß der Zugang ein ganz ge- waltiger sein würde, sieht sich schmählich getäuscht. Ganze 20 Schüler und 2 Schülerinnen haben sich zur Teilnahme an dem Kursus gemeldet." r Vielleicht merkt sich die„Germania" für die Zukunft, daß die sozialdemokratische Parteischule nicht nach dem Muster der M.-Glad- bacher Kurse arbeitet. Zu den letzteren werden Hunderte von Hö- rern zugelassen, während die Schulerzahl unserer Parteischule von vornherein auf zirka 30 beschräntr wurde. Vorgeschlagen waren, trotzdem die Aufnahmebedingungen recht strenge sind, von den Or- ganisattonen im Reich ungefäbr 80 Parteigenossen, von denen nach den Bestimmungen der schule aber nur 31 zugelassen werden konnten._ »chncidig! Der Berliner konservative Wahlverein hat an den Minister des Innern eine Eingabe gerichtet, in der ausgeführt wird: „Da die staatsfeindliche Sozialdemokraiie in rücksichtsloser Weise in den ihr zugänglichen Betrieben, in Fabriken, in Werk- stätlen und in anderen Gewerben ihre Ziele mit offener Gewalt durcbzusetzn sucht, unt> zwar vielfach mit Erfolg, möge die königl. Staaisregierung in Bälde ein Gesetz zum Schutze der Arbeits- willigen, und zum Verbote der Verrufserklärung im Bundesrat in Antrag bringen. Selbst Freisinnige im Deutschen Reich und Rcvnblikaner im Auslände erheben diese Forderung. Das Deutsche Reich kann nickt länger einen groben und werlvollen Teil seiner Bürger der wirtsckaftlichen und gesellschaftlichen Aechtung durch eine Sckar gewissenloier Hetzer aussetzen." Der konservative Wablverein ist ein Gewächs, das sonst nur im Verborgenen duftet. Offenbar halten die Macher das Bedürfnis, durch irgend eine Tat zu zeigen, dast ihre Organisation noch existiert._ Vergrößerung des Hamburger Stadtgebiets. Die Hamburger Bürgerschaft hat am Mittwoch einen Gesetz-- entwarf angenommen, durch den das direkt an die Stadt grenzende Landgebiet bis auf unbedeutende Reste dem Stadtgebiet angeschlossen wird. Da gleichzeitig beschlossen wurde, auch diese Reste baldigst einzugemeinden, bleiben als Landgebiet des hanrburgischen Staates nur noch übrig die vier vom preußischen Gebiet eingeschlossenen Walddörfer, ferner das Städtchen Bergedorf mit den Vierlanden und endlich das Amt Ritzebüttcl mit dem Hauptort Cuxhaven. An das Stadtgebiet angeschlossen werden jetzt sechs Gemeinden, nämlich Ohlsdorf mit dem Zentralfriedhos, Fuhlsbüttel mit den StaatSgefängnissen und der Luftschisfhalle, Groß- und Klein- borstel. Alsterdorf und ein Teil von Billwärder, der unter dem Namen Billbrook sich als künstiges Hamburger Industrie- gebiet entwickeln soll. Außerdem wird die Elbinsel Waltcrshos nebst einigen anderen Elbinseln, die jetzt durch großartige Hafen- crweit'rungsbauten vollständig umgestaltet werden, dem Stadtteil Steinwärder angeschlossen. Der BevölkerungSzuwachst, den die Stadt Hamburg durch diese Gebietserweiterung erfährt, ist mini- «ml. Er beträgt etwa 15 000 Einwohner. Die Bedeutung der Ein- gemeindung liegt vielmehr darin, daß die angeschlossenen Gebiets� teile, die zur Unterscheidung von den anderen Stadtteilen die Bezeichnung„Vororte" erhalten haben, nun den Bevölkerungsüber- schuß aufnehmen sollen den Hamburg bisher zum großen Teil an die preußischen Gemeinden abgeben mußte, weil es auf Hamburger Gebiet an passender Wohngelegenheit fehlte. Durch den Bau von Vorortsbahnen, die Schissbarmachung der Alster bis Fuhlsbüttel und die Förderung städtischer Bebauung soll nun das Wohnen in den Hamburger Vororten- erleichtert werden. Auf Antrag unserer Genossen ist in die Vorlage auch der Wunsch aufgenommen, daß der Staat Terrains für Arbciterwohnungen freigibt. Im bunten Rock. Unter der Ueberschrist„Die Behandlung unserer Volksgenossen im bunten Rock" brachte das„Bochumer Volksblatt" am 1ö. Juli 1911 eine scharfe Kritik über eine Landwehrübung beim Jnfanterie-Regiment Nr. 60 in Weißenburg(im Elsaß), die für einen Leutnant und einen Feldwebel des Regt- ments sehr verhängnisvoll werden sollte. Bei dem genannten Regiment hatten um jene Zeit Land- wehrlcute aus Bochum und Umgebung eine Uebung abgeleistet. Die Landwehrleute klagten nicht nur über schlechte Verpflegung, sondern auch über menschenunwürdige Behandlung während der Istägigen Landwehrübung. Der Leutnant B r e i t h und der Vizefeldwebel Krischcwski sollten sich durch gemeine fialeidigungen der Landwehrleute besonders hervorgetan Haiben. Nach dem Artikel des„Volksblatts" waren dem Herrn Leutnant Kosenamen wie„Idioten",„O b e r o ch s e iT.„B e n g e l s" und "Abgleichen liebenswürdige Bezeichnungen sehr geläufig. Der Vize- feldwebcl erging sich in Gemäßheit seines niederen Ranges in noch gemeineren Redensarten. Von ihm wurde behauptet, er habe zu den alten Landwehrleuten gesagt:„Kerls, ihr seid so schlapp. Ihr glaubt wohl, es nicht nötig zu haben. Ihr müßt exerzieren, bis ihr umfallt; ihr seid nicht die ersten, die ich um die Ecke gebracht habe!"„Wenn ich könnte, wie ich wollte, so schlüg ich euch, daß euch die rote Suppe aus dem Munde käme!"— Von dem Major Funk schließ- lich war noch behauptet, er habe einem Hauptmann zugerufen: „Schleifen Sie die Halunken!" Der VolkSblatt-Artikel enthielt ferner noch Ausführungen über die unzureichende Ver- pflegung. Wegen dieses Artikels wurden von der Militärbehörde natürlich keine Ermittelungen gegen die schuldigen Militärpersonen eingeleitet, sondern man stellte der Einfachheit halber gegen den Rc- dakteur Pierenkämper vom..Volksblatt" Strafantrag wegen Bc- leidigung der Offiziere und des Feldwebels. Die Bochumer Staatsanwaltschaft kam den gekränkten Herren vom Militär selbstverständlich gern entgegen und betrieb mit löblichem Eifer ein Verfahren gegen das..Volksblatt". In ocm am 12. Dezember 1911 vor der Bochumer Straf- lammcr stattgefundenen Termin machte die Anklagebehörde dann ganz verzweifelte Anstrengungen, die Ehre der Herren vom Regi- ment Nr. 60 zu retten. Major Funk gab jedoch unumwunden zu, einem Hauptmann bei Gelegenheit einmal zugerufen zu haben: „Schleifen Sie die Halunken", bestimmt habe er aber hiermit nicht die Landwehrleutc, sondern die aktiven Mannschaften gemeint. Leutnant B r e i t h bestritt entschieden, die fraglichen Ausdrücke gebraucht zu haben, solche Worte seien ihm nicht geläufig. Ebenso bestritt Fclowebel KrischewSli die angeführten Redensarten, ein„böses Wort" könne er wohl schon einmal gesagt haben, aber was im..Volksblatt" stehe habe er nimmermehr gesagt. Im Gegen- satz zu Leutnant Breith und Feldwebel Krischewski be- schworen dann elf Landwehrleute, die beleidigenden Redensarten und Aeutzerungen mehrfach gehört zu haben. Das B o ch u m e r Gericht sprach den angeklagten Redakteur frei, weil es den Wahrheitsbeweis für völlig geführt erachte. Tie Militärbehörde, und zwar das Gericht der 14. Division zu Düsseldorf, hat darauf gegen Leutnant Breith und Vizcseld- webcl krischewski ein Verfahren wegen Meineids eingeleitet. Di« Verhandlung fand heute in Bochum unter Ausschluß der Ocffentlichkeit statt. Der Anklagevertreter beantragte gegen Breith und Krisckwwski Zuchthausstrafe, oas Kriegsgericht sprach jedoch beide frei. Die Urteilsbegründung wurde in nichtöffentlicher Sitzung gegeben. Militärjustiz. Der Matrose Bolljen vom Linienschiff wurde am 4. Nov mber vorigen Jahres zu der harten Strafe �n- Jahren und 1 Monat Gefängnis verurteilt. B. ilch de» tat- liche» Angriffs auf einen Wachvorgesetzten und allerer Vergehen gegen die Disziplin schuldig gemacht haben. Er nahm �eStrafe an. legte aber später doch Berufung ein und behauptete, er habe die Strafe nur in einem Zustand geistiger Verwirrung angenommen. Das Oberkriegsgericht wies aber die Berufung als unzmaistg zu- rück. B. hat dann einen Teil der Strafe im sestunLSgesangnis in Köln verbüßt. Mehr und mehr stiegen aber dort den leitenden Personen Bedenken auf bezüglich seiner Zurechnunzssahigreit. trr wurde von einem Militärarzt beobachtet, und dieser eriiarte>>)» für unzurechnungsfähig. Er meinte, es läge auch die große Wahrscheinlichkeit vor daß er bei Begehung der Straftat nicht zurechnungsfähig gewesen fei. Im Wiederaufnahmeverfahren wurde nun B. vom Marinekriegs- gericht des zweiten Geschwaders freigesprochen, nachdem der Leiter der pshchiatrischen Mteilung des Marinelazaretts, Ober- stabsarzt Dr. Schmidt, dasselbe Gutachten abgab, wie der Kölner Militärarzt. Das Gericht verpflichtete zugleich die Staatskasse, dem zu Unrecht Verurteilten eine Entschädigung zu zahlen, Gefährliche Sedanbegcisterung. Vor dem K r i e g s g e r i ch t der 38. Division in Erfurt stand am Mittwoch der Sergeant Max Schulz von der 1. Kompagnie des 93. Infanterieregiments in Dessau unter der Anklage der B e- drohung, Mißhandlung und Mißbrauchs derWaffe. Der Angeklagt«, der an die Gewchrfabrik in Erfurt kommandiert ist, kam mit einem Kameraden« in der Nacht zum 1. September« morgens gegen 4 Uhr, von der Sedanfeier der Königlichen« Gewehrfabrii. Unterwegs begegneten sie einigen« Zivilisten, von denen einer, der früher bei der Torpedodivision gedient hatte« ein Matrosenlied sang, also auch durchaus„patriotische" Gesinnung betätigte,"iem©ergecrnt Schulz aber ärgerte das und er ver- bat sich das, wobei es zu Auseinandersetzungen kam. Nach dev Anklage ist nun Schulz mit dem Rufe, er wolle ihn totschlagen, auf den Zivilisten eingedrungen und hat den Fliehenden durchHiebemitdemSeitengewehramlinlenArm und am Kopfe bedenklich verletzt. Darauf verschwand der tapfere Sedanheld in einem Cafe, wo seine Personalien fest-- gestellt wurden. Vor Gericht behauptete der Angeklagte, er sei zu- erst angegriffen worden, worauf er das Seitengowehr nur„zur Abtvehr flach hingehalten habe.(?) Dabei müsse sich der Zivilist selber verletzt haben.(?) Die Beweisaufnahme fiel für den An- geklagten aber so ungünstig aus, daß das Gericht ihn wegen Körperverletzung zu 10 Tagen Gefängnis ver- urteilte. Von der Anklage der Bedrohung erfolgte Freisprechung. Wieder ein Spionageprozeß. Vor dem bereinigten zweiten und dritten Strafsenat des Reichsgerichts begann heute vormittag der Spionageprozeß gegen den früheren Marinesteuermann, jetzigen Kraftivagenführer Edmund Kagelinann, zuletzt in Hamburg wohnhaft. Die Anklage vertritt Reichsanwalt Schweigger, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Dr. Bitter. Als Zeugen sind geladen mehrere Kapitäne zur See, als Sachverständiger Fregattenkapitän Fielitz. Nach dem Er- öffnungsbeschluß ist der Angeklagte des versuchten Verrates militärischer Geheimnisse verdächtig. Er soll in Hamburg im März 1912 versucht haben. Zeichnungen und Pläne über die Anlage von Seesperrungcn auf der llnte reibe sowie zivischen Helgoland und der Küste, die er angefertigt hatte, in den Besitz und zur Kenntnis des englisthen Nachrichtenbureaus gelangen zu lassen. Sofort nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses wurde die Oeffentlichkeit für die ganze Tauer der Verhandlung ausgeschlossen. * In dem Spionageprozeß Kagelmann ist nachmittags 4Z4 Uhr vom Reichsgericht das Urteil gefällt worden. Ter Angeklagte ist wegen versuchten Verrats militärischer Geheimnisse zu sechs Jahren Zuchthaus, zehn Jahren Ehrverlust unb Zulässigkeit der Polizeiaufsicht verurteilt worden. Vier Monate Untersuchungs- Haft werden angerechnet._ Belgien. Anguste Becruaert. Man schreibt uns aus Brüssel: Der am Sonntag verschiedene belgische Staatsminister Beernaert würde sich auch von einem weniger matten Hintergrunde, als ihn die Streber und eingerosteten Dutzendpolitiker der klerikalen Partei abgeben, als politische Gestalt und geistige Eigenart abheben. Mit Beernaert schwindet in der Tat eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben Belgiens, die bis ans Ende das geschlossene Bild eines den Gesetzen seines Geistes und seines Willens folgenden Cba- raklerS bot. Diese Gesetze, aus einer tiefwurzelnven konservativen Grundanschauung gebildet, führten ihn zum Klerikalismus, dem er sich, von einem harmlos- gemäßigten Liberalismus kommend, un- schwer adoptierte Im Gegeuiätz zu seinem intimen Parteifeind Woeste, dem verknöchertsten, intransigentesten Reaktionär, hat er als einer der einflußreichsten Führer der klerikalen Partei eine konser« vative Politik verfolgt, die er in diplomatischer Anpassung an Zeitnot- wendigkeiten zu erweitern und zu beleben- wußte. Aber wenn auch kein enger Parteifanatiker Woesteschen Kalibers, reichte weder Beernaert« Einsicht in das Geichichtlich-Nolwendige noch ein etwaiges mensch- liches Erfassen der Problem« und der Not unserer Tage aus, dem Proletariat als Klasse seinen Weg zum wirtschaftlichen und kultu- rellen Aufstieg durch ein weitblickenderes Eingreifen der Gesetz« gebung zu erleichtern. Gleichwohl datiert von seiner Minifterschafl an da§ sozialpolitische Programm der Klerikalen. Beernaert kam 1873 in das klerikale Ministerium Malou. Pach dem Sturze des Ministeriums Malou begann die eigentliche Führer- rolle BcernartS in der klerikalen Partei. Als 1884 die politische Herrschaft der Klerikalen, die seither nicht mehr unterbrochen wurde, wieder einsetzte, wurde Beernaert Chef deS Ministeriums. Unter seiner Kabinetisführung kam eS zur BerfastungSreviston, die aller- dingS in der schmählichen, bis auf den heutigen Tag währenden Pluralschande enden sollte. Für die Arbeiterschaft Belgiens bleibt die Ministerschaft Beer- naertS mit einem bösen, unverwischbaren Fleck behaftet. Ist es doch unzweifelhaft erwiesen, daß Beernaert 1887 den Schurken P o u r b a i x empfangen hatte, der während der Unruhen von 1887 im Borinage die verruchteste Agentprovokateurrolle gespielt hatte. DaS berühmte„Komplott" sollte dem Ministerium, da« den Doktri- nären und Klerikalen nicht genug forsch vorging, Gelegenheit geben. sich in einer glänzenden staatSretterischen Pose zu zeigen. ES kam anders. Die beispiellos heftigen Debatten in der Kammer zeigten dem Lande den Minister Beernaert als einen Staatsmann, der zu Spitzeldiensten seine Zuflucht nimmt. Sind so genugsani Abzüge am Charakter und der politischen Einschätzung de« klerikalen Führer? zu machen, wird auch der Gegner nicht verkennen, daß Beernaert eine originale Erscheinung war, die, ob ihr gleich Schwung und reine Größe nicht eigen war. ein tätiges, kraftatinciidcs Leben einschloß, dem eine Fülle deS oft auch mulvollcren Wirkens gegeben war. Cnglancl. Ein neues Arbeiterblatt, London, 3. Oktober 1912.(Eig. Bei.) Heute erschien die erste Nummer deS„Daily Citizen", des Tageblatts, das die Politik der „Labour Party" in der Oeffentlichkeit vertreten soll. Das Blatt veröffentlicht eine Reihe Glückwunschschreiben von bekannten Publi- zisten, so von Eduard Bernstein und Lord Northcliffe, dein Eigen- tümer der„Daily Mail". In einem Artikel„Unser Ziel" heißt eö: „Wir werden nicht das servrle Echo irgendeiner Partei sein. Unsere Grundsätze und unsere Politik werden offen den Arbeiterstandpunkt vertreten." Weiter heißt es:„Es ist unmöglich, unsere Grundsätze und Ziele einzeln anzuführen. Sie werden von Tag zu Tag enthüllt werden, wie die öffentlichen Fragen entstehen. Es sollte jedoch gesagt werden, daß keine««ache dieser Zeitung mehr am Herzen liegen wird als der internationale Frieden. Wir werden den Hetzern, die böses Blut untcr� den Nationen machen, keine Gnade erweisen. Wir werden unseren Einfluß ausüben, um die antisczialen Interesse», die zum Kriege drängen, zu bändigen oder zu zerstören. Wir werden uns schwer anstrengen, um ein besseres Einverständnis zwischen Großbritannien und Deutschland herbeizuführen. Wir sind stolz auf das deutsche Volk, stolz auf seine Industrie und seine Errungen- schasten auf dem Gebiete der Musik, Philosophie, Wissenschaft, Literatur, vor allem aber stolz auf seine gewaltige Arbeiter- stesvsFlllig. Em cüglisch-beuIscheS Eiitffeckülstkkefl Smtf« bem Wachstum der Rüstungen Einhalt gebieten, die beide Völker er- drücken, und der Grundstein des künftigen Weltfriedens werden." Das Blatt ist gut ausgestattet. Nur beftemdet einem die ein- gehende Beschäftigung mit der Person des Königs in einem Ar- beiterblatt, das auch sozialistische Grundsätze vertreten will. Der Artikel„Die Pläne des Königs" mutet einem an wie eine Bcteuc- rung monarchischer Gesinnung. Und es kann doch wohl nicht die Absicht der Redaktion sein, diesen Eindruck zu erwecken, Hus der Partei. Zum Fall Hildebraud. Die„Fränkische Taqespost" in Nürnberg verossent- licht ein Schreiben, das dem GcnossenDr. Süß heim vom Genossen August Bebel zugegangen ist: Hätte ich den Verhandlungen über den Fall H. beiwohnen können, hätte ich für den Ausschluß gesprochen und gestimmt. Grund: Der Mann gehört nach seinem ganzen Jdeenkreis und seiner Aufsassuiig unserer Zustände nicht in die Sozialdemokratie. Die Partei ist kein Sammelbecken für Eingänger und Utopisten, Mit bestem Gruß A. Bebel. * Die„Mannheimer VolkSstimme" schreibt zu dem Pronunziainenlo Heine-AronS: .Die Freiburger„VolkSwacht" meint in ihrer Erwiderung auf eine Bemerkung der„Lcipz. Volksztg.", die die Erklärung als eine „Rebellion der.Sozialistischen Monatshefte"" bezeichnet hatte, das Leipziger Blatt täusche sich darin gründlich; denn die Erklärung scheine nicht überall zur Unterschrift vorgelegt worden zu sein; so seien in ihr zwei in Baden recht bekannte Parteigenossen, Dr. Frank und Kolb, nicht verzeichnet, obwohl man genau wisse, daß sie strikte Gegner des Ausschlusses seien. So viel uns bekannt ist. hat den Genossen Dr. Frank und Kolb die in Frage stehende Erklärung sehr wohl vorgelegen, sie haben es aber abgelehnt, sie zu unterzeichnen, weil sie sie zwar für sicherlich gut gemeint, aber für überflüssig und deshalb schäd- lich halten. Und so wie Dr. Frank und Kolb denken, wie wir wissen, auch noch andere süddeutsche— elsässische, hessische usw.— Parteigenossen in führenden Stellungen, die ihre Unterschrist eben» falls nicht gegeben haben. Und wir glauben, daß sie gut daran taten, da auf dem Parteitag jedem Gelegenheit geboten war, zum Fall Hildebrand seine Meinung zu sagen, und den jetzt erfolgenden Enticheidungen in de» Parteiversammlungen ein größeres Gewicht zukoinmt, als die Erklärungen einzelner." Wir können dieser Mitteilung des Mannheimer ParteiblatteS noch hinzufügen, daß eine ganze Anzahl Genossen, die in der Gewerkschaftsbewegung eine fübrende Stellung einnehmen, ihre Unterschrift gleichfalls versagt haben. * In der„Chemnitzer Volks stimme" lesen wir: „Hildebrand veröffentlicht in der neu erweitert im Verlage von Diederichs in Jena erscheinenden Zeilschrift.Die Tat" eine» Auffatz:.Was ist Sozialismus?". in der er die von ihm neu- eriniidene angeblich höbere dritte Stufe de» Sozialismus darstellt, nach dem ulopistiichen und dem KlasienkainpsiozialiSmus den neuen „GaituiigSsozialismus". Der Nachdruck deS Artikels liegt wohl auf folgender Erklärung: „Man trennt sich, um sich wieder zu vereinigen, das Strebe» nach Vereinzelung muß zum Streben nach Bcrgesell- schaftung zurückführen.... Es ist manchmal nötig, daß man seinen Gefährten den Abschied gibt, um sich auf sich selbst zn besinnen. Haben«vir uns selbst erst einmal wiedergefunden, dann werden wir um so leistungSfähtger und wertvoller in die Gemeursckwft zurückkehren. Im Augenblick ist es not- wendig, daß wir von einander gehen. Aber leid dessen gewiß: die Trennung ist nicht da« Ende der Dinge, wir werden un» wiedersehen, und unsere Bereinigung wird dann um so fesler und schöner sein." Na, hoffe» wir. lieber Leserl Und hoffentlich ist es damit einst- weilen genug des grauiamen Spiels!" Auch wir denken, daß damit die über Gebühr aufgebauschte An» gelegenheit erledigt ist._ Von der Partcipresse. Die Redaktion der„Weimarischen Volks- z e i t u n g die voin 15. Dezember an in eigener Druckerei in Jena hergestellt wird, setzt sich zusammen aus den Genossen Albert Rudolph(jetzt Parteisekretär in Frankfurt a. M.j, Wilhelm F a b e r(jetzt Redakteur in Jena), für die Redaktion in Jena; Heinrich Fischer(jetzt Arbeilersekretär in Düsieloorf) übernimmt die RedaliionSfiliale in Weimar, und Georg Röder(jetzt Re- dalieur in Erfurt) für die Lokalredakiion in E i s e n a ch.— Geschäftsführer der Jenaer Dinckerei wird Genosse Georg Pfenffer in Jena.— Die„Weimarische Volkszeitung" ist vom 1. Januar 1913 an zuständiges Parteiorgan für die drei weimanschen ReichS- tagSwahilretse._ potizclUches, Gerichtliches ufw» Redakteur gegen AmtSgcrichtSrat. Genosse Schubert, Redakteur des.Harburger Volksbrattes", stand vor der Strafkammer in S t a d e wegen Beleidigung des Anns- gerichtsrates Sachse. AIS Genosse Schubert im Hamburger Gerichts- gesängnis eine zweimonatliche Strafe wegen angeblicher Beleidigung des Berliner Polizeipräsidenten verbüßte, hatte er mit dem Amts- gerichlSrat, als dieser die Zellen kontrollierte, einen Zusammenstoß, da der Herr in sehr brüsker Weise austrat. Außeldem war Genossen Schuberl die Selbstbeköstigung verweigert und die Selbst- beschäsliguug beschnitte» worden. In einem Artikel des„Volks- blalteS" hatte Genosse Schubert seine Erlebiiisse im Gefängnis ge« «childert und entsprechend kritisiert, wodurch sich AmlsgerichlSrat Sachse beleidigt fühlte und klagte. Die Strafkammer in Stade er- kannte an. dag Genosse Schubert in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe, und sprach ihn fr«. Der Staatsanwalt halte eine Geldstrafe von 200 M. beantragt. Soziales. Gemeindevorsteher und ReichStagSwählerliste. Der Gemeindevorsteher Hellwig zu Romau(Kreis Wehlau) wurde vom Landrat mit folgender Begründung mit einer Diszi- plinarordnungsstrafe von 9 Mark bedacht:„Ermittelungen anläß- lich einer Beschwerde eines Lehrers haben ergeben, daß Sie die im Wahlreglcment für die Rcichstagswahlen vorgeschriebene ortsübliche Bekanntmachung erst am 13. Dezember, also einen Tag vor der Auslegung der Liste der Wahlberechtigten, erlassen haben, sowie daß sie einigen Leuten erst lvährend der Offenlegung der Liste und einem Teil erst nach Beendigung der Auslegung der Wählerliste bekannt geworden ist. Trotzdem haben Sie am 4. Januar 1912 bc- schcinigt, daß Sie die Liste nach Bckanntinachung vom 14. bis zum 22. Dezember 1911 zu jedermanns Einsicht ausgelegt haben. Es fällt Ihnen eine grobe Pflichtverletzung zur Last." Nach vergeblicher Beschwerde beim Regierungspräsidenten zu Königsberg klagte der Gemeindevorsteher beim Obervcrwaltungs- gericht. Das Oberverwaltungsgericht wies dieser Tage die Klage ab, indem es ausführte: Der Kläger hätte sich gegenwärtig halten müssen, daß die rechtzeitige Bekanntmachung der Auslegung der Wählerliste eine überaus»vichtige Angelegenheit sei, wovon unter Umständen die Gültigkeit der ReichstagSwahl abhing. Er habe erst am letzten Tage vor der Auslegung die Bekanntmachung in Umlauf ge«'etzt und habe die Sache lausen lassen. Irgendwo sei dann das Schriftstück stecken geblieben. Sein Verhalten sei schwer- wiegend genug, die Strafe zu rechtfertigen. Der Gemeindevorsteher kann von Glück reden. Wenn er nicht noch wegen Urkundenfälschung angeklagt wird. (Siehe auch 1. Beilage.) GcwerhrcbaftUcbea. Berlin und Qmgegcnd. Gärung unter dem Personal der Firma Schering Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Chenri scheu Fabri auf Aktien vorm. E. Schering waren dieser Tage sehr zahl reich in„Funkes Gescllschaftshaus" in der Triftstraße versammelt um die Ilntwort der Direktion entgegenzunehmen auf den Antrag, der wegen der Teuerung eine allgemeine Lohnzulage fordert. � Der Arbciterausschutz erstattete Bericht. Danach hat die Direktion j e d- wede Zulage rundweg abgewiesen. Eine Rundfrage an die Abteilungsleiter beider Fabriken habe ergeben, daß eine alL geuicine Lohnzulage nicht angebracht erscheine. B e n t i n, vom Fabrikarbeitcrvevband kritisierte scharf das Verhalten der Firmen- lcituug. Die Löhne der Arbeiter betragen 40 bis 4ö Pf. pro Stunde, für weibliche Arbeitskräfte 18 bis 27 Pf. bei neunstündiger Arbeits- zeit. Das ergibt also einen Tagesverdienst von 3,60 bis>4.40 M für Männer; der letzte Verdienst wird aber erst nach 15 bis 20 jähriger Tätigkeit gezahlt. Für Mädchen beträgt das Einkommen nur 1,62 bis 2,43 M. pro Tag. Die Gesellschaft hat im Jahre 1911 einen Bruttogewinn von 1639 359 M. erzielt, aus dem nach Ab- schreibungcn von Sil 984 M. eine Dividende von 13 Proz. aus die fünf Millionen alte Stammaktien gezahlt wird. Die Firma wäre also sehr wohl in der Lage, höhere Löhne zu zahlen, um so mehr. als schon andere große chemische Fabriken angesichts der Teuerung Zulagen gewährt haben. Die Arbeiterschaft hat alle Veranlassung, auch die Betriebsverhältnisse unter die Lupe zu nehmen. Da be- steht zu allererst ein rigoroses Strafsystcm für Zuspätkommen. 5— 30 Minuten kosten eine Stunde Lohnabzug, 31— 60 Minuten außer de m verwirkten Lohnbetrag noch extra eine Stunde, von 61 Minuten bis Vi Tag 2 Stunden, bei mehr als Ii Tag 3 Stunden. Wer in anderen Räumen betroffen wird, be- zahlt 50 Pf,, eventuell einen halben Tagesverdienst. So ist ein Arbeiterausschußmitglied mit 1 M. bestraft worden, weil ein Ar bciter ihn in seiner Eigenschaft als Ausschußmitglied ansprach. Der Betreffende klagte beim Gewerbegericht und das entschied, daß die 1 M. zurückgezahlt werden müsse. Nach Aussage des Vertreters der Firma habe das Gespräch mindestens eine halbe Minute betragen. Für eine halbe Minute also 1 M. Man vergleiche damit die Löhne der Arbeiter. Der Portier hat die Pflicht, den Inhalt der Äörbe oder sonstiger Behälter aller Heraus- gehenden zu untersuchen! In der Berliner Fabrik wird über schlechte Garderoben und Waschvorrichtung geklagt. Die Arbeiter müssen ihre Kleider in einzelnen Abteilungen an der Arbeitsstelle aufhängen und sind gezwungen, sich in Eimern oder Fabrikationsschalen zu waschen. In Charlottenburg ist die Be- leuchtung beim Kohlenkarren sehr schlecht, so daß leicht ein Unfall passieren kann. In der Gaslichtküche der photographischen Ab« teilung befindet sich keine Ventilation. Hier ist eine Vergiftung durch salpctersaures Silber und Ammoniak festzustellen gewesen. Genügende Schutzmasken sind auch nicht vorhanden, für 12 Mann 6 Stück. In der Diskussion wurde ausgesprochen, daß die Arbeiterschaft mit der Antwort der Direttion nicht einverstanden sei und der Arbeiterausschutz von neuem beauftragt werde, in dieser Frage weitere Verhandlungen zu führen. Folgende Resolution wurde ein stimmig angenommen: Ter ablehnende Standpunkt der Direktion, die sich auf eine Rundfrage an die einzelnen Abteilungsleiter stützt, ruft allge- meine Entrüstung hervor. Die Arbeiterschaft ist der Meinung, daß auch den Herren Abteilungsleitern die Teuerung bekannt sein mutz, und daß heute der verheiratete Arbeiter mit 21 bis 27 M. Wochenlohn seine Familie nicht ernähren kann�wenn die Frau nicht kräftig mitarbeitet. Es wird der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die Herren, welche der Direftion mitteilten, es wäre keine Lohnerhöhung notwendig, es doch mal vier Wochen versuchen sollten, mit den von Arbeitern erzielten Durchschnittswochen. verdienst auszukommen; vielleicht kommen sie dann zu einer ande rcn Meinung. Des weiteren protestieren die Versammelten gegen die Be Handlung, die dem Arbeiterausschuß zuteil wurde, welcher wieder- holt über folgende Fragen verhandeln wollte: 1. Ueber sanitäre Einrichtungen in der Fabrik. 2. Ueber die Auslegung und Handhabung des§ 18 der Arbeitsordnung gegenüber den, Arbeiter ausschuß. Die Arbeiterschaft betrachtet dieses Verhalten der Direktion als nicht ihren Wünschen entsprechend und gibt zu gleicher Zeit ihrer Verwunderung Ausdruck, daß es bis jetzt immer einer sehr langen Zeit bedurfte, ehe der Ausschuß Antwort erhielt. Die Versammlung ist allgemein der Auffassung daß die Direktion nicht genau über die Lohnberhältnisse unterrichtet ist, und beauftragt daher den Arbeiterausschuß. von neuen in dieser Frage vorstellig zu werden._ Die Kranführer und Anbinder der A. E. G. in der Hutten- straße(Turbinenfabrit) haben gestern abend einmütig beschlossen, die Arbeit am Freitag früh nicht wieder aufzunehmen. Sie hatten Forderungen auf Verkürzung der Arbeitszeit und Lohnerhöhung gestellt. Während die Direktion in bczug auf die Verkürzung der Arbeitszeit einige Zugeständnisse machte, lehnte sie jedes Entgegen- kommen in der Lohnfrage ab. Da die Einstellungslöhne jetzt nur 42 Pf. pro Stunde betragen, hätte man ein besseres Verständnis der Direktion in dieser Hinsicht erwarten dürfen. Wegen einiger Pfennige müssen die Arbeiter nun erst zum äußersten Mittel greifen. Der Betrieb ist nunmehr als gesperrt zu betrachten und jeder Zuzug fernzuhalten. OeutfcKes Reich. Ter Tischlerstreik in Burg bei Magdeburg hat einen recht eigenartigen Verlauf genommen. Am 29. Mai haben die Arbeiter in der T i s ch s a b r i k von A. G. W o l s die Arbeit eingestellt, um in diesem Betriebe den zwischen den Arbeitgeberschutzverband und dem Deutschen Holzarbeiterverband für die Holzbearbeitungs- betriebe in Burg vereinbarten Vertrag zur Durchführung zu bringen. Der Unternehmer lehnte das Verlangen der Arbeiter hartnäckig ab und versuchte seinen Betrieb mit Streikbrechern auf- rechtzuerhalten, die er durch die berüchtigte gelbe Menschenhändler- firma Kaczmarek bezog. Das Gesindel, das auf diese Weise nach Burg gezogen wurde, wurde durch seine Rauflust bald zum Schrecken der Stadt. Seinen höchsten Triumph feierte dieses Roiodtztum bei dem Totschlag, dessen Opfer der Schuhfabrik- arbeitcr Genosse F r i t s ch e wurde, der am 15. September von dem Streikbrecher R u p p e r t erschossen wurde. Diese Tat rief in Burg eine ungeheure Aufregung hervor, deren srindruck sich auch der Inhaber der Firma Wolf nicht ent- ziehen konnte. Es wurden Verhandlungen eingeleitet, in deren Verlauf der Unternehmer die Forderungen der Arbeiter bewilligte. Aber auch die Streikbrecher mußten aus dem Betrieb entfernt wer- den, was dem Fabrikanten, der dem Gesindel anscheinend weit- gehende Versprechungen gemacht hatte, recht schwer fiel. Man konnte aber den?lrbeitcrn billigerweise nicht zumuten, neben diesen gefährlichen Raufbolden zu arbeiten. Nachdem so der Betrieb ge- räumt war, wurde am 7. Oktober die Arbeit wieder aufgenommen. Der Streik brachte also nach mehr als 18wöchiger Dauer einen vollen Erfolg. Er führte aber zu einem eigenartigen Nachspiel. Die Firma Wolf hatte außerhalb des Vertrages gestanden, weil sie dem Schutzverband nicht angeschlossen war. Dieser hatte somit eigentlich ein Interesse daran, daß auch in diesem Betriebe die vertraglichen Bestimmungen durchgeführt wurden. Trotzdem beschlossen die Bur- ger Unternehmer, die bestreikte Firma zu unterstützen. Sie gaben eine schioarze Liste heraus und verpflichteten sich, die streikenden Arbeiter nicht einzustellen. Das war ein flagranter Ver- tragsbruch. Vom Zentralvorstand des Arbcitgeberjchutzver- bandes wurde das auch anerkannt und in einer am 18. Juni abgehaltenen Sitzung wurde dem Vorstand des Holzarbeiterverbcmde» die Zusicherung gegeben, daß die schwarze Liste zurückgezogen würde. � Die Burger Schutzverbändler taten aber nichts dergleichen. verantw. Redakt.: Alfred Wielepp» Neukölln. Inseratenteil verantw. ja nach wiederholten Reklamafionen antwortete der BezirkSvor- sitzende des Schutzverbandes unterm 1. September, daß er von seinem Zentralvorstand keine Anweisungen erhalten habe, und daß er deshalb seinen Mitgliedern empfohlen habe, eine abwartende Stellung einzunehmen. Die Burger Unternehmer beharrten also in Vertragsbruch. Nachdem sie lange genug zu gesehen hatten, beschloffen endlich die Arbeiter, den Spieß umzu drehte. Am 21. September wurde beim Tischlermeister Kaniuth, dem Bezirksvorsitzenden des Schutzverbandes, die Arbeit einge stellt. Es ergibt sich nun das sonderbare Schauspiel, daß bei der Firma Wolf wieder gearbeitet wird, während� bei Kaniuth (in Firma Herger u. Jahn) der Streik fort dauert. Herr Kaniuth spielt nämlich die gekränkte Leber- Wurst und verlangt, daß die Arbeiter durch die Aufnahme der Ar- beit zum Ausdruck bringen sollen, daß sie unrecht gehandelt haben; erst nachher will er sich zu Verhandlungen bereit finden. Er wird aber hoffentlich noch einsehen lernen, daß er durch sein ver- tragswidriges Verhalten das Recht verwirkt hat, sich aufs hohe Roß zu setzen. 590 Arbeiter und Arbeiterinnen der Nähmaschinenfabrik Mundlos u. Co. in Magdeburg sind am Mittwoch morgen in den Ausstand getreten. Drei Fünftel der Ausständigen sind im Metall- arbeiterverband, zwei Fünftel im Holzarbeiterverband, im Gewerk verein und einigen anderen Organisationen Mitglied. Sie hatten bereits im vorigen Jahr den Antrag auf eine prozentuale Zulage auf die Löhne und Akkordpreise gestellt, waren aber abgewiesen worden. Es wurde den Arbeitern Unverschämtheit vorgeworfen, obwohl sie seit der Lohnbewegung 1906, wo die Aufbesserungen auch erst nach einen sechswöchentlichen Ausstand erfolgten, nichts mehr erhalten hatten. Die damaligen Preise und die damals fest- gelegten Lohnskalen für die Lohnarbeiter benutzt die Firma auch heute noch. Seit jener Zeit haben wir jedoch die fortgesetzt steigenden Lebensmittelpreise, die nahezu alle übrigen Betriebe am Orte zu Lohnaufbesserungen nötigten. Und dennoch lehnte die Firma auch diesmal die Anträge glatt ab; nur einige Akkordpreise besserte sie auf— allerdings in einer Weise, daß es sehr zweifelhaft ist, ob sie damit die Arbeiter nicht geradezu kränken wollte. Hatten die Arbeiter im vorigen Jahre, wenn auch knirschend, die ablehnende Antwort der Firma hingenommen, so konnte dieses Jahr davon keine Rede mehr sein. Dennoch wurde wieder und wieder von der Arbeiterschaft der Versuch einer ftiedlichen Beilegung gemacht, doch vergeblich. Der Kampf ist der Arbeiterschaft aufgezwungen. Sie wird ihn im Vertrauen auf die Berechtigung desselben zu führen wissen._ Terrorismus der Schokoladeufabrikanten. Der Syndikus deZ Verbandes deutscher Schokoladenfabrikanten, Herr Greiert, der früher als nationalsozialer Parteigänger den Streik für ein durchaus berechtigtes Kampfmittel der Arbeiterschaft anerkannte, erließ jetzt im Auftrage seiner Dienstherren folgendes Rundschreiben an die Mitglieder obengenannter Unternehmer- organisation: Karl Greiert, Dresden, Ringstraße 18. Fernsprecher 2508. Dresden, den 26. September 1912. Vertraulich! P. T. Bei den Firmen Vereinigte Fabriken Moser-Roth, Stuttgart, Hachez u. Co., Bremen, und Barmeier u. Flachmann. Herford, ist ein Streik ausgebrochen. Ich bitte Sie, die von dem Streik be- troffenen Firmen dadurch zu unterstützen, daß Sie keine Arbeiter und Arbeiterinnen aus diesen Be- trieben aufnehmen. Wie diese Arbeitsniederlegungen zeigen, greift die Arbeiter- bewegung rasch um sich; eS ist deshalb dringend notwendig, daß sämllrche Arbeitgeber auch durch Nichtaufnahme von Ar- beitern und Arbeiterinnen, welche in den vom Streik betroffenenBetrieben beschäftigt waren, solidarisch vorgehen. Hochachtungsvoll gez. Karl Greiert. Die Herren werden auch durch ihre schwarzen Listen die Be- wegung dieser schlecht entlohnten und noch schlechter bebandelten Arbeiterkategorie nicht aufhalten. Obiges Dokument der r ü ck s i ch t s- ose» Aushungerungspolitik, dessen Praktiken auch die Berliner„süßen* Scharfnzpcher beim Streik in der Fabrik von Seifert u. Haale verfolgen, verdient, registriert zu werden. Sonderbares Schweigen. Die brave Erklärung des HauptvörstandeS des Süddeutschen EisenbahnerverbandeS, daß dieser auf das Streikrecht verzichte, be- 'chäftigt noch immer die bayerische Presse, insbesondere die bürger- lichen Blätter. Die demokratische Presse höhnt über das„zu Kreuze kriechen* des Verbandes, die liberalen Blätter erkennen die Artigkeit der' Verbandsleitung an und sind befriedigt über die„Einsicht*, die der als sozialdemokratisch verschriene Verband nunmehr zeigt, und die schwarzen Papiere der in Bayern herrschenden Partei äußern ihre Unzufriedenheit über die„Unzulänglichkeit* der Erklärung der treikscheuen Verbandsleitung und fordern resp. diktieren, daß der Streikverzicht auch ins VerbandSstalut aufgenommen werde. Alles in allem ist man sich nirgends über das seltsame Verhalten der Verbandsleitung klar. Am Sitze des Hauptvorstandes in Rürn- berg schüttelt man allenthalben die Köpfe über die überflüssige Erklärung, die von einem Manne unterschrieben ist, der sozialdemo- kratischer Gemeindebevollmächligter ist. Eine Aufklärung hat man von der nächsten Nummer des Verbandsorgans, der„Süddeutschen Eisenbahn- und Postpersonalzeitung* erwartet. Das Organ, das am Mittwoch erschien, berührt die Angelegenheit indessen mit keiner Silbe, es schweigt. Ostenbar hat der Redakteur und die Verbandsleitung kein vernünftiges Argument, um die freiwillige Selbstkastrierung zu verteidigen. Wie uns aus Nürnberg mitgeteilt wird, hat der Streik- Verzicht des Süddeutschen EisenbahnerverbandeS in der Redaktion des Lerbandsorgans, der in Nürnberg erscheinenden„Süddeutschen Eisenbahnerzeitung*, einen plötzlichen Wechsel notwendig gemacht. Redakteur war �bisher der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Roßhaupter, früher selbst Staatsarbeiter in München und ein ein- flußreicher Führer der bayerischen Eisenbahner. Nunmehr hat er eine Stelle als Redakteur niedergelegt, weil er den Schritt der Verbandsleitung nicht billigt, durch den er selbst überrascht worden zu sein scheint. Die Glasarbeiter und-arbeiterinnen der größten Spiegelglas- chleiferei N. W i e d e r e r in Fürth in Bayern haben die Arbeit eingestellt. Die Arbeiter fordern Lohnerhöhungen, die in anderen Betrieben bereits bewilligt wurden und seil langer Zeit dort bezahlt werden; ferner Reduzierung des Abzuges für Mischcrlohn. Herab- etzung des Bruchabzuges. Regelung des Lohntarifes für Akkord- arbeiter und Abschaffung des Prämiensystems. Die Wcltfirma N. W i e d e r e r u. Co. weigert sich dagegen, dem Verlangen der Arbeiter zu entsprechen. Die ablehnende Haltung ist um so unver- tändlicher, wenn man weiß, daß die Firma fast konkurrenzlos auf dem Markte dasteht. Aus kleinen Anfängen heraus hat sie sich zu einem gewaltigen Exportgeschäft entwickelt, und der noch lebende Gründer der Firma hat ftüher selbst als Glasschleifer gearbeitet.— Die von den Arbeitern eingeleiteten Verhandlungen sind bis jetzt mit der Begründung zurückgewiesen worden, daß die anderen Jndu- triellen erst dazu Stellung nehmen müssen. Dabei mutz ausdrück- lich bemerkt werden, daß in allen anderen Betrieben bereits bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen bestehen. Die Herren planen jeden- älls ein« allgemeine Aussperrung aller Spiegelglasschleifcr. Die Glasarbeiter werden deshalb darauf aufmerksam gemacht, daß Fürth i. B. für sie als gesperrt gilt - Ausland. Reduzierung der Arbeitszeit iu Rustland. Vor einigen Jahren projektierte das Handels- und Industrie- Ministerium bezüglich der Norm der Arbeitszeit für erwachsene Arbeiter eine Reduzierung von IlVz Stunden auf 10>/z pro Tag. Die damals hochgehenden Wogen der Arbeiterbewegung erinnerten die herrschenden Klassen allzu deutlich daran, daß nicht nur die Fabrikanten, sondern auch die Arbeiter ihre„Bedürfnisse* haben. Die Fabrikanten erklärten natürlich dem ministeriellen Projekt den Krieg, obwohl bereits in mehreren Industriezweigen(Maschinen- fabriken und Druckereien) der 9—10 und sogar in einigen Fällen der 8stllndige Arbeitstag eingeführt worden war. Die Arbeiter lassen sich neue Gesetze nicht erkaufen, erklärten die Fabrikanten mit Recht. Die Einführung der IOV2 stündigen Arbeitszeit„bringt weder Beruhigung in die Gemüter der Arbeiter noch schwächt sie ihren Kampf um weitere Reduzierung des Arbeitstages". Dafür richtet ein neues Gesetz die Industriellen zugrunde.„Verderbliche Folgen* für die Industrie sind unvermeidlich. Man braucht nicht eigens zu Hemerken, daß dies den Fabrikanten genügte, dahin zu wirken, daß das Projekt des Ministeriums nicht nur nicht Gesetz, sondern nicht einmal der Duma vorgelegt wurde. Heute findet selbst' das Ministerium, das wohl schwerlich jemand im Verdacht haben wird, es strebe danach, die Industrie„zugrunde zu richten*, daß das klägliche Jammergeheul der Industriellen jeg« sicher Begründung entbehrt. Im Ministerium sind statistische Daten über die Arbeitsdauer in den Fabriken, Werkstätten und in den Berg» werken in den Jahren 1904—1905 zusammengestellt worden. Auf Grund der erhaltenen Resultate kommt das Ministerium zu dem Schluß, daß die Einführung der lO'/zstündigen Arbeitszeit besonders einschneidende Veränderungen nicht hervorrufen könne, da die durch die- selbe bedingte Reduzierung der Arheitszeit durchschnittlich nur 8 bis 4 Proz. ausmache. Die höchste Reduzierung der Arbeitszeit(für die Wollindustrie) erreicht nur 5,3 Proz. In anderen ProduktionSgruppen ist sie bedeutend niedriger und in der Verwertung der Nutzmineralien z. B. sogar auf 0,3 Proz. herabgesunken. Vom Ministerium sind ferner die Dimensionen der Vergrößerung der Produktionskosten bestimmt worden, die aus der Reduzierung der Arbeitszeit sowie aus der Notwendigkeit der Vervollkommnung der Technik in den Fabriken und Werkstätten zur Deckung deS infolge der Reduzierung der Arbeitszeit entstandenen Mankos hervorgeht. Diese Vergrößerung schwankt nach den Berechnungen des Ministeriums zwischen 0,5 Proz.(für die Wollindustrie) und 2.1 Proz.(für die Seidenindustrie). Im Durchschnitt macht die Vergrößerung der Kosten 0,9 Proz. oder im ganzen nur zirka 8 Millionen Rubel aus. „Das Fazit ist vollständig beruhigend*, konstatiert sogar die Handels- und Jndustriezeitung*. Nur in den Betrieben mit un- unterbrochener Arbeit könnte nach der Meinung des offiziellen Organs des Finanzministeriums die„Reduzierung der Arbeitszeit zu ernsten ökonomischen Schwierigkeiten führen. Trotz dieses„beruhigenden* Fazits tut das Handelsministerium keinen Schritt, das Projekt der Reduzierung der Arbeitszeit wieder ans Tageslicht zu ziehen. Es wird kaum ein Irrtum sein, an- zunehmen, daß nur der neue Aufschwung der Arbeiterbewegung die gelehrten Statistiker des Ministeriums zu praktischen Schlüssen aus ihren theoretischen„Untersuchungen* kommen läßt. Sie Lage auf Sem Kalßan. Tos serbische Ultimatum. Belgrad, 10. Oktober.(P. C.) Das Blatt„Prabda* veröffentlicht die Meldung, daß die Regierung der Türkei ihre Wünsche unterbreitet habe, deren Nichterfüllung binnra 24 Stunden die Kriegserklärung nach sich ziehen würde. Man will den Krieg. Paris, 10. Oktober.(P. C.) Ter„Tomps* veröffentlicht heute zwei Jnterwievs seiner Korrespondenden in Belgrad und Sofia mit hervorragenden Diplomaten, deren Auslassungen deutlich zeigen. daß in beiden Ländern ein ausgesprochener Wille zum Krieg vor- handen ist und daß es den Bemühungen der Mächte wohl kaum gelingen wird, die auflodernden'' Flammen des Balkanbrandes noch im Keime zu ersticken. Die Kriegserklärung an die Türkei ist nach Ansicht beider Diplomaten nur noch eine Frage von Tagen. Finanzierung der Türkei durch amerikanische Banken« New Kork, 10. Oktober.(W. T. B.) Eine Finanznachrichtcn- agcntur meldet, in Washington verlaute, daß angeblich auf d i- plomatischem Wege Unterhandlungen betreffend die Ueber- nähme einer türkischen Anleihe im Betrage von 50 Millionen Dollar durch ein amerikanisches Bankcnsyndikat stattfänden. Es seien daran I. P. Morgan u. Co., Kuhn, Löb u. Co. und andere beteiligt. Arnautcn gegen Serben. Saloniki, 10. Oktober. Die Arnauten haben zu den Waffen gegriffen und ziehen gegen die serbische Grenze. Sie verfolgen besonders serbische Banden, die die Grenze über- schreiten. Eine starke serbische Bande hat vor den Arnauten die Flucht ergriffen. Tie Liste der Freiwilligen von Pristina weist bereits 14 000 Namen auf. Die Albanesen für die Türkei. Konstantinopel, 10, Oktober.(W. T. 93.) Aus allen Städten Nordalbaniens treffen Nachrichten ein über patriotische Kundgebungen der Albanesen, die schwören, sie wür- den die Feindseligkeiten- einstellen und für die Türkei kämpfen. �__ Lahmlegung des Handels. Charkow, 10. Oktober.(W. T. 93.) Angesichts der Ereignisse auf dem Balkan haben die Exporteure die Getreideeinkäufe eingestellt. Letzte IHachrichten« Der medizinische Nobelpreis. Stockholm, 10. Oktober.(W. T. B.) Der medizmische Nobelpreis für 1912 wurde dem Dr. Alexis Carre am Rockefeller- institut in New Dork für seine Arbeiten über die Gefäß. naht und die Transplantation von Organen ver- liehen. Der Preis beziffert sich in diesem Jahre auf etwa 195 000 Frank._ Bei der Arbeit tödlich verunglückt. Borbeck, 10. Oktober.(W. T. 93.) Auf der E i s en Hütte Phönix gerieten morgens zwei Arbeiter bei Reparatur- arbeiten in eine Gcbläsemaschine und wurden zerquetscht. Beide waren sofort tot._ Fünf Segelschiffe gestrandet. Petersburg, 10. Oktober.(W. T. 93.) Wie aus Archangelsk gemeldet wird, sind während des Zyklons im Westen, im Weißen Meere fünf Segelschiffe gestrandet. Pier davon sind zerschellt und fünf Mann sind ertr unken. TH.Gl»cke,Ber1'n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstall GaulSingertCo., Berlin S>V. Hierzu 2 Beilage» n. llaterhaltungsbl. Dr. 288. 29. Jahrgang. 1. KtilGt Ks Jpiaötts" Sttlintt PelUlitt. Imtnj, II. Sdlsdn(912. Der ßündler auf dem Kriegspfade. Die völlig unzureichenden Regierungsmaßnahmen gegen die Teuerung haben den Bund der Landwirte in Harnisch ge- bracht. Eine längere, von Unterstreichungen wimmelnde Er- klärung des Bundesvorstandes in der„Deutschen Tages- zeitung" kündigt der Regierung die Freundschaft. Sachlich richtig an der Schimpfkanonade ist nur, daß die Aktion der preußischen Regierung keine nennenswerte Minderung der Fleischpreise herbeiführen wird. Aber trotz dieses indirekten Eingeständnisses, daß auch die Landwirte nicht durch die Maßnahmen Nachteile erleiden können, versichern die Unterzeichner der Erklärung v. Wangenheim, Roesicke und Hahn, daß eine verhängnisvolle Minderung des Vertrauens der deutschen Landwirtschaft zur königlichen Staatsregierung die Folge sein wird. Nicht um die jetzige Aktion ist es offenbar dem Bund zu tun, sondern um eventuelle spätere wirkliche Regierungsmaß- nahmen. Des Landwirtschaftsmini st ers sind zwar die Bündler ganz sicher. Hat v. Schorlemer-Lieser doch erst vor wenigen Tagen auf der Konferenz im Ministerium des Innern(nach der„Boss. Ztg.") erklärt:„Ich stehe und falle mit dem§ 12 des Fleischbeschaugesetzes". Da mag der Agrarminister seine Abhängigkeit von den Agrariern ganz richtig dargestellt haben. Aber es gibt noch andere Auf- fassungen im Ministerium und im Bundesrat, uitd vor allem, es gibt einen stetig wachsenden Volksprotest gegen Agrarier- Hochmut. Um diesen Gefahren zu begegnen, legt der Bund los: »Wie hat sich die deutsche Landwirtschaft nun- mehr zu den Maßnahmen der königlichen Staatsregierung zu stellen? Ihre erste Aufgabe ist es, sich ohne Illusionen die tatsächliche Lage klar zu machen. Wir weichen politisch Schritt für Schritt vor der Demokratie zurück; wir befinden uns wirt- schaftlich auf dem Wege zur zweiten Aera Caprivi mit dem einzigen Unterschiede, daß man in der ersten den Landwirten wenigstens schroff den Rat gab, abzuschreiben, während man jetzt mit wohlwollenden Worten die deutsche Landwirtschaft zu be- gütigen sucht. ES ist nicht die Art deutscher Landwirte, kampflos zu verzagen. Auch jetzt werden sie alles daran setzen, um in angespanntester, rastloser Arbeit das äußerste zu leisten. Aber wenn wiederum mit der Schwenkung in unserer Wirtschaftspolitik neue Jahre schweren Kampfes und schwerer wirtschaftlicher Verluste uns aufzuerlegen versucht wird, so ist es die Pflicht der Landwirte, im Interesse der Gesamtheit sich mit allen gesetzlichen Mitteln da- gegen zu wehren. Daß die deutsche Landwirtschaft erhalten und gefördert werden muß, nicht um ihrer selbst willen, sondern im Jnterefie unseres gesamten Volkes und Baterlandes, sollte soweit Gemeingut aller einsichtsvollen Deutschen geworden sein, daß jeder Angriff hierauf rückhaltlos zurückgewiesen werden müßte.'Wird hierin ge- fehlt, so ist erneut auf politischem Gebiet der schwere Kampf er- öffnet, für die Erhaltung und, wie es sich jetzt zeigt, für die Wiederherstellung der nationalen Wirtschaftspolitik, die Deutsch- land wirtschaftlich groß gemacht hat. Die erste Handlung, welche die Bresche legte, ist die gefährlichste. Bei der Landwirtschaft fängt die Abbröckelung an, bei der Industrie hört sie auf. Ge- troffen wird von ihr das gesamte Volk und am schwersten die ge- samte arbeitende Bevölkerung durch das Einschrumpfen der Arbeits« Möglichkeiten. Dieser Kampf ist zu führen gegen alle offenen und ver st eckten Feinde der bisherigen Deutsch- land günstigen und notwendigen nationalen kleines feuilleton. Literarischer Diebstahl. Die bürgerliche und in ihr im besonderen Maße die Generalanzeigerpresse hat vor allem den idealen Lebens- zweck, Geld zu machen und daS Volk durch Verblödung bei staatS- erhaltender Gesinnung zu lassen. Dazu dient natürlich zunächst der politische, dann aber auch der ästhetische Teil des Blattes. Der gröbste Schund schießt im Feuilleton dieser Presse üppig in die Halme, gepflegt werden vornehmlich der fade Backfisch- und LeutnantSroman und die miserable Detektivgeschichte. Die Parole lautet: billig und schlecht! Je billiger, um so besser für den Ver- leger, je schlechter, um so größer der Zuspruch des Bildungspöbelö. So ist es auch hier, wie sonst in der Schundliteratur, die Verleger machen glänzende Geschäfte, die Romanfabrikanten schreiben sich die Finger wund und darben. ES ist kein Wunder, wenn das elende Handwerk die korrumpiert, die sich mit ihm abgeben müssen. Und so schreibt immer einer der armen Schlucker den andern ab. Seltener wagen sie sich an gute Werke heran. In einer Reihe unserer Parteiblätter wurde der Roman des Engländers W. W. Jacobs„Hafenstürme" veröffentlicht. Diesen Roman benutzt ein gewisser Walter Büge zur eigenen Zeilenschinderei, indem er ihn einfach verballhornt ausschreibt und unter seinem Namen als. Krischan Twietmeyer, die Ge- schichte einer guten Seele" herausgibt. Die„Altona er Nachrichten" veröffentlichen das Plagiat in ihren Spalten. Büge verfährt dabei mit wunderbarer Sachkenntnis. Er läßt eS nicht genug sein damit, die Namen zu ändern, sondern er wird den schlechte» Bedürfnissen seines Publikums extra gerecht, indem er den Stil verlumpt und aus dem feinen Witz des pessimistischen Künstlers einen faden Spaß k la»Fliegende Blätter" macht. Er kennt seine Leute. Aber sonst gibt er sich keine Muhe eigenen Denkens. Es gehört wirklich nicht viel Kunst dazu, die Welt zu betrügen, wie viel weniger unsere Schmierpresse, die natürlich auf allen Schund hereinfällt. Wie ein Gelehrter über den heutigen WisscnschaftSbetricb denkt. Der berühmte Physiologe Max Verwarn zeichnet in seiner soeben erschienenen Broschüre„Kauiale und konditionale Weltanschauung" folgendes Bild der wissenschaftlichen Arbeitsweise unter der Herrschaft der freien Konkmrenz: Man arbeitet geschäftsmäßig... Die Produkte geistiger Tätig- keit werden zur Marktware. Das Problem wird nicht seines inneren Werte« wegen gewählt, sondern mit Rücksicht aus seinen augenblick- lichen Marktpreis, und man überschwemmt den Markt mit Angeboten. Wissenschaftliche Arbeiten werden fabrikmäßig hergestellt. Die Massen- Produktion in der Wissenschaft ist heute schon so groß, daß kein Forscher mehr imstande ist. auch nur die aui seinem speziellen Arbeits- gebiete erscheinenden Publikationen sämtlich im Original zu berück- sichtigen. Die Arbeiten werden veröffentlicht, aber nicht mehr gelesen.... Es würden viele wissenschaftliche Untersuchungen als überflüssig und wertlos erkannt werden und unveröffentlicht bleiben, wenn jeder, ehe er eine Arbeit in Angriff nimmt, sich in Ruhe den Gegenstand gründlich nach allen Richtungen hin durchdächte, und Wirtschaftspolitik unter Abschüttelung der lauen und un- zuverlässigen Elemente." Selbst der Regierung ist dieser Angriff zu dreist. Mit einer Eile, die bei der Verteidigung gegen Anklagen des Volkes nicht geübt wurde, antwortet sie auf die Anzapfung mit einem scharfen Angriff also: „Der Bund der Landwirte veröffentlicht durch seinen engeren Vorstand eine Erklärung über die Teuerungsmaßregeln, die sich weit von einer objektiven Beurteilung der Regierungsaktion entfernt. Zur Sache bemerkt die Erklärung, die Ursache der Teuerung liege in der fehlerhaften Organisation der Vermittelung zwischen dem Erzeuger und dem Verbraucher des Fleisches. Hier hätte die Regierung einsetzen müssen. Dabei wird verschwiegen, daß die angekündigten Erleichterungen des Vieh- und Fleisch- importeS ausdrücklich an Bedingungen geknüpft sind, die eine bessere Organisation der Flcischversorgung bezwecken. Die Er- klärung unterläßt auch, zu sagen, welche Besserungsvor- schlüge der Bund der Landwirte selbst auf diesem Gebiete zu machen hätte. Statt dessen wird der Regierung vorgeworfen, sie erwecke den Anschein,»daß ihre Maßnahmen durch die Absicht veranlaßt sind, dem Geschrei der landwirtschaftsfeindlichen Demokratie nachzugeben und den mehr oder weniger durchsichtigen Bestrebungen der Interessenten an der argentinischen Fleischeinfuhr entgegen- zukommen, und hierdurch den Glauben hervorruft, daß sie tat- sächlich den Standpunkt dieser Kreise vertritt und fördert." Darf sich noch über„hetzerische Agitation" seiner Gegner be- klagen, wer mit solchen Insinuationen arbeitet? Ein solcher Ton kann auch nicht durch die Annahme entschuldigt werden, daß sich in der Aktion der Regierung eine Abwendung von der bisherigen Wirtschaftspolitik anzeige. Denn diese Annahme ist willkürlich und mit den pro- grammatischen Erklärungen bei Erlaß der vorübergehenden Teue- "rungSmaßregeln unvereinbar. Die Regierung dient durch Anerkennung der durch die Fleischteuerung geschaffenen Belastung weiter Volkskreise und durch den ernsten Versuch, ihr entgegenzu- wirken, der Sicherung der bestehenden Wirtschaftspolitik besser als durch gleichgültige Untätigkeit. Dagegen können, wie wir glauben, so einseitige Kundgebungen, wie die vorliegende des Bundes der Landwirte, nur dazu beitragen, die Vertretung der bisherigen die Interessen der Landwirtschaft und der Industrie gleichmäßig wahrnehmenden Politik deS Schutzes der nationalen Arbeit zu erschweren." Die Vorwürfe des absichtlichen Verschweigens, der bos haften Unterstellung unentschuldbaren Tones, willkürliches und mit den Tatsachen unvereinbarer Annahmen, gleichgültiger Untätigkeit gegenüber der Not des Volkes usw. sind ja nicht zum erstenmal gegen den Bund erhoben worden. Uns kann es nur recht sein, wenn die verlogene bündlerische Hetze auch von der Regierung ausdrücklich gekennzeichnet wird. Nur wissen wir, daß hinter diesem versteckten Angriff nichts als die feige Verteidigung gegen den Vorwurf des Bruches mit der bewährten Wirtschaftspolitik steckt. Im Grunde ist die Regie' rung ja doch die Hörige, sie wünscht nur nicht, daß ihr Herr sie auch so tituliert. Dennoch— die Charakterisierung der Bundes„arbeit" im Teuerungskampfe wollen wir nicht vergessen. Kritik der Städte. Nun haben auch die kleinerem und mittelgroßen) Städte, die im Reichsverband deutscher Städte organisiert sind, zu den Maßnahmen der Regierung Stellung genommen. Auch sie, in deren Vertoal tungen das konservative Element eine ziemlich große Rolle spielt, haben auf ihrer gestrigen Tagung in Berlin erklärt, daß die Regierungsaktion ungenügend und der Erfolg zweifelhaft ist. Zum mindesten fordern sie aber, daß die ganz unberechtigte Ausschließung der kleinen Städte von den Regierungsvergünstigun es würde viel Zeit und Mühe erspart werden, wenn jeder nach Beendigung einer Untersuwung auch mit selbstloser Vertiefung in den Gegenstand kritisch erwägen würde, was die gefundenen Tat- fachen für die großen und allgemeinen Probleme semer Wissenschaft bedeuten. Wir fürchten, die Wünsche und Hoffnungen des verdienten Ge- lehrten werden nicht in Erfüllung gehen. Denn sie passen schlecht in eine Zeit hinein, die die Wissenschast für gerade gut genug hält, ein „Geschäft" neben den anderen mehr oder weniger erträglichen zu sein. Erst wenn die Herrschaft des Profitinieresses in der Wissen- schaft wie überall gebrochen wird, kann die rationelle Organisierung des wissenschaftlichen Getriebe«, die im Grunde auf ähnlichen Vor- aussetzungen wie die Organisation der Wirtschaft beruht, zu einem Problem werden, dessen Lösung nicht mehr von gutem Willen des einzelnen, sondem von der Gesamtheit angestrebt und getragen wird. „Lord Rutland ist Shakespeare." Unter diesem Titel läßt in den nächsten Tagen der Brüsseler Literaturprofessor Genosse Celestin Demblon in Paris ein Werk von S70 Seiten erscheinen, in dem er die auch von einem deutschen Shakespearekenner bereits aufgestellte Hypothese beweisen will, daß die Dramen Shakespeares von dem Carl of Rutland verfaßt seien. Dem Werk, das auch in Englisch erscheinen soll, wird ein anderes Buch folgen unter dem Titel„Der Verfasser des Hamlet und seine Umgebung". In diesen beiden Arbeiten glaubt der belgische Gelehrte seine Theorie in so über- zeugender Weise bewiesen zu haben, daß man nach seiner Ansicht die Dreihundertjahrfeier zu Ehren Shakespeares im Jahre 1916 in eine Rutlandfeier umwandeln wird, ja daß sich an diesem Fest sogar die Baconianer beteiligen werden. Vorläufig wird man freilich gut tun, nicht nur diesen überschwänglichen Hoffnungen, sondern noch mehr den wissenschaftlichen Resultaten des Forschers mit skeptischer Zurückhaltung gegenüberzustehen. London— Bombay mit der Flugmaschine. In Bombay hat sich ein Komitee indischer Sportsfteunde gebildet, das im kommenden Sommer einen interessanten großen Fernflug veranstalten soll: Flugmaschinen und Pilot sollen im Wettkampf ihre Fähigkeit er- weilen, die Reise von London nach Bombay mit der Flugmaschine zurückzulegen. Die mit Hilfe der britischen geographischen Gesell- schaft zusammengestellte Flugroute beginnt in London und führt über Calais, Brüssel, Köln, Rastatt nach Wien, Budapest, Belgrad, Sofia und Konstantinopel, wo die europäische Strecke endet. Dann wird der Bosporus überflogen, die Strecke erreicht bei MeSkine den Euphrat, führt dann über de» Tigris nach Basra und folgt hier der Küstenlinie bis Karachi. Von hier aus muß dann Bombay in einem Fluge erreicht werden. Es kommt bei diesem Fernfluge weniger aus die Schnelligkeit an, als auf die sichere Ueberwindung der gewaltigen Entfernungen; mau rechnet, daß der Flug London— Bombay inS- gesamt gegen 11 Tage erfordern wird. Eine Reihe indischer Fürsten unterstützt den Plan mit stattlichen Geldspenden. Skulpturen, die angeblich 200000 Jahre alt find. Unseren Altvorderen aus grauer Zeit, die daS Feuer noch nicht kannten und sich als Waffen grob behauener Stücke von Kieselsteinen bedienten, war bereits die künstlerische Betätigung kein wesenS- gen beseitigt wird. Der Vorfitzende des Verbandes wurde bcauf- tragt, dem Reichskanzler folgende Entschließung zu unter- breiten: „1. Der Vorstand des Reichsverbandes deutscher Städte steht mit dem Vorstande des Deutschen! Städtetages auf dem Standpunkt, daß es nicht als die Aufgabe der deutschen Städte anzusehen ist, dauernd in die Preisgestaltung der Nahrungsmittel einzugreifen. 2. Der Vorstand bezweifcl t gleich dem Vorstand des Deutschen Städtetages den Erfolg der von der preußischen Staatsregierung in Aussicht gestellten Maßnahmen, namentlich ist ein solcher für die kleinen Städte, die ein Schlachthaus nicht besitzen, von vornherein n i ch t a n z u n e h m c n. 3. Ter Vorstand empfiehlt der Staatsregierung neben der vom Vorstand des Deut- schen Städtetages vorgeschlagenen Aufhebung oder Milderung des § 12 des FleischbeschaugesetzeS und neben den von der preußischen Staaisregierung in Aussicht gestellten Maßnahmen: 1. Den Erlaß von Ausfuhrverboten für deutsches Schlacht- bieh, insbesondere Hammel, 2. Errichtung von Schlachthäusern an der Grenze und Gleichstellung des dort geprüften ausländi- schen Fleisches mit dem Jnlande, 3. Fortfall des Zolles für aus den deutschen Kolonien eingeführtes Fleisch, 4. weitgeheixdste Eisenbahn frachtermäßigungen. Im übrigen muß erwartet werden, daß die kleinen Mittel zur Hebung der größten augenblicklichen Notstände durch Hebung der Fleischproduktion im Inland, Schaffung von Bauerngütern, Ver- Hinderung ungesunder Fidcikommißbildungen usw. ersetzt werden, um dadurch eine gesunde dauernde Lage' herbeizuführen." Auch ein Beitrag zur Fleischnot. Nach dem Monatsbericht des»Königlich preußischen statistischen Landesamts" wurden auf den 17 großen Schlachtviehmärktcn Preußens im Monat August 1912 gegen denselben Monat im Vor- jähre weniger aufgetrieben: 4 576 Stück Großvieh, 12 718 Kälber, 748 Schweine. Dagegen wies der Auftrieb an Schafen ein Mehr von 18 425 Stück auf. Immerhin ergibt dies bei Zugrundelegung des offiziellen Durchschnittsgewichts ein Minus von 1 309 069 Kilogramm. Welche Rückwirkung das Fehlen einer solchen Menge Fleisches auf die Er- nährung weiter Schichten der Bevölkerung ausübt, kann man sich leicht denken, wenn dann außerdem berücksichtigt wird, daß sich innerhalb eines Jahres die Bevölkerung in Preußen um etwa eine halbe Million vermehrt hat. Diese Tatsachen sind einfach nicht weg« zuleugnen. Hier muß unbedingt Abhilfe geschaffen werden. Obstruktion der Fleischer. In I e n a hat der Verkauf dänischen Fleisches durch die Stadt begonnen. Die Preise stellen sich iw den städtischen Verkaufsstellen um 29 bis 39 Pf. billiger als bei den Fleischermeistern. Auch mit dem Vorstand der Fleischerinnungen wurden Verhandlungen ge- pflogen. Die Herren Fleischer sind befragt worden, ob sie in ihren Verkaufsläden dänisches Fleisch mit einem geringen Aufschlag ver- kaufen wollen! Die Herrschaften haben sich aber» trotzdem der Ober- meister der Innung versicherte, innerhalb 48 Stunden eine bindende Antwort zu geben, bisher umdie Beantwortung derFrage herumgedrückt. Der Erfurter Magistrat hat durch eine Delegation« in Holland ca. 169 Zentner Kalb- und Rindfleisch und 18 Schweine gekauft. DaS Fleisch verkaufen die Fleischer zu Preisen, die mit dem Magistrat vereinbart wurden. Für den Verkauf sind den Fleischern 12 Pf. pro Pfund gewährt wordeni, die Fleischerinnung verlangte erst 18 Pf. Die städtisches Fleisch verkaufenden Fleischer zeigen diesen Verkauf ihren Kunden durch ein im VerkaufsMal ausgehängtes Plakat ab. DaS Inserieren haben die Fleischer abgelehnt, auch wenn der Magistraj die Inserate bezahlen würde. fremdes Ding. Vor einigen Monaten erst konnten die französischen Zeitungen von der Auffindung überraschend schöner farbiger, mehr als 29 999 Jahre alter Tierbrlder berichten, die die Wände der in den Pyrenäen belegenen Altamiragrotte bedecken, und von denen einige Fragmente noch die fast unversehrte Farbenstische bewahrt haben. Jetzt hat auf dem letzten Kongreß für prähistorische Anthropologie und Archäologie, der seine 14. Versammlung so- eben in Genf abgehalten hat. der französische Gelehrte d'Harvent aus Bölhune Kieselskulpturen vorgelegt, die menschliche Figuren nach der Natur zur Darstellung bringen. Sie wurden inmitten von Waffen aus derselben Zeitperiode in Kieselalluvium der Ouartärformation gefunden. d'Harvent knüpfte an die Vorlage der dem Kongreß in Gens unterbreiteten Fundstücke überaus intereffante Mitteilungen über diese ersten bildhauerischen Versuche der Menschen, Diese grob ausgehauenen„Sreinfiguren" wurden von Höhlenmenschen in be- wußter Retouchierarbeit zu dem Zwecke verfeinert, um die Lebens» ähnlichkeit schärfer zu betonen. Der darunter befindliche gewaltige und verblüffend ausdrucksvolle affenähnliche Kopf sieht, wie die im.Matin" wiedergegebene Abbildung der Fundstücke erkennen läßt, in GestchtsauSdruck und Schädelbildung einem Gorilla zum Verwechseln ähnlich und ist vielleicht die Porträt« büste eines unserer prähistorischen Ahnherrn. Daneben befinden sich Vogelköpfe und Tiermasken, die roh. aber mit bildnerischer An- schaulichkeit auS dem Stein herausgehauen worden sind. Nach der Ansicht des prähistorischen Sachlenners Gabriel de Mortillet und anderer maßgebenden archäologischen Forscher weist die geologische Schicht der Fundstätte auf eine Entstehungszeit vor annähernd 299 999 Jahren und vielleicht noch mehr zurück. Aber wenn man, um jeder Uebertreibung aus dem Wege zu gehen, auch nur ein Alter von 199 999 Jahren annehmen will, so wird man angesichts der primitiven Proben dieser vorsintflutlichen Bildhauer zugeben müssen, daß diese immerhin in ihrem künstlerischen Vermögen unseren modernsten Futuristen noch weit voraus waren. Rottzea. — Amundfen in Berlin. Ueber die Eroberung des Südpols sprach Roald Amundfen Mittwoch abend in der Berliner Gesellschaft für Erdkunde. Er sch-.lderte in zweistündiger Rede in oeutscher Sprache das Winterquaruer an der Roßbarriere und gab dann den bereits bekannten Bericht über das Vordringen zum Südpol. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Prof. Pcnck, der an Amundfen die Mischung von Kühnheit und durch- dringender Sachkenntnis pries, überreichte ihm die höchste Aus- Zeichnung der Gesellschaft, die goldene Humboldi-Medaille.— Freitag abend spricht Amundfen über das gleiche Thema in der Phil- Harmonie. — Bode und die Seinen. Die bereits früher angcklln« digten Veränderungen in der Verwaltung des Kaifer-Friedrich- Muieums find jetzt amtlich geworden. Bode tritt die Direktion dieses Museums an seine Adlati Friedländer(Gemäldegalerie) und K o e t s ch a u(christliche Skulptur) ab und behält nur die Generaldirektion. Am System Bode wird damit freilich nichts ae» ändert. Städtische MaslnaisAK. Die Stadtverwaltung in Bochum beschloh einen Kredit von IStXX» M. zum Einkauf von dänischem und holländischem Vieh zu gewähren. Tas Fleisch soll durch die Metzger zum Verkauf ge- langen». Prcußitcller Städtetag. Düsseldorf, den 9. Oktober 1912, Wenn nicht ein„begeistert" ausgebrachtes Schlußhoch auf Wilhelm II. das absolute Unterordnungsgefühl der weitaus großen Majorität des preußischen Städtetages unter die Handlangerregierung Bethmanns herausgestrichen hätte, dann könnte man glauben, die Stadtverwaltungen wären gründlich in das oppositionelle Fahrwasser hineingelangt. An, zweiten und letzten Verhandlungstage wurden verschiedentlich sehr scharfe Töne gegen das Landratsregiment, gegen die Prakliken der städtefeindlichen Kreistage laut. Man konnte sich überhaupt nicht dcS Eindrucks erwehren, daß sich in den städtischen Organen, als Folge der fortgesetzten und immer schärfer heraus- tretenden junkerlichen Gehässigkeiten und Herrschgelüste gegenüber den Städten, eine große Summe von Verstimmung und Groll aufgespeichert hat, von dem nur kleine Quentchen explodierten. Ein Schlaglicht auf die Verh älwisse warf ein sehr dringend ausgesprochener Appell eines der Redner, des Bürgermeisters Plaßmann-Paderborn, an die großen Gemeinden, den kleinen Schwestern im Kampfe gegen die„Sklaverei" unter der Landratsfuchtel beizustehen. lind der in dieser Bitte enthaltene scharfe Vorwurf fand nicht etwa Zurückweisung, sondern Beifallskundgebungen und von verschiedenen Seiten, so auch von dem Vorsitzenden, Oberbürger- Meister Wennuth, ausdrückliche Anerkennung. Auf der Tagesordnung stand der Punkt:„Verwaltungsreform und die kreisangehörigen Städte". Referenten waren die Herren Bürgermeister W i l m s- Posen, Pieper- Rasteuburg und P l a ß in a n n- Paderborn. Sie begründeten in teilweise recht scharfen Angriffen gegen die Politik der Kreistage, welche die Städte als Milchkühe für das Land, speziell für den Großgrundbesitz aus zubenten suchen, folgende Forderungen: „Die Unterstellung des Schulwesens der mittleren und kleineren Städte unter die Landräte ist unbedingt zu verineiden. Die Schaffung provinzieller Behörden für die direkten Steuern unter Wegfall der Steucrabteilungen bei den königl. Regierungen erscheint zweckmäßig. Der Vorsitz in den Veranlagungskommissiouen ist steuertcchnisch. vorgebildeten Beamten im Hauptamt zu über tragen.• Die Aufficht des Staates über die Verwaltung der städtischen Angelegenheiten darf keinesfalls den Landräten übertragen werden. Nach dem Vorbilde der Provinz Hannover sind die kreis- angehörigen Städte auch hinsichtlich der Staatsgeschäfte nicht der Kreisinstanz, sondern einer höheren Instanz zu unterstellen. Dies gilt namentlich von den Geschäften der Polizei und WohlfahrtS- pflege. Jede Verschärfung der Vorbedingungen des Susscheidens einer Stadl aus dein Kreiskommunalverbande ist abzulehnen, vielmehr eine Erleichterung des Ausscheidens anzustreben." Bürgermeister Wilms wandte sich hauptsächlich gegen dieVer- ,uche, das gesamte Schulwesen der Oberhoheit der Landräte zu unterstellen. Er forderte Provinzialschulbehörden als Organe der Selbstverwaltung. Die Praxis der Kreisverwaltung sei auf die Formel: Rechts um, links um! eingestellt. Er sprach es ziemlich unverhohlen aus, daß der Landrat resp. die Kreis- Verwaltung als Schulbehörde den„praktischen" Unterricht der Kinder auf den GutShösen— Kartoffelroden und B i eh h ü te n— allzusehr bevorzugt werde.— Bürgermeister Pieper wies auf die Gefahren hin, die bei der in Aussicht stehenden Verwaltungsreform den Städten erwüchsen, wenn man die Staatsaufsicht generell dem Landrat übertrage. Auch bei diesem Redner war daS Leitmotiv: Los von der .Landratsdiktatur unter junkerlicher Ober- l e i t n n g l— Bürgern, eister P l a ß m a n n lenkte die Aufnierksam- keit auf die als Ausfluß der Städtefeindlichkeit erstandene Literatur. Werde doch schon ganz allgemein der Landrat als Haupt der Städte gefordert. Für Groß-Berlin allerdings wolle man sich nicht mit einem Landrat begnügen, hier solle eine kaijer- liche Präfektur der Selbstverwaltung die Fesseln an- legen. In den Kreistagen steht der Einfluß der Großgrund- besitzer mit dessen Leistungen in gar keinem Verhältnis. Unbedingt erforderlich sei eine Reform der Steuerveranlagung. Nach der jetzigen Praxis würden die Städte ganz ungebührlich belastet, daS Land erfahre eine ungerechtfertigte Schonung, ganz besonders gegenüber den Arbeitern und Beamten, deren Ein- kommen durch die vorgeschriebenen Lohnnachweisungen bis auf den letzten Pfennig erfaßt würden. Auf dem Lande erfolge die Ver- anlagung vielfach nach dem Grundsatz, daß nur die erzielten Ersparnisse, nach Abzug der Kosten für die Lebensführung, steuerpflichtiges Einkommen sei.— In der Debatte kam die Mß- stimmung über die bestehenden Verhältnisse, der Unmut über noch weitergehende Versuche der Bevornmndung, Benachteiligung und Reglementierung der Städte ebenfalls scharf zum Ausdruck. Stadt« verordnetenvorsteher Cassel forderte die Städtevertreter auf, es bei dem Kollektivprotest nicht bewenden zu lassen, sondern durch Einberusimg von Versammlungen in den Gemeinden, Jnter- pellationen an die resp. Abgeordneten usw., der Kund- gebung deS Städtetages noch größeren Nachdruck zu ver- leihen; weiter sei streng darauf zu achten, daß die Gemeinden kein Zipfelchen des vorhandenen Rechts der Kommunen auf dem Gebiete der Schulverwaltung durch schwächliches oder pessimistisches Nach- geben gegenüber landrätlichen Aspirationen, preis gäben. Den Leitsätzen der Referenten gab der Städtetag schließlich grundsätzlich seine Zustimmung. Bon dem Verlauf deS Städtetages werden die Staats- und Kreisbehörden mindestens nicht angenehm überrascht sein. Leider be« rechtigt das bisherige Verhalten der Stadtverwaltungen und des Bürgertums nicht zu der Hoffnung, daß die Opposition gegen das Junkerregiment von Dauer und konsequent sein wird. In den meisten Fällen kommender Konflikte wird man Umfülle konstatieren müssen._ Achter Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands. Vierter Tag. Dresden. 10. Oktober. Der heutige, letzte Verhandlungstag wurde eingeleitet mit Refe- raten über das Arbeitsrecht. Der erste Referent ist Referendar Röhr- M.-Gladbach. L tedner meint daß unser geltendes Arbeitsvertragsrecht.im allgemeinen nicht schlecht ist. Im einzelnen hält er für wünschenswert die Zu- zichuua von Arbeitern zur Gewerbeinspektion. eine weitere Aus- dehnung d-S„sanitären Maximalarbcitstages" auf Betriebe, in denen noch überlange Arbeitszeit herrscht, die gesetzliche Lohnfest- setzung für Heimarbeit, eine allgemeine Fassung der§8 123, 124 der Gewerbeordnung betreffend kündigungSlose Aufhebung des Arbeitsverhältnisses, Sicherung der Arbeiter, die auf dem Arbeits- Verhältnis heruhenhe offeuiliZsse Funktiotleir issahrnehmen. gegen Maßregelung, möglichst genaue Fixierung des Kontraktbruchbegriffs und Neuregelung der Konkurrenzklausel auch für Lohnarbeiter. Bezüglich der Arbeitsordnung ist Referent der Ansicht, daß ihre Wirksamkeit von der Behändigung abhängig gemacht werden, und daß sie, soweit mit ihrer Hilfe im Interesse der Arbeiter erlassene Gesetzesvorschristen ausbedungen oder besondere Befugnisse des Arbeitgebers, wie Festsetzung von Strafen und Entlassungsgründen, begründet werden, mit der Arbeiterschaft vereinbart werden muß. Den Berufsvereinen müsse wenigstens die Fähigkeit zum Klagen gegeben werden, da man sie andererseits berklagen könne. Was die rechtliche Stellung der Tarifverträge anlangt, so lasse sich im all- gemeinen mit den von Wissenschaft und Praxis aus der bestehenden Gesetzgebung herausgearbeiteten Grundsätzen auskommen. Für ein Tarifvertragsgesetz seien die Verhältnisse noch nicht reif. Der Parteiwille müsse beim Abschluß genau zum Ausdruck gebracht und Gesetzesgewandheit an den Tag gelegt werden. Hinsichtlich des Koalitionsrechts hält Redner§ 152 der Gewerbeordnung mindestens für unschädlich für die Arbeiterschaft, da Tarif- Verträge nicht darunter fallen. Im übrigen aber liege es im Jnter- esse der Arbeiterschaft, daß die Leistungen der Organisation an die Mitglieder und umgekehrt die Leistungen der Mitglieder an die Organisation nicht im Wege der Klage geltend gemacht werden könne.§ 153 der Gewerbeordnung könne fallen. Zum Schluß be- sprach Redner die rechtliche Bedeutung der gewerblichen Kampf- mittel unter Zugrundelegung der Spruchpraxis des Reichsgerichts, der übrigen Gericht« und der Rechtswissenschaft. Er betonte dabei, daß man der Rechtsprechung einseitige Stellungnahme nicht vor- werfen könne. lBeifall.) Der zweite Referent, Reichstagsabgeordneter Becker- Berlin, erörterte an der Hand zahlreicher Beispiele die verschiedenen Formen der Kodifikationsmöglichkeiten des Arbeitsrechts. Er umgrenzte die Teile des Arbeitsvertrages, die der freien Vereinbarung nicht entzogen werden könnten. Auch eine demokratisch-sozialistische Pro- dirktionsovdnung könne ohne das Anrdnungsrecht des Produktions- leiters nicht auskommen. Redner wandte sich dann scharf gegen jene, die einen erhöhten gesetzlichen Arbeitswilligenschutz anstrebten. Er teilte sie in drei Gruppen': in solche, die in ehrlicher Entrüstung über terroristische Vorfälle in mangelnder Kenntnis der Anwendung der geltenden strafrechtlichen Bestimmungen ihre Forderung er- heben; während andere aus innerer Gegnerschaft gegen jede selb- ständige Arbeiterbewegung neue Maßregeln verlangen. Bei der dritten sei es ein Manko an Umsicht und Klugheit im Kampf gegen die Sozialdemokratie, die deshalb leider oft zu den unglücklichsten Kampfmitteln griffen. sZustimmung.) Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf daS gewerbliche Schieds- und Eiaigungswesen. Als erster Referent sprach der frühere preußische Handelsminister Stantsminister Freiherr v. Berlepsch. Der zweite Referent war Verbandsvorsitzender Kurtscheid- Köln. Beide Referenten legten dem Kongreß folgende Resolution zur Annahme vor: �, „Der 8. Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands betrachtet das gewerbliche Schieds- und Einigungswesen als eine Einrichtung, die berufen ist, die zwischen Arbeitern und Arbeit- gebern aus dem gewerblichen Arbeitsvertrag entstehenden Diffc- renzen in einem gerechten und billigen Ausgleich friedlich beizu- legen. Dieses Ziel kann jedoch nur dann in möglichst tveitem Umfange erreicht werden, wenn einmal das gewerbliche Schieds- und Einigungswesen in allen Gewerben und Industrien— besonders auch in der Großindustrie— Eingang findet und wenn es ferner in der bestmöglichen Weise gehanbhabi und nach ständiger Vervollkommung gestrebt wird. Letzteres ist um so notwendiger, weil daS gewerbliche Schieds- und Einigungswesen gerade in der Zukunft berufen sein wird, über wichtige Lebensfragen der Arbeiterschaft und von Gewerbe und Industrie, sowie über gewaltige nationale Werte zu«nt- scheiden. Aus diesem Grunde erachtet es der Kongreß ins- besondere als eine Selbstverständlichkeit, daß in den gewerblichen Schieds- und Einigungsämtern alle in Betracht kommenden Ge- Werkschaftseinrichtungen vertreten sein müssen. Er erhebt deshalb gegen die einseitige Besetzung der Schieds» und Einigungsämter für das Buchdruck-, Chemigraphen- und Kupferdruckgewerbe mit sozialdemokratisch arganisierteu Arbeiterbeisitzern und gegen das Bestreben, diese verwerfliche Praxis auch auf andere Gewerbe zu übertragen, den schärfsten Protest. Die auf dem Kongreß vertretenen Organisationen verpflichten sich, in Zukunft alles aufzubieten, um eine Monopolstellung der sozialdsmokratischen Verbände im gewerblichen Schieds- und Einigungswesen zu ver- hindern und den christlichen Gewerkschaften den ihnen gebühren- den Einfluß zu sichern. In diesem Bestreben rechnen sie auf die katkräftige Hilfe der christlich-nationalen Arbeiterschaft, sowie aller jener Kreis«, denen die Wahrnehmung der allgemeinen Interessen des deutschen Volkes obliegt." Fräulein B e h m- Hannover, Vorfitzende deS Vereins christ- licher Heimarbeiterinnen, stellt folgenden Zusatzantrag zu der Reso- lution: „Der Kongreß stellt fest, daß die tarifliche Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse der hausindustriell beschäftigten Arbeiter schwer zu erreichen und durchzuführen ist. Er hält deshalb nach wie vor den Zwang zur Feststellung rechtsverbindlicher Löhne für unerläßlich." In der Diskussion betonte Reichstagsabgeordneter GieS- berts, daß Einigungsbeschlüsse nur durchführbar sind, wenn in den betreffenden Gewerkschaften eine stramme Disziplin herrscht, der die Mitglieder auch folgen. Wenn aber die Unternehmer sagen können, die Arbeiter sind noch unzuverlässig, sie folgen der Parole ihrer Verbände nicht, dann ist den Unternehmern nicht zu ver- denken, wenn sie auf Vertragsabschlüsse und Einigungssprüche nicht eingehen. Es war vielleicht ein Fehler der Regierung, daß sie mit der Vermittelung im Bergarbeiterstreik gewartet bat, bis sie von der ReichStagstribünc dazu angeregt wurde. Aber eS ist doch immerhin anerkennenswert, daß Staatssekretär Delbrück selbst, was zum ersten Male in Deutschland vorgekommen ist. die Initiative ergriff, um eine Konferenz einzuberufen, die den drohenden Streik abwenden konnte. In dieser Konferenz gaben die Vertreter des alten Verbandes, Hue und Sachse, zu, daß sie ihrerseits durchaus nicht die Erfiillung der vollen Lohnforderung, nämlich 15 Proz., verlangen, sondern daß sie auch mit 10 oder 9 Proz. zufrieden sein würden. Von der Unternehmerseite wurde eingewendet, daß die Arbeiterausschüsse zu solchen Verhandlungen nicht kompetent seien. Staatssekretär wies das Gegenteil aus den Protokollen des Land- tages nach. Nun fragte Herr Delbrück: Kann ich wohl haften, daß der Streik solange vermieden werden Wird, bis diese Verhandlungen eingeleitet und durchgeführt sind? Für den Erfolg meiner Aktion wäre das doch von großer Bedeutung, wenn nicht jetzt, während die Verhandlungen noch schweben, der Streik im Ruhrrevier ausbricht. Darauf erklärten Hue und Sachse, sie könnten keine Garantie dafür übernehmen, daß der Streik am Montag nicht losgehen würde. (Hört! hört!) Die Führer wären gern bereit, so lange zu warten, aber die Massen ließen sich nicht halten. Sie seien enttauscht über die lange HinauSschiebung der Beantwortung der Forderungen durch die Zechen, Ich sagte, es müsse einmal aufhören, daß die Streiks im Nuhrrevicr so aus dem Handgelenk ohne Disziplin und vorherige Uebcrlegung und ohne genügende Fühlung aller Ver- bände untereinander ausbrechen kömiten. Ich erklärte es für sehr bedauerlich, daß die Gewerkschaftsführer nicht einmal soviel Autorität haben, den Strcikbeginn hinauszuschieben, bis der Staats- sckretär seine Verhandlungen durchgeführt habe. In diesem Zu- sammenhange habe ich den Ausdruck gebraucht, der nachher so entstellt worden ist:„Wir christlichen Arbeiter werden einem solchen. Streik mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln cntgegcniretcn." (Lebhaftes Sehr richtig!) Den Grundsatz vertrete ich auch heute noch und da mag die sozialdemotratische Presse über Streitbruch schreien, soviel sie will. Auf dem Chemnitzer Parteitag hat Hue jeden als Lügner und Verleumder bezeichnet, der behaupte, caß der Streik aus politischen Gründen geführt worden sei. Ich dezeichne jeden als VolksbekrügeL od'eL geiverkschaftlichen Jdwleck, ker be- hauptet. daß dieser Streik nach gewerkschaftlichen Grundsätzen ge- führt worden sei.(Stürmischer Beifall.) Die Erklärung ist der Bergarbeiterverband und die Sozialdemokratie der ganzen Oeffent- lichkeit schuldig, aus welchen Motiven dieser Streik angezettelb wurde, und warum nicht dabei die gewerkschaftliche Taktik befolgs wurde. Man muß sich nur in die damalige Situation und in dis Initiative des Staatssekretärs hineindenken, um die Schwere des Störung dieser Initiative zu verstehen. Es ist wohl zu bedenken, daß die großen Unternehmer, deren Halsstarrigkeit man doch kenns und die im Jahre 1905 jedes Verhandeln mit dem Verband absoluv ablehnten, diesmal auf ein höfliches Schreiben der Verbände Höf- lich antworteten und die Kompetenz der Verbände zu Verhandlung gen nicht bestritten. Es wurde sogar in die Oeffentlichkeit lanciert, daß eine Lohnerhöhung notwendig sei. Durch das Vorgehen des Bergarbeiterverbandes aber ist den Scharfmacherunternehmerw Wasser auf die Mühle getrieben worden und deshalb ist heute die Situation im Bergbau viel schwerer als vorher. Die Haltung des christlichen Bergarbeiterverbandes war also nicht nur intakt bezüg- lich der gewerkschaftlichen Methode, sondern eine höchst erfreuliche» Tat. für die ihm ganz Deutschland dankbar sein kann.(Stürmischen Beifall.) Ich will nicht bestreiten, daß auch unter den Sozialdemo- kraten eine große Anzahl Führer sind, die mit uns auf dem Wege- brieflicher Einigung, soweit es möglich ist. vorgehen wollten. Aber wir sehen leider in jüngster Zeit, daß die gemäßigte positive Aich- tung in der Gewerkschaftsbewegung an Boden verliert und daß dis radikale-syndikalistische Richtung stark an Einfluß gewonnen hat« (Sehr richtig!) Das ist für alle, die den Frieden wollen, höchst be- dauerlich und kann uns nur bestärken, daß die Sache des Friedens zwischen Arbeit und Kapital in Deutschland sich stützen muß auf das Zusammenwirken der christlich-nationalen Arbeiterbewegung mit der Gesellschaft für soziale Reform.(Stürmischer Beifall.p Wir müssen fordern, daß die Regierung Maßnahmen im Sinne dieser Einigungstendenzen trifft, aber leider wird sie bei dem starken Widerstand der Großindustrie vorläufig dafür nicht zu haben sein.(Lebhafter Beifall.) Die Resolution Berlepsch-Kurtscheid wird mit dem! Zusatzantrag B e h m angenommen. Zur Frage des Arbeitsrechts wird noch beschlossen, auf eine! Vereinheitlichung der Kodifizierung hinzuwirken. Der bisherige Vorstand wird wiedergewählt, der Ausschuß aus den einzelnen Verbänden zusammengesetzt. Der Vorsitzende Reichs- tagsabgeordneter Schiffer schließt darauf den Kongreß mit einem Hoch auf die christlichen Gewerkschaften. ftis InduCtrie und Handel* Der Staat als Preistreiber. Wie man jetzt offiziell erfährt, hat der Vertreter des preußischen Bergfiskus beim rheinisch-westfäli- schen Kohlensyndikat eine Preiserhöhung von durch» schnittlich 1 Mark pro Tonne für sämtliche Brenn st offe vom 1. April 1913 ab beantragt. Die nächste Mitgliederversammlung des Syndikats wird am 14. d. M. diesem Antrage entsprechen. Man erinnert sich daran, wie der preußische Staat im Winter seinen „provisorischen" Beitritt zum Syndikat begründete: er wolle ein Gegengewicht gegenüber den reinen Privat- erwerbsinteressen bilden und werde sofort austreten. falls man die Bedürfnisse der Konsumenten außer Acht lasse. Schon damals wurde dem Staat— und gerade auch von konservativer Seite in schärf- ster Form— gesagt, daß sein Beitritt vielmehr eine Unterwerfung unter die Herrschaft der rheinisch- west- fälischen Zechenherren bedeute. Und jetzt vertritt der Staat nicht etwa nur nicht die Interessen des Konsums, sondern schädigt sie auch noch durch seinen Antrag auf Preiserhöhungen unmittelbar. Trotzdem er so schlechte Löhne zahlt, daß die Bergleute in Scharen die fiskalischen Gruben verlassen, steht es mit den finanziellen Ergebnissen der staatlichen Kohlen- bergwerke schlecht. Seit einiger Zeit hat man bereits Prämien für die Beamten eingeführt, um sie an dem Ertrage zu inter- esfieren, d. h. sie zu schonungsloser Ausnutzung der Berg- arbeiter anzuregen. Die Preiserhöhung für Brennstoffe ist ein neues Mittel, den Finanzen des preußischen Staates aufzu- helfen. Ob das auf Kosten des Konsums geschieht, ist dem Fiskus natürlich gleichgültig. Allein die preußische Regierung kann den Mut haben, selbst den Antrag aus Preiserhöhung zu stellen und damit den Wucher eines privaten Monopols ausdrücklich zu sankttonieren l Die Zechenherren aber werden sich über das tolpatschige Vorgehen des Fiskus ins Fäustchen lachen. Der Staat übernimmt die Verantwortung und sie freuen sich des Profits. SpirituSkonvention. Die„Verständigung" zwischen Spirituszentrale und Spiritus!- abnehmern ist jetzt in allen Punkten zustande gekommen. Grund- sätzliche Aenderungen des von uns bereits besprochenen Entwurfs sind nicht getroffen worden. Gegen. Gewährung eines Rabattes unterwerfen sich die Destillateure weitgehenden, von der Zentrale vorgeschriebenen Einkaufs, und Berka ufSbedingungen. Ins- besondere verpflichten sie sich, Spirituosen nur mit einem Mindestalkoholgehalt von 25 Proz. abzugeben. Tie Konvention liefert die Destillateure der Schnapszentrale auf Gnade und Ungnade aus. Aber der Raub zielt ebenso sehr auf die Taschen der Konsumenten. Völlige Meidung des Schnapses der deutschen Junker, die dem Arbeiter die Nahrungsmittel verweigern und verteuern, muh diesen neuen Raubzug vereiteln! Der von den Brennern ausgeübte Zwang, in welchem Grade der schädliche Fusel genossen werden soll, wird ihnen den„Genuß" erst recht verekeln. Sozialed* Der Chef als Verführer. Vor der zweiten Kammer de» hiesigen KaufmannSaerichiS rich, tete sich eine Gehaltöklaae gegen die Weißwarenfirma Jakobsohn u. Holländer. Bei der Firma war die Klägerin, ein Fräulein Z., mit 65 M. Monatsgehalt angestellt. Mit ihr hat zugestandenermaßen der eine Mitinhaber der Firma H.. wahrend sie bei ihm in Stellung war. intim verkehrt. Die Angehörigen des jungen Mädchens streng- ten wegen Verführung ein« Schadenersatzklage beim ordentlichen Gericht an. wo die Klage noch schwebt. Zugleich verlangen sie beim Kaufmannsgericht Istehalt für die nüchsten drei Monate. Sic be- gründen ihre Klage damit, daß. als Fraulein Z. erkrankte, der Mit- inhaber H. ihr SchadloShalwng diS zur Wiedergenesung und Be- foratHß einer neuen Stellung öcrfpradj. Das Gehalt bis zum 1. Oktober hatte er denn auch bezahlt, aber eine andere Beschäfti- gung habe H.ihr nicht zugewiesen. Damit die Gehilfin ihrem früheren Chef nicht selber als Klägerin gegenüberzutreten braucht. hat sie ihre Forderung einem Verwandten abgetreten, der nun in der Verhandlung an ihrer Statt als Kläger austrat.— Die von dem anderen Inhaber Herrn I., vertretene Firma stellte sich auf den eigentümlichen Standpunkt, daß das, was ein Inhaber deS.Ge- fchäftS mit den weiblichen Angestellten vorhabe, die Firma gar nichts anging«! Wenn Fraulein Z. glaubt, an den Sozius H. Forderun- gen stellen zu müssen, so möge sie sich an Herrn H. p«rsSalich halten. Das Siwsmaoosgttlcht Um aus lsrmellui Gründen zur Lb. tveisung bot von bcm VerKanblen Sei sungen Mädchens angestrengten Klage, lveil Gchaltsforberungen bis 1ö(X1 M. jährlich nach dem Lohnbeschlagnahmegesetz nicht abgetreten werden können. Das Gericht stellte gleichzeitig anHeim, daß Fräulein Z. als Geschädigte selber die Klage erhebe und ließ auch den erschienenen Chef nicht darüber im Zweifel, daß er mit seinem Einwand kaum Erfolg haben dürfte. In der kommenden Klagesache soll H. als Hauptbe- tciligtcr der Affäre selber vor Gericht erscheinen. Die Frage des Gehaltsausschlusscs im Krankheitsfälle scheint, nachdem betreffs der Gültigkeit eines derartigen Vertrag- lichen Ausschlusses die Rechtsprechung sowohl der Kaufmanns-, wie der ordentlichen Gerichte lange Zeit hin- und herschwankte, endlich der Stabilität entgegenzugehen. Nachdem erst kürzlich das Berliner Landgericht in ausführlicher rechtlicher Begründung eS für unzulässig erklärt hat, daß die Rcchtswohltat des 8 63 des Handelsgesetzbuchs(Gehalt�ahlung während der Krankheitszeit für sechs Wochen) durch besonderen Vertrag zwischen Prinzipal und Gehilfen ausge- schlössen werden kann, hat jetzt in einem vor der 3. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts verhandelten Falle auch das letztere Ge- richt denselben Standpunkt eingenommen. Das Kaufmannsgericht erklärte in seiner Begründung, daß es sich der Anschauung des Landgerichts in-der Frage des 8 63 anschließe und einen vertrag- lichen Ausschluß der Gehaltszahlung im Erkrankungsfalle für un- gültig ansehe.. Gerickts-Teiniug. Die Steglitzer Ehetragödie, die sich in» Juli dieses Jahres abgespielt hatte, beschäftigte gestern unter Vorsitz des Laudgerichtsdirektors Kannenbley die l. Straf- kammer dcö Landgerichts II. Aus der Untersuchungshaft wurde der Jalousiearbeiter Gott- fried Friedrich vorgeführt, um sich wegen gefährlicher Körperver- lctzuug, Bedrohung und Beleidigung seiner inzwischen in Geistes- trankheit verfallenen Ehefrau zu verantworten. Die Beweisauf- nähme entrollte ein unsäglich trauriges Familienbild, welches schließlich dazu geführt hatte, daß die von einem rohen Trunken- bold gequälte und mißhandelte Frau den furchtbaren Entschluß faßte, sich und ihre fünf unerwachsenen Kinder zu töten. Wie noch erinnerlich sein dürfte, wurde die Eheftau des Angeklagten, nach- dem sie Uwe fünf Kinder in der Badewanne ertränkt hatte, von Hausbewohnern noch lebend aufgefunden. Sie wurde nach dem Krankenhaus geschafft, wo die Unglückliche in Irrsinn vetfiel. Wie in der Beweisaufnahme festgestellt wurde, war die Ehe von An- fang an sehr unglücklich. Der. Ehemann vertrank seinen geringen Verdienst, den er für Jalousiereparaturen erhielt und überließ es völlig der Fra-u, den Lebensunterhalt für sich und ihre fünf Kinder im Alter von fünf Monaten bis 7 Jahre heranzuschaffen. An- fang dieses Jahres nahm F. die Portierstelle in dem Hause Ma- rienfelder Straße 1 in Steglitz an. Schon nach kurzer Zeit wurden die Hausbewohner Zeugen eines entsetzlichen Familienlebens. Es verging kein Tag, an dem F. nicht betrunken nach Hause kam. So- bald er die Wohnung betreten hatte, ertönten aus dieser heraus jämmerlick>e Weherufe und daS Geräusch von Schlägen. Sehr häufig nahm er der Frau auch noch die letzten paar Pfennige weg, die seine Frau durch Aufwartedienste sich verdient hatte, um sie in der Kneipe zu vertrinken. Wenn er dann nach Hauie kam, schlug er in der rohesten Weise auf die Frau ein, schleift« sie an den Haaren den Fußboden entlang und versetzte ihr Fußtritte in das Gesicht und den Leib, trotzdem die Frau ihrer Niederkunft ent- gegensah. Bei einem dieser Vorfälle warf er in seiner Wut sogar feine dreijährige Tochter aus der parterre gelegenen Wohnung zum Fenster hinaus. Anfangs Juli dieses Jahres zertrümmerte F., als er wieder betrunken nach Hause kam. die ganze Wohnungs- tlnrichtung, welche sich die Frau mühsam von ihrem geringen Lohn gekauft hatte. Von Hausbewohnern wurde die Polizei benachrich- tigt, die den Trunkenbold zur Wache sistierte, wo er dann seinen Rausch ausschlief. AIS er am nächsten Tage wieder in seine Woh- nung kam, bedrohte er seine Frau mit einem Küchenmesser und äußerte zu den Kindern:„Seht Euch dies mal an, morgen ist Mutter eine Leiche!" Als die Kinder diese Aeußerung der Frau wiedererzählten, geriet diese in eine wahnsinnige Angst. Sie wagte nicht mehr, die Wohnung zu betreten und quartierte sich mit ihren Kindern in einer zufällig leerstehenden Wohnung in der dritten Etage ein. Am Morgen des 4. Juli wollte ein im Hause beschäf- tigtes Dienstmädchen die Frau Friedrich aufsuchen. Da sie diese nicht in der Wohnung fand, ging sie in die leerstehende Wohnung hinein, nachdem sie. BöseS ahnend, die Hausbewohner alarmiert hatte. Den Eintretenden bot sich ein grausiger Anblick. Gegen eine Wand gelehnt, lagen die fünf völlig nackten Leichen der Kinder. Die unglücklick)« Frau wurde noch lebend in der vollgefüllten Bade- lvanue liegend aufgefunden. Sie wurde in das Krankenhaus ge- schafft, wo sie, nachdem sie das Bewußtsein wiedererlangt hatte, in Wahnsinn verfiel. Sie befindet sich jetzt in der Irrenanstalt Dalldorf. Die Tatsache, daß der Strafantrag gegen den Ange- klagten erst nach VerÜbung jener furchtbaren Tat gestellt worden war, hatte für den Angellagten eine sehr günstige Wirkung, denn das Gericht war genötigt, in eine Prüfung einzutreten, ob die Frau, als sie den Strafantrag stellte, bereits geisteskrank war. In diesem Falle konnte der Angeklagte nur wegen der sogenannten Offizialdelikte verurteilt werden. Das Gericht kam zu der Ueber- zeugung, daß die Frau F. zu jener Zeit tatsächlich schon geisteskrank gewesen war. Die Folge war, daß der Angeklagte trotz der Schwere der ihm zur Last gelegten Straftaten mit einer sehr milden Strafe davonkam. Das Urteil lautete wegen Bedrohung und Körperver- letzung auf 1 Jahr Gefängnis unter Anrechnung von drei Mona- ten der erlittenen Untersnchungshaft. Der Staatsanwalt hatte 2y3 Jahr Gefängnis beantragt. Wie Gesinde behandelt wirst. 1. Vor dem Schöffengericht in Ansbach kam folgender Fall zur Verhandlung: Ein Dierzstmädchew war von ihrem Dienstherrn, dem Landwirt Stürzenhofecker in MeinhardSwinden. wegen Entlaufenö aus dem Dienst angezeigt worden. Sie erklärte, daß sie dies nur getan habe, um den unsittlichen Nachstellungen des Dienstherrn, der sie schon dreimal zn Fall gebracht habe, endlich zu entgehen. Der Anzeiger war als Zeuge erschienem und beschwor, trotz eindringlicher Ermahnungen dcS Vorsitzenden» niemals an das Mädchen derartige Zumutungen gestellt, noch gar mit ihr geschlechtlich vertehrt zu Hadem Zulcbt aber wurde er durch das Zeugnis eines Gendarmem der die Recherchen in der Sache geführt, derartig in die Enge ge- trieben» daß er zugestand, einmal mit dem Madchen verkehrt ,« haben. Daraufhin beantragte selbst der Anklagevertreter Frei- sprechung und Ueberbürdung der Kosten auf den Anzeiger. Dem Antrag entsprach das Gericht. �. Ter Vorfall dürfte noch ein Nachspiel in Gci.aU eines Prozesses wegen wissentlich falscher Denunziation und wegen Meineides gegen den Diensthcrrn haben. Lediglich ein Zufall hat cS in vorliegendem Fall gefügt, daß da» schuldlose und geschändete Madchen nicht noch bestraft ist, weil es. weiteren Schändungen entsloh. wie viel Fällen mögen bei ähnluhem Sachverhalt Mädchen wegen„Ent- laufens" aus dem Dienst bestraft worden fein! Um dann schreit ein heuchlerisches Agrariertum in Bayern nicht minder wie in Preußen von der„Unbotmäßigkeit" und dem.Vertragsbruch" des Gesindes. Wann, endlich werden die zum Himmel schreienden. der Gerechtigkeit und anständigem Empfinden ins Gesicht schlagenden Ausnahmegesetze gegen da» Gesinde aufgehoben werden? 2. Unser Geraer Parteiblatt bringt einen anderen Beitrag zur Aschtlosigkeit der Gesindes. iJnr Oktober vorigen JaffteZ stettniekeke sich Bre 18 jährige Helene H. in Debschwitz dem Pfarrer M. Knauer in Wolfsgefärth als Dienstmädchen. Zu ihren Pflichten gehörte auch, daß sie alle Morgen frisches Mascbwasser in einem alten Marmeladeneimer eine Treppe hoch vor die Tür des Schlafzimmers zu tragen und hinzu- setzen hatte. Am Morgen des 21. Februar dieses Jahres sagte der Pfarrer zu dem Mädchen:„Wenn du mir noch einmal solch dreckiges Wasser bringst, so schmeiße ich es dir an den Kopf mitsamt dem Eimer." Kaum war das Mädchen die Treppe hinunter, als ihr der mit Wasser gefüllte Eimer an den Hinterkopf flog. Das Mädchen sank gänzlich durchnäßt zusammen und hat von der wenig liebevollen Tat eine apfelgroße Beule am Hinterkopf davongetragen. Außerdem hat sie wochenlang Nasenbluten und Kopfschmerzen gehabt, woran sie heute noch leidet. Als der Pfarrer die Folgen seiner Handlung sah, versuchte er das Mädchen mit schönen Reden zu beruhigen� gab ihr eine ganze Mark Schmerzensgeld und eine Apfelsine, verbot ihr aber, den Borfall weiterzuvrrbreiten. Da» Mädchen erzählte ihren Eltern trotzdem den Vorfall am 3. März, also etwa 14 Tage später. Der Vater begab sich am 4. März in die Wohnung des Pfarrers» um ihm Vorhaltungen zu machen. Der Pfarrer gab die Mißhand- lung in Gegenwart des Mädchen» zu. Darauf löste der Vater das Dienstverhältnis auf. und stellte gegen den Pfarrer Strafantrag wegen vorsätzlicher Körperverletzung mittel» gefährlichen Werkzeugs, Z 223s des Strafgesetzbuchs. Am 22. Juni, also drei Monate und zwei Wochen später, bekam der Vater von der Amtsanwaltschaft in Weida den tiefgründigen Bescheid, daß der Antrag auf Strafverfolgung abgelehnt werde,„da dem Beschuldigten nicht nachzuweisen ist, daß er der H. den Eimer vorsätzlich auf den Kopf geworfen hat. Nach den angestellten Ecmitt- lunge» liegt höchsten» eine fahrlässige Körperverletzung vor, deren Verfolgung nicht im öffentlichen Interesse liegt. Es muß daher dem Antragsteller überlassen bleiben, gegen den Beschuldigten im Wege der Privatklage vorzugchen." Der Herr bestreite trotz der vorher- gegangenen Drohung» die Absicht» daß er den Eime habe nach dem Mädchen werfen wollen; der Eimer sei ihm aus der Hand gerutscht und die Treppe hcruntcrgekollert. Die Naturgesetze gelten wahr- scheinlich für Wolfsgefärth nicht, denn in der Regel kann ein Eimer, der einmal die Treppe herunterkollertz nicht wieder in die Höhe und an einen Kopf fliegen. Der Vater erhob gegen den Beschluß Beschwerde bei der Staats- anwalffchaft des Landgerichts in Gera und stützte sich dabei haup�- sächlich auf die Drohung» die doch auf die Vorsätzlichkeit mit zwin- gender Gewißheit schließen läßt, und ferner darauf, daß das minder- jährige Mädchen der Obhut des Pfarrers anvertraut und daher ein Grund mehr zur Erhebung der öffentlichen Klage gegeben war. Darauf lief der Bescheid ein, daß die Beschwerde unbegründet sei. Das Mädchen habe bei seiner Vernehmung selbst zugegeben, es könne nicht behaupten» daß der Beschuldigte den Eimer absichtlich nach ihm geworfen, die Körperverletzung also vorsätzlich begangen habe. Die Staatsanwaltschaft fordert also von dem Mädchen den Beweis für die Absichtlichkeit der Handlungsweise des Herrn Pfarrer», der sich au» den objektiven Tatsachen von selbst ergibt. Nunmehr erhob der Vater Beschwerde gegen den ablehnenden Beschluß des Ersten Staatsanwalts in Gera bei der Obcrstaats- anwaltfchaft in Jena, die jedoch al» unstatthaft zurückgewiesen wurde, weil dem Beschwerdeführer da» Recht der Beschwerde im Falle des 8 170 nur einmal zustehe. Die trotzdem vorgenommene Aktenprüfung habe überdies ergeben, daß die Beschwerde auch fach- lich unbegründet gewesen sei. Damit hat die„objektivste Behörde" in drei Jnswnzen abgelehnt, in öffentlichem Interesse Anklage wegen der rohen Tat zu erheben. Dem Vater und dem Mädchen bleibt freilich noch die Fortführung der Klage im Wege der Privatklage. Die Annahme, der auch unser Geraer Blatt Ausdruck gibt, es liege Verjährung vor. ist irrig. Durch den bei der AmtSanwaltschoft eingelaufenen Strafantrag ist die AntragSfrist auch für die Privatklage gewahrt. Aber be- greiflich ist eS, wenn der Vater befürchtet, auch die Richter würden in demselben Irrtum über die Naturgesetze verfallen» wie die drei Staatsanwaltschaftstnstanzen. Diese Befürchtung dürste aber un- zutreffend sein. Würde ein Gericht in Deutschland, wenn nicht der Pastor das Dienstmädchen, sondern das Dienstmädchen dem Pfarrer mit dem Eimer beworfen hätte, zweifeln, daß vorsätzliche Körper� Verletzung vorliegt, und daß die Einrede, der Eimer sei ihr nur aus der Hand gerutscht, eine frivole Leugnung der Wahrheit ist? We stellt sich denn die Staatsanwaltschaft die Führung des Be- weises der Absichtlichkcit vor? Soll der Eimer als Zeuge vernommen werden? Soll ein Naturwissenschaftler als Gutachter vernommen werden, daß auch im Haushalt des Pfarrers keine spiritistischen Kobolde walten» die einen aus Versehen in die Rutsche gekommenen Eimer hochspringen lassen? Euq aller Welt. Dfc Citamc-Katartropb« vor dem dnterbaufe. Man schreibt uns aus London vom 8. Oktober: Die erste Angelegenheit, mit der sich das wicdereröffnete englische Parka- ment zu befassen hatte, lieferte ein Beispiel von so grenzenloser Dreistigkeit des profitwütigen Kapitals, daß wir sie nicht wortlos vorübergehen lassen dürfen. Es handelte sich um die Entgegen- nähme des Berichtes der UntecsuchungSkommission über die „Titanic"-Katastrophe und um den neuen Reglementsentwurf, zu dessen Veröffentlichung sich das Handelsministerium infolge jener furchtbaren Tragödie veranlaßt gesehen hat. ES sind gerade sechs Monate, daß die Kunde von jenem Unglück daS größte Entsetzen in der ganzen Welt verbreitete. Es zeigte sich bald, daß man es nicht mit einem elementaren Schicksalsschlag zu tun hatte, den die Menschheit im Bewußtsein ihrer UnVollkommenheit mit Ergebung ertragen mutzte, sondern das Unglück erwies sich als ein neues Opfer, das die Menschheit der kapitalistischen Profitgier dar- zubringen hatte. Profitgier hatte das Schiff mit wahnsinniger Schnelligkeit in den Eisberg getrieben, aus Profitgier hatte man weder für genügende RettungSmittel noch für genügende RettungS- Mannschaft gesorgt und auS Profitgier waren die Passagiere dritter Kajüte in einer Weise untergebracht, daß sie wie ge- fangene Ratten umkommen mußten. Ja, noch mehr, eS stellte sich heraus, daß kurz vor der Katastrophe eine— freilich durchaus un- zureichende— Revision dieser Vorschriften in Erwägung stand und daß der— auS Schiffseigentümern zusammengesetzte—„Be- ratungsausschuß" des Handelsministeriums auf eine Anfrage des letzteren die Antwort gegeben hatte, daß große Sck,iffe mit wasser- dichten Abteilungen— also Schiffe wie die„Titanic" selber—, von den revidierten Vorschriften befreit werden sollten I Es schien, daß die Oesfentlichkeit diesmal strenge Rechenschaft von den Schuldigen fordern würde, und die Schuldigen, das war für jedermann klar, waren die Reeder und das Handelsministerium. Allein diese verstanden sich auf ihr Geschäft. Sie ließen den ersten Sturm ruhig über sich ergehen und suchten ihn dann zunächst mit kleinen Äoiizesjianen zu beschwichtigen. Es wurde eine Unter- suchungskommission eingesetzt, von der man auf ein weißwüscheri- sches Urteil rechnen konnte. Bevor Lord Merseys Bericht noch erschien, führten die Reeder— großenteils auch infolge des Drängen» der Seeleute, man erinnere fich bloß des Streiks auf ?«r„OlhMsslc"--- elkffgs nbwefentlM BeGesservWKi ek«««$ das Handelsministerium veröffentlichte den Entwurf eines neuett Reglements, worin hauptsächlich Rettungsboote zur Unterbringung aller an Bord befindlichen Personen verlangt werden. So glaubten die Schuldigen dem Tag mutig entgegensehen zu können, wo das Parlament zu Gericht über ihnen sitzen sollte. Aber anstatt daß Regierung und Reeder auf der Anklagebank saßen, erlebte man das Schauspiel, daß die beiden sich in boller Seelenruhe um Einzel-» fragen herumstritten, als hätten sie mit der„Tit Möbel zur Ergänzung i Kompl. Uohnun�-Elnrlchtunten, Schlafzimmer. Herrenzimmer, Wohnzimmer, Speisezimmer, Salons, farblne Küchen usw. Nur organisierte Einkassieren werden in meinem Geschäft beschäftigt. Eine Hand Wer bei mir Hübet kautt. unterstützt mich, darum gebe Ich ihm hochkulante Zahlungs- -•edingun-un die midere! Komplette Einrichtungen von 230 M. an Modern« Wohn- od Sciilafzlm. 239-900 M. Küchen 40-180 M. Garnituren 110-350 M. Sofas 92— 480 M. V ertikos 38-72 M. Ankleidesdiränke 93—165 M Möbel [Büfette 125-550 M Trumeaus 32-liO M. Ausziehtische 15.50 65 M. m Stühle von 2 M an BERLIN N Brunnen- straBe 120 Otto Viehl hreibe ich nicht aus, dafür enchält|tdts Psktt des so beliebten Vf. SenwtfO Vrilchenseifenpulvrrs sss«Goldperle�«SS ein reizendes Geschenk. 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Am Sonnabend, den 12. Oktober, hält der Privat- gärtnerverband ein Vergnügen ab. Da der Schloßpark für die Arbeiterschaft gesperrt ist, find die Karten Zurückzuweisen. Am gleichen Tage vcranstaliet der Allgemeine Deutsche Gärtnerverein im freien Lokale des„Birlenwäldchens", Schützenstr. 12, eine Vergnügungsfestlichkeit._ Wilmersdorf-Halensee. Die Parteigenossinnen und Genossen werden ersucht, sich heute, Freitag, abends 7 Uhr, zahlreich an den bekannten Stellen zur Flugblattverbreitung einzufinden. Der Vorstand. Tcmpclhof. Die Parteigenossen, welche an dem Duncker-Kursus teilgenommen haben, werden ersucht, beute abend 8 Uhr im Jugend- heim, Kaiser-Wilhelm-Str. 76, zu erscheinen. Trcptow-Baumschulcitwcg. Der Wahlverein feiert am Sonn- abend, den 12. Oktober er., im Spreegarten, Alt-Treptow 10—13, gegenüber der Sternwarte, sein 16. Stiftungsfest. Die Genossen und Genossinnen sowie Gönner und Freunde der Arbeiterschaft wollen sich recht zahlreich einfinden. Zernsdorf. Sonnabend, abends 3 Uhr, im Lokal von I. Knorr: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Tagesordnung: 1. Die Bildungsbestrebnngen der hiesigen Arbeiterschaft. 2. Vereins- angelegeuheiten und Verschiedenes.— Die Mitglieder der freien Gewerkschaften am hiesigen Orte werden ersucht, an dieser Ver- saminlung als Gäste teilzunehmen. Der Vorstand. Groß-Schönebcck. Sonntag, den 13. Oktober, nachmittags 3 Uhr: Oeffentliche Versammlung unter freiem Himmel auf dem Grundstück des Herrn Gottlieb Stegemann, Liebenwalder Straße. Arbeiterickrelär Jul. Hildebrandt-Berlin spricht über:.Die Not des Volkes und das Schweigen des Reichskanzlers." Genossen I Sorgt für Massenbesuch. Lichtenrade. Sonnabend, den 12. Oktober, abends 8'/, Uhr: Gemeinschaftlicher Zahlabend im Wirtshaus Lichtenrade. Rcinickendorf-West. Sonntag, den 13. d. MtS., früh 8 Uhr: Flugblativerbreitung von den Zahlabendlokalen aus. Die Bezirksleitung. Rudow. Am Sonntag, den 13. Oktober, nachmittags 4 Uhr: Oeffentliche Versammlung im Lokale von Palm. Referent: Genosse Z rrb eil. Genossinnen und Genossen! Sorgt für regen Besuch der Versammlung l Bezirk WaidmannSlust und Umgegend. Sonntag, den 13. Ok- tober, nachmittags 4 Uhr, in Glienicke bei Altermann: Mitglieder- versaminlung. Tagesordnmig: 1. Bericht vonr Parteitage. 2. DiS- kussion. 3. Vereinsangelegenheiten. Vormittags: Besichtigung des Gemeindegaswerks in HermSdorf. Treffpunkt 9 Uhr im Forsthanse. Hierzu find auch Gäste eingeladen. _ Die Bezirksleitung. Berliner Nacbncbten. Blutiger Hohn! Heulend pfeift der kalte Herbstwind durch die Straßen und treibt das von den Väiimen abgefallene vergilbte Laub hoch auftvirbelnd vor sich her. Regenschauer prasseln von Zeit zu Zeit hernieder, schlagen an die Fensterscheiben und herab- gelassenen Jalousien und verursachen eine schaurig klingende Musik. Die satte Bourgeoisie dreht sich in ihren weichen Fedcrpfühlen behaglich auf die andere Seite, zieht das Deckbett bis an die Nase hinauf und schläft weiter— denn es ist noch sehr früh. Für s i e bricht der Tag noch lange nicht an. Draußen aber ist längst ein reges Leben. Hastig eilen die Arbeitsbienen an einander vorüber. Mit hochgeschlagenem Rockkragen, den Hut fest auf den Kopf gedrückt, die Stullen- tasche aus schwarzem Wachsleinen fest unter den Arm geklemmt, so stürmen sie mit vorgebeugtem Oberkörper dahin, um so schnell als möglich durch die offenen Fabriktore ver- schwinden zu können. Hämmer dröhnen, Räder surren, Maschinen ächzen, stöhnen und kreischen, ein ohrenbetäubender Lärm. Doch was schiert das sie? Das ist die Musik der Arbeit, das ist ihre Welt und ohne mit einer Winiper zu zucken, gehen sie hurtig ans Werk. Ihre physische wie auch geistige Kraft gehört nicht mehr ihnen, sie steht im Dienste deS Kapitalismus. An ihn haben sie sie verkauft und nun gehts ohne Unterlaß den ganzen Tag mechanisch, automatisch— selbst Maschine. Wer beneidet sie darum?— O! viele, sebr viele sind es, die nicht das große Glück haben in diese gastliche Stätte einzugehen. Früh schon, früher noch als alle anderen waren schon einige hier und harrten in Wind und Wetter geduldig, bis sich das Tor öffnet und ihnen erklärt wird, daß Arbeiter nicht eingestellt werden. Enttäuscht gehen sie welter. Hier und dort fragen sie noch an, doch immer vergebens. Auf manchen Stellen sind sie schon geivesen, doch was tuts? Man kann ja nicht wissen. vielleicht ist dem einen oder dem anderen heute das Glück hold: es kann sich ja etwas ereignet haben? Wer denkt lange darüber nach? Des einen Tod ist des anderen Brot. Schnell gehen die Morgenstunden, welche die günstigsten für die Jagd nach Brot sind, vorüber. Müde und hungrig wandern sie seht nach dem Arbeitsnachweis in der Gor- mannstraßc. Zwar versucht noch dieser oder jener auch nach einem der verschiedenen Berussarbeitsnachivcise zu gehen, um als Hilfsarbeiter unterzukommen, aber meistens werden sie ab- geiviesen, weil Arbeiter schon in Ueberfülle ein- getragen sind. Als letzte Stätte bleibt ihnen nur der städtische Nachweis. Hier werden sie alle aufgenommen, wenn sie ihren Obolus entrichten können. Wer kennt die Empfindungen, die sich auf den abgehärmren Gesichtern derjenige» wider- Piegeln, dl? dort täglick seit Wochen und Monaten wieder- kommen- Gruppen, zum Teil nach Att der Beschäftigung. mehr aber nach dem Alter sortiert, sitzen sie da und halten ihr kostbarstes Gut feil. Auf der einen Seite, wo Hausdiener. Kutscher und jüngere Arbeiter sitzen, kann man den „Markt" noch als schleppend bezeichnen. Bon Zeit zu Zeit erscheint der Beamte und sucht sich jemanden. Auf der an- deren Seite aber, die durchweg von älteren Ar- beitern gefüllt ist. ist das schon viel seltener der Fall. Diese Ware wird nicht nichr begehrt und liegt dort als überflüssig, was mit eklatanter Schärfe durch die vorhandenen Tafeln bewiesen wird, welche die Monate anzeigen, seit welchen die Arbeiter eingetragen sind. Sep- tembcr in einer Ecke. August in der anderen, und in der Mitte prangt das größte Hungergespenst I u n i- I u l i. Um diese Tafel ist die größte Gruppe versammelt. Seit � I u u i- I u l i sitzen sie hier, und niemand verlangt ihre i Arbeitskraft. Der größte Teil von ihnen sitzt teilnahmslos, dumpf vor sich hinbrütend da. Wenn wirklich einmal der Beamte zu ihnen kommt, gelvinnt auch ihr Kreis noch etwas Leben, aber nur auf wenige Augenblicke. Ein bis zwei Dutzend Hände strecken sich empor und halten ihren Schein hm, doch schlaff sinkt der Arm wieder zurück, und der Schein verschwindet wieder in die Tasche wie schon so oft; denn nur einer oder zwei können die Glücklichen sein. So verharren sie stundenlang. Hier ruhen sie den müden Körper und sind wenigstens geschützt vor Wind und Wetter. Ein Paar unbelegte Stullen werden hervorgezogen, um den knurrenden Magen etwas zum Narren zu halten. Und wer noch etwas Besonderes genießen will, der hebt ehrfurchtsvoll sein Auge und richtet es auf die schönen Worte, die oben an der Vorderwand prangen und wohl aus Zweck- Mäßigkeitsgründen diesem Räume gewidmet sind: Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis. Ehrt den König seine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß. Längst haben sich die Räumlichkeiten als zu klein er- wiesen und schon wird fleißig an dem Neubau in der Rückert- straße gearbeitet, um der immer höher steigenden Zahl derer, die nach des Bürgers Zierde suchen und der Mühe Preis nicht finden können, Unterkunft zu geivähren. Welchen Spruch wird man dort an die Wand malen? Die Bcrufsvormundschaft in Berlin hat den Zweck, das Interesse des unehelichen Kindes wahrzunehmen. Sie erstreckt sich auf die in Berlin geborenen unehelichen Kinder bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres. Die Vormundschaft wird von dem städtischen Vormundschaftsamte geführt. Die Ernennung deS städtischen Vormundes erfolgt durch den Vormundschaflsrichter, dem in allen Fällen der städtische Berufsvormund vorgeschlagen wird. Vom 1. April, dem Inkrafttreten des Vormundschaftsamtes bis heute sind bereits 2011 Kinder unter die Verufsvormundschaft gekommen. Erhebliche Schwierigkeiten macht der CharilaSverband, der bisher eine Sammelvormundschast für Kinder katholischer Mütter führte. Dieser Charitasverband will trotz Einrichtung der städtischen BerufSvormundschgft seine von konfessionellen Rück- sichten diktierte Tätigkeit unter keinen Umständen auf die Stadt übergehen lassen. Er hat sich zu diesem Zwecke an die Vormund- schaftsrichter in Berlin gewendet mit dem Ersuchen, ihm, dem ChariiaSverbande, auch in Zukunft, trotz der städtischen Einrichtung, die Vormundschaft über Kinder katholischer Mütter zu übertragen. Der größte Teil der Vormundschaftsrichter hat dieses Ersuchen ab- gelehnt und den städtischen Berufsvormund bestellt. Damit gibt sich aber der Charitasverband nicht zufrieden, er hat in allen Fällen Beschwerde an das Landgericht eingelegt. Zurzeit schweben etwa 80 solcher Beschwerden beim Landgericht. Bezeichnend ist, daß in keiner anderen Gemeinde, in der die Berussvormundschaft besteht, von katholischer Seite ein solches Verfahren eingeschlagen worden ist und man darf gespannt sein, nach welcher Richtung hin das Landgericht die Beschwerden des Charitasverbandes erledigen wird. Kürzlich hat sich die jüdische Gemeinde an die Waisenverwaltung gewendet mit dem Ersuchen, zugunsten einer von der Gemeinde ein- zurichtenden Sammelvormundschaft für uneheliche Kinder jüdischer Mütter auf Bestellung des Berufsvormundes zu verzichten. Die Waisendeputation kam zur Ablehnung des Gesuche«, weil für sie in erster Linie die Interessen der Mündel maßgebend sind und konflssio- nelle Gründe nicht ausschlaggebend sein dürfen. Der Direktor der Feuerwehr gegen die Feuerwehrleute. Das Verhältnis des Branddirektors zu den Feuerwehrleuten ist ein wenig erfreuliches, und wie uns scheinen will, kein solches, daß der Sache gedient ist. DaS erhellt aus dem Umstände, daß der Leiter unserer Feuerwehr sich in die privaten Verhältnisse der Feuer- wehrmänner einmischt. Denn eS bedeutet eine solche Einmischung, wenn der Branddirektor den Leuten die Zugehörigkeit zu dem Verein Berliner Feuerwehrmänner verbietet. Was hat die Mitgliedschaft eines Feuerwehrmannes zum Verein Berliner Feuerwehrmänner mit der Ausübung deS Dienstes zu tun? Doch nicht das geringste, das Recht der Vereinigung ist auch den Feuerwehrleuten nicht versagt, und es ist bekannt, daß Vereine von Feuerwehrleuten in vielen deutschen Städten bestehen. Warum soll in Berlin verboten sein, was anderswo selbstverständlich ist? Sind denn Berliner Feuerwehrleute Leibeigene, die sich mit Haut und Haaren ihrem Vorgesetzten verschrieben haben? Der Branddirektor hat den Austritt der Feuerwehrmänner aus dem genannten Verein gefordert, oder besser gesagt, befohlen, sonst solle Entlassung erfolgen. Wie kommt derBranddircktorzu solchen völlig ungesetzlichen Maßnahmen? Wie berichtet wird, sollen zahlreiche Feuerwehrmänner den Befehl befolgt haben, weil sie ihre Existenz nichr aufs Spiel setzen wollen. Gibt eS einen größeren Terrorismus, als im vorliegenden Falle? Daß die Feuerwehrmänner durch diese Maßnahmen ihres Direktors erbittert werden, dürfte ohne weiteres einleuchten und von neuem zeigen, wie weit wir in Berlin mit unserer königlichen Feuerwehr gekommen sind, für welche die Berliner Bürgerscbafl jährlich mehr als 4 Millionen Mark aufwendet und dafür ruhig zusehen muß. in welch unerhörter Weise die braven Berliner Feuerwehrleute von ihrem Vorgesetzten behandelt werden. In einer erneuten Versammlung deS Vereins wurde folgende Resolution beschlossen: .Die versammelten Mitglieder deS Vereins Berliner Feuerwehrmänner nehmen davon Kenntnis, daß eine große Anzahl aktiver Feuerwehrmänner ihren Austritt aus dem Verein erklärt haben. nachdem ihnen für den Fall der Zuwidcihandlung sofortige Kündi- gung durch das Kommando der Feuerwehr angedroht war. Diese Drohung ist widerrechtlich, da nach§ 1 des ReichsvereinS- g e f e tz e s alle ReichSangehörigen das Recht haben, zu erlaubten Zwecken Vereine zu bilden. Die AuStrittscrklärung ist nach Z 123 des Bürgerlichen Gesetzbuches unwirksam, weil sie durch Drohung vzielt ist. Der Verein erblickt in dieser systematischen Verletzung der Reichsgesetze eine schwere Gefahr für die Rechts- und Staatsordnung und beirachtet die formell Ausgeschie- denen nach Maßgabe des Gesetzes noch als Mitglieder des Vereins, und ersucht den Vorstand im Interesse des Vereins und der Rechts- ordnung. alle erforderlichen Schritte zu treffen, um den Gesetzen des Deutschen Reiches gegenüber der Willkür des Kommandos der Berliner Feuerwehr Geltung zu verschaffen." Wir haben bereits kurz mitgeteilt, daß 500 Feuerwehrmänner ihren Austritt aus dem Verein erklärt haben, weil sie nicht brotlos gemacht werden wollten. . AuL dem Kollsirmandenimterricht. Der Prozeß gegen den der Mißhandlung eineSKonfir- wanden angeklagten Prediger Ludwig Sylvester von der Pfingstkirche in Berlin hat, lvie wir am Donnerstag berichteten, mit Freisprechung geendet. Das Landgericht sah in Uebereinstimmung mit dem Amtsgericht als festgestellt an, daß Sylvester den Konfir- manden an den Ohren gepackt Hatte, so daß hinter beiden Ohren blutende Wunden entstanden. Es hielt ihm aber zu g- daß er infolge der in seiner Konfirmandenklasse eingerissenen Unbotmäßig- keit in einen fast an Bewußtlosigkeit grenzenden Erregungszustand geraten sei und dann nicht mehr gewußt habe, ivas er tat. Damit fiel die Vorsätzlichleit weg, und dem Pastor blieb erspart, wegen Mißhandlung bestraft zu werden. Auch diese Verhandlung vor dem Landgericht hat wieder manche? geboten, was Eltern nachdenklich stimmen kann. Schon das muß zu denken geben, daß das Gericht bei dem Pastor, der sich als Pädagoge versucht hatte, einen fast an Bewußtlosigkeit grenzenden Erregungszustand für möglich gehalten hat. Der Junge, den er bei den Ohren packte, war in den Verdacht ge« raten, in der vorhergehenden Stunde eine Stinkbombe nieder- gelegt zu haben, was er übrigens vor Gericht als Zeuge im Abrede stellte. Gegen den Pastor soll er sich renitent benommen haben, indem er auf dessen Aufforderung, vorzukommen, mit einer(lvie der Pastor annahm) verächtlichen Bewegung seinen Platz verließ und zunächst nicht Folge leistete. Was für ein Pädagoge mutz das sein, der in solcher Situation vor Erregung nicht mehr wüßte, was er tut. Eigenartig berührte die Erklärung des Angeklagten, daß mit Schwierigkeilen ähnlich denen, die ihm in seiner Konfirmanden- klaffe bereitet wurden und seine Gesundheit untergruben, eigentlich alle Amtsbrüder zu kämpfen hätten. Wir halten einstweilen nicht für möglich, daß es auch in anderen Konfirmandensälen so toll zugehen könnte, wie bei Pastor Sylvester, und wir nehmen an, daß der Herr Pastor in seinem Eifer sich im Ausdruck vergriffen hat. Wahr wird aber sein, daß ein Konfirmandensaal leicht zu einer Ställe loser Streiche— wenn auch lange nicht so schlimmer, wie bei Pastor Sylvester— wird, sobald es dem Herrn Pastor an der nötige« pädagogischen Befähigung.fehlt. Vor Gericht be» kündete ein im Gebiet der Pfingstkirche amtierender Gemeinde« schullehrer, daß in der Volksschule so weitgehende Zuchtlosigkeiten unbekannt seien. Am Unterschied der Zuchtmiltel kann es wohl nicht liegen; im Konfirmandenunterricht darf ja nach einer Verfügung des Konsistoriums der Stock— das Haupizuchtmittel so vieler Päda- gogen— ebenso regieren, wie in der Volksschule. Der Versuch des angeklagten Pastors und seines Verteidigers, die Schuld auf die h ä u§ l i ch e E r z i e h u n g zu schieben und die Rüpeleien von Konfirmanden aus Aufhetzung gegen die Geistlichen zu erklären, wurde vor dem Landgericht wiederholt. Wir empfehlen den Eltern, daß sie diesen Angriff gegen die Familie, durch den ein der Mißhandlung angeklagter Pastor verteidigt werden sollte, in Erinnerung behalten. Aber noch ettvas anderes mögen diejenigen sich gesagt sein lassen, die etwa Lust haben, ihre Kinder einem Konfirmanden« Unterricht zuzuführen. Pastor Sylvester lehnte vor Gericht mit Ent- rüstung ab, daß er Konfirmanden als Strolche bezeichnet hätte, die er noch ins Zuchthaus bringen werde. Er habe, erzählte er, sie nur darauf aufmerksam gemacht, daß er oft vom Kriminal- schütz mann über sie befragt werde, und daß er sich ihre Streiche notiere, weil er sie ihm sagen müsse. Das liegt nicht so sehr weit ab von der Vorstellung, daß ein Pastor seine Konfirmanden, wenn auch nicht ins Zuchthaus, so doch ins Gefängnis oder mindestens in Fürsorgeerziehung bringen könnte. Der Pastor wird, selbstverständlich seinen Kon- firmanden nichts vorgelogen, sondern tatsächliche Vorkommnisse im Auge gehabt-' haben, vermutlich Informationen, die die Polizei sich Bei i h m holte, wenn irgend ein Streich eines Jungen zu ihrer Kenntnis gelangt war und sie weitere Ermittelungen anzustellen hatte. Der Pastor spielt ja ohnedies eine wichtige Rolle, wenn ein Verfahren auf Ueberweisung zur Fürsorge» erziebung eingeleitet ist. und muß vorschristsgemäß über das von der Ueberweisung bedrohte Kind befragt werden. Welchem Zw:ck die Informationen dienten, von denen Pastor Sylvester zu leinen Konfirmanden. wie er selber angab. warnend ge- sprachen hat, das wurde vor Gericht nicht festgestellt. Es ist aber interessant, aus der Erklärung des Angeklagten zu ersehen, daß er auch Streiche aus dem Konfirmandensaal, die er sich notiert halte, zur Kenntnis der Polizei bringen zu sollen geglaubt hat. Welche Streiche mag er da für mitteilenswert gehalten haben, und welche» Gebrauch mag von seinem Material zur Beurteilung der Jungen die Polizei gemacht haben? Vielleicht wird aus Anlaß dieses Prozesses wieder an uns die Frage gerichtet werden, ob man seine Kinder kon- firmieren lassen muß. Wir wollen sie im voraus beantworten: Niemand braucht seine Kinder konfirmieren zu lassen. In der Schule wird wohl versucht, darauf hinzuweisen, daß die Kinder sich zum Koufirnlandenunterricht melden. Das kann aber keinen Vater und keine Mutter hindern, den Unterricht abzu- lehnen._ Der Vau einer Straßenbrücke über das Eiscnvahngelände im Zuge der Bornholmer Straße ist jetzt gesichert, nachdem nach langen Verhandlungen ein Vertrag hierüber mit dem Eiseubahnfiskus zum Abschluß gelangt ist. Der' Vertrag fand die Zustimmung der Tief- baudepntanon. Die Brücke wird 138 Meter lang sein nnd in Eisen ausgeführt werden. Die Spannweite der Mittelöffnung wird 87 Meter betragen, die Hauptträger werden in Nickelstahl ausgeführt werden, um die Ouerschnitle der Gurtungen möglichst einzuschränken. Die Verwendung von Nickclstahl für Briickenbaulen ist neu und in Berlin noch nicht zur Ausführung gelommen. Die Adjazenlen der Malmöer und D st ad er Straße haben wiederholt Eingaben an die Tiefbaudepinnlion gerichtet, die durch einen Eisenbahneinschnitt getrennten Straßen durch eine Fußgängerbrücke zu verbinden. Infolge der hoben Lage eines Eisenbahngleises läßt sich diese Verbindung nur durch An- läge von Treppen aus beiden Seiten berstellen. Geheimrat Krause legte einen Entwurf für eine Fußgängerbrücke vor. die in einer Oeffnung den Eiienbabmdaimn überschreitet und 60 000 M. Kosten erfordert. Die Deputation vertagte die Beschlußfassung hier- über, da zunächst festgestellt werden soll, ob und in welcher Höhe die von dem Grundbesitzerverein in Aussicht gestellte Kosten- Beteiligung der Adjazenlen erfolgen wird. DaS Militärluftschiff Äs. 3 verbrannt. Gestern morgen um'/z? Uhr ist das Militärlusischiff N. 8 bor Antritt einer Fahrt in der Halle des LuftschifferbataillonS Nr. 2 in Reinickendorf infolge Selbstentzündung der Gase vollständig ver- bräunt. Auch die Halle ist durch die cmporschlagend-?n Stichflammeir schwer beschädigt worden. Glücklicherweise sind bei dem Unfall keine Menü'-nleben zu bekl>.--n. lieber die Katastrophe gehen uns folgende Mitteilungen zu: Das Militärluftschiff ÄI. 3, das in diesem Jahre erfolgreich an den Kaiiermanövern teilgenommen hat und bereits eine ganze Reihe wohlgelungener Fahrten ausführen konnte, sollte gestern morgen unter Führung des Hauptmanns v. Jena eine UebungSfahrt antreten. Die nötigen Vorbereitungen in der Halle waren getroffen, die Breunstoff- und Oelbehälier zur Fahrt gefüllt und die Mannschaften standen vor der Halle bereit, den Ballon an den Schlepplauen ins Freie zu bringen. Während die Mechaniker noch die Moloren einer Prüfung unterziehen wollten, hörten sie plötzlich ein knisterndes Ge- rausch, als ob die Hülle an einer Stelle aufgerissen würde. Sie verließen schleunigst die Gondel und eilten an die Seitenwand der Halle, um nach der Ursache dieses auffälligen Geräusches zu suchen. Wenige Sekunden später schlug Plötzlich eine hohe Stichflamme auZ dem Borderteil des Ballons und in dem nächsten Augenblick stand das ganze Luftschiff in Flammen. Durch die gewaltige Hitze, die sich beim Verbrennen des Wasserstoffgases bildete, wurden die Fensterscheiben aus der Seitenwand der Halle herausgedrückt und meterlange Stichflammen schössen durch die Oeffnungen ins Freie. In wenigen Sekuudc» war die ganze Hülle des Ballons samt dem Netzwerk verbrannt und im nächsten Augenblick stand auch das Benzinreservoir der Gondel in Flammen. Auch da? Balkenwerk des Daches sowie die Verschalung der Seitenwände der Halle halten an einigen Stellen Feuer gefangen und die ganze Halle drohte ein Raub der Flammen zu werden. Unter Führung der auf dem Platz anwesenden Offiziere rückten sofort alle verfügbaren Mannschaften des Luflschifferbaiaillons heran und durch Auswerfen von Sand und Erde versuchte man zunächst des Benzinbrandes Herr zu werden. Inzwischen wurde auch aus mehreren Schlauchleitungen auf die brennende Halle Wasser gegeben, doch gelang es bald, den Brand vollständig abzulöschen. Die Untersuchung der Uebcrreste des Militärluftschiffes ergab ein wenig erfreuliches Resultat. Die vier Körnngniotoren von je 76 Pfei bestärken waren durch die ungeheuere Hitze fast vollständig vernichtet und auch daS unter der Hülle aufgehängte Aluminium- Kielgerust hatte sich so verlogen, datz es weiterhin nicht mehr ver- wcndbar sein dürfte. Die Hülle, die Steuerungsorgane und die beiden Schrauben sind ebenfalls vernichtet worden. Das Luftschiff sollte nach der heutigen Morgenfahrt Metz als ständige Station erhalten. Wie soll der Berkauf des ausländischen Fleisches in Berlin vor- genommen werden? Diese Frage wurde gestern im Stadthause in einer Konferenz, an der unter Vorsitz des Stadtrats Berndt der Direktor des Vieh- und Schlachthofes, Beterinärrar Goltz, Obermeister Kriesche und die Altmeister Burg und Dunst teilnahmen, erörtert. Die Beratung Hai, wie die„Allgemeine Fleischerzeitung" mitteilt, folgende Fest- stellungen ergeben. Der Verkauf soll in den zehn städtischen Markthallen stattfinden. Beleuchtung und Stand werden, wenn auch nicht ganz kostenlos gewährt, so doch nur mit einem ganz geringen Aufschlag auf das Fleisch bc- rechnet. Gerätschaften, Block, Mefier, Belle haben die Verkäufer selbst zu stellen. Als Verkäufer sind vor allem solche Fleischer« meister in Aussicht genommen, welche durch die Ungunst der Ver- Hältnisse in den letzten Monaten gezwungen wurden, ihre Geschäfte aufzugeben. Von dem Verlriebe unbedingt ausgeschlossen sind die Warenhäuser. Auch die Läden der Fleischermcister sollen nicht als Verkatlisstellen zugelassen werden, da sonst eine behördliche Kon- trolle über die Jnnehaltung der vorgeschriebenen Preise nicht für nivglich erachtet wurde. Im einzelnen Falle soll nicht unter ein Pfund und nicht mehr als vier bis höchstens sechs Pfund abgegeben werden. In welchen Teilen das eingeführte Fleisch an die Abnehmer in den einzelnen Markthallen abgegeben werden soll, darüber ivurde noch keine Bestimmung getroffen: man will aus der Praxis entnehmen, wie dabei am zwcckmäszigsten verfahren wird Ob als Einfühningsstelle der Zentralviehhof oder die Zentralmarkt- Halle dienen soll, wurde auch noch nicht entschieden. Es wird dies wesentlich von der Stellungnahme der Zollbehö'de abhängen. Vor- auksichllich wird der untere Raum der Kälberhalle im Zentralviehhof dazu eingerichtet werden._ Eine Ehetragödie spielte sich in der vergangenen Nacht im Nord- Westen der Stadt ab. In einem Hause in der Calvinstrasie wohnte > seit März d. I. der Apotheker Linke mit seiner Frau. Das Ehe- paar hatte früher eine Apotheke in Kohren bei Leipzig, die sie jedoch wegen pekuniärer Schwierigleiten ausgeben mutzten. Der Mann ' fand zwar hier in Berlin Stellung, doch hatte er sehr schwer mit Schulden zu kämpfen. Diese pekuniären Sorgen veranlatzten das Ehepaar, ihrem Leben ein Ende zu machen. Beide Leute vergifteten sich mit Cyankali. Beim Spielen tödlich verunglückt ist das vier Jahre alte Söhuche» Walter des städtischen Gasarbeiters Winninger aus der Gitichiner Ttratze 62. Der Knabe spielte mit anderen Kindern auf dem Hofgrundstück der elterlichen Wohnung. Dabei suchte er sich hinter zivei Klavierplatten, die an einem Schuppen angelehnt standen, zu verbergen. Die Platten fielen jedoch um und trafen ihn so schwer am Kopf, datz er tot zusammenbrach. Die unglückliche Mutter brachte ihr Kind noch nach dem Urbankrankenhaus, wo der Arzt aber auch nur noch den Tod feststellen konnte. Die Winninger- scheu Eheleute verloren bereits vor einem Jahre durch einen Unfall einen kleinen Knaben. Dieser wurde auf der Stratze von einem Geschäslswagen überfahren und gelötet. Durch den Ruf„Menschenleben in Gefahr" wurde vorgestern nachmittag kurz nach S Uhr der erste Zug der Berliner Feuerwehr nach der Blücher st ratze 12 gerufen. Wie sich ergab, waren m einer Dunggrube zwei Arbeiter ohnmächtig geworden. Die Ver- unglückten wurden aus der Grube herausgeschafft und dann mit Sauerstoff behandelt, worauf sie sich auch bald wieder er- holten. Durch Explosion einer Petroleumlampe brach in der Usedom- stratze 28 a Feuer aus, wobei ei» kleines Mädchen, Sidonie Schultze, schwere Brandwunden am Oberkö>per und am Hals dovoittrug. Ein Dachstuhlbrand mutzte in der Skalitzer Swatze 24a bewältigt werde».— In der zehnten Vormiitagsstunde wurde die Wehr gestern nach der Wiihelmstratze 133 gemsen. wo eine Dampfkesselexplosion erfolgt sein sollte. In Wirklichkeit waren nur grötzere Mengen Dampf infolge UeberdruckS ausgeströmt. Die Gefahr konnte schnell beseitigt werden. Die Konsum-Genossenschaft hat sich— gestützt auf die Erklärung der Regierung— an die Kommunalbehörden Grotz-Berlins gewendet und sich bereit erklärt, den Fleischverkanf mit zu übernehmen. Die Leitung der Konsum-Geiiosienschast rechnet nicht aus irgend welchen Gewinn, sondern sie will sich lediglich in den Dienst der Allgemein« heit stellen und in diesen teuren Zeiten alles tun. uin die Not lindern zu hetfen. Hoffentlich werden die städtischen und staatlichen Be- Hörden für dieies Bestreben der Konsum-Genossenschaft genügend Verständnis erweisen. Im vorigen Jahre, als man den verschiedenen gemeinnützigen Vereinen Frachlermätz g»ng gewäbrte bei dem Bezug von Nahrungs- Mitteln für die minderbemittelle Bevölkerung, hat man der Konsum- Genossenschaft gegenüber die Gemeinnützigkeit bestritten.— Die Genosfenschgfr wirkt in ihren Kreiien miiidestens so gemeinnützig wie viele andere Vereine auch, und da die Genossenschaft zurzeit 60 000 Mitglieder zählt, kann man ihr auch nicht bestreiten, datz sie durch ihre Matznahmen tatsächlich weiten BevöllerungSlreisen Vorteil bietet. Der Bericht für den Monat September 1012 ergibt, datz der Waremimsatz 1 047 736,10 M. betragen hat. Das ist gegenüber dem Lorjahre eine Steigerung von 310 628,11 M. In der Bäckerei wurde ein Gesamtumsatz von 212 405 M. er- zielt. Die Genosienschast ist durch ihre eigene Bäckerei in der Lage, das Brot zu einem billigeren Preise abzugeben als irgend eine Privatbäckerei; ein Beweis dafür, wie gemeinnützig die Konsum- Genossl-nschaft wirkt, aber auch ein Ansporn für alle, dieses Unter- tu'hnien durch Beitritt weiter zu fördern. Der Moabiter Mäanerchor veranstaltet am Sonnabend, den 12. Oktober im Stadtthealer Moabit sein drittes StlftungSfest. Mitwirkende: Anna Liese Gronwald, Sopran. Kahntiche Solisten- kapellc.— Da der Chor uns immer zur Verfügung steht, ist der Besuch zu empfehlen. Im Walhallatheater gelangt vom 11. Oktober ab abends L'/» Uhr die Baudevilleposie.Polnische Wirtschaft- zur Ausführung. Vorort-NacbncfoU». Neukölln. Der Aufmarsch der Parteien zu den diesjährigen Stadtverordnetenwahlen Hai sich vollzogen. Das Re- sultat ist, datz Allbürgerliche und Kommunalfortschrittler gemeinsam vor- gehen. Die Furcht vor weiteren Erfolgen der Sozialdemokratie hat sie diesmal— im Gegensatz zu den letzten Wahlen— veranlatzt, schon bei den Hauptwahlen gemeinsame Kandidaten aufzustellen. Ueber die Beute hat man sich auch schon geeinigt. Die Altbürgerlichen stellen in der zweiten Abteilung drei, die Kommunatfortschrittler fünf Kandidaten. Bon den acht Mandaten hat die Sozialdemokratie eines zu verteidigen, sie hofft aber noch weitere Mandate zu er- obern. trotz des neuen geplanten WahlrechtSranbeS. Mit diesem Wahlrechtsraub hat eS übrigens seine eigene Bewandtnis. Die bürgerlichen Blätter Neuköllns haben von unserer Notiz, in der die Stadt als Wähler bezeichnet wird, rein referierend Mit- teilung gemacht. Kein Wort der Kritik haben sie daran geknüpft. Der Magistiat hat es bisher nicht für nötig gehalten, eine Erklärung über seine recht eigenartige Haltung abzugeben. Es könnte bald so scheinen, als wenn er sich schämte; aber eS mangelt ihm an Gründen. sein Tu» und Treiben zu entschuldigen. In den Berichten der Lokal- blätter über bürgerliche Versammlungen entdeckt man nichts, datz sie sich mit der Sache beschäftigt haben. AnS alledem kann man sehr wohl den Scklutz ziehen, datz der Magistrat, wie bei dem ersten Wohlrechtsraub, bereits mit den bürgerlichen Vertretern Rücksprache genommen und jetzt bereits sickier ist, datz ihm die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung Helfersdienste leistet. Jedoch sei dem, wie ihm wolle, wenn die bürgerliche Mehrheit und der Magistrat das Bedürfnis haben, den Wahlrechiskampf wieder neu aufleben zu lassen, uns kann es recht sein; die Sozialdemokratie wird mit aller Energie, wie sie es bisher getan hat, den Kampf gegen die Ent- rechtung der Wähler führen. Auch die Demokraten haben Stellung zu den Stadtver- ordnetenwahlen genommen. Sie haben beschloffen, sich selbst zu ent- mannen und Wahlenlhaltung zu üben. Auch das kann uns recht sein. Ursprünglich hatten die Demokraten die Absicht, mit der Sozial- demokratie zusammenzugehen, wenn ihnen eine Kandidatur ab- getreten werden würde. Jedoch nach dein Ausfall der letzten Reichs- tags- und Stadtverordnetenwahlen, wäre es eine unverzeihliche Tor« heit der Sozialdemokratie gewesen, mit so unsicheren Kantonisten zusammenzugehen. Unsere Parteigenossen lehnten ab. Daraufhin fatzten die Demokraten den Beschlutz auf Wahleuthaltung. Die Sozialdemokratie wird also ollein den Kampf gegen die vereinten bürgerlichen Parteien zu führen haben. Das kann nur zur Klärung der ganzen kommunalpolinschen Situation dienen. Eine überaus stark besuchte Versammlung der Privatangrstellten tagte am Dienstag, den 3. d. M., im grotzen Saat des Deuischeil Wirtshauses, um einem Referat des Reichstagsabgeordneten Giebel über:„Die Sünden des HauptanSschusses" zuzuhören. Der Referent ging in ausführlicher Weife darauf ein, datz der Hauptauslchutz nicht aus Zwcckmätzigkeirsgründen die Sonderversicherung für die An- gestellten forderte, sondern nur allein der Gedanke der Loslöiung der Angestellten von der Arbeiterschaft matzgebend war. Man habe an das Standesbewutztiein appelliert und es auch hier wieder ver« standen, eine künstliche Grenze zwischen den Kopf- und Handarbeitern zu ziehen. Der RefereiitLeigt« dann an der Hand von Stalistilen, datz 70 Proz. aller Privatangestellten unter 20tX) M. Gehalt beziehen und diele Gruppen gar keine Ursachen zum Standesdünkel haben. An einigen interesfanlen Beispielen stellte«r den hohen Beiträgen die geringen Leistungen der Sonderversicherung gegenüber und zeigte, datz bei einem Ausbau der Invalidenversicherung die Angestellten entschieden bester gefahren wären. Die Ausführungen des Referenten wirkten so überzeugend auf die Anwesenden, datz sich trotz mehrfacher Aufforderung des Vorsitzenden niemand zuin Wort meldete. Folgende Rcsolutton fand, trotzdem Anhänger der im Hauptaiisschutz angeschlossenen Verbände anwesend waren, ein- stimmige Annahme:„Nach der Art und Weise, wie der Hauptausschuh beim Kampf um die sozialen Versicherungsgesetze die Interessen der Privatangestellten preisgegeben hat. haben die Versammelten zu seinen Kandidaten nicht das Vertcanen, datz sie in die Verwaltung«- und Spruchorgane der Angestelltenversicherung Personen entsenden werden. die, mit genügendem sozialen Verständnis ausgerüstet, das nötige Rückgrat besitzen, um bei der Handhabung des Versicherungsgesetzes kraftvoll für die Interessen der Versicherten einzutreten. Die Ver« sammelten find davon überzeugt, datz der von der Freie» Vereinigung vorgeschlagene Weg zur Herbeiführung einer staatlichen Pensions« Versicherung der Pcivatbeamten die Interessen der Angestellten viel besser gewahrt hätte, als das von dem Hauptausschutz angestrebte Sondergesetz. Demgemäß haben sie auch zu den Kandidaten der Freien Bereinigung daS Vertrauen, datz sie für eine gerechte An- Wendling und einen grotzzügigen Ausbau deS Angestelltenverstche- ruiigSgeictzeS eintreten werden. Die Versammelten empfehlen allen Berufsköllegen und-Kalleginnen bei den Wahlen der Vertrauens- mäniier zur Angestelltenversicherung für die Liste der Freien Ver- einigung zu stimmen.- Heute Freitag, den 11. Oktober, abends 8'/z Uhr, hält der Elternverein für Sport und Wandern eine alitzerordentliche Mit- gliederverfammlung im Lokal von Petri, Knesebeckstr. 113, ab.— Da eS sich um wichtige Fragen bezw. Abwehrmatzregeln gegen die Palizeiausficht handelt, wird um pünktliches und zahlreiches Ericheinen ersucht. Der Vorstand. Schöneberg. Den Bericht vom Parteitage erstattete in der Mitgliederbersamm« lung des Wahlvereins Stadtverordneter Genosse Albin M o h s. Im besonderen hob Redner hervor, datz der diesjährige Paiteitag eine Geschlossenheit gezeigt habe, wie wohl kaum einer zuvor. Nachdem der Referent alle wichtigen Fragen deS Parteitages, wie Maifeier. Steuerpolitik, ReichstagSwahl, Slichwahlabtommen usw. ausführlich besprochen hatte, kam er auch auf Göppingen und den Fall Hilde- brand zu sprechen, wobei er betonte, datz die Beschlüsse des Partei- tageS nur zu billigen feien. Die Genossen Bern st ein. Schenk und Trints unterstrichen im weseniticheu die Ansführungen des Referenten. Genosse Bernstein meinte, datz der Fall Hiidebraud nur vom rein wissenschaftlichen Standpunkt beurteilt werden nlüsse. Dem trat Genosse Mobs ganz entschieden entgegen. Ein Antrag, wonach die Versammlung die Beschlüsse deS Parteitages gulheitzt, wurde angenommen.— Genosse Matz erwähnte hierauf noch, datz der BiidungsauSschuh am 25. Oktober einen Theaterabend veranstaltet, an welchem„Kabale und Liebe- gegeben wird. Adlersliof. Ein Secfischverkaus soll nach einenr Beschlutz des Teuerung«- ausschuiseS in eigener Regie versuchsweise DienSlagS und Freitags jeder Woche auf dem Marktplatz vormittags von 8 bis 12'/» Uhr stattfinden. Heute werden verkauft: Schellfilch, mittel, und Kabeljau ohne Kopf zum Preise von 24 Pf. pro Pfund. In Aussicht ge- nommen ist ferner vom TenerungsaiiSschutz noch, datz bei einem etwaigen Steigen der Karloffelpreise im grotzen von der Gemeinde eingekauft werden sollen, um sie zu kleinsten Preisen an die Ein- wohner abzugeben. Betreffs der Versorgung mir billigerem Fleiich sind eiidgülttge Beichtiisie nicht gefatzl worden, mau will sich hier dem Vorgehen der übrigen Gemeinden Grotz-BcrlinS in dieser Frage anschlietze». Kalkberge-Rüdersdorf. Ein tödlicher Betriebsunfall hat sich im hiesigen fiskalischen Bergwerk ereignet. Der ia der Friedrichstratze wohnhafte Berg- arbeiter Hegert von hier wurde von einem Lorenzug überfahren und so schwer verletzt, datz er bald darauf seinen Verletzungen erlag. Der Bedauernswerte stand erst im 33. Lebensjahre. Cr hinterläßt Frau und drei noch unmündige Kinder. Nen-Zitta«(Kreis Beeskow). Eine an sich belanglose Sache rief ihrer besonderen Umstände wegen in der letzten Gemeindevertrelersitzung eine rege Debatte hervor. Es handelte sicki um die Anstellung der Handarbeits-Lehreriii. Der Gemeindevorsteher wollte die Stelle durch die Tochter des Gemeinde« Vertreters Herrn Müller besetzen. Genosse Wiczorick kritisierte dieien eigentümlichen Modus. So lange sei man mit der jetzigen Lehrerin zufrieden gewesen, seit der letzten Gemeindewahl hätte man indessen allerlei an derselben auszusetzen, anscheinend deshalb, weil der Ehe- mann derselben bei der Gemeindewahl für unsere Genossen Sckulz und Peller gestimmt habe. Diese �Aeutzerung brachte die Herren Grusckike und Müller in Harnisch. Sie meinten, datz, nachdem man die Sache im Schulvorstande so schön geregelt zu haben glaubte, am allerwenigsten jjetzt Undank erwartet bätte. Beide Redner erklärten nun, ihre Aemter im Schulvorstande niederlegen zu wollen. Auf Antrag des Genossen Wiczorick wird die Stelle ausgeschrieben. Die Stratzenregulierung der Buriger Stratze rief eine längere Debatte hervor, weil die Anlieger die entstehenden Kosten tragen sollen. Die endgültige Beschlutzfassung hierüber findet jedoch in einer späteren Sitzung statt. Pankow. Die Gcmeindcvertreterfitzung am Dienstag beschloß zunächst. datz an Stelle für je zwei Nachtwächterstellcn(zurzeit sind es sechs). für deren geeignete Besetzung sich bisher stets Schwierigkeiten er» geben haben, eine Polizcisergeantenstelle errichtet werden soll.— Eine lange uich lebhafte Debatte zeitigte dann die Beratung eines Antrages der Finanzkommission betreffend Erhebung von Fremdenschulgeld von den hier ansässigen reichsausländi- schen Kindern. Begründet wurde diese Forderung vom Bürger- meister Kühr damit, datz von einer Reihe von Vorortgemeinden ein solches Fremdenschulgeld erhoben würde, während die Gemeinde Pankow, die namentlich infolge der hier ansässigen Zigaretten- industrie einer erheblichen Anzahl(zurzeit 110) solcher Kinder in ihren Schulen Unterkunft gewähre, bisher hiervon abgesehen und dadurch auf eine Einnahme von mehreren tausend Mark jährlich verzichtet habe. Wenn auch aus ideellen Gründen Bedenken gegen eine solche Maßnahme erhoben werden könnten, so müsse doch ange- sichts der erheblichen Schullasten gerade der nördlichen und östlichen Vororte und des weiteren Umstandes, daß die Gemeinde für Er- teilung von jüdischem Religionsunterricht(von den 110 Kindern sind 48 jüdischer Konfession) noch besonders herangezogen werde, prinzipiell auf der Erhebung von Fremdenschulgeld, und zwar gleichmätzig und ohne Unterschied des Einkommens deu Eltern bc- standen werden. Ueber eine eventuelle Ermäßigung des Fremden- schulgeldes überhaupt, das gegenwärtig 48 M. pro Jahr beträgt, könnte dann später leicht eine Einigung erzielt werden. Von bürgerlicher Seite wurde der Mahnahme beigepflichtet, doch Berück» sichtigung der Einkommensverhältnisse der Eltern gewünscht und bcntragt. datz erst bei einem Einkommen von über 1050 M. das Fremdenschulgeld erhoben werden sollte. Ein weiterer Antrag des Herrn Stadtrat S t a w i tz wollte die Frage in der Weise regeln. datz statt wie bisher 43 M. in Zukunft 36 M. Fremdenschulgcld und dann von allen(reichsangehörigen wie reichsausländischen) Schülern gleichmätzig erhoben werden sollte. Von unseren Genossen bc- kämpfte K u b i g die Forderung vom kulturellen und Wirtschaft- lchen Standpunkte. Es könne für die Allgemeinheit nur von Vor» teil sein, wenn die in Frage kommenden in der Mehrzahl dem Ar- beiterstande angehörenden Reichsausländer, die den errcheimischen Arbeitern gegenüber als Lohndrücker aufzutreten bestimmt seien, ihren Kiudern, obwohl für sie eine Verpflichtung hierzu nicht vor- liege, das für ihr späteres Leben notwendige Matz von Wissen zu verschaffen bestrebt seien. Auf keinen Fall dürfte den Kindern die Möglichkeit erschwert werden, sich zu vollwertigen Menschen heran« zubilden. Die Abstimmung hatte ein ganz überraschendes Resultat. Für keinen der drei gestellten Anträge fand sich eine Mehrheit und so verblieb es vorläufig bei dem bestehenden Zustande.— Hierauf wurde beschlossen, daß von auswärts nach Pankow in Pflege ge» geben« Kinder generell vom Jremdenschulgeld befreit sind, wenn der Pflegesatz für dieselben die Höhe von 18 M. monatlich nicht übersteigt.— Dann bewilligte die Vertretung 1200 M. für Beschaffung eines Flügels für die fünfte Gemeindeschule und lehnte ein Gesuch des Geflügel- und KaninchenzuchtervereinS Pankow- Niederschönhausen um Stiftung eine? Ehrenpreises ab.— Eine regere Debatte veranlatzte dann noch ein vom Vorstand des hiesigen GcwerbegerichtS gestellter Antrag auf Erhöhung der Zahl der Beisitzer(für Arbeitgeber und Arbeitnehmer von je 9 aus 12) und der Erlah eines Nachtrages zum Ortsstatut des hiesigen Gewerbegerichts, der eine Vereinfachung der Gewerbe. gerichtswahlen(Beseitigung der Wählerlistenwahl für Arbeitnehmer) bezweckte. Der bürgerliche Gememdevertretcr Holtkötten, der namenS der Arbeitgeber zu sprechen erklärte, bekämpfte die Erhöhung der Zahl der Beisitzer als eine überflüssige Maßnahme. Er mutzte sich aber von einem seiner bürgerlichen Freunde über deren Notwendigkeit belehren und außerdem sagen lassen, daß sein Urteil durch Sachkenntnis wenig getrübt und des» halb nicht ernst zu nehmen sei. Der Antrag auf Erhöhung del Zahl der Beisitzer sowie der Nachtrag zum Ortsstatut des Gewerbe, gerichts wurde angenommen.— Hieraus geheime Sitzung. Die Wahlen zur Angestelltenversicherung finden am Somitag, den 3. November, von mittags 12 Uhr bis nachmittags 5 Uhr, in der Turnhalle der 2. Gemeindeschule, Grunowstratze, statt. Zum Stimmbczirk gehören noch die Orte Französisch-Buchholz, Blankenburg und Schönerlinde. Auskunft in Wahlangelegenheiten erteilt der Obmann des lokalen Wahlausschusses, Herr Wilhelm Tiek, Pankow, Zillertal- stratze 2. Für die Wahlagitation und am Tage der Wahl werden noch Hilfskräfte gebraucht. Wir ersuchen diejenigen Genossen, welche sich hieran beteiligen wollen, sich bei Herrn Tiek oder dem Obmann der Gewerkschaftsunterkommission, Genossen Gütig, Binzstratze 35. zu melden. Ter Wahlausschutz der freien Vereinigung für soziale Versicherung der Privatangestellten. Sitzungstage von Stadt- nnd Gemeindevertretungen. Erkner: Heute Freiing, nachmittag« 3 Uhr, bei Matthe». Herzfelde: Heule Freitag, nachmittags 5 Uhr. im evangelljchen Ge- Miindehaiise. Tiefe Siüungea sind öffentlich. Jeder mitnnltche Lemeladeangihörlge ist dkttchckgt, ihnen alS Zuhörer deizuwahnea. Jugendveranstaltungeu. Tegel-Borsigwalde. Sonntag, den 1Z. Oktober: Kartoifel- und Heringspartie nach dem Easö Windbock, Heiligensee. Treffpunkt 19 Uhr vormittags an der Endstation der Straßenbahn. Versammlungen. In dem Bericht über die Generalversammlung deS Wahlkreises Neukölln schreibt uns Genosse Emil K l o t h: „Ich habe zwar bedauert, daß es Genossen geben könne, die aus Sparsamkeit die Zahlung des Maifeierbeitrages verweigerten, habe aber hinzugefügt, daß die meisten Gewerkschaftsangestellten nicht aus diesem Grunde sich weigerten, sondern weil sie in Gc- Wissenskonflikt mit ihrer lleberzcugung und Beschlüssen ihrer Gewerkschaften kämen, die sich gegen die Unterstützung der Mai» feier gewandt hätten. Ich habe ferner nicht die Erklärung gegen Pieck seitens der Teltow-BceSkower Delegierten für unnötig gehalten, sondern sie für eine wohlverdiente erklärt, wenn auch andere darüber anderer Meinung sein könnte»/ Genosse P ie ck schreibt unS� „Genosse F e I l e r hat in seiner Berichterstattung über den Parteitag in Neukölln ausgeführt, daß ich überall, wo ich Wer den Parteitag referiere, Resolutionen gegen meine Mitdelegierten wegen ihrer Erklärung auf dem Parteitage„beschließen lasse". Diese Behauptung ist völlig aus der Luft gegriffen. Ich habe bisher in vier Orten über den Parteitag berichtet und mir gerade bei der Behandlung des bekannten Vorganges große Zurück- Haltung auferlegt. Es ist aber auch nur in einem Orte, und zwar ohne mein Zutun, eine Resolution gegen die Notwendigkeit einer solchen Erklärung beschlossen worden." Eingegangene Druchfcbrifteti. Von der„Neuen Zeit« ist soeben das S. Hest des Zl. Jahrgangs erschienen. Aus dem Inhal! des Hestes heben wir hervor: Balkanklieg. Von Hermann Wendel.— DaS Oktoberedikt von 1807. Von F. Mehring. — Ein Pronunziamento. Von K. Ä utSty.— Em«lararier für die Fleischcinsuhr. Von Spectator.— Zu NogiS Tod Von Fritz Kummer.— Literarische Rundschau: Karl Diehl, Heber Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus. Von G. Eckstein.— Zeitschristenschau. Von I. Kötlgen. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch. Handlungen, Postanstalien und Kolporleure zum Preise von 3,5«» M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post uur pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Hejt lostet 25 Pf. Flugmaschinenbuch für unsere Jugend von F. A. ColltnS. Geb. 2,50 M. Franckbsche Verlagshandlung, Stuttgart. Karl Flemmtngs Groste Kriegstarte der Balkaulünder. 1 M. Kleine Karte 50 Ps. C. Flemming, Berlin W. 50. Arbeiter> Wanderverein„Berlin«. Wanderfahrt und sonstigt Veranilatlungen am Sonnlag, den 13. Oktober. Wanderung von Heims' dors nach Neubrück, Hennigsdorf, Velten. Im letzteren Ort Besichtigung einer Osensabrik. Äbsahrt 7 Uhr 40 Min. Stettin« Vorortbahnhos bis Hermsdors. Gäste willkomme». Arbeitertourifteuverei»„Tie Naturfreunde«, Ortsgruppe Berlw. Sonntag, den l3. Oktober: Wanderung von Velten nach Marwitz, Forst- bans Krämerpsuhl und Schwante. Abfahrt nach Velten vom Stettin« Bahnhoj(Vorortbahnsteig) früh 5,58; Gesundbrunnen 6,03. Gäste willkommen. Arbeiter-Wanderbund„Die Naturfreunde«. Wandersahrten am Sonntag, den 13. Oktober: I. Untersprcewaldsahrt. IL Ziesensee-Falken- bcrg. Abs. Schi. Bahnh.(Wclezcner Bahn) 5,32 vorm. III. Zehlendors- Mitic-Wannsee. Abs. Wannsee-Bahnh. 6,50 vorm. IV. Mrlchow-Schwärze- Melchow. Abf. Stell Fernbahnh. 5,53 vorm. V. Mottvtour Grünau- Rahnsdorf. Trefft». 0 Uhr vor«. Bahnh. Grüna«. VI. Kindertour Such« Nordend. Trestp. Schi Bahnh., Ecke Frucht, und Madaistraste 3,48 nachm., Bahnh. Wedding, Eing. Nettelbeckpl. 8 Uhr vorm. VIL GrÄlail-FriedrichS- hagen. Trestp. 2 Uhr nachm. Bahnh. Grünau. WitteruugSüberstcht vom 10. Oktober 1912. Stationen Swlnemde. rlin Frankf.a.M München Wien 775 NO 776 OSO 77443 77lNO 77110 772,9t Scllei 2 bedeckt 3 Nebel l bedeckt Z wollenl »bedeckt Z wollen! ci% ä II i2» Hiä etattonen Haparanda Petersburg Seillh Aberdeen Paris A c £3 6| 770 SB 777 Still 767OSO 763SSW 769, NO s Setter wölken! Nebel 2,Nebel 2 wollen! 2 wollenl. C"* Äi s 1 11 7 4 am Wetterprognose für Freitag, de« 11. Oktober 1912. eitweise nebelig, sonst trocken lind vielfach heiter, nachtS sehr kühl age ziemlich milde bei mäßigen östlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Unserem lieben Genossen Bruno Datams nebst Braut die herzlichsten Glückwünsche zur Vermählung. Die Genossen des 477. und A» 481. Bezirks, 6. Kreis, I. Abt. («T w vi/ iv «v V vi/ Vv 1 Todes-Anzeigen| Verhanilil.Geineini!e-D.Staa(saiii.! Filiale tiroO-Bcrlln. Den Miigliidern zur Nachricht, dag die Kollegin �pollini» VeM (Parkoerwaltung) verstorben ist. Wir werden der. selben ein ehrendes Andenken be> wahren. Die Bestattung findet am Sonnobcnd, den 12. Oktober, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Pius- Kirchhojcs in Hohcn-Schönbauscn aus statt. §5115 Die Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Vertiaiiil. Bezirksverwaltung Groß-Serlin. Den Mitglieder:, zur Nachricht, dast unser langjähriger Kollege, der SpeicherarbeUer äugllZt 8clmjllt am 3. d. Mts. im Aller von 62 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 12. d. MtS.. nach. mittags!>/, Uhr. von der Leichen- Halle des Himmelfahrtskirchhoses, Nordend, aus statt. 67/12 Die Bezirksverwaltunp Am 9. Ottober verschied nach kurzem, schweren Leiden mein herzensguter Mann, unser lieb« Vater,«rohoater, Bruder, Schwa- ger und Onkel Karl Sclilemmluger im 48. Lebensjahre, Die trauernden Hinterbliebenen Angnsle Scblemminger geb. Willasch. Die Beerdigung findet am Sonnabend nachm. 4'/z Uhr, von der Halle des Thomassriedhose«, Neu- tolln.Hrrmaniistr, 179/85, auS statt. Verdani! der Fabrikarbeiter Deutschlands. Zahlotcile OroU-Borlln. Am Mittwoch, den 9. Oktober, ist unser Mitglied 58/6 Karl Scblemminger verstorben. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 12, Oktober er., nachm 4'/» Uhr. von b« Halle de» TboniaS-FriedhoseS, Neukölln. Helmainistr. 173—185, auS stall. Rege Beteiligung erwartet Die Drisverwallung. Dr.Simmel Spenal-Arzt für Haut« und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Äpa,L 10—2. 5—7. Sonntags 10—12. 2—4 Deutscher Bauarbeiterverband. Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Einschaler Erich Wigger! im Alt« von 25 Jahren an ken Folgen eineS erlittenen Unsalles am 3, Oktober 1912 gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet beute Freitag, den 11. Oktober. nachmittags 3'/, Uhr, von d« Halle des städliichen Friedhoses in der Müllerstraße, Ecke Seestraße, aus statt, 142/12 Um rege Beteiligung wird er- sucht_ Ter Borstand. Krankell-Unterstuhungs- und Segräduis- Kasse der Ftderzurichter Kerlias. (E. H. Nr, 50.) Sonntag, den 29. Oktober 1912, vormittags 10 Uhr, Gewerksehefts� haus, Saal 3, Engeluser 15: General- Versammlung Tagesordnung: 1. Rechnungslegung vom 3. Quartal 1912. 2. Verschmelzungssrage. 3. Wahl der Revisoren. 4, GeschästlicheS. Der Vorntand. 753b I. A.: Gustav Busse. Ärbeiter-Radlabrer- M Solidarität Ortsgruppe Berlin. Touren zum Sonntag, den 13. Oktober. 1. Slbt.: t Uhr: KaulSdors- Süd (SanSiouci). Start: Bülowstr. 58. 2. Abt.: 7 Uhr: Lwbenwalde. l Uhr: Mönchmühle. Start: Schön- leinstr. 6. 3. Abt.: VI, Uhr: Gorinsee(SportS- hauS). 1 Uhr: Fr.-Buchholz(Kähne). Start: Lausitzer Platz 12. 4. Abt.: VL Uhr: MahISdors-Süd (Rathausbären), Start: Küstrin« Platz. 5, Abt.: 6 Ubr: Herrentour nach Luckenwalde, 2 Uhr: Steglitz(Birlen- Wäldchen), Start: Etysiunr 6. Abt.: l Uhr: Röntgental(Marx), Start: Oderberger Str. 28. 7. Abt.: 7 Uhr: Nauen(Kumpke). t Ubr: PichelSwerder(Alter Freund). Start: Schutstraße 29, 8. Abt.: 6 Uhr: Zebdenick. Start: Leoetzowstt, 21. 1 Uhr: Zehlendors (Mtckleh). Start: Zwingllstraße. Sonnabend, den 29. Oktober. in der„Neuen Welt«: S!ifliiiigs!es!. Karl Heinsiaa-A.bend. Näheres stehe Inserat am 20, d. M. im.Vorwärts«. 12/20 Reinickendorf. Vereinstour, Berlin 9 Abteilung. Start: 2 Uhr an dm bekannten Stellen. Charlottenburg. 2 Uhr nachm.: Fianz.-Buchholz. Start: BollshauS. Stokls kür elegante MaBanzOne, Ulster, Paleto's, Mtr. 4.—. 5.—. 6.— M etc. Oamentuohe, KastDmstaffe, Flauseh, Mtr. 3.—, 4—, 6.— M. etc. Loden f. Wetterpelennen, Mtr. 1.60, 2.50 M, Persianer, Imit, Mtr. 6.50, 8.60. 11.50 M Plüsche, Seiden.Seal, Idr elegante Damenpaletots Mtr. 0.50, 18— M. Tuchlager Koch A Seeland G. m. b. H. Oertraüilteiislr.M"-1""""' Petrikirche. Vierter Wahlkreis. Petersburger Viertel. Am Sonntag, de« 13. Oktober, abends 5 Uhr, im Lokal Fürstenberg, Frankfurter Allee 106: Oeffentl. Versammlung. Tagesordnung: n 1. Vortrag dcS Genossen G. Franke üb« 2. Dislusston. 22010' Nachdem gemütliches Keisammenstin mit Tanz. Tie Biertelslettung. Arbeitsnachweis: Ho( I Amt Norden, Nr. 1239. Verwaltuiigsstelie Berlin CharitSstrahc 3. Hauptbureau: Hos rn. Amt Norden. Nr. 1387. Sonnabend, den IS. Oktober, abends 0 Uhr, im Lokal von Wollschläger, Adalbertftr. 21: Versammlung aller in den Betrieben für Oberlicht- Fensterverschlüsse beschäftigten Kollegen. Tagesordnung: 1. Wird in diesen Betrieben der Schlossertaris eingehalten. 2. Welche Stellung nehmen die Kollegen hierzu ein. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch ist zwecks Legttimatto» mitzubringe«. Zu dies« Versammlung find die Kollegen der Firmen Fürsteubrrger u. Reger. Sperling u. Co.. Paul Lindstädt, Ernst Lindstädt, Walter, Burkhard und T. Scherbe! besonders eingeladen. Zahlreicher Besuch wird erwarte! Sonntag, den 13. Oktober, vormittags 10 Uhr, im Lokal von Bahn in Banmschulenweg, Baumschulenstr. 67: Mitglieder-Vers ammlnng für Baumschnlenweg. Tagesordnung: 1. Die Einführung der Hauskassterung in Baumschulenweg. i. Wahl der HauSIassterer. mtgllcdudnvd legitimiert.=s Zahlreichen Besuch erwartet 125/20 Die Ortsverwaltuug. kerlig und nach Mass. Garantie für tadellosen Sita und telnate Verarbeitung, J. Kurzbern Haas■Schneiderei Rosenthaler Strasse 36, 1, am Hacketcuea Markt Frankfurter Allee 104, pari, Ecke Friedenstraaae Reinickendorfer Strasse 4, am weddingpiatz Deutscher Bauarbeiter-Verband. Zweigvereia Berlin. Sektion der Cips- und Zementbranek Montag, den 14. Oktober er., abends 8l/s Uhr: General- Versammlung i« �ivverli«cli»kt«hari», Eugelufer 15(großer Saal). Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht vom 3. Quartal. 2. Wahl der Delegierten zur Gau- konserenz am 8. Dezember ct. 3. Die Kewerbegerichtswahl w Berlin am 17. November. 4. Sellionsangelegeuheiten. Sektion der Stukkateure. Montag, den 14. Oktober 1912, abends 8 Uhr, bei HViUte, Sedastianftraße 39: JAttgUeder-Versammlutig. Tageso rdnungu 1. Bericht von der Konferenz. 2. Die Feiffterlrage. 8. Der Arbeits. 142/13* Nachweis. 4. Verschiedenes. MT Mitgliedsbuch legitimiert.«MW Zahlreichen Besuch der Versammlungen erwartet Der Zweigvereinsvorslaad. Vtrrsvaltung Berlin. Heute, Freitag, abends S'/z Uhr, im GewerkschaftShaufr, Engelufer 14/1S, Saal IV fArbeitSlosenfaal): kS/IS T>!»gng der Ortsverwaltung« Einsetzer! Sonntag, de« IS. Oktober 1912, vormittags 19 Uhr, studen die Bezirks-Berfammlmtgen t» de« bekannte« Lokale« statt. veutzeder Arbelter-ZlmvgrspMiini! Ortsgruppe Berlin.„System Roller" Ortsgruppe Berlin. Arbeiter! Parteigenossen! Lernt stenographieren I Jfb« denkende, vorwärts strebende Arbeiter sollte stch die Erlernung der Stenographie zur Ausgabe machen. Die Rollersche Stenographie, dt« sich durch ihren logischen Ausbau, durch leichte Erlernbarleit ganz besonders auszeichnet, ist diejenige Kurzschrist, dl- dem Arbeiter gegenüber andere» schwer erlernbaren Systemen nur empjohlen werden kann. Darum nehmt die Gelegenheit wahr,«ine gute Stenographie ,u er- lernen. Erst nach du Beherrschung wird man den eigentlichen Wert er. kennen. 297/8 Neue unentgeltliche Kurse sür Damen und Herren beginnen: Montags abends 8'/, Uhr in der Bockblaueret. Berlin H., Chausseeftr. 64. Dienstags abends 8'/, Uhr in CSarlottenburg, BiSmarckstr. 38, Rest. Wernicke. 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Schiller-Thealep Chbu?r Freitag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: KUnig I,ear. Sonnabend, abends 8 Ubr: Flachsinann als Erzieher. Sonnlag, nachmittags 3 Uhr: Öle ddidla von Toledo. Abends 8 Uhr: König I,car._ Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Grotze Rosinen. fbMinllel'WgMei'ZliÄe Abends l1'-! Uhr: Herodes und Mariamne. „Olou" :: Berliner:: Konzerthaus MauerstraBe 82. — ZimmerslraBe 90/91. Hepte! Großes Doppel-Konzert. He"te! Berliner Konzerthaus-Orchester v. mof;:Kormp. Dirigent: Oberm. Baarz. Anfang 8 Ehr. Musikc. I. Garde-Drag.-Regts. Anfang 8 Ehr. Eintritt 50 Pf. An allen Wochentagen nachm. Gr. Promenudcn-Konzert bei freiem Eintritt. Luisen-Theater. Freitag(unwiderruflich letzte Aussühr.): Ich lasse Dich nicht. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Zwerg Nase. AbxndS 8 Uhri Die Meiueid- gräfin. Sonntag nachm. 3 Uhr: Die Anna. Life. 8 Uhr: Die gelbe Gefahr. Deutsches Schanspiolhans (Komische Oper). Abends 8 Ubr: Egmont. Sonnabend 7'/, Uhr: Zum 1. Male: Der gut sitzend« Frack. 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Von den Gemeinden Groß-Berlins besitzt allein die Stadt hsharlottenburg ein Wohnungsamt. Vor einigen Tagen er- schien über die Tätigkeit dieser für die Grohberliner Kommunal- Verhältnisse völlig neuen Einrichtung der erste Jahresbericht, den der Stadtrat Seydel erstattete. Und da die, wenn auch kurzen Er- fahrungen des Charlottenburger Wohnungsamts für Grotzberlin Zweifellos von einem gewissen Interesse sind, sei hier auf die Haupt- sächlichsten Punkte dieses Berichts kurz eingegangen. Ta wird— was von besonderer Bedeutung ist— im vornherein festgestellt, daß die vielen Befürchtungen, die von den Geg- nern des Wohnungsamtes gegen dessen wirksames Arbeiten geltend gemacht wurden, so gut wie keine Bestätigung gefunden haben. So kamen Vermieter wie auch die meisten Mieter den Helfern und Angestellten des Wohnungsamts durchaus nicht feindselig entgc�n, sondern bald t-at zwischen beiden Parteien ein Vertrauen ein, das ber Erfüllung' der Aufgaben des Wohnungsamts nur förderlich war. Zumeist mag diese schnelle Verständigung darin ihren Grund haben, daß die Tätigkeit des Wohnungsamts � soweit die Wohnungsaufsicht in Frage kommt— keinenpolizeilichen Charakter trägt, sondern aufgebaut ist auf dem Grundsatz der Beratung und Aufklärung von Mietern und Vermietern. Gewiß ließ es sich trotzdem nicht vermeiden, daß die Hausbesitzer in ihren Vereins- Versammlungen und in ihrem Verbandsorgan noch bis vor kurzem die Tätigkeit des Wohnungsamts sehr mißtrauisch betrachteten und abfällig kritisierten, wie es auch Mieter gab, die den Belehrungen und Ermahnungen der Pfleger nicht zugänglich waren. Aber alles in allem genominen führte sich die Wohnungsaufsicht und das Woh- nungsamt im allgemeinen gut ein. Zu den Aufgaben des Wohnungsamts gehören außer der Wohnungsaufsicht, die Kontrolle des Schlaf- st e l l e n w e s e n s, die aber auf Grund einer Polizeiberordnung ausgeübt wird, wodurch die durch diese Kontrolltätigkeit erforderlich werdenden Maßnahmen einen zwingenden Charakter haben. Ferner ist dem Wohnungsamt ein Wohnungsnachweis angegliedert. Die Arbeit des Wohnungsamtes wird von einigen angestellten Be- amten und einer großen Zahl von ehrenamtlich täigen Pflegern und Pflegerinnen geleistet. Aber in seinem Wirken mußte das Wohnungsamt oft mit anderen Einrichtungen zusammen arbeiten und seine Bemühungen fanden nicht selten eine wertvolle Ergän- O durch das Eingreifen der Armen- und Waisenverwaltung, der ikcnpflege, der Säuglingsfürsorge, der Jugendpflege und der städtischen Lungenfürsorgestelle. Geht man auf die Statistik iiitt die Tätigkeit des WohnungS- omts ein, dann ist dabei vorauszuschicken, daß man nicht vergessen darf, daß Charlottenburg zu den Großberliner Gemeinden gehört, in denen die sehr gut und besser gestellten Bevölkerungsschichten wie der kleinbürgerliche Mittelstand sehr stark vertreten find. Aber doch mangelt es auch in der„Stadt der Millionäre" durchaus nicht an Wohnungselend. Und die Mietskasernen herrschen auch hier an vielen Stellen vor. Ta ist aber nicht uninteressant folgendes Urteil über die Folgen des Wohnens in solchen Mietskasernen in der amtlichen Bcrichtsschrift zu finden:„Das Leben in der Miets- kaserne bietet keinen Anreiz zur Verbesserung und Veredelung der Wohnsitten; wo aber eine Tendenz zur Verwahrlosung der Wohn- sitten vorhanden ist, wird sie durch die Mietskasernen verstärkt und, wie durch Ansteckung, weiter verbreitet." Diese Erfahrung findet denn auch in folgenden Zahlen einen Beweis: ... Insgesamt wurden SÄ1 Besichtigungen von Häusern oder ein- zelnen Wohnungen vorgenommen, 372 waren außerordentliche Re- Visionen. Diese Besichtigungen führten zu tS98 Beanstandungen, s von denen 645 bei Haus- und 4353 bei Wohnungsinspektionen er- hoben wurden. Die Hausbeanstandungen waren in den meisten Fällen(326) auf mangelhafte Instandhaltung der Wohnungen, auf feuchte Räume(ll>2) und auf mangelhafte und unzureichende Ab- ortanlagen(74) begründet. Bei den einzelnen Wohnungen� wurde vor allen Dingen beanstandet: 455 Mal das Zusammenschlafen von männlichen und weiblichen Personen in gleichen Räumen oder in gleichen Betten, 325 Verstöße gegen die Schlafstellenordnung, ferner daß es in 237 Fällen an Betten überhaupt mangelte und daß an 433 Stellen eine durchaus unzweckmäßige Benutzung der Wohn- räume vorherrschte.— Von allen diesen Mängeln wurden 1088 oder 54.95 Prozent abgestellt, 824 Fälle sind noch in der Schwebe. 44 Fälle wurden durch Ausnahmegenehmigung geduldet, in 36 Fällen wurde die Verfolgung der Abhilfemaßnahmen unter- brachen und in 6 Fällen mußte iede Aussicht auf Besserung auf- gegeben werden.... Nicht minder interessant ist aber das Spezialkapitel über tue Schlafstellenkontrolle. Ta liefen im ganzen 3569 An- zeigen über Aufnahme von Schlafgängern ein. 3008 Schlafstellen wurden besichtigt, von denen aber nur 976 unbeanstandet genehmigt werden konnten. In 836 Fällen mußten erst viel- 1 fache Mängel beseitigt werden, ehe die Genehmigung erteilt werden konnte; 552 Schlafstellen konnten nur unter Gewährung von Aus- nahmen geduldet werden und in 644 Fällen mußte das Halten von Schlafgängern glatt verboten werden. Diese Zahlen sprechen mit aller Deutlichkeit von der dringenden Notwendigkeit einer wirksamen Kontrolle und Beaufsichtigung des Schlafstellenwesens. Das läßt noch viel deutlicher ein Hioweis auf die �figste Art de? Beanstandungen erkennen. So erfolgte ein Einspruch in 943 Fällen, weil es an den genügenden Betten fehlte, auf 619 Schlafstellen schliefen männliche und weibliche Personen entweder in denselben Räumen oder in denselben Betten zusammen, an 233 Stellen wur- den Schlafgänger von Familien aufgenommen, die selbst nur Stube und Küche zur Verfügung hatten, wobei nicht unbeachtet bleiben darf, daß außerdem in 449 Fällen die Schlafgänger mit Familien- angehörigen zusammen nächtigten. 161 Wohnräume waren über- Haupt gesin�heitsschädlich. Infolge dieser Beanstandungen mußten 799 männWhe und 277 weibliche Schlafgänger die Schlafstellen räumen. Daß aber das Schlafstellenwcsen insbesondere auf sitt- lichem Gebiete von großen Gefahren begleitet ist, läßt sich auch daraus erkennen, wenn man aus der Fülle der Beanstandungen Einzelfälle herausgreift. So zum Beispiel wurden in mehreren Fällen Schlafgänger von Prostituierten aufgenommen. Eine Witwe schlief mit ihrem 14jährigen Sohn in einem Bett, der Sohn am Fußende des BetteS; in der Küche schlief eine Schlaf- gängerin. In einer zweifenstrigen Stube von 27,14 Quadratnietern schliefen in zwei großen Betten und einem Kinderbett die Eheleute. 4 Töchter von 18, 16, 11 und 7 Jahren und ein Junge von 13 Jahren, sowie ein Kind der 18jährigen Tochter von 1 Jahr, in der Küche der Bräutigam der 18jährigen Tochter und Vater des Kindes. 2 Stuben waren vermietet. Die Familie, bestehend auS den Eheleuten und 3 Söhnen von 22, 16 und 12 Jahren, schlief in 3 Betten in der 13,5 Quadratmeter großen Küche. In einem Zimmer wohnte eine Frau und ihr �jähriges Kind mit 2 Negern zusammen; in der Küche schlief die Vermieterin mit ihrem 12jährigen Sohn. In einer vollständig dunklen, 7,50 Quadratmeter großen Kammer schliefen in 2 Betten 2 erwachsene Söhne, eine 13jährige Tochter und die Vermieterin. Ein alleinstehender Invalide nahm in einer aus 3 Räumen bestehenden Wohnung 4 Schlafgänger auf, ohne irgendwelche Möbel zu besitzen. Vermieter und Schlafgänger schliefen aus Lumpen und Hobelspänen auf dem. Boden und deckten sich mit alten Säcken zu. Wenn irgend etwas zu einem weiteren Eingreifen in das Schlafstellen u n Wesen Veranlassung bieten kann, dann sind es die Ergebnisse der«rstjährigen Tätigkeit des CharlottendurgerWohnungS- amts, dessen Tätigkeit aber auch auf dem Gebiete der WohnungS- Vermittlung ausgedehnt zu werden verdient. Denn im ersten Jahre wurden nur 284 Wohnungen, davon 150 Ein- und 134 Zwei- zimmerwohnungen, vermittelt. Das lag vor allen Dingen daran, daß die Hausbesitzer noch zumeist die Anmeldung ihrer leeren oder leer werdenden Wohnungen beim Wohnungsamt unterlassen. In ihrer Abneigung gegen diese Einrichtung können viele Hauscigen- tümer den Vorteil nicht erkennen, den auch sie von einer guten, praktischen und kostenlosen Mietervermittlung haben. Aber trotz alledem ist zu hoffen, daß auf Grund seiner erst- jährigen Erfahrungen das Charlottenburger Wohnungsamt recht bald einen weiteren Ausbau erfährt. Einen Ausbau, der vor allen Dingen darin besteht, daß auch eine Frau als Beamtin im Woh- nungsamt angestellt wird. Dieses ist schon aus dem Grunde drin- gend erforderlich, weil der Betätigung der ehrenamtlich für das Wohnungsamt verpflichteten Frauen in dem Bericht folgende An- erkennung gezollt wird: „In allen Fällen aber, wo eS sich um schlechte Wohnfitten irgend welcher Art handelt, kann— diese Erkenntnis ist durch die Arbeit dieses Jahres gefestigt— die Mitarbeit der Frau nicht ent- behrt werden. Die ehrenamtlich tätigen weiblichen Mitglieder der Wohnungsausschüsse haben denn auch in zahlreichen Fällen wert- volle Arbeit geleistet." Als das Wohnungsamt gesckafsen wurde, forderten unsere Ge- nassen im vornherein die Anstellung eines weiblichen Jnspektions- beamten. Die bürgerlichen Parteien und der Magistrat lehnten aber damals die Erfüllung dieses Verlangens ab. Doch schon nach einem Jahr sieht man im Wohnungsaintdezernat die Berechtigung und Notwendigkeit unseres Antrages ein. Möge man dieser Einsicht folgen und damit der jungen Ein- richtung eine noch größere Wirksamkeit sichern als bisher, so daß deren Folgen auch in den anderen Gemeinden Großberlins eben- falls Wohnungsämter recht bald entstehen möchten. Die Notwendig- keit dafür ist überall gegeben. Hu9 der frauenbewegung* Der Pater und die Arbeiterfrauen. In einer Agitationsversammlung der katholischen Arbeitervereine des Bezirks Mülheim am Rhein hielt dieser Tage ein be« kannter Klostergeistlicher, Pater Facundus, einen Vortrag über die„Arbeiterbewegung im Lichte des Christentums". Die„Kenntnis", die der Mann dabei von dem Leben der Arbeiter offenbart hah verdient, ein wenig beleuchtet zu werben. Er führte nach dem Be« richte des dortigen Zentrumsblattes aus: „Der Vater ist nach Gottes Willen daS Haupt der Fa» milie und besitzt daher die größte Autorität, auf die er unter keinen Uniständen Verzicht leisten kann und darf. Sein Heim muß ihm das Liebste auf Erden sein, und deshalb ist auch in seiner freien Zeit zu Hause in der Familie sein Platz. Ruft ihn die Pflicht an seine Arbeitsstätte, zur Fabrik usw.. so mutz er st eis mit heiterer, froher Miene nach Hause zurückkehren und die Falten auf semer Stirne, die ihm Kummer und Sorge und Ent« täuschungen gegraben, verscheuchen. Denn kommt er von der Arbeit nach Hause, so kommt er nicht als Arbeiter, sondern als liebender Vater, dessen Antlitz immer ein Lächeln verklären soll. Erst abends, wenn sich schon die Augen der Kinder geschlossen, kann er seiner Gattin sein Inneres eröffnen; denn sie ist eS, die ehrlich und redlich Freuden und Leiden mit ihm teilen wird. Sie liebt und fühlt mit. Sie ist es allein, die eS in heroischer Liebe versteht, ihn wieder auf« zumuntern und aufzurichten. Der Mann hat daher aber auch seine Frau zu schätzen und zu achten und Fehler bei ihr die auch ihm anhaften, m Liebe zu übersehen. Nicht ist der Platz des Mannes in der Küche; dahin gehört allein die Frau. Der Mann hat nur dafür zu sorgen, daß die Frau etwas in die Küche bekommt." Ob wohl der fromme Mann mit Berechnung in den Köpfen der armen katholischen Arbeiter das Strohfeuer des„AutoritätS"- und Größenwahns angesteckt hat? Auch der Unterricht in der Mimik, der den Zuhörern erteilt wird, ist nicht„ohne". Wir fll-chten nur. daß eS den müden, abgehärmten Gesichtszügen der»-Heiter nicht gelingen wird, die Kummerfalten so aus Kommando verschwinde» zu lassen, daß„immer ein Lächeln ihr Antlitz verklärt" l DaS tollste aber ist die Verweisung des Manne? aus der Küche. Gerade im Westen Deutschlands leben die Arbeiter daheim nur i« der Küche; Hunderttausende Familien gibt eS da, deren ganze „Wohnung" nur aus einem Raum besteht, der zugleich Wohn-, Schlafzimmer und Küche, womöglich auch noch, wenn der Vater Heimarbeiter ist, Werkstätte sein muß. Und dann die paterliche Anordnung, daß der Mann„nur dafür zu sorgen hat. daß die Frau etwas in die Küche bekommt' l DaS ist doch der unerhörteste Hohn angesichts der gerade vom Zentrum so syste« matisch geförderten Lebensmittelverteuerungspolitik. Marktbericht von Berlin am 9. Oktober 1912, nach Ermittelung deS königl PolizeipräfidmmS. Markthalle«preise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Eibjen, gelbe, zum Kochen 30.00— 50,00, Speisebohnen, weihe, 36,00— 60,00. Linsen 35,00—60,00. Kartoffeln(Kleinhdi.) 5,00—8,00. 1 Kilogramm Nindsleisch, von der Keule 1,80—2,40. Rindfleisch, Bauchfleilch 1,60—1,90. Schweinefleisch 1,60—2,40. Kalbfleisch 1,50—2,40. Hammelfleisch 1,60-2,40. Butter 2,40-3,00. 60 Stück Eier 4,00-6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1.40—2.40. Aale 1,60—3,20, Zander 1,60-3,60. Hechte 1.60—2,80. Barsche 1.00-2,40. Schleie 1,60-3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 1,00—30,00._ WasserstandS-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteill vom Berliner Wetteriureau. Wasserstand Saale, Grochlttz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') BeeStow Weser, Münde« „ Minden Rhein, MaximUtanSau , Kaub Köln Neckar, HellbrotM Main, Hanau Mosel, Trier am 9. 10 cm 80 98 79 147 225 417 217 213 70 139 42 l-tt 8.10. om") 0 +1 tf —4 —5 —3 -11 —6 0 —1 —6 ')+ bedeutet WuchS.— Fall.—») Untervegel. Leineweber V-rttn C. Roßstrahe 34£ifi«ll bis 130 an, letzt(u folgenden«Itra billigen Prellen 8.- 12.- 1«.- 80.- an.«. I Rock.«tt,age 1«.- 16— 80— 24— LO— 14— 18- 22- an. ,«.«ehrock.Anzüge 18- 22- 26- 82- 0— 12— 14- 19— M. tc| Herrenhose« 8— 5— 6— an. tc. verletdnng van»lesaniett Aeack- n. tS-Iellschaftlaiiziigen. beim Pinlauf. 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