Nr. 241. Udonnements-keöinMW: löonnementä> Breis pränumerando: Wcrteljährl. 3.S0 Mk�. monatl. l.lv Mk, wöchentlich 28 Pfo frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nimimer mit illustrierter Sonntags. Beilage„Die Neue Welt" lv Psg. Post- klbonnemcM: l.lv Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeiwngS- Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland mid Oesterreich. Unaarn 2 Marl, sür das übrige Auslemd 3 Marl pro Monat. Postabonnemcnts nehmen am Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal. Atlmänicn, Schweden und die Schweiz. VlchM t»g»ch iUlS» ülsnUgi. Vevlinev Volksblatt. 39. Jahrg. vle Insertion;-Lebiil,? beträgt für die sechsgespaltene Kolonel« geile oder deren Raum CO Psg.. für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Lersnmmlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Uleine Anrci-z-n", das scltgedruckte Wort 20 Psg. lzulässig 2 lettgcdrnSte Worte), jedes weitere Wort KZ P,g. EIcUcngesuche und Schlaistellcnan- zeigen das erste Wort:o Pfg., jedes weitere Wort S Pfg. �arte über lö Buch- 'laben zählen für zwei Worte. Anscrale ür die nächste Nummer inülsen bis , Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet.. Telegramm- Adresse: „Soziällkniolirat fkrlin". Zentralorgan der sozialdemokratischen parte» Deutschlands. Redaktion: 8M. 68, Lindendtrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1S8S. l Dienstag, den 13. Oktober 1912. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplali, Nr. 1384. vie sntemationale gegen den Ildeg. padelgenolien! Die Besorgnis, daß ans dem Valkankrieg leicht ein Welt brand entstehen könne, lastet schwer auf den Völkern Europas. Tie Diplomatie, deren Unfähigkeit und Unaufrichtigkeit gerade jetzt wieder vor aller Welt bloßgelegt ist, kann mit der Ver sicherung, durch das Einvernehmen der Großmächte sei dafür gesorgt, daß sie durch den Krieg auf dem Balkan nicht in Mitleidenschaft gezogen würden, sondern daß der Krieg lokalisiert werden würde, keinen Glauben finden. Unsere Parteipresse hat von vornherein auf die Gefahr des Weltkrieges hingcivicsen und die Regierung davor ge warnt, sich in kriegerische Verwicklungen hineintreiben zu lassen. Das Proletariat kann durch keine Künste in eine kriegerische Stimmung hineingehetzt werden. Das Proletariat aller von der Kriegsgefahr bedrohten Länder ist vielmehr eines Sinnes:es verabscheut den Krieg und ist entschlossen, mit aller Kraft seine Aus dchnung zu verhindern. Das Internationale Bureau wird dieser Auffassung, in der das internationale Proletariat völlig einig ist, entschiedenen Ausdruck geben. Im Hinblick auf den Ernst der Situation haben wir beantragt, daß das Bureau, dessen Sitzung auf den 28. d. Mts. an- beranvlt ist,>venn irgend möglich, schon früher zusammentritt. Unsere Parteigenossen müssen auf der Hut sein, und jede Gelegenheit ergreifen, um in wuchtigen D e m 0 n st r a tioncn für den Weltfrieden einzutreten. Im ganzen Reiche sind zu diesem Zwecke Massenversammlungen sofort zu veranstalten. Wie das Proletariat über den länder- gierigen, bluttriefenden Imperialismus urteilt, wird bereits in den Versammlungen, die am Sonntag, den 20. d. Mts., in Preußen stattfinden, zum entschiedensten Ausdruck gelangen DieK nochen auchnicht eines einzigen Pro letariers dürfen geopfert werden! Unsere Parole lautet klar und entschieden: Nieder mit dem Krieg! Verlin. den 14. Oktober 1912. Der Parteivo rstand. Das Internationale Bureau in Brüssel übersendet uns das folgende Manifest der Sozialisten der Türkei und der Balkanländer: An das arbeitende Boll der Balkanstaaten und KleinasienS! An die Arbeiter-Jnternationale! An die öffentliche Meinung! Der Krieg steht vor der Tür. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist er wahrscheiiilicki eine fertige Tatsache. Aber>v:r Sozialisten der Balkanländcr und des nahen Orients, die der Krieg direkter berührt, werden uns nicht von der chauvinistischen Woge fortreißen lassen. Wir er- heben lauter als je unsere Stimme gegen den Krieg und laden die arbeitenden und bäuerlichen Massen, wie alle aufrichtigen Demokratien ei», sich uns anzuschließen, um der Politik der blutigen Gewalt mit ihren unheilvollen Folgen unsere Auffassung der inter- nationalen Solidarität entgegen zu setzen. Die Proletarier der Balkanländer haben nichts bei einem Aben- teuer zu gewinnen, denn Sieger wie Besiegte werden gleichermaßen sehen, wie der Militarismus, die Bureaukratie, die politische Reaktion und die Finanzipekulation mit ihrer üblichen Gefolgschaft der Steuer- lasten und Lebensmittelverteuerung, der Ausbeutung und des Elends auf den Leichcnhaufen und Ruinen stärker und frecher als je ihr Haupt erheben werden..„ � �. Für die Balkanländer wird der Krieg überdies noch andere Folgen haben, die sich auS ihrer politischen und geographischen Situation ergeben. Im Falle sie als Sieger aus dem Konflikt hervorgingen und das türkische Reich zerrissen würde, würde der Löivenaiiteil. das heißt: die wirtschasilich reichsten Regionen und die wiwligste» strategischen Punkte die B e u te d e r g r 0 ß en kapi- t a l i st i s ch c n M ä ch t e. die sich seit Jahrhunderten Fetzen um Fetzen aus dem Orientgebiet herausreißen. O e st e r r e i ch in Saloniki. Rußland am Bosporus und im östlichen Anatolien. England in Arabien, Deutschland im übrigen Anatolien und Italien im südlichen Albanien— so ungefähr sähe nach einem eventuellen ZusanmienbiiUch des osmani- fcheN Reiches die Orientkarte aus. Nun, an dein Tage, an dem die Balkanstaaten in die Klanen der Mächte fallen werden, wird es um ihre nationale llilabhängig- keit geschehen sei». Den politischen und öffentlichen Freiheiien der Böller wird mit dem MililariSmuS der GarauS gemocht werden und die monarchische Autokratie, gestärkt durch ihren Sieg über die Türken, wird mit neuen Krediten für ihre Armeen neue Privilegien für die Herrscher fordern. Nach diesen schweren Prüfungen werde» vle nationalen Kämpfe der Völker weitergehen. Ja, ste werden dann durch die Aspirationen der«inen und anderen um die Hegemonie nur uvch heftiger entbrennen. Eine siegende Türkei wird uns einen neu ausbrechenden religiösen Fanatismus und muselmäniilschen Chauvinismus, de» Triumph der politischen Reaktion, den Berlust der wenigen mit so vielen Opfern erkauften Berbesserungen in der inneren Regierung des Landes bringen und überdies den imperialistischen Triumph Oesterreichs und Rußlands herbeiführen, die sich als Retter der besiegten Balkanmächte ausspielen werden, um ihr selbstsüchtiges Protektorat über die ruinierten Völker zu er- weitern. Um den Krieg zu rechtfertigen, berufen sich die Nationalisten der Balkanstaaten auf die Notwendigkeit, die nationale Einheit her- zustellen oder lvenigstens die politische Autonomie für ihre Nationsgenossen, die sich unter türkischer Herrschast befinden, zu er- langen. Die sozialistischen Parteien widersetzen sich sicherlich nicht der politischen Vereinigung der nationalen Elemente ihrer Länder. Das Recht der Nationalitäten auf ein autonomes Leben ist eine direkte Konsequenz der von der Arbeiter-Jnter- nationale geforderten politischen und nationalen Gleichheit, der Unter- drückung jeden Privilegs der Klasse, Kaste, Rasse und Religion. Wird diese Vereinigung durch die Tatsache einer Aufteilung der Völker und Territorien der Türkei zwischen den kleinen Balkanstaaten erreicht werden? Werden die Türken unter bulgarischer, serbischer oder griechischer Herrschaft ihre nationale Einheit haben? Werden die Serben vom Rovi-Bazar und Alt-Scrbicns, die Bulgaren, die Griechen, die Albaner Mazedoniens, die bei einer Teilung eventuell unter das Joch Italiens oder Oesterreichs kämen, die Armenier und die Kurden aus dem östlichen Anatolien, die Türken, Griechen, Bulgaren des Wilajets von Adrianopel, die die Beute Rußlands werden, ihre nationale Einheit verwirklichen können? Bürgertum und Nationalismus sind unfähig eine wahrhafte und dauernde nationale Einheit herzu st ekle n. Was durch den Krieg geschaffen wurde, kann durch einen anderen Krieg wieder zerstört werden. Die nationale Einheit, die sich auf die nationale Unterjochung anderer Rassen gründet, trägt in sich selbst das Erblaster, das sie ohne Unterlaß bedroht. Der Nationalismus ändert nur an den Namen der Herren und an den Graden der Unterdrückung— aber er läßt sie bestehen. Nur die politische Demokratie mit ihrer wahrhasten Gleich- heit für alle Elemente, ohne Unterschied der Rasse, Religion und der Klasse kann eine wahre nationale Einheit schaffen. Das nationalistische Argument ist in Wahrheit nur ein Vorwand der Balkanregierunge». Der wahre Beweggrund ihrer Politik ist die Tendenz nach wirtschaftlicher und territo- rialer Expansion, die alle Länder mit kapitalistischer Pro- duktion charakterisiert. Die Nachbarn der Türkei suchen bei ihr die- selben Vorteile wie die Großmächte, die sich hinter den kleinen Staaten verstecken: sie wollen den Markt sür die Absetzung ihrer Waren, die Unterbringung ihrer Kapitalien und jenes UeberschusseS von bureaulratischem Personal, für das in der Hauptstadt kein Platz mehr ist. Aber wenn wir die schwere Verantwortlichkeit der Balkanstaaten in dem in Aussicht stehenden Kriege wie in der Vergangenheit auf- zeigen, als sie die.innere Umwandlung der Türkei verhinderten! wenn wir die Doppelzüngigkeit der europäischen Diplomatie an- klagen, die niemals ernsthafte Reformen in der Türkei gewollt hat, so wollen wir darum keineswegs die Verantwortlichkeit der türkischen Regierungen selbst vermindern. Wir klagen sie vor der zivilisierten Welt, vor dem Volk des türkischen Reiches und ganz besonders vor den muselmännischen Massen an, mit deren Hilfe sie ihre Herrschaft aufrechterhalten können. Wir werfen dem türkischen Regime die vollständige Abwesen- heit wahrer Freiheit und Gleichheit für die Nationen vor— einen absoluten Mangel an Sicherheit und Garantie des LebenS, der Rechte und Guter der Staatsbürger— das Fehlen jeder Gerichtsbarkeit, einer unparteiischen, anständigen Verwaltung. Die türkische Regierung hält an einem vexatorischen Steuersystem mit den schwersten Lasten fest. Sie ist gegenüber allen Ansuchen nach Reformen für die Arbeiter, sür die »mselmännischen und nichtmuselmännischen Bauern taub geblieben. Sie hat nur die Grundherren unlcrstützt und die Nomadenstämme auf die schutzlosen Bauern losgelassen. Die türkischen Regierungen haben durch ihre sprichwörtliche Trägheit das Elend, die Unwissenheit, die Auswanderung, die Räuberei, die MassenmassakerS in Anatolien und Rnmelien, mit einem Wort die Anarchie hervorgerufen und befördert— die nun als Vor- wand für die Interventionen und den Krieg dient. Die Hoffnung, daß daS neue Regime durch Jnaugurierung einer neuen Politik der Vergangenheit ein Ende machen würde, ist gänz- lich gescheitert. Die auseinander folgenden türkischen Regierungen haben nicht nur die Fehler der Vergangenheil fortgesetzt, sondern sie haben ihre Autorität und das Prestige eines der Türkei oktroyierten Schcinparlamentarismus dazu benützt, um ein System der Entnationalisierung und der Unterdrückung in Verbindung mit einem übertriebenen bureaukratischen Zentralismus anzuwenden, das die Rechte der Nationalitäten und die Forderungen der arbeiten- den Massen unierdrückte. In mancher Hinsicht haben die Männer des neuen Systems sogar das alte übertrumpft, indem sie die systematische Ermordung politischer Gegner zu einem RegierungS- system entwickelt hatten. Wir erkennen jedoch den Böllem— und nur diesen— das Recht zu, über ihr Schicksal zu verfügen. Wir setzen dem Kriege, den wir als ein Mittel, die politische» und sozialen Probleme zu lösen, mit allen Kräften verwerfen, die Aktion der be- wußten und organisierten Massen entgegen. Auf das blutige Ideal der Nationalisten, das Schicksal der Völker durch den Krieg zu entscheiden und ihre Rechte und Gebiete zu verschachern, antworten wir mit der Bekräftigung der gc- bieterischen Notwendigkeit, die bereits von der Inter» balkanischensozialistischenKonferenz zu Belgrad 1909 proklamiert wurde, alle Völker des Balkan und des nahen Orient, ohne Unterschied der Rasse und der Religion, in einer dcmo- kratischen Form aufs Engste zu vereinen. Außerhalb dieser Föderation der Völker des europäischen Orients ist für diese keine nationale dauernde Einheit möglich. Anders kann es keinen wirtschaftlichen und raschen sozialen Fortschritt geben, denn ihre Entwicklung wird unausgesetzt von der immer wieder rück- kehrenden inneren Reaktion und der Domination von außen bedroht- Was inSbesondcrS das türkische Reich betrifft, so sind wir der Meinung, daß eine radikale Reform im Innern allein den Frieden und das normale Leben wieder bringen, die auswärtigen Ein- Mischungen und die Gefahr des Krieges beseitigen und schließlich die demokratische Föderation des Balkans möglich machen kann. Nicht durch Wiederbelebung von halbhundertjährigen Projekten, wie die türkische Regierung es plant, ist das Nationalitätenproblcm, zu lösen, sondern nur durch die Verleihung der wahren Freiheit und der völligen Autonomie der Nationalitäten für ihre kulturellen Institutionen— Schulen, Kirchen usw.— Durch Schaffung einer lokalen Negierung nach Bezirken— Kantonen und Gemeinden— auf Grund einer Verhältnisvertretung der Völker- elemente und der Parteien und der Gleichberechtigung der Sprachen- Nur eine Verwaltung, in der die verschiedenen Völker des Reiches vertreten sein werden, wird die notwendigen Garantien für ein unparteiisches Vorgehen bieten. Nur die Agrarreform, die Steuerreform, eine soziale Gesetzgebung, Garantien für die Vereins- uird Versammlungsfreiheit werden den arbeitenden muselniännischen und nichtinuselmmänische» bäuerlichen Massen Vertrauen zu dem neuen Regime geben. Diese Reformen mögen der türkischen Bureaukratie. das heißt: den wenigen Tausenden, die an ihren Privilegien festhalten, nicht genehm sein. Aber sie werden in höchstem Maße dem türkischen Volke von Vorteil sein. Die Lösung der großen Probleme des osmanischen Reiches wird den Muselmännern die nationale Sicherheit garantieren und ihnen ermöglichen, an ihrer ökonomischen, politischen und sozialen EntWickelung zu arbeiten. Dies ist das Programm, für dessen Verwirklichung wir nicht nur die Mithilfe des Proletariats der Balkanstaaten, sondern die deS internationalen Sozialismus anrufen. Wir Sozialisten des Balkans und deS nahen Orients haben das hohe Bewußtsein der doppelten Rolle, die uns gegenüber den: ge- samten Proletariat der Welt mid uns selbst gegenüber zufällt. Indem wir die von den Regierungen und der chauvinistischen Presse entfesselte Kriegsströmung zurückschlagen, gegen jene eingewurzelten, von einer falschen Erziehung genährten Affekte kämpfen, die den Kampf zwischen den Nalionaliläten und die Klassenherrschaft be- gllnsiigen. erfüllen wir ungeschwächt unsere Pflicht der inter» nationalen Solidarität. Tatsächlich befinden wir uns einfach auf Vorposten, denn der Krieg auf dcni Balkan trägt in sich die nahe Gefahr für den allgemeinen Frieden. Appetitreizend wie er aus die großen Staaten wirkt und indem er den imperialistischen nach Er- oberung gierigen Elementen in der Politik die Vorherrschaft gibt. kann er nicht nur den Konflikt zwischen den Nationen, sondern auch den Bürgerkrieg heraufbeschwören. Und da die kapitalistischen Re- gierungen der verschiedenen Länder durch die aufeinanderfolgenden Siege des Proletariats in ihre letzten Verschanzungen gedrängt sind. werden sie die sich ihner darbietende Gelegenheit nicht verabsäumen. um unseren Kampf für die Befreiung, die Zivilisation und den menschlichen Fortschritt in dem Blut der Massen zu ertränken oder durch eine fesselanlegende Gesetzgebung zu erwürgen. Seit Wochen und Monaten führen wir eine KampagnegegendenKrieg. Besonders in diesem Augen» blick müssen wir die Stimme zum st ä r i st e n P r 0 t e st erheben. Wir sprechen hiermit unseren festen Willen aus. mit allen unseren Kräften den Kampf zu unterstütz«, den das Proletariat der ganzen Welt gegen den Kriegs gegen den Mili- tariSmuS, gegen die kapitalistische Ausbeutung. filr die Freiheit, für die Gleichheit, für die Befreiung der Klassen und Nationalitäten, mir einem Wort: für den Frieder �ührti Nieder mit dem Krieg! ES lebe die internationale Solidarität der Völker t Die Sozialisten der Türkei und der Balkanstaaten. Das Internationale Sozialistische Bureau begleitet dieses Maiufest mit folgenden Bemerkungen: Einzig der Sozialismus hat während des Aufruhrs im Balkan für den Weltfrieden gewirkt. Unsere Genossen im Orient haben trotz der entfesselten Leidenschaften, trotz ihrer aus ihrem kapitalistisch-zurückgebliebenen Milieu heraus er- klärlichen numerischen Schwäche, nicht einen Augenblick ge- Zögert, auf der Straße wie im Parlainent an die Besonnen- Ijett zu appellieren und die kriegerischen Umtriebe der kapita- listischen Klassen zu bekämpfen. Fn der serbischen S k u p s ch t i n a haben einzig die beiden sozialistischen Teputierten L a p t s ch e v i c und K a z- lerovic—- als einzige gegen die ganze Bourgeoisie!— energisch gegen den Krieg protestiert. _ Äs der S o b r a n j e in Bulgarien hat der einzige dortige Sozialist, S a k a s o f f— gleichfalls ein einziger gegen die ganze Bourgeoisie—, die Stimme für den frieden erhoben, und beim Verlassen des Parlaments ist er von der chauvi- nistischen Meute mit Revolverschüsse« traktiert worden. Unsere um die Arbeiter-Jnteruationale so verdienten serbischen und bulgarischen Genossen haben gezeigt, daß nur eine interbalranische Verständigung mit der Türkei imstande ist. den Konflikt dauernd zu lösen. Dieselbe Auffassung ist zu wiederholten Gelegenheiten von unseren Genossen in O e st e r r e i ch- U n g a r n der- teidigt worden, so noch in den österreichischen Delegationen am 8. Oktober dieses Jahres vom Genosten Dr. Ellenbogen. der in, Namen der ganzen sozialistischen Fraktion sprach. In diesem Lande, dem Sitz einer Großmacht, die ganz besonders an den Vorgängen im Balkan interessiert ist. haben die Sozia- listen nicht aufgehört, eine äußere wie innere demokratische Politik zu empfehlen, die auf der Autonomie der Nationali- täten basiert und die dahin geht, Reibungen zu vermeiden, die zu einem allgemeinen Brand führen können. Diese mögliche Ausdehnung des Feuerherdes hat seiner- seits das Exekutiv-Komitee des Internatio- nalen Sozialistischen Bureaus in seinem Moni- fest signalisiert, das anläßlZK unserer internationalen De- monstration gegen den tripolitanischen Krieg im November 1911 veröffentlicht wurde. Damals haben wir die logische KonsequenzdesräuberischenAktesJtaliens aufgezeigt, der wieder selbst durch das schlechte Beispiel der marokkanischen Eroberung hervorgerufen war. die ihrerseits wieder der Mitschuld der stillschweigenden Einwilligung der- selben Großmächte geschuldet war. die heute vorgeben, den Balkan hindern zu wollen, was sie selbst toleriert oder emp- fohlen oder sogar im Norden Afrikas verübt haben. Das kapitalistische System ist eine Kette. Wenn Marokko Tripolis. Tripolis den Aufruf zu den Waffen im Balkan möglich gemacht hat. werden wir vielleicht morgen weitere Mobilisierungen und sicherlich eine neue V e r- mehrungmilitärischerLasten erleben. Im Jahre 1919 beliefen sie sich berertis auf lisch Milliarden Frank pro Jahr. Von 1910 bis 1911 vermehrte sich die Ziffer um mehr als 500 Millionen und im Jahre 1912 haben wir die Bewilligung von vielen Millionen für die englische Marine erlebt, eben in diesem Augen- blick kündigt die österreichisch- ungarische Regierung die Notwendigkeit von 450 Millionen neuer Militärkredite an! Dieses unaufhörliche Anwachsen des Militarismus kann nur die Katastrophe beschleunigen und der internationale Sozialismus schuldet es sich selbst, seinen Ruf gegendie Bestialität des Krieges zu wiederholen. Mit unseren Freunden am Balkan pro- testieren wir gegen die bewaffnete Gewalt und kämpfen fü.x die�A.b rüsten g.uwÄ das �Schiedsgericht!~.f" Mit unseren Genossen vom Balkan protestieren wir gegen d i e H e u ch e l e i d e r Mächte, die sich als Be- ichützer der Balkanvölker aufspielen und friedensfreundliche Paraden aufführen, indes sie Polen, Finnland und Persien erdrosseln und die Ausrüstung der montenegrinischen Räuberei bezahlen. Wenn unsere Gruppen am Balkan noch nicht den nötigen Einfluß haben, um ihrem Willen, in Frieden und Freiheit zu leben. Macht zu geben, so zählen wir auf die Anstren- gungen der großen sozialistischen Parteien. um kühl die Gefahren der gegenwärtigen Stunde zu über? prüfen, die Ausführung der Resolutionen'unserer inter- nationalen Kongresse vorzubereiten und alle Eventualitäten ins Auge zu fassen, die uns.aus dem Chaos herausführen. Das wird auch die Aufgabe der nächsten Sitzung des Bureaus sein. Das Exekutiv-Komitee des Internationalen Sozialistischen Bureaus. E. Vandervelde, Ed. Anseele, C. Furnemont, C. Huysmans, Sekretär. * An diese bedeutungsvollen Kundgebungen schließen wir noch das Manifest an. das diS G e sa m t ex eku t i v e der österreichischen Sozialdemokratie im Namen der deutschen, tschechischen, polnischen, südslawischen, italieni- chen und ruthenischen Sozialdemokratie Oesterreichs erläßt. Ks hat folgenden Wortlaut: Hn das arbeitende Volk aller JSTationen in Oeftcrrdch 1 Bulgarien und Serbien, Griechenland und Montenegro stehen in Waffen gegen die Türkei. Die Fürsten der Balkan- Halbinseln haben den Mann aus den Armen seines Weibes, den Vater von seinen Kindern losgerissen, sie in ihre Uni- formen gesteckt und auf das Schlachtfeld geschickt. Schon sausen die todbringenden Geschosse durch die Luft. Schon streuen die Maschinengewehre die Garben des Todes. Schon zerstören Schrapnells und Granaten in furchtbarem Zünd- schlag Menschenleben und Menschenfleiß. Tausende werden auf dem Schlachtfeld fallen. Tausende im Feldlager der Cholera, dem Typhus erliegen, Taufende nach unsäglichem Leiden verkrüppelt zu Weib und Kind zurückkehren. Während der Tod auf dem Schlachtfeld erntet, darben daheim, des Ernährers beraubt, Mütter, Frauen. Kinder! Not und Hunger, Jammer und Verzweiflung überall! So enden die Mensch- lichkeit, das Christentum, die Kultur des kapitalistischen Zeit- alters in den Greueln des Krieges! Aber so furchtbar die Schrecken des Balkankrieges sind, droht uns noch viel schrecklichere Gefahr. Die Wirren im Südosten haben in ganz Europa kriegerische Gier geweckt. Die Staatsmänner der Großmächte spielen mit dem Feuer. Nie war die Gefahr des Weltkrieges größer als in diesen Tagen' Wenn es den Völkern nicht gelingt, die Staats- männer der Großmächte zum Frieden zu zwingen, dann kann der Balkankrieg in einem Krieg der Großmächte enden: in einem Kriege, der die Millionenheere Oesterreichs, Deutsch- lands und Italiens, Rußlands, Frankreichs und Englands in Bewegung setzen, über alle Völker Europas das furchtbarste Elend heraufbeschwören, die europäische Zivilisation in einem Weltbrand vernichten würde. Der Erb- und Todfeind der europäischen Kulwr, der rassische Zarismus, rüstet zum Kriege. Eben erst blutbefleckt aus dem. Vernichtungskrieg gegen die Völker des eigenen Landes zurückgekehrt, bedroht er jetzt den Frieden Europas. Der Zarismus, der die besten Söhne des russischen Volkes auf seinen Richtstätten, in seinen Kerkern, in den Einöden Sibiriens genwsdet hat; der Zarismus, der Polens natio- nales Leben erwürgt, der Ukrama das heilige Recht auf die Muttersprache geraubt, Finnlands verbriefte Rechte zerrissen, Persien geknechtet und zerstückelt hat— er wagt es nach alle- dem, sich als Befreier und Beschützer der südslawischen Ratio- neu zu gebärden, ihre jugendliche Volkskraft in seinen Dienst zu stellen und ganz Europa in Flammen zu setzen, um sich die Herrschaft am Bosporus zu erobern! _ Mit dem russischen Zarismus teilt der italienische Im- perialismus die Blutschuld. Mitten im Frieden hat er die wehrlose Türkei überfallen. Mit Blut und Eisen, mit Galgen und Folter hat er die europäische Kultur nach Tripolis ge- tragen.! Sein Raubzug hat den Zwergstaaten des Balkans die ersehnte Gelegenheit zum längst geplanten Eroberungs- krieg geschaffen. Zwischen Rußland und Italien in der Mitte, hat aber auch Ocsterreich-Ungarn sich mit schwerer Verantwortung be- lastet. Dieses Reich, das seine Völker in dem Zeitalter der Teuerung vor der bittersten Not nicht zu schützen vermag; das den verheerenden Bürgerkrieg seiner Nationen nicht beenden kann; das Ungarn mit der brutalen Gewalt der Tisza und Lukacs, Kroatien und Slawonien mit der Diktatur des Cuvaj beherrscht: das in Bosnien und der Herzegowina noch immer nicht das vor vierunddreißig Jahren gegebene Versprechen erfüllt hat. die christlichen Bauern vom türkischen Feudalrecht zu befreien— dieses Reich schickt sich heute an, als hätte es im eigenen Lande nicht genug zu tun, am fernen Balkan als Richter und Ordner aufzutreten! Die Völker Oesterreichs haben nur ein Interesse am Balkan: friedlichen Warenaustausch mit den Balkanvölkeru! Unsere Industrie will in Serbien und Bulgarien ihre Waren absetzen. Dafür wollen wir von den serbischen und bulgarischen Bauern Vieh und Getreide kaufen. Daß dieser Warenaustausch seit vielen Jahren erschwert und gestört worden,� ist nicht die Schuld der Serben und der Bulgaren. Es ist die Schuld der Agrarier in Oesterreich und in Ungarn. Um die Viehpreise in Oesterreich-Ungarn, von fremdem Weit- bewerb ungestört, in die Höhe treiben zu können, haben die reichen Viehzüchter und Viehmäster es durchgesetzt, daß dem serbischen und bulgarischen Vieh unsere Grenzen gesperrt wurden. Kaufen wir von den Agrarstaaten des Balkans kein Vieh, dann sperren sie natürlich den Erzeugnissen unserer Industrie ihre Märkte. Das ist das Hindernis unseres Handels auf dem Balkan! Aber dieses Hindernis zu be- seitigen, müssen wir keine Soldaten an die Grenze schicken. Es fällt, wenn wir die Macht der Agrarier in Oesterreich und Ungarn brechen, wenn wir ihre Zollmauern abtragen. Nicht Krieg gegen Serbien, sondern Kampf gegen die agrarische Hungerpolitik— das ist die Balkan Politik, die wir brauchen! Die Kriegshetzer— die Wiener christlichsoziale Presse an ihrer Spitze— wollen uns einreden, Oesterreich müsse in den Sandschak einmarschieren, wenn Serbien dort Eroberungen machen wollte. Aber was mit dem unwirtlichen Bergland ge- schieht, ist nicht unsere Sorge. Wir wünschen den Eroberungs- gelüsten der Balkankönige keinen Erfolg. Aber wir wollen auch nicht das Blut unserer Soldaten vergießen, um dem ver- rotteten türkischen Feudalismus die Herrschaft über slawische Bauern zu sichern. �Wer im Sandschak herrschen soll, mögen sich Türken und Serben untereinander ausmachen! Die Interessen der Völker Oesterreichs werden dadurch nicht be- rührt. Und das kleine Serbien, das nicht mehr Bewohner zählt als die Stadt Wien allein, wird der stolzen Großmacht wohl auch dann keine Gefahr sein, wenn es um ein paar arm- selige Dörfer vergrößert wird! Der ganze Sandschak ist nicht die Knochen eines österreichischen Arbeiters wert. Das ist nicht nur unsere Ansicht. Die Herrschenden selbst haben erst vor vier Jahren ausdrücklich und feierlich vor ganz Europa bekundet, daß Oesterreich-Ungarn keine Eroberungen auf dem Balkan will. Wohl hat der Berliner Kongreß im Jahre 1878 Oesterreich-Ungarn das Recht eingeräumt. Truppen im Sandschak zu halten. Aber im Jahre 1908 hat Oesterreich-Ungarn auf dieses Recht verzich- tet und seine Truppen aus dem Sandschak abberufen. Es wäre der helle Wahnsinn, mit blutigen Opfern erobern zu wollen, was wir selbst freiwillig und aus eigenem Antrieb vor vier Jahren aufgegeben haben! Darum hat Oesterreich keinen Grund, sich in die Balkan- Händel zu mengen. Um des Sandschaks willen den Arbeiter aus seiner Werkstatt, den Bauern vom Pfluge zu reißen, das Blut unserer Brüder und Söhne zu opfern, in Zehntausende Familien Not, Jammer und Vcrzweiflung'zu bringen, unserer Volkswirtschaft die schwerste» Wunden zu schlagen, wäre ein beispielloses, ein unverantwortliches, ein unsühnbares Ver- brechen? Oesterreich-Ungarn hat an dem armen, zerstückelten füd- slawischen Volke schon schwer genug gesündigt. Es weiß die Südslawen, die seiner Herrschaft unterworfen sind, nur mit der militärischen Diktatur zu regieren. Es hat die Bauern Serbiens durch seine großagrarische Wirtschaftspolitik zur Verzweiflung getrieben. Wenn es jetzt auch noch das Blut seiner Söhne vergießen wollte, um die Herrschaft türkischer Feudalherren über serbische Bauern zu schützen; wenn es den serbischen Bauern, denen es selbst ihre Waren nicht abnimmt, verwehren wollte, sich den Zugang zu anderen Absatzmärkten zu erkämpfen, dann würde es die Südslawen selbst in die Arme des russischen Zarismus treiben. Gerade weil wir Tod- feinde des Zarismus sind, gerade weil wir in jeder Ausdehnung der Macht des Zaren die größte Gefahr für die europäische Kultur erblicken, fordern wir, daß Oesterreich-UngarndensüdslawischenNatio- neu nicht mitder Waffein derHand entgegen- trete, daß es die Entfaltung ihrer Volks- raftnicht hemme. In allen Ländern der Welt erhebt die Arbeiterklasse ihre Stimme gegen den Krieg, für den Frieden! Unsere Genossen in Rußland und in Polen setzen, die furchtbarsten Opfer nicht fchcuend, ihren Kampf gegen den völkermordenden Zaris- mus fort. Unsere Genofsen in Italien haben gegen den Raubkrieg in Tripolis protestiert. In Serbien und in Bulgarien haben sich die Vertreter der Arbeiterschaft in den Parlamenten mannhaft und tapfer der Kriegshetze wider- setzt. In Deutschland, in Frankreich, in Eng- l a n d demonstriert die Arbeiterklasse für die Sache des Friedens! So steht den Kriegshetzern aller Länder und aller ?kationen einig und geschlossen als stärkste Macht des Friedens die internationale Sozialdemokratie gegenüber. In ihrem Geiste erfüllen auch wir in Oesterreich unsere Pflicht. Auch wir erheben unsere Stimme, zu mahnen und zu warnen. Auch für die Völker Oesterreichs kann es in diesen Tagen der Gefahr nur einen Feldruf geben: Keine Einmengung in den Balkankrieg! Nur eine Losung: Der Balkan den Balkanvölkern! Nur eine Parole: Erhaltung des Friedens! * Der Balhanhrleg. Die Balkanstaaten haben der Türkei und den Mächten ihre Reformforderungen mitgeteilt und diese sind so weit- gehend, daß die Türkei sie unter keinen Umständen bewilligen könnte, ohne in Wirklichkeit auf chre Souveränität zu ver- zichten. Den Noten hat Griechenland noch ein Ultimatum folgen lassen, in dem es innerhalb einer 24stündigen Frist die Freilassung seiner Schiffe fordert. Der morgige Tag wird wahrscheinlich auch die Enk» scheidung darüber bringen, ob Italien den Krieg fort- führt oder nicht. Die heutigen Nachrichten lauten im all- gemeinen optimistisch. Aber dieser Optimismus ist auch heute fcvr allem auf die Börsen berechnet, und man wird gut tun, sich seine Skepsis in dieser wie in allen anderen Fragen zu bewahren, besonders auch gegenüber den zahllosen russi- schen Dementis. Der Kampf um die Begrenzung des Brandes muß jetzt von den Völkern mit aller Energie ge- führt werden, nachdem die letzten Ereignisse die Unfähigkeit und die Böswilligkeit der Diplomatie so unwiderleglich kundgetan haben. Die Meldung eines privaten Depeschenbureaus, daß auch Bulgarien ein Ultimatum mit der Forderung der tür- tischen Demobilisierung binnen 24 Stunden gestellt habe, wird von anderer Seite nicht bestätigt. Vom montenegrinischen Krieasschauplatz. Podgoritza, 13. Oktober. lMeldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Die montenegrinische Nord- a r m e e ist nach der Einnahme von Moikowatz gegen B e r a u c vorgerückt. Im hiesigen Spital liegen 310 Ver- mundete, darunter 18 Türken. Ein neuer Trupp Kriegs- gefangener von 28 Mann ist hier eingetroffen. Podgoritza, 13. Oktober.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die montenegrinische Nordarmee hat gestern unter General Wukotitsch die Stadt B j e l o- polie in Altserbien eingenommen. Die Kämpfe dauerten bis 4 Uhr nachmittags. Als die Truppen in die Stadt einzogen, begrüßten die serbischen Einwohner die Montenegriner mit Jubel als Befreier vom fünfhundert- jährigen türkischen Joche. Provisorische montenegrinische Be- Hörden wurden eingesetzt. London, 14. Oktober. Das Reutersche Bureau meldet aus Podgoritza: Nach einem Telegramm des Generals Wukotitsch haben seine Truppen gestern die Höhe B i s i t o r bei Gusinje besetzt. Die Türken, die heftigen Widerstand leisteten, erlitten beträchtliche Verluste. An dem nämlichen Tage haben die Montenegriner zwei weitere Stellungen der Türken besetzt. Die V e r! u st e der Monte- negriner seit Beginn dcS Krieges betragen 256 Tote und 800 Verwundete. Türkische Truppen überschreiten die serbische Grenze. Belgrad, 14. Oktober. lMeldung des Wiener k. k. Telegr.- Korr.-Bureaus.) Einer um 9 Uhr früh aus Ristowatz eingegangenen amtlichen Meldung zufolge überschritten heute um 5 Uhr früh dir türkische» Truppe» die serbische Grenze in der Nähe von Ristowatz nnd griffen die serbischen Truppe» an. Der Kamps hat begonnen. Eine Mahnung Innres.— Die Sandschakfrage. Paris. 14. Oktober.(Privattelegramm des„Vorw.") I a u r tz! s schreibt in der heutigen„Humanitö". daß der Konflikt nur zu lösen wäre, wenn man ihn isoliert. Wenn die Mächte mit ihren Machtbegierden sich einmengen, ist Europa verloren und wird den dauernden Greu- eln eines Weltkrieges nur durch die Gewalt einer sozialen Revolution entgehen, die wir weniger wild erträumten. In jedem Falle ist eine Intervention zu verhindern. Die kom- mende Versammlung desJnternationalenBureaus hat eine Verantwortung ersten Ranges. Selbst wenn der Wiener Kongreß wegen materieller Schwierigkeiten nicht zu beschleunigen ist, muß das Bureau gegen die Ausdehnung des Krieges sofort eine wirk» same allgemeine Aktion des Proletariats organisieren. Der„T e m p s" berichtet aus Sofia, daß die von B u l» g a r i e n an die Türkei gerichtete Note kein eigent- liches Ultimatum sei. Da die Türkei offenbar nicht oder nicht sofort antworten werde, wird Bulgarien, um seinen Vorsprung in der militärischen Konzentration zu be- halten, spätestens Dienstag früh die Pforte auffordern, binnen 48 Stunden ihre Absichten zu erklären. Dies wird das eigentliche Ultimatum sein. Außerdem bereite das bulgarische Kabinett eine geschichtliche Darlegung der bulgarisch-türkischen Beziehungen vor, das für die Kabi- nette und die Meinung Europas bestimmt sei. Der Kor- respondent meldet dann weiter das immer zahlreichere Ein- treffen serbischer Militär'züge in Sofia, was die Vermutung zulasse, daß die serbische Armee nicht im Sandschak operieren werde. Es wird versichert. daß Serbien zugleich Oesterreich und Rußland, wenngleich nicht in einer positiven Formel, benachrichtigte, daß es O p e> rationen im Sandschak möglichst vermeiden werde. Aus Konstantinopel berichtet der„Temps". daß der französische Gesandte Bompard gestern abend im Auftrage Poincarss eine freundschaftliche aber doch sehr energische Vorstellungen zugunsten eines Friedens m i t I t a l i e n machte. Der Minister des Auswärtigen aut- wortete aber sehr ausweichend. In diplomatischen Kreisen glaubt man, die T ü r k e i werde das italie» nische Ultimatum nicht beantworten. „Journal des Tebats" schreibt über die Note der Balkan- staaten, daß eine Kriegserklärung unnötig geworden sei, weil die Forderung sofortiger Temobilisation ohne Gegenseitigkeit eine genügende Herausforderung wäre. Tie Diplomaten können zwar noch Papiere austauschen, sie haben aber z u spät begonnen, um einen bewaffneten Zusammenstoß noch verhindern zu können, vorausgesetzt, daß alle wirklich vom Geist der Versöhnung erfüllt waren. Die Er- holung der heutigen Börse beweist nichts für die politische Lage, da die Börse lange nicht mehr ihre frühere Bedeutung hat, da der Effektenhandel in den Großbanken kon- zentriert und von ihnen beherrscht wird. Gegen die Englandhetze! London, 14. Oktober.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Die Berichte über den Abbruch der Friedensverhandlungen Italiens mit der Türkei werden von dem Konstantinopeler Korrespondenten der„Daily Telegraph" als unrichtig bezeichnet. Die Streit- frage soll nur formaler Natur gewesen fein. Sonntagabend 5 Uhr 35 Minuten sei der Punkt schon erledigt gewesen und die e n d g i l t i g e Unterzeichnung des Friedensschlußvertrages stehe bevor. Dagegen erklärte Lord M o r l e y heute im Oberhause, daß die Friedensverhandlungen zwischen JtalienundderTürkeieineungünstigeWen- dung genommen hätten. Es sei jedoch unmöglich zu sagen, ob dies einem Abbruch der Verhandlungen gleich- komme. Es kann nicht früh genug auf das g e f ä h r l i ch e T r e i- ben der deutschen Panzerpatriotenpresse hingewiesen werden, deren Hetzartikel, die England als den eigentlichen interessierten Urheber des Balkankrieges hinstellen, von der hiesigen chauvinistischen Presse, wie der„Daily Mail", liebevoll aufgenommen werden. Was kann der Beweggrund dieser Hetze sein zu einer Zeit, da ein Einvernehmen zwischen Deutschland, England und Frank- reich, wie Jaurds schreibt, von den Tatsachen selbst vorge- zeichnet wird? Die Macht der Gewohnheit oder bedarf man eines neuen Stoffes für das Argument von den endlosen Lücken in den Rüstungen? England hat gewiß sein vollgerütteltMaßSchuldandemZusamnien- b r u ch der Diplomatie. Aber war irgend eine der Mächte bereit, die Machtmittel, die eine Versicherung gegen den Krieg sein sollen, nötigenfalls zur Erhaltung des Friedens gegen den raublustigcn Balkanbund oder die saumselige Türkei anzuwenden? Die törichte Legende, daß England allein den Krieg heraufbeschworen habe, wird allein schon durch die tag- lichen Nachrichten aus Indien widerlegt, nachdem dort die Mohamedauer, die Stützen der englischen Herrschaft in Indien, den Angriff des Balkanbundcs auf den Khalifen in zitternder Erregung verfolgen. Nach offizieller Nachricht aus Konstantinopel haben die Montenegriner Sienitza im S an d- sch a k N o v i b a s a r angegriffen. Aus Belgrad wird gemeldet, daß die Türken heute morgen serbische Truppen bei Nistovatz angegriffen haben. Das Gefecht entwickelte sich auf der ganzen Grenzlinie von Risto- vatz bis Vrtogosche. D i e Serben wurden über- rascht, schlugen aber den Angriff ab. Das Ge- fecht dauert noch fort. Die Cürhci und die ßalbanftaaten. Die Antwort Bulgariens. Sofia, 14. Oktober.(Meldung der Agence Bulgare.) Die Note, welche der türkischen Gesandtschaft übermittelt .wurde, zählt radikale Reformen auf. welche allein das elende Los der christlichen Bevölkerung wirklich bester ge- stalten könnten, nämlich: Autonomie der Verwaltung der "Provinzen, belgische oder Schweizer G e n e rä l g o u v e r- neure, aus Wahlen hervorgegangene Provinzial- l a n d t a g e, Landes-Gendarmerie und-Milizen und ireien Unterricht. Die Ausführung dieser Reformen soll einem Höheren Rat anvertraut werden, der sich aus Christen und Muselmanen in gleicher Zahl zu- sammensetzt und unter der Aufsicht der Botschafter der Großmächte und der Gesandtschaften der vier Balkan- sta.aten in Konstantinopel steht. Tie Pforte wird auf- gefordert, zu erklären, daß sie diese Forderungen annimmt, indem sie sich verpflichtet, die in der Note und in der beige- fügten erklärenden Ergänzungsnote enthaltenen Reformen binnen sechs Monaten durchzuführen. Außer- dem soll die Pforte als Beweis ihrer Zustimmung das Mobilisationsdekret rückgängig machen. Unmittelbar nach der Uebermittelung dieser Note über- gab der Minister des Aeußern dem Lsterreichischungarischen und dem russischen Gesandten die Antwort auf ihre ge- meinsame Note. In dieser Antwort drückt die bulgarische Regierung, die sich mit den Regierungen von Griechenland und Serbien einig ist. ihren Dank für das Interesse aus, das die Mächte zugunsten der Bevölkerung der europäischen Türkei gezeigt haben. Sie ist jedoch der Ansicht, daß es grausam wäre, nicht den Versuch zu machen, für die christ- liche Bevölkerung das ottomanischen'Kaiserreiches r a d i- kalere und bestimmtere Reformen zu erlangen. welche allein ihr elendes Los wirklich besser gestalten könnten. Daher haben die Regierungen der drei Balkanstaaten ge- glaubt, sich an die Regierung Seiner Majestät des Sultans direkt wenden zu müssen, indem sie ihm die Reformen, die einzuführen siird, und die Garantien mitteilen, die er für ihre aufrichtige Anwendung wird gewähren müssen. Die A n t w o r t n'o t e der f e r b i s ch e n R c g i e r u n g hat denselben Wortlaut. Die Türkei bleibt bei ihrem frühere» Vorschlag. Äonstantinopel, 14. Oktober. In der Antwortnote der Pforte erklärt der Minister des Aeußeren. daß die Pforte die Notwendigkeit der Durchführung von Reformen anerkannt habe, welche für. die Verwaltung des Reiches au- wendbar seien, um das Gedeihen, die Eintracht und die Har- monie unter den heterogenen Bestandteilen des Reiches zu sichern. Er glaube aber, daß eine fremdeEinmischu n g diesem Werke nicht nützlich sein werde, wenn die bis jetzt gemachten Reformversuche nicht geglückt seien, so liege die Ursache in den S t ö r u n g en, die von den bekannten Herden der Verhetzung hervorgerufen worden seien. Der Minister erklärte ferner, daß die Pforte sich vollständig den von den Mächten aufgewandten Anstrengungen an- schließen werde, um Konflikten vorzubeugen, die großes Un- glück im Gefolge haben würden und deren Ausdehnung niemand voraussehen könne. Ter Minister weist weiterhin auf die Bedeutung des Artikels 23 des Berliner Vertrages hin und erklärt, die Pforte fei entschlossen, das Gesetz von 1880 in seinem ganzen geschichtlichen Umfange anzuwenden, und werde einen entspreche ndcnGesetzentwurf bei der Eröffnung des Parlaments einbringen. Tic gegenwärtige Regierung dürfe nicht für die W i n k e l z ü g e d e r V c r- gange nheit verantwortlich gemacht werden: sie sei e n t° schlössen, mit derVer gange llheit zu brechen. Me ottomanischen Behörden würden den Befehl erhalten, uiu verzüglich das Gesetz von 1880 in Kraft treten zu lassen. Ei« griechisches Ultimatum. Athen, 14. Oktober. Die griechische Regierung beauf- tcagte ihren Gesandten Grhparis in Konstantinopel, der Pforte wegen der Beschlagnahme griechischer Handels- schiffe eine Note zu überreichen. In der Note wird unter Fest- seyung einer Frist von 24 Stunden verlangt, daß die Schiffe freigegeben und deren Eigentümer entschädigt werden. Griechische Kriegsankündigung. Einverleibung Kretas. Athen, 14. Oktober. Bei dem Wiederzusammentritt der Kammer wurden die kretischen Abgeordneten mit Beifall begrüßt. Ministerpräsident V e n i z e l o s erklärte. die Regierung nehme das unionistische Votum der kretischen Versammlung an und erkläre in aller Form, daß in Zukunft nur eine einzige Kam- merfürKretaundGriechenland bestehe, er fordere die kretischen Abgeordneten'auf, sich nach Kreta zu begeben, wo Neuwahlen gemäß der griechischen Ver- f a s s u n g vorzunehmen seien. Venizelos erklärte weiter, trotz des Wunsches nach Frie- den werde Griechenland, das sich nicht nur moralisch und materiell, sondern durch die Hilfe der verbündeten Staaten auch stark fühle, siegesgewiß allen Ge- fahren die Stirn bieten. Englische Truppen in Kreta. Malta, 13. Oktober.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Das zweite Bataillon des Regiments Northampton- shire hat Befehl erhalten, sich zur Einschiffung nach Kreta bereitzuhalten. Italien und die OrKei. Die Fricdensnnterhandlungen. Paris, 14. Oktober. Die Agence Havas meldet aus O u ch y: Heute nachmittag wird eine Besprechung der Friedensunterhändler stattfinden. Es scheint eine Entspannung der Lage eingetreten zu sein. In jedem Falle besteht mehr Hoffnung als gestern, daß eine friedliche Lösung zustande kommt. Paris, 14. Oktober. Wie die„Agence Havas" aus Ouchy meldet, ist die heutige Besprechung der türkischen und italienischen Tele- gierten abends um 5 Uhr geschlossen worden, ohne daß ein e n d- gültiges Ergebnis erzielt worden wäre. Eine gut unterrichtete Persönlichkeit erklärte, sie habe von der Besprechung den Eindruck bekommen, daß die Verständigung einen großen Schritt vorwärts getan habe. Erklärnngeu Giolittis. Rom, 14. Oktober. Der„S v a» t i" veröffentlicht eine Unter- r e dung mit dem italienischen Ministerpräsidenten G i o l i t t i, in der dieser bestätigt, daß die türkische Regierung, nachdem bereits eine vollständige Uebereinstimmung erreicht worden war, im letzten Augenblick wissen ließ, sie wünsche, daß die Punkte, zu denen Italien sich verpflichtet, sofort ausgeführt werden sollten, während die Ausführung der italienischen Forde- rungen, wie zum Beispiel die Zurückziehung der liby- schen Truppen und die Proklamation an die Araber auf- geschoben werden sollten. Wir konnten, sagte Giolitti, einer solchen Anmaßung nicht einmal Erwägung schenken. ES herrschte keine Meinungsverschiedenheit über den Gegenstand des Vertrages, sondern einzig und allein über den Aufschub der Durchführung der türkischen Verpflichtungen. Im Falle deS Scheiterns der Vcrhand- lungen, erklärte Giolitti, werden wir den Krieg verschärft weiter führen, nur für unsere Rechnung. Wir lassen uns einzig und allein durch unsere Interessen und unsere Ziele leiten, an denen die Ereignisse auf dem Balkan keinerlei Aenderung hervorbringen können. Auf die Frage, ob Italien mit den B a l l a n st a a t e n vor eine europäische Konferenz verwiesen werden könnte, ant- wortete der Ministerpräsident: Unsere Aktion und diejenige der Balkanstaaten haben nichts miteinander gemeinsam. Es handelt sich da um getrennte Ziele. Infolgedessen müssen auch die polt- tischen und militärischen Aktionen, die sich daraus ergeben, getrennt bleiben. Es ist jedenfalls ausgeschlossen, daß unser Konflikt mit der Türkei aus einer europäischen Konserenz be- sprocken und beraten werden könnte. Giolitti ist weiter der festen Meinung, daß man für den europäischen Frieden nicht zu fürchten brauche. Die Araber Tripolitaniens«nd der Friedensschluß. Konstantinopel, 13. Oktober. Wie es heißt, hat der Kommandant von Benghast Enver Bey an eine hohe Persönlichkeit einen Brief gerichtet, in dem er erklärt, eS werde ihm unmöglich sein, selb st nach dem Friedensschlüsse mit Italien die türkischen Truppen zurückzuziehen und die Araber im Stich zu laffen, sofern nicht diese selbst ihn freiließen. Der Brief wurde am 7. d. MtS. dem Ministerrat unterbreitet. Am folgenden Tage wurde auf Einladuung der Regierung ein großer Rat höherer Generalstabsoffiziere einschließlich Mahmud Schewket Paschas auf der Pforte zusammcnberufen. Der Rat sprach sich dahin ans. daß der Friedensschluß mit Italien angesichts der gegen- wäriigen Lage auf dem Balkan vom militärischen Gesichtspunkte aus notwendig sei. Es wird erklärt, die Pforte suche jetzt mit dem Großscheich der Senussi ein Abkommen zutreffen, wonach ihm gewisse religiöse Vorrechte zugestanden werden, damit er seinen Einfluß für die Pazifizierung der Araber von Tripolis und Benghasi gellend mache. Ausweisung des Genossen Rakowski. Wien, 14. Oktober.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Freitag abends wurde der eben in R u st- s ch u k angekommene bekannte rumänische Genosse Dr. R a z k o w s k i dort verhaftet und auf die Polizei gebracht. Ter Grund ist, daß er den Aufruf der Sozialisten Ru- inäniens und der Türkei mit unl erzeichnet hat. Auf eine Frage der hiesigen Polizei beim Ministerium des Innern in S o f i a kam die Antwort, man möge Dr. Ra- kowski morgen früh nach Giurgiewo in Rumänien überstellen und ihm das Dekret über die Ausweisung aus Bulgarien einhändigen. Bekanntlich ist seinerzeit Rakowski, der tatsächlich rumänischer Staatsbürger ist. aus Rumänien ausgewiesen worden, unter dein Vorwand, er sei Bulgaxe._ Das sPetroleummonopol. Die„Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht an der Spitze ihrer letzte» Nuibmer einige Mitteilungen über die von der Negierung geplante Monopolisierung des deutschen Petroleumhandels. Sind diese Mitteilungen auch— wie es scheint, absichtlich— so gehalten, daß sie kein deutliches Bild der Einrichtung geben, so beanspruchen sie doch ein solches Interesse, daß wir ihren wichtigsten Teil hier wiedergeben. Geplant ist nicht ein Staatsmonopol, sondern ein Privatmonopol— angeblich deshalb nicht, weil ein Staatsmonopol erstens eine erheblich« Zahl VM Ssaurtefl ew fordern und zweitens die freie Betätigung von Handel und Finanz ausschalten würde, ferner aber auch, weil das Petrcüeumgeschäst seiner Natur nach allzu„spekulativ" sei. Die Regierung gc- denkt deshalb der Finanz das Geschäft zu überlassen. Wohl in erster Linie der Deutschen Bank? Es soll deshalb eine Petroleum-Vertriebsgesellschaft, eine Aktiengesellschaft, gc- gründet werden, die unter ständiger Aufsicht der Reichsverwaltung steht. Satzung und jede Aenderung der Satzung sollen der Gc- nehmigung des Reichskanzlers, Vor st and undAufsichtsrat seiner Bestätigung unterliegen. Außerdem soll e i u Reichskommissar die Geschäftsführung im ein- zeltten überwachen und für einzelne besonders wichtige Vorgänge, wie den Abschluß großer langfristiger Lieferungsverträgc, ein Vetorecht haben. Weiter ist Vorsorge getroffen, daß die Aktiei, nicht etwa in die Hände ausländischer Gesellschaften geraten, in- dem Namensaktien mit erhöhtem Stimmrecht geschaffen werden, die in den Händen eines aus den großen deutschen Finanzgesell- schasien bestehenden Konsortiums verbleiben. Sollte aber die Ver- triebsgesellschaft trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln ihre aus- schließliche Befugnis zum Großhandel mit Leuchtöl mißbrauchen, so ist vorgesehen, daß auch schon bor Ablauf der zu« nächst etwa auf 30 Jahre festzusetzenden Kon- zessionsdauer die Reichsverwaltung ihr jene Befugnis ent- ziehen kann. Die Gesellschaft soll sich auf den Großhandel mit Leuchtöl be« schränken, während der Kleinhandel unberührt bleibt. Sie soll etwa von Viertel- zu Vierteljahr einheitliche Preise festsetzen, zu denen von den Tankanlagen'das Leuchtöl entnommen werden kann. Unberührt bleiben ferner die Anstalten, die in Deutschland Rohöl gewinnen und zu Leuchtöl verarbeiten, sie werden nur ver- pflichtet, das Leuchtöl an die Vertriebsgesellschast abzuliefern deren ausschließliche Befugnis sich auch nicht auf die übrigen Mineralöle, wie Benzin oder Gas- und Treiböl, erstreckt, da bei den letzteren die Gefahr eines Monopols nicht besteht und im Benzingeschäft sich eine große leistungsfähige Raffination ent- wickelt hat. Der Eingriff in das wirtschaftliche Leben wird sich daher auf wenige Großhandelsgeschäfte in Leuchtöl beschränken, deren sämtliche Anlagen und Vorräte übernommen werden sollen, und zwar, falls eine gütliche Vereinbarung nicht zustande kommt, im Wege der Enteignung. Um einer Verteuerung des Petroleums durch die Vertriebs- gesellschaft vorzubeugen, sollen dieser allerlei Preis- und Gewinn- beschränkungen auferlegt werden. Das Kanzlerblatt berichtet darüber: „Es wird eine obere Preisgrenze gezogen, bei deren Ueber- schreitung sich der Gelvinn der Gesellschaft auf die landesübliche Verzinsung ihres Aktienkapitals beschränkt; erst, wenn die Preise unter dieser Grenze bleiben, darf die Gesellschaft über die Verzinsung hinaus ver» dienen', und zwar in dem Maße, als die Preise sinken. Hier- durch wird die Gesellschaft genötigt, mit allen Mitteln auf eine Verbilligung des Leuchtöls hinzuarbeiten soweit dies gegenüber den Einkaufskosten auf dem Weltmarkt möglich ist.... Ob die Unternehmung einen Gewinn abwerfen wirb und in welcher Höhe, läßt sich mit einiger Sicherheit nicht voraus- sagen, da die Preise auf dem Weltmarkt sehr schwankend sind. Wird ein Ertrag, der Wer eine Verzinsung des AktienkapiWs hinausgeht, erzielt, so wird au' i h m auch das Sic h teilnehmen, da kein Grund vorliegt, einen solchen Gewinn dem privaten Kapital allein zu überlassen; vielmehr ist er den Zwecken der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Es ist daher eine Bestimmung dahin beabsichtigt, daß die Vertriebsgesellschast, wenn sie unter der vorgesehenen Preisgrenze bleibt. Vierfünftel ihres Gesamtgewinns an das Reich abführt; dagegen soll das Reich nichts erhalten, wenn der Preis die Grenze überschreitet. Denn es soll-durch das Gesetz unter keinen Umständen eine neue Verbrauchsabgabe ge» schaffen werden, vielmehr das Reich lediglich an dem Gewinn teilnehmen, der sich ohne eine Belastung der Verbraucher durch die Vorteile des künftigen konzentrierten Betriebes ergibt. Damit wird, falls das Unternehmen sich günstig entwickelt, eine neue Art von Einnahmequellen für das Reich eröffnet, und es werden gleichzeitig die großen Kapital- kräfte unseres Wirtschaftslebens für das Reich nutzbar gemacht, ohne daß eine weitere Vermehrung des Beamtenapparats eintritt." Zum Schluß sucht die Regierung ihr Projekt dadurch schmack- hafter zu machen, daß sie nochmals verspricht, die Erträge sollten nicht zur Tilgung der Reichsschulden, sondern für sozial« politische Zwecke verwandt werden. Eine Kritik des ganzen Planes ist vorerst kaum möglich, da die Andeutungen über die Preisfestsetzungen, die Gewinn- beschränkungen und die Gewinnbeteiligung ganz unbestimmt gehalten sind und gerade diese Einzelheiten für die Beurteilung des Ganzen vor allem in Betracht kommen. Die Sozialdemokratie ist keineswegs prinzipiell gegen die Einführung eines Monopols, aber für ein Monopol, das auf eine Verteuerung des Petroleums und eine Begünstigung großer Finanzgesellschaften auf Kosten der großen Masse der Konsumenten hinausläuft, wird sie in keinem Fall stimmen. politische deberltckt. Berlin, den 14. Ottober 1918. Religion und Verbrechen. Die„Breslauer Voltswacht" stellte jüngst das Ergebnis der jetzt beendete» sechsten Schwurgerichtsperiode in Oberschlesten fest. Danach sind eine ungemein hohe Zahl von Verbrechern abgeurteilt worden, die sich die Delikte: Raub, Mord, Totschlag usw. zuschulden kommen ließen. Die größte Aufmerksamkeit hat der MySlowitzer Mordprozeß beansprucht, in dem die beiden Schuldigen mit je IS Jahren Zuchthaus bezw. Gefängnis bestraft worden sind. Dann kam die Tat des Kmschers Schmal ans Kattowitz, der seine Frau erschosien, und des Arbeiters Cymorek miS Königshütte, der einen Mordversuch an einem seiner früheren Freunde unternommen hatte, beide traf die härteste Strafe von je 15 Jahren Zuchthaus. Verhandelt wurde insgesamt in 14 Strafsachen gegen 19 Angeklagte und zwar wegen Raubmordes, Totschlags, Mordversuchs(2 mal), Körperverletzung mit Todeserfolg, Raubes<3 mal). Notzucht(3 mal), Amtsverbrechens, Urkundenfälschung(2 mal). Nur zwei Angeklagte wurden frei- gesprochen, die übrigen 17 dagegen zu insgesamt S7 Jahren. 3 Monaten Zuchthaus und 25 Jahren, 8 Monaten Gefängnis ver- urteilt. Ein Gegenstück hierzu bildet eine Schwnrgerichtsverhandlung in Trier, über die die„Aachener Post" wie folgt berichtet: „Bor dem Schwurgericht in Trier hatte sich der Winzer- gehilfe St. aus Minbeim, Kreis Wittlich, wegen Meineid? und der Winzer K. ans Reinsport, Kreis Bernkastel, wegen Anstiitung zum Meineid zu verantworten. Vor Eintritt in die Ver- lcandlung richtete der Vorsitzende sehr charakteristische Mahnworte an die Zeugen. Er sagte unter anderem: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß gewisse Ort? in der Nähe Ihres Mohnsitzes sich auszeichnen durch eine befon- derS große Anzahl von Meineiden und deshalb ineinem üblenRufe stehen. Hier in Trier, wo man an- nehmen sollt«, daß im Lande Religion herrscht, kommen mehr Meineide zur Verhandlung als zum Beispiel in der großen Stadt Köln. Das i st ein sehr böses Zeichen. Ich muß Ihnen ans Herz legen, daß das anders werden muß. Ich muß dringend bitten, unter Eid ja nur die Wabrheit zu sagen.... Bedenken Sie, daß es sich doch um eine Todsünde handelt, wenn man unter dem Eide von der Wahrheit abweicht." Also auch hier die immer wiederkehrende Erscheinung, daß wir in den frömmsten Gegenden die schlimmsten und meisten Verbrecher finiden. Wie oft haben die Gerichte schon früher auf diesen Umstand hingewiesen, und jetzt schließt sich auch der Vorsitzende des Schwurgerichts Trier der Meinung an, daß Frömmigkeit gegen Verbrechen nicht schützt, sondern daß in den frömmsten katholischen .Gegenden die Verbrechen stärker auftreten wie anderswo. Liberal-fortschrittliches Wahlabkommen. Die nationalliberale Partei im Regierungsbezirk Kassel hat auf einem Vertretertage einstimmig beschlossen, für die kommenden preußi- schen Landtagswahlen gemeinsam mit den Fortschrittlern vorzugehen und in sämtlichen kurhessischen Wahlkreisen gemeinsame Kandidaten aufzustellen. Jubel über den fortschrittlichen Rückschritt. Der Freisinn hat sich durch seinen Parteitag und namentlich durch den dort begonnenen Abbau der alten fortschritt- lichen Forderungen sofort neue Freunde erworben, deren Sympathien für ihn recht kompromittierend sind. Unter der jubelnden Uebcrschrift„Eine bedeutsame Tagung" bringt der„Deutsche Bauern- bund", das Verbandsorgan des Deutschen Bauern« bundeS, der ebenso energisch gegen die Fleischeinfuhr wettert wie sein Konkurrent und Bruder, der Bund der Landwirte, einen langen Leitartikel, in dem es heißt: „Der SiegeSzklg des Schutzzollgedankens ist unaufhaltsam", ist die Ehrenpforte, durch die der gelobte Fortschritt hindurch muß, um den Bauernbund zum Freunde zu erhallen. Dann heißt es recht charakteristisch weiter:„Wer hätte vor Jahren annehmen können, daß zahlreiche führende Persönlichkeiten der Fortschrittlichen Volkspartei öffentlich gegen das Parteiprogramm auf Herabsetzung der Schutzzölle Stellung nehnien und die Aufrecht- erhaltung der heutigen Getreidezölle befür- Worten würden!" „Das bedeutsamste Hindernis des Zusammengehens aller Liberalen war bis jetzt die nicht einwand- freie Haltung der Volkspartei in der Schutzzoll- frage. Wer daran arbeitet, die Fortschrittliche Bolkspartei in der Hinsicht auf den n at i o n a l l i b e r a l e n Boden zu bringen, nachdem sie ihre Stellungnahme zu Heer, Flotte und Kolonien schon jetzt geändert hat, arbeitet in Wahrheit für die Einigung des Liberalismus. Wir rufen den jugendlichen, tapferen und vorwärtsstrebenden Elementen der Fortfchritllichen Volkspartei ein herzliches Glück- auf zu!" Das neue Fortschrittsprogramm, wie es der jüngste Freund der sreisinnigen Parteien offen und ungeniert ausplaudert, ist also— Nation all ibcrall Ein„fortschrittliches" Dementi. Fortschrittsverein Mülhausen i. E. wendet sich in einer und durch die ihm nahestehende Presse(Mül- Der öffentlichen' Erklärung hauser Tagcblatl" und„Straßbnrger Neue Zeitung") gegen die Fest- stellung des„Vorwärts" und der„Mülhauscr Volkszcimng", daß anläßlich der BezirkstagSwahlen in Mülhausen Verhandlungen zwischen Fortschrittlern und Zentrümlern behufs Aufstellung einer bürgerlichenSammelkandidatur in Mülhausen-Nord bei der Nachwahl vom 6. Oktober angeknüpft worden sind. Der Vorstand des Fortschriltsvereins Mülhausen erklärt kategorisch, daß„keinerlei Verhandlungen" zwischen dem Fort' schrittsverein Mülhausen und dem Zentrumsverein Mülhausen ge' führr wurden. Wenn dieses Dementi besagen soll, daß der Fortschritts verein in keiner Plenarsitzung mit solchen Verhandlungen befaßt wurde, so ist es richtig. Im übrigen aber hat die liberale .Straßburger Post" selbst ausgeplaudert, daß noch drei Tage vor der BezirkstagSnachwahl im Mülhauser Nordkanlon der der Zentrums' Partei angehörende Landtagsabgeordnete B r o g l y telephonisch bei denr im fortschrittlichen Vereinslokal tagenden V o r st a n d des Fortschriltsvereins Mülhausen anfragte,„welchen Beschluß dieser für die Nachtvahl gefaßt habe und ob er geneigt wäre, einen dem ZentrumSvcrein nicht angehörenden, aber von diesem vorgeschlagenen Kandidaten zu unterstützen? Zu allem Ucberfluß spricht setzt auch die„Straßburger Neue Zeitung" in einem Mülhauser Brief in Ziuminer 234 vom 13. Oktober von persönlichen Bemühungen des Zentrumskaudidaten H a e n g g i und des Landtagsabgeordneten Brogly bei einzelnen Vorstandsmitgliedern des ForlschrittSvereins behufs Aufstellung eines gemeinschaft- lichen bürgerlichen Kandidaten,— Bemühungen, die dem Vorstande naturgemäß hätten mitgeteilt werden müssen. Damit ist alles fest- gestellt, was im„Vorwärts" behauptet worden war. Die unter der Hand aiigeknüpfleil Verhandlungen scheiterten eben an der Randidatenfrage. Recht hübsch bestätigt dies die„Straßb. Neue Zeitung", indem sie wörtlich schreibt:„Für eine bürgerliche Sammelkandidatur wäre der Fortschriltsverein zweifellos zu haben gewesen, wenn— das Zentrum den Fortschrittskandidaten hätte unterstützen wollen.... Der Vorstand bat aber nicht einen Augen- blick die'Absicht gehabt, auf Verhandlungen einzugehen, bei denen er auf's Glatteis geraten wäre?" Das genügt I Das Glatteis, das war ein rein klerikaler Kandidat. Fahrpreisermäftigung als Kampfmittel gegen die Arbeiterjugend. Die preußische Eisenbahnverwaltung ordnete vor längerer Zeit an, daß den Jugendvereinen Fahrpreisermäßigungen bei ihren Aus- flögen gewährt werden sollen. Die proletarischen Jugendvereine, darunter auch die Jugendabteilungen der Arbeiterturnvereiu«, wur- den natürlich von vornherein von dieser Vergünstigung ausgeschloffen Neuerdings wird versucht, die Arbeiterjugend mit dieser Fahrpreis- crmäßigung zu ködern. Der Regierungspräsident von Pommern, von Schmeliug, erläßt unterm 4. September er. an die Herren Landräte und Magistrate seines Bezirks ein Schreiben, in dem es in dem üblichen Amtsdeutsch heißt: „Nachdem am 15. Juli dieses Jahres auf den deutschen Eisen- bahnen für Fahrten im Interesse der Jugendpflege eine Er- Mäßigung auf ettvas abweichender Grundlage eingeführt worden ist. erscheint es angebracht und folgerichtig, daß die Turnvereine für Ausfluge ihrer Jugendabteilungen auf diese neue Ermäßi- gung verwiesen Iverdcn, wobei vorausgesstzt wird, daß es nicht nur keine Schwierigkeiten bereiten, sondern im allgemeinen Jnter- esse sogar erwünscht ist. daß sie sich einer staatlich anerkannten Organisation für Jugendpflege anschließen." Wie der Regierungspräsident weiter ausführt, ist in Aussicht genommmen. die preußische Tarifbestimmung, wonach die Turn- vereine Anspruch auf Ermäßigung haben, mit Ablauf des Jahres zu beseitigen. Damit nun aber auch der wirkliche Zweck erreicht, nämlich die Jugend für die vaterländischen Vereine gekapert werde! ergeht an die Landrätc und Magistrate die Aufforderung,„die Turn- vereine in geeigneter Weise auf die veränderte Tariflage hinzu- weisen und ihnen anheimzugeben, ihren Anschluß an eine staatlich geförderte Organisation für Jugendpflege zu suchen". Da das Schreiben nicht nur den Vereinen bekannt gegeben wird, die die Vorteile aus der Fahrpreisermäßigung ziehen, sondern auch der Freien Turnerschaft(im vorliegenden Falle Stettin) ab- schriftlich zugeht, ist anzunehmen, daß die Regierung die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, die Arbeiterturnvereine für sich zu gc- Winnen. Der Erfolg wird natürlich gleich Null sein. Milde Kriegsjustiz. Vor einigen Wochen erregte in der reichsländischen Presse die Nachricht Aussehen und Entrüstung, daß ein Leutnant aus der Tornacher Straße in Mülhausen i. E. cincni löjährigcn S ch I o s s e r 1 e h r l i n g, der in dem Abstand zwischen zwei vom Manöver zurückkehrenden Kompagnien Infanterie die Straße über- sprang, mit dem Degen eine blutende Verletzung am Oberleib beibrachte; ja, daß der Leutnant den flüchtig davon- eilenden Jungen mit der blanken Waffe verfolgte und noch zwei- mal gegen ihn stach. Der Vorgang kam jetzt vor dem Kriegs- gericht der 29. Division in Mülhausen i. E. zur Verhandlung und Aburteilung. Angeklagt war der Leutnant Eber vom Infanterie- regiment Nr. 179 wegen gefährlicher Körperverletzung des 16jährigen Schlofferlehrlings Albert Eckard. Die geladenen 12 Zivilzeugen bejahten fast übereinstimmend die Frage, ob der Angeklagte mit Absicht nach dem Lehrling stach; sa, daß er dem Jungen, als dieser schon vorbei war, nacheilte und noch ein oder zwei Säbelhiebe gegen ihn führte, die aber nicht trafen. Eigen- tümlicherweisc be kündeten die geladenen Militär- zeugen fast das strikte Gegenteil von dem, was die Zivilzeugcn ausgesagt hatten. Ein vernommener Feld- wcbel ging sogar so weit, auszusagen, daß er nicht einmal glaube, daß der Lehrjunge mit dem Degen des Leutnants in Berührung gekommen sei. Dabei erlitt der Junge eine blutende Wunde! Der Kompagniechef des Angeklagten, Hauptmann Scitz, bekundete, daß er von dem Vorfall überhaupt nichts bemerkte und erst durch seinen Friseur davon Kenntnis bekam. Der angeklagte Leutnant sei ein ruhiger Mensch, dem eine Unbesonnenheit gar nicht zuzu- trauen sei. Ter Anklagevertreter, Kriegsgvrichtsrat Lehmert, hat die Uebcr- zcugnng, daß der Leutnant den Jungen mit dem Degen keineswegs verletzen wollte; er wollte offenbar nur den Regimentsbefehl(Durch- latzverbot) ausführen, wobei er allerdings durch unvorsichtiges Han- tidren mit der Waffe den Lehrling verletzte. Dafür beantragte er — zwei Tage»s t u b c n a r r c st. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Rusche aus Ofscnburg i. B. nimmt an, daß, nachdem Leutnant Eber seinen„Degen als Barriere benutzt" hatte, um den Durchgang des Jungen zu verhindern, beim Wiederübernehmen des Degens auf die Schulter es den Anschein erweckte, als habe er noch einen Schlag aus' geführt. Im übrigen sei der Lehrling selber in den Degen gerannt.(!) Nach einer Beratung von wenigen Minuten sprach hieraus das Gericht den Angeklagten frei. Der Frcispruch des Gerichts nach den bestimmt belastenden Aussagen von einem Dutzend Zivilzeugcn erregt bei der Bevölkerung das lebhafteste Befremden.____ Eine Bitte um eine hohe Zuchthausstrafe. Der Arbcitssoldat Branngart der Arbciterabteilung der Festung Ingolstadt hatte in der Gefängniszelle seinen Strohsack angezündet Er erhielt dafür 28 Tage Mirrelarrest. Da Berufung eingelegt wurde, kam die Sache vor das ObcrkriegSgericht in Nürnberg. Dort antwortete der Soldat auf die Frage des Geiichtsvorsitzenden, was er beantrage:„Ich bitte um eine hohe Zuchthausstrafe." Diesen Wunsch des Soldaten erfüllte das Gericht allerdings nicht. Es verurteilte ihn wegen versuchter Brandstiftung nur zu einem Jahr zehn Tagen Gefängnis. Einem Soldaten, der das Gericht um eine Zuchthausstrafe bittet. muß sicherlich in der Kaserne arg mitgespielt worden sein. Das Leben bei der Arbeiterabteiliing scheint demnach weniger erträglich zu sein, als die Folter des Zuchthauses. Schweiz. Der Züricher Generalstreik im Kantonsrat. Die Bewilligung der 32 000 Fr., die das Truppen- aufgebot anläßlich des Streiks vom 12. Juli erfordert hat, sollte eine vernichtende Abrechnung mit den„Anstiftern des Aufruhrs", zu dem bürgerliche Angst den friedlichen Demonstrationsstreik gestempelt hat, und eine glänzende Verrrauenskundgebung für den Pflicht bewußten Schützer der Ordnung, den Regierungsrat, bringen. Es kam wieder einmal anders. Zwar zeigte die Rede des Regierungs' rats M o u s s o n, der die Vorlage vertrat, die Solidarität der Re gierung mit den Unternehmern und ihren scharfmacherischen Wort- fllhrern noch weit inniger, als man erwartet hatte, lind die frei' sinnig-demokratischen Redner ließen nichts unversucht, die Ein- führung einer gewerbsmäßigen- und gemeingefährlichen Streik brecherbande, das Verbot des Streikpostenstehens und die Heram ziehung der Truppen gegen friedliche Demonstranten ebenso berechtigt zu finden wie das völlig apathische Verhalten der Regierung gegenüber dem Unternehmertum, das dem eintägigen Streik eine zweitägige Aussperrung folgen ließ und selbst Staatsbehörden zur Mitaussperrung verleitete. Aber der Sieg im Geisteskampfe war nicht den unverhülllen, arbeiterhaßtriefenden Scharfmacherreden namentlich ländlicher Vertreter noch den halbgeistigen Vermittler warten bürgerlicher„Arbeiterfreunde" beschieden. Vielmehr ver- mochten unsere Genossen Oschwend, Heußer, Sigg und Greulich durch reichliches Tatsachenmateriäl und wuchtige Gedanken, die Sache der Arbeiter zu rechtfertigen und die einseitige Klassentendenz der Herr- schenken Gruppen darzutun. Oschwend gab eine eingehende Darstellung des Sachverhalts, wobei ihm ein geheimes Protokoll des Vorstandes der Scharfmacher- organisation, die hinter der Regierung steht, zu statten kam. Sigg zeigte die moralischeKraft, die sich im und nach dem Streik offenbarte, und brandmarkte dieLllgentaktikeiner durch Inserate gekauften Presse, die eine friedliche Kundgebung zum zuchtlosen Aufruhr umgefälscht hat. Und mächtig beherrschte unser alter Greulich die Debatte. Er zeigte, wie die Rechtlosigkeit der 15 000 ausländischen Züricher Arbeiter Konflikte befördere, wie die Arbeiter zu friedlichem Schiedsspruch bereit waren, aber abgewiesen wurden; er kenn- zeichnete den Niedergang der Demokratischen Partei von einer kühn vorwärtsdrängenden Gruppe zu einem Anhängsel des zünftlerisch- hetzerischen Bürgerverbandes.«Noch nie haben solche Verhältnisse in der Welt existiert. Der Kampf gegen dieses moderne Sklavewtum ist heilige Pflicht. Sie werden mit keinem Mittel die Arbeiterbewegung aufhalten. Noch ist die Weltgeschichte nicht zu Ende und auch das Zeitalter der Revolutionen ist noch nicht vorbei!" Natürlich hieß die Mehrheit, 104 gegen 33 Stimmen, das Ver- halten der Regierung gut. Das Volk wird anders richten. Spanien. Sozialisten und Republikaner. Dem spanischen sozialdemokratischen Parteitag, der in Madrid getagt hat, lag unter anderem die Beurteilung des vor drei Jahren, nach der Hinrichtung Färrers, abgeschlossenen Bündnisses mit der republikanischen Partei ob. Der Zweck des da- maligen Abkommens war, die Rückkehr des Klerikalen Maura ins Amt zu verhindern, ferner den Sturz der Monarchie, als un- bedingte Voraussetzung moderner Kulturentwickelung im Pfaffen- lande, möglichst zu beschleunigen. Drei Resolutionen lagen dem Parteitag vor. Die erste, Garcia und Genossen, forderte die Auflösung des Bündnisses, das keines seiner Versprechungen gehalten, statt dessen sich als Hemmnis der Parteiaktion erwiesen habe. Eine zweite von Caballero bekräftigte das Zusammenwirken zum speziellen Zweck der direkten Bekämpfung der Monarchie. sonst aber die volle Unabhängigkeit der Partei. Die dritte, Prietcr und Perezagun, forderte die Erhaltung des Bündnisses, die Einleitung einer energischen republikanischen Propaganda im ganzen Lande, wozu ein besonderer Fonds geschaffen werden solle. Das Bündnis solle nur gelöst werden, wenn die Republikenrer in der Aktion erlahmen, jedes weitere Abkommen mit einer Gruppe außerhalb der republikanischen Partei solle verboten sein. In der eingehenden Diskussion wurde hervorgehoben, daß die Lossage von dem Abkommen bei den Reaktionären große Freude erregen werde. Durch das Bündnis sei es gelungen, ein« ganze Anzahl Sitze in Gemeindevertretungen zu gewinnen, ohne irgend- wie in«lbhängigkcit von den bürgerlichen Republikanern zu geraten. Schließlich wurde aus das Zusammenwirken von Sozia- listen und Republikanern beim Sturze der Monarchie in Portugal hingewiesen. Die Resolution Prieta wurde mit allen gegen sieben Stimmen angenommen. KußUtick. Proteste gegen die Gefangcnenmorde in de« sibirische« Gefängnissen. Die bekannten Greuel im Gefängnis zu Kntomara, die eine An- zahl politischer Gefangener zum Selbstmord getrieben hat, haben regen Widerhall in den Massen gefunden. In Warschau fand auf die Initiative der sozialistischen Organisationen �uf zahlreichen Fabriken ein eintägiger Proteststreik statt, an dem sich mehr als 10 000 Personen beteiliglen. In der P e t e r s b u r g e r Universität fand am 7. Oktober ein Protestmeeting statt, an dem sich 1000 Personen beteiligten, und das von der Polizei aufgelöst wurde. Soweit die vorläufigen Mitteilungen auS Rußland. In Paris fand dieser Tage aus demselben Anlaß in dem großen Saal der Wissenschast- lichen Gesellschaften eine von mehr als 2000 Personen besuchte Protesiversammlung statt, in der neben den Rednern der russischen sozialistischen Parteien Grumbach von der deutschen Sozialdemo- kraiie, Aubriot und Gaston Luvy von der französischen Partei sprachen. Eine einstimmig angenommene Protestresolution geißelt die entsetz- lichen Zustände in den russischen Gefängnissen und die blutige Politik der zarischen Regierung. Soziales. Eingeschwenkt? Kürzlich berichteten wir, die Firma Friedrich Krupp habe das Eingehen ihrer Bcamtenpensionskasse beschlossen, sie wollte deren Bestimmungen nicht mit den Anforderungen der reichsgesetzlichen Angestelltenvcrsicherung in Einklang bringen. Das hat anscheinend das Rcichsvcrsicherungsamt bewogen, der Kruppschen Beamten- pensionskasse den Charakter als Lebensversicherungscinrichtung zu- zuerkennen. Danach können die Mitglieder, soweit sie bereits vor dem 5. Dezember 1911 der Kasse angehörten, ihre Befreiung von der Beitragszahlung zur Reichsoersicherung beantragen, wenn ihr Jahresbeitrag einschließlich dem der Firma mindestens die Hälfte der gesetzlichen Beiträge ausmacht. Aus Grund der Entschm>duug des Rcichsvcrsicherungsamtes will die Firma Krupp nun gnädigst ihre Bcamtcnpcnsivnskassc beibehalten, sie empfiehlt den in Betracht kommenden Beamten, ihre Befreiung von der gesetzlichen Beitrags- Zahlung zu beantragen. Die Firma wünscht und die meisten Beamten werden gegen ihren Wunsch folgen. Die Wohlfahrtssirma erspart eine abständige Summe an Beiträgen, und die Wohlfahrtspci tsche ist ihr nicht vollständig entwunden. Bctricliskrankenkasscn und Aerztcverband. Ter Verband zur Wahrung der Interessen der deutschen Be« triebskrankenkaffcn hielt gestern, hier seine Herdsttagung ab. Einen lnesentlichen Punkt der Tagesordnung bildete das Thema: Die cm preußischen Abgeordnetcnhause angekündigten Einigungsversuche der Regierung bei Krankenkassen und Aerzten. Wenn die Regierung wegen der Einigungsvcrhandlungen an die Vcrbandsleitung herantrete, so soll nach dem gestern gefaßten Beschluß diese ihre Mit- Wirkung nicht versagen und durch nach Lage der Verhältnisse weit- gehende Zugeständnisse die Einigung erleichtern. An den Gr«id- rechten, namentlich an dem Recht der Kassen, das Aerztesystem zu bestimmen, sollte unter allen Umständen festgehalten werden. Ter Leipziger Aerztcverband müßte auch Einräumungen machen. Seine in Vorbereitung befindlichen Maßnahmen zur Durchführung eines allgemeinen Kampfes gegen die Krankenkassen dürften nicht weiter- geführt werden. Wenn die Regierung in geeigneter Weise aus den Leipziger Aerztcverband einwirke, erscheine die Einigung nicht ausgeschlossen. Im Interesse des Gesamtwohles liege es. wenn d-q beiden so sehr aufeinander aiigcwicsciien Teile in friedlichem vernehmen zusammenwirken würden. Ein« Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheite«. Die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrank- hciten begeht am 19. Oktober d. I. ihr zehnjähriges Stiftungsfest. Aus dieser Veranlassung findet abends 8 Uhr in den Räumen des Kaiserin-Friedrich-Hauses, Luifcnplatz 2/4, die Jahresversammlung als öffentliche Versammlung statt, in welcher Professor Blaschko einen Ucbcrblick über die bisherige Tätigkeit und die Erfolge der Gesellschaft geben wird. Der erste Vorsitzende, Geheimrat Reißer- Breslau, wird über das Thema:„Ueber die Fortschritte i« der Spphillsbehandlung in den lctiten 19 Jahren" sprechen. Gewerkschaftliches siehe 2. Beilage. Letzte Nach Hebten. Austakt zur Laudtagswahl. � Barme». 14. Okrovcr. tP r i v a t t c lc g r a m m d c s„V o r- wärt s".) Im hiesigen Zirkusgcböudc sprach heute der Landwgs- ahgeordiietc Genosse L e i n e r t vor 5000 Personen über das Thema: Preußen ein Feind des Reiches". Begeisterter Beifall bezeugte dem Redner, daß auch die Arbeiterschaft Barmen» mit Zuversicht dem bevorstehenden Wahlrechtslampf� entgegensieht. Steigerung der Kohlenpreise. Essen(Ruhr), 14 Oktober. In der heutigen Beirats- sltzung des Kohlcnsyndikats wurde eine Preiserhöhung f ü r K o h l e n von 23 bis 100 Pfennig, und zwar im Durch- schnitt von rund 00 Pf. für die Toiine beschlossen. Für Koks betrug die Preiserhöhung 1 M. für die Tonne bis auf einige Sorten, die nur»in 50 Pf. und in einem Falle nur um 25 Pf. im Preise gesteigert worden sind. Für Briketts bewegte sich die Preiserhöhung zwischen 50 und 7o Pf. für die Tonne. Schweres Eisci,bahii»nglück. Speyerdorf(Pfalz», 14. Ott.(W. T. B.) Heute nachmittag gegen 8 Uhr ereigiiete sich auf dem hiesigen Bahnhof der Kleinbahn Neu- stadt-Speycr ein schwerer Eisenbahllunfall. bei dem drei Personen getötet und drei verletzt wurden. Das Unglück soll dadurch herbei- geführt worden sein, daß die von dem Flugplatz Lachen herbei- strömenden Menschenmengen den einfahrende» Zug trotz Warnung besteigen wollten. Nach einer anderen Meldung sollen die vorderen Personen von den Nachdrängenden in das Gleis des einfahrenden Zuges gedrückt worden sein. Aerztliche Hilfe war gleich zur Stelle. verantw. Redakt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: LH. Glocke. Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdr.« Verlagsanstalt�Paul Singer ä Eo.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Untcrhaltongsliü Nr. 241. 29. Iahrgültg. 1 WM to.Fmiick" ßttliitft MM Diemtag, tZ. Gktobtt 1912. Auf nach Treptow zum Mafsenprotest! Gegen Krieg und Kriegsgefahr! Gegen Dreiklassenschmach und Aushuugerungspolitik! Her neue AshImhMsmpf in lieultölln vertagt. Noch in aller Erinnerung ist der flagrante Wahlrcchtsraub, den die bürgerliche Stadtverordnctenmehrheit Neuköllns(damals Rixdorfs) im Verein mit dem Magistrat vor einigen Iabren entgegen den stürmischen Protestkundgebungen unserer Vertreter und der entrechteten Bevölkerung beging. Alle Bc- niühungen unserer Genossen, den Magistrat sowohl wie auch die wahlrechtsfeindlichen Vertreter der Neuköllner Bürgerschaft von ihrem ungesetzlichen Vorgehen zu überzeugen, waren erfolglos und zwar deshalb, weil die letzteren das Zustandekommen einer sozialdemokratischen Mehrheit unter allen Umständen der- hindern wollten. Nach jahrelangem Rechtsstreit erst konnten die Verschlechterer des an sich schon elenden Dreiklassenwahl- rechts durch Urteile des höchsten Gerichts gezwungen werden, die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung auf Grund gesetz- licher Wählerlisten vornehmen zu lassen. Im Frühjahr gelang es nunmehr unseren Genossen, zu den in festem Besitz der Sozialdemokratie befindlichen Mandaten der dritten Abteilung noch sechs Mandate in der zweiten Ab- tcilung zu erobern. Von den 72 Sitzen der Stadtverordneten- Versammlung hat die Sozialdemokratie gegenwärtig 30 besetzt. Die Mögtichkeit, bei den im November dieses Jahres statt- findenden Ersatzwahlen neue Mandate zu erringen und dadurch die Mehrheit zu erlangen, schien für die Sozialdemokratie der Arbeiterstadt Neukölln in greifbare Nähe gerückt. Da plötzlich stellt es sich heraus, dafi der Neuköllner Magistrat bei der Aufstellung der diesjährigen Wählerlisten völlig ungesetzliche Praktiken angewendet hat. Mit unglaub- licher Kühnheit hat er sich selbst als höchsten Steuerzahler mit 220 000 M. in die Wählerliste eingetragen und damit bewirkt, daß über tausend Wähler, die sonst in der zweiten Abteilung gewählt hätten, in die dritte Abteilung gedrängt sind. Das Vorgehen des Magistrats ist ein NoVum und widerspricht dem Geiste des Gesetzes. Das weiß auch der Neuköllner Magistrat; er hat sich sogar vorher bei einigen Magistraten Groß- Berlins erkundigt und dort bestätigt erhalten, daß es u n g e s c tz l i ch ist, wenn sich die Stadt als Wähler in die Liste einträgt. Wie nicht anders zu erwarten, hat das Vorgehen des Magistrats bereits weite Kreise der Bevölkerung mit großer Empörung erfüllt., In Form eines Einspruches gegen die Wählerliste ist seitens unserer Parteigenossen gegen das Vorgehen des Magistrats Protest erhoben worden, lieber denselben verhandelte gestern abend die Stadtverordnetenversammlung. Zu einer end- gültigen Entscheidung kam es nicht. Da der Magisttrat einen vorläufigen Rückzug antrat, der von den bürgerlichen kleines feuiUeton. Theater. Kleines Theater.„Magdalena", Volksstück von L u d w i g T« m a. Der Stoff ist ohne innere Nötigung gewalt- sam in dramatische Form gcpreht. Was Thoma, der berühmte Erzähler, Zug um Zug natnrwahr entwickelt haben würde: wie das Gerede von der Känflichkeit der Lcni im Dorf emsteht und schließlich zu einer Art von Aufruhr führt, ninimt in der szenischen Zuspitzung peinlich grelle, unglaubwürdige Färbung. Wenn die breite Schilde- runq in den ersten Akten es zu keiner eigentlichen Bewegung bringt, so füllt der dritte, im Bestreben daS Manko einzuholen, das Zu- ständliche nun rasch zur Katastrophe fortzutreiben, inS Theaterhafie. Man braucht sich nur die Frage vorzulegen, ob Thoma. wenn nicht dies Rechne» mit der Bühne gewesen wäre, je auf den abnormen Einfall hätte geraten können, einen bayerischen Bauern die Tochter, weil sie ihm Schande bringt, niederstechen zu lassen. In seinen Romanen und Skizzen wäre das unmöglich! Da spiegelt sich der Lauf der Dinge zwanglos wieder. Die Tat ist nur Theatergeste, ein Zerhauen des Knotens, den der Autor im szenischen Bilde sonst nicht zu lösen wußte. Sehr gut ist die arme Leni gezeichnet, deren ganze die pharisäische Entrüstung der braven Landlcute herausfordernde Schlechtigkeit in einer eingeborenen stumpfen Einfalt wurzelt. Ein bißchen Schutz, ein bißchen Sonnenschein und trotz dieses Defektes hätte sich ihr Leben vermutlich in den Geleisen der gewohnten Ordnung abgerollt.«uf sich gestellt, aus dem elter- lichen Hause in die Stadt verpflanzt, wird die Arglose die Beute eines Hetratsschwindlcrs und läßt sich, einmal aus der Bahn gestoßen, haltlos weiter treiben. Die Polizei greift die Minderjährige als Prostituierte auf, expediert sie nach Verbüßung einer Strafe wegen Diebstahls in die Heimat. Unter dem Gejohl der Dorsjugend wird sie von dem Gendarmen ins Haus gestoßen,— scheu und geduckt wie ein verprügelter Hund. Weder der Zorn des Baters noch die Güte der Mutter wecken rn ihr ein Gefühl der Schain. Ihr Empfinden ist erstarrt, sie faßt den Sinn der Worte kaum. Außer der Furcht vor Schlägen bewegt sie nur die Sorge, daß der Vater. der ihren geliebten Hut zu Boden ichleuderte. das Band verdorben haben könnte. Diese Szenen waren die eindrucksvollsten und wurden durch ein meisterliches Spiel getragen. Für die schlichte in un- erschöpflichet Geduld den Weg zum Herzen snchende Mutterliebe der krankcn Bäuerin fand Jlka Grün«ng Tone von wunderbar be- zwingender Innigkeit und ebenso warCcnta BrsS verlorenes Mädchen in jeder Miene und Bewegung echt. Die sterbende hat ihrem Manne das Versprechen abgenommen, die Tochter im Hame zu behalten. Selbst unnachsichtig streng und dem Madchen seine Verachtung rücksichtslos bezeugend, empört ihn das Gellatsch und die Feind- s-ligkeit im Dorfe. Grad weil die Nachbarn den Schandfleck weg haben wollen, soll sie bleiben! Leni hat stch verrnckte Helrats- aedanken in den Kops gesetzt, und als der hübsche Burich, nach dem sie angelt, sie grob zurückstößt, verfällt sie aus den ungliickieltgen Plan. sich ihre Gunst von einem anderen bezahlen zu lassett. Was sie bekommt. will sie zur Flucht verwenden. Das Unerhörte tpricht sich hermn. Um Geld hat sich noch nie ein Mädchen in dem Dorfe preisgegeben. Man ist empört. Eine Deputation wird an den Bater gesandt. Er kann's nicht glauben, nennt die Beschtildiger Lügner und exekutlert, als ihm die Wahrheit unwiderlegbar nachgewiesen wird, den beiagten Dolchstoß.. o,-« Die Aufführung war durchgängig ausgezeichnet. Auch Herr Joses Klein, der in der Sonntogsvorstellung an Stelle Klein- Stadtverordneten gedeckt wurde, so ist der Austrag des Streit- falles noch um ein Jahr verschoben worden.— Näheres hierüber besagt der nachstehende Bericht über die gestrige Sitzung der Neuköllner Stadtverordneten. Unter gespannter Ausinerksamkeit der Versammlung und der dicht besetzten Tribünen, begründete Genosse Scholz den Antrag auf Streichung der Stadtgemeinde aus der Wählerliste. Gestützt auf die Bcstinlmungeii der Städteordnung und ein Urteil des Ober- Verwaltungsgerichts wies cr nach, daß das Vorgehen des Magistrats durchaus ungesetzlich ist. Der Vorgang sei so ungewöhnlich, daß cr bei allen Kennern kommnnalpolitischer Dinge mit Lachen aufgc- nommen wurde. Tann ging der Redner auf die praktischen Folgen des Vorgehens des Magistrats ein. Je mehr die Stadtgemeinde mit dem Erwerb von Grundbesitz und mit Einrichtung eigener Bc- triebe von den Vertretern der Wähler betraut wird, desto mehr erhöht sich die Steuersumme der Stadt, und so kann es dahin kommen, daß der Magistrat oder der Bürgermeister, der vielleicht das Wahlrecht für die Gemeinde ausübt, die Stadtverordneten der ganzen ersten Abteilung ernennt.„Stellen Sie sich vor"— so wandte sich der Redner an die Erlvählten der ersten Abteilung— „was das für ein Verhältnis wäre, wenn Sie so vom Magistrat oder von der Person des Bürgermeisters abhängig wären. Das wäre ja ein Unfug. Atan kann doch nicht annehmen, daß der Gc- sctzgebcr das gewollt hat." Durch den Zwischenruf:„Selbst in Preußen nicht wurde diese Auffassung des Redners noch unter- strichen. Weiter wies Genosse Scholz darauf hin. daß durch das Vorgehen des Magistrats, wenn es als statthaft angesehen werden sollte, eine derartige Verschiebung der Wähler aus den oberen in die unteren Abteilungen stattfinden müßte, daß in kurzer Zeit nicht nur die Arbeiter, sondern auch ein großer. Teil des Mittel- standes aus der zweiten in die dritte Abteilung abgeschoben werden würde. Die paar Arbeiter sind bald herauszubekommen aus der zweiten Abteilung. Tann, meine Herren, die Sie als Vertreter des Mittelstandes hier sitzen, kommen Ihre Wähler an die Reihe. Wir halten das Vorgehen des Magistrats für ungesetzlich. Wenn diese Angelegenheit nicht jetzt entschieden wird, dann fällt die Ent- scheidung bei den Wahlen. Wir lassen uns unser Recht nicht nehmen. Das wissen Sie. Wenn Sic den Niederlagen, die Sie in letzter Zeit in der Wahlrechtssrage erlitten haben, eine neue Niederlage hinzufügen wollen, so kann uns das schon recht sein. Wollen Sie das vermeiden, dann stimmen Sie unserem Protest zu. Run nahm Stadtrat Mier das Wort, um«inen vorläuft- gen Rückzug des Magistrats anzukündigen. Der Magtstrt stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die Gemeinde das Wahlrecht für sich in Anspruch nehme» könne. Sie habe auch schon in der vor- jährigen Liste gestanden, ohne daß Einspruch dagegen erhoben worden sei. Da in diesem Jahre Wahlen stattfinden, so habe die Angelegenheit einen politischen Beigeschmack. Der Magistrat wolle mit seinem Vorgehen keine politischen Absichten verfolgen, deshalb stelle er anHeim, die Stadtgemeindc diesmal aus der Wählerliste zu streichen. Im nächsten Jahre werde der Magistrai wieder ihre Auf- nähme veranlassen. Dann seien keine Wahlen und die Streitfrage könne durch Anfechtung der Wählerliste zum Austrag gebracht werden. � Die bürgerlichen Stadtverordneten schienen aus diese Wendung der Dinge nicht gefaßt gewesen zu fein. Sie ersuchten um eine Pause und nahmen zu den Ausführungen des Magistrats Stellung. Das Rohden« die Rolle des bäuerlichen Meisters Anton übernommen hatte, fügte sich dein Ensemble sehr glücklich ein. ät. DeutscheSTHeater: Shakespeares, König Hein- rich der Vierte, erster Teil. So ausgesprochen Reinhardts Sinn für große farbige Massenwirkungen auf dem Theater, so halt- lo-Z ist der gegen ihn erhobene Vorwurf, daß seine Regie um male- rischer Effekte willen den Blick vom dichterischen Gehalt auf Aeußer- liches lenke. Fast überall hat sich gezeigt, daß diese Lust am Farbigen dem höheren Streben, die in dem Werk enthaltenen StiinmungSmög lichkeiten herauszuholen, unterworfen war. Die AirSstattung im„Heim rich" hielt sich auf einer Mittellinie. Wer da Sensationen erwartet hatte, kam nicht aus seine Kosten. Jeder komplizierte Pomp, der eine längere Ausdehnung der Zwischenpausen erfordert haben würde, war vermieden. So lief, trotz des gehäuften Szenenwechsels, die Vor« stellung(mit Hilfe der Drehbühne) in ununterbrochenem Flusse fort. Immerhin, da hier wie bei den sonstigen Klassikerpremieren des Deutschen Theaters der Text fast vollständig gegeben wurde, nahm sie vier Stunden in Anspruch. Kürzungen hätten die Wirkung noch erhöbt. Der Einklang der in vieler Hinsicht trefflichen Aufführung erlitt für inein Empfinden durch B a s s e r m a N N L von« Publikum be< sonders stark beklatschten Percy eine Störung. Dieser geistvoll fein sinnige Darsteller, der im Brahmschen Ensemble in Werken naturalistischen Gepräges Gestalten von intimster Nuancierung schuf, wird in dem klassischen, vorwiegend aus das Große und Heroische gestellten Drama niemals heimisch werden. Sein Gang und sein Organ, das im Affekte breit und schreiend wird, versagt sich solchen Zielen. Er streift den Glanz von den Figuren, gibt minutiöse Studien mit einem Stich ins Pathologische, wo man die Wucht des kraftvoll Strömenden erwartet. Percys Stottern scheint der Ausgangs punkt, von dem aus er sich die Rolle assimilierte. Man sah den Choleriker, dessen kochenden Wallungen die ungefüge Zunge nur mit Mühe folgt, aber der Schimmer jugendlich schönen Heldentums des ritterlichen Nebellen war ausgelöscht. Und die naturalistische Sprach- sehlerbeharrlichkeit fiel quälend ans die Nerven. Nach dem blassen und gefurchten Antlitz hätte der Aival des Prinzen dessen Vater sein können. Um so frischer wirkten die Prinz Heinrich-Szenen. M o i s s i S Heinz war königliches Blut. Er milderte die Ausgelassenheit der wilden Jungenstreiche durch eine weiche seelenvolle Grazie, die aber doch nicht weichlich wirkte. Flammend brach die verhaltene Kraft, der glühende Ehrgeiz. Große« zu vollbringen, in einzelnen Momenten, den spielerischen Schein zerreißend, vor. Wenn es vielleicht auch nicht gerade ganz und gar die Shakespearesche Figur ivar(der Dichter wird sich seinen Heinrich wohl robust-vollblütiger gedacht haben), so schloffen sich die Züge auch so zu einem plastisch- anschaulichen, bedeutsamen-interesianten Bilde der Persönlichkeit zu- sammen. D i e a e l m a n n war ein famoser Falstaff, breit und behaglich die unsterblichen Humore deö dicken Ritter« widerstrahlend. Markig arbeitete W e g e n e r die in dem Drama nur obenhin skizzierte Figur dcS Königs heraus. Au« der Fülle der großen, zum Teil recht gut besetzten Episodenrolle» sei insbesondere noch EI)? Heims allerliebstes Käthchen erwähnt."i. Deutsches Schauspielhaus:„Der gutsitzende Frack" von Gabriel Drvgely. Kleider machen Leute, und ein großes Maul haben heißt Bildung haben, kalkulierte der Schneider- gehilfe Mclzer, schlüpfte in den AusbügelnS halber gebrachten Frack- anzug und Wolfspelz eines Kunden— und schwindele sich im Hand- umdrehen zum großen Gesellschaftslöwen, ja., bis zum Abgeordneten und Staatsminister hinauf. Drögely macht also den dankenswerten Versuch die LebenSktirve eines modernen Hochstaplers zu ziehen. Resultat dieser Besprechung war eine Erklärung, d!e Stadtverord« neter Abraham verlas. Sie lautet in ihren wesentlichen Punkten: Die beiden bürgerlichen Fraktionen sind einstimmig der Ansicht, daß der Einspruch gegen die Wählerliste wegen seiner unbe- stimmten Form zurückgewiesen werden muß. Die Fraktionen teilen die Auffassung des Magistrats, daß die Frage noch nicht endgültig entschieden werden soll, daß aber später erneut zu der Angelegen- heit Stellung zu nehmen ist. Da der Magistrat ausgesprochen hat, daß ercen Anschein vermieden sehen will, als ob er aus politischen Gründen gehandelt habe, so haben die beiden Fraktionen, um auch ihrerseits den Schein abzuwenden, daß sie sich in dieser Frage von kommunalpolitischen Gründen leiten lassen, den Beschluß gefaßt, sich der Abstimmung über die Berechtigung des Einspruches gegen Aufnahme der Stadtgemeinde in die Wählerliste zu enthalten. Nachdem noch Genosse Kl oth gegen das Vorgehen des Magi» strats gesprochen hatte, wurde die Streichung der Stadtgcineinde aus der Wählerliste mit den Stimmen der Sozialdemokraten be» schlössen. Die bürgerlichen Vertreter stimmten nicht mit. Dadurch ist die Entscheidung des neuesten Neuköllner Wahl» rechtskainpfes um ein Jahr vertagt. Unsere Parteigenossen werden selbstverständlich auch diesen Kampf im Jntcressc der Wähler Neu- köllns mit gewohnter Energie durchführen. Sie Neuerung. Fleischpreise. Die amtlichen Preisberichte der„Statist. Korrespondenz' fassen die Eutwickelung der Fleischpreise im dritten Bierteljahr 1912 dahin zu- sammen: Während des dritten Vierteljahres 1L12 sind die Klein» Handelspreise aller Fleischarten weiter gestiegen, und zwar hat nun- mehr auch der Durchschnittspreis deS Schweinefleisches mit rund 18ö Pf. den höchsten Stand erreicht, den die amt» liche Statistik bisher zu verzeichnen hatte. Die außerordentliche Steigerung im Berichtsbierteljahr wird am besten durch die Preisunterschiede zwischen der zweiten Hälfte des Juni und der des September veranschaulicht; diese Erhöhung betrug im Gesamtdurchschnitt beim Rindfleisch rund IS'/z, beim Kalbfleisch S'/z. beim Hammelfleisch 8, beim Schweinefleisch 23 und beim Roß- fletsch 11 Pf. das Kilogramm. Gegen de» entsprechenden Monat veS Vorjahres ist der September« preis für Rindfleisch um 23, für Kalbfleisch um 18'/z. für Hammel- fleisch um rund 17, für Schweinefleisch um 37 und für Roßfleisch um rund 9 Pf. gestiegen. Glaubt die Regierung wirklich, daß es ihren Maßnahmen gc» fingen wird, diese Preiserhöhungen dauernd rückgängig zu machen? Nun gab es schon im Vorjahr eine Teuerung. Gegen, die Preise des Jahres 1909 z. B. stehen die heutigen aber bereits um durchschnittlich 10 Pf, höher. Wozu betreibt die Regierung überhaupt statistische Feststellungen, wenn sie nicht willens ist, die notwendige Konsequenz an» diesen Erkenntnissen zu ziehen? Ei« preußisches Burcaukratcnstück. Die Stadt Karlsruhe hat, wie schon gemeldet, in Rotterdam 160 Stück Ochsen einkaufen lassen, die über Preußen nach Baden gebracht werden mußten. Die preußische Regierung verlangte für die Durchfuhr des Viehes eine genaue Beschreibung der Reiseroute Daß der ungarische Autor die dortige Gesellschaft, nicht so» wohl den Landesadel, als'gerade die nach Geld und äußer» licher Standeserhöhung gieperigen Kinder Abrahams im Zerr» bilde zeigt, ist weniger kühn als wahr und künstlerisch. In diesem Sumpfe wird die Giftpflanze verständlich. Wer freilich im Schlußakt einen großen Kladderadatsch erwartet hatte, dem bc- rettete der Autor eine angenehme Enttäuschung. Wohl sind alle Düpierten nah daran. Melzer auffliegen zu lassen. Doch da er als Ministerexzellenz unter sie tritt, beugt sich die ganze Mischpoche vor seiner Machtbeschaffenheit— sogar sein bisheriger Sekretär Dr. Sonn- berg, dessen Aufsehen erregendes Buch Melzer als seine geistige Arbeit ausgegeben, und mit dessen Frau er ehebrecherischen Umgang gepflogen hat. Sonnberg wird eben hofrätlicher Ministerialbeamler I Und was die Tochter des geadelten Bergwerksbesitzers Reiner au- geht, so ist Exzellenz von Melzer so gnädig, ihre Millionen mit- zuerheiraten. Dieser letzte Alt erweist sich zwar nur als ein„Bluff"; dessennngeachtet darf er als der ivertvollcre Teil des Stückes gelten, das allerdings weniger eine„satirische Komödie", als ein im einzelnen langstielig und dilettantisch zurecht gemachter satirischer Schwank ist. Eigentlich gehörte er ins Herrnseld-Theater. Im Deutschen Schau» spielhaus haben die unzulänglichen Regieversuche der siebenkvpfigen Direktorei daö beste verschustcrt. Hermann Nisse n gab den troltcl- haften Minister Dub mäßig. Aus dem Hochstapler Melzer ließe sich weit mehr herausholen; da, wo eS ihm beinah an den Kragen geht, versagte Max Adalbert total. Albert P a u l i g(als Lokalbahn- direktor) gefällt sich in schablonenhaften Zicken. Karl S ch ö n f e I ds. Rosa B a letti und etwa noch den zahnlosen JacqueS M o r w a y ausgenommen, wurde schier Unmögliches in schlechtem Mauscheln und arger Mimerei geleistet. Der ziemlich starl ins Mittel tretenden Hausclaque gelang es, eine Handvoll mißniütiger Zischer aus dein Monopolcafö zum Schiveigen zu bringen. Und so gab eS denn einen „lauten" Erfolg. v. k. MuM. Die alljährlich vom Verein für Frauen und Mädchen derArbeiterklasse zu Berlin veranstalteten Konzerte ge- hören zu den edelsten künstlerischen Gaben, deren unsere Arbeiter teilhaftig werde». Das Schubert- Konzert am letzten Sonntag bewies es wieder. In der Wahl der Programmnummern verspürte man die feinfühlige Hand Leo Kerstenbergs, dem darum zu tun sein inußte. den Charakter Franz Schuberts in dessen ansgeprägtesteit KompositionSformen möglichst anschaulich erstehen zu lassen, ohne doch der AuffassungSkraft weniger in die Musik eingedrungener Hörer allzu schwere Aufgaben zuzumuten. Zwei Quartette— das in A-rnoll und daS in D-rnolI(Der Tod und das Mädchen), meistetchaft von dem bewahrte» Dessau-Ouartett vorgetragen, bildeten die sinnige Umrahmung zu neun Liedern aus dem 21 Stücke um- fassenden Zyklus„Die Winterreise". Nebe» volkstümlicheren Ge» sängen, wie„Der Lindenbaum" figurierten weniger allgemein verbreitete, weil schwieriger gehaltene Schöpfungen dieses einzig Herr- ficheii, io durchaus deutschen Lyrikers der Töne, die in Hertha D e h m l o w diesmal eine stimmlich wie künstlerisch ganz hervor» ragende Vertretung fanden. Die beide» nächsten Konzerte werden Schümann und Wagner gelten. s. k. Notizen. — Vortragsabend. Dienstag findet in der Sing- akademie ein Vortragsabend von Friedrich Kayßker statt. �Eine Volksäusgabe Hauptmanns. Zu Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstage wird eine das gesamte Werk dcS Dichters umfassende Volksausgabe erscheinen, die der Verlag S. Fischer vorbereitet. und vor allem die definitive Angabe der UebergangSstationen von Holland nach Preußen. Letztere konnte im Voraus nicht bestimmt werden; um aber eine Verzögerung der Einfuhr zu vermeiden, nannte der Vertreter der Stadt Karlsruhe fürsorglich drei Eisenbahnüber gangSstationen, über welche möglicherweise der ViehtranSport kommen könnte. Die preußische Regierung war aber helle; sie schrieb vor, daß über jede der drei genannten Stationen je 30 Stück eingeführt werden müssen. Daran hatte die Stadt Karlsruhe natürlich kein Interesse; der Transport war überdies, als die Verfügung erging, bereits unterwegs. Auf dringende Vorstellung hin gelang es schließ lich, die Genehmigung zur Einfuhr über einen Bahnweg zu er- halten, nachdem dieser genau bezeicknet werden konnte. So konnte endlich Karlsruhs das holländische Schlachtvieh erhalten. Viehhändler und Regierungsmaßnahmen. Vertreter des Bundes der Viehhändler waren am Sonnabend in Berlin versammelt und protestierten in einer Resolution dagegen. daß die Ermäßigung an Zoll und Fracht nur den Städten zugute kommen solle. In dieser Maßnahme liege eine schwere Schädigung des Handels, der dadurch in seinen legitimen Interessen bedroht werde. Es gehe nicht an, den Handel für die Sünden einer der- kehrten Wirtschaftspolitik verantworlich machen zu wollen. Wenn die Staatsregierung die Ueberzeugung habe, daß der augenblicklichen Teuerung nur durch vermehrte Einfuhr aus dem Auslande begegnet werden könne, so dürfe der Handel von den ihm zufallenden Ausgaben nicht ausgeschlossen werden. Städtische Maßnahme«. Breslau beschloß, als erste Rate 70 000 M. zum Einkauf von ausländischem Fleisch zu bewilligen. Zum Verkauf des Fleisches hat sich die Fleischerinnung im Voraus bereit erklärt. Für ein Gesuch. das russische Einfuhrkontingent für Schweine zu erhöhen und das- selbe auch auf Breslau auszudehnen, stimmten auch die Konser- v a t i v e n, da in Breslau in sechs Wochen die Stadtverordneten- Wahlen stattfinden!_ Groß- Berliner Zweckoerbands- veriamwlung. Diö Mitglieder der Groß-Berliner Zweckverbands-Ver- sammlung traten am Montag zu einer Sitzung zusammen, in der die Fra'ge derErhaltungdesWaldbestandes den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete. Als Vertreter der Regierung nahm auch Oberpräsident v. Conrad an der Kitzung teil. Den Vorsitz hatte zum erstenmal Oberbürgermeister Mermuth- Berlin zu übernehmen. Mit einem Gedenk- wort für den früheren Vorsitzenden, den verstorbenen Ober- bürgermeister Kirschner, eröffnete er die Sitzung. Als Vor- sitzender führte er sich ein mit einem Hinweis auf die höh? Wichtigkeit der Aufgabe, die in diesem Augenblick der Verband mit der Lösung der W a l d f r a g e zu er- füllen habe. Hier sei der Verband sofort auf eine schwere Probe gestellt, die er hoffentlich bestehen werde. Würde nur der Kette unfruchtbarer Verhandlungen ein neues Glied hin- zugefügt, so sei die Entwicklung von vornherein belastet. Zum Ziel könne man nur kommen, wenn das st a a t l i ch e I n t e r- esse, das die Gründung des Verbandes gefördert habe, auch bei diesem für die V o l k s g e s u n d h e i t so wichtigen Gegen- stand sich wirksam betätige. Die Vorlage über die Neuwahlen für ausge- schiedene Verbandsvertreter und Ersatz- männer wurde auf Antrag des Stadtsyndikus Meyer- Charlottenburg einem zur Prüfung der Wahlen einzusetzen- den A u s s ch u ß von 18 Mitgliedern überwiesen, an dem die Gemeinden und Kreise nach ihrer Stärke beteiligt sein sollen. (Berlin mit 7 Mitgliedern, Charlottenburg mit 2 Mitgliedern usw.) Die Kommission soll, so sührte der Antragsteller aus, Stellung nehmen zu der prinzipiellen Frage, ob der von einer Gemeinde zu wählende Verbandsvertreter in dem Gemeinde- bezirk selber oder nurüberhauptindemVerbands- gebiet wohnen muß. Beispielsweise ist Staatssekretär a. D. Dernburg von Schöneberg in den Verband gewählt worden, obwohl er in Grunewald wohnt. Ueber die noch ausstehende Wahl zweier Ober- b e a m t e n des Verbandes, eines Verkehrstechnikers und eines Juristen, berichtete die zur Vorberatung der Wahlen einge- setzte Kommission unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Ge- wählt wurden dann durch Akklamation nach den Vorschlägen der Kommission der Kammergerichtsrat Dr. Simson für die Stelle des Juristen und der Pro- fessor Giese von der Technischen Hochschule zu Braun- schweig für die Stelle des V e r k e h r s t e ch n i k e r s. Ge- nehmigt wurde ferner die Anstellung des Berliner Stadtsekre- tärs Sehm als Bureauvorsteher des Verbandes und des Mili- täranwärters Steinke als Bureaudiener. Es folgte dann die Beratung der Vorlage uberdre Erhaltung der Wälder um Berlin, aus der das Wesentlichste bereits im„Vorwärts" mitgeteilt worden ist. Zunächst wurde die Verbandsversammlung nur um die grund- sätzliche Erklärung ersucht, daß die vom Verbandsausschuß ausgewählten forstfiskalischen Gebiete als Freiflächen er- halten werden müssen und daß auf der Grundlage dieses Anspruchs weiter verhandelt werden soll. Von einem An- kauf oder gar schon von einem Kaufpreis ist n i ch t die Rede. Verbandsdirektor Steiniger sprach in seiner Be- gründung der Vorlage von der Schwierigkeit, bei der Auswahl der Wälder allen örtlichen Interessen gerecht zu werden. Er wies hin, auf die E i l e, die not tue. Die Verbandsversamm- lung solle möglichst einmütig zum Ausdruck bringen, daß die vom Verbandsausschuß vorgeschlagenen Wälder das mindeste seien, was erhalten bleiben müsse. Dadurch werde dem Verbandsausschuß für die weiteren Verhandlungen mit dem Fiskus der Rücken gestärkt werden. Zu der Vorlage waren zwei Anträge eingegangen. Nach einem Antrag des Stadtverordneten K y l l m a n n- Berlin sollte die Verbandsversammlung erklären, der Er- yfe r b der forstfiskalischen Flächen sei im allgemeinen und vorbehaltlich einer Verständigung über Preis und Zweck erwünscht. Stadtsyndikus Meyer- Charlottenburg, Ober- bürgermeister S ch u st�e h e r u s- Charlottenburg und andere beantragten, zu erklären, daß mindestens die vom Ver- bandsausschuß vorgeschlagenen Flächen erhalten werden sollen, und daß gemäß den Bestimmungen des Zweckverbandsgesetzes nur die Verpflichwng, sie„zu überwiegenden Teilen" als Fr e i f l ä ch e n zu erhalten, eingegangen werden soll. Die Debatte wurde eröffnet durch den Stadtverordneten Genossen H c i m a n n- Berlin. Er erklärte für die sozialdemo- kratischen Verbandsmitglieder, daß man im großen und ranzen mit der Auswahl der Flächen, die auch er als das mindeste ansehe, einverstanden sein könne, abgesehen von einzelnen Unklarheiten, die es dabei noch gebe. Zufrieden müsse man sein, daß der Verbandsausschuß zunächst dem Fiskus der in bekanntem„Wohlwollen" gegen Berlin, sich tue Rosmm aus dem Kuchen habe herausholen wollen, einen Strich durch seine Rechnung gemacht ha?e. Ufr möglich sei es. dem Fiskus die Ränder der Forsten und die wertvollen Gebiete an den Gewässern zu überlassen, und die Gebiete geringeren Wertes ihm zu unerhörten Preisen abzu- kaufen. Nicht nur der Verband, sondern auch der Fiskus müsse sich der Verantwortlichkeit, die ihm bei der Lösung der Walderhaltungsfrage zufalle, bewußt sein, aber beim Fiskus habe man bisher nicht das geringste davon gemerkt. Offenbar sei für die Regierung, als sie den Zweckverband schuf, das treibende Motiv das gewesen, durch Zusammenfassung der Gemeinden einen zahlungs- fähigen Käufer zu bekommen. Der Verband müsse sogleich bei dieser seiner ersten Aktion dem Fiskus deutlich genug zu verstehen geben, daß er nicht daran denkt, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Die Bevölkerung einer Großstadt gesund zu er- halten, liege im Interesse des Staates mindestens ebenso sehr, wie der KommunS. Die in Preußen seit langem getriebene, einseitig agrarisch-fiskalische Politik habe diesen Standpunkt verrückt, so daß Gemeinden dem Fiskus schon Wälder abge- kauft haben. Solle etwa auch Groß-Berlin kaufen? Da sei zu berücksichtigen, daß Berlin und die Vorortgemeinden einen großen Teil der Steuern des Staates aufbringen. Aber statt Entgegenkommen zu beweisen, fordere der Fiskus für große Gebiete Baulandpreise, obwohl die Verpflichtung über- nommen werden solle, sie n i ch t zu bebauen. Nur der forst- fiskalische Ertrag können zugrunde gelegt werden, und selbst der so verrechnete Preis sei schon eine kolossale Last. Redner berührte bezüglich des Grunewalds auch' das vom Fiskus den Charlottenburger Wasserwerken gegen einen Spottpreis auf ewige Zeiten eingeräumte Recht, aus dem Grunewald ihr Wasser herauszuholen. Das sei eine schwere Gefahr für die Seen des Grunewaldes, ja, auch für seinen gesamten Baumbe st and. In Rücksicht auf das Allgemeininteresse müsse eine Anfechtung dieses Ve'r- träges versucht werden, und sie sei auch möglich. Einmütig solle die Verbandsversammlung fordern, daß der weiteren Verwüstung des für schweres Geld angebotenen Grunewaldes Einhalt geboten werde. Unter lebhaftem Beifall schloß Genosse Heimann mit dieser Mahnung. Auch Konrmerzienrat Haberland- Wilmersdorf be- zeichnete die bisherigen Verhandlungen mit dem Fiskus als sehr unerfreulich. Im Prinzip sei selbstverständlich auch er für Erhaltung der Wälder, aber der geforderte Preis sei viel zu hoch. Selbst wenn man z. B. den Grunewald vollständig als Bauland verwerten könnte, sei er das nicht wert, was der Fiskus mit der Bedingung, ihn als Dauerwald zu erhalten, jetzt fordere. Redner berechnete, daß für Aptierungsarbeiten, für Anlegung von Straßen, für Schaffung von Verkehrs- Mitteln usw. allein 100 Millionen noch in den Grunewald hineingesteckt werden müßten, wenn man mal eine Verwertung als Bauland annehmen wolle. Im ganzen könne man darauf 13 500 Villen erbauen, aber wenn sich das in demselben Tempo vollziehen sollte, wie man es bisher bei der Kolonie Grüne- wald gesehen habe, so werde derGrunewalderst in— 450Jahrenbebaut sein. Haberland kam zu dem inter- essanten Schluß, der Grunewald sei selbst alsBauland heute nicht mehr wert wie als Forst lau d. Stadverordneter Kyllmann- Berlin empfahl seinen Antrag. Man solle nur ruhig von„Erwerb" der Wälder reden, da man ja nicht Versteck spielen wolle. Stadtsyndikus Dr. Meyer- Charlottenburg begründete seinen Antrag, die Vorlage als das M i n d e st e zu bezeichnen, mit der Not- wendigkeit einer Vorsorge auch für die Zukunft. In der weiteren Debatte sprachen Stadtverordneter Leidig- Wilmersdorf, Stadtverordneter Cassel- Berlin, Stadtverordneter Herzberg- Berlin, Stadtverordneter Liebmann- Charlottenburg. Bürgermeister Kühr- Pankow. Letzterer hob hervor, daß auch die Schönholzer Heide und der Park von Schönholz erhalten bleiben müsse. Herr Cassel richtete heftige Angriffe gegen die Mehrheit des preußischen Landtags. Die Hauptstadt verlange keine weit- gehende Rücksicht, sondern nur Gerechtigkeit. Die Staats- regierung solle auch nicht denken, daß die Berliner sich das Fellüber die Ohren ziehen lassen werden. Man sei einmütig bereit, etwas Ersprießliches für die Allgemein- heit zu leisten, man wolle aber— schloß er unter großem Bei- fall— nicht der Ausbeutung des Fiskus verfallen. Gegen Heimanns und Cassels Ausführungen über die Habgier des Fiskus wandte sich nachher Oberpräsident v. C o n r a d. Auch er habe das lebhafteste Interesse daran, daß die Angelegenheit zu einem befriedigenden Abschluß komme. Er sei aber in der Debatte manchen Anschauungen begegnet, die nicht den Beifall der Staatsregierung finden würden. Daß der Fiskus den Wald nicht u in s o n st hergeben könne, habe doch selbst der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Borgmann ausgesprochen mit den Worten:„Geschenkt wollen wir nichts haben." Auch könne der Staat nicht die Stadt Berlin besonders berücksichtigen, weil sie ihm einen großen Teil der Steuern bringe. Sonst müßten ja die reichen Leute, meinte der Herr Oberpräsident, am meisten vom Staat begünstigt werden, was doch gewiß nicht den Anschauungen der Sozialdemokratie entspreche. Nach diesem Witz Vertvahrte Herr v. Conrad den Staat gegen Herrn Cassels Vorwurf, daß die Stadt Berlin ausgebeutet werden solle. Diese Ab- ficht habe der Staat nicht, versicherte er. Der Vorsitzende, Oberbürgermeister Mermuth, erklärte hierzu unter ver- ständnisinniger Heiterkeit der Versammlung, er habe Herrn Cassel dahin verstanden, daß wir w ü n s ch e n, es solle keine Ausbeutung stattfinden. Kyllmann-Berlin ersetzte in seinem Antrag das Wort„Erwerb" durch das Wort„E r h a l t u n g", was der Meinung der Verbandsversammlung besser entsprach. Haberland- Wilmersdorf beantragte, die Vorlage anzu- nehmen mit der einzigen Aenderung, daß sie das M i n d e st e darstelle, was erhalten werden müsse. Nach Ausführungen von Kommerzienrat v. Krott- naurer, der den Kreis Teltow vertritt, sowie von Kyll- mann, Cassel und Oberbürgermeister Schustehrus- Cbarlottenburg wurde die Debatte durch Annahme eines Schlußantrages beendet. In der Abstimmung wurde der Antrag Meyer- Schustehrus mit nicht sehr großer Mehrheit ange- nommen. Auf der Tagesordnung standen noch die Beschlußfassungen über einen Antrag der Hochbahngesellschaft auf Zustimmung zu der mit Lichtenberg vereinbarten Verlängerung der Flachbahn Warschauer Brücke— Gürtel st raße bis zum Wagnerplatz in L,chtenberg. sowie über den Abschluß eines Vertrages zwischen dem Verband und der Gesellschaft „Berliner Elektrische Straßenbahnen"(deren Aktien größten- teils Besitz der Stadt Berlin sind) wegen Baues einer Straßenbahn in Treptow durch die Plesser- st raße zum Gemerndefrredhof. Beide Vorlagen wurden ohne Debatte angenommen. j Ueber den Entwurf der Geschäftsordnung, den � die Geschäftsordnungskommission aufgestellt hat, sollte schon in der vorigen Sitzung von ihr berichtet werden, es kam aber auch diesmal noch nicht dazu. Der Bericht wurde wieder vertagt, nachdem eine sehr ausgedehnte— Geschäfts- ordnungsdebatte darüber.geführt worden war» Belchsverband deutscher Städte. Am 10.-und 11. Oktober tagte in Berlin der Reichsverband deutscher Städte. Ueber seine zur Minderung der Teuerung ge- faßte Entschließung haben wir bereits berichtet. Von den weiteren Beratungsgegenständen ist aus der Tagung des Reichsverbandes deutscher Städte, der den Zusammenschluß der kleineren und mitt- leren, nicht kreisfreien Städte darstellt, und zurzeit 313 Gemeinde� umfaßt, folgendes nachzutragen. Der Verband billigte, daß sein Vorstand schleunige Schritte tun wolle, um die schweren Gefahren zu beseitigen, die dem Staat den Gemeinden und vielen Erwerbsgruppen aus dem tatsächlichen Monopol von Ueberlandzentralen drohen. Ueber die Organisation des Kommunalkredits durch Gründung einer deutschen Kommunalbank sprachen Landrat Trustedt-Berent und Bürgermeister Bleicken-Kuxhaven. Beide Redner betonen das Bedürfnis nach einer Verbesserung der Anleihebedingungen für kleine Städte und glauben, daß die geplante Kommunalbank ge- eignet sei, die Lücke in der Organisation des Kommunalkredits aus- zufüllen und zugleich als Zentralbank der Sparkasse zu dienen. In der Diskussion wurde hervorgehoben, daß man nur mit den Groß- bauten und nicht gegen sie arbeiten dürfe, und daß die Großbanken der neu zu gründenden Kommunalbank freundlich gegenüberständen. Die Versammlung sprach sich in der Beschlußfassung im Sinne der. Referenten aus. Darauf behandelte Bürgermeister Dr. Belian-Eilenburg die Frage der Wandertheater. Er befürwortete warm das System der Wandertheater nach dem Borbilde des märkischen Wandertheaters. die eine wesentliche Förderung der Kunst und des Kunstverständ- nisses für die kleineren Städte darstellten. Derartige volkserziehc- rische Bestrebungen müßten von Staat und Gemeinden unterstützt werden und die Theaterfrage für die kleineren und mittleren Städte lasse sich nach dem Vorbild der beiden bestehenden Organisationen ereichen. Redner empfahl in einem Antrage den Mitgliedern des Reichsverbandes einen Abschluß mit den genannten Wandertheatern, deren Ausbau zu einem deutschen Wandertheater wünschenswert sei. Reich, Bundesstaaten und Provinzialverbände müßten ge- meinsam an der Organisierung und finanziellen Fundierung der deutschen Wandertheater mitarbeiten. Die Versammlung sprach sich im Sinne des Redners aus. Es folgte ein Referat des Bürgermeisters Dr. Herbst-Osterode über die Batockischen Borschläge zur Bekämpfung der steuerlichen Neberlastung der Gemeinden. Die kleineren Städte und Landge- meinden seien steuerlich überlastet, aus diesem Grunde zögen die steuerkräftigen Gewerbebetriebe nach mehr begünstigten Bezirken. Die Borschläge des Herrenhausmitgliedes v. Bawcki über einen staatlichen Ausgleichsfonds der durch Zuschläge von etwa 10 bis 25 Proz. zur Staatseinkommensteuer gebildet werden und den leistungsschwachen Gemeinden zugute kommen soll, sollen diesem Zustand ein Ende bereiten. Der Referent nannte diese Vorschläge zweckmäßig unter der Voraussetzung, daß die Selbstverwaltung dadurch nicht gefährdet wird. Eine dahingehende Resolution wurde angenommen. Anträge über Sparkaffengesetz und Giroverkehr, über das städtische Hypothekenwefen und über die Reichsversicherung wurden ohne Debatte entgegengenommen. Gegen di� geplante Unterstellung der kreisangehörigen Dtäbte unter den Landrat wandte sich der Verband einhellig. Es wurde ein von Bürgermeister- Brückner-SchleSwig begründeter schleuniger Antrag angenommen, der den Vorstand beauftragt, alles Nötige zn tun, um die Uebertragung der.Staatsaufsicht über die kreisange- hörigen Städte auf die Landräte zu verhindern und den Wunsch der kreisangehörigen Städte aller Provinzen auf Gleichstellung mit denen der Provinz Hannover zu erfüllen. In der Begründung führte Bürgermeister Brückner aus. daß der Protest des Städtetagcs zu Düsseldorf gegen diese Absicht sehr dankenswert sei. Die Rc- gierung plane tatsächlich, so vorzugehen und die Jmmediatkom- Mission für die Verwaltungsreform habe leider auch bereits so be- schlössen. Man müsse die Abgeordneten aller Parteien zu getvinnen- suchen, um solchen Maßnahmen vorzubeugen. Der Vorsitzende Bürgermeister Saalmann-Pleß bat die Mitglieder, bei den kom- Menden preußischen Landtagstvahlen alle Äandidatcm nach ihrcy Stellung zu dieser Angelegenheit zu befragen. � Chefarzt Dr. Pieleckc-Beelitz sprach über:„Das Krankenhaus der kleinen Städte". Er führte aus: Die Reichsversichcrungsordnung er- weitert den Kreds der krankenversicherungspflichtigcn Bevölkeruirg so sehr, daß auch die Kleinstädte werden Krankenhäuser bauen müssen. Die Baukosten sind durch hypothekarische Darlehen der Versicherungsträger sowie aus den Mitteln der beteiligten Gemeinden, des Roten Kreuzes, der öffentlichen Verwaltung usw. auszubringen. toahrcnd die Stadt das Krankenhaus zu erhafrcu. das Baukapital zu verzinsen und die Baustelle herzugeben hat. Die Gcsamtkostcil für Bau und Einrichtung eines kleinen Krankenhauses brauchen pro Krankenbett 3000 bis 4000 Mark nicht zu übersteigen. Eine er- fahrene und gebildete Krankenschwester kann mit dem erfordcr- lichen Hau?- und Pflegepersonal ein solches Krankenhaus allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechend leiten. Bürgermeister Dr. Vigelius-Gollnow i. P. sprach über:„Die Belastung der Kommunen mit Reichs- und Staatsgeschäften". Die Versammlung stimmte zwar den Ausführungen des Referenten T �!nfan0® 3«. schloß sich aber dem scharfen Protest gegen alle Botendienste der Städte für Reich und Staatsbehörden Vtoie� Seimtspräsident des Rcichsver. sicherilngsamtes Bassenge darauf hin, daß dieses Amt die Berufs- genossenschaften beauftragt habe, die Gemeinden nicht allzusehr mit uberslu,sigen Geichästen zu belasten.— Indessen forderte die Ver- lammlung doch angemessene Vergütigung für diese Arbeiten und Entbindung der Gemeinden von Zustellungsgeschäften und Boten, diensten für Reichs- und Staatsbehörden. Ueber:„Gencralvormundschaft und Berufsvormunbschaft" refe- rierte Stadtrat Gwistel-Zoppot. Die ständige Steigerung der un. ehelichen Geburten(1906: 8.3 Proz.. 1910 9.1 Proz.) macht nach Ansicht des Redners die Vormundschaft immer bedeuwngsvoller und fuhrt zur Einführung der gesetzlichen Berufsvormundschaft,-bei denen der Vormund kraft des Gesetzes in seine Rechte tritt, ohne daß dabei der Richter mitzuwirken hätte. In den meisten Staaten, so auch in Preußen, erstrecke sich die Berufsvormundichaft aber nur auf die Armen- oder Anstaltsvormundschaft für uneheliche Kinder. Da hierdurch nur ein geringer Teil der in Betracht kommenden Bevölkerungskreise erfaßt wird, sind noch andere Formen der Bor- mundschaft aus dem Bedürfnis des Lebens heraus entstanden. Sie alle haben gemeinsam daß nach Uebereinkunft mit dem Vormund- schaftsgericht für jedes uneheliche Kind immer der Berufsvormund bestellt wurde. Man unterscheidet in 0er Berufssammelvormund- Ichast die Sammelvormundschaft eines Beamten, eines Anstaltsvor- mundes oder einer Privatperson. Ueberall kann die Sammelvor- mundschaft durch ein Abkommen zwischen Vormundschaftsrichter und Gemeindebehörde eingeführt Werden. �D besondere die Unorganisierten mit. Zeigt, daß auch Ihr hinter den anderen BeruiSlollegen nicht länger zurückstehen wollt. Die Kollegen von Weyen, Wrangelsirasze, Krefter, Stragburgcr Strotze, Sahlman«, Gitschiner Stratze, Müller, Skalitzer Strotze, und Schäffcr, Lützowstratze, sind hierzu ganz besonders eingeladen. Achtung! Achtung! Die nächste ordentliche Generalversammlnng der Verwaltungsstelle Berlin ist am S4. November d. I. Anträge hierzu müssen bis spätestens S6. Ottober bei der Ortsvcrwaltung eingereicht sein. 126/4 Die Ortsverwaltnng. Verband der JHIaler, Lsokiersr, JUtsfreieher Bureau: Mclchiorstraße 28, Part. Fernsprecher Slnit Mpl. Nr. 4787. Klisle Serltn. USW. Arbeitsnachweis: Rückerstraße S. Fernsprecher: Amt Norde» 6708. Donnerstag, den 17» Oktober, abends 8V2 Uhr: Mitglieder-Versammlung in der Neuen Philharmonie, Köpenicker Str. 99/97'. Tagesordnung: 1.„Streikrecht". Referent Dr. Kurt Rosenfeld. 2. Diskussion. 3. Wahl von sechs Delegierten zur Bezirkskonferenz. 4. Berbandsangclegenheite«. 139/10* Wege» der wichtige» Tagesordnung erwarten wir das Erscheinen aller Kollegen. sslltglletlslmcl» lesitiinlert,_ Ple Ortsverwaltnn g. Mass-Schneiderei Rosenthaler Strasse 36, 1, am Hackeschen Markt Frankfurter Allee 104, pari, Ecke Friedenstraese Reinickendorfer Strasse 4, am weddingpiab Hebel Gustav Rente], kauft man reell u. am besten beim Größte Auswahl In . allen Holz- und Stilarten. mÄ' Lanilslierier Str. 6, SÄ Ii.& P. Uder, Tabak-Großhamllnng und Ts Itcrlin SO. 16, engfel-öfcr 5. Tabak-Großhandlung und Tabaklabrik. Rauch-, Kau-, SchnupJtabake, Zigarren. Zigaretten."MI Vorteilhafteste Bezugsquelle für Wiederverkäufer. Größte Auswahl gelagerter iKIgarrcn in allen Preislagen. Sämtliche be- 3 i.. o«« O H O M zu Origlnalpreiscn. kannten Marken filgdrtSl.wII Amt 4, BOld. .!?» i}> jä/.?.,...." 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Hals- und Rachenvcrschtcimuiigcn usw. ihre Ursache in der Tätigten der Kleiiitebciveic»(Bai- terien) haben, die in den Schlcinibäuten der Atumngs« organc, sobald dieiclbcn durch Erkältungen oder anderen Ursachen gelockert sind, die günitigstcn Bedingungen zu ihrer goUpslanzung sinden. Diese Bakterien, oder jür bestimmte Strien Bazillen genannt, verbreiten durch ihre Aoripslanzung gewisse Absondcrungsproduktc, die giftig wirken(Toxine) und dadurch weitere Teile der Eckteimhäute reizen und für die Slusbreituiig der Brut empsängtich machen. Aus diese Weise entstehen leicht durch einen vernachlässigten Schnupfen oder Husten die schweren Leiden: Bronchialkatarrh. Asthma. Jnsluenza. Luugcnleideil usw.— Nalürtich sind auch alle diese Zustände ansteckend, weil diele Baklericn sich im Speichel tu Massen befinden und mit dem Atem auch nach autzen gestotzen werden. In der grotzen Apotheke der Natur sind für alle sogenannten Gifte eine Reihe von Gegcngisten vor- handen, es gilt also, nur die � richtigen herauszufinden und recht anzuwenden, um die Toxine(Gifte) unwirksam zu mache«, ohne aber die menschlichen Organe zu gefährde». Dabcr haben Vinselunge» und Gurgeln mit stark reizenden(.Listen, wie Jod, Höllenstein usw., gar keinen Erfolg, weil sie nur einen unbestimmten Teil der infizierten Schleimhäute treffen und autzerdcm diese stark angrcisen und unter grotzen Umständen das Nebe! nur verschlimmern. Ebenso nützen auch weder Trinkkuren mit allen möglichen Satze» oder eine äutzcre Bcbandlung mit warmen oder lalten Umschlägen sehr wenig, die tieserliegendcn Bakterienflora wird davon nicht altericrt und nach einiger Zeit ist das alte Leiden wieder da. Deshalb erscheinen diese Zustände den meisten als unheilbare Katarrhe. Es steht aber un- umstötzlich fest, dag die Enlsaltung dieser Baktericnbrut den Luftwegen der Atmungsorgane folgen, logischer. weise tonn mau ihnen also an, sichersten nur aus diesem Wege folgen, d. b durch Einatmung besonders günstig desinfizierender Dämpfe, weiche sämtliche Batterien nicht ertragen können und zum Absterben bringen. Vom Laboratorium Tancre. Wiesbaden, W 42, ist ein tleincr sinnreicher Apparat konstruiert, den man bequem in der Tasche Nagen kann, und der nach be- sondcrcm Verfahren auscrwähtte wissenschaftlich begutachtete Stoffe zum Einatmen bis in die tiefsten Lustwege bringt, ohne Kitzelrcize zu verursachen oder sonst- wie die Schleimhäute anzugreifen, und zwar aus kaltem Wege, um auch einer neuen Erkäilung sicher vorzubeugen. Hiermit sind die glänzendsten und er- stauulichsten Erfolge erzielt worden, worüber sich Tausende in begeisterten Briefen aussprechen. So schreiben unter vielen anderen: P. Clemens Seehann. Prior, München. 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In dieser wurde Wiederuni betont, daß durch die Kurse nicht eine vollständige Durchbildung der Teilnehmer erfolgen, sondern nur Anregung zu weiterer systematischer Schulung gegeben werden könne. Die Zahl der Teilnehmer an diesem Kursus beträgt 72. Mehr als 80 Meldungen von Teilnehmern mutzten für die nächsten beiden Kurse, die im Frühjahr 1913 stattfinden, vorgemerkt werden, da nicht mehr als 40 Teilnehmer zu jedem Kursus zugelassen werden sollen. In den Unierrichtsfächern ist nur insofern eine Aenderung ein- getreten, als die Vorträge über die Reichsversicherungs- ordnung vermehrt und dadurch die Vorträge über Bankwesen und Gcldvcrkehr ausfallen mutzten, weil eine Verlängerung der Kurse über sechs Wochen hinaus nicht zweckmäßig ist. Der Unterrichtsplan setzt sich jetzt wie folgt zusammen: Ucber die Geschichte der deutschen Gewerkschaften unterrichtet Karl Legien, Gegnerische Gewerkschaften Paul Um breit, Gewerkschaftliche Literatur Joh. Sassenbach, Nationalökonomie Max Schippet, Statistik Max G r u n w a l d. Kartelle Nich. C a l w e r. Ausland Ed. B e r n st e i n. Straf- recht Rechtsanwalt H c i n e m a n n, Arbeitcrversicherung Gustav Bauer, Herrn. Müller, Robert Schmidt und Rud. W i s s c l l. Arbeitsvertrag Simon Katzen st ein, Arbeiterschntz Rob. Schmidt, Gewcrbehygiene Professor Dr. Sommerfeld. ßerlin und dingegcnd. Zur Lohnbcttiegnilg der Maschinisten und Heizer in den B. E.-W. Am vergangenen Montag fand in den Arminhallen eine Ver- samnilung aller in den Zentralen und Unlcrstationen beschäftigten Bernssarbeiter der B. E.-W. statt, um den Bericht über die Ver- Handlung mit der Direktion in Empfang zu nehmen. Galle re- federte und bemerkte, datz die Direktion den Arbeitern nur sehr wenig Entgegenkommen gezeigt hätte, denn die Forderungen, die der Gcscllichafl am 7. September überreicht wurden, waren so gering, datz man gehofft hätte, die Gesellschaft würde ihren Arbeitern bei der bestehenden Teuerung die Zulage von 5 Pf. pro Stunde be- willigen, zumal die Gesellschaft im letzten Geschäftsjahre einen Ueberschutz von 201/2 Millionen gemacht hat, und dazu imstande gewesen wäre, ohne datz die Herren Aktionäre hätten Rot leiden brauchen. Redner erwähnte, datz die Gesellschaft einen neue» Direktor erhalten hat und es scheine, als wenn dieser be- sonders daraus hinarbeiten möchte, die Organisation der Maschinisten und Heizer in den Staub zu treten. Die Zugeständnisse, die gemacht worden sind, beweisen dies. Jedes Unternehmen wird anerkennen, datz bei den augenblicklichen Wirtschaftsvcrhältnissen der am meisten zu leiden hat, der nut niedrigem Lohn dasteht. Anders denkt die Direktion der B. E.-W. Diese gibt, um nicht gänzlich verrufen zu werden, nur denjenigen, die im Betrieb und an ein und derselben Arbeit vier Jahre bcschäfligr sind, eine Zulage von 2>/z Pf. pro Stunde. Das ist ein billiges Vergnügen, denn es kommen so knapp 30 Prozent der Beschäftigten in den Besitz einer Zulage. Die Gesellschaft versucht also nach auhen hin den Anschein zu er- wecken, als wenn sie es tatsächlich mit den Arbeitern gut meine, versucht aber gleichzeitig mit dieser ungerechten Behandlung der Forderungen einen Keil zwischen die Arbeiterschaft der B. E.-W. zu treiben. Die Arbeiterschaft ist jedoch geschult genug, sich nicht schieben zu lassen. Es gelangte daher in der Versammlung auch die nach- stehende Resolution eilistimmig zur Annahme: „Die Versammelten erblicken in den gemachten Zugeständniffen eine Verhöhnung ihrer berechtigten Anträge. Die Versammelten verpflichten sich, für den Ausbau der Organisationen zu sorgen, um durch diese zur geeigneten Zelt der Gesellschaft ihre Forderungen erneut zu unterbreiten."_ Achtung, Töpfer! Laut Versanunlungsbeschlutz vom 27. Sep- tcmbcr 1842 hat vom heutigen Tage auf den Bauten/ wo ungenügend oder überhaupt nicht verglast ist, die Arbeit zu ruhen. Die Ein- tragung in die Streiklisten geschieht vom heutigen Tage ab in der Zeit von 10 bis 5 Uhr im Gewerkschaftshause, Engelufer lö. Auch die arbeitslosen Kollegen haben sich in die Strciklisten eintragen zu lassen. Die Bertraueusleute von den Bauten, welche genügend ver« glast sind, haben trotzdem die Pflicht, dies dem Bureau des Ver- bandes zu melden. Der Vorstand der Filiale Grotz- Verlin des Zcntralverbandes der Töpfer. Zum Kampf im Dachdeckcrgcwerbe. In der„Deutschen Zlrbeibgeber-Zeitung" vom 6. Oktober findet sich ein längerer Artikel, welcher die Aussperrung im Berliner Dachdcckergewcrbe behandelt. Genau derselbe Artikel, nur mit ein paar anderen EinleiwngBworteiir findet sich auch im Meisterorgan, der„Deutschen Dachdeckerzeitung". Beide Artikel leisten sich Un- glaubliches in Verdrehungen der Tatsachen� deshalb soll auf die Ursachen� die zur Aussperrung führten, noch einmal kurz ein- gegangen werden. Längere Zeih vor Ablauf des Tarifvertrages von 1W7, wclckwr im Gewerbe bis 31. Juni 1812. also fünf Jahre, bestanden hatte, ersuchten die Arbeiter die Unternehmer um Abichlutz eines neuen Vertrages. Bei der ersten Zusammenkunstj wünschten die Unter- nehmer, datz die Arbeiter ihre Forderungen schriftlich einreichen sollten. Die Arbeiter kamen diesem selbstverständlichen Wunsch sofort nach. Tie eingereichten! Forderungen lauteten für die Dach- decke r: 1. Verlängerung des bestellenden Tarifvertrages auf eine weitere Reihe von Jahren unter Berücksichtigung einiger redak- tionclle Aenderungen, welche dem Vertrage eine beftimnitcre Fassung geben. 2. Einführung des obligatorischen Arbeitsnachweises. 3. Freigabe des 1. Mai. Für die Hilfsarbeiter: 1. Festlegnirg der Lohw- und Arbeitsbedingungen durch all- vemeincir Tarifvertrag. 2. Festsetzung des Arbeitslohnes auf 60 Pf. pro Stunde. 3. Regelung und Fcslfetznng der Akkordiätze beim Tragen von Ziegeln, Schiefer, 54alk und Schüttung für Holzzemeutdach. Was hier gefordert wurde, bestand für die Dachdecker bereits zwei Jahre. Neu war nur die Forderung: Freigabe des 1. Mai und Einführung des obligatorischen Arbeitsnachweises. Auch für die Hilfsarbeiter wurde nichts Neues gefordert. Was hier verlangt tvuroe, haben vordem mindestens 60 Proz. der Hilfsarbeiter be- ioinmen. Einzelne llnckcmchme: haben zum Teil noch mehr be- zahlt.« Aus diese Forderungen aniiwortetcn die Unternehmer sofort mit einem Eegcntaris, welckwr ganz erhebliche Verschlechte- rungen enthielt. Nach diesem Tarif sollte die Tarisdauer nur bis - 1 März 1913. al,'o nur auf dreiviertel Jahr, stattfinden. Davon tvarcn die Unternehmer nicht abzubringen. Für die Hilfsarbeiter hatten sie SS Pst Süuwdewlohn festgesetzt, mehr wollten sie absolut nicht bezahlen. Außer diesen beiden Positionen enthielt der Tarif- cntwurs der Unternehmer noch eine ganze Reihe von erheblichen Verschlechterungen. Schon beim Beginn der Verhandlungen ließen die Unternehmer erkennen, daß sie unter keinen Umständen von ihrem Vertragsentwurf zurücktreten wollte». Die Arbeiter konnten sich diese Verschlechterungen nicht bieten lassen; infolgedessen setzten sie den Forderungen der Unternehmer ein entschiedenes„Nein" entgegen, was zur Folge hatte, daß die Unternehmer die Berhand- lungen kurzerhand abbrachen. In dem Artikel der„Deutschen Arbeitgeber-Zeitunv" heißt es dann: „Die Differenzen sind dadurch entstanden, daß sich der Arbeitgeberverband vorzuschlagen erlaubte, den neuen Tarif auf mehrere Jahre zu verlängern und den Endpunkt desselben nicht mehr wie bisher auf den 30. Juni, sondern den 31. März, also vor Beginn der Baufaison, festzusetzen; außerdem wollte der Llrbeitgeberverband den 1. Mai nicht als Feiertag anerkennen. Die Arbeitnehmer verbreiten jetzt überall die Nachricht, sie hätten keine Forderungen gestellt, demgegenüber muß hiermit festgestellt werden, daß die Arbeitnehmer die Forderung gestellt habe», am Sommbend nur bis 4 Uhr nachmittags zu arbeiten unter Aus- zahlung des vollen Lohnes für diesen Tag. Die Meister wollen den Lohn nur für wirtlich geleistete Arbeitszeit bezahlen. Außer- dem verlangten die Gesellen die Umwandelung des paritätiischen �Arbeitsnachweises in einen obligatorischen. Hierdurch würden sich die Meister vollständig in die Hände der Arbeitnehmer geben." Richtig ist wohl, daß die Unternehmer vorgeschlagen hatten, den Tarif eventuell bis 31. März 1916 abzuschließen. Die Herren ver- schweigen aber, daß sie dieses nur zugestehen wollhen, wenn die Arbeiter ihre Verschlechterungen, anerkennen würden! Nicht richtig ist aber, daß die Differenzen Hauptfach- lich wegen der Forderungen„Freigabe des 1. Mai" und„Einfüh- rung des obligatorischen Arbeitsnachweises" entstanden. Ucber diese Punkte hätte sich leicht eine Verständigung erzielen lassen, ivenn die Unternehmer den Willen hierzu hatten. Diesen hatten sie aber nicht, weil sie nicht mehr über sich selbst zu bestimmen hatten. 2luf höhere Anweisung stellten sie den Arbeitern das Ultimatum: Tarifdauer nur bis 31. März 1813. Hilfsarbeiterlöhne nicht mehr als 55 Pf. die Stunde. Bezahlung nur der wirklich geleisteten Arbeitszeit. Direkt wider besseres Wissen wird in dem Artikel-die Behaup- hing ausgestellt: Die Arbeiter hätten gefordert, am Sonnabend nur bis 4 Uhr nachmittags zu arbeiten. Im alten Tarif war die Be- stinunung enthalten, daß Sonnabends eine halbe Stunde früher Feierabend gemacht werden darf als an.den anderen Werktagen. An der Arbeitszeit! und an den Stundenlöhnen sollte nichts geändert werden. Forderungen waren nicht gestellt. Herr Magistratsrat v. Schulz hatte sich in der letzten Zeit große Mühe gegeben, eine Einigung der kämpfenden Parteien her- beizuführen. Die Unternehmer haben es auch diesmal wieder ab- gelehnt, auf dem Einigungsamt unter Mitwirkung des Herrn v. Schulz zu verhandeln. Die Arbeiter waren selbstverständlich hierzu jederzeit bereit. Neben dem Kampf um die Lohn- und'Arbeitsbedingungen werden die Arbeiter jetzt auch noch den Kampf um die Arbeits- vermittelung zu führen haben. Ter Arbeitgeberverband für das Dachdeckergcwerbe zu Berlin hat seine Mitgliedschaft am pari- tätischen'Arbeitsnachweise gekündigt. Zum Dienstag, den 8. Oktober, hatte der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Magistratsrat Dr. W ö l b l i n g, eine Sitzung für die Mitglieder des Kuratoriums für den paritätischen Facharbeitsnachweis zu Berlin angesetzt. Von den Arbeitgebern>var zu dieser Sitzung niemand erschienen, sie hatten es auch nicht für notwendig gehalten, den Vorsitzenden davon in Kenntnis zu setzen, daß sie nicht erscheinen würden. Es ist das zweite Mal, datz die Unternehmer im Dachdeckergewerbe eine derartige Hochachtung für den Vorsitzenden bekunden. Dr Kampf dauert unverändert fort. Tie Aussicht auf Bei- legung desselben ist durch die Haltung der Unternehmer in weite Ferne gerückt. Deutfches Reich. In Ermangelung eines Zuchthausgesetzes. In Velbert(Rheinland) befinden sich bei der Firma WilH. W ei d tm ann die Metallarbeiter im Ausstande. Obgleich die Streikenden sich musterhaft verhalten und nichts den öffentlichen Verkehr hindert, glaubte ein berittener Gendarm doch etwas für das bedrohte Kapital tun zu müssen. Ohne irgendwelchen Grund attackierte er die Passanten der Straße, in welcher die Geschäfts- lokale der bestreikten Firma liegen. Der Bevollmächtigte des Detttschen Metallarbeiter-Verbandes beschwerte sich über das Treiben des berittenen Gendarmen beim Oberbürgermeister. Dieter ant- Ivortete dann kurz und formell gewiß zutreffend, daß er nicht die Aufsichtsbehörde des berittenen Gendarmen sei und ihm auch keine Anweisung zu geben habe. Der Herr Oberbürgermeister fühlte sich dagegen berechtigt und verpflichtet, folgende Polizciverordnung zu erlaffen: Auf Grund des Allgemeinen Landrcchts vom 5. Febniar 1794, Teil II, Titel 17,§ 10 und der§Z 5 und 6b des Gesetzes über die Polizeiverwaltung vom 11. März 1850 wird hiermit mit Ge- vehmigung des Geincindevorstandes verordnet: § 1. Zur Erhaltung der öffentlichen�Ruhe. Sicherheit und Ordnung wird jede Ansammlung von mehr als drei Personen und die Wandel- oder Pcndelgänge in folgenden Straßen der Stadt Velbert(folgen die Stratzennamen) hiermit verboten. 8 2. Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldstrafe bis zu v M. oder mit entsprechender Haft geahndet. 8 3. Gegenwärtige Polizciverordnung tritt mit dem Tage ihrer Veröffentlichung sofort in Kraft. Velbert, 10. Oktober 1912. Die Polizeiverwaltitng. Der Bürgermeister. Dr. Deiter. Dieses Streikpostenverbot ist nach dxr bisherigen Stechtsprechung de? obersten Gerichts ungesetzlich. Selbstverständlich wird gegen diese Polizeiverordnung Beschwerde geführt werden. Die Steiubildhaucr in München haben den Unternehmern eine Tarifvorlage unterbreitet, in der 7>/zstündige?IrbeitZzeit und 9 M. Tagelohn gefordert werden. Einer Vorladung vor da« EinignngSamt leisteten die Arbeitgeber zuerst keine Folge, erst nach Androhung einer Ordnungsstrafe kamen sie der Vorladung nach. In der Verhandlung zeigten sie jedoch keine Geneigtheit, mit dem Zentralverbande der Bildhauer in Unterhaiidlinigen zu treten. Die Unternehmer erklärten, erst in cincr Arbeitgeberversaimnlung zu den Forderungen der Gehilfen Stellung zu nehmen und verlangien eine Vertagung der Verbandlungen ans drei Wochen. Dagegen wandten sich entschieden die Organisalionsverlrcter. Man einigle sich schließ- lich dahin, die Verhandlungen auf acht Tage zu vertagen, damit die Arbeitgeber zu den Forderungen der Gehilfen Stellung nehmen könnten.— Zuzug von Bildhauern nach München ist fernzuhalten l Busfond, Warum es nicht zum allgemeinen Ansbrnch des spanischeu Eisenbahnerstrciks kam. Man schreibt uns: Das Unterbleiben des allgemeinen Streiks der spanischen Eisenbahner hat seine„Geschichte"— und diese„Geschichte" verdient bekannt zu werden, denn sie bildet ein interessantes Kapitelchen des Klassenkampfes in Spanien, her straff organisierte Formen anzunehmen beginnt Dem Ministerpräsidenten Canalejas und dem Führer der „radikalen Republikaner" Lerroux war der immer mächtiger werdende Eisenbahnerverband ein Dorn im Auge. Canalejas befürchtete seine revolutionäre Tätigkeit„im gegebenen Augenblick'. Und Lerroux, dem es in Katalonien leider noch gelingt, eine große Masse von Arbeitern mit seinen Phrasen zu betören und zu blenden, bekam Angst, datz ihm seine Truppen in Barcelona ab- spenstig gemacht werden könnten durch den Anschluß der kataloni- scheu Eisenbahner an den unter sozialistischer Führung stehenden Eisenbahnerverband. An der Spitze der katalanischen Eisenbahner-. ovganisation steht R i b a l t a, ein willenloses Werkzeug L e r- r 0 u x', der schon vor dem ersten Kongreß, den der National« verband im Juni in Madrid abhielt, gegen eine stärkere Zentrali- fation polemisiert hatte und den Wunsch aussprach, daß der Streik sofort erklärt werden sollte. Es fanden darauf Verhandlungen zwischen ihm und dem Genossen B a r r i 0, dem Vorsitzenden des Zentralverbandes, statt, auf Grund derer,»t i b a l t 0 verftzvach, auf dem Madrider Kongreß sich den Vorschlägen, kein Datum festzu- setzen, anzuschließen. Das tat er auch." Als der Kongreß jedoch den Beschluß gefaßt hatte, den Streik nicht vor einem Jahr zu erklären, hielten Canalejas und Lerroux den Augenblick für gekommen, um zu handeln. Sie nahmen beide an, daß der Verband Sklave des Kongreßbeschlnsscs sein werde und datz die verfrühte Erklärung eines Teilstrciks zu einer Spaltung des Ver- bandes führen müßte. Diese Taktik muhte auch den Eisenbahn,» gesellschaftcn gut erscheinen. Lerroux brachte es rasch fertig, Ribalta zu bestimmen, dle katalanischen Eisenbahner zum sofortigen Streik aufzufordern: die anarchistischen Elemente taten freiwillig das übrige und scheuten vor keiner Verdächtigung der Sozialisten zurück, als diese vor einer Uebereilung warnten. Von Madrid her traf bei Ribalta in Barcelona der schärfste Protest gegen die Verletzung der Disziplin und der Kongreßbeschlüsse ein. Als Ribalta sich weigerte, eine andere Haltung einzu- nehmen, sandte B a r r i 0 sofort an alle 49 Gruppen des Landes, aus denen der Verband besteht, die Bitte, dem katalonisthen Komitee telegraphisch ihre Meinung zu übermitteln. Ribalta erhielt darauf von 43 Gruppen die Bitte telegraphiert, den Streik nicht zum Ausbruch kommen zu lassen. Das veranlaßte Ribalta, in einer Versammlung im Barcelonaer Velodrom-Park zu erklären, daß er„persönlich gegen den Streik wäre". Aber Lerroux wachte: die Spaltung schien sicher. Am Tag darauf bat Ribalta in einer anderen Versammlung um Verzeihung für seinen „Schwächeanfall von gestern". Als es nun feststand, daß die Kata- lonier unter allen Umständen streiken würden und die Arbeits- einstellung auch tatsächlich erfolgte, entschloß sich das Zentral- komitee, das Referendum zu veranstalten mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, daß es sich um einen Solidaritätsstreik handle. Das Resultat ist bekannt: eine gewaltige Mehrheit sprach sich für den Streik aus. Sobald das die Regierung erfuhr, sah C a n a» lejas ein, daß er einen gefährlichen Weg betreten hatte, und Lerroux merkte ebenfalls, daß seine Hoffnung zuschanden ging. Und nun ereignete sich folgende ergötzliche Komödie: In den Rc- gierungsblättern ließen der Ministerpräsident Canalejas und der Minister der öffentlichen Arbeiten Villanueva die „energischsten Maßregeln" ankündigen, die sie ergreifen wür- den gegen den Streik und eS kam ja auch wirklich zu einer, im übrigen völlig unwirksamen„Mobilisation". Aber zu gleicher Zeit sandte die Regierung als offiziösen Abge- sandten den'Abgeordneten Amada ins GeWerk» schaftshaus zu Barrio, um dem Eisenbahnerverband daS Versprechen der Regierung anzubieten, in den Cortes Gesetzent- würfe einzubringen zur Verkürzung der Arbeitszeit und zur Er- höhung der Löhne. Zu gleicher Zeit wurde dieses Anerbieten auch Ribalta unterbreitet, der es den Streikenden von Katalonien nach einigem Zögern zur Annahme empfahl. Barrio in Madrid stellte die Bedingung, datz ihm das. Versprechen der Regierung in einem von Canalejas unterzeichneten Brief schriftlich gegeben würde, und diese Bedingung wurde erfüllt. Der Brief ist im Besitz des Eisenbahnerverbandes. Inzwischen hatten die Katalonier schon aufgehört zu streiken und damit war für den Ausbruch des allgemeinen Streiks, der in der Nacht vom 8. Oktober stattfinden sollte, kein Grund mehr vorhanden. Es ist ein Zeichen für die Disziplin der Mitglieder des jungen Verbandes, daß der Gegen- befehl so glänzend befolgt wurde. Daß es auf den andalusischen Bahnen, im tiefsten Süden Spaniens, trotzdem zu einer Arbeits- einstellung kam,.hängt mit den ganz besonderen Verhältnissen zu- sammen, die auf jenem trostlosestcu aller spanischen. Bahnnetzo herrschen. Es wird sich nun zeigen, was Canalejas borschlägt. Es kann natürlich so lächerlich wenig sein, datz die Möglichkeit eines Streiks zu einem späteren Datum keineswegs dadurch ausgeschaltet wird. Die Regierung wird vielleicht die Gelegenheit benutzen, um eine„Regelung des Streilrcchts" der Eisenbahner in dem Sinne vorzunehmen, datz sie ihnen dieses Recht illusorisch macht. Das allein könnte den Anlaß zu einer Bewegung geben, die dann nicht am„Vorabend des Kampfes" eingestellt würde, sondern bei der sich die Kräfte des Verbandes und der Regierung wirklich messen würden. Einstweilen hat die Arbeiterorganisation auf Grund ihrer Kampfgeste allein schon einen vorläufig zwar nur moralisch starken Sieg errungen. -»-» Eerberc, 13. Oktober. Unter den Angestellten der spanischen Eisenbahnen macht sich eine lebhafte Gärung bemerkbar, da sie sich durch angeblich falsche Versprechungen bei dem letzten Streik hinter- gangen glauben. Die Eisenbahner Kataloniens rüsten sich zu einem neuen Streik, falls ihre Forderungen nicht in zwei oder drei Tagen bewilligt werden. Hm Inclustrie und Handel. Frankreich als Kolonialland. Während die französische Regierung Geld und Blut des Volkes aufwendet, um jenseits der Meere neue Bctätigungsgebiete für die ..überschüssigen Kräfte und Kapitalien" Frankreichs zu besetzen, wird das Heimatland selbst immer mehr zum 5iapit!a.lreservoir unh Be- tätigungsfeld fremden Unternehmungsgeistes. Lhsis hat in der ..Humanite" reichliches Material für diese Entloickelung mitgeteilt. Genosse S e m b a t widmet demselben Gegenstand eine zusammen- fassende Betrachtung. Er weist darauf hin. daß schon im vorigen Jahre die„Aktion franeaise" die Aufmerksamkeit auf das Vor- dringen Thyssens an der Kanalküste gelenkt hat(Lysis noch viel früher), und daß der„Matin" sogar eine eigene Rubrik:..hlacke in Gennany" eingerichtet hat, um das wachsende Ucbergcwicht der deutschen Waren zu bekämpfen. Einen interessanten Beitrag liefert ein Berichterstatter des„Figaro", der einige leitende deutsche Finanzmänner über den Gegenstand befragt hat. Legationsrat Dr. Helfferich, Direktor der Deutschen Bank. sagte ihm: In den letzten ö Fahren war der Fahresdurchschnitt der Kapital-Emissionen iAusgabe von Anlagepapieren durch die Banken) in Frankreich 4334 Millionen und in Deutschland 4329 Millionen. Aber wäbrend in Frankreich die cinbeimische Kapital- nachfrage gering ist. die meisten Kapitalien daher ins Ausland gehen, sind in Deutschland die Bedürfnisse der Industrie groß, und die Kapitalien bleiben im Lande. Von 1901 bis 1910 lvar in Frankreich der Anteil der einheimischen Anlagen nur 16, der der auswärtigen aber 84 Proz.. in Deutschland dagegen genau das entgegengesetzte Verhältnis: 84 Proz. für das In- und nur 16 Proz. für das Ausland. Wobei noch nicht berechnet ist, wieviel von jenen 84 Proz. in Frankreich auch noch direkt oder auf Ilmwegen an die deutsche Geschäftswelt gelangen, ebensowenig die Beträge, die von den französischeil Großbanken unmittelbar aus ihren Deposit beständen an die deutscheu verliehen werden. Schlagend bezeichnet das der Bankdirektor Gut t manu:„Unser Geld dient uns selbst zum Geschäftemachen— das eure aber dient dazu, andere Geschäfte machen zu lassen." Und recht hübsch ist der Kreislauf, wie sembat ihn darstellt: französisches Geld, ans Ausland verliehen, dient Thyssen dazu, mittels dazloischengeschobcner„Gesellschaften" mit französischem Titel die Bodenschätze Frankreichs zu erschließen und den Nutzen daraus einzustecken, während dem französischen Kapital nur die Leihzinsen verbleiben. Daß diese Sache auch eine Kehrseite hat und die EntWickelung einer gewaltigen Industrie auf großenteils fremdländischen 5tapi talien bedenklich lverden kann, das zeigte sich in der Verlegenheit, die im vorigen Jahre die im Zusammenhang mit der Marokko- k r i s e geübte Zurückziehung französischer Bankkapitalicn auf unserem Geldniarkte verursachte. Jedenfalls aber ist es ein Zeichen des Verfalls der französischen Bourgeoisie, daß sie nicht mehr fähig ist. aus eigener Kraft die Erträge der Ausbeutung des französischen und anderer Völker, die in ihre Tasche fließen, wirtschaftlicher Ver- Nutzung zuzuführen. Auch die Krupp, de Wendel und andere deutsche Großunternehmer sind unter der Marke französischer, meist sehr„national" klingender Firmen zu einer einflutzretchen Stellung in der Bergwerks- und Hüttenindustrie Frankreichs gelangt. Die französische Regierung aber hütet sich, das Schutzmittel anzuwenden, das nicht nur den großen sozialen, sondern auch den trivialen nationalen Interessen zu dienen vermöchte: der Ueberführung der Minen und ähnlicher Bodenschätze in öffentliches Eigen- tum behufs Ausnutzung durch einheimische Arbcitergruppen. Ja, sie vergeudet weitere Milliarden und tausende Menschenleben. um nur einigen Spekulantengruppen und Lieferanten einen rascheren und noch reicheren Erwerb zu schaffen, als sie ihn bei ormakem kapitalistischen Betriebe im Inland finden könnten. Die Äurshöhe an der Berliner Börse. Die außerordentlich hohen Kursstürze an mehrfachen„schwarzen Tagen" der Berliner Börse sind zum Teil nur durch die besonders günstige Situation der Wcrtpapierspekulation vor dem akuten Aus- bruch der Balkankrisis erklärbar. Die wirtschaftliche Lage der meisten Gewerbegruppen hatte sich im Herbst d. I. gegen das Früh- jähr gebessert. Das drückte sich auch in den Börsenkursen aus. Der Gesamtdurchschniltskurs aller an der Berliner Börse gc- I?andcltcn Aktien stieg von Juni auf Juli und in den beiden folgen- den Monaten sehr rasch. Im einzelnen ist der 5iurs von Juli bis September d. I. um mindestens 10 Proz. in die Höhe gegangen bei den Gewerbcgruppen: Bergbau und Hüttenbetrieb in Verbindung mit Metall- und Maschinenindustrie, Lederindustrie und Bauge- werbe, ferner bei den Untergruppen: Kali- und Steinkohlenbergbau, Zeihncßinstrumcntc und Feinmechanik, Farbenmatcrialien, Tief- und Wasserbau. Transportversicherung sowie Seeschiffahrt. Was die absolute Höhe des Kur>cs anbetrifft, so standen an der Spitze dos Versicherungsgewerbe, die chemische Industrie und die Branntweinbrennereien. Für 1000 M. Aktien Nennwert wurden nämlich im September an der Berliner Börse bezahlt: Feuerver- sicherungs-A.-G. 1665, Lebens- und Rentenversicherungs-A.-G. 1445. TranSportversicherungS-A.-G. 1288, Farbenmaterialien-A.-G. 1550, Brennerei-A.-G. 1329. Gerichte-Zeitung. Bestrafung einer Mutter. Von dem Schöffengericht Bcrlin-Mitte wurde gestern eine Mutter verurteilt, weil sie das Recht ihres Kindes verteidigte. Ter Fall lag folgendermaßen: Wegen Hausfriedensbruch war die Aufsehcrsfrau Alma Biclcr und deren Hochbelagie Tante, die ledige Wilhelmine Block angeklagt. Die Angeklagte Bieler ist evangelisch, ihr Ehemann katholisch. Als der aus der Ehe hervorgegangene Sohn schulpflichtig wurde, kam es zwischen den Eheleuten zu Differenzen, da der Ehemann den auf Wunsch der Frau evangelisch getauften Knaben in einer katholischen Schule unterbringen wollte. Er brachte dies auch zur Ausführung und erreichte, daß die vorgesetzte Behörde entschied, daß der Junge in der katholischen 243. Gemeindeschulc unterzubringen sei. Im Juli v. I. blieb der Junge eines Tages länger aus der Schule fori wie sonst. Die wegen dieses Ausbleibens beunruhigte Mutter suchte den Rektor Lange auf, der ihr erklärte, daß der Junge an dem von dem Kaplan Weniger geleiteten Beichtunterricht im Physikzimmer teilnehme. Die Frau war hierüber sehr entrüstet und erklärte dem Rektor, daß sie dies nicht zulassen werde, so lange nicht ihr Manu die ausdrückliche Genehmigung hierzu gebe. Bis dahin iverde der Junge widerrechtlich zurückgehalten. Die sehr aufgeregte Angeklagte lief dann nach dem Physikzimmer, wo es zwischen ihr und dem Kaplan zu einer heftigen Szene kam, bei welcher sie mehrmals auf- gefordert wurde, das Schulgebäude zu verlassen. Der wegen einer bei dieser Szene gefallenen Beleidigungen gestellte Strvfantrag ist inzwischen von der Schuldcputation zurückgenommen worden. Vor Gericht bekundete der als Zeug« vernommene Kaplan Weniger, daß er durch eine vorbehaltlich 1>cs Widerrufs erteilte Genehmigung der Schuldeputation berechtigt gewesen sei, in dem Physikzimmer Bcichtunterricht zu erteilen. Der Junge sei auf Wunsch des Vaters der katholischen Schule überwiesen worden und habe dementsprechend auch an dem Beichtunterricht teilnehmen müssen, der als ein« Vorbereitung zu dem Kommumonsunterricht gelte. Auf Vorhalt des Rechtsanwalts Dr. Marwitz erklärte der Zeuge, daß die schriftliche Genehmigung d«S Vaters allerdings erst nach dem zur Anklage stehenden Vorfall erteilt worden sei.— In der Verhandlung drehte es sich hauptsächlich darum, festzustellen, ob der von dem Rektor Lange auf Veranlassung des Kaplans gestellt« Strafantrag ordnungsmäßig sei oder nicht.— Der hierüber ver- nommene Stadtschulinspektor Dr. Reimann bekundete, daß aus Anlaß dieses Vorfalls den Rektoren verboten worden sei, selbständig, d. h. ohne besondere Genehmigung ihrer vorgesetzten Behörde«wen Strafantrag zu stellen. Zu jener Zeit sei der Rektor jedenfalls befugt gewesen, da ihm als Leiter der Schul« das Hausrecht zustehe. Die damalige Aufregung der Angeklagten sei begreiflich, denn die ganze Sache habe eine längere Borgeschichte, in deren Verlauf die Frau Bieler von dem Rektor und einigen Lehrern schlecht behandelt worden sei. Da der Bater eine besondere Genehmigung zur Teil- nähme am Beichtunterricht nicht erteilt habe, so sei der Junge tat- sächlich zu unrecht eine Stunde zu lange in der Schule behalten worden. Der Beichtunterricht sei eine besondere Angelegenheit der katholischen Geistlichen, die Schule habe jedenfalls nichts damit zu tun.— Rechtsanwalt Dr. Marwitz beantragte die Freisprechung beider Angeklagten; die Mitangeklagte Bock müsse schon aus dem Grunde freigesprochen werden, weil sie berechtigt die Schule be- treten und auch dann nicht aufgefordert sei, daS Gebäude zu verlassen. Die Frau Bieler müsse deshalb freigesprochen werden, da ihr Kind ohne jede» Recht von dem Kaplan gezwungen Warden sei, an dem Beichtunterricht teilzunehmen, der nach einer Verfügung der Regierung zu Oppeln überhaupt nicht als Schulunterricht anzn- sehen sei. Die katholische Airchenbehörde sc« verpflichtet gewesen, erst den Vater des Jungen zu fragen, ob er mit der Erteilung des Beichtunierrichts einverstanden sei. Die Angeklagte sei demnach be- rechtigt gewesen, das Kind, selbst unter Auwendung von Gewalt aus dem Unterricht zu entfernen, solange nicht die ausdrückliche Gc- nehmigung erteilt worden war. Das Gericht kam bezüglich der Mitangeklagten Bock aus den von der Verteidigung angeführten Gründen zu einer Freisprechung. Bezüglich der Angeklagten Bieler sei jedoch eine Verurteilung auszusprechen. Es handele sich aller- dings nur um einen rein kirchlichen Religionsunterricht. Dem Kaplan sei aber ausdrücklich die Genehmigung erteilt werden, in jenem Räume diesen Unterricht abzuhalten. Tie Angeklagte habe die Schul« zwar nicht widerrechtlich betreten, nach der Aufforderung des Kaplans habe sie jedoch die Schule verlassen müssen.— Das Gericht erkannte auf die niedrigste gesetzlich zulässige Strafe von 3 Mark.- Auch von der rein formellen Frage der Strafaniragsberechti- gung abgesehen, widerspricht das Urteil dem Recht der Mutter, die Herausgabe des Kindes zu verlangeir und nicht eher zu gehen, bis ihr berechtigtes Verlangen erfüllt war. Die Zurückbehalwng des Sohnes war eine widerrechtliche: die Aufforderung, das Lokal ohne den Sohn zu verlassen, entbehrt jedes Rechts. Wer die Hercmsgabe seines Kindes, das ihm widerrechtlich vorenthalten wird, fordert, handelt stets rechtmäßig. Würde das Gericht etwa auch eine Mutter verurteilen, die die Herausgabe ihres Kindes von einem Entführer verlangt, wenn der Entführer sie hinausweist, ohne das Kind herauszugeben? Das Urteil dürfte in der zweiten Instanz, die angerufen ist, aufgehoben werden. Ein Jahr Gefängnis für einen Tummenjungenstreich! In der Nähe des pommerschen Dorfes Prebendow legte aar 21. August der 15 Jahre alte galizischc Arbeiter Nicolai Salucka aus Prebendow fünf grosie Steine auf die Schienen der Stolper Kreis- bahn, um zu sehen, wie sie springt. Die Aufmerksamkeit des Loko- motivsführers verhinderte ein Unglück, Die Strafkammer in Stolp verurteilte nun den 15 Jahre alten Jungen zu einem Jahr Gefäng- niS und ordnete seine Verhaftung an. Lebhasten Bedenken begegnet die Frage: ist mit Recht ange- nommen, daß der junge Mensch die Einsicht in die Strasbarkeft seiner Handlung hatte? Arbeiterin und Gutsbesitzer. Die Glogauer Strafkammer verhandelte an demselben Tage über zwei Anklagen wegen Betruges. Im ersten Falle war eine Arbeiterin Kuske aus Neusalz wegen Betruges im Rückfalle an- geklagt. Sie hatte sich einen Kinderwagen und eine Kinderdecke durch die falsche Mitteilung, ihr Mann sei Arbeiter in der Paulincn- Hütte und werde den Wagen ratenweise bezahlen, verschafft. Sie bemühte sich dann, die Schuld abzutragen und hinterlegte, als die Strafanzeige erstattet war, den gesamten Betrag der Schuld. Sie wurde zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Im zweiten Falle stand der BauerngutSbesitzer Paul Kinge aus Hirschfeldau unter Anklage. Er sollte sich wegen Steucrhintrr- ziehung verantworten. Er hat seine bei einein Bankhaus nieder» gelegten Depots wiederholt um etlva 48 066 Mark zu niedrig an- gegeben. Verurteilt wurde er zu einer Geldstrafe von 700 Mark. Die arme Arbeiterin, die sich bemüht, ihre kleine Schuld, die für notwendige Dinge gemacht ist, abzutragen und tatsächlich nie- manden geschädigt hat— auf 5 Monate ins Gefängnis, der reiche Gutsbesitzer, der 48 000 M. dem Steuerfiskus verheimlichte, Geld- strafe. 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Dcr Borstand der Ortskranlenkaflc. Bensch. Neubecker. Vorsitzender. Schrijtsührer. Genehmigt mit der Mastgabe, daß die wöchentliche» Äasscnbeiträge für Klasse V aus 51 Ps. scstgesetzt werden. Potsdam, den 26. September 1912. (Stempel.) Namens des BezirkS-AnsschusieS. Der Vorsitzende. In Vertretung: v. Usedom» L. 12353. Der 3. Nachtrag tritt mit dem 27. Oktober in Krast. 279/13 Berlin-Reinickendors, d. 12. Ott. 1912. «Stempel.) Der Borstand der Ortskrankenkasse. Bensch. Neubecker. H.Piau, ®c!,in DlFCksenslraße 20 zwischen Bahnbos Sllexanderpiatz und Polizeipräsidium.—Amt Xst. 3203. ssllr Damen Frauen-Bedienung.• Lieferant sür alle Krankenkassen. EI Elegante fertig u. nach Maas von*3 Mark wöchentliche Teilzahlung. S.Boltncli Frankfurter Allee 75 Eingang Tilsiter Strasse Dienstag, 15. Oktober 1912. Ansang 7 Uhr. Mgl. Opernhaus. Die Meisterfinger von Nürnberg. Ansang Tl, Uhr. Ägl. Ichauiptelhaus. FlachSmann als Erzieher. � � Deutsches. König Heinrich IV. 1- Teil. Zirkus Albert Schumann. 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KeilUe des Jmmirtö" Kerlilter iolkölildlt. Treitagahend: Flugdlattverdreitung in yroA-SsrUn! Partei- Hngdeöfenbeiten» Lichtenberg. Heute DienZtcig, abends llß Uhr, finden im »Slbwarzen Adler", Frankfurter Chaufiee 5/6, und im„Safe Bellevue", Hauptstr. 2, zwei öffentliche Fraucnversammlungen statt mit der Tagesordnung:«Die Hausfrauen und Mütter im Kampfe gegen die Teuerung." Eine rege Agitation für den Besuch dieser Versammlungen ist notwendig. Die Bezirksleitung. Berlin-Lichterfclde. Mittwoch, den 1«. Oktober, abends 8>/z Uhr. findet im Kaiserhof, Kranoldplatz 1, eine Besprechung sämtlicher Parteigenossen und Genossinnen der Bezirke I. II. III, IV, V und Va statt. Der Vorstand. Stralau. Heute abend 8 Uhr von den Bezirken aus: Flugblatt- Verbreitung. Die Bezirksleitung. Ober-Schönewcide. Heute Dienstag, den 15. Oktober, abends 8'/z Uhr: Mitgliederversammlung bei Prochowski. Tagesordnung: Bericht vom Parteitage. Diskussion. Bezirksangelegenheiten. Die Bezirksleitung. Grünau. Mittwoch, den 16. d. M., abends 9 Uhr. in der grünen Ecke. Köpenickerstr. 88: Frauenversammlung. Borttag. Dis- kussion und örtliche Angelegenheiten. Gäste willkommen. Der Borstand. Trebbin. Am Sonnabend, den 19. Oktober, abends 8l/3 Uhr, bei Gleiche, Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: 1. Kaffeund Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Abrechnung vom I. Quartal 1912/1S. 3. Bericht vom Parteitag in Chemnitz. Referent: Genoffe Pieck- Berlin. 4. Parteiangelegenheiten. Tegel. Heute Dienstag, abends 8'/z Uhr, im GesellschaftShauS, Schlotzstrasie: Generalversammlung. Die Bezirksleitung. Leriiner JVacfmcbten. Die Naturwunder des Herbstes lockten am Sonntag Hunderttausende aus den Mauern der Weltstadt ins Freie. Graublau strahlte der Himmel, wundermild war die Luft. Die Winde haben ja in Baum und Strauch, in Feld und Flur schon arg gehaust, aber die warme Witterung der letzten Tage hat doch die Herbstflora sich zur vollen Schönheit ent- falten lassen. Georginen, Astern. Chrysanthemen und andere Herbstblumen mit weniger geläufigem Namen schimmern gerade jetzt in satter Pracht.„Und wer das Rauschen will verstehen, der muß im Wald spazieren geh'n." Geheimnisvoll rauscht es im deutschen Walde auch im Herbst. Tannen und Fichten prangen im unverwüstlich grünen Kleide, Buchen sind mit ihren bunten Tinten im Herbst am schönsten, noch die deutsche Eiche, die so schwer und zähe sich trennt vom zusammengerollten gilben Laube, zeigt gleichsam die Volks- kraft. Auf allen Verkehrslinien entwickelte sich ein ungeahntes Sonntagstreiben. Gut, wie immer, waren die Spielplätze der Sportklubs besucht und von schwarzen Zuschauerlinien um- säumt. Da viele zu weiter Wanderung keinen Schneid hatten. flutete es stark auch nach den Kirchhöfen. Der Zentral- friedhof in Friedrichsfclde wies Massenbesuch auf. Wie im f ochsommer tummelte sich Jung und Alt auf Spree und avel. Nur die Dampferflotillen hatten schon Saisonschlutz gemacht. In den gastlichen Stätten der Sommerlokale schien man auf den Zuspruch nicht geeicht gewesen zu sein. Vielfach haperte es mit Atzung und vor allem mit der Bedienung. Zehntausende tranken ihren Mokka im Freien... ein seltenes Oktoberschauspiel. Auf die Kosten des Vergnügens ist sicherlich jeder gekommen, der der langsam sterbenden Sommernatur zum Abschied seine Bewunderung zollte. Zur Fleischbeschaffung durch die Stadt. Der Magistrat hat in einer außerordentlichen Sitzung am Sonnabend die notwendigen Maßnahmen zur direkten Be- schaffung frischen Fleisches aus Rußland beraten._ Inzwischen ist ein Vertrag mit einem Großhändler abgeschlossen worden, der den Ankauf des Fleisches für die' Stadt bewerkstelligen wird, soweit ein solcher sich unter den gegenmärttgen Verhält- nissen bewirken läßt. Mit dem Vermittler werden sich ein städtischer Tierarzt und ein Rechnungsbeamter nach Rußland begeben. Der Stadtverordnetenversammlung wird nnverzüg- lich eine Vorlage zugehen, damit sie in der am Donnerstag stattfindenden Sitzung über die Bewilligung der erforderlichen Mittel Beschluß fassen kann. Die Spielpläbe in Schloß SchSnfiolz besichtigten Sonntag nachmittag mehrere Mitglieder des Zweckverbandes, Verbands- dircktor Steiniger, Oberbürgermeister Dominikus u. a. Bereits am Vormittag hatte Oberbürgermeister Mermuth die Spielplätze aufgesucht. Allgemein wurde von den Mitgliedern des Zweckver- bandes die Noivendigkeit einer umfafiendcn Spielplatzfürsorge für die Jugend und die erwachsene Bevölkerung anerkannt. Einen unheimlichen Fund machten Spaziergänger gestern vor- mittag im Tiergarten. In der Nähe der verlängerten Fasanen- straße fanden sie gegen 9 Uhr einen festvcrschnürtcn braunen Pappkarton. Als er geöffnet wurde, fand man darin die Leiche eines neugeborenen Mädchens, die in einen rot und weiß gestreiften Unterrock und in eine blauweiß und rot gestreifte Schürze einge- wickelt war. Tic kleine Leiche wurde von der Revicrpolizci nach dem Schauhause gebracht. Festnahme des Raucncr Messerstechers? In der Nauener Messerstechaffäre ist auf Veranlassung der Berliner Kriminalpolizei am Donnerstag voriger Woche in Gütersloh der 21 Jahre alte Bäckergeselle Nettelstroh, auf den die Berliner Polizei schon kurz nach der Tat im August fahndete, ergriffen und nach Berlin über- , führt worden. Die von der Kriminalpolizei eingetorderte Photo- graphie des Mannes ist den Nauener Damen, insbesondere Frau und Fräulein Karstädt vorgelegt worden, die ihn nach diesem Bilde mit ziemlicher Bestimmtheit als den Täter bezeichnen. Nettelstroh bestreitet, überhaupt mit der Sache in Verbindung zu stehen....... Nettelstroh wurde heute vormittag auf dem Polizeipräsidium eingehend verhört und auch verschiedenen Zeugen gegenübergestellt. Wie die Überfallenen Frauen ihn in dem Bilde als Täter wieder- erkennen wollen, so meinen auch einige Zeugen nach der persönlichen Gegenüberstellung, daß er wohl der Täter sei. Nettelstroh selbst be- streitet entschieden jede Beteiligung an der Tat und nach allem, wie die Sache lieg», ist es doch noch sehr zweifelhaft, ob er für die Tat in Betracht kommt. In die Maschine hineingerissen. Ein gräßlicher Unglücksfall hat stch gestern mittag in der Handclsstätte Bellcalliance zugetragen. In einer dortigen Buchdrnckerei war der achtzehn Jahre alte Stern- drucker Erich Koppke, Allensteiner Straße 23 wohnhaft, während der Arbeit dem Getriebe einer Druckmaschine zu nahe gekommen und von dem Räderwerk erfaßt worden. Der Aermste wurde mit den Kleidern in das Maschinenwerk hineingerissen und schrecklich zu- gerichtet. Wäre nicht schnell durch Abstellen der Motore die Maschine zum Stehen gebracht worden, so hätte K. einen elenden Tod durch Zermalnien gefunden. Als man ihn aus seiner furchtbaren Lage befreit hatte, stellte sich heraus, daß er Knochenbrüche und schwere innere Verletzungen erlitten hatte. In fast hoffnungslosem Zustande wurde der Schwerverletzte nach dem Krankenhaus am Urban gebracht. In der Badewanne ertrunken. Tot aufgefunden wurde am Sonntag in einer Badewanne der städtischen Volksbadeanstalt in der Oderberger Straße ein junges Mädchen. Die wahrscheinlich infolge eines Krampfanfalles Ertrunkene ist die 22 Jahre alte Tochter Margarete des Feuerwehrmannes Wandel aus der Cho- riner Straße 46/47. Verhaftung einer Straßenraub erin. Auf frischer Tat ergriffen wurde gestern eine jener gefährlichen Straßenräuberinnen, die es hauptsächlich auf die Beraubung kleiner Kinder abgesehen haben. In Schvneberg wurde in den letzten Wochen fast täglich mehreren Kindern, die von den Eltern mit Einkäufen bettaut waren, entweder gewaltsam das Geld oder auch die Waren entrissen oder die Kleinen wurden unter irgend einem Vorwande zur freiwilligen Herausgabe des Portemonnaies und der Markttasche veranlaßt. Als Täterin kam in allen Fällen ein etwa 26 jähriges Mädchen in Frage, dessen Ermittelung jedoch zunächst trotz eifriger Nachforschungen nicht ge- lingen wollte. Gestern bemerkte ein Schöneberger Kriminalbeamter in der Mühlenstraße ein Mädchen, das sich in verdächtiger Weise an kleine Kinder, die offenbar Einkäufe zu machen hatten, herandrängte und auf sie einsprach. Der Beamte beobachtete die Verdächtige und kam gerade zurecht, als sie einem siebenjährigen Mädchen gewaltsam das Portemonnaie entreißen wollte. Der Kriminalschutz- mann nahm die Diebin fest und brachte sie nach dem Polizei- Präsidium, wo in ihr die 2ljährige Anna Liebenke, 4ie zuletzt in der Grunewaldstraße gewohnt hat, festgestellt wurde. Die Verhaftete ist in 15 Fällen dcS Straßenraubes überführt worden und auch ge- stäudig. Sie wurde dem Untersuchungsgefängnis zugeführt. Ein entsetzlicher Borgang hat sich Sonntag abend am Bahnhof Putlitzstraße ereignet. Der 29 Jahre alte Streckenwärter Albert Knottke, Gleimstr. 23 wohnhaft, hatte auf dem Streckengang das Unglück, beim Kreuzen der Weiche mit eurem Stiefel zwischen zwei Schienen stecken zu bleiben. In diesem Augenblick kam unglücklicher- weise ein Stordringzug herangebraust, der die betreffende Stelle passieren mußte. Wie ein Verzweifelter machte K. alle möglichen Versuche, sich zu befreien, doch vergeblich. Schon war der Zug einige Meter entfernt, als K. ein Taschenmesier hervorhollte, um da- mit den Stiesel durchzuschneiden. Aber es war bereits zu spät Die Lokomotive zermalmte dem Unglücklichen den Fuß bis über den Knöchel hinweg vollständig. Hätte'sich K. nicht noch mit dem Körper zurückgebeugt, so wäre er gänzlich zerstückelt worden. Er wurde nach dem Krankenhaus Moabit gebracht. Ucber nächtliche Ausschreitungen meldet der Polizeibericht: In der Nacht zum Sonntag kam es gegen 1% Uhr auf dem Alexander- platz zu wüsten Ausschreitungen, wobei ein Auflauf von etwa 866 Personen entstand. Nachtschwärmer, die trotz der vorgerückten Zeit noch Muße fanden, den bei dem Bau der Untergrundbahn be- schäftigten Arbeitern zuzuschauen, gerieten mit diesen— vielleicht wollten sie es besser wissen— in Meinungsverschiedenheiten,' die schließlich zu Beleidigungen und Tätlichkeiten führten. Hierbei wurden der 36 Jahre alte Magisttats-Bureauhilfsarbeiter Fritz W. aus der Brüsseler Straße und der 28 Jahre alte Schriftsetzer Otto S. aus Reinickendorf durch Spatenhiebe am Kopf ver- letzt. Man brachte beide nach der Hilfswache in der Keibelstratze, tvo man ihnen die ersten Verbände anlegte. Die Täter konnten nicht festgestellt werden, da sie sich in den Bautunnel flüchteten. Ein un- bekannter Mann, der an der Erde lag unb schwer mißhandelt wurde, konnte nur befreit werden, indem der Schutzmann Tondern mit der blanken Waffe auf die Angreifer einhieb. Anscheinend ist dadurch aber niemand verletzt worden. Die gewaltige Menschen- menge, die sich schnell angesammelt hatte, konnte erst zerstreut werden, nachdem die verfügbare Mannschaft des 26. Polizeireviers angerückt war. Ueberfahre» und getötet wurde gestern abend an der Ecke der Güntzel- und Uhlandstraße zu Schöneberg eine noch unbekannte, un- gefähr 25 Jahre alte Frau. Als diese dort gegen 7 Uhr einen Straßenbahnwagen der Linie 57 verließ und den Fahrdamm über- schreiten wollte, übersah sie das Herankommen einer Kraftdroschke. Ehe der Chauffeur sein Fahrzeug zum Stehen bringen konnte, waren die Räder der Droschke über die Unglückliche hinweggegangen und hatten sie an der Brust so schwer verletzt, daß sie besinnungslos liegen blieb. Der Chauffeur hob die Ueberfahrene in seinen Wagen und fuhr mit ihr zur Unfallstation in der Gasteiner Straße. Kurz nach der Ankunft erlag sie jedoch hier ihren Verletzungen. Ihrem Acußeren nach scheint die unbekannte Tote dem Arbeilerstande an- gehört zu haben. Sie ist ungefähr 1,65 Meter groß, hat schwarzes Haar und trug ein weißgestreiftes Jackett, eine blaue Bluse mit blanken Knöpfen, schwarze Strümpfe mit roten Bändern, gelbe Schuhe, weiße Leibwäsche und einen Strohhut mit roten Blumen. Die behördlich begünstigte Jugendbundbewegung artet oft ins Lächerliche aus. Folgende Zuschrift eines Lehrers liefert den Beweis: „Vor einigen Tagen führte mich mein Weg über einen Chor- lottenburger Platz. An einer Seite exerzierten vier Gymnasiasten mit Fahne und Gewehr. Da nahte auf der anderen Straßenseite ein wirklicher Leutnant und nun ein kurzes Kommando: zwei der jugendlichen Krieger sprangen an der Bordschwelle in Positur und präsentierten eins, zwei, drei das Gewehr, während der Leutnant grüßte. Auf den unbefangenen Zuschauer mußten die kleinen, noch Wadenstrümpfe und Matrosenanzug tragenden Jungen mit den schiefgehaltenen Flinten direkt komisch wirken. Aber was tut es: wenn es auch lächerlich ist, so ist es doch patriotisch." In Schöneberg macht der Jugendbund Berlin- Schöneberg besondere Anstrengungen, um die schulentlassene Jugend um sein Banner zu scharen. Dieser Jugendbund setzt sich zusammen aus den Jugendklubs Armin, Teutonia und Wartburg und erfreut sich der weitgehendsten behördlichen Unterstützung. Während es für die turnende Arbeiterjugend auf Befehl der an- geblich jugendfrcundlichen preußischen Regierung keine Turnhalle gibt, stehen den Jugendklubs die Hallen jederzeit unentgeltlich zur Verfügung. Zu Kursen für die Arbeiterjugend gibt es keinen Raum in irgendeiner Schule; wenn aber nur vier Mitglieder von Jugendklubs Militärmärsche pfeifen und trommeln lernen, werden Schulräume zur Verfügung gestellt. Gegenwärtig gehen diese Jugendklubs wieder auf größeren Mitglicderfang aus. In Flugblättern weisen sie besonders daraus bin, daß bei ihnen Religion und Politik streng ausgeschlossen sind. Wie diese angebliche Neutralität aussieht, ist bekannt. Die Ar- beitereltern werden erneut ersucht, ein wachsames Auge zu haben, welche Vereine ihre Kinder nach Feierabend und Sonntags be- suchen. Freunde des Fußballsports aus Schöneberger Arbeiterkreisen, die nicht länger in den dem Jungdeutschlandbund angeschlossenen Vereinen spielen wollen, werden für heute abend zu einer Be- sprechung im Lokale Ernst Obst, Schöneberg. Martin-Luther- Straße 51, eingeladen. Vertauscht worden ist am Sonntag, den 13. Oktober, beim Ver- gnügen der ArbeiterbildungSschule ein Marengopaletot und ein Hut. Austausch bei Artur Fischer, Manteuffelstt. 29, Seitenflügel I, abends zwischen 5 und V28 oder Donnerstags in der Bibliothek von llß bis Va® Uhr.:_ Feuer auf einem städtischen Gute. Am Montagmittag kam Großfeuer auf dem städtischen Rieselgut Hellersdorf zwischen Kaulsdorf an der Ostbahn und Eiche, nahe Falkenberg zum Ausbruch. Zwei große mit Stroh und Ernte- Vorräten gefüllte Scheunen nahe dem Gutshos standen in Flammen. Diese hatten so reiche Nahrung gefunden, daß nur wenig zu retten war, obgleich die GutSspriye sowie die freiwilligen Feuerwehren von Marzahn. Eiche. Hönow, Kaulsdorf. Mohlsdorf. Dahlwitz. Bürkners- selbe, Ahrensfelde usw. zur Stelle waren. Die Berliner Feuerwehr entsandte um 3 Uhr von der Hauptwache die Rundlauf-Automobil- pumpe, die um 3'/« Uhr an der Brandstelle ankam, mit der aber auch nicht mehr verhindert werden konnte, daß die beiden großen Scheunen total niederbrannten. Der angrenzende Kornboden, der anfänglich in der größten Gefahr schwebte, konnte mit allen übrigen Gebäuden wirksam geschützt werden. Vorort- IVacbricbten. AdlerShof. Aus der Gemeindevertretung. Die Angelegenheit betreffend „Errichtung einer Lehrstellenvermittlung" wurde vertagt, da zu. nächst die Erfolge der für Berlin eingerichteten Vermittlungsstelle abgewartet werden sollen und die eventuell entstehenden Kosten zu überschauen sind. Die Mittel für die Verttetung von Lehrpersonal in den Gemeindeschulen und die Anschafffmg von Utensilien für den zu errichtenden Milchverkaus in den Gemeinde schulen wurden einstimmig bewilligt. Der Dringlichkeitsantrag unserer Genossen auf Speisung der Schulkinder wurde nach längerer De» batte vertagt. Genosse Zabel wies in seiner Begründung des An» träges auf den großen Wert der Speisung hin; nicht nur die Kinder allein, sondern auch die Schule selbst habe einen großen Vorteil von dieser sozialen Einrichtung. Im allgemeinen war man sich wohl über den Nutzen der Speisung der Kinder einig, nur konnten sich die bürgerlichen Vertreter nicht über den Beginn verständigen. Von einigen ihrer Redner wurde verlangt, daß man in Adlershof erst dann beginnen soll, wenn auch die Nachbarorte, wie Köpenick, Niederschöneweide und andere, ebenfalls den Kindern Frühstück usw. verabfolgen. Einer der Herren glaubte sogar, daß AdlerShof durch die zu frühe Einführung der Speisung hilfsbedürftiger Schulkinder ein„Eldorado der Armen" würde, wodurch die weniger Bemittelten angelockt, das steuerkräftige Publikum Uber ferngehalten würde. Als unsere Genossen sahen, daß eine Mehrheit für den Anttag nicht zu haben war, schloffen sie sich der Vertagung an, werden aber wach- sam sein, daß mit der Vertagung keine Verschleppung der Angc- legenheit erfolgt. Unter„Verschiedenes" wurde die Unsicherheit des Ortts besprochen. Am 5. Oktober, abends gegen 16 Uhr, ist in der Kronprinzenstraße der Kaufmann K. von einem Rowdy der» artig geschlagen worden, daß er am Montag seinen Verletzungen erlag. Bon einigen Rednern wurde erklärt, daß AdlerShof zu wenig Beamte habe und dadurch die Sicherheit des Ortes gefährdet sei. Genosse Zabel erinnerte an die Borkommnisse bei dem letzten Streik der Firma Jürft u. Co. Der Anschauung, daß zu wenig Polizei am Orte sei, konnte Redner nicht beipflichten/ dem wider- sprechen die Tatsachen, daß alle von den Sozialdemokraten ein- berufenen Versammlungen von zwei Gendarmen überwacht werden, gewiß ein Beweis, daß genug Beamte vorhanden sind, da dieser Dienst als ein überflüssiger bezeichnet werden muß. Zum Schluß einigte man sich dahin, vom Amtsvorsteher energisch zu verlangen, daß sofort Maßnahmen zur Hebung der Sicherheit im Orte ge- troffen werden. Es ist vor allem notwendig, eine Polizeiwache ein- zurichten, welche Tag und Nacht geöffnet ist Ferner sollen die beiden, mit Exekutivgewalt ausgerüsteten Gemeindcdicner zum Straßendienst herangezogen und die Zahl der Nachtwächter von zwei auf vier vermehrt werden. Neukölln. Die Bereinigung Jugendheim hält heute abend im großen Saale von Bartsch. Hermannstt. 49, ihre Generalversammlung ab. Näheres ist aus dem Inserat in unserer letzten Sonntagsnummcr er- sichtlich. Weisiensee. Ein Schilbbllrgcrstllck. Der Streit um die Beitrags- vdcr Ge- bührenordnung zur Kanalisation zwischen Grundbcsitzerverein 1884 und Sausbesitzerverein 1916 zeitigt sonderbare Blüten. Der 84er Verein fordert in mehr als 366 Einsprüchen die Beseitigung der von der Gemeindevertretung beschlossenen Beitragsordnung. Um die Sache schleunigst zur Erledigung zu bringen, hatte man eine Audienz beim Regierungspräsidenten nachgesucht, die Herren sind jedoch nicht empfangen worden; die Gründe dieser Absage sind nicht bekannt. Der 1916cr Verein will die Einführung der Bei» tragsordnung und die Herabsetzung der Gebühren nach der allgc- mein in Berlin und den umliegenden Ortschaften üblichen Art. Auch diese Mitglieder haben ein Interesse an der Beschleunigung dieser Angelegenheit�, zumal die Hausbesitzer die hohen Gebühren nicht er- schwingen können. Deshalb ersuchten auch sie um eine Audienz an derselben Stelle. Das paßte wieder den 84ern nicht in den Kram und nach dem Rezept:„Wie du mir, so ich dir" verlangten sie von dem Regierungspräsidenten, daß auch die 1916er nicht empfangen werden. Wenigstens teilte der Dezernent der Regierung mit, daß ein solches Verlangen von den Herren von 84 gestellt worden ist. Diese Nachricht hat wie eine Bombe in den interessierenden Kreisen gewirkt Bohnsdorf. Mit der Reorganisationsfrage beschäftigte sich die letzte Mit» gliedcrveisaminlung des Wahlvereins. Nach reger Diskussion stimmte die Versammlung folgendem Borschlag des Genossen Mohr zu: Ausbau der Bildungsausschüsie, dahingehend, daß die Mit- glieder der Partei durch Vorträge oder dergleichen mehr über unsere Grundsätze aufgeklärt werden. Jeden ztveiien Monat soll eine Ver« kammlung mit einem Referat über wichtige aktuelle Fragen gehalten werden. Um die Fluktuation zu verhüten, ist der Kassierer zu ver- pflichten, am Quartalsschluß einen Auszug von denjenigen Mitgliedern zu machen, die mit ihren Beiträgen länger als drei Monate mr Rückstände sind. Die Restanten sollen von den Funktionären aufgesuchl und mit denselben Rücksprache genommen werden. Ver- gnügüngen siird aus das Mindestmatz zu beschranken. Als Ersatz dafür soll das Interesse für gute. künstlerische Ver- anstaltungen geweckt werden. Nachdem Genosse Franz den Kassenbericht erstattet hatte, wurde mitgeteilt, daß am Sonntag, den 27. Oktober für Bohnsdorf und Umgegend eine Agitationstour und Kalenderverbreitung stattfindet. Hierauf be» richtete Genosse Schiffte von der letzten Gemeindevertretersitzung. Unsere beiden Genossen hatten erfahren, daff auf dem Landralsamt ein Plan für die.Südliche Umgehungsbahn" ausliegt. Danach soll eine Kreisbahn gebaut werden, die von Grünau nach Miersdorf führt. Für Bohnsdorf war jedoch kein Bahnhof vorgesehen, auch fehlten zwei Uebergünge. Auf Antrag unserer Vertreter Schiffkeund Schulz erhob die Gemeindevertretung dagegen Einspruch und stellte dahingehende Anträge. Die Friedhofsordnung ist endlich (ein ganzes Jahr hat es gedauert) unter Dach und Fach gebracht lvorden. Demnach betragen die Gebühren für die Grabstelle eines Erwachsenen 3 M., für die eines Kindes t.öv M., Fertigmachen der Gruft für Erwachsene ö M., für Kinder 2,50 M.(den Betrag erhält der Totengräber). Unsere Ge- nossen stimmten gegen die Friedhofsordnung, weil der Antrag, die Beerdigung auf Gemeindekosten vorzunehmen, mit acht gegen vier Stimmen abgelehnt wurde. Minderbemittelte können auf Antrag, der an die Fricdhofskommission zu richten ist und der auch Genosse Schiffke augehört, kostenlos bestattet werden.— Der Dorfteich soll, um Unglücksfälle zu verhüten, mit einer Ligusterhecke eingefaßt werden. Dieser Beschluß wurde bereits vor einem Jahre gefaßt, doch ist es dem Drängen unserer Vertreter zu verdanken, daß die Ausführung dieses Beschlusses nunmehr endlich erfolgt. Des weiteren hatte die Gemeindevertretung beantragt, Briefkästen im Ort an- zubringen. Die Postbchörde hat diese Vorlage jedoch ab- schlägig beschieden. Ein amtlicher Anzeigenkasten soll für den Ortsteil Falkenhorst aufgestellt werden. Nach Mitteilung des Bildungs- ausschusses finden Montag, den 4., 11.. 18. und 25. November, sowie Montag, den 2. Dezember, abends 8>/� Uhr, in der„Villa Kahl" Vorträge des Genossen Julian Borchardt über„Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus' statt. Karten für alle fünf Vorträge zum Preise von 50 Pfennig sind beim Genoffen Klemm, Paradies- straße 7, zu haben. Die Genossen der umliegenden Orte find hier- auf besonders aufmerksam gemacht. Rttdotv. I» einer Volksversammlung am Sonntag sprach Genosse Kluß über die gegenwärtige Teuerung und die zur Linderung derselben ergriffenen unzulänglichen Maßnahmen der Regierung. In der Dis« kusfion forderte Genosse Nagott die Versammelten auf, den Agrariern, auf deren Konto der gegenwärtige Notstand zu setzen ist, den Schnapstribut zu verweigern dadurch, daß sich jeder deS Fusels enthalte. Genosse Schulze ermahnte zum Eintritt in die Organi- sation. Eingeleitet und beendet wurde die Versammlung durch Ge- sanqsvorträge deS Arbeitergcsangvereins Rudow. Pankow. Die Gentralvcrsannnlnng des Bereins Arbciter-Jugendhcim, die heute Dienstag, abends O'/z Uhr, im„Pankgrafen", Schloßstr. 6, stattfinden sollte, fällt Umstände halber aus. Die Versammlung tagt heute über acht Tage im gleichen Lokal. Neu-Zittau(Kreis Beeskow). Ein zäher Kampf um die Mandate in der dritten Abteilung hat vorläufig seinen Abschluß gefunden. Bekanntlich hatte die Gemeinde- Vertretung auf Protest des Herrn Müller die Wahl unserer Genossen Schulz und Petter für ungültig erklärt. Unsere Genossen be- schritten den Klageweg. Der Kreisausschuß in Beeskow. vor welchem Genosse Schulz am Freitag die Klage nochmals eingehend be- gründete, hob den Beschluß der Vertretung auf und erklärte die Wahl für gültig. Damit ziehen nach sechsjährigem Kampfe um die Mandate in der dritten Wählerklasse die ersten sozialdemokratischen Vertreter in das Dorfparlament. Wannsee. Den Bericht vom Parteitage gab in einer gutbesuchten Wahl- dereinsversammlung Genosse Pieck. Nach einer eingehenden Wür- digung der Arbeiten deS Parteitages kam er auch auf die bekannte Erklärung seiner Mitdelegierten zu sprechen. Weil er die Schuld an solchen Differenzen zwischen den Delegierten, die auch bei der Aufhebung des Nürnberger Maifeierbeschlusses vorhanden waren, mehr dem bisherigen Arrangement der Kreisgeneralversamm- lung beimesse, die in den letzten zwei Jahren die Wahl der Dele- gierten vorgenommen habe, ohne zu dem Parteitage Stellung zu nehmen und die Meinung der Parteitagskandidaten kennen zu lernen. habe er bisher mit seinem Urteil über das unangenehme Vorkomm- uis sehr zurückgehalten. Aber nachdem in der Neuköllner Bersamm- lung von dem Genossen Feller eine unrichtige und persönlich ver- letzende Darstellung des Vorganges gegeben worden sei, sei er ge- zwungen auf die Angelegenheit näher einzugehen. Er bedauere, daß durch diese an sich bedeutungslose Angelegenheit die Diskussion über die Arbeiten des Parteirages beeinträchtigt werde. Um dies zu verhindern, habe er schon auf dem Parteitage � den Kreisvorsitzenden ersucht, eine Verständigung unter den Delegierten wegen der Berichterstattung herbeizuführen, leider sei � diese Verständigung nicht versucht worden. Was die Erklärung zu einem besonders un- augenehmen Vorkommnis mache, sei die Art ihreS Zustandekommens, die die Absicht, den Parteitag zu bluffen, deutlich erkennen lasse. In allergrößter Hast, ohne die Anwesenheit aller Delegierten und deS Abgeordneten des Kreises abzuwarten, sei die Erklärung hinter Redners Rücken geschmiedet worden. Besonders interessant sei, daß der einentliche Urheber der Erklärung nicht einmal ein Delegierter des Kreises ist, wie dieser sich auch scheute, seinen Namen unter dieses Machwerk zu setze». Wenn jetzt, nachdem sich die Genossen allerorts gegen diese Erklärung wenden, diese durch den Genossen Feller anders zu deuten versucht wird, als was ihr klarer Wortlaut besagt und was auch der Genosse Scheidemann daraus entnommen hat. so ist das begreiflich. Die Ueberflüssigkeit der ganzen Aktion trete nur noch mehr hervor, wenn sie sich nur gegen die Art und den Ton seiner Ausführungen richten soll, und nur als Gcfühlsausbruch zu betrachten fei. Genosse Feller gerate dann in eine eigentümliche Situation, da er sich in der Neuköllner Versammlung in recht abfälliger Weise über den Ton der Rede deS Genossen Pieck geäußert, obgleich er kein Wort davon gehört habe. Nach dieser recht typischen Art der Urteilsfällung fei auch sein Urteil über seine Wecks) sonstige Tätigkeit zu bewerten. ES sei zu erwarten, daß sich in Zukunft solche Vorgänge nicht wiederholen, die der Kreisdelegation, wie dem Partei- tage nicht zur Ehre gereichen. In der Diskussion wurde ebenfalls die Erklärung verurteilt. Daran anschließend wurde der Bericht über eine Gemeindevertreter- fitzung und der Kassenbericht deS 3. Quartals entgegengenommen. Ferner wurde ein Bildungsausschutz, bestehend aus den Genossen Hirche, Lehnert und KühlS gewählt. Waidmannslust. Ter von der Gemeinde eingerichtete Seefischverkauf findet von heute ab jeden Dienstag und Freitag bei dem Fischhändler Voh, Waidmannstr. 98 statt. Die Preise sind dem Verkäufer von der Ge» mcinde vorgeschrieben und werden durch«ine Ausschrist im Laden bekannt gegeben. Herzfelde. Ans der Gcnieindevertretersitzung. Zunächst wurde über einen Antrag betr. Verbreiterung der Möllenstraße von vier auf sieben Meter unterhandelt. Dem Antrage wurde insofern stattgegeben, als die Straße von der Schleyschen Ecke bis zum Feucrwehrhause die Verbreiterung erfahren soll.— Es wurde beschlossen, geeignete Schritte zwecks Anlegung eines Promenadenweges in der Möllen- straße zu unternehmen.— Das Urteil des Kreisausschusses in der Verwalttmgsstreitiache der Herren Wehmeyer und Bredereck gegen die Gemeindevertretung von Herzfelde wurde mitgeteilt. Dem An- trage, die Angelegenheit nunmehr für erledigt zu betrachten, gab die Vertretung statt. Unter anderem wurde noch beschlossen, für die Heizung der Rektorwohnung 70 M. und der Lehrerwohnungen 35 M. anzurechnen. Nowawes. In der Versammlung des WahlvercinS ehrten die AnfvesenLen vor Eintritt in die Tagesordnung das Andenken der am 3. d. M. Serstorvenen Genossin EngeMnS. Im geschäftlichen Tetl ga? Sek Vorfitzende zunächst bekannt, daß bei der am 3. und 15. September vorgenommenen Hausagitation für den„Vorwärts" 10, für die ..Brandenburger Zeitung" 50 neue Leser gewonnen wurden. Das Resultat entspreche nicht der aufgewendeten Mühe, es sei darum Pflicht den Genossen, auch weiterhin für die Ausbreitung der Partei presse eifrig zu agitieren. Die Verhandlungen mit der Leitung des Konsumvereins wegen Errichtung einer Fleischverkaufshalle haben noch nicht zu einem befriedigenden Resultat geführt; es soll deshalb in den nächsten Tagen in einer Sitzung die Frage nochmals beraten werden.— Zur Aufnahme hatten sich diesmal zwei Genossen und zwei Genossinnen gemeldet.— In seinem Vortrage über kommu nale Angelegenheiten gab Genosse Singer ein übersichtliches Bild über die von der Gemeindevertretung in den letzten Monaten ge faßten wichtigeren Beschlüsse und begründete die Stellungnahme der dritten Abteilung zu den entsprechenden Vorlagen. Auch den neu geschaffenen Sonnabendmarkt sowie die von bürgerlicher Seite ausgehende Propaganda für Wiederaufhebung desselben zog er in den Kreis feiner Betrachtungen. Vor allem seien es die Haus- besitzervereine und der Verein für Handel und Gewerbe, die gegen die Neuerung Sturm laufen. Der gute Besuch des Marktes zeuge dafür, daß seine Einrichtung notwendig war. Die sozialdemokratische Fraktion werde deshalb nicht nur für Beibehaltung des Marktes, sondern sogar für eine Ausdehnung desselben in die späteren Abendstunden eintreten, um auch denjenigen Arbeitern, die aus- wärts beschäftigt sind und des Sonnabends später heimkehren, Ge- legenheit zum Besuch des Marktes zu geben. Die vom Vorsitzenden des Grundbesitzervereins aufgestellte Behauptung, daß das auf dem Markt von auswärtigen Fleischern feilgebotene Fleisch minder- wertiger sei als das in den hiesigen Geschäften erhältliche, wider- legte er unter Hinweis auf ein vom Obertierarzt Deseler ab- gegebenes Gutachten. Das Fleisch verliere durch den Transport wohl an Ansehen, aber minderwertig sei es nicht.— In der Diskussion kam allgemein zum Ausdruck, daß eine Wiederaufhebung des Sonnabendmarktes angesichts der allgemeinen Teuerung eine Benachteiligung des größten Teils der Bevölkerung zugunsten der einheimischen Händler und Gewerbetreibenden, denen die Konkur- renz lästig ist. bedeuten würde. Genosse Neumann gab zwar zu, daß unter den heutigen Verhältnissen an eine wesentliche Verbilli- gung der Fleischpreise nicht zu denken sei, bezeichnete jedoch die Beibehaltung der auswärtigen Konkurvenz auf dem Markt für wünschenswert, um ein weiteres Hinaufschrauben der örtlichen Nah- rungsmittelpreise zu verhindern. Der vom Kassierer erstattete Kassenbericht für das 1. Quartal weist in Einnahme 1153,80 M. und in Ausgabe(inkl. des an den Kreis abgeführten Drittels von 789,20 M.) 1123,41 M. aus. Der gegenwärtige Mitgliederstand beträgt 979, davon 173 Frauen.— Am Schluß der Versammlung wies Genosse Gchrmarni noch auf die am 18. Oktober im Nestau- rant Port Arthur stattfindende Versammlung hin, die sich mit der bevorstehenden Wahl der Vertrauensmänner zur Angestelltenver- sicherung beschäftigen wird, und ersuchte um eifrige Agitation unter den Angestellten zwecks guter Wahlbeteiligung. Hua aller Melt. Me die Kämpfer starben. Der Kriegskorrespondent des„Daily Micror" in Cattaro Be- richtet ergreifende Einzelheiten über die Zun stände im mon- tenegrinischen Feldlager. Er schreibt u. a.:„Der kolossale Preis, den die Nation bezahlt, kommt einem erst recht zum Bewußtsein, wenn man bedenkt, über welch geringe sanitäre Hilfsmittel die Montenegriner verfügen. In dem montene- grinischen primitiven Hospital'spielten sich erschütternde Vorgänge ab. Dort hausierte nur ein Arzt, der Leibarzt des Königs Nikita. Er arbeitete Tag und Nacht und wurde von einem einzigen Manne und einigen Frauen unterstützt. Ich wohnte einer Untersuchung eines vor der Front schwer verwundeten montenegrinischen Soldaten bei, der auf einem Pferde in das Hospital gebracht worden war. Der Verwundete lag mit nacktem Oberkörper auf einer langen Tafel in einem Raum, der mehr einerScheune gleicht. Er hatte eine Kugel in die Brust bekommen. Der Arzt nahm sofort eine Operation vor und entfernte kunstgerecht die Kugel aus der Wunde. Der Zustand des Verletzten ist verzweifelt. Bewundernswert war es, zu sehen, wie sich der Soldat während der Operation beherrschte. Er stöhnte nicht und gab auch keine Jammerlaute von sich und nur in seinem Gesicht spielte eS sich ab, welch einen furchtbaren Schmerz er empfand. Der Arzt fertigte 12 Verwundete innerhalb einer Stunde ab. Es ist auffallend, mit welch einer Geschicklichkeit der Arzt arbeitete. Seine Tätigkeit wurde sehr erschwert durch die außerordentlich primitiven Hilfsmittel. Es gibt keine regelmäßigen Ambulanzen: daher können auch nicht alle Verwundete aufgesucht werden. Viele Verwundete st erben ohne Beistand. Nahezu 190 Mann sollen schon tot sein. 378 Schwerverletzte find nach dem Feldlazarett von Podgoritza gebracht worden. Alle Männer über 18 und unter 35 Jahren befinden sich in der Front. In den Städten wurden nur die Personen zurückgelassen, die für die Verwalttmg unbedingt erforderlich waren. Auch die monte- negrinischen Frauen legen einen großen Heldenmut an den Tag. Sie schleppen in Ochsengespannen Munition und Nahrungs- mittel an die Gefechtslinie._ Grubeukatastrophe in Australien. Eine Schreckenskunde meldet der Telegraph aus Queenstow n. Danach ist in einer Kohlengrube bei N o r t h- L l y e l l s auf der Insel Tasmanien in einer Tiefe von 230 Meter Feuer ausgebrochen, wodurch 90 Grubenarbeiter von der Außenwelt ab- geschnitten sind. Das Feuer entstand am Sonn- abendmittag. Bisher ist es noch nicht gelungen, zu den Eingeschlossenen vorzudringen, jedoch glaubt der General- direktor der Grube zuversichtlich, daß die meisten Bergleute in Sicherheit sind. Derartig optimistische Anschauungen sahen wir noch bei jeder Grubenkatastrophe— bis die Pump- werke in Tättgkeit traten, um das schwarze Gold im Interesse der Aktionäre zu retten._ Tauerfahrt des Marineluftschiffcs I. Das neue für die Marine bessimnite Zeppelin-Lustschiff, das am Sonntag früh um 8 Uhr 35 Minuten in Friedrichs- Hafen zu einer Dauerfahrt aufgestiegen war, ist am Montag- nachmittag um 3 Uhr 43 Minuten auf dem Flugplatz in Johannisthal glatt gelandet. Auf seiner mehr als 30 stündigen Fahrt durchquerte das Lufschiff ganz Deutschland vom Boden- see bis zur Nord- und Ostsee und flog dann über Kiel, Lübeck und Mecklenburg nach Berlin. Das Luftschiff hat also auf seiner Fahrt, die diesmal freilich durch besonders gutes Wetter begünstigt war. eine Reise von weit über 1000 Kilometer zurückgelegt. Mit den Betriebsmannschasten befanden sich 21 Personen an Bord, darunter Graf Zeppelin selbst, der die Führung des Luftschiffs in Person übernommen hatte. Der Polizeimörder vor Gericht. In dem Prozeß gegen den Polizeileutuant Becker wurde am Sonnabend der Spieler Rose als Zeuge vernommen. Er schilderte die Beziehungen Beckers zu dem Spielhöllenbesitzer Rosenthal und legte dar, wie der Mord geplant und die Täter ge- Wonnen worden seien. Secker habe die SefeHignag Rosenthals immer wieder gefordert und sei schließlich, als die Ausführung der Tat sich verzögerte, wütend geworden. Die Aussage des Zeugen, der eine genaue Darstellung der Tat gab, machte auf die im Saale Anwesenden tiefen Eindruck. Becker saß in Schweiß gebadet auf der Anklagebank. Unter anderem sagte der Zeuge, Becker habe erklärt, er würde der Leiche Rosenthals auf der Polizei st ation die Zunge ausschneiden, wenn der Distriksanwalt nicht anwesend wäre. Ein Baron v. Radowitz als Gauner verhaftet. Einen recht interessanten Einblick in das Leben und Treiben der goldenen Jugend gibt die in Paris erfolgte Verhaftung des Barons Klemenz v. Radowitz, eines Neffen des früheren deutschen Gesandten in Madrid. Der hoffnungsvolle junge Mann wurde in einer Bar auf Veranlassung eines Antiquitäten- Händlers verhaftet, dem er für Teppiche und ähnliche notwendige Dinge die Kleinigkeit von 70000 Frank schuldet. Natürlich hat Baron Radowitz die Sachen bald nach Empfang verkauft, wie er auch sonst sein Leben auf dem Geldbeutel der Leute aufbaute, die vor einem Baronstitel unbegrenzten Respekt haben. Baron Klemenz v. Radowitz hat früher als Offizier in einem bayerischen Regimente gedient, wegen seiner Heirat mit einer Schauspielerin, von der er sich jedoch wieder getrennt hat, nahm er seinen Abschied aus der Armee. Im Zeitraum von fünf Jahren verplemperte er etwa fünf Millionen Mark. Als daS eigene Vermögen alle wurde, fing er an, auf Kosten anderer zu leben. Natürlich schränkte er sich auf das Nötigste ein; in einem gemieteten Schloß in der Nähe von Fontainebleau hielt er sich achtzehn Diener, während fünfzehn Pferde und drei AutoS für die notwendige Bequemlichkeit bei Ausflügen und Be- suchen sorgten. Und das alles auf Pump. Es gibt doch immer noch anständige Menschen, die für die standesgemäßen Bedürfnisse adliger Sprößlinge Verständnis zeigen! Die Berufung ans Burgtheater. DaS Wiener„Extrablatt" erzählt folgenden Scherz: Der Direktor des Johann-Sttauß-Theaters erhielt dieser Tage folgenden Brief: „Sehr geehrter Herr Direttorl Verzeihen Sie vielmals, wenn ich um meine Entlassung aus Ihrem Theater ergebenst bitte. Ich habe eine Berufung in das Burgtheater bekommen. Ich bitte, überzeugt zu sein, daß ich meine Stellung in Ihrem Hause nicht verlassen hätte, aber im Burgtheater ist mehr Einkommen und bei den teueren Zeiten spielt das eine große Rolle. Nochmals ersuche ich, nicht ungehalten zu sein. Mit Handkuß und Empfehlung Elisabeth N."— Der Direktor drehte das Papier bin und her, dann blätterte er in den Personalstandsausweisen seines Hauses— eine Elisabeth N. war nicht zu finden. Der Regisseur wurde geholt. auch ihm klang der Name nicht bekannt. Endlich kam Aufklärung vom HauSinspektor: Elisabeth N. war AuShilfStoilettefraul Während die Herren über den sonderbaren„Fall" lachten, klopfte es und herein trat ein sauber gekleidetes Mütterchen, das sich alS Elisabeth N. vorstellte.„Aha", rief der Direktor aus,„Sie wollen uns verlassen, weil Sie im Burg- theater mehr Einkommen erwarten. Also, meinetwegen. Obwohl, es mir leid tut, eine verläßliche Frau zu verlieren. Leben Sie wohl und viel Glück I" Mit vielen Verbeugungen nahm die Matrone die freundlichen Worte des einstigen Prinzipals entgegen. Man merkte ihr aber an, daß sie noch etwas auf dem Herzen trug:„Nicht wahr, Herr Direktor," kam es zögernd von den Lippen der Frau,„wenn Sie einmal in das Burgtheater kommen, werden'S an meiner Tür nicht vorübergehen? I' Mit einem zustimmenden Bescheide humpelte sie zur Tür hinaus._ Allerhand Achtung. Ein gut unterrichteter Direktor scheint nach einer Mitteilung des „Verl. Tagebl." der Direktor Emil R e h d e r s von der Schantung- Bergbaugesellschaft zu sein. Wie das Blatt in seinem Börsenteil meldet, erschien am Freitagabend im„Reichsanzeiger" eine Bekannt- machung der Schantung-Bergbaugcsellschaft, in der die Anteilseigner zu einer außerordentlichen Generalversammlung einberufen wurden. Auf der Tagesordnung stand:„Verkauf des Vermögens der Gesellschaft im ganzen". ES handelt sich also um nichts Geringeres als um ein völliges Aufhören der Ge« sellschaft. Ueber diesen doch nicht gerade unwichtigen Anttag der Gesellschaft war was einmal festgestellt werden muß— einer der Direktoren des Unternehmens, Herr Emil RehderS, nicht informiert. Er bestritt die Richtigkeit der Angabe, und erst als er auf den. Reichsanzeiger" verwiesen wurde, gab Herr Rehders zu, daß es dann wohl stimmen müsse, er, der Direktor, habe aber keine Kenntnis davon. Der Direktor aber kannte also weder die Tagesordnung noch den Geschäftsbericht der Gesellschaft, der an dem betreffenden Abend bereits gedruckt war und in dem das Kaufangebot der Schantung-Eisenbahn veröffent» licht wurde. DaS scheint ein wohlgeordneter Betrieb zu sein! Kleine Notizen. Schweres Grubenunglück in Oberschlcsie». Auf ber Preußen, grübe stürzten gestern große GesteinSmassen zusammen und be» gruben mehrere Bergarbeiter. Nach angestrengter Arbeit gelang es, zwei Bergleute als Leichen zu bergen. Brand in einem Hospital. Am Sonnabendabend kurz nach 6 Uhr brach im Dachstock des mittleren Baues des Rochus-Hospitals in Mainz ein Brand aus. Da die Flammen ziemlich rasch um sich griffen, mußten die Kranken im dritten Stock schleunigst in Sicher- heit gebracht werden. Nach etwa zweistündigen Bemühungen war der Brand lokalisiert und die Gefahr für die anderen Gebäude und die Kranken behoben. Die Patienten wurden zum Teil einstweilen in Baracken untergebracht. Verletzungen sind nicht bekannt geworden. Erdbeben im Kaukasus. Am Sonnabendabend gegen 11 Uhr ist in Tiflis ein heftiges Erdbeben verspürt worden; von verschiedenen Orten werden Beschädigungen gemeldet. In der in der Nähe der Stadt gelegenen Sommerstische BorShom ist ein Gasthaus ein» gestürzt. Vom Verdachte deS Gattenmordes befreit. In einer Ortschaft bei Schwabing war dieser Tage ein Waldarbeiter unter dem Ver- dachte verhaftet worden, seine Frau und seine Schwiegermutter er- mordet zu haben. Wie die Blätter melden, haben die beiden ver- schwundenen Frauen sich gemeldet. Sie hielten sich aus Furcht vor den Mißhandlungen des Mannes in Württem- berg auf. Erdbeben in Württemberg. In der Nacht von Sonntag zu Montag sind in der Gegend von Reutlingen ebenfalls verschiedene heftige Erdstöße verspürt worden. Opfer des Flugsports. Der ungarische Flieger Alexander T a k a c s stürzte am Sonntag früh auf dem bei Budapest gelegenen Rakoser Flugfeld ab und war sofort tot. WittcrungSübersicht vom 14. Oktober ISIS. Stationen HÜ Ii 773 771 II SSO SD 773 O 773|S® 775,3D 773.51111 Wetter 2 Dunst LDunft l'heiter 1 Nebel 2, Nebel jhalb 6&. »K Mä 4 4 4 3 — 1 3 Stationen aaparanda elerSburg Scilly Abcrdeen Paris Sminembe.' tambnrg erlin Franks.a.M.' München Wien SSetterPrognose für Dienstag, den IS. Oktober ISIS. Zuächst ein wenig wärmer bei srischen südwesllichen Winden und langsam zunehmender Bewölkung; nachher etwas Regen mit neuer Abkühlung. Berliner Wetterburcau 773 NO 766 NNW 765 323 753,® 772 S Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp» Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.:Tb.Glocke,Berlin. Druck».Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei». VerlagSanstalt Paul Singer u.Co., Berliv SW,